Edward Gibbon Verfall und Untergang des Römischen Reiches – 2. Band   Übersetzung und © 2012: Cornelius Melville XI. HERRSCHAFT DES CLAUDIUS · NIEDERLAGE DER GOTEN · SIEG, TRIUMPH UND TOD DES AURELIAN · ZENOBIA Während des Trauerspieles, das die Regierungszeit des Valerian und Gallienus darbot, hatte das Römische Reich unter der Soldateska, den Tyrannen und den Barbaren gleichermaßen massiv zu leiden und wäre daran beinahe zugrunde gegangen. Seine Rettung hatte es einer Reihe großer Herrscher zu danken, welche sämtlich aus der kriegslüsternen Provinz Illyrien stammten. Innerhalb von nur dreißig Jahren obsiegten Claudius, Aurelian, Probus, Diocletian und seine Mitregenten über äußere und innere Feinde, stellten auf militärisch-disziplinierte Weise die Stärke der Grenzbesatzungen wieder her und verdienten sich so den Ehrentitel der »Erneuerer der Römischen Welt.«   AUREOLUS · TOD DES GALLIENUS Der Sturz des verweichlichten Alleinherrschers ebnete den Helden den Weg zu seiner Nachfolge. Das Volk macht in seiner Empörung Gallienus für alle seine Kalamitäten verantwortlich, und in der Tat waren sie in erster Linie auf seine verschwenderische Hofhaltung und eine gleichgültige Verwaltung zurückzuführen. Auch ging ihm jedes Ehrgefühl ab, welches doch sonst für den Mangel an Herrschertugenden aufkommen muss; aber solange er sich wenigstens des Besitzes von Italien sicher sein durfte, vermochten ein Sieg der Barbaren, der Verlust einer Provinz oder gar ein allgemeiner Aufruhr ihn aus seiner dämmernden Behaglichkeit nicht aufzuschrecken. Endlich jedoch trug die mächtige Armee, die am Oberlauf der Donau stationiert war, ihrem Befehlshaber Aureolus den kaiserlichen Purpur an; da dieser seine begrenzte und wenig einträgliche Herrschaft über die Berge Rhätiens gering achtete, überquerte er die Alpen, nahm Mailand ein, bedrohte Rom und forderte Gallienus auf, über die Herrschaft Italiens das Schwert entscheiden zu lassen. Der Kaiser, verärgert über diese Ungehörigkeit und durch die unmittelbare Gefahr wohl auch irgendwie beunruhigt, legte plötzlich jene geheimen Kräfte an den Tag, welche immer mal wieder seine apathische Gesamtgebarung belebten. Er zwang sich von dem Luxus seines Palastes los, ward an der Spitze einer Armee unter Waffen gesichtet und überquerte den Po, seinem Feinde zu begegnen. Der verderbte Name Pontirolo Pons Aureoli , dreizehn Meilen von Bergamo und zweiunddreißig von Mailand. Vgl. Cluver, Italia antiqua, Bd. 1, p. 245 bewahrt immer noch die Erinnerung an eine Brücke über die Adda (Etsch), welche während des Feldzuges für beide Seiten ein militärisches Objekt von äußerster Wichtigkeit gewesen sein muss. Der Usurpator aus Rhätien erlitt eine völlige Niederlage nebst einer gefährlichen Verwundung und zog sich nach Mailand zurück. Die Belagerung dieser Großstadt schloss sich unmittelbar an; die Mauern wurden mit allem damals verfügbaren Kriegsgeräte bestürmt; und Aureolus, der sich der einheimischen Kräfte nicht eben sicher sein mochte und auf Unterstützung von außen nicht hoffen konnte, zog vorzeitig schicksalhafte Konsequenzen aus dem Scheitern seiner Rebellion. Seine letzte Möglichkeit bestand darin, zwischen den Belagerern Zwietracht zu säen. Er ließ in ihrem Lager Verleumdungen ausstreuen sowie die Aufforderung an die Truppen, sich ihres unwürdigen Herren zu entledigen, der das öffentliche Wohlergehen seinen Prassereien und das Leben selbst der wertvollsten Untertanen dem leisesten Verdacht aufopferte. Diese Ränke des Aureolus erzeugten unbestimmte Furcht und Abgunst unter den wichtigsten Offizieren seines Gegners. Heraclianus, der Prätorianerpräfekt, Marcianus, ein General von Rang und Ansehen, und Cecrops, der Kommandeur einer dalmatischen Gardetruppe verschworen sich. Der Tod des Gallienus ward beschlossen, und der Notwendigkeit ungeachtet, zunächst die Belagerung Mailands zu vollenden, nötigte die mit jeder Verzögerung wachsende Gefahr sie dazu, zunächst die Ausführung ihres kühnen Vorhabens zu beschleunigen. Zu später Stunde, während sich der Kaiser noch den Freuden der Tafel widmete, wurde plötzlicher Alarm gegeben, dass Aureolus an der Spitze seiner Truppen einen Verzweiflungsausfall unternehme; Gallienus, dem es zumindest an persönlichem Mut niemals gebrach, sprang von seinem Seidenlager auf, bestieg sein Pferd, ohne die Zeit damit zu verlieren, sich zu bewaffnen und die Garde zu sammeln und ritt in vollem Galopp dorthin, wo er den Angriff vermutete.   GALLIENUS' TOD 20.MÄRZ A.D. 268 Umzingelt von seinen echten und seinen heimlichen Feinden, empfing er in dem nächtlichen Scharmützel kurz darauf von unbekannter Hand den tödlichen Pfeil. Bevor Gallienus verschied, veranlasste ihn eine Aufwallung von Patriotismus, einen würdigen Nachfolger zu bestimmen, und sein letzter Wunsch war es, dass die imperialen Würden dem Claudius übergeben würden, der zurzeit eine Armeeabteilung in der Nähe von Pavia befehligte. Die Verfügung wurde mit Genauigkeit bekannt gemacht und von den Verschwörern freudevoll umgesetzt, hatten sie sich ihrerseits doch ebenfalls auf Claudius als Nachfolger geeinigt. Die Nachrichten vom Tode des Kaisers nahm die Truppe voller Missvertrauen und Murren auf, bis sich das erstere verflüchtigte und das zweite durch ein Handgeld von zwanzig Goldstücken pro Soldat beschwichtigt werden konnte. So stimmten sie denn in die Wahl ihres neuen Kaisers ein und anerkannten überdies seine Verdienste Zum Tod des Gallienus siehe Trebellinus Pollio in der Historia Augusta, Galliene 14; Zosimos 1,14; Zonaras 12,25; Eutropius 9,11; Aurelius Victor, Epitome 33 und Caesares 33. Ich habe sie miteinander verglichen und kompiliert, bin aber in der Hauptsache Aurelius Victor gefolgt, der wohl die besten Quellen besaß. .   CLAUDIUS II Das Dunkel, welches die Herkunft des Claudius umgab – einige läppische Schmeicheleien haben sie später zu schönen gesucht Einige halten ihn, schnurrig genug, für einen illegitimen Sohn des jüngeren Gordian. Andere wieder verweisen auf die Provinz Dardania, um seine Abkunft von Dardanao und den alten troianischen Königen zu erweisen. – ist als Nachweis für seine geringe Abstammung allemal hinreichend. Mit Sicherheit können wir nur sagen, dass er aus einer der Provinzen stammt, welche an die Donau grenzen; dass er seine Jugend unter Waffen verbrachte und dass ihm sein aufrechter Mut Zuneigung und Zutrauen des Decius einbrachte. Senat und Volk sahen in ihm einen vorzüglichen Offizier, dem man auch die höchste Verantwortung übertragen könne, und tadelten mit dieser Einschätzung zugleich Valerians Mangel an Aufmerksamkeit, der ihn auf dem untergeordneten Rang eines Tribunen belassen hatte. Bald darauf zeichnete aber auch der Kaiser selbst Claudius' Verdienste aus, indem er ihm zunächst zum General und Kommandeur über alle Truppen in Thrakien, Moesien, Dacien, Pannonien und Dalmatien ernannte, ihn dann zum Präfekten über Ägypten und Prokonsul von Afrika machte mit der gewissen Aussicht auf das Konsulat. Durch seine Siege über die Goten verdiente er sich eine von Senat gebilligte Ehrenstatue und bewirkte zugleich, dass Gallienus mit einer Gefühlsmelagne auf ihn sah, in welcher sich Angst und Scheelsucht die Waage hielten. Es war ausgeschlossen, dass ein aufrechter Soldat einen derart unfähigen Herrscher achten oder vor ihm seine berechtigte Geringschätzung verborgen halten würde. Einige unbedachte Äußerungen des Claudius wurden dem Herrscher auf dem Dienstwege hintertragen. Das Antwortschreiben des Kaisers an einen Offizier seines Vertrauens beschreibt seinen eigenen Charakter und die Zustände jener Läufte in den grellsten Farben. »Es gibt nichts, was mir mehr Besorgnis zu bereiten imstande wäre als die Nachricht, die ich aus deiner letzten Depesche Notoria , eine offizielles Periodikum, welches der Kaiser von den frumentarii oder Agenten aus den Provinzen erhielt. Hiervon später mehr. entnehmen musste, dass unser Freund und Vater Claudius sich infolge einiger bösartiger Einflüsterungen von uns entfremdet habe. Bei deiner Treue, versuche alles, ihn zurückzugewinnen, aber behandle die Angelegenheit mit aller Diskretion; lasse es unter keinen Umständen den dakischen Legionen zu Ohren kommen; sie sind bereits verärgert, und dies nun möchte ihren Zorn noch mehr aufreizen. Ich für meine Person werde ihm einige Geschenke übersenden: lasse es dir angelegen sein, dass er sie freudevoll in Empfang nimmt. Vor allem aber darf kein Verdacht in ihm aufkeimen, ich könnte von seiner Unklugheit erfahren haben. Die Furcht vor meinem Zorn könnte ihn sonst zu Verzweiflungstaten verleiten. Historia Augusta, Claudius 17. Gallienus beschreibt Silbergeschirr, Kleidung \&c wie einer, der dieses glanzvolle Gewerke schätzt und sich darauf versteht. « Diesen Bettelbrief, mit dem der Monarch um das Wohlwollen eines missvergnügten Untertanen warb, begleiteten beträchtliche Geschenke: eine gehörige Summe Geldes, eine üppige Garderobe und wertvolle Gold- und Silberteller. Mit solcherart Kunstgriffen also besänftigte Gallienus die Verdrossenheit seines illyrischen Generals und zerstreute zugleich dessen Besorgnisse; und so zog während der restlichen Regierungszeit Claudius sein gefürchtetes Schwert immer nur für seinen Herrn, den er gründlich verachtete. Endlich jedoch dienten ihm die Verschwörer den blutigen Purpur des Gallienus an; aber er hielt sich nicht in ihrem Lager auf und war bei ihren Sitzungen nicht zugegen gewesen; und wenn er dem Unternehmen auch seinen Beifall nicht versagte, können wir dennoch zuversichtlich annehmen, dass er völlig unwissend war Julian (Oratio I, p. 6) versichert, dass Claudius auf recht-, ja heiligmäßige Weise die Herrschaft erlangt habe. An der Parteilichkeit eines Verwandten müssen uns indessen Zweifel erlaubt sein. . Zum Zeitpunkt seiner Thronbesteigung war Claudius vierundfünfzig Jahre alt.   CLAUDIUS REGIERUNG · SEINE MILDE UND GERECHTIGKEIT Die Belagerung von Mailand wurde fortgesetzt, und Aureolus musste bald entdecken, dass ihm aus seinen erfolgreichen Ränken nur ein weitaus entschiedenerer Gegner entstanden war. So bemühte er sich denn, jetzt mit Claudius einen Partnerschaftsvertrag auszuhandeln. »Sage ihm,« so der Kaiser, festen Sinnes wie eh, »dass er derlei Vorschläge dem Gallienus hätte machen sollen; er hätte sie sich möglicherweise mit Geduld angehört und einen Kollegen akzeptiert, der genauso erbärmlich ist wie er selber Historia Augusta, Claudius 5. Über Aureolus' letzte Niederlage und die Umstände seines Todes bestehen einige geringfügige Ungereimtheiten. .« Diese schroffe Zurückweisung und das Scheitern eines letzten Angriffes veranlassten Aureolus endlich, sich und die Stadt auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Das Militärgericht erkannte auf die Todesstrafe, und Claudius willigte nach kurzem Bedenken ein. Auch der Senat nahm sich eifervoll der Sache des neuen Herrschers an. Man stimmte, möglicherweise sogar aufrichtig, für Claudius; und da sein Vorgänger sich nachgerade als Feind der bewährten Ordnung erwiesen hatte, hielt man unter seinen Freunden und Verwandten im Namen der Gerechtigkeit furchtbare Musterung. Dem Senat wurde das undankbare Amt überlassen, die Strafen zu verhängen, und der Kaiser selbst beanspruchte für sich das Vergnügen und das Verdienst, durch persönliches Eingreifen eine Generalamnestie zu bewirken Aurelius Victor, Gallienus. Das Volk verlangte lauthals nach der Verurteilung des Gallienus. Der Senat beschloss, dass seine Verwandten und sein Sklave kopfüber die gemonianischen Stufen herabgestürzt werden sollten. Einem besonders niederträchtigen Finanzbeamten wurden die Augen ausgerissen, während er befragt wurde. . Diese ungewöhnliche Milde legt von Claudius' wahrem Charakter weniger Zeugnis ab als eine eher nebensächliche Begebenheit, bei der er ersichtlich nur der Stimme seines Herzens folgte. Die häufigen Aufstände hatte nahezu jedermann in irgendeiner Weise zum Verräter werden lassen, und fast jedes Landgut hatte unter Konfiskationen zu leiden gehabt; Gallienus hatte sich oft großzügig gezeigt, indem er das Eigentum seiner Untertanen unter seine Offiziere verschleuderte. Am Tage der Thronbesteigung des Claudius fiel ihm eine alte Frau zu Füßen nieder und klagte bitterlich, dass einer der Generäle des verstorbenen Kaisers ihr ohne Rechtsgrund einen beträchtlichen Teil ihres väterlichen Erbes fortgenommen habe. Dieser General nun war Claudius selbst, der demnach von den Verderbnissen jener Tage auch nicht ganz frei war. Der Kaiser errötete, aber er rechtfertigte dennoch das Vertrauen, das die Frau in seinen Gerechtigkeitssinn gesetzt hatte. Sein Schuldeingeständnis sowie ein sofortiger und großzügiger Ersatz waren Sache eines Augenblickes Zonaras, 12,26. .   ARMEEREFORM · GOTENEINFALL Zu dem dornenreichen Geschäft der Wiederherstellung der alten Reichsherrlichkeit, welches Claudius sich auferlegt hatte, gehörte zuallererst die Notwendigkeit, in der Armee den Geist der Ordnung und des Gehorsams neu zu beleben. Mit der Autorität, die nur einem gestandenem Befehlshaber zu eigen ist, führte er ihnen vor Augen, dass die Lockerung der Disziplin eine lange Serie von Aufruhr und Unordnung hervorgerufen habe, deren Auswirkungen die Soldaten mittlerweile selbst zu spüren bekommen hätten; dass ein Volk, bis aufs Blut ausgeplündert und völlig abgestumpft, nicht weiterhin einer mächtigen Armee die Mittel für ihren Luxus oder wenigstens für die normale Verpflegung werde bereitstellen können; dass jeder Einzelne infolge der Militärdiktatur unter erhöhtem Risiko zu leben gezwungen sei, da Herrscher, die auf ihrem Throne bebten, ihr Überleben durch die bedenkenlose Hinopferung jedes missliebigen Untertanen zu retten bereit seien. Den Schaden, den unkontrollierte Willkür hervorrufe, so der Kaiser weiter, müssten am Ende die Soldaten mit ihrem eigenen Blute begleichen, folgten doch auf ihre umstürzlerischen Kaisererhebungen regelmäßig Bürgerkriege, welche die Blüte der Legionen dahinrafften, entweder auf dem Schlachtfeld oder infolge des zügellosen Missbrauchs ihres Sieges. In den lebhaftesten Farben entwarf er ihnen ein Bild von dem erschöpften Staatsschatz, dem erbarmungswürdigen Zustand der Provinzen, davon, dass der römische Name der Welt zum Ekel geworden sei und auch von den ungenierten Übergriffen raubsüchtiger Barbaren. Diese seien es auch, gegen die er die ersten Anstrengungen der römischen Waffen richten werde. Tetricus möge für eine Weile den Westen regieren, Zenobia sich des Ostens annehmen Zonaras erwähnt bei dieser Gelegenheit den Postumus; aber die Senatsprotokolle belegen (Historia Augusta, Claudius 4), dass Tetricus schon Kaiser der westlichen Provinzen war. . Diese Thronräuber seien seine persönlichen Feinde; doch sei nicht daran zu denken, dass er sich privatem Rachegedanken widme, solange er nicht das Reich gerettet habe, dessen drohender Untergang, man beugte ihm denn rechtzeitig vor, Armee und Volk zerschmettern würde.   EINFALL DER GOTEN A.D.269 · IHRE NIEDERLAGE Die verschiedenen germanischen und samartischen Völker, die unter dem Banner der Goten fochten, hatten inzwischen nämlich eine Streitmacht aufgestellt, die noch fürchterlicher war als alles, was bis dahin das Schwarze Meer verlassen hatte. An den Ufern des Dnjestr, einem der großen Ströme, die in dieses Binnenmeer münden, zimmerten sie eine Flotte von zwei-, womöglich sogar sechstausend Schiffen Die Historia Augusta nennt die kleinere, Zonaras die größere Zahl. Seine lebhafte Phantasie vermochte Montesquieu, der letzteren den Vorzug zu geben. ; diese Anzahl, wie unglaubwürdig sie auch sein mag, hätte niemals ausgereicht, die angeblichen dreihundertundzwanzigtausend Barbaren zu befördern. Wie hoch auch immer die wirkliche Zahlenstärke der Goten gewesen sein mag, die Wirkung und der Ausgang des Unternehmens standen in einem schlechten Verhältnis zu den gewaltigen Zurüstungen. Während der Bosporus-Passage wurden die offenbar unkundigen Lotsen durch die Strömungsverhältnisse überfordert; und als sich die Masse der Schiffe in der engen Wasserstraße verkeilte, wurden viele von ihnen gegeneinander oder an den Strand geworfen. Die Barbaren machten einige Ausfälle auf das europäische und asiatische Festland; aber das offene Land war ja nun bereits geplündert, und von den befestigten Städten, an die sie sich heranmachten, mussten sie sich mit Schande und Verlust zurückziehen. Mutlosigkeit und die Tendenz zur Auflösung machten sich breit unter dem Schiffsvolk; einige Stammeshäuptlinge segelten nach Zypern und Kreta ab, aber die Hauptstreitmacht, die etwas festeren Sinn bewahrte, ging schließlich am Fuße des Athosgebirges vor Anker und begann mit der Belagerung von Thessaloniki, der reichen Hauptstadt der makedonischen Provinzen. Ihre Angriffe, die sie mit hitzigem Mute, aber nicht eben nach den Regeln der Kriegskunst vortrugen, wurden alsbald durch Claudius gestört, welcher sich in Eilmärschen dem Schauplatz nahte, der die Anwesenheit eines kriegserprobten Herrschers an der Spitze der verbliebenen Streitmacht des Reiches erforderte. Sofort brachen die Goten, welche es nach offener Feldschlacht verlangte, die Belagerung von Thessaloniki und ihr Feldlager ab, ließen ihre Flotte an Athos-Vorgebirge zurück, durchstürmten das makedonische Hügelland und eilten, dem letzten Verteidiger Italiens zu begegnen.   STANDHAFTIGKEIT DES CLAUDIUS IN BEDRÄNGTER LAGE Wir besitzen den Originaltext eines Briefes, den Claudius in diesem historischen Augenblick an den Senat und das Volk gerichtet hat. »Patres conscripti«, schrieb der Kaiser, »wisst, dass dreihundertundzwanzigtausend Goten in römisches Territorium eingedrungen sind. Sollte ich siegen, so wird eure Dankbarkeit mein schönster Lohn sein. Sollte ich fallen, so denkt daran, dass ich das Erbe des Gallienus anzutreten hatte. Das ganze Land liegt erschöpft und ausgeplündert. Wir müssen jetzt kämpfen, nachdem ein gerechter Zorn den Valerian, Ingenuus, Regillianus, Lollianus, Posthumus, Celsus und tausend andere gegen Gallianus rebellieren ließ. Uns fehlen nun Pfeile, Schilde, Speere. Das Mark des Reiches, Gallien und Spanien, ist von Tetricus besetzt, und wir erröten darüber, dass die Bogenschützen des Ostens unter dem Banner der Zenobia vereinigt sind. Was immer wir erreichen werden, ist deshalb aus sich selbst heraus groß. Trebellinius Pollio in der Historia Augusta, Claudius 7. « Die melancholische Seelenstärke, die aus diesen Zeilen spricht, künden von einem Helden, der sich in sein Schicksal gefunden hat, sich der Gefahr bewusst ist und der dennoch in sich selbst genügend Rückhalt findet.   SIEG ÜBER DIE GOTEN Die nun folgenden Ereignisse übertrafen seine Erwartungen und die der ganzen Welt. Durch einen vollständigen Sieg befreite er das Reich von seinen barbarischen Feinden, und die Nachwelt ehrte ihn hierfür mit dem Beinamen des Claudius Goticus. Die wirre Geschichtsschreibung dieses ungewöhnlichen Krieges Historia Augusta zu Claudius, Aurelian, Probus; Zosimos 1,42; Zonaras 12,26; Aurelius Victor, Epitome; Victor junior, Caesares; Eutropius 9,11; Eusebios, Chronica. lässt leider nicht zu, dass wir die Abfolge und genaueren Umstände seines Feldzuges zuverlässig rekonstruieren können; aber, ein wenig Phantasie zugestanden, können wir dieses außergewöhnliche Drama in drei Akte untergliedern. – I. Die Entscheidungsschlacht wurde bei Naissus ausgetragen, einer Stadt in Dardanien. Zunächst mussten die römischen Legionen vor der schieren Überzahl und wegen anderer Widrigkeiten zurückweichen. Ihr Untergang war bereits besiegelt, hätte nicht ihr Feldherr in kluger Voraussicht genau zum richtigen Zeitpunkt für Entsatz gesorgt. Eine große Heeresabteilung, die plötzlich aus den verborgenen und unwegsamen Pässen der umliegenden Berge hervorbrach – hier hatte sie auf seine Anordnung hin Stellung bezogen – griff die siegreichen Goten im Rücken an. Dieser verheißungsvolle Augenblick wurde durch die weiteren Maßnahmen des Claudius ausgebeutet: er belebte seinen Truppen den Mut, ordnete ihre Stellung neu und ließ die Barbaren von allen Seiten attackieren. Fünfzigtausend Mann, so heißt es, sollen in der Schlacht bei Naissus gefallen sein. Mehrere ansehnliche Abteilungen der Barbaren, die ihren Rückzug mit schweren, beweglichen Wagen deckten, zogen sich vom Ort des Grauens zurück, oder besser: entkamen ihm. II. Vermutlich haben einige unüberwindliche Schwierigkeiten, etwa die Erschöpfung oder der Ungehorsam auf Seiten der Sieger Claudius daran gehindert, an einem Tage den Untergang der Goten zu vollenden. Der Krieg griff auf die Provinzen Mösien, Thrakien und Makedonien über und verzettelte sich in eine Reihe von Märschen, Überfällen und Scharmützeln zu Lande und zu Wasser. Niederlagen, die die Römer gelegentlich wohl auch erlitten, waren gewöhnlich der Feigheit oder überhastetem Handeln zuzuschreiben; aber die überlegene Feldherrenkunst des Kaisers, seine umfassenden Kenntnis der Region, seine wohlerwogenen Maßnahmen und die geschickte Auswahl von Unterbefehlshabern stellte doch in den meisten Fällen den Sieg seiner Waffen sicher. Die unermessliche Beute bestand zum größten Teil aus Vieh und aus Sklaven. Auserlesene gotische Jugendliche wurden in die kaiserlichen Truppen eingereiht, die anderen in die Sklaverei verkauft; und so groß war die Zahl der weiblichen Gefangenen, dass jeder Soldat zusätzlich zu seinem Anteil auch noch zwei bis drei Frauen erhielt. Aus diesem Umstand mögen wir schließen, dass die Eroberer sich nicht nur mit der Absicht trugen zu plündern, sondern auch sich anzusiedeln; denn selbst auf ihren See-Unternehmungen wurden sie von ihren Familien begleitet. III. Der Verlust ihrer Flotte, die entweder gesunken oder römische Beute war, hatte den Goten den Rückzug abgeschnitten. Ein riesiger Kreis römischer Vorposten, mit Bedacht verteilt und mit Nachschub wohlversehen, konzentrierte seinen Vormarsch immer mehr auf ein Zentrum hin und drängte so die Barbaren in die unwegsamsten Gebiete des Hämusgebirges, wo sie zwar geschützt, aber von jedem Nachschub abgeschnitten waren. Während des folgenden, sehr schweren Winters wurden sie von den Truppen des Kaisers belagert, und Hunger, Krankheit, Flucht und schließlich auch das Schwert lichteten beständig ihre Reihen. Als der Frühling kam, stand nur noch eine kleine, zum Tode entschlossen Mannschaft unter Waffen, das Überbleibsel jener gewaltigen Heeresmacht, die zuvor in der Dnjestrmündung an Bord gegangen war.   TOD DES CLAUDIUS · QUINTILIUS' KURZES GASTSPIEL Die Seuche, die unter den Goten so furchtbar gewütet hatte, wurde schließlich auch ihrem Bezwinger zum Verhängnis. Nach zwei kurzen, wenn auch ruhmreichen Regierungsjahren verschied Claudius zu Sirmium, von den Tränen und Segenswünschen seiner Untertanen begleitet. Im letzten Stadium seiner Krankheit berief er die wichtigsten Staatsbeamten und Militärs zu sich und anempfahl in ihrem Beisein Aurelianus Folgt man Zonaras, legte Claudius ihm noch vor seinem Tod den Purpur an; aber diesem einzigartige Vorkommnis widersprechen andere Autoren, als dass sie es bestätigten. , einen seiner Generäle, als den geeignetsten Nachfolger, der zugleich die besten Voraussetzungen mitbringe, den großen Plan zur Reife zu bringen, den er lediglich ins Leben rufen durfte. Die Tugenden des Claudius, sein Mut, seine Umgänglichkeit, sein Gerechtigkeitssinn und seine Besonnenheit, schließlich auch die Liebe zu seinem Land: dies alles reiht ihn in die kurze Liste derjenigen Kaiser, die den Glanz des römischen Purpurs gemehrt haben. Diese Tugenden wurden mit besonderem Eifer und Behagen von den Hofschreibern aus dem Zeitalter Constantins hervorgehoben, welcher der Urenkel des Crispus war, Claudius' älterem Bruder. Rasch lernte die Stimme der Schmeichelei es hervorzuheben, dass die Götter, die den Claudius so früh von der Erde abberufen hätten, seine Verdienste und Frömmigkeit dadurch belohnten, dass sie seine Familie mit dem ewigwährenden Herrscherrecht beschenkt hätten Vgl. die Vita des Claudius von Trebellinius Pollio und die Reden des Mamertinus, Eumenius und Iulianus; dazu Iulianus, Caesares p.313. Bei Iulianus war es nicht Schmeichelei, sondern Aberglaube und Eitelkeit. . Jener Göttersprüche ungeachtet gedieh diese Flavische Familie (welchen Namen anzunehmen sie für gut befunden hatte) erst zwanzig Jahre später zur Blüte, während die Größe des Claudius für seinen Bruder Quintilius den sofortigen Untergang bedeutete, denn er besaß weder die Selbstbescheidung noch den Mut, sich in das Privatleben zurückzuziehen, zu dem ihn der Patriotismus seines Bruders verurteilt hatte. Ohne zu zögern und nachzudenken nahm er in Aquileia den Purpur an sich, wo er über beträchtliche Truppenkontingente befehligte; und wenn seine Herrschaft auch nur siebzehn Tage währte, so reichte die Zeit doch hin, dass er eine Bestätigung durch den Senat erhielt und in seiner Truppe eine Meuterei erlebte. Sobald er hörte, dass die mächtige Donauarmee die bewährte Stärke des Aurelianus mit kaiserlichem Purpur geschmückt habe, sank er vor dem Ruhm und der Größe seines Gegners in den Staub, ließ sich die Pulsadern aufschneiden und entzog sich so weislich der ungleichen Auseinandersetzung. Zosimos 1,47. Die Historia Augusta, Claudius 12, sagt ihm einige Tugenden nach und berichtet, dass er wie Pertinax von einer marodierenden Soldateska ermordet wurde; folgt man Dexippus, starb er an einer Krankheit.   AURELIANUS' ERFOLGREICHE REGENTSCHAFT Inhalt und Zielsetzung dieses Werkes gestatten es uns nicht, jedwede Maßnahme eines Herrschers nach seiner Thronbesteigung in allen Einzelheiten auszubreiten, geschweige denn die verschiedenen Fügungen seines privaten Lebens darzulegen. Wir halten deshalb nur fest, dass der Vater des Aurelian ein Bauer aus Sirmium war, der ein kleines Gut aus dem Besitz des Senators Aurelianus zur Pacht hatte. Sein militärisch veranlagter Sohn meldete sich früh als einfacher Soldat zur Armee, arbeitete sich Schritt für Schritt zum Centurio empor, zum Tribun, zum Legionspräfekten, zum Lagerinspektor, zum General, oder, wie es damals hieß, zum Grenzfürsten; endlich wurde er während der Gotenkriege in das wichtige Amt des kommandierenden Generals der Kavallerie befördert. In jeder dieser Karrierestufen zeichnete er sich durch unermüdliche Körperkraft Theoclius (Historia Augusta, Aurelian 13) bekräftigt, dass er an einem einzigen Tage achtundvierzig Sarmatiner mit eigener Hand getötet habe und in verschiedenen späteren Treffen neunhundertundfünfzig. Diese heroischen Kraft-Taten wurde von den Soldaten bewundert und in ihren ungehobelten Liedern gefeiert, deren Kehrreim lautete: mille, mille, mille occidit. (Tausend, tausend, tausend/ hat er umgelegt) aus, durch straffe Disziplin und durch Erfolg. Kaiser Valerian ernannte ihn zum Konsul, welcher ihn in dem pompfreudigen Sprachduktus jener Zeit den Befreier Illyriens, den Wiederhersteller Galliens und den Rivalen der Scipionen nennt. Auf Empfehlung des Valerianus adoptierte Ulpius Crinitus, ein Senator von höchstem Rang und Blutsverwandter Traians, den pannonischen Bauern, gab ihm seine Tochter zur Frau und befreite mit seinem großen Vermögen Aurelian von dem Zustande der ehrbaren Armut, die er unbeschadet überstanden hatte Acholius (in der Historia Augusta, Aurelian 13) beschreibt eine solche Adoptionszeremonie, wie sie in Byzanz in Gegenwart der des Kaisers und den Großen der Krone durchgeführt wurde. .   AURELIANS STRENGE REGIERUNG Aurelians Herrschaft dauerte lediglich vier Jahre und neun Monate; aber jeder Moment dieser kurzen Zeitspanne war durch irgendeine besondere Tat unvergänglich. Er beendete die Gotenkriege, strafte die Germanen ab, welche Italien heimsuchten, entwand Gallien, Spanien und Britannien den Händen des Tetricus und zerstörte die stolze Monarchie, welche Zenobia im Osten auf den Trümmern des heimgesuchten römischen Reiches errichtet hatte. Es war in erster Linie die nachdrückliche Aufmerksamkeit, die Aurelian noch den geringsten Erfordernissen des Dienstes widmete, welche seinen Waffen diese ununterbrochene Folge von Siegen bescherte. In einem Brief an einen subalternen Offizier legt er mit Bestimmtheit seine diesbezüglichen Vorstellungen dar, welchen Geltung zu verschaffen er ihm auferlegte, wenn er denn an dem Amte eines Militärtribunen oder an seinem Leben noch weiteres Interesse habe. Spielen, Saufen und Wahrsagerei waren strengstens untersagt. Aurelian erwartete von seinen Soldaten, dass sie sich bescheiden, nüchtern und eifrig aufführten; dass ihre Waffen ständig in gepflegtem Zustande, ihre Schwerter scharf und ihre Kleidung und Pferde zu jedwedem sofortigen Einsatz bereit seien; dass sie ehrbar und in Züchten in ihren Quartieren leben sollten, ohne die Kornfelder zu ruinieren oder auch nur ein Schaf, ein Huhn oder eine Weintraube zu stehlen und ohne ihren Quartiergebern Salz, Öl oder Brennholz abzufordern. »Die öffentliche Großzügigkeit,« fuhr der Herrscher fort, »sorgt hinreichend für ihren Sold; die Quelle ihres Wohlergehens sollten feindliche Beute und nicht die Tränen der Provinzbewohner sein Historia Augusta, Aurelia 7. Dieser Brief stammt in seiner lakonischen Kürze mit Sicherheit aus der Hand eines Soldaten; es ist durchsetzt mit militärischen Phrasen und Fachausdrücken, von denen mehrere nur unter Schwierigkeiten zu verstehen sind. Ferramenta samiata wird von Salmasius zutreffend erklärt: Das erste Wort bezeichnet alle Arten von Angriffswaffen, im Gegensatz zu arma, Verteidigungswaffen. Das zweite Wort meint scharf, gut geschliffen. .« Ein einziges Beispiel möge dienen, die Strenge, um nicht zu sagen, die Grausamkeit des Aurelian zu veranschaulichen. Einer der Soldaten hatte die Frau seines Quartiergebers verführt. Der überführte Missetäter wurde an zwei Bäume festgebunden, die man gewaltsam zueinander herabgebogen hatte und, als man sie dann plötzlich losließ, in Stücke gerissen. Ein paar solcher Beispiele riefen heilsames Entsetzen hervor. Aurelians Strafen waren fürchterlich; aber nur selten fand er Gelegenheit, dasselbe Vergehen mehrmals zu bestrafen. Sein eigenes Beispiel verlieh seinen Vorschriften Glaubwürdigkeit, und bis dato aufwieglerischen Legionen lernten einen Oberbefehlshaber fürchten, welcher gelernt hatte zu gehorchen und nun zu Recht das Kommando führen mochte.   FRIEDENSSCHUSS MIT DEN GOTEN Der Tod des Claudius hatte den sinkenden Mut der Goten neuerlich belebt. Die Truppen, welche die Gebirgspässe am Haimos und die Donau zu bewachen hatten, wurden in Erwartung eines Bürgerkrieges abgezogen; und es klingt plausibel, dass die zurückgebliebenen Goten und Vandalen die günstige Gelegenheit beim Schopfe packten, ihre Siedlungen in der Ukraine aufgaben, die Flüsse überquerten und durch großem Zulauf die Masse ihrer plündernden Landsleute vermehrten. Diese vereinigten Horden trafen endlich auf Aurelian, und lediglich das Hereinbrechen der Dunkelheit beendete das ebenso blutige wie offene Gefecht Zosimos 1,48. . Zermürbt durch das unmessbare Leid, das man sich im Laufe von zwanzig Jahren Krieg gegenseitig zugefügt hatte, bequemten sich Römer und Goten zu einem dauerhaften und segensreichen Friedensschluss. Die Barbaren baten aufrichtig darum und die Legionen, denen diese wichtige Frage zur Entscheidung vorzulegen Aurelian klug genug gewesen war, stimmten von Herzen darein. Die Goten stellten zweitausend Mann – größtenteils Kavallerie – als Hilfstruppen für die Römer ab und handelten im Gegenzug freien Abzug aus sowie freien Marktverkehr unter kaiserlicher Oberaufsicht bis an die Donau. Dieser Vertrag wurde mit nachgerade religiösem Eifer eingehalten, so dass einmal, als sich eine Gruppe von fünfhundert Mann aus Lust am Plündern aus dem Lager entfernt hatten, der König – oder der General – der Barbaren anordnete, dass die schuldigen Anführer gebunden und mit Pfeilen erschossen werden sollten, welches Opfer die Heiligkeit ihrer Verträge wiederherstellen sollte. Es ist indessen nicht auszuschließen, dass die Voraussicht des Aurelian, der sich Söhne und Töchter der gotischen Stammeshäuptlinge als Geiseln ausbedungen hatte, zu dieser friedlichen Gesinnung ebenfalls beigesteuert hatte. Die Jungmannen ließ er im Gebrauch römischer Waffen einüben, wobei dies in seiner Nähe stattfinden musste, den Maiden hingegen ließ er eine liberal-römische Erziehung angedeihen und stiftete dadurch, dass er sie mit seinen wichtigsten Offizieren verheiratete, zwischen beiden Völkern die engsten und zärtlichsten Verbindungen Dexippos (Excerpta legationum, p.19) berichtet von dem Vorgang, als seinen es Vandalen. Aurelian verheiratete eine der gotischen Damen mit seinem General Bonosus, welcher es im Trinken mit den Goten aufnehmen und ihnen so einige ihrer Geheimnisse ablauschen konnte. .   DIE PROVINZ DAKIEN Aber das wichtigste Detail wurde in dem Vertrag nicht ausdrücklich festgehalten, sondern stillschweigend vorausgesetzt. Aurelian zog die römischen Truppen aus Dakien ab und verzichtete zugunsten der Goten und Vandalen auf diese große Provinz Historia Augusta, Aurelian 39; Eutropius 9,15; Sextus Rufus 9; Lactantius, De mortibus persecutorum 9. . Die handgreiflichen Vorteile, die in dieser Verkürzung der römischen Grenzen lag, machten ihm seinen beherzten Entschluss leicht und halfen ihm über die äußerliche Schmach hinweg. Die dakischen Untertanen, die diese abgelegenen Provinzen verließen, welche sie ohnehin weder kultivieren noch verteidigen konnten, mehrten die Bevölkerungsstärke der Länder südlich der Donau. Ein fruchtbarer Landstrich, welchen die wiederholten Barbareneinfälle in eine Wüste verwandelt hatten, ward ihrem Fleiße anvertraut, und in dem Namen der neuen Provinz Dakien lebte die Erinnerung an Trajans Eroberung fort. In dem alten Lande gleichen Namens indessen blieb noch eine beträchtliche Anzahl Alteingesessener zurück, welche ein Auswandern mehr fürchteten als ihre neuen gotischen Herren Die Bewohner der Walachei (Rumänien) bewahren bis heute noch viele Spuren der lateinischen Sprache und haben sich zu allen Zeiten ihrer römischen Herkunft gerühmt. Sie sind von Barbaren umgeben, aber entschieden nicht mit ihnen vermischt. Vgl. d'Anville über Dakien in Mémoires de l'Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, Bd.30. . Diese verkommenen Römer waren auch weiterhin dem Imperium, dem sie die Treue aufgekündigt hatten, nutzbringend, indem sie ihren Eroberern die erste Bekanntschaft mit dem Ackerbau, den nützlichen Künsten und den Annehmlichkeiten des kultivierten Lebens vermittelten. Zwischen den gegenüberliegenden Donauufern entstand allmählich eine Annäherung des Handels und der Sprache; und nachdem sich Dakien erst einmal als eigenständiger Staat etabliert hatte, wurde es zu einem der zuverlässigsten Bollwerke gegen die Einfälle der Wilden aus dem Norden. Die mittlerweile sesshaften Barbaren entwickelten so etwas wie Interesse an einer Allianz mit Rom, und eine beständige Beziehung dieser Art mag zu aufrichtiger und fruchtbringender Freundschaft heranreifen. Diese buntscheckige Einwohnerschaft, welche das antike Dakien besiedelte und sich allmählich zu einem einzigen großen Volke vermischte, anerkannte endlich des Gotenvolkes höheren Ruhm und Ansehen und beanspruchte für sich die – wenn auch nur eingebildete – Ehre einer skandinavischen Abkunft. Zugleich festigte die hübsche, wiewohl rein zufällige Ähnlichkeit mit dem Namen der Geten in den treuherzigen Goten die einfältige Überzeugung, dass bereits in unvordenklichen Zeiten ihre eigenen Vorfahren in Dakien Wohnsitze gehabt, dort von Zamolxis Weisung empfangen und die siegreichen Waffen des Sesostris und Darius aufgehalten hätten Siehe Jordanes, Getica 1. Die Vandalen hingegen siedelten zwischen den Flüssen Marisia und Crisia (Maros und Körös, Nebenflüssen der Theiss) in kurzlebiger Unabhängigkeit. .   KRIEG GEGEN DIE ALAMANNEN Während also Aurelians ebenso bestimmte wie besonnene Kriegführung die illyrische Grenze wiederherstellte, verletzten die Alamannen Dexippos, fr.25; Zosimos 1,49; Vopiscus, Aurelian 18 in der Historia Augusta. Wenngleich die Nomenklatur dieser Autoren uneinheitlich ist (Alamanni, Juthungi und Marcomanni), bezeichnen sie dennoch ersichtlich dieselben Völkerschaften und denselben Krieg; es bedarf jedoch einiger Sorgfalt, sie miteinander in Einklang zu bringen und zu erklären. die Friedensvereinbarungen, die entweder Gallienus ausgehandelt oder Claudius diktiert hatte und eilten, durch ihre ungeduldige Jugend zusätzlich befeuert, zu den Waffen. Vierzigtausend Reiter erschienen auf dem Plan Cantoclarus entscheidet sich hier mit der ihm eigenen Genauigkeit für die Übersetzung »dreihunderttausend« und verstößt dadurch gegen beides, den Sinn und die Grammatik. , und das Fußvolk übertraf sie noch um das Doppelte Wir dürfen als ein Beispiel für schlechten Geschmack hier anmerken, dass Dexippus für die Leichte Infanterie der Alamannen termini technici verwendet, die ausschließlich für die griechische Phalanx passen. . Die ersten Objekte ihrer Raubbegierde waren einige Städte an der rhätischen Grenze; als aber mit ihren Erfolgen auch ihre Hoffnungen wuchsen, zog sich bald eine Spur der Verwüstung von der Donau bis zum Po Bei Dexippus lesen wir vorläufig Rhodanus; aus wohlerwogenen Gründen verbessert Herr de Valois zu Eridanus. .   A.D. 270 Dem Kaiser erhielt vom Einfall und – fast gleichzeitig damit – vom Rückzug der Barbaren Kunde. Er stellte eine schlagkräftige Truppe zusammen und marschierte unentdeckt und in Eile am Saume der hercynianischen Wälder entlang; die Alamannen, unter ihrer italienischen Beute wankend, erreichten die Donau ohne den geringsten Argwohn, dass auf dem gegenüberliegenden Ufer und in günstiger Stellung sich eine römische Armee verborgen halte, bereit, ihren Rückmarsch abzufangen. Aurelian wog die Barbaren noch mehr in ihrer verhängnisvollen Sicherheit und gestattete ihrer halben Streitmacht, die Donau ohne Störung und ohne flankierende Maßnahmen zu überschreiten. Ihre Lage und ihre Verblüffung schenkten ihm einen leichten Sieg; sein wohlüberlegter Angriff vergrößerte darüber hinaus seinen Vorteil. Er hatte die Legionen halbkreisförmig aufgestellt, ließ die beiden Spitzen dieses Halbmondes die Donau überqueren und nach einem plötzlichen Schwenk zum Zentrum die Nachhut des germanischen Feindes angreifen. Wohin auch immer die Barbaren in ihrer Verwirrung ihre Blicke wandten, sie erblickten entweder ein verwüstetes Land, einen tiefen und reißenden Strom oder einen siegreichen und gnadenlosen Feind. Unter diesen denn doch hoffnungslosen Bedingungen standen die Alamannen nicht länger an, um Frieden nachzusuchen. Aurelian empfing ihre Unterhändler an der Spitze seines Lagers und mit allem verfügbaren kriegerischem Pomp, der nur irgend Roms Größe zur Schau stellen mochte. Die Legionen waren angetreten, gewappnet, wohlgeordnet und standen in finsterem Schweigen. Die Oberbefehlshaber waren, zu Pferde und mit den Insignien ihres Ranges versehen, zu beiden Seiten des kaiserlichen Thrones aufgereiht. Dahinter wurden auf langen, silberbeschlagenen Spießen die geheiligten Bildnisse des Kaisers und seiner Vorgänger Kaiser Claudius (II) war sicherlich darunter; wir wissen indessen nicht, bis zu welchem rückwärtigen Zeitpunkt man diese respekteinflößende Maßnahme trieb; falls sie bis zu Cäsar und Augustus gereicht haben sollte, muss dies ein sehr einschüchterndes Schauspiel abgegeben haben; eine lange Galerie von Herren der Welt! , ferner die Legionsadler und endlich, in goldenen Lettern eingraviert, die diversen Verdienste der Legion gen Himmel gereckt. Als Aurelian seinen Sitz eingenommen hatte, belehrten seine mannbare Würde und sein erhabenes Erscheinungsbild die Barbaren Vopiscus in der Historia August, Aurelianus 6. , wie sie der Person und dem Purpur ihres Besiegers geziemend zu begegnen hätten. Schweigend sanken die Botschafter nieder in den Staub. Man hieß sie sich erheben, es ward ihnen zu sprechen verstattet. Mit Hilfe von Dolmetschern versuchten sie zunächst, ihre Treulosigkeit klein und ihre Heldentaten groß zu reden, verbreiteten sich ausführlich über den Unbestand des Glückes und den Vorteil des Friedens und verlangten mit viel Selbstvertrauen, für das der Zeitpunkt indessen übel gewählt war, beträchtliche Geldmittel als Preis für ihre Heerdienste, die sie den Römern bei dieser Gelegenheit anboten. Die Antwort des Kaisers fiel herrisch-schroff aus. Ihr Angebot könne er nur verachten und über ihr Ansinnen sich nur empören; er ließ die Barbaren wissen, dass sie in den Kriegskünsten ebenso unbedarft seien wie in den Regeln des Friedens; er entließ sie schließlich mit der Versicherung, dass sie nur zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen hätten: sich ihm auf Gnade und Ungnade zu ergeben oder seinen allerhöchsten Zorn zu riskieren Dexippos lässt ihn eine ausgetüftelte und weitausschweifende Rede halten, würdig eines griechischen Sophisten. . An die Goten hatte Aurelian eine abgelegene Provinz darangegeben; diesen vertragsbrüchigen Barbaren zu trauen oder zu verzeihen war hingegen äußerst heikel, hatten sie doch mit ihrer Machtfülle Italien selbst in dauernden Alarmzustand versetzt.   ALAMANNEN IN ITALIEN... Unmittelbar nach diesen Friedensverhandlungen muss irgendeine unerwartete Notlage die Anwesenheit des Kaisers in Pannonien erforderlich gemacht haben. Er übertrug seinen Offizieren, die Unterwerfung der Alamannen zu vollenden, sei es durch das Schwert, sei es durch das zuverlässigere Mittel des Aushungerns. Aber schon oft hat die Verzweiflung in ihrer Bedrängnis über die Schläfrigkeit eines sicheren Erfolges triumphiert. Da den Barbaren der Weg über die Donau und am römischen Lager vorbei unmöglich war, durchbrachen sie die Sperren hinter ihrem Rücken, welche nur schwach oder zu nachlässig bewacht waren; und mit unglaublicher Zähigkeit, aber auf anderem Wege als zuvor drangen sie erneut in die Berge Italiens Historia Augusta, Aurelian 18. . Aurelian, der den Krieg schon längst beendet wähnte, erhielt nun die ärgerliche Nachricht, dass die Barbaren entkommen seien und sich in der Gegend von Mailand übel aufführten. Die Legionen erhielten Weisung, so schnell es bei diesen schwerfälligen Truppenkörpern eben gehen mochte, der raschen Flucht dieses Feindes zu folgen, dessen Infanterie und Kavallerie nahezu mit gleicher Beweglichkeit operierten. Einige Tage später eilte der Kaiser selbst herzu, Italien zu befreien; dies tat er an der Spitze einer auserlesenen Schar von Hilfstruppen (unter ihnen auch Geiseln und Kavallerie der Vandalen) und aller Prätorianer, welche im Kriege an der Donau gedient hatten Dexippos, fr. 25 .   ...WERDEN VON AURELIAN BESIEGT Da die leichten Truppen der Alamannen das gesamte Gebiet zwischen Alpen und Apennin überflutet hatten, war das unablässige Bemühen von Aurelian und seinen Offizieren darauf gerichtet, ihre zahllosen Detachements aufzuspüren, zu attackieren und zu verjagen. Neben diesem zählebigen Kleinkrieg werden auch noch drei bemerkenswerte Großgefechte überliefert, in welche die Hauptstreitkräfte beider Völker jeweils verwickelt waren Aurelius Victor, Epitome 35. . Die Ausgänge waren höchst unterschiedlich. In der ersten Schlacht bei Placentia erhielten die Römer eine derartig empfindliche Niederlage, dass nach den Worten eines Chronisten – eines fanatischen Parteigängers von Aurelian – der Untergang des Reiches unmittelbar bevorstand Vopiscus in der Historia Augusta, Aurelian 21 . Die listenreichen Barbaren hielten sich im Walde verborgen und brachen bei Einbruch der Dunkelheit gegen die Legionen vor, welche, wie es scheint, infolge eines langen Marsches erschöpft und von aufgelöster Ordnung waren. Gegen die Wucht ihres Angriffes gab es keinen Widerstand. Nach einem fürchterlichen Gemetzel jedoch versammelte der Kaiser seine Truppen und rettete in einem gewissen Umfang ihre Waffenehre. Die zweite Schlacht ward bei Fano in Umbrien geschlagen; es war just die Stelle, an der fünfhundert Jahre vorher Hannibals Bruder sein Schicksal ereilt hatte Der kleine Fluss – besser wohl: Wildbach – Metaurus ist in die Unsterblichkeit eingegangen, weil sich ein Historiker wie Livius und ein Dichter wie Horaz seiner angenommen hatten. . So weit also waren die Germanen auf der Via Aemilia und Flaminia bereits vorgedrungen, begierig, die schutzlose Herrin der Welt zu schänden. Aber der stets auf die Sicherheit Roms bedachte Aurelian war ihnen bereits auf den Fersen und fand hier den Ort, ihnen eine vollständige und nicht wieder gutzumachende Niederlage beizubringen Sie ist in einer Inschrift festgehalten, die sich bei Pesaro gefunden hat. S. Gruter, Inscriptiones 286,3. . In einer dritten und letzten Schlacht bei Pavia wurden auch noch die flüchtigen Überreste ausgetilgt und Italien befreit von den Einfällen der Alamannen.   BAU DER AURELIANISCHEN MAUERN Furcht war noch immer die Mutter des Aberglaubens gewesen, und jedwede neue Kalamität drängt Sterbliche in ihrer Angst dazu, durch allerlei Vorkehrungen den Grimm ihres unsichtbaren Feindes abzuwenden. Obgleich nun der beste Schutz des Staates Aurelians Mut und Feldherrentüchtigkeit waren, so war doch zu dem Zeitpunkt, als man die Barbaren stündlich vor den Toren Roms erwartete, die öffentliche Bestürzung derart weit gediehen, dass man im Anschluss an einen Senatsbeschluss die Sibyllinischen Bücher zu Rate zog. Selbst der Kaiser riet zu dieser heilsamen Maßnahme, sei es aus Gründen der Staatsklugheit oder aus religiösen Rücksichten; auch schalt er den Senat wegen seiner Bedachtsamkeit »Man könnte meinen,« so seine Worte, »ihr hättet euch in einer Kirche der Christen und nicht im Tempel aller Gottheiten versammelt.« und bot jede Mitwirkung an, welches Opfer an Geld, Tier, Gefangenen welcher Nation auch immer die Götter begehren mochten. Ungeachtet dieses großzügigen Angebotes hat offenbar kein Mensch mit seinem Blute für die Sünden des römischen Volkes büßen müssen. Die sibyllinischen Bücher empfahlen Zeremonien unschuldigerer Natur, Prozessionen etwa mit Priestern in weißen Gewändern, begleitet von Jungfrauen- und Knabenchören; Reinigung der Stadt und benachbarter Landstriche; schließlich Opfer, deren wirkmächtiger Einfluss es den Barbaren unmöglich machen sollte, den Boden zu betreten, auf welchem die Rituale vollzogen wurden. So kindisch, für sich genommen, diese Dienste am Aberglauben auch waren, für den glücklichen Ausgang in diesem Kriege waren sie mitverantwortlich; und wenn in der Entscheidungsschlacht bei Fano die Alamannen auf Seiten Aurelians eine Geisterarmee imaginierten, so brachte ihm diese eingebildete Unterstützung ganz reale Vorteile Vopiscus (Historia Augusta, Aurelian 19 und 20) gibt aus den Senatsprotokollen ausführlichen Bericht über diese Rituale. .   BEFESTIGUNG ROMS Indessen: wie fest auch immer das Vertrauen sein mag, das man in derlei virtuelle Schutzwehr setzt, die Erfahrungen der unmittelbaren Vergangenheit und eine gewisse Rest-Skepsis hinsichtlich der Zukunft vermochten die Römer, auf Schutzwälle von gröberer Natur und handfesterem Material zu sinnen. Romulus' Nachfolger hatten Roms Sieben Hügel mit einer Mauer von mehr als dreizehn Meilen Länge umzirkt Plinius, Naturalis Historia 3,5. Um diese Angabe zu illustrieren, wollen wir hier anmerken, dass der Coelius für lange Zeit ein Eichenhain, der Viminal von Kopfweiden überwuchert und der Aventin im IV. Jhdt. ein leeres und vereinsamtes Rückzugsgebiet war; dass der Esquilin bis in die Zeiten eines Augustus eine ungesunde Begräbnisstätte war und dass die zahlreichen Geländeunebenheiten des Quirinal, von denen die Alten erzählen, hinreichend beweisen, dass er nicht bebaut gewesen sein kann. Lediglich das Kapitol und der Palatin waren die ursprünglichen Siedlungsgebiete des römischen Volkes. Dieser Gegenstand würde allerdings eine eigene Anhandlung erforderlich machen. . Für die Bedürfnisse eines noch sehr jungen Staates könnte eine solch riesige Anlage überdimensioniert wirken; sie war indessen erforderlich, um ein weitläufiges Acker- und Weidegebiet gegen die wiederholten und unerwarteten Überfälle der Nachbarstämme aus Latium zu schützen, jenen Dauer-Feinden der jungen Republik. Als Rom an Bedeutung zunahm, wuchsen auch die Stadt und ihre Einwohnerzahl; der leere Raum füllte sich, man durchbrach den mittlerweile nutzlosen Wall, siedelte auf dem Marsfeld und legte entlang den öffentlichen Straßen langgestreckte, schöne Vorstädte an Exspatiantia tecta multas addidere urbes, sagt Plinius. (Mit der Ausbreitung der Häuser viele Städte hinzufügen.) . Die Länge der neuen, von Aurelian begonnenen und von seinem Nachfolger Probus vollendeten Mauern gab die volkstümliche Schätzung mit fünfzig Meilen an Historia Augusta, Aurelian 39,2. Lipsius und Isaac Vossius verfechten diese Zahl mit Eifer. ; genaueres Nachmessen hat diese Angabe auf einundzwanzig Meilen präzisiert Vgl. Nardini, Roma antiqua, 1, c.8. . Sie aufzufahren war ein großes, aber auch recht trübseliges Geschäft, denn die Notwendigkeit, die Hauptstadt auf diese Weise zu schützen, war ein deutlicher Hinweis auf den Niedergang der Monarchie. Den Römern aus glücklicheren Läuften, die die Sicherheit des Reiches bei der Armee aufgehoben wussten Tacitus, Historiae 4,23. , hatte die Vorstellung, es könne jemals notwendig werden, den Sitz des Reiches gegen ausländische Barbareneinfälle ausgerechnet auf diese Weise zu sichern, noch sehr, sehr fern gelegen Über die Aurelianischen Mauern s. Vopiscius in der Historia Augusta, Aurelian 21 und 39; Zosimos 1,49; Eutropius 9,15; Aurelius Victor, Aurelian; Victor Iunior, Aurelian; Chroniken von Eusebios, Hieronymus und Hydatius. .   AURELIAN UND ZWEI GEGENKAISER Claudius' Sieg über die Goten und Aurelians Erfolg über die Alamannen hatten die alte Überlegenheit der römischen Waffen über die Völker des Nordens wieder hergestellt. Dem letzteren dieser martialischen Herrscher blieb es auch aufgespart, Tyrannen im Inneren zu züchtigen und die auseinanderfallenden Glieder des Reiches neuerlich zusammenzuführen. Obwohl von Volk und Senat als rechtmäßig anerkannt, war seine Herrschaft nur noch auf Italien, Afrika, Illyricum und Thrakien beschränkt, während Gallien, Spanien, Britannien, Ägypten, Syrien und Kleinasien sich immer noch im Besitze von zwei Rebellen befanden, welche als einzige aus einer so großen Anzahl den Gefahren ihrer Stellung bis dato entgangen waren; und um dieser Schande Roms eine weitere hinzuzufügen: diese rivalisierenden Throne hielten Frauen besetzt.   AUFEINANDER FOLGENDE URSUPATOREN IN GALLIEN In rascher Folge waren Könige in Gallien emporgekommen und wieder untergegangen. Die strenge Tugendhaftigkeit eines Posthumus diente lediglich dazu, seinen Untergang zu beschleunigen: Nach der Unterdrückung eines Mitberbers, der den Purpur zu Mainz angenommen hatte, verweigerte er seinen Truppen die Plünderung dieser empörerischen Stadt; und so wurde er im siebenten Jahr seiner Herrschaft das Opfer ihrer frustrierten Habsucht Sein Mitbewerber war Lollianus oder Aelianus, wenn diese Namen denn dieselbe Person bezeichnen. Vgl. Tillemont, Histoire des empereurs, Bd.3, p.1177. . Der Tod des Victorinus hatte weniger achtbare Ursachen. Das exzellenten Fähigkeiten dieses Herrschers Die Charakterisierung dieses Herrschers durch Iulius Aterianus (Historia Augusta, Tyrannen 6) verdient eine Wiedergabe, da sie ausgewogen und unparteiisch erscheint: Victorino, qui post Iunium Posthumum Gallias rexit, neminem existimo praeferendum; non in virtute Trajanum; non Antoninum in clementia: non in gravitate Nervam: non in gubernando aerario Vespasianum; non in censura totius vitae ac severitate militari Pertinacem vel Severum. Sed omnia haec libido et cupiditas voluptatis mulierariae sic perdidit, ut nemo audeat virtutes eius in literas mittere quem constat omnium iudicio meruisse puniri. (Nach meiner Einschätzung ist dem Victorinus, welcher nach Iunius Postumus über Gallien herrschte, niemand vorzuziehen: weder an Tapferkeit Traian; noch an Milde Antoninus; noch an Würde Nerva; noch in der Finanzpolitik Vespasian; noch an asketischer Lebensführung oder soldatischer Tugend Pertinax oder Severus. Aber alle diese Vorzüge hat er durch seinen Geschlechtstrieb und sein Verlangen nach Frauen derart zunichte gemacht, dass sich niemand getraute, seine Vorzüge schriftlich darzustellen, da er doch nach allgemeiner Auffassung nur Strafe verdiente.) wurden überdunkelt von einem ungezwungenem Geschlechtstrieb, den er bis an die Grenze zur Gewalttätigkeit auslebte, die bürgerlichen Gesetze oder wenigstens die der Liebe ungescheut missachtend Er vergewaltigte die Frau der Attitianus, eines actuarius oder Heeresagenten. Historia Augusta, Tyrannen 6. . Er wurde zu Köln von einer Rotte gehörnter Ehemänner totgeschlagen, deren Rachetat sich ehrsamer ausgenommen hätte, wenn sie seinen unschuldigen Sohn geschont hätten. Nach der Ermordung so vieler tapferer Herrscher ist es nachgerade überraschend, dass eine Frau für längere Zeit die ungebärdigen Legionen Galliens an der Kandare hielt, besonders da sie die Mutter jenes unglückseligen Victorinus war. Mit Hilfe von Geld und allerlei Ränken war es Victoria gelungen, Marius und Tetricus auf dem Thron zu installieren, um dann mit männlicher Energie durch jene zwei Marionetten zu regieren. In ihrem Namen wurden Kupfer-, Silber- und Goldmünzen geprägt; sie nannte sich Augusta und Mutter der Legionen. Ihre Macht endete zusammen mit ihrem Leben; aber ihr Leben wurde möglicherweise durch den undankbaren Tetricus verkürzt. Trebellius Pollio widmet ihr einen eigenen Beitrag unter den Dreißig Tyrannen. Historia Augusta 30.   REGIERUNG UND ENDE DES TETRICUS Als Tetricus auf Betreiben seiner ambitionierten Patronin mit königlichen Insignien angetan wurde, war er Statthalter der schläfrigen Provinz Aquitanien, zu welchem Amt er nach Eignung und Ausbildung geschickt war. Er regierte dann vier oder fünf Jahre über Gallien, Spanien und Britannien als Gegenkönig und gleichzeitig als Sklave einer ausgelassenen Armee, vor der er bange war und die ihn verachtete. Der Mut Aurelians eröffnete ihm endlich die Aussicht auf Befreiung. So riskierte er es schließlich, seine trübselige Stellung zu offenbaren und den Kaiser zu beschwören, ihn, den glücklosen Gegner, zu erlösen. Wäre diese Geheimkorrespondenz in die Hände der Soldaten gelangt, so hätte dies Tetricus zuverlässig das Leben gekostet; auch konnte er unmöglich das Szepter des Westens ablegen, ohne zum Verräter an sich selbst zu werden. So täuschte er einen drohenden Bürgerkrieg vor, führte seine Truppen gegen Aurelian ins Feld, stellte sie taktisch denkbar ungünstig auf, verriet dem Feinde seine eigenen Kriegslisten und wechselte mit ein paar handverlesenen Freunden gleich zu Beginn der Schlacht ins gegnerische Lager über. Obwohl die abtrünnigen Legionen durch diesen unerwarteten Verrat ihres Herren in heillose Unordnung gerieten, verteidigten sie sich mit dem Mute der Verzweiflung, bis schließlich alle Mann für Mann niedergemacht waren Trebellius Pollio in der Historia Augusta, Tyrannen 5; Vopiscus in der Historia Augusta, Aurelian 26 und 32; die beiden Victor, Viten des Gallienus und Aurelian; Eutropius 9,13; Eusebios, Chronica. Von allen diesen Autoren verlegen nur die beiden letzten (aber mit hoher Wahrscheinlichkeit) den Untergang des Tetricus vor den Zenobias. Herr de Boze (in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Bd.30) will ihnen nicht folgen und Tillemont (Histoire des empereurs, Bd. 3, p. 1189) getraut sich nicht. Ich war hier gerechter als der eine und beherzter als der andere. . Diese Schlacht, ebenso blutig wie erinnerungswürdig, fand in der Nähe von Chalons in der Campagne statt. Die Bundesgenossen dieser Rebellenarmee, Franken und Bataver Victor Iunior über Aurelian. Eumenius erwähnt Batavicae, woraus einige Autoren unbedenklich Bagaudicae machen wollen. , überredete oder nötigte der Kaiser zum Rückzug über den Rhein und stellte so den allgemeinen Frieden wieder her. Aurelians Macht wurde vom Antoniuswall bis zu den Säulen des Herkules anerkannt. Seit dem Beginn der Regierungszeit des Claudius hatte die Stadt Autun es gewagt, ganz auf sich gestellt, den abtrünnigen Legionen Galliens Widerstand zu leisten; nach siebenmonatiger Belagerung stürmten und plünderten sie die unglückliche Stadt Eumenius, Panegyricus 4,8. , die durch Aushungern bereits bis zum Äußersten geschwächt war. Lyon hingegen hatte sich mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit Aurelian widersetzt. Wir lesen von einer Bestrafung Lyons Vopiscus in der Historia Augusta, Firmus 13. Bis in die Tage Diokletians wurde Autun nicht wiederaufgebaut. Siehe Eumenius, De restaurandis scholis. , aber von einer Belohnung für Autun ist nirgendwo die Rede. Dies sind indessen die Gesetze des Bürgerkrieges: erlittenes Unrecht wird nie vergessen, wohl aber erwiesene Treue. Rache trägt Zinsen, Dankbarkeit macht Unkosten.   CHARAKTERISTIK DER KÖNIGIN ZENOBIA VON PALMYRA A.D. 272 Kaum hatte Aurelian Person und Provinzen des Tetricus sichergestellt, wandte er sich gegen Zenobia, die weithin berühmte Königin von Palmyra im Osten. Das mittelalterliche Europa hat mehrere berühmte Frauen hervorgebracht, die die Last der Krone mit Auszeichnung trugen, auch ermangelt unser gegenwärtiges Zeitalter solcher ausgezeichneten Charaktere nicht. Lassen wir einmal die zweifelhaften Verdienste einer Semiramis unberücksichtigt, dann ist Zenobia vermutlich die einzige Frau, deren überlegener Geist sich aus der sklavischen Trägheit befreit hat, die ihr Konvention und Natur Asiens aufgezwungen haben Nahezu alles, was über Wandel und Wesen von Odaenathus und Zenobia gesagt wird, ist ihren Viten aus der Historia Augusta von Trebellius Pollio entlehnt. (Tyrannen, 15 und 30.) . Sie beanspruchte, von den makedonischen Königen Ägyptens abzustammen, kam an Schönheit ihrer Ahnfrau Kleopatra gleich und übertraf genannte Herrscherin in puncto puncti Sie gewährte ihrem Gemahl die Beiwohnung nur um der Nachkommenschaft willen; sah sie sich in ihren Hoffnungen getäuscht, wiederholte sie in der folgenden Periode den Versuch. und an Mut deutlich. Zenobia galt als die liebreizendste und zugleich tapferste ihres Geschlechtes. Sie hatte eine dunkle Hautfarbe (wie doch solche Quisquilien erwähnenswert scheinen, wenn von einer Frau die Rede ist!); ihre Zähne waren weiß wie die Perlen, und ihre großen schwarzen Augen funkelten von ungewöhnlichem Feuer, welches indessen gut mit ihrem außergewöhnlichen Liebreiz harmonierte. Ihre Stimme war von kräftigem Wohlklang. Ihren Verstand hatte sie durch zusätzliche Studien geschärft. Sie war mit der lateinischen Sprache nicht unvertraut, beherrschte aber auch das Griechische, Syrische und Ägyptische mit vergleichbarer Vollendung. Für ihren eigenen Gebrauch hatte sie eine Epitome zur Geschichte des Ostens verfasst, und im privaten Kreis hatte sie unter Anleitung des feinsinnigen Cassius Longinus die Schönheiten von Platos und Homers Werken miteinander verglichen. Diese vielseitige Frau hatte sich mit Odaenathus vermählt, einer wahren Heldennatur; er hatte sich aus kleinen Anfängen zum Herrscher des Ostens emporgearbeitet. Wenn gerade kein Krieg zu führen war, frönte Odaenathus mit Leidenschaft dem Jagdgewerbe; mit Eifer stellte er den wilden Wüstenbewohnern nach, den Löwen, Panthern und Bären; und Zenobias Enthusiasmus für diesen gefahrvollen Zeitvertreib war um Nichts geringer als der seine. Sie war gegen Ermüdung unempfindlich, verachtete den Gebrauch von Kutschen, trat üblicherweise nur zu Pferde und in Kriegstracht auf und marschierte bisweilen sogar zu Fuß an der Spitze ihrer Truppen. Odaenathus' Erfolg schrieb man größtenteils ihrer unvergleichbaren Klugheit und ihrer Fortune zu. Die glänzenden Siege über den Großkönig, den sie zweimal bis vor die Tore von Ktesiphon gehetzt hatten, legten den Grundstein zu ihrer gemeinsamen Macht und Reputation. Die Armeen, die sie befehligten, und die Provinzen, die sie gerettet hatten, mochten keine anderen Befehlsgeber anerkennen als ihre beiden unbesiegbaren Herrscher. Senat und Volk von Rom hatten Achtung vor der Ausländerin, welche ihren gefangenen Kaiser gerächt hatte, und sogar Valerians alberner Sohn anerkannte in Odaenathus so etwas wie einen Standesgenossen.   SIE RÄCHT DIE ERMORDUNG IHRES MANNES Nach dem erfolgreichen Feldzug gegen die gotischen Plünderer Asiens kehrte der Herr Palmyras nach Emesa in Syrien zurück. Im Felde unbesiegt, wurde er hier von einer Hofkabale zu Fall gebracht, und seine große Liebhaberei, die Jagd, wurde zur Ursache oder gab doch wenigsten den Anlass für seinen Tod Historia Augusta, Tyrannen 15; Zosimos 1,39; Zonaras 12,24. Letzterer ist klar und glaubwürdig, die anderen ungeordnet und widersprüchlich. Der Text von Synkellos ist entweder verderbt oder purer Unfug. . Sein Neffe Maeonius hatte, vorwitzig genug, den Speer vor seinem Onkel geschleudert; belehrt und ermahnt, ließ er gleichwohl nicht von dieser Ungehörigkeit ab. Odaenathus war somit herausgefordert, als Monarch wie auch als Sportsmann: er nahm ihm sein Pferd weg, was unter den Barbaren für die tiefste Demütigung gilt, und steckte den kecken Knaben für kurze Zeit in Arrest. Der Vorfall war bald vergessen, nicht aber die Strafe; und so ermordete Maeonius inmitten eines großen Festgelages mit Hilfe einiger wagemutiger Genossen seinen Onkel. Zusammen mit ihm wurde auch Herodes umgebracht, sein, wenn auch nicht Zenobias Sohn, ein Jüngling von sanfter und zärtelnder Gemütsart Odaenathus und Zenobia hatten ihm oftmals aus der feindlichen Beute Schmucksteine und Spielsachen geschickt, welche er mit ungemessener Freude empfing. . Allerdings brachte diese Mordtat Maeonius nur den kurzfristigen Genuss der Rache. Er hatte sich kaum den Augustustitel zugelegt, als Zenobia ihn auch schon dem Gedächtnis ihres Mannes zum Opfer gebracht hatte Zenobia stand unter dem vollkommen unbegründeten Verdacht, beim Tode ihres Mannes die Hand im Spiel gehabt zu haben. .   REGIERUNG DER ZENOBIA Mit Hilfe seines treuesten Freundes besetzte sie sogleich den verwaisten Thron und regierte fünf Jahre lang Palmyra, Syrien und den Osten mit männlicher Kompetenz. Mit dem Tode des Odaenathus erlosch auch jene Anerkennung, welche der Senat ihm als Person hatte zukommen lassen; indessen jagte seine kriegserfahrene Witwe, die den Senat genauso wenig ernst nehmen mochte wie Gallienus, einen gegen sie abgesandten römischen General nach Europa zurück Historia Augusta, Galliene 13. , wobei dieser beides verlor, sein Heer und sein Ansehen. Nicht durch die kleinen Unberechenbarkeiten, welche die Regierung einer Frau sooft zu einer Überraschung machen, sondern durch die einsichtigsten Maximen politischen Handelns war Zenobias straffe Regierungstätigkeit geprägt. Wenn es angebracht war zu verzeihen, dann konnte sie durchaus ihrem Zorne gebieten; war Strafe not, konnte sie der Stimme des Mitleids Schweigen auferlegen. Ihre straffe Haushaltsführung grenzte an Geiz; aber bei allen passenden Gelegenheiten zeigte sie sich prunkliebend und freigebig. Arabien, Armenien und Persien, die Nachbarstaaten, fürchteten ihren Zorn und suchten ihre Gunst. Dem Herrschaftsgebiet des Odaenathus, welches vom Euphrat bis nach Bythinien reichte, fügte seine Witwe das Erbe ihrer Väter hinzu, das volkreiche und fruchtbare Königreich Ägypten. Kaiser Claudius anerkannte ihre Verdienste und war's zufrieden, wenn sie das Ansehen des Reiches im Osten bewährte, während er mit den Goten genug zu tun hatte Die Zeugnisse über ihre Verdienste siehe in der Historia Augusta, Tyrannen 30; zur Eroberung Ägyptens Zosimos 1,44. . Indessen lag in Zenobias Aufführungen eine gewisse Zweideutigkeit; auch ging sie wahrscheinlich mit dem Plan um, eine selbständige und feindliche Monarchie zu errichten. Sie vermischte die volksnahen Bräuche der römischen Kaiser mit der Prachtentfaltung der Höfe Asiens und erwartete von ihren Untertanen die gleiche Verehrung, wie man sie etwa den Nachfahren des Kyros entgegenbrachte. Sie ließ ihren drei Söhnen Timolaus, Herrenianus und Vaballathus. Die ersten beiden waren, so nimmt man an, bereits vor dem Krieg gestorben. Dem letzteren übertrug Aurelian eine kleine Provinz in Armenien sowie den Königstitel; einige seiner Medaillen existieren heute noch. Vgl. Tillemont, Histoire des empereurs 3, p.1190. eine römische Erziehung angedeihen und führte sie oftmals im Purpur den Truppen vor. Sich selbst behielt sie den pompösen, wenn auch leeren Titel einer Königin des Morgenlandes vor.   KRIEG AURELIANS GEGEN ZENOBIA A.D. 272 Nachdem Aurelian nach Asien übergesetzt hatte – gegen eine Feindin, die bloß ihr Geschlecht zum Gegenstand der Verachtung hätte machen können – genügte bereits seine Anwesenheit, in der Provinz Bythiniens den Gehorsam wiederherzustellen, welcher durch Zenobias Ränke und Waffen ins Wanken geraten war Zosimos, 1,50. . An der Spitze seiner Legionen nahm er die Unterwerfung Ancyras entgegen und eroberte Tyana nach vergeblicher Belagerung durch den Verrat eines treulosen Bürgers. Das großmütige, wiewohl heftige Temperament des Aurelian überließ den Verräter dem Grimm der Soldaten: nur abergläubische Verehrung veranlasste ihn, die übrigen Landsleute des Philosophen Apollonios Vopiscus überliefert uns einen echten Brief (Historia Augusta, Aurelian 23 und 24) und eine zweifelhafte Vision des Aurelian. Apollonios war etwa zu derselben Zeit wie Jesus Christus geboren; sein Leben (das des Erstgenannten!) wird von seinen Schülern auf so märchenhafte Weise überliefert, dass wir unmöglich entscheiden können, ob es sich um einen Weisen handelt, einen Schwindler oder einen Fanatiker. mit Nachsicht zu behandeln. Antiochia wurde bei seinem Nahen aufgegeben, bis der Kaiser durch entsprechende Erlasse die Flüchtlinge zurückgerufen hatte und allen Generalpardon zusicherte, die mehr aus Not denn aus freien Stücken in den Diensten der Königin von Palmyra gestanden hatten. Diese unerwartete Milde versöhnte viele Syrer, und bis vor die Tore Emesas begleiteten die Segenswünsche der Bevölkerung den Schrecken seiner Waffen Zosimos 1,52. . Zenobia hätte ihrem Ansehen einen schlechten Dienst erwiesen, wenn sie tatenlos dem Herrscher des Westens sich ihrer Stadt auf weniger als hundert Meilen zu nähern gestattet hätte. In zwei großen Schlachten entschied sich hier das Schicksal des Ostens; so ähnlich sind sie sich in ihrem allgemeinen Verlauf und in vielen Einzelheiten, dass wir sie kaum auseinanderhalten können außer durch die Feststellung, dass die erste in der Nähe von Antiochia Bei einem Dorf namens Immae. Eutropius, Sextus Rufus und Hieronymus erwähnen nur diese erste Schlacht. geschlagen wurde, die zweite bei Emesa Vopiscus, Historia Augusta, Aurelian 25, erwähnt nur die zweite Schlacht. . Vor beiden Gefechten hob die Königin von Palmyra ihren Soldaten durch ihre persönliche Anwesenheit den Mut und beauftragte mit der Durchführung ihres Schlachtenplanes den General Zabdas, welcher bereits bei der Eroberung Ägyptens Proben von militärischem Talent abgelegt hatte. Zenobias zahlreiche Truppen setzten sich überwiegend aus leichten Bogenschützen und schwerer, eisengepanzerter Reiterei zusammen. Roms mauretanische und illyrische Kavallerie war außerstande, den wuchtigen Attacken ihrer Gegner zu widerstehen. Sie ergriff die Flucht, in echter oder vorgetäuschter Unordnung, beschäftigt die palmyrischen Reiter mit kräftezehrenden Verfolgungen und aufreibenden Einzelkämpfen und löste allmählich diese unüberwindliche, aber schwerfällige Reitertruppe auf. Mittlerweile hatten die leichtbewaffneten Bogenschützen ihre Pfeile verschossen und standen plötzlich ohne Deckung jedem Angriff der römischen Infanterie offen. Aurelian hatte hierzu die Veteranenarmee bestimmt, welche bis dahin am Oberlauf der Donau stationiert war und deren Mut im Kriege gegen die Alamannen sich mehrfach ernstlich bewährt hatte Zosimos 1,50-53. Sein Bericht über die beiden Schlachten ist klar und erschöpfend. . Nach der Niederlage von Emesa war es Zenobia unmöglich, noch eine dritte Armee aufzustellen. Bis zu den Grenzen von Ägypten hatten die von ihr abhängigen Nationen sich der Fahne des Siegers angeschlossen, der den wackersten seiner Generäle, Probus, entsandte, Ägypten wieder zu erobern. Palmyra war die letzte Zuflucht für die Witwe des Odaenathus. Sie zog sich hinter die Mauern ihrer Hauptstadt zurück, ließ alle Anstalten zu einer verbissenen Gegenwehr treffen und erklärte mit der Festigkeit, zu der nur Heldinnen imstande sind, dass der letzte Augenblick ihrer Regentschaft mit Bestimmtheit auch der letzte ihres Lebens sein würde.   PALMYRA Inmitten der unfruchtbaren arabischen Wüste erheben sich einige Flecken kultivierten Landes wie Inseln in einem Meer aus Sand. Selbst der Name Tadmor, oder Palmyra, wie diese Oase im Syrischen bzw. Lateinischen genannt wird, steht für die Palmenwälder, die jener kargen Region Schatten und sattes Grün spenden. Die Luft ist hier sauber und der Boden, den unschätzbare Wasserquellen durchfeuchten, bringt sogar Früchte und Getreide hervor. Ein Ort mit so einzigartigen Vorteilen, der dazu noch verkehrsgünstig zwischen Persischem Golf und Mittelmeer Plinius hat errechnet, dass sie 537 Meilen von Seleukia und 203 von der nächstgelegenen syrischen Küste entfernt lag; Bei dieser Gelegenheit (Naturalis Historia 5,21) gibt er eine kurzgefasste, vorzügliche Beschreibung von Palmyra. gelegen ist, wurde schon bald von den Karawanen aufgesucht, welche Europas Nationen in großem Umfang mit den Waren Indiens versorgen. So wuchs Palmyra allmählich zu einer reichen und unabhängigen Stadt heran; dadurch, dass sie zwischen der römischen und parthischen Monarchie mit Hilfe der wechselseitigen Vorteile des Fernhandels gleichsam vermittelte, beließ man sie in ihrer bescheidenen Stellung der politischen Neutralität, bis die kleine Republik infolge der Eroberungen Trajans zur Schutzbefohlenen Roms wurde und über einhundertundfünfzig Jahre in der ebenso untergeordneten wie achtbaren Rolle einer Kolonie prosperierte. Während dieser friedvollen Epoche geschah es auch, wenn wir denn den wenigen erhaltenen Inschriften trauen können, dass das reiche Palmyra jene Tempel, Paläste und Porticos in griechischen Stil errichtete, deren Ruinen, verstreut über mehrere Quadratmeilen, die Neugier moderner Reisender erregt haben Am Ende des letzten Jahrhunderts haben einige englische Reisende von Aleppo aus die Ruinen Palmyras entdeckt . Unsere Neugier wurde seither von den Herren Wood und Dawkins auf bessere Weise zufrieden gestellt. Zur Geschichte von Palmyra können wir die meisterliche Abhandlung von Dr. Halley in den Philosopical Transactions zu Rate ziehen (Bd.3, p. 518). . Neuer Glanz fiel auf das Land, als Zenobia und Odaenathus den Thron bestiegen hatten, und eine Zeitlang war Palmyra eine Nebenbuhlerin von Rom: der Ausgang dieses Wettbewerbs indessen war fatal, und der Reichtum von Generationen wurde einem kurzen Augenblick des Ruhmes aufgeopfert Vopiscus, Historia Augusta, Aurelian 26. .   BELAGERUNG VON PALMYRA DURCH AURELIAN Auf seinem Zuge durch die Sandwüste zwischen Emesa und Palmyra fielen die Araber beständig dem Kaiser Aurelian beschwerlich; auch gelang es ihm nicht, sein Armee und insbesondere die Bagage gegen jene fliegenden Banden behender und beherzter Räuber zu schützen, welche sich den Moment für ihre Überfälle mit kluger Berechnung wählten und die Legionen in ihrem langsamen Marschtempo oft genug foppten. Die Belagerung Palmyras war dahingegen weitaus schwieriger und wichtiger, und der Kaiser, der die Angriffe beständig forcierte, ward von einem Pfeil verwundet. »Das römische Volk«, so der Kaiser in einem erhaltenen Brief, »redet mit Geringschätzung von dem Kriege, den ich gegen ein Weib zu führen habe. Es kennt weder den Mut noch die Macht der Zenobia. Es ist unmöglich, alle ihre Zurüstungen für diesen Krieg aufzuzählen, ihre Wurfgeschosse, Pfeile und jede Art von Schleuderwaffen. Jeder Fußbreit ihrer Mauern ist bestückt mit balistae , und ihre Kriegsmaschinen werfen Feuer. Die Angst vor Bestrafung hat ihr den Mut der Verzweiflung eingegeben. Ich vertraue indessen Roms Schutzgottheiten, die bisher alle meine Unternehmungen begünstigt haben. Ich war bemüht, aus einer sehr unsicheren Chronologie das wahrscheinlichste Datum zu bestimmen. « Da in ihm bezüglich des göttlichen Schutzes und des Ausgangs der Belagerung gleichwohl Zweifel nagten, hielt Aurelian es für klüger, günstige Kapitulationsbedingungen anzubieten: der Königin ein glanzvoller Rücktritt; den Bürgern ihre althergebrachten Vorrechte. Seine Vorschläge wurden jedoch starrköpfig zurückgewiesen und die Ablehnung mit zusätzlichem Hohn gewürzt.   DER KAISER WIRD ZUM HERREN PALMYRAS Zenobias guter Mut wurde genährt durch die Hoffnung, dass über ein Kurzes der Hunger die römischen Truppen zum Rückmarsch durch die Wüste nötigen werde; ferner durch die naheliegende Annahme, dass die Könige des Orients und insbesondere der persische Monarch sich für die Verteidigung ihrer natürlichsten Verbündeten stark machen würden. Aber Aurelians Kriegsglück und seine Hartnäckigkeit überwanden jedes Hindernis. Der Tod Sapors, der in diese Zeit fiel, entzweite den persischen Kronrat, und die gelegentlichen Detachements, die Palmyra helfen sollten, wurden eine bequeme Beute der römischen Waffen. Andererseits trafen aus allen Teilen Syriens Karawanen im römischen Lager ein, welches noch zusätzlich durch die zurückkehrenden Truppen verstärkt wurde, welche unter Probus erfolgreich in Ägypten gefochten hatten. Da nun entschloss sich Zenobia zur Flucht. Sie bestieg das schnellste ihrer Dromedare Historia Augusta, Aurelian 28; Zosimos 1,55. Obwohl das Kamel ein schwerfälliges Lasttier ist, wird das Dromedar – es ist von gleicher oder doch wenigsten verwandter Art – von Asiens und Afrikas Völkern bei allen Gelegenheiten eingesetzt, bei denen Schnelligkeit erforderlich ist. Die Araber versichern uns, dass es an einem Tage soviel Land durcheilt, wie ihre flinkfüßigsten Pferde in acht oder zehn Tagen. Vgl. Buffon, Histoire Naturelle, Bd. 9, p. 222 und Shaw's Travels, p.167. und hatte bereits, sechzig Meilen von Palmyra entfernt, das Euphratufer erreicht, als sie von leichten Reitern Aurelians ergriffen und als Kriegsgefangene dem Kaiser vorgeführt wurde. Ihre Hauptstadt ergab sich kurz darauf und wurde mit unvermuteter Milde behandelt. Die Waffen, Pferde und Kamele, ein immenser Schatz von Gold, Silber, Seide und Edelgestein wurde dem Eroberer ausgeliefert, welcher eine nur aus sechshundert Bogenschützen bestehende Garnison zurückließ, nach Emesa zurückkehrte und hier eine Zeitlang die Belobigungen und Bestrafungen vornahm, die nach Beendigung dieses bemerkenswerten Krieges fällig wurden, eines Krieges, durch welchen alle diejenigen Provinzen erneut in den Gehorsam gegenüber Rom gezwungen wurden, welche seit der Gefangennahme Valerians ihre Gefolgschaft aufgekündigt hatten.   ZENOBIAS HALTUNG Als die syrische Königin Aurelian vorgeführt wurde, fragte er mit strenger Betonung, wie sie sich denn habe erkühnen können, dem römischen Kaiser in Waffen zu begegnen? Zenobias Antwort war eine wohlberechnete Mischung aus Respekt und Standfestigkeit. »Weil es mir unmöglich war, in einem Aureolus oder Gallienus einen römischen Kaiser wahrzunehmen. Dich allein kann ich als meinen Eroberer und Herrscher anerkennen Trebellinus Pollio in der Historia Augusta, Firmus 30,23. .« Da jedoch weibliche Stärke insgemein erkünstelt ist, ist sie auch nur selten von Dauer. Zur Stunde des Gerichts verließ Zenobia der Mut; sie erbebte vor dem zornigen Gelärme der Soldateska, die nach ihrer sofortigen Hinrichtung lechzte, vergaß Kleopatra, die sie als ihr Vorbild ausgegeben hatte und rettete ihr Leben, indem sie, schandbar genug, ihren eigenen Namen und ihre Freunde opferte. Ihren Ratgebern schob sie die Schuld an dem hartnäckigen Widerstand zu; auf deren Haupt lenkte sie Aurelians Rachegelüste. Unter den zahlreichen und vermutlich unschuldigen Opfern ihrer Furcht befand sich auch Cassius Longinus, und sein Ruhm wird länger dauern als der der Königin, die ihn verriet, und der des Tyrannen, der ihn zum Tode verurteilte. Kreativität und Bildung machen auf ein rohes Soldatengemüt keinen Eindruck, aber die Seele des Longinus haben sie erhoben und geadelt. Ohne einen einzigen Klagelaut folgte er seinem Henker, bemitleidete nur seine unglückliche Herrin und tröstete schließlich noch seine tiefbetrübten Freunde. Vopiscus in der Historia Augusta, Aurelian 30; Zosimos 1,56. Aurelian hatte auf seinem Rückmarsch von den Eroberungen des Ostens bereits die Meeresstraße zwischen Europa und Asien überquert, als die Nachricht seinen Zorn erregte, dass die Bewohner Palmyras den Gouverneur und die von ihm dortselbst stationierte Garnison massakriert hätten, und dass neuerlich die Fahne der Empörung emporgezogen sei. Ohne den geringsten Verzug wandte er sich wiederum gegen Syrien. Antiochia wurde durch sein rasches Nahen in Alarm versetzt, und die hilflose Stadt Palmyra bekam seinen geballten Zorn zu spüren. Wir besitzen einen Brief von Aurelian, in welchem er erwähnt Historia Augusta, Aurelian 31. , dass Greise, Frauen, Kinder und Bauern in diesem fürchterlichen Gemetzel umgekommen seien, welches doch allein dem bewaffneten Widerstand galt; und obgleich danach sein wichtigstes Anliegen die Wiedererrichtung des Sonnentempels gewesen zu sein scheint, muss er doch so etwas wie Mitleid mit den Trümmern Palmyras empfunden haben, so dass er ihren Bürgern den Wiederaufbau und den Verbleib in ihrer Stadt zugestand. Aber Zerstören ist leichter als Aufbauen. Die Heimat des Handels, der Kunst, der Zenobia geriet allgemach in Vergessenheit, wurde zu einer bedeutungslosen Festung und endlich zu einem staubigen Kaff. Die heutigen Bewohner Palmyras, dreißig oder vierzig Familien etwa, haben ihre Lehmhütten im weiten Hofraum einer prächtigen Tempelanlage errichtet.   DIE REBELLION DES FIRMUS Eine weitere, letzte Aufgabe blieb dem unermüdlichen Aurelian noch vorbehalten: einen gefährlichen, obschon ganz unbekannten Rebellen zu unterwerfen, der sich während der Revolte zu Palmyra am Nilufer erhoben hatte. Firmus, der sich selbst stolz Freund und Verbündeten von Odaenathus und Zenobia nannte, war eigentlich nichts anderes als ein wohlhabender ägyptischer Kaufmann. In den Jahren seines Indienhandels hatte er innige Beziehungen zu den Sarazenen und Blemyern geknüpft, durch deren Wohngebiete an den beiden Ufern des Roten Meeres ihm bequemer Zugang nach Oberägypten ermöglicht wurde. Die Ägypter wiegelte er mit Freiheitsversprechungen auf und fiel an der Spitze einer aufgehetzten Menge in Alexandria ein, wo er sich den kaiserlichen Purpur antat, Münzen schlagen ließ, Edikte erließ und eine Armee auf die Beine stellte, welche er, so seine etwas vollmundige Ankündigung, allein mit seinen Einkünften aus dem Papyrushandel zu unterhalten imstande sein werde. Diese Truppen leisteten gegen das zornige Herannahen eines Aurelian nur schwächliche Abwehr. Unnötig zu sagen, dass Firmus gesucht, ergriffen, gefoltert und hingerichtet wurde. So mochte denn Aurelian den Senat, das Volk und sich selbst dazu beglückwünschen, dass er in weniger als drei Jahren den allgemeinen Frieden und die Ordnung im Römischen Reich wiederhergestellt hatte Siehe Vopiscus in der Historia Augusta, Aurelian 32 und Firmus 5. Als ein Beispiel von Luxus wird genannt, dass er Glasfenster besaß. Seine Körperkraft und sein Appetit waren beachtlich, insgleichen sein Mut und sein Gewandtheit. Aus Aurelians Brief können wir zuverlässig entnehmen, dass Firmus für ihn der letzte der Rebellen und Tetricus mithin schon unterworfen war. .   TRIUMPH · DAS WEITERE SCHICKSAL VON TETRICUS UND ZENOBIA Seit der Gründung Roms hat wohl kein General sich redlicher einen Triumph verdient als Aurelian; und mit mehr Prachtentfaltung ist denn auch noch nie einer begangen worden Siehe auch die Beschreibung von Aurelians Triumph bei Vopiscus. Er berichtet von den Einzelheiten mit seiner üblichen Freude am Detail, die aber in dieses eine mal zufällig von Interesse ist. . Zwanzig Elephanten eröffneten ihn, vier Königstiger und danach mehr als zweihundert der seltsamsten Tiere aus allen vier Weltgegenden. Ihnen folgten sechszehnhundert Gladiatoren, die für das grausame Gemetzel im Amphitheater vorgesehen waren. In genauer Symmetrie und auch in kunstreicher Unordnung wurden nun die Schätze Asiens, die Waffen und Symbole der unterworfenen Nationen und das großartige Staatsgewand der syrischen Königin vorgeführt. Die Gesandten der entlegensten Länder, von Äthiopien, Arabien, Persien, Baktrien, Indien und China, deren Gewänder alle durch Kostbarkeit oder seltsamen Zuschnitt merkwürdig waren, unterstrichen noch den Ruhm und die Macht des römischen Kaisers, welcher dem Publikum außerdem die Geschenke zeigte, die man ihm gemacht hatte, insbesondere eine größere Anzahl von Goldkronen, Gaben dankbarer Gemeinden. Eine große Anzahl zähneknirschender Kriegsgefangener legte Zeugnis ab für Aurelians Siege, Goten, Vandalen, Sarmaten, Alamannen, Franken, Gallier, Syrer und Ägypter. Jedes Volk war durch eine besondere Inschrift leicht auszumachen, und die Bezeichnung Amazone wurde zwölf besonders kriegerischen Heldinnen aus dem Volke der Goten appliziert, welche man in Waffen Bei den Barbaren-Nationen haben Frauen sehr oft an der Seite ihrer Männer gefochten. Aber es ist nahezu ausgeschlossen, dass jemals eine Gesellschaft von Amazonen in der Alten oder Neuen Welt existiert hat. gefangen genommen hatte. Aber jedermann hatte, ohne diese Masse von Gefangenen weiter zu beachten, sein Augenmerk auf den Kaiser Tetricus und die Königin aus dem Morgenland gerichtet. Der Erstere trug ebenso wie sein Sohn, den er zum Augustus ernannt hatte, gallische Beinkleider Der Gebrauch von Braccae , Hosen, galt in Italien als eine gallische, barbarische Sitte. Die Römer hatten jedoch große Fortschritte in diese Richtung gemacht. Zu Lebzeiten des Pompeius galt es als ein Zeichen von Krankheit oder Verweichlichung, an den Beinen und Oberschenkeln fasciae oder Beinbinden zu tragen. Unter Trajan blieb dieser Brauch den Reichen und Verwöhnten vorbehalten; erst allmählich nahmen ihn auch untere Bevölkerungsschichten an. Siehe eine sehr interessante Bemerkung von Casaubon zu Sueton, Augustus 82. , eine safrangelbe Tunica und eine purpurne Robe. Die liebreizende Königin war in Bande von Gold geschlagen; ein Sklave half ihr die Kette tragen, die um ihren Nacken geschlungen war, und unter der Riesenlast der Edelsteine schwanden ihr nahezu die Sinne. Sie schritt den Prachtwagen voran, auf dem in Rom als Siegerin einzuziehen sie einst gehofft haben mochte. Ihm folgten zwei weitere Wagen, üppiger ausgestattet, mit Odaenathus und dem persischen Monarchen. Der Triumphwagen des Aurelian (einst hatte er einem Gotenkönig gehört) ward von vier Hirschen oder Elephanten gezogen Höchstwahrscheinlich die erstgenannten; die letzteren, die man auf Medaillen abgebildet findet, beziehen sich nur auf einen Sieg im Osten. . Die angesehensten Vertreter aus dem Senat, dem Volk und der Armee beschlossen diese festliche Prozession. Grenzenlos die Freude, das Staunen und die Dankbarkeit, die den Jubel des Volkes anschwellen ließen; die Genugtuung des Senates indessen wurde umwölkt durch den Auftritt des Tetricus; konnte man sich doch eines indignierten Murrens nicht enthalten darüber, dass der hochfahrende Kaiser einen Römer und darüber hinaus ein Mitglied des Magistrats der öffentlichen Schande ausgesetzt hatte Calpurnius' Dictum (Eclogae 1,50) »Nullos ducet captiva triumphos« (Als Gefangene wird sie keine Triumphe mehr feiern) enthält, da auf Rom gemünzt, eine überdeutliche Anspielung und Kritik .   AURELIANS VERHALTEN GEGEN TETRICUS UND ZENOBIA – SEINE PRACHTLIEBE Wenn Aurelian auch bei der Behandlung seiner glücklosen Gegner auf die Einflüsterungen seines Stolzes hätte hören können, so verhielt er sich ihnen gegenüber doch mit großherziger Milde, die man bei den Eroberern der Antike gemeinhin nicht findet. Fürsten, die erfolglos ihren Thron und ihre Freiheit verteidigt hatten, wurden oftmals im Gefängnis erwürgt, sobald der pompöse Triumphzug das Kapitol erreicht hatte. Diese Usurpatoren jedoch, die sich zusätzlich zu ihrer Niederlage auch noch die Schuld des Verrats aufgeladen hatten, durften den Rest ihres Lebens in Wohlstand und achtbarer Zurückgezogenheit verbringen. Der Kaiser stellte Zenobia ein hübsches Landhaus in Tibur – oder Tivoli – zur Verfügung, zwanzig Meilen von der Hauptstadt entfernt; die syrische Königin wandelte sich allgemach zu einer römischen Matrone, ihre Töchter heirateten in vornehme Familien ein, und ihre Familie überdauerte das fünfte Jahrhundert Trebellius Pollio in der Historica Augusta, Tyrannen 30; Hieronymus, Chronica; Prosper Tiro, Chronica; Baronius nimmt an, dass Zenobius, Bischof von Florenz aus der Zeit des Ambrosius, aus ihrer Familie stammt. . Tetricus und sein Sohn erhielten ihren Rang und ihr Vermögen wieder. Sie ließen auf dem Caelius einen großartigen Palast erbauen und luden, sobald er fertiggestellt war, Aurelian zum Gastmahl. Bei seinem Eintreten wurde er aufs angenehmste mit einem Gemälde überrascht, welches ihre eigentümliche Geschichte darstellte: Sie wurden darauf abgebildet, wie sie dem Kaiser eine Bürgerkrone und das Szepter von Gallien überreichten und im Gegenzug aus seinen Händen die Insignien senatorischer Würden empfingen. Später wurde der Vater mit der Statthalterschaft Lucaniens Vopiscus in der Historia Augusta, Aurelian 39,1; Eutropius 9,13; Aurelius Victor junior. Trebellius Pollio in der Historia Augusta, Tyrannen 24 indessen sagt, dass Tetricus zum corrector (»Statthalter«) über ganz Italien installiert wurde. betraut, und Aurelian, der den abgedankten Monarchen bald zu seiner engeren Umgebung und Freundschaft zählte, fragte ihn einst im Vertrauen, ob es nicht erstrebenswerter sei, eine Provinz in Italien zu verwalten als jenseits der Alpen das Szepter zu fuchteln? Der Sohn blieb lange Zeit ein angesehenes Senatsmitglied; niemand aus der römischen Nobilität genoss bei Aurelian oder einem seiner Nachfolger größeres Ansehen. Historia Augusta, Tyrannen 25. So lang und bunt war Aurelians pompöser Triumphzug, dass er, ob er schon mit der Morgendämmerung begonnen hatte, in seiner erhabenen Langsamkeit das Kapitol nicht vor der neunten Stunde erreichte; und Nacht war es, als der Kaiser zu seinem Palast zurückkehrte. Die Feierlichkeiten wurden danach verlängert durch Theateraufführungen, Zirkusspiele, Tierhetzen, Gladiatorengemetzel und Schiffskämpfe. Armee und Volk erhielten großzügige Donative, und verschiedene Einrichtungen, die der Stadt nützlich und segensreich waren, trugen dazu bei, Aurelians Ruhm Dauer zu verleihen. Ein beträchtlicher Teil seiner orientalischen Beute wurde den römischen Göttern geweiht; das Kapitol sowie jeder andere Tempel erglänzte infolge seiner splendiden Frömmigkeit; allein der Sonnentempel erhielt fünfzehntausend Pfund von Gold Zosimos 1,61. Er errichtete in ihm die Statuen von Baal und Sol, die er aus Palmyra entfernt hatte. Im vierten Jahre seiner Regierung wurde der Tempel geweiht, aber begonnen wurde mit dem Bau sicherlich kurz nach seiner Thronbesteigung. . Dieser, von einzigartiger Architektur, wurde vom Kaiser neben dem Quirinal errichtet und kurz nach seinem Triumph dieser Gottheit geweiht, die Aurelian stets als den Vater seines Lebens und seines Glücks verehrt hatte. Seine Mutter war eine nachgeordnete Priesterin in einem Sonnentempel gewesen; die besondere Verehrung der Lichtgottheit hatte der Bauernsohn gleichsam mit der Muttermilch eingesogen; und die Dankbarkeit über jeden Sieg und jeden weiteren Karriereschritt in seiner Laufbahn festigte diesen Aberglauben In Vopiscus, Historia Augusta, Aurelian 5 siehe die Vorzeichen seines Glückes. Seinen Briefe und Medaille zeigen seine Verehrung der Sonne, was auch in den »Caesares« des Iulian erwähnt wird. S. Spanheims Kommentar, p. 108 .   UNRUHEN IN ROM Aurelians Waffen hatten die auswärtigen und inneren Feinde der Roms besiegt. Es wird uns versichert, dass aufgrund seiner durchgreifenden Strenge Verbrechen und Faktionen, schädliche Ränke und verderbliche Nachsicht, welche ja immer die Folgeerscheinungen einer schwachen oder brutalen Regierung sind, in der römischen Welt fast vollständig ausgerottet wurden Vopiscus in der Historia Augusta, Aurelian 37. . Wenn wir uns jedoch vergegenwärtigen, um wie viel schneller ein Verderben sich ausbreitet, als es zurückgedrängt werden kann und uns zugleich daran erinnern, dass man das Staatswesen in mehr Jahren verkommen ließ als die kriegsreiche Regierungszeit des Aurelian Monate zählte, müssen wir eingestehen, dass die wenigen kurzen Friedensintervalle für die Titanenarbeit einer durchgreifenden Reform unmöglich ausreichen konnten. Sogar sein Versuch, das Münzwesen wieder in Ordnung zu bringen, löste eine fürchterliche Gegenreaktion aus. Die Verärgerung des Kaisers hierüber klingt in einem seiner Privatbriefe an: »Wahrlich,« schreibt er, »die Götter haben beschlossen, dass mein Leben ein einziger Feldzug sein sollte. Ein Aufruhr innerhalb Roms hat jetzt zu einem äußerst ernsten Bürgerkrieg Anlass gegeben. Die Arbeiter der Münze haben sich von Felicissimus aufhetzen lassen – diesem Sklaven habe ich im Finanzwesen einen wichtigen Posten anvertraut – und sich offen empört. Wir haben dies mittlerweile abgestellt, aber siebentausend meiner Soldaten haben bei dieser Auseinandersetzung ihr Leben verloren, und zwar diejenigen, die sonst in Dacien und an der Donau stationiert sind Historia Augusta, Aurelian 38. Aurelian schilt diese Soldaten »Hiberi, Riparienses, Castriani, Dacisci«. (Hiberer, Uferbesatzung, Garnisonstruppen, Daker.) .« Andere Autoren, die diese Fakten bestätigen, versichern uns, dass diese Insurrektion sich kurz nach Aurelians Triumph ereignete; dass die Entscheidungsschlacht am Cälius ausgetragen wurde; dass die Arbeiter der Münze das Geld verfälscht hatten; und dass der Kaiser das Vertrauen der Öffentlichkeit nur dadurch wiederherstellte, dass er gutes Geld in Umlauf brachte anstelle des schlechten, welches man das Volk in die Schatzhäuser zurückbringen ließ. Zosimos 1,61; Eutropius 9,14; Aurelius Victor.   ANMERKUNGEN ZU DEN VORFÄLLEN Wir könnten uns mit damit zufrieden geben, von diesem außerordentlichen Ereignis einen schlichten Bericht abzuliefern, aber wir können nicht verhehlen, wie widersprüchlich und unglaubwürdig er uns in seiner überlieferten Form erscheint. Die Münzverschlechterung passt nun allerdings ausgezeichnet zu der unfähigen Verwaltung des Gallienus; und auch dies klingt wahrscheinlich, dass die Falschmünzer das Rechtsempfinden des Aurelian zu fürchten hatten. Aber die Schuld und der Vorteil dabei waren doch auf ganz wenige beschränkt; und so ist es schwer vorstellbar, durch welche kunstreichen Ränke denn diese Wenigen ein Volk, das sie betrogen hatten, hätten aufhetzen sollen gegen einen Kaiser, den sie verraten hatten. Wir sollten füglich erwarten, dass diese Verbrecher derselben öffentlichen Wertschätzung sich erfreut hätten wie etwa die Berufsdenunzianten oder die anderen Handlanger staatlicher Willkür; und dass die Münzreform ein ebenso populärer Vorgang gewesen wäre wie etwa die öffentliche Verbrennung ihrer dubiosen Schuldbücher, die der Kaiser auf dem Traiansforum vornehmen ließ Historia Augusta, Aurelian 38; Aurelius Victor. . Zu jenen Zeiten, als man die Prinzipien der Volkswirtschaft nur unzureichend verstand, mochte man ein löbliches ökonomisches Ziel gegebenenfalles auch durch grobe und unüberlegte Maßnahmen zu erreichen trachten; aber eine vorübergehende Verstimmung hierüber kann ja wohl kaum einen ernsthaften Bürgerkrieg ausgelöst haben. Wiederholte und unerträgliche Steuern, das auf Grundbesitz oder dem Lebensnotwendigen lag, können allenfalls diejenigen zu Widerstand aufreizen, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Völlig anders jedoch liegt der Fall, wenn, durch welche Maßnahmen auch immer, der Wert des Geldes wiederhergestellt werden soll. Das vorübergehende Übel ist infolge der anhaltenden Vorteile bald vergessen, der Verlust wird von der Mehrheit getragen; und sollten ein paar wohlhabende Einzelpersonen spürbare Einbuße an ihrem Vermögen erleiden, dann büßen sie so, wie ihr Reichtum an Wert verliert, auch selber Einfluss und Bedeutung ein, welche sie ihrem Besitz zu danken haben. Wenn Aurelian sich dazu entschloss, die wahren Hintergründe der Erhebung zu verschleiern, so konnte seine Münzreform für die Parteiungen Roms, die bereits ebenso mächtig wie unzufrieden waren, nur einen dürftigen Vorwand für ihre Erhebung liefern. Rom, obschon längst nicht mehr frei, war durch Parteienhader zerrissen. Das Volk, für das der Kaiser – selbst ein Plebejer – immer eine besondere Zuneigung empfunden hatte, lebte in beständiger Entzweiung mit dem Senat, der Ritterschaft und der Prätorianergarde Bereits vor Aurelians Rückkehr aus Ägypten war Streit ausgebrochen. Siehe Vopiscus, der (Historia Augusta, Firmus 5) einen originalen Brief zitiert. . Nichts Geringeres als die geheime Verbindung dieser drei Stände, der Einfluss des ersten, der Reichtum des zweiten und die Waffen des dritten Standes hätten soviel Macht entwickeln können, dass sie es mit den Veteranenlegionen von der Donau in einer Entscheidungsschlacht hätten aufnehmen können, welche unter Führung ihres kriegstüchtigen Herrschers immerhin den Westen und Osten des Reiches wiedererobert hatten.   GRAUSAMKEIT DES AURELIAN Welche Ursache oder Zielsetzung diese Rebellion auch immer gehabt haben mag, die man mit so geringer Wahrscheinlichkeit den Arbeitern der staatlichen Münze anhängen wollte: Aurelian beutete seinen Sieg mit gnadenloser Härte aus Vopiscus in der Historia Augusta, Aurelian 38; beide Victor, Eutropius 9,14. Zosimos 1,43 erwähnt nur drei Senatoren und legt ihren Tod vor den Krieg im Osten. . Bauer und Soldat, der er war, war seine Seele nicht so leicht zu erweichen, und er konnte Folter und Tod ohne Gemütsbewegung mit ansehen. Da er von Kindesbeinen den Umgang mit der Waffe gewohnt war, bedeutete ihm das Leben des einzelnen Bürgers allzu wenig; er bestrafte die geringsten Vergehen nach militärischen Grundsätzen und übertrug die strenge Lagerzucht mit leichter Hand auf die Zivilverwaltung. Sein Gerechtigkeitssinn hatte oftmals etwas Blindwütiges; und wann immer er seine oder die öffentliche Sicherheit gefährdet sah, kümmerte er sich nicht um Beweise und Verhältnismäßigkeit von Strafen. Die grundlose Erhebung, mit dem ihm die Römer seine Dienste dankten, verbitterte ihn aufs Äußerste. Die achtbarsten Familien waren plötzlich schuldig oder verdächtig. Die blutige Verfolgung atmete den Geist der Rache, und für einen Neffen des Kaisers endete sie tödlich. Die Henker waren ihres Amtes müde (wenn wir an dieser Stelle den Ausdruck eines zeitgenössischen Dichters aufgreifen dürfen), die Gefängnisse waren verstopft und der Senat beweinte den Tod oder die Abwesenheit seiner edelsten Mitglieder Nulla catenati feralis pompa senatus / Carnificum lassabit opus; nec carcere pleno / Infelix raros numerabit curia Patres. Calpurnius Eclogae 1, 60. (Kein Leichenzug des in Ketten gelegten Senates / wird den Scharfrichter seines Tuns müde werden lassen; noch wird bei gefülltem Gefängnis / die unglückliche Kurie nur noch wenige Senatoren zählen.) . Gegenüber dieser Versammlung führte sich Aurelian mit ebensoviel Hoffahrt wie Grausamkeit auf. Die Einschränkungen bürgerlicher Einrichtungen kannte er entweder nicht, oder sie kümmerten ihn nicht; er verschmähte es, seine Macht durch einen anderen Rechtstitel als das Schwert begründet zu sehen, und herrschte mit dem Recht des Eroberers über ein Reich, welches er gerettet und zugleich unterworfen hatte Folgt man dem jüngeren Victor, so trug er zuweilen das Diadem. Auf Medaillen liest man Deus und Dominus . .   ERMORDUNG AURELIANS A.D. 274 Einer der klügsten Herrscher in der Nachfolge Aurelians hat bemerkt, dass seines Vorgängers Talente sich besser für die Führung einer Armee als die Regierung eines Staates schickten Es war dies die Beobachtung von Diokletian. Siehe hierzu Vopiscus zur Historia Augusta, Aurelian 44. . Im vollen Bewusstsein der Fähigkeiten, mit denen ihn die Natur und seine Erfahrungen ausgestattet hatten, zog er nur wenige Monate nach seinem Triumph erneut ins Feld. Es schien rätlich, das noch ungebärdige Temperament einiger Legionen in einem auswärtigen Kriege zu hobeln, und der persische Großkönig, nach wie vor froh seines Sieges über Valerian, bot weiterhin der Majestät Roms ungestraft die Stirn. An der Spitze einer Armee, welche nicht so sehr die Zahl als vielmehr die Kriegszucht seiner Mannschaft furchtbar machte, war der Kaiser bis an die Meeresstraße gelangt, welche Europa und Asien scheidet. Hier nun allerdings machte er die Erfahrung, dass die größte und unbeschränkteste Macht nur schwachen Schutz bietet gegen das, was Verzweiflung vermag. Einer seiner Sekretäre war der Erpressung beschuldigt worden, und Aurelian hatte deshalb Drohungen gegen ihn ausgestoßen; und es war wohl bekannt, dass Aurelians Drohungen nur sehr selten leere Rede blieben. Die letzte Hoffnung des Delinquenten bestand darin, die führenden Armeeoffiziere an seiner Gefahr oder doch wenigstens an seiner Furcht teilhaben zu lassen. Sorgfältig fälschte er die Handschrift seines Herren und zeigte ihnen, dass sie auf einer langen Blutliste verzeichnet waren, ihre eigenen Namen unter den zum Tode Verurteilten. Ohne Arg und ohne Überprüfung des Betruges kamen sie überein, ihr eigenes Leben durch die Ermordung des Kaisers zu retten. Auf dem Marsch zwischen Heraklea und Byzanz wurde Aurelian unversehens von den Verschwörern angegriffen, da ihr Rang ihnen das Recht gab, sich in seiner Nähe aufzuhalten; nach kurzer Gegenwehr fiel er von der Hand des Mucapor, eines Generals, dem er immer seine Zuneigung und sein Vertrauen geschenkt hatte. So starb er, von der Armee betrauert, von Senat verabscheut und von der Allgemeinheit anerkannt als kriegstüchtiger und glücklicher Herrscher und als erfolgreicher, wenn auch strenger Reformer eines verwahrlosten Staatswesens Vopiscus zur Historia Augusta, Aurelian 35; Zosimos 1,65; Eutropios 9,15; die beiden Victor. . XII. SENAT UND HEER NACH DEM TODE AURELIANS · REGIERUNG DES TACITUS, PROBUS, CARUS UND SEINER SÖHNE   KONTROVERSE UM DIE WAHL EINES NACHFOLGERS Wie immer auch die römischen Kaiser sich während ihrer Regierungszeit dargeboten haben mochten, ihr Ende war fast immer von gleicher Art: das war ihr bitteres Verhängnis. Ein Leben in Luxus oder Askese, Strenge oder Mildherzigkeit, Trägheit oder Umtriebigkeit, dies alles war immer nur der Weg in ein vorzeitiges Grab; und beinahe jede Regierung wurde durch dieselbe ausgeleierte Abfolge von Verrat und Mord beendet. Hier bildet der Tod des Aurelian wenigstens aufgrund seiner außerordentlichen Folgen eine Ausnahme. Die Legionen verehrten, beweinten und rächten schließlich ihren siegesgewohnten Chef. Die Ränke des ungetreuen Sekretärs wurden aufgedeckt und bestraft. Die übertölpelten Verschwörer wohnten der Beerdigung ihres Herrschers bei, mit aufrichtiger oder auch nur wohlgeheuchelter Reue, und sie unterwarfen sich einer einmütigen Resolution der Soldaten, welche in dem folgenden Brief aufgesetzt wurde. »Die tapferen und siegreichen Armeen an das Volk und den Senat von Rom. Der Betrug eines Einzelnen und der Irrtum von Einigen haben uns unseres dahingegangenen Kaisers Aurelian beraubt. Möchte es doch, ehrbare Herren und Senatoren! Euch gefallen, ihn unter die Zahl der Götter zu setzen und einen Nachfolger zu erkiesen, der sich des kaiserlichen Purpurs als würdig erweist. Keiner von denen, deren Schuld oder Ungeschick zu diesem Verlust beigetragen haben, soll jemals über uns herrschen Vopiscus in der Historia Augusta, Aurelian 40. Aurelius Victor erwähnt eine offizielle Soldaten-Delegation an den Senat. .« Der Senat zu Rom schickte sich mit Fassung darein, dass mal wieder ein Kaiser im Lager ermordet worden sei; klammheimlich freuten sie sich über Aurelians Untergang; aber der bescheiden-pflichtmäßige Appell der Legionen rief in der Vollversammlung bei seiner Verlesung durch die Konsuln denn doch freudevolles Erstaunen hervor. Ehrenbezeugungen von der Art, wie sie Furcht und gegebenenfalles Wertschätzung hervorzurufen imstande sind, streuten sie dem Andenken ihres verstorbenen Kaisers mit freigebiger Hand aus. Anerkennungen von der Art, wie sie nur die Dankbarkeit eingeben kann ist, sprachen sie der treu-ergebenen Armee aus, welche in der Frage der Kaiserwahl eine zutreffende Gesinnung gegenüber der Senatsautorität bewährt hatte. Dieser Schmeichel-Appelle ungeachtet trugen die klügeren Mitglieder des Senates immer stärkere Bedenken, ihre Sicherheit und persönliche Würde der Launenhaftigkeit einer bewaffneten Meute anzuvertrauen. Die Stärke der Truppe war nun allerdings eine Gewähr für ihre Aufrichtigkeit, denn wer die Macht hat, muss sich üblicherweise nicht verstellen; aber konnte man füglich erwarten, dass eine kurzfristige Reue die Abkehr von einer Denkungsart veranlassen würde, die sich in achtzig Jahren festgewurzelt hatte? Sollten die Soldaten zu ihren gewohnten Insurrektionen zurückkehren, so könnten sie in ihrer Dreistigkeit nicht nur die Majestät des Senates kränken, sondern darüber hinaus auch noch dem Gegenstande ihrer Wahl verhängnisvoll werden. Rücksichten dieser Art prägten den Senatsbeschluss, so dass die Wahl des neuen Kaisers durch Beschluss und Befinden der Truppe mitbestimmt wurde.   ACHT MONATE INTERREGNUM A.D. 275 Der nun folgende Streit ist eines der am besten belegten und gleichwohl eines der unglaublichsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte Vopiscus, unser wichtigster Gewährsmann, schrieb achtzehn Jahre nach dem Tode Aurelians in Rom; sein Material schöpfte er hauptsächlich aus den Senatsakten und den Originalunterlagen der Ulpianischen Bibliothek und darüber hinaus aus dem, was allgemein bekannt und noch frisch in Erinnerung war. Zosimos und Zonaras scheinen von diesen Vorfällen ebenso gewusst zu haben wie ganz allgemein von der römischen Verfassung. . Die Truppen, als ob sie an der Demonstration ihrer Macht Gefallen gefunden hätten, ersuchten den Senat erneut dringend, Einem aus seiner, des Senates, Mitte den kaiserlichen Purpur anzulegen. Der Senat zeigte sich nach wie vor spröde; die Armee bestand weiterhin auf ihrem Ansinnen. Dieses Prozedere wiederholte sich wenigstens dreimal, und während die zähflüssige Bescheidenheit beider Parteien darauf angelegt war, dass die jeweils andere den Kaiser stellen möge, vergingen allgemach acht Monate; eine erstaunliche Zeitspanne für eine friedvolle Anarchie, während welcher die Römische Welt ohne Herrscher, ohne Usurpator und ohne Aufstand fortfuhr zu sein. Die von Aurelian eingesetzten Magistrate und Generäle oblagen ihren Routinegeschäften; es wird lediglich vermerkt, dass in Asien ein Prokonsul, die einzige Person von Rang während des ganzen Interregnums, seines Amtes entsetzt ward. Ähnliches, wenn auch weniger gut belegt, soll sich nach dem Tode des Romulus zugetragen haben, welcher ja nach Wandel und Wesen dem Aurelian recht ähnlich geartet war. Bis zu der Wahl des sabinischen Philosophen war der Thron zwölf Monate lang verwaist, und der innere Frieden war sichergestellt, weil die einzelnen Stände des jungen Staates sich miteinander vertrugen. Nur standen in den Zeiten eines Romulus und Numa die Waffen unter der Kontrolle der Patrizier; und ein Interessenausgleich ließ sich in dieser kleinen und tapferen Gemeinschaft leicht herstellen 3. Livius, 1,17; Dionysios Halicarnassus, 2,57; Plutarch, Numa Pompilius. Der erste Autor erzählt dieses Ereignis wie ein Redner, der zweite wie ein Advokat und der dritte wie Moralprediger und wohl keiner von ihnen ohne fabulöses Beiwerk. . Als sich indessen die Jahre des römischen Staates neigten, waren, ganz anders als in seiner Kinderzeit, alle Voraussetzungen erfüllt, um ein solches Interregnum mit Hader und Zwist zu erfüllen: eine gigantische und unregierbare Hauptstadt, ein Reich von ungeheurem Umfang, eine Armee von vierhunderttausend Söldnern und Erfahrungen aus ungezählten Revolutionen. Indessen lebten, dieser Versuchungen ungeachtet, die Disziplin eines Aurelian und die lebendige Erinnerung an ihn weiter und wirkten so den Aufstandsgelüsten der Truppe oder dem fehlgeleitetem Ehrgeiz ihrer Kommandeure entgegen. Die Elite der Armee stand nach wie vor in ihren Quartieren am Bosporus, und die kaiserliche Fahne blieb über den weniger starken Feldlagern in den Provinzen respektheischend entfaltet. Großmut, wenn auch nur von vorübergehender Natur, schien den Wehrstand zu durchwirken; getrost dürfen wir annehmen, dass gutgesinnte Kräfte diese neuerliche Freundschaft zwischen Senat und Armee beförderten, war es doch das einzige probate Mittel, die Monarchie zu ihrer einstigen Blüte und Stärke zu verhelfen.   DIE SENATSVERSAMMLUNG A.D. 275 Am fünfundzwanzigsten September, beinahe acht Monate nach Aurelians Ermordung, berief ein Konsul eine Senatsversammlung ein und erstattete Bericht über die heikle Lage des Reiches. Mit Takt und Delikatesse ließ er durchblicken, dass die wankende Loyalität der Soldaten in jeder Stunde und durch den nichtigsten Anlass gefährdet sei; mit der überzeugendsten Eloquenz jedoch tat er dar, dass jeder weitere Verzug der Kaiserwahl vielfältige Gefahr für das Reich heraufbeschwören müsse. Man besitze, so sagte er, sichere Zeitung, dass der Germane den Rhein überquert habe und bereits einige der wichtigsten und wohlhabendsten Städte Galliens in der Hand halte. Der kecke Ehrgeiz des persischen Großkönigs versetze den ganzen Osten in dauerhafte Unruhe; Ägypten, Afrika und Illyrien seien aus- wie inländischen Waffen preisgegeben; und Syriens flatterhafter Sinn scheue sich nicht, ein weibliches Szepter der Heiligkeit römischer Gesetze vorzuziehen. Dann wandte sich der Konsul an Tacitus Vopisus, Historia Augusta, Tacitus 4, nennt ihn »Primae sententiae consularis« (Konsularbeamter mit dem Recht der ersten Stimmabgabe) und kurz darauf Princeps senatus (Erster auf der Senatorenliste). Die Vermutung ist nahe liegend, dass die Herrscher Roms solche schmucklosen Titulaturen den jeweils dienstältesten Senatoren überließen. , den Doyen der Senatoren und erbat dessen Meinung zu der wichtigen Frage nach einem geeigneten Thronaspiranten.   DER CHARAKTER DES TACITUS Wenn wir persönliches Verdienst höher einschätzen als zufälligen Rang, dann können wir mit Fug Tacitus eine edlere Herkunft als jedem König bescheinigen. Er leitete nämlich seine Herkunft von jenem Historiker her, aus dessen Werk man schöpfen wird, solange es Menschen gibt Der einzige Einwand gegen diese Genealogie ist die Tatsache, dass der Historiker Cornelius hieß, der Kaiser hingegen Claudius. Aber im späten Reich waren Vornahmen äußerst vielfältig und beliebig. . Der Senator Tacitus war fünfundsiebzig Jahre alt Zonaras 12, 28. Die Alexandrinische Chronik gibt wegen eines eindeutigen Versehens Aurelian dieses Alter. . Er hatte sein Leben bis dahin achtbar in Reichtum und Ehrenstellen verbracht. Zweimal hatte er die Konsulwürde bekleidet Im Jahre 273 war er ordentlicher Konsul. Aber er muss, vermutlich unter Valerian, viele Jahre vorher Consulus Suffectus gewesen sein. und seines beträchtlichen Vermögen im Werte von zwei oder drei Millionen Sterling Bis millies octingenties. Diese Summe entsprach nach früherem Standart 840.000 römischen Pfund Silber, jedes im Wert von drei Pfund Sterling. Aber zu Tacitus' Zeiten hatte die Münze viel von ihrem Wert und ihrer Reinheit eingebüßt. in anständiger Nüchternheit genossen. Die Erfahrungen mit so vielen Herrschern, die er erduldet oder geschätzt hatte, von Elagabals albernen Torheiten bis zu Aurelians heilsamem Durchgreifen, hatten ihm geholfen, sich ein abgewogenes Urteil über die Pflichten, die Gefahren und die Versuchungen dieser heiklen Stellung zu bilden. Aus dem intensiven Studium der Schriften seines unsterblichen Vorfahren hatte er sich Kenntnisse der römischen Verfassung und der Menschennatur erworben Nach seiner Thronbesteigung hatte er angeordnet, dass jährlich zehn Abschriften des Historikers herzustellen und in die öffentlichen Bibliotheken zu bringen seien. Die römischen Bibliotheken sind längst untergegangen, der wichtigste Teil der Schriften des Tacitus aber hat sich in einem einzigen Manuskript erhalten und wurde in einem westfälischen Kloster (Corvey) wieder aufgefunden. . Volkes Stimme hatte bereits Tacitus als den Bürger benannt, der der Herrschaft am würdigsten sei. Als er jedoch von diesen misslichen Gerüchten hörte, veranlasste ihn dies, die Zurückgezogenheit einer seiner Villen in Campanien aufzusuchen. Zwei Monate hatte er zu Bajae als Privatmann zugebracht, als er, wenngleich widerwillig, der Ladung des Konsuls folgte, seinen Ehrenplatz im Senate einzunehmen und der Republik bei so wichtiger Gelegenheit mit seinem Rat beizustehen.   TACITUS WIRD KAISER Er erhob sich, das Wort zu ergreifen, als aus allen Ecken des Hauses er mit den Namen Augustus und Kaiser bedacht ward. »Tacitus Augustus, die Götter mögen Dich schützen, wir erwählen dich zu unserem Herrscher, in Deine Hände ist das Wohl der Republik und des Reiches gelegt. Nimm den Herrschertitel aus der Hand des Senates entgegen. Du bist es Deinem Range schuldig, Deinem Wandel, Deinem Wesen.« Als sich das Beifallsgetöse gelegt hatte, suchte Tacitus diese gefahrvolle Ehre abzuwenden, indem er seiner Verwunderung darüber Ausdruck verlieh, dass man sein hohes Alter und seine hinfällige Konstitution Aurelians kriegerischer Stärke wolle nachfolgen lassen. »Sind denn diese Gliedmaßen, Senatoren! tauglich, Waffen zu tragen oder ein Lagerleben zu durchstehen? Wie bald würden doch wechselndes Klima und die Härten des Militärlebens diese schwache Gesundheit untergraben, welche nur durch zärtelnde Schonung aufrechterhalten werden kann. Kaum, dass meine ermatteten Kräfte mir noch meinen senatorischen Pflichten nachzugehen gestatten; um wie viel unzureichender möchten sie da den Beschwernisse des Krieges oder des Regierens gewachsen sein! Hofft Ihr ernstlich, die Legionen würden einem schwachen, alten Mann Respekt erweisen, der seine Tage im Schatten friedlicher Zurückgezogenheit verbracht hat? Könnt ihr es denn wirklich wünschen, dass ich jemals Grund haben könnte, die günstige Meinung des Senates von mir zu bedauern? Vopiscus, Historia Augusta, Tacitus 4. « Die Weigerung des Tacitus, die ganz gewiss aufrichtig war, stieß auf den erregtesten Widerspruch des Senates. Fünfhundert Stimmen zugleich erinnerten in beredtem Durcheinander dagegen, dass die größten Herrscher Roms, Numa, Trajan, Hadrian und die Antonine den Thron erst im fortgeschrittenen Lebensalter bestiegen hätten; dass die Gesittung, nicht der Körper, dass ein Herrscher, nicht ein Krieger Gegenstand ihrer Wahl sei; und dass sie von ihm erwarteten, er werde durch seine Weisheit die Stärke der Armee leiten. Diesen überzeugenden, wiewohl mit viel Lärmen vorgetragenen Einwänden trat Tacitus' Nachbar auf der konsularischen Bank, Metius Falconius, in Form einer geordneteren Rede bei. Er erinnerte die Versammlung an die ungezählten Übel, welche Rom aufgrund der Verbrechen unbelehrbarer und launenhafter Jünglinge erdulden musste, beglückwünschte sie zu der Wahl eines tugendreichen und bewährten Senators, und ermahnte mit männlichem, aber vermutlich auch eigennützigem Freisinn den Tacitus, der Gründe für seine Wahl eingedenk zu sein, und seinen Nachfolger dereinst nicht in der eigenen Familie, sondern in der Republik zu suchen. Allgemeiner Beifall folgte auf diese Rede des Falconius. Der gewählte Kaiser unterwarf sich der Autorität seines Landes und empfing die spontanen Glückwünsche seiner Standesgenossen. Der Senatsbeschluss wurde anschließend durch die Zustimmung des römischen Volkes und der Prätorianergarde bekräftigt Vopiscus, Historia Augusta, Tacitus 7. Tacitus redete die Prätorianer mit »sanctissimi milites« und das Volk mit »sacratissimi Quirites« an. (ehrwürdigste Krieger und heiligste Bürger) .   DIE REGIERUNG DES TACITUS Tacitus enttäuschte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht. Er war ein getreuer Diener des Senats und betrachtete diesen Nationalrat als den eigentlichen Gesetzgeber, sich selbst aber als den Vollzugsbeamten Mehr als einhundert Sklaven zugleich wurden nicht freigelassen, wie es im Canianischem Gesetz vorgesehen war, welches Augustus erlassen und erst Iustinian aufgehoben hatte. Siehe auch Casaubon zu dieser Stelle bei Vopiscus. . Die Wunden, welche imperiale Arroganz, Bürgerkrieg und militärische Gewalt dem Gemeinwesen geschlagen hatten, suchte er nach Kräften zu heilen, um wenigstens das Prestige der alten Republik so wiederherzustellen, wie sie die Politik des Augustus und die Tüchtigkeit Trajans und der Antonine hinterlassen hatten. Der Senat war infolge der Wahl des Tacitus erneut in mehrere seiner alten Gerechtsame eingesetzt worden, und es könnte nützlich sein, die wichtigsten an dieser Stelle zu wiederholen Siehe die Biographien von Tacitus, Florianus und Probus in der Historia Augusta. Wir können versichert sein, dass alles das, was der Soldat gab, der Seantor schon gegeben hatte. : 1. Einen aus ihrer Mitte zum Kaiser zu ernennen und mit dem Oberkommando über alle Truppenteile sowie der Regierung der Grenzmarken auszustatten. 2. Die Liste, oder, wie man damals sagte, die Kollegen der Konsuln festzulegen. Es waren ihrer zwölf, welche nacheinander und paarweise jeweils zwei Monate lang das Jahr auffüllten und so die Würde jenes alten Amtes vertraten. Der Senat nahm sein Recht, Konsuln zu benennen, mit einem derartigen Unabhängigkeitssinn wahr, dass er selbst eine unberechtigte Bitte des Kaisers um Berücksichtigung seines Bruders Florianus abschlägig beschied. »Der Senat,« rief Tacitus mit der Freude eines Patrioten aus, »kennt den Charakter der Herrscher, den er wählt.« 3. Die Prokonsuln und Verwalter der Provinzen zu bestimmen sowie den Magistraten die bürgerliche Rechtsprechung zu übertragen. 4. Aus allen Gerichtshöfen des Reiches Berufungen gegen Urteile entgegenzunehmen, wobei der Stadtpräfekt als zwischengeschaltetes Büro fungierte. 5. Durch Senatserlass solche kaiserliche Edikte voranzutreiben, die ihnen selbst wünschenswert erschienen. 6. Hierzu kommt dann noch die Aufsicht über die Finanzen, denn es hatte selbst unter Aurelians strengem Szepter in ihrer Macht gelegen, einen Teil der Steuereinkünfte von ihrer öffentlichen Bestimmung abzuziehen Vopiscus, Historia Augusta, Aurelian 20. Obwohl die Stelle ganz klar ist, wollen Casaubon und Salmasius sie verbessern. . Sofort wurden Rundbriefe an alle wichtigen Städte des Reiches abgeschickt, Trier, Mailand, Aquileja, Thessaloniki, Korinth, Athen, Antiochia, Alexandria und Karthago, ihren Gehorsam einzufordern und sie zugleich über jene glückliche Umwälzung ins Bild zu setzen, durch welche das alte Ansehen des römischen Senates neu belebt worden sei. Zwei dieser Briefe sind auf uns gekommen. Zwei einzigartige Fragmente aus der Privatkorrespondenz eines Senators sind in unserem Besitz. Sie enthüllen uns überschäumende Freude und hochfliegende Hoffnungen. »Fort nun mit deiner Trägheit,« so schreibt bei dieser Gelegenheit ein Senator seinem Freund, »erhebe dich aus deiner Zurückgezogenheit in Baiae und Puteoli. Auf! in die Stadt, in den Senat! Rom, ja, das ganze Imperium stehen in Blüte. Dank der römischen Armee, der wahrhaft römischen, haben wir endlich unsere wahre Machtstellung wiedererlangt und sind am Ende unserer Wünsche. Man wendet sich als Bittende an uns, wir ernennen Prokonsuln, wir erschaffen Kaiser: vielleicht können wir sie sogar zügeln – dem Weisen genügt ein Wort. Vopiscus, Historia Augusta, Tacitus 18 und 19. Mit Hekatomben und öffentlichen Lustbarkeiten feierte der Senat seine Wiederauferstehung. « Alsbald jedoch wurden diese luftigen Erwartungen enttäuscht; denn es war in der Tat nicht zu erhoffen, dass die Armeen und die Provinzen dem verweichlichten und unkriegerischen Adel Roms nicht irgendwann den Gehorsam aufkündigen würden. Die leichteste Berührung, und das Kartenhaus ihrer Macht und ihres Stolzes fiel zusammen. Ein kurzes, plötzliches Aufflackern noch, und der Senat Roms war dahin für immer.   DIE ARMEE AKZEPTIERT TACITUS Die Vorgänge zu Rom mussten solange nur eine politische Theaterinszenierung bleiben, wie die Senatsbeschlüsse nicht auch von den Legionen anerkannt wurden, deren Machtmittel denn doch substantieller waren. Tacitus selbst überließ die Senatoren sich und ihren Tagträumen von Ruhm und Macht, begab sich nach Thrakien und wurde dort durch den Prätorianerpräfekten den versammelten Truppen vorgestellt als der Herrscher, nach dem sie verlangt hätten und den der Senat eingesetzt habe. Sobald der Präfekt geendet hatte, ergriff Tacitus das Wort, und er machte keine schlechte Figur. Er bediente ihre Habsucht durch großzügige Geschenke, wenn er es auch Soldzahlungen und Donative nannte. Er gewann ihre Wertschätzung durch die Erklärung, dass, wenn ihm selbst auch sein Alter militärische Unternehmungen verbiete, zumindest sein Rat niemals eines römischen Generals unwürdig sein werde Vopiscus, Historia Augusta, Tacitus 8. . Während der Vorbereitungen für den zweiten Feldzug in den Osten hatte der verstorbene Aurelian mit den Alanen Verhandlungen geführt, einem sarmatischen Volk, welches in der Nähe des Mäotischen Sees seine Zelte aufgeschlagen hatte. Getreidelieferungen und Geschenke hatten diese Barbaren dazu bestimmt, mit einem beträchtlichen Kontingent an leichter Kavallerie in Persien einzufallen. Sie hielten sich an ihre Zusagen; als sie jedoch an der Grenze zum Römischen Reich ankamen, war Aurelian bereits tot, der Perserzug vorläufig ausgesetzt und die Generäle, welche während des Interregnums eine etwas unsichere Stellung bekleideten, waren außerstande, sie aufzunehmen oder zurückzuschicken. Provoziert durch dieses Verhalten, das sie nur als hinterlistig und vertragsbrüchig auslegen konnten, besannen sich die Alanen auf ihre eigene Stärke, um ihre Bezahlung und ihre Rache zu bekommen; und schon bald hatten sie mit der gewohnten Hurtigkeit der Tartaren die Provinzen Pontus, Kappadokien, Kilikien und Galatien überschwemmt. Die Legionen, die von der anderen Seite des Bosporus die einzelnen Brände der Dörfer und Städte unterscheiden konnten, bedrängten ihre Befehlshaber ungeduldig, sie gegen die Invasoren ins Feld zu führen. Tacitus selbst verhielt sich so, wie man es von seinem Alter und seiner Stellung erwarten konnte. Er überzeugte die Barbaren von der Vertragstreue und darüber hinaus von der Stärke des Römischen Imperiums. Die meisten Alanen, die sich damit zufrieden gaben, aus ihren Verträgen entlassen zu sein, die Aurelian mit ihnen geschlossen hatte, gaben ihre Beute und ihre Gefangenen heraus und zogen sich zurück in ihre Steppen jenseits des Phasis. Gegen die übrigen, kriegerisch gestimmten unternahm der Römische Kaiser in eigener Person einen erfolgreichen Feldzug. Mit Hilfe einer Armee von tapferen und erprobten Veteranen befreite er innerhalb weniger Wochen die asiatischen Provinzen von den Schrecken der sarmatischen Invasion Vopiscus, Historia Augusta, Tacitus 13; Zosimos, 1,63; Zonaras 12,28; zwei Passagen in der Probus-Biographie (Vopiscus, Historia Augusta, Probus 8 und 12) belegen, dass die Skythen, die in den Pontos einfielen, Alanen waren. Wenn wir Zosimos glauben wollen (1,64) so setzte Florianus ihm bis zu kimmerischen Bosporus nach. Aber für ein so langes und schwieriges Unternehmen dürfte er kaum genügend Zeit gehabt haben. .   SEIN ENDE Aber der Ruhm und das Leben des Tacitus waren nur von kurzer Dauer. Aus Campaniens mildem Klima wurde er mitten im Winter an den Fuß des Kaukasusgebirges verschlagen, und seine Kräfte schwanden zusehends unter den ungewohnten Härten des Militärlebens. Hinzu kamen schwere Sorgen und Probleme. Für einige Zeit hatte er die selbstsüchtigen und aufgeregten Gelüste der Soldaten durch eine Art Begeisterung für öffentliche Tugend ruhigstellen können. Bald aber brachen sie sich mit doppelter Stärke wieder Bahn und machten weder vor dem Lager noch vor dem Zelt des Kaisers Halt. Sein milder und liebenswerter Charakter provozierte sie nur noch mehr, und beständig bedrängten ihn Parteiungen, die er nicht beschwichtigen, und Forderungen, die er nicht erfüllen konnte. Wie immer er sich die Bereinigung der verkommenen öffentlichen Ordnung vorgestellt haben mag, an dieser Stelle musste Tacitus erkennen, dass die Disziplinlosigkeit der Armee die Autorität des Gesetzes nicht ernst nahm, und so beschleunigten Verbitterung und Enttäuschung sein Ende. Es mag zweifelhaft sein, ob die Soldaten ihre Hände in das Blut ihres unschuldigen Herrschers getaucht hatten Eutropius und Aurelius Victor sagen nur, dass er starb; der jüngere Victor fügt hinzu, dass es Fieber gewesen sei. Zosimos und Zonaras versichern, dass ihn Soldaten umgebracht hätten. Vopiscus erwähnt beide Berichte, kann sich selbst aber nicht entscheiden. Diese Widersprüche müssten doch leicht zu versöhnen sein! . Es steht indessen fest, dass sie mit ihrem Drängen seinen Tod herbeigeführt hatten. Er starb zu Tyana in Kappadokien nach nur sechs Monaten und zwanzig Tagen Regierungszeit Er regierte, wie die beiden Victor angeben, genau zweihundert Tage. .   FLORIANUS Tacitus hatte die Augen noch nicht geschlossen, da hatte sein Bruder Florianus bereits den Nachweis erbracht, wie unwürdig der Herrschaft er sei, indem er übereilt und ohne den Senatsbeschluss abzuwarten nach dem Purpur griff. Der Respekt vor der römischen Verfassung, welcher in den Provinzen und Militärlagern immer noch lebte, reichte aus, um so etwas wie Kritik an Florianus' hastigem Ehrgeiz hervorzurufen; zu einer tatsächlichen Ablehnung kam es indessen nicht. Diese Unzufriedenheit hätte sich sicherlich zu taten- und folgenlosem Murren verflüchtigt, hätte nicht der General des Ostens, der heldengleiche Probus, sich entschlossen zum Rächer des Senates aufgeworfen. Die Auseinandersetzung wurde jedoch mit ungleichen Waffen geführt; denn selbst der fähigste General konnte an der Spitze der verweichlichten Truppen Ägyptens und Syriens nicht hoffen, gegen die europäischen Legionen seines Nebenbuhlers mit Hoffnung auf Erfolg zu bestehen, deren unwiderstehliche Kampfkraft dem Bruder des Tacitus zur Seite stand. Aber das Glück und der Unternehmungsgeist des Probus überwanden jedes Hindernis. Die Veteranen seines Feindes, abgehärtet und an kaltes Klima gewöhnt, schmachteten und vergingen in der schwülen Hitze Kilikiens, wo sich der Sommer als besonders ungesund erwies. Infolge von Massendesertationen lichteten sich ihre Reihen weiter, und die Bergpässe wurden nur schwach verteidigt; Tarsus öffnete seine Tore, und die Soldaten des Florianus, die ihm immerhin drei Monate den Kaisertitel zu führen gestattet hatten, ersparten dem Reich einen Bürgerkrieg, indem sie diesen Herrscher, den sie nur verachten konnten, leichterdings erschlugen Vopiscus, Historia Augusta, Florianus 1; Zosimos 1,64 und 65; Zonaras 12,28. Aurelius Victor (de Caesaribus) behauptet, dass Probus die Kaiserwürde in Illyricum angenommen habe; welche Auffassung (ob sie schon von einem hochgelehrten Manne geteilt wird) jene Geschichtsepoche in heillose Konfusion stürzen würde. .   DIE FAMILIE BLEIBT IM DUNKEL Die beständigen Absetzungen der Kaiser hatten die Erinnerung an eine etwaige Erbfolge so sehr verdrängt, dass die Familie eines solchen glücklosen Herrschers unmöglich den Argwohn des Nachfolgers erregen konnte. Die Kinder des Tacitus und Florianus durften sich ins Privatleben zurückziehen und sich mit dem Volke gemein machen. Ihre Armut bot zusätzliche Gewähr für ihre Harmlosigkeit. Als Tacitus zum Kaiser gewählt wurde, überließ er sein umfangreiches Vermögen der öffentlichen Hand Vopiscus, Historia Augusta, Tacitus 10 , was ein deutlicher Hinweis darauf war, dass er die Herrschaft auf seine leiblichen Nachkommen übertragen wollte. Den einzigen Trost, den diese nun aus ihrer gesunkenen Stellung ziehen mochten, war die Erinnerung an ihre frühere Größe und eine vage Hoffnung – das Frucht einer leeren Prophezeiung – dass nach tausend Jahren ein Herrscher aus dem Hause Tacitus erstehen werde, bestimmt, den Senat zu beschützen, Rom neuerlich zu erheben und darüber hinaus die ganze Welt zu erobern Dieser ferne Monarch sollte außerdem Richter zu den Parthern, Persern und Samartanern schicken, einen Statthalter in Trapobana einsetzen und einen Proconsul auf der römischen Insel. (Casaubon und Salmasius mutmaßen, dass es sich hier um Britannien handeln müsse.) Eine historische Darstellung wie die meine, sagt Vopiscus in angemessener Selbstbescheidung, wird nicht tausend Jahre überdauern, und folglich auch diese Prophezeiung nicht widerlegen oder bestätigen können. .   DER AUFSTIEG DES PROBUS · SEINE WAHL ZUM KAISER Die Bauern Illyriens, die dem sinkenden Imperium bereits einen Claudius und einen Aurelian geschenkt hatten, durften sich mit gleichem Rechte auch der Erhebung eines Probus rühmen Historia Augusta, Tacitus 8. . Zwanzig Jahre zuvor hatte Kaiser Valerian mit bewährtem Scharfblick die emporstrebenden Talente eines jungen Soldaten ausgemacht, den er zum Tribunen beförderte, obgleich die militärische Rangliste dies noch lange nicht zuließ. Der Tribun rechtfertigte indessen seine Beförderung durch einen Sieg über eine starke Abteilung Sarmaten, bei welcher Gelegenheit er auch noch einem nahen Verwandten des Valerian das Leben rettete; und so verdiente er sich alle Kragen, Schnüre, Abzeichen, Mauer- und Bürgerkronen aus der Hand des Kaisers, alle Ehrenbezeigungen, die das alte Rom für verdiente Tapferkeit bereit hielt. Die dritte und dann die zehnte Legion wurden dem Kommando des Probus anvertraut, der auf allen Stufen seiner Karriereleiter sich den jeweiligen Anforderungen weit überlegen zeigte. Afrika und Pontus, der Rhein, die Donau, der Euphrat und der Nil boten ihm nacheinander die besten Gelegenheiten, seinen persönliche Mut und seine Kriegstüchtigkeit zu bewähren. Aurelian war ihm verpflichtet für die Wiedereroberung Ägyptens, und noch mehr war er ihm verpflichtet für den Mut, mit dem er mehrmals Aufwallungen von kaiserlicher Grausamkeit abzuwenden verstand. Tacitus, der sich von den Fähigkeiten seiner Generäle Kompensation für seine Unbegabtheit in militärischen Dingen erhoffte, ernannte ihn zum Oberkommandierenden der östlichen Provinzen bei fünffach höherem Sold, der Zusicherung eines Konsulats und der Aussicht auf einen Triumphzug. Vierundvierzig Jahre war Probus bei seiner Thronbesteigung alt Gemäß den Angaben der Alexandrinischen Chronik war zum Zeitpunkt seines Tode fünfzig Jahre alt. , stand auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, hatte die unverbrüchliche Zuneigung der Armee und war geistig und körperlich im Vollbesitz seiner Kräfte.   HALTUNG GEGENÜBER DEM SENAT Seine anerkannten Verdienste und der Sieg seiner Waffen über Florianus machten, dass er ohne Feinde dastand. Schenken wir allerdings seinen eigenen Bekenntnissen Glauben, die nichts weniger als Herrschsucht erkennen lassen, dann nahm er die Wahl nur mit dem aufrichtigsten Widerstreben an. »Aber es steht nicht mehr in meiner Macht«, so schrieb er in einem Privatbrief, »diesen Titel abzulehnen, der so gefahrvoll und neidvergiftet ist. Ich muss nun fortfahren, die Rolle zu spielen, die die Soldaten mir zugedacht haben Der Brief war an den Prätorianerpräfekten gerichtet, welchem er (unter der Voraussetzung weiterer tadelloser Aufführungen) das Verbleiben auf seinem exponierten Posten in Aussicht stellte. S. Historia Augusta, Probus 10. .« Seine pflichtschuldige Adresse an den Senat offenbarte die Gefühle, oder doch wenigstens die Sprache des römischen Patrioten: »Wenn Ihr, versammelte Väter! einen aus Eurer Mitte erwählt hättet, dem Kaiser Aurelian nachzufolgen, so wäre dies eine Handlung gewesen, die Eurer Weisheit und Gerechtigkeit entsprochen hätte. Denn Ihr seid die eigentlichen Herrscher der Welt, und die Macht, die von Euren Vorfahren auf Euch gekommen ist, wird auch auf Eure Nachfahren übergehen. Es wäre ein gutes Ding gewesen, wenn Florianus, anstelle den Purpur an sich zu raffen wie eine persönliche Erbschaft, abgewartet hätte, was Eure Majestät befunden hätte, sei es zu seinen oder jemandes anderen Gunsten. Die Soldaten haben klüglich seine Voreiligkeit bestraft. Nun haben sie mir den Augustustitel angeboten; ich jedoch lege meine Ansprüche und Verdienste auf die Wagschale Eures Urteils.« Historia Augusta, Probus 11 Das Datum des Briefes ist sicherlich falsch. Statt Non. Februar sollten wir Non. Aug lesen.   3. AUGUST A.D. 276 Als der Konsul diesen respektvollen Brief verlesen hatte, konnten die Senatoren unmöglich ihre Genugtuung darüber verbergen, dass Probus selbst so demütig den Senat um das Szepter gebeten hatte, welches er doch schon längst in der Hand hielt. Aufs herzlichste dankte man ihm für seinen Mut, seine bisherigen Heldentaten und ganz besonders für seine Bescheidenheit. Und so erging unverzüglich und ohne Gegenstimme ein Senatsbeschluss, der die Wahl des Ostheeres bestätigte und ihrem Oberkommandierenden alle Insignien der kaiserlichen Würde übertrug: den Caesaren- und Augustustitel, die Bezeichnung Vater des Vaterlandes, das Recht, dreimal am Tage einen Senatsbeschluss herbeizuführen Historia Augusta, Probus 12,8. Merkwürdig, dass der Senat Probus schlechter behandelte als Marcus Aurelius. Noch vor dem Tode des Pius hatte dieser Herrscher das ius quintae relationis (Recht der ersten fünf Senatsanträge) erhalten. , das Amt des Pontifex Maximus, die tribunizische Gewalt und prokonsularische Befehlsgewalt. Diese Art der Investitur schien die Machtbefugnisse des Herrschers zu vermehren, war aber zugleich ein Rückgriff auf die Verfassungswirklichkeit der untergegangenen Republik.   REGIERUNG DES PROBUS – SIEGE ÜBER DIE BARBAREN Die Herrschaft des Probus hielt, was ihr verheißungsvoller Auftakt versprochen hatte. Dem Senat wurde die Leitung der Zivilverwaltung übertragen; ihr treuergebener General hielt die Ehre der römischen Waffen aufrecht und legte ihnen des öfteren Goldkronen und Trophäen aus dem Barbarenland zu Füßen Siehe das ehrerbietige Schreiben des Probus an den Senat nach seinen Siegen in Germanien. Historia Augusta, Probus 10. . Während er so ihrer Eitelkeit schmeichelte, muss er im Inneren ihre Trägheit und Schwäche verachtet haben. Obwohl es in ihrer Macht gestanden hätte, zu jedem Augenblick den herabsetzenden Erlass des Gallienus zu annullieren, fanden sich die stolzen Nachfahren der Scipionen gefasst damit ab, von allen militärischen Aufgaben ausgeschlossen zu sein. Bald jedoch machten sie die Erfahrung, dass der, der das Schwert verschmäht, auch auf das Szepter verzichten muss. Aurelian hatte die Feinde Roms ringsum gedämpft. Nach seinem Tode erschienen sie neuerlich auf dem Plan, zahlreicher und stärker denn je. Erneut gingen ihre Entwürfe zuschanden, diesmal durch Probus' Dazwischenfahren; innerhalb von nur sechs Jahren Regierungszeit erklomm er die Ruhmeshöhen archaischer Heroen Die Daten und die Dauer von Probus Regierungszeit hat des Kardinal Noris in seinem gelehrten Werke de Epochis Syro-Macedonum, p. 96-105 aufs genaueste bestimmt. Eine Textstelle bei Eusebios verbindet das zweite Regierungsjahr des Probus mit den Jahreszählungen verschiedener syrischer Städte. und stellte in jeder römischen Provinz den Frieden wieder her. Die gefährdete rhätische Grenze sicherte er so nachhaltig, dass von Feinden noch nicht einmal eine Spur blieb. Er brach die Macht der nomadisierenden Sarmaten und zwang sie durch Waffengewalt zur Herausgabe ihrer Kriegsbeute. Die Goten waren heftig um die Freundschaft zu einem solchen Kriegsherrn bemüht Historia Augusta, Probus 16,3. . Er griff die Isaurier in ihren Bergen an, belagerte sie, nahm einige ihrer stärksten Festungen Zosimos 1,69 berichtet uns hier lang und albern von Lydius, dem isaurischen Räuber. und mochte sich schmeicheln, für alle Zeiten einen inneren Feind besiegt zu haben, dessen Unabhängigkeit so schmerzlich die Majestät des Imperiums gekränkt hatte. Die Unruhen, die der Empörer Firmus in Oberägypten aufgeregt hatte, waren niemals wirklich beigelegt worden, und auch die Städte von Ptolemais und Koptos, unterstützt noch durch die Blemyer, waren nach wie vor rebellisch. Die Bestrafung dieser Städte und ihrer Verbündeten, den Wilden aus dem Süden, soll den persischen Hof beunruhigt gerufen haben Zosimos, 1,71; Vopiscus in der Historia Augusta, Probus 17,4 und 18,1. Es erscheint uns allerdings sehr unwahrscheinlich, dass die Niederlage der Äthiopischen Eingeborenen dem König von Persien sollte mit Kummer erfüllt haben. , suchte doch der Großkönig ganz vergebens um die Freundschaft des Probus nach. Die meisten Großtaten, die seine Regierung zierten, waren seiner persönlichen Tapferkeit und seinem Feldherrentalent zu danken; so dass einer seiner Biographen sich leise darüber verwundert, wie denn in so kurzer Regierungszeit ein einzelner Mann auf so vielen, weit voneinander entfernten Kriegsschauplätzen habe anwesend sein können. Er überließ die Aufgaben im Anschluss an einen Feldzug nachgeordneten Offizieren, und dass er hierbei stets den Richtigen ausgewählt hatte, macht nicht den geringsten Teil seiner Bedeutung aus. Carus, Diocletian, Maximian, Constantius, Galerius, Asclepiodatus, Annibalianus und zahlreiche andere Generäle, die später den Thron bestiegen oder ihm doch wenigstens zur Seite standen, hatten das Waffenhandwerk in der strengen Schule des Aurelian und Probus erlernt. Neben diesen wohlbekannten Heerführern nennt Vopiscus (Historia Augusta, Probus c22) noch einige andere, deren Gefechte allerdings nicht auf uns gekommen sind.   BEFREIUNG GALLIENS Der größten Dienst jedoch, den Probus der Republik leistete, war die Befreiung Galliens und die Wiedereroberung von siebzig blühenden Städten, welche durch die barbarischen Germanen bedrückt wurden, die seit dem Tode Aurelians jene große Provinz ungestraft heimgesucht hatten Siehe Julian, Caesares und Historia Augusta, Probus 15 und 18. . Wir können in der Masse der Eindringlinge mit leidlicher Sicherheit drei große Armeen – besser wohl: Stämme – ausmachen, die nacheinander an Probus' Stärke scheiterten. Er trieb zunächst die Franken in ihre Sümpfe zurück; aus diesem Umstand können wir unschwer ablesen, dass die mannesstarke Konföderation der Freien inzwischen das flache, meeresnahe Land besetzt hielt, welches durch die trägen Fluten des Rhein zerschnitten und nahezu überschwemmt wurde und dass ferner einige friesische und batavische Stämme in ihrer Gefolgschaft waren. Er besiegte die Burgunder, nicht der unverächtlichste Stamm aus dem Volke der Vandalen. Beutelüstern hatten sie die Ufer der Oder mit denen der Seine vertauscht. Sie schätzten sich nun glücklich, gegen Abgabe ihres gesamten Raubes freien und ungestörten Abzug zu erhalten. Sobald sie jedoch versuchten, diesen Teil des Vertrages nicht zu erfüllen, erging es ihnen übel Zosimos 1,67 und Historia Augusta, Probus 14. Diese nimm jedoch an, dass die Strafen mit Einwilligung ihrer Könige verhängt wurden. Stimmt dies, dann war dies genauso unrecht wie die Vergehen selbst. . Die Bestrafung folgte unverzüglich und war fürchterlich. Von allen Eindringlingen in Gallien waren die Lygier die schlimmsten, ein Volk, welches über ein weitläufiges Gebiet zwischen Polen und Schlesien herrschte S. Cluver, Germania antiqua Bd. 3. Ptolemaios verlegt den Ort Kalisia in ihr Land; vielleicht ist es Kalisch in Schlesien. . Nach Zahl und Wildheit nahmen innerhalb der Lygier die Arii die erste Stelle ein. »Die Arii (so beschreibt sie Tacitus sehr eindringlich) versuchen durch Kunstgriffe und Nutzung der Begleitumstände die den Barbaren eigene Schreckenswirkung noch zu mehren. Ihre Schilde sind schwarz, ihre Körper schwarz bemalt. Für die Schlacht suchen sie sich die dunkelste Stunde der Nacht. So ist der Angriff ihrer Massen finster wie ein Leichenbegängnis »feralis umbra« (Totenschatten) heißt es bei Tacitus – gewiss sehr kühn. ; selten nur begegnet ihnen ein Feind, der imstande ist, einen solcherart fremden, höllischen Anblick auszuhalten. Von allen unseren Sinnen sind ja unsere Augen in der Schlacht als erste besiegt Tacitus, Germania 43. .« Diesen entsetzlichen Schreckensbildern bereiteten die römische Waffendisziplin ihrerseits nur weniges Unbehagen: in einer großen Entscheidungsschlacht wurden die Lygier besiegt, und Semno, der Häuptling mit dem größten Ansehen, fiel Probus lebend in die Hände. Klugheit verbat es dem Kaiser, ein tapferes Volk bis zum Äußersten zu treiben; so gewährte er ihm ehrenhafte Kapitulation und gestattete ihnen freie Rückkehr in ihre Heimat. Aber die Verluste, die sie auf dem Vormarsch, in der Schlacht und auf dem Rückzug erlitten hatten, hatten diese Nation zu sehr geschwächt; der Name der Lygier ist seitdem aus der Geschichte Germaniens oder des Römischen Reiches verschwunden. Die Befreiung Galliens soll vierhunderttausend Invasoren das Leben gekostet haben; für die Römer ein gewaltiges Stück Arbeit, und für den Kaiser darüber hinaus ein sehr teures, da er für jeden toten Barbaren ein Goldstück ausgelobt hatte Vopiscus in der Historia Augusta, Probus 15 . Da aber der Ruhm der Soldaten auf der Zerstörung von Menschenleben begründet ist, dürfen wir den naheliegenden Verdacht hegen, dass die Habgier der Soldaten diesen Blutzoll noch übertrieben hat und von Probus' freigebiger Eitelkeit ohne nähere Überprüfung geglaubt wurde.   PROBUS IN GERMANIEN Seit dem Feldzug des Maximinus hatten die römischen Generäle ihren Ehrgeiz auf Verteidigungskriege gegen die germanischen Stämme beschränkt, welche unablässig die Grenzen des Reiches bedrängten. Der risikofreudigere Probus jedoch fuhr seine Siege in Gallien ein, überquerte den Rhein und zeigte seine unbesiegbaren Legionsadler an den Ufern der Elbe und des Neckar. Nichts könne, so seine feste Überzeugung, die kriegerischen Gemüter der Barbaren nachhaltiger mit dem Friedensgedanken anfreunden, wenn sie in ihrem eigenen Lande die Nöte des Krieges erfahren würden. Germanien, das noch erschöpft war von seinen letzten Unternehmungen und deren schlimmen Folgen, wurde von seinem Herannahen überrumpelt. Neun ihrer angesehensten Häuptlinge begaben sich in sein Lager und warfen sich vor ihm nieder in den Staub. Die vom Sieger huldreich diktierten Bedingungen nahmen sie demütig an. Er forderte eine vollständige Rückgabe aller Beutestücke und Gefangenen, die sie aus den Provinzen verschleppt hatten; gleichzeitig legte er ihren Obrigkeiten auf, alle diejenige verstockten Räuber, die auch nur den geringsten Teil der Beute für sich zu behalten im Verdacht standen, empfindlich zu bestrafen. Ein erklecklicher Fundus an Korn, Vieh und Pferden, dem einzigen Reichtum dieser Barbaren, blieb dem Nutzen der Garnisonen vorbehalten, welche Probus an ihrer Landesgrenzen stationierte. Er ging sogar kurzfristig mit dem Gedanken schwanger, die Germanen zum Verzicht auf jeden Waffengebrauch zu zwingen und ihre Zwistigkeiten römischen Gesetzen, ihre Sicherheit aber römischen Waffen anzuvertrauen. Um jedoch zu diesem heilsamen Ziele zu gelangen, waren die Einrichtung einer kaiserlichen Gouverneursresidenz und die Stationierung einer starken Armee unabdingbar. Probus hielt es deshalb für zweckdienlicher, sich der Ausführung so weitreichender Pläne zu entschlagen; deren Nützlichkeit ja in der Tat eher symbolischer als konkreter Natur war Historia Augusta, Probus 13 und 14. Vopiscus zitiert einen Brief des Kaisers an den Senat, in welchem er auch von seine Plänen erwähnt, Germanien zu einer Provinz zu machen. . Wäre nämlich Germanien tatsächlich zu einer Provinz geworden, dann hätten die Römer lediglich eine noch ausgedehntere Grenze hinzugewonnen, die sie dann mit immensen Kosten und Mühen gegen die noch wilderen und unternehmenderen Skythen hätten verteidigen müssen.   BAU EINES SCHUTZWALLES VOM RHEIN BIS ZUR DONAU Anstelle nun Germaniens kriegerischen Massen den Status römischer Untertanen aufzudrängen, gab sich Probus mit dem weniger ruhmreichen Unterfangen zufrieden, ein Bollwerk gegen ihre Einfälle aufzufahren. Das heutige Schwabenland war in den Zeiten des Augustus von seinen damaligen Bewohnern aufgegeben worden Strabo, 7, p. 270. Velleius Paterculus zufolge (2,108) führte Marbod seine Markomannen nach Böhmen; und Cluver (Germania antiqua Bd.3, p. 8) kann nachweisen, dass dies von Schwaben aus geschah. . Die Fruchtbarkeit des Bodens jedoch lockte schon bald neue Siedler aus den benachbarten Provinzen Galliens. Unmengen von Abenteurern mit unsteter Seelenlage und in verzweifelten häuslichen Verhältnissen besetzten das herrenlose Gebiet und anerkannten durch Zahlung des Zehnten Roms Oberherrschaft Weil diese Ansiedler den Zehnten entrichteten, nannte man sie Decumates. . Es wurde nun, auf dass diese neuen Untertanen geschützt seien, eine Kette von Frontgarnisonen zwischen Rhein und Donau angelegt. Als während der Regierungszeit des Hadrian diese Art der Verteidigung in allgemeinen Gebrauch kam, wurden die einzelnen Garnisonen durch starke Verschanzungen aus Bäumen und Palisaden verbunden und gesichert. Statt dieses etwas derben Bollwerks ließ Kaiser Probus einen Steinwall von beträchtlicher Höhe aufführen und durch Wachtürme in geeigneter Entfernung absichern. Von Regensburg und Neustadt an der Donau bis nach Wimpfen am Neckar erstreckte sich der Limes über Berg und Tal, Flüsse und Sümpfe und gelangte nach über zweihundert Meilen windungsreichen Verlaufes schließlich an den Rhein S. hierzu »Notes de l'Abbe de la Bleterie a la Germanie de Tacite« p. 183. Seine Schilderung des Limes ist, wie er selbst zugibt, weitgehend der Alsatia illustrata von Schöpflin entnommen. . Dieser wichtige Verteidigungswall, der die beiden mächtigen Ströme miteinander verband, welche die europäischen Provinzen schützten, sicherte die offene Bresche, durch welche die Barbaren und namentlich die Alamannen bequem in das Herz des Reiches eindringen konnten. Aber alle Erfahrungen der Menschheit von China bis Britannien haben die Vergeblichkeit solcher Sicherungsmaßnahmen weitausgebreiteten Landes erwiesen Hierzu siehe »Recherches sur les Chinois et les Egyptiens«, tom. 2, p. 81-102. Der anonyme Verfasser ist mit der Welt im Allgemeinen und mit Deutschland im Besonderen wohlvertraut, zitiert zum letzteren ein Werk von Hanselmann und verwechselt hierbei wohl den Wall des Probus (gegen die Alamannen) mit der Befestigung der Mattiatiker bei Frankfurt (gegen die Chatten). . Ein unternehmender Feind, der sich sein Angriffsziel nach Belieben aussuchen und wieder abändern kann, wird irgendwann einen schwachen Punkt oder einen unbewachten Augenblick vorfinden. Die Kräfte und die Aufmerksamkeit des Verteidigers jedoch sind zersplittert; und so kommt es dann, dass selbst die zuverlässigsten Truppen, ist die Linie erst einmal an einem Punkt durchbrochen, sie in Eile und Panik aufgeben. Das Schicksal, welches den von Probus errichteten Limes ereilte, mag diese allgemeine Zwischenbemerkung bestätigen. Wenige Jahre nach seinem Tode wurde der Limes von den Alamannen überrannt. Seine weithin verstreuten Trümmer, die man einst für das Werk von Dämonen hielt, dienen heute lediglich dazu, dass sich der schwäbische Bauersmann darüber verwundere.   ANSIEDLUNG VON BARBAREN Zu den nutzbringenden Friedensbedingungen, die Probus den besiegten Germanenstämmen auferlegte, gehörte auch die Verpflichtung, der römische Armee sechzehntausend Rekruten zu stellen, den tapfersten und stärksten ihrer Jugend. Der Kaiser schickte sie in alle Provinzen und verteilte diese durchaus zweischneidige Verstärkung in kleineren Abteilungen von fünfzig bis sechzig Mann auf die nationalen Truppenkontingente; wobei er einsichtig anmerkte, dass die Hilfe, die die Republik von den Barbaren erhalten habe, spürbar, aber nicht sichtbar sein dürfe Er teilte fünfzig bis sechzig Barbaren einem, wie es damals genannt wurde, numerus zu, einen Truppenteil, dessen genauere Mannschaftsstärke wir nicht kennen. . Und Hilfe tat dringend not. Italiens verweichlichte Eleganz und die inneren Provinzen sahen sich mittlerweile außerstande, die Last der Waffen zu tragen. Die rauen Gefilde von Rhein und Donau brachten immer noch genug Menschen hervor, die den Mühen des Lagerlebens psychisch und körperlich gewachsen waren; aber die ununterbrochene Serie von Kriegen hatte auch ihre Reihen gelichtet. Es wurde zu selten geheiratet, die Äcker lagen verödet, und diese für das Bevölkerungswachstum ungünstigen Voraussetzungen zerstörten nicht nur den Lebensnerv der gegenwärtigen, sondern auch die Hoffnungen der zukünftigen Generationen. Probus war vorausschauend genug, große und segensreiche Pläne zur Wiederauffüllung der verwaisten Grenzmarken zu ersinnen: neue Kolonien mit flüchtigen oder gefangenen Barbaren sollten begründet werden; ihnen sollte Land, Vieh, landwirtschaftliches Gerät und ferner jede Art von Ermutigung zuteil werden, um eine neue Generation von wehrhaften Soldaten heranzuziehen. In Britannien, vermutlich im heutigen Cambridgeshire Camden, Britannia, Einleitung, p. 136. Seine Vermutungen bleiben aber sehr fragwürdig. , wurde eine erkleckliche Anzahl von Vandalen angesiedelt. Die Unmöglichkeit der Flucht söhnte sie mit ihrer Lage aus, und in allen künftigen Unruhen auf der Insel erwiesen sie sich als die zuverlässigsten Parteigänger des Landes Zosimos, 1,68. Wie Vopiscus berichtet, war ein anderer Haufe der Vandalen weniger zuverlässig. . Franken und Gepiden wurden in großer Zahl an Rhein und Donau angesiedelt. Einhunderttausend Bastarner, Vertriebene aus ihrer Heimat, siedelten mit Freuden in Thrakien und nahmen rasch Brauchtum und Denkweise der Römer an. Historia Augusta, Probus 18. Vermutlich wurden sie von den Goten vertrieben. Zosimos 1,71. Ebenso oft aber wurden die Erwartungen des Probus auch enttäuscht. Um sich in den schleppenden Gang der Landwirtschaft zu finden, waren die Ungeduld der Barbaren und andererseits ihre Neigung zum Müßiggang untauglich. Ihre unauslöschliche Freiheitsliebe, die sich gegen jede Form von Despotismus erhob, verführte sie oftmals zu überhasteten Rebellionen, die sich für sie ebenso fatal auswirkten wie für die Provinzen Historia Augusta, Probus 18 ; auch konnten diese künstlichen Maßnahmen, wie oft sie auch spätere Herrscher wiederholen mochten, den wichtigen Grenzen Galliens und Illyriens nicht ihre frühere Stabilität zurückgeben.   EIN WAGHALSIGES UNTERNEHMEN DER FRANKEN Nur sehr wenige Barbaren, die das ihnen zugewiesene Siedlungsland wieder aufgaben und dadurch die Ruhe der Öffentlichkeit aufstörten, kehrten in ihre ursprüngliche Heimat zurück. Für eine gewisse Zeit mochten sie unter Waffen das Imperium durchstreifen; am Ende aber wurden sie zuverlässig von den Truppen des kriegstüchtigen Herrschers ausgelöscht. Ein Unternehmen jedoch, das die Franken mit verblüffender Schnelligkeit durchführten, darf wegen seiner weitreichenden Folgen hier nicht unerwähnt bleiben. Probus hatte sie an der Küste des Pontos angesiedelt, wodurch er zugleich die Abwehrfront gegen die Einfälle der Alanen zu stärken beabsichtigte. Eine Flotte, die zufällig in einem der Schwarzmeerhäfen lag, fiel den Franken in die Hände; und da beschlossen sie, durch unbekanntes Gewässer hindurch den Weg von der Phasismündung bis zu der des Rheins zu wagen. Leicht gelangte sie durch Bosporus und Hellespont, kreuzten im Mittelmeer herum und stellten durch häufige Überfälle an den nichtsahnenden Küsten Asiens, Griechenlands und Afrikas ihre Beute- und Rachegelüste zufrieden. Das opulente Syrakus, in dessen Hafen einst Athens und Karthagos Flotten untergegangen waren, wurde von einer Handvoll Barbaren geplündert, die den größten Teil der entsetzensstarren Bevölkerung niedermetzelte. Von Sizilien segelten sie dann zu den Säulen des Herkules ab, wagten sich auf den offenen Ozean, segelten unter der spanischen und gallischen Küste, durchfuhren im Triumph den Kanal und landeten endlich sicher an der batavischen und friesischen Küste Panegyrici 5, 18; Zosimos 1,71. . Ihr Erfolg lehrte ihre Landsleute, wie man sich die Vorteile der Seefahrt zunutze machen und über ihre Gefahren hinwegsetzen kann und wies so ihrem unternehmenden Volksgeiste neue Wege zu Ruhm und Beute.   REVOLTE DES SATURNINUS IM OSTEN Trotz aller Wachsamkeit und Vorausplanung des Probus erwies es sich als nahezu unmöglich, in allen Provinzen seines Riesenreiches gleichzeitig den Gehorsam aufrechtzuerhalten. Die Barbaren, ledig ihrer Ketten, hatten die günstige Gelegenheit einer internen römischen Auseinandersetzung ergriffen. Als der Kaiser abmarschiert war, Gallien zu befreien, übertrug er die Befehls- und Regierungsgewalt im Osten dem Saturninus. Dieser General, ein verdienst- und erfahrungsreicher Mann, wurde zur Rebellion gleichsam genötigt durch die Abwesenheit des Kaisers, durch die Leichtfertigkeit der Bevölkerung von Alexandria, durch das Drängen seiner Freunde und durch seine eigenen Ängste; aber von dem Moment seiner Wahl durch die Truppen hatte er alle Hoffnungen auf die Herrschaft, ja sogar auf sein Leben fahren lassen. »Wehe!« sagte er, »die Republik hat nun einen ergebenen Diener in mir verloren, und der Unbedacht einer einzigen Stunde hat den treuen Dienst vieler Jahre zunichte gemacht. Ersichtlich kennt ihr nicht,« so fuhr er fort, »das Elend der kaiserlichen Macht: beständig hängt ein Schwert über unserem Haupte. Wir fürchten unsere eigenen Leibwachen, wir misstrauen unseren Weggefährten. Wir steht nicht bei uns, ob wir handeln sollen oder abwarten, und weder unser Alter, noch unser Verhalten oder unsere Persönlichkeit schützen uns vor Nachstellungen. Ihr habt mich nun auf den Thron gehoben; damit habt ihr mich zu einem vorzeitigen Ende verurteilt. Mein einziger Trost besteht in der Gewissheit, dass ich nicht der letzte sein werde Vopiscus in der Historia Augusta Firmus 29,10.Der unglückselige Redner hatte Rhetorik in Karthago studiert und war deshalb wohl eher ein Maure (Zosimos 1,66) als ein Gallier, wie ihn Vopiscus bezeichnet. .« Wenn jedoch der erste Teil seiner Prophezeiung sich erfüllte infolge des Sieges von Probus, so missriet der zweite wegen dessen Milde. Dieser liebenswürdige Herrscher bemühte sich sogar selbst darum, den unglücklichen Saturninus vor der Wut seiner eigenen Soldaten zu schützen. Mehr als einmal hatte er den Usurpator gedrängt, wenigsten etwas Zutrauen in die Gnade eines Herrschers zu haben, welcher von seinem Charakter eine so hohe Meinung besaß, dass er sogar einen bösartigen Zuträger bestraft hatte Zonaras 12,29. , der ihm die unglaubwürdige Nachricht von seinem Untergang übermittelt hatte. Saturninus hätte die ausgestreckte Hand wohl ergriffen, hätte ihn nicht das verstockte Misstrauen seiner Anhänger zurückgehalten. Ihre Schuld war tiefer und ihre Hoffnungen flogen höher als die ihres welterfahreneren Anführers.   BONOSUS UND PROCULUS IN GALLIEN Die Revolte des Saturninus im Osten war kaum beigelegt, als in Gallien die Rebellion des Bonosus und Proculus neue Unruhen verursachten. Ausgezeichnet vor allen anderen waren diese beiden Offiziere durch ihren individuelle Begabung, die sie auf dem Felde des Gottes Bacchus beziehungsweise der Venus je und je Großes vollbringen ließ Ein staunenswertes Beispiel von des Proculus Heldenstärke wird uns überliefert (Vopiscus in den Historia Augusta, Firmus 12): hundert samartische Jungfrauen erbeutet. Den Rest der Geschichte soll er nun in seine eigenen Sprache erzählen: »Ex his una nocte decem inivi; ommnes tamen, quod in me erat, mulieres intra dies quindecim reddidi.« (Zehn von denen bin ich in einer Nacht näher gekommen; aber sie alle wurden, was mich anbelangt, innerhalb von fünfzehn Nächten zurückgegeben.) ; indessen fehlte es beiden auch nicht an kriegerischem Mut und an Belastbarkeit, und beide spielten mit Auszeichnung die erhabene Charakterrolle, die die Angst vor Strafe sie anzunehmen genötigt hatte, bis sie endlich Probus' überlegenem Geiste unterlagen. Er beutete seinen Sieg mit der gewohnten Zurückhaltung aus und vergriff sich weder an dem Vermögen noch an den Mitgliedern ihrer unschuldigen Familien Proculus, gebürtig zu Albengue bei Genua, hatte zweitausend seiner eigenen Sklaven unter Waffen gestellt. Er war sehr reich, hatte sich aber diesen Wohlstand zusammengeräubert. Über seine Familie hieß es dann später: »Nec latrones esse, nec principes sibi placere.« (Sie wollen weder Räuber noch Herrscher sein.) Vopicus in der Historia Augusta, Firmus 13 .   TRIUMPH DES KAISERS PROBUS A.D. 281 So hatte nun Probus über alle äußeren und inneren Feinde des Staates obsiegt. Seine wohlwollende, aber auch bestimmte Verwaltung trug dazu bei, dass wieder Ruhe einzog; auch waren in den Provinzen weder feindliche Barbaren, noch ein Tyrann oder wenigstens ein Räuberhauptmann am Werk, das Andenken an zurückliegende Unruhen aufzufrischen. Es war die Zeit, in der der Imperator daran denken konnte, die Stadt Rom aufzusuchen und seinen Erfolg und den allgemeinen Glückszustand festlich zu begehen. Der Triumphzug, den Probus vollzog, wurde mit dem Pomp begangen, der dem Anlass entsprach, und die Menschen, die zuvor den Triumph des Aurelian bestaunt hatten, begafften nun mit gleicher Freude den seines heldenhaften Nachfolgers Historia Augusta, Probus 19. . Wir wollen bei dieser Gelegenheit jedoch nicht den Verzweiflungsmut jener achtzig Gladiatoren vergessen, welche zusammen mit beinahe sechshundert anderen für die unmenschlichen Spiele des Amphitheaters aufgespart worden waren. Da ihnen ihr Stolz nicht danach stand, ihr Blut zur Unterhaltung des römischen Mobs zu vergießen, erschlugen sie ihre Wärter, brachen aus ihrer Kaserne aus und richteten in den Straßen Roms Chaos und Blutvergießen an. Nach hartnäckigem Widerstand wurden sie schließlich von den regulären Truppen zusammengehauen; aber sie starben wenigstens einen ehrenhaften Tod und mit der Genugtuung einer geglückten Rache. Zosimos 1,71.   DISZIPLIN UNTER PROBUS · SEIN TOD Die militärische Disziplin, die unter Probus in den Lagern vorherrschte, war weniger grausam als die des Aurelian, aber genauso streng und genauso bewährt. Der Letztere hatte Verstöße der Soldaten mit unnachgiebiger Strenge verfolgt, der Erstere suchte sie zu vermeiden, indem er die Legionen beständig und auf nutzbringende Weise beschäftigte. Als Probus in Ägypten das Kommando innehatte, führte er zum Wohle dieses reichen Landes viele unverächtliche Vorhaben aus: die Schifffahrt auf dem Nil, die ja auch für Rom selbst von Bedeutung war, wurde verbessert; die Soldaten, die auf diese Weise zu Architekten, Ingenieuren und Landwirten wurden Historia Augusta, Probus 9. , errichteten Tempel, Brücken, Porticos und Paläste. Um seine Soldaten vor den Risiken des Müßiggangs zu schützen, soll Hannibal sie beauftragt haben, an Afrikas Küste Olivenplantagen anzubauen Historia Augusta, Probus. Diese Maßnahme Hannibals, die übrigens von keinem anderen antiken Autoren berichtet wird, stimmt nun mit seiner Biographie absolut nicht zusammen: mit neun Jahren verließ er Afrika, kehrte erst mit fünfundvierzig zurück und verlor unmittelbar darauf seine Armee in der Entscheidungsschlacht von Zama. Livius, 30,35. . Aus ähnlichen Gründen ließ Probus seine Legionen in den Hügel Galliens und Pannoniens Weingärten anlegen, und zwei beachtliche Gebiete werden genannt, welche ausschließlich durch die Anstrengungen des Militärs bestellt und bepflanzt wurden Historia Augusta, Probus 18,8; Eutropius, 9,17; Aurelius Victor, Probus; Victor iunior 37,3. Er hob hierdurch das Alkoholverbot des Domitian auf und gestattete ganz allgemein den Weinbau in Gallien, der Bretagne und in Pannonien. . Eines von diesen, bekannt unter dem Namen Mons Alma, lag in der Nähe von Sirmium, dem Lande, aus dem Probus stammte und für das er immer eine gewisse Vorliebe bewahrt hatte; eine großes und fieberheißes Sumpfgebiet ließ er zu bebaubarem Land trockenlegen, wodurch er sich die Dankbarkeit der Bewohner sicherte. Eine in dieser Weise beschäftigte Armee gab so den nützlichsten und wohl auch respektabelsten Teil der Bevölkerung ab.   SEIN TOD AUGUST A.D. 282 Doch selbst der Umsichtigste neigt bei der Durchführung seines Lieblingsprojektes dazu, überzeugt von der Ehrbarkeit seiner Absichten, die entgegenstehenden Hindernisse zu übersehen; auch war sich Probus über die Ausdauer und Belastbarkeit seiner Legionäre nicht im klaren Iulian tadelt scharf und überbordend die Strenge des Probus, der nach seiner Auffassung sein Ende nachgerade verdient habe. . Der Ausgleich für die Gefahren des Soldatenberufes konnte nur ein Leben in Trägheit und Vergnügung sein; wenn sich aber zu den Pflichten der Soldatenexistenz noch die Mühseligkeiten des Bauernlebens hinzugesellen, wird er unter dieser doppelten Belastung entweder zusammenbrechen oder sie mit Empörung abschütteln. Probus hat, so wird überliefert, unklugerweise das Missbehagen seiner Truppen erregt. Da ihm das Wohl der Menschheit mehr am Herzen lag als die Laune seiner Soldaten, hegte er die leere Hoffnung, durch einen allgemeinen Frieden in Kürze der Notwendigkeit überhoben zu sein, eine stehende Söldnertruppe zu unterhalten Vopiscus, Historia Augusta, Probus 20,3-6. Er verschwendet viel alberne Rhetorik an diese leere Hoffnung. . Diese blauäugige Erwartung wurde ihm zum Verhängnis. Als er an einem der heißesten Sommertage die zermürbenden Meliorationsarbeiten in den Sümpfen von Sirmium mit strengem Nachdruck vorantrieb, warfen die Soldaten, abgearbeitet und erschöpft, wie auf Verabredung ihre Schaufeln beiseite, griffen zu den Waffen und begannen eine wüste Meuterei. Der Kaiser wurde sich der Gefahr augenblicklich bewusst und nahm seine Zuflucht auf einem Holzturm, welcher eigens zu dem Zweck errichtet worden war, den Fortgang der Arbeiten zu überwachen Turris ferrata. Vermutlich war es ein bewegliches Holzgestell mit Eisenbeschlägen. . Der Turm wurde augenblicklich erstürmt, und tausend Schwerter durchbohrten den unglückseligen Probus. Sobald die Wut der Soldaten am Ziel war, war sie auch schon wieder verflogen. Laut beklagten sie ihren Unbedacht, vergaßen im Augenblick die feste Hand des Herrschers, den sie soeben ermordet hatten, und eilten, durch ein Ehrenmal die Erinnerung an seine Tugenden und seine Sieg zu verewigen »Probus et vere probus situs est; victor omnium gentium barbarorum; victor etiam tyrannorum.« Historia Augusta, Probus 21. (Hier liegt Probus begraben, der wahrhaft erprobte, der Sieger über alle Barbarenvölker und der Sieger auch über die Tyrannen.) .   WAHL DES CARUS – SEIN CHARAKTER Nachdem die Legionen ihren Schmerz und ihre Reue über den Tod des Probus gepflegt hatten, erklärten sie einmütig Carus, seinen Prätorianerpräfekten, zum ersten Thronanwärter. Alls, was sich irgendwie auf diesen Herrscher bezieht, ist unklar und zweifelhaft. Er rühmte sich des Titels »römischer Bürger« und war bemüht, die Reinheit seines Blutes gegenüber der fremdländischen, gar barbarischen Herkunft seiner Vorgänger ins rechte Licht zu rücken: aber die gründlichsten seiner Zeitgenossen haben, weit davon entfernt, seinen Anspruch anzuerkennen, seinen oder seiner Eltern Geburtsort nach Illyricum, Afrika oder Gallien verlegt Diese Widersprüche lassen sich möglicherweise in Einklang bringen: Er wurde in Narbonne in Illyricum geboren, welchen Ort Eutropus mit der bekannteren gallischen Stadt gleichen Namens verwechselt haben mag; sein Vater könnte Afrikaner gewesen sein, seine Mutter eine vornehme Römerin. Carus selbst erhielt in der Hauptstadt seine Ausbildung. Siehe auch Scalinger, Animadversio ad Eusebii Chronicam, p.241. . Obschon Soldat, hatte er eine gediegene Erziehung erhalten; obschon Senator, übte er oberste Befehlsgewalt in der Armee aus; und in einer Zeit, als militärische und zivile Laufbahnen sich bereits unübersehbar voneinander entfernt hatten, waren sie in der Person des Carus noch vereint. Trotz der harten Urteile, die er gegen die Mörder des Probus verhängte – er war ihm als seinem Förderer zutiefst verpflichtet-, blieb dennoch der Verdacht an ihm selbst hängen, dass er der eigentliche Anstifter zu dieser Mordtat gewesen war, die ihm schließlich die höchste Regierungsgewalt eingebracht habe. Er galt, zumindest bis zu seiner Wahl, als aufrechte und befähigte Persönlichkeit Probus hatte als Anerkennung für die Verdienste des Carus vom Senat ein Reiterstandbild und einen Marmorpalast auf Staatskosten beantragt. Vopiscus, Historia Augusta, Probus 24, Carus 6. . Aber seine ernst-erhabene Natur nahm unmerklich Züge von Missmut und von Grausamkeit an; und seine dürftigen Lebensbeschreibungen schwanken, ob sie ihn nicht unter die römischen Tyrannen einreihen sollten Vopiscus, Historia Augusta, Firmus 1 und Carus 3. . Als Carus den Purpur anlegte, war er etwa sechzig Jahre alt, und seine beiden Söhne, Carinus und Numerianus, waren schon längst zu Männern herangewachsen Ioannes Malala, Chronographia, Bd.1, p.401. Aber die Glaubwürdigkeit dieses unbedarften Griechen ist äußerst gering. Er leitet albernerweise von Carus die Namen der Stadt Carrhae und der Provinz Caria ab, welch letztgenannte schon bei Homer vorkommt. .   SENAT UND VOLK Mit Probus ging auch das Ansehen des Senats unter; zugleich hatte ihre Reue die Soldaten – anders, als nach dem unglückseligen Tode des Aurelianus – nicht dazu gebracht, auch weiterhin die schuldige Ehrerbietung gegenüber den bürgerlichen Institutionen zu beobachten. Carus' Wahl war vollzogen, ohne dass man das Einverständnis des Senates abgewartet hätte, und der neue Herrscher begnügte sich damit, in einem Schreiben kühl und geschäftsmäßig wissen zu lassen, dass er den verwaisten Thron bestiegen habe Vopiscus, Historia Augusta, Carus 5. Carus gratuliert dem Senat, weil einer der Ihren Kaiser geworden war. . Diese Verhalten, welche in so deutlichem Gegensatz zu dem seines leutseligen Vorgängers stand, ließ für die neue Regierung keine allzu optimistischen Erwartungen aufkeimen. Die Römer, schon längst ohne Macht und ohne Freiheit, beharrten wenigstens auf diesem Vorrecht und murrten unbotmäßig Vopiscus, Historia Augusta, Probus 24. . Glückwünsche und Schmeichelei wurden ebenfalls vernommen; und wir können noch heute mit genüsslicher Verachtung eine Ekloge studieren, die anlässlich der Thronbesteigung des Carus geschmiedet ward. Zween Hirten, Schutz suchend vor der Mittagshitze, ziehen sich in die Grotte des Faunus zurück. Unter einer weittragenden Buche gewahren sie frische Schriftzüge. Die ländliche Gottheit hatte in prophetischer Lyrik die glückhaften Umstände dargetan, die dem Reiche unter der Regierung eines großen Herrschers vorherbestimmt seien. Faunus jauchzt dem Einzug des Herrschers zu, welcher auf seinen Schultern die Last der sinkenden römischen Welt abfedern, Krieg und Parteienhader beenden und dereinst die unschuldige Sicherheit des Goldenen Zeitalters wiederherstellen werde Siehe die erste Ekloge des Calpurnius. Fontenelle (Oeuvres, Bd. 3, p.401) zieht die zugrunde liegende Idee derjenigen von Vergils Pollio vor. .   DER PERSISCHE FELDZUG Es ist wenig wahrscheinlich, dass diese anmutigen Nichtigkeiten jemals bis vor die Ohren dieses altgedienten Haudegens gelangten, der, und hierin folgten ihm die Legionen gerne, sich anschickte, den lange gehegten Plan eines persischen Feldzuges auszuführen. Vor seiner Abreise zu diesem Feldzug bekleidete Carus seine Söhne Carinus und Numerianus mit der Cäsarenwürde; und während er den ersteren mit nahezu gleichen kaiserlichen Vollmachten ausstattete, wies er ihn zugleich an, einige in Gallien aufkeimende Unruhen zu unterdrücken und anschließend seine Residenz in Rom zu nehmen sowie die Herrschaft über die westlichen Provinzen anzutreten Vopiscus, Historia Augusta, Carus 7; Eutropius 9,18; Pagi, Annales. . Die Sicherheit Illyricums wurde durch einen grandiosen Sieg über die Sarmaten sichergestellt; sechzehntausend dieser Barbaren deckten die Wahlstatt, und die Zahl der Gefangenen ging an zwanzigtausend. Der alte Kaiser, durch diesen Ruhm und die Aussicht auf fernere Siege verjüngt, marschierte mitten im Winter durch Thrakien, Kleinasien und gelangte endlich mit seinem jüngeren Sohn, Numerianus, an die Grenzen der persischen Monarchie. Auf der Höhe eines Berges ließ er das Lager aufschlagen und wies seinen Truppen den Luxus und Reichtum des Feindes, den zu bekriegen sie im Begriffe standen.   DIE AUDIENZ DER PERSISCHEN GESANDTSCHAFT Der Nachfahre des Artaxerxes, Varanes oder Bahram, der zwar die äußerst kriegerischen Segestaner im Inneren Asien Agathias Scholastikos, De Imperio 4, p. 135. Einen seiner Aphorismen finden wir in Herrn d'Herbelots Bibliothéque Orientale: »Die Idee der Humanität schließt alle anderen Tugenden in sich ein.« besiegt hatte, wurde dennoch durch das Nahen der Römer aufgeschreckt und unternahm es, ihrem Vormarsch mit Friedensverhandlungen zu begegnen. Seine Emissäre betraten das Lager bei Sonnenuntergang, als die Soldaten ihren Hunger mit einer frugalen Mahlzeit stillten. Die Perser begehrten, seiner Majestät dem Römischen Kaiser vorgestellt zu werden. Man brachte sie endlich zu einem Soldaten, der im Grase saß. Sein Mahl bestand aus einem Stück ranzigem Speck und einer Handvoll Trockenerbsen. Lediglich ein grober, purpurfarbiger Wollmantel gab einen Hinweis auf seinen Rang. Auch während der Unterhandlung verzichtete man auf alle höfischen Artigkeiten. Carus nahm lediglich die Mütze ab, mit der er seinen kahlen Schädel deckte und versicherte den Gesandten, er werde, wenn ihr Herrscher nicht die Oberhoheit Roms anerkenne Synesios erzählt diese Anekdote von Carinus; und es ist viel nahe liegender, sie sich von Carus erzählt zu denken als von Probus – wie es Petavius und Tillemont vorziehen. , binnen kurzem Persien so von Bäumen entblößen, wie es jetzt sein Kopf von Haaren sei. Wenngleich diese Szene dichterisch ausgeschmückt sein dürfte, können wir aus ihr doch Carus' Sitten und die karge Strenge ablesen, die die kriegstüchtigen Herrscher, die Nachfolger des Gallienus, wieder in die Militärlager Roms eingeführt hatten. Die Minister des Großkönigs erbebten und nahmen eiligen Abschied.   CARUS' UNGEWÖHNLICHER TOD – CARINUS UND NUMERANIUS NACHFOLGER Die Drohung des Carus waren keine leeren Worte. Er durchhetzte Mesopotamien, schlug in Stücke, was immer sich ihm in den Weg stellen mochte, bemächtigte sich der Städte Seleukia und Ktesiphon (letztere ergab sich ohne Widerstand) und trug seine siegreichen Waffen über den Tigris Vopiscus, Historia Augusta, Carus 7; Eutropius 9,18; beide Victor. hinaus. Er hatte sich für seine Invasion einen günstigen Zeitpunkt erwählt. Der persische Kronrat war zerstritten, und die Truppen standen größtenteils gegen Indien im Felde. Rom und der Osten nahmen die Nachricht von solchen Fortschritten mit Frohlocken auf. In lebhaften Farben malten Schmeichelei und Hoffnung an dem Gemälde von Persiens Untergang, Arabiens Unterjochung, Ägyptens Knechtung und der dauerhaften Ruhe vor skythischen Einfällen Der Dialog Philopatris , der solange Gegenstand gelehrter Debatten gewesen ist, bezieht sich nach meiner Auffassung auf den Sieg des Carus über die Perser. Diese meine Position zu begründen und zu belegen, würde jedoch eine eigene Abhandlung erfordern. . Aber die Herrschaft des Carus sollte erweisen, wie müßig Weissagungen sind: kaum waren sie ausgesprochen, da wurden sie durch seinen Tod widerlegt.   25. DEZEMBER A.D.283 Dieses Ereignis ist durch so viele zweifelhafte Begleiterscheinungen umdunkelt, dass es am besten durch ein Zitat aus einem Brief seines Geheimschreiber an den Stadtpräfekten erzählt werden soll. »Carus,« schreibt er, »unser geliebter Herrscher, war durch Krankheit ans Bett gefesselt, als sich im Lager ein fürchterlicher Sturm erhob. Es wurde hier so nachtfinster, dass wir uns gegenseitig nicht wahrnehmen konnten; es blitzte und donnerte fortwährend, so dass wir in der allgemeinen Verwirrung jede Übersicht verloren. Unmittelbare nach einem besonders schrecklichen Donner hörten wir einen lauten Schrei, dass der Kaiser tot sei. Bald war klar, dass seine Kammerdiener in einem Verzweiflungsanfall Feuer an die königliche Unterkunft gelegt hatten, welcher Umstand jedoch das Gerücht in die Welt setzte, dass Carus vom Blitz erschlagen worden sei. Wenn wir denn imstande waren, die Wahrheit herauszufinden, so ist er an seiner Krankheit gestorben Vopiscus, Historia Augusta, Carus 8. Aber Eutropius, Festus Rufus, beide Victor, Hieronymus, Sidonius, Apollinaris, Syncellus und Zonaras – alle machen für Carus' Tod einen Blitzschlag verantwortlich. .«   CARINUS UND NUMERIANUS THRONFOLGER Die Thronvakanz rief keine weitergehenden Unruhen hervor. Der Ehrgeiz der in Frage kommenden Generäle hielt sich infolge gegenseitiger Furcht in Maßen, und es wurden der junge Numerianus und sein abwesender Bruder Carinus einstimmig zum Kaiser ernannt. Die öffentliche Meinung erwartete nun, dass sein Nachfolger in seines Vaters Fußstapfen treten und, ohne den Persern Sammlung zu vergönnen, mit dem Schwerte in der Hand die Paläste von Susa und Ekbatana erstürmen werde Nemesianus, Cynegetica 71 ff. . Aber die Legionen, wie stark sie auch sein mochten nach Zahl und Schulung, wurden entscheidend geschwächt durch den abwegigsten Aberglauben. Trotz aller Schliche, die man aufwandte, die Todesumstände des letzten Herrschers zu verschleiern, war es unmöglich, die Mehrheitsmeinung umzustimmen, denn die Macht der Meinung ist unbezwinglich. Plätze oder Personen, die vom Blitz getroffen wurden, wurden von den Alten mit frommer Scheu beargwöhnt, da sie dem Zorn des Himmels in der offenkundigsten Weise anheim gefallen seien Siehe Festus und seine Kommentatoren zum Wort scribonianum – Plätze , in die der Blitz eingeschlagen hatte, wurden ummauert; Dinge unter magischen Vorkehrungen verbrannt. . Auch war ein Orakel erinnerlich, welches den Tigris zu Roms schicksalsbestimmten Grenze erklärt hatte. Entsetzt vom Schicksal des Carus und ihrer eigenen Gefahr drängten die Soldaten den Numerianus, sich dem Willen der Götter zu beugen und sie von dem unheilschwangeren Schauplatz fortzuführen. Gegen ihren festbetonierten Aberglauben standen dem sanftmütigen Kaiser keine Mittel zu Gebote, und der Perser verwunderte sich über den unverhofften Rückzug des siegreichen Feindes Vopiscus, Historia Augusta, Carus 9. Aurelius Victor glaubt offenbar der Prophezeiung und ist mit dem Rückzug einverstanden. .   CARINUS' CHARAKTERDEFIZITE Schon bald war die Nachricht von des Kaisers sonderbaren Todesumständen von der persischen Front nach Rom gelangt; und der Senat begrüßte, wie auch die Provinzen, die Thronbesteigung der Söhne des Carus. Indessen: den beiden glücklichen jungen Männer war jenes Überlegenheitsgefühl fremd, welches man, sei es von Geburts wegen, sei es um besonderer Verdienste willen, besitzen muss, um den Thron mit Leichtigkeit besetzen zu können; und diese Fremdheit war naturgemäß. Geboren und erzogen in einer staatsfernen Position, erhob sie die Wahl ihres Vater unvermittelt in den Rang von Thronprinzen; und sein Tod, der schon sechzehn Monate später eintrat, lud ihnen die völlig unerwartete Erbschaft eines Riesenreiches auf. Um ein so stürmisches Emporkommen mit Gelassenheit zu ertragen, wäre ein Riesenmaß an Tugend und Besonnenheit erforderlich gewesen; und Carinus, der ältere der beiden, besaß gerade hiervon besonders wenig. Im gallischen Krieg hatte er Anflüge von persönlicher Tapferkeit erkennen lassen Nemesianus, Cynegetica 69; er war ein Zeitgenosse und ein Dichter. ; aber seit dem Moment seiner Ankunft in Rom widmete er sich ausschließlich dem Luxus der Hauptstadt und dem Genuss seines Glücks. Er war weich, aber grausam; vergnügungssüchtig, aber ohne jeden Geschmack; grenzenlos eitel und doch gleichgültig gegenüber der öffentlichen Meinung. Innerhalb weniger Monate heirate und verabschiedete er neun Frauen, die meisten geschwängert; und neben dieser gleichsam gesetzlichen Ausschweifung fand er noch Zeit zu dermaßen abwegigen Neigungen, die ihm und den angesehensten Familien Roms nur Schimpf und Schande einbrachten. Allem, was ihn gegebenenfalles an seine obskure Vergangenheit erinnern oder seine gegenwärtigen Aufführungen tadeln mochte, widmete er seinen unverwelklichen Hass; alle, die sein Vater zum Begleiter oder Anleiter seiner unerfahrenen Jugend eingesetzt hatte, verbannte er oder ließ er hinrichten; und nachgerade fanatisch verfolgte er die Kameraden seiner Kinderjahre oder Schulzeit, welche es an Respekt vor der verborgenen Majestät des künftigen Herrschers hatten fehlen lassen. Mit den Senatoren pflegte Carinus eines hochfahrenden Umgangs, wobei er oft und gern verlauten ließ, dass er ihre Ländereien an die römische Bevölkerung zu verschenken beabsichtige. Aus dem Abschaum des Volkes rekrutierte er seine Favoriten und selbst seine Minister. Einem seiner Türhüter Cancellarius . Dieser Ausdruck mit einer ursprünglich so unschuldigen Bedeutung ist infolge eines ganz einzigartigen Zufalls zum Titel des wichtigsten Staatsamtes geworden, welches die Monarchien Europas vergeben. Siehe Causabon und Salmasius zu Vopiscus, Historia Augusta, Carus 16. übertrug er das Amt des Stadtpräfekten. An die Stelle des Prätorianerpräfekten, den er ermorden ließ, setzte er einen Gefährten seiner niederen Lustbarkeiten. Einen anderen, der einen womöglich noch schamloseren Gunst-Titel beanspruchen durfte, ernannte er zum Konsul. Ein Geheimsekretär, der es in der Kunst der Schrift- und Urkundenfälschung zu besonderer Meisterschaft gebracht hatte, nahm dem Kaiser mit dessen Einverständnis die lästige Mühe ab, selbst mit seinem Namen zu unterzeichnen. Als Kaiser Carus nach Persien ins Feld zog, veranlassten ihn familiäre und politische Überlegungen, das Glück seiner Familie abzusichern, indem er die Armee und die westlichen Provinzen seinem ältesten Sohn in die Hand gab. Die Nachrichten über das Treiben des Carinus, die er bald darauf zu hören bekam, erfüllten ihn mit Scham und bitterer Reue; auch verhehlte er nicht seine Absicht, durch einen entschlossenen Rechtsakt die Republik zufrieden zu stellen und auf dem Wege der Adoption an die Stelle des unwürdigen Sohnes den jungen Constantius zu setzen, welcher damals Dalmatien verwaltete. Aber seine Ernennung wurde für kurze Zeit ausgesetzt; und sobald seines Vaters Tod den Carinus von allen Rücksichten befreite, die ihm die Angst und etwaiger Anstand auferlegt hatten, gab er den Römern eine Neuauflage der Sittenlosigkeit des Elagabal, angereichert allerdings noch durch die Grausamkeit eines Domitian Vopiscus, Historia Augusta, Carus 16 und 17. Eutropius 9,19. Victor iunior. Die Regierung des – nachfolgenden – Domitian war nun allerdings so lang und so glücklich, dass sich dies auf den Nachruf des Carinus sehr nachteilig ausgewirkt haben muss. .   ÖFFENTLICHE SPIELE Das einzige Verdienst, welches die Regierung des Carinus der Historie zum Aufschreiben und der Dichtkunst zum besingen gab, war der ungewöhnliche Glanz, mit dem in seinem und seines Bruders Namen die Aufführungen im Theater, Circus und Amphitheater inszeniert wurden. Zwanzig Jahre später, als die Hofschranzen des Diocletian ihrem nüchternen Herrscher den Ruhm und die Popularität seines prunkliebenden Amtsvorgängers schilderten, bemerkte er lediglich, während der Herrschaft des Carinus müsse es ohne Zweifel fröhlich zugegangen sein Vopiscus, Historia Augusta, Carus 17. Er nennt ihn Carus, aber es ist wohl deutlich, wer gemeint ist, und Namen werden nun mal leicht verwechselt. . Aber diese sinnlose Verschwendungssucht, die Diocletians Besonnenheit zu Recht verachtete, wurde vom römischen Volk mit Freuden goutiert. Die ältesten Bürger der Stadt, die sich noch der Aufführungen früherer Tage erinnern mochten, etwa die Triumphzüge des Aurelius oder Probus, oder gar der Säkularspiele des Kaisers Philip Arabs, mussten bekennen, dass dies alles von der noch grandioseren Pracht des Carinus überboten werde Siehe Calpurnius, Eclogae 7,43. Wir wollen hier anmerken, dass die Spiele des Pobus noch in frischer Erinnerung waren und dass der Dichter von Historiker Unterstützung erhält. . Die Schauspiele, die Carinus veranstaltete, lassen sich deshalb auch am besten durch die Schilderung einiger Einzelheiten illustrieren, welche die Geschichte über vergleichbare Spektakel seiner Vorgänger aufzuschreiben beliebt hat. Wenn wir uns lediglich auf die Tierhatz beschränken (wie sehr uns auch die Sinnlosigkeit dieser Veranstaltung und die Grausamkeit ihrer Ausführung abstoßen mögen), so müssen wir zugeben, dass niemals vor oder nach der Zeit der Römer soviel Kunst und Geld für eine Volksbelustigung verschwendet wurde Der Philosoph Montaigne (Essais, Buch 3, Kap.6) schildert die römische Prachtentfaltung bei diesen Spielen in trefflicher und anschaulicher Weise. . Auf Anordnung von Probus wurden zahlreiche Bäume, die man an den Wurzeln herausgerissen hatte, mitten in den Zirkus verpflanzt. Dieser geräumig-schattige Wald wurde alsdann mit tausend Straußenvögeln, tausend Hirschen, tausend Stück Damwild, tausend Wildebern bevölkert; und diese ganze Vielfalt wurde dem Mordsinn des Pöbels hingeopfert. Am folgenden Tag wurden wurde die Metzelei mit hundert Löwen, einer gleichen Anzahl von Löwinnen, zweihundert Leoparden und dreihundert Bären Vopiscus, Historia Augusta, Probus 19. fortgesetzt. Die Sammlung, welche der jüngere Gordian für seinen Triumphzug zusammenstellen ließ und welche sein Nachfolger bei den Säkularspielen vorführte, war weniger durch die Anzahl als vielmehr durch die Seltenheit der Tiere bemerkenswert. Zwanzig Zebras Sie wurden Onagri genannt; aber für schlichte Wildesel ist ihre Zahl nicht eben bemerkenswert. Cuper (De Elephantis 2,7) hat bei Oppianus, Cassius Dio und einem griechischen Anonymus gefunden, dass es in Rom Zebras gegeben hat. Sie kamen von irgendwelchen Ozeanischen Inseln, möglicherweise Madagaskar. zeigten dem römischen Publikum ihre Eleganz und vielfältige gestreifte Schönheit. Zehn Elche und eben so viele Giraffen, die größten und gleichzeitig harmlosesten Kreaturen, die über die Ebenen von Sarmatia und Äthiopien dahinziehen, bildeten einen lebhaften Gegensatz zu den dreißig Hyänen Afrikas und zehn Indischen Tigern, den schrecklichsten Jägern der heißen Zonen. Die harmlose Kraft, die die Natur den großen Vierfüßlern geschenkt hat, ließ sich am Rhinozeros und am Nilpferd Das Flusspferd hat Carinus beigesteuert (siehe Calpurnius, Eclogae 7,66). In den späteren Vorführungen kann ich kein Krokodil ausmachen, von denen Augustus einst sechsunddreißig zur Schau stellen ließ. (Cassius Dio 15,10) bestaunen sowie an einer prachtvollen Schwadron von dreißig Elefanten Capitolinus, Historia Augusta, Gordiane 32 und 33. Wir kennen die Tiere nicht, welche er archeleontes nennt; einige lesen hier argoleontes, andere wieder agrioleontes; beide Korrekturen sind nur noch albern. . Während die Nation diese einmalige Veranstaltung noch dumpfsinnig begaffte, mochte der Naturkundler Aussehen und Körperbau so vieler unterschiedlicher Arten studieren, die aus allen Winkeln der alten Welt zum Amphitheater in Rom verschleppt worden waren. Aber diese eher zufälligen Erkenntnisse, die die Wissenschaft aus dieser der Torheit ziehen durfte, rechtfertigt gewiss nicht diese Verschwendung öffentlichen Reichtums. Es gibt jedoch eine Episode aus dem ersten Punischen Krieg, in welcher es einem weisen Senat gelang, die öffentliche Unterhaltung und das Staatsinteresse zu harmonisieren. Eine beachtliche Anzahl Kriegselephanten, die man nach einer Niederlage der karthagischen Armee erbeutet hatte, wurde von ein paar Sklaven, welche lediglich mit ein paar stumpfen Lanzen bewaffnet waren, durch den Zirkus gescheucht Plinius, Naturalis Historia 8,6, aus den Annalen des Piso. . Diese lehrreiche Vorführung war geeignet, dem römischen Soldaten das rechte Ausmaß an Verachtung für diese friedliebenden Kreaturen zu vermitteln; so war ihm alle Furcht vor etwaigen feindlichen Zusammenstößen genommen.   DAS AMPHITHEATER Die Tierhetze wurde mit demjenigen Aufwand betrieben, welchen sich eine Nation nun einmal schuldig war, die sich selbst zum Herren der Welt ernannt hatte; auch ließ das für diese Unterhaltung vorgesehene Bauwerk nicht minder römische Größe erkennen. Die Nachwelt bestaunt, und wird noch lange bestaunen, die erhabenen Ruinen des Amphitheaters des Titus, welche das Epitheton kolossal Siehe Maffei, Verona illustrata, 1,2. wahrhaft verdienen. Es war ein Bau von elliptischen Grundriss, fünfhundertundvierundsechzig Fuß lang und vierhundertsiebenundsechzig Fuß breit, begründet auf achtzig Rundbögen und in vier Stockwerken bis zu einer Höhe von einhundertundvierzig Fuß emporstrebend Die Höhenangaben sind von den Alten maßlos übertrieben worden. Das Kolosseum reichte fast bis in die Wolken, so Calpurnius (Eclogae7,23), und es überforderte die Möglichkeiten der menschliche Sehkraft, so Ammianus Marcellinus (16,10). Wie krümelig gegen die großen Pyramiden, deren Fall-Linie fünfhundert Fuß senkrecht in die Höhe ragen! . Die Außenwände waren mit Marmor verkleidet und mit Statuen verziert. Das gewaltige Rund hatte sechzig oder achtzig Sitzreihen, ebenfalls aus Marmor gefertigt und mit Sitzpolstern versehen, und es konnte bequem achtzigtausend Zuschauer fassen In den verschiedenen Abschriften lesen wir bei Victor 77.000 oder 87.000 Zuschauer. Maffei (2,12) jedoch errechnet für die offenen Sitze lediglich Platz für 34.000; die übrigen saßen dann auf den höhergelegenen Galerien. . Vierundsechzig Vomitorien (»Speitore«), was die Hauptausgänge trefflich kennzeichnet) entließen die unübersehbaren Massen; und Eingänge, Passierwege und Treppen waren derartig durchdacht angelegt, dass ein jeder, sei er senatorischer, ritterlicher oder plebejischer Herkunft, zu seinem vorgesehenen Platz ohne Gedrängel und Konfusion gelangen konnte Siehe Maffei, Verona, Bd.2, 5-12. Er behandelt diesen äußert schwierigen Gegenstand mit aller erdenklichen Klarheit, wie ein Architekt und wie ein Altertumsforscher. . Nichts fehlte, was der Bequemlichkeit und dem Vergnügen des Zuschauers hätte zuträglich sein können. Eine riesige Überdachung, die im Bedarfsfalle über ihre Köpfe gezogen wurde, schützte ihn vor Regen oder Sonne. Sprudelnde Brunnen, die zusätzlich noch mit wohltuenden Aromen geschwängert waren, sorgten beständig für Frischluft. Das Zentrum der Anlage, die Arena , war mit dem feinsten Sand gefüllt und konnte das unterschiedlichste Aussehen annehmen. Eben noch schien sie sich über die Erde zu erheben wie der Garten der Hesperiden, dann war sie zerklüftet wie Thrakiens Felsen und Höhlen. Unterirdische Rohre hielten einen unerschöpflichen Wasservorrat bereit; und was eben noch eine flache Ebene war, wurde danach vielleicht in einen offenen See verwandelt, von Kriegsschiffen befahren und von den Bestien der Tiefe durchwimmelt Calpurnius, Eclogae 7, 64-73. Diese Verse sind bemerkenswert, und für Maffei war die ganze Ecloge von ungemessenem Nutzen. Calpurnius war, genau wie Martial (vgl. dessen 1. Buch) ein Dichter, aber als sie das Amphitheater beschrieben, überließen sie sich ihren Gefühlen und schrieben für das der Römer. . Bei der Gestaltung dieser Szenerien sparten die römischen Kaiser nicht an Geld; und wir können lesen, dass bei unterschiedlicher Gelegenheit das ganze Gestühl des Amphitheaters mit Silber, Gold oder Bernstein beschlagen war Vgl. Plinius, Naturalis Historia 33, 16 und 37,11. . Der Dichter, der die Spiele des Carinus aus der Sicht eines Schäfers beschreibt, den die Hauptstadt und ihr Glanz angezogen hatten, versichert uns, dass die Netze, die als Schutz gegen die wilden Tiere gedacht waren, aus goldenem Draht bestanden; dass die Porticos vergoldet waren; und dass der Absatz, der die Sitzreihen der Zuschauer ihren Rang entsprechend gegeneinander abgrenzte, mit wertvollen musivischen Arbeiten ausgeschmückt war Calpurnius, Eclogae 7,47. .   12.SEPTEMBER A.D. 284 Inmitten dieses glitzernden Prunkes thronte Carinus, seinen Glückes gewiss, freute sich am Beifall des Volkes, den Schmeicheleien der Hofschranzen sowie der Lyrik der Dichter, welche in Ermangelung von etwas wirklich Preiswürdigem sich damit begnügen mussten, die göttliche Anmut seiner Person zu besingen »Et Martis vultus et Apollonis esse putavi.« (Mars und Apollo vermeinte ich zu gleichen) sagt Calpurnius, Eclogae 7, 83, aber Ioannes Malalas, der möglicherweise von Carinus Bilder gesehen hat, beschreibt ihn als fett, klein und bleich, Chronographica, Bd.1, p.403. . Zur nämlichen Stunde, wenn auch neunhundert Meilen von Rom entfernt, verstarb sein Bruder; und eine plötzliche Wende übertrug einem Fremden das Szepter aus dem Hause des Carus Was den Zeitpunkt dieser römischen Spiele betrifft, so haben Scaliger, Salmasius und Cuper keine Mühe gescheut, eine vollkommen klare Angelegenheit zu verwirren. .   RÜCKKEHR DES NUMERIANUS Die Söhne des Carus hatten sich seit dem Tode ihres Vaters niemals wiedergesehen. Die Vereinbarungen, die infolge der neuen Situation erforderlich wurden, verschob man bis zur Rückkehr des jüngeren Bruders nach Rom, wo ein Triumphzug für die beiden jungen Regenten beschlossen wurde wegen ihres ruhmreichen Abschneidens im Feldzug gegen Persien Nemesianus (Cynegetica 80) scheint diesen Tag des Glücks im Voraus phantasiert zu haben. . Es ist ungewiss, ob sie die Verwaltung oder die Provinzen des Reiches unter sich aufteilen wollten; aber es ist ganz gewiss, dass ihre Gemeinschaft nicht von langer Dauer gewesen sein würde. Der Futterneid hätte ihre unterschiedlichen Charaktere zuverlässig gegeneinander aufgebracht. Carinus war selbst in dieser schlechtesten aller Zeiten nicht wert zu leben: Numerianus hätte glücklichere Zeitläufte für seine Regierung verdient. Sobald sein liebenswürdiges Auftreten und seine unaufdringliche Tugend bekannt waren, brachten sie ihm die Wertschätzung der Öffentlichkeit ein. Er verfügte über die Fähigkeiten eines Dichters und Redners, welche noch dem untersten Rang Würde verleihen und den höchsten zieren. Wenngleich seine Beredsamkeit nicht an dem Vorbild Ciceros als vielmehr dem zeitgenössischer Deklamatoren geschult war, konnte sie des senatorischen Beifalles sicher sein; aber in einer Epoche, in welcher an dichterischem Verdienst wahrlich kein Mangel war, stritt er mit den besten seiner Zeit um die Krone und blieb seinen Rivalen dennoch freundschaftlich verbunden; ein Umstand, welcher Herzensgüte oder geistige Überlegenheit erkennen lässt Er gewann alle Preise gegen Nemesianus in der Kategorie »Lehrgedicht.« Der Senat errichtete dem Sohn des Carus ein Standbild mit einer allerdings sehr zweideutigen Inschrift: »Dem mächtigsten Redner.« Historia Augusta, Carus 11. . Aber Nemesianus neigte eher zur Betrachtung als zum Handeln. Als ihn die Ernennung durch seinen Vater jäh aus seiner stillen Abgeschiedenheit emporzog, qualifizierten ihn weder Neigung noch Begabung zur Führung einer Armee. Seine Gesundheit wurde durch die Härten des Perserkrieges unterhöhlt, und er hatte infolge der Hitze Eine Ursache, die glaubwürdiger klingt als die Angabe des Vopiscus (Vopiscus, Historia Augusta, Carus 12.) er habe ununterbrochen um seinen toten Vater geweint. eine solche Schädigung seiner Augen davongetragen, dass er sich während des ganzen langen Rückmarsches in die Einsamkeit und Dunkelheit seines Zeltes oder seiner Sänfte zurückziehen musste. Was in zivilen oder militärischen Bereich zu erledigen war, besorgte der Prätorianerpräfekt Arrius Aper, der über sein einflussreiches Amt hinaus auch noch der Schwiegervater des Numerianus war. Die kaiserliche Unterkunft wurde durch seine zuverlässigsten Anhänger bewacht, und viele Tage hindurch verkündete Aper den Soldaten die Befehle ihres unsichtbaren Herren Während des Perserfeldzuges wurde er des Verrates an Carus verdächtigt. Vopiscus, Historia Augusta, Carus 8. .   TOD DES NUMERIANUS · DIOCLETIANS KAISERWAHL Es waren seit dem Tode des Carus fast acht Monate vergangen, als die römische Armee nach schleppenden Märschen endlich von den Ufern des Tigris an denen des thrakischen Bosporus anlangte. Die Legionen machten zu Calchedon in Asien Halt, während der Hofstaat nach Heraclea auf die europäische Seite der Propontis übersetzte Die Angaben über Zeitpunkt und Ort von Diokletians Kaiserwahl verdanken wir der Alexandrinischen Chronik. . Doch schon bald gingen Gerüchte um im Lager, zunächst nur getuschelt, dann laut herausgeschrieen, vom Tode des Kaisers, und von den Anmaßungen seines ehrgeizigen Ministers, der immer noch die Macht ausübte für einen Herrscher, der schon längst nicht mehr war. Lange konnte die Geduld der Soldaten diesen ungewissen Schwebezustand nicht ertragen. Mit geradezu brutaler Neugier brachen sie in das kaiserliche Zelt ein und entdeckten hier lediglich den Leichnam des Numerianus Historia Augusta, Carus 12; Eutropius 9,18; Hieronymus, Chronicum Eusebii. Diesen verständigen Autoren zufolge wurde Numerianus' Tod erst durch den Leichengeruch entdeckt. Gab es denn im ganzen kaiserlichen Haushalt keine Aromaten? . Der unaufhaltsame Zerfall seiner Gesundheit mochte sie wohl an eine natürliche Todesursachen denken lassen; aber die Geheimhaltung wurde als Schuldbeweis ausgelegt, und die Vorkehrungen, mit denen Aper seine Wahl hatte sicherstellen wollen, wurden ihm augenblicklich zum Verhängnis. Selbst jetzt noch, zornig und traurig, beobachteten die Soldaten die gesetzmäßige Vorgehensweise, was deutlich erweist, wie fest die Disziplin durch Gallienus' kriegstüchtigen Nachfolgern wieder verankert worden war. Eine allgemeine Heeresversammlung beriet zu Calchedon darüber, wohin nun Aper, in Banden und als Verbrecher, gebracht werden solle. In der Mitte des Lagers wurde ein leeres Tribunal errichtet, und Generäle und Tribunen bildeten einen großen Heeresrat.   WAHL DIOCLETIANS ZUM KAISER 17. SEPTEMBER 284 Schon bald konnten sie der Menge mitteilen, dass ihre Wahl auf den Kommandanten der Leibwache, Diocletian, gefallen sei, der Person, welche die meiste Eignung besitze, dem geliebten Herrscher nachzufolgen und ihn zu rächen. Die Zukunft des Kandidaten hing jetzt vom Verlauf und den Ereignissen einer einzigen Stunde ab. Im Bewusstsein, dass er wegen seiner exponierten Stellung ebenfalls nicht frei von Verdacht sei, bestieg Diocletian das Tribunal, erhob seine Augen zur Sonne, beschwor aufs feierlichste seine Unschuld und rief die Gottheit, vor der nichts verborgen bleibt, zum Zeugen Aurelius Victor, Caesares 39; Eutropius 9,20; Hieronymus, Chronicum Eusebii. . Dann nahm er den Tonfall eines Herrschers und Richters an und ließ Aper in Ketten vor das Tribunal führen. »Dieser Mann, « so sagte er, »ist Numerians Mörder.« Und ohne ihm Gelegenheit zu einer möglicherweise gefährlichen Verteidigung zu geben, zückte er sein Schwert und bohrte es dem unglücklichen Präfekten in die Brust. Dieses Urteil, welches auf so eindeutigen Beweisen beruhte, wurde ohne Murren angenommen, und unter häufigen Beifallsbezeigungen anerkannten die Legionen den Gerechtigkeitssinn und Autorität des neuen Kaisers, Diokletian Vopiscus, Historia Augusta, Carus 14 und 15. Diokletian tötete Aper (Wildschwein) wegen einer läppischen Prophezeiung und wegen eines geistlosen Wortspieles. .   CARINUS' ENDE Bevor wir uns nun der durchaus erinnerungswürdigen Regierung dieses Herrschers zuwenden, wollen wir erst noch den unwürdigen Bruder des Numerianus entlassen und bestrafen. Carinus besaß Waffen und Geld genug, um seine rechtmäßigen Ansprüche als Kaiser durchzusetzen. Aber seine persönlichen Mängel überwogen alle Vorteile, die ihm Herkunft oder Stellung gewähren mochten. Noch die treuesten Diener seines Vaters verachteten die vollständige Unfähigkeit des Sohnes, wie sie zugleich seine brutale Arroganz fürchteten. Die Herzen der Menschen schlugen bereits für seinen Nachfolger, und selbst der Senat schien gemeint, den Thronräuber dem Tyrannen vorzuziehen. Die Vorgehensweise des Diocletian hatte indessen allerorten Missvergnügen hervorgerufen; und der ganze Winter verging mit heimlichem Intrigenspiel und offenen Vorbereitungen für einen Bürgerkrieg. Im Frühjahr endlich begegneten sich die Truppen des Westens und des Ostens auf der Ebene bei Magus, einer Kleinstadt Mösiens in der Nähe der Donau Eutropius 9,20 gibt die Lage mit Genauigkeit an: zwischen Mons Aureus und Viminacium. D'Anville, Geographie ancienne, Bd.1, p.304 legt Margus zum serbischen Kostolac, etwas südlich von Belgrad und Semendria. . Die Truppen, die so spät aus dem Perserkrieg zurückgekehrt waren, hatten Ruhm erworben hauptsächlich auf Kosten an ihrer Gesundheit und Zahl, noch waren sie in der Verfassung, sich mit den ausgeruhten Truppen Europas messen zu können. Ihre Reihen wankten, und für einen Moment verzweifelte Diocletian an beiden, seinem Leben und dem Purpur. Aber die Vorteile, die Carinus durch die Tapferkeit seiner Soldaten erzielte, wurden zu Nichts infolge der Treulosigkeit seiner Offiziere. Ein Tribun, dessen Ehefrau er verführt hatte, ergriff die Gelegenheit zur Rache, und mit einem einzigen Hieb erstickte er den Bürgerkrieg mit dem Blute des Ehebrechers Historia Augusta, Carus18; Eutropius 9,20; Aurelius Victor, Caesares 39; Epitome 38. . XIII. HERRSCHAFT DES DIOCLETIAN UND SEINER DREI MITREGENTEN MAXIMIAN, GALERIUS UND CONSTANTIUS · ALLGEMEINE WIEDERHERSTELLUNG VON ORDNUNG UND RUHE · PERSERKRIEG, SIEG UND TRIUMPH · VERWALTUNGSREFORM · ABDANKUNG VON DIOCLETIAN UND MAXIMIAN   DIOCLETIAN · HERKUNFT · CHARAKTERISTIK Wenn die eigentliche Regierung Diocletians rühmlicher war als die aller seiner Vorgänger, so lag seine Herkunft umso mehr im Dunkeln. Verdienste oder Gewalttat hatten zwar mit ihren Ansprüchen schon oft die Prärogative einer adligen Herkunft verdrängt; aber wenigstens blieben bis jetzt die Grenzlinien zwischen dem freigeborenen und dem dienenden Teil der Menschheit unüberschreitbar gezogen. Die Eltern Diocletians waren Sklaven gewesen in Hause des Anulinus, eines römischen Senators; auch trug er nur den einen einzigen Vornamen, der abgeleitet wurde von einer dalmatinischen Kleinstadt Eutropius 9,19; Victor Epitome 39,1. Die Stadt war aller Wahrscheinlichkeit nach Doclia, nach einem kleinen Stamm Illyriens (Cellarius, Geographie antiqua 1, p.393); der ursprüngliche Name des glücklichen Sklaven vermutlich Docles; zunächst streckte er ihn zu dem Wohlklang des griechischen Diocles, und endlich zu dem römisch-kaiserlichen Diocletianus. Außerdem nahm er den Patriziernamen Valerianus an, und so nennt ihn Aurelius Victor für gewöhnlich. , aus der seine Mutter stammte. Vermutlich erhielt sein Vater bald darauf die Freiheit und dann einen Schreiberposten, was für Leute seines Schlages nicht unüblich war Siehe hierzu Daciers (Anmerkung) zu Horaz, Satiren2,6. Cornelius Nepos, Eumenes 1. . Glückverheißende Orakelsprüche, oder eher doch wohl das Bewusstsein vorzüglicher Anlagen, bestimmten seinen Sohn, sein Glück mit dem Waffenhandwerk zu versuchen; und es wäre in der Tat von höchstem Interesse zu verfolgen, durch welche Feinheiten des Zufalls oder des Vorsatzes er schließlich diese Prophezeiungen erfüllen und der Welt seine Berufung nachweisen konnte. Diocletian arbeitete sich bis zum Provinzstatthalter Mösiens empor, in das Konsulat und endlich zu dem sehr einflussreichen Posten eines Kommandanten der kaiserlichen Leibwache. Im Perserkrieg bewies er seine Talente; und nach dem Tode des Numerianus war der Sklavensohn nach dem Urteil seiner Rivalen der würdigste Thronaspirant. Religiöser Eifer der bösartigen Sorte hat die persönliche Tapferkeit des Diocletian verdächtigt Lactantius (oder wer immer die kleine Schrift De Mortibus Persecutorum verfasst hat) zeiht Diocletian an zwei Stellen (c. 7 und 8) der Furchtsamkeit. In c. 9 sagt er: »erat in omni tumultu meticulosus et animi disiectus.« (In jedem Kampfgetümmel war er ängstlich und nicht bei dem Geschehen.) , während er zugleich das stürmische Draufgängertum seines Kollegen Maximian zu tadeln sich veranlasst sah. Ganz leicht fällt es nicht, dass wir uns einen Glücksritter als Feigling vorstellen sollen, der immerhin die Wertschätzung der Legionen wie auch die Gunst von so manchen kriegtüchtigen Herrschern erwarb und behielt. Sogar die Verleumdung ist klug genug, nur den wunden Punkt auszuspähen und anzugreifen. Nie fand man, dass Diocletian seinen Pflichten oder besonderen Aufgaben nicht gewachsen wäre; allerdings scheint er auch nicht den großdenkenden, wagenden Geist eines Helden besessen zu haben, welcher die Gefahren und den Ruhm sucht, Ränke verschmäht und seinesgleichen kühn herausfordert. Seine Fähigkeiten waren eher auf das Praktische gerichtet als auf das Großartige; er war energiegeladen, voller Menschenkenntnis und geschickt in der Ausführung der Geschäfte; Freigebigkeit und Sparsamkeit, Milde und Strenge bildeten bei ihm eine ausgewogene Gemengelage; unter dem Deckmantel des kernigen Militärs praktizierte er täuschend geübte Verstellung; gradlinig verfolgte er seine Ziele, war aber in der Wahl seiner Mittel elastisch; und vor allem verstand er sich in der großen Kunst, seine persönlichen Gefühle wie auch die anderer seinem Ehrgeiz dienstbar zu machen und dies mit dem Anstrich der Gerechtigkeit und des politisch Nützlichen zu zieren. Wie Augustus kann man auch Diocletian als den Begründer eines neuen Reiches ansehen. Wie Caesars Adoptivsohn zeichnete auch er sich als Staatsmann und nicht so sehr als Militär aus; und beide Herrscher verschmähten Waffengänge, wenn sie Ziele auch mit den Mitteln der Politik erreichen konnten.   DIOKLETIANS SIEG – SEINE NACHSICHT Diocletian hat seinen Sieg bemerkenswert gemacht wegen seines einzigartigen Versöhnungswillens. Ein Volk, welches daran gewöhnt ist, die Gnade eines Siegers zu bejubeln, wenn nur die üblichen Hinrichtungen, Verbannungen und Konfiskationen in Maßen und leidlich gerecht vollstreckt worden waren, registriert natürlich mit freudigem Erstaunen, dass hier einmal die Flammen eines Bürgerkrieg schon auf dem Schlachtfeld ausgetreten wurden. Zu einer Vertrauensperson des Diocletian wurde etwa Aristobulos, der erste Minister aus dem Hause des Carus; er schonte das Leben seiner Gegner, beließ ihnen ihr Vermögen und respektierte ihre Würde, und er ließ sogar die meisten Bediensteten des Carus auf ihren jeweiligen Posten Aurelius Victor (Caesares 39,5) scheint in diesem Enkomion zu Recht, wenn auch nur indirekt Constantius' Grausamkeit zu rügen. Aus den Fasten geht hervor, dass Aristobulos Stadtpräfekt blieb und dass er mit Diokletian das Konsulat beendete, das er mit Carinus angetreten hatte. . Es ist nicht auszuschließen, dass auch dieser Menschlichkeit des ränkereichen Dalmatiers staatskluge Berechnung zugrunde lag: viele dieser Sklaven hatten sich durch Zuträgereien unentbehrlich gemacht; bei den anderen schätzte er, dass sie selbst ihrem unterlegenen Herrn treue Ergebenheit bewahrten. Das kritische Urteil eines Aurelian, eines Probus oder eines Carus hatten die verschiedenen Ministerien mit anerkannt tüchtigen Mitarbeitern bestückt, deren Entfernung aus dem Amt dem Staat geschadet hätte, ohne den Vorteil des neuen Herrschers in irgendeiner Form zu mehren. Diese Maßnahmen erweckten jedoch in der römischen Welt die schönsten Erwartungen gegenüber der neuen Regierung, und der Kaiser beeilte sich, diesen Optimismus durch die Erklärung zu beleben, dass von allen Tugenden seiner Vorgänger es die menschenfreundliche Philosophie eines Marc Aurel sei, der nachzuleben er am eifrigsten bestrebt sein werde Aurelius Victor nennt Diokletian (Caesares 39) »parentem potius quam dominum« (Mehr Vater als Gebieter). Siehe Historia Augusta, Marcus Antonius 19. .   MAXIMIAN · SEIN CHARAKTER · 286 A.D. Die erste erwähnenswerte Maßnahme seiner Regierung schien Diocletians Aufrichtigkeit und darüber hinaus seine Selbstbescheidung zu bestätigen. Dem Beispiel des Marc Aurel folgend, ernannte er sich in der Person des Maximian einen Mitregenten, dem er zunächst den Titel eines Caesars und dann eines Augustus verlieh Die Frage, wann denn nun Maximian den Caesaren- und Augustustitel empfangen hatte, hat die modernen Forscher entzweit und viel gelehrten Staub aufgewirbelt. Ich selbst schließe mich Monsieur de Tillemont an (Histoire des Empereurs, Bd.4, p.500-5), welcher mit größter Genauigkeit die unterschiedlichen Gründe, Gegengründe und Probleme gewichtet hat. . Aber die Motive für diese Verfügung und Personalentscheidung kontrastierten denn doch beträchtlich zu denen seines verehrten Vorgängers. Als nämlich Marc Aurel seinen verkommenen Sohn mit dem Purpur behängte, genügte er gleichsam einer Familienpflicht, überdies zum Schaden des ganzen Staates. Indem aber Diokletian einem Freund und Waffengefährten Regierungsverantwortung aufbürdete, sorgte er in Zeiten der Gefahr für den Schutz des Westens und des Ostens. Maximian war Bauernsohn und, wie Aurelian, bei Sirmium aufgewachsen. Er war vollkommen illiterat In einer Rede, die vor ihm gehalten wurde (Panegyrici 11,8), äußert Mamertinus Zweifel, ob sein Held, der Hannibals und Scipios Auftreten nachahmt, jemals ihre Namen gehört hat. Hieraus können wir unschwer folgern, dass Maximianus lieber als Soldat angesehen werden wollte und nicht als Gelehrter, und auf diese Weise können wir oft die Sprache der Schmeichelei in die Sprache der Wahrheit übersetzen. und unbekümmert um Gesetze; sein bäuerliches Erscheinungsbild verriet noch in den gehobensten Positionen die Schlichtheit seiner Herkunft. Krieg war die einzige Kunst, auf die er sich verstand. Er hatte sich in langen Dienstjahren an allen Grenzen des Reiches hervorgetan. Und obwohl seine militärischen Talente eher zum Gehorsam als zum Kommandieren taugten, obwohl er vermutlich niemals die Begabung zu einem gestandenen General besaß, war er dennoch dank seines Mutes, seiner Zähigkeit und seiner Erfahrung auch den schwierigsten Aufgaben gewachsen. Auch waren seine Schwächen seinem Gönner durchaus nützlich. Da er frei von Mitgefühl und unbesorgt um etwaige Konsequenzen war, gab er das bereitwillige Werkzeug für jede Art von Grausamkeit ab, die die verschlagene Politik des Herrschers etwa erfordern mochte. Sobald die Staatsraison oder schlichter Rachedurst ihre Blutopfer erhalten hatten, fuhr Diocletian im geeigneten Moment dazwischen, rettete die übrigen, die hinrichten zu lassen er niemals ernstlich erwogen hatte, erteilte seinem gar zu strengen Kollegen einen gelinden Rüffel und bemühte gern den Vergleich zwischen dem Goldenen und Eisernen Zeitalter, die ja nun ganz entgegengesetzte Regierungsmaximen erforderlich machten. Trotz der unterschiedlichen Wesensart der beiden Herrscher hatte die Freundschaft, die die beiden einst miteinander geschlossen hatten, auch auf dem Throne Bestand. Maximians unruhiger Geist, der einst für ihn und den Frieden des Landes so fatal werden sollte, zollte Diocletians Genius durchaus Respekt und anerkannte die Vorrang der Vernunft vor roher Gewalt Lactantius, de Mortibus Persecutorum 8; Aurelius Victor, Caesares 39. Da wir unter den erhaltenen Jubelreden auch solche zum Ruhme des Maximianus finden, und andere, die seinen Feinden auf seine Kosten schmeicheln, können wir uns anhand dieser Gegensätze ein ungefähres Bild von ihm machen. . Sei es nun aus Hochmut, sei es aus Aberglauben: beide Herrscher nahmen einen weiteren Titel an, der eine Jovinus, der andere Herculius. Während (so die feine Prosa der Schmuckrhetorik jener Läufte) die Welt durch Jupiters allumfassende Weisheit in Bewegung blieb, befreite Hercules' unbezwingbarer Arm die Erde von Monstern und Tyrannen Siehe die Lobrede Nr. 2 und 3, besonders 3. Es währe allerdings einschläfernd, das Weitläufige und Gespreizte ihrer verlogenen Eloquenz hier zu wiederholen. Bezüglich der Titel lese man Aurelius Victor, Lactantius, de Mortibus 52; Spanheim, de usu numismatu, Dissertatio 12,8. .   GALERIUS UND CONSTANTIUS · A. D. 292 Aber selbst die Allmacht von Jovius und Herculius reichten nicht hin, die Last der Verwaltungsaufgaben zu schultern. Die Staatsklugheit des Diocletian entdeckte, dass das Reich, allseitig von Barbaren bedrängt, auch allseitig einer großen Armee und eines Kaisers bedürfe. Dies bedenkend, entschloss er sich neuerlich dazu, seine schwerfällige Machtfülle zu teilen und zwei verdienten Generälen den nachgeordneten Titel »Caesar« und zu gleichen Teilen kaiserliche Regierungsbefugnisse zu übertragen Aurelius Victor; Victor, Epitome. Eutropius 9,22; Lactantius. de Mortibus 8; Hieronymus, Chronicum Eusebii. . Galerius, seines Gewerbes ursprünglich ein Hirte und deshalb auch Armentarius genannt, und Constantius, dem seine blässliche Gesichtsfarbe das Cognomen Chlorus eingetragen hatte Tillemont kann den Beinamen Chlorus nur bei modernen Griechen finden. Jede auffällige Blässe ist doch unvereinbar mit dem »rubor« (Röte der Haut) aus Panegyricus 5,19. , waren die beiden, denen ein kaiserlicher Purpur zweiten Ranges angelegt ward. Was von der Herkunft, Abstammung und Eigenheiten des Herculius dargetan wurde, gilt zugleich auch von der Person des Galerius, welcher oft und mit Grund als der jüngere Maximian angesehen wurde, obwohl er bei zahlreichen Gelegenheiten eine dem älteren unstreitig überlegene Geistesstärke bewiesen hatte. Die Herkunft des Constantius Chlorus lag weniger im Dunkel als die seiner Mitregenten. Eutropius, sein Vater, war einer der angesehensten Adligen von Dardania, und seine Mutter die Nichte des Kaisers Claudius Julian, der Enkel des Constantius, rühmt sich, dass seine Familie von dem kriegsharten Mösiern abstamme. (Misopogonos p.348). Dardania liegt an der Grenze zu Mösien. . Obwohl Constantius seine Jugend unter Waffen zugebracht hatte, war er von milder und leutseliger Art, und Volkes Stimme hatte ihn schon lange des Amtes für würdig erklärt, welches er endlich einnahm. Damit nun die politischen Bande durch familiäre noch fester geknüpft würden, nahm jeder der Kaiser Vatersstelle an den beiden Caesaren ein, Diocletian bei Galerius, Maximian bei Constantius; und beide verheirateten ihre leiblichen Töchter mit ihren Adoptivsöhnen, nachdem diese ihre früheren Frauen weisungsgemäß verstoßen hatten Galerius heiratete Valeria, die Tochter des Diocletian; wenn wir genau sein wollen, dann war Theodora, die Frau des Constantius, nur die Tochter der Frau des Maximian. (Spanheim, Dissertation11,2). .   DIE BEREICHE DER VIER HERRSCHER – IHRE EINTRACHT Diese vier Herrscher also teilten sich die Größe des Römischen Reiches untereinander auf. Gallien, Spanien Diese Unterteilung deckt sich mit der der vier Präfekturen; dennoch haben wir Gründe zu zweifeln, ob Spanien nicht etwa eine Provinz des Maximian war. Siehe Tillemont, Histoire des empereurs Bd.4, p. 517 , und Britannien wurde Constantius anvertraut; Galerius bezog Posten an der Donau, die illyrischen Provinzen zu beschützen; Italien und Afrika waren Maximians Departement, und für Diocletian blieben Thrakien, Ägypten und Asiens reiche Länder aufgespart. Jeder war Herrscher auf dem eigenen Gebiet; ihre gemeinsame Macht aber erstreckte sich über die ganze Monarchie, und jeder war jederzeit darauf vorbereitet, seinen Kollegen des Szepters mit Rat und Tat beizustehen. Die beiden Caesaren in ihrer erhöhten Stellung verehrten die beiden Kaiser, und die drei jüngeren Herrscher anerkannten durch Dankbarkeit und Gehorsam den Vater ihres gemeinsames Glückes. Misstrauische Scheelsucht auf die Macht der Anderen gab es unter ihnen nicht; und ihre einzigartige Harmonie wurde bisweilen mit einem Orchester verglichen, dessen Wohlklang durch die kundige Hand des ersten Geigers erarbeitet und aufrechterhalten wurde Julian, Caesares 315; Spanheims Anmerkungen zur frz. Aufgabe p.122. . – Diese wichtige Maßnahme wurde allerdings erst sechs Jahre nach der Erhebung des Maximian zum Mitregenten durchgeführt, und in dieser Periode war kein Mangel an erinnerungswürdigen Ereignissen. Wir haben uns jedoch um der Klarheit willen dazu entschlossen, zunächst die verbesserte Herrschaftsform des Diocletian und dann erst die Taten seiner Regierung zu beschreiben, wobei wir uns eher an die naturgegebene Reihenfolge der Ereignisse als an eine höchst unsichere künstliche Chronologie halten wollen.   DIE GALLISCHEN BAUERN A.D. 287 Die erste Tat des Maximian wird von den dürftigen Autoren seiner Zeit zwar nur mit ein paar Worten erwähnt, sie verdient jedoch in einer Geschichte der menschlichen Gesittung wegen ihrer Einzigartigkeit festgehalten zu werden. Er unterwarf die Bauern Galliens, welche unter dem Namen Bagaudae Die allgemeine Bezeichnung Bagaudae (im Sinne von Rebell) gab es noch im Gallien des fünften Jahrhunderts. Einige Gelehrte leiten es vom keltischen Bagad ab, was soviel wie »tumultuöse Versammlung« bedeutet. Scaliger in seiner Eusebios-Ausgabe; du Cange, Glossar. eine allgemeine Erhebung begonnen hatten, die denjenigen ziemlich ähnlich war, welche im vierzehnten Jahrhundert nacheinander Frankreich und England erschütterten Froissart, Chronique, Bd.1, c.182 und Bd. 2, c.73-79. Die »naivité« seiner Geschichte ist auch bei unseren besten modernen Autoren verloren gegangen. . Es sieht so aus, als ob sehr viele Einrichtungen, welche man vorderhand mit dem Feudalsystem Frankreichs in Verbindung bringt, sich aus den Verhältnisse der keltischen Barbaren herschreiben lassen. Als Caesar Gallien unterworfen hatte, gab es in dieser großen Nation bereits drei Klassen: die Priester, den Adel und das einfache Volk. Die Ersten regierten vermittels des Aberglaubens, die Anderen durch Waffengewalt, und die Dritt- und Letztgenannten waren bei der Beratung öffentlicher Angelegenheiten ohne Gewicht und Einfluss. Für die Plebejer war es das Natürlichste von der Welt, dass sie unter einer Abgabenlast stöhnten oder anderem Unrecht ausgesetzt waren und den Beistand eines Mächtigen erflehten, welcher über sie und ihren Besitz die gleichen absoluten Rechte besaß wie bei den Griechen oder Römern ein Herr über seine Sklaven Caesar, Bellum Gallicum 6,13. Der Helvetier Orgetorix konnte zu seiner Verteidigung ein Kontingent von zehntausend Sklaven unter Waffen stellen. . Der größte Teil der Nation lebte in einem Zustand der Knechtschaft. Sie waren zu beständiger Arbeit auf den Gütern des gallischen Adels verpflichtet und an die Scholle gebunden, entweder durch ganz reale Ketten oder durch die nicht minder grausamen und wirkungsvollen Fesseln der Gesetze. Während der langen Serie von Unruhen, die Gallien von Gallienus bis Diocletian erschütterten, waren die Bedingungen dieser Geknechteten besonders übel; sie durchlitten zur selben Zeit die Komplizenschaft der Tyrannei ihrer Herren, der Barbaren, der Soldateska und der Steuereintreiber Ihre Unterdrückung und ihr Elend werden von Eumenius bekräftigt (Panegyrici 6,8): »Gallias efferatas iniuriis.« (Gallien ist durch Unrecht verbittert). . Schließlich schlug ihre Langmut in Verzweiflung um. Überall erhoben sie sich in Massen und statteten sich aus mit ländlichen Werkzeugen und unwiderstehlicher Wut. Der Pflüger wurde zu Infanteristen, der Schäfer bestieg das Pferd, die verlassenen Dörfer und Villen gingen in Flammen auf und das Wüten der Bauern kam dem der wildesten Barbaren gleich Panegyrici 2,4; Aurelius Victor, Caesares 39. . Sie beanspruchten die natürlichen Menschenrechte für sich, aber sie taten es mit entsetzlicher Grausamkeit. Der gallische Adel, der mit besten Gründen ihre Rache fürchtete, verzog sich entweder in die befestigten Städte oder floh die Stätte der wilden Anarchie. Die Bauern herrschten ohne jede Kontrolle; und zwei ihrer wagemutigsten Anführer waren töricht und voreilig genug, sich kaiserliches Ornament anzulegen Aelianus und Amandus. Wir besitzen von ihnen geprägte Münzen. Goltzius, Thesaurus antiquitatum Romanarum Bd.3, p.117 und 121. . Beim Herannahen der Legionen erlosch ihre Macht. Der Sieg von Einheit und Disziplin über eine zügellose und uneinige Masse war rasch erfochten »Levibus proeliis agrestes domuit« (Er besiegte die Bauern in leichten Gefechten.) Eutropius 9,20 . An den Bauern, die man in Waffen fand, übte man schwerste Vergeltung; der eingeschüchterte Rest kehrte zu seinen jeweiligen Behausungen zurück, und ihr erfolgloses Ringen um Freiheit bewirkte, dass ihre Sklaverei noch drückender wurde. Der Strom der populären Leidenschaften ist stark und fließt stets in gleicher Weise, dass wir es trotz des kümmerlichen Materials wagen könnten, Einzelheiten dieses Krieges zu erzählen; aber wir sind weder geneigt zu glauben, dass Amandus und Aelius, die beiden wichtigsten Anführer, Christen Diese Behauptung ist in der Tat nur sehr dürftig belegt, in einer Lebensbeschreibung des St. Babolinus aus dem VII Jahrhundert. Siehe Duchesne, Historiae Francorum scriptores Bd.1, p. 662 gewesen sind, als wir auch nicht dafür halten, dass dieser Aufstand, wie etwa zu Luthers Zeiten, durch den Missbrauch jener gütigen Grundsätze des Christentums ausgelöst wurde, welche die natürliche Freiheit des Menschen lehren.   AUFSTAND DES CARAUSIUS IN BRITANNIEN A.D. 287 Kaum hatte Maximian den Händen der Bauernschaft Gallien entwunden, als ihm Britannien durch den Aufstand des Carausius verlorenging.– Seit jenem kurzen, aber erfolgreichen Unternehmen der Franken während der Regierungszeit des Probus hatten ihre unternehmenden Landsleute immer wieder Geschwader von Brigantinen aufgestellt, die nun die küstennahen Provinzen beständig heimsuchten und verheerten Aurelius Victor nennt sie Germanen, Eutropius gibt ihnen den Namen Sachsen. Eutropius (9,21) lebte im folgenden Jahrhundert und scheint sich dem Sprachgebrauch seiner Zeit angeschlossen zu haben. . Um ihre unregelmäßig wiederkehrenden Überfälle abzuwehren, hielt man den Bau einer Seestreitmacht für notwendig; und diese kluge Maßregel wurde mit Umsicht und Nachdruck betrieben. Gessoriacum oder Boulogne an der Kanalküste wurde zum Stützpunkt für die Flotte ausersehen. Das Oberkommando ging an Carausius, einem Menapier von allereinfachster Herkunft Die drei Bezeichnungen von Eutropius (9,13) »vilissime natus« (von niedrigster Herkunft), Aurelius Victor, (Caesares 39) »Bataviae alumnus« (Zögling Bataviens) und Eumenius »Menapiae civis« (Bürger von Menapia) hilft uns bei Frage nach der Geburt von Carausius nicht weiter. Dr. Stukely indes (History of Carausius Bd. 1 p.62) beschließt, dass er in St. David geboren und ein Prinz von königlichem Geblüt ist. Die erste Idee hat er bei Richard von Cirencester, p.44 gefunden. , der sich schon vorher als Schiffsführer und tüchtiger Soldat ausgezeichnet hatte. Die Treue des neuen Seehelden allerdings korrespondierte nur bedingt mit seinen Fähigkeiten. Als die germanischen Seeräuber aus ihren Häfen abgesegelt waren, ließ er sie unbehelligt passieren, fing sie aber bei ihrer Rückkehr ab und nahm sich den Löwenanteil von ihrer Beute zu eigenem Nutz und Frommen. Der Reichtum des Carausius wurde aufgrund dieses Vorkommnisses zu einem unwiderlegbaren Schuldbeweis; und folglich gab Maximian Anweisung zu seiner Ermordung. Aber der anschlägige Menapier hatte den Zorn des Kaisers erahnt und vorgebeugt. Durch großzügige Geschenke hatte er die Flotte auf seine Seite gezogen und sich auch die Barbaren verpflichtet. Er setzte von Boulogne nach Britannien über, bewog die Legion und die Hilfstruppen, die die Insel schützen sollten, sich ihm anzuschließen Panegyricus 5,12. Britannien war zu jener Zeit eine »ungefährdete Kolonie« und nur schwach geschützt. , und trotzig bot er den Waffen und der Jurisdiktion seines gekränkten Herrschers die Stirn, indem er sich zu guter Letzt auch noch den Kaiserpurpur anlegte und Augustus nannte.   BRITANNIENS BEDEUTUNG Als Britannien auf solche Weise aus dem Reichsverband herausgelöst war, wurde seine Bedeutung schmerzlich gefühlt und sein Verlust aufrichtig beweint. Die Römer rühmten – und übertrieben möglicherweise – den Umfang jener berühmten Insel, die überall bequeme Häfen besaß; das angenehme Klima, die Fruchtbarkeit des Bodens, welcher dem Getreide- wie Weinanbau in gleicher Weise günstig sei; die wertvollen Mineralien, die es dort im Überfluss gebe; seine üppigen, mit ungemessenen Herden bevölkerten Auen; und seine Wälder, frei von wilden Tieren oder giftigem Schlangengezücht. Vor allem aber trauerten sie den üppigen Steuereinnahmen Britanniens nach, während sie zugleich eingestanden, dass eine solche Provinz Panegyrici 5,11 und 7,9. Der Redner Eutropius möchte den Ruhm des Helden (Constantius) mehren, indem er die Bedeutung der Eroberung erhöht. Trotz löblicher Parteinahme für unsere Heimat fällt es schwer zu glauben, dass zu Beginn des vierten Jahrhunderts. England aller dieser Vorzüge genoss. Eineinhalb Jahrhunderte. zuvor konnte es kaum seine eigenen Unterhalt bezahlen. Siehe Appian, Proömium. es durchaus verdient hätte, Sitz eines eigenständigen Monarchen zu sein. Sieben Jahre lang hielt Carausius es besetzt; und das Glück meinte es gut mit der Rebellion, die mit Mut und Geschick ausgeführt wurde. Der Kaiser von Britannien verteidigte die Grenzen seines Reiches gegen die Kaledonier des Nordens, lud vom Kontinent zahlreiche talentierte Künstler zu sich und legte durch verschiedene Münzen, die noch heute erhalten sind, Proben von Geschmack und Reichtum ab. Da er aus der Nachbarschaft der Franken entstammte, warb er um die Freundschaft dieser Schrecklichen, indem er liebedienerisch ihre Kleider und Sitten nachahmte. Die Blüte ihrer Jugend nahm er in seinen Land- und Seestreitkräften auf; und im Gegenzug für diese hilfreiche Allianz weihte er die Barbaren in die hohe Schule der Kriegs- und Schiffsführung ein. Darüberhinaus hatte Carausius immer noch Boulogne und die anliegenden Landstriche in seiner Hand. Seine Flotten passierten im Triumph den Kanal, beherrschten die Seine- und Rheinmündung, suchten kühn die Küsten des Atlantik heim und verbreiteten noch jenseits der Säulen des Herkules den Schrecken seines Namens. Unter seinem Kommando erlangte Britannien, das einst die Meere beherrschen sollte, seine naturgegeben und anerkannte Stellung als Seemacht Da eine beträchtliche Anzahl von Medaillen und Münzen von Carausius erhalten geblieben ist, wurde er zum Lieblingsgegenstand der forschenden Neugier, und jedweder Umstand seines Lebens ist mit gelehrter Genauigkeit erkundet worden. Insbesondere hat Dr. Stukely dem Kaiser von Britannien ein dickleibiges Buch gewidmet. Ich habe seine Materialien verwendet und die meisten seiner haltlosen Konjekturen verworfen. .   TOD DES CARAUSIUS · A.D. 294 Da er die Flotte von Boulogne an sich gerissen hatte, hatte Carausius seinen Kaiser der Mittel zu Verfolgung und Rache beraubt. Und als nach immensem Geld- und Zeitaufwand endlich eine neue Flotte von Stapel gelaufen war Als Mamertinus seine erste Lobrede hielt, waren die Flottenrüstungen des Maximian abgeschlossen: und der Redner sicherte einen raschen Sieg zu. Allein sein Schweigen im zweiten Panegyricus zeigt uns, dass das Unternehmen fehlgeschlagen sein muss. , wurden die kaiserlichen Soldaten, unkundig der Seefahrt, durch die erfahrenen Seeleute des Usurpators mühelos überrumpelt und besiegt. Diese vergeblichen Anstrengungen führten bald darauf zu einem Friedensvertrag. Diocletian und sein Kollege, die zu Recht den unternehmenden Geist des Carausius fürchteten, überließen ihm die Herrschaft über Britannien und räumten ihrem ungetreuen Knecht, wenn auch schiefen Mundes, Teilhabe an der Kaiserwürde ein Aurelius Victor, Eutropius und die Gedenkmünzen erzählen von der vorübergehenden Aussöhnung. Ich möchte mich jedoch nicht anheischig machen, die einzelnen Artikel des Friedensvertrages einzufügen, wie Dr. Stukeley es unternimmt. . Aber die Adoption der beiden Caesaren hob Roms Waffen zu neuer Stärke. Während Maximian die Rheingrenze hütete, übernahm sein wackerer Genosse Constantius die Kriegsführung in Britannien.   A.D. 292 Zunächst griff er den wichtigen Flottenstützpunkt in Boulogne an. Eine gigantische Mole, die vor die Hafeneinfahrt gelegt ward, raubte den Eingeschlossenen jede Hoffnung auf Entsatz. Nach hartnäckigem Widerstand ergab sich die Stadt; und nicht der kleinste Teil von Carausius' Seestreitkräften fiel den Belagern in die Hände. Während der drei Jahre, in denen Constantius eine Flotte zimmern ließ, die für die Eroberung Britanniens ausreichend schien, sicherte er die Küsten Galliens und fiel des öfteren in das Land der Franken ein, um so den Usurpator der Unterstützung seiner wichtigsten Bundesgenossen zu berauben.   SEIN TOD A.D. 294 Kurz vor dem Ende seiner Zurüstungen erhielt Constantius Nachricht vom Tode des Tyrannen, und dies wurde als ein sicheres Omen für den bevorstehenden Sieg gedeutet. Die Mitarbeiter des Carausius hatten sich seinen Verrat zum Vorbild genommen. Allectus, sein erster Minister, hatte ihn ermordet, wurde sein Nachfolger, besaß nunmehr die gleiche Macht wie er und schwebte in der gleichen Gefahr. Die Erste auszuüben besaß er allerdings ebenso wenig das Talent wie die Zweite abzuwehren. Er gewahrte mit ängstlicher Unruhe, wie sich das gegenüberliegende Festlandufer beständig mit Waffen, mit Truppen und mit Fahrzeugen füllte; denn Constantius hatte weislich seine Truppen aufgeteilt, um in gleicher Weise die Wachsamkeit und die Abwehrkräfte des Feinde zu zersplittern.   RÜCKEROBERUNG BRITANNIENS DURCH CONSTANTIUS A.D. 296 Endlich ward der Angriff vorgetragen unter der Führung des Präfekten und verdienten Offiziers Asclepiodotus, der in der Seinemündung ein Geschwader versammelt hatte. So trübe war es zu jenen Zeiten um die Kunst der Seefahrt bestellt, dass Redner den kühnen Wagemut der Römer rühmten, welche bei Seitenwind und dazu noch an einem stürmischen Tage es riskiert hätten, die Segel zu setzen. Das Wetter war dem Unternehmen günstig. Im Schutze einer dichten Nebeldecke entwischten sie der Flotte des Allectus, welche sie in der Nähe von Isle of Wight abfangen sollte, landeten ungefährdet irgendwo an der Westküste und überzeugten die Briten davon, dass eine überlegene Seestreitmacht nicht immer eine Gewähr gegen ausländische Überfälle bietet. Kaum war Asclepiodotus gelandet, als er auch schon seine Schiffe in Brand stecken ließ; und als der Feldzug glücklich ablief, ward sein Heldenmut denn auch allgemein bewundert. Der Usurpator selbst hatte sich bei London verschanzt und erwartete Constantius' Angriff, welcher die Flotte bei Boulogne kommandierte; aber das plötzliche Erscheinen eines anderen Feindes an der Westküste machte sein Erscheinen daselbst dringend erforderlich. Dieser Marsch ging so überstürzt vor sich, dass er den Präfekten Asclepiodotus nur mit einem kleinen, erschöpften und mutlosen Kontingent erreichte. Das Gefecht war bald beendet mit der völligen Niederlage und dem Tode des Allectus; eine einzige Schlacht hatte, wie später noch oft, über das Schicksal dieser großen Insel entschieden; und als Constantius an der Küste von Kent landete, fand er nur gefügige Untertanen vor. Einhellig und laut waren ihre Freudenbekundungen; und die Tugenden des Eroberers können uns sogar zu der Annahme verführen, dass sie aufrichtig eine Wende bejubelten, welche nach zehnjähriger Trennung Britannien neuerlich in den Schoß des Römischen Reiches zurückführte Zur Rückeroberung Britanniens haben wir einige Hinweise von Aurelius Victor und Eutropius. .   GRENZBEFESTIGUNGEN Britannien hatte, wenn überhaupt, nur innere Feinde zu fürchten; und solange die Provinzstatthalter zuverlässig und die Truppen diszipliniert blieben, haben auch die Einfälle der nackten Wilden aus Schottland oder Irland die Sicherheit dieser Provinz niemals ernstlich gefährdet. Die Friedenssicherung auf dem Kontinent und die Verteidigung der großen Grenzflüsse des Reiches waren erheblich wichtiger und erheblich schwieriger. Die Politik des Diocletian, welche auch auf die seiner Mitregenten einwirkte, zielte auf die Bewahrung des öffentlichen Friedens, zu welchem Ende man unter den Barbaren Zwietracht pflanzte und zugleich die Grenzen mit Festungen versah. Im Osten ließ er eine Festungslinie von Ägypten bis zu den persischen Provinzen anlegen und in jedem Lager eine entsprechende Anzahl Besatzungssoldaten stationieren; diese wurden von ihren jeweiligen Kommandanten befehligt und mit allen nur erdenklichen Waffen ausgerüstet, die man aus den neu eingerichteten Arsenalen zu Antiochia, Emesa und Damascus bezog Ioannes Malalas in der Chronographia Bd.1, p.408f. . Angesichts der wohlbekannten Kampfesstärke der europäischen Barbaren war der Imperator nicht minder vorausschauend. Von der Rheinmündung bis zum Donaudelta wurden die alten Lager, Städte und Zitadellen gründlich instand gesetzt und an besonders gefährdeten Stellen neue mit ausgesuchter Sorgfalt errichtet; die Grenzgarnisonen wurden zu der strengsten Wachsamkeit vergattert, und jede nur denkbare Maßnahme wurde ergriffen, um die lange Festungskette stabil und unüberwindlich zu machen osimos 2,34. Dieser voreingenommene Historiker feiert Diocletians Wachsamkeit vermutlich nur, um die Nachlässigkeit von Constantin hervorheben zu können. Hören wir selbst (Panegyrici 4,18): »Nam quid ego alarum et cohortium castra percenseam, toto Rheni et Istri et Euphratis limite restituta.« (...denn warum soll ich alle diese Lager der Reiter und der Kohorten aufzählen, nachdem die Grenzen an Rhein, Donau und Euphrat wieder hergestellt sind?) . Eine so furchteinflößende Grenzwehr wurde in der Tat nur selten angegriffen, und also kehrten die Barbaren ihre enttäuschte Kampfeswut gegeneinander. Die Goten, Vandalen, Gepiden, Burgunder und Alemannen rieben sich gegenseitig in bitteren Feindschaft auf; und jeder, der siegte, siegte zugleich über einen Feind Roms. Diocletians Untertanen genossen das blutige Schauspiel und beglückwünschten sich dazu, dass jetzt ausschließlich die Barbaren von der Pest des Bürgerkrieges befallen seien Ruunt omnes in sanguinem suum populi, quibus non contigit esse Romanis, obstinataeque feritatis poenas nunc sponte persolvunt. (Diese Völker, denen es nie gegönnt war, Römer zu sein, zerfleischen sich gegenseitig und zahlen nun aus freien Stücken für ihre hartnäckige Wildheit) Panegyrici 3,16. Mamertinus erläutert diese Tatsache am Beispiel fast aller Völker. .   DIOCLETIANS BEDEUTUNG Ungeachtet dieser klugen Politik des Diocletian blieb es naturgemäß unmöglich, während einer zwanzigjährigen Regentschaft und an einer Grenze von vielen hundert Meilen ununterbrochen die Ruhe aufrecht zu erhalten. Bisweilen nämlich setzten die Barbaren ihre inneren Zwistigkeiten aus, und die ermattete Wachsamkeit der Garnisonen hatte gegenüber ihrer Übermacht oder Geschicklichkeit das Nachsehen. Wurde eine Provinz überfallen, so beobachtete Diocletian dieselbe ruhige Würde, die er auch sonst immer besaß oder zu besitzen vorgab; seine Anwesenheit hob er für solche Gelegenheiten auf, die ihrer würdig waren und setzte sich und sein Ansehen niemals einer überflüssigen Gefahr aus; durch alle Hilfsmittel, die die Vernunft nur eingeben konnte, stellte er seinen Erfolg sicher und ließ jedermann von seinen Siegen wissen. In Kriegen, deren Verlauf unübersichtlicher und deren Erfolg zweifelhafter war, verließ er sich auf Maximians ungehobelte Kriegertugend, und der treue Soldat war's zufrieden, seinen eigenen Triumph den weisen Ratschlägen und glückbringenden Eingebungen seines Gönners zuschreiben zu dürfen.   TAPFERKEIT DER CAESAREN Nach der Adoption der zwei Caesaren indessen zogen sich die beiden Kaiser auf ein weniger beschwerliches Geschäftsfeld zurück und wälzten die Verteidigung von Rhein und Donau auf ihre angenommenen Söhne ab. Der wachsame Galerius war niemals vor die Notwendigkeit gestellt, eine Barbarenarmee auf römischen Boden zu bekämpfen Er beschwerte sich, wenn auch nicht ganz wahrheitsgemäß: »Iam fluxisse annos quindecim in quibus, in Illyrico, ad ripam Danubii relegatus cum gentibus barbaris luctaret.« (Es seien schon fünfzehn Jahre verflossen, in denen er, nach Illyrien an die Donau versetzt um mit Barbarenvölkern zu schlagen.) Lactantius, de mortibus 18. ; der tapfere und umtriebige Constantius indessen befreite Gallien von einem sehr gefährlichen Alamanneneinfall; und seine Siege bei Lengres und Vindonissa müssen besonders mutige und verdienstliche Taten gewesen sein. Als er mit einer nur schwachen Bedeckung über freies Gelände marschierte, wurde er unvermittelt von stark überlegenen feindlichen Kräften angegriffen. Mit genauer Not konnten sie sich nach Langres zurückziehen; aber in der allgemeinen Konfusion weigerten sich die Bürger, die Stadttore zu öffnen, und der verwundete Herrscher wurde vermittels eines Seiles über die Mauern gezogen. Auf die Kunde von seiner Notlage jedoch eilten die römischen Truppen von allen Seiten zu seiner Hilfe herbei, und noch vor der Dunkelheit hatte er seiner Ehre und seinen Rachegelüsten durch den Tod von sechstausend Alamannen In dem griechischen Text von Eusebius lesen wir sechstausend, welcher Zahl ich den Vorzug gegeben habe gegenüber den sechzigtausend des Hieronymus, Ortosius und Eutropius sowie dessen griechischem Übersetzer Paenius. Genüge getan. Vielleicht kann man aus den verschiedenen Quellen aus jener Zeit noch Nachrichten gewinnen von ferneren Siegen über die Barbaren aus Samartia und Germanien; aber weder der Unterhaltungswert noch der Informationsgewinn würde die mühsamen Nachforschungen rechtfertigen.   MASSNAHMEN GEGEN DIE BARBAREN Die Maßnahme, die Kaiser Probus gegenüber den besiegten Barbaren angewandt hatte, wurde von Diocletian und seinen Mitregenten übernommen. Die Gefangenen, die die Sklaverei dem Tod vorzogen, wurden auf die Provinzen verteilt und besonders in jenen Bezirken angesiedelt (für Gallien etwa die Gebiete um Amiens, Beauvais, Cambray, Treves, Langres und Troyes Panegyrici 7,21. ) deren Bevölkerung infolge von kriegerischen Wechselfällen besonders gelitten hatte. Sie machten sich nützlich als Landarbeiter oder Schäfer, aber das Führen von Waffen wurde ihnen ausdrücklich untersagt mit Ausnahme der Fälle, in denen ihr Eintritt in die Armee erwünscht war. Auch stand der Kaiser nicht an, den Besitz von Land zu ermöglichen, wenn denn die betreffenden Barbaren vorher um den Schutz und Beistand Roms nachgesucht hatten. So gestatteten sie die Gründung einiger Kolonien der Carper, Bastarner und Samarten; ja er erlaubte ihnen sogar in einer gefährlichen Anwandlung von Milde, in gewissem Umfang ihre alten nationalen Gebräuche und Freiheiten beizubehalten In der Nähe von Treves (Trier) lag eine Siedlung der Samarten, welche diese trägen Barbaren jedoch aufgegeben zu haben scheinen. In seinem Mosella-Gedicht (5ff) erwähnt Ausonius sie: Unde iter ingrediens Nemorosa per avia solum / Et nulla humani spectans vestigia cultus; /.../Arvaque Sauromatum nuper metata colonis. (Von dort machte ich mich allein durch weglose Wälder auf, / sah nicht eine Spur menschlicher Kultur/.../ und (sah) das Land, das man jüngst noch sarmatischen Siedlern überlassen hatte). In Unter-Mösien gab es eine Stadt der Carpen . Unter den Provinzbewohnern wurde es zum Gegenstand schmeichelhafter Genugtuung, dass die Barbaren, die ihnen doch so lange entsetzlich gewesen waren, nunmehr das Land unter den Pflug nahmen, ihr Vieh auf die Märkte in der Nachbarschaft trieben und durch diese Arbeit das Ihre zur allgemeinen Wohlfahrt beisteuerten. Auch beglückwünschte man die Amtsträger zu der beachtlichen Zunahme von Untertanen und Soldaten; aber man übersah, dass eine Masse versteckter Feinde, entweder durch ihre Glücksumstände übermütig oder durch ihre Unterdrückung verzweifelt geworden, sich im Inneren des Reiches eingenistet hatten Siehe das Rhetorische Jauchzen bei Eumenius, Panegyrici 8,7 .   FELDZÜGE IN AFRIKA UND ÄGYPTEN Während die Caesaren ihre Stärke an Rhein und Donau bewährten, war in den südlicheren Gefilden der römischen Welt die Anwesenheit der Kaiser persönlich gefordert. Vom Nil bis zum Atlasgebirge stand Afrika unter Waffen. Ein Bündnis von fünf mauretanischen Staaten war aus ihren Wüsten in jene friedlichen Provinzen einmarschiert. Scaliger (Animadversio ad Eusebium, p. 243) entscheidet in bekannter Weise, dass die Quinquegentiani oder fünf Afrikanischen Nationen die fünf großen Städte waren, welche die Pentapolis der friedliebenden Provinz Cyrene bildeten. Iulian hatte den Purpur in Karthago angelegt Nach seiner Niederlage durchbohrte Iulian sich mit dem Dolch und sprang sofort in die Flammen. (Victor, Epitome 39,3) , Achilleus in Alexandria; und selbst die Blemyer nahmen ihre Einfälle nach Oberägypten wieder auf, vielmehr: sie setzen sie fort. Von den Heldentaten des Maximian in Westafrika ist uns kaum etwas überliefert, aber die Resultate belegen, dass er schnell und entschlossen dareingefahren ist, dass er die wildesten Barbaren Mauretaniens besiegt und sie aus ihren Bergen vertrieben hatte, deren uneinnehmbare Natur ihre Bewohner zu gesetzlosem Übermut verführt und sie an eine räuberische und gewalttätige Existenz gewöhnt hatte Tu ferocissimos Mauritaniae populos inaccessis montium iugis et naturali munitione fidentes, expugnasti, recepisti, transtulisti. Panegyrici 6,8. (Du hast die wildesten Völker Mauretaniens, die auf ihre unzugänglichen Berge vertrauten und auf ihre natürlichen Schutzwälle, bezwungen, aufgenommen, umgesiedelt.) .   DIOKLETIAN IN ÄGYPTEN A.D. 296 Diocletian eröffnete seinerseits den Feldzug mit der Belagerung Alexandrias, ließ die Aquädukte zerstören, die das Nilwasser in jeden Winkel der Riesenstadt brachte Siehe die Beschreibung Alexandriens bei Hirtius, Bellum Alexandrinum 5. , hieß das Lager derart aufwendig befestigen, dass es allen Ausfällen der Belagerten erfolgreich widerstehen konnte und trug seinerseits die wiederholten Angriffe seiner Truppen mit Nachdruck und viel Umsicht vor. Nach achtmonatiger Belagerung konnte Alexandria, durch Feuer und Schwert verwüstet, nur noch auf die Gnade des Siegers hoffen, bekam aber den kaiserlichen Zorn in ganzem Umfange zu spüren. Tausende Bürger wurden wahllos abgeschlachtet, und nur wenige verantwortliche Ägypter konnten dem Todes- oder doch wenigstens Verbannungsurteil entkommen Eutropius. 9,24. Orosius, 7,25. Ioannes Malala Chronographia 1, p. 409f. Eumenius versichert uns jedoch, dass Ägypten durch Diocletians Milde befriedet worden sei. . Busiris und Koptos erging es noch schlimmer als Alexandria: diese stolzen Städte, die erste durch ihr Alter, die zweite durch ihren Reichtum aus dem Indienhandel hochberühmt, wurden infolge eines unversöhnlichen Befehles von Diocletian vollständig zerstört Eusebius, Chronica, verlegt ihre Zerstörung einige Jahre nach vorne und in eine Zeit, in welcher sich Ägypten selbst im Aufstand gegen Rom befand. . Lediglich der ägyptische Volkscharakter, immun gegen Güte, aber für Furcht äußerst empfänglich, konnte diese unmenschliche Härte rechtfertigen. Die Aufstände in Alexandria hatten schon oft Roms Behaglichkeit aufgestört und seine Getreideversorgung gefährdet. Seit der Usurpation des Firmus war die Provinz Oberägypten mehrfach rückfällig geworden und hatte für ihre Rebellionen die Allianz mit den Wilden aus Äthiopien gesucht. Die Zahl der beteiligten Blemmyer, die irgendwo zerstreut zwischen der Meroeinsel und dem Rotem Meer siedelten, war unerheblich, ihre Gemütsart unkriegerisch, und ihre Waffen primitiv und wirkungslos Strabo, 17, p. 819. Pomponius Mela, 1,23. Seine Worte sind schon merkwürdig: »Intra, si credere libet, vix homines magisque semiferi; Aegipanes, et Blemmyes , et ›Satyri.‹« (Im Binnenland sind, wenn man es denn glauben will, halbe Tiere, kaum noch Menschen, die Ägypanen, Blemyer und ›Satyrn.‹ . Aber während der öffentlichen Unruhen hatten diese Barbaren, – das Altertum, entsetzt wegen ihrer Missgestalt, rechnete sie am liebsten nicht unter die Menschen – sich als Feind Roms ausgegeben Ausus sese inserere fortunae et provocare arma Romana. (Sie wagten es, ihr Schicksal zu probieren und Roms Waffen herauszufordern.) . Dies also waren Ägyptens ohnmächtige Verbündete. Und während die Aufmerksamkeit des Reiches durch Kriege von ernsthafter Natur abgelenkt war, mochten ihre häufigen Einfälle der Provinz durchaus beschwerlich fallen. In der Absicht, den Blemmyern einen Gegner von Gewicht entgegenzustellen, überredete Diocletian die Nobatae, oder das Volk der Nubier, ihre altangestammten Wohnsitze in der Lybischen Wüste aufzugeben und wies ihnen ein ebenso weitläufiges wie armseliges Stück Land oberhalb von Syene und den Nilkatarakten zu unter der Auflage, dass sie für alle Zeiten die römische Grenze respektieren und zugleich schützen sollten. Dieser Vertrag hatte langen Bestand; und solange das Christentum noch keine strengeren Ansichten über Religion und Vergötterung eingeführt hatte, wurde das Abkommen jährlich durch ein feierliches Opfer auf der Insel Elephantine bekräftigt, bei welchem die Römer so gut wie die Barbaren dieselben sichtbaren oder unsichtbaren Mächte des Universums beschworen Siehe Prokopios, de Bello Persico 1,19. .   DIOCLETIAN UND DIE ALCHEMIE Als Diocletian die vergangenen Taten der Ägypter bestrafte, traf er auch Sorge für ihre zukünftige Sicherheit und ihr Wohlergehen durch viele vernünftige Anordnungen, welche von den nachfolgenden Regierungen bestätigt wurden Er setzte die Getreidemenge für die Versorgung Alexandrias auf zwei Millionen Medimnen oder 400.00 Quarter fest. Chronicon paschale, p.276; Prokopios, Historia arcana 26. . Ein Erlass ist hier besonders bemerkenswert, und sie verdient, anstelle dass sie als Untat einer eifersüchtigen Tyrannenseele verurteilt wird, als ein Akt besonderer Klugheit und Humanität hervorgehoben zu werden. Er veranlasste eine sorgfältige Suche »nach allen alten Büchern, welche sich mit der staunenswerten Kunst des Gold- und Silbermachens befassen und überantwortete sie ohne Erbarmen den Flammen; in der Besorgnis, dieser Reichtum könnte den Ägyptern den Mut eingeben, sich gegen Rom zu erheben Ioannes Malala von Antiochia, in den Excerpta Valesiana p. 834. In der Suda unter ›Diocletian‹. .« Wäre Diocletian jedoch von der Wirksamkeit dieser seltenen Kunst überzeugt gewesen, dann hätte er, weit davon entfernt, ihr Gedächtnis zu tilgen, sie zur Mehrung der öffentlichen Einnahmen eingesetzt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ihm sein gesunder Menschenverstand die Narrheit dieses wundersamen Unterfangens entdeckte und ihm daran gelegen war, Verstand und Vermögen seiner Untertanen von diesem Unfug fernzuhalten. Ich darf noch bemerken, dass diese alten Bücher, die man generös dem Pythagoras zugeschrieben hat, oder Salomon, oder auch Hermes, in Wahrheit der fromme Betrug jüngerer Adepten waren. Den Griechen war der Nutzen oder der Missbrauch der Chemie gleichgültig. In seiner großen Enzyklopädie, in welcher Plinius die Entdeckungen, Künste und Irrtümer der Menschheit versammelt hat, ist nicht mit einem Wort von der Transmutation der Metalle die Rede; dafür ist das Verbot durch Diocletian das erste historisch fassbare Ereignis in der Geschichte der Alchemie. Die Eroberung Ägyptens durch die Araber verbreitete diese müßige Wissenschaft über den Erdball. Da sie die Habgier des menschlichen Herzens so gewissenhaft bediente, wurde sie in China und in Europa mit der gleichen Leidenschaft und dem gleichen Erfolg studiert. Das finstere Mittelalter war für jede Art von Wundergeschichten ein fruchtbarer Nährboden, und selbst die Renaissance der Wissenschaften gab diesen Hoffnungen neue Kraft und förderte manche Scheinwissenschaft. Die Philosophie hatte im Verein mit den Erfahrungswissenschaften das Studium der Alchemie irgendwann ad absurdum geführt; und unsere Gegenwart, wie sehr sie auch nach Reichtum verlangen mag, begnügt sich damit, ihm mit den schlichteren Mitteln des Handels und Gewerbes nachzustreben Siehe die kurze Geschichte der Alchemie und ihrer Widerlegung in den Werken des philosophischen Kompilators de la Motte de Vayer, Bd. 1, p.327-353 .   DER PERSERKRIEG · 282 A.D. Direkt im Anschluss an die Unterwerfung Ägyptens brach der Perserkrieg los. Es blieb Diocletian vorbehalten, diese Großmacht zu unterwerfen und dem Nachfolger des Artaxerxes das Eingeständnis von Roms Übermacht abzutrotzen.   TIRIDATES KÖNIG VON ARMENIEN Wir haben bereits erzählt, dass während der Regierung des Valerian Armenien durch persische Tücke und Gewalt unterworfen ward und dass nach der Ermordung von Chosroes sein Sohn Tiridates, Infant und Thronerbe, von treuen Freunden gerettet und unter dem Schutze der Kaiser erzogen wurde. Tiridates sammelte in seinem Exil Einsichten, zu denen er auf dem Throne Armeniens niemals hätte gelangen können: durch die Bekanntschaft mit der Not, den Menschen, der römischen Disziplin. In seiner Jugend zeichnete er sich durch besondere Krafttaten Vergleiche hierzu die Erziehung des Tiridates in der Armenischen Geschichte des Moses von Chorene, 2,76. Er konnte zwei wilde Stiere bei den Hörnern packen und sie mit bloßen Händen abbrechen. aus, und er war bei allen militärischen Übungen und auch bei den weniger rühmlichen olympischen Wettbewerben äußerst geschickt. Diese Fertigkeiten wurden nach Gebühr eingesetzt, als er seinen Wohltäter Licinius verteidigen musste Wenn wir den Angaben des jüngeren Victor (Epitome 41) glauben dürfen, welcher meint, dass Licinius im Jahre 323 erst sechzig Jahre alt war, kann damit kaum dieselbe Person gemeint sein wie der Patron des Tiridates. Aus weit zuverlässigerer Quelle (Eusebius, Historia Ecclesiastica 10,8) wissen wir jedoch, das Licinius zu der Zeit bereits im Greisenalter war; sechzehn Jahre zuvor, so die Schilderung, habe er bereits graue Haare gehabt, und er sei ein Zeitgenosse des Galerius gewesen. Siehe Lactantius, de Mortibus 32. Licinius wurde um das Jahr 250 geboren. . Dieser Offizier hatte während der Tumulte im Anschluss an den Tod des Probus in unmittelbarer Lebensgefahr geschwebt; eine aufgebrachte Soldateska hatte sich den Weg in sein Zelt gebahnt, als sie der armenische Prinz am Arm packte und zurückriss. Die Dankbarkeit gegenüber Tiridates trug bald darauf zu seiner Erhebung bei. Licinius war in allen Lebenslagen der Freund und Gefährte des Galerius, und dessen wohlbekannte Verdienste wurden lange vor seiner Ernennung zum Caesar von Diocletian hoch geschätzt. Im dritten Regierungsjahr dieses Kaisers nun wurde Tiridates zum König über Armenien erhoben. Diese Maßnahme war sichtlich beides, gerechtfertigt und zweckdienlich. Es war hohe Zeit, ein wichtiges Territorium vor dem weiteren Zugriff des persischen Monarchen zu bewahren, welches Gebiet seit Neros Zeiten – unter der Schirmherrschaft Roms – immer die jüngeren Linie der parthischen Dynastie der Arsakiden regiert hatte Siehe das 62 und 63 Buch des Cassius Dio. .   SEINE WIEDEREINSETZUNG A.D. 286 Als Tiridates an den armenischen Grenzen erschien, wurde er mit großem und ungeheucheltem Entzücken begrüßt. Sechsundzwanzig Jahre lang hatte das Land unter den tatsächlichen und auch nur eingebildeten Härten eines ausländischen Joches gelitten. Die persischen Großkönige hatten ihre neue Eroberung zwar mit allerlei Prachtbauten verziert, aber die Monumente waren auf Kosten der Bevölkerung errichtet worden und dadurch mit dem Odium der Sklaverei behaftet. Die Furcht vor Empörung hatte die Perser zu den strengsten Vorsichtsmaßnahmen vermocht; der Unterdrückung fügten sie noch Unrecht hinzu, und da sie wussten, welchen Hass man gegen sie empfand, hatten sie erfindungsreich jede Maßregeln getroffen, diese Verbitterung noch zu steigern. Wir haben bereits auf die Intoleranz hingewiesen, welche der Religion der Magier innewohnte. Die Statuen der vergöttlichten Könige Armeniens und die heiligen Bildnisse von Sonne und Mond schlug der religiöse Eifer der Eroberer in Stücke; das ewige Feuer des Ormusd hingegen ward entzündet und auf einem Altar auf dem Gipfel des Berges Bagavan unterhalten Moses von Chorene 2,74. Die Statuen hatte Valarsaces errichten lassen, welcher um 130 v.Chr. in Armenien regierte und der erste König aus dem Hause der Arsakiden war (siehe Moses, Historia 2,3). Die Apotheose der Arsakiden erwähnen Iustinus, Historiae Phillipicae 41,5 und Ammianus Marcellinus 23,6. . Es war das Natürlichste auf der Welt, dass ein Volk, das durch soviel angehäuftes Unrecht verbittert war, für seine Freiheit, seine Religion und seinen angestammten Herrscher mit Freuden zu den Waffen griff. Der Sturm fegte jedes Hindernis beiseite, und die persischen Besatzungen entfernten sich in Eilmärschen.   AUFSTAND DES VOLKES UND DES ADELS Armeniens Adel scharte sich ebenfalls unter Tiridates Fahnen, brachten ihre Taten aus der Vergangenheit in Erinnerung, verhießen weitere für die Zukunft und baten den neuen König um jene Ehrenstellen, die man ihnen unter dem fremdländischen Regiment so schmachvoll vorenthalten hatte Zahlreich und mächtig war Armeniens Adel. Moses von Choren nennt viele Familien, die sich unter Valarsakes ausgezeichnet hatten (2,7) und die zu seiner Zeit – in der Mitte des V. Jh.-. noch existierten. Siehe dazu auch das Vorwort des Herausgebers. . Artavasdes erhielt das Armeeoberkommando; sein Vater hatte einst dem kleinen Tiridates das Leben gerettet, für welche noble Tat dann seine ganze Familie massakriert worden war. Artavasdes Bruder wurde die Verwaltung einer Provinz zugeschlagen. Der Satrap Otas erhielt eine der wichtigsten militärischen Ränge; er war ein äußerst besonnener und mutiger Mann, und er konnte dem König seine Schwester und einen beträchtlichen Schatz zuführen Ihr Name war Chosroiduchta und sie besaß nicht das os patulum (›offener Mund‹) wie andere Frauen. (Historia Armeniaca 2,79). Ich verstehe den Ausdruck nicht. , welche beide er in einer abgelegenen Festung vor Schaden bewahrt hatte.   DIE GESCHICHTE VOM MAMGO Einen weiteren Verbündeten aus dem Adel Armeniens dürfen wir wegen seines bemerkenswerten Schicksals nicht übergehen. Seine Name war Mamgo, er war skythischer Abstammung, und die Horde, die ihn als ihren Oberhaupt anerkannte, hatte noch einige Jahre zuvor an der Grenze zum chinesischen Reich In der Geschichtsschreibung (2,78) und in der Geographie Armeniens wird China Zenia genannt, oder auch Zenastan. Besondere Merkmale sind die Seidenherstellung, der Reichtum seiner Einwohner und ihre Friedensliebe, welche die aller anderen Nationen übertrifft. gelagert, welches sich zu jener Zeit bis fast nach Sogdiana Vou-ti, der erste Herrscher aus der siebenten Dynastie, der damals in China regierte, praktizierte mit Fergana, einer Provinz Sogdianas, politische Transaktionen und soll sogar eine römische Gesandtschaft empfangen haben. In jener Zeit unterhielt China in Kaschgar eine Garnison, und einer ihrer Generäle ist etwa zur Zeit Trajans bis zum Kaspischen Meer vorgestoßen. Zur Begegnung Chinas mit dem Westen siehe die Lesenswerte Darstellung von Herrn de Guiges in den Mémoires de l'Academie des Inscriptions des Belles-Lettres, Bd.32, p.355. erstreckte. Da er seines Herrschers Ungnade auf sich gezogen hatte, setzte sich Mamgo mit seinen Gefährten an die Ufer des Oxys ab und bat Sapor um seinen Schutz. Zugleich machte der Kaiser von China seine Herrscherrechte an den Flüchtlingen geltend; der persische König setzte dem das Gastrecht entgegen; man vermied mit Mühe einen Krieg und dies nur unter der Zusicherung, dass Mamgo in den äußersten Westen des Perserreiches verbannt werde. Diese Strafe war, so heißt es, für ihn nicht weniger grausam als der Tod. Armenien wurde zum Exil bestimmt, und es wurde der skythischen Horde ein beachtliches Gebiet zugewiesen, in welchem sie ihre Pferde- und Schafherden weiden und nach dem Gebot der Jahreszeiten ihre Zeltlager abbrechen mochten. Eben diese Horde erhielt nun den Auftrag, die Invasion des Tiridates zurückzuschlagen; aber ihr Anführer, seiner bisherigen Verpflichtungen und des Unrechtes durch die Perser eingedenk, beschloss, ihm die Gefolgschaft aufzukündigen. Der armenischen König, dem die Verdienste und die Stärke des Mamgo durchaus bekannt waren, behandelte ihn mit ausgewählter Höflichkeit; und dadurch, dass er ihn mit ins Vertrauen zog, gewann er sich einen tapferen und zuverlässigen Anhänger, welcher an seiner Thronerhöhung keinen geringen Anteil hatte. Siehe die Historia Armeniaca 2,81.   KRIEG ZWISCHEN ARMENIEN UND PERSIEN Eine Zeitlang war das Glück Tiridates' Unternehmen günstig. Nicht nur verjagte er die Feinde seiner Familie und seines Landes aus Armenien, sondern er gelangte im Verfolg seiner Rache mit seinem Heer, oder besser: seinen Stoßtrupps, bis in das Herz Assyriens. Der Historiker, der Tiridates Namen vor dem Vergessen bewahrt hat, rühmt, sichtbar befeuert vom Eifer für die Sache seines Landes, seine persönliche Talente; und beschreibt im echten Geiste östlicher Darstellungskunst die Giganten und Elefanten, die sein unbesiegbarer Arm fällte. Aus anderer Quelle wissen wir von der unübersichtlichen Lage der persischen Monarchie, welchem Umstand Armeniens König manchen Vorteil zu danken hatte. Der Thron wurde von zwei feindlichen Brüdern beansprucht; und nachdem Hormuz die Kräfte seiner Anhänger vergeblich angestrengt hatte, nahm er Zuflucht zu der heiklen Hilfe der Barbaren am Kaspischen Meer Ipsos Persas ipsumque regem ascitis Sacis, et Rufiis, et Gellis, petit frater Ormies. Panegyrici 3,1. (Selbst die Perser und den König griff Ormies (Hormuz) mit den verbündeten Saciern, Rufiern, Gellier an.) Die Sacae waren ein nomadisierender Skythen-Stamm, deren Verbreitungsgebiet an den Quellen des Oxus und Jaxartes lag. Die Gellier bewohnten Ghilan am Kaspischen Meer; lange Zeit waren sie (unter der Namen Dilemiten) der persischen Monarchie beschwerlich gefallen. Herbelot, Bibliothéque Oientale. . Der Bürgerkrieg war indessen rasch beigelegt, sei es infolge eines Sieges oder einer Aussöhnung; und Narses, welcher nun allgemein als der Alleinherrscher Persiens anerkannt war, stellte seine gesamte Streitmacht dem ausländischen Feind entgegen. Da wurde der Streit zu ungleich; auch der Heldenmut der Angreifer konnte der Übermacht des Großkönigs nicht widerstehen. Ein zweites Mal war Tiridates von dem armenischen Thron gestürzt, ein zweites Mal nahm er seine Zuflucht am Hofe der römischen Kaiser. Narses selbst stellte in der aufständischen Provinz seine Autorität wieder her und beklagte laut den Schutz, den Rom Rebellen und Flüchtlingen gewähre, und steckte voller Entwürfe zur Eroberung des Ostens Moses von Choren übergeht diese zweite Revolution; ich durfte sie einer Passage bei Ammianus Marcellinus (23,5) entnehmen. Lactantius (De Mortibus 9) schreibt vom Ehrgeiz des Narses: »Concitatus domesticis exemplis avi sui Saporis ad occupandum orientem magnis copiis inhiabat.« (Befeuert durch das häuslich-großväterliche Vorbild Sapor trachtete er mit großer Heeresmacht nach der Eroberung östlicher Länder.) .   NIEDERLAGE DES GALERIUS BEI KARRHAI · 296 A.D. Weder Staatsklugheit noch das Ehrgefühl konnten es den Kaisern gestatten, den Fall des armenischen Königs zu vergessen, und es ward beschlossen, dass das Imperium eine Streitmacht in den Perserkrieg entsende. Diocletian wählte mit der für ihn kennzeichnenden gelassenen Würde Antiochia zu seinem Aufenthalt, von wo aus er dann die militärischen Operationen vorbereitete und abstimmte Wir glauben gern, dass Lactantius das Verhalten des Diocletian der Feigheit zuschreibt. Julian spricht in seiner Rede davon, dass er mit allen Streitkräften des Reiches zurückgeblieben sei; eine denn doch sehr stark übertriebene Wendung. . Die Heeresführung wurde Galerius' unerschütterlichem Heldenmute anvertraut, welcher für dieses wichtige Unternehmen eigens von der Donau an den Euphrat versetzt worden war. Schon bald trafen die Armeen in den Ebenen Mesopotamiens aufeinander, und zwei Schlachten wurden geschlagen, mit unterschiedlichem und zweifelhaftem Ausgang; der dritte Waffengang aber war entscheidend: die Römische Armee erlitt eine vollständige Niederlage, welche man der Voreiligkeit des Galerius zuschrieb, da er mit einem viel zu kleinen Truppenkörper die ungezählten Massen der Perser angegriffen hatte Unsere fünf Zusammenschreiber – Eutropius, Festus, Orosius und die beiden Victor – berichten alle über die letzte, die große Schlacht; Orosius erwähnt als einziger auch die beiden vorhergehenden. . Aber eine nähere Untersuchung des Kriegsschauplatzes legt eine andere Ursache nahe. Derselbe Boden, auf dem Galerius besiegt wurde, war auch durch den Tod des Crassus und den Untergang seiner zehn Legionen denkwürdig. Es war eine Ebene von mehr als sechzig Meilen, welche sich von den Hügeln von Karrhai bis zum Euphrat erstreckte; ein weicher, unfruchtbarer, sandiger Wüstenboden, ohne Anhöhe, ohne Baum, ohne eine einzige Wasserquelle Die Landesnatur wird getreulich von Plutarch (Leben des Crassus) beschrieben sowie von Xenophon, Anabasis 1. . Die römische Linieninfanterie, die unter Hitze und Durst verging, konnten, selbst wenn sie ihre Formation beibehielt, nicht auf einen Sieg hoffen, aber sie konnte erst recht nicht ihre Formation auflösen, ohne sich unmittelbar in die schwerste Gefahr zu begeben. In solcher Lage wurden sie erst durch die feindliche Überzahl eingekreist, dann durch seine raschen Stellungswechsel aus der Fassung gebracht und schließlich durch den Pfeilregen der gegnerischen Reiterei vernichtet. Der König von Armenien hatte sich in dieser Schlacht durch persönliche Tapferkeit ausgezeichnet und konnte aus dem öffentlichen Missgeschick noch persönlichen Ruhm gewinnen; sein Streitross war verwundet, und Flucht vor dem siegreichen Feinde erschien aussichtslos. In dieser Notlage ergriff Tiridates die einzig ihm verbliebene Gelegenheit: er stieg von Pferd und sprang in den Strom. Seine Rüstung war schwer, der Fluss tief und reißend und an dieser Stelle wenigstens eine halbe Meile breit Siehe Fosters Artikel im 2. Bd. der Anabasis-Übersetzung Spelmans; welche ich als eine der besten zu empfehlen wage. ; und dennoch erreichte er dank seiner Stärke und Gewandtheit unversehrt das andere Ufer Historia Armenica 2,76. Ich habe diese Großtat des Tiridates von einer imaginären Niederlage auf die reale des Galerius übertragen. . Die Umstände der Flucht des römischen Generals sind uns unbekannt; als er jedoch nach Antiochia zurückkehrte, empfing in Diocletian nicht mit der Herzensgüte eines Freundes und Kollegen, sondern mit der empörten Seele eines gekränkten Landesfürsten. Der stolzeste Mensch unter der Sonne, in Purpur angetan, aber durch das Bewusstsein seiner Fehler und seiner Niederlage gedemütigt, so sich genötigt, dem kaiserlichen Wagen eine Meile zu Fuß nachzufolgen und so dem ganzen Hofe das Schauspiel seiner Schmach vorzuführen Ammianus Marcellinus 14,11. Unter den Händen des Eutropius (9,24), Festus (25) und Orosius (7,25) streckt sich »die Meile« leicht zu einem Vielfachen. .   ZWEITER FELDZUG UND SIEG DES GALERIUS Sobald nun Diocletian seinen Groll gedämpft und die Majestät der höchsten Staatsgewalt gefestigt hatte, erhörte er des Caesars submissestes Flehen und gestattete ihm, seine eigene Ehre und insgleichen die der römischen Waffen wieder herzustellen. Anstelle der unkriegerischen Soldaten Kleinasiens, die vermutlich während des ersten Feldzuges Dienst getan hatten, wurde eine zweite Armee aus den Veteranen und Rekruten von der illyrischen Grenze aufgestellt, und zusätzlich wurde ein starkes Kontingent Goten in Sold genommen Aurelius Victor; Iordanes, Getica 21. . An der Spitze einer Armee von ausgesuchten fünfundzwanzigtausend Mann überquerte Galerius erneut den Euphrat; nur setzte er diesmal seine Leute nicht den offenen Ebenen Mesopotamiens aus, sondern passierte Armeniens Bergland, wo die Einwohner seiner Sache zugetan waren und wo das Gelände die Manöver der Infanterie ebenso begünstigte, wie es die Kavallerie behinderte Aurelius Victor, (Caesares 39) sagt, »Per Armeniam in hostes contendit, quae ferme sola, seu facilior vincendi via est.« (Er zog den Feinden durch Armenien entgegen, was nachgerade der einzige, oder doch der leichtere Weg zum Sieg ist.) Er folgt hier dem Weg Traians und der Idee Iulius Caesars. . Die Niederlage hatte die römische Disziplin gefestigt, während die Barbaren, durch ihren Erfolg beflügelt, derart nachlässig und sorglos geworden waren, dass sie, als sie es am wenigstens erwarteten, durch einen Überraschungsangriff des Galerius überrumpelt werden konnten, welcher, nur von zwei Reitern begleitet, heimlich die Stellung und Befestigung ihres Lagers ausgespäht hatte. Ein unvermuteter Angriff, zumal in der Nacht, wurde für die Perser fast immer zum Verhängnis. »Ihre Pferde waren angebunden, im Allgemeinen sogar angekettet, um zu verhindern, dass sie fortliefen. Gab es Alarm, musste der Perser seine Schabracke festmachen, das Zaumzeug und sich den Brustpanzer anlegen, bevor er dann selbst aufsitzen konnte Aus diesem Grunde lagerte die persische Kavallerie sechzig Stadien vom Feind entfernt. Xenophon, Anabasis 3,4. .« Unter diesen Bedingungen stiftete Galerius ungestümer Angriff Unordnung und Bestürzung im persischen Lager. Ein kurzer Widerstand, und dann folgte ein fürchterliches Gemetzel; schließlich entfloh der verwundete Monarch (denn Narses befehligte seine Armee persönlich) in die Wüsten von Medien. Sein und seiner Satrapen üppiges Gezelt enthielt ungemessene Beute für den Eroberer; ein kleiner Vorfall wird berichtet, welcher erweist, dass sich die Legionen eine rechte rustikal-kriegerische Unkenntnis von des Lebens elegantem Überfluss bewahrt hatten. Ein Beutel aus glänzendem Leder, angefüllt mit Perlen, fiel einem Rekruten in die Hände; sorgsam nahm er den Beutel an sich, verwarf aber seinen Inhalt in der Erwägung, dass etwas, was sichtlich keinen Nutzen habe, unmöglich einen Wert haben könne Die Geschichte wird von Amianus Marcellinus (22,4,8) erzählt. Statt saccum (Sack) lesen einige scutum (Langschild). . Der bitterste Verlust des Narses war allerdings emotionaler Natur. Mehrere von seinen Frauen, Schwestern und Kindern, die die Armee begleitet hatten, gerieten in Gefangenschaft. Und wenn auch Galerius' Charakter wenig Ähnlichkeit mit dem Alexanders aufwies, eiferte er nach seinem Sieg doch dem liebenswürdigen Auftreten des Makedoniers gegenüber der Familie des Darius nach. Die Frauen und Kinder wurden vor Ausplünderung und Vergewaltigung geschützt, an einen sicheren Ort geführt und durchaus respektvoll und zuvorkommend behandelt, wie es ein großherziger Gegner ihrem Alter, ihrem Geschlecht und ihrer königlichen Würde schuldig ist Die Perser anerkannten ohne weiteres die Überlegenheit der römischen Waffen und ihrer Herzensbildung (Eutropius 9,24). Aber dieser Respekt einem Feinde gegenüber findet sich in ihren eigenen Aufzeichnungen nur selten. .   DIE PERSISCHE GESANDTSCHAFT UND DIE ANTWORT DES GALERIUS Während nun der Osten besorgt den Ausgang dieses großen Ringens erwartete, hatte Kaiser Diocletian in Syrien Musterung gehalten, aus der Entfernung die römische Macht demonstriert und für etwaige Notfälle des Krieges sich bereitgehalten. Als er die Zeitung des Sieges erhalten hatte, war er gnädig genug die Front aufzusuchen, wohl auch in der Absicht, durch seine Anwesenheit und Ratschläge Galerius' Siegesfreude zu dämpfen. Zu Nisibis hielten die beiden Herren Roms ihre Zusammenkunft in einer Atmosphäre von Respekt auf der einen und Wertschätzung auf der anderen Seite. Es war auch in Nisibis, wo sie bald darauf einer Gesandtschaft des Großkönigs Audienz gewährten Die Schilderung dieser Verhandlungen ist den Fragmenten des Petros Patrikios (Excerpta legationum im Corpus Historiae Byzantinae historiae) entnommen. Petros lebte zur Zeit Iustinians; doch die Seriosität seiner Quellen zeigt unverkennbar, dass sie von authentischen und zuverlässigen Autoren stammen. . Die Macht oder doch wenigstens der Mut des Narses war durch die letzte Niederlage gebrochen; ein sofortiger Friedensschluss schien ihm der einzig gangbare Weg, das weitere Vordringen der römischen Waffen aufzuhalten. So entsandte er also seinen Minister Apharban, der seine Gunst und zugleich sein Vertrauen besaß, mit der Vollmacht, Friedensunterhandlungen zu führen oder, genauer gesagt, die Bedingungen zu akzeptieren; die der Sieger ihnen auferlegen mochte. Apharban eröffnete die Verhandlungen, indem er die Dankbarkeit seines Herren über die wohlwollende Behandlung seiner Familie ausdrückte und darüber hinaus die Freilassung jener illustren Gefangenen erflehte. Er rühmte den Kampfesmut des Galerius, ohne dabei das Ansehen des Narses zu mindern und achtete es nicht für ehrlos, die Überlegenheit des siegreichen Caesar über einen Monarchen einzugestehen, welcher alle vorangegangenen Herrscher seines Landes an Ruhm überträfe. Ungeachtet der Tatsache, dass die persische Sache die gerechte sei, sei er bevollmächtigt, die gegenwärtige Streitigkeit der Entscheidung der beiden Herrscher selbst zu unterwerfen; halte er sich doch überzeugt, dass auf dem Gipfel ihres Erfolges sie der Flatterhaftigkeit des Schicksals nicht uneingedenk seien. Apharban beschloss seine Ausführungen mit einer Allegorie morgenländischer Prägung, indem er anmerkte, die Monarchen Roms und Persiens seine die zwei Augen der Welt, welche unvollkommen und verstümmelt bleiben müsse, wenn eines von beiden ausgerissen sei. »Dies steht den Persern zu,« erwiderte Galerius, außer sich vor Zorn, so dass sein ganzer Körper zu beben schien, »dies steht den Persern zu, sich über die Launen des Schicksals zu verbreiten und uns Kolleg über die Tugend der Mäßigung zu halten. Lasst uns ihnen doch ihre eigene Mäßigung in Erinnerung rufen, die sie gegenüber dem unglücklichen Valerian übten. Mit Arglist haben sie ihn gefangen genommen, schnöde haben sie ihn behandelt. Bis zum letzten Atemzug hielten sie ihn in elender Gefangenschaft, und noch nach seinem Tode wurde sein Leichnam ewiger Schande preisgegeben.« Dann jedoch dämpfte Galerius seinen Tonfall und versicherte dem Unterhändler, dass es noch niemals römische Art gewesen sei, auf einen am Boden liegenden Feind einzutreten; dass sie aber bei dieser Gelegenheit sich eher bei ihrer eigenen Würde Rats erholen würden als bei den Verdiensten der Perser. Apharban ward entlassen und zeigte sich zuversichtlich, dass Narses schon bald über die Friedensbedingungen Bescheid erhalten werde, dass die Herrscher milde und der Frieden dauerhaft sein werde und dass seine Frauen und Kinder schon bald zurück gegeben sein würden. Diese Unterhandlung zeigt uns deutlich das unbeherrschte Temperament des Galerius, aber auch sein Nachgeben vor der überlegenen Einsicht und Autorität des Diocletian. Der Ehrgeiz der Ersteren griff nach der Eroberung des Ostens und plante, Persien zu einer römischen Provinz zu machen. Die Besonnenheit des Zweiten, eines Anhängers der gemäßigten Politik des Augustus und der Antonine, packte die günstige Gelegenheit beim Schopfe, um den bis dahin erfolgreichen Krieg mit einen ehren- und vorteilhaften Friedensschluss zu beenden Adeo Victor (so Aurelius, Caesares 39) ut ni Valerius, cuius nutu omnia gerebantur, abnuisset, Romani fasces in provinciam novam ferrentur. Verum pars terrarum tamen nobis utilior quaesita. (So sehr war er Sieger, dass er die Römischen Fasces in die neue Provinz eingeführt hätte, wenn Valerius, nach dessen Wink alles lief, Gewährung genickt hätte. Immerhin wurde ein für uns nützlicher Landstrich erworben.) .   DIE FRIEDENSBESTIMMUNGEN Die beiden Herrscher hielten ihr Versprechen und beauftragten Sicorius Probus, einen ihrer Geheimschreiber, dem persischen Hofe ihre endgültigen Entscheidungen zu übermitteln. Er wurde denn auch als der Bote des Friedens mit allen äußeren Zeichen der Höflichkeit und des Respektes empfangen; dann aber wurde unter dem Vorwand, dass Probus sich nach so langer Reise gewiss eine Erholung vergönnen müsse, die eigentliche Audienz von Tag zu Tag verschoben; ihm entging der schleppende Gang der Dinge durchaus nicht, bis er denn schließlich in der Nähe des Flusses Asprudus in Medien vor den Großkönig gelassen wurde. Die eigentlichen Gründe für dieses Hinhalten waren diese: Narses wollte in der Zwischenzeit so viele Truppen wie möglich aufstellen, damit er, der er durchaus friedenswillig war, bei den anstehenden Verhandlungen mit mehr Gewicht und Nachdruck würde auftreten könne. Nur drei weitere Männer waren bei dieser hochwichtigen Friedenskonferenz anwesend: der Minister Apharban, der Gardepräfekt sowie ein Frontoffizier, der in Armenien gekämpft hatte Er war Gouverneur von Sumium gewesen. (Petros Patricios, in Excerpta legationum p. 30) Diese Provinz scheint Moses von Chorene erwähnt zu haben (Geographia p. 360). Sie lag östlich des Berges Ararat. . Der erste Vorschlag, den der Botschafter machte, ist uns zunächst nicht recht einsichtig: dass nämlich die Stadt Nisibis zum Ort des Umschlags, oder wie wir formal sagen würden, zum Stapelplatz für die Waren der beiden Reiche ausgebaut werden solle. Die eigentliche Absicht der römischen Herrscher, die Staatseinkünfte durch ein paar Handelssteuern zu mehren, ist unschwer zu durchschauen; nun lag aber Nisibis innerhalb ihres eigenen Herrschaftsgebietes, und da sie deshalb ohnehin die Ein- und Ausfuhr der Waren kontrollierten, wäre diese Angelegenheit eher Gegenstand eines internes Gesetzes als eines internationalen Vertrages gewesen. Um sie wirkungsvoll durchzusetzen, wären auf Seiten des persischen Königs einige Zugeständnisse erforderlich gewesen, die aber seinen eigenen Interessen oder seiner Würde derart zuwiderliefen, dass Narses sich in diesem Punkte zur Unterschrift nicht bereit fand. Da dies aber der einzige Artikel war, dem er seine Zustimmung verweigerte, beharrte man nicht weiter darauf; und Roms Herrscher beließen die Handelsströme auch weiterhin in ihren naturgegebenen Kanälen oder begnügten sich mit denjenigen Verfügungen, die dem Handel aufzuerlegen in ihrer eigenen Machtvollkommenheit lag.   DIE ARTIKEL DES FRIEDENSVERTRAGES Sobald nun diese Schwierigkeiten ausgeräumt waren, wurde zwischen den beiden Nationen ein ernsthafter Friedensvertrag ausgehandelt und unterzeichnet. Die Bedingungen dieses Vertrages, der für Rom so rühmlich und für Persien so notwendig war, verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit, da die Geschichte Roms für uns nur wenige Verträge dieser Art bereithält; endeten doch ihre Kriege meist mit der völligen Niederlage ihrer Gegner, oder sie wurden gegen schriftunkundige Barbaren geführt. I. Der Aboras oder, wie Xenophon ihn nennt, der Araxes wurde als Grenzfluss zwischen den beiden Monarchien festgelegt Irrtümlicherweise hat der Geograph Ptolemäus Singara vom Aboras an den Euphrat verlegt, was wohl Ursache für den Fehlgriff Petros' war, der den Letzteren zum Grenzfluss macht anstelle des Erstgenannten. Die römische Grenze überquerte den Tigris zwar, folgte ihm aber nirgendwo. . Dieser Fluss entsprang in der Nähe des Tigris, erhielt einige Meilen unterhalb von Nisibis durch den kleinen Nebenfluss Mygdonius Zuwachs, floss unterhalb der Stadtmauern Singaras und mündete endlich bei Circesium in den Euphrat, welche Grenzfeste auf Weisung Diocletians außerordentlich stark angelegt war Prokopios, de Aedificiis 2,6 . Mesopotamien, das Objekt so vieler Kriege, wurde an Rom abgetreten; und die Perser ihrerseits verzichteten in dem Vertrag auf alle Ansprüche. – II. Ferner überließen sie den Römern fünf Provinzen jenseits des Tigris Drei dieser Provinzen, Zabdicene, Arzanene und Corducene werden von allen zugestanden. Doch an die Stelle der beiden anderen setzt Petros Rehimene und Sophene ein (Excerpta legationium) Ich habe hier Ammianus den Vorzug gegeben, (25,7) weil Sophene nachweislich nie im Besitz der Perser war, weder vor Diocletians noch nach Iovians Regierung. Da es korrekte Karten nicht gibt, (wie etwa die des d'Anville), haben fast alle modernen Autoren und allen voran Tillemont und Valesius geglaubt, dass die fünf Provinzen von Persien und nicht von Rom aus gesehen jenseits des Tigris lagen. . Aufgrund ihrer Lage bildeten sie eine sehr zweckdienliche Barriere, und ihre natürlichen Gegebenheiten wurden zusätzlich durch künstliche Maßnahmen verbessert. Vier von ihnen waren Landstriche von geringer Bedeutung und Ausdehnung: Intiline, Zabdicene, Arzanene und Moxoene; aber östlich des Tigris erhielt das Imperium noch Carduene, den alten Wohnsitz der Carduchier, welche über sehr lange Zeiträume hinweg inmitten der Despotien Asiens tapfer ihre Freiheit bewahrt hatten. In einem harten Sieben-Tage-Marsch, oder besser, – Gefecht, durchquerten einst Xenophons Zehntausend ihr Land; und ihr Anführer gesteht in seiner unvergleichlichen Darstellung dieses Rückmarsches, dass sie von den Pfeilen der Carduchier mehr auszustehen gehabt hätten als von der gesamten Streitmacht des Großkönigs Xenophon, Anabasis 4,3. Ihre Bogen waren drei Ellen lang, ihre Pfeile zwei; sie rollten wagengroße Steine auf sie herab; die Griechen fanden in diesem rauen Lande zahlreiche Dörfer. . Ihre Nachfahren, die Kurden, die sich weder dem Namen nach noch in ihren Gebräuchen nennenswert von ihnen unterscheiden, anerkennen heutzutage die Oberhoheit des türkischen Sultans. – III. Überflüssig zu sagen, dass Tiridates, der treue Verbündete Roms, auf dem Thron seiner Väter neuerlich eingesetzt wurde und dass die Rechte der kaiserlichen Suprematie in vollem Umfang behauptet und gesichert wurden. Die Grenzen Armeniens wurden bis zu der Festung Sintha in Medien verlegt, und dieser Gebietszuwachs war nicht so sehr ein Akt der Großzügigkeit als der ausgleichenden Gerechtigkeit. Von den fünf obenerwähnten Provinzen waren die vier ersten einst von den Parthern der armenischen Krone geraubt worden Eutropius zufolge (6,9, so wie der Text in den besten mss geboten wird) lag die Stadt in Tigranocerta in Arzanene. Name und Lage der anderen drei lassen sich nicht zuverlässig feststellen. ; und als nun die Römer in ihren Besitz gelangten, forderten sie auf Kosten des Usurpators großzügige Entschädigung, die ihr Aliierter denn auch in Form des ausgedehnten und fruchtbaren Landes von Atropatene erhielt. Seine Hauptstadt, welche wohl in derselben Gegend lag wie das moderne Taurus, wurde von Tiridates oftmals mit Besuch beehrt; und da sie bisweilen auch Ekbatana genannt wurde, ahmte er mit den Befestigungsanlagen und den Gebäuden die prächtige Hauptstadt Mediens nach Vgl. Herodot, 1.97 mit Moses von Chorene, Historia Armenica 2,84 und Karte der Herausgeber. . IV. Das Land Iberia war unfruchtbar, seine Einwohner roh und kulturlos. Auf das Waffenhandwerk verstanden sie sich allerdings, und sie hielten andere Barbaren, die noch furchtbarer waren, mit Nachdruck und Gewalt vom Reich zurück. Die schmalen Hohlwege des Kaukasus waren in ihrer Hand, und es lag ganz bei ihnen, ob sie die streifenden Horden der Sarmater hindurchlassen oder abweisen wollten, wann immer der Geist der Raubsucht sie vermochte, die üppigen Gefilde des Südens aufzusuchen Hiberi, locorum potentes, Caspia via Sarmatam in Armenios raptim effundunt. (Die Iberer, die die Gegend beherrschten, ließen auf der Kaspischen Passstraße Sarmaten eilig nach Armenien einfluten.) Tacitus, Annalen 6,33.Strabon 11, p. 500. . Das Recht, die Könige von Iberia zu ernennen, welches Privilegium der Großkönig an die römischen Kaiser abtreten musste, stärkte Roms Stellung in Asien merklich Petros Patrikios erwähnt als einziger Autor diesen iberischen Vertragsartikel. (Excerpta Legationum, p.30) . Vierzig Jahre lang genoss der Osten eines dauernden Friedens; und bis zum Tode des Tiridates wurden die Verträge zwischen den rivalisierenden Monarchien getreulich eingehalten; bis endlich eine neue Generation, beseelt von anderen Auffassungen und anderem Ehrgeiz, dem Herrscher der Welt nachfolgte und der Enkel des Narses einen langen und denkwürdigen Krieg gegen die Kaiser aus der Dynastie des Constantin unternahm.   TRIUMPH DES DIOCLETIAN UND MAXIMIAN A.D. 303 Das mühsame Werk, das bedrohte Imperium vor Tyrannen und Barbaren zu retten, hatte nunmehr eine lange Folge illyrischer Bauern vollendet. Sobald nun Diocletian in sein zwanzigstes Regierungsjahr eingetreten war, feierte er dieses bemerkenswerte Jubiläum – und natürlich auch den Sieg seiner Waffen – durch einen pompösen Triumphzug Eusebios, Chronica; Pagi, Annales ad annum. Bis zur Entdeckung von ›De mortibus Persecutorum‹ war es unsicher, ob Triumph und Zwanzigjahrfeier zu gleicher Zeit gefeiert wurden. . An diesem Tage des Ruhms war Maximian, sein gleichberechtigter Partner der Macht, der einzige Teilhaber seines Glückes. Auch die beiden Caesaren hatten gekämpft und gesiegt, aber das Verdienst an ihren Erfolgen hatte gemäß den strengen Anschauungen des Altertums der glückhafte Einfluss ihrer Väter und Kaiser Während der Zwanzigjahrfeier scheint Galerius wiederum an der Donau Posten bezogen zu haben. (Lact., de mort. 38) . Der Triumphzug von Diocletian und Maximian war wohl weniger glanzvoll als die des Aurelius und Probus, aber er war durch verschiedene rühmliche und glückliche Nebenumstände bemerkenswert. Afrika und Britannien, der Rhein, die Donau und der Nil lieferten ihre jeweiligen Trophäen; aber am auffälligsten war eine Einzelheit, nämlich der Sieg über die Perser, auf den dann eine wichtige Eroberung folgte. Die Darstellung von Flüssen, Bergen und Provinzen wurden dem kaiserlichen Triumphwagen vorangetragen. Die Portraitbilder der gefangenen Frauen, Schwestern und Kinder des Großkönigs boten der Eitelkeit des Volkes neuerliche Nahrung Eutropius (9,27) erwähnt sie sogar als Bestandteil des Triumphzuges; da sie aber als Personen zu Narses zurückgekehrt waren, konnten lediglich ihre Bilder vorgeführt worden sein. . In den Augen der Nachwelt ist dieser Triumph jedoch durch ein wenig ehrenhaftes Attribut denkwürdig: es sollte der letzte sein, der jemals in Rom abgehalten wurde. Schon bald darauf hörten die Herrscher auf, siegreich zu sein, und Rom hörte auf, die Hauptstadt der Welt zu sein.   ROMS BEDEUTUNG ALS HAUPTSTADT SCHWINDET Der Flecken Erde, auf dem einst Rom gegründet ward, wurde durch altehrwürdige Zeremonien und angebliche Wunder geheiligt. Jeder Winkel der Stadt war von der Anwesenheit irgendeines Gottes oder dem Gedächtnis an einen Heroen durchwoben, und die Weltherrschaft war der Hauptstadt gleichsam verbürgt Livius (5,54) gibt uns zu diesem Punkt eine Rede des Camillus wieder, in welcher er voller Eloquenz und Herzenswärme gegen den Vorschlag argumentiert, den Regierungssitz von Rom in das benachbarte Veii zu verlegen. . Die Stadtrömer spürten die Wirkmächtigkeit dieser wohligen Illusion, und sie taten es gern. Sie hatten sie von ihren Vorfahren übernommen, waren mit ihr von Kindesbeinen an vertraut, und sie war aufgrund politischer Nützlichkeitserwägungen sozusagen geschützt. Regierungsform und -sitz waren innig miteinander verwoben, und undenkbar schien es, das eine abzuschaffen, ohne dabei nicht auch das andere zugrunde zu richten Julius Caesar scheiterte mit seiner Absicht, die Zentrale nach Ilium oder Alexandria zu verlegen. (Sueton, Caesar 79) Entsprechend den scharfsinnigen Konjekturen von Herrn Le Févre und Dacier verfolgte die dritte Ode aus dem dritten Buch des Horaz die Absicht, Augustus von der Ausführung eines ähnlichen Planes abzubringen. . Aber mit zunehmender Größe des Reiches nahm die Bedeutung der Hauptstadt ab; die Stellung der Provinzen war nahezu gleichberechtigt, und die unterworfenen Nationen erhielten den Namen und die Vorrechte der Römer, wenn auch nicht deren besonderes Ansehen. Lange Zeit hindurch behielt Rom seine Bedeutung nur noch aufgrund althergebrachter Verfassungsgrundsätze und sozusagen gewohnheitsrechtlich. Die Kaiser, mochten sie auch illyrischer oder afrikanischer Herkunft sein, achteten das Land, das sie sich angeeignet hatten, da es der Mittelpunkt ihrer Macht und das Zentrum ihres gewaltigen Herrschaftsgebietes war. Kriegerische Wechselfälle machten oftmals ihre Anwesenheit an den Reichsgrenzen erforderlich; aber Diocletian und Maximian waren die ersten römischen Herrscher, welche in Friedenszeiten ihre Residenz in die Provinzen verlegten; und diese Maßnahmen wurden, wie sehr sie auch durch private Motive hervorgerufen sein mochten, durch äußerst fadenscheinige politische Erwägungen begründet.   MAILAND WIRD REGIERUNGSSITZ – NIKOMEDIA Der Hof des Herrschers des Westens wurde in Mailand etabliert, dessen Lage am Fuße der Alpen weitaus besser als die Roms geeignet schien, die Bewegungen der Barbaren aus Germanien zu kontrollieren. Schon bald blühte Mailand im Glanze einer kaiserlichen Residenzstadt. Die Gebäude waren zahlreich und gediegen ausgeführt; die Bevölkerung war städtisch-zivilisiert und freisinnig. Ein Zirkus, ein Theater, eine Münzstätte, ein Palast, Bäder, die den Namen ihres Stifters Maximian trugen, Statuen, geschmückte Porticos und eine doppelte Wallanlage trugen das Ihre zur Schönheit dieser neuen Residenz bei; selbst die Nähe Roms schien ihr nicht abträglich zu sein Sie Aurelius Victor, Caesares 39, der auch die Gebäude erwähnt, die Maximian in Karthago – vermutlich während des Maurischen Krieges – hat errichten lassen. Wir fügen hier einige Verse des Ausonius aus dem ›Ordo urbium nobilium‹: Et Mediolani mira omnia; copia rerum;/ Innumerae cultaeque domus; facunda virorum/Ingenia, et mores laeti: tum duplice muro/Amplificata loci species; populique voluptas/Circus; et inclusi moles cuneata Theatri;/Templa, Palatinaeque arces, opulensque Moneta,/Et regio ›Herculei‹ celebris sub honore lavacri./Cunctaque marmoreis ornata Peristyla signis;/ Moeniaque in valli formam circumdata labro,/Omnia quae magnis operum velut aemula formis/Excellunt: nec juncta premit vicinia Romae. (Auch Mailand ist voller Wunder: alles ist in Mengen vorhanden,/ungezählte prachtvolle Häuser; Männer, redegewandt, erfindungsreich, frohgemut; durch eine Doppelmauer/vermehrt sich der Glanz des Ortes; ein Circus/des Volkes Freude; das Theater mit terassenförmig aufsteigenden Sitzblöcken;/ die Tempel, mächtige Zitadellen, die üppige Münzstätte,/ und der Stadtteil, berühmt als ›Bad des Hercules‹./ Alle Peristyle geschmückt mit Statuen von Marmor;/Stadtmauern wie ein Erdwall um die Stadt geschichtet;/alles dieses, als ob es wetteiferte in großer Formvielfalt,/ und auch das nahe Rom hält es nicht nieder.) . Auch Diocletian war bestrebt, die Bedeutung Roms zu mindern; zu diesem Zwecke wandte er seine Mußestunden und die Reichtümer des Ostens auf, um Nikomedia auszuschmücken, welche Stadt sich auf der Schwelle zwischen Europa zu Asien befindet und etwa auf halber Strecke zwischen der Donau und dem Euphrat liegt. Entsprechend den Geschmacksvorstellungen des Kaisers und auf Kosten der Bevölkerung entfaltete Nicomedia binnen weniger Jahre eine Pracht, die man für das Ergebnis generationenlanger Anstrengungen hätte halten können und die nur noch von der Roms, Alexandrias und Antiochias übertroffen wurde Lactantius, de Mortibus 7; Libanios, Orationes 8. . Das Leben Diocletians und Maximians war ein Leben der Tat, und viele Jahre verbrachten sie in Militärlagern zu, oder sie befanden sich auf einem ihrer zahlreichen und langen Heerzüge; wann immer aber die Amtsgeschäfte es zuließen, haben sie sich, und zwar offenbar freudevoll, in ihre Lieblingsresidenzen Mailand und Nicomedia zurückgezogen. Bis zu seinem Triumphzug in seinem zwanzigsten Regierungsjahr scheint Diocletian sich überhaupt nicht in der altehrwürdigen Reichshauptstadt aufgehalten zu haben, und selbst bei dieser Gelegenheit bleib er nicht länger als zwei Monate. Von der plump-zudringlichen Vertraulichkeit der Römer abgestoßen, verließ er Rom überstürzt und dreizehn Tage vor jenem festgesetzten Termin, zu dem man ihn, mit konsularischen Würden angetan, im Senat erwartet hatte Lactantius, de Mortibus 17; bei ähnlicher Gelegenheit benennt Ammianus (16,10) die dicacitas plebis (den Volkswitz) als dem kaiserlichen Ohre unwillkommen. .   SENAT VERLIERT AN BEDEUTUNG Die Abneigung, die Diocletian Rom und der Römischen Freiheit gegenüber empfand, war nun durchaus nicht das Ergebnis einer Augenblickslaune, sondern die Folge einer kühlkalkulierten Politik. Dieser berechnende Herrscher hatte ein neues kaiserliches Verwaltungssystem gezimmert – die Familie der Constantine sollte es vollenden-, aber da nun der Senat die Idee der alten Verfassung mit religiöser Treue bewahrte, plante er, diesem Stande auch noch seine letzten Macht- und Beratungsbefugnisse zu beschneiden. Erinnern wir uns der flüchtigen Größe und der hochfliegenden Hoffnungen des römischen Senates etwa acht Tage vor der Thronbesteigung Diocletians; solange diese Aufbruchstimmung vorherrschte, waren zahlreiche Notabeln unklug genug, ihren Eifer für die Sache der Freiheit auch zu zeigen. Und als die Nachfolger des Probus den Vertretern des Republikgedankens ihre Unterstützung entzogen hatten, war es den Senatoren nicht gegeben, ihren ohnmächtigen Zorn zu verhehlen. So ward dem Herrscher Italiens, Maximian, aufgetragen, diesen eher ärgerlichen als wirklich gefährlichen Geist auszulöschen, und für dieses Geschäft fand sich seine grausame Veranlagung bestens vorbereitet. Die angesehenen Senatsmitglieder, die zu achten Diocletian stets vorgegeben hatte, wurden durch seinen Kollegen mit der Anklage sogenannter Verschwörungen überzogen; und bereits der Besitz eines eleganten Landhauses oder eines ordentlich geführten Gutsbesitzes wurde als eindeutiger Schuldbeweis ausgelegt Lactantius, de Mortibus 8, beschuldigt Maximian, er habe »fictis criminationibus lumina senatus« (durch ausgedachte Verbrechen die Einsichten des Senates ruiniert. Aurelius redet über die Freundestreue des Diocletian nur sehr unbestimmt. . Die Prätorianer, die solange Roms Majestät bedrängt hatten, gingen nun dazu über, sie zu verteidigen; denn da diese arrogante Truppe bemerken musste, wie es auch mit ihrer Macht zu Ende ging, waren sie naturgemäß geneigt, ihre Stärke mit der Autorität des Senates zu vereinigen.   IOVIANER UND HERKULIANER DIE NEUE LEIBGARDE Jedoch wurde durch geschickte Maßnahmen des Diocletian die Mannschaftsstärke allgemach herabgesetzt, ihre Privilegien wurden zurückgenommen Truncatae vires urbis, imminuto praetoriarum cohortium atque in armis vulgi numero. Aurelius Victor, de Caesaribus 39 (Roms Kraft wurde verstümmelt, indem die Zahl der Prätorianercohorten und des bewaffneten Volkes vermindert wurde.) Lactantius (De Mortibus 26) schreibt auch Galerius den gleichen Plan zu. , und bald waren an ihre Stelle zwei illyrische Legionen von bewährter Treue getreten, welche unter den neuerdachten Namen der jovianischen und herkuleischen die Aufgaben der kaiserlichen Leibwache übernahmen Es waren bewährte Truppen aus Illyrien; entsprechend den Gepflogenheiten bestanden sie aus jeweils sechstausend Mann. Sie hatten sich einiges Ansehen durch den erfolgreichen Gebrauch der p lumbatae erworben, Pfeilen, mit Blei gefüllt. Jeder Soldat hatte hiervon fünf Stück, welche er aus beträchtlicher Entfernung und mit viel Kraft und Geschicklichkeit abzuschießen verstand. Vegetius, 1,17. . Aber die schmerzlichste, obschon gar nicht einmal auffälligste Kränkung, die Diocletian und Maximian dem Senat zufügten, war deren beständige Abwesenheit von Rom. Solange die Kaiser in Rom herrschten, konnten sie diese Versammlung möglicherweise unterdrücken: ignorieren konnten sie sie schwerlich. Die Nachfolger des Augustus übten ihre Macht aus, indem sie Gesetze erließen, wie sie ihnen ihre Weisheit oder Dummheit eingeben mochte; aber erst durch Senatsentscheid wurden diese Gesetze rechtswirksam. In des Senates Beschluss und Befinden lebte noch ein Stück der alten Freiheit weiter; und kluge Herrscher, die die Vorlieben der Römer mit zärtlicher Rücksichtnahme behandelten, fühlten sich im Umgang mit dieser ersten und eigentlichen Versammlung der Republik zu den höflichsten Umgangsformen veranlasst. Gegenüber der Armee und den Provinzen kehrten sie ihre imperiale Würde hervor; und erst, als sie ihre Residenz in einiger Entfernung von der Hauptstadt aufgeschlagen hatten, entschlugen sie sich jeder weiteren Verstellung, die Augustus seinen Nachkommen so dringend anempfohlen hatte. In Ausübung ihrer legislativen und exekutiven Gewalt berieten sich die Kaiser mit ihren Ratgebern, anstelle sich bei der großen Versammlung der Nation Rats zu erholen. Bis zum Ausgang des Reiches wurde der Name des Senates in aller Distinktion genannt; die Eitelkeit seiner Mitglieder wurde durch allerlei ehrbare Unterscheidungsmerkmale gekitzelt Siehe den Codex Theodosianus 6,2 nebst Gothofreds Kommentar. ; und doch musste man sich mit Würde dareinzufinden, dass die Versammlung selbst, die solange Quelle und Werkzeug der Macht gewesen war, allgemach in respektabler Bedeutungslosigkeit versank. Der Senat zu Rom, aller Verbindungen zum Kaiserhofe und zur aktuellen Politik ledig, war schließlich nur noch eine Antiquität auf dem kapitolinischen Hügel: ehrwürdig, aber nutzlos.   NIEDERGANG DER ZIVILEN ÄMTER · POMPÖSE HOFHALTUNG Sobald die römischen Herrscher den Senat und die alte Hauptstadt aus dem Auge verloren hatten, wurde es ihnen leicht, auch den Ursprung und die Beschaffenheit ihrer Macht zu vergessen. Die bürgerlichen Ämter der Konsuln, der Prokonsuln, der Zensoren und der Volkstribunen, durch deren Zusammenlegung eben diese Macht gebildet worden war, verrieten dem Volk immerhin noch ihre republikanische Herkunft. Diese bescheidenen Titel wurden nunmehr ad acta gelegt Siehe die 12. Abhandlung von Spanheims vorzüglichem Werk de Usu Numismatum. Jeden Titel aus Medaillen, Inschriften und Historie untersucht er gesondert und geht ihm nach von Augustus bis zu seinem Verschwinden. ; und wenn die Kaiser durch den Titel IMPERATOR ihre erhabene Stellung kennzeichneten, dann wurde dieses Wort in einem neuen und höheren Sinne aufgefasst und nicht mehr einem römischen Feldherren verliehen, sondern dem Beherrscher der römischen Welt. Der Name Imperator, zunächst eine rein militärische Bezeichnung, trat nun im Zusammenhang mit einer anderen, weitaus servileren Bezeichnung auf. Das Epitheton DOMINUS, oder Herr, kennzeichnete in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht die Beziehung zwischen Herrscher und Untertan oder Befehlshaber und Soldaten, sondern die absolute Gewalt des Besitzers über seine Sklaven Plinius (Panegyricus 3,5) spricht von dominus nur mit Abscheu, als einem Synonym für Tyrann, und als einem Gegensatz zu Herrscher. Und derselbe Plinius verleiht (im X. Buch seiner Briefe) diesen Titel einem, der eher als sein Herr sein Freund war, nämlich dem großen Trajan. Dieser befremdende Ausdruck verwirrt jeden Kommentator, der noch denken und jeden Übersetzer, der noch schreiben kann. . Da auch die ersten Cäsaren diesen Ekelnamen in diesem Sinne auffassten, wiesen sie ihn mit Abscheu von sich. Allerdings wurde ihre Ablehnung im Laufe der Zeit matter und der Name weniger fluchbeladen; bis endlich die Bezeichnung Unser Herr und Kaiser nicht mehr ein Schmeichel-Topos, sondern zum regelgerechten Bestandteil öffentlicher Verlautbarungen und Gesetze wurde. Solche himmelanstrebende Titulatur vermochte noch die maßloseste Eitelkeit zu nähren und zu befriedigen; und wenn die Nachfolger des Diocletian noch immer den Königstitel für sich ablehnten, so war dies nicht so sehr Ausdruck ihrer Bescheidenheit als vielmehr ihrer Empfindlichkeit. Wo immer die lateinische Zunge gesprochen wurde (und es war dies nun einmal die Amtssprache im ganzen Reich), vermittelte der Kaisertitel in seiner Besonderheit eine andere Vorstellung als der Name eines Königs, welchen sich die Kaiser mit hunderten von barbarischen Stammeshäuptlingen hätten teilen müssen, oder welchen sie günstigstenfalls auf Romulus oder Tarquinius hätten zurückführen können. Aber die Empfindungen des Orients waren von denen des Abendlandes deutlich verschieden. Seit es Geschichte gab, wurden die Herrscher Asiens mit der griechischen Bezeichnung BASILEUS (»König«) bedacht, und da dies als die höchste Auszeichnung unter den Menschen angesehen wurde, bedienten sich die knechtsinnigen Provinzen des Ostens ihrer gerne in ihren Ergebenheitsadressen an den römischen Thron Synesios, de Regno, p. 15. Wegen dieses Zitates bin ich dem Abbé de la Bléterie verpflichtet. . Selbst die Attribute, oder doch wenigstens der Titel der GÖTTLICHKEIT wurden dem Diocletian und Maximian zugeeignet, und dann auf ihre christlichen Amtsnachfolger fortgeerbt Siehe van Dale de Consecratione, p. 354ff. Die Kaiser verwendeten in den Präambeln zu den Gesetzen üblicherweise ihr numen, geheiligte Majestät und göttliches Orakel u.a. Tillemont zufolge beklagt Gregor von Nazianz bitterlich diese Profanisierung, zumal, wenn sie von einem arianischen Kaiser praktiziert wurde. . Solche zügellosen Titel verlieren jedoch bald ihren Inhalt und damit auch das Odium der Gottlosigkeit; und hat sich das Ohr erst einmal an den Klang gewöhnt, dann werden sie nur noch mit Gleichmut als ebenso allgemeingehaltene wie übertriebene Respektsbezeigungen empfunden.   PERSISCHER ZEREMONIELL AM RÖMISCHEN KAISERHOF Von Augustus bis zu Diocletian erwies man den römischen Herrschern, wenn sie mit ihren Mitbürgern vertrauten Umgangs pflegten, den gleichen Respekt wie etwa einem Senator oder einem anderen Würdenträger. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal war die kaiserliche oder die militärische Purpurrobe, während der Senatorenmantel lediglich einen breiten und der der Ritter einen schmalen Streifen mit dieser Ehren-Farbe trug. Diocletians Stolz oder wenigstens seiner berechnenden Politik blieb es vorbehalten, die üppige Prachtentfaltung des persischen Hofes einzuführen Siehe Spanheim, de usu numismatium Diss.12. . Er besaß sogar den Mut, sich das Diadem aufzusetzen, welcher Schmuckreif von den Römern als ein verhasstes Symbol des Königtums angesehen wurde und dessen Verwendung durch Caligula als eine komplette Wahnsinnstat angesehen wurde. Es war im Grunde nur ein breites, perlenbesetztes Haarband, welches das Haupt des Herrschers umschlang. Die üppigen Gewänder Diocletians und seiner Mitregenten waren von Gold und Seide; mit Abneigung wird bemerkt, dass selbst ihre Schuhe mit wertvollsten Edelsteinen geziert waren. Der Zugang zu ihren geheiligten Personen gestaltete sich täglich komplizierter, wurden doch beständig neue Rituale und Zeremonien ersonnen. Die Palast-Straßen wurden von neuen Schulen (damals kam dieser Name zum ersten Male auf) von inländischen Hofbeamten streng bewacht. Die inneren Gemächer unterlagen der eifersüchtigen Aufmerksamkeit der Eunuchen; an Zahl und Einfluss nahmen diese beständig zu, und diese Tatsache mag als das zuverlässigste Indiz für den heraufziehenden Despotismus angesehen werden. Wurde nun ein Untertan endlich vor seine kaiserliche Majestät gelassen, so war ihm auferlegt, gleichgültig, welchen Ranges er war, langgestreckt in den Staub zu fallen und in Anlehnung an orientalische Gebräuche die Göttlichkeit seines Herren und Meisters anzubeten Aurelius Victor; Eutropius 9,26; den Panegyriken lässt sich entnehmen, dass sich die Römer rasch mit Begriff und Praxis der Anbetung ausgesöhnt hatten. . Diocletian war ein durchaus vernünftiger Mann, welcher im Laufe seines privaten und öffentlichen Lebens eine wohlbegründete Einschätzung seiner Selbst und der Menschheit erworben hatte; und schwerlich wird man sich dazu verstehen können, dass er bei der Einfuhr persischer Hofgepflogenheiten nach Rom sich von niederen Beweggründen wie etwa der Eitelkeit habe anstiften lassen. Aber er redete sich ein, dass die Demonstration von Glanz und Luxus die Phantasie der Menge beschäftigen werde; und dass der Herrscher umso weniger der plumpen Zudringlichkeit der Menge und der Soldaten ausgesetzt sei, je mehr er den Blicken der Öffentlichkeit entzogen war; und dass endlich gewohnheitsmäßige Unterwerfung irgendwann auch das Gefühl der Verehrung zu erzeugen imstande sei. Genau wie das bescheidene Auftreten des Augustus war auch der von Diocletian zelebrierte Pomp nur Staatstheater; aber wir müssen zugeben, dass von diesen beiden Komödien die erstgenannte eine wesentlich liberalere Optik bot als die zweite. Das Ziel des einen war es, die unbegrenzte kaiserliche Macht zu verschleiern, die Absicht des anderen, sie möglichst sinnfällig zur Schau zu stellen.   NEUE REGIERUNGSFORMEN: ZWEI AUGUSTI UND ZWEI CAESAREN Pomp war somit der eine Grundsatz des neuen, von Diocletian eingerichteten Systems, Teilung der zweite. Er teilte das Reich, die Provinzen sowie jeden nur erdenklichen Zweig ziviler und militärischer Verwaltung. Er vermehrte die Rädchen der Regierungsmaschinerie und machte sie so zwar langsamer, aber auch zuverlässiger. Welchen Nachteil oder Vorteil wir an diesen Umgestaltungen nun entdecken mögen, sie müssen ihren Erfinder angerechnet werden. Da aber dieser neugesteckte Politik-Rahmen von nachfolgenden Herrschern verbessert und erweitert wurde, mag es von größerem Nutzen sein, seine kritische Würdigung bis zu dem Zeitpunkt aufzusparen, in welchem er seine ganze Reife und Wirkung erlangt hat Die Neuerungen des Diocletian lassen sich wesentlich herleiten aus 1.: einigen sehr bedeutenden Passagen des Lactantius; 2.: aus den zahlreichen verschiedenen Ämtern, welche dem Gesetzbuch des Theodosius zufolge schon vor Beginn der Herrschaft der Konstantine fest etabliert waren. . Wir wollen uns also die genauere Schilderung des Imperiums für die Regierungszeit der Constantine aufsparen und uns vorderhand damit begnügen, die Regierungs- und Entscheidungsgrundsätze zu schildern, nach denen Diocletian verfuhr. In die Ausübung seiner Macht teilte er sich mit drei Kollegen; und da er sich im Klaren darüber war, dass die Kräfte eines einzelnen Mannes der Summe der öffentlichen Aufgaben nicht gewachsen waren, sah er in der gemeinsame Regierung durch vier Herrscher keinen vorübergehenden Notbehelf, sondern einen elementaren Verfassungsgrundsatz. Nach seinen Absichten sollten sich die beiden älteren Herrscher durch das Tragen des Diadems und der Titel Augustus auszeichnen; ferner sollten sie sich, da ja bei ihrer Wahl Zuneigung oder Wertschätzung eine Rolle gespielt haben könnten, regelmäßig der Assistenz zweier nachgeordneter Kollegen versichern können; und endlich sollten diese Cäsaren , die ja ihrerseits als ihre Nachfolger in die führende Stellung hineinwuchsen, die Kontinuität der Herrscherfolge gewährleisten. Das Reich selbst war in vier Teile unterteilt. Der Osten und Italien galten als die ehrenvollsten, Donau- und Rheinprovinzen als die schwierigsten Reichsteile. Die erstgenannten verlangten nach der Anwesenheit eines Augustus , letztere wurden den Händen der Cäsaren anvertraut. Die gesamte Heeresmacht war unter die vier aufgeteilt, und die zum Verzweifeln geringe Aussicht, sich gegen vier fürchterliche Feinde nacheinander erfolgreich zu behaupten, mag den hochfliegenden Ehrgeiz von so manchem machtbesessenem General gedämpft haben. In Zivilangelegenheiten übten die Herrscher ungeteilte Machtbefugnisse aus, und ihre Erlasse, unterschrieben im Namen aller Vier, hatten in allen Provinzen Geltung, da sie nur nach gegenseitiger Beratung und Anerkennung verkündet wurden. Trotz dieser vorbeugenden Maßregeln begann sich die politische Einheit des Reiches aufzulösen und das Prinzip der Teilung zu herrschen, welche im Laufe nur weniger Jahre die endgültigen Trennung in ein West- und Ostreich vollendete.   ANWACHSEN DER STEUERLASTEN Diesem System Diocletians wohnte noch ein weiteres, sehr handgreifliches Manko inne, welches selbst heute noch nicht vollständig abzuschätzen ist; eine aufgeblähtes Regierungssystem und damit einhergehend ein Anwachsen der Steuern und der Belastung der Bevölkerung. Anstelle eines einzigen maßvollen Haushaltes mit Sklaven und Freigelassenen, mit denen sich etwa die schlichte Größe eines Augustus oder Trajan zufriedengegeben hatte, wurden drei oder vier gewaltige Königshöfe in unterschiedlichen Reichsteilen eingerichtet, und eben so viele römische Könige wetteiferten untereinander und dazu noch mit dem persischen Großkönig um die leere Genugtuung, Spitzenleistungen in Pracht- und Glanzentfaltung zu erbringen. Die nackte Zahl der Minister, der Magistrate, der Befehlshaber und der Diener, die in den unterschiedlichen Teilen des Reiches tätig waren, übertraf die früherer Zeiten um ein Vielfaches; und (wenn wir uns denn den beißenden Ausdruck eines Zeitgenossen ausleihen dürfen) »als dann die Anzahl derer, die einkassierten, diejenige übertraf, welche zahlten, wurden die Provinzen unter der Steuerlast zerquetscht Lactantius, de Mortibus 7. .« Es fiele leicht, von diesem Zeitpunkt bis zum endgültigen Untergang des Reiches eine ununterbrochene Reihe von Klagen und Beschwerden aufzuzeichnen. Je nach Religion und Stellung widmeten die einzelnen Autoren nacheinander dem Diocletian, Constantin, Valens oder Theodosius ihren bittersten Hass; immerhin besteht aber darin Einmütigkeit, wenn sie die Last der Steuern im Allgemeinen und der Land- und Kopfsteuern im Besonderen als das unerträgliche und stündlich wachsende Übel ihrer Zeit ausmalen. Infolge solcher Unübersichtlichkeit wird man nun den unparteiischen Historiker, welcher aus der Satire ebenso die Wahrheit herausdestillieren muss wie aus einer Jubelrede, bereit finden, die Schuld gleichmäßig auf die angeklagten Herrscher zu verteilen und ihre maßlosen Geldforderungen weniger ihren jeweiligen persönlichen Lastern zuzuschreiben als ihrem stets gleichbleibenden Verwaltungssystem. Urheber des Systems war allerdings Kaiser Diocletian; aber unter seiner Regierung hielt sich das wachsende Übel noch leidlich in Grenzen; und nicht dafür steht er unter Anklage, dass er sich persönlich bereichert, als vielmehr, dass er ein verhängnisvolles Vorbilder abgegeben hat Indicta lex nova quae sane illorum temporum modestia tolerabilis, in perniciem processit. (Ein neues Gesetzt wurde erlassen, welches ganz gewiss den bescheidenen Anforderungen jener Zeit erträglich war, nunmehr aber ins Verderben führt.) Aurelius Victor, de Caesaribus 39, der Diocletians Charakter mit tiefer Einsicht und elendem Latein beschrieben hat. . Es sollte noch hinzugefügt werden, dass seine Steuern klugbedacht und haushälterisch verwaltet wurden; und dass nach Abzug aller laufenden Ausgaben übergenug in der kaiserlichen Schatulle zurückblieb, Freigebigkeit oder Hilfsbereitschaft auszuüben.   DIOCLETIAN UND MAXIMIAN DANKEN AB Es war im einundzwanzigsten Jahre seiner Herrschaft, dass Diocletian seinen denkwürdigen Beschluss umsetzte und abdankte; man hätte diese Tat füglich von dem älteren oder jüngeren Antoninus erwartet, aber nicht von einem Herrscher, der weder auf dem Wege zur Macht noch bei ihrer Ausübung sich als praktizierender Philosoph bewiesen hatte. Diocletian kann den Ruhm beanspruchen, als erster Herrscher der Geschichte freiwillig zurückgetreten zu sein, welchem Beispiel übrigens von nachfolgenden Monarchen nicht eben häufig nachgeeifert ward Solus omnium, post conditum Romanum Imperium, qui ex tanto fastigio sponte ad privatae vitae statum civilitatemque remearet. (Der Einzige von allen, der seit Gründung des Römischen Reiches von so großer Höhe in den privaten und bürgerlichen Stand herabgestiegen ist.) Eutropius 9, 28. .   VERGLEICH MIT KARL V. VON HABSBURG Naturgemäß drängt sich die Parallele zu Karl V. von Habsburg auf, und zwar nicht nur, weil ein sprachgewandter Historiker der Gegenwart diese Figur dem englischen Lesepublikum nahegebracht hat, sondern vor allem wegen der tatsächlich frappierenden Ähnlichkeit zwischen den beiden Kaisern, deren politische Begabung ihre militärische weit übertraf und deren besondere Eignung kein Geschenk der Natur, sondern der Erziehung war. Karls Abdankung scheint durch die Wechselfälle des Schicksals vorangetrieben worden zu sein; das Scheitern seiner Lieblingsprojekte bestimmte ihn, auf eine Macht zu verzichten, die seinen Ehrgeiz nicht mehr zufrieden stellte. Aber die Regierung des Diocletian war eine einzige Erfolgsserie gewesen; auch schien er mit keinen einzigen ernsthaften Gedanken an Rücktritt umgegangen zu sein, solange er nicht den letzten seiner Feinde besiegt und alle seine Pläne vollendet hatte. Weder Karl noch Diocletian standen im Greisenalter; denn der eine war erst fünfundfünfzig und der andere nicht älter als neunundfünfzig Jahre alt; aber das umtriebige Leben dieser Herrscher, ihre Kriege und ihre Reisen, ihre Regentenverpflichtungen und ihr Arbeitseifer hatten bereits ihre Gesundheit untergraben und sie vorzeitig altern lassen Die Einzelheiten der Reise und der Krankheit stammen aus Lactantius 17, welchen man bisweilen als Bürgen für öffentliche Ereignisse und nur sehr selten für Anekdoten aus der Privatsphäre heranziehen sollte. .   DIOCLETIANS LANGE KRANKHEIT A.D. 304 Trotz der Widrigkeiten eines sehr kalten und regnerischen Winters verließ Diocletian Italien kurz nach seinem Triumphzug und begann seine Reise in Richtung Osten durch die illyrischen Provinzbezirke. Infolge des nass-kalten Wetters und der Anstrengungen der Reise befiel ihn eine schleichende Krankheit; und obwohl er nur kleine Tagesstrecken zurücklegte und fast immer in einem geschlossenen Wagen befördert wurde, war seine Unpässlichkeit noch vor seiner Ankunft in Nicomedia am Ende des Sommers zu einer ernsthaften und schweren Krankheit ausgewachsen. Den ganzen Winter hindurch war lag er in seinem Palast darnieder; die Gefahr, in der er schwebte, rief sogar eine allgemeine und ungeheuchelte Besorgnis hervor; aber die Öffentlichkeit konnte auf seinen jeweiligen Gesundheitszustand nur aus den Anzeichen von Besorgnis oder Freude schließen, die sie in den Mienen oder dem Verhalten seiner Diener zu entdecken meinte. Das Gerücht von seinem Ableben wurde für längere Zeit allgemein geglaubt, und man argwöhnte, dass man seinen Tod verschweige, um eventuellen Unruhen während der Abwesenheit des Caesar Galerius vorzubeugen. Schließlich jedoch, am ersten März, erschien Diocletian wieder in der Öffentlichkeit, aber derart blass und ausgezehrt, dass selbst seine engsten Vertrauten ihn kaum erkannt haben würden. Es war an der Zeit, dem schmerzhaften Kampf ein Ende zu setzen, in welchem er sich seit länger als einem Jahr befand, dem Kampf zwischen seiner Gesundheit und seiner kaiserlichen Pflicht. Erstere verlangte Rücksichtnahme und Schonung, letztere verlangte ihm vom Krankenlager aus die Verwaltung eines Riesenreiches ab. So beschloss er denn, den Rest seiner Tage in ehrbarer Zurückgezogenheit zu verbringen, seinen Ruhm nicht mehr dem Zugriff des Schicksals auszusetzen und die Leitung des Welttheaters seinen jungen und zupackenden Gefährten zu überlassen Aurelius Victor, Caesares 39, nennt als Gründe für die Abdankung, welche auf vielfältigste Weise erklärt worden ist, wesentlich diese beiden: 1.: Diocletians Verachtung des Ehrgeizes; 2.: seine Sorge vor künftigen Schwierigkeiten. Eine der Panegyriker (9,9) nennt sein Alter und seine angegriffene Gesundheit eine höchst natürliche Ursache für seinen Rücktritt. .   ABDANKUNG IN SALONA Die Abdankungszeremonie selbst fand statt auf planem Felde, drei Meilen von Nicomedia entfernt. Der Herrscher bestieg einen erhöhten Thron, und in einer würde- und gedankenvollen Rede erläuterte er dem anwesenden Volk und den Soldaten, die sich zu dieser außerordentlichen Gelegenheit eingefunden hatten, seine Absichten. Danach entledigte er sich des imperialen Purpurs, entfernte sich von der gaffenden Menge, durchquerte die Stadt in einem geschlossenen Wagen und gelangte ohne Verzug zu der Stätte seines Rückzugs, den er sich in seinem Heimatland Dalmatien ausgesucht hatte. Am gleichen Tage, dem ersten Mai, trat verabredungsgemäß auch Maximian in Mailand von allen seinen kaiserlichen Ämtern zurück Die Probleme und Irrtümer, die im Zusammenhang mit der Jahres- und Tagesdatierung von Diocletians Andankung aufgetreten sind, hat Tillemont vollständig behoben, vgl. Histoire des Empereurs Bd.4, p. 525 und Pagi ad annum. . Sogar während der Hochstimmung seines Triumphes war Diocletian mit Abdankungsplänen umgegangen. Da er der Folgsamkeit des Maximian sicher sein wollte, verlangte er ihm entweder eine allgemein gehaltene Zusicherung ab, dass er sein Handeln am Vorbild seines Wohltäters ausrichten werde, oder das bestimmte Versprechen, dass er des Thrones entsagen werde, wann immer ihm dies empfohlen oder durch sein Vorbild nahegelegt werde. Diese Verpflichtung, die durch feierliche Eidesleistung vor dem Altar des kapitolinischen Jupiter Siehe Panegyriker 6,9.Die Rede wurde erst gehalten, nachdem Maximian den Purpur wieder angelegt hatte. noch zusätzliches Gewicht erhielt, hätte das unternehmende Gemüt des Maximian nur wenig zurückgehalten, liebte er die Macht doch über alles und bedeutete ihm die gegenwärtiger Ruhe ebenso wenig wie sein Ansehen vor der Geschichte. Indessen, er beugte sich, wenn auch zähneknirschend dem Übergewicht, das sein weltkluger Kollege über ihn erlangt hatte und zog sich unmittelbar nach dessen Rücktritt in seinen Landsitz in Lucania zurück, an welchem Ort jedoch seinem zupackenden Gemüt naturgemäß keine längere friedliche Einkehr beschieden sein mochte.   SEIN ALTERSSITZ IN SALONA Diocletian hingegen, der sich aus kleinsten Anfängen bis zum Thron emporgearbeitet hatte, verbrachte die letzten neun Jahre seines Lebens als Privatmann. Seinen Rücktritt hatte die Vernunft veranlasst und Verachtung, so will es scheinen, hatte ihm das Geleit gegeben; indessen mochte er für lange Zeit der Anerkennung jener Herrscher versichert sein, in deren Hände er die Welt gelegt hatte Eumenius macht ihm ein sehr hübsches Kompliment: »At enim divinum illum virum, qui primus imperium et participavit et posuit, consilii et facti sui non poenitet; nec amisisse se putat quod sponte transcripsit. Felix beatusque vere quem vestra, tantorum principum, colunt obsequia privatum.« Panegyrici 7,15. (Aber jenen göttergleichen Mann, der als erster überhaupt kaiserliche Macht empfing und wieder niederlegte, bereut seine Beschlüsse und Taten nicht; er meint nicht, dass er das, was er freiwillig abgegeben hat, jetzt übertragen hat. Glücklich und wahrlich gesegnet ist er, den so vieler Fürsten Hingabe jetzt auch als Privatmann verehrt.) . Es kommt selten vor, dass jemand, der sich viel im Getriebe der Welt umgetan hat, imstande ist, sich auf sich selbst zu besinnen, und der Verlust an Macht wird von ihnen vor allem wegen des damit verbundenen Mangels an Beschäftigung schmerzlich empfunden. Die Ablenkungen, die Wissenschaft oder innere Einkehr dem Zurückgezogenen in vielfältiger Weise bereitstellen, konnten Diocletians Interesse jedenfalls nicht fesseln; aber immerhin hatte er sich einen Sinn für die die allerunschuldigsten und natürlichsten Vergnügungen bewahrt oder wenigstens bald wiederentdeckt; und so waren seine Mußestunden angefüllt mit Anbauen, Pflanzen und Gärtnern. Seine Antwort an Maximian ist aus gutem Grunde berühmt. Es hatte ihn dieser ruhelose alte Mann angefleht, die Zügel neuerlich in die Hand zu nehmen und den kaiserlichen Purpur wieder anzulegen. Er widerstand der Versuchung mit einem Lächeln des Bedauerns und bemerkte in guter Ruhe, dass Maximian, könnte er nur die Kohlköpfe sehen, die er mit eigener Hand in Salona gepflanzt habe, nicht einen Augenblick länger dieses stille Glück für das Streben nach Macht darangeben würde Dieses berühmte Bonmot verdanken wir dem jüngeren Victor (Epitome 39). Eutropius (9.28) erwähnt den Vorgang nur in allgemeinen Wendungen. . In seinen Unterredungen mit deinen Freunden merkte er des öfteren an, dass von allen Künsten die Kunst des Regierens die schwierigste sei; und zu diesem seinen Lieblingsthema äußerte er sich mit einer Herzenswärme, die nur die Frucht langer Erfahrungen sein konnte. »Wie oft,« so seine stehende Rede, »sind vier oder fünf Minister wenigsten darin einig, ihren Herrscher zu betrügen! In seiner erhabenen Würde ist er dem Getriebe des Lebens entzogen, und es ist ihm unmöglich, die Wahrheit zu erkennen. So kann er nur durch ihre Augen sehen, und er hört nichts außer ihren Verdrehungen. Er berät sich über die wichtigsten Angelegenheiten auf fehlerhafter Grundlage, während die besten und verdientesten seiner Untertanen in Unehre fallen. Durch solche perfiden Kunstgriffe,« setzte Diocletian hinzu, »werden die besten Herrscher zum Opfer der käuflichen Untreue ihrer Höflinge Vopiscus, Historia Augusta, Aurelian, 43. Vopiscus hatte von diesem Gespräch durch seinen Vater erfahren. .« Eine angemessene Einschätzung der eigenen Größe und die sichere Erwartung der Unsterblichkeit können uns die Freuden an der Zurückgezogenheit noch zusätzlich würzen; aber der römische Kaiser hatte eine denn doch zu gewichtige Rolle in der Welt gespielt, als dass er jetzt die Freuden und Geborgenheit einer privaten Existenz ohne Abstriche hätte genießen können. Unmöglich konnten ihm die Umwälzungen verborgen bleiben, die das Reich nach seinem Rücktritt heimsuchten. Unmöglich konnte er hierbei gleichgültig bleiben. Angst, Sorge und Verachtung verfolgten ihn bis in seine Einsamkeit zu Salona. Das Unglück seiner Frau und seiner Tochter verletzten seine Empfindsamkeit oder doch wenigstens seinen Stolz; und auch seine letzten Tage wurden durch einige Kränkungen verbittert, die Licinius und Constantin dem Vater so vieler Kaiser und auch dem Urheber ihres eigenen Glückes hätten ersparen sollen. Ein Bericht Der jüngere Victor erwähnt diesen Bericht. Da aber Diocletian eine Vielzahl von mächtigen und erfolgreichen Feinden hatte, konnte sein Gedächtnis durch ungezählte Verbrechen und Unglücksfälle verdunkelt werden. So wird erzählt, er sei im Wahnsinn gestorben, der Senat habe ihn als Verbrecher verurteilt \&c. von allerdings sehr zweifelhaftem Wert ist bis auf uns gekommen, dass er sich ihrem Zugriff klugerweise durch einen freiwilligen Tod entzog. – Bevor wir nun unsere Betrachtung von Diocletians Leben und Charakter beschließen, wollen wir für einen Moment unsere Aufmerksamkeit dem Ort seiner letzten Lebensjahre zuwenden.   DER PALAST VON SALONA Salona war die Hauptstadt seiner Heimatprovinz Dalmatien und lag etwa zweihundert römische Meilen (entsprechend den Entfernungsangaben für öffentliche Straßen) von Aquileja und der Grenze zu Italien entfernt sowie etwa einhundertundsiebzig Meilen von Sirmium, der eigentlichen Residenzstadt der Kaiser bei ihren Aufenthalten in Illyrien Siehe Wesseling, Itineraria p.269 und 272. . Ein armseliger Flecken trägt noch heute den Namen Salona, aber noch bis ins sechszehnte Jahrhundert haben die Überreste eines Theaters sowie ein Trümmerfeld aus zerbrochenen Marmorsäulen und Rundbögen von der antiken Größe des Ortes Zeugnis abgelegt Der Abt Fortis zitiert in seinem Buch ›Viaggio in Dalmazia‹ (gedruckt in Venedig im Jahr 1774 in zwei schmalen Bändchen im Quartformat) p. 43 ms. Über die Altertümer von Salona, verfasst von Giambattista Giustiani, etwa Mitte XVI. Jh. . Etwa sechs bis sieben Meilen außerhalb der Stadt ließ Diocletian eine gewaltige Palastanlage aufführen, und aus der Größe dieses Bauwerkes mögen wir folgern, wie lange er den Gedanken an Rücktritt verfolgt hatte. Die Wahl eines geeigneten Ortes, der alles bot, was der Gesundheit und dem Wohlbehagen zuträglich war, musste nicht der Voreingenommenheit eines Einheimischen überlassen werden. »Der Boden war trocken und fruchtbar, die Luft rein und belebend und trotz großer Sommerhitze blieb das Land von jenen schwülen und ungesunden Winden verschont, unter denen die Küste Istriens und Italiens zu leiden haben. Der Blick vom Palast war ebenso lieblich wie Boden und Klima einladend. Nach Westen hin liegt die fruchtbare Adriaküste, vor welcher zahlreiche kleine Inseln verstreut liegen, so dass das Meer wie ein großer Binnensee aussieht. Nördlich davon liegt die Bucht, welche zu der antiken Stadt Salona führte, und das dahinter liegende Land bildet einen willkommenen Gegensatz zu dem unermesslichen Eindruck, den das adriatische Meer nach Süden und Osten hervorruft. Nach Norden wird der Blick durch ferne hohe und unregelmäßige Berge begrenzt, in denen zahlreiche Dörfer, Wälder und Weingärten zu finden sind Adam's Antiquities of Diocletian's Palace at Spalato, p.6. Wir wollen noch ein oder zwei weitere Umstände hinzufügen, die wir bei Abt Fortis gefunden haben. Der kleine Fluss Hyader, der schon bei Lucan erwähnt wird, liefert eine ganz vorzügliche Bachforelle, was einen klugen Schreiber, möglicherweise einen Mönch, argwöhnen ließ, dass dies der wichtigste Grund für Diocletians Ortswahl gewesen sei (Fortis, Viaggio p. 45). Derselbe Autor merkt auch an (p.38), dass sich in Spalato (Split) das Interesse an Landwirtschaft wiederbelebe; und dass erst jüngst in der Nähe der Stadt durch eine Gesellschaft von Gentlemen eine Versuchsfarm eingerichtet worden sei. .« Obwohl es Constantin gefällt, infolge törichter Voreingenommenheit den Palast des Diocletian nur mit Verachtung zu erwähnen Constantins ›Oratio ad Coetum Sanctotorum‹ 25. In dieser Darstellung versuchen der Bischof oder der Bischof, der sie in seinem Auftrag verfasst hatte, das elende Ende aller Verfolger der Kirche zu belegen. , rühmt einer seiner Nachfolger, der die Anlage noch nicht in vernachlässigtem und zerstörtem Zustand gesehen haben kann, seine Prachtentfaltung mit den Ausdrücken höchster Bewunderung Konstantinos Porphyrogennetos, de Administratione Imperii, p. 86. . Sie bedeckte ein Areal von neun bis zehn englischen acres. Sie hatte einen viereckigen Grundriss und wurde von sechszehn Türmen flankiert. Zwei Seiten waren etwa sechshundert Fuß lang, die beiden anderen fast siebenhundert. Erbaut war das ganze aus schönen Quadersteinen, welche aus dem unfernen Steinbruch von Trau oder Tragutium herbeigeschafft wurden und die fast die Qualität von Marmor besaßen. Vier Straßen, die sich gegenseitig im rechten Winkel kreuzten, teilten diesen Riesenkomplex in einzelne Abschnitte, und der Zugang zum Hauptgebäude erfolgte über ein beeindruckendes Hauptportal, welches noch heute den Namen Goldenes Tor trägt. Der Zuweg wurde von einem peristyl aus Granitsäulen begrenzt, auf dessen einen Seite wir einen quadratischen Aeskulap-Tempel erblicken, während auf der anderen Seite ein achteckiger Jupitertempel zu sehen ist. Der letztere dieser Gottheiten wurde als der Urheber seines Glückes verehrt, der erstgenannte als der Hüter seiner Gesundheit. Vergleichen wir die gegenwärtigen Ruinen mit den Angaben des Vitruvius, so können wir schließen, dass er die übrigen Teile des Palastes, die Bäder, Schlafgemächer, das atrium , die basilica und die korinthische und ägyptische Halle mit einem hinreichenden Maß an Genauigkeit oder an Wahrscheinlichkeit beschrieben hat. Ihre Gestaltung war vielfältig, ihre Proportionen ausgewogen, aber sie besaßen zwei Unzulänglichkeiten, welche unseren heutigen Geschmacksvorstellungen sehr widerstreben: diese gewaltigen Räume besaßen weder Fenster noch Kamine. Licht erhielten sie von oben (denn das Gebäude schien nur ein einziges Stockwerk zu besitzen), und Wärme erhielten sie aus Heizungsrohren, welche an den Wänden entlang verlegt waren. Das Hauptgebäude in seiner Größe wurde nach Südwesten durch ein Portico von fünfhundertundsiebzig Fuß Länge abgeschlossen, was einen sehr erhebenden und erfreulichen Spaziergang ermöglicht haben muss, wenn sich zu den Schönheiten der Malereien und Skulpturen noch die landschaftlichen Reize gesellten.   NIEDERGANG DER KÜNSTE... Hätte diese großartige Palastanlage sich in einem einsamen Lande befunden, dann hätte die Zeit gewiss ihre Spuren an ihr hinterlassen; aber die Raubgier der Menschen wäre ihr – möglicherweise – erspart geblieben. Aus ihren Ruinen blühte später das Dorf des Aspalathus D'Anville, Géographie ancienne, Bd.1, p. 162 und viele Jahre später die Provinzstadt Spalato empor. Das Goldene Tor führt heute direkt auf den Marktplatz. Johannes der Täufer wird verehrt, wo man einst Aeskulap anbetete; und der Jupitertempel konvertierte mit Hilfe der Heiligen Jungfrau zu einer respektablen Kathedrale. Für die Darstellung des Palastes von Diocletian sind wir einem hochbegabten Künstler unserer Zeit und unseres Landes verpflichtet, welchen eine natürliche Neugier in das Herz Dalmatiens verschlagen hat Die Herren Adam und Clerisseau besuchten in Begleitung von zwei Zeichnern im Juli 1757 Spalato. Der großartige Bericht, die Frucht dieser Reise, erschien dann sieben Jahre später zu London. . Aber der Verdacht beschleicht uns, dass seine eleganten Schilderungen und Kupferstiche den Objekten, die sie eigentlich nur abbilden sollten, auch ein wenig schmeicheln. Ein jüngerer und äußerst kritischer Reisender erzählt uns, dass die gewaltigen Ruinen ebenso für den Niedergang der Kunst wie für die Größe des Römischen Reiches zur Zeit Diocletians Zeugnis ablegen. Wenn dies wirklich der Stand der Architektur war, dann sind wir naturgemäß auch zu der Annahme genötigt, dass Malerei und Bildhauerei einen noch deutlicheren Niedergang erfahren haben. Architektur wird nach einer Handvoll allgemeiner, fast könnte man sagen, mechanischer Regeln praktiziert. Aber Bildhauerei und insbesondere die Malerei verlangen nicht nur die Nachahmung natürlicher Vorbilder, sondern der Eigentümlichkeiten und Leidenschaften der menschlichen Seele. In diesen erhabenen Künsten ist eine geschickte Hand von kleinem Nutzen, wenn sie nicht zugleich durch Phantasie belebt und durch einen sicheren Geschmack und eine gute Beobachtungsgabe geführt wird.   ...UND DER WISSENSCHAFTEN Die Feststellung erübrigt sich wohl, dass der angespannte Zustand des Imperiums, die Disziplinlosigkeit der Truppe, die Barbareneinfälle und der zunehmende Despotismus sich auf die Schöpferkraft und selbst die Gelehrsamkeit nicht günstig waren. Die aufeinander folgenden illyrischen Herrscher haben das Reich erneuert, aber nicht die Wissenschaften. Ihre militärische Erziehung war nicht darauf angelegt, ihnen die Liebe zu geistiger Arbeit einzupflanzen; und selbst Diocletian, wie arbeitseifrig er auch gewesen sein mag – Studien oder Spekulation waren ihm völlig fremd geblieben. Gesetzes- oder Heilkunde sind von allgemeinem Nutzen und werfen sicheren Gewinn ab, so dass sie zu allen Zeiten von einer bestimmten Zahl von Adepten ausgeübt werden, wenn diese nur über leidliche Fertigkeiten und Kenntnisse verfügen; aber es ist nicht vorgekommen, dass die Studierenden dieser beiden Fakultäten irgendeinem berühmten Meister, der zu jener Zeit gelebt hätte, zugeströmt wären. Die Stimme der Dichtung war verstummt. Geschichtsschreibung beschränkte sich auf trockenes und wirres Verfassen von Exzerpten, deren Lektüre weder unterhaltend noch nützlich war. Eine trübe und gekünstelte Beredsamkeit fristete ihr Dasein im Sold und Dienst der Kaiser, welche keine anderen Künste gelten ließen außer denen, die zur Mehrung ihres Ruhmes oder zur Rechtfertigung ihrer Macht beitrugen Der Redner Eumenius war Sekretär der Kaiser Maximian und Constantius und ferner Lehrer der Beredsamkeit in Autun. Sein Gehalt betrug sechhunderttausend Sesterzen, was, gering veranschlagt, mehr als dreitausend Pfund pro Jahr gewesen sein muss. Er erwirkte die Erlaubnis, in großzügiger Weise diese Gelder zum Wiederaufbau der Lehranstalt einzusetzen. .   DER NEUPLATONISMUS Dieses Zeitalter des Niederganges der Künste wird indessen auch charakterisiert durch den raschen Aufstieg und Siegeslauf des Neuplatonismus. Die Schule von Alexandria hatte die Schule von Athen zum Schweigen gebracht; und in den alten Philosophenschulen scharte man sich um modernistische Lehrer, welche ihr System durch neue Methoden und strenge Lebensführung an den Mann brachten. Einige dieser Meister, etwa Ammonious, Plotin, Amelios und Porphyrios Porphyrius starb etwa zu der Zeit, als Diocletian abdankte. Die Lebensbeschreibung seines Lehrers Plotin aus seiner Feder vermittelt uns eine recht umfassendes Bild vom Geist dieser Sekte und dem Auftreten ihres Lehrers. waren tiefgelehrt und von unermüdlichem Fleiß; da sie aber das eigentliche Ziel der Philosophie niemals begriffen hatten, haben ihre Bemühungen wenig dazu beigetragen, das menschliche Wissen zu mehren und viel, es zu verdunkeln. Die Kenntnisse, die uns erreichbar sind, das ganze Arsenal von Moral, Naturwissenschaften und Mathematik, wurde von den Neuplatonikern verachtet, während sie alle ihre Kräfte verausgabten, die Metaphysik zu diskutieren, die Geheimnisse der unsichtbaren Welt zu ergründen und Platon mit Aristoteles zu versöhnen auf Gebieten, von denen diese beiden Denker ebenso wenig verstanden wie der Rest der Menschheit. Und so vergeudeten sie ihren Verstand an diesen ebenso tiefsinnigen wie inhaltslosen Grübeleien und überließen sich schließlich reinen Phantastereien. Sie redeten sich ein, dass sie das Geheimnis kannten, die Seele aus seinem körperlichen Gefängnis zu befreien; standen mit Dämonen und Geistern auf vertrautem Fuß; und machten im Handumdrehen aus dem Studium der Philosophie das der Magie. Die antike Philosophie hat sich über den populären Aberglauben lustig gemacht; nachdem dann die Schüler von Plotin und Porphyrios deren Übertreibungen – dürftig genug – als Allegorie bemäntelt hatten, wurden sie deren rabiateste Verteidiger. Mit den Christen stimmten sie in einigen obskuren Glaubensfragen überein, aber den Rest ihres theologischen Systems bekämpften sie mit einer Wut, die man sonst nur aus Bürgerkriegen kennt. Der Neoplatonismus verdient in einer Geschichte der Wissenschaften schwerlich einen Platz, aber in der Geschichte der Kirche werden wir ihm noch sehr häufig begegnen. XIV. UNRUHEN NACH DEM ABDANKUNG DIOCLETIANS · TOD DES CONSTANTIUS · THRONBESTEIGUNG DES CONSTANTIN UND MAXENTIUS · SECHS KAISER ZU EINER ZEIT · TOD DES MAXIMIAN UND GALERIUS · CONSTANTIN BESIEGT MAXENTIUS UND LICINIUS · WIEDERVEREINIGUNG DES REICHES UNTER CONSTANTIN SEINE GESETZE · ALLGEMEINER FRIEDEN   BÜRGERKRIEGE A.D. 305 – 323 Das von Diocletian entworfene System des Machtgleichgewichts erwies sich genau solange als leistungsfähig, wie sein Stifter seine schirmende Hand darüber hielt. Es setzte eine glückliche Mischung von bestimmten Charakteren und Fähigkeiten voraus, wie man sie ein zweites Mal wohl kaum finden oder auch nur erwarten durfte; zwei Kaiser ohne Gefühle der Eifersucht füreinander; zwei Cäsaren ohne niedere Machtgelüste; und vier voneinander unabhängige Herrscher, denen das Gemeinwohl in gleicher Weise am Herzen lag. Auf Diocletians und Maximians Abdankung folgten achtzehn Jahre Zwietracht und Unruhe. Fünf verschiedene Bürgerkriege erschütterten nacheinander das Imperium; und die Zeit zwischen den Konflikten war nicht etwa eine Zeit des Friedens, sondern lediglich der Waffenruhe unter verschiedenen Herrschern, welche sich mit Hass und Furcht beargwöhnten und darüber hinaus bemüht waren, ihre jeweilige Kriegsmacht auf Kosten der Untertanen hochzurüsten.   CONSTANTIUS... Sobald Diocletian und Maximian zurückgetreten waren, nahmen entsprechend den neuen Verfassungsgrundsätzen die beiden Cäsaren Constantius und Galerius deren Stellung ein und legten sich auch unverzüglich den Augustustitel zu Herr de Montesquieu (Considerations sur la Grandeur et la Decadence des Romains, c. 17) meint, gestützt auf Orosius und Eusebius, dass das Imperium erst jetzt zum ersten Male wirklich geteilt worden ist. Es ist allerdings schwer auszumachen, in welchen Punkten Galerius' Plan von dem des Diocletian abwich. . Dem älteren der beiden Herrscher stand das Vorrecht des Alters zu, und er fuhr fort, unter anderem Namen wie ehedem Gallien, Spanien und Britannien zu verwalten. Mit der Regentschaft über diese umfangreichen Provinzen waren seine Möglichkeiten ausgereizt und sein Ehrgeiz befriedigt. Milde, Mäßigung und Bescheidenheit zeichneten Constantius' liebenswerten Charakter aus, und seine glücklichen Untertanen hatten des öfteren Gelegenheit, die Vorzüge ihres Herrschers mit den Maßlosigkeiten des Maximian oder sogar den Ränken des Diocletian zu vergleichen Hic non modo amabilis, sed etiam venerabilis Gallis fuit; praecipue quod Diocletiani suspectam prudentiam, et Maximiani sanguinariam violentiam imperio eius evaserant. Eutropius, 10,1. (Er wurde von den Galliern nicht nur geliebt, sondern geradezu verehrt; dies vor allem, weil sie von Diocletians berechnender Hinterlist und Maximinians bluttriefender Gewalttätigkeit nichts zu leiden hatten. . Anstelle ihre orientalische Prunk- und Prahlsucht nachzuäffen, blieb Constantius zurückhaltend wie ein echter römischer Herrscher. Mit ungeheuchelter Aufrichtigkeit erklärte er, dass sein kostbarster Schatz in den Herzen seiner Untertanen liege und dass er blind auf ihre Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft rechnen könne, wann immer Thron oder Vaterland außergewöhnlicher Hilfeleistungen bedürftig seien Divitiis provincialium ac privatorum studens, fisci commoda non admodum affectans; ducensque melius publicas opes a privatis haberi, quam intra unum claustrum reservari. (Er war nicht so sehr um den Staatsschatz besorgt als vielmehr darum, die Provinzler und die Privatleute wohlhabend zu machen; besser erschien es ihm, das Staatsvermögen in Privathand als im Gewölbe aufzuheben.) Eutropius a.a.O. Er ging so weit mit dieser Maßregel, dass er sich silbernes Geschirr ausleihen musste, wann immer er selbst ein Gastmahl veranstaltete. . Die Bewohner Galliens, Spaniens und Britanniens waren sich seiner Ehrlichkeit und ihrer eigenen Glücksumstände durchaus bewusst und dachten mit ängstlicher Spannung an die nachlassende Gesundheit ihres Herrschers Constantius, das zarte Alter seiner zahlreiche Familie und seine zweite Ehe mit der Tochter des Maximian.   ...GALERIUS Da war Galerius aus einem anderen Holz geschnitzt; weil er des Respektes seiner Untertanen gewiss war, verzichtete er darauf, um ihre Wertschätzung zu buhlen. Sein Waffenruhm und ganz besonders sein Triumph im Perserkrieg hatten seinen hochfahrenden Geist noch stolzer gemacht, welchem naturgemäß ein überlegener oder gleichwertiger zuwider sein musste. Könnten wir uns auf das parteiische Zeugnis eines recht unbedarften Schreibers verlassen, dann ginge Diocletians Abdankung auf Rechnung der Drohgebärden des Galerius und wir müssten jetzt von den Details einer streng geheimen Unterhaltung berichten, in welcher der erstgenannte ebensoviel Kleinmut offenbart haben muss wie der andere Undankbarkeit und Unverschämtheit Lactantius, de Mortibus persecutorum 18. Würden die Details dieses Gespräches näher an der Grenze zu Wahrheit und Schicklichkeit liegen, so bliebe immer noch die Frage offen, wie ein so obskurer Rhetor davon erfahren haben sollte. Aber viele Historiker erinnern uns hier an die treffenden Bemerkung des Condé an den Kardinal de Retz: "Ces coquins nous font parler et agir comme ils auraient fait eux-memes à notre place." (Diese Spitzbuben lassen uns so sprechen und handeln, wie sie es an unserer Stelle getan hätten.) . Ein unbefangener Blick auf Diocletians Wesensart und Verhalten genügen, um die Haltlosigkeit solcher läppischen Anekdoten zu erweisen. Welche Absichten auch immer er anderweitig gehabt haben mag: hätte er von Galerius' Gewaltbereitschaft irgendeine Gefahr befürchtet, dann hätte ihn sein gesunder Menschenverstand vermocht, diesen würdelosen Streit abzubrechen; und er würde das Szepter, mit so viel Ruhm geführt, schwerlich in Schanden niedergelegt haben.   SEVERUS UND MAXIMINUS WERDEN CAESAREN Nach der Erhöhung des Constantius und Galerius zu Augusti wurden zwei Caesaren gesucht, ihren Platz einzunehmen und so das neue kaiserliche Regierungssystem zu vollenden. Diocletian verlangte von ganzem Herzen danach, sich von der Welt zurückzuziehen; er betrachtete Galerius, der inzwischen seine Tochter geheiratet hatte, als die zuverlässigste Stütze seiner Familie und des Reiches; und auch hiermit war er ohne Vorbehalte einverstanden, dass sein Nachfolger die Vorzüge wie auch die Neidgefühle auskosten solle, die dieser bedeutenden Stellung zugehörten. Er wurde also eingesetzt, ohne dass man die Interessen oder die Stimmung der Herrscher des Westens, Maximianus und Constantius Chlorus, erkundet hätte. Beide hatten Söhne im mannbaren Alter, und man hätte sie als die natürlichsten Kandidaten für die vakanten Stellungen ansehen können. Es brauchte sich niemand mehr vor Maximianus' ohnmächtigem Zorn zu fürchten, und der sanfte Constantius war gegen die Kalamitäten eines etwaigen Bürgerkrieges durchaus empfindlich, wenn ihm dessen Gefahren auch gleichgültig gewesen sein mochten. Die beiden Männer, welche Galerius zu Caesaren erhob, waren seinen Zielsetzungen dienlicher; ihr Hauptverdienst scheint im Fehlen von Verdienst oder persönlicher Ansehen bestanden zu haben. Der erste der beiden war Daia oder, wie er später hieß, Maximinus, dessen Mutter Galerius' Schwester war. Durch Sprache und Auftreten verriet er immer noch in naiver Jugendhaftigkeit seine ländliche Herkunft, als er zu seiner und der Welt Überraschung zum Caesar ernannt wurde und Ägypten und Syrien regieren durfte Sublatus nuper a pecoribus et silvis (sagt Lactantius de mortibus 19) statim scutarius, continuo Protector, mox tribunus, postridie Caesar, accepit Orientem. (Vor kurzem erst von den Rinderherden und aus den Wäldern geholt, sofort Soldat, dann zur Leibgarde, alsbald Tribun, andern Tags Caesar, teilt man ihm heute den Orient zu.) Indem er ihm den ganzen Anteil Diocletians zuschiebt, erweist Aurelius Victor sich als zu spendabel. . Zur gleichen Zeit wurde Severus nach Mailand geschickt, um aus der Hand des widerstrebenden Maximian die Caesar-Insignien und die Herrschaftsrechte über Italien und Afrika zu empfangen Seinen Eifer und seine Treue erkennt selbst Lactantius an (de mortibus 18). ; Severus war eine brave Beamtennatur, die zwar mehr dem Vergnügen zugetan, aber der Verwaltungsarbeit durchaus nicht abgeneigt war; den Verfassungsgrundsätzen entsprechend gehorchte Severus den Maßregeln des westlichen Herrschers, doch er war absolut an die Weisungen seines Gönners Galerius gebunden, welcher sich selbst die Herrschaft über die Länder zwischen Italien und Syrien sicherte und so mit fester Hand drei Viertel des römischen Reiches regierte. Im festen Vertrauen auf das baldige Ableben des Constantius Chlorus, was ihm zum Alleinherrscher gemacht hätte, hatte er sich bereits eine lange Reihe künftiger Herrscher ausgemalt, und wir wissen zuverlässig, dass er für sich selbst den Rücktritt nach zwanzig ruhmreichen Herrscherjahre vorgesehen hatte Diese Pläne beruhen indessen aus Lactantius' höchst zweifelhafter Autorität (de mortibus 20). . Indessen, diese ehrgeizigen Entwürfe des Galerius gingen binnen achtzehn Monaten infolge zweier unerwarteter Umwälzungen zu Schanden. Die Hoffnung auf die Wiedervereinigung der westlichen Provinzen scheiterten infolge des Aufstieges von Constantin; und Italien und Afrika gingen ihm verloren auf Grund der erfolgreichen Revolte des Maxentius.   HERKUNFT UND ERZIEHUNG DES CONSTANTIN A.D. 274 I. Der Ruhm des Constantin hat die Aufmerksamkeit der Nachwelt noch für die winzigsten Nebenumstände seines Lebens und Wirkens geschärft. Sein Geburtsort war ebenso wie die Herkunft seiner Mutter Helena Gegenstand nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch national gefärbter Debatten. Ungeachtet der jüngeren Tradition, die einen britischen Stammeskönig Diese Überlieferung, die den Zeitgenossen des Constantin unbekannt war, wurde in der Finsternis der Klöster ausgeheckt, wurde ausgeschmückt von Jeffrey of Monmouth und den Schreibern des XII. Jhdts. wurde von den Altertumsforschern noch der jüngsten Zeit verteidigt und fand schließlich in der umfänglichen Englischen Geschichte von Herrn Carte (Band 1, p.147). Aufnahme. Er verlegt jedoch das Königtum des Coil, Helenas angeblichem Vater, von Essex an den Antoniuswall. zu ihrem Vater macht, sind wir genötigt anzuerkennen, dass Helena die Tochter eines Gastwirtes war; zugleich aber möchten wir die Rechtmäßigkeit ihrer Ehe gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, sie sei nur die Konkubine und nicht die Frau des Constantius Chlorus gewesen Eutropius (10,2) spricht in wenigen Worten die Wahrheit und den Grund für den Irrtum aus: »dessen Sohn unbestimmter Herkunft war.« Zosimos (2,78) griff dies üble Gerücht freudig auf und Orosius schloss sich ihm an (7,25); dessen Auskunft – merkwürdig genug – der unermüdliche, aber voreingenommene Tillemont übersehen hat. . Constantin der Große wurde nach aller Wahrscheinlichkeit in Naissus in Dacien Zum Geburtsort von Constantin gibt es drei unterschiedliche Auffassungen. 1: Unsere englischen Altertumsforscher verweilen mit Entzücken bei diesem Satz seines Panegyrikers: »Britannias illic oriendo nobiles fecisti.« (Du hast Britannien durch deine Herkunft von dort geadelt.) Aber diese berühmte Stelle kann sich genauso gut darauf beziehen, dass Constantin hier die Macht übernommen hat wie darauf, dass er hier geboren wurde. 2. Einige moderne Griechen haben dem Ort Drepanum die Ehre seiner Geburt zugeschrieben; diese Stadt liegt am Golf von Nicomedia und wurde von Constantin mit dem Namen Helenopolis beehrt sowie von Justinian mit vielen Prunkgebäuden verschönert (Prokopios de Aed.5,2). Es ist durchaus vorstellbar, dass Helenas Vater in Drepanum ein Gasthaus geführt hat; und als Constantius unter Aurelians Herrschaft von einer Gesandtschaft nach Persien zurückkehrte, kann er dort ohne weiteres genächtigt (und Helena kennen gelernt) haben. Aber das unstete Leben eines Soldaten bringt es mit sich, dass der Ort seiner Eheschließung nicht notwendig mit dem Geburtsort seiner Kinder übereinstimmt. 3: Ein unbekannter Schreiber (Anonym. Val. 2) unterstützt den Anspruch von Naissus, wie am Ende von Ammianus Marcellinus (p.710) zu lesen ist. Dieser hat im Allgemeinen nur zuverlässige Quellen benutzt und wird außerdem von Julius Firmicus bestätigt (De Astrologia 1,4), welcher direkt unter Constantin gelebt hat. Man hat verschiedentlich Einwände gegen die Integrität des Textes erhoben sowie gegen die Verwendung der Textpassage bei Firmicius; aber ersterer ist nach den besten mss. erstellt, und die Passage wird geschickt von Lipsius verteidigt (de magnitudine Romana 4,11 und Supplement). geboren, und es überrascht nicht, dass der Jugendliche aus solchem waffenberühmten Geschlecht und Land wenig Neigung zeigte, sich durch Erwerb von Kenntnissen den Horizont zu erweitern »Literis minus instructus.« Mit den Wissenschaft kaum vertraut. (Anonymus Valesii 2,2) .   A.D. 292 Als er achtzehn Jahre alt war, wurde sein Vater Chlorus in den Caesarenrang befördert; aber dieser Glücksumstand wurde überschattet durch dessen Scheidung von seiner Mutter; und der Glanz, der dieser kaiserlichen Stellung innewohnte, brachte dem Sohn der Helena zunächst nur Verdruss und Demütigung. Anstelle seinem Vater in den Westen nachzufolgen, verblieb er in den Diensten des Diocletian, legte im Krieg gegen Ägypten und Persien Proben von Talent ab und arbeitete sich allmählich zu der ehrenvollen Stellung eines Tribunen erster Klasse empor. Er war von hoher und kräftiger Statur, war geschickt in allen seinen Unternehmungen, furchtlos im Krieg und in Friedenszeiten umgänglich; in allen seinen Aufführungen zeigte er ein lebendig-jugendliches Temperament, welches unter der Kontrolle einer reifen Besonnenheit stand; und obwohl er von Ehrgeiz durchdrungen war, wirkte er äußerlich kühl und war für Zerstreuungen unempfänglich. Seine Beliebtheit des Volkes und der Soldaten, welche ihn für den Caesarenrang würdig machte, bewirkte zunächst nur, dass in Galerius verstärkte Neidgefühle aufkeimten; und obwohl dieser von offener Gewalt wohlbedacht Abstand nahm: ein absoluter Monarch ist ja selten in Verlegenheit, wenn er ungefährdet und unauffällig Rache nehmen will Galerius oder vielleicht sein eigener kühner Entschluss ließen ihn einem Zweikampf mit einem Samarten (Anonymus Valesii 2,3) und einem gewaltigen Löwen eingehen. Siehe auch Praxagoras bei Photios, p.63. Praxagoras war ein Philosoph aus Athen und hat eine Biographie Constantins in zwei Büchern verfasst, die uns verloren sind. Er war Zeitgenosse. . Mit jeder Stunde vergrößerten sich die Gefahren für Constantin und die Sorgen seines Vaters, welcher in wiederholten Briefen sein dringendes Verlangen geäußert hatte, endlich seinen Sohn umarmen zu dürfen. Eine Zeitlang gelang es Galerius, ihn mit Redensarten und schicklichen Ausflüchten hinzuhalten, aber auf die Dauer war es unmöglich, diesen natürlichen Wunsch seines Kollegen auszuschlagen, ohne dies durch die Waffe geltend zu machen. So gab er, wenn auch widerstrebend, Urlaub; aber welche Vorkehrungen der Herrscher auch immer getroffen haben mochte, um das Wiedersehen zu verhindern, weil er beste Gründe hatte, sich vor dessen Folgen zu fürchten, die nahezu unglaubliche Vorsicht des Constantin machte alle seine Anschläge zunichte Zosimos 2,8; Lactantibus de mortibus 24. Ersterer erzählt ein haltloses Märchen, dass Constantin alle Postpferde, die er benutzt hatte, durch Anschneiden der Kniesehnen lähmen ließ. Diese blutige Maßnahme hätte zwar nichts verhindert, aber Verdacht erregt und seine Reise möglicherweise sogar aufgehalten. . Er verließ den Palast zu Nicomedia bei Nacht, durchquerte Bithynien, Thrakien, Dacien, Pannonien, Italien, Gallien und kam, vom Volk umjubelt, genau in dem Augenblick in Boulogne an, als sein Vater Constantius sich anschickte, von hier nach Britannien überzusetzen Anonymus Valesii p. 710; Panegyrici 7,4. Aber Zosimos 2,9, Eusebios de Vita Constantini 1, 21, und Lactantius de Mortibus 24 vermuten indessen, wenig überzeugend, er habe seinen Vater auf dem Totenbett gefunden. .   TOD DES CONSTANTIUS CHLORUS A.D. 30 Der Feldzug nach Britannien, der mit einem leichten Sieg über die kaledonischen Barbaren endete, war die letzte Unternehmung des Constantius. Er starb im Kaiserpalast zu York, fünfzehn Monate nach seiner Ernennung zum Augustus und beinahe vierzehneinhalb Jahre, seit er den Caesarenrang eingenommen hatte. Unmittelbar auf seinen Tod folgte die Ernennung des Constantin. Die Idee der Nachfolge und Erblichkeit ist ja so allgegenwärtig, dass die Menschheit sie nicht nur als ein Verstandes- sondern als ein Naturgebot ansieht. Gern sind wir dann bereit, diese Vorstellung vom privaten Bereich auf Regierungsverhältnisse zu übertragen: und hinterlässt ein tüchtiger Vater einen Sohn, dessen Verdienste die Wertschätzung und vielleicht sogar die Hoffnungen des Volkes zu rechtfertigen scheinen, dann wird die Wirkmächtigkeit von Volkes Meinung und Zuneigung unwiderstehlich. Die Blüte der westlichen Legionen war Constantius nach Britannien gefolgt, und die römischen Truppen waren noch durch ein starkes Truppenkontingent von Alamannen verstärkt worden, welche unter dem Kommando des Crocus Cunctis qui aderant annitentibus, sed praecipue Croco (alii Eroco) Alemannorum Rege, auxilii gratia Constantium comitato, imperium capit. Victor iun. 41. (Unter Zustimmung aller Anwesenden und besonders des Alamannenhäuptlings Erocus, der Constantin zwecks Hilfeleistung begleitet hatte, nahm er das Heft in die Hand). Es ist dieses das erste Beispiel für einen Barbarenhäuptling, welcher die Waffen Roms mit unabhängigen Truppen seiner eigenen Untertanen unterstützte. Diese Praxis setzte sich allmählich durch, mit verhängnisvollem Ausgang. standen, einem ihrer Erbhäuptlinge. Constantins Anhänger flößten den Legionen einen hohen Begriff von ihrer Bedeutung ein und versicherten, dass Britannien, Gallien und Spanien ihrer Kaiserwahl stillschweigend zustimmen würden. Man legte ihnen die Frage vor, ob sie denn auch nur einen Augenblick zögern würden angesichts der Alternative, entweder in Ehren den verdienstvollen Sohn ihres geliebten verstorbenen Herrschers zum Kaiser zu ernennen oder in Schanden tatenlos auf einen hergelaufenen Fremdling zu warten, dem es womöglich noch einfallen könne, den Legionen und Provinzen des Westens einen asiatischen Regenten vor die zu setzen. Auch ward ihnen eingeblasen, dass Dankbarkeit und Freigebigkeit unter Constantins Tugenden die erste Stelle einnähmen; er selbst ließ sich in berechneter Zurückhaltung solange bei den Truppen nicht blicken, bis er sicher sein konnte, dass sie ihn zum Caesar und Augustus ernennen würden. Nach dem Thron verlangte ihm von ganzem Herzen; hätte ihn der Ehrgeiz weniger angestachelt, so hätte in der Thronbesteigung immer noch eine Art Lebensversicherung gelegen. Er war mit der Natur und den Absichten des Galerius so weit vertraut, um zu wissen, dass er, wollte er noch ein wenig am Leben bleiben, sich zum Regieren entschließen musste. Sein berechnetes und wohldosiertes Weigern, das zu simulieren Sein Panegyriker Eumenius (7.8) entblödet sich nicht, sogar in Gegenwart Constantins zu behaupten, dass dieser seinem Pferd die Sporen gegeben und, wenngleich vergeblich, versucht habe, seinen Soldaten durch Flucht zu entkommen. er sich entschlossen hatte, war darauf angelegt, seine Usurpation achtbar zu machen. Auch gab er den Akklamationen der Armee nicht nach, solange nicht alles geeignete Material für einen Brief an den Herrscher des Ostens vorlag, den er denn auch unverzüglich abschickte. Constantin berichtete ihm hierin von dem traurigen Ereignis, dem Tod seines Vaters, bekräftiget in aller Bescheidenheit seinen natürlichen Anspruch auf die Thronfolge und beweinte zugleich submissest die draufgängerische Ungeduld seiner Soldaten, die es ihm unmöglich gemacht habe, auf die gehörige und verfassungskonforme Art um den kaiserlichen Purpur nachzusuchen. Galerius reagierte zunächst mit Überraschung, Enttäuschung und Wut; dann schlug er großen Lärm – er war von jeher unfähig, seinen Wallungen zu gebieten – und drohte beide, Brief und Briefes Überbringer, dem Feuer zu überantworten.   CONSTANTIN WIRD ZUM CAESAR ERNANNT UND ANERKANNT Allgemach aber fand er zur Vernunft zurück; er imaginierte die Unwägbarkeiten eines Bürgerkrieges, die Entschlossenheit und die Truppenstärke seines Gegners, um sich dann freudevoll in die ehrenhafte Ämterteilung dareinzufinden, die ihm Constantin klüglich angeboten hatte. Weder missbilligte noch bestätigte er die Wahl der britannischen Legionen, aber er akzeptierte den Sohn seines verstorbenen Kollegen als den Herrscher über die Provinzen jenseits der Alpen; er verlieh ihm allerdings nur den Caesarentitel und die vierte Stellung unter den römischen Kaisern, während er den vakanten Ausgustustitel seinem Günstling Severus übertrug. So blieb die Harmonie des Reiches bewahrt und Constantin, der bereits de facto die Oberherrschaft innehatte, wartete mit Geduld auf eine passende Gelegenheit, wo dies auch de jure der Fall sein würde Lactantius de mortibus 25. Eumenius 7,8 gibt dem ganzen Vorgang eine rhetorische Wendung. .   CONSTANTINS KINDER Constantius Chlorus hatte aus zweiter Ehe sechs Kinder, drei von jedem Geschlecht, und deren kaiserliche Abkunft hätte eine Anwartschaft eigentlich besser begründet als die denn doch sehr volkstümliche Herkunft des Sohnes der Helena. Aber Constantin war zweiunddreißig Jahre alt, stand körperlich und geistig in der Blüte seiner Jahre, als der älteste seiner Halbrüder schwerlich mehr als dreizehn Jahre sein konnte. Sein Anspruch wurde von dem sterbenden Kaiser bestätigt und unterschrieben Die Wahl Constantins durch seinen sterbenden Vater wurde durch die Vernunft diktiert; Eumenius deutet den Vorgang nur an, aber er wird durch die unanfechtbarsten Autoritäten betätigt: Lactantius (de mortibus 24) Libanius (Oratio1), Eusebius (Vita Constantini 1,21) und Iulian (Oratio 1). . In seinen letzten Augenblicken übertrug Constantius seinem Ältesten die Verantwortung für die Sicherheit und die Ehre seiner Familie; und er beschwor ihn, auch gegenüber den Kindern der Theodora Vatersstelle einzunehmen. Ihre liberale Erziehung, ihre vorteilhaften Eheschließungen, ihr Leben in gesicherter Würde, die ersten Staatsämter, die sie bekleideten: dies alles legt Zeugnis ab für das brüderliche Wohlwollen des Constantin; und da die Prinzen von sanfter und dankbarer Wesensart waren, fügten sie sich klaglos seinem überlegenen Geist und glücklichem Schicksal Von den drei Schwestern des Constantin heiratete die eine, Constantia, den Kaiser Licinius, die zweite, Anastasia, den Caesaren Bassianus, und Eutropia schließlich den Konsul Nepotianus. Die drei Brüder waren Dalmatianus, Julius Constantius und Annibalianus, von denen zu berichten wir später noch Gelegenheit haben werden. .   VERDROSSENHEIT IN ROM ÜBER STEUERN II. Galerius' ambitionierter Sinn hatte das Scheitern seiner Pläne bezüglich der gallischen Provinzen kaum verschmerzt, als der Verlust von Italien seinen Stolz und seine Machtposition neuerlich und weitaus empfindlicher dämpfte. Infolge der langen Abwesenheit der Kaiser von Rom hatten sich dort Unzufriedenheit und Verdrossenheit angesammelt; es hatte sich nämlich mit der Zeit der Bevölkerung enthüllt, dass die Vorzugsstellung von Nikomedia und Mailand nicht einer Marotte des Diocletian zu danken war, sondern der von ihm eingeführten neuen und endgültigen Verfassung. Da war es von geringem Nutzen, dass seine Nachfolger nur wenige Monate nach seiner Abdankung in seinem Namen jene gigantischen Bäder eröffneten, deren Ruinen sogar heute noch Boden und Baumaterial für Kirchen und Klöster Siehe Gruter, Inscriptiones 149, 6. Alle sechs Fürsten wurden genannt, Diocletian und Maximian als die älteren Augusti und Väter der Kaiser. Sie übergaben die gewaltigen Anlagen gemeinsam zum Nutzen ihrer Römer . Architekten haben aus den Ruinen diese Therme rekonstruiert; und Altertumsforscher, namentlich Donatus und Nardini, haben das Gelände durchforscht, auf dem sie errichtet wurden. Eine der großen Säle ist heute eine Karthäuserkirche; und noch die Dienstwohnung eines der Pförtner gibt Raum für eine Kirche des Barfüßerordens. abgeben. Die Ruhe dieser eleganten Inseln für Wohlleben und Luxus wurde empfindlich durch das ungeduldige Scharren der Römer aufgestört; und dann ging noch unwiderlegt das Gerücht um, dass man die Kosten für diese Anlagen über ein Kleines den Römern selbst aufhalsen würde. Um diese Zeit sah sich nämlich Galerius veranlasst, sei es aus Habgier, sei es aufgrund einer staatlichen Notlage, eine sehr genaue und strenge Vermögensschätzung bei seinen Untertanen vornehmen zu lassen zum Zwecke einer allgemeinen Land- und Vermögenssteuer. Man zog die genauesten Erkundigungen über ihren Vermögensstand ein; und wann immer auch nur der leiseste Verdacht bestand, es sei etwas verhehlt worden, wurde von der Folter der ausgiebigste Gebrauch gemacht, um von den Eigentümern aufrichtige Angaben bezüglich ihrer Besitzverhältnisse zu erzwingen Siehe Lactantius de mortibus 26 und 31. . Die Vorzugsstellung, die Italien bis dahin gegenüber den Provinzen innegehabt hatte, war dahin: die Finanzbeamten begannen mit einer Volkszählung und der Festlegung der neuen Abgaben. Doch selbst dort, wo der Geist der Freiheit schon längst und gründlich abgestorben ist, unterwindet sich zuweilen noch der apathischste Untertan, gegen einen solchen ungeheuerlichen Zugriff auf sein Eigentum aufzubegehren; in diesem Falle aber kam zum Unrecht noch der Schimpf hinzu, und das Gefühl des Eigennutzes wurde durch Fragen der nationalen Ehre befeuert. Nach der Eroberung Makedoniens nämlich wurde das römische Volk, wie wir früher gesehen haben, von allen persönlichen Steuern befreit. Es hatte inzwischen alle Formen des Despotismus erfahren, sich aber wenigstens dieser Ausnahmestellung über fünfhundert Jahre freuen dürfen; so kam es ihnen unerträglich vor, dass ein illyrischer Bauerntrampel in seiner fernen Residenz in Asien sich nicht entblödete, Rom zu den zinspflichtigen Städten des Reiches zu zählen. Der wachsende Zorn des Volkes wurde, wenn schon nicht durch die Autorität, so doch wenigstens durch das stillschweigende Einverständnis des Senates befördert; und selbst die eingeschüchterten Prätorianer, die die Auflösung ihrer Truppe zu fürchten Gründe genug hatten, griffen bereitwillig nach diesem schicklichen Vorwand und kündigten ihre Bereitschaft an, ihr Schwert zum Besten ihrer unterdrückten Heimat zu ziehen. Es war zunächst der allgemeine Wunsch und schon bald die allgemeine Hoffnung jedes Bürgers, dass man sich, wenn man erst einmal die fremdländischen Tyrannen aus Italien verjagt hätte, anschließend einen Herrscher würde wählen können, welcher sich durch die Wahl der Residenzstadt und durch seine Regierungsgrundsätze erneut den Titel eines römischen Kaisers verdienen würde. Der Name und die Stellung des Maxentius waren es, die die populären Hoffnungen auf sich zogen.   MAXENTIUS ZUM KAISER ERNANNT A.D. 306 – MAXIMIAN GREIFT ERNEUT NACH DEM PURPUR Maxentius war Sohn der Kaisers Maximian und hatte die Tochter des Galerius zur Frau. Seine Geburt und sein Anhängerschaft eröffneten ihm die schönsten Aussichten auf die Thronfolge; aber seine Laster und seine Unfähigkeit schlossen ihn mit dem gleichen Nachdruck von der Caesarenwürde aus, wie andererseits Constantins fast schon bedrohliche Verdienste diesen für den Thron empfohlen hatten. Die Politik des Galerius hingegen bevorzugte solche Kollegen, welche weder ihrem Gönner Schande machen noch seine Anweisungen in Frage stellen würden. Also platzierte er einen dubiosen Fremdling auf den Thron Italiens, und dem Sohn des verstorbenen Kaisers des Westens wurde zugestanden, einige Meilen von der Hauptstadt entfernt auf einem Landsitz seines Privatvermögens zu genießen. Die finsteren Leidenschaften seiner Seele, Scham, Verärgerung und Zorn: alles dieses fachte nun der Neid an, als er von Constantins Erfolg hören musste. Aber die wachsende öffentliche Unruhe belebte Maxentius' Hoffnungen wieder, und leicht ließ er sich bereden, sein persönlich erlittenes Unrecht und seine Ambitionen mit der Sache des römischen Volkes zu vereinen. Zwei Tribunen der Prätorianergarde und ein Versorgungsbeauftragter organisierten die technischen Einzelheiten der Verschwörung; und da alle Beteiligten vom gleichen Geiste beseelt waren, konnte der Ausgang weder zweifelhaft oder schwierig sein. Der Stadtpräfekt und ein paar Magistrate, die in Treue fest zu Severus standen, wurden von den Wachen ermordet; und Maxentius, angetan mit dem Kaiserpurpur, wurde unter dem Beifall von Senat und Volk als der Bewahrer von Roms Freiheit und Würde ausgerufen. Es ist unbekannt, ob Maxentius vorher von der Verschwörung gewusst hatte; sobald aber die Fahne der Empörung über Rom aufgezogen war, hielt es den alten Kaiser nicht mehr auf seinem Landsitz, auf welchem seine letzten Jahre in Melancholie zu verdämmern Diocletians Machtwort ihn verurteilt hatte, aber zunächst verhehlte er seine neubelebten Herrschergelüste noch hinter der Maske väterlicher Hingabe. Erst auf dringendes Ersuchen des Senates und seines Sohnes legte er gnädig den Purpur an. Seine frühere Herrscherwürde, seine Erfahrung, sein Waffenruhm verliehen der Sache des Maxentius Gewicht und Würde Der 6. Panegyrikus stellt Maximians Verhalten in sehr gutem Licht dar; und der mehrdeutige Ausdruck des Aurelius Victor »retractate diu« (lange sich widersetzend) kann bedeuten, dass er die Verschwörung einfädelte oder sich ihr widersetzte. Zosimus, 2,9 und Lactantius de mortibus 26. .   SEVERUS' ENDE A.D. 307 Dem Rat, oder vielmehr Befehl seines Mitkaisers gehorsamend, hastete Severus ohne Verzug nach Rom in der sicheren Erwartung, dass er durch sein jähes Erscheinen den Krawall eines kriegsungewohnten Pöbels beilegen würde, zumal er nur von einem lasterhaften Buben befehligt wurde. Indessen fand er bei seiner Ankunft die Stadttore verschlossen, die Mauern besetzt von Männern in Waffen, einen gestandenen General an der Spitze der Rebellen und seine eigene Truppen ohne rechte Lust und Neigung. Ein ganzes Kontingent Mauren desertierte, verlockt durch großzügige Geldversprechungen; und wenn es denn stimmt, dass Maximian sie während seines Afrikafeldzuges rekrutiert hatte, gehorchten sie eher dem natürlichen Gefühl der Dankbarkeit als dem erzwungenen eines pflichtmäßigen Gehorsams. Der Prätorianerpräfekt Anulinus erklärte sich für Maxentius und führte ihm den größten Teil seiner Truppen zu, die sogar die Gewohnheit hatten, ihm zu gehorchen. Nach den Worten eines Redners hatte Rom wieder zu seinen Waffen gefunden, und der glücklose Severus ging, oder besser: floh in Eile nach Ravenna. Hier mochte er wohl für einige Zeit sicher sein. Die Festungsanlagen von Ravenna würden den Angriffen der italienischen Armeen widerstehen, und die Sümpfe im Umkreis der Stadt ihrem Vormarsch beschwerlich werden. Die See, über die Severus vermittels einer mächtigen Flotte befehligte, stellte ihm einen unerschöpflichen Nachschub an Verpflegung sicher und ermöglichte außerdem den Legionen freien Zugang, die im nächsten Frühjahr zu seiner Entlastung aus Illyrien und dem Osten zu ihm stoßen würden. Maximian leitete zwar die Belagerung höchstpersönlich, überzeugte sich aber bald davon, dass er seine Zeit und seine Kräfte bei diesem fruchtlosen Unternehmen für nichts vergeudete und dass er von Gewalt ebensowenig zu erhoffen habe wie vom Aushungern. Mit Kunstgriffen, die eher Diocletian als ihm angestanden hätten, richtete er deshalb seine Angriffe nicht gegen Ravennas Stadtmauern als vielmehr gegen Severus' Gemütslage. Die Treulosigkeit, mit der dieser unglückselige Herrscher aufgewachsen war, machte es ihm unmöglich, selbst seinen aufrichtigsten Freunden und Anhängern zu vertrauen. Die Emissäre des Maximian überzeugten den Argwöhnischen leichthin, dass sich eine Verschwörung zusammenbraue, die Stadt zu verraten; so beredeten sie den Ängstlichen dahin, sich nicht der Willkür eines aufgebrachten Eroberers auszusetzen, sondern in eine ehrenhafte Kapitulation einzuwilligen. Zunächst wurde er denn auch mit Menschlichkeit und allem gebührendem Respekt aufgenommen. Maximian brachte seinen Gefangenen nach Rom und versicherte ihm mit Nachdruck, dass er sein Leben durch Abdankung retten könne. Das einzige, was Severus erreichte, war ein milder Tod und ein fürstliches Begräbnis. Nachdem das Urteil verkündet war, durfte er sich immerhin die Todesart selbst wünschen; er zog die bei den Alten bevorzugte Methode vor, das Öffnen der Pulsadern: und sobald er gestorben war, wurde sein Leichnam in der Grabanlage beigesetzt, welche für die Familie des Gallienus gebaut worden war Die näheren Umstände dieses Krieges und Severus' Tod werden in den alten Fragmenten unpräzise und widerspruchsvoll erzählt. (Siehe Tillemont, Histoire des Empereurs Bd.4, Teil 1, p. 555)Ich habe mich bemüht, daraus eine zusammen hängende und glaubwürdige Geschichte zu gestalten. .   FAUSTA MIT CONSTANTIN VERHEIRATET Constantin und Maxentius hatten zwar wenig miteinander gemein, ihre Machtposition und ihre Interessen jedoch waren dieselben; und so schien es lediglich ein Vernunftgebot, ihre Kräfte gegen den gemeinsamen Feind zu einen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters und seiner kaiserlichen Stellung überquerte der unermüdliche Maximian die Alpen, suchte um ein persönliches Gespräch mit dem Herrscher Galliens und hatte seine Tochter Fausta als Unterpfand für das neue Bündnis gleich mitgebracht. Die Hochzeit ward zu Arles mit aller erdenklichen Prachtentfaltung gefeiert; und Diocletians alter Mitregent, der erneut seinen Anspruch auf den Thron des Westens geltend machte, übertrug seinem Schwiegersohn und gleichzeitigem Verbündeten den Augustustitel. Dadurch, dass er sich diesen Titel von Maximian verleihen ließ, schien Constantin für die Sache des Senats und Roms gewonnen; aber er legte nur Lippenbekenntnisse ab, und sein Beistand war zögerlich und wirkungslos. Dafür beobachtete er mit größter Aufmerksamkeit den aufkeimenden Konflikt zwischen den Herren Italiens und des Ostens, und war wohlvorbereitet, für seine eigene Sicherheit zu sorgen oder seine politischen Ziele an den jeweiligen Kriegsverlauf anzuschmiegen Der 6. Panegyricus wurde vorgetragen, die Thronbesteigung Constantins zu bejubeln; indessen vermeidet der Redner klüglich jede Erwähnung des Galerius und Maxentius. Lediglich je eine zarte Anspielung auf die gegenwärtigen Probleme und auf Roms Majestät sind eingeflochten. .   GALERIUS SCHEITERT IN ITALIEN Die Angelegenheit war wichtig und erheischte die Anwesenheit und die Fähigkeiten des Galerius. An der Spitze einer machtvollen Armee, die er in Illyrien und dem Osten zusammengestellt hatte, rückte er in Italien ein, entschlossen, den Tod des Severus zu rächen und die aufsässigen Römer zu züchtigen; oder, wie er seine Absichten in der bilderstarken Sprache des Barbaren ausdrückte, den Senat mit der Wurzel auszurotten und das Volk mit dem Schwert zu vertilgen. Allerdings hatte Maximian klugbedacht ein wirkungsvolles Verteidigungssystem arrangiert. Also fand der Eindringling jeden Ort feindlich, befestigt, uneinnehmbar; und ob er sich gleich bis nach Narni, etwa sechzig Meilen von Rom entfernt, vorgearbeitet hatte, reichte seine eigentliche Machtsphäre in Italien nicht weiter als bis zu den Lagerwällen. Als ihm die wachsenden Schwierigkeiten seines Unternehmens immer spürbarer wurden, sann der dünkelhafte Galerius zunächst auf Versöhnung und entsandte zwei seiner besten Offiziere; sie sollten die römischen Herrscher durch den Vorschlag zu einer Friedenskonferenz versuchen und gleichzeitig Maxentius seiner väterlichen Nachsicht versichern, von der er mehr zu erwarten habe, als er von den unsicheren Wendungen des Krieges auch nur erhoffen durfte Zu diesen Verhandlungen konsultiere man die Fragmente eines unbekannten Historikers, die Valesius am Schluss seiner Ammian-Ausgabe (p. 711) herausgegeben hat. Wir werden hier mit einigen interessanten und, wie es scheint, authentischen Anekdoten versehen. . Dieses Ansinnen des Galerius wurde mit Entschiedenheit zurückgewiesen, sein arglistiges Freundschaftsangebot mit Verachtung bestraft, und bald darauf musste er entdecken, dass er gute Gründe habe das Schicksal des Severus zu gewärtigen, wenn er nicht rasch um seine eigene Sicherheit besorgt sei. Das Geld, das die Römer gegen seine Raubsteuern verteidigt hatten, gaben sie freudig dahin, ihn zu vernichten. Allein der Name Maximian, seines Sohnes Popularität, die heimliche Verteilung großer Geldgeschenke und die Aussicht auf noch größere machte die Begeisterung der illyrischen Legionen schwanken und lockerte ihre Treue; und als Galerius schließlich das Signal zum Rückzug geben ließ, hatte er ernstliche Probleme, wenigstens seine Veteranen bei der Fahne zu halten, unter der er sie doch sooft zu Sieg und Ehre geführt hatte. Ein zeitgenössischer Schreiber verrät uns noch zwei weitere Gründe für das Scheitern seines Feldzuges; sie sind indessen so geartet, dass ein vorsichtiger Historiker kaum wagen darf, sie ernst zu nehmen. Galerius, so vernehmen wir, hatte von der Größe Roms nur eine sehr ungenaue Vorstellung gehabt, da er bloß mit den Siedlungen des Ostens vertraut war; deshalb befand er, dass seine Truppen für die Belagerung dieser Riesenstadt viel zu schwach seien. Aber die Größe einer Stadt macht sie einem Feinde doch nur umso leichter zugänglich; Rom hatte sich später oft genug einem Eroberer gebeugt und außerdem konnte das kurzatmige patriotische Rauschen des Volkes gegen die Disziplin und Kampfstärke einer Legion nicht lange durchhalten. Ferner hören wir, dass die Legionen davor zurückschauderten und als fromme Söhne der Republik sich schlechterdings geweigert hätten, die Heiligkeit ihrer Stammesmutter anzutasten. Lactantius, de mortibus 27. Die erste Ursache ist wohl Vergils Hirtengedicht entnommen: »Illam...ego huic nostrae similem, Melboee, putavi \&c.« (Ich habe sie, Melboeus, unserer Stadt für ähnlich befunden.) Lactantius hatte an solchen poetischen Anspielungen seine Freude. Wenn wir uns jedoch vergegenwärtigen, mit welcher Leichtigkeit in den früheren Bürgerkriegen der Parteienhass und die militärische Gehorsamspflicht die Bürger selbst zu Roms schlimmsten Feinden gemacht hatte, dann neigen wir dazu, bei Fremden und Barbaren solche Herzensgüte nicht zu vermuten, zumal sie Italien vor ihrer feindlichen Annäherung noch nie zu Gesicht bekommen hatten. Hätten sie nicht niedere Motive davon abgehalten, hätten sie Galerius vermutlich mit den Worten von Caesars Veteranen geantwortet: »Wenn uns unser General zu den Ufern des Tiber führen will, so findet er uns vorbereitet, sein Lager abzustecken. Welche Mauern auch immer nach seinem Willen dem Erboden gleichgemacht werden sollen, unsere Hände sind zu diesem Werk bereit: wir würden nicht einmal zögern, wenn die vorgesehene Stadt Rom wäre.« Dies sind zwar nur die Worte eines Dichters; eines Dichters jedoch, dem für seine Liebe zur historischen Wahrheit gerühmt und getadelt hat Castra super Tusci si ponere Tybridis undas ( jubeas ) / Hesperios audax veniam metator in agros./ Tu quoscunque voles in planum effundere muros, / His aries actus disperget saxa lacertis;/ Illa licet penitus tolli quam jusseris urbem Roma sit. (Wenn ich an den Wellen des tuscischen Tiber ein Lager aufschlagen soll/werde ich kühn in Italien einfallen/ wo du nur Mauern zu stürzen vorhast/werden diese Arme den Rammbock führen, die Steine zu zersprengen/selbst wenn die Stadt, deren Untergang du beschlossen hast, Rom wäre.) Lucanus, Pharsalalia. 1,381ff. .   GALERIUS ARMEE PLÜNDERT ITALIEN Während ihres Rückzuges bewiesen die Legionen des Galerius durch ihr Verhalten eine äußerst verrohte Gemütslage: Sie mordeten, vergewaltigten, plünderten, stahlen die Schaf- und Viehherden der Italiener, verbrannten ihre Dörfer, durch die sie zogen: sie entblödeten sich nicht, das Land, welches sie nun einmal nicht erobern konnten, wenigstens zu ruinieren. Während des ganzen Marsches setzte Maxentius ihrer Nachhut zu; aber einer entscheidenden Schlacht mit den tapferen und zum Äußersten entschlossenen Veteranen ging er wohlweislich aus dem Wege. Sein Vater war ein zweites Mal nach Gallien abgereist in der vagen Hoffnung, Constantin, der seine Armee an der Grenze versammelt hatte, für sein Unternehmen zu gewinnen und den Sieg zu vollenden. Aber Constantins Handeln war durch Vernunft und nicht durch Rachegelüste bestimmt. Unbeirrt bestand er auf der weisen Vereinbarung, dass in dem geteilten Reich ein Machtgleichgewicht bestehen müsse; auch konnte er gegen Galerius keine Hassgefühle mehr hegen, seit dieser strebsame Herrscher aufgehörte hatte, ein Schrecknis zu sein Lactantius, de mortibus 27; Zosimos, 2,10. Letzterer deutet an, dass Constantin während seines Gesprächs mit Maximinian zugesichert habe, Galerius den Krieg zu erklären. .   MAXIMIANS AUSGANG · LICINIUS WIRD ZUM AUGUSTUS ERHOBEN – 307 A.D. Galerius war zu den heftigsten Leidenschaften imstande und dennoch zu einer aufrichtigen und dauerhaften Freundschaft fähig. Licinius, dessen Auftreten und Veranlagung der seinen recht ähnlich war, scheint jedenfalls sein Wohlwollen und seine Wertschätzung errungen zu haben. Ihre Freundschaft wurzelte vermutlich in den glücklichen Tagen ihrer Jugend und Anonymität; sie hatte sich nahezu zeitgleich die Karriereleiter emporgearbeitet; und sobald Galerius die kaiserliche Würde empfangen hatte, scheint er den Plan gefasst zu haben, seinen Gefährten in den gleichen Rang zu erheben. Auf dem Gipfel seiner Größe fiel es ihm bei, dass der Caesarenrang dem Alter und den Verdiensten des Licinius unangemessen sei, und so er beschloss, für ihn den Platz des Constantin und die Herrschaft über den Westen bereitzuhalten. Für die Zeit seiner italienischen Campagne vertraute er seinem Freund den Schutz der Donaugrenze an; und unmittelbar nach der Rückkehr von jenem fehlgeschlagenen Feldzug legte er Licinius den vakanten Purpur des Severus an und unterstellte die illyrischen Provinzen seinem direkten Kommando Herr de Tillemont (Histoire des Empereurs 4,1, p 559) hat nachgewiesen, dass Licinius ohne die Zwischenstufe des Caesaren am 11. November 307 nach der Rückkehr des Galerius aus Italien zum Augustus ernannt wurde. . Kaum war die Nachricht von seiner Erhebung in den Osten gelangt, als auch schon Maximinus, der Ägypten und Syrien regierte, oder genauer: unterdrückte, sich neidisch und missgünstig erzeigte, mit dem nachgeordneten Range eines Caesar durchaus unzufrieden war und, der Argumente, ja des Flehens des Galerius ungeachtet, den gleichwertigen Augustustitel nachgerade handgreiflich für sich einforderte Lactantius, de mortibus 32. Als Galerius den Licinius zum Mitaugustus ernannte, versuchte er, seine jüngeren Kollegen ruhig zu stellen, indem er sich für Constantin und Maximinus (nicht Maxentius, vgl. Baluze, 4,81) den neuen Titel »Sohn des Augustus« erdachte. Als jedoch Maximinus ihn in Kenntnis setzte, dass die Truppen ihn bereits mit Augustus gegrüßt hätten, sah sich Galerius genötigt, ihn und Constantin als gleichberechtigte Kollegen in der Kaiserwürde anzuerkennen. . So wurde also die römische Welt zum ersten und letzten Male von sechs Kaisern gleichzeitig regiert. Im Westen inszenierten Constantin und Maxentius gegenüber ihrem Vater Maximian Respektserweisungen; im Osten zeigten sich Licinius und Maximinus ihrem Gönner Galerius dankbar. Die Interessengegensätze und der jüngst beendete Krieg spaltete das Reich in zwei große, verfeindete Blöcke; aber ihre gegenseitige Angst stiftete einen zumindest äußerlichen Frieden und eine – allerdings nur gespielte – Versöhnung, bis der Tod der älteren Herrscher, des Maximian und ganz besonders des Galerius, den politischen Zielen und den Leidenschaften ihrer überlebenden Nachfolger eine neue Orientierung wies.   SELBSTMORD DES MAXIMIAN · 310 A.D. Als Maximian zähneknirschend abgedankt hatte, zollten die Jubelredner seiner Zeit seiner philosophischen Gesinnung den gehörigen Beifall. Als sein Ehrgeiz einen Bürgerkrieg ausgelöst oder doch wenigstens mitverschuldet hatte, sparten sie nicht mit Dank für seinen beherzten Patriotismus und tadelten allenfalls mit milden Worten jene Liebe zum behaglichen Ruhestand, die ihn seinen öffentlichen Pflichten entfremdet habe S. Panegyrici 6,9. »Audi doloris nostri liberam vocem.« (Höre unserer Qual freie Stimme.) Der ganze Abschnitt ist mit gekünstelter Schmeichelei und leichtfließender Sprachkunst versehen. . Aber es war Männern vom Schlage eines Maximian und seines Sohnes nicht in die Wiege gelegt, sich lange und in Frieden der ungeteilten Macht zu erfreuen. Maxentius selbst sah in sich den legalen Herrscher Italiens, erwählt vom Senat und Volk Roms; auch war ihm die Aufsicht durch seinen Vater ärgerlich, welcher selbstgefällig erklärte, dass allein durch seinen Ruhm und seine Geschicklichkeit die kecke Jugend auf dem Thron Platz nehmen konnte. Der Fall wurde in allem Ernste den Prätorianergarden vorgetragen, und da diese Truppen die strenge Hand des alten Mannes fürchteten, schlugen sie sich auf die Seite des Maxentius Lactantius, de mortibus 28; Zosimos 2,11. Es wurde das Gerücht gestreut, dass Maxentius der Sohn eines unbedeutenden Syrers sei und von der Frau des Maximian als ihr eigenes Kind ausgegeben worden. S. Aurelius Victor, Anonymus Valesii 3,6 und Panegyrici 9,3 und 4. . Leben und Freiheit blieben Maximian jedoch, und er selbst zog sich aus Italien nach Illyrien zurück, beklagte sich vernehmlich über die jüngsten Vorkommnisse und ging doch schon wieder mit neuen Ränken schwanger. Indessen war Galerius mit dem Charakter des Mannes nur zu gut vertraut, nötigte ihn zum Verlassen seines Herrschaftsbereiches, und zur letzten Zuflucht des verbitterten Maximians wurde der Hof seines Schwiegersohnes Constantin Ab urbe pulsum, ab Italia fugatum, ab llyrico repudiatum, tuis provinciis, tuis copiis, tuo palatio recepisti. Eumenius in Panegyrici 7,14. (Dem aus Rom Vertriebenen, dem aus Italien Geflohenen, dem von Illyricum Zurückgewiesenen hast du in deiner Provinz, in deinen Besitztümern, in deinem Palast Unterkunft gewährt.) . Der Herrscher empfing ihn mit gehörigem Respekt, die Kaiserin Fausta mit der Zärtlichkeit einer Tochter. Auf dass er jeden Verdachtes überhoben sei, legte er den kaiserlichen Purpur zum zweiten Lactantius de mortibus 29. Aber selbst nach der Abdankung vergönnte Constantin dem Maxentius Prunk und Zeremonie einer kaiserlichen Stellung; und bei öffentlichen Auftritten saß sein Schwiegervater zu seiner Rechten. Panegyrici 7,15. Male ab und bekannte, dass er über die Eitelkeit von Größe und Ehrgeiz nun hinlänglich zur Einsicht gekommen sei. Wäre es bei dieser Einstellung geblieben, dann hätte er sein Leben zwar in geringerer Würdestellung als nach der ersten Abdankung beendet, aber wenigstens in aller Behaglichkeit und Würde. Aber die unmittelbare Nähe zu einem kaiserlichen Thron rief in ihm immer wieder schmerzliche Erinnerungen wach an die Höhe, von der er herabgefallen war, und so beschloss er, einen Verzweiflungsschlag zu wagen und entweder zu regieren oder unterzugehen. Ein Frankeneinfall hatte Constantin mit einem Teil seiner Armee an den Rhein gerufen; die restlichen Truppen wurden in Südgallien stationiert, welches nun dem Zugriff des italienischen Kaisers ausgesetzt war, und zusätzlich wurde in Arles ein beträchtlicher Schatz hinterlegt. Maximian setzte das Gerücht von Constantins Tod in die Welt, oder er glaubte einem solchen ohne Nachprüfung, bestieg ohne Zögern den Thron, beschlagnahmte den Schatz und verteilte ihn mit seiner üblichen Freigebigkeit unter die Soldaten, um in ihnen die Erinnerung an seine vergangenen Heldentaten wachzurufen. Bevor er jedoch sein Autorität festigen konnte oder die Verhandlungen beendet hatte, in die er offenbar mit seinem Sohn Maxentius eingetreten war, machte die Schnelligkeit des Constantin alle seine Hoffnungen mit einem Schlage zunichte. Auf die erste Nachricht von seinem Verrat und Undank kehrte der Kaiser in zornigen Eilmärschen vom Rhein an die Saone zurück, ging bei Chalon an Bord, traute sich bei Lyon der reißenden Rhone an, landete vor Arles und hatte eine Streitmacht bei sich, der Maximian unmöglich Widerstand leisten konnte und die ihm kaum die Flucht ins benachbarte Marseilles ermöglicht hätte. Der enge Landkorridor, der die Stadt mit dem Festland verbindet, war gegen die Belagerer befestigt worden, während der Zugang über See offen stand, so dass Maximian hier entweder entkommen oder Maxentius zu Hilfe eilen konnte, wenn er sich denn zu einem Einfall nach Gallien entschließen sollte unter dem schicklichen Vorwand, er wolle einem verzweifelten – er hätte wohl hinzusetzen können: einem gekränkten – Vater zu Hilfe eilen. Constantin war sich der fatalen Konsequenzen eines Zögerns bewusst und gab Order zum sofortigen Sturmangriff; aber die Sturmleitern waren für die Mauern zu kurz. Und so hätte Marseille, wie einst gegen Caesar, eine lange Belagerung aushalten können, wenn den Garnisonen ihre Gefahr oder ihr Fehlverhalten nicht zum Bewusstsein gekommen wären und sie Pardon durch die Auslieferung der Stadt und des Maximian für sich erwirkt hätten.   MAXIMIANS TOD A.D. 310 In einem Geheimverfahren wurde ein unanfechtbares Todesurteil gegen der Usurpator verhängt; nur wurde ihm dieselbe Gnade gewährt wie vormals Severus, und die Welt erfuhr, dass er, von der Reue für seine ungezählten Missetaten überwältigt, Hand an sich selbst gelegt habe. Seitdem er nicht mehr mit Diocletian zusammengearbeitet hatte und er für dessen mäßigende Ratschläge taub geworden war, wurde die zweite Hälfte seines politischen Lebens eine einzige Serie von Rückschlägen und Peinlichkeiten, welche nach drei Jahren mit einem schmachvollen Tod endigte. Er hatte sein Schicksal verdient; aber wir hätten mehr Anlass Constantins Milde zu loben, wenn er den alten Mann begnadigt hätte, der doch immerhin der Wohltäter seines Vaters und Vater seiner Gattin war. Während dieser trübseligen Vorgänge scheint Faustina jedenfalls die Gebote der Natur ihren Pflichten als Ehefrau nachgeordnet zu haben Zosimos 2,11; Eumenius in Panegyrici 7, 16-21. Letzterer hat die Angelegenheit zweifellos in einem für seinen Herren äußerst vorteilhaftem Licht dargestellt. Dennoch können wir aus dieser parteiischen Darstellung schließen, dass Constantins wiederholte Milde und Maximians wiederholter Verrat so, wie sie von Lactantius (de mortibus 29,30) beschrieben und von den modernen Autoren übernommen werden, jeder historischen Grundlage entbehren. .   ENDE DES GALERIUS A.D. 311 · REICHSTEILUNG Die letzten Jahre des Galerius gestalteten sich minder beschämend und unglücklich; und wenn er auch den nachgeordneten Rang eines Caesar mit mehr Ruhm ausfüllte als den höherrangigen des Augustus, so blieb er doch bis zum Ende seiner Tage der erste des römischen Kaiserkollegiums. Nach seinem Rücktritt vom italienischen Thron lebte er noch vier Jahre; seine Visionen von einem Universalreich hatte er einsichtsvoll aufgegeben und seine verbleibende Lebensspanne kleineren Ablenkungen und Tätigkeiten von öffentlichem Nutzen gewidmet; hierunter finden wir auch die Ableitung der immensen Wassermassen des Pelso-Sees in die Donau und die Rodung der angrenzenden Wälder, durch welche königliche Anstrengung seinen pannonischen Untertanen viel Ackerland geschenkt ward Aurelius Victor, Caesares 40. Aber der See lag im oberen Pannonien nahe der Grenze zu Noricum; die Provinz Valeria (diesen Namen gab die Frau des Galerius dem trockengelegten Lande) lag unbestritten zwischen Drau und Donau (Sextus Rufus 9). Ich habe deshalb den Verdacht, dass Victor den Pelso-See mit den voloceischen Sumpfland (heute Sabaton-See genannt) verwechselt hat. Er liegt mitten in Valeria, und heute ist er nicht länger als zwölf ungarische Meilen (etwa 70 englische Meilen) und zwei Meilen breit. Siehe Severini, Pannonia 1, 9. . Er starb an einer sehr schmerzhaften und langwierigen Krankheit. Sein Körper, als Folge einer maßlosen Lebensführung zu unförmiger Missgestalt angeschwollen, war mit Schwären übersäht und wurde von zahllosen jener Schädlinge zerfressen, die dieser ekelhaften Krankheit den Namen gegeben haben Lactantius de mortibus 33 und Eusebios 8,16 beschreiben die Symptome und den Verlauf des Leidens (Hautkrebs) mit äußerster Detailfreude und unübersehbarem Vergnügen. ; da aber Galerius während seiner Regentschaft seine Untertanen in großer Zahl und zu großem Hass gegen sich aufgebracht hatte, löste sein Leiden wenig Mitleid aus, vielmehr wurde sie als sichtbares Zeichen göttlicher Gerechtigkeit überall mit Genugtuung bemerkt Falls jemand wie etwa der verstorbene Dr. Jortin, (Remarks on Ecclesiastical History, Bd.2, p. 307-356) sich immer noch an einer Schilderung der herzerhebenden Todesumstände von Verfolgern des Glaubens erlaben möchte, kann ich ihm zur Lektüre einen bewunderungswürdigen Abschnitt bei Grotius (Annales et Historiae de rebus Belgicis, Bd.7, p.332) anempfehlen, in welchem die letzte und tödliche Krankheit des Philipp II von Spanien ausgemalt wird. . Kaum hatte er in seinem Palast zu Nicomedia den letzten Atemzug getan, als auch schon die beiden Herrscher, die ihm ihren Purpur zu verdanken hatten, ihre Truppen sammelten, um das herrenlose Reich unter sich aufzuteilen oder darum zu kämpfen. Sie kamen überein, von dem zweiten Plane abzustehen und sich für die Teilung zu entscheiden. Die Provinzen Asiens fielen Maximinus zu, während die europäischen Licinius' Anteil vergrößerten. Der Hellespont und der thrakische Bosporus bildete die gemeinsame Grenze, und die Ufer dieser engen Gewässer, im Herzen der römischen Welt, waren mit Truppen, Arsenalen und Festungsanlagen zugepflastert. Nach dem Tode des Maximian und Galerius gab es nur noch vier Herrscher. Licinius und Constantin waren durch das Bewusstsein ihrer wahren Interessen geeint; auch zwischen Maximinus und Maxentius hatte stillschweigendes Einvernehmen bestanden, und ihre leidgeprüften Untertanen bangten den blutigen Folgen ihres Zerwürfnisses entgegen, welches zuverlässig eintreten musste, sobald sie nicht mehr durch Respekt oder Furcht vor Galerius zurückgehalten wurden S. Eusebius 9,6 und 10; Lactantius, de mortibus 36. Zosimos ist weniger genau und verwechselt Maximinianus und Maximinus. .   ZUSTÄNDE IN GALLIEN Bei so vielen Verbrechen und Unglücksfällen, die die römischen Kaiser in ihrer Willkür verschuldet hatten, ist es eine rechte Lust, auch einmal von einem Ereignis zu berichten, das man auf Rechnung ihrer Tugenden setzen könnte. Im sechsten Jahre seiner Regierung besuchte Constantin die Stadt Autun, erließ großherzig die Steuerrückstände und verringerte bei dieser Gelegenheit die Steuerschätzung proportional von fünfundzwanzig auf achtzehntausend Einwohner entsprechend der realen Kopfzahl Siehe den 8. Panegyricus, in welchem Eumenius in Anwesenheit von Constantin ein Bild vom Elend und der Dankbarkeit der Stadt Autun entwirft. . Doch gerade diese Nachsicht liefert den eindringlichsten Beweis für das öffentliche Elend. Denn selbst diese Steuer war so unglaublich belastend, aus sich selbst heraus oder durch die Art, wie sie eingezogen wurde, dass, während sie einerseits durch Erpressung anwuchs, sie zugleich infolge von Verzweiflung abnahm: ein beträchtlicher Teil des Landes um Autun bleib unbearbeitet, und ein ansehnlicher Anteil der Bevölkerung zog es vor, im Exil oder unter freiem Himmel zu leben als die Last der bürgerlichen Gesellschaft mitzutragen. Es ist indessen nur zu wahrscheinlich, dass der spendable Herrscher durch diesen vereinzelten Akt von Großherzigkeit lediglich eines der zahlreichen Übel milderte, die er selbst durch die Grundsätze für seine Verwaltung verschuldet hatte. Doch selbst diese Grundsätze waren nicht durch freie Entscheidung, sondern durch die Notwendigkeit diktiert. Und doch scheint, abgesehen von der Hinrichtung des Maximian, die Regierungszeit in Gallien der unschuldigste und sogar erfolgreichste Lebensabschnitt Constantins gewesen zu sein. Die Provinzen waren, solange er anwesend war, durch keinen Barbareneinfall bedroht, da sie seine Stärke fürchteten oder bereits kennen gelernt hatten. Nach einem glorreichen Sieg über die Franken und Alamannen wurden mehrere ihrer Stammeshäuptlinge auf sein Geheiß im Amphitheater zu Trier den wilden Bestien vorgeworfen; das Volk ergötzte sich an diesem Schauspiel, wobei es ihm offenbar verborgen blieb, dass in dieser Art der Behandlung von königlichen Gefangenen etwas mit dem Völker- und Menschenrecht entschieden Unvereinbares liege Zahlreiche fränkische Jugendliche erlitten denselben grausamen und ehrlosen Tod. Eutropius 9,2; Panegyrici 8,10-12. .   MAXENTIUS' TYRANNEI IN ITALIEN UND AFRIKA A.D. 306-312 Constantins Tugenden erhöhten sich noch vor dem Hintergrund der Verbrechen des Maxentius. Während die gallischen Provinzen sich eines Glückes erfreuten, wie dies die obwaltenden Umstände überhaupt nur erlaubten, stöhnten Italien und Afrika unter der Willkür eines Tyrannen, der ebenso unwürdig wie verhasst war. Parteiengunst und -hass haben allerdings viel zu oft die Tugenden des Besiegten dem Ruhme ihres siegreichen Gegners geopfert; aber selbst die Autoren, die umfassend und genüsslich die Verfehlungen Constantins aufgedeckt haben, geben einmütig zu, dass Maxentius grausam war, habgierig und lasterhaft Julian schließt Maxentius mit Abscheu und Verachtung vom Bankett der Caesaren aus, und Zosimos (2,14) unterstellt ihm jede Grausamkeit und jedes Laster. . Er hatte das Glück, eine unbedeutende Rebellion in Afrika unterdrücken zu können. Der Statthalter und ein paar seiner Anhänger wurden für schuldig befunden, und die ganze Provinz musste für sie leiden. Die blühenden Städte Cirtha und Carthago und das fruchtbare Land ringsum wurden durch Feuer und Schwert verwüstet. Auf den Missbrauch des Sieges folgte der Missbrauch von Gesetz und Recht. Eine entsetzliche Heerschar von Sykophanten und berufsmäßigen Denunzianten nistete sich in Afrika ein; leicht war den Reichen und den Adligen eine Verbindung zu den Rebellen nachgewiesen; und die, denen der Herrscher gnädig war, hatten nur die Beschlagnahme ihres Besitzes zu erleiden Zosimos 2,12; Aurelius Victor, Caesares 40. . Ein Sieg von solcher Größe musste durch einen angemessenen Triumph gekrönt werden, und Maxentius präsentierte dem staunenden Volk Beute und Gefangene aus einer römischen Provinz. Mitgefühl, nicht weniger als Afrika, gebührte auch Italien. Der Reichtum Roms lieferte einen unerschöpflichen Fundus für seine sinn- und maßlosen Ausgaben, und seine Finanzbeamten hatten es in der Kunst des Raubes zur Meisterschaft gebracht. Unter seiner Regierung wurde auch die Methode ausgeheckt, von den Senatoren freiwillige Spenden einzutreiben; und so, wie die Summe allmählich angehoben wurde, so wurden proportional dazu auch die Vorwände vervielfältigt: ein Sieg, eine Geburt, eine Hochzeit oder ein Konsulat des Kaisers Die Textstelle bei Aurelius Victor l.c. sollte wie folgt gelesen werden: »Primus instituto pessimo, munerum specie, Patres Oratoresque pecuniam conferre prodigenti sibi cogeret.« (Er war der erste, der durch eine entwürdigende Maßnahme den Senat und die Redner zwang, ihm für seine Verschwendungen Geld zu beschaffen und dies Geschenk zu nennen.) . Maxentius war von der gleichen tiefempfundenen Abneigung gegen den Senat durchtränkt wie die meisten früheren Tyrannen Roms. Und ebenso war es seiner undankbaren Gemütsart unmöglich, die bedingungslose Treue zu verzeihen, die ihm auf den Thron verholfen und gegen alle seine Feinde geschützt hatte. Das Leben der Senatoren war seinem neidvollen Misstrauen ausgeliefert, und die Schande ihrer Frauen oder Töchter erhöhte ihm den Genuss seiner sinnlichen Leidenschaften Panegyrici 9,3; Eusebios Historia 8,14 und Vita Constantini 1,33 und 34; Rufinus 17. Die tugendreiche Matrone, die sich erdolchte, um einer Vergewaltigung durch Maxentius zu entgehen, war Christin mit dem Namen Sophronia und zugleich Frau des Stadtpräfekten. Unter Kasuistikern ist es nach wie vor umstritten, ob eine solche Gelegenheit Suizid rechtfertigt. . Man darf wohl unterstellen, dass kaiserliche Liebhaber nur selten vergebliche Liebes-Seufzer taten; und dass sie zur Gewalt griffen, wenn ihre Überredungskünste wirkungslos blieben; und dann finden wir nur ein denkwürdiges Beispiel für eine Frau von Adel, die ihre Ehre durch einen freiwilligen Tod erkauft hat. Die Soldaten waren offenbar die einzige Klasse Mensch, der er Respekt entgegenbrachte oder der gefällig zu sein er sich bemühte. Er überschwemmte Rom und Italien waren mit bewaffneten Truppen, leistete ihren Krawallen stillschweigend Vorschub, unternahm nichts gegen ihr Marodieren und noch nicht einmal gegen ihre Mordtaten, die sie an der schutzlosen Bevölkerung verübten »Praetorianis caedem vulgi quondam annuerit.« (Den Prätorianern erlaubte er einst, das Volk nieder zu machen), so die unscharfe Formulierung des Aurelius Victor l.c. Siehe hierzu den detailreicheren, wenngleich abweichenden Bericht von einem Aufruhr nebst Massaker zu Rom bei Eusebios (8,14) und Zosimos (2,13). ; und da Maxentius ihnen dieselben Freiheiten einräumte wie er sie sich selbst herausnahm, verschenke er an seine Lieblinge unter den Militärs auch schon mal die Villa oder die Frau eines Senators. Ein Herrscher von solchem Zuschnitt, der zu den Geschäften des Friedens und des Krieges in gleicher Weise unfähig war, konnte sich vielleicht die Unterstützung der Armee erkaufen, aber gewiss niemals ihre Wertschätzung erwerben. Aber seine Selbstüberschätzung hatte dasselbe Format wie seine anderen Laster. Während er so in Trägheit dahinlebte, im Palast oder in den Gärten des Sallust, hörte man ihn wiederholt erklären, er allein sei der Kaiser, die anderen Herrscher nur seine Adjutanten, auf die er glücklich die Verteidigung der Grenzprovinzen abgewälzt habe, auf dass er ungestört der eleganten Freuden der Hauptstadt genießen könne. Rom, wo man einst die Abwesenheit der Kaiser beklagt hatte, verfluchte nun sechs Jahre lang die Anwesenheit dieses einen Siehe (Panegyricus 9,14) die anschauliche Schilderung der Trägheit und des hohlen Stolzes von Maxentius. An anderer Stelle merkt der Redner an, dass die im Laufe von 1060 Jahren in Ron angesammelten Reichtümer von diesem Tyrannen und seinen Söldnerbanden verschleudert worden seien: redemptis ad civile latrocinium manibus ingesserat. .   KRIEG ZWISCHEN MAXENTIUS UND CONSTANTIN Constantin hat die Aufführungen des Maxentius gewiss mit Schaudern und die Situation der Römer mit Bedauern wahrgenommen, aber wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass er zu den Waffen griff, das Erstere zu bestrafen und das Andere abzustellen. Aber Italiens Tyrann trug keine Bedenken, sich mit Constantin einen fürchterlichen Feind zu machen, dessen Ambitionen bisher mehr durch die Gebote der Klugheit und weniger die Grundsätze des Rechtes gesteuert worden waren Nach Constantins Sieg war es allgemein gebilligt, dass das Motiv, die Republik von einem elenden Tyrannen zu befreien, zu allen Zeiten einen Feldzug nach Italien gerechtfertigt hätte. Eusebios, Vita Constantini 1,26; Panegyrici 9,2. . Nach dem Tode des Maximian wurden seine Inschriften, wie es der Brauch wollte, ausgemeißelt und seine Statuen mit Schimpf zertrümmert. Sein Sohn, der ihn zu dessen Lebezeiten wahlweise bekämpft oder verraten hatte, hielt nun die Heiligung seines Andenkens für fromme Sohnespflicht und gab Anweisung, allen Statuen in Italien und Afrika, die dort zu Ehren Constantins errichtet waren, ein Gleiches zu tun. Dieser Herrscher wünschte in seiner Weisheit nichts aufrichtiger als einen Krieg abzuwenden, mit dessen Schwierigkeiten und Bedeutung er hinreichend vertraut war; so übersah er zunächst die Beleidigung und suchte um Beilegung auf dem zweckdienlicheren Wege der Verhandlung, bis er endlich zu der Einsicht gelangte, dass die kriegerisch-ehrgeizigen Pläne des italischen Herrschers ihm eine Bewaffnung zum Zwecke der Selbstverteidigung abnötigten. Maxentius, der seinen Anspruch auf die gesamte westliche Reichshälfte überall hatte anschlagen lassen, hatte in Rätien bereits eine beträchtliche Streitmacht für seinen Überfall auf Gallien zusammengestellt, und wenn er von Licinius auch keine Hilfe erwarten durfte, so redete er sich doch ein, dass die illyrischen Legionen, durch seine Geschenke und Versprechen schwankend geworden, die Fahne seine Gegners im Stiche lassen und sich einmütig zu seinen Kriegern und Untertanen erklären würden Zosimos, 2,14; Nazarius in Panegyrici 10, 7-13. . Constantin seinerseits zögerte nicht länger. Er hatte sich mit allem Bedacht entschieden und schlug zu mit aller Macht. ER gewährte den Gesandten eine Geheimaudienz, die ihn im Namen des Senats und des Volkes beschworen, Rom von dem fluchwürdigen Tyrannen zu befreien; und ohne die ängstlichen Einwände seiner Ratgeber weiter zu beachten, beschloss er, dem Feinde zuvorzukommen und den Krieg mitten in das Herz Italiens zu tragen Siehe Panegyrici 9,2. Omnibus fere tuis comitibus et ducibus non solum tacite mussantibus, sed etiam aperte timentibus; contra consilia hominum, contra Haruspicum monita, ipse per temet liberandae urbis tempus venisse sentires. (Als nun alle deine Gefährten und Befehlshaber sich nicht nur mit schweigendem Widerspruch, sondern sogar mit offener Angst begnügten, hast du – gegen den Rat der Männer und der Haruspices – eingesehen, dass die Zeit gekommen sei, die Stadt zu befreien.) Die Gesandtschaft der Römer erwähnen nur Zonaras (13,1) und Kedrenos (Synopsis 70); aber diese modernen Griechen hatten die Gelegenheit, viele Autoren zu konsultieren, die uns seitdem verloren gegangen sind und zu denen wir auch die Biographie »Das Leben des Constantin« von Praxagoras rechnen müssen. Photios hat von diesem Geschichtswerk einen kurzen Auszug verfertigt. .   KRIEGSVORBEREITUNGEN Das Unternehmen barg Gefahr und Ruhm; und der Ausgang zweier vorangegangener, aber erfolgloser Feldzüge genügte vollauf, um dumpfe Vorahnungen ins Leben zu rufen. Die Veteranen, die Maximian verehrten, hatten in diesen beiden Kriegen auf Seiten seines Sohnes gestanden und wurden durch so etwas wie ein Ehrgefühl und wohl auch aus Eigeninteresse davon abgehalten, dem Gedanken an eine zweite Fahnenflucht nachzuhängen. Maxentius, der die Prätorianergarde für die zuverlässigste Stütze seines Thrones hielt, hatte ihnen ihre frühere Bedeutung wiedergegeben; und so bildeten sie, zusammen mit den übrigen eingezogenen Italienern, eine furchterregende Truppe von achtzigtausend Mann. Außerdem waren vierzigtausend Mauren und Karthager seit der Niederwerfung Afrikas unter Waffen gestellt worden. Selbst Sizilien steuerte seine Truppenkontingent bei; und so belief sich Maxentius Armee auf einhundertundsiebzigtausend Mann Infanterie und vierzigtausend Mann Reiterei. Für die Kosten des Krieges musste Italiens Wohlstand aufkommen; und die angrenzenden Provinzen wurden ausgesaugt, um gewaltige Magazine für Getreide und anderen Proviant anzulegen. Constantins Armee hingegen bestand aus lediglich neunzigtausend Mann Infanterie und achttausend Mann Kavallerie Zosimos (2,15) hat uns diese sonderbaren Truppenstärken der beteiligten Gegner überliefert. Er erwähnt keine Marine, obwohl uns andernorts zugesichert wird (Panegyrici 9,25), dass der Krieg zu Wasser und zu Lande geführt ward; und dass die Flotte des Constantin Sardinien besetzt habe, ferner Korsika und einige italienische Häfen. ; und da die Rheingrenze während der Abwesenheit des Kaisers besondere Aufmerksamkeit erheischte, war es ihm unmöglich, mehr als die Hälfte der regulären Truppen aus Gallien auf seinen Italienfeldzug mitzunehmen, wenn er nicht die öffentliche Sicherheit seiner privaten Fehde zum Opfer bringen wollte. An der Spitze von etwa vierzigtausend Mann marschierte er einem Feind entgegen, dessen Truppen die seinen beinahe um das Vierfache übertrafen Panegyrici 9,3. Es kommt nicht überraschend, dass der Redner die Zahl der Truppen verkleinert, mit denen sein Herrscher Italien eroberte; aber es ist kurios, dass er das Heer des Tyrannen auf nicht mehr als 100 000 Mann veranschlagte. . Aber Roms Armee war stets in sicherer Entfernung von allen Gefahren stationiert gewesen und durch schlaffe Disziplin und Luxus verweichlicht. Sie war an die Bäder und Theater Roms gewöhnt, zog nicht gern ins Feld und bestand zum Teil aus Veteranen, die den Umgang mit Waffen fast schon vergessen hatten und zum anderen Teil aus Rekruten, die hierin keine nennenswerte Praxis besaßen. Die winterfesten Legionen Galliens hingegen hatten lange die Reichsgrenzen verteidigt gegen die Barbaren des Nordens; in diesem harten Dienst wurden ihre Kräfte lebendig gehalten und ihre Disziplin gestählt. Die Unterschiede, die zwischen den beiden Armeen bestanden, fanden sich auch zwischen den beiden Feldherren wieder. Grillen und Schmeicheleien hatten Maxentius mit Siegeshoffnungen erfüllt; aber diese Einbildung wich rasch vor seiner althergebrachten Vergnügungssucht zurück. Constantins unerschütterlicher Mut hingegen war von frühester Jugend an Krieg, Kampf und Kommandieren gewöhnt.   CONSTANTINS ALPENÜBERQUERUNG Als Hannibal von Gallien nach Italien einmarschierte, musste er zunächst einmal den Weg über die Alpen entdecken und dann freikämpfen und dieses gegen feindliche Bergstämme, die noch niemals einer regulären Armee den Durchgang gestattet hatten Die drei wichtigsten Wege über die Alpen zwischen Gallien und Italien sind über den St Bernhard-Pass, den Mt Cenis und den Mt Genevre. Tradition und eine gewissen Namensähnlichkeit ( Alpes Penninae ) verlegen Hannibals Marsch auf den ersten der drei Wege. Der Chevalier de Folard (Polybios, Bd. 4) und Herr d'Anville sprechen sich für den Mt Genevre aus. Der Autorität eines erfahrenen Offiziers und eines ausgewiesenen Geographen ungeachtet wird die Anwartschaft des Mt Cenis auf bestechende, um nicht zu sagen überzeugende Weise von M. Grosley unterstützt. . Damals waren die Alpen eine Festung von Natur aus, heutzutage sind sie durch Menschenwitz befestigt. Zitadellen, die mit ebensoviel Kunstfertigkeit errichtet wurden wie Mühe und Kosten, beherrschen jeden Weg in die Ebene und machen Italien von dieser Seite für die Feinde des Königs von Sizilien praktisch unangreifbar La Brunette bei Suse, Demont, Exiles Fenestrelles, Coni, etc. . In der dazwischenliegenden Zeit jedoch haben Generäle auf ihren Alpenüberquerungen selten Probleme oder Widerstand erlebt. Zur Zeit Constantins waren die Gebirgsbauern kultivierte und brave Untertanen; das Land war voll mit Proviantlagern, und die ingeniösen Straßen, die die Römer über die Alpen angelegt hatten, stellten diverse Verbindungen zwischen Gallien und Italien her Siehe Ammianus Marcellinus 15,10. Seine Beschreibung der Alpenstraßen ist klar, lebendig und exakt. . Constantin entschied sich für den Weg über die Cottischen Alpen oder den Mt Cenis, wie er heute genannt wird, und führte seine Truppen mit einer derart zielstrebigen Umsicht, dass er in die Ebene von Piemont hinabgestiegen war, bevor der Hof des Maxentius überhaupt nur eine zuverlässige Nachricht von seinem Abmarsch aus der Rheinprovinz erhalten hatte.   SCHLACHT VON TURIN · VERONA Die Stadt Susa am Fuße des Mt Cenis war befestigt und enthielt eine starke Garnison, die dem Vormarsch jeder Invasionsarmee Schwierigkeiten zu machen imstande gewesen wäre; aber Constantins Truppen waren ungeduldig und dem zähflüssigen Belagerungshandwerk abgeneigt. Schon am Tage ihrer Ankunft vor Susa legten sie Feuer an die Stadttore und Leitern an die Wallanlagen; trotz eines Hagels von Wurfgeschossen und Pfeilen berannten sie die Stadt, stürmten sie mit dem Schwert in der Hand und hieben die Garnison zusammen. Das entstandene Feuer ließ Constantin löschen und rettete auf diese Weise Susa vor der völligen Zerstörung. Eine Bewährungsprobe ernsterer Art wartete vierzig Meilen weiter auf ihn. Auf der Ebene vor Turin stand unter Maxentius' Unterfeldherren eine mächtige italienische Armee. Ihre Hauptschlagkraft bezog sie von einer besonderen Art schwerer Kavallerie, welche sich die Römer von den Nationen des Ostens abgesehen hatten, seit es mit ihrer Disziplin bergab gegangen war. Pferd und Reiter waren vollständig gepanzert, und die Gelenke an den Rüstungen waren auf sinnreiche Weise den Bewegungen angepasst. Der Anblick der Kavallerie war für sich genommen schon erschreckend genug, ihre Schlagkraft aber unwiderstehlich. Und da bei dieser Gelegenheit ihre Generäle sie in kompakter Keilform mit starken Flanken hatten aufmarschieren lassen, bildeten sie sich wohl ein, dass sie Constantins Armee leicht zerschlagen und zu Boden trampeln könnten. Sie hätten mit ihrem Vorhaben wohl auch Erfolg gehabt, wenn nicht ihr vielerfahrener Gegner sich derselben Verteidigungsmethoden bedient hätte wie bei ähnlichen Gelegenheiten schon Aurelian. Die geschickten Truppenbewegungen Constantins zersplitterten und verwirrten die massierten Kavallerieabteilungen; aufgelöst flohen die Truppen des Maxentius nach Turin; und da ihnen die Stadttore verschlossen blieben, entkamen nur wenige lebend dem Schwert des siegreichen Gegners. Durch diese entscheidende Maßnahme verdiente Turin sich die Milde und sogar die Gunst des Eroberers. Er zog in den Kaiserpalast von Mailand ein, und nahezu alle Städte zwischen Alpen und Rom erkannten nicht nur die Herrschaft Constantins an, sondern schlugen sich zusätzlich mit Eifer auf seine Seite Zosimos drängt – wie auch Eusebios – vom Alpenübergang sofort zur Entscheidungsschlacht nach Rom. Wegen der Gefechte Constantins auf dem Weg dorthin müssen wir auf die Panegyriker zurückgreifen. .   NIEDERLAGE DES GENERALS POMPEIANUS Von Mailand nach Rom gelangt man auf der Via Aemilia und Via Flaminia in bequemen Märschen von etwa vierhundert Meilen; und obwohl Constantin begierig war, dem Tyrannen zu begegnen, griff er klugberechnet zunächst eine andere italienische Armee an, weil sie wegen ihrer Größe und günstigen Stellung seinem Vormarsch hinderlich oder im Fall einer Niederlage seinem Rückzug hätte gefährlich werden können. Ruricius Pompeianus, ein durchaus befähigter und energischer General, hatte die Stadt Verona und sämtliche in der Provinz Venetien stationierten Legionen unter seinem Kommando. Sobald er von Constantins Angriff hörte, bildete er ein Korps Kavallerie, welches zuvor in einem Gefecht bei Brescia eine Niederlage erlitten hatte und von den gallischen Legionen bis vor die Tore Veronas verfolgt worden war. Die Notwendigkeit, die Wichtigkeit und die Schwierigkeiten der Belagerung Veronas überblickte der einsichtige Constantin im Augenblick Der Marquis Maffei hat die Belagerung und die Schlacht von Verona mit derjenigen Aufmerksamkeit und Genauigkeit untersucht, die ein solches Ereignis im eigenen Lande abverlangen. Die von Gallienus erbauten Befestigungsanlagen waren kleiner als die modernen Wälle und das Amphitheater lag außerhalb ihrer Mauern. Siehe dessen Verona illustrata Teil 1, p. 142 und 150. . Die Stadt war lediglich über eine enge Halbinsel im Westen zugänglich, die anderen drei Seiten wurden von der Adige umströmt, einem reißenden Fluss, der die Provinz Venetien begrenzte und durch den die Belagerten unerschöpflichen Nachschub an Soldaten und Verpflegung beziehen konnten. Nur unter große Schwierigkeiten und erst nach mehreren fruchtlosen Versuchen fand Constantin Mittel, den Fluss oberhalb der Stadt zu überqueren, dort, wo die Strömung weniger reißend war. Dann erst umfasste er Verona mit starken Belagerungslinien und schlug die Angriffe des Pompeianus sowie einen Verzweiflungsausfall mit überlegener Stärke zurück. Nachdem nun dieser standhafte General sämtliche Mittel der Verteidigungskunst ausgeschöpft hatte, zu der die Festung und die Garnison irgend imstande waren, entwich er heimlich aus Verona, nicht so sehr um sich als vielmehr um die öffentliche Sicherheit besorgt. Mit unermüdlicher Sorgfalt stellte er ein neues Heer zusammen, welches Constantin im Felde begegnen oder seine Armee angreifen sollte, falls er immer noch vor Verona liegen sollte. Der Herrscher, der über die Bewegungen und so auch über die Annäherung seines gefährlichen Feindes wohlunterrichtet war, ließ einen Teil seiner Legionen vor Verona die Belagerung fortsetzen, während er in eigener Person an der Spitze einer Armee, auf deren Zuverlässigkeit er nun auf Gedeih und Verderb angewiesen war, den General des Maxentius angriff. Die gallische Armee war, den Kriegsgepflogenheiten entsprechend, in zwei Linien aufmarschiert; als ihr erfahrener Feldherr jedoch bemerkte, dass die Zahl der italienischen Soldaten die seine deutlich übertraf, änderte er überraschend seine Dispositionen und erweiterte die erste Linie auf Kosten der zweiten so, dass ihre Breite der des Feindes gleichkam. Solche Truppenbewegungen, die nur Veteranenarmeen ohne Konfusion ausführen können, entscheiden in der Regel über den Ausgang der Schlacht: da aber dieses Gefecht erst am späten Nachmittag begann und während der ganzen Nacht mit vieler Verbissenheit weitergeführt wurde, blieb für angewandte Feldherrenkunst weniger Raum als für den persönlichen Mut des einzelnen Soldaten. Der Sonnenaufgang beschien den Sieg des Constantin und ein mit tausenden von Leichen übersätes Schlachtfeld. Unter den Toten fand man auch Pompeianus; Verona ergab sich auf Gnade und Ungnade, und die Garnison wurde gefangen gesetzt Man benötigte Ketten für eine so groß Anzahl Gefangener; der Kriegsrat war ratlos; aber der findige Eroberer verfiel auf den Notbehelf, die Schwerter der Besiegten zu Eisenfesseln umschmieden zu lassen. Panegyrici 9,11 . Als die Offiziere ihrem Feldherren zu seinem bedeutenden Erfolg gratulierten, wagten sie gleichwohl, mit allem Respekt Vorstellungen zu machen, an denen selbst der argwöhnischste Alleinherrscher keinen Anstoß genommen hätte. Sie stellten Constantin dar, dass er, mit seinen Feldherrenpflichten offenbar nicht ausgelastet, sich und sein Leben mit einem Wagemut einsetze, der schon fast an Tollkühnheit grenze; und so beschworen sie ihn, künftighin mehr auf das eine Leben acht zu geben, von welchem schließlich auch Roms und des Reiches Sicherheit abhänge. Panegyrici 9, 10   MAXENTIUS' LETHARGIE UND FEIGHEIT Während Constantin im Felde also Mut und Talent bewährte, blieb der Herrscher Italiens blind gegen die Katastrophen und Gefahren des Bürgerkrieges, welcher nun doch schon inmitten seines Landes tobte. Frohsinn blieb trotz alledem Maxentius einziges Anliegen. Die Niederlagen seiner Legionen verheimlichte er der Öffentlichkeit oder versuchte es doch wenigstens »Literas calamitatum suarum indices supprimebat.« Panegyrici 9,15. (Hörte er von Niederlagen der Seinen, dann verschwieg er die Nachrichten.) , und er selbst kultivierte jenes leere Selbstvertrauen, welche die Heilung eines herannahenden Übels aufschiebt, ohne dadurch die Katastrophe selbst abwenden zu können »Remedia malorum potius quam mala differebat,« (Er zögerte die Beseitigung des Übels stärker hinaus als das Übel selbst), so Tacitus' subtiler Tadel für Vitellius' unbedarftes Phlegma. . Constantins Der Marquis Maffei hat es äußerst wahrscheinlich gemacht, dass Constantin am 1. September 312 A.D. noch in Verona gewesen ist und dass die berühmte Ära der Indictionen seit seiner Eroberung von Gallia Cisalpina datiert. (Indictio: Zeitrechnung, die mit 15-Jahres-Zyklen rechnet, A.d.Ü.) Erfolgsserie war nicht geeignet, ihn aus seiner verhängnisvollen Lethargie aufzuschrecken; er redete sich ein, dass seine wohlbewährte Freigebigkeit, ferner Roms großer Name – dies hatte ihm schon zweimal eine Invasion vom Halse geschafft – auch diesmal mit Leichtigkeit die rebellische Armee Galliens zerstreuen werde. Offiziere mit Erfahrung und Weitblick, die bereits unter Maximians Fahne gedient hatten, hatten sich schon längst veranlasst gesehen, seinem unfähigen Sohn die unmittelbar drohende Gefahr vorzustellen; und ihn mit einer Freimütigkeit, die ihn befremdete und daher überzeugte, zu drängen, seinem Untergang durch Anstrengung aller seiner verbliebenen Kräfte gegenzusteuern. Maxentius' Reserven an Soldaten und Kriegsmaterial waren immer noch beträchtlich. Den Prätorianern selbst begann es aufzudämmern, wie innig doch ihr Schicksal mit dem seinen verflochten war; und eine dritte Armee wurde aufgestellt, stärker noch als die zwei, welche vor Turin und Verona untergegangen waren. Allerdings lag es den Intentionen des Kaisers ferne, seine Truppen persönlich anzuführen. Da er in den Kriegskünsten ungeschickt war, bebte er vor den Gefahren des bevorstehenden Waffenganges zurück; und da Furcht eine Verwandte des Aberglaubens ist, lauschte er mit banger Aufmerksamkeit auf die Gerüchte von Vorzeichen und Gesichten, die sein Leben und sein Reich umdrohten. Schließlich aber trat die Scham an die Stelle des Mutes und nötigte ihn, den Kampfplatz zu betreten. Er ertrug die Verachtung der römischen Bevölkerung nicht mehr. Der Zirkus zitterte unter ihrem empörten Gegröle, sie rottete sich vor den Toren des Palastes zusammen, höhnte über das Hasenherz ihres Kaisers und bejubelten Constantins Heldenmut Siehe Pangyrici 9,16; Lactantius, de mortibus 44. . Bevor er Rom verließ, befragte er noch die Sibyllinischen Bücher. Die Hüter dieser uralten Orakelbücher waren mit den Läufen der Welt ebenso vertraut, wie ihnen andererseits das geheimen Walten des Schicksals unbekannt war; und so erteilten sie ihm eine wohldurchdachte Antwort, welche sich geschmeidig an das kommende Ereignis anpassen ließ und zugleich ihre Reputation nicht beschädigte, gleichgültig wie der Ausgang des Waffenganges auch sein mochte »Illo die hostem Romanorum esse periturum.« (An jenem Tag wird Roms Feind untergehen). Der »Feind Roms« war naturgemäß der jeweils unterlegene Fürst. .   CONSTANTINS SIEG VOR ROM A.D.312 Die Schnelligkeit von Constantins Vormarsch ist bisweilen verglichen worden mit Caesars rascher Eroberung Italiens zu Beginn des Bürgerkrieges; diese schmeichelhafte Parallele steht in keinem Widerspruch zu der historischen Wahrheit, denn seit dem Fall Veronas vergingen bis zur endgültigen Entscheidung noch nicht achtundfünfzig Tage. Constantin hatte immer besorgt, der Tyrann möchte sich dem Diktat der Furcht und gegebenenfalles sogar der Klugheit beugen und, anstelle in einer letzten Entscheidungsschlacht alles auf eine Karte zu setzen, sich hinter Roms Mauern verkriechen. Seine üppigen Magazine hätten ihn dann für lange Zeit gegen die Gefahren des Aushungerns geschützt; und da andererseits Constantins Lage keinen Aufschub gestattete, wäre er vor die traurige Notwendigkeit gestellt gewesen, die Kaiserstadt mit Feuer und Schwert zu vernichten, seines Sieges edelste Trophäe, deren Befreiung den Grund, oder sollte man besser sagen, den Vorwand für den Bürgerkrieg geliefert hatte Siehe Panegyrici 9,16 und 10,27. Der erste Redner rühmt die Getreidelager, die Maxentius aus Africa und den Insel hatte zusammenbringen lassen. Und wenn an der von Eusebios (Vita Constantini 36) überhaupt etwas Wahres ist, müssen die imperialen Kornvorräte ausschließlich den Soldaten offen gestanden haben. . Und so war er denn gleichermaßen überrascht wie erfreut, dass er bei seiner Ankunft auf der Saxa Rubra Maxentius . . . tandem urbe in ›Saxa Rubra‹, millia ferme novem aegerrime progressus. Aurelius Victor, Caesares 40. (Maxentius...rückte schließlich unter massiven Anstrengungen von Rom zum »Roten Felsen« aus.) Vgl. Cellarius, Geographia antiqua, p. 463. Saxa Rubra lag in der Nähe der Cremera, einem besseren Rinnsal, welches berühmt wurde durch den Kampf und den glorreichen Untergang der dreihundert Fabier. , neun Meilen vor Rom, das Heer seines Feindes Maxentius zur Schlacht bereit fand Die Stellung Maxentius' mit dem Rücken zum Tiber wird klar von den zwei Panegyricern beschrieben (9,16 u 10,28) . Ihre breite Front erstreckte sich quer durch die weite Ebene, und in der Tiefe reichte ihre Aufstellung beinahe bis an das Tiberufer, wodurch sie im Rücken gedeckt wurden, gleichzeitig aber auch keine Fluchtmöglichkeit mehr hatten. Wir hören davon und glauben es gerne, dass Constantin seine Truppen mit unüberbietbarer Meisterschaft aufstellte und für sich selbst den Posten der Ehre und Gefahr vorbehielt. Er persönlich führte, erkennbar an der Pracht seiner Bewaffnung, den Angriff gegen die Kavallerie seines Feindes; und dieser unwiderstehliche Angriff entschied den Tag. Maxentius Kavallerie bestand wesentlich aus schwerfälligen Panzerreitern und leichtbewaffneten Numidern und Mauren. Sie brach unter dem Druck der gallischen Reiterei ein, welche beweglicher als jene und stabiler als diese war. Diese Niederlage an den Flügeln ließ die Infanterie im Zentrum ohne jeden Flankenschutz, und so ließen die wankelmütigen Italiener die Fahne ihres Tyrannen im Stich, den sie immer schon gehasst hatten und nun nicht länger fürchten mussten. Lediglich die Prätorianer waren in dem Bewusstsein, dass es für ihre Vergehen keine Gnade geben könne, von Rachsucht und Verzweiflung beseelt. Trotz wiederholter Angriffe war es diesen tapferen Veteranen unmöglich, die Niederlage abzuwenden: so starben sie wenigstens einen ehrenhaften Soldatentod; und es wurde allgemein bemerkt, dass sie genau dort lagen, wo man sie aufgestellt hatte Exceptis latrocinii illius primis auctoribus, qui desperata venia, locum quem pugnae sumpserant texere corporibus. Panegyr. 9,17. (...abgesehen von den ersten Verursachern dieser Insurrektion, die den Kampfplatz mit ihren Leibern deckten, da sie mit Gnade nicht rechnen konnten.) . Die Auflösung wurde nun allgemein, und die entmutigten Truppen des Maxentius flohen zu Tausenden vor ihrem mörderischen Feind in den tiefen und reißenden Tiber. Der Kaiser selbst versuchte über die Milvische Brücke in die Stadt zu fliehen, aber die Massen, die sich auf dieser engen Passage quetschten, drängten ihn in den Fluss, wo er sofort durch das Gewicht seiner Rüstung in die Tiefe gezogen wurde Es kam dann rasch das kindische Gerücht auf, dass Maxentius, unbesorgt um seinen eigenen Rückzug, eine raffinierte Kriegslist ersonnen habe, die Armee seines Feindes zu verderben, dass nämlich die Holzbrücke, welche beim Angriff Constantins zu diesem Zwecke gelockert werden sollte, unglücklicherweise unter dem Gewicht der fliehenden Italiener zusammengebrochen sei. Herr de Tillemont (Histoire des Empereurs 4, p.576) untersucht aufs gründlichste, ob das dem gesunden Menschenverstand widersprechende Zeugnis des Eusebios und Zosimos dem Schweigen des Lactantius und Nazianz und des anonymen, aber wenigstens zeitgenössischen Redners, Verfassers des 9. Panegyrikos, vorzuziehen sei. . Sein Körper lag tief im Schlamm versunken und wurde erst anderntags mit einigen Schwierigkeiten geborgen. Der Anblick seines Hauptes, das dem Volk zur Besichtigung präsentiert wurde, überzeugte sie von ihrer Befreiung und veranlasste sie, mit Beifalls- und Ergebenheitsrufen den glücklichen Constantin zu begrüßen, welche so durch persönlichen Mut und Überlegenheit den größten Erfolg seines Lebens errungen hatte Zosimos 2,15-17 und die beiden Panegyriken, deren erste ein paar Monate später gehalten wurde, vermitteln eine sehr anschauliche Vorstellung vom der großen Schlacht. Lactantius, Eusebios und selbst die Epitome geben hilfreiche Winke. .   CONSTANTIN NACH DEM SIEG Bei der Ausbeutung seines Sieges war es Constantin weder um einen Ruhmestitel für besondere Milde zu tun, noch konnte man ihm den Vorwurf maßloser Brutalität machen Zosimos, der »Feind« Constantins, konzediert (2,17), dass nur einige wenige Anhänger von Maxentius hingerichtet wurden, wir aber verweisen auf eine bemerkenswerte Stelle bei Nazianz (10,6) hin: »Omnibus qui labefactare statum eius poterant cum stirpe deletis.« (...als alle, die seine Stellung erschüttern konnten, völlig ausgerottet waren...) Der andere Panegyriker (9, 20 und 21) beschränkt sich auf den Hinweis, dass Constantin bei seinem Einmarsch in Rom die furchtbaren Massaker des Cinna, Marius oder Sulla nicht nachgeahmt habe. . Seine Gegner erfuhren die gleiche Behandlung, die im Falle seiner Niederlage ihm und seiner Familie zuteil geworden wäre: die zwei Sohne des Tyrannen wurden hingerichtet und seine ganze Familie systematisch ausgelöscht. Die exponiertesten Anhänger des Maxentius erwarteten, an seinem Schicksal teil zu haben, so wie sie an seinen Verbrechen und seinem Glück teil hatten: als aber das römische Volk nach mehr Opfern verlangte, widerstand der Eroberer mit Stärke und Menschlichkeit diesem elenden Ansinnen, das lediglich von niedriger Gesinnung und Rachegefühlen diktiert war. Denunzianten wurden bestraft und von weiterem Tun angehalten; wer unschuldig unter dem verstorbenen Tyrannen hatte leiden müssen, wurde aus dem Exil zurückgerufen und erneut in seine alten Rechte eingesetzt. Ein allgemeines Vergessen beruhigte allgemach die Gemüter und ordnete die Eigentumsverhältnisse, in Italien ebenso wie in Afrika Siehe die beiden Panegyriker und die Gesetze dieses und des folgenden Jahres im Codex Theodosianus. . Gleich beim ersten Male, als Constantin den Senat mit seiner Anwesenheit beehrte, brachte er in einer anspruchslosen Rede seine Verdienst und Heldentaten zur Sprache, versicherte jene edelerlesene Versammlung seiner aufrichtigsten Verehrung und sicherte ihnen zu, ihre alten Vorrechte erneut zu begründen. Der Senat bedankte sich für diese unverbindlichen Versprechen mit ein paar ebenso leeren Ehrentiteln, die zu verleihen er gegenwärtig noch die Befugnis hatte; und ohne sich zu vermessen, die Kaiserwürde des Constantin zu bestätigen, anerkannten sie doch seinen ersten Rang unter den drei Augusti , welche damals die römische Welt regierten Panegyrici 9,20 und Lactantius, de mortibus 44. Maximinus, der offenbar der älteste der Caesaren war, beanspruchte für sich mit gutem Grund den ersten Rang. . Spiele und Festivitäten wurden gestiftet, die Erinnerung an seinen Sieg wach zu halten, und mehrere Gebäude, die auf Kosten des Maxentius errichtet wurden waren, weihte man nun im Namen und zu Ehren seines erfolgreichen Gegners. Der Triumphbogen des Constantin steht noch heute; er ist ein trauriger Beweis für den Niedergang der Künste und ein einmaliges Zeugnis für die sinnloseste Dünkelhaftigkeit. Da es nicht möglich war, in der Hauptstadt der Welt einen Bildhauer zu finden, der in der Lage gewesen wäre, dieses Staatsmonument angemessen zu verzieren, beraubte man den Trajansbogen ohne irgendeine Achtung für das Andenken dieses Herrschers seiner schönsten Figuren. Um die Unterschiede von Zeit und Menschen, von Ereignissen und Charakteren kümmerte man sich nicht im Geringsten. Die kriegsgefangenen Parther lagen hingestreckt vor einem Herrscher, der in seinem Leben nicht den Euphrat überschritten hatte, und der interessierte Altertumsfreund kann noch heute den Kopf des Trajan unter den Beutestücken des Constantin ausmachen. Die schmückenden Verbindungsstücke, die notgedrungen in den Lücken zwischen den alten Skulpturen angebracht werden mussten, sind klobig und kunstlos ausgeführt »Adhuc cuncta opera quae magnifice construxerat, urbis fanum, atque basilicam, Flavii meritis patres sacravere.« Aurelius Victor Casares 40. (Außerdem weihte der Senat alle von ihm errichteten Prachtbauten, den Roma-Tempel und eine Basilika den Verdiensten des Flavius.) Bezüglich des Diebstahls von Traians Trophäen konsultiere man Flaminius Vacca, apud Montfaucon, Diarium Italicum, p. 250, und l'Antiquité Expliquée of the latter, Band. 4, p. 171. .   WEITERE MASSNAHMEN CONSTANTINS Die endgültige Auflösung der Prätorianergarden war ein Gebot der Staatsraison und der Rache. Diese selbstüberzogene Truppe, deren Zahl und Vorrechte Maxentius wiederhergestellt und sogar noch vermehrt hatte, wurde von Constantin für alle Zeiten aufgelöst. Ihr festes Lager wurde abgerissen, und die wenigen Prätorianer, die in der Schlacht an der Milvischen Brücke mit dem Leben davongekommen waren, wurden auf verschiedene Legionen verteilt und an die äußersten Reichsgrenzen versetzt, wo sie von Nutzen sein konnten, ohne jemals wieder gefährlich zu werden »Praetoriae legiones ac subsidia factionibus aptiora quam urbi Roma, sublata penitus, simul arma atque usus indumenti militaris.« (Die Praetorianer-Legionen, die zur Unterstützung von Faktionen mehr taugten als zum Schutz Roms, wurden vollständig aufgelöst und ihre Waffen und Ausrüstung eingezogen.) Aurelius Victor. Zosimos (2,17) erwähnt dies historisch-nüchtern, im 9. Panegyricus wird es lebhaft gefeiert. . So löste also Constantin die Einheiten auf, die normalerweise in Rom lagen; aber er gab dadurch der Würde des Senates und Volkes den letzten Stoß, und die wehrlose Hauptstadt war schutzlos den Beleidigungen und der Vernachlässigung durch ihren abwesenden Herren ausgeliefert. Wir durften feststellen, dass die Römer bei ihren letzten Anstrengungen, ihre ersterbende Freiheit zu retten, aus Sorge vor einer Steuer Maxentius auf den Thron erhoben. Er erhob unter dem Namen einer freiwilligen Spende Steuern vom Senat. Da gingen sie Constantin um Hilfe an. Er stürzte den Tyrannen und machte aus der freiwilligen Spende eine dauernde Steuer. Die Senatoren wurden jetzt nämlich entsprechend den Angaben, die sie zu ihrem Vermögen hatten machen müssen, in verschieden Klassen unterteilt. Die Reichsten unter ihnen zahlten pro Jahr acht Pfund Gold, die nächst Klasse zahlte vier, die letzte zwei, und diejenigen, deren Armut eigentlich einen Dispens gerechtfertigt hätte, mussten sieben Goldstücke beibringen. Neben den eigentlichen Senatsmitgliedern erfreuten sich auch ihre Söhne, ihre Nachkommen und selbst ihre Verwandten der pompösen Vorrechte des Senatorenstandes, wofür sie natürlich handfest zu zahlen hatten; und so wird es uns denn auch nicht eben höchlich überraschen, wenn wir vernehmen, dass Constantin beständig darauf sann, diesen Personenkreis zu vergrößern, um ihn unter so einem ergiebigen Etikett zu subsumieren »Ex omnibus provinciis optimates viros Curiae tuae pigneraveris; ut Senatus dignitas . . ex totius orbis flore consisterat.« Nazarius in Panegyr: 10,35. (Aus allen Provinzen werden dir die besten Männer für die Curie versprochen, so dass die Würde des Senates sich aus der Blüte des Weltkreises konstituieren wird.) Das Wort ›pigneraveris‹ ist wohl mit berechneter Bosheit gewählt; über die senatorische Steuer sie Zosimos 2,38, den zweiten Titel im sechsten Buch des Codex Theodosianus nebst Gothofreds Kommentare; und Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 28, p.726. . Nach der Niederlage des Maxentius blieb der Sieger nicht mehr als zwei oder drei Monate in Rom und besuchte die Stadt während seines verbleibenden Lebens nur noch zweimal und auch nur, um sein zehn- und zwanzigjähriges Regierungsjubiläum festlich zu begehen. Constantin war fast immer unterwegs, um die Legionen oder den Zustand der Provinzen zu inspizieren. Trier, Mailand, Aquileia, Sirmium, Naissus und Thessaloniki waren Gelegenheitsresidenzen, bis er schließlich an der Schwelle von Europa nach Asien ein NEUES ROM begründete Die Kaiserlichen Reisen können wir von nun an mit dem cod. Theodosianus verfolgen; aber Zeit- und Ortsangaben sind wegen der Sorglosigkeit mancher Abschreiber oftmals verändert worden. .   SEINE ALLIANZ MIT LICINIUS A.D. 313 – MAXIMINUS' NIEDERLAGE UND ENDE Vor seinem Einmarsch nach Rom hatte sich Constantin der Freundschaft oder doch wenigstens der Neutralität des illyrischen Kaisers Licinius versichert. Er hatte diesem Herrscher seine Schwester Constantia zur Ehe versprochen; aber die Hochzeitszeremonien mussten bis zum Ende des Bürgerkrieges warten; das Gespräch der beiden Kaiser zu Mailand, welches zur Erörterung dieses Vorhabens angesetzt worden war, scheint die Bande zwischen den beiden Familien und ihren Interessen nur gefestigt zu haben Zosimos (2,17) merkt an, dass Constantins Schwester bereits vor dem Krieg dem Licinius anverlobt war. Diocletian war zu der Hochzeitsfeier eingeladen, wenn wir dem jüngeren Victor glauben dürfen; da er aber so kühn war, sein Alter und dessen Gebrechen vorzuschieben, erhielt er einen zweiten Brief, in welchem ihm wegen seiner unterstellten Parteinahme für Maxentius und Maximinus heftige Vorwürfe gemacht wurden. Epitome 39. . Inmitten der öffentlichen Festivitäten sahen sich beide unvermittelt genötigt, Rom zu verlassen. Ein Einfall der Franken rief Constantin an den Rhein, auch näherte Asiens Herrscher sich feindlich und verlangte unverzüglich nach Licinius' Anwesenheit: Maximinus war der heimliche Verbündete des Maxentius gewesen, und ohne sich von dessen Schicksal bange machen zu lassen, beschloss auch er, in einem Bürgerkrieg sein Glück zu probieren. Mitten im Winter verließ er Syrien und marschierte an die Grenze zu Bithynien. Es war bitterkalt und stürmisch; Ross und Reiter kamen im Schnee in großer Zahl ums Leben; und da die Straßen infolge des widrigen Wetters unpassierbar geworden war, musste er notgedrungen große Mengen des schweren Gepäcks zurücklassen, da der Tross mit seinem stürmischen Gewaltmärschen nicht Schritt halten konnte. Dank dieser übermenschlichen Anstrengung erreichte er mit einer zwar erschöpften, aber immer noch schlagkräftigen Armee das Ufer des thrakischen Bosporus, bevor die Unterfeldherren des Licinius von seinen feindseligen Absichten auch nur gehört hatten. Nach nur elftägiger Belagerung ergab sich Byzanz der Armee des Maximinus. Dann hielt er sich einige Tage vor den Toren Heracleas auf; kaum hatte er diese Stadt in seinen Besitz genommen, als ihn die Nachricht aufschreckte, dass Licinius achtzehn Meilen entfernt sein Lager aufgeschlagen hatte. Nach einer ergebnislosen Unterredung, in deren Verlauf die beiden Herrscher sich gegenseitig den Anhang abspenstig zu machen versucht hatten, griff man wieder zu den Waffen. Der Kaiser des Ostens befehligte eine funktionsfähige Veteranenarmee von etwa siebzigtausend Mann, und Licinius, der etwa dreißigtausend illyrische Soldaten zusammenbekommen hatte, wurde zunächst von der schieren Überzahl bedrängt. Nur seine militärische Tüchtigkeit und die Standhaftigkeit seiner Truppen retteten ihm den Tag mit einem entscheidenden Sieg. Die unfassliche Schnelligkeit, die Maximinus auf seiner Flucht entwickelte, hat mehr zu seinem Ruhm beigetragen als sein Mannesmut auf dem Schlachtfeld. Vierundzwanzig Stunden später ward er blass, bebend und seiner imperialen Abzeichen ledig zu Nicomedia gesichtet, einhundertundsechzig Meilen vom Ort seiner Niederlage entfernt. Asiens Möglichkeiten waren noch nicht ausgeschöpft; und wenn auch die Elite seiner Veteranen in der Schlacht gefallen war, hätte er gleichwohl die Gelegenheit gehabt, in Syrien und Ägypten neue Aushebungen vorzunehmen, wenn ihm denn nur die Zeit dazu geblieben wäre. Aber er überlebte seine Niederlage nur um drei, vier Monate. Als Todesursache – er starb in Tharsus – wurde unterschiedlich Selbstmord, Vergiftung oder göttliche Gerechtigkeit gemutmaßt. Da Maximinus ebenso unfähig wie unwürdig war, rief sein Tod unter den Soldaten und dem Volk keine eigentliche Trauer hervor. Und die Provinzen des Ostens, die nun endlich von den Schrecknissen des Bürgerkrieges befreit waren, anerkannten freudig die Herrschaft des Licinius Niederlage und Tod des Maximinus sind für Zosimos trivial, Lactantius indes schreibt sie himmlischem Eingreifen zu. .   LICINIUS NACH SEINEM SIEG Der besiegte Herrscher hinterließ zwei Kinder, einen Knaben von acht und ein Mädchen von sieben Jahren. Ihr unschuldiges Alter hätte wohl Mitleid hervorrufen können; aber das Mitleid des Licinius war eine sehr zerbrechliche Größe, und vor allem hielt es ihn nicht davon ab, Name und Gedächtnis seiner Gegner auszulöschen . Der Tod des Severianus ist noch weniger zu entschuldigen, denn er war weder der Rache noch der Staatsraison geschuldet. Der Sieger hatte von dem Vater dieses unglücklichen jungen Mannes niemals irgendein Unrecht erfahren, und die ephemere Herrschaft des Severus in einem abgelegenen Winkel des Reiches war schon längst vergessen. Die Hinrichtung des Candidianus schließlich war ein Akt der finstersten Grausamkeit und Undankbarkeit. Er war der natürliche Sohn des Galerius, dem Freund und Gönner des Licinius. Sein Vater hatte ihn weislich für zu jung erklärt, das Kaiserdiadem zu tragen; aber das wenigstens erhoffte er: dass unter dem Schutze von Herrschern, die ihm zu Dank verpflichtet waren, Candidianus ein ruhiges und ehrbares Leben würde führen können. Er näherte sich seinem zwanzigsten Lebensjahr, und obwohl er sich weder durch Verdienst oder Ehrgeiz verdächtig machte, genügte bereits seine königliche Abkunft, in Licinius Misstrauen zu erzeugen Lactantius des mortibus 50. Aurelius Victor streift die unterschiedliche Art und Weise, in der Licinius und Konstantin ihren Sieg ausgebeutet haben. .   DAS SCHICKSAL DER VALERIA UND PRISCA Zu den unschuldigen und angesehenen Schlachtopfern vom Licinius' Willkürherrschaft müssen wir noch die Frau und die Tochter des Diocletian rechnen. Als dieser Kaiser dem Galerius den Caesarentitel übertrug, hatte er ihn zugleich mit seiner Tochter Valeria verheiratet, deren unglückselige Lebensumstände den Stoff für ein echtes Trauerspiel abgeben würden. Sie hatte die Pflichten einer Frau erfüllt und übererfüllt. Da sie selbst keine Kinder hatte, erklärte sie sich bereit, den illegitimen Sohn ihres Gatten zu adoptieren und war zu diesem glückverlassenen Candidianus zärtlich und liebevoll wie eine leibliche Mutter. Nach dem Tode des Galerius jedoch erweckten ihre weitläufigen Besitztümer die Habgier und die Schönheit ihres Körpers die niederen Instinkte seines Nachfolgers im Amte Maximinus Maximinus ließ seine Untertanen bezahlen, um seine sinnlichen Gelüste zu beruhigen. Seine Eunuchen, die Frauen und Jungfrauen geraubt hatten, untersuchten ihre nackten Reize mit banger Neugierde, ob nicht etwa ein Teil ihres Körpers der kaiserlichen Umklammerung unwert sein möchte. Scheu und Widersetzlichkeit galten als Hochverrat und die abgeneigte Schöne wurde ertränkt. Auch kam die Sitte auf, dass niemand ohne kaiserliche Lizenz heiraten durfte, »ut ipse in omnibus nuptiis praegustator esset.« (Damit er persönlich bei allen Hochzeiten Vorkoster sei.) Lactantius, de mortibus 38. . Er war ebenfalls verheiratet; aber Scheidung war nach römischen Recht möglich, und die unbeherrschten Gelüste des Tyrannen drängten nach sofortiger Willfahrung. Die Antwort der Valeria war die einer kaiserlichen Tochter und Witwe; lediglich ihre schutzlose Stellung, die zu beachten ihr die Klugheit eingab, wirkte auf ihre Erwiderung mäßigend. Sie stellte den Beauftragten, die Maximinus zu diesem Zwecke entsandt hatte, dar, »dass selbst dann, wenn die Ehre es einer Frau ihren Ranges erlaubte, einen Gedanken an eine zweite Eheschließung zu verwenden, die Schicklichkeit es ihr verbiete, sein Ansinnen freundlich aufzunehmen zu einem Zeitpunkt, an welchem die Asche ihres Gatten und Wohltäters noch nicht erkaltet sei und die Befindlichkeit ihrer Seele durch Trauerkleidung zum Ausdruck käme. Sie wage zu erklären, dass sie nur wenig Zutrauen zu einem Manne empfinden könne, dessen skrupellose Unbeständigkeit ihn vermocht habe, sein eigenes treuliebendes Weib zu verstoßen Lactantius, de mortibus 39. .« Diese Zurückweisung verwandelte die Gelüste des Maximinus zu Hass; und da ihm Zeugen und Richter jederzeit gehorsamst zu Diensten standen, war es ihm ein leichtes, seiner Wut den Schein des Rechts zu geben und zum Angriff auf Valerias Ansehen und Glück zu blasen. Ihr Besitz wurde eingezogen, ihre Eunuchen und Hausdiener bestialisch gefoltert, und zahlreiche unschuldige und respektable Matronen aus ihrer Freundschaft wurden hingerichtet aufgrund erlogener Ehebruch-Vorwürfe. Die Kaiserin selbst wurde mit ihrer Mutter Prisca verbannt; und da beide in Schanden von Ort zu Ort gejagt wurden, bevor sie endlich in einem elenden Dorf in Syriens Wüste ihre Ruhe fanden, wurden ihre Schmach und ihr Unglück in allen Provinzen des Ostens vorgeführt, über die sie dreißig Jahre lang mit allem Ansehen und aller Würde geherrscht hatten. Diokletian machte einige hilflose Versuche, das Unglück seiner Tochter zu mildern; und da er von Maximinus noch so etwas wie eine letzte Dankesschuld für die Übertragung des Kaiserpurpurs erhoffte, bat er ihn dringend darum, er möge es Valeria erlauben, mit ihrem verzweifelten Vater die Einsamkeit in Sal zu teilen und ihm im Sterben die Augen zu schließen Diokletian sandte schließlich cognatum suum, quendam militarem ac potentem virum, (einen Verwandten, kriegserprobt und robust), um für seine Tochter zu intervenieren. (Lactantibus de mortibus 41) Wir kennen die Geschichte jener Zeit nicht genau genug, um die fragliche Person benennen zu können. . Er flehte darum, aber da ihm mittlerweile das Drohen unmöglich war, wurden seine Bitten kaltherzig und verächtlich aufgenommen; und Maximinus genoss es offenbar, Diokletian wie einen Bittsteller und seine Tochter wie eine Kriminelle behandeln zu können. Der plötzliche Tod des Maximinus gab der Kaiserin die Hoffnung zurück, ihr Schicksal möchte sich zum Besseren wenden. Die öffentlichen Unruhen lenkten die Aufmerksamkeit der Wachen ab, und so fanden sie Wege, aus dem Ort ihres Exils zu entweichen und, wenn auch nur auf Schleichwegen und verkleidet, an den Hof des Licinius zurückzukehren. Sein Auftreten in seinen ersten Regierungstagen und der ehrenvolle Empfang für den jungen Candidianus erfüllte Valeria mit heimlicher Hoffnung für ihren Adoptivsohn und für sich selbst. Bald aber wurden diese optimistischen Erwartungen durch blankes Entsetzen abgelöst; und die blutigen Hinrichtungen, die den Palast zu Nicomedia besudelten, überzeugten sie hinreichend, dass der Thron des Maximinus nunmehr von einem Tyrannen besetzt sei, der noch schlimmer als jener selbst war. Valeria brachte sich durch eine hastige Flucht in Sicherheit und zog, immer noch von ihrer Mutter Prisca begleitet, beinahe fünfzehn Monate lang im Plebejerhabit durch die Provinzen »Valeria quoque per varias provincias quindecim mensibus plebeio cultu pervagata.« Lactantius de mortibus 51. (Valeria durchwanderte fünfzehn Monate in Volkstracht verschiedene Provinzen. Wir wissen nicht, ob die 15 Monate vom Beginn ihrer Verbannung oder ihrer Flucht gezählt werden sollten. Das »pervagare« deutet eher auf das Letztere; aber dann müssen wir auch anzunehmen, dass Lactantius seine Abhandlung nach dem ersten Bürgerkrieg zwischen Licinius und Konstantin geschrieben hat. Siehe. Cuper, p. 254 . Schließlich wurden beide zu Thessaloniki aufgegriffen; und da ihr Todesurteil schon längst gefällt war, wurden sie unverzüglich enthauptet und ihre Leichen in die See geworfen. Das Volk gaffte nur zu diesem Trauerspiel; denn sein Kummer und seine Empörung wurden durch den Terror bewaffneter Milizen unterdrückt. Dieses also war das unverdiente Schicksal der Frau und der Tochter des Diocletian. Wir beweinen ihre Unglück, ein Verbrechen können wir an ihnen nicht finden; und welche Meinung wir zu der Grausamkeit des Licinius auch haben mögen, es bleibt unerfindlich, weshalb er sich nicht mit einer diskreteren Art der Rache zufrieden gab »Ita illis pudicitia et conditio exitio fuit.« (So wurden ihnen ihre Keuschheit und ihr Rang zu Verderben). Lactantius de mortibus 51. Er erzählt die Tragödie von Diokletians unschuldiger Frau und deren Tochter in einer verständlichen Mischung aus Mitleid und Bewunderung. .   ENTFREMDUNG ZWISCHEN CONSTANTIN UND LICINIUS So war die römische Welt aufgeteilt zwischen Constantin und Licinius, von denen der erste der Herr des Westens, der zweite der des Ostens war. Man hätte nun erwarten können, dass die beiden Herrscher, müde des Bürgerkrieges und darüber hinaus privat wie auch staatsrechtlich aufeinander angewiesen, allen ferneren Anwandlungen von Ehrgeiz abgeschworen oder sie wenigstens vorübergehend ausgesetzt haben würden. Und doch war seit dem Tode des Maximinus noch nicht ein Jahr verstrichen, als die beiden Sieger erneut und diesmal gegeneinander zu den Waffen griffen. Das Genie, der Erfolg und das lebhafte Temperament des Constantin sind geeignet, um in ihm den Angreifer zu sehen; aber der heimtückische Charakter des Licinius gibt noch dem hässlichsten Verdacht Nahrung, und so glauben wir in dem schwachen Licht, das die Geschichte auf seine Umtriebe wirft, erkennen zu können, wie er ränkesüchtig eine Verschwörung gegen seinen kaiserlichen Kollegen stiftete Der aufmerksame Leser, der hier die Valesianischen Fragmente (5, 14-15, p.713) konsultiert, wird mich möglicherweise einer kühnen, ja zügellosen Paraphrase zeihen; wenn er die Stelle indessen mit Aufmerksamkeit studiert, wird er anerkennen müssen, dass meine Auslegung einige Wahrscheinlichkeit für sich hat und stimmig ist. . Constantin hatte erst kürzlich seine Schwester Anastasia dem Bassianus zur Frau gegeben, einem Manne, unverächtlich durch Familie und Vermögen, und er hatte seinen neuen Verwandten in den Rang eines Caesaren erhoben. Entsprechend den von Diocletian eingeführten Verfassungsgrundsätzen waren Italien und vielleicht auch noch Afrika für ihn zur Regierung vorgesehen. Als es jedoch zur Ausführung dieses Versprechens kommen sollte, gab es so viele Verzögerung und unerwartete Schwierigkeiten, dass die Treue des Bassianus in leises Schwanken geriet, anstelle dass sie durch die ehrenvolle Auszeichnung sich gefestigt hätte. Licinius hatte dessen Ernennung schriftlich zugestimmt, doch fand dieser schlichenreiche Herrscher bald Wege, über seine Emissäre mit dem neuen Caesar in eine geheime und riskante Korrespondenz einzutreten, dessen Unzufriedenheit zu steigern und ihn zu dem kühnen Unternehmen zu drängen, sich mit Gewalt das zu holen, was er von Constantin durch Bitten wohl nicht erhalten werde. Aber der wachsame Herrscher entdeckte die Verschwörung, bevor sie zur Reife gediehen war; und nachdem er die Allianz zu Bassianus feierlich aufgekündigt hatte, setzte er ihn ab und verhängte die gerechte Strafe über seinen Verrat und Undank. Die hochmütige Weigerung des Licinius, die Mitverschworenen auszuliefern, die in seinem Hause Zuflucht gefunden hatten, mehrten die Verdachtsmomente, die man auch gegen seine Untreue hegte; und die Denkmalsschändung endlich, die man an den Statuen des Constantin in Aemona an der italienischen Grenze verübte, gaben das Signal zu endgültigen Bruch zwischen den beiden Herrschern Die Lage von Aemona oder Laybach (Ljubljana) im Herzogtum Krain, wie es heute genannt wird, (d'Anville, Géographie Ancienne, Bd. 1, p. 187) gibt Anlass zu einer Konjektur. Da die Stadt nordwestlich der Julischen Alpen liegt, konnte dieser wichtige Landstrich zu einem natürlichen Gegenstand des Zwistes zwischen den Herren von Italien und Illyrien werden. .   ERSTER BÜRGERKRIEG ZWISCHEN CONSTANTIN UND LICINIUS Die erste Schlacht wurde in der Nähe der pannonischen Stadt Cibalis an der Save ausgetragen, etwa fünfzig Meilen von Sirmium entfernt Cibalis oder Cibalae (deren Name noch in der vergessenen Ruinenstätte Swilei fortlebt) lag etwa fünfzig Meilen von Sirmium entfernt, der Hauptstadt von Illyricum und etwa hundert von Taurunum oder Belgrad, und dem Zusammenfluss von Donau und Save. Die römischen Standorte und Städte an diesen Flüssen beschreibt vorzüglich Herr d'Anville in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Bd. 28. . Die beiden Herrscher brachten nur vergleichsweise kleine Streitkräfte zu diesem doch recht bedeutenden Gefecht zusammen, und hieraus mag man schließen, dass der eine unversehens herausgefordert hatte und der andere jählings überrascht worden war. Der Herr des Westens verfügte nur über zwanzigtausend und der Kaiser aus dem Osten über fünfunddreißigtausend Mann. Die zahlenmäßige Unterlegenheit wurde jedoch durch Geländevorteile wettgemacht. Constantin hatte in einer Schlucht von etwa einer halben Meile Breite Stellung beziehen lassen, zwischen steilen Hügeln und tiefem Sumpf; und in dieser unangreifbaren Position wartete er den ersten Angriff seiner Feinde in aller Ruhe ab und schlug ihn erfolgreich zurück. Er verfolgte seinen Sieg und drang in die Ebene vor. Aber die illyrischen Veteranen kämpften unter der Standarte eines Feldherren, der bei Diocletian und Probus das Waffenhandwerk erlernt hatte. Die Wurfgeschosse waren auf beiden Seiten bald aufgebraucht; die beiden gleichstarken Armeen gingen jetzt mit Spieß und Schwert zum Nahkampf über, und der Kampf hatte mit unentschiedenem Verlauf von Sonnenaufgang bis in die frühen Abendstunden gedauert, als endlich der rechte Flügel unter Constantin zum entscheidenden Angriff vorging. Licinius zog sich mit seinen Truppen vernünftigerweise zurück und rettete so den Rest seines Heeres vor völliger Vernichtung; als er jedoch seine Verluste abschätzte – sie betrugen immerhin zwanzigtausend Mann! – hielt er es für unklug, in der Nacht am Feinde zu lagern, siegreich und noch sehr aktiv war. Er gab sein Lager und die Magazine verloren, entfernte sich heimlich und eilig an der Spitze seiner Kavallerie und befand sich bald nicht mehr in der Gefahr einer Verfolgung. Dieses Manöver rettete sein Weib, seinen Sohn und seine Kriegskasse, die er alle in Sirmium zurückgelassen hatte. Licinius hatte auch diese Stadt bald wieder verlassen, ließ die Savebrücke einreißen und sammelt in Eile eine neue Armee in Dakien und Thrakien. Auf der Flucht verlieh er noch an Valens, einen illyrischen Frontgeneral, den Caesarentitel Zosimos 2,18 beschreibt diese Schlacht sehr eingehend, aber seine Schilderungen sind eher von rhetorischem als von militärgeschichtlichem Wert. .   SCHLACHT BEI MARDIA · FRIEDENSSCHLUSS Die Ebene von Mardia in Thrakien war der Schauplatz der zweiten Schlacht, die um nichts weniger verbissen und blutig geführt wurde als die erste. Die Truppen zeigten auf beiden Seiten denselben Mut und Durchhaltewillen; und wieder entschied Constantins überlegenes Feldherrentalent über den Sieg. Er führte ein Kommando von fünftausend Mann auf eine günstig gelegene Höhe, von wo im Laufe des Gefechtes den Feind von hinten angriffen und ihm beträchtliche Verluste zufügten. Licinius' Truppen machten zwar eine zweite Front auf und standen unerschüttert, aber schließlich setzte die Nacht dem Gefecht ein Ende und deckte zugleich ihren Rückzug in die Berge Makedoniens. Nach zwei verlorenen Schlachten und dem Tod so vieler tapferer Veteranen war Licinius' hochfliegender Sinn endlich zu Friedensunterhandlungen bereit Zosimos 2,19; Anonymus Valesii 5, 17 und 18. Die Epitome bieten einige Details, oft aber werden die beiden Kriege zwischen Licinius und Constantin verwechselt. . Sein Emissär Mistrianus wurde von Constantin zu einer Audienz vorgelassen. Es ließ sich weitläufig über Mäßigung und Humanität aus, welche Topoi bei den Besiegten zum üblichen Arsenal der Beredsamkeit gehören; er gab bescheiden und fein zu verstehen, dass der Krieg keineswegs entschieden sei, während seine unabwendbaren Nöte schon jetzt beiden Parteien gleich verderblich seien; und erklärte endlich, dass er bevollmächtigt sei, im Namen der beiden Herrscher, seiner Herren, einen dauer- und ehrenhaften Frieden vorzuschlagen. Die Erwähnung des Valens nahm Constantin mit Abgunst und Verachtung auf. »Es geschah nicht zu dem Zwecke,« so seine finstere Replik, »dass wir von den Küsten des Westmeeres in einer ununterbrochenen Kette von Gefechten vorgerückt sind, um jetzt, nach der Niederwerfung eines undankbaren Verwandten, einen elenden Sklaven als unseren Kollegen zu akzeptieren. Die Abdankung des Valens ist der erste Artikel des Friedensvertrages Petros Patricius in den Excerpta legationum, p. 27. Nimmt man an, dass αμβρς eigentlich Schwiegersohn bedeutet, dann ist auch die Konjektur zulässig, dass Constantin, unter Übernahme von Vaternamen und -pflichten, seine jüngeren Brüdern und Schwestern, die Kinder Theodoras, adoptiert habe. Aber αμβρς bezeichnet bei den besten Autoren mal den Ehemann, mal den Schwiegervater und mal auch ganz allgemein einen männlichen Verwandten. Siehe hierzu Spanheim Observationes ad Juliani Orator, opera Bd.1, p. 72. .« Diese demütigende Bedingung war unumgänglich, und der unglückliche Valens verlor nach einigen Tagen Regierung beides, Purpur und Leben. Sobald dieses Hindernis beseitigt war, kehrte Ruhe ein in die römische Welt. Die Kette von Niederlagen hatte die Truppen des Licinius dezimiert, aber sie hatten auch Mut und Stärke bewiesen. Seine Situation war verzweifelt, aber Verzweiflung vermag oftmals Fürchterliches; und Constantins gesunder Menschenverstand gab einem günstigen Friedensschluss den Vorzug vor einem dritten Waffengang.   FRIEDENSVERTRAG Er war einverstanden, dass sein Feind, oder sein Freund und Bruder, wie er Licinius neuerdings wieder nannte, im Besitz von Thrakien, Kleinasien, Syrien und Ägypten blieb; setzte aber durch, dass Pannonien, Dalmatien, Dacien, Makedonien und Griechenland der westlichen Reichshälfte zugeschlagen wurden, so dass der Herrschaftsbereich des Constantin von der schottischen Grenze bis an die südlichen Ausläufer der Peloponnes reichte. Derselbe Friedensvertrag legte auch fest, dass drei jugendliche Prinzen, die Söhne der Kaiser, für die Nachfolge vorgesehen werden sollten. Crispus und der jüngere Constantin wurden kurz darauf zu Caesaren des Westens ernannt, und dieselbe Würde erhielt Licinius der Jüngere im Osten. Durch diese doppelte Ehre wurde die Vorrangstellung des Eroberers bestätigt Zosimos, 2,20; Anonym. Valesian, 5, 18-19; Eutropius, 10,5;. Aurelius Victor; Eusebios Chronica anno 318; Sozomen, 1,2. Vier dieser Autoren bekräftigen nun, dass die Erhebung der Caesaren ein Artikel des Friedensvertrages war. Es steht indessen fest, dass der jüngere Constantin und Licinius noch gar nicht geboren waren; und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Erhebung am 1. Mai A.D. 317 stattfand. Es war wohl vertraglich vereinbart, dass zwei der Caesaren vom westlichen und nur einer vom östlichen ernannt werden sollten; aber jeder behielt die Wahl sich selbst vor. .   GESETZGEBUNG CONSTANTINS · 315–323 A.D. Die Aussöhnung zwischen Constantin und Licinius war zwar getrübt durch gegenseitige Abneigung und Scheelsucht, durch die Erinnerung an zurückliegendes Unrecht und durch die Angst vor künftigen Auseinandersetzungen; dennoch dauerte sie beinahe acht Jahre, für die römische Welt eine Friedensperiode. Da am Beginn dieser Epoche eine rege gesetzgeberische Tätigkeit des Kaisers stand, würde es ein Leichtes sein, alle Regularien niederzuschreiben, mit denen Constantin seine Mußestunden füllte. Aber die mit Abstand wichtigste Neuerung steht im engen Zusammenhang mit seinem neuen System von Politik und Religion, welches erst in den letzten Jahren seiner langen und friedlichen Regierungszeit sich etablieren konnte. Viele dieser Gesetze gehören, soweit sie Rechte und Besitz von Einzelpersonen betreffen oder etwa die Prozessordnung, eher zum Privat- als zum Staatsrecht; und viele Edikte waren zeitlich und räumlich so begrenzt, dass sie in einer allgemeinen Geschichte nur schwerlich Platz beanspruchen dürfen. Zwei Gesetze jedoch müssen aus der übrigen Masse hervorgehoben werden; das eine wegen seiner Bedeutung und das andere wegen seiner Einmaligkeit; das erste wegen seiner bemerkenswerten Milde, das zweite wegen seiner übersteigerten Strenge. 1. Die grauenhafte und den Alten doch ganz geläufige Praxis, neugeborene Kinder auszusetzen oder umzubringen, griff in den Provinzen und besonders in Italien täglich mehr um sich. Der Anlass war die blanke Not; und die Not hatte ihre erste Ursache in den unerträglich hohen Steuern sowie den Grausamkeiten der Finanzbeamten, mit denen sie zahlungsunfähigen Schuldnern nachstellten. Anstelle dass die ärmeren oder erfolgloseren Menschen sich wenigstens einer wachsenden Familie erfreuen durften, hielten sie in einem Akt väterliche Fürsorge dafür, ihre Kinder vor dem drohenden Elend zu bewahren, welches zu ertragen sie sich selbst kaum imstande fühlten. Und so gebot denn Constantin in seiner Menschlichkeit, veranlasst möglicherweise durch einige jüngst vergangene, besonders üble Vorkommnisse, dass in allen italienischen und später auch afrikanischen Städten allen Eltern unverzüglicher und ausreichender Steuernachlass zu gewähren sei, welche vor den Behörden die Kinder vorwiesen, welche sie infolge ihrer Armut selbst nicht aufziehen konnten. Leider waren das Versprechen zu großzügig und die Mittel zu karg, als dass dauerhafte Besserung erfolgt wäre Codex Theodosian, 11,27; mit Godefroy's Anmerkungen. Siehe auch 5,7, und 8. . Das Gesetz, so lobenswert es auch war, diente eher dazu, die Notlage des Volkes offen zu legen als ihr abzuhelfen. Für uns bleibt nur die Aufgabe, jene Lohnredner zu widerlegen, die von ihrer eigenen Stellung so entzückt waren, dass sie für die Verbrechen und die Not unter ihrem großzügigen Herrscher blind waren Omnia foris placida domi prospera, annonae ubertate, fructuum copia, etc. (Draußen ist alles friedlich, hier drinnen alles üppig, mit einem Überfluss an Nahrung und Früchten in Fülle) Panegyrici 10,38. Diese Rede des Nazarius wurde am Tage der Quinquennalien der Caesaren (1. März A.D. 321) gehalten. .– 2. Die Gesetze Constantins gegen Entführung wurden von äußerst geringer Nachsicht gegen die verzeihlichste aller menschlichen Schwächen diktiert; denn das Gesetz bedrohte nicht nur die Gewalt mit Strafe, mit der etwa eine unverheiratete, noch nicht fünfundzwanzigjährige Frau zum Verlassen ihrer elterlichen Wohnung gezwungen worden sein mochte, sondern auch die zärtlich-liebevolle Verführung, die sie dazu verführt haben konnte. »Der Entführer wurde mit dem Tode bestraft; und als ob der einfache Tod noch zu wenig wäre für seine übergroße Schuld, wurde er lebendig verbrannt oder von wilden Tieren im Zirkus in Stücke gerissen. Die Einrede der Jungfrau, sie sei aus freien Stücken gefolgt, rettete ihrem Liebhaber nicht nur nicht das Leben, sondern bedrohte noch ihr eigenes. Die öffentliche Strafverfolgung wurde den Eltern der unglückseligen Jungfrau auferlegt; und wenn die Stimme der Natur sie anstiftete, das Geschehene zu vergessen und durch eine anschließende Heirat die Familienehre wieder herzustellen, so drohten noch ihnen Verbannung und Konfiszierung. Männlich und weibliche Sklaven, die überführt wurden, bei der Ent- oder Verführung Beihilfe geleistet zu haben, wurden lebendig verbrannt, oder durch unmenschliche Qualen getötet, indem man ihnen geschmolzenes Blei in die Kehle goss. Da es sich um ein öffentliches Delikt handelte, durften sogar Fremde Anklage führen. Verjähren konnte das Delikt niemals, und selbst der unschuldige Nachwuchs einer solchen illegitimen Beziehung hatte noch unter den Folgen des Urteils zu leiden Siehe das an das römische Volk adressierte Edikt Constantins im Codex Theodosianus 9,24. .« Indessen: immer wenn ein Vergehen weniger schwer ist als die angedrohte Sanktion, setzt sich zwangsläufig irgendwann das normale Rechtsempfinden gegen die Brutalität des Strafrechtes durch. Unter den nachfolgenden Regierungen wurden die allerschlimmsten Partien des Erlasses zurückgenommen oder abgemildert Sein Sohn verrät mit großer Aufrichtigkeit den wahren Grund des Widerrufes: »Ne sub specie atrocioris iudicii aliqua in ulciscendo crimine dilatio nasceretur.« (Damit nicht in Ansehung des grausamen Urteils bei der Verfolgung des Verbrechens irgendeine Verzögerung sich ereigne.) Codex Theodosianus, 9,27. ; und selbst Constantin hat des Öfteren durch besondere Gnadenakte der Strenge seines Erlasses die Spitze genommen. Dieses also war die eigentümliche Launenhaftigkeit eines Herrschers, welcher sich in der Durchführung seiner eigenen Gesetze ebenso nachsichtig, ja nachlässig erzeigte, wie er sich andererseits bei ihrer Ausgestaltung streng und sogar grausam gebärdete. Ein treffenderes Beispiel für die Laxheit eines Herrschers oder die Inkompetenz einer Regierung findet sich nicht sobald Eusebios (Vita Constantini 3,1) befindet es für gut uns mitzuteilen, dass während der Regierungszeit seines Helden »das Schwert müßig war in den Händen der Magistrate.« Eusebios selbst (4,29 und 24) und der Codex des Theodosius können uns darüber belehren, dass diese außerordentliche Milde jedenfalls nicht auf den Mangel von Kriminellen oder Strafrechtsbestimmungen zurückzuführen ist. .   ZWEITER BÜRGERKRIEG · 323 A.D. Gelegentlich wurde der allgemeine Geschäftsgang durch kriegerische Wechselfälle aufgestört. Crispus, ein junger Mann von durchaus liebenswertem Charakter, hatte zusammen mit der Caesarenwürde das Oberkommando über die Rheinlegionen erhalten, sich in verschiedentlichen Siegen über Franken und Alemannen Proben von persönlichem Mut abgelegt und die Barbaren jener Grenzregionen gelehrt, bei dem Namen von Constantins ältestem Sohn und Constantius' Enkel zu erbeben Nazarius, Panegyrici 10, 36. Der Sieg des Crispus über die Alemannen ist auf einigen Medaillen verewigt. . Der Kaiser selbst hatte sich die heiklere und wichtigere Donauprovinz vorbehalten. Die Goten, welche im Zeitalter eines Claudius und Aurelian Roms Waffenstärke spüren mussten, hegten vor dem Imperium selbst dann noch Respekt, als dieses sich gerade selbst zerfleischte. Aber nach fünfzig Jahren Friedenszeit hatte sich die Stärke dieser kriegsgewohnten Nation erneuert; ein anderes Geschlecht war herangewachsen, das die Kalamitäten vorvergangener Tage vergessen hatte: die Sarmaten vom Maeotis-See folgten den gotischen Fahnen, freiwillig oder genötigt, und ihr vereinter Heeresbann überflutete die Länder Illyriens. Campona, Margus, Bononia: hier fanden verschiedene denkwürdige Schlachten und Belagerungen statt Siehe Zosimos 2,21, wenngleich der Bericht dieses Historiographen weder klar noch widerspruchsfrei ist. Die Preisrede des Optatianus 23 erwähnt das Bündnis mit Carpen und Geten und weist auf die verschiedenen Schlachtfelder hin. Man glaubt, dass die Sarmatischen Spiele, die im November abgehalten werden, auf Siege in diesem Krieg zurückzuführen sind . Und obwohl Constantin auf äußerst hartnäckigen Widerstand stieß, obsiegte er am Ende, während die Goten sich den schimpflichen Rückzug durch Auslieferung der Beute und Kriegsgefangenen erkaufen mussten. Doch war dieser Erfolg noch nicht hinreichend, die Empörung ihrer kaiserlichen Majestät beizulegen. So beschloss er, die kecken Barbaren, die in römisches Territorium einzudringen gewagt hatten, mit gleicher Strenge zu züchtigen und zurückzuwerfen. An der Spitze seiner Legionen überquerte er die Donau, nachdem er die von Trajan erbaute Brücke hatte erneuern lassen, drang in die entlegensten Winkel Daciens vor In Iulians Caesares p. 329, Commentaire de Spanheim p. 252. Constantin rühmt sich, er habe die Provinz (Dacia) wiedererobert, die vorher Traian unterworfen habe. Aber Silenus lässt durchblicken, dass die Eroberungen Constantins den Gärten des Adonis vergleichbar seien, welche kurz nach ihrem Erblühen auch schon wieder welken und vergehen müssten. und war, nachdem er ausgiebig Rache genommen hatte, zu einem Friedensschluss mit den unterworfenen Goten bereit unter der Bedingung, dass sie, wann immer man ihrer bedürfe, mit vierzigtausend Fußsoldaten seine Legionen unterstützen sollten Iordandes, Getica 21. Ich bin mir nicht sicher, ob wir diesem Autoren unbesehen trauen dürfen. Ein Bündnis dieser Art klingt sehr neuzeitlich und fügt sich nicht zu den Gebräuchen des beginnenden IV Jahrhunderts. . Heldentaten dieser Art waren für Constantin zweifellos ehrenhaft und für den Staat nutzbringend; dennoch sei die Frage gestattet, ob sie wirklich die übertriebene Versicherung des Eusebius rechtfertigen können, dass nämlich das ganze Skythien, hinauf bis in den äußersten Norden, so, wie es in die unterschiedlichsten Stämme mit den unterschiedlichsten Namen und abgestuft barbarischen Gebräuchen zergliedert war, durch seine siegreichen Waffen dem römischen Reiche einverleibt worden ist Eusebios, Vita Constantini 1,8. Diese Stelle ist indessen einer Rede entliehen, welche die Größe Constantins im Allgemeinen zum Gegenstand hat und nicht einer speziellen Darstellung des Gotenkrieges. . Bei so himmelwärts steigendem Ruhme war es unmöglich, dass Constantin noch länger irgendeinen Kollegen im Reich sollte erdulden müssen. Im Vertrauen auf sein Genie und seine militärische Überlegenheit beschloss er, ohne dass das Geringste vorgefallen wäre, sie zur Vernichtung des Licinius aufzubieten, dessen fortgeschrittenes Alter und geringe Popularität leichten Sieg versprachen »Constantinus tamen, vir ingens, et omnia efficere nitens quae animo praeparasset, simul principatum totius orbis affectans, Licinio bellum intulit.« (Gleichwohl zog Constantin, ein überragender Mann, der alles durchzusetzen entschlossen war, was er sich einmal vorgesetzt hatte und zugleich nach der Weltherrschaft griff, gegen Licinius in den Krieg) Eutropios, 10, 5; Zosimos, 2,18. . Jedoch enttäuschte der alternde Kaiser, aufgeschreckt durch die drohende Gefahr, die Befürchtungen seiner Freunde genauso wie die Hoffnungen seiner Feinde. Er reaktivierte jenen Geist und jene Könnerschaft, mit denen er einst die Freundschaft des Galerius und den Kaiserpurpur gewonnen hatte, bereitete sich so auf die Auseinandersetzung vor, sammelte Truppen des Ostens und füllte bald die Ebene von Adrianopel mit seinen Legionen und den Hellespont mit seiner Flotte. Einhundertundfünfzigtausend Mann zu Fuß und fünfzigtausend Reiter stark war seine Heeresmacht; und da die Kavallerie zum größten Teil aus Phrygien und Kappadokien rekrutiert war, werden wir uns von der Schönheit der Pferde ein günstigeres Bild machen als vom dem Mannesmut und dem Geschick ihrer Reiter. Die Flotte bestand aus dreihundertundfünfzig Dreiruderern. Einhundertunddreißig von diesen wurden von Ägypten und den benachbarten Küsten Afrikas gestellt. Einhundertzehn kamen aus phönizischen Häfen angesegelt, und Bithynien, Ionien, Karien, allesamt seefahrende Nationen, waren ebenfalls verpflichtet worden, einhundertundzehn Schiffe zu stellen. Die Truppen des Constantin hatten Marschbefehl nach Thessaloniki erhalten; es kamen hier etwa einhundertundzwanzigtausend Mann Infanterie und Kavallerie zusammen Zosimos 2,22. . Ihr Kaiser freute sich ihrer martialischen Erscheinung, und wirklich verfügte seine Armee über weniger Mannschaft, aber über mehr Soldaten als die des Gegners aus dem Osten. Die Legionen des Constantin waren in den kriegsgewohnten Provinzen Europas ausgehoben worden; in Gefechten hatten sie ihre Disziplin gefestigt, Siege ihre Erwartungen gesteigert, und außerdem befanden sich unter ihnen zahlreiche Veteranen, welche sich nach siebzehn erfolgreichen Feldzügen unter demselben Feldherren nach diesem letzten Kraftakt berechtigte Hoffnungen auf eine ehrenhafte Entlassung machen durften Constantin achtete sehr auf die Vorrechte und das Wohlergehen seiner Mitveteranen (Conveterani), wie er sie neuerdings nannte. Siehe den Codex Theodosianus 7,20. . Constantins Zurüstungen zur See indessen waren denen des Licinius in jeder Hinsicht unterlegen. Die Hafenstädte Griechenland entsandten ihre jeweiligen Flottenverbände in den berühmten Piräus, aber mehr als zweihundert kleiner Schiffe brachten sie nicht zusammen; eine recht dürftige Armada, vor allem, wenn man sie etwa mit den machtvollen Aufgebot Athens während des Peloponnesischen Krieges vergleicht Als Athen Königin der Meere war, bestand ihre Flotte aus drei- und später sogar vierhundert vollgerüsteten und jederzeit einsatzbereiten Dreiruderern. Das Arsenal im Piräus hatte die Republik eintausend Talente gekostet, was etwa 216.000 Pfund entspricht. Siehe Thukydides, Peloponnesischer Krieg 2,13 und Meursius, de Fortuna Attica 19. . Seit Italien nicht mehr Regierungssitz war, hatte man die Marinestützpunkte in Misenum und Ravenna verkommen lassen; und da die Schifffahrt des römischen Reiches durch Handel und nicht durch Krieg bestimmt wurde, war es nur natürlich, dass sie in den gewerbefleißigen Provinzen Ägyptens und Asiens im Überfluss anzutreffen war. Überraschend ist lediglich, dass der Herrscher des Ostens bei einer so drückenden Überlegenheit zur See es versäumt haben soll, einen Angriff mitten in den Herrschaftsbereich seines Feindes vorzutragen.   SCHLACHT BEI ADRIANOPEL · 323 A.D. Anstelle nun diese günstige Gelegenheit beim Schopfe zu packen und so dem ganzen Kriege möglicherweise eine entscheidende Wende zu geben, erwartete der bedachtsame Licinius die Annäherung seines Feindes in der Nähe von Adrianopolis in einem Lager, welches er mit ängstlicher Umsicht hatte anlegen lassen, was seine Sorge vor dem kommenden Ereignis hinreichend dokumentiert. Constantin selbst setzte seinen Marsch von Thessaloniki bis zu jenem Teil Thrakiens fort, bis er sich plötzlich durch den breiten und reißenden Hebrus gehemmt fand und zugleich die mächtige Armee des Licinius gewahrte, welche das steile Gelände zwischen Hebrus und Adrianopel besetzt hielt. Es folgten mehrere Tage mit Kleingefechten, die alle keine Entscheidung brachten; aber allmählich wurden die Hindernisse, die einer Flusspassage und dem eigentlichen Angriff entgegenstanden, durch Constantins unermüdlichen Einsatz überwunden. An dieser Stelle möchten wir von einer einzigartigen Heldentat des Constantin erzählen, zu welcher es in der Dichtung und der Romanschriftstellerei keine Parallele gibt und die nicht etwa von einem bezahlten Lobredner, sondern von einem Historiker überliefert wird, der darüber hinaus dem Andenken Constantins nicht günstig ist. Es wird uns also versichert, dass der kühne Herrscher sich selbst in der Hebrus gestürzt habe, begleitet von nur zwölf Reitern, und dass er allein durch die Kraft oder besser den Schrecken seines unbezwinglichen Armes eine Masse von einhundertundfünfzigtausend Feinden zerbrach, zerschlug und auseinanderjagte. Die Leichtgläubigkeit des Zosimos gewinnt an dieser Stelle soviel Übergewicht über seine sonstige Parteinahme, dass er von den zahlreichen Ereignissen um die Schlacht von Adrianopolis nicht die wichtigsten, sondern die wunderbarsten ausgesucht und ausgeschmückt zu haben scheint. Constantins Mut und die Gefahr, in der er sich befand, wird bekundet durch eine leichte Verletzung am Oberschenkel; aber soviel kann man dieser unzulänglichen Geschichte – oder möglicherweise einem verderbten Text – doch entnehmen, dass der Sieg nicht so sehr seinen militärischen Fähigkeiten als seinem heldenhaften Einsatz zu danken war; dass ein Kontingent von fünftausend Bogenschützen nach einem Umgehungsmarsch einen Wald im Rücken der Feinde besetzte, welche gerade durch den Bau einer Brücke abgelenkt waren; und dass Licinius, durch soviel kunstgerechte Manöver aus der Fassung gebracht, widerwillig seine vorteilhafte Stellung räumen und auf ebenem Feld die Entscheidung suchen musste. Aber es war kein gleicher Kampf mehr. Die aufgestörte Masse seiner unerfahrenen Rekruten wurde von den erprobten Veteranen des Westens im Nu besiegt. Vierunddreißigtausend Mann sollen gefallen sein. Noch am Abend der Schlacht wurde das befestigte Lager des Licinius mit Sturm genommen; am nächsten Morgen ergab sich der größte Teil der Flüchtlinge, die sich in die umliegenden Berge zurückgezogen hatten, dem Sieger auf Gnade und Ungnade; sein Gegner indessen, der das Feld nicht länger behaupten konnte, schloss sich in den Mauern von Byzanz ein Zosimos, 2,21. Diese große Schlacht wird im Valesianischen Fragment (5,24) in klarer, wenngleich recht knapper Form beschrieben: "Licinius vero circum Hadrianopolis maximo exercitu latera ardui montis impleverat; illuc toto agmine Constantinus inflexit. Cum bellum terra marique traheretur, quamvis per arduum suis nitentibus, attamen disciplina militari et felicitate, Constantinus Licinii confusum et sine ordine agentem vicit exercitum; leviter femore sauciatus." (Licinius hielt allerdings mit seinem gewaltigen Heer die steilen Berghänge um Adrianopolis besetzt. Dort hinein rückte Constantin in voller Kampfordnung. Während sich das Gefecht zu Lande und zu Wasser noch hinzog, konnte Constantin die konfusen und ungeordneten Truppen des Licinius durch Disziplin und Glück besiegen, nachdem er den steilen Hang mühsam erklommen hatte; wobei er am Oberschenkel leicht verletzt wurde.) .   BELAGERUNG VON BYZANZ Die Belagerung von Byzanz, die Constantin unverzüglich veranlasste, war ein großes Unterfangen mit offenem Ausgang. In den zurückliegenden Bürgerkriegen wurden die Festungsanlagen dieser Stadt, der man nicht zu Unrecht eine Schlüsselstellung für Europa und Asien zuschreibt, ausgebessert und verstärkt; und solange Licinius die See beherrschte, drohte der Garnison weit weniger die Gefahr einer Hungersnot als den Belagerern. Die Marinebefehlshaber von Konstantinopel hatte er zu sich in sein Lager zitiert und ihnen nachdrücklich die Weisung erteilt, die Passage durch den Hellespont zu erzwingen, solange die Flotte des Licinius, anstelle ihren kümmerlichen Gegner aufzuspüren und zu versenken, tatenlos in jenen Meeresengen vor Anker lag, wo ihre zahlenmäßige Überlegenheit weder Vorteil noch Nutzen brachte. Der älteste Sohn des Kaisers, Crispus, wurde mit diesem riskanten Unternehmen betraut, welches er in der Tat mit soviel Mut und Erfolg zu Ende brachte, dass er das Wohlwollen seines Vaters verdient und vermutlich seine Eifersucht erregt hatte. Die Seeschlacht dauerte zwei Tage, und am Ende des ersten kehrten die feindlichen Flotten nach beträchtlichen Verlusten auf beiden Seiten in ihre jeweiligen Häfen in Europa und Asien zurück. Am zweiten Tag setzte gegen Mittag ein kräftiger Südwind Zosimos 2,24. Die Meeresströmung geht immer aus dem Hellespont; bei Nordwind kann dann kein Schiff die Durchfahrt erzwingen. Bei Südwind wird die Wirkung der Strömung vernachlässigbar gering. Turnefort, Voyage du Levant, Brief 11. ein, welcher die Schiffe des Crispus dem Feind entgegentrieb; und da er diese zufälligen Vorteil beherzt auszubeuten verstand, errang er bald darauf einen vollständigen Sieg. Einhundertunddreißig Schiffe versenkt, fünftausend Mann gefallen, und Amandus, der Admiral der Asien-Flotte, mit genauer Not an die Küste von Calchedon entkommen. Sobald der Hellespont passierbar war, wurden erhielt das Lager des Constantin Nachschub in großen Mengen, nachdem er die Belagerung bereits begonnen hatte. Er ließ künstliche Erdwälle aufwerfen, welche die gleiche Höhe hatten wie die Mauern von Byzanz. Die luftigen Belagerungstürme, welche auf diesen Fundamenten errichtet waren, setzten den Belagerten mit klobigen Steingeschossen und Pfeilen zu, und die schweren Rammböcke hatten die Mauern bereits an verschiedenen Stellen zermürbt. Hätte sich Licinius noch länger auf die Verteidigung beschränkt, hätte er es riskiert, zusammen mit der Stadt unterzugehen. Bevor er völlig eingeschlossen war, brachte er sich und seine Schätze nach Calchedon in Sicherheit; und da er sich immer gerne mit Weggenossen seiner Hoffnungen und Gefahren umgab, übertrug er nunmehr den Caesarentitel auf Martinianus, welcher somit eines der wichtigsten Ämter des Reiches innehatte Aurelius Victor, Caesares 41; Zosimos 2,25. Folgt man dem Letzteren, war Martinianus der magister officiorum (er verwendet diesen lateinischen Terminus in dem griechischen Text). Einige Münzen scheinen anzudeuten, dass er während seiner kurzen Regentschaft den Augustustitel erhielt. .   SCHLACHT VON CHRYSOPOLIS So groß waren nach wie vor die Ressourcen und so entschlossen der Wille des Licinius, dass er trotz so vieler aufeinanderfolgender Niederlagen in Bithynien eine neue Armee von fünfzig- bis sechzigtausend Mann auf die Beine stellen konnte, während der Kaiser mit der Belagerung von Byzanz genug zu tun hatte. Der Aufmerksamkeit des Constantin entgingen die letzten Zurüstungen seines Gegners nicht; ein beträchtlicher Teil seiner siegreichen Armee wurde in kleineren Schiffen über den Bosporus gesetzt, und das entscheidende Gefecht wurde kurz nach ihrer Landung auf den Höhen von Chrysopolis, oder wie es heute genannt wird, Scutari, ausgetragen. Die Truppen des Licinius waren erst kürzlich aufgestellt worden, schlecht gerüstet, noch schlechter eingeübt, aber sie machten dennoch Front gegen die Eroberer mit verzweifelter, wiewohl vergeblicher Anstrengung, bis eine vollständige Niederlage und der Tod von fünfundzwanzigtausend Mann das Schicksal ihres Anführers für immer besiegelte Eusebios (Vita Constantini 2,16 und 17) schreibt diesen entscheidenden Sieg des Kaisers frommen Gebeten zu. Das Fragmentum Valesianum (5,27) erwähnt hingegen ein gotisches Hilfskontingent unter ihrem Häuptling Aliquaca, welcher der Sache des Licinius nahe stand. . Er zog sich nach Nicomedia zurück, eher wohl um für Verhandlungen Zeit zu gewinnen als um sich weiterhin wirkungsvoll zu verteidigen. Constantia, seine Frau und zugleich Schwester Constantins, intervenierte bei ihrem Bruder zugunsten ihres Gatten und erhielt die mehr aus Gründen der Politik als aus Mitleid gegebene feierliche und eidbekräftigte Zusicherung, dass nach der Hinrichtung des Martinianus und der Thronentsagung Licinius den Rest seiner Tage in Frieden und Wohlstand verbringen dürfe. Constantius Verhalten und ihre Beziehung zu den streitenden Parteien ruft uns unwillkürlich die Erinnerung an jene unerschrockene Matrone wach, welche die Schwester des Augustus und die Frau des Antoninus war. Aber die Welt dachte mittlerweile anders, und nicht länger rechnete man es einem Römer zur Schande, seine Ehre und Unabhängigkeit zu überleben. Licinius erflehte und erhielt Pardon für seine Vergehen, warf sich und seinen Purpur zu Füßen seines Herren und Meisters nieder, wurde mit höhnischem Mitleid vom Boden aufgehoben, durfte noch am selbigen Tage beim kaiserlichen Bankett speisen, und wurde bald darauf nach Thessaloniki verbracht, wo man sich einen Ort ausgesucht hatte für seine Verbannung Zosimus, 2,28; Victor Junior in Epitome 41; Anonymus Valesii 5,27. . Seine Haft endete schon bald mit seinem Tod, und es ist nicht sicher, ob Soldatenunruhen oder ein Senatserlass den Vorwand für seine Hinrichtung lieferten. Im Einklang mit den Bräuchen der Tyrannis wurde er der Verschwörung und der verräterischen Korrespondenz mit den Barbaren angeklagt; da er aber niemals, weder durch sein Verhalten noch durch irgendeinen gerichtsverwertbaren Beweis überführt wurde, dürfen wir wohl von seiner Hilflosigkeit auf seine Unschuld schließen »Contra religionem sacramenti Thessalonicae privatus occisus est.« (In Thessaloniki entgegen der eidlichen Zusicherung ermordet) Eutropius, 10,6, bestätigt von Hieronymus, Chronicum Eusebii wie auch von Zosimos 2,28. Der Autor des Valesianischen Fragmentes erwähnt als Einziger die Soldaten, wie Zonaras (13,1) als der Einzige die Hilfe des Senates benennt. Klüglich gleitet Eusebios über diese heikle Angelegenheit hinweg; aber Sozomenos scheut sich ein Jahrhundert später nicht, Licinius' verräterische Umtriebe herauszuarbeiten. . Das Gedächtnis des Licinius wurde verdammt, seine Statuen niedergestürzt, und in einem hastigen Erlass, der allerdings so infam war, dass er postwendend richtiggestellt werden musste, wurden alle seine Gesetze und Gerichtsverfahren mit einem Schlage kassiert Siehe Codex Theodosianus 15,15. Diese Erlasse Constantins verraten ein Ausmaß an Gefühlswallung und Hektik, welches einem Gesetzgeber übel ansteht .   WIEDERVEREINIGUNG DES REICHES A.D. 324 Infolge dieses Sieges war die römische Welt erneut unter dem Szepter eines Kaiser geeint, siebenunddreißig Jahre, nachdem Diocletian sie und seine Macht mit seinem Kollegen Maximianus geteilt hatte. Die einzelnen Erfolgsstufen des Constantin, von seiner ersten Investitur in York bis zur Abdankung des Licinius in Nicomedia, wurden hier mit einiger Genauigkeit geschildert, nicht nur, weil die Ereignisse als solche wichtig und interessant sind, sondern vor allen Dingen deshalb, weil sie durch die enormen Verluste von Menschenleben und Geld wie auch durch das beständige Anwachsen der Steuern und Militärausgaben zum Untergang des Reiches beigetragen haben. Die Gründung von Konstantinopel und der Sieg des Christentums waren die unmittelbaren und denkwürdigen Folgen dieser Veränderungen. XV. AUSBREITUNG DER CHRISTLICHEN RELIGION SOWIE ANSICHTEN, SITTEN, ANZAHL UND LEBENSUMSTÄNDE DER URCHRISTEN · ZEREMONIEN, KÜNSTE, FESTTAGE   ETABLIERUNG DES CHRISTENTUMS Eine unbefangene und zugleich vernunftgeleitete Untersuchung über die Ausbreitung und endliche Etablierung des Christentums dürfte wohl jedermann für einen unverzichtbaren Bestandteil einer römischen Kaisergeschichte ansehen. Während das gewaltige Reich mit offener Gewalt berannt oder von allmählicher Auflösung heimgesucht wurde, fand eine lautere und schlichte Religion unbemerkt ihren Weg in die Herzen der Menschen, wuchs still und unbeachtet heran, ging aus Unterdrückungen gestärkt hervor und errichtete endlich triumphierend sein Kreuz auf den Trümmern des Capitols. Zudem blieb das Christentum weder zeitlich noch räumlich auf das Gebiet des Römischen Reiches beschränkt: Nach dreizehn oder vierzehn Jahrhunderten Geschichte wird diese Religion immer noch von den Nationen Europas bekannt, mithin dem Teil der Menschheit, der sich in Kunst und Wissenschaft wie im Waffenhandwerk am meisten hervorgetan hat. Durch den Bekehrungseifer der Europäer hat sie sich darüber hinaus bis an die entlegensten Küsten Asiens und Afrikas ausgebreitet; und auf dem Wege der Kolonialisierung hat sie selbst zwischen Kanada und Chile Fuß gefasst, der Welt, die den Alten unbekannt war. Aber diese Untersuchung, so lehrreich und kurzweilig zu lesen sie auch sein mag, ist mit zwei Schwierigkeiten besonderer Art behaftet. Die wenigen und obskuren Quellen der Kirchengeschichte erlauben es uns nur selten, die Wolken zu zerteilen, von welchen die Frühzeit der Kirche umdunkelt ist. Die große und strenge Pflicht zur Objektivität nötigt uns allzu oft, uns die Unzulänglichkeiten der schlichten Prediger und ersten Bekenner des Evangeliums einzugestehen; und für einen oberflächlichen Beobachter werfen wiederum deren Fehler auf den von ihnen bekannten Glauben ihre Schatten. Aber das Ärgernis des frommen Christenmenschen und der billige Triumph des Ungläubigen sollten sich beilegen, sobald sich beide daran erinnern nicht nur durch wen, sondern auch für wen die Göttliche Offenbarung erfolgte. Dem Theologen mag es eine Herzenslabe sein zu beschreiben, wie die Religion vom Himmel herniederstieg, gewandet in jugendfrischer Reine. Dem Historiker ist da eine trübseligere Pflicht auferlegt. Er soll das unvermeidliche Gestrüpp aus Irrtum und Fälschung auslichten, zu dem die Religion während ihres langen Erdendaseins unter schwachen und hinfälligen Sterblichen geworden ist.   FÜNF URSACHEN DER AUSBREITUNG DES CHRISTENTUMS Naturgemäß drängt sich unserer Neugierde zunächst die Frage auf, warum denn nun der Christenglaube so vollständig über die anderen, hienieden etablierten Religionen obsiegte. Hierauf lässt sich eine durchaus einleuchtende und zufriedenstellende Antwort geben, dass dies nämlich verursacht wurde durch die überzeugende Wahrheit der Lehre selbst und die lenkende Gnade ihres großen Stifters. Da jedoch Wahrheit und Vernunft in der Welt nur selten willkommen sind und da sich die Vorhersehung in ihrer Weisheit gelegentlich darin gefällt, die Leidenschaften des menschlichen Herzens und die allgemeine Lage der Menschheit für ihre Zwecke einzuspannen, so möge uns verstattet sein, mit angemessener Demut nicht zu fragen welches die ursprünglichen, sondern welches die sekundären, weltlichen Gründe für die schnelle Ausbreitung des Christentums gewesen seien. Möglicherweise wird sich dann zeigen, dass es durch die folgenden fünf Ursachen am stärksten begünstigt und vorangebracht wurde: I. Der unbeugsame und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, beschränkte Glaubenseifer der Christen, den sie, es ist ja wahr, der jüdischen Religion abgesehen hatten; den sie aber von dem engstirnigen und unduldsamen Geist gereinigt hatten, welcher die Heiden, statt sie zur Annahme des Mosaischen Gesetzes einzuladen, davor zurückschaudern ließ. II. Die Lehre von einem künftigen Leben, aufgewertet durch alle nur denkbaren Nebenumstände, die dieser wichtigen Wahrheit nur irgend Gewicht und Wirkmächtigkeit verleihen konnten. III. Die Wunderkräfte, die der Urkirche zugesprochen wurden. IV. Die reine und bedürfnislose Moral der Christen. V. Die Einheit und die Kirchenzucht der christlichen Republik, welche ganz allmählich im Herzen des Römischen Reiches ein eigenes Staatsgebilde ausformte.   DIE ERSTE URSACHE: MOSAISCHER GLAUBENSEIFER... I. Wir haben bereits die religiöse Toleranz der Alten Welt geschildert und die Bereitwilligkeit, mit der ungleichartige und sogar feindliche Nationen den Aberglauben der anderen annahmen oder doch wenigstens duldeten. Einzig ein Volk hatte an diesem allgemeinen Umgang unter den Menschen keinen Anteil: die Juden, welche unter den persischen und assyrischen Herrschern generationenlang dahinsiechten als die geringsten ihrer Sklaven »Dum Assyrios penes, Medosque, et Persas Oriens fuit, despectissima pars servientium. (Solange der Orient im Besitz der Assyrer, Meder und Perser war, galten sie als das geringste unter den geknechteten Völkern.) Tacitus Historien 5,8. Herodot, der Asien während der Perserherrschaft bereiste, erwähnt die Syrer Palästinas nur beiläufig (2,104), welche nach eigenen Angaben von den Ägyptern die Sitte der Beschneidung übernommen hatten. und die unter den Nachfolgern Alexanders aus ihrem Dunkelheit hervorkamen; und da sie sich im Osten und dann auch im Westen geradezu machtvoll ausbreiteten, erregten sie bei den anderen Völkern ein Wundern und Staunen Diodoros 40,2ff; Cassius Dio 37,17; Tacitus, Historien 5,1-9; Iustinus 36,2 und 3. . Eigensinnig und halsstarrig übten sie ihre absonderlichen Rituale, kehrten sich nicht um andere und erschienen bald als eine besondere Sorte Mensch, welche ihren festverwurzelten Hass auf den Rest der Menschheit entweder tollkühn bekannten oder nur unvollkommen verhehlten Tradidit arcano quaecunque volumine Moses:/Non monstrare vias eadem nisi sacra colenti,/ Quaesitum ad fontem solos deducere verpos. (Was Moses im Geheimbuch hinterließ:/Nicht die rechten Wege zu zeigen außer denen, die Opfer bringen/nur die Beschnittenen zu den Quellen zu führen.) Juvenal, Satiren 14,102. Dieses Gesetz ist im vorliegenden Buch Mosis nicht zu finden. Aber selbst der weise und humane Maimonides lehrt, dass ein Jude einen Götzendiener, sollte er ins Wasser fallen, diesen nicht vor dem drohenden Tod retten muss. Siehe Basnage, Histoire de Juifs, 6,28. . Weder die Gewaltanwendungen des Antiochus, noch die Schliche eines Herodes oder die Beispiele der benachbarten Nationen konnten die Juden dazu bringen, die mosaischen Gesetze mit den anmutsvollen Mythen der Griechen zu vereinen Eine jüdische Sekte, welche sich selbst eine Art vorübergehende Anpassung erlaubte, gab sich nach Herodes, der sie durch sein Vorbild dazu angeregt hat, den Namen Herodianer; aber sie waren, nach Köpfen gezählt, so vernachlässigbar wenige, und ihre Dauer war so vorübergehend, dass Josephus sie nicht einmal der Erwähnung für wert hält. . Entsprechend ihren Grundsätzen einer allgemeinen Toleranz schützten die Römer einen Aberglauben auch dann, wenn sie ihn verachteten Cicero, pro Valerio Flacco 28. . Augustus ließ sich höchstselbst herbei Befehl zu geben, dass im Tempel zu Jerusalem Philon, Legatio ad Gaium. Augustus hinterließ eine Stiftung, aus der ihm Opfer gebracht werden sollten für alle Zeit. Aber er billigte die Gleichgültigkeit, die sein Enkel Gaius dem Tempel in Jerusalem gegenüber an den Tag legte. Siehe Sueton, Augustus 93 und Casaubons Anmerkungen zu dieser Stelle. für sein Wohlergehen Opfer dargebracht würden; doch noch der geringste unter den Nachfahren Abrahams, der seinerseits Jupiter auf dem Capitol dieses Opfer würde gebracht haben, wäre dadurch vor sich selbst und vor seinen Glaubensbrüdern entsetzlich geworden. Aber diese erwähnte Toleranz des Siegers war unzureichend, die Eifersucht und Antipathie ihrer neuen Untertanen zu beschwichtigen, welche mit Grauen vor den heidnischen Gebräuchen zurückschauderten, welche notwendig in einer römischen Provinz gepflegt wurden Siehe besonders Iosephus, Antiquitates Iudaicae 17,6 und 18,3 und Bellum Iudaicum 1,33 und2,9. . Das geisteskranke Unterfangen Caligulas, seine eigene Statue im Tempel von Jerusalem aufstellen zu lassen, wurde durch die einhellige Ablehnung eines Volkes vereitelt, welches den Tod weniger fürchtete als einen derartig gotteslästerlichen Götzendienst Iussi a Caio Cesare, effigiem eius in templo locare, arma potius sumpsere. (Auf die Anordnung des Caesars Gaius hin, sein Bild im Tempel aufzustellen, griffen sie lieber zu den Waffen.) Tacitus, Historien 5,9. Philo und Iosephus geben uns einen sehr detailfreudigen, wenn auch blumigen Bericht über dieses Ereignis, welches den Statthalter Syriens sichtlich erschüttert hatte: bei der ersten Kunde von dieser lästerlichen Zumutung schwanden König Agrippa die Sinne. Und kam erst wieder zu Kräften am dritten Tag. . So, wie sie das Gesetz Moses' heiligten, verachteten sie andererseits alle fremden Religionen. Der ruhige Strom von Glaubenseifer und Verehrung erlangte, da er durch äußere Umstände eingeengt war, jetzt die Stärke und den Grimm einer reißenden Flut.   ...UND SEINE ALLMÄHLICHE STEIGERUNG Diese Unerbittlichkeit in Glaubensdingen, die der Alten Welt so verhasst oder lächerlich vorkam, wird für uns jedoch achtbarer, seit die Vorsehung uns zuvorkommender Weise die geheimnisvolle Geschichte des auserwählten Volkes enthüllt hat. Aber die fromme, ja ängstliche Anhänglichkeit an das Gesetz Moses', die für die Juden unter dem zweiten Tempel so kennzeichnend war, kommt uns noch unerwarteter, wenn wir sie mit dem bocksbeinigen Unglauben ihrer Urväter vergleichen. Als das Gesetz gegeben ward unter Donnergetöse auf dem Berge Sinai; als den Meeresfluten Einhalt geboten ward und dem Lauf der Planeten, zum Vorteile Israels; und als weltliche Belohnung und Strafe die prompte Folge war für ihren Gehorsam oder Ungehorsam, so fielen sie doch beständig ab und murrten wider die sichtbare Majestät ihres göttlichen Königs, stellten die Götzenbilder der Nation auf im Heiligtum Jehovas und übten alle die umständlichen Rituale, wie sie in den Zelten der Araber oder in den Städten Phöniziens gepflegt wurden Was die Anzahl der syrischen und arabischen Gottheiten betrifft, so mag hier angemerkt werden, dass Milton in einhundertunddreißig wunderschönen Versen die zwei umfänglichen und gelehrten Syntagmata zusammengefasst hat, welche Selden diesem abseitigen Gegenstand gewidmet hat. (Paradise lost 1,375-505) . Erst als der Himmel zu Recht seine schützende Hand zurückgezogen hatte von diesem undankbaren Volk, erlangte sein Glauben die angemessene Festigkeit und Reinheit. Die Zeitgenossen von Moses und Joshua hatten mit unerschüttertem Gleichmut die erstaunlichsten Wunder geschaut. Unter dem Druck von allerlei Unglücksfällen jedoch hatte eben dieser Wunderglaube die Juden der späteren Generationen vor der Ansteckung durch den Götzendienst bewahrt; und im Gegensatz zu allen uns bekannten Gesetzen, denen die menschliche Vernunft unterworfen ist, fasste dieses merkwürdige Volk die Überlieferungen ihrer Vorväter wörtlicher und unbedingter auf als ihre eigenen Sinneseindrücke »Wie lange lestert mich das Volck? Und wie lange wollen sie nicht an mich glauben durch allerley Zeichen, die ich unter jenen getan habe?« (Numeri 14,11, nach Luther) Es wäre ein leichtes, hier allerdings unpassendes Unterfangen, die Klage der Gottheit anhand des Verlaufs der mosaischen Geschichte zu rechtfertigen. .   IHRE RELIGION IST MEHR ZUR VERTEIDIGUNG ALS ZUR EROBERUNG GEEIGNET Die jüdische Religion war in bewundernswerter Weise zur Verteidigung geeignet, und niemals heckte sie Bekehrungsstrategien; und wahrscheinlich übertraf auch die Zahl der Proselyten zu keinem Zeitpunkt die der Apostaten. Die Gottesverheißungen wurden ursprünglich nur einer einzigen Familie gemacht, und nur ihr wurde die Beschneidungspflicht auferlegt. Als nun die Nachfahren Abrahams zahlreich waren wie der Sand am Meer, erklärte die Gottheit, die ihnen ein ganzes System von Gesetzen und Ritualen gegeben hatte, sich selbst zum eigentlichen und gleichsam nationalen Gott von Israel; und sonderte mit eifernder Sorge sein erwähltes Volk ab vom Rest der Menschheit. Die Eroberung des Landes Kanaan war von so vielen blutigen Taten und wundersamen Umständen begleitet, dass nach Ende des Krieges zwischen den siegreichen Juden und ihren Nachbarn unverwelkliche Feindschaft begründet war. So war es ihnen aufgetragen worden, wenigstens die gottlosesten Völker auszumerzen; und der Ausführung dieses göttlichen Befehles hatten sich nur selten kleinliche humanitäre Bedenken entgegengestellt. Es war ihnen untersagt, sich mit anderen Stämmen ehelich zu vermischen oder Verträge einzugehen; und das Verbot, sie in die Versammlung der Gläubigen aufzunehmen, welches in manchen Fällen für alle Zeiten ausgesprochen wurde, galt fast immer für bis in die dritte, die siebente, ja sogar bis in die zehnte Generation.   FEHLENDER BEKEHRUNGSEIFER DER JUDEN Es hatte von Gesetzes wegen niemals eine Pflicht gegeben, den Heiden den mosaischen Glauben zu predigen, und sich dies freiwillig aufzuerlegen hatten die Juden auch niemals Neigung gezeigt. Bei der Aufnahme neuer Bürger gab diesem weltabgewandten Volk viel eher der selbstbezogene Dünkel der Griechen als die tolerante Politik der Römer das Vorbild. Die Glaubensgewissheit, sie seien die einzigen Erben des Bundes, schmeichelte den Nachfahren Abrahams, und ängstlich waren sie darauf bedacht, nicht alle Welt an diesem Schatz teilhaben zu lassen und ihn dadurch zu entwerten. In dem Maße, wie sie der Menschheit näher traten, erweiterten sie ihre Weltkenntnis, ohne dabei jedoch ihre Vorurteile abzulegen; und wenn der Gott Israels neue Jünger begrüßen konnte, so hatte er es eher der flatterhaften Natur des Polytheismus zu danken als dem Bekehrungseifer seiner eigenen Missionare Basnage, Histoire des Juifs Buch 6, c.6 und 7 hat alles, was die jüdischen Proselyten betrifft, sehr geschickt behandelt. . Die Religion Moses' scheint geschaffen zu sein für ein ausgewähltes Land und für eine einzige Nation; und wäre das Gebot pünktlich befolgt worden, dass sich jeder Mann dreimal im Jahr vor Jehova einfinden müsse, dann hätten sich die Juden niemals über die engen Grenzen des gelobten Landes ausbreiten können Siehe Exodus 24,23; Deuteronomium 16,16, die Kommentatoren und die kluge Anmerkung in Bossuets Universal History, vol. i. p. 603, Folioausgabe. . Mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem fiel nun dieses Hindernis; aber in diesen Untergang war auch die jüdische Religion selbst beträchtlich verwickelt; und die Heiden, die sich schon immer gewundert hatten über die befremdliche Kunde von einem leerstehenden Heiligtum Als Pompeius vom Recht des Eroberers Gebrauch machte – vielmehr es missbrauchte – und in das Allerheiligste eindrang, wurde mit Staunen bemerkt, »nulla intus Deum effigie, vacuam sedem et inania arcana.« (dass kein Götterbild darinnen war, dass der Thron leer stand und dass das Geheimnis ein Nichts sei.) Tacitus Historien 5,9. Von den Juden sagte Volkes Meinung: »Nil praeter nubes et caeli numen adorant.« (Nichts als Wolken und das Walten des Himmels beten sie an.) , konnten nun nicht einmal erraten, was denn der Gegenstand oder die Hilfsmittel eines Gottesdienstes sein mochten, dem es an Altären, Priestern oder Opfern mangelte. Und sogar noch in ihrem untergegangenen Staat mieden die Juden, die auch weiterhin ihre hohen und ausschließenden Vorrechte behaupteten, jeden Umgang mit den Fremden, anstelle dass sie ihn gesucht hätten. Nach wie vor bestanden sie mit unbeugsamer Strenge auf jenen Passagen des Gesetzes, die auszuüben sie noch die Macht hatten. Ihre besondere Unterscheidung einzelner Tage und Fleischsorten und die Befolgung einer ganzen Reihe von ebenso trivialen wie lästigen Pflichten: dies war für die anderen Nationen, zu deren Sitten und Vorurteilen sie diametral entgegengesetzt lebten, geschmack- und sinnlos. Allein die schmerzhafte und gar nicht ungefährliche Sitte der Beschneidung war geeignet, auch den gutwilligen Proselyten vor der Synagogentür umkehren zu lassen Eine zweite Art der Beschneidung wurde einem Proselyten aus Samaria oder Ägypten abverlangt. Bei Basnage, Histoire des Juifs, Buch 6, c.6 möge man sich über die murrköpfige Gleichgültigkeit der Talmudisten informieren, wenn es um den Übertritt von Fremden ging. .   RELIGIONSEIFER DER CHRISTEN Unter solchen Vorbedingungen diente sich nun das Christentum der Welt an, ebenfalls versehen mit der Strenge des mosaischen Gesetzes, aber frei vom Druck seiner Fesseln. Beide Systeme, das alte und das neue, beanspruchten mit Bestimmtheit für ihre Religion die ausschließliche Wahrheit und den einzigen Gott; aber was immer auch die Menschheit jetzt über die Natur und die Pläne des Höchsten Wesens zu hören bekam, es war tauglich, ihre Verehrung für diese geheimnisvolle Doktrin zu mehren. Die göttliche Autorität Moses' und der Propheten wurde vom Christentum anerkannt und schließlich zu einem seiner wichtigsten Stützpfeiler. Vom Anbeginn der Welt hatte eine ununterbrochene Serie von Prophezeiungen die lang erwartete Ankunft des Messias angekündigt und vorbereitet; welcher aber, mit Rücksicht auf die biderbe Fassungskraft der Juden, sehr viel öfter als König und Eroberer denn als Prophet, Märtyrer oder Gottessohn dargestellt wurde. Durch sein Versöhnungsopfer wurden die unzulänglichen Opfer im Tempel mit einem Schlage aufgehoben und überflüssig. Die Zeremonienvorschriften, welche wesentlich äußere Formen abverlangten, wurden ersetzt durch schlichte, aufrichtige Verehrung, die in allen Weltgegenden und von allen Menschen ausgeübt werden konnte; und die blutige Weihe der Beschneidung wurde durch die weitaus harmlosere mit Wasser ersetzt. Und anstelle dass die Gnadenverheißung nur der Nachkommenschaft Abrahams vorbehalten blieb, wurde sie jetzt allen Menschen zuteil, dem Freien und dem Sklaven, dem Griechen und Barbaren, dem Juden und dem Heiden. Jedes Vorrecht, welches den Proselyten zur Seligkeit führen, seine Anbetung vertiefen, seine Glückseligkeit festigen oder sogar jenen heimlichen Stolz zufrieden stellen konnte, welcher sich unter der Gestalt der Andacht in das menschliche Herz einnistet: dieses alles war nun den Mitgliedern der christlichen Kirche aufgespart. Zugleich aber erlaubte man aller Welt, ja drängte sie nachgerade, diese unschätzbare Auszeichnung anzunehmen, die ihr nicht nur als eine Gunst geschenkt, sondern als eine Verpflichtung auferlegt wurde. Es war die heiligen Pflicht eines Neubekehrten, unter seinen Freunden und Verwandten zu verbreiten, an welchen Segnungen er nun teilhatte und sie gleichzeitig vor Verstocktheit zu warnen, welche als sündhafter Ungehorsam gegen den Willen der gnädigen, aber allmächtigen Gottheit zuverlässig bestraft werden würde.   TRENNUNG VON KIRCHE UND SYNAGOGE Bis sich indessen die christliche Kirche aus den Banden der Synagoge gelöst hatte, verging noch viel Zeit und blieb noch viel Arbeit zu tun. Die jüdischen Konvertiten, welche in Jesus den Messias ihrer alten Prophezeiungen anerkannten, verehrten in ihm den Lehrer der Tugend und der Religion; aber nach wie vor übten sie die Zeremonien ihrer Väter aus und verlangten dringlich danach, dass auch die Heiden sie ausübten, welche täglich die Zahl der Gläubigen vermehrten. Diese judaisierenden Christen scheinen sogar, und dies mit einigen Recht, den göttlichen Ursprung des Gesetzes Moses' sowie die unendliche Vollkommenheit ihres Stifters zu ihren Gunsten angeführt zu haben. Sie betonten, dass , wenn denn die Gottheit, die ja durch alle Zeiten dieselbe sei, dieses heilige Ritual, dieses Merkmal des auserwählten Volkes, hätte abschaffen wollen, diese Abschaffung ebenso deutlich und feierlich verkündet hätte wie ihre Stiftung; dass es dann als vorläufige Lehrmeinung angekündigt worden wäre, bestimmt, nur bis zum Erscheinen des Messias zu dauern, der die Menschen eine noch besseren Art zu glauben und anzubeten gelehrt hätte, anstelle dass zahlreiche Erklärungen die Ewigkeitsgeltung der mosaischen Religion bekräftigt oder doch wenigsten nahegelegt hätten Diese Argumente trug der Jude Orobio mit vielem Scharfsinn vor, während der Christ Limborgh sie ebenso scharfsinnig wie freimütig widerlegte. Siehe auch den Bericht über ihren Disput, der Amica collatio (freundschaftlicher Vergleich), welchen Titel er ganz zu Recht führt. ; dass der Messias selbst und seine Jünger, die mit ihm auf Erden wandelten, nicht durch ihr Vorbild den pünktlichen Gehorsam gegenüber dem mosaischen Gesetze gleichsam vorgelebt hätten Jesus . . . circumcisus erat; cibis utebatur Judaicis; vestitu simili; purgatos scabie mittebat ad sacerdotes; Paschata et alios dies festos religiose observabat: si quos sanavit sabbatho, ostendit non tantum ex lege, sed et ex receptis sententis, talia opera sabbatho non Interdikta. (Jesus war beschnitten; er beachtete die Speise- und Kleidungsvorschriften; die vom Aussatz gereinigten schickte er den Priestern zu; das Pascha- und andere Feste beobachtete er; wenn er aber am Sabbat heilte, dann legte er dar, dass nicht nur aus dem Gesetz, sondern auch nach allgemeinem Empfinden ein solches Werk am Sabbat nicht untersagt sei.) Grotius de Veritate Religionis Christianae, Buch 5, c. 7. , sondern ganz gewiss der Welt die Abschaffung dieser nutzlosen und archaischen Rituale anempfohlen und darüber hinaus nicht zugelassen hätten, dass das Christentum viele Jahre hindurch mit den Sekten der jüdischen Kirche vermischt geblieben wäre. Argumente dieser Art wurden, wie es scheint, zur Verteidigung des untergehenden mosaischen Elementes vorgebracht; aber Spürsinn und Fleiß unserer Gottesgelahrten haben den zweideutigen Sprachduktus des Alten Testamentes wie auch das zweideutige Auftreten der apostolischen Lehrer tiefschürfend ausgedeutet. Es sei nötig gewesen, erst nach und nach die Evangelien zu systematisieren und anschließend mit äußerster Behutsamkeit und Delikatesse ein Verdammungsurteil auszusprechen, welches den Vorlieben und Vorurteilen der gläubigen Juden so sehr entgegen war.   DIE KIRCHE DER NAZARENER IN JERUSALEM Die Geschichte der christlichen Kirche in Jerusalem ist ein lebendiger Beweis für die Notwendigkeit dieser Vorsichtsmaßregel und auch für den tiefen Eindruck, den die jüdische Religion auf ihre Anhänger machte. Die ersten fünfzehn christlichen Bischöfe Jerusalems waren sämtlich beschnittene Juden; und die Gemeindeversammlungen, deren Vorsitz sie innehatten, gehorsamten dem Gesetz Moses und der Lehre Christi »Paene omnes Christum Deum sub legis observatione credebant.« (Fast alle hielten Christus für einen unter dem Gesetz stehenden Gott) Sulpicius Severus, 2,31. Siehe Eusebios, Historia Ecclesiastica 4,5. . Naturgemäß wurde diese erste Tradition, die gleich vierzig Tage nach dem Tode Christi entstand und beinahe ebenso viele Jahre der direkten Aufsicht ihres Apostels unterstellt war, als die Säule der Rechtgläubigkeit angesehen Mosheim de Rebus Christianis ante Constantinum Magnum, p. 153. In diesem Meisterwerk, aus dem zu zitieren ich noch oft Anlass haben werde, durchdringt er die Verfasstheit der frühen Kirche tiefergehend als in seiner allgemeinen Geschichte. . Kirchen anderer Länder wandten sich oftmals an die Autorität ihrer ehrwürdigen Mutter und minderten ihre Sorgen durch großherzige Almosen. Als nun aber viele und reiche Gemeinden in den großen Städten des Imperiums entstanden waren, so in Antiochia, Alexandria, Ephesos, Korinth und Rom, verblasste allgemach die Verehrung, die für Jerusalem in den einzelnen christlichen Kolonien etwa noch fortbestand. Die jüdischen Konvertiten, oder, wie sie später genannt wurden, die Nazarener, die die eigentlichen Gründer der Kirche waren, fanden sich alsbald übermannt durch die wachsenden Massen, die von den verschiedenen polytheistischen Religionen zu den Fahnen des Christentums gewechselt waren; und die Heiden endlich, die mit Billigung ihrer jeweiligen Apostel die unerträgliche Last des mosaischen Ritus abgeworfen hatten, verweigerten schließlich ihren gewissenhafteren Glaubensbrüdern diejenige Toleranz, um die sie selbst vordem für ihre eigenen Rituale gefleht hatten. Die Zerstörung des Tempels, der Stadt und der Staatsreligion erlebten die Nazarener schmerzlich, da sie zwar nicht in Glaubensdingen, wohl aber in ihren Gebräuchen ihren gottlosen Landsleuten eng verbunden blieben, deren Katastrophe die Heiden der Verachtung und die Christen mit mehr Recht dem Zorn der obersten Gottheit zuschrieben. Die Nazarener zogen sich aus den Ruinen Jerusalems in die kleine Stadt Pella jenseits des Jordan zurück, wo diese alte Kirche etwa sechzig Jahre einsam und vergessen dahinkümmerte Eusebius, 3,5. Le Clerc, Historia Ecclesiastica p. 605.Während dieser vorübergehenden Abwesenheit behielten der Bischof und die Kirche von Pella stets den Titel »von Jerusalem« bei. In derselben Weise residierten die Päpste Roms siebzig Jahre in Avignon; und die Patriarchen von Alexandria haben ihren Bischofssitz schon längst in Kairo aufgeschlagen. . Häufig und gerne besuchten sie die Stätten der Heiligen Stadt , und nie gaben sie die Hoffnung auf, eines Tages wieder den Stuhl einzunehmen, den zu lieben und zu verehren Natur und Religion ihnen vorgaben. Aber allmählich – es war unter der Regierung Hadrians – hatte der verzweifelte Fanatismus der Juden das Maß des Jammers gefüllt; und die Römer, verbittert durch ihre wiederholten Aufstände, übten nunmehr das Recht des Siegers mit brutaler Strenge. Der Kaiser gründete unter dem Namen Aelia Capitolina in der Nähe des Berges Zion Cassius Dio 69,12. Die Verbannung des Volkes Israel aus Jerusalem wird von Ariston von Pella (Bei Eusebios, Historia 4,6) bestätigt und auch von mehreren Kirchenschriftstellern erwähnt; wenngleich einige von ihnen recht vorschnell dieses Verbot auf ganz Israel ausgedehnt wissen wollen. eine neue Stadt und verlieh ihnen die Privilegien einer Kolonie; unter Androhung schwerster Leibesstrafen gegen jeden aus dem Volke der Juden, der sich ihrer Umgebung auch nur zu nähern wagen sollte, hinterließ er zugleich ein Wachbataillon, seinen Befehlen Nachdruck zu verleihen. Für die Nazarener gab es nur einen Weg, dieser allgemeinen Ächtung zu entkommen, und bei dieser Gelegenheit wurde die Kraft der Wahrheit durch irdische Vorteile sogar noch unterstützt. Sie wählten Marcus zum Bischof, einen Prälaten heidnischer Herkunft, gebürtig vermutlich aus Italien oder einer latinischen Provinz. Auf sein Zureden hin schworen die meisten der Gläubigen dem mosaischen Gesetz ab, das sie immerhin ein Jahrhundert ausgeübt hatten. Im Gegenzug erhielten sie freien Zugang zu Hadrians Kolonie und festigten auf diese Weise sogar noch ihre Zugehörigkeit zur katholischen Kirche Eusebios, 4,6. Sulpicius Severus, Historia Sacra 2,31. Durch den Vergleich der wenig befriedigenden Berichte dieser beiden Autoren hat Mosheim (de rebus Christianorum p.32) ein sehr deutliches Bild von den Umständen und Ursachen dieser Revolution entworfen. .   DIE EBIONITEN Nachdem nun Name und Ehre der Kirche Jerusalems auf dem Zionsberge wiederhergestellt waren, wurden die geringen Reste der Nazarener, die ihrem lateinischen Bischof zu folgen sich geweigert hatten, der Häresie und Glaubensspaltung bezichtigt. Sie blieben in ihren angestammten Wohnsitzen in Pella, verstreuten sich auf die Dörfer um Damaskus und gründeten in Syrien zu Boroea, heute Aleppo genannt, eine unverächtliche Kirche Le Clerc (Historia Ecclesiastica p. 447 und 535) hat von Eusebios, Hieronymus, Epiphanios und anderen Autoren die grundlegenden Tatsachen der Nazarener oder Ebioniten zusammengetragen. Schon bald schieden sich zwei Sekten von strenger und milderer Observanz; und einiges spricht dafür, dass die Familie von Jesus Christus wenigstens der letztgenannten, sanfteren Fraktion angehörte. . Der Name Nazarener wurde für diese Christen als zu achtbar empfunden, und schon bald erhielten sie den Schmähnamen Ebioniten wegen der ihnen unterstellten Ärmlichkeit ihres Geistes und ihrer Lebensumstände Einige Autoren haben sich sogar einen Ebion ausgedacht, den angeblichen Urheber ihrer Sekte und ihres Namens. Aber wir können uns hier besser auf den gelehrten Eusebios verlassen als auf den hitzigen Tertullian oder den eifernden Epiphanios. Nach le Clerc (Historia Ecclesiastica p.477) kann man das hebräische ebjonim in das lateinische pauperes (Die Armen) übersetzen. . Einige Jahre, nachdem die Kirche Jerusalems heimgekehrt war, wurde es zu einem Gegenstand heftiger Kontroversen, ob denn ein Mensch, der aufrichtig Jesus als den Messias bekenne, auf Erlösung hoffen durfte, wenn er gleichzeitig auch das mosaische Gesetz beobachte. Die sanftmütige Gesinnung von Justinus Martyr neigte dazu, die Frage mit Ja zu beantworten; und obwohl er sich mit aller Zurückhaltung ausdrückte, wagte er doch, sich für solche schwachen Christen einzusetzen, solange sie sich mit der Ausübung das mosaischen Gesetzes begnügten, ohne den Nutzen und die Notwendigkeit dieses Tuns zu behaupten. Als aber Justinus gezwungen wurde, die Meinung der Kirche darzutun, bekannte er, dass es sehr viele unter den orthodoxen Christen gebe, die nicht nur ihre judaisierenden Glaubensbrüder von allen Heilserwartungen ausschlossen, sondern sogar jedweden Verkehr auf freundschaftlicher oder sozialer Ebene abgebrochen hätten Siehe den sehr merkwürdigen Dialog zwischen Iustinus Martyr und dem Juden Tryphon. Das Gespräch fand in Ephesos zur Zeit der Regierung des Antoninus Pius statt, ungefähr zwanzig Jahre, nachdem die Kirche von Pella nach Jerusalem zurückgekehrt war. Zu dieser Angabe vergleiche Tillemonts Anmerkung in Mémoires eccléstiastiques, Band 2, p.511. . Wie nicht anders zu erwarten, obsiegte die strenge Meinung über die versöhnliche; und eine weitere ewige Trennlinie war zwischen Moses' und Christi Jüngern gezogen. Die glückverlassenen Ebioniten, von der einen Religion als Abtrünnige und von der anderen als Ketzer zurückgewiesen, sahen sich genötigt, sich selbst erkennbarer darzustellen; und wenn wir auch einige Spuren dieser obsoleten Sekte noch im IV. Jahrhundert ausmachen können, so gingen sie doch irgendwann unmerklich in der Synagoge oder der Kirche auf Von allen christlichen Systemen hängt lediglich das abessinische noch heute dem mosaischen Ritus an. (Geddes's Church History of Ethiopia, und die Untersuchung von La Grand zur ›Relation historique‹ des Pater Lobo.) Der Eunuch der Königin Candace ist verdächtig; da uns aber versichert wird (Socrates, 1,19; Sozomenes, 2,24; Ludolphus, p. 281), dass die Äthiopier sich nicht vor dem vierten Jahrhundert zum Christentum bekehrten, klingt es glaubhaft, dass sie noch den Sabbat heiligten und die Speisen unterschieden, so wie es die Juden taten, die seit Menschengedenken an beiden Ufern des Roten Meeres siedelten. Die meisten Äthiopier übten die Beschneidung aus Hygiene- und Gesundheitsgründen, was dargestellt wird in den Recherches Philosophiques sur les Américains, Band 2, p.117. .   DIE KRITIK DER GNOSTIKER AN DER MOSAISCHEN RELIGION Während die orthodoxe Kirche so die rechte Mitte einhielt zwischen übertriebener Verehrung und untunlicher Geringschätzung des mosaischen Gesetzes, verfielen die verschiedenen Ketzergruppen in die gleichen, wenn auch entgegengesetzten Extreme, des Irrtums und der Übertreibung. Da die Wahrheit der jüdischen Religion unbestritten war, folgerten die Ebioniten, dass sie niemals untergehen würden. Ebenso überstürzt folgerten die Gnostiker aus den behaupteten religiösen Mängeln, dass sie niemals göttlichen Ursprungs sein könne. Gegen die Autorität Moses' und der Propheten gibt es gewiss einige Einwände, welche einem skeptischen Verstand alsbald einleuchten mögen, obwohl sie ihren eigentlichen Ursprung in unserer Unkenntnis des frühen Altertums haben und in unserer Unfähigkeit, uns über göttliche Einrichtungen ein zutreffenden Bild zu machen. Diese Einwände griff die leere Wissenschaft der Gnosis bereitwillig auf und verteidigte sie ebenso energisch Beausobre, Histoire du Manichéisme, Buch 1, c.3 hat ihre Bedenken, vor allem die von Faustus, eines Augustinusgegners, gelehrt und objektiv dargelegt. . Da die Gnostiker in der Regel den Sinnenfreuden abhold waren, krittelten sie ein wenig säuerlich an der Polygamie der Patriarchen herum, an Davids galanten Abenteuern und an Salomons Vielweiberei. Auch sahen sie sich außerstande, die Eroberung des Landes Kanaan und die Ausrottung ihrer nichtsahnenden Bevölkerung selbst mit den elementarsten Maßstäben von Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu versöhnen. Und wenn sie sich anderseits die lange Blutliste von Mord, Hinrichtung und Massakern ins Gedächtnis riefen, die fast jede Seite der jüdischen Annalen befleckt, dann mussten sie zugeben, dass die Barbaren von Palästina ihren götzendienerischen Feinden fast ebensoviel Mitleid angedeihen ließen wie nur je ihren eigenen Freunden und Landsleuten Apud ipsos fides obstinata, misericordia in promptu: adversus omnes alios hostile odium. (Untereinander übten sie festen Zusammenhalt und helfendes Mitleiden, allen anderen gegenüber aber lebten sie feindselige Abneigung.) Tacitus Historien, 5,5. Tacitus sieht die Juden gewiss zu freundlich. Die Josephus-Lektüre dürfte diesen Widerspruch beseitigt haben. . Wenn sie dann von den Anhängern des Gesetzes zu den Gesetzen selbst überwechselten, dann nannten sie es schlechthin unmöglich, dass eine Religion die Liebe zur Tugend einflößen oder zur Gesittung erziehen könne, wenn sie wesentlich blutige Zeremonien und armselige Rituale beinhalte und ihre Belohnungen wie Strafen ausschließlich materieller und weltlicher Natur seien. Den mosaischen Schöpfungsbericht und den Sündenfall behandelte die Gnostiker mit gottlosem Hohne, wollten sie doch durchaus nicht mit Andacht von der Gottheit hören, die nach sechs Tage Arbeit ausruhe, oder von der Rippe Adams, dem Garten Eden, dem Baume des Lebens und der Erkenntnis, der sprechenden Schlange, der verbotenen Frucht und der Verdammnis der Menschheit wegen der harmlosen Sünde ihrer ersten Stammmutter Dr. Burnet, Archaeologia, Buch 2, c.7 hat die ersten Genesis-Kapitel mit zuviel Witz und Freizügigkeit diskutiert. . Der Gott der Israeliten wurde von den Gnostikern höchst unfromm dargestellt als ein eiferndes und dem Irrtum verhaftetes Wesen, launisch in seiner Gunst, unversöhnlich in seiner Rache, kleinlich-eifersüchtig auf seine abergläubische Verehrung bedacht und seine voreingenommene Gunst auf ein einziges Volk und auf dieses vergängliche Leben beschränkend. In einer solchen Gestalt vermochten sie denn doch nicht die Wesenszüge eines weisen und allmächtigen Vaters der Welt auszumachen Die weniger strenge Gnosis betrachtete Jehova, den Erschaffer, als ein Wesen mit einer Natur zwischen Gott und Dämon. Andere stellten ihn in die Nähe des bösen Prinzips. Man vergleiche hierzu auch das zweite Jahrhundert der allgemeinen Geschichte von Mosheim, welche eine knappe, aber präzise Darstellung ihrer merkwürdigen Meinungen zu diesem Gegenstande gibt. . Höchstens gestanden sie zu, dass die Religion der Juden weniger schädlich sei als die Götzenverehrung der Heiden; aber es war ihre grundlegende Glaubensgewissheit, dass der Christus, den sie anbeteten, als die erste und edelste Emanation der Gottheit auf Erden erschienen sei, um die Menschheit von ihren vielen Irrtümern zu erretten und um ein neues System der Wahrheit und der Vollendung zu stiften. Infolge einer äußerst befremdlichen Herablassung haben selbst die gelehrtesten Kirchenväter unklugerweise die Winkelzüge der Gnostiker gelten lassen. Es war ihnen bewusst, dass der buchstabengetreue Sinn allen Grundsätzen des Glaubens und der Vernunft widerspreche, und so wähnten sie sich geborgen und unangreifbar hinter dem großen Schleier der Allegorie, hinter welchem sie sorgsam alle heiklen Punkte der mosaischen Gesetzgebung verbargen Vgl. Beausobre, Histoire du Manichéisme, Buch 1, c.4. Origines und Augustinus gehörten zu den Allegoristen. .   SEKTENBILDUNG DER GNOSTIKER – IHR UNTERGANG Man hat bemerkt, wenn auch mit mehr Erfindungsgabe als Wahrheit, dass die jungfräuliche Reine der Kirche bis in die Regierungszeit des Trajan oder Hadrian (also etwa einhundert Jahre nach dem Tode Christi) durch keinerlei Glaubensspaltung befleckt ward Hegesippos, bei Eusebios, Historia 3,32 und 4,22; Clemens von Alexandria, Stromateis 7,17. . Wir selbst können, und dies mit mehr Genauigkeit, feststellen, dass zu jenen Zeiten die Jünger des Messias sich größerer Freiheiten des Glaubens und der Glaubenspraxis erfreuten, als ihnen in späteren Jahrhunderten jemals wieder zuteil wurde. Als nun diese Glaubensfreiheiten unmerklich eingeengt wurden und die jeweils herrschende Partei ihre geistliche Vormachtstellung mit zunehmender Glaubensstrenge ausübte, kam es dazu, dass viele der prominentesten Bekenner, zum Widerruf aufgefordert, sich nun ihrerseits genötigt fühlten, auf ihrer individuellen Auffassung zu bestehen, die Konsequenzen aus ihrem Irrtum zu ziehen und in aller Öffentlichkeit die Fahne der Rebellion gegen die Einheit der Kirche aufzurichten. Die Gnostiker zeichneten sich aus als die feinsten, gelehrtesten und reichsten Träger des christlichen Namens, und die allgemeine Bezeichnung Gnosis, mit der überlegene Kenntnisse bezeichnet werden, war den Stolzen entweder selbst beigefallen, oder es hatte ihnen die Eifersucht ihrer Gegner dieses Hohn-Epitheton angehängt. Sie stammten ausnahmslos von Heiden, und die Gründer der Bewegung scheinen aus Syrien und Ägypten zu stammen, deren warme Klimate Körper und Seele in gleicher Weise zu Indolenz und andächtiger Kontemplation geneigt machen. Die Gnostiker verschnitten die christlichen Glaubenssätze mit zahlreichen hehren, obschon fragwürdigen Lehrmeinungen, die sie der orientalischen Philosophie und sogar der Religion Zarathustras abgesehen hatten Bei der Darstellung der Gnostiker des II. und III Jahrhunderts. Mosheim ist geistreich und aufrichtig; le Clerc einschläfernd, aber zuverlässig; Beausobre fast immer apologetisch; und von den frühen Kirchenvätern steht zu befürchten, dass sie sehr oft Verleumder sind. und die Gegenstände betraf wie etwa die Ewigkeit der Materie, die Existenz eines guten und bösen Prinzips und die geheimnisvolle Hierarchie der unsichtbaren Welt. Sobald sie zum Flug in dieses Gedanken-All abgehoben hatten, überließen sie sich der Führung einer ungeordneten Imagination; und da die Pfade des Irrtums ungezählt sind und mannigfaltig, zerfiel auch die gnostische Bewegung alsbald in fünfzig verschiedene Sekten Vgl. hierzu die Aufzählungen bei Irenaeus und Epiphanios. Man muss allerdings berücksichtigen, dass diese Autoren dazu neigten, die Zahl der Sekten zu vermehren, die der Einheit der Kirche im Wege waren. , deren berühmteste allem Anschein nach die Basilidianer waren, ferner die Valentinianer, die Marcioniten und in späterer Zeit noch die Manichäer. Jede dieser Sekten konnte sich eigener Bischöfe und Gemeinden rühmen, ihrer Gelehrten und Märtyrer Eusebios, Historia 4,15; Sozomenos 2,32. Vgl. dazu im Artikel ›Marcion‹ in Bayle, Dictionnaire ein merkwürdiges Detail über diesen Gegenstand. Es sieht so aus, als ob einige Gnostiker, die Basilidianer, die Ehre eines Martyriums ablehnten, sich ihr sogar widersetzten. Die Gründe dafür waren eigentümlich und schwer verständlich. Siehe Mosheim, p.359. und ferner anstelle der vier von der Kirche angenommenen Evangelien eine Vielzahl von Erzählungen eigener Provenienz vorweisen, in welchen die Wandel und Worte Christi und seiner Apostel ihren jeweiligen Glaubensbedürfnissen angepasst waren In einem unbedingt lesenswerten Abschnitt (Prooemium ad Lucam) hat Origines, dieser unermüdliche Schreiber, der sein Leben dem Studium der Schrift gewidmet hatte, sich bezüglich ihrer Authentizität auf die inspirierte Meinung der Kirche verlassen. Unmöglich konnten die Gnostiker unsere Evangelien annehmen, von denen viele Teile (insbesondere die Auferstehung Christi) ihren wichtigsten Lehrsätzen direkt, es könnte fast scheinen: vorsätzlich widersprachen. Es klingt daher etwas eigentümlich, dass Ignatius (Epistula ad Smyrnaeos 3,2) es vorgezogen haben sollte, sich mit einer so zweifelhaften und trüben Tradition zu befassen und nicht die zuverlässigen Zeugnisse der Evangelien selbst zu befragen. . Der Erfolg der Gnostiker jedenfalls war schnell und umfassend »Faciunt favos et vespae; faciunt ecclesias et Marcionitae,« (Wespen bauen Waben, und so bauen auch Markioniten Kirchen), so Tertullians gestrenge Anmerkung, die ich hier aus dem Gedächtnis zitieren muss. Zur Zeit des Epiphanios (Adversus Heraeses, p.302) waren die Markioniten in Italien, Syrien, Ägypten, Arabien und Persien zahlreich vertreten. . Man fand sie in Asien und Ägypten, sie etablierten sich in Rom und drangen bisweilen sogar bis in die Provinzen des Westens vor. Im zweiten Jahrhundert kamen sie auf, blühten im dritten und wurden im vierten und fünften gedämpft, einmal, weil die je aktuellen Glaubenskontroversen andere waren und weil sie zum zweiten dem Gewicht der regierenden Macht unterlagen. Obwohl sie notorische Störenfriede waren und oft genug das Ansehen der Religion trübten, leisteten sie dennoch der Christianisierung Vorschub, anstelle dass sie sie verzögert hätten. Die heidnischen Konvertiten, die ihre heftigsten Vorbehalte und Vorurteile gegen das Gesetz Moses hegten, konnten Aufnahme in zahlreichen christlichen Gemeinden finden, die ihren schlichten Gemütern kein Bekenntnis zu irgendwelchen unfürdenklichen Offenbarungen abverlangten. So wurde deren Glaube unmerklich gestärkt und vergrößert, und endlich mochte die Kirche über ihre unversöhnlichsten Feinde triumphieren Augustinus ist ein treffendes Beispiel für diesen schrittweisen Übergang von der Vernunft zum Glauben. Viele Jahre lang war er Mitglied in der Sekte der Manichäer. .   GÖTTER DER HEIDEN ALS DÄMONEN ANGESEHEN Welche Meinungsunterschiede bezüglich der Göttlichkeit des Mosaischen Gesetzes und der Gehorsamspflicht nun auch immer bestehen mochten zwischen den Rechtgläubigen, den Ebioniten und den Gnostikern, in ihnen allen obwaltete in gleicher Weise die kämpferische Abscheu vor der Götzenanbetung, die schon in früheren Zeiten die Juden vor den anderen Nationen der alten Welt ausgezeichnet hatte. Der Philosoph, welcher das System des Polytheismus als ein Menschengebilde aus Trug und Irrtum ansah, konnte sein höhnisches Grinsen hinter der Maske der Frömmigkeit verbergen, ohne gewärtigen zu müssen, dass sein Spott oder seine Willfährigkeit die Rache einer unsichtbaren oder einer, wie er wohl meinte, eingebildeten Macht auf ihn lenken würden. Den Urchristen indessen erschienen diese etablierten heidnischen Religionen weitaus hassenswerter und entsetzlicher. Denn hierin waren sie alle eines Sinnes, Kirche wie Ketzer, dass die Dämonen die Urheber, die Schutzpatrone und auch der Gegenstand der Abgötterei seien Die übereinstimmende Auffassung der frühen Kirche zu diesem Punkt sind deutlich klargelegt worden: Iustinus Martyr, Apologia Maior 25, p. 59; Athenagoras, Legatio c. 22 ff.; Lactantius, Institutiones Divinae. 2,14-19. . Diese aufsässigen Geister, ihres Ranges als Engel entsetzt und hinabgestoßen in der Hölle tiefsten Schimpf, durften immer noch auf Erden schwärmen, um sündige Menschen zu quälen und ihre Seelen zu verführen. Bald schon entdeckten diese Dämonen des Menschen Herzensneigung zur Andacht, und indem sie mit schlauer Berechnung die Gläubigen ablenkten vom wahren Objekte ihrer Verehrung, dem Schöpfer, usurpierten sie den Platz und die Anbetung der höchsten Gottheit für sich selbst. Der Erfolg ihrer boshaften Ränke war geeignet, ihre Eitelkeit und Rachegelüste zu befriedigen und ihnen zugleich den einzigen Trost zu verschaffen, dessen sie noch fähig waren, nämlich die Aussicht, die Menschheit könne mit in ihre Schuld und ihr Elend gezogen werden. Es war Glaubensgewissheit, oder zumindest konnte man es sich gut vorstellen, dass sie unter sich die wichtigsten Charaktere des Polytheismus aufgeteilt hätten, wobei dann einer der Dämonen den Namen und die Attribute des Jupiter angenommen hätte, der andere des Aeskulap, ein dritter der Venus und ein vierter möglicherweise des Apollo Tertullian (Apologeticum22) zitiert die jeweiligen Bekenntnisse der Dämonen so häufig, wie diese von den christlichen Exorzisten gefoltert wurden. ; auch waren sie aufgrund ihrer langen Erfahrung und ihrer Dämonennatur imstande, mit hinreichender Raffinesse und Würde ihre angemaßte Rolle zu spielen. Sie beschlichen die Tempel, stifteten Feste und Opfer, ersannen Orakel und durften oft genug sogar Wunder wirken. Die Christenmenschen, welche jede übernatürliche Erscheinung mittels dieser üblen Geister mühelos erklären konnten, neigten deshalb dazu, ja verlangten geradezu danach, noch die ausgefallensten heidnischen Mythen für wahr zu halten. Aber Furcht und Schrecken begleiteten diesen Glauben des Christen. Das allergeringste Anzeichen von Respekt vor einer national-heidnischen Religion betrachtete er als eine unmittelbar den Dämonen dargebrachte Huldigung und damit als einen Akt der Empörung gegen die Majestät Gottes.   VERDAMMUNG HEIDNISCHER RITUALE... Infolge dieser Anschauung war es die erste, wenn auch heikelste Pflicht eines Christen, sich von den Praktiken des Götzendienstes frei und unbefleckt zu erhalten. Die Religionen der Völker waren nicht so sehr ein spekulatives System, welches in Schulen gelehrt oder in Tempeln gepredigt wurde. Vielmehr waren die ungezählten Gottheiten des Polytheismus und ihre Riten mit allen Aspekten der Arbeit oder des Vergnügens, des privaten wie des öffentlichen Lebens innig verwoben; und so schien es denn unmöglich, ihnen den Gehorsam aufzukündigen, ohne gleichzeitig den Umgang mit den Menschen überhaupt abzubrechen und sich aller gesellschaftlichen Pflichten und Vergnügungen zu entschlagen Tertullian hat einen ernsthaften Traktat gegen den Götzendienst verfasst, um seine Glaubensbrüder zu wappnen gegen die stündliche Gefahr, in diesem Punkte schuldig zu werden. »Recogita silvam, et quanta latitant spinae.« (Gedenke des Waldes und wie viele Dornen sich dort verborgen halten.) Tertullian, de corona militis 10 . Wichtigen Entscheidungen, über Krieg und Frieden etwa, wurden durch feierliche Opfer vorbereitet oder bekräftigt, und Magistrate, Senatoren und Soldaten waren verpflichtet, ihnen beizuwohnen Die Versammlungen des römischen Senates wurden in einem Tempel oder sonst einem geheiligten Ort abgehalten (Aulus Gellius, 14,7). Vor Eintritt in die Tagesordnung schüttete jeder Senator ein paar Tropfen Wein und etwas Weihrauch auf dem Altar. Sueton, Augustus 35. . Die öffentlichen Schauspiele waren ein wesentlicher Bestandteil der lebensfrohen Frömmigkeit der Heiden, und den Göttern, so die Meinung, seien die liebsten Opfer die Spiele, welche Kaiser und Volk anlässlich ihrer jeweiligen Feste für sie veranstalteten Tertullian, de spectaculis 23. Dieser strenge Reformer ist über eine Euripides-Tragödie genauso ungehalten wie über ein Gladiatorengemetzel. Zumal an den Kostümen der Schauspieler ärgert er sich. Durch die Verwendung von Kothurnen bemühten sie sich in unfrommer Weise, ihrer Körpergröße noch eine Elle hinzuzufügen. . Der Christenmensch, welcher mit frommem Entsetzen die Abscheulichkeiten des Theaters oder des Circus floh, sah sich dennoch bei jedem Gastmahl von Höllenschlingen umdroht, sobald nämlich seine Freunde unter Anrufung der Hausgötter Trankopfer auf das gegenseitige Wohl darbrachten Der antike Brauch, das Gelage mit Trankopfern zu beschließen, findet sich wohl bei allen klassischen Autoren. Seneca und Sokrates griffen in ihrer letzten Stunde in solenner Weise auf diesen Brauch zurück. Postremo stagnum calidae aquae introiit, respergens proximos servorum, addita voce, libare se liquorem illum Iovi Liberatori. (Schließlich stieg er in ein Bassin mit warmem Wasser, besprengte die zunächst stehenden Sklaven und fügte hinzu, er weihe diese Flüssigkeit Iupiter, dem Befreier.) Tacitus Annalen 15,64. . Wenn die Braut im hochzeitlichen Schmuck über die Schwelle ihrer neuen Wohnung genötigt wurde und dabei noch ein schicklich-heftiges Widerstreben inszenierte Siehe den geschliffenen, wenngleich götzendienerischen Hymnus Catulls anlässlich der Hochzeitsfeier des Manlius und der Iulia: »O Hymen, Hymenae Io! Quis huic Deo compararier ausit?« (O Hymen, o Hymenaeus! Wer wagt es, sich mit diesem Gotte zu vergleichen?) ; oder wenn sich ein Leichenzug würdig und langsam dem Scheiterhaufen näherte Die antiken Leichenverbrennungen werden (am Beispiel des Misenus und der Pallas) bei Vergil nicht weniger genau beschrieben wie von seinem Kommentator Servius erörtert. Der Scheiterhaufen selbst war wie ein Altar, die Flammen wurden mit dem Blut von Opfertieren genährt, und die Helfer waren mit Weihwasser besprengt. : der Christ musste bei diesen feierlichen Anlässen die ihm liebsten Personen verlassen, bevor er schuldig wurde wegen der diesen Zeremonien innewohnenden Gottlosigkeiten.   ...UND KÜNSTE Jede Kunst und jedes Gewerbe, das auch nur von Ferne mit dem Herstellen oder Ausschmücken von Götzenbildern zu tun hatte, war mit dem Banne der Abgötterei belegt Tertullian, de Idolatria 11. ; ein harter Urteilsspruch, denn der größte Teil der Menschen, die eine Kunst oder ein Handwerk betrieben, war nun zu ewiger Höllenqual verdammt. Betrachten wir die zahlreichen Überreste der Antike, so fällt uns auf, dass neben den eigentlichen Götterdarstellungen und den heiligen Einrichtungen für ihren Dienst auch noch schöne Formen und anmutige Erfindungen, die durch die Phantasie der Griechen geheiligt waren, als die reichsten Zierden von Häusern, Kleidung und Hausrat der Heiden zu finden waren Siehe hierzu jedes Stück in Montfaucons l'Antiquité. Selbst die Rückseiten der griechischen und römischen Münzen waren häufig götzendienerischer Natur. Hier allerdings halfen noch größere Leidenschaften den Christen über ihre Skrupel hinweg. . Selbst Musik und Malerei, Beredsamkeit und Dichtkunst flossen aus derselben trüben Quelle. Gemäß den Erkenntnissen der Kirchenväter waren Apollo und die Musen die Helfershelfer der Hölle, Homer und Vergil ihre vornehmsten Knechte und die anmutsvolle Mythologie, welche die Schöpfungen ihres Geistes beseelte, war bestimmt, den Ruhm der Dämonen zu singen. Selbst die harmloseste Konversation der Römer und Griechen wimmelte von gottlosen Redensarten, welche dann ein unschuldiger Christ gedankenlos aussprechen oder allzu nachsichtig durchgehen lassen mochte Tertullian, de idolatria 20,21 und 22. Wenn ein heidnischer Freund (etwa beim Niesens) die gängige Floskel »Jupiter segne dich« gebrauchte, war der Christ zum Einspruch gegen die Göttlichkeit Jupiters verpflichtet. .   RÖMISCHE VOLKSFESTE UND CHRISTLICHE RELIGION An hohen Feiertagen bedrohten den arglosen Gläubigen diese Gefahren doppelt, welche ihn ja auch sonst allerenden umschlichen. So anmutig waren sie gesponnen und so geschickt über das ganze Jahr verteilt, dass der Aberglauben jederzeit einen erfreulichen, ja sogar tugendhaften Aspekt bot Man befrage hierzu Ovids schwierigstes Werk, die Fasti . Er hatte sie nur für die ersten sechs Monate des Jahres beendet. Die Liste des Macrobius wird Saturnalia genannt, aber nur ein kleiner Teil des ersten Buches hat wirklich Bezug zum Titel des Werkes. . Die höchsten Feste des römischen Ritus waren etwa bestimmt, die neuen Kalenden des Januar mit öffentlichen und privaten Lustbarkeiten zu begrüßen; sich des frommen Gedenkens an Tote und Lebende zu widmen; die Unverletzbarkeit von Eigentumsgrenzen zu bekräftigen; die Mächte der Fruchtbarkeit bei Frühlingsbeginn zu begrüßen; die zwei wichtigsten Ereignisse römischer Geschichte zu feiern, die Gründung der Stadt und die der Republik; und während der zwanglos-fröhlichen Saturnalien die archaische Gleichheit aller Menschen wiederherzustellen. Man mag sich leicht vorstellen, wie die Christen vor solchen gottlosen Feierlichkeiten zurückschauderten, wenn sie schon bei weit harmloseren Anlässen Glaubens- und Gewissensnöte offenbart hatten. An Tagen allgemeinen Frohsinns galt bei den Alten der Brauch, ihre Haustüren mit Lampions und Lorbeerzweigen zu schmücken und sich selbst Blumenkränze aufs Haupt zu setzen. Dieser hübsche und zugleich unschuldige Brauch hätte ja noch als eine bürgerliche Gepflogenheit durchgehen können. Zum Unglück aber standen die Türen unter dem Schutze der Hausgötter, der Lorbeer war Daphnes Liebhaber Apollo geweiht, und die Blumenkränze, die eigentlich nur zum Zeichen der Freude oder der Trauer getragen wurden, waren ursprünglich im Dienste des Aberglaubens getragen worden. Die bebenden Christen, die sich für dieses eine Mal den Landesgebräuchen und den behördlichen Anordnungen gefügt hatten, litten unter den düstersten Ahnungen, bitteren Gewissensbissen, den Vorwürfen der Kirche und der Furcht vor dem göttlichem Strafgericht Tertullian hat eine Verteidigungs- oder besser wohl Lobrede auf die gedankenlose Tat eines christlichen Soldaten verfasst, welcher dadurch, dass er seinen Lorbeerkranz fortwarf, sich selbst und seine Glaubensbrüder in unmittelbare Lebensgefahr brachte. Tertullian erwähnt die Herrscher (Severus und Caracalla) und zeigt damit, der anders lautenden Wünsche des Herrn de Tillemont ungeachtet, dass er sein Traktat De Corona verfasst hatte, lange bevor er für die Irrtümer der Montanisten eintrat. Siehe die Mémoires ecclésiastiques Band 3, p.384. .   CHRISTLICHER GLAUBENSEIFER Diese ängstliche Wachsamkeit also war erforderlich, das Evangelium vor dem Pesthauch des Götzendienstes rein und unbeschadet zu erhalten. Öffentliche oder private Zeremonien des Aberglaubens wurden von den Anhängern der herrschenden Religion nur obenhin vollzogen, routiniert und gewohnheitsmäßig. Sobald dies aber geschah, bot sich den Christen eine Gelegenheit, ihre grundsätzliche Ablehnung zu bekennen und zu bekräftigen. Durch diese häufigen Beteuerungen verfestigte sich ihre Verbundenheit mit dem neuen Glauben allmählich, und in dem Maße, wie ihr Glaubenseifer wuchs, fochten sie auch mit mehr Feuer und Erfolg ihren heiligen Kriege gegen die Mächte der Finsternis.   DIE ZWEITE URSACHE: DIE LEHRE VON DER UNSTERBLICHKEIT DER SEELE BEI DEN PHILOSOPHEN II. Die Schriften Ciceros Insbesondere enthalten das erste Buch der Tusculanischen Gespräche, die Abhandlung über das Greisenalter und der Traum des Scipio in der schönsten Sprache alles, was griechische Philosophie und der gesunde Menschenverstand der Römer zu diesem ebenso dunklen wie wichtigen Gegenstand hätten sagen können. schildern in den lebhaftesten Farben die Ignoranz, die Irrtümer und die Ungereimtheiten der antiken Philosophie im Hinblick auf die Unsterblichkeit der Seele. Wenn sie ihre Jünger gegen die Todesfurcht wappnen wollen, schärfen sie ihnen den naheliegenden, wiewohl trübseligen Satz ein, dass wir durch unseren Tod zugleich der Fährnisse des Lebens überhoben seien und dass jemand, der nicht mehr lebe, auch nicht mehr leiden könne. Allerdings gab es auch einige Weise Griechenlands und Roms, welche von der Natur des Menschen eine edlere und in mancher Hinsicht wohl auch zutreffendere Vorstellung entwickelt hatten; ob man auch gleich eingestehen muss, dass bei ihren erhabenen Untersuchungen ihre Vernunft häufig durch Phantasie gelenkt und ihrer Phantasie von ihrer Eitelkeit souffliert wurde. Wenn sie mit Selbstgefälligkeit den Umfang ihrer eigenen Geistesgröße anstaunten, wenn sie bei ihren tiefschürfenden Untersuchungen oder ihren wichtigsten Arbeiten die unterschiedlichsten Kräfte einsetzten wie etwa Erinnerungsvermögen, Phantasie oder Urteilskraft, und wenn sie weiterhin sehnsüchtig des Ruhmes gedachten, der sie weit über ihren Tod und ihr Grab hinaus in ferne Zeitalter tragen sollte: dann mochten sie nicht glauben, dass es ihnen wie den Tieren auf dem Feld gehen sollte oder dass ein Wesen von solcher Würde und der aufrichtigsten Bewunderung wert, auf einen Erdenfleck und für die Dauer von ein paar Jahren sollte beschränkt bleiben. Durch diese Voraussetzungen optimistisch gestimmt, nahmen sie sich dann die Wissenschaft, oder genauer: die Sprache der Metaphysik zur Hilfe. Schon bald entdeckten sie, dass keine einzige Materieeigenschaft zu den Wirkungen des Geistes passe, so dass die menschliche Seele folglich aus einem vom Körper ganz verschiedenen Stoff bestehen müsse, rein, einfach, geistig, unzerstörbar und nach seiner Befreiung aus dem Gefängnis unseres Körpers zu weitaus höheren Graden der Tugend und des Glückes fähig. Weitreichende und edle Prinzipien, aus denen die Philosophen in der Nachfolge Platos allerdings Schlüsse zogen, die nicht mehr zu rechtfertigen waren: behaupteten sie doch nicht nur die zukünftige, sondern auch die vorangegangene Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die sie allzu bereitwillig als einen Teil des unendlichen und durch sich selbst existierenden Weltgeistes ansahen, der das Universum durchwebt und erhält Die Vor-Existenz der menschlichen Seele wurde, soweit dieses Dogma mit den Aussagen der Religion verträglich ist, von vielen griechischen und lateinischen Kirchenvätern aufgegriffen. Beausobre, Histoire du Manichéisme Buch 6, c.4. . Ein philosophisch veranlagtes Gemüt mag sich mit solch einer Doktrin, die so völlig außerhalb der menschlichen Erfahrungswelt liegt, seine Mußestunden verkürzen; sie kann in stiller Einsamkeit der verzagten Tugend einen Strahl des Trostes gewähren; aber dieser matte Eindruck musste an Handel und Wandel des gewöhnlichen Lebens zuschanden gehen. Wir sind hinreichend vertraut mit hervorragenden Persönlichkeiten aus Ciceros Zeiten und der ersten Caesaren, mit ihren Taten, Charakterzügen und Motiven, um ganz sicher sein zu können, dass ihr Verhalten im diesseitigen Leben niemals durch irgendeinen ernsthaften Glauben an jenseitige Strafen oder Belohnungen geleitet worden ist. Auf dem Forum oder im römischen Senat besorgten auch die besten Redner nicht den Unwillen ihrer Zuhörer, indem sie eine Lehre als müßig und albern verwarfen, für die auch sonst ein Mann von Bildung und Verstand nichts als Verachtung aufbringen könne Cicero pro Cluentio 61. Caesar bei Sallust, de Coniuratione Catilinae 51; Iuvenal, Satirae 2,149: »Esse aliquid manes, et subterranea regna,...Nec pueri credunt, nisi qui nondum aere lavantur.« (Dass es Geister gibt und eine Unterwelt...das glauben nicht einmal die Kinder, sie wären denn so klein, dass sie noch nicht einmal fürs Baden Eintritt zahlen müssen.) .   DIE IDEE VON DER UNSTERBLICHKEIT DER SEELE BEI DEN HEIDEN...... Da nun die Anstrengungen der Philosophie nichts weiter vermochten als das Verlangen, die Hoffnung oder bestenfalls die Wahrscheinlichkeit eines künftigen Zustandes aufzuzeigen, gibt es außer der göttlichen Offenbarung nichts, was das Dasein und die Beschaffenheit jenes unsichtbaren Landes zusichern und ausmalen kann, das einst zur Aufnahme der Menschenseele nach ihrer Abtrennung vom Körper bestimmt ist. Indessen gewahren wir in den Volksreligionen der Griechen und Römer verschiedene Mängel, welche sie für dieses schwierige Geschäft untauglich machen. 1. Für ihr gesamtes mythologisches System gab es nicht die Spur eines Beweises; und die einsichtigsten Heiden hatten ihm seine angemaßte Autorität schon längst abgesprochen. 2. Die Beschreibung der Unterwelt blieb der Phantasie von Malern und Dichtern vorbehalten, welche sie mit derart vielen Monstern und Gespenstern bevölkerten und Strafe und Lohn so willkürlich austeilten, dass die Wahrheit – mithin das, was dem Menschenherzen noch am ehesten angemessen wäre – in dieser wüsten Gemengelage aus haltlosen Phantasmagorien niedergedrückt und beleidigt wurde Der elfte Gesang der Odyssee entwirft ein trostloses und höchst widersprüchliches Bild vom Schattenreich. Pindar und Vergil haben es ein wenig geschönt; aber selbst diese Dichter, wenngleich geordneter als ihr großes Vorbild, machen sich der befremdlichsten Ungereimtheiten schuldig. Siehe Bayle, Réponses aux questions d'un provincial, Teil 3, c. 22 . 3. Die Lehre von einem zukünftigen Leben wurde von den ernsthafteren römischen und griechischen Polytheisten kaum als ein grundlegender Glaubensartikel angesehen. Die göttliche Vorsehung war, da sie sich auf Gemeinden und nicht auf Individuen bezog, täglich auf der Weltbühne für jedermann sichtbar. Bitten, welche man an den Altären Jupiters oder Apollos vorbrachte, dokumentierten die Sorge der Betenden um die Gegenwart und zugleich ihre Unkenntnis und Gleichgültigkeit, ein künftiges Leben betreffend Siehe auch Horaz, Episteln 1,16; Iuvenal, 13 Satire und Persius, 2. Satire: Diese volkstümlichen Verse geben wieder, was die Mehrheit dachte und sprach. . Die fundamentale Wahrheit von der Unsterblichkeit der Seele wurde in Indien, Assyrien, Ägypten und Gallien mit mehr Nachdruck und mit mehr Erfolg gelehrt; und da wir dies wohl kaum einer höheren Bildsamkeit der Barbaren zuschreiben können, müssen wir es dem Einfluss einer wohletablierten Priesterschaft zurechnen, welche es verstand, das Streben nach Tugend für ihre eigenen höheren Zwecke einzusetzen Wenn wir mit den Galliern vorliebnehmen, dann können wir feststellen, dass sie nicht nur ihr Leben einer jenseitigen Welt anvertrauten, sondern sogar ihr verliehenes Geld. Vetus ille mos Gallorum occurrit (sagt Valerius Maximus, 2,6,11) quos, memoria proditum est, pecunias mutuas, quae his apud inferos redderentur, dare solitos. (Jener alte gallische Brauch fällt einem ein, gemäß dem sie, wie es heißt, einander Geld leihen, um es in der Unterwelt zurück zu erhalten.) Pomponius Mela 3,2 deutet, wenn auch nur unbestimmt, auf den gleichen Brauch hin. Überflüssig zu ergänzen, dass die Gewinnspannen des Handels genau dem Kredit des Kaufmanns entsprachen und dass ihr heiliges Gewerbe den Druiden zu Bürgschaften verhalf in einem Umfang, den kaum ein anderer Stand beanspruchen durfte. .   ...UND BEI DEN JUDEN Wir sollten nun mit Fug erwarten, dass ein für die Religion so fundamentales Prinzip mit aller Klarheit dem auserwählten Volk von Palästina geoffenbart und dann in die Hände von Aarons Erbpriestertum gelegt worden ist. Und so liegt es uns nun ob, vor den unerforschlichen Entwürfen der Vorhersehung nur noch anbetend niederzusinken und festzustellen, dass diese Lehre von der Unsterblichkeit der Seele in Moses Gesetz schlechthin nicht vorkommt Der wohlehrwürdige Verfasser der ›Devine legation of Moses‹ nennt für diese Unterlassung einen denn doch recht merkwürdigen Grund und lastet mit viel gelehrtem Scharfsinn die Verantwortung dafür den Ungläubigen an. ; von den Propheten wird sie nur dunkel angedeutet, und während der langen Zeit zwischen der ägyptischen und babylonischen Gefangenschaft scheinen sich die Hoffnungen und Ängste des jüdischen Volkes auf den engen Bezirk ihres diesseitigen Lebens konzentriert zu haben Siehe Le Clerc, Prologomena zur Historia Ecclesiastica Teil 1, c.8. Seine Autorität fällt wohl doch mehr ins Gewicht, hat er doch einen gelehrten und nachdenklichen Kommentar zu den Büchern des Alten Testamentes verfasst. . Nachdem nun Kyros der Nation die Rückkehr aus dem Exil ins Gelobte Land gestattet und Ezra die alten Zeugnisse ihrer Religion wiederhergestellt hatte, entstanden zu Jerusalem nach und nach die zwei bedeutenden Sekten der Sadduzäer und der Pharisäer Iosephus, Antiquitates Iudaicae 13,10 und Bellum Iudaicum 2,8. Nach der ungezwungensten Auslegung von Iosephus' Worten anerkannten die Sadduzäer nur den Pentateuch; indessen haben sich einige moderne Gelehrte darin gefallen, zu den Quellen ihres Glaubens auch noch die Propheten hinzuzufügen und anzunehmen, dass sie damit lediglich die Glaubensüberlieferung der Pharisäer abgelehnt hätten. . Die Ersteren, Angehörige der wohlhabenden und angesehenen Gesellschaftsschichten, befolgten buchstabengetreu und mit Strenge das mosaische Gesetz, und mit frommem Eifer verwarfen sie die Unsterblichkeit der Seele, da diese Auffassung keinerlei Unterstützung aus dem göttlichen Buche erfahre, welches sie als die einzige Quelle ihres Glaubens heiligten. Die Pharisäer ihrerseits ließen neben der Autorität der Schrift auch noch gewisse mündliche Überlieferungen gelten, und unter dem Epitheton der Tradition übernahmen sie diverse spekulative Lehrsätze aus den Religionen und Philosophien des Ostens. Zu diesen neuen Glaubensartikeln zählten etwa die Lehren von der Prädestination, von Engeln und Geistern, von künftigen Belohnungen und Strafen; und da die Pharisäer durch ihre strenge Lebensführung das jüdische Volk auf ihre Seite gezogen hatten, wurde unter den asmonaeischen Herrschern und Hohepriestern die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele zur herrschenden Meinung der Synagoge. Die Gemütslage der Juden war nicht danach geschaffen, sich mit einer kalten und glanzlosen Zustimmung zu begnügen, welche möglicherweise dem Naturell eines Polytheisten genügt hätte; und sobald erst einmal die Idee von einem künftigen Leben sich durchgesetzt hatte, machten sie sich diese Vorstellung zu eigen mit einem Eifer, der für diese Nation schon immer kennzeichnend gewesen ist. Ihr Eifer war jedoch keine für die Richtigkeit oder auch nur Wahrscheinlichkeit der Idee: und so war es weiterhin erforderlich, dass die Doktrin vom Leben nach dem Tod und der Unsterblichkeit, die die Natur nahe legte, die die Vernunft akzeptieren mochte und der sich der Aberglauben bereitwillig öffnete, ihre Heiligung als Gotteswahrheit erst noch erhalten müsse durch den Einfluss und das Vorbild Christi.   ERWARTUNG DES WELTENDES · DIE MILLENNIUM-DOKTRIN Als der Menschheit nun ewige Seligkeit verheißen ward unter den Bedingungen, dass sie den Glauben des Evangeliums annehme und des Evangeliums Satzung, war es durchaus nicht zum Erstaunen, dass ein so vorteilhaftes Anerbieten sollte angenommen werden von einer großen Anzahl der Bekenner anderer Religionen, Menschen jedweden Standes und aller Länder des Reiches. Die Christen der Antike waren derart durchtränkt mit Verachtung für ihre Gegenwart und erfüllt mit Hoffnung auf Unsterblichkeit, dass sich unsere glaubensschwache Neuzeit nur einen ganz matten Begriff davon machen kann. Zudem wurde in der Urkirche das Gewicht dieser Wahrheit noch erhöht durch eine Meinung, welche sich, respektabel zwar durch Nützlichkeit und Alter, gleichwohl zu keiner Erfahrung fügen mag. Es war nämlich allgemeine Glaubensgewissheit, dass das Ende der Welt und das Königreich des Himmels unmittelbar bevorständen. Vorhergesagt hatten den baldigen Eintritt dieses wundervollen Ereignisses die Apostel; ihre frühesten Jünger hatten diese Tradition bewahrt, und diejenigen, welche die Reden Christi wörtlich auffassten, fühlten sich verpflichtet, das zweite und triumphale Erscheinen des Menschensohnes in den Wolken zu erwarten, noch bevor die Generation ganz vergangen war, die seinen demütigen Erdenwandel gesehen hatte und die nun Zeuge sein mochte, wie es den Juden unter Hadrian oder Vespasian übel erging. Siebzehn Jahrhunderte haben uns mittlerweile gelehrt, die dunkle Sprache der Prophezeiungen und Offenbarungen nicht im streng wörtlichen Sinne zu nehmen; solange indessen die Kirche aus wohlbedachten Gründen diesen Irrtum zuließ, wirkte er sich auf das heilsamste auf Glauben und Glaubenspraxis der Christen aus, da sie alle in ängstlicher Erwartung jenem Augenblickes entgegenbebten, in welchem das Erdenrund und alle Menschheit auf ihm erzittern sollten in der Erwartung ihres göttlichen Richters Diese Erwartung gründet sich auf das 24. Kapitel des Matthäus-Evangeliums und den 1. Paulusbrief an die Tessaloniker. Erasmus räumt das Problem aus durch die Annahme, dass es sich um Metaphern und Allegorie handele; und der gelehrte Grotius will uns einreden, dass dieser fromme Betrug höherer Ziele halber stattfinden durfte. .   DIE LEHRE VOM TAUSENDJÄHRIGEN REICH Auch die alte und populäre Millenium-Doktrin stand mit dem zweiten Kommen Christi in enger Beziehung. Da die Werke der Schöpfung nach sechs Tagen getan waren, wurde ihr gegenwärtiges Alter entsprechend einer dem Propheten Elias zugeschriebenen Tradition auf sechstausend Jahre veranschlagt Siehe Burnet, Sacred Theory, Teil 3, c. 5. Diese Tradition kann man zurückverfolgen bis hin zum Barnabasbrief, dessen Verfasser im I. Jahrhundert schrieb und ein halber Jude gewesen zu sein scheint. . Auf ähnliche Weise berechnete man, dass diese lange Periode von Arbeit und Mühe nunmehr fast zu Ende sei und auf ihn ein freudevoller Sabbat von tausend Jahren folgen werde Die Urkirche in Antiochia berechnete etwa 6000 Jahre von der Schöpfung bis zur Geburt Christi. Africanus, Lactantius und die griechische Kirche kommen auf 5500, und Eusebius begnügt sich mit 5200 Jahren. Diese Berechnungen gehen auf die Septuaginta zurück, die in den ersten sechs Jahrhunderten allgemein anerkannt war. Die Autorität der Vulgata und des hebräischen Textes hat die Moderne, Protestanten und Katholiken, vermocht, 4000 Jahren den Vorzug zu geben; obgleich sie sich durch diese Vorgabe beengt fühlen, wenn sie sich dem Studium der Profangeschichte des Altertums widmen. ; und dass Christus, in der Gesellschaft von frohlockenden Heiligen und der Auserwählten, die dem Tode entkommen oder auf wunderbare Weise dem Leben zurückgegeben waren; von nun an auf Erden herrschen würde, bis die Zeit gekommen sei für die letzte und allgemeine Auferstehung. So verlockend war diese Aussicht für die, die an sie glaubten, dass sie sich in ihrer Vorstellung alsgleich das Neue Jerusalem , den Sitz dieses köstlichen Reiches, in den schönsten Farben ausmalten. Ein Glückszustand allerdings, der nur spirituelle und reine Freuden bereithielt, wäre seinen Bewohnern wohl zu feingeistig vorgekommen, verfügten sie doch immer noch über ihre menschliche Natur und Sinneswelt. Ein Garten Eden andererseits mit den Lustbarkeiten ländlichen Lebens mochte sich auch nicht recht schicken für den fortgeschrittenen Zustand einer Gesellschaft, wie man ihn überall im Reiche vorfand. So ward also eine Stadt errichtet aus Gold und Edelgestein, das umliegende Land gewährte geradezu unnatürliche Mengen von Getreide und Wein, und kein eifersüchtiges Eigentumsgesetz hinderte die glücklichen und zufriedenen Bewohner an dem freien Genuss jener spontanen Erzeugnisse Die meisten dieser Vorstellungen gehen auf eine Fehldeutung von Jesaja, Daniel und der Apokalypse zurück. Eines der rohesten Bilder findet sich bei Irenaeus (5,33), dem Schüler des Papias, der noch den Apostel Johannes gekannt hatte. . Diese Millenium-Idee wurde von einer ganzen Reihe von Kirchenvätern bekräftigt, von Justin dem Märtyrer Siehe hierzu das zweite Gespräch des Iustin mit Tryphon und Lactantius 7. Buch. Es ist überflüssig, die Kirchenväter zwischen diesen beiden zu erwähnen, denn die Sache als solche ist unstrittig. Indessen mag der interessierte Leser nachschlagen bei Daillé, de usu patrum, Buch 3, c.4. und Irenaeus, welche noch mit den direkten Schülern der Apostel Umgangs gepflegt hatten, bis hin zu Lactantius, dem Lehrer von Constantins Sohn Das Glaubenszeugnis des Justinus und seiner Mitbrüder vom Millennium ist in der verständlichsten und ernsthaftesten Sprache abgefasst (Dialogus cum Tryphone p.177f). Wenn es zu Beginn dieses wichtigen Abschnittes dennoch so etwas wie Unklarheiten gibt, sollten wir sie, wenn wir redlich urteilen, dem Verfasser oder den Kopisten anrechnen. . Wenn sie auch nicht überall akzeptiert wurde, scheint sie zumindest unter den Rechtgläubigen vorgeherrscht zu haben. Und offenbar fügte sie sich so harmonisch zu den Sehnsüchten und Befürchtungen der Menschen, dass sie der Ausbreitung des Christenglaubens sehr förderlich gewesen sein muss. Als aber das Gebäude der Kirche nahezu vollendet war, wurde diese provisorische Stütze beiseite geschafft. Die Lehre von der Herrschaft Christi auf Erden wurde zunächst wie eine tiefgründige Allegorie behandelt, danach als zweifelhafte und überflüssige Lehrmeinung und endlich verworfen als die närrische Erfindung von Ketzerei und Schwärmerei Dupin, Bibliothéque ecclésiastique, Bd. 1, p.223 und Bd. 2, p.366, sowie Mosheim, de rebus Christianorum, p.720, obgleich der letztere dieser beiden Gottesgelahrten in dieser Frage nicht ganz aufrichtig ist. . Eine schwerverständliche Prophezeiung, die heute immer noch kanonisch ist, von der aber die Meinung ging, sie unterstütze eine verworfene Ansicht, entging nur mit genauer Not einer Ächtung durch die Kirche Im Konzil zu Laodicea (etwa A.D. 360) wurde die Apokalypse stillschweigend aus dem heiligen Kanon entfernt, und zwar durch die asiatischen Kirchen, an die sie ursprünglich adressiert war; und von Sulpicius Severus erfahren wir, dass die Mehrheit der zeitgenössischen Christen diesem Urteil beitrat. Weshalb ist denn gegenwärtig die Apokalypse von der griechischen, römischen und protestantische Kirche gebilligt? Folgende Gründe seien angedeutet: 1. Die Griechen wurden durch einen Hochstapler gegängelt, welcher sich im VI. Jh. den Benennung Dionysios Areopagicus zulegte. 2. Die berechtigte Sorge, dass die Grammatiker wichtiger werden könnten als die Theologen, veranlasste das Konzil zu Trient, allen Büchern der Schrift das Siegel der Heiligkeit aufzudrücken, wenn sie in der lateinischen Vulgata enthalten seien; glücklicherweise gehörte die Apokalypse mit dazu. Fra Paolo, Istoria del Concilio Tridentino, Buch 2). 3. Die Aussicht, diese mysteriösen Texte gegen den römischen Stuhl einzusetzen, belebte die Protestanten zu einer sonst eher unüblichen Verehrung dieses so nützlichen Alliierten. Vergleiche hierzu die erfindungsreichen und gekonnten Einlassungen des gegenwärtigen Bischofs von Lichfield zu diesem unergiebigen Gegenstande. .   ROMS BRAND UND DER WELTUNTERGANG Während also den Bekennern Christi Glück und Glanz eines Reiches von dieser Welt versprochen war, wurden dem Imperium des Unglaubens die schrecklichsten Heimsuchungen angekündigt. Die Errichtung des neuen Jerusalem sollte im gleichen Maße vor sich gehen, wie die Zerstörung des mystischen Babylons; und solange die Kaiser, die vor Constantin regierten, auf ihrer Götzenverehrung beharrten, waren Stadt und Herrschaft Roms mit dem Epitheton »Babylon« belegt. Alle moralischen und physischen Übel, die ein blühendes Gemeinwesen heimsuchen können, ließ man aufmarschieren: Bürgerkrieg im Inneren, Invasionen der fürchterlichsten Barbaren aus den unbekannten Weiten des Nordens, Pestilenz und Hungersnot, Kometen und Sonnenfinsternisse, Erdbeben und Überschwemmungen Lactantius, Divinae institutiones 7,15ff erzählt sehr geistreich und voller Feuer die schreckliche Geschichte der Zukunft. . Aber dieses alles waren ja nur Vorboten von Roms großer Katastrophe, in deren Verlauf das Land der Scipionen und Caesaren verzehrt werden sollte durch eine große Flamme vom Himmel, und die Stadt der Sieben Hügel mit ihren Palästen, Tempeln und Triumphbögen sollte untergehen in einem großen See von Feuer und Schwefel. Indessen mochte die römische Eitelkeit einen gewissen Trost schöpfen aus der Gewissheit, dass das Ende ihres Reiches notwendig auch das Ende dieser Welt sein werde, welcher es bestimmt sei, nachdem sie schon einmal durch das Element des Wassers vernichtet worden war, nun ein zweites Mal und dann schleuniger durch Feuer zugrunde zu gehen. Die christliche Auffassung eines allgemeinen Weltenbrandes harmonisierte recht glückhaft mit den Überlieferungen des Ostens, mit der Philosophie der Stoa und mit den Analogien aus der Natur; ja sogar das Land selbst, welches aus religiösen Gründen der Hauptschauplatz dieser Erdenfeuers werden sollte, Italien, war für diesen Zweck von der Natur aufs trefflichste zugerüstet; es waren seine tiefen Höhlen, Schwefelseen und Vulkane, von denen der Ätna, Vesuv und Lipari eine allerdings nur matte Vorahnung auf das Kommende abgaben. Selbst besonnen-kühne Skepsis musste sich eingestehen, dass die Zerstörung der gegenwärtigen Welt durch Feuer äußerst wahrscheinlich sei. Der Christ, der seinen Glauben nicht so sehr auf fehlbarer Vernünftelei gründete, sondern auf geheiligten Traditionen und Schriftauslegungen, erwartete den Weltuntergang mit Entsetzen und Zuversicht; und da sein Gemüt beständig erfüllt war mit dieser deprimierenden Vorstellung, deutete er folglich jedes Missgeschick, das dem Reich widerfuhr, als untrügliches Anzeichen des herannahenden Weltunterganges In diesen Gegenstand mag sich jeder Leser von Geschmack vertiefen durch die Lektüre des dritten Teiles von Burnets »Sacred Theory.« Er emulgiert hier Philosophie, Bibeltexte und Traditionelles zu einem großartigen System; hierbei entwickelt er eine Phantasie, die der von Milton durchaus nicht nachsteht. .   HEIDEN, ZU EWIGER VERDAMMNIS VERURTEILT... Es beleidigt das Vernunftgefühl und das menschliche Empfinden unserer Gegenwart, dass noch die weisesten und tugendhaftesten Heiden einzig aufgrund ihrer Unkenntnis der göttlichen Wahrheit oder ihres Unglaubens zu ewiger Verdammnis verurteilt sein sollen Und dennoch ist dieses die offenbare Glaubenslehre aller christlichen Kirchen, gleichgültig, wie der Einzelne darüber denken mag, und auch unsere Kirche selbst kann sich nicht den Schlussfolgerungen widersetzen, die aus ihrem 8. und 18. Glaubensartikel gezogen werden müssen. Die Jansenisten, die doch so gründlich die Kirchenväter studiert haben, beharren mit entschiedener Hartnäckigkeit auf diesem Lehrsatz; und auch der gelehrte Herr de Tillemont entlässt keinen tugendhaften Kaiser, ohne ihn zu ewiger Höllenpein zu verurteilen. Zuinglius (=Zwingli) ist vermutlich das einzige Haupt einer religiösen Gruppierung, welcher in diesem Punkte milder dachte, und prompt ist er hierin den Lutheranern und Katholiken gleichermaßen anstößig. Siehe Boussuet, Histoire des Variations des Eglises Protestantes, Buch 2, c.19-22. . Aber die Urkirche, im Glauben denn doch gefestigter, verhängte mit leichter Hand ewige Qualen über den größten Teil der Menschheit. Barmherzigkeit mochte allenfalls für Sokrates aufgespart sein oder einige andere Weise der Vorzeit, welche sich beim Lichte der Vernunft Rats erholt hatten, bevor noch das Licht des Evangeliums aufgegangen war Justin und Clemens von Alexandria willigen darein, dass einige Philosophen durch den logos angeleitet worden sein können; und halten seine doppelte Bedeutung als menschliche Vernunft und göttliches Wort nicht auseinander. . Einig aber war man in der Auffassung, dass alle, welche seit der Geburt oder spätestens seit dem Tode Christi auch weiterhin verstockt ihren Götzen geopfert hätten, von Gottes erzürnter Gerechtigkeit Gnade weder verdient noch überhaupt zu erhoffen hätten. Diese Glaubensstrenge, die den Alten ganz unbekannt war, muss in die Lehre von der Nächstenliebe und Eintracht das Gift der Bitternis geträufelt haben. Oft genug zerrissen wegen unterschiedlicher religiöser Auffassungen die Bande des Blutes oder der Freundschaft; und die Christen, die sich in dieser Welt durch die Macht des Heidentums gedämpft fühlten, wurden durch Rachegefühle oder geistigen Hochmut angestiftet, sich an der Aussicht auf inskünftige Triumphe zu laben. »Ihr liebt doch die Schauspiele,« so donnert der grimmige Tertullian zu; »so erwartet denn das größte aller Schauspiele, das letzte und ewige Gericht des Universums. Wie will ich es bestaunen, wie lachen, wie mich freuen, wie jauchzen, wenn ich so viele hochfahrende Könige und Götzen im tiefsten Schlunde der Finsternis sich winden sehe; wenn so viele Richter, die den Namen des Herrn verfolgten, zerschmelzen in Feuern, welche heißer brennen als alle, die sie jemals gegen die Christen angezündet haben; wenn so viele Philosophen in roten Flammen erglühen sollen, zusammen mit ihren betrogenen Schülern; wenn so viele berühmte Dichter vor dem Richterstuhle nicht Minos', sondern Christi erbeben; wenn so viele Tragöden bei der Schilderung ihrer eigenen Leiden noch ausdrucksstärker werden; wenn so viele Tänzer–!« Der Herzenstakt des Lesers gestatte es mir, den Schleier auszubreiten über den Rest dieser infernalischen Schilderung, welche dieser glaubensfeste Afrikaner mit einer langen Reihe hergeholter und gefühlsroher Witzeleien fortsetzt Tertullian, de Spectaculis 30. Damit das enorme Ansehen erkennbar werde, welches sich dieser eifernde Afrikaner erworben hatte, genügt es bereits, auf das Zeugnis des Cyprian zu verweisen, den Lehrer und Lotsen aller Kirchen des Westens. (Prudentius, Peristephanon 13,100). Immer, wenn er sich seinem täglichen Studium der Schriften des Tertullian zuwandte, ging seine Rede: » Da mihi magistrum .« (Reiche mir meinen Lehrmeister.«) Hieronymus, De viris illustibus 53. .   ...BEKEHREN SICH AUS FURCHT Ohne Zweifel gab es unter den ersten Christen viele, deren Gemütsverfassung besser zu der Milde und der Liebe ihrer Religion passte. Wie viele gab es doch, die aufrichtiges Mitleid empfanden mit ihren gefährdeten Freunden und ihren Landsleuten und die dann den gütigsten Eifer an den Tag legten, sie vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Der frohgemute Polytheist, den plötzlich neue und bislang unbekannte Schrecken übermannt hatten, gegen die nicht Priester noch Philosophen wirksamen Schutz verheißen konnten, wurde jetzt durch die Aussicht auf ewige Qualen wiederholt beunruhigt und niedergedrückt. Seine Fortschritte in Glaubens- und Vernunftdingen mochten durch solche Besorgnisse befördert werden, und konnte er sich erst einmal dazu überreden, dass die christliche Religion wahr sein könnte, dann war es auch ein Leichtes, ihn zu überzeugen, dass sie die sicherste und vernünftigste Partei sei, der er nur irgend beitreten könne.   DIE DRITTE URSACHE: DIE WUNDERWIRKENDE MACHT DER KIRCHE III. Die übernatürlichen Gaben, die den Christen, anders als dem Rest der Menschheit, selbst für das diesseitige Leben zugeschrieben wurden, müssen des Öfteren zu ihrem eigenen Wohlergehen und zur Bekehrung Ungläubiger beigetragen haben. Neben den Gelegenheitswundern, welche zuweilen durch das unmittelbare Eingreifen Gottes bewirkt wurden, welcher zum Nutzen der Religion vorübergehend die Naturgesetze beurlaubt hatte, beanspruchte die christliche Kirche auch noch seit der Zeit der Apostel und deren ersten Schülern Ungeachtet der Ausflüchte des Dr. Middleton kann man die Hinweise auf Gesichte und Eingebungen bei den apostolischen Vätern unmöglich übersehen. eine ununterbrochene Tradition wunderwirkender Kräfte für sich, etwa die Gaben, in fremden Zungen zu sprechen, Gesichte zu haben, Prophezeiungen auszusprechen, Dämonen auszutreiben, Kranke zu heilen und Tote zu erwecken. Den Zeitgenossen des Irenaeus waren Fremdsprachenkenntnisse durchaus geläufig, obschon Irenaeus selbst mit den Schwierigkeiten eines Barbarendialektes zu kämpfen hatte, als er den Landeskindern Galliens das Evangelium predigte Irenaeus, adversus haereses, Prooemium. Dr. Middleton (A free inquiry, p. 96ff.) bemerkt, dass dieser Anspruch am schwersten zu erfüllen war und deshalb auch zuerst aufgegeben wurde. Diese Beobachtung passt auch zu seiner Hypothese. . Göttliche Eingebung, ob sie nun in Form eines Traumgesichtes oder einer Vision mitgeteilt wurde, war, wie wir hören, eine weitverbreitete Gabe der Gläubigen aller Klassen, der Weiber und der Greise, der Knaben wie der Bischöfe. Waren sie durch vieles Beten, Fasten und Wachen im Gemüte ausreichend vorbereitet, die unvergleichbare Eingebung zu empfangen, gerieten sie außer sich und berichteten in Ekstase, was ihnen zuteil geworden, nur noch bloßes Werkzeug des Heiligen Geistes, so wie die Flöte Werkzeug dem ist, der in sie bläst Athenagoras, Legatio; Justin Martyr, Cohortatio ad Gentiles; Tertullian adversus Marcionem 4. Diese Beschreibungen sind der prophetischen Raserei recht ähnlich, vor dem Cicero (de Divinatione 2,54) so wenig Achtung hat. . Wir wollen noch hinzufügen, dass der Zweck dieser Visionen meistens darin bestand, die Zukunft zu enthüllen oder die gegenwärtige Kirchenleitung zu lenken und zu leiten. Die Vertreibung unsauberer Geister aus den Leibern jener Unglücklichen, die zu quälen jenen gestattet war, sah man als einen end- und allgemeingültigen Triumph der Religion an, und des öfteren haben ihn die antiken Apologeten als den schlagendsten Beweis für die christlichen Wahrheit angeführt. Die fürchterliche Zeremonie wurde zumeist öffentlich und im Beisein zahlreicher Zuschauer durchgeführt; den Kranken erlöste die Macht oder die Geschicklichkeit des Exorzisten, und der unterlegene Dämon bekannte, dass er einer der Fabel-Götter der Vergangenheit sei, welche für sich in ruchloser Weise die Anbetung durch das Menschengeschlecht beansprucht hätten Tertullian fordert die heidnische Obrigkeit heraus. Der Exorzismus ist von den frühen Wundertaten das einzige, das die Protestanten übernommen haben. . Die wundersame Heilung chronischer oder sogar außernatürlicher Krankheiten indessen kann nun kein Erstaunen mehr hervorrufen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass in den Tagen des Irenaeus am Ende des zweiten Jahrhunderts sogar die Auferstehung von den Toten ein nachgerade triviales Ereignis war; dass solches Wunder sich ereignete unter den gehörigen Begleitumständen, nach umfänglichem Fasten und infolge der vereinten Bitten der Ortskirchen; und dass solche Personen, denen durch Gebete das Leben wiedergegeben war, noch viele Jahre unter ihnen lebte Irenaeus adversus Haereses 2, 56f und5, 6. Herr Dodwell (Dissertationes ad Ireaeum 2,42) kommt zu dem Schluss, dass das II. Jh. an Wundern noch fruchtbarer war denn das Erste. . In solchen Zeitläuften, in welchen sich der Glaube so vieler wundersamer Siege über den Tod rühmen konnte, kann man den Skeptizismus jener Philosophen nicht recht verstehen, die den Glaubenssatz von der Wiederauferstehung nach wie vor verwarfen oder gar bespöttelten. Ein Grieche, edel von Gemüt, hatte die ganze Streitfrage auf diesen einen wichtigen Punkt konzentriert und dem Bischof von Antiochia, Theophilus, in die Hand versprochen, dass er ohne Zögern der christlichen Religion beitreten werde, wenn man ihm auch nur eine einzige Person zeigen könne, die nachweislich von den Toten auferstanden sei. Es mutet einigermaßen befremdlich an, dass dieser Prälat der Ersten Kirche des Ostens, der doch um seines Freundes Bekehrung so besorgt war, es für ratsam erachtete, diesen vernünftigen und ehrlichen Handel auszuschlagen Theophilos, ad Autolycum, Buch 1, p.345. .   WUNDER BESTRITTEN · ZEITLICHE BESTIMMUNG DER PERIODE Nachdem nun die Wunder der Urkirche durch die Ehrfurcht von Jahrhunderten geheiligt waren, wurden sie neuerdings in einer kühnen und scharfsinnigen Untersuchung Dr. Middleton hat seine Einleitung 1747 veröffentlicht und seine eigentliche Untersuchung 1749; noch vor seinem Tode (im Jahre 1750) hatte er eine Verteidigungsschrift gegen die zahlreichen Einwände vorbereitet. bestritten, welche zwar beim Publikum mit viel Beifall aufgenommen wurde, aber unter den Gottesgelehrten unserer und der übrigen protestantischen Kirche Europas viel Ärgernis gegeben hat Die Universität Oxford verlieh an seine Gegner akademische Grade. Die Empörung von Herrn Mosheim (De rebus Christianorum p. 221) lässt uns erahnen, wie die lutheranischen Theologen darüber dachten. . Es gibt zu diesem Gegenstande stark abweichende Meinungen, aber Ursache für den Dissens sind nicht kontroverse Vernunftgründe als vielmehr die jeweilige Art unseres Forschens und Nachdenkens; vor allem aber hängt unsere Meinung davon ab, in welchem Umfange wir den Beweisen für solche wundersamen Begebenheiten zu trauen bereit sind. Nun gehört es nicht zu den Pflichten des Historikers, seine persönliche Meinung zu diesem delikaten und wichtigen Gegenstand anzuzeigen; aber er sollte sich auch nicht über die Schwierigkeiten täuschen, einer Theorie beizutreten, welche die Intentionen der Religion mit denen der Vernunft versöhnt, ferner den rechten Gebrauch von dieser Theorie zu machen, und endlich mit Genauigkeit die zeitlichen Grenzen jener glücklichen Periode festzulegen, für welche wir, frei von Irrtum oder Betrug, das Wirken übernatürlicher Kräfte anzunehmen geneigt sein wollen. Von den ältesten Kirchenvätern bis hin zu den jüngsten Päpsten währt eine ununterbrochene Kette von Bischöfen, Heiligen, Märtyrern und Wundern, und die Ausbreitung des Aberglaubens war so allgemach-unmerklich, dass wir unmöglich sagen können, bei welchem Kettenglied denn nun diese Tradition abbrach. Jedes Zeitalter bezeugt seine eigenen Wunder, und diese Zeugnisse sind um nichts weniger achtbar und gewichtig als die der früheren Generationen, so dass wir uns schließlich unsere eigene Inkonsequenz vorwerfen müssten, wenn wir etwa dem ehrwürdigen Beda oder dem heiligen Bernard aus dem VIII. bzw. XII. Jahrhundert dasjenige Vertrauen verweigern, welches wir einem Justinus oder Irenaeus aus dem II. Jahrhundert so bereitwillig geschenkt haben Es ist einigermaßen auffällig, dass Bernhard von Clairvaux, der so viele Wundertaten seines Freundes, des heiligen Malachias, aufzeichnet, niemals seine eigenen erwähnt, welche ihrerseits nun allerdings von seinen Gefährten und Schülern mit Sorgfalt verzeichnet werden. Gibt es eigentlich in der langen Kirchengeschichte einen einzigen Heiligen, welcher von sich selbst erklärte, dass er die Gabe besitze, Wunder zu tun? . Sollte man die Wahrheit eines Wunders einschätzen nach dem Ausmaß seines messbaren Nutzens, dann gab es in jedem Jahrhundert Ungläubige zu bekehren, Ketzer zu widerlegen oder götzenanbetende Völker zu bekehren, was dann stets ausreichender Grund war, das Eingreifen des Himmels zu rechtfertigen. Und dennoch: da jeder Anhänger der Offenbarung überzeugt ist von der Realität wunderwirkender Kräfte und jeder rational denkende Mensch von ihrer Nichtexistenz, ist es zwingend, dass es irgendeinen Zeitabschnitt gegeben haben muss, in welchem sie der Kirche allmählich oder auch unversehens verloren gingen. Wann immer dieses Ereignis stattgefunden hat, etwa beim Tod der Apostel, beim Übertritt des Römischen Reiches zum Glauben, oder beim Untergang des arianischen Ketzerei Die Protestanten nehmen als Zeitpunkt für das Ende der Wunder gewöhnlich die Bekehrung Constantins an. Die eher rational denkenden Theologen anerkennen nur widerwillig die Wunder des IV. Jahrhunderts, während die arglosen sich noch von denen des V. Jahrhunderts nur unter Sträuben distanzierten. , das Unvermögen der Christen, dies jeweils zu bemerken, ist einigermaßen verwunderlich. Ihre Macht, Wunder zu wirken, hatten sie verloren, aber ihre Ansprüche erhielten sie nach wie vor aufrecht. Das Amt des Glaubens wurde von der Leichtgläubigkeit übernommen; anstelle der göttlichen Eingebung ergriff der Fanatismus das Wort, und was das Ergebnis von Zufall oder Planung war, schrieb man übernatürlichen Ursachen zu. Die jüngsten Erfahrungen mit Wundern sollte die Christenheit eigentlich mit den Wegen der Vorsehung vertraut gemacht haben, und sie sollte ihr Auge (wenn wir denn diesen unpassenden Ausdruck verwenden dürfen) an den Stil des himmlischen Malers gewöhnt haben. Sollte sich der geschickteste italienische Künstler der Gegenwart unterfangen, seine schwachen Versuche mit dem Namen eines Raphael oder Correggio zu schmücken, so würde dieser dreiste Betrug alsbald ruchbar und mit Empörung zurückgewiesen werden.   NUTZEN DER CHRISTLICHEN WUNDER Gleichgültig, welche Meinung man nun über die Wunder der Kirche in der Zeit nach den Aposteln hegen mag, die Arglosigkeit der Seele, die für die Gläubigen des zweiten und dritten Jahrhunderts so kennzeichnend ist, erwies sich für die Sache der Wahrheit und der Religion zufällig als recht nützlich. In unserer Gegenwart leben auch die Frömmsten in einer verborgenen, meist sogar unfreiwilligen Nähe zur Skepsis. Lässt man das Walten übernatürlicher Kräfte zu, so geschieht dies nicht mit aktiver Zustimmung, sondern gleicht eher einer abgestandenen Tradition. Schon lange haben wir uns daran gewöhnt, die ewige Ordnung der Natur zu erforschen und anzuerkennen, als dass unser Verstand oder wenigstens unsere Phantasie noch gerüstet wäre, das Eingreifen göttlicher Kräfte zu ertragen. In der Frühzeit des Christentums war die geistige Situation der Menschen eine völlig andere. Die neugierigsten oder auch die leichtgläubigsten Heiden fanden sich oft genug bereit, einer Gemeinde beizutreten, die für sich in Anspruch nahm, den Wunderkräften zu gebieten. Die Urchristen wandelten eigentlich immer auf dem Boden des Mysteriums, und sie waren jederzeit darauf vorbereitet, auch noch die außergewöhnlichsten Ereignisse zu glauben. Sie fühlten, oder bildeten sich zumindest ein, dass sie allenthalben von Dämonen umdroht, durch Gesichte getröstet, von Weissagungen angeleitet und durch Fürsprache der Kirche unvermittelt aus Gefahren, Krankheit und selbst vom Tode gerettet werden könnten. Die echten oder eingebildeten Wunder, deren Objekt, Werkzeug oder Augenzeuge zu sein sie sich oft genug einbildeten, setzten sie naturgemäß auch in die Lage, mit vergleichbarer Leichtigkeit die authentischen Wunder der Evangelien zu glauben. Und so haben denn diese wundersamen Ereignisse, wenn sie ihren Erfahrungshorizont nur nicht allzu deutlich überschritten, sie auch dazu vermocht, selbst jene Mirakel aus ganzen Herzen zu glauben, in die der Menschenwitz sich schicken muss. Es ist dieser tiefe Eindruck, der von übernatürlichen Wahrheiten ausgeht, welcher dann unter dem Namen »Glauben« so berühmt wurde; eine Gemütsverfassung, welche als sicherstes Indiz für göttliches Wohlwollen und künftiges Wohlergehen angesehen wurde und als das wichtigste und vielleicht sogar einzige Verdienst eines Christen galt. Folgt man rigideren Theologen, dann sind moralische Tugenden, die auch den Heiden zu Gebote stehen, wert- und wirkungslos beim Werke unserer Rechtfertigung.   DIE VIERTE URSACHE · DIE REINE UND STRENGE MORAL DER CHRISTEN IV. Der erste Christ allerdings bewies seinen Glauben noch durch seine Tugenden; ganz zu Recht meinte man, dass die göttlichen Einflüsse, die den Verstand erleuchten oder trüben, zugleich auch das Wesen des Gläubigen reinigen und seinen Wandel anleiten müssten. Die ersten christlichen Apologeten, die die Naivität ihrer Glaubensbrüder in Schutz nahmen, und auch noch spätere Autoren, die die Heiligkeit ihrer Vorfahren rühmten, schildern allesamt in den glühendsten Farben die Hebung von Sitte und Moral, seitdem der Welt das Evangelium gepredigt ward. Es ist nun meine Absicht, nur solche menschlichen Ursachen aufzuzeichnen, welche neben der Bibel den meisten Einfluss entfalten durften, und so möchte ich bloß zwei Gründe nennen und diese auch nur obenhin, welche das Leben der ersten Christen strenger und reiner machten als das ihrer heidnischen Zeitgenossen geschweige denn das ihrer verkommenen Nachfahren; es ist dies einmal Reue über begangene Sünden und ferner das löbliche Bemühen, das Ansehen ihrer Heimatgemeinde zu mehren.   DIE WIRKUNG DER REUE Es ist ein abgestandener Vorwurf, den Unwissenheit oder glaubensferne Bosheit aufgebracht haben, dass nämlich die Christen in ihre Gemeinschaft noch die schändlichsten Verbrecher gelockt hätten, welche dann, sobald sie nur einen Anflug von Reue zeigten, leicht dazu gebracht werden konnten, durch das Taufwasser die Schuld ihrer früheren Vergehen abzuwaschen, während ihnen in den Tempeln der alten Gottheiten jede Sühne verweigert worden war. Hat man indessen erst einmal die Verdrehungen richtiggestellt, so sieht man, dass dieser Vorwurf zur Ehre und in gleicher Weise zur Ausbreitung der frühen Kirche vieles beitrug Die Anschuldigungen von Kelsos und Iulian sowie die Zurückweisungen durch die Kirchenväter werden von Spanheim (Commentaire sur les Caesars de Iulian, p.468) sehr objektiv aufgeführt. . Der Anhänger des Christentums darf ohne zu erröten anmerken, dass viele bedeutende Heilige vor ihrer Taufe die verworfensten Sünder waren. Andere wiederum, welche – in allerdings nur unvollkommener Weise – dem Ruf der Mildtätigkeit und Sittlichkeit gefolgt waren, empfanden in dem Bewusstsein ihrer eigenen Redlichkeit eine Art stiller Selbstgewissheit, so dass sie für die jähen Anwandlungen von Scham, Schmerz oder Entsetzen viel weniger anfällig waren, welche in anderen Fällen die wunderbarsten Bekehrungen angestiftet hatten. Nach dem Vorbild ihres göttlichen Lehrmeisters mieden die Missionare die Gesellschaft der übrigen Menschen, und insbesondere die der Frauen, durchaus nicht, welche durch das Bewusstsein und sehr oft auch durch die physischen Folgen ihrer Laster gezeichnet waren. Sobald sie sich aber von Sünde und Aberglauben gereinigt und sich zur Hoffnung auf Unsterblichkeit erhoben hatten, widmeten sie ihr Leben nicht nur der Tugend, sondern der tätigen Buße. Das Streben nach sittlicher Vollkommenheit wurde zur Leidenschaft ihrer Seele, und es ist wohlbekannt, dass Verstand nur zu lauem Mittelmaß führt, während Leidenschaften uns mit reißender Gewalt über jene Abgründe hinwegreißen, welche noch zwischen den Extremen aufgetan sind.   SORGE FÜR IHREN RUF Sobald die Neubekehrten sich in die Schar der Gläubigen eingereiht hatten und zu den kirchlichen Sakramenten zugelassen waren, hinderte eine andere Erwägung nicht eben spiritueller, aber jedenfalls unschuldiger und ehrbarer Natur sie daran, zu ihren früheren, ungeordneten Verhältnissen zurückzukehren. Jede Gruppierung, die andere Wege geht als die große nationale oder religiösen Wertegemeinschaft, der sie bislang angehört hatte, wird augenblicklich zum Gegenstand einer ebenso umfassenden wie scheelsüchtigen sozialen Kontrolle. Je kleiner sie an Zahl ist, desto stärker formen Tugenden oder Verfehlungen der Einzelmitglieder den Ruf der ganzen Gruppe; und jedes Mitglied wacht naturgemäß mit angespannter Wachsamkeit über seine und seiner Glaubensbrüder Aufführungen, da er in gleicher Weise, wie er die gemeinschaftliche Schande miterdulden muss, auch an dem gemeinsamen guten Leumund teilzuhaben hofft. Als die Christen Bithyniens vor dem Richterstuhl des jüngeren Plinius standen, versicherten sie dem Proconsul, dass sie, weit davon entfernt, in irgendwelche gesetzwidrigen Machenschaften verwickelt zu sein, vielmehr feierlich allen solchen Verbrechen abgeschworen hätten, die geeignet seien, den öffentlichen wie privaten Frieden zu stören, als da wären Diebstahl, Raub, Ehebruch, Meineid oder Betrug Plinius, Epistulae 10,97. . Etwa hundert Jahre später durfte sich dann Tertullian mit berechtigtem Stolz rühmen, dass kein Henker jemals an einem Christen sein Amt vollstreckt hätte, ausgenommen wegen ihrer Religion Tertullian, Apologeticum 44,3. Er fügt, wenn auch etwas zögerlich hinzu: »Aut si aliud, iam non Christianus.« (Wenn er noch etwas anderes ist, dann ist er bereits kein Christ mehr.) . Ihr ernstes und weltabgewandtes Leben, ein Gegensatz zu dem ausschweifenden Luxus ihrer Epoche, hatte sie Keuschheit, Mäßigung, Sparsamkeit und alle anderen Tugenden der Nüchternheit gelehrt. Da sie mehrheitlich irgendeinem Handel oder Gewerbe nachgingen, oblag es ihnen, durch absolute Zuverlässigkeit und Redlichkeit jenen Verdacht zu entkräften, den profane Gesinnung nur zu bereitwillig gegen jede Art von Schein-Heiligkeit zu schöpfen bereit steht. Die Verachtung der Welt lehrte sie, sich in Demut, Sanftmut und Geduld zu üben. Je stärker man ihnen nachstellte, desto inniger schlossen sie sich zusammen. Ihre gegenseitige Mildtätigkeit und ihr naives Vertrauen wurde von den Ungläubigen oft beobachtet und von falschen Freunden oft enttäuscht Der Philosoph Peregrinus (über dessen Leben und Sterben uns Lukian einen amüsanten Bericht hinterlassen hat) kreidete den Christen Asiens lange Zeit ihre Herzenseinfalt an. .   SITTENSTRENGE DER VÄTER Es ehrt die moralische Befindlichkeit der ersten Christen, dass selbst ihre Verfehlungen, oder besser: ihre Irrtümer die Früchte eines Übermaßes an Tugend waren. Die Bischöfe und Kirchenväter, die uns in ihren Schriften nicht nur Kunde geben von den Glaubens- und Handlungsgrundsätzen ihrer Zeitgenossen, sondern in diesem Punkte infolge ihrer Autorität auch recht einflussreich sein konnten, hatten die Heilige Schrift mit mehr Andacht als Einsicht studiert und die strengen Anweisungen Christi und der Apostel im buchstäblichen Verstande aufgefasst, während der Scharfsinn späterer Kommentatoren einer elastischen und bildlichen Interpretation den Vorzug gab. In ihrem Bestreben, die Vortrefflichkeit des Evangeliums noch über die Weisheit der Philosophie zu erheben, haben die eifervollen Väter die Pflichten der Selbstverleumdung, der Reinheit und der Geduld auf eine Höhe getrieben, die unserer schwachen und verderbten Gegenwart zu erreichen schwerlich und einzuhalten noch weniger möglich sein dürfte. Eine Lehre, so außergewöhnlich und erhaben, musste unfehlbar die Verehrung des Volkes für sich gewinnen, war aber schlecht geeignet, die Zustimmung jener weltlichen Philosophen einzuholen, die als Richtlinie für dieses raschvergängliche Leben nur die Gebote der Natur und das Interesse der Gesellschaft gelten ließen Siehe die sehr kluge Abhandlung über die Moral der Kirchenväter von Barbeyrac. .   ZWEI PRINZIPIEN DER MENSCHENNATUR Es gibt zwei durchaus naturgewollte Vorlieben, die wir auch bei sehr prinzipienfesten Menschen anfinden können, nämlich die Liebe zum Vergnügen und die Liebe zum Tätigsein. Ist die erstgenannte durch Bildung und Geschmack verfeinert, durch entsprechenden gesellschaftlichen Umgang erhöht und nimmt sie die erforderlichen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Rücksichten, dann so kann sie die Quelle für die Glücksumstände des Einzelnen werden. Die Liebe zum Tätigsein ist von weitaus stärkerer und zugleich fragwürdiger Natur. Oft genug führt sie zu Verdruss, Ehrsucht, Rache; sind Anstand und Wohlwollen ihre Leitstern, so wird sie zur Mutter aller Tugenden; und tritt diesen Tugenden noch eine gleich wirkmächtige Begabung an die Seite, dann mag sich eine Familie, ein Staat, ein ganzes Reich gar dem unverzagten Mut eines einzelnen Menschen verpflichtet fühlen. Die Liebe zum Vergnügen wollen wir deshalb als die angenehmste, die Liebe zum Tätigsein als die nutzbringendste Eigenschaft ansehen. Sollten sich in einer Person beide Eigenarten vereint und in Eintracht miteinander finden, so wäre hier die Idee der menschlichen Natur vollendet. Die sinnenstumpfe und untätige Veranlagung, denen beides mangelt, wäre nach allgemeiner Ansicht außerstande, das Glück des Individuums oder den Nutzen des Staats auf irgendeine Weise zu fördern. Aber es war nicht diese Welt, in der sich angenehm oder nützlich zu machen die frühen Christen bestrebt waren.   ERSTE CHRISTEN LEHNEN VERGNÜGUNGEN UND LUXUS AB Der Erwerb von Kenntnissen, Übungen für den Verstand oder die Phantasie, der heitere Fluss eines ungezwungenen Gespräches: dies alles mag die Mußestunden eines anschlägigen Kopfes bereichern. Die Strenge der Kirchenväter jedoch wiesen derlei Tändeleien mit Schaudern zurück oder ließen sie nur mit größten Vorbehalten zu, war ihnen doch alles Wissen verdächtig, wenn es nicht zum Heile führte, und jedes zwanglose Gespräch ein sündhafter Missbrauch der menschlichen Gabe zur Sprache. In unseren gegenwärtigen Verhältnissen sind Körper und Seele so untrennbar miteinander verbunden, dass wir nachgerade darauf brennen, in aller Unschuld und Mäßigung die Freuden auszukosten, die diese treuen Gefährten spenden können. Dies war ganz und gar nicht das Denken und Trachten unserer frommen Altvordern; in ihrem wenn auch vergeblichem Bemühen, den Engeln nachzueifern, waren sie jedweden irdischen oder körperlichen Vergnügungen abgünstig oder gaben sich zumindest diesen Anschein Lactantius, Divinae institutiones 6,20-22. . Unsere Sinnesorgane dienen ja in erster Linie der Selbsterhaltung, dem Nahrungserwerb oder der Informationsaufnahme, und in soweit war es schlechterdings unmöglich, ihren Gebrauch zu verwerfen. Das Empfinden von Vergnügen jedoch war bereits ihr Missbrauch. Der Kandidat für den Himmel, ohne Anteil an solcher Lust, sollte nicht nur den niederen Lockungen der Geschmacks- und Geruchswahrnehmungen widerstehen, sondern auch sein Ohr verschließen gegen die weltliche Harmonie von Tönen und selbst die vollkommensten Werke menschlicher Kunst mit Gleichmut strafen. Kostbare Kleidung, großartige Häuser, elegantes Utensil vereinten eine doppelte Schuld in sich: die des Stolzes und der Sinnlichkeit. Ein schlichtes, an Selbstverleumdung grenzendes Äußeres war passender für den Christenmenschen, welcher sich allemal seiner Sündhaftigkeit, aber niemals seines Seelenheiles gewiss sein durfte. In ihrem gläubigen Eifer gegen den Luxus gehen die Kirchenväter mit vieler Umständlichkeit bis in die Einzelheiten Man ziehe das Werk »Paidagogos« (Der Pädagoge) des Clemens von Alexandria zu Rate, in welchem die Grundsätze der Ethik versammelt sind, so wie sie in den angesehensten Schulen der Christen gelehrt wurde. ; und so müssen wir unter die Gegenstände, die ihre fromme Empörung aufriefen, die folgenden zählen: falsche Haare, Gewänder, die von anderer Farbe als Weiß waren, Musikinstrumente, Vasen von Gold oder Silber, Kopfkissen mit Federfüllung (hatte Jakob sein Haupt nicht auf einem Stein ausgeruht?), helles Brot, fremdartige Weine, Begrüßungen in der Öffentlichkeit, warme Bäder, das Scheren des Bartes, welcher Brauch Tertullian zufolge eine Lüge gegen unser Angesicht ist und ein sündhafter Versuch, die Werke des Schöpfers zu verbessern Tertullian, de Spectaculis 23; Clemens von Alexandrien, Paidagogos 3,8. . Als das Christentum allerdings Einzug hielt unter den Reichen und Gebildeten, überließ man die Beobachtung diese schnurrigen Auflagen, wie es auch heute geschehen würde, den Wenigen, welchen der Sinn nach höherer Heiligkeit stand. Aber es ist etwas billig, und doch wieder verständlich, wenn die benachteiligten Klassen der Gesellschaft die Verachtung des Luxus' für ein Verdienst ästimieren, da das Schicksal ihn ohnehin außer seiner Reichweite angesiedelt hat. Die Tugend der frühen Christen war, ähnlich wie die der frühen Römer, oftmals durch Armut und Unwissenheit vor Anfechtungen geschützt.   ÜBER EHE UND KEUSCHHEIT Die sittsame Strenge der Väter gegenüber allem, was die Beziehung der beiden Geschlechter zu einander betraf, wuchs aus demselben Holz: Ihrem Entsetzen vor allen Genüssen, welche die sinnliche Natur des Menschen befriedigen, aber seine geistige Natur ruinieren konnten. Es war ihre Lieblingstheorie, dass Adam, hätte er den Gehorsam gegen seinen Schöpfer nicht aufgekündigt, ewig im Stande jungfräulicher Reinheit weitergelebt und das Paradies vermittels irgendeiner unschuldigen Art von Vermehrung mit harmlosen und unsterblichen Lebewesen bevölkert haben müsse Beausobre, Histoire Critique du Manichéisme, 8,3. Iustinus Martyr, Gregor von Nazianz, Augustinus u.a. neigen dieser Auffassung sehr stark zu. . Der Vollzug der Ehe sei seinen gefallenen Nachkommen lediglich gestattet infolge der Notwendigkeit, das Menschengeschlecht zu erhalten, und weil er geeignet sei, wie unvollkommen auch immer, das natürlichen Vergnügen am Geschlechtstrieb zu dämpfen, Die orthodoxen Kasuisten sind bei dieser interessanten Materie seltsam unschlüssig und verraten damit ihre Verlegenheit, eine Einrichtung zu verwerfen, die sie notgedrungen tolerieren mussten Einige gnostische Ketzer waren konsequenter: sie verwarfen die Ehe ganz. . Die Aufzählung all' der wunderlichen Gesetze, mit denen sie in aller Umständlichkeit das Ehebett umzirkten, würde der männlichen Jugend ein Gelächter abnötigen und dem schönen Geschlecht ein Erröten. Es war übereinstimmende Meinung, dass die erste Ehe allen Ansprüchen der Natur und der Gesellschaft Genüge tue. Die körperliche Vereinigung erhöhte man zu einer Erinnerung an die mystische Vereinigung Christi mit seiner Kirche, und weder Scheidung noch Tod konnten sie auflösen. Eine zweite Eheschließung wurde verlästert als legalisierter Ehebruch, und wer sich gegen die christliche Reinheit so schamlos vergangen hatte, ward über ein Kleines von Ehrenstellen, ja sogar von den Almosen der Kirche ausgeschlossen Siehe die Kette der Überlieferung von Iustinus dem Märtyrer bis zu Hieronymus (Barbeyrac, Morale des pères c.4 p. 6ff.) . Da man geschlechtliches Verlangen als Verbrechen und die Ehe allenfalls als Notbehelf ansah, harmonisierte es trefflich mit diesen Grundsätzen, die Ehelosigkeit als die größtmögliche Annäherung zur göttlicher Vollkommenheit anzusehen. Schon im alten Rom stieß man auf erhebliche Probleme, wenn es galt, die Institution der sechs Vestalischen Jungfrauen zu erhalten Siehe die äußerst aufschlussreiche Abhandlung über die Vestalinnen in den Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 4, p.161-227. Der Ehren und Belohnungen ungeachtet, der diese Jungfrauen teilhaftig wurden, war es ein heikles Unterfangen, eine ausreichende Anzahl aufzutreiben; denn selbst die Furcht vor der grässlichsten Todesstrafe (unkeusche Vestalinnen wurden lebendig begraben) konnte ihren geschlechtlichen Wallungen nicht zuverlässig gebieten. ; aber in der Urkirche fanden sich Personen beiderlei Geschlechtes zuhauf, welche sich das Gelübde ewiger Keuschheit auferlegt hatten Cupiditatem procreandi aut unam scimus aut nullam. Minucius Felix 31. (Wir wissen nur von einem Fortzupflanzungstrieb oder gar keinem.) Justinus, Apologia maior, 29 Athenagoras Legatatio 28. Tertullian de Cultu Feminarum 2. . Einige von diesen, und wir meinen hier den jungen Origines zu erkennen, hielten es gar für das Klügste, den Verführer ganz zu entwaffnen Eusebius, Historia 6,8. Bevor man dem Ruhm des Origines mit Missgunst und Nachstellungen begegnete, wurde diese unübliche Tat mehr bewundert als verurteilt. Nun war es aber seine Übung, die Heilige Schrift allegorisch zu nehmen, und so ist es zu beweinen, dass er ausgerechnet in diesem einzigen Punkte der wortgetreuen Interpretation den Vorzug gab. . Einige waren gegen die Lockungen des Fleisches unempfindlich, andere erzeigten sich unüberwindlich. Feige Flucht verschmähend, begegneten die Jungfrauen der schwülen Himmelstriche Afrikas dem Feinde sogar im Nahkampf; sie erlaubten Priestern und Diakonen, mit ihnen das Bett zu teilen, aber noch im heißesten Handgemenge obsiegte ruhmreich ihre fleckenlose Reine. Indessen, die gefoppte Natur behauptet eben doch ihr Recht, und wenigstens diese neue Art von Märtyrertum gab Anlass für neuen Skandal in der Kirche Cyprianus, Epistulae 4 sowie Dodwell, Dissertationes Cyprianicae, 3. Eine ähnlich vorschnelle Tat wurde viele Jahre später dem Gründer des Ordens von Fontevrault zugeschrieben. Bayle und seine Leser haben sich über diesen diffizilen Vorgang jedenfalls sehr amüsiert. . Unter den christlichen Asketen jedoch (dieser Name leitete sich von ihren trübsinnigen Übungen ab) waren viele nur deshalb erfolgreicher, weil sie sich weniger hohe Ziele steckten. Die Einbuße an Sinnenlust wurde wettgemacht und vergütet durch geistigen Stolz. Selbst die Masse der Heiden war geneigt, diesem Opfer ein Verdienst zuzusprechen, war es doch sichtlich äußerst anspruchsvoll; und zum Preise dieser züchtigen Bräute Christi vergossen die Kirchenväter den Strom ihrer trüben Beredsamkeit Dupin (Bibliothéque ecclésiastique, Band 1, p. 195) berichtet über den Dialog der zehn Jungfrauen sehr eingehend, so, wie ihn Methodios, der Bischof von Tyros zusammen getragen hat. Das Lob der Jungfrauen ist hier nachgerade zügellos. . Dies sind die ersten Spuren mönchischer Regeln und Einrichtungen, welche in späteren Zeiten allen weltlichen Interessen des Christentums die Waage hielten Die Asketen (im frühen zweiten Jahrhundert) legten ein öffentliches Gelübde ab, ihre Körper abzutöten und keinen Wein und kein Fleisch mehr zu verzehren. Mosheim, de rebus Christianiorum p. 310. .   ABLEHNUNG DES KRIEGSDIENSTES UND DER STAATSGESCHÄFTE Den Pflichten dieser Welt waren die Christen nicht minder feindlich als ihren Freuden. Selbstverteidigung und Schutz des Eigentums waren ihnen unvereinbar mit der Lehre von der Duldsamkeit, welche unbegrenzte Verzeihung vergangenen Unrechtes vorschrieb und sogar aufforderte, zur Wiederholung jüngst erlittenen Unrechtes einzuladen. Ihre Herzenseinfalt fühlte sich beleidigt durch den Gebrauch von Eiden, durch den leeren Pomp der Staatsämter, durch Parteiengezänk im öffentlichen Leben; auch mochte ihre humane Unwissenheit nicht einzusehen, dass es unter irgendeiner Bedingung gottgefällig sein könne, das Blut von Mitmenschen zu vergießen, sei es nun durch das Schwert der Gerechtigkeit oder des Krieges; und dies selbst dann nicht, wenn deren Verbrechen oder Feindseligkeit Frieden und Sicherheit des ganzen Staates gefährdet hatten Vgl. »Morale des pères.« Dieselben Prinzipien der Gewaltlosigkeit wurden seit der Reformation von den Socinianern, den modernen Anabaptisten und den Quäkern neu ins Leben gerufen. Barclay, der Apologet der Quäker, hat seine Glaubensbrüder unter Rückgriff auf die Autorität der Urchristen verteidigt; p. 542-549. . Wie allgemein anerkannt, war unter einem weniger guten Gesetz in Israel die Macht der Verfassung von gesalbten Königen und inspirierten Propheten ausgeübt worden, wozu der Himmel seinen Beifall gab. Die Christen fühlten es und gaben es durchaus zu, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen der Welt solche Einrichtungen notwendig sein mochten, und freudig unterwarfen sie sich der Autorität ihrer heidnischen Herrscher. Aber während sie duldenden Gehorsam zur Maxime machten, waren sie durchaus abgeneigt, an der Zivilverwaltung des Reiches oder an seinem militärischen Schutz in irgendeiner Form teil zu haben. Nachsicht mochte man allenfalls mit solchen Personen üben, welche schon vor ihrer Bekehrung mit diesem Bluthandwerk befasst waren Tertullian, Apologeticum 21 und De Idololatria 17 und 18. Origines, contra Celsum 5, p. 253; 7, p. 349; 8, p. 423-428. ; aber unmöglich konnten die Christen den Beruf des Soldaten, Staatsbeamten oder Fürsten ausüben, ohne nicht zugleich gegen eine noch höhere Pflicht zu verstoßen Tertullian (de corona militis 11) rät zur Fahnenflucht; ein Rat, der, wäre er allgemein bekannt geworden, untauglich gewesen wäre, die Kaiser gegen die Christen günstiger zu stimmen. . Diese gleichgültige, ja nahezu strafwürdige Missachtung öffentlicher Belange setzte sie der Verachtung und der Ablehnung durch die Heiden aus, welch häufig fragten: »Was wird mit diesem Reiche geschehen, nun es von allen Seiten durch die Barbaren bedroht wird, wenn jeder so hasenherzig denken würde wie diese neue Sekte Soweit wir aus der fragmentarischen Überlieferung des Origines (8, p.423) entnehmen können, hat sein Gegner Celsus seine Angriffe bedeutend massiver und offener vorgetragen. ?« Auf diese vorwurfsvolle Frage antworteten die christlichen Apologeten dunkel und zweideutig, da sie die wahre Ursache ihrer Zuversicht nicht preisgeben mochten, nämlich die Erwartung, dass noch vor der vollständigen Bekehrung der Menschheit es weder Krieg noch Regierung geben würde und dass das Römisches Reich, ja die Welt selbst aufhören würden zu sein. Es soll hier angemerkt werden, dass auch in diesem Falle die gesellschaftliche Lage der Christen sehr glücklich mit ihren religiösen Bedenklichkeiten harmonierte und dass ihre Abneigung gegen ein tätiges Leben mehr dazu beitrug, sie vom Dienst am Staat und in der Armee zu beurlauben als sie von deren Ehrenstellungen auszuschließen.   DIE FÜNFTE URSACHE: EINHEIT UND DISZIPLIN DER CHRISTEN V. Indessen wird der Charakter des Menschen, mag er auch vorübergehend fröhlich oder niedergedrückt sein, allmählich zu seinem naturgegebenen Zustande zurückfinden und sich jenen Vorlieben widmen, welche am besten zu seinem gegenwärtigen Zustande passen. Für die Freuden und die Geschäfte dieser Welt waren die ersten Christen tot; aber ihre Liebe zum Tätigsein, welche niemals völlig erloschen war, belebte sich mählich, und fand in der Leitung der Kirche ein neues Betätigungsfeld. Eine in sich abgeschlossene Gemeinschaft, welche die etablierten Staatsreligion attackierte, musste zwangsläufig so etwas wie eine Innenpolitik entwickeln, eine entsprechende Zahl von Amtsträgern benennen und ihnen nicht nur geistliche Aufgaben übertragen, sondern auch die weltliche Lenkung ihrer Gemeinde auferlegen. Die Sicherheit ihrer Gemeinden, ihr Ansehen und ihre Mehrung erzeugten selbst bei den frömmsten Gemütern einen Geist des Patriotismus, wie ihn wohl auch die ersten Römer für ihre Republik empfunden haben mochten, und zuweilen wohl auch einen ähnlichen Geist der Sorglosigkeit bei der Wahl der Mittel, durch die sich ein so hochfliegender Endzweck erreichen ließ. Ihren eigentlichen Ehrgeiz, sich oder ihre Freunde innerhalb der Kirche zu Amt und Würden zu bringen, verbargen sie hinter dem löblichen Vorwand, die in diesem Fall ausnahmsweise angestrebte Macht dem Kirchenwohl zu widmen. Bei der Ausübung ihrer Pflichten sahen sie sich des öfteren genötigt, ketzerische Irrtümer oder Ränke einzelner Faktionen aufzudecken, den Schlichen ungetreuer Glaubensbrüder entgegenzutreten, ihre Verworfenheit mit der verdienten Schande zu brandmarken und sie auszustoßen aus dem Schoße einer Gemeinde, an deren Frieden und Glück Hand zu legen sie sich unterfangen hatten. Die Kirchenleitungen der Christen sollten in sich die Klugheit der Schlange vereinen mit der Unschuld der Taube; während nun aber die erste dieser Tugenden infolge der beständigen Teilhabe an dem Regierungsgeschäfte mittlerweile sehr ausgefeilt war, verdarb die zweite unmerklich aus gleichen Gründen. In der Kirche wie in der übrigen Welt machten sich die Amtsträger achtbar durch Beredsamkeit, sicheres Auftreten, ihre Menschenkenntnis und ihre Gewandtheit in den Tagesgeschäften; und während sie noch vor den anderen und vermutlich auch vor sich selbst die eigentlichen Motive ihres Handelns verbargen, fielen sie nur allzu oft in die stürmischen Leidenschaften eines tätigen Lebens zurück, welchem infolge des Eifers für geistliche Obliegenheiten noch zusätzliche Schärfe und Bitterkeit beigemischt wurde.   FREIHEIT UND GLEICHHEIT IN DER KIRCHE Die Leitung von Kirchengemeinden war oft Gegenstand und Lohn von religiösen Streitereien. In gleicher Weise haben die feindlichen Disputanten von Rom, Paris, Oxford oder Genf darum gerungen, die ursprüngliche Vorstellung Die Aristokratie Frankreichs hat, ebenso wie die Englands, auf dem göttlichen Ursprung des Bischofsamtes bestanden. Die calvinistischen Ältesten litten einen Übergeordneten überhaupt nicht, und der Pontifex Roms weigerte sich, auch nur einen Gleichberechtigten neben sich anzuerkennen. Siehe Fra Paolo. der Apostel an die jeweiligen Bedürfnisse ihrer Politik anzupassen. Die wenigen Gelehrten, die diesen Gegenstand redlicher und vorurteilsfreier untersucht haben In der Geschichte der christlichen Hierarchie folge ich überwiegend dem gelehrten und honorigen Mosheim. , kommen zu dem Ergebnis, dass die Apostel das Amt des Gesetzgebers für sich nicht beanspruchten und lieber ein paar Zänkereien und Parteibildungen in Kauf nahmen, als den Christen künftiger Jahrhunderte die Freiheit zu nehmen, die Art des Kirchenregiments je und je nach den Zeitumständen einzurichten. Für das erste Jahrhundert legten sie die Grundzüge der Kirchenpolitik verbindlich fest, wie es aus der zu Jerusalem, Ephesos oder Korinth geübten Praxis rekonstruiert werden kann. Die Gemeinden, welche in den Städten des römischen Reiches gegründet wurden, waren nur durch das Band des Glaubens und der Nächstenliebe zusammengehalten. Grundlage ihrer inneren Verfassung waren Freiheit und Gleichheit. Dem Mangel an Disziplin und höherer Gelehrsamkeit wurde durch den gelegentlichen Beistand der Propheten abgeholfen Näheres zu den Propheten der Urkirche bei Mosheim, Dissertationes, Band 2, p 132-208. , welche ohne Ansehen des Alters, Geschlechts oder anderer natürlicher Vorzüge zu dieser Aufgabe berufen waren und welche, sooft sie denn nun die göttliche Eingebung verspürten, die Fülle des Geistes in der Versammlung der Gläubigen ausschütteten. Aber diese hohen Gaben wurden durch die prophetischen Lehrer leider auch missbräuchlich oder fälschlich angewandt. Zur Unzeit entfalteten sie ihr Können, störten wohl auch vorsätzlich die Versammlung der Andächtigen und lösten, besonders in der apostolischen Kirche von Korinth, aus Stolz oder übel verstandenem Eifer eine ganze Serie von beklagenswerten Unruhen aus Sie die Paulusbriefe und den Brief des Clemens an die Korinther. . Als die Institution des Prophetenamtes für nutzlos, ja gefährlich befunden wurde, beschnitt man seine Macht und schaffte es endlich ab. Öffentlich benannte religiöse Funktionsträger wurden die Bischöfe und Presbyter ; diese zwei Benennungen scheinen ursprünglich dasselbe Amt und denselben Rang bedeutet zu haben. Der Name Presbyter bezeichnet das Alter oder vielmehr die Seriosität und die Weisheit der Träger, während der Titel eines Bischofs die Aufsicht über den Glauben und die Sitten der Christen ausdrückt, welche seiner Seelsorge anvertraut waren. Im Verhältnis zur Anzahl der Gläubigen besorgten viele oder wenige solcher Episkopalpresbyter die Führung einer jeden neuen Gemeinde, gleichen Ansehens und an gemeinsame Beschlüsse gebunden Hooker, Ecclesiastical polity, Buch 7. .   BISCHÖFE UND PRESBYTERKOLLEGIUM Aber selbst die vollkommenste Gleichheit bedarf der lenkenden Hand einer übergeordneten Obrigkeit; die Geschäftsordnung ihrer Beratungen machte einen Vorsitzenden erforderlich, der zumindest die Meinungen einzuholen und die Beschlüsse durchzuführen berechtigt war. Rücksichtnahme auf die Ruhe innerhalb der Gemeinde, welche durch jährliche oder gelegentliche Wahlen empfindlich gestört worden wäre, veranlasste die ersten Christen dazu, ein achtbares und dauerhaftes Amt einzurichten und den weisesten und gottesfürchtigsten Presbyter zu wählen, damit er auf Lebenszeit die Pflichten einer kirchlichen Obrigkeit erfülle. So kam es, dass der erhabene Titel eines Bischofs mehr galt als der geringe Namen des Presbyters; und während der letztgenannte das natürlichste Unterscheidungszeichen für eine Mitgliedschaft im christlichen Senat mitbrachte, wurde der erstere für die Würde des neuen Vorstehers Siehe Hieronymus, Ad Titum 1 und Epistulae 85 und die gründliche Verteidigung durch Blondel, Pro sententia Hieronymi. Der ursprüngliche Status der Bischöfe und Presbyter in Alexandria, so wie Hieronymus ihn beschrieben hat, wird durch den Patriarchen Eutychius mit Nachdruck (Annales, Band 1, p.330) bekräftigt; dessen Angaben will ich gelten lassen, aller gelehrten Einwände Pearsons (Vindiciae Ignatiaem Teil 1, c. 11.) zum Trotze. verwendet. Diese neue episkopale Form der Kirchenleitung wurde noch vor dem Ende des ersten Jahrhunderts Vergleiche hierzu die Einleitung zur Apokalypse. Bischöfe gab es unter dem Namen der Engel bereits in sieben Städten Asiens. Und selbst der Clemensbrief (der vermutlich ebenso alt ist) enthält nicht den leisesten Hinweis auf ein Episkopat in Rom oder Korinth. eingeführt; und ihre Vorteile waren so unübersehbar und für den gegenwärtigen Kirchenfrieden wie die zukünftige Größe der Kirche so bedeutungsvoll, dass sie ohne Verzug von allen bereits im Reich entstandenen Gemeinden übernommen wurde, dass sie schon sehr bald wegen ihres hohen Alters als heilig Nulla Ecclesia sine Episcope war seit den Zeiten Tertullians und des Irenaeus eine Tatsache und ein Gesetz. angesehen wurde und noch heute von der Ost- wie der Westkirche als eine ursprüngliche, ja gottgewollte Einrichtung verehrt wird Nachdem wir die Schwierigkeiten der ersten Jahrhunderte hinter und gelassen haben, finden wir die episkopale Regierungsform weltweit verbreitet, bis sie denn infolge der republikanischen Gesinnung der deutschen und schweizerische Reformer jäh ein Ende fand. . Der Hinweis ist wohl überflüssig, dass die ersten Presbyter in ihrer frommen Schlichtheit, mit der sie zuerst den Bischofstitel trugen, weder imstande noch überhaupt dazu bereit gewesen wären, sich mit den Machtbefugnissen und dem Schaugepränge zu umgeben, welche heutzutage den römischen Pontifex oder etwa das Bischofsamt eines deutschen Prälaten umglänzen. Aber mit wenigen Worten wollen wir die engen Grenzen ihrer ursprünglichen Jurisdiktion bezeichnen, welche hauptsächlich geistlicher und in einigen Fällen weltlicher Natur war Siehe Mosheim über das I. und II. Jahrhundert. Ignatius (Ad Smyrnaeos 3 ff.) ist versessen darauf, die Bischofswürde zu feiern. Le Clerc (Historia Ecclesiastica p. 569) rügt seine Aufführungen nachdrücklich. Mosheims kritisches Urteil bestreitet selbst die Echtheit der kleineren Briefe (De rebus Christianorum p. 161) . Es waren dies die Spendung der Sakramente, die Kontrolle der Kirchendisziplin, die Aufsicht über die kirchlichen Zeremonien, deren Zahl und Verschiedenartigkeit allgemach zunahm, die Weihe von Kirchendienern, denen der Bischof ihre jeweiligen Ämter zugewiesen hatte, die Verwaltung der Geldmittel und endlich die Schiedsgerichtbarkeit in allen solchen Fällen, in denen sich der Gläubige ungern dem Tribunal eines götzenanbetenden Richters unterwerfen mochte. Diese Macht wurde für kurze Zeit so ausgeübt, dass die Presbyterkollegien ihren Rat und die christlichen Gemeinden ihre Zustimmung erteilten. Die Bischöfe selbst sah man nur als die Ersten unter Ihresgleichen an, als achtbare Diener eines freien Volkes. War ein Bischofssitz durch den Tod seines Inhabers verwaist, wurde aus der Mitte der Presbyter ein neuer Präsident durch Abstimmung der Gemeindeversammlung gewählt, deren einzelne Mitglieder sich selbst als mit heiligen und priesterlichen Eigenschaften ausgestattet dünkten Nonne et Laici sacerdotes sumus? (Sind denn wir Laien nicht auch Priester?) .Tertullian, Exhortatio ad Castitatis 7. Da das Menschenherz sich stets gleich bleibt, können einige der Betrachtungen Humes über die Begeisterung (Essays, Band 1, p.76) wohl auch für echte Inspiration gelten. .   PROVINZIALKONZILE – EINHEIT DER KIRCHE Soviel von der milden und egalitären Verfassung der Christenheit, mit der sie in den ersten hundert Jahren nach dem Tode der Apostel regiert ward. Jede Gemeinde bildete für sich eine eigenständige und unabhängige Republik: Und wenn auch noch die entlegensten dieser kleinen Staaten durch Briefe und Abgesandte eines freundschaftlichen Austausches pflegten, war die christliche Welt doch keiner obersten Autorität oder gesetzgebenden Versammlung unterworfen. Als aber die Zahl der Gläubigen anwuchs, wurde man der Vorteile inne, die sich aus einer engeren Abstimmung ihrer Interessen und Entwürfe ergeben könnten. Gegen Ende des zweiten Jahrhunderts richteten die Kirchen Griechenlands und Asiens die nutzbringende Körperschaft der Provizialsynoden ein, und man kann wohl annehmen, dass bei diesen repräsentativen Versammlungen Vorbilder aus der Geschichte ihres eigenen Vaterlandes Modell gestanden haben, etwa die Amphiktyonen, der Achäische Bund oder die Versammlung der ionischen Städte. Bald schon war es feste Gewohnheit und Gesetz, dass sich die Bischöfe der unabhängigen Kirchengemeinden zu festgesetzten Frühlings- und Herbstterminen in der jeweiligen Provinzhauptstadt versammelten. Ihren Verhandlungen stand ein Gremium einiger ausgewählter Presbyter zur Seite, und die große Zahl von aufmerksamen Zuhörern sorgte für Mäßigung Acta Concilii Carthaginiensis bei Cyprianus, Opera p. 158. In der Versammlung befanden sich siebenundachtzig Bischöfe aus den Provinzen Mauretanien, Numidien und Afrika; einige Presbyter und Diakone waren zugegen; praesente plebis maxima parte . (Der größte Teil des Volkes war zugegen). . Ihre Beschlüsse, die man Canones nannte, regelten jede wichtige Streitfrage in Glaubens- oder der Kirchendingen; und naturgemäß glaubte ein jeder, dass sich der Heilige Geist auf diese Versammlung der Abgeordneten der Christenheit in freigebiger Weise ausgießen werde. Das Institut der Synoden kam dem privaten Ehrgeiz und dem öffentlichen Interesse so sehr entgegen, dass es innerhalb weniger Jahre im ganzen Reich zur festen Einrichtung geworden war. Eine regelmäßige Korrespondenz wurde zwischen den Provinzialsynoden geführt, man teilte sich gegenseitig die Beschlüsse mit und billigte sie, und so nahm die katholische Kirche bald die Verfassung und die Machtteilung einer großen föderativen Republik an »Aguntur praeterea per Graecias illas, certis in locis concilia, etc.« (Darüber hinaus werden in den griechischen Ländern in bestimmten Ortschaften Versammlungen abgehalten...)Tertullian de Ieiuniis. 13. Der Afrikaner redet von ihnen wie von einer neu- und fremdartigen Einrichtung. Mosheim (De rebus Christianiorum p. 207-378) erklärt die Vereinigung der christlichen Kirchen sehr gekonnt. .   VERGRÖSSERUNG DER BISCHÖFLICHEN MACHTSTELLUNG In dem Maße, wie den einzelnen Kirchen die gesetzgebende Gewalt unmerklich durch das Institut der Konzilien entwunden wurde, erhielten auch die Bischöfe infolge ihrer Zusammenarbeit immer mehr exekutive und rechtsprechende Kompetenzen; und sobald sie sich in ihren gemeinsamen Interessen einig fühlten, waren sie auch willens und imstande, mit vereinten Kräften die ursprünglichen Gerechtsame von Volk und Klerisei zu beschneiden. Die Prälaten des dritten Jahrhunderts verwandelten die Sprache der christlichen Vermahnungen in die der Verfügung, legten die Saat für künftige Machterweiterungen, und ersetzten durch Allegorien aus der Bibel und tönende Rhetorik ihren Mangel an Überzeugungskraft und Rechtspositionen. Sie sangen das Lob der Einheit und der Macht der Kirche, wenn es denn nur durch das Bischofsamt ausgeübt wurde, woran ein jeder Bischof gleichen und unbestrittenen Teil habe Cyprian in seinem bewunderten Traktat De unitate ecclesiae. Opera, p.75-88. . Herrscher und Magistrate, so war immer wieder zu vernehmen, mochten sich ihres irdischen, indessen vergänglichen Anspruches auf irdische Macht berühmen; alleine die bischöfliche Macht leite sich von Gott her und sei von dieser und der jenseitigen Welt. Die Bischöfe seien Christi Statthalter und die geheimnisvollen Stellvertreter der Hohepriester des mosaischen Gesetzes. Ihr exklusives Recht, das Priesteramt zu verleihen, verringere nun mal die Wahlfreiheit des Volkes wie des Klerus; und wenn sie einmal in Verwaltungsfragen den Rat der Presbyter oder die Meinung des Kirchevolkes einholten, dann verfehlten sie nicht, sich über das Verdienst einer solchen, selbstredend freiwilligen Gewährung zu verbreiten. Durchaus anerkannten die Bischöfe die oberste Autorität, die den Synoden ihrer Brüder innewohne; aber bei der Regierung ihrer Diözese verlangte jeder von seiner besonderen Herde den gleichen bedingungslosen Gehorsam, als ob diese Lieblingsmetapher nur im wörtlichen Sinne wahr sei könne und als ob des Hirten Natur erhabener sei als die seiner Schäfchen Wir können uns hier auf Cyprian berufen, auf sein Auftreten, seine Lehre, seine Briefe; Le Clerc hat in einem kurzen Lebensabriss dem Cyprian (Bibliothéque Universelle, Band 12, p. 207-378) eingehend und freimütig dargestellt. . Diese Gehorsamspflicht wurde jedoch nicht ohne einiges Drängen auf der einen und nicht ohne erheblichen Widerstand auf der anderen Seite durchgesetzt. Das, was an den Verfassungen demokratisch war, wurde in vielen Gemeinden durch die heftige oder auch eigennützige Opposition des niederen Klerus verteidigt. Aber dieser ihr Verfassungspatriotismus wurde alsgleich mit Ekelepitheta wie Kirchenspaltung oder Schisma überschüttet; und die Sache der Bischöfe hatte seinen hurtigen Fortschritt der Assistenz manch eifervoller Prälaten zu danken, welche, wie etwa Cyprian von Karthago, die Trickereien des ehrgeizigsten Staatsmannes mit denjenigen christlichen Tugenden auszusöhnen verstand, welche einem Heiligen oder Märtyrer angestanden hätten Wenn Novatius, Felicissimus \&c, welche der Bischof von Karthago zuerst aus seiner Kirche und dann aus Afrika verbannt hatte, nicht die abscheulichsten und bösartigsten Monstrositäten waren, dann muss der Glaubenseifer des Cyprian gelegentlich deutlich über seine Wahrheitsliebe obsiegt haben. Ein sehr ausgeglichener Bericht über dieses obskure Gezänk findet man bei Mosheim, De rebus Christianiorum p. 497-512. .   VORRANG DER METROPOLITANKIRCHEN Dieselben Ursachen, die zunächst die Gleichheit der Presbyter aufgehoben hatte, führten anschließend unter den Bischöfen selbst eine Rangfolge und damit auch eine Hierarchie in der Rechtsprechung ein. Sooft man sich in Frühjahr oder Herbst zu den Provinzialsynoden traf, wurden unterschiedliche persönliche Verdienste und ungleiches Ansehen zwischen den Versammlungsmitgliedern mit Genauigkeit bemerkt, und die Vielen wurden durch die Weisheit und Beredsamkeit der Wenigen an Gängelband geführt. Aber die Ordnung der Dinge war auf eine nachvollziehbare und von Gehässigkeiten unabhängige Rangliste angewiesen; das Amt des ständigen Synodalpräsidenten wurde dem Bischof der jeweiligen Provinzhauptstadt übertragen, und diese recht strebsamen Prälaten, die sich alsbald mit dem stolzen Titel eines Metropoliten und Primas schmückten, schickten sich insgeheim an, über ihre bischöflichen Brüder die gleiche Oberhoheit zu auszuüben, wie sie sich die Bischöfe erst unlängst über die Versammlung der Presbyter angemaßt hatten Mosheim, p. 269, 574. Dupin, Antiquae Ecclesiae Disciplinae, p. 19, 20. . Über ein Kleines, und es war auch zwischen den Metropoliten selbst ein Wettstreit um Vorrang und Macht entbrannt, und ein jeder war bemüht, in den leuchtendsten Farben die weltlichen und geistlichen Vorzüge seiner Stadt auszumalen: die Zahl und der Reichtum der Christen, so ihrer Seelsorge anvertraut waren; die Heiligen und Märtyrer, die einst in ihr emporgeblüht waren; die Reine endlich der Glaubensüberlieferung, die in der Nachfolge zahlreicher rechtgläubiger Bischöfe von den Aposteln oder deren Schülern auf sie gekommen war, welch letztgenannten man die Gründung ihrer Kirche zuschrieb Tertullian hat sich in einem besonderen Traktat gegen die Ketzer auf das der apostolischen Kirche zustehende Recht des Ersitzens berufen. .   DER BISCHOF VON ROM BEANSPRUCHT HÖCHSTE AUTORITÄT Es war es leicht vorherzusehen, dass aus jedem erdenklichem Grunde, sei er profaner oder kirchlicher Natur, Rom sich zunächst der Achtung der Provinzen erfreuen und bald darauf ihren Gehorsam einfordern würde. Die Gemeinde der Gläubigen stand im rechten Zahlenverhältnis zur Hauptstadt des Reiches: die Römische Kirche war die größte, zahlenstärkste und, zumindest im Westen, die älteste aller Kirchengründungen, von denen viele ihren Glauben durch die fromme Tätigkeit von Roms Missionaren erhalten hatten. Und nicht ein apostolischer Begründer, dessen sich Antiochia, Ephesos oder Korinth allenfalls rühmen mochten, sondern gar zwei ganz hervorragende Apostel Die Reise von St. Petrus nach Rom wird von den meisten der alten Schriftsteller erwähnt (s. Eusebios 2,25), von allen Katholiken behauptet, von einigen Protestanten zugestanden (s. Pearson und Dodwell de Successione Episcopi Romani), und nur von Sponheim (Miscellanea sacra 3,3) mit Entschiedenheit verneint. Folgt man Bruder Hardouin, so stellten die Mönche, die im XIII. Jahrhundert eine Äneis verfasst hatten, St. Petrus allegorisch als dieses trojanischen Helden dar. sollen den Tiber geehrt haben durch ihre Predigt und ihr Martyrium; und wohlbedacht beanspruchten Roms Bischöfe das Erbrecht an welchen Prärogativen auch immer, die der Person oder dem Amte des heiligen Petrus zugeschrieben wurden Nur im Französischen gelingt das berühmte Wortspiel mit dem Name des heiligen Petrus: »Tu es Pierre et sur cette pierre...« Im Lateinischen stimmt es leidlich, ebenso im Griechischen, Italienischen \&c, aber in den germanischen Sprachen ist es schlechthin unverständlich. . Die Bischöfe Italiens und der Provinzen zeigten Neigung, ihnen den Primat in der Ordnung und Versammlung (dies genau waren ihre Ausdrücke) der christlichen Aristokratie zuzugestehen Irenaeus Adversus Haereses, 3,3; Tertullian de Praescriptione, 36; und Cyprian Epistulae 27, 55, 71, 75. Le Clerc (Historia Ecclesiastica p. 764) und Mosheim (De rebus Christianiorum p. 258, 578) mühen sich nach Kräfte bei der Auslegung dieser Textstellen. Aber der gelockert-rhetorische Stil der Kirchenväter scheint Roms Ansprüchen gefallen zu haben. . Die Machtbefugnisse eines Monarchen wurden mit Abscheu zurückgewiesen, und Roms emporstrebender Genius erfuhr von Asiens und Afrikas Nationen mehr Widerstand in Ansehung seiner geistlichen Ambitionen, als sie ihn vordem jemals gegen Roms weltliche Bestrebungen aufgebracht hatten. Der vaterländische Cyprian, dessen unbeschränkter Machtwille die Kirche Karthagos und die Provinzialsynode dominierte, widersetzte sich entschlossen und mit Erfolg Roms auffliegenden Machtgelüsten, machte ränkekundig seine und der östlichen Bischöfe Sache zu einer gemeinsamen und suchte wie einst Hannibal neue Verbündete im Herzen Asiens S. den strengen Brief von Firmilianus, Bischofs zu Kaisareia, an Stephanus, Bischof zu Rom, bei Cyprian, Epistulae 75. . Wenn dieser punische Krieg ohne Blutvergießen geführt wurde, war dies nicht so sehr der Einsicht und Mäßigung der feindlichen Prälaten als vielmehr ihrer weltlichen Ohnmacht zu danken. Ihre einzigen Waffen waren Schmähschriften und Bannflüche, und mit diesen bedachten sie sich während des gesamten Kampfes, mit gleichem Hass und gleicher Inbrunst. Die heutigen Katholiken geraten in einige Verlegenheit, dass sie einen Papst, einen Heiligen oder einen Märtyrer tadeln müssen, was immer dann der Fall ist, wenn sie von Einzelheiten eines Kampfes berichten müssen, in welchen sich die Meister der Religion so übel gehuben, wie sich dies allenfalls für den Senat oder das Feldlager schicken mochte Zu diesem Disput über die Wiedertaufe von Ketzern siehe die Briefe Cyprians und das 7. Buch des Eusebios. .   LAIENSTAND UND KLERUS Das Anwachsen der kirchlichen Macht war Ursache jener bemerkenswerten Unterscheidung zwischen Laien und Klerus, die den Griechen und Römern völlig unbekannt war Zum Ursprung dieser Begriffe s. Mosheim, p. 141. Spanheim, Historia Ecclesiastica p. 633. Clerus und Laicus wurden bereits vor Tertullians Zeiten unterschieden. . Die Bezeichnung Laie umfasste das Kirchenvolk in seiner Gesamtheit; der Name Klerus blieb, seiner Wortbedeutung entsprechend, jenem auserwählten Bevölkerungsteil vorbehalten, welchem aufgegeben war, den Dienst an der Religion zu versehen; eine berühmte Kaste von Männern, welche einen der wichtigsten, wenn auch nicht durchweg erbaulichsten Gegenstand der modernen Geschichtsschreibung abgegeben hat. Oft genug haben sie infolge gegenseitiger Abgunst den Frieden der junge Kirche gestört, aber ihr Glaubenseifer und ihr Schaffen waren gleichwohl der gemeinsamen Sache gewidmet, und ihre Machtliebe, welche (unter den schicklichsten Vorwänden) sich sogar einen Platz im Herzen eines Bischofs oder Märtyrers erschleichen konnte, befeuerte sie, die Zahl ihrer gläubigen Untertanen zu mehren und die Grenzen des christlichen Imperiums auszudehnen. Bar jeder irdischen Gewalt, wurden sie von den weltlichen Machthabern lange Zeit mehr unterdrückt als gefördert; aber sie verfügten über die zwei wirksamsten Instrumente jeder Regierung und machten innerhalb der Gemeinde den ausgiebigsten Gebrauch von ihnen: Belohnung und Strafe; die erstere war eine Folge der frommen Freigebigkeit der Gläubigen, und die zweite das Ergebnis ihrer andächtigen Ängste.   GESCHENKE UND EINKÜNFTE I. Die Gütergemeinschaft, die Platos Phantasie so angenehm berührt hat Platos Staatsidee ist durchdachter als die, welche sich etwa Sir T. Morus für sein Utopia ersonnen hatte. Der gemeinsame Besitz von Frauen und weltlichen Gütern sollte als ein unabdingbarer Bestandteil dieses Systems angesehen werden. , und welche im gewissen Umfang in der strengen Sekte der Essener gelebt wurde Josephus Antiquitates Iudaicae 18,2; Philo, De Vita Contemplativa. , war kurzfristig auch in der Urkirche Praxis. Die glühende Inbrunst der ersten Proselyten vermochte sie, ihren weltlichen, von ihnen verachteten Besitz zu verkaufen, den Erlös den Aposteln zu Füßen zu legen und sich zufrieden zu geben mit einem gleichen Anteil aus dem gemeinsamen Besitz Siehe die Apostelgeschichte 2,44f nebst dem Kommentar von Grotius. In einer gesonderten Abhandlung greift Mosheim die allgemeine Auffassung mit sehr dürftigen Argumenten an. . Mit dem Fortschreiten des Christentums ermüdete diese uneigennützige Gesinnung und kam endlich ganz zu Erliegen, hätte sie doch in Händen, die weniger reinlich waren als die der Apostel, infolge der ewigen Selbstsucht des Menschen gar bald zu Missbrauch und Ausartung geführt; und den konvertierten Bekennern der neuen Religion gestand man zu, ihr väterliches Erbe zu behalten, Schenkungen und Erbschaften anzunehmen und ihr Eigentum durch alle erlaubten Mittel des Handels und Gewerbes zu vermehren Justinus Martyr, Apologia Major,89; Tertullian, Apologeticum 39. . Anstelle mit einer vollständigen Selbstentäußerung gaben sich die Diener des Evangeliums auch mit einem gemäßigten Anteil zufrieden; und in ihren wöchentlichen oder monatlichen Versammlungen gab jeder Gläubige je nach der Bedeutung des Anlasses, nach Maßgabe seines Wohlstandes und seiner Frömmigkeit sein freiwilliges Scherflein in die gemeinsame Kasse. Nichts, und sei es noch so gering, wurde zurückgewiesen; aber es wurde auch gerne und eindringlich darauf hingewiesen, dass das mosaische Gesetz immer noch Geltung besäße, insonderheit, was den Zehnten betraf; und dass ferner, wenn es schon den Juden unter einer minder guten Verfassung geboten sei, den Zehnten von allem ihrem Besitze abzuführen, es erst recht den Jüngern Christi wohl anstehe, sich durch höhere Freigebigkeit auszuzeichnen Irenaeus ad Haereses 4,26 und 34. Origines in Numeri Homilia 2. Cyprian de Unitate Ecclesiae; Constitutiones Apostolorum 2,34 und 35, mit Cotelerius' Anmerkungen. Die constitutiones begründen diesen Grundsatz mit dem Hinweis, dass Priester so über die Könige wie die Seele über den Körper erhaben seien. Unter den abgabepflichtigen Artikeln werden genannt Getreide, Wein, Öl und Holz. Zu diesem interessanten Punkte konsultiere man Prideaux' History of Tithes, and Fra Paolo delle Materie Beneficiarie; zwei höchst unterschiedliche Autoren. , sich Verdienst zu erwerben durch Verzicht auf den überflüssigen Schatz, welcher doch ohnehin schon bald zusammen mit der Welt zugrunde gehen müsse Dieselbe Auffassung war auch um das Jahr 1000 virulent und bewirkte Vergleichbares. Die meisten Schenkungen tragen das Motiv: » appropinquante mundi fine .« (Da das Ende der Welt herannaht.) S. Mosheim, Ecclesiastical History 1, p.457. . Es erübrigt sich wohl der Hinweis, dass die Einkünfte der einzelnen Kirchen, die aus so unsicheren und unsteten Quellen flossen, je nach Vermögenslage der Gläubigen stark geschwankt haben müssen, und ob sie sich in entlegenen Dörfern oder großen Städten befanden. Zur Zeit des Kaisers Decius war es allgemeine Ansicht, dass die Christen Roms außerordentlich reich gewesen sein müssen; dass bei ihren Gottesdiensten goldene und silberne Gefäße benutzt würden; und dass viele ihrer Anhänger Haus und Hof verkauft hatten, den Reichtum ihrer Sekte zu mehren, auf Kosten allerdings ihrer unglücklichen Kinder, die unversehens zu Bettlern wurden, weil ihre Eltern Heilige waren Tum summa cura est fratribus/(Ut sermo testatur loquax)/Offerre fundis venditis,/Sestertiorum millia./Addicta avorum praedia/Foedis sub auctionibus,/Successor exheres gemit,/Sanctis egens parentibus./Haec occuluntur abditis/Ecclesiarum in angulis./Et summa pietas creditur/Nudare dulces liberos. (Dann ist der Brüder größte Sorge/(Wie geschwätzige Rede es bezeugt)/ nach dem Verkauf ihrer Ländereien/(der Kirche) tausend Sesterzen anzubieten./Sind die Ländereien der Vorväter/in üblen Versteigerungen/(der Kirche) zugeführt/seufzt darüber nun der enterbte Enkel,/verarmt durch seine frommen Eltern./Dies wird nun in entlegenen/Winkeln der Kirche verborgen gehalten,/und es gilt als äußerst fromm/die süßen Kinder auszuplündern.) Prudentius, Peristephanon, Hymnus 2,73-84. – Das Verhalten des Diakons Laurentius erweist, dass man einen ganz eigenen Gebrauch von dem Reichtum der Kirche Roms zu machen verstand. Er war ohne Zweifel gewaltig; aber Fra Paolo (Trattato, c.3) übertreibt sichtlich mit der Annahme, dass die Nachfolger des Commodus genötigt waren, die Christen wegen ihrer oder der Prätorianerpräfekten Habgier zu verfolgen. . Wir sollten den Anschuldigungen von Fremden und Gegnern mit Misstrauen begegnen: in diesem Falle jedoch haben sie einige Wahrscheinlichkeit für sich aufgrund der zwei folgenden Aspekte, den einzigen, die uns bekannt sind. die konkrete Summen nennen und die uns somit eine bestimmte Vorstellung geben. Etwa um diese Zeit sammelte nämlich der Bischof von Karthago von seiner Gemeinde, die bedeutend weniger begütert war als die von Rom, einhunderttausend Sesterzen (etwa achthundertundfünfzigtausend Pfund Sterling), als er zu Spenden aufrief, ihre Brüder aus Numidien auszulösen, welche von Wüstenräubern entführt worden waren Cyprian, Epistulae 62. . Etwa hundert Jahre vor der Regierungszeit des Decius hatte die Kirche in Rom eine einmalige Schenkung in Höhe von zweihunderttausend Sesterzen Tertullian, de praescriptione haereticorum 30. von einem Fremden aus dem Pontos erhalten, welcher beabsichtigte, sich in der Hauptstadt niederzulassen. Diese Spenden erfolgten fast immer gegen bar; darüber hinaus war die christliche Gemeinschaft weder willens noch gesonnen, sich übermäßig mit Grundbesitz zu beschweren. Es war durch verschiedene Gesetze festgelegt worden, – übrigens in derselben Absicht wie unsere Verbote der Überlassung an die Kirche – dass kein Grundeigentum ohne besonderes Privileg oder eine Sondergenehmigung des Kaisers oder des Senats Diocletian gab einen Erlass heraus, welcher lediglich eine Erklärung des alten Gesetzes war: "Collegium, si nullo speciali privilegio subnixum sit, haereditatem capere non posse, dubium non est." (Eine Gemeinschaft kann auf keinen Fall, wenn sie sich nicht auf ein spezielles Privileg berufen kann, eine Erbschaft annehmen.) an Körperschaften verschenkt oder vererbt werden dürfe; welche Lizenz einer Sekte, die erst Objekt ihrer Verachtung und zuletzt der Furcht und des Neides war, ganz gewiss nur sehr selten erteilt wurde. Aus der Zeit des Alexander Severus kennen wir jedoch eine solche Transaktion, welche erweist, dass diese Einschränkungen zuweilen umgangen oder suspendiert wurden und dass ferner die Christen Land in der Nähe Roms besitzen durften Das Grundstück war Staatseigentum gewesen; jetzt rauften sich die Christen und die Fleischerinnung darum. . Der Fortschritt des Christentums und die gleichzeitige Unordnung der bürgerlichen Verhältnisse innerhalb des Reiches trugen das ihre dazu bei, dass die Gesetze immer laxer gehandhabt wurden und sich bereits vor Ende des dritten Jahrhunderts die wohlhabenden Kirchen Roms, Mailands, Karthagos, Antiochias, Alexandrias und die meisten Großstädte Italiens beträchtlichen Grundbesitzes erfreuten.   VERTEILUNG DER EINKÜNFTE Der Bischof war der naturgegebene Schatzmeister seiner Kirche; ihr Vermögen wurde seiner Obsorge anvertraut, und Rechenschaft oder Kontrolle fanden nicht statt; die Presbyter blieben auf ihre geistlichen Ämter beschränkt, und die nachgeordneten Diakone waren mit der Verteilung und Verwaltung des Kircheneinnahmen befasst Constitutiones Apostolorum 2,35. . Wenn wir den feurigen Attacken des Cyprian glauben können, dann gab es in Afrika der Brüder gar zu viele, welche bei der Ausübung ihres Amtes sich nicht nur der christlichen, sondern überhaupt jeder Moral entschlugen. Einige dieser ungetreuen Rentmeister vertändelten die Schätze der Kirche mit sinnlichen Lustbarkeiten, andere betrieben zum Zweck der persönlichen Bereicherung Unterschleif, betrügerische Käufe oder sogar erpresserischen Wucher Cyprian de Lapsis, p. 89 u. Epistulae 65. Im 19. U. 20. Kanon des Konzils von Illiberis wird diese Anklage bestätigt. . Solang jedoch die Beiträge des Christenvolkes freiwillig waren, durfte der Vertauensmissbrauch einfach nicht häufig vorkommen, und im Allgemeinen bediente man sich der Spenden in einer Weise, die den Gemeinden Ehre macht. Ein kleiner Teil blieb dem Unterhalt des Bischofs und des Klerus vorbehalten, größere Anteile dienten den öffentlichen Gottesdiensten, von denen die Liebesmahle oder agapae , wie man sie nannte, den erfreulichsten Teil ausmachten. Der stattliche Rest war geheiligtes Eigentum der Armen. Nach dem Ermessen des Bischofs wurde er ausgeteilt, um die Witwen und Waisen, die lahmen, kranken und bejahrten Gemeindemitglieder zu unterstützen; um Fremde und Pilger zu stärken, und um Gefangenen ihr Los zu erleichtern, zumal wenn deren Leiden durch ihr aufrechtes Eintreten für ihre Religion verursacht worden war Siehe die Apologien von Iustinus, Tertullian u.a. . Noch die entlegensten Gemeinden waren in dieses allgemeine Netzwerk der tätigen Nächstenliebe einbezogen, und gerne unterstützten die wohlhabenden Gemeinden die weniger gesegneten Der Reichtum der Römer und die noch ihren fernsten Glaubensbrüdern gegenüber praktizierte Freigebigkeit wurden von Dionysios von Korinth, (bei Eusebios, Historia 4, 23) dankbar vermerkt. . Diese Einrichtung, die nicht auf das Verdienst als vielmehr auf das Bedürfnis der Empfänger sah, trug ganz handfest zur Ausbreitung des Christentums bei. Die Heiden, die des Sinnes für das Humane durchaus nicht ermangelten, anerkannten die mildtätige Gesittung der neuen Sekte, auch wenn sie für die eigentliche Lehre nur Spott erübrigten Julian (Epistulae 49) scheint sich daran geärgert zu haben, dass die Caritas der Christen sich nicht nur ihrer eigenen Armen, sondern auch noch der heidnischen annahm. . Die Aussicht auf augenblickliche Hilfe und auf künftigen Schutz lockte viele jener glücklosen Menschen in den bergenden Schoß der neuen Religion, denen die Gleichgültigkeit der Welt nur noch Not, Krankheit und ein freudloses Alter beschert hätte. Auch kann mit gutem Grund vermutet werden, dass viele Kleinkinder, welche nach dem unmenschlichen Brauche jener Zeiten von ihren Eltern ausgesetzt wurden, durch die christliche Frömmigkeit vor dem Tode errettet und anschließend getauft und auf Kosten der Gemeinde erzogen wurden Dies war zumindest die löbliche Praxis der modernen Missionare unter vergleichbaren Zuständen. So wurden jährlich mehr als dreitausend Neugeborene in den Straßen von Peking ausgesetzt. Siehe Comte, Memoires und de Pauw, Recherches sur les Chinois et les Égyptiennes, Bd. 1, p.61. .   EXKOMMUNIKATION DER SÜNDER... II. Es ist das unbestrittene Recht einer jeden Gemeinschaft, aus seiner Mitte und von seinen Segnungen solche Angehörige auszuschließen, welche die allgemein anerkannten Regularien ablehnen oder vorsätzlich übertreten. In der Ausübung dieses Rechtes richtete die Kirche ihre Maßregeln vor allem gegen besonders üble Sünder, die des Mordes, des Betrugs oder der Unzucht schuldig waren; gegen die Urheber oder Anhänger ketzerischer Lehrmeinungen, die das bischöfliche Urteil bereits geächtet hatte; und gegen jene Verworfenen, welche sich, sei es vorsätzlich, sei es genötigt, nach ihrer Taufe irgendeiner Abgötterei schuldig gemacht hatten. Eine Exkommunikation hatte äußerliche und geistliche Folgen: der Christ, über den sie verhängt wurde, war vom Abendmahl ausgeschlossen. Alle Bande der religiösen oder privaten Freundschaft waren zerschnitten; er war nur noch der Gegenstand des Abscheus für die, die er am meisten schätzte und von denen er vordem am zärtlichsten geliebt worden war; und soweit nach dem Ausschluss aus einer ehrenwerten Gemeinschaft auf seinen Ruf noch weitere Schande gehäuft werden konnte, begegnete man ihm allenthalben mit Argwohn, wenn man ihm nicht ganz aus dem Wege ging. Die Lage dieser Unglücklichen war für sich genommen schon beschämend und trübselig; aber wie es hierbei zu gehen pflegt, übertraf die Furcht noch das Leid. Der Sinn des Christentums war der Gewinn des ewigen Lebens, und sie konnten aus ihrem Gemüt nicht die grässliche Überzeugung verbannen, dass Gott gerade jenen Kirchenführern, die sie verurteilt hatten, die Schlüssel zum Paradies und zur Hölle anvertraut habe. Die Ketzer indessen, die durch das Bewusstsein ihrer hohen Ziele aufrecht erhalten werden mochten und durch die schmeichelhafte Hoffnung, dass ganz allein sie den Weg zum Heile gefunden hätten, unternahmen es, in ihren abgesonderten Versammlungen jene weltlichen und geistlichen Tröstungen zu suchen, welche sie von der großen Gemeinschaft der Christen nicht mehr erwarten konnten. Aber fast alle, welche, widerstrebend vielleicht, den Verlockungen des Lasters oder der Abgötterei unterlegen waren, waren sich ihrer Lage schmerzlich bewusst und ängstlich besorgt, wieder zu den Segnungen der christlichen Gemeinde zugelassen zu werden.   ...UND IHRE WIEDERAUFNAHME Was nun die Behandlung solcher Büßer betrifft, so gab es in der frühen Kirche zwei widersprüchliche Auffassungen, die des Rechtes und die der Gnade. Die Kasuisten, streng und unbeugsam, weigerten ihnen für alle Zeiten und ohne Ausnahme auch den geringsten Platz in der Gemeinde der Heiligen, die jene besudelt oder verlassen hatten, überließen sie ihren Gewissensqualen und gönnten ihnen nur den einzigen schwachen Hoffnungsstrahl, dass nämlich ihre Zerknirschung zu Lebzeiten im Sterben der höchsten Gottheit erfreulich sein möchte Die Montanisten und Novatianer, die dieser Auffassung mit besonderer Strenge und Verbissenheit anhingen, fanden sich am Ende selbst unter den exkommunizierten Ketzern wieder. Siehe den gelehrten und materialreichen Mosheim, Ecclesiastical History, über das II. und III. Jh. . Zu einer in Theorie und Praxis milderen Gesinnung bekannten sich andere christliche Kirchengemeinden, und es waren dieses die redlichsten und achtbarsten Dionysios von Korinth, bei Eusebios, Historia 4,23 und Cyprian, de lapsis. . Dem reuigen Sünder blieben die Pforten zur Wiederversöhnung und zum Himmel selten für immer verschlossen, aber eine streng-feierliche Bußübung wurde gleichwohl eingeführt, geeignet, sein Vergehen zu sühnen und zugleich auf Nachahmer furchtbar abschreckend zu wirken. Gedemütigt durch sein öffentliches Bekenntnis, verzehrt durch ausführliches Fasten, gekleidet in Sack und Asche, so lag der Sünder vor der Versammlungstür hingestreckt auf den Boden, erflehte, von Tränen blind, die Verzeihung für seine Vergehen und bat die Gläubigen, für ihn zu beten Cave, Primitive Christianity, Teil 3, c.5. Band Einige Bewunderer der Antike bedauern, dass solche öffentlichen Bußübungen mittlerweile abgeschafft sind. . War das Verbrechen besonders abscheulich, wurden sogar Jahre der Buße für angemessen gehalten, die göttliche Gerechtigkeit zu versöhnen; und stets erfolgte die Wiederaufnahme des Ketzers, Häretikers oder Apostaten in den Schoß der Kirche auf langsame, schmerzhafte und fein abgestufte Weise. Eine Exkommunikation auf Lebenszeit wurde nur bei besonders schweren Verbrechen verhängt, etwa gegen jene unbegreiflichen Rückfallsünder, die schon einmal die Milde ihrer Kirchenoberen erfahren und dann wieder missbraucht hatten. Je nach den Umständen der Tat oder der Zahl der Schuldigen konnte auf Veranlassung des Bischofs die christliche Kirchendisziplin auch abgewandelt werden. Die Konzilien von Ankara und Illiberis wurden etwa zeitgleich abgehalten, das eine in Galatien, das andere in Spanien; aber ihre Beschlüsse, die uns überliefert sind, atmen einen sehr verschiedenartigen Geist. Der Galater, der nach seiner Taufe wiederholt seinen Götzen geopfert hatte, durfte nach siebenjähriger Buße auf Gnade hoffen, und ward nur drei weitere Jahre ausgeschlossen, falls er jemanden zur Nachahmung verführt hatte. Anders der unglückselige Spanier, der desselben Verbrechens für schuldig befinden wurde; er musste alle Hoffnung auf Vergebung fahren lassen, selbst noch, als er im Sterben lag. Sein Götzendienst führte eine Liste von siebzehn anderen Verbrechen an, gegen welche nicht minder schreckliche Strafen angedroht waren. Unter diesen entdecken wir die unentschuldbare Sünde wie etwa die Verunglimpfung eines Bischofs, eines Presbyter, gar eines Diakons Siehe bei Dupin, Bibliothèque ecclésiastique, Band 2 p.304-313. Vergleiche hierzu die knappe, aber durchdachte Übersicht Dupins über die Kanons jener Konzilien, welche in einer Zeit der Ruhe nach den Verfolgungen Diocletians abgehalten wurden. In Spanien waren diese Nachstellungen weniger streng gewesen als in Galatien. Möglicherweise hat dieser Unterschied auch die andersartigen Konzilsbeschlüsse bewirkt. .   RANG DER BISCHÖFLICHEN REGIERUNG Diese feinberechnete Mischung aus Strenge und Nachsicht, die wohlüberlegte Verhängung von Strafen und Belohnungen, welche Maßnahmen sich durchaus im Einklang mit den Grundsätzen der Klugheit und der Gerechtigkeit befanden: dies machte die menschliche Stärke der Kirche aus. Die Bischöfe nun, väterlich besorgt um die Regierung in beiden Welten, waren sich dieser ihrer Vorrechte durchaus bewusst und, schicklich ihren Ehrgeiz mit dem Mäntelchen der Ordnungsliebe behängend, erwehrten sie sich bei der Ausübung ihres Amtes mit Eifersucht eines jeden Rivalen, war es doch unabdingbar, die Auflösung der Scharen zu verhindern, welche sich einst unter dem Kreuzesbanner gesammelt hatten und noch täglich sammelten. Aus den gebieterischen Verlautbarungen eines Cyprian könnten wir ungezwungen folgern, dass die Religion in ihrem Wesenskern aus Exkommunikation und Buße bestehe; und dass es für einen Bekenner Christi weitaus ungefährlicher sei, seine moralischen Verpflichtungen zu vernachlässigen als den Tadel und die Autorität seines Bischofs gering zu achten. Bisweilen meinen wir sogar die Stimme Moses zu vernehmen, wenn er der Erde gebietet sich aufzutun, mit verzehrenden Flammen die unbotmäßige Rotte zu verschlingen, die der Priesterschaft des Aaron den Gehorsam aufgekündigt hat; ja, wir glauben manchmal sogar, einen römischen Konsul zu hören, der mit Donnerstimme die Majestät der Republik behauptet und zugleich seinen unbeugsamen Willen bekundet, das Gesetz in seiner ganzen Strenge durchzusetzen. »Wenn derlei Abweichungen straflos geduldet werden (so schilt Karthagos Bischof die versöhnliche Gesinnung seiner Berufskollegen), wenn derlei Abweichungen geduldet werden, so ist der BISCHÖFLICHEN MACHT ein Ende gesetzt Cyprian, Epistulae 59. , seiner erhabenen und gottgewollten Oberhoheit über die Kirche ist ein Ende gesetzt, ja dem Christentum selbst.« Cyprian hatte alle weltlichen Ehrenstellen verachtet, die er vermutlich auch niemals innegehabt hätte; aber die unumschränkte Herrschaft über Verstand und Gemüt einer Gemeinde zu erlangen, und sei diese in der Welt noch so verachtet und gering, dies ist dem Menschenherzen schmeichelhafter als jede noch so absolute politische Macht, die einem widerspenstigen Volke durch Waffengewalt aufgenötigt wird.   ZUSAMMENFASSUNG – SCHWÄCHE DES POLYTHEISMUS Im Verlaufe dieser wichtigen, wenn auch möglicherweise langatmigen Untersuchungen war ich bemüht, die Nebengründe zu kennzeichnen, welche der Wahrheit der christlichen Religion so förderlich gewesen sind. Wenn wir unter diesen Gründen auch manche schmückende Artefakte ausgemacht haben, zufällige Umstände oder irgendwelches Gemenge aus Irrtum und Schwärmerei, so darf uns dies nicht befremden, sind doch die Menschen für diejenigen Ablenkungen besonders empfänglich, die am besten zu ihrer unzulänglichen Natur passen. Diese Gründe waren es, die, religiösen Eifer ausgenommen, das Christentum so erfolgreich im römischen Reich verbreiten halfen: die unmittelbare Erwartung einer anderen Welt; der Anspruch, Wunder zu wirken; die strenge Tugend; und die Struktur der Urkirche. Dem erstgenannten Grunde hatten die Christen ihre unüberwindliche Glaubensstärke zu danken, so dass sie es verschmähen konnten, mit einem Feinde zu unterhandeln, den zu zermalmen sie entschlossen waren. Die drei weiteren Gründe versahen ihre Glaubensstärke mit den fürchterlichsten Waffen. Der letztgenannte Grund endlich einte ihren Mut und verlieh ihren Anstrengungen jene unwiderstehliche Durchschlagskraft, welche selbst eine kleine Gruppe von wohlausgebildeten und kühnentschlossenen Freiwilligen in die Lage versetzt, über eine Masse zu obsiegen, welcher der Kriegsgrund unbekannt und der Ausgang gleichgültig ist. Innerhalb all' der vielen unterschiedlichen polytheistischen Religionen gab es lediglich einige fanatische ägyptische und syrische Wanderpriester, welche sich des unschuldigen populären Aberglaubens annahmen; somit waren sie vermutlich die einzigen aus der Priesterkaste Die Ränke, Laster und sonstigen Aufführungen der syrischen Priester werden von Apuleius im achten Buch seiner Metamorphosen äußerst humorvoll beschrieben. , die ihren Lebensunterhalt und ihre Reputation aus ihrem geistlichen Gewerbe bezogen und sich für die Sicherheit und am Wohlergehen ihrer Titulargottheiten näheren Anteil nahmen. Die eigentlichen Diener des Polytheismus waren in Rom und in den Provinzen Männer von Stand, stark vermögend, die die Obhut für einen berühmten Tempel als eine Art Ehrenamt übernahmen, die, oftmals auf eigene Kosten, heilige Spiele Das Amt des Asiarchen ist von dieser Art und wird von Aristides und in den Inschriften sehr häufig erwähnt. Es war ein durch Wahl zu besetzendes Jahresamt. Nur die törichtsten Bürger strebten nach dieser Ehre, und nur die reichsten konnten sie sich leisten. Siehe in den Patres Apostolici, Band 2, p. 200, mit welchem Gleichmut der Asiarch sich beim Märtyrertod des Polykarp verhält. Es gab auch Bithyniarchen, Lykiarchen \&c. ausrichteten und die die hergebrachten Rituale mit kaltem Gleichmut verrichteten, auf dass dem Brauch und dem Gesetz des Landes Genüge geschähe. Da sie auch sonst mit den Dingen des täglichen Lebens befasst waren, blieb ihr religiöser Eifer reserviert und von den Gepflogenheiten der geistlichen Zunft unbeeindruckt. Beschränkt auf ihren jeweiligen Tempelbezirk, blieben sie von Fragen der Disziplin oder Verwaltung unberührt; und solange sie die oberste Gerichtsbarkeit des Senates, des Pontifikalkollegiums oder des Kaisers anerkannten, begnügten sich jene zivilen Magistrate mit dem dankbaren Geschäft, die Menschheit in Ruhe und Frieden ihren Kultus ausüben zu lassen. Wir haben bereits erfahren, wie buntscheckig, austauschbar und diffus die religiösen Empfindungen der Polytheisten waren; man überließ sich zwanglos dem Wirken einer abergläubischen Phantasie. Ihre zufälligen Lebensumstände bestimmten den Gegenstand und die Tiefe ihrer Verehrung; und da sie eine ganze Heerschar von Göttern anbeteten, ist es schwerlich vorstellbar, dass sie für einen einzigen eine besonders aufrichtige oder lebhafte Zuneigung empfunden hätten.   BEDÜRFNIS NACH GLAUBEN Als nun das Christentum in der Welt erschien, hatten selbst diese schwachen und unbefriedigenden Ideen ihre ursprüngliche Wirkmächtigkeit verloren. Menschenwitz, welcher, auf sich allein gestellt, zur Einsicht in die Geheimnisse des Glaubens unfähig ist, hatte über die Torheiten des Heidentums bereits einen leichten Sieg errungen; und als Tertullian oder Lactantius daran gingen, seine Ungereimtheiten und Übertreibungen darzutun, mussten sie sich lediglich der Beredsamkeit eines Cicero oder des Witzes eine Lukian bedienen. Die Zahl der von diesem skeptischen Schrifttum Infizierten ging weit über die der eigentlichen Leser hinaus. Der Trend zum Unglauben ergriff vom Philosophen ebenso Besitz wie vom Lebemann, vom adligen und vom Manne des Volkes, vom Herren und von seinem Aufwärter bei Tische, welcher gering geachtete Sklave entzückt den freien Gesprächen an seiner Tafel lauschte. In der Öffentlichkeit verfehlte der philosophisch veranlagte Teil der Menschheit nicht, den religiösen Einrichtungen seines Heimatlandes mit gebührender Andacht zu begegnen; aber durch diesen dünnen Schleier des Anstandes schimmerte die Verachtung; und selbst das Volk erfüllte Zweifel an seinen liebsten Glaubenswahrheiten, als es entdecken musste, dass seine Gottheiten ausgerechnet von denjenigen abgelehnt, ja verspottet wurden, deren Stellung und Meinung man bis dahin respektiert hatte. Die Auflösung des hergebrachten Götterglaubens stürzte nun viele Menschen in eine schmerzliche und unbehagliche Situation. Der Schwebezustand des Skeptizismus mag ja für ein paar neugierige Gemüter unterhaltsam sein. Aber für die Mehrheit ist praktizierter Aberglaube so unentbehrlich, dass sie auch dann, wenn man sie gewaltsam wachgerüttelt hat, den Verlust ihrer süßen Trugbilder beweint. Ihr Interesse am Wunderbaren und Übernatürlichen, ihre Neugierde auf Zukünftiges und ihre starke Bereitschaft, ihre Hoffnungen und Ängste über die Grenzen der sichtbaren Welt auszudehnen: dies waren die Säulen, die den Polytheismus trugen. Und so stark ist das Bedürfnis nach irgendeinem Glauben, dass der Einsturz eines Mythengebäudes nachgerade zwangsläufig die Einführung eines anderen Aberglaubens zur Folge hat. So hätten denn einige jüngere, unverbrauchte Gottheiten in die verlassenen Tempel von Jupiter oder Apollo einziehen können, wenn nicht die Vorsehung im entscheidenden Augenblick für eine wirkliche Offenbarung gesorgt hätte, welche rationale Wertschätzung einflößen konnte und zugleich Attribute vorwies, die die Neugierde, die Verehrung und das Staunen der Welt aufrufen konnten. In ihrer augenblicklichen Lage kehrten sich viele von ihren erkünstelten Vorurteilen ab und waren zugleich empfänglich für fromme Glaubensnachfolge, ja, sie verlangten sogar danach; den leeren Platz in ihrem Herzen hätte sogar ein Gegenstand von geringerer Würde einnehmen können, dies unbestimmte Verlangen zu stillen. – Wer diesen Überlegungen bis hierher folgen kann, wird sich, anstelle über den raschen Fortschritt des Christentums zu staunen, höchstens noch verwundern, dass sein Erfolg nicht viel schneller und umfassender gewesen ist.   RÖMISCHE HERSCHAFFT BAHNT DEM CHRISTENTUM DEN WEG Man hat die zutreffende Beobachtung gemacht, dass die römischen Eroberungen der Ausbreitung des Christentums förderlich waren. Im zweiten Kapitel dieses Werkes haben wir darzulegen unternommen, auf welche Weise die kultiviertesten Provinzen Europas, Asiens und Afrikas unter der Herrschaft eines Souveräns geeint wurden und mit der Zeit durch das gemeinsame Band von Gesetz, Sitte und Sprache vereint wurden. Die Juden Palästinas, die so sehnsüchtig einen Erlöser erwarteten, nahmen die Wunder des göttlichen Propheten mit soviel Kälte auf, dass man es sogar für überflüssig hielt, ein Evangelium in hebräischer Sprache zu veröffentlichen Moderne Forscher neigen nicht zu der von den Kirchenvätern einhellig geäußerten Ansicht, dass nämlich Matthaeus ein hebräisches Evangelium verfasst habe, von dem nur noch die griechische Übersetzung existiert. Allerdings scheint es gefährlich zu sein, diese Auffassung zurück zu weisen. oder doch wenigstens zu verwahren. Die ursprünglichen Aufzeichnungen der Werke Christi wurden in griechischer Sprache verfasst, in einiger Entfernung von Jerusalem und erst, nachdem die Zahl der bekehrten Heiden nicht mehr zu übersehen war Unter der Herrschaft Neros und Domitians und in den Städten Alexandria, Antiochia, Rom und Ephesus. S. Mill, Prologemena ad Novum Testamentum und Dr. Lardners schöne und umfangreiche Sammlung, Band 15. . Sobald diese Texte auch ins Lateinische übersetzt worden waren, konnten alle römischen Untertanen sie von Anfang bis Ende verstehen, ausgenommen die Bauern Syriens und Ägyptens, für die dann später eigene Übersetzungen veranstaltet wurden. Die römischen Heerstraßen, bestimmt für die Legionen, eröffnete auch den christlichen Missionaren ein bequemes Vorwärtskommen von Damaskus nach Korinth, oder von Italien bis ins äußerste Spanien oder Britannien; auch wurden jene geistlichen Eroberer nicht durch jene Hindernisse aufgehalten, welche die Einführung einer fremden Religion in fremdem Land üblicherweise erschweren oder sogar verhindern. Wir haben starke Gründe zu der Annahme, dass noch vor der Regierung eines Diocletian oder Constantin der christliche Glaube in jeder Provinz und in allen Großstädten des Reiches gepredigt wurde; allerdings liegen die Gründungsgeschichten der einzelnen Gemeinden, die Zahl der Gläubigen und ihr Verhältnis zu der Masse der Ungläubigen im Dunkel verschüttet oder sind von Legenden und Rhetorik entstellt. Dennoch wollen wir fortfahren, diese wenn auch unvollständigen Nachrichten in ihrer überlieferten Form mitzuteilen, wie sie uns vom Fortschritt des christlichen Namens in Asien, in Griechenland, in Ägypten, in Italien und im Westen künden, und dabei auch nicht die wirklichen oder fingierten Erwerbungen vergessen, die sogar schon jenseits der Grenzen des Imperiums lagen.   WACHSTUM DES CHRISTENTUMS IM OSTEN Die wohlhabenden Provinzen zwischen Euphrat und Ionischem Meer waren die erste und wichtigste Schaubühne, auf welcher der Apostel der Heiden seinen Glaubenseifer und seine Frömmigkeit entfaltete. Er hatte die Saat des Evangeliums auf fruchtbaren Boden gesät, und seine Schüler waren eifrig, sie zu pflegen; und während der ersten beiden Jahrhunderte, so scheint es, waren hier die meisten Christengemeinden anzutreffen. Unter denen, die in Syrien gestiftet wurden, waren Damaskus, Beröa, Aleppo und Antiochia die berühmtesten. Die prophetischen Einleitungskapitel der Apokalypse hat in Asien ihrer sieben beschrieben und sie so unsterblich gemacht: Ephesos, Smyrna, Pergamon, Thyatira Die Alogianer (Epiphanios, Panarion 5) diskutierten die Echtheit der Apokalypse, weil die Kirche von Thyatira damals noch nicht gegründet war. Epiphanios räumt diese Schwierigkeit zwar ein, entzieht sich ihr aber durch die ingeniöse Annahme, Johannes habe im Geiste der Prophezeiung gesprochenes. Abauzit, Discours sur l'Apocalypse. , Sardes, Laodicea und Philadelphia; und schon bald fanden sich Pflanzungen im ganzen Lande. Auch in Kreta und Zypern, Thrakien und Makedonien fand die neue Religion schon sehr früh günstige Aufnahme, und christliche Republiken wurden bald auch in Korinth, Sparta und Athen gegründet Die Episteln von Ignatius und Dionysius (Eusebios, Historia 4,23) nennen viele Kirchen in Asien und Griechenland. Die von Athen scheint als eine der letzten erblüht zu sein. . Das hohe Alter der griechischen und asiatischen Kirchen gewährte ihnen hinreichend Zeit zum Wachstum und zur Ausbreitung, und selbst die zahlreichen Gnostiker und Ketzer weisen auf den blühenden Zustand der Kirchen hin, wird doch die Bezeichnung Ketzer immer auf die abweichende Minderheit angewandt.– Diesen hauseigenen Zeugnissen wollen wir noch die Geständnisse, Klagen und Sorgen der Heiden selbst gegenüberstellen. So entnehmen wir den Schriften Lukians, eines Philosophen, der die Menschen kannte und ihr Gebaren in den schönsten Farben schildert, dass unter der Regentschaft des Commodus sein Heimatland Pontus mit Christen Lukianos, Alexander 25. Das Christentum dann muss allerdings sehr ungleich über den Pontus verteilt gewesen sein; denn in der Mitte des dritten Jahrhunderts wurden in der ausgedehnten Diözese von Neu-Cäsarea nicht mehr als siebzehn gläubige Christen gezählt. S. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 4, p. 675, nach Basileios und Gregorios von Nyssa, die selbst aus Kappadokien stammten. und Epikuraeern vollgestopft war. Achtzig Jahre nach dem Tode Christi beklagt der humane Plinius das anwachsende Übel, das zu bekämpfen er umsonst bemüht ist Nach antiker Rechnung starb Jesus im Jahr 29 unserer Rechnung unter dem Konsulat der beiden Gemini. Plinius selbst hielt sich (entsprechend den Angaben von Pagus) im Jahre 110 in Bithynien auf. . In einem äußerst aufschlussreichen Brief an Kaiser Trajan meldet er, dass die Tempel nahezu leer ständen, die heiligen Opfertiere kaum Käufer fänden und dass der neue Aberglaube nicht nur die Städte angesteckt habe, sondern sich bereits bis in die Dörfer und das flache Land von Pontus und Bithynien ausbreite Plinius, Epistulae 10,96. .   DIE KIRCHE VON ANTIOCHIA – VERHÄLTNISSE IN ÄGYPTEN Ohne nun die Ausdrucksweise und die Gesinnung jener Autoren einer detaillierten Kritik zu unterziehen, welche den Sieg des Christentums im Osten beweinen oder feiern, soll hier doch die allgemeine Anmerkung gestattet sein, dass keiner von ihnen uns eine solide Grundlage hinterlassen hat, von der ausgehend wir die tatsächliche Zahl der Gläubigen jener Gemeinden abzuschätzen in der Lage sind. Ein Umstand ist uns zum Glück bekannt, der auf diesen wichtigen, aber dunklen Gegenstand einiges Licht wirft. Nachdem das Christentum mehr als sechzig Jahre in der kaiserlichen Gnadensonne gediehen war, lebten unter der Regentschaft des Kaisers Theodosius in der altberühmten Gemeinde von Antiochia mehr als einhunderttausend Personen, von denen dreitausend aus öffentlichen Mitteln unterhalten wurden Chrysostomos, Opera Band 7, p. 658 und 810. . Der Glanz und die Würde dieser Königin des Ostens, die bekannte Bevölkerungszahl von Caesarea, Seleucia, und Alexandria; der Tod von zweihundertundfünfzigtausend Menschen durch ein Erdbeben, welches Antiochia unter Justinian John Malada, Band 2, p.420, zieht dieselben Folgerungen hinsichtlich der Bevölkerungszahl von Antiochia. dem Älteren heimsuchte: dies sind so viele überzeugende Beweise dafür, dass ihre Gesamtzahl nicht weniger als eine halbe Million betrug und dass die Christen, wie sehr auch Eifer und Macht sie vervielfältigt hatte, den fünften Teil dieser Großstadt nicht überstiegen. – Welche unterschiedlichen Verhältnisse müssen wir nun annehmen, wenn wir die verfolgte und die triumphierende Kirche miteinander vergleichen, den Westen mit dem Osten, entlegene Dörfer mit Großstädten, und jüngst bekehrte Länder mit solchen, die sich schon seit langer Zeit christlich nannten! Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass in einem anderen Abschnitt Chrysostomos, dem wir diese hilfreichen Angaben verdanken, die Zahl der Gläubigen noch höher veranschlagt als die der Juden und Heiden Chrysostomos, Opera Band 1, p.592. Ich habe diese Stelle, wenn auch nicht das Fazit, dem gelehrten Dr. Lardner zu danken. (Credibility of the Gospel History, Band 12, p.370.) . Aber die Lösung dieser unverkennbaren Schwierigkeit ist leicht und offenkundig. Der redegewaltige Priester zieht eine Parallele zwischen der staatlichen und der kirchlichen Verfassung von Antiochia; zwischen der Liste der Christen, die sich den Himmel durch die Taufe erworben haben und der Liste der Bürger, welche ein Anrecht auf die öffentliche Wohlfahrt hatten. Sklaven, Fremde und Kinder waren in dem erstgenannten Register mitenthalten, sind im zweiten aber nicht mitgezählt. Der weltweite Handel Alexandrias und seine Nähe zu Palästina bahnten der neuen Religion rasch den Weg. Zuerst ließ sich hier eine große Anzahl von Therapeuten oder Essenern vom Mareotissee nieder, eine jüdische Sekte, die die Ehrfurcht vor dem mosaischen Gesetz abgelegt hatte. Der strenge Lebenswandel der Essener, ihre Fasten und Exkommunikationen, die Gütergemeinschaft, die Vorliebe für die Ehelosigkeit, ihr Streben nach dem Märtyrertod und schließlich die Aufrichtigkeit, wenn auch nicht eben die Reinheit ihres Glaubens: dies alles entwarf ein lebendiges Bild einer strengen Kirchenzucht Basnage hat mit kritischer Genauigkeit den lesenswerten Essay von Philo über die Essener untersucht. Durch den Nachweis, dass er bereits unter Augustus entstanden ist, hat Basnage gegen Eusebius und eine ganze Schar moderner Katholiken zeigen können, dass sie weder Christen noch Mönche waren. Es ist deshalb immer noch wahrscheinlich, dass sie ihren Namen, aber nicht ihre Sitten geändert hatten, einige neue Glaubensartikel annahmen und allmählich die Väter der ägyptischen Asketen wurden. . Es war wohl auch die Schule von Alexandria, in welcher das Christentum so etwas wie eine geordnete und theologische Form erhielt; und als dann Hadrian Ägypten besuchte, traf er eine Kirche aus Juden und Griechen an, welche bedeutend genug war, die Neugier dieses wissbegierigen Herrschers zu erregen Siehe einen Brief Hadrians in der Historia Augusta, Saturninus 8,1. . Aber die Fortschritte des Christentums blieben für lange auf eine einzige Stadt beschränkt, welche darüber hinaus selbst eine fremde Kolonie war, und bis zum Ende des dritten Jahrhunderts blieben die Vorgänger des Demetrios die einzigen Prälaten Ägyptens. Drei Bischöfe weihte Demetrius' Hand, zwanzig sein Nachfolger Heraclas Über die Chronologie der Bischöfe von Alexandria ziehe man Renaudot, Historia Patriarchum, p.24 zu Rate. Diese merkwürdige Tatsache überliefert uns der Patriarch Eutychius (Contextio, 1, p. 334), und ihre innere Glaubwürdigkeit allein sollte eine ausreichende Antwort auf alle Einwände sein, welche Bischof Pearnos in den Vindiciae Ignatianae vorbringt. . Die Masse der Landeskinder, berüchtigt wegen ihrer Renitenz Ammianus Marcellinus 22,16. , nahm die neue Lehre mit Herzenskühle und Widerwillen an, und noch zu Origines' Zeiten traf man nur selten einen Ägypter, welcher seine festverwurzelten Vorurteile überwunden hätte Origines, Contra Celsum 1, p.40. , die er für das heilige Getier seines Landes hegte. Sobald jedoch das Christentum sich durchgesetzt hatte, passte sich der Glaubenseifer dieser Barbaren den vorherrschenden Strömungen an, es füllten sich die Städte Ägyptens mit Bischöfen, und die Wüsten Thebens mit Eremiten auf der Suche nach Einsamkeit.   KIRCHENVERHÄLTNISSE IN ROM Ein unabsehbarer Strom von Fremden und Provinzlern sammelte sich in Rom, dem großen Auffangbecken. Was fremd war oder verhasst, wer schuldig war oder verdächtig, der mochte hoffen, im riesigen Dunkel der Hauptstadt dem Auge des Gesetzes zu entgehen. Bei einem so vielfältigen Zusammenfluss der Nationen konnte jeder Lehrer der Wahrheit oder der Lüge, jeder Stifter einer tugendseligen oder kriminellen Vereinigung seine Schüler oder Komplizen mit Leichtigkeit vermehren. Die Christen in Rom Bei Tacitus, Annales 15,44 heißt es »Multitudo ingens« (Eine ungeheure Menge). waren nach Darstellung des Tacitus zum Zeitpunkt ihrer ersten Verfolgung durch Nero bereits recht zahlenstark, und der Sprachduktus dieses großen Historikers gleicht etwa dem, den Livius anschlägt, als er über die Einführung und Unterdrückung des Bacchuskultes berichtet. Nachdem die Bacchanalen erst einmal die Strenge des Senates aufgerufen hatten, stand zu besorgen, dass eine große Masse, gleichsam ein anderes Volk , in diese abscheulichen Mysterien eingeweiht sein möchte. Es waren indessen nicht mehr als siebentausend fehlgegangen, wie eine nachfolgende sorgfältige Untersuchung ergab, als Gegenstand der öffentlichen Rechtspflege allerdings eine erschreckend hohe Zahl Livius 39,13 und 15-17. Unüberbietbar waren das Entsetzen und die Abscheu des Senates, als die Bacchanalen entdeckt wurden; Livius beschreibt deren Exzesse und möglicherweise übertreibt er dabei. . Einen ähnlichen Maßstab sollten wir an die unbestimmte Ausdrucksweise des Tacitus – und in einem früheren Falle an die des Plinius – anlegen, wenn sie die Unmassen der verführten Schwärmer übertreiben, welche die rechte Verehrung der Staatsgötter aufgegeben hatten. Die Kirche Roms war unbestritten die erste und größte des Reiches; und wir besitzen ein authentisches Dokument, welches den Zustand der Religion in dieser Stadt in der Mitte des dritten Jahrhunderts nach achtunddreißigjähriger Friedenszeit bezeugt. Der Klerus jener Zeit bestand aus einem Bischof, sechsundvierzig Priestern, sieben Diakonen, ebenso vielen Subdiakonen, zweiundvierzig Akolythen und fünfzig Lektoren, Exorzisten und Türstehern. Die Zahl der Witwen, Kranken und Armen, die die Milde der Gläubigen unterstützte, betrug fünfzehnhundert Eusebios, Historia 6,43. Der lateinische Übersetzer, Herr de Valois, hielt es für nötig, die Zahl der Presbyter auf 44 zu verringern. ; Vernunftgründe und der Analogieschluss mit Antiochia erlauben uns die Folgerung, dass es in Rom etwa fünfzehntausend Christen gab. Mit Genauigkeit kann die Bevölkerungszahl dieser Stadt nicht ermittelt werden; aber auch die zurückhaltendste Berechnung kann sie gewiss nicht unter eine Million Einwohner herabsetzen, von denen die Christen bestenfalls den zwanzigsten Teil bilden mochten Das Zahlenverhältnis der Presbyter und Armen gegenüber dem Rest der Bevölkerung wurde zuerst von Burnet (travels into Italy, p. 168) bestimmt und dann von Moyle (Works, Band 2, p. 151) bestätigt. Da beide den betreffenden Abschnitt aus Chrysostomos nicht kannten, wird aus ihrer Konjektur fast eine gesicherte Tatsache. .   AFRIKA UND DIE WESTLICHEN PROVINZEN Die Einwohner der Provinzen des Westens scheinen ihre Kenntnisse des Christentums aus denselben Quellen geschöpft zu haben, aus welcher sie auch Sprache, Sitte und Gesinnung Roms empfingen. Afrika und Gallien richteten in diesen wichtigeren Punkten nach dem Vorbild der Hauptstadt. Aber trotz der vielen günstigen Gelegenheiten, welche die Missionare Roms einladen mochten, ihre lateinischen Provinzen aufzusuchen, überquerten sie die Alpen oder das Meer »Serius trans Alpes, religione Dei suscepta.« (Jenseits der Alpen wurde der Gottesglaube erst spät angenommen.) Sulpicius Severus, Historia Sacra 1,2. Was Afrika angeht, siehe Tertullian Ad Scapulam 3. Nach der Aussage der Donatisten, deren Zeugnis stillschweigend von Augustin bekräftigt wird, war Afrika die letzte Provinz, in welcher das Evangelium gepredigt wurde. erst sehr spät; wir können in jenen großen Provinzen keine Spuren von Bekehrung oder Verfolgung ausmachen, welche weiter hinabreichen als bis in die Zeit der Antonine »Tum prima intra Gallias martyria visa.« (Damals erlebte man in Gallien zum ersten Male Märtyrer.) Sulpicius Severus, Historia Sacra 32,1. Man vermutet, dass die skyllitischen Märtyrer die ersten waren (Acta sincera p.34). Einer der Gegner des Apuleius scheint ein Christ gewesen zu sein. (Apologia. Opera, Band 1, p. 496f) . Das schleppende Vorankommen des Evangeliums im kühlen Klima Galliens steht in einem deutlichen Gegensatz zu der Begierde, mit der es in Afrikas heißen Sandwüsten angenommen worden zu sein scheint. Die Christen Afrikas bildeten auch bald einen der Hauptstützen der jungen Kirche. Es lebte in dieser Provinz der Brauch, Bischöfe für unscheinbare Städte, bisweilen sogar für kümmerliche Dörfer zu ernennen und so den Glanz und den Einfluss dieser Gemeinden zu heben, welche dann im dritten Jahrhundert durch Tertullians Eifer geistig belebt, durch Cyprians Geschick regiert und durch Lactantius' Eloquenz ausgeschmückt wurden. Betrachten wir dahingegen die Verhältnisse in Gallien, dann müssen wir, etwa für die Zeit eines Marcus Aurelius, damit zufrieden sein, wenn wir wenigsten die schwächlichen und vereinigten Gemeinden von Lyon und Vienna entdecken können; und noch in der späten Regentschaft des Decius, so wird uns versichert, gab es nur in wenigen Städten einige zerstreute Kirchen, welche durch eine kleine Schar von Gläubigen erhalten wurden, etwa in Arles, Narbonne, Toulouse, Limoges, Clermont, Tours und Paris »Rarae in aliquibus civitatibus ecclesiae, paucorum Christianorum devotione, resurgerent.« (Nur einige Kirchen mit wenigen bekennenden Christen in dieser und jener Stadt erhoben sich wieder.) Acta Sincera, p. 130. Gregor von Tours,1,28. Mosheim, De rebus Christianiorum, p. 207, 449. Es spricht einiges dafür, dass zu Beginn des IV. Jahrhunderts die großen Diözesen von Lüttich, Trier und Köln ein einziges Bistum bildeten, welches kurz zuvor gestiftet war. Vergleiche hierzu die Mémoires de Tillemont, Band 6, Teil 1, p.43 und 411. . Schweigen steht zur Andacht in keinem Widerspruch, aber da es mit religiösem Eifer nur selten zusammenpasst, so mögen wir den lauen Zustand des Christentums in jenen Provinzen, die schon längst die keltische gegen die lateinische Sprache getauscht hatten, zur Kenntnis nehmen und uns darüber beklagen, dass sie innerhalb von drei Jahrhunderten nicht einen einzigen Kirchenschriftsteller hervorgebracht hatten. Von Gallien aus, welches in punkto Gelehrsamkeit und Autorität zu Recht den Spitzenplatz in allen Ländern diesseits der Alpen für sich reklamierte, strahlte das Licht des Evangeliums auf die entlegen Provinzen Spaniens und Britanniens noch matter, und wenn wir denn Tertullians heftigen Erklärungen glauben können, dann hatten diese die Morgenröte des Glaubens bereits empfangen, als er noch seine Verteidigungsschrift an die Beamten des Kaisers Severus abfasste Das Entstehungsdatum von Tertullians Apologie datiert Mosheim in einer Abhandlung auf das Jahr 198. . Aber der Ursprung der westlichen Kirchen liegt weitgehend im Dunkeln und ist so sorglos und nachlässig aufgezeichnet worden, dass wir, wollten wir Zeit und Ort ihrer Stiftung mitteilen, auf die müßigen Märchen zurückgreifen müssten, welche lange Zeit danach der Aberglauben und die Prahlsucht den Mönchen im trüben Dunkel ihrer Klöster eingeflüstert haben Im XV. Jahrhundert gab es einige, welche Neigung oder Mut verspürten, die Frage zu untersuchen, ob etwa Joseph von Arimathea das Kloster von Glastonbury gegründet oder ob Dionysios Areopagicus als Wohnsitz lieber Paris den Vorzug vor Athen gegeben habe. . Von diesen frommen Fabeln verdient nur die des Apostels Jakob Erwähnung, weil sie besonders aus dem Rahmen fällt. Aus einem schlichten Fischer vom See Genezareth wurde ein tapferer Rittersmann, welcher die spanische Ritterschaft in ihren Schlachten gegen die Mauren anführte. Durchaus seriöse Historiker haben seine Taten gefeiert; der wundersame Schrein zu Compostella hat seine Macht erkennen lassen, und das Schwert eines militärisch organisierten Ordens hat, vom Terror der Inquisition tatkräftig unterstützt, jedweden Zweifel einer profanen Kritik mundtot gemacht Diese wundersame Metamorphose ereignete sich im IX Jh. Siehe auch Mariana (Historia Hispaniae, Band 1, p. 285), der in jeder Hinsicht Livius imitiert, und die ehrbare Enthüllung der Jacoblegende von Dr. Geddes, Miscellanies, Band 2, p.221. .   DIE KIRCHE JENSEITS DER REICHSGRENZEN Die Fortschritte des Christentums blieben nicht auf das römische Imperium beschränkt; und glaubt man den frühesten Kirchenvätern, welche Tatsachen gerne als erfüllte Prophezeiungen ausgeben, hatte die neue Religion innerhalb eines Jahrhunderts nach dem Tode ihres göttlichen Stifters jeden Winkel der Erde erreicht. »Kein Volk ist auf Erden,« spricht Justinus der Märtyrer, »es sei griechisch oder barbarisch oder von welchem Stamme auch immer, von anderen durch welchen Namen oder Brauch auch immer unterschieden, sei es unkundig der Künste oder des Ackerbaus, es hause in Zelten oder lebe in schweifenden Wagen, welches nicht seine Gebete im Namen des Gekreuzigten an den Vater und Schöpfer aller Dinge richten würde Justinus Martyr, Dialogus cum Tryphon, p. 341; Irenaeus adversus Haereses 1,10; Tertullian adversus Judaeos, 7; See Mosheim, de Rebus Christianorum p. 208. .« Nun kann man diese ruhmredige Übertreibung, die selbst heute noch mit den tatsächlichen Gegebenheiten kaum vereinbar wäre, als vorschnelles Witzwort eines oberflächlich-frommen Schreibers ansehen, der es verstand, seinen Glauben nach seinen Wunschvorstellungen einzurichten. Aber weder die Wünsche noch der Glauben der Väter können die historische Wahrheit abändern. Und so ist und bleibt es eine unbestrittene Tatsache, dass die Barbaren Skythiens und Germaniens, die später die römische Monarchie überrannten, in das Dunkel des Heidentums gehüllt blieben; und dass selbst die Bekehrung Iberiens, Armeniens oder Äthiopiens erst dann mit leidlichem Erfolg versucht werden konnte, als ein rechtgläubiger Kaiser das Szepter in Händen hielt Siehe das IV. Jahrhundert in Mosheims, Ecclesiastical History. Viele, wenn auch höchst widersprüchliche Tatsachen im Zusammenhang mit der Bekehrung Iberiens (Südlich des Kaukasus) und Armeniens finden sich bei Moses von Chorene. Historia Armenica, 2, c.78-89 . Davor haben wohl manchmal kriegerische Wechselfälle oder Zufälligkeiten des Handels oberflächliche Kenntnisse über das Evangelium unter den Stämmen Kaledoniens Folgt man Tertullian, dann hat sich das Christentum in Britannien festgesetzt, wo römische Waffen nicht hingelangten; ein Jahrhundert später soll Ossian, Fingals Sohn, im hohen Alter mit einem der ausländischen Missionare debattiert haben, und eine Aufzeichnung dieses Wortgefechtes existiert noch heute in Versform und gälischer Sprache. S. Herrn McPhersons Untersuchung über das Alter von Ossians Dichtung. verbreitet oder an den Rhein-, Donau- und Euphratgrenzen Die Goten, welche während der Herrschaft des Gallienus Asien heimsuchten, führten auch zahlreiche Gefangene fort; einige von diesen waren Christen und wurden Missionare. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 4, p.44. . Jenseits dieses zuletzt genannten Flusses zeichnete sich Edessa durch frühzeitige und feste Anhängerschaft an den neuen Glauben aus Die berühmte Legende von Abgarus liefert den Beweis, dass viele Jahre, bevor Eusebius seine Kirchengeschichte schrieb, die Einwohner Edessas zum größten Teil christianisiert waren. Ihre Gegner, die Bürger von Karrhae, blieben bis weit ins sechste Jahrhundert heidnisch. . Von Edessa aus fanden die christlichen Werte leichten Zugang in die griechischen und syrischen Städte, welche den Nachfolgern des Artaxerxes untertänig waren; auf die Perser scheinen sie indessen keinen tieferen Eindruck gemacht zu haben, war doch ihr religiöses System durch die Anstrengungen einer wohlorganisierten Priesterkaste kunstreicher und solider aufgeführt als die ungereimten Mythen der Griechen und Römer Bardesanes meint (bei Eusebios, Praeparatio evangelica), es habe vor dem Ende des zweiten Jahrhunderts einige Christen in Persien gegeben. Unter Constantin waren sie zu einer großen Kirche emporgeblüht (S. dessen Brief an Schapur, Vita 4,13). S. Beausobre, Histoire du Manichéisme, Band 1, p.180, und die Bibliotheca orientalis von Assemani. .   ZAHLENVERHÄLTNIS VON CHRISTEN UND HEIDEN Dieser unparteiische, wenn auch unvollständige Überblick über die Ausbreitung des Christentums macht es wahrscheinlich, dass die Zahl der Proselyten einmal durch Angst und zum anderen durch Religionseifer vermehrt worden ist. Nach dem ausdrücklichen Zeugnis des Origines Origines, contra Celsum 8, p. 424. war die Anzahl der Gläubigen klein, verglichen mit der Masse der Ungläubigen; da uns hier aber zuverlässige Informationen fehlen, ist es unmöglich, die Zahl der frühen Christen genau festzulegen und schwierig, sie auch nur zu raten. Aber selbst die günstigste Hochrechnung, die man nach dem Beispiel von Antiochia und Rom durchführen kann, gestattet uns nicht die Vermutung, dass sich mehr als der zwanzigste Teil der Reichsuntertanen vor der entscheidenden Bekehrung Constantins unter das Banner des Kreuzes geschart hatten. Aber ihr Glaube, ihr Eifer und ihre Einigkeit schienen ihre Zahl gleichsam zu vervielfältigen, und dieselben Ursachen, die ihrem künftigen Wachstum förderlich werden sollten, machten auch ihre damalige Stärke offenkundiger und gewaltiger.   GELEHRTE UND WOHLHABENDE URCHRISTEN Dies ist nun einmal die Verfasstheit der bürgerlichen Gesellschaft, dass einige wenige durch Reichtum, Ansehen und Kenntnisse sich auszeichnen, während es der Masse des Volkes aufgegeben ist, im Verborgenen, in Armut und in Unwissenheit zu schmachten. Die christliche Religion, die sich an die ganze Menschheit wandte, gewann ihre Proselyten folgerichtig weit mehr aus den niederen als aus den gehobenen Ständen. Dieser unschuldsvolle und naturgemäße Umstand veranlasste einen gehässigen Vorwurf, den zu widerlegen die Apologeten weit weniger bemüht waren als die Feinde des Glaubens ihn hervorzuheben: dass nämlich diese neue Christensekte fast nur aus dem Abschaum der Menschheit bestehe, aus Bauern und Handwerkern, Knaben und Weibern, Bettlern und Sklaven; welche Letztgenannten bisweilen sogar den Glaubensboten den Zutritt zu den reichen oder adligen Familien vermittelten, denen sie zugehörten. Diese Lehrer der Finsternis (so die Anklage der Bosheit und des Unglaubens) blieben in der Öffentlichkeit ebenso stumm auf wie im Privatbereich mitteilsam und dogmatisch. Während sie der heiklen Begegnung mit den Philosophen wohlweislich aus dem Wege gehen, machen sie sich mit der rohen und ungebildeten Menge gemein und schleichen sich in das Gemüt all derer, welche Erziehung, Alter oder Geschlecht für abergläubisches Einschüchterungen besonders empfänglich machen Minucius Felix 8 nebst den Anmerkungen von Wowerus. Celsus, bei Origenes, 8, p. 138 und 142; Julian bei Kyrillos, adversus libros athei Iuliani 6 .   EINIGE AUSNAHMEN IN HINBLICK DIE BILDUNG... Dieses ungünstige Bild, dem eine entfernte Ähnlichkeit mit der Realität gleichwohl nicht abgeht, verrät durch seine schwarzen Farben und verzerrten Züge den Pinsel des Feindes. Als sich dann der schlichte Glaube an Christus in der Welt ausbreitete, wurde er auch von mehreren Personen angenommen, welche von Natur aus oder durch Zufall von einiger Bedeutung waren. Aristides, der dem Kaiser Hadrian eine gelehrte Apologie vorlegte, war Philosoph aus Athen Eusebios, Historia 4,3; Hieronymos, Epistulae 84. . Justinus Martyr hatte sich in den Schulen von Zeno, Aristoteles, Pythagoras oder Plato Kenntnisse des Göttlichen gesucht, bevor er glücklicherweise den alten Mann, oder besser: Engel traf, der seine Aufmerksamkeit auf das Studium der jüdischen Propheten lenkte Diese Begebenheit wird sehr hübsch im Dialog des Iustinus Martyr erzählt. Tillemont, der sie ihm nacherzählt (Memoires ecclésiastiques, Band 2, p.334), ist sich sicher, das der alte Mann ein verkleideter Engel war. . Clemens von Alexandria hatte sich ausgebreitete Kenntnisse der griechischen und Tertullian der lateinischen Literatur angeeignet. Iulius Africanus und Origines waren zu ihrer Zeit Leuchten der Gelehrsamkeit; und wenn der Stil des Cyprian sich auch deutlich von dem des Lactantius unterscheidet, so lässt sich gleichwohl erkennen, dass beide öffentliche Lehrer der Beredsamkeit waren. Selbst das Studium der Philosophie nahmen die Christen allmählich auf, aber die Resultate war nicht immer heilsam: Wissen wurde ebenso oft zum Vater der Ketzerei wie der Andacht, und die Beschreibung, die den Anhängern des Artemon zugedacht war, traf mit gleichem Recht auch auf die verschiedenen Sektenmitglieder zu, welche den Nachfolgern der Apostel Widerstand leisteten: »Sie sind so vermessen, die Heilige Schrift zu ändern, die alten Glaubensregeln aufzugeben und ihre Meinung nach den rabulistischen Regeln der Logik zu bilden. Die Wissenschaft von der Kirche lassen sie fahren für die Geometrie, und sie verlieren den Himmel aus dem Blick, während sie die Erde vermessen. Euklid haben sie immer zur Hand, Aristoteles und Theophrastos sind die Objekte ihrer Verehrung, und für die Werke des Galen äußern sie offen ihre Bewunderung. Ihre Irrtümer beziehen sie aus dem Missbrauch der Künste und von den Wissenschaften der Ungläubigen, und sie verderben die Schlichtheit des Evangeliums durch klügelnde Zutat Eusebios, Historia 5,28. Man kann nur hoffen, dass niemand außer den Ketzern Celsus (bei Origines 2, p. 77) zu seiner Klage Veranlassung gab, dass nämlich die Christen beständig an ihren Evangelien herumbesserten. .«   ...UND DIE VERMÖGENSVERHÄLTNISSE Genauso wenig kann mit Sicherheit festgestellt werden, dass hohe Geburt und großes Vermögen zuverlässig ein Bekenntnis zum Christentum ausschlossen. Einige römische Bürger wurden vor das Tribunal des Plinius geschleppt, und schon bald musste er entdecken, dass viele Menschen aus allen Ständen in Bithynien den Göttern ihrer Väter abgeschworen hatten Plinius, Epistulae 10,96. »Fuerunt alii similis amentiae, cives Romani.... Multi enim omnis aetatis, omnis ordinis , utriusquae sexus, et iam vocantur in periculum et vocabuntur.« (Andere, römische Bürger, waren von dem gleichen Wahn befallen...Denn viele, aus jeder Altersstufe, aus jedem Stand , beiderlei Geschlechts sind jetzt und künftighin bedroht.) . Dieses unverdächtige Zeugnis mag, zumindest in diesem Falle, glaubwürdiger erscheinen als jener beherzte Angriff des Tertullian, welcher an die Befürchtungen und die Menschlichkeit des Prokonsuls von Afrika appelliert und ihm zugleich versichert, dass er, sollte er bei seinem grausamen Vorsatz bleiben, er notwendig jeden zehnten Bewohner von Karthago hinrichten müsse, werde er doch unter den Beschuldigten auch viele Personen seines eigenen Standes finden, Senatoren und darüber hinaus Matronen der edelsten Herkunft und endlich sogar Freunde und Verwandte seiner besten Freunde Tertullian, ad Scapulam. Doch selbst seine Rhetorik versteigt sich nicht weiter als bis zu zehn Prozent von Karthagos Einwohnern. . Vierzig Jahre später jedoch, so scheint es, war Kaiser Valerian von der Korrektheit dieser Angaben durchaus überzeugt, da er in einer seiner Reskripte offen davon sprach, dass römische Ritter und hochmögende Weiber der christlichen Sekte beigetreten seien Cyprian, Epistulae 80. . Die Kirche selbst nahm zu an äußerem Glanz und zugleich ab an Lauterkeit; und unter Diocletian waren der Palast, die Gerichtshöfe und selbst die Armee mit heimlichen Christen durchdrungen, welche sich anschickten, ihre Interessen an der Gegenwart mit denen am künftigen Leben zu harmonisieren.   CHRISTENTUM BEI DEN ARMEN WOHLGELITTEN... Dennoch sind dieser Ausnahmen zu wenige und sie fallen in eine zu späte Zeit, als dass sie die Vorwürfe der Unwissenheit und Bedeutungslosigkeit völlig entkräften könnten, was man den ersten Bekennern in blasierter Weise vorhielt. Wir wollen nun nicht die läppischen Fabeln späterer Jahrhunderte zu unserer Verteidigung bemühen, sondern vielmehr das Ärgernis zu einem Moment der geistlichen Stärkung umgestalten. Bei vertieftem Nachdenken werden wir nämlich finden, dass die Vorsehung sich die ersten Apostel unter den Fischerleuten vom See Genezareth aussuchte und dass wir, je weiter wir die Geschichte der ersten Christen zurück verfolgen, immer mehr Grund haben, ihre Verdienste und ihren Erfolg zu bewundern. Es liegt uns ob, uns genau daran zu erinnern, dass den Armen im Geiste das himmlische Königreich versprochen ward und dass bedrängte und erniedrigte Seelen mit Freuden den göttlichen Verheißungen künftigen Glückes zuhören; während sich die Glückskinder mit dem Besitze dieser Welt zufrieden geben; und die bornierten Weisen ihre Überlegenheit an Verstandeskräften und Kenntnissen für müßiges Gezänk darangeben.   ...ABER ABGELEHNT VON HERVORRAGENDEN PERSÖNLICHKEITEN Wir bedürfen solcher Überlegungen, um uns über den Verlust einiger hochberühmter Charaktere hinwegzutrösten, welche nach unserer Ansicht dieses himmlischen Geschenkes am würdigsten gewesen wären. Seneca, der ältere und jüngere Plinius, Tacitus, Plutarch, Galen, der Sklave Epiktet und der Kaiser Mark Aurel: diese Namen sind Zierden ihres Jahrhunderts und Ruhmesblätter für den menschlichen Geist. Sie übten ihre jeweiligen Stellungen im tätigen wie im kontemplativen Leben mit Erfolg; durch fernere Studien vermehrten sie ihre Geistesstärke; vom volkstümlichen Aberglauben hatten sie sich mit Hilfe der Philosophie befreit; und ihre Tage brachten sie zu, indem sie die Wahrheit suchten und die Tugend übten. Und doch übersahen alle diese Weisen (es ist dies ebenso überraschend wie betrüblich) die Vollkommenheit des christlichen Systems, oder sie lehnten es ab. Ihre Sprache verriet ebenso wie ihr Schweigen nur Verachtung für diese anwachsende Sekte, welche sich zu ihren Lebzeiten im Reich ausbreitete. Wenn sie sich überhaupt herbeiließen, ihrer zu erwähnen, dann betrachteten sie die Christen als renitente und bösartige Fanatiker, welche bedingungslose Unterwerfung unter ihre Disziplin verlangten, ohne zugleich auch nur einen einzigen Grund nennen zu können, der einen Menschen von Bildung und Geschmack an sie binden könnte Dr. Lardner sammelt in dem 1. und 2. Band seiner Jewish and Christian testimonies die Aussagen des Plinius d.J., Tacitus, Galen, Marc Aurel und vielleicht auch Epiktet (wir wissen nicht, ob dieser Philosoph wirklich von den Christen sprechen wollte). Seneca, Plinius d.Ä. und Plutarch erwähnen die neue Sekte mit keinem Wort. .   IHRE MISSACHTUNG DER PROPHEZEIUNGEN... Ob einer dieser Philosophen die Verteidigungsschriften durchgelesen hat, welche die Urchristen wiederholt für sich und für ihren Glauben publizierten, ist zumindest zweifelhaft; aber es ist doch recht ärgerlich, dass sich nicht erwecktere Anwälte eines solchen Anliegens angenommen hatten. Mit sprudelnder Beredsamkeit und überquellendem Witz zerpflücken sie die Albernheiten des Polytheismus. Sie malen die unschuldigen Leiden ihrer Glaubensbrüder aus und erregen dadurch unser Mitleid. Wollen sie aber den göttlichen Ursprung des Christentums nachweisen, dann legen sie sehr viel größeren Wert auf die Prophezeiungen, die das Erscheinen des Messias ankündigten, als auf die Wundertaten, welche es begleiteten. Ihr Hauptargument mochte vielleicht einen Christenmenschen erbauen oder einen Juden bekehren, denn beide anerkennen gleichermaßen die Gültigkeit jener Prophezeiungen und sind im frommer Verehrung gehalten, nach ihrem Sinn und seiner Erfüllung zu suchen. Aber diese Art des Argumentierens verliert viel von seiner Überzeugungskraft gegenüber solchen, die von der mosaischen Religion und den Propheten nichts verstehen und auch nichts wissen wollen Hätte man einem römischen Weisen die berühmte Geschichte mit des Siebzig Wochen erzählt, wie hätte er da anders als mit den Worten Ciceros antworten können: »Quae tandem ista auguratio est, annorum potius quam aut mensium aut dierum?" (Was soll das für eine Weissagung sein, die von Spatzen eher auf Jahre als auf Monate oder Tage schließt?) De Divinatione 2,30. Man beachte, mit welcher Geringschätzung Lukian (Alexander 13) und sein Freund Kelsos (bei Origines 7, p.327) die Propheten Israels durch die Hechel ziehen. . In den unbeholfenen Händen Justins und der späteren Apologeten verflüchtigte sich der weihevolle Sinn der hebräischen Orakel in wolkige Symbolik, gekünstelte Gedankengänge oder abgestandene Metaphorik; und schließlich wurde sogar ihre Echtheit einem unerleuchteten Heiden verdächtig infolge der frommen Betrügereien, welche man ihm unter dem Namen Orpheus, Hermes und der Sibyllen Die Philosophen, die sich über die noch älteren Prophezeiungen der Sibyllinen mokierten, würden auch leicht die jüdischen und christlichen Betrügereien entdeckt haben, welche die Kirchenväter von Justin dem Märtyrer bis zu Lactantius mit Triumphgeschrei vortrugen. Als die sibyllinischen Bücher ihren Zweck erfüllt hatten, wurden sie, ähnlich wie die Geschichte vom tausendjährigen Reich, stillschweigend beiseite gelegt. Die christlichen Sibyllinen hatten ihn fatalerweise für das Jahr 195 (entsprechend 948 a.u.c.) vorhergesagt. als gleichwertig mit den wahren Eingebungen des Himmels anzudienen versuchte. Der Rückgriff auf Betrug und Trickerei bei der Verteidigung der Offenbarung erinnert uns oftmals an die unbedachten Einfälle jener Dichter, welche ihren Helden unverwundbar machen und ihm gleichwohl mit der nutzlosen Fracht einer sperrigen und zerbrechlichen Rüstung beschwerlich fallen.   ...UND DER WUNDER Wie aber sollen wir es entschuldigen, dass die heidnische Welt nur matte Verachtung erübrigte für jene Zeugnisse, welche die Hand der Allmacht wenn schon nicht ihrem Verstand, so doch ihrer Phantasie darbot? Als Christus, seine Apostel und noch deren erste Schüler lebten, wurde die Lehre, die sie predigten, durch ungezählte Wunder bekräftigt. Die Lahmen wurden gehend, die Blinden konnten wieder sehen, die Kranken wurden geheilt, Tote erstanden, Dämonen wurden ausgetrieben, und zum Wohle der Kirche wurden Naturgesetze beurlaubt. Aber Roms und Griechenlands Weise schreckten zurück vor diesem Schauspiel, verfolgten ihre üblichen Studien und Tagesgeschäfte und gewahrten ersichtlich nicht die moralische oder physische Besserung der Welt. Unter der Regierung des Tiberius wurde die ganze Welt Die Kirchenväter, die Dom Calmet ( Dissertationes sur la Bible, Band 3, p. 295-308.) in Schlachtordnung aufmarschieren lassen, scheinen die ganze Erde in Finsternis zu hüllen, und die modernen Autoren folgen ihnen darin. oder doch wenigstens eine berühmte Provinz des Reiches Origenes ad Matthaeum 27 und einige moderne Kritiker wie Beza, Le Clerc, Lardner \&c möchten sie auf Judäa begrenzen. in eine übernatürliche Dunkelheit von drei Stunden Dauer gehüllt. Aber selbst dieses wunderbare Ereignis, welche das Staunen, die Neugierde und die Anbetung der Menschheit verdient hätte, ging in einem Jahrhundert der Wissenschaft unbemerkt vorbei Die berühmte Stelle bei Phlegon hat man heutzutage klugerweise fallengelassen. Wenn Tertullian den Heiden versichert, dass die Erwähnung dieses Wunders auch in euren ›Arcanen‹ (nicht ›Archivis‹) vorkommt, dann bezieht er sich vermutlich auf die sibyllinischen Verse, welche genau im Wortlaut des Evangeliums davon berichten. . Es trug sich bei Lebzeiten Senecas und des älteren Plinius zu, welche entweder die unmittelbare Wirkung des Wunders beobachtet hatten oder zumindest die ersten Nachrichten darüber erhalten haben mussten. Jeder dieser Forscher hat in mühevoller Arbeit alle großen Naturereignisse aufgezeichnet, Erdbeben, Meteore, Kometen und Sonnenfinsternisse, alles, was eine neugierige Forscherseele nur festhalten mochte Seneca, Quaestiones Naturales 1, l5; 6,1; 7,17. Plinius Historia Naturalis 2. . Aber beide haben das größte Ereignis ausgelassen, das sich seit Erschaffung der Welt vor den Augen von Sterblichen abgespielt hat. Plinius hat ungewöhnlichen Sonnenfinsternissen und solchen von besonderer Dauer ein eigenes Kapitel gewidmet Plinius, Naturalis Historia 2,30. ; aber er begnügt sich damit, den merkwürdigen Lichtmangel nach der Ermordung Caesars zu erwähnen, als die Sonne für den Rest des Jahres nur blass und glanzlos schien. Das Jahr der Finsternis, welches auf keinen Fall mit der übernatürlichen Dunkelheit während Christi Passionszeit verwechselt werden sollte, war von den meisten Dichtern Virgil. Georgica 1,466; Tibullus, 2,5,75; Ovid, Metamorphoses 15,782. Lucan, Pharsalos 1,535. Der letztgenannte Dichter lässt das Wunder vor dem Bürgerkrieg stattfinden. und Geschichtsschreibern jenes denkwürdigen Zeitalters bereits rühmlich erwähnt worden Siehe ein öffentliches Schreiben des Marcus Antonius bei Iosephus, Antiquitates Iudaicae 14,12; Plutarch, Caesar 69; Appian, Bella Civilia, 4; Cassius Dio, 45,17; Julius Obsequens, Liber prodigiorum 128. Sein kleiner Traktat ist eine Zusammenfassung von Livius' Weissagungen. .. XVI. VERHALTEN DER RÖMISCHEN REGIERUNG GEGENÜBER DEN CHRISTEN VON NERO BIS ZU KONSTANTIN · VERFOLGUNG DER JUDEN UND CHRISTEN DURCH DOMITIAN   GEGENSTAND DES KAPITELS Vergegenwärtigen wir uns ernstlich die Lauterkeit der christlichen Religion, die Reinheit ihrer moralischen Prinzipien und die sündenfrei-asketische Lebensführung der Mehrheit ihrer ersten Bekenner, dann sollten wir eigentlich auch der naheliegenden Folgerung zuneigen, dass eine solche segensreiche Lehre selbst von dem nichtgläubigen Teil der Menschheit mit schuldigem Respekt hätte aufgenommen werden müssen; dass die Klugen und Gebildeten trotz ihrer Verachtung von Wunderfabeln die Segnungen dieser neuen Sekte hätten erkennen müssen; und dass die Behörden diese neue Glaubensbrüderschaft, anstatt ihr nachzusetzen, wegen ihrer bedingungslosen Gesetzestreue hätten schützen müssen, wenngleich sie Kriegsdienste und bürgerliche Ämter entschieden ablehnte. Wenn wir uns weiterhin erinnern, wie der Polytheismus sich der allgemeinsten Duldung erfreute, wie er vom Volk gewohnheitsmäßig geglaubt, von den Denkenden abgelehnt und vom römischen Senat und den Kaisern nur aus Gründen der Staatsraison beibehalten wurde, dann sind wir in einiger Verlegenheit herauszufinden, welcher Verbrechen sich die Christen schuldig gemacht haben sollen, welche Keckheit den milden Gleichmut der Antike erzürnt haben mag oder welche neuen Gründe die römischen Kaiser, welche doch sonst tausenderlei Religionen in ihrem Reiche duldeten, plötzlich vermocht hätten, die ganze Strenge des Gesetzes auf alle diejenigen ihrer Untertanen niederfahren zu lassen, die für sich eine zwar schnurrige, aber im ganzen doch arglose Form des Glaubens und der Gottesverehrung gefunden hatten. Die Religionspolitik der Römer scheint strengere und unduldsamere Züge angenommen zu haben, als sie dem sich ausbreitenden Christentum entgegentrat. Etwa achtzig Jahre nach dem Tode Christi wurden seine unschuldigen Jünger zum Tode verurteilt, und zwar durch den Urteilsspruch eines Prokonsuls von ausgesprochen liebenswerter und philosophischer Denkart, welcher den Weisungen seines Kaisers gemäß seine Provinz besonnen und gerecht verwaltete. Die Verteidigungsschriften, welche immer wieder an die Nachfolger Trajans gerichtet wurden, waren voll mit bitteren Klagen darüber, dass die Christen, die doch nur den Weisungen ihres Gewissens folgten und nur diese Freiheit für sich erflehten, die einzigen unter allen römischen Untertanen seien, welche von den allgemeinen Segnungen ihrer wohlwollenden Regierung ausgeschlossen würden. Die Todesumstände einiger berühmter Märtyrer wurden sorgfältig aufgezeichnet; und sobald das Christentum die oberste Regierungsgewalt innehatte, waren die Kirchenfürsten mehr darum bemüht, die Grausamkeit ihrer heidnischen Gegner offen zu legen als deren Verhalten nachzueifern. Es ist die Absicht des folgenden Kapitels, die wenigen zuverlässigen und berichtenswerten Fakten von der ungenießbaren Masse aus Erfindung und Irrtum abzusondern (wenn dies überhaupt möglich ist) und klar und verständig über die Art, die Ursachen, den Umfang, die Dauer und die wesentlichsten Begleitumstände der ersten Christenverfolgungen zu berichten.   DIE RÖMISCHEN KAISER UND DAS JUDENTUM Die Jünger einer verfolgten Religion, von beständiger Furcht niedergedrückt, von Grimm gepackt oder möglicherweise sogar fanatisiert, sind nur selten in der rechten Stimmung, mit kaltem Verstand über die Gründe ihrer Feinde nachzusinnen oder ehrliches Verständnis für deren Motive aufzubringen, was übrigens auch oftmals dem unparteiischen und trennscharfem Urteil derjenigen nicht gelang, die weit genug entfernt von den Brennpunkten der Verfolgung lebten. Einen Grund für das Verhalten der Kaiser gegenüber den ersten Christen hat man genannt, und er klingt umso einleuchtender und wahrscheinlicher, als er dem anerkannten Geiste des Polytheismus entlehnt ist. Es wurde bereits angemerkt, dass die religiöse Eintracht der alten Welt in erster Linie davon lebte, dass die Nationen gegenüber den Traditionen und Zeremonien der jeweils anderen respektvolle Duldung übten. Es scheint daher naheliegend, dass sie sich, durch Empörung geeint, gegen eine Sekte verwahrt hätten, welche sich selbst aus der Gemeinschaft der Menschen ausgegrenzte, Wissen um die göttlichen Dinge für sich allein reklamierte und jede Form der Anbetung außer ihrer eigenen als gottlos und götzendienerisch verachtete. Das Anrecht auf Toleranz wird durch gegenseitige Duldung erworben; es wird verwirkt, wenn dieser herkömmliche Tribut nicht entrichten wird. Da nun die Juden und nur sie diesen Zoll besonders halsstarrig verweigerten, werden wir, wenn wir genauer untersuchen, welche Behandlung die römischen Magistrate ihnen angedeihen ließen, auch klären können, wie weit die oben angeführten Vermutungen durch Fakten gestützt sind und uns so schließlich die wirklichen Gründe für die Verfolgung der Urchristen entdecken lassen.   DER WIDERSETZLICHE GEIST DES JUDENTUMS Wir wollen nun nicht wiederholen, was wir bereits über die Verehrung der römischen Kaiser im Tempel zu Jerusalem ausgeführt haben und nur noch anmerken, dass die Zerstörung des Tempels und der Stadt von genau den Umständen begleitet war, welche imstande waren, die Eroberer aufs Blut zu reizen und die für religiöse Verfolgungen höchst achtbaren Vorwände der politischen Justiz und öffentlichen Sicherheit zu liefern. Von Neros Herrschaft bis zu den Antoninen erlitten die Juden die zornige Ungnade Roms, was zuverlässig zu wütenden Massakern und Erhebungen führte. Die Menschlichkeit entsetzt sich über die Schilderung der Grausamkeiten, die sie in Städten Ägyptens, Zyperns und Cyrenes begingen, wo sie in trügerischer Eintracht mit den arglosen Eingeborenen lebten In Cyrene sollen 220 000, in Zypern 240 000 und in Ägypten ebenfalls sehr viele umgebracht worden sein. Viele dieser unglücklichen Opfer wurden zersägt, was durch das Vorbild Davids sanktioniert war. Die siegreichen Juden verschlangen das Fleisch, leckten das Blut auf und wickelten sich das Darmgekröse um den Körper. Siehe Cassius Dio 68,32. ; und so sind wir beinahe versucht, der strengen Züchtigung Beifall zu zollen, welche die Waffen der Legionen gegen die Fanatiker übten, deren schauderhafter, kindischer Aberglauben aus ihnen die schlimmsten Feinde nicht nur Roms, sondern der ganzen Menschheit zu machen schien Ohne jetzt die wohlbekannte Darstellung des Josephus zu wiederholen, erfahren wir auch von Cassius Dio (69,14), dass im Krieg gegen Hadrian 580 000 Juden durch das Schwert umkamen, neben einer ungezählten Menge, die dem Hunger, der Krankheit oder dem Feuer erlag. . Der Fanatismus der Juden erhielt zusätzliche Nahrung aus ihrer Überzeugung, dass es ihnen verboten sei, einem bilderanbetenden Herren Steuern zu zahlen; und aus einer Glücksverheißung, die sie aus einem ihrer alten Orakel herauslasen, dass nämlich bald ein siegreicher Messias erstehen, ihre Fesseln brechen und den Günstlingen des Himmels die Herrschaft auf Erden übertragen werde. Indem er sich selbst als ihren langersehnten Befreier ausgab und alle Nachkommen Abrahams aufrief, Israels Hoffnungen zu fördern, gelang es dem berühmten Bar Kochba, eine starke Armee auf die Beine zu stellen und mit ihr zwei Jahre lang Hadrians Macht zu widerstehen Zur Sekte der Zeloten siehe Basnage, Histoire des Juifs, Buch 1, c. 17; zur Gestalt des Messias nach der Sichtweise der Rabbinen Buch 1, c. 17; zu den Unternehmungen Bar Kochbas, Buch 7, c. 12. . Ungeachtet dieser wiederholten Herausforderungen verrauchte Roms Zorn nach dem Sieg; auch endete mit dem Krieg und der Gefahr ihre Besorgnis. Infolge der allumfassenden Duldsamkeit des Polytheismus und der milden Gesittung des Antoninus Pius wurden die Juden in ihre alten Gerechtsame wieder eingesetzt und erhielten neuerlich das Recht zur Beschneidung unter der geringfügigen Einschränkung, niemals einen fremdländischen Proselyten mit diesem Charakteristikum der hebräischen Nation zu kennzeichnen Dem römischen Rechtsgelehrten Modestinus, Libri regularum 6, danken wir die genaue Kenntnis des Antonius-Ediktes. Siehe auch Causabon zur Historia Augusta, p. 27. . Die zahlreichen Überlebenden durften, wenn sie auch aus dem Weichbild der Stadt Jerusalem verbannt waren, gleichwohl in Italien und den Provinzen siedeln, Roms Freiheitsrechte erwerben, städtische Ehrenstellungen einnehmen; zugleich waren sie von den beschwerlichen und kostspieligen Verpflichtungen befreit, die die Gesellschaft jedermann auferlegte. Roms legalisierte mit Nachsicht oder Verachtung sogar die Kirchenpolitik der besiegten Glaubensgemeinschaft. Der Patriarch, der seine Residenz zu Tiberias nahm, durfte seine nachgeordneten Minister und Sendboten selbst ernennen, in seinem Bereich Recht sprechen und von seinen fernen Brüdern jährliche Abgaben empfangen Basnage, Histoire des Juifs, Buch 3, c.2 und 3. Das Patriarchenamt wurde erst durch Theodosius d. J. abgeschafft. . In den wichtigsten Städten des Reiches wurden häufig neue Synagogen errichtet; und den Sabbat, die Fasten und die Feierlichkeiten, die entweder nach mosaischem Ritus vollzogen wurden oder nach den Traditionen der Rabbiner, beging man nach heiligem Brauch und in der Öffentlichkeit Denken wir nur an das Purimfest zur Befreiung der Juden vom Zorne Hamans, welches Fest bis in die Zeiten des Theodosius mit Ausgelassenheit und Massentrunkenheit begangen wurde. Basnage, Histoire des Juifs, 6, c. 17 und 8, c.6. . Diese sanftmütige Behandlung kühlte auf die Dauer das hitzige Gemüt der Juden. Aus ihren Träumen von großer Zukunft und Eroberung waren sie erwacht und in den Stand von friedliebenden Bürgern und fleißigen Untertanen eingetreten. Ihre unverwelkliche Abneigung gegen die Menschheit machte sich nicht mehr durch Gewalttat und Blutvergießen Luft, sondern schaffte sich auf subtilere und weniger gefährliche Weise Genugtuung. So suchten sie die Götzenanbeter bei jedem Handelsgeschäft zu übervorteilen; auch sprachen sie heimliche und wirkmächtige Verwünschungen gegen das hochmögende Königreich Edom aus Nach den Angaben des falschen Josephus hat Tsepho, Esaus Enkel, die Armee des Äneas, Königs von Karthago nach Italien geführt. Eine andere Kolonie der Idumaeaner (Edomiter), die vor Davids Zorn flohen, fanden im Lande des Romulus Aufnahme. Aus diesem und anderen gleichgewichtigen Gründen nannten die Juden das römische Reich Edom. .   JUDEN KONFORMISTISCH Obwohl sich die Juden mit Schaudern von den Gottheiten abwandten, die ihre Herrscher anbeteten, ward ihnen die uneingeschränkte Ausübung ihrer exklusiven Religion zugestanden; so dass es irgend einen anderen Grund gegeben haben muss, welcher den Zorn der Obrigkeit auf die Bekenner des Christentums lenkte, von dem die Nachfahren Abrahams verschont blieben. Der Unterschied zwischen beiden ist einfach und augenfällig, aber nach dem Empfinden des Altertums von größter Tragweite: Die Juden bildeten eine Nation , die Christen eine Sekte ; und so, wie es für jede Gemeinschaft selbstverständlich war, die geheiligten Bräuche ihrer Nachbarn zu respektieren, war es für letztere ebenso eine Pflicht, bei den Riten ihrer Väter zu verharren. Diese Verpflichtungen wurden durch die Stimmen der Orakel, die Mahnungen der Denker und die Autorität der Gesetze mit Nachdruck eingeschärft. Dadurch, dass sie für ihre Religion eine besondere Heiligkeit beanspruchten, mochten die Juden den Polytheisten durchaus Anlass geben, sie für eine verdächtige und unreinliche Nation zu halten. Dadurch, dass sie den Austausch mit anderen Nationen verweigerten, mochten sie deren Argwohn auf sich lenken. Die Gesetze Moses waren für die Außenstehenden zumeist unbegründet oder pedantisch; da jedoch eine große Gemeinschaft jahrhundertelang danach gelebt hatte, waren ihre jetzigen Anhänger gerechtfertigt. Allgemein gestand man ihnen zu, nach diesen Vorschriften zu leben, hätte doch deren Nichtbeachtung für sie ein Verbrechen bedeutet. Aber dieser Grundsatz, der die jüdische Synagoge schützte, brachte der christlichen Urkirche weder Vorteil noch Sicherheit. Indem sie nämlich den Glauben des Evangeliums annahmen, beluden die Christen sich mit der Schuld für ein unverzeihliches Vergehen. Sie lösten die heiligsten Bande, die ihnen durch Brauch und Erziehung angelegt waren, beleidigten die religiösen Einrichtungen ihres Landes und verhöhnten anmaßend alles, was fromme Glaubensgewissheit ihrer Väter gewesen war. Und diese Apostasie (sit venia verbo!) blieb keineswegs nur lokaler Natur oder auf wenige Personen beschränkt; denn der fromme Glaubensflüchtling, der sich von den Tempeln Ägyptens oder Syriens abwandte, hätte es von sich gewiesen, etwa in denen von Athen oder Karthago religiöses Asyl zu suchen. Jedweder Christenmensch verachtete von ganzem Herzen den Aberglauben seiner Familie, seiner Stadt, seiner Provinz. Die ganze Christenheit verweigerte den Umgang mit den Göttern Roms, des Reiches, der Menschheit. Vergeblich reklamierten die bedrängten Gläubigen die unveräußerliche Freiheit des Gewissens und der persönlichen Entscheidungsfreiheit für sich. Ihre Situation hätte Mitleid erregen können, aber ihre Gründe genügten niemals dem Verständnis des philosophischen noch des gläubigen Teiles der heidnischen Welt. Nach ihrem Verständnis gab jemand, der sich aus Gewissensgründen nicht in die gängige Glaubenspraxis fügen mochte, ebenso Anlass zu Verwunderung und Ärgernis wie der, den vor vaterländischer Kleidung, Sitte oder Sprache ein plötzliches Grauen angewandelt hätte Aus den Argumenten des Celsus, so wie sie bei Origines aufgegriffen und dann zurückgewiesen werden (5, p.247-259), können wir deutlich erkennen, dass ein Unterschied gemacht wurde zwischen jüdischem Volk und christlicher Sekte . Siehe im Dialog des Minucius Felix (5 und 6) eine ehrliche und gut lesbare Beschreibung der populären Ansichten bezüglich der Abwendung vom vorherrschenden Götterdienst. .   CHRISTEN ALS ATHEISTEN ANGESEHEN... Auf die anfängliche Verwunderung der Heiden folgte schon bald ihre Abgunst; und so waren die gottesfürchtigsten aller Menschen schon bald dem unhaltbaren, aber nichtsdestoweniger gefährlichen Vorwurf der Gottlosigkeit ausgesetzt. Bösartigkeit und Vorurteil arbeiteten zusammen, um die Christenheit als eine Sekte von Atheisten darzustellen, die wegen ihrer dreisten Angriffe auf die religiösen Einrichtungen des Reiches das Anrecht auf die strengsten behördlichen Maßregeln verdienten. Sie hatten sich (und bekannten sich auch noch freimütig dazu) aller Abarten des Aberglaubens entschlagen, die der Polytheismus in seiner Vielfalt in allen Weltgegenden gepflanzt hatte; es war aber andererseits nicht zu erkennen, welche Gottheit oder welchen Kultus sie für die Götter und Tempel der Alten als Ersatz boten. Ihre reine und erhabene Idee von dem Höchsten Wesen überstieg das dumpfe Verständnis der heidnischen Volksseele, die sich keine geistige und einzige Gottheit denken konnte, zumal sie weder durch eine Statue noch durch ein sichtbares Symbol abzubilden war und auch nicht durch herkömmliche Libation oder Festes-Pomp verehrt wurde Cur nullas aras habent? templa nulla? nulla nota simulacra? . . . Unde autem, vel quis ille, aut ubi, Deus unicus, solitarius, destitutus? (Warum haben sie keine Altäre, kein Tempel, keine bekannten Heiligtümer? Woher kommt er, wer ist er, und wo ist er, dieser einzige, einsame, verlassene Gott?) Minucius Felix, 10, 2 und 3. Der heidnische Gesprächspartner beharrt auf der Unterscheidung zugunsten der Juden, die einstmals einen Tempel, Altäre, Opfer etc gekannt hatten. . Die Weisen Griechenlands und Roms, welche ihren Geist zum Nachsinnen über Existenz und Eigenschaften des ersten Urgrundes erhoben hatten, waren vernünftiger- oder hochfahrenderweise geneigt, das Vorrecht an solcher philosophischen Weihe für sich und ihre Schüler alleine zu beanspruchen Es ist schwierig (sagt Plato), die Erkenntnis des wahren Gottes zu erlangen und riskant, sie zu veröffentlichen. Siehe die ›Theologie des Philosophes‹ in der französischen Übertragung des Abbé d'Olivet von Ciceros de Natura Deorum, 1,p. 275. . Es war ihnen ferne, die religiösen Vorurteile der Menschen für die Messlatte der Wahrheit zu halten, aber sie gestanden immerhin zu, dass diese Vorurteile ihren Ursprung in der menschlichen Natur hatten; und sie argwöhnten, jeder Volkskultus oder -glaube, der auf die Mitwirkung der Sinnesorgane verzichtete, müsse ebenso, wie er Abstand von der Abgötterei gewinne, auch verlernen, den Abirrungen der Phantasie und den Wahnideen des Fanatismus entgegen zu wirken. Der oberflächliche Blick, den Männer von Geist und Bildung auf die christliche Offenbarung zu werfen sich nicht zu schade waren, diente lediglich dazu, ihre vorgefasste Meinung zu bestärken und sie davon zu überzeugen, dass der Glaubenssatz von dem einen Gott, den anzuerkennen sie allenfalls bereit gewesen sein mochten, durch den wilden Enthusiasmus der neuen Sekte entstellt und durch ihre haltlosen Spekulationen ad absurdum geführt werde. Der Verfasser eines berühmten Dialoges (man hat ihn Lukian zugeschrieben) spöttelt über das Geheimnis der Trinität, macht es verächtlich und verrät eigentlich nur, dass ihm die Grenzen menschlichen Denkens und die unerforschliche Natur der göttlicher Vollkommenheit fremd sind Der Verfasser des ›Philopatris‹ (ein anonymes patriotisches Pamphlet aus dem X. Jahrhundert) sieht in den Christen fortwährend eine Vereinigung von verzückten Tagträumern, von (Geistern, Himmelswesen, Himmelswanderern, Luftwandlern) und spielt an einer Stelle erkennbar auf die Vision an, in welcher Paulus in den dritten Himmel versetzt wurde. Andernorts schlägt Triephon, der einen Christen abgeben soll, nach der Verhöhnung der Heidengötter einen mysteriösen Eid vor: ψιμέδοντα θεόν, μέγαν, ἄμβροτον, οὐρανίωνα, Ὑιὸν πατρὸς, πνεῦμα ἐκ πατρὸς ἐκπορευόμενον, Ἕν ἐκ τριῶν, καὶἐξ ἕνος τρία (Beim hochthronenden Gotte, beim großen, ewigen Himmel, bei dem Sohne des Vaters, bei dem Geist, der vom Vater ausgeht, Einer aus Dreien und Dreie aus Einem!) Die diesseitige Antwort des Kritias lautet: Ἀριϑμέειν με διδάσκεις, καί ὅρκος ἡ ἀριϑμητική. Οὐκ οἶδα γὰρ τι λέγεις. ἕν τρία, τρία ἕν! (Du lehrst mich rechnen und verlangst einen Eid nach der Rechenkunst. Aber ich weiß nicht, was du sagen willst: eins drei, drei eins!) .   ...VON PHILOSOPHEN MISSVERSTANDEN Dass der Stifter des Christentums nicht nur von seinen Schülern als Weiser und als Prophet verehrt wurde, erregte weniger Erstaunen als die Tatsache, dass ihm sogar göttliche Ehren erwiesen werden sollten. Die Polytheisten waren ohne weiteres geneigt, jeden Glaubensartikel anzunehmen, wenn er nur Ähnlichkeit – und sei sie auch noch so entfernt und herbeigeholt – zu volkstümlichen Glaubensvorstellungen aufwies; und die Sagen von Bacchus, Herakles und Äskulap hatten sie in gewissem Umfang auf die Ankunft eines Gottessohnes in menschlicher Gestalt eingestimmt Glaubt man Iustinus Martyr (Apologia maior 70-85), dann hat der Dämon, nachdem er sich einige oberflächliche Kenntnisse der Prophezeiungen angeeignet hatte, diese Ähnlichkeit erklügelt, um dadurch, wenn auch auf unterschiedliche Weise, Philosophen und Volk von der Annahme des Christenglaubens abzuhalten. . Aber mit Erstaunen gewahrten sie, dass die Christen den Tempeln dieser Heroen den Rücken kehrten – immerhin hatten diese in der Kindheit der Welt die Künste erfunden, Gesetze erlassen und Tyrannen, Unholden und anderen Bedrückern der Erde zugesetzt – nur, um sich als bevorzugtes Objekt ihrer Verehrung einen dubiosen Lehrmeister zu erwählen, welcher vor ganz kurzer Zeit der Bosheit seiner eigenen Landsleute oder dem Misstrauen der römischen Verwaltung zum Opfer gefallen war. Die Heiden, deren Dankbarkeit ausschließlich für weltliche Wohltaten empfänglich war, wiesen die Geschenke des Jesus von Nazareth »Leben und Unsterblichkeit« zurück, da deren Wert nicht abzuschätzen war. Seine Milde noch während seines grausamen und dazu noch freiwilligen Leidens, seine weltumspannende Güte und die hehre Schlichtheit seines Handelns und seines ganzen Wesens reichten nach Auffassung dieser materialistischen Menschen nicht hin, für fehlenden Ruhm, Erfolg oder irdische Macht aufzukommen; und da sie seinen einzigartigen Sieg über die Mächte der Finsternis und des Todes nicht anerkennen mochten, verkannten sie auch die unklare Herkunft, das Wanderleben und den schmachvollen Tod des göttliche Stifters des Christentums Im ersten und zweiten Buch des Origines behandelt Celsus Herkunft und Charakter unseres Heilandes mit gottlosem Spott. Der Redner Libavius lobt Porphyrius und Julian dafür, dass sie die Torheiten einer Sekte widerlegen, die einen Toten aus Palästina zum Gott und zum Sohn Gottes erklärt. Socrates, Historia ecclesiastica 3,23. .   CHRISTEN DER VERSCHWÖRUNG VERDÄCHTIGT Die individuelle Schuld, die jeder Christ auf sich geladen hatte, indem er seiner persönlichen Glaubensentscheidung den Vorzug vor der nationalen Religion gab, steigerte sich ins Ungemessene durch die Anzahl und den Zusammenhalt der Schuldigen. Es ist ja bekannt, und wurde auch bereits erwähnt, dass die römische Politik auf jedwede Vereinigung ihrer Untertanen ein argwöhnisches und scheelsüchtiges Auge hatte; und dass man privaten Gesellschaften mit noch so unschuldiger oder wohltätiger Zielsetzung nur mit sehr knauseriger Hand Vorrechte gewährte Kaiser Trajan etwa verweigerte einer Gesellschaft von 150 Feuerwehrleuten für den Einsatz in Nicomedia die Zulassung; er mochte nun mal keine Zusammenschlüsse. Siehe Plinius, Epistulae 10, 33 und 34. . Die religiösen Versammlungen der Christen, die sich von den staatlichen Gottesdiensten zurückgezogen hatten, schienen weit weniger unschuldsvoll: sie waren illegal von Anfang an und waren am Ende sogar gefährlich; auch hatten die Kaiser nicht das Gefühl, die Gesetze zu brechen, wenn sie zur Erhaltung von Ruhe und Ordnung deren heimliche und zuweilen sogar nächtliche Zusammenkünfte untersagten Der Prokonsul Plinius hatte ein allgemeines Verbot gegen unerlaubte Zusammenkünfte erlassen. Die Christen stellten sie klugerweise eine Zeitlang ein; aber unmöglich konnten sie den öffentlichen Gottesdienst aufgeben. . Der fromme Ungehorsam der Christen ließ ihr Verhalten und vielleicht auch ihre Pläne in einem sehr viel ernsteren und fast schon sträflichem Licht erscheinen; und die römischen Herrscher, die sich mit einer bereitwilligen Unterwerfung vielleicht zufrieden gegeben hätten in der Meinung, durch Gehorsam geschehe ihrer Ehre Genüge, versuchten zu anderen Zeiten durch eine harte Hand diesen unabhängigen Geist zu dämpfen, der eine andere Autorität, höher als alle weltliche Gewalt, anzuerkennen sich erkühnte. Umfang und Dauer dieser Verschwörung im Geiste schien täglich mehr ihren Widerspruch herauszufordern. Wir haben ja bereits gesehen, wie der umtriebige und erfolgreiche Glaubenseifer die Christen allmählich in jeder Stadt und jeder Provinz der Reiches Fuß fassen ließ. Die neuen Konvertiten verleugneten, so schien es, ihr Land und ihre Familie, um sich mit unlösbaren Banden an eine merkwürdige Sekte zu fesseln, die überall, wo sie auftrat, sich vom Rest der Menschheit zu unterscheiden bemühte. Ihr trübseliger und ernster Ausdruck, ihre Abneigung gegen öffentliche Angelegenheiten und die kleinen Freuden des Lebens, ihre häufigen Ankündigungen bevorstehender Katastrophen Da die Ankündigungen des Antichristen, nahender Weltbrände und dgl. jene Heiden verärgert hatten, welche sich anschließend nicht bekehren ließen, wurden sie nur noch mit Zurückhaltung und Vorsicht erwähnt; und die Monatisten wurden gerügt, weil sie mit jenen gefährlichen Geheimnissen hausieren gegangen waren. Mosheim, De rebus Christ. p. 413. , dies alles erweckte in den Heiden das ferne Gefühl, es möchte von der neuen Sekte eine Gefahr ausgehen, die desto schlimmer war, je geheimer sie auftrat. »Welche Glaubensprinzipien sie auch immer haben mögen,« sagt Plinius, »ihre unbeugsame Hartnäckigkeit alleine verdient Strafe Neque enim dubitabam, quodcunque esset quod faterentur (schreibt Plinius) pervicaciam certe et inflexibilem obstinationem debere puniri. (Ich trug dann keine Bedenken, unabhängig von ihren Geständnissen, sie für ihre Halsstarrigkeit und unbeugsame Renitenz bestrafen zu müssen.) Plinius, Epistulae 10, 96. .«   VERHALTEN DER CHRISTEN VERUNGLIMPFT Die Vorsicht, mit der die Jünger Christi ihre Religion ausübten, war zunächst von Furcht und Notwendigkeit diktiert; danach geschah es aus freien Stücken. Sie ahmten die feierliche Verschwiegenheit nach, welche die eleusinischen Mysterienkulte S. Mosheim, Ecclesiastical History, Band 1, p. 101, und Spanheim, Anmerkungen zu den ›Caesaren‹ des Iulian, p. 468ff. durchzog, und schmeichelten sich, dass dadurch ihre heiligen Verrichtungen bei den Heiden achtbarer würden. Aber das Ergebnis enttäuschte ihre Erwartungen, wie es bei so delikaten politischen Entwürfen öfters zu gehen pflegt. Man schlussfolgerte vielmehr, dass sie nur verbargen, was öffentlich zu tun sie hätte erröten lassen. Dafür bot ihre missgeleitete Klugheit der üblen Nachrede den Anlass, Entsetzensfabeln zu ersinnen und der abergläubischen Naivität die Gelegenheit, sie zu glauben, dass nämlich die Christen von allen Menschen die verworfensten seien, da sie in ihrer finsteren Zurückgezogenheit jede Gräueltat ausübten, die sich eine perverse Phantasie nur ausdenken konnte, und dass sie die Gunst ihres unbekannten Gottes durch Drangabe aller moralischen Tugenden zu erlangen suchten. Es waren ihrer viele, welche die die Blutrituale dieser fürchterlichen Sekte zu kennen oder zu erzählen vorgaben. So wurde versichert, »dass neugeborene Kinder, über und über mit Mehl bedeckt, dem Messer eines neubekehrten Proselyten in einer Art Initiationsritual dargeboten wurde, welcher dann unwissend dem unschuldigen Opfer seiner Täuschung zahlreiche und eben auch tödliche Verletzungen beibrachte; dass ferner, sobald die Bluttat geschehen war, die Sektenmitglieder gierig das Blut des Opfers tranken, seine Glieder zerrissen und sich, durch gemeinsames Schuldbewusstsein geeint, zu ewigem Schweigen verpflichteten.« Auch gab es zuverlässige Kunde, »dass im Anschluss an diese unmenschlichen Opfer noch passende Lustbarkeiten stattfanden, bei denen Völlerei den Anstoß zu hemmungsloser Triebhaftigkeit lieferte. Zu einem verabredeten Zeitpunkt endlich wurden alle Lichter gelöscht, alle Scham abgelegt und jede Natur verleugnet; und das Dunkel der Nacht wurde, wie es der Zufall fügte, besudelt durch die inzestuöse Begegnung von Schwestern und Brüdern, Müttern und Söhnen S. Iustinus Martyr, Apologiae 1,26 und 2,12; Athenagoras, Legatio 27; Tertullian, Apologeticum 7-9; Minucius Felix, p. 9, 10, 30, 31. Letztgenannter Autor berichtet von der Anklage äußerst elegant und weitschweifig, Tertullians Erwiderung ist die kühnste und kraftvollste. .«   DIE MAGISTRATE UND DIE CHRISTEN Doch selbst der leiseste Verdacht, den ein ehrlicher Gegner hätte hegen können, konnte aus seinem Gemüt durch die Lektüre der antiken Apologien leicht entfernt werden. Im sicheren Gefühl ihrer Unschuld ignorieren die Christen die Stimme der Gerüchte und appellieren an das Billigkeitsgefühl der Behörden. Sie machen sich anheischig, die schwersten Strafen zu erleiden, wenn auch nur ein einziger Beweis für die Verbrechen beigebracht würde, deren die Verleumdung sie zieh. Zugleich betonen sie mit ebensoviel Wahrheit wie Recht, dass der Anklage nicht nur jede Wahrscheinlichkeit abgehe, sondern dass sie auch jeden Beweis schuldig bleibe; sie fragen, ob denn irgendein Mensch ernstlich glauben könne, dass die reinen, ja heiligen Vorschriften des Evangeliums, welche ja immer wieder selbst vor den harmlosesten Vergnügungen warnten, zu solch abscheulichen Verbrechen aufrufen könnten; ob sich eine große Gruppierung wirklich dazu entschließen würde, sich derartig in den Augen ihrer Mitglieder zu diskreditieren; und ob so viele Personen beiderlei Geschlechtes, jeden Alters und Charakters sich tatsächlich gegen Todesgefahr und öffentliche Schande taub stellen und übereinkommen könnten, alle die Grundsätze zu verleugnen, die ihnen Natur und Erziehung eingegeben hätten Bei der Verfolgung von Lyon haben einige heidnische Sklaven aus Angst vor Foltern ihre christlichen Herren beschuldigt. Die Kirche von Lyon hat in einem Schreiben an die Glaubensbrüder in Asien diese schrecklichen Übergriffe mit Empörung und Verachtung behandelt. Eusebios, Historia ecclesiastica 5,1. . – Durch Nichts, so sollte es scheinen, konnte die Kraft solcher unwiderlegbaren Gründe geschwächt werden außer durch das unüberlegte Vorgehen der Apologeten selbst, welche dem gemeinen Besten der Religion den schwersten Schaden zufügten, weil sie ihren frommen Hass gegen die inneren Feinde der Kirche ausleben mussten. Sie ließen bisweilen durchblicken und behaupteten bisweilen frei heraus, dass eben die Blutopfer und Inzestorgien, die man den Rechtgläubigen so ganz zu Unrecht andichte, in Wirklichkeit von den Marcioniten, Carpocratianern und einigen anderen gnostischen Sekten verübt würden, welche jedoch, ungeachtet dass sie auf den Pfaden der Häresie wandeln mochten, Wert auf ihr Ansehen unter den Menschen legten und nach den Geboten des Christentums lebten Siehe Iustinus Martyr, Apologia maior, 1,26ff; Irenaeus adversus Haereses 1,24; Clemens von Alexandria, Stromateis 3, p. 438; Eusebios, Historia 4,8. Es wäre ermüdend und widrig, jetzt davon zu berichten, was nachfolgende Autoren sich vorgestellt haben, was Epiphanios alles auf- und Tillemont alles abgeschrieben hat. Herr de Beausobre (Hist. du Manichéisme, Buch 9, c.8. und 9.) hat mit viel Kühnheit die unlautere Trickerei von Augustinus und Papst Leo I. bloßgelegt. . Ähnliche Anklagen gegen die Kirche wurden im Gegenzug mit aller Schärfe von den Schismatikern erhoben, die ihr die Gemeinschaft aufgekündigt hatten Als Tertullian zum Montanisten wurde, verleumdete er die Moralgebote der Kirche, die er vorher so beherzt verteidigt hatte. "Sed majoris est Agape, quia per hanc adolescentes tui cum sororibus dormiunt. Appendices scilicet gulae lascivia et luxuria." (Aber das abendliche Liebesmahl ist in höherem Ansehen, weil dort deine Jünglinge mit den Schwestern schlafen. Als Zugabe zum Fressen folgen Zügellosigkeit und Exzess. )De Ieiuniis, c. 17. Der 35. Kanon des Konzils von Illeberis geht gegen die Ärgernisse vor, welche die nächtlichen Andachten der Kirche sooft besudelt und dem christlichen Namen in den Augen der Ungläubigen so viele Schande gebracht hatten. ; und so hieß es dann von allen Seiten, dass die schlimmste Sittenlosigkeit vor allem bei jenen zu finden sei, welche sich für den christlichen Namen entschieden hätten. Einem mit Heiden besetztes Gericht, dem es an rechter Hingabe und an Zeit mangelte, die unsichtbare Linie zu erspüren, welche zwischen Rechtgläubigkeit und häretischer Verderbtheit gezogen ist, mochte leicht der Verdacht aufkeimen, ihre gegenseitigen Hassgefühle hätten ihre Wurzeln in einem gemeinsamen Schuldgefühl. Für die Ruhe oder wenigstens das Ansehen der ersten Christen war es daher ein wahrer Glücksumstand, dass die Obrigkeiten zuweilen mit mehr Geduld und Mäßigung vorgingen, als man sie umgekehrt bei religiösen Eiferern findet, und dass sie folglich als Ergebnis ihrer unparteiischen Untersuchungen melden konnten, dass sie die Sektierer, die die staatsüblichen Gottesdienste verweigerten, aufrichtig in ihrer Gesinnung und schuldlos in ihrem Verhalten befunden hätten; dass sie jedoch infolge ihres absurden und übersteigerten Aberglaubens die Härte des Gesetzes spüren sollten Tertullian, Ap. 2 verbreitet sich mit viel Einsicht und etwas Pathos über Plinius' wohlwollendes und ehrenhaftes Zeugnis. .   DIE KAISER UND DIE CHRISTEN Die Geschichtsschreibung, die es unternimmt, die Ereignisse der Vergangenheit zum Nutzen der Zukunft aufzuzeichnen, würde diese ehrbare Bestimmung übel erfüllen, wenn sie für die Sache der Tyrannen einzutreten sich herbeiließe oder Gründe für religiöse Verfolgungen rechtfertigen wollte. Dennoch muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass die Kaiser, deren Namen in der Urkirche den schlimmsten Klang hatten, bei weitem nicht soviel kriminelle Energie aufbrachten wie moderne Herrscher, welche mit Gewalt und staatlichem Terror das religiöse Bekenntnis irgendeines Teiles ihrer Untertanen bekriegt haben. Durch eigenes Nachdenken und vielleicht sogar aus ihrem Gefühle heraus hätten sich Karl V. oder Ludwig XIV. darüber klar werden können, dass es ein Recht auf Gewissensfreiheit gebe, Verpflichtungen des Glaubens und die Unschuld des Irrtums. Aber die Herrscher und Magistrate Roms waren durchaus unvertraut mit den Prinzipien, welche den Christen ihre unbeugsame Starrköpfigkeit eingab, wenn es um ihre Wahrheit ging, noch konnten sie in ihrem eigenen Inneren irgendeinen Beweggrund ausmachen, der sie allenfalls vermocht hätte, den heiligen Einrichtungen ihres Landes den bedingungslosen Gehorsam zu versagen. Derselbe Umstand, der die Schuld der Verfolger gleichsam verkleinerte, muss auch die Strenge eben dieser Verfolgung gemildert haben. Da sie sich nämlich nicht dem zornigen Glaubenseifer der Bigotterie verpflichtet hatten, sondern der gemäßigten Politik ihres Gesetzgebers, muss die Exekution der Gesetze an jenen schlichten und belanglosen Bekennern Christi oftmals aus Geringschätzung gemildert oder aus Humanität auch ganz unterblieben sein. Aus ihrer allgemeinen Erscheinung und ihren Beweggründen können wir zwanglos folgern, I. dass eine lange Zeit verging, bevor sie in den neuen Sekten einen der Aufmerksamkeit der Behörden würdigen Gegenstand erblickten; II. dass sie bei der Verurteilung irgendeines Untertanen, der eines so einzigartigen Verbrechens angeklagt wurde, mit äußerster Vorsicht und Zurückhaltung zu Werke gingen; III. dass sie milde Strafen aussprachen; IV. dass die verfolgte Kirche viele Friedens- und Ruheperioden genoss. Ungeachtet der sorglosen Gleichgültigkeit, die die weitläufigsten wie die detailfreudigsten heidnischen Schriftsteller für das Anliegen des Christentums erübrigten In den verschiedenen Kompilationen zur Historia Augusta (von der ein Teil unter Constantin erstellt wurde) befassen sich nicht sechs Zeilen mit den Christen; und in dem großen Geschichtswerk des Cassius Dio hat Xiphilinos' Sorgfalt ihren Namen nicht einmal gefunden. , steht uns die Möglichkeit zu Gebote, jede der vier genannten Vermutungen durch zuverlässige Fakten zu untermauern.   CHRISTEN ALS JUDEN BEHANDELT I. Infolge einer weisen Schicksalsfügung ist ein geheimnisvoller Vorhang über die Kindheit der Kirche gebreitet, durch welchen sie solange vor den Nachstellungen durch die heidnische Welt geschützt blieb, ja von ihr eigentlich gar nicht wahrgenommen wurde, bis ihr Glauben zur Reife gediehen und die Zahl der Anhänger hinreichend groß geworden war. Weil der mosaische Anteil des Ritus nur langsam und schrittweise abgeschafft wurde, fühlten die frühen Bekenner des Evangeliums sich auf sichere und unschuldige Weise aufgehoben. Da sie mehrheitlich aus Abrahams Geschlecht waren, trugen sie alle das Merkmal der Beschneidung, verrichteten ihre Andacht im Tempel zu Jerusalem bis zu dessen endgültigen Zerstörung und anerkannten Gesetz und Prophezeiungen als die echten Eingebungen der Gottheit. Die heidnischen Konvertiten ihrerseits, die durch eine geistliche Adoption zur Hoffnung Israels aufgenommen sahen, wurden unter dem Gewande und der scheinbaren Ähnlichkeit ebenfalls für Juden gehalten Eine etwas dunkle Passage bei Sueton (Claudius 25) scheint zu belegen, auf welch befremdliche Weise Juden und Christen Roms miteinander verwechselt wurden. , und da die Polytheisten sich weniger um Glaubensartikel als um den äußeren Vollzug des Ritus kümmerten, konnte die neue Sekte, welche ihre künftige Größe und Erwartung sorgfältig verhehlte oder doch nur ahnen ließ, sich sicher fühlen unter der allgemeinen Duldung, welches jenem alten und berühmten Volk des römischen Reiches gewährt wurde. Über ein Kleines jedoch, und die Juden selbst, in Glaubensfragen eifriger und eifersüchtiger, mussten gewahren, wie ihre nazarenischen Glaubensbrüder sich von der Lehre der Synagoge abkehrten; und nur zu gerne hätten sie diese gefährliche Ketzerei im Blute ihrer Anhänger ertränkt. Aber die Ratschlüsse des Himmel hatte ihren Ränken bereits den Stachel gezogen; und wenn sie sich auch immer mal wieder in Aufständen übten, ihrem althergebrachten Vorrecht, so durften sie die Kriminalgerichtsbarkeit jedenfalls nicht mehr ausüben; und erst recht taten sie sich schwer, der erdenschweren Gemütsverfassung der römischen Magistrate etwas von der aufrichtigen Bitterkeit ihres eigenen Glaubenseifers einzuflößen. Die Provinzialgouverneure waren bereit, jede Anklage anzuhören, die die öffentliche Sicherheit betraf; sobald sie aber bemerkten, dass es um Worte und nicht um Taten ging, um die rechte Auslegung jüdischer Gesetze und Wahrsagungen, hielten sie es für unvereinbar mit der Würde Roms, irgendwelche finsteren Unstimmigkeiten ernsthaft zu diskutieren, welche zwischen barbarischen und abergläubischen Menschen sich aufgetan haben mochten. So lebten die ersten Christen arglos und ungefährdet, weil man sie nicht wahrnahm oder weil man sie nicht ernst nahm; und die Gerichtshöfe der Heiden erwiesen sich oftmals als zuverlässige Zufluchtsorte vor dem Zorn der Synagoge Hierzu das 18. und 25. Kap der Apostelgeschichte, in welchen das Verhalten von Gallio, dem Prokurator von Achaia, und Festus, dem Procurator von Judaea geschildert wird. . Wenn wir uns entschließen könnten, die Traditionen der allzu leichtgläubigen Antike aufzugreifen, dann könnten wir jetzt die weiten Reisen, die wunderbaren Erfolge und die verschiedenen Todesfälle der Zwölf Apostel berichten; aber eine genauere Untersuchung wird in uns Zweifel aufkeimen lassen, ob irgend einer dieser Menschen, die noch Zeuge der Wunder Christi waren, überhaupt die Möglichkeit hatte, jenseits der Grenzen Palästinas die Wahrheit ihres Bekenntnisses mit ihrem Blut zu besiegeln Zur Zeit des Tertullian und Clemens von Alexandria genossen lediglich St. Peter, St. Paul und St. Jakob des Märtyrerruhmes. Allmählich verliehen die späteren Griechen auch den anderen Aposteln diese Ehre, die klugerweise als Schauplatz ihrer Mission und ihrer Leiden irgendein abgelegenes Land außerhalb des römischen Reiches ausgesucht hatten. Siehe Mosheim, p. 81; Tillemont, Memoires ecclésiastiques, Band 1, Teil 3. . Nimmt man die naturgegebene Lebenserwartung eines Menschen, dann hätten die meisten von ihnen nämlich schon längst gestorben sein müssen, bevor der Zorn der Juden in jenen Krieg mündete, den erst die völlige Zerstörung Jerusalems beendete. Für sehr lange Zeit, vom Tode Christi bis zu jener berühmten Rebellion, können wir keinerlei Spuren römischer Intoleranz ausmachen, bis sie schließlich auftauchen bei jener plötzlichen, kurzen und grausamen Verfolgung, welche Nero gegen die Christen der Hauptstadt veranstaltete, fünfundfünfzig Jahre nach dem erstgenannten und nur zwei Jahre vor dem letztgenannten Großereignis. Der Charakter jenes philosophierenden Geschichtsschreibers, dem wir die Kenntnis dieser einmaligen Geschichte danken, würde allein hinreichend sein, sie unserer aufmerksamsten Betrachtung anzuempfehlen.   DER BRAND ROMS UND DIE ERSTE CHRISTENVERFOLGUNG Im zehnten Regierungsjahr Neros suchte die Hauptstadt des Reiches ein Feuer heim, welches alles übertraf, was sich seit Menschengedenken zugetragen hatte Tacit. Annalen 15, 38-44; Sueton, Nero 38; Cassius Dio 62, 16; Orosius 7, 79. . Die Denkmäler griechischer Kunst und römischer Größe, die Trophäen der punischen und gallischen Kriege, fast alle ihre Tempel und die meisten Paläste wurden mit einem Schlage zerstört. Von den vierzehn römischen Regionen oder Stadtvierteln blieben lediglich vier unversehrt, drei waren dem Erdboden gleichgemacht, und die übrigen sieben, die das Feuer ebenfalls heimgesucht hatte, boten ein trauriges Bild der Zerstörung. Maßnahmen gegen die Folgen dieser Katastrophe hatte die Umsicht der Regierung wohl getroffen. Die kaiserlichen Gärten wurden für die notleidende Bevölkerung geöffnet, Behelfsgebäude zu ihrer Unterbringung errichtet, und Getreide und andere Lebensmittel wurden zu sehr gemäßigten Preisen abgegeben Der Weizenpreis (vermutlich für den modius ) wurde auf terni nummi herabgesetzt; was etwa fünfzehn Schilling für ein englisches Quarter entspricht. . Bei der Neuanlage der Häuser und Straßen scheint die generöseste Politik Pate gestanden zu haben, und wie es in Zeiten des Wohlstandes zu gehen pflegt, bewirkte der Brand Roms, dass nach ein paar Jahren eine Stadt entstehen konnte, bedeutend schöner und großzügiger als die vorige. Aber alle Umsicht und Menschlichkeit, die Nero bei dieser Gelegenheit bewährte, konnten ihn nicht gegen Verdächtigungen der Bevölkerung schützen. Dieser Mörder seiner Frau und seiner Mutter schien zu allem fähig zu sein; außerdem traute man diesem Herrscher, der selbst auf der Schaubühne sich zu prostituieren keine Bedenken trug, alle erdenklichen Torheiten zu. Und so bezichtigte die Stimme des Gerüchtes den Herrscher der Brandstiftung an seiner eigenen Hauptstadt; und da die empörte Volksseele sich stets bereit findet, eine Geschichte umso bereitwilliger zu glauben, je unglaubwürdiger sie ist, wurde allen Ernstes berichtet und in gleicher Weise geglaubt, dass Nero an der von ihm verursachten Katastrophe sogar noch seine Freude gehabt hatte Wir dürfen anmerken, dass Tacitus dieses Gerücht nur mit dem angemessenen Misstrauen erzählt, während Sueton es geradezu gierig aufgreift und Cassius Dio es feierlich bekräftigt. und sich damit unterhalten habe, zur Lyra von der Zerstörung Troias zu singen. Um dem Gerücht, welches zu unterdrücken selbst die Machtfülle eines Tyrannen nicht ausreichte, eine andere Richtung zu geben, beschloss der Herrscher, an seiner Stelle ein paar andere Kriminelle zu präsentieren. »In dieser Absicht (fährt Tacitus fort) strafte er mit den grässlichsten Martern jene Menschen, welche unter der volkstümlichen Bezeichnung Christen bekannt und wegen ihrer Verbrechen allgemein verhasst waren; ihr Name leitet sich von Christus ab, welcher unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus Dieses Zeugnis allein reicht hin, um den Juden einen Anachronismus nachzuweisen, mit welchem sie die Geburt Jesu fast ein Jahrhundert früher ansetzen (Basnage, Histoire des Juifs, Buch 5, c. 14 und 15). Von Josephus (Antiquitates Iudaica 18,3) können wir erfahren, dass Pontius Pilatus in den letzten zehn Jahren des Tiberius (also von A.D.27-37) Prokurator war. Was nun das genaue Todesdatum von Christus betrifft, so legt sie eine frühe Tradition auf den 25. März A.D. 29, als die beiden Gemini Konsuln waren. Diesem Datum schließen sich auch Pagi, Kardinal Noris und Le Clerc an, und es hat ebensoviel Wahrscheinlichkeit für sich wie die volkstümliche Auffassung, die es (ich weiß nicht aufgrund welcher Konjekturen) vier Jahre später ansetzt. hingerichtet worden ist. Für den Augenblick wurde dieser schauderhafte Aberglaube unterdrückt; aber er brach erneut hervor, und nicht nur breitete er sich über Judäa aus, dem ersten Ort dieser boshaften Sekte, sondern auch in Rom, in dem ja alles Asyl und Wohnrecht findet, was an religiösen Gebräuchen furchtbar und abscheulich ist. Die Geständnisse der zuerst Verhafteten offenbarten eine große Zahl Gesinnungsgenossen, und sie alle wurden zwar nicht der Brandstiftung überführt, wohl aber eines allgemeinen Hasses auf die Menschheit »Odio humani generis convicti.« (Die des Hasses des Menschengeschlechtes Überführten.) Diese Worte bezeichnen entweder den Hass der Menschheit auf die Christen, oder den Hass der Christen auf die Menschheit. Ich habe den letztgenannten Sinn bevorzugt, weil er besser zu Tacitus' Stil passt und zu einem verbreiteten Irrtum, welcher seinen unschuldigen Ursprung in einer Vorschrift aus dem Evangelium (Lukas 14,26) hat. Die Autorität des Lipsius stützt meine Interpretation, ferner die italienischen, französischen und englischen Tacitus-Übersetzer, von Mosheim (de rebus Christianorum p.102), le Clerc (Historia ecclesiastica p.427), Dr. Lardner (Testimonies, Band 1, p.345) und des Bischofs von Gloucester (Divine Legation, Band 3, p.38). – Aber das Wort convicti passt nicht gut mit dem übrigen Satz zusammen, und deshalb hat James Gronovius der Lesart coniuncti den Vorzug gegeben, was durch die wertvolle Handschrift aus Florenz unterstützt wird. . Sie starben unter Foltern, und die Foltern wurden ihnen noch durch Hohn und Spott verschärft. Einige wurden ans Kreuz geschlagen; andere in Tierfelle eingenäht und von Hunden zerfleischt; wieder andere mit brennbaren Materialien beschmiert, um in der Nacht als Fackeln zu dienen. Für dieses trübselige Schauspiel hatte Nero seine Gärten hergegeben und es mit einem Pferderennen bereichert, beehrte es wohl auch selbst mit seiner Anwesenheit und, angetan mit dem Gewand eines Wagenlenkers, mischte er sich unter das Volk. Die Schuld der Christen verlangte allerdings nach exemplarischer Bestrafung, aber der Zorn des Volkes verwandelte sich in Mitleid, denn man fand, dass diese Unglücklichen nicht dem Allgemeinwohl, sondern der Grausamkeit eines Einzelnen aufgeopfert wurden Tacitus, Annales 15,44. .« Wer mit wissendem Blick die Wechselfälle der Menschheitsgeschichte überschaut, dem wird nicht entgehen, dass der Ort, in denen das Blut der ersten Christen floss, Neros Gärten und Circus – beide auf dem Gebiet des heutigen Vatikan-, zu noch größerer Berühmtheit gelangte durch den Triumph und den Missbrauch dieser verfolgten Religion. Ein Tempel, welcher den Ruhm des antiken Kapitols noch übertraf, wurde an genau dieser Stelle Nardini, Roma antica, p.487; Donati, Roma vetus et recens, 3, p. 449. auf Geheiß der Päpste errichtet, die ihren Anspruch auf Weltherrschaft von einem schlichten Fischer aus Galiläa herleiteten, die die Nachfolge auf dem Cäsarenthron ausübten, den barbarischen Eroberern Roms Gesetze gaben und ihre geistliche Herrschaft von der Ostseeküste bis an die Gestade des Pazifik ausweiten konnten.   TACITUS UND DIE CHRISTENVERFOLGUNG Es wäre indessen untunlich, diesen Bericht von Neros Christenverfolgung zu beschließen, bevor wir nicht einige Anmerkungen gemacht haben, die uns helfen können, ein paar hiermit zusammenhängende Schwierigkeiten auszuräumen und zugleich einiges Licht auf die Kirchengeschichte der nachfolgenden Zeiten zu werfen. 1. Auch die größte Skepsis muss die Wahrheit dieser außergewöhnlichen Tatsache und die Zuverlässigkeit der berühmten Passage bei Tacitus zugeben. Für das Erstere bürgt der genaue und sorgfältige Sueton, welcher die Strafen erwähnt, welche Nero über die Christen verhängte, einer Sekte von Menschen, welche einen neuen und verbrecherischen Aberglauben ersonnen hatten Sueton, Nero 16. Das Epitheton malefica , welches einige kluge Kommentatoren mit magisch übertragen haben, wird von dem besonnenen Mosheim als Synonym zu Tacitus' exitiabilis (unheilvoll, verderben bringend) angesehen. . Das Zweite wird durch die Übereinstimmung der meisten alten Manuskripte erwiesen; durch den unnachahmlichen Stil des Tacitus; durch sein hohes Ansehen, welches seinen Text vor betrügerischen Einschüben schützte; und durch den eigentlichen Inhalt seiner Erzählung, welche die ersten Christen der abscheulichsten Verbrechen zeiht, ohne gleichzeitig anzudeuten, dass sie über irgendwelche Wunder- oder gar Zauberkräfte verfügten, den Rest der Menschheit zu beherrschen Der Abschnitt über Jesus Christus, welcher in der Zeit zwischen Origines und Eusebius in den Text des Josephus (Antiquitates Iudaicae 18,3,3) eingefügt wurde, gibt ein Beispiel für eine minder plumpe Textfälschung. Die einzelnen Prophezeiungen Jesu, seine Tugenden, Wunder und die Auferstehung werden ausführlich geschildert. Iosephus selbst erklärt nur, dass er der Messias war und ist lediglich unentschieden, ob er ihn einen Menschen nennen soll. Bestehen noch irgendwelche Zweifel über diese berühmte Textpassage, so studiere der Leser die pointierten Einwände von le Fevre (in Havercamps Iosephus-Ausgabe, Band 2, p. 267-273), die gründlichen Antworten von Dabauz (L'eschelle de Jakob, p. 187-232) und in der Bibliothèque ancienne et moderne (Bd. 7, p. 237-88) die meisterlichen Entgegnungen eines anonymen Kritikers, der nach meiner Einschätzung der gelehrte Abbé Longuerue ist. . 2. Wenngleich Tacitus einige Jahre vor dem Brand Roms geboren wurde S. die Tacitus Biographien des Lipsius, und vom Abbé Bléterie im Artikel ›Tacite‹ des Dictionnaires von Bayle sowie Fabricius, Bibliotheca latina, Bd. 2, p.386. , kann er doch nur gesprächsweise oder durch Lektüre von dem Ereignis erfahren haben, welches sich in seiner Jugend zutrug. Bevor er selbst an die Öffentlichkeit trat, ließ er in der Stille sein Genie zur Reife gedeihen und war bereits vierzig Jahre alt, als er aus reiner Hochachtung für die Tugenden des Agricola die früheste seiner historischen Schriften veröffentlichte, welche noch in spätester Zukunft die Menschen erfreuen und belehren werden. Nachdem er an Agricolas Leben und der Beschreibung Germaniens seine Kräfte erprobt hatte, stellte er sich einer härteren Herausforderung, und er bestand sie: die Beschreibung der Geschichte Roms in dreißig Büchern vom Tode Neros bis zum Aufstieg Nervas. Die Regierung Nervas war ein Zeitalter des Rechts und des Wohlstandes, dessen Darstellung Tacitus sich für das Alter aufsparte Principatum Divi Nervae, et imperium Traiani, uberiorem securioremque materiam, senectuti seposui. (Den Prinzipat des göttlichen Nerva und Trajans Herrschaft, diesen reichhaltigen und weniger heiklen Gegenstand, habe ich für das Alter beiseite gelegt) Tacitus, Historien 1,1. ; bei näherer Betrachtung des Gegenstandes kam er möglicherweise zu dem Schluss, dass es angemessener oder lohnender sein müsse, die Verbrechen früherer Tyrannen aufzuzeichnen als die Tugenden eines regierenden Herrschers abzufeiern, woraufhin er beschloss, in der Form von Annalen die Taten der vier direkten Nachfolger des Augustus zu erzählen. Die Ereignisse von achtzig Jahren zu sammeln, zu ordnen und ihnen Glanz zu verleihen durch ein unsterbliches Werk, in welchem jeder Satz durch die tiefsinnigsten Beobachtungen und die lebendigste Darstellung geprägt ist, das war ein Vorsatz, dem Tacitus seinem Genie den größten Teil seines Lebens widmete. In den letzten Regierungsjahren des Trajan, als dieser Herrscher Roms Macht erfolgreich über alle bekannten Grenzen ausdehnte, beschrieb Tacitus im zweiten und vierten Buch seiner Annalen die Tyrannis des Tiberius Siehe Tacitus, Annales 2,61 und 4,4 ; und Hadrian muss bereits Thronnachfolger gewesen sein, bevor Tacitus im chronologischen Verfolg seines Werkes den Brand der Hauptstadt und die Grausamkeiten Neros an den unglückseligen Christen beschrieben hatte. Im Abstand von sechzig Jahren zu diesem Ereignis musste der Annalist auf zeitgenössische Darstellungen zurückgreifen; aber es war für den Philosophen nur naheliegend, sich bei der Darstellung von Herkunft, Ausbreitung und Charakter der neuen Sekte nicht so sehr auf die Kenntnisse und Vorurteile von Neros Zeitalter zu stützen als vielmehr auf die von Hadrians Zeit. 3. Sehr oft überlässt Tacitus es der Neugierde oder dem Nachdenken seines Lesers, die vermittelnden Umstände und Vorstellungen zu ergänzen, die er seiner extrem konzisen Ausdrucksweise zum Opfer brachte. Wir können deshalb auch nur raten, warum Nero seinen Hass den Christen Roms widmete, deren Bedeutungslosigkeit sie vor seinem Zorn ebenso hätte schützen sollen wie ihre verborgene Lebensweise vor seiner Aufmerksamkeit. Die Juden, in Rom sehr zahlreich vertreten und im eigenen Lande unterdrückt, waren als Objekt für die Verdächtigungen des Kaisers und der Bevölkerung weitaus geeigneter; schien es doch nicht eben abwegig, dass eine besiegte Nation, welche bereits unter dem römischen Joch geseufzt hatte, nun ihrerseits auf die grässlichsten Mittel sinnen würde, ihre unauslöschlichen Rachegelüste zu befriedigen. Aber die Juden besaßen sehr einflussreiche Fürsprecher bei Hofe und sogar im Herzen des Tyrannen; seine Frau und Gebieterin, die schöne Poppaea, sowie einen Lieblingsschauspieler aus dem Geschlechte Abraham, welche beide schon für das widrige Volk Fürsprache eingelegt hatten Der Name des Spielers war Aliturus. Zwei Jahre zuvor hatte Josephus (De vita sua 3) mit eben seiner Hilfe Pardon und Entlassung für einige jüdische Priester erwirkt, welche zu Rom in Ketten lagen. . An ihrer Stelle mussten also andere geopfert werden, und leicht kam der Vorschlag auf, dass, wenn auch die echten Nachkommen Moses' unschuldig am Brande Roms waren, die Sekte der NAZARENER aus ihnen erstanden sei, neu und gefährlich, der fürchterlichsten Verbrechen fähig. Unter der Bezeichnung NAZARENER wurden zwei Menschengruppen durcheinandergebracht, die in ihren Sitten und Grundsätzen nicht verschiedener sein konnten; die Jünger, die den Glauben an Jesus von Nazareth Der gelehrte Dr. Lardner (Jewish and heathen testimonies, Band 2, p.102f) hat den Nachweis erbracht, dass der Name Galiläer eine sehr alte und möglicherweise die ursprüngliche Bezeichnung für die Christen war. angenommen hatten, und die Glaubenseiferer, welche der Fahne von Judas dem Gaulaniten folgten Iosephus, Antiquitates Iudaicae 18,1 und 2; Tillemont, Ruine des Juifs, p.742) Unter der Regierung des Claudius wurden die Söhne des Judas gekreuzigt. Sein Enkel Eleazar verteidigte nach der Eroberung Jerusalems eine starke Festung mit seinen zu allem entschlossenen 960 Anhängern. Als die Sturmramme eine Bresche geschlagen hatte, töteten sie zunächst ihre Frauen, dann ihre Kinder und endlich sich selbst mit dem Schwert. Sie kamen bis auf den letzten Mann um. . Die ersteren waren die Freunde der Menschheit, die letzteren ihre Feinde; und die einzige Ähnlichkeit war die unbeugsame Festigkeit, welche sie gegen Folter und Tod gleichgültig machte, wenn es um ihre Sache ging. Die Gefolgsleute des Judas, der seine Landsleute zur Rebellion aufrief, lagen alsbald unter den Trümmern Jerusalems begraben; die Jünger Jesu, besser bekannt als Christen, breiteten sich hingegen über das ganze römische Reich aus. Wie naheliegend war es daher für Tacitus, in der Zeit Hadrians den Christen die Schuld zuzuweisen, was er mit sehr viel mehr Grund mit einer Sekte getan haben sollte, deren übler Name zu seiner Zeit schon fast untergegangen war! 4. Welche Meinung man auch immer zu dieser Konjektur haben mag (denn mehr als eine Konjektur ist es nicht), es ist offenkundig, dass die Wirkung ebenso wie der Grund von Neros Verfolgung auf Rom begrenzt blieben Siehe Dodwell, de Paucitate Martyrum, Buch 13. Die spanische Inschrift bei Gruter, Bd.1, p.238, Nr.9 ist ersichtlich und nachweislich eine Fälschung, fabriziert von dem notorischen Betrüger Cyriacus von Ancona zum Zwecke, den Stolz und die Vorurteile der Spanier zu kitzeln. S. Ferreras, Histoire d'Espagne, Bd. 1, p.192. ; dass die Glaubenssätze der Galiläer oder Christen niemals Gegenstand strafrechtlicher Maßnahmen gewesen sind; und dass schließlich, da ihr Leiden für lange Zeit mit Grausamkeit und Unrecht assoziiert war, die gemäßigte Gesinnung nachfolgender Herrscher den Anlass gaben, diese Sekte zu schonen, die unter einem Tyrannen gelitten hatten, dessen Wut sich nachgerade gewohnheitsmäßig gegen Tugend und Unschuld gerichtet hatte.   UNTERDRÜCKUNG VON JUDEN UND CHRISTEN DURCH DOMITIAN Es ist bemerkenswert, dass die Kriegsfurien fast zur gleichen Zeit den Tempel zu Jerusalem und das Capitol in Rom zerstörten Das Capitol brannte während des Bürgerkrieges zwischen Vitellius und Vespasian nieder, und zwar am 19. Dezember A.D. 69. Am 10. August A.D. 70 wurde der Tempel vermutlich von den Juden selbst verbrannt und nicht von den Römern. ; und nicht weniger erstaunlich ist es, dass Steuern, welche Gottesfurcht für das erste Bauwerk bestimmt hatte, jetzt durch die Leichtfertigkeit eines gesetzlosen Siegers dazu zweckentfremdet wurden, den Glanz des letztgenannten wieder herzustellen Das neue Capitol wurde durch Domitian geweiht. Sueton, Domitian 5; Plutarch, Publicola, Bd. 1, p. 230 ed. Bryant. Allein die Vergoldung kostete 12 000 Talente (mehr als zwei und eine halbe Millionen Pfund Sterling.) Martial (9,4) meint, wenn der Kaiser seine Schulden eingefordert hätte, dass selbst Jupiter, auch wenn er den Olymp versteigert hätte, noch nicht zwei Shilling pro Pfund hätte zahlen können. . Der Herrscher legte dem Volke Israel eine Kopfsteuer auf; und obwohl die Summe für jeden einzelnen vernachlässigbar war, so wurden doch die Zweckbestimmung des Geldes und die Brutalität, mit der es eingezogen wurde, für eine unerträgliche Belastung gehalten Wegen des Tributes siehe Cassius Dio 66,7 nebst Reimarus' Anmerkungen. Spanheim, de usu numismatum, Band 2, p.571 sowie Basnage, Histoire des Juifs, 7,2. . Und da die Büttel des Fiskus ihre ungerechtfertigten Forderungen auch gegenüber solchen Personen erhoben, welche dem Volk und der Religion der Juden fern standen, konnte es nicht ausbleiben, dass auch die Christen, welche sich oftmals im Schatten der Synagoge verborgen gehalten hatten, zu Opfern dieses Raubzuges wurden. Ängstlich darauf bedacht, auch der entferntesten Ansteckung durch Abgötterei aus dem Wege zu gehen, verbot ihnen ihr Gewissen, zu Ehren des Dämonen in der Gestalt des Iupiter Capitolinus irgendetwas zukommen zu lassen. Eine beträchtliche, wiewohl abnehmende Gruppe innerhalb der Christen befolgte noch immer das mosaische Gesetz; ihre Bemühungen, ihre jüdische Herkunft zu verbergen, scheiterten indessen durch die leicht nachweisbare Beschneidung Sueton (Domitian 12) hatte einen neunzigjährigen Mann gesehen, der öffentlich vor dem Tribunal des Prokurators untersucht wurde. Das ist, was Martial unter mentula tributis damnata (das zur Steuerzahlung verurteilte Glied) versteht. ; auch gebrach es den römischen Behörden an Lust und Muße, die Unterschiede ihrer jeweiligen Glaubenssätze auszuforschen. Unter den Christen, die vor das kaiserliche Tribunal gebracht wurden, oder, was wahrscheinlicher ist, vor das des Prokurators von Iudaea, sollen auch zwei Personen gewesen sein, ausgezeichnet durch ihre Herkunft, die wahrhaftig höher war als des höchsten irdischen Monarchen. Es waren dies die Enkel von St. Judas dem Apostel, welcher der Bruder von Jesus Christus war Diese Bezeichnung wurde zunächst im wörtlichen Sinne verstanden, und man mutmaßte, dass die Brüder Jesu der gesetzliche Nachwuchs von Joseph und Maria waren. Der fromme Respekt vor der Jungfräulichkeit der Mutter Gottes ließ die Gnostiker und anschließend die orthodoxen Griechen auf die Ausflucht verfallen, Joseph eine zweiten Frau zuzuschreiben. Die lateinische Kirche (zur Zeit von Hieronymus) machte es noch besser, ersann das immerwährende Zölibat des Joseph und bewies durch ähnliche Beispiele die neuartige Auffassung, dass Judas, ebenso wie Simon und Jakob, die die Brüder von Jesus gewesen sein sollen, in Wirklichkeit nur seine Vettern ersten Grades waren. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 1, Teil 3 und Beausobre, Histoire du Manichéisme, Buch 2, c.2. . Ihr natürliches Anrecht auf den Thron Davids mochte vielleicht die Aufmerksamkeit des Volkes und den Argwohn des Provinzgouverneurs erregen; aber ihr armseliger Aufzug und die Schlichtheit ihrer Antworten überzeugten ihn schon bald davon, dass sie weder danach verlangten noch überhaupt imstande waren, den römischen Frieden aufzustören. Frei heraus bekannten sie ihre königliche Herkunft und ihre nahe Verwandtschaft zum Messias; aber sie wiesen alle weltlichen Gelüste von sich und bekannten, das sein Königreich, welches sie so sehnlich erwarteten, rein geistlicher und engelhafter Natur sei. Als man sie nach Vermögen und Gewerbe befragte, wiesen sie ihre durch tägliche Mühe gehärteten Hände und erklärten, dass sie ihren gesamten Lebensunterhalt von einem kleinen Bauernhof in der Nähe des Dorfes Cocaba bezögen, dessen Größe etwa vierundzwanzig englische acres Neununddreißig πλέθρα Flächen zu je einhundert Quadratfuß, würden, genau gerechnet, kaum neun acres ausmachen. Aber die mutmaßlichen Umstände, die Praxis anderer griechischer Autoren und Herrn Valois' Autorität bestimmen mich zu der Annahme, dass πλέθρα (= 950 qm, A.d.Ü.) hier für des römischen iugerum (=2.529 qm, A.d.Ü.) benutzt wurde. und dessen Wert neuntausend Drachmen (entsprechend dreihundert Pfund Sterling) betrug. Die Enkel von St. Judas wurden entlassen, bemitleidet und verachtet Eusebios, Historia 3,20. Die Geschichte ist Hegesippos entnommen. .   HINRICHTUNG VON CLEMENS DEM KONSUL Wenn auch die Bedeutungslosigkeit des Hauses David es vor dem Argwohn eines Tyrannen schützte, so beunruhigte die gegenwärtige Größe seiner eigenen Familie die feige Eifersucht des Domitian, und nichts konnte es beschwichtigen als das Blut der Römer, welche er entweder fürchtete, hasste oder hochschätzte. Sein Onkel Flavius Sabinus Zur Charakterisierung und Tod von Sabinus siehe Tacitus, Historiae 3,74f. Sabinus war der ältere Bruder Vespasians und galt bis zu dessen Regierungsantritt als der eigentliche Halt der Flavier-Familie. hatte zwei Söhne, und der Ältere war gar bald verräterischer Neigungen überführt, während der jüngere mit Namen Flavius Clemens deshalb in Sicherheit lebte, weil ihm Mut und Begabung abgingen »Flavium Clementem patruelem suum ›contemptissimae inertiae‹ ... ex tenuissima suspicione interemit.« (Seinen unsagbar trägen Vetter Flavius Clemens...ließ er auf den geringsten Verdacht hin ermorden.) Sueton, Domitian 15. . Der Kaiser zeichnete für geraume Zeit dieses unschuldige Geschöpf durch seine Gunst und Protektion aus, gab ihm gar seine eigene Nichte Domitilla zur Frau, bestimmte die Kinder dieser Ehe zu seinen Nachfolgern und ehrte ihren Vater mit einem Konsulat. Kaum hatte er jedoch dieses Amt beendet, wurde er unter einem läppischen Vorwand verurteilt und hingerichtet; Domitilla wurde auf eine winzige Insel an der Küste Campaniens verbannt Es war nach den Angaben von Cassius Dio die Insel Pandataria. Bruttius Präsens (bei Eusebios, Historia 3,18) verbannt sie nach Pontia, unfern der erstgenannten. Dieser Unterschied und ein Missverständnis entweder des Eusebius oder der Kopisten haben den Anlass zu zwei Domitillas gegeben, der Frau und der Nichte des Clemens. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 2, p. 224. ; und Todesurteile und Konfiskationen wurden gegen zahlreiche Personen verhängt, die in derselben Sache angeklagt waren. Ihnen wurden Atheismus und jüdische Gebräuche Cassis Dio, 67,14. Falls der Bruttius Praesens, von dem er vermutlich diesen Bericht übernahm, auch der Briefpartner des Plinius war (Epstulae 7,3), dürfen wir ihn als zeitgenössischen Autoren ansehen. zur Last gelegt; eine einmalige Ideenverbindung, welche sich mit Fug auf niemanden als die Christen beziehen konnte, da der Senat und die Autoren aus jenen Zeiten sie nur oberflächlich und unvollständig kannten. Auf der Grundlage dieser Vermutungen und der Bereitschaft, das krankhafte Misstrauen eines Despoten als einen Beweis für das fromme Vergehen der beiden zu nehmen, hat die Kirche Clemens und Domitilla unter ihre ersten Blutzeugen gezählt und die Grausamkeit Domitians mit der zweiten Christenverfolgung gebrandmarkt. Diese zweite Verfolgung indessen (wenn sie denn diese Bezeichnung verdient) war nicht von Dauer. Einige Monate nach dem Tode des Clemens und der Verbannung der Domitilla tötete Stephan, ihr Freigelassener, der ihre Gunst, aber sicherlich nicht ihren Glauben erworben hatte Sueton, Domitian 17; Philostratos, Vita Apoini 8. , den Herrscher in seinem Palast. Der Senat verdammte das Andenken des Domitian; seine Erlasse wurden widerrufen; die Exilanten kehrten zurück; und unter Nervas milder Regierung erhielten nicht nur die Unschuldigen ihre Ämter und Vermögen zurück, sondern noch die Schuldigsten wurden begnadigt oder erhielten Strafnachlass Cassius Dio, 68,1; Plinius Epistulae 4,22. .   PLINIUS ÜBER DIE NATUR DER CHRISTEN III. Etwa zehn Jahre später, unter Trajans Regierung, wurde Plinius dem Jüngeren von seinem Freund und Meister die Verwaltung von Bithynien und Pontus anvertraut. Schon bald fand er sich in einiger Verlegenheit, nach welchen Gesetzesvorschriften er bestimmte Prozesse führen sollte, die seiner Menschlichkeit zutiefst widerstrebten. Plinius hatte niemals einem Prozess gegen die Christen beigewohnt, die er offenbar nur dem Namen nach kannte; und in völliger Unkenntnis befand er hinsichtlich ihrer Schuld, der Prozessführung und des Strafmaßes. So verfiel er in seiner Ratlosigkeit auf das übliche Mittel, indem er der Weisheit des Trajan einen objektiven und in mancherlei Hinsicht sogar günstigen Bericht über diesen neuen Aberglauben vorlegte und den Herrscher ersuchte, gnädig seine Schreibers-Zweifel zu zerstreuen und seine Unwissenheit anzuleiten Plinius, Epistulae 10,97. Der gelehrte Mosheim äußert sich (de rebus Christianorum p.147 und 232) zu Plinius' maßvollem und aufrichtigem Charakter sehr beifällig. Dr. Lardners Argwohn unerachtet (siehe Testimonies Band 2, p.46) gelingt es mir nicht, in seiner Sprache und Aufführung irgendeine Bigotterie aufzuspüren. . Plinius' Leben war Lernen und Handeln gewesen. Seit seinem neunzehnten Lebensjahr hatte er an den römischen Gerichtshöfen mit Auszeichnung gewirkt Plinius, Epistulae 5,8. Seinen ersten Prozess führte Plinius A.D. 81. Es war dies das Jahr nach dem berühmten Vesuvausbruch, bei welchem sein Onkel ums Leben kam. , hatte einen Sitz im Senat inne, war mit konsularischen Ehren investiert worden und besaß die vielfältigsten Kontakte zu Menschen jedweden Standes aus Italien oder den Provinzen. Wenn also selbst er unkundig war, können wir hieraus manche nützliche Information gewinnen. So können wir sicher sein, dass es zu der Zeit, als er die Verwaltung von Bithynien übernahm, keinerlei allgemeingültigen Gesetze oder Senatserlasse gegen die Christen ergangen waren; dass weder Trajan noch einer seiner berühmten Vorgänger, deren Erlasse Eingang in die Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit gefunden hatten, ihre Absichten hinsichtlich der neuen Sekte öffentlich kundgetan hatten; und dass, was immer man auch gegen die Christen bis dahin unternommen haben mochte, keine so maßgebend gewesen sein kann, um den römischen Magistraten als Präzedenzfall zu dienen.   TRAJAN VERANLASST LEGALES VORGEHEN Die Antwort Trajans, auf die sich in späteren Zeiten die Christen immer wieder beriefen, offenbart das Ausmaß an Gerechtigkeitssinn und Menschlichkeit, wie es mit seinen verfehlten Vorstellungen von Religionspolitik überhaupt vereinbar war Plinius, Epistulae 10,98. Tertullian (Apologeticum 5) erblickt in dieser Verfügung eine Milderung alter Strafbestimmungen, »quas Traianus ex parte frustratus est« (die Traian zum Teil umgangen hat); dennoch weist Tertullian an anderer Stelle auf die Inkonsequenz hin, Ermittlungen zu untersagen und Strafen zu verhängen. . Anstelle dass er sich jetzt als unbeugsam-eifriger Inquisitor gebärdet hätte, begierig, noch die leisesten Spuren von Häresie zu entdecken und zu frohlocken ob der Zahl seiner Opfer, war der Herrscher vielmehr ausdrücklich darum besorgt, die Sicherheit der Unschuldigen zu garantieren und als zu verhindern, dass ein Schuldiger etwa entkommen möchte. Er gesteht durchaus die Schwierigkeiten, ein allgemeingültiges Vorgehen festzulegen; aber er spricht zwei heilsame Direktiven aus, die für die bedrängten Christen oftmals Erleichterung und Hilfe bedeuteten. Er gibt den Magistraten die Weisung, nur solche Personen zu bestrafen, welche von Rechts wegen verurteilt worden sind, und verbietet ihnen – inkonsequent, aber menschlich-, Untersuchungen gegen die angeblichen Kriminellen anzustrengen. Auch war es den Magistraten nicht gestattet, irgendwelchen Gerüchten nachzugehen. Auf anonyme Denunziationen zu reagieren weigert sich der Herrscher, da dies seinem Gerechtigkeitssinn zu sehr widersprechen würde; und wird ein Urteil ausgesprochen gegen die, die der Ausübung des Christentums beschuldigt wurden, ist unbedingt das Zeugnis eines honorigen öffentlichen Anklägers erforderlich. Es ist ebenso wahrscheinlich, dass Menschen, die sich dieser widerlichen Aufgabe unterfingen, verpflichtet waren, den Grund für ihren Verdacht zu nennen, genaue Angaben darüber zu machen, wann und wo ihre christlichen Feinde ihre heimlichen Treffen abgehalten hatten und zahlreiche weitere Umstände zu enthüllen, welche vor der irdischen Neugierde behutsam verborgen gehalten wurden. Hatten sie mit ihrer Anzeige Erfolg, so sahen sie sich plötzlich den Rachegelüsten einer großen handlungsbereiten Gruppe, den Vorwürfen des freisinnigen Teils der Menschheit sowie der Verachtung ausgesetzt, welche noch alle Zeiten und alle Länder für Denunzianten erübrigt hatten. Blieben sie indessen den Nachweis schuldig, dann hatten sie schwere und gegebenenfalles sogar die Todesstrafe zu gewärtigen, welche entsprechend einem unter Kaiser Hadrian verabschiedetem Gesetz allen denen drohte, welche ihre Landsleute zu Unrecht des Verbrechens des Christentums beschuldigten. Bisweilen geschieht es, dass persönliche oder religiöse Hassgefühle stärker sind als die natürliche Angst vor Strafe und gesellschaftlicher Ächtung; und dennoch ist es wenig wahrscheinlich, dass so unergiebige Anklagen von den heidnischen Untertanen des römischen Reiches besonders leichtfertig oder häufig erhoben worden sind Eusebius (Historia 4,9) hat dieses Edikt des Hadrian überliefert. Er hat uns außerdem eines unter dem Namen des Antoninus bewahrt(13), welches noch günstiger war, dessen Echtheit indessen nicht allgemein anerkannt wird. Die zweite Apologie des Iustinus Martyr enthält einige bemerkenswerte Stellen, die sich auf die Anklagen gegen das Christentum beziehen. .   DIE CHRISTEN UND DIE ZIRKUSSPIELE Die Mittel, auf die man verfiel, nur um die dem Gesetz innewohnende Weisheit zu umgehen, beweisen hinlänglich, wie wirkungsvoll es mutwillige Anschläge privater Bosheit oder abergläubischen Eiferns zu vereiteln verstand. In großen und lärmenden Versammlungen büßt der sonst so starke Einfluss von Furcht und Scham von seiner Wirkmächtigkeit, die er auf das Gemüt des Vereinzelten ansonsten ausübt. Der fromme Christ, ob er nun den Ruhm eines Märtyrertodes herbeisehnte oder fürchtete, wartete mit Ungeduld oder Bangen auf den festgesetzten Termin der öffentlichen Spiele und Feste. Bei solcher Gelegenheit waren die Einwohner der Großstädte im Zirkus oder Theater versammelt, und hier nun trugen alle äußeren Umstände dazu bei, ihren Glaubenseifer zu entflammen und zugleich ihre Menschlichkeit auszulöschen. Während die zahlreichen Zuschauer, mit Blumen bekränzt, mit Weihrauchduft parfümiert, mit dem Blute der Opfertiere gereinigt und von den Statuen ihrer Titulargottheiten umringt, sich den Genüssen öffneten, die für sie den wichtigsten Bestandteil ihres Kultus darstellte, erinnerten sie sich gleichzeitig, dass die Christen als die Einzigen des Menschengeschlechtes diese Gottheiten flohen und durch ihr Fernbleiben vom Festgeschehen und ihre Trübseligkeit die öffentliche Glücksstimmung zu veralbern oder gar zu verfinstern schienen. Hatte nun irgendein Unglücksfall das Reich ereilt, eine Seuche etwa, Misswuchs oder ein fehlgeschlagener Feldzug; war der Tiber über seine Ufer getreten und der Nil nicht; hatte die Erde gebebt oder war die naturgegebene Ordnung der Jahreszeiten verwirrt worden, so fand sich der Aberglauben der Heiden rasch überzeugt, dass die Verbrechen und Gottlosigkeit der Christen, die die unbegreifliche Nachsicht der Obrigkeit bis dahin geschont hatte, nun endlich die Gerechtigkeit des Himmels aufgerufen habe. Die Beobachtung einer rechtsstaatlichen Vorgehensweise gehört nicht zu den Charakteristika zügelloser und aufgebrachter Menschenmassen; in einem Amphitheater, in dem das Blut von wilden Tieren und Gladiatoren floss, findet die Stimme des Mitleides nur schwerlich Gehör. Das wüste Geschrei der Menge erklärte die Christen zu Feinden der Menschen und Götter, verurteilte sie zu den schwersten Foltern, wagte sogar, einige prominente Vertreter der neuen Sekte mit Namen zu benennen, um mit maßloser Wut darauf zu bestehen, dass sie ergriffen und den Löwen vorgeworfen würden Siehe Tertullian, Apologeticum 40. Die Prozessakten des Polykarp entwerfen ein lebhaftes Bild von diesem Tumulten, welche von der Bosheit der Juden gewöhnlich noch angeheizt wurden. . Die Provinzgouverneure, die bei öffentlichen Schauspielen präsidierten, zeigten sich für gewöhnlich geneigt, diesen Neigungen zu willfahren und einige Schuldige zu opfern, um den Volkszorn zu beschwichtigen. Die Weisheit der Kaiser indessen schützte die Kirche vor der Gefahr solcher Ausbrüche und gesetzlosen Vorgehens, da sich dies zu der Rechtsstaatlichkeit ihres Regierens denn doch nicht schickte. Die Erlasse eines Hadrian und Antoninus Pius bestimmten sogar ausdrücklich, dass Geräusch und Lärmen, welches das Volk veranstaltete, niemals als gerichtsverwertbarer Beweis gelten könne, um einen dieser Unglückseligen zu überführen oder zu bestrafen, welche sich der Schwärmerei der Christen angeschlossen hätten Die Bestimmungen finden sich in den oben erwähnten Erlassen von Hadrian und Antoninus Pius. Siehe die Apologie des Melito (bei Eusebios, Historia 4,26). .   FOLTER FÜR CHRISTLICHE WEIGERUNG III Strafe war nun keineswegs die unausweichliche Konsequenz für Glaubensüberzeugung, und die Christen, deren Schuld durch Zeugenaussagen oder sogar durch Selbstbezichtigung deutlich erwiesen war, hatten die Alternative über Leben und Tod durchaus selbst in der Hand. Es waren gar nicht einmal ihre zurückliegenden Verfehlungen als vielmehr ihre aktuelle Verstocktheit, welche die Magistrate so empörten. Sie hielten sich überzeugt, den Christen auf wohlfeile Art Pardon gewährt zu haben; fanden sie sich bereit, ein paar Krümel Weihrauch auf den Altar werfen, so mochten sie gehen, unbehelligt und belobt. Man hielt es für die Pflicht eines human gesinnten Richters, diese irregeleiteten Enthusiasten auf den rechten Weg zurückzuleiten und nicht sie zu bestrafen. Unter Anpassung seines Tonfalles an das Alter, das Geschlecht oder die Stellung der Gefangenen waren sie oft genug bereit, ihnen alle Umstände vor Augen zu führen, welche das Leben lebenswert und den Tod entsetzlich machten; und sie zu ersuchen, nein, sie anzuflehen, ein wenig Mitleid mit sich selbst, ihrer Familie und ihren Freunden zu haben Siehe Traians Antwortschreiben und Plinius' Verhalten. Solcherlei Ermahnungen finden sich in den echtesten Märtyrerakten zuhauf. . Erst wenn alle diese Bemühungen ergebnislos blieben, griffen sie zur Gewalt. So wurden die Geißel und die Folter aufgerufen, dem Mangel an Überzeugungskraft abzuhelfen, und jede Form der Rohheit war erlaubt, um solche unbeugsame und, wie es den Heiden scheinen musste, strafwürdige Halsstarrigkeit zu brechen. Die christlichen Apologeten der Antike haben mit ebensoviel Recht wie Strenge die ungesetzliche Vorgehensweise der Strafverfolger getadelt, welche im Widerspruch zu jedem rechtlichen Procedere die Folter anwandten, nicht etwa um ein Geständnis, sondern ein Ableugnen der Straftaten zu erzwingen, welche Gegenstand des Verfahrens waren Siehe besonders Tertullian (Apologeticum 2 und 3) und Lactantius (Divinae institutiones 9,5). Ihre Argumentation ist fast identisch, aber wir können feststellen, dass der eine ein Jurist und der andere ein Rhetor gewesen ist. . Die Mönche späterer Jahrhunderte beschäftigten sich in ihrer friedlichen Einsamkeit damit, in Tod und Leiden der ersten Märtyrer Abwechslung zu bringen und erfanden hierzu Foltern von weitaus raffinierterer und ausgeklügelterer Natur. Insbesondere gefielen sie sich in der Annahme, der Eifer der römischen Magistrate, die sich inzwischen aller moralischen oder Anstandsrücksichten entschlagen hätten, sei dazu übergegangen, die, die sie nicht besiegen könnten, wenigstens zu verführen, und dass auf ihr Geheiß denen, die selbst zu verführen ihnen unmöglich war, die brutalste Niedertracht angedroht wurde. Es wird erzählt, dass fromme Frauen, die sogar den Tod gering achteten, bisweilen einer noch härteren Probe unterworfen wurden und sich entscheiden mussten, ob ihnen ihre Religion oder ihre Keuschheit mehr bedeute. Die Jugendlichen, deren Triebhaftigkeit sie anschließend überlassen wurden, empfingen von den Richtern die nachdrückliche Aufmahnung, alle ihre Kräfte anzustrengen, um die Ehre der Venus gegen jene gottlosen Jungfrauen zu behaupten, welche sich weigerten, an ihrem Altar Räucherwerk zu verbrennen. Für gewöhnlich jedoch strengsten sie sich vergeblich an; denn oft rettete eine rechtzeitige Dazwischenkunft irgendeiner Wunderkraft die keuschen Bräute Christi vor der Schmach einer unfreiwilligen Niederlage. Wir dürfen jedoch nicht den Hinweis unterdrücken, dass die älteren und zugleich zuverlässigeren Nachrichten über die Kirche nur sehr selten mit derlei müßigen Frivolitäten durchwoben sind Zwei Fälle dieser Folter findet man in den Acta Sincera Martyrum (ed. Ruinart, p. 160 und 399. In seiner Legende von Paul dem Einsiedler erzählt Hieronymus die merkwürdige Geschichte von einem jungen Mann, welcher nackt auf einem Blumenbett gebunden lag und dann von einer ebenso aufreizenden wie brünstigen Prostituierten belagert wurde. Er dämpfte das emporwachsende Verlangen, indem er sich die Zunge abbiss. .   RÖMISCHER MAGISTRAT GLEICHGÜLTIG Die vollständige Missachtung von Wahrheit und Wahrscheinlichkeit bei der Darstellung dieser frühen Martyrien waren das Ergebnis einer durchaus naheliegenden Gleichsetzung. Die Kirchengeschichtsschreiber des IV. und V. Jahrhunderts unterstellten den Magistraten in Rom denselben unversöhnlichen und fanatischen Glaubenseifer, den ihre eigene Zeit gegen die Häretiker und Götzendiener aufbot. Es spricht vieles dafür, dass manche Personen, die innerhalb des Reiches Karriere gemacht hatten, sich die populären Vorurteile angeeignet hatten und dass wiederum bei anderen Habgier oder persönlicher Groll Die Bekehrung seiner Ehefrau brachte den Statthalter von Kappadokien, Claudius Herminianus, derart auf, dass er gegen die Christen mit ausgesuchter Grausamkeit vorging. Tertullian, Ad Scapulam 3. der Anlass zur Grausamkeit war. Aber ebenso steht fest, und wir können uns hier auf das das dankbare Bekenntnis der frühen Christen berufen, dass jene Beamten, welche in den Provinzen von Amts wegen den Kaisers oder den Senat vertraten und in deren Hände allein die Entscheidung über Leben und Tod gelegt war, sich zum größten Teil wie Männer von Bildung und liberaler Erziehung verhielten und mit den Prinzipien der Philosophie durchaus vertraut waren. Oft unterließen sie das verhasste Amt der Strafverfolgung ganz, schlugen die Anklage verächtlich nieder oder gaben den angeklagten Christen legale Hinweise, wie sie der Strenge des Gesetzes entkommen könnten Tertullian erwähnt in seinem Brief an den Statthalter von Afrika einige außergewöhnliche Beispiele von Milde und Nachsicht, die in seiner Bekanntschaft vorgekommen waren. . Wenn sie die Entscheidungsgewalt innehatten »Neque enim in universum aliquid quod quasi certam formam habeat, constitui potest«: (Denn es ist ganz allgemein unmöglich, etwas festzulegen, das als normgebend gelten könnte.) Dieser Ausspruch Traians (Plinius, Epistulae 10,97.) räumte den Provinzstatthaltern weiten Spielraum ein. , dann nutzten sie sie sehr viel seltener zur Unterdrückung der Kirche als vielmehr dazu, ihr in ihrer Bedrängnis beizustehen und zu helfen. Sie waren weit davon entfernt, alle Christen zu verurteilen, die vor ihrem Tribunal angeklagt wurden, und noch ferner lag es ihnen, alle diejenige zum Tode zu verurteilen, welche der hartnäckigen Gefolgschaft an den neuen Aberglauben überführt waren. Meist gaben sie sich damit zufrieden, mildere Strafen wie Gefängnis, Exil oder Zwangsarbeit in den Minen »In metalla damnamur, in insulas relegamur.« (Zu Bergwerksarbeit sind wir verurteilt, auf Inseln verbannt.) Tertullian, Apologeticum 12. In den Bergwerken von Numidien fronten neun Bischöfe und eine entsprechende Anzahl Kirchenvolk; an sie richtete Cyprian eine fromme Erbauungs- und Trostepistel. Cyprian, Epistulae 76f. zu verhängen und machten darüber hinaus den unglücklichen Opfern dieser Justiz noch Hoffnung, dass ein glückhaftes Ereignis, eine Thronbesteigung etwa, eine Hochzeit oder ein Triumph des Herrschers sie im Rahmen einer allgemeinen Amnestie rasch in ihren früheren Stand zurückbringen könnte. λόγοις τε καὶ ἔργοις τὸν δικαστήν...περιβάλλων   ZAHL DER MÄRTYRER Die Märtyrer, an denen die römischen Beamte das Todesurteil sofort vollstrecken ließen, scheinen aus den gegensätzlichsten Ständen ausgesucht worden zu sein. Es waren Bischöfe oder Presbyter, besaßen unter den Christen also ausgesuchten Rang und Einfluss, und ihr Schicksal mochte in der Sekte besonderes Entsetzen hervorrufen Wenn wir auch den Briefen oder Akten des Ignatius nicht bis ins letzte trauen können (man findet sie im zweiten Band der Apostolischen Väter), so können wir doch diesen Bischof von Antiochia als einen dieser exemplarischen Märtyrer anführen. Er wurde in Ketten nach Rom verbracht, als öffentliches Schauspiel; und als er in Troas ankam, erhielt er die erfreuliche Nachricht, dass die Verfolgungen zu Antiochia bereits eingestellt waren. ; oder es waren andererseits die Niedrigsten und Verworfensten unter ihnen oder befanden sich im Zustand der Sklaverei: dann maßen die Alten ihrem Leben wenig Wert bei und schauten mit etwas zu viel unbeteiligtem Gleichmut auf ihre Leiden Unter den Märtyrern von Lyon (Eusebios, Historia 5,1) wurde die Sklavin Blandina ganz besonderer Foltern für würdig befunden. Von den fünf Märtyrern, die in den Akten der Felicitas und Perpetua so rühmlich erwähnt werden, waren zwei Sklaven und zwei von sehr geringem Stande. . Der gelehrte Origines, welcher aus eigener Anschauung und durch eifrige Lektüre mit der Geschichte der Christen innig vertraut war, erklärt mit Bestimmtheit, dass die Zahl der Märtyrer ganz unbeträchtlich gewesen sei Origines, Contra Celsum 3,8, S. 929. Seine Worte verdienen eine Wiedergabe: λόγοις τε καὶ ἔργοις τὸν δικαστήν...περιβάλλων. (Wenige sind gestorben zu ihrer Zeit, und sehr viele wegen der Gottesverehrung der Christen). . Seine Autorität allein würde hinreichen, jene gewaltige Armee von Märtyrern zum Verschwinden zu bringen, deren Reliquien man zum größten Teil aus den Katakomben Roms fortgeschafft hatte, die dann so viele Kirchen erfüllten Wenn wir uns vergegenwärtigen, das nicht alle Plebejer Roms Christen waren und nicht alle Christen Heilige und Märtyrer, dann können wir auch abschätzen, mit welchem Grade an Gewissheit man den Knochen und Urnen religiöse Ehren erweisen darf, die man doch unterschiedslos von den öffentlichen Begräbnisstätten fortgeholt hatte. Nach zehn Jahrhunderten schwunghaften und ungehinderten Handels scheint unter den gebildeteren Katholiken so etwas wie Argwohn aufgekeimt zu sein. Es werden nunmehr als Beweis für Heiligkeit und das Märtyrertum die Buchstaben B.M. (Bischof und Märtyrer, A.d.Ü.) verlangt, ein Fläschchen mit roter Flüssigkeit, die vermutlich Blut darstellen soll, oder das Bild einer Palme. Indessen sind die ersten beiden Zeichen von sehr geringem Gewicht, und hinsichtlich des letztgenannten haben Kritiker angemerkt, dass 1. das so genannte Bild einer Palme möglicherweise eine Zypresse darstellt, vielleicht auch nur ein Punkt oder ein verschnörkeltes Komma, wie es bei Monumentalinschriften üblich ist; dass 2. die Palme unter den Heiden das Siegessymbol war und schließlich 3. sie unter den Christen nicht als Zeichen des Märtyrertums, sondern üblicherweise der frohen Auferstehung diente. Siehe den Brief von Pater Mabillon über die Verehrung unbekannter Heiliger und Muratori, Delle antichità Italiane, Diss. 58. , und deren wunderbare Erwerbsgeschichte zum Gegenstand vieler Bände mit Heiligenlegenden geworden ist Als ein Beispiel dieser Legenden mögen uns die 10 000 christlichen Soldaten dienen, die an einem einzigen Tage am Berge Ararat durch Trajan oder Hadrian gekreuzigt wurden. Siehe Baronius ad Martyrologium Romanum; Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques Band 2, Teil 2, p. 438; und Geddes's Miscellanies, Band 2, p. 203. Die Abkürzung MIL, die entweder ›Soldaten‹ oder ›Tausende‹ bedeutet, hat angeblich zu einigen schwerwiegenden Irrtümern geführt. . Aber die allgemeine Feststellung des Origines kann noch durch das besondere Zeugnis seines Freundes Dionysius erläutert und bekräftigt werden, welcher abschätzt, dass in der unmessbar großen Stadt Alexandria und unter der besonders brutalen Verfolgung des Decius zehn Männer und sieben Frauen wegen ihres Bekenntnisses zur christlichen Religion leiden mussten Dionysios bei Eusebios, Historia 6,41. Einer der siebzehn war auch wegen Raubes angeklagt. .   CYPRIAN, BISCHOF VON KARTHAGO... Während dieser Zeit der ersten Verfolgung beherrschte der eifernde, beredte und ehrgeizige Cyprian die Kirche nicht nur Karthagos, sondern ganz Afrikas. Er verfügte über alle Eigenschaften, welche die Verehrung der Gläubigen und den Argwohn der heidnischen Magistrate auf ihn lenken musste. Sein Charakter und seine Stellung lieferten die Gewähr dafür, dass dieser heilige Prälat ein tadelloses Objekt für Neid und Gewalt abgab Cyprians Briefe bieten ein ganz eigenes, genuines Bild des Menschen und seiner Zeit. Siehe hierzu auch die beiden gleich gründlichen, aber unterschiedlich ausgerichteten Cyprian-Biographien von Le Clerc (Bibliothèque universelle, Band 12, p. 208-378) und von Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 4, Teil 1, p.76-459). . Die Kenntnis von Cyprians Biographie jedoch erweist, dass unsere Phantasie die Fährnisse im Leben eines christlichen Bischofs gern überschätzt; und dass die Gefahren, denen er tatsächlich ausgesetzt war, sogar weniger unvermeidlich waren als diejenigen, denen weltlicher Ehrgeiz in seinem Streben nach Ruhm und Reichtum zu begegnen stets gerüstet sein sollte. Vier römische Kaiser nebst ihren Familien, ihren Günstlingen und ihrem Anhang sind im Laufe jener zehn Jahre durch das Schwert verdorben, in denen der Bischof von Karthago mit Ansehen und Geschick den Rat der Kirchen Afrikas leitete. Lediglich im dritten Jahr seiner Administration hatte er ein paar Monate lang Ursache, sich vor Decius' strengem Erlasse, der Wachsamkeit der Behörden und dem Lärm des Volkes hüten, welche alle danach dürsteten, den Christenführer Cyprian den Löwen vorzuwerfen.   BEDROHUNG UND FLUCHT CYPRIANS... Hier nun legte Klugheit die Notwendigkeit eines vorübergehenden Rücktrittes nahe, und die Stimme der Klugheit ward erhört. Er zog sich in weltferne Einsamkeit zurück, von wo aus er indessen beständig mit Kirche und Kirchenvolk Karthagos korrespondieren konnte; und indem er sich bis zum Ende des Sturmes bedeckt hielt, rettete er sein eigenes Leben, ohne gleichzeitig seinen Einfluss oder sein Ansehen einzubüßen. Seine übergroße Vorsicht war jedoch Gegenstand des Tadels einmal der glaubensfesteren Christen, welche dieses Verhalten als eine kleinherzige, ja schnöde Flucht vor den heiligsten Pflichten beweinten Siehe das streng-höfliche Schreiben der römischen Kleriker an den Bischof von Karthago (Cyprian, Epistulae 8,9). Pontius ist eifrig und sorgfältig bemüht, seinen Herrn gegen die allgemeine Kritik in Schutz zu nehmen. , und zum anderen seiner persönlichen Feinde, die ihn deshalb nachgerade verhöhnten. Die Notwendigkeit, sich selbst für künftige Erfordernisse der Kirche aufzusparen, das Beispiel einiger heiliger Bischöfe Insbesondere die des Dionysios von Alexandria und des Gregor Thaumaturgus von Neu-Caesarea. Siehe Eusebios, Historia 6,40; und die Mémoires ecclésiastiques de Tillemont, Band 4, Teil 2, p. 685. , und die göttlichen Fingerzeige, die ihm nach eigenem Bekunden in Gesichten und Verzückungen zuteil geworden: mit diesen Gründen suchte er sich zu rechtfertigen Siehe Cyprian, Epistulae 7,12,14 und 43 und seine Biographie von Pontus. . Aber die beste Verteidigung ist wohl die heitere Entschlossenheit, mit der er acht Jahre später für seine Religion zu sterben bereit war. Mit seltener Genauigkeit und Objektivität sind uns die Einzelheiten seines Martyriums überliefert, und so wird uns eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Begleitumstände ermöglichen, Einsicht in Geist und Wesensart der römischen Verfolgungen zu gewinnen Wir besitzen eine authentische Lebensbeschreibung des Cyprian von dem Diakon Pontius, dem Gefährten seines Exils und dem Augenzeugen seines Todes. Außerdem stehen uns die antiken prokonsularischen Akten zur Verfügung. Beide Quellen harmonieren gut miteinander und mit der Wahrscheinlichkeit. Und was hier besonders bemerkenswert ist: beide sind durch keinerlei mirakulöse Zutat eingetrübt. .   ...SEINE VERBANNUNG NACH CURUBIS (A.D. 257)... Als Valerian zum dritten und Gallienus zum vierten Male Konsul waren, zitierte Paternus, Prokonsul von Afrika, Cyprian zu sich in sein privates Beratungszimmer. Er machte ihn dort mit einem kaiserlichen Erlass bekannt, den er soeben erhalten hatte Es will scheinen, dass es sich hier um einen Runderlass handelte, den alle Gouverneure zur gleichen Zeit erhalten hatten. Dionysios (bei Eusebios Historia 7,11) berichtet auf fast dieselbe Weise von seiner eigenen Verbannung aus Alexandria. Da er indessen den Verfolgungen entkam oder sie einfach überlebte, muss er mehr Glück oder auch weniger Glück gehabt haben als Cyprian. , dass nämlich alle diejenigen, welche die römische Religion aufgegeben hätten, unverzüglich zu den Übungen und Zeremonien ihrer Väter zurückkehren sollten. Ohne Zögern antwortete Cyprian, dass er Christ und Bischof sei, der sich der Verehrung des einen und wahren Gottes geweiht habe und an den er auch täglich seine Fürbitte richte für die beiden Kaiser, seine rechtmäßigen Herren, auf dass es ihnen wohlergehe. Mit geziemender Zuversicht nahm er für sich das Vorrecht des Bürgers in Anspruch, auf die bösartigen oder sogar ungesetzlichen Fragen nicht antworten zu müssen, die der Prokonsul ihm vorlegte. Für diese Unbotmäßigkeit ward Cyprian in das Exil verbannt; und ohne Verzug wurde er nach Curubis gebracht, eine freie Hafenstadt in Zeugitana, anmutig gelegen, auf fruchtbarem Boden, nur vierzig Meilen von Karthago entfernt Plinius Historia Naturalis 5,33; Cellarius, Geographia Antiqua Teil 3, p. 96; Shaw, Travels, p. 90; und zum angrenzenden Gebiet (das bis zu Kap Bona, oder dem Promontorium Mercurii reicht) siehe l'Afrique von Marmol, Band 2, p. 494. In der Nähe von Curubis oder Curbis finden sich Reste eines Aquaeduktes, und Dr Shaw las eine Inschrift, in der diese Stadt Colonia fulva genannt wird. Der Diakon Pontius (Vita Cypriani, c. 12) beschreibt sie als: »Apricum et competentem locum, hospitium pro voluntate secretum, et quicquid apponi eis ante promissum est, qui regnum et iustitiam Dei quaerunt." (..einen sonnigen und angemessenen Ort, eine abgeschiedene Herberge, die alle Versprechen bereithält für die, die Gottes Herrschaft und Gerechtigkeit suchen). . Der exilierte Bischof freute sich hier der Annehmlichkeiten des Lebens und des Bewusstseins einer bewährten Tugend. Sein Ruhm breitete sich aus über Afrika und Italien; ein Bericht über seine Standhaftigkeit wurde veröffentlicht Cyprian, Epistulae 77. , das Gebäude der christlichen Welt zu festigen; und seine Einsamkeit ward oftmals aufgestört durch Briefe, Besuche und Glückwünsche der Gläubigen. Bei der Ankunft eines neuen Prokonsul nahm sei Glück eine neuerliche, glückhafte Wendung. Er wurde aus dem Exil zurückgerufen; und wenn es ihm auch nicht verstattet ward, nach Karthago zurückzukehren, so wurden doch seine Gärten in der Nähe der Stadt zu seinem Residenzplatz bestimmt Anlässlich seiner Bekehrung zum Christentum verkaufte er diese Gärten zum Wohle der Armen. Aber Gottes Güte (oder höchstwahrscheinlich die Freigiebigkeit seiner christlichen Freunde) verschaffte sie ihm wieder. Pontius, Vita Cypriani 15. .   ...UND SEINE VERURTEILUNG Schließlich jedoch, genau ein Jahr Als Cyprian ein Jahr zuvor ins Exil geschickt wurde, träumte er, dass er am folgenden Tage hingerichtet werden würde. Die Ereignisse machten es erforderlich, diesen einen Tag zu einem Jahr umzudeuten. Pontius, Vita Cypriani 12. nach seiner ersten Verhaftung, erhielt der Prokonsul Afrikas, Galerius Maximus, kaiserliche Vollmacht, die Lehrer des Christentums hinzurichten. Dem Bischof von Karthago entging nicht, dass er eines der ersten Opfer sein sollte; und die Schwachheit der menschlichen Natur bestimmte ihn, sich durch heimliche Flucht der Gefahr und dem Ruhm eines Martyriums zu entziehen; bald aber fand er den Mut wieder, den er seinem Ansehen schuldig war, kehrte zurück in seine Gärten und erwartete ergeben die Diener des Todes. Zwei Offiziere, die mit dieser Aufgabe betraut waren, nahmen Cyprian in einem Gefährt in ihre Mitte; und da der Prokonsul keine Zeit hatte, verbrachten sie ihn nicht etwa in ein Gefängnis, sondern in ein Privathaus in Karthago, welches einem der beiden gehörte. Ein üppiges Abendessen war zu des Bischofs Stärkung bereitet, und zum letzten Male durften seine christlichen Freude sich seiner Gesellschaft erfreuen, währenddessen sich die Straßen füllten mit Gläubigen, die wegen des Verhängnisses, das über ihrem geistlichen Vater schwebte, besorgt und aufgebracht waren Pontius merkt an (15), dass Cyprian, mit dem er zu Abend aß, die Nacht »custodia delicata« (wohlwollend bewacht) verbrachte. Der Bischof selbst übte ein letztes Mal – und äußerst einsichtsvoll – seine Jurisdiktion aus, indem er anordnete, dass die Jungfrauen, die auf der Straße wachten, den Gefahren und Versuchungen eines nächtlichen Auflaufes entzogen werden sollten. Acta proconsularia 2. . Am Morgen erschien er vor dem Tribunal des Prokonsuls, welcher sich zunächst nach Name und Stand erkundigte, ihn dann anwies, ein Opfer darzubringen und ihn zugleich eindringlich aufforderte, die Folgen eines etwaigen Ungehorsams zu bedenken. Cyprians Weigerung war bestimmt und entschieden; und der Magistrat verurteilte ihn, nachdem er seinen Standpunkt gehört hatte, widerstrebend zum Tode. Dies ist der Wortlaut des Urteils: »Jener Thascius Cyprianus soll unverzüglich enthauptet werden als ein Feind der Götter Roms und als der Vorsteher und Anführer einer kriminellen Vereinigung, die er zu gottlosem Ungehorsam gegen die Gesetze unserer allerheiligsten Kaiser verführt hat, des Valerian und Galienus Siehe den Originaltext in den Acta (4) und bei Pontius; letzterer drückt sich rhetorischer aus. .« Die Art seiner Hinrichtung war die mildeste und schmerzloseste, auf die eine eines Kapitalverbrechens überführten Person überhaupt hoffen konnte: auch stand man davon ab, von dem Bischof durch Anwendung der Folter den Widerruf seiner Glaubensprinzipien oder die Preisgabe seiner Glaubensbrüder zu erpressen.   DAS VOLK VERSCHREIT SEINE VERURTEILUNG Sobald das Urteil verkündet war, ertönte aus der Christenmenge, die vor den Palasttoren harrte und lauschte, der Ruf: »Wir wollen mit ihm sterben!« Diese bereitwillige Ausgießung von Glaubenseifer und Anteilnahme war dem Cyprian selbst nicht nützlich und den Christen nicht schädlich. Unter dem Geleit von Militärtribunen und Feldwebeln wurde er zu seiner Hinrichtungsstätte abgeführt, ohne Widerstand oder Zornesausbrüche; es war dieses eine weite Ebene, welche sich bereits mit zahlreichen Zuschauern anfüllte. Seine glaubensstarken Presbyter und Diakone durften ihren heiligen Bischof geleiten. Sie halfen ihm, sein Obergewand abzulegen, legten ein Leinentuch auf dem Boden, um sein Blut als kostbare Reliquie aufzufangen und erhielten von ihm Weisung, seinem Henker fünfundzwanzig Goldstücke zu zahlen. Dann bedeckte der Märtyrer sein Gesicht mit den Händen, und mit einem Schlage war sein Haupt vom Rumpf getrennt. Sein Leichnam blieb einige Stunden der gaffenden Neugier der Heiden ausgesetzt; in der Nacht jedoch wurde er entfernt und in einer triumphalen, festlich beleuchteten Prozession auf das Begräbnisfeld der Christen gebracht. Die Begräbnisfeierlichkeiten Cyprians wurden ohne jede Störung seitens der römischen Behörden vollzogen. Und diejenigen, welche ihm die letzten Dienste erwiesen, blieben vor Verfolgung und Strafe sicher. Es bleibt bemerkenswert, dass unter einer so großen Anzahl von Bischöfen der Provinz Afrika Cyprian der erste war, welcher die Märtyrerkrone erhalten sollte Pontius 19; Herr Tillemont (Mémoires ecclesiastiques, Band 4, Teil 1, p.450, Anmerkung 50) kann den Ausschluss einer so großen Anzahl von früheren Märtyrern im Bischofsrang nicht gutheißen. .   DER ANREIZ ZUM MÄRTYRERTUM Es lag ganz in der Hand Cyprians, ob er als Märtyrer sterben oder als Apostat leben wollte, aber diese Wahl begriff auch unausbleiblich die Alternative zwischen Ehre oder Schande in sich. Angenommen, der Bischof von Karthago bediente sich des christlichen Glaubens nur, um seinem Ehrgeiz genüge zu tun, so hätte er auch die Pflicht gehabt, die Rolle, die er angenommen hatte, zu Ende zu spielen Wir mögen von der Persönlichkeit oder den Grundsätzen eines Thomas Beckett halten, was wir wollen, doch müssen wir anerkennen, dass er seinen Tod mit einer Gefasstheit erduldete, die der ersten Märtyrer würdig war. Vgl. Lord Lyttletons History of Henry II., Band 2, p. 592ff. ; und hätte er nur ein Fünkchen Mannesmut besessen, dann hätte er sich den grausamsten Foltern unterzogen, um nicht die in einem ganzen Leben erworbene Reputation seinen Glaubensbrüdern zum Schrecknis und den Heiden zum Gespött werden lassen. Wenn aber Cyprians Eifer von einem aufrichtigen Glauben an die Wahrheit der von ihm gepredigten Grundsätze getragen wurde, dann hätte die Märtyrerkrone für ihn ein Gegenstand des Verlangens und nicht des Schreckens sein müssen. Es ist nicht leicht, aus den nebulösen, wenngleich eleganten Bekundungen der Kirchenväter sichere Erkenntnisse zu schöpfen oder das Ausmaß von Unsterblichkeit zu ermitteln, welchen sie so zuversichtlich allen denen versprachen, die ihr Blut für die Sache der Religion zu vergießen das Glück hatten Siehe v.a. Cyprians Traktat ›De lapsis,‹ (Opera p 87-98). Die Gelehrsamkeit eines Dodwell (Dissertationes Cyprianicae 12 und 13) und der Scharfsinn eines Middleton (Free inquiry, p.162ff.) haben alles ergründet, was über die Verdienste, die Ehrungen und die Beweggründe der ersten Märtyrer zu sagen wäre. . Sie betonten mit schicklicher Beharrlichkeit, dass das Feuer des Martyriums jede Verfehlung austilge und jede Sünde versöhne; dass, während der normale Christ nach seinem Tode durch einen langsam-schmerzlichen Reinigungsprozess zu gehen genötigt sei, der triumphierende Blutzeuge sofort in den Genuss ewiger Glückseligkeit eintrete, wo in Gesellschaft von Patriarchen, Aposteln und Propheten er zusammen mit Christus herrschen und bei dem allgemeinen Gericht über die Menschheit als sein Assistent figurieren werde. Die Zusicherung von ewigem Ruhm auf Erden, ein Motiv, welches sich so genial der menschlichen Eitelkeit annimmt, diente oftmals, den Mut der Märtyrer zu heben. Die Ehren, welche Rom und Athen jenen Bürgern erwies, welche für ihr Land gefallen waren, das waren nur amtliche und kalte Respektsbekundungen, verglichen mit der glühenden Dankbarkeit und Verehrung, die die Urkirchen ihren siegreichen Glaubensstreitern abstatteten. Die jährliche Wiederkehr ihres Leidens und Sterbens wurde wie eine heilige Zeremonie beobachtet und erhielt im Laufe der Zeit den Rang eines religiösen Kultes. Die Christen, die sich öffentlich zu ihren religiösen Prinzipien bekannt hatten und danach (was sehr häufig vorkam) von den heidnischen Magistraten nach Hause geschickt oder aus dem Gefängnis entlassen wurden, empfingen die Ehren, die ihrem unvollendeten Märtyrertum und ihrem standfesten Auftreten zustand. Die frömmsten Frauen bemühten sich darum, Küsse auf ihre Ketten oder Wunden drücken zu dürfen. Ihre Personen galten für heilig, ihr Rat wurde mit Demut angenommen, und oftmals missbrauchten sie auch, Hoffahrt im Herzen, die Vorrechte, den ihnen ihr Glaubenseifer und ihre Standhaftigkeit eingebracht hatten Cyprian, Epistulae 5, 6, 7, 22 und 24 sowie de Unitate Ecclesiae. Die Zahl der angeblichen Märtyrer wurde bedeutend vergrößert durch den Brauch, diesen Namen auch den Bekennern zu verleihen. . Durch diese Auszeichnungen, die auf ein erhabenes Verdienst hinweisen, verrät sich umgekehrt die recht geringe Anzahl derer, die wirklich für ihr unerschütterliches Bekenntnis zum Christentum litten und starben.   GLAUBENSINBRUNST DER CHRISTEN Die kühle Sachlichkeit unserer Gegenwart wird die Inbrunst der ersten Christen wohl eher skeptisch beurteilen als bewundern und ganz gewiss eher bewundern als nachahmen wollen; der Christen zumal, welche, um ein treffendes Wort des Sulpicius Severus aufzugreifen, mehr nach dem Martyrium verlangten als seine eigenen Zeitgenossen nach einem Bistum »Certatim gloriosa in certamina ruebatur; multoque avidius tum martyria gloriosis mortibus quaerebantur, quam nunc Episcopatus pravis ambitionibus appetuntur.« (Um die Wette stürzten sie sich in den ruhmvollen Streit und strebten damals um ein Vieles begieriger nach der Märtyrerkrone durch einen triumphalen Tod, als heute Bischofsstühle auf krummer Wegen erschlichen werden.) Sulpicius Severus, Historia Sacra 2. Das Wort ›nunc‹ (heute) hätte er sich auch sparen können. . Die Briefe, die Ignatius verfasste, als er in Ketten durch Asiens Städte geführt wurde, atmen einen Geist, der der gewöhnlichen menschlichen Natur durchaus entgegengesetzt ist. Ernstlich beschwört er die Römer, sie mögen nicht, falls er denn in das Amphitheater kommen sollte, ihn durch gutgemeintes aber unpassendes Eingreifen um die Krone des Ruhmes betrügen; und er erklärt seine Entschlossenheit, die Bestien, die man als die Werkzeuge seines Todes ausgesucht haben mochte, herauszufordern und aufzureizen Siehe Epistulae ad Romanos c. 4, 5, in den Patres Apostolici. Band 2, p. 27. Dieser Brief diente der Absicht von Bischof Pearson (Vindiciae Ignatianae, Teil 2, c.9), durch eine Überfülle von Belegen und Gewährsleuten die Ansichten des Ignatius achtbar zu machen. . Es sind einige Berichte von Märtyrern überliefert, die den Mut hatten und tatsächlich das Vorhaben des Ignatius ausführten; die die Löwen vorsätzlich reizten; den Henker bedrängten, seines Amtes zu walten, mit Freuden in die Flammen sprangen, welche entzündet waren, sie zu verzehren, und die inmitten der grässlichsten Foltern Lust und Triumph zu erkennen gaben. Es sind sogar Fälle von eiferndem Unmut gegenüber jenen Beschränkungen überliefert, die die Kaiser zur Sicherheit für die Kirche veranlasst hatten. Durch freiwillige Bekenntnisse halfen die Christen ihren Anklägern aus einer Beweisnot, störten vorsätzlich den öffentlichen Gottesdienst der Heiden Die Geschichte des Polyeuctes, welche Corneille zu einer wunderbaren Tragödie umgeformt hat, ist eines der bekanntesten, wenn auch vielleicht nicht glaubwürdigsten Beispiele für solch überzogenen Glaubenseifer. Wir wollen deshalb anmerken, dass der 60. Kanon des Konzils von Illiberis solchen Gläubigern den Märtyrertitel nicht zuerkennt, welche sich durch vorsätzliches Demolieren von Götterstandbildern selbst dem Tode auslieferten. , liefen in Scharen vor die Gerichte und verlangten, dass man das Gesetz gegen sie anwende. Das Verhalten der Christen war zu auffällig, als dass es der Aufmerksamkeit der Philosophen hätte entgehen können; aber es scheint, dass sie es weniger mit Bewunderung als mit Verblüffung gewahrten. Da es ihnen nicht gegeben war, die Motive zu begreifen, die die Gläubigen die Grenzen von Vernunft und Einsicht überschreiten ließ, war für sie diese Todessehnsucht das Ergebnis von unüberwindlicher Hoffnungslosigkeit, stumpfsinniger Apathie oder abergläubischer Verzückung. »Ihr Unglückseligen!« rief der Proconsul Antoninus Siehe Epiktet 4,7 (wenngleich es nicht sicher ist, ob er die Christen meint); Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen 11,3; Lukianos, de morte Peregrini. den Christen Asiens zu, »ihr Unglückseligen! Wenn ihr eures Lebens überdrüssig seid, ist es dann so schwierig für euch, einen Strick aufzutreiben oder einen Abgrund zu finden Tertullian, ad Scapulam 5. Die Gelehrten sind uneins, welcher von drei Personen, die alle Prokonsul in Asien waren, Träger dieses Namens war. Ich persönlich neige dazu, Antoninus Pius dieses Zitat zuzusprechen, welcher später Kaiser wurde und unter Trajan Gouverneur von Kleinasien gewesen sein kann. ?« Er war äußerst zurückhaltend, (wie es ein gelehrter und frommer Historiker bemerkt) Menschen zu bestrafen, welche nur sich selbst als Ankläger hatten, hielt doch das Gesetz für derart unübliche Fälle keine Handhabe bereit; so verurteilte er ein paar, ihren Glaubensbrüdern zur Abschreckung, und entließ er die Mehrheit, empört und voller Verachtung Mosheim, de rebus Christianorum p.235. . Ungeachtet dieser tatsächlichen oder gespielten Verdrossenheit wirkte die unerschrockene Standhaftigkeit der Gläubigen auf solche Gemüter heilsam, die die Natur oder die Gnade für religiöse Wahrheiten besonders empfänglich gemacht hatten. Bei solchen trübseligen Gelegenheiten gab es unter den Heiden viele, welche Mitleid oder Bewunderung empfanden und konvertierten. Die Flamme der Begeisterung sprang von den Duldern auf die Zuschauer über, und das Blut der Märtyrer wurde so, einem wohlbekannten Ausspruch zufolge, der Samen der Kirche.   DREI ÜBERLEBENSWEGE Es hatte Frömmigkeit dieses Seelenfeuer entzündet, und Beredsamkeit fuhr täglich fort, es zu vermehren; dennoch wich es allgemach vor dem natürlicheren menschlichen Gefühlen zurück, vor der Liebe zum Leben, der Furcht vor Schmerz und der Angst vor dem Tode. Die einsichtigeren Lenker der Kirche sahen sich genötigt, den unbesonnenen Aufwallungen ihrer Anhänger gegenzusteuern und einer Glaubenstreue zu misstrauen, welche sie in der Stunde des Gerichtes nur allzu oft im Stich ließ Siehe den Brief der Kirche von Smyrna, bei Eusebios, Historia 4,15. . In dem Maße, wie das Leben der Gläubigen weniger Kasteiung und Entbehrung war, verlangten sie mit jedem Tage weniger nach der Märtyrerkrone; und anstelle sich durch freiwillige Heldentaten auszuzeichnen, verließen die Soldaten Christi in Massen ihre Posten und flohen verwirrt vor dem Feinde, dem zu widerstehen ihre Pflicht gewesen wäre. Drei Wege gab es, den Flammen der Verfolgung zu entgehen, drei Wege, denen ein unterschiedliches Maß an Schuld innewohnte: der erste galt allgemein als schuldlos; der zweite war zweifelhaft oder zumindest entschuldbar; aber der dritte war gleichbedeutend mit direktem und kriminellem Abfall vom christlichen Glauben. I. Ein moderner Untersuchungsrichter wäre überrascht zu hören, dass, wann immer eine römische Behörde Kunde erhalten hätte von einer der christlichen Sekte zugehörigen Person, dem Angeklagten die Anklageschrift zugestellt und ihm selbst hinreichend Zeit gegeben wurde, seine häuslichen Belange zu regeln und auf die Vorwürfe eine angemessene Antwort zu formulieren In der zweiten Apologie des Iustinus befindet sich ein sehr bemerkenswertes Beispiel für eine solche legale Verzögerung. Auch während der Verfolgung unter Decius übte man mit den Christen diese Nachsicht; und Cyprian (de lapsis) erwähnt ausdrücklich den »Dies negantibus praestitutus.« (Der zur Flucht festgesetzte Tag). . Hätte er seiner eigenen Standfestigkeit nicht so recht getraut, dann gab ihm diese Verzögerung die Gelegenheit, sein Leben und seine Ehre durch Flucht zu retten, sich in irgendeinen verborgenen Winkel oder eine entlegene Provinz zurückzuziehen und geduldig die Rückkehr von Frieden und Sicherheit abzuwarten. Diese Maßnahme, die so sehr mit der Vernunft im Einklang stand, wurde durch das Vorbild und die Aufforderung heiliger Prälaten schon bald gerechtfertigt und offenbar nur von Wenigen abgelehnt, etwa den Montanisten, welche infolge ihrer strengen und unbedingten Anhänglichkeit an den alten Glauben allerdings zu Häretikern wurden Tertullian betrachtet Flucht vor der Verfolgung als nicht vollendete, aber eben doch strafbewehrte Apostasie, als sündhaften Versuch, dem Willen Gottes sich zu entziehen, \&c, \&c. Er hat zu diesem Gegenstand eine Abhandlung verfasst (de fuga in persecutione), welche vollgepackt ist mit dem wildesten Fanatismus und der widersprüchlichsten Rhetorik. Merkwürdig mutet indessen an, dass Tertullian selbst nicht zum Märtyrer wurde. . II. Die Provinzialgouverneure, deren Fanatismus minder stark ausgeprägt war als ihre Habgier, hatte die Praxis eingeführt, Zertifikate auszustellen (oder libelli, wie sie genannt wurden), welche bestätigten, dass die im Schreiben erwähnten Personen den Vorschriften genügt und den römischen Gottheiten geopfert hätten. Wohlhabende und zugleich ängstliche Christen waren durch solche Falschbeurkundung in die Lage gesetzt, die Bösartigkeit eines Denunzianten zum Schweigen zu bringen und außerdem ihr Sicherheitsbedürfnis mit ihrer Religion zu harmonisieren. Diese profane Maskerade wurde mit einer geringfügigen Buße bestraft Diese ›Libellatici‹, welche man vor allem aus Cyprians Schriften kennt, sind mit größter Sorgfalt in Mosheims reichhaltigem Kommentar (de rebus Christianorum p. 483-489) beschrieben. . III. Bei jeder Verfolgung gab es auch zahlreiche unwürdige Christen, welche öffentlich den Glauben, den sie einst bekannt hatten, verleumdeten oder ihm abschworen; und die die Aufrichtigkeit ihrer Abkehr durch vorgeschriebenes Weihrauchbrennen oder ein anderes Opfer bekräftigten. Einige dieser Abtrünnigen hatten sich bereits bei der ersten Drohung oder Abmahnung des Magistrates bekehrt; während die Leidensfähigkeit der anderen erst allmählich und nach wiederholten Foltern sich erschöpft hatte. Der verschreckte Gesichtsausdruck verriet bei einigen Gewissensnot, während andere wiederum sich wohlgemut und glaubenseifrig den Altären der Götter nahten Plinius, Epistulae 10, 97; Dionysios von Alexandria bei Eusebios, Historia 6,41. »Ad prima statim verba minantis inimici maximus fratrum numerus fidem suam prodidit: nec prostratus est persecutionis impetu, sed voluntario lapsu seipsum prostravit.« (Bei den ersten Worten der feindlichen Drohung schon verrieten die meisten der Brüder ihren Glauben. Nicht vor dem Verfolgungsdruck gab man ihn auf, sondern in freiwilliger Unterwerfung.) Cyprian, Opera, p. 89. Zu diesen Abtrünnigen zählten viele Priester, ja sogar Bischöfe. . Aber die Maske, die die Furcht aufgesetzt hatte, hatte nur solange Bestand wie die aktuelle Gefahr. Sobald die Strenge der Verfolgung nachließ, wurden die Kirchentüren von den reuigen Sündern belagert, welche ihre götzendienerische Abirrung nunmehr verachteten und mit gleichem Nachdruck, aber unterschiedlichem Erfolg nach ihrer Wiederaufnahme in den Schoß der Christenheit verlangten Bei einer solchen Gelegenheit schrieb Cyprian seine Anhandlung De Lapsis und viele seiner Briefe. Die Streitfrage, wie man sich gegenüber abtrünnigen Christen verhalten sollte, hatte die Gemüter der Christen im vorangegangenen Jahrhundert nicht bewegt. Sollen wir dies nun ihrer größeren Glaubensfestigkeit oder unseren geringeren Kenntnissen ihrer Geschichte zurechnen? .   STRENGE UND NACHSICHT IV. Ungeachtet der allgemeinen Regeln, welche für die Überführung und Bestrafung der Christen im Schwange waren, muss das Schicksal jener Sektierer bei einer so ausgedehnten und willkürlichen Regierung wesentlich von ihrem eigenen Verhalten abhängig gewesen sein, ferner von den Zeitumständen und von der Politik der obersten und der nachgeordneten Herrscher. Bisweilen mögen religiöse Aufwallungen den abergläubischen Zorn der Heiden empört und berechnete Zurückhaltung ihn abgewandt oder besänftigt haben. Provinzstatthalter dürften aus unterschiedlichsten Gründen zu strenger oder salopper Ausführung der Gesetze gestimmt gewesen sein; und das zwingendste dieser Motive war nicht nur die Rücksicht auf die öffentlichen Erlasse, sondern auf die geheimen Absichten des Herrschers, war doch ein kleiner Wink von ihm ausreichend, die Flamme der Verfolgung zu entzünden oder zu ersticken. Sobald es in irgendeinem Teile des Reichs vorübergehend etwas strenger zuging, beklagten die Urchristen ihre Fährnisse und vergrößerten sie wohl auch; aber die wohlbekannte Zahl der zehn Verfolgungen wurde von der Kirchenschriftstellern des fünften Jahrhunderts festgelegt, welche einen genaueren Überblick über die glücklichen und widrigen Zeiten der Kirche zwischen Nero und Diocletian besaßen. Die feinsinnige Parallelen zu den zehn ägyptischen Plagen und den zehn Posaunen der Apokalypse hat ihnen dieses Rechenergebnis wohl nahegelegt; und mit vieler Sorgfalt suchten sie sich genau die Regierungen aus, die der Sache des Christentums tatsächlich feindselig gegenüberstanden, um so die prophetische Wahrheit an die historische Wahrheit anzuschmiegen Siehe Mosheim, de rebus Christianorum p. 97. Sulpicius Severus hatte diese Zählung als erster durchgeführt; gleichwohl schien er die zehnte und schlimmste Verfolgung für das Erscheinen des Antichristen aufsparen zu wollen. . Aber diese vorübergehenden Verfolgungen dienten lediglich dazu, die Gläubigen in ihrem Glauben zu festigen und ihre Zucht wieder herzustellen: und an besonders schlimme Verfolgungen schlossen sich zum Ausgleich besonders lange Perioden der Ruhe und Sicherheit an. Die Gleichgültigkeit einiger Herrscher und die Milde einiger anderer erlaubte den Christen, sich einer nicht eben gesetzlichen, wohl aber einer tatsächlichen und öffentlichen Duldung ihrer Religion zu erfreuen.   ZWEIFELHAFTE EDIKTE VON TIBERIUS UND MARCUS AURELIUS Die Apologie des Tertullian enthält zwei weit zurückliegende, einzigartige und zugleich auch sehr zweifelhafte Beispiele für kaiserliche Milde: die von Tiberius und Marcus Aurelius herausgegebenen Erlasse, die nicht nur bestimmt waren, die Christen in ihrer Unschuld zu schützen, sondern auch jene phantastischen Wunder öffentlich bekannt zu machen, welche die Wahrheit ihrer Glaubenssätze bezeugten. Das erste dieser beiden Beispiele gibt dem skeptischen Verstand einige Rätsel auf Das Zeugnis des Pontius Pilatus wird zum ersten Male von Iustinus Martyr erwähnt. Die folgenden Nachbesserungen der Geschichte – etwa durch Tertullian, Eusebios, Epiphanios Chrysostomos, Orosius, Gregor von Tours und die Autoren der verschiedenen Ausgaben der Akten des Pilatus sind sehr überparteilich von Dom Calmet dargelegt worden (Dissertations sur l'Ecriture, Band 3, p. 651ff). . Wir sollen demnach glauben, dass Pontius Pilatus den Kaiser über die ungerechte Todesstrafe informierte, die er über eine unschuldige und, wie es schien, göttliche Person verhängt hatte; und dass er sich dadurch der Gefahr des Märtyrertums aussetzte; dass Tiberius, ein erklärter Verächter jeder Religion, unverzüglich den Plan fasste, den jüdischen Messias unter die Götter Roms aufzunehmen; dass der notorisch knechtsinnige Senat es wagte, dem Begehren seines Herren sich zu widersetzen; dass Tiberius ihnen ihre Weigerung nicht verübelte und anstelle dessen sich damit begnügte, die Christen vor der Strenge der Gesetze zu schützen, und zwar viele Jahre, bevor diese Gesetze überhaupt in Kraft traten; und dass schließlich das Gedächtnis an dieses einmaligen Vorkommnis, das durch Aufzeichnungen an prominenter und öffentlicher Stelle bewahrt wurde, allen griechischen und römischen Historikern entgangen ist und lediglich einem afrikanischen Christen gegenwärtig war, der seine Apologie einhundertundsechzig Jahre nach dem Tode des Tiberius abfasste. – Das Edikt des Marcus Aurelius soll auf die Dankbarkeit zurückgehen, die er für seinen glücklichen Sieg im Markomannenkrieg empfand. Die verzweifelte Lage der Legionen, die zeitlich passenden Regen- und Hagelstürme, Blitz und Donner und endlich die Niederlage der Barbaren: dies haben die beredten Schilderungen verschiedener heidnischer Autoren hinreichend belegt. Wenn es in jener Armee Christen gegeben hatte, dann war es natürlich, dass sie einiges Verdienst auch den inbrünstigen Gebeten zuschrieben, welche sie im Augenblick der Gefahr für sich und für die Allgemeinheit sprachen. Aber noch heute versichern uns Monumente aus Messing und Marmor, nämlich kaiserliche Medaillen und die Siegessäule, dass weder der Herrscher noch das Volk von dieser auffälligen Verpflichtung etwas bemerkt haben, da sie einmütig ihren Sieg der Vorsehung Jupiters und der Dazwischenkunft des Merkur zuschrieben. Während seiner ganzen Regentschaft verachtete Marcus Aurelius die Christen als Philosoph und verfolgte sie als Herrscher Über dieses Wunder der Donnernden Legion – dies die gemeinhin gebrauchte Benennung – siehe die treffliche Kritik von Herrn Moyle (Werke, Band 2, p. 81-390). .   COMMODUS UND SEVERUS · 180 A.D. Infolge einer merkwürdigen Fügung kam die Bedrängung, die sie unter diesem tugendreichen Herrscher erduldeten, sofort zu einem Ende, als ein Tyrann den Thron bestieg; und so, wie sie als einzige von Marcus Aurelius Unrecht zu erleiden hatten, waren sie auch die einzigen, welche von der Milde des Commodus profitierten. Die hochberühmte Marcia, die ihm unter seinen Beischläferinnen die liebste war und die zum Schluss auf die Ermordung ihres kaiserlichen Liebhabers sann, empfand für die verfolgte Kirche eine besondere Zuneigung; und wenn es ihr auch unmöglich war, ihr lasterhaftes Leben mit den Weisungen des Evangeliums zu harmonisieren, mochte sie doch hoffen, für die Schwäche ihres Geschlechtes und ihres Berufes die rechte Buße zu tun, indem sie sich zur Schirmherrin der Christen ernannte Cassius Dio oder vielmehr Xiliphinos, sein Epitomist 72,4. Herr Moyle (Works, Band 2, p.266) hat die Lage der Kirche unter der Herrschaft des Commodus untersucht. . Unter Marcias gnädigem Schutz überstanden sie dreizehn Jahre Terror. Und als die Herrschaft an das Haus der Severer überging, kam es zu einer ehrbareren Verbindung zu dem neuen Hofe. Der Kaiser ließ sich überzeugen, dass er während einer gefährlichen Erkrankung einigen Beistand, sei er nun physischer oder spiritueller Natur gewesen, durch das heilige Öl erhalten habe, mit welcher ihn ein Sklave gesalbt hatte. So behandelte er stets mehrere Personen beiderlei Geschlechtes, die die neue Religion angenommen hatte, mit besonderem Vorzug. Das Kindermädchen und der Erzieher des Caracalla waren Christen; und wenn der junge Herrscher überhaupt Züge von Menschlichkeit erkennen ließ, so war dies verursacht durch diesen Vorfall, der, wie nebensächlich auch immer, gleichwohl zu der Sache des Christentums in einiger Beziehung stand Man vergleiche die Lebensbeschreibung des Caracalla in der Historia Augusta mit dem Brief Tertullians an Scapula. Dr. Jortin (Remarks on ecclesiastical history, Band 2, p. 5ff) betrachtete die Heilung des Severus mit Hilfe von heiligem Öl in dem dringlichen Bestreben, sie in ein Wunder umzubilden. . Unter der Herrschaft des Severus war der Volkszorn eingeschlafen; die Strenge der alten Gesetze war für einige Zeit ausgesetzt; und die Provinzgouverneure gaben sich zufrieden, wenn sie von den Kirchen innerhalb ihrer Jurisdiktion ein jährliches Geschenk erhielten als Preis – oder Belohnung – für ihre Zurückhaltung Tertullian, de fuga in persecutione 13. Das Geschenk wurde während der Saturnalien überreicht; und für Tertullian ist es eine sehr ärgerliche Angelegenheit, dass der Gläubige auch noch mit den ehrlosesten Gewerbetreibenden, welche das stillschweigende Einverständnis der Regierung kauften, in eins geworfen wurde. . Die Streitfrage um das korrekte Osterdatum brachte die Bischöfe Asiens und Italiens gegeneinander auf und galt in jener ruhigen Periode als die wichtigste aller Angelegenheiten Eusebios, Historia 5,23 und 24; Mosheim, de rebus Christianorum 435-447. . Der Frieden der Kirche wurde jedoch nicht ernstlich gestört, bis endlich die immer stärker wachsende Anzahl der Proselyten zunächst die Aufmerksamkeit des Severus erweckte und dann seinen Sinn verdunkelte. In der Absicht, die weitere Ausbreitung des Christentums zu dämpfen, veröffentlichte er ein Edikt, welches, obwohl es nur auf die Neubekehrten zielte, nicht umgesetzt werden konnte, ohne zugleich auch die eifrigsten Lehrer und Missionare der Gefahr und Bestrafung auszusetzen. In dieser abgemilderten Verfolgung können wir immer noch die Duldsamkeit Roms und des Polytheismus ausmachen, welche an denen, die den religiösen Zeremonien ihrer Väter folgten, in jeder Weise Nachsicht zu üben bereit war Judaeos fieri sub gravi poena vetuit. Idem etiam de Christianis sanxit. (Den Übertritt zum Judentum verbot er bei strenger Strafe. Ebendies ordnete er auch für das Christentum an. Historia Augustusta, Severus 17. .   FRIEDENSPERIODE FÜR DIE CHRISTEN UNTER SEVERUS' NACHKOMMEN A.D. 211-249 Aber die Gesetze des Severus gingen zugleich mit ihrem Urheber unter; die Christen selbst genossen nach diesem kurzen Sturm einer achtunddreißigjährigen Stille. Bis dahin hatten sie ihre Versammlungen normalerweise in Privathäusern und entlegenen Gebäuden abgehalten. Nun wurde ihnen erlaubt, für religiöse Zwecke angemessene Versammlungsorte zu errichten und zu weihen Sulpicius Severus, Historia sacra 2. Diese Zählung wird (mit einer einzigen Ausnahme) in der Historia des Eusebios und in Cyprians Schriften bestätigt. ; Land zum Gebrauch durch die Gemeinde zu erwerben, selbst in Rom; und die Wahl Das Alter der christlichen Kirchen wird von Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 3, Teil 2, p.68-72) und Mr. Moyle (Works, Band 1, p. 378-398) diskutiert. Ersterer legt die früheste Errichtung in die Friedenszeit des Alexander Severus, der zweite in die des Gallienus. ihrer kirchlichen Minister öffentlich und zugleich so beispielgebend durchzuführen, dass es die respektvolle Aufmerksamkeit der Heiden auf sich zog Siehe Historia Augusta, Alexander Severus 45,7. Kaiser Alexander Severus übernahm von den Christen den Brauch, die Namen der Kandidaten vorher öffentlich bekannt zu machen. Es stimmt, dass auch den Juden diese ehrbare Praxis zugeschrieben wird. . Diese lange Ruheperiode der Kirche vollzog sich in Würde. Die Regierungszeiten der Herrscher, die aus den asiatischen Provinzen stammten, erwiesen sich für die Christen als die glücklichsten. die führenden Vertreter der Sekte waren nicht mehr darauf angewiesen, den Schutz durch einen Sklaven oder einer Beischläferin zu erbetteln, sondern hatten zum Palast Zugang wie ein ehrbarer Priester oder Philosoph; und ihre merkwürdige Lehre, die bereits Einzug in der Bevölkerung gefunden hatte, begann auch den Herrscher persönlich neugierig zu machen. Als die Kaiserin Mamaea Antiochia besuchte, verlangte sie dringlich nach einem Austausch mit dem berühmten Origines, erfüllte doch der Ruhm seiner Gottesfurcht und Gelehrsamkeit das ganze Morgenland. Eine so schmeichelhafte Einladung anzunehmen stand Origines naturgemäß keinen Augenblick an, und wenn er auch nicht darauf hoffen durfte, eine so kenntnisreiche und ehrgeizige Frau zu bekehren, lauschte sie dennoch mit Lust seinen wortreichen Ermahnungen und entließ ihn in allen Ehren in seine Einsamkeit in Palästina Eusebios, Historia 6,21. Hieronymos, Commentarius de Script. Eccl. 54. Christen und Heiden bezeichneten beide die Mamaea als heilig und fromm. Von den erstgenannten hätte sie eine solche Ehrenbezeichnung eigentlich nicht verdient. . Der Sohn der Mamaea, Alexander, teilte die Empfindungen seiner Mutter, und die philosophischen Neigungen dieses Herrschers schlugen sich in einer eigentümlichen, wenn auch verständnislosen Achtung gegenüber dem Christentum nieder. In seiner Privatkapelle standen Skulpturen von Abraham, Orpheus, Apollonios und Christus, was als schuldige Ehrung für jene respektablen Weisen gedacht war, welche die Menschheit gelehrt hatten, der obersten und universalen Gottheit auf unterschiedliche Weise ihre Huldigung darzubringen Siehe Historia Augusta, Alexander Severus 29,2. Mosheim, de rebus Christianorum p. 465, scheint die persönliche Religiosität des Alexander Severus etwas zu optimistisch zu beurteilen. Sein Plan, Christus einen öffentlichen Tempel erbauen zu lassen (Historia Augusta, Alexander Severus 43), und das Bedenken, das ihm – oder aus ähnlicher Veranlassung dem Hadrian – vorgetragen wurde, geht auf nichts anderes zurück als auf ein unglaubwürdiges Gerücht, welches die Christen erfunden hatten und welches durch einen Historiker aus der Zeit des Constantin kritiklos übernommen wurde. . Im seinem Haushalt allerdings wurde reinlicher geglaubt und ganz offen angebetet. Bischöfe wurden, vermutlich zum ersten Male in der Geschichte, bei Hofe gesehen; und als nach dem Tode des Alexander der unmenschliche Maximinus die Günstlinge und Diener seines glückverlassenen Vorgängers mit seinem Hass verfolgte, wurden zahlreiche Christen jedweder Stellung und beiderlei Geschlechtes in dieses wahllose Massaker einbezogen, welches ihretwegen den nicht ganz zutreffenden Namen einer Verfolgung erhalten hatte Eusebios, Historia 6,28. Die Vermutung liegt nahe, dass der Erfolg des Christentums die eifernde Borniertheit der Heiden aufgereizt hatte. Cassius Dio, der seine Geschichte unter der vorherigen Regierung ausarbeitete, hat höchstwahrscheinlich jene Ratschläge für eine Verfolgung, die er einem besserem Zeitalter und dem Günstling des Augustus unterschiebt, für seinen Herrn bestimmt. Wegen dieser Rede des Maecenas oder vielmehr des Cassius Dio verweise ich auf meine eigene wohlerwogene Meinung (oben, c. II, Fußnote 26) und auf den Abbé de la Bléterie in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 24, p. 303 und Band 25, p.432. .   NACHFOLGER DES SEVERUS · 250 – 260 A.D. Trotz der gewaltigen kriminellen Energie des Maximinus blieben die Folgen seines Hasses gegen die Christen zeitlich und räumlich sehr begrenzt, und dem frommen Origines, der als ein Vorzugsopfer ausersehen war, blieb es auch weiterhin vorbehalten, für die Wahrheiten des Evangeliums das Ohr der Herrscher zu finden Orosius 6,19 nennt Origines Maximins Hassobjekt. Und Firmilianus, ein kappadokischer Bischof aus jener Zeit, liefert ein getreues, knappes Bild von dieser Verfolgung (bei Cyprian Epistulae 75). . So schrieb er verschiedentlich Erbauungsepisteln an Philipp, dessen Frau und seine Mutter; und sobald dieser Herrscher, der in der Nachbarschaft von Palästina geboren war, das kaiserliche Szepter führte, hatten die Christen eine Freund und Beschützer. Die öffentliche und sogar parteiische Gunsterweisung Philipps gegenüber den Anhängern der neuen Religion sowie seine unübersehbare Ehrfurcht vor den Kirchenführern gab dem Gerücht beständig Nahrung, welches zu seiner Zeit besonders lebhaft kursierte, dass nämlich der Kaiser selbst zu dem neuen Glauben sich bekehrt habe Die Erwähnung jener Herrscher, welche öffentlich als Christen verdächtigt wurden, so wie wir es etwa in einem Brief des Dionysius von Alexandria (bei Eusebios, 7,10) finden, spielt unverkennbar auf Philipp und seine Familie an; was deutlich erweist, dass zu seiner Zeit ein solches Gerücht im Umlauf war; aber der Bischof Ägyptens, der weit genug vom römischen Hof lebte, drückt doch schickliche Zweifel an der Wahrheit jener Behauptung aus. Die Briefe des Origines, die zur Zeit des Eusebius (6,36) noch existierten, hätten diese sonderbare, wenn auch nicht eben bedeutsame Frage klären können. ; und gab des weiteren Anlass zu der später aufkommenden Legende, dass er durch Bericht- und Bußpraktiken sich von der Schuld gereinigt habe, die er durch den Mord an seinem unschuldigen Vorgänger auf sich geladen habe Eusebios 6,34. Nachfolgende Schreiber haben – wie es der Brauch ist – diese Geschichte aufgeputzt und Friedrich Spanheim mit übersprudelnder Gelehrsamkeit widerlegt. Opera varia, Band 2, p. 400ff. . Nach dem Untergang des Philipp begann mit den neuen Herren ein neues Regierungssystem, welches den Christen gegenüber so feindlich eingestellt war, dass sich ihr Dasein seit Diocletian wie eine einzige Periode des Friedens und der Sicherheit ausnahm, wenn man es mit der brutalen Behandlung verglich, welche sie unter der kurzen Herrschaft des Decius zu erleiden hatten Lactantibus, de mortibus persecutorum, c 3,4. Nachdem er nun das Glück und Gedeien der Kirche unter einer Reihe von guter Herrscher gerühmt hatte, fuhr er fort: »Extitit post annos plurimos, execrabile animal, Decius, qui vexaret Ecclesiam." (Nach langen Jahren erhob sich Decius, das scheußliche Tier, und suchte die Kirche heim.) . Die Tugenden dieses Regenten werden uns schwerlich zu der Annahme verführen, dass er den Günstlingen seines Vorgängers aus niederen Rachemotiven nachstellte, vielmehr scheint es glaubhaft, dass er bei der Verfolgung seines Hauptzweckes, die alten Römersitten zu erneuern, besonders begierig war, das Imperium von dem zu befreien, was er für einen neuen und kriminellen Aberglauben hielt. Die Bischöfe der meisten großen Städte wurden zu Hinrichtung oder Exil verurteilt; die Wachsamkeit der Magistrate hinderte Roms Geistlichkeit sechzehn Monate land an der Durchführung einer Neuwahl; und unter den Christen ging die Rede, der Herrscher würde sich eher mit einem Thronbewerber abfinden als mit einem Bischof in der Hauptstadt Eusebios, Historia 6,39. Der Stuhl Petri war verwaist vom Tage des Martyriums des Fabianus, dem 20. Januar 250 bis zur Wahl des Cornelius am 4. Juni 251. Decius hatte zu diesem Zeitpunkt vermutlich Rom bereits verlassen, denn er wurde noch vor Ablauf dieses Jahres getötet. . Könnten wir uns vorstellen, dass der scharfsichtige Verstand des Decius imstande gewesen wäre, hinter der demütigen Maske der Christen einen verborgenen Stolz zu erspüren oder die weltliche Herrschaft vorauszusehen, die allmählich aus dem geistlichen Machtanspruch erwachsen sollte, dann würde es uns weniger überraschen, wenn er die Nachfolger Petri als die furchtbarsten Feinde der Nachfolger des Augustus ansah.   VALERIANUS, GALIENUS UND IHRE NACHFOLGER A.D. 253-260 Die Verwaltung des Valerian zeichnete sich aus durch Flatterhaftigkeit und Unbestand, was zu der Würde eines »römischen Censors« übel passte. In der ersten Regierungszeit übertraf er an Milde sogar die Herrscher, welche der Hinneigung zum Christentum verdächtig waren. In den letzten dreieinhalb Jahren jedoch lauschte er den Einflüsterungen eines Ministers, der dem ägyptischen Aberglauben anhing, und so verfiel er wieder auf die Maximen und die Brutalität seines Vorgängers Decius Eusebios, Historia 7,10. Mosheim (de rebus Christianorum p. 548) hat sehr deutlich gezeigt, dass der Präfekt ›Macrianus‹ und der Ägypter ›Magus‹ ein und dieselbe Person sind. . Die Thronbesteigung des Gallienus brachte dem Reich erhebliche Schwierigkeiten und der Kirche Frieden; so erhielten die Christen das Recht auf freie Religionsausübung infolge eines Erlasses, welcher an die Bischöfe gerichtet war und das sie dem Wortlaut nach in ihrer Tätigkeit und ihrem Amt gleichsam anzuerkennen schien Eusebios, Historia 7,13, bietet uns eine griechische Übertragung des offenbar kurzgefassten Ediktes. In einem weiteren Edikt verordnet er, dass man den Christen die coemeteria (Grabstätten) zurück geben solle. . Die alten Gesetze gerieten langsam in Vergessenheit, ohne dass sie offiziell aufgehoben worden wären; und (ausgenommen sind nur einige feindselige Bestrebungen, die dem Aurelian zugeschrieben werden Euseb. 7, 30; Lactantius de mortibus 6; Hieronymos in Chronicum Eusebii, p. 177 (Anno ab. Abr. 2290). Orosius, 7, 23. Deren Sprachduktus ist gewöhnlich derart zweideutig und fehlerhaft, dass dass wir kaum ermitteln können, wieweit Aurelian vor seiner Ermordung mit seinen Plänen gediehen war. Die meisten heutigen Autoren (außer Dodwell, Diss. Cyprianae 11, p.64) haben bei dieser günstigen Gelegenheit ein paar zusätzliche Märtyrer erschaffen. ) die Bekenner Christi genossen so vierzig Jahre lang eines gedeihlichen Zustandes, was sich auf ihre Glaubensfestigkeit weitaus gefährlicher auswirkte als die drückendste Verfolgung.   PAULUS VON SAMOSATA ERWIRBT REICHTUM Die Geschichte des Paulus von Samosata, der den Stuhl des Metropoliten von Antiochia innehatte, als der Osten sich in den Händen von Odenathes und Zenobia befand, mag uns dienen, die Zeit und ihre Sitten zu veranschaulichen. Dieser Prälat war reich, und da er weder eine väterliche Erbschaft noch ein ehrbares Gewerbe vorweisen konnte, war dies bereits ein Beweis für seine Schuld. Aber für Paulus war der Dienst an der Kirche eine sehr einträgliche Profession Paulus schätzte den Titel Ducenarius mehr als den eines Bischofs. Der Ducenarius war ein kaiserlicher Statthalter, so genannt wegen seines Gehaltes von zweihundert Sesterzen (oder 1600 Pfund) pro Jahr. (Siehe Salmasius zur Historia Augusta, p.124.) Einige Forscher meinen, dass der Bischof von Antiochia tatsächlich ein solches Amt von Zenobia erhalten habe, während andere hierin lediglich einen bildlichen Ausdruck für seine Prunksucht und Trägheit sehen wollen. . Seine geistliche Jurisdiktion war wesensgleich mit Korruption und Raub; er presste den wohlhabenden Gläubigen beachtliche Spenden ab und verwandte die öffentlichen Einkünfte zum größten Teil für den privaten Gebrauch. Sein selbstgefälliges Wesen und sein Luxus verhalfen der christlichen Religion bei den Heiden zu üblem Ruch. Sein Audienzzimmer und sein Thron, der Glanz, mit dem er sich in der Öffentlichkeit umgab, die Menge der Bittsteller, die seine Aufmerksamkeit erflehte, die Masse der Briefe und Petitionen, auf die er die Antworten persönlich diktierte, und schließlich die beständige Hast, mit der er den Geschäften oblag: alle diese Umstände hätten sich besser für einen hohen Beamten Simonie war zu jener Zeit keineswegs unbekannt; und die Klerisei kaufte zuweilen auch das, was sie weiter zu verkaufen beabsichtigte. So finden wir, dass das Bistum von Karthago von Lucilla, einer reichen Matrone, für ihren Sklaven Maiorinus erworben wurde. Der Preis betrug etwa 400 ›folles‹ (Monumenta antiqua, de schismate Donatistarum, p.263). Ein ›follis‹ betrug etwa 125 Silberstücke, die ganze Summe belief sich dann etwa auf 2400 Pfund Sterling. geschickt als für die Demut eines Bischofs des frühen Christentums. Hielt er dem Kirchenvolk Predigten, übte Paulus sich in dem blumenreichen Stil und der bühnenreifen Gestik eines asiatischen Sophisten, während die Kathedrale widerhallte vom Lob und prasselndem Beifall für seine göttliche Eloquenz. Gegen die, die seiner Macht entgegenstanden oder seiner Eitelkeit zu schmeicheln sich weigerten, war der Prälat von Antiochia arrogant, streng und ohne Gnade; aber er ließ die Disziplin seiner nachgeordneten Beamten schleifen, überhäufte sie mit dem Vermögen der Kirche und erlaubte ihnen, ihrem Meister in der Befriedigung aller sinnlichen Bedürfnisse nachzueifern. Denn Paulus war darüberhinaus ein Liebhaber der Tafelfreuden, auch hatte er im Bischofspalast zwei junge weibliche Schönheiten aufgenommen, die ihm seine Mußestunden zu verkürzen sich jederzeit aufgelegt erzeigten Sollte es uns danach verlangen, das Fehlverhalten des Paulus in Abrede zu stellen, dann müssten wir zugleich die versammelten Bischöfe des Ostens verdächtigen, die böswilligsten Verleumdungen durch Rundschreiben unter allen Bischöfen des Reiches verbreitet zu haben; bei Eusebios, Historia 7,30. .   ER WIRD SEINES AMTES ENTHOBEN A.D.270 Trotz dieses himmelschreienden Skandals wäre die Regentschaft des Paulus über die Hauptstadt Syriens erst mit seinem Leben zuende gegangen, wenn er wenigstens die Reinheit der orthodoxen Lehre bewahrt hätte; hätte zur rechten Zeit eine Verfolgung stattgefunden, dann hätte er mit ein wenig Mut sogar einen Platz unter den Märtyrern und Heiligen ergattern können. Aber ein paar artige und feine Irrtümer bezüglich der Trinität Seine Häresie bestand darin, (ähnlich wie Noetus und Sabellius aus demselben Jahrhundert) die geheimnisvolle Unterscheidung der göttlichen Personen durcheinanderzubringen. Siehe Mosheim, p.702. , die aufzugreifen und hartnäckig zu verfechten er unklug genug war, erregten Eifer und Zorn der morgenländischen Kirche. Von Ägypten bis zum Schwarzen Meer waren die Bischöfe unter Waffen und in Aufruhr. Diverse Konzilien wurden abgehalten, Schmähschriften veröffentlicht, Exkommunikationen geschleudert, unklare Verlautbarungen getan und zurückgewiesen, Verträge abgeschlossen und gebrochen, und schließlich ward Paulus von Samosata seines bischöflichen Amtes entsetzt durch den Urteilsspruch von siebzig oder achtzig Bischöfen, die sich eigens zu diesem Zwecke in Antiochia versammelt hatten und, die Rechte der Kleriker und des Volkes missachtend, aus eigener Machtvollkommenheit auch sogleich einen Nachfolger erkiesten. Die offenkundige Ungesetzlichkeit dieses Vorgehens mehrte die Zahl der Unzufriedenen; und da Paul, dem die höfischen Schleichpfade nicht unbekannt waren, sich der Gunst der Zenobia versichert hatte, blieb er über vier Jahre im Besitz des bischöflichen Amtes und Palastes. Der Sieg Aurelians veränderte die Landkarte des Ostens, und die beiden streitenden Parteien, die sich wechselseitig die Epitheta der Kirchenspaltung und Ketzerei anhefteten, mussten – oder durften – ihren Fall vor dem Richterstuhl des Siegers austragen. Dieser öffentlichkeitswirksame und einzigartige Prozess liefert den Beweis, dass die Existenz, der Reichtum und die Privilegien der Christen, wenn schon nicht durch die Gesetze, so doch durch die Magistrate des Reiches Anerkennung gefunden hatten. Als einem heidnischen Krieger, der er war, war Aurelian naturgemäß nicht gemeint, sich auf die Diskussion einzulassen, ob denn nun die Aussagen des Paulus oder die seiner Gegner mit dem wahren Sinn des orthodoxen Glaubens zusammenpassten. Seine Entscheidung allerdings gründete sich auf den allgemeinen Grundsätzen der Billigkeit und der Vernunft.   URTEILSVOLLSTRECKUNG DURCH AURELIANUS A.D. 274 Er ästimierte die Bischöfe Italiens für die unparteiischsten und honorigsten Richter der Christenheit und befahl, sobald er von ihrer einstimmigen Bestätigung des Konzilsbeschlusses erfahren hatte, dass Paulus unverzüglich jene irdischen Besitztümer zu räumen habe, die zu seinem Amte gehörten und aus denen er nach dem Urteil seiner Glaubensbrüder ganz zu Recht vertrieben worden war. Wenn wir nun den Gerechtigkeitssinn des Aurelian rühmen, sollten wir gleichwohl nicht seine Staatskunst übersehen: war er doch bestrebt, die Abhängigkeit der Provinzen von der Hauptstadt wiederherzustellen und zu festigen; und hierbei bediente er sich aller Mittel, die die Interessen oder Vorurteile auch seiner christlichen Untertanen bedienen konnten Eusebios, Historia 7,30. Ihm allein haben wir für die merkwürdige Erzählung des Paulus von Samosata zu danken. .   WOHLERGEHEN UNTER DIOCLETIAN Inmitten der häufigen Regierungswechsel und anderer Veränderungen des Reichs blühten die Christen in Frieden und Wohlstand; und wenn auch mit der Thronbesteigung Diokletians Das Zeitalter der Märtyrer, welches noch heute unter den koptischen Christen im Gebrauch ist, beginnt mit dem 29. August 284; denn der Beginn des ägyptischen Jahres lag neunzehn Tage vor der tatsächlichen Thronbesteigung des Diocletian. Siehe Dantines Dissertation Preliminaire a l'Art de verifier les Dates. eine berüchtigte Ära christlichen Märtyrertums in Verbindung gebracht wird, fuhr das neue politische System, eingeführt und ausgeübt durch diesen Herrscher, achtzehn Jahre lang fort, die mildeste und freiheitlichste Luft religiöser Toleranz zu atmen. Diocletian selbst war weniger für tiefsinniges Nachdenken geschaffen als für das Kriegshandwerk und die Regierungsgeschäfte. Seine praktische Vernunft machte ihn allen großen Entwürfen abgeneigt, und wenn man ihm auch nicht eben Glaubenseifer und Gottesbegeisterung nachsagen konnte, so blieb er doch – schon aus Gewohnheit – den alten Staatsgottheiten treu. Indessen fanden die beiden Kaiserinnen, seine Frau Prisca und Valeria, seine Tochter, genug Muße, den Wahrheiten des Christentums mit mehr Hingebung und Andacht zu lauschen, hatte es doch zu allen Zeiten verkündet, der weiblichen Gemütslage tief verpflichtet zu sein Der Ausdruck des Lactantius (de mortibus 15) »sacrificio pollui coegit« (er zwang sie, sich durch ein Götzenopfer zu besudeln) deutet stillschweigend ihre vorherige Bekehrung zum Glauben an, rechtfertigt aber wohl nicht Mosheims Behauptung (de rebus Christianorum p.912), sie seien zuvor insgeheim getauft worden. . Die kaiserlichen Eunuchen Lucianos Herr de Tillemont (Memoires ecclésiastiques, Band 5, Teil 1, p.11f) hat aus dem spicilegium (»Ährenlese«) des Dom Luc d'Archeri eine schnurrige Anleitung zitiert, die Bischof Theonas zum rechten Gebrauch des Lukian aufgesetzt hatte. und Dorotheus, Gorgonius und Andreas, welche dem Diocletian aufwarteten, seine Gunst besaßen und seinen Haushalt beherrschten, hielten aufgrund ihres mächtigen Einflusses eine schützende Hand über den Glauben, dem auch sie selbst angehörten. Ihr Beispiel fand Nachahmung bei den meisten Palastoffizieren, die in ihrer jeweiligen Stellung die Bewahrer der kaiserlichen Schmuckstücke waren, der Gewänder, der Hausgeräte, der Juwelen und sogar seines Privatvermögens; und wenn es auch zu ihren Obliegenheiten gehörte, den Kaiser zuweilen zu begleiten, wenn er im Tempel opferte Lactantius, de mortibus persecutorum 10. , erfreuten sie sich dennoch zusammen mit ihren Frauen, Kindern und Sklaven der ungehinderten Ausübung ihrer christlichen Religion. Oftmals übertrugen Diocletian und seine Mitregenten die wichtigsten Staatsämter solchen Personen, die zwar ihre Abscheu vor der Götterverehrung offen bekannt hatten, aber als Staatsdiener durchaus Talent gezeigt hatten. Die Bischöfe erfreuten sich in ihren jeweiligen Provinzen eines gewissen Ansehens, und nicht nur das Volk, sondern auch die Magistrate begegneten ihnen mit Achtung. Mittlerweile konnten die alten Kirchen in den größeren Städten die wachsenden Scharen der Proselyten kaum noch fassen, und so wurden an ihrer Stelle neue gebaut, prachtvoller, größer und geeignet, allen Gläubigen öffentliche Gottesdienste zu ermöglichen. – Die Verderbnis von Sitten und Moralprinzipien, die Eusebius so nachdrücklich beklagt Eusebios, Historia 8,1. Der Leser, der hier das Original zu Rate zieht, wird mich nicht beschuldigen, dass ich die Farben zu diesem Gemälde noch bunter aufgetragen habe. Zum Zeitpunkt von Diokletians Inthronisation war Eusebius etwa 16 Jahre alt. , kann man nicht nur als eine Folge, sondern auch als Beweis für die Freiheit ansehen, die die Christen unter Diocletian nicht nur genossen, sondern auch missbrauchten. Der Glaube stand in Blüte, und dies hatte auf die Glaubensdisziplin verheerend gewirkt. Neid, Missgunst und Niedertracht waren in jeder Versammlung spürbar. Die Presbyter schielten nach dem Bischofsamt, da dies ein Ziel war, dem nachzustreben täglich verlockender wurde. Die Bischöfe ihrerseits, die sich um höchste Kirchenehren rauften, erweckten den Anschein, nur noch an weltlicher Alleinherrschaft über die Kirche interessiert zu sein. Und der lebendige Glauben, der doch den Christen vom Heiden unterscheiden sollte, war nur noch in ihren Schriften und weit weniger in ihrem täglichen Leben zu finden.   BEI DEN HEIDEN ERWÄCHST WIDERSTAND Trotz dieser scheinbaren Sicherheit hätte ein aufmerksamer Beobachter einige Anzeichen entdecken können, die für die Kirche erheblich bedrohlicher waren als alle vorangegangenen Verfolgungen. Der glaubensfrohe und rasche Siegeszug des Christentums rüttelte die Polytheisten aus ihrer dumpfen Gleichgültigkeit gegenüber ihren Gottheiten auf, die sie mit kalter Routine nur noch automatisch verehrten. Durch die Ärgernisse, die diese fast zweihundertjährige Glaubensfehde mit sich gebracht hatte, waren die Kräfte der beiden Parteien nahezu aufgezehrt. Die Heiden ärgerten sich über die Dreistigkeit einer emporgekommenen Sekte, die sich erkühnte, ihre Landsleute des Irrtums zu zeihen und über ihre Vorfahren ewige Höllenqualen zu verhängen. Da sie immer wieder die volkstümliche Mythologie gegen die spöttischen Attacken eines nimmermüden Feindes zu rechtfertigen sich genötigt sahen, belebten sich in ihnen Gefühle des Glaubens und der Verehrung wieder, die schon längst erloschen waren. Die übernatürlichen Kräfte, über die die Kirche zu gebieten vorgab, riefen zu gleicher Zeit Schrecken und Nachahmung hervor. Die Angehörigen der Staatsreligion verschanzten sich ebenfalls hinter einer Festung aus Wundern, ersannen neue Opfer-, Sühne- und Initiationsrituale Wir könnten als eines von vielen Beispielen etwa den Mithraskult wählen, oder den der Taurobolia; letzterer war unter den Antoninen in Mode gekommen. Siehe ein Abhandlung von Herrn de Boze in den Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 2, p. 443). Der Roman von Apuleius enthält ebensoviel Kultisches wie Satirisches. , bemühten sich um Wiederbelebung der versinkenden Glaubwürdigkeit ihrer Orakel Der Betrüger Alexander empfahl nachdrücklich die Orakel des Trophonios zu Mallos und die Apolloorakel in Claros und Milet (Lukian Opera Band 2, p.236). Dieses letztgenannte, dessen bemerkenswerte Geschichte ein eigenes Kapitel wert wäre, wurde von Diocletian befragt, bevor er seine Verfolgungsedikte erließ. Lactantius, de mortibus 11. und lauschten mit bereiter Leichtgläubigkeit jedem Betrüger, der ihre Vorurteilen mit schönen Wunderfabeln bediente Abgesehen von den alten Erzählungen von Pythagoras und Aristeas wurden auch die Heilungen, welche im Äskulaptempel durchgeführt wurden, und die Sagen aus dem Umkreis des Apollonius von Tyana gerne den Wundergeschichten Christi gegenübergestellt; ich möchte mich jedoch Dr. Lardner (Testimonies Band 3, p.253 und 352) darin anschließen, dass Philostratos keine solchen Absichten verfolgte, als er das Leben des Apollonios beschrieb. . Beide Parteien schienen den Legenden der Gegenseite die jeweils beanspruchte Glaubwürdigkeit nicht abzusprechen; und indem sie sich bemühten, die Wunder auf Zauberei oder dämonische Mächte zurückzuführen, halfen sie sich gegenseitig dabei, die Herrschaft des Aberglaubens wiederherzustellen Es ist ernstlich zu beklagen, dass die Kirchenväter dadurch, dass sie die übernatürlichen oder – in ihrer Diktion höllischen – Kräfte des Heidentums anerkennen, zugleich mit eigenen Händen den großen Vorteil zunichte machen, den wir ansonsten aus den freimütigen Zugeständnissen unserer Gegner hätten herleiten können. . Philosophisches Denken, ursprünglich ihr gefährlichster Feind, wurde jetzt zu einem nützlichen Verbündeten. Die Haine der Akademie, die Gärten des Epikur und die Säulengänge der Stoa lagen allerdings verödet wie so viele andere Schulen des Skeptizismus und des Unglaubens Kaiser Julian (Caesares, p. 301) empfindet fromme Freude darüber, dass die Vorsehung der Götter die gottlosen Sekten habe verschwinden lassen und die hinterlassene Literatur der Pyrrhonier und Epikureer größtenteils vernichtet habe; sie muss sehr zahlreich gewesen sein, denn Epikur allein hinterließ mehr als 300 Titel. Siehe Diogenes Laertios 10,26. ; und viele Römer warteten sehnlich darauf, dass durch hohen Senatsbeschluss auch die Schriften Ciceros verdammt und unterdrückt würden »Cumque alios audiam mussitare indignanter, et dicere opportere statui per Senatum, abolleantur ut haec scripta, quibus Christiana Religio comprobetur, et vetustatis opprimatur auctoritas« (Und da nun habe ich andere unmutig murmeln und sagen hören, es solle vom Senat die Vernichtung dieser Schriften angeordnet werden, durch welche die Religion der Christen gestärkt und die Würde des Altertums unterdrückt würden.) Arnobius, adversus Gentes 3,7. Und fügt treffsicher hinzu: »Erroris convincite Ciceronem . . . nam intercipere scripta, et publicatam velle submergere lectionem, non est Deum [Deos] defendere sed veritatis testificationem timere.« (Weist Cicero einen Irrtum nach...denn Schriften aus dem Verkehr zu ziehen und ihre öffentliche Lektüre zu unterdrücken bedeutet nicht, (Gott) die Götter zu verteidigen, sondern vor dem Zeugnis der Wahrheit Angst zu haben.) . Die damals herrschende Schule des Neuplatonismus indessen hielt es für rätlich, sich mit den Priestern zu verbünden, die sie vermutlich verachteten, und zwar gegen die Christen, die sie zweifellos fürchteten. Diese Modephilosophie verfolgte die Absicht, aus den Dichtungen der Griechen allegorische Weisheit zu schöpfen; sie ersann neue Gebetsrituale zum Gebrauch durch ihre Schüler; empfahl, in den alten Gottheiten die Sinnbilder oder Diener der höchsten Gottheit zu verehren und verfasst gegen die Weisheit des Evangeliums zahlreiche wohldurchdachte Abhandlungen Lactantius (Divinae institutiones 5,2 und 3) berichtet unzweideutig und lebhaft von zwei philosophischen Glaubensgegnern. Die große Abhandlung des Porphyrius gegen die Christen enthielt 30 Bücher und wurde um das Jahr 270 in Sizilien abgefasst. , welche seither die Weisheit orthodoxer Fürsten den Flammen überantwortet hatte Siehe Sokrates, Historia ecclesiastica 1,9 und den Codes Iustinus 1,1,3. .   BESTRAFUNG EINIGER CHRISTLICHER SOLDATEN Obwohl Diocletians Politik und Constantins Menschlichkeit sie zu allgemeiner Toleranz bestimmten, wurde schon bald ruchbar, dass ihre Mitregenten Maximianus und Galerius eine tiefempfundene Abneigung gegen die christliche Religion hegten. Die Gemüter dieser beiden Herrscher waren niemals durch Wissenschaft erleuchtet worden, Erziehung hatte niemals ihren Jähzorn kanalisiert. Groß waren sie nur als Krieger, und selbst auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren sie abergläubisch und vorurteilsbeladen wie nur ein Landsknecht oder Bauer. In der Verwaltung ihrer Provinzen befolgten sie getreulich die Vorgaben ihres Gönners; aber oft genug ergab sich innerhalb der Kasernen oder des Palastes die Gelegenheit zu heimlicher Verfolgung Eusebios, Historia 8,4 und 17. Er beschränkt die Anzahl der Märtyrer unter den Solaten unter Verwendung eines merkwürdigen Ausdrucks σπανίως τοῦτων εἰς που καὶ δεύτερος– hier und da aber hatte bereits der eine oder andere von ihnen...), für den weder seine lateinischen noch französischen Übersetzer Energie aufgebracht haben. Trotz der Autorität eines Eusebius und trotz des Schweigens von Lactantius, Ambrosius, Sulpicius, Orosius und anderen hielt sich lange Zeit die Meinung, dass die 6000 christlichen Soldaten der Thebanischen Legion auf Befehl des Maximianus in einem Tal der penninischen Alpen den Märtyrertod gefunden haben. Diese Geschichte wurde zuerst im 5. Jahrhundert von Eucherius, dem Bischof von Lyon, in die Welt gesetzt, der sie von bestimmten Leuten gehört hatte, welche sie von Isaac, dem Bischof von Genf, gehört hatten, welcher sie, so sagt man, von Theodorus, dem Bischof von Octodorum, gehört haben soll. Die Abtei St.-Maurice steht heute noch und ist ein üppiges Denkmal der Leichtgläubigkeit Sigismunds, Königs von Burgund. Siehe auch die vorzügliche Abhandlung im 36. Band der Bibliothèque raisonnée, p. 427-454. , für die der törichte Übereifer der Christen zuweilen den schönsten Anlass lieferte. So wurde etwa Maximilianus zum Tode verurteilt, ein afrikanischer Jugendlicher, den sein Vater dem Magistrat als tauglichen Rekruten vorgeführt hatte, der sich aber beharrlich dahin erklärte, dass ihm sein Gewissen die Ausübung des Soldatenberufes verwehre Siehe die Acte sincera, p.299. Die Berichte über diesen Märtyrertod und den des Marcellus tragen alle Merkmale von Wahrheit und Glaubwürdigkeit. . Es steht auch schwerlich zu erwarten, dass irgendeine Regierung die Tat von Marcellus, dem Zenturio, ungestraft hätte durchgehen lassen. Am Tage einer öffentlichen Festivität warf dieser Offizier nämlich seinen Gurt, seine Waffen und seine Rangabzeichen von sich und erklärte mit lauter Stimme, dass er von nun an nur noch Jesus, dem ewigen König, gehorchen werde und dass er für alle Zeiten den Dienst mit einer weltlichen Waffen oder für einen götzendienerischen Herren quittiere. Sobald sich die Soldaten von ihrer Überraschung erholt hatten, wurden sie seiner habhaft. Marcellus wurde in der Stadt Tingi von dem Gouverneur jenes Teils von Mauretanien verhört; und da er standhaft bei seinem Glauben blieb, wurde er wegen Desertation verurteilt und geköpft Acta sincera, p.302. . Durch solche Beispiele schimmert nicht so sehr die Christenverfolgung hindurch als vielmehr eine funktionierende Militär- und Zivilgerichtsbarkeit; zugleich aber kühlten sie auch das Wohlwollen der Herrscher ab, rechtfertigten die Strenge des Galerius, der ungezählten christlichen Offizieren den Abschied gab und festigten die Meinung, dass in einer Sekte von Fanatikern, die solche extravaganten Prinzipien vertrete, sich entweder nutzlose oder demnächst wohl auch gefährliche Untertanen des Reiches befinden müssten.   BEGINN DER ALLGEMEINEN VERFOLGUNG Nach seinem Erfolg im Perserkrieg waren Galerius' Hoffnungen und Stellung erhöht, und so durfte er einen Winter mit Diocletian im Palast zu Nicomedia verbringen: hier wurde das Schicksal des Christentums Gegenstand ihrer geheimen Beratungen De mortibus 11. Lactantius (oder wer sonst Verfasser jener kleinen Schrift war) lebte zu jener Zeit in Nicomedia; aber es ist nur schwer vorstellbar, wie er denn so zuverlässige Zeitung von den Geschehnissen im Kabinett erhalten haben will. . Der erfahrene Kaiser neigte nach wie vor einer milden Gangart zu; und wenngleich er sofort damit einverstanden war, alle Christen aus dem Militär- und Hofdienst auszuschließen, malte er auch in lebhaftesten Farben die Gefahren und die Grausamkeit, die die blutige Verfolgung dieser irregeleiteten Fanatiker mit sich bringen müsse. Schließlich trotzte Galerius ihm die Erlaubnis ab, einen Kronrat einzuberufen, in dem nur einige wenige Personen von höchstem militärischem und zivilem Rang vertreten sein sollten. So wurde in ihrer Gegenwart der wichtige Punkt verhandelt, und die ehrgeizigen Höflinge bemerkten schon bald, dass es wohlgetan sein dürfte, mit ihrer Beredsamkeit dem hartnäckigen Gewaltverlangen des Caesar zu willfahren. Es kann angenommen werden, dass sie auf alle Punkte Nachdruck legten, welche den Stolz, die Frömmigkeit oder die Furcht ihres Herrschers im Zusammenhang mit der Bekämpfung des Christentums berührten. Vielleicht legten sie dar, dass das große Werk der Befreiung des Reiches unvollendet bleiben müsse, solange solchen eigenlebigen Leuten im Herzen der Provinzen zu existieren und sich auszubreiten möglich sei. Die Christen (so mochte es vordergründig scheinen) weigerten sich, die Götter und sonstigen Einrichtungen Roms anzuerkennen, hätten eine eigene Republik begründet, welche man dämpfen müsse, solange ihr noch keine eigene Kriegsmacht zu Gebote stehe; welche aber bereits ihre eigene Gesetzgebung habe, ihre Verwaltung und einen Staatsschatz und welche durch die verschiedentlichen Bischofsversammlungen ihren innersten Zusammenhalt erführe, da deren Erlassen in ihren häufigen und gutbesuchten Gläubigenkongregationen der pünktlichste Gehorsam zuteil werde. Argumente dieser Art könnten Diocletians schwankendes Gemüt bestimmt haben, die Christenverfolgung wieder aufzugreifen; allerdings sind wir aufs Raten angewiesen und nicht imstande, sichere Kunde von den geheimen Ränkespielen im Palast zu geben, von den Eifersüchteleien der Weiber oder Eunuchen und all diesen banalen, aber ausschlaggebenden Ursachen, welche sooft über das Schicksal von Königreichen und die Beschlüsse der weisesten Herrscher entschieden haben Die einzigen Umstände, die wir entdecken können, sind die Frömmigkeit und die Eifersucht der Mutter des Galerius. Von Lactantius wird sie beschrieben als »Deorum montium cultrix; mulier admodum superstitiosa.« (Eine Jüngerin der Berggottheiten und äußerst abergläubische Frau) Sie übte beträchtlichen Einfluss auf ihren Sohn aus und war durch die Missachtung einiger ihrer christlichen Sklaven empört. .   ZERSTÖRUNG DER KIRCHE IN NIKOMEDIA A.D.303 Der Wille der Herrscher wurde den Christen schließlich bekannt gegeben, welche im Verlaufe dieses trübseligen Winters dem Ergebnis der zahlreichen geheimen Sitzungen entgegengebangt hatten. Der dreiundzwanzigste Februar, welcher mit dem römischen Fest der Terminalia Der Terminuskultus und das Fest dieses Gottes beschreibt Herr de Boze, Mem. de l'Académie des Inscriptions,1, p. 50. zusammenfiel, wurde festgesetzt als der Tag, (sei es nun durch Zufall oder Berechnung) der dem Vordringen des Christentums ein Ende setzen sollte. In der Morgendämmerung begab sich der Präfekt In unserer einzigen Lactantius-Handschrift lesen wir profectus (Fortschritt). Aber aus Vernunftgründen und mit der Unterstützung aller Kenner wollen wir dieses Wort, das die ganze Passage sinnlos macht, durch praefectus (Befehlshaber) ersetzen. der Prätorianergarde, begleitet von mehreren Generälen, Tribunen und Beamten des Fiskus zu der Hauptkirche von Nicomedia, welche in einem der schönsten und bevölkerungsreichsten Viertel der Stadt errichtet war. Die Tore wurden unverzüglich aufgebrochen; man stürmte die Kirche; und als sie vergebens nach irgendwelchen Objekten der Anbetung Ausschau hielten, begnügten sie sich damit, ein paar heilige Schriften den Flammen zu übergeben. Nach den Beamten des Diocletian erschienen zahlreiche Soldaten der Wache und Pioniere, welche in Schlachtordnung marschierten und alles Kriegswerkzeug mit sich führten, das man zur Belagerung und Zerstörung einer befestigten Stadt benötigt. Durch ihre unermüdlichen Anstrengungen wurde dann in ein paar Stunden ein heiliges Haus, welches oberhalb des Kaiserpalastes thronte und die Heiden schon immer geärgert hatte, dem Erdboden gleichgemacht Lactantius, de mortibus 12 gibt uns ein sehr anschauliches Bild von der Zerstörung der Kirche. .   DAS ERSTE EDIKT GEGEN DIE CHRISTEN 23. FEBRUAR A.D. 303 Am nächsten Tage wurde das allgemeine Verfolgungsedikt veröffentlicht Mosheim (de rebus Christianorum p. 922-926) hat aus vielen zerstreuten Textstellen bei Lactantius und Eusebios ein zutreffendes und genaues Bild von diesem Erlasses gefertigt; gelegentlich allerdings greift er auf Konjekturen und Spitzfindigkeiten zurück. ; und obwohl Diocletian, der dem Blutvergießen nach wie vor abhold war, den Hass des Galerius zu zügeln verstanden hatte (dieser hatte vorgeschlagen, jedermann unverzüglich bei lebendigem Leibe zu verbrennen, der ein Opfer verweigerte), können wir das Strafmaß, das nun über die christliche Unbelehrbarkeit verhängt war, als hinreichend streng und wirkungsvoll ansehen. Es wurde verfügt, dass in allen Provinzen des Reiches ihre Kirchen bis auf die Fundamente zerstört werden sollten; und dass über alle die Todesstrafe auszusprechen sei, welche zum Zwecke der Andacht sich versammelten. Die Philosophen, denen nun die würdelose Aufgabe zugefallen war, dem blinden Verfolgungseifer ein Maß zu geben, hatten die Natur und die Idee des Christentums sorgfältig studiert; und da es ihnen nicht entgangen war, dass die Lehrsätze des Glaubens in den Schriften der Propheten, Evangelisten und Apostel zu finden seien, geht wohl auf sie die Empfehlung zurück, dass Bischöfe und Presbyter alle ihre heiligen Texte den Magistraten auszuliefern hätten; welche ihrerseits bei schwerster Strafandrohung diese öffentlich und feierlich zu verbrennen hatten. Durch dasselbe Edikt wurde das Kircheneigentum ohne Ausnahme beschlagnahmt; und die einzelnen Stücke, aus denen es etwa bestehen mochte, wurden entweder dem Meistbietenden verkauft, in die kaiserliche Domäne übernommen, den Städten und anderen Körperschaften überschrieben, oder man erwies dem Betteln raffgieriger Hofschranzen eine Gefälligkeit. Nachdem man durch solche Maßnahmen das Vermögen der Christen eingetrieben und ihre Regierung aufgelöst hatte, erachtete man es für notwendig, jetzt diejenigen Individuen den härtesten Bedrängnissen zu unterwerfen, welche die Religion Roms und ihrer Vorfahren zu verabscheuen immer noch kranksinnig genug waren. Freigeborene Personen wurden aus allen Staats- und Ehrenämtern ausgeschlossen; Sklaven gingen auf immer der Aussicht auf Freilassung verlustig, und alle standen sie außerhalb des Gesetzes. Die Richter durften von nun an jede Anklage, die gegen Christen vorgebracht wurde, aufgreifen und verfolgen. Die Christen ihrerseits war Berufung gegen jedes Unrecht, das sie zu erleiden hatten, verwehrt; und so waren diese unglückseligen Sektierer ganz den Härten des öffentlichen Rechtes ausgesetzt, während sie zugleich von ihren Segnungen ausgeschlossen blieben. Diese neue Art von Martyrium, das so schmerzlich und langwierig war, so unwürdig und schandbar, war vielleicht am ehesten geeignet, die Standfestigkeit der Gläubigen zu erschüttern; und es kann kein Zweifel bestehen, dass die Leidenschaften und die Neigungen der Menschheit bei dieser Gelegenheit sich bereit fanden, den Entwürfen ihres Kaisers zu willfahren. Aber die Politik einer wohlgeordneten Regierung muss bisweilen auch zugunsten der verfolgten Christen eingegriffen haben; und für die römischen Herrscher war es schlechterdings unmöglich, jedem Betrugs- oder Gewaltvergehen stillschweigend Vorschub zu leisten, ohne zugleich ihre eigene Autorität und ihre übrigen Untertanen den schwersten Gefahren auszusetzen. Edward I. bediente sich viele Jahrhunderte später mit sehr gutem Erfolg derselben Verfolgungsmethoden gegen Englands Geistlichkeit. Siehe hierzu David Hume, History of England, Band 2, p. 300 in der neuesten Ausgabe in 4to.   GLAUBENSEIFER UND BESTRAFUNGEINES CHRISTEN Der Text des Erlasses war in Nicomedia kaum an einem stark frequentierten Platz angeschlagen, als ein Christ ihn auch schon wieder herunterriss und zugleich mit bittersten Schmähungen seine Verachtung und sein Entsetzen über dieses gottlose Gewaltregime kundtat. Sein Vergehen war, auch bei freundlichster Auslegung der Gesetze, Hochverrat und mit dem Tode bedroht. Und die Tatsache, dass es eine Person von Rang und Erziehung gewesen sein soll, mehrte nur noch die Schuld. Er wurde mit einem kleinen Feuer verbrannt, oder vielmehr geröstet, und seine Henker, begierig, die Schmach an ihren Herrschern zu sühnen, besannen sich auf alle Kunstgriffe ihres Gewerbes, ohne jedoch seine Standhaftigkeit erschüttern oder sein beharrliche Hohnlächeln abstellen zu können, mit dem er noch im Todeskampf seine Gemütsruhe bewies. Die Christen mussten sich zwar eingestehen, dass sein Verhalten sich mit den Geboten der Klugheit nicht eigentlich vertrug, bewunderten aber die fast göttliche Inbrunst seiner Glaubensüberzeugung; und das überschwängliche Lob, mit dem sie das Gedächtnis an ihren Helden und Märtyrer überschütteten, bewirkte vor allem, dass sich im Gemüt Diocletians Furcht und Hass einfraßen Lactantius de mortibus 12 nennt ihn bloß »quidam, etsi non recte, magno tamen animo« (jemand, wenn auch nicht zu recht, so doch mit viel Mut). Eusebios (Historia 8,5) stattet ihn mit irdischen Ehren aus. Keiner der beiden war es sich schuldig, seinen Namen zu erwähnen; aber die Griechen feiern sein Andenken unter dem Namen Ioannes. Siehe Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques, Bd. 5, Teil 2, p.320. .   CHRISTEN FÜR DEN BRAND IM PALAST VERANTWORTLICH GEMACHT Seine Besorgnisse wurden bald darauf vertieft durch ein gefährliches Vorkommnis, dem er nur mit genauer Not entkam. Innerhalb von fünfzehn Tagen standen der Palast und sogar das Schlafgemach des Diocletian zweimal in Flammen. Und wenn die Brände auch beide Male keinen nennenswerten materiellen Schaden hinterließen, so brachte doch die Wiederholung des Feuers den naheliegenden Gedanken auf, dass Zufall oder Nachlässigkeit nicht die Ursachen gewesen sein konnten. Der Verdacht fiel naturgemäß auf die Christen; und man argwöhnte, einigermaßen plausibel, dass diese zum Äußersten entschlossenen Fanatiker, veranlasst durch ihre augenblickliche Bedrängnis und die Furcht vor künftiger Verfolgung, mit ihren Glaubensbrüdern, den Palasteunuchen, eine Verschwörung gegen das Leben der beiden Herrscher eingegangen seien, in welchen sie die unversöhnlichen Feinde der Kirche Gottes sehen mussten. Argwohn und Groll erfüllte jedermanns Brust, Insonders aber die Diocletians. Zahlreiche Personen, ausgezeichnet vor anderen durch den Posten, den sie innehatten, oder die Gunst, derer sie sich erfreuten, wurden ins Gefängnis geworfen. Jede erdenkliche Art von Folter wurde praktiziert, und Palast und Stadt schwammen im Blute der vielen Hinrichtungen Lactantius de mortibus 13 und 14. »Potentissimi quondam Eunuchi necati, per quos palatium et ipse constabat« (Damals wurden die einflussreichsten Eunuchen getötet, welche doch den Palast und ihn selbst stützten). Eusebios (Historia 8,6) erwähnt die grausame Hinrichtung der Eunuchen Gorgonius und Dorotheus, sowie des Bischofs von Nicomedia, Anthimius; und beide schildern in unbestimmt-tragischer Diktion die furchtbaren Szenen, denen selbst der Kaiser beiwohnte. . Da es aber unmöglich war, die Hintergründe des mysteriösen Geschehens aufzudecken, bleibt es uns überlassen, die Unschuld der Dulder zu vermuten oder ihre Standhaftigkeit zu bewundern. Ein paar Tage später entfernte sich Galerius in Hast aus Nicomedia mit der Erklärung, dass er, sollte er nur noch ein weniges länger in jenem verfluchten Palaste verweilen, notwendig dem Zorn der Christen zum Opfer fallen werde. Die Kirchengeschichtsschreiber, auf die allein unsere gefärbte und unvollständige Kunde jener Verfolgung zurückgeht, bleiben uns die Erklärung für die Furcht der Herrscher schuldig. Zwei dieser Autoren, ein Prinz und ein Redner, sind Augenzeugen des Brandes in Nicomedia; der eine schreibt ihn einem Gewitter und dem Zorn Gottes zu; der zweite behauptet, dass Galerius in seiner Bösartigkeit selbst gezündelt habe Siehe Lactantius, Eusebios und Konstantin, ad coetum sanctorum 25. Eusebios bekennt bezüglich des Feuers seine Unwissenheit. .   EXEKUTION DES ERSTEN EDIKTES Da das Edikt gegen die Christen Gesetzescharakter hatte und sich seine Gültigkeit auf das ganze Reich ausdehnte, und da Diocletian und Galerius der Mithilfe ihrer beiden Mitregenten im Westen sicher sein durften, wenn auch nicht ihrer freudigen Zustimmung, würde es unseren Vorstellungen von Politik eher entsprechen, wenn die einzelnen Provinzstatthalter die geheime Anordnung erhalten hätten, das Dekret an ein und demselben Tage in ihren jeweiligen Bezirken bekannt zu machen. Zumindest stand es zu erwarten, dass die Bequemlichkeit des öffentlichen Straßensystems und der festen Stationen es den beiden Herrschern ermöglicht hätte, ihre Befehle ohne jeden Verzug von Nicomedia bis an die äußersten Grenzen des römischen Reiches zu übermitteln; und dass sie es deshalb nicht gelitten hätten, dass ihr Wille erst nach dem Ablauf von fünfzig Tagen in Syrien und erst nach fast vier Monaten in Afrikas Städten bekannt werde Tillemont, Mémoires Ecclésiastiques, Bd. 5, Teil 1, p.43. . Diese Verzögerung kann möglicherweise auf Rechnung der abwägenden Natur des Diocletian gesetzt werden, welcher sich den Maßnahmen nur mit vielem Vorbehalt angeschlossen hatte und ihre Durchführung lieber mit eigenen Augen aus unmittelbarer Nähe beobachten wollte, bevor er Unruhe und Unzufriedenheit lostrat, die sich naturnotwendig in den entlegeneren Provinzen einstellen mussten. Zunächst jedoch wurden die Magistrate vom bloßen Blutvergießen abgehalten; jede andere Maßnahme jedoch wurde ihnen erlaubt und sogar anempfohlen; auch konnten sich die Christen nicht entschließen, ihre religiösen Zusammenkünfte einzustellen und ihre heiligen Schriften den Flammen zu überantworten, selbst wenn sie sich damit abfanden, ihre Kirchen des Schmucks zu berauben. Der fromme Starrsinn von Felix, einem afrikanischen Bischof, scheint sogar die untergeordneten Mitarbeiter der Verwaltung beschämt zu haben. Der Kurator seiner Stadt schickte ihn in Ketten zum Prokonsul. Der Prokonsul überantwortete ihn dem italienischen Prätorianerpräfekten; und Felix, der sich sogar zu schade war, auch nur ausweichend zu antworten, wurde schließlich in Venusia in Lukanien hingerichtet, welcher Platz durch die Geburt des Horaz berühmt ist Siehe die acta sincera p.353; die Akten von Felix von Thibaris oder Tibiur sind deutlich weniger verfälscht als in anderen Ausgaben, welche ein lebendiges Beispiel für legendenbildende Erfindung abgeben. . Dieser Präzedenzfall und vielleicht noch einige zusätzlich erlassene kaiserliche Reskripte brachten es in der folgenden Zeit mit sich, dass die Provinzgouverneure die Vollmacht besaßen, immer dann auf die Todesstrafe zu erkennen, wenn Christen die Herausgabe ihrer heiligen Bücher verweigerten. Ohne Zweifel gab es viele Personen, welche die Gelegenheit nutzten, sich die Märtyrerkrone zu erwerben; aber ebenso gut gab es deren viele, welche sich für ein Leben in Schande entschieden, indem sie ihr heiliges Schrifttum entdeckten und den Händen der Ungläubigen überlieferten. Eine große Anzahl von Bischöfen und Presbytern erwarben sich durch diese schmachvolle Fügsamkeit den Ekelnamen eines Traditors ; und ihr Vergehen war für die afrikanische Kirche zugleich Ursache für so manches Ärgernis in der Gegenwart und für zahlreiche zukünftige Zerwürfnisse Siehe das Buch 1 des Optatus von Mileve gegen die Donatisten. Er lebte unter Kaiser Valens. .   ZERSTÖRUNG DER KIRCHEN Die Abschriften und Übersetzungen des heiligen Schrifttums waren im römischen Imperium bereits so stark verbreitet, dass auch von der strengsten Inquisition keine nennenswerten Folgen zu befürchten standen; und selbst die Vernichtung jener Bände, welche in jeder Gemeinde für den öffentlichen Gebrauch bereitlagen, setzte voraus, dass es verräterische und unwürdige Christen gab. Aber die Zerstörung der Kirchengebäude durch die Autorität der Regierung und durch die Mithilfe der Heiden ging leichter von der Hand. In einigen Provinzen begnügten sich die Magistrate zwar damit, die Orte religiöser Erbauung nur zu verschließen; in anderen legten sie dafür die Maßgaben des Ediktes wörtlich aus: nachdem sie die Tore entfernt hatten, wurden Bänke und Kanzel wie ein Scheiterhaufen bei einer Beerdigung abgebrannt und der Rest des Gebäudes völlig zerstört Die antiken Dokumente an Schluss des Werkes von Optatus (p.261ff.) beschreiben höchst umständlich die Vorgehensweise der Statthalter bei der Zerstörung der Kirchen. Zunächst wurde ein detailliertes Inventar der einzelnen Gerätschaften angelegt, die sie in der Kirche vorfanden. Das aus der Kirche von Cirta in Numidien gibt es heute noch: es bestand aus zwei Goldkelchen und sechs aus Silber, sechs Urnen, einem Kessel, sieben Lampen, alle ebenfalls aus Silber; daneben allerlei Messingutensilien und Gewänder. . Wir sollten diese trübselige Gelegenheit wahrnehmen, eine Geschichte zu erzählen, die in so vielen verschiedenen Fassungen und mit derartig unwahrscheinlichen Begleitumständen überliefert ist, dass sie eher geeignet ist, unsere Neugier weiter anzustacheln als sie zufriedenzustellen. In einer Kleinstadt in Phrygien – Name und Lage bleiben uns unklar – hatte die gesamte Bevölkerung und der Magistrat den christlichen Glauben angenommen; und da nun bei der Durchführung des Ediktes einiger Widerstand zu befürchten war, ließ sich der Provinzgouverneur von einer Legionärsabteilung begleiten. Bei ihrem Herannahen flüchteten sich die Bürger in die Kirche, entschlossen, entweder das Heiligtum mit Waffengewalt zu verteidigen oder mit ihm zu verderben. Mit Empörung wiesen sie den freien Abzug zurück, bis die Soldaten schließlich, durch diese halsstarrige Weigerung aufgebracht, das Gebäude von allen Seiten anzündeten und infolge dieses beispiellosen Martyriums an zahlreichen Phrygiern sowie deren Weibern und Kindern zum Henker wurden Lactantius (Divinae institutiones 5,11) begrenzt die Zerstörung auf das Conventiculum und die Gemeinde. Eusebius (Historia 8,11) dehnt es bereits auf die ganze Stadt aus und deutet noch so etwas wie eine regelrechte Belagerung an. Rufinus, sein antiker lateinischer Übersetzer, fügt den wichtigen Umstand hinzu, dass den Bewohnern freier Abzug gewährt wurde. Da Phrygien an Isaurien grenzt, ist es denkbar, dass die rastlose Gemütsverfassung dieser Barbaren zu diesem Unglücksfall auch noch einen Beitrag geleistet hat. .   DER UMFANG DER VERFOLGUNGEN... Einige kleinere Störungen in Syrien und den Grenzen Armeniens, die bereits in dem Moment behoben waren, als sie auftraten, lieferten den Feinden der Kirche einen hochwillkommenen Hintergrund für das Gerücht, dass alle diese Probleme heimlich durch die Ränke der Bischöfe angestiftet worden seien, welche offenbar ihr feierliches Versprechen für unbedingten und unbegrenzten Gehorsam vergessen hätten Eusebios, Historia 8,6. Herr de Valois glaubt (wohl nicht ohne Grund), die syrische Rebellion in einer Libanios-Rede entdeckt zu haben; und dass es sich hierbei nur um ein unbedachtes Unternehmen des Tribunen Eugenius gehandelt habe, der mit lediglich 500 Mann Antiochia besetzt hatte und dabei die Christen durch das Versprechen freier Religionsausübung auf seine Seite gezogen hatte. Aus einer Textstelle bei Eusebius (Historia 9,8) und bei Moses von Chorene (Historia Armeniaca 2,77ff) lässt sich folgern, dass das Christentum in Armenien bereits Fuß gefasst hatte. . Der Zorn oder auch nur die Angst veranlassten Diocletian, die Mäßigung, die er bis dahin beobachtet hatte, aufzugeben und in einer Serie von grausamen Ordern seine Absicht zu bekunden, den christlichen Namen auszulöschen. In dem ersten dieser Edikte erhielten alle Provinzstatthalter die Anweisung, alle Personen von kirchlichem Rang zu verhaften; und die Zuchthäuser, bestimmt für die gewöhnlichsten Verbrecher, füllten sich alsbald mit Bischöfen, Presbytern, Diakonen, Vorlesern und Exorzisten. In einem zweiten Runderlass wurden die Magistrate angewiesen, jede nur erdenkliche Strenge walten zu lassen, um sie von ihrem finsteren Aberglauben abzubringen und sie der vorschriftsmäßigen Verehrung der etablierten Gottheiten zuzuführen. In einem Folgeedikt wurde dieser strenge Befehl auf das gesamte Kirchenvolk ausgedehnt, das somit einer grausamen und umfassenden Verfolgung ausgesetzt war Mosheim, de rebus Christianorum p. 938. Der Text des Eusebios zeigt klar und deutlich, dass Statthalter, deren Macht durch die neue Gesetzgebung nicht beschränkt, sondern erweitert wurde, über die beharrsamsten Christen die Todesstrafe verhängen konnten. . Anstelle jene heilsame Zurückhaltung zu üben, die dem Zeugnis eines Anklägers gegenüber angezeigt ist, wurde es nunmehr zur Pflicht und zum wohlverstandenen Interesse eines kaiserlichen Beamten, die abscheulichsten dieser Gläubigen aufzuspüren, zu verfolgen und zu foltern. Schwere Strafen drohten auch allen denen, welche sich erkühnen sollten, einen gesuchten Christen vor dem gerechten Zorne der Götter und des Kaiser in Schutz zu nehmen. Und dennoch und dieser brutalen Gesetze ungeachtet, hatte die Courage vieler Heiden dadurch, dass sie manchen christlichen Freund oder Verwandten versteckt hielt, den ehrenvollen Beweis erbracht, dass abergläubische Tobsucht in ihren Gemütern die Stimme der Natur und der Humanität noch nicht zum Schweigen gebracht hatten Athanasius, Opera, p. 833; bei Tillemont, Memoires ecclésiastiques Band 5, Teil 1, p. 90. . Diocletian hatte kaum diese Edikte gegen die Christen in die Welt gesetzt, als er auch schon danach verlangte, das Werk der Verfolgung in andere Hände zu legen und den kaiserlichen Purpur ablegte. Die Gemütsverfassung und Eigeninteressen seiner Kollegen und Nachfolger im Amte nötigten sie zuweilen, die Ausführung dieser strengen Gesetze noch zu verschärfen oder auch abzumildern. Und eine angemessene und genaue Vorstellung von dieser wichtigen Periode der Kirchengeschichte werden wir nicht gewinnen können, bevor wir nicht die Lage der Christen in den verschiedenen Teilen des Reiches untersucht haben, wie sie in den zehn Jahren zwischen den ersten Edikten des Diocletian und dem schließlichen Frieden mit der Kirche bestand.   ... IN DEN PROVINZEN UNTER CONSTANTIUS UND CONSTANTIN Constantius' milder und menschenfreundlicher Charakter war der Unterdrückung aller seiner Untertanen abgeneigt. Die wichtigsten Ämter bei Hofe hatten Christen inne. Er schätzte sie persönlich, freute sich ihrer Zuverlässigkeit und hegte gegen ihr Bekenntnis keinerlei Vorbehalte. Aber solange Constantius in der untergeordneten Stellung eines Caesar verblieb, hatte er keine Handhabe, die Erlasse des Diocletian zurückzuweisen oder Maximianus geradezu den Gehorsam zu verweigern. Immerhin konnte er kraft seiner Stellung manches Leiden mildern. Widerstrebend willigte er in die Zerstörung von Kirchenbauten ein; aber er wagte es doch, die Christen vor der Wut des Mobs und vor der Strenge des Gesetzes zu schützen. Auch die gallischen Provinzen (zu denen wir hier ebenfalls die britannischen zählen wollen) standen bei ihm in der Schuld für die beispiellose Ruhe, die sie der freundlichen Vermittlung ihres Souveräns verdankten Eusebius, Historia 8,13; Lactantius de mortibus 15. – Dodwell (Dissertationes Cyprianicae 11,75) findet die beiden in einem Widerspruch. Der Erstere indessen spricht offenkundig von Constantius als Caesar, während der Zweite denselben Herrscher in seiner Stellung als Augustus meint. . Aber Datianus, Statthalter in Spanien, den entweder religiöser Eifer oder politische Rücksichten spornten, zog es vor, die Edikte seines Kaisers zu exekutieren, anstelle sich zu den geheimen Absichten des Constantius zu verstehen. Und es ist kein Zweifel möglich, dass seine Provinzialverwaltung mit dem Blute verschiedener Märtyrer besudelt ist Von Datianus liest man in Gruters Inschriftensammlung, dass er die Grenzen der Stadtgebiete von Pax Iulia und Ebora festgelegt habe, zwei Städten im südlichen Lusitanien. Vergegenwärtigen wir uns die Nähe dieser Städte zu Kap St. Vincente, gelangen wir zu der Vermutung, dass der berühmte Diakon und Märtyrer dieses Namens von Prudentius etwas ungenau Saragossa oder Valentia zugeschrieben wurde. Siehe hierzu die barock ausgeführte Leidensgeschichte bei Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 5, Teil 2, p. 58-85. Einige Gelehrte meinen, dass der Reichsteil des Constantin, als er noch ein Caesar war, Spanien nicht einbegriff, sondern unmittelbar dem Maximian unterstellt war. . Die Erhebung des zur obersten und unabhängigen Augustuswürde gab Constantius' Tugenden freies Betätigungsfeld, und auch seine kurzbemessene Regierungszeit hielt ihn nicht davon ab, ein System der Toleranz zu etablieren, was für seinen Sohn Constantin beispielgebend wirkte. Sein glücklicher Sohn, der sich vom ersten Augenblick seiner Thronbesteigung zum Beschützer der Kirche aufwarf, wurde am Ende als der Kaiser bezeichnet, welcher als erster überhaupt öffentlich das Christentum bekannte und zuließ. Die Motive für seinen Glaubensübertritt werden verschiedentlich auf Wohlwollen, Politik, Bekehrung oder Reue zurückgeführt; und der Fortgang dieser Umwälzung, welche unter seinem und seiner Söhne machtvollen Einfluss das Christentum zur alleinigen Religion des römischen Reiches machte, wird im zweiten Band dieser Geschichte ein eigenes, sehr interessantes und wichtiges Kapitel bilden. Zunächst wollen wir uns mit der Feststellung begnügen, dass jeder Sieg Constantins der Kirche zu einiger Erleichterung oder anderen Vorteilen verhalf.   ITALIEN UNTER MAXIMIANUS UND SEVERUS Italien und Afrika durchlitten eine kurze, wenn auch brutale Verfolgung. Diocletians barbarisches Edikt wurde von seinem Mitregenten Maximian pünktlich und freudig umgesetzt, da er schon immer Hass gegen die Christen gehegt und überhaupt an Blutvergießen und Gewalttätigkeit seine Freude hatte. Im Herbst des ersten Jahres der Verfolgung trafen sich die beiden Herrscher, ihren Triumph zu begehen; auf ihren geheimen Beratungen scheinen sie einige weitere Unterdrückungs-Vorschriften erbrütet zu haben, und der Diensteifer der Magistrate erfuhr während der Anwesenheit ihrer kaiserlichen Herrscher rechte Befeuerung. Nachdem Diocletian abgedankt hatte, wurden Italien und Afrika durch Severus verwaltet und waren schutzlos den Hassgefühlen ihres Gebieters Galerius ausgesetzt. Unter den römischen Märtyrern verdient Adauctus die Aufmerksamkeit der Nachwelt. Er stammte aus einer angesehenen Familie Italiens und hatte sich durch die einzelnen Stufen in der Palasthierarchie bis zu dem wichtigen Amt des kaiserlichen Schatz- und Domäneverwalters emporgearbeitet. Adauctus ist bemerkenswert deshalb, weil er die einzige Person von Rang ist, die während dieser allgemeinen Verfolgung den Märtyrertod gestorben ist Eusebius, Historia 8,11; Gruter, Inscriptiones, Band 30, p.1171, No.18. Rufinus irrte sich, was das Amt des Adauctus und den Ort seines Märtyrertodes anbetraf. .   UNTER MAXENTIUS Die Revolte des Maxentius brachte den Kirchen Italiens und Afrikas beinahe augenblicklich Frieden; und tatsächlich zeigte sich dieser Tyrann, der seine Untertanen ausnahmslos unterdrückte, gegenüber den bedrängten Christen gerecht, human und sogar für sie eingenommen. Er rechnete auf ihre Dankbarkeit und Zuneigung und kalkulierte ganz folgerichtig, dass das Unrecht, welches sie erlitten hatten und die Gefahren, die ihnen auch künftig von ihren unversöhnlichsten Feinden drohen mochten, zumindest ihm die Ergebenheit einer Gruppe sichern würde, welche nach Anzahl und Reichtum bereits recht ansehnlich geworden war Eusebius, Historia 8,14. Das Maxentius von Constantin besiegt wurde, so fügte es sich zur Konzeption des Lactantius, ihm im Tode eine Stellung unter den Verfolgern der Kirche zuzuweisen. . Sogar das Auftreten des Maxentius gegenüber dem Bischof von Rom und Karthago kann als Beweis für seine Toleranz gelten, da vermutlich selbst die orthodoxesten Fürsten gegenüber dem Klerus eine solche Haltung eingenommen haben würden. Marcellus, der erstere dieser beiden Prälaten, hatte in der Hauptstadt für Unruhe gesorgt, indem er schwere Strafen über die zahlreichen Christen verhängte, welche während der letzten Verfolgung ihrem Glauben abgeschworen oder ihn verleugnet hatten. Es kam zwischen den Fraktionen zu häufigem und schmerzlichem Hader; die einen Gläubigen vergossen das Blut der anderen Gläubigen; und erst die Verbannung des Marcellus, dessen Verstandeskräfte sichtlich nicht an seinen Glaubenseifer heranreichten, schien das einzige wirksame Mittel zu sein, der gequälten Kirche Roms den Frieden zurückzugeben Die Grabinschrift des Marcellus findet sich bei Gruter, Inscriptiones, Band 30, p. 1172, Nr. 3. Sie enthält alles, was wir von seiner Geschichte wissen. Marcellinus und Marcellus, der Namen in der Liste der Päpste einander folgen, werden von mehreren Gelehrten für zwei unterschiedliche Personen angesehen; der gelehrte Abbé von Longuerue war überzeugt, dass beide nur ein und dieselbe Person bezeichnen. – Veridicus rector lapsis quia crimina flere/ Praedixit miseris, fuit omnibus hostis amarus./ Hinc furor, hinc odium; sequitur discordia, lites/ Seditio, caedes; solvuntur foedera pacis./ Crimen ob alterius, Christum qui in pace negavit/ Finibus expulsus patriae est feritate Tyranni./ Haec breviter Damasus voluit comperta referre:/ Marcelli populus meritum cognoscere posset. (Wahrsprechender Herrscher, er sagte voraus, dass die Strauchelnden weinen würden ob der Anschuldigungen und der Fremdling durch alles Unglück verbittere. Schrecken und Hass kamen von hier; es folgten Zwietracht, Streit, Aufruhr, Mord; gebrochen wurden Friedensverträge, wegen anderer Anschuldigung wurde, wer Christus im Frieden verleugnet hat, durch Tyrannenwut aus dem Vaterland vertrieben. Hiervon wollte Damasus bündig berichten, auf dass das Volk Marcellus' Verdienste erkennen möge). Wir möchten noch anmerken, dass Damasus A.D. 366 Bischof zu Rom ward. . Die Aufführungen des Mensurius, Bischofs zu Karthago, scheinen wenn möglich noch dümmer gewesen zu sein. Ein Diakon der Stadt hatte ein Schriftchen gegen den Kaiser an die Öffentlichkeit gebracht. Der Übeltäter nahm Zuflucht im Bischofspalast; und wenn auch die Zeit dazu noch nicht reif war, so etwas wie Kirchenasyl zu beanspruchen, so weigerte sich der Bischof gleichwohl, ihn den Organen der Gerechtigkeit auszuliefern. Für diese an Hochverrat grenzende Renitenz wurde Mensurius vor den Gerichtshof geladen und durfte, ob er gleich nach dem Gesetz die Todesstrafe oder das Exil verdient hätte, nach kurzer Befragung in seine Diözese zurückkehren Optatus, de Schismate Donatistarum 1,17 und 18. . So glückhaft war die Lage der Christenheit unter Maxentius, dass sie, wenn sie für ihre eigene Kirche einen Märtyrer-Leichnam benötigte, ihn sich aus den entlegensten Provinzen des Ostens beschaffen musste. Es ist uns hier die Geschichte der Aglae überliefert, einer römischen Dame aus konsularischer Familie, die im Besitze so ausgedehnter Ländereien war, dass zu deren Bewirtschaftung dreiundsiebzig Meier benötigt wurden. Unter diesen war Bonifatius der Favorit seiner Herrin; und da Aglae himmlische und irdische Liebe bisweilen nicht auseinander hielt, gestattete sie ihm wohl auch, wie wir hören, das Bett mit ihr zu teilen. Ihr Vermögen erlaubte es ihr, sich das fromme Verlangen nach Reliquien aus dem Osten zu erfüllen. Sie vertraute Bonifacius eine beträchtliche Summe Goldes und allerlei Spezereien an; und ihr Liebhaber, von zwölf Reitersleuten und drei bedeckten Wagen eskortiert, unternahm eine ausgedehnte Pilgerfahrt bis ins ferne Tarsus in Kilikien Die Märtyrerakten des St. Bonifatius, die von Wundern und rhetorischem Pathos überquellen, hat Ruinart (Acta sincera, p. 283-291) in Griechisch und Latein herausgegeben, gestützt auf die Reputation sehr alter Manuskripte. .   DER OSTEN UNTER GALERIUS UND MAXIMINUS Die jähzornige Gemütsverfassung des Galerius, des ersten und bedeutendsten Urhebers einer Verfolgung, war besonders denjenigen Christen fürchterlich, welche das Unglück hatten, ausgerechnet in seinem Herrschaftsbereich leben zu müssen; und man kann getrost annehmen, dass alle Personen von mittlerer Vermögenslage, die mithin durch die Ketten des Reichtums oder der Armut nicht gebunden waren, in Scharen aus ihrer Heimat auswanderten und in den duldsameren Regionen des Westens ihr Refugium suchten. Solange er nur die Armeen und die Provinzen Illyriens unter sich hatte, konnte er eine nennenswerte Anzahl von Märtyrern weder auffinden noch hervorbringen in diesem kriegerischen Lande, welches den Predigern des Evangeliums mit mehr Herzenskühle und Ablehnung begegnet war als alle anderen Provinzen des Reiches Für die ersten vier Jahrhunderte gibt es nur schwache Indizien für Bischöfe oder Bistümer in Westillyrien. Man hat auch daran gedacht, dass Mailand seine Diözesangrenzen bis nach Sirmium, die Hauptstadt jener großen Provinz, ausgedehnt hatte. Siehe ›Geographica sacra‹ von Charles de Saint Paul, p. 68-76, und die Anmerkungen des Lucas Holstenius. . Als aber Galerius die Oberherrschaft über den Osten angetreten hatte, lebte er in ganzem Umfange seiner Grausamkeit und seinem Fanatismus, und zwar nicht nur in Thrakien und Asien, welche seiner direkten Jurisdiktion unterstellt waren, sondern auch in Syrien, Palästina und Ägypten, wo Maximinus seine eigenen Neigungen befriedigte, indem er den strengen Anweisungen seines Wohltäters aufs pünktlichste willfahrte Das achte Buch des Eusebios sowie die Ergänzung über die Märtyrer von Palästina berichten hauptsächlich von den Verfolgungen des Galerius und des Maximinus. Die allgemeinen Klagen zu Beginn des 5. Buches ›Divinae Institutiones‹ des Lactantius spielen auf ihre Grausamkeit an .. Das häufige Scheitern seiner ehrgeizigen Pläne, die Erfahrung aus sechs Jahren Verfolgungstätigkeit und das heilsame Nachdenken während einer langwierigen und schmerzhaften Krankheit brachten Galerius den Gedanken nahe und überzeugten ihn endlich davon, dass auch die gewalttätigsten Anstrengungen des Despotismus nicht ausreichen, ein ganzes Volk auszulöschen oder seine religiöse Meinungen zu unterdrücken. Von dem Wunsche beseelt, das angerichtete Unrecht zu bereinigen, veröffentlichte er in seinem eigenen Namen und in dem des Licinius und Constantin ein allgemeines Edikt, welches nach pompöser Parade aller seiner kaiserlichen Titel fortgesetzt wurde wie folgt:   DAS TOLERANZEDIKT DES GALERIUS »Unter die bedeutenden Gegenstände der Sorge, die unsere Aufmerksamkeit zum Nutzen und Besten des Reiches beschäftigten hielten, war auch unsere Absicht zu rechnen, die althergebrachten Gesetze und die öffentliche Ordnung Roms wiederherzustellen. Insonders ließen wir es uns angelegen sein, die irregeleiteten Christen auf die Pfade der Vernunft und der Natur zurückzuführen, hatten sie doch Religion und Riten ihrer Väter drangegeben, unter übermütiger Verachtung der alten Bräuche des Altertums neue ausschweifende Gesetze und Meinungen ersonnen, wie ihr Wahn sie ihnen eingab und endlich in den verschiedenen Provinzen unseres Reiches eine mannigfaltige Anhängerschaft um sich versammelt. Da nun unsere Erlasse, die zur Verehrung der Götter ermuntern sollten, vielen Christen Gefahren und Kummer verursacht, vielen sogar den Tod gebracht und viele, die noch immer in ihrer gottlosen Torheit verharren, von jeder Form der öffentlichen Anbetung ausgeschlossen haben, sind wir nunmehr geneigt, jene Unglücklichen an den Segnungen unserer bewährten Milde teilhaftig werden zu lassen. Wir gestatten ihnen daher, ihre privaten Meinungen öffentlich zu bekennen und sich in ihren Gebetshäusern ohne Furcht und Beschwernis zu versammeln, immer vorausgesetzt, dass sie den gehörigen Respekt vor Gesetz und Regierung des Reiches beobachten. Durch fernere Reskripte soll dieser unser Wille den Richtern und Magistraten bekannt werden; und wir hoffen, dass unsere Milde die Christen dazu ermuntern möge, in ihren Gebeten an die Gottheit, die sie verehren, um unsere Sicherheit und Heil, ihre eigene und das der Republik zu bitten Eusebios Historia 8,17) hat uns eine griechische Fassung und Lactantius (de mortibus 34) das lateinische Original dieses denkwürdigen Dokumentes überliefert. Beiden Autoren scheint es nicht mehr gegenwärtig zu sein, wie unmittelbar es dem widerspricht, was sie zuvor von Galerius' Gewissensbissen und Reue zu berichten wussten. .« – Man findet den wahren Charakter oder die geheimen Beweggründe eines Herrschers üblicherweise nicht im Sprachduktus seiner Edikte und Manifeste; da aber dies die Worte eines sterbenden Kaisers waren, so mag diese besondere Situation vielleicht auch die Gewähr für seine Aufrichtigkeit bieten.   FRIEDEN DER KIRCHE Als Galerius dieses Toleranzedikt unterzeichnete, war er sich durchaus bewusst, dass Licinius sich den Absichten seines Freundes und Gönners bereitwillig anschließen und auch Constantin jede Maßnahme zugunsten der Christen billigen würde. Aber den Namen des Maximinus, an dessen Zustimmung alles gelegen war und der nur wenige Tage später in den Provinzen Asiens die Nachfolge antreten würde, in die Präambel zu setzen riskierte der Kaiser denn doch nicht. In den ersten sechs Regierungsmonaten bemühte sich Maximinus, die weisen Ratschläge seines Vorgängers umzusetzen; und wenn er auch niemals die Sicherheit der Kirche durch ein öffentliches Edikt zu garantieren sich herbeiließ, so verfasste doch Sabinus, sein Prätorianerpräfekt, ein Rundschreiben an alle Provinzgouverneure und Magistrate, in welchem er sich über die milde Gesinnung des Kaisers verbreitete, ferner die unbesiegbare Glaubenshartnäckigkeit der Christen eingestand und die Justizbeamten anwies, ihre fruchtlosen Verfolgungen einzustellen und die heimlichen Zusammenkünfte jener Enthusiasten geschehen zu lassen. Infolge dieses Schreibens wurden viele Christen aus dem Gefängnis oder den Bergwerken entlassen. Diese Bekenner kehrten in ihre Heimatländer zurück, Siegeshymnen auf den Lippen; und diejenigen, welche sich vordem der Gewalt gebeugt hatten, flehten mit Tränen der Reue um Wiederaufnahme in den Schoß der Kirche Eusebios, Historia 9,1. Den Brief des Präfekten hat er beigefügt. .   MAXIMINUS PLANT NEUE VERFOLGUNGEN Aber diese Ruhe war nur trügerisch und von kurzer Dauer; noch konnten die Christen des Ostens irgendein Vertrauen in den Charakter ihres Herrschers setzen. Maximinus Seele besaß zwei vorherrschende Leidenschaften, Grausamkeit und Aberglauben. Die erste gab ihm die Mittel, die zweite die Objekte seiner Nachstellungen vor. Der Kaiser hatte sich der Anbetung seiner Götter, dem Studium der Magie und der Orakel gewidmet. Propheten oder Philosophen, die er als die eigentlichen Günstlinge des Himmels verehrte, waren oftmals bis in den Rang eines Provinzgouverneurs emporgestiegen oder hatten Teil an seinen geheimsten Beratungen. Sie überzeugten ihn leichterhand, dass die Christen ihren Sieg in erster Linie ihrer Disziplin zu danken hatten und dass die Schwäche des Polytheismus aus einem Mangel an Einigkeit und Gehorsam der Diener der Religion entstanden sei. So wurde also ein Regierungssystem etabliert, welches erkennbar dem der Kirche nachempfunden war. In allen Großstädten wurden die Tempel auf Geheiß des Maximinus instand gesetzt und verschönert; und die amtierenden Priester der verschiedenen Gottheiten wurden der Autorität eines obersten Pontifex unterstellt, welcher das Gegengewicht zu den Bischöfen bilden und überhaupt die Sache des Heidentums fördern sollte. Diese Oberpriester ihrerseits anerkannten die oberste Gerichtsbarkeit eines Metropoliten oder Hohepriesters der Provinz, welche als unmittelbare Stellvertreter des Kaisers fungierten. Eine weiße Robe war das Abzeichen ihrer Würde; und man rekrutierte sie mit besonderer Sorgfalt und lediglich aus den vornehmsten und reichsten Familien. Auf Betreiben der Magistrate und der Priesterschaft trafen denn auch die pflichtschuldigen Dankadressen ein, insbesondere aus den Städten Nikomedia, Antiochia und Tyros, welche die wohlbekannten Absichten des Hofes mit artigen Worten als den allgemeinen Volkswillen darzustellen wussten; die den Herrscher anflehten, auf Recht und Gesetz und nicht auf die Gebote seines milden Herzens zu hören; und demütig darum baten, es möchten jene gottlosen Sektierer wenigstens aus den Grenzen ihres jeweiligen Landes verbannt werden. Die Antwort des Maximinus auf die Ergebenheitsadresse der Stadt Tyros ist uns überliefert. Er rühmt ihren Eifer und ihre Anhänglichkeit mit Ausdrücken höchster Genugtuung, fabelt in behaglicher Ausführlichkeit über den halsstarrigen Unglauben der Christen und verrät durch die Bereitschaft, mit welcher er ihren Verbannungsurteilen zustimmt, dass er sich hier eher als Befehlsempfänger und weniger als Befehlsgeber sieht. Priester und Magistrate erhielten die Vollmacht, die Exekution seines Erlasses noch zu verschärfen, welcher übrigens auf Bronzetafeln eingraviert wurde; und wenn es ihnen auch nahegelegt wurde, Blutvergießen zu vermeiden, wurden wenigstens über die besonders störrischen Christen die grausamsten und schimpflichsten Strafen verhängt Siehe Eusebios, Historia 8,14 und 9,2-8; Lactantius, de Mortibus 36. Beide Autoren wollen in gleicher Weise die Finessen des Maximinus darlegen: aber der Erste berichtet von der Hinrichtung einiger Märtyrer, während der andere ausdrücklich versichert, »occidi servos Dei vetuit.« (...er verbot die Gottesknechte zu töten.) . Die Christen Asiens hatten von der Unmenschlichkeit dieses bigotten Herrschers, der seine Gewaltmaßnahmen derart gewissenhaft vorbereitete, alles zu befürchten. Aber nur wenige Monate später bewirkten die Erlasse der beiden Herrscher des Westens, dass die Entwürfe des Maximinus nicht zur vollen Reife gediehen: der Bürgerkrieg gegen Licinius, in den er sich so unversehens verwickelt sah, forderte seine ganze Aufmerksamkeit; und Niederlage und Tod des Maximinus befreite die Kirche alsbald von ihrem letzten und gefährlichsten Feind Einige Tage vor seinem Tode erließ er ein sehr weitgefasstes Toleranzedikt, in welchem er für alles Leid, das die Christen zu erdulden hatten, die Richter und Regierungsbeamten verantwortlich macht, die seine Intentionen ganz falsch aufgefasst hatten. Siehe das Edikt bei Eusebios, Historia 9,10. .   EINZELNE MÄRTYRER UND BEKENNER Bei dieser allgemeinen Darstellung der Christenverfolgungen, die in dieser Form zum ersten Male durch Diocletian veranlasst wurden, habe ich bewusst von der Einzeldarstellung des Leidens und Sterbens christlicher Märtyrer abgesehen. Es wäre jetzt ein Leichtes, etwa aus der Kirchengeschichte des Eusebios oder den Klageliedern des Lactantius einen große Galerie der Schreckens- und Ekelbilder zusammenzutragen oder viele Seiten zu füllen mit Foltern und Geißeln, eisernen Haken und rotglühenden Rosten und allen anderen Arten von Quälereien, welche Feuer und Eisen, wilde Bestien und bestialische Henker dem menschlichen Körper zufügen können. Diese trübselige Szenerie könnte man noch vermehren durch Massen von Visionen und Wundern, die bestimmt waren, den Tod jener kanonisierten Heiligen, die um Christi willen litten, hinauszuzögern, oder ihren Triumph zu erhöhen oder der Welt ihre Reliquien zu schenken. Aber ich bin im Zweifel, was alles ich davon übernehmen soll, solange ich noch nicht überzeugt bin, was ich davon glauben kann. Selbst der angesehenste Historiker der Kirche, Eusebius, gesteht mittelbar ein, dass er alles aufgenommen habe, was den Ruhm des Glaubens mehren und alles unterdrückt habe, was ihm abträglich sein könne Dieses ist zumindest die wohlwollende Interpretation zweier bemerkenswerter Stellen im Eusebius (Historia 8,2 und de martyribus Palaestinae 12). Der Historiker selbst war wegen seiner Umsicht verschiedenen Verdachtsmomenten ausgesetzt. Es ist allgemein bekannt, dass er ins Gefängnis geworfen wurde; und man argwöhnte, dass er seine Freilassung durch einige unehrenhafte Zugeständnisse ertauscht habe. Der Vorwurf wurde noch zu Lebzeiten und sogar in seiner Gegenwart auf dem Konzil zu Tyros erhoben. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastique, Band 8, Teil 1, p. 67. . Eine solche Bemerkung ruft naturgemäß den Verdacht auf, dass ein Autor, der so offenkundig gegen eine der Grundregeln des Historikers verstößt, auch die anderen nicht eben pedantisch beobachtet; und dieser Verdacht erhält zusätzliche Nahrung aus dem Charakter des Eusebius, welcher jedenfalls weniger an Leichtgläubigkeit litt und dafür in höfischen Kabalen besser bewandert war als die meisten seiner Zeitgenossen. Es mag durchaus stimmen, dass bei mancher Gelegenheit jede Form von Grausamkeit, die ein krankes Gehirn ersinnen und eine standhafte Seele ertragen konnte, auf jene ergebenen Opfer angewandt wurde, etwa wenn die Regierungsbeamten aus persönlichen Gründen aufgebracht waren und wenn der Glaubenseifer die Märtyrer aufreizte, die Grenzen der Klugheit und möglicherweise auch des Anstandes zu überschreiten, die Altäre über den Haufen zu werfen, den Kaiser zu verwünschen oder den Richter auf seinem Stühle zu verprügeln Der alte und vermutlich authentische Bericht von den Leiden des Tarachus und seiner Gefährten (Acta Sincera, p. 419-448) ist durchsetzt mit deutlichen Worten des Zornes und der Verachtung und dürfte nicht verfehlt haben, die Magistrate zu ärgern. Aesidius gehube sich vor Hierokles, dem Präfekten von Ägyptenland, noch übler: (mit Worten und Werken den Richter allseitig eindeckend). Eusebios, de mart. Palaestinae 5. . Zwei Umstände jedoch, ohne Bedacht genannt, weisen darauf hin, dass die allgemeine Behandlung der Christen, die sich in den Händen der Justiz befanden, weniger grausam gewesen ist als allgemein angenommen. 1. Die Gläubigen, die zu Arbeiten in den Bergwerken verurteilt wurden, durften infolge der Gleichgültigkeit oder der Menschlichkeit ihrer Bewacher Kapellen erbauen und inmitten ihrer trübseligen Umgebung ihre Religion ausüben Eusebios, de martyribus Palaestinae 13. . 2. Die Bischöfe waren gehalten, den vorauseilenden Glaubenseifer jener Christen zu zügeln und zu bestrafen, welche sich vorsätzlich in die Hände der Magistrate begaben. Einige von diesen lebten in bitterer Armut und waren blindlings bestrebt, ihr elendes Erdendasein durch einen glorreichen Märtyrertod zu beenden. Andere belebte die Erwartung, dass eine vorübergehende Kerkerhaft die Sünden eines ganzen Lebens abwaschen würde; und wieder andere spornte das wenig achtbare Motiv, sie würden reichliche materielle Unterstützung oder sogar einen hübschen Gewinn davontragen, da die Nächstenliebe der Gläubigen die Gefangenen mit Almosen zu bedenken pflegte Augustinus, post collationem adversus Donatistas, Tillemont, Mémoires eccléstiastiques Bd.5,1, p.46. Die Kontroverse mit den Donatisten hat einiges, möglicherweise trübes Licht auf die Geschichte der afrikanischen Kirche geworfen. . Als dann aber die Kirche endgültig triumphierte über alle ihre Feinde, machten Eigennutz und Eitelkeit die Gefangenen geneigt, das Verdienst ihrer überstandenen Leiden zu mehren. Eine hinreichende räumliche und zeitliche Entfernung gab der Erfindungskraft ein fruchtbares Betätigungsfeld; und die ungezählten Beispiele, die man sich von den heiligen Märtyrern erzählen mochte, deren Wunden in einem Nu verheilt waren, deren Gesundheit sich erneuert hatte und deren abgerissene Glieder auf unbegreifliche Weise wiederhergestellt waren: dies alles war bequemste Handhabe, jede Unstimmigkeit zu beseitigen und jeden Einwand zum Schweigen zu bringen. Die abgeschmacktesten Märchen wurden von der Menge in ihrer Arglosigkeit geglaubt, vom Klerus gutgeheißen und von der Kirchengeschichte als echt bescheinigt, wenn sie nur die Ehre der Kirche mehrten.   DIE VERMUTLICHE ZAHL DER MÄRTYRER Die ungefähren Schilderungen von Exil und Gefangenschaft, von Schmerz und Folter können durch die elastische Feder eines geübten Autoren so leicht übertrieben oder vermindert werden, dass wir notwendig auf eine Tatsache zurückgreifen müssen, die zuverlässiger und unwandelbar ist: die Anzahl der Menschen, die infolge der Erlasse des Diocletian, seiner Komplizen und seiner Nachfolger den Tod erlitten. Die neueren Legenden berichten von ganzen Armeen und Städten, welche mit einem Schlage durch die gnadenloselose Furie der Verfolgung ausgelöscht wurden. Die älteren Autoren beschränken sich darauf, eine wüste Flut von zusammenhanglosen Schmähungen in die Welt zu setzen, ohne sich damit aufzuhalten, die genaue Zahl der Personen zu ermitteln, welche mit ihrem Blute ihren Glauben an das Evangelium besiegelten. Aus der Kirchengeschichte des Eusebios indessen könne wir entnehmen, dass lediglich neun Bischöfe mit ihrem Leben büßen mussten; und so erfahren wir infolge dieser ins Einzelne gehenden Aufzählung der Märtyrer Palästinas mit Genauigkeit, dass nicht mehr als zweiundneunzig Christen diesen Ehrennamen erhielten. Da wir mit dem Ausmaß der bischöflicher Glaubensfestigkeit und ihres Bekennermutes wenig vertraut sind, können wir aus der erstgenannten dieser beiden Angaben keine verwertbaren Schlussfolgerungen herleiten Eusebius (de martyribus Palaestinae 13) schließt seine Erzählung mit der Zusicherung, dass dieses die Fälle von Märtyrertum in Palästina waren, die während der gesamten Verfolgung zu verzeichnen waren. Das fünfte Kapitel seines elften Buches, welches sich auf die Provinz Thebais in Ägypten bezieht, scheint unserer maßvollen Berechnung zu widersprechen; tatsächlich aber führt sie nur dazu, dass wir die kunstreiche Handhabung des Stoffes durch unseren Historiker bewundern lernen. Er sucht sich als Schauplatz der ausgesuchtesten Grausamkeiten die fernste und abgeschiedenste Provinz des ganzen Reiches aus und erzählt nun, dass in Thebais an einem Tage oft zehn bis einhundert Menschen zu Märtyrern wurden. Wenn er dann aber seine eigene Reise durch Ägypten zu beschreiben fortfährt, wird seine Ausdrucksweise unmerklich immer vorsichtiger und zurückhaltender. Anstelle von einer großen, aber genau festlegbaren Anzahl redet er jetzt nur noch von »vielen« πλείους) Christen, und klugbedacht benutzt er zwei mehrdeutige Wörter (ἱστορήσαμεν und ὑπομείναντας, welche sowohl das bezeichnen können, was er selbst gesehen, wie auch das, was er nur gehört hat; nämlich entweder die Ankündigung oder den Vollzug einer Strafe. Nachdem er sich so einen Fluchtweg offengehalten hat, überlässt er die richtige Auslegung der Passage seinen Lesern und Übersetzern, in der zutreffenden Annahme, deren Herzensbildung werde ihnen die korrekte Auslegung schon eingeben. Es liegt wohl doch etwas Bosheit in der Bemerkung des Theodorus Metochita verborgen, dass alle, die wie Eusebios mit Ägyptern Umgangs gepflegt hatten, irgendwann an einem verschlungenen und kryptischen Stil Freude finden müssten. Siehe Valesius ad locum. ; aber die letztgenannte ermöglicht uns eine wichtige und wohlbegründete Deduktion. Entsprechend der Untergliederung der römischen Provinzen machte Palästina etwa den sechzehnten Teil der östliche Reichshälfte aus Als Palästina in drei Gebiete unterteilt wurde, bestand die Präfektur des Ostens aus 48 Provinzen. Da die althergebrachte Unterscheidung der einzelnen Nationen längst aufgegeben war, unterteilten die Römer die Provinzen ganz allgemein nach ihrer Größe und ihrem Wohlstand. ; und da es nun einige Provinzstatthalter gab, die aus ehrlicher oder erheuchelter Milde ihre Hände nicht mit dem Blute der Gläubigen besudelten »Ut gloriari possint nullum se innocentium peremisse, nam et ipse audivi aliquos gloriantes, quia administratio sua, in hac parte, fuerit incruenta.« (Damit sie sich rühmen können, nicht einen Unschuldigen umgebracht zu haben; denn ich selbst habe einige rühmen gehört, dass ihre Amtsführung in diesem Punkte unblutig war.) Lactantius, Institutiones Divinae 5,11. , klingt es glaubwürdig, dass das Geburtsland des Christentums mindestens den sechszehnten Teil aller Märtyrer hervorbrachte, welche im Herrschaftsgebiet des Galerius und Maximinus sterben mussten; so könnte sich die Gesamtzahl auf fünfzehnhundert belaufen; eine Zahl, die, wenn sie gleichmäßig auf eine zehnjährige Verfolgung verteilt wird, zu einhundertundfünfzig Märtyrern im Jahr führt. Nimmt man für die Provinzen Italien, Afrika und vielleicht noch Spanien dieselben Verhältnisse an, wo bereits nach zwei oder drei Jahren die Strenge des Gesetzes gemildert oder ganz aufgehoben wurde, dann vermindert sich die Zahl der Christen des römischen Imperiums, über die durch Gerichtsbeschluss die Todesstrafe verhängt wurde, auf weniger als zweitausend Personen. Da kein Zweifel daran bestehen kann, dass in den Zeiten Diocletians die Christen zahlreicher und ihre Feinde fanatischer waren als bei allen früheren Verfolgungen, kann uns diese plausible und zurückhaltende Rechnung helfen, die richtige Zahl von frühen Heiligen und Märtyrern abzuschätzen, welche ihr Leben dem großen Ziele opferten, das Christentum in die Welt zu bringen.   EINE TRAURIGE WAHRHEIT Wir wollen dieses Kapitel mit einer traurigen Wahrheit beschließen, die sich dem widerstrebenden Gemüte von selbst aufdrängt; dass nämlich selbst dann, wenn man ohne Zögern oder Vorbehalte alles gelten lässt, was die Geschichte über die Märtyrer aufgezeichnet oder die Legende hierüber erdacht hat, die Christen im Verlaufe ihrer internen Auseinandersetzungen sich gegenseitig weitaus mehr Leid zugefügt haben, als sie es selbst von den Nachstellungen der Ungläubigen zu erdulden hatten. Während der dunklen Epoche, die auf den Untergang des römischen Reiches im Westen folgte, dehnten die Bischöfe der Kaiserstadt ihre Herrschaft über Laien ebenso wie über die Kleriker der lateinischen Kirche aus. Das Gebäude des Aberglaubens, das sie errichtet hatten und welches noch lange den schwachen Anstrengungen der Vernunft hätte widerstehen können, wurde endlich doch von einer wagemutigen Schar Besessener angegriffen, welche zwischen dem zwölften und sechzehnten Jahrhundert die volkstümliche Bezeichnung der Reformatoren erhielten. Die römische Kirche verteidigte mit Gewalt das Imperium, das sie mit Betrug erschlichen hatte; das System von Frieden und Menschenfreundlichkeit wurde alsbald entstellt durch Proskriptionen, Kriege, Gemetzel und die Einrichtung des Heiligen Officiums, der Inquisitionsbehörde. Und da die Reformatoren ebenso von der Liebe zur bürgerlichen wie zur Religionsfreiheit beseelt waren, setzten die katholischen Herrscher ihre eigenen Interessen mit denen der Kirche gleich und verstärkten durch Feuer und Schwert den Terror der Kirchenstrafen. Alleine in den Niederlanden sollen mehr als einhunderttausend Untertanen Karls V. von der Hand des Henkers umgekommen sein; und diese unfassbare Zahl wird von Hugo Grotius bestätigt Hugo Grotius, Annales et Historiae de rebus Belgicis, Buch 1, p. 12, Folioausgabe. , einem Manne von Geist und Bildung, welcher auch dann noch gemäßigt bleib, wenn sich feindliche Sekten mit ihrem Hass verfolgten, und der die Annalen seiner Zeit und seines Landes zu einer Zeit schrieb, als die Erfindung der Druckkunst die Methoden der Forschung erleichtert und die Gefahr der Entlarvung vergrößert hatte. Wenn wir uns also dem Zeugnis des Grotius nicht verschließen wollen, dann müssen wir zugeben, dass die Zahl der Protestanten, die in einer einzigen Provinz und unter einer einzigen Regierung hingerichtet worden sind, die Zahl der Märtyrer aus drei Jahrhunderten innerhalb des gesamten Römischen Reiches gewaltig übersteigt. Aber selbst wenn die Unfassbarkeit der Zahl das Gewicht des Beweismaterials aufhebt; wenn Grotius die Verdienste und Leiden der Reformatoren vergrößern wollte Fra Paolo (Istoria del Concilio Tridentino, Buch 3) verkleinert die Zahl der Märtyrer Belgiens auf 50.000. An Bildung und Bedachtsamkeit stand Fra Paolo Grotius nicht nach. Die größere zeitliche Nähe verleiht dem erstgenannten mehr Glaubwürdigkeit, die er andererseits infolge der größeren räumlichen Entfernung Venedigs zu den Niederlanden wieder verliert. ; dann werden wir naturgemäß zu der Frage veranlasst, welches Vertrauen wir jetzt noch in die zweifelhaften und unvollständigen Dokumente antiker Leichtgläubigkeit setzen dürfen; welches Maß an Glaubhaftigkeit man einem höfischen Bischof und leidenschaftlichem Eiferer schenken darf, welcher unter der schirmenden Hand des Kaisers Constantin sich des Vorrechtes erfreute, die Verfolgungen aufschreiben zu dürfen, welche den Christen von ihren inzwischen unterlegenen Feinden oder von den verachteten Vorgängern ihres gnadenreichen Herrschers angetan wurden. XVII. DIE GRÜNDUNG VON KONSTANTINOPEL · DAS POLITISCHE SYSTEM CONSTANTINS UND SEINER NACHFOLGER · MILITÄR- UND FINANZWESEN · STEUERN   DIE NEUE HAUPTSTADT BYZANZ Der unglückselige Licinius war der letzte Gegner, der sich der Größe Constantins entgegenstellte und der letzte Gefangene, der seinen Triumphzug schmückte. Nach einer friedlichen und erfolgreichen Regierung vererbte der Kaiser seiner Familie die Herrschaft über das Reich: eine neue Hauptstadt, eine neue Politik und eine neue Religion; und nachfolgende Generationen haben seine Neuerungen übernommen und geheiligt. Das Zeitalter Constantin des Großen und seiner Söhne ist erfüllt mit bedeutenden Ereignissen. Aber der Historiker wird durch ihre Zahl und ihren Vielfalt schier erdrückt, solange er nicht die Ereignisse säuberlich voneinander getrennt hat, die lediglich zufällig zeitlich zusammenfielen. So muss er zunächst die politischen Einrichtungen beschreiben, welche dem Imperium Macht und Stabilität verliehen, bevor er zur Schilderung der Kriege und Umwälzungen übergeht, welche seinen Untergang beschleunigten. Er wird zwischen zivilen und kirchlichen Angelegenheiten zu trennen haben, welche Scheidung den Alten ganz fremd war: der Sieg des Christentums und seine internen Zwistigkeiten bieten Material in Fülle, zur Erbauung und zum Ärgernis. Nach der Niederlage und der Abdankung des Licinius trieb sein siegreicher Rivale die Gründung der Stadt voran, der es bestimmt war, in künftigen Zeiten als die Gebieterin des Ostens zu herrschen und das Reich und die Religion Constantins zu überleben. Die Motive Diocletians, Stolz oder Staatsklugheit, die ihn bestimmten, den alten Regierungssitz aufzugeben, erlangten durch das Beispiel seiner Nachfolger und eine vierzigjährige Gewohnheit zusätzliches Gewicht. Rom erhielt unmerklich den Rang eines jener abhängigen Königreiche, welche einst seine Oberhoheit anerkannt hatten; und ein kriegstüchtiger Herrscher, an der Donau geboren, aufgebracht an den Höfen und in den Armeen Asiens und von den Legionen Britanniens mit dem Purpur investiert, empfand für das Land der Caesaren nur noch mit kühle Gleichgültigkeit. Die Italiener, die Constantin als ihren Befreier empfangen hatten, leisteten seinen Erlassen, die er von Zeit zu Zeit an Senat und Volk von Rom zu richten sich herabließ, submissesten Gehorsam; aber nur selten beehrte sie ihr Herrscher in persona mit seiner Anwesenheit. In der Blüte seiner Jahre hatte Constantin, entsprechend den jeweiligen Erfordernissen des Friedens oder Krieges, mit getragener Würde oder geschäftigem Eifer die Grenzen seines Großreiches aufgesucht; und stets war er vorbereitet, gegen einen auswärtigen oder inneren Feind das Feld zu behaupten. Als er jedoch auf dem Höhepunkt seiner Macht stand und seine Jahre sich allgemach neigten, ging er mit dem Entwurf um, der Größe und Majestät seines Thrones eine dauerhaftere Heimstatt zu geben. Bei der Suche nach einem geeignetem Platz gab er der Grenze zwischen Europa und Asien den Vorzug, um mit starkem Arm die Barbaren zu zügeln, welche zwischen Donau und Don nomadisierten; um ein misstrauisch-wachsames Auge auf die Umtriebigkeiten des persischen Monarchen zu haben, welcher nur widerstrebend das Joch eines Diktatfriedens trug. Dies waren für Diocletian die Gründe gewesen, Nicomedia zur Residenzstadt zu bestimmen und auszubauen: aber das Gedächtnis an Diocletian war dem Beschützer der Kirche denn doch ein Schrecknis; auch war Constantin nicht unempfänglich für die Vorstellung, eine von ihm begründete Stadt könnte den Ruhm seines Namens verewigen. Während der zurückliegenden Feldzüge im Kriege gegen Licinius hatte er hinreichend Gelegenheit gehabt, sich als Staatsmann und als Feldherr die unvergleichlich günstige Lage von Byzanz zu vergegenwärtigen; und gleichzeitig festzustellen, wie die Natur die Stadt gegen feindliche Angriffe stark gemacht hatte, während sie andererseits dem segenstiftenden Handel allseitig Zufahrt bot. Viele Jahrhunderte vor Constantin hatte einer der klarsichtigsten Historiker Polybius 4,45 bemerkt indessen auch, dass durch die Überfälle der thrakischen Barbaren dem Frieden von Byzanz und der Größe seines Staatsgebietes ständig Eintrag geschah. des Altertums die Vorteile einer Lage beschrieben, von der aus eine winzige griechische Kolonie die Herrschaft über die See und zugleich alle Macht einer blühenden und unabhängigen Republik errang Byzas der Seefahrer, der als der Sohn Neptuns ausgegeben wurde, gründete die Stadt 656 Jahr vor der christlichen Zeitrechnung. Seine Gefolgsleute kamen aus Argos und Megara. Später wurde Byzanz durch den spartanischen General Pausanias wiedererrichtet und befestigt. Hinsichtlich der Kriege, die die Byzantiner gegen Philipp, die Gallier und die Könige von Bythinien führte, sollten wir nur solchen antiken Autoren vertrauen, die noch vor der Zeit lebten, in welcher der Glanz der Kaiserstadt den Geist der Schmeichelei und freien Erfindung hervorrief. .   BESCHREIBUNG VON KONSTANTINOPEL Überblicken wir die Topographie von Byzanz, die es unter dem ehrwürdigen Namen Konstantinopel besaß, so mag man sich das Gebiet der Kaiserstadt als ungleichschenkliges Dreieck vorstellen. Der spitze Winkel, welcher nach Osten auf die Küste Asiens weist, trifft auf die Wellen des thrakischen Bosporus. Die Nordseite der Stadt grenzt an den Hafen; und die Südseite wird von der Propontis oder dem Marmarameer umspült. Die Grundlinie des Dreiecks liegt nach Westen und bildet die Grenze zu Europa. Aber die Einmaligkeit der Verteilung der umliegenden Landkreise und Meeresreviere kann ohne nähere Erläuterung nicht eindeutig oder hinreichend verstanden werden. Die windungsreiche Wasserstraße, durch welche die Fluten des Pontos Euxeinos mit raschem und wachsenden Strom in Richtung auf das Mittelmeer fließen, trägt den Namen Bosporus, welcher Name in der Geschichte nicht weniger berühmt ist als in alten Sagen Der Bosporus wurde von Dionysius von Byzanz aus der Zeit Domitians bis in Detail genau beschrieben (Hudson, Geographiae scriptores minores Band 3). sowie von Gilles oder Gyllius, einem französischen Reisenden des XVI. Jahrhunderts. Tournefort (Voyage du Levant, 15. Brief) scheint eher seinen eigenen Augen sowie der Gelehrsamkeit des Gyllius vertraut zu haben. . Zahlreiche Tempel und Weihaltäre, die über seinen steilen, bewaldeten Ufer verstreut liegen, legen Zeugnis ab von der Unerfahrenheit, der Not und der Dankbarkeit der griechischen Seefahrer, welche gleich den Argonauten die Gefahren des ungastlichen Schwarzen Meeres durchlebten. An diesem Ufer war für lange Zeit das Gedächtnis an den Palast des Phineus lebendig, welcher von den ekligen Harpyen Es gibt nur ganz wenige Konjekturen, welche so geglückt sind wie die von Le Clerc (Bibliothèque Universelle, Band 1, p. 148), welcher vermutet, dass es sich bei den Harpyen lediglich um Heuschrecken handelt. Der syrische oder phönizische Name dieses Insektes, ihr geräuschvoller Flug, der Gestank und die Verwüstung, welche sie anrichten und endlich der Nordwind, der sie auf See treibt: all dieses bekräftigt nur diese schlagende Ähnlichkeit zwischen beiden. heimgesucht wurde; und an das ländliche Reich des Amycus, welcher den Sohn der Leda zum Faustkampfe forderte Die Residenz des Amycus lag in Asien, zwischen dem alten und neuen Schloss an einem Ort namens Laurus Insana. Die des Phineus war in Europa, nahe dem Dorf von Mauromole und dem Schwarzen Meer. Siehe Gyllius, de Bosphoro, Buch 2, c. 23; Tournefort, Voyage Brief 14. . Der Bosporus wird begrenzt durch die Cyanäischen Felsen, welche nach Aussage der Dichter einst auf dem Wasser schwammen und die die Götter bestimmt hatten, die Zufahrt in das Schwarze Meer gegen profane Neugier zu schützen Diese Täuschung wurde von einigen spitzen Felsen hervorgerufen, welche durch die Wellen abwechselnd überbrandet und freigegeben wurden. Heutzutage befinden sich dort zwei kleine Inseln, jeweils eine am anderen Ufer: die an der europäischen Küste ist zu erkennen an der Säule des Pompeius. . Von den Cyanäischen Felsen bis zur Hafeneinfahrt von Byzanz nimmt der Bosporus seinen windungsreichen Verlauf von sechzehn Meilen Die Alten berechneten ihn auf 120 Stadien oder 15 römische Meilen. Sie maßen nur von der neuen Burg, aber bis zur Stadt Chalcedon. , und im Durchschnitt ist er etwa eine Meile breit. Die neuen Burgen Europas und Asiens stehen auf dem Fundament zweier berühmter Tempel, dem von Serapis und Jupiter Urius. Die alten Burgen, ein Werk griechischer Herrscher, beherrschen den Kanal an seiner engsten Stelle, dort, wo die beiden Ufer noch nicht fünfhundert Fuß voneinander entfernt sind. Diese beiden Festungswerke wurden wiederhergestellt und verstärkt, als Mohammed II die Belagerung von Konstantinopel plante Dukas, Historia 34; Leunclavius, Historia Muselmanum Turcorum, Buch 15, p. 577. Unter griechischer Herrschaft dienten diese Festungen als Staatsgefängnisse und trugen den schaurigen Namen Lethe oder Turm des Vergessens. : vermutlich war sich der türkische Eroberer nicht bewusst, dass rund zweitausend Jahre vor ihm Darius an derselben Stelle die beiden Kontinente mit einer Bootsbrücke miteinander verbunden hatte Darius ließ auf zwei Marmorsäulen in griechischen und assyrischen Lettern die Namen der von ihm unterworfenen Nationen einmeißeln sowie die bedrohliche Masse seiner Land- und Seestreitkräfte. Später verbrachten die Byzantiner diese Säulen in ihre Stadt und benutzten sie als Altar für ihre Schutzgötter. Herodot, 4,78. . Unfern der alten Burg finden wir dann die Kleinstadt Chrysopolis oder Scutari, die man beinahe als asiatischen Vorort von Konstantinopel ansehen kann. Zwischen Byzanz und Chalcedon geht der Bosporus in die Propontis über. Die letztgenannte Stadt wurde noch wenige Jahre vor der erstgenannten von den Griechen gegründet; und die Blindheit ihrer Stifter, welche die eindeutigen Vorteile der gegenüberliegenden Küste nicht erkannten, gab Anlass zu einem sprichwörtlichen Hohnwort Namque artissimo inter Europam Asiamque divortio Byzantium in extrema Europa posuere Graeci, quibus, Pythium Apollinem consulentibus ubi conderent urbem, redditum oraculum est, quaererent sedem ›caecorum‹ terris adversam. Ea ambage Chalcedonii monstrabantur, quod priores illuc advecti, praevisa locorum utilitate pejora legissent. (Denn an der schmalsten Stelle der europäisch-asiatischen Meerenge legten die Griechen Byzanz am äußersten Zipfel Europas an, nachdem ihnen auf Anfrage beim Pythischen Apollo nach dem Gründungsort ihrer Stadt das Orakel zuteil wurde, sie sollten dem Land der Blinden gegenüber Wohnsitz nehmen. Mit diesem Rätselwort wurde auf die Chalcedonier verwiesen, welche trotz ihrer früheren Ankunft und Einsicht in die vorteilhafte Lage den schlechteren Standort gewählt hatten). Tacitus, Annales. 12, 63. .   HAFEN · PROPONTIS · HELLESPONT Der Hafen von Konstantinopel, den man auch als Seitenbucht des Bosporus auffassen könnte, trug in weit zurückliegender Zeit den Namen Goldenes Horn . Die Kurve, die er beschreibt, kann man mit dem Horn eines Bullen oder, genauer noch, mit dem eines Ochsen vergleichen Strabo, 10, p.492. Das Horn ist heutigentags zum größten Teile abgestoßen; oder, in weniger bilderreicher Sprache, der Hafen ist weitgehend versandet. S. Gyllius, De Bosphoro, Buch 1, c. 5. . Das Epitheton Golden verlieh man ihm wegen der Reichtümer, die jede Art von Wind noch aus den entferntesten Ländern in den sicheren und großangelegten Hafen von Konstantinopel blies. Der Lycus, entstanden aus dem Zusammenfluss zweier kleiner Ströme, versorgt den Hafen beständig mit Frischwasser, welches den Grund sauber hält und Fischschwärmen regelmäßig geeignete Rückzugsmöglichkeiten eröffnet. Da die Gezeiten in jenen Gewässern sich kaum auswirken, ist der Hafen stets gleichbleibend tief und erlaubt das Leichtern von Schiffe ohne die Hilfe von Booten; und man hat festgestellt, dass an vielen Stellen die größten Schiffe mit ihrem Bug an die Häuser stoßen, während das Heck noch aufschwimmt Prokopius, de Aedificiis 1,5. Seine Angaben werden von neueren Reisenden bestätigt. See Thévenot Voyages au Levant Teil 1, Buch 1, c.15;. Tournefort, Voyages, Brief 12; Niebuhr, Descrition de l'Arabie, p. 22. . Von der Mündung des Lycus bis zur Hafeneinfahrt sind es etwa sieben Meilen. Die Einfahrt ist etwa fünfhundert Fuß breit, und im Notfall konnte eine starke Kette gespannt werden, Hafen und Stadt vor den Angriffen feindlicher Flotte zu schützen Siehe Ducange, Constantinopolis Buch 1, c.16 und seine Observations sur Villehardouin, p. 289. Die Kette wurde von der Akropolis (beim heutigen Pavillon) bis zum Turm von Galata gespannt und an passender Stelle von mächtigen Holzpfählen unterstützt. . Zwischen Bosporus und Hellespont treten die Küsten Europas und Asiens zurück und schließen das Marmarameer ein, welches den Alten unter dem Namen Propontis bekannt war. Die Entfernung zwischen der Mündung des Bosporus und der Einfahrt in den Hellespont beträgt etwa einhundertzwanzig Seemeilen. Wer auf westlichem Kurs durch die Propontis fährt, gewahrt zugleich das Hochland von Thrakien und Bithynien und verliert auch die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Olympusberges nicht aus dem Auge Thévenot, Voyages au Levant, Teil 1, Buch 1, c. 14 macht daraus 125 kleine griechische Meilen. Belon (Observations, 2, c.1) liefert eine gute Beschreibung der Propontis, begnügt sich selbst aber mit der vagen Angabe einer Segeltour von einem Tag und einer Nacht. Wenn Sandys (Travels, p. 21) von 150 furlongs (201,17m, englische Viertelmeile) redet, dürfen wir bei diesem zuverlässigen Reiseschriftsteller einen Druckfehler vermuten. . Links lässt man einen Meerbusen hinter sich, an dessen Ende Nikomedia lag, Diocletians Kaiserresidenz; und man fährt an den kleinen Inseln Cyzikos und Prokennesos vorbei, bevor man in Gallipoli vor Anker geht, wo sich das Meer, welches Asien und Europa trennt, wieder zu einer schmalen Wasserstraße verengt.   DER HELLESPONT Die Geographen, welche mit möglichst großer Exaktheit Verlauf und Größe Siehe die bewundernswerte Erörterung von Herrn d'Anville über Hellespont oder Dardanellen in den Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 18, p. 318-346. Die Stadien, welche Herodot bei seiner Beschreibung des Schwarzen Meeres, des Bosporus etc. verwendet, sind ohne Zweifel immer von gleicher Länge; aber es ist unmöglich, sie mit den tatsächlichen Gegebenheiten oder auch nur untereinander in Einklang zu bringen. des Hellespont bestimmt haben, geben etwa sechzig Meilen Länge und eine Durchschnittsbreite von ca. drei Meilen für diese hochberühmte Meeresstraße an. Der engste Teil der Passage findet sich nördlich der alten türkischen Kastelle zwischen den Städten Sestus und Abydus. An dieser Stelle hat der tollkühne Leander gewagt, die Fluten zu durchschwimmen, um seine Geliebte zu erobern Die schiefe Entfernung zwischen Sestus und Abydos betrug 30 Stadien. Die unglaubliche Geschichte von Hero und Leander wird von Herrn Mahudel verworfen, aber von Herrn de la Nauze unter Bezugnahme auf Dichter und Münzen verteidigt. Hierzu die Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 7 und Histoires, p. 74. . An diese Stelle war es auch, wo der Abstand zwischen den beiden Ufern nicht mehr als fünfhundert Schritt betragen haben kann, so dass Xerxes seine berühmte Bootsbrücke bauen lassen konnte, um einhundertundsiebzig Myriaden Barbaren von Asien nach Europa zu bringen Vergleiche hierzu das 7. Buch Herodots, in dem er sich und seinem Lande ein anmutiges Denkmal gestiftet hat. Die Verzeichnis wurde wohl noch mit einiger Genauigkeit angelegt; aber die Prahlsucht zunächst der Perser und danach der Griechen hatte ein Interesse daran, Truppenstärke und Sieg zu vergrößern. Ich hege tiefe Zweifel, ob die Zahl der feindlichen Angreifer jemals die Zahl der männlichen Bewohner übertroffen hat, die in den von ihnen heimgesuchten Ländern lebten. . Auf einen See, der so eng zusammengedrängt wird, scheint das Attribut breit , welches Homer und Orpheus dem Hellespont freigebig verleihen, nur sehr bedingt zu passen. Aber unsere Vorstellungen von Größe sind sehr relativer Natur: der Reisende, und ganz besonders der Dichter, welcher den Hellespont durchsegelt hat, welcher den Windungen gefolgt ist und die ländliche Szenerie betrachten durfte, welche auf beiden Ufern sich darbot, verliert unmerklich die Erinnerung an das Meer; und seine Phantasie stattet diese berühmte Meeresstraße mit allen Eigenschaften eines mächtigen Flusses mit reißender Strömung aus, welcher mitten durch bewaldetes Land fließt und schließlich in die Ägäis mündet Siehe dazu Woods Observation on Homer, p. 320. Ich habe mit Genuss diese Anmerkung eines Schriftstellers ausgewählt, welcher insgesamt gesehen die Erwartungen des Publikums an ihn als Kunstrichter und als Reisender enttäuscht zu haben scheint. Er hat die Ufer des Hellesponts aufgesucht, er hat Strabo studiert und er dürfte auch die römischen Itinerarien zu Rate gezogen haben. Wie konnte er da nur Ilium und Alexandria Troas verwechseln, (Observations p. 340 und 341) welche beiden Städte sechzehn Meilen voneinander getrennt liegen? . Das antike Troia Demetrius von Skepsis schrieb sechzig Bücher über die dreißig Zeilen von Homers Schiffskatalog. Das 13. Buch von Strabo reicht völlig, um unsere Neugier zufrieden zu stellen. , am Fuße des Idagebirges an prominenter Stelle gelegen, überblickte die Mündung des Hellespont, welche kaum Wasser durch den Zufluss der beiden unsterblichen Flüsschen Simois und Skamander erhalten haben dürfte. Das Lager der Griechen erstreckte sich zwölf Meilen entlang der Küste vom Sigäischen zum Rhoetischen Vorgebirge; und die Flanken der Armee wurden durch die tapfersten Krieger geschützt, welche unter Agamemnons Banner fochten. Das erste dieser Vorgebirge hielt Achilles mit seinen unbesiegbaren Myrmidonen besetzt, und bei dem anderen hatte der furchtlose Aias seine Zelte aufgeschlagen. Nachdem Aias seinem gekränkten Stolz sowie der Undankbarkeit der Griechen zum Opfer gefallen war, wurde ihm eine Grabstele an der Stelle errichtet, wo er die Flotte der Griechen gegen den Zorn der Götter und Hektors Grimm verteidigt hatte; und die Bürger der emporwachsenden Stadt Rhoeteum vergöttlichten sein Andenken Strabo, 13, p. 595. Die Lage der Schiffe, welche auf den trockenen Strand gezogen waren, und die Posten von Aias und Achilles werden von Homer mit großer Genauigkeit beschrieben. Siehe die Ilias 9, 220. . Bevor Constantin sich zu Recht für Byzanz entschied, hatte er auch die Möglichkeit überdacht, den Regierungssitz an diese berühmte Stelle zu verlegen, welcher ja auch der sagenhafte Herkunftsort der Römer ist. Und tatsächlich war die große Ebene unterhalb Troias, zwischen dem Grab des Aias und dem Rhoetischen Vorgebirge, für die Neugründung vorgesehen; und obwohl das Unternehmen schon bald aufgegeben wurde, haben die Reste der unvollendeten Mauern und Türme die Aufmerksamkeit aller Hellespontfahrer gefesselt Zosimos, 2,30; Sozomenes 2,3; Theophanes, p. 18; Nikephoros Kallistos 7, p. 48; Zonaras Band 2, c.13,3. Zosimos verlegt die neue Stadt zwischen Ilium und Alexandria, welche scheinbare Unstimmigkeit indessen durch ihren gewaltigen Umfang erklärt werden kann. Vor der Erbauung Konstantinopels wurden laut Zonaras die Orte Thessalonike von Kedrenos und Sedika als andere mögliche Hauptstädte genannt. Beide vermuten übrigens, wenn auch mit wenig Wahrscheinlichkeit, dass der Kaiser, hätte ihn nicht ein Wunder zurückgehalten, im Begriffe stand, den Fehlgriff der »blinden« Chalkedonier zu wiederholen. .   DIE LAGE KONSTANTINOPELS Wir sind heutzutage imstande, die vorteilhafte Lage von Konstantinopel zu beurteilen, welche zum Mittelpunkt und Hauptstadt einer großen Monarchie von der Natur gleichsam geschaffen war. Gelegen auf dem einundvierzigsten Breitengrad beherrscht die Kaiserstadt von ihren sieben Hügeln Europas Siehe Pocock (Description of the East, Vol 2, Teil 2, p. 127). Seine Beschreibung von den sieben Bergen ist anschaulich und präzise. Dieser Reisende ist in seinen Angaben selten so befriedigend. und Asiens gegenüberliegende Küsten; das Klima war gemäßigt und gesund, der Boden ertragreich, der Hafen sicher und umfangreich; und der Zugang vom Festland schmal und leicht zu verteidigen. Bosporus und Hellespont kann man als die beiden Tore nach Konstantinopel ansehen; und der Herrscher, welcher über diese beiden wichtigen Passagen verfügte, konnte sie jederzeit gegen eine feindliche Seemacht blockieren und sie ebenso der Handelsschifffahrt öffnen. Die Erhaltung der östlichen Provinzen kann in gewissem Umfang der Politik des Constantin zugeschrieben werden, da die Schwarzmeerbarbaren, welche in früheren Zeiten in das Mittelmeer ausschwärmten, bald von der Piraterie Abstand nahmen, da sie an der Überwindung der uneinnehmbaren Festung verzweifeln mussten. War im Bosporus und im Hellespont eine Blockade, so unterhielt die Stadt in ihrem geräumigen Areal jedes Gewerbe, um die Grundbedürfnisse oder sogar das Verlangen nach Luxus seiner zahlreichen Einwohner zufrieden zu stellen. Die Meersküsten von Thrakien und Bithynien, welche heute unter der türkischen Bedrückung seufzen, gewähren gleichwohl den Anblick üppiger Weinberge, Obstgärten und reicher Ernten; und die Propontis war von jeher berühmt für ihren unerschöpflichen Reichtum an wertvollstem Fisch, welcher zu bestimmten Jahreszeiten fast mühelos und ohne besonderen Aufwand gefangen wurde Siehe Belon, Observations, c. 72-76. Unter vielen verschiedenen Arten war der Pelamides, eine Art von Thunfisch, am berühmtesten. Bei Polybios, Strabo und Tacitus können wir lesen, dass die Gewinne aus der Fischerei die wichtigste Einnahme von Byzanz waren. . Standen die Durchfahrten der Seefahrt jedoch offen, dann bildeten sie die Handelswege für die natürlichen oder durch Gewerbefleiß erzeugten Reichtümer des Nordens und Südens, des Schwarzen und des Mittelmeeres. Welche Rohstoffe auch immer in den Wäldern Germaniens oder Skythiens bis zu den Quellen von Dnjepr und Don gesammelt wurden; was immer die Kunstfertigkeit Europas und Asiens hervorbrachte; das Korn Ägyptens und die Spezereien und Edelsteine des fernsten Indiens: alles dieses brachten wechselnde Winde in den Hafen von Konstantinopel, welcher für viele Jahrhunderte den Handel der Alten Welt an sich zog Siehe die beredte Schilderung des Busbeck, Brief 1, p. 64. »Est in Europa; habet in conspectur Asiam, Egyptum, Africamque a dextra: quae tametsi contiguae non sunt, maris tamen navigandique commoditate veluti junguntur. A sinistra vero Pontus est Euxinus, etc.« (Es liegt in Europa; rechts hat es Asien, Ägypten und Afrika im Blickfeld; wenn es auch nicht mit diesen zusammenhängt, werden sie doch durch die Vorteile des Meeres gleichsam miteinander verbunden. Links nun liegt das Schwarze Meer etc.) .   GRÜNDUNG DER STADT WIRD GOTT ZUGESCHRIEBEN Die Aussicht auf Sicherheit, Schönheit und Reichtum, die hier in einem einzigen Platz vereint waren, rechtfertigte Constantins Entscheidung. Da man aber schon immer eine wohldosierte Mischung aus Vorzeichen und Legenden für die Ankündigung inskünftiger Größe gehalten hatte »Datur haec venia antiquitati, ut miscendo humana divinis, primordia urbium augustiora faciat.« (Dies ist das Vorrecht des Altertums, dass es durch Vermengung des Menschlichen mit dem Göttlichen die Gründung der Städte zum Mythos erhebt. Livius, Prooemium.) , war auch der Kaiser entschlossen, seine Entscheidung nicht so sehr den schwankenden Entwürfen menschlichen Sinnens zuzuschreiben als vielmehr den unfehlbaren und ewigen Ratschlüssen göttlicher Weisheit. So war er gewissenhaft genug, in einem seiner Edikte die Nachwelt wissen zu lassen, dass er im Gehorsam gegenüber göttlichen Weisungen die ewigen Fundamente von Konstantinopel gelegt habe In einem seiner Gesetze heißt es: »pro commoditate Urbis quam aeterno nomine, iubente Deo, donavimus.« (zum Nutzen der Stadt, welche wir nach Gottes Weisung mit einem ewigen Namen beschenkt haben.) Codex Theodosianus. 13,5,7. ; aber da er uns nicht mitteilen mochte, in welcher Weise ihm der göttliche Ratschluss zuteil ward, wurde die Lücke, die sein ehrbares Schweigen hinterließ, durch die Erfindungsgabe nachfolgender Autoren überreich gefüllt, welche das nächtliche Gesicht beschreiben, das Constantin einst zuteil wurden, da er zu Byzanz im Schlummer lag. Der gute Genius der Stadt Rom, eine ehrbare Matrone, gebeugt unter dem Gewicht ihrer Jahre und Gebrechen, wurde unversehens zu einer emporblühenden Jungfrau, der er mit eigener Hand alle Abzeichen kaiserlicher Größe anlegte Die Griechen, Theophanes, Kedrenos Georgios und der Verfasser der Alexanderchronik ergehen sich in sehr unbestimmten und allgemeinen Ausdrücken. Um Genaueres über die Visionen zu erfahren, müssen wir auf lateinische Autoren wie etwa William von Malmesbury zurückgreifen. Siehe Du Cange, Constantinopel, Buch 1, c. 24 und 25. . Der Monarch erwachte, legte das glückverheißende Omen aus und willfahrte ohne Verzug dem himmlischen Fingerzeig. Den Tag, an welchem eine Stadt oder Kolonie gegründet wurde, feierten die Römer mit allen Zeremonien, über die ein freiwuchernder Aberglauben nur verfügte Siehe hierzu Plutarch, Romulus 11. So wurde unter anderem ein großes Erdloch, das eigens zu diesem Zweck ausgegraben worden war, handvollweise wieder aufgefüllt mit Erde, die jeder neue Siedler aus dem Land seiner Geburt mitgebracht hatte, wodurch er sich erst jetzt das neue Land zueignete. ; und wenn auch Constantin einige Rituale ausgelassen haben mochte, weil ihr heidnischer Ursprung zu stark hindurchschmeckte, so bemühte er sich doch, den Zuschauern einen unverwelklichen Eindruck aus Hoffnung und Ehrfurcht einzuprägen. Zu Fuß, eine Lanze in der Hand, so schritt der Kaiser der festlichen Prozession voran; und ging entlang der Linie, welche als Grenze für die neue Hauptstadt vorgesehen war; bis seine Begleitung mit Erstaunen den wachsenden Umfang gewahrten und endlich zu bemerken wagten, dass er mittlerweile über das größte Ausmaß einer Großstadt hinausgegangen sei. »Ich werde weiter gehen,« antwortete Constantin, »bis ER, der unsichtbare Führer, der mir vorangeht, es für richtig hält Siehe Philostorgius, 2,9. Dieses Geschichtchen, obschon bei einem verdächtigen Autoren entlehnt, ist doch sehr bezeichnend und glaubwürdig. .« Wir wollen uns nicht erkühnen, Natur und Beweggründe dieses merkwürdigen Führers auszuforschen und uns vielmehr dem nachgeordeteren Geschäft unterwinden, Größe und Grenzen von Konstantinopel zu mitzuteilen Siehe in den Memoires de l'Academie Band 35, p. 747-758, die Abhandlung von Herrn d'Anville über die Ausdehnung von Konstantinopel. Er hält den Grundriss, der Banduris Werk »Imperium Orientale« beigegeben ist, für den vollständigsten; er verkleinert jedoch durch eine Reihe präzisester Beobachtungen den ausschweifenden Maßstab und bestimmt den Umfang von Konstantinopel statt 9500 auf 7800 französische toises (1,95 m). .   GEGENWÄRTIGE GRÖSSE DER STADT In unserer Gegenwart nehmen der Palast und die Gärten des Serail auf einer Fläche von einhundertfünfzig Morgen das östliche Vorgebirge ein, den ersten der sieben Hügel; türkischer Argwohn und Despotismus haben ihren Sitz auf dem Fundament einer griechischen Republik; aber vermutlich haben die Byzantiner, veranlasst durch die Bequemlichkeit des Hafens, auch noch jenseits der Grenzen des modernen Serail Wohnung genommen. Die neue Konstantinische Mauer erstreckte sich vom Hafen zur Propontis auf der verlängerten Grundlinie des Dreiecks, etwa fünfzehn Stadien von der alten Befestigungsmauer entfernt; und zusammen mit der Stadt Byzanz begriff sie auch fünf der sieben Hügel in sich, welche sich dem Reisenden bei der Annäherung an Konstantinopel in schöner Reihung nacheinander darbieten Codinus, Antiquitates Constantinopolitanae p. 12. Er bezeichnet die Kirche von Hagioos Antonios als Grenze des Hafens. Auch Ducange (Buch 4, c.6) erwähnt sie; ich jedoch habe erfolglos nach ihrer genauen Lage gesucht. . Ein Jahrhundert nach dem Tode des Gründers umfasste die erneuerte Mauer, die oberhalb des Hafens bis zur Propontis angelegt war, auch den schmalen Gipfel des sechsten und die breite Kuppe des siebenten Hügels. Die Notwendigkeit, diese Vororte gegen die wachsenden Barbarenüberfälle zu schützen, bewegten den jüngeren Theodosius, seine Hauptstadt mit einer starken und dauerhaften Wallanlage zu umgeben Die neue Theodosianische Mauer wurde im Jahre 413 errichtet. Im Jahre 447 wurde sie durch ein Erdbeben zerstört, und innerhalb von drei Monaten durch die Energie des Präfekten Kyros wiederaufgebaut. Die Vorstadt Blachernai wurde erst unter der Regierung des Herakleios in die Stadt eingemeindet. Du Cange, Constantinopolis, 1, c.10 und 11. . Vom östlichen Vorgebirge bis zum Goldenen Tor betrug die größte Länge der Stadt etwa drei römische Meilen Die Strecke wird in den Notitia mit 14.075 Fuß angegeben. Man sollte vernünftigerweise annehmen, dass es sich um griechische Fuß handelte, deren Größe Herr d'Anville auf ingeniöse Weise berechnet hat. Er vergleicht die 180 Fuß mit den 78 haschemitischen Ellen, die verschiedene Autoren für die Höhe der Hagia Sophia angegeben haben. Jede dieser Ellen entsprechen dann 27 französischen Zoll (2,704cm). ; der Umfang etwa zehn bis elf; und die Oberfläche berechnet sich etwa auf zweitausend englischen Morgen. Es ist unmöglich, die ruhmredigen und leichtfertigen Übertreibungen moderner Reisender zu bestätigen, welche die Grenzen von Konstantinopel zuweilen über die angrenzenden Dörfer der europäischen und sogar der asiatischen Küste hinaus vergrößert haben Der genaue Herr Thevenot ging die beiden Seiten des Dreiecks in ein dreiviertel Stunden zu Fuß ab, beginnend beim Serail bis zu den sieben Türmen. D'Anville überprüft sorgfältig und anerkennt bereitwillig dieses ausschlaggebende Zeugnis, welches auf einen Umfang von zehn bis zwölf Meilen schließen lässt. Die abwegige Berechnung von Tournemont (Voyages, Brief 11) von 34 oder 30 Meilen, Scutari nicht eingeschlossen, ist eine befremdende Abweichung von seiner sonstigen Arbeitsweise. . Aber die Vorstädte Pera und Galata, obschon jenseits der Hafenanlagen gelegen, könnten mit zur Stadt gerechnet werden Die Sycae oder Feigenbäume bildeten den dreizehnten Bezirk und wurden von Justinian bedeutend verschönert. Seitdem heißen sie Pera und Galata. Die Herkunft des ersten Namens bietet sich von selbst an (»drüben«), die des zweiten unbekannt. Ducange, Constantinopolis 1,22 und Gyllius de Byzantio, 4,10. ; und dieser Zusatz rechtfertigt möglicherweise die Angaben eines byzantinischen Historikers, welcher sechzehn griechische Meilen (entsprechend vierzehn römischen) Umfang für seine Heimatstadt kundgibt Einhundertundelf Stadien, die man in moderne griechische Meilen zu je sieben Stadien übersetzen kann, oder in 660 oder auch nur 600 französische toises . Siehe d'Anville, Mesures itinéraires p. 53. . Dies mag für eine Kaiserresidenz etwas kleinformatig erscheinen. Noch heute muss Konstantinopel Babylon Sind die antiken Texte mit den Beschreibungen Thebens und Babylons erst einmal gesichert, die Übertreibungen korrigiert und die Maße verlässlich, dann finden wir, dass diese berühmten Städte den großen, aber nicht unglaubwürdigen Umfang von fünfundzwanzig bis dreißig Meilen hatten. Vgl. d'Anville, Memoires de l'Academie, Bd. 38, p. 235, mit seiner Description de l'Egypte, p. 201, 202. und Theben, dem alten Rom, London und selbst Paris Teilen wir Konstantinopel und Paris in Quadrate mit 50 franz. Toises Kantenlänge, enthält erstere 850, die zweite 1160. den Vortritt lassen.   ARBEIT UND BAUMATERIAL IM ÜBERFLUSS Der Herr der römischen Welt, der dem Ruhm seiner Regierung ein ewiges Denkmal zu setzen beabsichtigte, konnte im Verfolg dieses großen Werkes auf den Reichtum, den Fleiß und die immer noch lebendige Begeisterung gehorsamer Millionen zurückgreifen. Die Ausgaben, mit der die kaiserliche Großzügigkeit die Erbauung Konstantinopels unterstützte, kann auf ungefähr zwei Millionen fünfhunderttausend Pfund für die Mauern, die Porticos und die Aquädukte abgeschätzt werden Sechshunderttausend centenarii, oder sechzigtausend Pfund Goldgewicht. Diese Summe stammt von Codinus, Antiquitates p.11; aber dieser verdächtige Autor war mit einer so veralteten Rechenmethode wohl kaum vertraut, er hätte denn aus reinerer Quelle geschöpft. . Die Wälder, die den Pontos Euxeinos überschatteten, und die berühmten Marmorbrüche auf der kleinen Insel Prokonnesos hielten unerschöpfliche Materialvorräte bereit, die dann auf kurzem, bequemen Wasserweg zum Hafen von Byzanz gelangten Zu den Wäldern des Schwarzen Meeres kann man bei Tournefort (Brief 16) nachlesen, über die Marmorbrüche bei Strabo (13, p. 588). Letztgenannte hatten schon für die prächtigen Bauten von Kyzikos das Material geliefert. . Massen von Handwerkern und Künstlern waren unermüdlich bemüht, das große Werk zu vollenden: aber Constantin bemerkte bald mit Ernüchterung, dass infolge des Niederganges der Kunst auch die Tüchtigkeit und Anzahl seiner Baumeister in einem recht ungünstigen Verhältnis zur Größe der Aufgabe standen. Die Magistrate noch der entferntesten Provinzen erhielten deshalb Weisung, Schulen einzurichten, Hochschullehrer zu ernennen und durch die Aussicht auf guten Verdienst und Reputation eine hinreichende Anzahl begabter Jugendlicher mit allseitiger Erziehung zum Studium und zur Ausübung des Architektenberufes anzureizen Codex Theodosianus 13,4,1. Dieser Erlass stammt aus dem Jahre 334 und ist an den Präfekten von Italien adressiert, dessen Rechtsprechung sich auch auf Afrika erstreckte. Der Kommentar des Gothofred zu diesem Rechtstitel lohnt die Lektüre. . Die Gebäude der neuen Stadt wurden durch Baumeister hochgezogen, wie sie Constantin eben zur Hand waren, aber ihre Ausschmückung erhielten sie von der Hand der berühmtesten Meister aus den Zeiten eines Perikles oder Alexander. Den Geist eines Phidias und Lysippos wiederzubeleben, überstieg die Machtmittel selbst eines römischen Kaisers; aber ihre unsterblichen Werke, die sie der Nachwelt geschenkt hatten, waren der raublüsternen Eitelkeit eines Despoten schutzlos ausgeliefert. So wurden auf sein Geheiß die Städte Griechenlands und Asiens ihres schönsten Schmuckes beraubt »Constantinopolis dedicatur poene omnium urbium nuditate« (Konstantinopel wurde durch die Nacktheit fast aller anderen Städte geweiht). Hieronymos, Chronicum Eusebii, p. 181. Siehe auch Kodinos, Antiquitates p. 8, 9. Der Verfasser der Antiquitates Constantinopolitanae, Buch 3, p. 41, nennt Rom, Sizilien, Antiochia und eine lange Reihe anderer Städte. Die Provinzen Griechenland und Kleinasien lieferten vermutlich die fetteste Beute. . Trophäen aus berühmten Kriegen, religiöse Kultobjekte, die vollkommensten Statuen der Götter, Helden, Weisen und Dichter aus alter Zeit mussten zu Konstantinopels Glanz beisteuern; und gaben dem Historiker Kedrenos Historiae Compendium, p. 369. Er beschreibt die Statue oder vielmehr Büste des Homer mit äußerster Delikatesse, was deutlich zeigt, dass Kedrenos den Stil eines glücklicheren Zeitalters kopiert. Anlass zu der Bemerkung, dass eigentlich nichts fehle außer den Seelen jener erlauchten Männer, die diese Statuen darstellen sollten. Aber in der Stadt Konstantins und in dieser Periode des Niederganges eines Weltreiches, als der menschliche Geist in bürgerlichen und religiösen Banden lag, hätten wir nach der Seele eines Homer oder Demosthenes wohl vergebens gesucht.   DER ZWEITE HÜGEL WIRD DAS FORUM Während der Belagerung von Byzanz hatte der spätere Eroberer sein Gezelte auf der beherrschenden Höhe des zweiten Hügels aufgeschlagen. Um seinen Sieg zu verewigen, bestimmte er diesen vorteilhaften Platz auch für das Hauptforum Zosimos 2, p. 108; Chronik von Alexandria oder Chronikon paschale, p. 284; Du Cange, Constantinopolis, 1,24. Selbst der letztgenannte Autor verwechselt anscheinend das Konstantinsforum mit dem Augusteum oder Palasthof. Ich bin mir selbst nicht ganz sicher, ob ich reinlich unterschieden habe, was zum einen und was zum anderen gehört. ; welches einen runden oder eher noch elliptischen Grundriss erhielt. Die beiden gegenüberliegenden Zugänge waren wie Triumphbögen gebaut; die Säulengänge, die sie auf beiden Seiten umschlossen, waren mit Statuen vollgestellt; im Mittelpunkt des Forums ragte eine Säule, welche heute, da nur noch Bruchstücke stehen, Brandsäule genannt wird. Sie stand auf einem zwanzig Fuß hohen Podest von weißem Marmor und war aus zehn Säulentrommeln aus Porphyr von je zehn Fuß Höhe und dreiunddreißig Fuß Umfang zusammengesetzt Die annehmbarste Beschreibung dieser Säule stammt von Pocock, Description of the East, Band 2, Teil 2, p. 131. Aber auch sie ist in vielen Punkten dunkel und unbefriedigend. . Auf der Spitze der Säule, einhundertundzwanzig Fuß über dem Boden, stand eine Kolossalstatue Apollos. Sie war ganz aus Bronze, stammte aus Athen oder einer phrygischen Stadt und soll ein Werk des Phidias gewesen sein. Der Künstler hatte den Sonnengott oder, wie man später sagte, den Kaiser Constantin selbst, mit einem Szepter in der Rechten, dem Erdball in der Linken und einem Strahlenkranz um sein Haupt dargestellt Du Cange, Constantinopolis 1,24, p. 76 und seine Anmerkungen zur Alexias, p. 382. Die Statue Konstantins oder Apollos wurde untere der Regierung des Alexios I. Komnenos gestürzt . Der Circus oder das Hippodrom war ein Großbau von vierhundert Fuß Länge und einhundert Fuß Breite Tournefort (im 12. Brief) bestimmt die Länge des Atmeidan auf 400 Schritte. Sollte er damit geometrische Schritte zu je fünf Fuß gemeint haben, so würde seine Länge 300 toises betragen, mithin 40 mehr als der große Circus in Rom. Siehe d'Anville, Mesures Itineraires p. 73. . Der Raum zwischen den beiden metae oder Zielmalen stand voll mit Statuen und Obelisken; und noch ein einzigartiges Relikt aus alten Zeiten wollen wir erwähnen; es sind die Körper von drei Schlangen, die miteinander zu einer Säule aus Bronze verschlungen sind. Ihre drei Köpfe trugen einstmals den Dreifuß, welchen die siegreichen Griechen nach der Niederlage des Xerxes in Delphi weihten Die Wächter heiliger Reliquien wären glücklich, wenn sie eine solche Beweiskette zur Hand hätten, wie sie in diesem Falle vorliegt. Siehe Banduri, Antiquitates Const. p. 668; Gyllius de Constantinopoleos topographia 2, c.13,1: 1. Die Weihung des Dreifußes und der Säule im Tempel kann aus Herodot und Pausanias belegt werden. 2.Der Heide Zosimos stimmt mit drei Kirchenhistorikern, nämlich Eusebius, Sokrates und Sozomenos darin überein, dass die heiligen Schmuckarbeiten des delphischen Tempels auf Befehl Constantins nach Konstantinopel gebracht wurden; und unter diesen wird die Schlangensäule des Hippodroms ausdrücklich erwähnt. 3. Alle europäischen Reisenden, von Boundelmonte bis zu Pocock, die Konstantinopel aufgesucht haben, geben für sie denselben Platz an und beschreiben sie auf fast identische Weise; lediglich bei der Schilderung der Schäden durch die Türken weichen ihre Darstellungen voneinander ab. Mohamed II schlug mit einem Hieb seiner Streitaxt den Unterkiefer einer der Schlangen ab. S. Thevenor, Voyages au Levant, Buch 1, c.17. . Die Schönheit der Pferderennbahn ist schon längst durch die rohen Hände der türkischen Eroberer entstellt; sie dient aber unter der gleichsinnigen Bezeichnung Atmeidan als Übungsgelände für ihre Pferde. Vom dem Ehrenplatz des Herrschers, von welchem aus er die Circusspiele verfolgte, führte eine Wendeltreppe Der lateinische Name Cochlea wurde von den Griechen entlehnt und wird in der byzantinischen Geschichte sehr oft erwähnt. Du Cange, Constantinopolis 2, c.1, p. 104. zum Palast; ein großartiges Gebäude, welches dem Palast im Rom in Nichts nachsteht und zusammen mit den umliegenden Gärten und Porticos ein beachtliches Areal am Ufer der Propontis zwischen Hippodrom und Hagia Sophia Es gab drei topographische Punkte, die die Lage des Palastes kennzeichnen. 1. Die Treppe, die ihn mit dem Hippodrom oder Atmeidan verbindet. 2. Ein kleiner, künstlicher Hafen an der Propontis, von wo aus über Marmorstufen leichter Zugang zu den Palastgärten möglich war. 3. Das Augusteum, ein geräumiger Platz, der von der einen Seite durch den Palast und auf der anderen von der Hagia Sophia begrenzt wurde. einnimmt. Wir könnten außerdem die Bäder rühmen, welche immer noch den Namen des Zeuxippos tragen und welche durch Constantins Freigebigkeit mit hochragenden Säulen, Marmorbildern und etwa sechzig Bronzestatuen Zeuxippos war ein Epitheton von Jupiter, und die Bäder waren Teil des alten Byzanz. Probleme mit ihrer genauen Lokalisierung hat Du Cange nicht gehabt; die Geschichtsschreibung stellt sie in einen Zusammenhang mit dem Palast und der Hagia Sophia; aber der ursprüngliche Plan, der bei Banduri eingelegt ist, verlegt sie auf die andere Seite der Stadt in die Nähe des Hafens. Zu ihrer Schönheit siehe das Chronikon paschale p. 285 und Gyllius, de Constantinopoleos topographia 2, c.7. Christodoros (Siehe Kodinos, Antiqitates, Buch 7) verfasste Inschriften in Versen für jede Statue. Dem Geiste und der Geburt nach war er thebanischer Dichter: »Boeotum in crasso iurares aere natum.« (Du würdest schwören, dass er ein Böotier in dicker Luft geboren wurde.) verschönt wurden. Aber wir würden wohl von dem Plan zu diesem Werk abweichen, wenn wir uns in eine allzu detailfreudige Schilderung der einzelnen Gebäude und Stadtquartiere verlieren würden. So mag die Feststellung genügen, dass alles, was die Würde einer Hauptstadt mehren oder zum Nutzen oder Vergnügen ihrer zahlreichen Einwohner beisteuern kann, innerhalb der Stadtmauern Konstantinopels vorzufinden war. Eine Stadtbeschreibung, welche einhundert Jahre nach ihrer Gründung erschien, nennt eine Schule der Gelehrsamkeit, einen Circus, acht öffentliche und dreiundfünfzig Privatbäder, vier geräumige Hallen für Senatsversammlungen und Gerichtstage, vierzehn Kirchen und ebenso viele Paläste, und endlich viertausenddreihundertundachtundachtzig Häuser, welche sich wegen ihrer Größe oder Schönheit von der Masse der Plebejer-Behausungen unterschieden Siehe die notitia dignitatum. Rom wurde nur auf 1780 große Häuser ( domus ) geschätzt; aber das Wort muss etwas Gehobeneres bezeichnen. Insulae werden für Konstantinopel überhaupt nicht erwähnt. Die alte Hauptstadt hatte 424, die neue 322 Straßen. .   CONSTANTIN FORDERT ZUR BESIEDLUNG AUF Die nächste und wichtigste Sorge des Stadtgründers galt einer hinreichend starken Bevölkerung seiner Lieblingsstadt. In den dunklen Zeitläuften, welche der Verlegung des Reichs nachfolgten, wurden die lang- und kurzfristigen Auswirkungen dieses bedeutenden Ereignisses infolge der Eitelkeit der Griechen und der Arglosigkeit der Lateiner auf befremdliche Weise durcheinandergebracht Liutprand Legatio ad Imperatorem Nikephorum, 62. Die modernen Griechen haben die Altertümer von Konstantinopel wunderlich verfehlt. Türkischen und arabischen Autoren könnte man solche Irrtümer noch nachsehen; aber es mutet doch einigermaßen seltsam an, wenn die Griechen, die doch Zugang zu den authentischen, in ihrer eigenen Sprache abgefassten Quellen hatten, sich lieber an Erdachtes als an die Wahrheit hielten. Auf einer einzigen Seite des Codinus können wir zwölf unentschuldbare Irrtümer bemerken: die Versöhnung zwischen Severus und Niger, die Heirat ihrer Kinder, die Belagerung von Byzanz durch die Makedonen, die Invasion der Gallier, die Severus nach Rom zurückrief, die »sechzig« Jahre, die zwischen seinem Tod und der Gründung von Konstantinopel lagen usw. . So wurde etwa behauptet und geglaubt, dass alle römischen Adelsfamilien, der Senat, die Ritterschaft nebst ihrem unübersehbaren Anhang dem Kaiser an die Gestade der Propontis gefolgt seien; dass nur noch ein paar Fremde und Plebejer zurückblieben, die Ödnis der alten Hauptstadt zu beleben; und dass Italiens Ländereien, die schon lange nur noch Gärten waren, mit einem Schlage jeder Pflege und Besiedlung verlustig gingen Montesquieu, Grandeur et Decadence des Romains, c. 17. . Im Verlaufe dieser Darstellung sollen solche Übertreibungen auf ihr rechtes Maß zurückgestutzt werden: da das Wachstum von Konstantinopel allerdings nicht nur auf das allgemeine Wachstum der Menschheit zurückgeführt werden kann, darf angenommen werden, dass diese künstliche Kolonie auf Kosten der alten Reichsstädte emporwuchs. Vermutlich erhielten viele wohlhabende Senatoren aus Rom oder den östlichen Provinzen von Constantin die Einladung, im Interesse ihres Landes sich an dem glückverheißenden Ort niederzulassen, den er auch für sich selbst zum Wohnort bestimmt habe. Zwischen der Einladung eines Herrschers und einem Befehl besteht ja kaum ein Unterschied; und also willfahrte man ihm freudig und aus freien Stücken. Er überließ denn auch seinen Günstlingen die Paläste, die er in den verschiedenen Stadtquartieren hatte bauen lassen, überließ ihnen Ländereien und Jahrgelder für eine ihnen angemessene Lebenshaltung Themistios, Orationes 3; Sozomenos 2,3. Zosimos 2,32; Anonymus Valesii 30..Wenn wir Codinus glauben dürfen, ließ Constantin Häuser für die Senatoren nach dem Vorbild ihrer römischen Paläste errichten und erfreute sie und sich selbst auch mit dieser angenehmen Überraschung; aber die ganze Schilderung wimmelt von Erdichtetem und Widersprüchlichem. und überschrieb Krongüter von Pontos und Asien als Erbbesitz unter der leicht einlösbaren Bedingung, dass sie in der Hauptstadt einen Haushalt unterhielten Das Gesetz, mit dem der jüngere Theodosius im Jahre 438 diese Verbindlichkeit abschaffte, ist unter den Novellae dieses Kaiser am Ende des Codex Theodosianus zu finden, Band 4, Nov. 12. Herr de Tillemont (Histoire des Impereurs Band 4, p. 371) hat sich offenkundig hinsichtlich der wahren Natur dieser Liegenschaften geirrt. Durch die Verleihung aus der kaiserlichen Domäne wurde aus einer Bedingung eine Gunst, welche man als Belastung empfunden hätte, wäre sie dem Privateigentum auferlegt worden. . Bald jedoch wurden diese Anreize und Verpflichtungen entbehrlich und schließlich ganz abgeschafft. Am Ort eines jeden Regierungssitzes wird ja ein beträchtlicher Teil der Staatseinkünfte durch den Herrscher selbst ausgegeben, durch seine Minister, die Justizbeamten und seine Palastangestellten. Wohlhabende Provinzbewohner werden durch Eigeninteresse und Pflichten, Abwechslung und Neugierde mit Macht in die Stadt gezogen. Die dritte und zahlenstärkste Gruppe von Einwohnern bildet sich allgemach aus der Masse der Dienstboten, Handwerker und Krämer, die ihr Auskommen durch ihre eigene Arbeit finden und infolge des Bedarfs der höheren Klassen an Luxusgütern. In weniger als einem Jahrhundert konnte Konstantinopel es mit Rom an Wohlstand und Größe aufnehmen. Zahlreiche Neubauten, ohne Rücksicht auf Hygiene oder Verkehrsfragen aus dem Boden gestampft, ließen für die täglichen Heerscharen von Menschen, Pferden und Kutschen kaum noch enge Straßen frei. Der städtische Grund war nicht zureichend, der wachsenden Bevölkerung Platz zu bieten; und die Ausweichsiedlungen zum Wasser hin hätten allein schon eine nicht unbeträchtliche Stadt ergeben Die Textpassagen des Zosimos, Eunapius und Agathas, welche von der Vermehrung der Gebäude und Einwohner Konstantinopels berichten, sind von Gyllius gesammelt und zusammengestellt worden (de Constantinopoleos topographica 1,3) Sidonius Apollinaris (Panegyricus auf Anthemius 56) beschreibt die Molen, die ins Meer voran getrieben wurden; sie bestanden aus der berühmten Puzzolanerde, welche im Wasser aushärtet. .   HASTIGE VOLLENDUNG DER STADT 330 A.D. Die häufigen und regelmäßigen Wein-, Öl-, Getreide- und Brotlieferungen sowie Geldgeschenke hatten die ärmeren Bewohner Roms der Notwendigkeit nach selbständigem Broterwerb nahezu vollständig überhoben. Die Prachtentfaltung der ersten Caesaren hatte der Gründer Konstantinopels Sozomenos 2,3. Philostorgios, 2,9. Codinos, Antiquitates, p.8. Wir lesen bei Sokrates 2,12, dass die täglichen Zuwendungen für die Stadt acht Myriaden (=8000) betrugen, was wir mit Valesius entweder mit modii (Scheffel) von Korn übersetzen oder einfach nur als einen Ausdruck ansehen können, der die Anzahl der Brotlaibe bezeichnet. im gewissen Umfang nachgeahmt; seine Freigebigkeit jedoch, so sehr sie auch des populären Beifalles gewiss sein mochte, hat gleichwohl den Tadel der Nachwelt aufgerufen. Eine Nation, die erobert und Gesetze gibt, mag wohl auch auf die Ernte Afrikas Anspruch erheben, für die sie mit ihrem Blute bezahlt hat; und Augustus trug wohlbedacht Sorge, dass den Römern im Genusse der Überfülle die Erinnerung an die Freiheit verloren gehen möchte. Constantins Verschwendungssucht indessen war durch keine öffentlichen oder privaten Erwägungen zu rechtfertigen; und die jährliche Getreidelieferung, die Ägypten zum Wohle der neuen Hauptstadt auferlegt war, diente dazu, eine träge und indolente Bevölkerung auf Kosten der Bauern einer blühenden Provinz durchzufüttern See Codex Theodosianus 13 und 14 und Codex Justinianus Edict. 12, Band 2, p. 648. Siehe die schöne Klage Roms in Claudians Gedicht de bello Goldonico, 60-62: »Cum subiit par Roma mihi, divisaque sumsit/aequales Aurora togas; Aegyptia rura/in partem cessere novam.« (Als ein zweites Rom mir nachfolgte und das östliche Reich sich die Toga des Westens nahm: da fielen die Felder Ägyptens dem neuen Reiche zu.) . Einige andere Maßnahmen dieses Kaisers sind weniger tadelns-, aber auch weniger erwähnenswert. So unterteilte er Konstantinopel in vierzehn Regionen oder Stadtviertel Die Stadtviertel von Konstantinopel werden im Codex Iustinianus erwähnt und in den Notitia des jüngeren Theodosius ausdrücklich beschrieben; da aber die letzten vier nicht von der Konstantinischen Ringmauer einbeschlossen waren, sind Zweifel erlaubt, ob diese Unterteilung wirklich auf den Stifter derStadt zurückgeht. , legte der städtischen Ratsversammlung die ehrbare Bezeichnung »Senat« bei »Senatum constituit secundi ordinis; ›Claros‹ vocavit.« (Er richtete einen Senat zweiter Ordnung ein und nannte sie ›claros‹) Anonymus Valesii 30, p.715. Die Senatoren des alten Rom wurden Clarissimi genannt. Siehe dazu eine lesenswerte Anmerkung des Valesius zu Ammianus Marcellinus 22.9. Aus dem 11 Brief Julians kann man entnehmen, dass das Senatorenamt eher als Belastung und weniger als Ehre angesehen wurde; aber der Abt de la Bléterie (Vie de Jovien, Band 2, p. 371) hat nachgewiesen, dass dieser Brief nichts mit Konstantinopel zu tun hat. Könnten wir nicht anstelle des berühmten Namens Byzantiow den weniger bekannteren, aber wahrscheinlicheren Bisan Énoiw lesen? Bisanthe oder Rhoedestus, heute Rhodosto, war eine kleine Hafenstadt in Thrakien. Siehe Stephanos von Byzanz, de urbibus p.225 und Cellarius, Geographias antiqua Band 1, p. 849. , übertrug den Bürgern die Privilegien Italiens Codex Theodosianus 14, 13. Der Kommentar Gothofreds ist lang und unstrukturiert; auch ist es nicht eben leicht zu bestimmen, worin das Ius Italicum bestehen mochte, nachdem das das ganze Reich das Römische Bürgerrecht erhalten hatte. und verlieh der wachsenden Stadt, Roms erster und liebster Tochter, den Titel einer Kolonie. Der ehrwürdigen Mutter blieb nach wie vor die gesetzliche und anerkannte Oberhoheit, die ihrem Alter, ihrer Würde und der Erinnerung an frühere Größe nun einmal geschuldet war Julian (Orationes 1, p.8) rühmt von Konstantinopel, es stehe allen anderen Städten ebensoweit voran, wie es selbst Rom nachstehe. Sein gelehrter Kommentator Spanheim (p.75) rechtfertigt mit vielen Parallelen und zeitgenössischen Beispielen diese Äußerung. Zosimos stand ebenso wie Sokrates und Sozomenos in der Blüte seiner Jahre, als das Reich zwischen den beiden Söhnen des Theodosius aufgeteilt wurde, wodurch eine vollständige Gleichstellung zwischen der alten und neuen Hauptstadt hergestellt wurde. . Da Constantin mit der Ungeduld eines Liebhabers auf die Vollendung der Arbeiten drängte, wurden die Mauern, Porticos, Regierungsgebäude innerhalb weniger Jahre fertig gestellt, oder nach anderer Rechnung in wenigen Monaten Kodinos (Antiquitates p. 8) konstatiert, die die Grundlegung von Konstantinopel im Jahre der Welt 5837 (A.D. 329) am 26. September stattgefunden habe und am 11. Mai 5838 (A.D. 330) eingeweiht worden sei. Er verknüpft diese beiden Daten mit verschiedenen kennzeichnenden Epochen, aber sie widersprechen einander; Kodinos' Ansehen hat nur geringes Gewicht, und die von ihm genannte Zeitspanne ist sichtlich nicht hinreichend. Iulian (Orationes 1, p.8) bietet und zehn Jahre an, und Spanheim bemüht sich redlich um den Wahrheitsbeweis mit Hilfe zweier Stellen aus Themistius (Orationes 4, c. 9) und Philostorgios (2,9), welche eine Gesamtdauer von 324 bis 334 ausmachen. Neuere Historiker sind über diesen Teil der Chronologie durchaus uneins; und ihre abweichenden Meinungen werden von Tillemont (Histoire des Empereurs, Band 4, p. 619-625) mit vieler Genauigkeit auseinander gesetzt. ; aber dieser außerordentliche Eifer sollte uns nur geringe Bewunderung abnötigen, da zahlreiche Gebäude so überhastet und nachlässig hochgezogen wurden, dass sie unter den nachfolgenden Regierungen nur unter Schwierigkeiten vor dem Einsturz bewahrt werden konnten Themistius, Orationes 3, p. 47. Zosimos 2, p. 108. Konstantin selbst verrät seine Ungeduld (Codex Theodosianus 15,1). . Solange sie jedoch in der Stärke und Frische der Jugend standen, rüstete sich ihr Gründer, die Weihe seiner Stadt festlich zu begehen Kedrenos und Zonaras, dem Aberglauben ihrer Zeit tiefergeben, versichern uns, dass Konstantinopel der jungfräulichen Mutter Gottes geweiht wurde. . Die Spiele und die Freigebigkeit, die diesen inszenierten Pomp krönten, kann man sich leicht ausmalen; ein anderer Umstand jedoch, beispiellos und dauernd, sollte nicht übersehen werden: an jedem Geburtstag der Stadt wurde die Statue Constantins, auf sein Geheiß in Gold gerahmt und mit einem kleinen Abbild des Stadtgenius in seiner Rechten, auf einem Triumphwagen aufgestellt. Die Wachen, welche weiße Kerzen trugen und im Prunkhabit gingen, begleiteten die feierliche Prozession auf ihrem Weg durch das Hippodrom. Stand es dem Thron des jeweiligen Kaisers gegenüber, erhob er sich und gedachte seines großen Vorgängers Der früheste und vollständigste Bericht von dieser außergewöhnlichen Zeremonie findet sich in der alexandrinischen Chronik, p. 285. Tillemont und die anderen Verehrer Konstantins, die Anstoß nahmen an dem zu einem christlichen Herrscher nur schlecht passenden heidnischen Gebaren, hatten das Recht, den Bericht anzuzweifeln, aber nicht, ihn vollständig zu übergehen. . Am Tage der Weihe erhielt Konstantinopel per Dekret, welches in eine weiße Marmorsäule eingraviert war, den Titel ZWEITES oder NEUES ROM Sozomenos, 2,2; Du Cange, Constantinopolis, 1, c.6. »Velut ipsius Romae filiam« (Gleichsam Roms eigene Tochter), so die Bemerkung von Augustinus, Gottesstaat 5,25. . Aber der Name Konstantinopel Eutropius, 10, 8. Iulianus Orationes 1. p. 8. Du Cange, Constantinopolis 1, c. 5. Der Name Konstantinopel findet sich auf den Medaillen Constantins. hat sich gegenüber diesem ehrenvollen Epitheton als stärker erwiesen, und nach Ablauf von vierzehn Jahrhunderten kündet er immer noch den Ruhm seines Begründers Der geistreiche Fontenelle ist bestrebt, die Eitelkeit menschlichen Strebens zu verhöhnen und über Konstantin zu frohlocken, dessen unsterblicher Name jetzt von der volkstümlichen Bezeichnung Istanbul (türkisch verballhornt aus εἰς τὴν πόλιν (»in die Stadt«) abgelöst wird. Aber der Name wird nach wie vor beibehalten 1. Durch Europas Nationen. 2. Durch die modernen Griechen. 3. Durch die Araber, deren Schrifttum über die riesigen Ländermassen Afrikas und Asiens verbreitet sind, siehe d'Herbelot, Bibliotheque Orientale, p. 275. 4. 4. Durch Türken von Bildung und den Herrscher selbst in seinen öffentlichen Verlautbarungen. Cantemir's History of the Othman Empire, p. 51. (A.d.Ü. Der Name Istanbul wurde amtlich erst im Jahre 1930.) .   HIERARCHIE UND TITEL Die Gründung einer neuen Hauptstadt ist naturgemäß verknüpft mit der Neugestaltung der Zivil- und Militärverwaltung. Die prüfende Betrachtung dieses verschlungenen politischen Systems, eingeführt von Diocletian, ausgebaut durch Constantin und vollendet durch seine direkten Thronfolger, dürfte nicht nur unterhaltsam sein, – entrollt es doch vor dem geistigen Auge das Gemälde eines großen Imperiums – sondern gleichzeitig auch die dunklen inneren Gründe seines raschen Verfalls offenbaren. Bei der Beschäftigung mit welcher Institution auch immer gelangen wir recht häufig in die frühere oder spätere Periode der römischen Geschichte; aber die eigentlichen Zeitgrenzen für jede derartige Untersuchung sind die einhundertunddreißig Jahre zwischen der Thronbesteigung Constantins und der Veröffentlichung des Codex Theodosianus Diese Gesetzessammlung wurde 438 publiziert. Siehe die Prolegomena von Gothofred, c.1, p. 185. ; aus welchem wir, zusammen mit den Notitia des Westens und Ostens Pancirolus schreibt in seinem umfassenden Kommentar den Notitia dasselbe Erscheinungsjahr zu wie dem Codex Theodosianus: aber seine Beweise, oder besser, Konjekturen sind äußerst dürftig. Ich selbst neige dazu, dieses nützliche Werk in die Zeit zwischen der letzten Reichsteilung (395) und der erfolgreichen Invasion der Barbaren in Gallien (407) zu legen. Siehe die Histoire des Anciens Peuples de l'Europe, Band 7, p. 40. , die reichhaltigsten und zuverlässigsten Informationen über den Zustand des Imperiums gewinnen können. Diese Gegenstände werden den Ablauf unserer Erzählung für einige Zeit ins Stocken bringen; aber an dieser Unterbrechung werden sich nur solche Leser ärgern, welche für die Bedeutung von Einrichtungen und Gesetzen kein Gespür besitzen, während sie andererseits mit brennender Neugierde banale Hofkabalen oder den zufälligen Ausgang einer Schlacht in allen Einzelheiten studieren. Der altrömische Mannesstolz, zufrieden mit konkreter Machtausübung, hatte es der morgenländischen Prahlsucht überlassen, mit der Zurschaustellung von Größe zu prunken Scilicet externae superbiae sueto, non inerat notitia nostri; apud quos vis Imperii valet, inania transmittuntur. (Ihm, dem ausländischer Hochmut naturgemäß vertraut war, ging die Kenntnis von unseren Begriffen ab, denen nur die Macht des Imperiums wichtig ist, die aber Unwichtiges ignorieren).Tacitus Annalen 15,31. . Als aber sogar der Schein jener Tugenden erloschen war, die ihrer früheren Freiheit entstammten, wurde auch die Schlichtheit römischer Sitten durch die Prachtentfaltung asiatische Höfe korrumpiert. Persönliches Verdienst und Geltung, die für eine Republik so kennzeichnend sind wie für eine Monarchie nebensächlich, wurden infolge der Gewaltherrschaft einiger Kaiser völlig bedeutungslos; welche anstelle dessen in ihrem Palast eine strenge Rang- und Dienstordnung etablierten und titeltragende Sklaven, die zu Füßen des Thrones saßen, zu den niedrigsten Werkzeugen ihrer Willkürherrschaft machten. Diese Masse an unterwürfigen Kreaturen war an der Unterstützung der jeweiligen Regierung interessiert, aus Furcht vor einer Revolution, die ihre Hoffnungen zunichte gemacht und sie um den Lohn ihrer Fron gebracht hätte. In dieser göttlichen Hierarchie (denn als solche wurde sie oftmals bezeichnet) wurde jede Rangstufe mit der gewissenhaftesten Genauigkeit abgemessen und ihre Würde mit minuziösen und feierlichen Zeremonien demonstriert, welche zu lernen eine eigene Wissenschaft und die zu missachten für Frevel galt Nachdem Kaiser Gratian ein Rangordnungsgesetz bestätigt hatte, das von Valentinian, dem Vater seiner »Göttlichkeit« erlassen war, fährt er fort wie folgt: Siquis igitur indebitum sibi locum usurpaverit, nulla se ignoratione defendat; sique plane sacrilegii reus, qui divina praecepta neglexerit. (Wenn also jemand sich eine ihm nicht zustehende Stellung angemaßt hat, so kann er sich nicht mit Unkenntnis verteidigen; und er soll ausdrücklich eines Sakrilegs beschuldigt sein, wenn er göttliche Lehren missachtet hat). Codex Theodosianus 6, 5,2. . Die Reinheit der lateinischen Sprache wurde getrübt, weil die Wechselwirkung von Stolz und Schmeichelei eine Flutwelle von Epitheta erschaffen hatte, welche Cicero kaum verstanden und Augustus mit Empörung zurückgewiesen haben würde. Die ersten Staatsdiener wurden, sogar vom Kaiser selbst, begrüßt mit ränkevollen Titeln wie etwa Eure Lauterkeit , Euer Würden , Eure Exzellenz , Eure Eminenz , Eure hehre und wunderbare Großartigkeit , Eure berühmte und großartige Hoheit . Man ziehe die Notitia dignitatum zu Rate (am Schluss des Codex Theodosianus, Band 6, p. 316). Die Kodizille oder Patente ihrer Ämter wurde auf wunderliche Weise mit Emblemen ausgeziert, an denen ihre Aufgabe und hohe Würde abgelesen werden konnte: das Bild des regierenden Kaisers; ein Triumphwagen; ein Buch mit Gesetzen, auf einem Tische liegend und mit vier Kerzen illuminiert; die Allegorien der von ihnen verwalteten Provinzen; oder Name und Standarten der von ihnen befehligten Truppenteile. Einige dieser offiziellen Abzeichen wurden tatsächlich in den Audienzsälen ihrer Besitzer zur Schau gestellt; andere wurden ihnen voran getragen, wann immer sie ihre Herrlichkeit öffentlich sehen ließen. Und alle Details ihres Auftretens, ihrer Gewandung, ihres Schmuckes und ihrer Gefolgschaft waren darauf berechnet, für die Repräsentanten der höchsten Majestät tiefste Verehrung auszulösen. Ein philosophisch veranlagter Beobachter hätte dieses System der römischen Regierung für eine Art von Ausstattungstheater gehalten, in welchem Schauspieler jede Charakter- oder Nebenrolle spielen und die Sprache des Originals nachsprechen und seine Gefühlsregungen nachahmen mussten Pancirolus ad Notitiam utriusque Imperii, p. 39. Allerdings sind seine Kommentare dunkel, auch macht er keinen hinreichenden Unterschied zwischen gemalten Emblemen und offiziellen Amtsinsignien. .   EHRENSTELLUNGEN UND IHRE EINTEILUNG Alle Magistrate, die ausreichend bedeutend waren, um an den allgemeinen Regierungsgeschäften teilhaben zu dürfen, waren mit Genauigkeit in drei Klassen unterteilt. 1. Die illustri oder Hochberühmte; 2. die spectabiles oder Ehrwürdige; und schließlich 3. die clarissimi , was wir am besten mit die Glänzende übersetzen. In den Vorzeiten römischer Schlichtheit war der letztgenannte Ausdruck lediglich eine allgemein gehaltene Respektsbezeigung, bis es schließlich zur besonderen Kennzeichnung für Mitglieder des senatorischen Standes In den Pandecten, die aus der Zeit der Antonine stammen dürften, ist clarissimus der offizielle und gesetzliche Titel eines Senators. wurde und folglich für alle diejenigen Vertreter dieser edelachtbaren Körperschaft, welchen eine Provinz zu verwalten bestimmt war. Der Eitelkeit derer, die aufgrund ihrer Rangordnung und ihrer Pflichten sich gegenüber der übrigen Senatorenklasse hervorzutun wünschten, wurde in späteren Jahren die neue Bezeichnung spectabiles gegönnt; der Titel illustri blieb denen vorbehalten, denen die zwei nachgeordneten Klassen Gehorsam und Respekt schuldeten. Er wurde ausschließlich verliehen an: I. Konsuln und Patrizier; II. den Prätorianerpräfekten Roms und Konstantinopels; III. den Oberbefehlshabern der Kavallerie und der Infanterie; und IV. den sieben Ministern des Palastes, die um die Person des Herrschers heilige Ämter versahen Pancorilus, p. 12-17. Ich habe die untergeordneten Titel, Perfectissimus und Egregius übergangen, die vielen Personen verliehen wurde, welche nicht bis in des Senatsrang aufgerückt waren. . Unter diesen Magistraten, die alle als gleichberechtigt angesehen wurden, wurde der Dienstaltersrang abgelöst von der Vereinigung mehrerer Würden auf eine Person Codex Theodosianus 6,4. Die Regeln der Rangordnung werden durch die Herrscher mit der minutiösesten Genauigkeit festgelegt und ebenso ausufernd von ihren gelehrten Kommentatoren erläutert. . So mochten die Kaiser, die die Zahl ihrer Favoriten vermehren wollten, mit Ehrenpatenten die Eitelkeit, wenn auch nicht den Ehrgeiz strebsamer Höflinge kitzeln Codex Theodosianus 6,32. .   ZEREMONIEN BEI DER INVENTUR VON KONSULN I. Solange die Konsuln die obersten Beamten eines freien Staates waren, erhielten sie ihre Macht unmittelbar durch die Volkswahl. Solange die Kaiser sich darin gefielen, die von ihnen ausgeübte Unterdrückung zu verschleiern, wurden die Konsuln durch offene Senatswahl bestimmt. Als aber seit der Herrschaft Diocletians selbst dieses freiheitliche Feigenblatt entfernt worden war, gaben die erfolgreichen, mit der Würde des jährlichen Konsulats investierten Kandidaten vor, die demütigenden Zustände unter ihren Vorgängern zu beweinen. So wären die Scipionen und die Catonen noch genötigt gewesen, um die Stimmen der Plebejer zu werben, eine langwierige und kostspielige Wahl durchzustehen und ihre Würde im Falle einer Niederlage beschämen zu lassen; während ihr eigenes Schicksal sie für ein Zeitalter und eine Regierung aufgespart habe, in welchem die Tugend durch die unfehlbare Weisheit eines gnadenreichen Herrschers belohnt würde Ausonius (Gratiarum actio) verweilt sehr ausgiebig bei diesem würdelosen Gegenstand, Mamertinus (Panegyrici 11) hingegen behandelt ihn mit mehr Freiheit und Raffinesse. . Aus den Briefen, die die Kaiser an die beiden erwählten Konsuln richteten, geht eindeutig hervor, dass sie ausschließlich Kreaturen von seinen Gnaden waren Cum de Consulibus in annum creandis, solus mecum volutarem . . . te Consulem et designavi, et declaravi, et priorem nuncupavi; (Während ich mir über die Ernennung der Konsuln des folgenden Jahres Gedanken mache, ... habe ich dich zum Konsul designiert, dich dazu erklärt, dich als ersteren erhoben.) Dies sind einige der Formulierungen, die Kaiser Gratian seinem Lehrer, dem Dichter Ausonius, anheftete. . Ihre Namen und Portraits, eingraviert auf vergoldeten Tafeln aus Elfenbein, wurden im ganzen Reich den Provinzen, den Städten, den Magistraten, dem Senat und dem Volk als Geschenk überlassen Immanesque . . . dentes Qui secti ferro in tabulas auroque micantes, Inscripti rutilum cae1ato Consule nomen Per proceres et vulgus eant. (Gewaltige Elfenbeinzähne, von Stahl zu Tafeln zerschnitten, blinkend vergoldet, mit schimmerndem Namen des Konsuls und Relief-Bild sollen nun durch den Adel und das Volk gehen). Claudianus de Consulatu Stilichonis, 3, 346. Montfaucon hat einige dieser Täfelchen oder Distichen abbilden lassen. Supplement a l'Antiquite, Band 3, p. 220. . Ihre feierliche Amtseinsetzung wurde in der Kaiserstadt vollzogen; und einhundertundzwanzig Jahre lang war Rom ununterbrochen seiner alten Magistrate beraubt Consule laetatur post plurima saecula viso / Pallanteus apex: agnoscunt rostra curules / Auditas quondam proavis: desuetaque cingit / Regius auratis fora fascibus Ulpia lictor. (Es freut sich der Konsul, da er nach Jahrhunderten den Pallas-Gipfel erblickt. Sie erkennen die kurulischen Rednertribünen, wo Urväter zuhörten; mit vergoldeten Rutenbündeln umgeht der fürstliche Lictor das Forum.) Claudianus, De VI. Consulatu Honorii, 643. Zwischen der Herrschaft des Carus bis zum sechsten Konsulat des Honorius lag ein Zeitraum von einhundertundzwanzig Jahren, in denen die Kaiser am 1. Januar Rom fernblieben. Siehe die Chronik Tillemonts in der Histoire des empereurs, Bände 3,4,5. . Am Morgen des 1. Januar erhielten die Konsuln die sichtbaren Zeichen ihrer Würde. Ihr Gewand war eine Purpurrobe mit Silber- und Goldrand, welcher bisweilen noch mit wertvollem Gestein geschmückt war Siehe Claudianus, in Consulatu Probini et Olybrii, 178ff; und in IV Consulatu Honorii, 585ff. Wenngleich in letzterem Text es schwer hält, die kaiserlichen und konsularischen Schmuck-Epitheta zu sondern. Aurelius erhielt von dem spendablen Gratian eine ›vestis palmata‹ oder Staatsgewand, in welches ein Bildnis des Kaisers Konstantin eingestickt war. . Bei dieser festlichen Gelegenheit wurden sie von den höchsten Amtsträgern aus Staat und Armee begleitet, welche im Senatorenhabit gingen; und die nutzlosen Rutenbündel ( fasces ), die mit ehedem furchteinflößenden Äxten ausgestattet waren, wurden von Lictoren vor ihnen hergetragen Cernis ut armorum proceres legumque potentes Patricios sumunt habitus, et more Gabino Discolor incedit legio, positisque parumper Bellorum signis, sequitur vexilla Quirini? Lictori cedunt aquilae, ridetque togatus Miles, et in mediis effulget curia castris. (Siehst du, wie die Feldherren und ersten Beamten Patrizierkleidung anlegen, und dass gemäß gabinischer Weise buntfarbig die Legion ausschreitet, die soeben die Kriegszeichen niederlegte und nun den quiritischen Bannern folgt? Die Adler weichen vor dem Lictor, der Krieger lächelt im Togagewande, und mitten im Lager erstrahlt die Kurie.) Claudianus in IV Consulatu Honorii, 5-11. ...strictasque' procul radiare ›secures‹. (...von fernher blitzen drohende Streitäxte) In Consulatum Probini et Olybrii 232. . Die Prozession bewegte sich vom Palast Siehe Valesius zu Ammianus Marcellinus 22,7. zum Forum, dem wichtigsten Platz der Stadt; hier bestiegen die Konsuln ihren Richterstuhl, nahmen Platz in ihrem kurulischen Sessel, welcher nach altem Herkommen gefertigt war. Alsgleich übten sie sich in der Jurisdiktion, indem sie einem eigens zu diesem Zweck herbeigeholten Sklaven die Freiheit schenkten. Die Absicht war, mit dieser Zeremonie die berühmte Geste des älteren Brutus darzustellen, des Mannes, der Rom die Freiheit und das Konsulat geschenkt und der den treuen Vindex unter seine Landsleute aufgenommen hatte, da dieser die Verschwörung der Tarquinier entdeckt hatte »Auspice mox laetum sonuit clamore tribunal/Te fastos ineunte quater; solemnia ludit/ Omina Libertas: deductum Vindice morem /Lex servat, famulusque iugo laxatus herili /Ducitur, et grato remeat securior ictu.« (Bald schon erklang freudig der Gerichtssaal vom Rufe des Heiles, da du zum vierten Male als Konsul eintratest, und festlich begrüßte dich die Freiheit im glücklichen Spiel. Das Gesetz feiert den Brauch, der von Vindex herstammt: ein Sklave mit dem lockeren Dienstjoch des Herren wird hereingeführt, mit Freuden empfängt er den Schlag und unbehelligt geht er fort.) Claudianus, de IV Consulatu Honorii, 611-615. . Die öffentlichen Festbarkeiten dauerten mehre Tage und wurden in allen wichtigen Städten vollzogen: in Rom aus Gewohnheit; in Konstantinopel aus Nachahmung; in Karthago, Antiochia und Alexandria aus Vergnügungssucht und weil man es bezahlen konnte Celebrant quidem solemnes istos dies omnes ubique urbes quae sub legibus agunt; et Roma de more, et Constantinopolis de imitatione, et Antiochia pro luxu, et discincta Carthago, et donum fluminis Alexandria, sed Treviri Principis beneficio. (Gewiss feiert alle Welt und jede Stadt unter unserer Regierung diese jährlichen Festtage, Rom aus Gewohnheit, Konstantinopel in Nachahmung, Antiochia aus Luxus, genau wie das verkommene Karthago und Alexandria als Geschenk an seinen Fluss; Trier aber infolge eines Freundlichkeit des Kaisers.) Ausonius, Gratiarum Actio 7. . In den beiden Hauptstädten des Reiches verschlangen die jährlichen Spiele am Theater, im Zirkus und im Amphitheater Claudian (de consulatu Mallii Theodori 279-331) beschreibt äußerst lebendig und phantasievoll die verschiedenen Veranstaltungen im Zirkus, Theater und Amphitheater, die der neue Konsul veranstalten musste. Die blutigen Gladiatorenkämpfe waren mittlerweile verboten. viertausend Pfund Gold entsprechend etwa einhundertundsechzigtausend Pfund Sterling: und überstieg eine solche Ausgabe die Möglichkeiten oder die Freigebigkeit des Konsuls, dann stellte der kaiserliche Schatz die Summe zur Verfügung Prokop, Historia Arcana c. 26. . Hatten sich die Konsuln dieser durch Herkommen geheiligten Pflichten entledigt, stand es ihnen frei, sich in die Geborgenheit des Privatlebens zurückzuziehen und sich während des verbleibenden Jahres an der ungestörten Betrachtung der eigenen Größe zu berauschen. Sie führten nicht mehr den Vorsitz bei Ratsversammlungen oder hatten über Krieg und Frieden zu befinden. Ihre Kompetenz (falls sie nicht tatsächlich wichtige Ämter versahen) spielte eine untergeordnete Rolle; und ihr Name diente lediglich dazu, das Jahr zu bezeichnen, in welchem sie den Sitz eines Marius oder Cicero innegehabt hatten. Dennoch fühlte man in dieser letzten Periode der römischen Knechtschaft, dass ein leerer Name dem Besitz echter Macht vergleichbar, ja vorzuziehen sei. Der Titel eines Konsuls war nach wie vor das würdigste Ziel des Ehrgeizes und die schönste Belohnung für Tugend und Treue. Die Kaiser, die diesen matten Abglanz der Republik gering achteten, waren sich gleichwohl bewusst, dass auch sie etwas für ihr eigenes Ansehen taten, wenn sie jährlich die konsularische Würde vergaben »In Consulatu honos sine labore suscipitur«. (Im Konsulat erhält man Ehre ohne Arbeit). Mamertinus, Panegyrici 11,2) Diese hohe Meinung von Konsulat ist einer Rede Julians (3, p. 107) entlehnt, die er vor den Sklavennaturen aus dem Palast des Constantius hielt. Siehe den Abbe de la Bleterie (Memoires de l'AcademieBand 24, p. 289), welcher gerne den Überresten der alten römischen Verfassung nachspürt und der bisweilen in seiner üppigen Phantasie fündig wird. .   ALLMÄHLICHES VERSCHWINDEN DER PATRIZIER Die stolzeste und vollständigste Trennung zwischen Adel und Volk, die sich zu irgendeiner Zeit und in irgendeinem Land vollzog, ist vermutlich die zwischen Patriziern und Plebejern, die sich in der Frühzeit der Römischen Republik ereignete. Reichtum, Ehrenstellen, Ämter und religiöser Kult befanden sich ausschließlich in den Händen der Erstgenannten; über die Reinheit ihres Blutes wachten sie mit nachgerade beleidigender Eifersucht Heiraten zwischen Patriziern und Plebejern waren durch die Zwölftafelgesetze verboten; und da die menschliche Natur sich treu bleibt, überlebten die Gepflogenheiten das Gesetz. Siehe bei Livius (4, 1-6) den vom Konsul emporgehaltenen Familienstolz und die von dem Tribunen Camuleius verteidigten Menschenrechte. , und ihre Klienten hielten sie im Zustand fadenscheiniger Abhängigkeit. Aber diese Gegensätze wurden, da sie sich nun einmal nicht mit dem Geiste eines freien Volkes vertragen, nach langen Kämpfen durch die beharrlichen Anstrengungen der Volkstribunen aufgehoben. Die umtriebigsten und erfolgreichsten Plebejer häuften Reichtümer an, besetzten Ehrenstellen, verdienten sich Triumphe, schlossen Bündnisverträge und waren nach einigen Generationen ebenso arrogant wie die alten Adelsfamilien Vergleiche hierzu das lebhafte Portrait des Adelsstolzes, das Sallust in seinem Jugurthinischen Krieg entwirft, und dem auch Metellus sich verpflichtet fühlte, da er sich unmöglich mit der Idee versöhnen konnte, die Ehre des Konsulates könne den geringen Verdiensten seines Leutnants Marius verliehen werden (64). Zweihundert Jahre vorher hatte das Geschlecht der Meteller selbst noch zu den Plebejern Roms gehört, und die Herleitung ihres Namens von Caecilius macht die Annahme wahrscheinlich, dass diese stolzen Edlen ursprünglich von einem Armee-Getreidelieferanten abstammten. . Die Patrizierfamilien andererseits, deren ursprüngliche Zahl bis zum Ende der Republik niemals ergänzt worden war, unterlagen entweder dem Lauf der Natur, wurden durch die zahlreichen Kriege und Bürgerkriege ausgelöscht oder vermischten sich, da es ihnen an Verdienst oder Glück mangelte, allmählich mit der Masse des Volkes Im Jahre 800 römischer Zeitrechnung waren nicht nur von den alten Adelsfamilien nur sehr wenige übriggeblieben, sondern sogar von denen, die Cäsar oder Augustus ernannt hatten (vgl. Tacitus, Annalen 11,25). Die Familie des Scaurus (ein Zweig der patrizischen Aemilii) war so heruntergekommen, dass sein Vater, ein ehrbarer Kohlenhändler, ihm nur zehn Sklaven und etwas unter dreihundert Pfund Sterling vererbte (Valerius Maximus 4,4,11; Aurelius Victor, Scaurus). Den Untergang der Familie hat der tüchtige Sohn verhindert. . Nur wenige noch konnten den Ursprung ihrer Familie bis in die Kinderjahre der Stadt oder wenigstens der Republik zurückverfolgen, als Caesar und Augustus, Claudius und Vespasian aus der Körperschaft des Senates eine hinreichende Anzahl neuer Patrizierfamilien rekrutierten, wohl in der Hoffnung, einen Stand am Leben zu erhalten, welcher nach wie vor für ehrwürdig und heilig galt Tacitus, Annalen 11,25. Cassius Dio, 3,42 Die Leistungen eines Agricola, der durch Kaiser Vespasian in den Patrizierstand erhoben wurde, warf auf jenen alten Stand Ehre zurück; seine Vorfahren indessen konnten bloß Anspruch auf Ritteradel machen. . Aber diese künstlichen Zuschüsse (an der auch immer das regierende Haus seinen Anteil hatte) wurden durch Tyrannenwut, häufige Revolutionen, veränderte Gepflogenheiten oder die Vermischung mit auswärtigen Völkern rasch zunichte gemacht Dies wäre sicherlich unmöglich gewesen, wenn es denn wahr wäre, wie Casaubon Aurelius Victor zu bekräftigen nötigt (zu Sueton, Caesar 43; s. Historia Augusta, Claudius 3 und Casaubons Kommentar dazu, p.220), dass Vespasian auf einen Schlag eintausend Patrizierfamilien ernannte. Aber selbst am Senatorenstand gemessen ist diese Anzahl viel zu groß, wenn wir nicht auch noch alle die römischen Ritter mit einbeziehen wollen, welche ebenfalls den clavus latus (Purpurstreifen) tragen durften. . Als Constantin den Thron bestieg, war wenig mehr als der unbestimmte Mythos übrig geblieben, dass die Patrizier einst den führenden römischen Stand gebildet hatten. Es hätte sich allerdings mit dem Charakter und den politischen Absichten des Constantin entschieden nicht vertragen, eine adlige Körperschaft ins Leben zu rufen, dessen Einfluss die Autorität des Monarchen hätte sichern und gleichzeitig kontrollieren können; hätte er allerdings ernstlich derartige Entwürfen verfolgt, so hätte es seine Machtmittel denn doch überschritten, durch ein willkürliches Edikt eine Institution ins Leben zu rufen, welche nur durch die Zeit und die öffentliche Meinung ihre Bestätigung erhalten konnte. Zwar rief er den Titel PATRIZIER wieder ins Leben, allerdings nur als eine persönliche und keine erbliche Auszeichnung. Die Patrizier Konstantins standen an Rang nur der ephemeren Würde der Jahreskonsuln nach; aber sie genossen eine dauerhafte Vorzugsstellung gegenüber allen anderen Staatsbediensteten sowie einen sehr vertrauten Umgang mit der Person des Herrschers. Diese Ehrenstellung ward auf Lebenszeit verliehen; und da es sich hierbei für gewöhnlich um Günstlinge und Minister handelte, die am Kaiserhof in Ehren ergraut waren, wurde die wahre Bedeutung des Wortes durch schiere Unkenntnis und Schmeichelei verdreht: sie wurden verehrt als die Adoptiv väter des Kaisers und der Republik Zosimos, 2, p.118; und Gothofred zum Codex Theodosianus 6,6. .   PRÄTORIANERPRÄFEKTEN · KAISERLICHES SIEGEL UND STANDARTE II. Die Biographie der Prätorianerpräfekten war von denen der Konsuln und Patrizier grundlegend verschieden. Die Letzteren mussten erleben, wie sich ihre historische Größe zu einem leeren Titel verflüchtigte. Die Erstgenannten hatten sich schrittweise aus einfachsten Anfängen emporgearbeitet und wurden nun mit der zivilen und militärischen Verwaltung des Reiches betraut. Von der Regierungszeit des Severus bis zu der des Diocletian stand die Leibwache und der Palast, Justiz und Finanzen, Armee und Provinzen unter ihrer Oberaufsicht; und so trugen sie, den Wesiren des Ostens vergleichbar, in der einen Hand das Siegel des Reiches und in der anderen seine Standarte. Der Ehrgeiz der Prätorianerpräfekten, der ihren Dienstherren ehedem fürchterlich und bisweilen tödlich gewesen war, wurde durch die ihnen unterstellten Prätorianertruppen noch zusätzlich befeuert. Nachdem aber Diocletian diese verwegene Truppe gedämpft und Constantin sie endgültig abgeschafft hatte, fanden sich die Präfekten, die ihren Untergang überlebt hatten, problemlos mit ihrer neuen Rolle als gehorsame und nützliche Staatsdiener ab. Da sie nicht mehr für die persönliche Sicherheit des Kaisers verantwortlich waren, übten sie auch nicht weiter die Jurisdiktion aus, welche sie bis dahin über alle Sektionen des Palastes innegehabt hatten. Sobald die Blüte der römischen Armee nicht mehr unter ihrem direktem Kommando ins Feld zog, entzog Constantin ihnen das militärische Kommando; und schließlich wurden durch einen einzigen Erlass aus den Hauptleuten der Wache Zivilmagistrate für die Provinzen. Entsprechend den Vorstellungen Diocletians hatte jeder der vier Herrscher seinen eigenen Prätorianerpräfekten; und nachdem die Monarchie sich wiederum in der einen Person des Constantin vereint fand, fuhr er gleichwohl fort, dieselbe Zahl von VIER PRÄFEKTEN zu ernennen und trug ihnen Sorge über die Provinzen auf, die sie ohnehin bereits verwalteten. 1. Der Präfekt des Ostens dehnte seine weitgefasste Rechtsprechung in die drei Himmelsrichtungen, welche Rom unterworfen waren, von den Nilkatarakten bis zu den Ufern des Phasis und vom thrakischen Bergland zu den Grenzen Persiens. 2. Die bedeutenden Provinzen Pannonien, Dacien, Makedonien und Griechenland anerkannten die Autorität des illyrischen Präfekten. 3. Die Macht des Präfekten von Italien beschränkte sich nicht auf das Land, das seinem Titel den Namen verliehen hatte; es erstreckte sich über das angrenzende Rhätien bis zu den Donauufern, über die benachbarten Mittelmeerinseln und über den Teil des afrikanischen Kontinentes, welcher zwischen Cyrene und Tingitania liegt. 4. Der Präfekt beider Gallien regierte unter dieser weitgefassten Bezeichnung die stammverwandten Provinzen Britannien und Spanien, und sein Befehl galt von Antoninuswall bis zum Fuße des Atlasgebirges Zosimos 2,33. Wenn wir nicht zufällig diesen zufrieden stellenden Bericht über die Macht- und Provinzaufteilung unter den Prätorianerpräfekten besäßen: wir würden uns inmitten der sprudelnden Reichhaltigkeit der Theodosianischen Gesetzessammlung und der umständlichen Genauigkeit der Notitia dignitatum oftmals in Erklärungsnot befinden. .   ZIVILANGELEGENHEITEN DER UNTERWORFENEN LÄNDER Nachdem nun die Reichspräfekten aller ihrer militärischen Stellungen entsetzt waren, waren die verbliebenen zivilen Funktionen, welche sie über so viele unterworfene Nationen auszuüben bestimmt waren, dem Ehrgeiz und den Möglichkeiten auch des vorzüglichsten Ministers durchaus angemessen. Ihrer Weisheit war die oberste Justiz- und Finanzverwaltung anvertraut, die beiden Bereiche, die in Friedenszeiten fast alle gegenseitigen Obliegenheiten des jeweiligen Herrschers und seines Volkes bezeichnen. Des Ersteren, weil er die gesetzestreuen Bürger zu schützen hat; der Letzteren, weil sie von dem Ihren den Anteil beizusteuern haben, dessen der Staat nun einmal für seine Ausgaben bedarf. Die Münze, die Straßen, die Haltestationen, die Kornkammern, die Manufakturen, alles mithin, was den öffentlichen Wohlstand betraf, war der Autorität des Prätorianerpräfekten unterworfen. Als den unmittelbaren Repräsentanten der kaiserlichen Majestät hatten sie die Befugnis, die allgemeinen Edikte auszulegen, zu bekräftigen und in manchen Fällen nach eigenem Ermessen zu modifizieren. Sie überwachten die Amtsführung der Provinzialgouverneure, enthoben die Unfähigen ihrer Stellung und bestraften die schuldig gewordenen. Gegen die Urteile der niederen Gerichtsbarkeit war Berufung in allen wichtigen zivilen oder militärischen Fällen vor dem Richterstuhl des Präfekten möglich: aber sein Urteilsspruch war dann endgültig und unanfechtbar; und die Kaiser selbst weigerten sich, Beschwerde gegen die Rechtsprechung oder die Lauterkeit eines Magistrates zuzulassen, den sie selbst mit derart unbeschränkter Vertauen ausgestattet hatten Siehe hierzu ein Gesetz von Konstantin selbst: »A praefectis autem praetorio provocare, non sinimus.« (Berufung gegen Präfekten lassen wir nicht zu.) Codex Justinianianus 7,62,19. Der Rechtsgelehrte Charisius aus der Zeit Konstantins (Heineccius, Historia iuris Romani, p. 349) sieht in diesem Gesetz einen Fundamentalsatz der Jurisprudenz und vergleicht den Prätorianerpräfekten mit den Magistri equitum der Diktatoren der Frühzeit (Pandekten 1,11.) . Die Bezahlung war seiner Würde angemessen Als Justinian zu einer Zeit, da das Reich finanziell ausgezehrt war, eine Prätorianerpräfektur für Afrika einrichtete, betrug dessen Gehalt einhundert Pfund Goldes. Codex Iustinianus 1,27,1. ; und wenn die ihn beherrschende Leidenschaft die Habsucht war, dann so mochte er sich ungezählter Gelegenheiten erfreuen, reiche Ernte an Gebühren, Geschenken und Vergünstigungen einzufahren. Wenn auch die Kaiser von dem Ehrgeiz ihrer Präfekten nichts mehr zu befürchten hatten, so waren sie dennoch bestrebt, die Macht dieser einflussreichen Institutionen durch die Unbestimmtheit und Kürze der Amtsdauer zu beschneiden Zu diesem und allen anderen Ämtern des Imperiums genüge der Hinweis auf die umfänglichen Kommentare des Pancirolus und Gothofred, welche alle juristischen und historischen Materialien zu diesen Punkten sorgfältig gesammelt und schicklich geordnet haben. Dr. Howell (History of the World, Band 2, p. 22-77) hat in gedrängter Form eine treffliche Darstellung vom Zustande des Römischen Reiches vorgelegt. .   DIE PRÄFEKTEN VON ROM UND KONSTANTINOPEL Infolge ihrer besonderen Bedeutung und Würde unterlagen allein Rom und Konstantinopel nicht der Gerichtsbarkeit durch die Präfekten. Die ungeheure Größe der Stadt und die Erfahrung mit dem schleppenden und wirkungslosen Gang der Gesetze hatte Augustus einen überzeugenden Vorwand geliefert, einen neuen Magistrat ins Leben zu rufen, der allein imstande war, die ebenso unterwürfige wie schwer handhabbare Menschenmasse der Stadt durch den starken Arm einer strengen Justiz unter Kontrolle zu halten Tacitus, Annalen 6,11; Eusebios, Chronika p.155. Cassius Dio beschreibt in der Rede des Maecenas (52,21) die Prärogative des Stadtpräfekten, wie sie zu seiner, des Schreibers, Zeit bestanden. . Valerius Messalla wurde zum ersten Präfekten Roms ernannt, da man annahm, sein Ansehen werde dieser unpopuläre Maßnahme förderlich sein: aber schon nach ein paar Tagen quittierte dieser vollendete Staatsbürger Der Ruhm des Messalla ist zu gering, gemessen an seinen eigentlichen Verdiensten. In frühester Jugend empfahl ihn Cicero der Freundschaft des Brutus. Er stand auf der Seite der Republik bis zu ihrem Untergang bei Philippi: dann suchte und fand er die Gunst des maßvollsten der Sieger; und in gleicher Weise bewahrte er Freiheit und Würde am Hofe des Augustus. Durch die Eroberung von Aquitanien verdiente sich Messalla einen Triumph. Als Redner konnte er es sogar mit Cicero aufnehmen. Messalla stand mit allen Musen auf vertrautem Fuße und war der Patron eines jeden Mannes von Geist. Seine Abende verbrachte er in philosophischem Wechselgespräche mit Horaz; hatte an der Tafel einen Platz zwischen Delia und Tibullus; und förderte in seinen Mußestunden das aufblühende Talent des jungen Ovid. das ungeliebte Amt und erklärte mit einer Seelenfestigkeit, die einem Freund des Brutus angestanden hätte, es sei ihm unmöglich, ein Amt zu versehen, welches mit der öffentlichen Freiheit unvereinbar sei »Incivilem esse potestatem contestans« (tyrannisch, die Gewalt zu beschwören) sagt der Übersetzer des Eusebios, und Tacitus, mit anderen Worten: »quasi nescius exercendi.« (gleichsam außerstande, sich zu betätigen). . Als das Empfinden für Freiheit abgestumpft war, begriff man auch den Vorteil des Amtes besser; und der Präfekt, welcher eigentlich nur für Sklaven und Gesocks ein Schrecknis sein sollte, durfte in Zivil- und Kriminalsachen auch über den Ritterstand und Familien von Adel zu Gericht sitzen. Die Prätoren wurden als Jahresbeamte für Recht und Ordnung eingesetzt; aber sie konnten nicht lange einem ständigen und tatkräftigen Magistrat das Forum streitig machen, der darüber hinaus noch das Vertrauen des Herrschers besaß. Ihre Gerichtshöfe standen verwaist, die Anzahl der Richter, ursprünglich zwölf bis achtzehn Siehe Lipsius, Excursus D zu Tacitus, Annales 1. , war im Laufe der Zeit auf zwei bis drei geschrumpft, und die wichtigste ihrer Tätigkeiten bestand in der kostenintensiven Ehre Heineccius Elementa Juris Civilis secundum ordinem Pandect. Band 1, p.70. Siehe ebenso Spanheim, de Usu Numismatum, Band 2, dissertatio 10, p. 219. Im Jahre 450 erließ Marcianus ein Gesetz, dass in jedem Jahr drei Bürger durch Senatsbeschluss zu Prätoren von Konstantinopel ernannt werden sollten, allerdings nur mit ihrem Einverständnis. Cod Iust. 1,39,2. , Spiele zum Ergötzen des Volkes zu finanzieren. Nachdem nun aus dem römischen Konsulat ein leeres Historienschauspiel geworden war, welches in der Hauptstadt nur noch selten gegeben wurde, besetzten an ihrer Stelle die Präfekten ihren Sessel im Senat und wurden alsbald zu den eigentlichen Vorsitzenden dieser hochachtbaren Versammlung. Gesuche und Appelle aus einem Umkreis von einhundert Meilen ergingen an sie, und es war sozusagen Rechtsgrundsatz, dass die jede Munizipialgewalt allein von ihnen ausging »Quidquid igitur intra urbem admittitur ad Praefectum Urbis videtur pertinere; sed et siquid intra centesimum milliarium.« (Was immer sich innerhalb der Stadt zuträgt, scheint zum Bereich des Praefectus urbis zu gehören; ebenso das, was diesseits des 100. Meilensteines liegt.) Ulpian in Pandectes 1,13,1. Dann schildert er die verschiedenen Aufgaben des Präfekten, der gemäß Codex Iustinianus 1,39,3 befugt ist, dass er allen städtischen Obrigkeiten gebiete »sine iniuria ac detrimento honoris alieni« (ohne Unrecht und Schaden an der Ehre des Anderen.) . Zur Bewältigung seiner zahlreichen Aufgaben waren dem Statthalter Roms fünfzehn Beamte beigegeben, welche ihm ursprünglich gleichgestellt, ja sogar ihm vorgesetzt gewesen waren. Die Stadtviertel entsprachen der Befehlsstruktur einer zahlenstarken Wachmannschaft, welche gegen Feuer, Überfall und nächtliche Ruhestörung eingerichtet war; die die Beihilfen und Getreidezuteilungen überwachten und durchführte; die den Hafen, die Aquädukte und die Kanalisation und die Befahrbarkeit des Tiber kontrollierte; die über den Markt und die Theater sowie die öffentlichen und private Gebäude Aufsicht führte. Ihre Wachsamkeit stellte die drei Voraussetzungen für jede Form geordnete Politik sicher, nämlich öffentliche Sicherheit, Versorgung und Hygiene; und außerdem gab es, sozusagen als Beweis für die Aufmerksamkeit, die die Regierung der Glanz- und Prachtentfaltung widmete, einen eigenen Statueninspektor. Den Hüter mithin jener leblosen Figuren, welche nach der etwas überzogenen Schätzung eines antiken Autors der Zahl der lebenden Einwohners nur um ein Geringes nachstand. Etwa dreißig Jahre nach der Gründung Konstantinopels wurde in der anschwellenden Stadt ein ähnlicher Magistrat mit ähnlichen Befugnissen eingerichtet. So ward vollständige Gleichheit des Ansehens hergestellt zwischen den beiden hauptstädtischen und den vier Reichspräfekturen Neben den üblichen Quellen sei noch auf die Abhandlung des Felix Cantelorius »De praefecto urbis« hingewiesen; und dass zahlreiche bemerkenswerte Angaben über die Polizei von Rom und Konstantinopel sich im 14. Buch des Codex Theodosianus befinden. .   DIE PROKONSULN UND DIE VIZEPRÄFEKTEN Diejenigen, die in der imperialen Hierarchie sich durch den Titel spectabilis auszeichneten, bildete eine eigene Klasse zwischen den illustri Praefekten und den honorabiles Magistraten der Provinzen. Innerhalb dieser Klasse reklamierten wiederum die Prokonsuln Asiens, Griechenlands und Afrikas eine besondere Stellung für sich, was mit Rücksicht auf vergangene Größe denn auch geschah; und oft waren Berufungen gegen ihre Urteile beim Gerichtshof der Präfektur das einzige äußere Zeichen ihrer Abhängigkeit Eunapius bestätigt, dass der Prokonsul von Asien vom Präfekten sogar unabhängig war; was allerdings mit Einschränkung verstanden werden sollte: die Rechtsprechung des Vizepräfekten hat er sicherlich nicht anerkannt. Pancirolus, p. 161. . Die Zivilverwaltung des Reiches war in dreizehn große DIÖZESEN unterteilt, welche jede für sich genommen den Vergleich mit einem respektablen Königreich wagen konnte. Die erste dieser Diözese unterstand der Jurisdiktion des comes des Orients; und vielleicht gewinnen wir eine Vorstellung von der Bedeutung und Vielfalt seiner Aufgaben durch die Mitteilung, dass insgesamt sechshundert Unterbeamte seiner direkten Weisung unterstellt waren, Leute, die man heute wohl als Sekretäre, Büroangestellte, Gerichtsdiener oder Boten bezeichnen würde Der Prokonsul von Afrika hatten deren vierhundert; und alle empfingen sie ansehnliche Gehälter, seien sie aus dem Staatsschatz oder aus der Provinz. Siehe Pancirolus, p. 26 und Codex Iustinianus 12,56 und 57. . Die Stellung des augusteischen Präfekten in Ägypten hatte mittlerweile nicht mehr ein römischer Ritter inne; aber den Namen gab es immer noch; und die außerordentlichen Vollmachten des Provinzgouverneurs, welche einst infolge der Lage des Landes und der besonderen Gemütsverfassung seiner Einwohner unumgänglich gewesen waren, waren nach wie vor in Kraft. Die elf verbleibenden Diözesen, die von Asien, Pontus und Thrakien; von Makedonien, Dacien und Pannonien (oder West Illyrien); von Italien und Afrika; und die von Gallien, Spanien und Britannien wurden von Vikaren oder Vizepräfekten In Italien gab es einen entsprechenden Vikar von Rom. Es hat viel Diskussion darüber gegeben, ob seine Jurisdiktion sich auf einhundert Meilen vor der Stadt oder über alle zehn süditalienischen Verwaltungseinheiten erstreckte. verwaltet, deren Name hinreichend über Art und Selbstständigkeit ihres Amtes aufklärt. Hinzufügen wollen wir noch, dass die Oberfeldherren der römischen Armeen, die comes und duces , von denen bald die Rede sein wird, den Rang und Titel eines respectabilis führen durften.   DIE PROVINZSTATTHALTER Da der Geist der Missgunst und der Prunksucht vorherrschte unter des Kaisers Räten, fuhren diese fort, mit berechneter Pedanterie die Machtbefugnisse aufzuteilen und die Titel zu mehren. Die riesigen Ländermassen, die die Eroberer einstmals unter gleich bleibenden Verwaltungsprinzipien geeint hatten, waren allgemach in winzige Bruchstücke zerbröselt; bis schließlich das ganze Imperium in einhundertundsechzehn Provinzen aufgeteilt war, die alle einen kostspieligen und aufwendigen Verwaltungsapparat erforderlich machten. Drei von ihnen wurden durch Prokonsuln geführt, siebenunddreißig von Konsularen, fünf von Korrektoren und einundsiebzig von Präsidenten. Die Benennung dieser Magistrate war unterschiedlich; sie waren von verschiedenartigem Rang, auch die Abzeichen ihrer Würde waren auf merkwürdige Weise ungleich, und ihre materielle Lage war je nach den Umständen mehr oder minder leidlich oder auch vorteilhaft. Aber alle gehörten sie in die Klasse der honorabiles , die Prokonsuln ausgenommen; und ihnen allen war die Rechtspflege und Finanzverwaltung in ihren Distrikten auferlegt, unter der Aufsicht der Präfekten oder deren Stellvertreter und solange es denn dem Herrscher gefiel. Die gewichtigen Bände mit den Gesetzessammlungen und Pandekten Unter den Arbeiten des hochberühmten Ulpian gab es eine, welche in zehn Büchern das Amt eines Prokonsuls untersuchte, dessen Pflichten im Grundsatz dieselben waren wie die eines gewöhnlichen Provinzgouverneurs. würden umfangreiches Material darbieten, um mit ihm das System der Provinzialverwaltung in allen Einzelheiten darzustellen, wie es die Weisheit römischer Staatsmänner und Rechtskundiger im Laufe von sechs Jahrhunderten entwickelt hat. Der Historiker mag sich indessen damit begnügen, von zwei ausgesuchten und besonders lehrreichen Verfügungen erzählen, deren Intention es war, dem Machtmissbrauch zu steuern: 1. Um Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, hatte man den Provinzgouverneuren das Schwert der Gerechtigkeit in die Hand gegeben. Sie konnten körperliche Züchtigungen anordnen, und bei Kapitalverbrechen lag die Entscheidung über Leben und Tod in ihrer Hand. Aber keinesfalls durften sie dem verurteilten Kriminellen die Wahl der Todesart überlassen oder eine milde und gleichsam ehrenhafte Form des Exils als Strafe aussprechen. Diese Prärogative besaß allein der Präfekt, welcher auch als einziger die schwere Geldstrafe in Höhe von fünfzig Pfund Goldes verhängen konnte: ihre Stellvertreter mussten es bei ein Paar Unzen bewenden lassen Die Präsidenten oder Konsularen durften nur auf zwei Unzen erkennen; die Vizepräfekten auf deren drei; die Prokonsuln, Herrscher des Ostens, und der Präfekt Ägyptens auf sechs. Heineccius, Elementa, Band 1, p.75. Pandectes, 48,19,8. Codex Iustinianus 1,54,4 und 6. . Diese Unterscheidung, die die größere Machtfülle zu bestätigen scheint und die kleinere weiter beschneidet, war äußerst vernünftig begründet: der geringere Grad von Macht konnte unendlich mehr missbraucht werden. Die Provinzmagistraten haben ihm sicherlich oft zu Repressalien hinreißen lassen, was aber nur Freiheit oder Vermögen seiner Untertanen berührten; während er, aus staatsklugen oder Humanitätserwägungen, vom Blute Unschuldiger abstehen mochte. Auch gilt es zu bedenken, dass ein Exil, beträchtliche Geldstrafen, oder die Wahl einer immerhin leichten Todesart mehr den Reichen und Adligen zustehen; so dass die Personen, die von der Habgier und den Ressentiments der Provinzmagistrate am meisten zu fürchten hatten, auf diese Weise seinen geheimen Nachstellungen entzogen waren und es mit der ehrbaren und unparteiischeren Justiz der Reichspräfekten zu tun bekamen. 2. Da billig zu besorgen stand, dass die Redlichkeit eines Richters beschädigt werden könne, wenn seine persönlichen Interessen oder Neigungen ins Spiel kamen, wurden die strengsten Maßnahmen getroffen, jedwede Person, die nicht etwa einen ausdrücklichen Dispens des Kaisers besaß, von der Verwaltung der Provinz auszuschließen, in welcher sie geboren war »...ut nulli patriae suae administratio sine speciali principis permissu permittatur.« (...dass niemandem die Verwaltung seines Heimatlandes ohne spezielle Erlaubnis des Princeps erlaubt sei.) Codex Iustinianus 1,41. Dieses Gesetz wurde erstmalig von Kaiser Marcus Aurelius nach dem Aufstand des Cassius (Cassius Dio, 71) in Kraft gesetzt. Die selbe Regelung finden wir in China, mit gleicher Strenge und gleichem Erfolg. ; dem Statthalter oder dessen Sohn die Ehe mit einer Einwohnerin der Provinz zu verbieten Pandectes 23,2,38,57, und 63. ; und innerhalb des Gebietes seiner Gerichtsbarkeit Sklaven, Ländereien oder Häuser zu erwerben »In iure continetur, ne quis in administratione constitutus aliquid compararet.« (Im Gesetz ist festgelegt, dass kein in der Verwaltung Tätiger sich etwas aneignen darf.) Codex Theodosianus 8,15,1. Dieser allgemeine Rechtsgrundsatz wurde durch eine Reihe von Verordnungen (siehe den Rest des Titels) von Konstantin bis zu Iustinus eingeschärft. Von diesem Kaufverbot, das sich übrigens bis auf die untersten Regierungsmitarbeiter ausdehnte, waren lediglich Kleidung und Lebensmittel ausgenommen. Die gekauften Güter konnten innerhalb von fünf Jahren wieder zurückgefordert werden; danach verfielen sie bei Vorliegen einer Anzeige dem Fiskus. . Dieser strengen Vorkehrungen ungeachtet beklagte der Kaiser Constantin nach fünfundzwanzigjähriger Regierungszeit die käufliche und willkürliche Justiz, und zeigt sich hell empört, dass die Anhörung durch die Richter, die rasche oder schleppende Behandlung einer Sache und das abschließende Urteil allemal gekauft werden konnten, sei es vom Richter persönlich oder von seinen Mitarbeitern. Die Zählebigkeit und wohl auch die Straflosigkeit dieses Unwesens beweisen sich durch die häufige Bekräftigung wirkungsloser Gesetze und leerer Drohgesten »Cessent rapaces iam nunc officialium manus; cessent, inquam; nam si moniti non cessaverint gladiis praecidentur,« etc. (Es sollen nun die raubenden Hände der Beamten ferne sein; sie sollen ferne sein, so sage ich; den wenn sie, verwarnt, sich nicht ferne halten, werden sie mit dem Schwerte abgehauen.) Codex Theodosianus 1,7,1. Zeno verfügt, dass alle Gouverneure fünfzig Tage nach Ablauf ihres Amtes in ihrer Provinz bleiben müssten, um sich gegen etwaige Beschwerden zu rechtfertigen. Codex Iustinianus 2,49,1. .   NIEDERGANG DER JURISPRUDENZ Alle Zivilmagistrate wurden rekrutiert aus Gesetzeskundigen. Die berühmten Institutiones Iustiniani richteten sich an die Jugend seines Reiches, welche sich dem Studium der römischen Jurisprudenz widmeten; und es gefällt sich der Herrscher darin, ihren Eifer mit der Versicherung zu befeuern, dass es für ihre Kenntnisse und ihre Fertigkeiten schon bald in der Regierung der Republik angemessene Verwendung geben werde Summa igitur ope et alacri studio has leges nostras accipite; et vosmetipsos sic eruditos ostendite, ut spes vos pulcherrima foveat toto legitimo opere perfecto, posse etiam nostram rempublicam in partibus eius vobis credendis gubernari. (So also nehmt nun mit höchstem Eifer und Lust am Lernen diese unsere Gesetze an und erweist euch als so gut ausgebildet darin, dass die schönste Hoffnung euch beflügeln darf, ihr werdet nach Beendigung des ganzen Gesetzes-Studiums imstande sein, unseren Staat dort zu leiten, wo wir euch einsetzen werden.) Iustinian. Prooemium Institutionum. . Die Grundlagen dieser einträglichen Wissenschaft wurden in allen bedeutenden Städten des Westens oder Ostens gelehrt; aber die bekannteste Schule war die von Berytus an der Küste Phöniziens Die Blüte der Schule von Berytus, welche Sprache und Rechtsgelehrsamkeit der Römer im Osten weitertrug, hat wenigstens vom dritten bis in die Mitte des sechsten Jahrhunderts gedauert. Heiniccius, Historia Iuris civilis p. 351-356. ; welche dreihundert Jahre lang seit der Zeit von Alexander Severus blühte, des möglichen Stifters einer für sein Land so nutzbringenden Einrichtung. Nach fünfjähriger Ausbildung zerstreuten sich die Studenten in die verschiedenen Provinzen auf der Suche nach Ehre und Brotgewinste; auch gab es für sie unaussmessbare Vorräte an Arbeit in diesem Reiche, welches inzwischen an einer Masse von Gesetzen, Ränken und Lastern angefault war. Allein der Hof des Reichspräfekten des Ostens hatte für einhundertfünfzig Advokaten Arbeit die Fülle, von denen vierundsechzig besondere Privilegien besaßen, und zwei jährlich gewählt wurden, um bei einem Jahresgehalt von sechzig Pfund Gold die Belange des Staatsschatzes zu verteidigen. Die ersten Proben von Rechtsgelehrsamkeit legten sie als Beisitzer der Magistrate ab; dann durften sie öfters den Vorsitz führen an Gerichten, vor denen sie bereits plädiert hatten. Anschließend erhielten sie die Verwaltung einer Provinz; und mit Hilfe von Tüchtigkeit, Anerkennung, Begünstigung stiegen sie Schritt für Schritt in den Rang der illustri empor So wie ich für eine frühere Zeit die Zivil- und Militärlaufbahn des Pertinax nachgezeichnet habe, will ich hier die bürgerliche Karriere des Mallius Theodoros einfügen. 1. Er zeichnete sich durch besondere Eloquenz aus, da er als Advokat vor dem Gerichtshof des Reichspräfekten plädierte. 2. Er verwaltete als Präsident oder Konsular eine der beiden Provinzen Afrikas und hatte sich infolge seiner Leistung eine Bronzestatue verdient. 3. Er wurde zum Vizepräfekten von Makedonien ernannt. 4. Quaestor. 5. Generalschatzmeister. 6. Reichspräfekt Galliens; man möge ihn sich immer noch als jungen Mann vorstellen. 7. Nach mehrjähriger Zurückgezogenheit, vielleicht infolge einer Ungnade, in welchen Mallius (von einigen Gelehrten mit dem Dichter Manilius verwechselt) dem Studium der griechischen Philosophie oblag, Ernennung zum Reichspräfekten im Jahre 397. 8. Noch während der Ausübung dieser gewaltigen Aufgabe wird er 399 zum Konsul des Westens ernannt; und sein Name stand infolge der Ruchlosigkeit seines Kollegen, des Eunuchen Eutropius, oftmals allein in den Fasti. 9. 408 wird Mallius zum zweiten Male Prätorianerpräfekt Italiens. Selbst in der bestellten Jubelrede des Claudian bleiben für uns die tatsächlichen Verdienste des Mallius Theodoros erkennbar, der infolge eines seltenen Glücksumstandes zugleich ein enger Freund des Symmachus und des heiligen Augustin war. . In ihrer Gerichtspraxis hatten diese Männer Vernunft als ein nützliches Werkzeug der Debattierkunst schätzen gelernt; Gesetz interpretierten sie nach den Vorgaben privater Interessen; und eben dieser verderblichen Gewohnheit mochten sie dann auch im der öffentlichen Verwaltung obliegen. Die Ehre ihres Berufsstandes haben antike und zeitgenössische Advokaten durchaus behauptet, welche in vielen Lagen Integrität und tiefe Weisheit erkennen ließen; aber in der Zeit von Roms Niedergang war die Jurisprudenz, sogar die ganz gewöhnliche Ernennung eines Advokaten, geschwängert mit Unrecht und Schande. Die hohe Kunst, die einst heiliges Erbteil der Patrizier gewesen war, war nunmehr in die Hände von Freigelassenen und Plebejern gefallen Mamertinus, Panegyrici 11,20; Asterios bei Photios, p. 1500. , welche mehr mit Durchtriebenheit als Kennerschaft ein niederträchtiges und verderbliches Gewerbe ausübten. Die Einen beschafften sich Zugang zu Familien, nur um dort Zwietracht zu stiften, Prozesse in Gang zu setzen und so für sich oder seine Berufsgenossen reiche Ernte vorzubereiten. Andere wieder, vergraben in ihren Studierkammern, behaupteten die Würde von Rechtslehrer, indem sie einen wohlhabenden Klienten mit Kunstgriffen versahen, um so die simpelsten Wahrheiten zu verwirren oder mit Scheingründen die abwegigsten Ansprüche zu unterstützen. Die angesehenste und volkstümlichste Gruppe bildeten die Advokaten, welche das Forum mit dem Geräusch ihrer Schwulst- und Schwatzrhetorik erfüllten. Unbekümmert um Ruf oder Gerechtigkeit, so werden sie beschrieben, ignorant und habgierig, Fremdenführer, die ihre Klientel durch einen Irrgarten von Ausgaben, verlorener Zeit und Rückschlägen führten; aus welchem sie nach endlosen Jahren erlöst wurden, wenn ihnen die Geduld und das Vermögen ausgegangen waren Die bemerkenswerte Stelle bei Ammianus Marcellinus 29,4 in welcher er die Zunftbräuche zeitgenössischer Juristen schildert, lässt eine befremdliche Mischung von gesundem Menschenverstand, verlogener Rhetorik und üppiger Satire erkennen. Gothofredus (Prolegomena ad Codicem Theodosianum 1, p.185) bestätigt den Geschichtsschreiber durch ähnliche Behauptungen und erwiesene Tatsachen. Im IV. Jh. hätte man allerdings viele Kamele mit Gesetzbüchern beladen können. Eunapios, Vita Aidesii p.72. .   MILITÄRGERICHTSBARKEIT – VERMEHRUNG DER OFFIZIERSSTELLEN III. In dem politischen System des Augustus waren die Statthalter, zumindest die der kaiserlichen Provinzen, mit den Vollmachten des Herrschers selbst ausgerüstet. Von ihnen allein, den Herrschern im Krieg wie im Frieden, hing auch die Zuteilung von Belohnung und Strafe ab, und abwechselnd erschienen sie zu Gerichtssitzungen in der Amtstracht der Zivilmagistrate und an der Spitze der Legionen in voller Kriegstracht Man sehe ein besonders glänzendes Beispiel im »Leben des Agricola,« besonders c. 20, 21. Der Statthalter von Britannien hatte die gleichen Vollmachten, welche Cicero, Prokonsul von Kilikien, im Auftrage von Senat und Volk ausübte. . Das Gewicht der Staatseinkünfte, das Ansehen des Gesetzes und der militärischen Kommandostellen trugen dazu bei, dass ihre Macht fast absolut wurde; und wann immer sie das Gelüste überkam, ihres Treueides zu vergessen, bemerkte die loyale Provinz, die sie in ihre Erhebung involvierten, kaum eine Änderung der politischen Verhältnisse. Für die Zeit zwischen Commodus und Constantin könnten wir etwa einhundert Provinzstatthalter benennen, die mit unterschiedlichem Erfolg die Fahne des Aufruhrs emporgezogen hatten; und wenn auch Unschuldige allzu oft dabei ums Leben kamen, so wurden die Schuldigen durch die argwöhnende Grausamkeit ihrer Herrscher bisweilen von derlei Unternehmungen abgehalten Der Abbé Dubos, der in seiner Histoire de la Monarchie Francoise, Band 1, p.41-100, die Verfassung des Augustus und des Constantin mit Genauigkeit untersucht hat, merkt an, dass Otho, wäre er am Tage vor Ausbruch seiner Verschwörung hingerichtet worden, heute in der Geschichte ebenso unschuldig dastehen würde wie Corbulo. . Um nun seinen Thron und den öffentlichen Frieden vor solchen fürchterlichen Dienern zu schützen, beschloss Constantin, die militärische von der Zivilverwaltung zu trennen; und somit zur festen Amtseinrichtung zu machen, was bis dahin nur als gelegentlicher Notbehelf vorgekommen war. Die höchste Gerichtsbarkeit, die die Reichspräfekten über die Armeen des Reiches ausübten, wurde nunmehr zwei von ihm ins Leben gerufenen Oberbefehlshabern (Magister militum) übertragen, von denen einer für die Reiterei , der andere für das Fußvolk zuständig war; und wenn auch diese illustri zunächst verantwortlich für die Disziplin der ihnen direkt unterstellten Truppen waren, so führten sie im Feld unterschiedslos des Kommando über die Truppenkörper, seien sie zu Pferde oder zu Fuß, die in einer Armee gemeinsam dienten Zosimos 2,33. Vor dem Ende der Regierung Konstantins war die Zahl der ›Magistri militum‹ bereits auf vier angewachsen. Siehe Valesius zu Ammianus Marcellinus 16,7. . Durch die Teilung in ein Ost- und Westreich wurde ihre Zahl alsbald verdoppelt; und da Generäle gleicher Stellung an den vier wichtigsten Grenzlinien, dem Rhein, der oberen und unteren Donau und dem Euphrat standen, so war die Verteidigung des römischen Reiches schließlich acht Oberbefehlshabern der Kavallerie und der Infanterie anvertraut. Ihnen unterstellt waren fünfunddreißig Kriegsbefehlshaber in den Provinzen: drei in Britannien, sechs in Gallien, je einer in Spanien und Italien, fünf an der Oberen und vier an der Unteren Donau; in Asien acht, drei in Ägypten und vier in Afrika. Die Titel Graf (eig. Gefährte, comes) und Herzog (dux) Obwohl die militärischen comites und duces oftmals erwähnt werden, sowohl in der Geschichte wie in Handschriften, müssen wir, um ihre genaue Zahl zu erfahren, auf die Notitia zurückgreifen. Über die Institution, den Rang die Vorrechte \&c der comites im allgemeinen informiert der Codex Theodosianus 7,1,18 und 8,1,10. , der ihnen beigegeben war, haben in den heutigen Sprachen derartig verschiedene Bedeutungen, dass ihr Gebrauch einiges Erstaunen veranlassen muss. Es sollte aber daran erinnert werden, dass die zweite Bezeichnung nur die verderbte Form eines lateinischen Wortes ist ( dux ), welches unterschiedlos auf alle militärische Führung angewandt wurde. Alle diese Provinzgeneräle waren demnach duces . Aber nur zehn wurden des Ranges comes (lat: Gefährte, engl: count) für würdig befunden, ein Ehren- oder besser Gunsterweis, den man erst unlängst am Hofe zu Konstantinopel ersonnen hatte. Ein goldenes Wehrgehenk war das äußere Zeichen des Amtes eines dux und comes; und neben ihrem Sold erhielten sie auch noch die Summe zum Unterhalt von einhundertundneunzig Sklaven und einhundertachtundfünfzig Pferden. Einmischung in Angelegenheiten der Justiz oder der Staatsfinanzen war ihnen ausdrücklich untersagt; hingegen war das Kommando über die Truppen ihres Bezirks von der Autorität der Magistrate unberührt. Etwa um die Zeit, als Constantin dem geistlichen Stande eine gesetzliche Grundlage gab, justierte er auch das heikle Gleichgewicht zwischen ziviler und militärischer Gewalt. Die Rivalität und bisweilen auch die Spannungen, die zwischen zwei verschiedenen Berufsgruppen mit entgegengesetzten Interessen und unvereinbaren Bräuchen bestehen, hatten segensreiche und verderbliche Folgen. Es stand nicht eben oft zu erwarten, dass sich der General und der Zivilgouverneur einer Provinz zu gemeinsamer Verschwörung oder gemeinsamen Dienste zusammentun würden. Während der Eine noch zögerte, die Hilfe zu bringen, die der Andere zu erbitten sich schwer tat, blieben die Truppen häufig ohne klaren Befehl und ohne Verpflegung; die öffentliche Sicherheit sah sich im Stiche gelassen, und die schutzlosen Untertanen fühlten sich den Barbaren ausgeliefert. Die Teilung der Verwaltung, die Constantin eingeführt hatte, lähmte zwar die Kräfte des Staates, stellte aber wenigstens die Nachtruhe des Monarchen sicher.   EINHEIMISCHE UND FREMDE TRUPPEN Das Andenken Constantins wird noch durch eine weitere Neuerung zu Recht verdunkelt, da sie die militärische Disziplin unterhöhlte und den Untergang des Imperiums vorbereitete. Die neunzehn Jahre vor seinem endgültigen Sieg über Licinus waren eine Zeit der Gesetzlosigkeit und des Bürgerkrieges gewesen. Die Rivalen, die um den Besitz der römischen Welt rauften, hatte ihre jeweiligen Streitkräfte zum größten Teil von den Grenzgarnisonen abgezogen; und die Hauptstädte, welche die Grenzmark ihrer jeweiligen Herrschaftsgebiete bildeten, waren mit Soldaten überschwemmt, die ihre eigenen Landsleute als ihre unversöhnlichsten Feinde ansahen. Als nach Beendigung des Bürgerkrieges für diese inneren Besatzungstruppen keine Verwendung mehr bestand, fehlte es dem Sieger Konstantin an der Klugheit oder der Entschlossenheit, die strenge Disziplin eines Diocletian erneut ins Leben zu rufen und die fatale Nachsicht zu unterdrücken, welche der Truppe so lieb und fast schon zum Gewohnheitsrecht geworden war. Seit der Regierungszeit Constantins gab es eine allgemein übliche, beinahe schon gesetzliche Unterscheidung zwischen den palatini Zosimos 2,34. Der Unterschied zwischen diesen beiden Arten von römischen Truppen wird in den Geschichtsbüchern, Gesetzen und in den Notitia nur sehr unscharf herausgearbeitet. Man konsultiere indessen das üppige ›paratitlon‹, Gothofreds Abriss aus dem 7. Buch des ›de Re militari‹ des Codex Theodosianus 7,1,18 und 8,1,10. und limitanei ; den Palasttruppen, wie sie unzutreffend genannt wurden, und den Grenztruppen. Erstere waren durch höheren Sold und größere Vorrechte vor den anderen ausgezeichnet und genossen darüber hinaus das Privileg, dass sie, von kriegerischen Notfällen angesehen, in den friedlichen Städten inmitten der Provinzen Garnison nehmen durften. So hatten noch die reichsten Städte unter der unerträglichen Last dieser Einquartierungen zu leiden. Die Soldaten ihrerseits vergaßen allgemach die Ideale ihres Gewerbes und eigneten sich bürgerliche Untugenden an. So entblödeten sie sich nicht, Handel zu treiben, oder sie erschlafften im Luxus der Bäder und Theatern. Schon bald wurden ihnen ihre kriegerischen Fertigkeiten gleichgültig, Verpflegung und äußerer Aufputz indessen bedeutungsvoll. Und während sie so den römischen Untertanen zum Schrecknis wurden, bebten sie gleichzeitig vor der Annäherung feindlicher Barbaren »Ferox erat in suos miles et rapax, ignavus vero in hostes et fractus« (Dreist war der Soldat und räuberisch gegen seine Leute, aber feige vor dem Feind und weichlich. Ammianus 22,4. Er merkt hierzu noch an, dass sie Daumenbetten und Marmorhäuser besonders schätzten; und dass ihre Trinkgefäße schwerer waren als ihre Schwerter. . Die Kette der Festungen, die Diocletian und seine Mitregenten entlang der großen Grenzströme hatten anlegen lassen, wurden nicht länger instand gehalten oder mit gleicher Hingabe bewacht. Das, was noch an regulären Truppen an den Grenzen stand, wäre für normale Verteidigungsaufgaben hinreichend gewesen. Aber ihr Kampfgeist war gelähmt durch das kränkende Bewusstsein, dass sie , die sie doch recht eigentlich den Fährnissen und Härten eines beständigen Kriegszustandes ausgesetzt waren, nur zwei Drittel des Soldes und der Prämien erhielten, die für die Palasttruppen bereitgestellt waren. Selbst die Legionen, die diesen zu unrecht Bevorzugten fast gleichgestellt waren, wurden im gewissen Sinne herabgesetzt durch die Ehrentitel, welche jene tragen durften. Ganz umsonst dräute Constantin zu wiederholtem Male den limitanei Verderben durch Feuer und Schwert an, wenn sie sich unterstehen sollten, ihre Fahnen zu verlassen, bei Barbareneinfällen stillzuhalten oder sogar mit ihnen die Beute zu teilen Codex Theodosianus 7, 1,1; 12,1. Siehe Howell's History of the World, Band 2, p.19. Diese gelehrte und zu wenig bekannte Historiker ist bemüht, Charakter und Politik des Konstantin zu rechtfertigen. . Das Ungemach, welches aus falschen Maßegeln erwächst, wird durch gelegentliche Strenge nicht wettgemacht; und obgleich spätere Herrscher sich redlich Mühe gaben, Schlagkraft und Stärke der Grenzgarnisonen wiederherzustellen, hatte das Imperium bis zum letzten Augenblicke seiner Auflösung an der tödlichen Verletzung zu leiden, die ihr Constantins Hand aus Übereilung oder Schwäche zugefügt hatte.   CONSTANTIN VERKLEINERT DIE LEGIONEN Die gleiche furchtsame Politik, nämlich das zu teilen, was zusammengehört, das zu verkürzen, was hervorragt, jede tätige Kraft zu fürchten und zu hoffen, dass der Schwächste sich als der Gehorsamste erweisen werde, scheint die Richtschnur des Handelns vieler Herrscher gewesen zu sein und ganz besonders die des Constantin. Der martialische Stolz der Legionen, deren siegreiche Feldlager sooft Schauplatz von Rebellionen gewesen waren, nährte sich mittlerweile nur noch von der Erinnerung an frühere Heldentaten und von dem Bewusstsein seiner gegenwärtigen Stärke. Solange sie ihre hergebrachte Stärke von sechstausend Mann beibehielten, stellten sie unter Diocletians Herrschaft, jede für sich allein, ein sichtbares und wichtiges Stück Militärgeschichte des römischen Reiches dar. Einige Jahre spätere waren diese gewaltigen Truppenkörper zu bescheidener Größe geschrumpft; und als sieben Legionen die Stadt Amida gegen die Perser verteidigten, war die ganze Garnison, einige Hilfstruppen, die Einwohner beiderlei Geschlechts und die Bauern aus den umliegenden Ländereien mitgerechnet, nicht mehr als zwanzigtausend Personen stark Ammianus Marcellinus (19,2) erzählt, dass die verzweifelten Ausfälle von zwei gallischen Legionen die Wirkung hatten, als ob man eine Handvoll Wasser in einen Großbrand geschüttet hätte. . Aus dieser Tatsache und weiteren ähnlichen Beispielen können wir klärlich ablesen, dass die Voraussetzungen, auf denen die Kampfkraft und die Disziplin der Legionen zumindest teilweise beruhten, durch Constantin geschwächt wurden; und dass die Kampfverbände der römischen Infanterie, die immer noch den gleichen Namen und das gleiche Ansehen besaßen, nur noch aus eintausend bis fünfzehnhundert Mann bestanden Pancirolus ad Notitiam, p. 96. Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 25, p. 491. . Eine Verschwörung so vieler isolierter Abteilungen, deren jede sich ihrer eigenen Schwäche durchaus mit Schrecken bewusst war, konnte problemlos in Schach gehalten werden; und die Freude der Nachfolger Constantins an der großen Geste mochte ihr Genüge darin finden, an einhundertzweiunddreißig Legionen Befehle ergehen zu lassen, deren Namen auf den Musterrollen ihrer Kriegsheere verzeichnet waren. Der Rest ihrer Truppen war auf einige hundert Infanteriekohorten und Kavallerieschwadrone verteilt. Ihre Waffen, Titel und Ehrenzeichen sollten Erschrecken verbreiten und die Vielzahl der Nationen zur Geltung bringen, die unter der kaiserlichen Standarte marschierten. Und nichts mehr war übrig geblieben von jener ernsten Schlichtheit, wodurch sich in den Tagen der Freiheit die Linieninfanterie der Römer von den unsortierten Haufen eines asiatischen Monarchen unterschieden hatte »Romana acies unius prope formae erat et hominum et armorum genere. – Regia acies varia magis multis gentibus dissimilitudine armorum auxiliorumque erat.« Die Römische Schlachtreihe war hinsichtlich der Krieger und ihrer Bewaffnung nahezu einheitlich. – Die königliche Schlachtreihe war bedeutend buntscheckiger wegen der verschiedenen Völker und Hilfsvölker und deren Bewaffnung.) Livius 37, 39 und 40. Flaminius selbst hatte unmittelbar vor dem Treffen die Armee dea Antiochos mit einer Mahlzeit verglichen, bei dem das Fleisch eines minderen Tieres durch tüchtige Köche ganz unterschiedlich bereitet wird. Siehe auch Plutarch, Leben des Flaminius. . Eine noch mehr ins Einzelne gehende Aufzählung, die man aus den notitia gewinnen könnte, ist gewiss der Aufmerksamkeit eines Altertumsforschers würdig; für einen Historiker möge die Feststellung genügen, dass an den Grenzen des Imperiums insgesamt fünfhundertdreiundachtzig feste Garnisonen eingerichtet waren; und dass ferner unter den Nachfolgern des Constantin die Gesamtstärke aller militärischen Einrichtungen mit sechshundertfünfundvierzigtausend angegeben wird Agthias, Buch 5, p. 157. . Welche Anstrengung die Bedürfnisse der Vergangenheit ebenso weit übertraf wie die Kräfte der Zukunft.   FREIWILLIGE GESUCHT Armeen werden je nach Zustand einer Gesellschaft aus den unterschiedlichsten Gründen rekrutiert. Barbaren verlangt es nach Kämpfen; die Bürger einer freien Republik mögen dem Ruf der Pflicht folgen; die Untertanen oder zumindest den Adel in einer Monarchie treiben Ehre und Gewissen; die furchtsamen und luxusverwöhnten Bewohner eines untergehenden Staatswesens indessen müssen zum Dienst durch die Aussicht auf Gewinn gelockt oder durch Furcht vor Strafe genötigt werden. Der römische Staatsschatz war durch zunehmende Zahlungen erschöpft, infolge wiederholter Donative oder infolge der Erfindung neuer Vergütungen und anderer Zugeständnisse, welche nach Auffassung der ländlichen Jugend für Härten und Fährnisse des militärischen Lebens aufkommen mussten. Obwohl die Anforderungen an die Körpergröße herabgesetzt wurden Valentinian (Codex Theodosianus 7,13,3) setzt die Standartgröße eines Soldaten auf fünf Fuß sieben Zoll fest, was im englischen Maß fünf Fuß viereinhalb Zoll sind: Früher waren es fünf Fuß zehn Zoll gewesen, und in den Elitetruppen sechs römische Fuß. »Sed tunc erat amplior multitudo, et plures militiam sequebantur armatam.« (Doch dann war die Zahl größer, und immer mehr folgten den Waffen.) Vegetius de Re Militari, 1,5. , obwohl sogar Sklaven stillschweigend in der Musterrolle geduldet wurden, nötigten die unüberwindlichen Schwierigkeiten bei der Anwerbung von Freiwilligen die Kaiser zu effektiverer und nachdrücklicherer Vorgehensweise. Das Landgut, welches man den Veteranen als Belohnung für treue Dienste überlassen hatte, wurden ihnen künftig unter Bedingungen überlassen, die bereits Züge des Lehnswesens trugen; dass nämlich ihre Söhne, wenn sie denn ihre Erbschaft antreten wollten, sich beim Eintritt in das Mannesalter dem Waffendienst widmen müssten; feige Weigerung sollte mit Verlust der Ehre, des Vermögens, ja sogar des Lebens bestraft werden Vergleiche hierzu die beiden Abschnitte De Veteranis und De Filiis Veteranorum im siebenten Buch des Codex Theodosianus. Das Alter für den Eintritt in den Militärdienst variiert zwischen sechzehn und fünfundzwanzig Jahren. Kamen die Söhne der Veteranen mit einem Pferd, so hatten sie das Recht, in der Kavallerie zu dienen; zwei Pferde mehrten ihre Vorrechte beträchtlich. . Da nun aber der jährliche Nachschub von Veteranensöhnen klein war im Verhältnis zum Bedarf der Armee, wurde auch in den Provinzen ausgehoben, und jeder Grundbesitzer war verpflichtet, entweder selbst zu den Waffen zu eilen, für einen Ersatzmann zu sorgen oder sich durch beträchtliche Abgaben freizukaufen. Die Summe von zweiundvierzig Goldstücken, auf die sie vermindert wurden, zeigt, wie teuer Freiwillige waren und wie widerstrebend sich die Regierung auf diesen Handel einließ Codex Theodosianus 7,13,7. Nach Angaben des Historikers Sokrates verlangte derselbe Kaiser Valens achtzig Goldstücke für einen Rekruten. Im nachfolgenden Gesetz wird leise angedeutet, das Sklaven nicht zugelassen werden sollen »inter optimas lectissimorum militium turmas.« (in die besten Schwadrone mit Elitesoldaten.) . So entsetzlich war mittlerweile der Soldatenberuf den degenerierten Römern geworden, dass viele Jugendliche Italiens und der Provinzen es vorzogen, sich die Finger der rechten Hand abzuschneiden, um auf diese Weise nicht zum Dienst gepresst werden zu können. Und dieses unheimliche Auskunftsmittel war so allgemein verbreitet, dass es die Ahndung des Gesetzes Ein römischer Ritter, der seine beiden Söhne so verstümmelt hatte, wurde mitsamt seinem Eigentum in einer öffentlichen Auktion unter Augustus versteigert. (Sueton, Augustus 27) Das sonst kalkuliert milde Auftreten dieses Herrschers beweist, dass diese Strenge eine Verbeugung vor dem Zeitgeist war. Ammianus (15,12) unterscheidet zwischen den verweichlichten Italienern und den grobgekörnten Galliern. Indessen schärft 15 Jahre später Valentinian in einen Gesetz dem Präfekten von Gallien ein, dass solche feigen Deserteure lebendig verbrannt werden sollten (Codex Theodosianus 7,13,5). In Illyrien waren es so viel, dass hier Rekruten fehlten (a.a.O., 7,13,10). hervorrief und eine spezielle Bezeichnung in der lateinischen Sprache zur Folge hatte Sie wurde murci genannt. Murcidus findet man bei Plautus und Festus und kennzeichnet einen trägen und feigen Charakter, welcher nach den Angaben von Arnobius und Augustinus unter dem unmittelbaren Schutz der Gottheit Murcia stand. Wegen dieses besonderen Beispiels von Feigheit wird murcare von mittellateinischen Autoren als Synonym für mutilare (verstümmeln) gebraucht. Siehe Lindenbrog und Valesius zu Ammianus Marcellinus 15,12. . So wurde die Aufnahme der Barbaren in die römische Armee mit jedem Tage allgemeiner, notwendiger, aber auch verhängnisvoller.   HILFSTRUPPEN DER BARBAREN ANGEWORBEN Die kühnsten der Skythen, Goten und Germanen, die an dem Kriegshandwerk ihre Freude hatten und die es für lohnender erachteten, eine Provinz zu verteidigen als sie zu plündern, wurden in die Musterrollen der Hilfstruppen ihrer Nationen eingetragen, aber auch in die der Legionen und sogar noch in die der vornehmsten palatini . Da sie mit den Untertanen des Reiches ungehinderten Austausch pflegten, lernten sie schon bald deren Gebräuche zu verachten und deren Kunstgriffe zu schätzen. Sie legten die blinde Verehrung ab, welche sie der Größe Roms in ihrer Arglosigkeit gezollt hatten und erwarben zugleich die Kenntnis und den Besitz jener Überlegenheit, mit der Rom allein seine schwindende Größe noch abstützte. Der Barbarenkrieger, welcher nur irgendeine Probe von militärischem Talent ablegte, rückte ausnahmslos in höchste Kommandostellen vor; und die Namen der Tribunen, der comes und duces und selbst noch der Generäle verrieten ausländische Herkunft, die zu verbergen sie sich indessen keineswegs mehr bereit fanden. Ihnen wurde oft sogar die Führung eines Krieges gegen die eigenen Landsleute anvertraut; und wenn die meisten von ihnen auch eher auf die Stimme der Pflicht hörten als die des Blutes, wurden sie zuweilen eben doch verdächtigt, mit dem Feinde gemeinsame Sache zu machen, ihn zur Invasion nachgerade einzuladen oder ihm beim Rückzug nicht allzu heftig zuzusetzen. Lager und Palast wurden durch die mächtige Partei der Franken beherrscht, die untereinander und zu ihrem Land die unbedingteste Treue bewahrten und die jede persönliche Unbill als eine nationale Schmach verübelten »Malarichus – adhibitis Francis quorum ea tempestate in palatio multitudo florebat, erectius iam loquebatur tumultuabaturque.« (Da Malarichus im Gefolge viele Franken hatte, die in jenen Zeiten am Hofe mächtig waren, sprach er schon mal ein aufrechtes Wort und schlug auch sonst Lärm.) Ammianus Marcellinus, 15,5. . Als der Tyrann Caligula im Verdacht stand, einem ganz und gar außergewöhnlichen Kandidaten zum Konsul zu ernennen, hatte diese Ungeheuerlichkeit kaum weniger Überraschung hervorrufen können, als wenn er anstelle des von ihm erwählten Pferdes einen der edelsten germanischen oder britannischen Stammeshäuptlinge zum Gegenstande seiner Wahl gemacht hätte. Drei Jahrhunderte hatten die Vorurteile des Volkes so stark umgestaltet, dass Constantin unter öffentlichem Beifall seinen Nachfolgern ein Beispiel geben konnte und Barbaren die Konsulwürde übertrug, welche durch Verdienst und Tüchtigkeit beanspruchen durften, unter die ersten Römer gezählt zu werden »Barbaros omnium primus, ad usque fasces auxerat et trabeas consulares.« (Als erster von allen hat er die Barbaren zur Würde der Fascen und des Konsulmantels erhoben.) Ammian. 21,10. Eusebios (Vita Constantini 27) und Aurelius Victor scheinen den Vorgang zu bestätigen; aber in den 32. Konsularfasti der Regierung von Konstantin entdecke ich keinen einzigen barbarischen Namen. Ich würde dem Herrscher daher nur hinsichtlich der Schmuckfunktion des Konsulates Großzugigkeit attestieren, nicht hinsichtlich des Amtes als solchem. . Da nun aber diese rauen Veteranen, erzogen in der Unkenntnis oder sogar zur Verachtung der Gesetze, außerstande waren, Zivilangelegenheiten zu besorgen, wurden die Möglichkeiten des menschlichen Geistes verkürzt, da Talent und Tätigkeit unüberbrückbar geschieden waren: die Bürger der griechischen und römischen Republiken, die imstande waren, selbst den Erfordernissen des Gerichts, des Senates, des Militärs oder der Gelehrsamkeit gerecht zu werden, hatten zu schreiben, zu reden und zu handeln gelernt, mit immer gleichem Geist, mit immer gleichem Vermögen.   DIE SIEBEN PALASTMINISTER IV. Neben den Magistraten und Generälen, welche in einiger Entfernung vom Hofe die ihnen übertragene Macht in den Provinzen und Armeen exekutierten, übertrug der Kaiser auch noch auf sieben ihm direkt unterstellte Diener den Titel illustri , Diener, deren Treue er seine persönliche Sicherheit, seine Meinung und sein Schatulle anvertraute. 1. Die Privatgemächer des Palastes unterstanden der Obhut eines Eunuchen seiner Gunst, einem Kämmerer, welcher in der Sprache jener Zeiten der praepositus oder Präfekt des heiligen Schlafzimmers betitelt wurde. Es gehörte zu seinen Pflichten, den Kaiser bei offiziellen Staats-Auftritten oder in seinen Mußestunden zur Hand zu sein und überhaupt um seine Person jene kleinen Dienste zu verrichten, die ihre Bedeutung lediglich aus der Person des königlichen Herren ziehen. Unter einem Herrscher, der ernsthaft zu regieren gewillt war, war der erste Kammerdiener (denn so können wir ihn auch nennen) ein nützlicher und ergebener Domestike; aber ein anschlägiger Diener, der jeden Augenblick entspannter Vertraulichkeit auszubeuten versteht, wird über ein schwaches Gemüt unmerklich jenen Einfluss gewinnen, den strenge Weisheit und unbeugsame Tugend nur selten einnehmen. Die verkommenen Enkel eines Theodosius, die ihren Untertanen unsichtbar und ihren Feinden erbärmlich waren, erhoben die Vorsteher ihres Schlafgemaches über alle anderen Minister des Palastes Codex Theodosianus 6,8. ; und noch ihre Stellvertreter, die als die ersten galten unter den Sklaven seiner Umgebung, erfreuten sich eines höheren Ansehens als die respectabiles Prokonsuln Griechenlands oder Asiens. Die Rechtsprechung des Kammerdieners wurde von den beiden comes oder Superintendenten anerkannt, welche die wichtigen Ämter des kaiserlichen Kleiderbesorgers und der Aufsicht über das Tafelgeschirr versahen Mit einer sonderlichen, dem kriegerischen Gemüte der ersten Kaiser geschuldeten Metapher erhielt der Haushofmeister den Titel comes castrenensis (Verwalter des Lagers). Cassiodor, Variae, Epistula 9. stellt ihm eindringlich vor, dass sein eigenes Ansehen und das des Reiches wesentlich von dem Eindruck abhingen, den die Üppigkeit und der Glanz der kaiserlichen Tafel bei ausländischen Gesandtschaften hervorriefen. . 2. Die eigentliche Besorgung öffentlicher Angelegenheiten lag in der Hand des magister officiorum Gutherius (de Officiis Domus Augusta, 2,20, und 3) hat die Aufgaben dieses magister officiorum sowie die seiner nachgeordneten scrinia mit Genauigkeit erörtert. Aber ganz vergeblich versucht er unter Berufung auf höchst zweifelhafte Gewährsleute den Ursprung dieser Ämter in die Zeit der Antonine oder sogar Neros zu verlegen, die doch für die Zeit vor Constantin historisch nicht nachgewiesen werden können. (»Vorsteher der Geschäfte«). Er war der oberste Palastbeamte, führte Aufsicht über die zivilen und militärischen Schulen, und aus allen Teilen des Reichs ergingen Petitionen an ihn; und zwar für solche Fälle, die im Zusammenhang mit der Heerschar der Privilegierten standen, welche als Hofbedienstete für sich und ihre Familien das Recht in Anspruch nehmen durften, die Urteile gewöhnlicher Richter abzulehnen. Der Kontakt zwischen Herrscher und Untertanen wurde durch die vier scrinia oder Staatsminister geregelt. Der erste war zuständig für Denkschriften, der zweite für die Korrespondenz, der dritte für Gesuche und der vierte für Schriftstücke und Erlasse vermischten Inhalts. Ein weisungsgebundener Vorsteher mit der Würde respectabilis führte den jeweiligen Geschäftsbereich, und die eigentliche Arbeit wurde von einhundertvierundachtzig Sekretären ausgeführt, welche größtenteils Rechtskundige waren infolge der Vielfalt von Rechtstiteln in den Berichten und Schriftstücken, welche ihnen im Verlaufe ihrer Tätigkeit begegneten. Auch gab es noch infolge eines besonderen Gunsterweises, zu dem in früheren Zeiten die römische Majestät sich nicht verstanden hätte, einen besonderen Sekretär für griechische Sprache; es waren Dolmetscher für die verschiedenen Gesandtschaften aus Barbarenländern angestellt; indessen gelangte das Ministerium für Auswärtiges, das doch in der Gegenwart eine so eminente Rolle spielt, nur selten in den Bereich der persönlichen Wahrnehmung des magister officiorum . Er war wesentlich befasst mit der richtigen Anlage von Stützpunkten und Waffenarsenalen. Vierunddreißig Städte, fünfzehn im Osten und neunzehn im Westen beschäftigten ganze Kompanien von Handwerkern, die nur damit beschäftigt waren, Angriffs- und Verteidigungswaffen aller Art und Militärmaschinen herzustellen, welche dann in den Arsenalen untergebracht oder an die Truppen ausgeliefert wurden. 3. Im Laufe von neun Jahrhunderten hatte das Amt des quaestor manche Veränderung erfahren Tacitus (Annalen 11.22) sagt, die ersten Quästoren wurden vierundsechzig Jahre nach Gründung der Republik vom Volk gewählt; aber er meint, dass sie bereits vorher durch die Konsuln und sogar die Könige jährlich ernannt wurden. Indessen wird diese merkwürdig frühe zeitliche Festlegung von anderen Autoren bestritten. . In der Kindheit Roms wurden jährlich zwei Subalternbeamte gewählt, die den Konsuln das widrige Geschäft der Finanzverwaltung abnehmen sollten; jeder Prokonsul erhielt einen ähnlichen Gehilfen, sowie jeder Prätor, welcher ein Militärkommando oder eine Provinz innehatte; zusammen mit den Eroberungen vergrößerte sich auch die Zahl der zwei Quästoren auf vier, acht, zwanzig und für kurze Zeit sogar auf vierzig Tacitus (Annalen 11,22) scheint als höchste Zahl für Quästoren zwanzig anzunehmen; Cassius Dio 43,47 legt nahe, dass, falls denn der Diktator Caesar einst vierzig ernannt habe, dieses nur deshalb geschehen sei, um seine gewaltige finanzielle Dankesschuld abtragen zu können. Die Vermehrung der Prätorstellen blieb auch unter den folgenden Herrschern bestehen. ; und die ehrbarsten Bürger strebten dieses Amt an, welches ihnen die berechtigte Hoffnung auf einen Senatssitz und auf die Ehrenstellen der Republik eröffnete. Während Augustus sich bemühte, die Fiktion einer freien Wahl aufrecht zu erhalten, stimmte er doch in das Privileg darein, jährlich eine bestimmte Anzahl von Kandidaten vorzuschlagen oder besser: zu nominieren; auch gehörte es zu seinen Gepflogenheiten, einen dieser bevorzugten Jünglinge dadurch auszuzeichnen, dass er seine Reden oder Briefe im Senat verlesen durfte Sueton, Augustus 65 und Torrentius zu Cassius Dio, p.755 . Die nachfolgenden Herrscher eiferten Augustus in diesem Punkte nach; aus der gelegentlichen wurde eine dauerhafte Einrichtung; und der so bevorzugte Quaestor, der auf diese Weise zu neuen und höheren Ehren kam, überlebte so als einziger die Unterdrückung seiner alten und überflüssig gewordenen Kollegen Die Jugend und Unerfahrenheit der Quästoren, die in ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr in dieses wichtige Amt eintraten (Lipsius, Excursus zu Tacitus, Annales 3), vermochten Augustus, sie aus der Verwaltung der Staatsfinanzen zu abzuziehen; und obwohl sie unter Claudius wieder zu Ehren kamen, scheint sie Nero endgültig abgeschafft zu haben (Tacit. Annal. 13, 29. Sueton, Augustus 36, Claudius, 24. Cassius Dio, 53,2 und 60,24 etc. Plinius, Epistulae 10,20 et alibi). In den Kaiserprovinzen wurde die Stelle der Quästoren besser durch den Prokurator (Cassius Dio, p. 707; Tacitus, Agricola15) oder, wie man sie später nannte, die rationales (Historia Augusta, Alexander Severus 45f) ausgefüllt. In den Senatsprovinzen können wir noch bis in die Regierungszeit des Marcus Antoninus Quästoren finden (Gruter, Inscriptiones, die Briefe des Plinius und eine entscheidende Tatsache in der Historia Augusta, Alexander Severus 2). Von Ulpian (Pandekten 1,13) können wir lernen, dass unter der Herrschaft des Severerhauses ihre Provinzialverwaltung abgeschafft wurde; und im Verlauf der anschließenden Unruhen wurde die ein- oder dreijährige Quästorenwahl naturgemäß aufgegeben. . Da die Reden, die er im Namen des Kaisers Cum patris nomine et epistolas ipse dictaret, et edicta conscriberet, orationesque in senatu recitaret, etiam quaestoris vice (Er diktierte im Namen seines Vater selbst Briefe, entwarf Erlasse, trug im Senat Reden an Stelle des Quaestors vor.) Sueton, Tiberius 6. Dieses Amt muss zu neuen Würden gekommen sein, da es gelegentlich vom vorgesehenen Reichserben ausgeübt wurde. Traian übertrug dasselbe Amt auf Hadrian, seinen Quästor und Vetter. Siehe Dodwell, Praelectiones, c.10 und 11, p. 362-394. abfasste, irgendwann die Geltung und endlich die Gestalt unwiderruflicher Erlasse annahmen, wurde es als das Sprachorgan der Legislative angesehen, das Staats-Orakel der Ratsversammlung und die reine Quelle der Rechtsgelehrsamkeit. Er wurde oft eingeladen, im obersten richterlichen Entscheidungsgremium des kaiserlichen Staatsrates mitzuwirken, zusammen mit den Reichspräfekten und dem magister officium . Und oft wurde er gebeten, Zweifelsfälle der Vorinstanzen zu beheben; da er indessen nur wenig mit den unterschiedlichen Nebengeschäften befasst war, konnte er seine Muße und sein Talent daran verwenden, jene erhabene Eloquenz zu kultivieren, welche trotz ihrer Verderbnis von Geschmack und Sprache immer noch die Würde des römischen Rechtes ausmachte ...terris edicta daturus;/Supplicibus responsa, venis./Oracula regis Eloquio crevere tuo; nec dignius unquam /Majestas meminit sese Romana locutam (...den Ländern Edikte zu geben und den Flehenden Gnadenerlasse, bist du gekommen...Die Orakel des Herrschers gewannen durch deine Beredsamkeit; es hatte niemals noch Roms Majestät nach eigenem Erinnern edler gesprochen). Claudianus, de Consulatu Mallii Theodori 33-37. Siehe auch Symmachus, Epistula 1,17 und Cassiodorus, Variae, 6, 5. . In mancher Hinsicht kann das Amt des kaiserlichen Quästoren mit dem eines modernen Kanzlers verglichen werden; aber das Große Staatssiegel, welches unter illiteraten Barbaren aufgekommen zu sein scheint, war niemals in Gebrauch gewesen, die öffentlichen Verfügungen der Kaiser zu bekräftigen. 4. Der hochtrabende Titel eines comes sacrarum largitionum wurde dem Generalschatzmeister verliehen, wodurch wohl angedeutet werden sollte, dass jede Zahlung der Freigebigkeit des Herrschers zu danken sei (Largitio: Überfluss, Freigebigkeit, A.d.Ü.). Die nachgerade unendlichen Einzelheiten der jährlichen und täglichen Zahlungen der Zivil- und Militärverwaltung dieses Riesenreiches zu erfassen würde die Möglichkeiten auch der ausschweifendsten Phantasie übersteigen. Die eigentliche Buchführung beschäftigte einige hundert auf elf verschiedene Geschäftsbereiche verteilte Personen, welche auf sinnreiche Weise die jeweiligen Verrichtungen überprüften und kontrollierten. Diese Mitarbeiter hatten die naturgewollte Neigung zur Selbstvermehrung; und mehr als einmal hatte man daran gedacht, die Nutzlos-überzähligen in ihre Heimat zu entlassen, welche dort ihre ehrsame Arbeit aufgegeben hatten und sich allzu eifrig nach dem einträglichen Beruf des Finanzbeamten gedrängt hatten Codex Theodosianus 6,30; Codex Iustinianus 12,24. . Neunundzwanzig Steuereinnehmer in den Provinzen, von denen achtzehn den Titel eines comes innehatten, standen mit dem Generalschatzmeister in Verbindung; und er führte die Oberaufsicht über die Minen, in welchen das Edelmetall gewonnen wurde, über die Münze, in der es zu Kurrentwährung geschlagen wurde und über die Schatzhäuser der meisten Großstädte, in denen sie zum Nutzen des Staates aufbewahrt wurden. Auch der Außenhandel unterstand diesem Minister, sowie die Leinen- und Wollmanufakturen, in welchen zumeist von Frauen aus dem Sklavenstande für den Palast und die Armee gesponnen, gewoben und gefärbt wurde. Sechsundzwanzig solcher Stätten werden für den Westen genannt, wo Handwerkskünste erst vor kurzem eingeführt waren, während man für den Osten eine noch größere Zahl veranschlagen dürfte Der Teil der notitia, welcher den Osten betrifft, ist hinsichtlich des Wirkens der beiden Schatzmeister äußerst lückenhaft. Es sei angemerkt, dass es in London ein Schatzhaus gab sowie ein gyneceum (Manufaktur) in Winchester. Einer eigenen Prägestätte oder eines Arsenals hielt man Britannien nicht für würdig. Allein Gallien hatte drei der Erst- bzw. acht der Letztgenannten. . 5. Neben dem Steueraufkommen, das ein absoluter Monarch nach Belieben erheben und ausgeben kann, besaßen die Kaiser in ihrer Eigenschaft als wohlhabende Staatsbürger auch noch ein umfängliches Privatvermögen, welches durch ihre Schatzmeister der Schatulle im Range eines comes verwaltet wurde. Einiges davon war wohl schon seit Alters königlicher Besitz oder Staatsdomäne gewesen; einiges stammte auch von Familien, in denen der Purpur erblich gewesen war; das meiste aber floss aus der trüben Quelle von Konfiskationen und Besitzverfall. Der kaiserliche Besitz lag über die Provinzen verstreut, von Mauretanien bis nach Britannien; aber der reiche und fruchttragende Boden Kappadokiens verführte den Monarchen, sich in dieser Provinz sein schönstes Stück Land zu nehmen Codex Theodosianus 6,30,2 und noch Gothofredus. , und so waren Constantin oder einer seiner Nachfolger nicht blöde, ihre Habgier mit einem religiösen Mäntelchen zu behängen. Sie machten Schluss mit dem reichen Tempel von Comana, wo der Hohepriester der Kriegsgottheit sich wie ein regierender Herrscher aufführte; sie verleibten das geheiligte Land ihrem Privatbesitz ein, welches von sechstausend Einwohnern oder Sklaven der Gottheit und ihrer Diener bewohnt wurde Strabo, Geographie 12,, p.809, Der andere Tempel von Comona im Pontus war eine Pflanzung desjenigen von Kappadokien (12, p 825). Herr Des Brosses vermutet (Salluste, Bd. 2, p.21), dass die Gottheit, die in den beiden Comanas angebetet wurde, Beltis war, die Venus des Ostens, die Göttin der Zeugung. Was in der Tat eine vom Wesen einer Kriegsgöttin deutlich verschiedenes Sein. . Aber diese Einwohner machten nicht den eigentlichen Wert aus; die Ebene, die sich vom Argaeus-Berg bis zum Ufer des Sarus erstreckt, brachte eine wertvolle Pferderasse hervor, die in der Antike vor allen anderen berühmt war für ihren eleganten Körperbau und ihre unvergleichbare Schnelligkeit. Diese heiligen Tiere, die für den Palastdienst vorgesehen waren sowie für die kaiserlichen Spiele, waren durch Gesetz vor der Profanisierung durch einen gewöhnlichen Besitzer geschützt Codex Theodosianus 10,6, de grege dominico. Gothofred hat alles zusammengetragen, was aus der Antike über die Pferde Kappadokiens zu erfahren war. Eines der schönsten Rassen, die Palmatische, stammte aus dem eingezogenen Besitz eines Rebellen, dessen Gestüt etwa sechzehn Meilen von Tyana entfernt lag, in der Nähe der großen Straße von Konstantinopel nach Antiochia. . Die Besitz in Kappadokien war wichtig genug, ihn von einem comes verwalten zu lassen Justinian (Novellae 30) entzog die Verwaltung der Provinz dem comes von Kappadokien und unterstellte sie unmittelbar dem Eunuchen des heiligen Schlafgemaches. ; in anderen Teilen des Gebietes waren Offiziere von untergeordnetem Range stationiert; und die Bewahrer des privaten wie des Staatsschatzes wurden in der Ausübung ihrer unabhängigen Funktion beibehalten und dazu ermutigt, die Autorität der Provinzmagistrate zu überwachen Codex Theodosianus 6,30.4ff. . 6, und 7. Die handverlesenen Infanterie- und Kavallerietruppen, die die Person des Kaisers schützten, unterstanden den beiden comes domesticorum (Aufseher über die Hausbediensteten). Es waren ihrer insgesamt dreitausendfünfhundert, die auf sieben Banden oder Abteilungen verteilt waren, jede zu je fünfhundert Mann; und im Osten oblag dieser ehrenvolle Dienst fast ausschließlich den Armeniern. Wann immer sie bei festlicher Gelegenheit in den Höfen und Porticos des Palastes aufzogen, demonstrierten sie mit ihren kräftigen Körpern, ihrer ruhig-besonnenen Ordnung und dem glänzenden Silber- und Goldgewaff einen militärischen Pomp Pancirolus, p.102 und 136; der Aufzug dieser Haus-Truppen wird in dem lateinischen Gedicht des Corippus, de laudibus Iustiniis 3, 157-179 im Appendix Historiae Byzantinae, Rom 1777 geschildert. , der der römischen Majestät wohl anstehen mochte. Aus diesen sieben Abteilungen wurden durch einen protector zwei Kompanien zu Pferde und zu Fuß zusammengestellt, deren Vorzugsstellung die Hoffnung und die Auszeichnung besonders verdienter Soldaten war. Sie bezogen Posten im Inneren des Palastes, und gelegentlich wurden sie in die Provinz entsandt, um mit Nachdruck und ohne Verzug die Anordnungen ihres Herren zu exekutieren Ammianus Marcellinus, der so viele Jahre diente, hatte lediglich den Rang eines protector (»Soldat von der Leibwache.«) inne. Die ersten zehn dieser Elitesoldaten führten den Titel clarissimi . . Diese Aufseher der Hausbediensteten folgten den Prätorianerpräfekten in deren Amt; und wie die Präfekten trachteten auch sie in ihrem Palastdienst nach einem Armeekommando.   DIE AGENTEN ODER AMTLICHEN DENUNZIANTEN Der beständige dienstliche Austausch zwischen Hof und Provinzen wurde durch das Fernstraßennetz und die festen Stationen wesentlich erleichtert. Indessen: diese segensreichen Einrichtungen wurden wie von ungefähr auf verderbliche und unerträgliche Weise missbraucht. Zwei- bis dreihundert Agenten oder Boten, die dem magister officiorum unterstellt waren, waren eigens damit beschäftigt, die Namen der Jahreskonsuln, die Edikte und die Siege des Kaisers zu verkünden. Unmerklich erweiterte sich ihre Tätigkeit auch dahin, dass sie alles das zu berichten wussten, was sie von dem Verhalten der Magistrate oder einzelner Bürger in Erfahrung gebracht hatten; und schon bald nannte man sie nur noch die Augen des Herrschers Xenophon, Kyrupaideia 8; Brisson, de regno Persarum 1, Nr.190, p.264. Die Kaiser nahmen sich dieser persischen Metapher mit Vergnügen an. und die Heimsuchung des Volkes. Unter dem förderlichen Einfluss eines schwachen Regimes wuchs ihre Zahl auf unfassbare Zehntausend; sie scherten sich nicht weiter um die gesetzlichen Beschränkungen und übten sich bei der einträglichen Verwaltung der Stationen in räuberischer und dreister Erpressung. Diese Spione von Amts wegen, die eine regelmäßige Korrespondenz mit dem Hof pflegten, wurden durch Gunsterweise und Belohnungen dazu ermutigt, ängstlich-sorgsam auf jedes Anzeichen für verräterische Umtriebe zu achten, angefangen bei schwächlichen Unmutsbekundungen bis hin zu handfesten Vorbereitungen einer offenen Revolte. Ihr sorgloser oder sogar krimineller Umgang mit der Wahrheit und dem Recht wurde mit dem Mäntelchen heiligen Diensteifers behängt; und so schossen sie ihre Giftpfeile unterschiedslos auf den Schuldigen oder den Unschuldigen, an welchem sie sich vielleicht nur geärgert hatten oder der sich geweigert hatte, sich ihr Schweigen zu erkaufen. Ein treuer Untertan, etwa aus Syrien oder Britannien, war so der Gefahr ausgesetzt, in Ketten zum Hof von Mailand oder Konstantinopel verschleppt zu werden, um sein Leben und Vermögen gegen die heimtückisch Anklagen dieser privilegierten Denunzianten zu verteidigen. Die normale Verwaltung griff bei solcher Gelegenheit zu Methoden, die sich allenfalls durch äußerste Notlagen rechtfertigen lassen; und was an Beweisen fehlte, lieferte die Folter nach Zu den ›Agentes in rebus‹ siehe Ammianus 15,3; 16,5; 22,7, nebst den unterhaltsamen Anmerkungen des Valesius. Codex Theodosianus 17, 27-29. Unter den von Gothofred gesammelten Passagen ist die eine aus dem Libanius in seinem Diskurs über den Tod Iulians. .   KRIMINALJUSTIZ UND FOLTER Der falsche und gefahrenreiche Mittel der peinlichen quaestio (»Befragung«), wie es ausdrücklich genannt wurde, wurde in die römische Rechtskunde übernommen, wenn auch nicht eben gutgeheißen. Man wandte dieses blutrünstige Verfahren denn auch nur gegenüber Sklaven an, deren Leiden jene hochfahrenden Republikaner nur selten auf die Waage des Rechtes und der Humanität legten: aber niemals hätten sie sich dareingefunden, an die geheiligte Person eines Bürgers Hand zu legen, solange sie nicht die eindeutigsten Schuldbeweise in der Hand gehabt hätten Die Pandekten (48,18) enthalten die Überlegungen der angesehensten Rechtsanwälte über die Folter. Sie wollen sie mit Bestimmtheit nur auf Sklaven angewandt wissen; und Ulpian selbst erkennt an, dass » Res est fragillis, et periculosa, et quae veritatem fallat.« (...die Sache unzuverlässig und gefährlich ist und die Wahrheit verschleiert.) . Die Annalen der Tyrannei, beginnend mit Tiberius und endend mit Domitian; nennen ungezählte Fälle von Hinrichtungen Unschuldiger; aber solange der Schatten einer Erinnerung an die Freiheit und die Ehre der Nation lebte, war ein Römer bis zu seiner letzten Stunde sicher vor der Gefahr schändlicher Folter In der Verschwörung des Piso gegen Nero war Epicharis, eine »libertina mulier« (Freigelassene), die einzige Person, welche gefoltert wurde; alle anderen waren »intacti tormentis« (von Foltern unberührt). Ein schwächeres Beispiel hinzuzufügen wäre überflüssig, eine stärkeres zu finden schwierig. Tacitus, Annalen 15,57. . Die Magistrate der Provinzen waren jedoch in ihrem Handeln nicht an die Vorgaben der Stadt gebunden oder an die Grundsätze von Rechtsgelehrten. Sie sahen, dass die Folter eingeführt war, und zwar nicht nur unter den Sklaven in einer orientalischen Despotie, sondern auch unter den Makedoniern, welche einem abhängigen König gehorchten, unter den Rhodiern, welche eine Wirtschaftsmacht darstellten und sogar unter den besonnenen Athenern, die doch immer für Menschenwürde eingestanden hatten »Dicendum . . . de institutis Atheniensium, Rhodiorum, doctissimorum hominum, apud quos etiam (id quod acerbissimum est) liberi, civesque torquentur.« Es ist zu reden von der Einrichtung der Athener und Rhodensier, äußerst gebildeter Männer, bei den ebenfalls (was am schlimmsten ist) Freie und Bürger gefoltert werden. Cicero, Partititiones Oratoriae 34. Aus dem Prozess gegen Philotas können wir diese Übung bei den Makedoniern kennen lernen. Diodoros Siculus 17; Curtius Rufus 6,11. . Die Fügsamkeit der Provinzbewohner ermutigte die Statthalter, die Folter nach eigenem Gutdünken einzusetzen oder besser: ihren Gebrauch sich anzumaßen, um aus Verbrechern oder Übeltätern plebejischer Herkunft ein Schuldbekenntnis zu erpressen, bis sie dann allmählich diese Rangunterschiede unberücksichtigt ließen und sich über die Vorrechte römischer Bürger hinwegsetzten. Die Besorgnisse der Untertanen und das Interesse des Kaisers vermochten sie, eine Reihe von Ausnahmen zuzulassen, was auf einen stillschweigend gebilligten und allgemeinen Gebrauch der Folter hinauslief. Ausgenommen waren alle Personen von Rang und Ehre, Bischöfe und Presbyter, Professoren der freien Künste, Soldaten nebst ihren Familien, städtische Beamte und deren Nachkommen bis in die dritte Generation, sowie alle Kinder vor der Pubertät Heineccius (Elementa Iuris Civilis Teil 7, p. 81) hat diese Ausnahmen in einer Übersicht zusammengestellt. . Aber ein verhängnisvoller Grundsatz war in die neue Rechtspflege des Reiches eingeführt, dass nämlich im Falle von Verrat – und hierzu gehörte jedes Vergehen, was die Spitzfindigkeit der Advokaten unter dem Rechtstitel feindliche Absichten gegen den Herrscher der Republik Diese Definition des weisen Ulpian (Pandekten 48,4) scheint besser zum Hofe Caracallas als dem von Alexander Severus zu passen. Siehe die Codices von Theodosius und Iustinian: Ad legem Iuliam maiestatis. irgend zu subsumieren vermochte – alle Vorrechte hinfällig waren und alle Vorbehalte in gleicher Weise für nichts galten. Da man die Sicherheit des Herrschers eingestandenermaßen allen Rechtlichkeits- oder Humanitätserwägungen vorzog, waren die Würde des Alters oder die Zartheit der Jugend gleichermaßen den grausamsten Misshandlungen ausgesetzt; und der Schrecken verleumderischer Nachrede, welche sie zu Mitbeteiligten oder sogar Zeugen eines angeblichen Verbrechens machen konnte, schwebte beständig über den Köpfen der Hauptstädter der römischen Welt Die Pandekten zitieren Arcadius Charisius als den ersten Anwalt, welcher den Einsatz der Folter in allen Fällen von Verrat gutheißt; aber diese Grundregel der Despotie, welche Ammianus Marcellinus (19,12) mit ehrfürchtigem Schaudern billigt, wird durch zahlreiche Gesetze der Nachfolger Constantins bekräftigt. Siehe auch Codex Theodosianus 9,35: »In maiestatis crimine omnibus aequa est conditio« (Bei einem Majestätsverbrechen ist die Bedingung für alle gleich.) .   STEUERN Diese Übelstände indessen, so unmenschlich sie uns auch erscheinen mögen, waren auf eine kleine Zahl römischer Untertanen beschränkt, die für ihre heikle Stellung in mancher Hinsicht durch den Genuss jener natur- oder schicksalsgewollten Vorteile entschädigt wurden, durch die sie dem königlichen Neid ausgesetzt wurden. Die im Verborgen lebenden Millionen eines Großreiches haben von der Grausamkeit ihrer Herrscher weit weniger zu befürchten als von deren Habgier; ihr bescheidenes Glück hat unter der enormen Steuerbelastung zu leiden, welche die Wohlhabenden nur in Maßen beschwert, dafür aber die niederen und ärmeren Gesellschaftsschichten umso stärker bedrückt. Ein geistvoller Philosoph Montesquieu, Esprit de lois 13,12. hat den Umfang der allgemeinen Steuerlast am Ausmaß von Freiheit und Sklaverei zu bestimmen versucht; und sich zu der Behauptung verstiegen, dass einem unabänderlichen Naturgesetz zufolge sie mit der Ersteren stets zunehmen und proportional zur Letzteren abnehmen muss. Aber diese Überlegung, die ja immerhin helfen könnte, die Bedrückungen einer Despotie zu erleichtern, steht zumindest mit der Geschichte des Römischen Reiches in Widerspruch; welche nämlich ein und dieselben Herrscher anklagt, dass sie die Geltung des Senates und zugleich den Wohlstand der Provinzen ruiniert hätten. Ohne die verschiedenen Zölle und Abgaben aufzuheben, welche auf den Handelsgütern lagen und durch die Kaufentscheidung des Käufers zwangsläufig beglichen wurden, gab die Politik Constantins und seiner Nachfolger einer einfachen und direkten Besteuerung den Vorzug, was dem Geiste einer absoluten Monarchie denn auch eher entsprach Herr Hume hat (Essays, Band 1, p. 389) diese bedeutende Wahrheit mit einem gewissen Grade von Verlegenheit aufgenommen. .   INDICTIONEN UND GRUNDSTEUERN Der Name und die Anwendung der Indictionen Die Indiktionszyklen (Zeitrechnung, die mit 15-Jahres-Zyklen arbeitet, A.d.Ü.), welche man bis in die Regierungszeit des Constantius oder vielleicht auch seines Vaters Constantin zurückverfolgen kann, wird noch heute am päpstlichen Hofe verwendet; aber den Jahresbeginn hat man klüglich auf den ersten Januar verlegt. Siehe l'Art de vérifier les Dates, p. xi., und Dictionnaire Raisonée de la Diplomatique, Band 2, p. 25; zwei gründliche Abhandlungen aus der Werksatt der Benediktiner. , die uns die Chronologie des Mittelalters abzusichern helfen, hat sich aus der üblichen römischen Steuerpraxis entwickelt Die ersten achtundzwanzig Artikel des elften Buches des Codex Theodosianus befassen sich mit der umständlichen Regulierung eines bedeutenden Gegenstandes, nämlich der Steuern; aber sie setzen eine gründlichere Kenntnis grundlegender Prinzipien voraus, als wir sie uns gegenwärtig aneignen können. . Der Kaiser unterfertigte mit eigener Hand und mit purpurfarbener Tinte einen feierlichen Erlass oder indictio, welche in der Hauptstadt jeder Diözese vor dem ersten September zwei Monate lang ausgehängt wurde. Und infolge einer naheliegenden Ideenverbindung wurde das Wort indictio auf die Höhe der Steuern, die in ihr festgelegt wurden, und zugleich auf den Termin für diese Zahlung angewandt. Diese allgemeine Steuerschätzung entsprach den tatsächlichen und imaginierten Bedürfnissen des Staates. Sooft nun aber die Ausgaben die Einkünfte überstiegen oder die Einkünfte hinter den Erwartungen zurückblieben, wurde dem Volk eine Zusatzsteuer unter dem Namen superindictio auferlegt, und besonders die Prätorianerpräfekten wurde mit den höchsten Macht-Attributen ausgestattet, wenn sie zuweilen in Fällen unvorhergesehener und außergewöhnlicher staatlicher Bedürftigkeit eingreifen mussten. Zur Ausführung dieser Gesetze, (die im Detail zu verfolgen ein ermüdendes Unterfangen wäre) verfolgte man wesentlich zwei verschiedene Maßnahmen: zunächst die Zergliederung der allgemeinen Steuerlasten in ihre Einzelposten, und wie diese dann auf die Provinzen, die Städte und die Einzelpersonen umgelegt werden sollten, und danach die Eintreibung der Abgaben von den Einzelpersonen, Städten und Provinzen, bis endlich die angehäuften Summen ihren Weg in die kaiserlichen Schatzkammern gefunden hatten. Indem aber die Rechnung zwischen Herrscher und Untertan eigentlich immer offen blieb und neue Forderungen erhoben wurden, bevor die alten beglichen waren, wurde die mächtige Finanzmaschinerie das ganze Jahr über von derselben Hand in Schwung gehalten. Alles, was der Finanzverwaltung ein ehrbares und bedeutendes Aussehen verlieh, war der Weisheit der Präfekten und ihrer Repräsentanten anheim gestellt; die einträglichen Aufgaben nahm eine Schar von Subalternbeamten für sich in Anspruch, von denen einige dem Kämmerer, andere dem Statthalter der Provinz unterstellt waren; und welche bei den unausbleiblichen Konflikten mit einer verworrenen Justiz oft Gelegenheit nahmen, mit ihresgleichen die Höhe ihrer Beute zu debattieren. Die eigentliche Knochenarbeit, die nur Hass, Ablehnung, Aufwand und Gefahr mit sich bringen konnte, wurde den decuriones aufgetragen, welche städtische Körperschaften bildeten und welchen das kaiserliche Gesetz in seiner Strenge auferlegt hatte, die Lasten der bürgerlichen Gesellschaft zu tragen Der Titel, welcher die decuriones betrifft (12,1), ist der mit Abstand umfangreichste im gesamten Codex Theodosianus; schließlich enthält er 192 unterschiedliche Gesetze, in welchen die Pflichten und Rechte dieses nutzbringenden Berufsstandes festgelegt sind. . Der gesamte Grundbesitz des Reiches (die kaiserliche Domäne nicht ausgeschlossen) war Objekt besonderer Steuerbelastung; und jeder neue Käufer übernahm die Verpflichtungen des Alten. Eine genaue Vermögensschätzung ( census ) »Habemus enim et hominum numerum qui delati sunt, et agrorum modum.« (Wir haben nämlich die Zahl der Menschen und die Größe der Äcker registriert.) Eumenius in Panegyri 8,6. Siehe Codex Theodosianus 13, 10 und 11. Mit Gothofreds Kommentar. war die einzige gangbare Methode, um die richtige Höhe des von jedem Bürger zu leistenden Beitrages an des Staat festzusetzen; und für die gut erforschte Zeit der Indictionen können wir mit gutem Grund annehmen, dass diese komplizierte und aufwendige Maßnahme im regelmäßigen Abstand von fünfzehn Jahren wiederholt wurde. Die Ländereien wurden durch Feldmesser aufgenommen, die zu diesem Zweck in die Provinzen geschickt wurden; es wurde mit Genauigkeit festgehalten, ob es sich um Acker- oder Grünland handelte, um Weinberge oder Waldgebiet; und aus den durchschnittlichen Erträgen der letzten fünf Jahre wurde ihr allgemeiner Wert ermittelt. Wesentlicher Teil der Bestandsaufnahme waren die Anzahl der Sklaven und Rinder; auch ward den Eigentümern unter Eid abverlangt, von ihren wahren Vermögensverhältnissen dem Staate nichts zu verhehlen; und auf jeden Versuch, Ausflüchte zu machen oder sich sonstwie den Absichten des Gesetzgebers zu entziehen, hielt man ein wachsames Auge und bestrafte dies als wie ein zweifaches Kapitalverbrechen, wurden doch Hochverrat und zugleich Eidbruch begangen »Siquis sacrilega vitem falce succiderit; aut feracium ramorum foetus hebetaverit, quo declinet fidem Censuum, et mentiatur callide paupertatis ingenium, mox detectus capitale subibit exitium, et bona eius in Fisci iura migrabunt.« (Wenn jemand mit frevler Sichel den Weinstock kappt; oder die Knospen fruchtbringender Zweige entkräftet, um dadurch die Verlässlichkeit der Steuerlisten herabzumindern und trüglich den Geist der Armut zu evozieren, soll er bald nach seiner Entdeckung die Todesstrafe erleiden, und sollen seine Güter dem Fiskus zufallen.) Codex Theodosianus. 13,11,1. Wenn diesem Gesetz auch nicht die berechnete Dunkelheit abgeht, ist es doch deutlich genug gefasst, um die Pedanterie der Untersuchung und die unangemessen hohe Strafe erkennen zu können. . Ein beträchtlicher Anteil der Steuern wurde bar erlegt; indessen wurde von den gängigen Münzen nur Goldwährung angenommen Plinius hätte sich jetzt nicht länger erstaunt: »Equidem miror Populum Romanum victis gentibus [in tributo] semper argentum imperitasse, non aurum.« (Ich wundere mich allerdings, dass das Römische Volk den besiegten Völkern stets Silber und nicht Gold als Tribut auferlegt hat.) Plinius, Naturalis Historia, 33, 15. . Der Rest der Steuern wurde entsprechend der Höhe der jährlichen Indiction auf eine noch direktere und noch üblere Weise eingezogen. Die der Natur des Landes entsprechenden Erzeugnisse wie Wein oder Öl, Weizen oder Gerste, Holz oder Eisen wurde, natürlich auf Kosten oder zu Lasten der Provinzialen, in die kaiserlichen Magazine geschafft, von wo aus sie dann immer mal wieder zur freien Verwendung durch den Hof, die Armee oder die beiden Hauptstädte Rom und Konstantinopel versandt wurden. Die Beamten des Fiskus mussten sooft Käufe tätigen, dass es ihnen strengstens untersagt war, sich auf irgendwelche Kompensationsgeschäfte einzulassen oder etwa sich die abverlangten Naturalien in Geld auszahlen zu lassen. In der archaischen Ursprünglichkeit kleiner Gemeinden mag diese Methode hinreichen, um die – zumeist freiwilligen – Abgaben der Bevölkerung einzusammeln; aber sie kann zu dem äußersten Umfang und zu der äußersten Härte gesteigert werden, wie sie nur in einer korrupten und absoluten Monarchie aus dem ewigen Kampf zwischen der Macht der Repression und der Kunst des Unterschleifs entstehen können Einige Vorsichtsmaßnahmen wurden getroffen (Codex Theodosianus 11,2 und Codex Iustinianus 10,27, 1-3), um die Magistrate beim Eintreiben oder Kaufen von Getreide vom Missbrauch ihrer Vollmachten abzuhalten; aber die, die noch imstande waren, die Reden Ciceros gegen Verres (3: de frumento) zu lesen, konnten sich die unterschiedlichsten Erpressermethoden selbst aneignen, die man bei Gewichten, Preis, Qualität und Ladungsgröße anwenden konnte. Bei einem unbelesen Statthalter hingegen musste seine kriminelle Habgier für die Unkenntnis der Präzedenzfällen oder Rechtsprinzipien aufkommen. . Die Landwirtschaft der römischen Provinzen wurde so allmählich in den Ruin getrieben, und mit Fortschreiten des Despotismus, der ja am Ende seine eigenen Zwecke zu verfehlen pflegt, waren die Kaiser genötigt, sich populär zu machen, indem sie solche Steuern erließen oder minderten, die ihre Untertanen ohnehin niemals hätten zahlen können. Entsprechend der neuen Einteilung Italiens dehnte sich das fruchtbare und wohlhabende Campanien, das Land der frühesten römischen Siege und der Altersruhesitz betuchter stadtrömischer Bürger, zwischen Mittelmeer und Apennin vom Tiber bis zum Silarus. Innerhalb von nur sechzig Jahren nach dem Tode Constantins und aufgrund einer aktuellen Bestandsaufnahme wurde für dreihundertdreißigtausend Morgen wüsten und unbebauten Landes Steuerfreiheit gewährt; was immerhin ein Achtel der gesamten Provinz ausmachte. Da die Barbaren ihren Fuß noch nicht auf italienisches Land gesetzt hatten, kann als Ursache für diese erschütternde Landflucht, die sogar in die Gesetz Eingang gefunden hat, nur die Verwaltungstätigkeit der römischen Kaiser angenommen werden Cod. Theod., veröffentlicht am 24. März 395 A.D. durch Kaiser Honorius, nur zwei Monate nach dem Tode seines Vaters Theodosius. Er spricht von 528 042 römischen iugera , die ich in englische Maße umgerechnet habe. Das iugerum hatte 28800 römische Quadratfuß. .   GRUNDBESITZ- UND KOPFSTEUER VEREINT Sei es Zufall oder Vorsatz: diese Art der Steuerschätzung schien Grundstücks- und Kopfsteuer Gothofredus untersucht mit vieler Gelehrsamkeit die Kopfsteuer; während er aber erklärt, dass caput ein Teil (oder Maß) für das Eigentum ist, verschließt er sich zu nachdrücklich der Vorstellung von einer individuellen Besteuerung. in sich zu vereinen. Die aus den Provinzen oder Bezirken einlaufenden Beträge waren zugleich ein Ausdruck für die Zahl der Steuerpflichtigen und der Belastungen. Die letzte Zahl wurde durch die erste geteilt; und die Schätzung, dass eine solche Provinz soviele capita oder steuerpflichtige Köpfe habe und dass mithin jedem dieser Köpfe ein bestimmter Wert beigemessen werde, wurde nicht nur in der alltäglichen, sondern auch in den offiziellen Berechnungen allgemein anerkannt. Der Wert eines solchen abgabepflichtigen Kopfes muss infolge von vielen zufälligen oder doch wenigstens vorübergehenden Umständen sehr veränderlich gewesen sein; wir kennen jedoch die näheren Einzelheiten einer wunderlichen Gegebenheit, die umso wichtiger ist, da sie sich auf ein Land bezog, welches eine der reichsten Provinzen des römischen Imperiums war und auch heute noch als das reichste Königreich Europas in Blüte steht. Die raubgierigen Minister des Constantius hatten den Reichtum Galliens ausgeplündert, indem sie fünfundzwanzig Goldstücke als jährliche Pro-Kopf-Angabe festlegten. Die menschenfreundliche Politik seines Nachfolgers senkte diese Kopfsteuer auf sieben Goldstücke Quid profuerit (Julianus) anhelantibus extrema penuria Gallis, hinc maxime claret, quod primitus partes eas ingressus, pro ›capitibus‹ singulis tributi nomine vicenos quinos aureos reperit flagitari; discedens vero septenos tantum, munera universa complentes. (Welchen Nutzen er (Iulianus) den unter äußerster Bedrückung seufzenden gallischen Provinzen gebracht hat, wird hieraus besonders deutlich, dass er beim ersten Betreten des Landes eine Steuerforderung von 25 Goldstücken pro Joch vorfand, beim Verlassen nur noch 7 für alle Leistungen.) Ammianus 16,5. . Das richtige Verhältnis zwischen diesen beiden Extremen, dem blanken Raub und der vorübergehenden Nachsicht, mag deshalb bei sechzehn Goldstücken oder etwa neun Pfund Sterling liegen, was somit die durchschnittliche Veranlagung für Gallien wäre Bei der Berechnung irgendeiner Summe Geldes für die Zeit Constantins oder seiner Nachfolger brauchen wir nur auf die exzellente Abhandlung von Herrn Greaves über den Denar zurückzugreifen, um folgende Grundannahmen zu beweisen: 1. Dass das alte und das moderne römische Pfund mit seinen 5256 Gran Troygewicht (1 Gran ˜ 65mg, A.d.Ü.) etwa um ein Zwölftel leichter ist als das englische Pfund mit 5760 Gran. 2. Dass ein Pfund Gold, welches einst in 48 aurei unterteilt war, zu jener Zeit in 72 kleinere Stücke mit dergleichen Bezeichnung umgemünzt wurde. 3. Dass 5 dieser aurei gesetzliches Zahlungsmittel für 1 Pfund Silber waren und dass folglich das Pfund Gold gegen 14 Pfund und 8 Unzen Silber nach römischem oder 13 Pfund nach englischem Gewicht getauscht wurden. 4. Dass das englische Pfund Silber in 72 Schillinge umgemünzt wird. – Auf dieser Grundlage kommen wir zu dem Ergebnis, dass das römische Goldpfund, die zur Berechnung großer Summe übliche Einheit, 40 Pfund Sterling betrug; und dass der aureus mit etwas mehr als 11 Schilling festgelegt werden kann. . Aber diese Berechnung, oder doch wenigstens die ihr zugrunde liegenden Tatsachen können nicht verfehlen, ein nachdenkendes Gemüt auf zwei Schwierigkeiten zu stoßen, nämlich die Gleichheit und die Größe diese Kopfsteuer. Ein Versuch, sie zu erklären, könnte daher auch einiges Licht auf den wichtigen Gegenstand, die Finanzen eines untergehenden Reiches, werfen.   VERGLEICH ZWISCHEN GALLISCHEN UND FRANZÖSISCHEN VERHÄLTNISSEN I. Es ist offenkundig, dass, solange die unabänderliche Natur des Menschen das Eigentum so ungleich verteilt und zu verteilen fortfährt, der größte Teil der Gemeinschaft ihrer Lebensgrundlage beraubt wäre, wenn allen die gleiche Steuer auferlegt wäre, von der sich der Herrscher noch einen vernachlässigbaren Teil als sein Einkommen ableiten würde. Dies zumindest mag die Theorie der römischen Kopfsteuer gewesen sein; aber in der Praxis wurde diese ungerechte Gleichstellung nicht sonderlich empfunden, da die Abgaben in Form einer Besitz- und nicht einer persönlichen Steuer erhoben wurden. Mehrere wenig vermögende Bürger trugen anteilig Steuerbeiträge zu einem einzigen Kopf zusammen; während der wohlhabende Provinziale je nach Vermögenslage mehrere solcher imaginären Existenzen abgab. In einer Bitte in Versform, adressiert an einen der letzten und verdientesten römischen Herrscher Galliens, personifiziert Sidonius Apollinaris seine Steuern als dreiköpfiges Ungeheuer, den Geryones der griechischen Mythologie, und erweicht den neuen Herkules, ihm sein Leben zu retten und ihn zu höchster Dankbarkeit zu verpflichten, indem er dem Monstrum die drei Häupter abschlage »Geryones nos esse puta, monstrumque tributum, Hinc ›capita‹ ut vivam, tu mihi tolle ›tria‹.« (Halte uns für Geryon und die Steuern für das Monstrum, und dann vernichte, damit ich leben kann, für mich seine drei Köpfe.) Sidonius Apollinaris, Carmina 13,19. Die Reputation von Pater Sirmond ließ mich auf ein Mehr an Aufklärung hoffen, als ich in dann in seiner Anmerkung (p. 144) zu dieser merkwürdigen Textstelle gefunden habe. Die Worte »Suo vel suorum nomine« (in seinem Namen oder dem der Seinigen) verraten die Verlegenheit des Kommentators. (A.d.Ü.: Die Zeilen erhalten einen Sinn, wenn man statt »Geryones«, dem Namen des dreiköpfigen Monstrums, »Euristeus« setzt, den Namen des Auftraggebers zu seiner Tötung. Diese Konjektur stammt aus W.B. Andersons Sidonius-Ausgabe 1936) . Das Vermögen des Sidonius Apollinaris überstieg den durchschnittlichen Besitz eines Dichters beträchtlich; hätte er aber den Vergleich weitergeführt, dann hätte er zahlreiche gallische Adlige darstellen müssen, wie sie als hundertköpfige, tödlichen Hydra über das Land gebreitet lagen und das Vermögen hunderter Familien verschlangen. II. Die Schwierigkeiten, für Gallien eine Summe von neun Pfund Sterling als jährliche durchschnittliche Kopfsteuer anzunehmen, können noch augenfälliger gemacht werden durch den Vergleich mit dem Zustand des gegenwärtigen Landes, das als ein fleißiges, wohlhabendes und seinem absoluten Monarchen anhängliches Volk gilt. Die jährlichen Steuereinkünfte Frankreichs können weder durch Drohungen noch durch gutes Zureden über den gegenwärtigen Stand von achtzehn Millionen Pfund Sterling hinaus getrieben werden, die von etwa vierundzwanzig Millionen Einwohnern aufgebracht werden müssen Diese Behauptung, so gigantisch sie auch klingen mag, beruht auf den originalen Geburts- Sterbe- und Hochzeitsregistern, welche von Amts wegen geführt und nunmehr in der Contrôle Général zu Paris archiviert werden. Die durchschnittliche jährliche Geburtenrate im ganzen Königreich, aufgenommen in fünf Jahren (1770 bis 1774, beide Jahre mitgezählt) beträgt 479.649 Jungen und 449.268 Mädchen, insgesamt also 928.918 Kinder. Die Provinz Hainault allein zählt 9.906 Geburten: und aufgrund jährlich wiederholter Volkszählungen (1773 bis 1776) können wir als sicher annehmen, dass Hainault durchschnittlich 257.097 Einwohner hat. Durch einfache Proportionalrechnung können wir schließen, dass das Verhältnis der jährlichen Geburten zur Einwohnerzahl etwa 1 zu 26 beträgt; und dass das Königreich Frankreich von 24.151.868 Personen beiderlei Geschlechtes bewohnt wird. Begnügen wir uns mit den moderaten Verhältnis von 1 zu 25, beträgt die Gesamtbevölkerung immer noch 23.222.950 Menschen. Aus den sorgfältigen Erhebungen der französischen Regierung (die einer Nachahmung unsererseits durchaus wert sind) hoffen wir noch größere Sicherheit zu diesem wichtigen Punkte zu gewinnen. . Von diesen mögen etwa sieben Millionen in ihrer Eigenschaft als Väter, Brüder oder Gatten die Verpflichtungen der verbleibenden Masse von Frauen und Kindern übernehmen; doch der durchschnittliche Anteil jedes steuerpflichtigen Untertanen dürfte kaum mehr als fünfzig Schilling unserer Währung betragen, anstelle der fast fünfmal so großen Belastung, die man ihren gallischen Vorfahren regelmäßig aufbürdete. Den Grund für diesen Unterschied wird man nicht so sehr in dem relativen Mangel oder Überfluss von Gold und Silber finden als vielmehr in dem unterschiedlichen Zustand der antiken gallischen und der modernen französischen Gesellschaft. In einem Lande, wo jeder Bürger des Privileges der individuellen Freiheit genießt, muss das gesamte Staatseinkommen, entstamme es nun Eigentums- oder Verbrauchssteuern, unbesehen auf die gesamte Bevölkerung umgelegt werden. Aber der größte Teil des antiken Gallien wurde, wie auch die anderen Provinzen der römischen Welt, von Sklaven kultiviert oder von Bauern, deren Dasein nur eine abgemilderte Form der Sklaverei war Codex Theodisianus, 5,9, 10 und 11. Codex Iustinianus 11, 63; Coloni appellantur qui conditionem debent genitali solo, propter agriculturam sub dominio possessorum. (Bauern werden die genannt, die den fruchtbaren Boden bepflanzen müssen, durch Ackerbearbeitung unter herrschaftlichem Besitz.) Augustinus, Vom Gottesstaat, 10, 1 . In diesem Zustande wurden dann die Armen auf Kosten ihrer Herren gehalten, die dafür die Früchte von deren Arbeit einstrichen; und da die Steuerlisten nur die Namen der Bürger enthielten, die ein respektables oder doch wenigstens anständiges Auskommen hatten, erklärt ihre vergleichsweise kleine Zahl die hohe Pro-Kopf-Besteuerung. Die Wahrheit dieser Aussage möge das folgende Beispiel illustrieren. Die Häduer, einer der mächtigsten und fortgeschrittensten Stämme Galliens, lebten in dem Gebiet der beiden heutigen Bistümer Autun und Nevers Der antike Gerichtsbezirk von Autun ( Augustodonum ) in Burgund, der Hauptstadt der Häduer, umfasste auch noch das benachbarte Nevers ( Noviodunum ), siehe d'Anville, Notice de l'ancienne Gaule, p.491. Das Bistum von Autun enthält heute 610, das von Nevers 160 Pfarrstellen. Die Geburtsfälle, die elf Jahre lang in 476 Pfarreien ebendieser Provinz Burgund geführt wurden, multipliziert mit mäßigen 25 (siehe Messance, Recherches sur la Population, p. 142), erlaubt uns eine Zahl von 656 Einwohnern für jede Pfarrstelle anzunehmen, was, wiederum mit der Zahl der 770 Pfarreien der beiden Diözesen Nevers und Autun multipliziert, zu einer Gesamtzahl von 505.120 Personen in einem Gebiet führt, das einst von den Häduern bewohnt ward. , wo heute über fünfhunderttausend Einwohner zu Hause sind; und mit dem naheliegenden Zutritt von Châlon und Macon Wir können zusätzliche 301.750 Einwohner für die Diözesen von Châlon ( Cabillonum ) und Macon ( Matisco ) berechnen; denn die eine enthält 200, die andere 260 Pfarrstellen. Diese Vergrößerung ist aus mehreren einleuchtenden Gründen gerechtfertigt: 1. Châlon und Macon lagen unstreitig in dem antiken Bezirk der Häduer (siehe d'Anville, Notice de l'ancienne Gaul, p. 187 und 443). 2. In den Notitia für Gallien werden sie nicht als Civitates , sondern als Custra geführt. 3. Vor dem V. und VI. Jhd. traten sie als Bischofssitz nicht in Erscheinung. Allerdings gibt es einen Abschnitt bei Eumenius, die mich eindringlich davon abhält, für die Zeit des Constantin das Territorium der Häduer bis zu den reizvollen Ufern der schiffbaren Saône sich ausdehnen zu lassen. betrug ihre Einwohnerzahl etwa achthunderttausend Seelen. Unter Constantin verfügte das Territorium der Häduer über nicht mehr als fünfundzwanzigtausend Steuer köpfe, von denen dieser Herrscher siebentausend ihre unerträglichen Steuerlasten erließ Eumenios, Panegyrici 8,11. . Eine richtige Analogie würde dann allerdings die Auffassung eines sehr scharfsinnigen Historikers Abbé, Dubos, Histoire critique de la monarchie francoise, Band 1, p.121. stützen, welcher meint, dass es nicht mehr als eine halbe Millionen freier und steuerpflichtiger Bürger gegeben habe; und wenn nun bei regulärem Gang der Regierungsgeschäfte deren jährliche Abgaben auf viereinhalb Millionen in unserem Geld berechnet werden, kommt man zu dem Ergebnis, dass, obwohl der Beitrag jedes Einzelnen vier mal so groß war wie im modernen Frankreich, das Gesamtaufkommen in der antiken Provinz Gallien nur ein Viertel des heutigen war. Die Forderungen des Constantius können auf sieben Millionen Sterling berechnet werden, welche Summe aber die Weisheit und Humanität des Julian auf zwei Millionen verringerte.   FÜNFJAHRESSTEUERN Aber diese Kopfsteuer zu Lasten der Landeigentümer hätte eine zahlungskräftige und große Klasse von freien Bürgern davonkommen lassen. In der Absicht, auch an jenen Reichtümern teilzuhaben, welche Handel und Gewerbe abwerfen und sich in barer Münze oder als Ware manifestieren, legten die Kaiser dem unternehmerischen Teil ihrer Untertanen eine besondere und individuelle Steuer auf Codex Theodosianus 11,13,1 und 4. . Einige wenn auch zeitlich und örtlich sehr begrenzte Ausnahmen wurden für die Händler zugelassen, welche die Produkte ihrer eigenen Ländereien verkauften. Auch mit den freien Künsten übte man einige Nachsicht: aber jeden anderen Gewerbezweig traf die Schwere des Gesetzes. Den ehrbaren Kaufmann aus Alexandria, welcher aus Indien Edelsteine und Gewürze zum Gebrauch für den Westen importierte; den Geldverleiher, der aus dem Bedürfnis für Geld seinen stillen und schmutzigen Gewinn zog; der erfindungsreiche Fabrikant, der fleißige Handwerker und sogar noch der armselige Krämer in einem entlegenen Landstrich: sie alle mussten die Finanzbeamten an ihrem Gewinne teilhaben lassen. Und der Beherrscher des Imperium Romanum, der das Gewerbe der öffentlichen Prostitution zuließ, entblödete sich nicht, von dem hierbei abfallenden schimpflichen Gewinn seinen ehrlosen Anteil einzubehalten. Da diese allgemeine Besteuerung des Gewerbefleißes nach jedem vierten Jahr stattfand, wurde es auch Lustralsteuer genannt: der Historiker Zosimos Zosimos, 2, 38. In der Attacke des Zosimos steckt vermutlich ebensoviel Leidenschaft und Vorurteil wie in der sorgfältig ausgearbeiteten Verteidigungsschrift von Konstantins Andenken durch den eifervollen Dr. Howell (History of the Word, Band 2, p. 20). Zosimos, 2, 38. beschreibt eindringlich, wie sich das Herannahen des fatalen Termins durch Tränen und Schrecken der Bürger ankündigte, welche die bevorstehende Plage nötigte, zu den sonderlichsten und abwegigsten Mitteln Zuflucht zu nehmen, um die Summe aufbringen zu können, die für ihr Eigentum veranschlagt worden war. Das Zeugnis des Zosimos kann indessen von dem Vorwurf der Parteinahme und Einseitigkeit nicht freigesprochen werden; aber aus der Art der Besteuerung selbst kann man mit gutem Gründen schließen, dass sie willkürlich festgelegt und mit den brutalsten Methoden eingezogen wurde. Für den heimlichen Reichtum des Kaufmanns und den schwankenden Gewinn von Kunst und Handwerk ist ja immer nur eine pauschale Veranschlagung möglich, die dann auch nur ganz selten zum Nachteile des Staatsschatzes auszufallen pflegt; und da in der Person der Kaufmannes ein Bedürfnis nach dauerhafter Unversehrtheit lebt, kann die Bezahlung der Steuern, anders als beim Grundbesitz, wo man sie gegebenenfalls durch Beschlagnahme eintreiben könnte, kaum anders als durch körperliche Bestrafung erzwungen werden. Die grausame Misshandlung von zahlungsunfähigen Steuerschuldnern wird bekräftigt und zugleich auch wieder abgemildert durch einen äußerst humanen Erlass von Constantin, welcher den Nutzen von Folterbank und Peitsche in Abrede stellt und den Schuldnern anstelle dessen ein geräumiges und luftiges Gefängnis bewilligt Codex Theodosianus 11,7,3. .   FREIWILLIGE ABGABEN Diese allgemeinen Steuern legte die unumschränkte Macht des Herrschers fest; aber die gelegentlichen Opfer des Kronen-Goldes behielten weiterhin den Namen und den Anschein volkstümlicher Zustimmung. Es war althergebrachtes Brauchtum, dass die Verbündeten der Republik, die ihre Sicherheit und sogar ihre Freiheit dem Erfolg der römischen Waffen zuschrieben, dass selbst die Städte Italiens, die die Erfolge ihres siegreichen Generals bewunderten, zum Glanze seines Triumphzuges beisteuerten durch freiwillige Spenden von goldenen Kronen, welche nach der Zeremonie im Jupitertempel geweiht wurden, um auch künftigen Geschlechtern seinen Ruhmes zu melden. Anwachsende Begeisterung und Liebedienerei ließen diese Schenkungen zahlreicher und größer werden; und es ward der Triumphzug Caesars geschmückt mit zweitausendachthundertzweiundzwanzig massiven Goldkronen, die insgesamt vierhundertundvierzehn Pfund Gold wogen. Diesen Schatz ließ der Diktator klugbedacht alsgleich umschmelzen, da er meinte, seine Soldaten hätten dafür nützlichere Verwendung als die Götter: diesem Beispiel folgten auch seine Nachfolger; und so kam der Brauch auf, anstelle des schönen Schmuckwerkes ein besser verwertbares Geschenk, eben die gängige Goldmünze des Reiches, darzubringen Siehe Lipsius de Magnitudine Romana, 2, c.9. Das tarragonesische Spanien schenkten dem Kaiser Claudius eine Krone von sieben- und Gallien von neun hundert Pfund Gewicht. Ich bin hier den durchdachten Verbesserungsvorschlägen des Lipsius gefolgt. . Diese freiwilligen Gaben nahmen im Laufe der Zeit die Gestalt einer Bringschuld an; auch blieben sie nicht auf die Gelegenheit eines Triumphzuges beschränkt, vielmehr ging man davon aus, dass die einzelnen Städte und Provinzen des Reiches sie auch verabfolgen könnten, sobald etwa der Kaiser seine Thronbesteigung anzukündigen beliebte, sein Konsulat, die Geburt eines Sohnes, die Ernennung eines Caesar, einen Sieg über die Barbaren, oder sonst ein wirkliches oder auch nur imaginiertes Vorkommnis, welches die Annalen seiner Regierungszeit zieren sollte. Die freiwillige Sonderspende des Senates wurde gewohnheitsrechtlich auf hundert Pfund Gold festgelegt, etwa vierundsechzig tausend Pfund Sterling. Die ausgebeuteten Untertanen feierten ihre eigenen Glücksumstände, hatte der Herrscher doch geruht, dieses geringe, aber freiwillige Zeugnis ihrer Ergebenheit und Dankbarkeit allergnädigst entgegenzunehmen Codex Theodosianus 12,13. Die Senatoren waren vom Aurum Coronarium ausgenommen; aber das Auri Oblatio , welches man ihnen abverlangte, war von exakt von gleicher Art. .   SCHLUSS Ein hochgestimmtes oder unzufriedenes Volk ist selten in der Lage, sich ein zutreffendes Bild von seiner gegenwärtigen Lage zu machen. Die Untertanen Constantins waren außerstande, den Niedergang von Geist und männlichen Tugenden wahrzunehmen, der sie so weit hinter ihre Vorfahren zurückfallen ließ; allerdings fühlten und beklagten sie durchaus die Bedrückung durch die Tyrannen, die Lockerung der Disziplin und die dauernden Steuererhöhungen. Der objektive Historiker, der die Berechtigung ihrer Klagen anerkennt, bemerkt indessen auch einige günstige Begleitumstände, die ihre bedrückte Lage zu lindern durchaus imstande waren. Der drohende Barbarensturm, der schon bald Roms Größe zum Einsturz bringen sollte, konnte an den Grenzen immer noch zurückgeschlagen oder zumindest hingehalten werden. Luxus und Literatur wurden gepflegt, und an den eleganten Vergnügungen der feinen Welt hatte ein unverächtlicher Teil der Einwohner Anteil. Die Zivilverwaltung trug trotz pompöser Aufmachung und hoher Kosten dazu bei, die gelegentlichen Gesetzlosigkeiten der Soldaten zu dämpfen; und obwohl die Gesetze durch Machtmissbrauch verletzt oder durch Verdrehung pervertiert wurden, ermangelten die weisen Prinzipien des römischen Rechtes doch nicht des Sinnes für Ordnung und Gleichheit, der den Despotien des Osten völlig abging. Die Rechte der Menschheit mögen einigen Schutz durch Religion und Philosophie erfahren haben; und wenn der Name der Freiheit die Nachfolger des Augustus auch nicht länger in Alarmstimmung versetzte, so mochte er sie gleichwohl daran erinnern, dass sie nicht über ein Volk von Sklaven oder Barbaren regierten Der große Theodosius unterscheidet in seinem wohlerwogenen Rat an seinen Sohn (Claudian, de IV Consulatu Honorii 214ff) zwischen der Stellung eines römischen und parthischen Prinzen: Tugend war für den einen unabdingbar; für den anderen mochte eine hohe Geburt hinreichen. .