Multatuli (Eduard Douwes Dekker) Walther in der Lehre (Fortsetzung von »Die Abenteuer des kleinen Walther.«) Vorbemerkung Eduard Douwes Dekker (mit seinem Schriftstellernamen »Multatuli« ) ist sicherlich die eigenartigste und bedeutendste Erscheinung der modernen holländischen Litteratur. Er ist am 2. März 1820 zu Amsterdam geboren. In früher Jugend trat er bereits in den Verwaltungsdienst der indischen Kolonien und zeichnete sich auf Sumatra, auf Java und Celebes so aus, daß er mit 31 Jahren bereits den hohen Posten eines Assistent-Residenten bekleidete, zunächst zu Amboina (Molukken), später zu Lebak (Java). Im Jahre 1856 schied er aus dem Kolonialdienste, weil er in seinem Bestreben, das Los der Eingeborenen zu erleichtern, nicht die Unterstützung seiner Vorgesetzten fand, und kehrte nach Europa zurück. Es folgte zunächst eine sehr trübe Zeit. Dekkers Versuch, wieder in den Dienst des Staates zu treten, schlug fehl, und er griff zur Feder, teils um an das Volk zu appellieren und seine Ideen zu verkündigen, teils auch des Broterwerbs halber. Sein Erstlingswerk »Max Havelaar« , in dem er seine indischen Erlebnisse beschrieb, machte ihn mit einem Schlage zum berühmten Manne, aber er hatte noch lange mit Sorgen zu kämpfen. Spätere Werke von ihm sind die »Minnebriefe« , die »Millionen-Studien« , ein Drama »Fürstenschule« und zahlreiche kleinere Schriften. Sein Hauptwerk sind die »Ideen« , deren Abfassung sich von 1862 bis 1877 hinzog. Seit 1870 etwa besserten sich seine äußeren Lebensumstände. Er lebte die letzten Jahre seines Lebens zumeist in Deutschland, wo er zu Nieder-Ingelheim ein Landhäuschen besaß. Dort ist er auch am 19. Februar 1887 gestorben. In seinen »Ideen« , einem siebenbändigen Werke voller Betrachtungen über alle möglichen Gegenstände, die den vielseitigen Mann beschäftigten, gleichsam einem Tagebuche seiner Seele, findet sich u. a. die Geschichte eines Knaben, des kleinen Walther , eingesprengt. Er benutzt dies Motiv, um packende Schilderungen von Sitten und Zuständen im holländischen Volke zu geben und gelegentlich auch längere und kürzere Auseinandersetzungen daran zu knüpfen. Die Geschichte wird mehrfach durch längere fremdartige Bestandteile unterbrochen, aber dann stets wieder an dem Punkte aufgenommen, wo der Verfasser stehen geblieben war. Es lag nun nahe, diese Erzählung aus der Menge von heterogenem Material herauszulösen und zu einem einheitlichen Ganzen zu gestalten. Auf diese Weise entsteht ein humoristischer Roman von so vielseitigem Reize, daß man sehr bedauert, dem Autor nicht viel öfter auf solchen Pfaden zu begegnen. Man konnte bei dieser Arbeit zwei Wege einschlagen. Der eine war: die ganze Erzählung, die den kleinen Walther betraf, kapitelweise herauszulösen und die einzelnen Bestandteile aneinander zu reihen. Aber die Eigenart der Geschichte riet davon ab. Die Walther-Kapitel scheiden sich ganz von selbst in zwei Teile, deren Charakter sehr verschieden ist, und es war wohl zu fürchten, daß beide, hintereinander zusammengefaßt, sich gegenseitig im Eindruck auf den Leser schädigen würden. Beide Teile sind humoristisch und satirisch, aber der erste schlägt mehr in das phantastische Gebiet und führt den Leser durch überraschende Verkettung von Vorkommnissen so ziemlich in alle Schichten der Gesellschaft, während der zweite sich mehr auf einen bestimmten Kreis beschränkt und die in diesem herrschenden Thorheiten gehörig auskostet. Es ist ein ganz anderes Milieu und ein ganz anderer Charakter. So hat es denn der Herausgeber vorgezogen, die beiden Abteilungen getrennt erscheinen zu lassen. Das Recht, so zu verfahren, dürfte einleuchten, wenn man sich überlegt, daß ja das Ganze aus einem größeren Komplexe von allerlei, zum Teil recht abweichendem Material herausgeschält werden mußte, und es also wohl freistehen durfte, das mit einem oder mit zwei Schnitten zu thun. Noch mehr wird die Zulässigkeit dieses – der Ansicht des Herausgebers nach vorzuziehenden – Verfahrens einleuchten, wenn man, und das ist ja die Hauptsache, die beiden so entstandenen Erzählungen einer Prüfung unterzieht. »Die Abenteuer des kleinen Walther« schildern die Jugenderlebnisse des Helden, seine Schulzeit, sein Familienleben seine erste zarte Liebe, seine Schwärmereien und seine phantastischen inneren und äußeren Erlebnisse: eine blühende, abwechselungsreiche, zwischen Menschenleid und Freude abwechselnde, von Humor überschäumende Darstellung, die mit einer großartigen Phantasiekomödie und darauf folgender Ernüchterung eine effektvolle Krönung findet – ein vollständig abgeschlossenes Werk und so einheitlich, wie nur je humoristische Romane sind. Jetzt folgt »Walther in der Lehre« . Walther tritt in eine ganz neue Umgebung, in die nur selten noch Reminiscenzen aus der heroischen Jugendzeit hineinleuchten, und wo dies geschieht, in einer Weise, die den Charakter der Selbständigkeit dieses zweiten Romans nicht stört. Da dieses Werk hier vorliegt, möge der Leser sich selbst überzeugen, daß der Herausgeber recht hat, und ob es wahr ist, daß man ihn auch genießen könne, selbst wenn man die »Abenteuer« gar nicht kennt. So fassen wir also hier, der Leser und der Herausgeber, die »Abenteuer« und »Walther in der Lehre« als zwei Romane auf, von dem jeder einzeln seinen besonderen Reiz hat, und die miteinander eigentlich durch nichts verbunden sind, als daß sie denselben Helden in seinen verschiedenen Lebensaltern schildern – wie das in der Litteratur auch sonst vorkommt. Der Leser wird zweierlei an dem Werke zu bemerken haben. Einmal, daß der Gang der Erzählung hin und wieder durch kürzere Abschweifungen unterbrochen wird, in denen es den Verfasser treibt, sich über gewisse Gedanken, die durch die Geschichte angeregt worden, zu äußern. Größere eingestreute Abhandlungen sind im Interesse der Einheitlichkeit hier ausgeschieden worden. Aber diese kleineren Abschweifungen sind gerade so charakteristisch und so wertvoll, daß es sich schon lohnt, die wenigen Seiten hie und da mit in Kauf zu nehmen. Man muß sich bei der Lektüre Dekkers – oder, da das Pseudonym nun auch einmal in Deutschland Eingang gefunden hat, Multatulis – stets vor Augen halten, daß man diesen Autor nicht etwa nach dem Gesichtspunkte lesen darf, »ob sie sich kriegen«. Seine Zwecke und Ziele sind ganz andere, und diese hängen eng mit einzelnen Betrachtungen zusammen, die er in die Geschichte einstreut. Es hieße ihm zu sehr Gewalt anthun, wenn man da im guten Glauben, zu jäten, sich an edlem Gewächs vergriffe. Ferner wird der Leser, dem der kleine Walther einmal lieb oder interessant geworden ist, bedauern, daß der Autor die Geschichte nicht weitergeführt hat, daß er, um in der Sprache dieser Ausgabe zu reden, nicht diesen beiden Erzählungen noch eine dritte und vielleicht vierte hat folgen lassen. Das bedauert der Herausgeber auch, und zwar um so mehr, als er der Ansicht ist, daß in diesen humoristisch-satirischen Romanen gerade eine besondere Stärke Dekkers lag. Der aufmerksame Litteraturfreund wird sogar der Ansicht zuneigen, daß man gerade in dem letzten Werke technisch einen ziemlichen Fortschritt gegenüber den früheren Werken Dekkers verzeichnen kann. Er beherrscht das Instrument, das er spielt, immer besser und vollkommener, und die dritte und vierte Walther-Erzählung hätte vielleicht noch Vollkommeneres geliefert. Dekker hat diesen naheliegenden Wunsch nicht erfüllt. Wir müssen uns mit dem Gedanken trösten, als ob wir einmal auf einer Reise oder während eines Aufenthaltes in Amsterdam interessante Menschen kennen gelernt hätten, von denen uns später das Schicksal getrennt hat, ohne daß es uns möglich war, ihr späteres Schicksal zu verfolgen und zu sehen, ob sie unseren Hoffnungen gerecht werden. Trotzdem bleibt es uns immer eine angenehme Erinnerung, und das um so mehr, wenn mir uns sagen können, wir verdanken diesem kurzen Zusammentreffen doch mehr als bloß einige Stunden der Erheiterung. K. M. Walther in der Lehre Morgenträumereien über die nächstliegende Pflicht. Der civilisatorische Einfluß gestärkter Halskragen. Ein Rezept, wie man anderen Menschen Respekt vor seiner werten Persönlichkeit und seinem Haushalte einflößt. Der für Walther so wichtige Montag-Morgen brach für ihn früher an, als für andere Leute. Nicht als ob er so viel weiter nach Osten gewohnt hätte, als die Mehrzahl der Menschen, sondern es war aus innerer Unruhe. Er hatte wenig oder gar nicht geschlafen und verließ sein Bett, sobald es hell wurde, drei volle Stunden vor der Zeit, da er sich auf dem Comptoir der Herren Ouwetyd und Kopperlith anzumelden hatte. Was also seinen Eifer in diesem Punkte anlangt, so konnte sein väterlicher Freund Doktor Holsma ganz zufrieden sein: Walther war ganz dabei, zu thun, was er von ihm verlangt hatte, nämlich sich um die Pflichten zu kümmern, die unmittelbar vor ihm lagen, und alle phantastischen Ideen beiseite zu lassen. Indessen er sah selbst ein, daß das Aufstehen allein nicht viel besagen will. Er mußte auch, und das vor allem, sich ausschließlich mit den Aufgaben des Tages beschäftigen! Das fiel ihm nicht leicht. Er führte einen sehr schweren Kampf gegen seine fast unbesiegbare Neigung zum Träumen. Gewiß, gewiß, dachte er – manchmal sogar laut – ich will gut aufpassen, und mein Bestes thun, und arbeiten, bis ich müde bin, und sorgen, daß jeder mit mir zufrieden ist, aber ... sollte ich deshalb Femke nicht erst nochmals sprechen können? Das kann doch kein Grund sein, meine Pflicht im Handel zu vernachlässigen. Soll ich ihr nicht sagen dürfen, daß ich wohl weiß, wo sie mein Bild aufbewahrt, und ... wer sie eigentlich ist? Und ... und ... Ich will und werde an meine Arbeit denken, ganz allein an meine Arbeit und an die Herren Ouwetyd und Kopperlith. Nachher gehe ich auf ihr Comptoir, und da werde ich nett schreiben, und gut rechnen, denn ... ich kann ja den ganzen »Strabbe«, und schwerer als im »Strabbe« werden wohl die Zahlen auf so'm Comptoir auch nicht sein. Und wenn's so wäre, dann ... nein, nein, schwerer als im »Strabbe« sind die Rechnungen auf so'm Comptoir gewiß nicht. Ob solche Herren wohl auch den ganzen »Strabbe« durchgearbeitet haben? Wer hat sie wohl dazu angespornt, als sie jung waren? Daß ich der Erste in Meister Pennewips Schule geworden bin, habe ich Femke zu verdanken. Warum erzählte sie ihrer Mutter, daß ich der klügste Junge in der Schule wäre? Das war nicht wahr ... lange nicht! Später, ja ... da bin ich's geworden, ihr zu Gefallen. Und nun sagt Doktor Holsma, daß ich viel zu wenig wüßte, und ich müßte erst beginnen, zu lernen. Und noch zehn Jahre lang – oder gar noch länger – sollte ich an nichts anderes denken als an meine Arbeit! Alle Griechen sind dann schon ermordet, und ich kann ihnen nicht mehr beistehen. Und Femke hat gewiß 'n Matrosen geheiratet, oder 'n Zimmermann, oder ... 'n Schiffer, der 'ne bunte Mütze aufhat, oder 'n Prinzen, wenn sie will! Jener Mensch hatte mächtigen Respekt vor ihr, und die anderen auch. Wie sie so stolz dastand – wer hätte das gedacht, daß sie so stolz war! Und in dem Theater, wie der Kaiser ihr zunickte! Er wußte wohl warum. Im ganzen Theater war nichts so hübsch wie sie. Wenn ich mal ganz groß bin – ich meine: wenn ich den Handel gelernt habe, denn darauf werde ich mich jetzt wirklich zu allererst verlegen ... ja! – na also, später, dann will ich auch so 'n Trauerspiel machen, sodaß auch ein Kaiser zuhören kommt, und die Prinzessinnen, und das Volk, alle miteinander. Ich will auch was von 'nem geraubten Schild hineinbringen, und Femke wird ihn zurückbringen ... sie, oder ich ... oder wir beide. Ja, so soll's sein, ganz anders wie in dieser »Scylla«. Und dann soll sich's in dem Stück nicht so reimen, das klingt ja, als ob die Menschen sich zum Narren halten. Wenn ich nur lange genug lebe, um so etwas noch zu versuchen, und wenn sie nur nicht vor der Zeit ... O wende ab das Auge, das mich raubt Mir selber, meiner Pflicht und meinem Werk. Du schwebst – du winkst, du zeigst auf höhres Ziel, Du willst mich locken fort von meiner Pflicht ... Ich darf nicht, Femke! O, ich bitte dich, Entflieh mir nicht – ich bin noch nicht ich selbst! Ich darf nicht lauschen deiner Stimme, und ich muß, Dich sehend, blind sein – taub, wenn du mich rufst, Und stumm, wenn's in mir wühlt vor lauter Sehnsucht, Mit dir zu sprechen ... Liebe Femke, denn Ich bin ein kleiner Junge noch, muß lernen, Und immer lernen, lernen, lernen, lernen ... »Was fehlt dir, Walther?« fragte Laurens, Walthers Bruder, der mit ihm in demselben Kämmerchen schlief. »Sagst du Verse auf?« »Hm – ja – so! Ich sprach so vor mich hin,« antwortete er verlegen. »Ich bin aufgestanden, weil's im Bette so heiß war ... und da sprach ich davon!« Laurens schlief schon wieder, und Walther fühlte sich noch beizeiten gewarnt. War er nicht gerade mit dem Verbotenen beschäftigt gewesen ... mit etwas anderem als der nächstliegenden Wirklichkeit? So hatte ja der Doktor gesagt! Und noch einmal schweiften seine Gedanken ab. Diese gräßliche Jüffrau Laps, mit der er beinahe ein nächtliches Abenteuer gehabt hatte ... diese alte Betschwester mit ihrer widerlichen Freundlichkeit! Nun, diese Abschweifung war leicht zu beseitigen ... er wusch sich. Und dann, um recht sicher zu sein, und um seine Bußfertigkeit recht deutlich zu machen, setzte er sich und blätterte in seinem »Strabbe«. So vergingen die paar Stunden, die ihn noch vom ersten Frühstück trennten ... Jüffrau Pieterse, Walthers Mutter, machte viel her von der Wichtigkeit des Tages, und war sehr freigebig im Austeilen guter Lehren. Vor allem mußte er sich sehr manierlich betragen und durch dies Betragen den Herren eine gute Meinung von den Eigenschaften seiner Mutter beibringen. Auch wäre es nicht schlecht, ihnen mitzuteilen, daß er bei den Holsmas auf dem Kolveniersburgwall übernachtet hatte, und daß die Schuhe, die sein Vater verkauft hatte, aus Paris waren ... »Ja, Mutter,« sagte Stoffel, der Schulmeister. »Und vor allen Dingen muß er pünktlich auf dem Comptoir sein. Darauf halten solche Menschen sehr.« »Richtig! Immer ganz pünktlich, denn da halten sie sehr drauf. Und wenn sie dich was fragen, dann mußt du resolut antworten, ganz resolut. Und guck nicht immer so schief, das zerknittert deinen Kragen, und das paßt sich nicht für einen Jungen, der schon auf dem Comptoir ist.« Dieser Kragen hatte in den Vorbereitungen zu den Ereignissen dieses Tages eine große Rolle gespielt. Dieser hochstehende Kragen, der Walther »in den Handel« begleiten sollte, machte einen sehr vornehmen Bestandteil von Jüffrau Pieterses Hoffnung aus. Und Walther dachte auch nicht niedrig von diesem Fortschritt. Diese beiden brettersteifen Leinenlappen, die seine Wangen einsäumten, machten auf ihn einen doppelten Eindruck. Erstens und hauptsächlich den einer Toga virilis , als das Kleid des Erwachsenen. Zweitens aber auch ein paar rote Streifen, die den Weg von den Mundwinkeln zu den Ohren wiesen. Er war stolz darauf, und schon darum hätte er gern Femke getroffen. Wer solche »Vatermörder« trägt, ist doch kein Kind mehr, und keiner würde das besser wissen als sie, die als ein Wäschermädchen thätig war, und die deshalb solche feineren Unterschiede von Berufs wegen kennen mußte. Aber das war auch wahr. Diese ruhmreichen Zeichen der Erwachsenheit hatten auch ihre lästige Kehrseite. Walther mußte immer geradeaus sehen, um diesen Staat nicht zu verderben. Er wußte, daß ihm das ein närrisches Aussehen gab und ihm auch die Neigung einflößte, so zu sprechen wie Stoffel. Aber gerade dies Gemachte, dies Unnatürliche war es, was, nach der nicht ganz unrichtigen Berechnung seiner Mutter, ihm die Gunst seiner neuen Chefs gewinnen mußte. Also: »Dreh' doch um Gottes willen den Kopf nicht fortwährend nach rechts und nach links. Der Mensch muß vor sich sehen! Da kannst du dich drauf verlassen, solche Herren halten auf Würde und Anstand. Du mußt dich mit deinem neuen Kragen – 's sind alte von Stoffel, aber das macht ja nichts, wie, Trude? – du mußt dich nicht anstellen wie 'n Wilder.« Von Wildheit war keine Rede, als Walther ein Viertelstündchen nach dieser letzten Ermahnung ganz artig an einem gewissen Hause auf der Kaisersgracht klingelte, welches den Namen »Kopperlith« aufwies. Aber ach, es schien, als sollte schon seine erste Berührung mit dieser Firma ein Mißgriff sein. Zwei Zugänge, nicht gerade sehr einladend, aber doch benutzbar, boten sich dem Besucher dar. Eine doppelte Glasthür zeigte sich unten, und zur Hälfte sogar unter dem Niveau der Straße, daneben jedoch gab eine kleine Treppe Gelegenheit, zu einer Art von »Bel-Etage« vorzudringen. Walther, in seinem Streben nach Würde und Anstand, fand diesen letzteren Weg passender, und mit etwas steifen Knien kletterte er die acht oder zehn Stufen hinauf. Oben angelangt, zog er so sanft wie möglich die Glocke: man sollte es gerade noch hören! Unwillkürlich, und beinahe mit einem Schreck, bemerkte er durch das Fenster des Seitengemachs das Gesicht einer bejahrten Dame, welche ohne den geringsten Ausdruck von Wohlwollen sein Gesichtchen zu mustern schien. Es sah aus, als wollte sie ihn von der Treppe hinuntergucken. Walther hatte ein unangenehmes Gefühl davon und machte sich so klein wie möglich. Es ist nicht jedem gegeben, und besonders nicht einem, der seinen ersten hochstehenden Kragen trägt, ohne Angst auf der Treppe zu stehen an einem Hause der Kaisersgracht! Mit Vergnügen wäre unser Held schleunigst davongelaufen ... aber dann? Diese ... Frauensperson fuhr fort, Walther mit ärgerlichen Blicken anzusehen, als könnte sie es nicht vertragen, daß jemand an ihrem Schlosse anklopfte. Die quälende Betrachtung dauerte so lange, daß Walther ernsthaft daran dachte, entweder wieder abzuziehen oder seine klingelnde Abmeldung zu wiederholen. Aber auch zu diesen beiden äußersten Möglichkeiten war ein Mut von ganz anderer Art nötig, als er ... vielleicht einmal haben würde, aber gewiß jetzt gerade ebensowenig besaß wie den, den er brauchte. Was nutzte ihm nun Holsmas herrliche Lehre, jederzeit seine nächstliegende Pflicht zu thun? Was gab es hier zu lernen? Was war zu arbeiten auf dieser Treppe? In des Himmels Namen: er wartete! Leser, die Umgang haben mit Göttern, Kaisern, Prinzen und Herren von Stellung, wissen wahrscheinlich, daß an jemand, der sich respektiert, schwer heranzukommen ist. Die Bewohner der Amsterdamer Kaisersgracht respektieren sich sehr, worin ich auch das einzige Zeichen von Gottähnlichkeit bei ihnen finde – ohne übrigens behaupten zu wollen, daß sie sich nun gerade in Menschlichkeit sehr auszeichneten. Was übrigens den Respekt betrifft, haben sie eigenartige Manieren, um auch andere damit anzustecken. Wer nicht auf seiner Hut ist, wird krank davon. Ansehnliche alte Schriftsteller, die in »Naturgeschichte der Kleinstädterei« gearbeitet haben, versichern, daß die Dienstboten auf das Respekteinflößen eingeübt worden: sie lassen die Unglücklichen, die durch ein trauriges Los gezwungen sind, sich dem preiszugeben, sehr lange an der Thür warten. Es scheint, daß das diesen Dienst versehende Dienstmädchen dadurch den Besucher in den Wahn bringen soll, entweder daß das Haus so furchtbar groß ist, oder daß sie nicht so schnell kommen kann, weil sie so viel zu kochen hat. Genannte Schriftsteller schreiben diese tiefsinnige Anstandsregel auf Rechnung einer gewissen Jagd nach vornehmem Wesen. Gott bewahre mich, daß ich die Jagd leugne, aber das vornehme Wesen trägt in meinem Munde einen ganz anderen Namen. Walther wartete mit heldenhafter Geduld. Endlich wurde die Thür durch eine unansehnliche Frauensperson geöffnet, aber gerade bloß so weit, und nicht weiter, als absolut nötig war, um Walther anzuschreien: »Was willste? Willste bei Mefro? Was haste zu bestellen? Du klingelst Haus! Junge! Ich kann nich deintwegen 'n ganzen Tag hinter der Klingel herlaufen! Warum klingelste Haus?« Zu Mevrouw? Ach nein, gewiß nicht! Walther dachte nicht an Mevrouwen. Aber ›du klingelst Haus!‹ Was heißt das? »Oder klingelste Küche?‹ Diese zweite Frage gab Licht. Walther bemerkte, daß zwei Klingelgriffe im Thürpfosten steckten, und daß sie durch die Bezeichnungen »Küche« und »Haus« unterschieden waren. Wer Gemüse, Fleisch, Butter, Milch brachte, hatte sich mittels der Küchenklingel anzumelden. Nur Besucher, die Anspruch machen konnten auf Empfang im Salon, – wenn es so ein Ding gab – durften sich anmaßen, die stolze Hausglocke in Bewegung zu setzen. Walther, der weder Lebensmittel brachte noch bei Mevrouw Visite machen wollte – war sie es, die so unliebenswürdig durch das Fenster gesehen hatte? – Walther erkannte, daß er sich geirrt hatte, und er wußte nicht, wo er hin gehörte. Gerade wollte er sagen, daß er der ... junge Herr Pieterse wäre, als die Magd, gar nicht neugierig auf seine Persönlichkeit, ihm die Thür vor der Nase zuwarf. Durch mein allzu feuriges dichterisches Genie habe ich mich zu einer Übertreibung verführen lassen. Mehrfach sprach ich von einer Thür, und von einer geöffneten Thür ... ein klein bißchen nur, so ungastlich wie möglich, aber doch geöffnet! das war ja wohl die Wahrheit, aber ... eine Thür? Es war bloß eine halbe. Die Hausthür, hinter der ein rechter Amsterdamer seine Frau, seine Effekten und sein schimmeliges Patriciertum verbirgt, ist in halber Höhe in zwei geteilt. Der Besucher muß erst gehörig rekognosciert sein, ehe man ihm durch das Öffnen der unteren Hälfte den Zugang gestattet. Dies und noch mehr scheint dem Fremden zuzurufen: »Mein Haus! du kommst nicht hinein!« Unser Held gelangt doch noch ins Haus und thut die ersten Einblicke in das Getriebe der Firma. Ohne was es in der Welt nicht abgeht. Und noch immer spionierte die häßliche dicke Dame durch das Fenster des seitlichen Zimmers. Es kam Walther vor, als ob sie etwas, was ihn betraf, irgend jemand mitteilte, der in ihrer Gesellschaft war. Ein Herr von weniger als mittleren Jahren beugte sich jetzt über sie weg nach dem Fenster hin und winkte Walther mit nicht sehr freundlicher Miene zu, die Treppe zu verlassen und unten zu klingeln. Sehr artig nahm Walther seinen Hut ab und schob sich barhäuptig, etwas gebückt, an dem drohenden Fenster vorbei, die Treppe herunter. Wahrhaftig, unten bei der doppelten Glasthür war auch eine Klingel und da las er das Wort »Magazin«. Hier werde ich wohl hingehören, dachte Walther. Magazin und Comptoir wird wohl dasselbe sein. Und er schellte. Die Person, welche die Obliegenheit hatte, sich um diese Klingel zu kümmern, hätte gleichfalls für einen Kurator oder Superintendenten des Respekts gelten können. Sie gab Walther viel Zeit zum Nachdenken, besonders über das Thema, wie schwer es doch sei, im Hause Kopperlith Eingang zu finden. Es ist zu bezweifeln, ob unser angehender Handelsritter von dieser Gelegenheit, sein Denkvermögen zu entwickeln, gehörigen Gebrauch machte. Außerdem wurde er gestört. Jemand tickte – und nach dem Klang zu urteilen, etwas ärgerlich – gegen das Fenster jenes Seitenzimmers. Walther trat einen Schritt zurück und sah hinauf. Der Herr von soeben bedeutete ihm mit heftigen Bewegungen, daß er noch einmal klingeln sollte, und etwas kräftiger. Walther bedankte sich durch Abnehmen seines Hutes – hatte nicht seine Mutter ihm vor allem Lebensart anempfohlen? – und wagte nun einen kräftigen Zug, auf den aber immer noch kein Offnen der Thür erfolgte. Der Cerberus des »Magazins« hatte augenscheinlich eine sehr hohe Vorstellung von dem Respekt, den die Herren Ouwetyd und Kopperlith nötig hatten. Der Mann übertrieb seinen Eifer. Das begann sogar der Herr in jenem Seitenzimmer einzusehen, der wieder ans Fenster klopfte und winkte »noch einmal, Donnerwetter!« mit einer Miene, als ob Walther dafür konnte, daß keiner kam, Walther fühlte sehr deutlich, daß der wahre Anstand jetzt von ihm verlangte, sich zu entschuldigen, daß man ihn so lange warten ließ. Inzwischen schielte er durch die Glasthür und warf neugierige Blicke in das »Magazin«. Einigermaßen in Abweichung von den geometrischen Grundregeln, erfreute sich dieser Raum der Eigenschaften: Lange, Breite und ... Tiefe. Die Breite war mit der des Hauses gleich. Die Länge war an der Vorderseite begrenzt durch die schon bekannten Glasthüren, die in ihrem Bestreben, etwas Licht durchzulassen, durch ein schiefes Eckfenster unterstützt wurden, das seine Hypotenuse mit der Treppe gemeinsam hatte, und außerdem durch noch ein Fenster, das an der vorderen Seite der Treppe auf die Straße ging. Das Winkelchen, das durch dies kleine Fenster sein Licht erhielt, hieß das »Comptoirchen« im Gegensatz zum Comptoir, das wir später zu sehen bekommen. Was übrigens die »Tiefe« des Magazins angeht, so gründet sich diese Bezeichnung sowohl auf die geringe Ausdehnung als auf den »Pegel« des Fußbodens. Ein erwachsener Mensch konnte mit seiner Hand an die Decke reichen, und der Fußboden lag so etwa drei Fuß unter dem Bürgersteig. Er erhob sich nicht mehr über die Gräben, die in die Gracht mündeten, als gerade für die Bewohner nötig war, um nicht mit dem Schmutz mitgespült zu werden. Was die Versorgung mit Licht betrifft, so begreift man, daß diese nicht durch das wenige Glaswerk an der Vorderfront allein beschafft werden konnte. Ungefähr auf ein Drittel der Länge hörte das hineinschleichende Licht auf. Wer aber scharf von Gesicht war und guten Willen hatte, konnte bemerken, wenn er sich durch die Finsternis in der Mitte hindurchgebohrt hatte, daß der Baumeister sich bestrebt hatte, auch an der Hinterfront irgend etwas anzubringen, was nach Verminderung der Dunkelheit aussah. Da war nämlich durch freundliche Vermittlung eines über der Decke gelegenen Raumes etwas zu sehen, was man nicht absolut schwarz nennen konnte. Wie diese Fenstersorte hieß, die das Wunder zu Werke brachte, weiß ich nicht. Eine Laterne, oder ein Guckloch, oder so etwas. Es liegt immer etwas Armseliges in solchen Kunststücken der Baumeister; sie zeugen von Beschränktheit. Soweit Walthers Blicke in das Magazin eindringen konnten, bemerkte er, daß der Mittelraum der Länge nach von einem breiten Gestell eingenommen wurde, auf dem Stapel von Leinewand lagen. Auch rechts und links längs der Wände waren solche Handelsgüter aufgestapelt, sodaß gerade ein knapper Durchgang an beiden Seiten der langen Tafel übrig blieb. Bloß am vorderen Ende, zwischen dem Comptoirchen und der Glasthür, war einiger Platz geblieben; dort stand ein Möbel auf Böcken, das er später als die »Packtafel« schätzen lernte. Wahrhaftig! Es begann Aussicht zu werden, daß die Thür endlich doch geöffnet werden sollte. Daß Walther in einem der Gänge hätte jemand kommen sehen, wäre wohl zu viel behauptet. Nein, Walther sah nichts in dem Dunkel, aber es kam ihm so vor, als ob die Finsternis selbst anfing sich zu bewegen. Etwas Schwarzes schob über den schwarzen Hintergrund. Und dieses Schwarze wurde – ohne Übereilung – etwas brauner und dann mehr grau und dann heller ... wahrhaftig, es nahte ein menschlich Wesen. Ganz natürlich. Gerrit Sloos kam, die Thür zu öffnen, und er war schon beinahe an der Packtafel. Noch eine Sekunde, und die Zugbrücke dieses verzauberten Schlosses sollte fallen. Lag darin etwas Wunderbares? Für dich und mich, Leser nichts, aber Walther war schon so nahe dran, zu versteinern oder in seiner Wartestimmung am Erdboden anzuwachsen – alle Verwunderung über die Schwierigkeit, in das Heiligtum einzudringen, war so vollkommen gewichen, daß er nun, als die Thür wirklich aufgethan ward, sich der Verwunderung über das Unerwartete nicht enthalten konnte. Es fehlte wenig und er hatte Gerrit Sloos gefragt, ob er sich nicht irrte! Statt dessen nahm er – das wievielste Mal schon? – sein Hütchen ab, und Gerrit sah ihn fragend an. Walther stotterte etwas vor sich hin. »Bist du Walther Pieterse, der junge Herr, der hier aufs Comptoir kommen soll?« »Ja...a..a. M'neer.« »Sooo! Du brauchst nicht M'neer zu mir zu sagen. Ich bin Gerrit ... Gerrit Sloos, verstehste. Eigentlich heiß ich Schloßmann, aber ...na, was hat Mensch von den deutschen Moffereien, wie? Darum sag' ich einfach Sloos, und so schreib' ich auch, denn ... ich bin der Knecht, verstehste, der Comptoirknecht. Na, komm mal rein.« Walther stapfte die drei Stufen hinunter, die den Zugang zu dieser Höhle vermittelten. Seine erste Bewegung, als er neben der Packtafel stand, war ein unwillkürlicher Griff nach seiner Nase. Denn ... der Gestank war unerträglich. »Ach nee,« sagte Gerrit, als antwortete er auf diese sprechende Gebärde. »Der Geruch ist nicht vom Magazin – ich sag' bloß Keller, verstehste, denn so sagten wir früher auch, wie der Alte noch mitthat – die Luft ist nicht vom Keller, die ist von den Kanälen, verstehste.« So tröstet eine edle Seele ihren Leidensgenossen. »Ach so!« sagte Walther, als ob diese Erklärung den Pestgeruch in Balsam verwandelte. »Ach so!« »Ja, von den Kanälen. Darum steht auch die Ware da gegen die Wand auf Planken, verstehste. Wenn's auf den Fußboden käme, thät's faulen. Komm mit nach'm Comptoir. Aber du kommst viel zu früh. Wir sind in der Saurengurkenzeit. Da ist nicht viel zu thun, verstehste wohl! Aber hör', du mußt nicht vorn bimmeln, am Keller – die jungen Herren sagen jetzt Magazin ... französischer Wind allemal, englische Notting, verstehste ... Na, sie haben's von dem verdrehten Wüllekes – du mußt ins Comptoir reingehen in der Vellestraat. Ich werd's dir zeigen. Heute kommt's nicht drauf an, weil's erste Mal ist, und weil du's nicht weißt. Du siehst, ich hab' dir ja auch aufgemacht ...« Gott sei Dank! »Aber sonst, verstehste, wer aufs Comptoir gehört, kommt hinein durch die Vellestraat. Ist ganz leicht zu finden ... wenn du's erst mal weißt. Und darum werd' ich dir's zeigen. Komm man mit. Aber setz' dein Hütchen auf. Brauchst zu mir nicht so höflich zu sein, denn ich bin bloß der Knecht, verstehste. Die Herren kommen nachher, so gegen neune. Ist Sauregurkenzeit, mußt du denken. Und darum hast du auch so lange warten müssen, ehe ich dir aufmachte. Denn ich saß in der Küche, und ich sagte zu dem Mädchen, daß sie aufmachen sollte – es wäre sicher der neue Müllkastenmann, der noch nicht wüßte, wo er bimmeln müßte. Aber sie wollte nicht – ist 'n faules Tier – und ich sagte: ›'s geht mich nichts an, denn wir sind in der Saurengurkenzeit, und da bimmelt so früh keiner am Keller, wer die Sache kennt.‹ Wirst's ja wohl selber sehen, wenn du 'n Weilchen hier bist. Weißt du, wie lange ich schon hier bin?« Walther klagte sich einer Pflichtvergessenheit an. Wie konnte er sich unterstehen, nicht zu wissen, wie lange Gerrit Sloos schon bei Ouwetyd und Kupperlith in Dienst war? Der Übelthäter stammelte voller Schuldbewußtsein, er wüßte es nicht. »Na, rate mal!« Jeder andere hätte nun eine Zahl genannt. Walther aber war zu pflichtgetreu, zu gewissenhaft, um irgend einer Zahl den Vorrang vor den anderen zu geben. Warum zwanzig? Warum dreißig? Warum mehr oder weniger? Er blieb dabei, er wüßte es wirklich nicht, und er hätte auch keine Hoffnung, es zu raten. »So? Na, da will ich dir's sagen. Vorige Pfingsten war's dreiundvierzig Jahre. Was sagste nun?« »He!« »Ja, 's ist 'ne lange Zeit, wie? Wenn du davor stehst, denkst du, 's ist was. Und wenn's vorbei ist – weißt du, was es dann ist? Gar nichts ... 'n englisch Notting! Das wirst du erst sehen, wenn du 'n alter Kerl bist, denn nun bist du bloß 'n jung Bürschchen. Soll mich Wundern, wie du's mit Wüllekes finden wirst – mit M'neer Wüllekes. Zu dem mußt du nämlich M'neer sagen, obschon ich 'n gekannt hab' – da war er kahl wie 'ne Laus. Da hatte er nicht so viel, daß er – mit Verlaub – sich die Nase schnauben konnte, und er lief mir nach, wie die Uhr von 'm Treckschiffer, die 'ne alte Jungfer kommen sieht. Aber nun ... Wind, allemal Wind! Und was ist's? Englisch Notting! Und seine Frau – 'n Schaf von der obersten Sorte – schwatzt immer von Prinzessinnen, die sie mal gesehn hat. Nee, der Wüllekes – wer 'n kennt, kauft 'n nicht. Na, wirst ja selbst sehen, wirst 'n ja kennen lernen, wenn du lange genug lebst. Jeder muß sein' eigen' Weg gehn, und das thu ich auch. Aber dieser Wüllekes ... Guck, hier ist's. Zwischen den Öltonnen da mußt du durch – 's ist hier immer was schmierig, das kommt, weil die Fässer lecken, denn sie lecken immer – aber erst mußt du durch die Stockfischschlagerei, und wenn du das thust, dann kommst du ganz von selber aufs Comptoir.« Wenn Gerrit Sloos mit diesem »von selber« meinte: leicht, bequem, ohne Umstände, oder was man so sagen könnte: auf 'ne nicht unüble Manier – – nun, es sei: über den Geschmack ist ja nicht zu streiten. Er wird es wohl nur so gesagt haben. Während Walther allen diesen Mitteilungen aufmerksam zuhörte, hatte er den halb unterirdischen Gang zurückgelegt, der von der Kaisersgracht nach der Querstraße führte, in der man den Eingang zum Comptoir von Ouwetyd und Kopperlith zu suchen hatte. Er prägte die Stockfischschlagerei und den Gang neben dem Öltonnenlager fest in sein Gedächtnis, um sicher zu sein, nie wieder den Spießruten ausgeliefert zu werden, die ihn an der Vorderseite des Hauses heute so gepeinigt hatten. Daß die erhabene Stockfisch-Industrie und das Öltonnenlager mit dem Geschäft, in dem Walther Lehrling oder wie sie damals in Amsterdam sagten »Jongste-Bedient« wurde, nichts zu thun hatten, wird der Leser sich wohl selbst denken. Auf dem Grundstück lag ein »Servitut,« die Verpflichtung, den Durchgang zu gestatten, und der Stockfischschlager mußte leiden, daß auf dem Thürpfosten seines Lokals ein ovales Schildchen prangte mit der Aufschrift: »Eingang zum Comptoir von Ouwetyd \& Kopperlith.« Auch der Ölhändler durfte den Durchgang nicht sperren. Aber er faßte seine Verpflichtung so genau auf, daß man gewöhnlich nicht hindurch konnte, ohne ein paar Ölflecke mitzunehmen. Jüffrau Pieterse hat oftmals darüber gebrummt, und Walther fand es selber sehr unangenehm. Aber – hatte er sich denn vorgestellt, mit der Welt in Berührung kommen zu können ohne Besudelung? Bester Junge, das geht nicht! Neue Übungen im Warten und ein Rezept, wie man den Verstand verlieren kann. Neue Bilder. Herr Dieper und Herr Eugenius. Hustender Eintritt in die Handelswelt. Multa tulit! Wie ich die letzte Hälfte des vorigen Kapitels noch einmal durchlese, merke ich, daß ich einen großen Teil des Weges, der von der Vellestraat nach dem »Comptoir« führt, ausgelassen habe. Nach dem Vorbeidrücken an den leckenden Ölfässern mußte man durch einen Gang, an einem Hinterhause von ein paar Stockwerken vorbei, und endlich über einen Hof, auf den das Comptoir »heraussah.« Der Leser, der auf Genauigkeit Wert legt – und um andere kümmere ich mich nicht – wird gewarnt, diesen Hof nicht mit dem Plätzchen zu verwechseln, das dem »Magazin« so edelmütig ein wenig Licht abgab. Zwischen diesen beiden Luft- und Lichtlöchern lag noch ein großes Stück von einem Hause, lang, schmal und hoch. Nach dieser Entdeckungsreise führte Gerrit unseren Walther nach dem Comptoir, wies ihm dort ein Schemelchen an und gab ihm den Rat, zu warten, bis die »Herren« kommen würden. »Es wird wohl noch so 'n Stündchen dauern,« sagte er, »denn wir sind in der Saurengurkenzeit. Und ich will mal eben in der Küche ein Schälchen Kaffee trinken. Laß dir's gut gehen so lange!« Walther trieb in der That die Unbescheidenheit so weit, daß er auf das Stühlchen hinaufkletterte, das ihm angewiesen war, und begann seinen Gedanken nachzuhängen. Die Gegenstände, die seine Aufmerksamkeit auf sich zogen, waren nicht derart, daß seine Stimmung sehr fröhlich werden konnte. Die Aussicht durch zwei vergitterte Fenster auf den Hof und das Hinterhaus erinnerte ihn – bis auf den Unterschied im Wärmegrad – an das Gedicht des wackeren Tollens über Nowaja-Semlja: Ein' ewig graue Luft hängt schwer wie Blei hernieder. Kein Sterblicher hält's aus – wer weg ist, kommt nicht wieder. Kein andrer Erdenfleck, und sei er noch so triste, Ist so elendig nackt, so arm an Grün, so wüste! Meint ihr, daß Tollens solche schöne Verse hätte schreiben können, wenn ihn sein Vater nicht auf das Comptoir eines Farbwaarenhändlers gesteckt hätte? Wo anders hätte sein Auge solch traurige Tinten in sich aufsaugen können, solche Eindrücke des Engen, Bedrückten, Kahlen, Frostigen? Der alte Herr Tollens wußte wohl, was er that. Sein Sohn ist gewiß nur durch ein Blumentöpfchen auf dem Hofe verführt worden. So verräterisch handelte nun Walthers Schicksal nicht. Kein einziger Gegenstand fiel ihm ins Auge, der ihm einen Vorwand geboten hätte, an etwas zu denken, als: »im Handel, im Handel, ich bin hier im Handel!« Von Zeit zu Zeit gestattete sich einer der Dienstboten, in der Küche, neben dem unterirdischen Gange, der nach dem Magazin führte, einiges Geräusch zu machen. Dann ließ sich Walther jedesmal von seinem Sitz herabgleiten, um alles, was etwa hereinkommen könnte, mit Höflichkeit zu grüßen. Es kam aber nichts, und Walther bestieg sein Thrönchen wieder. Aber den Hut behielt er in der Hand, um augenblicks eine grüßende Haltung annehmen zu können, wenn wirklich jemand zum Vorschein kommen sollte. Auf dem tannenen Fußboden bemerkte er Eindrücke von Fußtapfen. Da glänzte die Narbe, die ein rechtsumkehrtmachender Hacken hinterlassen hatte ... wie hieß doch der Mann, der Einsiedler, den er bei den Holsmas hatte nennen hören? Der Mann auf der Insel, der so erschrak, als er menschliche Fußtapfen erblickte? An der Wand hingen hie und da Bündel von Papieren, unter dem Schutz von Kartonblättern, mit allerlei Aufschriften, die Walther in Verlegenheit brachten. Da las man: Connossementen, Fakturen, Frachtbriefe, ja sogar: Diverse Notas. Und diese Aufschriften waren von einem vorgedruckten Rand umgeben: Blumen, Blattwerk, Füllhörner und allerlei Ranken, über denen ein splitternackter Merkur thronte, der saß auf Wolken und sah sehr ernsthaft auf die Aufschriften und die üppigen Arabesken herab. In den Wolken stand: »O \& K, Nr...« bei späterem Gebrauch auszufüllen. Das ist der Gott des Handels, dachte Walther. Ob der wohl auch damit angefangen hat, daß er Lehrling auf dem Comptoir wurde? Wie machte man es in dem alten Griechenland, wenn man in der Welt etwas werden wollte? O, ich weiß wohl, die Fabellehre ist Unsinn, aber die Leute, die solche Geschichten ausdachten, mußten sich doch eine Vorstellung vom Anfang gemacht haben. Von wem hatte der Merkur Rechnen gelernt? Damit muß man doch anfangen. Ich will schon aufpassen ... Kapital verhält sich zu Kapital, wie Zinsen zu Zinsen .., dies giebt das, was giebt denn das? Und das Multiplizieren. Und dann Dividieren. Und wenn es Brüche giebt ... unangenehm ist es ja, aber ich suche den allgemeinen Nenner. Ja, ich will schon mein Bestes thun, wie der Doktor gesagt hat ... Da rasselte wieder etwas auf dem Flur. Vielleicht warf eines der Mädchen den Schrubber hinaus, oder den Wischlappen. Walther setzte sich vor dem Schrubber und dem Wischlappen in Positur, und vor dem Mädchen, das darüber herrschte. Ach, es kam noch immer kein Mensch. Er hatte noch nichts im »Handel« verrichtet, noch keine einzige Gleichung aufgelöst, keine Zahl für eine ganze Reihe von Brüchen brauchbar gemacht, und doch ... war er müde! Die Uhr schlug schon, oder erst neun. »Schon« für einen, der seit fünf Stunden mit seinen Gedanken beschäftigt war. »Erst« neun Uhr, für einen Arbeiter, der sich so gern auszeichnen wollte und sich nun,. schon vor Beginn des Werkes, erschöpft fühlte. Walther wurde sehr verdrossen. Von der Vorstellung beherrscht, daß seine hauptsächlichste Arbeit im Rechnen bestehen sollte, besorgt, daß er nicht den Ansprüchen genügen könnte – denn solche ansehnliche Menschen werden sich wohl nicht mit leichten Summen abgeben – legte er sich selbst ein Examen auf, und er war so verwirrt, daß er sich wiederholt ertappte auf: »sechs mal acht ist ... drei und ein Viertel,« oder ... gar nichts. O Gott, o Gott, wie soll das werden, seufzte er, mit dem Handel! Jedesmal, wenn eins der Bilder aus den letztvergangenen Tagen vor ihm auftauchte, jagte er es weg. Nicht die Jüffrau Laps, nicht die Goremest, nicht die gute Frau Claus – er sah den Merkur an, der keine Kleider hatte. Kleider oder nicht – er wollte nichts davon wissen. Er saß da nicht auf dem hohen Stühlchen, um an Mythologie zu denken, oder ans Schämen oder an das Bad an der Pumpe. Weg mit allem: er mußte in den Handel! Und wohl betrachtet, war er ja schon drin. War er nicht auf dem Comptoir der Herren Ouwetyd und Kopperlith? Mußte er nicht nachher, heute noch, binnen einer Viertelstunde vielleicht, bereit sein, auf die schwierigsten Fragen zu antworten? Auf Fragen, die selbst den großen Strabbe in Verlegenheit bringen müßten? Ach, warum hatte Femke ihm nicht angeraten, der Klügste in der ganzen Welt zu werden, statt bloß in der Schule? Es wäre eine Anstrengung gewesen. Dann hätte er nicht Angst zu haben brauchen, gegenüber diesem Merkur, nicht einmal vor dem schrecklichen Herrn Kopperlith. Ja, Femke hatte mehr von ihm fordern müssen, als er sich damals bereit erklärte, ihr zu Gefallen alles zu thun! Ihr Wunsch war kindlich. Was hatte er nun davon, daß er der Erste bei Meister Pennewip geworden war? Er war ein bißchen schlauer als Schlachterskeesje, aber das weiß ja jeder, das genügt nicht für die Welt, wenn man Gott des Handels werden will, oder gar um es zum Inhaber eines Amsterdamer »Hauses« zu bringen. Femke hatte es ja gut gemeint, gewiß. Böse war er ihr nicht. Im Gegenteil. Für sie und mit ihr wollte er gern... Weg, weg mit Femke! Dreimal neun ist siebenunddreißig. Himmel! schon wieder. Es ist um toll zu werden... So beginnt Wahnsinn. Das Heilmittel für jemand, der das Leiden kennt, ist Ordnung und Arbeit. Man muß die Phantasien, die im Gemüt liegen, auf ihren Platz setzen und dann ans Werk gehen. Wer zu ermüdet ist zum Denken, kann auch Holz hacken. Das hilft, glaubt mir! Ja, es war für einen undisziplinierten Verstand, um wahnsinnig zu werden. Zum Glück hörte Walther eine Thür schlagen und dann ein Geräusch von Fußtritten. Aber es war nicht im Hause. Ein alter Herr zeigte sich in dem Gange neben dem Hinterhause und betrat den Hof. Der Mann näherte sich den hinteren Fenstern, sah schnell einmal hinein, als wollte er sehen, wer da schon so früh des Morgens auf dem Comptoir wäre, verschwand durch eine gläserne Seitenthür im Korridor und kam dann bald darauf im Zimmer selbst zum Vorschein. Selbstverständlich hatte Walther eine Haltung angenommen, die für seine Existenz um Entschuldigung zu bitten schien. Es war nicht nötig. Der alte magere Herr nahm es ihm durchaus nicht übel, daß er existierte, und nicht einmal, daß er dort war. »Bleiben Sie sitzen, junger Herr. Sie sind gewiß der junge Herr Pieterse. Ja, ja, ich weiß wohl. Ganz gut. Gut, junger Herr, Sie sollen hier aufs Comptoir kommen? Nun, 's ist gut. Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen, und kümmern Sie sich nicht um mich. Ich bin der Buchhalter...« Walther hatte sich verbeugt und wieder verbeugt und genickt, und wenn er wieder einmal in den Handel trat, wollte er seinen Hut auf dem Kopfe behalten, damit er ihn abnehmen könnte, wenn jemand hereinkäme; so hatte seine Mutter ihn belehrt. Er fühlte, daß das bei der Begrüßung des Herrn Dieper fehlte. Der freundliche alte Herr mußte ihn für unhöflich ansehen. Und das war er nicht, wirklich nicht. Er hatte sogar ein Gefühl von Dankbarkeit gegen den Herrn Dieper, der so liebenswürdig war, ihn aus seiner gräßlichen Einsamkeit zu erlösen. Um das zu bezeugen, blieb er stehen, selbst als der gute Buchhalter noch einmal hinzugefügt hatte: »Setzen Sie sich nur, junger Herr ... ich bin der Buchhalter.« Walther fragte nicht, ob dieses »ich bin der Buchhalter« vielleicht andeuten sollte: »setz dich jetzt nur wieder hin: nachher, wenn die Herren kommen, ist es etwas anderes.« Auf diesen Gedanken konnte er um so weniger kommen, als in seinen Augen ein Buchhalter kaum ein weniger erhabenes Wesen war als ein Chef selber. Der Unterschied entging seinem Beobachtungsvermögen gänzlich, und er hätte – wenn er zur Schätzung beider aufgefordert wäre – am Ende denselben Fehler gemacht, wie das Kind, das fragt, warum denn die Wolken niemals hinter dem Monde vorbeischieben. Der Ausdruck von Diepers Gesicht war eine fortgesetzte Freundlichkeit. Er verschwand einen Augenblick in dem Alkoven, den da hinten ein Wandvorsprung bildete, und kam dann in Buchhalteruniform, d.h. mit einer langen grauen Jacke, zurück, die schon manchen Sturm erlebt hatte, und mit einem schwarzen Käppchen auf seinen weißen Haaren. Es war nämlich »manchmal ein wenig Zug auf dem Comptoir«. So versicherte er Walther, der eine Gebärde machte, daß er diese Mitteilung mit inniger Dankbarkeit aufnähme und bei der ersten Gelegenheit vergelten werde... Ach, er hätte so gern diesem guten alten Dieper einen Dienst erwiesen. Er stellte ihn noch über Merkur, und fand, daß er einem Engel glich. »Ja, 's zieht hier manchmal. Und 's ist nichts in der Welt, wovor der Mensch sich so in acht nehmen muß wie vor Zug.« Daß Walther nicht widersprach, wird der Leser wohl glauben. Aber er meinte, das wäre nicht genug. Wie ein Blitz flog ihm der Gedanke durch die Seele, alle Ritzen des Fensters, der Thür, des Fußbodens dicht zu verkleben, um dem freundlichen Greise in seinem furchtbaren Kampfe gegen den mächtigen Feind beizustehen. Wie war es bloß möglich, daß er noch Mittel gefunden hatte, in solch zugiger Welt überhaupt noch greises Haar zu bekommen? Mußte er nicht schon lange – bereits als Säugling – eingegangen sein? Es giebt zähe Naturen, ich weiß wohl, aber wer sollte dem alten Dieper das angesehen haben, daß er dazu gehörte? Der Mann sah gar nicht aus wie ein Held, viel eher wie ein Schwächling, der sich durch die kleinste Luftbewegung konnte umwehen lassen ... und seit beinahe siebzig Jahren hatte er all den Zimmer-Orkanen standgehalten, wovon er als Trophäe den »Fluß«, das »Reißen« im Kopfe hatte. Denn, Leser, so belohnt der Abgott »Zug« jeden, der ihm demütig dient und ihn fürchtet in Unkunde und Unschuld. Nach der kurzen Abwechslung, die der Eintritt des Buchhalters unserem Walther verschafft hatte, begann wieder eine neue Zeit der Langenweile. Dieper hatte einen eisernen Schrank geöffnet und ein halb Dutzend Comptoirbücher herausgenommen, die er auf dem flachen Mittelstück des doppelten Comptoirpults »für zwei«, auch »Vis-à-vis« genannt, ordnete. Gegenüber der Seite, an der jetzt der Buchhalter Platz nahm, stand eine Reihe von Pulten »für einzelne«. Und dagegen erlaubte Walther sich eben anzulehnen – es ist geschehen! – als er einen Augenblick vergaß, daß der Buchhalter wohl einmal aufblicken konnte. Aber das that Dieper nicht. Er debitierte und kreditierte gewissenhaft und achtete nicht auf die Dinge dieser Welt, die etwa gegen ein anderes Pult als gerade seines lehnten oder es auch ließen. Zwischen dem Alkoven und dem eigentlichen Kern des Handelshauptquartiers stand eine Schranke, etwa in Tischhöhe, die die Grenze bestimmte zwischen den fremden Besuchern des Comptoirs und den Glücklichen, die da zu Hause waren. Eine mit Scharnieren daran befestigte Klappe konnte aufgeschlagen werden und dann als Operationsbasis des Geldzählens dienen. Jetzt, in herabhängender Haltung, erfüllte sie die nicht überflüssige Aufgabe, Walthers Langeweile abzuleiten. Hierin wurde das Ding unterstützt durch eine runde Öffnung in einer der Ecken, in die ein eiserner Ring paßte, bestimmt, um den Rand der Geldsäcke festzuklemmen. Ein Glück für Walther, daß er das nicht wußte. So konnte er sich doch mit der Frage befassen, welches denn eigentlich die Handelsbestimmung dieses Ringes wäre, und auch die des Loches? Jetzt endlich – Gott sei Dank – passierte etwas. Dieper nahm eine Prise, und Walther stand wie ein Pfahl. »Die Herren kommen ´n bißchen spät, junger Herr.« Bevor Walther noch Zeit hatte zu versichern, daß er den Herren darum nicht böse wäre und ihnen deshalb ihre Würde als Chefs nicht zu entziehen gedächte, lag der Buchhalter schon wieder über seinem Memorial gebückt. Richtig besehen, war der Zustand noch unangenehmer als früher. Vorhin langweilte er sich auch. Aber jetzt hatte er noch die Angst dabei, daß Dieper merken könnte, wie sehr er sich langweilte, denn – niemand langweilt sich ohne Schamgefühl. Man läßt sich nicht gern dabei erwischen, woraus man vielleicht schließen kann, daß es nicht erlaubt ist, sich zu langweilen. Walther hätte sich z. B. in dieser Zeit etwas in der Sicherheit auf der Multiplikationstabelle bis 20×20 oder noch weiter einüben können. Warum nicht? Aber an so etwas dachte er nicht. Seine einzige Sorge war, vor allem Herrn Dieper nicht zu stören. Das war jetzt seine nächstliegende Pflicht! Um das recht zu schaffen, hielt er sogar den Atem an, mit der natürlichen Folge, daß er in Husten ausbrach. Es giebt kein so unehrerbietig Ding als die Natur. »´n bißchen erkältet, junger Herr?« fragte Dieper. »Ja, ja, das kommt von der Wärme. Der Mensch muß sich in acht nehmen, bei so'm Wetter. Mit einmal hat man's weg, mit einmal!« Das war nun entschieden Pech, daß der Reiz in Walthers Kehle fortdauerte bis zum Eintreten eines der »Herrn« und noch länger. Der arme Junge fühlte sich genötigt, einem seiner Chefs den Rücken zuzukehren, um ihm nicht ins Gesicht zu husten. Das verdarb die Vorstellung und schleuderte Walther in eins der Abgründchen augenblicklicher Verzweiflung, an denen das Leben so reich ist, die aber später, wenn es vorbei ist, nichts weiter gewesen sind als eine kleine Unebenheit auf dem Wege. »Morgen, Dieper!« hatte der Eintretende gerufen. »Ist Wilkens noch nicht da?« »Diener, junger Herr Eugen,« antwortete der Buchhalter. »Nein, junger Herr Eugen, Wilkens ist noch nicht hier. Vielleicht mit Mustern aus? Da ist der junge Herr Pieterse.« »So?« Walther hustete. »Er muß eben warten, bis Pompilius kommt ... oder Wilkens.« Walther nickte, noch immer hustend, daß er mit der größten Geduld auf Herrn Pompilius oder Herrn Wilkens warten wolle. »Nehmen Sie ´n Glas Wasser, junger Herr,« mahnte Dieper. »Ja gewiß, lassen Sie ihn ´n Glas Wasser trinken,« wiederholte der junge Herr Eugen großmütig. »Da steht Wasser, und ´n Glas auch.« In der That. Neben dem eisernen Schranke, in dem des Nachts die »Bücher« aufgehoben wurden, stand in einer finsteren Ecke auf einem Kasten eine verwitterte Wasserkaraffe, und daneben ein Glas mit erdfarbigem Ansatz. Walther trank ein Paar Züge und behandelte die dazu gebrauchten Gerätschaften mit einer ehrerbietigen Zärtlichkeit, die sauberen Wassers und klaren Glases wert gewesen wären. Als er endlich ausgehustet hatte, saß der junge Herr Eugen mit breit ausgestreckten Ellbogen vor einem Einzelpulte und las einen französischen Roman. Daß Dieper schon wieder über seinen Büchern lag, versteht sich von selbst. Walther stand nun neben dem eisernen Geldschrank und dem Kasten, auf den er geräuschlos die kostbaren Gegenstände wieder hingestellt hatte. Ohne sich nur im mindesten zu bewegen, wartete er auf Herrn Pompilius oder auf Herrn Wilkens ... Seit Anbruch des Tages hatte er nichts anderes gethan als gewartet. Wie sagt doch der gute Kamphuyzen? »Es muß viel Leid gelitten sein, es muß viel Streit gestritten sein ...« Was ist aber der Erfolg des vielen Leidens, das gelitten, des vielen Streites, der gestritten werden muß? Kamphuyzen meint: Friede. Nun, wenn auch das nicht immer, so doch Selbstgefühl und Stolz und Ruhe des Gemütes, die Belohnung dessen, der als Knabe viel getragen, viel gethan, Hitze und Kälte gelitten: »Multa tulit fecitque puer, sudavit et alsit!« Wollte etwa einer meinen, daß diese beiden Dichtersprüche zu gewichtig, zu ernst, zu klassisch sind für die kleinen Widerwärtigkeiten von der Art, mit denen Walther zu kämpfen hatte – er irrt sich! Die schwersten Prüfungen, die uns treffen, sind Nichtigkeiten. Sie überfallen uns täglich, immer wieder, dauernd, und sie finden uns meistens waffenlos. Auch ist keine Ehre zu holen in solchem Kampfe. Moses und der Herr wußten das Wohl. Sie plagten Ägypten nicht mit Tigern, sondern mit Heuschrecken. Herr Wüllekes oder Wilkens und seine Thätigkeit im Hause. Feine gesellschaftliche Rangunterschiede. Walther entfaltet seine erste geschäftliche Thätigkeit. Reminiscenzen. Herr Pompilius. Walther litt, das ist wahr. Aber sein Kampf bedeutete nicht viel. Wir können unerörtert lassen, ob er den Mut zum Weglaufen besessen hätte. Gewiß ist, daß er die Seelenstärke hatte, zu bleiben und die Pflicht zu erfüllen, die ihm als nächste vor der Hand lag. So hatte der Doktor Holsma ihm aufgetragen, und so sollte es bleiben. »Da kommt Wilkens,« ließ sich der junge Herr Eugen herab zu bemerken, ohne seine Haltung sonst im geringsten zu ändern, und mit einer gewissen Faulheit im Aussprechen der Worte, als ob für die Deutlichkeit Thür- und Fenstergeld erhoben würde. Richtig. Herr Wilkens zeigte sich auf dem Hofe. Er ging sehr schnell, um einen Beweis von dem Eifer zu geben, der mit der Uhr nicht übereinstimmte. Die Uhr wird wohl vorgegangen sein. »Diener, M'neer! 'n Tag, Dieper!« »Morgen! Das ist der junge Pieterse.« »A-eh! Schööön! A-ei, a-ei!« Wilkens war ein alter Narr. Sein ganzes Leben war ein Eroberungszug gewesen nach Würde und Wichtigkeit. Da er es auf seine alten Tage nicht weiter gebracht hatte als bis zum Comptoirschreiber und Handlungsreisenden, kann der Leser sich ausrechnen, wie viel Feldschlachten der Mann verloren haben muß. Die stolzeste Eroberung, die ihm blieb, bestand in einem langgezogenen »äh« oder »aaaa« oder so etwas. Wer ihn genauer kannte, hatte nicht viel Furcht davor, aber noch sahen einige Krämer auf dem Lande respektvoll auf zu einem Mann, der so kompliziert reden konnte. Auch Walther fühlte sich sehr klein. »Ja, M'neer! was meinen Sie? Sollten wir mit dem jungen Menschen nicht warten, bis Herr Pompilius kommt?« Der junge Herr Eugen stieß einen Laut aus, der alles bedeuten konnte, was man wollte, selbst: »ja!« Und so schien die Antwort von Herrn Wilkens aufgefaßt zu werden, der nun seinerseits in dem Alkoven verschwand und bald, in eine lange Comptoirjacke gehüllt, wieder zum Vorschein kam. »Ich bin einmal bei den Jüffrauen Alders gewesen ... mit Barchentmustern,« sagte er, als wollte er sich bei dem jungen Chef wegen seines Zuspätkommens entschuldigen. Dieser antwortete so kurz wie möglich. Er brummte etwas, was gerade genügte, um zu erkennen zu geben: »ich habe gehört, was du sagtest.« Und darauf setzte sich Wilkens an das Pult neben Eugen und nahm die Haltung eines Menschen an, der etwas thut. Und er that wirklich etwas. Seit ein Paar Tagen schon schlug er sich mit einem Defizit von drei Stübern in der »kleinen Kasse« herum und quälte sich ab, die Ursache dieses schrecklichen Fehlers zu entdecken. »Aber, M'neer, könnte nicht 'n Brief fürs Haus gewesen sein?« »Wohl möglich,« antwortete Eugen, mit einem Tone wie: »ist mir ganz egal!« Auch lag so etwas drin, als wollte er sagen: »mach' doch nicht so viel Wind mit deiner Augendienerei.« »Jae, ... aeber ...« Ich will nun bald aufhören, die Wilkenssche Vornehmheit, soweit sie sich in solchen dummen »aes« zeigte, nachzustammeln. Der Leser wird nun bald wissen, wie so ein verdrehter Quast sich ausdrückt, der ein paarmal im »Haag« gewesen war und sich vergebliche Mühe gab, in jede Silbe die Bedeutung zu legen: ich bin ein Herr! Der Grund übrigens, daß Wilkens das neben ihm sitzende Individuum, im Gegensatz zu Dieper und dem alten Gerrit, mit »Mynheer« und nicht als »junger Herr« ansprach, lag darin, daß Eugen schon ziemlich halb erwachsen war, als Wilkens ihn vor elf Jahren kennen lernte, während Dieper und der alte Knecht diesen Sproß des Chefs und selbst den älteren Pompilius noch als Kind gekannt hatten. Aber auch diese beiden hatten sich nicht herausgenommen, etwas von der vollkommenen Herrlichkeit der beiden Untergötter abzuhandeln, wenn ihnen der alte Herr Kopperlith diese Freiheit nicht in den Mund gelegt hätte. Dieser war nämlich in gesellschaftlichen Unterschieden sehr fein – soweit es andere betraf, sich selbst schätzte er immer einen Grad zu hoch – und er nannte die jungen Leute »M'neer Pompilius« und »M'neer Eugen«, wenn er über sie zu Wilkens sprach. Aber auch in seinem Munde waren sie die »jungen Herren«, wenn er das Wort an die alten Hausinventare richtete. Walther gegenüber waren natürlich, das versteht sich, alle, bis auf den Knecht, »Mynheer«. Ob es wahr ist, daß man nicht zweien Herren dienen kann, laß ich unentschieden. Das ist aber sicher, Walther bekam auf einmal ihrer fünf zu bedienen, und vor allem zu respektieren. Wilkens rechnete immer noch in seiner »kleinen Kasse« herum und sagte: »'s ist ien deer Thaet erstau-aunlich!« Und nach einer weiteren Weile eifrigen Rechnens: »Aber, M'neer, sollten wir den jungen Menschen nun nicht an die Arbeit setzen? Vielleicht kommt Herr Pompilius erst nach dem Kaffee.« »Na ja. Nur zu!« Wilkens winkte Walther zu sich heran, hustete ein paarmal würdevoll und sagte: »Ich würde dir nur raten, nur hier Platz zunehmen. Leg' deinen Hut nur weg.« Alle diese »nur's« hatten Sinn. Die mitgeteilten Befehle erhielten dadurch Eindrucksfähigkeit. Walther gefiel es ausnehmend, daß er seinen Hut nun weglegen durfte. Das lange Festhalten hatte ihm Krämpfe in den Fingern gemacht. Wenn das bekannte Sprichwort recht hat, so hatte er mehr Aussicht als irgend einer, durch das ganze Land zu reisen, denn er hatte stundenlang mit seinem Deckel in der Hand gestanden. Einstweilen aber reiste er nicht weiter als bis zum Pult Nummer drei, zwischen Wilkens und dem Fenster. »Da setz' dich nur hin. Und sag' mir nun mal, ob du rechnen kannst? Was man nennt: gut rechnen?« »Ja, M'neer,« sagte Walther mit ritterlichem Mut, wie ein Kriegsmann, der die Drommete hört. »Schön, schön! Dann zähl' mal alle diese Posten hier auf: Gulden, Stüber und Pfennige. Sechzehn Pfennige machen 'n Stüber, siehst du, und zwanzig Stüber 'n Gulden. Das weißt du wohl schon?« »O ja. M'neer!« »Soo? Weißt du das? Ei!« Und Walther, der Rechenheld, strengte sich so an, seine nächstliegende Pflicht zu thun, und um seine Enttäuschung zu überwinden, daß er glatt verkehrt zählte. Keine einzige Kolumne stimmte mit den Resultaten des Mynheer Wilkens. Er wurde sehr ärgerlich und ertappte sich auf Heimweh nach den beiden soliden Geschäften auf dem Zeedyk, nach seinem ersten Prinzipal, dem Tabakshändler mit der Leihbibliothek, bei dem er allerdings nicht lange gewesen war, weil der Herr Chef es vorzog, mit seinen hundert Gulden Kaution durchzugehen! Ein Herr stieg über den Hof. Es war Herr Pompilius, der älteste Sohn des Hauses, Prokurist und Mitchef der Firma Ouwetyd und Kopperlith. Walthers Geschicklichkeit in der Rechenkunst gewogen und zu leicht befunden. Seine Einführung in das Fach Merkurs, des Götterboten. Eifrig, die Hände um sich werfend, jagend oder gejagt, stürmte Herr Pompilius ins Comptoir und stieß so etwa dreimal hintereinander »'n Tag« heraus, wie Kuchenkrümel, die ihn in der Kehle kitzelten, worauf der Herr Eugen, der noch immer über seinem Roman gebückt saß, ein »b'jour Pompile« über seine Lippen gleiten ließ. Pompilius aber achtete dessen nicht und fuhr eifrig fort: »Tag, Dieper! Tag, Wilkens! Tag, Eugen! Papa noch nicht unten? Hier sind die Briefe ... einer fürs Haus – von Leon, Eugen! Wo ist Gerrit. So, ist das der junge Pieterse? Kennt er den Weg in die Stadt? Ich habe nämlich viel Besorgungen, weißt du? Krimp zu Rotterdam verlangt zwei Weißgrund-Dreifarb – Sie wissen wohl, Wilkens, die Victoria-Fancy von Crawfurth-Leeds – aber er will das alte Muster mit den Augen drin – ist noch etwas davon da? Wo ist Gerrit? Ich habe viel Besorgungen. Wie steht's mit Mama, Eugen? Wird's heut glücken – ich meine den Umzug? Die Saison geht mir sonst vorbei, und ich möchte so gern die Hockers und die Pleiers und die Krückers nach Grünenhaus einladen. Der Briefträger ist ein Bursche! Er will immer 'n Trinkgeld, wenn er die Briefe auf der Straße 'rausgiebt, denn ... er darf's eigentlich nicht. Wenn es gemerkt wird, hat er seine Entlassung weg. Sie wissen. Ich hab' ihm heut 'n Stüber gegeben: denken Sie dran, Wilkens, aber ... setzen Sie's auf Haushaltskonto, 's ist auch 'n Brief von Leon dabei. Deshalb ... kann's wohl auf Haushalt, wie, Eugen? So, so, ei, das ist der junge Pieterse? Haben Sie heute was für Gerrit, Dieper? Ich habe viel Besorgungen. Wilkens, Sie müssen so gut sein, Gerrit her zu rufen, und ihm sagen, daß ich viel Besorgungen habe, und ... und ... hier ist der Brief von Krimp. Die Menschen verlangen immer, was nicht da ist, denn ... das alte Muster mit den Augen ist nicht mehr da. Wissen Sie, was wir thun? Wenn das nicht mehr ist – mit den Augen, wissen Sie – dann schicken wir ihm so ein Kribbelmuster mit Mücken, oder mit Schlangen, oder das mit den Holzstücken – verstehn Sie, 's sind die Weißgrund-Dreifarb, Victoria-Fancy von Crawfurth-Leeds. Aber Sie werden sehen, daß Krimp wieder chicaniert, denn ... das thut er immer. Rufen Sie Gerrit ... ich hab' so viel Besorgungen, wissen Sie. So, Männchen, du kennst also den Weg in die Stadt? Nun, das ist gut, denn ... ich hab' immer so viel Besorgungen. Eugen, wenn Papa kommt, sag' ihm doch, daß ich bei Mama bin, mit dem Brief von Leon, weißt du. Denn er ist an Mama adressiert. Leon adressiert seine Briefe immer an Mama.« Natürlich. Immer an Mama. Auf der Adresse einer verheirateten Frau ist ja Platz für zweimal »Wohledelgeboren.« Der Briefträger bekam nun von Zeit zu Zeit zu lesen, daß die auf gewisse Weise zur Welt gekommene Ehegemahlin des Mynheer Kopperlith auch bereits als Jungfrau sich einer Geburt teilhaftig gemacht hatte, die sich über das Gewöhnliche erhob. Daß das Menschenkind vor ihrer Heirat Niemendal hieß, macht nichts. Der Postmensch zu Tjanjor auf Java – da wurden die Episteln nämlich ausgeheckt – war im Holländischen nicht sehr geübt, und von Heraldik verstand er nicht viel. Er bekam es aber zu sehen, daß der junge Herr Leon so viel Schreiberei brauchte, um seine Mama gehörig zu titulieren, und das war der Zweck des jungen Herrn Leon. Ganz Tjanjor sollte darüber erstaunt sein, denn der Postmensch würde ja wohl darüber schwatzen – Hoffnungen? wie sie Jüffrau Pieterse, Walthers Mama, in ähnlichen Fällen ähnlich auch hegte. Während der Schneeball noch rollte, mit dem Pompilius seine Anwesenheit kennzeichnete, lief er fortwährend hin und her, und machte – auch in buchstäblichem Sinne – so viel Wind als nur irgend möglich war. Einen Augenblick, nachdem er mit Leons Brief in der Hand die Stube verlassen hatte, kam er auch schon wieder zurück: »Apropos, Eugen, ich hoffe doch, daß Mama heute wird übersiedeln können? Ich sitze sonst in der Tinte, sehr, sehr in der Tinte, weißt du ... ganz böse in der Tinte, mit den Hockers und den Pleiers und den Krückers ... ich hab' sie alle nach Grünenhaus eingeladen. Und ... ich hab' mit den Dienstmännern gesprochen. Weißt du, was dieser Flip sagte? Er fragte – grobes Volk, solche Dienstmänner – ob wir Mama nicht zum Fenster herauswinden könnten? Das fragt er! Frech, was? Aber ... siehst du, er meinte, im Lehnstuhl und ... na, ich hoffe bloß, daß es glückt, denn ich blamier mich so ganz schrecklich vor den Hockers und den Pleiers und den Krückers. Das ist's bloß, verstehst du?« Und damit verließ er wieder das Comptoir. Es versteht sich von selbst, daß unser Walther ganz artig dastand und zuhörte. Nach dem Abzug von Mynheer Pompilius vertiefte er sich aufs neue in seine Rechnerei. Ach, er wollte ja so gern seine nächstliegende Pflicht thun. War es seine Schuld, daß er sich so ungeschickt anstellte und fortwährend rechnete: drei und acht ist vierundzwanzig, oder was anderes? Wilkens ging nun ins Magazin, um die Schlängelchen auszusuchen oder die Mücken oder die Holzstücken, die das Haus Kopperlith dem Krämer Krimp anschmieren wollte, statt des verlangten Musters, das nicht mehr da war. Zwei und sechs ist zwölf, und zehn macht zwanzig ... Es begann schon wieder windig zu werden, Pompilius stürmte in das Comptoir: »He! verflucht! ärgerlich! ganz dumm! Stellen Sie sich vor, Dieper ... sag', Eugen, höre bloß, 's wird doch zu arg! Wißt Ihr's schon von Gerrit? Er ist wieder steif von Rheumatismus ... wie finden Sie das? Er kann keine Besorgungen machen! Und ich ... ich habe gerade so viel Besorgungen. Auf Ehrenwort, ich hab' wohl zehn Besorgungen ... ja, wohl zwölfe! Haben Sie auch Besorgungen, Dieper? Wechselchen, Accepte, he?« »Heute nicht, junger Herr. Aber morgen ...« Der Buchhalter schlug ein kleines Notizbuch auf. »Morgen hab' ich 'n Wechselchen im Judenviertel, 'n schmierig Ding.« »So? morgen? Das ist gut. Wissen Sie, was Sie thun, Dieper? Sagen Sie Papa, daß Sie immer Wechsel haben, und daß Gerrit steif ist von Rheumatismus, und daß es so nicht weiter geht, wissen Sie? Sagen Sie's Papa, denn ... ich hab' so viel Besorgungen, ich habe scheußlich viel Besorgungen.« »Ja, junger Herr Pompilius, ich will's Mynheer wohl sagen. Und ... wie geht's dem jungen Herrn Leon?« Ei, ei, der schlimme Dieper! Er traute sich an den alten rheumatischen Gerrit nicht heran. Und der junge Herr Pompilius hätte ja das alte Möbel gern beiseite gesetzt, aber durch einen anderen. Gerrit hatte nämlich mit dem alten Herrn Beziehungen aus der Vorzeit, eine koprolithische Verwandtschaft, die respektiert werden mußte. Und darum sprang der vorsichtige Dieper so geschickt und interessiert auf das Wohlergehen des jungen Herrn Leon über. »Sehr gut, danke schön,« antwortete Pompilius. »Den ganzen Brief hab' ich noch nicht gelesen. Er erzählt von Tigern und Schlangen und von Umzügen mit Sonnenschirmen und goldenen Waffen ... o allerlei! Mama freut sich kolossal drüber, verstehen Sie. Aber ... er ist noch immer Supernumerar. Er klagt, daß allerlei gemeines Volk ihm vorgezogen wird ...« »Das ist sehr traurig für jemand von ... Stande,« sagte Dieper, mit einer Trauer in der Stimme, die wohl einige Gehaltszulage verdiente. »Nicht wahr? Dieser verfluchte Gerrit mit seinem Rheumatismus! Und ich hab' gerade so schrecklich viel Besorgungen. Sag' mal, du, Pieterse – du heißt ja wohl Pieterse? – du mußt mal so gut sein, ein paar Besorgungen für mich zu machen.« Walther stand marschfertig, mit dem Hut in der Hand, und ein vergnügtes »Bitte, Mynheer!« auf den Lippen. Vergnügt? Ja, wahrhaftig. Das war ihm so eine Art Erlösung. Der junge Herr Pompilius nahm an dem Pult gegenüber Dieper Platz – das war das Pult des Chefs – und winkte Walther heran. »Du weißt also den Weg in die Stadt? Schön. Dann mußt du mal so gut sein ... aber sag' ... hast du 'n Taschenbüchelchen ... 'n Portefeuille oder so was?« »Nei...ein, Mynheer!« »So? Hast du nicht? 'n Comptoirschreiber muß 'n Portefeuille haben, um ... was drin aufzuschreiben, weißt du? Sonst vergißt du's. Na, für heute mußt du eben die Besorgungen im Kopf behalten. Du mußt so gut sein und zu M'neer Hocker gehen, und da machst du eine Empfehlung von mir – von dem jungen M'neer Kopperlith, mußt du sagen, von M'neer Pompilius, weißt du? – und du fragst, ob die Jüffrauen Pleier aus Frankfurt – die logieren nämlich bei den Hockers, verstehst du? – ob die Jüffrauen Lust hätten, heut mittag mit mir und meiner Frau – du brauchst bloß zu sagen: mit der jungen Mevrouw Kopperlith-Hüddewitz, dann wissen sie schon – ja, du fragst, ob die Jüffrauen Pleier Lust haben, mit uns und der Familie Krücker ...« »Bist du toll, Pompilius?« brummte Eugen. »Der Junge weiß ja gar nicht, wo Hocker wohnt.« »Ach so! Das ist wahr. M'neer Hocker wohnt ...« Und Walthers Handelswissenschaft wurde bereichert durch die sehr sorgfältige Kenntnis des Fleckes, wo Mynheer Hocker wohnte. Auch erfuhr er, was diesen Nachmittag mit der Familie dieses Herrn los sein sollte, und mit den Jüffrauen Pleier aus Frankfurt, und wie sie sich im Falle der Zustimmung in der Gesellschaft von Mevrouw Kopperlith-Hüddewitz, auch genannt die junge Mevrouw, amüsieren konnten. »Und dann mußt du so gut sein, in die Kerkstraat zu gehen, bei der Korte-krülle-dwarsstraat, nach Papas Stall. Du fragst nur nach dem Stall von Mynheer Kopperlith auf der Kaisersgracht, verstehst du ... denn Papa hält eigenes Fuhrwerk – und dann sagst du zu Jakob ... das ist der Kutscher ... sagst du ...« Folgte die Bestellung an Jakob, die ich leider vergessen habe. »Und dann mußt du so gut sein und zu Jüffrau Lins gehen, in der Kattunstraat, und da machst du 'n Kompliment von der jungen Mevrouw Kopperlith – du sagst: von Mevrouw Kopperlith-Hüddewitz – und du sagst, daß die Jüffrau so gut sein möchte und dir ein Stickerei-Muster geben ... 's ist ein liegender Jagdhund, kannst du's wohl behalten?« »J..a, M'neer!« »Gut! 'n liegender Jagdhund, verstehst du. Nun, dies Muster soll sie dir geben für die junge Mevrouw Kopperlith, für Mevrouw Kopperlith-Hüddewitz, verstehst du? Und du fragst nach dem Preise ... dem allergenauesten Preise, mußt du sagen. Und dann gehst du zu meinem Hause und klingelst, und sagst dem Mädchen, daß du von mir kommst – von Mynheer, verstehst du? – und machst 'ne Empfehlung, und dann sagst du ...« »Aber Pompilius, wie kann er denn wissen, wo dein Haus ist?« »Ach so! Ich wohne auf der Liliengracht – stille Seite, weißt du, wo die vornehmen Häuser stehn. Ist 'n Haus mit einer Treppe vor, und Fenstern von Spiegelglas. Da mußt du bloß immer nach sehen, nach den Fenstern von Spiegelglas. Und du sagst zu dem Mädchen, daß du bei Jüffrau Lins gewesen bist, und daß du von mir kommst, und daß du der neue Comptoirlehrling bist, und wie viel das Stickmuster kostet. Und ... wenn die junge Mevrouw den Preis zu hoch findet – 's ist 'n Jagdhund auf 'm Kissen, verstehst du? – dann bringst du 'n wieder zu Jüffrau Lins und sagst, daß 's zu teuer ist. Und dann mußt du so gut sein und gehst mal zu meinem Schuster. Er wohnt in der Hallestraat, und da machst du 'ne Empfehlung von mir – von Mynheer Kopperlith von der Liliengracht, sagst du bloß – und dann sagst du, daß er so gut sein möchte, morgen früh neun Uhr bei mir zu sein und mir Maß zu nehmen zu 'n Paar neuen Pantoffeln. Und dann gehst du zu Mynheer Krücker, und du machst 'ne Empfehlung von mir, und fragst, wie's der alten Mevrouw geht – sie ist nämlich krank, weißt du, und hat's Podagra ... aber das brauchst du nicht zu sagen: du fragst bloß, wie's ihr geht – und dann bringst du da die Antwort hin von den Jüffrauen Pleier aus Frankfurt, die bei den Hockers logieren. Aber wenn nun die Jüffrauen Pleier die Einladung angenommen haben, dann mußt du so gut sein, mal bei M'neer Kruis auf dem englischen Quai mit heran zu gehen, und da sagst du – aber erst mußt du 'ne Empfehlung von mir ausrichten – daß ich heute mittag durch schweren Kopfschmerz verhindert bin, von seiner Einladung Gebrauch zu machen, mit der Familie auf Lockhoost zu essen. Wenn aber die Jüffrauen Pleier sich für die Einladung bedanken lassen ...« »Um Himmels willen, Pompilius, das kann ja der Junge im Leben nicht behalten!« »Nicht wahr? Ganz wie ich sage. Warum hat so 'n junger Mensch kein Taschenbuch? Ganz wie ich sage. Du mußt machen, daß du 'n Taschenbuch hast, um ... alles aufzuschreiben, verstehst du! Denn ... 'n Lehrling auf dem Comptoir muß immer 'n Taschenbuch haben ... was sagen Sie, Dieper? Aber ... so lange du nun kein Taschenbuch hast, mußt du ... alles im Kopf behalten, was ich dir gesagt hab'. Geh' nun erst und besorg' die Botschaften. Dann kann ich dir die anderen später geben. Denn ... wenn ich dir zu viel mit einmal auftrag', wirst du sie ja doch bloß vergessen ... was sagst du, Eugen? – weil du kein Taschenbuch hast, verstehst du?« Wie Walther seine Besorgungen machte, und welchen Erfolg er bei den Damen hatte. Beiträge zur Naturgeschichte des Hauses Kopperlith. Walther machte seine Bestellungen so gut wie möglich, ja sogar sehr nett. Alle Mädchen, die ihm die Thüren öffneten, fanden, daß er ein manierlicher Junge war. Immerhin etwas. Zu meinem großen Verdruß kann ich nicht einmal sagen, daß er sich durch die sonderbare Manier, wie man über seine Talente verfügte, gedrückt fühlte. Er kannte seine Talente gar nicht und kam sich nicht im mindesten erniedrigt vor. Er war sogar froh, die Außenluft zu atmen und seine Glieder bewegen zu können. Er hatte das Gefühl, als wäre ihm das Rückgrat eingeschlafen, und als würde ein wenig Bewegung ihm ganz gut thun. Noch eins: er fühlte sich im Amt, und er hätte nichts dagegen gehabt, wenn man ihm einen Kragen um den Hals gehängt hätte, mit der Aufschrift: »Dieser Jüngling wandelt des Herren Straße im Dienste der Firma Ouwetyd und Kopperlith.« Nicht ohne eine gewisse Nichtachtung sah er die vielen Menschen an, die auf einen solchen Kragen kein Recht hatten. Als er, nach den allerlei anderen Verrichtungen, auf der Liliengracht landete – auf der ganz vornehmen Seite – und geklingelt hatte, an dem famosen Hause mit den Spiegelscheiben, von vierzehn Fuß Breite – ich meine das Haus – merkte er sofort, daß er durch die Fenster beobachtet wurde, genau so wie ein paar Stunden früher auf jenem anderen Vortreppchen. Die Dame aber, die ihn hier betrachtete, hatte ein viel angenehmeres Äußere als die »alte Mevrouw« von der Kaisersgracht. Julie Hüddewitz, erst seit einigen Monaten Ehegenossin des Herrn Pompilius, war ein junges Ding und hatte noch nicht genügend Erfahrung in Amsterdamer Steifheit und der hohen Würde ihres Herrn Gemahls, um sofort zu wissen, was einem Comptoirlehrling zukommt und was nicht. Sie ließ Walther hereinkommen und vergaß sich in ihrer Formlosigkeit so sehr, daß sie ihm nicht nur eigenhändig den liegenden Jagdhund abnahm, sondern sogar an Walther die Frage richtete, wie er die Zeichnung fände? Eine der Ursachen ihres fehlerhaften Benehmens lag darin, daß ihr Vater – ein Deutscher, der ein paar »feine Coups« in Kaffee gemacht hatte – selbst Comptoirjüngling gewesen war und noch nicht lange genug in Holland festsaß, um zu wissen, daß man sich mit so einem Wesen nirgends anders einläßt als auf dem Comptoir. In anderen Ländern nämlich betrachtet sich der Prinzipal erst dann als aus anderem Teig geknetet, wenn der »Commis« etwa durch eine Heirat sich dem niederen Stande einverleiben läßt; er hat sich dann seine Deklassierung selbst zuzuschreiben. In Niederland aber nimmt die Abschließung schon lange vorher ihren Anfang, eigentlich schon vor der Geburt. Für einen Knaben, der dort das erste Lebensdunkel erblickt – Dichter, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, sagen »das Licht« – liegt die Möglichkeit vor, General zu werden, Seeheld, Planeten-Entdecker, ein weltberühmter Künstler, Träger des vaterländischen Ruhms – alles kann er werden, nur nicht Mitinhaber der Firma Ouwetyd und Kopperlith! Um das zu erleben, mußte man sein eigener Enkelsohn werden, denn – das will ich anerkennen – im dritten Gliede glückt es wohl einmal einem geschickten Abenteurer, es in Vergessenheit zu bringen, daß sein Urgroßvater schrecklicherweise etwas anderes gewesen ist als »Chef.« Das alles wußte Julie Hüddewitz ganz gut, aber es war ihr noch nicht recht in Fleisch und Blut übergegangen, und darum ließ sie sich an dem wichtigen Montag, dessen Ereignisse ich schildere, so weit herab, unvorsichtigerweise nach Walthers Ansichten über jenen Jagdhund zu fragen. Ich weiß nicht, ob sie jemals Töchter zur Welt gebracht hat – wenn aber, so haben sich diese gewiß niemals so weit vergessen. Ein erhabenes Geschlecht macht Platz für noch erhabenere Geschlechter. Wenn Walther eine Ermutigung brauchte beim Eintritt in seine neue Laufbahn, dann wäre sie ihm wahrscheinlich durch die große Herablassung der Mevrouw Kopperlith-Hüddewitz geliefert worden. Eine Dame in einem Hause mit Spiegelglas, auf der Liliengracht, vornehme Seite, hatte ihn nach seiner Meinung gefragt. Das gab ihm denn auch einen so hohen Schwung, daß er beinahe eine der thörichtsten Antworten gegeben hätte, auf die man verfallen konnte. Aber sie kam ihm zuvor: »Drei Gulden sechzehn? Findest du's nicht etwas teuer?« »O Mevrouw ...« Und es lag ihm auf der Zunge zu sagen: »Darf ich wohl ein paar Dübbeltjes von diesem entsetzlich hohen Preise auf meine Kappe nehmen?« Aber er bedachte noch beizeiten, daß er von diesen Paar Dübbeltjes gerade das erste nicht besaß, und begnügte sich daher mit der Bemerkung, daß er von Stickmustern nicht viel verstände. Selbstverständlich nahm er sich vor, diesen Zweig des Wissens von jetzt an zum Gegenstand eines ganz besonders sorgfältigen Studiums zu machen. Einstweilen beschränkte er sich auf die Frage: »Wünscht Mevrouw, daß ich vielleicht noch einmal bei Jüffrau Lins versuche ...« »Na gewiß. Geh' noch einmal zu Jüffrau Lins fragen, ob's nicht billiger geht, etwa für ... drei Gulden zwölf? Oder, wenn's möglich ist, für drei Gulden zehn?« Und mit diesem geisterhebenden Auftrag trabte Walther nun durch den Schmutz. Es hatte nämlich nach all der Hitze schwer geregnet, und die Straßen sahen ganz amsterdamisch aus. Einen Regenschirm hatte er nicht, und er verdarb dreimal mehr an Schuhwerk und Kleidung als die vier Stüber wert waren, die er wirklich in dem Tapisseriegeschäft abzuhandeln verstand. So gewissenhaft erfüllte er an diesem Tage seine nächstliegende Pflicht, oder was der arme Junge wenigstens dafür hielt. Jüffrau Lins fragte nachher ihre Ladenmädchen: »Was war denn dem Jungen? Der sah ja aus, als ob er mich um die Paar Stüber küssen oder ... ermorden wollte?« Als er von diesem großen Erfolge Bericht erstattet hatte und zum zweiten Male die Treppe des Spiegelglashauses herunterstieg, stand ein Wagen vor der Thür. Das ersparte ihm den Weg nach der Korte-krülle-dwarsstraat, denn im Auftrage der »jungen Mevrouw« rief ihm das Mädchen nach, das wäre die »Britschka« des Mynheer Kopperlith, und der Kutscher wäre der Jakob, an den er eine Bestellung hätte. Er stellte sich mit Bescheidenheit vor, als der neue »jüngste Bedienstete« vom Comptoir, und sagte, was er zu sagen hatte. Aus der Britschka leuchtete ein Fleischklumpen heraus, eine Riesin, Hersilia Kopperlith, die schwerwiegende Ehefreude des Elsässers Heinrich Kalbb, der zu Amsterdam Konsul seines Landes war, zugleich Chef eines Handelshauses. Mit anderen Worten: der Mann »machte« in Kattun. Aber bloß in vornehmer Ware, nämlich Mülhauser Kattun. Englische Lappen von Manchester sind nicht so vornehm. Und doch handelte damit, mit großer Anwendung von Seelen- und Geisteskraft, die sehr erhabene Firma Ouwetyd und Kopperlith, Es ist dem intelligenten Leser gewiß bekannt, daß die größten Männer ihre schwachen Seiten haben, und daß niemand so gänzlich in den Styx der Vornehmheit getaucht ist, daß nicht eine verwundbare Stelle bliebe, auf die feigherzige Feinde ihre Pfeile abschießen könnten. Diese verfluchten Manchester-Kattune! Die machten einen Fleck auf dem Ehrenschild der Kopperliths und eigentlich auf dem der ganzen Kaisersgracht. Es ist nicht vollkommen sicher, ob die Ouwetyds aus der Welt verschwunden sind, zugleich mit dem Fall eines der diversen Babylons, deren Vernichtung schon mehrfach angekündigt worden ist. Aber auch der Ursprung der Kopperliths ist nicht leicht festzulegen, und die Aufklärung, die etwa durch Nachschlagen in einem griechischen Lexikon gegeben werden könnte, allwo man das Wort »Koprolith« finden kann, muß ich ablehnen. Von versteinertem Schmutz ist hier gar keine Rede. Denn der Urgroßvater des alten Herrn war Laufbursche bei einem Blumenzüchter gewesen, übte also ein sehr wohlriechendes Amt aus. In den Tagen des Tulpenhandels war dann dessen Sohn ein Paar Stufen gestiegen, das heißt, nicht geistig, aber gesellschaftlich. Eine Generation später wußte der Vertreter der Familie sich auf der Kaisersgracht festzusetzen, und zwar in demselben Hause, in das ich heute Walther eingeführt habe. Der gegenwärtige »alte Herr« erbte von seinem Vater ein Geschäft in indischer Leinwand, und als dann der amerikanische Kattun den Markt zu beherrschen anfing und als die englischen Weber und Drucker in den Wettbewerb eintraten, zog sich der damalige Kopperlith zurück. Das Monopol war einmal futsch, und die Konkurrenz aufzunehmen, hätte geistige Anstrengung erfordert. So etwas war aber »von einem Mann von Vermögen, wie Mynheer Kopperlith« – so sagte Dieper – nicht zu verlangen. Es geschah in den Tagen, daß der junge Herr Pompilius als Prokurist und Chef eingesetzt wurde, doch immer bloß, was den Kattunhandel betraf. Das eigentliche Vermögen des alten Herrn, mit dem damit verbundenen tiefsinnigen Gewirtschafte in Effekten, blieb unter seiner besonderen Hut und Behandlung, worin ihm der alte Dieper mit erstaunlicher Sachkenntnis zur Seite stand. Diesem Umstande hatte Dieper auf dem Comptoir seine besondere Stellung zu verdanken, die er keineswegs verschmähte. Sein Ansehen stand zu dem von Wilkens in demselben Verhältnis, wie ein Fetzen Papier sich verhält zu einem Fetzen Kattun. In unserer Zeit geht nun einmal Papier vor. Der Handel in Kattun – sie machten in Barchent, Schirting und auch Sheeting – hatte den Zweck, den jungen Leuten Beschäftigung zu geben. Denn »ums Brot brauchten sie es nicht. Wirklich nicht! Durchaus nicht. Papa war ja sehr reich, o sehr reich!« Wenn nun der Handel mit bedrucktem Kattun – und mit dem Barchent, in dem Wilkens eine Specialität war – als Nahrung für die Seelen der jungen Herren Pompilius und Eugen dienen mußte, und wenn nun diese beiden Seelen gerade keinen Heißhunger hatten, kann man wohl schließen, daß die unsterblichen Teile dieser beiden Ich sehr billig am Leben zu erhalten waren. Die Seele einer Maus wäre dabei verhungert. Es giebt ... Handel und Handel, das will ich wohl glauben. Aber die Herren vom Fach werden freundlich gebeten, nicht sehr böse zu werden, wenn ich hier öffentlich erkläre, daß das »Geschäft« gewöhnlich nicht sehr über das Fassungsvermögen eines kleinen Jungen geht. Behüte, ich will Walthers Talent nicht übertreiben, aber ich kann dem Leser versichern, daß auf dem Comptoir von Ouwetyd und Kopperlith nichts passierte, was man seiner Einsicht nicht hätte anvertrauen können. Ausgenommen etwa das Schreiben eines Briefchens in gebrochenem Englisch. Auch würde ihm etwas Routine in der Buchführung gefehlt haben. Aber sonst? Ach, solch »Handel« ist sehr einfach. Man kauft ein für ... so und so viel, und verkauft es ein bißchen teurer, am liebsten für den höchsten Preis, der zu erreichen ist, gemildert durch die Rücksicht, nicht heute jemand abzuschrecken, den man morgen noch einmal hochnehmen will. Und so einen Tag wie den anderen. Tiefsinniger ist die Sache nicht. Aber was mußte man einkaufen? Hierzu, sollte man denken, war »Kenntnis« nötig, und wenn man Wilkens reden hörte, so war manch ein Haus zu Grunde gegangen, weil es einen Haarstrich-Barchent zu viel oder einen »doppelt gebrochenen Strich« zu wenig bestellt hatte. Dazu gehört übermenschliche Anstrengung. Solche Überschätzung trifft man überall. Nun, Leser, es ist Quacksalberei! Verstand von Kaffee, Verstand von Korken, Verstand von Lappen und Fetzen – nun, geht doch der Sache nach! Von welcher letzten Instanz hängt denn schließlich das Urteil über diesen Verstand ab? Doch vom Verbraucher! Alle die Fachkenntnis des Herrn Pompilius und des Herrn Wilkens muß doch zuletzt, um endgiltig gutgeheißen oder abgelehnt zu werden, vor das Tribunal des Dienstmädchens, das eine bunte Jacke kauft, und des Bauernmädchens, das sich von seinem Schatz ein bedrucktes Halstuch schenken läßt. Nach dieser Betrachtung wird manche Aufgeblasenheit gut thun, ein wenig nachzulassen. Noch einmal: es giebt Handel und Handel – aber die meisten, die das Fach ausüben, stehen doch wohl recht tief in der Entwicklung. Was ist das für ein Lebenszweck, sich in der Behandlung der Frage zu bethätigen: ob die Dienstmädchen dies Jahr sich mit karriertem oder mit gestreiftem Zeug aufputzen werden? Ob man den »Damen« weismachen kann, daß die echte wahre lautere Pariser Vornehmheit der Saison – haute nouveauté , auf Ehre! – sich in Spinatgrün oder Rotkohl oder Käse-Schimmelsilber oder in sonst einer Farbe offenbart, in einer mit möglichst schwierigem Namen? Indessen, ich nehme es keinem übel, daß er ein unbedeutend Wesen ist. Auch solche müssen sein, um die Lücke auszufüllen, die sonst zwischen dem Menschen und seinem Pantoffel klaffen würde. Aber der Pantoffel soll sich nicht für einen Reiterstiefel ausgeben. Ich kenne einen Menschen, der – mit Hut und hohen Hacken – bloß sechzig Pfund wiegt. Bin ich ihm deswegen böse? Fällt mir gar nicht ein. Aber gewiß würde ich böse werden, wenn er sich mir als Riesen vorstellen würde. Und gewiß werde ich böse, wenn ich sehe, daß Leute, die nichts sind, nichts können und nichts geleistet haben, in der Gesellschaft einen Rang einnehmen wollen, der ihnen nicht zukommt. Sie sind Diebe. Wer nun nicht gerade in bedrucktem Kattun »macht«, sondern in Tabak oder in Grütze, Rosinen oder Stiefelwichse – wer die Stiefelwichse erzeugt, steht höher – wer nicht gerade in Kattun herumkraucht, braucht deshalb noch nicht zu denken, daß es verboten ist, meine Anmerkungen auf sich zu beziehen. Lieber Himmel! was sollte mein Verleger böse sein, wenn meine Geschichte nur für Leute Wert hätte, die mit Manchesterschen Stoffe handeln! mit Weißgrund-Dreifarb-Victoria-Fancy von Crawfurth-Leeds, mit einem Kritzelchen oder einem Blättchen oder einem Mückchen, einem Schlängelchen oder sonst einem Nichtschen! Und in diesen Nichtschen sollte nun Walther studieren, alle die Zeit, die er von Herrn Pompilius' Bestellungen übrig behielt; damit sollte seine Seele gefüttert werden. Glaubst du nicht, Leser, daß viel Menschenseelen in der muffigen Kopperliths-Atmosphäre zu Grunde gehen? Laß deinen Jungen lieber Handwerker werden oder Matrose! Über Papas sämtliche Fuhrwerke und die Würde eines elsässischen Konsuls. Papa selbst tritt in die Erscheinung, und Walther lernt aus den Fehlern anderer. Als nun Walther ein paar Stunden lang herumgetrabt war und wieder ins Comptoir trat – Vellestraat, Stockfischräucherei, Ölfässer, Gang nach dem Hinterhaus, Hof und Korridorthür ... er fand alle Stationen seines Leidensweges in richtiger Ordnung wieder, wie sie ihm Gerrit am Morgen gezeigt hatte, und er war sehr stolz darauf – als er nun, wie gesagt, zurückkam, fand er nur Dieper und Willens auf dem Comptoir. Wilkens war halb verschwunden in einer Kiste, die neben dem Eingang nach dem Alkoven zu stand, in dem finsteren Winkel, und die mit allerlei Lappen angefüllt war. Wahrscheinlich suchte er da irgend ein Muster. Er hatte Walther nicht hereinkommen gehört, und so kam es, daß dieser mit dem unangenehmen Gespräch oder auch Selbstgespräch des Herrn Wilkens begrüßt wurde: »Sie werden sehen. Ich werde den Schulmeister machen müssen. Auf mir wird alles sitzen bleiben. Mir werden sie die ganze Plackerei aufhalsen. Das ist meine Sache nicht ... das ist meine Art nicht. Ganz und gar nicht!« Als der Mann, der sich so vor seinem Schulmeisterberuf fürchtete, Walther erblickte, brach er seine rührende Klage ab. »Da steht eine Tasse Kaffee für dich,« sagte er mit majestätischem Ton und hoheitsvoller Handbewegung, als ob der alte Lappen, den er gerade gefaßt hatte, eine Sammlung von Kronen und Sceptern wäre. Aber er hatte die reine Wahrheit gesprochen. In der That, da auf dem Tischchen stand Kaffee. Eine »Tasse« konnte man es eigentlich nicht nennen ... »Und ... wenn ich dir 'n guten Rat geben soll, dann bring dir in Zukunft so 'ne Butterstulle mit, oder so etwas.« Walther hatte ihn zwar nicht recht verstanden, aber er beeilte sich doch, seine nächstliegende Pflicht zu thun, und antwortete: »Gewiß, M'neer! Das will ich gewiß thun!« Ach, er war so willig! Die jungen Herren Pompilius und Eugen pflegten gegen zwölf Uhr das Comptoir auf ein Stündchen zu verlassen und »bei Mama Kaffee zu trinken und ein Brötchen zu essen«. So lautete unabänderlich die Ankündigung von Pompilius, mit der er den Herren vom Comptoir die Erlaubnis erteilte, auch etwas zu sich zu nehmen ... wenn sie etwas hatten. Denn das Haus Kopperlith, dessen »Papa« so sehr reich war, lieferte Butterstullen nicht. Die Herren vom Comptoir mochten, wenn sie nicht schlapp werden wollten, sich dergleichen in der Rocktasche mitbringen; und der zartfühlende Eugen machte immer, daß er aus dem Zimmer heraus war, bevor die in Papier aufbewahrten Lebensmittel dem Augenblicke ihrer Entwicklung genähert waren. Er fand, daß sie nicht schön aussahen, besonders die Leibesstärkung, die Wilkens bei sich führte. Durch traurige Erfahrung gewitzigt, hatte Wilkens nämlich die Gewohnheit angenommen, seine Stullen zwischen seiner linken Weste und seinem edlen Herzen aufzubewahren. Einmal nämlich hatten ein paar junge Neffen des Hauses, – die Unglücklichen wußten nicht, daß wohlgeborene junge Leute mit Comptoirpersonal keine Scherze machen! – sie hatten den Weg nach dem dunklen Alkoven gefunden, in dem der Ärmste seine mit den Viktualien beschwerte Straßenjacke bewahrte, und sie hatten ihm das Butterbrot mit einer Lage feingeschnittener Baumwolle, Weißgrund-Dreifarb, bestreut. Der Märtyrer seines Faches schluckte den zähen Witz der »kleinen Neffen von Mynheer«, so gut es ging, hinunter, – seine nächstliegende Pflicht, wie er meinte – aber seit der Zeit trug er seinen Magentrost immer bei sich, bis zur Erledigung. Und einmal war es passiert, daß er sie seiner treuen Ehegemahlin ungegessen wieder heimbrachte, die nun ihr eigenes Werk, das mit so viel Liebe Gebutterte, kaum wiedererkannte. Der junge Herr Pompilius hatte sich an jenem Tage mit Mama verknurrt und blieb deshalb auf dem Comptoir. Die Herren vom Comptoir hatten den Mut nicht, ihre spärlichen Krümel ans Licht zu holen. Auch die Gefäße mit gelblichem Kaffee blieben an dem Tage unberührt stehen. Und hier ist die richtige Gelegenheit, eine Falschheit eines gewissen Klaas Kolyn zu offenbaren, die den nachgelassenen Geschlechtern des Hauses Kopperlith nicht wenige Thränen gekostet hat. Dieser Pfuscher behauptete, daß die Herren vom Comptoir sich auch ihren Kaffee von Hause mitbrachten: Irrtum, Falschheit, Betrug, Lästerung! Der Kaffee wurde aus der Küche geliefert, und die Dienstboten tranken ihn selbst nicht besser. Dieses ist bezeugt worden durch die Autorität der Person, die sich heute früh so standhaft geweigert hatte, Walther an der Thür des Hauses der Familie Antwort zu stehen. Eben war Walther im Begriff, auf seinen Kaffeenapf einen Angriff zu wagen, als der junge Herr Pompilius mit seiner üblichen, fahrigen Hast ins Comptoir stürmte. Vor Schreck setzte der junge Handelsmann den Napf nieder und hatte Geistesgegenwart genug, das Ding nicht fallen zu lassen. »Ei so? Zurück? Gut. Na, wie ist's? Was sagte der Schuster? Und die Pleierschen Damen? Und hast du mein Haus gefunden? Du brauchst nur nach den Spiegelfenstern zu sehen, weißt du. Und was hat die junge Mevrouw dir sagen lassen? – Hat sie dir keine Bestellung für mich aufgegeben? Und ... warst du im Stall? Hast du Jakob gesehen? Was machte er? Putzte, wie? Ganz gewiß, putzte. Papa hat nämlich 'ne Britschka und 'n Landauer, und 'n Zeltwagen, und 'ne Kutsche, und das muß alles geputzt werden. Und nun sag' mal erst: was haben die Jüffrauen Pleier geantwortet?« Der kleine Merkur brachte seinen Bericht heraus, so gut es ging. Die erste Probe schien nicht schlecht ausgefallen zu sein. Der junge Herr Pompilius nickte zufrieden und versprach ihm, er werde ihn öfters mit solchen Botschaften bevorzugen. Bei einer Anlage, wie sie Walther zeigte, und wie sie durch den Sonnenschein von Pompilius' Gunst bedeutend gefördert werden mußte, war doch die Möglichkeit vorhanden, daß dieser »jüngste Bedienstete« des Comptoirs, falls er was erlebte, noch zum »allerältesten Bediensteten« aufstieg. »So, so? Hast du Mevrouw Kalbb auch gesehen? Schön, das ist gut. So lernst du Menschen kennen. Mevrouw Kalbb-Kopperlith, weißt du? So so, die hast du gesehen! Ganz richtig, das war Papas Britschka, denn ... Papa hält Fuhrwerk. Hatte sie die Mietspferde vor? Ach, das weißt du nicht. Sonst nämlich ... nämlich, verstehst du, Papa sieht nicht gerne, daß die Pferde ... na, das geht dich nichts an. Du mußt immer gut aufpassen ... und dir 'n Taschenbuch kaufen, 'n klein Taschenbuch, und da mußt du alles aufschreiben, was ich dir sage, und ... was M'neer Wilkens dir sagt. Nicht, Wilkens?« »Ja. M'neer!« »Richtig. Mevrouw Kalbb ist meine Schwester, Mevrouw Kalbb-Kopperlith – so mußt du sagen. Und denk' daran, daß Mynheer Kalbb seinen Namen mit zwei b schreibt. Merk dir das, und schreib's auf, wenn du 'n Taschenbuch hast ... mit zwei b, weißt du? Es giebt nämlich auch Menschen, die Kalb heißen mit einem b, gewöhnliche Leute, ganz gewöhnliche Leute ... 'n Lederfritze, glaube ich. Was sagen Sie, Dieper?« Dieper legte langsam und vorsichtig seine Feder nieder, trat einen Schritt zurück, schnaubte die Nase, räusperte sich, und sprach mit einer Stimme, die für diese Aussage ganz besonders klar gemacht war: »Ja, junger Herr, ganz gewöhnliche Menschen!« »Siehst du,« fuhr Pompilius fort, »M'neer Dieper sagt's auch, und ... dieser Ledermensch schreibt seinen Namen mit einem b. Aber mein Schwager heißt Kalbb ... zwei b, und er ist Konsul vom ganzen Elsaß, und wenn der König in die Stadt kommt, muß er jedesmal zur Audienz, und dann sagt der König: éh bien, m'sieu le consul, comment vont les affaires? und dann antwortet M'neer Kalbb ... auch auf französisch! Und dann hat er 'n Rock an mit'm gestickten Kragen. Und dann nickt der König – vorgestern noch, und so alle Jahre! – und M'neer Kalbb ... ist mein Schwager, der Schwiegersohn von Papa. Und hast du selbst nun Frau Kalbb gesehen? So, was sagte sie?« »Sie sagte nichts, M'neer.« »So? sagte sie nichts? Das kommt, weil sie nicht wußte, daß du Lehrling bei uns bist, sonst ... hätte sie gewiß was gesagt ... oder 'ne Bestellung aufgetragen ... oder so ... denn ... sie ist meine Schwester, weißt du. Das mußt du dir gut merken. Und wie ging's mit der Stickvorlage?« Walthers Triumph über die abgehandelten vier Stüber wurde einigermaßen gemäßigt durch die krause Stirn, die Pompilius machte, als ihm die Entgleisung seiner leichtsinnigen besseren Hälfte zu Ohren kam: »Drinnen gewesen? Selbst die junge Mevrouw gesprochen? Ei ... sooo? In ihrem Zimmer gewesen? Warum bist du drinnen gewesen?« »M'neer,« stotterte Walther, der merkte, daß er einen Fehler begangen hatte, »das Mädchen sagte, daß Mevrouw mich rufen ließ, und daß ich ... hinein kommen sollte.« »Das Mädchen? das Mädchen? Was kümmerst du dich um 'n Mädchen? So 'n Mädchen kann viel sagen ... siehst du, das ist nun so – wenn ich dir was auftrage, mußt du immer ...« Ein schlürfender Tritt ließ sich auf dem Gange hören. Schade. Ich hätte auch gern gewußt, wie sich Walther in solchen Fällen zu benehmen hätte. Aber Pompilius brach seinen Unterricht ab: »Das ist Papa. Ich werde dich jetzt Papa vorstellen. Du mußt nun die Güte haben, zu Papa recht artig zu sein, 'n Tag, Papa!« Die verehrungswürdige Gestalt des alten Herrn Kopperlith schob sich in das Comptoir herein. Mit behaglichem Lachen nahm er die demütigen Grüße von Dieper und Wilkens entgegen, und auch auf Walther kam ein Tröpfchen des Gnadenstroms, der edelmütig herabfloß. »So, das ist der junge Pieterse? Schön, Männchen, nun mußt du bloß hübsch brav aufpassen, dann kann was Tüchtiges aus dir werden. Du bist uns empfohlen durch M'neer Dieper ...« Der Buchhalter trat einen Schritt zurück und machte eine Bewegung, als wollte er nochmals für seine Frechheit um Entschuldigung bitten. Aber der alte Herr lachte ... Dieper sollte also vorläufig noch nicht gerädert werden. »Ja, durch M'neer Dieper, der mein Buchhalter ist. Und an M'neer Dieper bist du empfohlen durch einen gewissen Herrn ... wie hieß der doch wieder?« »Ach, M'neer,« antwortete der Buchhalter, als wäre der Name eigentlich zu gewöhnlich für das Ohr des alten Herrn ... »ach, M'neer, der junge Mensch ist mir empfohlen durch ... einen gewissen Kalb, einen Lederhändler ... jemand, den ich wohl gelegentlich mal getroffen habe ... M'neer!« Kalb war ein Verwandter von ihm, sein bester Freund, so weit es Comptoirbediensteten gestattet ist, Freunde und Verwandte zu haben. »Richtig, 'n gewisser ... Kalb. Na, 's ist egal. Du wirst hier Arbeit finden, Junge. Fleißig arbeiten ist die Losung. Hat Wilkens dir schon 's eine oder andere gezeigt? Ist er schon im Magazin gewesen? Auf den Böden? Du setzt ihn gewiß ans Kopiebuch, Pompilius?« Auf alle diese Fragen hatte Pompilius ein Dutzend »Jawohl, Papa« zur Antwort gegeben. »Und schreibt er 'ne hübsche Hand?« »Jawohl, Papa!« Walther begann vor Pompilius' Scharfsinn Respekt zu bekommen. Er hatte es gewiß aus den Bestellungen bei den Pleiers und den Krückers und den Hockers und beim Schuster gleich gemerkt. Ja, vornehme Leute haben Scharfblick. »So? Ei, 'ne hübsche Hand! Ei, ei! Na, Pompilius, was meinst du, da könnte er ja den Brief von Leon ein paarmal abschreiben, für Flodoard und für Vetter Griekel und für die Familie Pruikers.« »Ja, Papa.« »Nicht wahr, sie luden Leon immer zu ihren Kindergesellschaften ein. Sie würden es nett finden, daß er so 'n Mann geworden ist und schon so nette Briefe schreiben kann. Aber ... auf dünnes Papier! auf ganz dünnes Papier! Es ist wegen des Portos nach Rom, weißt du ... auf ganz dünnes.« »Ja, Papa.« »Siehst du, dann kann unser Männchen sich gleich im Briefstil ein wenig üben, Pompilius.« »Jawohl, Papa.« Und so geschah es. Walther bekam den Auftrag, die ostindische Weisheit des jungen Herrn Leon zu vervielfältigen, zur Freude des jungen Herrn Flodoard, der zu Rom war und dort angeblich malte. Zur Erheiterung auch des Vetters Griekel in Leyden. Und um die Freundschaft mit der Familie Pruikers fester zu kitten, die auch Leute von bestem Stande waren. Nachdem Walther vielerlei Lehrsysteme angehört hatte, wie ein Brief abgeschrieben werden müsse, ging er tapfer ans Werk. Er sah nicht auf, schrieb Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz ... und mit seiner schönsten Handschrift. Es sah wie gestochen aus. Er vollbrachte also wieder, so gut wie möglich, seine nächstliegende Pflicht. Freilich, es wunderte ihn wohl, daß Herr Leon Kopperlith, der »Supernumerar bei den Landeseinkünften und -Kulturen in dem Bezirk Tjanjor, Preanger-Regentschaften, auf der Insel Java, in Niederländisch-Indien«, so unterschrieb der ferne junge Herr den Brief an seine Mutter, und die fand in der Albernheit nichts Auffallendes – wohl wunderte es Walther, daß diese vornehme Persönlichkeit so viele Fehler in Sprache und Rechtschreibung machte. Und ... er fühlte sich doch etwas beleidigt – mehr als durch die Botengänge – daß man ihm all die Fehler abzuschreiben gab ... zur Übung im Briefstil. Noch etwas war, was ihm sehr unangenehm war. Aber dafür konnte Leon nicht. Er hatte furchtbaren Hunger. Aufklärungen über die Thätigkeit des alten Herrn Kopperlith und die Gefühle seiner Herren Söhne. Der Autor denkt sich aus, wie er diese Geschichte romantischer machen könnte. Betrachtung über das Perlensuchen. Sehr selten nur ließ sich der alte Herr herab, des Morgens aufs Comptoir zu kommen, d. h. vor der damaligen Börsenzeit und dem darauffolgenden Mittagsessen – das nach englischer Art, wie noch jetzt in Holland, gegen Abend oder am Spätnachmittag eingenommen wurde. Diesmal war er augenscheinlich durch Langeweile ein bißchen früher herunter getrieben worden, ein Übel, an dem er etwa zwölf Stunden des Tages litt. Wie hätte es auch anders sein können? Sein Erscheinen auf dem Comptoir wurde immer, besonders von Pompilius, ungern gesehen, weil er – falls wirklich einmal etwas zu thun war – die Angestellten durch sein endloses Geschwätz an der Arbeit hinderte. Das war besonders der Fall, wenn er nach dem Essen kam. Walthers Menschenkunde empfing bald Gelegenheit, sich bis zu der Beobachtung auszubreiten, wie manche Leute besonders närrisch werden, wenn sie gut gespeist haben. Aber auch in der »stillen Zeit,« der Zeit der sauren Gurken, sahen die jungen Herren den Ursprung ihres Daseins lieber gehen als kommen. Durch ein gewisses Übermaß von Aufgeblasenheit nämlich hatte er in gewissen Zuständen die Ansicht, er brauche den Zutritt zu seiner Erhabenheit nicht so ängstlich abzusperren wie mancher andere, und dieser unglückselige Wahn verleitete ihn öfters, besonders nach Tische, zu allerlei Verletzungen des Dekorums des Comptoirs. Dies gefiel den jungen Herren nicht, weil sie in der lächerlichen Herablassung Papas ein Element sahen, das ihren eigenen erhabenen Standpunkt schädigen konnte. Wer ein feines musikalisches Gehör hatte, konnte aus dem Ton, den die jungen Herren nach Papas Verschwinden anschlugen, jedesmal eine deutliche Schärfe heraushören, die sich so in Worte kleiden ließ: »Denk' nun nicht etwa, daß du kein Bediensteter bist, weil Papa sich mit dir so kompromittiert hat.« Das »Sie müssen so gut sein« des Herrn Pompilius klang dann vollends komisch, und sein accentuierter Stolz stach dann besonders stark gegen die Niedrigkeit der Sphäre ab, in der er sich bewegte. Er besaß sicherlich eine Eigenschaft eines großen Mannes: die, daß ihm nichts zu klein war. Aber – dafür war ihm auch alles zu groß. Wir hörten schon, wie er den Stüber, mit dem er den Briefträger zu einer Pflichtverletzung bestochen hatte, nicht auf Geschäftsconto verrechnen wollte, an dem er ein Viertel Anteil hatte, während er bei der Verrechnung auf Haushaltskonto besser davonkam. Und viel höher standen die anderen Mitglieder der Familie Kopperlith auch nicht, weder an Kenntnis, noch an Verstand, noch an Herzensbildung. Selbstverständlich merkte der naive Walther das nur sehr langsam. Zu Anfang nahm er sich sogar sein Erstaunen übel. Aber je langsamer sich sein Urteil zur Überzeugung entwickelte, desto tiefer wurzelte nachher diese Überzeugung. Ganz allmählich hob sich dann ein Zipfelchen nach dem anderen von dem Vorhang, oder von dem unteren Teile, den er da zu sehen bekam, von dem Vorhange, der die »Gesellschaft« seinen Blicken entzog. Die Neugier ging dann langsam in Übersättigung über, bald in Nichtachtung, in Verachtung und Ekel, und schließlich entwickelte sich der Stolz, der das Ziel unseres Strebens sein muß. Aber so weit sind wir noch nicht. In diesem Augenblick beginnt er gerade die dritte Abschrift des famosen Briefes des sehr jungen Herrn Leon. Die Erzählung von einem Festmahl kam darin vor, an dem der Briefschreiber angeblich teilgenommen hatte. Da war viel getrunken, viel gegessen worden, und... Walther hatte solchen Hunger! Er kannte das Schriftstück schon auswendig und schrieb mechanisch weiter, nicht ohne auf alles zu lauschen, was da gesprochen wurde. Aber der Hunger quälte ihn sehr, und wenn ihm der »Handel« einmal sein Brot schaffen sollte, mußten die Umstände sich sehr ändern. Was der Lauscher so zu wissen bekam, erzähle ich im folgenden Kapitel. Der Leser wird wohl schon gemerkt haben – und vielleicht nicht ohne etwas Mitleid mit dem Autor – daß unter all den Personen dieses Kreises kein einziger schlechter Mensch vorkommt, wenigstens nicht in dem Sinne, den wir gewöhnlich an diesen Begriff knüpfen. Es ist so. Alle diese Personen fallen nicht in die Kunstausdrücke eines Artikels des Strafgesetzbuches, nicht einmal der Polizeiverordnung. Der alte Dieper hätte gewiß kein Kind ausgesetzt, und wäre es selbst ein vorzeitiger Sproß seiner Tochter gewesen. Wilkens machte sich schon seit einem halben Jahrhundert nicht mehr des Klingelreißens schuldig, und ich kann den Leser versichern, daß auch die drei Stüber, die ihm in der kleinen Kasse fehlten, nicht in seine Tasche geflossen waren. Eugen gab sich viel mit den Bösewichtern in den französischen Romanen ab, aber weiter ging sein Umgang mit so unanständiger Gesellschaft nicht. Er glich in seinem Betragen durchaus nicht den Tugendhelden dieser Bücher – was ich verständig finde – aber er ermordete niemals einen Menschen. Er verführte auch keine Mädchen, welche für ihre Ehre mehr als einen halben Dukaten beanspruchten. Das war sein Princip. Er war also von »unbescholtenem moralischen Lebenswandel.« Der alte Gerrit war ein Brummbär, aber sonst bestand sein größter Fehler, abgesehen von seinem Rheumatismus, im Zurschautragen dieses Rheumatismus, wenn er sich um irgend eine Besorgung für Herrn Pompilius drücken wollte. Und auch dieser lieferte keinen brauchbaren schwarzen Fleck in der eintönigen Gewöhnlichkeit. Ein Glück also, daß ich kein Romanschreiber bin. Wie sollte ich da die Lichter aufsetzen? Bei solchem Mangel an Kriminellem? Wer sollte heller leuchtende Tugend auf so grauem Grunde malen? Nein, nein, das geht nicht. Und muß selbst die ganze Tugend wegbleiben – was ich nicht beschwören will – aber weichet von hier, ihr, die ihr aus dem Hause Kopperlith einen Roman holen wollt! Wäre ich Romanschreiber, dann hätte ich es viel leichter. Ich würde den Narren Wilkens zu einem Banditen erheben, ihm einen Räubermantel von Barchent und Schirting um die Schultern legen, sein Comptoirchen unter der Treppe in eine Höhle voller Totengebeine und geronnenen Blutes verwandeln; seine Butterstullen in Taschenpistolen, seine langweiligen Schwatzereien in mord- und racheschreiendes Theatergeheul. Nichts einfacher als das – aber es ist nun einmal bestimmt, daß ich es so leicht nicht haben soll. Denn – ein Romanschreiber bin ich nicht. Wäre ich ein Romanschreiber – gewiß, dann ließe ich die Figuren meines chinesischen Schattenspiels sich gegenseitig die Hälse abdrehen, zum Genuß und zur Erbauung des Lesers. Dann wäre längst die beleibte Hersilia unterwegs nach Gretna-Green, mit dem alten Dieper und der Kasse ... der großen. Denn in der von Wilkens fehlten ja noch immer die drei Stüber, die durchaus nötig sind, um in einem fremden Klima mit einer verbotenen Geliebten selig zu werden. Wäre ich Romanschreiber, dann flößte ich dem zärtlichen Pompilius Eifersucht ein gegen diesen allerjüngsten Comptoirbediensteten, der erst einen halben Tag im Dienst war und sich schon vermaß, in das Zimmer seiner Frau zu gehen! Wäre ich Romanschreiber, dann ließe ich den achtenswerten Hauptvertreter der Firma Ouwetyd und Kopperlith gefesselt zwischen zwei Ölfässer packen, die sich beide wüteten über die so zur Schau gestellte Verspottung ihrer fettigen Wohlhabenheit ... Aber leider bin ich kein Romanschreiber. Ich kann aus diesen Menschen wirklich nichts anderes machen, als was sie wirklich sind, nämlich: Nichts! Welcher Leser wird zufrieden sein, wenn ich alles, was ein Buch lesenswert macht – Ausdruck, Stil, Methode, selbst den Inhalt – von Gerrit Sloos borge und mich beschränke auf das bündige: »Kannst mir glauben, Pieterse, ich bin 'n alter Kerl, und du bist ein junger Bengel, aber ... was ich dir sage: 's ist allemal Wind und englisch Notting!« Er hatte noch einen anderen Ausdruck, aber sein englisches »Notting,« sein vernichtendes »Nichts« ist hübscher. Und der »Wind« auch. Der alte Herr war ein herablassend-windiges Notting. Eugens Notting-Wind wehte nach innen. Pompilius war ein Notting mit kindischem Winde. Das Notting von Wilkens sauste und brauste aufgeblasen schwerfällig. Der alte Dieper ... hm, ein vollkommenes Notting war der ja nicht, aber der Wind, der dazu gehörte, war ihm nicht gänzlich fremd. Er bewahrte ihn für den Hausgebrauch. Wenn er heim stiefelte und die Brücke erreichte, die den Jordan, an dem er wohnte, von der vornehmen Seite trennte, ließ er seinen Wind los. Auf dieser Brücke reckte er Hals und Lenden einige Daumenbreit in die Höhe. Er richtete sich stolz auf – es war immer um ein Viertel nach vier Uhr – gab seinen Lungen, Armen und Beinen die langentbehrte Freiheit wieder und hustete, daß der Jordan davon anschwoll. Das war der Jerichoer Trompetenschall, der schmetternd verkündete: »Der Kopperlith dieser Gegend bin ich!« Schade, daß die wahren Eigentümer dieses Namens sich nie herabließen, ihren Fuß in diese gewöhnliche Gegend zu setzen. Denn hätte unser Dieper in dieser Stimmung den alten Herrn einmal getroffen oder den jungen Pompilius oder Eugen, dann hätte ich – zum Schaden des Jordans freilich – ein Naturschauspiel zu schildern gehabt! Wahrheit bleibt es aber, daß Walther in solchem Kreise seine Lehrjahre verbringen sollte. Die Muse hat recht. Er mußte lernen, daß in dieser kleinen Welt etwas anderes zu bekämpfen ist als die Ritter, Räuber und Riesen, die bis dahin seine Phantasiewelt ausgemacht hatten. Daß etwas viel Schöneres zu erobern ist als verwunschene Schlösser, etwas Größeres als Weltteile. Daß der edle Fechter sich mit etwas ganz anderem rüsten muß als mit Lanze, Schwert und Edelsinn, wenn er nicht im Kampfe gegen die Gemeinheit erliegen will. Walther mußte lernen, sich gegen das Kleine verteidigen. Das glückt beinahe allen, weil wenige dazu zu hoch stehen. Aber ihm war gleichzeitig aufgetragen, das Große im Auge zu halten ... rein zu bleiben bei der Berührung mit dem Schmutz ... biegend und bückend nicht zu brechen ... stets bereit zu sein, wieder aufzuschnellen wie eine gebogene Feder ... inmitten von so viel Ansteckungsstoff gesund zu bleiben ... mit einem Worte: stets er selbst zu sein! Das glückt wenigen. Das Thema dieses Buches, und in gewissem Sinne der ganzen Geschichte von unserem kleinen Walther, lautet: Wer nach Perlen taucht, fürchtet den Schlamm nicht. Skizzen von schlechtriechenden Landstrichen, die tiefer liegen als die Meeresoberfläche. Ein Mann wie Sie, Mynheer! Herr Pompilius zeigt sich weiter in seiner ganzen Liebenswürdigkeit, was Verstand und Herz angeht. Schon einmal in seinem Leben hatte unser Walther die Beobachtung machen müssen, daß eine Persönlichkeit sich ganz anders ausdrückte, als er erwartet hatte. Das war, als er den guten Pater Jansen bei Frau Claus, der Mutter seiner angebeteten Femke, getroffen hatte. Der ehrwürdige Gottesmann hatte sich so einfach ausgesprochen – wie ... wie ... wie ein ganz weltlicher Sterblicher. Und er hatte es auch dem Knaben nicht weiter nachgetragen, daß in den Konfessionsverhältnissen ein Unterschied war. Freilich ... es war ein Unterschied. Wohl sprach Pater Jansen ganz anders, als er sich vorgestellt hatte, aber es glänzte so etwas liebenswürdig Gutherziges durch, daß man ihm garnicht widersprechen konnte. Unser Lehrling war in Menschenkenntnis noch nicht erfahren genug, um zu verstehen, wie hoch das Wahre, Menschliche über dem Falsch-Göttlichen steht, aber dieser einzelne Fall war ihm nicht zweifelhaft. Aber wir wollen doch dem braven Pater nicht mehr geben, als ihm zukommt. Wir wollen nicht vergessen, daß das Bekanntschaftmachen mit diesem einfachen Geistlichen begleitet war von einer von Frau Claus' anerkannt trefflichen Butterstullen ... dagegen bot nun das Comptoir von Ouwetyd und Kopperlith nicht den kleinsten Umstand, der auf die Beurteilung der dort geführten Gespräche günstig einwirken konnte. Keiner von uns ist in der Lage, den Ursprung seiner Eindrücke immer so genau zu bestimmen, oder den Einfluß der verschiedenen Einflüsse gehörig auseinander zu halten. Die Bekanntschaftmachung mit diesem Stückchen einer neuen Welt, in der Walther anfing sich zu bewegen, war von so unangenehmen Nebenumständen begleitet, daß er Mühe gehabt hätte, selbst die poetischsten Gespräche schön zu finden. Anstatt des fröhlichen Empfangs, den er bei der wackeren Frau Claus immer gefunden hatte, fühlte er sich hier durch eine unbefriedigte Eßlust gequält, die mehr und mehr zunahm. Dazu kam ... nun, wir wollen das häßliche Wort, das mir nicht gern aus der Feder fließt, in den Mund einer der Personen legen, die nicht zu gut dafür sind. »Sagen Sie, Dieper, finden Sie nicht, daß es hier schrecklich stinkt?« fragte der alte Herr mit rührender Vertraulichkeit. Der getreue Buchhalter nahm diese Herablassung, wie sie es verdiente. Er vollbrachte die für solche Falle hergebrachten Griffe: Feder in das aufgeschlagene Buch ... ein Schritt rückwärts ... die Hände gerieben ... und: »Ja, Mynheer, 's stinkt hier wohl ... 'n bißchen.« Das »bißchen« war köstlich. Es gehörte durchaus dazu, um Mynheer Kopperlith recht zu geben und dabei doch nicht mit der Ehre des Comptoirs in Konflikt zu kommen. So segelt der Weise zwischen Klippen durch. »Ja, ja, Papa,« bestätigte Pompilius. »Es stinkt hier ganz entsetzlich. Das kommt von den Grachten, nicht wahr, Dieper?« »Gewiß, junger Herr, 's kommt von den Grachten ...« Und als ob diese Bezeugung noch nicht genügte, um den jungen Chef zu befriedigen, beschwor der Buchhalter diese Ansicht mit den feierlichen Worten: »Ich habe die intime Fiktion, M'neer, daß es allein von den Grachten kommt.« »Ei?« fragte oder sagte Mynheer Kopperlith. »Ja, M'neer! und ... 's ist so 'ne Moderluft, finden Sie nicht?« Dieper hätte die Bezeichnung getrost ein paar Grade unanständiger wählen können, ohne der Wahrheit ins Gesicht zu schlagen. Aber ängstliche Genauigkeit war nicht so seine Aufgabe, viel lieber hätte er Mynheers Comptoir von dem bösen Makel reingewaschen. So hatte ja auch am Morgen schon Gerrit das ebenso niedrig gelegene Magazin in Schutz genommen, indem er die Schuld auf die Kanäle schob. Dem war es allerdings weniger um Diplomatie zu thun gewesen, als darum, dem jüngsten Ankömmling einen Beweis seines Scharfsinns zu geben. Vielleicht wollte er überhaupt nur etwas reden, und daraus entsteht ja immer allerlei. Insofern will ich übrigens sowohl Dieper als dem alten Knecht recht geben, daß die beiden Lokalitäten, die jetzt in so schlechtem Geruch standen, gewiß wohlriechend geworden wären, wenn man sie in einen Lusthof des Hymettos hätte verpflanzen können. »Wenn ihr die Fenster aufmachtet?« schlug der alte Herr vor. »Ach nee, Papa! Nur das nicht! Das geht nicht, Papa! Ich will dir sagen, Papa ... erstens, Dieper kann den Zug nicht vertragen. Nicht wahr, Dieper?« Dieper faßte sich an den Kopf: »Reißen, M'neer! Reißen!« »Und dann, Papa, wenn wir hier frische Luft hereinlassen, dann kommt sofort so ein entsetzlicher Gestank vom Hofe.« Mehr Gründe, um die »frische Luft« auszuschließen, wird es wohl nie gegeben haben. Der alte Herr beruhigte sich denn auch, und Pompilius, der Gelegenheit sah, die verpestete Atmosphäre als Bundesgenossen zu gebrauchen – ihm war eben nichts zu gering – und als Mittel, um sein Ziel mit den Pleiers und den Hockers und den Krückers zu erreichen, brachte sehr geschickt das Gespräch auf etwas anderes. »Die Sache ist, Papa, daß du im Juli längst draußen sein müßtest! Nicht wahr, Dieper?« »Gewiß, junger Herr, gewiß! Ja, Mynheer, ein Mann wie Sie, Mynheer, der müßte schon lange draußen sein!« Das Lächeln, das der alte Herr Kopperlith bei dieser Gelegenheit über die Bösen und Guten seines Comptoirs aufgehen ließ, war Geld wert. Doch nicht um der Seltenheit willen, denn Dieper konnte es, so oft er wollte, hervorrufen. Es brauchte dazu, bloß ein demütiges: »ein Mann wie Sie, Mynheer!« Aber er war viel zu geschickt in seiner Eigenschaft als dauernd Untergebener, um den Kitzel seiner Schmeichelei durch Übermaß abzustumpfen. Öfter als zweimal am Tage sagte er es nicht. Und so oft konnte der Alte es auch vertragen, ohne auf die scheußliche Idee zu kommen, daß der Buchhalter ihn für verdreht hielt. Ach, Dieper hätte noch weiter gehen können; aber der Mann war ein Freund der goldenen Mittelstraße, ein Feind der Übertreibung. Es war übrigens kein Element des Spottes in der Huldigung, die er ziemlich regelmäßig auf dem Altar der Kopperlithschen Höhe niederlegte. Sein Stolz beim Betreten der Gegend, die er selbst bewohnte, hatte nichts gemein mit der Gemütsstimmung, sobald er den geweihten Grund der Kaisergracht berührte, wo es so abscheulich ... ein bißchen stank. Er heuchelte ebensowenig wie der Bulldogg, der, wild und bösartig unter seinesgleichen und Fremden, sich demütig niederstreckt zu den Füßen seines Herrn. Oberflächliche Seelen-Entzifferer denken viel zu oft an Heuchelei, wenn sie jemand sich selbst ungleich auftreten sehen. Gerade diese Ungleichheit ist bei sehr vielen die richtige Konsequenz der allergewöhnlichsten Charakterlosigkeit. »Ein Mann wie Sie, M'neer, müßte schon lange draußen sein, nicht wahr, junger Herr?« »Ja, Papa. Die Saison geht vorüber, Papa!« »Das ist wahr, Pompilius. Aber ... wenn doch Mama nicht reisen kann ... was kann man da machen? Ich hör' von Gerrit, daß Mama wieder sehr schlimm ist, sehr schlimm, Pompilius!« Das hatte er von Gerrit gehört. Der unschuldige Leser, der niemals an den Hof von Spanien eingeladen worden ist und daher auch wenig Begriff haben kann von Kopperlithscher Etikette, ist gewiß erstaunt, wie man sich über den Gesundheitszustand seiner Frau durch den Hausknecht unterrichten lassen kann. Man bedenke, daß, bis auf eine kleine Ausnahme, von der wir noch sprechen werden, nur sehr wenige Sterbliche zu dem Flügel, in dem »Mevrouw« hauste, Zutritt hatten. Da war eine Jüffrau, die ihr Gesellschaft leistete, und eine Kammerzofe fürs Aus- und Ankleiden und fürs Aufputzen. Denn aufgeputzt wurde sie auch. Aber diese beiden Leibsklavinnen waren nicht kräftig genug, um das träge Geschöpf aus dem Bett auf den Rollstuhl zu schleppen, auf dem sie dann nach dem vorderen Fenster des »Seitenzimmers,« das wir kennen, gekarrt werden mußte. Schon vor Jahren hatte man über diese Schwierigkeit im Comptoir- und Familienrat verhandelt, mit dem kanonischen Erfolg, daß der auch damals schon nicht mehr ganz jugendliche Gerrit als geschlechtslos betrachtet werden sollte, – eine ehrende Auszeichnung, die ihm den Zutritt zum Harem verschaffte. Man bedenke, daß es da dunkel war, und die Sultanin außerdem schon Großmutter. Das genügte den Bedürfnissen um so mehr, als es zusammenfiel mit der fortgesetzten Notwendigkeit, Gerrit mit Besorgungen zu beauftragen. Während Walthers erster Zeit wurde er nicht recht klug daraus, wenn eins der Mädchen oder die Kammerjungfer Gerrit suchen kamen: »'s ist, weißt du, um Mevrouw zu fahren ... sie will 'raus« oder »sie will 'rein.« Auch verstand er nicht ganz, was der Ruf bedeuten sollte: »Gerrit, Mevrouws Bücher umtauschen.« Aber alles das lichtete sich. Das ewige Bücherumtauschen stand im Zusammenhang mit ihrer Langeweile. Sie war auf drei Leihbibliotheken zugleich abonniert und verschlang darin alles, was französisch war. Daß weder von ihr noch von den anderen Familienmitgliedern je ein Pfennig ausgegeben wurde, um ein Buch zu kaufen, versteht sich von selber. Von einer Bibliothek war im Hause Kopperlith keine Spur. Die »Herren« meinten, so etwas gehörte bloß für Gelehrsamkeit, und darüber rümpften sie die Nase. Was das geheimnisvolle Seitenzimmerchen angeht, so wurde es wohl von Pompilius und Eugen betreten, wenn sie »ihr Brötchen bei Mama essen« gingen. Aber sonst wagte sich vor dem Mittagsessen kein Mensch hinein. Erst dann bekam auch der alte Herr sein Eheglück zu sehen. Hatte er das Bedürfnis, schon vorher zu erfahren, auf welche Weise sie die Nacht überstanden hatte, so war er auf Gerrit angewiesen. Und dieser wieder hatte infolge dieser Vorrechte ein starkes Gewicht beim Alten, das er sehr geschickt in seinem ewigen Kampfe gegen »diesen Wüllekes« in die Wagschale zu werfen wußte. Es ist nun nicht schwer zu raten, wie Gerrit es machte, um sich um unangenehme Aufträge zu drücken. Er hatte eben »für Mevrouw Bücher umzutauschen,« und dagegen war Wilkens machtlos. Und »wenn Mevrouw wahrscheinlich eben mal wieder gefahren werden mußte,« versank die Autorität des gehaßten Unterchefs in das uferlose Nichts, wo sie Gerrit gern aus dem Auge verlor. »Siehst du, Pompilius, wenn doch Mama so schlimm ist ... so ganz schlimm ... was sollen wir machen? Ich kann doch nicht so ganz allein nach Grünenhaus! Was sagen Sie, Dieper? Ich thät' mich da langweilen, wie?« »Gewiß, M'neer, ich glaube sicher, daß M'neer sich da langweilen würde. M'neer würde da so ... ganz und gar allein sein, nicht wahr?« »Na ja, Papa, das ist ja wahr, aber ... die Saison geht vorüber. Ich kann dir versichern, Papa, daß keine einzige anständige Familie mehr in der Stadt ist ... was man nennt: 'ne anständige Familie. Was meinen Sie, Dieper?« »Ganz gewiß, junger Herr, keine einzige anständige Familie ist mehr in der Stadt, das ist gewiß.« »Siehst du, Papa! Und wenn Mama sich nun nicht bald entschließt, wird sie noch viel kränker werden. Das hat der Doktor auch gesagt. Nicht wahr, Dieper?« Hm! Was sollte der Buchhalter sagen? Er hatte ja doch den Doktor nicht gesehen. Selbst die Krankheit von Mevrouw ... die Comptoirleute bekamen Mevrouw bloß einmal im Jahre zu sehen: am ersten Januar. Da ging es sehr feierlich zu. Die Herren wurden durch das Gesellschaftsfräulein feierlich entboten, und Dieper stammelte dann »auch im Namen der Kollegen,« etwas von »Himmels bestem Segen« und »beständigem Wohlsein«. Sie war dann damit zufrieden und sagte, daß sie es heute wieder »besonders schlimm auf den Nerven« hatte. Dann öffnete die Gesellschaftsjüffrau die Thür wieder ... Dieper war ein Diplomat: er räusperte sich und sagte: »Ja, ja, M'neer, 's ist sicher gut für Mevrouw, wenn sie schnell nach Grünenhaus übersiedelt, denn sehen Sie ... sonst ... geht die Zeit der jungen Erbsen vorbei!« »Siehst du, Papa. Genau, was ich immer sage. Mama muß durchaus hinaus! 's ist für Mama nicht länger in der Stadt auszuhalten, nicht wahr, Dieper?« »Richtig, junger Herr! Mynheer, es ist für Mevrouw in der Stadt nicht mehr auszuhalten!« »Für niemand, Papa!« »Ganz gewiß, für niemand!« Und er selbst? und seine Schicksalsgenossen? »Das Wasser in den Grachten sieht schon ganz blaugrün aus von dem Moder. Wie, Dieper?« Auch das bezeugte der Getreue, und diesmal aus voller Wissenschaft. »Aber ... Pompilius, wie bringen wir denn in Gottes Namen Mama die Treppe 'runter? Das ist die Frage!« »Richtig, Papa, das ist es! Das ist die Geschichte! Ich hab' schon mit Flip drüber gesprochen, mit dem Dienstmann, Papa!« »Eh?« »Ja, Papa, mit dem Dienstmann! Drei Mann hoch getrauen sie sich nicht, Mama die Treppe herunter zu tragen.« »Im Fauteuil, Pompilius!« »Ganz recht, Papa, im Fauteuil! Weißt du, was sie sagen! Es geht nicht, weil die Treppe 'n bißchen schmal ist! Du mußt begreifen, Papa, 's ist gemeines Volk!« »Aber ... wie denn?« »Flip meinte: wenn wir Mama in 'm hübschen Lehnstuhl hätten ... Fauteuils kennt so'n Kerl nicht, Papa! – und dann 'n Strick 'rum ... um den Fauteuil, Papa, verstehst du, mit recht viel Kissen, dann könnten wir ...« Eugen trat ein. Offenbar war er durch seinen Vater auf Kundschaft geschickt worden, ob mit dem alten Dickkopf was zu machen sei. Er brachte aber keine befriedigende Botschaft. »Und, Pompilius, was habt ihr dann gedacht?« »Ja, Papa, 'n Fauteuil, und Mama drin, mit viel Kissen, und 'n Strick 'rum ... um den Fauteuil, Eugen ... und dann 's Fenster auf ... Flip meinte, 's ginge ganz gut ... aber ich sage, mit viel Kissen, weißt du, Papa? ... und dann ...« »Bist du toll, Pompilius? Willst du Mama zum Fenster herauszerren? Und soeben sagtest du ...« »Aber nein, Eugen, so meinte ja Flip. Aber ich sage: mit viel Kissen, verstehst du? Aber ... diese Dienstmänner, das ist gemeines Volk ... und sie rechnen hoch. Alles, was über 'ne Dübbeltjes-Bestellung geht, rechnen sie scheußlich hoch, Papa! besonders wenn Gerrit steif ist von Rheumatismus. Und darum hab' ich gedacht – weil wir doch 'n Lehrling haben, auch – na, ich dachte ... sieh, Papa, da könnten wir die Dienstmänner bestens entbehren. Du weißt doch, daß Gerrit wieder ganz steif ist von Rheumatismus. Na, 's ist egal ... aber Dieper hat manchmal Rechnungen einzukassieren ... morgen ist wieder 'n schmierig Papierchen, nicht wahr, Dieper?« »Ja, junger Herr! Morgen ist 'n schmierig Papierchen, im Judenviertel, M'neer, ein ganz schmieriges!« »Aber, Pompilius, was machen wir mit Mama?« »Mit viel Kissen, Papa! Dann wollte ich fragen, ob Wilkens vielleicht so gut sein würde – nicht wahr, Wilkens? – mit dem jungen Menschen da – an die Drehwinde zu gehen. Siehst du, Papa, da könnten wir den Dienstmann bestens entbehren ... gemeines Volk! Aber ... mit viel Kissen, das begreifst du wohl, Papa? Und siehst du, Papa, Eugen und ich, wir müßten unten stehen und ... gut aufpassen, Papa!« Eugen brummte. Aber keiner lachte über den Vorschlag, die Mama zum Fenster herauszuwinden, an einem Strick ... um den Fauteuil. »Die Nachbarsleute!« »Ganz, wie ich sage, Eugen! Ganz, wie ich sage! Und deshalb, wenn wir die Mama dazu bringen könnten ... frühmorgens ...« Also bei Nacht und Nebel! Walther wußte noch nicht, was eine Winde ist, und dachte hin und her über die Rolle, die er bei der Geschichte spielen würde. Er hatte schon Angst, ob er wohl in diesem Falle auch seine nächstliegende Pflicht würde thun können. Es war ihm eine kleine Beruhigung, daß Pompilius' Vorschlag wenigstens vorläufig noch nicht allseitig angenommen wurde. Man zweifelte offenbar noch, ob Mama an der neumodischen Lokomotive auch Gefallen finden würde. Der alte Herr klagte, sie würde sich gewiß weigern, wenn sie ihn im Verdacht hätte, den Plan ausgedacht zu haben. Er etwas ausdenken! »Ja, Papa ... du kannst ja sagen, daß Flip, der Dienstmann, die Sache ausgeheckt hat. Das kannst du ganz gut sagen, Papa!« »Hm ... ja ... wenn nun zum Beispiel die Jüffrau der Mama erzählte ...?« »Das wäre gewiß das allerbeste, Papa; aber ... ich glaube, daß wir auf die Jüffrau nicht so zählen können, Papa. Weißt du, was sie thut, Papa? Sie hetzt!« »Glaubst du, Pompilius?« »Ja, Papa. Denn siehst du, sonst hätte sie längst drauf gedrungen, daß Mama hinausginge. Was meinen Sie, Dieper?« »Gewiß, junger Herr, gewiß. Sonst hätte sie längst drauf gedrungen.« »Die neue Jüffrau hat 'n Vogel,« brummte Eugen. »Mama ist sehr mit ihr zufrieden,« sagte der alte Herr. »Sie ist sehr anständig, sagt Mama, so gar sehr anständig. Und ... ihr Vater war Rechtsanwalt, Eugen!« »Sie hat kahle Flecke auf dem Kopfe.« »Ganz richtig, Eugen.« »Ist mir ganz egal,« sagte Pompilius, »wenn sie Mama bloß überredet, nach Grünenhaus zu gehen, Papa!« »Wo ist Gerrit?« fragte der alte Herr. »Steif von Rheumatismus, Papa. Und morgen hat Dieper 'n schmierig Papierchen, nicht wahr, Dieper?« »Na ja, wenn nun aber Gerrit so mal – ohne daß es von uns käme, verstehst du – der Jüffrau erzählte, was der Dienstmann gesagt hat ... denn siehst du, Pompilius, wenn ich allein gehe, dann langweile ich mich so! Und wie ist's mit der Küche? Ich kann doch nicht in Haarlem ins Wirtshaus essen gehen wie 'n Comptoirschreiber. Was sagen Sie, Dieper?« »Ganz gewiß nicht, M'neer! Ein Mann wie Sie kann nicht ins Wirtshaus essen gehen. Ganz gewiß nicht!« Dieser »eine Mann wie Sie« konnte die Hilfe eines Dienstmanns anrufen und die des Hausknechts und des Gesellschaftsfräuleins, um seine Frau zu etwas zu bewegen, das sie hartnäckig verweigern würde, wenn sie Verdacht hätte, daß er es wünschte! Und all diese Schäbigkeit bekam Walther mit anzuhören. Es fiel keinem ein, daß man sich vor dem jungen Lehrling in sonderbarem Lichte zeigte. Auch das Gemeine hat seine Naivetät. Um übrigens den freundlichen Leser, der sich sicherlich um den Gesundheitszustand der Mevrouw aus dem Seitenzimmer böse Sorgen macht, etwas zu ermutigen, berufe ich mich auf die vertrauliche Mitteilung, die Gerrit einmal Walther gegenüber machte: »Kannst mir glauben – ich bin 'n alter Kerl und du 'n junger Bengel – sie ... frißt zu viel, und sie ist dickköpfig und knurrig: so ist's! Ihre ganze Krankheit ... na, ich will dir's auf gut Holländisch sagen, ist Wind und englisch Notting! Aber ... sie frißt zu viel. Sie frißt den ganzen gottgeschaffenen Tag, das ist's! Wenn ich ihr Doktor wäre, kriegte sie weiter nichts als 'n Roggenbrötchen die Woche, und dann Brunnenwasser ... weiter nichts, wie ich dir sage!« Der Autor hält eine schöne Vorlesung über den Ursprung einiger vornehmer Vornamen, und verfolgt schließlich die Erhabenheit des »Mannes wie Sie, Mynheer« bis in die feinsten Löcher. Der alte Herr, der bis jetzt noch an Diepers Pult gelehnt hatte, begann sich zu langweilen. Oder er bekam Lust, die Langeweile, die ihn plagte, und die jeden ödete, der mit ihm in Berührung kam, ein bißchen zu verändern. Bei Dieper hatte er nun ein halb Stündchen auf der linken Seite gelehnt, – er wollte auch einmal rechts lehnen. Auch mußte der kleine Comptoirlehrling noch erst von Respekt vor der Erhabenheit des Mynheer Kopperlith getränkt werden. Er näherte sich also latschig der Ecke, wo der hungrige Walther noch immer Leons Brief abschrieb, um sich im »Handel« zu üben. »Na, Männchen, wie geht's denn eigentlich mit dir? Mit deiner Arbeit? Schreibst du auch hübsch? Nein, nein, bleib nur sitzen, bleib ruhig sitzen. Ich will nur eben mal sehen, ob du auch hübsch schreibst, verstehst du. Und ... klein, recht klein, wegen des Portos. Denn, Männchen, der Brief ... geht nach Rom.« Es wurde für Walther wirklich Zeit, daß er einmal aufsah. Er wäre fast in Ohnmacht oder Schlaf gefallen. Das Wort Rom machte ihn etwas munter. Er hatte etwas geschrieben, was nach Rom gehen sollte, er! Gott weiß welcher Papst seine Schrift zu sehen bekommen sollte! Und sogar ... welcher Räuber! Und die Stadt selbst! Die Stadt Cäsars, die Stadt von Romulus und Remus, von Numa Pompilius – – ja wahrhaftig, warum hieß denn eigentlich sein oberster Unterchef Pompilius? Das hat Walther nie erfahren – aber ich. Sechsunddreißig Jahre, bevor sich Walther diese historische Handelsfrage vorlegte, befand sich das Haus Kopperlith vor der Notwendigkeit, einen Namen für den Erstgeborenen ausfindig zu machen. Wie soll er heißen? Der gemeine Bürgersmann, der sich mit Hans und Peter genügen läßt, um später seinen Sprossen von nachgekommenen Mitsprossen unterscheiden zu können, hat keinen Begriff, welch Gewicht von Kopperlithschem Standpunkt dieser Frage beizulegen ist. Erstens soll das Kind nicht so heißen wie ein gewöhnliches Kind. Zweitens, drittens ... bis hundertstens ... soll der Name andeuten, daß er Bürge ist für ... Zeugnis ablegt für ... abzielt auf ... sakkerlot, es ist schwer, ein Kind zu taufen, wenn man Kopperlith heißt! Wer da kein Mitleid hat mit der Not der angehenden Wöchnerin, der vergißt, daß sie etwas anderes zu thun hat als den Rang aufrechtzuerhalten. Das ist nicht so schlimm. Wer wirklich Rang hat, der reicht auch mit Jan, Willem und Hendrik. Wenn man aber Rang erobern muß! Denn die Kopperliths gehörten zu einer Unterklasse einer gewissen Hauptabteilung der Gesellschaft, die seit anderthalb Geschlechtern sich fruchtlos bestrebte, von einigen für Beinahe-Patrizier gehalten zu werden, und diese einige waren hauptsächlich die Lieferanten für den Küchenbedarf. Schlächter und Bäcker hätten die Nase gerümpft, wenn da ein junger Herr Jan in der Familie gewesen wäre. Also etwas anderes! Moderne Namen aus französischen Romanen begannen bereits gewöhnlich zu werden. Mevrouw Kopperlith hatte einmal einen Regenschirm in einem Laden getauft und war durch einen Jungen bedient worden, der auf den Namen Alphons hörte. Und unlängst war ein italienischer Schornsteinfeger gehenkt worden, der seine Großmutter ermordet hatte, obwohl er den stolzen Namen Teofilo führte ... Seien wir billig. Die Geschichte ist lange her, die Großmutter wäre nun wohl auch so schon tot, und schließlich – es giebt mehr Missethaten als christlich-vornehme Taufnamen, woraus folgt, daß man schon einmal genötigt sein wird, seinen Namen mit wer weiß wem zu teilen. Aber daß der Kerl Schornsteinfeger sein mußte! Gar kein Name? Würde die Welt wohl verstehen, daß das Kind eigentlich etwas anderes war als ein Mitbürger? Ach, sie sind so schwer von Begriffen. Und – möglich ist ja alles – wenn das erwartete Knäblein nun gar ein Mägdlein ist? Das ist doch menschlich möglich, selbst bei einer so erhabenen Familie. Ein Name aus einem Buch? aus welchem? Deutsch, Englisch und Italienisch las die wohledelgeborene Frau Kopperlith nicht, und Holländisch noch weniger. Vielleicht hätte sie die Bücher aus den fremden Sprachen gelesen, wenn sie sie nur verstanden hätte, aber Holländisch verstand sie gerade genug, um zu wissen, daß in dieser Sprache nie etwas geschrieben worden ist, was die Aufmerksamkeit eines anständigen Menschen verdient. Wer weiß, ob sie nicht bei Milton, Dante, Herder, Klopstock, Wieland, selbst bei Bilderdyk ein paar recht übermenschliche Namen gefunden hätte! So aber blieb sie auf die speziell-französische Romantik angewiesen, ein Feld, das schon durch allerlei geringes Volk abgegrast wird, vergleiche den Schirmladen. Doch endlich strahlte ein Lichtschein. Man versicherte ihr von sehr befugter Seite – es war Kees Krül, Mitinhaber eines großen Versicherungsbureaus – daß ein gewisser Bernardin de St. Pierre ein Buch geschrieben hätte ... ein Büchelchen – schau! ... mit einem Worte: ein sehr nettes Büchelchen. Darin kommen ein paar Namen vor, allerpassendst, allerpassendst! Kees Krül mußte zugeben – ein Mann, der einen Anteil hatte an einer Versicherungsfirma! – wenn er einen Sohn oder eine Tochter zu taufen hätte, würde er sich nicht besinnen, die Paten aus diesem netten Büchelchen zu holen. Gerrit wurde nach der Leihbibliothek geschickt, und – er war damals noch sechsunddreißig Jahre weniger steif von Rheumatismus, brauchte diese Krankheit auch noch nicht, weil sein Feind Wüllekes noch in weiter Ferne war – er kam bald mit dem Verlangten wieder. Mevrouw Kopperlith las, und im Vertrauen auf ihren Gewährsmann bewunderte sie die Schönheit des französischen Buches. Die Wahl war getroffen. Paul oder Virginie – Paul und Virginie – gewiß, die Kopperliths waren ja fruchtbar, es konnten auch Zwillinge sein – aber feiner, moderner, vornehmer konnte es nicht mehr kommen! Ach, wie eitel sind doch alle menschlichen Berechnungen! Kaum hatte die zukünftige Mutter ein paar Tage von dem schmerzlichen Suchen ausgeruht, da kam die Nachricht, daß ihr bereits zwei Wöchnerinnen zuvorgekommen waren, eine mit einem Paul, eine mit einer Virginia! Und das waren, mikroskopisch genau besehen, Damen von genau demselben Stande wie sie selber. Also keine Hoffnung auf Erhöhung, und das war doch der Zweck. Neue Spannung, neue Unruhe, beinahe Verzweiflung! Aber wo die Not am höchsten, ist die Rettung ja immer am nächsten – woraus folgt, daß jeder Wohlmeinende die Not möglichst groß machen müßte. Die Erlösung kam diesmal von einem Bücherverleiher, der Gerrit ein Bündel Romane von einem ganz neuen Brett mitgab. Es waren die Werke des süßen Florian, die, im Vaterlande längst vergessen, in Kopperlithschen Kreisen als die Blüte der Geschichtsschreibung angesehen wurden. Nun war ja Mevrouw Kopperlith für so etwas nie zu haben gewesen. Schon auf der Schule hatte sie ihre Vornehmheit dadurch bewiesen, daß sie nie ihre Lektion konnte. Aber jetzt merkte sie, daß die Geschichte gar nicht so trocken war, als sie gedacht hatte, und holte in wunderbar kurzer Zeit alles nach. Von Karl dem Großen oder Alexander oder Cäsar wollte sie ja freilich nichts wissen, auch war ihr ganz schnuppe, wo Griechenland lag oder Persien oder Neu-Caledonien. Nur nicht pedantisch! Aber in wenig Tagen lernte sie aus dem famosen Gonzalvo von Cordova die ganze Geschichte Spaniens. Und ... Rom? Wie konnte man sich so lange mit so viel Gelehrsamkeit um den Ursprung dieses Staates Sorgen machen? Der Herr Chevalier de Florian hat das doch in seinem Prachtwerk »Numa Pompilius« ganz klar auseinandergesetzt. Wer den kannte, der konnte Livius und Tacitus missen, und alle die anderen, die Mevrouw überhaupt nicht kannte. Außerdem: lieferte nicht der schlaue Franzose auch seine Taufnamen für vornehm zur Welt gekommene Kinder? Wer in ihrem Falle nicht mit Namen wie Hersilia und Pompilius zufrieden war, der war überhaupt kein Kind mit pompösem Namen wert. Und daß in der Zukunft noch ein sabinisch-romantischer Leon dazukam, versteht sich von selber. Aber ... Rodomont! Dieser verdankte seinen Namen einem Irrtum. In einem Ritterroman – der Leser wird ihn vielleicht kennen – der Hauptheld trug einen Panzer von Walfischrippen, und er schlug nie das Visier auf, sodaß er lange vor seiner ersten Waffenthat Hungers gestorben ist – in diesem Roman kam ein Name vor, der gut klang, der würdevoll aussah, in nichts an Amsterdam oder die Wirklichkeit überhaupt erinnerte, kurz ein verwendbarer Name. Aber im kritischen Taufaugenblick in der Kirche war der Pastor gerade etwas zerstreut. Er hatte nämlich das schöne Ritterbuch auch gelesen. Einer der anderen Helden – es war einer, der sich für zu vornehm achtete, Feinde zu bekämpfen unter zwölf Fuß rheinisch, und deshalb wenig zu thun hatte, hieß Rodomont, Der spukte gerade dem Pastor durch den Kopf, als er den richtigen Namen sagen sollte. Er sagte also: »Rodomont ...« Der alte Herr Kopperlith, der damals noch nicht alt war, rief ihm schnell zu, daß er sich irrte, es handle sich um den Walfischmann ... »Rodomont-Baleine,« sprach der Pastor, »ich taufe dich auf diesen Namen ...« u. s. w. Es war geschehen. Die Taufe ist ein Sakrament. Wenn der Name einmal ausgesprochen ist, kann man nicht mehr kommen und sagen: »Entschuldigen Sie gütigst, ich wollte einen anderen.« Rodomont hieß Rodomont, und den »Walfisch« hatte er noch umsonst dazu. Nun, er wurde später Seeoffizier, da ging es. Wie Eugen zu seinem Namen kam, weiß ich nicht. Etymologie lasse man beiseite. Die »Wohlgeborenheit,« die in diesem Namen liegt, hätte Mynheer und Mevrouw Kopperlith wohl gefallen, aber so lange sich kein Florian fand, diese Wissenschaft in ein romanhaftes Kleid zu stecken, oder in Verse, ließen sie so etwas lieber beiseite. Vielleicht war es ein Nachklang von dem Liede »Prinz Eugen der edle Ritter,« welches Lied in allen Ländern, die sich seiner Zeit gegen Ludwig XIV. verbündeten, sehr beliebt gewesen ist. Was schließlich Flodoard angeht – Gerrit sagte zum großen Verdruß der ganzen Familie immer Floddewar – so hatte dieser seinen Namen aus dem Personenverzeichnis des Theaterstücks: »Abellino oder der große Bandit,« auch ein hübsches Buch. Er fühlte sich in Rom mit seinem Namen ganz am Platze. »Signor Flodoardo« klang wenigstens nicht amsterdamisch. Wer sollte raten, daß so viel Wohlklang aus einem Lappengeschäft herstamme. Überhaupt, Lappen – na ja, aber die Herren Ouwetyd und Kopperlith »machten« nur im großen, d. h. sie verkauften niemals einen Fetzen, der kürzer war als achtundzwanzig Yards, welches Maß solch ein Ding zu der Würde eines »Stücks« erhebt. Der Leser muß darauf wohl acht geben, denn wer an seinem Ladentisch bloß siebenundzwanzig Yards abmißt, ist ein Krämer. Dieser kleine Unterschied ist also ... ein großer Unterschied. Daß auch Walthers Phantasie sich vor all dieser Namens-Vornehmheit verbeugte, versteht sich. Es wäre ihm aber jetzt weniger darauf angekommen, wenn man ihm etwas zu essen gegeben hätte. Statt dessen bekam er noch mehr Hoheit zu schlucken. Der alte Herr achtete es nicht unter seiner Würde, sich gegenüber diesem kleinen Jungen groß zu thun. Walther wäre beinahe selbst stolz geworden auf die Ehre dieser Vertraulichkeit, aber er merkte wohl, daß er diese Ehre mit jedem teilte, der sich nicht herausnehmen durfte, dem alten Faulpelz den Mund zu verbieten, wenn er ihnen die Knöpfe von der Jacke reißen wollte ... »Ja, ja, Männchen, nach Rom! Das dachtest du nicht, he!« »N..ei..ei..n, M'neer!« »Hi hi hi hi, nach Rom! Hörst du wohl, Pompilius, er dachte nicht, daß der Brief nach Rom ging! Ja, Männchen, so ist's aber doch! Dieser Brief geht – darum mußt du recht hübsch schreiben – an meinen Sohn, den jungen Herrn Flodoard, der in ... Rom ist. Was sagst du dazu?« Was sollte Walther dazu sagen? Ich weiß es wirklich nicht. Walther wußte es auch nicht. Das war ihm unangenehm. Sollte er vielleicht auf diese Weise seine nächstliegende Pflicht versäumen? Der alte Herr weidete sich an seiner Verlegenheit. Er hatte seinen Zweck erreicht: der junge Mensch war vernichtet. Und da giebt es noch Leute, die behaupten, Holländer von Vermögen wüßten sich nicht zu amüsieren! »Mein Sohn ... der junge Herr Flodoard ... ist da ...« Hier stockte der kindische Schwätzer. Ihm kam der Gedanke, daß vielleicht der dumme Junge aus dem Bürgerstande nicht hoch genug stand, um vernünftig zu begreifen, was »ein Maler« ist. Er hatte nicht ganz unrecht. Selbst Jüffrau Pieterse, Walthers Mutter, hätte diese Titulatur nicht sehr hoch geschätzt. »Er ist Feinmaler, verstehst du? Pompilius, du mußt ihm Moses beim Dornbusch mal zeigen ...« »In dem Überzug, Papa!« »Ach ja, im Überzug. Sonst nämlich kannst du ihn in dem Saal, hier gleich oben, sehen ... wenn er nicht in dem Überzug ist. Das hat mein Sohn, der junge Herr Flodoard, selbst gemalt, ganz allein. Was sagst du dazu? Und nun ist er in ... Rom, und will sich noch üben in der Kunst, im Feinen, weißt du, ganz im Feinen von der Kunst. Denn ... das wirst du wohl verstehen, wie? es giebt Maler und Maler. Du mußt nicht denken, daß der junge Herr Flodoard Bilder ums Brot malt. Durchaus nicht, ganz und gar nicht. Du verstehst doch wohl den Unterschied, wie?« Der arme Knopf! Walther steckte ein Gesicht auf, als ob er vollkommen bereit wäre, alles zu verstehen, was man ihm erzählen könnte. »Ums Brot ... hi hi hi, kein Gedanke! Pompilius, stell' dir vor, 's könnten Menschen sich einbilden, daß Flodoard um sein Brot malte ... hi hi hi ... ums Brot!« »Ja, Papa!« »Nein, Männchen, ich will dir ganz was anderes sagen ... ganz was anderes! Der junge Herr Flodoard malt ... zu seinem Vergnügen und ... für die Kunst! Was sagst du dazu?« Walther blieb stumm vor Erstaunen. Sehr gut! »Für die Kunst, Männchen! Denkst du, er kriegt was für seine Bilder? Pompilius, du mußt ihm doch mal Moses vor dem Dornbusch zeigen ...« »Ja, Papa!« »Siehst du, Männchen, das hat er selbst gemalt, und er kriegt nichts dafür. Und 's hängt auf'm Saal, hier oben, verstehst du? ... und du kannst's sehen ... wenn der Überzug ab ist ... denn jetzt ist 'n Überzug drüber ... weil Mevrouw nach draußen geht, nach meiner Villa ... Grünenhaus heißt sie. Und da kannst du auch mal raus kommen, denn ... da hängen auch Bilder von dem jungen Herrn Flodoard ... das wirst du selber sehen. Dachtest du, er kriegt was dafür?« »N..ei..ei..n, M'neer, o nein!« »So? Ich dachte, du dachtest. Aber siehst du, 's ist verkehrt. Der junge Herr Flodoard verzehrt viel Geld in Rom, sehr viel Geld! Sag' mal, wie viel Geld meinst du, verzehrt der junge Herr Flodoard in Rom? Rate mal!« Ach, davon stand wieder nichts im Strabbe! Unser Walther fühlte sich in peinlicher Verlegenheit. Der alte Narr schien auf Antwort zu warten. »Ja, ja, rate nur. Kannst ruhig raten!« »Hun... dert ... Gulden. M'neer!« »Hi hi hi, hörst du, Pompilius! Hörst du, Eugen! Haben Sie gehört, Dieper? Hundert Gulden. Hilf mir dran denken, Eugen, das muß ich Mama erzählen! Hundert Gulden! Hundert Gulden! Soll ich dir nun mal was sagen, Männchen? Hundert Gulden, ... ja! monatlich, weißt du? Hundert Gulden monatlich! ... was sagst du nun?« »He, M'neer!« »Mo...nat...lich!« »He!« »Mo...nat...lich! Hun...dert ... Gulden ... monatlich!« Walther schwitzte. »Ja, das ganze Geld verzehrt er in Rom. Und das hat er ... sag' mal, was meinst du, bei wem er das Geld hat? wo er sich's holt?« »Bei ... dem ...« »Na, sag's mal. Sag's mal ruhig. Wo denkst, daß er sich das Geld holt?« »Beim Papst, M'neer?« War es nicht schade, daß auf dem Comptoir von Mynheer Kopperlith nicht gelacht werden durfte? Walther war allerdings diesmal weniger naiv, als es schien. Daß er sich in Rom bloß immer den Papst und seine lieben Räuber vorstellte, war ja richtig. Aber das war's nicht. Sein unerbittliches Gegenüber heischte Antwort. Diese mußte den Eindruck verwischen, den seine unanständige Schätzung von Flodoards Geldverhältnissen gemacht hatte. Er griff also so hoch er konnte, und that seine nächstliegende Pflicht. Mochte nun auch der alte Herr Kopperlith zugeben müssen, daß er vorläufig noch keine gekrönten Häupter zu seinen Banquiers zählte, so war doch ... »Der Papst? Nein, Männchen, der Papst nicht. Der junge Herr Flodoard empfängt alle Monate hundert Gulden auf dem Comptoir von einem ... na, was meinst du? Ich will dir's nur sagen ... von einem Fürsten! Nicht wahr, Dieper? Ja, ja, Männchen, M'neer Dieper kann dir die Wechsel zeigen – denn die werden auf meinem Comptoir durch M'neer Dieper bezahlt, verstehst du? – Die Wechsel des Fürsten Torlonia! Was sagst du nun? Du siehst wohl, daß der junge Herr Flodoard nicht ums Brot zu malen braucht. Er muß durchaus Moses am Dornbusch mal sehen, Pompilius, aber ... jetzt ist alles im Überzug, weißt du. Sonst verdirbt die Seide auf den Stühlen – es sind nämlich Stühle mit seidenen Sitzen im Saal ... und die Vergoldung an den Spiegeln ... weil Mevrouw hinausgeht, nach Grünenhaus, ... so heißt nämlich meine Villa – und ich auch – ich meine, daß ich selber auch hinausgehe. Bist du wohl schon mal draußen gewesen, Männchen?« »Ja...awohl, M'neer!« Diese Antwort gefiel dem Alten nicht. Es war auch ein bißchen unvorsichtig von Walther, so plump die Eitelkeit jemandes zu treffen, der das »Draußensein« für sein Privileg hielt. »Du ... schon mal ... draußen gewesen? Wo denn, Männchen?« »Auf dem Singel, M'neer, vor dem Aschenthor.« Hier wäre wieder ein schmetterndes Gelächter entstanden, wenn auf dem Comptoir von jemand anderem hätte gelacht werden dürfen als durch den alten Herrn selber. Dieser übte die Funktion des Chors für sich selbst so gut es ging aus. Dieper legte die Feder hin. Wilkens zog die Stirn in Falten. Pompilius grinste, und selbst über das ernste Gesicht Eugens glitt ein Lächeln. »Hi hi hi, vor dem Aschenthor! Aber Junge, aber ... Kerlchen ... aber Bursche ... das ist nicht draußen, Männchen! Himmel, Pompilius, was doch solche Menschen für komische Ideen haben!« »O ja, Papa!« Wieder krümmte sich der alte Narr vor Vergnügen über Walthers Thorheit, und wieder mußte es der Knopf seiner Jacke entgelten. »Draußen ist ... was man nennt: draußen, ganz und gar draußen, verstehst du?« Ob Walther es nun wußte, lassen wir dahingestellt. Er kroch vor Verlegenheit in sich selbst hinein. »O ja, M´neer! Gewiß, M´neer! Ich wußte nicht, was M'neer meinte ...« »Richtig! Hi hi hi ... er wußte nicht, was draußen ist! Na, na, ich nehm´ dir´s nicht übel, sei nur getrost! Draußen sein ist ... den Sommer über draußen sein, verstehst du! Das ist ... 'ne Villa haben, verstehst du? Na ... ich hab´ ´ne Villa ... bei Haarlem, im Wäldchen ... ach, Eugen, er weiß gewiß nicht, was das Wäldchen ist. Sag', weißt du's wohl?« »N..ei..ei..n, M'neer!« Walther triumphierte. Er wußte sehr wohl, was das »Wäldchen« ist. Das stand ja in seinem Geographiebuch. Und ... Laurens Coster mit seiner scheußlichen Erfindung? Welcher Holländer wird das Wäldchen nicht kennen? Vielleicht sagte er aber auch »nein« aus Verlegenheit, denn das Vergnügen, mit dem man seinen Irrtum aufgenommen hatte, war ihm nahe gegangen. Er war ja beschämt, als hätte man ihn auf einem Diebstahl ertappt ... nein, noch schlimmer! »Ja, ja, ich hab' 'ne Villa im Wäldchen, gleich bei den Logementen ... sag', Pompilius ... er kann wohl den Sommer mal nach Grünenhaus kommen, nicht?« »O ja, Papa!« »Siehst du, dann kann er Sonntag früh mit dem ersten Schiff ...« »Vier Stüber, Papa!« »Ja, vier Stüber. Und 's Abends zurück, macht achte. Und 'n Dübbeltje für den Mann, der ihm den Weg zeigt. Sonst ... du brauchst bloß zu fragen nach der Villa von M'neer Kopperlith, im Wäldchen, gleich bei den Logementen. 's ist ganz leicht zu finden. Und du brauchst bloß zu sagen: die Villa von M'neer Kopperlith ... denn, siehst du, du kannst diesen Sommer ganz gut mal raus kommen ... weil ich meine eigene Villa hab', weißt du, wirklich draußen, ganz draußen! Du wirst sehen. 's ist gleich bei den Logementen, im Wäldchen, weißt du? Im Haarlemer Wäldchen! Hi hi hi, bei dem Aschenthor! Eugen, denk' dran, daß ich das auch ja Mama erzähle, heute mittag bei Tische, weißt du!« Nach noch ein paar Schwätzereien von derselben Sorte erlöste endlich der alte Herr das Comptoir von seiner Gegenwart. Walther litt mehr, als man sich vorstellen kann. Hätte man ihm in dem Augenblick die Wahl gelassen, eine türkische Schanze zu erstürmen oder aufzublicken – er hätte das erstere gewählt. Scham ist immer peinlich, aber gar die falsche! Und dann auf so unbekanntem Gebiete! Nie, nie, nie hatte er geahnt, daß der »Handel« eine so schwere Sache war. Der Unterricht unseres Helden wird fortgesetzt, und es wird Aussicht, daß er sich allmählich etwas Branchenkunde aneignet. Was er alles behalten muß, und was Wilkens für sich selbst reservierte. Erlösung von einem Feinde. Als nun Walther endlich mit seinen Abschriften fertig war, begann Wilkens auf ihn einzusprechen, und zwar in einem Ton und in Ausdrücken, die nicht ganz unangebracht gewesen wären, hätte es sich um die Einführung in die Eleusinischen Geheimnisse gehandelt. Der Adept wurde denn auch gehörig ängstlich. Das Mysterium kam jedoch diesmal auf etwas heraus, was keine besondere Geisteserleuchtung verlangte und auch nicht hervorrief. Walther bekam eine große Anzahl farbiger Kattunlappen, die er nach angegebenem Maße nett abschneiden und dann auf Karton pappen mußte. Er bewährte sich in dieser Thätigkeit mehr als Wilkens zugeben wollte. Der Mann war nicht gewöhnt, etwas zu billigen, was nicht die Ehre hatte, von ihm selbst zu kommen. »Und, Wilkens, nun müssen Sie so gut sein und ihn mal in den Keller bringen,« sagte Pompilius, der nochmals unter vier Augen mit Dieper über Gerrits hartnäckigen Rheumatismus sprechen wollte. Walther wurde also nach dem unterseeischen Aufbewahrungsort von allerlei herrlichen Sachen geführt. Hier bekam er die Stapel aus der Nähe zu sehen, von denen er die vordersten schon heute morgen bei seinem geduldigen Warten durch die Glasthür wahrgenommen hatte. Wilkens unterrichtete ihn mit einer Pedanterie, die schwer zu schildern ist, weil Gesicht, Haltung, Betonung, ja selbst das Hin- und Herschieben der Brille dabei eine so große Rolle spielten, daß Walther sich unter dem Gewicht dieses neuen Kursus wieder sehr bedrückt fühlte. »Das ist ... der Keller. Aber ich thät' dir raten, doch lieber Magazin zu sagen, denn 'n junger Mensch muß immer ... bescheiden sein in seinen Ausdrücken. Für junge Leute ist Bescheidenheit die Hauptsache, ... also Magazin.« »Magazin,« stammelte Walther. »Sehr richtig. Ma...ga..zin, so heißt es. Alle diese Waren sind ... Handelswaren, und alles liegt – wie du siehst – auf Brettern. Das thu' ich immer ... wegen der Feuchtigkeit, denn ... der Boden ist feucht. Paß gut auf ... und denk' dran, daß du nie 'n Stück auf'n Boden legst ... niemals und nimmermehr!« »Ich will's nie thun, M'neer!« »Sehr gut! Aber die Waren, die auf diesen Tischen liegen, lege ich nicht auf Bretter. Denn ... sie liegen auf Tischen. Das verstehst du ja wohl?« »O ja, M'neer!« »Richtig. Alle diese Waren empfange ich aus England, namentlich aus Manchester. Kannst du das behalten?« »Aus Manchester in England, M'neer!« »Ganz recht. Sie liegen eine Elle breit und messen achtundzwanzig Yards. Nun mußt du wissen, wie lang 'n Yard ist. Merk' dir das genau, drei Yards sind vier Ellen. Merk' dir das gut! Wenn du 'n gehöriges Taschenbuch hättest, könntest du's aufschreiben. Ein junger Mensch muß immer danach streben, was zu lernen. Drei Yards machen vier Ellen, das mußt du gut behalten.« Walther nickte, so sehr er konnte, er wollte stets sein Bestes thun und alles behalten. Der tiefsinnige Unterricht ging weiter. »Die Fünf-Viertel-Kattune, oder die Kattune von fünfviertel Ellen Breite, insofern ich solche aus Manchester kommen lasse, sind bloß vierundzwanzig Yards lang. Das ist also 'n Unterschied. Und die Schweizer-Kattune, die ich aus Mülhausen im Elsaß kommen lasse ...« Beinahe hätte er gesagt: »ein großes Land, wovon mein Schwiegersohn Konsul ist« – aber er bedachte sich noch. »Im Elsaß also – nun passe hübsch auf! Die Stücke haben kein festes Maß. Das Maß steht dann darauf, wie du siehst, nicht wahr? Solch 'n Papierchen nennt man: Etikett ... E..ti..kett! Merk' dir das wohl! Und die Ziffer, die darauf steht, bezeichnet was man nennt: Aunes. Die Länge des Stückes in ... Aunes. Kannst du das behalten?« »Aunes, M'neer!« »Ganz recht: Aunes oder französische Ellen, denn ... 'ne französische Elle nennt man Aune. Elf von diesen Aunes machen sechzehn Ellen, Auch das mußt du streben zu behalten. Wer sich für den Handel will ausbilden, muß alles behalten. Das begreifst du wohl?« »Ja, M'neer!« »Sonst mußt du's aufschreiben. Und hier in der Ecke hängen ein paar Besen ... das siehst du wohl?« »Ja, M'neer!« »Damit ... fegst du. Du fegst die Waren damit ab ... wenn Staub drauf liegt, Hier im Keller – sag' du nur immer Magazin – ist für 'n jungen Menschen immer was zu thun, der lernen will. Siehst du, so fegst du.« Und der Lehrer strich mit dem Staubwedel ein paarmal über einen Stapel, um Walther zu zeigen, wie das Geschäft besorgt würde. Ich kann versichern, daß der Unterricht sofort begriffen wurde, und daß der Lehrling nun auf einmal den »Handel« weniger schwierig fand. »Dann mußt du dafür sorgen, daß die Stücke ordentlich aufeinander liegen ... siehst du hier, die Rücken immer in einer Linie, und die Seiten mit den Lichtkanten auch, denn ... manchmal sind sie nicht immer von derselben Breite, verstehst du. Darauf mußt du also aufpassen, denn 'n junger Mensch ...« »Ja, M'neer!« »Und nie ein Stück knautschen!« »Nein, M'neer!« »Oder in verkehrte Falten legen ...« »Nein, M'neer!« »Nun wollen wir mal auf den Boden gehen. Denn ... da ist auch immer etwas zu thun für 'n jungen Menschen.« Wilkens führte nun Walther nach den höheren Stockwerken des Hauses, wo er ihn mit ähnlichen Lektionen beglückte. Die dort aufgestapelten Waren waren zum Teil solche, welche nicht mehr Mode waren, zum Teil Barchent und Schirting, worin Wilkens so besonders stark war. Er lehnte es indessen ab, ein klein bißchen von dieser außergewöhnlichen Stärke an Walther abzugeben. Das geht nicht so wie Hott und Hü in ein paar Stunden. Daß es ihm in seinem sechzigsten Jahre geglückt war, so einigermaßen auf die wahre Höhe zu kommen, war ein glücklicher Zufall. Er hatte eben schon von Jugend auf Anlagen zu Weißwaren gehabt, aber das kommt nicht alle Tage vor. Gewöhnliche Menschen bringen es nie so weit. Walther hörte diese Mitteilungen mit gehöriger Ehrfurcht an, und er hätte noch mehr davon gehabt, wenn ihn nicht der Hunger so gequält hätte. Indessen machte er mit großem Interesse die Bekanntschaft der Drehwinde. Das also war die Maschinerie, mit der Flip der Dienstmann – und Herr Pompilius ... mit viel Kissen ... die alte Dame aus dem Fenster herausspedieren wollten. Wie kam es doch, daß diese einfache Maschine, die überflüssige Schnelligkeit in gewünschte Kraftverstärkung umsetzt, ihm interessanter vorkam, als all der Kattun und die Besen dazu. Er sah sofort ein, wie kräftig die Hand war, die den Griff des großen Rades hielt, und wie die Last bloß auf das kleinere Rad wirkte – wahrhaftig die dickste Mevrouw der Welt hätte man mit so einem Dinge zum Fenster herauswinden können. Freilich eine sonderbare Entführung, ganz anders, als die, von denen er gelesen hatte ... »Und mit den Kisten, die da stehen, hast du nichts zu schaffen,« sagte Wilkens. »Das sind alte Papiere, die dich nichts angehen ... durchaus nicht! 'n junger Mensch muß sich nie mit Dingen abgeben, die ihn nichts angehen. Lerne das von mir. Und nun wollen wir den Boden schließen. Sieh hier, auf diesem Schlüssel ... eine Rille. Das bedeutet: erster Boden. Auf diesem Schlüssel sind zwei Rillen, das heißt zweiter Boden. Eine Rille: erster Boden – zwei Rillen, zweiter Boden ... merk' dir das!« »Ja, M'neer!« »Und nun will ich dir den Saal zeigen. Den Winter über gebrauchen wir den Saal nicht. Aber im Sommer, wenn die Familie draußen ist, dann benutzen wir den Saal, und zwar hauptsächlich für die neuangekommenen Frühjahrswaren. Das mußt du merken,« »Ja, M'neer.« Der famose »Saal« wurde nun Walthers Blicken erschlossen. Es war ein nicht allzu großes Zimmer, das mit all seinen »Umhüllungen« aussah wie ein blinder Mann oder ein Altenhaus-Insasse. Sogar der Teppichläufer war durch ein grobes Linnen geschützt gegen unbescheidene Blicke und rauhe Sohlen. Von Moses und dem Dornbusch war natürlich nichts zu sehen; bloß ein bleiches viereckiges Skelett davon ... Walther beging die Vermessenheit, danach zu fragen ... »Das sind nun eigentlich deine Sachen nicht! Wir sind hier nicht, um Bilder zu begucken, sondern um zu arbeiten! 'n junger Mensch muß sich durch nichts von seiner Arbeit abziehen lassen. Lerne das von mir.« »Ja. M'neer.« »Du siehst wohl, daß hier auch alles auf Brettern liegt? Wenn nun auf dem Comptoir, oder im Keller, oder auf dem Boden nichts für dich zu thun ist – denn 'n junger Mensch muß niemals müßig gehen! – dann ... fegst du hier den Staub von den Stapeln und legst alles hübsch gerade ... immer alles an seinen Platz, verstehst du? Und nun komm nur Wieder nach dem Comptoir. Ich will mal mit M'neer sprechen über die Zeiten, wann du zu kommen und zu gehen hast, denn ich bin sehr für Ordnung, und junge Menschen müssen sich daran gewöhnen.« Es wurde also nun festgesetzt, daß der »jüngste Bedienstete« am besten »so gegen drei Uhr eben nach Hause gehen könnte, um zu essen.« Und siehe da – Gott sei Dank! – es war beinahe drei Uhr. Dieper schloß seine Bücher und zog seinen Rock an »für die Börse.« Die Hoffnungen der Familie Pieterse und die Bedenken Walthers. Wie Gerrit Sloos von der Angelegenheit dachte. Niemals richtete Walther seine Schritte mit so viel Vergnügen heimwärts. Es schien darauf angelegt zu sein, ihm die Kenntnis beizubringen, daß es Kreise gäbe, in denen ebenso niedrige Ideen zu Hause waren wie bei den Seinen. Sollte er von dem Wahn geheilt werden, daß keine Lebensauffassung die seiner Familie an Thorheit überträfe? Mit einer gewissen Freude sah er seine Mutter und seine Schwestern wieder, und vor allem Leentje, die alte Schneiderin, die die Vertraute seiner Knabenträume gewesen war, und die er jetzt auch noch ausführlicher als die anderen zur Teilnehmerin an den neuen Erlebnissen machte. Sie fand alles sehr interessant. Auch die übrigen Familienglieder nahmen eifrig teil an den Besonderheiten aus einer Welt, die ihnen so neu war. Nichts aber machte auf Jüffrau Pieterse solchen Eindruck, als die Schwierigkeit, die er gehabt hatte, ins Haus zu kommen. Das kam ihr wahrhaft feierlich vor. »Siehst du, das ist ganz etwas anderes als bei dem schlechten Kerl von Tabaksfritzen auf dem Zeedyk, wo jeder 'rein und 'raus lief. Diese Menschen werden auch nicht mit anderer Leute Geld nach Amerika gehen! Ein ... Saal, sagst du? Und 'ne Villa? Eigen Fuhrwerk? Geh' doch mal zum Kaufmann, Leentje, und sag' ... nein, schwatzen paßt sich nicht – aber 's ist doch 'n Ding für Walther, daß er nun bei Leuten ist, die 'n Saal im Hause haben, und 'ne Villa, und eigenes Fuhrwerk! Wenn du nun gut aufpaßt ... Junge, dein Essen ist gekocht! Was sagst du, Stoffel?« »Ja, Mutter.« »Denn ... weißt du, was ich sag'? Ich sag' ... der Mensch ist sterblich. Und diese alten Herren ... wie alt können sie wohl sein, Walther?« »Mutter, der Buchhalter war wohl sechzig. Und der M'neer Wilkens auch so ungefähr.« »Siehst du, ich sag', daß der Mensch sterblich ist. Und deshalb ... nicht, daß ich jemand den Tod wünsche ... Gott, nee, aber wenn der Mensch so alt ist ... Stoffel, was meinst du?« »Gewiß, Mutter.« »Wenn so 'n Buchhalter nu mal stirbt – denn alle Menschen sind sterblich ... dann könnte unser Walther ... denke mal, Trude!« »Ja, Mutter, warum nicht?« »Und der M'neer Willekes auch. Warum soll Walther kein Buchhalter können werden, oder ... M'neer Willekes?« »Nee, Mutter. Du meinst...« »Ja, ja, wer kann denn immer die Worte so abpassen! Ich meine bloß, sein Essen ist gekocht. Was kann 'n Mensch mehr wollen? Und das Taschenbüchelchen ... ach, ich will ja gern alles hergeben. Sieh mal unter deiner Bettstelle nach, Stoffel, da steht 'ne Kiste mit alten Sachen, da wirst du gewiß noch die Brieftasche von eurem Vater finden. Der Junge kann da alles drin aufschreiben, was er behalten soll, und ... sein Essen ist gekocht ... das sag' ich bloß! Ich werde nun mal schnell zu M'neer Kalb gehen, mich bedanken, Walther! Denn das ist der Mann, der dich empfohlen hat. Wie wär's, wenn du ihm 'n Vers machtest zum Geburtstag?« Diesen Vorschlag billigte Stoffel nicht. Er brachte vor, daß Herr Kalb, wahrscheinlich, als ein Geschäftsmann, nicht viel auf Verse geben würde, und daß ein materieller Beweis der Dankbarkeit ... ein Anker Wein, oder ein Fäßchen Butter ... »Richtig, was ich immer sage. Denk' dran, Walther, daß du M'neer Kalb 'n Fäßchen Butter schickst ... oder 'n Anker Wein ...« »Ach, Mutter!« »Na ja, wenn ... du Buchhalter bist, mein' ich. Denn ... alle Menschen sind sterblich, und wenn der M'neer Dieper so über Reißen klagt ... Junge, dein Essen ist gekocht!« Durch diesen und ähnlichen Schwatz ließ sich Walther einreden, er wäre für seinen neuen Wirkungskreis aufs höchste eingenommen. Die nicht sehr angenehmen Eindrücke, die er empfangen hatte – ohne daß er gewagt hätte, sie zu einer Ansicht zu erheben, wurden ausgewischt oder überkleistert durch die Begeisterung der Seinigen. Er fühlte, daß die Ehrerbietung gegenüber seinen Chefs schon auf ihn überstrahlte, und das ließ er sich ohne Protest gefallen. Seine Mutter fragte ihn ausdrücklich, ob er die Sauce neben oder über die Kartoffeln haben wollte, denn: »Denke, Trude, sie haben 'n Saal im Hause! Und du, Walther, iß nun'n bißchen, und, dann geh' schnell wieder hin. Du mußt nun auch von dir aus zeigen, daß wir Leute sind, die Lebensart haben. Was sagst du, Stoffel? 'Ne eigene Villa!« Walther that sein Möglichstes, sich mit durchscheinenden Kartoffeln und Eifer vollzustopfen. Es schlug knapp halb vier, als er sich schon wieder den Weg bahnte durch die Stockfischräucherei und die Ölfässer, und einen Augenblick drauf stand er dienstbereit im Comptoir. Außer dem uns bereits bekannten angenehmen Geruch und dem nackten Merkurius fand er da niemand ... ja doch, da hingen ja die Bodenschlüssel! Eine Rille, erster Boden, zwei Rillen, zweiter Boden! Er schrieb diese wichtigen Kennzeichen in das väterliche Taschenbuch, das in der That unter Stoffels Bett hervorgekommen und ihm zu fleißigem Gebrauch anbefohlen war. Auch machte er das ehrwürdige Taschenbuch zum Vertrauten der anderen Studien, mit denen er einen großen Teil seiner unsterblichen Seele genährt hatte. Wenn einmal die Haufen Staub und Asche, unter denen die Burg der Pieterses, ein zweites Pompeji, begraben liegt, weggeräumt werden, dann wird der untersuchende Nachkomme noch immer ganz genau erfahren, wie lang in Walthers Zeit ein Stück englisch Kattun von achtundzwanzig Yards war. Und wo die Pleiers wohnten, und die Krückers, und die Hockers, und wo die Jüffrau wohnte, die Stickereivorlagen verkaufte, und wie Herrn Kopperliths Villa hieß, und an was für Scheiben man das Haus von Herrn Pompilius erkannte ... Walther vollbrachte seine Nächstliegende Pflicht mit großer Gewissenhaftigkeit. Aber wie unermeßlich groß auch die Zahl von Wissenswertem war, womit man so edelmütig seinen Geist bereichert hatte, es kam doch schließlich ein Ende. Er begann sich zu langweilen und gab sich Mühe, nicht in seinen Gedanken abzuschweifen. Zehn-, zwölfmal las er sich das Aufgeschriebene durch, und er fühlte sich imstande, ein prachtvolles Examen über alles abzulegen, was ihn dieser Tag gelehrt hatte. Aber gerade darum fürchtete er, daß ihm etwas entgangen sein könnte, denn ... er fühlte sich durch die Last der neuen Wissenschaft nicht genug beschwert. Das müßte schwerer drücken, meinte er, und da das nicht der Fall war, so lag die Schuld gewiß wieder an ihm! Auch seine Mutter hatte ja immer gesagt, daß aus ihm nichts werden würde ... und er selber begann wieder ein solche Meinung zu hegen! Dieser Mynheer Wilkens war ein kundiger Mann mit grauem Haar und einer Brille und mehr als vierzig Jahren Comptoirdienst. Was der ihm so majestätisch verkündigte, das mußte wohl wichtig sein und einer Anstrengung wert. Aber er, der Talps, begriff bloß immer nicht, bei was er sich anzustrengen hatte! Die Bestrebungen, die Schwierigkeiten seiner neuen Stellung zu überwinden, prallten ab von der Unwissenheit, worin eigentlich diese Schwierigkeiten bestanden. Hätte er jetzt nicht wissen müssen, wie viel Fabriken und Einwohner Manchester hatte? Er hätte dann seine Unwissenheit ... nicht abgeleugnet, o nein ... aber er hätte sofort versprochen, morgen geschickter zu sein. Dann hätte er gewußt, wo es heute haperte, und konnte sich bessern. Man sieht, die Ursachen von Walthers Unzufriedenheit waren von ungewöhnlicher Art. Er fühlte den Drang nach dem Allerhöchsten, und würde trotzdem geklagt haben, daß nichts Schwierigeres zu erreichen war als das. Gleichzeitig aber meinte er auch, daß jeder über ihm stand, und daß er es nie so weit bringen würde wie der Niedrigste. Auf außergewöhnliche Anstrengung war er also vorbereitet. Alle die Mühe, die er sich auf der Schule gegeben hatte, sollte nichts sein gegen die Aufgabe, ein brauchbarer Comptoirmensch bei Ouwetyd und Kopperlith zu werden. Das hatte er sich – vor allem nach den Ermahnungen des guten Doktors Holsma – ernstlich vorgenommen. Und nun? Den ersten Tag schon begriff er alles, was man ihm sagte, mit einer Leichtigkeit, die ihn ängstlich machte! Dahinter mußte mehr stecken. Man wird kein Ouwetyd und Kopperlith, kein junger Herr Pompilius, selbst kein ordentlicher Mynheer Wilkens, ohne andere Drachen bekämpft zu haben! Der Gedanke, daß seine Lehrmeister mit ihren grauen Haaren, Brillen, Villen und Fuhrwerken unter ihm standen, kam ihm nicht. Ihm war wie einem, dem man ein Rätsel aufgiebt: »Was ist das, ein Hölzchen, das am Ende mit Schwefel bestrichen ist?« und der sich fürchtet, eine Dummheit zu sagen, wenn er solch Ding für ein Schwefelholz erklärt. Die Pflicht, sich stets mit dem Nächstliegenden abzugeben, war ihm mit Ernst eingeprägt – und mit Recht! Aber Walther meinte, diese Pflicht müsse schwierig zu erfüllen sein. Und nun kamen lauter Nichtigkeiten. Ohne die ihm angeborene Bescheidenheit hätte er in wenigen Wochen, nachdem er alles gelernt, was da zu lernen war, seine Chefs mit Mißachtung angesehen. Und hätte er nicht sein hohes Streben gehabt, so hätte er sich leicht mit der Anerkennung dieser Leute genügen lassen. Aber solche Enttäuschungen, das ist die eigentliche Feuerprobe, nicht romantische Heldenthaten. Die Zeit mußte kommen, wo Walther sagen konnte, nicht etwa: »Ich bin nichts, denn ich bin in dem Lappengeschäft von Ouwetyd und Kopperlith verdorben worden,« sondern,: »Sieh, wie ich auch in dem Moder verbrecherischer Gewöhnlichkeit gesteckt habe, ich bin doch ich selbst geblieben, und ich habe es verstanden, etwas aus mir zu machen.« Das soll natürlich die Elenden nicht entlasten, die das Kind dieser Feuerprobe unterwarfen ... Einstweilen langweilte er sich und wunderte sich über die trübe Stimmung seines Gemüts. Die nächstliegende Pflicht thun? Wenn er nach dem Boden ginge – zwei Rillen, zweiter Boden – und da fegte und sich mit Ruhe die interessante Winde besah? Gesagt, gethan. Er war ordentlich stolz, daß er den Weg nach oben wußte, und als er auf der Treppe das Mädchen traf, das ihn heute morgen so unfreundlich begrüßt hatte, gönnte er sich die Freude, etwas mit den Schlüsseln zu klappern, nicht ohne einen triumphierenden Blick: Siehst du wohl, da bin ich, und zwar im Dienst! So eine Winde ist ein hübsches Ding. »Die dicke Mevrouw ist gewiß zweihundert Pfund schwer ... der Fauteuil zwanzig ... die Kissen ... hm, nehmen wir alles zusammen mit zweihundertfünfzig ... Ich wiege bloß achtzig, denk' ich. Wenn also die dicke Mevrouw und ich uns an einer einfachen Rolle gegenüber hingen, würde sie mich aus dem Bodenfenster herausziehen, nicht ich sie aus ihrem Zimmerfenster. Wenn ich aber ihr Gewicht um die dünne Spindel rolle und ich drehe das große Rad ...« Er hörte schlürfende Tritte auf der Treppe. Es war Gerrit, der einmal nachsehen wollte, wer da auf den Boden gegangen war. »Ach so! Du bist's. Pieterse. Was machst du da?« »Ich ... fege,« sagte Walther. »So? Na, wenn du so fleißig bist, wirst du nicht lange halten, Junge!« »Aber M'neer Wilkens hat gesagt ...« »Wüllekes ist'n Hanswurst. Aber ... willst du fegen, gut! Feg' nur zu! Was fegst'n eigentlich?« »Den Staub von den Stapeln.« »Liegt keiner drauf! Und wenn welcher drauf wär', was macht's? Und wenn's was machte, was hilft's, wenn du 'n von einem Stapel auf'n andern fegst, he? Du thust Mönchearbeit, was ich dir sage!« »Ach!« »Ja, Mönchearbeit! Du mußt nicht alles so genau nehmen, was dieser Wüllekes sagt.« »He?« »Ja. Ich dacht' mir's schon, daß du auf den Windmacher hören würdest, und wie ich nun jemand horte heraufgehen mit den Schlüssels – ich saß nämlich in der Küche, weil ich steif bin von Rheumatismus – da dacht' ich mir schon, daß du's warst. Denn's kann weiter keiner auf 'm Comptoir sein. Dieser Wüllekes hat dir gewiß nicht gesagt, daß wir in der Saurengurkenzeit sind, und daß du dich mit 'm Wiederkommen nicht so beeilen brauchtest. Er kommt so erst gegen sechsen, eben mal hineinsehen, und nun er weiß, daß 'n andrer da ist, Bestellungen anzunehmen, wird er noch später kommen, oder auch gar nicht. Und die jungen Herren sind aus ... schön Wetter, verstehste? Du mußt die Sache nicht so schwer nehmen, Jungchen! Sonst bist du unten durch! Du nimmst mir's doch nicht übel?« »Ach nein. Aber ich wollte so gern meine Pflicht thun, meine nächstliegende Pflicht, wissen Sie?« »Da hab' ich, will ich bloß sagen, kein Verstehste von. Ich sag' bloß, 's ist 'ne Schande, daß sie 'n jung Bürschchen, wie du bist, 'n ganzen Tag in das muffige Comptoir stecken. Ich sag' ...'s ist Wind und englisch Notting!« »Eh, Gerrit! Ich bin den halben Morgen auf der Straße gewesen!« »Ja, ich hab' gehört. Hast viel Botschaften besorgt für 'n jungen Pompilius. Na, das Vergnügen kannst du öfter haben. Haben sie dir schon gesagt, daß du alle Morgen nach der Post mußt, den Briefträger auflauern? Das ist so 'n Ding für dich, wirst sehen! Wird dir Stüber kosten, Trinkgeld. Denn wenn du das nicht thust, kriegst du die Briefe nicht. Sie sind zu knauserig, um Droddebot zu bezahlen ... fünfundzwanzig Gulden 's ganze Jahr. Dafür kannst du dann blau frieren in der Kälte ... wenn Winter ist, mein' ich. Sag' mal, hat dir Dieper schon was gesagt vom Einkassieren? Denn ... wenn ich steif bin vom Rheumatismus, kommt's auf dich. Und wenn du nicht vorsichtig bist mit Geld, kann dich die Geschichte was kosten. Verstehst wohl ... was fehlt, legst du zu. Mußt nicht denken, daß du hier zum Vergnügen bist. Ich hab' hier schon Festtage erlebt in allen Saisons des ganzen gottgeschaffenen Jahres, und darum ... na, nun bin ich steif von Rheumatismus. Kann dir auch passieren. Ich will bloß sagen, in der Saurengurkenzeit brauchst du nicht so eifrig zu sein. Bist doch auch bloß 'n Lohndiener wie ich und wirst doch wohl nicht gern mehr thun als nötig? Kein Mensch, der dir dafür dankt, und wer sich tot arbeitet, wird unterm Galgen begraben. Laß das Fegen nur bleiben! Ach, wenn du alles thun wolltest, was dieser Wüllekes sagt ...« Wie Eis fiel diese Gerritsche Philosophie unserem Walther aufs Gemüt. Beschämt schloß er den Boden und ging mit Gerrit hinunter. Dieser ersuchte ihn, nicht zu verraten, daß er oben auf dem Boden gewesen war, denn, sagte er: »Sonst schicken sie mich wieder auf Besorgungen. Und da ich doch steif bin von Rheumatismus ... guck ... mein Daumen ist ganz krumm davon, und also ... laufen kann ich auch nicht, verstehste!« Auf dem Comptoir angekommen, schlug der Knecht ein kleines Verzeichnis auf, in dem die Verfalltage der Wechsel standen. »Siehst du, ganz wie ich dachte! Morgen ist 'n schmierig Papierchen im Judenwinkel. Na, wirst deine Freude haben! Der Jude wird ja wohl merken, daß du 'n unschuldig Wurm bist, denn ... so siehst du aus. Wenn du unter 'm Thaler davonkommst, kannst du von Glück sagen. Da kommt wahrhaftig Wüllekes schon ... gewiß hat 'n seine Frau zur Thür rausgejagt, denn sie ist ebenso verrückt wie er, mit ihren Prinzessinnen. Sie hat mal im Haag 'ne Prinzessin gesehn, und davon quaddert sie fortwährend. Alles Wind und englisch Notting. Dieser Wüllekes ... hör' mal, wenn er nach mir fragt ... sag' nur, du weißt nichts von mir, und daß ich steif bin von Rheumatismus, weißt du, denn ... ich geh' in die Küche, eine Tasse Thee trinken. Sie wird wohl schon kalt sein, aber ... ich mußt' doch mal sehen, wer da auf 'n Boden kroch. Jawohl, er ist's ... kann ich schon hören am Aufreißen von der Hinterthür. Er braucht immer Platz für 'ne ganze Compagnie ... ich bin Sergeant gewesen bei der Bürgerwehr, anno dazumal!« Und Gerrit drückte sich. Seine sonderbare Rede hatte das Gute, daß Walther nicht viel davon verstand und also etwas zu denken bekam. Diese Auffassung von der Pflicht, die den alten Knecht ... etwas weniger von anderen Knechten unterschied, als wünschenswert war, überraschte ihn. Und: »Droddebot,« was war denn das für ein Ding? Und ein »schmierig Papierchen,« das ihm einen Thaler kosten konnte ... was sollte das sein? Wo sollte der Thaler herkommen? Waren das die Einnahmen seines neuen Berufs? Sehr gern hätte er Wilkens gefragt, aber seit er über Moses und den Dornbusch gestolpert war, getraute er sich nicht, dem grimmigen Orakel zu nahen. Außerdem wurde er jetzt wieder ans Aufkleben der Muster gesetzt, und Wilkens nahm einen so feierlichen Ernst an, daß er schon deshalb nicht gewagt hätte, an etwas anderes zu denken. Er saß und klebte seine Lappen auf und träumte so vor sich hin. Er betrauerte seine Bücher auf dem Zeedyk,, bei dem Herrn Motto, seinem ersten Lehrmeister, der außer einem schwunghaften Handel mit Rauch-, Kau- und Schnupftabake auch eine Leihbibliothek geführt hatte ... Noch ein wenig, und dieser biedere Motto, der mit seiner Kaution nach Amerika ausgerissen war, sollte ihm wie ein liebenswürdiger Schutzengel erscheinen, der im Nebel der Vergangenheit versinkt, und nach dem er vergebens die Arme ausstreckt. Konnte es mit seinem Seelchen schlimmer bestellt sein? Wer weiß? Lieber Gott, es kommt vielleicht noch schlimmer. Böse Buben. Gedanken auf einem Hausflur. Ein unhöflicher Barbier und ein beneidenswertes Vögelchen. Die Post. Die Geheimnisse des Handels. Ob es an der besonderen Steifheit seines Rheumatismus lag, weiß ich nicht – aber das ist gewiß, daß Gerrit eine eigene Manier hatte, fremdländische Worte unkenntlich zumachen. »Droddebot« z.B. bezeichnete das »droit de boite«, was so viel besagen wollte als das Recht, sich seine Briefschaften auf der Post abholen zu lassen. Die Bestellung der Briefe ließ in Walthers Zeit noch viel zu wünschen, und viele Geschäftsleute wählten dies Mittel, um sich von der Dauer und der Wichtigkeit der Mitteilungen unabhängig zu machen, welche die sehr ungeflügelten Boten des Verkehrs gewöhnlich mit ihren Freunden auf der Straße auszutauschen hatten. Das ist ja nun etwas anders geworden, hauptsächlich, weil die Post mehrmals am Tage kommt. In Walthers Zeiten und lange darauf noch wurde die sogenannte »deutsche, englische und französische Post« nur zweimal wöchentlich ausgegeben. Inländische Briefe kamen einmal des Tages, und zwar des Morgens. Das Abholen der Briefe von der Post gehörte für die Firmen, die droit de boite hatten, natürlich zu den Obliegenheiten der »jüngsten Bediensteten,« einer Art von Laufburschen, die sich in zweierlei Hinsicht von den Lehrlingen eines Handwerkers unterschieden: sie lernten nichts, und sie bekamen keinen Lohn. Es gab Häuser, die den Mißbrauch solcher Jungen zum System erhoben und so viel »jüngste Bedienstete« hielten, daß sie eine erwachsene Person sparen konnten. Wenn solche junge Leute zu alt wurden, gab man ihnen den Rat, sich ein anderes Feld für ihren Ehrgeiz zu suchen. Nun gab es auch Häuser, die gern ihre Briefschaften früher erhielten, als es im Schneckengange der Post möglich war, die aber die dafür zu entrichtenden Gebühren nicht bezahlen wollten. Sie kamen auf ein probates Mittel, das hauptsächlich auf der Überlegung beruhte, daß die Zeit von so einem jüngsten Bediensteten ja nichts kostete. Solch ein Bürschchen mußte in der Nähe des Postcomptoirs den Briefträger abpassen und ihn beschwatzen, ihm die für »Mynheer« oder »die Herren« angekommenen Briefe auf der Straße auszuhändigen. Weil nun weder die Stunde, da die Post ankam, noch die Zeit, die zum Sortieren nötig war, genau bestimmt werden konnte, mußte man sehr früh auf dem Posten sein, damit einem der Briefträger nicht entwischte. Die natürliche Folge davon war, daß sich jeden Morgen eine Schar unreifer junger Lümmels in der Nähe der Post versammelte. Bei schlechtem Wetter im Hofe. Und hier wurde viel Schlechtes ausgebrütet, denn in keinem Stadium zeigt sich der Mensch häßlicher als in dem eines halbwüchsigen Burschen. Alles, was die Gesellschaft liefert, steht über ihnen: Kinder, Mädchen, Frauen, Männer, Greise, Junker, Prinzen, Soldaten, Schauerleute, Handwerker, alles ... bis auf die öffentlichen Dirnen der Straße. Sie selber sind die einzigen, die es nicht wissen, und wundern sich sehr, wenn ein wirklicher Mensch ihnen zeigt, welchen Eindruck sie auf ihn machen. Aber das mußte den Herren Kopperlith bekannt sein, Vater und Söhnen. Vielleicht wußten sie es auch. Indes das hinderte nicht, daß Walther, als er am Abend seines ersten wichtigen Handelstages nach Hause ging, von Wilkens den Befehl mitbekam, sich am nächsten Morgen, ehe er aufs Comptoir käme, bei Mynheer Pompilius zu melden, der ihn »in betreff seiner Obliegenheiten bezüglich der Post« unterrichten werde. »Siehst du wohl, Stoffel,« rief Walthers Mutter, »sie haben allerlei für ihn zu thun! Ganz wie der Doktor sagte: 'n junger Mensch muß viel arbeiten. Genau wie ich immer sage. Viel arbeiten ist die Losung. Sorge nun vor allem, Walther, daß du beizeiten da bist, und laß den M'neer ... wie heißt er doch?« »M'neer Pompilius, Mutter.« »Na ja, der Name thut nichts zur Sache. Ich meine bloß, daß du zur Zeit da sein sollst. Was meinst, wenn du dir's aufschreibst?« »Ich behalt's, Mutter.« »Schreib's lieber auf. Wozu hast du 'n sonst dein Buch? Dazu hab' ich dir's ja gegeben, Junge!« Bereits um sieben Uhr in der Frühe klingelte Walther an dem Hause mit den Spiegelfenstern. Das Mädchen sagte ihm, daß M'neer noch nicht auf wäre, und gestattete ihm, auf dem Flur zu warten. Da stand er nun! Welcher meiner Leser weiß, wie lang eine Minute ist? Nun, das wußte die alte friesische Uhr ganz genau, die dastand und Walther Gesellschaft leistete mit ihrem Tick ... tick, und nach so und so viel Ticks ein lauteres Tick! Dann sprang der große Zeiger mit einem nervösen Schreck weiter, und etwas sanfter setzte der Sekundenschlinger seine eintönige Reise fort: tick ... tick ... Diese Uhr langweilte sich nicht. Und sie stand auf vier kräftigen Füßen und brauchte nicht mit Schwerpunkt und Hüfte zu wechseln. Walther aber mußte das wohl. Erst stand er rechts, dann links, das heißt: er ruhte nicht. Seine nächstliegende Pflicht gestattete ihm nicht, sich im Hause seines Chefs an die Wand zu lehnen. Seine Knöchel, Knie, Hüften, sein Rückgrat ... Tick, tick, sagte die Uhr. Ja, ganz recht, so etwas fühlte er in allen Gliedern. Es wurde geklingelt. Mit seinem gewöhnlichen Eifer zu helfen öffnete Walther die Thür. Das Mädchen, das dann langsam herbeischlurrte, dankte ihm nicht im mindesten. Walther durfte Zeuge sein ihrer Versicherung, daß kein Scheuersand gebraucht wurde, und das schaffte ihm doch etwas Abwechslung. Er hoffte, es würde noch einmal klingeln. Richtig, es geschah, und zwar keine Viertelstunde drauf. Ein Bauer mit Milch. Der erzählte dem Mädchen etwas über das Wetter, und Sientje gab ihm recht, sagte aber auch, daß Mevrouw mit seiner Milch nicht zufrieden wäre, worauf wieder der Mann etwas sagte. Die Unterhaltung war sehr ... unterhaltend, aber für Walther zu kurz. Tick, tick, sagte die Uhr wieder. Es kamen von Zeit zu Zeit noch andere Menschenfreunde. Walther hätte sie küssen mögen. Endlich klingelte der Barbier. Auch dieser wurde eingeladen zu warten, bis Mynheer auf sein würde. »Fällt mir nicht ein,« sagte der Mann. »Kann meine anderen Kunden nicht warten lassen, wegen einem mit so 'm Plunder wöchentlich.« Er ging. Was für ein grober Barbier! Pfui, wie abscheulich! Es war ruppig, ungezogen ... aber doch ertappte sich Walther auf dem Gedanken: »Ach, wer weiß! Am Ende wäre ich besser Barbier als im Handel!« Der Undankbare! Gerade wie er sich diesem Eindruck hingab, hörte er Schritte, als ob einer am hinteren Ende des Flurs die Treppe herunterkäme. Der Herr war in der Nähe ... oder doch der junge Herr Pompilius in der Morgenjacke. »Ah, so? Ganz recht! Du bist da? Ganz gut. Wilkens hat dir gewiß gesagt ... ganz gut, ganz gut! Weißt du, was du thust? Du mußt so gut sein ... eben zu warten.« Mynheer Pompilius verschwand, und die Uhr hatte wieder das Wort. Hätte Walther nur nicht solchen Schmerz in seinen Lenden gehabt, so hätte er wohl etwas Gedanken in diesen Canevas hineingestickt. Aber es ging nicht. Es war zum Umfallen. Nach kaum drei Viertelstunden kam Pompilius wieder aus dem Zimmer heraus, wo er gefrühstückt hatte. Im Vorbeigehen trug er Walther auf, eben die Güte zu haben und zu warten, denn er ginge sich jetzt anziehen ... tick, tick, tick. Wieder eine Abwechslung. Das Mädchen schien ins Zimmer gerufen zu sein und kam schnell angelaufen. Walther konnte hören, wie Mevrouw ihr mitteilte, daß heute ein Kanarienvögelchen gebracht werden würde, und: »Wenn's kommt, Sientje, bringst du's sofort herein!« Das Mädchen versprach es. Was sollte Walther nun denken? Die Unabhängigkeit dieses Barbiers hatte ihn verführt zu einem Ansatz von Widerspenstigkeit. Forderte nun die Folgerichtigkeit nicht, daß er in tolle Eifersucht gegen das bevorzugte Vögelchen verfiel? Vielleicht. Aber Walther beneidete nichts. Er war zu matt dazu, und die Schmerzen in seinem Rücken waren zu groß. Da wurde ja wahrhaftig der junge Herr Pompilius wieder sichtbar, noch immer unangezogen. »So, stehst du noch da? Ja ... so ... hör' mal! Weißt du was? Du mußt mal so gut sein und mir 'n Barbier holen.« Der liebe gute Pompilius! Er erlaubte Walther, sich einmal zu bewegen. Dieser erfüllte sein nächstliegendes Pflichtchen voll Eifer und Dankbarkeit. Als er den Verlangten gefunden und hineingeführt hatte, nahm er seinen Platz auf dem Flur wieder ein, und er verstand ganz deutlich, wie die Uhr zu ihm sagte: »So bist du wieder da? Ich bin's noch ... tick ... tick ... tick ...« »Die Einführung am Postamt geschah zwar nicht mit Würde und Feierlichkeit, aber doch mit all der Wirtschaft, die der junge Herr Pompilius in der Regel bei allen seinen Nichtigkeiten für nötig hielt. »Siehst du, nun mußt du so gut sein und dich hierherstellen, alle Morgen. Und dann paßt du aufs Postamt auf. Und wenn sie rauskommen – die Briefträger, weißt du – dann paßt du gut auf. Und du läufst ihnen nach. Und du fragst nach den Briefen für die Herren Ouwetyd und Kopperlith. Aber du mußt es nicht hier gleich vorm Bureau thun, beim wenn's der Vorsteher sieht, werden sie bestraft ... weil's nämlich verboten ist, weißt du! Du läufst ihnen nach, da in die Gasse, und wenn sie 'n Trinkgeld wollen – das thun sie nämlich ... gewöhnliches Volk! ... dann sage nur ... nein, du sagst gar nichts. Oder du sagst bloß, du bätst um die Briefe für die Herren Ouwetyd und Kopperlith. So mußt du sagen. Und 'n Trinkgeld? Zu Neujahr, kannst du wohl sagen ... aber sag' nicht, daß ich's gesagt hab', sonst erwarten sie zu viel. Unbescheiden Volk, weißt du ... siehst du, da kommen sie. Nun werde ich dir zeigen, welcher unsere Gegend hat. Da, der da, der Magere mit so 'ner dicken Nase und mit Gamaschen ... der ist's. Sag' ihm, daß er gestern, erst 'n Stüber von mir gekriegt hat, und daß er dir die Briefe für die Herren Ouwetyd und Kopperlith geben soll ... so mußt du sagen.« Walther lief dem ihm bezeichneten Briefträger nach und holte ihn bald ein. Der Mann kannte ihn nicht und wies ihn barsch ab. Aber der würdige Herr Pompilius stand ein Stückchen davon entfernt und winkte und telegraphierte, sodaß Walther sich als förmlich vorgestellt ansehen konnte. Es war wirklich etwas für das Haus Kopperlith angekommen. Dieser oder jener Krämer in der Provinz brauchte ein paar Ellen. Walther kam triumphierend mit seinem Briefchen auf dem Comptoir an, wo er die ehrfurchtgebietende Versammlung seiner Vorgesetzten schon bei einander fand. Auch Pompilius war schon da, der nach seiner Vorstellung aus der Ferne sich beeilt hatte, die gemeine Gasse zu verlassen, deren Dunkel gewöhnlich das Geschachere um die Briefe beschattete. Unser junger Lehrling wurde nun mit den nötigen Ermahnungen, doch ja hübsch zu schreiben, an das Kopiebuch gesetzt, um ein Paar Briefe abzuschreiben. Der junge Herr Pompilius benutzte die Sauregurkenzeit, um einige säumige Zahler an ihre Schuldigkeit zu erinnern. Irgend ein Genie ans grauer Vorzeit hatte die Sache vereinfacht, indem er drei Schemas aufstellte, die einander im Grade der Nachdrücklichkeit steigerten. Formular eins: die Begleichung war gewiß dem sehr geschätzten Handelsfreund bereits durch den Kopf gegangen, und die Herren Ouwetyd und Kopperlith benutzten die Gelegenheit, der ganz besonders verehrten Firma nebstbei einige Proben von ganz besonders preiswertem Barchent zu überreichen ... Formular zwei: der – noch immer einigermaßen geschätzte – Freund verlor aus dem Auge, daß die Preise für Barzahlung berechnet waren, und so sehr man besonders gern mit ihm Geschäfte mache, sähe man sich doch für diesmal genötigt ... Formular drei: binnen acht Tagen solide Erledigung, sonst ...! Walther bewunderte die Geschicklichkeit seines Chefs, der mit allen Leuten so genau zu sprechen wußte. Aber das Kopieren dieser Briefchen dauerte nicht lange, und er bekam wieder Muster aufzukleistern. »Und ... sollten wir ihm nicht jetzt die Buchstaben des Wortes beibringen?« wendete sich Pompilius an Wilkens. »Mynheer!« »Ja, meinen Sie nicht? Ich dachte ...« »Aber... Mynheer!« Hätte Pompilius den Vorschlag gemacht, den jungen Menschen nun einmal zu skalpieren, der Schreck von Wilkens konnte unmöglich größer sein. »Aber M'neer! Das sollte doch, mit Verlaub, sehr unvorsichtig sein!« »He? meinen Sie?« »M'neer ... ich kann Ihnen wahrhaftig versichern, ich war schon drei Jahre beim Geschäft, ehe man mir die Buchstaben des Wortes sagte! Man muß junge Menschen nicht ... die Einbildung kommt früh genug, M'neer!« »Na, wie Sie meinen, Wilkens. Ich hatte darüber nicht so tief nachgedacht.« Das war die lautere Wahrheit, denn der junge Herr Pompilius dachte nie tief nach. Aber im vorliegenden Falle mußte die Unvorsichtigkeit dem Herrn Wilkens, wäre er der Chef gewesen, unverzeihlich erscheinen. Der Leser wird das richtig würdigen, wenn er erfährt,, daß die ganze Geschichte auf die Frage herauskam, ob man. Walther schon jetzt in die geheimnisvollen Zeichen einweihen, sollte, mit denen die Firma Ouwetyd und Kopperlith auf den Etiketten die Einkaufspreise der Waren ausdrückte. Es gehörte viel dazu, diese Zeichen zu verstehen – mehr aber noch, um des Vertrauens wert zu sein, daß man das Geheimnis treu bewahren werde. So weit war Walther noch lange nicht. Strahlend war also der Triumph des Altgedienten gegenüber dem jungen Herrn, der, ohne seinen Rat, diesem jungen Menschen ein Licht aufgesteckt hätte, das das Tabernakel des Comptoirs von seinem Nebel befreite. Indessen war der Triumph nicht vollständig, ehe Walther nicht das Bewußtsein von seiner vorläufigen Ausschließung selbst geschluckt hatte. Denn der hatte ja keine Ahnung, was für ein Wort und was für Buchstaben für seinen dummen Verstand, seine ungeprüfte Ehre und seine geringen Verdienste zu heilig sein sollten. Wilkens bezeichnete die von ihm aufgekleisterten Muster mit Nummern und setzte die tiefsinnigen Hieroglyphen darunter. Es war natürlich eine Kleinigkeit, darüber eine Frage herauszulocken, um dann zu der niederschmetternden Antwort Veranlassung zu haben: »Das ist noch nichts für dich! Durchaus noch nicht! Frag' danach mal, wenn du erst 'n halb Dutzend Jahre ordentlich gearbeitet hast, oder ... mehr!« Eine prachtvolle Aussicht. Es spricht von selbst, daß Walthers eifrigste Begierde war, diese verbotene Frucht zu genießen. Am nächsten Tage schon entzifferte er mit wenig Anstrengung, durch ein bißchen Vergleichung, die Bedeutung der geheimnisvollen Buchstaben. Da er es aber – aus Vorsicht oder auch aus Gewissenhaftigkeit – nicht in sein Notizbuch geschrieben hat, kann ich es dem Leser nicht verraten. Aber wenn du dir z.B. das Wort »Landsberg« vorstellst, in dem jeder Buchstabe nur einmal vorkommt, so kannst du dir wohl denken, daß man für 1 ein l setzen kann, für 2 ein a, für 3 ein n u. s. w. und so bezeichnet sich mit einem leichten Mittel, das das Gedächtnis nicht belastet, jede Zahl, mag sie Stellen haben; so viel sie will, mit einer Buchstabenfolge, die der Uneingeweihte natürlich nicht verstehen kann. Weiß er aber das »Wort«, so braucht er bloß, noch zu wissen, daß man die Einkaufspreise aufschrieb, dann ist es viel schwerer, ihm etwas vorzumachen. Nun giebt es noch Kunststückchen, die Sache etwas zu erschweren, z.B. Einfügung ganz überflüssiger Buchstaben, die gar nichts bedeuten und dergleichen mehr – aber soweit waren Ouwetyd und Kopperlith nicht! Weitere Geheimnisse des Handels. Das schmierige Papierchen aus dem Judenviertel. Wenn ich so diese Nichtigkeiten niederschreibe, wobei ich mir Mühe gebe, der Wahrheit so nahe wie nur möglich zu bleiben, kann ich doch die Furcht nicht loswerden, daß man mir Übertreibung vorwerfen könnte. Dieser Vorwurf gegen einen Schriftsteller ist meistens ein Zeichen von Oberflächlichkeit und fast immer unbegründet. Übertreibung im Schildern der Dinge selbst ist beinahe unmöglich, denn der Grad, zu dem sich menschliche Narrheit aufschwingen kann, ist selbst für den bösartigsten Künstler unerreichbar. Wo er irrt, liegt der Fehler an seiner Ungeschicklichkeit im Nachzeichnen, in der Verkehrtheit der Mittel, die er anwendet, nicht in Übertreibung. Daß unter dem halben Dutzend Menschen, mit denen Walther hier in Berührung kam, kein einziger sich über den allerniedrigsten Pegel von Verstand und Herz erhob, kann nur den befremden, der die menschliche Gesellschaft studiert hat. Meine Schilderung ist wahr. Und ich brauche mich nicht einmal auf den bekannten Spruch zu berufen, »daß das Wahre manchmal nicht wahrscheinlich ist.« Was haben denn diese Menschen, wie die hier gezeichneten, ihr Leben lang gewirkt? Was waren ihre Wünsche, ihre Neigungen, ihre Interessen, ihre geistigen Bedürfnisse? Wie war ihre Erziehung – oder besser: mit was für einer Erziehung waren sie zufrieden? Niemals kam ihnen in den Sinn, daß sie, wohl beschaut, zu der niedrigsten Sorte der Geschöpfe gehörten, die man mit zoologischem Wohlwollen über die Tiere des Feldes stellt. Und dabei ... dieser lumpenhafte Dünkel! Ich weiß, gewiß, der geistige und sittliche Wert der Menschen geht nicht immer zusammen mit der größeren oder geringeren Wichtigkeit des Berufs, und er hängt auch nicht davon ab. Es ist begreiflich, daß manch einer um seines Unterhalts willen sich mit einem Broterwerb zufrieden geben muß, der seinem Gemüt wenig Anregung giebt; vielleicht gerade das Gegenteil. Ich lasse es nun dahingestellt, inwieweit diese Disharmonie möglich und entschuldbar ist, und ich werfe deshalb nicht die Frage auf, ob ein Mensch von Gefühl z.B. Fleischhacker oder Scharfrichter sein kann ... aber wahr bleibt es, daß jemand, der ohne Not, ohne die Peitsche des Hungers, seinen Lebensunterhalt in rohen oder nichtigen Verrichtungen sucht, auf einem niedrigen Standpunkte stehen muß. Und diese Kopperliths ließen doch ganz freiwillig Verstand, Herz und Charakter brach liegen! Selbst wenn der junge Herr Pompilius nicht ganz die reine Wahrheit sprach, wenn er einem unerfahrenen Kunden vom Lande erzählte, daß Papa so schrecklich reich wäre, daß sie es ums Brot nicht zu thun brauchten u.s.w., selbst wenn Pompilius aufschnitt, so hätten sie doch immer einen anderen Wirkungskreis wählen können. Aber ... da hatten sie ja etwas lernen, sich anstrengen müssen, und das paßte ihren Gewohnheiten, ihrer Faulheit nicht. Arbeit und Kenntnisse, das war gut genug für Menschen, deren Papa nicht so schrecklich reich war. Der ganze Reichtum des alten Herrn belief sich auf einige hunderttausend Gulden, eine Summe, die in sechs Teile gehen sollte. Es war also nicht so arg, und sie hatten sich wohl bethätigen dürfen. Das thaten sie ja auch. Zwei der Söhne hatten das gewählt, was ihnen als väterliches Erbteil am nächsten lag: den Kattunhandel. Hierzu war nur ein kleiner Teil des Geldes nötig, das im übrigen hauptsächlich in Effekten angelegt bleiben konnte. Hätten sie sich entschließen können, das Inventar von den Vorräten zu entlasten, die jahraus, jahrein auf den Böden lagen, dann hätten sie es noch mit geringerem Kapital betreiben können. Zu diesem Aufräumen aber – welches Dieper öfters bescheiden und mit Begründung vorschlug – waren sie nicht zu bewegen. Meinten sie vielleicht, die alten ausgefahlten Lappen würden je wieder den Preis erreichen, der vor der Blütezeit des amerikanischen Baumwollenmarktes und der englischen Weberei dafür bezahlt worden wäre? Sie meinten weder dies oder noch etwas anderes. Sie meinten gar nichts. Der übliche »Handel« war einfach bis zum Stumpfsinn. Zweimal im Jahre bestellte man auf Muster einige tausend Stück gedruckten Kattun. Die Weisheit, die beim Bestellen verzapft wurde, imponierte Walther gewaltig, der schon daran verzweifelte, ob er es wohl jemals so weit bringen würde, zu wissen, ob sich nächstes Jahr die Bürgerfrauen in Stoffe mit Schlangenlinien oder mit Pünktchen kleiden würden? Wilkens saß bei solcher Gelegenheit auf hohem Thron. Aber keiner kam auf die Idee, die Bauernmädchen und Dienstmädchen selbst zu befragen, die doch am besten wußten, worauf es ankam. Und ... die Erhabenheit gegen so 'nen Handlungsreisenden! Es ist interessant, daß die englischen Fabrikanten für diese Beschäftigung gewöhnlich Deutsche in Dienst nehmen. Eine christlichere Thätigkeit giebt es nicht. Für diesen Beruf ist das Evangelium der linken Wange geschrieben! Solch unglücklich Wesen wurde drei-, viermal weggeschickt, ehe Herr Pompilius oder Herr Wilkens sich herabließ, die neuen Figuren zu betrachten, die die Musterzeichner der Fabriken ausgeheckt hatten. Endlich bekam er dann die gnädige Mitteilung, daß man wahrscheinlich nichts brauchen würde. Man hätte schon bei anderen Häusern ansehnliche Bestellungen gemacht. Der Markt wäre flau, ganz außergewöhnlich flau ... Schließlich wurde er dann allergnädigst zugelassen, und die Sitzung nahm ihren Anfang. Eugen, dessen Worte teuer waren, stellte sich noch am wenigsten lächerlich an. Die beiden anderen wetteiferten in Albernheiten, und der Reifende beantwortete diesen oder jenen Witz mit seinem allerunterthänigsten Lächeln. Er hielt sich dann für seine verunglückte Menschenwürde an anderer Stelle schadlos, in der Postkutsche, auf dem Schiff, an der Wirtshaustafel, wo er die zwei Dutzend Anekdoten losließ, die ein Handlungsreisender im Vorrat haben muß, und auf diese Weise kam er bei den Kameraden, Gegenseitigkeit zugesichert, in den Ruf eines wirklichen Herrn. Kamen dann die bestellten Waren an, so stieg die Wichtigkeit im Comptoir und im Magazin bis ins Erhabene. Der abgemachte Preis wurde um die Unkosten der Verpackung, des Transportes, der Versicherung erhöht, und dann wurde die Summe nach dem Tageskurse in holländisch Geld umgerechnet. Das war besonders die Aufgabe von Pompilius, und er war in ihr sehr fest ... geworden, wie der altertumskundige Gerrit sagte, nach vielen Jahren mangelnder Sicherheit. Nun also verstand Pompilius die Kunst. Beim Verkauf legte man etwa fünfzehn Prozent auf den Einkaufspreis und der Cyklus der Berufsweisheit war abgelaufen, ... bis auf das Überteuern, Betrügen und Beschwatzen der kaufenden Krämer. Auch in diesem Teile des Fachs war Pompilius Meister. Selbst Wilkens mußte anerkennen, daß ... Keiner der Herren hatte je etwas anderes gethan, keiner hatte sich nach anderer Anregung gesehnt. Sie fühlten sich völlig befriedigt. Selbst die Buchführung des alten Dieper ging über ihre Sphäre. Genau besehen, übertraf sogar der alte Gerrit die Chefs an menschlichem Werte: er konnte etwas. Eine seiner Haupttugenden bestand in einer fast unbetrügbaren Kenntnis der Geldsorten, und sein Geldzählen, lieferte Monumente von Regelmäßigkeit. Schade, daß die Reihen beim Einstreichen wieder zerstört wurden ... es waren silberne Verse, wahrhaftig! Und noch in anderer Hinsicht zeichnete er sich aus: im Packen ... wohlverstanden, wenn es ihm nicht gerade gelegen kam, steif zu sein von Rheumatismus. Doch mußte jeder Vorurteilsfreie zugeben,, daß Walther ihn hierin mit Riesenschritten zu überflügeln drohte. Zweimal im Jahre ging dann Wilkens auf die Reise, und dann spielte er selbst bei den Krämern in den kleinen Städten die Rolle, zu der er sonst die ausländischen Reisenden verdammte. Die Götter sind gerecht. Dann wurde er an derselben Stelle bestraft, an der er gesündigt hatte. Zwölfmal mußte er manchmal um Zutritt nachsuchen, um nach dem Hinterzimmerchen von solchem Kattungeschäftchen durchzudringen. Ein andermal ließ man ihn vor dem Ladentisch, stehen und abwarten, was solch schnippisch Ding von Ladenmädchen – der Herr Wilkens des Ortes – über ihn beschließen würde. Manche Überlieferungen meldeten auch, daß er sich dann manchmal gefallen lassen mußte, mit dem wachstuchenen Musterpaket unter dem Arm – und dem vorschriftsmäßigen Wohlwollenheitslächeln ans dem Gesicht – stundenlang auf der Treppe draußen im Regen zu warten: »weil er im Laden den Kunden im Wege gestanden hätte.« Es versteht sich, daß er diese merkantile Liebenswürdigkeit beantwortete durch ein allerhöflichstes »Mit Vergnügen, Jüffrau!« Von einem Fehler, den Handlungsreisende oftmals haben, war Wilkens endgiltig freizusprechen. Nie erzählte er Anekdoten aus dem Kalender. Seine Würde war dagegen. Wo er meinte sein offizielles Handelsgesicht ein wenig ablegen zu dürfen, beschränkte er sich auf die Erzählung von diesem oder jenem sehr interessanten Bankerott, bei dem er es verstanden hatte, für seinen Chef ein Prozent mehr herauszuschlagen, als die anderen Gläubiger bekamen. Über das vergoldete Schnupftabaksdöschen, das ihm diese Heldenthat eingebracht hatte, ging er leicht hinweg ... aus Bescheidenheit, sagte er, aber er konnte es zeigen. Und wer dann nicht ausdrücklich nach diesem Orden fragte, den fand er nicht höflich. Seine zweite Lieblingsgeschichte, die er etwa beim Nachtisch zum besten gab, war die höchst rührende Erzählung von drei Stücken Bielefelder Linnen, die von einem Unkundigen für irisches Fabrikat angesehen worden waren, ein Irrtum, aus dem sicher ein Prozeß entstanden wäre, wenn nicht er, Wilkens – denn, meine Herren, das ist eigentlich mein Fach – als Sachverständiger die Angelegenheit zu einem fröhlichen Ende zu bringen gewußt hätte, indem er bemerkte ... Daß diese beiden Geschichten seiner Unterhaltung einen besonderen Reiz verliehen, ist nicht zu leugnen. Aber er war sehr sparsam damit, denn er meinte: »es giebt Reisende und Reisende, und heutzutage ist nicht jeder imstande, eine gute Unterhaltung richtig zu würdigen.« – – »Und, junger Herr,« sagte Dieper, »wie ist es denn nun mit dem Briefchen im Judenwinkel? 's ist 'n schmierig Papierchen, junger Herr!« »Ja, Dieper, das ist es! Warum sagen Sie's nicht Papa? Dieser Gerrit ...« »Gewiß, junger Herr! Ich hab' mit dem alten Herrn schon oft drüber gesprochen. Aber Sie wissen, daß er nicht gern ...« »Wissen Sie, Dieper, was Sie thun? Schicken Sie ihn!« Und mit dem Daumen über die Schulter zeigte er nach Walther hin. »Nicht wahr, du kannst doch wohl Geld in Empfang nehmen?« Walthers Gesicht hellte sich auf bei dem Gedanken, daß er etwas können sollte. »Es ist sehr gefährlich,« sagte Wilkens. »An das Inkasso kann ich das Papier nicht geben,« klagte Dieper, »'s ist zu schmierig. M'neer hat's mir verboten, weil er manchmal einen der Direktoren der Kasse in der »Doktrina« trifft. Und, sagte M'neer, 's sieht nicht gut aus ... solche schmierige Papiere. Und 's ist auch die Wahrheit? junger Herr!« Noch immer werden einige Leser die wirkliche Bedeutung, dieses eleganten Ausdrucks nicht verstehen. Ein »schmierig« Papierchen ist ein Accept von jemand, der auf der Börse keinen Namen hat. So ein Mann kann solide sein, ehrlich, zuverlässig, es hilft nichts. Die von ihm quergeschriebenen Wechsel sind »schmierige Papiere«. Besonders waren sie oft von kleinen Ladeninhabern aus den Provinzen. In diesem besonderen Fall indessen schien mehr Grund zum Mißtrauen zu bestehen als gewöhnlich. Der Mann, von dem hier die Rede war, wohnte in einer Querstraße einer Quergracht im Judenviertel, und Gerrit, der mehrmals Geld bei ihm geholt hatte, klagte, daß er »bei diesem Kerl« seine ganze Münzenkunde zusammenraffen müsse, um nicht zu kurz zu kommen. Der Acceptant lockte ihn stets in eine dunkle Kammer ganz hinten, in der die zahlreiche Familie hauste und die wenig erleuchtet war: 'ne Höhle, sagte Gerrit. Und ein anständiger Tisch, um das Geld drauf zu zählen, war da auch nicht. Selbst der Fußboden konnte schlecht dazu dienen, denn der war voller Ritzen und Löcher, und wenn man's trotzdem versuchte, kollerten die zahlreichen Kinder recht unprosodisch durch die silbernen Verszeilen. Kurz: die Wohnung dieses Juden war ein Garten der Hesperiden: es war wenig Aussicht, etwas zu pflücken, desto mehr aber, selbst gerupft zu werden. Und Gerrit meinte: »der Kerl legt's drauf an.« Das wußte der junge Herr Pompilius alles ganz gut, und doch drang er darauf, daß der unerfahrene Walther mit dem Einkassieren dieses schmierigen Papiers betraut werden sollte. »Sehen Sie, Dieper, 's ist nützlich für ihn, daß er alles lernt.« »Gewiß, junger Herr, aber ...« »Wie soll's auch sein? Gerrit ist steif von Rheumatismus ... sagen Sie das Papa. Und wenn nun Pieterse das Geld bekommt ... hm, ich meine nur, er muß eben alles lernen.« Der wahre Grund, der Pompilius zu dieser hartnäckigen Verfolgung seines Vorschlages veranlaßte, war ein ganz, anderer. Er hoffte, daß der Jude unserem Walther ein paar falsche Stücke in die Hand stecken würde, oder daß sonst ein Nachteil sich herausstellen würde. Daraus wollte er dann in seinem ewigen Streite gegen Gerrits Rheumatismus Kapital, schlagen. Von den Nachteilen, die durch Walthers Einkassieren entstanden, kam auf ihn – wenn man es nicht gar auf Haushaltsconto abschieben konnte – ja bloß ein kleiner Teil. Und das wollte er gern opfern, um den Knecht loszuwerden, der ihn schon als kleinen Jungen gekannt hatte und der ... sogar in die »Chronique scandaleuse« seiner Jugend eingeweiht war. So sehr skandalös war die Chronik nun freilich nicht. Aber Pompilius bildete sich das ein, wenn auch seine Abweichungen vom Pfad der Tugend meist mit ein paar Groschen zu decken gewesen waren. Wie das Geld, so die Ware ... Also, er setzte es durch. Walther bekam sein schmierig Papierchen, das übrigens nicht unsauberer aussah als andere Wechsel, und barg es mit Sorgfalt in sein väterliches Notizbuch. Die zu empfangende Summe betrug einige hundert Gulden. Wilkens gab ihm den Geldsack mit und den guten Rat, recht aufzupassen. Binnen einer Stunde war Walther mit dem verlangten Betrage zurück. Bis auf ein wenig Schneidemünze in außergewöhnlich kantigen Stücken bestand er in glänzenden Dukaten mit unversehrtem Rand. Gerrit sogar, dem sie Dieper später als Merkwürdigkeit zeigte, mußte zugestehen, daß man sie selten so schön zu sehen bekam, und noch dazu ... »von so'm schmierigen Juden.« Es ging über seine Begriffe, und da ich dasselbe von meinen Lesern voraussetze, will ich die Ursachen von dem guten Ablauf der Sache im nächsten Kapitel erzählen. Ich muß gestehen, daß ich mit Vergnügen das Comptoir von Ouwetyd und Kopperlith einen Augenblick verlasse. Aber ein Schriftsteller kann sich seine Arbeitsstätte nicht wählen, ebensowenig wie ein Lehrbursche. Meine nächstliegende Pflicht war nun einmal, eine gewisse Menschenrasse zu beschreiben, bei der Feuerländer, Huronen und Irokesen sich bedanken können, daß sie nicht das allerletzte Glied der Kette bilden, die den Menschen mit den Tieren verbindet. Der Judenwinkel. Der Ruhm der heutigen Bataver, gemildert durch batavische Bescheidenheit. Handel und Nationalökonomie der Vorzeit. Der Autor findet den Leser, anstatt der versprochenen Dukaten, mit einer Kontroverse über die Juden ab. Der Leser wird also eingeladen, mit dem Autor ein paar Schritt rückwärts zu gehen und Walther nach dem Judenviertel zu begleiten. Als Prinzeß Erika dahin ging, that sie es, um sich durch ein Bad im Gemeinen – oder was man so nennt, zu erfrischen. Sie wollte den Ekel abspülen, den ihr der Hofton verursachte. Wir verlassen gern die Umgebung der Herren Kopperlith, aber nicht um des übertriebenen Hoftons willen. Dafür sind wir aber auch keine Prinzessin. Mit einem Gefühl, als ob der ganze Betrag des Wechselchens in Kupfergeld an seinen Hacken hinge, ging Walther seines Weges. Die linke Hand drückte er steif gegen die Brust, wo das anvertraute Pfand ruhte, und die Rechte hielt er zur Faust geballt, um den ersten besten niederzuschlagen, der etwa Miene machen sollte, ihn berauben zu wollen. O, es hätte schon eine sehr starke Räuberbande sein müssen, die das hätte wagen dürfen. Der große Glorioso, mitsamt allen seinen Kameraden aus seiner besten Zeit – vor diesen entnervenden Liebschaften mit zwei Prinzessinnen, einer Markgräfin und drei unschuldigen Landmädchen – Glorioso selbst hätte sich verrechnet gehabt, wenn er unter Berufung auf die Bekanntschaft, die der Leihbibliothekar in der Hartenstraat vermittelt hatte ... nun, dieser Konflikt zwischen Seelenfreundschaft und Pflicht blieb Walther erspart, denn Glorioso kam nicht, er war ja auch schon tot. Die einzige Gefahr, die ihm begegnete, zeigte sich in Gestalt eines Kindermädchens, das ihn nach dem Wege fragte. Walther schritt an dieser ersten Versuchung zur Pflichtverletzung mit zusammengepreßten Lippen vorbei, und ... mit blutendem Herzen. Denn es fiel ihm schwer, gegen jemand, der seine Hilfe anrief, grob zu sein. Wenn aber dies Kindermädchen eine Bande verkleideter Räuber war, dann hatten diese sich vergebens in Verkleidungs-Unkosten gestürzt. So leicht schwindelte man unserem Helden das Papierchen nicht ab, das seine Chefs ihm anvertraut hatten! Er zählte sich alle die Vorsichtsmaßregeln vor, die er zu beachten hatte. Dieper hatte ihm anempfohlen, das kostbare Stück Papier, das der junge Herr Pompilius als »erledigt« gezeichnet hatte, nicht aus der Hand zu geben, »ehe er Geld sah.« Und nicht zu quittieren, »ehe er das Geld hatte.« Denn er selbst mußte auch noch unterschreiben ... ich weiß nicht, warum. Es war Sitte, und eine Sitte, die ihm entzückend vorkam: »Emp ... fan ... gen ... Wal ... ther ... Pie ... ter ... se.« So sollte da stehen, und zwar in seiner allerschönsten Handschrift. Und das sollte aufgehoben werden. Und einmal später würde der Nachkomme das Papier ansehen und ehrerbietig flüstern: »Sieh, auf dem Papier hat sein Puls geruht ... das hat er geschrieben, er, der ...« ja, was? Hier strauchelte Walthers Phantasie, wie es manchmal geschah, wenn er von einer Zukunft Vorschuß nehmen wollte, die der Gegenwart möglichst wenig gleichen sollte. Und dann zog er die erschrockenen Fühlhörner ein und zwang sich in die Wirklichkeit zurück. So ließ er auch jetzt den Nachsatz – bis auf weiteres – unausgefüllt, und nahm sich vor, nicht zu unterzeichnen, ehe er Geld sah und hatte. So hatte Dieper gesagt. Und in seinen Gedanken machte er sich auch den Schnörkel zurecht, mit dem er seine Unterschrift zieren und bekräftigen wollte. Es sollte eine Schlange sein die sich durch die Stäbe eines Gitters wand. Der Schwanz sollte so kühn wie möglich innerhalb dreier Punkte stehen, die hübsch zwischen gleich weit voneinander abstehenden Linien angeordnet sein sollten, und der Kopf erhielt den Auftrag, wie durch Zufall das P seines Namens zu krönen. Hierin sollte die Feinheit liegen, und Walther dachte schon daran, ein Manifest zu erlassen, durch das alle Autographen ohne diese Krönung, die einmal von ihm in den Handel gebracht werden würden, bezeichnet würden als betrügerisch, falsch und ganz ohne Wert für die Gegenwart und für künftige Heldenverehrung. So weit war er also. Aber das Zählen des Geldes? Eins, zwei, drei, vier ... das konnte wohl gehen. Was jedoch würde man ihm zu zählen geben? Dübbeltjes? Stüber? Vielleicht Deute? Das ging noch. Aber ... die Pietjes? die Dreizehnthalben? die Schillinge? die Sechsthalben? oder – was noch schlimmer war – alles durcheinander? O, o, eine böse Aufgabe! Wenn er einmal König wäre, würde er ... ach, darum handelte es sich ja wieder nicht. Er war ja kein König. Er war Lehrling bei Ouwetyd und Kopperlith und hatte in diesem Augenblick die Aufgabe, eine große Geldsumme richtig in Empfang zu nehmen und abzuliefern. Das war seine nächstliegende Pflicht, und nur an diese hatte er jetzt zu denken. Nun, das that er auch. Müde vor Diensteifer, stieg er zwischen dem Kleinkram und den Auslagen dahin, die die Sankt-Antonius-Breestraat zu einer Art Ameisenhaufen machen. Walther kam kaum hindurch. Betrachtungen über dies sonderbare Haushalten in freier Luft stellte er nicht an. In seiner Eigenschaft als angehendes Amsterdamerchen war er nicht entwickelt genug, um sich über das Unschöne zu ärgern, das er zu sehen bekam, und um an dem Charakteristischen dieser Häßlichkeit Interesse zu empfinden. Prinzeß Erika hatte, nach dem Bericht glaubwürdiger Zeugen, das Stündchen, das sie im Amsterdamer Judenwinkel erlebt, für eines der interessantesten ihres Lebens erklärt. Eine Parade von dreißigtausend Mann Linientruppen – hatte sie im Vertrauen gesagt – mit ein Paar Batterien Artillerie und Geniecorps wäre gar nichts dagegen. Auch die Oper nicht. Und ein Hofball schon gar nicht. Als das den patriotischen Zeitungsschreibern zu Ohren kam, machten sie daraus den Text zu einigen Lobliedern auf die niederländische Nation. Eine fremde Prinzessin hatte die Gnade gehabt, den Amsterdamer Judenwinkel zu besuchen! Alle Abonnenten fühlten sich geschmeichelt durch diesen neuen Ruhm der unverfälschbaren Bataver, der höchstens gedämpft wurde durch die echt batavische Bescheidenheit, womit dieser Ruhm gewöhnlich zugedeckt wurde. Diese nationale Vortrefflichkeit trat dann auch über die Ufer und überschüttete die Nachbarn mit einem Reiz zu ohnmächtiger Ehrerbietung. Die benachbarten Volksstämme waren deshalb auch in ferne Welten ausgewandert, da sie keine Hoffnung sahen, gegen ein solch zerschmetternd Übergewicht in Volksvollkommenheit aufzukommen. Das weiter abliegende Europa stand erstaunt und fiel schließlich vor Erstaunen um. Der berühmte ausländische Mister Chose nannte sogar in seinen Versen unseren Namen, Fürsten und Fürstinnen hungerten und schmachteten nach dem Abfall unseres Ruhmes, und die Amsterdamer Stadträte, unter deren Hut dieser Judenwinkel sich so prachtvoll entwickelt hatte ... Ich denke über das alles ein wenig anders als die Zeitungsschreiber, vielleicht weil ich mich nicht an den Geschmack der Abonnenten zu kehren habe. Daß die Stadtraterei jener Zeit die alleranständigste war, kann wahr sein. Wir haben ja noch die Hochzeitsgedichte, in denen die Herren sich durch charaktervolle Dichter feiern ließen ... Vorbilder von Geschmack, feiner Lebensauffassung, Schönheitssinn, Sittlichkeit u. s. w. Aber, aber, es herrschte ein toller Nepotismus; die Ernennungen zu den Ämtern geschahen nach den ... Hochzeitsversen, glaube ich. Das ist ja nun wohl anders. Das Volk wählt seine Vertreter und Vorsteher ... deshalb kommen ja auch keine unfähigen Menschen mehr ans Ruder. Seit mehr als fünfzig Jahren ist es für blasierte Prinzessinnen nicht der Mühe wert, sich im Judenwinkel zu amüsieren, der früher so besonders interessant war durch die Schönheit des Häßlichen. Wie soll ich die Querstraße beschreiben, in der Walther endlich landete? Nach der Dichtigkeit der Menschheit zu urteilen, die – immer mit dem Aussehen, als ob sie »als Nachbarn« auf die Straße gekommen waren – sich auf der Straße drängte, mußten die Wohnungen alle leer stehen, vom Keller hinauf bis in das höchste Stockwerk. Da herrschte noch immer die Ordnung oder Unordnung eines Völkchens, das in der Wüste umherschweifte. Die Leinwand der Zelte war Holz und Stein geworden, und an Stelle der Heide begnügten sich die zur Ansiedlung gebrachten Nomaden mit dem Schmutz und Staub auf den Pflastersteinen. Was sie für die Oasen als Ersatz bekamen, weiß ich nicht. Aber auch ohne die geringste Vergütung für die vereinzelten Schönheiten aus ihrem früheren Aufenthalt war noch immer die Straße selbst, und nicht das Zelt von Kalk und Stein, ihr geliebtes Heim. Die Löcher, die sie angeblich bewohnten – Faustschläge in das Gesicht der Civilisation – waren höchstens gut genug, um darin zu schlafen, und selbst das kaum. Sobald das Sommerwetter die Einbildung gestattete, daß man sich wieder in den erzväterlichen Gauen befand, nahm das sonderbare Völkchen das als ein Zeichen, daß man jetzt wieder in freier Luft leben müsse, als Zeichen zur Rückkehr in vorkanaanitische Zeiten ... abgesehen von der längst verjährten Streitbarkeit. Zwischen den Reihen ihrer Zelte brachten sie den größten Teil der Zeit zu. Da saßen sie, da lagen sie, da schliefen sie. Da wurde gegessen, getrunken, gearbeitet, d.h. gehandelt; da lebten sie. Aber das Leben war sonderbar, wenn es auch in seinen Hauptmomenten ihren Mitbürgern von anderem Ursprung und besserem Glauben entging. Man sah bloß die sehr bekannte Außenseite. Alles war da, um Handel zu treiben, oder besser um möglichst etwas zu verkaufen, aber wer waren eigentlich auf diesem sonderbaren Markte die Käufer? Das blieb ein Geheimnis. Kauften diese Straßenkrämer voneinander? Trieben sie Tauschhandel in Lumpen und Flittern und verrosteten Nägeln? Wenn ja, was aßen sie? oder vielmehr, welcher Betrieb lieferte ihnen den Verdienst, woraus die Lebensmittel bestritten wurden? und die Miete? und die Kleider, die doch an Festtagen durchaus nicht armselig waren? Zur Zeit, da diese Geschichte spielt, war die Nationalökonomie noch nicht erfunden. Daher kommt es wohl, daß keiner sich die Frage vorlegte, wer denn diese Waren konsumierte, die hier in endlosen Reihen aufgestapelt waren. Das Wort »Reihe« ist wohl etwas übertrieben: alles lag und stand herum. Gestelle hatten die meisten auch nicht, ein Stück Segeltuch als Unterlage genügte, und auch das ließ sich zur Not entbehren. Und was man da alles fand! Da lag Eisenkram – nein, so hoch bezeichneten sie es nicht – man nannte es: Handel in Alt-Rost. Der Mann behauptete nicht, Eisen zu verkaufen, er verkaufte Rost von Eisen. Und nicht einmal frischen Rost. Er verkaufte alten Rost, oder Altverrostetes, oder Dinge, die alt und verrostet waren, frühere Gegenstände, die nun von Rost und Altertum zerfressen waren. Und unser Kaufmann stellte sich noch niedriger: er begnügte sich mit dem Namen, »worin er machte« und hieß Alt-Rost. Bescheidener kann man nicht sein. Da lagen durchscheinende Kacheln, halbe Kacheln, Bruchstücke von Kacheln. Da lagen zweibeinige Dreifüße, die ihren klassischen Namen nicht mehr verdienten. Da lagen Gitter ohne Stäbe, Schraubenmuttern ohne Schrauben, Schrauben ohne Mutter. Da lagen einsame Teile von Zangen, Hälften von Scheren, grausam von ihrem Zwilling getrennt. Da lagen Nägel ohne Köpfe, zahnlose Sägen, Haken ohne Griff, Griffe ohne Haken, Schnallen ohne Zunge. Da lagen Scharniere, Reifen, Stifte, Krammen, Ringe, Thürklinken, Riegel, Säbel, Bajonette, Beile, Hämmer, Feuerschürer, Kohlenschippen Töpfe, Pfannen, Kessel, Stürzen. Da lag alles, was nur irgend einmal konnte aus Eisen gemacht sein, aber nun unbrauchbar, verdreht, gebrochen, zerrissen, unvollständig und vor allem: verrostet! Das schien Grundbedingung. Vielleicht war der Kaufmann an diese Eigentümlichkeit durch irgend ein Zunftgesetz gebunden, und er war nur für Rost und nicht für Eisen zugelassen. Und ich sprach bloß von den Dingen, die einen Namen haben oder vielleicht einmal einen Namen gehabt hatten. Und wir standen allein vor dem »Alt-Rost.« Den übrigen Teil des »Marktes« zu beschreiben, geht noch mehr über meine Kräfte. Da konnte man kaufen – aber wer kaufte da? – saure Gurken, Rindshäute, Nieren und Lungen, Kalbfleisch und anderes, gekocht und ungekocht, mit und ohne Sauce. Da gab es alte Lappen und Fetzen, und Stücken Leder, und Knochen, und alte Hüte, Filz. Bilder ohne Rahmen und Rahmen ohne Bilder. Und Druckschriften, und Bücher. Und Einbände ohne Bücher, Blätter ohne Titelblatt. Und Landkarten, in vier oder sechs Teile zerschnitten, um einzeln an den Mann gebracht zu werden, wenn ein ganzes Land ihm zu viel war. Und alte Kleidungsstücke, und geflickte Stiefel, von den ungeflickten gar nicht zu reden. Da lag Kinderspielzeug, das schon viel erlebt hatte, zwischen einem Berg Sauerkohl und einer Trophäe von Hufen und Hörnern. Da stand ein Handwagen, beladen mit Pomadentöpfen und lateinischen Dissertationen, mit Kalendern von früheren Jahren und Predigten. Auch Möbel gab es da. Da war Porzellan, und Glassachen, und Töpferwerk, und Küchengerät – ja, was gab es da nicht! Und alles war in Stücken, geflickt, unansehnlich, unvollständig, anscheinend zu nichts brauchbar und für niemand zu verwenden – und doch kann das nicht der Fall gewesen sein denn das Völkchen lebte von dem Handel! Die Bewohner dieses Ameisenhaufens sind ... Menschen. Sie haben Wünsche und Ärger. Sie kennen Freude, Hoffnung, Enttäuschung, vielleicht auch Ehrgeiz. Sie wissen, wie andere Menschen, was Liebe ist. Ja, es ist etwas Menschliches in solchem Alt-Rost und in solchem Großmütterchen, das »Saures« verkauft. Feigen hat sie auch, nett fünf und fünf auf Hölzchen gespießt. Solch Stäbchen kauft die Jugend für einen Deut, Der Gewinn ist groß, denn der ganze Vorrat ist ein unfreiwilliges Geschenk des Händlers, der sie aus seinem Laden warf, weil der Zucker nach zwanzigjährigem Lagern sich in Alkohol umzusetzen anfing. Der Verdienst ist enorm, wenn ... die Jugend die Feigen kauft. Wenn! Woher – das ist der Grund meines nationalökonomischen Kummers – woher kommt der Deut? Die Väter oder Mütter, die ihn hergeben mußten, handelten nebenan mit Stücken von Kokosnüssen oder Curacao-Bohnen. Mußte das Geld, das das Kind zu den Feigen brauchte, nicht erst – außer dem Lebensunterhalt u. s. w. – an den Kokosnüssen verdient werden? Und wer kaufte die? Wie viel Stücke von Kokosnüssen, von westindischen Bohnen mußte die Nachkommenschaft der alten Feigenfrau dem Manne abgekauft haben, damit er ihnen wieder ihre Feigen kaufen konnte? und umgekehrt? ... Aber das Geheimnis des hin und her wandernden Deuts ist nicht das einzige Auffallende, was unsere Aufmerksamkeit verdient. Warum z. B. fallen die armen Nomaden nicht wieder einmal von ihrem Jehovah ab, wie man doch annehmen sollte, da es – außer der Vorliebe für Knoblauch, Schachern und Süßigkeit – von altersher ihre Hauptsünde war? Sie konnten der Verführung von Kälbern und Böcken nicht widerstehen, beteten allerlei Ungetüme an, knieten vor Moloch und Baal und Astaroth und Dagon, opferten babylonischen Göttern, persischen, syrischen Göttern, Fliegen-, Feuer- und Dreckgöttern, mischten sich mit Frauenspersonen von allerlei verbotener Sorte, ärgerten ihren Herrn mit einer Kette von allerlei Untreue, sodaß er nicht Ruten genug hatte, um ihnen immer wieder den Geschmack an seiner liebevollen Regierung beizubringen ... und jetzt? Keine Spur mehr von der bekannten liebenswürdigen Dame Babylons? Wie kommt das? Ist der Glaube der Menschen, unter denen sie ein paar Jahrtausende gelebt haben, so viel weniger verführerisch? Ist die Treue der heutigen Juden stärker, oder sind die Mittel schwächer geworden, mit denen der Böse sie in früheren Zeiten zu sich herüber zu holen wußte? Jehovah hat es jetzt gut. Seit achtzehnhundert Jahren braucht er sich über sein auserwähltes Volk nicht mehr zu ärgern. Die Zeit vollkommener Versöhnung muß nahe sein. Oder sollte ich mich irren? Ist es nicht wahr, daß er Grund zur Zufriedenheit hat? Von Böcken- und Kälberdienst ist keine Rede mehr ... abgesehen von dem einen goldenen Kalb, das in »Effekten« ist. Aber da wird ja der Herr, der sicher mit der Zeit mitgegangen ist, wohl durch die Finger sehen. Anbetung anderer Götter findet nicht statt. Alle Ursachen zur Eifersucht sind aus dem Wege geräumt. Aber ... ist es genug? Muß die Braut zufrieden sein, wenn ihr Erkorener nicht öffentlich mit der Fallenstellerin flirtet? Hat sie nicht Anspruch auf thätige Beschirmung? Unter den Juden sind viele gebildete Menschen. In vielen wissenschaftlichen Fächern zeichnen sie sich seit Jahrhunderten aus. Warum bekämpfen ihre Rabbis, ihre Theologen, ihre Geschichtsforscher, ihre Denker die christliche Religion nicht? Warum überlassen sie das dem einzelnen Wahrheitssucher, der, im Christentum geboren, es viel schwerer hat? Der christlich-geborene Dissident wagt mehr, opfert mehr. Niemand wird es in unseren Tagen dem Israeliten übel deuten, daß er nicht an Christus glaubt. Niemand wird ihn darum verfolgen, ausschließen, lästern. Mit dem Nicht-Israeliten thut man es. Zum Beispiel mit mir. Die Israeliten, die vor allem dazu befugt und berufen wären, die Ungereimtheiten der christlichen Legenden und Systeme nachzuweisen, – sie schweigen. Warum? dürfen sie nicht? Ich glaube es nicht. Mich dünkt, Sprechen wäre ihre Pflicht, und ich glaube, Jehovah ist hierin meiner Ansicht. Ich weiß, die Juden haben sich hie und da mit der Legende der Entstehung des Christentums befaßt. Es giebt ein Buch: Geschichte des Rabbi Jesus, des Sohnes des Zimmermanns. Aber das hat wenig Wert. Man führt eine Mythe nicht zur historischen Wahrheit zurück, indem man eine anders lautende Mär erzählt. Auf diese Weise kann die Geschichtsschreibung von der Entstehung des Christentums nicht bekämpft werden. Es ist auch nicht nötig. Was unwahr ist, trägt den Keim der Vernichtung in sich. Liegt aber darin eine Entschuldigung für die laue Zurückhaltung der Juden? Ihre Propheten eiferten doch sonst gegen andere Unwahrheiten, die wohl auch an ihrer eigenen Nichtigkeit zu Grunde gegangen wären. Die Lehrsysteme von Achab und Jesabel kenne ich nicht so genau, aber meint man, daß sie Schule gemacht hätten, wenn nicht alle die Propheten sie bekämpft hätten? Die Gefahr war nicht so groß. Ich glaube, auch die Zukunft des Christentums ... aber ich bleibe dabei, daß darin für die sonst so eifrigen Juden kein Grund liegt, die Ungereimtheit ihren eigenen Tod sterben zu lassen. Dann hätten ja die Eliasse und Jeremiasse auch keinen Sinn gehabt? Wie ist das so verändert, und auf Grund welches Artikels in Moses und den Propheten? Israeliten, ich rufe euch! nicht zu den Waffen, um alles, was eurem großen Moses nicht folgt, zu schlagen mit der Schärfe des Schwerts – ich könnte euch, mit eurem »Gesetz«, dazu aufrufen – aber ich frage euch: warum polemisiert ihr nicht? Bei jedem Streit um eine gemeinsame Mauer steigen die jüdischen Advokaten wie Pilze aus der Erde, und euer Jehovah schmachtet seit Hunderten von Jahren vergebens nach einem, der für sein Recht spricht, oder was ihr doch dafür halten müßt. Die Presse ist frei. Die Gewissen auch. Der Glaube auch. Die Autodafés sind verboten. Es steht euch frei, stolz zu erklären, daß euer Gott der wahre Gott ist, euer Jehovah der wahre Jehovah. Warum schweigt ihr? Katholiken streiten mit Altkatholiken und Griechisch-Orthodoxe mit Protestanten. Protestanten streiten untereinander. Jede Gemeinde hat einen Glauben zu verteidigen gegen andere Bekenntnisse anderer Gemeinden. Und in der Gemeinde selbst wimmelt es von verschiedenen Ansichten. Bald wird jeder sein eigenes Bekenntnis haben, was so viel bedeutet als die Abschaffung des gemeinsamen Bekenntnisses. Jeder kämpft für seine Wahrheit. Warum nicht auch ihr, Israeliten, für eure? Habt ihr keine Lust zur Theologie, weil ihr zu viel mit dem Handel zu thun habt? Nehmt euch in acht, euer Jehovah ist ein eifriger Gott. Elias und Jeremias gaben sich auch nicht zum Vergnügen mit Theologie ab. Und die Christen? Seht einmal, wie sie sich streiten um den freien Willen und die Vorherbestimmung, um die Wiedertaufe, die Transsubstantiation, um Eid und Wunder, ... die manche sogar mit dem gesunden Verstande zusammenbringen wollen. Auf, Israeliten! mit der Hälfte des Scharfsinns, den eure Advokaten anwenden, wenn es sich um eine gemeine Mauer handelt, könntet ihr ein Dutzend moderne Götter entthronen, die eurem Jehovah vierkantig im Wege stehen. Ihr seid Bürger der Staaten, in denen ihr – zur Zeit? – wohnt. Gut. Ihr tragt die Lasten mit und genießt mit an den Vorteilen. Ganz gut ... was mich betrifft, dem weder Nation noch Konfession einen Unterschied zwischen Menschen und Menschen macht. Ihr seid unterthan und verehrt Obrigkeit und Könige in Christenlanden, und auch das finde ich von meinem Standpunkt nicht zu tadeln, sogar sehr vorsichtig Aber ... es ist eine andere Frage, ob euer Glaube das zuläßt? Mich dünkt, nein. Als Herodes von Antonius euren Vorfahren als König eingesetzt wurde, machte ihm sein Gegner Antigonos zum Vorwurf, daß er bloß ein Idumäer, d.h. ein halber Jude, wäre, und nach uralten Gesetzen konnte ein solcher nicht König sein in Israel. Und ihr? Ihr nehmt Könige zu Herren, die weder Israeliten noch Edomiten sind, noch Kanaaniten – kurz, schlimmer als das alles: unbeschnitten Volk, das nicht einmal einen Turban trägt und sich nicht im mindesten um die Heiligkeit mosaischer Gesetzgebung kümmert. Und diese Gesetzgebung selbst? Wie könnt ihr ihre tägliche Vergewaltigung ansehen, ohne Widerstand, oder wenigstens ohne Protest? Was hat euren Jehovah so nachsichtig gemacht und euch so pflichtvergessen? Zu Jerusalem küssen eure Brüder die Mauern, die die heiligen Stätten abschließen, und ihr? Ihr umarmt allerlei Dinge, die in eurem Gesetzbuch als heidnisch gebrandmarkt stehen. Ihr geht mit Unbeschnittenen um ... nicht als Brüder, aber als Kunden und Geschäftsfreunde. Ihr reicht die Hand allerlei Bösewichtern, die Schweinefleisch essen und sich nicht scheuen würden, einen Waffelkram in eurem Tabernakel aufzustellen, wenn ihr euch nicht auf euer Eigentumsrecht berufen könntet, nach einem bürgerlichen Gesetz, das euch ein Greuel sein müßte. Greuel .. ja, das Wort paßt hierher. Lest einmal nach, wie viel Greuel ist im Auge eures Herrn, und was ihr doch alle Tage treibt. Das ganze Deuteronomium und der Levitikus sind voll davon. Es leben wenig Juden, die nicht – theologisch gesprochen – zehnmal des Tages müßten »weggethan werden von den Augen des Volks«, durch Steinigung, durch Vergraben in die Tiefe der Erde, mit einem Haufen Steine drauf »bis auf den heutigen Tag«. Es steht geschrieben: »Nach sieben Jahren sollt ihr alle Schuld streichen« – ihr streicht nichts: ein Greuel! Es steht geschrieben, daß ihr zu essen geben sollt den »Witwen unter dem Thor« – ihr wohnt in Städten mit Barrieren: ein Greuel! Es steht geschrieben, es soll kein Mietslohn gefordert werden für geliehenes Geld – ihr leiht Gelder für die höchsten Zinsen: ein Greuel! Es steht geschrieben, ihr sollt keine Kleider tragen, die aus Stoffen von zweierlei Art gefertigt sind – ihr kleidet euch in bunte Gewänder: ein Greuel! Es steht geschrieben ... Wo sollte ich endigen, Israeliten, wenn ich Vers für Vers vergleichen wollte? Thut es selbst – und überschlagt getrost das Unanständige – und antwortet: woher alle diese Verkehrtheiten in Israel? Und vor allem: warum kämpft ihr nicht gegen die Christen? Ihre Lehre ist die Vernichtung der euren. Entweder ihr Gott oder der eure ist der wahre nicht. Es mag euch bekannt sein, daß ich weder für den einen noch für den anderen Partei ergreife, aber ihr müßt darüber anders denken, scheint mir. Der kleine Junge in dem Amsterdamer Judenwinkel, der den Prediger Schwartz ermorden wollte, ist der einzige konsequente Israelit, von dem ich seit Jahren gehört habe. Kein Anhänger von Moses kann es mißbilligen, daß dieser Knabe jemand aus dem Wege räumen wollte, der verkündigen kann, daß »das Gesetz« aufgehoben sei und daß man nach einem neuen Reglement dienen solle. Sei, was du bist! So lange sich die Israeliten in den Dingen, die ihnen angeblich heilig sind, so lau anlassen, kann ich sie nicht hochschätzen. Nicht höher z.B. als die Christen, die ebenso ausgezeichnet die Kunst der Anpassung verstehen. Ehrerbietung gegen die Gefühle anderer? Ich habe Ehrerbietung vor der Aufrichtigkeit. Und vor dieser Ehrerbietung verlange ich Ehrerbietung! Eine unbedeutende Geschichte. Der Leser wohnt einem Mittagsmahl im Freien bei und wird dann zu einer mühevollen Fahrt in das dritte Stockwerk eingeladen, wo Walther aber nicht ermordet wird. Über die Enttäuschung des romantisch angelegten Lesers wird sich der Autor zu trösten wissen. Es wird Zeit, zurückzukehren zu der besonderen Klasse der Juden, denen man zu Amsterdam gestattet hat, eine Stadt innerhalb der Stadt zu errichten, und zwar, genauer, zu dem alten Weiblein mit den Feigen. Ich nehme es ihr gewiß nicht übel, daß sie sich polemischer Schriftstellerei gegen die Säulen anderer Konfession enthält. Dafür liefert sie uns Anleitung zu Betrachtungen von ganz anderer Art, die für die Aufmerksamkeit mancher meiner Leser wohl zu niedrig sind, für meine aber nicht. Wenn auch meine Einsicht nicht entwickelt genug ist, um die tiefsten Winkel mancher Geheimnisse zu ergründen – z. B. das Geheimnis des Stübers, von dem ich vor kurzem sprach – so darf ich doch auch manchmal auf meine Unwissenheit stolz sein, wenn ich an die vielen denke, die sich ihrer Unwissenheit nicht bewußt sind. Jetzt suche ich z.B. nach der Seelengeschichte dieser alten Frau. Denn eine Seele hatte sie. Und eine Geschichte auch. Sie ist Säugling gewesen. Sie ist Kind, Jungfrau, Braut, Gattin, Mutter geworden. Jetzt ist sie Großmutter. Vielleicht noch mehr. Eine so lange Laufbahn durchläuft keiner, ohne daß von den Eindrücken, die er erlebt, etwas sitzen bleibt. Sie hat viele gekannt, einige gehaßt, einige geliebt oder, was vielleicht noch mehr ist, einen! Es gab Leute, die sie liebten. Wer, wie, warum? Was fragen wir danach! Es muß so gewesen sein. Sie ist Mutter geworden und war also einmal die Auserkorene, vielleicht die Auserkorene eines einzigen Augenblicks. Viele ihrer Verwandten und Bekannten hat sie überlebt, sie hat am Totenbett gestanden von Bekannten, Freunden, Angehörigen, Lieblingen. Auch mit der Politik ist sie in Berührung gekommen, insofern keiner sich ganz dem Einfluß entziehen kann, den diese auf jeden einzelnen ausübt. Damals, und da wieder, und dann nochmals hat sie ihr Geschäftchen schließen müssen, ihren Kram wegschleppen, weil da ein Prinz vorbeikommen sollte, oder ein Kaiser hatte Geburtstag, oder die Christen wollten einen Buß- und Bettag abhalten oder eine Dankstunde. Vielleicht auch bloß, weil der Bürgermeister schlechter Laune war, denn in freien Staaten ist nichts freier als die Laune der kleinen Machthaberchen. Vielleicht hing ihr Handel auch einmal ab vom Straßenrumor der Revolution? Wir wissen ja, wie die Steine, die von den Großmännchen des Tages geworfen werden in den Ocean der Weltgeschichte, Kreise ziehen, die sich ringsum ausbreiten bis zum äußersten Rand der Gesellschaft, und wie sie auch in die Tiefe sich ausdehnen bis zur untersten Schicht. Viel ist ihr über den Kopf gegangen, vieles hat sie gestreift, berührt, geschrammt, gestoßen. Und diese Frau soll keine Geschichte haben? Wer das meint, der gebe lieber zu, daß er nicht gelernt hat, solche Geschichten zu lesen. Sie hatte Triefaugen, das ist wahr, und sah gerade so unappetitlich aus wie ihre Feigen. Runzeln hatte ihr Gesicht nicht – war es überhaupt ein Gesicht? – es waren Furchen und Gruben. Wie feuchte lederne Lappen hingen die Falten übereinander, und der Beschauer hatte Mühe, sich vorzustellen, wie das alles seinen rechten Weg fand und wieder an Ort und Stelle kam, wenn es durch die mummelnde Bewegung ihres Mundes hin und her geworfen worden war. Das Weibchen war mit ihrem Mittagsessen beschäftigt. Ein kleiner Junge von etwa vier Jahren hatte ihr in einem geflickten Feuertopf einen Imbiß von Kartoffeln und Zwiebeln gebracht, was sie nicht ohne Mühe und Verlust mit einer vom Nachbar ausgeborgten Gabel nach dem Munde führte. Beim Essen verlor sie keinen Augenblick ihr Geschäft aus dem Auge und musterte mit kinderkundigem Blick den unmündigen Teil der Menschheit, der sich ihrem Kram näherte oder ... vorbeiging. Denn viele Kinder geben ein Beispiel von der Philosophie, die uns lehrt, daß irdische Güter, auch Feigen, nicht absolut notwendig sind, um glücklich zu werden, manchmal sogar schädlich. Vielleicht war die Flauheit des Marktes die Folge einer finanziellen Krisis, wie es im Handel wohl einmal vorkommt. Um sich auf edle Weise zu rächen, vielleicht auch um die Naschhaftigkeit der anderen Kinder zu reizen – – nein: aus herzlicher Liebe zu dem kleinen Jungen, dessen Urgroßmutter sie war, gab sie ihm ein Stäbchen mit Feigen Allerdings verband sie mit ihrem Geschenk die Bedingung, daß er die Hälfte seinem Schwesterchen abgeben müsse. Und das Stöckchen kann ich dann behalten?« fragte der Knabe. »Ganz und gar? Das ganze Stöckchen?« »Gewiß, Liebling, 's Stöckchen kannst du behalten, ganz und gar!« Die Augen des Kindes glänzten vor Glück. Da wanderte eine Feige nach innen. Die zweite folgte. Dann ... sauber die Hälfte der dritten abgebissen. Die andere Hälfte wurde wieder angesteckt. »'s Stöckchen kann ich behalten!« jauchzte der Kleine. Als die Alte den Topf ausgegessen hatte, gab sie ihn mit Liebkosungen und einem Kuß an das Kind zurück. Der Knabe eilte davon, jubelnd das Geschenk für die kleine Rachel in der Luft schwenkend. Die stand in einer kleinen Entfernung mit anderen Kindern und spielte; auf die frohe Kunde lief sie dem Brüderchen hastig entgegen. Sie strauchelte und fiel und that sich weh ... vielleicht auch nicht, aber sie heulte doch los, wie fallende Kinder zu thun pflegen. Walther hatte das alles mit angesehen. Seit einigen Augenblicken war er in der Nähe der alten Frau stehen geblieben, mit der Absicht, sie nach der Wohnung des Mannes zu fragen, der das »schmierige Papier« acceptiert hatte. Sie sah einem Strauchdiebe wenig ähnlich, und die Mitteilung, daß er mit einer so gewichtigen finanziellen Operation beschäftigt war, konnte schon in ihren Schoß niedergelegt werden. Doch zauderte er noch. Auch im Glorioso kamen sehr alte Weibchen vor, die sich im entscheidenden Augenblick in wohlgewappnete Männer verwandelten! Anderseits konnte er Hilfe und Auskunft nicht entbehren. Er wußte mit Bestimmtheit, daß er sich in der Straße befand, wo er Geschäfte hatte, ... aber welches war das Haus? Von Nummern war wenig zu sehen, denn von oben bis unten hing alles voll Fetzen und Lumpen. Dort in der Ruine, die gerade hinter dem Platze der Feigen- und Sauregurkenfrau zu sehen war, mußte nach seiner Berechnung die gesuchte Person wohnen, aber er konnte sich darauf nicht verlassen. In dem baufälligen Hause konnte kein Sack voll Gulden sein, meinte er, selbst nicht so viel Deute. Er begann jetzt besser zu verstehen, warum sein Briefchen »schmierig« war. In der ganzen Straße sah kein Haus so aus, als ob da jemals ein Wechsel bezahlt werden könnte. Nachdenklich blieb er stehen und ließ sich einen Augenblick durch das Schauspiel mit dem Kinde von seinen Gedanken ableiten. Bibelfest, wie er war, brachte ihm das Jauchzen des Knaben die Stelle aus dem vierten Buch Mose vor die Erinnerung, wo die Kundschafter kommen mit Trauben, Granatäpfeln und ... Feigen. Auch da wird von einem Stock gesprochen, von einem Tragstock, dachte Walther, und wollte sich gerade in ... etwas ganz anderes vertiefen als seine nächstliegende Pflicht, als er das zweijährige Rachelchen straucheln und fallen sah. Schnell bei der Hand, richtete er das Kind auf, wischte ihm die Thränen ab und trug es zu der alten Frau, die sehr freundlich dankte. »Gott soll's dir segnen hundertmal, junger Herr!« sagte sie. Nun, es giebt wenig, was billiger wäre, als jemand Gottes Segen zu wünschen. Auch wäre ja wohl das Kind von selber wieder aufgestanden und zu seiner Urgroßmutter gelaufen. Aber doch that der Dank Walther wohl, und er schöpfte daraus den Mut, das alte Frauchen nach der Wohnung von Rubens, dem Manne, den er suchte, zu fragen. »Mein eigener Enkelsohn, lieber Junge! Hast du Geschäfte mit ihm? Gottes Segen drauf! Hier wohnt er, gleich hinter mir ... sieh, da die Treppe hinauf. Geh ruhig hinauf und lauf bis zum dritten Stockwerk, wo du die Decken siehst hängen und all das Bettzeug und sein Schabbeshemd. Und du klopfst an die Thür neben 'm Gußstein, und du rufst: Ruben, Ruben! Denn Ruben Rubens heißt er. Und er ist Kommissionär in Lumpen, und mein eigener Enkelsohn, und Rachelchens Vater, wahrhaftigen Gott!« Diese feierliche Versicherung, die sich auf Rubens gesellschaftliche Stellung und Familienverhältnisse bezog, war weniger überflüssig, als es scheint. Walther fiel es schon nicht leicht, zu begreifen, daß ein Mensch, der dort wohnte, hundert Gulden bezahlen könnte. Aber das nun einmal zugegeben, kam es ihm doch merkwürdig vor, daß ein Mann, der über so viel Geld verfügte, der Enkel von solcher alten Sauregurkenfrau sein sollte, und Rachelchens Vater. Er kannte die Eigentümlichkeit noch nicht, die viele Juden – wie Asiaten überhaupt – noch immer von den westlichen Völkern unterscheidet, daß sie nämlich oftmals eine ganz tüchtige Vermögenslage hinter scheinbarer Armut verstecken. Eine Art von umgekehrter Reklame, ganz anders als bei den Kopperliths. Daß der Kommissionär in Lumpen – ein Verbindungsglied zwischen dem Lumpensammler und dem Papierfabrikanten – seine Großmutter da auf der Straße sitzen ließ ... lieber Gott, sie wollte nichts anderes. Sie war in diesem Handel aufgewachsen und wollte darin sterben. »Saures« und verdorbene Leckereien waren ihre Spezialität. In einem anderen Fache hätte sie nichts geleistet, denn sie hatte die Nase für den richtigen Geruch. Sie hatte nun einen achtzigjährigen Krieg geführt gegen flaue Kauflust, schlecht Wetter, lästige Polizei ... denn einmal war es dem Magistrat sogar eingefallen, den Handel mit verdorbenen Eßwaren zu verbieten! Sie hat wohl auch ihre Jugend-Illusionen gehabt. Einmal ist ihr die Bemerkung entschlüpft: »Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, ginge ich ins Knochenfach.« Aber das würde ja wohl auch sein Unangenehmes haben. Gewählt ist gewählt ... und Jehovah selbst konnte es nicht ändern, daß Frau Rubens ihre Seele mit sauren Gurken und schlechten Feigen genährt hatte. Was soll er im Himmel mit solchen Seelen anfangen, fragst du? Nun, und der junge Herr Pompilius mit seinem Weißgrund-Dreifarb, und der Herr Wilkens mit seinem Barchent? Und die landeten doch sicher einmal im Himmel. Pompilius war von der Walekerk und Wilkens holländisch-reformiert: zwei sehr gute Glauben, wie jeder weiß. Walther bedankte sich sehr höflich für die Aufklärung und kletterte hinauf. Schade, daß keine Räuber waren auf den ausgetretenen Treppen; es war da so dunkel, daß man Lust bekommen konnte, sich selbst zu bestehlen. Das Klettern unseres Lehrlings verlangte eine ganz besondere Gymnastik. Ganz unten hatte seine rechte Hand sich eines Stricks vergewissert, der nach oben führte. Nach einigen Schritten war er genötigt, seine Augen gänzlich ihres Dienstes zu entbinden, aber die Sache fiel um so mehr auf seine Hände, die höchstens von Zeit zu Zeit einen Augenblick Ruhe bekamen, wenn er glaubte, festen Grund unter den Füßen zu haben. Walther schwebte da – aber im Dunkeln – wie die Vogelnestsucher an der javanischen Südküste, oder wie die Eiderdaunensammler im hohen Norden, oder wie die Kriegsleute des Herodes, die in hängenden Kästen die Räuber in den Felshöhlen bekämpften, wie im Josephus zu lesen steht. Walther kannte diese Geschichte und hatte eine Abbildung dazu gesehen. Nicht ohne Angst berechnete er, was kommen sollte, wenn das Tau riß. Da er durchaus nichts sehen konnte, sah er ganz deutlich die Felskanten und Spitzen? auf die er stürzen müßte. Gott sei Dank, der erste Stock war glücklich erreicht. Er konnte etwas ausruhen. Der Zugang zum zweiten Stock war enger und das Tau, an dem er sich emporziehen sollte? dünner und glätter. Mutvoll fing er auch diesen Zug an und würgte sich zum zweiten Stock durch. Hier hoffte er, daß er sich um ein Stockwerk verzählt haben könnte, aber nein – wer bloß zwei Stock gestiegen ist, steht auch nicht höher als zwei Stockwerke. Walther tastete nach dem Gußstein, aber es war keiner da. Er sah ein, daß seine nächstliegende Pflicht noch immer im Steigen bestand. Auch kam durch irgend einen Riß oder Spalt etwas Licht, und er unterschied wohl irgendwo im Dunkeln Strümpfe und Mützen und dergleichen, aber kein Schabbeshemd. Also höher hinauf, höher! Was so ein Lehrling auf einem Kaufmannscomptoir für sonderbare nächstliegende Pflichten zu erfüllen hat! Die Soldaten des Herodes ... doch das ist jetzt nicht die Frage ... die dritte Treppe hinauf! Sicher war er auf dem rechten Wege, denn der Zwiebelgeruch wurde stärker und stärker. Noch ein bißchen Mut, und er mußte in die Gegend kommen, wo die Speise bereitet wurde, die er unten in dem Topfe gesehen hatte. Wahrhaftig, das Tau war zu Ende. Vorsichtig fühlte er mit dem Fuße vorwärts und nach beiden Seiten. Er fühlte Grund. Und noch eine Probe, und noch eine ... er hatte etwas unter sich, was so etwa fester Grund hätte sein können. Er tastete um sich und fühlte den Gußstein, und wenn er auch von dem Schabbeshemd nichts sah, hier mußte es sein. Er klopfte also auf gut Glück gegen die Wand und rief: »M'neer Rubens! M'neer Rubens!« »Nu, komm schon 'rein!« antwortete eine Frauenstimme. »Was 'n Skandal aufm Flur! Was willst du? Wechsel? Komm 'rein und mach nicht so'n Lawai! Mein Mann ist krank.« Da eine Thür geöffnet wurde, konnte Walther nun endlich sehen. Die Frau, die sich zeigte, beantwortete seine Frage, ob da M'neer Rubens wohnte, bejahend. Er trat ein. »Von den Herren Ouwetyd und Kopperlith,« stotterte Walther, mit dem vergeblichen Versuche, in Stimme und Haltung etwas Offizielles zu bringen. Und er holte das schmierige Papierchen zum Vorschein. »Vater,« sagte die junge Frau, »das sind sie schon mit einem von de Wechselche ... ach Gott, er hat die Nacht davon geträumt!« Es fiel Walther auf, daß sie mit jemand zu sprechen schien, denn er sah außer der Frau selbst keinen Menschen im Zimmer. Dies klärte sich sofort auf. Es kam Antwort hinter den Vorhängen einer Bettstelle hervor. »Du hast ihn wach gemacht!« sagte die Frau in vorwurfsvollem Tone. »O, das thut mir leid,« antwortete Walther mit mehr freundlichem Interesse, als sein Auftrag gestattete oder mit sich brachte. Ja, wenn es sein Wechselchen gewesen wäre, er hätte gewiß vorgeschlagen, daß er ein andermal wiederkommen werde. »Was soll ich dir sagen?« rief der Kranke. »Ich hab's Fieber. Von wem kommt er denn?« »Von den Herren Ouwetyd und Kopperlith ...« »Kann mir nichts helfen. Wie ich dir sag', kann mir nichts helfen. Ich frag', wer ihn ausgestellt hat. Sieh mal nach, Rebeckche, ob's Briefche ist von Schomele, oder 's Briefche von Büssemakers, oder 's Briefche von Bebbel Ruls in Köln. Denn 's verfalle drei diesen Tag ... einer siebenunddreißig, sechzehn, acht, und einer dreihundertdrei, und einer siebenhundertdreizehn, sechs, zwölf. Und gieb mir noch was Essigwasser, Rebeckche, denn ich hab' so'n Durst vom Fieber. Siebenhundertdreizehn, sechs, zwölf ist von Schomele, und hier ist's Geld.« Rebekka gab ihrem Ehegemahl zu trinken. Als sie darauf Walther ersuchte, ihm den Wechsel zu zeigen, hielt dieser ihn ihr vor, ohne ihn loszulassen. Die Frau zeigte sich durch dies komische Mißtrauen durchaus nicht beleidigt. Es schien ihr nicht aufzufallen, oder sie achtete nicht darauf. »Er ist von Schomele, Vater,« »Siebenhundertdreizehn, sechs, zwölf, gut ... und hier ist Geld.« Der Kranke schien unter seiner Matratze herumzukramen. Man hörte ihn wühlen und stöhnen und auch das Geklingel gefüllter Geldsäcke, die aneinander stießen. Rebekka zeigte auf einen Tisch, auf dem kaum noch ein Fleckchen leer war. Da würde wohl eine Feder liegen. Und nach einigem Suchen brachte sie auch eine Medizinflasche mit etwas Tinte. »Ja ... aber ... Jüffrau ...« »Rebekkchen, ich hab' wieder so 'n Durst,« klagte der Kranke. Das freut mich um Walthers willen. Das bewahrte ihn davor, eine allzu beleidigende Äußerung seiner Vorsichtigkeit von sich zu geben. Mit Rebekka, die ihrem Manne wieder zu trinken reichte, trat er an das Bett des Kranken. Sie schien Kälte und Zug zu fürchten, wenn sie die Vorhänge zu weit zurückschlug ... »Ich will Ihnen helfen, Jüffrau,« rief Walther und hielt die Gardine, damit die Öffnung nicht größer wurde, als um das Gewünschte gerade hindurchzulassen. Nachdem Rubens getrunken hatte, reichte er zwei Säcke mit Geld heraus. »Aber,« sagte Walther zögernd, »sie haben mir gesagt, daß das Geld vorgezählt werden sollte ...« »Wenn ich dir sag', daß ich 's Fieber hab' und krank bin wie 'n geschlagener Mann, was willst du? Wenn ich hab' gezeichnet meine Hand, daß ich will zahlen, na, was soll ich thun? Ich zahl'. Und wenn ich zeichne meine Hand fürs Zählen, will ich zählen. Hilf ihm, Rebekkche, und gieb mir was zu trinken, ich hab' so 'n Durst vom Fieber. Und zähl ihm 's Geld vor ... siebenhundertdreizehn, sechs, zwölf.« Das junge Frauchen labte ihren Mann und hockte sich dann auf dem Fußboden nieder, Walther kniete daneben. Sie schüttete das Geld in ihren Schoß und wollte anfangen zu zählen. Aber es ging nicht. Sie konnte selbst nicht klug werden aus den zahllosen Geldsorten, die ihr Mann da zusammengebracht hatte. Man hätte ein Museum damit gründen können. Auch war kein Platz. Der Fußboden lag voller Lumpen ... Ach, der alte Gerrit wußte es wohl, und wie ein Donnerschlag klang Walther die gräßliche Prophezeiung in den Ohren: »Wenn du mit 'm Thaler davonkommst, kannst du von Glück sagen!« Er bekam große Angst. Da raschelte etwas auf dem Flur, und die alte Feigenfrau zeigte sich in der geöffneten Thür. Sie sprach in einem jüdischen Jargon, den Walther nicht verstehen konnte. Aber es schien von dem Gelde zu sein, denn die junge Frau hörte auf mit Aussuchen und Zählen. »Vater, 's ist die Großmutter, und sie sagt ...« Es folgte wieder allerlei, was Walther nicht verstand, aber er hörte doch ein paarmal den Namen »Rachelche« heraus. Noch einmal begann die alte Frau ihre Rede und zeigte auf ihn und schien sich über all die zusammengescharrten, abgeknabberten Schillinge und Dreizehnthalben und sonstigen unkenntlichen Geldstücke zu ärgern. »Na,« sagte der Kranke, »ich hab' wohl auch gut Geld, wenn's sein muß. Hier, Rebekkche, nimm ...« Er reichte seiner Frau einen schweren Sack herüber, den er mit ersichtlicher Mühe unter seiner Lagerstatt hervorgegraben hatte. »Nimm's, Rebekkche, und zähl's aus ... zweihundert Stück, und dann noch ... zwanzig Stück, und ... sechs. Und thu'n Achtundzwanziger bei, der gut ist, und ... sechs Deute ... und laß 'n gehn mit Gott. Und gieb mir zu trinken, ich. hab' so 'n Durst.« Walther empfing sein Geld in schönen Dukaten und bedankte sich sehr freundlich. Das Wohlwollen der alten Frau hatte ihm wohlgethan. Wenn er in diesem Augenblick hätte wählen sollen, wer mehr Verehrung verdiente, sie oder die so viel höher geborene Mevrouw Kopperlith ... Ohne die geringste Absicht, es dem alten Frauchen nachzusprechen, wünschte er ihr beim Abschied tausend göttliche Segen. Ihr, und dem M'neer Rubens, der so krank war. Und der jungen Frau, die ihn so liebreich pflegte. Und dem kleinen Rachelchen ... o allen! Und als er die Straße erreichte, schoß es ihm durch den Kopf – sakkerlot, wie schade! – beim Unterschreiben – hatte er ja den schönen Schnörkel ganz vergessen! Na, ein andermal! Er war glücklich, daß er Menschen getroffen hatte, die ihm liebenswürdig vorkamen, und das war mehr wert als der schönste Schnörkel. Wieder über das Kleine. Wie die Herren Walthers Fortschritte im Handel anerkannten. Die Wache vor Mevrouws Nerven. Wenn etwa sich einige Leser beklagen sollten, daß ich sie seit mehreren Kapiteln schon beinahe ohne Abwechslung auf einer Ausstellung von Nichtigkeiten spazieren führe, so nehme ich das als ein Lob ... nicht für die Nichtigkeiten, sondern für meine Arbeit. Ein großer Teil des Lebens besteht nun einmal aus einer Aneinanderreihung von Geringem. Wenn ich das nicht berücksichtigte, würde ich gegen die Wahrheit sündigen. Um indessen die vielen Grafen und Marquisen unter meinen Lesern zu beruhigen – unter uns gesagt, die unersättlichsten Liebhaber der Vornehmheit wohnen in Stall und Küche – will ich mich gern verpflichten, Walther noch einmal irgendwo bei Hofe vorstellen zu lassen oder ihm ein Haus auf der Kaisersgracht zu mieten. Ob er da feinere Dinge zu sehen bekommen wird als die Empfindung, die er hatte, als das uralte Feigenweiblein eine herodianische Expedition unternahm, um ihn gegen die zu sehr ausgebreitete Münzkunde ihres Enkels zu schützen? Walther erntete bei Dieper einiges Lob über den Ausgang seiner Fahrt und vernahm zu seinem Troste: »daß er es öfter thun könnte.« Aber Gerrit versicherte ihm, immer würde es wohl nicht so ablaufen, was jeder Gutgesinnte zugeben wird. Die Beschäftigungen, die man unserem Lehrling auftrug, kamen ungefähr mit dem überein, was er schon am ersten Tage als Vorgeschmack bekommen hatte. Kopieren, Bestellungen für Herrn Pompilius, Schneiden und Aufkleben von Mustern, das war hauptsächlich seine Arbeit, von dem Fegen auf Boden und Magazin, Ortschaften, wo nach Wilkens immer für einen jungen Menschen etwas zu lernen ist, gar nicht zu reden. Es ist mir Gewissenspflicht, allen Anlaß zu einem gewissen Mißverständnis aus dem Wege zu räumen. Ich erkläre ausdrücklich, daß ich über die Beschäftigungen, die man Walther auftrug, keine Anmerkungen mache. Nicht hierin liegt der Schwerpunkt meiner Anklage gegen eine gewisse Art von Menschenverderben. Die Muster mußten nun einmal ausgesucht, geschnitten, aufgeleimt werden, die Briefe mußten kopiert werden ... wen sollte man damit beauftragen? Geisterhebend waren diese Arbeiten gewiß nicht, aber man nimmt keine Lehrlinge aufs Comptoir, um ihren Geist zu bilden. Der bekannte Spruch: »Ein thöricht Handwerk giebt es nicht, es giebt nur thörichte Menschen,« scheint mir hier sehr herzupassen. Ein Geist, der sich nicht trotz des Handwerks zu entwickeln vermag, ist die Mühe der Entwicklung nicht wert. Trotz? Das ist die Frage. Gerade solche nichtigen Beschäftigungen lassen das Denkvermögen frei. Ich beneide Spinoza, den Brillenschleifer. Niemand steht zu hoch für das Geringe, Walther auch nicht. Die Frage war bloß, ob er seine Muster sauber schnitt und klebte, ob er seine Abschriften korrekt machte? Das war seine nächstliegende Pflicht, und nicht in dem Haschen nach vornehmerem Wirkungskreise. Schreibt nicht auch Jesus vor, im kleinen getreu zu sein? Noch eine andere Verrichtung kam – zuerst dann und wann, später beinahe regelmäßig – auf Walthers Rechnung. Wie wenig auch in den Sommermonaten »gehandelt« wurde, so kam es doch ausnahmsweise vor, daß Versendungen nach außerhalb besorgt werden mußten. Das Packen solcher Waren in grobe Leinewand gehörte natürlich zu Gerrits Obliegenheiten. Seit Jahren indes war dieser so in Vorwänden, sich der Arbeit zu enthalten, geübt, daß man öfters die Dienste Flips, des Dienstmanns, in Anspruch nehmen mußte, und der Posten, der so wöchentlich zusammenkam, beschwerte sehr das Handelsgewissen des jungen Herrn Pompilius. Aus eigenem Antriebe nahm Walther, bei Gelegenheit eines besonders steifen Rheumatismus von Gerrit, die Packnadel zur Hand, und sein erster Versuch erntete gleich solches Lob – man hatte bisher gedacht, daß, um das zu lernen, ein besonderer Kursus nötig sei – daß Pompilius ihn schleunigst beauftragte, die Güte zu haben und in vorkommenden Fällen den Knecht zu vertreten. Und in der That, die Pakete, die er verfertigte, waren tadellos. Kantig am Rand, glatt an den Seiten, symmetrisch gebaut – beinahe hätte ich gesagt: gemetzelt – sauber genäht und wohl vorgesehen gegen Stoß und Knick und Nässe, hübsch bezeichnet ... wahrhaftig, es war Eleganz drin. Und ... die Standhaftigkeit! Man konnte sie »übers Haus werfen,« wie einen wohleingenähten Säugling aus der älteren Hebammenschule. »Als ob er's sein Lebelang gethan hätte!« bezeugte sogar Herr Wilkens in einem seltenen Augenblick von Offenherzigkeit, Es war eine Ehrensache für Walther, daß niemals Klagen kommen sollten über Schaden auf dem Transport. Dieser Ehrgeiz stand ihm besser als Hochmut, und es wäre zu wünschen gewesen, daß man nicht auf Missethäterweise seinen guten Willen mißbraucht hätte. Es wurde eine Verrichtung für ihn ausgedacht ... nein, eine Verrichtung war es eigentlich nicht. Es war eine Geduldsübung, und selbst das nicht ... ein Kursus in Geistvernichtung war es. Um jedem das Seine zu geben, müssen wir sagen, daß die Freundlichkeit des Herrn Pompilius sich hier wieder von ihrer günstigsten Seite zeigte. Eines Morgens kam der alte Herr wieder einmal ins Comptoir hereingeschlurrt und erfreute das Personal mit der gewöhnlichen Einleitung seiner höchst interessanten Gespräche: »Weißt du, Pompilius, ich hör' von Gerrit, daß es mit Mama wieder sehr schlecht steht.« »So, Papa?« »Ja, Pompilius. Die Jüffrau hat gesagt, daß Mama die ganze Nacht geträumt hat.« »Das ist gewiß sehr schlimm, Papa.« »Sie hat gestern abend Hummer gegessen, weißt du.« »So, Papa?« »Und davon träumt sie. Die Jüffrau hat zu Gerrit gesagt, daß sie sehr nervös ist, ganz fürchterlich nervös.« »Sehr unangenehm, Papa.« »Nicht wahr?« »Sehr unangenehm. Denn, Papa, um die Wahrheit zu sagen, die Familie Krücker ...« »Sie kann nichts aushalten. Die Jüffrau darf nicht einmal sticken.« »He, Papa?« »Ja, so schlimm ist's! Denn ... das Durchziehen des Fadens macht so schreckliches Geräusch, sagt Mama.« »Das ist ganz schrecklich schlimm, Papa! Weißt du, was die Pleiers sagen? Sie sagen ...« »Aber Pompilius, was sollen wir thun? Mama schmeckt auch der Portwein nicht mehr ...« »Das ist ja unsagbar traurig, Papa!« »Und nun will sie immer Madeira. Sie sagt, von Chokolade wird sie nervös, wenn sie nicht jedesmal darauf zwei Glas Madeira trinkt.« »So, Papa. Und früher wurde Mama doch immer nervös von Madeira?« »Ohne Chokolade, Pompilius! Der Doktor sagt auch, daß Madeira sehr gesund ist, aber ... mit Chokolade, immer mit Chokolade. Und auch Chokolade ist nicht gut für Mama ... ohne Madeira, verstehst du. Aber es hilft alles nicht, wenn so 'n schreckliches Leben im Hause ist. Das ewige Klingeln, Pompilius!« »Ja, Papa.« »Die Klingel steht gar nicht still, und Mama kriegt jedesmal solch'n Schreck!« »He, Papa, da ist wohl Rat für, Papa! Hör' mal, Pieterse, du mußt eben so gut sein und dich in den Keller stellen, weißt du? Und wenn dann jemand die Treppe hinaufgeht, dann tickst du ans Fenster, verstehst du? Und du siehst ... wer's ist! Und du fragst, was er will? Und wenn's jemand für die Küche ist, dann machst du die Thür zu und gehst in die Küche und bestellst ... daß jemand für die Küche da ist, verstehst du? Und wenn's fürs Haus ist, dann machst du die Thür zu und kommst hierher und sagst Herrn Eugen ... nicht wahr, Eugen?« »Hm!« »Daß jemand fürs Haus da ist, verstehst du? Und dann sagst du Herrn Eugen, wer es ist. Und zu den Menschen sagst du, daß Mevrouw so krank ist, so sehr schlimm nervös, mußt du sagen. Aber denke dran, daß du immer die Thür vom Keller hübsch zumachst. Siehst du, Papa, dann wird nicht geklingelt, und ... wenn dann Mama wieder besser ist, kann sie hinaus. Denn ich hab' gestern die Hockers gesprochen, Papa, und ihnen gesagt ...« Leider fehlen die Aufzeichnungen darüber, was Herr Pompilius am Tage vor Mamas großer Nervosität den Hockers gesagt hat ... Ja, da stand er nun! Mit seinem gewöhnlichen Diensteifer hielt er die linke Hand auf der Thürklinke und die andere bereit, ans Fenster zu ticken, für den Fall, daß jemand sich erfrechen sollte, Mevrouws Nervosität durch Klingeln an der Hausthür zu reizen. So stand er stundenlang hintereinander in der Keller-Atmosphäre Schildwache vor Mevrouws Ruhe! Keine Fliege konnte sich nahen, ohne angerufen zu werden. Niemals brachte ein Schildknappe, der sich bereit hielt, den Ritterschlag zu empfangen, mehr Gewissenhaft zur Waffenwacht mit als Walther zu diesem ermattenden Werke. Daß seine nächstliegende Pflicht wieder mit seinen Wünschen und seinen Gaben nicht übereinkam, thut weniger zur Sache. Die Gaben kannte er nicht, und seine Wünsche zählten nicht. Es sprach von selbst, das wußte er, daß man Mühen und Unannehmlichkeiten auf sich nehmen muß, wenn man »in der Welt etwas werden will,« und es fiel ihm nicht bei, daß man seinen guten Willen schandbar mißbrauchte. Er betrachtete die gräßliche Langeweile, die er zu bekämpfen hatte, und – den Gestank! – als ebenso viele Feinde, die mutigen Herzens bestritten werden mußten, und wich und wankte nicht. In gewöhnlichen Fällen hätte das Nichtsthun allein ihm keine Beschwerde gemacht, weil er in der Freiheit seiner Gedanken bald ein Mittel gefunden hätte. Als Ausgangspunkt seiner Träumereien war ihm ja alles recht. Aber gerade das durfte er hier nicht, denn er fürchtete seine nächstliegende Pflicht zu versäumen. War er nicht eben beinahe schon mit der Berechnung fertig, wie viele der Vorbeigehenden wohl imstande sein konnten, ein Examen als Hilfslehrer zu machen, als der Junge von dem Pastetenbäcker bereits drei Stufen von der Treppe genommen hatte, um Mevrouw Kopperlith die Törtchen zu bringen, die sie in ihrer schweren Krankheit trösten sollten! Walther erschrak über seine Nachlässigkeit und nahm sich vor, alle seine Neigung zum Nachdenken auf dem Altar der nächstliegenden Pflicht zu opfern. So weit wie nur möglich ließ er seine Blicke nach rechts und links schweifen, um beizeiten, und lieber noch zu früh, beurteilen zu können, ob irgend ein Bösewicht eine Ruhestörung gegen Mevrouw Kopperlith im Schilde führte. Sehr weit war das Gesichtsfeld nicht. An beiden Seiten hemmten die vorgebauten Treppen die Aussicht. Es war also eine ängstliche Aufmerksamkeit nötig, wenn er nicht zu spät kommen wollte. Der Gedanke stieg in ihm auf: wenn ich nun immerzu tickte und jeden einzelnen von dem Betreten der Treppe zurückhielte? Hm ... das würde toll aussehen? Was sollte er sagen? »M'neer, haben Sie vielleicht die Absicht, hier oben zu klingeln?« Das ging nicht, er sah es ein. Und auch, daß im Handel ein großes Maß von Geduld nötig war! Und das schreckliche Einschlafen seines linken Beins! Nur zweimal beging er in diesem Teil seiner Laufbahn einen Fehler. Das eine Mal hatte ein Bettelbrief-Industrieller seine Wachsamkeit getäuscht, indem er hinterlistig über das hintere Geländer der Treppe stieg und so die Klingel erreichte. Der junge Herr Pompilius war darüber sehr ärgerlich, und Walther selbst ärgerte sich auch. Was sollte denn aus ihm werden, wenn er seine Pflicht zu lodderig erfüllte? Das andere Mal hatte er der imposanten Hersilia den Durchgang durch den Keller verweigert. Statt dessen schloß er ihr die Glasthür vor der Nase zu und ging aufs Comptoir, Herrn Eugen zu melden: daß Mevrouw Kalbb da wäre, »fürs Haus,« wie er vermute. Natürlich kam sie fürs Haus, und war sehr aufgeregt, daß »dieser Junge sich in den Kopf gesetzt hatte, sie nicht durchzulassen.« Walther bekam bei dieser Gelegenheit Unterricht in dem großen Unterschied zwischen »Papas eigener Tochter, Mevrouw Kalbb, verstehst du, die eigene Frau von dem Konsul des ganzen Elsaß, verstehst du ... und allerlei gewöhnlichem Volk, das vielleicht im Magazin etwas stehlen konnte!« Er versprach sich zu bessern und hielt Wort. Zaubern muß wohl in der That eine unmögliche Sache sein, denn Walther lernte es hinter der Glasthür nicht. Was die Verantwortlichkeit der Kopperliths angeht, was wußte sie davon? Eine Seele ruinieren, das ist keine Handelsangelegenheit, um die man sich kümmern müßte. Statt dessen hielten sie rührende Verhandlungen über das Verderben der Farben in den Stapeln, die vorn am Fenster standen und deshalb vielleicht durch einen Sonnenstrahl getroffen werden konnten. Walther mußte dafür sorgen, daß sie immer mit einem Stück Sackleinewand oder mit etwas Papier zugedeckt waren, denn: »Farben können keine Sonne vertragen,« sagte Wilkens, »lerne das von mir!« Walther lernte das und besorgte die Baumwollpakete wie seine Augäpfel. Keine Sonne durfte es wagen, nur die geringste Hoffnung auf ein Herankommen zu haben, so lange er als Beschützer angestellt war. Was aber das Beschützen der Farben seines Gemütes angeht ... waren wohl die Herren ihres Bruders Hüter? Er war ja nicht ihr Bruder, nicht einmal ein Neffe. Er war ein klein Jungchen vom »Bürgerstande«, und die Herren wohnten auf der Kaisersgracht. Es ging sie nichts an, wenn er da stand und sich langweilte bis zum Blödwerden. Ein Wiedersehen. Was ein neugeborenes Kalb nicht weiß. Der Autor versäumt eine schöne Gelegenheit, sein Buch anziehend zu gestalten. Aber das geisttötende Schildwachestehen war das Schlimmste nicht. Einer viel gefährlicheren Probe wurde Walther gewissenlos ausgesetzt durch den Auftrag, jeden Morgen die Briefe von der Post zu holen, oder lieber, nachzufragen, ob Briefe da waren. Denn drei-, viermal die Woche kam er mit leeren Händen aufs Comptoir. Dann fragte Pompilius, »ob schon wieder nichts wäre?« in einem Tone, als ob Walther dafür könnte. Aber der Auftrag, am Postamt zu warten, war ihm einer der mindest unangenehmen Zweige seiner Pflichten, und das war gerade das Gefährliche. Die Sorte von Gesellschaft, die er da kennen lernte, habe ich schon angedeutet. Wäre Walther in dieser Lebensperiode nicht so besonders zu allerlei Abweichungen von seinem Wege geneigt gewesen, hätte er gewiß an diesem Umgang keinen Geschmack gefunden. Aber es bestand gerade allerlei Anlaß zu Mißgriffen. Seit einiger Zeit fühlte er sich seinen ersten Schwärmereien entwachsen. Wäre nun eine Periode angestrengter, ermüdender Thätigkeit seiner Kindheitsperiode gefolgt, dann wäre der Übergang vom Kinde zum Menschen sehr ruhig vor sich gegangen, und wenig oder keine Kraft wäre verloren worden. Darauf waren auch die Ermahnungen Doktor Holsmas, immer seine nächstliegende Pflicht im Auge zu haben, ausgegangen. Walther mußte genesen von seiner Vorliebe für das Träumerische, das Kontemplative, die Klippe, an der so viele – und nicht die Schlechtesten – zu Grunde gehen, und die sie schließlich da enden läßt, wo sie am allerwenigsten hingehören: bei den Faulenzern. Träume nicht, streck die Hände aus! Er hatte auch das Bedürfnis selbst, was sich aus seiner Freudigkeit beim Packen zeigte. Hätte ich über ihn zu bestimmen gehabt, ich hätte ihn auf ein paar Jahre bei einem Schmied in die Lehre gegeben. Nicht um ihn auf die Grenzen dieses Handwerks zu beschränken – ein Schmied mit Walthers Anlagen konnte sich zu einem Krupp entwickeln – aber um seine Neigung zum Kontemplativen zu bekämpfen und zugleich zu stützen. Mit ermüdeten Gliedern sollte er des Abends auf seinen Strohsack fallen und am nächsten Morgen keine Erinnerung mehr haben, was für Gedanken ihn beschäftigt hätten, nachdem er seine zweite Hose ausgezogen hatte, ja selbst schon nach der ersten! Und gerade um seine Sucht zum Tüfteln zu wecken, wach zu halten und zu nähren, ist nichts geeigneter als eine Handarbeit, die genug Muskelanstrengung verlangt, um in dem Augenblick körperlicher Ermattung der Phantasie ein Halt zuzurufen. Vor diesem Augenblick wirken die geistigen Kräfte regelmäßiger und mit besserem Erfolg, als wenn man sich allein mit Denken zu beschäftigen glaubt. Glaubt, sage ich, denn es ist wahrscheinlich eine Unmöglichkeit. Wir brauchen, wie die Flamme einer Öllampe, einen Docht, an den unsere Gedanken sich anheften, um den sie sich ranken. Es ist schwer für uns, alle unsere Sinne wegzudenken, durch die wir Eindrücke empfangen. Aber es giebt einen Zustand, in dem das Wahrnehmen der Außenwelt durch die Sinne aufhört: das sind die Augenblicke, die dem Schlaf unmittelbar voraufgehen. Und das Denken beginnt sofort aufs neue, wenn unsere Sinne durch irgend eine äußere Ursache zu erneuter Thätigkeit angeregt werden. Wir geben uns nur nicht Rechenschaft davon. Wenn einer, nachdem er lange genug geträumt, geschwärmt und phantasiert hat, sich über den Gang seiner Gedanken Rechenschaft geben will, so wird er immer einen materiellen Ausgangspunkt finden. Und auch auf den Lauf der Gedanken üben die äußeren Eindrücke ihren Einfluß. Wir achten bloß nicht darauf. Wir können es aber an anderen sehen, wie selten das Denken ohne sichtbare körperliche Bewegung vorkommt. Der eine scharrt mit dem Fuße, der andere spielt in Bart und Haar, der dritte knifft oder zerfasert Papierchen. Einige ziehen Fäden aus ihrer Kleidung, fegen mit den Fingern Staub zusammen, trommeln auf dem Tisch u. dgl. m. Ich habe die nicht zu billigende Gewohnheit, die Bücher, die ich lese, mit den Fingernägeln zu zerkratzen ... Es scheint also, daß das Denken im ganz abstrakten Sinne uns ganz unmöglich ist. Der Geist braucht wie die Flamme einen Docht, einen Kern, einen Haltepunkt. Ich weiß also nicht, was das Ziehen eines Blasebalgs in der Schmiede Walther geschadet hätte. Das oder etwas Ähnliches wäre vielleicht die Baßpartie geworden, auf die er die Melodien seiner Seele hätte setzen können, die er jetzt weder sich noch anderen wußte verständlich zu machen. Und so lief er Gefahr ... Ja gewiß, er machte Bekanntschaft mit den jungen Leuten am Postamt! Sie sollten seine hungrige Seele mit ihrer unreifen Weisheit füttern. Und Walthers Aufnahmefähigkeit war groß. Nicht bloß psychisch litt er Hunger. Auch gesellschaftlich und häuslich war das der Fall. Er brauchte Geselligkeit. Wir wissen, daß diesem Bedürfnis zu Hause nichts gegeben wurde. Und die Herren auf dem Comptoir ...! Aber die jungen Leute vor dem Postamt übten viel Geselligkeit. Diese Laufjungen betitelten sich Comptoirbedienstete. Die erste Gelegenheit, Bekanntschaft zu machen, bot sich durch ein Wiedersehen. Walther sah dort Gustav Halleman, seinen Spielkameraden, der zusammen mit seinem Bruder Fränzchen unserem Walther immer als Muster von Anstand gelobt worden war. Sie gingen ja in die französische Schule und hatten vor Jüffrau Pieterse ganz artig die Mütze abgenommen. Freilich, Walther hatte von ihrem Anstande andere Begriffe bekommen, seit sie ihn einmal böse beschummelt hatten mit dem großen Pfefferminzgeschäft ... Da stand also Gustav. Auch er war »jüngster Bediensteter.« Walther sprach ihn an und sagte: »Gustav!« »Ach so ... du bist Pieterse, glaub' ich!« Walther sah ihn auf diesen »Glauben« erstaunt an. Aber Pieterse war er. »Na gewiß, Gustav. Kennst du mich nicht mehr?« »Ich kenne dich ganz gut, muß dir aber gerade heraus sagen, daß ich keine Kindereien mag. Es sieht ja aus, als ob wir Schuljungens wären, so sprichst du!« Walther verstand nichts davon. Die Sache war die, daß er hätte »Halleman« sagen müssen und nicht »Gustav«! Er lernte das, und bald begann er, auch seinen Familiennamen mannhafter und würdevoller zu finden als das bisherige »Walther.« Er sah bald diesen Gustav für einen großen Mann an, der eine große Auffassung vom Leben hatte. Der Lümmel war ja auch in der That zwei Jahre älter als er, und wohl zwanzig, wie wir sehen werden, an Kenntnis. Ach, Leser, ich hab' ein ärgerlich Werk zu thun. Fluch über die Elenden, die meinen Walther solcher Bekanntschaft preisgaben! »Und bei wem bist du auf 'm Comptoir?« »Bei den Herren Ouwetyd und Kopperlith ... Kaisersgracht, weißt du?« »Hm! Das ist nun gerade so 'n groß Haus nicht! Ganz und gar nicht! Wir machen in Kaffee. Ihr macht, glaub' ich, auf Smyrna, wie?« »Das weiß ich noch nicht. Ich bin noch nicht lange da.« »So? Weißt du's nicht? Na, das ist 'n seltener Vogel!« Neu angekommene »junge Leute« schlossen sich an. Sie hatten ernsthaft wie wirkliche Menschen gegrüßt: »Morgen, Herren!« Albern und komisch, aber es war so. Und Walther fand das ausgezeichnet. Solche Standeserhöhung hatte er sich im Traume nicht vorgestellt. Ach, er, der sich vor kurzem in seinen Träumen noch vorphantasierte, daß er ein Gott wäre und daß er König ... werden würde, er fühlte sich geschmeichelt, ein Stück »Herr« in den Augen von ein paar Bengeln zu sein, die auf solche Weise auch als Herren gelten wollten. »Sieh mal, das ist einer! Der weiß nicht, worin sie machen. Wie findet ihr das?« Die »Herren« fanden das sehr komisch. Und Walther, der für Spott sehr empfindlich war, wurde verlegen. »Aber,« stotterte er, »du fragtest was von Smyrna, und das hab' ich nicht gleich verstanden. Einer von unseren jungen Herren ist in Rom. Meinst du das vielleicht?« »Wir machen auf Portugal,« sagte ein dritter. »Und wir sind auf der Ostsee ... Korn, verstehst du?« »Wie heißt denn dein Haus?« fragte ein fünfter. Walther nannte die Firma. »Na, zum Donnerwetter ...« Das Sprecherchen fluchte ganz nett. Das that die ganze Bande. Aber es ging ihnen nicht glatt ab. Sie hatten sich ihre männliche Würde noch nicht zur Vollkommenheit angewöhnt. »Was, Donnerwetter, das ist in Manufakturen. Weißt du das nicht? In Manufakturen, sag' ich dir!« Und der Sprecher selbst gab an, daß er in »Versicherung« war. »Guck, da hab' ich Polissen. Das sind alles Polissen, verstehst du?« Und alle sahen mit Ehrerbietung die Formulare an, die der Laufbursche eben im Schreibwarengeschäft geholt hatte. »Ja, ja, Polissen,« sagte Gustav, mit einem Nachdruck, als wollte er sagen: »Ich weiß ganz genau, was das für Dinger sind, ich hab' auch drin gemacht.« »Guck, was für 'n hübsches Mädchen!« »Pst, pst! komm mal her!« Das Dienstmädchen, das so höflich angerufen wurde, spuckte auf den Erdboden und machte, daß es fort kam. Das Beste, was sie thun konnte! Sie brauchte nicht die mindeste Keuschheit zu Hilfe zu rufen, um sich moralisch zu zeigen. »Ist Marie aus der Bäckerei,« sagte das Haus auf Portugal. »Nu!« »Nu!« sagte der zweite. »Nu!« wiederholte der Chor. Walther verstand nichts davon, obwohl er die Gesichtszüge sah, die diese Ausrufe begleiteten. Wahrscheinlich sah er sehr unschuldig ans, denn einer seiner Lehrmeister fragte ihn: »Bist du auf 'm Comptoir, du?« »Ja ... in Manufakturen ... wirklich!« antwortete Walther. »Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du bist ein neugeborenes Kalb. Das glaube ich!« Und diese Überzeugung wurde begleitet durch einen kernigen Herren-Ausdruck. »Er ist so unerfahren wie ...« wie das eine oder andere, was nicht unschuldiger zu sein braucht als sonst etwas, wenn es nur recht gemein klingt. »Sag' mal, du weißt wohl noch nicht, wo die Kinderchen herkommen? Nu ... 's fehlt dir wohl noch allerlei!« Gott sei Dank, das wußte Walther. Und hätte er es nicht gewußt, hier wäre die Gelegenheit gewesen, es zu erfahren, und zwar auf bestimmte Manier. Auch andere Weisheit war hier zu holen, die wohl für den Lehrling ebensowenig neu war, die aber in Ausdrücken mitgeteilt wurde, die ihm neu waren. Aus großem Männlichkeitsgefühl that er sich sehr eingeweiht. Er gab sich Mühe, so klug wie möglich zu lachen, was schlecht gelang und ihm sehr häßlich stand. Es war eine lüderliche Bande. Ich mag für den Augenblick nicht ausführlicher sein. »Bücher haben ihre Schicksale« ... aber dies Kapitel hat sein besonderes für sich. Höre einmal zu, Leser. Du weißt wohl, daß ich um mein Brot schreibe. Meine Industrie bringt es mit sich, daß ich mich aufs Gefallen lege. Je hübscher die Lektüre ist, desto besser kann mein Verleger mich honorieren. Aus wohlberechnetem Interesse hatte ich mir vorgenommen, die Gespräche, die Walther an der Post zu hören bekam, ja ausführlich zu geben, daß dieser Band der Katechismus werden könnte für alles, was »auf der Ostsee ist,« und für alles, was »in Versicherung, Kaffee oder Stiefelwichse macht,« für alles, was Liebe fühlt für das Gemeine. Mein Glück wäre gemacht gewesen. Denn es ist nun einmal eine traurige Wahrheit, daß Niederland seine Schriftsteller und Künstler nicht genügend nähren kann, wenn sie nur etwas Gutes liefern, aber sicher ist noch mit Gottes Hilfe Geld genug im Lande, um königlich zu bezahlen für einen pikanten Prickel. Hierauf baute ich und träumte mir schon Berge von vierundzwanzig Karat. Ich handelte schon um eine Villa ... die des Van Twist z. B. Der edle Mann wollte seinen Sitz bei Deventer billig abgeben, weil es so häßlich da spukt ... Saidjah und Adinda ... Ehe aber die Sache noch fertig war, wurde ich überrascht und gestört durch eine Erscheinung – keinen Spuk – meine liebe herrliche Fancy, meine Muse, die mich mit einem Mal unfähig machte zu allem Schlechten, machtlos, das Gemeine zu zeichnen und den Landsitz zu beziehen, den der Van Twist mit seinen »kleinen indischen Ersparnissen« bezahlt hat. Da flammt und funkelt ein heiliges Gefühl durch mein Herz. Was es ist, Leser, will ich verschweigen. Laß dir genügen mit der Mitteilung, daß es mir unmöglich ist, dies Kapitel so zu schreiben, wie es nötig wäre, um durch dich und deine Lesergenossen reich zu werden. Mein Verleger muß sich also mit kleinerem Umsatz trösten, und ich mit einer Entlohnung, für die ausländische Schriftsteller von meinem Range schwerlich einen Lakaien finden würden. Van Twist mag seinen Ruhesitz behalten und sein Gewissen dazu. Wie arm würde der Mann sich fühlen, könnte er in meinem Herzen lesen! Aber das bleibt die Wahrheit, daß ihr Niederländer schlecht bezahlt, was ihr schuldig seid. Es entschuldigt eure Schelmerei nicht, daß ich mich durch anderen Lohn schadlos halte. O, ich klage nicht. Aber wohl ist es schade, daß ich mir nicht hin und wieder einen Augenblick Ruhe verschaffen kann. Lieber Himmel, das gestattet sich ja sogar der Rhein. Und ich? Vorwärts, vorwärts! Meister, ich will! Was Walther betrifft, – er wurde durch das Postamt verdorben, so weit er verdorben werden konnte. Das bleibt – mit oder ohne ausführliche Beschreibung – traurig genug. Die große Völkerwanderung findet endlich statt. Walthers Fortschritte im Handelsfach, und was ihm fehlte. An einem bestimmten Tage war eine große Bewegung auf der Kaisersgracht bei der Vellestraat. Die Fenster der oberen Stockwerke waren voll besetzt mit Dienstmädchen, die ihrem Herrgott die Zeit stahlen und auf dem Ausguck lagen. Vielleicht schielten auch einzelne Sterbliche, die sich einbildeten, einen viel erhabeneren Standpunkt einzunehmen, durch das Guckloch zwischen den Gardinen der unteren Vorderzimmer. Vorübergehende, die mehr Zeit als Geschäfte und vornehmes Wesen hatten, blieben stehen, um sich das Schauspiel anzusehen ... Hier müßte nun die Beschreibung dieses Schauspiels folgen. Ach, Leser, was soll ein armer Schriftsteller machen? Um die Wahrheit zu sagen, es war eigentlich nichts Besonderes zu sehen, und die Neugier der Dienstmädchen, der Vorübergehenden und anderer war höchstens ein Zeichen der bekannten Armut an Eindrücken, die viele veranlaßt stehen zu bleiben, wo etwas los zu sein scheint, oder wo bloß andere stehen bleiben, sodaß es so aussieht, als ob da etwas los wäre. »Kopperliths gehen aufs Land,« erzählten einander die Greten und Marien aus der Nachbarschaft. Und wer sich besonders gut unterrichtet zeigen wollte, kam ein halb Stündchen, nachdem er die Nachricht erhalten hatte, darauf zurück mit der Frage: »Wissen Sie schon? Kopperliths gehen aufs Land!« Um der Wahrheit die Ehre zu geben, darf ich nicht verschweigen, daß sich manchmal auch eine Variante zu erkennen gab. Drei Mevrouwen, neun Jüffrauen, siebenundzwanzig Kammerzofen, die zugleich Wäsche- und Kindermädchen waren, versicherten nichts, nahmen sich aber vor, bei der ersten Gelegenheit zu sehen, ob es auch wirklich wahr wäre, daß Kopperliths aufs Land gingen. Ja, sage ich. Ja! ja! ja! Die Kopperliths gingen aufs Land, in der That. Eine »Zolderschuit« lag vor der Thür. Um nun dem nicht-amsterdamschen Leser, der nicht weiß, was eine Zolderschuit ist und was »vor der Thür liegen« bedeutet, doch einige Aufklärung zu geben, will ich bloß sagen, daß eine Zolderschuit eine bestimmte Sorte von Brackwasser-Fahrzeug ist, »Vor der Thür« liegen, bedeutet hier so viel wie: in der Gracht, an der das Haus steht. Wer nun hiervon nicht viel begreift, giebt zwar einen Beweis von einer gewissen Geschicklichkeit, aber ein Pariser oder sonstiger Auswärtiger muß sich nicht einbilden, daß man von den Eigenartigkeiten einer Stadt wie Amsterdam so mit einem Mal die richtige Vorstellung haben kann. Also, es lag ein Schiff auf der Gracht, vor der Thür, und die dienstbaren Geister des Hauses waren eifrig beim Werke, um das ganze Mobiliar herauszuschleppen. Oberflächlich besehen, kann es wohl kleinbürgerlich scheinen, daß die stolze Familie Kopperlith sich nicht ein doppeltes Mobiliar leistete, eins in der Stadt, eins auf der Villa Grünenhaus. Das wäre doch viel einfacher gewesen. Ach, du grundgütige Einfalt! Um das Umziehen und Packen und Rennen war es ja gerade zu thun! Die Nachbarsleute und, wer etwa gerade vorbeikam, sollten ja die Zolderschuit und die ganze Wirtschaft sehen und mußten staunen und darüber sprechen und die Nachricht von Mund zu Mund tragen, daß Kopperliths aufs Land gingen. Und so mußte es noch einmal geschehen, Ende Oktober, wenn man wieder heim kam. Auch dann mußte die ganze Nachbarschaft sagen: »Wißt ihr schon, Kopperliths sind wieder in der Stadt!« Diese Albernheiten giebt es, mit den durch die Umstände gegebenen Abweichungen, in jedem Stande. Alle Mann mußten helfen. Da waren Flip der Dienstmann und seine Kameraden. Auch der Kutscher mit ein paar eilig herbeigeholten Hilfen. Gerrits rheumatische Steifigkeit zeigte sich heute milder, vielleicht weil »dieser Wüllekes« mit der Sache nichts zu thun hatte. Ja – o Himmel! – selbst das Kammermädchen faßte mit an, und – o hundert Himmel! – sogar das Gesellschaftsfräulein. Jeder hob, schob, reichte hin, setzte weg, trug, stützte, drückte, zog und rief: »Vorgesehen!« Der einsichtsvolle Leser begreift, daß die Jüffrau, das Gesellschaftsfräulein, das ihr kolossales Quantum von gesellschaftlicher Würde zu bewahren oder zu erobern hatte, sich nur bis an die Hausthür wagte, ... und das auch nur schüchtern. Die Vorübergehenden hätten ja entdecken können, daß sie Hände am Leibe hatte. Und das Kammermädchen, gleichzeitig Wäschebewahrerin, ... nun ja, auch diese Würdenträgerin war nicht für Packknechtsarbeit gemietet. Jeder muß sich nach seinem Stande richten, und sie kam deshalb nicht weiter als auf die dritte Treppenstufe, wohlgezählt. Alle die Möbel mußten nach Grünenhaus. »Mama« sollte mit besonderer Gelegenheit folgen. Wie es geglückt ist, sie aus dem Hause herauszuschaffen, heil und unversehrt – ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, daß sie wenige Tage darauf den Boden von Grünenhaus belastete, und daß auch der alte Herr seine Langeweile mit Wurzeln und Zweigen dorthin verpflanzte. Die jungen Herren zogen des Freitags abends oder Sonnabends früh aus der Stadt und kamen meistens am Montag zurück. Gerrit und seine Ehegattin Jans wurden, wie es die Gewohnheit war, zu Hausbesorgern befördert. Der wahre echte vornehme Sommer war also angebrochen, und der junge Herr Pompilius konnte nun endlich, Gott sei Dank, bei den Pleiers und den Hockers und den Krückers sein gegebenes Wort einlösen. In dieser Zeit war die Langeweile Walthers auf dem Comptoir, auf den Böden, im Magazin so ziemlich auf den Gipfel gestiegen. Das Peinlichste an der Sache war, daß er sich immer noch so stellen mußte, als ob er etwas zu thun hätte. Denn Mynheer Wilkens behauptete, für einen jungen Menschen wäre immer etwas zu arbeiten. »Lerne das von mir!« Das ist wohl wahr, Mynheer Wilkens! Und ich möchte beinahe wagen zu versichern, daß auch für einen alten Menschen gewöhnlich etwas zu thun ist. Aber darum handelt es sich nicht. Die Frage war, was man Walther zu thun gab. Ob geistige Nahrung in dieser Arbeit steckte! ob heilsame Ermüdung für den Körper! Gefegt hatte er, kopiert hatte er, Muster ausgesucht, geschnitten, aufgeklebt hatte er. Er kannte die Zeichnungen von all dem bedruckten Zeug aus dem Kopf, mit den Nummern des Musterbuches dabei ... ja selbst im Traum konnte er das auswendig! Das Schlängelchen mit dem gebrochenen Kreuzchen und einem Pünktchen auf blau marmoriertem Grunde war sechstausend und so viel, wahrhaftig. Und siebzehn Lagen tiefer stand dieselbe Zeichnung, aber die Tüpfelchen waren rund, und das Schwänzchen wippte etwas weniger. Und die Barchente, und die Fancy-Checks und die Fancy-Stripes ... ach er kannte die Anzahl der Faden in Kette und Schuß in jeder Elle ... Und was zu rechnen war, war nicht sehr schwierig: so viel Pfund, Schilling und Pence, gegen zwölf und drei ... und wenn er auch das erste Mal nicht wußte, was mit diesem Kursjargon gemeint war, er begriff es sofort, nachdem man es ihm ein einziges Mal erklärt hatte. In seinem »Strabbe« kamen viel schwerere Exempel vor. Wirkliche Anstrengung konnte er nur in seinem Kampf gegen die Langeweile verwenden, gewiß eine der unwürdigsten Arten, wie ein junger Mensch seine Seele verschwenden kann. Und ein alter Mensch auch. Für Walther war die unmittelbare Folge davon, daß die Geselligkeit am Postamt auf allzu empfänglichen Boden fiel ... Vor Jahren habe ich bereits darauf hingewiesen, wie der Horror vacui , der Abscheu vor der Leere, sich auch in moralischer und geistiger Beziehung offenbart. Man sollte von dieser Eigenschaft in der Erziehung Gebrauch machen. Die Seele hat eine aufsaugende Kraft. Man halte ihr gesunde Nahrung vor, und sie wird ungesunde verschmähen, weil sie keinen Platz dafür übrig hat. Diese einfache Wahrheit gilt sowohl für Gedanken wie für Geschmack. In meiner Jugend war der Glaube an Spuk noch viel allgemeiner als jetzt, oder besser gesagt: die Zahl der Spuke, an die die meisten glaubten, war größer. Wer für gebildet gelten wollte, beschränkte sich auf das offiziell Anerkannte. Solche Leute glaubten nicht an den Klabautermann oder an Hexen, aber das alte Weib von Endor bei Samuel war eine respektable Person. Zauberer gab es nicht, aber daß Moses seinen Stock in eine Schlange verwandeln konnte, war die lautere Wahrheit. Mit Wahrsagern hielt man sich nicht auf, aber die Weissagungen der Schrift mußten als heilige Sachen aufgefaßt werden. Wenn das Dienstmädchen erzählte, daß die Katze saure Gurken gefressen hatte, fand sie keinen Glauben, denn »das war gegen die Natur der Katzen.« Aber es war nicht gegen die Natur hungriger Löwen, daß sie Daniel verschonten. Oder na ja ... gegen die Natur war es schon ... aber... über so etwas konnte doch gepredigt werden, was mit der Wunderkatze des Dienstmädchens nicht der Fall war. Hier liegt die Grenze zwischen Aberglauben und Glauben, der ... nicht dumm ist, wie nun wohl jeder ohne weitere Erklärung einsehen wird. Nicht offiziell anerkannte Spuke, als da sind: Geister in weißen Laken und mit rasselnden Ketten, Drachen, Teufelchen und dergleichen, hatten also keinen Zutritt zu dem Schlafzimmer derer, die »über den armseligen Standpunkt ihrer Zeit erhaben waren.« Und um das recht zu zeigen, wurde die Existenz solcher Spuke fortwährend und ausdrücklich geleugnet. Man versicherte, bezeugte und bewies den Kindern, »daß es Spuk nicht gäbe.« Das Wort »beweisen« drückt mehr aus, als ich meine, denn bei jeder Erzählung, in der irgend eine erschreckliche Erscheinung schließlich auf ganz natürliche Ursachen zurückgeführt wurde, legte sich das Kind die Frage vor, ob denn solche nüchterne Erklärung des scheinbar Ungewöhnlichen auch wohl immer passen würde? Gerade dieser ewige Kampf gegen den Spuk ließ an den Spuk denken, die Phantasie hatte fortdauernd Anregung und die geschwächten Nerven freies Spiel. Eltern und Erzieher, die das einsahen, wählten einen anderen Weg. Sie behandelten diese anziehende Frage überhaupt nicht und bemühten sich also, die verderbliche Sache durch Mangel an Nahrung zu vernichten. Diese Methode hatte wohl viel für sich und hätte vielleicht auch zu gutem Erfolge geführt, wenn sie in jeder Hinsicht ausführbar gewesen wäre. Niemand ist vollständig der Eindrücke Herr, die sich den Weg zu einem Kinde zu bahnen wissen. Sehr oft verderben Dienstmädchen und Kameraden das Gute, was durch vollständiges Totschweigen hätte erreicht werden können. Und auch wo das nicht der Fall war, lieferte der Religionsunterricht Stoff genug. Die sonderbaren Erzählungen über das höhere Wesen, die wunderbarlichen Thaten der sogenannten Gottesmänner, der ewige Streit mit dem Teufel, die Rolle, die im Neuen Testament durch Legionen von Dämonen gespielt wird, das alles führte, drängte, zwang zum Glauben an Spuk. Nein: das alles war und ist schon Spukerei! Das Ausrotten dieser Pest kann nicht durch Totschweigen geschehen. Das Kind kann ja kein Buch aufschlagen, ohne etwas von diesem Gott mit Zubehör zu vernehmen. In Kindergeschichten mit »moralischem Hintergrunde« spielt dieser Gott die Rolle des Onkels aus Amerika. Christian, der ein Glas entzwei geschlagen hatte, durfte nicht lügen, weil »Gott es sieht.« Der Regen zeugt von »Gottes Güte.« Sonnenschein ... desgleichen. Donner und Blitz von seiner »Größe.« Mörder und Diebe werden gefaßt, »weil Gott nicht zulassen will, daß die Missethat ungerochen bleibt.« Im Kriege ficht Gott tapfer mit, und auch manchmal gegen sich selbst: »Dieu« gegen »Gott«– »God« gegen »Allah« u.s.w. In Thronreden wird er angerufen, er möge die Thätigkeit von Schwatzkollegien »fruchtbar gestalten« ... eine schwere Aufgabe! Kurz, das Kind thut keinen Schritt in die Gesellschaft, ohne etwas von diesem Gott zu vernehmen. Es ist also Eltern und Erziehern unmöglich, diese Spukerei durch Totschweigen zu besiegen. So wollte ich den »Abscheu vor der Leere« aufgefaßt wissen, der in der Physik von unseren Naturforschern abgeschafft ist. Man gebe dem Kinde Kenntnis, man gewöhne es an das Verstehen, und bald wird es ihm unmöglich sein, etwas anzunehmen, was mit seinem Wissen und Begreifen in Widerspruch steht, was eine Verleugnung seines Urteils sein würde und eine Beleidigung für seinen Geschmack. Diese Methode wäre auch auf das anzuwenden, was man allgemein unter dem Begriff »Moral« versteht. Das war bei Walther gänzlich versäumt worden. Das bißchen Kenntnisse, was man ihm mitgeteilt hatte, war bei weitem nicht ausreichend, um seinen Trieb zum Lernen, Wissen und Verstehen zu befriedigen. So lange er Kind war, hatte seine Phantasie das Fehlende ergänzt, und mehr als das. Jetzt war die Zeit gekommen, daß er sich von dem vergeblichen Haschen nach dem Unmöglichen ermüdet fühlte. Seine Begierden gingen herum als brüllende Löwen und suchten, was sie verschlingen könnten – ach nein, sie brüllten nicht und gingen nicht herum. Er biß unzufrieden auf das Wenige, was ihm zugeworfen wurde, und fühlte sich unglücklich. Das Schlimmste war, daß er sich selbst Schuld gab. Jeder andere, meinte er, war besser, weiser, geschickter, glücklicher als er, und in gewissem Sinne war es die Wahrheit. Wir dürfen wohl annehmen, daß weder der junge Herr Pompilius noch der Comptoirsatrap Wilkens jemals an dem Mißverhältnis zwischen ihren Anlagen und der Möglichkeit, sie zu bethätigen, gelitten hatten, wie es bei Walther der Fall war. Jede Ableitung war ihm willkommen, und von einer Wahl keine Rede mehr. Er saugte auf, was sich ihm bot. Wäre er mit Trinkern in Berührung gekommen ... er hätte getrunken. Mit gottseligen Jünglingen ... er wäre predigen und katechisieren gegangen. Ja, so weit kam er, daß er – mit seiner ganzen postcomptoirlichen Weisheit angethan – seine Unschuld bereute, mit der er bei jenem Abenteuer die Jüffrau Laps so enttäuscht hatte. Bereute er es wirklich? Nein ... aber er schämte sich. Er suchte sich einzureden, daß er das nächste Mal ... hm! Würde dies nächste Mal jemals kommen? Der Fall war sehr eigenartig gewesen! So etwas passiert nur einmal im Jahrhundert, meinte Walther, der sich seine ganze früher unverstandene Romanlektüre vor den Geist führte und daraus zu erkennen glaubte, daß diese Nichtigkeiten, von denen er eine ... beinahe erlebt hatte, wirklich die Spindel sind, um die sich das Leben dreht. Der Leser weiß wohl, daß dieser Irrtum auch bei älteren Leuten eine große Rolle spielt ... mit wahrer Moral hat das aber recht wenig zu thun! Aber Walther war darum nicht besser daran, daß er etwa über den Mangel an Untugend, dessen er sich glaubte schuldig gemacht zu haben, Reue fühlte. Das merkte er sehr wohl. Er dachte nicht mehr gern an das, was ihm sonst lieblich vorgekommen war, selbst das wagte er nicht mehr. Die Erinnerungen an die Eindrücke, die Femke ihm mitgeteilt hatte, sein Ehrgeiz, seine Lust, mit ein wenig Allmacht das Gute zu unterstützen, sein unersättliches Streben, immer die Ursache der Dinge zu erkennen ... ach, das alles war ihm peinlich. Unzufrieden mit seinem gegenwärtigen Zustand, hatte er doch ebensowenig Lust, sich mit dem Vergangenen zu beschäftigen, wie mit der Zukunft, deren Ziele ihm entglitten waren, weil Schuldbewußtsein die Ideale zerstört. Um kraftvoll zu hoffen, dazu ist Reinheit nötig, und es ist grob und dumm von Göttermachern, daß sie, um Sünde mit Strafe zu bedrohen, noch eine andere Hölle zu brauchen glauben, als der Verlust der Reinheit mit sich bringt. Das Amt des Cherubs an der Pforte des Paradieses ist eine Sinekure. Einmal, auf der Straße – er machte natürlich wieder Besorgungen für den jungen Herrn Pompilius – tüftelte Walther gerade die neueste Neuigkeit, die ihm diesen Morgen einer seiner Kameraden am Postamt zum besten gegeben hatte, und siehe da ... da sah er Femke kommen. Er wandte sich ab und bog in eine Querstraße ein. Warum wohl? Um seine Schande etwas zu verringern, muß ich hierbei erwähnen, daß er diesen Abend lange wach lag, ehe er einschlafen konnte, und daß er große Lust fühlte, zu weinen. Aber er konnte ebensowenig weinen wie schlafen. Es war ihm sehr schlecht zu Mute, und er nahm sich vor ... ja, was? Mit Schrecken fiel ihm ein, daß die Zeit, die ihm Doktor Holsma gestellt hatte, um Bericht über seine Bestrebungen um die jedesmal nächstliegende Pflicht zu erstatten, längst verstrichen war. Auch diesem guten Doktor wäre er aus dem Wege gegangen, wenn er ihn gerade auf der Straße getroffen hätte. Und vielleicht sogar dem alten Pater Jansen, dem guten alten Kinde ... ein schlimmes Zeichen! »Aber das möchte ich doch gerne wissen,« dachte er, »warum der gute Pastor auf seinem linken Ohr so taub ist?« Hierüber nachdenkend fiel er endlich in Schlaf. Walther sinkt immer tiefer und gerät schließlich hinter »Papas Britschka«. Eine schöne Abhandlung über Billeggiaturen. Donnerstag war es gewesen und Freitag geworden, und Walther wurde, als er aufs Comptoir kam, mit der Einladung überrascht, sich am Sonntag auf Grünenhaus zu erlustieren. Der junge Herr Pompilius ließ sich in höchsteigener Person herab, ihm diese gnädige Bestimmung mitzuteilen, nicht ohne Wilkens einen Wink zu geben, daß die zehn Stüber, die man dem Eingeladenen für die Reisekosten auszahlen sollte, sehr gut auf Haushaltsconto gebucht werden konnten. »Nicht wahr, Eugen? Sag' du selbst mal, ob solche Ausgaben das Geschäft angehen ... was man nennt: das Geschäft!« »Hm!« »Nicht wahr? Und was sagen Sie, Dieper?« »Gewiß, junger Herr. Ich finde, solche Ausgaben ... denn, wissen Sie, es sind ja Kleinigkeiten, nicht wahr?« »Ganz richtig. Und deshalb sag' ich immer ... aber, da fällt mir noch was Besseres ein. Sag' mal, Eugen, weißt du nicht, ob Kalbb und Hersilie die Absicht haben, nach Grünenhaus zu kommen? Und ob sie sich Papas Britschka ausgebeten haben ... mit Mietspferden, weißt du? Denn siehst du, da könnte Pieterse ganz gut mitfahren. Weißt du, was du thust, Pieterse? Du mußt die Güte haben und eben mal zu Mynheer Kalbb gehen, und du machst 'ne Empfehlung von mir – von M'neer Pompilius, mußt du sagen – und fragen, ob M'neer Kalbb ...« »Kalbb ist nicht zu Hause,« brummte Eugen. »So? Na also, Pieterse, dann mußt du so gut sein, nach M'neer Kalbbs Hause zu gehen ... und ... du klingelst, verstehst du? Und du machst 'ne Empfehlung von mir, von M'neer Pompilius, und du sagst – dem Mädchen, weißt du, das dir aufmacht – daß du Sonntag nach ... draußen kommen könntest ... draußen, auf Grünenhaus, brauchst du bloß zu sagen – und daß ich fragen lasse, ob Mevrouw Kalbb und Mynheer Kalbb und der junge Herr Bonifaz – denn Ludwig Bonifaz, so heißt das Söhnchen von meiner Schwester, Mevrouw Kalbb-Kopperlith, verstehst du? – also, du sagst, daß ich fragen lasse, ob die Familie vielleicht die Absicht hat, mit Papas Britschka – mit der Britschka von M'neer Kopperlith, mußt du sagen – mit Mietspferden ...« »Hm,« brummte Eugen. »Ja, ganz recht ... von Mietspferden brauchst du nichts zu sagen. Das wissen sie wohl allein ... was meinst du, Eugen? Nun dann fragst du also, ob M'neer Kalbb und die Mevrouw Kalb und der junge Herr Bonifaz herauskommen? Und wie spät? Und ob du mitfahren dürftest? Aber ... bitte, mußt du sagen ... nicht, Eugen?« »Hm!« »Ganz recht, Bitte, sagst du, und du mußt vor allem 'ne Empfehlung von mir machen. Sag' mal, Eugen, findest du's nicht 'n bißchen indiskret von Kalbb, so immer mit der Britschka von Papa ...« Ehe Walther noch Eugens Ansicht über diese tiefsinnige Frage erfuhr, war er schon unterwegs nach dem Hause Kalbb. Er machte seine Bestellung mit den vorgeschriebenen Empfehlungen und »Bitte«, und bekam zur Antwort, daß Mevrouw Kalbb und Mynheer Kalbb und der junge Herr Bonifaz so zwischen neun und zwölf Uhr durch das Haarlemer Thor fahren würden. »Wenn dann Pieterse mitwollte,« ließ die edle Hersilia Walther durch das Mädchen auf den Hausflur hinaussagen, »sollte er nur Sonntag zur Zeit da sein, und man würde ihm ein Plätzchen einräumen. Aber ... unbequem wäre es doch, denn der junge Herr Bonifaz hatte sich vorgenommen, sein Schaukelpferd mitzunehmen, und das nahm etwas Platz weg.« Walther hatte den Mut nicht, Mynheer Pompilius vorzuschlagen, daß er den Weg nach Haarlem ja zu Fuß machen könne, wenn auch die Art und Weise, wie er mitgenommen werden sollte, ihm eine Kränkung bereitete. Und als er zu Hause bemerkte, wie seine Mutter von der Ehre eingenommen war, die in seiner Person der ganzen Familie angethan wurde, meinte er wieder, daß er sich in dem Eindruck geirrt hatte, den Mevrouw Kalbbs Plumpheit auf ihn gemacht hatte. »Ach, in 'ner Britschka! Das ist ganz gewiß 'ne Kutsche, Trude, 'ne Staatskutsche, denke ich! Und darin soll Walther fahren wie 'n Bannerherr, den ganzen Weg von hier nach Haarlem, und das soll die ganze Welt zu sehen bekommen ...« »Mit 'm Schaukelpferd. Mutter!« »Na ja, mit 'm Schaukelpferd ... was macht das! Denkst du, daß jemand davon was erfährt! Was sagst du, Stoffel? Und dann, wer läuft denn auf dem Haarlemer Weg? Kein Mensch! Keine lebende Seele! Kein Mensch wird wissen, daß du mit 'm Schaukelpferd in der ... Kutsche sitzest. Weißt du, was ich in deiner Stelle thäte? Ich nähm's zwischen die Knie ...« »Ach, Mutter!« »Nun gewiß! Und du legst 'n Taschentuch auf deinen Schoß, dann kräht kein Hahn danach. Du bist 'n unzufriedener Junge. Sieh mal alle die armen Kinder, die Gott danken würden auf ihren bloßen Füßen ... ja das thäten sie, wenn sie auch mal so nach außerhalb fahren könnten, nach einer wirklichen Villa!« »Drei Stunden an dem Haarlemer Thor warten!« »Ja, was soll das? Meinst du, daß so 'n Herr wie M'neer Kalbb sich deinetwegen beeilen soll? Und die Mevrouw von dem M'neer? Und der junge Herr ... wie heißt er?« »Bonifaz, Mutter.« »So 'n junger Herr kann doch nicht, um dir 'n Gefallen zu thun ... weißt du, was du bist, Walther? Du bist 'n rechter Isegrimm. Wenn das dein Vater erlebt hätte, der so sauer um sein Brot arbeiten mußte ...« Am Sonntag-Morgen stand Walther auf seinem Posten. Es war noch nicht ganz Mittag, als die Familie Kalbb in der Britschka von Papa auf der Bildfläche erschien. In dem Zeltwagen war in der That kein Platz mehr, und Walther wurde aufgefordert, sich mit dem Raum zu behelfen, der durch eine Menge von Paketen und Päckchen im Hinterkasten noch übrig gelassen wurde. Sehr stolz war er nicht, als er merkte, daß seine Einschiffung das Interesse des Accismannes am Thor und eines halben Dutzends Straßenjungen auf sich zog, die aus Armut an Unterhaltung in dem Stillehalten eines Wagens ein Ereignis sahen. Ach, er hätte so gerne sich selbst zwischen die Knie genommen ... und ein Taschentuch drüber! Er schöpfte Atem, als der Haarlemer Weg erreicht war. So, ganz verlassen von Menschen und lebenden Seelen, wie es Jüffrau Pieterse gemacht hatte, war dieser Weg nun zwar nicht, aber allzu viel Personen bekamen nicht Gelegenheit zu bemerken, wie gedrückt unser Walther zwischen all dem Gepäck dasaß. Das war ein anderer Zug als der stolze Ritt, von dem Frau Claus ... damals geträumt hatte. Er schloß die Augen und bemühte sich, in den Stößen des Wagens den Rhythmus seines Räuberliedes zu finden, das er als Junge unter dem frischen Eindruck von Gloriosos Heldenthaten verfaßt hatte: »Mit dem Schwert ... hopp hopp hopp ...« Mevrouw Hersitlia Kalbb-Kopperlith aber ersparte ihm die Fortsetzung seiner vergeblichen Versuche, indem sie ihn ermahnte: »Sag' mal, Pieterse ... oder wie du heißt, du sitzt doch wohl nicht auf der Tüte mit Honigkuchen? Und halt doch den Korb ein wenig fest! Das Ding scheuert so gegen meine Hutschachtel.« Walther that, was ihm aufgetragen war. Korb, Honigkuchen und Hutschachtel kamen unversehrt auf Grünenhaus an. Sollte unter meinen Lesern ein einziger sein, der keine Villa hat, so habe ich ihm eine sehr angenehme Zeitung mitzuteilen: die Villen sterben aus! Diese »Buiten«, wie sie in Holland sagen, die man zum sommerlichen Aufenthalt und noch mehr als Zeichen einer gewissen Wohlhabenheit unterhält, haben ihre Blütezeit überstiegen, Der grundlegende Unterschied zwischen denen, die sich eines solchen Dinges erfreuen, und den armen Schelmen, denen dieser Genuß versagt ist, wird bald der alten Geschichte angehören. Wir danken diese Gleichmacherei dem Dampf. Aber schon vor den Eisenbahnen bestimmte die Einrichtung der Transportmittel die Entfernung, in der man das Glück, oder in Ermangelung dessen, etwas Erholung suchte. Und auch, wo dies Ziel nicht erreicht wurde, konnte doch der Abstand, in dem man es zu suchen vorgab, als Index der Distinktion gelten, die bei vielen für Menschenwürde angesehen wird. Es spricht von selbst, daß ich vornehmlich an Amsterdamer denke oder doch wenigstens an Bewohner großer Städte, denn was die Einwohner ländlicher Provinzstädte sich einredeten, um nach »draußen« zu gehen, verstehe ich nicht. Vielleicht auch die bekannte Jagd nach Distinktion. Vielleicht verlebten sie auch ihre Sauregurkenzeit in der Hauptstadt. Vielleicht galt das bei ihnen für vornehm. Beschranken wir uns auf Amsterdam. Der erste Besitzer eines »Außenplatzes« war ein glücklicher Rentner, oder jemand, der in der Schummerstunde und Sonntags rentnerte, indem er auf der Bank seiner Vortreppe in Hemdsärmeln eine Pfeife rauchte. Diese Art von »Draußensein« ist noch immer bei der sogenannten niederen Klasse in hohen Ehren. Ein weißes Hemd gilt immer noch, im Gegensatz zum Arbeitskleid, als Festgewand. Und auch vor den Häusern der Vornehmeren finden wir immer noch die Bank auf der Vortreppe. Aber sie wird nicht von dem Hausherrn und den Hausgenossen benutzt, sondern dient lediglich als Ruheplatz für Schlächter- und Backerjungen, die nach dem Klingeln ein bißchen lange warten müssen, weil das Dienstmädchen keine Zeit hat. Der Übergang von der Villeggiatur auf den Treppenbänken zu dem Mieten eines Gärtchens am Buitencingel hat eine Bedeutung, die wohl klar ist, aber Folgen, die manchem entgangen sind. Die Ursache liegt natürlich in zunehmender Wohlfahrt und in der bekannten Sucht nach Unterscheidung der Stände, Selbstverständlich steht der Besitzer oder Mieter eines Stückchens Boden mit einem Dache drüber höher als der Mann, der sein »Ruhe nach Arbeit«, sein »Sorgenfrei«, sein »Nie gedacht« vor dem Giebel seines Hauses sucht. Auch liegt es in den Sitten, daß man auf diesen allmählich mit geringerer Achtung herniedersah, woher noch jetzt der Tadel der Unanständigkeit für den Entarteten übrig geblieben ist, der sich in Hemdsärmeln mit der Pfeife im Munde an die Hausthür stellt. Es ist wie mit den Rudimenten in der Zoologie ... aber Emporkömmlinge hören von so etwas nicht gern sprechen. Ihr erster Urvater Adam war natürlich von altem Adel, und die Ahnen der Kopperliths hatten niemals auf ihrer Vortreppe gesessen. Das hätten sie stocksteif behauptet, wenn einer unbescheiden genug gewesen wäre, in ihrer Gegenwart eine so zarte Frage anzuschneiden. Und wenn man etwa auf die verräterischen Bänke verwies ... die waren natürlich für die Schlächter- und Bäckerjungen hingebaut. Ich behauptete, daß die Folgen des Übergangs zu wirklichen Gärten nicht überall richtig eingeschätzt würden. Sie waren wichtig, weil sie dem Verhältnis der »Nachbarschaft« den Todesstreich versetzten, und das war ein sehr wichtiges Element für das Volksleben. Während der Abend- und Sonntagsitzungen machte man Bekanntschaft. Man besprach die Angelegenheiten von Stadt und Land, und hieraus entstand »Volksgeist«, oder wenigstens die Anzahl von Bruchstücken und Richtungen, aus denen dieses Ding sich bildete. Noch heute findet man unter den Bewohnern derselben Gegend, sofern sie in bescheidenen Verhältnissen leben, einen gewissen Anschluß, eine Gleichförmigkeit der Ideen, die den Höhergestellten ganz abgeht. Man hört wohl noch mit einem gewissen Stolz sagen: »ich bin ein Junge vom Fransche Pad,« während der Bewohner der Kaisersgracht seine Vornehmheit damit beweist, daß er nicht weiß, wer neben ihm wohnt. Als seine »Nachbarn« erkennt er – oder so war es wenigstens vor vierzig, fünfzig Jahren – die an, deren Villa, deren »Buiten« neben dem seinen liegt, wenn man sich auch da nicht mit übertriebener Vertraulichkeit abgiebt. Der Anschluß geschieht jetzt auf ganz anderem Boden: man ist Nachbar in Politischer oder socialer Richtung, Nachbar in Gott, im Glauben, auf der Börse. Weitere Entwicklung der »Buitenplaatsen« nebst ihren feineren Unterschieden, ihrer Bedeutung und ihren Zwecken. Wie unser Held diesen Zwecken dienen mußte. Auf die Bänke vor den Thüren folgten also die Gärtchen, die gerade vor der Stadt gelegen waren, und zwar meistens – so weit es Amsterdam betrifft, an den »Pfaden«, die in großer Zahl vom Buitencingel ausstrahlten. Etwas vornehmer waren schon die Sommerfrischen vor dem Muider-Thor »am See« oder zu beiden Ufern der Amstel und an der Haarlemer-Fahrt. Auch hier diente natürlich der Abstand als Gradmesser der Vornehmheit. Mit zunehmendem Wohlstande begannen dann die Amsterdamer ... Jeder begreift, daß wir hier ausschließlich an die bevorrechtete Klasse zu denken haben, und keinesfalls an die große Masse der Bevölkerung, die für ihr täglich Brot die vollen zweiundfünfzig Wochen des Jahres in der schlechtduftenden Stadt, ja sogar in derselben Gegend, festgeklebt ist. Wohlhabende Amsterdamer fingen dann langsam an, in den Sommermonaten sich in Gelderland und im Utrechtschen auszubreiten. Die Gegend um Haarlem ist erst nach dem Bechtschen in Aufnahme gekommen. Darin scheint eine Abweichung, von der Regel zu liegen, daß man seine Gesundheit, seine Erholung, die vor allem angestrebte Vornehmheit, je länger, desto weiter sucht. Ich glaube, die Erklärung dieses Widerspruchs in dem zunehmenden Reisen außer Landes zu finden. Wer die Schweiz gesehen hatte, der konnte sich es schon erlauben, den Unterschied über die Schulter anzusehen, der früher den Aufenthalt zu Belfen so viel weniger respektabel machte als den zu Velp, und er brauchte sich nicht zu schämen, wenn seine Villa zu Blumendaal in wenigen Stunden erreicht werden konnte. So verwischte sich der Abstand zwischen den Grenzen unseres Ländchens mehr und mehr. Und in unserer Zeit der vervollkommneten Verkehrsmittel muß das Aussterben der »Buiten« die unausbleibliche Folge sein. Es giebt ihrer noch, aber lange werden sie nicht mehr sein, und ich glaube kaum, daß sie die letzte amerikanische Rothaut und das Versemachen überleben werden. Daß übrigens auch andere Ursachen, neben dem Reisen außer Landes, mitwirkten, will ich wirklich gern zugeben. Aus einem hygienischen Gesichtspunkte sowohl wie infolge der unverhältnismäßigen Preissteigerung der Lebensmittel, fanden viele es wünschenswert, ihre Parkchen und Tümpelchen und Alleechen, ihre Lauben und Büschchen unter den Hammer zu bringen, und bald wuchsen da Kohl und Kartoffeln, wo früher ... ja, was geschah denn da früher? Mit anderen Worten: von welcher Art war der Genuß, den die »Buiten« ihren Besitzern oder den Gästen boten? Man findet in manchen Schriften Erzählungen von besonderem Luxus, der auf solchen Landsitzen herrschte. Aber ich bin so frei, das nicht alles so sicher anzunehmen, wie es erzählt wird. Wir wissen nun einmal, daß es nicht im Nationalcharakter liegt, für Kunst und Geschmack, ja selbst für Komfort, große Ausgaben zu machen. Und wer waren die Lobredner der Pracht? Genau wie in den Heldengesängen, in denen Könige beweihräuchert werden, unterscheidet hier das geübte Ohr bald den eigenartigen Ton von Bratenbarden? die den hingeworfenen Knochen mit hochtönenden Versen bezahlten. An Wahrheit, an das Streben nach Wahrheit schon, darf bei derartiger Prostitution des Worts nicht gedacht werden. Das wurde auch gar nicht verlangt. Der reich gewordene Besitzer eines solchen Landsitzes konnte für ein paar Dukaten seine »Luftveranden ohnegleichen« recht nett und trefflich besungen bekommen, je mythologischer, desto hübscher. Die kindische Eitelkeit des modernen Burgherrn war befriedigt, und heute noch fühlt sich der Nachkomme durch so erhaltene Zeugnisse oder selbst durch minder echte Überlieferung verführt zu kindischer Übertreibung der Bedeutung seiner Vorfahren. Vor wenig Jahren noch konnten wir vernehmen, daß Ende des vergangenen Jahrhunderts eine Amsterdamsche Familie – die übrigens keineswegs zu den anerkannt reichsten gehörte – auf ihrem Außensitz, dem »Haus zu Manpad«, in einem Jahre zwölfhundert Gulden für Vogelfutter ausgegeben hätte! Die Vögelchen müssen einen wahren Kirchenmagen gehabt haben, aber die gesunde Kritik schluckt solche Erzählungen mit Widerstreben oder gar nicht. Handelt es sich doch um Charaktere, die in der Regel wenig Fürstliches an sich hatten, die meistens viel zu kleinlich waren, um ohne ersichtlichen Vorteil ein Rotkehlchen am Leben zu erhalten. Dieser ... Dichter, dessen allzu fruchtbare Phantasie so freigebig Tausenden von Vögelchen Nahrung gab, vergaß, daß einige Leser auch zu rechnen verstehen. Rechne die Summe, im Verhältnis der Veränderung des Geldwertes, um und sage mir dann, wie viel mußte eine so splendide Familie denn für sich verbrauchen, um nicht hinter den Vögelchen zurückzustehen? Und in einem anderen Bericht wird erzählt, der Besitzer von »Wüstedüne« würde sehr böse, wenn der Besucher oder Gast den Fuß auf einen geharkten Weg setzte! Diese beiden Plätze lagen dicht nebeneinander. Und ... andere Bedenken! Wie kann man eine Neigung zu Luxus und Pracht bei den Eigentümern dieser Landaufenthalte glauben, wenn man sieht, wie diese selben Leute in ihren Häusern zu Amsterdam keine Badestube, keine geruchlosen Kämmerchen beanspruchten. Sollte man, wenn man jene Sorte von Selbstüberhebung kennen lernt, der – immer mit Ausnahmen, gewiß! – der einzelne Niederländer sich hingiebt, einstimmen in den Gesang des alten Gerrit: »Was ich dir sage, 's ist Armut und Großthun! Allemal Wind, oder auf gut holländisch gesagt: englisch Notting!« Und wie sehen denn diese Landsitze aus, die noch hier und da zu sehen sind? Diese steifen Alleen, der feuchte Boden, die schmutzigen Gräben, die Weiher voller Entengrütze, die grünangelaufenen Statuen – von Marmor, sagen die Dienstboten – alles ladet den Wanderer ein, schnell vorbeizugehen. Er dankt seinem Herrgott, daß er ein freier Mann ist und seine Distinktion wo anders suchen oder ganz missen kann. Mit schauderndem Mitleid fällt sein Blick auf die Familie, die da drüben auf der Veranda oder unter der Laube damit beschäftigt zu sein scheint, zu versteinern. Was sage ich? Als ob solche Familie überhaupt zu sehen wäre! Nicht dazu verließ man sein wohlgeschlossenes, mit Gardinen behängtes Haus in der Stadt, um sich hier von den Vorübergehenden betrachten zu lassen. Vornehmheit, dein Name ist Absonderung! Glück, dein Bild ist Mumie! Alles, was die Totenstille brechen könnte, wird im Tempel der Langeweile für Contrebande angesehen. Höchstens darf man von der Straße ab und zu den Gärtner sehen, oder ein paar Enten, oder den Zeiger der Sonnenuhr, der sich ärgert über seinen Schatten ... die Nachbarn konnten ja sehen, daß der sich bewegt.! Und Blumen? Ach nein! Was ist in freier Luft zur Sommerszeit gemeiner als Blumen? Die sind deshalb nicht zu sehen. Sie stehen irgendwo in verborgenen Winkeln im Kasten. Es sind fremde, ausländische, mit Sorge und Mühe gepflegte Pflanzen, würdevolle Blumen, unmögliche Blumen. So gehört es sich auf einem wohlgeordneten vornehmen Landsitz! Wenn diese Leute in Indien wohnten, würden sie Waringibäume umhacken und Butterblumen mit Hilfe von Eiskellern durch das Leben martern. Von der Natur kennen sie nichts als ihre Zähigkeit im Aushalten unnatürlicher Behandlung. Alles ist in allem. Meint man, daß die Liebhaber geschorener Laubgänge Charakter haben können? Die Liebhaber von gebildhauerten Krüppelbüschen? Von bunten Puppen, die den uneingeweihten Besucher, der um die Ecke biegt, erschrecken oder überraschen? Von dem nachgemachten Ernst einer Einsiedelei ? Von einer Kunstfontäne – »wohl zehn Eimer Wasser, M'neer!« – und den daraus gespeisten Attrappen ... ach, wie witzig! Aber das gilt hauptsächlich von wirklichen Landsitzen, und vor allem von solchen, die, zwei oder drei Geschlechter durch im Besitz derselben Familie – was stets die Ausnahme war – so gut wie möglich in eine Art von adligem Sitz umgewandelt werden. Das Herrenhaus muß etwas wie ein Kastell vorstellen, nicht in der Bauart zwar – das war nun einmal nicht so – aber in der Bezeichnung. Den Landleuten in der Umgebung gegenüber wurden affige Manieren angenommen, die den Zweck hatten, eine Art von mittelalterlicher Beziehung herzustellen, die aber weiter nichts waren als ein komisches Gemengsel von Krämerstolz, sogenannter Würde und Muckerei. Eins der meist angewendeten und nächstliegenden Mittel war ... Wohlthätigkeit unter Aufsehen zu Gott, und diesen Hebebaum setzte man – allerdings so billig wie möglich! – in Bewegung. Das Söhnchen des Gärtners – gleichzeitig Gärtnergehilfe, Tafellakai, Stalljunge und Botschaftenläufer, alles in einem Stück – hatte eine Hose an, die eine der jungen Damen selbst gemacht hatte, wahrhaftig! Und diese jungen Damen ... Ach, wie ärgerlich, daß die dummen Bauern nicht von selbst darauf kamen, zu sagen: »die Fräuleins vom Schlosse!« Man konnte es doch nicht direkt verlangen. Diese Mädchen übten sich unter Mamas Leitung in gottesfürchtigem Zerknirschen an diesem oder jenem, der den Fuß auf den Weg der Sünder gesetzt hatte. Und die Arbeiterfrau, die in den Wochen lag, kriegte ein Milchsüppchen und ein Gebetbuch. Und bei allem die unausstehliche Vornehmheit melancholischer Langeweile, die höchstdistinguierte »Morbidezza.« Haus, Garten, Alleen, Tümpel, Standbilder – Puppen! – ja selbst die Gerüche, die aus dem Modergrund aufstiegen, wetteiferten, Kränklichkeit anzunehmen oder zu zeigen. Daß das etwas lieferte, was man im gesunden Sinne des Wortes Erholung nennen darf, ist zu bezweifeln. Aber über den Geschmack ist nicht zu streiten, und für Vornehmheit und Würde muß man schon etwas übrig haben. Diese Charakteristik paßt indessen nur auf wirkliche Landsitze. Sogenannte »Optrekken«, bescheidenere Sommerfrischen, tragen eine andere Physiognomie, und man mich da gemietete und in Eigentum besessene unterscheiden. Die letzteren liefern das Vorbild, nach dem die anderen sich so gut wie möglich richten, niemals aber ohne durch vielerlei Zeichen zu verraten, daß wir es hier mit der Anlage eines bäuerischen Spekulanten zu thun haben, der von seinem Gelde eine Rente ziehen will und deshalb die Mieter aus der Stadt anlockt mit »ländlicher Schönheit«, die größtenteils eigenes Fabrikat ist. Und wo es nicht reichte, schreibt er sein Ziel an die Thür. Er vermietet: »Kleine Schweiz«, »Berg und Thal« oder wenn seine Phantasie etwas dürftig ist, einfach: »Schöne Aussicht«. Damit haben wir nun hier nichts zu thun. Wir wollen uns mit den Sommerfrischen, »Optrekken«, befassen, die das Recht oder den Vorwand geben, von einem »eigenen Landsitz« zu reden; eine Großthuerei, in der sich der junge Herr Pompilius sehr auszeichnete, und die auch dem alten Herrn Kopperlith nicht ganz fremd war, wie wir wissen. Eine Sommerfrische von dieser Art war der große Schmerz aller Eigentümer wirklicher Landsitze. Wer konnte diesen Kopperliths verbieten oder sie hindern, ihre Amsterdamer Bekannten mit der Mitteilung niederzuschmettern, daß sie »auf ihren Landsitz« gingen, und so diese Unerfahrenen in den Wahn zu bringen, als ständen sie auf gleichem Fuße mit dem Burgherrn eines richtig-melancholischen Kastells? Mancher Patricier oder Aristokrat – so betitelten sich die am wenigsten unbedeutenden Krämerfamilien Amsterdams – meinte vor Ärger zu bersten, wenn er sehen mußte, daß der unschuldige Bürgersmann die falsche Höhe eines solchen Menschen mit der seinen verwechselte oder gleichstellte. Er selbst hätte einen Grafen oder Baron, der es thöricht fand, daß er sein Haus für ein Kastell ausgab, sehr unbillig gefunden; aber er entsetzte sich über die Anmaßung anderer, die nach seiner Krone trachteten. Der Abkömmling eines alten Adelsgeschlechts sollte sich nicht auf die lange Reihe seiner Ahnen berufen, aber ein Patricier, der mit Aktenstücken bewies, daß sein Urgroßvater schon im Rat von Amsterdam geschlafen hatte ... das ist ganz etwas anderes, nicht? Der Eigentümer von solcher kleineren Sommerfrische, der den beabsichtigten Eindruck durch die Größe seiner Besitzung nicht machen konnte, mußte auf das Künstlich-Düstere, was dem Konkurrenten so gut stand, verzichten. Auf ein Plätzchen von fünfundzwanzig Metern im Quadrat kann man keine Alleen pflanzen, keine Wäldchen, keine Irrgärten. In Ermangelung dessen sah so eine Sommerfrische freundlicher aus. Freilich, es war hart, Schatten und Dunkel entbehren zu müssen, und das Tageslicht durchdringen zu lassen auf das Grasfleckchen und die Blumenbeete, die jene schwerentbehrten Dinge ersetzen mußten, aber der Weise weiß sich in die Verhältnisse zu schicken. Schlimmer war in solcher Miniaturvilla, deren Vorder-Veranda kaum fünf Ellen vom Wege lag, die Schwierigkeit, sich den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen. Ihn in den Wahn zu bringen, daß er in den Straßen Palmyras spazieren ging, war glatt unmöglich. Man sagt – für die Wahrheit verbürge ich mich nicht, und man weiß, die Verleumdung reicht weit – daß einst ein frecher Tourist mit eigenen Augen zugesehen hat, wie Mevrouw Kopperlith ein Täßchen Thee an den Mund setzte, und einer der damals noch nicht vollkommen zur Würde erzogenen jungen Herren soll einmal dicht am Zaun, also beinahe auf dem öffentlichen Wege, mit einem Ball gespielt haben. Drei Bauernmädchen hatten es gesehen, behauptete Mama, und sie wurde nervös bei dem Gedanken, was die Menschen wohl über solche Unschicklichkeit gesagt hätten. Die Erholung der Bewohner solcher ländlichen Aufenthalte war ... möglichst unländlich. Man empfing Besuch von »ebenbürtigen« Villenbewohnern, aber lieber noch von höher gestellten. Man machte Partien in die Umgegend, zu Wagen, wobei die Zurschaustellung eigenen Fuhrwerks die Hauptsache war, und ... man langweilte sich. Eins der am wenigsten abzustreitenden Vergnügen, das man aus einer solchen Besitzung zog, war die Genugthuung, das »Buiten« durch Freunde und Bekannte bewundern zu lassen. Ein jeder hielt sich seine Pleiers und Krückers und Hockers, ja sogar »jüngste Bedienstete«, deren Pflicht es war, mit offenem Munde die Herrlichkeit des Besitzes anzustaunen, und wenn es ging, vor Neid zu platzen. In dieser Beziehung trafen sich diese kleinen Villenmenschen mit den großen Kastellherren vollkommen. Und in dieser Beziehung hatten sie in der That etwas Übermenschliches, denn wir finden in den meisten Katechismen – heidnischen, griechischen und christlichen – als eine Eigenart der Götter verzeichnet, daß sie sich am meisten freuen, wenn ein Menschenkind sich an ihrer Göttlichkeit stumm, blind und dumm starrt. Heute war auf Grünenhaus unser Walther an der Reihe, die Rolle des von so viel Glanz geblendeten Seraphchen zu spielen. Walther darf tiefsinnige Gespräche mit anhören und wird vor pedantischem Mitsprechen bewahrt durch eine ehrenvolle Entsendung in die Rollkammer. Der alte Herr Kopperlith hatte die Wahrheit gesagt. Seine Villa lag gleich bei den »Logementen«. Das war gesellig, sagte er, man fand da Zeitungen und Menschen aus der Stadt. Es ist seltsam, daß die meisten, die aus dem Gewühl der Stadt flüchten, ihre ländliche Einsamkeit nur dann ordentlich genießen können, wenn sie noch immer mit städtischem Trubel versetzt ist. Walther bemerkte denn auch sehr bald, daß der Landaufenthalt ganz etwas anderes war, als er sich vorgestellt hatte. Wie krumm und verdreht auch die Idylle sich ihm in Versen aufgethan hatte, er fand keine Spur von den Bildern, die sie in seiner Phantasie geweckt hatte. Als er aus seinem Wagenkasten heraussah, vermochte er kein einzig Fleckchen zu entdecken, wo ein verlorener Sohn das kleinste Schweinchen zum Teilnehmer an seiner Reue hätte machen können. Auch Hirtinnen, mit Blumen auf den Hüten, kurzen Röcken und roten Schuhen, sah er nirgends. Kein Damon spielte die Flöte. Keine jugendlichen Landbewohner tanzten auf dem sammetnen Grasgrund. Und auch der Grasgrund selbst, mit oder ohne Samt, fehlte. Er ging zu anderen Kapiteln aus der Geschichte seiner Phantasie über – aber auch keine romantische Wildnis, die so reizvoll sein mußte, zeigte sich irgendwo. Beim Umbiegen um eine Ecke hätte die famose »Britschka von Papa« beinahe einen halbblinden Geigenspieler überfahren ... war das der Damon dieser Gegend? Der Fahrweg war von Klinkern, die fußhoch mit Erde und Staub bedeckt waren ... war das der sammetne Tanzboden der Landjugend? An den Bäumen sah man keinen Apfel, keine Birne, keine Nuß, nicht einmal eine Kokosnuß oder Brotfrucht ... war dies die freigebige Milde der ländlichen Natur? Und ... und – ja, er mußte sich selbst eingestehen, daß er enttäuscht war – während der ganzen Reise hatte kein einziges Abenteuer die Eintönigkeit des Haarlemer Weges in frischer, fröhlicher Weise unterbrochen. Kein Rad war am Wagen gebrochen, kein Räuber hatte sich gezeigt ... ja doch, soeben, etwas Ähnliches. Ein Bettler schien einen Anschlag im Sinne zu haben, oder die Insassen des Wagens hatten sich wohl einen Augenblick einbilden können, daß er etwas anderes war als ein friedlicher Landstreicher, – aber ein kleiner Wink mit der Peitsche hatte genügt, um auch diese Illusion zu beseitigen. Walther saß wieder allein mit seinem Honigkuchen und seiner Hutschachtel. Gerade war er dabei, sich die Frage vorzulegen, warum jemand, der einen Landsitz sein eigen nennen konnte, das nicht lieber in Afrika suchte, als das Gefährt in das Thor von Grünenhaus einfuhr und vor der Vorder-Veranda stillhielt. Pompilius kam mit seiner üblichen Geschäftigkeit zum Vorschein: »Tag, Kalbb! Tag, Hersilie! Habt ihr Honigkuchen mitgebracht? Ihr wißt, daß Mama nicht herauskommen kann. Wie spät seid ihr abgefahren? Staub auf'm Weg, wie? Ja, viel Staub. Der Weg ist sehr staubig, wißt ihr. Das kommt von der Trockenheit. Wenn's regnen thäte, thät's auch weniger staubig sein. So, Pieterse, bist du da? Komm nur raus ... kannst rauskommen ... steig' aufs Rad. Sind das die Honigkuchen? Na, halt' sie nur fest, bis das Mädchen kommt ... denn ... gleich kommt das Mädchen ... wie, Hersilie? Und hat Bonifaz sein Schaukelpferd mitgebracht? Sag': Tag, Onkel! 's kann in der Rollkammer stehen, oder im Gartenhaus ... denn Mama hat Kopfschmerzen, weißt du, Hersilie ... noch immer ganz schrecklich böse Kopfschmerzen ... und Nerven, weißt du? Wir haben die Krückers hier, und mittags kommen die Hockers, und die Damen Pleiers kommen morgen auf'n Gläschen Madeira. ›Mit großem Vergnügen!‹ haben sie sagen lassen, denn ... Papa hat sie eingeladen. Und nachher fahren wir spazieren, wißt ihr, mit den Krückers, aber Mama bleibt zu Hause ... scheußliche Kopfschmerzen, wißt ihr ... sie wird mit der Jüffrau Karten spielen. Sie ist schön böse darüber, die Jüffrau meine ich. Mir ist's egal, und Eugen sagt ...‹ Während dieses Geratters war der Wagen abgeladen, und Walther wurde von seinem Honigkuchen erlöst durch eins der Mädchen, die der herumarbeitende Pompilius dazu kommandiert zu haben schien. Er durfte nun der Familie folgen, die ins Haus getreten war und bald darauf in die hintere Galerie kam, wo das Hauptquartier aufgeschlagen war. Da fand man die immer noch ganz schrecklich scheußlich fürchterlich kranke alte Mevrouw mit ihrer Schwiegertochter Julie und dem Gesellschaftsfräulein. Da saß der alte Herr mit seinem Sproß Eugen. Da saß die Familie Krücker. Und da nahmen nun auch die Neuangekommenen unter Führung von Pompilius ihre Plätze ein. Walther, der etwas später als die anderen und ein wenig verlegen eintrat, wurde der Frau des Hauses mit einer Unachtsamkeit vorgestellt, in der gewiß nichts Tadelnswertes gelegen hätte, wenn sie sich auf seine Unbedeutendheit als Mensch gegründet hätte. Aber darin lag die Entschuldigung für Pompilius' Flegelhaftigkeit nicht. Er machte deshalb so wenig Umstände, weil man es ja bloß mit einem Comptoirbediensteten zu thun hatte, mit einem Wesen niederer Ordnung. Vielleicht habe ich mich schon einer Übertreibung schuldig gemacht, indem ich vom »Vorstellen« sprach. Die Wahrheit ist, daß Walther mit einer Handbewegung als »der junge Pieterse« bezeichnet wurde, und als ein paar Mitglieder der Familie Krücker sich zu etwas wie zu einem Gruße bereit machten, wurden sie vor diesem gefährlichen Mißgriff durch eine schnelle Mitteilung von Walthers gesellschaftlichem Standpunktchen behütet. »Unser jüngster Bediensteter,« sagte Pompilius sehr vornehm und in einem Tone, der so viel bedeuten wollte, wie: ihr braucht euch nicht erst in Unkosten zu stürzen mit Höflichkeit oder so etwas. Dann durfte Walther sich hinsetzen und sogar den erhabenen Gesprächen zuhören, die in dieser hinteren Galerie von Grünenhaus geführt wurden. In Frankreich hatte man einmal die Sitte der sogenannten Réunions, aber sie ließen an gutem Geschmack viel zu wünschen übrig. Der Himmel bewahre mich, daß ich die Mode auch bei uns eingeführt sehen möchte, einander zu besuchen mit dem ausgerechneten Plan, »Geistreichtum« auszukramen, ja selbst wenn es Geist wäre. Wir wissen nun einmal, daß das die Natur vergewaltigen heißt, und das wollen wir nicht. Aber sehr viele haben auch ein Mittel gefunden, um noch schlimmer abzuirren, indem sie sich mit Gesprächen unterhielten, deren Inhalt ebensosehr Mangel an Sinn und Verstand verriet, wie auch zeigte, daß man nicht einmal den Schein davon zu retten suchte. Für Walther war das wieder eine Enttäuschung ... er hatte gedacht, er würde nun endlich einmal etwas aus der wirklichen Welt vernehmen, und er hatte sich vorgenommen, gut zuzuhören, um den wahren Ton zu fassen, der vornehme Leute von dem Kleinbürgertum unterscheidet ... o Jammer! Nachdem die Familie Krücker die ganz außergewöhnliche Liebenswürdigkeit des jungen Herrn Bonifaz nach Gebühr gewürdigt hatte, kam das Gespräch auf das mitgebrachte Schaukelpferd und die Schwierigkeit, das Tier unterzubringen. »Er wollt's absolut mithaben, Mama,« versicherte Hersilia. »Und wenn das Kind seinen Willen nicht hat ...« »Ja, dann ist er voller Unwillen,« fügte der Elsässer Konsul hinzu. »Das Kind hat kolossal viel Charakter.« »Ja, aber ... Mama hat so scheußliche Kopfschmerzen. Ihr könnt es von der Jüffrau hören. Nicht wahr, Jüffrau?« Die Jüffrau legte nach Pompilius' Wunsch ihr Zeugnis ab, und die noch immer ganz schrecklich kranke Mevrouw nickte mit dem Kopfe. Der kleine Junge wurde weggeschickt, mit der Weisung, sein Pferd ja nirgends anders zu schaukeln als in der Rollkammer. Nun, das that er denn auch, und das Haus dröhnte davon. Die Gesellschaft hielt sich schadlos durch ein Gespräch über Wetter und Wind, an, dem sich auch die Damen beteiligen konnten. Nach einigen Übergängen kamen dann die »Geschäfte« aufs Tapet, und der weibliche Teil der Gesellschaft konnte sich als ausgeschlossen ansehen. Die noch immer ganz scheußlich kranke Mevrouw hielt sich schadlos durch ein unaufhörliches Mummeln von Honigkuchen ... der Doktor hatte gesagt, daß das ganz besonders gut wäre, um Appetit zu erregen. Julie »arbeitete« an ihrem Jagdhund, den Walther bei dieser Gelegenheit mit Vergnügen wiedersah. Die Jüffrau hantierte auch ein bißchen an einer Stickerei herum, bediente die Launen von Mevrouw und warf ab und zu schmachtende Blicke auf Eugen, der aber die Gefühllosigkeit selbst blieb. Der Herr des Hauses beschäftigte sich mit einer fortwährenden Anwendung seines bekannten Lachens, mit dem er gewohnt war, seiner Existenz zuzujubeln. Pompilius drehte sich auf seinem Stuhle hin und her und war glücklich über das Entzücktthun seiner Krückers. Jeder seiner Blicke schien zu sprechen: »na, hab' ich es nicht gleich gesagt, daß Papa 'ne eigene Villa hat?« Um ihm seinen Dank abzustatten, machte einer von ihnen die Bemerkung, daß in Leinwand ein sehr wichtiges Fach wäre. »Ein sehr wichtiges Fach, M'neer Kopperlith!« »Gewiß, gewiß! Aber Korken sind auch nicht zu verachten,« gab der alte Herr zurück. Der scharfsinnige Leser merkt, daß die Familie Krücker in Kork oder in Korken »machte«. »Wenn ich zu wählen hätte, machte ich lieber in Leinwand,« sagte einer von ihnen entgegenkommend. »Hm, ja, so. In Leinwand, sehen Sie ...« »Darin ist immer was zu thun.« »Gewiß, gewiß. Immer etwas.« »Und in Korken hat man manchmal    « »Ja, das ist wahr.« »Aber man kann doch nicht so schnell umsatteln.« »Nein, das geht nicht. Man muß Branchekenntnis haben.« »Richtig. Und dabei groß geworden sein.« Die ganze Gesellschaft betrachtete mit geziemender Ehrerbietung alle die Krückers, die Verstand von Korken hatten und dabei groß geworden waren. »Papa,« fragte da plötzlich die naive Julie, »ist für Korken viel Verstand nötig?« »Julie!« rief die alte Mevrouw vorwurfsvoll. »Gewiß, gewiß, Kind! Zum Handel ist viel Verstand nötig, viel Verstand!« »Wir machen mit Spanien, wissen Sie,« rief die Familie Krücker. »Ah!« sagte Julie, als ob diese Mitteilung die Sache aufklärte. »Ja, mit Spanien!« »Dann sprechen Sie gewiß auch spanisch?« Diese Frage galt als liebenswürdige Unart. Alle fingen an so herzlich wie möglich zu lachen, und die, an die die Frage gerichtet war, am lautesten, vielleicht um so um die Notwendigkeit einer Antwort zu kommen. Pompilius war stolz auf den entzückenden Geist seines Frauchens. »Ja, ja, die Korken kommen aus Spanien,« versicherte der alte Herr. »Wer in Kork macht, hat 'n Comptoir in Spanien.« »Die Reisenden aus Barcelona bereisen das Land,« sagte die Familie Krücker. »Ja, Papa, 's ist 'n famos Fach,« versicherte Pompilius, der die durch ihn eingeführten Gäste ein bißchen herausstreichen wollte. »Ach, 's wird so drin geschleudert,« klagte einer von den Krückers, »ganz schrecklich, M'neer!« »Die Menschen können das Schleudern nicht lassen.« »Sie gehen in die kleinsten Dörfer und besuchen die geringsten Krämer!« »Ein Nackenschlag für den Handel!« »Das müßten sie nicht thun. Was sagst du, Eugen?« »Hm!« sagte Eugen. »Für den Großhandel bleibt nichts zu verdienen, aber auch gar nichts. Wir Grossiers können uns den Mund abwischen.« »Und wie steht der Wechsel auf Spanien?« »Ach, wir remittieren gewöhnlich auf Paris. Das ist bequemer.« »Paris steht hoch, sagte gestern mein Buchhalter ... nicht, Pompilius?« »Ja, Papa. Dieper sagte, daß Paris hoch steht.« »Papa,« rief Julie, »was bedeutet denn das: Paris steht hoch?« Allgemeines Gelächter über Julies Witz. Pompilius rieb sich die Hände vor Vergnügen. »Nun, das bedeutet ...« »Natürlich, 's bedeutet, daß ...« »Man meint damit, daß der französische Wechsel hoch steht.« »Der französische Wechsel, weißt du?« »Ah,« sagte Julie befriedigt. »Da hast du, zum Beispiel, England,« erklärte Pompilius. »England steht zwölf und drei.« »Ach so!« »Ganz richtig, so ist es, England steht zwölf und drei. Und Frankreich ...« »Frankreich steht gewiß ...« »Ja, ja, Frankreich steht ganz hoch.« »Papa, warum steht Frankreich so hoch?« Diese Frage Julies brachte die Gesellschaft weniger in Verlegenheit, als man eigentlich erwarten sollte. Keiner wußte eine vernünftige Antwort zu geben, und doch schämte sich keiner der Anwesenden seiner Unwissenheit. Pompilius, der sicher nicht mehr Verstand hatte als die anderen, stieß einen der Krückers gegen das Knie, als ob er sagen wollte: »Na, was sagen Sie zu meinem Frauchen?« Julie aber meinte aus dem allgemeinen Gekicher wohl entnehmen zu dürfen, daß sie eine Frage gethan hatte, die der Wiederholung wert war. Nochmals also: »Ja, wahrhaftig, Papa, warum steht Frankreich so hoch?« Walther hörte aufmerksam zu. Auch er hatte sich manchmal, wenn er seine Rechnungen für das Fakturenbuch machte, die Frage vorgelegt, woher das Steigen und Fallen des Wechselkurses eigentlich käme. Auf dem Comptoir konnte er keine Erklärung erwarten. Da hätte man ihn gewiß mit einer Redensart abgespeist: »Das sind deine Sachen eigentlich nicht!« Sehr tief hatte er ja über die Frage auch noch nicht nachgedacht, aber durch die unerwartete Art, mit der sie hier aufgeworfen wurde, war sein Interesse geweckt. Julie aber drang trotzig auf Antwort, nicht etwa daß ein unwiderstehlicher Drang zum Wissen und Verstehen sie getrieben hätte, sondern weil sie das Triumphchen, das ihre Naivetät ihr offenbar verschafft hatte, möglichst lange genießen wollte. »Diese Julie!« hatte die alte Mevrouw gerufen. »Ja, ja, Mama, ich frage, warum denn nun eigentlich Frankreich so hoch steht?« »Na, Kind,« sagte der Alte, »begreifst du das nicht? Das ist der Wechsel. Der Wechsel, verstehst du wohl?« »Ganz recht,« riefen die Krückers. »'s ist der Wechsel!« »Siehst du, Julie, 's ist der Wechsel,« bestätigte Pompilius. Und sich zu seinen Gästen wendend: »Alles, alles will sie wissen. So ist sie. Sie giebt nicht Ruhe, ehe sie nicht alles weiß!« »Aber Papa, was heißt denn das: der Wechsel steht hoch?« »Na, ganz einfach. Der Wechsel auf Frankreich!« »Ganz richtig, Julie! Siehst du, 's ist der Wechsel auf Frankreich.« »Aber ... was meint man denn damit?« »Nun, daß der Wechsel teuer ist.« »Aber ... warum ist er teuer?« »Ja, das sind nun eben Fragen, Kind ...« »Ja, Julie, das sind Fragen ...!« Und auch die Familie Krücker war einstimmig der Ansicht, daß das Fragen waren ... Ein Teufelchen spukte in Walthers Geist. Das Nichtwissen der anderen stachelte ihn zum Nachsinnen an. Er begann zu meinen, daß er vielleicht die Frage würde lösen können. Er dachte nach und sann, und wollte etwas sagen, aber er getraute sich nicht. Gewiß, er wäre erschrocken, wenn er seine Stimme in dieser vornehmen Gesellschaft gehört hätte. Außerdem nahm der alte Herr das Fach des Erklärers auf sich. »Der Wechsel ist teuer, Julie, wenn er im Preiscourant hoch notiert steht.« »Ja,« sagte Pompilius. »Das ist die ... Börsennotierung, verstehst du! Dieper verrechnet auch immer unsere Wechsel auf England nach der Börsennotierung des Tages. Nicht wahr, Papa? Nicht wahr, Eugen?« Weder Papa noch Eugen widersprachen. Und alle Krückers nickten zustimmend. »Ach so, jawohl, ja ... Börsennotierung,« antwortete Julie, völlig befriedigt. »Es sind ... Geschäfte, mußt du verstehen,« setzte Pompilius zum Überfluß noch hinzu, um die Sache gehörig aufzuklären. »Da haben Sie's,« riefen die Krückers. »Es liegt in den Geschäften, liebe Mevrouwtje!« Und zu weiterer Aufklärung kam es nicht. Walther, der mehr und mehr zu glauben anfing, daß er etwas Wesentliches zu dem Gegenstande beitragen könnte, schwieg. Außer der Scheu vor seiner eigenen Stimme begann er zu fürchten, daß etwas Gefährliches darin lag, Julies Preisfrage anzurühren, etwas Indecentes vielleicht, wie die Geburt eines Kindes. Unwillkürlich dachte er an seine Kameraden am Postamt, seinen Weisheitsbrunnen seit einigen Monaten. Die würden es ganz gewiß wissen, meinte er, warum die Gesetze, die den Wechselkurs beherrschen, in vornehmer Gesellschaft nicht besprochen werden dürfen. O, welch ein pikantes Geheimnis! Aber die Gesetze selbst kamen ihm so einfach vor, daß er Mühe hatte, den Mund zu halten. Er wurde aus seiner Spannung durch Pompilius erlöst: »Sag', Pieterse, weißt du, was du thust? Du mußt eben mal so gut sein und in die Rollkammer gehen – nicht wahr, Mama – nicht wahr, Hersilie? – und spiel mal 'n bißchen mit dem jungen Herrn Bonifaz, denn er schaukelt so schrecklich. Es ist bloß, siehst du, Hersilie, weil Mama so scheußliche Kopfschmerzen hat ... das ist's bloß!« Das Ehepaar Kalbb blickte unzufrieden und fand es augenscheinlich unter ihrer Würde, daß ihr Sproß sich irgendwo anders amüsieren sollte als im Salon. Walther verschluckte seine Weisheit über die Ursachen des Wechselkurses. Er verließ die Gesellschaft und fand auch bald, indem er dem Gepolter nachging, die Rollkammer. Hier erfüllte er sein nächstliegendes Pflichtchen, den jungen Herrn Bonifaz von seinem Schaukelpferd wegzulocken. Merkwürdige Vergnügungen auf dem Lande. Trauriges Ende eines romantischen Traums vom Wechselkurs. Walther wird wütend und fängt an, sich über seine Chefs eigene Gedanken zu machen. Eine ganz neue Seite seines Charakters. Ich muß gestehen, daß unser Walther von dem ihm in der Rollkammer angewiesenen Wirkungskreis nicht sehr erbaut war. Er war ärgerlich, ja beinahe wütend. Obwohl das niemand wunder nehmen wird, glaube ich doch nicht, daß die wahre Ursache dieser bei Walther ungewohnten Stimmung dem Beschauer so ohne weiteres vor Augen liegt. Man wird leicht geneigt sein, seinen Verdruß lediglich der Enttäuschung zuzuschreiben, weil er sich das Leben auf dem Lande ganz anders vorgestellt hatte. Gewiß, der Beruf, einem ungezogenen Jungen als Stellvertreter für ein Schaukelpferd zu dienen, war weder ländlich noch idyllisch, weder romantisch noch ritterlich oder erhebend, und Walther nahm sich allen Ernstes vor, andere Beschäftigungen zu erdenken, für den Fall, daß er einmal im Besitze eines Landsitzes oder bloß einer kleinen Sommerfrische sein würde. Aber Enttäuschungen dieser Art hatte er seit einiger Zeit so viel erlebt, daß er nachgerade schon daran gewöhnt war. Die Blumen seiner Phantasie waren matt und geruchlos geworden. Jede Berührung, in die er mit der Welt oder, was er dafür halten mußte, gekommen war, lieferte ihm so ganz andere Eindrücke, als er sich vorgestellt hatte, daß er mutlos die Augen von den Traumbildern abwendete, die früher sein inneres Leben schön und dadurch das äußere erträglich gemacht hatten. Die Ursache dieser Untreue gegen sich selbst lag indessen weniger in dem Abstand zwischen Wirklichkeit und Illusion, als in dem Schwinden seiner Empfänglichkeit und Fähigkeit, das Wirkliche zu färben und zu verschönern, selbst umzuformen, wo es not that. Der Dichter, der über die Prosa des Lebens klagt, legt Zeugnis ab gegen sich selbst. Diese Prosa wurzelt in der unverletzlichen Majestät des Seins. Was ist, muß sein und trägt die Rechtfertigung seines Daseins in sich. Das springt dem Philosophen und dem Dichter in die Augen, und damit beschäftigt er sich, ohne sich um das größere oder geringere Interesse zu kümmern, das Beobachter niederer Sphäre daran nehmen. Er muß viel zu hoch über der gewöhnlichen Auffassung stehen, um den Unterschied zwischen angeblicher Tiefe und scheinbarer Oberflächlichkeit zu verspüren. Walther selbst hatte, vor kurzer Zeit noch, den Beweis davon geliefert. Wußte er nicht dem Geringsten, was sein dürres Leben ihm bot, Farbe und Leben mitzuteilen? Hatte er auf seinem engen Kämmerchen nicht die Kraft gehabt, sich eine ganze Welt voller Herrlichkeit aufzurichten? Warum konnte er das jetzt nicht mehr? Die unselige Bekanntschaft mit einem Dutzend schlechter Buben war die Ursache. Die Reinheit seiner Seele war beschmutzt, sein Dichterblick in Nebel gehüllt. Die Fühlhörner seines sittlichen Empfindens verloren das Vermögen, ihn vor dem Schmutz zu warnen und ihm den Weg zum Erhabenen zu zeigen. Sein Flügelschlag war erlahmt, und er meinte die Kraft zu fliegen, selbst die Lust dazu, verloren zu haben. Selbst wenn er sich bei sorgfältiger Selbstprüfung einredete – was er sicher versucht hätte – daß lediglich anhaltende Enttäuschungen die Ursache seiner Mutlosigkeit waren, ich behaupte doch, daß er den Mut bewahrt hätte, wenn er sich nicht seine Reinheit hätte rauben lassen. Kein Gegenstand kann hell zurückstrahlen aus einem verschmierten Spiegel, und eine verdorbene Menschenseele ist dichterischer Auffassung nicht fähig. Ich weiß wohl und ich sehe täglich Beweise dafür, daß diese Wahrheit von vielen geleugnet oder wenigstens übersehen wird. Sie ist wohl zu einfach. Solche Leute müssen, wenn sie nicht inkonsequent sein wollen, die Richtigkeit der soeben angeführten Vergleichung mit dem Spiegel in Zweifel ziehen, oder annehmen, daß man reines Wasser aus verdorbenem Brunnen schöpfen kann. Mir kommen die Brunnen, aus dem solche Vorstellungen fließen, selbst nicht sauber vor. Walther hatte seit einiger Zeit das Poetisieren verlernt. Er wagte es nicht, weil er Grund hatte, sich vor dem Lieblichen zu schämen. Wohl sehnte er sich nach dem Verlorenen zurück, wohl ertappte er sich oft auf bitterem Trübsinn, aber es schien ein Anstoß von außen nötig zu sein, um ihn mit der notwendigen Kraft in die alte Spur zurückzuführen. Dieser Stoß wird ja wohl auch kommen – und wer anders konnte ihn geben als Femke oder wer ihr glich? – aber so weit sind wir noch nicht. Man würde sich irren, wenn man den schädlichen Einfluß, den die Gesellschaft unreifer Taugenichtse auf Walther ausübte, mit dem sogenannten »Klugmachen« identifiziert. Dieses selbst halte ich nicht nur für unschädlich, sondern sogar für wünschenswert. Gerade in Walthers lächerlicher Unklugheit hatte der Grund gelegen, daß er geneigt war, liederliche Erklärungen hübsch zu finden. Wäre er von gebildeten Eltern erzogen worden, die ihm mit wissenschaftlichem Ernst mitgeteilt hätten, was in dieser Sache mitzuteilen war, wahrlich, er hätte an den Witzeleien der niedersten Sorte keinen Geschmack gefunden, mit denen man jetzt seinen Wissensdrang gereizt und betrogen hatte. Nicht das Wissen macht unrein, sondern das Anhören schmutziger Redensarten über das Wissen ... Schande über die Eltern und Erzieher, die ihre Kinder der Gefahr aussetzen, die lieblichsten Geschenke der Natur auf eine Art zu empfangen, die sie zu einer Pest macht! Indessen, ich sagte schon, daß Walthers Ärger über die sonderbare Art, mit der man ihn an den Vergnügungen des Landlebens teilnehmen ließ, diesmal eine andere Ursache hatte, oder mindestens einen anderen unmittelbaren Anlaß, als den bereits einigermaßen alltäglich gewordene Ärger über die gewohnten Enttäuschungen. Während der Gespräche, denen er soeben beiwohnte, war ihm zum erstenmal der Gedanke gekommen, daß er in einen Kreis von sehr ungebildeten Menschen geraten war. Noch vor kurzem hatte er, dem niederen Fluge der ausgetauschten Ideen gegenüber, sich selbst die Schuld gegeben und eher angenommen, daß er wohl nicht auf der Höhe stand, die Wichtigkeit der behandelten Gegenstände richtig zu schätzen. Aber das Gespräch über den Wechselkurs hatte ihn geweckt. Auch er hatte sich bisher noch keine Rechenschaft gegeben von der Ebbe und Flut in diesen Beziehungen zum Auslande, und erst durch Julies plötzliche Fragen wurde er sich seiner Unwissenheit bewußt. Unwillkürlich machte er sich selbst Vorwürfe, daß er diese Frage nicht längst gestellt hatte, und nun sie endlich durch jemand anders aufgeworfen wurde, war er neugierig auf die Antwort. Das Stottern und Stammeln der Erklärer befremdete ihn. Auf einmal brachte er ihre offenbare Unwissenheit in Zusammenhang mit der mehr als achtlosen Weise, in der er in diesem Kreise empfangen worden war, und zugleich mit seinem niedrigen Standpunktchen im ganzen. Wie? dachte er, diese erwachsenen Menschen, diese reichen Menschen, diese vornehmen Menschen wissen keine Erklärung zu geben für eine Erscheinung, die sich tagtäglich ihrer Wahrnehmung aufdrängt? Und gerade diese Menschen sind es, an denen ich mir ein Vorbild nehmen soll, um in der Welt etwas zu werden? Und durch sie werde ich mit einer Geringschätzung behandelt, die ... die ... Kurz, er war wütend und fühlte den Trieb ... zur Rache wohl nicht, aber doch die Notwendigkeit einer gewissen Genugthuung. Er dachte auf Mittel, um dem alten Herrn und dem Herrn Pompilius und all den Krückers den Beweis zu liefern, daß man sehr verkehrt gethan hatte, als man ihn in diese Rollkammer schickte. Es versteht sich von selbst, daß Julies Frage in der hinteren Galerie längst vergessen war, wo die Unterhaltung immer noch auf die bekannte interessante Manier weiter ging, aber unser Walther vertiefte sich, wie er mir dem kleinen Bonifaz spielte, in das Rätsel. Die Sache begann ihm wie eine Herausforderung zu erscheinen, auf die er ritterlich verpflichtet war in den Schranken zu erscheinen, der erhabenen Dame zu Ehren, die das Turnier ausgeschrieben hatte ... Ja gewiß, eine hochgeborene Dame war im Spiel. Auf diese Besonderheit, nicht die geringste der Ursachen, die Walther anspornten, sein Denkvermögen zu schärfen, hatte ich längst hinweisen müssen. Diese Julie ... o Götter, war sie es nicht, die sich schon einmal herabließ, ihn als eine Person zu behandeln, als sie ihn nach seinen Gefühlen in betreff des liegenden Jagdhundes fragte? Ein junger Ritter sollte solche Auszeichnung vergessen? Nein, undankbar war Walther nicht. Jetzt wollte er zeigen, daß sein Herz imstande war, einen Wiederhall zu geben auf einen solchen Beweis von Vertrauen, und daß sie nicht vergebens ihren Schleier in den Kampfplatz hinabgeworfen hatte. Denn ... so begann sich die Sache jetzt auszunehmen. Mit Schwert und Lanze focht man nicht mehr – leider! – die Dame, die in unseren Tagen Ritter auf die Probe stellen wollte, appellierte an die Kraft des Geistes. Mit scheinbarer Gleichgültigkeit läßt sie eine Frage über den Rand der Tribüne gleiten, und da unten warten Löwen und Tiger ... nein, diese Sorte von Kämpfen gehören in eine frühere Epoche, wo es auch ganz hübsch war, aber wir haben es hier ausdrücklich mit Rittern zu thun. Erstaunt, erschrocken, entsetzt, verdutzt starren sie das Wagestück an, das da von ihnen gefordert wird. »Anstarren« ist vielleicht nicht das rechte Wort ... sie wenden die Augen ab und zaudern, und ziehen sich zurück, und berufen sich auf die Unmöglichkeit, das Pfand unversehrt zurückzubringen und als Huldigung zu Füßen der Schönen niederzulegen. Alles hat seine Grenzen, verehrte Dame, auch der Rittermut! Kaiser, Könige und Prinzen, eben noch fest im Sattel, tapfer gegeneinander die Lanze fällend ... sie suchen Ausflüchte, um sich der schrecklichen Waffenthat zu entziehen, die von ihrem Geist gefordert wird. Sire Kopperlith hat sein Lächeln verloren, und Ritter Pompilius seine Selbstgenügsamkeit. Don Eugen war der Schreck ins Herz geschlagen, und er stand auf dem Punkte – mehr zu sagen als eine einzige Silbe! War nicht sogar der kriegerische Clan der Krückers – von alters so berühmt wegen seiner unvergleichlichen Schläue in Korken – genötigt, sein Feldgeschrei eine Oktave tiefer anzustimmen und sich zu beschränken auf ein demütiges: »Ja, sehen Sie, das sind so Geschäfte, mein liebes Mevrouwtje!« Hieß das nicht in Walthers Übersetzung ganz deutlich: »Schöne Dame, wenn Sie auf uns rechnen, um Ihr Pfand wiederzubekommen, machen Sie sich nur darauf gefaßt, unverschleiert nach Hause zu gehen!« »Niemals!« rief Ritter Walther. Und er gürtete sich ... zu begreifen. Die Frage, mit der er sich beschäftigte, wie einfach sie auch in der That ist – gleich den meisten Fragen – ist sie doch ein Steinchen, über das viele Geldmänner und sogenannte Ökonomisten stolpern. Wer da meint, daß ich die geistigen Gesichtszüge der Kopperliths und der Krückers übertreibe, der versuche sein Heil einmal bei Fachleuten. Und man braucht sich nicht auf die Frage zu beschränken, welche die naive Julie aufs Tapet gebracht hat, und auch nicht auf das »Fach,« zu dem Fragen dieser Art gehören. Überall wird der aufmerksame Beobachter die Bemerkung machen, daß das Verständnis einfacher Wahrheiten zu den Seltenheiten gehört, und daß selbst das »Sich-nicht-dabei-Beruhigen« von Fachleuten als unpraktische Excentricität angesehen wird. Also, Walther war excentrisch. Die ihm noch unklare Verschiebung des trivialen Falles zu einer Heldenthat regte ihn auf. Während er mechanisch mit dem kleinen Bonifaz spielte, suchte er den Kern der Frage zu durchdringen, und die eigenartige Richtung seines Geistes – stets eine Folge eines Charakters, der nur mit einfacher Wahrheit Frieden haben kann – führte ihn bald zu der Einfachheit der Auffassung, mit der alle Fragen, auch die moralischen, gelöst werden müssen. Die Steinchen, die er dem kleinen Jungen zuwarf, und die dieser zu ihm zurückrollte, stellten in seiner Phantasie bald die Waren vor, die aus verschiedenen Ländern in die benachbarten Landstriche eingeführt worden. Der Bedarf an Zahlungsmitteln wuchs an nach Maßgabe der Menge von Gütern, die man empfing. So lange man nun hier durch das Zurücksenden anderer Waren Genüge thun konnte ... gewiß, so ist es, meinte er. Und er konstruierte: Wir schicken ... Käse und Butter nach England. Das muß bezahlt werden. So ein Kaufmann da drüben muß nun jemand suchen, der von uns Geld zu bekommen hat für ... Weißgrund-Dreifarb oder Barchent ... ein schweres Fach, sagt M'neer Wilkens! – und dann bezahlen wir eigentlich den Barchent mit Käse. Wenn wir nun aber zu wenig Käse geschickt haben, um alle die Leinewand, die wir empfingen, zu bezahlen, dann ist es schwer, in Holland einen zu finden, der bei einem Engländer etwas gut hat. Und diese Schwierigkeit muß überwunden werden durch höheres Gebot auf den Wechsel, denn es versteht sich, daß das Recht an Wert gewinnt, je weniger vorhanden ist und je mehr gebraucht wird. Wer also einen Wechsel abgeben kann, verlangt mehr dafür als ... Indem er so hin und her tüftelte, hatte er die Steinchen, die als Spielzeug für den kleinen Jungen dienen mußten, in Sorten geteilt, die allerlei Waren vorstellten. Der Fußboden der Rollkammer wurde in Länder und Provinzen geteilt. Da lag England mit seiner bedruckten Baumwolle, da Frankreich, das Wein lieferte, da Niederland mit seinem unvermeidlichen Käse und Butter ... ja, auch Spanien bekam ein Eckchen für seinen Kork. Und er schob die Produkte hin und her und schaffte eine Handelsbewegung und vergaß dabei sogar die »Krisen« nicht. Bonifaz hatte keinen rechten Begriff von der Sache und riß auch öfters einmal eine »Niederlage« auseinander, ein Verfahren, das man ganz gut als eine Revolution bezeichnen und dementsprechend, so gut es ging, in Rechnung stellen konnte. Bald war er denn auch mit der Auflösung des Problems fertig, und ihn verlangte nach dem Augenblick, da er unter den Augen seiner Dame die Widersacher aus dem Sattel heben könnte. Laß sehen, was dann weiter geschehen mußte. Kaiser Kopperlith trat ihm die Hälfte seines Reiches ab, mit der Hand seiner Schwiegertochter Julie, die dem Himmel danken mußte, daß sie aus den Ketten des Pseudoritters Pompilius erlöst wurde. Sehr gut, aber wie groß sein Triumph auch war, Walther schenkte ihm doch das Leben. Auch Eugen durfte weiter leben, und auch die Krückers, unter der Bedingung, daß sie dreimal den Pantoffel von Walthers Dame küßten. Eine Unsicherheit noch hielt den Ritter, der nachher seine Feinde aus dem Felde schlagen sollte, in einiger Spannung. Sollte er die Waffenthat in Prosa ausführen oder ... allerdings in Versen war die Niederlage des Feindes viel zerschmetternder. Und Zerschmetterung hatten sie verdient! War es unedel oder nicht von all den stolzen Rittern, die so stolz auf ihrer Baumwolle und ihren Korken saßen, die romantische Möglichkeit zu übersehen, daß der junge Schildknappe ohne Geschlechtswappen und Hauszeichen ... vielleicht der unbekannte Sproß eines edlen Stammes sein konnte? Hätte man nicht etwas Ehrerbietung fühlen müssen gegenüber seiner Unbekanntheit? »Unser jüngster Bediensteter, unser jüngster Bediensteter!« hatte der Wappenkönig Pompilius gerufen ... nun, warum hatte allein die edle Julie – Gott segne sie! – Romantakt und Belesenheit und Turnier-Instinkt genug, um unter der Jacke des Comptoirschreiberleins einen Kämpen ersten Ranges zu vermuten? Waren sie denn taub und blind und beschränkt, alle die anderen? »Zu den Waffen, zu den Waffen!« rief alles in Walther. »Jüngster Bediensteter ... ich will sie bedienen ... jung und alt, bedienen will ich sie! Und der Welt und meiner Dame will ich's zeigen ... sakkerlot!« Da kam eins der Mädchen bestellen, das; der junge Herr Bonifaz zu Tisch gerufen würde, und »Pieterse möchte so gut sein, mitzukommen!« Walther stieg mit erhobenem Haupte und zusammengeballten Fäusten in das Zimmer, wo das Essen stattfinden sollte. Beim Eintreten konnte er sich nicht enthalten, Julie einen Blick zuzuwerfen, der so viel besagen sollte, wie: »Sei nur getrost, Dame meines Herzens, ich habe deinen Hilferuf verstanden und will den guten Kampf kämpfen. Die Hauptsache liegt im Verhältnis zwischen Baumwolle und Käse ... sei getrost: dein Ritter ist hier!« Daß Julie nichts davon verstand, wäre zu viel gesagt. Sie sah den ganzen Walther nicht und konnte sich daher auch keinen Irrtümern in betreff seiner Absichten hingeben. Walther glühte wie eine Kohle und brannte vor Streitlust, aber ... wie sollte er seine Weisheit an den Mann bringen? Eigentlich war es Julies Pflicht, ihm auf den Weg zu helfen. Aber sie that so, als ob die Geschichte ihr ganz und gar entfallen wäre! So sind diese Edelfrauen! Erst locken sie den Ritter auf das allergefährlichste Gebiet, sie reizen ihn auf zu dem wahnwitzigen Verlangen, in ihrem Dienste zu Grunde zu gehen, und dann ... ja dann überlassen sie ihn sich selbst. Lieber Himmel, dumme Julie, begreifst du denn nicht, daß Walther da sitzt und auf einen Blick von dir wartet! O, o, o ... wenn er nur erst über das erste Wort weg wäre! Dieses erste Wort aber ließ sich nicht leicht anbringen. Walther horchte auf jede Äußerung, jeden Ton, aber ... leider! ... Zwar begann er ein paarmal: »Der Wechselkurs, M'neer« ... aber die Worte erstickten ihm in der Kehle. Das Essen war natürlich ausgezeichnet, aber was hatte er davon? Diese leichtsinnige Julie stellte sich an, als hätte sie nie einen Ritter auf Posten geschickt. Sie lachte, sie schäkerte, sie kicherte, sie erfreute die Gesellschaft durch ihre Naivetät ... oder durch die Unerfahrenheit, die dafür galt ... und kümmerte sich gar nicht um ihren zukünftigen Befreier aus den Krallen des allzu niedrig geborenen Ehegemahls. Walther bildete sich ein, sie wollte seine Standhaftigkeit bloß auf die Probe stellen. So etwas war wohl mehr vorgekommen, meinte er. Die Tischgespräche waren von der bekannten interessanten Art. Der alte Herr wurde bald laut und schlug den Ton an, den Walther von seinen Nachmittagsbesuchen auf dem Comptoir her kannte. Sogar an ihn richtete der alte Herr das Wort, zum großen Ärger von Pompilius, der öfter versuchte, die Flut von Papas Gesprächigkeit in ein vornehmeres Strombett abzuleiten. »Na, nun sag' mal, Männchen, wie gefällt's dir denn nun draußen? Denn, Junge, jetzt bist du, was man nennt, draußen! Stellen Sie sich vor, M'neer Krücker, er meinte, draußen wäre auf dem Singel bei dem Aschenthor! Hihihi, das meinte er!« Die Krückers fanden das ganz besonders dumm. »Und sag' doch mal, wie viel dachtest du, daß der junge Herr Flodoard in Rom jährlich verzehrt! Nein, stille, Pompilius, laß ihn nur. Hören Sie mal zu, M'neer Krücker! Im ganzen Jahre, weißt du! Mein Sohn Flodoard in Rom!« »Aber Papa ...« »Ruhig, Pompilius! Na, Männchen, sag's mal ... sag's nur ruhig. M'neer Krücker möchte es gern mal hören.« Walther schwitzte. Er suchte Julies Augen zu begegnen, aber es glückte nicht. In Gottes Namen! Mit oder ohne Ermutigung durch seine Dame ... für seine Dame! »Der Wechselkurs, M'neer! ...« »Nei..ei..ei..n, darum handelt es sich nicht! M'neer Krücker möchte gern wissen, wie viel du dachtest, daß mein Sohn Flodoard ... in Rom ...« Pompilius fiel seinem Vater in die Rede, und diesmal hatte er das Glück, ihn von dem interessanten Thema abzubringen. Auch einer der Krückers half mit, indem er sich mit rührendem Interesse nach Leon erkundigte. »Es geht ihm ausgezeichnet,« sagte der alte Herr, »ausgezeichnet! Was meinen Sie wohl, M'neer Krücker, er hat schon 'n Titel ... o, so 'n langen Titel! Und ... er ist wohledelgestreng, was sagen Sie nun? Wohl...edel...gestreng, M'neer Krücker! Ist's nicht wahr, Pompilius?« »O ja, Papa.« »Und er schreibt famos hübsche Briefe! Pompilius, du mußt M'neer Krücker einmal so 'n Brief von Leon zeigen.« »Gewiß, Papa!« »Und Ihr anderer Sohn, der Seeoffizier, M'neer Kopperlith?« »Der war, als er's letzte Mal schrieb, in ... wie heißt es doch, Pompilius?« »In Amboina, Papa.« »Richtig! Und wissen Sie, M'neer Krücker, was er da gethan hat? Er hat da mit der Tochter des Gouverneurs getanzt! Mit der Tochter des Gouverneurs!« Die armen Krückers waren rein weg vor Erstaunen. Walther bemerkte wohl, daß sie hier eine Bearbeitung erfuhren, wie man sie auch bei ihm angewendet hatte, als er vor Erstaunen über die fürstlichen Ausgaben des Signore Flodoardo zu Rom in Ohnmacht fallen sollte. Und diese Beobachtung brachte ihn ein Schrittchen weiter vorwärts in der Menschenkenntnis, oder besser, sie gab ihm den Mut, sich das einzugestehen, was er begriff. So lange es ihn selbst betraf, hinderte ihn seine Verlegenheit, das Kindische an dieser Jagd nach der Vornehmheit richtig zu fassen. Aber jetzt, wo er auf den Gesichtern der Gäste etwas wie Spott zu bemerken glaubte, fiel ihm das Überdenken viel leichter. Auch ohne Rücksicht auf den Schiffbruch, den die ganze Gesellschaft in der Kursfrage erlitten hatte, rückte ihm die Möglichkeit nahe, daß diese ganze Familie Kopperlith, mit ihrer Villa und ihrem eigenen Fuhrwerk und sonstigen Vornehmheiten, doch am Ende tiefer stehen könnte, als sie sich that und als sie von anderen scheinbar angesehen wurde. Er konnte den Vergleich mit dem vergnügten gesunden Ton, der bei den Holsmas geherrscht hatte, nicht zurückdrängen, und dieser Vergleich fiel sehr zum Nachteil seiner Herren Chefs aus. Auch gesellschaftlich schienen sie eigentlich kein Recht auf die Vergötterung zu haben, die ihnen von Niedrigeren entgegengebracht wurde; denn wenn wirklich Reichtum einen Grund zu so großer Verehrung hergeben konnte, o wie platt kleinbürgerlich war doch die Einrichtung des Hauses, wie prosaisch die Rollkammer, wie enge der Hinterkasten von der Britschka, wie kleinlich die Angst um die Hutschachtel und den Korb mit Pfefferkuchen, wie kindisch dieses unaufhaltsame Streben nach Vornehmthun! Der junge Herr Rodomont hatte mit der Tochter eines Gouverneurs getanzt ... was für eines Gouverneurs? Lieber Himmel, die Holsmas hatten Prinzessinnen in ihrer Familie und waren nicht stolz darauf. Hungerten sie nach Bewunderung ihrer hohen Stellung? Erkannten sie nicht sogar sehr gern an, ohne Not und ohne Scheu, daß die einfache Femke mit ihnen nahe verwandt war ... sie, ein Wäschermädel! Aber hier brach Walther seinen Gedankengang ab. Das geschah oft, sobald ihr Bild vor ihm auftauchte. Jede Erinnerung an die Heldenzeit seiner Seele machte ihm den Eindruck eines schneidenden Vorwurfs. Das Liebliche machte ihm Schmerz, und er fühlte bloß eine ohnmächtige Wut: diese Kopperliths! Es dauerte auch nicht lange, bis diese Stimmung sich deutlicher auf seinem Gesicht zeigte, als es in anständiger Gesellschaft erlaubt ist. Er kniff die Lippen zusammen, und sah einen der Krückers – der doch nichts dafür konnte – herausfordernd an. Aber man that ihm nicht die Ehre an, nach dem Grunde zu fragen, weshalb er so sauer sah. Wahrscheinlich hatte keiner darauf geachtet, und diese Hintansetzung stimmte ihn bitterer als sonst etwas. Er war wütend und hatte Lust, sich zu prügeln ... mit wem? Mit allen zusammen, wenn es sein konnte. Mit Bonifaz und dem alten Herrn, mit Pompilius, den Krückers, Eugen, der Jüffrau und Hersilia. Mit allem, was eine eigene Villa hatte, und was keine hatte. Mit der ganzen Welt, höchst einfach! Wie ungerecht auch diese Stimmung war – es wird dem wohlmeinenden Leser dieser Seelengeschichte angenehm sein zu bemerken, daß unser Walther doch auch etwas anderes war als bloß kindlich und gutartig. Es wurde aber auch wirklich Zeit. Ein kurzes, aber sehr wichtiges Kapitel, worin das traurige Ende eines kostbaren Sonnenschirms beschrieben wird. Walther zieht in die Welt, um sieben Gulden und dreizehn Stüber zu suchen. Nach dem Essen wurden die Krückers zu der üblichen Ausfahrt eingeladen. Und auch Walther durfte mitfahren ... wieder im Hinterkasten, wo man ihm den liebenswürdigen Bonifaz zu verwarten gab. Das Kind durfte durchaus nicht herausfallen, sagte der Elsässer Konsul. Julie schwatzte in einem Atem weiter, und Walther fand, daß sie die Prüfung doch ein bißchen zu weit trieb. Wohl blieb es sicher, daß sie die einzige aus der ganzen Gesellschaft war, die den Beweis geliefert hatte, etwas ergründen zu wollen, aber ... ein wenig Trauer über den mißlichen Zustand, in den sie ihren Ritter gebracht hatte, hätte ihr gewiß nicht schlecht gestanden zu ihrem erhabenen Streben nach Entwicklung. Sie plauderte so ungezwungen mit all den Krückers, sie zeigte sich ganz und gar auf der Höhe wie die anderen, sie schien so ganz zufrieden mit dem Beifall, den der plumpe Pompilius ihren albernsten Einfällen spendete ... kurz, Walther wußte nicht, woran er eigentlich mit seiner »Dame« war. Er hätte viel darum gegeben, sie einen Augenblick allein zu sprechen ... hm, ein Fußfall hätte natürlich auch dazu gehört! Aber ... wie dazu Gelegenheit finden? Wenn er etwa das Haus in Brand steckte? Der Plan war nicht so ganz verwerflich. Alle diese Kopperliths und Krückers geröstet, verbrannt, verkohlt, verzehrt, vernichtet – und er der Retter der wißbegierigen Julie! Er sah sich in seinen Gedanken, wie er sie durch Rauch und Flammen die Treppe heruntertrug! Sie hielt er in den Armen, ihr flüsterte er zu: »Seid getrost, edle Dame meines Herzens, alle diese Hanswürste sind tot und beinahe begraben! Ich bin hier, Walther, der Euren Durst nach Kenntnissen löschen will mit seinem letzten Blutstropfen und einem Vortrage über den Wechselkurs ...« »Ach du, Pieterse, oder wie heißt du doch, halt doch mal den Sonnenschirm über das Kind. Die Sonne sticht so.« Dieser Erguß floß über die Lippen der schönen Hersilia, die mit ihrem Sonnenschirm unseren Ritter antickte und ihn etwas gefühlvoll in die Wirklichkeit zurückrief. Er erschrak und nahm das Ding mechanisch entgegen ... »Spann ihn auf, Junge! Drück auf die Feder ... da, da, die Feder, am Stock. Verstehst du nicht? Was für 'n ungeschickter Junge, Pompilius!« Walther packte das Ding und fühlte Lust, die schöne Hersilia damit auf den Kopf zu schlagen. Er starrte sie sonderbar an. »Auf die Feder drücken, verstehst du? Drück auf die kleine Feder am Stock,« schrie Pompilius, der ebensowenig wie die anderen an etwas anderes als an Ungeschicklichkeit dachte, oder höchstens meinte, daß »der junge Pieterse« seine Schwester nicht verstanden hätte. »Mach's ihm doch mal vor, Pompilius!« sagte der alte Herr. Pompilius, der auf dem Vordersitz saß, stand auf und beugte sich über die Gesellschaft, um den jungen Pieterse zu unterrichten, wie ein Sonnenschirm zu öffnen sei. Aber er kam zu spät. Walther drückte, zog, drückte nochmals, schob, und ein wenig kräftig ... »Ich kann's wohl, M'neer!« sagte er – und das Ding war in Fetzen! Den Stock hielt er in der einen Hand, und die flatternde Seide schwenkte er in der anderen wie eine Fahne! Die ganze Gesellschaft war »futsch.« Man sah einander erstaunt an, als ob man sich fragen wollte, was das bedeute? Nun, keiner begriff es. Keiner kam auf den Gedanken, daß man es hier mit einer verwundeten Menschenseele zu thun hatte, die etwas zerfetzen mußte, um einem unerträglichen Schmerze Ausdruck zu geben. »Sieben Gulden dreizehn hat's gekostet,« jammerte Hersilia. »Nicht wahr, Kalbb?« »Du mußt begreifen, Hersilie, 's ist ein Bürgerjungchen,« rief Pompilius. »Er wußte nicht, was du meintest, verstehst du? Du mußt immer denken, 's ist 'n Bürgerjungchen ... und ... nie in Gesellschaft gewesen. Davon kommt's!« »Sieben Gulden dreizehn!« Der Stock und der Bezug wurden, so gut es das Stauchen des Wagens zuließ, aneinander gesteckt, um noch einmal, zum letztenmal, bewundern zu können, wie das Ding vor der schrecklichen Katastrophe ausgesehen hatte. Noch ein paarmal murmelte die majestätische Hersilie ihr tragisches »Sieben Gulden dreizehn,« und ziemlich verstimmt ließ sich die Gesellschaft durch den Sand weiter karren. Als man nach Hause kam, übernahm Pompilius die Aufgabe, Mama über den Vorfall zu berichten. Niemand war mehr entrüstet als »die Jüffrau.« Sie hatte wohl drei französische Worte, um zu bezeugen, daß die Sache ... »Ja, ja, gewiß,« sagte Pompilius. »Aber du begreifst gewiß, Mama ...« »Er stand Mevrouw so deliciös zu der gelben Bergère,« wehklagte die Jüffrau. »Jawohl, Jüffrau. Aber siehst du, Mama ...« »Es ist 'n wahre Balourdise, M'neer!« »Gewiß, gewiß! Aber Mama, Hersilie hätte es nicht thun sollen. Denn so 'n Junge ...« » Fi donc, so ungeschickt zu sein!« »Vollkommen recht, Jüffrau, aber ich wollte Mama sagen, daß Mevrouw Kalbb hätte wissen sollen, daß so 'n Jungchen ...« »Es ist infam!« »Daß so 'n Jungchen ... bloß ... 'n Bürgerjungchen ist! Das wollte ich bloß Mama sagen.« Und das mußte Walther alles mit anhören! Seine Wut war verraucht. Er fühlte sich vernichtet, ohnmächtig, wesenlos, und wieder beschlich ihn das Heimweh nach der früher so gering geschätzten Lebensauffassung, die bei ihm zu Hause üblich war. War das die große Welt, die er kennen lernen sollte, wenn er »groß« war? Wenn er in diesem Augenblicke seinen alten Feind Schlachterskeesje getroffen hätte, er hätte ihn ans Herz gedrückt als einen Boten aus einer höheren Sphäre. Man sieht, er war zu tief gesunken, um noch an den mythischen Phantasien seiner Knabenjahre Freude zu empfinden, und er sehnte sich nur nach den groben Gestalten, die ihn in jenen Tagen umgaben. So verwechseln ja auch gedankenlose Geschichtsschreiber den unbehaglichen Zustand der Wilden mit dem goldenen Zeitalter des Saturnus. Walther war in Verzweiflung. Und seine Stimmung wurde nicht besser, als er bemerkte, daß auch Julie zu seinen Feinden gehörte, denn »Feindschaft« mußte er bei diesen Menschen voraussetzen, die, nachdem sie ihn so gekränkt hatten, nicht einmal zu begreifen schienen, daß er für Kränkung und Erniedrigung empfindlich war. Pompilius gab sich die Mühe, ihm an einem Regenschirme zu zeigen, wie man einen Sonnenschirm aufmacht, und zuletzt war Walther, nach vielen vergeblichen Versuchen, die wahre Ursache seines sonderbaren Handgriffs in Worte zu kleiden, wohl genötigt, so zu thun, als ob er jetzt wirklich erst erführe, daß man bei solcher Gelegenheit auf ein Federchen drücken müsse. Pompilius schien sehr befriedigt über den Unterricht, den er erteilt hatte, und rühmte, daß der junge Pieterse die Sache nun völlig verstände, und bei der nächsten Gelegenheit ... »Sieben Gulden dreizehn!« jammerte Hersilia. Das Maß lief über. Walther stand hastig auf, lief zur Thür hinaus, von dem Grundstück herunter und die Straße entlang, um – sich zu ertränken oder ... sieben Gulden und dreizehn Stüber zu suchen. Walther spekuliert höchst vorteilhaft in alten Kleidern. Schneller Wechsel in der amerikanischen Handelsbewegung, wahrscheinlich nicht ohne Einfluß auf den Wechselkurs. Bald hatte er nach einigem Herumirren und Fragen eines der Thore Haarlems erreicht. Was er eigentlich da wollte, war ihm selbst nicht klar. Als er Grünenhaus verließ, flüsterte die Verzweiflung ihm zu, mit der größten Eile seinem Leben ein Ende zu machen, und noch immer kam ihm dieser Vorsatz als der beste Ausweg vor. Erst aber wollte er doch versuchen, ob er sich nicht auf andere Weise von der Last, die ihn drückte, befreien könnte. Es war Sonntag-Abend, und wenige Menschen zeigten sich auf der Straße. Auch waren die meisten Läden geschlossen. Hie und da nur wagte man den Tag des Herrn zu entheiligen durch das Ausstellen von allerlei Gebäck oder Tabak zum Rauchen und Schnupfen. Die Verkäufer dieser Artikel erfreuen sich eines großen Sonntagsumsatzes, und der Herr muß damit einverstanden sein. Walther faßte Mut, lief in einen Kuchenbäckerladen und fragte, ob man ihm den Weg nach dem Judenwinkel zeigen wollte. »Judenwinkel, junger Herr? Das haben wir hier, sozusagen, nicht. Sie sind sicher aus Amsterdam?« »Kein Judenwinkel? Aber ... bei wem verkauft man denn hier seine alten Kleider? Das will ich wissen.« Die Frau in dem Laden sah ihn befremdet an. Nachdem er einmal seine angeborene Scheu überwunden hatte, war Walthers Ton so kurz und gebieterisch, daß die Frau Furcht bekam. Sie rief nach hinten, und es erschien eine Mannsperson, die sie fragte, was los wäre, und Walther sehr unfreundlich anfuhr, was er haben wolle. »Haben? Nichts, M'neer! Ich wollte nur wissen, wo man hier alte Kleider kauft?« Die Kuchenbäckerfamilie jagte ihn zum Laden hinaus. Zähneknirschend stand er wieder auf der Straße und wußte nicht, was er thun sollte. Nach langem Suchen und vergeblichem Fragen traf er endlich ein kleines Mädchen an, das ihn dahin brachte, wo er wollte. Ein alter Jude antwortete ihm bejahend auf die Frage, ob er Händler in Kleidungsstücken wäre. Walther zog seine Jacke aus, warf sie auf den Ladentisch und fragte, was er dafür geben wolle. Das Kleidungsstück wurde befühlt, gerieben, daran gezogen, gegen das Licht gehalten, und das erste Gebot lautete: »Vier Gulden!« »Sieben Gulden dreizehn!« rief Walther. »Na, warum nicht lieber dreizehn Gulden sieben? Fünf Gulden und kein Deut mehr! Getragene Sachen sind nichts wert, denn sie werden gegenwärtig zu Schiff eingeführt von Amerika ... zu Schiff! Das wirst du ja wohl auch wissen. Na, fünf Gulden zehn, also!« »Ich muß sieben Gulden dreizehn haben!« »Was du haben mußt, wirst du gleich kriegen, wenn du nur einen findest, der dir's geben muß. Aber ich muß dir nichts geben, und ich geb' dir nichts. Nu, sechs Gulden! Zieh das Ding wieder an, sonst, und geh mit Gott!« Als Walther in der That gehen wollte, stieg das Gebot auf sieben Gulden. Ach, diese schrecklichen dreizehn Stüber! Es war nichts zu machen, der Handelsmann blieb unerbittlich. Konnte man es ihm übelnehmen, bei solcher Einfuhr von alten Sachen aus Amerika? Es war schon sehr edel von ihm, daß er bei diesem Stand der Dinge sieben Gulden geben wollte für Walthers Jacke, die sonst – das ist wahr – ohne diese unglückliche amerikanische Konkurrenz gewiß ihre zwanzig Gulden wert gewesen wäre. Es war das erste Kleidungsstück, das für ihn gemacht war, und das an ihn kam, ohne erst zur Übung eine glänzende Laufbahn um seines Bruders Stoffels Lenden hinter sich zu haben. Es war ein Zeichen, daß man ihn jetzt auch einigermaßen für voll ansah, ein Ehrenkleid, ihm – und auch bloß für Sonntags – um die Schultern gelegt zur Feier seiner Beförderung zum jüngsten Bediensteten bei den Herren Ouwetyd und Kopperlith. Aber an das alles dachte er nicht. Die gräßliche Hersilia, und dieser spottsüchtige Pompilius, und auch Julie, die ungetreue Dame, er wollte ihnen allen schon zeigen, daß er ... daß er ... Er warf nun auch noch seinen Hut auf den Tisch und bot den zum Kauf an. Nach einigem Feilschen und Bieten war die Summe vollständig, mit der er der edlen Mevrouw Kalbb-Kopperlith eine feurige Kohle zu schlucken geben wollte. Ja, es war sogar noch etwas darüber, denn für den Hut hatte er drei Schillinge ausbedungen. Der Jude fragte ihn, ob er nicht auch seine Stiefel verkaufen wollte, aber Walther lief, ohne zu antworten, in Hemdsärmeln und im bloßen Kopf auf die Straße. Was nun? Selbst nach Grünenhaus zurückzukehren? Das niemals! Das schönste Blatt des Lorbeerkranzes, den er durch seine Beherztheit meinte verdient zu haben, würde ja verdorren, wenn man dort erführe, durch welche Mittel er es erreicht hatte, seine drückende Schuld abzuzahlen. Lange lief er nachdenklich auf und nieder, wobei er die wenigst belebten Straßen wählte, denn er begann sich wegen seiner mangelhaften Bekleidung zu schämen. Er wollte, daß die Entschädigung, mit der seine Feindin zerschmettert werden sollte, mit einem Briefe zusammen käme, einem Briefe, der Hand und Fuß haben sollte! Nichts besser als das, aber ... wo das Schriftstück schreiben? Wenn er in so einem Kuchenladen um Tinte, Feder und Papier bäte? Hm, leicht ging das nicht. Wie sollte man ihm so etwas zu Gefallen thun, ihm, der so abgetakelt aussah? Bon der Menschenfreundlichkeit der Haarlemer Bürgersleute hatte er schon eine Probe erlebt, als er noch aussah wie ein anderer Mensch. Sollte er jetzt auf besseres Entgegenkommen rechnen können, wo er sich in einem Kostüm zeigte ... sakkerlot, die Sache war schwierig! Seine Aufregung war gewichen, und Überlegungen gewöhnlicherer Art nahmen den Platz ein. Seine Wut über die erlebte Mißachtung, selbst der Ärger über Julies Treulosigkeit mußte weichen vor dem Unbehagen, daß er keine Jacke anhatte. Wo er beim Dämmerlicht des Sommerabends einen Menschen nahen sah, dem er nicht ausweichen konnte, suchte er den eigenartigen Schritt jemandes anzunehmen, der gerade einmal über die Straße geht, um einem Nachbarn einen guten Abend zu wünschen. Aber es half nichts. Da kamen ein paar Straßenjungen und neckten ihn mit dem Rufe: »Ist Ihnen so warm, junger Herr?« Es war um rasend zu werden! Indessen redete er sich ein, daß er noch immer nach einer Gelegenheit suchte, um das Staatsstück zu schreiben, welches das Geld begleiten sollte. Aber es war nur geistige Trägheit und Zwang, um nicht zuzugeben, daß sein Ärger die Richtung geändert hatte. Jede Mannsperson, die ihm begegnete und die gekleidet war wie ein gewöhnlicher Mensch, erfüllte ihn mit Neid. So wollte er schreiben ... wenn er zum Schreiben kam: »Wohledelgeborene Mevrouw!« Gewiß, so adressierte ja auch der junge Leon die Briefe an seine Mama. So würde Wohl ungefähr auch der richtige Titel sein für Mevrouw Kalbb-Kopperlith. Er wollte ihr und der ganzen Familie zeigen, daß er wohl wüßte, was sich gehört, und daß die Manieren der »großen Welt« für ein Bürgerjungchen nicht unerreichbar waren. Also »Wohledelgeborene Mevrouw!« und dann weiter: »Ich habe die Ehre, Euer Wohledelgeboren nebstbei die Summe von sieben Gulden und achtzehn Stübern zu einem neuen Sonnenschirm zu überreichen. Meine Ehre, Wohledelgeborene Mevrouw, läßt es nicht zu, Eure Wohledelgeboren unglücklich zu machen, und deshalb ...« »Hast du deine Jack' um die Ecke gebracht?« fragten ihn hier nach der Melodie eines bekannten Gassenhauers ein paar Dienstmädchen, die von ihrem Ausgeh-Sonntagnachmittag so viel Vergnügen haben wollten, als nur einigermaßen davon zu haben war. Walther wich schleunigst von dannen und vermied möglichst die weniger dunklen Stellen. Seine Gedanken kehrten zu ihrem Ausgangspunkte, diesem famosen Brief, zurück: »Eure Wohledelgeboren werden bemerken, daß fünf Stüber darüber sind. Diese schenke ich Eurer Wohledelgeboren als ein Zeichen von ... von ...« Er schwankte zwischen »Milde« und »Guade.« Ein Truppchen Amsterdamer, die kneipen gewesen und daher in der richtigen Stimmung waren, faßten ihn ins Auge. Walther schlug sich tapfer durch, aber er fühlte sich sehr verdrossen. Man sieht, die Heldenthat, die er sich vorgenommen hatte, wurde ihm recht schwer gemacht. Fortwährend murmelte er vor sich hin: »Ich will 'n Brief schreiben, ich will! Wenn ich nur wüßte, wo!« Und er betrachtete ein Haus nach dem anderen, ob ihm vielleicht eines zum Comptoir würde dienen können? Ja, er ging sogar manchmal in einen Laden, aber er erreichte sein Ziel nicht. Sein sonderbares Aussehen und die Furchtsamkeit, mit der er sein Anliegen vorbrachte, schreckte die Leute ab. »Wenn ich in Gottes Namen 'ne Jacke anhätte!« seufzte er. Endlich – welcher böse Geist spielte ihm diesen Possen? – endlich stand er auf einmal wieder vor dem Hause, wo der Jude wohnte, der ihn so gütig von seiner Jacke befreit hatte. Walther trat instinktmäßig ein. »Ins Himmels Namen,« dachte er, »wenn ich nur erst wieder anständig angezogen bin, daß ich mich sehen lassen kann! O Gott, was ist ein Mensch, der keine Jacke auf dem Leibe hat!« Der Jude blickte erstaunt, als sein Kunde von soeben die verramschten Kleidungsstücke zurückverlangte. Er hätte sie eben nach New York geschickt, sagte er, da würden alte Kleider gegenwärtig mit Gold aufgewogen. »Aber eben sagten Sie noch ...« »Eben ist vorbei, und was gewesen ist, ist nicht! Ich sage dir, alte Kleider sind ihr Geld wert! Viel Ausfuhr nach Amerika gegenwärtig! Da steckt's! Aber ich will dir gern 'ne Jacke verkaufen und 'n Hut auch. Schöne Ware, guck!« Nach einem ärgerlichen Geschacher verließ Walther den Laden wieder, mit einer Jacke an und einem Hut auf – aber was für eine Jacke und was für ein Hut! Die Kleidungsstücke, die er eine Stunde vorher in seiner Aufregung abgegeben hatte, waren fürstlich dagegen. Und trotzdem mußte er für den neuen Plunder all sein Geld dalassen, das er besaß, sogar auch die vier Stüber, die ihm Mynheer Wilkens im Auftrage des großmütigen Pompilius ausbezahlt hatte, für seine Rückreise nach Amsterdam, und die auf »Haushalt« gebucht werden sollten. »Wenn du wieder was zu handeln hast,« sagte der Jude, »komm ruhig zu mir!« Und er gab Walther eine Adreßkarte, die dieser mechanisch in die Tasche steckte. Auf der Straße angekommen – nun war er ja angezogen, o ihr Götter! – ertappte er sich auf einer vollständig überflüssigen Wiederholung von Briefplänen: »Wohledelgeborene Mevrouw! Beifolgend habe ich die Ehre, Euer Wohledelgeboren zu überreichen ...« Überreichen? was? Er schlug sich vor den Kopf und erkannte zum hundertstenmal ... wie sagte doch seine Mutter immer? »Herrejesses, dieser Junge! Von dem kommt doch aber auch nie etwas Gescheites!« Was wohl geschehen wäre, wenn ... das nicht gewesen wäre! Allerlei Mord- und Nachtgedanken. Die Rückkehr des verlorenen Bruders Wo sollte er nun hin? Wie er so nachdachte über den sonderbaren Zustand, in den er gebracht worden war ... ja, lieber Leser, wodurch eigentlich? Er selbst konnte sich darüber keine Rechenschaft ablegen, aber dich frage ich, was denn eigentlich die Ursache war der unangenehmen Verwicklungen, in die er geraten war? Die Geringschätzung der Menschen, denen er Respekt schuldig war, hatte Gründe bei jedem anderen, nur nicht bei ihm. Seine Mutter war seine Mutter, und die Herren Ouwetyd und Kopperlith waren seine Chefs. Er war nicht stark genug von Charakter, um die Fäden, mit denen er sich und die Gesellschaft verbunden fühlte, einfach zu zerreißen und sich frei zu machen: »in die Welt zu gehen,« wie es heißt. Er dachte daran wohl, aber nur einen Augenblick. Er war zu weich, um den Gedanken an den Schmerz der Seinen zu ertragen ... einen Schmerz, der wohl sehr laut, aber kaum sehr tief gewesen wäre. Aber das wußte er nicht. Auf einmal kam ihm in den Sinn, daß er in seinem Pult auf dem Comptoir allerlei Gedichtchen versteckt hatte, in denen viel Schönes gesagt war ... von »ihr«. Wer diese »sie« ist, thut nichts zur Sache, Es ist zu bezweifeln, daß er selbst davon eine klare Vorstellung hatte. Denn wenn auch alle seine Herzensergüsse die Farbe der Eindrücke trugen, die Femke ihm mitgeteilt hatte, so ging er doch zu oft von dem einen Modell ab ... Niemand hätte ein Wäschermädchen als Original der wolkenumschwebten Bilder vermutet, die er lieferte – damals, als er überhaupt noch Gedichte machte. Seit einiger Zeit hatte er es, wie wir uns wohl denken können, eingestellt. Es wimmelte in seinen Poesien von fürstlichen Diademen, von göttlichen Strahlenkränzen, von Weltüberdruß und von der bekannten allgemeinen Glücklichmacherei. Auch Gott war nicht vergessen, das versteht sich. Jedem Versemacher ist bekannt, wie bequem dieses einsilbige Wort in jedes Versmaß paßt. Kompromittierend im gewöhnlichen Sinne also waren Walthers Dichtversuche nicht. Weder Pompilius noch Wilkens würden, wenn sie die nachgelassene Reimerei fänden, auf die Idee gekommen sein, daß ihr jüngster Bediensteter in Beziehung stand mit einer Dame, die man bei Namen nennen konnte. Ein bißchen Scharfsinn hätte ihnen höchstens die Mittel geliefert, um von Walthers undisciplinierter Begeisterung kein Jota zu begreifen. Er selbst indessen meinte, seinen Gefühlen allzu deutlich Luft gemacht zu haben, und er sah schon alle Jungfrauen seines Herzens in den Zeitungen bloßgestellt. Prinzessinnen würden am meisten darunter leiden, denn bei Hofe ist die Ehre eine gar zarte Sache. Auch Julie war in Gefahr. In einem Gedichte – Strophen von acht Zeilen mit bloß zwei Reimen, man denke! – hatte er sich nicht enthalten können, einen schwebenden Engel zu besingen in einem eleganten Reitkleid von braunem Taffet, und von solchem Stoff war gerade das Röckchen gewesen, das sie anhatte ... an dem Tage, wo er so ritterlich vier Stüber von dem liegenden Jagdhund abgehandelt hatte! Eine deutlichere Anspielung an sein Entzücken über ihre Herablassung konnte doch in Strophen von acht Zeilen mit zwei Reimen nicht gegeben werden. Doch, er hätte noch von dem wollenen Tuch Meldung machen können, das sie bei der Gelegenheit um den Hals trug, sie war nämlich in dieser ewig denkwürdigen Stunde ein wenig erkältet – aber die Ansprüche von Reim und Maß bewahrten ihn gnädig vor der indiskreten Verewigung dieser Besonderheit. Diese schwebende braunseidene Amazone war wirklich verräterisch genug. Ob wohl der alte Dieper, wenn man seine Reimschätze fand und kritisierte, die Güte haben würde, Pompilius von der gefährlichen Vermutung abzubringen, daß zwischen diesem schwebenden Engel und seiner besseren Hälfte eine Verwandtschaft bestand? Ach, auf so einen Buchhalter kann man nicht rechnen. Gab er nicht immer jedem recht? Walther sah ihn schon seine Feder hinlegen, seine Schnupftabaksdose nehmen, den bekannten Schritt rückwärts thun, und das alles, um mit dem nötigen Nachdruck zu versichern: »Natürlich, junger Herr! Ich habe die intime Vorstellung, daß der Junge mit diesem Schandgedicht meinte ...« »Schandgedicht, Dieper! Wenn's bloß das wäre! Der Bengel ist verliebt, und zwar in ...« »Ganz recht! Ich will bloß sagen, genau so wie Sie, daß er gewiß mit diesem schwebenden Luftgeist Mevrouw Kopperlith-Hüddewitz gemeint hat. Gewiß, gewiß, dieser Engel in Braun ist die junge Mevrouw. Finden Sie das nicht arg ... frech, junger Herr?« Walthers Phantasie zauberte ihm das Comptoir vor, und während er durch das Haarlemer Gehölz irrte, war er Zeuge der Wut, der Verachtung, der Erniedrigungen, die dies kleingeistige Tribunal über ihn ausschüttete. Wilkens schimpfte, Eugen brummte sein: »Hm!« und da kam auch der alte Herr angeschoben: »Siehst du, Pompilius. Dieper hat schuld. Warum solchen Taugenichts empfehlen?« Und Dieper versprach demütig, es nie wieder zu thun. Der alte Gerrit! Nun, seine Zwischenrede ging noch an. Glücklich für Walther, daß er endlich eine Figur von weniger abscheulicher Sorte entdeckte, einen Menschen, mit dem er das Tribunal, das seine Angst ihm vormalte, etwas weniger kriminalistisch ausstaffieren konnte. Gerrit brummte: »Was für Gerede über die Liederchen! Alles Wind und englisch Notting!« Der gute Gerrit! Merkwürdig, nicht wahr, daß Walther wohl die Gabe hatte, sich so genau vorzuphantasieren, was wohl geschehen würde, wenn man nach seinem Wegbleiben sein Archiv durchstöberte, er, der sich zur Zeit nicht hatte von dem Zustande eines Menschen die richtige Vorstellung machen können, der seine sehr anständige Jacke gegen einen Flausch von der tollsten Sorte eintauscht, und einen funkelnagelneuen Hut gegen eine rote kahle Angströhre, die ihm noch dazu ein Paar Nummern zu groß war! Wenig junge Leute hätten sich in Walthers Lage der Dummheit, die er begangen hatte, schuldig gemacht, und doch wäre es falsch, sie deswegen für verständiger zu halten. Zumeist hätten sie nur durch Vermeidung des Excentrischen den Beweis geliefert, unter Walthers Fehlern zu stehen. Was konnte er dafür, daß er seiner Aufregung nicht Meister werden konnte? Daß ein dauernder Kampf war zwischen der Welt, die er in sich herumtrug, und der Welt, in der er lebte? Die Art und Weise, wie er sich den vergangenen Tag über verhalten hat, kann man ohne Vergewaltigung des Wortes bezeichnen mit: Wahnsinn. Gewiß! Der arme Narr, der sich einbildet, daß seine Füße von Glas sind, ist nicht weiter von der Wahrheit entfernt, als der Schwärmer, der die Welt nicht kennt und meint, seine Berührung mit ihr zu regeln nach dem Schema, das er sich im Umgang mit sich selbst allein aufbaute. Walther träumte von Engeln, die es nicht giebt – von Seelenadel, der nicht existiert. Er hatte Empfindungen, die anderen fremd sind. Es ist nicht gesagt, daß diese Empfindungen ohne Ausnahme schön waren, und daß also in jeder Hinsicht seine Träumereien über der Wirklichkeit standen. Im Gegenteil. Unter allen Personen, die er kannte, war nicht eine einzige, die ihn nicht in sittlichem Werte übertraf. Ist es nicht unsittlich, eine neue Jacke gegen eine alte zu vertauschen? Unser Held schämte sich über das Verbringen seiner Kleider ebensosehr, als er sich über einen Diebstahl geschämt hätte. Und wenn er die Welt besser gekannt hätte; hätte er sich seiner Thorheit noch mehr geschämt, als wenn er einen Diebstahl begangen hätte. So etwas hätte man doch wenigstens verstanden, weil keiner von den Trieben, die dazu leiten, frei ist. Mit einem frommen »Gott sei bei uns ... wer steht, sehe zu, daß er nicht falle!« bekreuzigt man sich und – hängt den Dieb auf, nun ja – aber man kann die Gefühle der Verführung, die den Sünder zum Sünder machten, wohl nachempfinden. Frage einmal Jüffrau Pieterse und ihre ziemlich große Zahl von Verwandten in geistiger Armut, ob sie es wohl für möglich hielten, daß sie eins der zehn Gebote übertreten könnten, oder einen Artikel aus dem Strafgesetzbuch? Sie alle werden antworten: »Der Mensch ist schwach! Herr, sei mir armen Sünder gnädig!« Nun, ganz gut, ich habe nichts dagegen, daß der Herr es thut. Aber stelle ihnen einmal die Möglichkeit vor, daß sie einen splinterneuen merinossen Rock weggeben und im Unterröckchen auf der Straße herumlaufen könnten – ohne die geringste Anrufung des Herrn würden sie entrüstet rufen: »niemals!« Und das ist die Wahrheit. So weit kann auch der schlimmste Teufel den Menschen nicht bringen, ließe ihn Gott wirklich im Stich. Seine Hilfe scheint unvermeidlich, um Galgen und Rad zu vermeiden, aber Dummheiten, wie die unseres Walther, läßt man auch ohne die mindeste Einmischung des Himmels. Und noch eine Bemerkung, diesmal von einigermaßen angenehmerer Art. Daß Walthers Art zu spekulieren nicht zur Wohlfahrt leitet, wird jeder zugeben. Aber man ist zu sehr gewöhnt, sich ein gutes Auskommen vom Gegenteil vorzustellen. Das ist falsch. Ich kann dem Leser versichern, daß der Kleiderjude, der sich in seinem Geschäft so geschickt zeigte, nicht einmal Millionär war, als er starb, und so geht es vielen, die sich vermessen, verächtlich auf Mangel an praktischem Sinne herabzusehen, der eine Folge von unvollkommener Poesie ist. Auch könnte man meinen, daß die, die sich so von ganzem Herzen dem Allerniedrigsten weihen, darin stets den Preis davontragen. Zum Glück ist das nicht so. Der größte Teil der menschlichen Gesellschaft besteht aus Menschen von den außergewöhnlichsten Neigungen und Gaben, und doch kommen sie auf ihrem eigenen Gebiete nicht weiter als der einzelne, der das Gebiet hier und da einmal als Fremder betritt. Es giebt wenig Dichter und viele Armen, woraus sich ergiebt, daß nicht ausschließlich höhere Lebensauffassung die Ursache gesellschaftlichen Schiffbruchs ist. Den Don Quichottes geht es schlecht, das ist wahr, aber den Sanchos geht es Gott sei Dank nicht besser! Walther sagte sich selber, daß keiner in gleichem Maße wie er die Gabe hatte, sich in einem Netz von Verdrießlichkeiten festzufahren. Wie die meisten jungen Leute, die in Not sitzen, dachte er an Selbstmord. Der Leser erinnert sich, daß das wohl mehr geschehen ist. Das Leben kam ihm unerträglich vor, und er redete sich ein, daß er diesmal wirklich die Absicht ... haben würde, ein mutiges Ende zu machen, wenn er nur nicht so vor der Vorstellung zurückschreckte, daß diese verdammten Kopperliths nachher in seinen Minneklagen schnüffeln würden. Erst diese Verse vernichtet, dachte er, und dann sterben! Gott würde wohl begreifen, daß er es in so einer Welt nicht aushalten konnte! Im Himmel gab es ganz gewiß diesen oder jenen Wirkungskreis, der für ihn paßte. Da würde er sich dann stets auf seine ... nächstliegende Pflicht werfen. O, warum hatte er den guten Doktor Holsma so vernachlässigt? Und ... wie wäre es, wenn er sich in seiner gegenwärtigen Not – ohne Sterben, also? – an ihn wendete? Alles, was ihn an diese Familie erinnerte, schien ihm schöner denn je. Die lustige Sietske! Die würdige Mutter! Der ernsthafte Onkel Sybrand! Und Willem ... na ja, seine Weisheit war ja etwas unangenehm, aber was konnte er dafür, daß Walther kein Latein verstand? Hätte seine Mutter ihn das nur lernen lassen, meinte er, dann wäre alles anders! Er wäre dann jetzt auf dem Wege, Pfarrer zu werden, oder Advokat, oder Richter, oder Minister ... alles Menschen, die eine anständige Jacke anhaben, und genau wissen, wo sie hingehören, wenn es Nacht wird! Das wußte nämlich Walther noch immer nicht, und es drückte ihn sehr. Aber wäre es auch Tag gewesen, wohin, wohin? Auf der ganzen Erde war kein Fleck, wo er sich sehen lassen konnte ... gewiß, gewiß, Gott würde sich's gefallen lassen, wenn er unangemeldet und ungerufen in den Himmel käme. Sterben also! Sehr wohl, wenn er nur gewußt hätte, wie! Trotz dieser Unsicherheit stand seine Absicht beinahe fest. Beinahe! Denn das Abschiednehmen von seinen Plänen, seinen Träumen, seiner Zukunft, fiel ihm sehr schwer. Und selbst die Vergangenheit, wie dürr und karg auch, bot ihm Erinnerungen, von denen er die Augen nicht abwenden konnte. Diese Erscheinung im Theater ... diese Doppelgängerin von Femke ... Himmel, diese Rosenknospen, die dieses Mädchen, Femke oder Prinzessin oder was es nun gewesen war, ihm zugeworfen hatte ... Auch die lagen ja in seinem Pult auf dem Comptoir, in seinem Taschenbuch versteckt, in dem Taschenbuch, das er sonst immer nächst seinem Herzen trug – wenn es ihm auch weh that, wenn er schmutzige Reden auf der Post hörte – das er aber jetzt zum ersten Male weggelegt und verschlossen hatte, um auf seinem Zuge nach »draußen« nicht überflüssiges Gepäck zu schleppen! War es nicht viel zu schade, von dieser Welt zu scheiden, ehe er wußte, wie viel Prinzessin in Femke steckte, und wie viel Wäschermädchen in dieser Prinzessin? Er faßte es nicht, wie er sich so lange überhaupt mit etwas anderem hatte beschäftigen können, und er fand es unverzeihlich, ein solches Rätsel ungelöst zu hinterlassen. Leben also, leben! Leicht gesagt, – wenn er nur gewußt hätte, wo er schlafen sollte! Und ... essen! Seine spottende Phantasie hielt ihm ein Riesen-Butterbrot von Frau Claus vor, und er bildete sich jetzt wirklich ein, daß sein Hunger unerträglich wäre. Materielle Sorge gewann die Oberhand über anders gearteten Schmerz ... und er beneidete selbst den armen Jan Claesz, von dem sie bei Doktors gesprochen hatten, den ungehorsamen Seemann, den sein Vorgesetzter in der Wildnis einsam hatte ans Land setzen lassen. Ja, meinte er, in so einem uncivilisierten Feuerland gab es doch sicher allerlei Fruchtbäume, im Haarlemer Gehölz aber wuchs nichts Eßbares. Dieser Laurens Coster hätte auch besser gethan, Feigen und Ananas zu pflanzen ... oder wenn es auch bloß gewöhnliche Äpfel und Birnen gewesen wären ... statt sich mit der Erfindung der albernen Buchdruckerkunst abzugeben! Was hat so ein herumirrender Wilder davon? Und was nützte ihm nun sein Lernen und Aufpassen in Meister Pennewips' Schule? O diese verdammte Civilisation! Ihn verlangte nach einem Gegenstande, an dem er seine Wut auslassen konnte, und wäre es zum Beispiel eine Bande Feuerländer gewesen. Da hätte er gewußt, was das Schicksal von ihm wollte: kämpfen und ... besiegt werden, nun gut, und aufgefressen werden, auch ... in Gottes Namen! Dagegen war doch immer noch die Möglichkeit, daß er ... unter Anrufung dieser oder jener Dame ... 's war öfter vorgekommen – Sieger blieb, seine Feinde zu Christen machte und sich selbst zu ihrem König, gerade, wie er es wollte. Wer weiß, ob nicht dieser Jan Claesz auch so etwas gethan hat, und Walther beschloß, das Feuerland einmal zu besuchen, sobald er ein kleines Schiffchen zur Verfügung hätte. Dann würde er ... O, o, was für alberne Gedanken in seiner Lage! Abwechselnd wütend und verzagt, schlenderte er in den Gängen umher und wußte sich keinen Rat. Endlich setzte er sich mutlos unter einen Baum und fiel in Schlaf. Er träumte, daß er in Not war und daß Femke ihn rettete ... Als er erwachte, war es vollkommene Nacht. Es kostete ihn viel Anstrengung, sich zu besinnen, was passiert war, und wie er dahin gekommen war. Aber ach, er fühlte sich wohl genötigt, das Geschehene als in der That geschehen anzusehen, und seine Angst wieder da anzuknüpfen, wo er sie vor ein paar Stunden abgebrochen hatte. Der dazwischen liegende Traum war etwas zu lebendig gewesen, um ihn unbeachtet zu lassen, und in Ermangelung von Besserem entschloß er sich, ihn als einen Wink aufzufassen. Er beschloß also, nach Amsterdam zu wandern und sich unter Femkes Schutz zu stellen. Wußte er auch nicht, wie sie ihm helfen konnte, es war ihm schon eine Erleichterung, jemand zum Teilnehmer seines Kummers zu machen. Und die Scham, die ihn quälte, weil er sie so lange vernachlässigt hatte ... ja, das machte den Schritt nicht leicht. Er fühlte sehr gut, daß er sich ihrer unwürdig gemacht hatte, und er konnte den Gedanken nicht los werden, daß sie das wüßte. Ach, wenn er den Tag von heute, und den gestrigen, und ... nein, die ganzen vier, fünf letzten Monate noch einmal leben könnte! Sein Gemüt sollte dabei besser fahren – und Hersilias Sonnenschirm ebenfalls. Nach langem Suchen und Irren befand er sich auf dem Wege, den er am vorigen Nachmittag in dem Hinterkasten der Britschka zurückgelegt hatte. Schon das gab ihm eine gewisse Befriedigung. Und nun! Zu Femke, zu Femke! rief er, als wäre das Mädchen eine Zaubergöttin, die nur zu befehlen brauchte, um seine peinliche Lage gründlich zu verändern. Und unbegründet war Walthers Vertrauen eigentlich nicht, wenn er selbst auch nicht wußte, wieso. Femkes einfache Ruhe – die Folge der Harmonie ihres Lebens, ihres Charakters, ihrer Entwicklung und ihrer Wünsche – machten sie in der That zu einer guten Beraterin. Sehr ermüdet kam Walther gegen die Morgenstunde bei ihrem Häuschen an. Da aber – erwartete ihn eine seltsame Überraschung! Eine Überraschung allerersten Ranges. Der Leser weiß sicher nicht, was er davon denken soll; wir wollen aber hoffen, daß er es noch einmal erfährt. Die silberne Uhr und die goldenen Friedrichs. Zwei praktische Menschen machen sich auf, um zu handeln. Die Fensterladen waren geschlossen, was Walther nicht wunderte, weil es noch sehr früh war. Aber wohl war sein Erstaunen groß, als er bemerkte, daß die Thür offen stand. Sollte die die ganze Nacht offen gewesen sein? War Frau Claus vielleicht schon so früh ausgegangen? oder vielleicht Femke selbst? Ach, ob sie vielleicht dort war? Den Mut, das Mädchen bei den Holsmas aufzusuchen, hatte er nicht. Er schämte sich vor der Familie, und außerdem, er traute sich nicht in die Stadt wegen dieser albernen Jacke! Sehr wahrscheinlich hatte gerade die Unmöglichkeit, sich in den Straßen zu zeigen, ihm die Idee eingegeben, bei Femke Rat und Hilfe zu suchen, oder doch – wenn sie ihm weder das eine noch das andere verschaffen konnte, sie zur Vertrauten seines Kummers zu machen und ihren trostreichen Zuspruch zu haben. Sicher wäre er zu dem Entschlusse nicht gekommen, wenn das Mädchen in der Stadt gewohnt hätte und nicht am Buitensingel, wo man sie erreichen konnte, ohne durch die Reihen des Straßenpöbels Spießruten zu laufen. Wenn wir den Ursachen unserer Handlungen nachgehen, müssen wir oft auf das Allergewöhnlichste heruntersteigen. Walther wußte nicht, daß zwischen Liebe und Kampf ein Zusammenhang besteht, und wäre er auch in dieser Hinsicht weniger unkundig gewesen, bleibt doch die Frage, ob er Lust gehabt hätte, sich in seinem sonderbaren Kostüm der Auserkorenen seines Herzens zu zeigen. Außerdem hatte er sich niemals über sein Verhältnis zu Femke Rechenschaft gegeben. Seine Gefühle schwankten noch immer auf der Grenze umher, die das Kind vom Menschen scheiden, und es war wohl mehr das erwachende Liebesbedürfnis, das ihn erfüllte, als die Liebe selbst. Walther war nicht viel mehr als ein Junge, und wenn er seine Stellung in dieser Hinsicht besser begriffen hätte, wäre er eines großen Teils der Scham enthoben gewesen, die er über seine lächerliche Ausrüstung empfand. Genau besehen, kam noch verteufelt wenig darauf an, wie er aussah. Aber er war auch anderseits nicht jung genug, um unbewußt die Vorteile seiner Unbedeutendheit zu genießen. Wie dies nun auch sei, die Not drängte, und er fühlte instinktmäßig den Wunsch, etwas Liebes, etwas Freundliches zu treffen, nach all dem Häßlichen, womit man ihn seit so langer Zeit übersättigt hatte. Er wußte sehr gut, daß Femke nicht imstande sein würde, ihm seine Kleidungsstücke zurückzugeben, auch nicht, das Verhältnis zu seinen gefürchteten Chefs wieder in Ordnung zu bringen, noch auch, ihn mit seiner Mutter zu versöhnen, die wütend sein würde, wenn sie erfuhr, daß er »unanständig« gewesen war, Sonnenschirme zerfetzt und sein Glück mit Füßen getreten hatte. Nein, nein, Femke würde ihm auch nicht helfen können. Fast begann er zu wünschen, daß sie nicht zu Hause sein möchte. Aber Frau Claus? Ebensowenig! In Gottes Namen denn, wenn er sich nur ein Augenblickchen in ihrem Hause niedersetzen durfte und ihr seine Not klagen, und ... eine ... dicke Butterstulle essen. Das würde ihm dann die Kraft geben, vom Leben Abschied zu nehmen. Er wollte wohl sterben, sehr gern sogar, wenn er bloß nicht so schrecklichen Hunger gehabt hätte! Erst damit ein Ende gemacht, und dann ... Gerade wollte er durch die offenstehende Thür eintreten, als seine Aufmerksamkeit durch ein lautes Lachen abgelenkt wurde. Es kam von ferne. Über das Feld hin, wo Frau Claus und Femke die Wäsche zu bleichen pflegten, den Weg entlang, sah Walther zwei Gestalten, die sich zu nähern schienen. Mit Begierde jeden Vorwand ergreifend, der das gefürchtete Eintreten verzögern konnte, starrte er scharf auf die beiden Personen, die in lautem Gespräch zu sein schienen. Allmählich wurden die Umrisse deutlicher. Der eine schien ein junger Seemann zu sein, und die andere Gestalt ... mein Gott, war das nicht Femke? Walther sah sich fast blind, und er mußte sich oft die Augen wischen, um aufs neue ... sie war es! Und der andere? Es war wirklich ein Matrose: wer trägt denn sonst solchen lackierten Hut? Von Zeit zu Zeit spiegelten sich darauf die Sonnenstrahlen in glänzendem Golde, sodaß Walther die Augen schließen mußte, wenn sie durch den Glanz getroffen wurden. Aber so oft er sie wieder aufschlug ... er konnte sich nicht mit Ungewißheit trösten. Femke ging da am frühen Morgen – es war fast noch Nacht – mit einem Matrosen! Ach, Walther hätte weniger auf Anstand und Zeit gegeben, wenn die Größe des Hauses Ouwetyd und Kopperlith fünfundzwanzig Gulden jährlich abgeworfen hätte, um ein besonderes Postfach zu bezahlen! Am sehr frühen Morgen also ging da Femke, nach Walthers Ansicht, mit einem Matrosen! Einen Augenblick lang floß alle Erinnerung an das Geschehene und an die Ursachen, die ihn hierher brachten, in den Hintergrund, um der Eifersucht Platz zu machen, schrecklicher Eifersucht. Der arme Junge hatte ein Gefühl, als ob ein glühender Dolch in sein Herz gebohrt würde. Seine Knie wankten, und wie leblos fiel er gegen den Pfosten der Thür. Aber Eifersucht ist die wenigst empfindsame aller Qualen: sie liebt und hegt den Schmerz. Walther wandte kein Auge von dem Schauspiel, das ihn so schmerzte und ihn je länger je grausamer berührte, denn die ersichtliche Vertraulichkeit zwischen den beiden jungen Leuten war sehr groß. Während sie so dahinwandelten, gaben sie einander die Hand, oder es schien, als ob sie die Fingerspitzen ineinander hakten. Man konnte das annehmen nach dem eigenartig gleichmäßigen Bewegen des linken Armes der Person, die rechts ging, und des rechten Armes der anderen. Das Gespräch war laut und voll übermütiger Fröhlichkeit. Besonders das Mädchen jauchzte und lachte, und Walther fühlte sich wie vernichtet. Es nutzte nichts, daß er sich sagte, sie wäre ihm ja nichts schuldig, und er hätte ja kein Recht auf ihre Hand, und ... Gott im Himmel, mußte es denn noch schlimmer werden? Da ... sie ließ die Hand des Jünglings los und fiel ihm um den Hals, und das dauerte wohl ein Jahrhundert, fand Walther, oder eine Stunde, oder so etwas, aber jedenfalls eine sehr lange Zeit. In allen Romanen, die er gelesen hatte, wurde das Gefühl, das er empfand, beschrieben mit den Worten: »unser Held starb tausend Tode«; aber er hatte wahrhaftig keine abgestandene Bücherphrase nötig, um zu fühlen, was er litt. Nach der Umarmung nahm das zärtliche Paar den Spaziergang den Weg entlang wieder auf, und näherte sich, hin und wieder umkehrend, manchmal dem Häuschen, auf welches das Mädchen einige Male hinzeigte, als ob sie ihrem Freunde etwas davon zu erzählen hätte. Walther strengte sich an, um etwas von dem Gespräch zu verstehen, aber es gelang nicht. Als ob sie ihm das Verstehen unmöglich machen wollten, drehten sie sich jedesmal um, wenn er gerade auf dem Punkte zu sein glaubte, einigen Erfolg von seiner Indiskretion erwarten zu dürfen, und schlenderten dann wieder den Weg nach dem Aschenthor zurück. Der arme Junge glaubte zu träumen, denn selbst daß er nichts davon verstand, was da gesprochen wurde, trug das Seine zum Erstaunen bei. Manchmal meinte er einige Laute deutlich genug aufgefangen zu haben, um zu verstehen, was er hörte, und doch war es nie richtig. Er rieb sich die Ohren, als ob eine Haut darüber gespannt wäre, aber auch das half nichts. Und wenn das Pärchen wieder etwas entfernter war hörte er bloß noch Lachen, Es fehlte nur noch, daß sie auf dem öffentlichen Wege gingen. Wahrhaftig, es fehlte nicht viel daran! Das ausgelassene Mädchen faßte den jungen Mann, der einen ruhigeren Eindruck machte, ein paarmal am Arm und drehte ihn um sich herum. Dann folgte wieder ein lautes Gejauchz und Gelächter ... ohne Ende! Ja doch, endlich blieben sie stehen und schienen Abschied zu nehmen. Es wurde herzlich geküßt, der Jüngling entfernte sich, und das Mädchen schlug mit ruhigerem Schritt den Weg nach dem Häuschen ein. Noch einmal stand sie still, wehte mit einem Tuche und empfing ihren Gruß von dem jungen Seemann richtig zurück, der dreimal seinen Hut schwenkte. Bevor das Mädchen sich aber noch genügend genähert hatte, um Walther zu erblicken, lief dieser wütend davon, und wollte ... und wollte ... ja, was? Nach einigem Hin- und Herschwärmen, wobei ihn seine unbehagliche Kleidung sehr ärgerte, besonders weil die Zahl der Menschen, die des Weges kamen, zunahm, nicht ohne Verdruß auch über den Hunger, den er sich andichtete, um einen Ableiter gegen alle Verzweiflung zu haben – kurz, eine halbe Stunde später stand er wieder vor dem Häuschen der Frau Claus ... und diesmal trat er ein. Der Tisch trug die Vorbereitungen zu einem Frühstück – Gott sei Dank – aber man sah niemand. Aus dem Kämmerchen, in dem er einmal so herrlich geschlafen hatte, klang eine Stimme – eine liebe helle jungfräuliche Stimme – die ihn begrüßte mit einem soldatischen: »Werda?« Walther antwortete nicht oder doch beinahe nicht, denn das naive »Ich!« das er sehr verwundert und leise von sich gab, kann kaum gelten. Wie konnte er auch auf so militärischen Empfang vorbereitet sein! Ein Glück, daß sich hierauf Frau Claus zeigte, die ihn etwas bürgerlicher anredete: »So, junger Herr, bist du da! Sehr schön. Warum bist du so lange weggeblieben? Unsere Femke hat wohl hundertmal nach dir gefragt! Setze dich ... ich bin beim Anziehen, wie du siehst, und komme gleich wieder.« Sie trat wieder in die Kammer, und Walther hörte sie sagen: »Das ist nun das Jungchen von dem Pferde!« Hierauf folgte etwas wie verhaltenes Lachen und dann tödliche Stille. Walther wußte wieder nicht, woran er war. Nach einigem Warten wagte er einmal in die Kammer zu schielen, aus der er so geheimnisvoll angerufen wurden war. Frau Claus, dachte er, wird doch nun wohl fertig sein. Nun, das war wohl richtig, aber in der Kammer war niemand. Mutter und Tochter waren jedenfalls auf dem Hofe bei der bekannten Pumpe. Einen Augenblick darauf kam Frau Claus zurück und lud auf ihre gewohnte freundliche Art Walther zum Frühstück ein. »Bitte, Jüffrau, Aber wollen Sie mir, bitte, sagen, warum Femke nicht kommt?« »Femke? Jawohl, o jawohl, die wird wohl kommen. Oder vielleicht kommt sie auch nicht, denn sie wäscht gerade. Nun will ich dir nur sagen, weißt du? Weißt du, was du thust? Iß ein Butterbrot, Junge, und hier ist Kaffee. Und sag' mir doch schnell, wie's deiner Mutter geht. Die ist ja wohl krank gewesen? Ja, der Mensch kriegt schnell mal was weg ... nimm dir Käse drauf.« »Meine Mutter ist ganz wohl, aber ...« »Und du? Hast du keine Schmerzen mehr? Von deinem Fall mein' ich. Ach ... nein, nein, nein, ich weiß schon! Du hast ja gar nicht auf'm Pferd gesessen. Wie kann ich so dumm fragen? Aber du mußt denken, 's geht dem Menschen viel im Kopfe herum. Und ist deine Mutter wieder ganz in Ordnung? Na, das ist das Beste. Wenn sie sich nur bloß in acht nimmt, daß sie nicht wieder krank wird. War's Fieber, oder was war's?« »Meine Mutter ist ganz gesund, Jüffrau, aber ich bin 'n bißchen ...« »Bist du krank? Was fehlt dir? Aber ... Junge, was hast du denn da für'n Ding von Jacke auf'm Leibe? Wie kommst du dazu?« »Ja, das kommt ... das ist ... ich muß ... ich wollte ...« Walther stockte. Frau Claus faßte ihn beim Arm, zog ihn von seinem Stuhl und drehte ihn herum, um ihn bequem von allen Seiten besehen zu können. »Himmel, Junge, was läßt deine Mutter dich komisch rumlaufen! Du siehst ja aus wie'n Schauermann, nein ... ich weiß gar nicht, nach was du aussiehst! Deine Hose ist nett, das muß ich sagen, und dein Kragen sitzt auch ganz gut, aber die Jacke! Und was sitzt du voller Staub! Wo hast du gesessen, Junge? Wo bist du gewesen?« Als die gute Frau sich bückte, um den Staub von seinen Schuhen zu klopfen, bekam sie zum Überfluß seinen Hut zu sehen, den er beim Niedersetzen unter den Stuhl versteckt hatte. »Herre ... Mensch! was für'n Hut! Ich glaub', du bist toll, Junge! Und nun ich dich besehe, im Gesicht siehst du auch nicht zum besten aus! Ach, ach, sonst warst du so ein nettes Jungchen, und auf dem Pferde... o nein, auf'm Pferde hast du nicht gesessen, aber doch ... du sahst früher nett aus. Und nun? 's ist 'ne wahre Schande, wie deine Mutter dich auftakelt!« »Mutter kann wahrhaftig nicht dafür! Ich will Ihnen alles erzählen, Jüffrau.« »Was! Deine Mutter kann nichts dafür, daß du zum Skandal läufst? Ich sage dir, daß es 'ne Schande ist, 'ne wahre Schande, ja... 'n Skandal! Höre, ich bin bloß 'ne Waschfrau, und das will ich auch bleiben, und wenn sie ... aber das geht dich nichts an, aber ich sage dir, daß ich mich schämen thäte, schämen, ja ... schämen, weißt du?« »Meine Mutter weiß es nicht ...« »Deine Mutter weiß nicht, was du auf'm Leibe trägst, Junge? Wozu ist denn die Mutter?« »Nein, Jüffrau, aber ...« »Sag' ruhig Frau Claus. Ich bin keine Jüffrau und will's auch nicht sein.« »Ach, Frau Claus, meine Mutter weiß nichts davon. Ich komme von Haarlem, und ...« »Von Haarlem? Was machst du da? Und mußt du darum so verstört aussehen? Wenn Femke hier wäre, würde sie ...« »Ist sie denn nicht hier?« rief Walther hastig. »Ist Femke nicht hier? Und ich habe sie doch gesehen!« Jetzt war die Reihe, verlegen zu werden, an Frau Claus. Sie antwortete mit einem sonderbaren langgezogenen »Ja«, das ebensogut für eine Ableugnung gelten konnte. »Nun ja, Femke ist wohl hier, aber ... doch nein, sie ist eigentlich nicht hier. Du mußt denken, sie ist oft außer dem Hause, und auch bei meiner Base auf dem Kolveniersburgwall, und dann bringt sie Wäsche weg ... ach, sie hat allerlei zu thun, und ... weißt du, was du machst? Du ißt noch ein Butterbrot oder zwei, denn wenn du von Haarlem kommst ... unsere Femke ist bei der Wäsche, und wenn sie bei der Arbeit gestört wird ... Jesses Maria! was lüge ich!« Mit diesem Schrei auf den Lippen flog Frau Claus zum Zimmer hinaus, in die Kammer. Sie hatte wohl auch etwas zu verbergen, denn Walther bemerkte zu seiner Verwunderung, daß sie die Thür hinter sich schloß, als ob sie fürchtete, er könnte ihr nachkommen. Einen Augenblick glaubte er wieder ein unterdrücktes Lachen zu vernehmen, aber dann wurde es in der Kammer still. Sicher war Frau Claus auf den Hof an die Pumpe gegangen, um da Femke zu erzählen, wie lächerlich er angezogen war. Er machte sich klar, daß das auffallend sonderbare Wesen der Mutter jedenfalls auch mit dem frühzeitigen Besuche jenes Matrosen in Beziehung stand. Gewiß ahnte Frau Claus, daß er etwas davon gemerkt hatte, und nun wußte sie nicht, wie sie die Ehre ihres Hauses wieder reinschwatzen sollte. So war es! Vor wenig Monaten noch wäre Walther auf solche Gedanken nicht gekommen. Aber seine Weltweisheit wuchs nun einmal, und zwar, wie es in diesen Jahren gewöhnlich ist, nach der falschen Seite. Was die Möglichkeit, richtig zu raten, betrifft, hätte er wirklich besser gethan, sich an seine kindlichen Ideen zu halten, die er früher mit solcher Liebe gepflegt hatte.« Walther blieb nicht sehr lange mit seinem Butterbrot allein. Die vordere Thür wurde aufgestoßen, und ein Mann, der ersichtlich soeben erst mit einem Handwagen angekommen war, auf dem ein Koffer stand, fragte, ob er hier recht wäre bei Frau Claus? Frau Claus hatte das Gefährt offenbar ankommen sehen und sie mußte auch die Bestimmung desselben kennen, denn ehe noch Walther Zeit gehabt hatte, etwas von der Art und der Herkunft zu erfahren – kam die gute Frau schon schnell herbeigeeilt. Sie schob Walther zur Seite, als er mit seiner gewöhnlichen Dienstfertigkeit beim Abladen hilfreiche Hand leisten wollte, und trug mit dem Dienstmann den schweren Gegenstand, der ihr gebracht wurde, in das Häuschen und in einem Zuge, ohne abzusetzen, in die hintere Kammer. Wenn es ihre Absicht war – und das war es wohl – den Namen des Absenders vor Walther geheim zu halten, lief sie Gefahr, durch den Dienstmann verraten zu werden. Denn als sie ihn fragte, was zu bezahlen wäre, erfolgte die Antwort, die Fracht wäre schon bezahlt durch die Herren ... Sakkerlot, Walther verstand wieder den Namen nicht! Nachdem der Mann mit seiner Handkarre abgeschoben war, fühlte Walther sich verlegen, denn es war allzu deutlich klar geworden, daß man etwas vor ihm verbergen wollte. Er wollte denn auch nichts lieber als sich entfernen, wurde aber aufs neue durch Frau Claus zurückgehalten, die ihm wieder einen Stuhl anbot. »Du sagst ... ich will dir nur sagen, daß ich nun gern wissen möchte, warum du so aussiehst und was du doch ins Herrenmenschen Namen in Haarlem zu suchen hast. Sag', Junge, was hast du in Haarlem gemacht? und warum hast du so'n skandalhaften Hut auf? Und die Jacke? Erzähl' mir nur mal alles ganz genau, als ob ich deine Mutter wäre. Denn sie will alles wissen ...« »Femke?« fragte Walther. »Ja, nein ... na ja. Femke auch. Das kannst du dir wohl denken. Herrmensch! was ist das Lügen langweilig! Ah!« Dieser Ausruf galt Pater Jansen, der eben sein gütiges Gesicht durch die Thür steckte. Walther sah ihn mit großem Vergnügen. An diesem alten Kinde war so etwas Friedsames, etwas Versöhnliches, das auf ein verstimmtes oder entgleistes Gemüt wohlthätig wirken mußte. »Schön, das ist gut, Pater. Nehmen Sie Platz und essen Sie 'n bißchen. Haben Sie 'n Kranken in der Gegend?« »Das auch. Aber ich komm' mal hören, ob sie's gethan hat.« »Gewiß. Aber ... das Jungchen weiß nichts davon. Wir sprechen nicht eher davon, als bis er weg ist.« Natürlich wollte Walther, als er wieder seinen Besuch als störend empfinden mußte, sofort aufbrechen. Aber Frau Claus ließ es nicht zu. »Nein, Männchen, du bleibst noch etwas. Es ist ganz gut, daß der Pater hört, was du ausgeführt hast. Sehen Sie, wie trostlos das Kind aussieht, Pater!« Der gute Pater besah Walther von oben bis unten, aber er war wohl nicht gerade der rechte Mann, um Schnitt und Sitz einer Jacke zu beurteilen, und zeigte daher viel weniger Entrüstung, als Frau Claus eigentlich von ihm erwartet hatte. »Na, Pater, Sie wissen das nicht so, aber er ist anständiger Leute Kind, und sieht er nicht aus wie ein Strolch aus den Poldern? Und er ist in Haarlem gewesen, ohne daß seine Mutter etwas davon weiß. Aber so erzähl' doch, Junge, was du gethan hast! Nun ja doch, nicht wahr, dann weiß es der Pastor auch!« Walther begann seinen Bericht stammelnd und verwirrt und sprach also noch schlechter, als es im allgemeinen holländische Gewohnheit ist, ein Fehler, der manchmal verzeihlich erscheint, weil er in gewissem Sinne eine Folge ist des Reichtums der Sprache. Darauf konnte der Bursche sich aber nicht als Entschuldigung für sein Gefasel berufen. Abgesehen von dem Schamgefühl, das ihn beherrschte, war ihm eine gewisse Unsicherheit betreffs des Fassungsvermögens seiner Zuhörer sehr im Wege, ein Zweifel, der einen Demosthenes und Cicero zum Verstummen gebracht hätte. Durch diese Schwierigkeit wurde er besonders gehindert, wenn er zur Erklärung seines sonderbaren Verhaltens Ursachen anführen wollte, die ihm selber nicht ganz klar geworden waren. Es ist auch wahr, warum fühlte er sich denn so unzufrieden, so allein, so wenig zu Hause in der kleinen Welt, die ihn umgab? Der Ärger im besonderen Falle, z.B. über die mißachtende Behandlung durch diese aufgeblasene Hersilie, war leichter zu erklären, und das that er denn auch, so gut er konnte. »Wenn das Kind von der Kirche wäre, würde ich sagen, daß Sie ihn einmal in Behandlung nehmen müßten,« sagte Frau Claus zu dem Pater. »Und sehen Sie, 's ist nicht ums Verschachern seiner Kleider, und auch nicht um den Sonnenschirm ... aber sein Gesicht gefällt mir auch nicht. Sagen Sie selbst mal, Pater, sieht er nicht ganz verstört aus? Nun, wollen sehen, was da zu thun ist.« Mit diesen Worten stand sie auf und begab sich in das hintere Kämmerchen, als ob da die Heilmittel für Walthers Krankheit gesucht werden müßten. Und das schien einige Minuten später wirklich der Fall zu sein. »Höre mal, junger Herr,« sagte Pater Jansen, »soll ich dir sagen, was ich von der Sache denke? Ich finde, du mußt suchen, deine Kleider wieder zu bekommen. Meinst du, daß du das Haus wiederfinden wirst?« Walther holte die Adreßkarte heraus, die der Menschenfreund ihm gegeben hatte, nachdem er ihm im Aus- und Anziehen so behilflich gewesen war. Er machte die Bemerkung, daß zum Wiedererwerb ein Stück Geld nöthig sein würde, viel Geld, und daß gerade diese Schwierigkeit ... »Geld hab' ich auch nicht viel,« sagte der gute Mann, »aber wenn du etwas warten kannst, will ich darum nach Bücht schreiben an meinen Bruder, der da Schmied ist, und 's geht ihm gut. Und 'ne Herberge hält er auch, und Sonntags wird bei ihm getanzt ... na! nach der Kirchenzeit, weißt du! Das müßtest du sehen, besonders wenn Kirmeß ist ... das ist ein Leben!« Die Sittenpredigten von Pater Jansen waren leicht zu verzehren, wie man sieht. Es waren gar keine Predigten, und vielleicht hielt mancher seine Rede für unmoralisch. Denn der Mann sprach vom Tanzen, Vergnügen und Kirmeß ohne Abscheu, – der scharfsinnige Leser wird begreifen, warum der gute Pater niemals Mitglied des Gemeinderats geworden ist. In solchen Kollegien hat man Leute von ganz eigener Moralität nötig. Ach, Pater Jansen war so brav nicht! Er predigte nicht und sprach nicht über Moralität. Zur Not rührte er so etwas an, wenn er an der Reihe war, in der Kirche zu sprechen, was ihm schwer genug wurde, denn er hatte gar kein Talent, sich zu stellen, als wäre er besser und wüßte er mehr als andere Menschen. Zum Schriftsteller hätte er schon gar nicht getaugt. Er war gut im ausgebreitetsten Sinne des Wortes, wenn man nicht das Zuerkennen dieser Eigenschaft auf die Leute beschränkt, die in sich selbst etwas Schlechtes zu bekämpfen hatten und in diesem Kampfe Sieger blieben. Dies konnte nun einmal bei Pater Jansen nicht zutreffen, weil er nicht wußte, was schlecht war. Trotzdem, und vielleicht gerade deshalb, regte sein Auftreten, seine Art zu sprechen und vor allem, wo es nötig war, seine Handlungsweise in sehr hohem Maße zur Tugend an. Auch dies war ihm aber ganz unbewußt, eine Unkenntnis, die ihn vor der Bescheidenheit bewahrte, die er sich sonst wahrscheinlich zugelegt hätte, und die seinen im übrigen vollkommen ungezierten Charakter entstellt haben würde. Er erzählte noch das eine und das andere von seinem Dorfe, und Walther, der sich gern von seinen trüben Gedanken ablenken ließ, horchte mit mehr Interesse, als die Dinge, die Pater Jansen erzählte, eigentlich verdienten. Es war der gemütliche, sanfte, einfache Ton, der ihm wohlthat, und manchmal ertappte er sich bei dem Seufzer: »Ach, wäre ich doch zu Bücht bei diesem Schmied!« Die Herberge und das Tanzen brauchten gar nicht dabei zu sein, um nach einem so herrlichen Lande zu verlangen. »Du mußt ihn stehen sehen bei seiner Arbeit,« sagte der Pastor. »Klick, klack, bim, bum, die Funken stieben rechts und links! Und die Hemdsärmel aufgekrempelt bis an die Schulter, denn du verstehst wohl, so'n Schmied arbeitet in Hemdsärmeln!« Walther fühlte die Lust, seine Prachtjacke auszuziehen und ans Schmieden zu gehen. Was so ein Schmied doch für ein glücklicher Mensch ist ... und er... »Ach, M'neer! ich weiß nicht, was ich thun soll! Ich getraue mich wahrhaftig nicht nach Hause mit dem verfluchten Dinge auf dem Leibe!« »O, wir müssen nicht fluchen. So 'ne Jacke hat keinen Verstand davon, ob sie hübsch oder häßlich ist, mußt du denken. Ja, der Mann wird gewiß viel Geld haben wollen, denn von seinem Verdienst muß er leben, siehst du, und solche Leute haben immer großen Haushalt. Weißt du vielleicht einen Uhrmacher?« »Nein,« stotterte Walther. »Vielleicht weiß Frau Claus, wo wir hingehen müssen,« sagte der Pater, während er eine altfränkische silberne Taschenuhr zum Vorschein brachte. »Aber sie geht nicht gut ... wenn wir nur wüßten, wer sie kaufte. Was heulst du?« In der That, Walther liefen die Thränen über die Wangen. »O nein, nein, M'neer, das nicht, das geht nicht!« »Ich werde es kaum merken, denn sie steht oft. 's ist sehr ärgerlich, 'ne Uhr, die nicht gut geht, aber sie ist von meinem Vater, und deshalb ... ach, ich klammere mich nicht daran, denn ich hab' noch genug andere Sachen von ihm, die bewahre ich wie Gold, das begreifst du wohl. Wenn du mal zu mir kommst, kannst du es sehen, Das Briefchen von seiner ersten Kommunion hängt oben am Schornstein. Er war auch 'n Schmied, und noch viel stärker als mein Bruder ... sagen die Leute, denn gekannt hab' ich den Mann nicht; ich war knapp 'n paar Jahre alt, da starb er. Wenn wir nur jemand wüßten, der sie kaufen wollte!« Der gute Mann wog die Uhr in der Hand. »Das soll nicht geschehen, Pater,« rief Frau Claus, die wieder eintrat, die letzten Worte gehört und sofort verstanden hatte, um was es sich handelte. »Das soll nicht geschehen und ist auch nicht nötig,« fuhr sie fort, indem sie ein Stück Papier, in das Geld gewickelt schien, in die Höhe hielt. »Ich hab' hier andere Hilfe, und wäre das auch nicht, dann könnt' ich selber wohl noch Rat wissen mit 'n Paar Dukaten. Hör' mal zu, Junge, sieh mich mal gut an ... ja, Pater, 's muß heraus, sie sagt es selber, und das Gedrehe und Gethue ist mir sehr ungemütlich. Sag', Junge, kannst du schweigen?« »Ja,« sagte Walther, und er sprach die Wahrheit. »Nun also, Femke ist nicht hier, und das Mädchen, das du gewiß da draußen gesehen hast ... ja, ich seh' an deinen Augen, daß du sie gesehen hast...« Es mochte wohl wahr sein, daß Walther ein sonderbares Gesicht machte, als sich Hoffnung zeigte, die sonderbare Erscheinung von heute morgen aufzuklären. »Ja, ja, ich kann mir wohl denken, daß du hingesehen hast. Nun, das war unsere Femke nicht, Junge! Das ist ... um's nun mal so auszudrücken, 'n Mädchen, das ... wie soll ich sagen, Pater? Denn der Pater weiß davon, das kannst du dir wohl denken, sonst that' ich's nicht! – Das ist 'n Mädchen, das seine Stellung verändern will.« »Prinzeß Erika,« rief Walther, »Prinzeß Erika! O Gott, o Gott, ich wußte es wohl!« »He! Wie kannst du das wissen, Junge? Was weißt du? Nichts!« »Prinzeß Erika! Hat sie nicht nach mir gefragt? O sagen Sie, ob sie nicht nach, mir gefragt hat.« »Es ist ein Mädchen, das seine Stellung verändern will, sag' ich dir; sie will bei mir waschen lernen. Aber vor den Menschen und vor der Familie will sie nichts wahrhaben und darum läßt sie dich bitten, niemals 'n Wort über sie zu sprechen. Sie sagte mir, du würdest Wort halten, wenn du's versprichst. Du scheinst was mit ihr gehabt zu haben ...« »Ja, o ja,« rief Walther. »Man muß immer sein Wort halten,« sagte Pater Jansen. »Du versprichst es also?« fragte Frau Claus. »Ja, bei Gott!« rief Walther. »Du brauchst nicht zu schwören, Männchen,« ermahnte der Pater, der als einen Eid aufnahm, was in Walthers Munde lediglich eine Romanphrase war, wenn er es auch ebenso gut meinte, wenn er nur »ja« gesagt hätte. Er und eine Dame verraten, und noch dazu sie! »Nun, gut also,« sagte Frau Claus, »ich habe ihr erzählt, was du da auf dieser Villa und zu Haarlem ausgeführt hast, und sie sagt, es ist nichts Schlimmes dabei, wenn du jetzt nur genau thun willst, was ich dir sagen will.« »O, alles, alles!« »Sieh, hier ist Geld für deine Kleider ... stecken Sie Ihre Uhr nur wieder in die Tasche, Pater ... aber sie sagt, es muß erst umgewechselt werden. Ach, Pater, wenn's der Junge nur nicht wieder verthut!« »Du mußt es vor allem nicht verthun, Junge. Ich kenne die Münze wohl. Wir haben neulich auch so eins in der Tasche gehabt ... kürzlich, weißt du, wie so viele Fürstlichkeiten in der Stadt waren. Weißt du wohl?« Ob's Walther wußte? Es war ja kurz zuvor gewesen, ehe er zu Ouwetyd und Kopperlith aufs Comptoir gekommen war, und nicht lange nachdem sein erster Lehrherr, der Herr Motto, Rauch- und Schnupftabak, auch Leihbibliothek, mitsamt Walthers Kaution das Weite gesucht hatte. Da war dieser Fürstenkongreß zu Amsterdam gewesen, der Walther in eine Kette der wundersamsten Abenteuer gestürzt hatte – Abenteuer, die ihm heute noch nicht ganz klar waren! Wenn er an jene Nacht dachte, als er bei Jüffrau Laps, der gräßlichen Betschwester, wachen sollte, die Angst vor Dieben und Mördern hatte! Wie er da in die Schenke »Zur gekrönten Wacholderbeere« gestürzt war, weil er jenes Mädchen in der nordholländischen Kappe im Gewühl erblickte ... Femke, oder war sie's nicht? War es, richtig, was Doktor Holsma behauptete, daß es Prinzeß Erika war, die aus Laune sich in den Volkstrubel gestürzt hatte und dabei beinahe schlechte Erfahrungen, machte, bis Klaas Berlaan sie für eine Tochter des Hauses Kopperlith ausgab? O diese Töchter des Hauses Kopperlith, er kannte sie jetzt besser! Und dann der Abend im Theater! Wo das Mädchen, Femke, oder war es wieder Prinzeß Erika, in nordholländischer Tracht – der Doktor behauptete es – auf die höchste Tribüne gegangen war, aus blasierter Laune, um einmal etwas anderes zu haben als den ewigen langweiligen Hofton. Wie der Kaiser Napoleon ihr freundlich zugenickt hatte, und wie sie Walther die drei Rosenknospen zugeworfen hatte – die drei Knospen, die er jetzt noch aufbewahrte, und die nur zu leicht in die Hände der Kopperlith, Willens und Genossen fallen konnten. War es wirklich die Prinzessin gewesen, von deren Extravaganzen in jenen Tagen mehr die Rede war? Walther hatte es nie recht geglaubt, trotz der Versicherung des verehrten Doktor Holsma, der meinte, eine Familienähnlichkeit habe ihn getäuscht. Denn die Prinzeß sei eine entfernte Verwandte seines Hauses, wenn sie vielleicht auch nichts davon wisse und es auch nicht nötig sei, daß sie es wisse ... wie ja auch Femke, das Wäschermädel, mit der Familie des Doktors verwandt war, was man aber sehr gut wußte, trotz des Standesunterschiedes. Hatte nicht auch Doktors Sietske eine gewisse Ähnlichkeit mit Femke, und war nicht ein altes Ahnenbild da mit denselben Zügen? Sollte der Doktor wirklich recht gehabt haben? sollte er nicht bloß Walther durch eine recht einfach scheinende Erklärung haben abhalten wollen, seinen phantastischen Träumereien weiter nachzuhangen, die ihn hindern konnten, seine nächstliegende Pflicht zu thun? Wie dem auch sei, die ausländischen Goldstücke waren da ... »goldene Friedrichs«, sagte Frau Claus, fünf an der Zahl. Das sah allerdings mehr nach einer fremden Prinzessin aus, als nach einem Wäschermädel von dem Aschenthor zu Amsterdam. Nun, Walther fand nichts dabei. Von einer Dame, für die ein Ritter bereit war, sein Blut zu verspritzen, durfte er wohl auch eine Hilfe annehmen, die für sie vielleicht so wenig besagte. Frau Claus sagte, das Mädchen hätte mehr geben wollen, aber sie hätte sie zurückgehalten aus Sorge vor dem »Verthun.« Diese glänzenden Stücke erinnerten Walther an die Leichtigkeit, mit der der Schiffer mit der bunten Mütze in jener Nacht sich hatte die Macht verschaffen können ... dort, in jenem Krug auf dem Buttermarkt. Jetzt ging ihm ein Lichtchen auf, warum das Mädchen seine angebotene Hilfe nicht gebrauchte. Er that einen Schritt vorwärts, gleichzeitig in Menschen- und in Münzenkenntnis. Aber er hatte keine Zeit, sich jetzt tiefer in die Erinnerungen aus jener so schrecklichen und doch so herrlichen Nacht zu versenken, »Sie nannte mich Bruder!« träumte er gerade, als Frau Claus ihm in seine Gedanken fuhr. Zwar sagte sie etwas, was jene in gewissem Sinne fortsetzte. Sie sprach auch von einem Bruder, wenn man auch zugeben mußte, daß in ihrem Munde das Wort lange nicht so vornehm klang, wie es damals gewesen war. »Ihr Bruder war heute früh hier, Pater, schon vor Tag und Tau. Er kam, um Abschied zu nehmen. Er will in die Welt. Ein Junge, den man stehlen möchte, wie Milch und Blut ...« Auf einmal sah sie Walther nachdenklich an, als ob seine Züge ihr ein plötzliches, neues Interesse einflößten. »Ja, mein Junge, du sahst früher sehr lieb aus, aber jetzt nicht mehr, wenn ich dir die volle Wahrheit sagen soll. Wäre für dich am Ende auch mal ganz gut, wenn du auf die See kämst – denn, Pater, er will auf See ... ihr Bruder, mein' ich – du siehst recht blaß aus ... was sagen Sie, Pater? So'n Kind verkümmert und verkommt in der Stadt. Neffe Holsma sagt's auch. Aber nun das Geld ... wissen Sie, wo's gewechselt werden kann? Und wirst du's nicht verthun?« »Nein, Jüffrau, gewiß nicht. Aber ...« »Ist auch wahr. Mit dem Plunder traust du dich nicht in die Stadt. Wirst es aber doch müssen. Und dann wieder bis Haarlem ... wie wird das gehen?« »Wenn ich helfen kann ...« sagte Pater Jansen. »Ja, Pater, wenn Sie mit dem Jungen mitgingen?« »Das will ich gern,« sagte der gute Mann, »wenn wir nur erst wissen, wo wir hin müssen.« Walther fühlte sich, daß er nun endlich in einer Sache von Nutzen sein konnte, und holte mit einem gewissen Triumph wieder die Adreßkarte aus der Tasche. Pater Jansen versicherte, daß die Sache nun ganz gut gehen würde, und es wurde abgemacht, daß Walther ihn nach seiner Wohnung begleiten sollte, um dort zu warten, bis das Geld gewechselt wäre. Dann wollten sie zusammen nach Haarlem wandern. »Aber dann ist noch deine Mutter, und die Herren vom Comptoir auf der Villa. Sie hat gesagt ... warten Sie einen Augenblick, Pater. Ich denke, sie wird wohl jetzt fertig sein, sie wollte 'n Brief schreiben.« In der That, das Mädchen, das seine Stellung verändern wollte, hatte geschrieben. Wenigstens kam Frau Claus, die einen Augenblick in die Kammer gegangen war, sofort mit einem Briefe in der Hand zurück. »Sie sagt, du sollst das besorgen, wenn du von Haarlem zurück bist. Aber erst mußt du dann zu Neffe Holsma gehen und ihm alles genau erzählen. Und nun, geht los, alle beide. Ich habe eine Wirtschaft heute, so war's im Leben nicht! Und das fremde Kind ... lieb und gut ist es, das muß ich sagen. Aber, seht, sie hat nie 'ne Hand gerührt. Unsere Femke ist's nicht, müßt ihr denken. Also, Männchen, jetzt gehst du mit dem Pater nach Haarlem, und dann das Briefchen ... nein, erst zu Neffe Holsma, und da erzählst du alles ... und nun, guten Weg! Pater, passen Sie auf aufs Verthun? denn der Junge steckt voll rarer Einfälle!« Die beiden Besucher verließen das Häuschen. Walther besah mit begreiflicher Neugier die Adresse des Briefchens. Es war der Name einer sehr bekannten Kaufmannsfirma, von einem »Haus auf Archangel,« wie seine Postcomptoir-Genossen gesagt haben würden, und der Pater schien das wohl begreiflich zu finden: »denn,« sagte er, »bevor sie ihre Stellung veränderte, ist sie viel in Rußland gewesen.« Er forderte Walther freundlich auf, an seiner rechten Seite zu gehen, und begann zur Erklärung dieser Aufforderung einen gewissen Vorfall aus seiner Jugend zu erzählen, wurde aber damit nicht fertig, bis sie seine Wohnung erreicht hatten. Hier nahm die Unterhaltung eine andere Wendung, sodaß es mir leider nicht möglich ist, dem geschätzten Leser mitzuteilen, warum Pater Jansen auf seinem linken Ohr so taub geworden war. Eine Mordhöhle. Etwas über entthronte Götter und die vermutlichen Folgen ihrer Absetzung. Ein Ausflug in das Gebiet des Liberalismus, dazu zwei schöne Historien. Romanleser werden dies Kapitel ziemlich entbehrlich finden, aber es scheint, daß der Autor darauf Gewicht legt. Lieber Leser, es thut mir sehr leid, daß ich nicht weiß, ob du jemals ein protestantischer Junge gewesen bist und in dieser Eigenschaft einen Besuch bei einem katholischen Priester abgestattet hast. Wenn nicht, wird es mir wahrscheinlich schwer fallen, dir klar zu machen, was in Walther vorging, als er mit dem Pater bei der Kirche angekommen war, neben oder hinter der dieser seine Wohnung hatte. Es war ziemlich versteckt, und wer es nicht wußte, daß da eine Kirche war, hätte es gewiß nicht geraten. Die Katholiken lebten damals in einem Zustand zwar nicht ausdrücklicher oder gesetzlich festgelegter, aber doch vorhandener Unterdrückung. Sie wurden geduldet, aber viel mehr wurde ihnen auch nicht zugebilligt. Erst in unseren Tagen ist das geändert worden, und zwar auf eine Weise, die einen völlig überflüssigen Beweis von der ehelichen Liebe zwischen dem Ehepaar Mensch und Mißbrauch liefert. Es war gewiß eine große Unbilligkeit des Gesetzes, einen Unterschied zwischen Bürgern und Bürgern zu machen, je nach der Art, wie sie glaubten ihrem Gott dienen zu müssen. Der Staat hat damit nichts zu thun, und zwar aus dem einfachen Grunde, daß die ganze Religion überhaupt kein Gegenstand öffentlicher Sorge sein kann. Das hat der sonderbare Liberalismus, der seit etwa zwanzig Jahren Mode ist, nicht eingesehen, aber wohl begriff er die Klagen der Katholiken über Zurücksetzung. Wer an die Inkonsequenz in den Begriffen, die in parlamentarisch regierten Ländern als Staatsweisheit durchgeht, nicht gewöhnt wäre, würde sich mit gutem Grunde über die merkwürdige Weise verwundern, wie man diese Unbilligkeit zu beseitigen trachtete. Die Klage der Katholiken zeigte mit dem Finger auf das, was man für sie zu wenig that, o ja, aber ebenso ausdrücklich auf das, was für andere zu viel gethan wurde. Das Zugeständnis von Bischöfen, von einer »gefährlichen Macht im Staate,« wäre ganz überflüssig gewesen, wenn man sich hätte entschließen können, die offizielle Weihe, aus der der Protestantismus einen großen Teil seines Einflusses zieht, einzuziehen. Es war den Römischen nichts Besonderes einzuräumen, man hätte nur die ungereimten Vorrechte, die anderen zuerkannt waren, zu vernichten gebraucht. Es ist etwas Komisches in der liberalen Rechtschaffenheit der Männer von 1848. Daß das Volk Steuern zahlt, um den Aberglauben zu unterstützen, mag noch gehen. Aber daß der eine Aberglauben vor dem anderen bevorrechtet werden soll... o Greuel! Von allen Konkordaten ist offenbar keins schwerer zu schließen als ein Konkordat mit dem gesunden Verstande. Die Folgen der Halbheit, die ich hier meine, sind traurig. Denn auch in diesem Falle wieder sind die durch den Einfluß der »Prinzipien von 1848« bewirkten Veränderungen ein Hindernis auf dem Wege des Fortschritts. Ein Drittel der Bevölkerung unseres Ländchens hätte, schon aus Schadenfreude, der Abschaffung der Staatsfürsorge für Gottesdienst zugestimmt, und wäre also ein Bundesgenoß gewesen für die kleine Zahl wohlmeinender Denker, die weder zu diesem Drittel noch zu den Protestanten gehörten. Es kommt nicht oft vor, daß ein Staatsmann eine so schöne Möglichkeit, etwas Nützliches zu verrichten, vor sich sieht, und mit unbeschreiblichem Eifer hat denn auch Thorbecke sich das Verpassen dieser Gelegenheit angelegen sein lassen. Wer nun jetzt die staatliche Einmengung in Religionssachen abschaffen möchte, hat alle Bischöfe gegen sich, besonders auch die nichtkatholischen, weil sie deutlicher noch als die anderen einsehen, daß ihr Glaube ohne Geldunterstützung aus der allgemeinen Kasse nicht bestehen kann. Was übrigens noch heute – es ist etwa dreißig Jahre nach dem Triumph des Liberalismus – die wahre Bedeutung des Wortes »Freisinn« ist, kann man daraus sehen, daß unter den Dutzenden liberaler Minister, die uns gehabt haben, noch kein einziger die Abschaffung des Postens »Kultus« im Staatshaushalt vorzuschlagen wagte. Und noch mehr – unter den höchstliberalen Abgeordneten, die gemäß Wahl-Evangelium nach dem Haag abgefertigt wurden, um das Volk nicht zu vertreten, hatte noch keiner den Mut, auf diese Abschaffung zu dringen. Die Summen, die Jahr für Jahr im Etat stehen, mit der speziellen Bestimmung, die Nation in vorväterlichen Wahnideen zu erhalten, sind bestimmt, auf ihrem Posten zu bleiben, wie eine vergessene Schildwache; und der wohlmeinende Passant, der den Vorschlag macht, den erstarrten Mann heimzuschicken, wird verketzert. Und doch ist es seit einigen Jahren nicht mehr die Stimme eines einzigen, der auf Heilung der schrecklichen Krankheit dringt, oder der gegen das Befestigen und Befördern des Übels, noch dazu aus der Kasse des Staates, seine warnende Stimme erhebt – von allen Seiten kommen die Klagen über die systematische Verdummung der Menge. Wir sind vorwärts gegangen, oder besser – denn in Wirklichkeit ist noch wenig verändert – die Aussicht wird größer, daß die Cliquen, die abwechselnd eine Woche lang Regierung spielen, endlich doch auf den Ruf nach etwas Licht kommen müssen. Vielleicht ist das etwas viel gehofft. Bei einem Regierungssystem, wie das unsere ist, kann der überzeugungstreueste Mann, der für einen Augenblick mit einem Schein von Macht bekleidet ist, schon darum nichts Ordentliches ausrichten, weil seine Macht so unsicher ist, und weil er wenig Hoffnung haben kann, morgen noch einen guten Fortgang der Maßregel zu versprechen, die er heute nach guter Berechnung vorschlagen möchte. Nichts natürlicher also, als daß er von allen Versuchen, zu deren Durchführung einige Kontinuität gehört, lieber absieht. Die vollständige Aufhebung der staatlichen Fürsorge für Kirche und Religion würde nur einen einzigen Beschluß erfordern – und der könnte noch recht kurz sein. Aber das konsequente und rechtschaffene Lösen aller der Bande, die seit Jahrhunderten geknüpft sind, verlangt eine Reihe von Maßregeln, die kein Staatsmann der Weisheit von einem Dutzend Nachfolgerchen überlassen kann, mit denen er täglich bedroht wird. Zeitgenossen und Nachwelt würden ihn für die Ungeschicklichkeit verantwortlich machen, mit der andere seine gute Arbeit ruinierten. Gewiß wäre das unrecht, aber man muß auch mit dem Unrecht rechnen. Noch eine andere Ursache steht durchgreifenden Maßregeln im Wege. Ein wirklich liberaler Staatsmann ist ein Dorn im Auge seiner angeblichen Geistesverwandten; denn ein konservativer Völkchen giebt es ja gar nicht. Ihr Liberalismus zeigt sich anstandshalber in Spiegelfechtereien mit Konservativen, viel mehr als in der Unterstützung eines Mannes, der offen und ehrlich eine Ansicht verkündigt, die ... auch die ihre war, aber man gönnt dem anderen die Ehre des Vortritts nicht. Diesem Neid muß ein Mäntelchen umgehängt werden, und das nennt man dann also: »Mäßigung, Weisheit, Vorsichtigkeit, Bedachtsamkeit« – manche kommen sogar bis zu: »Anstand und Würde.« Dieser Anstand und diese Würde würden augenblicklich eine andere Richtung annehmen, wenn Europa das Unglück hätte, Konstantine auf die Throne zu bekommen, die ein Interesse daran hätten, den herrschenden Göttern den Rücken zu kehren. Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, daß wir auch diese Phase durchmachen müssen, aber ich hoffe es nicht zu erleben. Das Hofmachen, das Schönthun vor dem »Glauben« war schon schlimm genug. Wohin es mit Moral und Menschenwürde kommen soll, wenn der »Unglaube« die Leitersprosse zu Wohlfahrt und zu Ansehen sein soll ... nein, nein! Ich hoffe es nicht mit anzusehen. Zum Glück ist wenig Aussicht. Aber inzwischen ist es doch eine Genugthuung, wenn auch ärgerlicher Art, Fortschritt zu bemerken auf dem Wege, der höchstwahrscheinlich nur durch einen Morast von Schmutz zum gewünschten Ziele führen kann. Denn ... Fortschritt ist da! Und mehr noch, der Fortschritt – besonders in Holland – ist erstaunlich groß. Um das zu merken, braucht man nicht bis zu Walthers Jugendzeit zurückzugreifen, auch nicht bis zur Zeit, da der Verfasser jung war. Leute von mittleren Jahren sind bei einiger Aufmerksamkeit vollkommen in der Lage zu sehen, daß das Licht von vielen Seiten durchzuschimmern anfängt. Es ist mir unerklärlich, daß die Anhänger des Alten nicht mehr Zeichen von Unruhe geben. Ist ihre Ruhe eine Folge des Vertrauens auf die Macht ihres Gottes, der zu seiner Zeit schon gegen den zunehmenden Zweifel an seiner Hoheit einen Damm aufwerfen wird? Mir scheint, daß seine Zeit schon lange angebrochen sein müßte. Der Gott der Gläubigen scheint sich den guten alten Pius zum Vorbild zu nehmen, der Jahr auf Jahr, Woche auf Woche in Allokutionen, Breves und Syllabus, oder wie diese Dinge sonst noch heißen, den Seinen versichert, es werde schon noch alles so werden, wie es solle, die Kirche werde schon noch triumphieren, wenn ... erst die Zeit da wäre. O, gewiß, damit kann man alles machen, und vielleicht sitzen auch die olympischen Götter so und warten auf ihre Wiedereinsetzung, ihre Restauration. Inzwischen sind sie abgedankt und müssen sich damit begnügen, daß ein paar Tage und Monate nach ihnen benannt sind, und was sonst beim Feiern von Festen, bei der Verehrung von Heiligen, beim Beibehalten unverstandener Symbole und dergleichen übrig geblieben ist. Man muß ein wahrer Teufel sein, um nicht mit solchen abgesetzten Göttern Mitleid zu fühlen. Ich irre mich, der Teufel selbst gehört ja zu der Kategorie gewesener Weltregierer, und keiner kann besser wissen als er, wie hart es ist, von sehr viel zu rein gar nichts herabzusinken. Armer Teufel! Auch für ihn bleibt nichts weiter übrig als in Gottes Namen ... seine Zeit abzuwarten. Die Konstantine sind noch weit im Felde, und diejenigen, die den Beruf fühlen, diesen oder jenen Olymp zu stürmen, haben vorläufig noch wenig Aussicht auf einen Kammerherrnposten. Doch gerade darin liegen die Gründe zur Freude über den Fortschritt, den wir spüren, und wir mögen den Ärger über all das Ungeziefer, das die kommende Sonne abwartet, um an den Tag zu kommen, verschieben bis auf den Tag, da dieser Wechsel der Notwendigkeit fällig ist. Wer dann lebt, mag dann trauern! Jede Periode hat genug an ihrem eigenen Übel, und bei allem Erfreulichen, das wir sehen, ist es noch lange nicht so weit, daß die ganze menschliche Gesellschaft sich des Kultus des Ungereimten entschlagen hätte. In Deutschland z. B. darf man nichts Böses reden über das, was sich die Gemeinden unter Gott vorstellen; das Gesetz droht noch immer Strafen für »Gotteslästerung« an, und es finden sich Richter, die solche Urteile aussprechen! Richter, Doktoren des Rechts und der Rechte, d. h. nach dem Ausdruck der Philister, die an Studenten Zimmer vermieten, studierte Männer. Richter, d. h. Männer mit Bärten, Frauen, Kindern, Gehalt, Wahlberechtigung und Orden. Ist es nicht komisch? Ist es nicht traurig? In Holland war es vor zwanzig Jahren auch so. In dieser Beziehung stehen wir also einmal wirklich nicht hinter dem Auslande zurück. Betrübend bleibt es immer noch, daß noch sehr lange nach Abschaffung des Gottesdienstes die Sittlichkeit nicht zunehmen wird. Ich sage das jetzt ohne Beziehung auf die Aussichten allgemeiner Verderbnis, die die Gesellschaft zu erwarten hat, sobald mit Unglauben etwas zu verdienen sein wird. Wir sind weit davon entfernt, daß das Ausrotten eines Aberglaubens auch das Übel vernichten sollte, das daraus entstanden ist. Es geht damit, wie mit dem jüdischen Gesetz, das, wie man sagt, schon seit zweitausend Jahren abgeschafft ist, und wovon doch noch immer ein hervorragender Teil die Grundlage der meisten Begriffe und Vorurteile in Christenländern ausmacht. So wird auch der sittliche Reinheitssinn noch lange an dem Einfluß der Religion zu leiden haben. Das Ausdenken neuer Dogmen oder das Zurechtmachen von Systemen durch deutsche Schulphilosophen führt zu nichts. Um das verirrte Geistesvermögen wieder auf den Weg zu leiten, empfehle ich Naturstudium. Wer dies Mittel anwendet, wird bald erfahren ... nicht daß er sich der Sklaverei der Vorurteile entzogen hat, aber doch, daß es hohe Zeit wird, die Bande zu zerbrechen, um nicht ebenso thöricht zu werden Wie jene, deren Geist er so besonders niedrig stellt. Durch Naturstudium, d. h. durch das Merken auf die Art der Dinge, kann man, unter anderen, auch zu erfahren bekommen, daß halbe Wahrheit keine Wahrheit ist, und daß sogar zwei halbe Wahrheiten zusammen noch keine ganze Wahrheit ergeben. Ich würde mich schämen, eine so einfache Sache zu verkündigen, wenn ich nicht täglich sähe, daß es nötig ist. Dieser Fehler arbeitet der Herrschaft des Unwahren in die Hand, und die Religion fährt wohl dabei. Eine zweite Ursache ihrer Zähigkeit liegt in dem Mangel an Mut bei ihren Bekämpfern, die oftmals vor den Konsequenzen ihrer eigenen Gedanken zurückschrecken. A ist wohl gleich B, aber daraus zu schließen, daß A minus B nun gleich Null ist ... o, das wäre doch zu grob. »Man muß es nicht übertreiben,« sagen die bedachtsamen Leute. Ich sage, daß man auch die »Bedachtsamkeit« oder, was dafür gilt, nicht übertreiben soll, und besonders nicht, wo sie weniger als die Wahrheit sagt und dadurch die Lüge beschirmt. Ein anderer Gesang, mit dem besagte »Bedachtsamkeit« sich dem Kampf gegen die Unwahrheit entzieht, ist, daß »man nicht gleich alles wegwerfen muß.« Gewiß nicht! Aber das bißchen Alles, von dem sich die Leute nicht trennen können, ist gerade die Ungereimtheit, die in erster Linie weggeworfen werden muß. Verstandesluxus ist gewiß nicht die Schwäche der Herren, die im Ungereimten ihr »Alles« zu sehen meinen. Was alles ist schon angebetet worden und hat sich später als nichts entpuppt! Vorwärts, ihr Halbdenker, ein wenig, Konsequenz, ein wenig Charakter, ein bißchen Mut! Tausende sind bereit, euch nachzufolgen. Das Zünglein an der Wage schwankt. Ein Körnchen, und die Schale sinkt! Wir finden in Holland selten Leute, die ihre Meinung frei heraussagen. In demselben Deutschland, in dem Gottes Ehre so freundlich unter den Schutz des Gesetzes gestellt ist, werden öfters Abhandlungen veröffentlicht und finden die Zustimmung der meisten ihrer Leser, die diese Ehre –oder sogar Gottes ganze Existenz – bloß deshalb nicht berühren, weil die Verfasser entweder ihre letzten Gedanken für sich behielten, oder nicht wagten, bis zu den letzten Konsequenzen durchzudenken. Im ersteren Falle könnte man annehmen, daß die Furcht vor Strafe die letzten Konsequenzen in der Feder zurückhielt. Aber die Halbheit, die ich hier meine, besteht auch in Ländern, deren Presse frei ist, und ich glaube deshalb diese sonderbare Scheu einem ähnlichen Bedenken zuschreiben zu müssen, wie es bei der gewöhnlichen Gespensterfurcht obwaltet: es könnte am Ende doch ein Gott sein oder etwas von dieser Art! Nun, dieser Gott selbst scheint sich dabei zu beruhigen, daß man Material sammelt zu Schlüssen, aus denen sich seine Entbehrlichkeit syllogistisch ergiebt, wenn man es nur vermeidet, die Folgerung, die man jeden Verständigen vermuten oder selbst feststellen läßt, auszusprechen. Man getraut sich zu sagen: diese Farbe ist eine Mischung von Schwarz und Weiß, aber das Wort »Grau« darf nicht aus der Feder, und selbst nicht ins Gemüt. Wer das ausspräche, würde von denen in den Bann gethan, die es durch ihre Prämisse den Hörern oder Lesern in den Mund legten. Anlaß zu Betrachtungen dieser Art fehlt nicht, aber heute besonders werde ich zu dieser Betrachtung durch ein Stück in einer deutschen Zeitung angeregt. Genau wie bei uns zeigt sich in diesem Lande eine große Bewegung auf dem Gebiete des Unterrichts, und noch mehr als bei uns ist die Fürsorge-Krankheit des Staates verquickt mit Krankheitserscheinungen theologischer Art. Es ist zu erwarten, daß das reglementiersüchtige Deutschland ein volles Jahrhundert länger als wir auf die Freiheit des Unterrichts wird warten müssen. An diese natürliche Forderung denkt kein Mensch, wie es scheint – in Holland übrigens auch nicht. Aber es wird tapfer gestritten und gezankt über die richtige Art, wie man das Verkehrte konservieren soll. Wie üblich, begreifen die meisten das Interesse und die Wichtigkeit einer Sache nicht eher, als bis sie in den Rahmen irgend einer Partei eingespannt werden kann. Die Liberalen sind gegen den Unterricht in Religionssachen auf den Schulen, und sie lehnen sich gegen die Einmengung der Geistlichkeit auf, weil sie ... zu der liberalen Partei gehören und sich also von Gottes und Rechts wegen dazu berufen halten, den verfluchten Klerikalismus zu bekämpfen. Wenn die Gläubigen einen neuen Gott aufbrächten, würde der alte Jehovah im Triumph in die Schule geholt werden durch denselben Liberalismus, der ihn jetzt daraus verbannen will, weil er in ihm ein Mittel sieht, das aufwachsende Geschlecht zu einem Werkzeug in der Hand der Gegner zu machen. Von moralischem und philosophischem Streben nach Wahrheit ist in dem allen keine Spur. Es ist also ganz wie bei uns. Gott, der Begriff »Gott,« wird kritisiert, analysiert, anatomisiert, pulverisiert oder sogar ridikülisiert, aber ... vernichten darf man ihn nach dem polemisierenden Liberalismus nicht. Man könnte ihn ja vielleicht noch brauchen im Kampfe gegen die Klerikalen! In dem deutschen Stück, das ich soeben erwähnte, warnt der Einsender – ein Gymnasial-Direktor – gegen die verderblichen Begriffe, die durch manche Lesebücher klerikaler Färbung den Kindern beigebracht werden. Er nennt diese Bücher von »oft mehr als zweifelhafter Natur.« Dieser Ausdruck klingt sanft in dem Munde eines Mannes, der darauf folgen läßt: »Sie sind häufig gefüllt mit Geschichten der wässerigsten Art, denen jede Pointe fehlt, oder mit Erzählungen, in denen der liebe Gott als Deus ex machina eine große Rolle spielt...« Das gehört sich doch! Die Schreiber solcher Erzählungen sind höchstens konsequent, und die Herren Liberalen sollten sich daran ein Beispiel nehmen ... »Oder mit Histörchen, durch welche eine geradezu krankhafte Religiosität geweckt und genährt wird.« Als Beispiel giebt nun der sehr erleuchtete Gymnasial-Direktor folgendes Geschichtchen, das aus einem auf preußischen »Volksschulen,« wie er sagt, »vielfach im Gebrauche« befindlichen Lesebuche stammt. Ich weiß sehr wohl, daß es nicht schwer sein kann, thörichtere, lächerlichere, wahnsinnigere Beispiele zu finden, aber es wäre schade, den Ekel durch Lachen abzuschwächen. Wäre die Geschichte weniger wässerig, würde sie ihren Zweck schlechter erfüllen, denn um die Flauheit ist es gerade zu thun. Hören Sie: Amtmann und sein Sohn Der Amtmann Arner schlief mit seinem Sohne Karl in derselben Kammer. In einer Nacht wurde er wach, und er hörte den Knaben schwer Atem holen und seufzen. Er fragte ihn: »Was fehlt dir, Karl?« »Ach, Vater,« antwortete Karl, »ich kann nicht schlafen. Ich muß immer an die Zimmerleute auf dem Hause denken, das da oben auf der Straße gebaut wird. Wenn da bloß nicht einer herunter fällt, sich die Arme bricht oder sogar tot ist.« »Weißt du was, Karl?« sagte der Vater, »wir wollen den guten Gott bitten, daß er sie beschütze und ihren Fall verhüte.« Nachdem sie zusammen gebetet hatten, sagte der Vater: »Schlaf nun ruhig, Karl; der gute Gott wird schon helfen.« »Ja, Vater,« sagte Karl, »aber da ist noch Barthel, an den muß ich auch immer denken; ach, es ist ein sehr guter und braver Junge, und er ist so in Verlegenheit, und er weint bloß immer um das Geld.« Vater: »Was ist denn mit diesem Barthel und dem Gelde?« Karl: »Sieh, Vater, das ist so. Du weißt doch wohl, als wir gestern da drüben auf der Wiese spielten, da spielten alle anderen Knaben mit, und ich auch. Aber Barthel spielte nicht mit, der lief bloß immer hinter dem Zaun hin und her und war betrübt. Und da bin ich zu ihm hin gegangen und habe ihn gefragt, was ihm denn fehlte. Darauf begann er zu weinen und sagte: Ich kann nicht und ich mag nicht! ich bin so sehr betrübt um meinen armen Vater; ach Gott, wie wird das morgen werden? – Was ist denn morgen? fragte ich; ist dein Vater arm, und habt ihr nichts zu essen? – Er antwortete: Ach, wenn es bloß das wäre! Aber Vater sagt, es ist schlimmer als Hunger leiden. – Nun, was ist denn? fragte ich, sage es mir doch; hat dein Vater dir verboten, es zu sagen? – Das nicht, sagte er, aber weil er immer so heimlich darüber spricht, weiß ich nicht, ob ich es wohl sagen darf. Darauf bat ich ihn, es mir doch zu sagen. Gut, sagte er, aber du darfst es den anderen Knaben nicht sagen. Das versprach ich ihm, und ich habe es auch keinem der anderen Knaben erzählt. Aber, Vater, ich möchte es doch so gern jemand sagen, darf ich es dir sagen?« Vater: »Ich glaube, Karl, daß du es mir wohl sagen darfst.« Karl: »Sieh einmal, Vater, der Vater von Barthel hatte einmal kein Geld und mußte Hunger leiden, und der gute Barthel und seine Brüderchen und Schwesterchen auch. Das betrübte den Vater sehr, und er konnte es nicht länger mit ansehen. Da ist er zu seinem Nachbar gegangen und hat ihn um Geld gebeten, das er ihm so schnell wie möglich zurückgeben würde. Denn, dachte er, ich werde dann so viel verdient haben, daß ich es ihm zurückgeben kann. Aber er hat wenig Arbeit bekommen, und darum hat er alles, was er verdiente, auch wieder ausgeben müssen, und auch das Geld von dem Nachbar. Nun ist morgen der Tag, daß er es zurückgeben muß, und der Nachbar will nicht warten, sondern ihn verklagen, und darum kann er nun die ganze Nacht kein Auge schließen und thut nichts als seufzen und weinen, und der gute Barthel auch. Ach, Vater, das thut mir so leid, und es ist mir immer, als sähe ich den armen Barthel und seinen Vater vor mir. Vater, laß uns auch für ihn beten, vielleicht giebt Gott ihm das Geld.« »Das wollen wir sofort thun,« sagte der Vater, und darauf beteten sie auch für Barthel und seinen armen Vater. Und als sie gebetet hatten, sagte der Vater: »Höre, Karl, mir fällt etwas ein. Vielleicht hat der liebe Gott Barthel und seinem Vater bereits dadurch geholfen, daß er den Jungen auf den Gedanken brachte, dir die Sache zu erzählen. Vielleicht kannst du ihm helfen.« »Wie denn?« sagte Karl, der sich in seinem Bette aufsetzte, »wie soll ich ihm helfen können? Ich habe kein Geld ... o doch,« rief er fröhlich aus, »ich habe ja noch die zwei alten Gulden von Tante Elisabeth; die will ich ihm geben, aber ich fürchte, es wird nicht genug sein.« »O,« sagte der Vater, »gewiß hat der liebe Gott dich gerade deshalb diese Nacht wachgehalten, damit du die Sache mir mitteilen solltest. Nun kann ich ja auch etwas dazu thun.« Karl: »O, das ist gut, Vater! Willst du das übrige dazu geben?« Vater: »Ob ich so viel dazu geben kann, daß er seine Schuld ganz und gar abbezahlt, weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, wie viel er schuldig ist. Wenn wir aber auch nicht alles bezahlen können, will ich doch den Nachbar zu bewegen suchen, daß er sich damit begnügt, bis Barthels Vater das übrige auch bezahlen kann.« Karl: »Ach, Vater, thu das doch recht bald, denn morgen um neun Uhr wird der Nachbar Barthels Vater verklagen gehen, und dann muß das Geld da sein.« »Gewiß,« sagte der Vater, »und nun wollen wir Gott loben, daß er uns auf den guten Gedanken gebracht hat und uns die Freude schenken will, dem armen Barthel zu helfen; dann wollen wir schlafen und morgen früh um sechs Uhr will ich alles in Ordnung bringen.« Und nachdem er das gesagt hatte, schliefen die beiden bald wieder ein. Am folgenden Morgen ließ Arner jenen Nachbar zu sich kommen und fragte ihn, wie viel Barthels Vater ihm schuldig wäre. Und da es nur fünf Gulden betrug, legte er zu Karls zwei Gulden noch drei hinzu und gab sie dem Nachbar. Aber Karl zog sich schnell an und eilte zu Barthel und sagte es ihm. Das war eine Freude. Dem lieben Gott wurde innig gedankt, und Barthel nahm wieder fröhlich teil an dem Spiel der anderen Knaben. * Soweit die Geschichte. Der Herr Gymnasial-Direktor Schmelzer läßt darauf die sehr liberalen Worte folgen: »Wir bitten den Leser um Vergebung. Die Geschichte ist etwas lang, aber dem steht gegenüber, daß sie jeden Kommentars entbehren kann.« So? Ich denke anders darüber. »Der Verfasser,« schreibt der Gymnasial-Direktor weiter, »teilt uns nicht mit, ob Arner und sein Sohn Karl den folgenden Tag zum Arzt gegangen sind, um sich von ihrer krankhaften und wenig sparsamen Frömmigkeit kurieren zu lassen. Wir aber meinen die Väter, die eines Tages an die Wahlurne gerufen werden, warnen zu müssen: denkt an eure Kinder!« Gewiß! Man sollte an seine Kinder denken. Das wäre Pflicht, wenn auch keine Wahlurne in der Welt wäre. Auch ich bin so frei, die Väter zu warnen, und zwar diesmal ganz besonders gegen liberale Weisheiten wie die des Herrn Gymnasial-Direktors Schmelzer. Gerade sie sind die Ursache, daß noch immer so viele verbrecherische Arners dabei sind, ihre Karlchens verdreht zu machen, oder – was noch schlimmer ist – sie abzurichten zu Heuchlern, Seligkeitsjägern, wuchernden Himmelsspekulanten. Der Leser weiß doch wohl, daß bei dem Namen des Jungen, der nicht schlafen konnte – er wußte es, das versichere ich Ihnen! – ein hübsches Pöstchen im Hauptbuch des Herrn verzeichnet worden ist. So etwas wie 2 X 70 X 70 Gulden süddeutscher Währung, denke ich; aber da ich mit jenen überirdischen Gegenden nicht in Handelsverbindung stehe, kann ich den Betrag so genau nicht angeben. Lassen wir uns also genug sein, zu wissen, daß die Karlchens, die so anfangen und so fortfahren, später einen recht hübschen Sparpfennig zu erwarten haben, wenn es daran geht, ihren himmlischen Haushalt einzurichten. Der talentvolle Verfasser der Geschichte, die wir soeben mit gebührender Rührung genossen haben, ist ebensogut eine Autorität im Unterricht und im Menschenbearbeiten wie der vorlaute Herr Schmelzer. Ich meine, er bekleidet in diesem Fache sogar einen höheren Rang, aber das kann ich nur unter Vorbehalt sagen, weil mein niederländisches Genie vielleicht die deutschen Titel nicht richtig versteht. Der Mann ist Seminar-Direktor, was sicher so viel sagen will als: Leiter eines Seelen-Pflanzengartens, oder Aufseher einer sittlichen Saatstreuerei. Die Erzählung von Barthelchens Verzweiflung und Karlchens Frömmigkeit ist gewiß einer der Samen, die er auch außerhalb seiner Pflanzschule wünscht aufschießen zu sehen. Darum machte er mit Hilfe von Setzer und Drucker ein Paar Flügelchen daran, und wie das beschwingte Samenkorn des Ahorns flog das naive Ding in die Welt, um sogar in diesem Bande sachte herniederzukommen. Hoffen wir, daß es Wurzel schlägt und guten Boden findet. Die erste Frucht, die ich davon erwarte, ist eine gesundere Beurteilung an dem liberalen Tadel des Herrn Gymnasial-Direktors, als man gewöhnlich für diese Ausfälle gegen den »Glauben« bereit hat. Dazu will ich anregen. Niemand wird bestreiten, daß die Erzählung, auf die der geistliche Saatenstreuer seine Pfleglinge einlädt, schlapp und wässerig ist. Aber das betrifft nur den Stil und die Einkleidung. Der Inhalt selbst entspricht, bis auf ein bißchen, den Anforderungen der Kunst. Ich mag das zur Zeit nicht genauer erklären, aber beinahe alle von alten und neuen Kunstlichtern vorgeschriebenen Ingredienzien sind in ausreichendem Maße vorhanden, um die Barthel-Historie zu einem vollkommenen Drama zu stempeln. Die einzige Ausstellung, die in dieser Beziehung gemacht werden könnte, gründet sich auf die Unsicherheit, in der der Leser gelassen wird in betreff des Schicksals der Zimmerleute an dem neuen Hause. Wir wissen nicht, ob sie noch während des Baues Arme und Beine brachen oder selbst das Genick. Oder der Schreiber hat vergessen, uns mit ihrer vollständigen heilen Haut aufzuwarten. Die Versicherung des braven Arner, daß nach seinem Gebete der liebe Gott für diese Menschen sorgen werde, muß gewiß für Karlchen genügen, und auch für jeden Gläubigen; aber es besteht doch die Möglichkeit, daß einer oder der andere unter den Zuhörern oder Lesern nicht so fest auf die Kraft des Gebetes vertraut, und für solche Leute hätte der ehrenwerte Mann doch den Beweis liefern müssen. Eine andere Ausstellung noch, und zwar von recht kritischer Natur, wäre über die ganze Zimmermannsepisode, als Episode, zu machen. Man könnte nämlich meinen, daß die aristotelische Einheit der Handlung ein bißchen zerbröckelt wird, weil der Autor in einer Geschichte, und zwar kurz hintereinander, Gott zwei Arbeiten zugleich aufträgt. Diese Zimmermannsgeschichte hätte eine besondere Erzählung des Herrn Seminar-Direktors verdient. Auch Arner kommt nicht zurecht. Der Mann hat zweimal tüchtig gebetet, und bloß einmal steht man, daß er seinen Willen bekam. Und es hatte ihm sogar ein Stück Nachtruhe gekostet. Hätte nicht das Stück wenigstens mit einem richtig legalisierten Lebensattest aller der Zimmerleute und Maurer, am Tage nach der Aufrichtung des Hauses ausgestellt, enden müssen? Und hätte der Verfasser nicht die Photographien aller der gebrochenen Arme, Beine und Genicke hinzugeben müssen, die jemals an anderen Häusern gearbeitet haben, für deren Wohlfahrt und gesunde Knochen der liebe Gott nicht zu sorgen brauchte, weil nicht durch schlaflose Knäblein dafür gebetet wurde? Sehen wir aber von diesen Ausstellungen ab, – der Inhalt der Geschichte ist konsequent. Wer an einem Gotte festhält, kann und darf erwarten, ja er muß sogar von ihm verlangen, daß er auf die Gebete hört, die man zu ihm emporsendet, und daß er diese Gebete auch ordentlich erhört. Wozu sollte sonst ein Gott sein, wenn nicht dazu? Welche Thätigkeit sollte er im Weltall zu verrichten haben, wenn nicht das seine Funktion wäre? Der brave Arner hatte in seiner Beruhigung über das Los der Zimmerleute vollständig recht, und wenn trotz seines Gebetes einer von ihnen verunglückt wäre, so hätte er Gott gewiß heftige Vorwürfe gemacht ... er hätte sich darauf berufen, daß in der Nähe einer wohnte, der nie betete, und dessen Rippen doch vollkommen heil waren ... er hätte auf die Gefahr hingewiesen, daß Karlchen nach solchen Enttäuschungen in Unglauben und Gottlosigkeit verfallen könnte... Ach nein, Arner! Wenn Karlchen beginnt einzusehen, daß sein Vater mit seinem Beten nicht viel Seide spinnt, wird er plötzlich »liberal,« d.h. er wird erklären, daß das Vertrauen auf Gott einen »geradezu krankhaften« Zustand bedeutet, aber zugleich wird er den ehrlichen Atheisten verabscheuen, der nicht begreifen will, daß der ohnmächtige, unbrauchbare Gott noch immer ein Gott bleiben soll. Um vor der Krankhaftigkeit seines Vaters bewahrt zu bleiben, wird Karlchen – man muß ja doch nicht alles wegwerfen! – die Grundlage davon mit Händen und Zähnen festhalten, aber die logischen Folgen leugnen. Mit einem Worte, Karlchen wird ein moderner Liberaler sein. Der sehr erleuchtete Herr Schmelzer ist nämlich königlich preußischer Beamter im Unterrichtsfach. Er glaubt also an Gott, oder er muß das wenigstens vorgeben, weil aufrichtige, ehrliche Atheisten aus ihren Stellungen gejagt werden in dem Staate, in dem erst kürzlich ein Lehrer mit Entlassung bedroht wurde, wenn er nicht seine Ehe kirchlich einsegnen ließe. Auch haben ja die Postbeamten, die bloß nach dem »Gesetz« verheiratet waren, offiziell den Auftrag bekommen, bei Strafe der Entlassung, sich kirchlich trauen zu lassen. Der liberale Herr Schmelzer wird, wenn er Kinder hat, sie auch haben taufen lassen: darauf wette ich. Der Mann, der sich herausnimmt, Karlchen und seinen Vater an den Arzt zu verweisen, derselbe Mann schämt sich nicht, den Aberglauben zu unterstützen und gegen besseres Wissen zwei Götter zu verehren. Ob in so verwirrtem Gemüte auch noch Platz ist für den heiligen Geist – ach, darauf kommt es nicht an! Im Moor achtet man nicht auf ein Stückchen Torf. Hauptsache ist und bleibt, sich tapfer zu zeigen und die verdammten Klerikalen an der Wahlurne zu bekämpfen. Ich sage: Hoch der Seminardirektor und sein Karlchen! und ich denke, Gott wird auch so denken, denn es muß ihn doch kränken, wenn Menschen, die glauben, daß er Himmel und Erde schuf, ihm nicht die Macht zuerkennen wollen, Barthelchens Vater – mit Hilfe von anderthalb Nachbarsleuten noch dazu – zu fünf Gulden süddeutsch Courant zu verhelfen. Flau und wässerig war die Erzählung des Herrn Seminar-Direktors, o ja. Aber der Leser würde sich sehr irren, wenn er meinte, daß die Deutschen dem ganzen Europa in systematischer Geistesverblödung unbedingt voraus seien. Um ein Beispiel zu geben, was das protestantische England auf diesem Gebiet liefern kann, laß ich hier eine zweite Geschichte folgen, die einer unlängst in London herausgekommenen Zeitschrift für Kinder (Chatterbox, Januar 1876) entlehnt ist. Der unparteiische Leser wird daraus erkennen, daß der englische Romandichter – der Mann wird wohl Reverend sein, was »achtenswürdig« bedeutet – keineswegs hinter seinem deutschen Kollegen an Üppigkeit der Vernunft und Festigkeit des Urteils zurücksteht. Der Titel des Stückes ist: Gefahr und Befreiung Der Kaufmann Jakob Hanser kam eines Tages, als er für seinen Handel auf Reisen war, des Abends spät bei einer Herberge an, die inmitten eines großen Waldes gelegen war. Beinahe überall herrschte in dieser Zeit, im Gefolge eines langjährigen, kaum geendigten Krieges... (Hier scheint durch einen Fehler der Druckerei »mit Gottes Hilfe« ausgefallen zu sein. So auch noch öfter. Der Verfasser ist ein »Reverend«, er wird doch nicht leichtfertig die Beihilfe Gottes aus dem Auge gelassen haben?) Im Gefolge eines langjährigen, eben erst geendigten Krieges herrschte große Unsicherheit, aber ganz besonders war das der Fall in der Gegend, wo Hanser reiste. Das war ein Sammelpunkt von allerlei schlechtem Volke und Räuberbanden. Hanser reiste in Gesellschaft von noch zwei anderen Männern. Da sie nun also drei waren, und vornehmlich, weil sie ihr Vertrauen auf Gottes Schirm und Schutz setzten, beschlossen sie, lieber eine Nacht in diesem abgelegenen Hause, das ihnen sehr verdächtig vorkam, zuzubringen, als dem Herbstregen in dem finsteren Walde zu trotzen. Zudem waren sie so müde, daß die Füße ihnen beinahe den Dienst versagten. Die Reisenden hatten kaum die Herberge betreten, als sie auch schon sahen, daß sie das Schlimmste zu fürchten hatten, und daß sie auf ihrer Hut sein mußten. Nur unwillig und auf die rauheste Manier wurde ihnen durch die Bewohner des Hauses Speise und Trank gebracht. Das Glaswerk und Geschirr war zerbrochen und schmutzig. Die Stühle, die man ihnen neben einem zerbrochenen Fenster anwies, und der Tisch, auf dem angerichtet wurde, schienen früher einmal zu einem richtigen Haushalt gehört zu haben, waren aber offenbar seit langem verwahrlost. Alle Möbel waren zerbrochen und zerstochen, und die wüsten Bewohner hatten in ihrer Wut nicht einmal die Sitze der Stühle geschont. Die müden Reisenden baten, daß man ihnen ihre Schlafkammer anwiese. Man führte sie zu einer Bodenkammer, die so wüst und abschreckend aussah, als sei sie nie zu einem menschlichen Aufenthalte bestimmt gewesen. Die Reisenden mußten auf Stroh schlafen, das auf dem Fußboden ausgebreitet war. Sobald sie allein waren, teilte Jakob Hanser den Genossen seine Furcht und Angst mit, und mit ihrer Hilfe versperrte er so gut wie möglich die morsche und schlecht schließende Thür. Seine Kameraden meinten nun genug für ihre Sicherheit gethan zu haben, und ermüdet, wie sie waren, legten sie sich auf das Stroh zur Ruhe. Er aber konnte den Schlaf nicht finden und fühlte auch nicht die mindeste Lust zum Einschlafen. Gegen Mitternacht vernahm er lauten Rumor von eben angekommenen Gästen, die durch wüstes Geschrei verrieten, daß sie schon viel getrunken hatten, und daß sie keine Reisenden waren, die die Nacht zur Ruhe gebrauchten, sondern Leute, deren Thun und Handeln das Licht scheut, und die gewohnt sind, ihr Bett zu der Stunde zu verlassen, wenn andere sich zur Ruhe legen. Es kamen ihrer immer mehr. Der Lärm wurde wilder. Da stand Hanser, der einsah, daß er es hier nicht mit eingebildeter, sondern mit wirklicher Gefahr zu thun hatte, von seinem Strohlager auf, und kniete daneben nieder. »Barmherziger Gott!« betete er, »wenn ich hier unter Mörderhänden sterben soll, dein Wille geschehe! Ich bin ein sündiger Mensch und verdiene Strafe. Sei du mir stets ein gnädiger Gott und Herr, und erbarme dich meiner Seele!« Nachdem er sich also in Gottes Willen geschickt und sich mit Leib und Seele in seine väterliche Hand gegeben hatte, fühlte er sich auf alles vorbereitet, und sein Mut war, wie er später bezeugte, wie der eines jungen Löwen. Aber es sind außer mir noch andere zu retten, dachte er. »Auf, auf, Männer!« rief er seinen Gefährten zu, »jetzt ist keine Zeit zum Schlafen, sondern zum Wachen; es droht Gefahr und Schrecken.« Die Schlafenden richteten sich erschreckt in die Höhe und überzeugten sich, daß die Gefahr nahebei war. Man hörte schon die wilde Bande die Treppe heraufstürmen. Der Wirt, den man an seiner rauhen Stimme und Sprache erkannte, versuchte die Thür der Bodenkammer aufzudrücken; aber er konnte es nicht, weil sie von ihnen verriegelt und verstellt war. Mit schrecklichem Drohen und Fluchen verlangte er, daß man die Thür öffnen sollte; aber Hanser antwortete in mutigem, männlichem Ton, daß die Kammer für die Nacht ihm und seinen Gefährten gehöre, und daß sie die Thür nicht vor Tagesanbruch öffnen würden. Darauf wurden die Versuche, die Thür von außen zu sprengen, verdoppelt; aber Gott stärkte die drei, so daß sie imstande waren, der Gewalt ihrer Feinde Widerstand zu leisten. Endlich schrie der Wirt nach seinem Beile; damit, sagte er, wolle er die frechen Kerle in der Kammer wohl klein kriegen. Nun war alle Aussicht auf menschliche Hilfe verflogen. Sie hörten schon den Mann, der das Beil bringen sollte, die Treppe heraufkommen. Hanser betete noch feuriger um Rettung, und siehe da! Gottes Hilfe war nahe! Die hellen Töne eines Hornes und das Klatschen einer Peitsche verkündigten die Ankunft eines Postwagens, der hier stillhielt, um den müden Pferden ein paar Stunden Ruhe zu gönnen. Böse Gewissen lassen sich leicht erschrecken. Der Mann mit dem Beile machte schleunigst kehrt, als er die Hälfte der Treppe erreicht hatte. Der böse Wirt, der so schrecklich gerast und gewütet hatte, wurde auf einmal ruhig. Er flüsterte seinen Kameraden ein paar Worte zu und ging die Treppe hinunter. Die Bösewichter folgten ihm und entflohen durch die Hinterthür. Durch die Ankunft wohlbewaffneter Reisender waren die drei Männer auf der Bodenkammer gerettet. Bei Anbruch des Tages verließen sie so schnell wie möglich den verdächtigen und gefährlichen Wald. * Während ich das aus dem Englischen übersetzte, kam es mir fortwährend vor, als ob da specifisch Deutsches drin stecke. Die Geschichte riecht stark nach den gottseligen Sprüchen des Kanonikus Schmidt. Auch der »große Wald,« zu dem noch besonders das »Beil« gehört, das in der deutschen Kriminalistik eine so große Rolle spielt, und der »eben geendigte Krieg« tragen die eigenartige Färbung dieses Landes. Zu derselben Bemerkung leitet die Phraseologie. Durch das »Thun und Handeln,« den »gefährlichen und verdächtigen« Wald fühlen sich die Landsleute Goethes und Schillers durchaus nicht beleidigt. Noch täglich lese ich: »müde und matt, Art und Weise, Grund und Boden, Ort und Stelle.« Ausdrücke wie: »ich kann nicht glauben, daß er es nicht gethan hat« – was ja eigentlich das Gegenteil bedeutet von dem, was man sagen will – oder »der Mann ist nicht krank, sondern vielmehr tot« u. s. w. sind an der Tagesordnung. Man findet sie oft bei Schriftstellern, die als Vorbilder gelten sollen ... Ja, ja, diese Prachtgeschichte von dem Posthorn, das dem lieben Gott zu Hilfe kam, um den betenden Jakob Hanser – nicht einmal der Name ist englisch – zu retten, wird wohl auf deutschem Boden gewachsen sein. Aber in England wurde sie durch eine englische Redaktion in eine Zeitschrift für englische Kinder aufgenommen. Und das geschah nicht in den Zeiten König Arthurs oder der Sternkammer, sondern in unseren Tagen. Wie um zu protestieren gegen den möglichen Verdacht, daß England ohne Import nicht imstande wäre, seinen Bedarf an geisttötendem Unsinn zu decken, finden wir in derselben Nummer dieser Kinder-Zeitung eine Art Weihnachtslied, in dem die Spatzen im Schnee um ein paar Krümelchen bitten. Das laß ich gelten. Aber sie erbitten die Unterstützung »im Namen des Herrn.« Sieh hier, wie die Schelme theologisieren. »O denkt dran,« sagen sie, »........ wie er gesagt, Kein Sperling fällt ohn' seine Macht. Von wem Gott selbst so freundlich spricht, Den soll der Mensch vergessen nicht. Wie der Monarch, das Spätzlein ruht In 's großen Schöpfers ew'ger Hut ...« Ja, und erstreckt sich denn »des großen Schöpfers ew'ge Hut« nicht auf die Tierchen, die im Sommer durch die Spatzen verspeist werden? Als echte Theologanten kümmern sie sich um diese Frage nicht, sie berufen sich noch darauf; ja sie schelten noch auf diese anderen: »Ihr sollt gedenken freundlich nun Des Guten, das wir Sommers thun. Wir töten viel Gewürm ...« Es ist wahr, über das »Gewürm« hat der Herr sich niemals freundlich ausgesprochen. Damit kann also ein Sperling, der einmal in der Bibel genannt ist, nach Herzenslust und Magenbedarf umspringen. Um nun den Kindern echt moralisch zum Bewußtsein zu bringen, wie hoch ihr sommerlicher Dienst zu veranschlagen ist, beschuldigen sie das »Ungeziefer« allerlei schwarzer Thaten. Das Gewürm also ... »...... es ließ' ja euch Nicht Blatt noch Blume am Gesträuch, Zerfräß' das Gras, zerstört' den Garten ...« Nun, Gras und Garten gehören zu der Schöpfung, und die bösen Käfer, Raupen und Schnecken handeln also sehr verkehrt, das zu verwüsten. Der Leser erwartet hier ein Anathema gegen diejenigen, die in Ermangelung von Brotkrümeln sich so gut wie möglich mit Grünzeug durchfüttern, das ihnen nicht gegönnt wird. Weil sie Gottes Blumen verschlingen? Ach nein. Die Bösewichter, das Ungeziefer ... »....... zerstört den Garten Fürs Crocket und für Dolly Barden.« Diesen letzteren mir unbekannten Ausdruck meine ich, im Zusammenhang mit dem Anfang der Zeile, auch als eine Bezeichnung für ein Kinderspiel nehmen zu sollen. Man sieht hier wieder, wie viel Ärgerliches aus Theologie und Bibelkunde zu holen ist. Kein anderes Tier in der Welt würde das junge Volk, das über Brotkrümel verfügt, so bei seiner Schwäche zu fassen wissen. Scherz beiseite, man sieht, daß auch in England die Väter gut thäten, einmal zuzusehen, welche Sorte von geistiger Nahrung man ihren Kindern reicht. Wahrlich, da ist – und auch anderswo – etwas anderes zu thun, als über die Wunderkraft des Wassers von Lourdes zu spotten, was eine sehr leichte Sache ist. Die Weisheit, die dazu gehört, um daran nicht allzufest zu glauben, wird, meine ich, einem mäßig entwickelten Kinde wohl von selber kommen. Das Lächerlichmachen des Katholizismus und der protestantischen Orthodoxie – nun ganz vermieden wird es ja wohl nicht werden können, aber dieser Kampf ist seit lange einigermaßen überflüssig. Vater Terachs Puppendienst liegt im Sterben und wird wohl den Weg aller Thorheit von selber gehen; wir haben zu streiten gegen die Quacksalberei des besserwissenden Abrahamchen, gegen das unehrliche Pfuschen der Schmelzer. Ich höre, daß auch in Holland die Rasse solcher halber Wahlurnen-Liberalen noch nicht ausgestorben ist, und darum ... Nun, ich habe in der Überschrift dieses Kapitels eine Mordhöhle versprochen, und deshalb wollen wir nun zusammen einen Besuch bei Pater Jansen abstatten. In diesem Kapitel möge man mit jener Herberge in dem sehr dichten und großen Walde fürlieb nehmen. Ich kann nicht zwei Gräßlichkeiten für ein Geld liefern. Jetzt kommt die wahre, echte, alte, unverfälschte, katholische Mordshöhle voller klappernder Gebeine und sonstigem schlechten Volk. Ob wohl Pater Jansen und Walther in diesem Kapitel Haarlem erreichen? Ich glaube es nicht, aber die Sache kann doch glücken. Ich fragte den Leser, ob er wohl schon einmal in seiner Eigenschaft als protestantischer Jüngling Besuche bei einem katholischen Pastor abgestattet hätte? Kann er sich den Eindruck, den das macht, wohl vorstellen? Im Kreise der Familie Pieterse schauderte man bei so einem Gedanken, aber es wird eine Zeit kommen, da es einem Schriftsteller schwer fallen wird, seinen Lesern klar zu machen, woher diese Abneigung kommt. Auch Walther verstand nicht recht, welche Gefühle ihn beherrschten, aber sicher ist, daß er eine gewisse Beklommenheit fühlte, als Jansen vor dem unansehnlichen Häuschen stillstand, wo seine Kirche war, wie er sagte. »Und hier ist der Eingang zu meiner Wohnung,« fügte er bei, indem er eine Thür öffnete, die den Zugang zu einem langen schmalen Gang neben dem Hauptgebäude abschloß, »Oder möchtest du nun nicht erst nach dem Kolveniersburgwall gehen?« Mit einem Blick auf seine Kleidung flehte Walther um Gnade. »Lieber, wenn wir von Haarlem zurückkommen, M'neer! Wahrhaftig, dann will ich sofort gehen, aber jetzt ...« »Was meinst du, ob wohl 'ne Jacke von mir ...« »Nein, nein, o nein,« rief Walther schnell. »Das wird nicht gehen!« Das fehlte auch gerade noch an dem merkwürdigen Zustande, in dem er sich jetzt befand, daß er die Holsmas in einer Jacke des Pastors besuchen ging! »Nun, dann warte nur hier, bis ich das Geld eingewechselt habe, und dann zusammen auf die Reise! Ich thu's gern, denn ich bin lange nicht in Haarlem gewesen. Magst du die Haarlemer Halletjes gern?« Der gute Mann führte Walther in seine Wohnung, die aus ein paar Zimmern bestand, welche durch einen finsteren Hof von der Rückseite der Kirche geschieden waren. »Sieh einmal!« sagte er, »wie nett ich hier wohne! Glaubst du wohl, daß ich nicht mit einem Bischof tauschte? Und bequem ... nirgends ist's so! Hier empfange ich manchmal ansehnliche Menschen – kürzlich noch 'n Advokaten – und sie sind alle neidisch auf meine Wohnung ... und auf die Bequemlichkeit, siehst du. Denn wenn ich 's Morgens aufstehe vor dem Frühdienst – ja ja, manchmal ist's noch Nacht – sieh, so bin ich wach, und wip – in die Kirche! Neulich – aber sprich nicht drüber – fand unsere Stine ... da ist sie gerade. Na, Stine, ich gehe nach Haarlem mit diesem jungen Herrn? Was sagst du dazu?« Stine sagte bloß: »Ach, Pater!« und es war genug. Wenigstens bestand er nicht weiter auf Antwort, und fuhr zu Walther fort: »Sie bedient mich nun schon über dreißig Jahre, mich und Pastor Kuns, der seine Zimmer hier neben hat ... ein bedeutender Mann! Den müßtest du kennen lernen! Der versteht griechisch, als ob's gar nichts wäre! Du gewiß nicht, wie? Na, 's macht nichts. Aber neulich ... was wollte ich doch sagen?« »'s war etwas von Stine, M'neer, und daß die Kirche so nahe wäre.« »'s ist komisch, daß der Mensch manchmal nicht mehr weiß, was er erzählen wollte. Ja, die Kirche ist gleich dabei, und wenn ich 's Morgens aufstehe, ... sieh, jetzt weiß ich, was es war. Ich hatte von Bücht und der Kirmeß geträumt, und wurde ein bißchen spät wach, und sprang aus'm Bett, und beeilte mich mit Anziehen, und was thu ich? – aber ich wußt's nicht, das begreifst du wohl – ich vergaß einen von meinen Strümpfen anzuziehen, einen von meinen schwarzen Überstrümpfen. Aber Stine sah es, denn sie fand ihn, und sie lief mir damit nach, und sie rief: Pater, Pater! und ich wußt' nicht, was sie wollte, aber da hielt sie den Strumpf hoch, und da wußt' ich's. Aber ich hab' nicht gelacht – weil ich in der Kirche war, und du begreifst ... das ist 'n Haus Gottes – und ich bin schnell zurückgelaufen, und dann platzte ich heraus, und die Stine auch. Aber in der Kirche hat's keiner gesehen, denn 's war dunkel, und ... 's war auch kein Mensch da.« Diese einfache Erzählung stach wieder sehr ab von Walthers hochtrabenden Begriffen von göttlichen Dingen, und nicht minder von den Vorstellungen, die die Kloster- und Mönchs-Romantik in seiner Phantasie hervorgerufen hatte. Er traute seinen Ohren nicht. Aber der gute Pastor merkte nichts von seinem Erstaunen, und er verließ ihn, nachdem er ihm den Rat gegeben hatte, sich die Zeit mit ein paar Büchern zu verkürzen, die er aus einem Wandschränkchen nahm und auf den Tisch legte. Walther hatte kein Bedürfnis nach Zeitvertreib. Er sah in dem Zimmerchen umher und verwunderte sich über die große Einfachheit, mit der es ausgestattet war. Eine metallene Christusfigur und ein paar Heiligenbilder machten mit dem ersten Kommunionsbriefchen von Jansens Vater die ganze Verzierung aus. Dies letztere hing in Glas und Rahmen oben am Schornsteinmantel. Der Tisch war von gebeiztem Holze, und vier Stühle mit Mattensitz vervollständigten die Einrichtung, es sei denn, daß man die Hortensie und ein paar Monatsrosen mitrechnete, die draußen vor dem geöffneten Fenster auf der Fensterbank standen. Sogar Walther, der wahrlich nicht an Luxus gewöhnt war, stand erstaunt über die Spärlichkeit solcher Einrichtung. Kurz vor der unerwarteten Auswanderung seines ersten Chefs, des Herrn Motto, Rauch- und Schnupftabak nebst Leihbibliothek, hatte er an der Hand von »Anna Radcliffe« und dergleichen eine lange Galerie von katholischen Schauergeschichten durchflogen, in denen es von Üppigkeit auf jedem Gebiete wimmelte. Der ärmste Mönch hatte Schlösser zu seiner Verfügung – gewöhnlich waren sie unzugänglich, und man mußte die Wege im Gebirge schon sehr gut kennen, um sie zu sehen zu kriegen – Schlösser, in denen Widerspenstige ihr lebelang begraben waren. Jeder katholische Geistliche besaß Säcke voll Gold, mit denen er den gläubigen Banditen bezahlte, der der Kirche im Wegräumen lästiger Personen behilflich war, wenn zum Beispiel einer Bibeln oder Traktätchen verbreitete oder sich geweigert hatte, einem Bischof seine Braut abzutreten. Was in aller Welt konnte Pater Jansen bewogen haben, sich zum römischen Priester machen zu lassen, wenn die Einkünfte des Berufs so armselig zurückgegangen waren? Oder sollte vielleicht irgendwo ...? Walther befühlte die Wand, um die geheime Thür zu entdecken, und er freute sich über das anfängliche Mißglücken seiner Untersuchung, weil ja doch das eigentlich Geheimnisvolle einer solchen Thür darin besteht, daß sie sich nicht leicht finden läßt. Nun, diesen Erfordernissen der Heimlichkeit genügten die Zugänge zu Pater Jansens verborgenen Schätzen und Marterkammern aufs beste. Wohl lief hie und da ein Sprung durch das geblümte Papier, mit dem die Wand beklebt war, aber die Richtung gab zu deutlich zu erkennen, daß es sich um einen unbeabsichtigten Riß im Mörtelwerk handelte, als daß dabei an die Kunst gedacht werden könnte, mit der Romanschreiber der bekannten Sorte große Lokalitäten in kleinem Raum zu verbergen wissen. Außerdem: »Dort sind die Zimmer des Pastors, der im Griechischen so stark ist,« überlegte Walther, »und von der anderen Seite höre ich Stine mit Küchengerätschaften rasseln. An der Vorderseite sind die Fenster, die Hortensie, und die Kirche, und hier ... hier mußte es sein, wenn etwas ist. Aber ...« Ich kann nicht sagen, durch welchen Gedankengang Walther zu dem Schluß kam, daß auch die vierte Wand des Zimmers nichts Geheimnisvolles verdecken konnte. Vielleicht bedachte er, daß an dieser Seite gewiß Nachbarn wohnten, die in solche Romantik wohl nicht verwickelt waren. Aber auf einmal fielen seine Blicke auf den Fußboden. Unter diesem Fußboden war gewiß Platz genug für interessante Schrecken. O ja, bis zu den Gegenfüßlern. Gott weiß, wie viel rasselnde Gebeine dort in schweigender Einsamkeit lagen und sich anguckten! Vielleicht irrten auch noch lebende Opfer der Inquisition und verliebte Bischöfe in den Gewölben umher. Wer weiß, ob nicht gerade in diesem Augenblick die schöne Isabella ihren vorletzten Atemzug ausbläst. Da knirschte etwas ... Walther hielt den Atem an. Ich weiß wirklich nicht, was da knirschte, und gebe dem Leser anheim, zu denken, daß das Geräusch eine allerunschuldigste Ursache hatte. Aber es knirschte. Sollte in der That unter dieser Matte ...? In keinem der Romane, die Walther gelesen hatte, waren die Fallthüren mit Matten bedeckt gewesen. Das konnte vielleicht die neueste Art sein, und in Romantik muß man auf alles gefaßt sein. Walthers Absicht war gewiß nicht, den guten Pater Jansen zu verraten, wenn er seine Geheimnisse würde entdeckt haben, o nein! Im Gegenteil, er wollte nichts lieber, als an all den Schätzen und Schlössern, die ans Licht kommen sollten, teilnehmen, wenn er erst einmal in die Höhle mit der schönen Isabella im Todeskampfe hinabgestiegen sein würde. Erst das arme Geschöpf befreit, und dann mit vollen Segeln hinein in den Ocean der Romantik! Isabella selbst würde dafür sein, wenn sie nur erst ordentlich erlöst war aus jenem Gewölbe. Aber ... war da ein Gewölbe? War da eine Höhle? Um Sicherheit zu haben, stampfte Walther mit dem Fuße... »Wünschest du etwas, junger Herr?« fragte die Stine, die gerade in das Zimmer trat und Walthers grundlose Untersuchung nicht recht begriff. »Nein, o nein, Jüffrau, durchaus nicht!« antwortete er verwirrt. »Es ist bloß ... daß ich ...« »Wenn dir was fehlt ... wir haben Haarlemer Öl im Hause.« »Danke, danke. 's war bloß, daß ich ... daß mein Fuß eingeschlafen ist. Das war's.« »Ja, nicht wahr, und das prickelt dann so. Ich hab's auch schon gehabt. Aber das vergeht immer wieder von selber. Ich muß hier sein, ich muß Paters Jesusbild scheuern.« Und die gute Stine nahm die Christusfigur von der Wand und putzte und rieb sie, daß sie glänzte. Das Kruzifix hatte wahrhaftig keinen Grund, sich über Zurücksetzung zu beklagen, höchstens könnte der oberflächliche Beurteiler glauben, daß sie ein bißchen unzart mit dem Symbol ihres Glaubens umging. Die Ursache dieser scheinbaren Gleichgültigkeit war die Gewohnheit und die Abwesenheit jedes Widerstandes. Wer von dem Bilde schlecht gesprochen hätte, hätte es gewiß mit der Stine böse zu thun bekommen; da aber hieran keiner dachte, behandelte sie das Kruzifix mit nicht mehr Umständen als irgend einen anderen Gegenstand von Metall, den sie scheuerte, reinigte oder putzte. »Sieh, wie er glänzt!« sagte sie. »Wie Kerzenmachers Katze im Mondschein, findst du nicht?« Walther hatte nie eine Katze von dieser Sorte in diesem besonderen Licht gesehen, aber er gab ohne weiteres zu, daß das Bild gut aussah. »Ja, der Mensch muß reinlich mit seinen Sachen sein! Ich habe da mein Kreuz mit dem Pater ... da hast du keinen Begriff von. Denn er ... denkst du, daß er an was denkt? Nein, das thut er nicht. Und weißt du, warum? Nun, weil er immer an etwas anderes denkt. Der Mann ist 'n Engel Gottes, und er thät's vergessen, seine Nase zu schnauben, wenn ich ihm nicht sagte: Pater, Sie sind erkältet. Und du gehst also nach Haarlem? Und der Pater auch? Was wollt ihr da? 's ist 'ne ganze Reise!« Walther erzählte das eine und andere von dem Vorgefallenen, aber er hatte keinen Erfolg damit, der Stine begreiflich zu machen, was eigentlich los war. Für sie war und blieb Paters Reise nach Haarlem die Hauptsache. »Wenn er sich nur nicht erkältet,« sagte sie halblaut vor sich hin, »oder ...« »Es ist schön Wetter, Jüffrau,« sagte Walther. »O ja, das ist's! Aber ... ach, erkälten ist das Schlimmste nicht. Ich fühl' mich immer wie 'n kranker Mensch, wenn er ausgeht, und dann so weit. Kannst du mir sagen, wo er nun hin ist?« »Geld wechseln,« sagte Walther. »Geld? Da haben wir's! Nun sitz' ich in tödlicher Angst. Ich wollte, alles ginge gut und wäre erst wieder vorbei.« Sie packte die Gerätschaften, mit denen sie das Christusbildchen besorgt hatte, zusammen und verließ murrend das Zimmer. Walther wußte wieder nicht, was er von ihr denken sollte. Ihre Kleidung und ihr Benehmen war das einer alten Dienstmagd, aber die Familiarität, mit der sie über ihren Herrn sprach – auch er schien zu den »Sachen« zu gehören, die sie reinlich zu halten hatte – brachte ihn in Verwirrung. Die Stine machte mit dem Pater nicht mehr Umstände als mit dem Kruzifix, wenn ich auch versichern kann, daß sie für beide mit Freuden dem Tode getrotzt hatte. In diesem besonderen Falle sollte sich übrigens bald zeigen, welcher Art ihre Bekümmernisse um Paters Reise und Geldwechseln waren. Ein Bettler zeigte sich vor dem Fenster, wo die Hortensie prangte. Der Mann sah eben herein, nicht so sehr wie einer, der um etwas bittet, als wie eine erwartete Persönlichkeit, die zu erkennen giebt, daß sie da ist. Bald folgten auch ein zweiter und ein dritter und mehr, die so aussahen, als fühlten sie sich auf dem Hofe, der dem Pater als Vorzimmer zu dienen schien, ganz zu Hause. Manche machten es sich bequem und ließen sich auf irgend einem Vorsprung, der an Haus und Kirche zu finden war, nieder, als wollten sie durch ein lebendes Bild die Wahrheit ausdrücken: Der Pauperismus ist eine Pestbeule der Religion. Ja, ja, sie waren witzig, diese Agenten in Himmelsversicherung! Walther hörte, daß man sich unter dem Gärtchen über die Abwesenheit des Hausherrn unterhielt, und zwar in einem Tone, der auf Unzufriedenheit schließen ließ. Natürlich, der Mann hätte auf seinem Posten sein müssen! »Aber die Magd ist doch da!« rief ein Junge, der sein Brot mit Lahmsein verdiente, aber doch den Rand eines der unteren Kirchenfenster zu erreichen gewußt hatte. »Ich warte lieber auf den Alten,« sagte ein Blinder. »Halt du dein Mund, du hast hier nichts zu suchen, du bist ein Dienstager!« rief ein dritter. »Was geht das dich an? Du kannst deinen Mund halten, du hast neulich beim Ausgang von der Jakobskirche Nummer drei gestanden, und du bist erst sieben.« »Nee, sechse jetzt, der alte Jonas ist tot. Aber du bist ein Dienstager. Mach dich fort, sag ich dir!« »Du hast auf drei gestanden!« »Du bist 'n Dienstager, pack dich! Vorwärts. Jungs, setzt ihn raus! Er stiehlt uns 's Brot vom Munde!« »Was? 'n Dienstager!« rief nun der Krüppel von der Kirche. »Das darf nicht sein. Raus mit ihm!« Und der Lahme wußte recht flott auf den Erdboden zu kommen, um das geschändete Bettlerrecht zu schützen. Der Mann nämlich, der zu den auf Dienstag Bestellten gehörte, durfte sich nicht unter der Gesellschaft sehen lassen, die sich Montags bei Pater Jansen um Unterstützung einstellte. Und was die andere Beschuldigung angebt – »drei stehen, wo doch sieben dein Platz ist« – so zielte sie auf ein Usurpieren einer Rangnummer. Zu nahe beim Kirchenausgang zu stehen, wurde für unvorteilhaft gehalten, weil das Gedränge das Herausholen des Geldbeutels hindert. Auch scheint jeder in den ersten Augenblicken nach dem Gottesdienst Eile zu haben. Aber ein Standplatz zu weit ab von der Thür ist auch nicht gut, denn die meisten gehen, wenn sie zwei- oder dreimal einem Bettler etwas gegeben haben, gleichgültig weiter. Ohne die geringsten Bedenken, daß sie etwa zu viel thäten – namentlich etwas Verkehrtes – meinen sie doch, genug gethan zu haben. Nach allen urteilsfähigen Schriftstellern, die Krebsschäden zu ihrem Studium gemacht haben, giebt es keinen vorteilhafteren Standplatz als Nummer drei. Wenn also der Mann, der den anderen so lieblos des Einbruchs in Pater Jansens Tagesordnung beschuldigte, sich in der That des Nummerndiebstahls schuldig gemacht hatte, war der andere vollkommen im Recht, ihm Schweigen aufzuerlegen. Aber auch der Dienstager hatte sich zu verantworten, und zwar bei der Stine, die auf den Krawall herauskam. Der Mann, der einen Tag zu früh kam, entschuldigte sich mit der Bemerkung, daß er Dienstags »so viel Häuser hätte«, und daß er »sich die Beine aus dem Leibe laufen müsse« ... um alle seine Kunden richtig zu bedienen, denke ich. Die Stine gab jedem etwas. Aber keiner schien zufrieden. Es ergab sich, daß die Herren an drei Deut für die Person gewohnt waren und nun mit zweien abgespeist wurden. Die alte Magd hielt sich tapfer. »Wer noch 'n Wort sagt, wird von der Liste gestrichen,« sagte sie. »Ich habe noch sechs ganze Tage von Gottes liebem Werk vor mir, und der Mensch muß doch sorgen, daß er durchkommt, wie? Vorwärts, alle miteinander, vom Hofe und zum Gange hinaus, vorwärts! 's ist gut so, dünkt mich!« Das gemeine Häuflein ließ sich nicht ohne Mühe bewegen, wegzugehen, und Walther hörte mit Entrüstung, wie einige murrten und schimpften. Wenn's wieder vorkäme, daß der Alte nicht zu Hause wäre, hieß es, wollten sie lieber warten, bis er wiederkäme, denn so'ne Magd ist doch auch bloß so'n ›bezahlter Dienstbot‹, der nicht weiß, was 'm Menschen zukommt.‹ Es scheint seltsam, aber es ist wahr, daß im Munde des Armen Mangel an Reichtum und niedrige Stellung ein Verbrechen ist. Nach Ansicht der Herren Bettler hätte die Stine reich sein müssen, oder Herzogin, oder Bürgermeisters Nichte, ehe sie sich das Recht anmaßte, ein Wort mitzusprechen oder eine Hand auszustrecken – denn das that sie, und Walther hatte tapfer geholfen – zur Verteidigung von Paters Hof. Nichts ist aristokratischer als das Gemeine. Nachdem sie nun zusammen das Terrain gesäubert hatten, folgte Walther der Amazone wieder ins Zimmer. Sie jammerte über ihr Pflegekind. »Ach, ich wollte, der Pater käme! Ich habe keine Ruhe, wenn der Mann in der Stadt ist. Und dann noch mit Geld, sagst du. Ist's viel?« Walther konnte die Summe nicht bestimmt angeben, aber er sprach von kostbaren Stücken, die eingewechselt werden mußten. »Gold? Ach, lieber Jesus, das ist für ihn genau dasselbe! Ach, warum den Mann mit Geld in die Stadt schicken? Hast du das für ihn ausgedacht, junger Herr! Warum thatst du's nicht lieber selber? Mit Geld kann man nicht vorsichtig genug sein ... das kann jeder gebrauchen, siehst du? Wenn er nun in Christi Namen nur keinem begegnet, der etwas nötig hat! Gold? Ihm ist alles ganz egal! Die Schnallen von seines Vaters Hose waren von Silber, und doch sind sie weg! Und um Kupfer kümmert er sich auch nicht. Rate mal, wie viel alle Wochen zu uns kommen? Wohl achtzig. Ich hab' 'ne ganze Liste davon. Und sie sollen jeder seinen bestimmten Tag halten, aber denkst du, sie thun's? Nein! Denn 's sind Racker drunter – daß ich so ein sündhaftes Wort sag! – ja, Racker, die zweimal kommen, aber der Pater will's nicht glauben. Und wenn ich auch sag': Pater, 's ist schlecht Volk! er will nichts davon wissen.« »M'neer Jansen ist zu gütig,« sagte Walther. »Ein wahrer Engel Gottes ist er! Aber ich muß auf'n aufpassen. Drei Deut der Mann, sechsmal in der Woche, das geht nicht ... rechne mal nach! Heute waren's fünfzehn, und der Mann hat nachher keine Butter aufs Brot. Nun, ich auch nicht, aber das macht nichts. Aber alles wegzugeben an schlecht Volk! Ich hab' ihnen nun bloß zwei Deut gegeben, und darum brummten sie. Sie wollen sich beim Pater beklagen, 's ist 'ne Gesellschaft! Je mehr man giebt, je fauler sie werden, und je frecher auch. Das hab' ich schon immer gesagt. Aber der Pater begreift's nicht, oder er will's nicht wissen. Und wenn ich sage: ›'s sind Racker, Pater! dann sagt er: wir sind ja allemal Sünder vor Gott, und er hätte auch seine Fehler, und er dürfte froh sein, daß Gott ihm Kleider und Essen giebt und 'ne hübsche Wohnung. Sünder vor Gott? Nun ja, die ganze Menschheit, aber er? Ich weiß genau, daß Gott von dem Manne nichts zu fordern hat, nicht so viel!‹ Die Stine strich mit einer leichten Bewegung über die Hand. Mochte Gott einen Augenblick vorher noch in dem Irrtum befangen gewesen sein, daß Pater Jansen bei ihm in der Kreide saß für Erbsünde und eigene Fehler, so waren Gesichtszüge und Barbiergebärde der alten Magd wohl geeignet, ihm den Mut zu benehmen, um auf Begleichung der unbilligen Forderung zu dringen. »Nix, gar nichts,« fuhr sie fort. »Er ist propre und rein wie ein Brand. Aber dieses Bettelvolk, sieh! Und alle die Armen sind seine Brüder, sagt er.« »Das hat Jesus gesagt,« katechisierte Walther. »Jesus? So? Hat der Herr Jesus das gesagt? Nun, dann will ich damit zufrieden sein, daß er's auch sagt. Aber doch ... was Bruder? Ich finde, der Mensch muß auch sein eigener Bruder sein. Und er? Er ist, sozusagen, nicht sein eigener Neffe, sein Schwager nicht, sein eigen Stiefkind nicht, nein, das ist er nicht! Er läuft wieder auf seinem Zahnfleisch. Hast du's nicht gesehen?« Walther machte offenbar ein Gesicht, als ob er diesen bildlichen Ausdruck nicht verstände. Also erklärte ihm die Stine: »Na ja, auf'm Oberleder, seine Schuhe sind durch. 's mir schon 'n Kreuz! Und sein Rock ist auch nicht von den neuesten!« Walther fühlte Beschämung über das Gewicht, das er seiner Kleidung beilegte. »Vier Jahre spar' ich nun schon für 'ne neue, oder ... ich möchte sparen, aber 's geht nicht! Diese Bettler kosten uns gewiß zwei Gulden die Woche ... da spar' einer für neue Röcke. Sag', junger Herr, kannst du nicht mal zu Pater sagen, daß er sparsamer sein soll und nicht immer alles wegschenken?« Walther wuchs. Er wurde als Mentor angestellt über einen bejahrten Mann, und zwar durch eine Frauensperson, die noch bejahrter war! Mit großem Vergnügen hätte er die alte Magd umarmt, aber er versagte sich diese Extravaganz und entschädigte sich durch die selbstzufriedene Pedanterie seiner Antwort. Stines Bitte wurde gnädig aufgenommen und gewährt: »Hören Sie, Jüffrau, Sie können versichert sein, daß ich von meiner Seite alles Mögliche versuchen will ...« »Gewiß! Denn mir glaubt er nicht, weil ich nicht gelehrt bin. Du mußt ihm sagen, daß der Junge, der soeben mit seinem ... Allerwertesten ...« Stinchen drückte sich eigentlich holländischer, bündiger, kürzer und besser aus. »Daß der Junge, der eben mit seinen ... Sitzwerkzeugen ... im Fenster der Kirche saß ... ein Faulpelz ist, ein Taugenichts, ein Strolch! Sag' das dem Pater. Erst war er 'n Blinder ... jawohl, so lange er 'n Schwesterchen hatt', das ihn führen konnte. Aber nun sie von ihm weggelaufen ist – Gott weiß warum? vielleicht bettelt sie auf eigene Rechnung – nun ist er auf einmal 'n Lahmer geworden. Wie findst du das? Sag's 'm Pater.« »Ja, Jüffrau, ich will's ihm gewiß sagen.« »Und dann das schmutzige Geschöpf auch, das da im Winkel saß. Hast sie gesehen? Einmal, wie Schnee lag, sagt' ich: feg' mal den Schnee vom Hofe, dann kriegst du sechs Deut! War's gut geboten oder nicht? Aber sie that's nicht und sagte, sie versäumte zu viel Häuser.« »Häuser, Jüffrau?« »Ja, Bettelhäuser. Sie hätte siebzehn täglich, sagte sie, und dann schimpfte sie mich aus, wegen meiner sechs Deut. Das sagt' ich dem Pater. Und was sagte er? Ach, sagte er, sie ist zu alt und kann nicht fegen. Was sagst du dazu? Ich sagte: Pater, sie ist jünger als ich. Nun, 's ist die Wahrheit, denn ich bin achtundsechzig. Das ist alt, wie?« Gewiß fand Walther das alt. Er begann die Frau interessant zu finden, die, wie er meinte, so viel erlebt haben mußte. Daß der Kreis, in dem sie sich bewegt hatte, nur klein war, kam ihm nicht bei. Er wurde ordentlich verlegen ob seiner Jugend, und um merken zu lassen, daß er durch Studium ersetzt hatte, was ihm an Jahren fehlte, suchte er in seiner Erinnerung nach etwas, was von vorhistorischen Kenntnissen Zeugnis ablegen konnte. Stine mußt doch wissen, daß er der Aufgabe eines Seelenhirten, die sie ihm so vertrauensvoll auftrug, nicht ganz unwürdig war, und daß er mehr wußte, als er in seinem kurzen Leben mit eigenen Augen konnte gesehen haben. »Sehr alt,« bezeugte er. »Dann haben Sie gewiß der Auslegung und Vergrößerung der Stadt beigewohnt?« »Da weiß ich nichts von, junger Herr. Aber ... diese alte niederträchtige Grete! Was denkst du, was der Pater that? Er sagte: Ach, Stine, du mußt denken, sie ist ein armes Mensch! Das ist wahr, sagte ich, und das denk' ich auch. Aber Sie sind auch arm, Pater, und ich auch. Na, das sagt' ich bloß so dabei, denn ich hab' genug und klage nicht, Gott bewahre! Aber daß der Pater oftmals trocken Brot ißt, ist 'ne wahre Sünde vor Gott und den Menschen. Manchmal ist kein Deut im Haus, und dann müssen wir uns vom Pastor hier nebenan was borgen, und der hat auch nicht viel. Auch 'n guter Mensch sonst, das muß ich sagen, aber er spricht nicht viel. Der Pater sagt, daß er der gelehrteste Mensch von der Welt ist, und er könnte längst Professor oder Bischof sein, wenn er nur nicht so ... na, das geht mich nichts an und dich auch nicht. Aber diese faule Grete! Sie that's nicht und that's nicht, und der Schnee blieb diesen Tag liegen, und ich sagte: Gut, Pater, dann werde ich's thun. Und den folgenden Morgen wollt' ich früh aufstehen, und das that ich auch, denn der Schnee sammelt sich so an, und dann hat der Mann nasse Füße, und das kann ich vor Gott nicht verantworten. Und wie ich auf den Hof komme – weg war der Schnee! Was denkst du, was passiert war?« »Tau?« fragte Walther. »Ach nee, 's fror, daß es knackte. Ich gucke verdutzt auf die blanken Steine und suche den Schnee ... kein Krümel zu sehen, denke dir! Da hör' ich den Pater lachen in seinem Zimmer ... denn er sah mich da stehen wie einen dummen Menschen und den Schnee suchen, der weg war. Er war noch früher aufgestanden als ich und hatte alles weggefegt. Wie findest du das, junger Herr?« »Hören Sie, Jüffrau, wenn's wieder vorkommt ... rufen Sie mich, ich will's thun.« »War's nicht 'ne Schande? Und das für so'n faules Tier wie diese Grete. Na, ich war auch so falsch wie 'ne Spinne, denn ich hab' den Mann von Herzen lieb, aber er lachte mich aus. Und ich blieb böse, und dann sprach er wieder von armen Brüdern, aber ich sagte, die faule Grete wäre sein Bruder nicht und meiner auch nicht! Wahrhaftig nicht; was sagst du? So 'n faules Tier!« Walther sagte diesmal nichts, aber an Eindrücken fehlte es ihm nicht. Er fühlte, daß auf der Seite des großen Lebensbuches, das hier vor ihm aufgeschlagen war, etwas Liebliches zu lesen stand, aber er konnte es nicht zusammenreimen mit der wenig romantischen Form, in der es ihm vorgetragen wurde. Gewiß, es mußte noch mancherlei an Stine verändert werden, ehe sie, und wäre es auch bloß ganz aus der Ferne, der schönen Isabella gleichen konnte, die hier in dem tiefen Gewölbe auf Erlösung hätte warten sollen. Die gute, alte Frau schien gar keine Erlösung nötig zu haben, und anstatt Schlachtopferdamen zu befreien aus eisernen Ketten, schmaler Kost und Priesterzwang, bekam Walther so einen Priester selbst zu retten aus den Klauen seiner eigenen Güte. Dieser Tausch konnte befremden, besonders wenn man nicht einsah, wie angenehm Stines Vertraulichkeit und vor allem ihr Vertrauen ihn kitzelte. Zudem hatte das Austreiben des Bettlervolkes etwas von einem Gefecht gehabt, und in Ermangelung eines Besseren muß man sich mit dem Geringeren zufrieden geben. Die Romantik ist elastisch, und was den Umständen in Größe und Gehalt fehlt, wird ausgefüllt und aufgeziert durch den unbewußten guten Willen der Don Quichottes. Walther war so zufrieden, daß er seine eigene Jacke nicht mehr sah. Großmütig verzieh er dem Pater, daß keine einzige eingesperrte Jungfrau in seiner Wohnung zu finden war und auch darunter nicht. Aber er sagte doch: »Jüffrau, die Wohnung ist eigentlich nicht sehr groß, finde ich. Haben Sie hier Raum genug?« »Aber ganz gewiß! Wenn sie größer wäre, könnte ich die ganze Wirtschaft nicht allein instandhalten. Du mußt denken, daß ich die Zimmer des Pastors nebenan auch noch zu besorgen hab'. 'ne ganze Menge für einen Menschen allein.« »Und ... Keller?« »Ja, 'n bißchen naß, aber sonst ganz gut. Im Winter haben wir Kartoffeln drin und auch Torf. Die Nässe ist gut für den Torf ... 's brennt sparsamer. Trockener Torf ist kein Feuern. Da müßte der Mann auch noch frieren.« Der Versuch, doch noch ein wenig Romantik anzubringen, brach also wieder ab wie Glas. Ketten und Knochenpyramiden paßten nicht zu diesen häuslichen Nützlichkeiten. Eine Höhle kann feucht sein, o ja, es gehört sogar dazu. Aber ... Kartoffeln und Torf? »Und ... sind Gewölbe unter der Kirche, Jüffrau?« »Das weiß ich nicht. Aber ich verschwatz' meine Zeit. Versprichst du mir fest und sicher, daß du ein Auge auf den Pater und all das Geld haben willst?« »Seien Sie ganz ruhig, Jüffrau. Ich will ...« »Und daß du ihn mal ordentlich ermahnen willst, auch 'n bißchen mehr für sich selber zu sorgen?« »Gewiß, Jüffrau.« »Denn siehst du, der Mann ist so arm wie Hiob, und das geht so nicht. Ich höre nun, daß 'ne Dame in die Stadt gekommen ist, weit, aus Dänemark oder Hamburg oder so was, und die wird ihm wohl beistehen ...« »Ah!« »So, weißt du davon? Na. desto besser! Ich hörte 's von Femke Claus ...« »Ah!« »Kennst du die auch? Nun, sie beichtet beim Pater, früher beim Pastor hier nebenan, aber jetzt immer beim Pater. Und meistens geht sie hier über 'n Hof in die Kirche, denn sie bringt Paters Wäsche, und sie hat's mir erzählt ... von jener Dame aus Hamburg, mein' ich.« »Ah!« »Was ist dir doch, junger Herr? Und ich ... wenn ich die reiche Dame zu sprechen kriegen kann, will ich ihr sagen, daß sie sehr vorsichtig sein muß und Pater nicht zu viel geben. Denn wenn der 'n Einkommen von Hunderten die Woche hätte, 's wäre doch nicht genug für alle die Bettler. Je mehr er giebt, je mehr kommen. Es ist bloß Unkraut begießen, sag' ich! Na ja, muß der Mensch nicht arbeiten für seine Kost? Das hab' ich auch gethan, von so klein auf. Ich bin 'n Findling, weißt du, und hab' mich selbst durch die Welt schlagen müssen. Kann diese faule Grete 's nicht auch thun?« Die Findlingschaft gefiel Walther besonders. Die Lust, davon etwas mehr zu vernehmen, verdrängte selbst das Interesse, das Femkes Name, noch dazu in Verbindung mit Prinzeß Erika, bei ihm erwecken mußte. Sollte Stines Vater 'n reicher Baron sein? Und zurückgekehrt auf den Pfad der Tugend? Er wollte mehr davon wissen, und Stine sagte wohl auch noch etwas davon, aber nach Walthers Ansicht wieder nicht das Rechte. Die rechte Romantik fehlte, aber der Fehler war bei Walther; er hatte noch nicht gelernt, seine Erlebnisse aus einem gewissen Abstand anzusehen. Was uns am Altertum interessant, am Mittelalter romantisch vorkommt, ist einmal gewöhnlich und alltäglich gewesen. »Ja, junger Herr, 'n Findling,« fuhr die alte Stine fort. »'s kann's jeder wissen. Gewiß, ich hab' mich ja nicht selber auf die Heide gelegt! Hab' ich? Nun, für meine Mutter ist auch gesorgt, und aufs beste! Denn ... auf der Heide bin ich gefunden, splitternackt, sozusagen, ich hatte bloß 'n Stück Lappen ums Leibchen. Aber du begreifst, das weiß ich nur vom Hörensagen. In 'n Lappen war ich gewickelt, weiter nichts. Und nun? Gott hat mich gesegnet, das siehst du. Ich bin groß und stark geworden ... nein, stark bin ich gewesen. Na, 's geht noch. Und ich hab' jetzt elf Hemden ...« »He?« sagte Walther. »Ja, elf. Aber sie sind 'n bißchen alt. Und jedesmal, wenn ich 's zwölfte dazu thue, muß ich eins von den anderen wegwerfen. Darum hab' ich bloß elf. Aber du mußt denken, mit 'm Lappen, auf der Heide, hab' ich angefangen. Und nun wohn' ich beim Pater, schon fünfunddreißig Jahre ... 's ist wahrhaftig keine Kleinigkeit! So lange ich hier bin, halt' ich zwei Herren imstande, und manchmal auch wohl drei, denn wenn viel zu thun ist, haben wir auch noch 'n Kaplan hier. Ja, ja, 's muß gearbeitet werden in der Welt! Aber wenn du das thust, bist du auch fertig. Ich kenne manchen, der in 'm Hause geboren ist und jetzt Gott auf seinen bloßen Knien danken würde, wenn er hier beim Pater sein dürfte.« »Und ... Sie sehen Femke manchmal hier?« fragte Walther, nicht ohne die Absicht, anzudeuten, daß diese Besonderheit Stines Genüsse noch ganz besonders und merklich erhöhen müßte. »Gewiß. Und ich muß sagen, daß sie mir getreulich hilft an Paters Sachen ... sonst könnt' ich's auch nicht. Denn ein Mensch allein ... das kannst du dir wohl vorstellen. Auch werden meine Augen schlecht. Aber vom Pastor hier nebenan will sie kein Stück mitnehmen. Ich glaub', den mag sie nicht leiden.« »Er wird ihr doch nichts gethan haben?« fragte das Ritterchen. »Ach nein. Warum? Der Mensch mag einen, und den anderen mag er nicht. Pater hat sie gern, das weiß ich. Und er sie auch. Früher beichtete sie beim Pastor hier nebenan, aber seit 'm Jahr oder so nicht mehr. Immer beim Pater! So sind viele, und der Mann kann nichts dagegen thun. Ich hab' schon zu den Menschen gesagt: geht doch lieber zum Pastor nebenan, der Mann ist ja auch gut! sagt' ich, aber 's hilft nicht, alle wollen immer zum Pater. Na, ich auch, und ich stehe mich gut dabei, das muß ich sagen. Er ist sehr gut! Und so wird das Madchen wohl auch denken. Aber dich hab' ich noch nie in der Kirche gesehen. Du wohnst wohl weit. Wo ist deine Parochie? Bei wem beichtest du? Ist dein Pastor strenge?« »Nein, o nein!« stotterte Walther, der den Mut nicht hatte, in diesem Augenblick zu sagen, daß er nicht »von dem Glauben« war. »Sonst, ich kann dir den Pater getrost empfehlen ... er ist sehr milde. Was der Mann schon für Seelen zu unserem lieben Herrn geführt hat! Sieh ... wenn ich nicht bei ihm gewesen wär', thät's um meine Mutter schlecht aussehen, aber nun ist sie in Ordnung. Geh' zum Pater, was ich dir sag'. Oder ... nein, lieber nicht, er hat so schon zu viel. Viel mehr als der Pastor hier nebenan. Der ist 'n bißchen ... wie soll ich sagen? isegrimmig, weißt du? Er sieht nicht durch die Finger ... gar nicht! Na, alle Menschen sind nicht einerlei, und mancher muß wohl hart angepackt werden. Neulich hab' ich gehört, 's ist mal 'n Mann gewesen, dem nicht vor der Hölle bange war. Wie findst du das?« »Sehr schlimm, Jüffrau.« »So, findst du das schlimm? Ja, 's ist schlimm! Aber ich hab' auch keine Angst davor, denn ich thu' meine Arbeit und ich sorg' für 'n Pater. Ach, ach ... wo bleibt er nur?« »Sie fürchten sich nicht vor der Hölle, Jüffrau!« »Nee, ganz und gar nicht, denn ich thu' meine Arbeit. Aber dieser Mann that seine Arbeit nicht. Er fluchte und trank und ging mit schlechten Frauensleuten um, und doch hatte er keine Angst vor der Hölle. Siehst du, der hätte doch Angst davor haben müssen. Das sagte der Pater auch, aber Gott würde 's ihm wohl doch vergeben, sagte er, weil er's nicht besser wüßte, denn ... er glaubte nicht an die Hölle, und da kann 'n Mensch nicht helfen, sagte der Pater. Nun, ich hätt' solchen Menschen wohl mal auf 'm Sterbebett sehen mögen! Aber er wird nun wohl tot sein, denn 's ist sicher lange her. Wenn ich sterb', will ich ganz zufrieden sein, der Pater wird vor meinem Bett sitzen und mir die Hand drücken. Das hat er mir fest versprochen. Dann werde ich Gott danken fürs Leben, das er mir geschenkt hat, und daß ich beim Pater gewohnt hab'.« Die gute Frau bekreuzigte sich, und Walther hatte das Herz nicht oder lieber zu viel Herz, um darin etwas Lächerliches zu finden. »Du weißt nicht, wie viel Gutes ich genossen hab', junger Herr! Du mußt immer denken, ich hab' ja mit nichts angefangen, mit rein gar nichts! Ich war schon zehn Jahre alt, als ich noch hinter der Kuh aufs Feld lief, und wenn ich ins Dorf kam – denn ich bin nur vom Bauernland – dann schrien die Jungens: Findling! Findling! Und nun, sieh, schon fünfunddreißig Jahre beim Pater! Was will der Mensch mehr? Und ich hab' mit verdient für meine Mutter auch, verstehst du?« Walther machte ein fragendes Gesicht. »Ja, 's war wohl nötig. Gewiß hatte sie nicht gut an mir gehandelt, aber der Pater sagte: denkst du, daß 'n Mensch zum Vergnügen sein Kind auf die Heide legt? das sind traurige Sachen, da muß man Mitleid mit haben! Und ich hab' Strümpfe für ihn gestrickt, und für jeden Strumpf gab er eine Messe für meine Mutter. Das war ganz zu Anfang, wie ich kaum zu ihm kam. Und dann wurd's kalt, und ich hatte Frosthände und konnt' nicht stricken. Und das that mir sehr leid um meine Mutter, und auch für 'n Pater, denn der Mann hatte Strümpfe nötig wie's Brot. Aber die Seele der Mutter war's schlimmste, das kannst du dir wohl denken. Denkst du nun, daß der Pater danach sah, ob ich stricken konnt' oder nicht? Nicht im geringsten, er gab die Messe, alle Tage ganz korrekt! Das thut er nun schon fünfunddreißig Jahre ... rechnen's mal aus, junger Herr! Er sagt selber, daß schon 'ne ganze Menge drüber ist.« »Und ... die Seele ... Ihres Vaters?« fragte Walther, den es nach irgend einem reichen Baron verlangte, nach – oder auch noch ein bißchen vor seiner Rückkehr auf den Pfad der Tugend. Gerne hätte er sich ein wenig vornehmer ausgedrückt und sich nach dem Wohlergehen von weiland Stines »Papa« erkundigt, aber diese Albernheit, die in Walthers Zeit noch für etwas Vornehmes galt, wollte nicht heraus. Es blieb also bei der Frage: »Die Seele Ihres Vaters, Jüffrau« – obwohl das eigentlich zu bürgerlich klang für einen, der die ansehnliche Würde eines Mädchenverführers bekleidet hat, eine Funktion, zu der unreife Jungen, Eunuchen und eine gewisse Sorte von Moral-Bönhasen zu allen Zeiten hoch aufgesehen haben ... und voller Neid. »Davon weiß ich nichts,« sagte die alte Magd, und es schien Walther, als ob sie durch die Frage etwas verstört wäre. »Ein Mensch kann nicht alles zugleich thun. Sollte ich dem Pater auch noch damit lästig fallen? Für meine Mutter ist übrig da, und damit kann Gott thun, was er will. Aber für meinen Vater sprech' ich kein stummes Wort. Gott könnte vielleicht einmal sagen: wenn du so gierig bist, bekommst du gar nichts. Nun, das ist bloß so Redensart, denn was ich verdient hab', muß ich auch bekommen: einmal gesagt bleibt gesagt! Da ist der heilige Joseph vor, der ist wahrhaftig nicht der Mann, daß er seines Sohnes Wort zu Schanden werden läßt. Herre Jesses, wo bleibt bloß der Pater mit dem Gelde!« »Da ist er!« rief Walther, der Jansens freundliches Gesicht bei der Hortensie Vorbeigehen sah. Wie um die Gegründetheit von Stines Angst diesmal gründlich Lügen zu strafen, zählte der gute Mann blanke zwanzig Reichsthaler auf. Zur Entschuldigung wegen seines langen Ausbleibens teilte er mit, daß er unterwegs zu einem Kranken gerufen worden war, der durchaus noch Genaueres über den Himmel wissen wollte, bevor er hinging. »Ich hab' ihm alles deutlich ausgelegt,« versicherte Jansen. »Der Geldwechsler sagte, daß der Kurs niedrig wäre, junger Herr, aber ich hab' 'n Briefchen verlangt, wo's drauf steht. Nun kannst du selbst alles genau ausrechnen, denn man kann niemals vorsichtig genug sein in der Welt, und Geld ist Geld ... was sagst du, Stine?« Die sagte Ja, und eine Viertelstunde drauf war Walther mit Pater Jansen unterwegs nach der Haarlemer Schuit. Die alte Frau hatte ihren Abgott gründlich abgestaubt und gebürstet, und auch Walther bekam einen Strich mit dem Borstwisch oder so etwas; aber das war offenbar nur ein Vorwand, um ihm noch einmal nachdrücklich ins Ohr zu flüstern: »Wirst du auch Sorge tragen, daß der Pater nicht all das Geld verthut?« »Jüffrau, ich versprech's Ihnen!« hatte Walther gesagt. Und an dem Schritt, mit dem er die Wanderung antrat, war zu merken, daß er es auch so meinte. Ach, ach! Der Weg zum ... Verkehrten ist mit guten Vorsätzen gepflastert und mit wohlgemeinten Versprechungen! Über Predigten, und wie Walther nicht zum Predigen kommen kann. Predigt von Pater Jansen über die Predigt von Pastor Kuns, erläutert durch eine Predigt von ihm selbst. Wie der Autor Wort hält. Irgend ein Kanzelredner soll einmal gesagt haben, es gebe nichts Leichteres als Predigen, aber nichts Schwereres als gut predigen. Ich verstehe nichts davon, aber wenn man an diesem Tage Walther gefragt hätte, ob nicht auch eine mittelmäßige Predigt ihre Schwierigkeiten hat, hätte er aus vollem Herzen Ja gesagt. Tags zuvor war er noch ziemlich zufrieden gewesen mit dem halbgeborenen Konzept des Briefes an die aufgeblasene Hersilia – schade, daß es nichts genützt hatte – aber eine Predigt ... ja, das war etwas anderes. Er wollte ein paarmal anfangen, aber es ging nicht. Jedesmal, wenn er auf sein »M'neer, hören Sie mal!« die gutmütige Antwort bekam: »Was wünscht du, junger Mann?« fiel ihm das Herz in die Schuhe, und er machte dann die eine oder andere unschuldige Bemerkung über irgend etwas, was da auf dem Wege zu sehen war. Der Pater konnte also von ihm hören, daß der Haarlemer Weg eine lange Straße war, und daß jeder, der des Abends spät außerhalb der Stadt geblieben war, einen Stüber bezahlen müßte, ja, wenn es sehr spät war, sogar ein Dübbeltje. Jansen gab das alles gern zu. Wie beginnen? Wohl beschaut, haben Geistliche die Sache leicht. Sie nehmen einen Spruch aus der Schrift, und teilen ihn in drei Teile, dann kommt das andere von selber. Auch werden sie durch das Gebet vorher auf den Weg gebracht. Gewiß: »Stütze, o Herr, den Sprecher, der unter uns aufgetreten ist, dein Wort zu verkündigen!« So kommt der Mensch in den richtigen Gang. Ein Geistlicher ist auch anders gekleidet als andere Menschen. Das alles giebt einen gewissen Ton an und bringt eine Stimmung zuwege, die Stotterer und Stumme zum Predigen bringen würde. Walther fühlte, daß ein Vorgebet hier nicht herpaßte, aber er wollte doch thun, was er der alten Magd versprochen hatte. Daß er nur ein dummer Junge war und der Mynheer Jansen ein achtenswerter Mann, kam ihm nicht in den Sinn, gerade weil er ein dummer Junge war. Und wäre das anders gewesen, so würde ihn dies Bedenken doch nicht sehr gehindert haben, denn sein Bruder Stoffel, der Hilfslehrer, hatte einmal versichert, daß junge Leute vollkommen das Recht hätten, älteren Leuten das Kapitel zu verlesen, wenn sie nur eingesegnet wären und die Vorsorge gebrauchten, ihre Ermahnungen ganz theologisch in drei Teile zu teilen. Nun, das wollte Walther schon thun. Zum ersten: die Sparsamkeit ist Gottes Wille. Das wollte er z. B. beweisen aus Eierschalen, Apfelschalen, Nußschalen, die niemals größer sind, als es für den Gegenstand nötig ist, den sie bedecken sollen. Zum zweiten: die Sparsamkeit ist der Wille Gottes ... o, es ging nicht. Nach vielen vergeblichen Versuchen, zum Ziele zu kommen, leitete ihn sein Gedankengang endlich auf die sonderbare Frage: »Können Sie singen, M'neer?« Soweit es mir vergönnt ist, bei Walthers Absichten Pate zu stehen, kann ich versichern, daß er nicht gerade den Plan hatte, dem guten alten Herrn auf offener Straße einen Psalm oder Gesang aufzugeben, mit der verräterischen Nebenabsicht, sich dadurch auf die Höhe einer Predigt stimmen zu lassen. Nein, aber er hatte wieder einmal: »M'neer, hören Sie!« gerufen, und er mußte doch nun etwas antworten, nachdem Jansen ihn gefragt hatte, was er wolle. »Singen, junger Herr? Jawohl. Es gehört, sozusagen, zu meinem Fach. Aber sehr schön sing' ich nicht. Du mußt Pastor Kuns mal hören, vor allem in der Christnacht ... prächtig! Neulich war 'n Herr aus Paris da, der bot ihm ... ich weiß nicht wie viel Geld, wenn er sich bei so 'ner Singkomödie, die sie da haben, anstellen lassen wollte. Aber er wollte nicht, denn er will bei der Kirche bleiben, das kannst du dir denken. Aber sonst ... er singt einem das Herz aus 'm Leibe. Und predigen! das hab' ich nie so gehört! Ich weiß nicht, was schöner ist, sein Singen oder sein Predigen. Er ist ein heiliger Mann, das kann ich dir versichern, aber ... Mädchen sind schwache Gefäße, und darum giebt's Väter, die lieber sehen, daß ihre Töchter zu mir kommen. Kann Pastor Kuns dafür? Ganz und gar nicht!« Wie ein Blitz flog Stines Mitteilung, daß Femke den »Pastor hier nebenan« nicht mochte, durch Walthers Gemüt. Liebe, beste, brave Femke! Ob wohl Prinzeß Erika Pastor Kuns mögen würde, wenn sie ihn kennte? »Er singt 'n Kyrie ... weißt du, was 'n Kyrie ist? Denn du bist ja nicht von der Kirche, nicht wahr? Na, ich bin darum nicht böse, denn der eine ist so und der andere so. Es giebt ja auch Türken. Aber weißt du, was 'n Kyrie ist?« »Nein. M'neer!« »Kyrie bedeutet Herr, und eleison ist so viel wie: erlöse uns! Nun, das singen wir in unserer Kirche, und Kuns hat ein Kyrie, das ist expreß für ihn von einem Deutschen gemacht, 'n ersten Mann in seinem Fach. Er ist Organist in Wien, glaub' ich. Und sie sagen – na, das wirst du sehr sonderbar finden – daß er mal vor'm ganzen Hof ...« Jansen machte eine Pause, um Walthers Aufmerksamkeit zu spannen. Dazu aber war mehr nötig, denn die Gedanken des Jungen waren bei seiner Predigt über die Sparsamkeit. »Vor'm ganzen Hofe, denke mal!« »Ja, M'neer!« sagte Walther, ohne noch zu wissen, was da nun eigentlich zu denken war. »Er hat vor dem ganzen Hof gesessen auf... na, denk mal, was meinst du, worauf er gesessen hat? Das mußt du mal raten, junger Herr!« »Auf'm Stuhl, M'neer.« »Auch, auch! Und auf so 'm Drehding auch... denn er hat Klavizymbel gespielt. Aber das wollte ich nun eigentlich nicht sagen, denn's kommt öfter vor, nicht? Nein, er ist so weit in der Musik, daß 'ne Erzherzogin ihn auf ihren Schoß genommen hat, und da hat er gesessen. Wie findst du das?« Walther fand das herrlich, und er nahm sich vor, die erste Gelegenheit zu ergreifen, um sich in der Musik zu üben. Die Aussichten seines Versprechens an Stine sanken schrecklich. Wer kann denn auch an Predigten und Sparsamkeit denken, wenn mit do, re, mi, fa, so so viel verdient werden kann? Aber er fand die Sache nicht ganz klar und gab zu verstehen, daß eine kleine weitere Aufklärung nicht überflüssig wäre. »Auf ihrem Schoß, M'neer?« »Ja.« »'ne Erzherzogin?« »Ja, von Österreich.« »Aber, M'neer, wie ist das möglich?« »Siehst du, ich dacht' wohl, daß du's merkwürdig finden würdest, denn so 'ne Erzherzogin ist 'ne große Dame, und darum erzähl' ich dir's. Ich hab's wohl schon hundert Menschen erzählt, und keiner hat's raten können, bevor ich's sagte. Aber passiert ist's, frag' nur Pastor Kuns, und Stine weiß es auch, die war dabei ...« »Bei Hofe, M'neer?« »Nein, wie Pastor Kuns es erzählte.« Der gute Jansen genoß nach Herzenslust Walthers Erstaunen, das in der That groß war. Er war innig überzeugt, daß weder seine Mutter noch eine seiner Schwestern, noch selbst Leentje, die alte Ausbesserin, die doch sonst durchaus nicht hoffärtig war, sich mit einem Klavierspieler so weit vergessen würde. Nein, niemals, niemals ... und wenn auch kein Hof dabei war, der davon schlecht denken könnte. Nicht mal im Hinterzimmer! »Auf ihrem Schoß,« fuhr Jansen fort. »Und soll ich dir noch mehr sagen?« »Noch mehr, o Himmel!« »Er hat auch auf dem Schoß von der Kaiserin gesessen! Die Kaiserin hat ihn geküßt ...« »Aber, M'neer!« »Geküßt auf alle beide Backen!« Nach Wien, nach Wien! rief alles, was da Stimme hatte in Walthers Gemüt. Mit geographischer Anstrengung legte er sich die Frage vor, ob wohl Haarlem auf dem Wege nach diesem entzückenden Orte läge. Jansen freute sich kindlich über sein Erstaunen. Dies wurde auf die Spitze getrieben – ach, und zugleich vernichtet – durch die Fortsetzung und den Schluß dieser Historie. »Die Kaiserin stopfte ihm die Taschen voll ...« »Eh?« »Mit Zuckernüssen.« Hier brach Jansen in Lachen ans, sodaß die Vorübergehenden erschraken. Aber es war schwer, nicht zu lachen bei dem dummen Gesicht, das Walther machte, und darum war es ja dem guten Pater auch zu thun gewesen, denn er liebte Fröhlichkeit. Nachdem er sich noch einige Augenblicke um die Erklärung hatte bitten lassen, fuhr er endlich fort: »Ich will dir's nun nur sagen. Dieser Klavierspieler war eben erst sechs Jahre alt und 'n sehr lieber Junge. Pastor Kuns hat mit 'm studiert – später, weißt du – und sie sind sehr gute Freunde geworden. Ich sagte dir ja schon, daß er 'n Kyrie für ihn gemacht hat. Sie haben zusammen studiert auf'm Jesuiten-Kollegium ...« Walther schauderte protestantisch. »Da kriegen wir unsere klügsten Menschen her. Aber immer trifft's nicht, denn ... ich bin auch da gewesen. Ach, was machtest du für 'n Gesicht, wie ich dir von den Zuckernüssen erzählte! Aber ... ich will dir von dem Kyrie sagen. Wenn Kuns daß singt ... o! In seinem Zimmer, mein' ich, denn in der Kirche thut er's nicht gern. Die Stine hat dabei geheult, denn 's ist sehr hellhörig bei uns, wir können bestens einander seufzen hören ... aber ich seufze nie. Warum soll ich seufzen? Also, die Stine heulte, und ich bekam Gänsehaut. Und weißt du, was ich dabei dachte? Ich dachte: Gott, Gott, was bin ich für 'n Stümper neben Pastor Kuns!« »He, M'neer!« »Ja, 's ist die Wahrheit. Aber ich bin wieder viel stärker von Bau und Rippen. Das ist auch was, wie? Gott bewahre mich vor Undankbarkeit!, Wenn mein Vater mich auf die Schmiede gethan hätte, wäre ich wohl so stark geworden wie mein Bruder, aber die Theologie macht 'n Menschen 'n bißchen waschlappig, findst du nicht? Und trotzdem ... stell' dir vor, ich hab' zu Haus' 'ne Vulgata. Da steht was drin! Sie ist in Quartformat, so dick, und das im Geviert, und in Leder gebunden... 'n ziemliches Gewicht! Und sind Schlösser dran. Die Stine putzt sie immer blank. Na also, ich fasse einen von den messingnen Beschlägen mit 'm kleinen Finger, und die Stine sagt Paternosters auf, und ich halt meine Vulgata – immer mit dem einen Finger, mußt du dir denken – bis quotidianum beim drittenmal. Und Stine ist nicht mal sehr flott mit ihren Paternostern. Wenn ich sie selbst aufsagte, kam' ich gewiß bis zum remitte beim vierten, oder vielleicht gar bis Amen. Aber ich muß dazu sagen, daß wir Katholiken kein Reich und Kraft und Herrlichkeit haben. Da geht also 'n bißchen ab. Und ... in der Vulgata ist nichts Apokryphes. Mit 'ner protestantischen Bibel thät' ich's wohl lassen, das kannst du dir denken!« Nun, das konnte sich Walther eigentlich nicht denken: er begriff nicht alles. Trotzdem nahm er die Schlußfolgerung gutmütig an. Er war überzeugt, daß Pater Jansen in seinem kleinen Finger ganz besonders stark war, und für diese Überzeugung wäre er in den Tod gegangen. »Ja, 's ist 'n Ding, wie? Und das kann nun wieder Pastor Kuns nicht. So siehst du, daß Gott immer jedem das Seine giebt. Aber ich hab' der Stine verboten, 's ihm zu sagen. Er könnt' sich drüber ärgern, weil er's nicht nachmachen kann. Und das ist doch nicht nötig, denn so etwas kommt in unserem Fach doch höchst selten vor. Aber einmal ist mir's doch recht zu paß gekommen ... nicht die Bulgata, meine ich, sondern daß Gott mich so stark gemacht hat. Er thut nichts umsonst, halt' daran nur fest! Stell' dir vor, ich war auf'm Seminar, und da wohnte auch 'n Bauer in der Nachbarschaft, 'n reicher Bauer. Er hieß Koremans, aber er war sehr reich, und er hatte viel Arbeiter in seinem Dienst, Knechte und Mägde, alles Bauersmenschen, das kannst du dir wohl vorstellen. Eine von den Mägden hieß Trineken, und ich dachte, daß Koremans gut und mild wäre ... indessen ... ich hab' kein Vergnügen dran, dir das zu erzählen. Wozu auch? Lieber erzähl' ich dir 'ne andere Geschichte, etwas von ihm, von Pastor Kuns. Das mußt du hören!« Es verdroß Walther, daß er von Trineken nichts erfahren sollte. Bei aller Ehrerbietung vor den Talenten des Pastor Kuns, er gab doch dem Bauernmädchen den Vorzug. Er war in den Jahren, in denen alles, was eine Schürze trägt, interessiert, und in seiner Phantasie stellte er sich die unbekannte Weibsperson wie Femke oder ... etwas Femke Ähnliches vor. Aber er konnte doch dem guten Pater Jansen in der Wahl seiner Gegenstände keine Vorschriften machen, und so horchte er denn sehr aufmerksam, und sogar, ohne daß es ihm Mühe kostete. »Er war mal an der Reihe mit Predigen,« fuhr der Pater fort, »und er predigte. Den Text weiß ich nicht mehr, aber es war über gute Behandlung. Von dem einen Menschen gegen den anderen, weißt du. Denn das ist eigentlich die Hauptsache bei unserer Religion. Ich predige wohl auch manchmal darüber, aber ... so nicht, da fehlt viel dran! Denn, was passiert? Da saß 'n Mann in der Kirche – 's war 'n Schlächter, verstehst du – der bekam 'n Zufall, und er mußte hinausgetragen werden, und jeder dachte, 's wär' von der Hitze. Aber 's war nicht von der Hitze. Der Mann hatte Stiefkinder, und die behandelte er nicht gut, und er fühlte sich so getroffen durch die Predigt von Pastor Kuns und so sündig, daß er in Ohnmacht fiel. Das ist doch viel von 'm Schlächter, was? Als er dann wieder besser war, hat er seine Stiefkinder vor sein Bett gerufen und sie um ihre Vergebung gebeten und versprochen, daß er sie nie wieder mißhandeln werde, denn ... das that er früher. Und, weil er 'n Schlächter war, schickte er 'n Korb mit Wurst an Pastor Kuns, und 'n Brief dazu. Kannst dir denken, wie froh wir waren ... wegen der Kinder.« »Und, M'neer, hat der Schlächter Wort gehalten?« »Ich denke, ja, denn er wird es gewiß viel schöner gefunden haben, zu seinen Stiefkindern gut zu sein. Aber Kuns wollte die Wurst nicht haben, denn er ißt kein Fleisch, und er sagte, Stine sollte sie zurückbringen.« »He?« rief Walther, den es dauerte, solch Geschenk abzulehnen. »Ja ... nicht wahr? 's würde den Mann betrübt haben. Das fand die Stine auch, und ich auch, und darum haben wir die Wurst aufgegessen, denn ich mag Wurst ganz gern.« »Aber, M'neer, wie war's denn mit der Trineke?« »Ach, ich hab' mich verschwatzt. Ich hätt' dem Mann seinen Namen nicht nennen sollen, denn 's paßt sich nicht, jemand nach seinem Tode etwas Schlechtes nachzusagen.« »Was hat er denn gethan mit der Trineke?« »Gethan? Nichts. Ich will's dir erzählen, aber sprich nicht drüber. Vielleicht leben noch Enkelkinder von ihm, und was thätst du sagen, wenn einer von deinem Großvater schlecht spräche? Koremans war gerade nicht schlechter als andere Bauern, und darum wär' es unrecht, seinen Namen zu beschimpfen, aber was wahr ist, ist wahr! Er war sehr reich, und gut für die Kirche, o sehr! In unserer Kapelle – denn wir hatten 'ne Kapelle auf unserem Seminar! – hing 'n messingner Sebastian, mit 'm Leib voller Pfeile, Wohl tausend Pfund schwer ... na also, der war von ihm. Und gastfrei war er, wenn wir 'n besuchten ... da hast du keinen Begriff von. An Brot und Käse und Buttermilch war nie Mangel, und wenn selbst zwanzig kamen... so 'n rechter Überfall! Und seine Töchter setzten Rosinen mit Branntwein auf, und da tranken wir Seminaristen, daß 's 'ne Art hatte. Aber das gab's bloß, wenn Festtag war, Taufe oder Ostern oder Hochzeit. Und einmal sollte eine von seinen Töchtern heiraten... 's war die dritte, denn da die Mädchen viel mitkriegten, wollt' sie jeder haben – und wir kamen glückwünschen, und wir wurden bestens aufgenommen, aber die Braut sah sauer, und wir tranken Branntwein mit Rosinen, und 's ging hoch her ... bis auf die Braut! Auf einmal aber ... ach, junger Herr, ich hätt's dir eigentlich nicht erzählen sollen. Du versprichst mir doch, daß du's ganz gewiß niemand erzählen wirst?« »Nie, nie, M'neer, auf mein Ehrenwort!« »Was? Nun, du versprichst es, das ist genug. Daß mir die Sache gefallen hat, ist wahr, und noch! Denn du wirst hören, wie stark ich gewesen bin, und ich war noch nicht einmal vollständig ausgewachsen. Du verstehst, ein Junge in Theologie zwei ist noch nicht viel Manns. Also, wir aßen und tranken, und nachher sollte getanzt werden. Das durften wir eigentlich nicht, und wenn's in 'm anderen Hause gewesen wäre, hätten wir gewiß Strafe bekommen. Aber bei Koremans .,. da sah der Rektor 'n bißchen durch die Finger, wegen des Sebastian, weißt du, und wohl auch, weil er manchmal in seinem Wagen in die Stadt fuhr und Sahnenkäse bekam. Ich war ganz toll aufs Tanzen ... in jener Zeit. Jetzt that's nicht mehr gehen! Und ich sollte mit der Braut tanzen, die ich gern gehabt hatte ... früher. Und sie hielt auch viel von mir, das weiß ich ganz gewiß. Gerade wie wir anfangen wollten, merkte ich, daß Trineken nicht da war, und ich fragte: wo ist Trineken? Denn sonst war sie immer da, ganz wie die anderen Knechte und Mägde, aber nun war sie nicht da. Und das sah ich, und ich fragte Lieschen danach und Koremans selbst auch. Lieschen war die Braut, weißt du, die mit mir tanzen sollte, und zwar zu allererst, weil ich gegen ihren Zukünftigen 'ne Wette gewonnen hatte ... auch über Körperkraft. Trine ist krank, sagte Koremans, na, leg' nur los mit Lieschen. Trine ist krank? fragte ich, wo ist sie denn? Denn das wollt' ich wissen. Und ich sagte, ich fange mit Lieschen nicht an, ehe ich nicht weiß, wo Trineken ist.« Walther erwartete nun ein ländlich Drama, mit ... etwas Liebe darin. Sehr viel konnte es nicht sein, das verstand er wohl, wegen des Wirkungskreises, den der Held einschlagen sollte. Aber dieses Bedenken kitzelte seine Neugier um so mehr. Er zauberte sich den jungen Menschen vor, der noch nicht ganz zum geistlichen Bewußtsein durchgedrungen war, wie er zwischen zwei-, dreierlei Pflichten stand, zwischen Eheversprechen vielleicht und Glaubenstreue, zwischen Trineken, Lieschen und Theologie. Und im Hintergrunde zeigte sich die finstere Gestalt des Bräutigams, der bereit stand, bei dem geringsten Übergriff nach Lieschens Seite hin den glücklichen Seminaristen todunglücklich oder lieber gleich tot zu schlagen. In beinahe allen Dorfgeschichten, die Walther gelesen hatte, trug sich die Sache ungefähr so zu. Oder sollte Pater Jansen den Bräutigam niedergeschlagen haben? Ein Mensch führt tolle Dinge aus, wenn er verliebt ist, und noch dazu so sehr stark. »Nun muß ich dir was sagen, junger Herr, was mir in der Seele leid thut ...« »Ich werde wahrhaftig niemals darüber sprechen,« versprach Walther, der meinte, das Geheimnis eines Mordes hüten zu sollen, und Furcht hatte, daß Jansen die Geschichte abbrechen würde. »O, das kannst du wohl erzählen. 's kann manchmal nützlich sein, daß man's weiß. Ich wollt' dir sagen ... aber 's thut mir leid ... daß die Bauern ... manchmal nicht sehr gut umgehen mit ihrem Gesinde. Diese alte Trineke ...« »He?« »Diese alte Trineke konnte kaum noch fort, und ich hatt' schon mehr gemerkt, daß man sie zurücksetzte und wegschickte, wenn etwas Fröhliches auf der Diele war. Und ich fragte wieder, wo Trineke wäre, und sagte, daß ich nicht tanzen wollte, ehe ich nicht wüßte, was ihr fehlte. Wie ich nämlich das vorige Mal bei Koremans war, hatte ich gemerkt, daß sie sehr hustete, und daß sie noch schwächer war als sonst. Sie ging auch 'n bißchen lahm, denn sie hatte schwer gearbeitet, ... ach, schon bei Koremans Eltern! Und darum fragt' ich, wo sie wäre. Sie ist zu Bett, sagte Lieschen, und ich begreif' nicht, was du dir mit dem alten Geschöpf für Sorgen machst; komm und tanze! Und sie winkte dem Spielmann, daß er anfangen sollte. Aber ich lief weg, um Trineke zu suchen, denn mir war, als ob Gott mir eingäbe, – das ist manchmal so – daß sie schlecht behandelt würde. Und Lieschen hinter mir her! Und Koremans auch! Du mußt nun nicht schlecht von dem Mädchen denken, daß sie mir nachlief. Es war bloß, weil sie nicht wollte, daß ich Trineke finden sollte, und wissen, wo sie lag. Denn ... sie lag im Stall! Und ich stand vor 'm Stall und fragte: ist sie hier? Aber Koremans traute sich nicht zu antworten, und Lieschen rief wieder: was hast du denn mit dem alten Geschöpf? Aber ich sagte: mit dir tanz' ich nicht! und das schmerzte sie. Dann fragte ich Koremans, ob er die Thür des Stalls aufmachen wollte? Nein, sagte er, und da ist sie nicht! Und ich sagte, daß sie wohl da wäre, und fragte ihn nochmals, denn man muß dem Menschen immer Zeit lassen, sich zu bessern. Das thut Gott auch. Aber er sagte wieder: Nein, und Lieschen wollte mich festhalten, aber ich schubste sie beiseite und setzte meine Schulter gegen die Stallthür, daß es krachte, und ... drin war ich, denke dir! Findst du das nicht stark? Ich freu' mich noch drüber.« »Und Trineke, M'neer?« »Gewiß, da lag sie wie 'n Reisender aus des Herrn Schrift! Es war schrecklich anzusehen. Sehr lange hat sie ja nicht mehr gelebt, aber ... sie ist doch in 'm christlichen Bett gestorben, wie sich's gehört. Denn ich hab' Koremans vorgenommen, das versichere ich dir. Ich sagte, daß Gott ihn zerbrechen würde, wie ich die Stallthür zerbrochen hätte ... nein, noch viel schlimmer! Und ich sagte – mit 'm schweren Fluch dabei – daß ich weder Teller noch Becher in seinem Hause wieder anrühren würde, bevor nicht Trineken auf einem Bette lag, mit 'm Doktor davor und Medizin auf'm Fensterbrett, 's geschah, höre! O, ich hab' viel gesagt! Auch über diesen Sebastian ... denn auf den war er sehr stolz, und jeder, der in die Gegend kam, mußt' es wissen, daß der Sebastian in unserer Kapelle von Koremans war. Ich sagte: denkst du, daß Gott mit messingnen Puppen gedient ist? Diese alte Trine hat mehr Pfeile im Leibe, als der Sebastian je gehabt hat, denn sie ist ganz schwach davon, und du kannst so'n Menschen auf Stroh legen in deinem Stall? Da leg' deinen Sebastian hin, der weiß und fühlt nichts davon, denn er ist bloß von Messing, und die lebendige Trineke steht dir näher. Sie hat dich aus 'm Graben geholt, wie du noch so'n Hosenmatz warst, aber was hat denn der heilige Sebastian je für dich gethan? Er war 'n heiliger Mann, aber du mußt auch 'n bißchen heilig sein und deine Leute nicht in den Mist legen. Wer denkst du denn, daß du bist, weil du Geld hast und Kühe und Land? Gott hat viel mehr als du, und wenn er will, kann er Trineken wohl hundert Bauerngüter geben, wo deins drin ertrinken kann. Es ist Gottes Wille, daß sie nichts hat und du viel, aber wenn's ihm in den Kopf kommt, kehrt er's um, und giebt dir Husten und Gicht und allerlei Gebrechen mehr. Willst du dann auf Stroh liegen wie 'n Schwein? So hab' ich gesprochen, und ich sagt' noch viel mehr, und gab lateinische Sprüche hinein, denn dagegen kann 'n Bauer nichts machen. Auch sagt' ich ihm, daß er in die Hölle kommen würde, aber ich weiß nicht genau, ob das wahr war. Du mußt denken, ich war erst in Theologie zwei. Ach, es gehört viel dazu, um immer alles genau zu wissen von Gott und göttlichen Dingen! Es ist 's schwerste Fach von der Welt, und ich war nie sehr weit drin. Dieser Koremans hätt' mal Pastor Kuns vor sich haben sollen, der hätt' ihm anders eingeheizt! Aber Kuns hätte wieder die Stallthür nicht so schnell aufgekriegt ... krach, da lag sie! Die Angeln waren ganz verbogen.« »Und Lieschen, M'neer!« »Sie war sehr traurig, daß ich so heftig gewesen war, und wie Trineken auf'm Bett lag, fragte sie, ob ich nun mit ihr tanzen wollte? Aber ich wollte nicht. Und da brachte sie Trineken 'n Glas Branntwein mit Rosinen und Korinthenkuchen, das ist sehr stärkend bei den Bauern, und dann fragt' sie wieder, ob ich nun mit ihr tanzen wollte, und ich that es, aber ohne viel Vergnügen. Ich schob bloß so 'n bißchen hin und her, und Lieschen war auch anders. Und sie wollte ihre Hochzeit verschieben, aber Koremans war böse drum, und ihr Schatz auch. Ich glaub', er mochte mich nicht leiden ... gewiß um jene Wette.« Hier schwieg Jansen einen Augenblick. Es schien, als wären seine Gedanken nicht so fröhlich wie gewöhnlich. Vielleicht schoben sie auch bloß so 'n bißchen hin und her, aber ohne viel Vergnügen. Walther war grausam genug, diesen langsamen Gang der Gedanken des alten Mannes etwas anzutreiben. Ja, er erwartete sogar einen flotten, selbst einen gefährlichen Sprung. Die Unkenntnis der Jugend ist grausam – dies Alter ist ohne Mitleid – und Walther wußte nicht, was er that, als er fragte: »Und ist Lieschen mit ihrem Schatz getraut worden?« »O ja, gewiß, gewiß! Warum sollte sie nicht mit ihm getraut worden sein? Alles war ja abgemacht und fertig. Aber sie versprach mir vor allem, daß sie zu ihrem Gesinde gut sein würde. Ich hatte sie nämlich darum gebeten, aber ich sagte ihr, daß ich das mit der Hölle nicht ganz genau wüßte, weil ich noch in Theologie zwei war. Ja, nicht wahr, ich durfte mich doch nicht höher ausgeben, als mir zukam, und warum soll man so 'm Mädchen für nichts 'n Schreck einjagen, wenn ich etwa unrecht hatte? Sie sagte aber, 's wär' keine Hölle dazu nötig, und sie würde immer ganz gut sein, wenn sie mir es nur versprochen hätte. Nun, sie meinte es auch so, denn sie gab mir 'n herzlichen Kuß drauf ... ach, sie weinte so!« »Warum weinte sie so, M'neer?« »Du mußt dir denken, der eine Mensch ist nicht wie der andere, und manchmal hat man böse Wallungen. Vielleicht weinte sie, weil ich so heftig gegen ihren Vater gewesen war, und das war gut von ihr, denn 'n Kind muß immer für seine Eltern Partei nehmen. 's fing schon an, wie ich Trineke auf'n Arm nahm ...« »Haben Sie das gethan, M'neer!« »Ja, gewiß, ich war der stärkste von allen zusammen, und 's Bett war oben im Hause. Wer sollte sie die Treppe hinaufgetragen haben, ohne ihr weh zu thun? Sie war bloß noch Haut und Knochen, und alles that ihr weh. 's war Koremans' eigenes Bett ...« »Ah!« »Da bestand ich drauf! Ich blieb dickköpfig und sagte, 's müßte so sein, oder ich würde 'n umgekehrt Jerusalem aus seinem Hause machen. Und Lieschen wollte ihr Bett abtreten, aber ich sagte: nee, in seins! oder ich komme nie wieder her! Und ich sagte dann noch 'n ganz grobes Wort zu ihrem Vater. Du bist 'n rauher Esau! sagte ich ... und darum wird sie wohl geweint haben.« »War sie 'n ... liebes Mädchen, M'neer?« Diese Frage schwebte Walther schon lange auf den Lippen; aber das Schwanken zwischen den Worten »hübsch« und »schön« ließ ihn jedesmal stocken. Und es kam ihm auch einem Geistlichen gegenüber zu gewöhnlich vor, den einen Ausdruck zu nehmen, während wieder der andere buchmäßig erschien. Aber unser kleiner Romanleser wollte doch gern etwas von Lieschens Äußerem wissen, und er kleidete seine Neugier nach diesem Hauptpunkt der Sache so würdevoll ein, als die Umstände es zuließen. Aber auch Jansen hatte gewisse Rücksichten zu nehmen. Nicht Walthers wegen, wenigstens nicht mit Absicht, sondern, ohne etwas davon zu wissen, gegen seine eigene Fleckenlosigkeit. Von »schön« oder »nicht schön« war denn auch bei ihm keine Rede. Noch mehr: er dachte nicht daran, er wußte es nicht einmal. »O ja,« sagte er, »sehr lieb. Und fromm auch, Sonn- und Feiertags, das muß ich sagen. Aber die Heiligkeit des ehelichen Standes wollte sie nicht fassen. Es ist bei uns 'n Sakrament, mußt du wissen, und das sagt' ich ihr. Aber sie war nicht damit zufrieden und sagte, sie wollte ihre Hochzeit lieber verschieben, bis sie ihre Christenpflicht besser kennen würde, sagte sie. Und sie fragte, ob ich ihr darin helfen wollte? Aber ihr Schatz hatte keine Lust dazu, und sagte, er wisse schon Bescheid, und da gab ich ihm 'n Buch, wo alles drin stand. Aber ach, sie ist nach ihrer Hochzeit mürrisch und krank geworden und hat nicht mehr lange gelebt. Kurz vor ihrem Tode ließ sie noch fragen, wie es Trineke ging, und ob ich das arme Wesen wohl auch treulich besuchte. Nun, das that ich, und Lieschen wird sich darüber gefreut haben.« »Und M'neer, besuchten Sie Lieschen nicht?« »Nein, denn ihr Mann war nicht sehr freundlich, wie ich nach ihr fragte. Ich glaube, er hatte Sorge, daß ich noch jemand mitbringen konnte, den er vielleicht lieber nicht sah. Denn Lieschen ... sieh, die Sache war so. Im Dorfe sagte jeder einzelne, daß sie lieber 'n anderen gehabt hätte, wenn sie's man gewagt hätte zu sagen. Aber das durfte sie gerade nicht, weil dieser andere von der Kirche war!« »He?« fragte Walther, der es auch zu wissen meinte. »Ja, aber sag's niemand. Ich hatte 's lang gemerkt, daß sie so genau Bescheid wußte mit unseren Ausgängen, und wenn wir zur Buttermilch kamen, stand sie am Fenster. Auch manchmal hinter der Hecke, aber sobald wir in die Nähe kamen, ging sie hinein, ganz wie jemand, der es nicht wahrhaben will, daß er ausgeschaut hat. So sind die Mädchen, und das wußte ich ganz gut, denn nirgends lernt man so viel Menschenkenntnis als auf'm Seminar. Nun, daß sie immer so ausschaute, war gewiß um Krüger, 'n besten, besten Jungen! Und daß ihr Mann so brummig gegen mich war, wird gewiß auch um Krüger gewesen sein. Vielleicht dachte er, daß ich ihn einmal mitbringen könnte, und das hätt' ich vielleicht auch einmal gethan, denn Krüger war mein bester Freund und hielt beinahe so viel von Lieschen wie ich. O, sehr viel!« So weit war Jansen mit seinen vertraulichen Mitteilungen gekommen, als sie das Haarlemer Thor erreichten. Walther hätte gern mehr von der rührenden Tragödie gehört, die eine der Hauptpersonen nicht richtig zu verstehen schien. Er fühlte, daß Jansen eigentlich wohl mehr erzählt hatte, als er sich selbst erlaubte zu wissen. Oder wußte er mehr? Während sie durch das düstere Bogenthor schritten, hatte der Mann geschwiegen. Das eigentümliche Geräusch, das durch das Gewölbe dröhnte, machte das Sprechen schwer. Als sie aber wieder in die freie Luft kamen, klagte Jansen über den schrecklichen Zug, der ihm die Augen voll Sand geweht hatte. »Würdest du's wohl glauben, junger Herr, daß sie davon thränen? Und ich bin auch müde. Ja, ja, ich bin heute schon etwas herumgetrabt und ich möchte mich gern einmal hinsetzen. Aber ... was ist denn da los?« In der That ... es gab einen Krawall bei dem Anlegeplatz der Schuit, des Schiffes, das die »Haarlemer Fahrt« entlang die Verbindung zwischen den beiden Städten vermittelte. Unsere beiden Wanderer beschleunigten ihren Schritt, um so schnell wie möglich zu wissen, was es gab. Was mich selbst betrifft, so meine ich in diesem Kapitel mein Versprechen eingelöst zu haben, daß ich einmal eine Probe von Pater Jansens Art zu Predigen geben würde, und ich füge das ganz ausdrücklich hinzu, um nicht diesen oder jenen Unkundigen in dem Wahn zu lassen, daß er eine Idylle gelesen habe. Walther und tugendsame Leser werden durch Fancy, die ein Lynch-Urteil kassiert, enttäuscht. Als Entschädigung liefert sie Beiträge zur Psychologie der Mutterliebe, und Walther wird zum Tröster erhoben. »Ja, junger Herr, da scheint was los zu sein. Hör' doch, wie diese Weibsbilder schreien!« »Ja, M'neer, sie zanken sich. Ich glaube gewiß, 's ist 'n Zank! ... o, o, was fehlt diesem Weibe? und gegen wen hat sie's denn?« Er konnte anfänglich aus der Sache nicht klug werden und that dadurch, zu meinem großen Vergnügen, seinen Lehrmeistern am Postcomptoir wenig Ehre an. Aus den naiven Fragen, die er an seinen älteren Freund richtete, zeigte sich deutlich, daß ihr Unterricht nicht auf den allergünstigsten Boden gefallen war. Und Pater Jansen war auch gerade der rechte Mann nicht, ihn gehörig aufzuklären, denn es war etwas sehr Gemeines, was es da bei der Schuit gab, und davon hatte er kein Verständnis. Wohl konnte er in seiner Eigenschaft als Seelenarzt die gewöhnlichen Erscheinungen der Krankheiten, die man ihm in »Theologie drei« als »Sünde« kennen und behandeln gelehrt hatte ... der Kursus ging in »Theologie eins« bis zur Heilung – aber gerade weil er sie nur als derartige studiert hatte, stand er mit verkehrten Händen da, sobald der Feind, zu dessen Vertilgung er von Amts wegen berufen war, sich lebendigen Leibes vor ihm zeigte, was hier wirklich der Fall zu sein schien. Der gute Pater konnte noch von Glück sagen, daß er, einigermaßen verlegen infolge der Überraschung und vielleicht auch durch die Ausstattung der Scene, die durchaus nicht dem Beichtstuhl glich, nicht sofort daran ging, die Kranken, die hier ganz überflüssige Beweise von ihrem Bedarf an Besserung gaben, zu bedoktern. Der gute Mann hätte gewiß eine komische Figur abgegeben, und das wäre schade gewesen. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit beinahe ebensoviel Neues wie Walther. Jansen war in Welt- und Menschenkenntnis ungefähr auf dem Standpunkt stehen geblieben, den Walther unlängst erreicht hatte, also stets minderjährig in der Bosheit. Der Unterschied zwischen diesen beiden Kindern bestand hauptsächlich darin, daß der heranwachsende Knabe mehr wissen wollte und sich selbst der Dummheit zieh, während der erwachsene Mann mit seiner Verstandes-Ausrüstung ganz zufrieden war. Warum sollte er auch nicht? Er hatte ja seine vorgeschriebenen Examina hinter sich und wußte also ganz genau, was in Sachen Seelenhirtenschaft gewußt werden konnte. Seine Zufriedenheit sproß entschieden nicht aus Einbildung, sondern aus dem pflichtgemäßen Vertrauen auf die klugen Leute, die erklärt hatten, daß er gehörig ausgelernt habe und mit allen Sünden Bescheid wisse. Er hatte darüber lateinische Zeugnisse, mit Siegeln drauf. Was will man mehr? Ich kann die Ansicht nicht teilen, daß ein katholischer Geistlicher so besonders viel Menschenkenntnis im Beichtstuhl erwerben soll. Es kommt mir vor, daß man dabei übersieht, wie schwer es ist, sich selbst zu schildern; das Beichtkind, wenn es sich der denkbar höchsten Aufrichtigkeit befleißigen will – vollkommene Aufrichtigkeit ist unmöglich! – kann doch bloß Geschehenes mitteilen. Von wo soll es die psychologische Entwicklung haben, um alle Nuancen der Beweggründe seiner Handlungen auseinander zu halten? Und woher die Sprachgewandtheit, um einem anderen das deutlich klarzulegen? Wahrhaftig, wer das kann, kniet nicht am Beichtstuhl nieder, um die Geheimnisse seiner Seele einem Priester zuzuflüstern! Für die ist die Ohrenbeichte nicht geschaffen und für die wird sie nicht beibehalten. Wer das bezweifelt, der achte einmal auf den Grad der Verstandesentwicklung, mit dem offenbar die Mehrzahl der Geistlichen auskommt. Vor langer Zeit schon hörten wir, wie zufrieden Pater Jansen mit Femkes Seele war, und vor kurzem gab ich dem Leser erst Gelegenheit, einem theologischen Kursus beizuwohnen, indem ich ihn mit der alten Stine in Berührung brachte. Wie beliebt man den Ton zu nennen, in dem die beiden Personen sich über Dinge äußerten, die von anderen nur mit einer Kaninchenschnute und höchst pontifikal behandelt werden? Würdevoll, was man in diesen Dingen würdevoll nennt, war der Ton nicht, gewiß nicht – aber unästhetisch, grob, unmoralisch also, war er auch nicht! Es war Herz darin, und kindlicher Glaube und Überzeugung. Die Ausdrücke, die Pater Jansen und seine Wirtschafterin sich erlaubten ... ach, sie wußten gar nicht, daß da etwas sich zu erlauben war! Von Kindheit auf eins mit ihrem Glauben, besprachen sie diese Dinge und was damit in Zusammenhang stand mit derselben Gemütlichkeit wie andere Interessen ihres kleinen Haushalts, und Stines Zufriedenheit, daß sie die Schuld ihrer Mutter glatt gemacht hatte, war etwa von derselben Art wie ihre Genugthuung über das Geraten eines Fasses mit Sauerkohl. Leider kann ich keinen zum Zeugen aufrufen, der ihrer Ankunft im Himmel beigewohnt hat, aber wir können uns vergewissert halten, daß sie bei dieser Gelegenheit ganz unbefangen gefragt hat: »Na, wo ist sie nun ... meine Mutter? Sie weiß doch, daß ich alles in Ordnung gebracht habe?« – ebenso unbefangen als sie Walther auftrug, den Pater gegen seine Freigebigkeit in Schutz zu nehmen. Und Pater Jansen selbst war auch der Mann nicht, seinen Gott und die göttlichen Dinge durch würdevolles Gethue abstoßend zu machen. Seine Religion und alles, was daraus entsproßte, war ihm die alltäglichste Sache von der Welt. Aber ... diese Welt selbst kannte er nun einmal nicht. Er wußte nicht viel mehr davon, als seine Beichtkinder ihm mitteilen konnten oder wollten, und diese sehr unvollständigen Erleuchtungen nahmen außerdem noch stets die Farbe von seinem eigenen schuldlosen Gemüt an. Jedes begangene Unrecht schien ihm mehr ein Unglück zu sein, und die Ermahnungen, die er aussprach, und selbst das Bußethun, das er manchmal glaubte vorschreiben zu müssen, glich mehr einer freundschaftlich gereichten Herzensstärkung als einem Tadel oder einer Strafe. Es ist wahrhaftig kein Wunder, daß er nicht gleich begriff, was da bei der Haarlemer Schuit verhandelt wurde. Eine der Hauptpersonen des Dramas, das hier aufgeführt wurde, die Frau, die durch ihr Geschrei und ihr gemeines Wesen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zog, war in Amsterdam gewesen, um etwas frische Ware für ihr Geschäft in Haarlem anzuschaffen. Diese Ware bestand in zwei ... Mädchen, möchte ich nicht gern sagen – zwei jungen Frauenzimmern also, die sie durch Geschenke und die Vorspiegelung eines faulen Lebens hatte an sich zu locken gewußt. Was ich hier »Geschenke« nenne, war in Wirklichkeit ein dreidoppelt gebuchter Wucherervorschuß. Und »sie hatte es schwarz auf weiß«, sagte sie, auf ihren Schenkel schlagend, wo die kostbaren Dokumente sitzen mußten, die ihre Worte bekräftigen konnten. Diese Beweisführung richtete sich gegen die Mutter eines der beiden Geschöpfe, die von der Sache Wind bekommen und dafür gesorgt hatte, bei der Abfahrt des Schiffes zugegen zu sein. Das Wort »Mutter« klingt lieblich, und der gutmütige Leser erwartet gewiß, daß die Frau sich da befand, ihr Kind – so nennt man das, hätte Stoffel gesagt – den Krallen des Verderbens zu entreißen. Ach nein! diese Mutter war ganz einfach dahergekommen, um ihren Anteil an dem bereits Genossenen zu fordern, und vor allem, einen Anteil am zukünftigen Verdienst auszubedingen! Das zusammengelaufene Publikum war entrüstet, oder that so, und verteilte die Äußerungen seiner Mißbilligung ziemlich gleichmäßig zwischen der Mutter und der »Wirtin«. Diese beiden zankten. Die beiden Rekruten schwiegen, aber ein aufmerksamer Zuschauer konnte doch wissen, welche der beiden streitenden Parteien mit ihrer Sympathie beehrt wurde; und zwar konnte man das aus dem Platze schließen, den sie einnahmen, oder den sie einzunehmen trachteten, wenn sie auf einen Augenblick weggedrängt worden waren. Ersichtlich scharten sie sich, im übertragenen Sinne sowohl wie im buchstäblichen, auf die Seite der »Wirtin«. Und es war Grund dazu! Diese hatte ja »wahrhaftigen Gott« nichts Geringeres versichert, als daß ihre Gefährtinnen »morgens so lange schlafen konnten, als sie Lust hatten, und des Abends sollten sie zu Genever mit Zucker eingeladen werden« ... wenn sie bloß einen »Herrn« zu bewegen wußten, diese Leckereien auf seine Rechnung am Büffett zu bestellen. Nun, dazu glaubten die Mädchen Aussicht zu haben. Aber sie sollten sich wohl täuschen. Sie überschätzten den Einfluß und den Marktpreis ihrer Liebenswürdigkeiten – die billigste Sache der Welt! – und wohl auch ein wenig die Freigebigkeit der »Herren«. Aber die liebenswürdige Wirtin ließ ihre angehenden Zöglinge in dem Wahne, daß mit nachgemachter, käuflicher Liebe tüchtig etwas zu verdienen wäre. Und es war noch mehr versprochen. Sie sollten Karoline und Sophie heißen, und das Dienstmädchen sollte »Jüffrau« zu ihnen sagen. Um einen Vorgeschmack von der Vornehmheit zu geben, und zugleich von dem Ton, der in ihrem »Etablissement« herrschte, sprach das Weib fortwährend von ihren »Damen«. Was konnte, solchen glänzenden Lockungen gegenüber, die Mutter bieten, die nur eine Arbeiterin war? Ich weiß wohl, daß manche Bücherleute eine Antwort auf diese Frage bereit haben. Sie sprechen bei solcher Gelegenheit von Zucht, Reinheit der Seele, Ehre, Ruhe des Gemütes, mütterlicher Zärtlichkeit ... ach, unsere beiden Kaatjes zogen Genever mit Zucker vor! Aber ich muß hinzufügen, daß ihnen die Sache nicht so leicht gemacht wurde, wie die Papiermoralisten von soeben denken könnten. Die Mutter hielt sich mit so rührenden Dingen nicht auf. Sie reklamierte ihren Anteil an der Sache und vor allem verlangte sie die bunte Schürze zurück, die sie nach ihrer Angabe ihrer Tochter geliehen hatte. »Und soll ich nun nicht mal das davon haben, daß ich mein Eigentum zurückkriege? Sie hat mich drei Schilling und 'n Oortje gekostet!« Davon? Wovon, o Frau? Wovon? Ich frage dich, wovon? Nun, das machte ihr nichts, und: »Das ist mir ganz egal!« schrie nun auch die Wirtin. »Mensch, Sie müssen sich ja schämen, das müssen Sie! Nun ja, was sagt ihr?« – das war ein Appell an die Schamhaftigkeit der Umstehenden, die diese Auszeichnung vollauf verdienten – »Was sagt ihr? Ist's nicht 'ne Schande, daß 'ne Mutter ihrem eigenen Kinde so'n Spektakel machen kommt um 'ne Schürze?« »Ich wollt' bloß, daß wir abführen,« seufzte eine von den Kaatjes. »Ach, was bummelt dieser Schiffer!« »Drei Schilling und 'n Oortje, so wahr 'n Gott im Himmel ist! auf'm Neumarkt im Posamentiergeschäft! Gieb's her, 's ist meine! 's ist meine, sag' ich dir! Gieb's her!« Ein Versuch, sich des strittigen Gegenstandes mit Gewalt zu bemächtigen, mißglückte. Auf einmal versuchte die zärtliche Mutter die Sache auf eine andere Art. Sie suchte ihre Stimme gefühlvoll zu machen und heulte: »Hab' ich dich dazu aufgezogen?« Gewiß, zärtliche Mutter, wozu denn sonst? »'s ist, um hin zu werden, Menschen, das ist's! Und sage, was wird dein Vater dazu sagen?« »Na, den laßt man draußen, will ich bloß raten. Der sitzt hoch und trocken in der roten Mühle. Was sagst du, Kaatje?« Die rote Mühle – das war der gewöhnliche Name für – das Zuchthaus, in dem die Verurteilten Campeche- und Pernambukholz raspelten. Kaatje bestätigte die Sache zwar nicht ausdrücklich, aber sie gab doch eine Antwort, die wenig nach Entrüstung und Ableugnung aussah, indem sie sich aufs neue Mühe gab, von ihrer Mutter loszukommen und ein schützendes Plätzchen hinter der Wirtin zu erreichen. Diese beeilte sich, auf das Zeugnis, das in Kaaties Bewegung lag, ein Siegel zu setzen: »Na ja, 'n Wort 'n Wort, 'n Mann 'n Mann, nicht wahr? Und ... ich hab' ja die Papiere in meiner Tasche. Was sagt ihr? Der Mensch kann doch nicht mehr verlangen als schwarz auf weiß!« Die Frau hatte wieder auf ihren Schenkel geschlagen und schien Antwort zu erwarten. Im Publikum wurden denn auch einige Stimmen laut, aber sie zeugten von Geteiltheit der Ansichten. Wohl hörte man hie und da: »Seht, 's ist doch immer die Mutter!« Aber einige zeigten sich auch entrüstet über die merkwürdige Sorte Mutterschaft, die hier zur Schau getragen wurde. Eine Abstimmung durch Aufstehen und Sitzenbleiben konnte schwer veranlaßt werden, weil die ganze Sache im Stehen abgemacht wurde. Außerdem hüteten sich die streitenden Parteien wohl, eine Berufung auf die Mehrheit zu wagen, ehe sie mit einiger Sicherheit berechnen konnten, ob sie auch diese Majorität auf ihrer Seite haben würden. Hierzu aber bestanden auf keiner Seite die genügenden Voraussetzungen. Vielerlei Schimpfworte wurden in der versammelten Menge laut, aber es war schwer auszumachen, an wen sie gerichtet waren, weil sie zumeist auf jede einzelne von den vier Weibsbildern passen konnten. Es war also eigentlich eine Verwirrung, und der unbeteiligte Zuschauer, der wieder über die Stimmung dieser Zuschauer klar werden wollte, hatte es nicht leicht. »Meine drei Schilling will ich haben,« kreischte das Weib, während sie ihre Tochter bei der Schürze zu fassen suchte. »Ich will mein Geld, meine drei Schilling, oder sonst ...« Ihr Geschrei erinnerte Walther an die Verzweiflung der edlen Hersilia über die verlorenen »sieben Gulden dreizehn,« und an der Hand alles dessen, was seit vierundzwanzig Stunden mit ihm vorgegangen war, lief seine Erinnerung entlang und blieb schließlich auf den fünfzig Gulden haften, die er in der Tasche hatte. Wenn er nun einmal dieser armen Frau zu einer neuen Schürze verhülfe? Gott würde es ja wohl nicht thun, und da nun doch einmal im Helfen etwas Göttliches liegt: »Was dünkt Ihnen, M'neer?« fragte er Pater Jansen. »Ich bin sehr betrübt über diese Menschen,« sagte der gute Mann. »O gewiß, M'neer! Aber ... die Schürze! Drei Schilling ist noch kein voller Gulden, und wenn wir nun einmal ...« »Das geht durchaus nicht, junger Herr! Es thut mir in der Seele leid, daß diese Menschen auf so 'nem verkehrten Wege sind – denn das muß ich wohl davon glauben – doch das Geld, das du bei dir hast, ist dir nicht gegeben, um ...« »Meine drei Schilling!« heulte das Weib, »oder sonst ... wenigstens mein Kind wieder!« Dieses »wenigstens« war entzückend! Soll sich vielleicht nachher ergeben; daß Prinzeß Erika unserem Walther diese fünfzig Gulden geschenkt hat, um einer verzweifelten Mutter ihr verlorenes Kind wiederzugeben? »Sie ist sehr unglücklich, M'neer ... hören Sie nur! Ach, was kommt's auf den einen Gulden an? Und ... 's ist noch nicht einmal 'n voller Gulden!« »Wir dürfen's wirklich nicht thun, junger Herr! Komm, komm mit in die Schuit! Mir wird ganz kalt davon, und ich kann es wahrhaftig nicht mehr länger mit ansehen!« Es sah beinahe so aus, als ob Pater Jansen seiner eigenen Standhaftigkeit mißtraute und der Verführung entfliehen wollte. Aber er zauderte. Und auch Walther folgte ihm nur sehr langsam, und nicht, ohne seinen Weggenossen aufs neue zum Eingreifen anzuregen. »Was ist für uns ein einziger Gulden, M'neer!« Sieh mal einer den kleinen Geldmann an! Jansen antwortete nichts, blieb wieder stehen und schien zu zweifeln. Die Frau, die mit dem eigenartigen Armeleute-Instinkt etwas davon gemerkt hatte, was zwischen den beiden am Werke war, fand es jetzt rätlich, Text und Ton zu verändern und jammerte zur Abwechslung über die »drei Würmer, die sie zu Hause hatte, und die nun wohl vor Unglück und Kälte umkommen mußten.« Inwiefern diese ärgerlichen Umstände die Folge sein konnten von Kaatjes schlechtem Betragen, oder von dem Verluste, den sie an ihrer Schürze erlitt, ließ sie unaufgeklärt. Doch hätte die plötzliche Temperaturerniedrigung der »Würmer« so mitten im Sommer wohl einige meteorologische Aufklärung vertragen können. Aber danach fragte die Gegenpartei nicht. Sowohl die Wirtin als andere aus dem Haufen beantworteten diese Klage lediglich mit Schimpfworten unwissenschaftlicher Natur; aber zur Ehre des Publikums, das hier versammelt war, muß ich anerkennen, daß auch die Geschäftsfrau aus Haarlem nicht verschont blieb. Ihr Beruf lieferte ja überflüssigen Stoff zu Schimpf und Schmähung. Aber sie hatte wohl derartige Schimpfworte, mit denen man ihren moralischen und gesellschaftlichen Standpunkt qualifizierte, schon mehrfach gehört und war nicht gewohnt, über so 'n bißchen Schande gleich in Ohnmacht zu fallen. Trotzig, und als ob sie mit ihrer Gefühllosigkeit dagegen prunken wollte, gab sie die Schimpfworte, die man ihr an den Kopf warf, zurück, und wenn darin eine gewisse Eintönigkeit herrschte, weil der Vorrat ein wenig klein erschien im Verhältnis zur Dauer der Scene, half sie den Schreiern auf den Weg mit einem spottenden: »Nun müßt ihr das mal wieder sagen!« oder »nun hab' ich dies und das lange nicht gehört! Na, denkt doch mal nach, ob ihr nicht mal wieder was Neues wißt!« Diese Ruhe stachelte zu neuer Aufregung an, und es kam ein Augenblick, da die Entrüstung über ihr elendes Gewerbe so überhandnahm ... nein, das ist nicht richtig, aber man wurde so böse über die Gleichgültigkeit, mit der sie die Schimpfworte entgegennahm, daß die Mutter Hoffnung schöpfen durfte. Es bleibt ein Rätsel, was diese Frau eigentlich mit ihrem »Kinde« im Sinne hatte, wenn es aus den Händen der Wirtin befreit wäre, aber ohne sich darum den Kopf zu zerbrechen, fing die Mehrheit an, ihr recht zu geben. Walther hätte hier massenhaft Gelegenheit gehabt, die Psychologie der »großen Masse« zu studieren, wenn er nicht zu sehr erfüllt gewesen wäre von seiner Sucht ... ja was? Er wollte helfen, retten, ordnen, er wollte etwas thun. Na ja, der Mensch hat nicht alle Tage zwanzig volle Reichsthaler in der Tasche! Und nicht oft fällt solch glänzender Standpunkt zusammen mit einem Drama, wie es hier aufgeführt wurde, noch auch mit dem Schreckbilde, mit dem es – um die Wahrheit zu sagen, nicht ganz unverhofft – bald zu schließen drohte oder versprach. Es wurde nämlich gerufen: »Ins Wasser!« und dies Wort klingt schrecklich in den Ohren eines holländischen Jungen, der aufgezogen ist in der Furcht vor Erkältung und Ertrinken. »Ins Wasser, vorwärts! Das Weib in den Kanal, und die Mädchen nach Hause!« Nach Hause, o du thörichte Menge! Nach welchem Hause? In das Loch, wo sie unter die Aufsicht einer solchen Mutter kommen sollten? Ich bin sicher, daß keiner meiner Leser, wenn er dem hier beschriebenen Vorfall beigewohnt hätte, sich mit der höchst unfeinen Sache eingelassen hätte. Aber, Leser, angenommen: du hättest deine Stimme abgeben müssen? Was meinst du? Hättest du gerufen: die Mädchen nach Hause? Man braucht wirklich nicht so unschuldig zu sein wie Pater Jansen, um in der Wahl zwischen zwei Höllen verlegen zu sitzen. Und was das Lynchurteil gegen die Wirtin betrifft ... unsere Gesellschaft – hier nicht unpassend durch einen Trupp von Gemeinheit vertreten – ist doch sonderbar! Das Geschöpf, das man hier ins Wasser drängen wollte, war eins ihrer Mitglieder, und ein Glied auch von der Gilde, die unsere Gesellschaft nach jahrhundertelanger Erfahrung nie hat entbehren können. Warum nun, wenn solch unentbehrliches Möbel unserer Civilisation sich öffentlich zeigt, auf einmal so viel Entrüstung? Verbietet nicht die Weisheit der Völker, das eigene Angesicht zu schänden? Bedenke doch, du stolze Gesellschaft, daß eine solche Unzuchthändlerin eine deiner meist hervorragenden Nasen ist! »Ins Wasser mit dem Weibe!« wurde wieder gerufen. »In den Kanal!« Man konnte bemerken, daß die Heftigkeit dieses Geschreis im umgekehrten Verhältnis stand zu der Nähe der Stelle, wo die beabsichtigte Exekution statthaben konnte. Es ergiebt sich daraus, daß die am weitesten Abstehenden die Meistentrüsteten, d.h. die Tugendhaftesten waren. Wir dürfen annehmen, daß sie sich in ihrer Bravheit ein wenig gestärkt fühlten durch die bessere Aussicht, sich schnell auf die Beine zu machen, sobald das Tugendsühnopfer in der »Haarlemer Fahrt« strampeln würde. Jeder weiß, daß auf Erden nichts ungemischt ist, auch der Mut der Braven nicht. Hierauf schien denn auch die Wirtin zu rechnen, denn sie gab wenig Zeichen von Angst, und der Ausgang bewies, daß sie recht hatte. Es thut mir leid, daß ich den Leser, der wahrscheinlich brav ist, und – wie die weitabstehenden! – mit anständiger Sehnsucht den Triumph der Tugend erwartet, etwas enttäuschen muß. Das Weib wurde geschimpft und gehöhnt, aber ... sie blieb trocken. Wen das kränkt, der tröste sich mit der Kameradschaft Walthers, der, in Ermangelung anderer Verwendung für seinen Mut, seine Freigebigkeit und seinen guten Willen, ganz gern einmal jemand aus dem Wasser geholt hätte ... es kommt so selten vor, dachte er, und das finde ich auch. Das Retten von Ertrinkenden, das muß ein langweiliger Beruf sein, es sei denn, daß man ein Einverständnis dazu mitbringt, und hieran dachte weder Walther noch das Opferlamm. Weit entfernt, sich auf dem Altar der Sittlichkeit opfern zu lassen, und durchaus keine Andeutung gebend, daß sie sich von Rechts wegen als die Schwächere ansah, drohte die Wirtin mit der Polizei. »Noch schöner! Du Schandfleck, du willst die Polizei rufen, du? Du kannst Gott danken, daß kein Polizist in der Nähe ist, du, die du hier die Mädchen verderben kommst!« »Ich hab's schwarz auf weiß,« schrie sie wieder, und schlug auf den Schenkel. »Und wenn Polizei da wäre, wollt' ich's euch schon zeigen!« Was? Ihren Schenkel? Nein, ich denke nicht. Daß sie in ihrem Rechte war? Das wohl auch nicht, aber die Aussicht, daß die Vertreter der Polizei sie nicht gänzlich ins Unrecht gesetzt hätten, war wohl größer als manche glauben ... Zu allen Zeiten stand das Völkchen, das ein Gewerbe wie das ihre ausübte, mit der öffentlichen Macht auf gutem Fuße, oder doch wenigstens mit dem Teil davon, der mit der Ausführung der allgemeinen Verordnungen oder der von hoher Hand gegebenen Befehle beauftragt ist. In dieser Sache ist es keinesfalls das geschriebene Gesetz, das in letzter Instanz zwischen Gut und Böse unterscheidet. Diese Autorität wird durch die unerbittlichen Erfordernisse der Wirklichkeit an die Wand gedrückt ... Die Frau aus Haarlem kam also nicht ins Wasser. Sie packte eines der Mädchen beim Arme und schob es nach der Einsteigluke des Schiffes hin. »Vorwärts, da hinein! Komm zu, ich hab' nun genug von diesem Unsinn! Nur zu, da hinein ... und du auch!« Mit diesen Worten wurde auch das zweite Kaatje eingeschifft. Die Schuit schwankte beim Einsteigen und dröhnte, als sie auf den Boden hinuntersprangen. Von Unwillen war nichts zu merken. Die betrübte »Mutter,« die ihre so feurig begehrte Schürze aus dem Auge verlor, verdoppelte ihre eintönige Klage. Die Wirtin schien noch etwas am Ufer zu thun zu haben. Hatte sie vielleicht die Kriegsgeschichte studiert? Wollte sie es machen wie eine gewisse, Art von Feldherren, die die Specialität ausüben, ihre Überwinder auf die künstliche komplizierte Manier ihrer Rückzüge eifersüchtig zu machen? Ach nein, auf Ehre und Ruhm ging sie nicht im mindesten aus, aber es war noch etwas zu beobachten, und darum zauderte sie. Sie wollte wissen, ob von diesem Pastor und diesem Jungen etwas zu holen wäre. Walthers Drängen bei Pater Jansen, so ein bißchen Vorsehung zu spielen, hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, und sie wollte mehr von der Sache wissen, ehe sie die beiden aus den Augen verlor ... eine Aufmerksamkeit, die selbstverständlich zu den Erfordernissen ihres »Geschäfts« gehörte. Ein gleicher Gedanke, der aber hier bloß vom gewöhnlichen Bettlerinstinkt herrührte, bewog die »hilflose Mutter,« noch einmal mit ihrer Hilflosigkeit auf den Plan zu kommen: »Hu ... hu ... hu ... mein armes Kind!« Walther fragte seinen Begleiter wieder, ob denn von ihrer Seite an der Sache gar nichts zu thun wäre. »Mein armes Kind! Und ... meine Schürze! Wenn ich doch in Gottes Namen bloß meine Schürze wieder hätte!« Dieser Ausruf reimte sich sehr gut auf den Lauf von Walthers Gedanken. »Drei Schilling und 'n Viertel!« Wieder rechnete Walther seinem Mentor vor, daß das noch keinen vollen Gulden betrug. »Ach, M'neer, noch kein voller Gulden! Was kann uns der eine Gulden ausmachen!« Die Wirtin und die Mutter spitzten um die Wette, was zwischen den beiden vor sich ging. »Höre, es geht nicht,« sagte Jansen, »es geht wirklich nicht. Aber...« »Ach ja, bitte, M'neer!« »Dann will ich's zulegen. Geh und mach'. Ich werde nach Bücht an meinen Bruder um Geld schreiben. Aber dann schnell, 's ist hier kein angenehmer Aufenthalt.« Jansen stieg in die Schuit und Walther auf die Frau zu. Er holte das graulinnene Säckchen, in dem sein Geld steckte, heraus, brauchte ein wenig Zeit, um den stramm zusammengedrehten Hals des Säckchens wieder aufwickeln zu lassen ... Die Wirtin sah das sehr gut und berechnete den Inhalt nach der Schnelligkeit, mit der diese Umdrehungen vor sich gingen. Aber ... es konnte vielleicht Kupfergeld sein? Nein. Walther holte einen Reichsthaler heraus. »Hu ... hu ... hu ... mein armes Kind!« Die trauernde Mutter streckte die eine Hand hin und benutzte die andere, um sich mit ihrer Schürze die Augen rot und blind zu scheuern. Von den »drei Schillingen« sprach sie nicht mehr. Wozu denn auch diesen wohlthätigen jungen Mann auf den Gedanken bringen, daß ein Reichsthaler mehr betrug als die Ursache ihres Jammers, und daß daher nach den einfachsten Rechnungsgesetzen etwas herauszugeben wäre? Sie änderte also den Text und heulte jetzt mit Vorliebe um ihr »verlorenes Kind,« einen Gegenstand, der ihr besser im Verhältnis zu stehen schien zu einer Entschädigung von fünfzig ganzen Stübern. Walther stand mit offenem Munde und ... wartete! Ja ... nein ... ich kann wirklich nicht einmal sagen, ob er wartete. Die Frau sorgte dafür, genug mit ihren Augen zu thun zu haben, um der Vermutung keinen Raum zu lassen, daß sie an sein Warten dächte, und vielleicht war es für Walther selbst eine Überraschung, als er auf einmal – in Gottes Namen, es mußte wohl so sein! – so that, als wäre es wirklich seine Absicht gewesen, den ganzen Reichsthaler auf dem Altar von ... von ... ja von was denn eigentlich? zu opfern. »Gott soll's Ihnen tausendmal lohnen, junger Herr!« »Das sind vier Säcke voll von Gulden, und noch 'n bißchen dazu!« rief ein Rechenmeister aus dem Haufen. »Tausendmal, junger Herr! Hu hu hu, was soll aus meinem armen Kinde werden?« Es begann wirklich Aussicht zu werden, daß Walther die sittliche Zukunft des »armen Kindes« verbessern sollte, indem er der jammernden Mutter noch einen zweiten Reichsthaler anböte. Armut, Untugend und Philanthropie – oder was oftmals dafür gehalten wird – sind drei Varietäten derselben Krankheit, die einander gegenseitig verursachen, stützen, ergänzen und im Leben erhalten. Es war nicht Walthers Verdienst, daß er diesmal davor bewahrt blieb, die begangene Dummheit noch zu verschlimmern. Er hörte brummen: »Na, für zwei Gulden zehn liefert sie das ganze Nest, was sie zu Hause hat!« womit wahrscheinlich die uns schon etwas bekannten »Würmer« gemeint waren. Diese Taxation kam unserem Wohlthäter lieblos und unhöflich vor. Einmal zum Widerstand gegen die »Masse,« die natürlich den Vorfall mit großem Gelächter begrüßte, aufgereizt, wollte er ... würde er ... ach, es kam nicht dazu. Pater Jansen stand am Steuer und winkte, der Schiffer nahm seinen Platz ein, der Knecht machte das Tau los, an dem der Kahn festgelegen hatte, und sein »An Bord, wer noch mit will!« machte der Geschichte ein Ende. Unter dem lauten Spottgeheul der Menge, die am Ufer stehen blieb, glitt das Schiff dahin. Die Wirtin hatte sehr vornehm in der Kajütte Platz genommen, obschon man auch ohne diese strategische Einzelheit anerkennen mußte, doch ihre Mittel ihr das wohl erlaubten. Es machte ihr auch offenbar nichts aus, daß die Personen, die sie in dem Kämmerchen fand, mehr von ihr wegrückten, als genau genommen nötig war, um ihr Platz zu machen. Mancher andere hätte sich beleidigt gefühlt durch die weitgehende Rücksichtnahme, mit der sie empfangen wurde. Aber sie? Unsere beiden Helden hörten sie beim Eintritt sagen: »Ach gut. Besser so als alle auf einen Haufen. Wer schwitzen will, kann's haben, aber ich bin für Platz! Gewiß, nicht wahr?« Diese Frage wurde an den Schiffer gerichtet, der am Steuer saß. Fancy gebraucht ein seltsames Mittel zu einem Zwecke, den wir noch nicht einsehen. Jetzt brauche ich einen Orgelmann, der unserer Madam zu Hilfe kommen soll. Woher soll der kommen, o Fancy, meine Muse? Es wird wohl Haarlemer Kirmes gewesen sein, den so und sovielsten Tag. Vielleicht war auch dadurch der Bedarf erklärt, zu dessen Deckung unsere »Wirtin« ihren Raubzug nach Amsterdam genommen hatte. Anders wäre die ganze Geschichte wahrscheinlich schwer zu verstehen, und ich will doch meinen Lesern alles möglichst klar machen. Vorerst beliebe man nun zu begreifen, daß auf dem ganzen Wege, so weit das Auge der Reisenden reichte, kein Orgelmann zu sehen war. Nichts einfacher. Der Mann war mit den Seinen, worunter ein gewichtig Instrument, eine volle Stunde vor Abfahrt der Schuit von Amsterdam abgezogen; es ist selbstverständlich, daß man ihn noch nicht eingeholt hatte. Ohne Loggen und Sonnenmessen kann der Leser ziemlich genau berechnen, wie viel geographische Süßwasserellen unser Fahrzeug zurückgelegt hatte, als die edle Frau, welche erklärt hatte, daß sie für »Platz« sei, den Schiffer fragte, ob es »nicht wahr« wäre. Genau genommen hätten Jansen, Walther und der Schiffer das Recht gehabt, darauf zu antworten, daß sie es wohl glauben wollten, aber nicht mit Sicherheit wüßten. In der That, man muß nicht alles für wahr annehmen, was der erste Beste gesagt hat. Wer weiß, was die Frau für Gründe hatte, das Publikum in einen falschen Wahn zu bringen über ihre Ansicht vom Schwitzen und Gedränge. Aber unsere drei dachten nicht so tief nach. Jansen war zu betrübt, um zu sprechen, und Walther noch zu sehr erfüllt von ... etwas, was nach einem Abenteuer aussah, um sofort zwischen Zweifel, Zustimmung und Ablehnung zu unterscheiden. Was den Schiffer betrifft, der hat geantwortet. Aber, Leser, so lange ich dir nicht mitteile, was der Mann sagte, ist es so gut, als ob er nicht geantwortet hätte, und du hast also kein Recht anzunehmen, daß die Schuit schon ein Haarbreit weiter war als in dem Augenblicke, da die interessante Frage gestellt wurde. Wie kann also einer nach diesen Betrachtungen auf den Gedanken kommen, daß sie jenen Orgelmann schon eingeholt hätten? Dieser Orgelmann war von Fancy bestellt, mit dem Auftrage, sich nicht vor dem richtigen Augenblicke sehen zu lassen, und wir würden ihren Bestimmungen zuwiderhandeln, wenn wir nicht geduldig so lange warten wollten, bis die Zeit da ist. Was in aller Welt bewog wohl die Wirtin, zu fragen, »ob es nicht wahr wäre?« Wißbegierde? Um Gottes willen, wie konnten Walther und dieser Schiffer, ja sogar Jansen, der eine studierte Person war, mehr von der Sache wissen als sie selber? Warum fragte sie das? Hatte sie vielleicht deutsche Philosophen gelesen, und wollte sie vielleicht das häßliche Ding »an und für sich« – das man, mit Verlaub, das liebe Ich nennt, der subjektiven Reinenvernunft-Kritik des Haarlemer Schiffers unterbreiten, der gerade seine Pfeife stopfte? »Bitte, Schifferchen!« So wahr, sie will ihm den kupfernen Feuerbehälter hinreichen, in dem der Torf glimmt, vor dem Verstäuben geschützt durch einen Deckel von Messing, vor dem Ersticken durch fünf runde Löcher, gerade groß genug, um einem Pfeifenkopf den Zutritt zum Feuer zu gestatten. Zutritt? Es mochte wohl! Der Schiffer, tugendhaft, reformiert und entrüstet, Vater von sechs verheirateten Kindern, antwortete diesmal nicht. Er holte seine Dose mit Feuerstein und Schwamm heraus, nahm die Ruderpinne unter die Schulter und pinkte sich sein Feuer selber. War nicht Konsequenz in dem tugendhaften Benehmen des Haarlemer Schiffers? Sie waren einstweilen doch ein Stück weiter auf der »Haarlemer Fahrt« dahingeglitten. Aber der Orgelmann war noch nicht zu sehen. Meinst du, daß jemals der Satan sich solch einem Schiffer verführerischer gezeigt haben kann als in dem warmen Behälter glühender Kohlen? Und doch tugendsam? doch konsequent? Lieber Gott, was soll ich nun zuerst erzählen? Der Schiffer saugt und bläst. Die Wirtin schiebt mit mißmutiger Gebärde den Feuerbehälter, so weit sie irgend reichen kann, von sich und verbirgt ihren Schmerz unter dem Ausruf: »Nun, Mann, wenn's Euch nicht paßt, dann setzt es nur sieben und einhalb Fuß von Euch ab. Gern oder nicht! Des Menschen Lust ist sein Leben!« Und den Kopf aus der Thüröffnung steckend, wiederholte sie die gewichtige Frage: »Nicht wahr?« Jansen und Walther hatten nun zwei Fragen auf einmal zu lösen. Ja, der Schiffer hatte sein Feuerzeug untergebracht, wo solches gebräuchlich ist. Er dampfte würdevoll und tapfer, und schon hatte er Jansen versichert, daß heute schön Wetter wäre. Aber ich bleibe dabei, daß der Kahn noch keine zehn Minuten gefahren war. So lange war die Wirtin wütend gewesen. Das kommt einem, der es nie erlebt hat, nicht so sehr schlimm vor, aber man muß bedenken, daß die Art, wie sich das tugendsame Publikum in der Kajütte bei ihrem Eintreten benommen hatte, die Stimmung nicht gebessert hatte. Man kann getrost annehmen, daß ihre Minuten doppelt zählten, und daher kommt es am Ende, daß einige annehmen wollten, daß unsere Reisenden jenen Orgelmann bereits sahen. Nichts ist weniger richtig. Der Mann war an jenem Punkte längst vorbei, als die Frau zum erstenmal fragte, ob es »nicht wahr« wäre. Und jetzt? Nach allem, was sich inzwischen ereignet hat? Der Orgeldreher, den ich dem Leser vor der Zeit zeige, war ein Franzose. In dem Augenblick, da die »Wirtin« sich vergebens abmühte, das Herz des Schiffers zum Schmelzen zu bringen, stand unser Orgeldreher und schwatzte in seinem Kauderwelsch an der Sloterdijker Zollschranke, Er versuchte freien Durchzug zu erlangen, aber es glückte nicht. Seine Frau – sähest du je einen Orgelmann ohne Frau? – und ihre Kinder – wer sah je einen Orgelmann ohne Kinder?– nun, die ganze Familie stand herum und erwartete mit Angst den Erfolg. Der Zollhüter war unerbittlich und bewies mit politischen Gründen, daß diese veralteten Schuriegeleien, wie die, in der er eine so nützliche Existenz fand, mit der größten Accuratesse gehandhabt werden mußten, weil nur so allmählich der allgemeine Unwille entstehen kann, der dann zu ihrer Abschaffung führt. »Aber ich werde es wohl nicht mehr erleben und meine Kinder auch nicht!« Das war wohlgesprochen und er hätte ganz getrost noch ein paar Geschlechter hinzunehmen können, aber er war bescheiden und wollte sich keine größere Stammvaterschaft anmaßen, als ihm vielleicht zugedacht war. Charaktervoll und mit rührendem Vertrauen auf die Zähigkeit von Mißbräuchen blieb er dabei, sein Recht zur Pflicht zu erheben, und verlangte zwei Deut für die Person. Die Frau des Orgelmanns war aus Dünkirchen und konnte sich besser verständlich machen. Aber ihre Bitte hatte ebensowenig Erfolg wie der unverstandene, aber doch bestens begriffene Vortrag ihres Gemahls. Was war zu thun? Die armen Wichte waren nun einmal nicht so reich, um die zehn, zwölf Stüber zu erschwingen, die nötig waren, um Haarlem zu erreichen, wo sie mit ihrem Segeltuch ein gutes Geschäft zu machen hofften. Denn sie hatten ein Segeltuch, auf dem eine schöne Geschichte abgebildet stand. Auf ein Paar Stangen gerollt, hatten es die zwei ältesten Kinder getragen, aber jetzt hatten sie es mutlos neben den Schlagbaum niedergelegt. Auch die Orgel war auf den Boden gesetzt worden, und der müde Mann hatte sich darauf gesetzt, nicht ohne Sorge, daß man für das bißchen Ruhe, das er wahrlich sehr nötig hatte, auch noch Zoll fordern würde. Die Frau hatte alles gesagt, was zu sagen war, und der Zollhüter hatte alle Versuchung zu einer Pflichtverletzung abgeschnitten, indem er in sein Häuschen kroch, wo er sein thätiges Leben fortsetzte. Die Not war groß, also Gottes Hilfe am nächsten. Nun denkt der Leser, Walther kommt an die Reihe. Gewiß, was waren für ihn zehn Deut, und wenn es selbst zwölf waren! Ich habe die Kinder nicht gezählt und weiß auch nicht, ob die vielen Säuglinge, die noch dabei waren, zur Unterhaltung der Straße beitragen mußten. Aber hätte ich sie auch gezählt und wüßte das alles – wie konnte Walther hier helfen, der noch weit ab war und von der ganzen Sache keine Kenntnis hatte? Glaube mir, wenn Walther in diesem speciellen Falle Gott mit anderthalb Stübern zu Hilfe gekommen wäre, um fünf, sechs Unglückliche zu retten, ich würde es sagen! Wir sind ja zu Sloterdijk. Walther war nicht da, Gott selbst streckte die Hand aus. Er erweckte einen Helfer in Israel, in Gestalt eines kleinen Bauernjungen, der aus dem Dorfe über den Kanal bemerkte, daß bei der Zollschranke etwas los war und seine Entdeckung zwei, drei anderen mitteilte. Diese trieb der Geist, auch kein Geheimnis daraus zu machen, und alles lief hinaus, über die Brücke, nach dem Schlagbaum: Publikum war da! Was kann der Künstler mehr verlangen? »Gott sei Dank!« sagte der Mann und gab Befehl, die Pfähle in den Grund zu schlagen, an denen das Segeltuch ausgebreitet und festgeheftet wurde – ach, so bunt! Ganz Sloterdijk stand erstaunt, und mit Recht. Denn man bekam ja die Geschichte der schönen Genoveva von Brabant zu schauen! Das Tuch war in vier Spalten abgeteilt, und überquer in sieben Reihen. Daß die Sloterdijker von dem Text nicht viel verstanden, machte in der Wirkung nicht viel aus. Die achtundzwanzig farbigen Bilder schrien zu Herzen und sprachen deutlicher als die beiden »Fahrenden«. Und was man auf den Bildern vielleicht nicht gleich begriff, das erklärte die larmoyante Orgel... Keiner unter den Zuschauern hatte auf das Nahen der Schuit geachtet. Ein Wunder war es nicht, denn als sie gerade in Sicht kam, hatte man die Exekution Golos vor, die auf dem dreiundzwanzigsten Felde so deutlich dargestellt war, daß nur wenige keine Gänsehaut davon bekamen, und wer so gefühllos war, hütete sich wohl, es zu sagen. Niemand bedauerte den Bösewicht, und wenn die Slotterdijker Sitz und Stimme im Gericht gehabt hätten, wären die Stückchen, in die er geschnitten wurde, noch viel kleiner ausgefallen. Die chères und die grandes tendresses , die großen Zärtlichkeiten, die Genoveva darauf zu teil wurden, waren auf dem Tuche höchst anziehend dargestellt. Und die Hirschkuh! Gerade als das arme Tier mit dem miracle nouveau , dem neuen Wunder, beschäftigt war, auf dem Grabe Hungers zu sterben, quoi qu'on lui porte , was man ihr auch bringen mochte – zog der Junge mit lautem »Hott!« vorbei, der das Pferd trieb, an dessen Leine das Schiff saß. Die Leine einer Haarlemer Schuit ist wohl achtzig Klafter lang... Ursprung der Freimaurerei. Wie man es anstellen muß, wenn man mit manchen Leuten Bekanntschaft machen will. Der schließliche Erfolg vieler vergeblicher Versuche Die Frau auf der Schuit war gehörig böse. Der Leser wird wissen, daß Einfluß, Macht, Herrschaft, Übergewicht und die von diesen Faktoren größtenteils abhängende Zufriedenheit mit sich selbst dauernd in auf- und absteigender Bewegung sind. Wer an der verlierenden Seite ist, fühlt sich genötigt, sich nach Bundesgenossen umzusehen, und er eröffnet mit einer kleinen Anrede die Präliminarien der Verhandlungen. Die mächtigste Korporation, die jemals bestand, muß angefangen haben mit der Frage: ob es nicht wahr wäre? Aber die Geschichte schweigt über die zahllosen Male, da auf diese Frage keine Antwort erfolgte, oder auch eine Antwort, die weitere Verhandlungen abschnitt und alle Annäherung unmöglich machte. Einem besonderen Zufall nur ist es zu danken, daß ich berichten kann, wie der erste Versuch der Wirtin beantwortet worden ist. Sieh hier, was der Schiffer gesagt hat, als sie, gleich nach ihrem Einsteigen, ein Gespräch anzuknüpfen suchte: »Wissen Sie, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mich nun mal ganz ruhig verhalten! Ich bin hier Herr an Bord, verstehen Sie wohl?« »Nun sehe doch ein Mensch an ... auch noch ruhig sein, und das nach solch einer Beschimpfung!« Mehr hatte sie nicht gesagt, und damit war es für diesmal aus gewesen. Laßt uns die Geisteskraft und die Umsicht bewundern, womit sie nachher die Bequemlichkeit zu Hilfe rief, um den Angriff zu erneuern. Aber wir wissen bereits, daß auch dieser Versuch an der Unabhängigkeit des Charakters gescheitert war, die der tugendhafte Schiffer aus seinem Feuerzeug geschöpft hatte. Es thut uns um die Wirtin leid, aber wir sind nicht undankbar für die Lehre, wie gut es ist, bei gewissen Gelegenheiten eigenes Feuer zur Hand zu haben. Das Weib saß nun, ganz menschenkundig, und lauerte auf eine dritte Gelegenheit. In jedem Küraß sind Ritzen, das wußte sie wohl ... lieber Himmel, Pater Jansen und Walther waren überhaupt nicht geharnischt! Ja, hätte sie bloß mit den beiden zu thun gehabt! Aber der Schiffer war scheußlich öde und steifte sich auf seine Gewalt an Bord, auf seine Tugend, auf seine sechs verheirateten Kinder. »Alle bestens versorgt, Herr Pastor, bestens! Zwei sind bei der Ratswage ... ein hübscher Beruf, Herr Pastor!« Jansen ließ sein Kinn auf die gefalteten Hände sinken, welche auf dem Knopf seines Stockes ruhten, aber er antwortete nicht. Sein Gesicht zeigte Traurigkeit, und die Wirtin achtete genau auf seine Stimmung. Es war schon immerhin etwas, meinte sie, daß sein Schweigen auf geringe Lust, mit dem Schiffer in freundschaftlichen Meinungsaustausch zu kommen, schließen ließ. »Und der dritte ist auf der Armenschule ... als Lehrer, wissen Sie. Das ist einer! Wenn er 'n Wort sieht, fragt er gleich: woher kommt das? Und er weiß es! Nun, ich hab' sie gut aufgezogen, das muß ich sagen. Das Auge auf Gott gerichtet, sage ich bloß immer, und dann ...« Ein Blick nach der Kajüte hin. »... ehrlich durch die Welt! Was sagen Sie, Herr Pastor?« Ach, Jansen sagte wieder nichts, und die Aussichten der Wirtin stiegen ein wenig. Jetzt schien die Reihe an den Schiffer gekommen zu sein, das Bedürfnis nach etwas Entgegenkommen zu fühlen. Der Mann wunderte sich, daß er mit seinem »Gott vor Augen« nicht mehr Anklang gefunden hatte. Er hatte es doch mit einem Geistlichen zu thun, der solche Worte von Berufs wegen hübsch finden mußte. Aber darin täuschte er sich. Im allgemeinen finden es diese Herren gar nicht angenehm, daß die Kunstsprache ihres Faches durch Laien entweiht wird. Sie sind mehr für Sünder als für Seligmacherei-Dilettanten, weil doch ein Kunde mehr wert ist als ein Konkurrent. Diese allgemeine Wahrheit paßte nun zwar nicht auf den guten Jansen, aber die Enttäuschung des Schiffers wurde dadurch nicht kleiner. Seit dreißig Jahren verkündigte er diesen Hauptgrundsatz zweimal des Tages – bis auf den seltenen Fall, daß er keinen einzigen Fahrgast im Boote hatte – und noch nie war seine höchst merkwürdige Maxime angehört worden, ohne ihm ein salbendes: »Ja, ja, Schiffer, darin haben Sie wohl recht!« einzubringen. Das gehörte zu den Einkünften seines erhabenen Berufes, und dieser Pastor saß da schweigend und starrte auf seine Nase! Sogar für das diesmal gerade recht passende »ehrlich durch die Welt« hatte dieser langweilige Fahrgast kein zustimmendes Wörtchen, kein Kopfnicken. Da mußten andere Laufgräben in Angriff genommen werden: »Ja, ja, Gott vor Augen sage ich bloß. Nun, unser Christian ... denn er heißt Christian nach seiner Großmutter, weil die auch Christiane hieß – ist 'n famoser Bursche. Es war eigentlich meiner Frau Mutter ... auch 'ne brave Frau, das kann ich Ihnen getrost sagen, Herr Pastor! Sie ist tot, sonst ... Jan, laß mal die Leine 'n bißchen schleppen, bis der Bagger vorbei ist,« Jan that, wie ihm geheißen war. Gerade nötig war es nicht, aber der Schiffer fand die Gelegenheit günstig, etwas von seiner Seemannschaft zu zeigen. »Ja, Herr Pastor, so bin ich. Ich hab' immer gern 'n bißchen Spielraum in der Leine, wenn Gedränge ist. Der Mensch muß auf seine Sachen passen, und ... Gott vor Augen! Dann geht's. Hol wieder ein, Jan. So hab' ich sie aufgezogen, alle sechs. Und unser Christian sagt – denn er ist 'n Schlaukopf –: sag' mal, Vater, warum nennen dich die Menschen denn Haarlemer Schiffer? Na, ich dachte mir gleich, daß etwas dahinter steckte, aber ich konnte nicht raten, wo es saß, denn gelehrt bin ich, rundheraus gesagt, nicht. Aber meine Arbeit verstehe ich wie der Beste ...« Wahrscheinlich um Jansen einen Beweis davon zu geben, beauftragte er nun den Knecht, das Deck des Kahns, welches mit Teer und gestampften Muscheln beschmiert war, mit Wasser zu befeuchten. »'n paar Eimer bloß, Herr Pastor, denn sehen Sie, sonst klebt es so, wenn den ganzen Tag die Sonne drauf steht. Und meine eine Tochter – Jansje heißt sie, weil sie eigentlich nach mir genannt ist, denn ... ich heiße Jan – nun, die ist verheiratet mit'm Buchbinder. Die hat nun auch schon ihre vier ... alles Mädchen. Und die zweite ist froher Hoffnung, denn ihr Mann ist aufm Comptoir bei den Steuern. Da werden alle Schweine gewogen ... von der Stadt, wissen Sie?« »Aber, M'neer,« wagte Walther zu fragen, »warum soll man Sie nicht Haarlemer Schiffer nennen?« »Ja, nicht wahr, das ist 'ne Frage! Ja, das ist 'n Schelm, das sollst du hören. Und alles so trocken weg. Er sagt: – aber sage, bist du mal in Haarlem gewesen?« Ob Walther da gewesen war? »Sonst kannst du's nicht so gleich verstehen. Aber ich wollte Herrn Pastor von meiner dritten Tochter erzählen. Die wohnt in der Langstraat, und ihr Mann hat 'n Laden, und darum verkaufen sie alles. Es ist sozusagen 'n Krämerladen, aber Leichenbitter ist er auch und bedient den Begräbnisfonds, und das bringt immer was ein. Wie neulich ihr Jüngstes gestorben ist, haben sie aus ihrer eigenen Büchse zwanzig Gulden gehabt. Und nun ist die mittelste auch krank, 'n Mädchen, Herr Pastor, mit krummen Beinen und überhaupt miekerig. Ja, 's geht ihnen bestens. Sie will immer, ich soll mich zur Ruhe setzen, weil ich in die Jahre komme, ... sie heißt Pietje, weil sie nach meinem Vater genannt ist, der hieß Piet. Und sie will, ich soll mit Arbeiten aufhören, weil ich schon in die Jahre komme, M'neer Pastor, und schon so viel durchgemacht habe. Aber ich sage bloß immer: so lange mir Gott noch Kraft giebt...« So lange wollte er sieben Stunden täglich in diesem Stuhl am Steuer sitzen und noch mehr erleben und Haarlemer Schiffer bleiben, oder wie er nach seinem Witzbold von Sohn genannt werden mußte. »Ein Mensch muß auf seinem Posten bleiben nach Gottes Willen, Herr Pastor. Das hab' ich meinen Kindern immer vorgehalten, und darum geht's ihnen auch gut.« »Aber, M'neer, warum soll man Sie denn nicht Haarlemer Schiffer nennen?« »Richtig, da kommst du auf den wahren Punkt von der Sache. Ja, er sagt – aber 's ist 'n Schelm, wirst sehen – Vater, sagt er, wenn du die Hälfte hinter dir hast, wirst du Amsterdamer Schiffer! Ist auch wahr, sagt' ich, und ich hatt' nie dran gedacht. So siehst du, der Junge weiß es besser. Aber ... Gott vor Augen, das ist allemal das beste. Na ja, die Hälfte vorbei – wenn du hier in der Gegend bekannt bist, wirst du's selber sehen – dann komm' ich, sozusagen, von Amsterdam, und hier gehen wir noch immer nach Haarlem. Wie findst du das? Und er ist knapp siebzehn!« Walther lächelte eben aus Gutmütigkeit, aber weiter konnte, er es nicht bringen. Daß der Versuch des Schiffers, mit Pater Jansen ins Gespräch zu kommen, nicht glücken konnte, spricht von selbst. Das wäre genau so gewesen, wenn die mitgeteilten Witze auch geistvoller gewesen waren, denn der gute Mann repetierte seinen theologischen Kursus. Er überdachte, ob etwas Gutes gethan werden konnte und was? Geistliche Hoffart war ihm vollständig fremd, aber als anständiger Mensch fühlte er doch einen instinktmäßigen Abscheu vor dem Weibe, das er doch hätte ansprechen müssen, wenn er sich des Schicksals der beiden Mädchen annehmen wollte. Das hielt er in seiner Naivetät für seine Pflicht und ... sie wußte es! Sie wußte, daß nur ein passender Anlaß nötig war, um ihn zum Sprechen zu bringen. Ohne große Zustimmung haben wir ihn versichern gehört, daß auf dem Seminar so viel Menschenkenntnis zu erwerben wäre, aber wir dürfen diese Eigenschaft gewiß den vielen Seminaren zuerkennen, welche diese Wirtin von Jugend auf besucht hatte, und welche sie nach vollendetem Studium in reiferen Jahren selbst geleitet hatte. Mit Witzchen war dem ernsthaften Pastor nicht beizukommen, das fühlte sie wohl. Mit aufdringlicher Freundlichkeit ebensowenig. Den Weg zu seinem Gemüte ... sie hatte es! »Das kann ich nicht mit ansehen,« rief sie, »das schreit ja zum Himmel! Schiffer, legen Sie doch mal an und nehmen Sie die armen Leute in die Schuit. Ich stehe für die Bezahlung.« »Ich kann's nicht abschlagen,« sagte der Schiffer, der Jansen ansah, als ob er sich entschuldigte, »Geschäft ist Geschäft, das wird der Herr Pastor wohl auch wissen.« Er rief dem Führer des Pferdes zu, zu halten. Die Leine platschte ins Wasser, die Schuit wurde ans Ufer gesteuert. Die Wirtin, die aus der Kajüte auf Steuerbord gestiegen war, rief und winkte der sich abquälenden Orgelfamilie zu, die nach einiger Aufklärung über die unerwartete Freundlichkeit in den Kahn aufgenommen wurde. »Setzt euch nur recht gemütlich und bequem hin, liebe Menschen, und ruht etwas aus. Ich stehe für die Überfahrt ...« Und sie sah Jansen an: »Na ja, nicht wahr? Man muß seinen Nebenmenschen 'n bißchen helfen in der Welt?« Das war das dritte »Nicht wahr?« und das beste. Jansen antwortete zwar nicht sofort, aber er sah sie doch freundlich an, und als sie darauf neben ihm Platz nehmen wollte, überschritt der Raum, den er ihr machte, nicht die Grenze, welche das Wohlwollen in solchen Fällen vorschreibt. Die Wirtin gönnte sich die Genugthuung, dem Schiffer einen triumphierenden Blick zuzuwerfen. »Seid nur fröhlich auf der Schuit! Bravo!« rief sie, als die Töne der Drehorgel sich hören ließen. »Ja. Herr Pastor, ich bin sehr für Fröhlichkeit, und nun kann der Mann doch sitzen bei seiner Arbeit, Es war ja nicht anzusehen, nicht wahr?« »Ja, Jüffrau, so 'ne Orgel ist 'ne gehörige Last.« »Und die arme Frau mit all ihren Würmern von Kindern!« Beide, Pastor Jansen und die Frau aus Haarlem, waren ersichtlich der alttestamentarischen Ansicht, daß der göttliche Segen sich ganz speciell an der Zahl der Kinder abmessen laßt, mit der ein Menschenhaß sich erlaubt, Welt und Gesellschaft zu beschweren. Daß in unangebrachter Fruchtbarkeit etwas Schändliches, etwas Verbrecherisches liegen kann, der Gedanke kam in den naiven Seelen nicht auf. Es existieren auch jetzt noch fromm scheinende, zurückgebliebene Menschen, die in solchen »armen Würmern« einen Sporn zu erblicken glauben, mit den Taugenichtsen, die diese Geschöpfchen ins Leben stießen, Mitleid zu haben. Wir wollen deshalb nicht allzu tief auf Pater Jansen herabsehen, wenn er in seiner Antwort zu erkennen gab, daß er das Argument der Wirtin rührend fand. Denn das that er. »Ja, gewiß, es ist um Mitleid damit zu haben. Aber ...« Was hinter dem »Aber« folgen sollte, wußte er selbst nicht recht. Ganz unwillkürlich fühlte er den Trieb zu irgend einem Protest gegen ihre Befugnis, ein Gefühl zu zeugen, das gut war oder das er für gut hielt. Die schlaue Katze, gewarnt wahrscheinlich durch einen eigenen Ausdruck auf seinem Gesicht, merkte etwas von der feindlichen Tendenz, die sich da schamhaft offenbarte, und traf ihre Maßregeln: »Ach, Herr Pastor, ich kann meinen Nebenmenschen nicht leiden sehen. Wenn ich nicht das Haus so voll hätte, ... sehen Sie, ich nähme wahrhaftig gern eins von den armen Dingern zu mir, und wäre es der kleine Junge da, der auf der Orgel sitzt.« »He!« riefen Jansen und Walther gleichzeitig. »Ja, M'neer, ja, junger Herr, so bin ich, wahrhaftiger Gott!« »Aber, Jüffrau!« »Ach, Herr Pastor, mancher Mensch ist nicht so, wie er aussieht. Ich hab' immer meinen Nebenmenschen geholfen, das hab' ich. Da haben Sie die zwei Mädchen, da vorne im Schiff! Was ist? Die eine hat keine Mutter, keinen Vater, keine lebendige Seele ... niemals gehabt, Herr Pastor! Was thut sie? Sie läuft zum Skandal auf der Straße herum. Sie hatte, sozusagen, kein Hemde aufm Leibe. Was hab' ich gethan? Ich hab' ihr Kleider gekauft, für dreißig Gulden Kleider, Herr Pastor! Und die andere? Na, die hat 'ne Mutter ... Gott besser's! Lieber gar keine, sage ich. Sie schickt ihr Kind auf die Straße, den Jungens nachzulaufen, den Jungen und den Herren. Na, 's sind Herren danach! Und von dem Sündenlohn will ihre Mutter das ihre haben! Ich frage Sie, Herr Pastor, was soll aus'm Mädchen werden, das sich auf der Straße herumtreibt?« Der arme Jansen war verblüfft und nicht genug in die Geheimnisse des Geschäfts eingeweiht, um gleich zu wissen, was da zu antworten war. Die Frau fuhr fort: »Da hat sie mir 'n Brief geschrieben ... ob sie 'n selbst geschrieben hat, weiß ich nicht, aber sie fragt, ob ich nicht in Haarlem 'ne nette, anständige Stelle für sie wüßte bei ruhigen Menschen, und ... und ... und 'n bißchen Vorschuß möcht' sie auch ... wie's in solchen Fällen geht. Und was thu' ich? Ich schick' ihr zehn Dukaten. Zehn Dukaten, Herr Pastor! Und nun ich komme, sie holen – na ja, von meinem Verlust kann ich nicht leben – was geschieht? Die Menschen schimpfen mich aus!« Hier fing die edle Frau an, sehr rührend zu weinen. Walther sah sie bewegungslos und mit offenem Munde an, Jansen war ganz verwirrt. Aus der Schuit klangen ein paar Klänge von dem französischen Gesang. Der Schiffer richtete seine Augen ... immer auf Gott, natürlich, aber im besonderen jetzt einmal auf die Wolken, dann wieder auf den Nagel seines linken Daumen, was wohl heißen sollte, daß die Geschichte ihn nichts anging. Mit allerlei Geschwätz brachte die Wirtin es dahin, daß der Pater sie aufforderte, die Reise nach Haarlem nicht mit den beiden Mädchen fortzusetzen. »Er möchte sie einmal sprechen,« sagte er, und sie hatte nichts dagegen. Daraus ergab sich, daß Jansen, Walther, die Wirtin und ihre beiden Schützlinge auf das Vergnügen verzichteten, auf dem halben Wege zuzusehen, wie der Haarlemer Schiffer sich in einen Amsterdamer Schiffer verwandelte. Sie wünschten ihm gute Reise und nahmen zusammen an der Wirtshaustafel des gastfreien Hauses »Ter-Hart« Platz, wo Walther wiederum seine Predigt über die Sparsamkeit nicht los wurde. Arme Stine! Die Wirtin kam eine volle Schiffstour später heim, als sie gedacht hatte. Vor ihrem Abzug vom Hause »Ter-Hart« hatte sie noch zugesehen, wie Jansen, Walther und die beiden reuigen Kaatjes den Pfad der Tugend einschlugen, das war – in diesem speciellen Falle, und ohne die mindeste Verbindlichkeit für die Zukunft – der langweilige Straßenweg nach Amsterdam ... Um des Himmels willen, wir wollen doch hoffen, daß Jansen nicht die Absicht hat, Stine diese beiden Geschöpfe zuzuführen? Hier schließt Dekker-Multatulis Erzählung von den Schicksalen des kleinen Walther Pieterse. Der letzte Band der »Ideen«, aus welchem Werke die Geschichte Walthers entnommen ist, erschien 1877. Dekker hatte die Absicht, die Geschichte Walthers in einem weiteren Ideen-Bande fortzusetzen. Er hatte sogar von der Uitgevers-Maatschappij Elsevier, die im Jahre 1881 das Verlagsrecht von seinem früheren Verleger, Funke, übernommen hatte, sich daraufhin einen Vorschuß von 2000 Gulden geben lassen, für den er Manuskript liefern sollte, Er hat nicht Wort gehalten, und der Vorschuß ist später auf andere Weise getilgt worden. Als er, um sich wieder hineinzuarbeiten, die älteren Bände vornahm, überkam ihn eine solche Bitterkeit gegen sein Publikum, daß er nicht arbeiten konnte. So erzählt seine Witwe. Es haben aber auch andere Momente mitgespielt. In einem beinahe gleichzeitigen Briefe beklagt sich Dekker, daß man immer annähme, er schreibe in Walther Pieterse seine eigene Jugendgeschichte, Dann wäre ja die Jüffrau Pieterse seine Mutter! Dagegen giebt er zu, daß die Phantasien Walthers über das afrikanische Königreich aus seinen eigenen Jugendschwärmereien stammen. Außerdem hatte er in jener Zeit eine große Enttäuschung erlebt. Ein holländisches Komitee sammelte einen »Hüldeulijk« für ihn, eine Ehrengabe, die über recht kläglich ausfiel und mit allerlei demütigenden Nebenerscheinungen verknüpft war. Und es hat wohl noch mehr Widriges gegeben, was wir nur ahnen können. Es wäre sonst zu sonderbar, daß der schreiblustige Mann bis zu seinem 1887 erfolgten Tode nichts mehr produziert hat. Jedenfalls ergiebt sich aus den Angaben seiner Witwe, daß er ohne festen Plan gearbeitet hat; vielleicht wußte er zur Zeit selbst noch nicht, wie die Geschichte weiter gehen sollte. Außerdem ist anzunehmen, daß die beabsichtigte Fortsetzung recht umfangreich werden sollte. In seinem Nachlasse hat sich indessen nichts davon gefunden. Der hier angefügte kurze Schluß stammt von einem Verehrer der Muse Dekker-Multatulis her und sucht den Band »Walther in der Lehre« zu einem Abschluß zu bringen, der mit dem Vorhergehenden konform geht und dem Leser gestaltet, wenn auch mit Bedauern, von dem Helden Abschied zu nehmen. Der falsche Weg und der richtige. Unsere beiden Freunde trennen sich und ziehen in entgegengesetzter Richtung auf Abenteuer ans. Wir gehen bloß mit dem einen mit. Es war entschieden eine verfehlte Sache. Zu dieser Ansicht gelangten bald alle die vier Personen, die nach ihrem Abzüge vom Hause »Ter-Hart« den langweiligen, staubigen Weg nach Amsterdam hin marschierten. Die Sonne stach heiß hernieder, und ein leichter Windhauch reichte gerade aus, um die Luft mit einer feinverteilten Staubmasse zu füllen, die sich auf Gaumen und Nase legte, aber nicht, um eine bemerkbare Abkühlung hervorzubringen. Da war es auf dem Wasser doch gemütlicher gewesen, wo man sich nicht anzustrengen brauchte, und wo auch wenigstens etwas für Unterhaltung gesorgt war. Hier wollte kein rechtes Gespräch in Fluß kommen. Pater Jansen, der unterwegs eine gemütliche Unterhaltung sehr liebte, merkte sehr frühzeitig, daß er sich mit ganz verschiedenartigen Elementen der Gesellschaft umgeben hatte. Er hätte gern den beiden Kaatjes einige Worte über tugendhaften Lebenswandel gesagt, und das wäre gewiß auch gut angebracht gewesen – ob es genützt hätte, war eine andere Frage – aber diese Predigt war in Gegenwart Walthers, das fühlte er, nicht recht am Platze. Er fürchtete mit Recht, daß der Knabe wohl mit Interesse zugehört hätte, aber was er, der Pater, möglicherweise auf der einen Seite gebessert hätte, hätte er ebenso leicht auf der anderen Seite verdorben. Dazu kam, daß ihm doch berechtigte Zweifel aufstiegen, ob er wirklich berechtigt gewesen sei, in der Weise in das Schicksal der beiden Geschöpfe einzugreifen, wie er es gethan hatte. Allerdings ging die Rettung zweier Menschenseelen der einer Jacke und eines Hutes vor, das war unbestreitbar, aber ... aber... So schritt er nachdenklich und schweigend fürbaß. Die beiden Mädchen waren gar enttäuscht. Statt eines Lebens in Freude und Abwechslung, wie sie es zu erwarten berechtigt waren – waren sie durch ihre Haarlemer Freundin plötzlich im Stiche gelassen und einem allerdings ehrwürdigen, dafür aber gewiß langweiligen Pastor übergeben worden, der wer weiß was mit ihnen im Schilde führte! An unterirdische Folterkammern und ähnliche Roman-Requisiten dachten sie freilich nicht; das aber war ihnen klar, daß von Genever mit Zucker wohl auch keine Rede sein würde, ebensowenig wie von den anderen Herrlichkeiten, die ihrer auf der Haarlemer Kirmes warteten. Unzufrieden war auch Walther. Dieselben Gründe, die den Pater abhielten, mit den beiden Mädchen ein lehrreiches Gespräch anzuknüpfen, hinderten diesen augenscheinlich, sich mit Walther auf die gewohnte Art zu unterhalten, und Walther selbst wagte es infolge der neuen Situation auch nicht, etwas Derartiges anzuregen. So war er denn seinen eigenen Gedanken überlassen. Und die waren traurig genug. Die Begeisterung des Retters, der sich das Verdienst zuschreiben konnte, durch sein Zureden – trotz Stines Auftrags und seines feierlichen Versprechens, den Pfarrer zu einem Einschreiten für die Mädchen veranlaßt zu haben, schwand bald, je mehr er daran dachte, daß jeder Schritt ihn seiner Vaterstadt wieder näher brachte – derselben Stadt, die er heute früh erst in seinem närrischen Aufzuge nicht zu betreten gewagt hatte! In diesem närrischen Aufzuge war er ja noch, und er hatte den Verdacht, daß es unter jetzigen Umständen verfehlt sein würde, umzukehren und allein nach Haarlem zu gehen. Denn Pater Jansen hatte sich von ihm das Beutelchen mit den noch übrigen neunzehn Reichsthalern aushändigen lassen, als er mit der Wirtin und den Mädchen im Wirtshause angekommen war, und dann hatte er Walther auf eine Zeit in den Garten geschickt ... um ihn der geschäftlichen Abwicklung nicht beiwohnen zu lassen. Er war auch gern gegangen, um nicht durch seine Anwesenheit hinderlich zu sein ... aber wie gesagt, die Stimmung schlug jetzt um. Die Sorge um seinen Einzug in Amsterdam und die weitere Sorge, was dann aus ihm werden sollte – er sollte ja dann sofort zu Holsma, zu der vornehmen Doktorsfamilie, in dieser gräßlichen Jacke, die sogar die einfache Frau Claus in Schrecken setzen konnte – das alles trat jetzt in den Vordergrund. Er fühlte, daß er schuld war; hatte er doch den widerstrebenden Pastor schon an der Abfahrtsstelle veranlaßt, seine Zustimmung zu einer ... Dummheit zu geben. Aber wie klein ein Held werden kann, wenn er sich schuldig fühlt! Hatte nicht Pater Jansen, der so viel älter und erfahrener war, Nein sagen müssen? Hätte er nicht dem Drängen des Knaben widerstehen sollen? Die Schuld des Unangenehmen sucht man gern auf andere abzuschieben, während man sich das Verdienst an Dingen, die gut gehen, mit Vergnügen zueignet. So ist es ja auch in größeren Verhältnissen. Geht es dem Vaterlande gut, so ist der Monarch ein guter, weiser, umsichtiger Herrscher und womöglich ein Held; klappt es aber nicht, so taugen natürlich die Minister nichts ... oder das Volk. Gewiß, dachte Walther so vor sich hin, dieser Pastor ist ein guter Mann und ein tapferer Mann, der Scheunenthüren einschlägt, außerdem ist er Femkes Freund? aber hätte er nicht ein wenig mehr an ... seine nächstliegende Pflicht denken können! An die nächstliegende Pflicht, die ihn nach Haarlem führte, um dem Kleiderjuden die für Amerika bestimmten Kleidungsstücke Walthers wieder abzujagen! Hatte nicht die Prinzessin das Geld dazu bestimmt? Hatte Stine nicht ... doch, leider, davon wußte ja Pater Jansen noch nichts! Wir sehen, daß in Walther sich der Egoismus regte, in einer Art, wie er ihn bisher nicht gekannt hatte. Das trotzige Aufflammen tags zuvor bei den Kopperliths war der erste Notschrei einer getretenen, ewig zurückgesetzten Menschennatur gewesen ... er machte Fortschritte! Und waren denn nicht auch seine Ritter, die er so gern als Vorbilder seiner Handlungen verehrte ... gewiß, durch Nacht und Nebel waren sie gesprengt, durch Gestrüpp und Sümpfe, um das Schloß zu erreichen, das den Feind und die geraubte Holde beherbergte, mit Räubern und Ungetümen hatten sie gefochten, wochenlang kein warmes Bett gesehen – aber stets in glänzender Rüstung, mit höchstens einigen ehrenvollen Beulen, mit wehendem Haarbusch, mit feingesticktem Wappen auf der Binde und der Schabracke. Nirgends hatte er gelesen, daß einer seine Selbstlosigkeit so weit hatte treiben müssen, um in einer Gewandung oder Rüstung einzureiten, über die die Knappen gelacht hätten und die Damen errötet wären. Und das um dieser Mädchen willen, die doch gewiß keine Damen im Rittersinne waren! Da haben wir es! Es war das nicht das erste Mal, daß die schlechten Ratschläge, die Ränke eines falschen oder thörichten Mönches einen Helden in Gefahren und Ungelegenheiten brachten, wenn es auch keinem Helden bisher so scheußlich gegangen war wie Walther. Ei, ei, Walther, bist du schon so weit? Ach nein, er kam davon zurück. Er hatte ja auch Schuld. Ein Seitenblick auf Pater Jansens gutmütiges, wenn auch ernstes Gesicht brachte ihn wieder zu gerechterer Beurteilung. Ein paarmal machte er den Versuch, durch einen Meinungsaustausch mit dem Pater die Sorgen, die ihn drückten, zu klären, aber es ging ihm wieder so wie auf dem Herwege, als er seine Predigt über die Sparsamkeit anbringen wollte. Er begann mit »M'neer...« und wenn dann der Pater fragte: »Was ist, junger Herr?« dann entsank ihm der Mut, und er machte eine Bemerkung, wie: daß die Sonne heiß brenne, oder daß der Orgeldreher ein Franzose gewesen sei, oder daß dieser oder, jener Vorübergehende jedenfalls auch nach Haarlem wolle. Eine Wolke Staubes näherte sich ihnen. Sie wurde größer und größer, aber auch heller, und man unterschied ein Pferd und einen Kutscher ... war es die Britschka von »Papa«? Walther begann zu zittern, als das Gefährt sich näherte, und er wendete den Blick zur Seite, als es sie beinahe erreicht hatte und einen kleinen Bogen schlug, um auszuweichen ... Ein energisches »Halt!« wurde gehört, die Kutsche hielt – unwillkürlich standen auch unsere Wanderer still und blickten hin – Doktor Holsma! »Guten Tag!« rief dieser fröhlich aus dem Wagen heraus und öffnete den Kutschenschlag, »Fahren Sie ein Stückchen weiter, da wo etwas Schatten ist, und warten Sie.« Diese Weisung galt natürlich dem Kutscher, der denn auch Folge leistete, sobald der Doktor den Erdboden erreicht hatte. »Guten Tag, Herr Pastor! Ich bin Doktor Holsma, wir haben uns wohl gelegentlich einmal bei Frau Claus gesehen, die eine Base von mir ist ... flüchtig ... nun, es macht nichts. Ich dachte, Sie wären längst in Haarlem ... Frau Claus sagte mir ...« Die Gute! dachte Walther. Sie denkt doch an alles! Jetzt hat sie uns den Doktor nachgeschickt ... es war auch nötig. »'n Tag, Junge ... lange nicht gesehen! Siehst ja gut aus! Mensch, willst du unter die Walfischfänger gehen, mit der Jacke? Und was du für einen tollen Hut aufhast! Na, schäm dich nicht, weiß schon ... von Frau Claus, die bei mir war. Ein wahres Glück, daß der Mensch Ohren am Kopfe hat, sonst ging dir der Deckel bis auf die Schultern ...« Der Mann lachte aus vollem Halse. Es war ein ganz natürliches Lachen, aber er that sich auch keinen Zwang an. Offenbar hatte er nichts dagegen, wenn Walther die ganze Sachlage auch etwas humoristisch auffaßte. »So ... na ... komm mal her und gieb mir die Hand... brav gewesen? Nun, später! Aber Sie sind ja nicht nach Haarlem unterwegs, sondern nach Amsterdam, Herr Pastor! Wollte der Jude nicht? Aber nein, Sie können ja noch gar nicht da gewesen sein!« Jetzt war die Reihe an Pater Jansen, verlegen zu werden. Er warf einen Blick auf die beiden Mädchen, dann auf Walther, sah dann den Doktor an, räusperte sich, spuckte in den Staub, daß die Kügelchen rollten ... zog dann sein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn, wobei er den Stock fallen ließ, den Walther sofort aufhob... Endlich trat er entschlossen auf den Doktor zu, packte ihn am Arm und führte ihn ein Stückchen von den anderen ab. Diese verstanden wohl, daß sie nicht folgen sollten, begleiteten aber die beiden Herren aufmerksam mit den Blicken. Über Walther kam eine wunderbare Ruhe. Der Doktor war da, nun konnte es nicht mehr schlimm kommen, der hatte ja bisher immer Rat gewußt. Die beiden Mädchen aber beobachteten die beiden eifrig Gestikulierenden, wie sie so dorten hin und her wandelten, mit besonderem Interesse. Sollten sie wieder verkauft werden? Nun, wenn schon! Dieser lustige Doktor, mit seinem eigenen Fuhrwerk, das war schon etwas Besseres als der langstielige, schweigsame Pfaffe, der da mit zerrissenen Stiefeln durch das bestaubte Vaterland marschierte, als wäre das der eigentliche Zweck des Menschen. Vielleicht war der Doktor auch ein Liebhaber von Genever mit Zucker, und ... sein Kutscher sah ja auch immer so unternehmend herüber ... ihr Eintritt in die große Welt war gar nicht schlecht! Diese Haarlemer Frau hatte ihnen doch nicht zu viel gesagt. Der Doktor schien freilich in Amsterdam zu Hause zu sein, nicht in Haarlem ... aber Amsterdam ist ja auch eine ganz hübsche Stadt... Die Unterredung dauerte geraume Zeit. Wenn die Herren auch außer Hörweite waren, d. h. wenigstens so weit entfernt, daß man der Unterhaltung nicht folgen konnte, so waren doch die Bewegungen nicht uninteressant. Man konnte beobachten, wie der Doktor allmählich stiller und ruhiger wurde, während der Pastor sich in einigen Eifer zu reden schien, dazwischen aber sich auch hin und wieder verlegen hinter dem Ohr kratzte, während der Arzt ihn von der Seite ansah... Endlich kamen die beiden wieder zu der wartenden Gruppe zurück. »Walther, du wirst wohl jetzt mit mir nach Haarlem fahren wollen ... steige ein ... ich denke, wir haben Geschäfte da... leben Sie wohl, Herr Pastor, und gute Reise. Es bleibt also dabei, Sie besuchen mich heut abend, nachdem Sie sich ein wenig ausgeruht haben. Auf Wiedersehen!« Mit diesen Worten reichte Holsma dem guten Pater die Hand, und ohne die beiden enttäuschten Kaatjes auch nur eines Blickes zu würdigen, stieg er in die Kutsche und winkte Walther, der sich erst noch von Pater Jansen verabschiedete und auch vor den Mädchen höflich den Hut abnahm. »So ... nun lege nur deinen närrischen Hut ab. Hier in dem Wagenkasten, da unter dem Rücksitz ... mache einmal auf ... da wird eine Reisemütze liegen ... sie wird dir wohl auch ein wenig zu groß sein ... aber in der Not frißt der Teufel Spinnen, wenn er keine Fliegen haben kann. Nun, mein Junge, setze dich her zu mir – vorwärts, nach Haarlem, Jan! – und erzähle mir ... du wolltest doch zu mir kommen. Sein Versprechen muß man immer halten, wenn es auch manchmal unangenehm ist. Merk dir das! Also erzähle mir, wie es dir ergangen ist ... du siehst nicht gut aus ...« Walther erzählte. Man kann sich wohl denken, daß er ein schlechter Erzähler war. Über nichts kann man in jungen Jahren so schlecht urteilen, wie über sich selbst und seine eigenen Verhältnisse. Walther hatte gewiß, besonders seit gestern, das Gefühl, daß seine Lehrherren minderwertige Menschen waren, aber es fehlte ihm die Weltkenntnis, die nötig ist, um solche Menschen durch Vergleich mit anderen richtig abzuschätzen. Er hatte auch die Empfindung, daß seine Behandlung in der Lehre und seine Verwendung zu allerlei unwürdigen Dienstleistungen nicht das Richtige wäre, aber es war sehr schwer, sich klar zu werden, wie es eigentlich sein müßte, da er doch nichts anderes kannte. Aber der Doktor war ein guter Zuhörer, und ein guter Zuhörer ersetzt den guten Erzähler, wie auch ein guter Leser einen guten Autor ... Holsma verstand es, durch kleine Fragen den Knaben immer wieder anzuregen, wenn ihn eine Begebenheit verlegen machte, ob er sie wohl erzählen solle, oder ob sie vielleicht zu minderwertig sei, oder ob es sich aus anderen Gründen empfehle, sie zu verschweigen. So erfuhr Holsma, was er wollte: Thatsachen, Ereignisse – die Kritik machte er sich dann schon selber. Auch die Vorgänge des gestrigen Tages ließ er sich noch einmal vorführen, obwohl er schon das meiste davon durch Frau Claus erfahren hatte, und er hörte das alles mit freundlichem Lächeln an. Diese Familie Kopperlith schien ihm sogar unbändigen Spaß zu machen. Auch fragte er genau nach der Adresse des Kleiderjuden. Wieder zog Walther seine Adreßkarte hervor, und der Doktor reichte sie dem Kutscher. Von den Ereignissen des heutigen Tages aber wollte Holsma offenbar gar nichts wissen. Als Walther bei der Prinzeß Erika angelangt war, unterbrach ihn der Doktor mit den Worten: »Nun ja, also wir wollen nun einmal zunächst sehen, was in Haarlem zu thun ist. Übrigens ... hast du Hunger? Wir können da auch etwas frühstücken ... währenddessen ... hm ... nach Amsterdam kommen wir noch früh genug.« Und dann fing er an, von seinen eigenen Kindern zu erzählen. Willem würde nächstens ein Examen zu machen haben und dann Student werden, und Sietske war sehr gewachsen, auch Hermann war vergnügt und guter Dinge. Alle hatten oft nach Walther gefragt, den sie seit jenem denkwürdigen Theaterabend nicht mehr gesehen hatten ... und dann kam der Doktor auf jene Zeit zurück, und da gab es ja vielerlei, was einen jungen Menschen in Walthers Jahren interessieren konnte, und worüber sich beruhigend plaudern ließ. Was Walther bei seiner zweiten Anwesenheit in Haarlem erreichte, und was für überraschende Aufschlüsse er auf der Rückfahrt bekam. Wunderbare Natürlichkeiten im menschlichen Leben So fuhren sie nach Haarlem herein, und der Kutscher hielt vor dem bezeichneten Hause, das Walther jetzt zum drittenmal sah. »Nun wollen wir aussteigen und mit diesem guten Manne ein Wort reden,« sagte Holsma und trat in den Laden. Der Jude bekam einen Schreck, als er seinen Kunden von gestern mit einem sehr würdevoll aussehenden Herrn eintreten sah. Der Doktor eröffnete ohne weiteres die Verhandlungen. »Sie haben gestern diesem jungen Manne eine schöne neue Jacke und einen ebensolchen Hut abgekauft, zu seinem sonstigen Anzuge passend. Ich möchte diese Kleidungsstücke kaufen.« »Sie wollen kaufen ... die Jacke ... und ...« »Ja, die Jacke und den Hut, die gestern noch diesem jungen Herrn gehört haben, die will ich kaufen. Er sagt mir, daß er sie an Sie verkauft hat für sieben Gulden und achtzehn Stüber ... ich will die Sachen kaufen ...« »Diese Sachen...« »Ja doch... Herr, ich will sie kaufen. Wundert Sie das? Nicht für mich, sondern für den jungen Herrn da. Fällt Ihnen das auf? Denken Sie, er hat heute Geburtstag, oder 's ist Weihnachten, oder was Sie sonst wollen ... aber bitte, etwas schnell, wenn Sie mit uns ein Geschäft machen wollen, wir wollen noch weiter. Entschuldigen Sie gütigst.« »Diese Sachen ... habe ich nicht mehr ... sind schon verkauft ...« stotterte der Jude, der irgend eine Gefahr witterte, wenn er auch nicht wußte welche. »So? schon verkauft?« sagte Holsma ganz ruhig, während Walther zitterte. »Verkauft? an wen? vielleicht läßt der jetzige Besitzer sie uns ab. Es liegt uns dran ...« »Soll ich wissen? Kommen viel Leute in meinen Laden. Kann ich jeden nach 'm Namen fragen? Hab' den jungen Herrn da auch nicht gefragt!« »Sehr schade, sehr schade. Walther, geh doch einmal auf die Straße und sieh dich nach dem Polizei-Bureau um, oder nach dem nächsten Polizisten. Gieb ihm diese Karte und führe ihn hierher. Sie gestatten wohl, daß ich so lange hier warte; sonst kann ich auch vor der Thür warten. Ich setze mich in meinen Wagen.« »Wie heißt Polizei? Was soll Polizei? Hab' ich die Sachen nicht ehrlich gekauft? Hab' ich ihm die Sachen nicht ehrlich verkauft, die er sich ausgesucht hat?« »Nein, das haben Sie nicht!« sagte Holsma ganz ruhig. »Sie haben den Knaben betrogen. Übrigens gehörten die Sachen gar nicht ihm. Denken Sie, der Knabe hatte die Sachen vielleicht gar gestohlen ... was denn?« Walther wurde unruhig, aber Holsma trat ihn auf die Fußspitzen. »Haussuchung? bei mir! Polizei!« schrie der Jude. »Ja gewiß. Also marsch, Walther!« sagte Holsma. »Nein, nein, die Schande! Und der Schaden! Alles werden sie durchsuchen, alles werden sie ruinieren. Nichts werden sie finden, aber die Nachbarsleut' werden sagen ... Warten Sie, vielleicht ist die Jacke und der Hut doch noch da: vielleicht waren's bloß ähnliche Stücke, was ich habe verkauft. Sie wollen Sie kaufen ... kaufen?« »Kaufen!« sagte Holsma. Der Jude, der eine Haussuchung gewiß fürchtete, wenn ihm auch die Geschichte von dem Diebstahl nicht einleuchtete, begann zu kramen und zu suchen. Als er sich offenbar Mühe gab, nicht oder nicht bald zu finden, sah Holsma nach der Uhr und räusperte sich ungeduldig. »Hier sind die Sachen. Ich denk', sie sind's, und 's sind nicht die, was ich verkauft hab' heut in aller Früh'. Sehen Sie nach, junger Herr, ob's ist Ihr Hut und Ihre Jacke?« »Ja!« rief Walther erfreut. »Kostet?« fragte der Doktor. Der Jude stockte. »Nun, schnell, bitte. Gestern kosteten sie sieben Gulden achtzehn ... heute?« drängte Holsma. »Der Mensch will leben, der Mensch lebt vom Geschäft ... geben Sie zehn Gulden ...« Der Doktor legte vier Reichsthaler auf den Tisch. »Zieh die Sachen an, Walther, und die alten wickeln Sie mir wohl ein bißchen ein. Oder es geht auch so. Nimm sie, Walther, und lege sie in den Wagen. Der Weg zum Gericht ist ja wohl nicht weit?« »Zum Gericht? Wie heißt Gericht? Was soll's Gericht?« »Das Gericht?« sagte Holsma. »Nun, ich will ein Protokoll aufnehmen lassen, und die Sachen da gleich abgeben. als Beweisstücke ... für den öffentlichen Ankläger ... Bewucherung Unmündiger ... Paragraph soundso!« »Aber Herr ... Sie werden doch nicht ... sehen Sie, Geschäft ist Geschäft!... ich kauf' Ihnen die Sachen gern wieder ab ... was sollen sie kosten, der Hut und die Jacke?« »Zehn Gulden!« »Zehn Gulden! Ich bin 'n geschlagener Mann! Wovon soll ich leben mit meiner Familie! Kein Geschäft, kein Verdienst. Zehn Gulden! Er hat gezahlt dafür gestern sieben Gulden zweiundzwanzig ...« »Gestern ... gestern! Heut ist heute! Aber Sie brauchen die Sachen nicht zu kaufen, ich finde andere Abnehmer...« Seufzend legte der Kleiderhändler die vier Reichsthaler wieder auf den Tisch. »So, das Geschäft wäre gemacht. Ich empfehle mich Ihnen!« sagte Holsma und verließ mit dem wieder manierlich aussehenden Walther den Laden. »Jetzt wollen wir ins Wirtshaus gehen,« sagte Holsma vergnügt, »und den Kauf begießen.« Als sie aber bei Tische saßen, – und Walther hatte einen respektablen Hunger bekommen – da zeigte sich, daß der Doktor einen anderen Grund hatte, noch etwas in Haarlem zu verweilen. Denn er ließ den Kutscher hereinkommen, und Walther mußte diesem ganz genau die Lage der Kopperlithschen Villa beschreiben, »am Gehölz, gleich bei den Logementen« u. s. w. Dann beauftragte Holsma den Kutscher, hinzugehen und nach einem der Herren Kopperlith zu fragen: es wäre ein Herr »von außerhalb« da, der mit der Firma Ouwetyd und Kopperlith ein Geschäft machen wolle; er habe gehört, daß die Herrschaften auf ihrer Villa feien, er frage deshalb an, ob und wann einer der Herren selbst auf dem Comptoir zu Amsterdam sei, denn er müsse das Geschäft mit einem der Herren Kopperlith selbst besprechen, und er werde sich danach einrichten. Nach etwa einer halben Stunde kam der Kutscher zurück, mit der Meldung, die Herren blieben heut sämtlich noch auf Grünenhaus, aber morgen würden die jungen Herren beide auf dem Comptoir sein ... die Herrschaften wären unangenehm berührt gewesen, daß man ihnen hier »draußen« mit Geschäften käme, denn sie hätten's nicht so nötig ... Doktor Holsma lächelte. Walther beinahe auch. Er dachte an die Sorgen, die er um die »sieben Gulden dreizehn« der reichen Hersilia ausgestanden hatte. Ob ihm wohl der Doktor das Geld geben würde, um dieser Dame, wohledelgeboren, den famosen Brief zu schreiben? Im Notfalle indessen, wenn es nicht sein sollte, wollte er auch verzichten. Mochte die reiche Dame sich für ihr eigenes Geld einen neuen Schirm kaufen! Das wußte er sicher: er verkaufte seine Jacke gewiß nicht wieder für sie! Auf der Rückfahrt nach Amsterdam wurde endlich Walthers Sehnen gestillt. Holsma begann von Prinzeß Erika zu sprechen. »Die Prinzessin hat Verwandte hier in Holland, wie ich dir schon damals sagte, am Tage nachdem wir im Theater gewesen waren ... weißt du, wo du sie für Femke hieltest. Sie sehen sich allerdings sehr ähnlich. Siehst du, so etwas kommt vor, und man braucht nichts dabei zu finden. Du weißt, daß wir, unsere Familie und die Frau Claus, Verwandte sind, von mütterlicher Seite her. Es kommt vor, daß adlige Damen in fürstliche Häuser hinein heiraten, andere adlige Damen verarmen und werden Frauen von Bürgerlichen, manche werden es auch, ohne daß sie verarmen. In Liebessachen giebt es allerlei. So ist das Leben, der eine steigt, der andere fällt, wenn das überhaupt Steigen und Fallen ist. Ich bin anderer Ansicht. Es giebt auch Männer von einer Herkunft, die man adlig nennt, und die sich sagen, es ist eine Thorheit, und den Adel ablegen. So kann schließlich sehr gut eine Prinzessin im dritten, vierten Gliede eine Stammmutter oder einen Stammvater haben, der zugleich der Ahne oder die Ahnfrau eines Wäschermädchens ist. Und da es in manchen Geschlechtern vorkommt, daß bestimmte Gesichtszüge jahrhundertelang sich wiederholen oder auch mit Unterbrechungen wiederkehren, so kommen solche Ähnlichkeiten leicht zustande. Es ist nichts Merkwürdiges dabei. Unsere Sietske sieht ja auch beinahe so aus. Wir legen kein Gewicht darauf, aber wir hatten so viel von der Prinzessin gehört und auch ihr Bild gesehen, das einem alten Familienbilde in unserem Besitze – du hast es ja wohl auch gesehen – so sehr glich, so wollten wir sie selbst einmal sehen. Deshalb gingen wir damals in die Theatervorstellung. Wir wollten nichts von ihr, und wir brauchen sie nicht. Es war wohl anzunehmen, daß sie von diesen alten Familienbeziehungen wenig wußte oder sich nichts daraus machte – was meinst du, wenn man alles wüßte, mit wie vielen Leuten man da verwandt wäre? Wenn die Bibel recht hat, sind wir Menschen ja, von Noah her, alle miteinander verwandt. Vielleicht ist es auch wahr, wenn auch ohne Noah. Sie hat wirklich nichts davon gewußt, aber durch ein eigentümliches Abenteuer ist sie darauf gekommen. Sie hat hier in Amsterdam einen Knaben getroffen, der ihr in einer bedrängten Lage beistehen wollte, und sie hielt ihn für ihren Bruder ...« Walther horchte auf. Ja, gewiß ... war da auch eine solche Ähnlichkeit? Hatte auch er vielleicht seine Abkunft von jenem geheimnisvollen gemeinschaftlichen Ursprung abzuleiten, von dem Prinzeß Erika und Prinz Erich und die Familie Holsma und Femkes Mutter abstammten? Gehörte auch er in jene Verwandtschaft? Richtig! und darum hatten sie auch immer von seinem mysteriösen Ritt auf dem Pferde geredet; das war also Prinz Erich gewesen, den er selbst hatte am Schlosse aufsteigen sehen. So, so ... hm, hm ... War er wirklich so eine Art Prinz? Holsma lächelte, denn er erriet den Gedankengang. »Sie glaubte, es wäre ihr Bruder, der sich verkleidet hätte, wie sie selbst ja auch Nationaltracht angelegt hatte. Prinz Erich aber wußte von nichts ... und da reizte es sie, einmal nachforschen zu lassen. So eine Prinzessin hat solche Nachforschungen leicht ... sie erfuhr bald, in wessen Gesellschaft jener Knabe im Theater gewesen war, als sie ihm die Rosenknospen zuwarf – und so kam sie auf uns. Sie besuchte uns dann inkognito, wie die vornehmen Leute das nennen, und sie wollte ... nun, da wir nichts von ihr brauchen konnten, machten wir sie auf Frau Claus aufmerksam und die gute Femke. Nun ist sie wieder unerkannt hier, sie hat ihr Gefolge in Wiesbaden oder Homburg, glaube ich, verlassen. Nur ihr Bruder Erich weiß es. Er war heut früh bei ihr, um Abschied zu nehmen. Das Hofleben ist ihm langweilig geworden, er will etwas thun. Das ist recht von ihm. Er tritt in unsere Marine, die politische Lage ist jetzt etwas verworren, zu einem Throne wird er wohl nicht kommen. Vielleicht wird er ein Seeheld. Die Prinzeß Erika möchte gern, daß Frau Claus sich zur Ruhe setzte, und auch für Femke will sie etwas thun. Die sträuben sich jedoch, sie meinen, wer sich sein Brot selbst schaffen kann, der soll keine Wohlthaten annehmen. Sie haben ja recht, aber anderseits sollen doch auch Verwandte einander beistehen ... auf der Liebe der Eltern zu den Kindern und umgekehrt beruht ja das ganze Menschengeschlecht, denn der Mensch wird hilflos geboren ... und ich denke, wir werden schon noch einen Weg finden, daß es sich irgendwie machen läßt. Die Prinzessin hat sich, mir nichts, dir nichts, bei Frau Claus einquartiert, und Femke haben wir inzwischen zu uns genommen. Du wirst sie ja sehen. Und du – aber sage es nicht weiter: es ist immer besser, wenn so etwas nicht erst an die große Glocke kommt ... wirst schon später einsehen, warum – wirst wohl auch auf irgend eine Art mit dazu gehören ... wir wissen es nicht, aber Onkel Sybrand interessiert sich, wie du weißt, für allerlei solche Zusammenhänge und forscht jetzt in den Kirchenbüchern nach. Vielleicht ist die Ähnlichkeit mit Erich aber auch bloß ganz zufällig. Nun, ein Mann muß seinen Weg allein gehen; und schließlich, alle Verwandte bis in die entferntesten Glieder unterstützen, das kann kein Mensch, auch keine Prinzessin – aber sie wird dir den Weg zeigen, auf dem du etwas Ordentliches werden kannst. Und mir scheint, daß du den Wink ganz gut befolgen könntest. Natürlich hängt es nachher von dir ab, ob der Liebe Mühe nicht vergebens ist.« Diese Aufschlüsse gab der Doktor Holsma unserem Walther unterwegs und begleitete sie mit allerlei Ermahnungen in der einfachen, selbstverständlichen Art, die ihm eigen war. Und Walther that es beim Zuhören doppelt leid, daß er seinem Versprechen, den Doktor etwa vier bis fünf Wochen nach Eintritt in die Lehrzeit zu besuchen, nicht nachgekommen war. Dem Manne hätte er alles sagen dürfen ... Noch einmal Kaisersgracht und Bellestraat, dann aber Kolveniersburgwall. Der Leser erfährt, wie Pater Jansens Abenteuer geendet hat, wohnt auch sonst noch allerlei interessanten Geschehnissen bei, aber das Weitere muß er sich denken. Hast du noch Sachen, die dir persönlich gehören, auf dem Kopperlithschen Comptoir?« fragte Holsma, als sie Amsterdam wieder erreicht hatten. »Ja, eine Brieftasche und ... allerlei Papiere.« »So ... die würde ich mir abholen ... das heißt, im Falle du Gewicht drauf legst ...« »Die Brieftasche ist von meinem Vater, und das andere ...« Er stockte, denn er wollte die Verse nicht eingestehen. Aber Holsma legte der Sache wenig Bedeutung bei. »Wie gesagt, ich würde sie mir holen. Sagtest du nicht, daß nachmittags zwischen drei und sechs das Comptoir gewöhnlich leer ist? Da kämen wir ja zurecht. Ich kann mir denken, daß du jetzt nicht gern mit einem von den Leuten dort zusammentreffen möchtest?« »Ach nein!« rief Walther. »Die Chefs sind außerdem, wie wir wissen, noch draußen. Hast du den Schlüssel zu dem Pult bei dir?« »Nein, der hängt an der Wand.« »Desto besser. Wir werden also nach der Kaisersgracht fahren und ich werde auf dich warten. Lange wird es ja wohl nicht dauern.« Walther sah den Doktor fragend an. Dieser verstand. »Ja, es könnte sein, daß du aus dieser Lehre herauskämest. Die Herren werden dich wohl nicht behalten wollen,« sagte er lächelnd. Walther machte gewissenhaft seinen Weg von der Vellestraat aus durch die Stockfischräucherei und an den Ölfässern vorbei, bei denen er sich heute besonders in acht nahm, über den Hof nach dem Comptoir, Er sah sich mit der Sorgfalt eines Menschen um, der nicht gern Bekannte treffen möchte, oder auch mit der eines Menschen, der einen ihm liebgewordenen Weg auf lange Zeit zum letztenmal geht. Unangefochten gelangte er auf das Comptoir, das er leer fand. Der Schlüssel zu seinem Pulte hing an der Wand. Er schloß auf und richtig: da lag sein altes väterliches Taschenbuch, in dem stand, wie viel Ellen soundsoviel Yards waren, und wie sich die französische Elle zur holländischen verhielt, und wo die Hockers wohnten und die Pleiers und die Jüffrau mit dem liegenden Jagdhund ... da lagen auch seine Verse ... den auf den braun-taffetnen Engel zerriß er sofort und steckte die Fetzen in eine besondere Tasche, um sie gleich draußen in alle Winde fliegen zu lassen, denn diese Julie war seiner Verehrung nicht würdig! Und in dem Taschenbüchlein lagen ja auch seine Rosenknospen, die er von ... einer würdigen, einer wirklichen Dame hatte, von einer Prinzessin ... er, Prinz Walther, inkognito! So, jetzt war er fertig. Aber er mußte doch Abschied nehmen von diesem Comptoir, das er mit solchen Hoffnungen und unter solchen Schwierigkeiten vor Monaten zum erstenmal betreten hatte. Er nickte dem nackten Merkur zu auf feinem Wolkenthron, er grüßte den eisernen Schrank, in dem Dievers Bücher lagen, das Ecktischchen mit der schmierigen Wasserkaraffe, den Alkoven, wo die Comptoirjacken hingen, das Zahlbrett mit dem Loch und dem Ringe für die Geldsäcke ... die tausend Kleinigkeiten, die man in monatelangem täglichen Verkehr kaum beachtet, die man sich aber doch noch einmal gern ansieht, wenn es den Abschied für immer gilt. So, nun noch eine Nase voll Gestank – den Abschied von Magazin, Boden eins und Boden zwei und vom Saal mit dem Moses des Signore Flodvardu wollte er sich schenken, er durfte den Doktor nicht zu lange warten lassen. Da hörte er schlürfende Schritte auf dem Gange, bekannte und nicht unangenehme Schritte. Die Thür wurde geöffnet und herein trat Gerrit Sloos, der Hausknecht. »Ah, du bist's. Pieterse! Ist gut! Wollt' bloß mal nachsehen, wer hier aufm Comptoir ist. Saß in der Küche, Weißt du ... 's ist Sauregurkenzeit, und die Alte ist ja nun auch weg, verstehste ... na, eben erst von Grünenhaus gekommen? Warst ja vormittag nicht hier! Nett da draußen, wie? Bißchen langweilig. Hm! Bist ja so nobel angezogen ... noch von gestern ... Ja, was ist denn? Willst du wieder gehen? Ach, ich verstehe, hast Abschied genommen, polnischen Abschied?« »Gerrit,« stotterte Walther, »seien Sie mir nicht böse ... ich...« »Ich ... böse sein? Weil du auskneifst ... hier aus dem Gesinnte ... und von diesem Wüllekes ... und dem Dieper und ... na, auf seine Chefs soll man nichts sagen, Pieterse, so lange man im Dienst ist ... schlechter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt ... aber eins will ich dir sagen, Pieterse, weil wir uns doch nun wohl 'ne ganze Zeit nicht sehen, ich bin 'n alter Kerl und du bloß 'n junges Bürschchen, kannst mir's glauben: 's ist allemal Wind und englisch Notting! Na, leb' wohl, vielleicht kriegst 'n bessern Platz, vielleicht auch nicht, wo gehst 'n hin? Am Ende sehen wir uns mal, wenn Eure Firma mit unserer arbeitet ...« »Ich weiß noch nicht ... Prinzeß Erika hat mir 'n Brief gegeben .,.« »Was? Prinzeß? wie hieß sie? Fängst du auch an wie die Frau von diesem Wüllekes, diese Gans? Hahaha! Ist 'n famoser Witz! Hier hast du Papier, schreib mir den Namen mal auf. Dieser Wüllekes wird platzen vor Wut. Pieterse, das hatt' ich dir gar nicht zugetraut, daß du so 'ne Witze machen kannst!« »Auf Wiedersehn, Gerrit!« »Auf Wiedersehn, Pieterse!« Unter uns, so ganz selbstlos war Gerrits Freude über Walthers Veränderung nicht. Das junge Büschchen machte ihm im Packen und auch im Geldeinkassieren erhebliche Konkurrenz. Ging es so weiter, war er beinahe nicht mehr so unentbehrlich. Das einzige, was ihn hielt, war dann noch die alte Mevrouw ... und der Mensch ist doch sterblich. Sonst, im übrigen, gefiel ihm die jetzige Sauregurkenzeit, die er in doppelter Hinsicht genoß, ganz gut. Freilich, nun Pieterse weg war, würde er Wohl wieder die schmierigen Papierchen einzukassieren haben, und die Botschaften für den jungen Herrn Pompilius zu besorgen. Es ist eben nichts vollkommen und viel Wind. Walther war schon auf dem Gange, als Gerrit ihn noch einmal zurückrief. »Ich will dir noch 'n Wink geben, Pieterse. Es könnte sein, daß die Kopperliths dich nicht so leicht loslassen wollen. So'n Burschen wie du, der ihnen umsonst die Arbeit thut ... und ich will dir nur sagen, du hast sie gut gemacht ... alles, was recht ist ... den kriegen sie nicht alle Tage. Sie werden von Lehrzeit und Aushalten sprechen. Ist aber alles Wind, mein Junge. Ich hab' davon reden hören, wie du zu uns kamst. Sie haben keinen Kontrakt mit deiner Mutter gemacht, weil diese hochnäsigen Brüder dachten, 's wär 'ne Gnade, wenn sie dich ins Haus nähmen, und sie thaten so, als würdest du am Ende nicht einschlagen, und wollten sich's deshalb vorbehalten, dich jederzeit zu entlassen. Na, du siehst, du bist also mich nicht gebunden. Also, mein Junge, laß dir's gut gehen.« Walther dankte für den guten Rat und zog ab. Endlich war der Kolveniersburgwall erreicht. Der Doktor schob Walther, wie früher auch, in das Seitenzimmer, gleich vorn am Eingang, und stieg die Treppe hinauf zu seiner Familie. Da stand nun unser Held vor dem schönen Bilde, dem Bilde der Ahnfrau mit dem Diadem von funkelnden Diamanten auf dem Kopfe. Sollte er von der auch abstammen? Von väterlicher oder mütterlicher Seite? Sollte sein Vater, der mit Schuhen aus Paris gehandelt hatte, oder gar seine Mutter aus fürstlichem Geblüte sein? Die Mutter wohl gewiß nicht ... eher vielleicht der Vater, aber es klang unwahrscheinlich. Auch hatten seine Schwestern, weder Gertrude, noch Mina, noch Petro, trotz der vornehmen Namen, die sie sich an Stelle von Truitje und Myntje und Pietje zugelegt hatten, nicht das mindeste an sich, was auf Verwandtschaft mit Prinzeß Erika deuten konnte, weder im Gesicht noch im Ganzen? ja sie konnten sich an vornehmem Wesen nicht einmal mit Femke messen, die doch nur ein Wäschermädchen war. Übrigens war sich Walther noch gar nicht klar, wem der Vorzug gebühre, der Prinzessin oder Femke. »Hier, Walther, bringe ich dir jemand!« mit diesen Worten wurde die Thür aufgerissen, und auf der Schwelle erschien die lustige kleine Sietske, eine einfach aber vornehm gekleidete Dame hinter sich her ziehend. Diese letztere trat aus dem Halbdunkel des Flurs ins Zimmer und ging mit lächelnder Miene und ausgestreckter Hand auf Walther zu. »Prinzeß Erika!« sagte Walther halblaut, und, wie er es in seinen Ritterbüchern gelernt hatte, ließ er sich auf ein Knie nieder, ergriff die dargereichte Hand zart an den Fingerspitzen und hauchte einen Kuß darauf. Sietske aber warf sich laut lachend in einen Sessel und streckte die Beinchen gen Himmel. »Walther, Walther! 's ist ja unsere Femke!« Auch Femke lachte herzlich, aber sie wollte Walther nicht beschämen. Obwohl sie in Ritterbüchern nicht so erfahren war, wußte sie doch instinktiv, was sich schickt. Sie faßte Walther unter den Armen, um ihn zu sich emporzuheben. Der aber sprang schleunigst auf und – woher hatte der Junge plötzlich die Kühnheit – zog die Freundin seiner früheren Tage stürmisch an die Brust. Wieder wurde die Thür geöffnet, und zwar durch Willem, der eine tiefe Verbeugung machte, um – Prinzeß Erika, diesmal die richtige, am Arme Doktor Holsmas eintreten zu lassen. »Nun wäre ja bald die ganze Familie zusammen!« sagte der Doktor gemütlich, »die anderen treffen wir nachher bei Tische!« Nun, Walther? Wo bleibt deine Ritterlichkeit? Da stehst du ja nun vor deiner Dame, einer wirklichen, echten Prinzessin, einer Prinzessin, die in der That deine Dame gewesen ist und vielleicht noch sein will, die dir aus der Not geholfen hat, wie du ihr in bedrängter Lage ... wenigstens beibringen wolltest! Wo bleibt der Kniefall? wo der Handkuß? Walther stand wie vor einem Wunder, als er jetzt die beiden Mädchen nebeneinander erblickte. Er sah von der Prinzessin zu Femke, von Femke zu der Prinzessin, und er begriff jetzt, wie die Verwechselungen möglich gewesen waren. Waren sie doch auch jetzt schwer zu unterscheiden, Femke war etwas robuster gebaut, vielleicht, und die Gesichtsfarbe der Prinzessin war wohl etwas weißer, möglicherweise war sie gepudert ... er vergaß vor Erstaunen alle Courtoisie, alle Regeln der höfischen Galanterie, er wurde ganz wieder der Amsterdamer Knabe, der ein bewundernswertes Schauspiel betrachtet und den Blick nicht davon abwenden kann. Hin und wieder streifte auch ein scheuer Blick von ihm die kleine Sietske, die wie ein verkleinertes Ebenbild daneben stand. Auch die Prinzessin betrachtete Walther aufmerksam und ein »Erstaunlich!« glitt, in deutscher Sprache, über ihre Lippen, ein Wort, das Walther nicht verstand. Aber sie zeigte doch viel mehr Haltung, wahrend sie im Geiste Walthers Gesichtszüge mit denen ihres Bruders verglich. Freilich, sie war ja auch eine Prinzessin. Jetzt traten auch Ohm Sybrand und Frau Claus ein, Arm in Arm, und berichteten, Mevrouw lasse bitten, es sei angerichtet. Die Gesellschaft machte sich auf, nach dem Speisezimmer. Aber der Doktor blieb noch zurück. Es war geschellt worden, und Pater Jansen trat ein. Das Amt, der vornehmen Base den Arm zu bieten, fiel diesmal Willem zu, dem ältesten Sohn des Hauses. Jansen brachte den Brief, den Frau Claus von der Prinzessin bekommen und Walther gegeben hatte, und den Walther in der Wohnung des Paters liegen gelassen hatte. Der Doktor winkte der Gesellschaft zu, sich immer hinauf zu begeben, und zog den Pastor in das jetzt leer gewordene Seitenzimmer. »Nun?« fragte er. »Wie ist es abgelaufen?« Pater Jansen kraute sich den Kopf. »Schlecht, schlecht!« sagte er. »Meine Haushälterin, die Stine, konnte sich mit den beiden Mädchen, die ich ihr ins Haus brachte, nicht befreunden. Das Weibervolk ist sonderbar. Sie erklärte kategorisch, die beiden Mädchen ... sie sagte noch anders ... müßten hinaus – oder sie ginge! Umsonst sagte ich ihr, daß alle Menschen Brüder wären, sie wollte von diesen Schwestern nichts wissen! Was sollte ich machen? Stine ist schon über dreißig Jahre bei mir ... Was sollen denn ich und Pastor Kuns ohne unsere Stine anfangen?« »Also ...?« fragte Holsma. »Nein, sie gingen von selber. Sie sahen sich bei mir spöttisch um, und meinten, bei uns sei wohl nichts zu holen, und wo schon zwei hungerten, da könnten ja auch noch zwei andere hungern ... aber sie hätten keine Lust dazu. Und damit gingen sie unter Schimpfreden weg. Wohin, weiß ich nicht.« Der Doktor lachte. »Kommen Sie, Herr Pastor, diese beiden Geschöpfe werden schon ihren Weg finden, ... ich lade Sie zu einer Flasche Wein ein. Sie sind doch auch ein Freund von Fröhlichkeit? Wie feiern heute so eine Art von Familienfest. Seien Sie fröhlich mit den Fröhlichen, und vergessen Sie, was nicht zu ändern ist!« Der Pastor hatte noch immer Walthers Brief in der Hand. Doktor Holsma nahm ihn jetzt an sich. »Geben Sie her, das ist ein kostbarer Brief!« sagte er. »Waltherchen kommt jetzt auf Empfehlung der Prinzessin in eine andere Lehre, wo er gut behandelt werden wird, und wo er wirklich etwas lernt ... in ein wirklich vornehmes und großes Handelshaus, mit dem der Hof der Prinzessin Geschäftsverbindungen hat ... er wird auch im Hause selbst wohnen und dort beköstigt werden. Hoffentlich wird da aus dem guten Jungen etwas recht Ordentliches.« »Kaatje,« rief er jetzt dem Dienstmädchen zu, das herunterkam, wohl um die Herren zu mahnen, sich etwas zu beeilen, »gehen Sie doch sofort ... oder nein, es hat Zeit bis nach Tische, Sie werden wohl jetzt hier gebraucht werden ... aber nach Tische gehen Sie gleich zu Jüffrau Pieterse ... Sie wissen ja noch die Wohnung ... und bestellen Sie eine Empfehlung von mir, und Walther logiere vorläufig bei uns. Morgen vormittag werde ich hinkommen und ihr alles erzählen ... was ihr zu wissen nötig ist,« fügte er, zu dem Pater gewendet, hinzu, »denn wissen Sie, Pater, es ist nicht immer gut, daß der Mensch alles weiß ... Und nun kommen Sie, bitte ... zu Tische!« »Der Herr segne Sie, und die Prinzeß auch!« sagte der Pater. Und der Geistliche und der Freigeist stiegen zusammen, Arm in Arm, die Treppe hinauf ...