Edward Gibbon Verfall und Untergang des Römischen Reiches - 4. Band Kapitel 26 – 36   Übersetzung und © 2013: Cornelius Melville XXVI   DIE HIRTENVÖLKER UND IHRE BRÄUCHE · WANDERUNG DER HUNNEN VON CHINA NACH EUROPA · VERTREIBUNG DER GOTEN · ÜBERQUERUNG DER DONAU · GOTENKRIEG · NIEDERLAGE UND TOD DES VALENS · GRATIAN MACHT THEODOSIUS ZUM KAISER DES OSTENS · SEIN CHARAKTER UND SEINE ERFOLGE · FRIEDENSSCHLUSS MIT DEN GOTEN · IHRE ANSIEDLUNG · TOD UND BEISETZUNG DES ATHANARICH   ERDBEBEN 21. JULI A.D. 376 Im zweiten Jahre der Regierung von Valens und Valentinian, am Morgen des einundzwanzigsten Juli, wurde ein großer Teil der römischen Welt von einem gewaltigen, verheerenden Erdbeben heimgesucht. Es griff sogar auf das Wasser über; die Küsten des Mittelmeeres fielen trocken, da sich das Wasser unvermittelt zurückgezogen hatte; riesige Fischmengen konnten mit der bloßen Hand gefangen werden; große Schiffe lagen im Schlamm fest; und ein neugieriger Beobachter Ammianus (26,10) zeigt hier wenig Geschmack, so dass die Trennung von Tatsachen und Metaphern schwierig wird. Immerhin versichert er uns, dass er die verrotteten Spanten eines Schiffes gesehen habe, ad secundum lapidem (beim zweiten Meilenstein) am Strand bei Methone (oder Modon) auf der Peloponnes. oder vielmehr seine Phantasie konnte sich in das unterschiedliche Aussehen der Berge und Täler vertiefen, die seit Erschaffung der Welt noch nie das Sonnenlicht geschaut hatten. Aber schon bald kehrten die Fluten zurück als eine gewaltige und unwiderstehliche Flutwelle, welche an der Küste Siziliens, Dalmatiens, Griechenlands und Ägyptens besonders verheerend wirkte; große Boote wurden davongespült und auf Hausdächern abgesetzt oder fanden sich zwei Meilen landeinwärts wieder; Menschen wurden mitsamt ihren Behausungen fortgespült; und die Stadt Alexandria gedachte jährlich dieses Schicksalstages, an dem fünftausend Menschen in den Fluten ertranken. Diese Katastrophe, deren Umfang sich beim Weitererzählen naturgemäß in jeder Provinz vergrößerte, setzte die Bewohner Roms in Staunen und Schrecken; und ihr beunruhigtes Vorstellungsvermögen vermehrte ebenfalls das Ausmaß des tatsächlichen Übels. Frühere Erdbeben kamen ihnen in den Sinn, als Städte in Palästina und Bithynien untergegangen waren; für sie waren diese Alarmsignale nur die Einleitung von viel schlimmeren Katastrophen, und angstvoll sahen sie hier die Hinweise für den Untergang des Reiches und der Welt Die Erdbeben und die Flutwellen werden von Libanios (Oratio de ulciscendie Iuliani nece 10, in Fabricius, Bibliotheca graeca, Band 7, p.158 nebst Olearius' gelehrten Anmerkungen), Zosimos (4,18), Sozomenos (6,2), Kedrenos (p. 310 und 314) und Hieronymos (Chronicum, p.186; vita Hilarioni, Opera, Band 1, p. 250) ganz unterschiedlich beschrieben. Epidauros wäre ganz gewiss untergegangen, wenn nicht die klugbedachten Einwohner den St. Hilarion, einen ägyptischen Mönch, am Strand abgesetzt hätten. Er schlug das Zeichen des Kreuzes; die Wasserberge wurden angehalten, verbeugten und entfernten sich. . Es war zu jener Zeit üblich, jedes außergewöhnliche Vorkommnis dem ausdrücklichen Willen der Gottheit zuzuschreiben; durch ein unsichtbares Band wurden die Launen der Natur mit den moralischen und metaphysischen Vorstellungen der Menschen in Verbindung gebracht, und die scharfsinnigsten Gottesgelahrten konnten je nach Farbgebung ihrer jeweiligen Vorurteile erkennen, dass die Ausbreitung der Ketzerei naturnotwendig ein Erdbeben nach sich ziehen müsse, während etwa eine Überschwemmung die unausweichliche Folge von Sünde und Glaubensirrtum sei. Ohne auf das Wagnis einer Diskussion dieser freischwebenden Spekulationen einzugehen, kann der Historiker sich mit der Feststellung begnügen, die übrigens von aller Erfahrung bekräftigt wird, dass der Mensch erheblich mehr von den Nachstellungen seiner Mitmenschen zu gewärtigen hat als von den Aufwallungen der Elemente Der Peripatetiker Dikaiarchos hat eine Abhandlung (‚De interitu hominum') geschrieben, in welcher diese offenkundige Wahrheit einleuchtend bewiesen wird; nicht eben zum Vorteil der Menschen. Cicero, de officiis 2,5. . Die schlimmen Folgen eines Erdbebens oder einer Überschwemmung, eines Hurrikans oder eines Vulkanausbruches sind vernachlässigbar gegenüber den Kalamitäten von Kriegen, die mittlerweile durch die Menschlichkeit oder Klugheit der Herrscher Europas gezügelt sind, wenn sie durch die Praxis der Kriegskunst ihre Mußestunden verkürzen und den Mut ihrer Untertanen heben wollen. Aber die Gesetze und der Brauch in den Staaten der Gegenwart schützen das Leben und die Freiheit des unterlegenen Soldaten; und der friedliebende Bürger hat selten Grund zu der Klage, dass sein Leben, oder gar sein Vermögen den Zufälligkeiten des Krieges ausgesetzt ist. In der fürchterlichen Ära des Unterganges des Römischen Reiches, die man mit einigem Recht von der Zeit des Valens an datieren kann, waren Glück und Sicherheit jedes Einzelnen in Gefahr; und Kunst und Kultur ganzer Epochen wurden durch die rohe Hand der Barbaren aus Skythien und Germanien zerstört.   EINFALL DER HUNNEN UND GOTEN A.D. 376 Der Einfall der Hunnen drängte die Goten jäh in die Provinzen des Westens, welche in weniger als vierzig Tagen von der Donau an den Atlantik gelangten und durch den Sieg ihrer Waffen den Weg für viele feindliche Stämme freimachten, die noch wilder waren als sie selbst. Der Ausgangspunkt der Wanderung liegt irgendwo in der abgelegenen Ödnis des Nordens verloren; und die genauere Betrachtung des Hirtenlebens der Skythen Die eigentlichen Skythen des Herodot (4,47 – 57 und 99 – 101) lebten zwischen Donau und Maeotischen Sümpfen auf einem Quadrat von 4000 Stadien (400 römische Meilen). Siehe D'Anville in den Mémoires de l'Académie des Inschriptions, Band 35 (1772), p. 573 – 591. Diodorus Siculus (2,43ff) hat die allmähliche Entstehung des Namens und des Volkes geschildert. oder Tartaren Die Tataren oder Tartaren waren ein primitiver Volksstamm, die Feinde und schließlich die Untertanen der Mongolen. In der siegreichen Armee des Dschingis Khan und seiner Nachfolger bildeten sie die Vorhut; und dieser Name, der den Fremden als erster zu Ohren kam, wurde auf das ganze Volk übertragen (Fréret in den Histoires de l'Academie, Band 18, p. 60, 1753). Wenn ich von der Gesamtheit oder auch nur irgendeinem der nördlichen Hirtenvölker rede, werde ich unterschiedslos die Bezeichnung \>Skythen\< oder \>Tartaren\< verwenden. soll uns nun die verborgenen Ursachen dieser verheerenden Wanderungen vor Augen führen.   DIE NOMADISCHEN SKYTHEN ODER TATAREN Die verschiedenen Kennzeichen, die die Kulturnationen dieser Erde kennzeichnen, kann man dem Gebrauch oder dem Missbrauch der Vernunft zuschreiben, welche etwa das Verhalten und die Auffassungen eines Europäers oder eines Chinesen so unterschiedlich ausformt. Aber die Wirkung der Instinkte ist zuverlässiger und einfacher als die der Vernunft: sehr viel einfacher ist es doch, das Verhalten eines Vierfüßers zu bestimmen als die Spekulationen eines Philosophen; und die wilden Stämme der Menschheit, deren Verhältnisse sich bisweilen denen der Tiere annähern, sind eben deshalb untereinander viel ähnlicher. Ihre allenthalben gleichbleibenden Sitten sind die naturgegebene Folge ihrer begrenzten Möglichkeiten: Da sie sich in gleichartig beengenden Verhältnissen befinden, sind auch ihre Bedürfnisse, ihre Sehnsüchte, ihre Vergnügen einander sehr ähnlich; und der Effekt von Ernährung und Klima, der in höher entwickelten Gesellschaftsformen durch die unterschiedlichsten moralischen Einflüsse geregelt oder ganz unterdrückt ist, übt auf die nationalen Charaktere der Barbaren den mächtigsten Einfluss auf.   DAS NOMADENLEBEN DER SKYTHEN UND TARTAREN Zu allen Zeiten haben auf den unermesslichen Ebenen Skythiens nichtsesshafte Jäger- oder Hirtenvölker gelebt, die sich weigerten, den Boden unter den Pflug zu nehmen und deren unruhige Wesensart die Beschränkungen eines sesshaften Lebens nicht ertragen konnte. Zu allen Zeiten waren die Skythen oder Tartaren gefürchtet für ihren unwiderstehlichen Mut und ihre raschen Eroberungszüge. Zu wiederholten Malen haben die Hirten des Nordens die Throne Asiens gestürzt; und auch über die fruchtbarsten und kriegstüchtigsten Landstriche Europas haben ihre Waffen Furcht und Schrecken verbreitet Imperium Asiae \>ter\< quaesivere: ipsi perpetuo ab alieno imperio, aut intacti, aut invicti, mansere. (Die Herrschaft über Asien haben sie dreimal angestrebt: sie selbst blieben dauerhaft von Fremdherrschaft verschont, von niemandem behelligt oder besiegt.) Seit den Zeiten des Iustinus (2,3) haben sie diese Zahl vervielfacht. Voltaire (Histoire générale; Oevres, Band 10, p.64) hat die Eroberungszüge der Tartaren kurz zusammengefasst: »Von ferne her hat Skythien über die bebenden Völker ruhelose Kriegswolken getrieben.« . Bei dieser und bei vielen anderen Gelegenheiten wird der nüchterne Historiker aus einer freundlichen Illusion aufgeweckt; er muss bekennen, wenn auch nicht ohne Widerstreben, dass das Brauchtum des Hirtenstandes, welches stets mit den Attributen von Unschuld und Frieden geschmückt war, weitaus besser zu den wilden und grausamen Gepflogenheiten eines kriegerischen Daseins passen. Um diese Feststellungen zu illustrieren, will ich nunmehr eine Nation von Viehzüchtern und Kriegern in drei wichtigen Punkten miteinander vergleichen, nämlich I. Ihrer Ernährung; II. Ihren Behausungen III. Ihren körperlichen Übungen. Die Erzählungen der Alten werden durch die Erfahrungen der Gegenwart bestätigt Das IV Buch von Herodot liefert uns ein eindringliches, wenn auch unvollständiges Bild der Skythen. Unter den modernen Autoren, die diese Szenerie beschreiben, gibt der Khan von Khowaresme, Abulghazi Bahadur, seine heimatlichen Gefühle zu erkennen; und seine \>Genealogical History of the Tatars\< wurde von den englischen und französischen Herausgebern üppig erläutert. Carpin, Ascelin und Rubruquis (in der ‚Histoire des voyages', Band 7) schildert die Mongolen des vierzehnten Jahrhunderts. Ich habe außerdem noch Gerbillon und die anderen Jesuiten (Description de la Chine, par Du Halde, Band 4) hinzugezogen, welcher die chinesischen Tartaren genau beschreibt; und endlich noch den ehrbaren und aufmerksamen Reisenden Bell von Antermony. . Und die Ufer der Borysthenes (Dnjepr), der Wolga oder der Selinga werden uns unterschiedslos den gleichen Anblick ähnlicher und archaischer Gebräuche gewähren Die Usbeken sind von ihren archaischen Gebräuchen mittlerweile am weitesten entfernt durch 1. ihr Bekenntnis zur Religion Mohammeds und 2. durch den Besitz von Städten und bebautem Land in der Bucharei (Turkistan). .   I ERNÄHRUNG I. Getreide oder sogar Reis, welches die übliche und bekömmliche Nahrung eines zivilisierten Volkes darstellt, kann nur durch den geduldigen Fleiß des Landmannes erzeugt werden. Einige glückliche Wilde, die zwischen den Wendekreisen leben, werden durch die Freigebigkeit der Natur im Überfluss mit Nahrung versorgt; aber in nördlichen Breiten ist ein Hirtenvolk auf ihre Rinder- und Schafherden angewiesen. Praktische Ärzte mit viel Erfahrung können angeben (wenn dies denn nicht außerhalb ihrer Kunst liegt), wie weit das Gemüt eines Menschen durch pflanzliche oder tierischen Nahrung geformt wird; und ob nicht die übliche Gleichsetzung von \>fleischessend\< mit \>grausam\< in einem anderen Licht gesehen werden muss als in dem eines unschuldigen und vielleicht sogar heilsamen menschlichen Vorurteils »II est certain que les grands mangeurs de viande sont en general cruels et feroces plus que les autres hommes. Cette observation est de tous les lieux, et de tous les tems: la barbarie Angloise est connue, etc.« (Es ist gewiss, dass die großen Fleischesser im Allgemeinen wilder und grausamer sind als die übrige Menschheit. Diese Beobachtung gilt für alle Länder und Zeiten: die Barbarei der Engländer ist ja hinreichend bekannt etc.) Rousseau, Èmile, Band 1, p. 274. Wie immer wir diese allgemeine Einschätzung beurteilen mögen, so werden wir (die Engländer) die Wahrheit seines Beispiels nicht so bald zugestehen. Plutarchs gutherzige Klagen und Ovids pathetisches Jammern bemächtigen sich unserer Vernunft auf dem Umwege über unsere Empfindsamkeit. . Wenn es nämlich wahr ist, dass das Gefühl des Mitleids unmerklich erstirbt durch den Anblick von Grausamkeit im häuslichen Umfeld, dann wollen wir hier anmerken, dass die Gegenstände des Entsetzens, vor der europäische Feinfühligkeit die Augen verschließt, in den Zelten der Tartaren-Hirten in ihrer nackten und brutalsten Form ausgeübt werden: Die Ochsen und Schafe werden von eben der Hand geschlachtet, die sie vorher lange Zeit gefüttert hat; und die blutigen Gliedmaßen werden ohne große Vorbereitung auf dem Tische ihrer gefühlsrohen Mörder serviert. Im militärischen Zusammenhang und besonders bei der Führung einer großen Armee bietet die ausschließliche Versorgung mit tierischen Nahrungsmitteln einige ganz handfeste Vorteile. Getreide ist ein schwergewichtiges und verderbliches Erzeugnis; und die großen Magazine, unverzichtbar für die Verpflegung unserer Truppen, müssen mühsam durch die Anstrengung von Menschen oder Pferden bewegt werden. Aber Rinder- und Schafherden, welche die Züge der Tartaren begleiten, stellen einen zuverlässigen und wachsenden Unterhalt von Fleisch und Milch sicher. Auf dem weitaus größten Teil der unbewohnten Steppe wächst Gras rasch und im Überfluss; und nur ganz wenige Plätze sind so unfruchtbar, dass sie dem zähen Vieh des Nordens nicht doch leidliche Weide böten. Der allesverschlingende Appetit und die geduldige Abstinenz der Tartaren können diesen Vorrat sogar noch strecken und vervielfachen. Sie essen das Fleisch, gleichgültig, ob die Tiere zu diesem Zwecke geschlachtet wurden oder an einer Krankheit verendet sind. Pferdefleisch, deren Genuss zu allen Zeiten und in allen Ländern Europas und Asiens streng tabuisiert war, essen sie mit besonderer Hingabe; und diese einmalige Vorliebe kommt ihnen bei ihren militärischen Unternehmungen sehr zustatten. Die Reiterei der Skythen ist auch bei ihren weitläufigsten und raschesten Vorstößen immer von einer gleichen Anzahl von Ersatzpferden begleitet, welche dazu verwendet werden, entweder die Geschwindigkeit der Barbaren zu verdoppeln oder ihren Hunger zu stillen. Mut und Armut speisen sich bei ihnen aus vielen Quellen. Geht das Futter in der Umgebung ihres Lagers zur Neige, schlachten sie den größten Teil ihres Viehs und konservieren das Fleisch entweder durch Räuchern oder durch Trocknen in der Sonne. Für die plötzlichen Notfälle auf einem Eilmarsch verproviantieren sie sich mit einer ausreichenden Menge an Käsebällen oder hartem Quark, den sie dann im gegebenen Moment in Wasser auflösen; und diese gehaltlose Nahrung kann dann für viele Tage Leib und Seele dieser zähen Krieger zusammenhalten. Aber auf diese außergewöhnliche Abstinenz, auf die ein Stoiker mit Beifall und ein Eremit mit Neid blicken würden, folgen gemeinhin die üppigsten Zugeständnisse an den Appetit. Wein aus lieblichen Breiten ist das schönste Geschenk oder der wertvollste Handelsartikel, den man den Tartaren andienen kann; und das einzige Beispiel für ein Gewerbe scheint die Kunst zu sein, aus der Milch von Stuten eine fermentierte Flüssigkeit zu isolieren, welche in sehr kurzer Zeit betrunken macht. Beinahe so wie die Tiere des Waldes durchleben die Wilden der Alten und der Neuen Welt die Wechselfälle von Hunger und Überfluss; und ihr Magen ist geübt, ohne große Probleme die beiden Extreme von Hunger und Völlerei auszuhalten.   IHRE BEHAUSUNGEN SIND KLEINE ZELTE II. Im Zeitalter einer rustikalen und kriegerischen Einfalt besiedelt ein Volk zerstreut ein weitläufiges Stück Erde, und viel Zeit muss vergehen, bevor etwa Griechenlands oder Italiens kampfesfrohe Jugend sich unter einer Fahne versammeln konnte, ihre eigenes Gebiet zu verteidigen oder das ihrer Nachbarn zu bedrängen. Die Fortschritte von Handwerk und Handel führen unmerklich große Volksmengen in befestigten Städten zusammen; aber dann sind die Bürger nicht länger Krieger; und die Besonderheiten, die ein geordnetes bürgerliches Zusammenleben auszeichnen, sind mit auf militärischen Erfordernissen unverträglich. Das Hirtenleben der Skythen jedoch schien die verschiedenen Vorzüge von Genügsamkeit und Raffinesse in sich zu vereinigen. So sind die Mitglieder des einen Stammes beständig beieinander, aber sie sind in einem Lager beieinander; und so wird die angeborene Gemütsverfassung dieser verwegenen Hirten durch gegenseitiges Helfen und Nacheifern lebendig gehalten. Die Behausungen der Tartaren sind nichts als kleine Zelte, oval geschnitten, welche der Jugend beiderlei Geschlechtes eine zwanglose, wenngleich kalte und schmutzige Unterkunft bieten. Die Paläste der Reichen bestehen aus Holz und sind so gebaut, dass sie bequem auf einem Zugwagen aufgebaut und mit einem Gespann von zwanzig bis dreißig Ochsen bewegt werden können. Die Schaf- und Rinderherden, welche die umliegenden Weidegründe tagsüber abgegrast haben, ziehen sich bei Einbruch der Dunkelheit in den Schutz des Lagers zurück. Die Notwendigkeit, wenigsten dem schlimmsten Durcheinander vorzubeugen, das bei diesem beständigen Zusammenleben von Mensch und Vieh entsteht, muss im Laufe der Zeit dazu führen, dass bei der Verteilung, Ordnung und Bewachung des Lagergrundes sich ansatzweise militärische Gepflogenheiten entwickeln. Sobald das Weideland eines bestimmten Gebietes abgegrast ist, setzt sich der Stamm oder besser: die Armee der Hirten zu neuen Triften in Marsch; und erwirbt sich so in Ausübung ganz gewöhnlicher Hirtenarbeit praktische Kenntnisse der wichtigsten und schwierigsten militärischen Aufgaben. Die Wahl des Standortes hängt von den Gegebenheiten der Jahreszeit ab: im Sommer ziehen die Tartaren nach Norden und schlagen ihre Zelte an Flussufern oder doch wenigstens in der Nähe eines fließenden Gewässers auf. Im Winter hingegen kehren sie in den Süden zurück und suchen mit ihrem Lager hinter einer Erhebung Schutz gegen die Winde, welche auf ihrem Wege über die öden und eisigen Flächen Sibiriens bitter kalt geworden sind. Diese Praxis trägt auf bemerkenswerte Weise dazu bei, den Gedanken an Wanderung und Eroberung unter den ziehenden Völkern groß werden zu lassen. Das Band zwischen diesen Menschen und ihrem Territorium ist derart mürbe, dass es bereits beim leichtesten Vorfall zerreißt. Das Lager und nicht der Boden ist des Tartaren angeborene Heimat. In der Einfriedung seines Lagers befinden sich auch immer seine Gefährten, seine Familie, sein Eigentum; und noch auf den weitesten Zügen ist er umgeben von allem, was ihm lieb und teuer und vertraut ist. Raubgier, Angst vor Unbill, drohende Knechtschaft haben zu allen Zeiten die Stämme der Skythen vermocht, beherzt in unbekannte Länder vorzudringen, wo sie auf besser Weide oder weniger schreckliche Feinde hoffen mochten. Die Umwälzungen im Norden haben oft genug das Schicksal des Südens bestimmt; und im Konflikt zwischen feindlichen Nationen sind Sieger und Besiegte von Chinas Grenzen bis nach Germanien vertrieben worden oder haben umgekehrt diese Vertreibung vorgenommen Diese Auswanderungswellen der Tartaren hat Herr de Guignes entdeckt (Histoire des Huns, Band 1 und 2), ein kenntnisreicher und fleißiger Übersetzer der chinesischen Sprache; welcher uns neue und wichtige Schauplätze der Menschheitsgeschichte zugänglich gemacht hat. . Diese großen Wanderungen, die zuweilen mit kaum glaublichen Mühen durchgeführt wurden, wurden durch die Besonderheiten des Klimas zuweilen erleichtert. Es ist wohlbekannt, dass die Kälte im Lande der Tartaren sehr viel strenger ist, als man es inmitten der gemäßigten Breiten mit Fug erwarten darf: diese ungewohnte Rauheit schreibt man eher den Hochebenen zu, welche sich zumal im Osten bis zu einer halben Meile über den Meeresspiegel erheben; und den Unmengen von Salpeter, mit denen der Boden durchtränkt ist Eine Ebene in der chinesischen Tartarei, nur 80 Meilen von der großen Mauer entfernt, lag nach den Befunden der Missionare dreitausend geometrische Schritte über dem Meeresspiegel. Montesquieu, der die Berichte der Reisenden ge- und auch missbraucht hat, führt die Umwälzungen Asiens auf den wichtigen Umstand zurück, dass Hitze und Kälte, Schwäche und Stärke einander unmittelbar benachbart sind. Esprit de lois 17,3. . Im Winter sind die gewaltigen Ströme, die in das Schwarze Meer, das Kaspische Meer oder das Eismeer münden, vollkommen zugefroren; die Felder sind mit Schnee überdeckt; und der flüchtige oder siegreiche Stamm kann mitsamt seiner Familien, Karren und Herden sicher über die glatte und feste Oberfläche der unendlichen Ebenen ziehen.   JAGD ALS DAS VORSPIEL ZUM KRIEG III. Das Hirtendasein ist, verglichen mit den Mühseligkeiten des Ackerbürgers oder Handwerkers, unbestritten ein Leben im Nichtstun; und da die höher stehenden Tartarenhirten ihren Gefangenen die Sorge für ihr Vieh übertragen, wird ihre eigene Muße nur selten durch niedere oder regelmäßige Arbeit unterbrochen. Aber anstelle dass sie diese Muße nun mildem Tun voll Liebe und Harmonie widmen, ist sie für gewöhnlich dem groben und blutigen Geschäft der Jagd aufgespart. Die Ebenen der Tartaren sind bevölkert mit einer kräftigen und arbeitswilligen Pferderasse, die sich für Jagd- und Kriegszwecke leicht abrichten lassen. Die Skythen jeden Alters hat man als vorzügliche und kühne Reiter gerühmt; und beständige Übung hat sie mit ihren Pferden gleichsam zusammenwachsen lassen, dass Fremde vermuteten, dass sie die täglichen Notwendigkeiten des Lebens wie Essen, Trinken und selbst noch Schlafen verrichten würden, ohne von ihrem Ross abzusteigen. Die Lanze führen sie mit besonderem Geschick; den langen Bogen führen die Tartaren mit nervichtem Arm; und der gewichtige Pfeil fliegt mit Genauigkeit und großer Wucht auf sein Ziel. Die Pfeile zielen oftmals gegen die unschuldigen Wüstenbewohner, die sich in der Abwesenheit ihres schlimmsten Feindes kräftig vermehrt haben: der Hase, die Ziege, der Rehbock, das Damwild, der Hirsch, der Sambur und die Antilope. Ausdauer und Durchhaltevermögen von Mensch und Pferd werden durch die Mühen der Jagd beständig geübt; und die Unmenge an Jagdwild trägt im Lager der Tartaren wesentlich zur Ernährung und sogar zu Luxus bei. Aber die Unternehmungen der skythischen Jäger beschränken sich nicht auf das Erlegen furchtsamer oder harmloser Tiere; kühn nehmen sie den wilden Eber an, wenn er sich gegen seine Verfolger wendet, provozieren den schwerfälligen Mut des Bären und reizen sogar den Zorn des Tigers auf, der im Dickicht schlummert. Wo Gefahr ist, ist wohl auch Ruhm; und die Jagdmethode, welche dem Mut die schönste Gelegenheit gibt, sich zu bewähren, kann man wohl zu Recht auch als das Abbild und die Schule des Krieges ansehen. Der Stolz und die Freude der Tartarenfürsten, ihre großen Jagdgesellschaften, stellen für ihre zahlreiche Kavallerie eine nützliche Übung dar. Es wird eine Kreis von vielen Meilen Umfang geschlagen, um das Wild eines größeren Bezirkes einzukreisen; die Reiter dieses Kreises bewegen sich nun auf den gemeinsamen Mittelpunkt zu; hier nun fallen die von allen Seiten eingekreisten Tiere den Pfeilen der Jäger zum Opfer. Auf diesem Marsch, der oft mehrere Tage dauert, muss die Kavallerie steile Hügel erklimmen, Flüsse durchqueren, sich durch enge Schluchten schlängeln, ohne dabei von der vorgegebenen Marschroute abzuweichen. Sie haben dabei die Gewohnheit angenommen, ihren Blick und ihre Schritte auf ein weit entferntes Objekt zu richten; den Abstand zueinander unverändert zu lassen; und ihr Tempo je nach den Gruppen links oder rechts zu verhalten oder zu beschleunigen; und die Signale ihrer Anführer zu beachten und zu beantworten. Diese wiederum lernen in dieser praktischen Schule die wichtigste Lektion des Militärwesens: die rasche und richtige Einschätzung des Geländes, der Entfernungen und der Zeit. Die einzige Abweichung, die ihnen in einem richtigen Krieg abverlangt wird, besteht darin, alle diese erworbenen Fähigkeiten gegen einen menschlichen Feind zu bewähren; und so dient denn die fröhliche Jagd als Vorbereitung für die Eroberung eines Weltreiches Petit de la Croix (Histoire du Gengizcan, Buch 3, c.7) schildert uns den ganzen Aufwand und Umfang einer solchen Jagd der Mongolen. Die Jesuiten Gerbillon und Verbiest folgten dem Kaiser K'ang-hsi bei einer Jagd in der Tartarei (du Halde, Description de la Chine, Band 4, p. 81 und 290ff.). Sein Enkel Ch'ien Lung, der die Disziplin der Tartaren mit der Gelehrsamkeit der Chinesen in sich vereinte, beschreibt das Vergnügen, das er als Sportsmann bei solcher Gelegenheit oftmals empfunden hatte. Éloge de Moukden, p. 273 – 285. .   REGIERUNGSFORM Die Gesellschaftsform der alten Germanen sieht für uns aus wie ein freiwilliger Zusammenschluss unabhängiger Krieger. Die Stämme der Skythen, die die moderne Bezeichnung Horde erhalten hat, erinnern eher an eine vielköpfige und emporblühende Familie; welche nach Ablauf von vielen Generationen von demselben Stamm abstammt. Noch der geringste und unwissendste Tartar hütet als unschätzbares Kleinod seine Geschlechterfolge; und welche Standesunterschiede die ungleiche Verteilung von Viehbesitz auch immer bewirkt haben mag: sie respektieren sich gegenseitig als die Abkömmlinge des Begründers ihres Stammes. Der heute noch geübte Brauch, die tapfersten und treuesten ihrer Gefangenen an Kindes Statt anzunehmen, leistet dem naheliegenden Verdacht Vorschub, dass diese weitläufige Blutsverwandtschaft im großen Umfang nur schöner Schein ist. Aber ein nützliches Vorurteil, welches durch Zeit und Zustimmung geheiligt ist, wirkt irgendwann wie lautere Wahrheit; die stolzen Barbaren gehorsamen dem Oberhaupt ihrer Blutsverwandschaft in fröhlicher Freiwilligkeit; und ihr Häuptling oder mursa übt, da er an der Stelle ihres großen Vaters steht, im Frieden das Amt des Richters und im Krieg das eines Anführers. In der ursprünglichen Verfassung der Hirtenstämme war jeder mursa (wenn wir diese moderne Bezeichnung weiterhin verwenden dürfen) das unabhängige Oberhaupt einer großen und selbständigen Familie; ihre jeweiligen Gebietsgrenzen bildeten sich allmählich infolge höherer Gewalt oder gegenseitiger Übereinkunft aus. Da aber beständig die unterschiedlichsten Angelegenheiten behandelt werden mussten, kam es allmählich zum Zusammenschluss der wandernden Horden zu einer Nation, die dann unter dem Kommando eines Oberhauptes stand. Die Schwachen verlangten nach Unterstützung und die Starken nach Herrschaft; die Macht, die aus so einer Vereinigung entsteht, bedrängte und vereinigte schließlich die zersplitterten Kräfte der Nachbarstämme; und da den Besiegten die Teilhabe an den Genüssen des Sieges gestattet ward, sputeten sich noch die kühnsten Häuptlinge, sich mit ihrem Anhang unter der drohenden Fahne dieser geeinten Nation einzufinden. Der erfolgreichste Tartarenherrscher erhielt den militärischen Oberbefehl, zu dem ihm Verdienst oder Macht verhalfen. Er wurde auf den Thron erhoben durch die Zustimmung der mit ihm Gleichgestellten; und in dem Titel Khan ist in der Sprache des nördlichen Asiens der ganze Umfang königlicher Würde einbegriffen. Das Recht auf die erbliche Thronfolge blieb lange Zeit auf die Blutsverwandtschaft des Begründers der Monarchie beschränkt; und heutzutage sind alle Khans, die von der Krim bis zur Chinesischen Mauer herrschen, die direkten Nachkommen des berühmten Dschingis Vergleiche hierzu den 2. Band der Genealogical History of the Tartars und die Liste der Khans am Ende des Lebens von Gengis oder Dschingis. Unter der Herrschaft des Timus oder Tamerlan führte einer seiner Untertanen, ein Nachfahre des Dschingis, immer noch den Khan-Titel; und der Eroberer Asiens begnügte sich mit dem Titel eines Emirs oder Sultans. Abulghazi, Teil 5, c. 4; D'Herbelot, Bibliothèque Orientale, p. 878. . Da es aber nun einmal die unerlässliche Pflicht eines Tartarenherrschers ist, seine kriegslüsternen Mannen anzuführen, werden die Rechtsansprüche eines Kindes auf den Thron oft übersehen; und mancher Gefolgsmann eines Königs, ausgezeichnet durch Mut und Alter, wird mit dem Schwert und Szepter seines Vorgängers ausgestattet. Zwei unterschiedliche und reguläre Steuern sind den Stämmen auferlegt, mit denen sie zu der Würde des Königs und der ihres jeweiligen Stammeshäuptlings beitragen sollen; und diese Beisteuer beläuft sich jeweils auf den Zehnten ihres Eigentums und ihrer Beute. So verfügt also ein Tartarenherrscher über den zehnten Teil des Reichtums seines Volkes; und da sich sein persönlicher Besitzstand von Schaf- und Rinderherden verhältnismäßig schnell vergrößert, ist er imstande, den rustikalen Glanz seines Hofes zu unterhalten, die Anhänger zu belohnen, die verdienstvoll oder ihm die liebsten sind und mit sanft wirkender Bestechung den Gehorsam zu erhalten, der sich dem strengen Machtanspruch sonst wohl verweigern würde. Die Sitten seiner Untertanen, die wie er an Mord und Raub gewohnt sind, mag in ihren Augen solche Willkürmaßnahmen entschuldigen, die zivilisierten Völkern ein Schrecknis sein dürften; aber eigentliche Despotenwillkür ist in den Wüsten Skythiens niemals anerkannt worden. Die Rechtsprechung eines Khans erstreckt sich nur auf seinen eigenen Stamm: und die Ausübung seiner königlichen Prärogative wird durch die althergebrachte Einrichtung eines nationalen Rates reguliert. Der Coroultai Siehe die Beschreibung der Reichstage der antiken Hunnen bei de Guignes, (Histoire des Huns, Band 2, p. 26) sowie einen lesenswerten Bericht über die von Dschingis (Pétis, Histoire du Gengizcan,Band 1, c.6, und Buch 4, c.11). Diese Art Versammlungen werden oft in der \>Persischen Geschichte\< von Timur erwähnt, auch wenn sie nur dazu diente, die Beschlüsse des Meisters abzunicken. oder Landtag der Tartaren wurde regelmäßig im Frühjahr und Herbst abgehalten, inmitten einer Ebene; woselbst sich die Prinzen der herrschenden Familie und die mursas der Stämme mitsamt ihrem zahlenstarken und kriegstüchtigen Anhang bequem zu Pferde einfinden konnten; und der ehrgeizige Monarch, der die Macht eines bewaffneten Volkes wiederbelebt hatte, muss nunmehr ihre Zuneigung befragen. Man wird wohl in der Verfassung der skythischen Nation Reste von Feudalismus aufspüren; aber die ständigen Konflikte dieser unruhigen Nation hat die Entstehung eines mächtigen und despotischen Reiches verhindert. Der Sieger, durch die Abgaben und die Gefolgschaft abhängiger Könige groß geworden, hat seine Eroberungen über Europa und Asien ausgedehnt; und die erfolgreichen Hirten aus dem Norden haben sich unter das Joch von Kunst, Gesetz und Städten begeben; erst die Einführung von Luxus hat die Freiheit des Volkes zerstört und dann das Fundament des Throns untergraben Montesquieu bemüht sich, den nicht existierenden Unterschied herauszuarbeiten, welcher zwischen der Freiheit der Araber und der dauerhaften Sklaverei der Tartaren bestand. Esprit de lois, 7,5 und 18,19 ff. .   DAS LAND DER SKYTHEN Auf häufigen und ausgedehnten Wanderzügen kann sich bei einem Volk illiterater Barbaren die Erinnerung an Vergangenes nicht lange halten. Die modernen Tartaren wissen von den Eroberungen ihrer Vorfahren nichts Abulghazi Khan hat in den ersten beiden Teilen seiner \>Genealogical History\< die armseligen Fabeln und Überlieferungen der usbekischen Tartaren erzählt, die sich auf die Zeit vor der Herrschaft des Dschingis Khan beziehen. ; und unsere Kenntnis von der Geschichte der Skythen verdanken wir lediglich ihrem Zusammentreffen mit den gebildeten und kultivierten Völkern des Südens, den Griechen, Persern und Chinesen. Die Griechen, die das Schwarze Meer befuhren und entlang der Küste ihre Kolonien gründeten, entdeckten nach und nach und nur unvollkommen das Land der Skythen, angefangen an der Donau und der Grenze zu Thrakien bis hin zum Maeotissee, der Heimat des ewigen Winters, und dem Kaukasus, der in der Sprache der Dichtung die äußerste Grenze der Erde genannt wurde. Mit schlichter Leichtgläubigkeit besangen sie die Vorzüge des Hirtenlebens Im dreizehnten Buch der Ilias wendet Jupiter seine Augen von dem blutigen Schlachtfeld Trojas zu den Ebenen Thrakiens und Skythiens. Durch diesen Wechsel der Aussicht hätte sich ihm allerdings kein friedlicherer oder unschuldigerer Anblick geboten. . Sie unterhielten eine rational begründete Sorge vor der Stärke und Zahl der kriegslüsternen Barbaren Thukydides 2,97. , welche sogar für die unermesslichen Heerscharen von Dareius, des Sohnes von Hystaspes, nur Spott erübrigten Siehe Herodot, 4. Buch. Als Dareios in die moldavische Wüste zwischen Donau und Dnjestr vordrang, schickte der Skythenkönig eine Maus, einen Frosch, einen Vogel und fünf Pfeile; eine schreckliche Allegorie! . Die persischen Großkönige waren auf ihren siegreichen Eroberungszügen bis an die Donau und die Grenzen der europäischen Skythen vorgedrungen. Die Ostprovinzen ihres Reiches stießen an die Grenzen der asiatischen Skythen: der unzivilisierten Bewohner der Ebenen jenseits des Oxys und Jaxartes, zweier mächtiger Ströme, die zum Kaspischen Meer fließen. Der lange und erinnerungswürdige Konflikt zwischen Iran und Turan ist noch heute Gegenstand von Geschichtsschreibung und romanhafter Verklärung; die vielgerühmte, vermutlich aber auch fabulöse Heldenkraft der persischen Heroen Rustan und Asfendiar tat sich bei der Verteidigung ihres Landes gegen die Afrasiaben des Nordens Diese Krieger und Helden finden sich unter dem jeweils zugehörigen Stichwort in d'Herbelots Bibliothèque Orientale zu finden. Firdusi, der persische Homer, hat sie in einem Epos von sechzigtausend Verspaaren gefeiert. Siehe ‚Life of Nader Shah, p.145 und 165. Es ist bedauerlich, dass Herr Jones seine orientalischen Literaturstudien unterbrochen hat. hervor; und die unbesiegbare Tapferkeit derselben Barbaren widerstand auf demselben Boden den siegreichen Armeen des Kyros und Alexander Das Kaspische Meer, seine Flüsse und die anwohnenden Stämme werden ausführlich dargestellt im Examen Critique des Historiens d'Alexandre, in welchem die tatsächlichen geographischen Gegebenheiten mit den Irrtümern verglichen werden, für welche die Phantasie oder die Unkenntnis der Griechen verantwortlich sind. . Die Griechen und Perser vermeinten, dass das Land der Skythen im Osten durch das Imaus-Gebirge oder Caf begrenzt werde; aber ihre Vorstellungen von den äußersten und unzugänglichen Teilen Asiens waren vom Irrtum umdunkelt und durch Fiktion verworren. In Wirklichkeit waren jene unzugänglichen Gebiete der alte Sitz einer mächtigen und kultivierten Nation Das ursprüngliche Siedlungsgebiet dieser Nation scheint im nordwestlichen China in den Provinzen Chensi und Chansi gelegen zu haben. Während der ersten beiden Dynastien war die Hauptstadt nur ein Zeltlager; die Dörfer lagen weit verstreut ringsum; und es gab mehr Weide- als Ackerland; die Jagd wurde ausgeübt, um das Land von gefährlichen Tieren zu säubern; Petcheli (wo heute Peking liegt) war eine Wüste, und die Provinzen des Südens waren mit indischen Wilden bevölkert. Die Han-Dynastie (206 v.Chr.) gab dem Reich seine heutige Form und Größe. , welche nach glaubwürdiger Überlieferung vierzig Jahrhunderte zurückreicht Der Beginn der chinesischen Monarchie wurde verschiedentlich bestimmt, von 2952 bis 2132 v.Chr. Das Jahr 2637 wurde von dem gegenwärtigen Herrscher gesetzlich dekretiert. Die Unterschiede kommen daher, dass die Dauer der ersten beiden Dynastien unbestimmbar ist. Sematsien datiert seine Chronologie vom Jahr 841 an: die sechsunddreißig Sonnenfinsternisse des Konfuzius (von denen einunddreißig bestätigt werden konnten) wurden zwischen 722 und 480 v.Chr. beobachtet. Die eigentliche geschichtliche Zeit Chinas reicht nicht weiter zurück als die griechischen Olympiaden. ; und welche in der Lage ist, nahezu zweitausend Jahre mit Hilfe ununterbrochener Aufzeichnungen präziser zeitgenössischer Historiker zu belegen Nach langen Epochen aus Anarchie und Despotie wurde die Han-Dynastie (206 v.Chr.) zum Zeitalter der wiederbelebten Bildung. Die Fragmente der antiken Literatur wurden wiederhergestellt; die Buchstaben wurden verbessert und verbindlich, und solche nützlichen Erfindungen wie Tinte, Papier und Druck gewährleisteten den Erhalt von Büchern. 79 v.Chr. veröffentlichte Sematsien seine erste Geschichte Chinas. Seien Arbeit wurde fortgeführt von einhundertundachtzig Historikern. In der Hauptsache sind ihre Werke erhalten, und die besten Manuskripte befinden sich gegenwärtig im Besitz der königlichen französischen Bibliothek. . Die Annalen von China Die Beschreibung Chinas haben wir den Bemühungen der Franzosen zu danken, den Missionaren in Peking und den Herren Frerot und de Guignes in Paris. Inhaltlich stützen sich die vorangegangenen Aussagen auf: \>Chou-king\<, mit Vorrede und Anmerkungen von de Guignes, Paris, 1770; dem Tong-Kien-Kang-Mou, übersetzt von Pater de Mailla unter den Titel ‚Histoire Generale de la Chine, Band 1, p. XLIX – CC; den Memoires sur la Chine, Paris, 1776, etc., Band 1, p. 1 – 323, Band 2, p. 5 – 364; den Histoire des Huns, Band 1, p. 1 – 131, Band 5, p. 345 – 362; und den Memoires de l'Academie des Inscriptions, Band 10, p. 377 – 402, Band 15, p. 495 – 564, Band 18, p. 178 – 295, Band 36, p. 164 – 238. schildern die Lage und die Umwälzungen der Hirtenvölker, die wir immer noch unter die ungenauen Namen Tartaren oder Skythen fassen können; die Gefolgsleute, die Feinde und bisweilen die Eroberer eines großen Reiches; dessen Politik unverändert gegen die blindwütige Macht der Barbaren aus dem Norden gerichtet war. Von der Donaumündung bis zum Japanischen Meer beträgt sie gesamte Ausdehnung Skythiens einhundertzehn Längengrade, was in jenen Breitenparallelen einer Strecke von mehr als fünftausend Meilen entspricht. Die Breitenausdehnung dieser riesigen Wüstengebiete lässt sich nicht mit gleicher Genauigkeit bestimmen; aber vom vierzigsten Breitengrad, auf der geographischen Breite der Chinesischen Mauer, können wir getrost eintausend Meilen in nördlicher Richtung gehen, bis die unmäßige Kälte Sibiriens unsere weitere Wanderung aufhält. In diesen grausamen Landstrichen verrät der Rauch, welcher der Erde oder genauer: dem Schnee entsteigt, von den unterirdischen Behausungen der Tongusen und Samojeden: dem Mangel an Pferden und Ochsen wird nur unvollkommen abgeholfen durch die Verwendung des Ren und großer Hunde; und die Eroberer der Welt verkommen allmählich zu einer Rasse von kümmerlichen Wilden, welche beim Klang der Waffen vor Furcht beben Siehe die Histoire générale des voyages, Band 18, und die Genealogical history, Band 2, p. 620 – 664. .   HEIMAT DER HUNNEN NAHE CHINA · KRIEG MIT CHINA · 201 V. CHR Die Hunnen, die während der Herrschaft des Valens das Römische Imperium erschütterten, waren in viel früheren Zeiten dem chinesischen Reiche furchtbar Herr de Guignes hat uns (Histoire des Huns, Band 2, p. 1 – 124) die ursprüngliche Geschichte der Hiong-nou oder Hunnen gegeben. Die chinesische Gographie ihres Landes (Band 1, Teil 2, p. 55.63) scheint auch einen Teil ihrer Eroberungen einzuschließen. . Ihr alter, vielleicht ihr eigentlicher Wohnsitz war ein riesiger, wenngleich trockener und abgeschlossener Landstrich unmittelbar an der Nordseite der Großen Mauer. Gegenwärtig wohnen hier die neunundvierzig Horden oder Banner der Mongolen, eines Hirtenvolkes, das aus etwa zweihunderttausend Familien besteht Siehe bei du Halde (Band 4, p. 18 – 65) eine sehr detaillierte Beschreibung und eine Karte des Mongolenlandes. . Aber die Stärke der Hunnen ist über die engen Grenzen ihrer Heimat hinausgewachsen; und ihre rustikalen Stammeshäuptlinge wurden allmählich zu den Eroberern und Alleinherrschern eines gewaltigen Reiches. Nach Osten hin wurden ihre siegreichen Waffen lediglich durch den Ozean aufgehalten; und die Stämme, welche zwischen Amur und der Halbinsel Korea dünn verstreut siedeln, schlossen sich zähneknirschend der Fahne der Hunnen an. Nach Westen hin, nahe der Irtischmündung und den Tälern des Imaus, fanden sie mehr Siedlungsraum und auch mehr Feinde. Einer der Generäle des Tanju unterwarf auf einem einzigen Feldzug sechsundzwanzig Völker; die Iguren Bei den Iguren oder Viguren finden wir drei Berufsgruppen: Jäger, Schäfer und Landwirte; die letztgenannte Klasse war den ersten beiden verächtlich. Siehe Abulghazi, Genealogical History, Teil 2, c. 7. , die sich unter den Tartaren durch den Gebrauch der Schrift auszeichnen, zählten zu ihren Vasallen; und wie nun einmal die Geschehnisse der Menschen auf merkwürdige Weise miteinander verknüpft sind, hat die Flucht einer dieser Wanderstämme die siegreichen Parther von ihrer Eroberung Syriens zurückgerufen Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 25, p. 7 – 33. Herrn de Guignes weit reichender Blick hat diese entfernten Ereignisse miteinander verglichen. . Als nördliche Grenze der Hunnenmacht wurde der Ozean bezeichnet. Da kein Feind ihrem Vormarsch sich in den Weg stellte und keine Zeugen ihrer Prahlsucht widersprechen konnten, mochten sie wohl eine wirkliche oder auch nur eingebildete Eroberung Sibiriens für sich reklamieren. Das Nordmeer wurde als die äußerste Grenze ihres Reiches angegeben. Aber diese Bezeichnung für einen See, an dessen Ufern der Patriot Sovou das Leben eines Hirten und Exilanten führte Der Ruhm des Sovou oder So-ou, seine Verdienste und seine einzigartigen Abenteuer sind im heutigen China immer noch Gegenstand der Bewunderung. Siehe die Éloge de Moukden und die Anmerkungen p. 241 – 247 sowie die Mémoires sur la Chine, Band 3, p. 317 – 360. , kann mit besseren Gründen für den Baikalsee beansprucht werden, ein großes Becken, etwa dreihundert Meilen lang, für den die bescheidene Bezeichnung Binnensee Vergleiche hierzu Isbrand Ives in Haris' Collection, Band 2p. 931, Bell's Reisebeschreibungen, Band 1, p. 247 – 254 und Gmelin, in der Histoire général des voyages, Band 18, p. 283 – 329. Sie alle zitieren die alberne Auffassung, dass das Heilige Meer zornig und stürmisch wird, wenn jemand es einen Binnensee zu nennen sich unterfängt. Diese grammatikalische Delikatesse ruft oftmals eine Diskussion zwischen dem absurden Aberglauben der Seeleute und der absurden Unbelehrbarkeit der Reisenden hervor. lächerlich klingt und der in der Tat Verbindungen zum Nordmeer aufweist durch Angara, Tonguska und Jenessei, die mächtigen Ströme. Die Unterwerfung so vieler abgelegener Völker mag ja dem Stolz des Tanjou schmeicheln; aber die Stärke der Hunnen fand ihre Belohnung erst im Genuss der Reichtums und des Luxus' der südlichen Länder. Schon im dritten Jahrhundert vor der christlichen Ära wurde eine Mauer von fünfzehnhundert Meilen Länge aufgeführt, mit dem die Grenzen Chinas gegen die Einfälle der Hunnen verteidigt werden sollten Der Bau der Chinesischen Mauer wird von du Halde (Description de la Chine, Band 2, p. 45) und de Guignes (Histoire des Huns, Band 2, p. 59) erwähnt. ; aber dieses stupende Bauwerk, welches auf der Weltkarte eine Ausnahmestellung einnimmt, hat nichts zu der Sicherheit dieses kriegsuntüchtigen Volkes beigesteuert. Die Kavallerie des Tanjou bestand zuweilen aus mehr als zwei- oder dreihunderttausend Mann und war allein durch ihre Geschicklichkeit mit dem Bogen und ihren Pferden fürchterlich; durch ihr abgehärtetes Erdulden jeder Art von Wetter; und endlich durch ihre unglaubliche Marschgeschwindigkeit, die nur selten durch Ströme oder Stromschnellen aufgehalten wurde geschweige denn durch tiefe Flüsse oder hohe Berge.   IHRE KRIEGE GEGEN CHINA 201 V. CHR In einem Nu hatten sie das Land überschwemmt; und mit ihren blitzartigen Angriffswellen überrumpelten, verwirrten und besiegten sie die schwerfälligen taktischen Manöver der chinesischen Armee. Der Kaiser Kaoti Siehe hierzu die Biographie des Liu Pang oder Han Kaotsu in der \>Histoire Générale de la Chine\< (Paris 1777f), Band 1, p. 442 – 522. Dieses umfassende Werk ist die Übersetzung (von Pater de Mailla) des \>Tong-kein Kang-mu\<, der berühmten Kurzfassung von Suma Kuangs großem Geschichtswerk (A.D. 1084) und seiner Fortsetzer. , ein rechter Glücksritter, der durch persönliches Verdienst auf den Thron gelangt war, zog gegen die Hunnen mit seinen Veteranentruppen ins Feld, die sich in den vorangegangenen chinesischen Bürgerkriegen bestens bewährt hatten. Aber schon bald hatten ihn die Barbaren umzingelt; und nach siebentägiger Belagerung musste der Monarch, an Hilfe verzweifelnd, seinen Anzug durch eine schmachbeladene Kapitulation erkaufen. Die Nachfolger des Kaoti, deren Leben eher den Segnungen des Friedens und dem Luxus des Palastes gewidmet war, unterwarfen sich noch schmachvoller. Allzu bereitwillig hatten sie sich die Wirkungslosigkeit der Truppen und Festungsanlagen eingestanden. Allzu leicht hatten sie sich einreden lassen, während von allen Seiten die Alarmtrompeten das Nahen der Hunnen verkündeten Siehe die freimütige, ausführliche Denkschrift, die dem Kaiser Wen-ti (180 – 157 v. Chr.) von einem Mandarin vorgelegt wurde, bei du Halde (Description de la Chine, Band 2, p. 412 – 426) in einer Sammlung von Staatsdokumenten, von K'ang-hsi selbst mit rotem Pinsel markiert (p. 384 – 612). Eine andere Denkschrift des Kriegsministers (Kang-mu, Band 2, p.555) bietet einige bemerkenswerte Einzelheiten über Sitten und Bräuche der Hunnen. , dass sie chinesischen Truppen, die sogar mit dem Helm auf dem Kopf und dem Panzer am Leibe schliefen, durch unablässige und sinnlose Gewaltmärsche geschwächt seien. So wurde also eine regelmäßige Geld- und Seidenabgabe als Bedingung für einen vorläufigen und widerruflichen Frieden ausgehandelt; und dabei bedienten sich die Kaiser Chinas – wie übrigens auch die von Rom – des erbärmlichen Kniffes, einen echten Tribut mit den schicklichen Euphemismus eines Hilfsgeldes oder Geschenkes zu belegen. Es blieb aber eine noch viel schlimmere Tributpflicht zu tun, welche alle Gefühle der Humanität und der Natur beleidigte. Die Härten des Lebens in der Wildnis, welche schwächelnden und anfälligen Kleinkindern das Leben kostete, führten zu einer unübersehbaren Ungleichverteilung der beiden Geschlechter. Die Tartaren sind hässlich, um nicht zu sagen missgestaltet; und während sie ihre eigenen Weiber lediglich als die Arbeitstiere für häusliche Fron ansehen, steht ihre Sehnsucht oder wohl eher ihr Gelüste nach eleganterer Schönheit. So wird nun jedes Jahr eine ausgewählte Schar der anmutigsten chinesischen Jungfrauen den wüsten Umarmungen der Hunnen ausgeliefert Eine Lieferung von Frauen als landesübliche Vertragsbedingung und Tributleistung erwähnt in der ‚Histoire de la Conquete de la Chine par les Tartares Mantcheoux', Band 1, p. 186f, mit einer Anmerkung des Herausgebers. ; und die Freundschaft des hochmütigen Tanjou wurde sichergestellt durch die Heirat mit den leiblichen oder angenommenen Töchtern der kaiserlichen Familie, welche sich vergeblich dieser gotteslästerlichen Besudelung zu entziehen trachteten. Die Lage dieser unglücklichen Opfer wird in den Versen einer chinesischen Prinzessin beschrieben, welche bitter beweint, dass ihre Eltern sie zu einem fernen Exil mit einem barbarischen Gatten verurteilt hätten; welche sich beklagt, dass saure Milch ihr einziges Getränk, rohes Fleisch ihre einzige Nahrung und ein Zelt ihr einziger Palast seien; und welche in einer Anwandlung rührender Schlichtheit sich nur wünscht, sie wäre ein Vogel und könne in ihre Heimat zurückfliegen, dem Objekt ihrer zärtlichen und immerwährenden Sehnsucht De Guignes, Histoire des Huns, Band 2, p. 62. .   NIEDERGANG DER HUNNEN · IHRE AUSWANDERUNG A.D. 100 Zweimal vollendeten die Hirtenvölker des Nordens Chinas Eroberung: die Hunnen standen den Mongolen oder den Völkern der Mandschurei nicht nach; und ihre Ehrgeiz hat sie denn auch zu den lebhaftesten Hoffnungen verleitet. Aber ihr Stolz wurde gedemütigt und ihr Vorwärtsstürmen gehemmt durch die Waffen und die Politik des Vouti Siehe die Regierungszeit von Kaiser Wu-ti im Kang-mu. Band 3, p. 1 – 98. Sein wetterwendischer, unbeständiger Charakter scheint ganz objektiv gezeichnet zu sein. , des fünften Kaisers der machtvollen Han-Dynastie. In seiner langen vierundfünfzigjährigen Regierungszeit unterwarfen sich die Barbaren der südlichen Provinzen den Gesetzen und Gebräuchen Chinas; und die alten Grenzen der Monarchie vergrößerten sich vom großen Fluss Kiang bis zum Hafen von Kanton. Seine Generäle begnügten sich keineswegs mit den verhaltenen Manövern eines Verteidigungskrieges, sondern drangen viele hundert Meilen in das Hunnenland ein. In diesen grenzenlosen Wüsten, wo die Anlage von Magazinhäusern unmöglich und der Nachschub äußerst schwierig ist, waren Voutis Armeen wiederholt unerträglichen Härten ausgesetzt: von einhundertundvierzigtausend Soldaten, die einst gegen die Barbaren auszogen, kehrten nur dreißigtausend sicher zu ihres Herren Füßen zurück. Gleichwohl wurden diese Verluste durch glanzvolle Erfolge wieder wettgemacht. Die chinesischen Generäle bestätigten die Überlegenheit, die ihnen die Kampfesstärke ihrer Truppen, ihrer Streitwagen und ihrer tartarischen Hilfsvölker verlieh. Das Lager Tanjous wurde überrumpelt, als es betrunken schlief; und obwohl sich der König der Hunnen mit Macht seinen Weg durch die Reihen der Feinde freikämpfte, verlor er doch fünfzehntausend Mann auf dem Schlachtfeld. Doch eigentlich trug dieser bemerkenswerte Sieg, dem viele vorausgingen und viele folgten, sehr viel weniger zur Schwächung der Hunnenmacht bei als die wohlkalkulierte Politik, mit welcher man die tributpflichtigen Völker aus ihrer Abhängigkeit herauslöste.   70 V. CHR Ermutigte durch die Waffemacht und verlockt durch die Versprechungen Voutis und seiner Nachfolger, sagten sich die mächtigsten Völkerschaften des Ostens und Westens von der Oberherrschaft des Tanjou los. Einige wurden freiwillig die Verbündeten oder Vasallen des Reiches, alle wurde sie unversöhnliche Feinde des Hunnen: und sobald sich diese stolzen Völker auf ihrer eigenen, naturgegebenen Kräfte zurückgeworfen sahen, waren sie in den Mauern einer der großen, bevölkerungsreichen Städte ganz zufrieden Dieser Ausdruck findet sich in der Denkschrift an den Kaiser Wen-ti (du Halde, Description de la Chine, Band 2, p. 417). Ohne auf die Übertreibungen eines Marco Polo oder Isaak Vossius zurückzugreifen, dürfen wir für Peking bedenkenlos zwei Millionen Einwohner annahmen. Die Städte des Südens, in denen Chinas Manufakturen stehen, sind noch volkreicher. . Die schnöde Flucht seiner Untertanen, die Wirren der Bürgerkriege bestimmten schließlich den Tanjou selbst, die Würde eines unabhängigen Königs und die Freiheit einer kriegerischen und tapferen Nation dahin zu geben.   51 V.CHR In Sigan, der Hauptstadt des Reiches wurde der Hunnenfürst empfangen, von den Truppen, von den Mandarinen und dem Kaiser höchstselbst, mit allen Ehren, die den Triumph der chinesischen Eitelkeit vergrößern und zugleich verbergen konnten Siehe Kang-mu, Band 3, p. 150 und die nachfolgenden Ereignisse unter den jeweiligen Jahreszahlen. Dieses denkwürdige Fest wird im Éloge de Moukden gerühmt und in einer Anmerkung von Pater Gaubil p. 89f erklärt. . Ein prunkbeladener Palast stand zu seinem Empfang bereit; sein protokollarischer Rang war über allen Prinzen der kaiserlichen Familie; und die Geduld des Barbarenkönigs wurde belastet durch die Zeremonien eines Bankettes, welches aus acht Gängen mit Fleisch und neun Auftritten mit ernsthafter Musik bestand. Und doch übte er auf seinen Knien die Pflicht einer respektvollen Ehrbezeigung an den Kaiser von China; sprach in seinem und aller seiner Nachfolger Namen einen heiligen und immergültigen Treue-Eid; und nahm dankbar das Siegel entgegen, das Abzeichen seiner königlichen Abhängigkeit. Nach dieser trübseligen Veranstaltung stahlen sich die Tanjous gelegentlich aus ihrer Untertanenpflicht und widmeten sich den Genüssen von Raub und Krieg; aber die Monarchie der Hunnen verkam und zerfiel schließlich in der Folge eines Bürgerkrieges in zwei feindliche und unabhängige Königreiche.   A.D. 48 Einen der beiden Herrscher dieses Voilkesbestimmten Furcht und Ehrgeiz, sich mit acht Horden in den Süden zurück zu ziehen, was etwa vierzig- bis fünfzigtausend Familien entsprach. Er erhielt zusammen mit dem Titel des Tanjou noch ein geeignetes Territorium an der Grenze der chinesischen Provinzen; und seine treue Ergebenheit im kaiserlichen Dienst wurde durch Schwäche und Racheverlangen sichergestellt. Seit jenem fatalen Schisma siechten die Hunnen des Nordens fünfzig Jahre dahin. bis sie schließlich von allen Seiten durch äußere und innere Feinde unterworfen waren. Eine stolze Inschrift Die Inschrift wurde von Pan Ku, dem Präsidenten des historischen Gerichtshofes, an Ort und Stelle verfasst(siehe Kang-Mu, Band 3, p. 392); ähnliche Dokumente fanden sich an vielen Stellen in der Tartarei (de Guignes, Histoire des Huns, Band 2, p. 122). auf einer Säule, errichtet auf hohem Berge, lässt die Nachwelt wissen, dass eine chinesische Armee siebenhundert Meilen ins Feindesland vorgedrungen war. Die Sienpi Herr de Guignes, (Histoire des Huns, Band 1, p. 189) hat eine kurze Notiz über Sein-pi eingefügt. , ein Stamm von Ost-Tartaren, vergalt das Unrecht, das sie einst erlitten hatten; und die Macht des Tanjou, die immerhin dreizehnhundert Jahre Bestand gehabt hatte, war vor dem Ende des ersten christlichen Jahrhunderts ohne irgendeine nennenswerte Bedeutung Die Ära der Hunnen reicht nach chinesischer Darstellung zurück bis ins Jahr 1210 v.Chr. Aber ihre Königsliste beginnt erst im Jahre 230 (de Guignes, Histoire des Huns, Band 2, p. 21 und 123). .   DIE HUNNEN IN DER SOGDIANA UND AN DER WOLGA · IHRE WANDERUNG A.D. 100 Das Schicksal der besiegten Hunnen gestaltete sich unterschiedlich, je nach der Ungleichheit ihres Charakters oder ihrer Lage Die verschiedenen Vorkommnisse, der Machtverlust und die Flucht der Hunnen werden in der Kang-Mou erzählt (Band 3, p. 88,91, 95, 139 u.a.). Die geringe Größe jeder Horde mag ihren Verlusten und Spaltungen zuzuschreiben sein. . Etwa einhunderttausend Menschen, die ärmsten und ganz gewiss die verzagtesten, begnügten sich damit, in ihrer Heimat zurück zu bleiben, ihren Namen und ihre Herkunft zu vergessen und sich mit der siegreichen Nation der Sienpi zu vermischen. Achtundfünfzig Horden, etwa zweihunderttausend Mann, die nach ehrenvollerem Dienst verlangten, zogen sich in den Süden zurück; erbaten den Schutz der chinesischen Kaiser; und durften die äußersten Gebiete der Provinz Chansi und der Ortous-Territorien besiedeln und somit auch beschützen. Aber die Hunnenstämme, die von allen die mächtigsten und kriegerischsten waren, hatten sich noch in solch misslicher Situation etwas von dem unerschrockenen Geist ihrer Vorfahren bewahrt. Die westliche Welt stand ihnen offen; und so beschlossen sie, unter der Führung ihrer Erbkönige einige entlegene Gebiete zu erkunden und zu erobern, welche außerhalb der Reichweite der Waffen der Sienpi und der chinesischen Gesetze lagen de Guignes ist den Spuren der Hunnen durch die endlosen Steppen der Tartarei nachgeganden (Histoire des Huns, Band 2, p. 123, 277ff. und 325ff). . Ihre Züge führten sie schon bald über das Imäus-Gebirge und damit außer Reichweite der chinesischen Geographie, aber wir wenigstens sind imstande, die beiden Wege dieser gewaltigen Auswanderungswelle zu verfolgen, welche zum Oxus und zur Wolga führten.   DIE WEISSEN HUNNEN VON SOGDIANA Die Ersten schlugen ihre Zelte in der großen, fruchtbaren Ebene von Sogdania östlich des Kaspischen Meeres auf: wo sie den Namen Hunnen beibehielten, allerdings mit dem Epitheton Euthalites oder Nepthalites. Ihr Auftreten war nicht mehr so ungehobelt infolge des milden Klimas und ihres langen Aufenthaltes in dieser gesegneten Provinz Mohammed II, der Sultan von Karizme, regierte in Sogdania, als es 1218 von Dschingis Khan und seinen Mongolen erobert wurde. Unsere Historiker des Orients (du Herbelot, Petit de la Croix, etc.) rühmen die einwohnerreichen Städte, die er vernichtete und das fruchtbare Land, das er verwüstete. Im folgenden Jahrhundert werden dieselben Provinzen von Chorasmia und Mawaralnahr von Abulfeda beschrieben (Hudson, Geographiae scriptores minores, Baand 3). Ihre tatsächliche Notlage kann man aus der Genealogical history of the Tartars, p. 423 – 469 ablesen. , in der sogar noch ein milder Nachklang der griechischen Kultur zu spüren sein mochte Iustinus (41,6) hat eine kurze Übersicht über die griechischen Könige von Baktrien hinterlassen. Ihrem Bemühen möchte ich den außergewöhnlichen Handel zuschreiben, welcher Güter von Indien nach Europa führte, über den Oxus, das Kaspische Meer, den Cyrus, den Phasis und das Schwarze Meer. Die anderen Handelsrouten, die über Land und Meer führten, waren in der Hand der Seleukiden und Ptolemäer. Siehe Montesquieu, Esprit des lois 21. . Die weißen Hunnen, welcher Namen sich von der Änderung ihrer Gesichtsfarbe herleitet, gaben alsbald das skythische Hirtenleben auf. Gorgo, das unter dem Namen Carizme zu kurzfristiger Blüte gedieh, war Residenz des Königs, welcher über sein gehorsames Volk seine legale Macht ausübte. Die Sogdianer hatten dafür zu sorgen, dass es ihnen nicht an Luxus mangelte; und die einzigen Hinweise auf ihre barbarische Vergangenheit war der Brauch, der alle Gefährten – etwa zwanzig an der Zahl –, die an der Freigebigkeit eines wohlhabenden Herren teilgehabt hatten, auch dazu verpflichtete, sich lebendig mit ihm begraben zu lassen Prokopios, De bello Persico 1,3. . Die Nähe der Hunnen zu den persischen Provinzen verwickelte sie des Öfteren in blutige Gefechte mit der bewaffneten Macht dieser Monarchie. Aber in Friedenszeiten beobachteten sie durchaus Vertragstreue, im Kriege die Gebote der Humanität; und in ihrem erinnerungswürdigen Sieg über Peroses oder Firuz ließen die Barbaren Mäßigung und Stärke zugleich erkennen.   DIE HUNNEN AN DER WOLGA Die zweite Abteilung ihrer Landsleute, die Hunnen, die allmählich nach Nordwesten vorrückten, wurde durch die Widrigkeiten des kälteren Klimas und den mühseligeren Marsch geformt. Die Not zwang sie, Chinas Seide mit Sibiriens Pelzen zu vertauschen; die ersten Ansätze von Zivilisation ließ man dahinfahren; und die angeborene Wildheit der Hunnen wurde noch zusätzlich durch die Begegnungen mit den wilden Stämmen gesteigert, die man nicht ohne einige Berechtigung mit den Raubtieren der Wüste verglich. Ihr Sinn für Unabhängigkeit lehnte schon bald die erbliche Thronfolge der Tanjous ab; und während jede Horde durch ihren eigenen Mursa geleitet wurde, gaben ihre tumultuarischen Volksversammlungen die Richtung für den ganzen Stamm vor. Bis in das dreizehnte Jahrhundert wurde ihre vorübergehende Vorherrschaft am Ostufer der Wolga durch den Namen Groß-Ungarn Im XIII Jahrhundert bemerkte der Mönch Rubruquis (welcher die unermesslichen Ebenen von Kipzak auf seiner Reise zum Großen Khan durchquerte) den bemerkenswerten Namen »Ungarn«, nebst den Spuren einer gemeinsamen Sprache und Abstammung. Histoire générale des voyages, Band 8, p. 269. bezeugt. Im Winter zogen sie mit ihren Rinder- und Schafherden zur Mündung dieses gewaltigen Stromes; und ihre sommerlichen Wanderungen führten sie bis nach Saratof oder bis zum Zusammenfluss der Kama. Dies wenigstens waren die letzten Siedlungsräume der schwarzen Kalmücken Bell (Travels, Band 1, p. 29 – 34) und die Herausgeber der Genealpogical History (p. 539) haben die Wolgakalmücken zu Beginn unseres Jahrhunderts beschrieben. , welche etwa ein Jahrhundert unter russischer Verwaltung lebten; und die danach wieder zurückgekehrt sind zu ihren angestammten Wohnsitzen an der chinesischen Grenze. Die Rückkehr dieser wandernden Tartaren, deren Lager aus fünzigtausend Zelten oder Familien besteht, weist gewisse Ähnlichkeiten mit den Wanderzügen der antiken Hunnen auf Diese große Rückwanderung von 300+000 Kalmücken oder Torguten geschah im Jahre 1771. Die Originalerzählung von Ch'en Long, dem regierenden Kaiser von China, war für eine Säuleninschrift vorgesehen und wurde von Missionaren (Memoires sur la Chine, Band 1, p. 401 – 418) in Peking übersetzt. Der Kaiser wählte die geschmeidige und gefällige Sprache des Sohnes des Himmels und Vaters des Volkes. .   SIEG DER HUNNEN ÜBER DIE ALANEN Es ist unmöglich, den dunklen Zeitraum zu füllen, welcher verging, seit die Wolga-Hunnen aus dem Blickfeld der Chinesen verschwunden und in das der Römer vorgedrungen waren. Es darf jedoch mit gutem Grunde vermutet werden, dass dieselben Kräfte, welche sie aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben hatte, auch ihre Wanderung vor die Grenzen Europas veranlassten. Die mächtigen Sienpi, ihre unversöhnlichen Feinde, die immerhin dreitausend Meilen in Ost-West-Richtung Der Kang-Mu (Band 3, p.448) gibt ihre Eroberungen mit 14+000 Lis an. 2000 Lis (genauer: 193) entsprechen hierbei einem Breitengrad; mithin entspricht eine englische Meile drei chinesischen. Aber es gibt starke Gründe zu der Vermutung, dass das alte Li etwa einem halben modernen (Li) entspricht. Vergleiche hierzu die gründlichen Forschungen von Herrn d'Anville, einem Geographen, welcher in allen Zeiten und Weltgegenden bestens zu Hause ist. (Memoires de l'Acadadémie Band 2, p. 125 – 502 und d'Anville, Mesures Itinéraires, p. 154 – 167). beherrschten, müssen sie durch das Übergewicht und den Schrecken ihrer fürchterlichen Nachbarschaft gleichsam zerpresst haben; und die Flucht der skythischen Völker hat unfehlbar die Stärke der Hunnen gemehrt oder ihren Siedlungsraum verengt. Die misstönenden und fremdartigen Namen jener Stämme würden nur das Ohr des Lesers kränken, ohne Wesentliches zu seinem Verständnis beizutragen; aber ich kann den ganz naheliegenden Argwohn nicht unterdrücken, dass für die Hunnen des Nordens der Untergang ihrer südlichen Stammesgenossen eine wesentliche Verstärkung bedeutete, als diese sich im Laufe des dritten Jahrhunderts der chinesischen Oberherrschaft ergaben; dass sich die tapfersten Krieger zu ihren freiheitsliebenden und abenteuerlustigen Landsleuten begaben; und dass so, wie sie sich im Wohlstand entzweit hatten, sie leicht durch die gemeinsam erduldeten Härten ihres widrigen Schicksals geeint wurden Siehe de Guignes, Histoire des Huns, Band 2, p.125 – 144. Die Geschichte der folgenden drei oder vier Hunnen-Dynastien erweist eindeutig, dass ihr kriegerischer Geist durch ihren langen Aufenthalt in China nicht gemindert ward. . Die Hunnen wurden mit ihren Rinder- und Schafherden, mit Weib und Kind, mit Abhängigen und Verbündeten in das Gebiet westlich der Wolga gedrängt, und von hier aus stießen sie kühn in das Gebiet der Alanen vor, einem Hirtenvolk, welches einen beachtlichen Teil der skythischen Steppen besetzt hielt oder besser: verwüstete.   IHR SIEG ÜBER DIE ALANEN Die Ebenen zwischen Wolga und Thanais (Don) waren von den Zelten der Alanen übersät, aber ihr Name und ihre Art waren über das ganze von ihnen eroberte Gebiet verbreitet; und die bemalten Stämme der Agathyrsi und Geloni zählte man zu ihren Vasallen. Nach Norden drangen sie bis in die Frostregionen Sibiriens vor, zu den Wilden, welche im Hunger oder Zorn Menschenfleisch nicht verabscheuten; und nach Süden waren sie bis nach Persien und Indien gelangt. Die Vermischung mit Germanen- und Sarmatenblut hat die Alanen schöner gestaltet, ihre dunkle Gesichtsfarbe aufgehellt und ihrem Haar eine gelbliche Tönung verliehen, was man bei Tartaren sonst nur selten findet. Ihre Körper waren nicht so verbaut und ihre Sitten nicht so roh wie die der Hunnen; allerdings stand auch ihr Sinn nach Krieg und Unabhängigkeit dem jener grässlichen Barbaren in nichts nach; nicht ihre Liebe zur Freiheit, die sich sogar häusliche Sklaven versagte; nicht ihre Liebe zum Waffenhandwerk, die Raub und Krieg als alleinige Freude und Ruhm der Menschheit ästimierte. Ein nackter Krummsäbel, in den Boden gestochen, war das einzige Objekt der Anbetung; die Skalps ihrer Feinde waren der kostbare Sattelschmuck ihrer Pferde; und mit Verachtung und Mitleiden blickten sie auf solche kleinmütigen Krieger, die mit Ergebenheit die Beschwernisse des Alters erwarteten und die Foltern auszehrender Erkrankungen Utque hominibus quietis et placidis otium est voluptabile, ita illos pericula iuvant et bella. Iudicatur ibi beatus qui in proelio profuderit animam: senescentes etiam et fortuitis mortibus mundo digressos, ut degeneres et ignavos, conviciis atrocibus insectantur. (So, wie friedlichen und sanften Menschen die Muße wünschenswert erscheint, so schätzen jene Krieg und Gefahren.. Glücklich ist der, welcher im Kampfe seine Seele aushaucht: die, welche wegen ihres Alters oder aus zufälligen Gründen aus der Welt scheiden, belegen sie mit heftigen Schmähworten und nennen sie entartet und feige.) Ammianus 31,2.) Von den Siegern über solche Menschen muss man sich sehr hohe Begriffe machen. . Am Ufer des Don trafen die Armeen der Hunnen und Alanen mit gleicher Stärke aber ungleichem Erfolg aufeinander. Die Hunnen obsiegten in dem blutigen Treffen: der König der Alanen fiel, und die Reste des besiegten Volkes unterwarfen sich oder suchten ihr Heil in der Flucht Über die Alani, siehe Ammianus (31,2), Jornandes (de Rebus Geticis, 24), M. de Guignes (Histoire des Huns, Band 2, p. 279) und die Genealogical History of the Tartars, Band 2, p. 617. . Ein Teil der Flüchtlinge fand in den Bergen des Kaukasus zwischen Schwarzem und Kaspischen Meer sichere Zuflucht, wo sie noch heute in Unabhängigkeit ihren Namen führen. Ein anderer Zug, etwas beherzter, gelangte bis an die Ostseeküste; vermischte sich dort mit den Nordgermanen; und teilte sich später in die Beute der römischen Kolonien Spanien und Gallien. Der größte Teil der Alanen jedoch nahm das Angebot zu einem ehrenhaften und vorteilhaften Bündnis an; und die Hunnen, die die Stärke ihrer weniger glücklichen Feinde durchaus zu schätzen wussten, eilten, mit gehobenem Mut und vermehrter Kraft die Grenzen des Gotenreiches zu überschreiten.   SIEG DER HUNNEN ÜBER DIE GOTEN · A.D. 375 Der große Ermanarich, dessen Reich sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer dehnte, genoss in der Reife des Alters und des Ansehens die Früchte seiner Siege, als ihn die Nachricht vom Nahen einer Riesenmasse unbekannter Feinde Da wir über die authentische Geschichte der Hunnen verfügen, steht es uns jetzt nicht zu, die hübschen Geschichten zu wiederholen oder zurück zu weisen, welchen ihre Herkunft und ihre Wanderung falsch darstellen oder ihren Zug durch den Schlamm und das Wasser des Mäotis, bei dem sie einem Ochsen oder Hirschen gefolgt waren, »les Indes qu'ils avoient decouvertes, etc« (die von ihnen entdeckten indischen Länder). (Zosimus 4,20; Sozomenos, 6,37; Procopios, Historia Miscella 12; Jornandes, Getica 24; Montesquieu, Grandeur et Décadence des Romains, 17.) aufschreckte, denen seine barbarischen Untertanen nicht zu Unrecht das Epitheton der Barbaren beigelegt haben mochten. Die fassungslosen Goten erfuhren die Riesenzahl, die Stärke, die schnellen Manöver und die gnadenlose Grausamkeit der Hunnen als die Ersten, fürchteten und bauschten sie noch auf; und mussten zusehen, wie ihre Äcker und Dörfer von den Flammen verzehrt und mit Strömen von Blut überschwemmt wurden. Zu diesen handgreiflichen Schrecknissen kamen noch die Furcht und das Erstaunen über die schrillen Stimmen, die ungeschlachte Gestik und die körperliche Missgestalt der Hunnen. Diese skythischen Wilden wurden verglichen (und eine gewisse Ähnlichkeit ist unverkennbar) mit solchen Tieren, die auf merkwürdige Weise auf zwei Beinen laufen; und mit den rohbehauenen Figuren, den Termini , welche man im Altertum sehr oft am Ende einer Brücke aufstellte. Sie unterschieden sich vom Rest der Menschheit durch ihre breiten Schultern, flachen Nasen und die kleinen, sehr tiefliegenden schwarzen Augen; und da sie fast keinen Bartwuchs hatten, ging ihnen jeder männlich-jugendliche Charme und jedes Anzeichen eines ehrwürdigen Alters ab »Prodigiosae formae, et pandi; ut bipedes existimes bestias; vel quales in commarginandis pontibus, effigiati stipites dolantur incompti.« (Merkwürdig fehlgebildet, krummgliedrig; du könntest sie für zweibeinige Tiere halten oder für Gesteinbrocken, die man zur Begrenzung von Brücken roh bearbeitet aufstellt.) Ammianus 31,2. Jornandes (24) zeichnet ein kräftiges Zerrbild von der Physiognomie der Kalmücken: »Species pavenda nigredine ... quaedam deformis offa, non facies; habensque magis puncta quam lumina.« (Eine finster-fürchterliche Art,... eine verformter Kloß, kein Gesicht, mit kleinen Löcher statt mit Augen.) Siehe Buffon, Histoire Naturelle, Band 3, p.380. . Ihrem Aussehen und ihrem Auftreten glaubte man einen besonderen Ursprung schuldig zu sein; dass etwa die Hexen Skythiens, wegen ihrer üblen und mörderischen Praktiken von der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen, sich in der Wüste mit den Mächten der Finsternis begattet hätten; und dass die Hunnen die Frucht dieser fluchwürdigen Beiwohnung gewesen seien Dieser schaurige Herkunft, die Jordanes (24) mit gotischem Hass beschreibt, geht auf eine griechische Fabel zurück. . Obwohl diese Schreckensfabel vollkommen abwegig war, sog sie doch der Hass der Goten bereitwillig auf, der bereit war, alles zu glauben; aber wenn sie auch ihren Hass bediente, so gab sie doch auch ihrer Furcht Nahrung; denn die Nachkommenschaft von Dämonen und Hexen mochte durchaus etwas von den übernatürlichen Kräften ihrer Eltern geerbt haben, wie auch von ihrer bösartigen Gesinnung. Einem solchen Feinde nun also mit den vereinten Streitkräften der Goten zu begegnen schickte sich Ermanarich an; aber schon bald entdeckte er, dass die gefolgschaftspflichtigen Stämme, aufgebracht durch die langdauernde Unterdrückung, viel größere Neigung zeigten, die Invasion der Hunnen wohlwollend zu begleiten, als sich ihr entgegen zu stemmen. Einer der Häuptlinge der Roxolani Die Roxolani sind möglicherweise die Väter der Ῥώς, der Russen (d'Anville, Empire de Russie, p.1 – 10), deren Wohnsitz (A.D. 862) bei Nowgorod Veliki nicht weit von denen entfernt liegen kann, welche der Geograph von Ravenna (1,12; 4,4 und 46; 5,28 und 5,30) den Roxolani (A.D. 886) zuschreibt. hatte schon früher die Fahne des Ermanerich verlassen, und der grausame Tyrann hatte veranlasst, dass das unschuldige Weib des Verräters von wilden Pferden zerstampft werde. Der Bruder dieser unglücklichen Frau ließ die Gelegenheit zur Rache nicht ungenutzt: Eine Zeitlang laborierte der betagte Gotenkönig noch an der gefährlichen Wunde, welche ihm ihre Dolche zugefügt hatten; aber sein Zustand verschleppte den Fortgang des Krieges, und in den Volksversammlungen der Goten dominierte der Geist der Missgunst und der Zwietracht. Nach seinem Tode – es ging die Rede, er habe sich selbst aufgegeben – ging die Herrschaft in die Hände von Withimer über, welcher mit dem zweifelhaften Beistand einiger skythischer Miettruppen den ungleichen Kampf gegen die Hunnen- und Alanenkrieger aufnahm, bis er schließlich in der entscheidenden Schlacht besiegt und getötet wurde. Die Ostgoten unterwarfen sich ihrem Schicksal; und der königliche Stamm der Alanen sollte sich von nun an unter den Untertanen des stolzen Attila finden. Aber Witherich, das königliche Kleinkind, wurde durch Alatheus' und Saphrax' Aufmerksamkeit gerettet, zwei Kriegern von bewährter Kraft und Treue; welche auf vorsichtigen Umwegen die unabhängigen Trümmer des Ostgotenvolkes zum Danastus oder Dnjester führten, einem unverächtlichen Strom, der in heutiger Zeit das türkische Gebiet vom russischen Zarenreich trennt. Am Ufer des Dnjester hatte der vorsorgende Athanarich, mehr auf seine eigene als die gemeine Sicherheit bedacht, mit den Westgoten ein Lager bezogen; mit der festen Absicht, sich den siegreichen Barbaren entgegen zu stellen, die direkt herauszufordern er für weniger ratsam erachtete. Die übliche Marschgeschwindigkeit der Hunnen wurde durch die Unmenge an Gepäck und die Versorgung der Gefangenen verlangsamt; aber ihre militärische Überlegenheit überraschte die Armee des Athanarich und vernichtete sie anschließend beinahe. Während der iudex der Westgoten die Dnjesterufer verteidigte, wurde er von einer starken Abteilung Kavallerie eingekreist und angegriffen, nachdem sie im Mondlicht den Fluss an geeigneter Stelle durchwatet hatten; und es geschah nicht ohne den äußersten Aufwand von Mut und Geschicklichkeit, dass ihm schließlich der Rückzug auf hügeliges Gelände glückte. Schon hatte der unerschütterliche General einen neuen Plan für einen Verteidigungskrieg entworfen; und die starken Abwehrlinien, die er zwischen den Bergen, dem Pruth und der Donau anlegen ließ, hätten zweifellos jene weitläufigen und fruchtbaren Landschaften vor den Hunneneinfällen geschützt, welche heute den Namen der Walachei führen Der Text des Ammianus scheint hier unvollständig oder verderbt; aber die Geländebeschaffenheit zeichnet, ja schreibt den Wall der Goten nachgerade vor. . Aber die Hoffnungen und Maßregeln des iudex der Westgoten wurden alsbald enttäuscht durch die bebende Unruhe seiner Landsleute; welche in ihrer Furcht vermeinten, dass die Donau die einzige Barriere sei, welche sie noch vor der raschen Verfolgung und unbesiegbaren Stärke der skythischen Horden retten könne. Unter der Führung von Fritigern und Alavivus Herr de Buat (Histoire des Peuples de l'Europe, Band 6, p. 407) hatte die eigenartige Idee, das Alavivus mit Ulfila, dem Bischof der Goten, identisch sei; und dass Ulfila, Enkel eines kappadokischen Kriegsgefangenen, zeitweilig König der Goten war. eilte die Masse des Volkes zum großen Strom und erflehte den Schutz des oströmischen Kaisers. Athanarich selbst, der immer noch die Folgen eines Meineides zu vermeiden trachtete, zog sich mit einer Handvoll Getreuer in das Gebirgsland des Kaukasus zurück, welches von den undurchdringlichen Wäldern Transsilvaniens geschützt und fast schon versteckt wurde Die Unterwerfung der Goten durch die Hunnen wird von Ammianus (31,3) und Jordanes (Getica 24) beschrieben. .   DIE GOTEN ERBITTEN VALENS' HILFE · A.D. 376 Nachdem Valens den Gotenkrieg mit leidlichem Erfolg beendet hatte, bereiste er die asiatischen Provinzen seines Reiches und nahm schließlich in der Hauptstadt Syriens Residenz. Die fünf Jahre in Antiochia Die Chronologie des Ammianus ist in dieser Stelle unklar und lückenhaft. Tillemont hat viel Mühe darauf verwandt, die Annalen des Valens aufzuklären und zu bereinigen. verbrachte er wesentlich damit, die feindlichen Zurüstungen des persischen Monarchen aus sicherer Entfernung zu beargwöhnen; die Raubzüge der Sarazenen und Isaurier Zosimos 4,20; Sozomenos 6,38. Die Isaurier machten in jedem Winter die Straßen von Kleinasien bis in die Nähe von Konstantinopel unsicher. Basileios, Epistulae 250, bei Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p. 106. abzuwehren; durch Argumente, die höher sind als Menschenwitz und Eloquenz, den Glauben an die arianische Theologie zu befördern; und sein immerwährendes Missvertrauen durch unterschiedslose Hinrichtung Schuldiger wie Unschuldiger ruhig zu stellen. Die meiste Aufmerksamkeit schenkte der Herrscher jedoch den ernsten Nachrichten, die er von den zivilen und militärischen Beauftragten erhielt, welchen der Schutz der Donau oblag. So hörte er denn, dass der Norden von einem grausamen Sturm heimgesucht werde; dass der Einfall der Hunnen, einer unbekannten und grässlichen Rasse von Wilden, die Macht der Goten gestürzt habe; und dass die hilfeflehenden Massen dieses kriegsgewohnten Volkes, dessen Stolz nunmehr im Staube liege, meilenweit am Ufer des Flusse lagerten. Mit ausgestreckten Armen und Mitleid heischenden Klagereden beweinten sie ihre vergangene Katastrophe und ihre gegenwärtige Gefahr; gaben bereitwillig zu, dass ihre einzige Hoffnung auf Sicherheit die Milde der römischen Regierung sei; und beteuerten mit Nachdruck, dass, sollte ihnen die große Güte des Herrschers das verödete Thrakien zur Bebauung überlassen, sie ihrerseits sich für alle Zeiten durch ein ewiges Gefühl der Dankbarkeit und Pflicht gebunden fühlen würden, den Gesetzen der Republik zu gehorchen und ihre Grenzen zu schützen. Diese Zusicherungen wurden von den Gesandten der Goten bekräftigt, welche mit ängstlicher Erwartung auf eine Antwort aus dem Munde des Valens warteten, die über das Schicksal ihrer unglücklichen Landsleute entscheiden musste.   17. NOVEMBER 375 Der Kaiser des Ostens stand nun nicht länger im Schatten der überlegenen Weisheit seines Bruders, der am Ende des vorigen Jahres gestorben war: und da die Notlage eine umgehende und eindeutige Antwort erheischte, standen ihm auch nicht mehr die ängstlichen und schwachen Ratgeber zu Gebote, welche sonst immer hinhaltende und ausweichende Maßnahmen für den Gipfelpunkt der Staatsklugheit erachten. Solange die Menschheit von vergleichbaren Leidenschaften und Interessen geleitet wird, werden die Fragen nach Krieg oder Frieden, nach Recht und Politik, die in den Ratsversammlungen der Alten erörtert wurden, sich auch in den politischen Gremien der Gegenwart finden. Aber selbst der erfahrenste Staatsmann des modernen Europa war noch niemals vor die Aufgabe gestellt, die Risiken und Vorteile abzuwägen, die die Aufnahme oder Zurückweisung einer unmessbar große Menge von Barbaren mit sich bringen könnten, nachdem Hunger und Verzweiflung sie dazu gebracht hatten, auf dem Staatsgebiet einer zivilisierten Nation Siedlungsland zu erbitten. Als dieses wichtige Anliegen, das so untrennbar mit der öffentlichen Sicherheit verbunden war, den Ministern des Valens vorgelegt wurde, waren diese verwirrt und uneins; aber schon bald verständigte man sich auf eine den Herzensbedürfnissen ihres Herrschers – Eitelkeit, Trägheit und Habgier – entgegenkommende Empfehlung. Die Sklaven, die sich mit dem Titel eines Präfekten oder Generals schmückten, verkleinerten oder leugneten die Gefahr, die von dieser Volks-Wanderung ausging, das so ganz verschieden sei von denen, die man gelegentlich an den äußersten Grenzen des Reiches antreffen könne. Zugleich dankten sie einem gütigen Schicksal, welches ihnen aus den fernsten Ländern des Erdkreises eine mächtige und unbezwingliche Armee zugeführt habe, den Thron des Valens zu schützen; die ferner der königlichen Schatzkammer unbemessene Mengen Goldes beisteuern mochte, die die Provinzen nun als Ersatz für ihr jährliches Soll an Rekruten liefern würden. Die Bitten der Goten wurden also erhört, und der Hof nahm sich ihrer Dienste an: und unverzüglich gingen Gebote an die militärischen und zivilen Dienststellen der Diözese Thrakien aus, die notwendigen Vorbereitung zu treffen, um ein großes Volk passieren zu lassen und so lange zu versorgen, bis ihnen ein geeignetes Gebiet zu künftiger Heimstatt zugewiesen werden könne. Seiner Großherzigkeit stellte der Kaiser jedoch zwei strenge und harte Bedingungen zur Seite, welche die Römer mit dem Gebot der Staatsklugheit rechtfertigen mochten, die man den empörten Goten aber nur infolge ihrer Notlage abpressen konnte. Vor dem Überschreiten der Donau sollten sie nämlich ihre Waffen abliefern; und man bestand darauf, dass ihnen ihre Kinder fortgenommen und auf die asiatischen Provinzen verteilt werden sollten, wo sie eine kultivierte Erziehung erhalten und zugleich als Geiseln das Wohlverhalten ihrer Eltern garantieren mochten.   DIE GOTEN BEHALTEN IHRE WAFFEN UND WERDEN INS RÖMISCHE REICH GEHOLT Während dieses Aufenthaltes, den die fernen und unsicheren Verhandlungen mit sich brachten, machten die Goten einige unbedachte Versuche, die Donau zu überqueren, ohne dazu die Erlaubnis der Regierung zu haben, deren Schutz sie erfleht hatten. Ihre Bewegungen wurden genauestens von den Wachabteilungen verfolgt, welche entlang des Flusses Posten bezogen hatten, und ihre Vortrupps wurden blutig zurückgeschlagen; aber so erbärmlich führten sich Valens' Ratgeber auf, dass die braven Offiziere, welche ihre Pflicht getan und ihr Land verteidigt hatten, durch Entlassung aus dem Dienst bestraft wurden und nur mit knapper Not der Hinrichtung entgingen. Endlich kam die kaiserliche Weisung, dass das ganze Volk der Goten die Donau passieren solle Die Donaupassage wird geschildert bei Ammianus 31, 3 und 4; Zosimos 4,20; Eunapios in Excerpta Legationum, p.19f, und Jornandes, 25f. Ammianus (5) erklärt, dass er nur »ipsas rerum digerere summitates« (die \>wichtigsten\< Begebenheiten weitergeben). Oft aber legt er falsche Maßstäbe für deren \>Wichtigkeit\< an, und seine sprudelnde Weitschweifigkeit steht in einem betrüblichen Missverhältnis zu seiner gelegentlich unangebrachten Kürze. ; aber die Ausführung dieses Mandates erwies sich als ein heikles und schwieriges Unternehmen. Die Donau, die in jenen Gegenden etwa eine Meile breit ist Der wissbegierige Forschungsreisende Chishull hat auf die Breite der Donau hingewiesen, die er südlich von Bukarest in der Nähe des Arges-Zuflusses überquerte (Travels in Turkey, p. 77). Auch bestaunt er Schönheit und natürlichen Reichtum von Mösien oder Bulgarien. , war durch unaufhörlichen Regen stark angeschwollen; und so wurden bei dieser chaotischen Flussüberfahrt so mancher fortgerissen und ertrank. Eine große Flotte von Schiffen, Booten und Kanus war bereitgestellt; Tag und Nacht fuhren sie unablässig hin und wider; und ganz besonders scharf achteten die Offiziere des Valens darauf, dass nicht ein einziger von den Barbaren, die einst Rom stürzen sollten, auf dem anderen Ufer zurückbleibe. Man hielt es für angebracht, ihre Zahl mit Genauigkeit zu erfassen; aber die Personen, die dazu abgeteilt waren, traten schon bald mit Erstaunen und Schrecken von diesem unendlichen und undurchführbaren Unternehmen zurück »Quem qui scire velit, Libyci velit aequoris idem Discere quam multae Zephyro turbentur arenae.« (Wer sie wissen will, der will auch wissen, wie viel Sand der Zephyr in der Libyschen Wüste aufwirbelt.) Ammianus hat in seine Prosa diese Vergilverse (Georgica 2, 105f) eingefügt, die der Dichter ursprünglich dazu vorgesehen hatte, die Unmöglichkeit zu schildern, die verschiedenen Weinsorten zu zählen. Plinius, Naturalis Historia 14. ; und der wichtigste Historiker jener Zeit versichert uns mit Nachdruck, dass die Nachrichten von den gigantischen Armeen eines Darius oder Xerxes, die man so lange für müßige Märchen einer leichtgläubigen Antike gehalten hatte, nunmehr vor aller Welt bestätigt waren, allein durch den unmittelbaren Augenschein. Ein glaubwürdiges Zeugnis nennt eine Zahl von zweihunderttausend gotischen Kriegern; und wenn wir es riskieren können, noch die entsprechende Anzahl von Weibern, Kindern und Sklaven hinzuzufügen, dann beläuft sich die Gesamtmasse dieser bedrohlichen Auswanderung auf fast eine Millionen Menschen jeden Alters und beiderlei Geschlechtes. Die Kinder der Goten, zumindest die von höherem Rang, wurden von der Masse abgesondert. Sie wurden ohne Verzug zu den abgelegenen Regionen verbracht, die man ihnen zur Erziehung und Wohnung ausgesucht hatte; und als nun dieser immense Zug von Gefangenen oder Geiseln durch die Städte zog, überraschte ihr eindrucksvoller Aufzug und ihr robust-kriegerisches Auftreten die Provinzbewohner und erfüllte sie mit Abgunst. Aber die Vereinbarung, die für die Römer so bedeutungsvoll und für die Goten so bedrückend war, wurde schimpflich umgangen. Die Barbaren, für die Waffen ein Zeichen ihrer Ehre und eine Gewähr für ihre Sicherheit bedeuteten, zeigten Neigung, einen Preis zu entrichten, den zu akzeptieren die Habgier und Wollust der kaiserlichen Mandatsträger sich rasch bereit fand. Um ihre Waffen zu behalten, erklärten sich die stolzen Krieger nach einigem Widerstreben damit einverstanden, ihre Weiber und Töchter der Unzucht preiszugeben; die Anmut einer hübschen Jungfrau oder eines anmutigen Knaben gewährleistete das Einverständnis der gestrengen Inspektoren; die auch schon mal ein Auge der Habgier auf einen schönen Fransenteppich oder die linnenen Gewänder der neuen Verbündeten warfen Eunapius und Zosimos führen diese Artikel des gotischen Luxuslebens mit Genauigkeit auf. Doch es steht zu vermuten, dass es sich um Erzeugnisse der Provinz handelte, die die Barbaren als Kriegsbeute geraubt oder als Geschenke oder Handelsware zu Friedenszeiten erhalten hatten. ; oder die ihre Pflicht vergaßen gegen die Gefälligkeit, ihrem Hof neues Vieh und neue Sklaven zuzuführen. Also ließ man die Goten bewaffnet die Boote besteigen; und als sie ihre Macht am anderen Ufer versammelten, bot das unermessliche Lager, welche sich über die Ebenen und Hügel Mösiens ausbreitete, einen erschreckenden oder sogar feindseligen Aspekt. Bald darauf erschienen auch die Anführer der Ostgoten, Alatheus und Saphrax, die Beschützer des unmündigen Königs, am Nordufer der Donau; und auch sie schickten unverzüglich ihre Botschafter an den Hof nach Antiochia, um mit der gleichen Zusicherung von Gefolgschaft und Dankbarkeit die gleichen Begünstigungen zu erbitten, die vorher den Westgoten eingeräumt worden waren. Die vollständige Weigerung des Valens hielt ihren Vormarsch auf und offenbarte zugleich die Reue, das Misstrauen und die Ängste der kaiserlichen Ratgeber.   IHRE NOTLAGE UND UNZUFRIEDENHEIT · REBELLION Ein ungeordnetes und heimatloses Volk von Barbaren verlangte nach fester und gewissenhafter Führung. Die tägliche Versorgung von fast einer Millionen von zusätzlichen Untertanen konnte nur durch eine zuverlässige und sorgfältige Logistik sichergestellt und durch Zufälle oder Fehler jederzeit unterbrochen werden. Die Anmaßung oder der Unwille der Goten, – es hing davon ab, ob sie sich als Gegenstand der Furcht oder der Verachtung betrachteten – mochte sie zu den äußersten Verzweiflungstaten treiben; und das Wohlergehen des Staates schien allein von der Zuverlässigkeit und der Umsicht der kaiserlichen Generäle abzuhängen. Zu diesem kritischen Zeitpunkt lag das Miltärkommando von Thrakien in den Händen von Lupicinus und Maximus, in deren elenden Seelen die allerkleinste Aussicht auf privaten Vorteil jede Rücksicht auf die Belange des Staates hintanstellte; und deren Schuld allein dadurch gemildert wurde, dass sie zu dumm waren, die gefährlichen Auswirkungen ihrer unbedachten und kriminellen Maßnahmen einzuschätzen. Anstelle die Anordnung ihres Souveräns auszuführen und die Bedürfnisse der Goten mit leidlichem Anstand zu befriedigen, belegten sie die Wünsche der hungrigen Goten mit einer schamlosen Willkürsteuer. Noch das minderwertigste Essen wurde zu Wucherpreisen verkauft; und anstelle von gesunder und nahrhafter Kost gab es auf den Märkten allenfalls Fleisch von Hunden oder unreinen Tieren, welche an einer Krankheit verendet waren. Um den Gegenwert für ein Pfund Brot zu erhalten, mussten die Goten einen wertvollen, dienstfähigen Sklaven verkaufen; und eine geringe Menge Fleisch kaufte man für zehn Pfund eines wertvollen, jetzt aber nutzlosen Metalles Decem libras ; das Wort Silber muss richtig verstanden werden. Jordanes verrät hier die Denkweise und Vorurteile eines Goten. Die kleindenkenden Griechen Eunapios und Zosimos leugnen die Erpressung der Römer und verfluchen die Perfidie der Goten. Ammianus, der patriotische Historiker, nähert sich nur auf Umwegen und nicht gerne dem fatalen Gegenstand. Hieronymos, der fast die beste Darstellung gibt, ist objektiv, aber kurz angebunden: »Per avaritiam Maximi ducis ad rebellionem fame coacti sunt.« (Infolge der Gier des Dux Maximus hat sie der Hunger zur Rebellion getrieben.) . Als dann ihre Besitztümer aufgezehrt waren, treiben sie diesen Handel durch Verkauf ihrer Söhne und Töchter; und ungeachtet ihrer Freiheitsliebe, die noch jedes Goten Brust erhob, anerkannten sie die bittere Regel, dass es für ihre Kinder besser sei, als Sklaven zu überleben als in hilfloser und quälender Unabhängigkeit zu verderben. Die lebhafteste Rachsucht wurde geweckt durch die Willkür dieser so genannten Wohltäter, welche mit Nachdruck die Dankesschuld einfordern, die sie durch ihr Unrecht längst verwirkt hatten: Es erhob sich im Lager der Goten unmerklich der Geist der Unzufriedenheit, nachdem sie vergeblich die Gegenleistung für ihr pflichttreues Wohlverhalten gefordert und lauthals über die feindselige Behandlung durch ihre neuen Verbündeten Klage geführt hatten. Um sich herum sahen sie die Fülle und den Überfluss einer blühenden Provinz, in deren Mitte sie die unerträglichen Härten eines künstlich erzeugten Hungers zu erdulden hatten. Indessen verfügten sie über die Mittel, für Abhilfe zu sorgen oder Rache zu üben; denn die Raffgier ihrer Bedrücker hatte ihnen, dem bedrängten Volke, den Besitz und den Gebrauch ihrer Waffen gelassen. Die Empörungsschreie der Menge, die im Verhehlen ihrer wahren Gefühle wenig geübt war, ließen erste Symptome für Widerstand erkennen und beunruhigten die feigen und schuldbeladenen Seelen des Lupicinus und Maximus. Diese beiden verschlagenen Minister, welche an Stelle von wohlberatener und heilsamer allgemeiner Politik sich nur auf kurzfristig-trickreiches Herauswinden verstanden, schickten sich an, die Goten von ihrer gefährlichen Stellung an der Reichsgrenze abzuziehen und sie auf verstreute Gebiete im Inneren der Provinz zu verteilen. Da ihnen aber bewusst war, wie übel sie den Respekt oder gar das Vertrauen der Barbaren gelohnt hatten, zogen sie von allen Seiten Truppen zusammen, die den zögerlichen und widerstrebenden Zug dieses Volkes beschleunigen sollten, das weder auf die Rechtstitel noch die Pflichten von Römischen Bürgern verzichtet hatte. Aber während die Generäle des Valens ihre ganze Aufmerksamkeit den murrenden Westgoten widmeten, entwaffneten sie unklugerweise die Schiffe und Festungsanlagen, welche die Verteidigung der Donau bildeten. Diese verhängnisvolle Dummheit bemerkten Alatheus und Saphrax, welche gespannt den günstigsten Moment abwarteten, den nachsetzenden Hunnen zu entkommen. Mit Hilfe von Flößen und Booten, soviel man sie eben in der Eile bereitstellen konnte, überquerten die Ostgoten mit König und Heer den Fluss, ohne Widerstand zu erfahren; und schlugen kühn ein feindliches und eigenständiges Lager auf dem Boden des Römischen Reiches auf Ammianus 31,4 und 5. .   REVOLTE DER GOTEN · IHRE ERSTEN SIEGE · FRITIGERN Unter dem Status eines iudex hatten Alavivus und Fritigern die Westgoten in Kriegs- und Friedenszeiten angeführt; und die Autorität, auf die sie von Geburts wegen Ansruch erhoben, wurde durch die bereitwillige Zustimmung des Volkes gefestigt. In Zeiten der Ruhe waren ihre Macht und ihre Stellung annähernd gleich; als aber ihre Landsleute durch Hunger und Willkür zur Verzweiflung getrieben waren, beanspruchten Fritigerns überlegene Fähigkeiten das militärische Oberkommando, das er zum allgemeinen Besten auszuüben imstande war. Er widerstand der Ungeduld der Goten solange, bis das Unrecht und die Verbrechen der Unterdrücker ihren Widerstand in den Augen der Menschheit achtbar machten; er war allerdings nicht gemeint, irgendeinen handgreiflichen Vorteil hinzugeben, nur um sich für seine Mäßigung und Gerechtigkeit loben zu lassen. Er wusste genau, welchen Nutzen er aus der Vereinigung der gotischen Armeen unter eine Fahne ziehen würde und knüpfte unter der Hand freundschaftliche Bande mit den Ostgoten; und während er nach außen unbedingten Gehorsam gegenüber den Weisungen der römischen Generäle beobachtete, rückte er langsam nach Marcianopolis vor, der Hauptstadt von Moesia inferior, etwa siebzig Meilen südlich der Donau gelegen. An diesem fatalen Ort nun entzündeten sich die Flammen der Zwietracht und der gegenseitigen Abneigung zu einem furchtbaren Brand. Lupicinus hatte die gotischen Häuptlinge zu einer Festveranstaltung eingeladen; und ihr kriegerisches Gefolge verblieb in voller Rüstung am Palasteingang. Die Tore der Stadt indessen waren streng bewacht; und den Barbaren blieb es unnachsichtig untersagt, auf dem reichhaltigen Markt einzukaufen, worauf sie wie alle Untertanen und Verbündeten Anspruch erhoben. Ihre demütig-freundlichen Bitten wurden mit unverschämtem Hohn abgewiesen; da sich nun ihre Geduld mittlerweile erschöpft hatte, kam es zwischen den Bürgern, den Soldaten und den Goten zu erregtem Wortwechsel und zu derben Beschuldigungen. Irgendjemand blies törichterweise die Kriegstrompete; schon war ein Schwert gezogen; und das erste Blut, das bei diesem Zufallstreffen floss, wurde das Eröffnungssignal eines langen und mörderischen Krieges. Lupicinus erhielt durch geheimen Boten während eines grölenden, ordinären Gelages die üble Zeitung, dass viele seiner Soldaten tot oder entwaffnet seien; und da der Wein ihn erhitzt und die Müdigkeit sein Denken eingetrübt hatte, gab er Weisung, ihren Tod durch das Abschlachten der Leibwache von Atavivus und Fritigern zu rächen. Der Kampflärm und das Stöhnen der Sterbenden belehrten Fritigern über die Gefahr, in der er sich befand; da er aber das ruhige und furchtlose Gemüt eines Helden besaß, erkannte er, das er verloren sei, wenn er dem Mann, der ihm so großes Unrecht getan hatte, auch nur einen Moment zum Nachdenken gewährte. »Es hat sich ein läppischer Zwischenfall«, so der gotische Feldherr mit ruhiger Bestimmtheit »zwischen unseren beiden Völkern ereignet; er kann aber unabsehbare Folgen haben, wenn der Tumult nicht augenblicklich durch unsere Anwesenheit und eine Sicherheitsgarantie für uns behoben wird.« Dann zogen Fritigern und seine Gefährten ihre Schwerter, bahnten sich durch die widerstandslose Menge ihren Weg durch den Palast, die Straßen und die Tore von Markianopolis, bestiegen in Eile ihre Pferde und galoppierten den verdutzten Römern davon. Wilder und fröhlicher Jubel empfing die beiden gotischen Generäle; man beschloss den Krieg, und der Beschluss wurde ohne Verzug ausgeführt; die Banner der Nation wurden nach dem Brauche der Väter entrollt; und die Luft erdröhnte von dem herben und trüben Schall gotischer Kriegsposaunen »Vexillis de \>more\< sublatis, auditisque \>triste sonantibus classicis\<.« (Sie erhoben dem Brauch gemäß ihre Feldzeichen und ließen die schaurigen Klänge der Kriegstrompeten hören...) Ammianus 31,5. Dies sind Claudians \>rauca cornua\< (In Rufinum 2,57), die gewaltigen Hörner des Ur oder Auerochsen, wie sie in den Kantonen Unterwalden und Uri in neuerer Zeit benutzt wurden. (Simler, De re publica Helvetiorum, 2, p. 201). Ihre Kriegsdrommete ist ansprechend, wenn wohl auch eher zufällig, in eine Beschreibung der Schlacht von Nancy (A.D. 1477) eingefügt. »Attendant le combat le dit cor fut corne par trois fois, tant que le vent du souffleur pouvoit durer: ce qui esbahit fort Monsieur de Bourgoigne; \>car deja a Morat l'avoit ouy\<.« (Dreimal wurde in Erwartung der Schlacht dieses Horn geblasen, solange der Bläser noch Atem hatte: dies entsetzte den Herzog von Burgund höchlich, denn derlei hatte er schon bei Murten gehört.) Siehe die Pièces Justificatives in der Quartausgabe von Philippe de Comines, Band 3, p. 493. . Der elende, schuldbeladene Lupicinus, der diesen fürchterlichen Feind zu provozieren gewagt und ihn zu vernichten unterlassen hatte und der ihn immer noch nicht ernst zu nehmen vorgab, marschierte den Goten an der Spitze einer Abteilung entgegen, wie er sie eben in dieser Notlage hatte zusammenraffen können. Neun Meilen vor Markianopolis warteten die Barbaren auf seine Ankunft; und bei dieser Gelegenheit entwickelten die Talente des Generals mehr Wirkung als die Waffen und die Disziplin der Truppen. Die gotischen Krieger wurden von Fritigern so geschickt eingesetzt, dass sie mit einer einzigen kraftvollen Attacke die Reihen der römischen Legionen auflösten. Lupicinus desertierte und überließ seine Tribunen und tapfersten Soldaten sich selbst; aber ihr nutzloser Mut diente nur dazu, die schäbige Flucht ihres Feldherrn zu decken. »Jener siegreiche Tag setzte der römischen Sicherheit und der Not der Goten ein Ende: Von nun an gaben sich die Goten nicht mehr mit dem unsicheren Status der Fremden und Exilanten zufrieden, sie nahmen die Identität von Bürgern und Herren an, beanspruchten uneingeschränkte Verfügung über Siedlungsland und hielten die nördlichen Provinzen des Reiches, die an die Donau grenzen, in ihrem Besitz.« Soweit die Worte eines gotischen Historikers Jordanes, Getica 26. Diese \>splendidi panni\< (glänzende Fetzen) – was sie vergleichsweise wirklich sind – sind ohne Zweifel aus den größeren Gechichtswerken des Priscus, Ablabius oder Cassiodor entlehnt. , der den Ruhm seiner Landsleute in ungehobelter Rede feiert. Aber die Barbaren übten ihre Herrschaft nur zum Zweck des Raubes und der Plünderung aus.   GOTEN DRINGEN IN THRAKIEN EIN Da die Bediensteten des Kaisers die Goten der allgemeinen Segnungen der Natur beraubt und vom Verkehr mit der übrigen Menschheit abgeschnitten hatten, ließen sie die Reichsuntertanen dieses Unrecht büßen; und so musste der friedliche Ackerbürger Thrakiens für die Verbrechen des Lupicinus zahlen, indem die Goten ihm seine Dörfer verbrannten und seine unschuldigen Familien ermordeten oder entführten. Rasch verbreitete sich die Nachricht vom Sieg der Barbaren über die umliegenden Landstriche; und obwohl er die Römer mit Furcht und Unruhe erfüllte, trugen sie durch ihre kluge Bedachtsamkeit erheblich dazu bei, Fritigerns Macht und die Notlage der Provinz zu vergrößern. Kurze Zeit nämlich vor der großen Wanderungswelle hatte das Reich einem starken Kontingent von Goten unter der Führung von Suerid und Colias Schutz und Aufnahme gegen entsprechende Dienste gewährt »Cum populis suis longe ante suscepti.« (...mit ihren Völkern schon lange vorher aufgenommen). Das genaue Datum und die näheren Umstände ihres Übertrittes sind uns unbekannt. . Sie lagerten nun vor den Mauern von Adrianopolis: aber die Minister des Valens waren ängstlich darauf bedacht, sie auf die entgegengesetzte Seite des Hellespontes zu bringen, weit weg von der gefährlichen Versuchung, der sie aufgrund der Siege und der Nähe zu ihren Landsleuten leicht hätten erliegen können. Der freundliche Gehorsam, mit dem sie dem Marschbefehl nachkamen, hätte als Beweis für ihre Zuverlässigkeit eigentlich ausreichen müssen; und auch ihre Bitte um ausreichenden Proviant und zweitägigen Aufschub wurde mit gehörigem Respekt vorgetragen. Aber der erste Magistrat von Adrianopolis, der sich wegen ein paar kleiner Vorfälle an seinem Landhaus über sie geärgert hatte, schlug selbst diese Kleinigkeiten aus; und indem er die Bürger und Handwerker dieser volkreichen Stadt zu den Waffen rief, drängte er mit feindlichem Fuchteln zu raschem Abmarsch. Die Barbaren standen schweigend und verdutzt, bis schließlich die kränkenden Zurufe und die Wurfgeschosse der Bevölkerung sie aufbrachten: als aber ihre Geduld und ihre Verachtung sich verbraucht hatten, griffen sie die ungeordnete Menge an, fügten vielen ihrer fliehenden Gegner schmachvolle Wunden auf dem Rücken zu und beraubten sie ihres wertvollsten Teiles ihrer Rüstung In Adrianopolis gab es eine kaiserliche Schild-Fabrik; deren Waffenschmiede (Fabricenses) führten nun das Volk an. Valesius zu Ammianus 31,6. , die zu tragen sie überhaupt nicht würdig waren. Die Erinnerung an das vorige Leid und die Siege führte schon bald diese siegreichen Detachements mit den Westgoten zusammen; die Truppen des Colias und Suerid erwarteten die Ankunft des großen Fritigern, gliederten sich selbst unter seine Fahne und erwiesen sich bei der Belagerung von Adrianopolis als vorbildlich. Aber der Widerstand der Garnison belehrte die Barbaren schon bald dahingehend, dass die Anstrengungen eines nicht durch die Kriegskunst unterstützten Mutes nur selten Wirkung erzielen. Ihr General gestand seinen Irrtum ein, hob die Belagerung auf, erklärte, dass »er mit steinernen Mauern Frieden halte Pacem sibi esse cum parietibus memorans. Ammianus 31,6. « und ließ das benachbarte Land seine Enttäuschung vergelten. Mit Freuden jedoch begrüßte er die Verstärkung durch die kräftigen Arbeiter, welche in den Goldminen Thrakiens Diese Minen lagen im Lande Bessi in den Bergen zwischen Philippi und Philopopolis; beides makedonische Städte, die ihren Namen vom Vater Alexanders d. Gr. erhielten. Aus den thrakischen Minen erhielt er jährlich den Gegenwert, nicht das Gewicht, von eintausend Talenten (£ 200+000); mit welcher Einkunft die Phalanx bezahlt und die griechischen Redner gekauft werden konnten. Siehe Diodoros Siculus, Band 2, p. 88; Gothofred, Kommentar zum Codex Theodosianus, Band 3, p. 496; Cellarius, Geographia Antiqua, Band 1, p. 676, 857; d'Anville, Géographie Ancienne, Band 1, p. 336. für einen gefühlsrohen Herren unter der Knute fronen mussten Da diese Unglücklichen oft fortliefen, erließ Valens strenge Gesetze, um sie aus ihren Verstecken hervorzuziehen. Codex Theodosianus 10,19,5 und 7. : und diese neuen Verbündeten führten die Barbaren auf Schleichwegen zu verborgenen Stellen, die man zum Schutze der Einwohner, des Viehs und der Getreidevorräte angelegt hatte. Mit solch kundigen Führern konnte nichts unerreichbar oder undurchdringlich bleiben; Widerstand wurde verhängnisvoll; und stille Unterwerfung hilfloser Unschuld fand nur selten Gnade vor den barbarischen Eroberern. Im Verlaufe dieser Plünderungen konnte viele betrübte Eltern ihre in die Sklaverei verkauften Kinder wieder in die Arme schließen; aber diese zärtlichen Szenen des Wiedersehens, welche in ihnen das Gefühl für Humanität hätten erwecken sollen, dienten lediglich dazu, ihre angeborene Wildheit durch Rachegelüste noch zu steigern. Mit begieriger Aufmerksamkeit hörten sie sich die Klagen ihrer Kinder an, welche von ihren hartherzigen oder lüsternen Herren Übles erduldet hatten; und so wurden die gleichen Grausamkeiten und die gleichen Entwürdigungen den Söhnen und Töchtern der Römer zuteil. Ammianus 31, 5 und 6. Der Historiker des Gotenkrieges zehrt viel Zeit und Platz durch die unangebrachte Wiederholung früherer Barbareneinfälle.   VERLAUF DES GOTHISCHEN KRIEGES A.D. 377 Die Dummheit des Valens und seiner Minister hatten mitten in das Römische Reich ein feindliches Volk gepflanzt; aber die Westgoten hätten auch jetzt noch durch das offene Bekenntnis früherer Irrtümer sowie durch ehrliche Einlösung vormals eingegangener Verpflichtungen versöhnt werden können. Diese heilsamen und befriedenden Maßnamen schienen auch mit der furchtsamen Veranlagung des Ost-Kaisers zusammen zu passen; aber ausgerechnet bei dieser einen Gelegenheit lechzte Valens nach praktiziertem Heldentum. Und seine unbedachte Anwandlung von Mut wurde für ihn und seine Untertanen verhängnisvoll. Er erklärte seine Absicht, von Antiochia nach Konstantinopel zu marschieren, um diese gefährliche Rebellion zu dämpfen; und da er sich der Gefahr des Unternehmens durchaus bewusst war, erbat er auch die Hilfe seines Neffen, des Kaisers Gratian, der sämtliche Truppen des Westens befehligte. Die Veteranenarmeen wurden eilends von der Verteidigung Armeniens zurück beordert; diese wichtige Grenze wurde Sapors Gutdünken ausgesetzt; die unverzügliche Weiterführung des Gotenkrieges wurde in Valens' Abwesenheit Trajan und Profuturus übertragen, welche beiden Generäle über ihre eigenen Fähigkeiten eine falsche und zwar entschieden zu günstige Meinung hegten. Bei ihrer Ankunft in Thrakien schloss sich ihnen Ricomer an, der comes der Hausbediensteten; und die Hilfstruppen des Westens, die unter seiner Fahne marschierten, wurden aus gallischen Legionen gebildet, die allerdings wegen der allgemeinen Neigung zur Desertion nur noch aus Zahl und Masse bestanden. In einem Kriegsrat, bei dem allerdings mehr pompöses Auftreten als Sachverstand den Vorsitz führten, beschloss man, die Barbaren zu suchen und anzugreifen, welche auf geräumiger und grasreicher Wiese am südlichsten der sechs Mündungsarme der Donau ihr Feldlager bezogen hatten Itinerarium des Antoninus (Wesseling, Itinera p. 226f.). Dieser Platz lag sechzig Meilen nördlich von Tomi, dem Exilort von Ovid: und der Name salices (Weiden) gibt hinlänglich Auskunft über die Beschaffenheit des Bodens. . Dieses Biwak war in üblicher Weise von Wagen umgeben Diese Wagenburg, die carrago, war die übliche Verteidigung der Barbaren (Vegetius, Epitoma rei militaris 3,10; Valesius zu Ammianus 31,7). Auch ihre Nachfahren behielten Namen und Übung bis etwa ins fünfzehnte Jahrhundert bei. Der Charroy , der den Ost umrundet hat, ist den Lesern von Froissard und Comines geläufig. ; und die Barbaren, geborgen in diesem gewaltigen Schutzrund, freuten sich der Früchte ihrer Stärke und ihrer Raubzüge in der Provinz. Inmitten der allgemeinen lärmenden Ausgelassenheit beobachtete nur der wachsame Fritigern die Bewegungen der Römer und erriet ihre Pläne. Er bemerkte, wie die Anzahl der Feinde ständig wuchs; und da er erkannte, dass sie seinen Nachtrab angreifen wollten, sobald Futtermangel sie zur Aufgabe des Lagers nötigen würde, ließ er die Abteilungen, die in der Umgebung auf Beutezug waren, wieder zurückmbeordern. Sobald sie das Signalfeuer Statim ut accensi malleoli. Ich habe den Ausdruck wörtlich im Sinne von Brandpfeile oder Signalfeuer verwendet: aber mich beschleicht der Verdacht, dass es sich hier um eine dieser aufgeblasenen Metaphern und falschen Schmuck-Wörter handelt, welche den Stil des Ammianus immer mal wieder so ungenießbar machen. erblickten, gehorchten sie mit unfassbarer Schnelligkeit den Anweisungen ihres Anführers; schon füllte sich das Lager mit kriegerischen Barbarenhorden; mit Ungeduld verlangten sie nach Kämpfen, und ihre geräuschvolle Begeisterung wurde vom Feuer ihres Häuptlings noch zusätzlich erhitzt; und die beiden Armeen rüsteten sich zur Schlacht, die allerdings bis auf den nächsten Tag verschoben wurde. Während die Signalhörner zum Kampfe riefen, versicherten sich die Goten noch einmal durch einen feierlichen Eid ihres unbeugsamen Mutes; als sie dann auf den Feind losmarschierten, mischten sich unter die rauen Gesänge, die vom Ruhm ihrer Väter kündeten, noch ihre wilden und misstönigen Kampfesschreie und bildeten so eine Art Kontrast zu der künstlichen Harmonie des römischen Feldgeschreis. Fritigern entwickelte einiges militärische Geschick, um den Angriff der Feinde aufzuhalten; aber der blutige Kampf, der von Sonnenaufgang bis -untergang dauerte, wurde auf beiden Seiten mit individueller Stärke, Mut und Gewandtheit geführt. Die Legionen von Armenien wurden dem Ruhm ihrer Waffen gerecht; aber der unwiderstehliche Druck der feindlichen Massen drängte sie doch zurück; der linke Flügel der Römer geriet in Auflösung, und auf dem Felde lagen ihre Körper verstreut. Die teilweise Niederlage wurde jedoch durch teilweisen Erfolg wettgemacht; und als die beiden Armeen am späten Abend in ihre jeweiligen Lager zurückkehrten, konnte keine Seite die Ehre oder die Folgen eines entscheidenden Sieges für sich beanspruchen. Die eigentlichen Verluste wurden von den Römer wegen ihrer geringeren Truppenstärke schmerzlicher gefühlt; aber die Goten waren durch die tapfere und wohl auch unerwartete Gegenwehr so tief bestürzt und niedergeschlagen, dass sie sieben Tage in ihrer Wagenburg verblieben. Einigen Offizieren von Rang begrub man auf pietätvoll-anständige Weise, wie Zeit und Umstände es eben zuließen; aber die Masse der einfachen Soldaten blieb unbestattet auf dem Felde liegen. Raubvögel, die zu jenen Zeiten oft und reichliche Gelegenheit zu üppigem Mahle erhielten, verschlangen gierig ihr Fleisch; und noch viele Jahre später boten die bleichen und nackten Skelette den Augen des Ammianus ein entsetzliches Denkmal der Schlacht von Salices »Indicant nunc usque albentes ossibus campi.« (Bis heute weisen die von Knochen bleichen Gefilde auf das Schlachtfeld hin.) Ammianus 31,7. Der Historiker kann die Ebene entweder als Soldat oder als Reisender gesehen haben. Aber seine Bescheidenheit hat alle Nachrichten seines Lebens nach dem Perserkrieg von Constantius und Julian verschwiegen. Wir wissen nicht, wann er den Dienst quittierte und nach Rom zurückkehrte, wo er dann die Geschichte seiner Zeit geschrieben zu haben scheint. .   GOTEN UND HUNNEN SCHLIESSEN SICH ZUSAMMEN Der Zug der Goten wurde durch den unentschiedenen Ausgang dieses blutigen Tages aufgehalten; und die kaiserlichen Generäle, deren Armee bei einem zweiten Gefecht dieser Art wohl völlig aufgerieben worden wäre, fassten den wohlerwogenen Plan, die Barbaren an ihren Bedürfnisse und ihrer eigenen Größe zugrunde gehen zu lassen. Sie schickten sich an, die Westgoten auf dem engen Landdreieck zwischen Donau, skythischer Wüste und dem Haemusgebirge festzuhalten, bis durch die unausweichliche Wirkung des Hungers ihre Kräfte und ihr Mut erschöpft wären. Man verfolgte den Plan mit Nachdruck und einigem Erfolg; fast hatten die Barbaren ihre eigenen Magazine und die Ernte des Landes aufgezehrt; und schon war der Heermeister Saturninus in weiser Umsicht damit befasst, die römischen Festungsanlagen zu verstärken und ihren Umfang zu verringern. Jedoch wurden diese Vorbereitungen durch die alarmierende Nachricht unterbrochen, dass ein neuer Schwarm Barbaren die unbewachte Donau überschritten habe und sich anschickte, Fritigerns Sache beizutreten oder wenigstens seinem Beispiel nachzueifern. Die begründete Sorge, er selbst möchte nunmehr von unbekannten und feindlichen Völkern umzingelt und überwältigt werden, vermochten Saturninus, die Umzingelung des gotischen Lagers aufzugeben: und die aufgebrachten Westgoten brachen aus ihrer Beengung hervor und befriedigten ihr Ess- und Rachegelüste, indem sie den fruchtbaren Landstrich, der sich über dreihundert Meilen zwischen Donau und Hellespont dehnt Ammianus 31,8. , wiederholt verwüsteten. Scharfsichtig und erfolgreich hatte sich Fritigern der Herzensneigungen und der vitalen Interessen seiner barbarischen Verbündeten bedient: ihre Raublust und ihr Hass auf Rom sekundierten der Redegewandtheit seiner Abgesandten, kamen ihr vermutlich sogar zuvor. Und so begründete er eine unbedingte und nutzbringende Allianz mit der großen Masse seiner Stammverwandten, die dem Alatheus und Saphrax, den Vormündern ihres unmündigen Königs, im Gehorsam folgten; angesichts der gemeinsamen Interessen verstummten die alten Animositäten zwischen den verfeindeten Stämmen; die Freien beider Völker scharten sich unter einem Banner; und es scheint, dass die Häuptlinge der Ostgoten den überlegenen Geist des westgotischen Feldherren anerkannten. Er erhielt zusätzlich noch die fürchterliche Hilfe der Taifalae, deren Ruhm als Kämpfer durch ihr allgemein bekanntes Brauchtum verdunkelt wurde. Jeder Jugendliche wurde bei seinem Eintritt in die Welt durch die ehrenhafte Freundschaft und die abnorme Liebe zu einem Stammeskrieger mit Beschlag belegt; Erlösung aus dieser widernatürlichen Verbindung konnte er erst dann erhoffen, wenn er seine Mannbarkeit durch eigenhändiges Erlegen eines großen Bären oder Wildebers im Walde nachgewiesen hatte »Hanc Taifalorum gentem turpem, et obscenae vitae flagitiis ita accipimus mersam, ut apud eos nefandi concubitus foedere copulentur maribus puberes, aetatis viriditatem in eorum pollutis usibus consumpturi. Porro, si qui iam adultus aprum exceperit solus, vel interemerit ursum immanem, colluvione liberatur incesti.« (Wir hören, dass dieses schandbare Taifalenvolk so tief in sittenlosen Leben versunken ist, dass bei ihnen heranwachsende Knaben sich mit Männern zu ruchloser Beiwohnung vereinen und ihre Jugendblüte durch solchen lasterhaften Verkehr dahingeben. Wenn aber ein solcher Jungmann einen Eber allein oder einen großen Bären erlegt, dann ist er von dem Unrat dieser Zuchtlosigkeit befreit.) Ammianus 31,9. Auch unter den Griechen und insbesondere den Kretern wurden heilige Freundschaftsbande durch widernatürliche Liebe gefestigt und besudelt. . Aber die stärkste Unterstützung erhielten die Goten ausgerechnet aus dem Lager jenes Volkes, das sie aus ihrer Heimat vertrieben hatten. Die lockere Abhängigkeit und das umfangreiche Herrschaftsgebiet der Hunnen und Alanen hemmten den siegreichen Vormarsch und erschwerten die gemeinsame Beschlussfassung dieses Volkes. Fritigerns großzügige Versprechen verlockten zahlreiche Horden; und die schnelle Reiterei der Skythen verlieh der kühnen Angriffswucht der gotischen Infanterie zusätzlichen Nachdruck. Die Sarmaten, welche die Niederlage durch Valentinian immer noch nicht vergessen hatten, freuten sich der allgemeinen Konfusion und mehrten sie noch; und sehr gelegen kam auch die Invasion der Alamannen nach Gallien, da sie zusätzlich die Aufmerksamkeit des Kaisers des Westens in Anspruch nahm und seine Kräfte zersplitterte Ammianus 31,8 und 9. Hieronymus (Opera, Band 1, p. 26) nennt alle Völker und spricht von einer zwanzigjährigen Zeit der Not. Dieser Brief an Heliodor stammt aus dem Jahre 397. Tillemont, Memoires ecclésiastiques, Band 12, p. 645. .   SIEG ÜBER DIE ALAMANNEN BEI COLMAR · MAI 378 Eine der gefährlichsten Konsequenzen, die sich aus der Übernahme von Barbaren in den Heeres- oder Palastdienst ergab, war der Kontakt, den sie zu den feindlichen Landsleuten aufrecht erhielten und denen sie unkluger- oder bösartigerweise die Schwächen des Römischen Reiches entdeckten. Ein Soldat aus der Leibwache des Gratian stammte aus dem Volk der Alamannen und dem Stamme der Lentienser, welcher in der Nähe des Bodensees siedelte. Wegen einiger privater Angelegenheiten hatte er Urlaub genommen. Während seines kurzen Besuches bei Freunden und Familie war er ihren neugierigen Fragen ausgesetzt; und die arglose Geschwätzigkeit dieses Landsknechtes bewirkte, dass er in seiner Eitelkeit die intimen Kenntnisse der Staatsgeheimnisse und der Pläne seines Herren preisgab. Die Kunde, dass Gratian sich anschickte, die Legionen Galliens und des Westens seinem Onkel Valens zur Hilfe zu schicken, gab dem umtriebigen Gemüt der Alamannen wertvolle Fingerzeige für den richtigen Zeitpunkt und für die richtige Vorgehensweise zu einer erfolgreichen Invasion. Die Streifzüge einiger kleinerer Detachements, die im Februar den zugefrorenen Rhein überquerten, waren nur das Präludium zu einem ernsterem Krieg. Die kühnsten Erwartungen von Raub und sogar Eroberung drängten vernünftelnde Bedenken oder nationale Rücksichten zurück. Jeder Weiler und jede Siedlung stellte eine Gruppe hartgesottener Abenteurer; und so schätzte die Furcht der Bevölkerung die große Armee der Alamannen auf vierzigtausend Mann, woraus später die hohle und leichtgläubige Schmeichelei des Kaiserhofes siebzigtausend machte. Die Legionen, die Marschbefehl nach Pannonien erhalten hatten, wurden unverzüglich zurückbeordert oder gestoppt, um Gallien zu schützen; in den Oberbefehl teilten sich Nanienus und Mellobaudes; der jugendliche Kaiser ehrte und achtete zwar die lange Erfahrung und abgeklärte Weisheit des Erstgenannten, neigte aber dennoch dazu, den kriegerischen Eifer seines Kollegen zu bevorzugen, welcher die eigentlich inkompatiblen Ämter eines comes domesticorum und Königs der Franken in sich vereinte. Sein Gegner Priarius, der König der Alamannen, war von einer ähnlich hitziger Gemütsart, die sein Handeln anleitete oder besser: vorantrieb; und da nun auch die Heerscharen von gleichem Feuer beseelt waren wie ihre Anführer, suchten sie sich, trafen sich und kämpften gegeneinander bei Argentaria oder Colmar Das Schlachtfeld Argentaria oder Argentovaria wird von Herrn d'Anville (Notice de l'ancienne Gaule, p. 96 – 99) genau lokalisiert: dreiundzwanzig gallische Leugen oder vierunddreißig und eine halbe römische Meilen südlich von Straßburg. Auf seinen Ruinen ist die benachbarte Stadt Colmar erwachsen. in den Ebenen des Elsass. Den Tag entschieden unbestritten die Wurfgeschosse und die wohlgeübten Manöver des römischen Heeres; die Alamannen, die lange Widerstand geleistet hatten, wurden schließlich gnadenlos niedergemacht; ganze fünftausend Barbaren entkamen in umliegende Berge und Wälder; und nur der ruhmreiche Schlachtentod ihres Königs bewahrte ihn vor den Vorwürfen derjenigen, die stets bei der Hand sind, nach einem verlorenen Krieg die verfehlte Politik des Verlierers zu kritteln. Nach diesem entscheidenden Siege, der den Frieden in Gallien und die Vormacht der römischen Waffen sicherstellte, schickte sich Gratian an, ohne Verzug seinen Feldzug in den Osten fortzusetzen; als er aber an die Grenzen der Alamannen gelangte, bog er unvermittelt nach Links, überraschte sie mit einer Rheinüberquerung und drang kühn ins Herz ihres Landes vor. Diesem Vormarsch stellten die Barbaren die Hindernisse entgegen, die die Landesnatur und ihr Mut ihnen bereitstellten; und solange zogen sie sich von Hügel zu Hügel zurück, bis sie sich nach zahlreichen Versuchen schließlich von der Stärke und Hartnäckigkeit ihrer Feinde überzeugt hatten. Ihre Unterwerfung wurde angenommen, selbstverständlich nicht als Zeichen der aufrichtigen Reue, sondern nur der augenblicklichen Erschöpfung; und eine erlesene Schar der besten und stärksten Jugend dieser ungetreuen Nation wurde abgenötigt als das zuverlässigste Unterpfand inskünftigen Wohlverhaltens. Die Reichsuntertanen, die die abgesicherte Erfahrung gemacht hatten, dass die Alamannen sich weder durch Waffengewalt dämpfen noch durch Verträge binden ließen, haben sich auch wohl keine fundierte und langdauernde Ruhe erwartet: aber zumindest in den Tugenden ihres jugendlichen Herrschers entdeckten sie Hinweise auf eine lange und glückliche Regierung. Als die Legionen die Berge stürmten und die Befestigungen der Barbaren schleiften, war Gratian stets an vorderster Front zu sehen; und die vergoldeten und buntscheckigen Rüstungen seiner Leibwache waren durchstochen und zerwirkt von den Hieben, die sie infolge ihrer beständigen Nähe zu der Person ihres Herren regelmäßig empfingen. Im Alter von neunzehn Jahren ließ der Sohn des Valentinian die Begabung zum Krieg und zum Frieden erkennen; und seinen persönlichen Erfolg gegen die Alamannen deutete man als Vorzeichen für seinen anstehenden Triumph über die Goten Ammianus' vollständiger und objektiver Bericht (31,10) wird noch zusätzlich erhellt durch Victors Epitome, die Chronik des Hieronymos und Orosius' Historiae (7,33). .   VALENS MARSCHIERT GEGEN DIE GOTEN · 30. MAI – 11. JUNI 378 Während Gratian sich noch in dem verdienten Beifall seiner Untertanen sonnte, hatte Kaiser Valens – endlich – seinen Hof und seine Armee aus Antiochia abgezogen und war von der Bevölkerung Konstantinopels als der Verursacher der staatlichen Notlage empfangen worden. Bevor er sich für zehn Tage in der Hauptstadt niedergelassen konnte, der Ruhe zu pflegen, forderte ihn der ordinäre Lärm der Pferderennbahn auf, gegen die Barbaren loszuziehen, die er schließlich ins Land geladen hatte: und mit festen Zutrauen erklärten die Bürger, die wie üblich mit zunehmender Entfernung von der eigentlichen Gefahr sich umso tapferer aufführten, dass sie , wenn sie nur Waffen hätten, aus eigener Kraft die Provinz von dem Wüten dieses dreisten Feindes befreien wollten »Moratus paucissimos dies, seditione popularium levium pulsus.« (Er verweilte nur sehr wenige Tage und dämpfte eine leichte Empörung des Volkes). Ammianus 31,11. Sokrates, (4,38) liefert Daten und weitere Begleitumstände. . Diese leeren Anwürfe einer ahnungslosen Menge beschleunigten den Untergang des Römischen Reiches; sie provozierten Valens zu überstürztem Handeln, da es ihm an Selbstbewusstsein und Gemütsfestigkeit mangelte, diese öffentliche Geringschätzung mit Gelassenheit zu ertragen. Die erfolgreichen Unternehmungen seiner Generäle bewirkten, dass er die Goten, die sich in der Nähe von Adrianopolis unter Fritigerns Kommando zusammenschlossen, nicht mehr recht ernst nahm. Der wachsame Frigerid hatte den Vormarsch der Taifalen erfolgreich aufgehalten; ihr König war in der Schlacht gefallen; und die Gefangenen, die um Gnade gebeten hatten, wurden nach Italien geschickt, um die verödeten Landstriche um Modena und Parma unter den Pflug zu nehmen »Vivosque omnes circa Mutinam, Regiumque, et Parmam, Italica oppida, rura culturos exterminavit. (Alle Überlebenden siedelte er in der Umgebung der italienischen Städte Mutina, Regium und Parma als Bauern an.) Ammianus, 31,9. Diese Städte und Distrikte befanden sich zehn Jahre nach ihrer Besiedlung mitden Taifalen in einem vollständig verwilderten Zustand. Siehe Muratori, Dissertazioni sopra le Antichita Italiane, Band 1, Dissertatio 21, p. 354. . Die Vorstöße des Sebastian Ammianus 31, 33; Zosimos (4,23) lässt sich weitschweifig über Sebastians Unternehmungen aus, fertigt aber die entscheidende Schlacht von Adrianopolis nur in ein paar Zeilen ab. Folgt man den kirchlichen Wissenschaftlern, welche Sebastian hassen, dann bedeutet das Lob des Zosimos eine Beleidigung (Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p.121). Seine Vorurteile und Unkenntnis qualifizieren ihn zweifellos nicht dazu, Verdienste zu beurteilen. , der erst kürzlich in den Dienst des Valens getreten war und im Rang eines Heermeisters der Infanterie stand, waren für ihn selbst höchst ehrenvoll und für den Staat nützlich. Er hatte die Erlaubnis erhalten, sich aus jeder Legion dreihundert Mann auswählen zu dürfen; und diese Sonderabteilung hatte schon bald eine Manneszucht und Kampfkraft erreicht, wie man sie unter Valens so bald nicht finden mochte. Unter Sebastians kühner Führung wurde ein großes Kontingent von Goten im Lager überrumpelt: Und die unermessliche Beute füllte alsbald die Stadt Adrianopolis und die umliegenden Ebenen. Die Zeitung des Sieges, die der General daraufhin verbreiten ließ, schreckte den kaiserlichen Hof auf wie immer, wenn überlegenes Verdienst erkennbar wird; und obwohl er behutsam die Schwierigkeiten des gotischen Krieges hervorhob, hörte man nicht auf seinen Rat, wenn man gleichwohl auch sein Loblied sang; und Valens, der den Einflüsterungen der Palasteunuchen mit Entzücken lauschte, verlangte nun selbst heftig darnach, den Ruhm für einen leichten und unzweifelhaften Sieg einzustreichen. Die Armee wurde durch bedeutende Veteranenabteilungen verstärkt; und den Marsch von Konstantinopel nach Adrianopolis leitete er mit soviel Umsicht, dass er sogar das Vorhaben der Barbaren vereiteln konnte, welche einen Angriff auf die mittlere Marschkolonne planten und dabei entweder die Truppen selbst vernichten oder doch wenigstens ihre Vorräte erbeuten wollten. Das Lager des Valens, das er vor den Toren von Adrianopolis anlegen ließ, wurde nach römischem Brauch mit Graben und Palisaden befestigt; und ein hochwichtiger Kriegsrat wurde einberufen, der über das Schicksal von Kaiser und Reich entscheiden sollte. Viktor vertrat mit Nachdruck die Stimme der Vernunft und des Hinhaltens; er hatte sich aus eigener Wissenschaft ein zutreffendes Bild von der angeborenen Wildheit der Sarmaten machen können. Sebastian hingegen, dem die elastische und servile Beredsamkeit eines Höflings zu Gebote stand, wusste alle Vorsichtsmaßnahmen und alles Zweifeln an dem bevorstehenden Sieg als unvereinbar mit dem Mute und der Größe Ihrer unbesiegbaren Majestät darzustellen. Der Untergang des Valens wurde noch beschleunigt von Fritigerns listenreichen Kunstgriffen und durch die Vorschläge an die Adresse des Kaisers des Westens. Dass Verhandlungen mitten im Kriege Vorteile mit sich bringen, hatte der General der Barbaren mit Genauigkeit erkannt; und so wurde ein Vertreter der christlichen Kirche entsandt, ein heiliger Friedensbote, die Pläne des Feindes zu ergründen und zu hintertreiben. Der Botschafter der gotischen Nation malte ein eindringliches und zutreffendes Bild von ihrer Notlage und Kränkung; stellte im Namen von Fritigern dar, dass dieser immer noch geneigt sei, die Waffen niederzulegen und sie nur zur Verteidigung des Reiches aufzuheben, wenn er für seine wandernden Landsleute Siedlungsland in den Weiten Thrakiens und ausreichend Getreide und Vieh erhielte. Dann allerdings gab er mit vertraulich gedämpfter Stimme den freundschaftlichen Wink, dass die aufgebrachten Barbaren diesen Vernunftgründen mittlerweile nicht mehr recht zugänglich seien; und dass es zweifelhaft sei, ob Fritigern wirklich den erwünschten Friedensschluss werde zu Stande bringen können, wenn ihm nicht die Gegenwart einer kaiserliche Armee als Drohwerkzeug zur Seite stehe. Etwa zu dieser Zeit kam auch der comes Rikomer aus dem Westen, seinen Sieg über die Alamannen zu verkünden; Valens mitzuteilen, dass sein Neffe in Eilmärschen an der Spitze der siegreichen gallischen Veteranenarmee herannahe; und im Namen von Gratian darum zu ersuchen, von jeder gefährlichen und entscheidenden Maßnahme abzustehen, bis die Vereinigung der beiden Kaiser mit ihren Heeren die Entscheidung im Gotenkrieg sicherstellen werde. Aber der erbärmliche Herrscher des Ostens ließ sich ausschließlich von den verhängnisvollen Wahnbildern seiner Eitelkeit und seiner Eifersucht leiten. So verwarf er den ungelegenen Rat; wies das demütigende Hilfsangebot zurück; verglich heimlich die schmachvolle oder doch wenigstens ruhmlose eigene Regierungszeit mit dem Prestige des bartlosen Knaben: und Valens stürmte ins Feld, seinen Ruhm zu begründen, bevor die Bestrebungen seines Kollegen ihm irgendeinen Anteil am Sieg dieses Tages streitig machen konnten.   DIE SCHLACHT VON ADRIANOPOLIS · 9.AUGUST A.D. 378 Am neunten August, einem Tag, der einer der schwärzesten Tage des römischen Kalenders Ammianus (31,12 und 13) beschreibt als einziger die Beratschlagungen und die Maßnahmen, die der verhängnisvollen Schlacht von Adrianopolis vorangegangen waren. Wir mögen seine stilistischen Sünden tadeln und seine ungeordnete Erzählweise; doch nun müssen wir uns von diesem überparteilichen Historiker verabschieden, und unser Bedauern über diesen unersetzlichen Verlust bringt jedwede Kritik zum Schweigen. genannt zu werden verdient, ließ Kaiser Valens unter strenger Bewachung Gepäck und Kriegskasse zurück und brach von Adrianapolis auf, um die Goten anzugreifen, welche zwölf Meilen von der Stadt entfernt ihr Lager bezogen hatten Der Unterschied zwischen den acht Meilen des Ammianus und den zwölf des Idatius können nur solche Gelehrte verwirren (Valesius ad locum), welche vermuten, dass eine große Armee so etwas wie ein mathematischer Punkt sei, ohne Größe und Ausdehnung. . Ob nun einige Befehle falsch verstanden wurden, oder das Gelände nicht hinreihend bekannt war; der rechte Flügel der Kavallerie hatte den Feind bereits in Sicht, während der linke noch in beträchtlicher Entfernung zurück lag; die Infanterie war daher trotz der schwülen Sommerhitze genötigt, ihren Marsch noch mehr zu beschleunigen; aber sie Schlachtordnung wurde nur unter großer Konfusion und unverzeihlicher Verzögerung hergestellt. Die gotische Kavallerie hatte sich auf die umgebenden Landstriche zum Fouragieren verteilt; und Fritigern übte sich neuerlich in seinen vertrauten Künsten. Friedensboten wurden ausgesandt, Vorschläge unterbreitet, Geiseln verlangt und überhaupt die Zeit hingebracht, bis die Römer, schutzlos den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt, vor Durst, Hunger und völliger Erschöpfung fast vergingen. Der Kaiser ließ sich bereden, einen Boten in das Lager der Goten abzufertigen; Ricomers Bereitschaft, sich als einziger dieser heiklen Mission zu unterziehen, wurde mit Beifall aufgenommen: angetan mit den Insignien seiner hohen Würde, war des comes domesticorum bereits ein kleines Stück Weges zum Lager des Feinde vorangekommen, als ihn plötzlicher Schlachtenlärm zurückrief. Die vorschnelle und unkluge Attacke hatte der Iberer Bacurius zu verantworten, welcher ein Kontingent von Bogenschützen und Leichtbewaffneten befehligte; und so, wie sie in Eile vorwärts stürmten, zogen sie sich schimpflich und mit Verlusten zurück. In diesem Augenblick stürmten die fliegenden Schwadrone von Alatheus und Saphrax, auf deren Ankunft der General der Goten mit ängstlicher Ungeduld gewartet hatte, wie ein Wirbelwind hügelabwärts und durch die Ebene und verliehen der ungeordneten, aber eben auch unwiderstehlichen Angriffswelle der Barbaren fürchterlichen Nachdruck.   NIEDERLAGE DER RÖMER Der Verlauf der Schlacht von Adrianopolis, die für den Kaiser und das Reich so verhängnisvoll endete, kann in ein paar Zeilen zusammengefasst werden: die römische Kavallerie in panischer Flucht; die Infanterie auf sich gestellt, umzingelt und niedergehauen; die geschicktesten Manöver und der stärkste Mut reichen kaum hin, eine Infanterieabteilung herauszureißen, wenn sie auf offenem Felde von einer überlegenen Anzahl von Reiterei umzingelt ist. Die Truppen des Valens, vom Feinde und ihrer eigenen Furcht bedrängt, standen auf engstem Raume, wo es ihnen unmöglich wurde, sich in Schlachtordnung zu postieren oder wenigsten ihre Schwerter oder Wurfspieße mit leidlicher Wirkung einzusetzen. Mitten im Gewühle, Gemetzel und der allgemeinen Not suchte der Kaiser, von seiner Garde verlassen und, wie vermutet wird, von einem Pfeil verwundet, Schutz bei den Lanzenträgern und Mattiarii (Soldaten mit kurzschäftigen Wurfgeschossen), die noch in einiger Ordnung und erkennbarem Widerstand an ihrem Platz aushielten. Seine treuen Generäle, Trajan und Victor, die seine Gefahr erkannten, riefen lauthals, dass nichts verloren sei, solange die Person der Kaisers noch zu retten sei. Einige Abteilungen, die ihre Zurufe aufgeschreckt hatten, eilten zu seiner Hilfe: sie fanden nur noch blutigen Grund, bedeckt mit einem Berg von zerhauenen Gliedern und verstümmelten Körpern; unmöglich konnten sie hier ihren unglücklichen Herrscher ausfindig machen, weder unter den Lebend noch unter den Toten. Ihre Suche konnte auch nicht erfolgreich sein, wenn einige von den zeitgenössischen Historikern erzählte Einzelheiten zum Tode des Kaisers denn wahr sind. Dank der Fürsorge seiner Adjutanten wurde Valens vom Schlachtfeld in eine nahe gelegene Hütte gebracht, wo man seine Wunde versorgen und Vorkehrungen für seine künftige Sicherheit treffen wollte.   TOD DES VALENS Aber in einem Nu hatten die Feinde dieses schlichte Refugium umzingelt; sie versuchten die Tür zu sprengen; als sie vom Dach durch Pfeile unter Beschuss genommen wurden, wurden sie aufgebracht; und schließlich, verärgert über die Verzögerung, steckten sie einen Haufen Reisig in Brand und verzehrten so die Hütte nebst dem Kaiser und seinem Anhang. Valens verdarb in den Flammen; ein Jugendlicher, der sich durch das Fenster gerettet hatte, entkam als einziger, um von der traurigen Geschichte zu künden und die Goten darüber aufzuklären, welche unschätzbare Trophäe sie durch ihre eigene Dummheit verloren hatten. Zahlreiche tapfere und bewährte Offiziere kamen in der Schlacht von Adrianopolis ums Leben, welche der Katastrophe, die die Römer einst bei Cannae »Nec ulla, annalibus, praeter Cannensem pugnam, ita ad internecionem res legitur gesta.« (Außer der Schlacht von Cannae ist in den Annalen keine derartig verlustreiche Niederlage verzeichnet.) Ammianus 31,13. Der ernste Polybios lässt der Walstatt von Cannae nicht mehr als 370 Reiter und 3000 Infanteriesoldaten entkommen: 10+000 Gefange wurden gemacht. Die Zahl der Gefallenen wird mit 5630 Reitern und 70+000 Fußsoldaten angegeben. Livius (22,49) ist da etwas weniger blutig: er tötet nur 2700 Reiter und 40+000 Mann Infanterie. Die römische Armee hatte insgesamt 87+200 Mann Kampftruppe (22,36). erlitten, hinsichtlich der Verluste gleichkommt und hinsichtlich der politischen Folgen weit übertrifft. Zwei Heermeister der Infanterie und der Kavallerie, zwei hochrangige Palastoffiziere und fünfunddreißig Tribunen fand man unter den Toten; und der Tod Sebastians mochte die Welt dahin zufrieden stellen, dass er, der Urheber dieses Notstandes, nun auch sein Opfer war. Mehr als zwei Drittel der römischen Armee waren untergegangen; und so wurde die hereinbrechende Nacht geradezu begrüßt, da die Dunkelheit die Flucht der überlebenden Massen gnädig verhüllte und den halbwegs geordneten Rückzig von Victor und Ricomer deckte, welche in der allgemeinen Auflösung als einzige kalten Mut und die vorgeschriebene Disziplin beobachteten Etwas schwaches Licht erhalten wir von Hieronymos (Opera Band 1, 26 und Chronicum p. 188), Victor (Epitome 47), Orosius (7,33), Jornanes (27), Zosimos (4,24, Sokrates (4,38), Sozomenos (6,40), Hydatius (Chronica). Aber ihr gemeinsames Zeugnis ist, gewogen gegen den einen Ammianus, unergiebig und von geringem Gewicht. .   TOTENREDE DES LIBANIOS AUF VALENS UND SEINE ARMEE Während Trauer und Schrecken noch die vorherrschenden Gemütszustände waren, schrieb der berühmteste Redner der Zeit eine Grabesrede auf die untergegangene Armee und den unpopulären Kaiser, dessen Thron bereits ein Fremder innehatte. »Es werden jetzt die nicht ausbleiben,« so beginnt der berühmte Libanios, »die die Umsicht des Kaisers tadeln werden oder die dieses öffentliche Unglück dem mangelnden Mut und der lockeren Disziplin der Armee zuschreiben wollen. Ich für meinen Teil verbeuge mich vor dem Gedächtnis ihrer Taten: ich verneige mich vor ihrem glorreichen Tod, den sie aufrecht und tapfer empfingen: ich verneige mich vor dem Schlachtfeld, welches von ihrem und ihrer Feinde Blut getränkt ist; diese Ehrenmarken hat der Regen wohl schon fort geschwemmt; aber das Mahnmal, das ihre Körper, die Körper von Generälen, Zenturionen und ungenannten Kriegern gesetzt haben, beanspruchen längere Dauer.« »Der Kaiser selbst focht und fiel in vorderster Front. Seine Begleiter hatten für ihn das beste Pferd der kaiserlichen Stallungen bereitgestellt, und leicht hätte es die nachsetzenden Feinde abgeschüttelt. Vergebens drängten sie ihn, sein kostbares Leben für den künftigen Dienst an der Republik aufzusparen. Er erklärte nur, dass er nicht würdig sei, so viele brave und getreue Untertanen zu überleben; und so ward der Monarch angemessen unter einem Berg von Leichen begraben. So lasse sich niemand einfallen, den Sieg der Barbaren der Furcht, der Schwäche oder der Torheit der römischen Armee zuzuschreiben. Der Mut ihrer Vorfahren beseelte den Herrscher und seine Mannen, denen sie an Kriegstüchtigkeit und Disziplin gleichkamen. Ihre Nacheiferung erhielt zusätzliche Nahrung durch ihre Liebe zum Ruhm, so dass sie imstande waren, es zu gleicher Zeit mit Hitze und Durst, Feuer und Schwert aufzunehmen; und freudig einen ehrenhaften Tod der Schmach und der Flucht vorzuziehen. Einzig der Unwille der Götter hat uns den Sieg über unsere Feinde gekostet.« Einige Teile dieser Prunkrede werden durch die historische Wahrheit bestritten, da sie mit dem Charakter des Valens oder den näheren Umständen der Schlacht nicht eben punktgenau zusammenpassen; aber der Eloquenz und dem Seelenadel des Sophisten aus Antiochia gebührt dennoch Lob Libanios, De nece Juliani ulciscenda 3, in Fabricius, Bibliotheca graeca, Band 7, p. 146ff. .   DIE GOTEN BELAGERN ADRIANOPOLIS Das Selbstvertrauen der Goten wurde durch diesen großen Sieg mächtig emporgetragen; aber ihre Habsucht erhielt einen Dämpfer durch die betrübliche Entdeckung, dass der wertvollste Teil der kaiserlichen Beute sich noch innerhalb der Stadtmauern von Adrianopolis befand. Sie eilten, die Belohnung ihres Sieges einzufordern; aber der Rest der geschlagenen Armee begegnete ihnen mit furchtloser Entschlossenheit, welche ihrer Verzweiflung zuzuschreiben war und ihre einzige verbliebene Hoffnung auf Überleben bildete. Die Stadtmauern und die Wälle des benachbarten Lagers waren mit Kriegsmaschinerie bestückt, welche Steine von unglaublichem Gewicht schleudern konnten; und die unwissenden Barbaren durch das Fluggeräusch und ihre Geschwindigkeit mehr als durch den angerichteten Schaden in Erstaunen versetzten. Soldaten, Bürger, Provinziale und Palastbedienstete waren durch gemeinschaftliche Gefahr und Not geeint; die heimlichen Ränke und Trickereien der Goten verfingen nicht mehr; ihr wütender Angriff wurde abgewehrt; und nach mehrstündigem harten Gefecht zogen sie sich in ihr Gezelte zurück; nunmehr hielten sie sich, durch Erfahrung gewitzigt, überzeugt, dass es besser sei, sich an die Verträge zu halten, die ihr Häuptling klugbedacht mit starken, befestigten Städten in aller Stille ausgehandelt hatte. Nach der vorschnellen und törichten Hinrichtung von dreihundert Deserteuren, welcher Rechtsakt sich allerdings für die Disziplin der römischen Armee als ausgesprochen heilsam erwies, hoben die Goten beleidigt die Belagerung von Adrianopolis auf. Sofort wurde aus dem Schauplatz von Krieg und Gemetzel ein Ort der stillen Einsamkeit; die Volksmassen verzogen sich; über die Wald- und Bergpfade strömten angstvoll die Flüchtlinge, um in den abgelegenen Städten von Illyrien und Makedonien Unterschlupf zu finden. Und die getreuen Minister des Haushaltes und Staatsschatzes suchten weiterhin ihren Kaiser, von dessen Tod sie immer noch nichts gehört hatten. Die Masse der Goten jedoch flutete von den Mauern Adrianopolis' in die Vororte von Konstantinopel. Die Barbaren zeigten sich höchlich überrascht von dem reizvollen Aussehen der Hauptstadt des Ostens, von den hohen Mauern und ihren gigantischen Ausmaßen, von den Myriaden von aufgeschreckten Bürgern, die die Wälle bevölkerten, und von den verschiedenen Aussichten auf Land und Meer. Während sie mit schwindendem Verlangen auf die unerreichbaren Schönheiten Konstantinopels starrten, machte plötzlich ein Trupp von Sarazenen Valens hatte die Freundschaft der Sarazenen gewonnen, oder besser: gekauft, deren kriegerische Überfälle die phönikische, palästinensische und ägyptische Grenze zu spüren bekam. Der christliche Glauben ist erst später zu diesem Volk gelangt, welches in künftigen Zeiten eine andere Religion verbreiten sollte. Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p. 104 und 106, Mémoires ecclésiastiques, Band 7, p. 539. – glücklicherweise hatte Valens sie in seinen Dienst genommen – aus einem der Tore einen Ausfall. Die Kavallerie der Skythen musste tatsächlich vor der staunenswerten Schnelligkeit und der Tapferkeit der arabischen Reiterei weichen; ihre Reiter waren in der Taktik des Kleinkrieges äußerst geschickt; und die Barbaren aus dem Norden waren verblüfft und entmutigt vor der geradezu unmenschlichen Grausamkeit der Barbaren aus dem Süden. Ein gotischer Krieger wurde vom Dolch eines arabischen Kriegers getötet; und der langhaarige, nackte Wilde führte seine Lippen an die Wunde und ließ entsetzlichen Genuss erkenne, während er das Blut seines getöteten Feindes einschlürfte »Crinitus quidam, nudus omnia praeter pubem, subraucum et lugubre strepens.« (Ein Mann, behaart, vollständig nackt bis an die Scham, heiser und unheimlich von Stimme.) Ammianus 31,16, und Valesius ad locum. Die Araber kämpften oft nackt, was man ihrem heißen Klima und ihrer prahlerischen Tapferkeit zuschreiben mag.Die Beschreibung jenes unbekannten Wilden ist das lebendige Gemälde eines Derar, dessen Name den syrischen Christn so furchtbar war. Siehe Ockley, History of the Saracens, Band 1, p. 72, 84, 87. . Die gotische Armee, schwer beladen mit der Beute aus den reichen Vorstädten und den umliegenden Landstrichen, zogen allmählich vom Bosporus zu den Bergen, welche die Westgrenze von Thrakien bilden. Der wichtige Pass von Suci kam durch Verrat oder einen Fehler des Maurus in ihre Hand; und da die Barbaren von den besiegten und zerstreuten Truppen des Ostens keinen weiteren Widerstand zu befürchten hatten, verstreuten auch sie sich über das ganze fruchtbare und kultivierte Land bis hin zu Grenzen Italiens und der Adria ie Serie der Ereignisse wird wohl auf den verlorenen Blättern des Ammianus (31,15 und 16) gestanden haben. Zosimos (4,22 und 24), auf den wir von nun an angewiesen sind, verlegt den Ausfall der Araber irrtümlicherweise vor Valens Tod. Eunapios rühmt die Fruchtbarkeit von Thrakien, Makedonien \&c. .   PLÜNDERUNG DER RÖMISCHEN PROVINZEN DURCH DIE GOTEN · A.D. 378/379 Die Römer, welche so leidenschaftslos und bündig von den Akten der Gerechtigkeit ihrer Legionen zu erzählen wissen Beachte, mit welcher Anteilslosigkeit Caesar in seinen Kommentaren zum Gallischen Krieg erzählt (3,16): dass er den ganzen Senat der Veneter zum Tode verurteilte, die sich seiner Gnade ausgeliefert hatten; dass er das ganze Volk der Eburonen auszurotten sich bemühte(6,34); dass vierzigtausend Menschen zu Bourges von seinen Legionen aus gerechten Rachemotiven massakriert wurden, die dabei weder Alter noch Geschlecht berücksichtigten (7,28) \&c. , widmen ihre ganze Beredsamkeit und ihr Herzensblut der Darstellung ihrer eigenen Leiden, wenn etwa ihre Provinzen von siegreichen Barbaren überschwemmt und geplündert wurden. Die schlichte Erzählung vom Untergang einer einzigen Stadt (wenn es denn eine solche Erzählung gäbe), vom Unglück einer einzigen Familie So etwa die Berichte von der Plünderung Magdeburgs, welche Mr. Harte übersetzt hat (History of Gustavus Adolphus, Band 1, p. 313 – 320), nicht ohne Sorge, er möchte die Würde der Geschichtsschreibung verletzen. könnte durchaus ein interessantes und belehrendes Bild von menschlicher Gesittung entwerfen; aber die zähflüssige Wiederholung allgemeiner Klagen muss ja die Aufmerksamkeit auch des geduldigsten Lesers ermüden. Derselbe Tadel, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, trifft die Profan- und Kirchenschriftsteller jener Unglückszeiten: Dass sie mit parteipolitischen und religiösen Vorurteilen beladen waren; und dass das wahre Ausmaß und die Bedeutung eines jeden von ihnen behandelten Gegenstandes durch die Übertreibungen ihrer käuflichen Beredsamkeit verfälscht ist. Der heftige Hieronymus mag mit gutem Recht die Not beweinen, die die Goten und ihre kriegerischen Verbündeten seiner Heimat Pannonien und den großen Provinzen angetan hatten, die zwischen den Mauern von Konstantinopel und dem Fuß der Julischen Alpen liegen; das Morden, Brennen, Rauben; und, als Krönung des Ganzen, die Entweihung von Kirchen, aus denen man Ställe gemacht hatte, und das höhnische Spiel, das man mit den Reliquien der heiligen Märtyrer trieb. Aber der heilige Mann überschreitet ganz gewiss die Grenzen der Natur und der historischen Wahrheit, wenn er schreibt, »dass es in jenen verödeten Ländern nichts mehr gab als Himmel und Erde; dass das Land nach der Zerstörung der Städte und der Vernichtung ihrer Menschen das Land von dichtem Wald und Gestrüpp überwuchert war; und dass die allgemeine Entvölkerung, die schon der Prophet Zephaniah angekündigt hatte, sich auch darin zeigte, dass es keine Tiere, keine Vögel, ja sogar keine Fische mehr gab Et vastatis urbibus, hominibusque interfectis, solitudinem et \>raritatem bestiarum\< quoque fieri, \>et volatilium, pissiumfue\<: testis Illyricum est; testis Thracia, testis in quo ortus sum solum (Pannonia); ubi praeter coelum et terram, et crescentes vepres, et condensa silvarum \>cuncta perierunt\<. In Sophoniam, Opera, Band 7, p. 250 und Epistulae 60, Band 1, p.26. .« Diese Klagelieder stimmte er zwanzig Jahre nach dem Tode von Valens an; und dennoch liefern die illyrischen Provinzen, die beständig dem Einfall und Durchmarsch feindlicher Barbaren ausgesetzt waren, immer noch, nach Ablauf von zehn schrecklichen Jahrhunderten, genug Anlass für Raub und Zerstörung. Selbst wenn man sich vorstellt, dass ein so großes Land ohne Ackerbau und Einwohner war, so dürfte dies für seine freilebende Fauna keine so dramatischen Folgen gehabt haben. Die zahmen Haus- und Nutztiere, die von der Hand des Menschen ernährt werden, mögen wohl bei fehlendem Schutz leiden und verderben; aber die wilden Tiere der Wälder, seine Feinde oder Opfer müssen sich doch bei freier und ungestörter Nutzung ihres Habitats stark vermehren. Und jene Geschöpfe, welche die Lüfte oder das Wasser bewohnen, hängen noch viel weniger vom Schicksal des Menschen ab; und es hoch wahrscheinlich, dass die Fische der Donau mehr von der Spitze einer Harpune zu befürchten hatten als von einem feindlichen Einfall der gotischen Armee.   MASSAKER DER GOTISCHEN JUGENDLICHEN A.D. 378 Wie groß nun auch immer der tatsächliche Schaden für Europa gewesen sein mag, es gab Gründe zu der Besorgnis, dass sich die allgemeine Not bald auch auf einige der friedliebenden Länder Asiens erstrecken würde. Man hatte die Söhne der Goten weislich auf die Städte des Ostens verteilt; und die Künste der Erziehung wurden angestrengt, ihre angeborene Wildheit zu glätten und zu dämpfen. Innerhalb von zwölf Jahren waren es ihrer ständig mehr geworden; und die Kinder der ersten Auswanderungswelle waren mittlerweile zu Männern gereift Eunapius (in Excerpte legationum. p. 20) vermutet törichterweise übernatürlich rasches Wachstum; um die Krieger des Cadmus zu bemühen, die aus Drachenzähnen wuchsen. Aber das war zu jener Zeit Stand der griechischen Beredsamkeit. . Es war natürlich unmöglich, ihnen die Ereignisse des Gotenkrieges zu verheimlichen; und da jene kühnen Jugendlichen die Kunst der Verstellung nicht gelernt hatten, ließen sie ihren Wunsch, ihr Verlangen, vielleicht sogar schon ihren Plan erkennen, dem ruhmreichen Vorbild ihrer Väter nachzueifern. Die Not der Zeit schien den Argwohn der Provinzbewohner zu bestätigen; und der Verdacht galt als Beweis dafür, dass die Goten Asiens sich heimlich und gefahrenschwanger gegen die öffentliche Sicherheit verschworen hätten. Der Tod des Valens hatte den Osten des Reiches ohne Herrscher zurückgelassen; und Julius, der den wichtigen Posten des Heeresmeisters innehatte und mit viel Umsicht und Könnerschaft ausübte, hielt es für seine Pflicht, den Senat von Konstantinopel in dieser Sache zu konsultieren, da er ihn, solange der Thron verwaist war, für den maßgeblichen repräsentativen Rat des Reiches hielt. Sobald er Vollmacht erhalten hatte, das zu tun, was ihn des Landes Bestes dünkte, ließ er die führenden Amtsinhaber zusammenkommen; und in aller Stille stimmte er wirkungsvolle Vorbereitungen für seinen Blutplan ab. Es erging unverzüglich Befehl, dass zu einem festgesetzten Tage die gotischen Jungmannen sich in den Hauptstädten ihrer jeweiligen Provinzen versammeln sollten; und da zugleich das Gerücht gestreut wurde, dass sie sich einfinden sollten, um großzügige Geld- und Landzuweisungen zu erhalten, mochten diese freudigen Erwartungen ihre Entschlossenheit dämpfen und der Verschwörung den Wind aus den Segeln nehmen. Am verabredeten Tage wurde die unbewaffnete gotische Jugend sorgsam auf den Hauptplätzen oder Foren versammelt; Straßen und Alleen wurden von römischen Soldaten besetzt gehalten; auf den Dächern der Häuser wimmelte es von Bogenschützen und Schleuderern. Und zur selben Stunde wurde in allen Städten des Ostens das Signal zur unterschiedlosen Metzelei gegeben; so wurden die Provinzen Asiens mit Hilfe von Julius' grausamer Klugheit auf einen Schlag von einem inneren Feinde befreit, der in ein paar Monaten Feuer und Schwert vom Hellespont bis zum Euphrat Ammianus ist mit diesem Mordbefehl sichtlich einverstanden, »efficacia velox et salutaris«, ( eine rasche und wirksame Vorgehensweise) womit sein Werk abschließt (31,16). Zosimos (4,26), lesenswert und wortreich, irrt bezüglich der Datierung und hat nun Mühe herauszufinden, weshalb Julius nicht den Kaiser Theododius konsultiert hatte, der damals jedoch noch nicht den Thron des Ostreiches bestiegen hatte. hätte tragen können. Der absolute Vorrang für die öffentliche Sicherheit mag ja unstreitig die Vollmacht zur Verletzung jeden positiven Rechtes erteilen. Wie weit jedoch diese oder irgendeine andere Erwägung dazu dienen darf, von jeder naturgesetzten Verpflichtungen zur Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu entbinden, gehört zu einer eine Lehre, in der ich immer unwissend bleiben will.   GRATIAN ÜBERLÄSST THEODOSIUS DEN OSTEN · 19. JANUAR 379 Der Kaiser Gratian hatte auf seinem Marsch nach Adrianopolis bereits eine weite Strecke zurückgelegt, als er zunächst durch die wirre Stimme des Gerüchtes und danach durch die genaueren Berichte von Victor und Ricomer davon erfahren musste, dass sein ungeduldiger Kollege in der Schlacht sein Leben verloren hatte und zwei Drittel des römischen Heeres durch das Schwert der siegreichen Goten umgekommen waren. Welche Vorwürfe die vorschnelle und eifersüchtige Überheblichkeit seines Onkels auch immer verdient hatte, in einem hochherzigen Gemüt weichen Vorwürfe leicht vor den sanfteren Gefühlsregungen wie Kummer und Mitleid zurück: Und selbst das Mitleid musste über ein Kleines bei Erwägung des ernsten und angeschlagenen Zustandes des Staates verstummen. Um seinem glücklosen Kollegen zu helfen, war Gratian zu spät gekommen, ihn zu rächen, war er zu schwach: und um gar der untergehenden Welt Unterstützung zu geben, fühlte sich der bescheidene Jüngling überfordert. Ein fürchterlicher Sturm barbarischer Germanen schickte sich an, Gallien heimzusuchen; und mit der Verwaltung der westlichen Reichshälfte hatte er bereits übergenug zu tun. In dieser Notlage verlangte die Führung des Ostens und des Gotenkrieges die ungeteilte Aufmerksamkeit eines Helden und Staatsmannes. Ein Untertan mit so weitreichenden Vollmachten hätte seinem fernen Wohltäter schon bald die Treue aufgekündigt; so fasste denn der kaiserliche Rat den klugen und mannhaften Beschluss, lieber Verpflichtungen aufzuerlegen als dreisten Forderungen nachzugeben. Es war Gratians Wunsch, den Purpur als Belohnung für bewährte Tugend zu erteilen; aber für einen neunzehnjährigen Herrscher, der in höchster Stellung aufgewachsen war, ist es kein Kleines, den wahren Charakter seiner Minister und Generäle zu ergründen. Durchaus war er bemüht, mit unbestechlicher Hand ihre unterschiedlichen Verdienste und Fehler zu wägen; und so, wie er sich dem fressenden Ehrgeiz entgegenstellte, so war er auch der kleinherzigen Bedenkenträgerei abhold, die an der Lage des Staates verzweifelte. Da jedes Zaudern dem Einfluss und der Macht des künftigen Ostkaisers abträglich gewesen wäre, verbot sich eine zähflüssige Debatte von selbst. Die Wahl Gratians fiel schon bald auf einen Exilanten, dessen Vater allerdings vor nur drei Jahren auf Grund seiner Anordnung zu Unrecht und in Schanden zu Tode gekommen war. Der große Theodosius, welcher Name in der Geschichte berühmt und der katholischen Kirche kostbar ist Im vergangenen Jahrhundert erschien eine Biographie des Theodosius, bestimmt, des Dauphins Seele mit katholischem Glaubenseifer zu durchsetzen. Der Verfasser Fléchier, später Bischof von Nimes, war ein gefeierter Prediger; und so ist seine Geschichte mit Kanzelberedsamkeit geschmückt oder vielmehr durchtränkt; aber immerhin bezieht er seine Gelehrsamkeit von Baronius und seine Grundsätze von St. Ambrosius und St. Augustinus. , wurde vor den kaiserlichen Hof zitiert, welcher sich allgemach von der thrakischen Grenze ins ruhigere Sirmium zurückgezogen hatte. Fünf Monate nach dem Tode des Valens stellte Kaiser Gratian vor der versammelten Truppe seinen Kollegen als ihren Befehlshaber vor; welcher sich nach schicklichem, vielleicht sogar aufrichtigem Zieren inmitten des lärmenden Zuspruches genötigt fand, das Diadem, den Purpur und den gleichberechtigten Augustustitel anzunehmen Über Herkunft, Charakter und Inthronisation des Theodosius berichten: Pacatus (in Panegyrici 12,10 – 12); Themistios (Orationes 14); Zosimos (4,24), Augustinus (De civitate Dei 5,26); Orosius (7,34); Sozomenos (7,2); Socrates (5,2); Theodoretos (5,5); Philostorgios (9,17, mit Gothofredus, p. 393); Victor, Epitome (48) und Chroniken von Prosper, Hydatius und Marcellinus im Thesaurus Temporum von Scaliger. . Die Provinzen Thrakien, Asien und Ägypten, ursprünglich der Geschäftsbereich des Valens, wurden der Verwaltung des neuen Kaisers übertragen; da ihm aber insbesondere der Krieg gegen die Goten auferlegt war, wurde die Präfektur Illyriens abgetrennt und die großen Diözesen Dakien und Makedonien dem Ostreich zugeschlagen Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 5, p. 716. .   HERKUNFT UND CHARAKTER DES THEODOSIUS Dieselbe Provinz und vermutlich sogar dieselbe Stadt Italica, welches Scipio Africanus für seine invaliden Veteranen gegründet hatte. Die Ruinen sind noch heute etwa eine Meile von Sevilla entfernt auf dem anderen Flussufer zu sehen. Siehe Hispania illustrata von Nonnius, eine kurze und wertvolle Darstellung, 17, p.64 – 67. , welche dem Thron einen Trajan und einen Hadrian geschenkt hatten, war auch die Heimat einer anderen spanischen Familie, welche in einem weniger gesegneten Zeitalter fast achtzig Jahre lang über das untergehende römische Reich regierte Ich bin wie Tillemont (Histoire des empereurs, Band 5, p. 762) skeptisch gegen den königlichen Stammbaum, welcher bis zu der Thronerhebung des Theodosius ein Geheimnis geblieben sein muss. Selbst nach jenem Ereignis hat das Schweigen des Pacatus mehr Gewicht als die billigen Beweise des Themistius, Victor und Claudian, welche zwischen der Familie des Theodosius und der des Hadrian und Trajan eine verwandtschaftliche Beziehung herstellen wollen. . Durch die tätige Energie des älteren Theodosius stiegen sie aus der Anonymität kleinstädtischer Ehrenstellen empor; dieser, ein glänzender General, schrieb mit seinen Erfolgen die ruhmreichsten Kapitel in den Annalen des Valentinian. Der Sohn dieses Generals, der gleichfalls den Namen Theodosius trug, wurde in seine Jugend von tüchtigen Lehrern in den freien Künsten erzogen; in den Kriegskünsten jedoch erzog ihn die zärtliche Sorge und strenge Disziplin seines Vaters Pacatus vergleicht – und gibt ihr folgerichtig den Vorzug – Theodosius' Jugend mit der militärischen Erziehung des Alexander, Hannibal und des jüngeren (Scipio) Africanus, welche wie er unter dem eigenen Vater gedient hatten. . Unter der Führung eines solchen Lehrmeisters strebte der jüngere Theodosius auf den unterschiedlichsten Feldern nach Ruhm; härtete sich in den verschiedenen Jahreszeiten und Klimazonen ab; zeichnete sich zu Wasser und zu Lande aus; und war bei den verschiedenen Feldzügen gegen die Scoten, Sachsen und Mauren dabei. Seine eigene Tüchtigkeit und die Fürsprache des Eroberers von Afrika brachte ihm schon bald ein selbständiges Kommando ein; und in der Stellung des dux von Mösien obsiegte er über eine sarmatische Armee; rette die Provinz; besaß die Zuneigung der Soldaten; und erwarb sich den Neid des Hofes Ammianus (29,6) erwähnt diesen Sieg von »Theodosius iunior Dux Mösiae, prima etiam tum lanugine juvenis, princeps postea perspectissimus.« (Theodosius der Jüngere, Befehlshaber Mösiens, damals noch ein junger Mann mit erstem Bartwuchs, danach ruhmreichster Kaiser). Themistios und Zosimos bestätigen das Faktum; nur Theodoretos (5,5) verlegt sie unter Hinzufügung einiger drolliger Nebenumstände in die Zeit des Interregnums. . Sein aufgehender Stern wurde jedoch schon bald durch den Sturz und die Hinrichtung seines berühmten Vaters gehemmt; Theodosius erhielt die gnädige Erlaubnis, sich in seiner Heimat in Spanien ins Privatleben zurückziehen zu dürfen. Die Gelassenheit, mit der er sich in seine neue Lage dareinfand, verriet einen festen und gemäßigten Charakter. Seine Zeit war zu fast gleichen Teilen dem Stadt- und Landleben gewidmet: der Eifer, mit dem er sich den öffentlichen Angelegenheiten gewidmet hatte, zeigte er bei der engagierten und tätigen Ausführung jeder Art von gesellschaftlichen Pflichten; und der tatkräftige Sinn des Soldaten bewährte sich jetzt bei der Pflege und Mehrung seines umfangreichen Landgutes Pacatus (Panegyrici 12,9) gibt dem Landleben des Theodosius den Vorzug gegenüber dem von Cincinnatus; das eine geschah aus freien Stücken, das andere war ein Gebot der Armut. , das zwischen Valladolid und Segovia lag inmitten eines fruchtbaren Distriktes, der noch heute für seine vorzügliche Schafzucht gerühmt wird Herr d'Anville (Géographie ancienne, Band 1, p.25) hat die Lage von Caucha oder Coca in der alten Provinz von Gallicia bestimmt, wohin Zosimos und Idatius den Geburtsort und den Landsitz des Theodosius verlegt haben. . Von den unschuldigen, wenngleich sehr erdnahen Arbeiten auf seinem Landgut gelangte Theodosius in weniger als vier Monaten auf den Thron des Ostreiches; und in der ganzen Weltgeschichte wird man kein ähnliches Beispiel für eine Erhebung finden, die gleichzeitig so sauber und ehrenhaft vollzogen ward. Die Herrscher, die das Szepter friedlich aus der Hand ihres Vaters empfangen, beanspruchen und üben ein gesetzliches Recht und zwar umso nachdrücklicher, da dies ohne jeden Bezug zu ihren Verdiensten oder persönlichen Eigenschaften geschieht. Die Untertanen, die sich in einer Monarchie oder Republik die oberste Regierungsgewalt aneignen, mögen sich durch überlegene Fähigkeiten über die Köpfe von Gleichen erhoben haben; aber ihre Tugend ist selten frei von Ehrgeiz; und die Sache des erfolgreichen Kandidaten ist oft genug mit der Schuld einer Verschwörung oder des Bürgerkrieges besudelt. Selbst in solchen Staatsformen, welche dem regierenden Monarchen die Ernennung eines Kollegen oder Nachfolgers gestatten, kann seine persönliche und oft von den blindesten Leidenschaften eingegebene Wahl auf einen völlig Unwürdigen fallen. Aber noch der bösartigste Argwohn kann Theodosius in seiner Einsamkeit von Caucha nicht die Ränke, das Verlangen, ja nicht einmal die Hoffnungen eines ehrgeizigen Staatsmannes andichten; und der Name des Exilanten wäre schon längst vergessen, wenn seine angeborenen und ausgezeichneten Tugenden keinen so tiefen Eindruck auf den kaiserlichen Hof gemacht hätten. Während es dem Staate wohl erging, übersah man ihn; in Zeiten der gemeinen Not wurden seine überlegenen Fähigkeiten wahrgenommen und anerkannt. Welches Vertrauen muss man doch in seine Redlichkeit gesetzt haben, wenn Gratian darauf rechnen durfte, dass ein frommer Sohn um des Staates willen dem Mörder seines Vaters vergeben würde! Welche Erwartungen müssen seine Fähigkeiten hervorgerufen haben, dass man einem einzigen Manne die Rettung und die Wiederherstellung des östlichen Reichsteiles zutraute! Theodosius wurde in seinem dreiunddreißigsten Jahre mit dem Purpur investiert. Das Volk begaffte mit Bewunderung die männliche Schönheit seines Gesichtes und die anmutsvoll Majestät seiner Person, die sie erfreut mit den Medaillen-Bildern des Kaisers Trajan verglichen; während intelligentere Beobachter in seinem Herzensadel und seinen Verstandeskräften Ähnlichkeiten zu den besten und größten Herrscherpersönlichkeiten Roms entdeckten.   BEMERKUNG ZU AMMIANUS · ERFOLGE IM GOTENKRIEG Es geschieht nicht ohne aufrichtiges Bedauern, wenn ich mich jetzt von einem zuverlässigen und treuen Führer verabschieden muss, welcher die Geschichte seiner Zeit verfasst hatte, ohne sich dabei den Vorurteilen und Leidenschaften hinzugeben, welche normalerweise die Gemüter seiner Zeitgenossen eintrübten. Ammianus Marcellinus beschließt sein nutzbringendes Werk mit Niederlage und Tod des Valens und empfiehlt den ruhmreichen Erzähl-Stoff der nachfolgenden Regierung dem jugendlichen Schaffensdrang und der Darstellungskunst nachwachsender Generationen Wir wollen Ammianus selbst dazu anhören: »Haec, ut miles quondam at Graecus, a principatu Caesaris Nervae exorsus, adusque Valentis interitum, pro virium explicavi mensura: opus veritatem professum nunquam, ut arbitror, sciens, silentio ausus corrumpere vel mendacio. Scribant reliqua potiores aetate, doctrinisque florentes. Quos id, si libuerit, aggressuros, procudere linguas ad majores moneo stilos.« (Dies habe ich als ehemaliger Soldat und Grieche, vom Principat Nervas bis zum Tode von Valens gemäß meinen Möglichkeiten dargelegt: niemals habe ich mich erdreistet, wie ich meine, es vorsätzlich durch Verschweigen oder Verfälschen zuschanden zu machen. Mögen das Kommende tüchtigere Männer beschreiben, ausgezeichnet an Alter und Gelehrsamkeit. Und möchten sie doch, wenn sie es denn angehen, ihre Sprache zu höherem Stil emporheben!) Ammianus 31,16. Die ersten 13 Bücher sind ein verzichtbarer Abriss der letzten 250 Jahre und verloren. Die letzten 18 jedoch, die lediglich 25 Jahre zum Gegenstand haben, bergen immer noch die reichhaltige und authentische Geschichte seiner Zeit. . Die nachwachsende Generation zeigte indessen keine Neigung, seinen Rat anzunehmen oder seinem Vorbild nachzueifern Ammianus war der letzte römische Bürger, der eine Profangeschichte in lateinischer Sprache abfasste. In den nächsten Jahrhunderten brachte der Osten noch ein paar schönrednerische Historiker hervor, etwa Zosimos, Olympiodorus, Malchus, Candidus \&c. Siehe Vossius, De Historicis graecis, Buch 2, c. 10ff. ; und wenn wir die Regierung des Theodosius studieren, dann sind wir genötigt, die parteiische Darstellung des Zosimos zu interpretieren mit der Hilfe von ein paar obskuren Hinweisen aus Fragmenten und Chroniken, mit dem schwülstigen Stil von Dichtung und Schmuckrede oder mit der heiklen Unterstützung von Kirchenschriftstellern, welche in der Hitze religiöser Aufwallungen dazu neigen, die weltlichen Tugenden der Mäßigung und der Aufrichtigkeit hintanzustellen. Im Bewusstsein dieser Mängel, welche den Untergang des Römischen Reiches auf weiten Strecken begleiten werden, will ich, wenn auch mit unsicheren und besorgten Schritten, in meiner Erzählung fortfahren. Doch ich will jetzt schon ankündigen, dass die Katastrophe von Adrianopolis durch keinen bedeutenden und entscheidenden Sieg des Theodosius über die Barbaren gerächt wurde; und das beredte Schweigen der käuflichen Redner findet seine Bestätigung, wenn man sich die allgemeinen Zeitumstände näher betrachtet. Das Gebäude eines mächtigen Staates, welches die Mühe von Generationen aufgeführt hat, kann nicht durch das Unglück eines einzigen Tages einstürzen, wenn nicht eine fatale Einbildungskraft das wahre Ausmaß der Katastrophe vergrößert. Der Verlust von vierzigtausend Römern, die auf der Ebene von Adrianopolis fielen, wäre schon bald aus den volkreichen Provinzen des Ostens zu ersetzen gewesen, in welchen viele Millionen Einwohner lebten. Der Mut eines Kriegers ist, wie man weiß, die wohlfeilste und allgemeinste menschliche Eigenschaft; und ausreichende Gewandtheit, einem undisziplinierten Feinde erfolgreich zu begegnen, wäre durch die überlebenden Zenturionen im Nu vermittelt worden. Wenn die Barbaren Pferde und Waffen ihrer besiegten Feinde erbeutet hatten, dann standen in Kappadokien und Spanien ausreichend Gestüte zur Verfügung, neue Schwadrone bereitzustellen; die vierunddreißig Arsenale des Reiches hielten genug Angriffs- und Verteidigungswaffen bereit; und für die Bestreitung der Kriegskosten mochte der Reichtum Asiens immer noch genügend Mittel bereitstellen. Aber die Folgen, die die Schlacht von Adrianopolis in den Gemütern der Barbaren und Römer hervorrief, gingen weit über die Grenzen eines einzigen Tages hinaus. Ein Gotenhäuptling ließ sich mit unüblicher Bescheidenheit vernehmen, dass er für seinen Teil des Mordens müde sei; dass er aber erstaunt darüber sei, wie ein Volk, welches vor ihn davongelaufen sei wie eine Herde Schafe, ihm allen Ernstes den Besitz seiner Provinzen streitig machen könne Johannes Chrysostomos, Opera Band 1, p. 344. Ich habe diese Stelle untersucht und fand sie bestätigt, aber ohne den Beistand von Herrn Tillemont (Histoire des empereurs, Band 5, p. 152) hätte ich nie eine historische Anekdote in ihrem sonderbaren Gemisch aus moralischen und mystischen Ermahnungen aufgespürt, die der Priester von Antiochia an eine jungen Witwe gerichtet hat. . So wie die Hunnen unter den gotischen Völkern Schrecken verbreitet hätten, so sei der Name der Goten den Untertanen und Soldaten Roms in gleicher Weise entsetzlich geworden Eunapios, in den Excerpta legationum, p. 21. . Hätte Theodosius in Eile seine zerstreuten Truppen gesammelt und ins Feld geführt, dem siegreichen Feinde zu begegnen, dann wäre seine Armee von ihren eigenen Ängsten besiegt worden; und seine Voreiligkeit hätte nicht mit der sich bietenden Siegeschance entschuldigt werden können. Aber der große Theodosius, der sich in diesem historischen Augenblick dieses Epitheton durchaus verdiente, bewährte sich als standhafter und zuverlässiger Wächter der Republik. Er schlug in der Hauptstadt der makedonischen Diözese, Thessaloniki Siehe Gothofred, Chronologia legum. Codex Theodosianus, Band 1, Prolegomena, p. 99 – 109. , sein Hauptquartier auf, von wo aus er die ungeordneten Bewegungen der Barbaren verfolgen und die Gegenmaßnahmen seiner Generäle von den Toren Konstantinopels bis zur Adriaküste koordinieren konnte. Befestigungen und Garnisonen der Städte wurden verstärkt; und unter den Soldaten, bei denen sich wieder Disziplin und Ordnung einstellte, breitete sich allgemach wieder Zuversicht aus. Von ihren befestigten Standorten aus wagten sie häufige Ausfälle gegen die Barbaren, die das umliegende Land heimsuchten; und da sie ihre Angriffe fast nie durchführten, ohne die Vorteile des Geländes oder der Zahl für sich zu haben, waren ihren Unternehmungen fast immer erfolgreich; und so hielten sie sich aufgrund ihrer eigenen Erfahrung schon bald davon überzeugt, dass es möglich sein müsse, den unbesiegbaren Feind zu überwinden. Die Detachements dieser verschiedenen Garnisonen wuchsen allmählich zu kleinen Armeen zusammen; und auch hier ließ man entsprechend dem allgemeinen und wohlabgestimmten Feldzugsplan die gleiche Vorsicht walten; und die Ereignisse jedes einzelnen Tages hoben und stärkten die römischen Waffen; und die fintenreiche Umsicht des Herrschers, der nur die günstigsten Kriegsnachrichten streuen ließ, tat ein Übriges, den Stolz der Barbaren zu dämpfen und den Mut seiner eigenen Untertanen zu beleben. Wenn wir anstelle dieser nur andeutenden und unvollständigen Skizze die Feldzugspläne und Operationen des Theodosius von vier aufeinander folgenden Kampagnen in allen Einzelheiten darstellen könnten, dann haben wir guten Grund zu der Annahme, dass seine vollendete Fertigkeit den Beifall jedes Lesers verdient hätte, der mit dem Militärwesen vertraut ist. Die Republik wurde in früheren Zeiten durch die Hinhaltetaktik des Fabius gerettet: und während der große Sieg Scipios bei Zama das Augenmerk der Nachwelt auf sich zieht, beanspruchen die Ausweichmärsche des Diktators in den Hügeln Campaniens einen größeren Anteil von der Sorte von bleibendem Ruhm, den ein General nicht dem Zufall danken oder mit seinen Soldaten teilen muss. Von dieser Art war auch das Verdienst des Theododius; und seine körperlichen Unzulänglichkeiten – er litt oftmals und zur Unzeit unter hartnäckigen und gefährlichen Erkrankungen – konnten ihm weder seine Zuversicht rauben noch seine Aufmerksamkeit vom Dienst an der Republik ablenken Die meisten Autoren bestehen darauf, dass Theodosius' Krankheit und die lange Rekonvaleszenz sich in Thessaloniki ereignet hätten: Zosimos, um seinen Ruhm zu mindern; Jordanes, um die Goten günstiger darzustellen; und die Kirchengeschichtsschreiber, um einen Grund für seine Taufe vorweisen zu können. .   NIEDERLAGE UND UNTERWERFUNG DER GOTEN · A.D. 379 – 382 Die Befreiung der römischen Provinzen Vergleiche Themistios (Orationes 14) mit Zosimos (4,25), Jornanes (27), und den ausufernden Kommentar des Herrn de Buat (Histoire des Peuples, Band 6, p. 477 – 552). Die Chroniken des Hydatius und Marcellinus spielen in ungefähren Wendungen auf »magna certamina, magna multaque proelia« an (große Kämpfe, zahlreiche große Gefechts). Beide Epitheta sind nur schwer miteinander in einklang zu bringen. und der anschließende Frieden war mehr das Werk der Klugheit als der äußeren Gewaltanwendung: der Klugheit des Theododius stand das Glück zur Seite; und der Kaiser verfehlte denn auch nicht, alle günstigen Gelegenheiten beim Schopfe zu packen und für sich auszubeuten. Solange Fritigerns überlegener Geist die Einheit der Barbaren sicherstellte und ihr Handeln abstimmte, hätten sie mit ihrer Stärke allerdings ein großes Reich erobern können. Der Tod dieses Helden, des Vorgängers und Lehrmeisters des großen Alarich, befreite die ungeduldige Masse der Goten zunächst einmal von dem unerträglichen Joch der Kriegsdisziplin und des Abwägens. Die Barbaren, denen seine Autorität die Zügel angelegt hatte, überließen sich unverzüglich ihren Leidenschaften; und ihre Leidenschaften waren nur selten von gleicher Art oder miteinander vereinbar. Eine siegreiche Invasionsarmee zersplitterte in zahlreiche Haufen, die auf Raub aus waren; und ihr blinder und unmethodischer Aktionismus war für sie nicht weniger gefährlicher als für ihre Feinde. Ihre Veranlagung zum Mutwillen zeigte sich darin, dass sie alles zerstörten, was fortzuschaffen ihnen die Kraft oder zu genießen ihnen der Geschmack fehlte; und mit zornigem Unbedacht zerstörten sie oft genug die Heuernte oder die Kornspeicher, die sie wenig später für ihre eigenen Bedürfnisse gut hätten gebrauchen können. Der Geist der Zwietracht breitete sich unter diesen unabhängigen Stämmen und Nationen aus, die bis dahin nur durch eine freiwillige und sehr lose Allianz zusammengehalten worden waren. Die Truppen der Hunnen und Alanen tadelten naturgemäß diesen Ausbruch der Goten, die nicht gemeint waren, ihre gegenwärtigen Glücksumstände in Maßen zu genießen; die uralte Feindschaft zwischen Ost- und Westgoten ließ sich auch nicht länger verleugnen; und die hochfahrenden Stammehäuptlinge hatten immer noch nicht das Unrecht und die Kränkungen vergessen, die sie voneinander zu erdulden hatten, als ihre Völker noch jenseits der Donau siedelten. Mit der Zunahme solcher internen Reibereien ging das stärker verbreitete Gefühl für die nationalen Anliegen zurück; und die Generäle des Theodosius erhielten Weisung, mit großzügigen Geschenken und Versprechungen die Dienste der unterlegenen Partei zu erhandeln oder ihren Rückzug zu betreiben. So erwies sich Modar, ein Prinz aus dem Königsgeschlecht der Amaler nach seinem Übertritt als kühner und getreuer Anhänger der Sache Roms. Der berühmte Überläufer erhielt schon bald den Rang eines Heermeisters und dazu eine wichtiges Kommando; überraschte ein Heer seiner Landsleute, welche in Wein und Schlaf versunken lagen; und kehrte, nachdem er seine überrumpelten Landsleute grausam hatte schlachten lassen, mit unermesslicher Beute und viertausend Wagen in das kaiserliche Lager zurück Zosimos (4,25) macht aus ihm einen Skythen, ein Name, welchen auch die modernen Griechen für die Goten verwenden. . In der Hand eines tüchtigen Politikers können die unterschiedlichsten Mittel mit Erfolg zu demselben Ende eingesetzt werden: und so wurde der Frieden im Reich, den man durch die Zersplitterung der Goten zu erreichen hoffte, vollendet durch die neuerliche Vereinigung eben dieser Nation. Athanarich hatte sich alle diese außerordentlichen Ereignisse geduldig von außen angesehen und war endlich infolge der kriegerischen Wechselfälle aus seiner dunklen Abgeschiedenheit in den Wäldern von Caucaland wieder zurückgekehrt. Er zögerte auch nicht länger, die Donau zu überqueren; und ein großer Teil der Untertanen Fritigerns, die die Folgen ihrer Anarchie allmählich schmerzlich empfanden, waren leicht gewonnen, als König einen gotischen judex anzunehmen, dessen hohe Geburt sie anerkannten und mit dessen Fähigkeiten sie mehrfach gute Erfahrungen gemacht hatten. Aber das Alter hatte Athanarichs stürmisches Gemüt abgekühlt; und anstelle sein Volk zu Schlacht und Sieg zu führen, ließ er sich lieber Vorschläge zu einem ehrenhaften Friedensschluss vorlegen. Theodosius, der mit den Verdiensten und der Bedeutung seines neuen Alliierten durchaus vertraut war, ließ sich dazu herbei, mit ihm ein Treffen wenige Meilen außerhalb von Konstantinopel zu verabreden; und nahm ihn gastlich in der Kaiserstadt auf, mit dem Vertrauen eines Freundes und dem Punk-Aufwand eines Königs. »Der Barbarenhäuptling betrachtete mit neugieriger Aufmerksamkeit die Vielzahl von Objekten, und brach schließlich in aufrichtige und begeisterte Ausrufe der Bewunderung aus. Nun sehe ich (so sagte er), was ich niemals geglaubt hätte, die Prunkstücke dieser herrlichen Hauptstadt!« Und als er weiter um sich schaute, erkannte und bewunderte er die beherrschende Lage der Stadt, die Stärke der Mauern und die Schönheit der staatlichen Gebäude, den geräumigen Hafen, in welchem ungezählte Schiffe lagen, das Gedränge der verschiedenen entlegensten Nationen und die zahlreichen wohldisziplinierten Truppen. »In der Tat,« (so Athanarich weiter), »der Kaiser der Römer ist ein Gott auf Erden; und der Verwegene, der seine Hand gegen ihn zu erhebt, trägt die Schuld an seinem eigenen Untergang. Es wird den Leser sicherlich nicht verstimmen, wenn er jetzt das Originalzitat des Jordanes oder des von ihm übersetzten Verfassers lesen kann: Regiam urbem ingressus est, miransque, En, inquit, cerno quod saepe incredulus audiebam, faman videlicet tantae urbis. Et huc illuc oculos volvens, nunc situm urbis commeatumque navium, nunc moenia clara prospectans, miratur; populosque diversarum gentium, quasi fonte in uno e diversi partibus scaturriuente unda, sic quoque militem ordinatum aspiciens. Deus, inquit, est sine dubio terrenus imperator, et quisquis adversus eum manum moverit, ipse sui sanguinis reus existit. Jordanes (Getica 28) fährt dann damit fort, von seinem Tod und seinem Begräbnis zu erzählen. «   TOD UND BEGRÄBNIS DES ATHANERICH 25. JANUAR 381 Lange konnte der König der Goten sich dieser glanzvollen und ehrenhaften Aufnahme nicht erfreuen; und da Mäßigung nicht zu den auffälligen Eigenarten der Goten gehörte, kann zu Recht vermutet werden, dass ihn seine tödliche Krankheit mitten bei den Freuden eines königlichen Bankettes anfiel. Aber Theodosius verstand es, aus dem Tode seines Alliierten mehr Nutzen zu ziehen als er jemals von dem Lebenden hätte erhoffen können. Athanarich wurde in allen Ehren in der Hauptstadt des Ostens beerdigt; ein pompöses Denkmal ward zu seinem Gedächtnis errichtet; und seine komplette Armee, die die gewinnende Art und der unaufdringliche Kummer des Theodosius für sich gewonnen hatten, trat unter die Fahne des Römischen Reiches Jordanes, Getica 28. Selbst Zosimos (4,34) muss die Freigebigkeit des Theodosius anerkennen, die für ihn selbst so ehrenhaft und für die Öffentlichkeit so segensreich war. . Diese Unterwerfung der Westgoten brachte die heilsamsten Folgen mit sich; und die Kombination von Gewaltandrohung, Vernunfterwägungen und Bestechung ward täglich wirkmächtiger und umfänglicher. Jeder unabhängige Stammeshäuptling eilte, einen unabhängigen Friedensvertrag für sich zu abzuschließen, besorgt, dass zu langes Zögern ausgerechnet ihn, vereinsamt und schutzlos, der Rache oder der Justiz des Siegers aussetzen werde. Die allgemeine oder besser: abschließende Kapitulation der Goten kann man vier Jahre, einen Monat und fünfundzwanzig Tage nach der Niederlage und Tod des Valens ansetzen Die kurzen, aber echten Andeutungen in den Fasti des Hydatius (Chronik, bei Scaliger, p. 52) sind von zeitgenössischer Parteinahme umdunkelt. Die 14. Rede des Themistios ist eine Danksagung an den Frieden und den Konsul Saturninus. (A.D. 383) .   NIEDERLAGE DER OSTGOTEN · A.D. 386 Die Donauprovinzen waren infolge des freiwilligen Rückzuges von Alatheus und Saphrax bereits der Bedrückung durch die Ostgoten ledig; beide fühlten sich berufen, sich neue Felder für Raub und Ruhm zu eröffnen. Ihr Sinnen war gen Westen gerichtet; aber wir müssen uns darein finden, von ihren Abenteuern nur sehr oberflächliche Kenntnisse zu besitzen. Einige germanische Stämme in Gallien brachten die Ostgoten in Bedrängnis; schlossen mit dem Herrscher Gratian einen Vertrag, um ihn alsgleich wieder zu brechen; gelangten in die unbekannten Gefilde des Nordens; und kehrten nach mehr als vier Jahren gestärkt an den Unterlauf der Donau zurück. Ihre Truppen rekrutierten sich aus den wildesten Kriegern Germaniens und Skythiens; die Soldaten oder zumindest die Historiker des Reichs unterschieden Namen und Aussehen ihrer früheren Feinde nicht mehr Ἔϑνος τὸ Σκυϑικὸν πᾶσιν ἄγνωστον (Das Volk der Skythen, allen unbekannt). Zosimos 4,38. . Der General, der das Landheer und die Flotte an der thrakischen Grenze kommandierte, gelangte rasch zu der Erkenntnis, dass seine Überlegenheit dem gemeinen Bestent nachteilig werden könnte; und dass die Barbaren, von seiner machtvollen Truppenpräsenz beeindruckt, die Flussüberquerung auf den nahenden Winter verschieben könnten. Die Geschicklichkeit seiner Späher und Agenten, die er in das gotische Lager entsandt hatte, lockte die Barbaren in eine tödliche Falle. Sie ließen sich überzeugen, dass sie mit einem kühnen Angriff bei Nacht die schlafende Armee der Römer würden überrumpeln können; und rasch wurde die gesamte Heeresmacht in eine Armada von dreitausend Booten eingeschifft Die Natur des Sache und ein vergleichbares Beispiel berechtigen mich, diesen indianischen Namen auf die μοnόξυλα der Barbaren anzuwenden, jenen Einbäumen, die zum Boot ausgehölt waren; πλήϑει μονοξύλων ἐμβιβάσαντες (in einer Masse von Einbäumen trafen sie ein.) Zosimos 4,38. – An der Spitze waren die tapfersten der Ostgoten; die Hauptmasse bildeten die restlichen Untertanen und die Soldaten; Frauen und Kinder folgten in sicherem Abstand. Für die Ausführung ihres Planes hatten sie sich eine mondlose Nacht ausgesucht; und fast schon hatten sie das Südufer der Donau erreicht in der zuversichtlichen Erwartung, dass sie günstige Gelegenheit zur Landung und ein unbewachtes römisches Lager vorfinden würden. Aber plötzlich wurde der Vormarsch der Barbaren durch ein unerwartetes Hindernis aufgehalten: eine dreifache Linie von Schiffen, alle miteinander verkettet, bildeten eine zweieinhalb Meilen lange, unüberwindbare Barriere entlang des Flussufers. Während sie sich noch damit abmühten, in diesem ungleichen Kampf ihren Weg zu bahnen, wurde ihre rechte Seite durch den Angriff einer ganzen Flotte von Geleeren überrannt, deren Angriffswucht durch den vereinten Vortrieb von Rudern und Strömung unwiderstehlich geworden war. Das schiere Gewicht und die Geschwindigkeit dieser Kriegsschiffe zerschlug, versenkte und zerstreute die plumpen und hilflosen Boote der Barbaren; ihr Mut blieb wirkungslos; und Alatheus, der König und Heerführer der Ostgoten, verdarb zusammen mit seinen besten Männern durch das Schwert der Römer oder ertrank in den Fluten. Die letzte Abteilung dieser Unglücksflotte mochte zum rettenden Ufer zurückgekehrt sein; aber Not und Chaos machten es den Goten in gleicher Weise unmöglich, irgendetwas zur Rettung zu tun oder zu raten; und so flehten sie schon bald um die Milde des siegreichen Feindes. Es ist an dieser Stelle, wie an vielen anderen auch, schlechterdings unmöglich, die Vorurteile und die Emotionen der Schreiber aus der Zeit von Theodosius miteinander in Einklang zu bringen. Der parteiische und übelmeinende Historiker, der jede Maßnahme seiner Regierung verfälscht, versichert uns, dass der Kaiser sich nicht auf dem Schlachtfeld blicken ließ, bevor nicht die Barbaren durch seinen Feldherren Promotus niedergerungen waren Zosimos 4,38. Er verrät seine Unfähigkeit zur Objektivität, indem er noch die ernsthaftesten Darstellungen mit der Erzählung der unglaubwürdigsten Nebenumstände entwertet. . Der schönflötende Dichterling, der am Hofe des Honorius vom Ruhm des Vaters und des Sohnes kündet, schreibt den Sieg der persönlichen Tüchtigkeit des Theodosius zu; und macht uns fast noch weis, dass der König der Ostgoten von des Kaisers eigener Hand gefallen sei ...«Odothaei Regis opima retulit«...(die Waffen des Königs Odothaeus trug er davon). Claudian, de IV consulatu Honorii 632). Die opima sind Beutestücke, die ein römischer General nur einem feindlichen König oder General abgewinnen konnte, den er mit eigener Hand getötet hatte; und nicht mehr als drei Beispiele davon sind aus Roms großen Tagen überliefert. . Die historische Wahrheit dürfte irgendwo zwischen diesen beiden Behauptungen liegen.   GOTEN SIEDELN IN THRAKIEN UND ASIEN · A.D. 385 – 395 Der ursprüngliche Friedensvertrag, welcher den Goten Siedlungsland zuwies und ihre Rechte und ihre Pflichten festschrieb, wäre eine Bereicherung der Geschichte des Theodosius und seiner Nachfolger. Geist und Inhalt dieses einmaligen Vertrages sind in der Masse der übrigen Geschichte untergegangen Siehe Themistios, Orationes 16. Claudian (in Eutropium 2,152) erwähnt die phrygische Kolonie: »...Ostrogothis colitur mistisque Gruthungis Phryx ager...« Mischlinge von Ostgoten und Greutungen bebauen phrygisches Land. Dann nennt er noch die Flüsse Lydiens, den Paktolos und Hermos. . Das Wüten des Krieges und der Tyrannen hatte viel fruchtbares, wenngleich unbearbeitetes Land für den Gebrauch durch solche Barbaren bereitgestellt, welche sich nicht zu fein waren, sich mit der Landwirtschaft abzugeben. Eine starke Kolonie von Westgoten ließ sich in Thrakien nieder; die Reste der Ostgoten wurden in Phrygien und Lydien angesiedelt; ihrer unmittelbaren Not steuerte man durch reiche Verteilung von Getreide und Vieh; und ihr zu erwartender Eifer wurde bereits im Voraus durch einen mehrjährigen Steuernachlass beflügelt. Die Barbaren würden es verdient haben, die grausame und ungetreue Politik des kaiserlichen Hofes zu erdulden, wenn sie, auf sich gestellt, sich über die Provinzen hätten verteilen lassen. Sie verlangten, und es wurde ihnen auch zugestanden, den alleinigen Besitz der Dörfer und Gebiete, die für sie als Wohnsitz bestimmt worden waren; sie pflegten nach wie vor ihre eigenen Bräuche und ihre Sprache; stellten im Herzen des Despotismus ihre innere politische Selbständigkeit sicher; anerkannten die Herrschaft des Kaisers, ohne sich zugleich der nachgeordneten Rechtsprechung und Roms Magistraten zu unterwerfen. Die erblichen Stammeshäuptlinge und Familien durften noch immer ihre Gefolgschaft und Familien in Frieden- und Kriegszeiten anführen; aber die Königswürde blieb abgeschafft; und die gotischen Generäle wurden nach dem Belieben des Kaisers eingesetzt oder abberufen. Eine Armee von vierzigtausend Mann stand dem Ostreich dauerhaft zur Verfügung; und die stolzen Truppen, die den Titel foederati oder Alliierte trugen, unterschieden sich von den Anderen durch das Tragen von Goldringen, großzügige Besoldung und ebensolche Vorrechte. Ihr angeborener Mut wurde durch den Gebrauch römischer Waffen und die Einübung militärischer Disziplin zusätzlich erhöht; und während also die Republik durch das zweischneidige Schwert der Barbaren bewacht oder auch bedroht wurde, erloschen im Gemüt der Römer die letzten Funken militärischer Begeisterung Vergleiche Jordanes (20,27), der den Zustand und die Anzahl der gotischen foederati bemerkt, mit Zosimos (4,40), der ihre golgenen Halsketten erwähnt, und Pacatus (Panegyrici 12,37), der der mit erheuchelter oder einfältiger Freude ihre Tapferkeit und Disziplin hervorhebt. . Theodosius war geschickt genug, seine Alliierten davon zu überzeugen, dass die Friedensbedingungen, die er ihnen durch List und Zwang abgetrotzt hatte, der spontane Ausdruck seiner aufrichtigen Freundschaft zu den Goten sei »Amator pacis generisque Gothorum« (Freund des Friedens und der Goten) lautet das Lob (29) des gotischen Historikers, welcher sein Volk als unschuldig, langmütig und friedfertige schildert. Folgt man Livius, dann eroberten die Römer die Welt immer nur aus Notwehr. . Den Klagen des eigenen Volkes gegenüber, welches diese gefährlichen und schandbaren Zugeständnisse laut tadelte, verwendete er eine andere Art der Verteidigung und Gegenrede Außer den parteiischen Anzüglichkeiten des Zosimos (immer unzufrieden mit christlichen Herrschern) sehe man auch die ernstlichen Vorhaltungen des Synesios an die Adresse des Kaiser Arcadius (De regno, p. 25f). Der philosophische veranlagte Bischof von Kyrene war nahe genug am Geschehen, um ein Urteil fällen zu können und zugleich weit genug entfernt von den Versuchungen der Furcht oder Schmeichelei entfernt. . Die Gefahren eines Krieges wurden in den lebhaftesten Farben gemalt; und die ersten Anzeichen für wiedererstandenen Frieden, Ordnung, Überfluss, Sicherheit wurden propagandistisch überhöht dargestellt. Die Fürsprecher des Theodosius konnten mit einigem Anspruch auf Wahrheit darauf hinweisen, dass man unmöglich so viele kriegerische Stämme austilgen könne, die der Verlust ihrer Heimat zu Verzweiflungstaten getrieben habe; und dass die erschöpften Provinzen durch frische Zufuhr von Soldaten und Bauern zu neuem Leben erwachen würden. Zwar, die Barbaren böten nach wie vor einen bedrohlichen und kriegerischen Aspekt; aber ihre Aufführungen würden sich im Laufe der Zeit glätten, und Erziehung und der Einfluss des Christentums täten da ein Übriges; auch würden sie unmerkliche Eins werden mit dem großen römischen Volkskörper Themistios schreibt eine ausgefeilte und vernünftige Apologie , die indessen nicht ganz frei ist von den Kindereien der Griechen-Rhetorik. Orpheus konnte lediglich die wilden Tiere Thrakiens besänftigen; aber Theodosius verzauberte die Männer und Frauen, deren Vorfahren aus demselben Lande Orpheus in Stücke gerissen hatten, \&c. .   SIE SETZEN DEN BÜRGERN STRAFLOS ZU Ungeachtet dieser gewichtigen Argumente und dieser optimistischen Erwartungen konnte jeder, der es sehen wollte, feststellen, dass die Goten noch lange Zeit die Feinde und über ein kurzes wohl auch die Eroberer des Römischen Reichen sein würden. Ihr ungehobeltes und rüpelhaftes Benehmen drückte nur ihre Verachtung der Bürger und Provinzialen aus, die sie straflos beleidigen konnten Konstantinopel war für einen halben Tag von der öffentlichen Brotversorgung ausgeschlossen, um für die Ermordung eines gotischen Kriegers zu büßen κινοῦντες τὸ Σκυϑικὸν (das Skytische bewegen) war des Volkes Verfehlung gewesen. Libanios, Orationes 12. . Andererseits hatte Theodosius manchen Erfolg dem Eifer und dem Mut der Barbaren zu danken; aber ihre Hilfe war unzuverlässig; und eine verräterische und unbeständige Veranlagung brachte sie bisweilen dazu, ihn genau dann im Stich zu lassen, wenn ihre Hilfe am meisten vonnöten war. Während des Bürgerkrieges gegen Maximus zog sich eine große Anzahl der Goten in die Sumpfgebiete von Makedonien zurück, verwüstete die umliegenden Provinzen und nötigte den furchtlosen Monarchen, sich selbst in Gefahr zu bringen und seine Kräfte aufzuwenden, um die emporschlagenden Flammen der Rebellion zu ersticken Zosimos 4,48f erzählt eine lange und läppische Geschichte von dem abenteuernden Herrscher, welcher das Land mit nur fünf Reitern durchstreifte, von einem Spähbuben, den sie entdeckten, auspeitschten und in der Hütte einer alten Frau töteten, \&c. . Die öffentliche Besorgnis wurde noch gesteigert durch den starken Verdacht, dass diese Tumulte nicht die Folge einer vorübergehenden Gefühlsaufwallung waren, sondern die Frucht einer wohlgeplanten Verschwörung. Allgemein herrschte die Meinung vor, dass die Goten den Friedensvertrag mit einer feindlichen und hinterlistigen Gesinnung unterschrieben hätten; und dass ihre Häuptlinge sich feierlichen und geheim verschworen hätten, den Römern niemals treu ergeben zu sein sowie den Anschein unbedingter Ergebenheit und Freundschaft zu bewahren und den geeigneten Moment für Raub, Rache und Sieg abzupassen. Da aber auch über die Gemüter der Barbaren die Dankbarkeit Macht ausübt, übten einige Gotenhäuptlinge zuverlässig ihren Dienst gegenüber dem Reich oder zumindest dem Kaiser; die ganze Nation war unmerklich in zwei entgegengesetzte Faktionen geteilt, und viel Scharfsinn wurde in Gesprächen und Debatten aufgewendet, um die Obliegenheiten miteinander zu vergleichen, welche sich aus ihrer ersten und zweiten Verpflichtung ergäben. Diejenigen unter den Goten, welche sich selbst als Friedens- und Romfreunde ansahen, folgten Fravitta, einem ehrlichen und kühnen jungen Mann, der sich vor seinen übrigen Landsleuten durch sein geschliffenes Benehmen auszeichnete, durch seine edle Denkungsart und durch eine hohe soziale Kompetenz. Die Mehrheit indessen folgte dem ungebärdigen und ungetreuen Priulf, der die Leidenschaften seines kriegerischen Anhanges zu erregen verstand und ihren Sinn nach Unabhängigkeit bediente. Als die Häuptlinge beider Parteien wegen eines hohen Festes an der kaiserlichen Tafel saßen, erhitzten sie sich allmählich mit Wein, vergaßen darüber ihre sonst geübte Zurückhaltung und verrieten im Beisein von Theodosius das fatale Geheimnis ihrer internen Zwistigkeiten. Der Kaiser, der unfreiwillig Zeuge dieser außergewöhnlichen Kontroverse wurde, verbarg seinen Schrecken und seinen Zorn und löste kurz danach die Festversammlung auf. Fravitta, aufgeschreckt und aufgebracht durch seines Gegners unzeitgemäße Torheit, folgte ihm beherzt, da er meinte, dass sein Ausbruch aus dem Palast zum Signal für einen allgemeinen Bürgerkrieg hätte werden können, zog sein Schwert, und Priulf lag tot zu seinen Füßen. Seine Gefährten eilten zu den Waffen; und Roms getreuer Freund wäre ihrer Überzahl erlegen, wenn ihn nicht das rechtzeitige Eingreifen der kaiserlichen Palastwache gerettet hätte Vergleiche hierzu Eunapius (Excerpta legationum p. 21f) und Zosimos (4,56). Trotz der verschiedenen Einzelheiten und Namen handelt es sich um die gleiche Geschichte. Fravitta oder Travitta wurde bald darauf (A.D. 401) Konsul und war auch ein treuer Diener von Theodosius ältestem Sohn. Tillemont, Histoire des Empereurs Band 5, p. 467. . Solche Szenen von Barbarenzorn spielten sich also im Palast und an der Tafel des Römischen Kaisers ab; und da nur die Standhaftigkeit des Theodosius die aufsässigen Goten im Zaume halten konnte, schien die öffentliche Sicherheit vom Leben und von den Fähigkeiten eines einzigen Ma5nnes abzuhängen »Les Goths ravagerent tout depuis le Danube jusqu'au Bosphore; exterminerent Valens et son armee; et ne repasserent le Danube que pour abandonner l'affreuse solitude qu'ils avoient faite« (Die Goten vernichteten alles Land zwischen Donau und Bosporus, besiegten Valens und sein Heer und gingen nur über die Donau zurück, um die von ihnen verursachte Einöde zu verlassen) (Oeuvres de Montesquieu, Band 3, p. 479; Considerations sur les Causes de la Grandeur et de la Decadence des Romains, c. 17.) Dem Herrn Präsidenten scheint es unbekannt zu sein, dass die Goten nach der Niederlage des Valens niemals wieder römisches Gebiet verlassen haben. Jetzt sind es dreißig Jahre, sagt Claudian, De bello Gothico 168ff, A.D. 402: »Ex quo iam patrios gens haec oblita Triones, Atque Istrum transvecta semel, vestigia fixit Threicio funesta solo.« (Seit dieses Volk seine väterlichen Gestirne vergessen und die Donau dreimal überschritten hat, sind seine verderblichen Spuren fest in thrakischem Boden eingedrückt.) Der Fehler ist unentschuldbar, zumal er die wichtigste und unmittelbarste Ursache für den Untergang des römischen Westreiches verhehlt. . XVII GRATIANS TOD · UNTERGANG DES ARIANISMUS · ST. AMBROSIUS · ERSTER BÜRGERKRIEG GEGEN MAXIMUS · CHARAKTER, REGIERUNG UND BUSSE DES THEODOSIUS · VALENTINIANS II TOD · ZWEITER BÜRGERKRIEG GEGEN EUGENIUS · THEODOSIUS' TOD · VERDERBNIS DER ZEIT · ABRÜSTUNG DER INFANTERIE   GRATIAN Gratians Ruf kam noch vor dem Erreichen seines zwanzigsten Lebensjahres dem der bedeutendsten Herrscher gleich. Sein freundliches und liebenswürdiges Wesen machte ihn seinen persönlichen Freunden lieb, und seine gewinnende Höflichkeit sicherte ihm die Zuneigung des Volkes: die Gelehrten, die sich an der Liberalität ihres Herrschers freuten, anerkannten auch seinen sicheren Geschmack und seine Beredsamkeit; sein Mut und sein Geschick mit den Waffen fanden in gleicher Weise den Beifall der Soldaten; und der Klerus rechnete die schlichte Frömmigkeit des Gratian unter seine ersten und nützlichsten Tugenden. Die Siege bei Colmar hatte den Westen von einem furchtbaren Eindringling befreit; und die Provinzen des Ostens schrieben in ihrer Dankbarkeit die Verdienste des Theodosius dem zu, der für seine Erhebung und die öffentliche Sicherheit verantwortlich war. Indessen überlebte Gratian diese erinnerungswürdigen Ereignisse nur um vier oder fünf Jahre; aber er überlebte auch seine Reputation: bevor er zum Opfer einer Rebellion wurde, hatte er in großem Umfang den Respekt und das Zutrauen der Römischen Welt verloren.   SEINE SCHWÄCHEN Die auffällige Änderung seines Charakters und Verhaltens geht weder auf Rechnung der Schmeichelei, welcher der Sohn des Valentinian seit seiner Kindheit ausgesetzt war; und auch nicht jener Leidenschaften, denen der junge Mann offenbar nicht erlag. Ein genauerer Blick auf Gratians Biographie könnte uns allerdings die wahren Gründe für das Umschwenken der öffentlichen Meinung verraten. Seine ersichtlichen Tugenden waren nicht etwa die schwererworbenen Früchte bitterer Lebenserfahrung, sondern das verfrühte und künstliche Ergebnis einer königlichen Erziehung. Die zärtliche Fürsorge seines Vaters ließ ihm beständig jene Förderung zuteil werden, die er möglicherweise umso höher schätzte, als er an ihnen selbst niemals Anteil gehabt hatte; und so waren die besten Meister aus allen Wissensgebieten und Künsten darum bemüht, Körper und Geist des jungen Prinzen zu formen Der religiösen Seite der Erziehung seines Sohnes schenkte Valentinian weniger Aufmerksamkeit, da er sie dem Ausonius anvertraute, einem bekennenden Heiden (Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 15, p. 125 -- 138). Ausonius' Ruhm als Dichter beschämt den Geschmack seiner Zeit. . Die Kenntnisse, die sie ihm mühsam genug vermittelten, wurden demonstrativ zur Schau gestellt und mit üppigem Lob bedacht. Unter dem Eindruck ihrer wohlmeinenden Maximen formte sich sein sanftes und weiches Gemüt, und das Fehlen jeder Leidenschaft konnte leicht mit einer Vorliebe zum rationalen Denken verwechselt werden. Seine Lehrer rückten allmählich in den Rang von Staatsministern auf Ausonius wurde nacheinander ernannt zum Prätorianerpräfekten Italiens (A.D. 377), Galliens (A.D. 378) -- vgl. Ausonius 2,2,42: »praefectus Gallis et Lybiae et Latio« -- und endlich zum Konsul (A.D. 379). Er brachte seine Dankbarkeit in einem kriecherischen und geschmacklosen Stück Schmeichelei zum Ausdruck (Actio Gratiarum, Opera, p. 699 -- 736); welches andere, deutlich wertvollere Erzeugnisse überlebt hat. ; und da sie sich mit der Ausübung ihrer heimlichen Autorität klugerweise zurückhielten, schien er bei den wichtigsten Entscheidungen seines privaten Lebens und seiner Regentschaft von Entschlossenheit, Anstand und Urteilskraft geleitet zu sein. Aber die Wirkung dieser bemühten Unterweisung ging nicht eben tief unter die Oberfläche; und die wackeren Lehrmeister, welche die Schritte ihres königlichen Zöglings so sorgsam anleiteten, konnten seinem schwächlichen und verwöhnten Charakter nicht die wichtige Lebensmaxime vermitteln, dass die unbedingte Voraussetzung für das Glück, ja die ganze Existenz eines Helden in der Mühsal liegt, mit der er nach Ruhm strebt. Sobald der Lauf der Zeit jene getreuen Ratgeber aus der Nähe zum Thron entfernt hatte, fand der Herrscher des Westens wieder zu seinem naturgegebenem Genius zurück; legte die Zügel der Regierung in die Hände, die sich danach ausstreckten, und vergeudete seine Mußestunden mit den frivolsten Tändeleien. Begünstigung und Unrecht standen öffentlich am Hofe und in den Provinzen zum Verkauf; Verkäufer waren die elenden Kreaturen seiner Macht, deren Verdienste zu bezweifeln einer Gotteslästerung gleichkam »Disputare de principali judicio non oportet. Sacrilegii enim instar est dubitare, an is dignus sit quem elegerit imperator.« (Es ziemt sich nicht, kaiserliche Entscheidungen zu diskutieren. Es ist nahezu ein Sakrileg, ob jemand, den der Kaiser sich erwählte, denn auch würdig sei). Codex Justinianus 9,29,3. Dieses bequeme Gesetz wurde nach Gratians Tod von dem schwachen Hof zu Mailand wieder ausgegraben und bekannt gemacht. . Das Gewissen des leichtgläubigen Herrschers war in der Hand von Heiligen und Bischöfen Ambrosius verfasste zu seiner eigenen Unterrichtung eine theologische Abhandlung über den Glauben an die Trinität; und Tillemont (Histoire des empereurs, Band 5, p. 158 und 169) schreibt dem Erzbischof das Verdienst an Gratians unerträglichen Gesetzen zu. , welche ein kaiserliches Edikt durchgesetzt hatten, nach welchem es ein todeswürdiges Verbrechen war, das göttliche Gesetz zu verletzen, zu missachten oder auch nur zu vergessen »Qui divinae legis sanctitatem [aut] nesciendo omittunt, aut negligendo violant et offendunt, sacrilegium committunt.« Codex Iustinianus 9,29,1. Theodosius kann in der Tat auf das Verdienst an diesem umfassenden Gesetz einigen Anspruch machen. . Unter den verschiedenen Fertigkeiten, mit denen Gratian seine Jugend gestählt hatte, übte er mit besonderer Vorliebe und Erfolg das Reiten, Bogenschießen und Speerschleudern; und diese Qualifikationen, die für einen Soldaten gut gepasst hätten, prostituierte er für die nichtswürdigsten Jagdvergnügen. So wurden große Parkanlagen für diese kaiserliche Zerstreuung eingezäunt und mit ungezählten wilden Tieren jeder Art vollgestopft; und Gratian vernachlässigte die Pflichten und sogar die Würde seines hohen Berufes, indem er ganze Tage damit zubrachte, seine Kunstfertigkeit auf alberne Weise zur Schau zu stellen. Der Wunsch des Römischen Kaisers, in einer Kunst zu glänzen, in welcher ihn noch der geringste seiner Sklaven hätte übertreffen können, erinnerte die zahlreichen Zuschauer an das Vorbild des Nero und Commodus; aber der keusche und maßvolle Gratian blieb ihren Lastern dennoch fremd; an seinen Händen klebte nur das Blut von Tieren Ammianus (31,10) und der jüngere Victor (Epitome 47) anerkennen die Tugenden Gratians, werfen ihm aber seinen verdorbenen Geschmack vor, oder besser: beklagen sich darüber. Die gehässige Parallele zu Commodus klingt an in dem »licet incruentus« (immerhin nicht blutbesudelt); und vermutlich hat sich Philostorgios (10,10 und Gothofred, p. 412) mit ähnlicher Zurückhaltung vor dem Vergleich mit Nero gehütet. .   RÖMISCHE TRUPPEN UNZUFRIEDEN · A.D. 383 Gratians Verhalten, das ihn in den Augen der Menschheit deutlich herabstufte, hätte die Sicherheit seiner Herrschaft nicht weiter berührt, wenn er nicht gleichzeitig die Armee durch eine ganz besonderes Torheit provoziert hätte. Solange der jugendliche Kaiser noch von seinen Lehrern beaufsichtigt wurde, gab er den Freund und Schüler der Soldaten; viele Stunden verbrachte er im Lager bei vertraulichem Gespräch; und einzig das Wohlergehen, die Bequemlichkeit, die Belohnungen, die Ehrungen seiner treuen Mannen schienen ihn zu interessieren. Nachdem aber Gratian seine Vorliebe für Jagen und Schießen entdeckt hatte, suchte er naturgemäß die Gesellschaft derjenigen Helfer, welche ihm bei diesem seinen Lieblingszeitvertreib am besten zur Hand gingen. So wurde ein kleines Kontingent von Alanen in den Palastdienst übernommen; und die in der Tat bewunderungswürdige Meisterschaft, die sie in den Weiten Skythiens entwickelt hatten, bewährte sich auch auf kleinerer Bühne, den Parks und Wildgehegen Galliens. Gratian war voller Bewunderung für das Talent und die jagdlichen Gepflogenheiten dieser Mannschaft, der er dann auch die alleinige Sorge um die Sicherheit seiner Person anvertraute: und häufig genug zeigte er sich vor den Soldaten und dem Volk mit der Kriegstracht und den Waffen, dem Langbogen, dem Köcher und dem Pelzmantel der skythischen Krieger, als ob er es darauf angelegt hätte, die öffentliche Meinung vor den Kopf zu stoßen. Das würdelose Spektakel eines römischen Herrschers, der die Kleidung und die Gebräuche des eigenen Landes von sich gewiesen hatte, veranlasste unter den Legionen Schmerz und Empörung Zosimos und der jüngere Victor schreiben die Rebellion der Begünstigung der Alanen und der Unzufriedenheit der römischen Truppen zu. »Dum exercitum negligeret, et paucos ex Alanis, quos ingenti auro ad se transtulerat, anteferret veteri ac Romano militi« (Währenddessen vernachlässigte er das Heer und gab einigen wenigen Alanen, die er sich mit viel Gold verpflichtet hatte, vor den altgedienten römischen Kriegern). Epitome 47. . Selbst noch die Germanen, die sich doch in der Armee des Reiches so robust und bedrohlich ausnahmen, gaben vor, das fremdartige und beunruhigende Erscheinungsbild der Wilden aus dem Norden abzulehnen, welche binnen weniger Jahre von der Wolga bis an die Seine gezogen waren. Ein lautes und aufsässigen Murren ging durch die Lager und Garnisonen des Westens; und da Gratians mildlächelnde Nachsicht es verschmähte, die ersten Symptome der Unzufriedenheit auszutreten, trat an die Stelle der mittlerweile erstorbenen Zuneigung nicht die Furcht. Aber der Sturz einer etablierten Regierung ist immer ein Unterfangen, in dem etwas echte und viel eingebildete Mühsal steckt, und Gratians Thron stand auf den soliden Fundamenten aus Herkommen, Gesetz, Religion und dem ausbalancierten Gleichgewicht von zivilen und militärischen Machtpositionen, welches noch aus der Zeit von Constantin stammte. Es ist nebensächlich und verdient keine weitere Untersuchung, aus welchem Grunde in Britannien die Revolte ausbrach.   EMPÖRUNG DES MAXIMUS IN BRITANNIEN Üblicherweise ist der Zufall Vater der Unruhe; zufällig fiel die Saat der Rebellion auf einen Boden, der an Tyrannen und Thronräuber angeblich ergiebiger als andere war »Britannia fertilis provincia tyrannorum« (Britannien, eine Insel, an Tyrannen fruchtbar) ist eine merkenswerte Formulierung, die Hieronymus in seiner Auseinandersetzung mit dem Heidentum benutzte und die bei der Erörterung unserer nationalen Altertümer verschiedentlich verdreht und entstellt wurden. Die Revolutionen der letzten Zeit scheinen jedenfalls Bossuets Vorstellungen zu bestätigen, »cette isle, plus orageuse que les mers qui l'enviroment.« (Diese Insel, stürmischer noch als das sie umgebende Meer). ; die Legionen dieser abgelegenen Insel waren schon lange berüchtigt für ihre Vermessenheit und ihre Arroganz Zosimos (4,35) sagt von den britischen Soldaten τῶν ἄλλων ἁπάντων πλέον αὐϑαδείᾳ καὶ ϑυμῷ κωμένους (...an Frechheit und Tollkühnheit alle anderen übertreffend). ; und der Name Maximus wurde durch die zwar lärmende, aber auch einmütige Akklamation der Soldaten und der Provinzbewohner ausgerufen. Der Kaiser oder der Rebell -- denn noch war sein Titel durch das Schicksal nicht bestätigt worden -- stammte aus Spanien und war Landsmann, Mitsoldat und jetzt also Rivale des Theodosius, dessen Wahl er nicht ohne Neid- und Zorngefühle miterlebt haben dürfte. Er hatte lange Zeit in Britannien zubringen müssen; und ich würde mich über einige Beweise für die Hochzeit freuen, die er angeblich mit der Tochter des wohlhabenden Gebieters von Caernavonshire gehalten hatte Es war Helena, die Tochter von Eudda. Die Kapelle ist noch heute bei Caersegont, jetzt Caer-nar-von zu sehen (Carte, History of England, Band 1, p.168, aus Rowland, Mona antiqua). Möglicherweise wird der kluge Leser dieser Art von welscher Beweisführung nicht ohne weiteres beitreten. . Aber seine Stellung in der Provinz war wohl eher die eines Exils; und wenn denn Maximus eine zivile oder militärische Funktion ausübte, dann jedenfalls bekleidete er weder die Würde eines Provinzstatthalters noch die eines Generals Cambden (Britannia, Band 1, Einleitung, p. CI) ernennt ihn zum Gouverneur von Britannien; und der Vater unserer Altertümer hat hier wie üblich viele blinde Nachbeter. Pacatus und Zosimos haben diesem Irrtum oder Märchen mit viel Mühe vorgebeugt und ich persönlich schütze mich durch ihr eindeutiges Zeugnis. »Regali habitu exulem suum illi exules orbes induerint« (Jene aus der Welt zurückgezogenen bedeckten ihr Exil mit kaiserlichem Gewande), Panegyrici 12,23, und der griechische Historiker schreibt, αὐτὸς (Maximus) δὲ οὐδὲ εἰς ἀρχὴν ἔντιμον ἔτυχε προελϑών  (Er selbst -- Maximus -- gelangte nicht zu ehrenvoller Herrschaft), 4,35. . Seine Fähigkeiten und selbst noch seine Integrität werden von den parteiischen Autoren seiner Zeit durchaus anerkannt; und seine Verdienste müssen in der Tat unübersehbar gewesen sein, wenn sie ihnen ein Lob zugunsten des besiegten Feindes von Theodosius abnötigten. Die Unzufriedenheit des Maximus hat ihn möglicherweise dazu bestimmt, die Amtsführung seines Herrn zu tadeln, wodurch er das Murren der Truppen befeuerte, ohne dass er dabei höhere Ziele verfolgt hätte. Jedenfalls hat er sich inmitten der größten Unruhen aus kluger Berechnung oder aus Bescheidenheit dagegen gesträubt, den Thron zu besteigen; und man scheint sogar seinen persönlichen Beteuerungen geglaubt zu haben, dass er nachgerade gezwungen wurde, das heikle Geschenk des Kaiserthrones anzunehmen Sulpicius Severus, (Dialogi 2,7) und Orosius (7,34) bestätigen beide (Sulpicius war immerhin sein Untertan) seine Unschuld und seine Verdienste. Es ist schon erstaunlich genug, dass Maximus von Zosimos weniger günstig dargestellt wird, dem parteiischen Gegner seines Rivalen. .   FLUCHT UND ERMORDUNG DES GRATIAN · MAXIMUS FÄLLT IN GALLIEN EIN Aber auch in der Zurückweisung der Kaiserwürde lag eine Gefahr; und von dem Augenblick an, in welchem Maximus seinem gesetzmäßigen Herren die Gefolgschaft aufgekündigt hatte, konnte er nicht darauf hoffen zu regieren, ja nicht einmal zu überleben, wenn er seinen maßvollen Ehrgeiz auf Britanniens enge Grenzen beschränkt hätte. Also beschloss er kühn und klugbedacht, Gratians Plänen zuvorzukommen; die Jugend der Insel scharte sich um seine Fahnen, und er fiel in Gallien mit einer Flotte und einer Armee ein, dass noch Jahre später die Rede ging, es sei wohl ein großer Teil Britanniens ausgewandert Erzbischof Usher (Britannicarum ecclesiarum antiquitates, p. 107f.) hat die Legenden der Insel und des Festlands sorgfältig gesammelt. Die Gesamtzahl der Auswanderer betrug 30.000 Krieger und 100.000 Plebejer, die sich in der Bretagne ansiedelten. Ihre zukünftigen Bräute, St Ursula mit 11.000 adligen und 60.000 plebejischen Jungfrauen haben allerdings ihren Weg verfehlt; landeten bei Köln und (erg.: erstere) wurden von den Hunnen grausam niedergemetzelt. Aber die Schwestern aus dem Volke wurden um ihre gleichen Ehren betrogen; und, was noch schlimmer ist, Johannes Trimethius erfrecht sich, von den Kindern dieser britischen Jungfrauen zu reden. . Der Kaiser wurde in seiner Residenz zu Paris durch ihr feindliches Herzunahen aus seiner Behaglichkeit aufgeschreckt; und die Pfeile, die er törichterweise an Löwen und Bären verschwendete, hätte er mit mehr Ehre gegen seine aufständischen Gegner einsetzen können. Aber seine schwächlichen Anstrengungen legten nur Zeugnis ab von seiner schläfrigen Gemütsverfassung und seiner ausweglosen Lage und bewirkten zudem, dass auch die Unterstützung ausblieb, die er bei seinen Untertanen und Alliierten allenfalls noch hätte finden können. Die gallische Armee stellte sich dem Vormarsch des Maximus nicht nur nicht in den Weg, sondern man begrüßte ihn sogar mit fröhlichem und hingebungsvollem Beifall; und die Schande der Desertation ging unversehens von den Soldaten auf ihren Herrscher über. Auch die Abteilungen, die zum Dienst im Palast verpflichtet gewesen wären, ließen Gratians Standarte im Stich, als sie zum ersten Male bei Paris aufgezogen wurde. Der Kaiser des Westens floh nach Lyon, nur von dreihundert Reitern begleitet; und in den Städten auf seinem Fluchtwege, wo er auf Unterschlupf oder doch wenigsten Durchlass gehofft haben mag, machte er die grausame Erfahrung, dass dem Unglücklichen alle Tore verschlossen sind. Dennoch hätte er sich vielleicht noch bei seinem Bruder in Sicherheit gebracht und wäre kurz darauf mit Truppenmacht aus Italien und dem Osten zurückgekehrt, wenn er sich nicht von dem ungetreuen Gouverneur der Provinz Lyon hätte betrügen lassen. Gratian wurde hingehalten mit zweifelhaften Treuebekundungen und den Hoffnungen auf Hilfe, die unmöglich wirkungsvoll sein konnte, bis schließlich Andragathius, Maximus' Kavalleriegeneral, der Sache ein Ende setzte. Ohne Zögern oder Bedauern führte er die Anweisungen oder wenigstens die Absichten des Usurpators aus.   25. AUGUST 383 Nachdem sich Gratian vom Mahle erhoben hatte, wurde er dem Mörder in die Hand gegeben; und noch seinem Leichnam wurde die Behandlung verwehrt, die man seinem Bruder Valentinian hatte angedeihen lassen Zosimos (4,35) hat den Tod des Gratian von Lugdunum (Lyon) in Gallien nach Singidunum (Belgrad) in Mösien verlegt. Einige Hinweise dazu findet man in den Chroniken; bei Sozomenes (7,13) und Sokrates (5,11) finden sich ein paar Unwahrheiten. Ambrosius ist unser glaubwürdigster Gewährsmann. (Enarrationes in Psalmum 61, p. 961, Epist. 24 und de Obitu Valentiniani Consolatio, Nr. 28, p. 1182). . Dem Kaiser folgte sein mächtiger General Mellobaudes, der Frankenkönig, in den Tod; welcher bis zum letzten Atemzug seinen zweifelhaften Ruf bewahrte, welcher die gerechte Belohnung für jede Art von undurchsichtiger und zweideutiger Politik ist Pacatus (Panegyrici 12,28) rühmt seine Treue; Prosper's Chronik betont seine Verräterei, die Gratians Untergang bewirkt habe. Ambrosius, der Gelegenheit hat sich selbst rein zu waschen, verurteilt nur den Tod des Vallio, eines ergebenen Dieners des Gratian (Epistulae 24). . Diese Morde mögen für die öffentliche Sicherheit notwendig gewesen sein; aber der Usurpator des Westens, der von allen Provinzen des Westens anerkannt wurde, durfte sich, und zwar zu Recht, rühmen, dass mit Ausnahme derer, die während dieses Krieges mehr oder weniger zufällig ums Leben gekommen waren, kein Römer mit seinem Blut seinen Triumph besudelt habe Er beteuerte, »nullum ex adversariis nisi in acie occubuisse« (dass außer im Gefecht kein Gegner niedergestreckt worden sei). Der Lobredner des Theodosius zollt seiner Güte nur ein widerstrebendes -- und daher umso wertvolleres -- Lob: » Si cui ille, pro ceteris, sceleribus, suis, \>minus crudelis\< fuisse videtur.« (Wenn er im Verhältnis zu seinen sonstigen Verbrechen \>weniger grausam\< gewesen zu sein scheint). Panegyrici 12,28. .   VERTRAG ZWISCHEN MAXIMUS UND THEODOSIUS Die Ereignisse dieses Aufstandes folgten so rasch aufeinander, dass es für Theodosius unmöglich gewesen wäre, seinem Wohltäter zur Hilfe zu kommen, bevor er nur die Kunde von seinem Tode erhalten hatte. Noch während er aufrichtige trauerte oder öffentlichkeitswirksamen Kummer zur Schau trug, unterbrach die Ankunft von Maximus oberstem Kammerherren den Kaiser des Ostens; und dass die Wahl für diese wichtige Mission auf einen ehrbaren alten Mann gefallen war und nicht, wie sonst üblich, auf einen Eunuchen, signalisierte dem Hof von Konstantinopel die Ernsthaftigkeit und die überlegene Ruhe des Maximus. Der Gesandte ließ sich herbei, seines Herren Aufführungen zu rechtfertigen oder zu entschuldigen und mit Bestimmtheit zu versichern, dass die Ermordung des Gratian ohne seine Kenntnis oder Zustimmung und nur infolge des Übereifers seiner Soldaten geschehen sei. Aber mit fester und unveränderter Stimme fuhr er fort und bot Theodosius die Wahl zwischen Krieg und Frieden. Die Rede des Abgesandten schloss mit der beherzten Erklärung, dass Maximus, der als ein Römer und Vater seines Volkes lieber seine Truppen zur Abwehr gemeinsamer Feinde der Republik sammeln würde, dennoch gerüstet und vorbereitet sei, mit Waffen um die Weltherrschaft zu streiten. Eine rasche und endgültige Antwort wurde erwartet; aber es war für Theodosius äußerst schwierig, in dieser hochwichtigen Angelegenheit seine eigene Gemütslage oder die Erwartungen des Publikums zufrieden zu stellen. Die Stimme der Ehre und der Selbstachtung schrie nach Rache. Schließlich hatte er aus der Hand des Gratian das Diadem empfangen: Nachsicht hätte den unrühmlichen Verdacht genährt, dass er für vergangenes Unrecht ein besseres Gedächtnis besitze als für gegenwärtige Verpflichtungen; und hätte er die Freundschaft des Mörders gesucht, hätte er mit ihm auch die Schuld teilen müssen. Selbst allgemeingültige Rechtsgrundsätze und das Staatsinteresse hätten durch Maximus' Verbrechen einen empfindlichen Stoß erhalten; das Beispiel einer erfolgreichen Usurpation hätte das kunstreiche Regierungsgebäude erschüttert und das Imperium immer mal wieder den Verbrechen und Notständen vergangener Zeiten ausgesetzt. Aber so, wie im Leben des Einzelnen das Gefühl für Dankbarkeit und Ehre eine unveränderliche Rolle spielen sollten, so mögen doch im Denken eines Souverains höher angesiedelte Pflichten sie zurückdrängen; und die Forderungen von Recht und Gerechtigkeit müssen stille schweigen und einen überführten Verbrecher laufen lassen, wenn infolge seiner Züchtigung ein unschuldiges Volk Schaden nehmen würde. Der Mörder Gratians hatte den Thron inne, insbesondere aber stand ihm die kriegsstärkste Provinz des Reiches zur Verfügung. Der Osten war durch die Kalamitäten und selbst noch durch die Erfolge des Gotenkrieges ausgeblutet; und ernstlich stand zu besorgen, dass jetzt, nachdem die vitalen Kräfte der Republik sich in einem mörderischen Kriege aufgezehrt hatten, der erschöpfte Sieger für die Barbaren des Nordens eine leichte Beute abgeben würde. Diese gewichtigen Argumente vermochten Theodosius, seinen Zorn zu verhehlen und auf die Allianz mit dem Tyrannen einzugehen. Bedingung war jedoch, dass Maximus sich mit den Ländern jenseits der Alpen zufrieden geben müsse. Der Bruder Gratians hingegen beherrschte dann nur noch Italien, Afrika und das westliche Illyrien; auch wurden in den Vertrag ein paar ehrenhafte Artigkeiten aufgenommen, mit denen das Andenken und die Gesetze des verstorbenen Kaisers bewahrt werden sollten Ambrosius erwähnt Gratians Gesetze, »quas non abrogavit hostis« (die der Gegner nicht außer Kraft setzte). Epistulae 17. . Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend wurden die Abbilder der drei kaiserlichen Kollegen der Verehrung durch das Volk dargeboten: niemand sollte leichtfertig argwöhnen, dass noch im Augenblick der ernsthaften Aussöhnung Theodosius heimlich mit Plänen der Rache und Untreue schwanger ging Zosimos 4,37. Wir können den gehässigen Argwohn des Zosimos getrost für untauglich erklären; aber wir können unmöglich den Friedensvertrag zurückweisen, welchen die Freude des Theodosius völlig vergessen hatten oder nur am Rande erwähnten. .   KETZEREI UND GÖTZENANBETUNG WERDEN GEDÄMPFT Gratians Geringschätzung der römischen Soldaten hatte ihn zur Zielscheibe ihres Missmutes gemacht. Seine tiefe Verehrung für den christlichen Klerus erhielt seine Belohnung durch den Beifall und die Dankbarkeit jener machtvollen Kaste, welche zu allen Zeiten das Vorrecht beansprucht hatte, auf Erden und im Himmel Ehren zu verwalten Ihr Orakel, der Erzbischof von Mailand, schrieb seinem Schüler Gratian einen wichtigen und ehrenhaften Platz im Himmel zu. De obitu Valentiniani consolatio, Opera, Band 2, p.1193. . Die Orthodoxie beweinte seinen Tod und ihren eigenen unersetzlichen Verlust; aber schon bald waren sie getröstet durch die Entdeckung, dass Gratian das Szepter des Ostens einem Herrscher in die Hand gegeben hatte, hinter dessen schlichtem Glauben und glühendem Eifer sich der Geist und die Fähigkeiten eines energischeren Charakters verbargen. Lange Zeit jedenfalls stand neben dem Ruhm Constantins als Wohltäter der Kirche gleichberechtigt der des Theodosius. Wenn Constantin für sich in Anspruch nehmen konnte, in der römischen Welt das Kreuz errichtet zu haben, dann reklamierte der Ehrgeiz seines Nachfolgers für sich den Ruhm der endgültigen Ausmerzung der arianischen Ketzerei und der Idolatrie. Theodosius war der erste Kaiser, der die Taufe im wahren Glauben an die Trinität empfing. Obwohl er in eine christliche Familie geboren wurde, bestimmten ihn die Grundsätze oder doch wenigstens die Gepflogenheiten der Zeit, die eigentliche Taufzeremonie möglichst hinauszuzögern; bis ihm schließlich eine lebensbedrohende Erkrankung am Ende seines ersten Regierungsjahres das Risiko dieses Hinauszögerns mahnend vor Augen führte. Bevor er also erneut gegen die Goten ins Feld zog, empfing er das Sakrament der Taufe von Acholius Zur Taufe des Theodosius sehe man Sozomenos 7,4; Sokrates 5,6; Tillemont Histoire des Empereurs, Band 5, p. 728. , dem orthodoxen Bischof von Thessaloniki Ascolius oder Acholius wurde durch die Freundschaft zu Ambrosius und dessen Lob achtbar; er bezeichnet ihn »murus fidei atque sanctitatis« (ein Bollwerk des Glaubens und der Heiligkeit), Epistulae 15 und rühmt anschließend, wie schnell er nach Italien und Konstantinopel geeilt sei (Epistulae 56); welche Tugend allerdings weder so recht zu einer Mauer (murus) noch zu einem Bischof passen will. ; entstiegen der heiligen Quelle, und noch durchglüht von dem Gefühl seiner Neugeburt, erließ der Herrscher ein strenges Edikt, welches seinen eigenen Glauben verkündigte und zugleich den seiner Untertanen festschrieb. »Es ist dies unser Gutdünken« (so der Sprachduktus des Herrschers) »dass alle Völker, die von unserer Milde und Mäßigung regiert werden, unerschütterlich dem Glauben anhängen sollen, den St Petrus dem römischen Volke gepredigt hat; den eine gläubige Überlieferung treu bewahrt hat; und den nunmehr der Pontifex Damasus bekennt nebst Peter, dem Bischof von Alexandria, einem Manne von apostolischer Heiligkeit. Entsprechend der Kirchenzucht der Apostel und der Evangelien lasset uns die alleinige Gottheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes glauben. Wir ermächtigen alle Bekenner dieser Glaubensdoktrin, sich katholische Christen zu nennen; und da es unser Befinden ist, dass alle anders glaubenden tolle Narren seien, brandmarken wir sie mit dem Schmähnamen von Häretikern; und erklären hierdurch, dass ihre Versammlungsorte nicht mehr den ehrbaren Namen von Kirchen führen sollen. Neben der Verdammung durch die göttliche Gerechtigkeit haben sie auch schwere Strafen zu gewärtigen, die unsere Macht, angeleitet durch göttliche Weisheit, über sie zu verhängen für gut befinden wird Codex Theodosianus 16,1,2 nebst Gothofreds Kommentar, Band 6, p.5 -- 9. Ein solches Edikt verdient sich Baronius' wärmstes Lob: » auream sanctionem, edictum pium et salutare. -- sic itur ad astra.« (...eine goldene Verordnung, ein Edikt, fromm und heilsam: so gelangt man zu den Sternen.) .« Der Glaube eines Soldaten ist für gewöhnlich die Frucht der Unterweisung und nicht so sehr des Nachdenkens; da aber der Herrscher seine Augen stets auf die sichtbaren Landmarken der Orthodoxie gerichtet hielt, die er mit so viel Vorbedacht festgesetzt hatte, wurde seine religiöse Auffassung niemals durch die einleuchtenden Texte, die fein ersonnenen Argumente und die elastischen Glaubensbekenntnisse der Arianer ernstlich bedroht. Einmal allerdings zeigte er Neigung, sich mit dem gelehrten Eunomius auszutauschen, welcher unfern von Konstantinopel in stiller Zurückgezogenheit lebte. Aber dieses gefährliche Gespräch wurde durch die Gebete der Kaiserin Flacilla vereitelt, welche um das Seelenheil ihres Gatten bebte; und Theodosius' Gemüt gewann Festigkeit durch eine theologische Beweisführung, welche auch dem schlichtesten Verständnis zugänglich war. Unlängst erst hatte Theodosius seinem ältesten Sohne den Namen und den Rang eines Augustus verliehen; und so saßen nun die beiden Herrscher auf stattlichem Throne, die Ehrbezeigungen ihrer Untertanen entgegen zu nehmen. Ein Bischof, Amphilochios von Iconium, nahte herzu, und nachdem er der Person seines Herrschers die schuldige Ehre erwiesen hatte, redete er den Königsknaben mit der gleichen vertrauten Leutseligkeit an, die er auch bei einem Kinde aus dem Volke würde gezeigt haben. Aufgebracht durch dieses ungehörige Benehmen, gab der Monarch Befehl, dass der bäuerische Gottesmann solle aus seiner Gegenwart entfernt werden. Aber während die Wache ihn zur Tür drängte, hatte der fintenreiche Gottesstreiter gerade noch Zeit genug, seinen Plan auszuführen und mit lauter Stimme zu rufen: »Dies ist die Behandlung, o Kaiser!, die der König des Himmels für jene Gottlosen vorgesehen hat, welche den Vater anbeten, aber die gleiche Majestät seines göttlichen Sohnes anzuerkennen nicht bereit sind.« Unverzüglich schloss Theodosius den Bischof von Iconium in die Arme und vergaß niemals die wichtige Belehrung, die ihm durch diese dramatische Parabel zuteil geworden war Sozomenos 7,6; Theodoretos 5,16. Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 6, p.627f) ärgert sich an den Worten »bäuerischer Bischof« und »unbedeutende Kleinstadt«. So muss ich denn von der Vorstellung Abschied nehmen, dass Amphilochios und Iconium im römischen Reiche Gegenstände von unmaßgeblicher Bedeutung waren. .   ARIANISMUS IN KONSTANTINOPEL · GREGOR VON NAZIANZ Konstantinopel war der Hauptsitz und gleichsam die Feste des Arianismus; und in dem langen Zeitraum von vierzig Sozomenos 7,5; Sokrates 5,7 Marcellinus. in Chronica. Die vierzig Jahre müssen gerechnet werden ab der Wahl des Eusebios, welche klugerweise den Bischofssitz von Nikomedia mit dem von Konstantinopel eintauschte. Jahren wurde das Bekenntnis der Herrscher und Prälaten, welche in der Metropole des Ostens herrschten, in den reineren Schulen Roms und Alexandrias verworfen. Der erzbischöfliche Stuhl des Makedonios, den so viel christliches Blut besudelt hatte, wurde nacheinander von Eudoxus und Damophilos eingenommen. Ihre Diözese erfreute sich eines lebhaften Zustromes jedweder Laster und Irrlehren aus allen Gegenden des Reiches; die religiösen Kontroversen, eifervoll durchgefochten, gaben dem geschäftigen Müßiggang der Großstadt beständig neue Nahrung; und gerne glauben wir der Darstellung eines klugen Beobachters, welcher nicht ohne scherzhafte Bosheit die Folgen ihres geschwätzigen Glaubenseifers schildert: »In dieser Stadt,« schreibt er »wimmelt es von Handwerkern und Sklaven, welche allesamt tiefschürfende Theologen sind und in Straßen und Verkaufsbuden predigen. Möchtest du, dass dir ein Wechsler ein Stück Silber eintauscht, erklärt er dir, worin sich der Vater vom Sohn unterscheidet; fragst du nach dem Brotpreis, erhältst du zur Antwort, dass vor dem Sohn der Vater komme; und fragst du, ob das Bad bereitet sei, erhältst du zur Auskunft, dass der Sohn aus Nichts hervorgekommen sei Siehe Jortin, Remarks on ecclesiastical history, Band 4, p. 71. Die 27. Rede des Gregor von Nazianz enthält solche, zum Teil sogar noch albernere Vorstellungen. Aber immer noch nicht habe ich den eigentlichen Wortlaut dieser Passage gefunden, die ich im Vertrauen auf einen braven und korrekten Gelehrten beigebracht habe. .« Die Häretiker der verschiedensten Schulen lebten in Frieden unter dem Schutze der Arianer von Konstantinopel, welche sich der Anhänglichkeit dieser obskuren Sektierer versicherten und zugleich unnachsichtig ihren Sieg über die Bekenner des nikäischen Glaubensbekenntnisses ausbeuteten. Während der voreingenommenen Regierung des Constantin und Valens wurden die ohnmächtigen Überreste der Homoousier der Möglichkeit beraubt, ihre Religion privat oder öffentlich auszuüben, und mit pathetischer Sprache wurde festgestellt, dass die zerstreute Herde ohne Hirten sei und im Gebirge umherirre, auf dass reißende Wölfe sie verschlängen Vergleiche hierzu die 42. Rede des Gregor von Nazianz und die Darstellung seines Lebens in 1800 iambischen Versen. Jeder Arzt nimmt gerne Gelegenheit, die Schwere einer von ihm geheilten Krankheit zu überzeichnen. . Da indessen ihr Glaubensmut nicht etwa gedämpft wurde, sondern aus der Unterdrückung sogar noch Kraft und Stärke schöpfte, ergriffen sie die erstbeste Gelegenheit, die sich ihnen nach dem Tode des Valens bot, um sich zu einer regulären Glaubensgemeinschaft mit eigenem Bischof zusammen zu schließen.   GREGOR VON NAZIANZ Zwei gebürtige Kappadokier, Basil und Gregor von Nazianz, zeichneten sich vor allen anderen Zeitgenossen Ich bekenne, dass ich den beiden Biographien des Gregor von Nazianz unendlich viel schuldig bin, der von Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 9, p. 693 -- 697) und von Le Clerc (Bibliothèque universelle, Band 18, p. 1.128), welche beide in ganz unterschiedlicher Absicht abgefasst wurden. aus durch eine seltene Verbindung von weltlicher Beredsamkeit und orthodoxer Frömmigkeit Wenn sich Gregor bei seinem eigenen Alter nicht um dreißig Jahre geirrt hat, dann wurde er, ebenso wie sein Freund Basilius, im Jahre 329 geboren. Die unsinnige Chronologie der Suidas wurde kritiklos akzeptiert; denn sie beseitigt den Skandal um Gregors Vater, gleichfalls heilig, welcher noch Kinder zeugte, nachdem er Bischof geworden war (Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 9, p. 693 -- 697). . Diese beiden Redner, die sich selbst gerne mit den größten Rednern der griechischen Klassik verglichen, in welcher Einschätzung ihnen auch das Publikum folgte, waren sich freundschaftlich zugetan. Sie beide hatten mit gleichem Eifer in den Hochschulen von Athen die gleichen Studien betrieben; hatte sich mit der gleichen Hingabe in die Ödnis des Pontos zurückgezogen; und jedweder Gedanke an Konkurrenz oder Neid schien in Gregor und Basil gänzlich erstorben zu sein. Aber die Erhebung des Basil aus seiner privaten Einsamkeit auf den Bischofsthron von Caesarea offenbarte der Welt und wohl auch ihm selbst seinen hochfahrenden Charakter; jedenfalls wurde die erste Gefälligkeit, die er seinem Freunde zu erweisen sich herbeiließ, allgemein als höhnischer Schimpf aufgefasst und war möglicherweise sogar als ein solches angelegt Gregors Gedicht über sein Leben enthält so manche schöne Zeile (Opera, Band 2, p. 8), welche aus dem Herzen kommen und den Schmerz einer gekränkten oder gar verlorenen Freundschaft ausdrücken: ... πόνοι κοινοὶ λόγων, / Ὁμόστεγός τε καὶ συνέστιος βίος/ Νοῦς εἰς ἓν ἀμφοῖν .../Διεσκέδασται πάντα, ἔρριπται χαμαὶ,/Αὖραι φέρουσαι τὰς παλαιὰς ἐλπίδας. (...gemeinsame Mühe der Worte/unter gemeinsamen Dach, an gemeinsamen Herde das Leben/ ein Gedanke in beiden.../alles zerrissen, zu Boden geworfen,/die Winde verwehen die alten Hoffnungen). -- Im \>Sommernachtstraum\< wendet sich Helena mit der gleichen inbrünstigen Klage an ihre Freundin Hermia (3,2): Is all the counsel that we two have shared, The sisters' vows, etc. (Sind alle Heimlichkeiten, die wir beide teilten, die Schwüre zwischen Schwestern etc). Shakespeare hat Gregors Gedichte nie gelesen, er verstand kein Griechisch, aber die Sprache der Natur, die eigentliche Muttersprache, ist in Kappadokien dieselbe wie in Britannien. . Anstelle die unübersehbaren Talente Gregors auf einem wichtigen und angesehenen Posten einzusetzen, suchte der Prälat mit berechnetem Bosheit unter den fünfzig Bischofssitzen seiner weitläufigen Kirchenprovinz das weltverlassene Dorf Sasima Dieses ungünstige Bild von Sasima hat Gregor von Nazianz entworfen (De vita sua. Opera, Band 2, p. 7f). Seine genaue Lage, 49 Meilen von Archelais und 32 Meilen von Tyana entfernt, wird im Itinerarium des Antoninus (p. 44) mitgeteilt. aus, wo es kein Wasser gab, kein Grün, keine Menschen und das lediglich von einem intermittierendem Strom von Fuhrleuten, lärmenden und groben Kerlen, heimgesucht wurde. Ungern nur unterwarf sich Gregor diesem demütigenden Exil; er ward zum Bischof von Sasima ernannt; aber er besteht nachdrücklich darauf, dass er diese Ehe mit seiner abstoßenden geistlichen Braut niemals vollzogen habe. Danach willigte er darein, den Hirtenstab in seiner Heimatkirche in Nazianz Der Name Nazianz ist durch Gregor in die Unsterblichkeit eingegangen; aber seine Geburtsstadt wird unter dem griechischen oder lateinischen Namen Diocaesarea (Tillemont, Mémoires ecclesiastiques, Band 9, p. 692) von Plinius (6,3), Ptolemäus und Hierokles erwähnt (Wesseling, Itineraria p. 709). Es scheint an der Grenze von Isaurien gelegen zu haben. zu übernehmen, in welcher sein Vater fünfundvierzig Jahre Bischof gewesen war. Da er sich aber nach wie vor bewusst war, eine andere Bühne und ein anderes Publikum zu verdienen, nahm er -- und hier war sicherlich Ehrgeiz mit im Spiele -- den ehrenvollen Ruf an, der von der orthodoxen Faktion Konstantinopels an ihn erging.   NIMMT BERUFUNG NACH KONSTANTINOPEL AN · NOVEMBER 378 Bei seiner Ankunft in der Hauptstadt nahm ihn ein frommer und milder Blutsverwandter in seinem Hause auf; das größte Zimmer blieb der Andacht vorbehalten; und den Namen Anastasia wählte man, um die Auferstehung des nikäischen Bekenntnisses zum Ausdruck zu bringen. Diese private Gebetsstätte wurde später in eine großartige Kirche umgebaut; und schon bald zeigte sich die Leichtgläubigkeit nachfolgender Jahrhunderte bereit, die Wunder und Gesichte zu glauben, die die Gegenwart oder doch zumindest die schirmende Hand der Mutter Gottes bewiesen Siehe du Cange, Constantinopolis christiane, 4, p. 141f. Die ϑεία δύναμις des Sozomenos (7,5) wird als die Jungfrau Maria gedeutet. . Von der Kanzel der Anastasia kämpfte Gregor von Nazianz und siegte; und in nur zwei Jahren durchlebte er alle geistlichen Fährnisse und Glücksumstände eines Missionars Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 9, p. 432ff hat die rhetorischen und poetischen Andeutungen bei Gregor gesammelt, erweitert und selbst ausgelegt. . Die Arianer, die sich an seinem kühnen Vorgehen ärgerten, legten seine Lehrmeinung so aus, als ob er drei getrennte und gleichberechtigte Gottheiten predige; und die anhängliche Schar der Gläubigen zeigte sich aufgelegt, die glaubensirrigen Versammlungen der athanasischen Ketzer gewaltsam und unter Gelärme zu unterbinden. Aus der Kathedrale der heiligen Sophia schickten sie einen buntgewürfelten Haufen los, bestehend aus »gewöhnlichen Bettlern, die ihres Anspruchs auf Mitleid verlustig gegangen waren; Mönchen, die Satyrn und Böcken ähnlich sahen; Weibern, die schrecklicher waren als viele Jezabels.« Die Türen der Anastasiagemeinde wurden aufgebrochen; mit Stöcken, Steinen und Brandfackeln ward viel Böses verübt oder wenigstens versuchte man es; als nun sogar ein Mann sein Leben verlor und Gregor am nächsten Morgen vor dem Magistrat zitiert wurde, hatte er doch den Trost, öffentlich Christum zu bekennen. Nachdem er nun der Gefahr und Sorge überhoben war, für einen öffentlichen Feind angesehen zu werden, wurde seine Kirche in ihrer Jugendfrische von innerer Spaltung und Fraktionenbildung heimgesucht. Ein Fremder, der sich den Namen Maximus Er hielt zu dessen Lob eine Rede (Orationes 25); aber nach ihrem Streit wurde der Name Maximus in Heron umgewandelt (Hieronymus, De viris illustribus. Opera, Band 1, p. 301). Ich will dieses abwegige, persönliche Geplänkel nur am Rande berühren. und die Zunftkleidung der kynischen Philosophen zugelegt hatte, schlich sich in das Vertrauen des Gregor ein; enttäuschte und missbrauchte dessen günstige Meinung; nahm heimliche Kontakte zu einigen ägyptischen Bischöfen auf und versuchte auf diese Weise und durch heimliche Ordination seinen Patron von seinem Bischofssitz zu Konstantinopel herabzustoßen. Wegen dieser Kränkungen hat sich der kappadokische Missionar gewiss mehrfach nach seiner Abgeschiedenheit zurückgesehnt. Dafür aber, und dies mag ihm Labe gewesen sein bei seinen Verdrießlichkeiten, vergrößerten sich sein Ruhm und seine Gemeinde täglich; und mit Freuden gewahrte er, wie der größere Teil seiner zahlreichen Zuhörerschaft nach seinen Predigten davonging, gestärkt durch des Verkünders In der anspruchslosen Form eines Traumes beschreibt Gregor (Carmina 9) mit einigem Wohlbehagen seinen Erfolg. Aber es scheint doch, wie aus dem vertrauten Gesprächen mit seinem Zuhörer St Hieronymus hervorgeht (Epistula ad Nepotianum. Opera, Band 1, p.14), dass der Prediger den wahren Wert des populären Beifalls richtig einzuschätzen wusste. Wortgewalt oder zerknirscht über die vielfältigen Mängel ihres Glaubens und Wandels »Lachrimae auditorum laudes tuae sint.« (Die Tränen der Zuhörer seien dein Lob), lautet der lebensnahe und einsichtsvolle Rat des heiligen Hieronymus. .   ARIANISMUS IN KONSTANTINOPEL · GEDÄMPFT 26. NOVEMBE 380 Die Katholiken Konstantinopels fühlten sich durch die Taufe und das Edikt des Theodosius neuerlich belebt; und ungeduldig warteten sie auf die Auswirkungen seines weitherzigen Versprechens. Schon bald erfüllten sich ihre Hoffnungen; und auch der Kaiser kehrte nach erfolgreicher Beendigung seines Feldzuges öffentlich in die Hauptstadt zurück. Schon am nächsten Tage zitierte er Damophilos zu sich und stellte den arianischen Prälaten vor die bittere Alternative, entweder das nikäische Glaubensbekenntnis zu unterschreiben oder unverzüglich allen Rechtgläubigen die Nutzung, ja den Besitz des Bischofspalastes, der Sophienkathedrale und aller Kirchen von Konstantinopel zu übertragen. Die Glaubensstärke des Damophilos, die einem katholischen Heiligen wohl angestanden hätte, entschied sich ohne Anstand für ein Leben in Armut und im Exil Sokrates (5,7) und Sozomenos (7,5) berichten nur kalt und lässig von Damophilos Bekennermut. Man müsse bedenken, so Sokrates, dass es schwer sei, dem Mächtigen zu widerstehen ; leicht aber sei es und wohl auch von Vorteil, sich ihm zu unterwerfen . , und sofort nach seinem Rückzug erfolgte die Säuberung der Kaiserstadt. Die Arianer mochten wohl nicht ganz zu Unrecht einwenden, dass ein überschaubar-kleiner Haufen von Sektierern die hundert Kirchen mit Beschlag belegen sollten, die sie unmöglich füllen konnten; während der weitaus größte Teil des Volkes auf grausame Weise von jedem weiteren Gottesdienst ausgeschlossen war. Theodosius blieb unerbittlich: da nun aber die Engel, welche den katholischen Glauben schützen, bekanntlich nur dem gläubigen Auge sichtbar sind, sprang er jenen himmlischen Scharen mit durchaus weltlicher Hilfe und Waffen zur Seite; und so ward die Kirche der St. Sophia mit kaiserlicher Garde besetzt. Wenn Gregorn das Gefühl aufwallenden Stolzes nicht fremd war, dann muss er die äußerste Genugtuung empfunden haben, als er von seinem Kaiser in feierlichem Umzug durch die Straßen geführt wurde und von ihm höchstselbst auf den Thron des Erzbischofs von Konstantinopel eingesetzt wurde. Aber der Heilige (der des Bewusstseins von der Unzulänglichkeit menschlicher Gesittung noch nicht ganz entbehrte) fand wenig Erbauliches an der kränkenden Vorstellung, dass er eher wie ein reißender Wolf denn wie ein guter Hirte in die neue Herde eingefallen sei; dass schimmernde Waffen not seien, seine Person zu beschützen; und dass ganz allein er das verhasste Objekt der Verwünschung einer großen Masse sei, die, Männer wie Frauen, er unmöglich verachten konnte. Er gewahrte die Vielen beiderlei Geschlechtes und jeden Alters, die die Straßen, die Fenster und die Dächer besetzt hielten; er vernahm die Rufe des Zornes, des Kummers, der Bestürzung und der Verzweiflung; und Gregor bekannte, dass seit dem Tage seiner Thronbesteigung die Hauptstadt des Ostens Ähnlichkeit hatte mit einer Stadt, die ein siegreicher Barbarenhäuptling im Sturm genommen hatte Siehe Gregor von Nazianz, de vita sua. Opera, Band 2, p. 21f. Zum Nutzen der Nachwelt notierte der Bischof ein wundersames Zeichen. An einem wolkenverhangenen Novembermorgen brach die Sonne durch, als die Prozession die Kirche betrat. .   UND IM OSTEN 10. JANUAR 381 Sechs Wochen später erklärte Theodosius seine Entschlossenheit, alle Bischöfe und Kleriker seines Reiches ihrer Ämter zu entsetzen, die weiterhin in Trutz und Poch sich weigern sollten, das nizäische Bekenntnis zu glauben oder doch wenigstens zu bekennen. Sein General Sapor wurde mit weitreichenden rechtlichen und militärischen Vollmachten ausgestattet Von den drei Kirchenhistorikern hat allein Theodetos (5,2) diese Vollmachten Sapors erwähnt, welche Tillemont (Histoire des Empereurs, Band 5, p. 728) zu Recht aus der Regierungszeit Gratians in die des Theodosius verlegt. ; und diese Kirchen-Revolution wurde mit so viel Diskretion und Nachdruck durchgeführt, dass die Religion des Herrschers ohne jedes Aufsehen oder Blutvergießen in allen Provinzen des Ostens etabliert ward. Die Schriften der Arianer, wenn sie denn hätten erscheinen dürfen Ich zähle Philostorgos nicht dazu, obwohl er (9,19) die Verbannung des Damophilos erwähnt. Der Eunomianische Historiker ist gründlich durch ein orthodoxes Sieb gereinigt worden. , würden wohl die Darstellung der Verfolgung enthalten haben, welche die Kirche unter des gottlosen Theodosius Herrschaft heimgesucht hatte; und das Leiden ihrer heiligen Bekenner hätte dann auf das Mitleid des unparteiischen Leser Anspruch gemacht. Man kann sich jedoch ebenso gut vorstellen, dass es der Rache und dem Verfolgungseifer an Heftigkeit mangelte, da der eigentliche Widerstand ausblieb; und dass die Arianer in ihrer misslichen Lage erheblich weniger Glaubensstärke an den Tag legten als etwa die orthodoxe Partei in den Zeiten eines Constantius und Valens. Die moralische Verfassung und die Aufführungen der beiden feindlichen Sekten scheinen von identischen naturgesetzlichen und religiösen Prinzipien geleitet worden zu sein; aber ein höchst materieller Umstand mag hinzugetreten sein, der einen Unterschied im Ausmaß ihres Glaubens nach sich zog. Beide Parteien anerkannten und verehrten in Schule und Tempel die göttliche Majestät Christi; und da wir stets dazu neigen, unsere eigenen Empfindungen und Leidenschaften auch der Gottheit zuzuschreiben, pflegte man es für klüger und respektvoller zu halten, die anbetungswürdigen Eigenschaften des Gottessohnes zu übertreiben als einzuschränken. Die Jünger des Athanasius frohlockten in dem stolzen Bewusstsein, dass er der göttlichen Gnade versichert sein könne; während die Gefolgschaft des Arius durch die heimliche Sorge gequält worden sein muss, dass er möglicherweise eines unverzeihlichen Vergehens schuldig geworden sei wegen der kargen Lobpreisung und spärlichen Ehrung, die er dem Richter der Welt gespendet habe. Für ein kaltes und rationales Gemüt mochten die Auffassungen des Arianismus Befriedigung gewähren; aber da waren die Sätze des nikäischen Bekenntnisses, die sich nachdrücklich durch ihre Verdienste des Glaubens und der Ergebung empfohlen hatten, weit besser geeignet, in einem gläubigen Zeitalter volkstümlich zu werden und sich erfolgreich durchzusetzen.   DAS KONZIL VON KONSTANTINOPEL A.D. 381 Die Erwartung, es möge sich Weisheit und Glauben in den Versammlungen des rechtgläubigen Klerus vorfinden, vermochte den Kaiser, eine Synode von einhundertundfünfzig Bischöfen nach Konstantinopel zu berufen, welches ohne allzu viele Diskussion und Verzögerung das auf dem Konzil von Nikäa etablierte theologische System vollenden sollte. Die heftigen Zänkereien des vierten Jahrhunderts betrafen wesentlich die Natur des Gottessohnes; und die unterschiedlichen Auffassungen, die im Zusammenhang mit der zweiten Person der Trinität geäußert worden waren, übertrug man naturgemäß auf die dritte Person Le Clerc (Bibliothèque universelle, Band 18, p. 98 -- 105) hat eine wunderliche Zusammenfassung aller theologischen Reden vorgelegt, welche Gregor von Nazianz in Konstantinopel gegen die Arianer, Eunomianer, Mecedonianer \&c gehalten hat. Er sagt den Makedonianern, welche Vater und Sohn, nicht aber den Heiligen Geist als Gott ansahen, dass sie ebenso gut Ditheisten wie Tritheisten heißen könnten. Gregor selbst war Tritheist; und sein Himmelsreich ähnelt einer wohlgeordneten Aristokratie. . Indessen erachteten es die siegreichen Feinde des Arianismus für notwendig, oder zumindest war es ihre Absicht, die nebulöse Ausdrucksweise einiger angesehener Kirchenväter auszulegen; den Glauben der Katholiken auf ein sicheres Fundament zu stellen; und die verhasste und unruhige Sekte der Makedonianer zu verdammen, welche frei heraus bekannten, dass der Sohn mit dem Vater wesensgleich sei, während sie es ängstlich vermieden, die Existenz dreier Gottheiten anzuerkennen. Endlich erkannte man einstimmig dem Heiligen Geist die gleiche Göttlichkeit zu; diese geheimnisvolle Lehre wurde von allen christlichen Kirchen der ganzen Welt übernommen; und diese fromme Ehrerbietung hat der Bischofsversammlung des Theodosius den zweiten Rang unter allen ökumenischen Konzilien eingebracht Das erste ökumenische Konzil von Konstantinopel hat gegenwärtig im Vatikan obsiegt; aber die Päpste hatten lange gezögert, was den demutsvollen Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 9, p. 499f) nachdrücklich verwirrt. . Möge ihre Erkenntnis der religiösen Wahrheit nun auf Überlieferung oder Eingebung beruhen; die nüchterne Geschichtsschreibung wird den Vätern von Konstantinopel kein übermäßiges persönliches Verdienst zuschreiben. In einer Zeit, als der Klerus sich empörend weit von dem Vorbild apostolischer Reine entfernt hatte, waren es gerade die Unwürdigsten und Verderbtesten, welche sich jederzeit bereit fanden, Kirchenversammlungen zu besuchen und zu stören. Der Gegensatz und die Gärung so vieler unvereinbarer Interessen und Charaktere erhitzte auch die Leidenschaften der Bischöfe; und ihre eigentlichen Leidenschaften waren die Liebe zu Gold und Zänkerei. Dieselben Prälaten, die jetzt der frommen Rechtgläubigkeit des Theodosius Beifall jauchzten, hatten wiederholt und mit berechneter Geschmeidigkeit ihr Glaubensbekenntnis und ihre Meinungen gewendet; und bei den zahlreichen Umwälzungen in Staat und Kirche war allemal die Religion ihres Herrschers Leitstern für ihren gehorsamen Glauben. Wenn der Kaiser vorübergehend sich aus dem Konzil zurückzog, gewannen Hochmut, Hass und Zorn die Oberhand. Der Tod des Meletius, der sich während des Konzils zu Konstantinopel ereignete, bot eine gute Gelegenheit, das Schisma von Antiochia aufs schicklichste zu beenden, indem man seinem betagten Rivalen Paulinus friedlich auf seinem Bischofsstuhle zu entschlummern gestattete; Glaube und Tugenden des Paulinus wären dann makellos geblieben. Aber die Kirchen des Westens nahmen sich seiner Sache an; und die Bischöfe der Synode verfehlten nicht, der Spaltung Dauer zu verleihen, indem sie in großer Hast einen meineidigen Kandidaten ordinierten Vor dem Tode des Meletius hatten sechs oder acht der angesehensten Kirchenmänner, unter ihnen auch Flavian, um des lieben Friedens willen des Bistums von Antiochia feierlich entsagt (Sozomenos 7,3 und Sokrates 5,5). Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 10, p. 441) hält es für seine Pflicht, diese Erzählung nicht zu glauben; aber er gibt doch zu, dass es viele Umstände im Leben des Flavian gibt, die nicht mit dem Lob des Chrysostomos und einer heiligmäßigen Aufführung zusammen zu passen scheinen . , ehe sie etwas von der angeblichen Vorrangstellung der Ostkirche drangegeben hätten, welche erhoben war durch Geburt und Tod des Gottessohnes. Derlei albernes und ungeordnetes Vorgehen nötigte die ernsthaften Mitglieder zu Dissens und Abreise; und der lautstarke Haufe, der das Schlachtfeld behauptet hatte, konnte eigentlich nur mit Geschmeiß und Aasfressern verglichen werden, mit dem schwärzlichen Gewimmel eines Kranichheeres oder mit einer Gänseherde Man sehe Gregor von Nazianz, de vita sua, Band 2, p. 25 -- 28. Seine Auffassungen über den Klerus im Allgemeinen und Besonderen sowie von dessen Zusammenkünften finden sich in Poesie und Prosa (Orationes 2; Epistulae 130; Carmina 11). Derlei Textstellen werden von Tillemontnur andeutungsweise, von le Clerc jedoch gründlich behandelt. .   RÜCKZUG DES GREGOR VON NAZIANZ Ein Verdacht schleicht sich jetzt unwillkürlich ein, dass nämlich ein so unvorteilhaftes Gemälde einer Kirchensynode von der parteiischen Hand eines verstockten Ketzers oder bösartigen Glaubensfeindes müsse gezeichnet worden sein. Aber der Name des aufrichtigen Historikers, der diese lehrreiche Geschichte der Nachwelt überliefert hat, bringt das ohnmächtige Murren des Aberglaubens und der Bigotterie mit Leichtigkeit zum Schweigen. Er war einer der frömmsten Bischöfe seiner Zeit und der redegewandteste dazu: ein Heiliger und Kirchenlehrer; die Geißel des Arianismus und das Ruhekissen der Rechtgläubigkeit; ein bedeutendes Mitglied des Konzils zu Konstantinopel, dem er nach dem Tode des Meletus vorsaß: mit einem Wort, Gregorios von Nazianz persönlich. Die herbe und ungerechte Behandlung, die er dort erfuhr Siehe Gregor von Nazianz, de vita sua, Band 2, p.28 -- 31. Die 14., 27. und 32. Reden wurden auf unterschiedlichen Ebenen zu diesem Gegenstande gehalten. Der Redeschluss der letzten (Opera Band 1, p. 528), in welcher er sich von Menschen und Engeln, der Stadt und dem Kaiser, dem Osten und dem Westen feierlich verabschiedet, ist ergreifend und nachgerade erhaben. , tat ihm indessen nicht nur keinen Abbruch, sondern lieferte sogar noch eine zusätzliche Probe des Geistes, der den Beratungen dieser Synode innewohnte. Ihre einstimmige Wahl hatte die Ansprüche bekräftigt, welche der Bischof von Konstantinopel aus der Zustimmung des Volkes und seiner Ernennung durch den Kaiser abgeleitet hatte. Aber schon bald wurde Gregor das Opfer von Bosheit und Abgunst. Die Bischöfe des Ostens, seine treuesten Anhänger, ärgerten sich an seinem maßvollen Vorgehen in der Affäre von Antiochia und lieferten ihn schutzlos der feindlichen ägyptischen Faktion in die Hand; welche die Gültigkeit seiner Wahl bestritt und zugleich einen obskuren Konzilsbeschluss ausgrub, welcher die ungehinderte Versetzung eines Bischofs einschränkte. Gregors Stolz oder seine Demut verboten ihm, sich auf einen Streit einzulassen, da ihm dies als Ehrgeiz und Machtgier hätte ausgelegt werden können; und öffentlich, aber nicht frei von Verdrossenheit erklärte er seinen Rücktritt vom Vorsitz einer Kirche, die er durch eigene Mühe und Arbeit wieder hergestellt, ja recht eigentlich neu geschaffen habe. Synode und Kaiser nahmen seinen Rücktritt mit größerer Bereitwilligkeit an, als er wohl selbst erwartet hatte. Und zu dem Zeitpunkt, als er die Früchte seines Sieges zu genießen gehofft haben mochte, war sein Bischofsstuhl von einem Senator mit Namen Nectarius besetzt; allerdings war der neue Erzbischof genötigt, den eigentlich nur seine gefüge Wesensart und sein ehrwürdiges Erscheinungsbild auszeichneten, sein Amt mit einiger Verspätung anzutreten, da er sich noch nicht der Taufzeremonie unterzogen hatte Die groteske Ordination des Nectarius wird von Sozomenos (7,8) bezeugt; Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 9, p. 791) merkt dazu an: »Apres tout, ce narre de Sozomene est si honteux pour tous ceux qu'il y mele, et surtout pour Theodose, qu'il vaut mieux travailler a le detruire qu'a le soutenir:« (Insgesamt ist diese Erzählung für alle Beteiligten und insbesondere für Theodosius derart schändlich, dass es besser ist, sich um ihre Widerlegung zu bemühen als sie zu ertragen). Ein bewundernswerter Grundsatz der Kritik! . Nach dieser neuerlichen Probe des Undanks von Herrschern und Prälaten zog sich Gregor zum zweiten Male in seine abgelegene Einöde von Kappadokien zurück; wo er sich für den Rest seines Lebens, etwa acht Jahre, der Dichtung und Anbetung widmete. Seinem Namen wurde der Titel eines Heiligen zugefügt; aber ein schöneres Licht werfen die feine Herzens -- Ich will damit lediglich sagen, dass dies seine natürliche Anlage war; wenn sie denn nicht durch religiösen Eifer verhärtet oder gar entflammt war. Von seinem Exil aus ermahnt er Nectarius, die Ketzer in Konstantinopel zu verfolgen. und Verstandesbildung auf das Gedächtnis des Gregor von Nazianz.   ERLASSE DES THEODOSIUS GEGEN DIE KETZER A.D. 380 -- 394 Es war nicht genug damit getan, dass Theodosius die dreiste Herrschaft des Arianismus unterdrückt hatte, oder dass er weitläufig Rache übte wegen des Unrechtes, das die Katholiken durch Constantius' oder Valens Fanatismus erlitten hatten. Der rechtgläubige Kaiser sah in jedem Ketzer einen Rebellen gegen die Mächte des Himmels und der Erden; und diesen beiden Mächten stand eine ganz besondere Gerichtsbarkeit über Körper und Seele des Schuldigen zu. Die Beschlüsse des Konzils von Konstantinopel hatten die Leitsätze des wahren Glaubens festgelegt; und die Geistlichen, die Herr waren über das Gewissen des Theodosius, waren groß im Erfinden der wirkungsvollsten Methoden, diesen Leitsätzen Gehör zu verschaffen. Innerhalb von nur fünfzehn Jahren erließ er wenigsten fünfzehn strenge Erlasse gegen die Häretiker Siehe Codex Theodosianus 16,5,6 -- 23 und Gothofreds Kommentar zu jedem Gesetz und seine Zusammenfassung, oder \>Paratitlon\< Band 6, p. 104 -- 110. ; insbesondere gegen die, welche die Lehre von der Trinität zurückwiesen; und um ihnen auch die letzte Hoffnung zu nehmen, verfügte er mit Nachdruck, dass für den Fall, es würden irgendwelche Gesetze oder Bestimmungen zu ihren Gunsten angeführt, die Richter dies als betrügliche Trickserei auslegen sollten. Die Strafmaßnahmen richteten sich gegen die Priester und die Versammlungen der Häretiker und gegen die Ketzer als Personen; und des Gesetzgebers glühender Eifer zeigte sich in seinem von Pathos und Bitterkeit durchsetzten Sprachduktus. I. Die ketzerischen Lehrer, die sich einen heiligen Bischofsstuhl erschlichen hatten, gingen nicht nur der Vorrechte und Einkünfte verlustig, mit denen der geistliche Stand so überreich gesegnet war, sondern hatten als Strafe Exil und Konfiskation zu gewärtigen, wenn sie sich unterfingen, ihrer fluchbeladenen Sekte Lehren zu predigen und Riten zu üben. Eine Strafe von zehn Pfund Gold (mehr als vierhundert Pfund Sterling) wurde jeder Person auferlegt, welche es wagen sollte, eine ketzerische Ordination zu erteilen, anzunehmen oder anzustreben: und mit gutem Grunde erwartete man, dass die hilflose Herde, wenn man ihr erst einmal die Hirten genommen hätte, durch Hunger und Orientierungslosigkeit genötigt werde, in den Schoß der katholischen Kirche zurückzukehren. II. Das strenge Verbot von Glaubensversammlungen wurde auf alle nur denkbaren äußeren Anlässe erweitert, zu welchen sich die Häretiker hätten versammeln können, Gott und Christum anzubeten nach dem Diktate ihres Gewissens. Ihre religiösen Zusammenkünfte, öffentliche oder geheime, in Städten oder auf dem Lande, bei Tage oder bei Nacht, wurden von Theodosius mit der gleichen Unnachsichtigkeit verboten; und Gebäude oder Grundstücke, die diesen verbotenen Zwecken gedient hatten, verfiel dem Dominium. III. Allgemein wurde angenommen, dass die Irrtümer der Ketzer nur einer verstockten Gemütsverfassung entspringen konnten; und dass eine derartige Verfassung ein geeignetes Ziel für Strafmaßnahmen abgebe. Der Bannfluch der Kirche wurden deshalb durch eine Art ziviler Exkommunikation ergänzt, welche die Ketzer gegenüber ihren Mitbürgern als besonders ehrlos brandmarkte; und diese Ächtung von höchster Stelle trug dazu bei, dem fanatisierten Publikum für seine Übergriffe eine Rechtfertigung oder doch wenigstens eine Entschuldigung an die Hand zu geben. Nach und nach wurden die Sektierer von allen einträglichen Posten oder Ehrenstellen ausgeschlossen; und Theodosius berauschte sich an seinem eigenen Gerechtigkeitssinn, als er befand, die Eunomianer dürften nicht einmal mehr Testamente aufsetzen oder Erbschaften antreten, weil sie sich unterfingen, zwischen der Natur des Vaters und des Sohns zu unterscheiden. Die Verfehlungen der Manichäer indes waren so gewaltig, das sie nur durch die Hinrichtung der Übeltäter gesühnt werden konnten; und auch über die Audianer oder Quartodecimaner Sie begingen Ostern stets, wie die Juden ihr Passahfest, am vierzehnten Tage nach Vollmond nach den Frühjahrsäquinoktien; und standen dadurch in einem beständigen Gegensatz zur römischen Kirche und der Synode von Nicäa, welche Ostern auf einen Sonntag festgelegt hatten. Bingham, Christian Antiquities, p. 309. wurde auf die Todesstrafe erkannt, hatten sie sich doch tatsächlich zu der Ungeheuerlichkeit verstiegen, an einem falschen Tage das Osterfest zu begehen. Jeder römische Bürger war aufgefordert, öffentliche Anklage zu erheben; aber das Amt des Glaubens inquisitors , welcher Name zu Recht fürchterlich geworden ist, wurde zum ersten Male unter Theodosius eingerichtet. Allerdings versichert man uns, dass seine mörderischen Erlasse nur mit wenig Druck umgesetzt wurden; und dass der fromme Herrscher weniger Wert darauf legte, seine widersetzlichen Untertanen zu bestrafen, als vielmehr sie für sich zu gewinnen oder wenigstens einzuschüchtern Sozomenos 7,12. .   HINRICHTUNG DES PRISCILLIANUS · A.D. 385 Die rechtlich-theoretischen Grundlagen zur Ketzerverfolgung hatte Theodosius gelegt, dessen große Gerechtigkeit und Frömmigkeit den Beifall selbst von Heiligen einforderte; aber die praktische Umsetzung war aufgespart für seinen Rivalen und Mitregenten Maximus, welcher als erster unter den christlichen Herrschern das Blut von Christen wegen ihrer religiösen Meinung vergoss. Der Fall der Priscillianer Siehe die \>Historia sacra\< des Sulpicius Severus (Buch 2 Opera, p. 437 -- 352), eines zuverlässigen und originellen Autors. Dr. Lardener (Credibility, Band 9, Teil 1, p. 256 -- 350) hat hierüber mit viel Gelehrsamkeit, gesundem Menschenverstand und Zurückhaltung gearbeitet; Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 8, p. 491 -- 527) hat allen Unflat aus den Kirchenvätern zusammen gekehrt; ein braver Gossenkehrer! , einer neueren Sekte, die in Spanien für Aufsehen sorgte, wurde von einer Synode in Bordeaux an das kaiserliche Konsistorium zu Trier abgegeben; und auf Beschluss des Reichspräfekten wurden sieben Personen gefoltert, verurteilt, hingerichtet. Der erste von diesen war Priscillianus Sulpicius Severus gedenkt dieses Erz-Ketzers mit Hochschätzung und Mitleiden: » Felix profecto, si non pravo studio corrumpisset optimum ingenium; prorsus multa in eo animi et corporis bona cerneres.« (Ganz gewiss glücklich, und wenn er nicht durch verschrobene Studien seine hohe Begabung verdorben hätte, hätte man an ihm durchaus zahlreiche Vorzüge des Geistes und Leibes entdecken können). Historia Sacra 2, Opera, p. 439. Sogar Hieronymus (De viris illustribus, Opera, Band 1, p. 302) redet von Priscillianus und Latronianus in gemäßigten Wendungen. selbst, der Bischof des spanischen Avila Der Bischofssitz erbringt heutzutage ein Jahresgehalt von 20.000 Dukaten (Büsching, Geography, Band 2, p. 308) und ist deshalb nur bedingt verdächtig, zu einer neuen Häresie Anlass zu geben. ; bei dem die Vorzüge einer hohen Geburt und irdischer Reichtümer mit umfassenden Kenntnissen und glänzender Beredsamkeit harmonierten. Zwei Presbyter und zwei Diakone folgten ihrem geliebten Meister in den Tod, was sich ihnen als verdienstvolles Märtyrertum darstellte; die Liste der religiösen Opfer vervollständigte sich mit der Hinrichtung des Dichters Latronian, welcher sogar mit den Alten in Wettstreit treten konnte »Exprobrabatur mulieri viduae nimia religio, et diligentius culta divinitas« (...der Witwe wurden überzogene Frömmigkeit und Gottesverehrung nachgesagt). Pacatus, Panegyrici 12,29. So stellte sich jedenfalls ein humaner, wenn auch kenntnisloser Polytheist die Sache vor. ; und der Euchrocia, einer adligen Matrone aus Bourdeaux, der Witwe des Redners Delphidius. Zwei Bischöfe, die sich den Auffassungen der Priscillianer genähert hatten, wurden in ein weit entferntes, trübseliges Exil verbannt Einer von ihnen wurde auf die Insel Syllinam quae ultra Britanniam est (auf die Insel Sullina (Scilly, Skye?) noch jenseits von Britannien). Wie mögen wohl die Zustände auf den Klippen von Scilly im Altertum gewesen sein? Camden, Britannia, Band 2, p. 1519. ; und nur mit ein paar kleineren Sündern, die rechtzeitig Reue gezeigt hatten, übte man Nachsicht. Wenn man den Geständnissen glauben darf, die unter Foltern und Ängsten erpresst worden waren, oder den unbestimmten Gerüchten, den Ausgeburten von Verleumdung und Bosheit, dann begriff die Ketzerei der Priscillianer auch noch Magie, Gottlosigkeit und Wollust in sich Die Hetzschriften eines Augustinus und des Papstes Leo, die Tillemont brav wie ein Kind schluckt und Lardner verwirft wie ein Mann, können immerhin zugunsten der älteren Gnostik sprechen. . Priscillian, der in Begleitung seiner geistlichen Schwestern die Welt bereiste, wurde vorgeworfen, splitternackt inmitten der Gemeinde zu predigen; und zuverlässig wusste man zu berichten, dass die Frucht seines verbotenen Verkehrs mit der Tochter der Euchrocia auf noch kriminellerer Weise unterdrückt worden sei. Aber eine genaue oder besser noch: unvoreingenommene Untersuchung wird zu Tage fördern, dass die Priscillianer, wenn sie denn die Gesetze der Natur verletzt haben sollten, dies nicht aus Übermut, sondern aus übergroßer Strenge taten. Sie verurteilten mit Nachdruck das Brautbett; und der Frieden mancher Familie wurde durch rücksichtslose Trennung aufgestört. Sie praktizierten und empfahlen eine vollständig vegetarische Lebensweise; und ihr beständiges Beten, Fasten und Wachen erstarrte bald zu strengster Regel. Das philosophische Lehrgebäude der Sekte befasste sich wesentlich mit der Person Christi und der Natur der menschlichen Seele und war dem gnostischen und manichäischen System entlehnt; und diese müßige Philosophie, die von Ägypten nach Spanien gelangt war, wurde von den schwerfälligen Gemütern des Westens übel aufgenommen. Priscillians Schüler litten, gaben nach und waren schließlich ganz verschwunden: Klerus und Volk wiesen seine Lehre zurück, aber sein Tod blieb Gegenstand einer langwierigen Kontroverse; während die Einen die Rechtmäßigkeit des Urteiles in Abrede stellten, begrüßten es die Anderen.   AMBROSIUS VON MAILAND UND MARTIN VON TOURS Nicht ohne heimliches Vergnügen können wir die menschlichen Unzulänglichkeiten noch der berühmtesten Heiligen feststellen, etwa des Ambrosius von Mailand Ambrosius, Epistulae 24. und Martin von Tours In der Heiligengeschichte und der Hagiographie von St Martin ist Sulpicius Severus noch einigermaßen vorsichtig; in seinen Dialogen (3,15) ist er schon kühner. Martin erhielt vom eigenen Gewissen und einem Engel Vorwürfe dafür; auch gingen im danach die Wunder nicht mehr so leicht von der Hand. ; welcher sich bei dieser Gelegenheit übrigens für Toleranz aussprach. Die Unglücklichen dauerten sie, als sie in Trier hingerichtet worden waren; sie weigerten sich, mit den bischöflichen Mördern gemeinsame Sache zu machen; und wenn Martin doch hiervon abwich, dann waren seine Motive löblich und seine Reue aufrichtig. Die Bischöfe von Tours und Mailand verhängten über die Ketzer ohne Zögern ewige Verdammnis; aber sie waren zugleich überrascht und empört über ihren blutigen Tod, und die ehrlichen Gemütsbewegungen der Natur konnten durch keinerlei erkünsteltes theologisches Vorurteil beruhigt werden. Die Humanität von Ambrosius und Martin erhielt zusätzliche Rechtfertigung angesichts des willkürlichen, ja ungesetzlichen Vorgehens gegen Priscillian und seine Anhänger.   UNGESETZLICHES VERFAHREN GEGEN PRISCILLIAN Zivile und kirchliche Minister hatten die Grenzen ihrer jeweiligen Befugnisse überschritten. Ein weltlicher Richter hatte sich erdreistet, in einer Glaubensangelegenheit und in bischöflicher Jurisdiktion eine Klage anzunehmen und ein endgültiges Urteil zu fällen. Die Bischöfe selbst hatten sich bloßgestellt, als sich in einer Kriminalsache zu Anklägern hergaben. Die Grausamkeiten des Ithacius Der katholische Presbyter (Sulpicius Severus, Opera p. 448) und der heidnische Redner (Pacatus, Panegyrici 12,29) verurteilen beide mit gleichem Nachdruck Charakter und Verhalten des Ithacius. , der die Foltern überwachte und die Hinrichtungen der Häretiker durchsetzte, brachte die gerechte Empörung der Menschheit gegen sich auf; und die Vergehen dieses schändlichen Bischofs galten deshalb auch als Beweis dafür, dass sein Verfolgungseifer durch schmutzige Eigeninteressen befeuert worden war. Nach dem Tode des Priscillian wurden solche ungehobelten Methoden durch die Heilige Inquisition verfeinert und, indem sie der weltlichen und kirchlichen Macht ihre je verschiedenen Aufgaben zuteilt, sozusagen zur Kunst erhoben. Das ausgewählte Opfer wird ordnungsmäßig vom Priester dem Magistrate vorgeführt, und vom Magistrat dem Henker; und das unumstößliche Urteil der Kirche, das das Todesurteil über den geistlichen Delinquenten ausspricht, ist durchtränkt mit der sanften Sprache des Mitleids und der Fürbitte.   AMBROSIUS, BISCHOF VON MAILAND Unter den Männern der Kirche, die die Regierungszeit des Theodosius zierten, ragte Gregor als Kanzelprediger von hohen Graden hervor; die mönchischen Tugenden eines Martin von Tours Das Leben des heiligen Martin und die Dialoge über seine Wundertaten enthalten Tatsachen, die für die primitivste Barbarei passen, sind aber geschrieben in einem Stile, der sich noch in das augusteische Zeitalter fügen würde. Die Nachbarschaft von gesundem Menschenverstand und gutem Stil ist so naturgegeben, dass ich immer wieder über den Gegensatz in diesen Schriften ins Staunen geriet. erhielten zusätzliches Gewicht durch seine Fähigkeit, Wunder zu wirken; aber die Krone für die Vollendung bischöflicher Tugenden reklamiert unbestritten der furchtlose Ambrosius für sich Sein Diakon Paulinus (Appendix zur Ausgabe der Benediktiner, p. I.XV) kann mit seiner kurzen und gehaltlosen Lebensbeschreibung des hl. Ambrosius wenigstens das Verdienst des unmittelbaren Augenzeugen für sich beanspruchen. Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 10, p. 78 -- 306) und die Herausgeber vom Benediktinerorden haben wie üblich viel Mühe auf sie verwendet. . Er entstammte einer adligen römischen Familie; sein Vater hatte das wichtige Amt des Reichspräfekten von Gallien ausgeübt; und der Sohn erklomm nach Beendigung einer freisinnigen Erziehung im Verlaufe seiner bürgerlichen Karriere die Stellung des Konsulars von Ligurien, in welcher Provinz auch die Kaiserresidenz von Mailand lag. Im Alter von vierunddreißig Jahren und noch bevor er das Sakrament der Taufe empfangen hatte, wurde Ambrosius plötzlich zu seiner eigenen und der ganzen Welt Überraschung vom Amt eines Provinzverwalters in das eines Erzbischofs befördert. Ohne die geringste Beimischung von List oder Betrug, so sagte man, grüßte ihn das Volk in seiner Gesamtheit mit dem Bischofstitel; die Einstimmigkeit und die Ausdauer ihrer Akklamationen schrieb man übernatürlichen Einflüssen zu; unversehens und widerstrebend sah sich der Regierungsbeamte genötigt, ein geistliches Amt auszuüben, für das er nach seinem bisherigen Wandel und Wesen durchaus nicht geschickt war. Aber sein unternehmendes Gemüt qualifizierte ihn schon bald, mit Eifer und Umsicht die Pflichten der kirchlichen Rechtsprechung zu erfüllen; und während er fröhlichen Herzens dem müßigen und eitlen Putz weltlicher Größe entsagte, fand er sich zum Besten der Kirche zugleich darein, das Gewissen der Kaiser am Gängelbande zu führen und die Verwaltung des Reiches zu überwachen. Gratian liebte ihn und nannte ihn Vater; und die sorgfältige Abhandlung über den Trinitätsglauben war zur Belehrung des jüngeren Fürsten bestimmt. Nach dessen tragischem Tod, als die Kaiserin Justina um ihre eigene und ihres Sohnes Sicherheit bangen musste, war der Erzbischof von Mailand in zwei verschiedenen Missionen am Kaiserhof zu Trier vorstellig. Mit vergleichbarer Bestimmtheit und ähnlichem Geschick bewährte er seine geistlichen und politischen Machtposition, stellte sich mit seiner Autorität und seiner Beredsamkeit dem Ehrgeiz des Maximus in den Weg und schützte dadurch auf seine Weise Italien Ambrosius selbst (Epistulae 24) erstattet dem Herrscher äußerst geistvoll Bericht von seiner Gesandtschaft. . Ambrosius hatte sein Leben und seine Fähigkeiten in den Dienst der Kirche gestellt. Reichtum verachtete er am meisten; sein väterliches Erbe hatte er ausgeschlagen; und ohne Zögern verkaufte er das geweihte Goldgeschirr, um damit Gefangene auszulösen. Klerus und Volk von Mailand empfanden für ihren Erzbischof starke Zuneigung; und er selbst stand bei seinen schwachen Herrschern zu Recht in Ansehen, ohne dass er ihre Gunst gesucht oder ihre Abgunst gefürchtet hätte.   KIRCHENSTREIT MIT KAISERIN IUSTINA 3. -- 10. APRIL 385 Die Aufsicht über Italien und den jungen Kaiser oblag naturgemäß seiner Mutter Iustina, einer attraktiven und geistreichen Frau, die aber das Missgeschick betraf, inmitten einer rechtgläubigen Bevölkerung die arianische Ketzerei zu bekennen, die sie überdies noch ihrem Sohne einzuträufeln sich erkühnte. Iustina hielt sich nun überzeugt, ein römischer Kaiser könne verlangen, dass er zumindest in seinem Herrschaftsgebiet seine Religion ausüben dürfe; dem Erzbischof schlug sie als vernünftigen und bescheidenen Kompromiss vor, er möge von der Nutzung einer einzigen Kirche in Mailand oder seiner Umgebung zurücktreten. Aber Ambrosius ließ sich von stark abweichenden Grundsätzen leiten Die Darlegung seiner eigenen Grundsätze und sein Verhalten insgesamt (Epistulae 20,21, und 22) gehören zu den merkwürdigsten Dokumenten der Kirchengeschichte. Es gibt hierzu zwei Briefe an seine Schwester Marcellina zusammen mit einer Bittschrift des Valentinian sowie die Predigt de Basilicis non tradendis. . Die Paläste dieser Welt mögen -- dies doch immerhin -- dem Kaiser gehören; die Kirchen indessen seien die Wohnungen Gottes; und innerhalb der Grenzen seiner Diözese sei er, der treue Nachfolger der Apostel, der alleinige Diener Gottes. Die Vorrechte des Christentums, weltliche wie geistliche, seien nur seinen wahren Bekennern vorbehalten; und Ambrosius bekannte seine Genugtuung darüber, dass seine theologischen Auffassungen eins seien mit der Wahrheit und der Rechtgläubigkeit. Der Erzbischof, der sich weigerte, mit den Werkzeugen Satans in Gespräche oder Verhandlungen auch nur einzutreten, erklärte mit demütiger Festigkeit, er wolle eher als Märtyrer sterben, bevor er sich auf diesen gotteslästerlichen Handel einlassen; und Iustina, die diese Weigerung als Akt des Ungehorsams, ja der Aufsässigkeit vermerkte, beschloss eilig, die kaiserlichen Prärogative ihres Sohnes geltend zu machen. Als sie darnach verlangte, beim bevorstehenden Osterfest öffentlich anzubeten, wurde Ambrosius vor den Rat zitiert. Er gehorsamte nach der Art eines pflichttreuen Untertanen, aber ihm folgte -- gegen seinen Willen -- eine ungezählte Volksmenge: unbotmäßig rüttelten sie an den Palasttoren; und die verschüchterten Minister der Iustina verbannten nun nicht etwa den Erzbischof von Mailand ins Exil, sondern baten demütig darum, er möge sein Ansehen geltend machen, die Person des Kaisers zu schützen und die Ruhe in der Hauptstadt neuerlich zu festigen. Aber die Versprechen, die man Ambrosius machte, wurden von dem ungetreuen Hof schon bald gebrochen, und während der sechs höchsten Feiertage, die die christliche Frömmigkeit für religiöse Übungen vorbehalten hat, erbebte die Stadt an den Folgen von Tumult und Fanatismus. Die Hofbeamten erhielten Weisung, zunächst die porcianische und danach die neue Basilica für den Empfang des Kaisers und seiner Mutter herzurichten. Der herrliche Baldachin und die Behängungen des Kaiserthrones wurden hergerichtet, wie es der Brauch war; indessen sah man sich genötigt, diese Arbeiten durch starke Wachmannschaften vor den Übergriffen des populären Rechtsempfindens zu schützen. Die arianischen Kirchenmänner, die so tollkühn waren, sich in der Öffentlichkeit blicken zu lassen, schwebten in unmittelbarer Lebensgefahr; und Ambrosius mehrte seine guten Taten und sein Ansehen, indem er sogar seine persönlichen Feinde aus der Hand des aufgehetzten Pöbels rettete.   UNRUHEN IN MAILAND Aber während er einerseits die Folgen der Volkswut zu dämpfen bemüht war, erhitzte die leidenschaftliche Heftigkeit seiner Predigten die erzürnten Gemüter Mailands. Die Charakterzüge der Eva, von Hiobs Weib, von Jezabel und Herodias wurden der Kaisermutter unterschiedslos angehängt; und ihr Wunsch, eine Kirche für die Nutzung durch die Arianer zu erhalten, wurden mit den grausamsten Verfolgungen gleichgestellt, die Christen in heidnischen Zeiten ausstehen mussten. Die Maßnahmen des Hofes bewirkten allerdings nur, dass die Größe des Verbrechens fassbar wurde. Eine Geldbuße in Höhe von zweihundert Pfund Gold wurde den Kaufleuten und Manufakturbesitzern auferlegt: in Namen des Kaisers erging vom Gerichtshof an alle Offiziellen und deren Untergebenen ein schriftlicher Erlass, dass sie sich während der Dauer der öffentlichen Unruhen unbedingt in ihren Häusern aufhalten sollten: da erklärten die Minister des Valentinian unklugerweise, dass der angesehenste Teil des mailändischen Volkes für die Sache ihres Erzbischofs eintrete. Erneut und in Übereinstimmung mit den Wünschen des Kaisers erging an ihn die Bitte, im Lande den Frieden wieder herzustellen. Die Erwiderung des Ambrosius war in den artigsten und bescheidensten Worten aufgesetzt, welche sich jedoch ebenso gut als eine Art Erklärung des Bürgerkrieges auslegen ließen: »Sein Leben und sein Schicksal lagen in der Hand des Kaisers, aber nimmermehr würde er die Kirche Christi verraten oder zulassen, dass der Würde des Bischofsamtes Eintrag geschehe. Für diesen Fall sei er vorbereitet, alles zu erdulden, was die Mächte der Finsternis für ihn vorgesehen hätten; und nur dieses wünsche er: im Beisein seiner gläubigen Herde zu sterben, am Fuße seines Altars; den Zorn des Volkes habe er nicht hervorgerufen, und es stehe allein in Gottes Macht, ihn zu beschwichtigen: das Blutvergießen und den Aufruhr, der notwendig folgen müsse, seien ihm entschieden verhasst; und glühend bete er darum, es nicht erleben zu müssen, wie die blühenden Stadt, vielleicht sogar ganz Italien untergehe Retz erhielt von der Königin einen ähnlichen Auftrag, den Tumult von Paris beizulegen. Dies aber war nicht mehr in seiner Gewalt: » A quoi j'ajoutai tout ce que vous pouvez vous imaginer de respect, de douleur, de regret, et de soumission, etc. Dazu füge ich noch alles hinzu, was Sie sich vorstellen können an Respekt, Bedauern und Unterwerfung. (Memoires, Band 1,p. 140). Ganz gewiss will ich weder die Vorkommnisse noch die Männer miteinander vergleichen, doch der Koadjutor selbst zeigte einige Bereitschaft (p. 84), den hl. Ambrosius nachzuahmen. .« Iustinas eifernde Glaubens-Borniertheit hätte in der Tat ihres Sohnes Herrschaft in Gefahr bringen können, wenn sie sich bei diesem Konflikt mit der Kirche und dem Volk von Mailand auf den tätigen Gehorsam ihrer Palasttruppen hätte verlassen können. Ein starkes gotisches Truppenkontingent war aufgebrochen, die fragliche Basilica zu besetzen: und leicht stand zu befürchten, dass die arianischen Grundsätze und die barbarischen Gebräuche dieser ausländischen Mietlinge bei der Ausführung noch der gräßlichsten Blutbefehle keine Skrupel gehabt hätten. Auf der Schwelle zu der Kirche trat ihnen der Erzbischof in den Weg, schleuderte ihnen mit Donnerstimme die Exkommunikation entgegen und fragte sie, ob sie vormals deshalb den gastlichen Schutz der Republik erfleht hätten, um jetzt frevelnd in ein Gotteshaus einzudringen? Auf diese Weise wurden ein paar Stunden für eine ergiebigere Unterredung gewonnen; und die Kaiserin ließ sich von ihren klügsten Beratern dahingehend überreden, alle Kirchen Mailands in der Hand der Katholiken zu belassen und ihre Rachegelüste auf spätere, günstigere Zeiten zu verschieben. Die Mutter Valentinians vergab Ambrosius seinen Triumph niemals; und der königliche Nachwuchs ließ sich mit dem leidenschaftlichen Aufschrei vernehmen, dass seine eigenen Diener sich bereit fänden, ihn einem unverschämten Priesters zu überantworten.   A.D. 386 Die Gesetze des Reiches, von denen einige sogar auf den Namen Valentinian lauteten, verdammten nach wie vor die arianische Ketzerei und schienen daher den Widerstand der Katholiken zu rechtfertigen. Aber Iustinas Umtriebigkeiten brachten ein Toleranzedikt zustande, welches in allen Provinzen, die dem Hof von Mailand unterstellt waren, Gültigkeit besaß; denen, die dem Glaubensbekenntnis von Rimini anhingen, wurde ungehinderte Ausübung ihrer Religion zugesichert; und alle Personen, so erklärte sie, die sich diesem heiligen und heilsstiftenden Dekret widersetzten, sollten als die Feinde des öffentlichen Friedens des Todes sein Einzig Sozomenos (7,13) verdunkelt diese einleuchtende Tatsache durch eine verworrene Erzählung. . Persönlichkeit und Sprache des Erzbischofs von Mailand legen den Verdacht nahe, dass er den Bekennern des Arianismus schon bald einen triftigen Grund bot, oder doch wenigstens einen schicklichen Vorwand, auf eine Gelegenheit lauern, ihn im Ungehorsam gegen ein Gesetz zu erwischen, das er es mit Nachdruck als Blut- und Tyrannengesetz hinstellte. Es wurde ein leichtes, fast schon ehrenhaftes Verbannungsurteil über Ambrosius verhängt; zwar musste er ohne Verzug Mailand verlassen, aber zugleich ward ihm gestattet, sich den Exilort und die Zahl seiner Begleiter selbst zu bestimmen. Aber die Autorität der Heiligen, welche die Regeln der passiven Treue gelehrt und geübt hatten, schien Ambrosius von geringerem Gewicht als die augenblickliche höchste Bedrängnis der Kirche. Tapfer verweigerte er den Gehorsam; und seine Weigerung erhielt durch die einhellige Unterstützung seiner gläubigen Kirchenvolkes Gewicht »Excubabat pia plebs in ecclesia mori parata cum episcopo suo . . . Nos adhuc frigidi excitabamur tamen civitate attonita atque turbata.« (Es wachte das fromme Volk in der Kirche, bereit, mit seinem Bischof zu sterben,...Auch wir, obgleich noch kalt, waren doch aufgewühlt und erregt von all dem Tumult in der Stadt). Augustinus, Confessiones, 9,7. . Sie bewachten abwechselnd ihren Erzbischof; die Tore der Kathedrale und des Bischofspalastes wurden nachdrücklich gesichert; und die kaiserlichen Truppen, die die Belagerung aufnahmen, zeigten sich abgeneigt, die uneinnehmbare Feste zu berennen. Die ungezählten Armen, denen Ambrosius einst so großherzig geholfen hatte, nahmen die gute Gelegenheit wahr, sich eifrig und dankbar zu erzeigen. Und da die Ausdauer der Menge sich an den langen und langweiligen Nachtwachen hätte erschöpfen können, führte er in die Kirchen klugbedacht die Sitte des lauten und regelmäßigen Psalmodierens ein. Während dieses zähe Ringen noch andauerte, erhielt er in einem Traume die Anweisung, die Erde zu öffnen an der Stelle, wo nach der Überlieferung zwei heilige Märtyrer, Gervasius und Protasius Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 2, p.78 und 498). Zahlreiche Kirchen Galliens, Italiens \&c waren diesen beiden sonst unbekannten Märtyrern geweiht, wobei St. Gervasius mehr Glück gehabt zu haben scheint als sein Gefährte. , vor dreihundert Jahren zur Ruhe gebettet worden waren. Direkt unter dem Pflaster der Kirche fand man zwei wohlerhaltene Skelette »Invenimus mira magnitudinis viros duos, ut prisca aetas ferebat.« Epistulae 22. Die Größe dieser Skelette passte glücklicher- oder geschickterweise genau zu dem populären Aberglauben von der allmählichen Abnahme der menschlichen Statur, der seit Homer zu allen Zeiten im Schwange war. Grandiaque efossis mirabitur ossa sepulchris. (Und man staunte die gewaltigen Gebeine in den geöffneten Gräbern an). , das Haupt jeweils vom Rumpf getrennt, und dazu noch deutliche Blutspuren. Diese heiligen Reliquien wurden mit feierlichem Pomp dem Volke zur Erbauung ausgestellt; und jeder Nebenumstand dieses glückhaften Fundes wurde eingesetzt, die Entwürfe des Ambrosius zu fördern. Den Gebeinen der Märtyrer, ihrem Blut und ihren Gewändern wohnten nach allgemeiner Auffassung Heilkräfte inne; und ihre übernatürlichen Kräfte teilten sich selbst entferntesten Gegenständen mit, ohne dass sie von ihrer ursprünglichen Kraft verloren hätten. Die erstaunliche Heilung eines Blinden Ambrosius, Epistulae 22, p. 875. Augustinus, Confessiones, 9,7; De civitate Die 22,8; Paulinus in Vita St. Ambrosii, 14, p. 4. Der Name des Blinden war Severus; er berührte das heilige Gewand, erlangte seine Sehkraft wider und widmete den Rest seines Lebens (etwa 25 Jahre) dem Dienst an der Kirche. Ich sollte dieses Wunder unseren Theologen empfehlen, wenn sich nicht an ihm die Reliquienverehrung und zugleich das Nikäische Glaubensbekenntnis beweisen ließen. und die wenn auch widerstrebenden Bekenntnisse von verschiedenen Besessenen waren sichtbare Beweise für die Glaubensstärke und Heiligkeit des Ambrosius; durch den Mund seines Sekretärs Paulinius bestätigt uns Ambrosius die Wahrheit dieser Wunder wie auch durch einen seiner Proselyten, den nachmals hochberühmten Augustinus, welcher zu jener Zeit als Lehrer der Beredsamkeit in Mailand wirkte. Unser vernunftbetontes Zeitalter steht nicht an, der Skepsis der Iustina und ihres arianischen Hofes beizutreten, welche die pompöse Schaustellung des Ambrosius verspotteten, die auf Betreiben und auf Kosten des Erzbischofs inszeniert wurde Paulinus, vita Ambrosii 5, p. V. . Ihre Wirkung auf das Gemüt der Einzelnen erfolgte indessen unverzüglich und war unwiderstehlich; jedenfalls sah sich der schwächelnde Herrscher Italiens außerstande, mit den Mächten des Himmels es noch fernerhin aufzunehmen. Auch die irdischen Kräfte verwandten sich zur Verteidigung des Ambrosius; der selbstlose Rat des Theodosius war die Frucht seiner Frömmigkeit und Freundschaft; und auch der Tyrann von Gallien verbarg seine feindlichen und ehrgeizigen Pläne hinter der Maske religiöser Parteinahme Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 10, p. 190 und 750) vermutet die Vermittlung des Theodosius; und verneint eigensinnig die des Maximus, obwohl sie von Prosperus, Sozomen und Theodoret bezeugt wird. .   MAXIMUS FÄLLT IN ITALIEN EIN · AUGUST 387 -- FLUCHT VALENTINIANS Die Herrschaft des Maximus hätte in Frieden und Wohlstand enden können, wenn er sich mit dem Besitz dreier großer Länder zufrieden gegeben hätte, welche heute die drei größten Königreiche des modernen Europas bilden. Aber dieser emporstrebende Thronräuber, dessen niederer Ehrgeiz sich nicht mit Ruhm- und Waffenliebe begnügte, sah in seiner gegenwärtigen Machtposition nur die Durchgangsstufe zu inskünftiger Größe, und sein augenblicklicher Erfolg wurde so zur Ursache seines Untergangs. Die Reichtümer, die er den unterdrückten Provinzen Gallien, Spanien und Britannien abgepresst hatte Der gedämpfte Tadel des Sulpicius Severus (Dialogi 3,15) verletzt viel stärker als die blassen Worthülsen des Pacatus (12,25f). , benutzte er, um eine erschreckliche Armee von Barbaren anzuwerben und zu bezahlen, die er zum größten Teile aus den ungebärdigsten Germanenstämmen rekrutiert hatte. Auf die Eroberung Italiens waren alle seine Hoffnungen und Bemühungen gerichtet; und insgeheim sann er noch auf das Verderben eines unschuldigen Knaben, dessen Herrschaft seinen katholischen Untertanen verächtlich war. Da aber Maximus ohne Widerstand die Alpenpässe besetzen wollte, empfing er mit falscher Freundlichkeit Domninus aus Syrien, Valentinians Abgesandten, und nötigte ihn, ein beträchtliches Truppenkontingent als Hilfe für den pannonischen Krieg zu übernehmen. Ambrosius' Scharfsinn hatte die Ränke dieses Feindes in der Maske der Freundes durchschaut »Esto tutior adversus hominem, pacis involucro tegentem,« (Hüte dich vor dem Menschen, der sich in den Mantel des Friedens einhüllt). Dies der lebenskluge Rat des Ambrosius nach seiner Rückkehr von seiner zweiten Gesandtschaftsreise (Opera, Band 2, p. 891). ; aber der Syrier Domninus wurde durch die üppigen Gunstbezeigungen des Hofes zu Trier entweder bestochen oder getäuscht; und zu Mailand weigerte man sich hartnäckig, die Gefahr wahrzunehmen, welches blinde Vertrauen nicht dem Mut, sondern der Angst entsprang. So führte also der Botschafter den Marsch der Truppen an; und ohne Arg gewährte man ihnen Zutritt in die Alpenfestungen. Aber schon folgte, eilig und doch unauffällig, der listige Tyrann; und da er alle Nachrichten von seinen Truppenbewegungen abzufangen wusste, erfuhr man in Mailand von seinem feindlichen Herannahen erst durch das Blinken der Waffen und den Staub, den die Kavallerie aufwirbelte. In dieser Notlage hätten Iustina und ihr Sohn sich selbst ihre eigen Unbesonnenheit und Maximus seine Bösartigkeit vorwerfen können; indessen fehlte ihnen die Zeit, die Macht und die Entschlossenheit, den Galliern und Germanen Widerstand zu leisten, sei es nun im Felde oder innerhalb der Mauern einer unbotmäßigen Stadt. Flucht blieb ihre letzte Hoffnung, Aquileia ihre einzige Zuflucht; und da Maximus erst jetzt seinen wahren Charakter enthüllte, durfte der Bruder des Gratian das gleiche Schicksal aus der Hand desselben Mörders erwarten. Maximus betrat Mailand im Triumph; und wenn sich der Bischof in seiner Weisheit nicht auf eine heikle und sogar verbrecherische Verbindung mit dem Thronräuber herbeiließ, so steuerte er doch indirekt zum Erfolg seiner Waffen bei, indem er von der Kanzel an die Pflicht zur Übergabe erinnerte und weniger an das Widerstandsrecht Baronius (A.D. 387, Nr. 63) verlegt einige bischöfliche Bußpredigten in diese Zeit der allgemeinen Not. . Die glückverlassene Iustina erreichte Aquileia unversehrt, aber sie misstraute der Stärke der Befestigungsanlagen; sie fürchtete sich vor einer Belagerung; und so beschloss sie, den Schutz des großen Theodosius zu erflehen, dessen Macht und Tugend die Länder des Westens überglänzten. So wurde heimlich ein Schiff ausgerüstet, um die kaiserliche Familie fort zu bringen; überstürzt gingen sie in einem der winzigen Häfen Venetiens oder Istriens an Bord; segelten durch das ganze Adriatische und Ionische Meer; passierten die äußersten Vorgebirge der Peloponnes; und gingen endlich nach langer, aber glücklicher Reise in Thessaloniki von Bord. Valentinians Untertanen gaben die Sache ihres Herrschers verloren, da er sie durch seine Abdankung von allen Untertanen- und Loyalitätspflichten entbunden hatte; und hätte nicht andererseits die kleine Stadt Aemona am äußersten Rande Italiens sich erdreistet, seinem unrühmlichen Siegeslauf entgegen zu treten, dann hätte Maximus ohne einen Schwertstreich die ganze westliche Reichshälfte in seinen Besitz gebracht.   THEODOSIUS ERGREIFT PARTEI FÜR VALENTINIAN 387 Anstelle nun seine königlichen Gäste nach Konstantinopel einzuladen, bestimmte Theodosius aus unbekannten Gründen Thessaloniki zu ihrem Aufenthalt; aber die Gründe entsprangen nicht der Verachtung oder der Gleichgültigkeit, denn schon bald besuchte er die Stadt zusammen mit dem größte Teil seines Hofes und des Senates. Nach den ersten zärtlichen Freundschaftsbekundungen erinnerte der fromme Herrscher des Ostens Iustina daran, dass die Sünde der Ketzerei zuweilen in dieser Welt bestraft würde wie in der nächsten; und dass das öffentliche Bekenntnis zum Nikäischen Glauben das wirkungsvollste Mittel sein müsse, ihren Sohn erneut in seine Gerechtsame einzusetzen, würden hierdurch doch Himmel und Erde gleichermaßen zufrieden gestellt. Die aktuelle Frage nach Krieg oder Frieden überließ Theodosius bereitwillig dem Kronrat; und die Argumente, auf die sich Begriffe der Ehre und Gerechtigkeit stützen mochten, hatten seit dem Tode des Gratian beträchtlich an Gewicht gewonnen. Die Verfolgung der kaiserlichen Familie, der Theodosius durchaus zu Dank verpflichtet war, wurde durch wiederholtes Unrecht zusätzlich verschärft. Weder Eide noch Verträge seien imstande, den ausufernden Ehrgeiz des Maximus zu dämpfen; und jedes weiter Hinauszögern entschiedener Abwehrmaßnahmen verlängere nicht etwa die Segnungen des Friedens, sondern setze das Land der Gefahr einer feindlichen Invasion aus. Die Barbaren, die die Donau überschritten hätten, seien zwar unlängst in die Stellung von Untertanen eingetreten, aber ihre angeborene Wildheit sei nach wie vor nicht eingefriedet; und die Kriegshandlungen, die ihre Stärke üben und ihre Zahl vermindern würden, mochten wohl auch die Provinzen von einer unerträglichen Last befreien. Dieser einleuchtenden und handfesten Gründe ungeachtet, für die sich auch die Mehrheit seiner Ratgeber stark machte, trug Theodosius Bedenken, das Schwert in einer Auseinandersetzung zu ziehen, welche längst nicht mehr auf dem Verhandlungswege beigelegt werden konnte; auch die Sorge, die er für seine unmündigen Söhne und das Wohlergehen seines erschöpften Volkes empfand, schienen ihm unverächtlich. In diesem Augenblick des ängstlichen Schwankens, als dass Schicksal der römischen Welt von der Entschlossenheit eines einzigen Mannes abhing, ergriff die Anmut der Prinzessin Galla nachdrücklich Partei für die Sache ihres Bruders Valentinian Die Flucht Valentinians und die Liebe des Theodosius zu seiner Schwester werden von Zosimos erzählt (4,43). Tillemont unternimmt ein paar schwächliche und zweifelhafte Versuche, die zweite Hochzeit des Theodosius vorzuverlegen (Histoire des empereurs, Band 5, p. 740), und weist folgerichtig zurück »ces contes de Zosime, qui seroient trop contraires à la piété de Théodose« (diese Erzählungen von Zosimos, die zu der Frömmigkeit des Theodosius allzu sehr im Gegensatz stehen). . Die Tränen der Schönheit waren geeignet, das Herz des Theodosius zu erweichen; der Charme ihrer Jugend und Unschuld blieb nicht ohne Wirkung auf ihn; kunstfertig lenkte Iustinas die aufkeimende Leidenschaft in die richtige Richtung; und so wurde die Königshochzeit zugleich das Signal für den Bürgerkrieg. Die pedantischen Schulmeister, für die jede Liebes-Schwäche ein unauslöschlicher Schandfleck in der Biographie eines großen und dazu noch rechtgläubigen Herrschers ist, sind in diesem Falle geneigt, die eindeutigen Beweise des Zosimos anzuzweifeln. Ich für meinen Teil will offen bekennen, dass ich nicht anstehe, bei den Umwälzungen der Geschichte immer auch die milden und zärtlichen Einflüsse des privaten Lebens zu finden, ja nach ihnen zu suchen; und so kann ich denn zu meiner großen Genugtuung inmitten eines ungeordneten Haufens ehrgeiziger Eroberer auch einen ritterlichen Held ausmachen, der seine Waffen aus der Hand der Liebe empfangen hatte. Die Allianz zum Perserkönig wurde durch bindende Verträge gefestigt; die kriegerischen Barbaren wurden beredet, sich der Fahne des freigebigen Monarchen anzuschließen oder doch zumindest die Grenzen seines Landes zu respektieren; und so war denn das Reich des Theodosius vom Euphrat bis zur Adria erfüllt vom Lärm der verschiedensten Zurüstungen für den Krieg zu Lande und zu Wasser. Bereits die umfangreichen Truppensammlungen des Ostens schienen ihre Zahl zu vergrößern und zugleich die Aufmerksamkeit des Maximus abzulenken. Er hatte gute Gründe zu der Befürchtung, dass ein ausgewähltes Truppendetachement unter dem Kommando des unerschrockenen Arbogastes auf die Donau losmarschieren und durch die rätischen Republiken bis in das Herz Galliens vorstoßen könnte. In den Häfen Griechenlands und des Epirus wurde eine mächtige Flotte ausgerüstet, deren Aufgabe sichtbar darin bestand, Valentinian und seine Mutter direkt im Anschluss an einen Seesieg durch die dann geöffneten Passagen nach Italien zu bringen, wo sie unverzüglich nach Rom weiterziehen sollten, um den Thron der Religion und des Reiches einzunehmen. In der Zwischenzeit marschierte Theodosius an der Spitze einer braven und disziplinierten Kriegsschar, um seinen unwürdigen Rivalen zu stellen, der nach der Belagerung von Aemona in der Nähe von Siscia ein Lager aufgeschlagen hatte, welche pannonische Stadt durch die breite und reißende Save gesichert war.   NIEDERLAGE UND TOD DES MAXIMUS · JUNI -- AUGUST A.D. 388 Die Veteranen, die sich an den zähen und hinhaltenden Widerstand des Tyrannen Magnentius erinnern mochten, bereiteten sich auf drei mühselige und blutige Feldzüge vor. Aber der Kampf mit seinem Nachfolger, der, genau wie sein Vorgänger, den Thron des Westens geraubt hatte, war leicht, innerhalb von nur zwei Monaten Siehe Gothofreds Chronologia legum, im Codex Theodosianus Band 1, p. CXIX. und in einem Umkreis von zweihundert Meilen ausgefochten; sicherlich war Theodosius' überlegener Geist dem furchtsamen Maximinus weit überlegen; denn dieser legte in diesem wichtigen Konflikt weder Proben von militärischer Begabung noch von persönlicher Tapferkeit ab; zusätzlich kam dem Kaiser des Ostens seine starke und bewegliche Kavallerie zu gute. Die Hunnen, Alanen und, nach ihrem Vorbild, die Goten; bildeten Schwadrone berittener Bogenschützen. Da sie zu Pferde kämpften, verwirrten sie mit ihrer Kriegsführung nach der Tartarenart die Linieninfanterie der Germanen. Nach einem ermüdenden, langen Marsch spornten sie ihre schweißnassen, schäumenden Pferde in die Save, überquerten den Fluss in Gegenwart des Feindes, griffen an und trieben die Truppen, die das Steilufer zu bewachen hatten, zu Paaren. Marcellinus, der Bruder des Tyrannen, eilte ihnen zur Hilfe mit einer Elitekohorte, welche den eigentlichen Truppenkern bildete. Das Gefecht wurde infolge der einbrechenden Dunkelheit abgebrochen und am nächsten Morgen erneuert; und nach hartem Kampf ergaben die tapfersten von Maximus' Soldaten, indem sie dem Sieger ihre Waffen zu Füßen warfen. Ohne seinen Vormarsch durch die Entgegennahme der Loyalitätsbezeigungen von Aemonas Bürgern zu verzögern, eilte Theodosius weiter, den Krieg durch Gefangennahme oder Tod seines Gegners zu beenden, welcher, von Furcht beraten, sein Heil in der Flucht suchte. Vom Scheitelpunkt der Iulischen Alpen stieg er mit einer solch unglaublichen Geschwindigkeit in das italienische Flachland hernieder, dass er bereits am Abend des ersten Tages Aquileia erreichte; und Maximus, der sich von allen Seiten eingekreist sah, hatte kaum Zeit, die Stadttore hinter sich zu schließen. Aber die Stadttore konnten dem Anrennen eines siegreichen Gegners nur für kurze Zeit widerstehen; und die Verzweiflung, die Abneigung und die Gleichgültigkeit der Soldaten und des Volkes beschleunigten den Untergang des besiegten Maximus. Er ward vom Throne gestoßen, man riss ihm grob seine kaiserlichen Insignien vom Leibe, die Robe, das Diadem und die Purpurpantoffeln; und brachte ihn wie einen Bösewicht in das Lager und die Gegenwart des Theodosius, etwa drei Meilen außerhalb von Aquileia. Der Kaiser zeigte keine Neigung zur übergroßen Strenge, vielmehr schien er zu Mitgefühl und Vergebung aufgelegt, denn der Tyrann des Westens war niemals sein persönlicher Feind gewesen, und jetzt erübrigte er für ihn eigentlich nur noch Verachtung. Unser Mitleiden wird ja am stärksten durch das Missgeschick erregt, welches wir aus eigener Anschauung kennen; und der Anblick eines hochfahrenden Gegners, der nunmehr zu seinen Füßen hingestreckt lag, verfehlte nicht, in dem Gemüt des Siegers eine sehr ernsthafte und nachdenklich Stimmung hervorzurufen. Aber die zunächst noch schwache Regung von Mitleid wurde erstickt durch den Gedanken an die Gerechtigkeit und die Erinnerung an Gratian; und so überlieferte er das Opfer dem frommen Eifer der Soldaten, welche ihn aus der Gegenwart des Kaisers entfernten und ihm alsbald den Kopf vom Leibe trennten. Die Zeitung seines Unterganges wurde mit aufrichtiger oder gut verhehlter Freude aufgenommen: sein Sohn Victor, dem er bereits den Augustustitel übertragen hatte, starb auf Befehl des kühnen Arbogastes, vielleicht sogar von dessen eigener Hand; und so wurden alle militärischen Vorhaben des Theodosius zu einem erfolgreichen Ende gebracht. Nachdem er den Bürgerkrieg mit weniger Schwierigkeiten und Blutvergießen beendet hatte, als er füglich hätte erwarten dürfen, verbrachte er den Winter in Mailands Residenz, um der niederliegenden Provinz aufzuhelfen; und im zeitigen Frühjahr zog er nach dem Vorbild des Constantin und Constantius im Triumph in die alte Hauptstadt des römischen Reiches ein Neben den Andeutungen, die sich Chroniken und Kirchengeschichten gewinnen lassen, liefern Zosimus (4,44 -- 47), Orosius (7,35), und Pacatus (Panegyrici 12,30 -- 47) zerstreute und spärliche Nachrichten zu diesem Bürgerkrieg. Ambrosius (Epistulae 40) macht schwerverständliche Anspielungen zu dem wohlbekannten Überfall auf ein Magazin, einem Gefecht bei Petovio, einem Sieg auf Sizilien -- vielleicht einem Seesieg -- u.a. Ausonius (p. 236) rühmt das Verdienst und besondere Glück von Aquileia. .   DIE TUGENDEN DES THEODOSIUS Der Redner, welcher ohne Risiko schweigen darf, darf auch ohne Bedenken und Widerstreben Lob aussprechen »Quam promptum laudare principem, tam tutum siluisse de principe« (Pacatus, Panegyrici 12,2). Latimus Pacatus Drepanius aus Gallien hielt diese Rede A.D. 388 in Rom. Hinterher wurde er Proconsul von Afrika; und sein Freund Ausonius rühmt in ihm einen Poeten, der nur hinter Vergil zurückstehen müsse. ; und die Nachwelt wird wohl anerkennen, dass Theodosius das Objekt für einen aufrichtigen und weitläufigen Panegyrikos abgeben durfte Siehe das treffliche Portrait des Theodosius beim jüngeren Victor; die Züge sind deutlich und die Farben wohl gemischt. Das Lob des Pacatus ist zu schwankend; und Claudian scheint allemal besorgt, er könne den Vater über den Sohn erheben. . Die Weisheit seiner Gesetzgebung und der Erfolg seiner Waffen machten seine Regierung achtbar in den Augen seiner Freunde und seiner Gegner. Er liebte und übte eine gepflegte Häuslichkeit, die sich nur selten in Königspalästen abspielte. Theodosius lebte in Züchten und Maß; er war den Tafelfreuden nicht abgeneigt, ohne aber jemals zu übertreiben; und seine Leidenschaft zielte immer nur auf das rechtmäßige Objekt. Die stolzen Titel kaiserlicher Größe wurden noch mit den zärtlichen Namen eines treuen Gatten und zärtlichen Vaters verschönert; seinen Onkel erhob er infolge seiner tiefen Zuneigung fast zu seinem zweiten Vater; die Kinder seines Bruders und seiner Schwester galten ihm wie seine eigenen; und sich noch die entlegensten Mitglieder seiner weitläufigen Verwandtschaft durften sich seiner Wertschätzung erfreuen. Seine vertrauteren Freunde suchte er sich mit Sorgfalt unter denen aus, die er im gleichberechtigten privaten Verkehr ohne Maske gesehen hatte; weil er persönliche und andere Verdienste wahrzunehmen imstande war, konnte er die zufälligen, durch den Purpur verursachten Rangunterschiede vernachlässigen; und durch sein Verhalten bewies er, dass er jedes Unrecht vergessen, aber alle Dienste in dankbarer Erinnerung bewahrt hatte, die er vor dem Besteigen des römischen Thrones erfahren hatte. Sein besonnener oder auch lebhafter Umgangston war dem Alter, der Stellung oder dem Charakter desjenigen Untertanen angepasst, den er vor sich ließ; so wurde seine Umgänglichkeit zum Spiegel seiner Seele. Theodosius versagte der Gradsinnigkeit der Guten und Tugendhaften nicht seine Achtung; jede Kunstfertigkeit, jede Begabung, wenn sie nur nutzbringend war, empfing aus seiner Hand reichlich Lohn; und mit Ausnahme der Ketzer, denen er mit fundamentalistischem Hass nachstellte, umschloss sein Wohlwollen alles, was an der Menschheit teil hatte. Die Regierung eines so mächtigen Reiches mag hinreichen, die Zeit und die Kräfte eines einzelnen Sterblichen zu verzehren; aber der lernbegierige Herrscher sparte von seinen Mußestunden immer ein paar für die Lektüre belehrender Schriften auf, ohne dabei unangemessene Höhen der Gelehrsamkeit zu erklimmen. Sein bevorzugtes Studiengebiet war die Geschichte. Die elfhundertjährigen Annalen Roms breiteten vor ihm die Fülle des Menschenlebens aus; und es wurde besonders vermerkt, dass er, wenn er etwa die Verbrechen eines Cinna, Marius oder Sulla mit Genauigkeit studierte, er seine Abneigung gegen diese Feinde der Menschheit besonders nachdrücklich zum Ausdruck brachte. Seine ausgewogene Meinung über verflossene Ereignisse wurde zugleich zum Leitfaden seiner eigenen Handlungen; so verdiente sich Theodosius das einmalige Lob, dass in dem Maße, wie sein Glück wuchs, auch seine Tugenden sich vergrößerten; als es ihm besonders wohl erging, legte er besondere Bescheidenheit an den Tag; seine Milde zeigte sich am deutlichsten nach den Gefahren und dem Sieg im Bürgerkrieg. Im ersten Rausch des Sieges waren die maurischen Garden des Tyrannen niedergemacht worden; und einige wenige dieser schädlichen Kriminellen hatten die Härte des Gesetzes gespürt. Aber dem Kaiser war viel mehr daran gelegen, den Unschuldigen beizustehen als die Schuldigen zu bestrafen. Die ausgeplünderten Untertanen des Westens, die sich schon glücklich geschätzt hätten, wenn sie ihr Land zurück erhalten hätten, waren erstaunt über einen Geldbetrag, der ihren Einbußen entsprach; und sogar der betagten Mutter und den verwaisten Töchtern des Maximus Ambrosius, Epistulae 40. Pacatus lässt aus Mangel an Kenntnis oder Mut diesen rühmlichen Umstand aus. stand die Liberalität des Herrschers zur Seite. Ein derartig geformter Charakter konnte sogar die überspitzten Schmeicheleien des Redner Pacatus rechtfertigen, dass der ältere Brutus, dürfte dieser bekennende Republikaner zur Erde zurückkehren, zu Füßen des Theodosius seinem Hass auf alle Könige abgeschworen hätte; und zugleich mit Nachdruck bekräftigt hätte, dass ein solcher Monarch der zuverlässigste Garant für das Glück der römischen Bürger sei Pacatus, Panegyrici 12,20. .   SCHWÄCHEN DES THEODOSIUS Indessen hätte der scharfe Blick des Begründers der Republik zwei schwerwiegende Schwächen entdecken müssen, welche seiner jüngst erwachten Sympathie für Alleinherrscher Eintrag getan hätte. Der tugendreiche Theodosius übte sich nämlich des Öfteren in Trägheit Zosimos' (4,50) parteiisches Zeugnis enthält ein Körnchen Rechtlichkeit und Wahrheit. Er rechnet diese Abwechslung von Trägheit und Überaktivität nämlich nicht unter die Fehler, sondern unter die Besonderheiten in Theodosius' Charakter. , und zuweilen suchte ihn Leidenschaft heim Dieses cholerische Temperament wird von Viktor durchaus gesehen und entschuldigt (Epitome 48): »Sed habes«, so Ambrosius mit ruhigem Manneswort zu seinem Herren » naturae impetum, quem si quis lenire velit, cito vertes ad misericordiam: si quis stimulet, in magis exsuscitas, ut eum revocare vix possis.« (Doch hast du einen impulsiven Charakter; wenn jemand ihn dämpfen will, dann zeigt er schon bald Mitgefühl; wenn ihn jedoch jemand aufreizt, dann wirst du ihn noch mehr aufpeitschen, sodass du ihn kaum wieder zurückrufen kannst). (Epistulae 51). Theodosius mahnt seinen Sohn, seinem Zorne zu gebieten. . Verfolgte er ein wichtiges Ziel, dann war er zu den äußersten Energieleistungen fähig; war aber der Zweck erreicht oder die Gefahr überwunden, sank der Held zurück in ruhmlose Dumpfheit; er vergaß, dass die Zeit eines Herrschers das Eigentum seines Volkes ist und überließ sich den unschuldigen, aber trivialen Freuden des höfischen Luxus. Von Natur aus war Theodosius rasch von Entschlüssen und cholerisch; und in einer Situation, in der niemand den fatalen Folgen seines Grolls zu entgehen konnte und kaum einer sie zu steuern wagte, beunruhigte den menschenfreundlichen Herrscher doch das Bewusstsein seiner Schwäche und seiner gleichzeitigen Machtfülle. So war er denn lebenslang darum bemüht, die ungeordnete Eruptionen von Leidenschaft zu unterdrücken oder wenigsten zu steuern; und der Erfolg seiner Bemühungen machte seine Milde noch verdienstvoller. Allerdings ist die Tugend, welche sich angestrengt um Erfolg bemüht, auch immer der Möglichkeit einer Niederlage ausgesetzt; und so wurde die Regierung dieses weisen und gnadenreichen Herrschers durch einen Gewaltakt verdunkelt, der selbst noch in den Annalen Neros oder Domitians einen Schandfleck abgegeben hätte. Es muss der Biograph des Theodosius vom großherzigen Pardon für die Bürger Antiochias und von dem unmenschlichen Massaker an den Einwohnern von Thessaloniki erzählen und davon, dass sich dieses innerhalb von nur drei Jahren zugetragen hat.   DER AUFSTAND VON ANTIOCHIA · A.D. 387 Die lebhafte Ungeduld der Einwohner von Antiochia hatte sich niemals mit ihrer Lage oder dem Verhalten der jeweiligen Herrscher abfinden können. Theodosius' arianische Untertanen beklagten den Verlust ihrer Kirchen; und als drei rivalisierende Bischöfe um den Thron von Antiochia haderten, erregte der Schiedsspruch lediglich das Murren zweier erfolgloser Kongregationen. Die Kosten des Gotenkrieges und die unvermeidlichen Mehrausgaben, die sich nach dem Friedensschluss einstellten, hatte den Herrscher bestimmt, die öffentlichen Abgaben zu erhöhen; und da die Provinzen Asiens an diesen Kalamitäten keinen Teil gehabt hatten, waren sie auch nicht gemeint, etwas zu ihrer Linderung beizusteuern. Es nahte sich der feierliche Augenblick seines zehnjährigen Regierungsjubiläums; eines Festes allerdings, das wegen der umfänglichen Donative mehr zur Freude der Soldaten ausfiel als zu der der Bürger, deren \>freiwillige Schenkungen\< schon längst den Charakter einer außerordentlichen und drückenden Steuer angenommen hatte. Die Ankündigung der Steuererhebung unterbrach die Freuden- und Feiertage in Antiochia; und die Amtsgebäude wurden von flehenden Massen belagert, welche in dramatischer, aber unterwürfiger Sprache um die Abstellung des Übelstandes baten. Allmählich jedoch begannen sie sich an der Arroganz ihres Magistrates zu ärgern, welche schon das Vortragen von Beschwerden als einen kriminellen Akt denunzierten; ihre satirische Spottlust wurde allmählich zu bissiger Invektive; und nachdem sie sich zunächst die untergeordneten Beamten zur Zielscheibe ihres Hohnes ausgewählt hatten, attackierten sie bald schon die geheiligte Person ihrer kaiserlichen Majestät. Ihr Zorn, den eine schwächliche Gegenwehr nur noch umso mehr anstachelte, verging sich sogar an den Standbildern der kaiserlichen Familie, welche als ein Objekt der öffentlichen Verehrung an prominenter Stelle in der Stadt aufgestellt waren. Die Statuen des Theodosius, seines Vaters, seiner Frau Flacilla, seiner beiden Söhne Arcadius und Honorius wurden roh von ihren Postamenten herabgestürzt, zerbrochen und mit Hohn durch die Straßen gezerrt; und das Empörende, das man den bildhaften Stellvertretern kaiserlicher Größe antat, verriet die unfrommen, ja hochverräterischen Gedanken des Volkes mit hinreichender Deutlichkeit. Der Tumult kam fast augenblicklich zum Erliegen, als eine Abteilung von Bogenschützen eintraf; und Antiochia hatte Muße, über die Art und die Folgen ihres Vergehens nachzusinnen Christen und Heiden waren sich darin einig, dass der Aufstand in Antiochia durch Dämonen veranlasst worden sei. Ein riesenhaftes Weib (sagt Sozomenes 7,23) mit einer Geißel in der Hand sei durch die Straßen paradiert. Ein alter Mann (sagt Libanios, Orationes 12) habe sich in einen Jungen und dann in einen Knaben verwandelt, \&c. . Da es zu seinen Pflichten gehörte, verfasste der Provinzgouverneur einen wahrheitsgemäßen Bericht über alle Vorkommnisse, während die Einwohner der Stadt der Fürsorge ihres Bischofs Flavianus und der Eloquenz des Senators Hilarius bebend das Geständnis ihren Übeltaten und heftige Besserungsgelöbnisse anvertrauten; letzterer war Freund und höchstwahrscheinlich ein Schüler des Libanius, dessen Genie sich bei dieser trübseligen Gelegenheit als nutzbringend für sein Land erwies Zosimos (4,41) liegt vermutlich falsch, wenn er in seinem knappen und unredlichen Bericht Libanius selbst nach Konstantinopel schickt. Er selbst war, wie seinen Reden zu entnehmen ist, in Antiochia geblieben. . Nun lagen aber zwischen den beiden Hauptstädten Konstantinopel und Antiochia achthundert Meilen; und wenn auch die kaiserliche Post zuverlässig arbeitete, so wurde die schuldige Stadt durch das lange und quälende Warten nachdrücklich bestraft. Jedes Gerücht erzeugte Hoffnungen und Ängste, und mit Entsetzen hörten sie, dass ihr Kaiser, aufgebracht durch die Beschädigungen seiner beiden Statuen und, noch schlimmer, der seines geliebten Weibes, beschlossen habe, die kecke Stadt vom Erdboden zu tilgen; und ihre verworfenen Einwohner ohne Ansehen von Alter oder Geschlecht massakrieren zu lassen Libanius (Orationes 1, p. 6) erklärt, dass -- unter einem solchen Herrscher -- die Angst vor einem Massaker völlig unbegründet war, zumal bei Abwesenheit des Souvereigns; seine Anwesenheit allerdings hätte, so dieser beredte Knecht, die Rechtfertigung zu den blutigsten Maßnahmen geliefert. ; so dass ihrer Viele tatsächlich in den Bergen Syriens oder der benachbarten Wüste Zuflucht suchten.   ANKUNFT KAISERLICHER RICHTER · VERURTEILUNG DER STADT 22. MÄRZ 387 Endlich, nach vierundzwanzig Tagen, verkündeten die Generäle Hellebicus und Caesarius, beide ihres Zeichens Hofmeister, des Kaisers Beschluss und Befinden. Das stolze Antiochia verlor den Rang einer Stadt; und die Metropole des Ostens, seines Umlandes, seiner Vorrechte und seiner Einkünfte beraubt, wurde unter der demütigenden Bezeichnung eines Dorfes der Gerichtsbarkeit von Laodicaea unterstellt Laodicea, an der Küste, fünfundsechzig Meilen von Antiochia entfernt (Siehe Noris, Epochae Syro-Macedonum, Abhandlung III, p. 230). Die Antiocher empörte besonders, dass die nachgeordnete Stadt Seleucia sich für sie ins Mittel zu legen unterfing. . Bäder, Circus und Theater wurden geschlossen; und damit alle Quellen der Freude und des Überflusses zugleich verstopft würden, wurde auf Theodosius' strenges Geheiß auch die kostenlose Verteilung von Getreide eingestellt. Danach begann die offizielle Suche nach den Schuldigen; nach denen, die die geheiligten Statuen zerstört und nach denen, welchen tatenlos diesem Unfug zugeschaut hatten. Das Tribunal des Hellebicus und Caesarius wurde, von Reisigen geschützt, mitten auf dem Forum aufgeschlagen. Die angesehensten und reichsten Bürger Antiochia erschienen vor ihm in Banden; die Befragung wurde durch die Folter verschärft, und entsprechend dem Befinden der beiden außerordentlichen Richter wurden sie freigesprochen oder verurteilt. Die Häuser der Schuldigen wurden zum Verkauf freigegeben, ihre Weiber und Kinder fielen von einem Augenblick zum anderen aus Luxus und Überfluss in bitterste Not; und zum Ausklang dieses Schreckenstages Da der Zeitpunkt des Aufruhrs von den beweglichen Osterfeiertagen abhängt, können sie nur nach vorheriger Festlegung des Jahres bestimmt werden. Tillemont (Histoire des empereurs, Band 5, p. 741 -- 744) und Montfaucon (Chrysostomos, Opera, Band 13, p. 105 -- 110) geben nach langwierigen Untersuchungen dem Jahr 387 den Vorzug. , der dem wortgewaltigen Chrysostomos als Anschauungsunterricht für das letzte Strafgericht der Welt diente, erwartete man noch mehrere blutige Hinrichtungen. Aber Theodosius' Beauftragte unterzogen sich ihrem grausamen Auftrag nur sehr widerwillig; sie vergossen sogar Tränen des Mitleids mit der notleidenden Bevölkerung; und mit Andacht lauschten sie den dringenden Vorstellungen der Mönche und Einsiedler, die in Scharen von den Bergen herabgestiegen waren Chrysostomos stellt ihren Mut, der nur mit geringem Risiko verbunden war, der feigen Flucht der Kyniker gegenüber. . So ließen sich Hellebicus und Caesarius überreden, die Urteilsvollstreckung auszusetzen; und man kam überein, dass der Erstere in Antiochia bleiben sollte, während der Zweite so schnell wie möglich nach Konstantinopel zurück eilen sollten, neuerlich den Willen des Herrschers zu erkunden.   THEODOSIUS' NACHSICHT Der Zorn des Theodosius war mittlerweile verraucht; die Abgesandten des Volkes, der Bischof und der Redner, hatten günstiges Gehör gefunden; und die Vorwürfe des Kaisers betrafen jetzt nur noch seine von ihnen enttäuschte Freundschaft, nicht aber seinen verletzten Stolz und seine beleidigte Majestät. So wurde also der Stadt Antiochia und ihren Bürgern allgemeiner Pardon gewährt; die Gefängnistore wurden aufgetan; die Senatoren, die schon am Leben verzweifelt hatten, gelangten neuerlich in den Besitz ihrer Häuser und Grundstücke; und die Stadt selbst erblühte wieder in ihrem ursprünglichen Glanze. Theodosius stand nicht an, den Senat von Konstantinopel zu rühmen, der ganz uneigennützig für seine bedrängten Brüder eingetreten war; die Überzeugungsarbeit des Hilarius wurde mit der Statthalterschaft über Palestina belohnt; und den Bischof von Antiochia entließ er mit Bezeigungen allerhöchster Huld und Gnade. Tausend neue Statuen zu Ehren der Mildtätigkeit des Theodosius erstanden; der Beifall seiner Untertanen fand auch die Billigung seines eigenen Herzens; denn es bekannte der Herrscher, dass, wenn die Ausübung von Gerechtigkeit die höchste Pflicht des Herrschers sei, die Gewährung von Gnade ihm die köstlichste Freude gewähre Der Aufruhr von Antiochia wird von zwei Rednern in lebhafter, fast schon dramatischer Weise erzählt, von denen beide ihren je und je eigenen Anteil an Interesse und Verdienst hatten. Hierzu sehe man Libanios (Orationes 12 und 13 und Orationes 1) und die zwanzig Reden des Heiligen Johannes Chrysostomos, De statuis (Opera, Band 2, p.1 -- 225). Ich behaupte nicht, ein genauer Kenner der Schriften des Chrysostomos zu sein; aber Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p. 263 -- 283, und Hermant, Vie de St. Chrysostome, Band 1, p.137 -- 224, haben ihn mit frommer Neugierde und Sorgfalt studiert. .   DAS MASSAKER VON THESSALONIKE A.D. 390 Die Ursache für die Unruhen in Thessaloniki waren weitaus peinlicher und ihre Folgen entsetzlicher. Diese große Stadt, Metropole der illyrischen Provinzen, war infolge einer starken Befestigung und einer großen Garnison vor den Fährnissen des Gotenkrieges bewahrt worden. Botherik, der General dieser Truppen und, wie aus seinem Namen ersichtlich, ein Barbar, hatte unter seinen Sklaven einen hübschen Knaben, welcher die unreinlichen Gelüste eines Wagenlenkers vom Zirkus erregte. Botherich ließ den dreisten und ungehobelten Liebhaber ins Gefängnis werfen; mit Strenge wies er das zudringliche Lärmen der Massen zurück, die am Tage des Rennens über das Fehlen ihres Helden murrte, weil ihnen die Fähigkeiten eines Wagenlenkers wichtiger schienen als seine bürgerlichen Tugenden. Die Erregung des Volkes war durch ein paar vorangegangene Kontroversen bereits angeheizt; und da die Mannschaftsstärke der Garnison durch Abkommandierungen zu einem Einsatz in Italien verringert war, konnte der klägliche Rest, durch Desertationen zusätzlich dezimiert, den unglücklichen General nicht vor der allgemeinen Volkswut schützen. Botherik und einige seiner leitenden Offiziere wurden bestialisch ermordet; ihre verstümmelten Körper durch die Straßen gezerrt; und der Kaiser, der damals in Mailand residierte, erhielt überraschende Nachricht von der unglaublichen Dreistigkeit des Volkes von Thessaloniki. Die Urteilssprüche eines unparteiischen Richters hätten für die Urheber des Konfliktes verhängnisvoll werden können; und vielleicht haben auch noch die Verdienste des Botherik den Kummer seines Herren vergrößert. Jedenfalls war das hitzige und cholerische Temperament des Theodosius nicht gemeint, sich mit formaljuristischen Weitläufigkeiten aufzuhalten; so kam er zu dem raschen Entschluss, dass das Blut seines Generals nur mit dem Blut des schuldigen Volkes abgewaschen werden könne. Zwar schwankte er noch eine Zeitlang zwischen Milde und Rachegefühlen hin und her; fast hatten die Bischöfe ihm durch ihr Zureden einen allgemeinen Pardon abgerungen; die kriecherischen Einflüsterungen seines Ministers Rufinus indessen entflammten seinen Zorn aufs neue; und nachdem Theodosius den Todesbefehl abgeschickt hatte, versuchte er, als es bereits zu spät war, ihn zu widerrufen. Die Bestrafung einer römischen Stadt wurde einer Horde Barbaren in die Hand gegeben, welche Unterschiede nicht machten; und die notwendigen Vorbereitungen wurden mit der verschwiegenen Kunstfertigkeit einer Verschwörung getroffen. Das Volk von Thessaloniki wurde im Namen ihres Kaisers heimtückisch zu Zirkusspielen eingeladen; und so sehr verlangte sie nach dieser Unterhaltung, dass unter den Zahllosen keine Besorgnis und kein Arg aufkommen wollten. Sobald die Arena gefüllt war, erhielten die Soldaten, die vorher heimlich um den Zirkus aufgestellt worden waren, das Signal nicht etwa zu Spielen, sondern zu einem allgemeinen Massaker. Diese wahllose Gemetzel dauerte drei Stunden, und ein Unterschied zwischen Einheimischen und Ausländern, Alter oder Geschlecht, schuldig oder unschuldig wurde nicht gemacht; die zurückhaltendste Schätzung beläuft sich auf siebentausend Tote; und einige Autoren sagen sogar, das fünfzehntausend den Manen des Botherik geopfert wurden. Ein ausländischer Kaufmann, der an dem Mord ganz gewiss keinen Anteil hatte, wollte sein Leben und sein ganzes Vermögen opfern, um nur einen seiner beiden Söhne zu retten; aber während der Vater noch zögerte, während er unfähig und unwillig war, einen der beiden zu verdammen, beendeten die Soldaten sein Schwanken, indem sie beide unschuldigen Kinder zu gleicher Zeit erstachen. Die Entschuldigung der Mörder, sie hätten nur die angeordnete Zahl von Toten nachweisen wollen, macht das Entsetzen nur noch größer, weil hierin ein Plan und eine Absicht des Theodosius erkennbar wird. Die Schuld des Kaisers wird noch durch seine langen und häufigen Aufenthalte zu Thessaloniki vergrößert. Die Anlage der glückverlassenen Stadt, ihre Straßen und Gebäude, das Aussehen und die Kleidung ihrer Bewohner, das alles war ihm vertraut und stand ihm vor Augen: Theodosius besaß ein eine lebendige Vorstellung von den Menschen, die er ermorden ließ Die unmittelbare Zeugenschaft von Ambrosius (Epistulae 51), Augustinus (De civitate Dei, 5,26), und Paulinus (Vita Ambrosii 24) ist in unbestimmten Ausdrücken des Entsetzens und Mitleids auf uns gekommen. Sie wird präzisiert durch die späteren und ungleichwertigen Zeugnisse von Sozomenos (7,25), Theodoretos (5,17), Theophanes (Chronographia p. 62), Kedrenos (p. 317) und Zonaras (13,18). Allein Zosimos, der parteiische Gegner des Theodosius, übergeht unbegreiflicherweise diese schlimmste seiner Untaten. .   EINFLUSS UND MASSNAHMEN DES AMBROSIUS A.D. 388 Der bewundernde Respekt des Kaisers für den orthodoxen Klerus hatte in ihm besondere Zuneigung und Ehrfurcht für Ambrosius aufgerufen, fanden sich doch in ihm alle bischöflichen Tugenden exemplarisch vereinigt. Die Freunde und Minister des Theodosius standen nicht an, dem Vorbild ihres Meister nachzueifern; auch konnte er mit mehr Überraschung als Befremden feststellen, dass selbst seine geheimsten Beschlüsse auf kurzem Wege an das Ohr des Erzbischofs gelangten; welcher nach der löblichen Devise verfuhr, dass jedes Tun der weltlichen Obrigkeit auch irgendwie in Beziehung zum Ruhme Gottes stehe und im Interesse der wahren Religion erfolge. So hatten sich etwa die Mönche und die Bevölkerung von Callinicum, einem vergessenem Nest an der persischen Grenze, durch ihren und ihres Bischofs heiligen Glaubenseifer aufhetzen lassen und eine Versammlungsstätte der Valentinianer sowie eine jüdische Synagoge in Brand gesteckt. Der aufsässige Prälat wurde von der Provinzialverwaltung dazu verurteilt, die Synagoge wieder aufzubauen oder wenigstens den Schaden zu bezahlen, und auch der Kaiser war mit diesem sehr maßvollen Urteilspruch einverstanden. Nicht einverstanden indessen war der Bischof von Mailand Zum Vorgang insgesamt siehe Ambrosius, Epistulae 40 und 41 und seinen Biographen Paulinus 23. Bayle und Barbeyrac haben den Erzbischof zu Recht verurteilt. . Er verfasste eine Tadels- und Zornepistel, die vielleicht angemessen gewesen wäre, wenn sich der Kaiser hätte beschneiden lassen oder vom Glauben seiner Taufe abgefallen wäre. Für Ambrosius war Toleranz gegenüber der jüdischen Religion gleichbedeutend mit Verfolgung der christlichen; geradezu dreist erklärt er, dass jeder wahre Gläubige mit dem Bischof von Callinicum um das Verdienst, das dieser Tat innewohne, und um die Märtyrerkrone wetteifern würde; und in kummervollen Ausdrücken besorgt er, dass durch die Vollstreckung des Urteils notwendig dem Ruhme und dem Seelenheil des Theodosius schmerzlicher Eintrag geschehen müsse. Da nun aber diese private Vermahnung keine unmittelbare Wirkung hervorrief, wandte sich der Erzbischof von seiner Kanzel Seine Predigt ist eine merkwürdige Allegorie von Jeremias Zuchtrute, dem Mandelbaum und der Frau, die Christi Füße wusch und salbte. Aber der Schluss ist unmissverständlich und persönlich gegen den Kaiser gerichtet. direkt an den Kaiser auf seinem Throne »Hodie, Episcope, de me proposuisti.« (Heute, Bischof, hast du mich zur Sprache gebracht). Ambrosius bekannte es bescheiden: aber mit Nachdruck schilt er den Reiterei- und Infanteriegeneral Timasius, welcher keck genug gewesen war, die Bestrafung der Mönche von Callinicum zu verlangen. ; auch wollte er Theodosius solange vom Abendmahl ausschließen, bis er von ihm die feierliche und bindende Zusage auf Straffreiheit für die Mönche und den Bischof von Callinicum erhalten habe. Theodosius' Widerruf war aufrichtig Fünf Jahre später jedoch und in gehöriger räumlicher Entfernung von seinem geistlichen Ratgeber verurteilte er die Zerstörung der Synagoge und war bereit, die Juden zu tolerieren. Codex Theodosianus 16,8,9 mit Gothofreds Kommentar, Band 6, p. 225. ; und während seiner weiteren Anwesenheit in Mailand vergrößerte sich seine Zuneigung zu Ambrosius beständig infolge von so manchem frommvertraulichen Wechselgespräch.   THEODOSIUS TUT BUSSE · A.D. 390 Als Ambrosius nun allerdings die Nachricht von dem Massaker von Thessaloniki erhielt, entsetzte er sich und seine Seele ward von Kummer erfüllt. So zog er sich aufs Land zurück, um sich seinem Kummer zu widmen und floh die Nähe des Theodosius. Da der Bischof aber überzeugt war, dass ein ängstliches Schweigen seinerseits ihn zum Komplizen machen würde, legte er in einem persönlichen Schreiben Ambrosius, Epistulae 51. Sein Brief ist ein elender Wortschwall zu einem hochwichtigen Gegenstand. Ambrosius war ein Mann der Tat, weniger ein Mann der Feder. Seinen Schriften haben weder Geschmack noch Geist; es fehlt ihnen der Genius eines Tertullian, die stilistische Eleganz eines Laetantius, der lebhafte Witz eines Hieronymos und die ernste Gründlichkeit eines Augustinus. das Ungeheuerliche des Verbrechens dar; welches nur durch die Tränen bitterster Zerknirschung abgewaschen werden könne. Ambrosius bischöflicher Zornesausbruch wurde allerdings durch kluge Berechnung kanalisiert: er begnügte sich mit einer Art von indirekter Exkommunikation, indem er kundtat, eine Vision habe ihn davor gewarnt, das Abendmahl in Gegenwart des Theodosius zu spenden; auch gab er ihm den Rat, sich auf Gebete zu beschränken und davon abzustehen, sich dem Tische des Herren zu nähern oder die heilige Eucharistie mit den Händen zu empfangen, welche noch immer vom Blute Unschuldiger besudelt seien. Der Kaiser war durch Selbstvorwürfe und die seines geistlichen Vaters zutiefst verunsichert; und nachdem er die grässlichen und tödlichen Folgen seines vorschnellen Zornes ausgiebig beweint hatte, wollte er neuerlich auf herkömmliche Weise in der Hauptkirche von Mailand anbeten. Der Erzbischof trat ihm jedoch auf der Schwelle des Gotteshauses entgegen; und er erklärte seinem Kaiser, in Ton und Sprachduktus einem himmlischen Abgesandten vergleichbar, dass individuelle Zerknirschung nicht hinreiche, einen öffentlichen Fehler zu korrigieren oder den Zorn der gekränkten Gottheit zu beschwichtigen. Theodosius legte in aller Bescheidenheit dar, dass, wenn er sich denn die Schuld des Massenmordes aufgeladen habe, David, ein Mann nach dem Herzen Gottes, nicht nur des Mordes, sondern sogar des Ehebruchs schuldig sei. »Du hast David nachgeeifert in seinen Sünden. Nun eifere auch seiner Reue nach!«, so des Ambrosius unerschütterliche Antwort. Die harschen Bedingungen für Frieden und Vergebung wurden angenommen; und die öffentliche Buße des Kaisers Theodosius gilt seither als eine der rühmlichsten Kapitel in den Annalen der Kirche. Entsprechend den mildesten Regeln der Kirchendisziplin, welche noch aus dem vierten Jahrhundert stammten, war Mord nach zwanzig Jahren Buße abgegolten Entsprechend der Disziplin des St. Basilius (Canon 9) musste der vorsätzliche Mörder vier Jahre trauern; war fünf Jahre Zuhörer; lag sieben Jahre hingestreckt; befand sich vier Jahre in aufrechter Stellung. In meinem Besitz befinden sich die kanonischen Briefe des St. Basilius im Original (Beveridge, Pandekten, Band 2, p. 47 -- 151) und in Übersetzung (Cardon, Histoire des Sacramens, Band 4, p. 217 -- 277). ; und da es schlechterdings unmöglich war, in der Frist, die einem Menschen gegeben ist, die angehäufte Schuld des Massakers von Thessaloniki auf solche Weise abzubüßen, so hätte der Mörder noch bis zur Stunde seines Todes von der Heiligen Kommunion ausgeschlossen bleiben müssen. Da aber der Erzbischof zusätzlich die Gepflogenheiten der Religionspolitik beobachtete, nahm er auf den Rang des hohen Sünders zärtelnde Rücksicht, war er doch mitsamt seiner Königswürde vor ihm in den Staub gesunken; auch mochte die religiös Erbauung, die das Publikum aus dem Schauspiel schöpfte, mit Nachdruck eine Verkürzung der Bußübung anempfehlen. Es genügte ja wohl, dass der Herrscher des römischen Reiches, seiner Königsinsignien ledig, sich in trauernder und unterwürfiger Haltung in der Öffentlichkeit zeigt; und dass er, inmitten der Mailänder Kirche, erniedrigt und unter Tränen und Seufzern die Vergebung seiner Sünden erbetteln musste Die Bestrafung des Theodosius wird bezeugt von Ambrosius (De Obitu Theodosii 34, p. 1207), Augustinus (De civitate Die 5,26), und Paulinus (Vita Ambrosii 24). Sokrates weiß nichts davon, Sozomenos (7,25) fasst sich sehr kurz, und Theodoretos' ausufernde Erzählung ist mit Vorsicht zu genießen. . Bei dieser geistlichen Pönitenz ließ Ambrosius in gleicher Weise Strenge und Milde walten. Nach acht Monaten Wartezeit war Theodosius wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen; und das Edikt, welches eine heilsame Frist von dreißig Tagen zwischen Verhängung und Vollzug eines Urteils verfügte, mag man als eine der unverächtlichen Früchte seiner Reue ansehen Codex Theodosianus 9,40,13. Datum und die ferneren Umstände dieses Gesetzes sind problematisch, ich neige jedoch dazu, den ehrlichen Bemühungen des Tillemont (Histoire des empereurs, Band 5, p.721) und Pagi (Critica, Band 1, p. 578) beizutreten. . Die Nachwelt hat der tugendreichen Unerschütterlichkeit des Erzbischofs ihren Beifall nicht versagt; und das Beispiel des Theodosius mag den wirkmächtigen Einfluss jener Grundsätze erweisen, welche einem Monarchen, der keine Angst vor irdischer Gerechtigkeit haben muss, immerhin Respekt vor den Gesetzen und den Dienern eines unsichtbaren Richters einflößen. »Der König,« sagt Montesquieu, »den religiöse Hoffnungen und Ängste beherrschen, kann mit einem Löwen verglichen werden, welcher nur auf die Stimme und die Peitsche seines Wärters reagiert »Un prince qui aime la religion, et qui la craint, est un lion qui cede a la main qui le flatte, ou a la voix qui l'appaise.« Esprit des lois 24,2. .« Die Gemütsbewegungen des königlichen Tieres hängen daher wesentlich von den Neigungen und Interessen des Mannes ab, welcher diese heikle Aufsicht über ihn ausübt; und der Priester, welcher das Gewissen einer Königs in seiner Hand hat, kann dessen mörderische Leidenschaften mäßigen oder aufstacheln. Derselbe Ambrosius ist jedenfalls für die Sache der Menschlichkeit und der Glaubensverfolgung mit demselben Eifer und demselben Erfolg eingetreten.   THEODOSIUS' SEELENADEL · A.D. 388 -- 391 Nach der Niederlage und dem Tod des gallischen Thronräubers befand sich die römische Welt im ausschließlichen Besitze des Theodosius. Seine Berufung durch Gratian brachte ihm den ehrenhaften Titel des Herrschers über die östliche Reichshälfte; den Westen hatte er sich mit dem Recht des Siegers erworben; und die drei Jahre seines Aufenthaltes in Italien wurden segensreich, weil er den Gesetzen zu neuem Ansehen verhalf und ihren straflosen Missbrauch abstellte, der unter Maximus' Alleinherrschaft und Valentinians Minderjährigkeit eingerissen war. Der Name Valentinian war in öffentlichen Akten regelmäßig eingerückt; aber das zarte Alter und der ungefestigte Glaube des Sohnes der Iustina machten die Fürsorge einer glaubensstarken Vormundes erforderlich; und unter diesem vorgetäuschtem Grund hätte Theodosius' Ehrgeiz den glückverlassenenen Jüngling ohne Gegenwehr und Widerspruch von der Verwaltung, ja sogar von der Erbfolge des Reiches ausschließen können. Hätte Theodosius sich nach den strengen Maßgaben der Staatsraison und der politischen Interessen gerichtet, hätten zumindest seine Freunde seine Anordnungen gutgeheißen; aber die Seelengröße, die er bei dieser einmaligen Gelegenheit beobachtete, nötigte selbst seinen giftigsten Feinden Beifall ab. Er setzte Valentinian auf dem Thron von Mailand ein; und gleichgültig gegenüber gegenwärtigen oder künftigen Vorteilen übertrug er ihm die absolute Herrschaft über alle Provinzen, aus denen die Waffen des Maximus ihn vertrieben hatten. Zusätzlich zu diesem riesigen Herrschaftsgebiet übertrug Theodosius ihm ohne irgendwelche Bedingungen die Länder jenseits der Alpen, welcher er dem Mörder des Gratian gewaltsam entrissen hatte Τοῦτο περὶ τοὺς εὐεργέτας καϑῆκον ἔδοξεν εἶναι (dies schien ihm das den Wohltätern Zukommende zu sein); so das schäbige Lob des Zosimos (4,48) für Theodosius. Augustinus hingegen sagt, einigermaßen glücklich im Ausdruck: »Valentinianum ... misericordissima veneratione restituit.« (...Valentinian mit größter Barmherzigkeit wieder eingesetzt). . Nun er den Tod seiner Gönners gerächt und das Westreich vom Joch des Tyrannen befreit hatte, kehrte er, froh seines neuerworbenen Ruhmes, nach Konstantinopel und dann allerdings auch wieder zu seinen früheren Untugenden des Luxus und der Trägheit zurück, ausgefüllt mit der ungestörten Herrschaft über den Osten. Theodosius kam seiner Verpflichtung gegenüber dem Bruder des Valentinian nach und lebte mit dessen Schwester in zärtlicher ehelicher Verbindung; und die Nachwelt, die seine makellose und einmalige Erhebung bewundert, darf auch der unvergleichlichen Seelengröße bei der Ausbeutung seines Sieges ihren Beifall nicht versagen.   CHARAKTERISTIK DES VALENTINIAN · SEIN TOD A.D. 392 Die Kaiserin Justina hatte nach ihrer Rückkehr nach Italien nur noch kurze Zeit zu leben; und wenn sie auch Zeugin des Triumphes von Theodosius wurde, so hatte sie doch auf die Regierungstätigkeit ihres Sohnes keinen Einfluss Sozomenos 7,14. Seine Chronologie ist äußerst ungeordnet. . Die verderbliche Sympathie zur arianischen Sekte, die Valentinian ihrem Vorbild abgeschaut hatte, wurde schon bald durch die strengeren Maximen einer rechtgläubigen Erziehung ausgelöscht. Seine erwachende Hinneigung zum Glauben von Nicäa und seine kindliche Verehrung vom Ambrosius' beherrschender Persönlichkeit ließ in den Katholiken die schönsten Erwartungen gegenüber den Tugenden des jugendlichen weströmischen Herrschers aufkeimen Ambrosius, de Obitu Valentiniani 15 und 36. Wenn der jugendliche Herrscher eine Gesellschaft gab, nahm er selbst keine Nahrung auf; auch weigerte er sich, eine attraktive Schauspielerin anzuschauen \&c. Da er Befehl gab, die wilden Tiere seines Bestiariums zu töten, tadelt Philostorgius (11,1) ihn zu Unrecht, er habe hieran seinen Gefallen gefunden. . Sie rühmten seine Keuschheit und Mäßigung, seine mangelnde Vergnügungssucht, seinen Arbeitseifer und seine zärtliche Liebe zu seinen beiden Schwestern; was indessen seinen Gerechtigkeitssinn auch nicht zu dem kleinsten Unrecht gegen den geringsten seiner Untertanen verführen konnte. Aber Verrat im Inneren beendete seine liebenswerte Jugend noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr; und wieder war das Reich in die Schrecknisse eines Bürgerkrieges verwickelt. Arbogast Zosimos (4,52) lobt Theodosius' Feind, aber Sokrates (85,25) und Orosius (7,35) verabscheuen ihn. , ein mutiger Krieger aus dem Stamme der Franken, hatte unter Gratian den zweithöchsten Rang eingenommen. Nach dessen Tode schloss er sich der Fahne des Theodosius an; trug durch seine militärische Tüchtigkeit das Seine zum Untergang des Tyrannen bei; und wurde nach dem Sieg zum Heermeister der gallischen Armee ernannt. Seine sichtbare Treue und unbestrittenen Verdienste hatten ihm das Vertrauen von Herrscher und Volk eingebracht; seine grenzenlose Freigebigkeit indessen korrumpierte die Untertanenpflicht seiner Soldaten; und während er noch als eine tragende Säule des Staates hochgeschätzt wurde, ging der Barbar insgeheim kühn und ränkefreudig mit Entwürfen zur Beherrschung oder Vernichtung des Westreiches um. Die wichtigsten Befehlshaberstellen der Armee vergab er an Franken; dann platzierte Arbogast seine Marionetten auf allen wichtigen Positionen der zivilen Verwaltung; im weiteren Verlaufe der Verschwörung wurden alle getreuen Diener aus der Umgebung des Valentinian abgezogen; und so wurde dieser, macht- und ahnungslos, allmählich zu einer Art von Gefangenem Gregor von Tours (2,9 im 2. Band der Historiens de la France, p. 165) hat ein wichtiges Fragment des Sulpicius Alexander bewahrt, welcher Historiker viel schätzendwerter ist als er selbst. . Die von ihm zum Ausdruck gebrachte Empörung, die vielleicht nur ein Produkt seines vorschnell-jugendlichen Temperamentes war, kann mit gutem Grunde auch dem hochfliegendem Geiste eines Herrschers zugeschrieben werden, welcher den Beruf zum Regieren in sich fühlte. So lud Valentinian heimlich den Bischof von Mailand ein, damit er den Mittler, den Bürgen für seine Aufrichtigkeit und den Garanten für seine Sicherheit abgebe. Er erwog auch, den Kaiser Ostroms von seiner hoffnungslosen Lage in Kenntnis zu setzen; und er verbreitete, dass, solange Theodosius ihm nicht in Eilmärschen zu Hilfe komme, er selbst versuchen müsse, aus dem Palast oder besser Gefängnis in Vienna in Gallien zu entkommen, wo er inmitten einer feindlichen Faktion unklugerweise seine Residenz genommen habe. Aber die Hoffnungen auf Hilfe waren ungewiss und lagen in weiter Ferne; und da nun jeder neue Tage eine neue Kränkung brachte, beschloss der Kaiser, übel beraten und ohne eigentliche Handhabe, den Gang mit seinem mächtigen General auf der Stelle zu wagen. Er zitierte Arbogast vor seinen Thron; und da sein Heermeister sich mit einigen Anzeichen des Respektes näherte, verabfolgte er ihm ein Papier, in welchem seine Entlassung aus allen seinen Pflichten verfügt wurde. »Mein Ansehen,« erwiderte Arbogastes mit nachgerade beleidigender Ruhe, »hängt nicht von dem Lächeln oder Stirnrunzeln eines Monarchen ab.« Und warf mit einer Geste der Verachtung die Urkunde auf den Boden. Empört ergriff der Monarch sich das Schwert einer seiner Wachsoldaten und versuchte es aus der Scheide zu ziehen; und nur mit einiger Gewaltanwendung konnte man ihn davon abhalten, die tödliche Waffe gegen seinen Feind oder sich selbst einzusetzen.   SEIN TOD 15. MAI 392 Ein paar Tage nach diesem außerordentlichen Zwischenfall, bei welchem er seinen Hass und seine Schwäche offenbart hatte, fand man den glückverlassenen Valentinian erwürgt in seinem Privatgemach; und nur mit viel Aufwand gelang es, die offenkundige Schuld des Arbogast zu verhehlen und die Welt davon zu überzeugen, dass der Tod des jungen Kaisers die Folge einer freiwilligen Verzweiflungstat gewesen war Gothofred (Dissertatio ad Phiolostorgium, p. 429 -- 434) hat mit viel Sorgfalt alle Umstände des Todes von Valentinian II zusammen getragen. Die Widersprüche und die Unwissenheit der zeitgenössischen Autoren zeigen, dass es ein Staatsgeheimnis war. . Sein Leichnam wurde mit ernstem Pomp auf dem Friedhof von Mailand beigesetzt; auch hielt der Erzbischof eine Totenrede, in welcher er seine Tugenden und sein Unglück würdigte De obitu Valentiniani. Opera, Band 2, 1176 -- 1196. Er musste sich allerdings kryptisch und in dunklen Andeutungen ausdrücken; und doch ist er kühner, als es sich so mancher Laie oder mancher Kleriker getraut hätte. . Bei dieser Gelegenheit bestimmte die Menschlichkeit Ambrosius, einen einmaligen Bruch mit seinem theologischen System zu vollziehen und die schluchzenden Schwestern des Valentinian zu trösten, indem er ihnen fest versicherte, dass ihr frommer Bruder, ob er gleich nicht das Sakrament der Taufe empfangen hatte, ohne Verzug in die Wohnung der Seligen aufgenommen worden sei De obitu Valentiniani 51 und 75. Dom. Chardon (Histoire des sacramens, Band 1, p. 86) hat Probleme damit, den Widerspruch aufzulösen, der darin besteht, dass für Ambrosius die Taufe eine unverzichtbare Notwendigkeit hierfür ist. .   THRONBESETZUNG DURCH EUGENIUS · A.D. 392 -- 394 Die Klugheit des Arbogast bot die Gewähr für den Erfolg seiner Pläne; und die Provinzbewohner, in denen jedes Gefühl für Patriotismus oder Loyalität längst erloschen war, warteten mit braver Ergebenheit auf den unbekannten Herrscher, den ihnen ein Frankenhäuptling vorsetzen mochte. Ein paar Anwandlungen von rudimentärem Stolz und Vorurteil stellten sich der Wahl des Arbogast entgegen; und der Barbar war klug genug, unter einer römischen Marionette die Regierungsgeschäfte wahrzunehmen. So hängte er dem Rhetoriker Eugenius den Purpur um »Hunc sibi Germanus famulum delegerat exul«, (diesen suchte sich der verbannte Germane aus dem Gefolge) sagt Claudian mit Verachtung (De IV Consulatu Honorii 74). Eugenius bekannte sich zum Christentum; aber seine heimliche Neigung zum Heidentum (Sozomenos 7,22 und Philostorgos 11,2) wäre für einen Grammatiker nicht untypisch gewesen und hätte ihm die Freundschaft des Zosimos (4,54) garantiert. ; schließlich hatte er ihn bereits aus der Position eines Privatsekretärs in die eines Hofmeisters befördert. Im Verlaufe seiner privaten und öffentlichen Verpflichtungen hatte der comes die Anhänglichkeit und die Umsicht des Eugenius schätzen gelernt; seine hohe Bildung und seine Beredsamkeit, welche sein würdevolles Auftreten noch unterstrich, empfahlen ihn der Wertschätzung der Bevölkerung; und dass er sich bei der Thronbesteigung ein wenig zierte, wollten man gerne als Indiz für Tugend und Mäßigung auffassen. Die Botschafter des neuen Kaisers wurden unverzüglich abgefertigt, mit erheuchelter Betroffenheit die kummervolle Zeitung von Valentinians Ableben an den Hof des Theodosius zu bringen; und zugleich den Monarchen ohne die Erwähnung des Namens Arbogast zu ersuchen, als neuen Kollegen einen angesehenen Bürger zu umarmen, welchen die einstimmige Wahl der Armee und der westlichen Provinzen zum Kaiser gemacht habe Zosimos (4,55) erwähnt diese Gesandtschaft; aber die Erzählung einer anderen Geschichte hält ihn davon ab, das Ereignis zu Ende zu berichten. . Zu Recht entrüstete sich Theodosius darüber, dass die Ränke eines Barbaren ihn auf einen Schlag um die Früchte seiner Mühen und früheren Siege bringen sollten; auch bestimmten ihn die Tränen seines geliebten Weibes Συνετάραξεν ἡ τούτου γαμετὴ Γάλλα τὰ βασίλεια τὸν ἀδελφὸν ὀλοφυρομένη (Galla, sein Eherau, erzeugte Unruhe im Palast, da sie den Bruder beweinte). Zosimos 4,55. Später sagt er (57), dass Galla im Kindbett verstarb; und deutet an, dass die Trauer ihres Gatten heftig, aber nur vorübergehend gewesen sei. , den Tod ihres unglücklichen Bruders zu rächen und die beleidigte Würde des Thrones immer mal wieder mit Waffengewalt zu festigen. Da aber die neuerliche Eroberung des Westens eine Unternehmung war, denen es nicht an Schwierigkeiten mangelte, entließ er die Botschafter des Eugenius mit üppigen Geschenken und einer nichtssagenden Antwort; und die folgenden zwei Jahre waren der Vorbereitung des Bürgerkrieges gewidmet.   KRIEGSVORBEREITUNGEN DES THEODOSIUS Bevor er nun zu einer endgültigen Entscheidung kam, verlangte es den frommen Herrscher darnach, den Willen des Himmels zu erkunden; doch da der Triumph des Christentums das Orakel von Delphi und Dodona zum Schweigen gebracht hatte, konsultierte er einen ägyptischen Mönch, der nach Auffassung der Zeit die Gabe besaß, Wunder zu wirken und die Zukunft zu erschauen. Eutropius, ein Eunuch von hoher Reputation am Hofe von Konstantinopel, schiffte nach Alexandria ein, von wo er den Nil hinaufsegelte bis zu der Stadt Lykopolis, der Stadt der Wölfe, in der entlegenen Provinz Thebais Lykopolis ist das heutige Suit oder Assuit, eine Stadt im Said, etwa so groß wie St. Denis, die einen einträglichen Handel mit dem Königreich Sennar treibt und eine sehr arbeitssparende Quelle hat, » cuius potu signa virginitatis eripiuntur.« (durch einen Trunk werden die Zeichen der Jungfräulichkeit ausgemerzt). Siehe d'Anville, Description de l'Egypte, p. 181. Abu al-Fida, Descriptio Aegypti, p. 14; und die interessanten Anmerkungen des Herausgebers Michaelis, p. 25 und 92. . In der Nähe dieser Stadt auf einsamer Bergeshöhe hatte sich der Heilige Johannes Das Leben des Johannes von Lykopolis wird von zwei Freunden beschrieben, Rufinus (2,1) und Palladius (Historia Lausiaca 43) und befindet sich in Rosweydes großer Sammlung Vitae patrum. Tillemont (Mémoires ecclésiastiques Band 10, p. 718 und 720) hat die Chronologie geordnet. mit eigener Hand eine schlichte Klause gezimmert, in der er dann fünfzig Jahre zugebracht hatte, ohne die Tür zu öffnen, ein weibliches Antlitz zu sehen oder Speise zu sich zu nehmen, die durch Feuer oder Menschenkunst bereitet worden war. Fünf Tage der Woche verbrachte er, ins Gebet und in Betrachtung versunken; am Sonnabend und Sonntag öffnete er regelmäßig das kleine Fenster und erteilte der Masse von Bittflehenden Audienz, welche aus allen Teilen der christlichen Welt zu ihm geströmt war. Der Eunuch des Theodosius nahte mit gehörigem Respekt, legte seine Fragen betreffend den Ausgang des Bürgerkrieges vor und kehrte schon bald mit einer günstigen Antwort zurück, welche dem Kaiser den Mut hob, versprach sie doch einen zwar blutigen, aber entscheidenden Sieg Sozomenos 7,22. Claudian (In Eitropium 1,312) erwähnt die Reise des Eunuchen: aber er macht sich höchlich lustig über den ägyptischen Traum und das Nilorakel. . Die Erfüllung dieser Prophezeiung wurde daraufhin mit allen Mitteln befördert, zu denen Menschenwitz imstande war. Den beiden Heermeistern Stilicho und Timasius wurde es übertragen, die gehörige Anzahl an römischen Legionen zu rekrutieren und zu disziplinieren. Die fürchterlichen Kontingente der Barbaren marschierten unter der Fahne ihres jeweiligen Stammeshäuptlings. Iberische, arabische und gotische Söldner, die sich mit Erstaunen gegenseitig begafften, traten in den Dienst desselben Herrschers; und der berühmte Alarich erwarb sich in der Schule des Theodosius jene Kenntnisse der Kriegskunst, die er später in so verhängnisvoller Weise zum Untergang Roms einsetzte Zosimos 4,57; Sokrates 7,10. Alarich selbst (Claudian, de bello Gothico 524) verweilt mit größerem Behagen bei seinen frühen Heldentaten gegen die Römer« »...Tot Augustos Hebro qui teste fugavi.« (der ich so viele Kaiser -- Hebrus ist Zeuge -- in die Flucht schlug). Aber seine Eitelkeit dürfte kaum diese \>vielen\< flüchtigen Kaiser nachweisen. .   THEODOSIUS BESIEGT EUGENIUS 6. SEPTEMBER 394 Der Herrscher Westroms oder, um genauer zu sein, sein General Arbogastes, hatte aus dem Missgeschick des Maximus gelernt, wie gefährlich es sein konnte, die Verteidigungslinien gegen einen geschickten Gegner zu stark auszudehnen, wenn dieser jederzeit seine Angriffstaktik variieren konnte Claudian (de IV consulatu Honorii 77ff) stellt die militärischen Planungen beider Thronräuber gegenüber: »... Novitas audere priori Suadebat; cautumque dabant exempla sequentem. His nova moliri praeceps: his quaerere tuta Providus. Hic fusis collectis viribus ille; Hic vagus excurrens; hic intra claustra re-ductus; Dissimiles, sed morte pares ....« (Neues bestimmt den Ersten zum Wagnis, Erfahrung den anderen zur Vorsicht. Dieser sucht kopfüber den Umsturz; jener sucht den sicheren Weg. Diese teilt, jener sammelt seine Kräfte. Dieser schweift weit hinaus, jener verhät hinter Mauern. Ganz verschieden, aber gleich im Tod). . Arbogastes beschränkte sich daher auf das Gebiet von Italien: die Truppen des Theodosius konnten so ohne Widerstand Pannonien bis zu den Julischen Alpen besetzen; und selbst die Pässe standen dem kühnen Eroberer aus Nachlässigkeit oder vielleicht auch aus Vorbedacht offen. Er gelangte in die Ebene und gewahrte mit einigem Erstaunen die gewaltigen Truppenmassen der Gallier und Germanen, welche mit Waffen und Zelt das offenen Land besetzt hielten, welches sich von den Stadtmauern Aquileias bis zu den Ufern des Frigidus Der Frigidus ist ein kleiner aber erwähnenswerter Fluss im Görzer Land; heute heißt er Vipao und mündet oberhalb von Aquleia, einige Meilen von der Adria entfernt, in den Sontius oder Isonzo. Siehe d'Anvilles alte und neue Karten und Cluver, Italia antiqua, Band 1, p. 188. , des »kalten Flusses« Claudian entfaltet hier entschieden zu viel Witz: der Schnee färbte sich rot; der kalte Fluss kochte; und das Flussbett hätte sich mit Leichen verstopft, wenn die Strömung nicht durch Unmengen von Blut angeschwollen wäre. erstreckt. Dieser beengte Kriegsschauplatz, den Adria und Alpen eingrenzten, ließ für Proben von Kriegkunst keinen Raum; für Pardon hätte Arbogastes Seele nur Verachtung erübrigt; schuldbeladen, wie er nun einmal war, konnte er sich auch von Verhandlungen nichts erhoffen; und Theodosius selbst verlangte nach fernerem Ruhm und nach Rache für die Ermordung des Valentinian. Ohne genauere Prüfung der naturgegebenen oder künstlichen Hindernisse ließ der Kaiser des Ostens unverzüglich die Befestigungsanlagen seines Gegners angreifen, ließ den Goten den Vortritt dort, wo ehrenvolle Gefahr drohte und hegte den unausgesprochenen Wunsch, der blutige Kampf möge wenigstens die Zahl und das Selbstvertrauen der Eroberer mindern. Zehntausend Mann seiner Hilfsvölker und Bacurius, der General der Iberer, starben auf dem Felde den Soldatentod. Aber den Sieg errangen sie dennoch nicht mit diesem Blutzoll; die Goten behaupteten ihre Stellung, und nur die aufziehende Nacht deckte den Rückzug oder wohl besser die ungeordnete Flucht von Theodosius' Truppen. Der Kaiser zog sich in das nahe gelegene Hügelland zurück; hier nun verbrachte er eine trostlose Nacht, schlaflos, ohne Essen und ohne Hoffnung Theodoret bekräftigt allerdings, dass der heilige Johannes und der heilige Philipp dem Kaiser im Schlafe und im Wachen zu Pferde erschienen. Dies wäre demnach das erste Beispiel für apostolische Ritterschaft, die später in Spanien und während der Kreuzzüge so hohe Popularität erlangte. ; ausgenommen vielleicht jene Zuversicht, die ein selbständiges Gemüt in verzweifelter Lage aus der allgemeinen Verachtung von Glück und Leben ziehen mag. Im Lager des Eugenius feierte man den Sieg mit ausgelassener und übermütiger Freude; währenddessen entsandte der umsichtige und aktive Arbogastes insgeheim ein beachtliches Detachement, welches die Gebirgspässe besetzen sollte, um so der Armee des Ostens den Rückzug abzuschneiden. Der Morgen enthüllte Theodosius die Größe und das Äußerste seiner Gefahr: aber schon bald wurden seine Besorgnisse zerstreut durch die willkommenen Nachricht derjenige Truppenführer, welche die Fahne des Tyrannen zu verlassen Neigung zeigten. Die ehrenvollen und üppigen Belohnungen, die sie sich für ihren Verrat ausbedungen, wurden ohne Zögern gewährt; und da Tinte und Papier nicht sogleich zur Hand waren, unterschrieb der Kaiser auf seinen eigenen Notiztafeln den Vertrag. Diese Verstärkung war hochwillkommen und hob den Soldaten erneut den Kampfesmut; und also rückten sie zuversichtlich ein zweites Mal gegen das Lager des Tyrannen vor, dessen führende Offiziere den Glauben an die eigene Sache ersichtlich aufgegeben hatten. Plötzlich, in der Hitze des Gefechtes, erhob sich ein schwerer Sturm im Osten Te propter, gelidis Aquilo de monte procellis/Obruit adversas acies; revolutaque tela/Vertit in auctores, et turbine reppulit hastas./ O nimium dilecte Deo, cui fundit ab antris/Aeolus armatas hiemes; cui militat Aether,/Et conjurati veniunt ad classica venti. (Wegen dir fuhr mit eiskalten Stürmen vom Berge/ gegen die Reihen der Gegner der Nord-Ost-Wind,/ kehrte die Geschosse zurück auf die Schützen und im Wirbel lenkt' er die Lanzen ab./ O von Gott Geliebter! Es sendet dir aus Höhlen Aeolus/Waffen in Stürmen herab,/mit dir kämpft der Aether,/ und vereint mit dir, folgen die Stürme deinen Kriegstrompeten.) Diese berühmten Verse Claudians (De III Consulatu Honorii 93ff, A.D. 396) werden von seinen Zeitgenossen Augustinus und Orosius angeführt, die allerdings den heidnischen Gott Aeolus weglassen und dafür andere von Augenzeugenberichte einfügen. Vier Monate später stellte Ambrosius diesen Sieg denen von Moses und Josua an die Seite. , wie er in den Alpen des Öfteren vorkommt (\>Bora\<). Die Armee des Theodosius war durch diesen furchtbaren Wind in ihrer Stellung gleichsam geschützt, welcher dem Feind Wolken von Staub ins Gesicht blies, ihre Reihen in Unordnung brachte, ihnen die Waffen entwandt und ihre Lanzenwürfe wirkungslos zerstreute oder sogar umkehrte. Dieser zufällige Vorteil wurde mit Klugheit ausgebeutet; auch vergrößerte der Aberglauben der Gallier die Wirkung des Sturmes: ohne Bedenken ergaben sie sich den unsichtbaren Mächten des Himmels, welche sichtlich Partei für den frommen Kaiser ergriffen hatten. Dessen Sieg war vollständig; und verschieden wie ihr Charaktere war auch der Tod seiner beiden Rivalen. Der Rhetoriker Eugenius, der fast die Herrschaft über die Welt erlangt hätte, musste nun den Sieger um Gnade anflehen; aber als er hingestreckt vor Theodosius lag, schlugen ihm die Soldaten mitleidslos den Kopf vom Rumpf. Arbogastes hingegen, der in der von ihm verlorenen Schlacht alle Tugenden eines Generals und Soldaten bewährt hatte, zog ein paar Tage in den Bergen umher. Als er sich aber davon überzeugt hatte, dass seine Sache verloren und ein Entkommen unmöglich sei, erinnerte sich der furchtlose Barbar an das Beispiel der alten Römer und stieß sich das Schwert in die eigene Brust. So entschied sich das Schicksal des Reiches in einem engen Winkel Italiens; der rechtmäßige Thronfolger aus dem valentinischen Hause umarmte den Erzbischof von Mailand und übernahm dankbar die westlichen Provinzen. Diese Provinzen waren schuldhaft in die Rebellion verwickelt gewesen; nur des Ambrosius unbeugsamer Mut hatte den Forderungen des erfolgreichen Thronräubers widerstanden. Mit mannhaftem Freiheitssinn, der anderen Untertanen tödlich ausgegangen wäre, hatte er die Geschenke des Eugenius von sich gewiesen, seine Korrespondenz nicht beachtet und sich sogar aus Mailand entfernt, um die verhasste Nähe des Tyrannen zu vermeiden, dessen Sturz er, wenn auch nur in nebulöser Diktion, vorhergesagt hatte. Der Sieger dankte dem Ambrosius für sein aufrechtes Verhalten und sicherte sich seinerseits die Anhänglichkeit des Volkes durch seine Nähe zur Kirche; und die Milde, die Theodosius anschließend beobachtete, wird der humanen Einrede des Bischofs zugeschrieben Die Ereignisse dieses Bürgerkrieges sind zusammengetragen aus: Ambrosius (Epistulae 62); Paulinus (Vita Ambrosii, 26 -- 34); Augustinus (De Civitate Die 5,26); Orosius (7,35); Sozomenos (7,24); Theodoret (5,24); Zosimos (4,58); Claudian (De III Consulatu Honorii 63 -- 105; und De IV Consulatu Honorii 70 -- 117); und aus den von Scaliger publizierten Chroniken. .   TOD DES THEODOSIUS · 17. JANUAR 395 Nach der Niederlage des Eugenius wurden die Verdienste und die Autorität des Theodosius von allen Bewohnern des Reiches freudig anerkannt. Sein Verhalten in der Vergangenheit berechtigte zu den schönsten Hoffnungen für seine künftige Regierungstätigkeit; und auch das Alter des Kaisers -- er war noch nicht fünfzig Jahre alt -- vergrößerte noch die Aussicht auf staatliches Wohlergehen. Sein Tod, der ihn nur vier Monate nach seinem Sieg ereilte, wurde allgemein als ein unvorhersehbares und schicksalhaftes Ereignis angesehen, welches mit einem Schlage alle Hoffnungen einer emporblühenden Generation zunichte machte. Aber Müßiggang und Luxus hatte seiner Krankheit den Boden bereitet Die Krankheit, die Sokrates (5,26) den Anstrengungen des Krieges zuschreibt, wird von Philostorgius (11,2) der Faulheit und Unmäßigkeit zugeschrieben; wofür Photius ihn einen schamlosen Lügner nennt (Gothofredus, Dissertationes p. 438). . Theodosius' Konstitution war außerstande, den plötzlichen und nachgerade gewalttätigen Wechsel vom Palast- auf das Lagerleben zu verkraften; und die unübersehbaren Symptome einer Wassersucht kündigten vom raschen Zerfall der kaiserlichen Gesundheit. Die öffentliche Meinung oder doch wenigstens ihr Interesse hatte stets die Teilung des Reiches befürwortet; und die beiden Königskinder Arcadius und Honorius, denen der Zartsinn des Vaters bereits den Augustustitel verliehen hatte, waren ausersehen, die verwaisten Herrscherstühle zu besetzen. An den Gefahren und am Ruhm des Bürgerkrieges hatten beide Prinzen weisungsgemäß keinen Anteil Zosimos (4,25) vermutet, das der junge Honorius seinen Vater begleitet habe. Aber das »quanto flagrabant pectora voto« (doch welches Verlange brannte im Herzen) ist alles, was die Schmeichelei einem Zeitgenössischen Dichter erlaubte, der des Kaiser negativen Bescheid und die Reise des Honorius nach dem Siege deutlich beschreibt. (Claudian, De III Consulatu Honorii, 78 -- 125). ; sobald er aber über seinen unwürdigen Rivalen obsiegt hatte, rief er seinen jüngeren Sohn Honorius zu sich, auf dass auch er der Früchte des Sieges genieße und aus der Hand des sterbenden Vaters das Szepter des Westens empfange. Zur Feier der Ankunft des Honorius in Mailand wurden prachtvolle Zirkusspiele inszeniert; und selbst der Kaiser, den doch die Last seiner Krankheit niederdrückte, mehrte durch seine Anwesenheit die öffentliche Freude. Aber seine restlichen Kräfte wurden infolge dieser schmerzlichen Anstrengungen aufgezehrt, die ihm der morgendliche Besuch bei den Spielen abverlangte. Den verbleibenden Tag über nahm Honorius den Sitz seines Vaters ein; und in der folgenden Nacht verschied der große Theodosius. Ungeachtet der frischen Erinnerung an die Feindseligkeiten des zurückliegenden Bürgerkrieges wurde sein Tod allgemein beklagt. Die Barbaren, die er besiegt hatte, und die Kirchenfürsten, die ihn gedämpft hatten, rühmten laut und aufrichtig jene Vorzüge des verstorbenen Herrschers, die ihnen nach ihrem Urteil je und je die achtbarsten schienen. Die Römer selbst befiel angesichts einer schwachen und zersplitterten Administration heimliches Grauen; und jeder Fehlgriff, der sich unter der glücklosen Regierung des Arcadius und Honorius ereignete, erneuerte die Erinnerung an den unersetzlichen Verlust.   DIE DEKADENZ DER ZEIT In dem Prachtgemälde der Tugenden des Theodosius wurden auch seine Schwächen nicht ausgespart; etwa der grausame Racheakt oder seine Trägheit, welche die Erinnerung an einen der bedeutendsten römischen Herrscher eintrüben. Ein Historiker, notorisch gegen Theodosius eingenommen, hat seine Fehler überzeichnet und ihr Folgen kräftig übertrieben; so macht er uns kühnlich weis, dass jedweder Untertan das weibische Gehabe seines Herrschers nachahmte; dass Korruption in jeder Form das öffentliche und private Leben verpestete; und das die schwache Stimme der Pflicht und des Anstandes nicht hinreichten, jener sich ausbreitenden verkommenen Gesinnung Einhalt zu gebieten, welche ohne zu Erröten die Pflicht und das staatliche Interesse den verächtlichen Neigungen zu Trägheit und Faulheit aufopferte. Die Klagen zeitgenössischer Autoren über das Anwachsen von Luxus und Niedergang der Sitten sind gemeinhin Ausdruck ihres jeweiligen Naturells und ihrer persönlichen Verhältnisse Zosimos 4,33. . Es gibt nur wenige Beobachter, die für die Umwälzungen der Gesellschaft einen klaren und vorurteilsfreien Blick haben und die zugleich imstande sind, die unscheinbaren und verborgenen Ursachen für solche Vorgänge zu entdecken, welche danach die zügellosen und blinden Leidenschaften einer Masse von Individuen in dieselbe Richtung lenken. Wenn man mit einigem Recht behaupten könnte, dass der Luxus der Römer unter der Herrschaft des Theodosius schamloser gewesen war als etwa unter Konstantin oder vielleicht auch noch Augustus, dann kann dieser Umschwung jedenfalls nicht irgendeiner segensreichen Verbesserung zugeschrieben werden, welche dazu beigetragen hätte, den Wohlstand der Nation zu vergrößern. Eine lange Phase der wirtschaftlichen Not muss vielmehr dem Gewerbefleiß hinderlich gewesen sein und den Reichtum des Volkes vermindert haben; und der überbordende Luxus kann nur das Ergebnis jener Auffassung gewesen sein, die sich an der Gegenwart freut und die Sorge um das Morgen von sich schiebt. Da ihr Reichtum unsicher gegründet war, nahmen die Untertanen des Theodosius davon Abstand, sich auf solche Unternehmungen einzulassen, welche für den Augenblick hohe Investitionen verlangen und nur langsamen und späten Gewinn in Aussicht stellen. Die häufigen Beispiele von Ruin und Notlage verführten sie nicht dazu, ihr väterliches Erbe zu schonen, wenn es ihnen zu jeder Stunde von einem beutegierigen Goten geraubt werden konnte. Und die kranksinnige Verschwendungssucht etwa während eines Schiffbruches oder einer Belagerung können den wuchernden Luxus verstehen helfen, der sich inmitten der Schrecken und der Unglücksfälle eines untergehenden Volkes einfindet.   DIE INFANTERIE LEGT DIE WAFFEN NIEDER Der weibische Luxus, der die Sitten am Hof und in den Städten korrumpierte, hatte sein zersetzendes Gift auch in die Lager und Kasernen der Legionen geträufelt; und deren Verkommenheit wurde von der Feder eines Militärschriftstellers festgehalten, welcher mit Genauigkeit die Herkunft und die alten Grundsätze der römischen Disziplin studiert hatte. Vegetius macht die wichtige und zutreffende Feststellung, dass von der Gründung der Stadt bis zur Herrschaft des Gratian die römische Infanterie Ausrüstung nur zur Verteidigung getragen habe. Das Nachlassen der Disziplin und die Entwöhnung vom Exerzieren trugen dazu bei, dass die Soldaten die Anstrengungen ihres Dienstes weniger ertragen konnten oder wollten; sie beschwerten sich über das Gewicht der Bewaffnung, selbst wenn sie sie nur noch selten anlegten; und mit Erfolg setzten sie durch, Brustharnisch und Helm abzulegen. Die schweren Waffen ihrer Vorfahren, das Kurzschwert und das fürchterliche pilum , mit dem sie die Welt erobert hatten, entglitt unmerklich ihren schwachen Händen. Da die gleichzeitige Verwendung des Schildes und des Bogens unvereinbar ist, zogen sie nur widerwillig ins Feld; so waren sie dazu verurteilt, entweder schmerzhafte Wunden zu empfangen oder schmachvoll zu fliehen; meistens entschieden sie sich für die schmählichere Alternative. Die Kavallerie der Goten, Hunnen und Alanen hatten die Vorteile von Schutzwaffen kennen gelernt und übernommen; und da sie Fernwaffen trefflich handhabten, überrannten sie mit Leichtigkeit die bebenden und ungedeckten Legionäre, die den Pfeilen der Barbaren schutzlos ausgesetzt waren. Der Verlust von ganzen Armeen, die Zerstörung von Städten und die Ehrlosigkeit des römischen Namens bestimmte die Nachfolger des Gratian, wiewohl ohne Erfolg, Helm und Harnisch erneut in der Infanterie einzuführen. Die kraftlosen Soldaten waren zu Verteidigungszwecken untauglich geworden; und diese schlaffe Unfähigkeit ist wohl einer der unmittelbaren Ursachen für den Untergang des Reiches Vegetius, de Re Militari, 1,20. Die Serie von Unglücksfällen, die er aufführt, nötigt uns zu der Vermutung, dass der Held, dem er sein Buch widmet, der letzte und ruhmloseste der Valentiniane ist. . XVIII ENDGÜLTIGER UNTERGANG DES HEIDENTUMS · BEGINN DER RELIQUIEN- UND HEILIGENVEREHRUNG UNTER DEN CHRISTEN   UNTERGANG DES HEIDENTUMS · A.D. 378 – 395 Der Untergang des Heidentums in der Ära des Theodosius ist vermutlich das einzige Beispiel für das vollständige Verschwinden eines althergebrachten und weitverbreiteten Aberglaubens; man darf daher diesen Vorgang als einmalig in der Menschheitsgeschichte ansehen. Die Christenmenschen und insbesondere ihr Klerus hatten nur mit Ungeduld Constantins kluges Hinhalten und die Toleranz des älteren Valentinian mitgetragen; auch konnten sie sich ihres endgültigen Sieges keineswegs sicher sein, solange man ihren Gegnern noch erlaubte zu leben. Der Einfluss, den Ambrosius und seine Glaubensbrüder über den unmündigen Gratian und den frömmelnden Theodosius ausübten, wurde dazu benutzt, um in die Brust ihrer königlichen Proselyten den Geist der Verfolgung zu träufeln. Aus zwei verschiedenen Grundsätzen religiöser Rechtswissenschaft leiteten sie unmittelbar und unnachsichtig die Handhabe gegen alle diejenigen ab, die nach wie vor die Götter ihrer Väter anbeteten: dass nämlich die Magistrate in gewissem Umfange an den Verbrechen mitschuldig seien, die zu bestrafen oder zu verfolgen sie verabsäumt hätten; und dass zum Zweiten die Verehrung irgendwelcher Fabel-Gottheiten oder tatsächlich existierender Dämonen das scheußlichste Verbrechen gegen die höchste Majestät des Weltschöpfers darstelle. Der Klerus übertrug die mosaischen Gesetze und Beispiele aus der jüdischen Geschichte Ambrosius (De Obitu Theodosii, Opera, Band 2, p. 1268) rühmt nachdrücklich Josuas Eifer bei der Auslöschung des Götzendienstes und empfiehlt dessen Nachahmung. Die Sprache des Julius Firmicius Maternus (De errore profanarum religionum, in Minucius Felix, Octavius p. 467) zu diesem Gegenstand ist von frömmelnder Unmenschlichkeit. »Nec filio iubet« (das mosaische Gesetz) »parci, nec fratri, et per amatam coniugem gladium vindicem ducit, \&c.« (Es befiehlt, weder den Sohn zu schonen, noch den Bruder, und es führt das strafende Schwert sogar durch die geliebte Gattin.) eilig und wohl auch ohne rechtes Verständnis auf die milde Religion des Christentums Bayle (Commentaire philosophique. Oevres diverses, Band 2, p. 406) rechtfertigt diese strengen Gesetze nur für Jehovas weltliche Herrschaft über die Juden. Ein löblicher Versuch! . Der Glaubenseifer der Kaiser wurde zu ihrer und der Gottheit Ehre mobilisiert, und sechzig Jahre nach der Bekehrung Constantins lagen die Tempel der römischen Welt in Trümmern.   LAGE DES HEIDENTUMS IN ROM Angefangen bei Numa Pompilius bis zur Herrschaft des Gratian hat es in Rom ununterbrochen einen Priesterstand gegeben Siehe die Übersicht über die römische Hierarchie bei Cicero (De legibus 2,7 und 8), Livius (1,20), Dionysius von Halikaenassos (2,64ff) Beaufort (Republique romaine, Bnad 1, p. 1-90) und Moyle (Works, Band 1, p. 10-55). Letzteres ist die Arbeit eines englischen Whigs und Kenners der römischen Antike. . Fünfzehn PONTIFICES übten die oberste Rechtsprechung in allen Fragen und über alle Personen, die mit dem Dienst an den Göttern befasst waren; und die unterschiedlichsten Fragen, welche bei so einem lockeren und auf Traditionen beruhenden Glaubenssystem auftreten mochten, wurden dem Urteil ihres heiligen Tribunales unterworfen. Fünfzehn würdige und gelehrte AUGUREN beobachteten den Himmel und leiteten aus dem Flug der Vögel ihre Vorschläge her. Fünfzehn Bewahrer der Sybillinischen Bücher (ihr Name QUINDECEMVIRI leitete sich von ihrer Anzahl ab) kümmerten sich immer mal wieder um den Verlauf künftiger und scheinbar zufälliger Ereignisse. Sechs VESTALINNEN weihten sich mit ihrer Jungfräulichkeit dem Schutz des Heiligen Feuers und dem unbekannten Unterpfand für Roms ewige Dauer; welches keinem Sterblichen ungestraft zu betrachten erlaubt war Diese geheimnisvollen und vielleicht sogar nur erdachten Symbole haben zu allerlei Spekulationen und Konjekturen Anlass gegeben. Vermutlich war das Palladium eine kleine Minervastatue (drei und eine halbe Ellen hoch) mit Lanze und Rocken; gewöhnlich war sie in einem Gefäß ( seria ) verborgen; ein ähnliches Gefäß stand daneben, um Neugierde oder Frevel zu erschweren. Siehe Méziriac, Commentaire sur le épitres d'Ovide, Band 1, p- 60-66 und Lipsius, De Vesta, c. 10, Band 3, p. 610). . Sieben EPULOS bereiteten die Tafel für die Götter, führten festliche Prozessionen an und überwachten die Zeremonien der jährlichen Feste. Die drei FLAMEN von Jupiter, Mars und Quirinus waren die speziellen Priester dieser drei obersten Gottheiten, welche über Roms Schicksal und das Universum wachten. Der OPFERKÖNIG stellte die Person des Numa und seiner Nachfolger dar, denn ihre Aufgaben konnten nur von Königen ausgeübt werden. Die Brüderschaften der SALIANER, der LUPERCALEN und andere übten Rituale aus, die einem verständigen Manne nur ein Lächeln der Verachtung entlocken mochten, hatten aber für sich selbst die lebendige Zuversicht, in der Gunst der Unsterblichen zu stehen. In dem Ausmaß, wie sich das Prinzipat etablierte und Rom als Machtzentrum an Bedeutung verlor, ging auch der Einfluss zurück, den vordem die Priester auf die Politik der Römischen Republik ausgeübt hatten. Immerhin bestand noch eine Art Ansehen von Gesetzes wegen und aus alter Gewohnheit; und so fuhren sie denn fort, und hier insbesondere die Pontifices, in der Hauptstadt und zuweilen auch in den Provinzen ihr religiöse und weltliche Jurisdiktion zu praktizieren. Purpurroben, Staatskarossen und üppiger Lebensstil waren Gegenstand volkstümlicher Bewunderung; und aus verpachtetem geweihtem Land und staatlicher Alimentation erhielten sie großzügigste Unterstützung, so dass sie leicht den Aufwand für ihr Amt und die Kosten für Gottesdienste tragen konnten. Und da der Altardienst sich durchaus mit einem Armeekommando vertrug, strebten die Römer im Anschluss an Konsulat und Triumphzug nach dem Amt eines Pontifex oder Auguren; den Platz eines Pompeius oder Cicero Cicero bekennt indirekt und auch ganz offen (Epistulae ad Atticum 15,4), dass das Amt eines Auguren das eigentliche Ziel seiner Wünsche sei. Plinius ist stolz, in Ciceros Spuren zu wandeln (Epustulae, 4,8); und diese Kette kann jetzt noch mit Geschichte und Inschriften fortgesetzt werden. hatten im vierten Jahrhundert die ehrbarsten Senatsmitglieder inne; und der Adel ihrer Geburt warf seinerseits helles Licht auf ihr priesterliches Amt. Die fünfzehn Priester aus dem Pontifikalkollegium hatten ein höheres Ansehen als die unmittelbare Umgebung des Kaisers; und selbst noch die christlichen Kaiser fanden sich mit der Robe und den Insignien ab, die dem Amt des obersten Pontifex angemessen waren. Als jedoch Gratian den Thron bestieg, wies er, bedenklicher oder aufgeklärter, mit Nachdruck diese irdischen Markierungen von sich Zosimos 4,36. Ich habe mir das alberne Wortspiel mit dem Pontifex und Maximus untersagt. ; ließ die Unterhaltskosten für Priester und Vestalinnen dem Staat oder der Kirche zukommen; hob ihre Ehrenstellung und Immunität auf; und wickelte die Firma für römischen Aberglauben ab, die vom Brauchtum und Denkungsart aus elfhundert Jahren unterstützt wurde. Dennoch blieb das Heidentum die konstituierende Religion des Senates. Die Halle, oder den Tempel, in welchem sie sich versammelten, schmückten eine Statue und einen Altar der Göttin Victoria Diese Statue war von Tarent nach Rom verbracht, von Caesar in der Curia Iulia aufgestellt und von Augustus mit ägyptischen Beutestücken ausgeschmückt worden. ; eine herrliches Frauenbildnis auf einer Erdkugel, mit fliegendem Gewand, ausgebreiteten Flügeln und einem Lorbeerkranz in der ausgestreckten Hand Prudentius (Contra Symmachum, zu Beginn ds 2. Buches) hat ein sehr unbeholfenes Portrait der Victoria gezeichnet; der neugierige Leser wird bei Montfaucons Antiquité (Band 1, p. 341) besser bedient. . Am Altar dieser Göttin schworen die Senatoren, die Gesetze des Kaisers und des Imperiums zu beobachten; und ein festliches Wein- und Brandopfer war für gewöhnlich die Ouvertüre zu ihren öffentlichen Beratungen Siehe Sueton, Augustus 35 und das Exordium zum Panegyricus des Plinius. . Die Entfernung dieses alten Monumentes war der einzige Tort, den Constantin dem Aberglauben Roms angetan hatte. Julian ließ den Altar der Victoria wieder errichten, Valentinian duldete in zumindest, doch Gratians Fanatismus belegte ihn neuerlich mit einem Bannfluch Diese Tatsachen werden von den beiden Verteidigern des Symmachus und Ambrosius zugegeben. . Aber noch ließ er die Götterstatuen unbehelligt, welche Gegenstand der öffentlichen Anbetung waren; vierhundert und vierundzwanzig Tempel oder Kapellen blieben stehen und bedienten die religiösen Gefühle des Volkes; und so kränkte in jedem Stadtviertel Roms der Rauch götzendienerischer Opfer das christliche Feingefühl Die Notitia Urbis, die aus der Zeit nach Constantin stammt, hält unter den Gebäuden der Stadt nicht eine einzige christliche Kirche auch nur für erwähnenswert. Ambrosius (Opera, Band 2, Epistulae 17) führt bittere Klage über die skandalösen Zustände in Rom, welche fortwährend die Augen, die Ohren und den Geruchssinn der Gläubigen beleidigten. .   DER SENAT VERWENDET SICH FÜR DEN ALTAR DER VICTORIA Aber die Christen bildeten im Senat zu Rom nur die kleinste Fraktion Ambrosius versichert allerdings, wiederholt und gegen alle Vernunft (Moyle, Works, Band 2, p.147), dass die Christen im Senat eine Mehrheit besaßen. ; und ihre Abwesenheit war das einzige Mittel, wie sie ihre von der gesetzlichen, aber heidnischen Majorität abweichende Meinung zum Ausdruck bringen. In dieser Versammlung waren die letzten ersterbenden Freiheitsfunken durch den Zugwind des Fanatismus unvermittelt neu belebt und entflammt worden. Vier ehrachtbare Deputationen wurden nacheinander bestimmt, beim kaiserlichen Hofe Die erste (A.D. 382) sollte bei Gratian vorstellig werden, aber die Audienz wurde ihnen verweigert. Die zweite (A.D.384) ging an Valentinian, als der Streit zwischen Symmachus und Ambrosius ausgetragen wurde. Die dritte (A.D. 388) an Theodosius; und die vierte (A.D. 391) an Valentinian. Lardner stellt den ganzen Vorgang unparteiisch dar. (Heathen testimonies, Band 4, p. 372-399). vorzusprechen und die Beschwerden der Priesterschaft und des Senates zu Gehör zu bringen sowie die Erlaubnis einzuholen, den Victoria-Altar wieder errichten zu dürfen. Wortführer in dieser wichtigen Angelegenheit war der eloquente Symmachus Symmachus, der mit allen bürgerlichen und hieratischen Ehren angetan war, stellt den Kaiser in der Eigenschaft als Pontifex Maximus und Princeps Senatus vor. Vergleiche hierzu auch die stolze Überschrift, die seinen Schriften vorangeht. , ein wohlhabender Senator von Adel, welcher in seiner Person die sakralen Ämter des Pontifex und des Auguren mit dem bürgerlichen Würden eines Prokonsul von Afrika und des Stadtpräfekten vereinte. Symmachus war belebt von den wärmsten Empfindungen für die Sache des untergehenden Heidentums; sogar seine religiösen Gegner beklagten die Verschwendung von so viel Geist für die falsche Sache und die Wirkungslosigkeit seiner moralischen Tugenden Als ob jemand, so Prudentius (Symmachus, 1,639), mit einer goldenen oder elfenbeinernen Schaufel im Schlamm wühlte. Selbst Heilige, polemische gar, behandeln diesen ihren Gegner mit Respekt und Anstand. . Der Redner, dessen Bittschrift an den Kaiser überliefert ist, war sich durchaus bewusst, wie heikel und gefährlich die Mission war, die er da übernommen hatte. So vermeidet er mit vieler Umsicht jede Redensart, aus der sich ein Bezug zu der Religion seines Kaisers ableiten ließe; bekennt demütig, dass seine einzigen Waffen Bitten und Gesuche seien; und bezieht seine Argumente höchst feinsinnig aus der Schule der Redekunst und nicht der Philosophie. Dann unternimmt Symmachus den Versuch, die Phantasie des jugendlichen Herrschers zu verführen und ihm die Attribute der Siegesgöttin vorzustellen; er lässt durchblicken, dass die Beschlagnahme der Einkünfte, die für den Dienst an den Göttern bestimmt waren, eine Maßnahme gewesen sei, unwürdig seines liberalen und unparteiischen Charakters; und, so fährt er fort, es würden die Opfer Roms an die Götter ihrer Wirkung und Durchschlagskraft verlustig gehen, wenn sie nicht auch weiterhin auf Kosten und im Namen des Staates erfolgten. Selbst die Skepsis sei bisweilen genötigt, sich für den Aberglauben zu verwenden. Das große und unfassbare Geheimnis des Universums spotte der Vernunft. Wo der Menschenwitz abdanken müsse, könne bisweilen das Brauchtum die Führerschaft übernehmen; und jede Nation, die die Vorgaben der Vernunft gelten lasse, scheine dabei doch eine gläubige Anhänglichkeit an jene Rituale und Meinungen zu bewahren, welche durch ihr Alter geheiligt seien. Seien jene Zeiten durch Ruhm und Wohlstand hervorgetreten, so hätte das Volk oft genug an jenen Segnungen teilgehabt, um die es an den Altären der Götter gefleht hätte, und deshalb scheine es geboten, diese heilsamen Praxis noch stärker zu beob-achten; und nicht etwa jene unbekannten Übel zu riskieren, die im Gefolge jedweder überstürzten Neuerung aufzutreten pflege. Die Religion des Numa habe sich in diesem Sinne unvergleichlich bewährt; und die Göttin ROMA selbst, der himmlische Genius der Stadt, wird an dieser Stelle von dem Redner eingeführt, um ihre eigene Sache vor dem kaiserlichen Richterstuhl zu vertreten: »Ihr erhabensten Herrscher« so die ehrbare Matrone, »Väter eures Landes! Mitleid und Respekt meinem Alter, welches bis dahin in einem ununterbrochenen Strom der Frömmigkeit dahingefahren war. Da ich keine Reue empfinde, gestattet mir, nach meiner gewohnten Übung fortzufahren. Da ich frei geboren bin, erlaubt mir, meiner hergebrachten Gerechtsame zu genießen. Diese Religion hat die Welt unter meine Gewalt gezwungen. Diese Riten haben Hannibal von der Stadt zurückgeworfen und die Gallier vom Capitol. Sollen meine ergrauten Haare nun solche unerträgliche Undankbarkeit erleiden? Ich kenne das neue System nicht, das ich anzunehmen genötigt werde; aber des bin ich gewiss, dass eine Veränderung des Althergebrachten immer ein herzloses und schandbares Unterfangen ist Vergleiche hierzu den 54. Brief im zehnten Buch des Symmachus. In Form und Anlage ahmt sein zehntes Buch den jüngeren Plinius nach; dessen üppigen und blumenreichen Stil er imitierte und nach Auffassung seiner Freunde erreichte oder übertraf (Macrobius, Saturnalis 5,1). Aber Symmachus ausufernde Sprache enthält viel leeres Stroh, ist ohne rechte Frucht und ohne Anmut. In seiner geschwätzigen Korrespondenz finden sich nur wenige Tatsachen und eigene Gedanken. .« Das Volk ergänzte in seiner Angst das, worüber der Redner in seiner Höflichkeit Stillschweigen beobachtet hatte; und die Kalamitäten, die dem niedersinkenden Reich zusetzten, wurden von den Heiden einhellig Constantins neuer Religion von Christus zugeschrieben.   ROMS ÜBERTRITT ZUM CHRISTENTUM · A.D. 388 Aber die Hoffnungen des Symmachus gingen wiederholt am hartnäckigen und durchtriebenen Widerstand des Erzbischofs von Mailand zuschanden; welcher die Herrscher gegen die schlingenreiche Beredsamkeit des Advokaten Roms wappnete. In dieser Auseinandersetzung gebärdet Ambrosius sich als Philosoph und fragt nicht ohne Ironie, warum man denn unbedingt eine gedachte und unsichtbare Macht einführen solle, wenn als hinreichende Ursache für die zahlreichen Siege Roms die Schlagkraft und Disziplin der Legionen ausgemacht sei? Zu Recht verlacht er die Ehrfurcht vor der Vergangenheit, die jetzt doch allenfalls dem Fortschritt der Künste hinderlich sei und die Menschheit in den Zustand der Barbarei zurückwerfen müsse. Von hier aus schwingt er sich allgemach in die dünnere Luft der theologischen Argumentation empor und betont, dass allein das Christentum die Lehre des Heils und der Erlösung sei und dass jede Form des Polytheismus seine betrogenen Anhänger auf dem Pfade der Verblendung notwendig in den Abgrund ewiger Verdammnis führe Siehe Ambrosius (Epistulae 17 und 18). Der erste dieser Briefe ist nur eine kurze Warnung, der zweite eine offizielle Antwort auf die Petition (oder libellus ) des Symmachus. Dieselben Ideen werden bilderreicher ausgeführt in der Dichtung – wenn der Ausdruck in diesem Zusammenhang erlaubt ist- des Prudentius; welcher seine beiden Bücher gegen Symmachus noch zu Lebzeiten (A.D. 404) des Senators abfasste. Wunderlich genug ist es ja, dass Montesquieu (Considération 19. Oeuvres, Band 3, p. 487) die beiden bekennenden Gegner des Symmachus übersehen hat; und sich damit begnügt hat, sich weitschweifig über die abgelegenen und nur indirekten Angriffe des Orosius, Augustinus und Salvianus auszulassen. . Argumente dieser Art hätten, von einem einflussreichen Bischof vorgetragen, bereits Durchschlagskraft genug, um die Neuerrichtung des Victoria-Altars zu verhindern; aber aus dem Munde eines Siegers wohnte ihnen erheblich mehr Wirksamkeit inne; und im Triumph wurden die Götter der Alten fortgeführt, an die Wagenräder des Theodosius gekettet Siehe Prudentius (Contra Symmachum 1,545ff). Der Christ stimmt mit dem Heiden Zosimos (4,59) darin überein, den Besuch des Theodosius nach dem zweiten Bürgerkrieg anzusetzen. Allerdings passen Zeit und Umstände besser zu seinem ersten Triumph. . In einer Vollversammlung des Senates stellte der Kaiser, ganz in Übereinstimmung mit republikanischen Gepflogenheiten die Frage, ob die Römer zukünftig Jupiter oder Christus anbeten sollten? Die Freiheit der Abstimmung, die zuzugestehen er nicht verfehlte, wurde zur Farce infolge der Furcht und der Hoffnungen, die er durch seine schiere Gegenwart erregte; und das willkürlich verhängte Exil des Symmachus war ein deutlicher Wink, dass es gefährlich sein könnte, sich zu setzen wider des Kaisers Herzenswunsch. In namentlicher Abstimmung des Senates und durch großen Mehrheitsbeschluss ward Jupiter also abgetan; und eigentlich überrascht es, dass sich überhaupt noch ein paar Senatoren fanden, die kühn genug waren, durch Wort und Stimme zu bekunden, dass sie für die Sache der untergegangenen Gottheit einständen Nachdem Prudentius gezeigt hat, dass die Senatsmeinung durch die vorgeschriebene Mehrheit festgestellt wurde, fährt er fort (Contra Symmacum 1,608): »Adspice quam pleno subsellia nostra Senatu Decernant infame Jovis pulvinar, et omne Idolum longe purgata ex urbe fugandum. Qua vocat egregii sententia Principis, illuc Libera, tum pedibus, tum corde, frequentia transit.« (Siehe, wie im vollbesetzten Senat unsere Bänke beschließen, dass das ruchlose Podest des Jupiter und alle anderen Götzenbilder aus der gereinigten Stadt fliehen sollen. Wohin der Wille des erhabenen Kaisers ruft, dahin geht die Masse, zu Fuß, aber noch mehr mit dem Herzen). Zosimos attestiert den versammelten Senatoren einen heidnischen Mut, den man in der Wirklichkeit nur bei wenigen von ihnen fand. . Die eilfertige Konversion der Senatoren müssen wir entweder übernatürlichen oder niederen Motiven zuschreiben; denn viele dieser widerstrebenden Proselyten bekannten bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre heimliche Neigung, die trübselige Maske der Verstellung abzulegen. Aber sie klammerten sich an die neue Religion, je hoffnungsloser es um die alte stand; sie ergaben sich der Autorität des Kaisers, der aktuellen Modeströmung und dem Drängen ihrer Weiber und Kinder Hieronymis weist hier ausdrücklich auf den Oberpriester Albinus hin, der mit einer so großen Schar von gläubigen Kindern und Enkeln gesegnet war, dass es gereicht hätte, selbst Jupiter zu bekehren - ein außerordentlicher Proselyt! , auf die Roms allmächtiger Klerus und die Mönche des Ostens erfolgreich einwirkten. Dem erbaulichen Vorbild der Familie der Anicier ward schon bald vom Rest der Nobilität nachgeeifert: so nahmen die Bassi, die Paullini, die Gracchi den christlichen Glauben an; und »die Lichter der Welt, die ehrwürdige Versammlung von Catonen (so die pompösen Wendungen des Prudentius) waren ungeduldig, sich ihrer pontifikalen Roben zu entledigen: die alte Schlangenhaut abzustreifen; die schneeweißen Kleider der durch die Taufe erwirkten Unschuld anzulegen; und vor den Gräbern der Märtyrer den Hochmut der konsularischen fasces zu demütigen »Exsultare Patres videas, pulcherrima mundi Lumina; Conciliumque senum gestire Catonum Candidiore toga niveum pietatis amictum Sumere; et exuvias deponere pontificales.« (Du siehst die Senatoren jauchzen, die hellsten Leuchten der Welt; und wie die Versammlung der alten Catonen wünscht, trotz ihrer strahlenderen Toga das schneeweiße Gewand der Frömmigkeit aufzuheben und die pontifikalen Gewänder abzulegen.) Der Sieg hat Prudentius' Phantasie erwärmt und beflügelt. .« Die Bürger, die sich aus eigener Kraft ernährten und das Volk, das von öffentlichen Schenkungen lebte, füllten die Kirchen des Lateran und des Vatikan als ein anschwellender Strom demütiger Proselyten. Die Senatsbeschlüsse, welche die Anbetung von Götzenbildern untersagte, fanden unter den Stadtrömern allgemeine Zustimmung Da er die Bekehrung von Senat und Volk beschrieben hatte, fragt Prudentius, nicht ohne Zuversicht und Berechtigung: »Et dubitamus adhuc Romam, tibi, Christe, dicatam In leges transisse tuas?« (Und können wir noch zweifeln, dass Rom, nun es dir geweiht ist, Christus, zu deinen Gesetzen übergetreten ist?) ; der Glanz des Capitol ward getilgt, und die verwaisten Tempel überließ man dem allmählichen Zerfall Hieronymus frohlockt nachgerade über die Ödnis des Capitols und anderer hauptstädtischer Tempel. Opera Band 1, p. 54 und Band 2, p. 95. . Rom unterwarf sich dem Joch der Evangelien; und die besiegten Provinzen hatten den Respekt vor Roms Namen und Ansehen noch lange nicht abgelegt.   ZERSTÖRUNG DER TEMPEL IN DEN PROVINZEN A.D. 381 Kindliche Frömmigkeit bestimmte die Herrscher, vorsichtig und mit der gebotenen Herzensgüte die Umgestaltung der Ewigen Stadt fortzusetzen. Auf die Vorurteile der Provinzialen nahmen diese absoluten Monarchen weniger Rücksicht. Das fromme Vorhaben, seit Constantins Libanius (Oratio pro Templis, p. 10, Genf 1634, ed. Jacobus Gothofredus, jetzt äußerst selten!) beschuldigt Valentinian und Valens, dass sie das Opfern untersagt hätten. Sicherlich hat der Kaiser des Ostens ein paar spezielle Erlasse herausgegeben; aber die Vorstellung von einem allgemeingültigen Gesetz wird widerlegt durch das Stillschweigen der Gesetzessammlungen und die Kirchengeschichte. Tod für fast zwanzig Jahre ausgesetzt, nahm Theodosius mit erneuertem Eifer wieder auf und vollendete schließlich alles aufs glücklichste. Noch während dieser kampfesfreudige Herrscher mit den Goten im Kriege lag -und zwar nicht um des Ruhmes, sondern um der Sicherheit des Reiches willen- riskierte er es, einen großen Teil seiner Untertanen vor den Kopf zu stoßen, indem er einiges in die Wege leitete, was ihm zwar himmlischen Beistand einzubringen geeignet war, nach den Maßstäben menschlicher Vernunft aber überhastet und töricht genannt werden musste. Die Erfolge seiner ersten Versuche gegen die Heiden machten dem frommen Herrscher Mut zu ferneren Erlassen und Verboten; dieselben Gesetze, die ursprünglich nur für den Osten gegolten hatten, wurden nach der Niederlage des Maximus auch auf die Westhälfte des Reiches ausgedehnt; und so wurde jeder Sieg des rechtgläubigen Theodosius auch zu einem Sieg des christlichen Glaubens und des Katholizismus Siehe seine Gesetze im Codex Theodosianus 16,10,7-11. . Er bekämpfte den Aberglauben dort, wo er am empfindlichsten war: er verbot die Opfer und erklärte sie zu Verbrechen und Gottlosigkeit; und wenn er in seinen Erlassen hauptsächlich die gotteslästerliche Neugierde verdammt, die Eingeweide der Opfertiere zu untersuchen Bei Homer wird noch ohne nachfolgende Eingeweideschau geopfert (Siehe Feith, Antiquitates Homericae, Buch 1, c. 10 und 16). Die Etrusker, welche die ersten haruspices hervorbrachten, setzten sich hiermit bei den Römern und Griechen durch (Cicero, de divinatione). , so zielten alle nachfolgenden Bestimmungen deutlich darauf ab, die allgemeine Praxis des Opfers für ebenso strafwürdig zu erklären, welche nun einmal n essentieller Bestandteil der heidnischen Religion ist. Da die Tempel zum Zwecke der Opferriten errichtet worden waren, so gehörte es zu den Pflichten eines wohlmeinenden Herrschers, seine Untertanen nicht der gefährlichen Versuchung auszusetzen, gegen die ihnen auferlegten Gesetze zu verstoßen. Der Reichspräfekt des Ostens, Cynegius, und nach ihm die comes Jovinus und Gaudentius, zwei ranghohe Würdenträger des Westens, wurden mit besonderen Vollmachten ausgestattet; welche es ihnen ermöglichte, Tempel zu schließen, die Werkzeuge des Aberglaubens zu zerstören, die Vorrechte der Priesterschaft aufzukündigen und das heilige Eigentum zu beschlagnahmen zu Nutz und Frommen des Kaisers, der Kirche und des Heeres Zosimos, 4,37; Theodoretos, 5,21; Hydatius, Chronik; Prosper Tiro von Aquitanien 3,38 bei Baronius, Annales Ecclesiastici A.D. 389, No. 52.- Libanios, Oratio pro Templis, p. 10 bemüht sich um den Nachweis, dass Theodosius hierzu keine unmittelbaren und ausdrücklichen Befehle erlassen habe. . Hier nun hätte man mit dem Verheeren aufhören und die nackten Gebäude, die keinem götzendienerischen Zwecke mehr dienten, vor der Zerstörungswut des Fanatismus retten können. Viele dieser Gebäude gehörten zum Schönsten, was griechische Architektur jemals hervorgebracht hatte: und auch der Kaiser war nicht daran gelegen, seine Städte veröden zu lassen und den Wert seines eigenen Besitzes zu mindern. So hätten diese stolzen Gebäude stehen bleiben können als ein immerwährendes Denkmal für den Sieg Christi. Und im Zeitalter der untergehenden Künste hätten sie sogar auf nutzbringende Weise in Magazine, Manufakturen oder öffentliche Versammlungsorte umgewandelt werden können; und vielleicht hätte man sogar in den Gebäuden nach gehöriger Säuberung durch heilwirkende Rituale den wahren Gott anbeten können, um die alte Schuld der Götzenanbetung endgültig zu tilgen. Indessen, solange es noch Heiden gab, hofften sie insgeheim und inbrünstig darauf, dass irgendeine glückverheißende Umwälzung, ein zweiter Julian die Altäre der alten Gottheiten wieder aufrichten möchte; und der Nachdruck, mit der sie unverdrossen ihre Sache vor dem Thron Codex Theodosianus 16,19,8 und 18.Man hat Grund zu der Annahme, dass der Tempel zu Edessa, den Theodosius für zivile Zwecke erhalten wollte, kurze Zeit später nur noch ein Trümmerhaufen war. Libanios, Oratio pro Templis, p. 26f und die Anmerkungen Grothofreds, p. 59. vertraten, stachelte wiederum die christlichen Eiferer auf, ohne Gnade die Wurzeln des Aberglaubens zu tilgen. Die kaiserlichen Gesetze lassen Ansätze zur Milde erkennen Siehe hierzu die aufschlussreiche Rede ›Pro Templis‹ des Libanios, die er um 390 hielt oder vielmehr niederschrieb. Ich habe Dr. Lardners Übersetzung nebst Anmerkungen konsultiert. Heathen Testimonies, Band 4, p.135-162. ; aber dieses Bemühen war nur kalt und lässig und reichte nicht hin, den Strom von Fanatismus und Zorn einzudämmen, den die kirchlichen Führer beschworen hatten. So marschierte in Gallien der Bischof von Tours, der Heilige Martin Siehe die Vita Martins von Sulpicius Severus 9-14. Der Heilige hielt einmal irrtümlicherweise (das hätte auch Don Quichotte passieren können) eine harmlose Beerdigung für eine heidnische Prozession und bewirkte spontan ein Wunder. , an der Spitze einer Schar von glaubensstarken Mönchen, um Götzenstandbilder, Tempel und geweihte Bäume in seiner großräumigen Diözese zu zerstören; und der nachdenkende Leser möge beurteilen, ob Martin bei der Ausführung seines heiklen Unternehmens von wunderwirkenden Mächten oder irdischen Waffen unterstützt wurde. In Syrien fasste der gottesselige, tadellose Marcellus Vergleiche Sozomenos (7,15) mit Theodoretos (5,21). Beide berichten vom Kreuzzug und Tod des Marcellus. (so nennt ihn jedenfalls Theodoretos), erfüllt mit apostolischem Eifer, den Beschluss, in seiner Diözese Apamea die Tempel der Heiden dem Erdboden gleich zu machen. Allerdings scheitere sein Angriff an der Handwerkskunst und der Solidität des Bauwerkes, die man einst für den Bau dieses Jupitertempels aufgewandt hatte. Das Gebäude lag auf einem Hügel; auf allen vier Seiten wurde das himmelanstrebende Dach durch fünfzehn massive Säulen unterstützt, die jeweils sechzehn Fuß Umfang hatten; und die gewaltigen Steine, aus denen sie gemacht waren, waren durch Blei und Eisenklammern fest miteinander verfügt. Vergeblich setzte man die schärfsten und stärksten Werkzeuge ein. Man befand es deshalb für nötig, die Fundamente des Tempels zu untergraben, die dann auch in dem Moment einstürzten, als die provisorischen Holzstützen vom Feuer verzehrt worden waren; die Schwierigkeiten dieses Unternehmens schrieb man der Einwirkung eines schwarzen Dämonen zu, welcher die Maßnahmen der christlichen Ingenieure zwar erschweren, aber eben doch nicht unmöglich machen konnte. Vom Siege trunken nahm Marcellus sich der verbleibenden Mächte der Finsternus nunmehr in eigener Person an; an der Spitze einer zahlenstarken Truppe von Soldaten und Gladiatoren unter bischöflichem Banner nahm er sich nacheinander alle Dorf- und ländlichen Tempel der Diözese Apamea vor. War Widerstand oder sogar Gefahr zu gewärtigen, bezog der Glaubenskrieger, dem eine Behinderung weder Kampf noch Flucht gestattete, in sicherer Entfernung und außerhalb der Reichweite der Pfeile Stellung; dennoch überrumpelte und erschlug ihn ein Haufen aufgebrachter Bauern; und ohne Zögern erklärte die Diözesansynaode Marcellus zum Heiligen, der sein Leben für die Sache Gottes dahingegeben habe. Um diese Sache auch weiterhin zu fördern, zeichneten sich eifervolle und strebsame Mönche aus, welche in wilder Wut aus ihren Wüsten herbeigestürmt kamen. Viele hatten sich die Feindschaft der Heiden redlich verdient; und viele verdienten sich auch den Vorwurf der Habgier und der Völlerei: der Habgier, die sie durch heiliges Plündern befriedigten, und der Völlerei, welcher sie auf Kosten des Volkes oblagen, da es einfältig genug war, die zerlumpten Gewänder, das laute Psalmodieren und ihre künstliche Blässe in aller Einfalt zu bewundern Libanios (Oratio pro Templis, p. 10-13) schmäht und spottet über diese Schwarzröcke, die christlichen Mönche, welche mehr als Elephanten fraßen. Arme Elephanten! Sie sind maßvolle Tiere. . Einige wenige Tempel konnten gerettet werden, weil die kirchlichen und zivilen Behörden ängstlich oder käuflich waren oder weil sie Kunstsinn und Verstand besaßen. Der Tempel der himmlischen Venus zu Karthago, deren geheiligter Bezirk zwei Meilen Umfang hatte, wurde in eine christliche Kirchen konvertiert Prosper Tiro von Aquitanien 3,38, bei Baronius, Annale Ecclesiastici, A.D. 389, Nr. 58ff. Eine Zeitlang war der Tempel geschlossen, und die Zuwege waren mit Brombeergebüsch überwachsen. ; und eine ähnlich Umwidmung rettete das herrliche Pantheon in Rom Donati, Roma vetus et recens, p. 468. Diese Weihe wurde von Papst Bonifacius IV vollzogen. Welche glücklichen Umstände das Pantheon noch zweihundert Jahre nach Theodosius überleben ließen, weiß ich allerdings nicht. vor Zerstörung. Aber in fast allen Provinzen der römischen Welt drang eine Armee von Fanatikern ohne Auftrag und völlig willkürlich auf die friedlichen Einwohner ein; und der Untergang der schönsten Werke des Altertums führt noch heute die sinnlose Gewalt jener Barbaren vor Augen, die allein die Zeit und die Bereitschaft aufbrachten, solch mühseliges Zerstörungswerk zu vollenden.   DER SERAPISTEMPEL VON ALEXANDRIA In diesem gewaltigen und vielfältigen Schauergemälde der allgemeinen Zerstörung mögen dem Zuschauer die Trümmer des Serapistempels von Alexandria besonders auffallen Sophronios verfasste eine neuere und eigenständige Geschichte (Siehe Hieronymus in Scriptores Ecclesiastici, Band 1, p. 303), welche Sokrates (5,16), Theodoretos (5,22) und Rufinus (2,22) Materialien lieferte. Da aber der letztgenannte sich vor und nach dem Ereignis in Alexandria aufhielt, hat er die Glaubwürdigkeit des Augenzeugen für sich. . Serapis war offensichtlich keine der eingeborenen Gottheiten oder Gespenster, welche Ägyptens fruchtbarer Boden hervorgebracht hatte Gerard Vossius (Opera, Band 5, p. 80 und De idolatria 1,29) ist bestrebt, eine seltsame Feststellung der Väter zu bestätigen: dass der Patriarch Joseph in Ägypten als Apisstier und Gott Serapis angebetet wurde. . Die ersten Könige aus dem Hause der Ptolemäer hatten im Traume Weisung empfangen, den geheimnisvollen Fremden von der Küste des Pontos einzuführen, wo die Bewohner von Sinope ihn schon seit langer Zeit verehrt hatten; aber seine göttlichen Attribute und die Art seiner Herrschaft waren so unbegreiflich, dass man lange darüber debattierte, ob er den hellen Tag darstellte oder ob er ein finsterer König unterirdischer Regionen war »Origo dei nondum nostris auctoribus celebrata, Aegyptiorum antistites 'sic' memorant, etc.« (Die Herkunft des Gottes ist von unseren Autoren noch nicht bekannt gemacht, die ägyptischen Priester berichten folgendes...) Tacitus Historiae. 4,83« Den Griechen, die nach Ägypten einwanderten, war die neue Gottheit ebenfalls unbekannt. . Die Ägypter, die der Religion ihrer Väter mit verbissener Hartnäckigkeit anhingen, weigerten sich, dieser ausländischen Gottheit Bleiberecht in ihren Städten zu gewähren Macrobius, Saturnalia 1,7. Dies beweist eigentlich deutlich seine ausländische Herkunft. . Aber die folgsamen Priester, die wohl auch die Freigebigkeit der Ptolemäer überzeugt hatte, unterwarfen sich ohne Murren der Gottheit vom Pontus; rasch war eine ehrbare und heimische Stammtafel erstellt; und der glückverwöhnte Eroberer fand auch schon bald auf den Thron und in das Bett von Osiris In Rom hatten Isis und Serapis einen gemeinsamen Tempel. Der Vorrang, den die Königin behauptete, mag als Hinweis dienen auf die Ungleichheit der Allianz mit dem Fremdling aus dem Pontos. Aber die Überlegenheit des weiblichen Geschlechtes war in Ägyptens bürgerlichem und religiösem Leben fest verankert (siehe Diodoros Siculus, Band 1, p.31), und die gleiche Ordnung findet sich auch in Plutarchs Abhandlung von Isis und Osiris; den er übrigens mit Serapis gleichsetzt. , des Gemahls von Isis, Ägyptens Himmelskönigin. Alexandria, das seinen besonderen Schutz für sich beanspruchte, berühmte sich mit dem Namen der Serapisstadt. Sein Tempel Ammianus 22,16. Die Expositio totius mundi (p. 8 in Hudson, Geographiae scriptores minores Band 3) und Rufinus 2,22 rühmen das Serapeum als ein Weltwunder. , der es an Schönheit und Pracht mit dem Capitol aufnehmen konnte, war auf dem Gipfel einer künstlichen Anhöhe errichtet worden und erhob sich über hundert Schritt über das Niveau der benachbarten Stadtbezirke; und das Innere wurde von Bögen kräftig unterstützt und war in zahlreiche unterirdische Gewölbe und Kammern unterteilt. Ein Portico von quadratischer Anlage umgab das Heiligtum; die prachtvollen Hallen und die einzigartigen Statuen zeugten von höchster Handwerkskunst; und die Schätze der antiken Gelehrsamkeit wurden in der berühmten Bibliothek von Alexandria bewahrt, welche sich in neuem Glanze aus der Asche erhoben hatte Siehe die Mémoires de l'Akademie des Inscriptions Band 9, p.397-416. Die alte Bibliothek der Ptolemäer war während Caesars Alexandrinischem Feldzug vollständig niedergebrannt. Marcus Antonius schenkte Kleopatra die komplette Sammlung von Pergamon (200+000 Bände) als Grundstock für die neue Bibliothek von Alexandria. . Zwar hatten die Edikte des Theodosius den Heiden das Opfern mit Nachdruck untersagt, aber in der Stadt und dem Tempel des Serapis wurden sie noch toleriert; und diese einmalige Nachsicht schrieb man unklugerweise der abergläubischen Ängstlichkeit der Christen selbst zu: als ob sie sich gefürchtet hätten, diese althergebrachten Riten zu untersagen, da nur sie die jährliche Nilüberschwemmung sicherstellen konnten, und dadurch auch die Ernte Ägyptens und die Versorgung von Konstantinopel Libanius (Ortatio pro Templis p. 21) verstimmt durch diese kränkende Bemerkung seine christlichen Gebieter. .   ENDGÜLTIGE ZERSTÖRUNG DES SERAPISTEMPELS · A.D. 389 Zu dieser Zeit Wir können wählen zwischen der Datierung des Marcellus (A.D. 389) und des Prosper Tiro (A.D. 391). Tillemont (Histoire des empereurs, Band 5, p. 310 und 756) bevorzugt das erstgenannte, Pagi das letztere. hatte Theophilus Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 11, p. 441-500. Die schwankende Stellung des Theophilos (er war Heiliger in seiner Eigenschaft eines Freundes von Hieronymos; als Feind des Chrysostomos war er ein Teufel ) verleiht ihm eine Art von Überparteilichkeit; insgesamt aber neigt sich die Waage ganz zu Recht gegen ihn. den erzbischöflichen Sitz Alexandrias inne, ein Mann, der mit dem Frieden und den Tugenden in ständiger Fehde lag; ein kühner und bösartiger Mann, der seine Hände abwechselnd mit Blut und Gold besudelte. Die Ehrungen, die man Serapis zuteil werden ließ, hatten ihn fromm empört; und der Frevel, den er an einem alten Bacchustempel beging, überzeugte die Heiden davon, dass er mit einem größeren und gefahrvolleren Plane umging. In Ägyptens renitenter Hauptstadt konnte schon das geringste Ärgernis Anlass zu einem Bürgerkrieg geben. Die Jünger von Serapis, die ihren Gegner an Zahl und Stärke deutlich unterlegen waren, erhoben sich in Waffen, angestachelt von dem Philosophen Olympius Lardner (Heathen Testimonies, Band 4, p. 411) hat eine schöne Passage aus der Suidas oder vielmehr von Damaskios beigetragen, die Olympius nicht in der Gestalt eines Kriegers, sondern des tugendreichen und demütigen Propheten zeigt. , der sie mahnte, bei der Verteidigung ihrer Götter und deren Altäre ihr Leben zu lassen. Diese Heiden verschanzten sich in dem Tempel -oder besser: der Festung- des Serapis; warfen die Belagerer durch kühne Ausfälle und tapfere Verteidigung zurück; und holten sich durch die grausame Misshandlung ihrer christlichen Gefangenen Trost in ihrer letzten Verzweiflung. Die Bemühungen eines einsichtsvollen Magistrates führten zu einer Waffenruhe, bis der Beschluss des Theophilus über das endgültige Schicksal der Serapisgottheit entschieden hätte. Die beiden Parteien versammelten sich unbewaffnet auf dem zentralen Platz; und das imperiale Reskript ward öffentlich verlesen. Als aber der Spruch verkündet war, dass die Götterbilder Alexandrias zerstört werden sollten, ließen die Christen Geräusche des Jauchzens und Jubilierens vernehmen, während die glückverlassenen Heiden, deren Zorn der Betroffenheit gewichen war, sich in schweigsamer Eile zurückzogen und durch ihre Flucht und ihr Wegducken dem Zorn ihrer Feinde auswichen. Theophilus eilte, das Zerstörungswerk am Serapistempel zu vollenden und keine Hindernisse stellte sich ihm in den Weg als die, welche sich aus dem Gewicht und der Festigkeit der Baumaterialien ergaben; aber diese Hemmnisse erwiesen sich als so unüberwindlich, dass er die Fundamente in Ruhe lassen und sich damit zufrieden geben musste, aus dem Gebäude selbst eine Schutthalde zu machen; wovon ein Teil später abgeräumt wurde, um Platz für eine Kirche zu Ehren der christlichen Märtyrer zu gewinnen. Die unschätzbare Bibliothek von Alexandria wurde verwüstet oder zerstört; und schon zwanzig Jahre später rief der Anblick der leeren Buchhüllen bei allen denen Trauer oder Zorn hervor, deren Gehirn nicht völlig von religiösen Fanatismus umdunkelt war »Nos vidimus armaria librorum, quibus direptis, exinanita ea a nostris hominibus, nostris temporibus memorent.« (Wir haben zerstörte Büchermagazine gesehen, geplündert von Menschen unserer Zeit). Orosius 6,15. Obgleich Orosius bigott und streitsüchtig ist: hier scheint auch er zu erröten. . Die Hervorbringungen des antiken Geistes, von denen nun so viele unwiederbringlich verloren sind, hätte man, der Nachwelt zur Unterhaltung und Belehrung, ohne weiteres von der Zerschlagung der Götzendienstes ausnehmen können; und der Fanatismus und die Habgier des Erzbishofs Eunapius verflucht in seiner Biographie des Antonius und Aedesius die gotteslästerlichen Räubereien des Theophilus. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 13, p.435, zitiert einen Brief des Isidor von Pelusium, in welchem er den gold anbetenden Primas verurteilt und seine fluchwürdige Verehrung des Goldes, »auri sacra fama«. hätte sich mit seiner üppigen Siegesbeute zufrieden geben können. Während Bildnisse und Vasen von Gold sorgfältig eingeschmolzen wurden und die weniger wertvollen einfach zerbrochen und auf die Straßen geworfen wurden, zeigte sich Theophilus bemüht, die Trickereien und Betrügereien der Götzenpriester ruchbar zu machen; ihre Gewandtheit bei der Handhabung von Magneteisensteinen; ihre geheimen Wege, einen menschlichen Schauspieler in ein hohles Standbild einzuschleusen; und ihren empörenden Missbrauch der Naivität demütiger Ehemänner und argloser Frauen Rufinus benennt eine Saturnpriester, welcher, verborgen hinter der Maske des Gottes, mit einigen frommen Damen von Rang vertrauten Umganges pflegte; bis er sich endlich in einen Augenblick des Entzückens selbst verriet, da er seine Stimme nicht länger verstellen konnte. Der glaubwürdige und unparteiische Bericht des Aischines (siehe Bayle, Dictinnaire critique das Lemma ›Scamandre‹) und das Abenteuer des Mundus (Flavius Josephus, Antiquitates Iudaicae 18,3) mögen beweisen, dass solche Betrug aus Liebe auch erfolgreich begangen wurde. . Vorwürfe dieser Art bestehen im gewissen Umfang zu Recht, da sie mit dem schlingenreichen und egozentrischen Geist des Aberglaubens bestens zusammenpassen. Aber eben dieser Geist schreckt auch nicht davor zurück, auf den Gegner, der schon am Boden liegt, einzutreten und ihn zu verleumden; auch wir sind geneigt zu glauben, dass es viel einfacher ist, eine Geschichte auszudenken als einen handgreiflichen Betrug zu verüben. Die Kolossalstatue des Serapis Siehe die Bilder der Serapis bei Montfaucon (Band 2, p. 297): aber die Beschreibung des Macrobius (Saturnaliae 1,20) ist bedeutend malerischer und befriedigender. jedenfalls ging zusammen mit seinem Tempel und seiner Religion unter. Zahlreiche Platten aus unterschiedlichen Metallen waren kunstreich miteinander verbunden und bildeten in ihrer Gesamtheit die majestätische Gestalt der Gottheit, welcher die Wände des Heiligtums an beiden Seiten berührte. Der Habitus des Serapis, die Sitzposition und das Szepter in seiner linken Hand wiesen sprechende Ähnlichkeit mit den üblichen Jupiterstatuen auf; im Unterschied zu Jupiter trug er einen Korb oder eine Getreidegarbe auf dem Kopf und ein sinnbildliches Ungeheuer in seiner Rechten: Kopf und Rumpf einer Schlange, welcher dreifach geteilt war und die wiederum in einen Löwen- Hunde- und Wolfskopf endeten. Es war Glaubensgewissheit, dass, sollte eine frevelnde Hand es wagen, die Majestät der Gottheit zu beleidigen, die Erde unverzüglich in ihren archaischen chaotischen Zustand zurückstürzen werde. Ein furchtloser Krieger, vom Glauben beseelt und mit einer schweren Streitaxt bewaffnet, bestieg die Leiter; und selbst die christliche Menge bebte in ängstlicher Spannung dem Ausgang des Wettstreites entgegen »Sed fortes tremuere manus, motique verenda/Majestate loci, si robora sacra ferirent/In sua credebant redituras membra secures.« (Aber es bebten die starken Hände, von Schauer erfasst/vor des Ortes Erhabenheit; wenn sie die heiligen Eichen schlügen/ glaubten sie, die Beile würden sich gegen sie zurückwenden.) Lukanos, 428-430. »Stimmt es,« fragte Augustus einen italienischen Veteranen, in dessen Haus er sein Abendessen einnahm, »dass der Mann, der den ersten Axthieb auf die goldene Statue der Anaitis führte, sofort erblindete oder sogar sein Leben verlor?«- »Der Mann war ich,« so der kurzsichtige Veteran, »und du isst gerade aus dem Bein der Göttin.« (Plinius Naturalis Historia 33,24). . Er zielte mit mächtigem Hieb gegen die Wange des Serapis; sie fiel zu Boden; der Donner bleib aus, und beide, Himmel und Erde, behielten ihre althergebrachte Ruhe und Würde bei. Im Siegesrausch versetzte der Soldat dem Bildnis neuerliche Hiebe; das übermächtige Standbild stürzte und zerbrach; und in Schanden wurden des Serapis Glieder durch die Straßen von Alexandria gezerrt. Sein zertrümmerter Leichnam wurde im Amphitheater verbrannt, und das Volk lärmte dazu; und viele benutzten, nun ihres Gottes Ohnmacht offenkundig war, die Gelegenheit und tauschten ihren Glauben. Die populäre Form der Religionsausübung, welche irgendwelche sichtbaren und handgreiflichen Gegenstände der Verehrung verlangt, hat den Vorteil, dass sie dem Verständnis und den Sinnen der Menschen entgegenkommt; aber diesem Vorteil stehen die verschiedensten unvermeidlichen Widrigkeiten entgegen, denen der Glaube des Götzenanbeters ausgesetzt ist. Es steht schwerlich zu erwarten, dass er in allen Lebenslagen seine Verehrung für Idole oder Reliquien beibehalte sollte, wenn das bloße Auge außerstande ist, sie von ganz gewöhnlichen Hervorbringungen der Kunst oder der Natur zu unterscheiden; und wenn in der Stunde der Gefahr ihre geheime und wundermächtige Kraft nicht einmal die eigene Sicherheit zu gewährleisten imstande ist, dann spottet er der leeren Ausreden ihrer Priester und lacht zu Recht über das Objekt und Torheit seiner abergläubischen Neigung Die Geschichte der Reformation bietet zahlreiche Beispiele für den jähen Umschlag des Aberglaubens in Verachtung. . Nach dem Sturz des Serapis hegten die Heiden noch eine Zeitlang die schwache Hoffnung, der Nil würde den gottlosen Herren Ägyptens seinen jährlichen Tribut verweigern; und tatsächlich schien die ungewöhnliche Verspätung der Überschwemmung den Groll der Flussgottheit anzuzeigen. Aber diese Verspätung wurde durch die besonders üppige Fluthöhe ausgeglichen. Die Wasser stiegen unvermittelt zu so wunderbarer Höhe an, als wollten sie die unterlegene Partei mit der erfreulichen Aussicht auf eine Sintflut trösten; schließlich aber sank der friedliebende Fluss auf die angestammte und fruchtbringende Wasserhöhe von sechzehn Ellen oder dreißig englischen Fuß zurück Sozomenos 7,20. Die Ergänzung stammt von mir. Der Umfang der Überschwemmung und folglich auch das Maß der Elle haben seit Herodots Zeiten Bestand. Siehe Fréret in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 16, p. 344-153. Greaves, Miscellaneous Works, Band 1, p. 233. Die ägyptische Elle beträgt etwa zweiundzwanzig englische Zoll. .   VERBOT DER HEIDNISCHN RELIGIONEN A.D. 390 Die Tempel des römischen Reiches standen verlassen oder zerstört, doch der erfindungsreiche heidnische Aberglaube trachtete immer noch danach, die Gesetze des Theodosius zu umgehen, welche alle Opfer streng untersagt hatten. Die Bewohner ländlicher Gebiete, die dem Auge der übelwollenden Neugierde weniger ausgesetzt waren, tarnten ihre religiösen Treffen als heitere Geselligkeiten. An hohen Festestagen versammelten sie sich in großer Zahl unter dem weitausgreifenden Schatten heiliger Bäume; Ochsen und Schafe wurden geschlachtet und geröstet; ihren religiösen Anstrich erhielten diese ländlichen Veranstaltungen durch Weihrauchduft und Hymnensang zu Ehren der Gottheiten. Da aber kein einziger tierischer Körperteil als Brandopfer dargebracht wurde, kein Altar bereitstand, ihr Blut aufzufangen und da man die vorangehenden Darbringungen von Salzkuchen und die abschließenden Trankopfer tunlichst unterließ, konnte, so wird versichert, die Teilnahme an diesen Festversammlungen nicht als strafwürdiges Vergehen der illegalen Opferhandlung gegen die Gäste ausgelegt werden Libanios (Oratio de Templis p. 15-17) nimmt sich ihrer Sache mit zartsinniger und verführerischer Wohlrede an. Seit frühester Zeit seien solche Feste eine Bereicherung des ländlichen Lebens gewesen; und dem des Bacchus (Vergil, Georgica 2,380) habe sogar das Theater von Athen seinen Ursprung zu danken. Siehe Gothofred zu Libanios ad locum und zum Codex Theodosianus Band 6, p.284. . Welche Wahrheit auch immer in diesen Behauptungen gelegen haben mag und wodurch sie sich vor anderen auszeichneten Honorius duldete diese ländlichen Festivitäten (A.D. 399). »Absque ullo sacrificio, atque ulla superstitione damnabili.« (Ohne irgendein Opfer und ohne jedweden fluchwürdigen Götzendienst). Neun Jahre später hielt er es für nötig, denselben Vorbehalt zu bekräftigen und zu verschärfen. Codex Theodosianus 16, 10, 17 und 19. : der letzte Erlass des Theodosius wischte alle diese Ausflüchte hinweg und versetzte dem heidnischen Aberglauben den letzten, tödlichen Schlag Codex Theodosianus 16,10, 12. Jortin (Remarks, Band 4, p. 134) verurteilt Stil und Geist dieses intoleranten Gesetzes mit angemessener Strenge. . Diese Verbotsverfügung redet eine unmissverständliche Sprache: »Es ist unser Wille und Begehr«, spricht der Kaiser, »dass keiner unserer Untertanen, wes Standes und Vermögens auch immer er sein möge, Privatmann oder beamtet, sich unterfange, in welcher Stadt oder an welchem Ort auch immer, ein lebloses Idol zu verehren durch Darbringung eines unschuldigen Schlachtopfers.« Der Vorgang der Opferung selbst und das Weissagen durch Lesen in den Eingeweiden werden ohne Rücksicht auf das Objekt dieser Befragung zu Hochverrat erklärt; der nur durch den Tod des Schuldigen gesühnt werden kann. Die heidnischen Rituale, welche weniger blutig und grausam waren, werden abgeschafft als unvereinbar mit der Wahrheit und Ehre der geoffenbarten Religion; Leuchtkörper, Blumenkronen, Weihrauch- und Trankopfer werden ausdrücklich erwähnt und verboten; und selbst die unschuldige Anrufung häuslicher Gottheiten wird in diese Verbotsliste aufgenommen. Die Durchführung einer dieser illegalen Zeremonien führt dazu, dass der Gesetzesbrecher das Haus oder das Grundstück, auf dem die Handlung vollzogen wurde, verwirkt hat; und für den Fall, dass er mit listiger Berechnung das Grundstück eines anderen für sein gottloses Tun erwählt haben sollte, ist ihm augenblicklich eine schwere Buße von fünfundzwanzig Pfund Gold (das ist mehr als eintausend Pfund Sterling) aufzuerlegen. Eine ebenso schwere Geldstrafe droht für die Nachsicht gegenüber diesen heimlichen Feinden der Religion, wenn es von Amts wegen versäumt wurde, die schuldhafte Götzenanbetung zu entdecken oder zu bestrafen. Dieses war der eifernde Geist der Gesetze des Theodosius, welche seine Söhne und Enkel immer mal wieder belebten und bekräftigten und denen die Christenheit lärmend und einmütig ihren Beifall spendete Einen solchen Vorwurf sollte man nicht unbedacht erheben; aber man könnte ihn sicherlich unter Berufung auf den heiligen Augustinus rechtfertigen, denn er redet zu den Donatisten wie folgt: »Quis nostrum, quis vestrum non laudat leges ab Imperatoribus datas adversus sacrificia Paganorum? Et certe longe ibi poena severior constituta est; illius quippe impietatis capitale supplicium est.« (Wer unter uns, wer unter euch wird nicht die Gesetze der Kaiser gegen die heidnischen Tieropfer loben? Und gewiss ist dort eine weitaus härtere Strafe festgesetzt; denn es steht auf jene Gottlosigkeit die Todesstrafe). Epistulae 93., Nr 10, zitiert bei le Clerc (Bibliothèque choisie, Band 8, p. 277), der einige einsichtsvolle Überlegungen zur Intoleranz der siegreichen Christen anfügt. .   DIE HEIDEN WERDEN NICHT ZU MÄRTYRERN Während der grausamen Regierung des Decius und Diokletian war das Christentum verboten, stellte es doch eine Abkehr von der althergebrachten Religion des Imperiums dar; und die ungerechtfertigten Verdächtigungen einer argwöhnischen und feindlichen Faktion wurde in gewissem Umfang durch das unbedingte Zusammenhalt und den stupenden Erfolg der katholischen Kirche gerechtfertigt. Aber Furcht und Unkenntnis können die christlichen Herrscher nicht für sich in Anspruch nehmen, wenn sie die Menschlichkeit und die Evangelien beleidigten. Die Schwäche und die Torheiten des Heidentums hatten sich in Jahrhunderten erwiesen; im Lichte der Vernunft und des Glaubens war für den größten Teil der Menschheit die Vergeblichkeit des Götzenglaubens offenkundig geworden; und die aussterbende Sekte, die nach wie vor ihre Götter anbetete, hätte man in Frieden und im Verborgenen den Glauben ihrer Väter ausüben lassen können. Wären die Heiden von demselben Glauben beseelt gewesen wie die ersten Bekenner ihrer Religion, dann wäre der Triumph der Kirche mit Blut besudelt worden; und die Märtyrer von Jupiter und Apollo hätten die glorreiche Gelegenheit ergriffen, ihr Leben und ihr Vermögen am Fuße ihrer Altäre dahinzugeben. Aber derlei Festigkeit im Glauben vertrug sich nicht mit dem oberflächlichen und unbesorgten Charakter des Polytheismus. Die heftigen und wiederholten Schläge der rechtgläubigen Herrscher verloren ihre Wirkung, als sie auf die nachgiebige und weiche Masse trafen, gegen die sie gerichtet waren; und der bereitwillige Gehorsam der Heiden rettete sie vor den harten Strafen des Codex Theodosianus Orosius 7,28. Augustinus (Enarrationes in Psalmos 140, bei Lardner, Heathen testimonies Band 4, p. 458) macht ihnen ihre Feigheit sogar zum Vorwurf. »Quis eorum comprehensus est in sacrificio (cum his legibus ista prohiberentur) et non negavit?« (Wer von denen ist beim Opfern ertappt worden - obwohl diese Opfer gesetzlich verboten sind - und hat es nicht abgestritten?) . Anstelle darauf zu beharren, dass die Geltung ihrer Götter höher stehe als die des Kaisers, nahmen sie mit kaum vernehmlicher Klage Abstand von den Ritualen, welche ihr Herrscher nun einmal verboten hatte. Und wenn sie sich denn wirkliche einmal hinreißen ließen, ihrem Lieblingsaberglauben zu frönen, sei es aus alter Anhänglichkeit oder in der Hoffnung auf Geheimhaltung, dann wirkte ihre demütige Reue auf die strenge christliche Obrigkeit durchaus entwaffnend; und nur selten standen sie an, für ihre Unbedachtsamkeit Reue zu zeigen und sich, wenn auch knirschend, zurück unter das Joch des Evangeliums zu begeben. Die Kirchen waren voll mit diesen würdelosen Proselyten, welche sich aus rein weltlichen Motiven der herrschenden Religion anbequemt hatten; und während sie die äußerlichen Gesten der Gläubigen nachmachten und ihre Gebete nachsprachen, beruhigten sie ihr Gewissen durch die schweigende, aber dafür aufrichtige Anrufung der alten Götter Libanios (Oratio pro Templis p. 17,18) erwähnt diese gelegentliche Fügsamkeit ohne Anflug von Tadel, als handele es sich um eine Theaterdarbietung. . Wenn den Heiden die Geduld zum Leiden fehlte, so fehlte ihnen erst recht die Entschlossenheit zum Widerstand; und die vielen, welche die Zerstörung ihrer Tempel beklagten, ergaben sich ohne Widersetzlichkeit ihren glücklicheren Gegnern. Die gelegentliche Opposition Libanios beschließt seine Verteidigungsrede (p. 32) mit einer Erklärung an die Adresse des Kaisers: Wenn er nicht ausdrücklich die Zerstörung der Tempel untersage, ἴσϑι τοὺς τῶν ἀγρῶν δεσπότας, καὶ αὑτοῖς καὶ τῷ νόμῳ βοηϑήσοντας, die Eigentümer sich selbst und die Gesetze verteidigen würden. der syrischen Bauern und der Einwohner Alexandrias wurde durch die kaiserliche Autorität rasch zum Schweigen gebracht. Die Heiden des Westens hatten, obwohl sie Eugenius bei seiner Erhebung zum Kaiser nicht unterstützt hatten, durch ihre Anhänglichkeit der Sache und dem Ansehen des Usurpators Schaden zugefügt. So führte der Klerus heftige Klage darüber, dass der Ursupator das Verbrechen des Empörung noch durch die Schuld der Apostasie vergrößert habe; dass auf seine Veranlassung der Altar der Victoria neuerlich aufgestellt worden sei; und dass die Götzenbilder von Jupiter und Hercules wiederum gegen das unbesiegbare Kreuzeszeichen angetreten seien. Aber mit der baldigen Niederlage des Eugenius gingen auch die leeren Hoffnungen der Heiden zugrunde; und sie waren den Nachstellungen des Siegers ausgesetzt, welcher um der Gunst des Himmels willen das Götzenunwesen mit Stumpf und Stil ausrottete Siehe Paulinus (Vita Ambrosii 26), Augustinus (De Civitate Die 5,26) und Theodoretos (5,24) .   IHR VERSCHWINDEN · A.D. 390 – 420 Ein Volk von Sklavenseelen findet sich allemal bereit, die Milde ihres Herren zu rühmen, wenn sie ihre absolute Macht zwar missbrauchen, aber nicht bis an die äußersten Grenzen der Ungerechtigkeit und des staatlichen Terrors gehen. Ganz gewiss hat Theodosius seine heidnischen Untertanen vor die Alternative Taufe oder Tod gestellt; und der redselige Libanios rühmte sogar noch die Nachsicht eines Herrschers, welcher niemals durch irgendein positives Gesetz angeordnet habe, alle seine Untertanen sollten unverzüglich die Religion ihres Kaisers annehmen und praktizieren Libanius (Oratio pro Templis p.31) deutet allerdings die Art eines Verfolgungsdekretes an, wie Theodosius es hätte erlassen können; ein unbedachter Scherz und eine heikles Experiment. Einige Herrscher hätten diesen auch Rat angenommen. . Das Bekenntnis zum Christentum war nicht die unverzichtbare Voraussetzung für die Teilhabe an den bürgerlichen Rechten, auch hatten jene Sektierer keine Nachteile zu gewärtigen, wenn sie lieber an die Fabeln des Ovid glaubten als an die Wunder der Evangelien. Palast, Schulen, Armee und Senat: in ihnen wimmelte es von bekennenden und überzeugten Heiden; und sie hatten unterschiedslos die zivilen und militärischen Stellungen des Reiches inne. Theodosius stattete Symmachus »Denique pro meritis terrestribus aequa rependens/Munera, sacricolis summos impertit honores.« (Endlich jedoch, da er für die irdischen Verdienste angemessene /Gaben zurückgezahlt hatte, widmete er auch den Bewohnern des Himmels höchste Ehren). Prudentius, Contra Symmachum 1,617f. mit der konsularischen Würde aus, ehrte Libanios durch seine persönliche Freundschaft Libanius (Oratio pro Templis p. 32) ist stolz darauf, dass Theodosius auf diese Weise einen Mann auszeichnete, welcher sogar in seiner Anwesenheit bei Jupiter schwören würde. Aber bei dieser Anwesenheit scheint es sich wohl nur um eine rhetorische Figur zu handeln. und legte so Zeugnis ab für die Wertschätzung, die er für Tugend und Gelehrsamkeit immer noch erübrigte; und diese beiden beredten Apologeten des Heidentums wurden niemals genötigt, ihre religiöse Auffassung zu wechseln oder doch wenigstens zu verhehlen. Die Heiden genossen der uneingeschränkten Freiheit des geschriebenen und gesprochenen Wortes. Die historischen und philosophischen Fragmente des Eunapius, des Zosimos Zosimos, der sich selbst comes und Ex-advocatus des Staatsschatzes nennt, verunglimpft mit gehässiger und parteiischer Bigotterie die christlichen Herrscher und sogar noch den Vater seines Regenten. Sein Werk zirkulierte wohl nur im privaten Kreis, denn es entging den Schmähschriften der christlichen Kirchenschriftsteller vor Evagrius (3,40-42), der gegen Ende des VI Jahrhunderts lebte. und der nachgerade fanatischen Lehrer der platonischen Akademie lassen den bittersten Hass gegen ihre siegreichen Gegner erkennen. Wenn diese kühnen Bücher öffentlich bekannt gewesen wären, dann können wir den gesunden Menschenverstand der christlichen Herrscher unseren Beifall nicht versagen, welche sich mit verächtlichem Lächeln diese letzten Rückzugsgefechte des Aberglaubens beschauten Allerdings beklagten sich die Heiden Afrikas darüber, dass ihnen die Zeitläufte es nicht erlaubten, in völliger Freiheit auf den »Gottesstaat« zu antworten; auch Augustinus streitet diesen Vorwurf nicht ab (5,26). . Allerdings: die kaiserlichen Erlasse, die Opfer- und anderen heidnischen Rituale untersagten, wurden unnachsichtig exekutiert; und sozusagen stündlich nahm der Einfluss einer Religion ab, welche eigentlich nur noch aus Gewohnheit, aber nicht aus Überzeugung getragen wurde. Ein Dichter oder Philosoph mag im Stillen anbeten, meditieren oder grübeln; aber nur der öffentliche Gottesdienst gibt den religiösen Bedürfnissen der Menge handfeste Nahrung, da sie ihre Stärke aus der Nachahmung und der Gewohnheit bezieht. Die Unterbrechung dieser öffentlichen Verrichtung kann innerhalb von ein paar Jahren das Werk einer nationalen Umwälzung vollenden. Die Erinnerung an theologische Meinungen kann ohne die künstliche Hilfe von Priestern, Tempeln oder Büchern nicht lange aufrecht erhalten werden Die spanischen Mauren, die über ein Jahrhundert lang unter dem Terror der Inquisition heimlich ihre mohammedanische Religion ausübten, besaßen den Koran und sprachen miteinander arabisch. Vergleiche hierzu die lesenswerte und wahre Geschichte ihrer Vertreibung bei Geddes, Miscellanies, Band 1, p. 1-198. . Die unwissende Masse, die sich immer nur von den blinden Hoffnungen und Schrecknissen ihres Aberglaubens hin und her leiten lässt, kann durch ihre Obrigkeit leicht dazu bestimmt werden, sich den herrschenden Göttern ihrer Zeit zuzuwenden; und unmerklich wird sie sich der Unterstützung und Propagierung der neuen Doktrin widmen, die anzunehmen sie zunächst nur spiritueller Hunger veranlasst hatte. Die Generation, welche nach Verkündung der kaiserlichen Gesetze aufwuchs, stand bereits im Banne der katholischen Kirche: und so rasch, so geräuschlos war der Untergang des Heidentums, dass nur achtundzwanzig Jahre nach dem Tode des Theodosius seine schwachen und versandenden Spuren dem Auge des Gesetzgebers nicht mehr erkennbar waren »Paganos qui supersunt, quanquam iam nullos esse credamus, etc.«. (Die Heiden, die noch übrig geblieben sind, obwohl wir glaubten, es gäbe keine mehr). Codex Theodosianus 16,10,22, A.D. 423 Der jüngere Theodosius überzeugte sich dann später, dass er in seinem Urteil ein wenig vorschnell gewesen war. .   VEREHRUNG DER CHRISTLICHEN MÄRTYRER Im Untergang der heidnischen Religion erkennen die Sophisten ein grässliches Zeichen von übler Vorbedeutung, das die Erde in Dunkelheit zu hüllen und die frühe Herrschaft des Chaos zu restaurieren geeignet war. Umständlich und breit angelegt berichten sie davon, dass aus Tempeln Gräber wurden und dass Orte der Heiligkeit, die einst mit Götterstatuen geschmückt waren, nunmehr von Grund auf mit den Reliquien christlicher Märtyrer besudelt seien. »Die Mönche« (eine unreine Tierart, der Eunapius am liebsten die Teilhabe an der Menschheit absprechen möchte) »sind die Urheber dieser neuartigen Götzenanbetung, welche an die Stelle der früheren hellen und klaren Gottheiten die gemeinsten und verächtlichsten Sklaven gesetzt hat. Die gesalzenen und eingelegten Köpfe jener bösartigen Verbrecher, welche für ihre ungezählten Vergehen zu Recht eine schmachvolle Todesstrafe verdienten; ihre Körper, auf denen immer noch die Spuren der Folter erkennbar sind, zu der sie die Magistrate verurteilt hatten: dieses« (so Eunapius weiter) »sind also die Gottheiten, welche die Erde heutzutage gebärt; diese Märtyrer sind die letztinstanzlichen Mittler unserer Gebete an die oberste Gottheit, und ihre Gräber sind die Objekte der populären Anbetung und Verehrung Siehe Eunapius in der Vita des Sophisten Aedisius; in der Biographie des Eustathios kündigt er den Untergang des Heidentums an: καί τι μυϑῶδες, καὶ ἀειδὲς σκότος τυραννήσει τὰ ἐπὶ γῆς κάλλιστα. (Und etwas Mythisches und eine undurchdringliche Finsternis wird der Erde Schönstes beherrschen). .« Ohne die kleinen Beimengungen von Bösartigkeit dieses Sophisten teilen zu wollen, scheint uns seine Überraschung durchaus natürlich, wenn er zum Zeugen einer Umwälzung wird, in deren Verlauf die verachteten Opfer der römischen Gesetze unvermittelt zu den himmlischen und unsichtbaren Schutzinstanzen des Reiches befördert wurden. Die dankbare Ehrfurcht der Christen für die Blutzeugen ihres Glaubens steigerte sich mit der Zeit zu religiöser Verklärung; und umgekehrt näherte sich die Verehrung der berühmtesten Heiligen und Propheten der der Märtyrer an. Einhundertundfünfzig Jahre nach dem Tode von St. Peter und St Paul zierten die Gräber oder besser die Reliquien dieser geistlichen Helden den Vatikan und die Straße nach Ostia Gaius (Eusebios, Historia Ecclesiastica 2,25), ein römischer Presbyter, der in den Zeiten des (Papstes) Zephyrinus lebte (A.D. 202 – 219) ist ein früher Gewährsmann für diese abergläubische Praxis. . In den Zeiten, die der Bekehrung des Constantin folgten, besuchten Kaiser, Konsuln und Armeegeneräle in aller Andacht die Gräber eines Zeltmachers und eines Fischers Johannes Chrysostomos, Quod Christus sit Deus. Opera, Band 1, der Neuausgabe, Nr. 9. Ich bin einem Hirtenbriefe von Benedikt XIV aus dem Jubeljahr 1750 für dieses Zitat verpflichtet. Siehe die lehrreichen und unterhaltsamen Briefe von Herrn Chais, Band 3. . Und ihre Gebeine wurden unter dem Altar Christi beigesetzt, an welchem die Bischöfe der Kaiserstadt ihre unblutigen Opfer darbrachten »Male facit ergo Romanus episcopus? qui, super mortuorum hominum, Petri and Pauli, secundum nos, ossa veneranda ...offert Domino sacrificia, et tumulos eorum, Christi arbitratur altaria.« (Es hat also der Bischof zu Rom übel gehandelt? Welcher über den Gebeinen der toten Peter und Paul, nach unserer Meinung Gegenstand der Verehrung, dem Herrn Opfer bringt und ihre Begräbnisstätte zu Altären Christi macht?) Hieronymus, Contra Vigilantium. Opera, Band 2, p. 153. . Die neue Hauptstadt des Orients, die alte oder eigene Trophäen dieser Art naturgemäß nicht vorweisen konnte, schmückte sich mit Stücken aus den von ihr abhängigen Provinzen. Die Körper der Heiligen Andreas, Lukas und Timotheus hatten fast dreihundert Jahren in ihren obskuren Gräbern gelegen, bis sie endlich mit ernstem Prachtaufwand in die Kirche der Apostel überführt wurden, die Constantins Großzügigkeit am Ufer des Thrakischen Bosporus hatte errichten lassen Hieronymus, Contra Vigilantium, Opera, Band 2, p.122 bringt Beweise für diese Umbettung, von der die Kirchengeschichtsschreiber nichts wissen. Die Passion des Andreas in Patras wird in einem Brief des Klerus von Achaia beschrieben, was Baronius (Annales Ecclesiastici, A.D. 60, Nr. 34) gerne glauben möchte und Tillemont zurückweisen muss. Der hl. Andreas wurde als spiritueller Gründungsvater von Konstantinopel angesehen. Mémoires ecclésiastiques, Band 1, p. 317-323 und 588-594. . Fünfzig Jahre später beehrte die Anwesenheit Samuels, des Richters und Propheten des Volkes Israel, dasselbe Ufer. Seine Asche, enthalten in einer goldenen Urne und mit einem seidenen Tuch verhüllt, wurde durch die Bischöfe von Hand zu Hand weitergereicht. Das Volk begrüßte die Reliquien Samuels mit derselben Freude und Verehrung, mit der es auch den lebenden Propheten empfangen hätte; die Straßen von Palästina nach Konstantinopel waren eine einzige ununterbrochene Prozession; und der Kaiser Arcadius eilte herzu, an der Spitze einer erlesenen Delegation von Senatoren und Kirchenfürsten seinen außergewöhnlichen Gast zu begrüßen, der ja schon immer die Ehrerbietung von Königen verdient und eingefordert hatte Hieronymus (a.a.O.) beschreibt mit mächtigem Wortschwall diese Überführung des Samuel, die bei allen zeitgenössischen Chronisten erwähnt wird. . Das Vorbild Roms und Konstantinopels festigte den Glauben und die Glaubensdisziplin der katholischen Welt. Die Märtyrer- und Heiligenverehrung setzte sich nach schwachen und wirkungslosen weltlichen Widerworten Der Presbyter Vigilantius, der Protestant seiner Zeit, widersetzte sich standhaft, aber erfolglos dem Aberglauben der Mönche, den Reliquien, den Heiligen, den Fasten \&c, wofür Hieronymus ihn denn auch mit der Hydra vergleicht, dem Höllenhund \&c und in ihm das Werkzeug der Dämonie sieht. Wer die Kontroverse zwischen Hieronymus und Vigilantius im Detail studiert, wird rasch eine Vorstellung von der Geistesverfassung der Kirchenväter gewinnen. allgemein durch; noch ihm Zeitalter eines Ambrosius und Hieronymus schien es der Kirche an Heiligkeit zu mangeln, bis sie durch Zugaben heiliger Reliquien jene Weihe erhalten hatte, die die Verehrung der Gläubigen entflammte und unterhielt.   REFLEKTIONEN ÜBER HEILIGE UND RELIQUIEN In der langen Periode von zwölfhundert Jahren zwischen der Herrschaft des Constantin und der Reformation Luthers hat die Heiligen- und Reliquienverehrung die reine und vollkommene Einfalt der christlichen Lehre korrumpiert; und einige der Niedergangssymptome können sogar schon bei der ersten Generation festgestellt werden, welche diese verderbliche Neuerung übernommen hatte I. ERFUNDENE MÄRTYRER Die beruhigende Entdeckung, dass die Reliquien der Heiligen mehr galten als Gold oder Edelsteine Herr de Beausobre (Histoire du Manichéisme, Band 2, p.648) hat der frommen Aufmerksamkeit des Klerus von Smyrna, der die Reliquien des St. Polykarp dem Märtyrer sorgsam aufbewahrte, weltliche Hintergründe angeheftet. , veranlasste den Klerus, den Schatz der Kirche zu mehren. Ohne sich viel um Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit zu bekümmern, dachten sie sich für Skelette Namen aus und für die Namen Taten. Der Ruhm der Apostel und der heiligen Männer, die ihnen nachlebten, wurde durch religiöse Dichtung verschüttet. Zu der unbestrittenen Schar der ersten Märtyrer fügten sie Myriaden von erfundenen Glaubenshelden hinzu, die allesamt niemals gelebt hatten außer in der Phantasie betrügerischer oder leichtgläubiger Legendendichter; und wir haben gute Gründe zu der Annahme, dass Tours nicht die einzige Diözese ist, in welcher die Gebeine eines Verbrechers verehrt werden anstelle der eines Heiligen Martin von Tours entrang dieses Geständnis dem Munde eines Toten (Siehe seine vita bei Sulpicius Severus 8). Der Irrtum wird als natürlich eingestanden, die Entdeckung wird als Wunder angesehen. Was von beiden ereignete sich häufiger? . Eine abergläubische Praxis mit der ihr innewohnenden Tendenz zu Betrug und Leichtgläubigkeit verdunkelte allmählich den historischen Hintergrund und das Licht der Vernunft in der Welt der Christenheit. II. WUNDER Aber der Siegeszug des Aberglaubens wäre wohl weniger rasch und erfolgreich gewesen, wenn nicht zum rechten Zeitpunkt eintreffende Wunder und Gesichte den Glauben des Volkes bestärkt und die Echtheit und Wahrheit noch der verdächtigsten Reliquien bekräftigt hätten. Unter der Herrschaft des jüngeren Theodosius erzählte Lukian Lukian hat seine Erzählung ursprünglich in griechischer Sprache verfasst; Avitus hat sie übersetzt und Baronius herausgegeben (Annales ecclesiastici, A.D. 415, Nr 7-16). Die benediktinischen Herausgeber der Schriften von St.Augustinus haben am Schluss von De Civitate Dei zwei Abschriften angefügt, welche viele widersprüchliche Lesarten enthalten. Widersprüche gehören zu den Merkmalen von Fälschungen. Die gröbsten Unglaubwürdigkeiten der Legende hat Tillemont geglättet und bereinigt (Memoires ecclésiastiques, Band 2, p. 9ff). , ein Presbyter aus Jerusalem und Kirchendiener des Dorfes Caphargamala (etwa zwanzig Meilen von der Stadt entfernt) von einem äußerst ähnlichen Traum, welcher zur Beseitigung seiner Zweifel sich an drei aufeinander folgenden Sonnabenden wiederholte. Eine Achtung gebietende Gestalt stand vor ihm, in stiller Nacht, mit langem Bart, weißer Robe und goldenem Schäferstab; nannte sich selbst Gamaliel und entdeckte dem erstaunten Presbyter, dass sein Leichnam, zusammen mit dem seines Sohnes Abibas, seines Freundes Nicodemus und des berühmten Stephanus, des ersten christlichen Glaubenszeugen, in dem benachbarten Feld begraben lägen. Nicht ohne Ungeduld fügte er hinzu, dass es an der Zeit sei, ihn und seine Gefährten aus ihren vergessenen Gefängnissen zu befreien; dass ihr Erscheinen für die leidende Welt heilsam sein werde; und dass sie sich Lucian erwählt hätten, dem Bischof von Jerusalem von ihrer Lage und ihren Wünschen zu benachrichtigen. Die Zweifel und Schwierigkeiten, die sich dieser wichtigen Entdeckung entgegenstellen mochten, wurden durch neuerliche Gesichte ausgeräumt; und so ließ der Bischof in Anwesenheit einer ungezählten Menge die Boden öffnen. Die Särge des Gamaliel, seines Sohnes und seines Freundes fand man in guter Ordnung; als aber der vierte Sarg mit den Gebeinen des Stephanus an das Licht kam, erbebte die Erde, ein paradiesischer Geruch wurde wahrgenommen, und auf der Stelle wurden die verschiedenen Gebrechen von dreiundsiebzig der Anwesenden geheilt. Die Gefährten des Stephanus ließ man in ihrer friedlichen Stätte in Caphargamala; aber die Reliquien des ersten Märtyrers verbrachte man in feierlicher Prozession in eine Kirche, die zu ihren Ehren auf dem Zionsberge errichtet worden war; und noch die kleinsten Partikel dieser Reliquien, ein Tropfen Blut Das Blut des heiligen Stephanus in einem Fläschchen verflüssigte sich in Neapel einmal im Jahr, bis der heilige Januarius ihn noch übertraf (Siehe Ruinart, Historia persecutionisVandalicae, p. 529). oder ein Splitter von einem Knochen galten in fast jeder Provinz der römischen Welt als begabt mit göttlicher und wunderwirkender Kraft. Der nachdenkliche und gelehrte Augustinus Augustinus verfasste zweiundzwanzig Bücher De Civitate Dei innerhalb von dreizehn Jahren (A.D. 413-426). Seine Bildung hat er sich allzu oft entliehen, und seine Beweisführungen sind allzu oft seine eigenen. Aber das Gesamtwerk ist verdienstvoll durch den großartigen Entwurf, der eindrucksvoll und mit viel Geschick ausgeführt ist. , dessen scharfem Verstand man nicht so ohne weiteres Leichtgläubigkeit zutrauen wird, hat die ungezählten Wunderwerke, die die Reliquien des heiligen Stephanus in Afrika vollbracht hatten, mit Nachdruck bekräftigt; und diese Wunderfabel findet sich in seinem großen Werk vom Gottesstaat, das der Bischof von Hippo entworfen hatte als immerwährenden, endgültigen Beweis für die Wahrheiten des Christentums. Augustinus erklärt sogar mit allem Ernste, dass nur solche Wunder aufgenommen habe, die öffentlich und von solchen Personen bekräftigt worden sind, die entweder als Objekte oder als Zeugen die Wirkmächtigkeit des Märtyrers erlebt hatten. Viele Wunder habe er vergessen oder ausgelassen; und Hippo sei gegenüber den anderen Städten der Provinz ziemlich vernachlässigt worden. Und doch weiß der Bischof von über siebzig Wundern, in seiner Diözese und innerhalb von drei Jahren Siehe Augustinus, De civitate Dei 22,22 und den Anhang mit den zwei Büchern der Wunder des hl Stephanus, von Euodios, Bischofs von Uzalis. Freculphus (bei Basnage, Histoire des Juifs, Band 8, p. 249) überliefert uns eine gallische oder spanische Redensart: »Wer behauptet, er habe alle Wunder des hl. Stephanus gelesen, der lügt.« , zu denen drei Auferstehungen vom Tode gehörten. Wenn wir nun unser Augenmerk auf alle Diözesen und alle Heiligen der Christenheit werfen, wird es sehr schwer halten, alle Irrtümer und müßigen Märchen zu berechnen, die aus dieser unerschöpflichen Quelle sprudeln. Aber mit Zuversicht dürfen wir festhalten, dass ein Wunder, welches sich im Zeitalter des Aberglaubens und der Leichtgläubigkeit ereignete, seinen Namen nicht verdient, da es jedenfalls keine Abkehr von den geltenden und anerkannten Naturgesetzen darstellt. III. WIEDERBELEBUNG DES POLYTHEISMUS Die ungezählten Wunder, zu denen die Gräber der Heiligen unentwegt den Schauplatz abgaben, enthüllten dem frommen Gläubigen den aktuellen Zustand der unsichtbaren Welt; und seine religiösen Anschauungen beruhten erkennbar auf Fakten und Erfahrung. In welchem Zustande auch immer sich die gewöhnliche Seele befinden mochte, es war klar, dass die höheren Geister der Heiligen und Märtyrer in dem langen Zeitraum zwischen dem Tode und der Wiederauferstehung ihres Körpers nicht ruhm- und tatenlos dahindämmerten Burnet (de statu mortuorum p. 56-84) hat die Auffassungen der Kirchenväter zusammengetragen, sofern diese die Schlaf- oder Ruhephase der menschlichen Seele bis zum Tage des Gerichtes betreffen. Dem stellt er die Unbequemlichkeit gegenüber, falls denn diesen Seelen eine unternehmende oder heikle Befindlichkeit eignen sollte. . Es war offenkundig, (wenngleich niemand sich unterfing, ihren genauen Aufenthaltsort oder die Natur ihrer Glückseligkeit zu bezeichnen), dass sie sich ihres Glückes, ihrer Tugend und ihrer Macht durchaus bewusst waren; und dass sie bereits im Besitze ihrer ewigen Belohnung waren. Die Steigerung ihrer Wahrnehmungsfähigkeit überstieg jede menschliche Vorstellungskraft; denn es war empirisch erwiesen, dass sie imstande waren, die verschiedenen Bitten ihrer zahlreichen Verehren zu verstehen; welche in ein und demselben Augenblick an der verschiedensten Orten dieser Welt den Namen oder den Beistand von Stephanus oder Martin anriefen Vigilantius versetzt die Seelen der Propheten und Märtyrer entweder in Abrahams Schoß ( »In loco refrigerii«-an einen erfrischenden Ort) oder aber unter Gottes Altar. »Nec posse [de] suis tumulis et ubi voluerint adesse praesentes.« (Sie können nicht in ihren Gräbern und wo sie sonst wollen gegenwärtig sein). Aber Hieronymus (Opera, Band 2, p.122) verwahrt sich gegen diese ›Blasphe‹ mit Nachdruck: »Tu Deo leges pones? Tu apostolis vincula injicies, ut usque ad diem judicii teneantur custodia, nec sint cum Domino suo; de quibus scriptum est, Sequuntur Agnum quocunque vadit. Si Agnus ubique, ergo, et hi, qui cum Agno sunt, ubique esse credendi sunt. Et cum diabolus et daemones toto vagentur in orbe, etc.« (Du also willst Gott Vorschriften machen? Du willst den Aposteln Fesseln anlegen, damit sie bis zum Tage des Gerichtes in Banden liegen und nicht bei ihrem Herren verbleiben können; wo doch die Schrift von ihnen sagt: Sie folgen dem Lamme, wohin es auch immer gehen mag. Wenn aber das Lamm überall ist, muss man glauben, dass auch, die mit dem Lamm sind, überall sind. Und wenn der Teufel und die Dämonen auf der ganzen Welt umherschweifen...) . Das Zutrauen dieser Bittenden nährte sich von der Überzeugung, dass die Heiligen, welche mit Christus herrschten, mit dem Auge des Mitleides auf die Erde blickten; dass sie am Reichtum der katholischen Kirche ein warmes Interesse hatten; und dass solche Menschen, die ihrer Glaubensstärke und Frömmigkeit nacheiferten, die besonderen und bevorzugten Objekte ihrer Aufmerksamkeit waren. Zuweilen wurde ihre Freundschaft auch durch nicht ganz so hochfliegende Erwägungen beeinflusst: so bevorzugten sie die Orte, die geheiligt waren durch ihre Geburt, ihr Erdenleben, ihren Tod, ihr Begräbnis oder den Besitz ihrer Reliquien. Niedere Gemütsregungen wie etwa Stolz, Habsucht oder Rachegelüste waren eines himmlischen Gemütes nicht würdig; doch ließen sich die Heiligen durchaus herbei, die Freigebigkeit ihrer Anhänger dankbar zu billigen; und die schärfsten Blitzstrahlen der Strafe zerschmetterten jene gottlosen Frevler, die sich an den wundertätigen Schreinen vergriffen oder ihre übernatürlichen Kräfte anzuzweifeln wagten Fleury, Discours sur l'histoire ecclésiastique, Band 3, p.80. . Fürchterlich musste ja die Schuld und ganz und gar abwegig die Meinung jener Menschen gewesen sein, welche sich in hartnäckiger Verstocktheit geweigert hätten, die Beweise für jene göttliche Wirkkraft anzuerkennen, der die Elemente, die Stufenfolge des Tierreiches und selbst noch die feinen und unsichtbaren Regungen des menschlichen Gemütes gehorchen mussten Auf Menorca bekehrten die Reliquien des hl. Stephanus binnen acht Tagen 540 Juden, freilich nicht ohne heilsame Gewalt; so brannte etwa die Synagoge nieder oder trieb man verstockte Ungläubige zum Verhungern in die Felsen. Siehe den Originalbrief von Severus, des Bischofs von Menorca (am Schluss von Augustinus, de Civitate Dei), und Basnages einfühlsame Erläuterungen (Histoire des Juifs, Band 8, p. 245-251). . Die Geschehnisse, die nach allgemeiner Auffassung die augenblicklichen Folgen der an sie gerichteten Gebete oder ihnen zugefügten Beleidigungen waren, überzeugten die Christen davon, dass die Heiligen in der Gegenwart des höchsten Gottes sich eines gerüttelten Maßes an Ansehen und Macht erfreuen durften; und es schien nachgerade überflüssig danach zu fragen, ob sie denn beständige Fürsprache vor dem Gnadenthrone einlegen mussten oder ob es ihnen nicht gestattet sei, nach eigenem Wohlwollen und Gutdünken die übertragene Machtfülle ihres nachgeordneten Amtes zu exekutieren. Die Vorstellungskraft, welche sich nur mit schmerzlicher Anstrengung zur Betrachtung und Anbetung einer universellen Ursache emporgerungen hatte, nahm sich bereitwillig solcher niederen Objekte der Verehrung an, da sie ihrer Schlichtheit und ihren begrenzten Möglichkeiten eher entgegenkamen. Die erhabene und einfache Theologie des frühen Christentums wurde so allgemach korrumpiert; und das HimmelsKÖNIGREICH, das bereits durch allerlei metaphysische Spitzfindigkeiten verdunkelt war, verkam durch die Einführung einer volkstümlichen Mythologie vollends, da hier die Tendenz zur Restauration des Polytheismus erkennbar wurde Mr. Hume (Essays, Band 2, p. 434) konstatiert hier in der Art eines Philosophen für den Theismus und den Polytheismus die natürliche Abfolge von Ebbe und Flut. . IV. EINFÜHRUNG HEIDNISCHER GEBRÄUCHE Da die Gegenstände der Religion im Laufe der Zeit immer mehr auf die Möglichkeiten der Einbildungskraft reduziert wurden, wurden auch solche Rituale und Zeremonien eingeführt, die den Möglichkeiten der Sinneswahrnehmung am handgreiflichsten entgegenkamen. Wenn etwa zu Beginn des fünften Jahrhunderts D'Aubigne (Mémoires, p. 156-160) versuchte mit Einwilligung der hugenottischen Minister die ersten 400 Jahre als maßstabgebend für Glaubensfragen gelten zu lassen. Kardinal du Perron feilscht hier um vierzig weitere Jahre, die ihm bedenkenlos gewährt wurden. Aber keine Partei dürfte bei diesem törichten Handel auf ihre Kosten gekommen sein. Tertullian oder Lactantius Der Gottesdienst, wie ihn Tertullian, Lactantius, Arnobius \&c. ausübten und lehrten, ist so rein und durchgeistigt, dass ihre Tiraden gegen die Heiden bisweilen sogar gegen die jüdischen Zeremonien gerichtet scheinen. plötzlich von den Toten auferstanden wären, um einem Fest zu Ehren eines volkstümlichen Heiligen oder Märtyrers Faustus der Manichaeer beschuldigt die Katholiken sogar der Idolatrie. »Vertitis idola in martyres...quos votis similibus colitis.« (Ihr habt die Götzenbilder eingetauscht gegen Märtyrer...die ihr mit ähnlichen Gebeten verehrt). Herr de Beausobre Manichéisme, Band 2, p. 629-700), ein Protestant, aber dennoch ein Philosoph, hat mit Klarsicht und Gelehrsamkeit die Entstehung des ›christlichen Götzendienstes‹ im vierten und fünften Jahrhundert dargestellt. beizuwohnen, hätten sie nur mit Erstaunen und Abneigung auf dieses weltliche Schauspiel geschaut, das sich im Anschluss an die reinlichen und durchgeistigten christlichen Glaubensversammlungen entwickelt hatte. Nach der Öffnung der Kirchentüren hätte sie sogleich das Weihraucharoma beleidigt, der Duft der Blumen und das Leuchten von Ampeln und Fackeln, welche am hellen Tage ein fröhliches, überflüssiges und nach ihrer Auffassung wohl auch gotteslästerliches Leuchten verbreiteten. Bei der Annäherung an den Altar hätten sie sich ihren Weg durch eine hingestreckte Menge gebahnt, welche sich größtenteils aus Pilgern und Ortsfremden zusammensetzte, die sich am heiligen Vorabend des Festes in der Stadt versammelt hatte; und die sich durch Glaubensstärke und vermutlich auch durch Wein belebt fühlte. Glühende Küsse drückten sie an die Wände und auf den Fußboden des heiligen Gebäudes; und alle ihre innigen Gebete galten, mochte die Sprache der Kirche sein, welche sie wollte, den Gebeinen, dem Blut oder der Asche des Heiligen, die der profanen Neugier normalerweise durch ein Leinen- oder Seidentuch entzogen waren. Die Gräber der Märtyrer besuchten die Christenmenschen in der Hoffnung, durch deren wirkmächtige Fürsprache geistiger Segnungen im Allgemeinen und weltlicher im Besonderen teilhaftig zu werden. So baten sie um die Erhaltung ihrer Gesundheit oder um Heilung ihrer Leiden; sie baten bei Kinderlosigkeit um Fruchtbarkeit für ihre Weiber oder um Schutz und Glück für ihre Kinder. Stand ihnen eine lange oder gefährliche Reise bevor, baten sie die Märtyrer um Schutz und Geleit auf ihren Wegen; und waren sie wohlbehalten zurückgekehrt, eilten sie erneut zu den Gräbern der Märtyrer, um ihren himmlischen Beschützern Dank abzustatten. Die Wände hingen voll mit Gaben, die man ihnen gewidmet hatte; Augen, Hände oder Füße aus Gold und Silber; und Erbauungsbilder, die schon bals unbesonnener oder abgöttischer Verehrung ausgesetzt waren, stellten das Aussehen, die Attribute und die Werke der Heiligen dar. Der gleiche Geist des Aberglaubens wird zu allen Zeiten und ihn allen Ländern die gleichen Methoden hervorbringen, die Leichtgläubigkeit der Menschen zu täuschen und ihre Befindlichkeiten zu beeinflussen Die Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Formen des Aberglaubens, die ohne Nachahmung entstanden sind, kann man von Japan bis Mexiko verfolgen. Warburton ist dieser Idee nachgegangen, aber sie zu allgemein und zu absolut aufgefasst und dadurch entwertet. Divine legation, Band 4, p. 126ff. ; aber es muss offen eingestanden werden, dass die Diener der katholischen Kirche genau das weltliche Vorbild nachahmten, das zu zerstören sie entschlossen waren. Noch die honorigsten Bischöfe hielten sich überzeugt, dass die ungebildete Landbevölkerung das Heidentum umso bereitwilliger ablegen müsse, je mehr Bekanntes und Anheimelndes sie im Schoße des Christentums vorfinden würde. Die Religion des Constantin vollendete in weniger als hundert Jahren seinen Sieg im Römischen Reich: aber die Sieger gingen an den Künsten ihrer besiegten Gegner unmerklich selbst zugrunde Die Nachahmung des Heidentums ist der Gegenstand von Dr. Middletons gefälligem Brief aus Rom. Warburtons Bemerkungen haben ihn veranlasst (Divine legation, Band 3, p. 120-132), die Geschichte der beiden Religionen miteinander in Verbindung zu bringen und so das hohe Alter der christlichen Kopie zu beweisen. . XXIX ENDGÜLTIGE TEILUNG DES RÖMISCHEN REICHES UNTER DIE SÖHNE DES THEODOSIUS · ARCADIUS UND HONORIUS · · RUFINUS UND STILICHO VERWALTEN DAS REICH · REVOLTE UND TOD · GILDOS IN AFRIKA · VERDAMMUNG DURCH DEN SENAT   TEILUNG DES REICHES UNTER ARCADIUS UND HONORIUS · 17. JANUAR 395 Der Genius Roms starb mit Theodosius, dem letzte Nachfolger des Augustus und Constantins, der sich noch im Felde an der Spitze seiner Armee blicken ließ und dessen Autorität im gesamten Reich anerkannt war. Selbst noch die Erinnerung an seine Größe war für die schwächliche und arglose Jugend seiner beiden Söhne ein hinreichender Schutz. Nach dem Tode des Vaters begrüßte sie die gesamte Menschheit einhellig als die rechtmäßigen Herrscher des Ostens und Westens; und alle Stände des Reichs waren beflissen, den Treueeid zu leisten: die Senatsversammlungen der alten und der neuen Hauptstadt, der Klerus, das Militär, das Volk. Arcadius, damals achtzehn Jahre alt, war in Spanien in bedeutungsloser privater Stellung geboren. Allerdings empfing er im Palast des Constantin eine rechte Prinzenerziehung; und so verbrachte er sein ruhmloses Leben in exponiert-königlicher Lage, um von dort als der Herrscher Thrakiens, Kleinasiens, Syriens und Ägyptens, von der unteren Donau bis zu den Grenzen Persiens und Äthiopiens aufzutreten. Sein jüngerer Bruder, Honorius, erhielt in seinem elften Lebensjahr nominell die Herrschaft über Italien, Afrika, Gallien, Spanien und Britannien; und die Grenztruppen seines Königreiches standen einerseits den Kaledoniern und andererseits den Mauren gegenüber. Die große und unruhige Präfektur Illyrien wurde zwischen beiden Herrschern aufgeteilt; Verteidigung und Verwaltung von Noricum, Pannonien und Dalmatien oblag dem Westreich; die beiden großen Diözesen Dacien und Makedonien aber, die Gratian einst Theodosius anvertraut hatte, blieben für immer mit dem Ostreich vereint. Die Grenze Europas verlief etwa auf der Linie, die heute die Deutschen von den Türken trennt; und die jeweiligen Vorzüge von Territorium, Wohlstand, Bevölkerungszahl und militärischer Stärke waren in dieser letzten und endgültigen Teilung des Römischen Imperiums sehr fein austariert. Die ererbte Herrschaft der Söhne des Theodosius schienen ein Geschenk der Natur und ihres Vaters zu sein; Generäle und Minister hatten sich daran gewöhnt, sich vor der Majestät der königlichen Knaben zu verneigen; und kein gefährliches Vorbild einer zurückliegenden Wahl erinnerte Volk oder Militär an ihre Macht und ihre Rechte. Die allmähliche Entdeckung der Unfähigkeit und Schwäche von Arcadius und Honorius sowie die wiederholten Unglücksfälle ihrer Regierung reichten nicht hin, die tiefsitzende und früherworbene Loyalität ganz auszulöschen. Roms Untertanen, die immer noch die Herrscherpersönlichkeiten -besser wohl: ihre Namen- verehrten, verabscheuten mit vergleichbarer Inbrunst die Rebellen, die sich der Autorität des Thrones entgegenstellten und die Minister, die sie missbrauchten.   RUFINUS · SEINE VERWALTUNG · A.D. 386 – 395 Theodosius hatte seiner glänzenden Herrschaft durch die Erhebung des Rufinus einen Schandfleck hinzugefügt: eines widerwärtigen Günstlings, der in jenen Zeiten der bürgerlichen und religiösen Faktionsbildung zu Recht von allen Parteien jedes Verbrechens für fähig gehalten wurde. Habsucht Alekto, neidisch auf des Staates Wohlfahrt, beruft eine ganze Höllensynode ein. Megaera empfiehlt ihren Schüler Rufinus und stachelt ihn zu allerlei Ruchlosigkeiten an. Aber es gibt ebensoviele Unterschiede zwischen Claudians Invektiven und denen des Vergil, wie zwischen den Charakteren des Turnus und Rufinus. und Ehrgeiz waren bei Rufinus besonders stark ausgebildet und hatten ihn einst bestimmt, seine Heimat – eine entlegene Ecke Galliens Auch wenn de Marca sich seines Landsmannes schämt: es steht fest (Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p.770), dass Rufinus in Elusa geboren wurde, der Hauptstadt von Novempopulania, heute einem kleinen Dorf (Eause) in der Gascogne (d'Anville, Novice de l'ancienne Gaule, p.289). – zu verlassen und sein Glück in der Hauptstadt des Ostens zu suchen; er brachte günstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche und einträgliche Anwaltskarriere mit, da er vorlaut und schlagfertig war Philostorgios, mit Gothofreds Anmerkungen p. 440. ; und sein Erfolg in diesem Gewerbe war die Eintrittskarte zu den ehrbarsten und wichtigsten Staatsämtern. Er stieg die Karriereleiter bis zum magister officium (Hofminister) empor. Durch seine Amtsführung in den unterschiedlichen Stellungen, die so unmittelbar mit dem ganzen zivilen Verwaltungssystem verbunden waren, erwarb er sich das Vertrauen des Monarchen, der schon bald seine umsichtige und kompetente Art entdeckte und dem zugleich sein Hochmut, seine Bösartigkeit und seine Habsucht verborgen bleiben. Diese Laster verbarg er hinter der Larve täuschender Verstellung Eine Stelle in der Suda drückt seine tiefe Heuchelei aus: βαϑυγνώμων ἄνϑρωπος καὶ κρυψίνους (ein vergrübelter Mensch, der seine Gedanken verbirgt) ; seine Leidenschaften dienten nur den Leidenschaften ihres Herren; ja, bei dem Massaker von Thessaloniki entfachte Rufinus den Zorn des Theododius, ohne indessen seiner Reue nachzueifern. Der Minister, der mit kaltem Gleichmut auf den Rest der Menschheit herniederblickte, vergaß ein Unrecht niemals; und seine persönlichen Feinde hatten nach seiner Auffassung alle um den Staat erworbenen Meriten verwirkt. Promotus, der Heermeister der Infanterie, hatte das Imperium von der Invasion der Ostgoten gerettet; aber er ertrug nur widerwillig den Vorzug eines Rivalen, dessen Charakter und Beruf er verachtete; und mitten in einer öffentlichen Beratung wurde der unbedachte Soldat dazu provoziert, mit einem Schlag den vorlauten Hochmut des Günstlings zu züchtigen. Dieser Gewaltakt wurde dem Herrscher dargestellt als eine Kränkung, die zu ahnden seiner Würde oblag. Die Ungnade und das Exil, die Rufinus zuteil wurden, dokumentierten sich in der unwiderruflichen Anordnung, sich ohne Verzug zu einem Militärposten an der Donau zu begeben; und der Tod des Generals (obwohl er bei einem Scharmützel mit den Barbaren sein Leben verlor) wurde allgemein Rufinus Arglist zugerechnet Zosimos 4,51. . Der gewaltsame Tod eines Helden kühlte seine Rachegelüste; die ehrenhafte Konsulstellung kitzelte seiner Eitelkeit; aber seine Macht war immer noch unvollständig und stand auf schwankem Boden, solange Tatianus Zosimus, der den Sturz des Tatian und seines Sohnes beschreibt (4,52), versichert uns ihrer Unschuld; und selbst sein Zeugnis hat mehr Gewicht als das seiner Feinde (Codex Theodosianus, Band 4, p. 489), die ihn der Beraubung der Curiae beschuldigen.Die Beziehungen, die Tatian während seiner Präfektur in Ägypten mit den Arianern unterhielt, (A.D 373), bewirken, dass Tillemont ihn jeden Verbrechens für schuldig hält. Histoire des empereurs, Band 5, p.360; Mémoires ecclesiastiques Band 6, p.589. und dessen Sohn Proculus den einflussreichen Posten des Präfekten des Ostens und Konstantinopels noch innehatten; deren vereinigte Macht hielt für eine Zeitlang dem Ehrgeiz des magister officium die Waage. Die beiden Präfekten wurden der Unterschlagung und Bestechlichkeit angeklagt. Für den Prozess gegen diese hochstehenden Delinquenten richtete der Kaiser eine besondere Kommission ein; mehrere Juristen wurden benannt, damit sie sich in die Schuld und den Vorwurf des Rechtsbruchs teilen könnten; aber das Recht der Urteilsverkündung behielt der Vorsitzende der Kommission für sich, und dieser Vorsitzende war Rufinus persönlich. Der Vater wurde seiner Ämter entkleidet und in ein Verließ geworfen; der Sohn aber, der sich bewusst war, dass niemand unschuldig ist, wenn ein Feind sein Richter ist, hatte sich bereits heimlich entfernt; und Rufinus hätte sich mit den allerunschuldigsten Opfer zufrieden geben müssen, wenn er sich nicht zu der niederträchtigsten und gemeinsten Handlung verstanden hätte. Die Verhandlung wurde scheinbar korrekt und rechtsstaatlich geführt, und in Tatianus keimte die Hoffnung auf ein glückliches Ende; dieses Vertrauen wurde noch zusätzlich bestärkt durch wiederholte Versicherungen und heilige Versprechen des Vorsitzenden, der sogar den geheiligten Namen des Theodosius ins Spiel zu bringen sich nicht entblödete; und schließlich ließ sich der unglückliche Vater überreden, den flüchtigen Proculus in einem persönlichen Brief zurück zu rufen. Er wurde in einer der Vorstädte von Konstantinopel unverzüglich verhaftet, verhört, verurteilt, enthauptet, und dies so hastig, dass man der ihm zugedachten Begnadigung durch den Kaiser zuvorkam. Ohne Ansehen seiner Person zwangen Tatianus' mörderische Richter ihn, dem Justizmord an seinem Sohn beizuwohnen; der Strick um seinen Hals zog sich immer mehr zusammen; aber in dem Moment, als er die Erleichterung durch einen raschen Tod erwartete, ja sogar herbeisehnte, erlaubte man ihm, die ihm verbleibenden Jahre in einem elenden Exil zu verbringen »– Juvenum rorantia colla Ante patrum vultus stricta cecidere securi. Ibat grandaevus nato moriente superstes Post trabeas exsul.« (...auf den tau-jungen Nacken der jungen Männer fiel das Beil, vor den Augn der Väter; fort ging von dem Sterbenden der Überlebende, Betagte, einst im Staatskleid, in die Verbannung). Claudian, In Rufinum 1, 246-249. Die von Zosimos beigebrachten Falkten lassen uns Claudians Text verstehen, aber seinen klassischen Interpreten war das IV. Jahrhundert unbekannt. Den \>tödlichen Strick\< habe ich mit Tillemonts Hilfe in einer Predigt des hl. Asterios von Amaseia gefunden. . Eine Bestrafung der beiden Präfekten ließe sich allenfalls entschuldigen durch ihre in der Tat anfechtbare Amtsführung; und auch der Hass des Rufinus lässt sich erklären, wenn man die asoziale Natur des Ehrgeizes bedenkt. Aber er widmete sich völlig hirnlosen und fanatischen Rachegelüsten, indem er sogar noch ihr Heimatland Lycia den Rang einer römischen Provinz aberkannte; völlig unschuldige Menschen mit einem Schandmal brandmarkte; und erklären ließ, dass die Landsleute des Tatianus und Proculus für alle Zeiten von sämtlichen kaiserlichen Ämtern ausgeschlossen bleiben sollten Dieses niederträchtige Gesetz wird von Arcadius (A.D. 369) im Codex Theodosianus (9, 38,9) angeführt und zurückgenommen. Der Sinn, so wie ihn Claudian (In Rufinum 1,232) und Gothofred (Band 3, p. 279) erklären, ist ja vollkommen klar: »Exscindere cives/Funditus, et nomen gentis delere laborat.« (...er arbeitet daran, die Bürgerschaft zu vertilgen und den Namen des Volkes zu löschen). Die Zweifel von Pagi und Tillemont können nur durch ihre Sorge um Theodosius' Nachruhm verursacht sein. . Der neue Präfekt des Ostens (denn Rufinus folgte seinen Feinden unmittelbar auf ihre erledigten Ehrenstellen) ließ sich indessen im Verfolg auch seiner kriminellsten Vorhaben nicht von der Ausübung religiöser Pflichten abhalten, die zu jener Zeit als unabdingbar für die Erlangung des Heils angesehen wurden. In einer Vorstadt von Chalcedon, genannt die Eichen , hatte er sich eine prachtvolle Villa errichten lassen; hier ließ er in aller Demut eine Kirche erbauen, die den Aposteln St. Peter und St. Paul geweiht war und durch die Gebete und Litaneien einer regelrechten Gemeinschaft von Mönchen immer wieder erneut geheiligt wurde. Eine zahlreich besetzte, fast schon allgemeine Bischofssynode des Ostens war zusammen gekommen, die Weihe der Kirche und die Taufe ihres Stifters festlich zu begehen. Diese doppelte Zeremonie wurde mit vielem Pomp begangen; und als Rufinus durch das heilige Quellwasser von allen bisherigen Sünden gereinigt war, bot sich schon bald ein ehrbarer ägyptischer Einsiedel als Pate für den stolzen und ehrgeizigen Staatsmann an »Ammonius . . . Rufinum propriis manibus suscepit sacro fonte mundatum.« (Als er im heiligen Bade gereinigt war, nahm ihn Ammonius mit eigenen Händen auf). Siehe Rosweyde, Vitae Patrum, p. 947. Sozomenos (8,17) erwähnt Kirche und Kloster, und Tillemont (Mémoires ecclesiastiques, Band 9, p. 539) berichtet von dieser Synode, auf der Gregor von Nyssa eine herausragende Rolle spielte. .   RUFINUS UNTERDRÜCKT DEN OSTEN · A.D. 395 Die Gemütsart des Theodosius nötigte Rufinus zu beständigem Frömmeln, was den Missbrauch seiner Macht zuweilen verbarg und bisweilen sogar erschwerte; und Rufinus hütete sich, den süßen Schlummer seines Herrschers aufzustören, war dieser doch durchaus noch imstande, sich der Tugenden zu erinnern, die ihn einst zum Thron verholfen hatten Montesquieu (Esprit des Lois 12,12) rühmt eines der Gesetze des Theodosius, das speziell für Rufinus gedacht war (Codex Theodosianus 9,4, leg unic) und von der Verfolgung verräterischer oder gotteslästerlicher Äußerungen abriet. Der Erlass eines Tyrannen verrät immer den Tyrannen; aber ein löbliches Edikt enthält immer nur die verlogenen Bekenntnisse oder wirkungslosen Absichten eines Herrschers. Dies ist, so fürchte ich, die zutreffende, wenngleich betrübliche Grundlage aller historischen Kritik. und von ihnen auch Gebrauch zu machen. Aber die Abwesenheit und wenig später der Tod des Theodosius befestigte das absolute Übergewicht des Rufinus über Arcadius und seinen Herrschaftsbereich: ein schwacher Jüngling, den die dominierende Persönlichkeit des Präfekten eher als seinen Mündel denn als Herrscher absah. Unbeeindruckt von der öffentlichen Meinung, ohne Widerstand zu erfahren oder Reue zu empfinden, frönte er seinen Leidenschaften; und seine Bösartigkeit und seine Raffgier wies alle Empfindungen von sich, die etwas zu seinem Ruhm oder der Wohlfahrt des Volkes beigetragen hätte. Seine Habgier, die in seinem kranken Hirn offenbar alle anderen Gedanken zurückdrängte »fluctibus auri/Expleri calor ille nequit/Congestae cumulantur opes; orbisque rapinas/Accipit una domus.« (Durch Ströme von Gold/kann er nicht jene Glut beruhigen.../Erraffte Schätze türmen sich; der Ruin der Welt/ ist in einem Haus erfasst). Diese Charakterzeichnung (Claudian, In Rufinum 1,186 und 193f) wird von Hieronymus bestätigt, einem neutralen Zeugen (dedecus insatiabilis avaritiae – entehrt durch ungemessene Habsucht), Epistulae ad Heliodorum, Opera, Band 1, p. 26, von Zosimos (5,1) und in der Suda, welche die Geschichte des Eunapios mitteilt. , riss die Reichtümer des Ostens mit einer Fülle von speziellen und allgemeinen Plünderungserlassen an sich: extreme Steuern, skandalöse Nötigung, maßlos Gebühren, illegale Beschlagnahmungen, erpresste oder gefälschte Testamente, mit denen der Tyrann die Kinder von Feinden oder Fremden ihres rechtmäßigen Erbes beraubte, und schließlich der öffentliche Verkauf von Gerichtsurteilen oder Vergünstigungen, die er im Palast von Konstantinopel zur Regel machte. So bewarb sich ein ehrgeiziger Kandidat auf Kosten des besten Teils seiner Erbschaft um eine provinzielle Regierungsstelle; Leben und Vermögen der unglücklichen Bewohner gingen an den Meistbietenden; und bisweilen wurde der öffentliche Unmut durch die Hinrichtung eines verhassten Kriminellen beschwichtigt, dessen Bestrafung allerdings nur für den Präfekten des Ostens, seine Komplizen und die Richter profitabel waren. Wäre Habsucht nicht die blindeste von allen menschlichen Leidenschaften, dann könnten die Beweggründe des Rufinus sogar unser Interesse erregen; und wir könnten uns zu der Untersuchung der Frage verstehen, warum er alle Prinzipien der Humanität und der Gerechtigkeit mit Füßen trat, um unfassbare Reichtümer anzuhäufen, die er ohne unglaubliche Torheit nicht ausgeben und ohne Gefahr nicht behalten konnte. Vielleicht stellte er sich vor, er tat dies im Interesse seiner einzigen Tochter, die er mit seinem königlichen Mündel zusammenbringen wollte und der er den Titel einer Kaiserin des Ostens zugedacht haben mag. Vielleicht lebte er auch in dem Irrtum, seine Habsucht sei seinem Ehrgeiz dienlich. Er hatte die Absicht, sein Glück auf ein festeres Fundament zu stellen, das vor dem Zugriff des unberechenbaren Herrschers sicher war; aber er unterließ es, die Herzen der Soldaten und des Volkes zu gewinnen, indem er von den Reichtümern, die er mit soviel Mühe und Unrecht zusammengerafft hatte, etwas abgab. Der krankhafte Geiz des Rufinus bekräftigte den Vorwurf, dass er alles unrechtmäßig erworben habe; sein Anhang diente ihm ohne jede Ergebenheit; der allgemeine Hass der Menschheit wurde nur noch von ihrer servilen Furcht übertroffen. Schließlich brachte das Schicksal des Lucian im Osten die Meinung auf, dass des Präfekten Tatendrang sich bei der Erledigung von Routine verbraucht habe und nur noch beim Aushecken von Racheplänen tätig und unermüdet sei. Lucian, der Sohn des Präfekten Florentius, der Gallien unterdrückt hatte und der Feind Julians gewesen war, hatte einen beträchtlichen Teil seines Erbes, einer Frucht von Raub und Bestechung, dazu verwendet, die Freundschaft des Rufinus und das hohe Amt eines comes des Ostens zu erkaufen. Törichterweise aber wich der neue Magistrat von den bewährten Maximen des Hofes und seiner Zeit ab und kränkte seinen Gönner, indem er eine umsichtige und maßvolle Verwaltung ausübte; und sich sogar erkühnte, einen Unrechtsakt nicht zu vollziehen, von dem der Onkel des Kaisers hätte profitieren sollen. Arcadius war schnell gewonnen, sich dieses Unrechtes anzunehmen; und der Präfekt des Ostens beschloss, höchstpersönlich die Rache zu üben, die er für seinen undankbaren Zögling ausbrütete. Er ritt in zornigen Eilmärschen die sieben- oder achthundert Meilen von Konstantinopel nach Antiochia, gelangte in tiefer Nacht in die syrische Hauptstadt und löste unter der Bevölkerung allgemeine Bestürzung aus, da sie zwar nicht seine Pläne, wohl aber seine Wesensart kannten. Der comes der fünfzehn Provinzen des Ostreiches wurde wie der gemeinste Verbrecher vor das sogenannte Gericht des Rufinus gezerrt. Trotz seiner offenkundigen Unschuld, die selbst die Stimme eines Anklägers nicht zu bestreiten wagte, wurde Lucian praktisch ohne Gerichtsverfahren zu einer grausamen und schandbaren Todesstrafe verurteilt. Die Diener des Tyrannen schlugen ihm auf Geheiß und im Beisein ihres Herren mit Lederpeitschen in den Nacken, an deren Enden Bleikugeln befestigt waren; und als er unter den grässlichen Schmerzen das Bewusstsein verlor, legte man ihn in eine Sänfte, um den Anblick seines Todeskampfes den Augen der empörten Bevölkerung zu entziehen. Kaum hatte Rufinus diesen Justizmord begangen, der ja der einzige Zweck seiner Reise gewesen war, als er auch schon unter den stummen und ohnmächtigen Verfluchungen des Volkes von Antiochia nach Konstantinopel zurückkehrte; und seine Eile wurde noch befeuert durch die Hoffnung, die Hochzeit seiner Tochter mit dem Kaiser des Ostens zu vollenden »...caetera segnis; Ad facinus velox; penitus regione remotas Impiger ire vias.« (...ansonsten träge, nur bei Verbrechen hurtig, eilt die entlegensten Wege unermüdlich dahin). Auch diese Anspielung bei Claudian (In Rufinum 1, 239-241) wird durch Zosimos ausführlichen Bericht (5,2) erklärt. .   DIE HOCHZEIT WIRD EIN FEHLSCHLAG – 27. APRIL 395 Aber Rufinus machte schon bald die Erfahrung, dass ein umsichtiger Diener seines Herren seinen königlichen Gefangenen immer am kurzen Gängelband der Gewohnheit führen sollte; und dass dessen Erinnerung an die Verdienste und noch viel leichter die Begünstigung des Abwesenden sich rasch aus der Seele eines schwachen und launischen Herrschers verflüchtigen können. Während also der Präfekt seine Rachegelüste in Antiochia kühlte, unterhöhlte eine heimliche Verschwörung der kaiserlichen Lieblingseunuchen unter der Führung des großen Eutropius seine Stellung. Sie entdeckten, das Arcadius der Tochter des Rufinus mit Herzenskühle begegnete, die man doch, ohne ihn auch nur zu fragen, zu seiner Braut bestimmt hatte; und sie taten das Ihre, dass an ihre Stelle die holdselige Eudoxia trat, die Tochter des Bauto Zosimos (4,33) rühmt den Mut, die Klugheit und die Integrität des Franken Bauto. Siehe dazu auch Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 5,p,771. , eines fränkischen Generals in römischen Diensten; und welche nach dem Tode ihres Vaters in der Familie des Sohnes von Promotus auferzogen wurde. Der jugendliche Herrscher, dessen Keuschheit unter der strengen Aufsicht seines Tutors Arsenios Arsenius entfloh dem Palast von Konstantinopel und verbrachte 55 Jahre mit strengen Bußübungen in Ägyptens Klöstern. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 14, p. 676-702 und Fleury, Histoire ecclésiastique, Band 5, p.1ff; nur hat der letztere aus Mangel an Originalquelen den Legenden des Metaphrastes zu viel Vertrauen geschenkt. streng bewacht worden war, hörte mit viel Begehrlichkeit auf die raffinierten und schmeichelhaften Schilderungen von Eudoxias Schönheit; mit wachsender Sehnsucht betrachtete er ihr Abbild und begriff die Notwendigkeit, seine Liebespläne vor dem Minister geheim zu halten, welcher die Krönung seines Glückes zu hintertreiben Anlass genug hatte. Schon bald nach der Rückkehr des Rufinus wurde das bevorstehende königliche Hochzeitsfest dem Volk von Konstantinopel angekündigt, das mit falschem und bemühtem Jubel das Glück seiner Tochter zu feiern sich anschickte. Ein glanzvoller Zug von Eunuchen brach in hochzeitlichem Pomp von den Palasttoren auf; über sich trugen sie das Diadem, die Prachtgewänder und die unschätzbaren Schmuckstücke der künftigen Kaiserin. Die festliche Prozession zog durch die Straßen, die mit Girlanden geschmückt und mit Zuschauern überfüllt waren; als sie jedoch an dem Hause der Söhne des Promotus vorbeizog, betrat der Obereunuch das Gebäude mit allem Respekt, legte Eudoxia der Schönen die kaiserlichen Gewänder an und führte sie im Triumph Arcadius' Palast und Beilager zu Diese Episode (Zosimos 5,3) beweist, dass die Hochzeitsbräuche der Antike – allerdings ohne Götzenanbetung – sich auch unter den Christen lebendig gehalten hatten; und dass die Braut vom Hause ihrer Eltern mit Gewalt zu dem ihres Bräutigams geführt wurde. Unsere Art der Eheschließung verlangt von der Brautjungfrau mit weniger Delikatesse eine öffentliche Zustimmung. . Die Heimlichtuerei und der Erfolg dieser Verschwörung hatten Rufinus für alle Zeiten lächerlich gemacht, hatte er sich doch übertölpeln lassen in einer Stellung, in welcher die Kunst der täuschend geübten Verstellung als Vollendung der Staatskunst ästimiert wird. Er registrierte mit einer Mischung aus ohnmächtiger Wut und Furcht den Sieg eines ehrgeizigen Eunuchen, welcher sich die Gunst seines Herrschers erschmeichelt hatte; und der gesellschaftliche Fall seiner Tochter, deren Interesse auch seines war, kränkte den Zartsinn oder doch wenigstens die Eitelkeit des Rufinus. In dem Augenblick, in dem er sich einreden konnte, der Stammvater einer ganzen Folge von Königen zu werden, wurde eine ausländische Jungfrau, die dazu noch im Hause eines seiner unversöhnlichsten Feinde erzogen worden war, in das kaiserliche Brautbett geführt; und Eudoxia zeigte schon bald eine Überlegenheit des Geistes und eine Klugheit, dass sie den Einfluss, den ihre Schönheit über ihren verliebten und jugendlichen Gatten ausübte, noch deutlich verstärken konnte. Schon bald würde sie den Herrscher dazu gebracht haben, den mächtigen Untertanen, den er beleidigt hatte, zu hassen, zu fürchten und schließlich zu vernichten; und das Bewusstsein seiner Schuld versperrte Rufinus den Rückzug in das Privatleben, wo ihm jede Aussicht auf Ruhe oder Sicherheit genommen war. Aber noch besaß er alle Mittel, seine Stellung zu verteidigen und seine Gegner zu dämpfen. Der Präfekt hatte weiterhin die uneingeschränkte Befehlsgewalt über alle militärischen und zivilen Regierungsstellen des Ostens inne; und seine Schätze, wenn er sich denn zu ihrem Einsatz entschließen könnte, mochten sich als geeignete Werkzeuge erweisen, die schwärzesten Pläne auszuführen, die Stolz, Ehrgeiz und Hass jemals einem hoffnungslosen Staatsmann eingegeben hatten. Allein die Gemütsverfassung des Rufinus schien den Vorwurf zu rechtfertigen, dass er gegen die Person seines Herrschers Verschwörungspläne ausheckte, um sich selbst auf den verwaisten Thron zu setzen; und dass er heimlich die Hunnen und Goten eingeladen habe, die Provinzen des Reiches zu überfallen und so die öffentliche Verwirrung zu vergrößern. Der ränkekundige Präfekt, dessen Leben wesentlich aus Palastkabalen bestanden hatte, begegnete den kunstvollen Anschlägen des Eunuchen Eutropius mit gleicher Waffe; aber die feige Seele des Rufinus wurde durch das Herannahen eines weit schrecklicheren Gegners beunruhigt, des großen Stilicho, des Generals oder besser des Heermeisters des Westens Zosimus (5,4), Orosius (7,37), und die Chronik des Marcellinus. Claudian (Rufinum 2,7-100) schildert den Kummer und die Schuld des Präfekten in lebhaften Farben. .   STILICHO · CHARAKTERISTIK · A.D. 385 – 408 Das Himmelgeschenk in der Gestalt eines Dichters, der imstande war, Heldentaten zu besingen, wie es bei Achill der Fall gewesen war und bei Alexander zu dessen Leidwesen nicht, ward auch Stilicho in weitaus größerem Maße zuteil, als man es im Zeitalter der untergehenden Künste und der verkümmernden Talente hätte erwarten dürfen. So zeigte sich die Muse des Claudian Stilicho ist auf direkte oder indirekte Weise Claudians Generalthema. Jugend und Privatleben des Helden werden in der dichterischen Darstellung seines ersten Konsulates (35-140) weitschweifig ausgebreitet. , die in seinen Diensten aufging, allzeit bereit, seine Feinde Rufinus oder Eutropius mit ewigem Schmäh zu überhäufen; oder die Siege und sonstigen Tugenden seines Gönners in den lebhaftesten Farben zu malen. Wollen wir uns über einen Zeitabschnitt einen Überblick verschaffen, die von authentischen Quellen nicht eben übersprudelt, so können wir es uns nicht leisten, die Annalen des Honorius nicht mit den Jubel- oder Hetzschriften zeitgenössischer Autoren zu illustrieren; da aber Claudian als Dichter und Hofmann die großzügigsten Vorrechte besaß, werden wir einige Kritik aufbieten müssen, um die Sprache der dichterischen Übertreibung in die schlichte, aber unverstellte Prosa des Historikers zu übersetzen. Clausians Schweigen bezüglich der Familie des Stilicho mag als Beweis dafür gelten, dass sein Patron weder imstande noch geneigt war, mit einer langen Reihe berühmter Vorfahren zu prunken; und die oberflächliche Erwähnung seines Vaters als eines Offiziers in einer Barbaren-Reiterabteilung scheint die Behauptung zu bestätigen, dass der General, der so lange Roms Armeen befehligte, von der wilden und treulosen Rasse der Vandalen abstammte »Vandalorum imbellis, avarae, perfidae, et dolosae gentis genere editus.« (Er ist ein Vandalenspross, einem feigen, habgierigen, ungetreuen und trügerischem Volk). Orosius, 7,38. Hieronymus (Opera, Band 1, ad Gerontiam, p. 93) nennt ihn einen ‚Halbbarbaren' . Wäre Stilicho nicht von imposanter Statur und Erscheinung gewesen, dann hätte selbst der allerunterwürfigste Barde Bedenken getragen, in Gegenwart von vielen tausend Zuhörern zu behaupten, er überträfe an Größe noch die antiken Götter; und dass die Menge, wann immer er mit stolzem Gang durch die Straßen der Hauptstadt wandelte, dem Fremden Platz machte, der auch im privaten Umfeld wie ein Held zu schauen war. Seit frühester Jugend übte er das Waffenhandwerk; schon bald war seine Umsicht und sein Mut im Felde entdeckt; Reiter und Bogenschützen des Ostens bewunderten seine Tüchtigkeit; und auf allen Stationen seiner militärischen Karriere befanden sich die öffentliche Meinung und die Wahl des Kaisers in guter Übereinstimmung. Theodosius beauftragte ihn, mit dem König der Perser einen wichtigen Vertrag zu unterzeichnen; auf ihm lastete während dieser wichtigen Mission die Ehre des römischen Namens; und nach seiner Rückkehr nach Konstantinopel wurde sein Verhandlungsgeschick mit der unmittelbaren, ehrenvollen Verbindung mit dem kaiserlichen Hause belohnt. Fromme Bruderliebe hatte Theodosius vermocht, die Tochter seines Bruder Honorius zu adoptieren; die schöne und hochgebildete Serena Claudian hat in einem unvollständigen Gedicht ein anmutiges, vielleicht auch übertriebenes Bild der Serena gezeichnet. Diese Lieblingsnichte des Theodosius war wie ihre Schwester Thermantia in Spanien geboren; von wo sie bereits in ihrer frühester Jugend in allen Ehren zum Palast von Konstantinopel verbracht wurden. fand am Hof allgemeinen Beifall; und Stilicho erhielt den Vorzug vor einer ganzem Schar von Mitbewerbern, welche um die Hand der Prinzessin und die Gunst ihres Adoptivvaters warben Einige Zweifel bestehen darüber, ob die Adoption gesetzlich oder nur symbolisch war. Siehe du Cgna, Familiae Byzantinae, p. 75. Eine alte Inschrift gibt Stilicho den einmaligen Titel Pro-Gener divi Theodosii. (Kindestochtermann des göttlichen Theodosius, CIL VI, 1730). . Die Versicherung, dass der Gatte der Serena dem Throne treu ergeben sein werde, in dessen Nähe er gerückt war, bestimmten den Herrscher, das Vermögen des Stilicho zu mehren und die Fähigkeiten des Furchtlosen für sich zu nutzen.   SEIN MILITÄRISCHER RANG · A.D. 385-408 Nach den Stationen eines Kavalleriegenerals und Hofmeisters gelangte er schließlich auf den Posten des obersten Heermeisters des Römischen oder wenigstens des Westlichen Reiches Claudian (Laus Serenae 190 und 193) nennt es in dichterischer Umschreibung »dilectus equorum« (Auswahl der Pferde) und »gemino mox idem culmine duxit agmina.« (..bald schon übte er ein doppeltes Kommando im Heere aus). Die Inschrift fügt hinzu comes domesticorum (»Haushofmeister«), eine wichtige Stellung, welche Stilicho auf der Höhe seines Ruhms klüglich behielt. ; und auch seine Feinde gestanden ein, dass er sich beharrlich weigerte, den Tatenruhm gegen Gold zu tauschen oder seine Soldaten um den Sold und die Belohnungen zu bringen, die ihnen die Großzügigkeit des Staates zuerkannt hatte Claudian beschreibt in schönen Versen (de Consulatu Stilichonis 2,113) sein Genie; aber Stilichos Lauterkeit in der Militäradministration ist viel besser belegt durch die unfreiwillige Anerkennung des Zosimos (5,34). . Der Mut und das Geschick, mit dem er hinterher Italien gegen die eindringenden Horden des Alarich und Radagaisus verteidigte, leistet für seinen früherworbenen Ruhm gewissermaßen Gewähr; und in einer Zeit, die die ungeschriebenen Gesetzen der Ehre und des Stolzes mit Gleichmut beobachtete, mochten römische Generäle wenigstens dem überlegenen Genius den Vorrang vor der Rangstufe zuerkennen »...si bellica nubes/Ingrueret, quamvis annis et jure minori,/Cedere grandaevos equitum peditumque magistros/ Adspiceres.« (...wen Kriegswolken/emporwuchsen,konntest du sehen,/ dass betagte Kommandeure der Reiterei und des Fußvolkes/ zurücktraten vor Jüngeren und Rangtieferen). Claudian, Laus Serenae 196. Ein General unserer Zeit würde ihr Zurücktreten entweder für heldenhaften Patriotismus halten oder für elende Knechtsgesinnung. . Stilicho beklagte die Ermordung seines Rivalen und Freundes Promotus und rächte den Mord; und das Massaker unter den fliehenden Bastarnern wird von unserem Dichter dargestellt als Blutopfer, welches der römische Achill den Manen eines zweiten Patroklos darbrachte. Stilichos Tugenden und Siege riefen notwendig den Hass des Rufinus auf; und er hätte seine Schlingen wohl mit Erfolg gelegt, wenn nicht die liebvolle und wachsame Serena ihren Gatten gegen die heimischen Feinde geschützt hätte, während dieser im Felde gegen die Feinde des Reiches obsiegte Man vergleiche das Gedicht über das erste Konsulat (1, 95-115) mit der \>Laus Serenae\< (227-237), wo es leider abbricht. Aber die tiefsitzende Bösartigkeit des Rufinus ist unübersehbar. . Theodosius hielt weiterhin an seinem unwürdigen Minister fest, dem er die Oberaufsicht über seinen Palast und die Osthälfte des Reiches anvertraute; als er jedoch gegen den Thronräuber Eugenius marschierte, zog er seinen treuergebenen General in die Verwicklungen des Bürgerkrieges mit hinein; und erst in seinen letzten Stunden vertraute er Stilicho die Sorge um seine Söhne und die Republik an »...quem fratribus ipse Discedens, clipeum defensoremque dedisti.« (...den du beim Abschied von den Brüdern/ selbst als Beschützer und Helfer empfohlen hast). Die Ernennung (De IV consulatu Honorii 432) indessen geschah heimlich, (De III. consulatu Honorii 142), »cunctos discedere...iubet« (er schickte alle...hinaus) und kann deshalb angezweifelt werden. Zosimos und die Suda benutzen für Rufinus und Stilicho denselben Titel ?ð?ôñïðïé, Vormünder oder Prokuratoren. . Stilichos Ehrgeiz und Fähigkeiten waren dieser wichtigen Aufgabe durchaus gewachsen; und so beanspruchte er denn das Wächteramt über beide Reichshälften für sich, solange Arcadius und Honorius noch unmündig waren Das Römische Recht unterscheidet zwei Arten von Minderjährigkeit, welche im 14. bzw. 25. Lebensjahr endete. Die eine war Sache des Tutors (Vormund) der betreffenden Person, die andere des Curators (Vermögensverwalter). Heineccius, Antiquitatum Romanorum iurisprudentia Syntagma, Buch 1, Titel 22/23, p. 218-232. Indessen wurden in Falle der Wahlmonarchie diese gesetzlichen Vorgaben niemals genau ausgeführt. . Die erste Maßnahme seiner Verwaltung oder genauer: seiner Regierung entdeckten den Nationen die Tatkraft und Entschlossenheit eines Genius, der zu Recht das Kommando über andere führte. Er überquerte die Alpen im tiefsten Winter; schiffte den Rhein von Basel bis zu den Marschen Batavias; hielt unter den Garnisonen strenge Musterung; dämpfte den Unternehmungsgeist der Germanen; brachte einen dauer- und ehrenhaften Friedensschluss zustande und kehrte mit schier unglaublicher Geschwindigkeit in den Kaiserpalast von Mailand zurück Vergleiche hierzu Claudian, de Consulatu Stilichonis, 1,188-242.; aber er muss doch mehr als fünfzehn Tage für die Reise von Mailand und Leyden und zurück veranschlagen. . Die Person und die Hofhaltung des Honorius unterstanden dem Heermeister des Westens; und Europas Armeen und Provinzen gehorchten anstandslos der gesetzlichen Autorität, die im Namen ihres jugendlichen Herrschers ausgeübt wurde. Nur zwei Rivalen blieben, die Ansprüche des Stilicho zu bestreiten und seinen Zorn zu riskieren. In Afrika beharrte der Maure Gildo stolz und entschlossen auf seiner Unabhängigkeit; und der oberste Minister Konstantinopels pochte auf seine vergleichbaren Rechte über den Kaiser und das Reich des Ostens.   STURZ UND TOD DES RUFINUS · 27.NOVEMBER 395 Die Unparteilichkeit, um die sich Stilicho als der gemeinsame Beschützer der königlichen Brüder bemühte, bestimmte ihn, die Waffen, bei der Aufteilung der Juwelen, der herrlichen Gewänder und der anderen Wertgegenstände des verstorbenen Herrschers möglich viel Gerechtigkeit obwalten zu lassen De consulatu Stilichonis 2,88-94. Nicht nur die Roben und Diademe des verstorbenen Herrschers, sondern selbst noch seine Helme, Schwergriffe, Gürtel, Harnische \&c. waren mit Perlen, Smaragden und Diamanten besetzt. . Aber der bedeutendste Gegenstand des Erbes waren die zahlreichen römischen und barbarischen Legionen, Kohorten und Schwadronen, die der Zufall während der Bürgerkrieges unter der Fahne des Theodosius versammelt hatte. Die unterschiedlichen Heeresmassen in Europa und Asien wurden durch die Dominanz dieses einen Mannes in Schranken gehalten; und Stilichos unbarmherzige Disziplin schützte das Eigentum der Bürger vor den Begehrlichkeiten dieser Soldateska »Tantoque remoto Principe, mutatas orbis non sensit habenas.« (...und wie weit der Herrscher auch entrückt war/ die Welt spürte nichts vom Wechsel der Regierung). Dieses hohe Lob (De consulatu Stilichonis 1,149) wird durch die Sorge des sterbenden Kaisers (De bello Gildonico 292-301) und durch den Frieden und die geordneten Verhältnisse gerechtfertigt, derer man sich nach seinem Tode erfreuen durfte (De Consulatu Stilichonis 1, 150-168). . Gleichwohl verlangte ihn danach, Italien von diesem ungemütlichen Gaste zu erlösen, der seinen Nutzen eigentlich nur an den äußeren Grenzen des Reiches erweisen konnte, und so hörte er sich die berechtigten Vorhaltungen der Minister des Arcadius an, verkündete seine Bereitschaft, die Truppen in eigener Person an die Ostgrenze zurückzuführen und benutzte geschickt das Gerücht von einem Aufstand der Goten, um seine eigenen Karriere- und Rachepläne zu verhehlen Stilichos Feldzug und Rufinus' Tod sind beschrieben bei Claudian (in Rufinum 2,101-453), Zosimus (5,7), Sozomen (7,1), Socrates (6,1), Philostorgios (11,3, mit Gothofred, p. 441), und in der Chronik des Marcellinus. . Die schuldbeladene Seele des Rufinus schreckte empor bei Herannahen dieses Kriegers und Gegners, dessen Zuchtrute er verdient hatte; mit wachsendem Entsetzen berechnete er den ihm noch verbleibenden Rest von Größe und Leben: und als letzte Hoffnung klammerte er sich an die Autorität des Kaisers Arcadius. Stilicho, der entlang der Adriaküste marschiert zu sein scheint, empfing unfern der Stadt Thessaloniki ein weitschweifiges Schreiben, in welchem ihm der Rückruf der Ostarmee angeordnet und zugleich erklärt wurde, das der byzantinische Hof jede weitere Annäherung von seiner Seite als einen feindselige Akt ansehen werde. Der unverzügliche und durchaus nicht erwartete Gehorsam des Generals des Westens überzeugte das Volk von seiner Loyalität und Zurückhaltung; aber da er sich bereits der Zuneigung des östlichen Heeres sicher war, legte er ihrem Eifer die Ausführung seines blutigen Vorhabens nahe, welches sich in seiner Abwesenheit mit weniger Gefahr und weniger Kritik durchführen lassen mochte. Stilicho legte das Kommando über die Truppen des Ostens in die Hände des Goten Gainas, auf dessen Zuverlässigkeit er unbedingt vertraute; und der ihm versicherte, dass er sich von seinem Vorhaben durch keinerlei Furcht oder Bedenklichkeit abbringen lassen werde. Die Soldaten waren schnell gewonnen, den Feind des Stilicho und Roms zu bestrafen; und so allgemein verhasst war Rufinus, dass das schreckliche Geheimnis, von dem doch Tausende wussten, während des langen Marsches von Thessaloniki bis vor die Tore Konstantinopels von allen getreulich bewahrt wurde. Sobald sein Tod beschlossen war, ließen sie sich sogar herbei, seiner Überheblichkeit zu schmeicheln; und der immer noch ehrgeizige Präfekt meinte sogar noch, jene Truppen seien dazu gebracht worden, ihm das Diadem aufs Haupt zu setzen; allerdings wurden die Schätze, die er, wenn auch mit zögernder und karger Hand austeilte, von der Menge eher als Beleidigung denn als Geschenk aufgefasst. Eine Meile vor der Hauptstadt, auf dem Marsfeld vor dem Hebdomonpalast, machte die Truppe Halt; und der Kaiser mitsamt seinen Ministern eilte herzu, um nach den Gepflogenheiten der Zeit respektvoll die Macht zu begrüßen, welche ihren Thron stützte. Als Rufinus durch die Reihen ging und mit einstudierter Höflichkeit seinen angeborenen Hochmut verbarg, vollzogen die Flügel von links und rechts die Wende und schlossen das Opfer von allen Seiten mit ihren Waffen ein. Bevor ihm die Gefahr überhaupt bewusst werden konnte, gab Gainas das Zeichen; ein kühner Soldat bohrte sein Schwert durch die Brust des schuldigen Präfekten, und Rufinus stürzte, stöhnte und verschied zu Füßen des entsetzten Kaisers. Wenn ein kurzer Todeskampf die Sühne für ein ganzes verbrecherisches Leben oder die Misshandlung eines Leichnams der Gegenstand von Mitleid sein kann, dann könnte unser Mitgefühl von den schrecklichen Ereignissen nach der Ermordung des Rufinus berührt werden. Sein Körper wurde durch den besinnungslosen Zorn des Volkes verstümmelt, das hier durch beiderlei Geschlecht vertreten war, und das von überallher hinzueilte, die sterblichen Reste dieses hochmütigen Staatsdieners zu schänden, vor dessen finsteren Blicken sie noch vor kurzem gebebt hatten. Die rechte Hand wurde ihm abgeschlagen und mit grausamen Hohn durch die Straßen Konstantinopels gezogen, um für den habsüchtigen Tyrannen die Steuern einzutreiben, während sein Kopf aufgespießt an langer Lanze öffentlich zur Schau gestellt wurde Die Zerstückelung des Rufinus, die Claudian mit der Herzenskälte eines Pathologen beschreibt (In Rufinum 2,405-415), wird von Hieronymus (Opera, Band 1, p.26) und Zosimus ebenfalls recht detailfreudig beschrieben. . Entsprechend den grausamen Maximen der griechischen Staaten hätte seine unschuldige Familie für seine Verbrechen ebenfalls büßen müssen. Sein Weib und seine Tochter verdankten ihr Leben dem Einfluss der Religion. Ihr Tempel schütze sie vor dem racheschnaubenden Mob; und ihre verbleibenden Jahre durften sie in christlicher Demut und stiller Zurückgezogenheit in Jerusalem verbringen Zosimus, der Heide, erwähnt ihre Heiligkeit und ihre Pilgerfahrten. Die Schwester des Rufinus, Sylviana, die ihr Leben in Jerusalem zubrachte, hat es in der Geschichte des Mönchstums zu stiller Berühmtheit gebracht. 1. Die belesene Jungfrau hatte sorgfältig und wiederholt die Bibelkommntare des Origines, Gregor, Basilius und anderer durchgearbeitet, bis sie auf etwa fünf Millionen Zeilen gelehrter Lektüre gekommen war. 2. Im Alter von sechzig Jahren konnte sie sich damit rühmen, dass sie sich niemals ihre Hände, ihr Gesicht noch sonst einen Körperteil gewaschen habe mit Ausnahme ihrer Fingerspitzen, um damit die Kommunion zu empfangen. Siehe Vitae patrum, p. 779 und 977. .   DIE BEIDEN REICHSHÄLFTEN IN ZWIETRACHT · A.D. 396 Die servile Gesinnung von Stilichos Hofdichter bejubelt mit überschäumender Freude diese Entsetzenstat, welche, möglicherweise in der Ausübung von Gerechtigkeit, jedes Gesetz der Natur und der Gesellschaft verletzt, die Majestät des Herrschers in den Schmutz zog und der Zügellosigkeit der Soldateska eine gefährliche Anregung gab. Betrachtungen über die Harmonie und Ordnung des Universums hatten Claudian von der Existenz der Gottheit überzeugt; aber die gedeihliche Straflosigkeit des Verbrechens schien ihm sichtlich ihren moralischen Attributen zu widersprechen; und das Schicksal des Rufinus war das einzige Ereignis, welches die religiösen Zweifel des Dichters zu zerstreuen geeignet war Siehe die schöne Einleitung seiner Schmährede gegen Rufinus, welche vom Skeptiker Bayle im Dictionnaire critique unter ‚Rufin', Anmerkung E, auf lesenswerte Weise erörtert wird. . Diese Tat mochte der Ehre der Vorsehung Genüge tun: zur Hebung der allgemeinen Wohlfahrt trug es nicht eben viel bei. In weniger als drei Monaten erfuhr das Volk von den Grundsätzen der neuen Verwaltung durch einen einzigartigen Runderlass, in welchem die Exklusivansprüche des Fiskus über die Beute des Rufinus festgeschrieben wurden; und zugleich brachte es unter schweren Strafandrohungen alle etwaigen Ansprüche zum Schweigen, die die Bewohner des Ostens etwa haben mochten, die von dem raubgierigen Tyrannen Unrecht erlitten hatten Siehe Codex Theodosianus 9,42, 14 und 15. Die neuen Minister versuchten in ungebändigter Habsucht der Beute ihres Vorgängers habhaft zu werden und zugleich für ihre künftige Sicherheit zu sorgen. . Sogar Stilicho führte nach dem Mord an seinem Gegner nicht das aus, was er sich vorgenommen hatte; hatte er auch seinen Rachedurst gestillt, sein Ehrgeiz blieb unbefriedigt. Der schwache Arcadius verlangte nach einer Vertrauensperson, in Wirklichkeit natürlich nach einem Lehrmeister; aber naturgemäß fügte er sich den berechneten Kunstgriffen von Eutropius, dem Eunuchen, der sein persönliches Vertrauen erschlichen hatte; und zugleich sah der Herrscher mit Schrecken und Abneigung auf den machtvollen Genius eines fremdländischen Kriegers. Bevor sie, neidisch auf die Machtstellung des jeweils anderen, zu Gegnern wurden, unterstützte das Schwert des Gainas und der Liebreiz der Eudoxia die Stellung des mächtigen Kammerherren; der treulose Gote verriet nach seiner Ernennung zum Heermeister des Ostens ohne Skrupel die Interessen seines Wohltäters; und die gleichen Truppen, die erst kürzlich den Feind Stilichos getötet hatten, wurden angeworben, gegen ihn den Thron Konstantinopels zu verteidigen. Die Günstlinge des Arcadius unterhielten in aller Heimlichkeit an einen unversöhnlichen Hass gegen diesen schrecklichen Kriegsmann, der sich anschickte, die beiden Söhne des Theodosius und die beiden Reichshälften zu beschützen und damit gleichzeitig zu beherrschen. Beständig waren sie bemüht, ihm durch allerlei finstere und verräterische Anschläge und Ränke der Gunst des Herrschers zu entziehen, ebenso der Zuneigung des Volkes und der Wertschätzung der Barbaren. Wiederholt war Stilichos Leben durch den Dolch gedungener Mörder bedroht; und der Senat Konstantinopels erklärte ihn zum Staatsfeind und seinen weitläufigen Grundbesitz in den Ostprovinzen für beschlagnahmt. Ausgerechnet in einer Zeit, als Roms einzige Hoffnung, den drohenden Untergang hinauszuschieben, von unverbrüchlicher Einigkeit und gegenseitiger Hilfe abhing, wurden alle Untertanen des Arcadius und Honorius von ihren jeweiligen Herrschern nachgerade angewiesen, einander als Fremde, ja Feinde zu betrachten; sich der Notlage des anderen zu erfreuen, die Barbaren als treue Verbündete anzuerkennen Claudian (De Consulatu Stilichonis 1,275, 292, 296 und 2,83), und Zosimos, 5,1l. und sie zu ermuntern, feindlich in die Territorien ihrer Landsleute einzudringen. Italiens Einwohner ließen es sich nicht nehmen, die weibische Knechtsgesinnung der Griechen von Byzanz zu verachten, welche die Kleidung der römischen Senatoren nachäfften und deren Würde beanspruchen Claudian gibt dem Konsulat des Eunuchen Eutropius eine nationale Wende: »Plaudentem cerne senatum, Et Byzantinos proceres, \>Graiosque\< Quirites: O patribus plebes, O digni consule patres. « (Siehe den Senat Beifall spenden und die Großen von Byzanz und das griechische Volk; O Volk, der Väter würdig, O Väter, würdig des Konsuls) In Eutropium 2,135. Es ist beachtenswert, die ersten Anzeichen von Eifersucht und Trennung zwischen dem alten und neuen Rom, und zwischen Griechen und Lateinern zu konstatieren. , so hatten die Griechen ihrerseits hatten noch längst nicht den Hass und die Verachtung vergessen, den ihre kultivierten Vorfahren vormals für die Bauernrüpel aus dem Westen gehegt hatten. Die Unterscheidung dieser zwei Staatsverwaltungen, welche schon bald zur Bildung zweier Nationen führte, rechtfertigt meine Absicht, die Darstellung der byzantinischen Geschichte vorübergehend zu unterbrechen und zunächst mit der schimpflichen, aber durchaus berichtenswerten Herrschaft des Honorius fortzufahren.   DIE REVOLTE DES GILDO · A.D. 386·398 Anstelle sich nun weiterhin vergeblich um die Neigung eines Herrschers und eines Volkes zu bemühen, welche beide seine dominierende Stellung ablehnten, überließ Stilicho den Arcadius mit schlauer Berechnung seinen unwürdigen Günstlingen; und seine Weigerung, die beiden Reichshälften in einem Bürgerkrieg gegeneinander aufzuhetzen, zeigte die Besonnenheit eines Ministers, der seine militärisches Begabung oft genug unter Beweis gestellt hatte. Hätte Stilicho allerdings der Revolte in Afrika weiterhin tatenlos zugesehen, dann hätte er die Sicherheit der Hauptstadt verraten und das Ansehen des westlichen Kaisers einem aufsässigen Mauren in die Hand gegeben. Gildo Claudian hat die Verbrechen des Gildo wohl überzeichnet; aber seine maurische Herkunft, seine gerichtsnotorischen Taten und die Klagen des St. Augustinus scheinen für die Attacken des Dichters zu sprechen. Baronius (Annales ecclesiastici, A.D. 398, Nr. 35-56) hat die Geschehnisse in Afrika anschaulich und mit viel Gelehrsamkeit dargestellt. , der Bruder des Tyrannen Firmus, hatte als Belohnung für bewährte Treue unermessliche Landgüter verlangt und erhalten, nachdem sie infolge von Verrat verwirkt waren; langer, treuer Dienst hatte ihn in der römischen Armee bis zum Rang eines comes gebracht; die beschränkte Politik am Hofe des Theodosius hatte zu dem verderblichen Ausweg geführt, die gesetzmäßige Regierung durch das Interesse einer mächtigen Familie unterstützen zu lassen; und so wurde der Bruder des Firmus mit der Befehlsgewalt über Afrika ausgestattet. In seinem Ehrgeiz riss Gildo schon bald die Justiz- und Finanzverwaltung an sich und übte sie ohne Kontrolle aus und ohne irgendjemandem Rechenschaft abzulegen. Und so bleib er für zwölf Jahre im Besitz einer Stellung, aus der ihn zu vertreiben ohne das Risiko eines Bürgerkrieges schlechthin unmöglich war. Während dieser zwölf Jahre seufzte Afrika unter der Knute eines Tyrannen, der in sich die Gleichgültigkeit eines Fremden mit der Verbissenheit einer heimischen Faktion vereinte. Das formale Recht wurde immer mal wieder durch die Verwendung von Gift überflüssig; und war ein bebender Gast an die Tafel Gildos geladen und unterfing sich dort, seine Ängste zu zeigen, so diente dieser ungehörige Verdacht nur, seinen Zorn zu erregen, und mit lauter Stimme rief er nach den Knechten des Todes. Abwechselnd frönte Gildo zwei Leidenschaften: der Lust und der Habgier »Instat terribilis vivis, morientibus haeres,/ Virginibus raptor, thalamis obscenus adulter./ Nulla quies: oritur praeda cessante libido,/ Divitibusque dies, et nox metuenda maritis./...Mauris clarissima quaeque Fastidita datur«. (Furchtbar stellt er Lebenden nach und als Erbe den Toten/Vergewaltigt Jungfrauen und schändet das Lager der Gattinnen/ Ruhe gibt es nicht: schlummert die Raubsucht, erwacht der Trieb/Am Tage beben die Reichen, nachts der Gatte...den Mauren überlässt er überdrüssig die Schönsten). De Bello Gildonico, 165, 189. Baronius verurteilt die Exzesse des Gildo umso schärfer, da dessen Frau, Tochter und Schwester Beispiele für vollkommene Keuschheit waren. Erst ein kaiserliches Gesetz stellte die Vergewaltigungen durch afrikanische Soldaten ab. ; und wenn seine Tage den Reichen schrecklich waren, dann waren seine Nächte den Eltern oder Ehegatten nicht weniger fürchterlich. Ihre schönsten Frauen oder Töchter waren die brutalen Umarmungen des Wüstlings ausgesetzt; und anschließend einem Haufen von Barbaren oder Mördern ausgeliefert, schwarzen oder braunen Wüstensöhnen, welche Gildo für die zuverlässigsten Stützen des Thrones hielt. Während des Bürgerkrieges zwischen Theodosius und Eugenius beobachtete der comes oder besser: der Herrscher Afrikas eine höhnische und unbestimmte Neutralität; weigerte sich, einer der Parteien mit Truppen oder Schiffen zu Hilfe zu kommen, wartete auf deutliche Zeichen des Kriegsglückes und gab dem Sieger schließlich das leere Versprechen seiner Treue. Derlei Lippenbekenntnisse hätten den Beherrscher der Römischen Welt nicht zufrieden gestellt; aber der Tod des Theodosius und die Schwäche und Uneinigkeit seiner beiden Söhne festigten die Position des Mauren; welcher zum Beweis seiner Bescheidenheit sich dazu verstand, keinerlei Diadem zu tragen und Rom mit dem üblichen Tribut oder besser wohl: den Subsidien an Getreide zu unterstützen. Bei jeder Aufteilung des Reiches waren die fünf Provinzen Afrikas regelmäßig dem Westen zugesprochen worden; und auch Gildo hatte sich bereit erklärt, diese riesigen Gebiete im Namen des Honorius zu verwalten; aber seine Kenntnisse von Stilichos Charakter und seinen Plänen bestimmten ihn schon bald, einem entfernteren und schwächeren Herrscher zu huldigen. Die Minister des Arcadius nahmen sich der Sache dieses treulosen Rebellen an; und die trügerische Hoffnung, die zahlreichen Städte Afrikas dem Reich des Ostens noch hinzuzufügen, brachte sie dazu, einen Anspruch zu verfechten, den sie weder mit Vernunftgründen noch mit Waffengewalt fördern konnten »Inque tuam sortem numerosa transtulit urbes.« (Und deinem Erbteil schlug er zahlreiche Städte zu). Claudian (De bello Gildonico 230-324) hat mit politischem Feinsinn die Intrigen am byzantinischen Hof berührt, welche auch Zosimos (5,11) nicht vergessen hat. .   GILDO WIRD VOM SENAT MIT DEM BANN BELEGT Als Stilicho den Ansprüchen des byzantinischen Hofes eine entschiedene und bestimmte Antwort gegeben hatte, klagte er auch mit allem Nachdruck den Tyrannen Afrikas vor jenem Gerichtshof an, vor dem sich früher die Könige und Völker dieser Erde zu verantworten hatten; und unter der Herrschaft des Honorius lebte diese Seite der Republik nach langer Zeit wieder auf. Der Kaiser übermittelte dem Senat zu Rom eine detailfreudige und umfangreiche Liste der Beschwerden gegen Gildo und seiner Verbrechen; und von den Mitgliedern dieser hochmögenden Versammlung wurde nunmehr das Verdammungsurteil gegen diesen Rebellen erwartet. Einmütig wurde er zum Staatsfeind erklärt; und den römischen Waffen gab der Senat heilige und gesetzliche Vollmacht Symmachus (4, Epistulae 4) stellt die gerichtlichen Formen des Senates vor, und Claudian (De consultu Stilichonis 1,325) scheint den Geist eines Römers zu spüren. . Ein Volk, das sich noch daran erinnerte, dass seine Vorfahren einst die Welt beherrscht hatten, hätte dieser Demonstration des alten Freiheitssinnes seinen einhelligen Beifall nicht versagt; wenn es ihm nicht schon längst zur Gewohnheit geworden wäre, eine zuverlässige und handfeste Versorgung mit Brotgetreide solchen wesenlosen Fiktionen wie Größe und Freiheit vorzuziehen. Roms Versorgung hing nun einmal von der Ernte Afrikas ab; und dies war jedermann klar, dass eine Kriegserklärung das Signal für eine Hungerperiode bedeutete. Der Präfekt Symmachus, welcher in der besagten Senatsversammlung den Vorsitz führte, teilte den Anwesenden seine gerechtfertigten Besorgnisse mit, dass, sollte der Maure racheschnaubend den Getreideexport untersagen, die Ruhe und vielleicht sogar die Sicherheit der Stadt durch den wütenden Hunger einer randalierende Menge gefährdet werde Claudian breitet diese Beschwernisse sehr artig aus, indem er die Stadtgöttin Roms vor Jupiters Thron eine Rede halten lässt. (De bello Gildonico 28-128). . Eine beträchtliche und zeitlich passende Kornfracht aus dem inneren Gallien wurde die Rhone hinabgeschifft und in glücklicher Fahrt nach Rom transportiert. Während des ganzen afrikanischen Krieges bleiben die Getreidehäuser Roms wohlgefüllt, man blieb vor der demütigenden Abhängigkeit bewahrt, und die Gemüter der Massen beruhigten sich bei dem schönen Gedanken an Friede und Überfluss Siehe Claudian, In Eutropium 1,401ff, De consulatu Stilichonis 2, 306ff und de consulatu Stilichonis 2, 91ff. .   DER KRIEG IN AFRIKA UNTER MASCEZEL Roms Sache und die Leitung des afrikanischen Krieges legte Stilicho vertrauensvoll einem tüchtigen General in die Hände, der zugleich darnach dürstete, sein privat erlittenes Unrecht am Haupte des Tyrannen zu rächen. Der Geist der Zwietracht, der im Hause Nabal obwaltete, hatte einen tödlichen Streit zwischen seinen beiden Söhnen, Gildo und Mascezel Er stand in reifem Alter, seit er (A.D. 373) gegen seine Bruder im Feld gestanden hatte (Ammianus 29,5). Claudian, der die Verhältnisse am Hof zu Mailand durchschaute, hält sich ausführlich bei den Fehlern und weniger bei den Verdiensten des Mascezel auf (De bello Gildiconico 389-414). Der afrikanische Krieg lohnte sich für einen Stilicho oder Honorius nicht. entflammt. Der Usurpator verlangte mit unauslöschlicher Abneigung nach dem Blute und Leben seines jüngeren Bruders, vor dessen Mut und Fähigkeit er bebte; und Mascezel floh vor der überlegenen Gewalt und suchte seine Zuflucht am Hofe von Mailand; wo er schon bald die furchtbare Nachricht erhielt, dass seine beiden hilflosen und unschuldigen Kinder von ihrem unmenschlichen Onkel ermordet worden waren. Der Schmerz wurde dem Vater nur durch den Gedanken an baldige Rache erträglich. Der vorausplanende Stilicho traf schon bald Anstalten, die See- und Landstreitkräfte des Westens zu sammeln; und er hätte sich dazu entschlossen, persönlich gegen den Tyrannen ins Feld zu ziehen, sollte dieser imstande sein, ihm nur irgendwie Paroli zu bieten. Da aber andererseits Italien nach seiner Anwesenheit verlangte, und da es ferner riskant war, die Grenzen zu entblößen, schien es ihm ratsamer, dass sich Mascezel auf dieses Abenteuer einlassen sollte, ausgestattet mit dem Kommando über ein Kontingent handverlesener gallischer Veteranen, welche erst kürzlich unter der Fahne des Eugenius gedient hatten. Diese Truppen, die man ermahnt hatte, der Welt zu beweisen, dass sie nicht nur Thronräuber unterstützen, sondern auch zu Boden werfen konnten, bestanden aus der Jovianischen, Herculianeischen und Augusteischen Legion; den Nervischen Hilfstruppen; aus Soldaten, die das Löwenbanner entrollten und solchen Mannschaften, die die hoffnungsfrohen Namen »Die Glücklichen« und »Die Unbesiegbaren« trugen. Doch bewirkte die geringe Mannschaftsstärke oder die Schwierigkeit ihrer Rekrutierung, dass diese sieben Gruppierungen Claudian, De bello Gildiconico 415-423. Änderungen der Kriegsdisziplin ermöglichten es ihm, die Namen Legio, Kohors und Manupulus gleichartig zu verwenden. Siehe die Notitia dignitatum Imperii, p. 38 und 40. , die innerhalb der römischen Militärs hohe Reputation besaßen, auf nicht mehr als fünftausend Mann kamen Orosius (7,36) belegt diese Zahl mit einem Ausdruck des Zweifels (ut aiunt – wie man so sagt) und dies passt sicher nicht zu der äõí?ìåéò ?äñ?ò des Zosimos (5,11). Doch Claudian, der sich zunächst den Soldaten des Cadmus widmet, bekennt schließlich offen, dass Stilicho nur eine kleine Armee entsandte, damit der Rebell nicht entfliehe, »ne timeare times« (Damit du nicht fürchtest zu fürchten). De consulatu Stilichonis 1,341ff. . Die Galeeren und Transportschiffe segelten bei stürmischem Wetter vom Hafen von Pisa in der Toscana ab und hielten zunächst auf die kleine Insel Capraria; welche ihren Namen von den Wildziegen herleitete, den ursprünglichen Einwohnern, deren Platz inzwischen jedoch durch neue Bewohner von fremdartiger und bedrohlicher Erscheinung besetzt war. »Die ganze Insel (so ein aufmerksamer Reisender aus jenen Zeiten) ist überfüllt, oder besser wohl: verschmutzt, von Männern, die das Licht scheuen. Sie selbst nennen sich Mönche oder Einsiedler, denn sie haben sich entschlossen, alleine und ohne Zeugen ihres Tuns zu leben. Sie fürchten sich vor den Gaben des Glückes, weil sie Angst haben, sie könnten sie wieder verlieren; und um nicht ins Elend zu stürzen, leben sie freiwillig wie die Elenden. Was für eine abgeschmackte Entscheidung! Wie pervers ihr Verständnis! Die Übel des Menschseins fürchten, aber seine Segnungen nicht aushalten können! Entweder ist dieser Trübsinn die Folge einer Krankheit oder das Bewusstsein einer Schuld zwingt diese Unglücklichen, an ihren eigenen Körpern die Foltern zu üben, welche allenfalls die Justiz flüchtigen Sklaven angedeihen lässt Claudius Rutilius Namatianus, Itinerarium (De reditu suo), 1,439-448. Später erwähnt er noch einen religiösen Irren auf der Insel Gorgona. Für solche lästerlichen Bemerkungen werden Rutilius und seine Genossen von ihrem Kommentator »rabiosi canes diaboli« (Tollwütige Höllenhunde) genannt. Tillemont bemerkt mit mehr Gelassenheit, dass der ungläubige Dichter eigentlich lobe, was er zu tadeln beabsichtigt. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 12, p. 471 .« So sehr also verachtete ein weltlicher Magistrat die Mönche von Capraria, welche Mascezel als Gottes erwählte Diener verehrte Orosius 7,36. Augustinus erwähnt diese zwei Heiligen der Ziegeninsel mit Lob, Epistulae 81; bei Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 13, p. 314 und Baronius, Annales Ecclesiastici, A.D. 398, Nr. 51. . Einige ließen sich durch seine drängenden Bitten dazu verleiten, an Bord zu kommen; und zum Lobe des römischen Generals wird noch angemerkt, dass er seine Tage und Nächte mit Gebeten, Fasten und Psalmensingen verbrachte. Der gottesfürchtige General, bei solcher Begleitung seines Sieges durchaus sicher, vermied die gefährlichen Klippen Korsikas, segelte westlich an Sardinien vorbei und sicherte seine Schiffe gegen den stürmischen Südwind, indem er in der geräumigen und sicheren Bucht von Cagliari vor Anker ging, einhundertundvierzig Meilen von der afrikanischen Küste entfernt Hier endet das erste Buch der Krieges gegen Gildo. Der Rest von Claudians Epos ist verloren; und wir wissen weder wie oder wo die Armee in Afrika gelandet ist. .   NIEDERLAGE UND TOD GILDOS · A.D. 398 Gildo seinerseits war vorbereitet, der Invasion mit allen Kräften des Landes Widerstand zu leisten. Durch großzügige Geldgeschenke und ebensolche Versprechungen versicherte er sich der zweifelhaften Allianz der römischen Krieger und warb zugleich die Stämme des entlegenen Gaetuliens und Aethiopiens unter seine Fahnen. Stolz hielt er Heerschau über siebzigtausend Mann und verkündete mit dem Hochmut, der dem Fall voranzugehen pflegt, dass allein seine zahlreiche Kavallerie die Truppen des Mascezel unter ihren Hufen zermalmen und dessen Verbündete aus dem kalten Gallien und Germanien unter einer Wolke glutheißen Sandes begraben werde Die Nachricht von dieser Episode geht auf Orosius zurück. Gildos Prahlereien und seinen bunten Haufen von verbündeten Barbaren besingt Claudian (De consulatu Stilichonis 1,345-355). . Aber der Maure, der die Armee des Honorius kommandierte, war mit den Gebräuchen seiner Landsleute zu gut vertraut, als dass er ernstlich Sorge vor den nackten und ungeordneten Barbarenhaufen gehabt hätte; welche an ihrem linken Arm anstelle eines Schildes durch eine Decke geschützt waren; welche vollkommen waffenlos dastanden, wenn sie erst einmal den Wurfspieß mit ihrer Rechten geworfen hatten; und deren Pferde nie gelernt hatten, sich durch einen Zügel lenken zu lassen geschweige ihm zu gehorchen. Mascezel und seine fünftausend Veteranen bezogen in Sichtweite ihres ungleich überlegenen Feindes ihr Lager, warteten drei Tage und begannen dann den Angriff Der Heilige Ambrosius, der damals ein Jahr tot war, entdeckte in einer Vision Zeitpunkt und Ort des Sieges. Hernach berichtete Mascezel Paulinus von diesem Traumgesicht. Dieser erste Biograph des Heiligen kann die Episode leicht dem Orosius weitererzählt haben. . Als Mascezel seiner Front mit ehrlich gemeinten Friedens- und Amnestieangeboten voranritt, traf er auf einen der vordersten afrikanischen Bannerträger und schlug ihn mit dem Schwert gegen den Arm, da dieser den Rückzug verweigerte. Arm und Standarte sanken unter der Wucht des Hiebes; und eilig wurde diese vorgebliche Geste der Unterwerfung von allen Bannern aus der vordersten Front wiederholt. Auf dieses Zeichen riefen die abtrünnigen römischen Kohorten den Namen ihres wahren Herrschers aus; die Barbaren, verwirrt durch den Abfall ihrer römischen Verbündeten, zerstreuten sich ihrer Sitte gemäß in hastiger Flucht; und Mascezel errang so die Ehre eines leichten und fast unblutigen Sieges Zosimus (5,11) nimmt allerdings an, dass es ein sehr hartnäckiges Gefecht gewesen sei; indessen scheint uns die Darstellung des Orosius unter dem Namen »Wunder« ein paar entscheidende Fakten vorzuenthalten. . Der Tyrann rettete sich vom Schlachtfeld in schnöder Flucht an die Küste und warf sich auf ein kleines Schiff in der Hoffnung, irgendwo im Osten einen gastlichen Hafen zu finden; aber der hartnäckige Wind trieb ihn immer wieder nach Tabraca Tabraca liegt zwischen den beiden Hippos (Cellarius, Geographia antiqua, Band 2, Teil 2, p.112; d'Anville, Géograpie ancienne, Band 3, p. 84). Orosius hat ihn ausdrücklich als Ort der Schlacht erwähnt, aber unsere Unkenntnis verbietet es uns, die genaue Lage zu benennen. zurück, welcher Hafen zusammen mit der übrigen Provinz die Autorität des Honorius und seines Generals bereits anerkannt hatte. Zum Beweis ihrer Reue und Zuverlässigkeit hatten die Einwohner Gildo festgesetzt und in den Kerker geworfen; und in seiner aussichtslosen Lage ersparte er sich den Tort, die Gegenwart seines siegreichen Bruders zu ertragen, dem er so viel Unrecht getan hatte Gildos Tod wird von Claudian (De consulatu Stilichonis 1,357) und seinen Interpreten, Zosimos und Orosius, erzählt. . Die übrigen Gefangenen und die Beute wurde dem Kaiser zu Füßen gelegt; Stilicho jedoch, dessen Mäßigung auf dem Gipfel seines Glückes nur umso aufrichtiger schien, bestand nach wie vor darauf, die Gesetze der Republik zu achten und die überantwortete dem Senat und Volk von Rom die berüchtigtsten Verbrecher zur Aburteilung Claudian (De consulato Stilichonis 2, 99-119) beschreibt den Prozess »tremuit quos Africa nuper, cernunt rostra reos.« (..., die neulich Afrika entsetzten, stehen nun als Angeklagte vor Gericht) und begrüßt die Wiederherstellung der altehrwürdigen Verfassung. An dieser Stelle schreibt er auch den berühmten, den Freunden des Despotismus so vertrauten Satz: ...numquam libertas gratior exstat quam sub rege pio...(...niemals entfaltet die Freiheit lieblicher als unter einem frommen König). Aber eine Freiheit, die von königlicher Frömmigkeit anhängt, verdient diesen Namen nicht. . Der Prozess war öffentlich und förmlich; aber die Richter zeigten sich bei Ausübung ihres Amtes begierig, die afrikanischen Magistrate zu bestrafen, welche die Nahrungszufuhr nach Rom gefährdet hatten. Die reiche und schuldbeladene Provinz war von kaiserlichen Beamten unterdrückt worden, welche jetzt ein natürliches Interesse daran hatten, die Zahl der Komplizen Gildos zu mehren; und wenn ein Edikt des Honorius auch der widerwärtigen Tätigkeit der Berufsdenunzianten einen Riegel vorschiebt, so erneuert in Abstand von immerhin zehn Jahren ein weiteres Edikt die Verfolgung der Vergehen, welche in der Zeit der allgemeinen Erhebung stattgefunden hatten Siehe Codex Theodosianus 9,39,3 und 9,40,19. . Die Anhänger des Tyrannen, die dem ersten Wüten der Soldateska und den Prozessen entkommen waren, mochten einigen Trost schöpfen aus dem tragischen Schicksal seines Bruders, welchem man niemals seine außerordentlichen Leistungen verziehen hatte. Nachdem er diesen wichtigen Krieg in nur einem einzigen Winter beendet hatte, wurde Mascezel am Hof zu Mailand mit lautem Beifall, erheuchelter Dankbarkeit und heimlichen Neid begrüßt Stilicho, der an allen Siegen des Theodosius und seines Sohnes ein gleiches Verdienst für sich reklamiert, behauptet nachdrücklich, dass Afrika durch seine wohldurchdachten Ratschläge zurück gewonnen wurde. (vergleiche hierzu eine von Baronius veröffentlichte Inschrift, CIL VI, 1730) ; und sein Tod, möglicherweise die Folge eines Unfalles, wurde allgemein als ein Verbrechen des Stilicho angesehen. Als der Maure zusammen mit dem Heermeister des Westens eine Brücke überquerte, wurde er unversehens von seinem Pferd ins Wasser gestoßen; die hastig einsetzenden Rettungsversuche der Begleitung wurde durch ein grausames, perfides Lächeln beendet, welches sie auf dem Gesicht des Stilicho wahrnahmen; und während sie die nötigen Hilfeleistungen hinauszögerten, ertrank der unglückliche Mascezel endgültig Ich habe die Darstellung des Zosimos (5,11) abgemildert, da sie in ihrer ungehobelten Einfalt unglaubwürdig ist. Orosius verdammt den siegreichen Feldherren (7,33), weil er das Recht des Heiligtums missachtet habe. .   HONORIUS HEIRATET · CHARAKTERISTIK In das Jauchzen über den afrikanischen Triumph fügte sich harmonisch der Jubel anlässlich der Hochzeit des Honorius mit Maria, der Tochter Stilichos: und durch diese gleichberechtigte und ehrenvolle Partnerschaft gelangte der mächtige General in eine Art Vaterstellung gegenüber seinem königlichen Zögling. Claudians Muse verfehlte nicht, diesen Tage der Freude auszuschmücken Claudian hat in seiner Eigenschaft als poeta laureatus ein feierliches und ausgearbeitet Hochzeitspoem in 340 Versen verfasst; und darüber hinaus noch ein paar fröhliche Liedchen, die in der Hochzeitsnacht in freier Intonation gesungen wurden. : in zahlreichen und lebhaften Zeilen besang er das königliche Paar und den Ruhm des Helden, welcher ihren Bund bestätigt und zugleich den Thron gestärkt habe. Der Genius der Dichtung rettete sogar die uralten griechischen Mythen, die schon lange kein Gegenstand religiöser Erbauung mehr waren, vor dem Untergang. Er malte das Bild des Haines auf Zypern, des Sitzes von Harmonie und Liebe; den Siegeszug der Venus; und den mildtätigen Einfluss, den sie durch ihre schiere Anwesenheit im Palast von Mailand ausgeübt hatte; für alle Zeiten der Ausdruck natürlicher Herzensempfindungen in der lieblichen Sprache der Dichtung. An der Stelle jedoch, an welcher Claudian von der Ungeduld des Liebhabers im Zusammenhang mit dem jungen Herrscher spricht »Calet obvius ire Jam princeps, tardumque cupit discedere solem. Nobilis haud aliter \>sonipes\<« – (...schon lechzt der Kaiser, ihr zu begegnen und wünscht, das die träge Sonne untergehe; gerade so wie ein edler Hengst). Claudian, de Nuptiis Honorii et Mariae, 287, und noch direkter in den Feszennien 112-126: »Dices, 0 'quoties', hoc mihi dulcius Quam flavos \>decies\< vincere Sarmatas....Tum victor mandido prosilias toro Nocturni referens vulnera proelii.« (Wie oft sagst du dann »Oh! Das ist mir süßer als zehnmal blonde Sarmaten zu besiegen. Dann erhebst du dich als Sieger vom feuchten Beilager und trägst die Wunden des nächtlichen Kampfes davon.) , dürfte er bei den Höflingen ein Grinsen verursacht haben; und die junge, schöne Ehefrau (wenn man sie denn schön nennen durfte) hatte von der Leidenschaft ihres jugendlichen Liebhabers wenig zu hoffen oder zu fürchten. Honorius war erst vierzehn Jahre alt; Serena, die Mutter seiner Braut, setzte den Vollzug der königlichen Hochzeit durch List oder Überredung aus; Maria starb unberührt, nachdem sie zehn Jahre lang die Ehefrau gegeben hatte; und die Keuschheit des Herrschers war durch seine Gefühlskälte oder Blödigkeit gesichert Zosimos 5,28. . Seine Untertanen, die ihres Herrschers Charakterzüge mit großer Aufmerksamkeit beobachteten, entdeckten schon bald, dass Honorius frei von Leidenschaften und mithin ohne jede Begabung war; und dass seine schwächelnde und schlaffe Konstitution ihn außerstande setzte, weder die Verpflichtungen seines hohen Amtes wahrzunehmen noch die Vergnügungen seines jungen Jahre. In früher Jugend hatte Honorius einige Fortschritte im Reiten und Bogenschießen gemacht: aber schon bald gab er diese ermüdende Beschäftigung auf, und die wichtigste tägliche Obliegenheit des Herrschers des Westreiches wurde das Füttern von Hühnern Prokop, De bello Gothico 1,2. Ich habe das allgemeine Verhalten des Honorius bei Prokopius entlehnt, ohne mir diese einzigartige und in der Tat unglaubliche Geschichte zu Eigen zu machen, die der griechische Historiker hier erzählt. ; das Regieren legte er in die starken und bewährten Hände von Stilicho, seines Aufpassers. Die nachfolgende Geschichte leistet der Vermutung Vorschub, dass dieser im Purpur geborene Herrscher eine schlechtere Ausbildung erhalten hatte als der geringste Bauer seines Reiches; und dass die ehrgeizigen Minister seiner Umgebung es zuließen, dass er in das Mannsalter trat, ohne jemals seinen Mut erprobt oder seinen Verstand benutzt zu haben Die Lektionen des Theodosius oder besser des Claudian (Die IV consulatu Honorii 214-418) dürften eine vortreffliche Schule für künftige Herrscher eines großen und freien Landes abgeben. Sie standen weit über den Möglichkeiten des Honorius und seiner verkommenen Untertanen. . Die Vorfahren des Honorius belebten durch ihr Vorbild oder doch wenigstens ihre Anwesenheit den Mut ihrer Legionen; und die Datierungen ihrer Gesetze legen sie Zeugnis ab von ihrer beständigen Reisen durch die Provinzen der römischen Welt. Aber der Sohn des Theodosius verbrachte sein Leben im Halbschlaf, ein Gefangener in seinem Palast und ein Fremder in seinem Land, ein geduldiger, fast schon apathischer Zuschauer beim Untergang des Weströmischen Reiches, welches wiederholt von Barbaren angegriffen und endlich zerstört wurde. In der ereignisreichen achtundzwanzigjährigen Geschichte dieser Regentschaft wird es nur selten erforderlich werden, den Namen des Regenten, Honorius auch nur zu erwähnen. XXX GOTENAUFSTAND · VERWÜSTUNG GRIECHENLANDS · ALARICH UND RADAGAIUS FALLEN IN ITALIEN EIN · ABWEHR DURCH STILICHO · GERMANEN ÜBERRENNEN GALLIEN · CONSTANTIN WIRD USURPATOR IM WESTEN · STILICHO IN UNGNADE · SEIN TOD · CLAUDIAN   GOTENAUFSTAND Sollten die Untertanen Roms vergessen haben, was sie dem großen Theodosius zu danken hatten, so waren sie nur allzuschnell darüber belehrt, wie unermüdlich ihr verstorbener Herrscher Geist und Kraft aufgewendet hatte, um das ächzende und wankende Gebäude des Reiches zu festigen. Er starb im Januar; und noch vor dem Ende des Winters stand die Nation der Goten unter Waffen Der Gothenaufstand und die Belagerung von Konstantinopel werden insbesondere hervorgehoben von Claudian (In Rufinum 2,7-100); Zosimos (5,5); und Jordanes (Getica 29). . Die Hilfsvölker der Barbaren errichteten die Standarte der Unabhängigkeit; und kühn erklärten sie sich zu den kriegerischen Plänen, mit denen sie schon seit langem feindlich umgegangen waren. Ihre Landsleute, denen die Bedingungen der letzten Friedensverträge ein Leben in ländlicher Stille auferlegt hatten, ließen ihre Gehöfte beim ersten Trompetenschall im Stich und griffen voller Kampfbegier zu den Waffen, die sie nur widerwillig niedergelegt hatten. Die Grenzfestungen an der Donau wurden aufgestoßen; die Wilden Skythiens brachen aus ihren Wäldern hervor; und der ungewöhnlich strenge Winter vermochte den Dichter zu der Feststellung, dass »sie ihre schwergewichtigen Wagen über den breiten und zugefrorenen Rücken des empörten Flusses zogen Alii per terga ferocis /Danubi solidata ruunt; expertaque remos/Frangunt stagna rotis. (Claudian, In Rufinum 2,26f). Claudian und Ovid bereitet es oft Vergnügen, die Metaphern und Eigenschaften von ›flüssigem‹ und ›festem‹ Eis auszutauschen. Da ist viel falscher Witz an eine so leichtgewichtige Übung verschwendet worden. .« Die unglückseligen Bewohner der Länder südlich der Donau schickten sich in diese Kalamitäten, an die sie sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre nachgerade gewöhnt hatten; und verschiedene Detachements der Barbaren, die sich alle mit dem Namen der Goten schmückten, drangen gelegentlich von den bewaldeten Küsten Dalmatiens bis vor die Mauern von Konstantinopel Hieronymus (Epistulae 60, Opera, Band 1, p.26) versucht seinen Freund Heliodorus, den Bischof von Altinum, über den Tod seines Neffen hinweg zu trösten, indem er in merkwürdiger Zusammenschau alle die privaten und staatlichen Unglücksfälle seiner Zeit in Erinnerung ruft. (Siehe Tillemont, Mémoires ecclesiastiques, Band 12, p. 200ff.) . Die Unterbrechung oder doch wenigstens die Minderung der Subsidien, die die klugberechnende Freigebigkeit des Theodosius verfügt hatte, lieferte den vordergründigen Anlass für den Aufstand; die Beleidigung wurde noch verstärkt durch die Verachtung, die sie für die völlig unkriegerischen Söhne des Theodosius erübrigten; und ihr Zorn zusätzlich gesteigert durch die Schwäche oder den Verrat des Ministers des Arcadius. Rufinus' häufigen Besuche des bei den Barbaren, deren Waffen und Kriegstracht nachzuahmen er sich nicht entblödete, wurden als hinreichender Beweis für seine verschwörerischen Umtriebe angesehen: und der Feind war infolge von Dankbarkeit oder Berechnung darum bemüht, dass inmitten der allgemeinen Verwüstung ausgerechnet die privaten Länderein des beim Volk verhassten Präfekten verschont blieben. Die Goten selbst wurden nicht mehr wie ehedem von blindwütigen und halsstarrigen Stammeshäuptlingen aufgehetzt, vielmehr stand an ihrer Spitze das umsichtige und kühne Genie eines Alarich. Dieser hochberühmte Häuptling stammte aus dem edlen Geschlecht der Balten »Balti« (Die Kühnen: »origo mirifica« (wundersame Herkunft), so Jordanes (Getica 29). Blühten lange in Frankreich in der gotischen Provinz Septimania (Languedoc) unter der verderbten Benennung Baux: ein Zweig der Familie siedelte später im Königreich Neapel (Grotius in der Vorrede zur Historia Gothorum, p. 53). Die Lords von Beaux nahe Arles und neunundsiebzig anderen nachgeordneten Ortschaften waren von den Grafen der Provence unabhängig. Longuerue, Description de la France, Band 1, p. 357 , die nur hinter den Königsgeschlecht der Amaler zurückstanden: er hatte sich ein römisches Militärkommando erbeten; und der kaiserliche Hof brachte ihn dazu, ihnen die Torheit ihrer Ablehnung und die Größe dieses Verlustes ganz handgreiflich vor Augen zu führen. Welche Hoffnungen sie mit der Eroberung von Konstantinopel verbunden haben mochten: Alarich war einsichtig genug, das hoffnungslose Unterfangen aufzugeben. Arcadius, umgeben von einem zerstrittenen Hof und einer unzufriedenen Bevölkerung, packte angesichts der gotischen Scharen das blanke Entsetzen; aber der Mangel an Entschlussfreudigkeit und Schlagkraft wurde wettgemacht durch die gewaltigen Befestigungsanlagen, welche zu Lande und zu Wasser den ohnmächtigen und eher zufälligen Pfeilen der Barbaren Trotz bieten mochten. Alarich verzichtete darauf, noch weiter dem ausgeplünderten Thrakien und Dakien beschwerlich zu fallen und suchte stattdessen Ruhm und Beute in einer Provinz, die der Krieg bis dahin verschont hatte Zosimos (5,5) ist für die Eroberung Griechenlands unsere beste Quelle. Aber auch die Anspielungen und Winke Claudians enthalten viel Strahlen historischen Lichtes. .   EROBERUNG GRIECHENLANDS DURCH ALARICH – A.D. 396 Der Charakter der Generäle, denen Rufinus die Verwaltung Griechenlands übertragen hatte, bestätigte den allgemein gehegten Verdacht, dass er die alte Wiege der Freiheit und Gelehrsamkeit an die gotischen Eindringlinge verraten habe. Der Prokonsul Antiochus war der unwürdige Sohn eines achtbaren Vaters; und der Befehlshaber der Provinztruppen, Gerontius, war eher geeignet, die Befehle eines verkommenen Tyrannen zu exekutieren als mit Mut und Geschick ein Land zu verteidigen, welches von Natur aus bereits vorzüglich befestigt war. Alarich hatte die Ebenen Makedoniens und Thessaliens durchquert, ohne Widerstand zu erfahren und war bis an das Oetas-Gebirge gelangt, eine steile, waldige, für seine Kavallerie nahezu undurchdringliche Hügellandschaft. Sie erstreckte sich in west-östlicher Richtung bis unmittelbar an die Küste; hier ließ sie bis zum Malianischen Golf nur eine Lücke von dreihundert Fuß, welche sich an einigen Stellen bis auf die Breite einer Straße verengte und knapp einen einzigen Wagen passieren ließ Vergleiche Herodot 7,126 und Livius 36,15. Der enge Zugang nach Griechenland wurde vermutlich durch jeden der nachfolgenden Eindringlinge erweitert. . An diesem engen Pass, den Thermopylen, an dem einst Leonidas und seine dreihundert Spartaner ihr Leben dahingegeben hatten, hätte ein tüchtiger General auch die Goten aufhalten oder sogar vernichten können; und vielleicht hätte allein der Anblick dieser geweihten Stätte den heruntergekommenen Griechen einen Anflug von Kampfesmut eingegeben. Die Truppen, die zum Schutz der Thermopylen aufgestellt waren, zogen sich befehlsgemäß zurück, ohne den Versuch zu machen, Alarich in seinem Vorwärtstürmen auch nur zu stören Alarich, so Eunapios (Vitae sophistarum p. 93) zog über den Passweg δι ὰ τ ῶν πυλ ῶν παρ ῆλ ϑεν, ὥσπερ δι ὰ σταδ ίου κα ὶ ἱπποκρ ότον πεδ ίου τρ έχων. (durch die Thermopylen wie durch ein Stadion und eine von Pferden zerstampfte Ebene). . Und schon waren die fruchtbaren Ebenen von Phokis und Boeotien von einer Barbarenflut überschwemmt, die alle waffenfähigen Männer massakrierte und aus den brennenden Dörfern zusammen mit anderer Beute und dem Vieh die Frauen fortschleppte. Reisende, die viele Jahre später Griechenland besuchten, konnten die blutige Spur der Goten überall mit Leichtigkeit ausmachen; und Theben dankte seine Rettung weniger der Stärke seiner Sieben Tore als vielmehr der Eile Alarichs, den es heftig danach verlangte, Athen und den wichtigen Hafen Piraeus zu besetzen. Die gleiche Ungeduld bestimmte ihn auch, von den Langwierigkeiten und Gefahren einer Belagerung abzustehen und eine Kapitulation anzubieten: und sobald die Athener die Stimme des gotischen Herolds vernahmen, fanden sie sich rasch darein, den größten Teil ihrer Reichtümer als Lösegeld für die Stadt der Athene und seiner Einwohner herauszugeben. Der Vertrag wurde unter feierlichen Rahmenbedingungen unterzeichnet und von beiden Seiten getreulich eingehalten. Der Gotenherrscher wurde zusammen mit einer kleinen Schar in die Stadt eingelassen; er gönnte sich ein erfrischendes Bad, ließ sich vom Magistrat zu einem Festbankett einladen und war bestrebt zu beweisen, dass er der Gepflogenheiten einer Kulturnation durchaus nicht unkundig war In Anlehnung an Hieronymos und Claudian (In Rufinum 2,191) habe ich der freundlichen Darstellung des Zosimos einige dunklere Farben beigegeben, da er ersichtlich bestrebt war, Athens Notlage in ein milderes Licht zu tauchen. »Nec fera Cecropias traxissent vincula matres.« (Und nicht trugen barbarische Ketten die Mütter Cecrops'). Synesius (Epistulae 135) weist noch darauf hin, dass Athen, dessen Leiden er der Habgier des Proconsul anrechnet, zu jener Zeit weniger wegen seiner Philosophenschulen berühmt war als wegen seines - Honighandels. . Aber ganz Attika, von Kap Sunion im Süden bis zu der Stadt Megara hatte unter seiner unheilvollen Anwesenheit zu leiden; und wenn wir an dieser Stelle den Vergleich eines zeitgenössischen Dichters heranziehen dürfen: Athen ähnelte der nackten, blutigen Haut eines Schlachttieres. Die Entfernung zwischen Megara und Korinth können wir auf gute dreißig Meilen veranschlagen; aber die schlechte Straße – ein bezeichnender Name, der unter den Griechen immer noch üblich ist – war für den Vormarsch eines Feindes unbenutzbar oder hätte es doch leicht gemacht werden können. Das Landesinnere bedeckte der dichte und finstere Wald des Kithaerongebirges; das skironische Felsengebirge stieß bis an das Gestade vor und bedrohte den engen und windungsreichen Pfad, der sich über sechs Meilen an der Küste entlang schlängelte »Vallata mari Scironia rupes, Et duo continuo connectens aequora muro Isthmos.« (...umfriedet von den Skironischen Felsen;/und der Isthmus, der sich zwischen zwei Meeren wie eine Mauer hinstreckt). Claudian, De bello Pollentino sive Gothico 188. Die Skironischen Felsen sind von Pausanias (1,44) beschrieben worden sowie von unseren modernen Reisenden Wheeler (Voyages de Dalmatie, p. 436) und Chandler (Travels in Asia minor, p. 298). Hadrian erweiterte den Weg so, dass zwei Fuhrwerke nebeneinander fahren konnten. . Entlang dieser Felsformationen, die zu allen Zeiten einen üblen Ruf hatten, gelangt man an den Isthmus von Korinth; und ein kleines Kontingent von entschlossenen und furchtlosen Kriegern hätte mit Erfolg einen rasch aufgeworfenen Schutzwall von fünf bis sechs Meilen Länge zwischen Ionischem Meer und Ägäis verteidigen können. Das Vertrauen der peloponnesichen Städte in ihre natürlichen Schutzwälle hatte sie verführt, ihre alten Stadtmauern zu vernachlässigen; und die Habgier der römischen Statthalter hatte die unglückliche Provinz zusätzlich ausgeplündert Claudian (In Rufinum 2,186 und de bello Gothico 611ff) schildert die Szene zwar in allgeinen Ausdrücken, aber in kräftigen Farben. . Korinth, Argos und Sparta ergaben sich den Goten ohne Widerstand; und am glücklichsten waren die Einwohner, die starben, bevor sie die Versklavung ihrer Familien und die Verbrennung ihrer Stadt mit ansehen mussten Τρ ὶς μ άκαρες Δαναο ὶ κα ὶ τετρ άκις (Dreimal selige Griechen und viermal...) Diese erhabenen Zeilen Homers (Odyssee 5,306) hatte einer der jugendlichen Gefangenen aus Korinth übertragen; und die Tränen des Mummius mögen als Beweis dafür stehen, dass der ungebildete Eroberer, der zwar den Wert eines Originalbildes nicht begriff, immerhin denn doch die zuverlässigste Voraussetzung für guten Geschmack besaß, nämlich ein wohlwollendes Herz. Plutarch, Quaestiones convivales 9, Opera Band 2, p. 737. . Vasen und Standbilder wurden unter die Barbaren aufgeteilt, wohl eher unter dem Gesichtspunkt ihres materiellen als ihres künstlerischen Wertes; den weiblichen Gefangenen erging es nach Krieges Unsitte; die Freude am Schönen war Belohnung für Tapferkeit; und die Griechen konnten noch nicht einmal Klagen hiergegen vorbringen, war diese Praxis doch durch Vorbilder bereits aus heroischen Zeiten gerechtfertigt Homer erzählt beständig von der ausnehmenden Leidensfähigkeit der weiblichen Gefangenen, welche ihren Liebreiz und selbst ihre Herz den Mördern ihrer Väter, Brüder u.a. schenkten. Diese Leidenschaften (etwa die der Eriphile für Achill) wird von Racine mit bemerkenswertem Feingefühl behandelt. . Die Nachfahren jener stolzen Menschen, die meinten, dass die Mauern Spartas Kampfesmut und Ordnung seien, hatten schon längst vergessen, was ihre Vorväter einst einem Angreifer geantwortet hatten, der weitaus fürchterlicher gewesen war als Alarich: »Bist du ein Gott, so wirst du die nicht angreifen, die dir nie ein Übles getan haben; bist du aber ein Mann, wohlan denn: – du wirst auf Männer treffen, die dir gewachsen sind Plutarch (Pyrrhos 26ff) überliefert die Antwort in unverfälschter lakonischer Sprache. Pyrrhus griff Sparta mit 25 000 Mann Infanterie, 2000 Mann Kavallerie und 24 Elephanten an: und die erfolgreiche Verteidigung der offenen Stadt ist ein schöner Kommentar zu den Gesetzen Lykurgs, selbst noch auf der letzten Stufe des Verfalls. .« Auf dem Wege von den Thermopylen nach Sparta stellte sich Alarichs siegreichem Vorwärtsstürmen auch nicht ein Sterblicher entgegen; allerdings hatte einer der Verteidiger des untergehenden Heidentums mit Bestimmtheit dargetan, dass die Mauern Athens von der der Göttin Athene persönlich mitsamt ihren schrecklichen Aegisschild bewacht werde sowie von Achills zornigem Geiste So, wie ihn etwa Homer (Ilias 20, 164) dargestellt hat. ; und dass der Eroberer durch die Gegenwart der feindlichen griechischen Götter in Schrecken versetzt worden sei. Es wäre nicht recht getan, wollte man den Anspruch des Historikers Zosimos auf solche allgemeinen Segnungen in einer Zeit der Wundergläubigkeit in Abrede stellen; aber man kann in der Tat auch nicht verhehlen, dass Alarichs Gemüt für Eindrücke des griechischen Aberglaubens vergleichsweise unvorbereitet war, mochten sie ihn nun im Wachen oder Schlafe heimsuchen. Homers Gesänge oder der Ruhm des Achill waren vermutlich niemals bis an das Ohr dieses illiteraten Barbaren gelangt; und das Christentum, dem er ergebenst anhing, lehrte ihn, die griechischen und römischen Fabelgötter zu verachten. Die Invasion der Goten trug, wenn auch zufällig, dazu bei, die letzten Reste des Heidentums zu tilgen, anstelle ihm Schutz zu gewähren; und die Mysterien der Ceres, die immerhin achtzehn Jahrhunderte überlebt hatten, überlebten nicht die Zerstörung von Eleusis und Griechenlands Notlage Eunapios (Vitae Sophistarum, p. 90-93) redet uns ein, Mönche hätten Griechenland verraten und sich dann den Goten angeschlossen. .   STILICHO GREIFT ALARICH AN – A.D. 397 Die letzte Hoffnung dieses Volkes, das nicht mehr auf seine Waffen, seinen Herrscher und seine Götter rechnen konnte, lag auf den Schultern des starken Heermeisters des Westens; und Stilicho, dem man nicht gestattet hatte, die Eroberer Griechenlands abzuwehren, eilte, sie zu züchtigen Über Stiliochos griechischen Krieg vergleiche die vorurteilslose Darstellung des Zosimos (5,7) mit Claudians linkischen und merkwürdigen Artigkeiten (De consulatu Stilichonis I, 1,172- 186 und De IV consulatu Honorii 459-487). Da der Ausgang ruhmlos war, wird er kunstvoll in den Schatten gestellt. . In Italiens Häfen wurde eine mächtige Flotte ausgerüstet; und nach kurzer und glückhafter Fahrt über das Ionische Meer wurden die Truppen sicher am Isthmus nahe den Ruinen von Korinth angelandet. Das Waldgebirge Arkadiens, der märchenberühmten Heimat von Pan und den Dryaden, wurde zum Schauplatz eines langen Gefechtes von zweifelhaftem Ausgang zwischen zwei Generälen, die einander durchaus ebenbürtig waren. Schließlich obsiegten römische Tüchtigkeit und Ausdauer; und da die Goten aufgrund von Krankheiten und Desertation bereits erhebliche Verluste hatten hinnehmen müssen, zogen sie sich nach und nach auf den Pholoeberg nahe den Peneusquellen und der Grenze zu Elis zurück: heiliges Land, welches zuvor von aller Kriegsnot verschont geblieben war Die Truppen, welche durch Elis marschierten, lieferten ihre Waffen ab. Diese Sicherheit machte die Elier reich, welche das ländliche Leben liebten. Reichtum erzeugt Hochmut; sie achteten ihre Vorzugsstellung gering und litten Not. Polybios rät ihnen, noch einmal in ihren magischen Kreis zurückzukehren. Siehe dazu die gelehrte und durchdachte Studie, die Herr West seiner Pindarübersetzung vorangestellt hat. . Sofort wurde das Lager der Barbaren umstellt; der Fluss Claudian (De IV consulatu Honorii 459-487) deutet dies nur an ohne den Fluss beim Namen zu nennen: er meint wohl den Alpheios (De consulatu Stilichonis 1,185). Ich neige allerdings zu der Ansicht, dass es der Peneus war, ein flacher Fluss in einem weiten Bett, welcher durch Elis fließt und unterhalb von Kyllene ins Meer mündet. Er wurde mit dem Alpheios zusammengebracht, den Augiasstall auszumisten. Cellarius, Geographia antiqua, Band 1, Band 1, p. 760 und Chandler, Travels p. 286. wurde in eine andere Richtung umgelenkt; und während sie unter bitterem Hunger und Durst zu leiden hatten, wurden sie mit starkem Schanzwerk eingekesselt, das ihre Flucht verhindern sollte. Nach diesen Vorsichtsmaßnahmen zog sich Stilicho siegessicher zurück, um seinen Triumph bei Theaterspielen und den lasziven griechischen Tänzen zu genießen; auch seine Soldaten ließen ihre Posten im Stich, zogen plündernd durch das Land ihrer Verbündeten und rissen alles an sich, was die raubgierige Hand der eigentlichen Feinde mochte stehen gelassen haben. Alarich scheint den günstigen Augenblick beim Schopfe gepackt zu haben, um eines von jenen kühnen Wagnissen zu unternehmen, in denen sich die Fähigkeiten eines Feldherren eindrucksvoller bewähren als im Tumult eines Gefechtes. Um sich aus der Falle des Peloponnes zu befreien, musste er notwendig die Schanzungen durchbrechen, die sein Lager umstanden; musste er einen schwierigen und gefährlichen Marsch von dreißig Meilen bis zum Golf von Korinth zurücklegen; und musste er schließlich Truppen, Gefangene und Beute über einen Meeresarm bringen, welcher zwischen Rhegium und der gegenüber liegenden Küste wenigstens eine halbe Meile breit war Srabo, 8, p. 517; Plinius, Naturalis Historia 4,3; Wheeler, Voyages p. 308; Chandler, Travels p.286. Die Entfernung bestimmten sie von verschiedenen Punkten zwischen beiden Ufern. . Alarichs Maßnahmen mussten zudem geheim, umsichtig und schnell erfolgen; denn der römische General war aufgeschreckt durch die Nachricht, dass die Goten, die sich seinen Umklammerung erfolgreich entwunden hatten, die wichtige Provinz Epirus vollständig in der Hand hatten. Diese unglückliche Verzögerung gab Alarich genug Zeit in die Hand, den Vertrag abzuschließen, den er heimlich mit den Beauftragten Konstantinopels verhandelt hatte. Die Sorge vor einem Bürgerkrieg bestimmte Stilicho, sich aus dem Herrschaftsbereich des Arcadius zurück zu ziehen; und er respektierte in dem Feinde Roms zugleich auch die ehrenhafte Persönlichkeit des Verbündeten und Dieners des Oströmischen Kaisers.   ALARICH WIRD HERRSCHER VON ILLYRIEN UND KÖNIG DER WESTGOTEN – A.D. 398 Ein griechischer Philosoph, der kurz nach dem Tode des Theodosius Konstantinopel besucht hatte, veröffentliche seine freisinnigen Ansichten über die Pflichten eines Königs und den Zustand des römischen Staates Synesius verbrachte drei Jahre (A.D. 397 - 400) in Konstantinopel als Botschafter Cyrenes bei Arcadius. Er stellt ihn uns mit einer Goldkrone dar und hielt vor ihm die belehrende Rede De Regno (Opera, S. 1-32). Der Philosoph wurde zum Bischof von Ptolemais (A.D. 410) und starb um A.D. 430. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 12, p. 499, 544 und 683-685. . Synesios bemerkt und beweint die verhängnisvollen Schäden, die die unkluge Freigebigkeit des verstorbenen Herrschers in der Armee angerichtet hatte. Bürger und Untertanen hatten eine Freistellung von der unverzichtbaren Pflicht zur Landesverteidigung erwirkt, die von Miettruppen der Barbaren wahrgenommen wurde. Den skythischen Flüchtlingen ließ man ihre Geringschätzung der unantastbaren Wertvorstellungen des Reiches durchgehen; ihre stürmische Jugend, die die segensreichen Zügel des Gesetzes gering achtete, war mehr darauf bedacht, sich die Reichtümer der von ihnen verachteten und gehassten Bevölkerung anzueignen als deren Kultur nachzuahmen; und die Schlagkraft der Goten war wie der Felsblock des Tantalus, der als beständige Bedrohung über dem Frieden und der Sicherheit des Staates hing. Die Abhilfe, die Synesius empfiehlt, sind die Anweisungen eines groß denkenden Patrioten. Der Kaiser wird ermahnt, seine Untertanen durch sein persönliches Vorbild den Mut zu heben, den Luxus vom Hof und aus dem Lager zu entfernen; anstelle der barbarischen Söldnerheere eine Arme von Männern einzusetzen, die an der Verteidigung ihre Gesetze und ihres Eigentums ein persönliches Interesse hätten; in einem solchen Augenblick der gemeinen Gefahr den Meister von seiner Werkbank und den Philosophen aus seiner Schule abzuberufen; den trägen Bürger aus seinem friedlichen Schlummer aufzustöbern und zum Schutze der Landwirtschaft den rüstigen Bauern die Waffe in die Hand zu drücken. An der Spitze eines solchen Heeres, das den Namen römisch wirklich verdient hätte, sollte der Sohn des Theodosius den Barbaren entgegentreten, denen es an wahrem Mut durchaus mangele; und er solle nicht ablassen vom Kampfe, bis er sie zu Paaren getrieben habe bis in die Wüsten Skythiens; oder bis er sie zu knechtischer Abhängigkeit gezwungen habe wie einst die Spartaner die Heloten Synesios, de regno, p. 21-26. . Der Hof des Arcadius ließ sich diesen Eifer wohl gefallen, sparte nicht mit Beifall und kümmerte sich nicht weiter um Synesius' Ratschläge. Vielleicht hatte der Philosoph, der mit dem Kaiser des Ostreiches die Sprache der Vernunft gesprochen hatte, die allenfalls der König von Sparta verstanden hätte, es unterlassen, einen praktikablen Plan zu entwerfen, der besser zu dem Zustand und den Möglichkeiten dieses heruntergekommenen Zeitalters gepasst hätte. Vielleicht hatte auch der Dünkel der Minister, deren Tätigkeit selten von Nachdenklichkeit unterbrochen wurde, jeden Vorschlag als übersteigert und phantastisch zurück gewiesen, wenn er ihr Fassungsvermögen überforderte und vom üblichen Geschäftsgang abwich. Während noch die Rede des Synesius und die Unterwerfung der Barbaren gängige Topoi in der öffentlichen Diskussion bildeten, erging in Konstantinopel ein Edikt, durch welches Alarich zum Heermeister von Ostillyrien bestellt wurde. Die Bewohner der römischen Provinz und ihre Alliierten, die die Verträge eingehalten hatten, waren zu Recht empört, dass der Untergang Griechenlands und des Epirus auch noch so großzügig sollte belohnt werden. Der gotische Eroberer wurde in den Städten, die er noch kurz zuvor belagert hatte, als getreuer Magistrat begrüßt. Die Väter, deren Söhne er massakriert hatte und die Männer, deren Frauen er vergewaltigt hatte, unterstanden von nun an seiner Autorität, und der Erfolg seines Vorgehens ermutigte naturgemäß jeden Befehlshaber ausländischer Söldnertruppen. Der Gebrauch, den Alarich von seiner neuen Stellung machte, verrät eine entschlossene und durchdachte Politik. Er gab den vier großen Waffenarsenalen in Margus, Ratiaria, Naissus und Thessaloniki Weisung, seine Krieger mit zusätzlichen Schilden, Speeren, Helmen und Schwertern auszustatten; und so mussten die unglücklichen Provinzialen die Werkzeuge zu ihrem eigenen Untergang bereitstellen; und die Barbaren konnten den einzigen Mangel abstellen, der sie zuweilen um die Früchte ihrer Anstrengungen gebracht hatte »...qui fuedera rumpit/Ditatur: qui servat, eget: vastator Achivae/Gentis, et Epirum nuper populatus inultam/Praesidet Illyrico: iam, quos obsedit, amicos /Ingreditur muros; illis responsa daturus/Quorum conjugibus potitur, natosque peremit«. (...wer Bündnisse bricht, wird beschenkt, wer dient, leidet; der Vertilger von Achaias Volk und kürzlich des Epirus beherrscht nunmehr ungestrft Illyrien; schon zieht er in die Städte als ein Freund, die er doch belagert hat, und wird nun denen befehlen, deren Frauen er geraubt und deren Kinder er ermordet hat). Claudian, In Eutropium 2,212. Alarich lobt seine eigene Politik (De bello Gothico 533-543), angesichts des Gebrauchs, den er in Illyrien von seinem Amt gemacht hat. . Alarichs hohe Geburt, seine ruhmreiche Vergangenheit und die Aussicht auf fernere Großtaten zog allgemach die Nation unter seine siegreiche Standarte zusammen; und so wurde unter einhelliger Zustimmung aller Stammeshäuptlinge der Heermeister Illyriens nach überkommenem Brauch auf einen Schild erhoben und zum König der Westgoten ausgerufen Iordanes, Getica 29, fügt ungewöhnlich geistreich hinzu: »Cum suis deliberans suasit suo labore quaerere regna, quam alienis per otium subiacere.« (...beriet sich mit den Seinen und überzeugte sie davon, durch eigenes Bemühen Reiche zu gewinnen als untätig und Fremden untertänig zu sein). . So stand er nun zwischen zwei Reichen, beiden furchtbar, und versorgte wechselseitig den Hof des Arcadius und des Honorius mit leeren Redensarten »...Discors odiisque anceps civilibus orbis Non sua vis tutata diu, dum foedera fallax Ludit, et alternae perjuria venditat aluae.« (...Zwietracht und das uneinige Reich und nicht seine eigene Macht schützte ihn lange, der er trüglich mit Bündnissen spielt und den Palast und bald Meineide verschachert). Claudian, De bello Gothico 565. , bis er schließlich seine Absicht erklärte, in den Westen einzufallen und an die Ausführung dieses Vorhabens ging. Die Provinzen Europas, welche zum Ostreich gehörten, waren nachgerade leergeplündert; Asien lag unerreichbar; und Konstantinopel hatte seiner Stärke widerstanden. Aber Italiens Ruf, seine Schönheit und sein Reichtum verlockten ihn, nachdem er schon zweimal dort gewesen war; und insgeheim plante er sogar, die gotischen Feldzeichen auf Roms Mauern aufzupflanzen und seiner Armee die Beute von dreihundert Triumphzügen zu schenken Alpibus Italiae ruptis penetrabis ad urbem . (Wenn due Italiens Alpen überwunden hast, wirst du bald bis nach Rom vordringen). Dies wurde sieben Jahre vor dem eigentlichen Ereignis von Alarich oder wenigstens von Claudian angekündigt. Als es sich aber nicht innerhalb der voreilig gesetzten Frist erfüllte, flüchteten die Deuter zu allerlei Mehrdeutigkeiten. .   EINFALL IN ITALIEN · HONORIUS FLIEHT Die Kargheit der Überlieferung Unsere beste Quelle sind 970 Verse des Claudian aus dem Epos über den Gotenkrieg und der Anfang eines Poems, in welchem zu Beginn das VI. Konsulat des Honorius gefeiert wird. Zosimos hüllt sich völlig in Schweigen; und wir müssen uns mit solchen Brocken besser noch: Krümeln begnügen, wie wir sie aus Orosius und den Chroniken herauslesen können. und die Ungewissheit der Zeitangaben Ungeachtet der groben Irrtümer des Iordanes, welcher die Italienfeldzüge Alarichs verwechselt(29), ist seine Zeitangabe für das Konsulat von Stilicho und Aurelian (A.D. 400) zuverlässig. Es steht nach Claudian fest (Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p. 804), dass die Schlacht von Pollentia A.D. 403 ausgetragen, während die Zeit dazwischen sich nur schwer anfüllen lässt. erschweren es uns, die Umstände von Alarichs erstem Italieneinfall genauer zu beschreiben. Sein Marsch, vermutlich von Thessaloniki durch das kriegerische und feindliche Pannonien bis zu den Julischen Alpen; sein Alpenüberquerung, die er streng sichern ließ; die Belagerung von Aquileia und die Eroberung von Istrien und Venetien scheinen ihn beträchtliche Zeit gekostet zu haben. Wenn seine Operationen nicht äußerst vorsichtig und langsam gewesen waren, lässt sich die starke Verzögerung nur erklären durch die Annahme, der Gotenkönig habe sich an die Donau zurück gezogen und seine Armee mit neuen Barbarenhorden aufgefrischt, bevor er erneut versuchte, in Italiens Zentrum vorzustoßen. Da sich die öffentlichen und wichtigen Ereignisse der forschenden Neugier des Historikers entziehen, mag er sich für ein Weilchen damit aufhalten, die Auswirkung von Alarichs Feldzug auf zwei sonst ganz unbekannte Personen zu untersuchen, auf einen Presbyter in Aquileia und einen Landwirt aus Verona. Der gelehrte Rufinus, den seine Feinde vor eine römische Synode zitiert hatten »Tantum Romanae urbis iudicium fugis, ut magis obsidionem barbaricam, quam ›pacate‹ urbis iudicium velis sustinere.« (So sehr fliehst du das Urteil der Stadt Rom, dass du eher die Belagerung durch die Barbaren als das Urteil der Stadt im Frieden ertragen willst). Hieronymus, Opera Band 2, p. 239. Rufunus war sich seiner Gefahr durchaus bewusst; die ›Stadt im Frieden‹ wurde durch Marcella, die alte Vettel und Hieronymus' übrige Faktion in Atem gehalten. , zog es klüglich vor, sich den Gefahren einer Belagerung auszusetzen; und die Barbaren, die die Mauern Aquileias mit großem Nachdruck berannten, bewahrten ihn möglicherweise vor der grausamen Verurteilung, wie sie ein anderer Ketzer auf Betreiben des nämlichen Bischofs erfuhr, nämlich der Strafe der Auspeitschung und lebenslänglichen Verbannung auf eine verlassene Insel Iovinian, der Fasten und Zölibat entschieden ablehnte und dem Hieronymos dafür seinen ganzen Hass widmete. (Jortin, Remarks, Band 4, p. 104f) Siehe den Originalerlass im Codex Theodosianus 16,5,53. . Der alte Mann Dieses Epigramm (›De Sene Veronensi qui suburbium numquam egressus est‹ – Vom alten Manne der sein Dorf nie verlassen hat) ist eines der frühesten und schönsten Dichtungen Claudians. Cowleys Nachdichtung hat einige natürliche und geglückte Passagen: aber an das Original, das sichtlich nach dem Leben gezeichnet ist, kommt es bei weitem nicht heran. , der sein ganzes Leben in Schlichtheit und Unschuld in der Nähe Veronas zugebracht hatte, wusste nichts von den Streitigkeiten des Bischofs und des Königs; seine Freuden, seine Sehnsüchte und seine Kenntnisse beschränkten sich auf das kleine Umfeld seiner väterlichen Farm; und Gesinde betreute seine sich neigenden Jahre, auf demselben Grunde, auf dem er auch als Knabe erblüht war. Doch selbst diese ländlich-schlichten Glücksumstände (welche Claudian mit soviel Glaubwürdigkeit und Einfühlsamkeit beschreibt) waren der brutalen und gleichgültigen Kriegsfurie ausgesetzt. Seine Bäume, seine alten, gleichaltrigen Bäume »Ingentem meminit parvo qui germine quercum Aequaevumque videt consenuisse nemus.« (A neighbouring wood born with himself he sees, And loves his old contemporary trees.) Cowley (Works, Band 2, p. 241 ff) ist an dieser Textstelle vielleicht noch besser als das Original; und die ›Eiche‹ hatdieser englische Dichter, der sich gut in der Botanuik auskannte, unter einer allgemeineren Bezeichnung verborgen. gingen wie das ganze Land in Flammen auf; ein gotisches Reiterdetachement nahm ihm Familie und Hof; und Alarichs Stärke zerstörte ihm sein stilles Glück, für das er keinerlei Gespür besaß. »Ruhm,« sagt der Dichter, »der mit Schrecken seine finsteren Fittiche entfaltete, ging der Barbarenarmee voran und füllte Italien mit Schauder«; die Sorgen jedes einzelnen vergrößerten sich in direktem Verhältnis zu seinem Erfolg; und die ganz Ängstlichen, die bereits ihre bewegliche Habe eingeschifft hatten, dachten über eine Flucht nach Sizilien oder Afrika nach. Aberglaube Claudian, de bello Gothico 199-266. Er mag ausufernd scheinen: aber Furcht und Aberglauben besetzten in italienischen Gemütern viel Raum. vermehrte noch die öffentliche Auflösung. Jede Stunde gebar eine neue, ominöse Fabel; die Heiden beweinten die Gleichgültigkeit gegenüber den Vorzeichen und das Verbot der Opferrituale; die Christen hingegen schöpften einigen Trost aus dem machtvollen Dazwischenfahren der Heiligen und Märtyrer Aus den Abschnitten bei Paulinus, die Baronius herausgegeben hat (Annales ecclsiastci, A.D. 403, Nr. 51), geht hervor, dass in ganz Italien bis nach Nola in Campanien allgemeiner Alarm ausgelöst wurde; dort hat übrigens der berühmte Bußpredigers seine dauerhafte Heimstatt genommen .   HONORIUS ENTFLIEHT AUS MAILAND – A.D. 403 Der Kaiser Honorius zeichnete sich vor seinen Untertanen durch seine Stellung aus und durch seine ausgeprägte Feigheit. Die Arroganz und der Luxus, die die Begleiter seiner Erziehung gewesen waren, hatten in ihm niemals den Gedanken entstehen lassen, es möchte hienieden eine andere Macht so verwegen sein, in das Land des Nachfolgers eines Augustus einzudringen. Die hohe Kunst der Schmeichelei hatte die drohende Gefahr verniedlicht, bis dann Alarich vor dem Palast zu Mailand gesehen wurde. Als dann aber das Kriegsgeschrei den jungen Herrscher aus seinem Schlummer aufstörte, eilte er nicht etwa mit dem Mut oder wenigstens der Entschlossenheit seines Alters zu den Waffen, sondern hörte wiederum nur mit großer Bereitwilligkeit auf jene hasenherzigen Berater, welche ihm dringlich nahe legten, seine geheiligte Person und die seiner Ratgeber im fernen Gallien in Sicherheit zu bringen. Einzig Stilicho »Solus erat Stilocho« (Stilicho war es ganz allein) ist das einzige Lob, das Claudian ausspricht (de bello Gothico 267), ohne dabei zu geruhen, den Herrscher auszunehmen. Wie unbedeutend muss doch das Ansehen des Honorius an seinem eigenen Hof gewesen sein! hatte Mumm und Autorität genug, sich diesen elenden Anträgen zu widersetzen, welche Rom und Italien den Barbaren preisgegeben hätten; da aber die Palastgarde ziemlich spät an die rhätische Front geschickt und neue Truppen nur schleppend und unzureichend ausgehoben wurden, konnte der Heermeister des Westens lediglich das Versprechen geben, dass, wenn der Hof in Mailand während seiner Abwesenheit wenigstens seine Stellung halte, er schon bald mit einer Armee zurückkehren werde, die hinreiche, dem Gotenkönig erfolgreich zu begegnen. Ohne auch nur einen Augenblick zu verlieren (denn jetzt zählte jeder Augenblick), schiffte sich Stilicho am Larianischen See ein, überstieg mitten im strengen Alpenwinter die Schnee- und Eisberge und dämpfte durch sein unerwartetes Erscheinen den Feind, der den Frieden in Rhätien gestört hatte Den Zustand des Landes und Stilichos Ausdauer werden vorzüglich geschildert von Claudian, de bello Gothico 267. . Die Barbaren, unter denen sich vermutlich auch einige Alamannenstämme befanden, anerkannten mit Respekt die Qualitäten eines Heerführers, der Befehle zu geben verstand; und als er sich herbeiließ, aus ihrer kriegerischen Jugend eine bestimmte Anzahl auszuwählen, begriffen sie dies als Zeichen der Wertschätzung und Ehre. Die Kohorten, die die benachbarten Gegner losgeschickt hatten, sammelten sich eifrig unter der kaiserlichen Standarte; und Stilicho konnte noch den entlegensten Militäreinheiten des Westens den Befehl geben, in Eilmärschen zur Verteidigung des Honorius und Italiens heranzurücken. Die Festungsanlagen am Rhein wurden aufgegeben; und Galliens Sicherheit hing ganz von der Vertragstreue der Germanen ab und dem Schrecken, den Roms alter Name immer noch einflößen mochte. Selbst die Legionen im äußerten Norden, die den Wall besetzt hielten, der Britannien vor den Kaledoniern schützte, mussten in eiligen Tagesmärschen zurückkehren »Venit et extremis legio praetenta Britannis /Quae Scoto dat frena truci.« (Von entlegensten Britannien kam die Legion auf Vorposten, welche den grommen Schotten an die Kandare genommen hat). De bello Gothico 416. Doch selbst der längste Marsch von Edinburgh oder Newcastle nach Mailand muss mehr Zeit beansprucht haben als Claudian dem Gotischen Krieg an Dauer zuzubilligen bereit ist. ; und die zahlenstarken alanischen Reiter wurden überredet, sich in den Dienst des Kaisers zu stellen, welcher schon in ängstlicher Spannung auf die Rückkehr seines Feldherren wartete. Die Umsicht und Stärke Stilichos wurden bei dieser Gelegenheit deutlich, als sich die Schwäche des zusammenstürzenden Reiches offenbarte. Roms Legionen, denen schon lange vorher Mut und Disziplin abhanden gekommen waren, hatte der Goten- und Bürgerkrieg ausgelöscht; und es erwies sich als unmöglich, zur Verteidigung Italiens eine Armee auf die Beine zu stellen, ohne zugleich die Provinzen zu entblößen und zu erschöpfen.   STILICHO SCHWIMMT DURCH DIE ADDA Als Stilicho seinen Herren scheinbar schutzlos in seinem Palast zu Mailand zurückließ, hatte er vermutlich die Dauer seiner Abwesenheit berechnet, die Entfernung zum Feind und Schwierigkeiten des Marsches im Allgemeinen. Am stärksten war seine Abhängigkeit von den Flüssen Italiens, der Etsch, dem Mincio, dem Oglio und der Adda; diese schwellen im Winter oder im Frühjahr, infolge heftiger Regenfälle oder der Schneeschmelze zu breiten und reißenden Strömen an Jeder Reisende sollte sich hier an die Lombardei erinnern (Siehe Fontenelle, Oeuvres, Band 5, p. 279), welche oft von launischen und unberechenbaren Wasserströmen durchzogen ist. Die Österreicher lagerten vor Genua in dem trocken gefallenen Flussbett der Polcevera. »Ne sarebbe« (sagt Muratori) »mai passato per mente a que' buoni Alemanni, che quel picciolo torrente potesse, per cosi dire, in un instante cangiarsi in un terribil gigante.« (Annali d'Italia Band 16, p. 443). . Aber zu dieser Jahreszeit bleib es bemerkenswert trocken; und die Goten konnten ohne allzu große Behinderungen die weiten und steinigen Flussbetten hinaufmarschieren, in deren Mitte ein schwaches Rinnsal den Lauf des flachen Stroms markierte. Brücke und Furt der Adda wurden durch ein starkes Detachement der Goten gesichert; und als Alarich der Mauer, oder genauer: den Vorstädten Mailand näher rückte, hatte er die stolze Genugtuung, dass der römische Kaiser Honorius ihm Fersengeld gab. Begleitet von seinen Höflingen, von ängstlichen Staatenlenkern und Eunuchen zog er in Eile den Alpen entgegen in der Absicht, seine Person in Arles in Sicherheit zu bringen, hatte diese Stadt doch seinen Vorgängern oft zur Residenz gedient. Aber kaum hatte Honorius Claudian lässt unsere Frage unbeantwortet: Wo war Honorius persönlich? Aber die Flucht des Kaisers wird immerhin durch die Verfolgung kenntlich gemacht. Und meine Vorstellung vom Gotenkrieg haben die italienischen Gelehrten Sigonius (Historia de occidentali imperio. Opera, Band 1, Teil 2, p.369) und Muratori (Annali d'Italia, Band 4, p. 45) bestätigt. den Po überquert, als ihn die rasche gotische Kavallerie auch schon einholte Eine der Straßen kann in Itinerarien verfolgt werden (p. 98, 288 und 294). Asta liegt ein paar Meilen rechter Hand. ; die unmittelbare Gefahr nötigte ihn, vorübergehenden Schutz in der Festung Asta zu suchen, eine Stadt in Piemont, gelegen am Ufer des Tanarus Asta oder Asti, eine römische Kolonie, ist heutzutage Hauptstadt eines lieblichen Landstrichs, welcher im XVI Jhdt. den Herzögen von Savoyen gehörte. Alberti, Descrittione di tutti Italia, p. 382. . Die Belagerung dieses unbedeutenden Platzes, der aber einen hohen Preis verhieß und für langen Widerstand zu schwach schien, wurde unverzüglich von den Goten eingeleitet; und die kühne Verlautbarung, zu der sich der Kaiser hinterher verstieg, dass er nämlich kein einziges Mal Angst verspürt habe, wurde selbst an seinem Hofe von niemandem geglaubt »Nec me timor impulit ullus.« (Ich hatte keine Angst). Diese stolze Sprache führte er allerdings erst ein Jahr später und fünfhundert Meilen vom Orte des Geschehens entfernt im Munde. (Claudian, De VI. consulatu Honorii 449). . Als alles verloren schien und die Barbaren bereits, schimpflich genug, eine Kapitulation angeboten hatten, wurde der kaiserliche Gefangene zunächst durch das Gerücht und dann durch das tatsächliche Erscheinen des Helfers erlöst, auf den er so lange gewartet hatte. An der Spitze einer ausgewählten, furchtlosen Vorhut durchschwamm Stilicho die Adda, um die Zeit aufzuholen, die er beim Angriff auf die Brücke verloren hatte; die Passage des Po gestaltete sich weitaus risikoärmer und leichter; und das kühne Manöver, mit welchem er sich vor den Mauern von Asta seinen Weg durch das Lager der Goten bahnte, richtete die Hoffnungen und die Ehre Roms leidlich wieder auf. Anstelle die Früchte seines Sieges zu ernten, wurde der Barbar allgemach von allen Seiten von den Truppen des Westens umstellt, welche nach und nach aus den verschiedenen Alpenpässen herabkamen; seine Bewegungen wurden eingeengt; seine Konvois wurden abgefangen; und Rom schickte sich an, einen eigenen Festungsring aufzuziehen und die Belagerer selbst zu belagern. Die langhaarigen Stammeshäuptlinge der Goten versammelten sich zu einem Kriegsrat; es waren altgediente Kämpen, deren Körper in Pelze gehüllt und deren grimme Physiognomien mit ehrenhaften Narben übersäht waren. Sie wogen den Ruhm des längeren Ausharrens gegen den Vorteil, sich mit ihrer Beute davon zu machen; man empfahl schließlich die kluge Maßnahme eines schicklichen Rückzuges. Bei dieser wichtigen Debatte zeigte Alarich den Geist des Eroberers; und nachdem er seine Landsleute an ihre Erfolge und ferneren Pläne erinnert hatte, beendete er seine befeuernde Rede mit der feierlichen Versicherung, er sei entschlossen, in Italien entweder ein Königreich zu finden oder sein Grab »Hanc ego vel victor regno, vel morte tenebo Victus, humum.« Die Reden (de bello Gothico 479-549) des gotischen Nestor und Achilles sind kraftvoll, unverkennbar und den Umständen angepasst, und sie sind möglicherweise nicht weniger echt als die bei Livius. .   ÖSTERLICHE SCHLACHT BEI POLLENTIA – 29. MÄRZ 403 Die lockere Disziplin der Barbaren setzte sie beständig der Gefahr eines Überraschungsangriffes aus; aber anstelle sich die wüste Stunde des Plünderns und des Marodierens für seinen Angriff auszusuchen, beschloss Stilicho, die christlichen Goten zu überfallen, als sie hingebungsvoll das Osterfest begingen Orosius (7,37) empört sich über die Gottlosigkeit der Römer, die solche frommen Christenmenschen am heiligen Ostersonntag angriffen. Zugleich aber wurden in St. Thomas von Edessa öffentliche Gebete verrichtet, den arianischen Räuber zu zermalmen. Vergleiche hierzu Tillemont, Histoire des empereurs Band 5, p. 529, welcher eine versehentlich St. Chrysostomos zugeschriebene Auslegung zitiert. . Die Ausführung dieser Kriegslist oder, wie der Klerus es nannte, dieses Sakrilegs lag in den Händen von Saul, eines Barbaren und Heiden, der jedoch unter den altgedienten Generälen des Theodosius mit großen Verdiensten gefochten hatte. Das Lager der Goten, das Alarich in der Nähe von Pollentia Spuren von Pollentia finden sich fünfundzwanzig Meilen südwestlich von Turin. Die nahegelegene Urbs war eine Jagd der lombardischen Könige und zugleich ein kleiner Fluss, welcher die Vorhersage rechtfertigte: »penetrabis ad urbem.« (Du wirst vordringen bis zur urbs ). Cluver, Italia antiqua Band 1, p. 83-85. hatte aufschlagen lassen, wurde durch den plötzlichen, heftigen Angriff der kaiserlichen Kavallerie überrannt; aber nur wenige Augenblicke später führte das unerschrockene Gemüt ihres Feldherrn sie auf günstigem Gelände zur Schlacht; und sobald sie sich von ihrer Überraschung erholt hatten, erhöhte die fromme Gewissheit, der Gott der Christen werde ihrer Sache beistehen, ihren naturgegebenen Kampfesmut. In diesem Gefecht, das lange Zeit mit gleicher Verbissenheit und ungewissem Ausgang geführt wurde, bewährte der Stammeshäuptling der Alanen, hinter dessen geringem und barbarischen Äußeren sich eine große Seele verbarg, seine bisweilen angezweifelte Treue durch besonderen Kampfeseifer und starb einen Soldatentod im Dienste des Staates; der Ruhm dieses braven Kriegers ist in den Versen des Claudian nur unvollkommen bewahrt, da der Dichter zwar seine Tapferkeit besingt, aber seinen Namen zu nennen vergisst. Nach seinem Tod eröffneten die von ihm befehligten Schwadronen eine wilde und ungeordnete Flucht; und die Niederlage des Reiterflügels hätte den Sieg für Alarich entschieden, wenn Stilicho nicht unverzüglich die römische Linieninfanterie zum Angriff geführt hätte. Sein Geschick und die Tapferkeit der Soldaten überwanden jedes Hindernis. Am Abend dieses blutigen Tages gaben die Goten das Schlachtfeld preis; die Palisaden ihres Lagers wurden genommen, und die Szenen von Mord und Raub waren ein gewisser Ausgleich für alle die Nöte, die sie der Bevölkerung angetan hatten Orosius möchte mit unscharfen Ausdrücken die Niederlage der Römer andeuten: »Pugnantes vicimus, victores victi sumus.« (Kämpfend siegten wir, siegreich wurden wir besiegt.) Bei Prosper Tiro, Chronica, ging der Kampf unentschieden und verlustreich aus; aber die gotischen Autoren Cassiodor (Chronica) und Jordanes (Getica 59) reklamieren einen entscheidenden Sieg. . Die gewaltige Beute von Korinth und Argos fiel den Veteranen des Westens zu; gefangen ward Alarichs Weib, welche ungeduldig ihre versprochenen römischen Edelsteine und Zofen eingefordert hatte »Demens Ausonidum gemmata monilia matrum, Romanasque alta famulas cervice petebat.« De bello Gotico 627. und nun genötigt war, die Gnade eines höhnischen Feindes zu erflehen; für tausende von Gefangenen fielen die Ketten der Goten, und sie trugen den Ruhm ihres Befreiers durch die Lande. Die Dichter Claudian (de bello Gotico 580-647) und Prudentius (In Symmacum 2, 694-719) feiern den Sieg der Römer bei Pollentia vorbehaltlos. Sie sind Hofdichter, und sie sind parteiisch; aber selbst den verdächtigsten Zeugen gebührt Glauben, wenn sie durch neuere Forschung bestätigt werden. und wohl auch die öffentliche Meinung verglichen den Sieg des Stilicho mit dem des Marius, der bekanntlich in eben diesem Teil Italiens eine andere Arme von Barbaren aus dem Norden angegriffen und vernichtet hatte. Die gewaltigen Skelette und die leeren Helme der Kimbern und Goten konnten spätere Generationen durchaus miteinander verwechseln; und die Nachwelt hätte dem Gedächtnis dieser beiden Generäle ein gemeinsames Ehrenmal errichten können, nachdem sie auf demselben historischen Boden die beiden fürchterlichsten Feinde Roms besiegt hatten Claudians Lobeshymnus ist wortgewaltig und kunstvoll; aber die Gleichsetzung des kimbrischen und gotischen Schlachtfelds muss man (so wie Philippi bei Vergil, Georgica 1,490) vor dem Hintergrund der großzügigen dichterischen Geographie verstehen. Vercellae und Pollentia liegen sechzig Meilen voneinander entfernt; und der Abstand wird noch größer, wenn man die Niederlage der Kimbern in die Ebene von Verona verlegt. Maffei, Verona illustrata, Teil 1, p. 54-62. .   ALARICHS KÜHNHEIT UND RÜCKZUG Claudians Claudian und Prudentius müssen genau geprüft werden, damit das dichterische Schmuckwerk beseitigt und die historischen Tatsachen zu Tage gefördet werden. Beredsamkeit hat den Sieg von Pollentia mit verschwenderischem Beifall bedacht, war es doch eines der ruhmvollsten Tage im Leben seines Patrons; aber seine Muse anerkennt auch, wenngleich widerwillig und parteiisch, was an dem gotischen König rühmlich ist. Sein Name wird allerdings, wie dies den Eroberern zu allen Zeiten mit gutem Recht geschieht, mit den Schmähnamen des Piraten und Räubers belegt; aber der Sänger von Stilichos Ruhm muss eingestehen, dass Alarich von einer Gemütslage war, die sich von allen Rückschlägen erholte und aus Widrigkeiten nachgerade neue Kraft schöpfte. Nach der völligen Niederlage seiner Infanterie entkam er mit dem größten Teil seiner noch intakten und unversehrten Reiterei – oder besser: er zog sich geordnet vom Kampfplatz zurück. Ohne auch nur einen Augenblick mit der Trauer über den Verlust so vieler braver Gefährten zu vergeuden, überließ er es seinem siegreichen Feinde, die eroberten Bildsäulen eines Gotenkönigs in Bande zu legen »Et gravant en airain ses freles avantages De mes etats conquis enchainer les images.« (Racine, Mithridate III,1.) Bildnisse von Königen und Provinzen in Triumphzügen mitzuführen war bei den Römern gern geübte Praxis. Die Büste von Mithridates war zwölf Fuß hoch und von gediegenem Gold. Freinsheim, Supplementum Livianum 103,47. ; kühnlich beschloss er, die unbewachten Pässe des Apennin zu überqueren, um die fruchtbare Toscana zu verheeren und anschließen Rom zu nehmen oder vor seinen Toren zu sterben. Die Stadt wurde nur durch Stilichos unverzügliches und beherztes Eingreifen gerettet: aber die verzweifelte Lage seines Feindes machte ihn vorsichtig; und anstelle das Schicksal des Staates in einer weiteren Schlacht aufs Spiel zu setzen, riet er dazu, den Abzug der Barbaren zu erkaufen. Alarichs hochfliegender Geist hätte solcherlei Markten um Rückzug und Lösegeld mit Verachtung und Empörung zurückgewiesen; aber er hatte nur eine begrenzte und vorübergehende Vorrangstellung gegenüber den unabhängigen Stammeshäuptlingen, die ihn über sich gesetzt hatten, ihnen zu Diensten zu sein; sie waren durchaus nicht gemeint, einem erfolglosen General zu folgen, und viele waren versucht, ihre Interessen durch Einzelverhandlungen mit den Ministern des Honorius zu verfolgen. Der König unterwarf sich endlich der Stimme des Volkes, unterzeichnete den Vertrag mit dem Westreich und zog sich mit den Überresten seiner mächtigen Armee über den Po zurück, die er vordem nach Italien geführt hatte. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der römischen Streitkräfte fuhr fort, seine Bewegungen mit Argwohn zu verfolgen; und Stilicho, der mit einigen Barbarenhäuptlingen heimlich korrespondierte, war stets rechtzeitig über die Entwürfe und Beschlüsse im Lager Alarichs informiert. Der Gotenkönig, begierig, seinen Rückzug durch ein paar Heldentaten zu veredeln, hatte sich die wichtige Stadt Verona zur Eroberung ausersehen, da sie die Hauptpassage durch die Rhätischen Alpen beherrscht; anschließend wollte er seinen Zug durch die Gebiete derjenigen Germanenstämme führen, von denen er sich Stärkung seiner erschöpften Kräfte erhoffen durfte, um danach die reichen und nichtsahnenden gallischen Provinzen zu überfallen. Da er nichts davon wusste, dass sein kühnes und wohldurchdachtes Unternehmen bereits verraten war, marschierte er auf die Bergpässe zu, die die kaiserlichen Truppen bereits besetzt hielten; und fast in einem Augenblick sah er sich einem Angriff von vorne, auf die Flanken und die Nachhut ausgesetzt. Bei diesem blutigen Gefecht kurz vor den Toren Veronas verloren nicht weniger Goten ihr Leben als bei der Niederlage von Pollentia; und ihr kühner König, der nur mit Hilfe seines schnellen Pferdes entkam, wäre unweigerlich gefallen oder in Gefangenschaft geraten, wenn nicht das beherzte Eingreifen der Alanen die Absichten des römischen Generals vereitelt hätte. Alarich brachte die Trümmer seiner Armee in dem umliegenden Felsengebirge in Sicherheit; unerschüttert stellte er sich auf eine Belagerung durch den zahlenmäßig stark überlegenen Feind ein, der ihn in der Tat von allen Seiten bedrängte. Gegen Hunger und sich ausbreitende Krankheiten vermochte er indessen nichts; auch konnte er der fortwährenden Desertion seiner ungeduldigen und launischen Barbaren nichts entgegensetzen. Auskunftsmittel in dieser äußersten Notlage waren nur noch sein unverzagter Mut und die Nachlässigkeit des Gegners; und so wurde der Rückzug des Gotenkönigs als Befreiung Italiens angesehen Claudians ›Gotenkrieg‹ und sein Gedicht auf Honorius' sechstes Konsulat stellen auf merkwürdige Weise einen Zusammenhang mit Alarichs Rückzug und seinen Verlusten her. . Indessen zogen das Volk und sogar noch der Klerus es vor, außerstande, die Geschäfte des Friedens oder des Krieges angemessen zu beurteilen, Stilicho und seine Politik unter Anklage zu stellen, ihn, der den furchtbarsten Feind des Staates so oft besiegt, so oft umzingelt und so oft wieder entlassen hatte. Ist die Sicherheit des Landes wieder hergestellt, dann gehört die erste Stunde der Freude und der Dankbarkeit; aber schon die zweite beanspruchen zuverlässig der Neid und die Verleumdung »Taceo de Alarico ... sarpe victo, saepe concluso, semperque dimisso.« (Schweigen will ich von Alarich, oft besiegt, oft eingekesselt, immer entkommen.) Orosius 7,37. Claudian (De VI consulatu Honorii 320) beschließt sein Poem mit einer hübschen Metapher. .   HONORIUS TRIUMPHIERT IN ROM – A.D. 404 Die Bürger Roms hatten mit Schrecken auf das Herannahen Alarichs reagiert; und der Eifer, mit dem sie die Stadtmauern instand zu setzen sich bemühten, waren ein deutlicher Beleg für ihre Angst und den erbärmlichen Zustand des Reiches. Nach dem Abzug der Barbaren sah Honorius sich bestimmt, die pflichtschuldigen Einladungen des Senates anzunehmen und in der Kaiserstadt die glückhaften Zeitläufte mit ihren Siegen über die Goten und seinem sechsten Konsulat Der Rest von Claudians Gedicht (330-660) über Honorius' VI Konsulat beschreibt die Fahrt, den Triumph und die Spiele. festlich zu begehen. In den Vorstädten und den Straßen von der Milvischen Brücke bis zum Palatin drängten sich die Römer, welche während der letzten einhundert Jahren erst dreimal durch einen Kaiserbesuches beehrt worden waren. Während sie den Triumphwagen begafften, auf dem auch Stilicho nach Verdienst Platz neben seinem kaiserlichen Schüler genommen hatte, bejubelten sie zugleich einen Sieg, der – anders als der von Constantin und Theodosius – nicht mit dem Blut des Bürgerkrieges besudelt war. Der Zug ging unter einem weiten, eigens zu diesem Zweck errichtetem Bogen hindurch: Aber noch nicht einmal sieben Jahre später konnten die gotischen Eroberer Roms die hochfahrende Inschrift auf diesem Monument lesen, wenn sie denn hätten lesen können, welche von der vollständigen Niederwerfung und dem Untergang ihres Volkes kündete Siehe die Inschrift in Mascov, History of the ancient Germans, Buch 8, c.12. Die Worte sind ebenso deutlich wie unklug: »Getarum nationem in omne aevum domitam,« (Das Volk der Goten für alle Zeiten gebändigt). . Der Kaiser verblieb mehrere Monate in der Hauptstadt, und jede Maßnahme war darauf berechnet, die Wünsche des Klerus, des Senates und des römischen Volkes zufrieden zu stellen. Der Klerus erfreute sich seiner häufigen Besuche und großzügiger Geschenke an die Adresse der Gedenkstätten der Apostel. Der Senat, dem man die peinliche Ehre erspart hatte, in dem Triumphzug dem kaiserlichen Wagen zu Fuß voran zu gehen, wurde mit jenem gedämpftem Respekt behandelt, zu welchem Stilicho dieser Versammlung gegenüber sich schon immer verstanden hatte. Dem Volk endlich stattete Honorius artigen und aufmerksamen Dank ab, indem er Spiele veranstalten ließ, deren Aufwand durchaus in einem angemessenen Verhältnis zur Bedeutung des Anlasses stand. Sobald alle vorgesehenen Wagenrennen stattgefunden hatten, wurde die Dekoration des Zirkus geändert; die Jagd auf wilde Tiere bot willkommene und sensationelle Kurzweil; und auf diese Jagd folgte eine militärische Veranstaltung, von der Claudian in seiner lebendigen Beschreibung ein den modernen Ritterturnieren ähnliches Bild entwirft.   VERBOT DER GLADIATORENKÄMPFE Bei diesen Spielen des Honorius fanden zum letzten Male in der Geschichte die inhumanen und blutigen Gladiatorenkämpfe Zu dem eigenartigen, wiewohl entsetzlichen Gegenstand der Gladiatorenkämpfe befrage man die beiden Bücher des Lipsius über die Saturnalien; er zeigt als Altertumsforscher Neigung, die Praktiken des Altertums zu entschuldigen. Opera, Band 3, p. 483-565 in einem römischen Amphitheater statt. Der erste christliche Kaiser kann für sich zwar die Ehre in Anspruch nehmen, als Erster durch ein Edikt die Kunst des Blutvergießens und die Freude daran verboten zu haben Codex Theodosianus 15,12,1. Gothofreds Kommentar bietet viel Stoff zur Geschichte der Gladiatoren. Band 5, p. 396. ; aber dieses menschenfreundliche Gesetz gibt nur den Wunsch des Herrschers wieder, ohne den eingewurzelten Missbrauch selbst abzuschaffen, welcher jede zivilisierte Nation deutlich unter dem Niveau eines Kannibalenstammes ansiedelt. Einige hundert, vielleicht sogar tausende von Opfern wurden jährlich in den großen Städten des Reiches geschlachtet; und der Dezember, der besonders reich an Gladiatorenkämpfen war, bot den Römern nach wie vor eine große Orgie von Blut und Grausamkeit. Inmitten der allgemeinen Freude über den Sieg von Pollentia ermahnte ein christlicher Dichter den Kaiser, seine Autorität geltend zu machen und den fürchterlichen Brauch abzuschaffen, welcher sich gegenüber der Stimme der Menschlichkeit und der Religion so lange taub gestellt hatte Siehe hierzu die flammende Rede des Prudentius (In Symmachum; 2,1121-1131), welcher ohne Zweifel bei der beredten Kampfschrift des Lactantius (Divinae institutiones) Anleihen gemacht hat. Die christlichen Apologeten haben diese Blutspiele, welche ihren Ursprung in religiösen Festen der Heiden hatten, durchaus nicht ausgespart. . Die leidenschaftlichen Vorstellungen des Prudentius waren weniger wirkungsvoll als der große Mut des Telemachos, eines asiatischen Mönches, dessen Tod für die Menschheit mehr Nutzen gebracht hat als sein Leben Siehe Theodoretos 5,26. Ich möchte die Geschichte von Telemachos zu gerne glauben! Aber keine Kirche und kein Altar wurden für den einzigen Mönch errichtet, der für die Sache der Menschlichkeit einen Märtyrertod gestorben ist. . Die Römer tobten, dass man ihnen ihren Spaß verderben wollte; und der kühne Mönch, welcher in die Arena gestiegen war, um die Gladiatoren zu trennen, wurde unter einem Hagel von Steinen begraben. Aber der Anfall des Volkes beruhigte sich schon bald; sie ehrten das Andenken des Telemachos, der sich Märtyrerehren verdient hatte; und sie unterwarfen sich ohne Murren den Gesetzen des Honorius, welcher für alle Zeiten die Menschenschlächterei in den Amphitheatern untersagte. Die Bürger, die immer noch den Bräuchen ihrer Vorfahren anhingen, mochten wohl darauf hinweisen, dass in dieser Schule der Tapferkeit der letzte Reste von kriegerischem Geist gepflegt worden sei, der die Römer mit dem Anblick von Blut vertraut gemacht und sie Todesverachtung gelehrt habe: ein unhaltbares und rohes Märchen, welches durch den Mut des alten Griechenland und des modernen Europa hinreichend widerlegt ist »Crudele gladiatorum spectaculum et inhumanum ›nonnullis‹ videri solet; et ›haud scio‹ an ita sit, ut nunc fit.« (Grausam und unmenschlich empfinden manche eine Gladiatorenvorstellung; doch ob es so ist, wie es jetzt geschieht, weiß ich nicht). Cicero, Tusculane Disputationes 2,41. Den ›Missbrauch‹ dieser Kämpfe tadelt er nur in matten Worten, verteidigt aber ihren ›Nutzen‹ mit Wärme. »Oculis nulla poterat esse fortior contra dolorem et mortem disciplina.« (Für den Zuschauer gab es keine bessere Schule gegen Schmerz und Tod). Seneca (Epistulae 7) zeigt die Gefühle eines Mannes. .   HONORIUS MACHT RAVENNA ZUR RESIDENZSTADT Die zurückliegende Gefahr, der der Kaiser hilflos und ungeschützt im Palast von Mailand ausgesetzt gewesen war, bestimmte ihn mit Nachdruck, in irgend einer unzugänglichen Festung Italiens eine Rückzugsmöglichkeit zu suchen, wo er sich denn sicheren Aufenthalt nehmen mochte, solange das offene Land von den Fluten der Barbaren überschwemmt war. An der Adriaküste, etwa zehn bis zwölf Meilen südlich des siebenten Mündungsarmes des Po hatten einst Thessalier die Kolonie RAVENNA gegründet Diese Schilderung von Ravenna ist zusammengetragen aus: Strabo (5, p.327); Plinius (3, 20); Stephanos von Byzanz (Ethnika, unter ??âåííá); Claudian (De VI Consulatu Honorii 494ff); Sidonius Apollinaris (1, Epistulae 5, 8); Jornanes (Getica 29); Procopios (de bello Gothico 1,1); Cluverius (Italia Antiqua Band 1, p.301-307). Es fehlen mir aber immer noch ein lokaler Altertumsforscher und eine genaue topographisch Karte. , welche sie hernach an die Einwohner Umbriens abtreten mussten. Augustus, dem die günstige Lage des Ortes nicht entgangen war, ließ drei Meilen von der alten Stadt einen geräumigen Hafen für zweihundertundfünfzig Kriegsschiffe anlegen. Diese Marinebasis, zu der noch Arsenale und Magazine gehörten, ferner Kasernen für die Besatzungen und Wohnungen für die Schiffshandwerker, verdankt seinen Ursprung und seine Bedeutung der römischen Flotte; die unbebaute Fläche füllte sich rasch mit Häusern und ihren Bewohnern, und die drei großen und bevölkerungsstarken Stadtviertel Ravennas bildeten allmählich eine der wichtigsten Städte Italiens. Der Hauptkanal des Augustus leitete reichliche Mengen von Wasser aus dem Po durch die Stadt und in den Hafen; das gleiche Wasser füllte auch die tiefen Gräben, die man um die Mauen herum angelegt hatte; tausende abzweigende Seitenkanäle verteilten es in jeden Winkel der Stadt, die so in eine Vielfalt kleiner Inseln zergliedert wurde; Boote und Brücken hielten den Verkehr aufrecht; und die Häuser von Ravenna, deren Aussehen man wohl mit denen von Venedig vergleichen mag, waren auf hölzernen Bohlen errichtet. Das umliegende Land war für Meilen im Umkreis undurchdringlicher Morast; die künstlich angelegte Straße, die Ravenna mit sicherem Boden verband, konnte beim Herannahen einer feindlichen Armee leicht bewacht oder zerstört werden. Verstreut in diesen Sümpfen lagen jedoch Weingärten; und wenn der Boden auch von vier oder fünf Ernten erschöpft war, gab es in der Stadt mehr Wein als Frischwasser Martial (3,56 und 57) erzählt den Streich eines Spitzbuben, der ihm Wasser anstelle von Wein verkauft habe; aber erklärt mit allem Ernst, dass ein Brunnen in Ravenna wertvoller sei als ein Weingut. Sidonius beklagt, dass der Stadt Quellen und Aquädukte fehlten und rechnet den Mangel an frischem Wasser zu den örtlichen Nachteilen, so wie das Quaken von Fröschen und das Stechen der Mücken \&c. . Die Luft war, anders als sonst bei flachem und sumpfigem Gelände, nicht mit Krankheits- und Pestausdünstungen geschwängert, sondern ähnlich wie die Umgebung Alexandrias ausnehmend sauber und heilkräftig; diesen einzigartigen Umstand schrieb man den regelmäßigen Tiden der Adria zu, welche die Kanäle sauber hielten, den krankheitsfördernden Stillstand der Gewässer verhinderten und überdies täglich Schiffe aus der Umgebung nach Ravenna beförderten. Das heutige Ravenna liegt infolge des allmählichen Rückzuges der Adria vier Meilen von der Küste entfernt; und bereits im fünften oder sechsten nachchristlichen Jahrhundert war aus dem Marinestützpunkt des Augustus ein Obstgarten geworden, und ein einsamer Pinienhain erstreckte sich dort, wo vordem die römische Flotte vor Anker lag Die Geschichte von Theodor und Honoria, die Dryden so rühmlich von Boccacio (3. Tag, 8. Novelle) übernommen hat, spielte im Wald von Chiassi , welcher Name verderbt ist aus Classis , Marinestützpunkt, welcher zusammen mit der Via Caesaris, die dreiteilige Stadt Ravenna bildete. . Aber selbst dieser Wandel vermehrte die naturgegebene Stärke der Stadtanlage; und die Seichtigkeit der Gewässer bildete gegen große feindliche Schiffe ein hinreichende Barriere. Fleiß und Können beuteten diese vorteilhafte Lage noch aus; und in seinem zwanzigsten Lebensjahr zog sich der Herrscher des Westens, besorgt allein um seine persönliche Sicherheit, hinter die Mauern und Sümpfe Ravennas zurück. Honorius unfähige Nachfolger ahmten seinem Vorbild nach, aber auch die Gotenkönige und die Exarchen, welche Thron und Palast der Kaiser mit Beschlag belegten; und so wurde bis in die Mitte des achten Jahrhunderts Ravenna als der Regierungssitz und die eigentliche Hauptstadt Italiens angesehen Vom Jahre 404 sind die Ortsangaben im Codex Theodosianus regelmäßig Konstantinopel und Ravenna. Siehe Gothofreds Chronologie der Gesetze Band 1, p. 148ff. .   UNRUHEN IN SKYTHIEN – A.D. 400 Honorius Besorgnisse waren nicht bar jeden Grundes, auch blieben seine Zurüstungen nicht folgenlos. Während Italien sich noch seiner Befreiung von der Gotengefahr erfreute, fuhr ein Orkan durch die Stämme germanischer Nation, welche vor dem unwiderstehlichen Andrängen nachgaben, welches sich ganz allmählich vom äußersten Ostens Asiens ausgebreitet zu haben scheint. Die chinesischen Annalen, soweit sie denn durch den gelehrten Fleiß unserer Gegenwart richtig interpretiert worden sind, könnten manch nützliche Hinweise enthalten, die die verborgenen und nicht eben augenfälligen Gründe für den Zusammenbruch des römischen Reiches offenlegen. Die riesigen Landstriche nördlich der Großem Mauer hatten nach der Flucht der Hunnen die siegreichen Sien-pi in Besitz genommen; sie waren immer mal wieder in voneinander unabhängige Stämme zerfallen und unter einem gemeinsamen Oberhaupt neuerlich vereint worden; schließlich erlangten sie, die sie sich in ihrer eigenen Sprache Topa oder Herren der Welt nannten, eine stabilere Staatsform und wurden eine Großmacht. Rasch nötigten die Topa die Nomadenvölker des Ostens, die Überlegenheit ihrer Waffen anzuerkennen; in einer Periode der Schwäche und der inneren Streitigkeiten Chinas überfielen sie mehrmals dieses Land; und nachdem sie die Gesetze und Gepflogenheiten der besiegten Nationen angenommen hatten, gründeten diese siegreichen Reitervölker eine kaiserliche Dynastie, welche mehr als hundert Jahre das Szepter über die nördlichen Provinzen führte. Einige Generationen, bevor sie den chinesischen Kaiserthron besetzten, befand sich in der Kavallerie eines Topa-Herrschers ein Sklave namens Moko, der wegen seines Mutes allgemein geachtet war; aber aus Furcht vor einer Bestrafung verließ er seine Fahne und begann an der Spitze von etwa einhundert Anhängern Streifzüge in der Wüste. Diese Bande von Räubern und Vogelfreien wuchs zu einem Heerlager heran, zu einem Stamm, zu einem Volk, das sich selbst Geougen benannte; und ihre Erbstammesfürsten, die Nachkommen von Moko, dem Sklaven, wurden unter den skythischen Herrschern bedeutend. Die Jugend von Tulun, des bedeutendsten seiner Nachfahren, war von jenen Fährnissen geformt, die die Schule der Helden ausmachen. Er überwand tapfer alle Widrigkeiten, schüttelte das Joch der Topa ab, wurde Gesetzgeber seines Volkes und Bezwinger der Tatarenvölker. Seine Streitmacht zergliederte sich in reguläre Abteilungen von einhundert und eintausend Mann; Feiglinge wurde zu Tode gesteinigt; die größten Ehren erwarb man sich durch hervorragende Tapferkeit; und Tulun, der gebildet genug war, um die chinesische Gelehrsamkeit zu verachten, ließ nur solche Künste und Einrichtungen gelten, die dem kämpferischen Geist seiner Politik förderlich waren. Seine Zelte, die er winters in südlichere Gefilde verlegte, schlug er im Sommer auf den ergiebigen Weidegründen an der Selinga auf. Seine Eroberungen erstreckten sich von Korea bis weit hinter den Irtisch. Nördlich vom Kaspischen Meer besiegte er die Nation der Hunnen; und der neue Titel eines Khan war Ausdruck seines unvergänglichen Sieges Siehe Herrn de Guignes, Histoire des Huns, Band 1, p.179-189 sowie Band 2, p. 295 und 334-338. .   ZÜGE DER NORDGERMANEN – A.D. 405 Auf diesem Landstrich zwischen Wolga und Weichsel, jenem unerforschten Raum zwischen den äußersten Grenzen der chinesischen und der römischen Geographie, unterbricht sich die Folge der Ereignisse, oder besser, sie wird unkenntlich. Aber sowohl die Gemütsverfassung der Barbaren wie auch die Erfahrungen aus anderen Völkerbewegungen legen es als wahrscheinlich nahe, dass die Hunnen, die von den Waffen der Geougen bedrängt wurden, vor dem Sieger flohen. Die Länder am Schwarzen Meer hielten bereits verwandte Stämme besetzt; und ihre hastige Flucht, die aber schon bald den Charakter eines kühnen Angriffes annahm, dürfte sich natürlicherweise gegen die üppigen und lieblichen Ebenen gewandt haben, durch welche die Weichsel in die Ostsee strömt. Der Norden muss dann durch den Einfall der Hunnen aufgeschreckt und in Panik versetzt worden sein; und die vor ihnen fliehenden Völker hätten dann ihrerseits die Grenzen Germaniens bedrängt Procopios (de bello Vandalico 1,3) hat auf eine Auswanderung von den Mäotischen Sümpfen nach Nordgermanien verwiesen, als deren Ursache er Hunger angibt. Aber seine Kenntnisse der alten Geschichte sind auf befremdliche Weise von Ahnungslosigkeit und Irrtum umdunkelt. . Die Bewohner dieser Gebiete, welche die Alten Sueben, Vandalen und Burgunder nannten, mochten dann die Gelegenheit zu einem alten Vorhaben wahrnehmen und den Flüchtlingen aus Sarmatien ihre Wälder und Sümpfe überlassen oder doch wenigstens von deren Überfülle einen Teil an das römische Reich abgeben Zosimos (5,26) verwendet die üblichen Kennzeichnungen für die Völker jenseits von Rhein und Donau. Ihr Wohnort und ihre Namen werden klar bezeichnet, sogar noch mit den unterschiedlichen Beinamen, die die früheren Autoren ihnen gelegentlich beigegeben haben mögen. . Etwa vier Jahre, nachdem der siegreiche Toulun den Titel Khan angenommen hatte, marschierte ein anderer Barbar, der kühne Rhodogast Rhadagast war den Name einer lokalen Gottheit der Obotriten (in Mecklenburg). Ein Held darf natürlich den Namen seiner Titulargottheit annehmen; aber wenig wahrscheinlich klingt es, dass die Barbaren einen erfolglosen Heroen verehren sollten.Siehe Maskow, History of the Germans 8,14. oder Radagaisus aus Germaniens Norden bis fast vor die die Tore Roms, wo er die Teile seiner Armee zurückließ, den Untergang des Westens zu vollenden. Vandalen, Sueben und Burgunder bildeten seine Kerntruppen; aber die Alanen, die in ihren neuen Siedlungsgebieten freundliche Aufnahme gefunden hatten, ließen ihre leichte Kavallerie zu der schweren germanischen Infanterie stoßen; und gotische Abenteurer scharten in sich in solchen Mengen unter die Fahne des Radagaisus, dass einige Historiker ihn tatsächlich zum Gotenkönig machten. Zwölftausend Krieger von Adel prunkten in der Vorhut Olympiodoros (bei Photios, p. 180) verwendet den griechischen Terminus Optimatoi; was allerdings keine konkreten Vorstellungen vermittelt. Ich vermute, es handelt sich um Herrscher, Adlige und ihren getreuen Anhang; Ritter und Edelknaben, wie man ein paar Jahrhunderte gesagt haben würde. ; und die Gesamtmasse an Waffenfähigen, nicht weniger als zweihunderttausend Krieger, wurde durch Weiber, Kinder und Sklaven auf wenigstens vierhunderttausend erhöht. Diese Riesenmenge von Auswanderern brach an dem gleichen Küstenstreifen der Ostsee auf wie vordem die Myriaden von Kimbern und Teutonen, als die Republik auf der Höhe ihrer Macht stand. Nach dem Abzug der Barbaren legte ihr Heimatland noch viele Jahre lang Zeugnis ihrer früheren Größe ab: gewaltige Schanzungen und Dämme Tacitus, Germania 37. , die in erhabener und düsterer Einsamkeit verblieben; bis sich endlich die Bevölkerung erneuerte und neue Bewohner die leerstehenden Lande besiedelten. Die Völker, welche heutzutage Siedlungsgebiete beanspruchen, die sie gar nicht kultivieren können, hätten schon bald durch die tätigen Armut ihrer Nachbarn Hilfe erhalten, wenn Europas Regierungen nicht ihre Herrschafts- und Besitzansprüche schützen würden.   RADAGAISUS IN ITALIEN – A.D. 406 Der Verkehr zwischen den Völkern war zu jenen Zeiten so unvollkommen und unsicher, dass die Umwälzungen im Norden dem Hof zu Ravenna durchaus entgangen sein mögen; bis sich dann schließlich die Wolken, die sich an der Ostseeküste gesammelt hatten, am Oberlauf der Donau zu einem Unwetter entluden. Wenn denn die Minister dem Herrscher des Westreiches die Kurzweil seiner Tage überhaupt durch die Nachricht von der drohenden Katastrophe getrübt haben mochten, so zeigte er sich gleichwohl zufrieden damit, einen Krieg veranlassen und dessen Zuschauer sein zu können »Cuius agendi Spectator vel causa fui,« Claudian, de VI consulatu Honorii 439. Dies ist Honorius' bescheidene Rede vom Gotenkrieg, den er doch ganz aus der Nähe gesehen hat. . Roms Sicherheit wurde Stilichos bewaffneter Könnerschaft anvertraut; aber mittlerweile befand sich das Reich in einem derart desolaten und erschöpften Zustand, dass man außerstande war, die Festungsanlagen an der Donau erneut instand zu setzen oder durch einen einzigen großen Schlag die Invasion der Nordgermanen abzuwenden Zosimos (5,26) verlegt den Krieg und Stilichos Sieg hinter die Donau. Ein derber Irrtum, der auch nur dann sehr notdürftig behoben ist, wenn man Arnon für Istron liest (Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p. 807). Wir sind gut beraten, wenn wir Zosimos' Dienste in Anspruch nehmen, ohne ihn allzu hoch zu schätzen oder ihm gar zu trauen. . So blieb die Hoffnung dieses tüchtigen Dieners des Honorius auf das Land Italien beschränkt. Er gab abermals die Provinzen preis, rief die Truppen zurück, stellte neue Mannschaften auf, die dringend benötigt wurden und die sich doch kleinmütig entzogen, sann auf die wirkungsvollsten Mittel, Deserteure zu halten und versprach allen Sklaven, die sich in die Mannschaftsrolle eintragen ließen, die Freiheit und zwei Goldstücke Codex Theodosianus 7,13,16. Das Datum dieses Gesetzes (A.D. 406, 18. Mai) gibt mir und Gothofred Gewissheit über das Jahr von Radagaisus' Überfall. Tillemont, Pagi und Muratori neigen dem vorhergehenden Jahre zu; aber sie fühlen sich aus Gründen des Respektes und der Artigkeit an Paulinus von Nola gebunden. . So stellte er mit vieler Anstrengung aus den Untertanen eines Weltreiches eine Armee von dreißig- oder vierzigtausend Mann auf die Beine, was in den Tagen eines Camillus oder Scipio die freien Bürger Roms Kurz nach der Einnahme Roms durch die Gallier bewaffnete der Senat zehn Legionen, 3000 Mann zu Pferde und 420 00 Mann Infanterie; eine Streitmacht, die die Stadt unter Augustus nicht mehr hätte aufbieten können (Livius 7,25). Einen Altertumsforscher mögen diese Feststellungen verwirren, aber Montesquieu erklärt sie auf einleuchtende Weise. in einem Nu zustande gebracht hätten. Den dreißig Legionen des Stilicho standen ungezählte Hilfstruppen der Barbaren zur Seite; die treuen Alanen fühlten sich ihm persönlich verpflichtet; und die Hunnen und Goten, die unter der Fahne ihrer Könige Huldin und Sarus marschierten, stellten sich dem Ehrgeiz des Radagaisus aus Hass und ganz individuellen Gründen entgegen. Der König der vereinten Germanenstämme überquerte indessen ohne Widerstand die Alpen, Po und Apennin, ließ den uneinnehmbaren Palast des Honorius – er lag wohlgeborgen in den Sümpfen um Ravenna – linker- und das Lager Stilichos rechterhand liegen, der sein Hauptquartier in Pavia am Ticinus aufgeschlagen hatte, der aber einer Entscheidungsschlacht aus dem Wege gehen wollte, solange nicht die ausbleibenden Truppen zu ihm gestoßen waren.   BELAGERUNG VON FLORENZ Zahlreiche Städte Italiens wurden geplündert oder zerstört, und die Belagerung von Florenz Machiavelli hat zumindest als Philosoph den Ursprung von Florenz dargestellt, das sich um des Handels willen aus dem Felsen von Faesulae an das Arno-Ufer herabgewagt habe (Istoria Fiorentina. Tutte le Opere, Band 1, p.36). Die Triumvirn sandten Siedler nach Florenz, und unter Tiberius (Tacitus, Annalen 1,79) konnte es die Bezeichnung einer blühenden Stadt für sich in Anspruch nehmen. Cluver, Italia Antiqua, Band 1, p. 507. durch Radagaisus ist eine der ersten Großereignisse in der Geschichte dieser berühmten Republik, an deren Standfestigkeit das kopf- und planlose Anrennen der Barbaren zu Schanden ging. Senat und Volk bebten, als sie näher als einhundertachtzig Meilen auf Rom herangerückt waren und verglichen die Gefahr, der sie entronnen waren, mit dem Verderben, das nunmehr über ihnen schwebte. Alarich war immerhin ein Christ und ein Krieger, Anführer einer disziplinierten Armee; er respektierte die Kriegsbräuche, hielt sich an Verträge und hatte mit den Untertanen des Reiches in denselben Lagern und Kirchen vertraulichen Umgangs gepflogen. Radagaisus, dem Mann aus der Wildnis, waren die Gebräuche, die Religion und selbst die Sprache der kultivierten Südvölker fremd. Sein ungezügeltes Gemüt wurde durch einen grausamen Aberglauben noch gesteigert, und allgemein glaubte man zu wissen, dass er sich durch einen finsteren Eid gebunden habe, die Stadt in Schutt und Asche zu legen und die edelsten römischen Senatoren auf den Altären jener Gottheiten zu opfern, die sich nur durch Menschenblut beschwichtigen ließen. Die allgemeine Gefahr, die doch eigentlich Streitigkeiten im Inneren hätte beilegen sollen, enthüllte die unheilbare Geisteskrankheit, die religiösen Kleingruppen zu Eigen ist. Die unterlegenen Gefolgsleute Jupiters und Merkurs respektierten in Roms unversöhnlichem Feind immerhin den frommen Heiden; erklärten jedermann, dass sie die Menschenopfer des Radagaisus eher fürchteten als seine Angriffe und jubelten heimlich über die Kalamitäten ihres Landes, die den Glauben ihrer christlicher Gegner als verdammenswert gezeigt hatten Allerdings unterschied sich der Jupiter des Radagaisus, der Thor und Wotan anbetete, deutlich von dem olympischen oder kapitolinischen Jupiter. Die ausgleichende Natur des Polytheismus mag wohl entfernte und gegensätzliche Gottheiten zusammenfügen, aber vor den Menschenopfern der Gallier und Germanen bebten die wahren Römer denn doch zurück. .   STILICHO BESIEGT RADAGAISUS – A.D. 405 Die Kräfte von Florenz waren auf das Äußerste angespannt, und der sinkende Mut der Bürger wurde nur durch das hohe Ansehen des heiligen Ambrosius emporgehoben, der in einem Traum das Versprechen auf baldigen Entsatz erhalten hatte Paulinus (Vita Ambrosii 50) erzählt diese Geschichte, die er aus dem Munde von Pansophia persönlich vernommen hatte, einer Art religiöser Matrone von Florenz. Indessen nahm dieser Erzbischof schon bald keinen Anteil mehr am Getriebe der Welt und wurde als Heiliger niemals volkstümlich. . Unvermittelt erspähten sie von der Stadtmauer die Fahne Stilichos, welcher mit vereinten Heeresgruppen herzu eilte, die treue Stadt zu befreien und der schon bald den fatalen Punkt festlegte, der den Barbaren zu Grabe werden sollte. Die offenkundigen Widersprüche der Autoren, die uns vom Untergang des Radagaisus so verschieden berichten, lassen sich ausgleichen, ohne dass man ihre Zeugnisse allzu viel zurechtbiegen müsste. Orosius und Augustinus, beide durch Freundschaft und Religion innig miteinander vertraut, schreiben diesen überraschenden Sieg eher der göttlichen Vorsehung zu als Menschenkraft Augustinus, de Civitate Dei 5,23; Orosius 7,37. Die beiden Freunde schrieben zehn oder zwölf Jahre nach dem Sieg in Afrika; Isidor von Sevilla (Chronia, bei Grotius, Historia p. 713) beruft sich ausdrücklich auf ihre Autorität. Wie viele interessante Einzelheiten hätte uns Orosius doch anstelle des frommen Unfugs mitteilen können! . Von Kämpfen oder gar Blutvergießen ist auch nicht von Ferne die Rede, und ausdrücklich betonen sie, dass die Römer, in deren Lager es üppig und gemütlich zuging, sich an der Not der Barbaren behagten, denen auf den steilen und gefährlichen Felsen Faesulaes oberhalb von Florenz allmählich die Luft ausging. Die törichte Versicherung, kein einziger christlicher Soldat sei getötet oder auch nur verwundet worden, soll hier mit schweigender Geringschätzung übergangen werden; aber die übrige Darstellung von Augustinus und Orosius passt mit der Art des Krieges und dem Charakter Stilichos zusammen. Im Bewusstsein, dass er hier das letzte Aufgebot Roms befehligte, setzte er seine Soldaten klüglich nicht einer Begegnung mit der germanischen Kampfeswut aus. Die Methode, den Belagerer selbst mit starken Umschanzungen einzukreisen, die er bereits zweimal gegen den Gotenkönig erprobt hatte, wiederholte er hier in besonders großem Maßstab und mit durchschlagendem Erfolg. Das Vorbild Caesars musste noch dem unkundigsten römischen Krieger gegenwärtig sein; und die Anlagen von Dyrrhachium, in welcher vierundzwanzig Festungen durch einen fünfzehn Meilen langen Graben mit Mauerwerk verbunden waren, gaben das Vorbild für eine Umfassung, die noch die größte Masse an Barbaren einschließen und aushungern konnte »Franguntur montes, planumque per ardua Caesar Ducit opus: pandit fossas, turritaque summis Disponit castella jugis, magnoque recessu Amplexus fines, saltus, nemorosaquetesqua Et silvas, vastaque feras indagine claudit.« (Die Berge wurden durchbrochen, und Caesar führte sein Befestigungswerk aus auf der Höhe der Hügel; er ließ Gräben vebreitern und baute in Abständen hohe Türme auf den Bergrücken; in einer weit gebogenen Linie schloss er das Gelände, Schluchten, Einöden und Wälder ein und sogar das Wild.) Lucanus, Pharsalia 6,39ff. Die schlichte Wahrheit (Caesar, der bello Civile, 3,44) indessen ist viel eindrucksvoller als Lucans angestrengte Erweiterungen. . Die römischen Truppen waren zwar nicht mehr so kampfesfreudig wie ihre Vorfahren, aber wenigstens gebrach es ihnen nicht an Fleiß; und wenn sich denn ihr soldatischer Stolz an der Knechtsarbeit des Schanzens ärgerte, so konnte doch die Toscana tausende Bauern erübrigen, welche zur Rettung ihrer Heimat wenn schon nicht fechten, so doch immerhin schaufeln wollten. Die eingeschlossenen Masse an Kriegern und Pferden Der rhetorischen Topoi des Orosius »In arido et aspero montis iugo« (in der Kargheit und Kälte des Berges vereint), »in unum ac parvum verticem« (auf einer einzigen kleinen Berghöhe) passen nicht eben gut auf ein großes Militärlager. Aber Faesulae, das nur drei Meilen von Florenz entfernt liegt, mochte wenigstens hinreichend Platz für das Hauptquartier des Radagaisus bieten und konnte wohl auch durch die römischen Linien umfasst werden. erlag im Laufe der Zeit eher dem Hunger als irgendwelchen Kampfhandlungen; dennoch waren die Römer häufigen Attacken ihrer ungebärdigen Feinde ausgesetzt, während die große Umwallung ihren Fortgang nahm. Aus Verzweiflung berannten die Barbaren wohl die Schanzen des Stilicho; und auch der römische General mochte gelegentlich dem Drängen seiner braven Hilfstruppen nachgeben, welche heftig darnach verlangten, das Lager der Germanen zu bestürmen; und diese gelegentlichen Gefechte waren dann der Hintergrund der heftigen und blutigen Gemetzel, von denen Zosimos und die Chroniken des Prosper und Marcellinus berichten Siehe Zosimos 5,26 und die Chroniken von Prosper und Marcellinus Comes. . Zu rechter Zeit waren neue Mannschaften und Proviant nach Florenz gelangt, und so wurden plötzlich die Krieger des Radagaisus ihrerseits zu Belagerten. Der stolze König so vieler Kriegsvölker sah sich nach dem Tode seiner besten Kämpen vor die Wahl gestellt, es auf eine redliche Kapitulation oder Stilichos Milde Orosius (bei Photios, p. 180) benutzt den Ausdruck προσηταιρίσατο, was ein unbedingtes und zuverlässiges Bündnis bezeichnen und aus Stilicho einen Kriminellen machen sollte. Das »paulisper detentus, deinde defectus« (ein wenig noch hingehalten, danach getötet) des Orosius ist gehässig genug. ankommen zu lassen. Aber der Tod des königlichen Gefangenen, der schmachvoll enthauptet wurde, verdunkelt den Sieg Roms und des Christentums, und der kurze Aufschub seiner Hinrichtung reichte hin, den Sieger dem Vorwurf herzenskalter und berechneter Grausamkeit auszusetzen Der inhuman-fromme Orosius opfert ohne eine Spur von Mitleid König Agag und das Volk der Amalekiter. Der blutbefleckte Täter ist weniger abstoßend als der gefühllose Historiker. . Die ausgehungerten Germanen, die den Ansturm der Hilfstruppen überlebt hatten, wurden in die Sklaverei verkauft zu dem Spottpreis von einem Goldstück pro Mann; aber das ungewohnte Essen und Klima richtete zahlreiche dieser unglücklichen Ausländer zugrunde; und so bemerkte man, dass die unmenschlichen Käufer, anstelle der Früchte ihrer Investition zu genießen, schon bald die Beerdigungskosten bestreiten mussten. Stilicho seinerseits berichtete dem Kaiser und dem Senat von seinem Sieg Und Claudians Muse? Schlief sie? War sie schlecht bezahlt? Mich dünkt, Honorius' VII. Konsulat (A.D. 407) hätte ein würdiges Thema für ein Epos abgeben müssen. Bevor es sich zeigte, dass der Staat unrettbar verloren war, hätte Stilicho (nach Romulus, Camillus und Marius) den Zunamen eines vierten Gründers der Stadt erhalten sollen. und reklamierte neuerlich den ruhmredigen Titel eines Befreiers von Italien für sich.   ANDERE GERMANENSTÄMME DRINGEN IN ITALIEN EIN – 31. DEZEMBER 406 Die Fama des Sieges und insonders des so genannten Wunders hat der müßigen Auffassung Nahrung gegeben, dass ein ganzes Germanenheer, oder genauer: Germanenvolk, das von der Ostsee aufgebrochen war, vor den Toren von Florenz elend zugrunde gegangen sei. In der Tat war dies das Schicksal des Radagaisus, seiner braven Getreuen und von mehr als einem Drittel der Sueben und Vandalen, Alanen und Burgunder, die sich ihrem Heerführer angeschlossen hatten Eine lesenswerte Passage in Prospers Weltchronik »In tres partes, per diversos principes, divisus exercitus« (...das Heer wurde von drei Herrschern in drei Teile zerlegt) verkleinert das Wunder von Florenz und stellt eine Verbindung zwischen der Geschichte Italiens, Galliens und Germaniens her. . Die Vereinigung einer solchen Heeresmasse mag uns überraschen, aber die Gründe für ihren Zerfall sind offenkundig und stark genug: der Stolz auf die hohe Geburt, unkontrollierbare Kampfbegier, Neid auf die Kommandogewalt, Unfähigkeit zur Unterordnung, beständige Meinungsverschiedenheiten und Interessenskonflikte zwischen so vielen Königen und Kriegern, die es niemals gelernt hatten, nachzugeben, geschweige denn zu gehorchen. Nach dem Tod des Radagaisus blieben noch zwei germanische Heeresabteilungen unter Waffen, wenigstens einhunderttausend an der Zahl, zwischen Alpen und Apennin oder Alpen und Donau. Es ist unbekannt, ob sie den Tod ihres Heereskönigs zu rächen sich vorgesetzt hatten; aber ihr ungeordnetes Vorgehen zerfaserte schon bald an Stilichos wohlbedachtem Widerstand, der sich ihren Angriffen in den Weg stellte und ihnen auf ihrem Rückzug zusetzte; der sich Roms und Italiens Sicherheit schier zur Herzensangelegenheit werden ließ und, fast schon etwas gleichgültig, diesem Vorhaben die Ruhe und das Wohlergehen entfernter Provinzen aufopferte Orosius und Hieronymos beschuldigen ihn geradezu, zur Invasion angestiftet zu haben. (»Excitatae a Stilichone gentes«) Es muss natürlich heißen indirekt : Er rettete Italien auf Kosten von Gallien. . Von ein paar pannonischen Überläufern hatten die Barbaren eine ungefähre Kenntnis vom Land und seinen Straßen erhalten; und der Überfall auf Gallien, den Alarich geplant hatte, wurde von den Überresten der großen Armee des Radagaisus vollendet Der Count de Buat ist der Auffassung, dass es zwei Drittel der großen Armee des Radagaisus waren, die in Gallien einfielen. Vergleiche hierzu die Histoire Ancienne des Peuples de l'Europe, Band 7, p. 87-121; ein sorgfältiges, gelehrtes Werk, welches zu benutzen ich bis zum Jahre 1777 nicht das Vorrecht hatte. Bereits 1771 finde ich diese Idee in einer vorläufigen Skizze zur Geschichte der fraglichen Zeit von mir ausgearbeitet. Auch bei Mascou, History of the old Germans, Buch 8, c.15, habe ich ähnliche Fingerzeige gefunden. Solche Übereinstimmung ohne vorangegangene Absprache kann einer gemeinsamen Auffassung zusätzliches Gewicht verleihen. .   DIE ALAMANNEN BEOBACHTEN NEUTRALITÄT Wenn sie indessen auf Hilfe durch germanische Stämme gehofft hatten, so sahen sie sich enttäuscht. Die Alamannen bewahrten den Status abwartender Neutralität; und die Franken bewährten ihre Tapferkeit bei der Verteidigung des Reiches. Bei seinem Eilmarsch rheinabwärts, was seine erste Amtshandlung gewesen war, hatte Stilicho es sich insbesondere angelegen sein lassen, die Gefolgschaftstreue der kriegerischen Franken zu festigen und die schlimmsten Friedens- und Staatsfeinde zu beseitigen. Marcomir, einer ihrer Könige, wurde in aller Öffentlichkeit vor dem römischen Magistrat der Vertragsuntreue überführt. Seine Strafe war ein mildes, aber fernes Exil in der Toskana; und die Aberkennung seiner Königswürde war so wenig angetan, seine Untertanen zu erregen, dass sie vielmehr den hitzigen Sunno hinrichteten, den es verlangte, seinen Bruder zu rächen; auch später blieben sie den Königen pflichttreu ergeben, die Stilichos Beschluss auf ihren Thron erhoben hatte »Provincia missos /Expellet citius fasces, quam Francia reges Quos dederis.« (Die Provence jagt eher die Beamten hinaus, als die Franken die Könige, die du ihnen geschickt hast). Claudian (De I consulatu Stilichonis 1,235ff) ist eindeutig und befriedigend. Gregor von Tours weiß von diesen Frankenkönigen gar nichts, doch der Autor der Gesta Francorum erwähnt beide, Sunno und Marcomir und nennt Letzteren den Vater von Pharamond (Band 2, p. 543). Dieser Autor hat über gute Quellen verfügt, die er aber nicht verstand. . Als die Grenzen Galliens und Germaniens unter den Eindringlingen aus dem Norden bebten, stellten sich die Franken unverzagt der Übermacht der Vandalen entgegen, welche, anderslautender Erfahrungen uneingedenk, sich wiederum von der Fahne verbündeter Barbarenstämme abgesondert hatten. Sie zahlten die Strafe für ihr Ungestüm, und zwanzigtausend Vandalen mitsamt ihrem König Godigiselus deckten tot das Schlachtfeld. Das ganze Volk wäre vernichtet worden, wenn nicht die Reiterschwadronen der Alanen, die ihnen zu Hilfe eilten, die Infanterie der Franken niedergeworfen hätte, die dann nach heldenhaftem Widerstand den ungleichen Kampf aufgeben musste. Die siegreichen Verbündeten setzten ihren Marsch fort; und am letzten Tag des Jahres, zu welchem Zeitpunkt der Rhein im Allgemeinen zugefroren war, drangen sie, ohne Widerstand zu erfahren, in das schutzlose Gallien. Diese denkwürdige Rheinüberquerung der Sueben, Vandalen, Alanen und Burgunder, welche danach niemals zurückkehrten, kann als der Untergang des Römischen Reiches in den Ländern nördlich der Alpen angesehen werden; und die Schutzmauer, die bis dahin zwischen den wilden und den kultivierten Ländern der Erde gestanden hatte, lag seit jenem fatalen Augenblick darnieder Siehe Zosimos (6,3), Orosius (7,40) und die Chroniken. Gregor von Tours (2,9, p. 165 im 2. Band der Historiens de la France) hat ein wichtiges Fragment von Renatus Profuturus Frigeridus überliefert, der mit seinen drei Namen den Christen, Römer und Barbaren andeutet. .   VERWÜSTUNG GALLIENS – A.D. 407 Während der Frieden in Germanien infolge der Treue der Franken und der Neutralität der Alamannen auch weiterhin Bestand hatte, erfreuten sich Roms Bürger, unkundig der ihnen bevorstehenden Kalamitäten, an der Ruhe und dem Wohlstand, wie er ihnen an den Grenzen zu Gallien nur selten zuteil wurde. Ihre Schaf- und Rinderherden durften die Gebiete der Barbaren beweiden; ihre Jagdzüge konnten sie unbesorgt und ungefährdet bis in die Tiefen der Hercyanischen Wälder ausdehnen Claudian (De consulatu I Stilichonis 1,221ff und 2,186) beschreibt Frieden und Wohlstand an der Grenze zu Gallien. Der Abbé Dubos sollte Alba (ein namenloser Bach in den Ardennen) anstelle Albis lesen und sich nicht über die Risiken auslassen, die gallischem Vieh beim weiden jenseits der Elbe widerfährt. Über diese Torheit! In der Geographie der Poeten stehen Elbe und Hercyanische Wälder für jeden Fluss und jedes Waldgebiet in Germanien. Claudian zeigt sich auf die pedantischen Untersuchungen unserer Altertumsforscher nicht vorbereitet! . An den Ufern des Rheins standen ähnlich wie am Tiber elegante Landhäuser und wohlbestellte Gehöfte; wäre ein Dichte rheinabwärts gefahren, so hätte er seine Zweifel gehabt, welches denn nun die römische Uferseite sei »Geminasque viator Cum videat ripas, quae sit Romana requirat.« (Da der Wandersmann beide Ufer erschaut, fragt er, welches das römiche sei). Claudian, De consulatu Stilichonis 1,222. . Und plötzlich waren diese Gefilde des Friedens und Wohlstandes eine Ödnis; nur durch die rauchenden Trümmer unterschied sich die naturgegebene Wüste von dieser Einöde aus Menschenhand. Das blühende Mainz wurde überrannt und zerstört; tausende Christen wurden in den Kirchen abgeschlachtet. Worms ging unter nach langer und hartnäckiger Belagerung; Straßburg, Speyer, Reims, Tournay, Arras und Amiens wurden von den Germanen grausam niedergedrückt; und die verzehrende Flamme des Krieges übersprang den Rhein und verzehrte den größten Teil der siebzehn Provinzen Galliens. Diese reiche und große Provinz zwischen Atlantik, Alpen und Pyrenäen war den Barbaren ausgeliefert, die Bischöfe, Senatoren und Jungfrauen in Massen vor sich hertrieben, überladen mit Beute von ihren Häusern und Altären Hieronymus, Opera, Band 1, p. 93. Siehe im ersten Band der Historiens de la France, p. 777 und 782 die passenden Auszüge aus dem ›Carmen de providentia divina‹ und aus Salvianus. Der anonyme Dichter war selbst, zusammen mit seinem Bischof und seinen Mitbürgern, ein Gefangener gewesen. . Der Kirchenmann, dem wir diese ungenaue Beschreibung der allgemeinen Not zu danken haben, verfehlt nicht, bei dieser Gelegenheit die Christen zu ermahnen, die Sünden zu bereuen, die die göttliche Gerechtigkeit gegen sie erzürnt habe, und die vergänglichen Güter dieser verruchten und trügerischen Welt daran zu geben. Da aber die pelagianische Kontroverse Die pelagianische Doktrin, welche A. D. 405 zum ersten Male ausgesprochen wurde, wurde innerhalb von zehn Jahren in Rom und Karthago verdammt. St. Augustin focht und war durchaus erfolgreich, aber die griechische Kirche war seinen Gegnern günstig; und (was allerdings sonderbar genug ist) das Volk nahm keinerlei Anteil an einem Streit, den es nicht verstehen konnte. , welche die Tiefe der Gnade und der Prädestination auszuloten bestrebt war, schon bald den ganzen lateinischen Klerus ernsthaft beschäftigte, wurde die Vorhersehung, welche soviel moralisches und physisches Elend beschlossen, vorhergesehen oder zugelassen hatte, rasch auf die unpräzise und fehlerhafte Waage der Vernunft gelegt. Die Vergehen und das Martyrium des leidenden Volkes wurden vorderhand mit denen ihrer Vorfahren verglichen; und man klagte die göttliche Gerechtigkeit an, dass sie die Schwachen, die Unschuldigen und die Kinder nicht von dem allgemeinen Unglück ausgenommen habe. Diese müßigen Disputanten übersahen dabei das eherne Gesetz der Natur, welches einen Zusammenhang zwischen Frieden und Unschuld, Überfluss und Fleiß, Sicherheit und Stärke hergestellt hat. Die furchtsame und eigennützige Politik Ravennas mochte die Palasttruppen zum Schutze Italiens zurückbeordern; die verbliebenen Einheiten mochten ihrer schweren Aufgabe nicht gewachsen sein; und die Hilfskontingente der Barbaren hätte der Möglichkeit zu unbegrenztem Beutemachen vielleicht den Vorzug gegeben vor den Segnungen einer bescheidenen, aber regelmäßigen Besoldung. Die gallischen Provinzen jedoch waren bevölkert von einer kühnen und schlagkräftigen Jugend, die den Sieg verdient hätte, wenn sie zur Verteidigung ihrer Familien und ihrer Altäre ihr Leben hätte wagen wollen. Die genaue Kenntnis ihres Landes hätte es ihnen ermöglicht, einem Eindringling beständig neue und unüberwindliche Hindernisse entgegen zu stellen; und da die Barbaren an Disziplin und Bewaffnung unterlegen waren, wäre auch der einzige Vorwand entfallen, der ein zahlenstarkes Volk bestimmt hätte, sich einer kleinen Veteranenarmee zu unterwerfen. Als Frankreich von Karl V. überfallen wurde, befragte er einen Gefangenen, wie viele Tage Paris wohl von der Front entfernt liege. »Vielleicht zwölf , aber es werden Tage sein, die mit Kämpfen angefüllt sind Siehe die Memoiren von Martin du Bellay, Buch 4. Im Französischen ist der ursprüngliche Vorwurf versteckter, aber wegen des Doppelsinnes von ›journé‹ pointierter, da es Tagesreise und zugleich Schlacht bedeutet. «, so die brave Antwort, die sich des Herrschers hochfliegendem Ehrgeiz in den Weg stellte. Die Untertanen des Honorius und von Franz I. waren von sehr unterschiedlichem Geist belebt; und in weniger als zwei Jahren gelangte die Barbaren von der Ostsee, deren Zahl, genau betrachtet, lächerlich gering war, ohne einen einzigen Schwerthieb bis vor die Pyrenäen.   AUFSTAND DER BRITISCHEN ARMEE – A.D. 407 Zu Beginn der Regierungszeit des Honorius hatte die Wachsamkeit Stilichos die abgelegenen britischen Inseln vor ihren ewigen Feinden auf dem Ozean, aus den Bergen und von der irischen Küste geschützt Claudian, de cosulatu Stlichonis I, 2,250. Man vermutet, dass die irischen Scoten die ganze Westküste Britanniens von See her angriffen; man kann hier sogar -mit Vorbehalten- Nennius und der irischen Überlieferung glauben. Die sechsundsechzig Leben des heiligen Patrick, die noch bis ins neunte Jahrhundert fortdauerten, müssen ebenso viele tausend Lügen enthalten haben (Carte, History of England, Band 1, p.169; Whitacker, Genuine History of the Britons, p. 199); aber glauben wollen wir es doch, dass bei einem dieser irischen Überfälle ihr künftiger Apostel als Gefangener fortgeführt wurde. Usher, Britannicarum ecclesiarum antiquitates, p. 431 und Tillemont, Mémoires ecclesiastiques Band 16, p. 456 u.a. . Aber diese unruhigen Barbaren konnten sich die günstige Gelegenheit des Gotenkrieges denn doch nicht entgehen lassen, als von allen Standorten und Wallanlagen die römischen Truppen abgezogen waren. Wenn nur irgendwelche Legionäre aus dem italienischen Feldzug zurückkehren durften, dann muss ihr getreuer Bericht über den Hof und das Verhalten des Honorius verheerend auf die Zuverlässigkeit der britannischen Truppen gewirkt und ihre Neigung zum Abfall befeuert haben. Der Geist der Revolution, der ehedem das Zeitalter des Gallienus heimgesucht hatte, wurde durch das gewaltbereite Verhalten der Soldaten wiederbelebt. Und der unglückliche, möglicherweise aber auch ehrgeizige Kandidat, der zum Objekt ihrer Wahl wurde, wurde das Werkzeug und endlich auch das Opfer ihres Ehrgeizes Die britannischen Thronräuber werden von Zosimos (6,2), Orosius (7,40), Olympiodoros (bei Photios, p.180f.), den Kirchengeschichtlern und den Chroniken erwähnt. Die lateinischen kennen Marcus nicht. . Marcus war der Erste, den sie als den gesetzmäßigen Herrscher Britanniens und des Westens auf dem Thron platzierten. Den Treueeid, den sie sich auferlegt hatten, brachen sie schon bald durch die rasche Ermordung des Marcus; und ihre Ablehnung seines Verhaltens kann man als Textvorlage für eine Ehreninschrift auf seinem Grabstein auffassen. Gratian war der Nächste, dem sie Purpur und Diadem antrugen; nach vier Monaten ereilte Gratian das Schicksal seines Vorgängers. Die Wahl ihres vierten Kandidaten war möglicherweise durch die Erinnerung an Konstantin den Großen mitbestimmt, waren es doch die britannischen Legionen gewesen, die dem Reich und der Kirche diesen Herrscher geschenkt hatten. Unter den Mannschaften entdeckten sie einen Rekruten mit Namen Constantin, und in törichtem Unbedacht hatten sie ihn auf den Thron gesetzt, als sie seine Unfähigkeit bemerkt hatten, die Bürde dieses Namens zu tragen »Cum in Constantino ›inconstantiam‹ ... execrarentur« (da sie Constantin das Fehlen der Konstanz verabscheuten.) Sido-nius Apollinaris 5, Epistulae 9. Aber Sidonius wurde wohl durch ein so hübsches Wortspiel verleitet, einen Herrscher zu brandmarken, der seinen Großvater entehrt hatte. .   CONSTANTINUS IN BRITANNIEN UND GALLIEN ANERKANNT – A.D. 407 Gleichwohl war die Autorität des Constantin stabiler und seine Regierung erfolgreicher als die kurzen Gastspiele von Marcus und Gratian. Die Gefahr, die von den zu fernerem Müßiggang noch länger im Lager gelassenen Truppen ausgegangen wäre, die sich schon zweimal mit Mord und Aufstand besudelt hatten, vermochte ihn, auf die Befreiung der westlichen Provinzen zu sinnen. Er landete bei Boulogne mit geringer Streitmacht; und nachdem er sich einige Tage erholt hatte, forderte er die gallischen Städte, die das Joch der Barbaren abgeschüttelt hatten, dazu auf, nunmehr in ihm ihren rechtmäßigen Herrscher anzuerkennen. Sie willfahrten ohne Gegenrede. Das gleichgültige Verhalten des Hofes von Ravenna hatte das im Stich gelassene Volk schon längst seiner Treupflichten überhoben; seine aktuelle Notlage gab ihm ein, beherzt und vielleicht sogar mit einiger Hoffnung jede Möglichkeit zu einer Änderung wahrzunehmen; und sie mochten sich schmeicheln, dass die Armee, die Autorität, ja sogar der Name des römischen Kaisers, der in Gallien seine Residenz bezog, das unglückliche Land vor dem Wüten der Barbaren schützen könnten. Die ersten Erfolge des Constantin gegen einzelne Detachements der Germanen wurden von der Stimme der Schmeichelei zu glanzvollen und entscheidenden Siegen vergrößert; die nach der Vereinigung der feindlichen Kräfte auf ihren wahren Wert zusammenschrumpften. Mit seinen Verhandlungen erreichte er einen unsicheren und vorübergehenden Waffenstillstand; und als ein paar Barbarenstämme durch großzügige Geldgeschenke und ebensolche Versprechen angeworben wurden, den Rhein zu verteidigen, trug dies nur dazu bei, die Hoheit des Herrschers zu verkleinern und die letzten Reste des Staatsschatzes zu plündern. Erhoben indessen durch diesen eingebildeten Triumph, eilte der törichte Sieger weiter nach Süden, einer dringenderen und persönlichen Gefahr zu begegnen. Sarus, der Gote, hatte Weisung empfangen, das Haupt des Empörers Honorius zu Füßen zu legen; und die Armeen Britanniens und Italiens wurden in diesem müßigen internen Zwist ganz umsonst aufgerieben. Nach dem Tode seiner beiden besten Generäle, Justinian und Nevigastes – der eine war auf dem Schlachtfeld, der zweite bei trügerischen Friedensunterhandlungen ums Leben gekommen – verschanzte Constantin sich hinter den Mauern Wiens. Sieben Tage lang wurde der Ort ohne Erfolg berannt; und die kaiserliche Armee belud sich sogar noch mit Schande, weil sie von den Räubern und Gesetzlosen der Alpen sich einen sicheren Abzug erkauft hatte Zosimos nennt sie Bagauden; vielleicht haben sie auch eine weniger schimpfliche Bezeichnung verdient (Siehe Dubos, Histoire Critique, Band 1, p. 203). Wir werden noch von ihnen hören. . So bildete dieses Gebirge die Grenze zweier feindlicher Monarchien: und die Festungsanlagen dieser doppelten Grenze wurde von Soldaten des Reiches bewacht, die man nützlicher zur Abwehr der germanischen und skythischen Barbaren hätte einsetzen können.   ER EROBERT SPANIEN – A.D. 408 Auf dieser Seite der Pyrenäen mochte die unmittelbare Gefahr Constantins Ehrgeiz rechtfertigen; aber schon bald war sein Thron infolge der Eroberung oder besser: der Unterwerfung Spaniens gefestigt; welches sich sozusagen gewohnheitsmäßig den Regierungsbeamten der gallischen Präfektur und deren Anordnungen beugte. Der einzige Widerstand gegen Constantin ging daher auch nicht von der Regierung oder vom Volke aus als vielmehr von der Familie des Theodosius, die ihre Interessen verfolgten. Vier Brüder Verinianus, Didymus, Theodosius und Lagodius, die man an den Höfen der Gegenwart Prinzen von Geblüt nennen würde, besaßen keinerlei Sonderrechte gegenüber ihren Mit-Untertanen. hatten es durch die Gunst ihres Vetters, des verstorbenen Kaisers, in ihrem Lande zu Ansehen und weitläufigem Besitz gebracht; und dankbar verstand sich diese Jugend dazu, im Dienste für seinen Sohn diese Vergünstigungen aufs Spiel zu setzen. Nach dem fehlgeschlagenen Versuch, an der Spitze einer lusitanischen Armee das Feld zu behaupten, zogen sie sich auf ihre Güter zurück; wo sie auf eigene Kosten eine unverächtliche Menge an Sklaven und Hörigen anwarben, bewaffneten und unerschrocken daran gingen, die starken Vorposten in den Pyrenäen zu besetzen. Dieser gleichsam private Widerstand schreckte den Beherrscher Galliens und Britanniens auf und beunruhigte ihn; er sah sich genötigt, mit einigen ausländischen Hilfstruppen hinsichtlich ihres Einsatzes in spanischen Krieg zu verhandeln. Sie erhielten als besondere Auszeichnung den Titel Honorianer Die Honoriani oder Honoriaci bestanden aus zwei Haufen mit Scoten, oder Attacoti, zwei mit Mauren und zwei mit Marcomannen, den Victores, Ascarii und Gallicani. (Notitia dignitatum Imperii, Sektion 38). Sie waren Teil der fünfund-sechzig Auxilia Palatina und werden von Zosimos (6,4) ganz zutreffend ?í ô? á?ë? ô?îåéò (Stände bei Hofe) genannt. ; ein Name, der sie eigentlich an ihre Pflichten gegenüber ihrem wirklichen Herrscher hätte erinnern können. Und wenn man auch zugestehen will, dass die Scoten für einen britischen Herrscher so etwas wie Sympathien aufgebracht haben, so konnten die Mauren und Marcomannen doch nur durch die verschwenderische Großzügigkeit gelockt werden, mit welcher der Thronräuber militärische und sogar bürgerliche Ehrenstellen in Spanien an die Barbaren verschleuderte. Die neun Abteilungen der Honorianer erreichten eine Stärke von kaum mehr als fünftausend Mann; aber selbst diese geringe Zahl reichte hin, einen Krieg zu beenden, der die Macht und die Sicherheit des Constantin bedroht hatte. Die Bauernarmee der theodosianischen Familie wurde in den Bergen umzingelt und niedergemacht: zwei der vier Brüder gelang es mit viel Glück, zur See nach Italien zu entkommen, die beiden anderen wurden nach kurzer Gefangenschaft in Arles hingerichtet; und wenn Honorius auch fortfuhr, sich gegenüber der allgemeinen Not taub zu stellen, so ging ihm das persönliche Unglück seiner getreuen Verwandten vielleicht doch sehr nahe. Mit derart schwachen Waffen wurde also über den Besitz der Provinzen Westeuropas entschieden, vom Antoniuswall bis hinab zu den Säulen des Herkules. Die Bedeutung der Friedens- und Kriegsereignisse wurden durch den eingeschränkten und getrübten Blick der zeitgenössischen Geschichtsschreiber falsch eingeschätzt, welche beides, die Ursachen und die Folgen dieser welthistorischen Umwälzung nicht erkennen konnten. Aber die völlige Erschöpfung der nationalen Energie hatte dem Despotenregime die letzten Ressourcen genommen; und die Steuern aus den geplünderten Provinzen konnten den militärischen Dienst für das unzufriedene und verängstigte Volk nicht länger sicherstellen.   VERHANDLUNGEN ZWISCHEN ALARICH UND STILICHO –A.D. 404 – 408 Der Poet, der mit der Stimme der Schmeichelei die Siege von Pollentia und Verona dem römischen Adler andichtet, begleitet auch Alarichs hastigen Rückzug aus Italiens Grenzen mit einem Schreckenszug von allegorischen Gesichten und Schusalen, wie sie wohl über einer von Schwert, Hunger und Krankheit nahezu aufgelösten Barbarenarmee schweben mögen »Comitantur euntem Pallor, et atra Fames; et saucia lividus ora Luctus; et inferno stridentes agmine Morbi.« (Angst und Hunger sind seine Begleiter, blutende Wunden und trübes Aussehen und in höllischer Reihe zischende Seuchen). Claudian, De VI consulatu Honorii 3221ff . Im Laufe seines unglücklichen Feldzuges musste der Gotenkönig in der Tat beträchtliche Verluste verkraften, und seine erschöpften Mannen verlangten nach einer Ruhepause, ihre Kräfte und ihr Selbstvertrauen wiederherzustellen. Der Genius des Alarich hatte sich an eben diesen Widrigkeiten gezeigt und bewährt; und der Ruhm seiner Größe lud die tapfersten Krieger barbarischen Geblütes unter seine Fahnen, die sich vom Schwarzem Meer bis zum Rhein von der Aussicht auf Raub und Eroberung verlocken ließen. Er hatte sich um die Wertschätzung des Stilicho bemüht und bald sogar seiner Freundschaft angenommen. Den Dienst für den Kaiser des Ostens hatte Alarich abgelehnt und dafür mit dem Hof von Ravenna einen Friedens- und Bündnisvertrag geschlossen, durch welchen er gleichzeitig in den Rang eines Heermeisters der römischen Truppen Illyriens erhoben wurde, und zwar innerhalb der von den Ministern des Honorius bestimmten alten und rechtmäßigen Grenzen Diese obskuren Verhandlungen werden von Graf de Buat (Histoire de peuples de l'Europe, Band 7, c.3-8, p. 69-206) untersucht, dessen anstrengende Genauigkeit den oberflächlichen Leser bisweilen zu ermüden imstande ist. . Die Ausführung dieses hochfliegenden Planes, der in den Vertragsartikeln festgelegt oder doch wenigstens impliziert war, wurde indessen ausgesetzt, als der fürchterliche Radagaisus seine Invasion begann; und die Neutralität des Gotenkönigs kann man mit Caesars abwartendem Zuwarten vergleichen, als er sich im Zusammenhang mit der Verschwörung des Catilina weigerte, dem Feinde der Republik bei- oder entgegenzutreten. Nach der Niederlage der Vandalen erneuerte Stilicho allerdings seine Ansprüche auf die Provinzen des Orients; ernannte zivile Magistrate für die Justiz- und Finanzverwaltung; und verlangte dringend darnach, die vereinigten römischen und gotischen Armeen vor die Tore Konstantinopels zu führen. Indessen mögen Stilichos Besonnenheit, seine Abneigung gegen Bürgerkriege und seine präzise Kenntnis der Schwäche des römischen Staatswesens die Vermutung begünstigt haben, dass das Ziel seiner Politik eher der Frieden im Inneren als Erfolge im Äußeren sein müsse; und dass sein allererstes Anliegen darin bestehe, die Heeresmacht des Alarich von Italien fern zu halten. Diese Entwürfe konnten der Scharfsicht des Gotenkönig nicht lange verborgen bleiben, welcher nach wie vor eine zweifelhafte und vermutlich verräterische Korrespondenz zu den konkurrierenden Höfen unterhielt, welcher wie ein verdrießlicher Söldner seine dosierten Anstrengungen in Thessalien und im Epirus in die Länge zog und welcher schon bald nach großen Belohnungen für seine unfruchtbaaren Dienste verlangte. Aus seinem Lager bei Aemona Siehe Zosimos 5,29. Er unterbricht seine armselige Erzählung und berichtet von Aedmona und von der Argo, welches Schiff von hier (Ljubljana) aus über Land zur Adria gezogen wurde. Sozomenes (8,25 und 9,4) und Sokrates (7,10) werfen nur weniges und unsicheres Licht auf diesen Fall, und Orosius (7,38) ist auf geradezu schauderhafte Weise parteiisch. an der Grenze zu Italien übersandte er dem Herrscher des Westens eine lange Liste mit Versprechungen, Auslagen und Forderungen; verlangte nach unverzüglicher Begleichung und sparte nicht mit Hinweisen auf die Konsequenzen für den Fall der Weigerung. Wenn sein Verhalten auch feindlich war, so war seine Sprache dezent und pflichtschuldigst. Demütig nannte er sich den Freund des Stilicho und Krieger des Honorius; bot an, in Person und mit seinen Truppen ohne Verzug dem Räuber Galliens entgegen zu marschieren; und erbat als dauerhaften Wohnsitz für das Volk der Goten eine leerstehende Provinz im Westreich.   SENATSDEBATTEN UND PALASTINTRIGEN – A.D. 408 Die geheimen Verhandlungen der zwei Staatsmänner, die einander und die Welt zu täuschen bemüht waren, würden für immer in dem undurchdringlichen Dunkel der Kabinette verborgen geblieben sein, wenn nicht die öffentlichen Verhandlungen einer populären Versammlung einiges Licht auf die Absprachen zwischen Alarich und Stilicho geworfen hätten. Die Notwendigkeit, einen künstlichen Rückhalt für die Regierung zu schaffen, die grundsätzlich und jedenfalls nicht aus Zurückhaltung, sondern aus Schwäche, mit ihren eigenen Untertanen in Verhandlung treten musste, hatte den Römischen Senat allgemach wieder an Ansehen gewinnen lassen; jedenfalls konsultierten die Minister des Honorius mit allem Respekt die gesetzgebende Versammlung der Republik. Stilicho rief die Versammlung im Caesarenpalast zusammen; trug in einstudierter Rede den aktuelle Lage der Nation vor; brachte des Gotenkönigs Begehr zu ihrer Kenntnis und legte die Entscheidung über Krieg und Frieden in ihre Hände. Die senatorische Versammlung, gleichsam aus vierhundertjährigem Schlummer erwacht, schien bei dieser wichtigen Angelegenheit eher vom Mut als von der Weisheit ihrer Vorgänger beseelt. Laut, in wohlgeformter Rede oder mit lärmenden Zwischenrufen gab sie zu verstehen, dass es der römischen Majestät unangemessen sei, sich einen unsicheren und schandbaren Waffenstillstand von einem Barbarenkönig zu erkaufen; und dass nach dem Urteil des großdenkenden Volkes der Gedanke an einen möglichen Untergang dem an eine sichere Schande vorzuziehen sei. Der Minister selbst, dessen Friedensabsichten nur durch ein paar sklavische und gekaufte Stimmen sekundiert wurde, suchte den allgemeinen Gemütsaufwallungen zu steuern, wobei er sich selbst und sogar die Wünsche des Gotenfürsten zu verteidigen suchte. »Die Bezahlung von Geldern, über die sich Rom erregt hat, sollte nicht (so Stilichos Rede) als eine Tributleistung oder gar ein Lösegeldes angesehen werden, die ihnen ein goldgieriger Feind auferlegt habe. Alarich hatte die gerechtfertigten Ansprüche der Republik auf die Provinzen bekräftigt, welche die Griechen Konstantinopels an sich gerissen hatte; er suche nun in aller Bescheidenheit um die gerechte und vereinbarte Belohnung seiner Dienste nach; und wenn er von weiteren Unternehmungen abgestanden habe, dann hatte er lediglich den peremptorischen, obschon privaten Briefen des Kaisers persönlich Folge geleistet. Diese widersprüchlichen Anordnungen (er wolle durchaus nicht die Irrtümer seiner eigenen Familie verbergen) sind durch Vermittlung des Serena verursacht worden. Das zärtelnde Mitgefühl seines Weibes ist durch die Zwietracht der königlichen Brüder, der Söhne ihres Adoptivvaters, gar zu sehr betroffen; und die Stimme der Natur obsiegt nur allzu leicht über die strengen Forderungen des allgemeinen Wohlergehens.« Diese vorgeschobenen Gründe, die die heimlichen Ränke des Hofes von Ravenna nur dürftig verschleierten, wurden achtbar durch Stilichos Fürsprache; und nach hitziger Debatte schloss sich der Senat ihnen widerstrebend an. Der Sturm, den Tugend und Tapferkeit erregt hatte, legte sich; und die Summe von viertausend Pfund Goldes wurde bereitgestellt, um als so genanntes Hilfsgeld den Frieden in Italien sicher zu stellen und die Freundschaft des Gotenkönigs zu garantieren. Alleine Lampadius, einer der berühmtesten Mitglieder jener Versammlung, beharrte auf seinem abweichenden Votum und rief mit lauter Stimme: »Dies ist kein Friedens –, sondern ein Versklavungsvertrag«; Zosimos, 5,29. Er wiederholt die Worte des Lampadius so, wie sie in Latein gelautet hatten (»Non est ista pax, sed pactio servitutis«) und übersetzt sie dann zum Besten seiner Leser ins Griechische. und entkam den Folgen solch kühner Opposition nur durch hastige Flucht in das Allerheiligste einer christlichen Kirche.   PALASTINTRIGEN – STILICHO IN UNGNADE – MAI 408 Aber mit Stilichos Herrschaft ging es dem Ende entgegen, und es mag der mächtige Minister die Anzeichen heraufziehender Ungnade erkannt haben. Lampadius Kühnheit wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen; und der Senat, der sich schafsgeduldig in seine so langandauernde Knechtschaft gefügt hatte, wies mit Abneigung das Anerbieten einer schmachbedeckten und nur scheinbaren Freiheit von sich. Die Armee, die immer noch die römische hieß und deren Vorrechte besaß, ärgerte sich an Stilichos Vorliebe für die Barbaren; und das Volk schob die Verantwortung für die allgemeinen Missstände den unfähigen Ministern zu, ob sie doch gleich die natürliche Folge ihrer eigenen Verkommenheit waren. Gleichwohl hätte Stilicho auch weiterhin dem Murren des Volkes und selbst noch der Truppe trotzen können, wenn er wenigstens den Einfluss über das lenksame Gemüt seines Schülers behalten hätte. Aber aus der ergebenen Anhänglichkeit des Honorius wurde allmählich Furcht, Misstrauen und Hass. Der ränkereiche Olympius Er stammte vom Pontus und hatte ein glänzendes Amt inne, λαμπρᾶς δὲ στρατείας ἐν τοῖς βασιλείοις ἀξιούμενος (dabei schätzte er glänzende Heereszüge durch die Kaiserpaläste). Seine Handlungsweise passt zu seinem Charakter, den Zosimos (5,32) mit sichtlichem Behagen vor uns ausbreitet. Augustin rühmt die Frömmigkeit des Olympius, dieses wahren Sohnes der Kirche (Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 408, Nr 19ff; Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 13, p. 467f). Aber dieses Lob, das der afrikanische Heilige so unverdient austeilt, kann ebenso auf Unkenntnis beruhen wie auf Fuchsschwänzerei. , der seine Laster hinter der Maske christlicher Frömmigkeit zu bergen verstand, hatte insgeheim die Stellung seines Wohltäters untergraben, der ihm zu den ehrenvollsten Ämtern im Kaiserpalast verholfen hatte. Olympius entdeckte dem Herrscher in dessen Naivität – er stand inzwischen in seinem fünfundzwanzigsten Jahre – dass er in seiner Regierung ohne jedes Gewicht oder Autorität sei; und geschickt beunruhigte er sein ängstliches und träges Gemüt durch die eindrucksvolle Schilderung von Stilichos Entwürfen, welcher mittlerweile mit Mordplänen gegen seinen Souverain umging und die ehrgeizige Hoffnung hegte, das Diadem bald schon seinem Sohne Eucherius aufs Haupt zu setzen. So vermochte der neue Favorit seinen Herrscher, sich endlich zu selbständigem Handeln aufzuraffen; und der Minister bemerkte mit Erstaunen, dass am Hofe im Rat heimliche Pläne geschmiedet wurden, die seinen Interessen und Intentionen entgegen waren. Anstelle noch weiterhin im römischen Kaiserpalast zu residieren, erklärte Honorius, dass es ihm eine Lust sei, in Ravennas sichere Mauern zurück zu kehren. Auf die erste Nachricht vom Tode seines Bruders Arcadius bereitete er sich darauf vor, Konstantinopel aufzusuchen und mit der Hilfe eines Bevollmächtigten die Provinzen des unmündigen Theodosius Zosimos 5,31; Sozomenes 9,4. Stilicho bot sich für diese Fahrt nach Konstantinopel an, um Honorius von seinem sinnlosen Unternehmen abzubringen. Das Ostreich hätte ihm weder gehorcht, noch hätte es erobert werden können. verwalten zu lassen. Der Hinweis auf die Kosten und Schwierigkeiten dieser Reise erstickten diesen merkwürdigen und unerwarteten Ausbruch von handelndem Eifer; aber das heikle Vorhaben, den Kaiser im Lager von Pavia zu präsentieren, in welchem sich römische Truppenteile – Stilichos Feinde – und die mit ihm sympathisierenden barbarischen Hilfstruppen befanden, konnte man ihm auf keine Weise ausreden. Stilichos Vertrauter Justinian, ein römischer Advokat von lebhaftem und durchdringendem Verstande, drängte seinen Minister, diese seiner Sicherheit und seinem Ansehen so abträgliche Reise zu hintertreiben. Stilichos heftige, aber letztlich erfolglose Bemühungen untermauerten den Sieg des Olympius; und der wohlberatene Rechtsanwalt zog sich in Erwartung des drohenden Unterganges seines Patrons zurück.   STILICHOS ENDE 23. AUGUST 408 · ERMORDUNG SEINER FREUNDE IN PAVIA Auf der Fahrt des Kaisers durch Bologna bewirkte Stilichos Geheimpolitik eine Meuterei unter der Leibwache sowie deren nachfolgende Beilegung; auch kündigte er die Hinrichtung der Schuldigen an und schrieb seinem persönlichen Eingreifen ihre Begnadigung zu. Nach dieser Erhebung umarmte Honorius zum letzten Male den Minister, in welchem er jetzt den Tyrannen sah, und zog weiter ins Lager nach Pavia, wo er die artigen Huldigungsrufe der Truppe entgegennahm, die hier für den gallischen Krieg zusammengezogen worden war. Am Morgen des vierten Tages kündigte er, wie man es ihm beigebracht hatte, eine Rede an die Adresse der Soldaten an, die Olympius in Einzelgesprächen und geschickt geführten Unterredungen in eine finster-blutige Verschwörung eingeweiht hatte. Beim ersten Zeichen ermordeten sie Stilichos Freunde, die bedeutendsten Offiziere des Reiches; die beiden Reichspräfekten von Gallien und Italien; zwei Heeresmeister der Infanterie und der Kavallerie; die Hofmeister; den Quaestor, den Schatzmeister und den Haushofmeister. Viele lagen tot; viele Häuser wurden geplündert; die Gewalttaten dauerten bis in die Abendstunden; und der bebende Kaiser, den man in den Straßen von Pavia ohne Robe oder Diadem gesichtet hatte, ergab sich den Einflüsterungen seines Günstlings, verdammte das Andenken der Erschlagenen und bekräftigte feierlich die Unschuld der Meuchelmörder. Die Nachricht vom Massaker zu Pavia erfüllte Stilicho nicht ohne Grund mit beklemmenden Vorahnungen; und unverzüglich rief er im Lager von Bologna eine Versammlung der mit ihm verbündeten Heerführer ein, die in seinen Diensten standen und die mit ihm untergehen würden. Die Konferenz schrie nach Waffen und Rache; verlangte, ohne Verzug unter der Fahne des Helden auszurücken, dem sie schon so oft zum Siege gefolgt waren; den schuldigen Olympius und sein verkommenes Römerpack zu überrumpeln, zu zermalmen und auszurotten; und vielleicht sogar das Diadem ihrem beleidigten General aufs Haupt zu setzen. Anstelle nun zu einem Beschluss zu kommen, der durch den anschließenden Erfolg hätte gerechtfertigt werden können, zauderte Stilicho solange, bis er unrettbar verloren war. Die Zustände am Hof waren ihm nach wie vor nur ungenau bekannt; das Vertrauen zu seinen eigenen Leuten war erschüttert; und mit Entsetzen hielt er sich die Folgen eines Angriffes seiner Barbarenhaufen gegen die Bürger und Soldaten Italiens vor Augen. Ungehalten und beunruhigt über sein ängstliches und planloses Zögern zogen sich seine Verbündeten von ihm zurück. Um Mitternacht brach Sarus, ein Gotenkrieger, der selbst unter den Barbarenkriegern für seinen Stärke und seinen Mut in hohem Ansehen stand, unvermittelt in das Lager seines Wohltäters ein, plünderte die Bagage, erschlug treu ergebene Hunnen, die Stilicho bewachten und brach in sein Zelt ein, wo er gedankenschwer und schlaflos über seine augenblickliche gefahrenvolle Lage nachgrübelte. Mit genauer Not entkam Stilicho dem Schwert des Goten; und nachdem er die italischen Städte noch einmal nachdrücklich ermahnt hatte, ihre Tore gegen die Barbaren zu verschließen, drängte ihn blindes Vertrauen oder ebensolche Verzweiflung nach Ravenna, welche Stadt seine Feinde mittlerweile fest in der Hand hatten. Olympius, der mittlerweile das Haus des Honorius unter seine Fittiche genommen hatte, erhielt unverzüglich Kunde davon, dass sein Feind vor dem Altar einer christlichen Kirche Schutz und Asyl suche. In der niederträchtigen und grausamen Gesinnung dieses Heuchlers hatten Mitleid oder Gnade keinen Platz; aber mit frommen Eifer schickte er sich an, die Heiligkeit des Asylplatzes wenn nicht zu verletzen, so doch zu umgehen. Der comes Heraclianus erschien im Morgengrauen vor der Kirche Ravennas mit einer Handvoll Soldaten. Der Bischof ließ sich mit einem feierlichen Eid beruhigen, dass dies auf kaiserliches Geheiß und nur zur Stilichos persönlicher Sicherheit geschähe: sobald aber der glückverlassene Minister die Schwelle des Heiligtums übertreten hatte, lieferte er selbst den Vorwand zu seiner sofortigen Ermordung. Mit Fassung ließ er sich Beleidigungen wie Verräter und Muttermörder gefallen, untersagte seinen letzten, zu allem entschlossenen Getreuen jede vergebliche Hilfestellung und ergab sich dem Schwert des Heraclianus mit einer Gefasstheit, die diesem letzten römischen General wohl anstand Zosomos 5,30ff hat über Ungnade und Tod Stilichos viel, aber ungenau berichtet. Olympiodoros (apud Photios p. 177), Orosius (7,38), Sozomenos (9,4) und Philostorgios (11,3 und 12,3) bieten ergänzende Hinweise. .   DAMNATIO MEMORIAE Das knechtsinnige Palastvolk, das so lange Zeit in Stilichos Gnadensonne geblüht hatte, beeilte sich, seinen Untergang mit Hohn zu begleiten, und noch die entferntesten Beziehungen zu dem Heermeister des Westens, die so lange eine Garantie für Ehre und Wohlstand gewesen waren, wurden verleugnet oder sogar bestraft. Seine Familie, die durch dreifache Bande mit der Familie des Theodosius verbunden war, mochte nun den gewöhnlichsten Bauern um seine Lage beneiden. Sein Sohn Eucherius wurde auf der Flucht ergriffen, und auf den Tod dieses unschuldigen Jünglings folgte alsbald die Scheidung von Thermantia, die ihrer Schwester Maria gefolgt und genau wie diese im kaiserlichen Ehebette eine Jungfrau geblieben war Zosimos 5,28. Tillemont (Histoire des empereurs Band 5, p. 557) erregt sich über die Hochzeit eines Christenmenschen mit zwei Schwestern und wartet vergeblich darauf, dass Papst Innozenz I irgendetwas wie einen Verweis oder einen Dispens ausgesprochen hätte. . Stilichos Freunde, die das Massaker von Pavia überlebt hatten, verfolgte Olympius mit unverwelklichen Gefühlen der Rache, und die raffiniertesten Foltern wurden ersonnen, um ihnen das Geständnis hochverräterischer Verschwörung abzupressen. Sie starben schweigend: mit ihrer Standhaftigkeit rechtfertigten sie die Wahl ihres Patrons Zwei seiner Freunde werden besonders ehrenhaft hervorgehoben (Zosimos 5,35): Peter, der Rektor der Notarienschule, und der Oberkämmerer Deuterius. Stilicho hatte sich des Schlafgemaches versichert, und merkwürdig genug bleibt es, dass umgekehrt –bei so einem schwachen Herrscher- vom Schlafgemach für ihn keine Sicherheit ausging. und erwiesen wohl auch seine Unschuld, und die Despotengesinnung, die ihn ohne Gerichtsverfahren ermorden und sein Andenken ohne die Spur eines Beweises besudeln konnte, hat nun mal keinen Einfluss auf das unparteiische Urteil der Nachwelt Orosius (7,38) scheint die gefälschten und verleumderischen Rundschriften übernommen zu haben, welche die neue Verwaltung in den Provinzen verbreiten ließ. . Stilichos Verdienste sind gewaltig und überdeutlich; seine Verbrechen, wie die Sprache des Hasses und der Schmeichelei sie uns darstellt, bleiben, gelinde gesagt, undeutlich und unwahrscheinlich. Vier Monate nach seinem Tode gestattete ein Edikt im Namen des Honorius zwischen den beiden Reichshälften Siehe Codex Theodosianus 7,16,1 und 9,42,22. Stilicho wird mit dem Namen eines »praedo publicus« gebrandmarkt, der seinen Reichtum verwendet, »ad omnem ditandam, inquietandamque Barbariem.« (um das ganze Barbarenland zu beschenken und in Unruhe zu versetzen). den freien Austausch, den der Staatsfeind so lange unterbunden hatte. Der Minister, mit dessen Ruhm das Wohlergehen Italiens untrennbar verknüpft ist, wurde beschuldigt, Italien an die Barbaren verraten zu haben, die er doch wiederholt bei Pollentia, Verona und vor den Mauern von Florenz besiegt hatte. Sein angeblicher Plan, seinem Sohn Eucherius das Diadem aufzusetzen, hätte ohne Vorbereitungen und Komplizen niemals ausgeführt werden können, und der ehrgeizige Vater hätte gewiss nicht den zukünftigen Herrscher bis zu dessen zwanzigstem Lebensjahr in der trübseligen Stellung eines Notariats-Tribunen belassen. Selbst die Religion musste der Bösartigkeit seines Feindes zu Diensten sein, Stilicho zu schmähen. Der Klerus stand nicht an, die rechtzeitige und nachgerade wundersame Befreiung ergebenst zu begrüßen, und des war man gewiss, dass die Wiedereinführung der Götzenanbetung ja nun ganz gewiss die erste Amtshandlung des Eucherius gewesen wäre. Stilichos Sohn war indessen im Schoße des Christentums auferzogen worden, zu dem sich auch sein Vater unzweideutig und eifrig bekannt hatte Augustinus selbst ist zufrieden mit den wirksamen Gesetzen, die Stilicho gegen Götzenanbeter und Häretiker erlassen hatte, und die noch heute Bestandteil des Kirchenrechtes sind. Er trägt dem Olympios allerdings auf, sie auch zu bestätigen. (Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 408, Nr. 19) . Serena hatte ihr herrliches Halsband von der Statue der Vesta Zosimos, 5,38. Wir schaudern hier vor dem verderbten Geschmack der Epoche zurück, die ihre Statuen mit solchem Putz behängt. geborgt, und die Heiden belegten das Andenken des gotteslästerlichen Ministers mit Fluch, da auf sein Geheiß die Sybillinischen Bücher, Roms Orakel, den Flammen überantwortet worden waren Vergleiche hierzu Rutilius Numatianus (Itinerarium 2,41-60), dem religiöse Begeisterung einige elegante und sprachmächtige Zeilen eingegeben hat. Stilicho hat die Goldbeschläge von den Toren des Kapitols entfernt und eine unter ihnen angebrachte Prophezeiung gelesen. Müßige Märchen: doch selbst der Vorwurf der Gottlosigkeit verleiht dem Lob, welches Zosimos zähneknirschend seinen Tugenden erteilt, Gewicht und Glaubwürdigkeit. . Die eigentliche Schuld des Stilicho war seine Größe und seine Bedeutung. Seine ehrenhafte Weigerung, das Blut seiner Landleute zu vergießen, scheint zum Erfolg seines unwürdigen Rivalen beigetragen zu haben; und zu den Demütigungen, die Honorius erfahren hatte, gehört schließlich die Weigerung der Nachwelt, ihm Undankbarkeit gegenüber dem Beschützer seiner Jugend und der Stütze seiner Herrschaft vorzuwerfen.   DER DICHTER CLAUDIAN GEHT MIT IHM UNTER Unter der Masse der Klientelen, deren Reichtum und Stellung zu ihrer Zeit bedeutend war, erregte unsere besondere Aufmerksamkeit das Schicksal des gefeierten Dichters Claudian, der in der Gnade Stilichos gedieh und zusammen mit seinem Patron unterging. Die Stellung eines notarius und tribunus begründeten seine Stellung am kaiserlichen Hofe; er war der Serena für ihr nachdrückliches Eintreten verpflichtet, mit der sie seine Hochzeit mit einer reichen afrikanischen Erbin Zu der Hochzeit des Orpheus (welch dürftiger Vergleich!) brachte die gesamte belebte Natur Geschenke, und selbst die Götter zeigten sich ihrem Liebling spendabel. Claudian besaß weder Schaf- noch Rinderherden und auch keine Wein- oder Olivengärten. Aber er brachte ein Empfehlungsschreiben der Serena nach Afrika mit, seiner Juno, und alles geriet ihm aufs beste. Epistua ad Serenam. in die Wege geleitet hatte, und die Statue Claudians auf dem Trajansforum war ein schönes Zeugnis für den Kunstsinn und die Liberalität des römischen Senates Claudian fühlte sich geehrt wie jemand, der die Ehre auch verdient hatte (Vorrede auf de bello Gothico). Im fünfzehnten Jahrhunderts wurde im Hause des Pomponius Laetus das Original der Marmorinschrift gefunden. Es hätte zu seinen Lebzeiten von Literaten, seinen Landsleuten und Zeitgenossen, die Statue eines Dichters aufgestellt werden sollen, der Claudian weit überlegen war. Dennoch war die Absicht ehrenwert! . Nachdem es zu einem Staatsverbrechen geworden war, Stilicho zu rühmen, sah sich Claudian dem Hasse einer mächtigen und gnadenlosen Hofkamarilla ausgesetzt, der er voreinst mit ätzendem Witz zugesetzt hatte. So hatte er in einem geistreichen Epigramm die gegensätzlichen Charaktere zweier italischer Reichspräfekten miteinander verglichen; er stellt die unschuldige Gemütsruhe eines Philosophen, der die Stunden der Pflicht zuweilen dem süßen Schlummer oder auch dem Nachdenken widmet, der alles ergreifenden Raubgier eines Ministers gegenüber, der unermüdlich bei der Verfolgung seiner gesetzwidrigen und verbrecherischen Ziele ist. »Wie glücklich,« fährt Claudian fort, »wie glücklich wäre nun Italien, wenn Mallius beständig wach sein könnte und Hadrian für immer schlafen würde!« Siehe Epigramm 30: »Mallius indulget somno noctesque diesque: Insomnis ›Pharius‹ sacra, profana, rapit. Omnibus, hoc, Italae gentes, exposcite votis, Mallius ut vigilet, dormiat ut Pharius.« (Mallius gönnt sich Tag und Nacht süßen Schlummers; Pharius, der Schlaflose, Raubt Göttern und Menschen ihren Besitz; so beten immer darum, Völker Italiens, dass Mallius wache und Pharius schläft). Hadrian war ein Pharier (aus Alexandria) Zu seinem öffentlichen Lebens siehe Gothofred, Codex Theodosianus Band 6, p.364. Mallius schlief nicht immer. Er schrieb einige ausgefeilte Dialoge über die griechische Naturphilosophie. Claudian, de consulatu Malii Theodori 61-112. Mallius wurde in seiner Behaglichkeit durch diese freundliche Neckerei nicht aufgeschreckt, aber Hadrians grausame Gesinnung lauerte auf die Gelegenheit zu blutiger Rache, und gerne lieferten die Feinde Stilichos einen unschuldigen Dichter an das Messer. Der Dichter selbst hielt sich während der Unruhen verborgen und adressierte an den gekränkten Präfekten in Form einer Epistel einen kriecherischen Widerruf, wobei er wohl eher auf die Stimme der Klugheit als die der Ehre hörte. In zerknirschten Versen beweint er die verhängnisvolle Unbedachtsamkeit, zu der ihn Leidenschaft und Torheit vermocht hätten; rät seinem Gegner zur Nachahmung der Milde, zu der sich Götter, Heroen und selbst Löwen verstanden hätten; und hofft schließlich, dass die Großherzigkeit Hadrians nicht einen hilflosen und verächtlichen Wurm zerstampfen werde, den Ungnade und Armut bereits ruiniert und den das Exil, die Folterung und der Tod seiner besten Freunde bis ins Mark verwundet hätten Siehe Claudians ersten Brief. Zuweilen jedoch verrät er durch Verwendung von Ironie oder Schmähworten seinen heimlichen Widerwillen. . Welchen Erfolg diese Winselei gehabt und was ihm sein künftiges Leben auch immer gebracht haben mag: nach ein paar Jahren waren der Dichter und der Minister im Grabe geeint: aber den Namen Hadrian kennt niemand mehr, während Claudian noch heute mit Vergnügen in allen Ländern gelesen wird, in denen die Kenntnis und das Studium der lateinischen Sprache noch lebendig ist. Wenn wir seine Verdienste und seine Mängel gegeneinander abwägen, dann finden wir allerdings, dass Claudian vieles zu wünschen übrig lässt. Nicht leicht finden wir einen Abschnitt in seinem Werk, der die Epitheta erhaben oder erschütternd verdient hätte; kaum eine Zeile, die unser Herz schmelzen lässt oder unsere Phantasie anregt. Vergeblich suchen wir in Claudians Werk eine glücklich erfundene Fabel oder die angemessene und lebhafte Darstellung von Situationen oder Charakteren des wirklichen Lebens. Seinem Patron zu Gefallen veröffentlichte er bei passender Gelegenheit Jubel- oder Schmähgedichte; und die Anlage dieser Auftragsarbeiten ermutigte ihn, die Grenzen der Wahrheit und der Natur zu überschreiten. Diesen Unzulänglichkeiten stehen allerdings als Ausgleich die dichterischen Tugenden des Claudian gegenüber. So war ihm die seltene Gabe zu Eigen, noch den niedrigsten Gegenstand zu adeln, den sprödesten Stoff lebendig zu gestalten und die ähnlichsten Topoi unterschiedlich darzustellen. Die Farbigkeit des Ausdrucks zumal in beschreibender Dichtung ist sanft und eindringlich; und nur selten verfehlt er, aus seinen vertieften Kenntnissen, seiner üppigen Phantasie, seiner imponierenden Ausdruckskraft und seiner hochentwickelten Kunst im Versbau für seine Dichtung Vorteil zu ziehen. Zu diesen Empfehlungen kommen noch, unabhängig von den Zeitläuften und lokalen Verhältnissen die ungünstigen Umstände seiner Geburt. Als die Künste und das Reich untergingen, erwarb sich ein Ägypter Nationale Eitelkeit hat aus ihm einen Florentiner oder Spanier gemacht. Aber die erste Epistel erweist, dass er aus Alexandria stammt. Fabricius, Bibliotheca Latina Band 3, p. 191-202. mit griechischer Erziehung im reifen Mannesalter perfekte Kenntnisse der lateinischen Sprache Seine ersten lateinischen Verse schrieb er während des Konsulates des Probus, A.D. 395: »Romanos bibimus primum, te consule fontes, Et Latiae cessit Graia Thalia togae.« (Als du Konsul warst, tranken wir zuerst römische Quellen, nahmen die Toga Latiums und verließen die griechische Thalia) Neben einigen griechischen Epigrammen, die uns erhalten sind, hat der lateinische Dichter in griechischer Srache die Altertümer von Tarsus, Anazarbus, Berytus, Nikaia u.a. beschrieben. Der Verlust von guter Dichtung ist leichter zu ersetzen als der von authentischer Geschichtsschreibung. , erhob sich über die Köpfe seiner schlaffen Zeitgenossen und reihte sich nach etwa dreihundert Jahren unter die klassischen Dichter des antiken Rom Strada (Prolusiones 5 und 6) stellt ihn gleichberechtigt neben die fünf epischen Dichter Lucretius, Vergil, Ovid, Lucan und Statius. Sein Förderer ist der angesehene Höfling Balthasar Castiglione. Zahlreich und leidenschaftlich sind seine ungezählten Bewunderer. Indessen tadelt die strenge Kritik die exotischen Gewächse oder Blumen, die hier auf lateinischem Boden etwas zu üppig sprießen. XXXI ALARICH IN ITALIEN · VERHALTEN DES RÖMISCHEN SENATES UND VOLKES · ROM DREIMAL VON DEN GOTEN BELAGERT UND EROBERT · ALARICHS TOD · GOTEN RÄUMEN ITALIEN · CONSTANTINS ENDE · GALLIEN UND SPANIEN · VON DEN BARBAREN EROBERT · BRITANNIEN FREI   SCHWÄCHE DER REGIERUNG IN RAVENNA Zuweilen erweckt die Unfähigkeit einer schwachen und überforderten Regierung den Anschein des verräterischen Einverständnisses mit dem Staatsfeind, zumindest aber hat sie diese Wirkung. Wäre der Gote Alarich Mitglied des Hofrates zu Ravenna gewesen, hätte er vermutlich genau die Maß-nahmen anempfohlen, zu denen die Minister des Honorius sich dann in der Tat verstanden Nur bei Zosimos (5,35-37) findet man alle Ereignisse verzeichnet, die zwischen dem Tode Stilichos und Alarichs Erscheinen vor den Mauern Roms stattfanden. . Der Gotenkönig hätte – vielleicht mit einigem Widerstreben – den Plan ausgeheckt, den grässlichen Stilicho zu zermalmen, dessen Waffen ihn in Italien und Griechenland bereits zweimal besiegt hatten. Auch sie, die Minister, widmeten Stilicho ihren bittersten Hass und sannen beständig auf seine Ächtung und seinen Untergang. Die Tapferkeit des Sarus, sein Waffenruhm und sein persönlicher oder erblicher Einfluss auf die verbündeten Barbaren konnten allein ihn den Verbündeten ihres Landes empfehlen, die die charakterlosen Turpilio, Varanes oder Vigilantius verabscheuten. Auf dringende Fürsprache der neuen Favoriten waren diese Generäle, die sich nicht einmal den Namen Soldat verdient hatten Zosimos' Wortwahl ist hier stark und lebhaft: κατα φρόνησιν ἐμποιῆσαι τοῖς πολεμίοις ἀρκοῦντας (...ausreichend, die Verachtung des Feindes hervorzurufen). , an die Spitze der Kavallerie, der Infanterie und der grenzfernen Truppen befördert worden. Auch hätte der Gotenkönig freudevoll den Erlass unterzeichnet, welchen Olympius' Fanatismus dem schwachen und unselbständigen Kaiser abgeschmeichelt hatte. Honorius schloss alle diejenigen von Staatsämtern aus, welche der katholischen Kirche in irgend einer Weise kritisch gegenüber standen; ließ keine Dienste von denen zu, die seinen Glauben nicht teilten; und entließ hastig die besten und tapfersten seiner Offiziere, wenn sie dem Heidentum anhingen oder vom Ungeist den Arianismus in sich aufgesogen hatten »Eos qui catholicae sectae sunt inimici, intra palatium militare prohibemus. Nullus nobis sit aliqua ratione conjunctus, qui a nobis fide et religione discordat.« (Wer der katholischen Sekte Feind ist, wird von uns im Palast vom Heeresdienst ferngehalten. Niemand von uns sei jemandem aus irgendeinem Grunde verbunden, der uns in Glaube und Religion ferne steht.) Codex Theodosianus, 16,5,42 und Gothofreds Kommentar, Band 6, p. 164. Diese Gesetze wurde sehr weit ausgelegt und streng gehandhabt. Zosimos 5,46. . Diese jedem Feinde so vorteilhaften Maßnahmen hätte Alarich gewiss gebilligt, vielleicht sogar vorgeschlagen; aber es darf wohl bezweifelt werden, ob der Barbar seine Interessen mit einer derart erbarmungslosen und unmenschlichen Grausamkeit verfolgt hätte, wie dieses auf Anweisung oder doch wenigstens mit Billigung der kaiserlichen Minister dann tatsächlich geschah. Die ausländischen Hilfstruppen, die Stilicho anhingen, beklagten seinen Tod; aber ihr Wunsch nach Rache wurde durch die naturgegebene Sorge für die Sicherheit ihrer Weiber und Kinder unterdrückt; denn diese wurden in Italiens befestigten Städten als Geiseln gehalten, wo sie gleichsam als ihre wertvollsten Güter verwahrt wurden. Zu gleicher Stunde und wie auf Verabredung wurden die Städte Italiens durch vergleichbare Horrorszenarien von Mord und Raub heimgesucht, welche das Eigentum der Barbaren und ihre Familien unterschiedslos heimsuchten. Aufgebracht durch soviel Grausamkeit, die noch den friedfertigsten und servilsten Geist erregt hätte, blickten sie mit einer Mischung aus Empörung und Hoffnung auf Alarich und schworen, allen einen Sinnes, mit einem gerechten und unerbittlichen Feldzug die treulose Nation zu bekriegen, welche die Gesetze der Gastfreundschaft so schnöde verletzt hatte. Durch die kriminelle Dummheit der Minister des Honorius hatte der Staat die Unterstützung von dreißigtausend seiner tapfersten Soldaten verloren und sich dafür deren Feindschaft eingehandelt; und allein diese mächtige Armee, die den Krieg noch hätte unter Kontrolle halten können, trat geschlossen von den römischen Fahnen zu den gotischen über.   ALARICH MARSCHIERT AUF ROM · A.D. 408 In der Kunst der Diplomatie und des Krieges bewährte der König der Goten seine Überlegenheit über einem Feind, dessen unschlüssiges Verhalten durch das völlige Fehlen geeigneter Ratgeber und handfester Entwürfe verursacht war. Von seinem Lager an Italiens Grenze aus beobachtete er aufmerksam die Hofkabalen, die Zunahme der Faktionsbildungen und der Unzufriedenheit, vermied feindliches Auftreten und gab sich statt dessen den populären Anschein eines Freundes und Alliierten des großen Stilicho; dessen Tugenden, nun sie ihm nicht länger furchtbar waren, er aus aufrichtigem Herzen Lob und deren Verlust er sein Bedauern widmen mochte. Die dringlichen Aufforderungen der Übelgesinnten, die den Gotenkönig ermunterten, Italien zu überfallen, wurde zusätzlich durch das lebendige Bewusstsein persönlich erlittenen Unrechtes belebt; und so mochte er sich lauthals darüber beklagen, dass die kaiserlichen Räte immer noch die Zahlung von viertausend Pfund Gold verweigerten und verzögerten, die ihm Roms Senat als Belohnung für geleistete Dienste oder zur Beschwichtigung seines Grimmes zugesichert hatte. Seine Entschlossenheit wurde durch erkünstelte Sprödigkeit in ihrer Wirkung verstärkt und trug so zum Erfolg seiner Pläne bei. Er verlangte eine angemessene und vertretbare Entschädigung; aber er versicherte mit Nachdruck, dass er sich nach ihrem Erhalt unverzüglich zurückziehen werde. Allerdings misstraute er römischer Treue solange, bis ihm mit Aetius und Jason, den Söhnen von zwei hochangesehenen Staatsbeamten, zwei Geiseln gestellt worden waren; im Gegenzug bot er dann einige gotische Jünglinge von Adel an. Alarichs Mäßigung wurde von den Ministern aus Ravenna als zuverlässiges Zeichen seiner Schwäche und Furcht aufgefasst. Sie hielten sich der Aufgabe für überhoben, weiter zu verhandeln oder anstelle dessen ein Heer aufzustellen; und mit blinder Zuversicht, die ihrer völligen Unkenntnis der drohenden Gefahr entsprang, verschliefen sie unwiederbringlich den entscheidenden Augenblick, der über Frieden und Krieg entschied. Während sie mit borniertem Schweigen darauf warteten, dass die Barbaren sich von Italiens Grenzen zurückziehen würden, überquerte Alarich in kühnen Eilmärschen die Alpen, den Po; verwüstete im Vorübergehen Aquileia, Altinum, Concordia und Cremona, die sich seinen Waffen ergaben; vergrößerte seine Streitmacht durch die Übernahme jener dreißigtausend Mann Hilfstruppen; und drang, ohne einen einzigen Feind zu Gesicht bekommen zu haben, bis an die Grenzen jener Sümpfe vor, die die Residenz des Westkaisers uneinnehmbar machten. Anstelle sich jetzt an die aussichtslose Belagerung von Ravenna zu machen, marschierte der Heerkönig der Goten klugbedacht nach Rimini, verheerte die Adriaküste und ging mit Plänen um, die alte Herrin der Welt zu besiegen. Ein italischer Einsiedler, dessen Glaubensstärke und Heiligkeit selbst die Barbaren bewunderten, stellte sich seinem Siegeslauf in den Weg, und kühnlich rief er des Himmels Ungnade auf den Bedrücker der Welt herab; aber selbst dieser Heilige ward gebändigt durch Alarichs entschiedene Versicherung, dass er einen unbekannten und übernatürlichen Drang verspüre, der seine Schritte nach Rom lenke, ja, dränge. Er spürte, dass sein Genie und sein Glück dem kühnsten Unternehmungen gewachsen seien; und die Begeisterung, die unmerklich von ihm auf die Goten überging, beseitigte die verbreitete und nachgerade alberne Verehrung, die sein Volk vor der Größe von Roms Namen empfand. Seine Truppen, befeuert durch die Aussicht auf Beute, besetzten die unbewachten Apennin-Pässe Addison (Works, Band 2, p. 54, ed. Baskerville) hat uns eine sehr malerische Schilderung der Straße durch den Apennin geschenkt. Die Goten hatten zwar keine Muße, sich der schönen Aussicht zu freuen, bemerkten aber mit Lust, dass die Saxa intercisa, eine enge Felspassage aus Vespasians Zeiten, völlig vernachlässigt worden war. und gelangten in die fruchtbare Ebene Umbriens; und als sie am Ufer des Clitumnus lagerten, schlachteten und verzehrten sie nach Belieben die schneeweißen Ochsen, die man schon seit langem für den Gebrauch bei römischen Triumphzügen aufgespart hatte »Hinc albi, Clitumne, Greges, et maxima taurus Victima saepe, tuo perfusi flumine sacro, Romanos ad templa Deum duxere triumphos.« Vergil, Georgica 2,147. (Herden von hier, schneeweiß, und der Stier, o Clitumnus, der Opfer/Größestes, oft in deinem geheiligten Strome gebadet,/Führeten Roms Triumphe hinauf zu der Himmlischen Tempeln. Übs. J.H. Voss.) Neben Vergil haben die meisten lateinischen Dichter – Properz, Lukan, Silius Italicus, Claudian u.a. – die Triumphopfer von Clitumnus besungen; die Textstellen sind bei Cluverius und Addison zu finden. . Die kleine Stadt Narbi rettete nur ihre exponierte Lage und ein rechtzeitiger Sturm mit Blitz und Donner; der Gotenkönig, die geringe Beute verschmähend, zog mit unermüdeter Stärke voran und schlug endlich sein Lager vor den Mauern Roms auf Einiges in unserer Darstellung von Alarichs Marsch auf Rom ist der Schilderung des Claudian von Honorius' Reise auf der gleichen Strecke entlehnt (De VI consulatu Honorii 494-522). Die Entfernung zwischen Ravenna und Rom beträgt 254 Römische Meilen. Wesseling, Itineraria p. 126. .   HANNIBAL VOR DEN TOREN ROMS Sechshundertundneunzehn Jahre lang war das Zentrum des Römischen Reiches von keinem ausländischen Feinde behelligt worden. Der erfolglose Feldzug Hannibals Der Marsch und der Rückzug Hannibals werden geschildert bei Livius 26, 7-11; und der Leser wird hier zu Zuschauer des Interessanten Geschehens gemacht. diente lediglich dazu, die Stärke des Senates und des Volkes zu demonstrieren; eines Senates, der durch den Vergleich mit einer Versammlung von Königen eher noch herabgesetzt als geadelt wurde; und eines Volkes, dem der Gesandte des Pyrrhus die unerschöpflichen Kräfte der Hydra zuschrieb Diesen Vergleich benutzte Kineas, der Ratgeber des Pyrrhus nach der Rückkehr von seiner Gesandtschaftsreise, auf der er die Disziplin und das Verhalten der Römer mit Genauigkeit hatte studieren können. . Jeder Senator aus den Zeiten des Punischen Krieges hatte in niederem oder gehobenem militärischen Rang Dienst getan; und das Gesetz, welches alle diejenigen mit einer zeitlich begrenzten militärischen Kommandogewalt ausstattete, welche vormals Konsul, Zensor oder Diktator gewesen waren, sicherte dem Staat den ununterbrochenen Dienst vieler tapferer und erfahrener Generäle. Zu Beginn des Krieges verfügte der Staat über zweihundertundfünfzigtausend Männer im wehrfähigen Alter In den drei Volkszählungen ( census ) des Römischen Volkes zur Zeit des Zweiten Punischen Krieges schwankten die Zahlen wie folgt (Livius, Epitome 20 und Historiae 27, 36 und 29, 37): 270.213, 137.108, 214000. Das Sinken der zweiten und der Anstieg der dritten Zahl sind so gewaltig, dass einige Gelehrte trotz der Übereinstimmung in den Handschriften Fehler in der Überlieferung des Livius vermuten. (Siehe Drakenbroch ad 27,36 und Beaufort, Republique Romaine, Band1, p.325). Sie haben jedoch unbeachtet gelassen, dass die zweite Zählung nur in Rom stattfand und dass die Zahl nicht nur durch den Tod, sondern auch die Abwesenheit zahlreicher Soldaten vermindert war. Im dritten census, so versichert uns Livius ausdrücklich, wurden die Legionen durch eigens eingesetzte Komissare zur Musterung gesammelt. Von den Zahlenangaben müssen wir immer einen Teil wehrunfähiger abziehen. Siehe Mssance, Population de la France, p. 72. . Fünfzigtausend waren bei der Verteidigung ihres Landes bereits gefallen; und die dreiundzwanzig Legionen, welche in den verschiedenen Lagern in Italien, Griechenland, Sardinien, Sizilien und Spanien lagen, erforderten einhunderttausend Mann. Aber eine gleich große Anzahl war in Rom und in der Umgebung geblieben, beseelt von dem gleichen unerschütterten Mut: jeder Bürger war von frühester Jugend in soldatischer Disziplin und Kampftechnik geübt. Hannibal war überrascht durch die Standhaftigkeit des Senates, der (nach der Katastrophe von Cannae, A.d.Ü.) sein Herannahen abwartete, ohne die Belagerung von Capua aufzuheben oder die verstreuten Truppen zu sammeln. Drei Meilen von Rom entfernt bezog er sein Lager am Ufer des Anio; und schon bald musste er erfahren, dass der Boden, auf dem sein Zelt stand, in einer öffentlichen Versteigerung zu einem angemessenen Preis verkauft worden war und dass ferner ein Truppenkontingent zur Verstärkung der spanischen Legionen abgerückt war Livius meint, dass dieses Zusammentreffen zweier Ereignisse nur dem Zufall und dem Mute zu verdanken sei. Ich vermute, dass sie beide die Frucht einer bewundernswerten Senatspolitik waren. . Er brachte seine Afrikaner vor die Tore Roms, wo er drei Armeen in Schlachtordnung zu seinem Empfang vorfand; aber Hannibal fürchtete den Ausgang eines Kampfes, der nicht vor dem Tode des letzten Feindes für ihn beendet war; und sein hastiger Rückzug festigte den unüberwindlichen Mut der Römer.   GENEALOGIE DER SENATOREN Seit der Zeit des Punischen Krieges hat eine ununterbrochene Reihe von Senatoren das Ansehen und das Bild der Republik bestimmt; und noch die verkommenen Untertanen des Honorius leiteten ihre Abstammung von jenen Helden her, die Hannibal zurückgeworfen und die Völker der Erde geknechtet hatten. Die weltlichen Ehren, welche die demütige Paula Hieronymus verleiht ihr so tönende Titel wie »Gracchorum stirps« (Spross der Gracchen), »soboles Scipionum« (Nachfahrin der Scipionen), »Pauli haeres, cuius vocabulum trahit, Martiae Papyriae Matris Africani vera germana propago.« (Erbin des Paulus, dessen Name sich ableitet von Martia Papyria, dem wahren leibliche Spross einer afrikanischen Mutter.) Diese besondere Umschreibung setzt einen handfesteren Titel voraus als nur den Familiennamen Iulius, welchen Toxotius mit tausenden Familien des Westens gemein hatte. Siehe den Index zu Tacitus und zu Gruters Inscriptiones u.a. ererbt und für sich abgelehnt hatte, zeichnet Hieronymus, ihr Biograph und Lenker ihres Gewissens, mit aller Genauigkeit auf. Die Familie ihres Vaters Rogatus, der so hoch stieg wie Agamemnon, scheint auf griechische Herkunft zu verweisen; ihre Mutter Blaesilla indessen rechnete die Scipionen, Aemilius Paulus und die Grachhen unter ihre Ahnherren; und Toxotius, Paulas Gatte, stammte in direkter Linie von Aeneas ab, dem Stammvater des julischen Hauses. Der Eitelkeit des Reichen, der nach Adel verlangte, war durch diese Luftschlösser Genüge getan. Ermutigt vom Beifall ihrer Parasiten, konnten sie außerdem leicht die populäre Einfalt ausnutzen und wurden zusätzlich begünstigt, indem sie den Namen ihres Patrons annahmen, was unter den Freigelassenen und dem Klientel der vornehmen Familien üblich war. Viele dieser Familien jedoch starben im Laufe der Zeit aus, sei es infolge äußerer Gewalt oder eines inneren Niederganges; eine Geschlechterfolge von zwanzig Generationen sollte man daher klüglich in den Alpen zu finden versuchen oder in der friedlichen Einsamkeit Apuliens und nicht auf Roms Theater, der Heimat des Geldes, der Gefahr und der beständigen Umwälzungen. Unter jeder einzelnen Regierung und aus allen Provinzen kamen Scharen hartgesottener Glücksritter nach Rom, wo sie aufgrund ihrer Talente oder Laster zu Ansehen gelangten und Reichtum, um Ehre und Stadtpaläste zu erwerben; und wo sie die verarmten und heruntergekommenen Nachfahren von konsularischen Familien drangsalierten, die möglicherweise vom großen Ruhme ihrer Vorfahren gar nichts wussten Tacitus (Annalen 3, 55) versichert uns, dass zwischen der Schlacht von Actium und der Herrschaft Vespasians sich der Senat mit neuen Familien aus den Municipien und italischen Kolonen füllte. .   DAS GESCHLECHT DER ANICIER In der Zeit des Hieronymus und Claudian hatte unter der Senatorenfamilien das Geschlecht der Anicier unbestrittenen Vorrang; schon ein oberflächlicher Blick auf ihre Familiengeschichte kann hilfreich sein, die Geltung und die Geschichte auch derjenigen Adelsfamilien richtig einzuschätzen, welche sich mit einem Platz in der zweiten Reihe begnügen mussten »Nec quisquam Procerum tentet (licet aere vetusto/Floreat, et claro cingatur Roma senatu)/ Se jactare parem; sed prima sede relicta/›Aucheniis‹, de jure licet certare secundo.« (Und niemand – trotz des alten Erzschmuckes und des berühmten Senats, Roms Zierde – versucht sich ihm gleichzustellen; sondern es gebührte den Aucheniern der erste Platz und erlaubt warnur noch Streit um die Rangfolge.) Claudian, In Probini et Olybrii consulatum 18-21. Dieses Kompliment an die Adresse der ganz unbekannten Auchinier hat die Gelehrten in Erstaunen versetzt; aber alle sind sich einig, dass unabhängig von der richtigen Lesart nur die Anicier gemeint sein können. . In den ersten fünf Jahrhunderten Roms war der Name der Anicier unbekannt; es scheint, dass sie aus Praeneste (Palestrina) stammen; und mit dem Erreichen des plebeiischen Amtes des Volkstribunen erschöpfte sich der Ehrgeiz dieser Neubürger auf lange Zeit Die früheste Erwähnung in den Annalen des Pighius erfährt M.Anicius Gallus, Volkstribun a.u.c. 506. Ein anderer Tribun aus dem Jahre 508, Q. Anicius, trägt den Beinamen Praenestinus. Livius zählt die Anicier zu Roms großen Familien. . Einhundertundachtundsechzig Jahre vor der christlichen Ära erlangte die Familie neuen Ruhm durch das Prätorenamt des Anicius, welcher den illyrischen Krieg siegreich beendete, das Land unterwarf und den König gefangen setzte Livius 44,30f; 45,3; 45,26 und 45,43 kommt zu einer gerechten Einschätzung der Verdienste des Anicius und merkt zu Recht an, dass sein Ruhm aus dem illyrischen Krieg im Schatten des vorangegangenen makedonischen Krieges stand. . Nach dem Triumph dieses Generals setzen in späterer Zeit noch drei Konsulate der Anicier Meilensteine der Familiengeschichte Die Jahre dieser drei Konsulate sind a.u.c. 593, 818, 967; die beiden letztgenannten waren unter Nero und Caracalla. Der zweite dieser Konsuln zeichnete sich vor allem als elender Speichellecker aus (Tacitus, Annales 15,74), aber noch selbst offenkundige Verbrechen, wenn sie denn nur den Anschein von Größe und Würde tragen, werden ohne Widerstreben herangezogen, um die Würde eines Adelshauses zu bezeugen. . Von der Regierungszeit des Diokletian bis zum endgültigen Untergang des Westreiches lag auf diesen Namen ein Glanz, der in der öffentlichen Wahrnehmung selbst durch den kaiserlichen Purpur nicht verdunkelt wurde Noch im VI. Jhdt wird der Name der Anicier von einem italischen Gotenkönig mit allem Respekt erwähnt. (Cassiodor, Epistulae 10,12, Variae 10) . Ihre verschiedenen Seitenlinien, in denen sie mit den Häusern der Annier, Petronier und Olybrier durch Hochzeit oder Erbschaft verbunden waren, wurden durch deren Reichtum und Titel breichert; und so mehrte sich auf dem Wege der Erbanspruches in jeder Generation die Zahl der Konsulate sed fixus in omnes/ cognatos procedit honos. quemcumque require/ hac de stirpe virum: certum est de consule nasci. / per fasces numerantur avi semperque renata / nobilitate virent, et prolem fata sequuntur (...Ehre wuchs und folgte allen Verwandten; wen immer aus diesem Geschlechte du aufsuchst, ist er gewiss eines Konsuls Sohn; Ahnen werden nach fasces gezählt, das Ansehen des Adels erneut sich beständig und nach dem Gesetz folgt der Nachfahre.) Die Annii, deren Name wohl in dem der Anicier aufgegangen ist, erscheinen von der Zeit des Vespasian bis zum IV. Jhdt. mit vielen Konsulaten in den Jahrbüchern. . Die Anicier waren durch Reichtum und Glauben ausgezeichnet; als erste von allen römischen Senatorenfamilien bekannten sie das Christentum; und einiges spricht dafür, dass Anicius Iulianus, welcher später Konsul und Stadtpräfekt wurde, seine Parteinahme für Maxentius dadurch abbüßte, dass er sich in Eile der Religion des Constantin anschloss Der Titel der ersten christlichen Senatorenfamilie kann durch das Zeugnis des Prudentius (In Symmachum 1,553) bekräftigt werden sowie durch die Abneigung der Heiden für die Anicier. Siehe Tillemont, Histoire des empereurs, Band 4, p. 183 und Band 5, p. 44. Baronius, Annales Ecclesiastici, A.D. 312, Nr. 78 und A.D. 322, Nr. 2. . Ihre umfänglichen Ländereien wurden durch den umtriebigen Probus, das Oberhaupt der Anicier, wesentlich erweitert, welcher mit Gratian Konsulatsehren teilte und viermal das hohe Amt des Prätorianerpräfekten innehatte »Probus ... claritudine generis et potentia et opum amplitudine cognitus Orbi Romano, per quem universum poene patrimonia sparsa possedit, juste an secus non judicioli est nostri.« (Probus,...bekannt im ganzen Reiche wegen seiner achtbaren Herkunft, seiner Macht und seines Reichtums, hatte überallhin verstreute, ansehnliche Besitzungen, wobei wir über deren Rechtmäßigkeit nicht zu Gericht sitzen wollen). Ammianus Marcellinus 27,11. Seine Kinder und seine Witwe errrichteten im Vatikan für ihn ein prächtiges Grabmal, das unter Papst Nikolaus V eingerissen wurde, um Platz zu schaffen für die neue Peterskirche. Baronius beklagte diese Zerstörung eines christlichen Baudenkmals, hat aber die Inschriften und Basreliefs sorgsam bewahrt. Siehe Annales ecclesiastici, A.D. 395, Nr 5-7. . Sein immenser Grundbesitz lag über die ganze römische Welt verstreut; und wenn auch die öffentliche Meinung die Methoden ihres Erwerbes missbilligen oder beargwöhnen mochte, so nötigten doch die Freigebigkeit und der Prachtaufwand jenes schwerreichen Staatsmannes seiner Klientel Dankbarkeit und allen Fremden Bewunderung ab Zwei persische Satrapen kamen eigens nach Mailand, um St. Ambrosius zu hören und Probus zu sehen. Claudian (In Probini et Olybrii consulatum 30-60) ringt vergebens um Worte, den Ruhm des Probus angemessen darzustellen. . So sehr war man um seinen Nachruhm besorgt, dass die beiden Söhne des Probus auf Drängen des Senates bereits in frühester Jugend gemeinsam mit der Konsulwürde ausgestattet wurden: eine denkwürdige Auszeichnung, die in den Annalen Roms unerhört ist Siehe das Gedicht, das Claudian den beiden edlen Jünglingen widmet. .   DER REICHTUM VON ROMS ADEL »Der Marmor des Anicier-Palastes« war eine sprichwörtliche Redensart, wenn man »Glanz und Reichtum« meinte Secundinus der Manichäer, bei Baronius, Annales ecclesiastici A.D. 390, Nr 34. ; aber der Adel und die Senatoren Roms trachteten in gehöriger Abstufung danach, mit dieser berühmten Familie zu wetteifern. Die präzise Beschreibung Roms aus der Zeit des Theodosius zählt eintausendsiebenhundertundachtzig Häuser, die Stadtresidenzen reicher und ehrbarer Bürger Nardi, Roma antica, p. 89, 498 und 500. . Viele dieser Prachtgebäude lassen uns die dichterische Übertreibung verstehen: dass Rom eine Vielzahl von Palästen enthielt und dass jeder Palast für sich eine eigene Stadt darstellte; denn jede stellte in ihrem Weichbild alles bereit, was dem normalen Nutzen oder dem Luxus dienlich war: Märkte, Pferderennbahnen, Tempel, Quellen, Bäder, Porticos, schattige Haine und Vogelhäuser »Quid loquar inclusas inter laquearia silvas? Vernula qua vario carmine ludit avis?« (Was erzähle ich über getäfelte Wälder? Vögel, die hier geboren sind, sollen sie besingen). Claudius Rutililius Numatianus, Itinerarium 1,111f. Der Dichter lebte zur Zeit der Goteninvasion. Ein bescheidener Palast könnte auf Cincinnatus' Vier-Morgen-Landgut Platz gefunden haben (Valerius Maximus 4,4). »In laxitatem ruris excurrunt.« (In der Ferne zerlaufen sich die Landgüter) sagt Seneca, Epistulae 114. Siehe die einsichtsvolle Anmerkung von Herrn Hume, Essays, Band 1, p. 562, letzte Oktav-Ausgabe. . Der Geschichtsschreiber Olympiodoros, der Rom während der Belagerung durch die Goten schildert Diese bemerkenswerte Beschreibung Roms unter der Regentschaft des Honorius findet sich in einem Fragment des Historikers Olympiodoros, bei Photios, p. 197. , fährt mit der Beobachtung fort, dass viele Senatoren aus ihren Ländereien ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund Gold bezogen, was etwa einhundertundsechzigtausend Pfund Sterling entspricht. Wobei der erforderliche Vorrat von Wein und Getreide nicht einberechnet ist, welcher, hätte man ihn verkauft, noch einmal ein Drittel der Einkünfte erbracht hätte. Gemessen an diesen unermesslichen Reichtum war die übliche Steuer von tausend oder auch fünfzehnhundert Pfund Gold nicht mehr als angemessen, verglichen mit ihren Verpflichtungen, welche zahlreiche Ausgaben für Vorhaben repräsentativer oder auch nützlicher Art verlangte. Viele Beispiele hierfür sind aus der Zeit der Honorius überliefert, von Adligen der eitlen oder volkstümlichen Sorte, die das Jahr, in welchem sie das Prätorenamt ausübten, durch eine Feier erhöhten, die sieben Tage dauerte und einhunderttausend Pfund Sterling verschlang Die Söhne von Alypius, Symmachus und Maximus verschleuderten während ihres jeweiligen Prätorenamtes zwölf, zwanzig bzw. vierzig centenarien (einhundert Pfund) Gold. Siehe Olympiodoros, bei Photios, p. 197. Diese volkstümliche Schätzung gestattet einige Auslegung; indessen fällt es schwer, ein Gesetz aus dem codex Theodosianus (6,6,5) zu erklären, welches die Ausgaben der ersten Prätors auf 25000, des zweiten auf 20000 und des dritten auf 15000 folles festlegt. Der Begriff follis (vgl. Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 28, 1761, p. 727) wurde in gleicher Weise verwandt für einen Beutel mit 125 Silberstücken und ebenso für eine kleine Kupfermünze mit dem Wert von 1/2625 dieses Beutels. Im erstgenannten Sinne würden die 25.000 folles 150.000, im letzteren fünf oder sechs Pfund Sterling entsprechen. Das eine scheint ziemlich ausschweifend, das andere lächerlich gering. Es muss daher noch einen dritten, vermittelnden Wert gegeben haben: Zweideutigkeit ist in der Sprache der Gesetzte ein unverzeihlicher Fehler. . Der Grundbesitz der römischen Senatoren, der den des neuzeitlichen Reichtums so gewaltig übertrifft, war nicht nur auf Italien beschränkt. Ihre Besitztümer erstreckten sich weit über das Ionische und Ägäische Meer bis in die entlegensten Provinzen; die Stadt Nicopolis, die Augustus zur Verewigung seines Sieges bei Actium gestiftet hatte, war Eigentum der frommen Paula »Nicopolis...in Actiaco littore sita possessionis vestrae nunc pars vel maxima est.« (Nicopolis...an der Aktiatischen Küste ist nun ein Teil eurer Besitzungen, am Ende der größte). Hieronymus, Vorrede zum Kommentar der Epistula ad Titum. Opera, Band 9, p. 243. Herr Tillemont nimmt an – seltsam, seltsam! – dass sie ein Teil von Agamemnons Erbe war. ; und Seneca stellt fest, dass Flüsse, die dereinst feindliche Völker getrennt hatten, nunmehr durch das Land von römischen Bürgern flossen Seine Sprache ist allerdings von der rhetorischen Sorte; aber auch Rhetorik kann die Habgier und den Reichtum der Römer nicht übertrieben genug darstellen. Selbst auf den Philosophen fällt ein Teil des Tadels zurück; wenn es denn stimmt, dass seine rücksichtslose Eintreibung der Quadragentien (immerhin mehr als dreihunderttausend Pfund), die er zu hohen Zinsen ausgelegt hatte, in Britannien eine Revolte lostrat (Cassius Dio 62). Folgt man den Konjekturen des Gale, (Antonius' itinerary in Britain, p. 92), dann besaß derselbe Faustinus ein Landgut in der Nähe von Bury in Suffolk und ein zweites im Königreich von Neapel. . Je nach Gemütsverfassung und Umständen ließen die Römer ihre Ländereien durch Sklaven kultivieren oder verpachteten sie gegen einen feststehenden Zins an Bauern. Die Verfasser landwirtschaftlicher Ratgeber empfahlen dringend die erstgenannte Methode, wann immer sie sich praktizieren ließ; wenn jedoch die Latifundie sich wegen ihrer Größe oder Entfernung von Rom der unmittelbaren Überwachung entzog, dann zog man die Hilfeleistung eines Erbpächters vor, der dem Boden verhaftet und an der Produktion interessiert war und verzichtete auf die Dienste eines gemieteten, gleichgültigen und vielleicht sogar untreuen Verwalters Volusius, ein wohlhabender Senator (Tacitus, Annales 3,30), zog stets Bauern vor, die am Ort zur Welt gekommen waren. Columella (De re rustica 1,17), der diesen Rat von ihm übernommen hatte, lässt sich über diesen Punkt mit großer Urteilskraft aus. .   LEBENSFÜHRUNG UND UNTERHALTUNG Der Adlige einer gewaltigen Metropole, der niemals nach kriegerischem Ruhm gestrebt und nur selten ein öffentliches Amt bekleidet hatte, widmete seine Mußestunden naturgemäß den Lustbarkeiten des Privatlebens. In Rom selbst war Handel stets verächtlich; aber von Beginn an vermehrten die Senatoren ihre Landgüter sowie ihre Klientel, letztere durch die einträgliche Praxis des Geldverleihs; und für die außer Gebrauch gekommenen Gesetze hatte man nur Spott übrig oder verletzte sie, durch Neigung und beiderseitiges Interesse geeint Valesius (zu Ammianus 14,6) hat aus den Schriften des Johannes Chrysostomos und Augustinus nachgewiesen, dass es Senatoren verboten war, Geld gegen Wucherzinsen zu verleihen. Im Codex Theodosianus allerdings lässt sich lesen (siehe Gothofredus zu 2,33 im Band 1, p. 230-289), dass sie sechs Prozent nehmen durften, die Hälfte des gesetzlich zulässigen; und, was noch merkwürdiger war, diese Erlaubnis galt nur für junge Senatoren. . Es muss beachtliche Mengen an Edelmetall im Rom gegeben haben, sei es Form von Kurrentmünzen oder als Gold- und Silberpokale; und es gab in Plinius' Zeiten ungezählte Regale, in denen sich mehr massives Silber befand, als Scipio dereinst aus dem geplünderten Karthago Plinius (Naturalis Historia 33,50) berechnet das Silber auf 4.380 Pfund, was Livius (30,45) allerdings zu 100.023 vergrößert; die erstgenannte Menge scheint für eine Großstadt etwas karg bemessen, die letztgenannte für eine private Truhe denn doch zu üppig. nach Hause geschleppt hatte. Die Mehrheit des Adels, der sein Vermögen für hemmungslosen Luxus verschleuderte, befand sich gleichwohl inmitten seines Reichtums in armseliger Verfassung und war gelangweilt trotz beständiger Verschwendung. Ihre Wünsche wurden immer und immer wieder durch tausend helfende Hände erfüllt; durch den zahlreichen Tross ihrer Haussklaven, die vor allem durch Angst vor Strafe auf Trab gehalten wurden; und durch die verschiedenen Kunsthandwerker und Kaufleute, welche die Aussicht auf Gewinn noch stärker beflügelte. Die Alten ermangelten vieler Bequemlichkeiten des täglichen Lebens, welche der fortschreitende Gewerbefleiß erfunden oder verbessert hatte; und die Massenherstellung von Fensterglas und Leinengewändern haben Europas modernen Nationen zu mehr Komfort verholfen, als die Senatoren Roms aus allem raffinierten Pomp und Sinnenkitzel ziehen konnten Der gelehrte Arbuthnot (Tables of ancient coins, p. 153) hat humorvoll und m.E. auch wahrheitsgemäß angemerkt, dass Augustus weder Glas für seine Fenster noch ein Hemd auf dem Leibe besaß. Erst in späterer Kaiserzeit wurde der Gebrauch von Leinen und Glas etwas allgemeiner. . Ihr Luxus und ihre Lebensführung waren Gegenstand detailfreudiger und mühsamer Forschung; da mich derlei Untersuchungen jedoch zu stark von meinem eigentlichen Gegenstande ablenken würden, möchte ich statt dessen eine authentische Beschreibung von Rom und seinen Bürgern vorlegen, welche besonders gut auf die Zeit der Goteninvasion passt; Ammianus Marcellinus, der klugbedacht die Hauptstadt des Reiches als denjenigen Wohnsitz gewählt hatte, der dem Geschichtsschreiber seiner Zeit am besten anstand, hat in seine Darstellung historischer Ereignisse eine lebhafte Schilderung jener Szenerie einfließen lassen, die ihm aus eigener Wissenschaft bekannt war. Der abwägende Leser wird nicht immer die Schärfe seines Urteils oder seine Ausdrucksweise teilen; vielleicht entdeckt er sogar heimliche Vorurteile oder persönliche Abneigungen, die Ammianus etwas säuerlich wirken lassen; aber ganz gewiss wird er mit seinem philosophischem Temperament ein buntscheckiges und echtes Bild von Roms Sitten und Gebräuchen in sich aufnehmen Es obliegt mir an dieser Stelle, die Freiheiten zu erklären, die ich mir gegenüber dem Text von Ammianus herausgenommen habe. 1. Ich habe das sechste Kapitel des vierzehnten und das vierte Kapitel des zwanzigsten Buches zu einem verschmolzen. 2. Ich habe die ungeordnete Masse des Stoffes zu ordnen und zu verbinden versucht; 3. einige Übertreibungen und ein paar Überflüssigkeiten des Originals habe ich weggelassen; 4. Einige Bemerkungen, die nur andeutungsweise, aber nicht ausdrücklich gemacht wurden, habe ich stärker ausgearbeitet. Mit diesen Freiheiten wird man meine Version nicht eben textgetreu, aber doch zuverlässig und genau finden. .   DARSTELLUNG DER ZUSTÄNDE ROMS DURCH AMMIANUS MARCELLINUS »Die Größe Roms« (so der Historiker) »beruhte auf einer seltenen und nahezu einmaligen Allianz von Tüchtigkeit und Glück. In den langen Jahren seine Kindheit lag Rom in beständigem und schmerzlichem Streit mit den italischen Stämmen, die der emporstrebenden Stadt benachbart und zugleich feindlich waren. In der Kraft ihrer Jugend stand Rom die Stürme des Krieges durch; trug seine siegreichen Waffen über Meere und Gebirge; und brachte Siegeslorbeeren aus nahezu jedem Land des Weltkreises nach Hause. Schließlich, in gesetztem Alter, als bereits der Schrecken seines Namens für Erfolg bürgte, suchte die Stadt die Segnungen des Friedens und der Ruhe. Die EHRWÜRDIGE STADT, die noch den wildesten Völkern den Fuß auf den Nacken gestellt und darüber hinaus ein System von Gesetzen etabliert hatte, das beständig über Freiheit und Gerechtigkeit wachte, begnügte sich nach Art verständiger und reicher Eltern damit, ihren Lieblingssöhnen, den Caesaren, die Sorge für die Verwaltung ihres großen Besitztums anzuvertrauen Claudian, der Ammians Geschichtswerk offenbar gelesen hat, redet von dieser großen Revolution deutlich unhöflicher: »Postquam iura ferox in se communia Caesar/Transtulit; et lapsi mores; desuetaque priscis/Artibus, in gremium pacis servile recessi.« (Nachdem der kühne Caesar die Gewalt über den Staat an sich gerissen hatte; als die Sitten verfallen waren; und als man von den alten Werten sich entwöhnt hatte, da zog ich mich in den Schoß des Knechts-Friedens zurück). De bello Gildonico 49. . Ein stabiler und gefestigter Frieden, wie es ihn einst unter Numa gegeben hatte, beendete die Bürgerkriege der Republik, während Rom immer noch als Königin des Erdkreises geachtet wurde und die unterworfenen Völker den Namen des römischen Volkes und die Majestät des Senates verehrten.« »Doch dieser naturgegebene Glanz wurde« (so fährt Ammianus fort) »durch die Aufführungen einiger Adliger in den Schmutz gezogen; welcher, ihrer eigenen und ihres Landes Würde uneingedenk, sich unbegrenzte Verbrechen und Torheiten erlaubten. Sie wetteiferten untereinander mit dem leeren Pomp von Titeln und Ehrennamen; und suchten oder erdachten hochfliegende und klangvolle Bezeichnungen wie etwa Reburrus, Fabunius, Pagonius oder Tarrasius Der pedantische Forschungseifer der Altertumskundler hat diese ungewöhnlichen Namen nicht bestätigen können. Ich vermute, der Historiker hat sie sich selbst ausgedacht, da er vor Satire oder persönlichen Angriffen zurückschreckte. Fest steht indessen, dass die schlichte Namensgebung der Römer sich allmählich auf vier, fünf oder sogar sieben pompöse Nachnamen aufblähte; wie zum Beispiel Marcus Maecius Memmius Furius Balburius Caecilianus Placidus. Siehe Noris, Cenotaphia Pisane, Dissertatio 4, p. 438. , welche naiven Menschen Eindruck und Respekt einzuflößen imstande sein mögen. In dem müßigen Bestreben, ihr Andenken zu verewigen, ließen sie ihr Ebenbild in Bronze oder Marmor vervielfältigen; sie warens nicht zufrieden, bevor diese Statuen nicht auch mit Goldplättchen belegt waren: eine ehrenhafte Auszeichnung, die zum ersten Male dem Konsul Acilius nach seinem Sieg über König Antiochus' Stärke gewährt wurde. Die Aufdringlichkeit, mit der sie die Zinsregister ihrer Besitzungen in allen Provinzen vom Osten nach Westen zur Schau stellten, musste den Unwillen eines jeden rechtschaffen Denkenden erregen, wenn er sich in Erinnerung rief, dass ihre kargen, aber unbesiegbaren Vorfahren sich von dem gemeinsten ihrer Soldaten eben nicht durch besondere Verpflegung oder ein prunkvolles Äußeres unterschieden.« »Aber der Adel von heute misst seinen Rang und seine Bedeutung an der Pracht ihrer Kutschen Die carrucae oder Reisewagen der Römer bestanden oft aus reinem Silber mit aufwändigen Gravuren und Zierwerk, und das Geschirr für die Maultiere oder Pferde waren mit Goldbuckeln belegt. Dieser Aufwand dauerte von Nero bis Honorius; und auf der Via Appia drängten sie die Prachtequipagen des Adels, die gekommen waren, St. Melania sechs Jahre vor der Belagerung durch die Goten bei ihrer Rückkehr nach Rom entgegen zu fahren (Seneca, Epistulae 87; Plinius, Naturalis Historia 33,49; Paulinus von Nola, bei Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 397, Nr. 5). Aber Pomp tauscht man gerne gegen Bequemlichkeit ein, und eine schlichte moderne Kutsche, die gefedert ist, ist erheblich besser als die Silberkarren des Altertums, welche direkt auf der Achse rollten und darüber hinaus noch allen Unbilden des Wetters ausgesetzt waren. und dem Aufwand ihrer Gewandung. Ihre langen Silber- und Purpurroben blähen sich im Winde; und wenn sie aus Berechnung oder Notwendigkeit in Eile sind, dann entdecken sie gelegentlich ihre Untergewänder, üppige Tuniken, bestickt mit den Bildern verschiedener Tiere In einer Predigtsammlung des Asterios, Bischofs von Amaseia, hat Herr de Valois (zu Ammianus 14,6) entdeckt, dass es sich hierbei um eine neue Mode handelte; dass Bären, Wölfe, Löwen und Tiger, Wälder und Jagdszenerien in Stickereien dargestellt wurden; und dass der frömmelnde Stutzer eine Legende oder das Bild eines Heiligen an deren Stelle setzte. . Mit einem Gefolge von fünfzig Sklaven pflügen sie das Straßenpflaster um, wobei sie dieselbe Geschwindigkeit entwickeln wie auf den Postpferden; und dieses Beispiel der Senatoren dient kühnen Matronen und Damen zum Vorbild, die in gedeckten Wagen beständig in der Stadt und in der Vorstadt herumkutschieren.«   IM BADE... »Lassen sich diese Personen von Stand dazu herbei, öffentliche Bäder aufzusuchen, verfallen sie beim Eintreten in einen lauten und unverschämten Befehlston und beanspruchen zu ihrem eigenen Nutzen die Annehmlichkeiten, die für die ganze Bevölkerung Roms bestimmt sind. Treffen sie dann in diesen Versammlungsorten für beiderlei Geschlecht einen anderen Diener der Lustbarkeit, geben sie ihre Überraschung durch zärtliche Umarmung zu erkennen; auch nehmen sie erhobenen Hauptes die Begrüßung ihrer Mitbürger entgegen, die sich keine größeren Hoffnungen machen können als ihnen allenfalls die Hand oder die Knie zu küssen; haben sie der Vergnügungen des Bades genug genossen, legen sie sich wieder ihren Ring und die anderen Abzeichen ihrer Würde an; suchen sich aus ihrer Garderobe von feinster Leinenwäsche, die für ein Dutzend Personen ausreichen würde, die Gewänder, die ihrer Augenblickslaune am besten entsprechen und verharren bis zu ihrer Abfahrt in der gleichen stolzen Haltung, die sich vielleicht der große Marcellus nach der Eroberung von Syracus mit einigem Recht hätte herausnehmen dürfen.«   ...UND AUF REISEN »Zuweilen unterziehen sich diese Heroen auch härteren Prüfungen; sie suchen ihre Landgüter in Italien auf und gönnen sich mit Assistenz ihrer Sklaven eine fröhliche Jagd Siehe Plinius, Epistulae 1,6. Drei Wildeber wurden angelockt und in den Netzen gefangen, ohne dass solches die Studien des philosophischen Sportsmannes gestört hätte. . Jederzeit, aber besonders an sonnigen Tagen lockt sie ihr Mut, auf ihren bemalten Galeeren vom Lucrinischen Die Änderung des unheilvollen Namens Avernus, wie er im Text steht, ist ohne Bedeutung. Die beiden Seen Lucrinus und Avernus standen miteinander in Verbindung und erhielten ihre Form durch den gewaltigen Damm des Agrippa in den julianischen Hafen, der durch einen kleine Einfahrt in den Golf von Puteoli führte. Vergil, der dort lebte, hat das Bauwerk während seiner Entstehung beschrieben (Georgica 2,161); und seine Kommentatoren, besonders Catrou, haben viel aus Strabo, Sueton und Dion geschöpft. Erdbeben und Vulkanausbrüche haben die Landschaft verändert und seit 1538 den Lucrinischen See in den Monte Nuovo verwandelt. Siehe Camillo Pellegrino, Discorsi della Campania felice, p. 239 und 244; Antonio San Felice, Campania p. 13 und 88. See zu ihren Landhäusern an der Küste von Puteoli und Caieta Die »regna Cumana et Puteolana; loca caetero quivalde expetenda, interpellantium autem multitudine paene fugienda.« (Das Reich von Cumae und Puteloli; sehr erstrebenswerte Orte, doch viele Interpellanten machen, dass ich sie fast vermeiden muss).Cicero ad Atticicum 14,6. zu schiffen, wobei sie diese Ausflüge mit den Feldzügen eines Alexander oder Caesar vergleichen. Sollte sich indessen eine Fliege erkühnen, sich auf die Seidenfalten ihrer golddurchwirkten Schirme zu setzen, sollte ein dreister Sonnenstrahl durch eine bis dahin nicht wahrgenommenen Ritze zu ihnen durchdringen, dann so beweinen sie diese unerträgliche Härte und beklagen sich gewählt, dass sie nicht im Lande der Kimmerer Der sprichwörtliche Ausdruck von der kimmerischen Dunkelheit ist ursprünglich Homer entlehnt (aus dem elften Gesang der Odyssee), die er in einen entlegenen und sagenhaften Landstrich an der Atlantikküste verlegt. Siehe die ›Adagia‹ des Erasmus in der Leidener Werkedition, Band 2, p. 593. geboren seien, der Region der ewigen Finsternis.« »Bei diesen Landpartien muss der ganze Haushalt den Herren begleiten Bei Seneca, Epistulae 123, können wir drei Umstände dieser Reisen erfahren:1 Voran zog leichte numidische Reiterei, die durch viel Staub das Nahen eines Großen ankündigte. 2 Die Lasttiere trugen nicht nur Vasen, sondern sogar murra, die Senecas (Opera, Band 3, p. 402-422) gelehrter französischer Übersetzer als Porzellan aus China und Japan nachgewiesen hat. 3. Die hübschen Gesichter der jungen Sklaven waren mit einer Schutzschicht belegt, um sie gegen Sonne und Frost zu schützen. . Wie Kavallerie und Infanterie, Schwer- und Leichtbewaffnete, Vor- und Nachhut durch ihre militärischen Vorgesetzten kunstgerecht postiert werden, so verteilen und ordnen die häuslichen Befehlsgeber, die als Zeichen ihrer Würde eine Gerte tragen, die Masse der Sklaven und Diener. Gepäck und Garderobe vorweg; unmittelbar danach ungezählte Köche und niederes Hausvolk, das in der Küche und bei Tische Dienst tut. Die Hauptmasse bildet eine unübersehbare Menge von Sklaven, die noch durch zufällig hinzu gestoßene arbeitsscheue oder abhängige Plebejer vergrößert wird. Die Nachhut endlich bilden allerlei Günstlinge und Eunuchen, die nach ihrem Alter angeordnet sind. Mit ihrer schieren Zahl und ihrer Missgestalt entsetzen sie jeden braven Beobachter, der sich bereit findet, das Andenken der Semiramis zu verfluchen für die von ihr erfundene grausame Kunst, die Pläne der Natur zu durchkreuzen und die Erwartungen künftiger Generationen zu foppen.«   HAUSWESEN – SPIEL »Bei der Ausübung seiner häuslichen Gerichtsbarkeit hat Roms Adel ein ausnehmend feines Gespür für persönlich erlittenes Unrecht entwickelt und zugleich eine nachgerade verächtliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Rest der Menschheit. Haben sie etwa nach warmem Wasser gerufen und war der Sklave hierbei säumig gewesen, dann erhält er unverzüglich dreihundert Peitschenhiebe: sollte genannter Sklave aber einen vorsätzlichen Mord begehen, dann wird sein Herr allenfalls eingestehen, dass er ein rechter Tunichtgut sei und er solle ganz gewiss bestraft werden, wenn dies noch einmal vorkäme.« »Gastfreundschaft war vormals eine römische Tugend; und jeder Fremde, der für sich Verdienst oder ein Missgeschick geltend machen konnte, erhielt großherzig Hilfe oder Schutz. Wird heutzutage ein durchaus unverächtlicher Fremder bei einem wohlhabenden Senator eingeführt, dann wird er allerdings bei der ersten Audienz mit so herzlichen Freudebekenntnissen und gütigen Nachfragen willkommen geheißen, dass er sich zurückzieht, schier überwältigt von der Herzensgüte seines Freundes und von Selbstvorwürfen, dass er nicht schon längst nach Rom gereist sei, diesem Mittelpunkt der guten Sitten und des Reiches. Einer günstigen Aufnahme gewiss wiederholt er am nächsten Tage seinen Besuch und stellt zu seiner Verwunderung fest, dass er, sein Name und sein Land bereits vergessen sind. Ist er so vermessen und kommt weiterhin, dann zählt er bald zu den Abhängigen und erhält die Erlaubnis, einem hochmütigem Patron auf teure und langwierige Weise die Reverenz zu erweisen, der aber für Dankbarkeit oder Freundschaft unempfänglich ist und seine Anwesenheit, seine Abreise oder seiner Rückkehr zur Kenntnis zu nehmen wenig Neigung zeigt.« »Bereitet der Reiche nun eine feierliche oder eine volkstümliche Veranstaltung vor »Distributio solemnium sportularum.« (Verteilung der üblichen Sporteln). Die sportulae oder sportellae waren kleine Körbe, in denen sich vermutlich eine Portion warmes Essen im Werte von 100 quadrantes (12 Penny und ein Halfpenny) befand, die dann in einer Halle aufgereiht und demonstrativ an eine hungrige und bedürftige Menge verteilt wurde, die an der Tür wartete. Dieser unzarte Brauch wird in Martials Epigrammen und Iuvenals Satiren sehr häufig erwähnt. Diese Essenskörbe wurden später in große Goldstücke und Silbermünzen oder -pokale umgewandelt, welche sich dann Personen selbst des höchsten Ranges gegenseitig schenkten, etwa bei Konsulaten, Hochzeiten oder anderen festlichen Gelegenheiten. ; laden sie zu einem üppigen Bankett mit ausuferndem Luxus, dann unterliegt die Wahl der richtigen Freunde einer ängstlichen Entscheidungsfindung. Der Bescheidene, der Nüchterne, der Gelehrte werden nur selten geladen; und die Nomenclatoren, die gemeinhin von eigennützigen Motiven geleitet werden, haben Befugnis, in die Einladungslisten die Namen der Niedrigsten und Verkommensten zu setzen. Aber häufig und zahlreich sind im Hause der Großen jene Parasiten, die die nützlichste aller Künste beherrschen, die Kunst der Schmeichelei; die jedem Wort und jedem Tun ihres unsterblichen Patrons den heftigsten Applaus spenden; mit Verzückung seine Marmorsäulen und vielfältigen Bodenmosaike bestaunen; und mit Nachdruck den Pomp und Luxus lobpreisen, die er als einen Teil seines persönlichen Verdienstes zu betrachten gelernt hat. Auf der Tafel der Römer findet man ungewöhnliche Vögel, Fische, das Eichhörnchen Weil ein passender englischer Namen (»Squirrel« im Original) fehlt, muss ich mich mit dem gemeinen Eichhörnchen begnügen, lateinisch glis (Haselmaus), französisch loir (Siebenschläfer); ein kleines Tier, welches die Wälder bewohnt und bei kaltem Wetter in Winterschlaf verfällt. In römischen Landhäusern verstand man sich auf die Kunst, glires zu halten und zu mästen, welcher Zweig der ländlichen Ökonomie recht profitabel war. Die heftige Nachfrage nach ihnen wurde durch das törichte Verbot der Zensoren noch gesteigert; und man berichtet, dass sie noch im heutigen Rom geschätzt und von den Colonna-Prinzen oft verschenkt werden. und betrachtet sie mit neugierigem Interesse; auf einer Waage wird ihr wahres Gewicht mit Genauigkeit bestimmt; und während die Gäste, die noch etwas Verstand besitzen, durch diese ekelhafte und sinnlose Hantierung abgestoßen werden, bestimmt man Notare, durch ein eigenhändiges Protokoll die Wahrheit dieses außergewöhnlichen Ereignisses zu bezeugen.« »Ein anderer Weg in das Haus und die Gesellschaft der Großen ist das Glücksspiel oder, wie es zierlich umschrieben wird, das Spiel (alea). Die Teilnehmer sind durch unlösbare Bande der Freundschaft oder genauer: des Komplottes geeint; überdurchschnittliche Fertigkeiten in der Ars tesseraria (einer Kombination von Würfel- und Brettspiel Dieses Spiel, besser mit dem bekannten Namen Trictrac oder Backgammon zu übersetzen, war die Lieblingsunterhaltung noch der ernsthaftesten Römer; und der alte Mucius Scaevola, der Rechtsanwalt, besaß eine hohe Reputation als sehr geschickter Spieler. Man nannte es ludus duodecim scriptorum nach den zwölf scripta , die den alveolus , das Spielbrett, gleichmäßig unterteilte. Auf diesem wurden die beiden Armeen, die Weißen und die Schwarzen, jede aus fünfzehn Mann oder calculi, gleichmäßig aufgestellt und abwechselnd nach bestimmten Regeln und entsprechend den Augen der tessarae oder Würfel gezogen. Dr. Hyde, der die Geschichte und die Spielarten dieser nerdiludium (ein persisches Wort) von Irland bis nach Japan sorgfältig erforscht hat, vergießt über diesen wichtigen Gegenstand einen Strom klassischer und orientalisches Gelehrsamkeit. ) ebnen zuverlässig den Weg zu Reichtum und Ansehen. Ein Meister dieser feinsinnigen Kunst, der an einer Tafel oder in einer Versammlung unter einem Beamten seinen Platz erhält, gibt in seiner Verärgerung eine Überraschung und Empörung zu erkennen, die vielleicht Cato empfunden haben mag, als ihm das launische Volk das Prätorenamt verweigert hatte.«   EINGESTAUBTE BIBLIOTHEKEN »Der Erwerb von Bildung ist dem Adel kein Herzensanliegen, vielmehr schrecken sie vor den Anstrengungen des Studiums zurück und achten seine Vorteile gering; die einzigen Bücher, die sie in die Hand nehmen, sind die Satiren des Iuvenal und die geschwätzige und märchenhafte Geschichte des Marius Maximus »Marius Maximus, homo omnium verbosissimus, qui et mythistoricis se voluminibus implicavit.« (MariusMaximus, von allen Menschen der wortreichste, der sich auch in ganze Bände von historischen Fabeleien vergraben hat). Vopiscus in der Historia Augusta, Firmus 1,1. Er verfasste die Kaiserbiographien von Traian bis Alexander Severus. Siehe Vossius, De historicis latinis, Buch 2, Opera, Band 4, p. 57. . Ihre Bibliotheken, die sie von ihren Vätern geerbt haben, sind wie trostlose Gräber von jedem Tageslicht abgeschnitten Diese Darstellung ist wohl satirisch überzeichnet. Die Saturnalien des Macrobius und die Briefe des Hieronymus belegen hinreichend, dass Römer des höchsten Standes und beiderlei Geschlechtes christliche Theologie und klassische Literatur studierten. . Aber kostspielige Theaterrequisiten, Flöten, riesige Leiern und Wasserorgeln werden zu ihrem Gebrauch gefertigt; und so hört man die Schönheiten der Vokal- und Instrumentalmusik allenthalben in römischen Palästen. Hier nimmt der Klang die Sinne gefangen; und die Sorge um den Körper das Denken. Es gilt als zulässig, mit dem Hinweis auf die vermutete Ansteckung mit einer harmlosen Infektionskrankheit den Besuch auch bei den besten Freunden abzusagen; und selbst die Sklaven, die man zur Nachfrage losgeschickt hat, lässt man nicht zurück kehren, bevor sie sich nicht der Zeremonie einer Reinwaschung unterzogen haben.«   HABGIER – ASTROLOGIE »Gleichwohl hilft diese eigennützige und unmännliche Delikatesse nichts gegen die schlimmere Krankheit der Habgier. Die Aussicht auf Gewinn wird einen reichen Senator bis nach Spoleto treiben, und wäre er gichtbrüchig; jedes Gefühl für Anstand und Würde muss schweigen, wenn Hoffnung auf eine Erbschaft oder ein Legat besteht; und ein reicher, kinderloser Bürger ist der mächtigste Römer. Auf die Kunst, die Unterschrift unter ein begünstigendes Testament zu erhalten und den Augenblick seines Vollzuges abzupassen, versteht man sich aufs beste; einmal geschah es sogar, dass in ein und demselben Hause, wenn auch in unterschiedlichen Zimmerfluchten, ein Mann und seine Frau in der löblichen Absicht, sich gegenseitig zu übervorteilen, beide ihre jeweiligen Anwälte einbestellt hatten, um zur gleichen Zeit ihre sich einander ausschließenden Willenserklärungen abzugeben.« »Die Notlage, die auf den ausufernden Luxus folgt, nötigt die Großen oftmals zu den erbärmlichsten Auskunftsmitteln. Wenn sie etwas borgen müssen, dann nehmen sie die Unterwürfigkeit des Sklaven aus der Komödie an; drängt man sie jedoch auf Zahlung, dann verfallen sie auf den königlich-tragischen Gestus der Enkel des Herkules. Wird die Forderung wiederholt, dann haben sie unversehens einen glaubwürdigen Sykophanten zur Hand, welcher eine Klage wegen Vergiftung oder Zauberei gegen den hartnäckigen Gläubiger vorbringen soll; welcher oft nur dann aus dem Gefängnis entlassen wird, nachdem er eine vollständige Verzichtserklärung unterschrieben hat.« »Zu diesen Lastern, welche den moralischen Charakter der Römer untergraben, kommt noch ein kindischer Aberglaube, welcher ihn den Verstand eintrübt. Sie lauschen mit vielem Zutrauen den Vorhersagen der Haruspices, welche vorgeben, aus den Eingeweiden der Opfertiere Hinweise auf künftige Größe und Wohlstand herauszulesen; und nicht wenige geben vor, dass sie weder baden, noch essen oder in der Öffentlichkeit auftreten mögen, bevor sie nicht nach den Regeln der Astrologie sorgfältig die Stellung Merkurs oder den Aspekt des Mondes befragt hätten Macrobius, ein Freund dieser römischen Adligen, sah in den Sternen die Ursache künftiger Ereignisse oder doch wenigstens Hinweise darauf. (Cicero, Somnius 1,19) . Es ist merkwürdig genug, dass man diese müßige Leichtgläubigkeit oftmals sogar unter weltlichen Skeptikern findet, welche in unfrommer Weise die Existenz himmlischer Mächte bezweifeln oder sogar bestreiten.«   BEFINDLICHKEIT DER BEVÖLKERUNG ROMS In volkreichen Städten, in denen Handel und Gewerbe blühen, bildet der mittlere Stand der Bewohner, der von seiner Hände Geschicklichkeit oder Arbeit lebt, normalerweise den produktivsten, den nützlichsten und in diesem Sinne den respektabelsten Teil der Gemeinschaft. Aber der Römische Plebs, der dieses biedere und sklavische Tun gering achtete, stand seit frühesten Zeiten unter großer Schulden- und Zinslast; während sich der Bauer genötigt sah, seine Landwirtschaft in Kriegszeiten zu vernachlässigen Die Geschichte des Livius (zumal 6,36) ist voll mit den Erpressungen des Adels und den Leiden der armen Schuldner. Die trübselige Geschichte des braven, alten Soldaten (Dionysios von Halikarnassos 6,26; Livius 2,23) muss in jenen frühen Zeiten, die man so ganz ohne Recht verklärt hat, sehr häufig vorgekommen sein. . Italien, das ursprünglich unter freien, wenn auch nicht reichen Familien aufgeteilt war, wurde unmerklich zur Beute adliger Habgier; und in der Zeit vor dem Untergang der Republik besaßen, so wird geschätzt, lediglich zweitausend Bürger Land, das ihnen Unabhängigkeit ermöglichte »Non esse in civitate duo millia hominum qui rem haberent.« (In diesem Gemeinwesen gibt es keine zweitausend Menschen, die etwas besitzen). Cicero, De Officiis, 2,21 nebst dem Kommentar des Paulus Manutius, ed. Graevius. Diese oberflächliche Berechnung wurde a.u.c. 649 angestellt mit dem Ziel – das auch das der Gracchen war, vgl Plutarch – das Elend der einfachen Leute zu beklagen und dabei möglicherweise zu übertreiben. . Solange man aber die Bevölkerung durch ihr Wahlrecht teilhaben ließ an den staatlichen Ehrenstellen, an der Besetzung von Armeekommandos und der Verwaltung wohlhabender Provinzen, gewährte ihr dieser patriotische Stolz für die Widrigkeiten ihrer Armut einen gewissen Ausgleich; und ihre Bedürfnisse wurden ja auch zur rechten Zeit durch die berechnete Freigebigkeit der Kandidaten befriedigt, welche die käufliche Mehrheit in den dreiundfünfzig tribus oder einhundertunddreiundneunzig Centurien Roms erwerben wollten. Nachdem aber die degenerierten Städter nicht nur die Teilhabe an der Macht aus der Hand gegeben hatten, sondern sogar das Erbrecht an ihr, wurden sie unter den Caesaren zu einer verkommenen und verlotterten Plebs, die binnen weniger Generationen vollständig von der Erde verschwunden wäre, wenn sie sich nicht fortwährend durch die Freilassung und den Zustrom von Fremden regeneriert hätte. Noch in den Zeiten eines Hadrian war es gängige Rede unter der Urbevölkerung, dass die Hauptstadt die Laster der Welt und die Gebräuche der unterschiedlichsten Völker in sich aufgenommen habe. Die Maßlosigkeit der Gallier, die Verschlagenheit und Leichtfertigkeit der Griechen, die derbe Widersetzlichkeit der Ägypter und Juden, die Knechts-Gesinnung der Syrer, dies alles fand sich in der buntscheckigen Masse, die unter der hochtrabenden und unzutreffenden Bezeichnung Römer ihre Mituntertanen und selbst ihren Herrscher zu verachten sich unterfingen, welche nur im Weichbild der EWIGEN STADT ihren Wohnsitz bezogen hatten Vergleiche hierzu die dritte Satire (60-125) des Juvenal, welcher sich bitter beklagt: »...quamvis quota portio faecis Achaei!/ jampridem Syrus in Tiberim defluxit Orontes; et linguam et mores \&c«. (...doch wie viel sind's vom achäischen Schlamme?/Länst schon strömt in den Tiber die syrische Flut des Orontes/und bringt mit sich die Sprache und Moral. Üb. von W. Binder) Als Seneca (Consolatio ad Helviam 6) seine Mutter mit dem Gedanken zu trösten versucht, dass sich ein großer Teil der Menschheit im Exil befinde, erinnert er sie zugleich daran, wie wenige Römer in der Stadt geboren seien. .   ÖFFENTLICHE GETREIDEVERTEILUNGEN Dennoch wurde der Name der Stadt immer noch mit Respekt genannt: die zahlreichen spontanen Unruhen gingen fast immer straflos aus; und anstelle dass die Nachfolger des Constantin die letzten Funken der Demokratie mit starker Militärmacht ausgetreten hätten, griffen sie auf die sanfte Politik des Augustus zurück und bemühten sich, der Armut zu steuern und der Trägheit der ungezählten Volksmasse Unterhaltung zu bieten Fast alles, was über Brot, Speck, Öl, Wein \&c zu sagen ist, kann man im 14. Buch des Codex Theodosianus finden, der ausdrücklich von der ›Polizei‹ in den Großstädten handelt. Siehe insbesondere die Titel 3,4,15,16 und 24. Ergänzende Zeugnisse findet man in Gothofreds Kommentaren, und eine Zitierung erübrigt sich. Entsprechend einem Gesetz des Theodosius, das die Besoldung der Krieger in Geld festlegt, entsprach ein Goldstück (elf Schilling) achtzig Pfund Speck oder achtzig Pfund Öl oder zwölf Modii (oder Viertelscheffel) Salz (Codex Theodosianus 8,4,17). Vergleicht man diese Gleichsetzung mit den siebzig Pfund Speck für eine Amphore (Codex Theodosianus 14,4,4), dann ergibt sich ein Wein-Preis von sechzehn Penny pro Gallone. . I. Um der Bequemlichkeit des Volkes willen wurden die monatlichen Abgaben von Brotgetreide in eine tägliche Brotration umgewandelt; auf Staatskosten wurde eine große Anzahl von Backöfen gebaut und betrieben; und zur festgesetzten Stunde eilte jeder Bürger, der über ein entsprechendes Billet verfügte, an den Ort, der für seinen Stadtteil vorgesehen war und erhielt umsonst oder zu einem äußerst günstigen Preis einen Brotlaib von drei Pfund für sich und seine Familie. II. Die Wälder Lucaniens, von deren Eicheln herdenweise Schweine fett wurden Der anonyme Autor der Beschreibung der Welt (Expositio totius mundi, in Hudson, Geographiae scriptores minores, Band 3, p. 14) schreibt in seinem Barbaren-Latein über Lukanien: »Regio obtima, et ipsa omnibus habundans, et lardum multum foras emittit: propter quod est in montibus, cujus aescam animalium variam.« (...beste Gegend, von allem überreich, schickt viel Pökelfleisch nach draußen: Weil das in den Bergen ist, gibt's verschiedenes Wild zur Nahrung). , lieferten sozusagen als ihren Tribut massenhaft billiges und bekömmliches Fleisch; fünf Monate im Jahr konnte so an die ärmeren Bevölkerungsschichten Speck verteilt werden; der jährliche Verbrauch der Stadt wurde, als sie sich von ihrer gewohnten Üppigkeit schon längst entfernt hatte, in einem Edikt des Valentinian auf drei Millionen sechshundertundachtundzwanzigtausend Pfund festgeschrieben Siehe die Novellae ad calcem Codicem Theodosianum Divi Valentiniani 1,15. Am 29. Juni 452 in Rom verkündet. . III. Bei den Alten war das Öl zu Beleuchtungszwecken und für das Bad unverzichtbar; und so belief sich die jährliche Abgabe, die Afrika zum Wohle Roms zu leisten hatte, auf drei Millionen Pfund entsprechend dreihunderttausend englischen Gallonen. IV. Augustus' Fürsorge um die ausreichende Verköstigung der Stadt ging nicht über die Grundversorgung des Menschen hinaus; und als sich das Publikum laut über darüber beklagte, dass Wein teuer und knapp sei, gab der strenge Reformer einen Erlass heraus, um seine Untertanen daran zu erinnern, dass kein vernunftbegabter Mensch sich über Durst beklagen könne, seitdem die Aquädukte des Agrippina die Stadt so ausreichend mit gesundem und klarem Wasser versorgten Sueton, Augustus 42. Des Kaisers größte Ausschweifung mit seinem Lieblings-Wein bleib immer unter einem Sextarius (ein englisches Pint). a.a.O. 77. Hierzu auch Torrentius und Arbuthnot, Tabelles, p. 86. . Von dieser strengen Nüchternheit nahm man in Laufe der Zeit Abstand; und obwohl Aurelians Seine Absicht war es gewesen, Weinberge an der Küste Etruriens anzulegen (Vopiscus, in der Historia Augusta, Aurelian 48,2), der kargen, ungesunden und verwilderten Maremne der modernen Toscana. weitreichender Plan nicht in vollem Umfang durchgeführt worden zu sein scheint, war der Genuß von Wein sehr liberal und großherzig geregelt. Die Aufsicht über die staatlichen Weinkeller wurde honorigen Beamten übertragen; und ein großer Teil der Weinernte Campaniens war für Roms glückliche Einwohner aufgespart.   BÄDER Die gewaltigen Aquädukte, die Augustus selbst zu Recht rühmt, füllten die Thermen oder Bäder, die man in allen Stadtvierteln gebaut hatte, mit kaiserlichem Glanze. Die Bäder des Antoninus Caracalla, die zu festgesetzten Zeiten Senatoren und Volk unterschiedslos geöffnet standen, verfügten über sechzehnhundert Marmorplätze; und mehr als dreitausend Olympiodoros, bei Photios, p. 197. , so schätzt man, befanden sich in den Thermen des Diokletian. Die Wände dieser hochstrebenden Gebäude waren mit den schönsten musivischen Arbeiten bedeckt, welche die Kunst des Pinsels durch elegante Entwürfe und farbenprächtige Ausführung nachzuahmen suchten. Herrlich war wertvoller numidischer grüner Marmor in ägyptischen Granit eingearbeitet; ein ununterbrochener Strom warmen Wassers ergoss sich aus silbernen Speipforten in die gewaltigen Wasserbecken; und noch der einfachste Römer konnte gegen eine geringe Kupfermünze sich eines täglichen Genusses erfreuen, um den ihn selbst asiatische Könige beneidet hätten Seneca (Epistulae 86) vergleicht die Bäder des Scipio Africanus auf dessen Landhaus zu Liternum mit dem Pomp (der noch beständig vermehrt wurde) der öffentlichen römischen Bäder, und zwar lange vor der Errichtung der Thermen des Antoninus und des Diokletian. Der quadrans für den Eintritt war ein Viertel von einem Ass und entspricht einem Achtel eines Penny. . Von hier zog dann ein Schwarm verwahrloster und zerlumpter Plebejer los, welche den ganzen Tag auf der Straße oder Forum lungerten, um Neuigkeiten aufzuschnappen oder zu diskutieren; welche bei ausschweifenden Spielen die milden Gaben für ihre Frauen und Kinder verspielten; und die ihre Nächte in finsteren Kneipen und Hurenhäusern bei ordinären und groben Vergnügungen zubrachten Nachdem Ammianus (14,6 und 28,4) den Luxus und die Arroganz des römischen Adels dargelegt hat, wendet er sich mit gleichem Ingrimm den Lastern und Torheiten des gewöhnlichen Volkes zu. .   TIERHETZEN UND ZIRKUSDARBIETUNGEN Aber ihre schönste und liebste Unterhaltung bezog die träge Masse aus den häufigen Tierhetzen und anderen öffentlichen Darbietungen. Zwar hatten christliche Herrscher mit gutem Herzen die unmenschlichen Gladiatorenkämpfe abgeschafft; gleichwohl war für Roms Bevölkerung der Zirkus die Heimat, der Tempel, der Sitz des Reichs. Schon bei Morgengrauen versammelte sich die Menge, ihre Plätze zu reservieren, und nicht wenige verbrachten die vorherige Nacht in unruhigem Schlummer unter den benachbarten Porticos. Vom Morgen bis zum Abend, unbekümmert um Sonne oder Regen, verharrten die Zuschauer, die zuweilen fast vierhunderttausend waren, in gespanntester Aufmerksamkeit; mit den Augen hingen sie an den Pferden und Wagenlenkern, ihr Gemüt war von Hoffnung und Furcht um den Sieg ihrer Farben aufgewühlt: und so schien Roms Schicksal am Ausgang eines einzigen Rennens zu hängen Juvenal, Satiren 11,91ff. Die Ausdrücke, zu denen sich der Historiker Ammianus entschließt, sind nicht weniger deftig und deutlich als die des Satirikers; und beide haben nach dem Leben gemalt. Die Zahl der Zuschauer im großen Zirkus stammt aus den original Notitiae der Stadt. Der Unterschied zwischen den beiden beweist, dass sie nicht voneinander abgeschrieben haben; die Gesamtzahl scheint dennoch wenig glaubwürdig, obwohl bei solchen Gelegenheiten das Landvolk massenhaft in die Stadt flutete. . Dieselbe maßlose Leidenschaft war in ihrem Geschrei und ihrem Beifall anlässlich der Tierhetzen und unterschiedlicher Theateraufführungen. Solche Aufführungen könnte man in modernen Großstädten durchaus als eine hohe Schule des Geschmacks, ja der Tugend ansehen. Aber die tragische und komische Muse der Römer, die selten mehr war als eine Kopie des attischen Vorbildes Bisweilen allerdings gab es auch eigenständige Stücke: »Vestigia Graeca Ausi deserere et celebrare domestica facta.« (...wagten sie, das Vorbild der Griechen zu verlassen und Heimatprodukte zu feiern). Horaz, Epistulae ad Pisones/De arte Poetica 286f) und die gelehrte, obschon verwirrte Anmerkung des Herrn Dacier, welcher den Brutus und den Decius des Pacuvius oder den Cato des Maternus zu einer Tragödie machen möchte. Die Octavia , die einem der Senecas zugeschrieben wird, ist auch heute noch ein schwaches Stück römischer Tragödie. , war nach dem Untergang der Republik endgültig verstummt Zur Zeit des Quintilian und Plinius musste sich ein tragischer Dichter damit begnügen, einen großen Raum zu mieten und sein Stück dem eigens zu diesem Zweck geladenem Publikum vorzutragen. Siehe die Institutiones oratoria 9,11 und Plinius, Epistulae 7,17. ; und an ihre Stelle trat die derbe Farce, weibische Musik und üppiges Schaugepräge. Die Pantomimen Siehe Lukians Dialog de saltatione. Opera, Band 2, p. 265-317. Die Pantomimen hatten den Ehrennamen Cheirosophen, Hand-Weise; und von ihnen verlangte man, dass sie mit nahezu jeder Kunst und Wissenschaft vertraut waren. Burette hat einen kurzen Abriss dieser Kunstgattung gegeben. Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 1, 1736, p. 127. , die von Augustus bis ins sechste Jahrhundert ihr Ansehen behielten, stellten ohne ein gesprochenes Wort verschiedene alte Götter- und Heldensagen dar; und die Vollkommenheit ihrer Kunst, die zuweilen selbst philosophischen Ernst zum Schweigen brachte, rief allemal das Staunen und den Beifall des Publikums hervor. Die riesigen und üppig ausgestatteten Theater Roms waren bisweilen von bis zu dreitausend weiblichen Tänzern und ebenso vielen Sängern nebst ihren jeweiligen Chorführern gefüllt. So sehr standen sie bei der Öffentlichkeit in Gunst, dass in Zeiten der Not, als alle Fremden aus der Stadt verbannt wurden, ihr Verdienst, zur Aufheiterung des Volkes beizutragen, sie von dem Gesetz ausnahm, das ansonsten gegen alle freischaffenden Künstler exekutiert wurde Ammianus 14,6 beklagt sich mit gelinder Empörung, dass die Straßen Roms mit Weibern verstopft war, die dem Staat hätten Kinder schenken können, deren einzige Beschäftigung aber darin bestand, ihr Haar zu kräuseln und zu zieren und »iactari volubilibus gyris, dum exprimunt innumera simulacra, quae finxere fabulae theatrales.« (...wie Kreisel zu drehen und dabei ungezählte Figuren auszudrücken, die man sich für das Theater ausdenkt). .   ZAHL DER BEWOHNER ROMS Man hat erzählt, dass Elagabal in seiner törichten Neugier versucht habe, aus der Anzahl von Spinngeweben die Zahl der Einwohner Roms zu bestimmen. Eine etwas mehr der Vernunft verpflichtete Methode wäre der Aufmerksamkeit des weisesten Herrschers würdig gewesen, welcher dadurch leicht eine für die römische Regierung wichtige und für die Nachwelt interessante Frage hätte beantworten können. Geburt- und Todesfälle der Bürger wurden getreulich aufgezeichnet; und hätte sich irgendein Autor der Antike herabgelassen, die jährlichen Ziffern oder wenigstens den allgemeinen Durchschnitt festzuhalten, dann könnten wir jetzt einigermaßen zufriedenstellende Berechnungen vornehmen, welche die überspannten Behauptungen unserer Altertumsforscher widerlegen und die bedachtsamen Konjekturen der Philosophen bekräftigen könnten Lipsius (De magnitudine Romana, Buch 3, p. 423) und Isaac Vossius (Variorum observationum liber, p. 26-34) haben wilde Träume von vier, acht oder gar vierzehn Millionen Einwohnern gehabt. Mr. Hume hingegen, mit bemerkenswert gesundem Menschenverstand und einiger Skepsis ausgestattet, verrät eine heimliche Neigung, die Bevölkerungsdichte früherer Zeiten auszudünnen. . Äußerst gewissenhafte Forscher haben indessen folgende Umstände zusammengetragen, welche, verstreut und unvollkommen, wie sie nun einmal sind, dennoch in gewissem Umfang die Frage nach der Bevölkerungszahl des antiken Rom illustrieren können. I. Als die Hauptstadt des Reichs von den Goten belagert wurde, wurde der Umfang der Wallanlagen von Ammianus, der mathematisch gebildet war, mit einundzwanzig Meilen bestimmt Olympiodoros, bei Photios, p. 197, Siehe Fabricius, Bibliotheca graeca, Band 9, p. 400. . Man sollte hierbei nicht vergessen, dass die Form der Stadt nahezu ein Kreis war, welche geometrische Figur bei gegebenem Umfang die größte Fläche umschreibt. II. Der Architekt Vitruvius, der im Zeitalter des Augustus blühte und dessen Aussage in diesem Zusammenhang besonderes Gewicht hat, berichtet, dass die ungezählten Einwohner Roms sich weit außerhalb der engen Stadtgrenzen anzusiedeln pflegten; und dass der Mangel an Grundstücken, welcher vermutlich von allen Seiten durch Gärten und Villen eingeengt war, die allgemeine, wenngleich unbequeme Sitte nahelegte, die Häuser beträchtlich in die Höhe zu bauen »In ea autem majestate urbis, et vicium infinita frequentia innumerabiles habitationes opus fuit explicare. Ergo cum recipere non posset area plana tantam multitudinem [ad habitandum] in urbe, ad auxilium altitudinis aedificiorum res ipsa coegit devenire.« (Bei dieser Vorrangstellung Roms und der ungemessenen Zahl der Einwohner war der Bau von Wohnungen dringend nötig. Da nun aber das Erdgeschoss eine solche Masse zum Wohnen in der Stadt nicht ausnehmen konnte, nötigte diese Sachlage zum Ausweg, die Häuser in die Höhe zu bauen.) Vitruvius 2,8. Diese Textstelle, die ich Vossius verdanke, ist klar, eindeutig und umfassend. . Aber das Hochstrebende dieser Gebäude, die oft genug mit schlechten Materialien hingepfuscht waren, war der Grund für häufige fatale Unfälle; und so verordneten Augustus und Nero wiederholt, dass die Höhe von Privathäusern innerhalb Roms nicht mehr als siebzig Fuß betragen dürfe Die Unzulänglichkeit dieser Verbote lassen die zeitlich aufeinander folgenden Zeugnisse von Plinius, Aristeides, Claudian, Rutilius u.a. erkennen. Siehe Lipsius, De magnitudine Romanae, Buch 3, c. 4. »Tabulata tibi jam tertia fumant; Tu nescis; nam si gradibus trepidatur ab imis Ultimus ardebit, quem tegula sola tuetur A pluvia.« (...das dritte Stockwerk raucht schon; du weißt es nur nicht; denn wenn am unteren Treppenabsatz Panik entsteht, wird der als letzter in Flammen aufgehen, den nur die Dachziegel vor Regen schützen). Juvenal, Satirae 3,199. . III. Iuvenal Man lese Juvenals 3. Satire zur Gänze, besonders aber die Verse 166 und 223ff. Die Beschreibung einer überfüllten insula (Wohnblock) bei Petronius stimmt genau zu Iuvenals Klagen; und wir erfahren aus offizieller Quelle, dass zu Augustus' Zeiten (Heineccius, Historia iuris civilis, c. 4, p. 181) die normale Miete für die verschiedenen coenacula oder Wohnungen der Insula jährlich vierzigtausend Sesterzen betrug, zwischen drei- bis vierhundert Pfund Sterling (Pandekten 19,2,30), welche Summe den großen Umfang und hohen Wert dieser Gemeinschaftsunterkünfte aufzeigt. beklagt, vermutlich aufgrund eigener Anschauung, die Not der armen Stadtbevölkerung, der er den heilsamen Rat erteilt, sofort aus Rom mit seinem Qualm auszuwandern, um in einer italischen Kleinstadt eine bequeme und liebliche Unterkunft zu erhalten zu einem Preis, den sie in Rom für ein nass-kaltes Loch zu zahlen hätten. Mieten waren demnach maßlos überhöht; die Reichen erwarben zu astronomischen Preisen ein Grundstück, das sie dann mit Villen und Gärten bebauten; aber die Masse der römischen Bevölkerung drängte sich auf engstem Raum; und die einzelnen Wohnungen und Apartements desselben Hauses teilten sich, wie es noch heute in Paris und anderen Städten üblich ist, mehrere Plebejer-Familien miteinander. IV Die Gesamtzahl der Häuser in den vierzehn Bezirken Roms unter der Herrschaft des Theododius wird in der »Beschreibung Roms« mit Genauigkeit mit vierundachtzigtausenddreihundertundzweiundachtzig angegeben Diese Zahl setzt sich zusammen aus 1780 domus oder großen Häusern, 46,602 insulae oder Miethäusern (Nardini, Roma antica, Buch 3, p. 88) und wird durch die übereinstimmenden Texte in den verschiedenen Notitiae bestätigt. Nardini, Buch 8, p. 498 und 500. . Die beiden Klassen von Häusern, nämlich domus und insulae , denen sie jeweils zugeordnet werden, umfassen alle Wohnhäuser der Hauptstadt, vom Marmorpalst der Anicier mit ihren zahlreichen Freigelassenen und Sklaven bis zu beengten Hochhäusern, in denen der Dichter Codrus und seine Frau eine heruntergekommene Mansarde direkt unter dem Dach mieten durften. Übernehmen wir die Zahlenwerte, die man unter vergleichbaren Umständen für Paris Der sorgfältige Herr de Messance kommt mit mehr oder weniger guten Gründen für Paris auf 23 656 Häuser, 71 114 Familien und 576 630 Einwohner. ermittelt hat und rechnen wir fünfundzwanzig Personen für jede Wohneinheit jedwelcher Art, so können wir die Anzahl der Einwohner Roms getrost auf zwölf Hundertausend schätzen: eine Zahl, welche für die Hauptstadt eines Weltreiches nicht eben gigantisch klingt, obwohl sie die meisten Großstädte des modernen Europa deutlich übertrifft Diese Berechnung unterscheidet sich nur unwesentlich von der, welche Herr Gabriel Brotier, der letzte Herausgeber des Tacitus, Band 2, p. 380 (Mannheim 1780, A.d.Ü.), auf ähnlicher Grundlage angestellt hat; obwohl er einen Grad von Genauigkeit anzustreben scheint, der weder möglich noch überhaupt erforderlich ist. .   ERSTE BELAGERUNG ROMS DURCH DIE GOTEN · A.D. 408 Soviel von den Verhältnissen Roms unter der Regierung des Honorius, und zwar zu jener Zeit, als die gotische Armee die Belagerung, oder besser, die Blockade der Stadt begann Zu den Vorkommnissen bei Roms erster Belagerung, die des öfteren mit denen der zweiten und dritten verwechselt werden, siehe Zosimos 5,38ff, Sozomenos 9,6, Olympiodoros, bei Photios p. 180, Philostorgios 12,3 und Gothofredus, Dissertationes p. 463-475. . Durch geschickte Verteilung seiner zahlenstarken Armee, die mit Ungeduld auf das Signal zum Sturm warteten, kreiste Alarich die Mauern ringsum ein, überwachte die zwölf Haupttore, unterband jede Kommunikation mit dem umliegenden Land und beherrschte vollständig die Schiffsbewegungen auf dem Tiber, durch die die Römer bisher üppig und zuverlässig mit Nahrungsmitteln versorgt worden waren. Die erste Gemütsregung des Adels und des Volkes waren Überraschung und Empörung darüber, dass ein elender Barbar sich erkühnen könne, der Hauptstadt der Welt beschwerlich zu fallen. Aber ihr Hochmut kam schon bald vor den Fall; und ihr ohnmächtiger Zorn richtete sich nicht etwa gegen den Feind in Waffen, sondern gegen ein schutzloses und unschuldiges Opfer. In der Person der Serena hätten die Römer die Nichte des Theodosius, die Tante, ja sogar noch die Adoptivmutter des gegenwärtigen Herrschers verehren können; aber die Witwe des Stilicho war ihnen furchtbar; und nur zu bereitwillig lauschten sie der Stimme der Verleumdung, welche sie beschuldigte, eine geheime und verräterische Korrespondenz mit dem gotischen Feinde zu unterhalten. Durch denselben allgemeinen Irrsinn angestachelt oder in Furcht gehalten sprach der Senat, ohne den geringsten Beweis für ihre Schuld auch nur zu suchen, die Todesstrafe über sie aus. Serena wurde wie eine Verbrecherin erhängt; und die verblendete Menge musste zu ihrem Erstaunen feststellen, dass infolge dieses grausamen Unrechtes weder der unverzügliche Abzug der Barbaren noch die Befreiung Roms erfolgten. Allmählich lernte die unglückselige Stadt sogar, was Knappheit und zu ihrem Entsetzen schließlich, was eine Hungersnot bedeuten.   HUNGERSNOT IN ROM Die tägliche Zuteilung von drei Pfund Brot wurde herabgesetzt auf ein halbes Pfund, ein drittel Pfund, auf gar nichts mehr; und zugleich stieg der Preis für Brotgetreide rasch und maßlos. Die ärmere Bevölkerung, außerstande zum Erwerb des Lebensnotwendigen, flehten die Reichen um Hilfe; und eine Zeitlang milderte sich die gemeine Not infolge der Großherzigkeit der Laeta Die Mutter der Laeta hieß Pissumena; ihr Vater, ihre Familie und ihr Herkunftsland sind unbekannt. Du Cange, Familiae Byzantinae p. 59. , der Witwe des Kaisers Gratian, die in Rom wohnte und die jährlichen Steuereinkünfte, die ihr die dankbaren Nachfolger ihres Mannes ermöglichten, den Armen zur Verfügung stellten. Aber diese privaten und vorübergehenden Maßnahmen reichten nicht hin, der allgemeinen Not zu steuern; und endlich drang der Hunger auch bis in die Marmorpaläste der Senatoren vor. Menschen beiderlei Geschlechtes, die zum Genuß von Wohlsein und Luxus erzogen worden waren, erfuhren, wie wenig doch zur Befriedigung natürlicher Bedürfnisse erforderlich ist; und sie brauchten ihre nutzlosen Gold- und Silbervorräte auf, um sich in Besitz der dürftigen und einfachen Nahrung zu bringen, die sie vormals mit Verachtung von sich gewiesen hätten. Noch das abstoßendste, den Sinnen widrigste und der menschlichen Gesundheit abträglichste Essen verschlangen sie mit beißendem Hunger. Es kam sogar der finstere Verdacht auf, dass einige besonders Verruchte sich von den Körpern ihrer Landsleute ernährten, die sie vorher heimlich getötet hatten; und selbst Mütter (dies war der grausame Konflikt zwischen den beiden mächtigsten Trieben, mit der die Natur den Menschen ausgestattet hat)– selbst Mütter sollen vom Fleisch ihrer toten Kinder gegessen haben »Ad nefandos cibos erupit esurientium rabies, et sua invicem membra aniarunt dum mater non parcit lactenti infantiae; et recipit utero, quem paullo ante effuderat. « (Der Wahn zwingt die Hungernden zu grauenhafter Nahrung; gegenseitig zerfetzen sie ihre Gliedmaßen, und die Mutter verschont nicht den Säugling, den sie zuvor geboren hat.) Hieronymus, Ad principiam, Opera, Band 1, p. 121. Über die Belagerungen von Jerulalem und Paris erzählt man sich dieselben Entsetzlichkeiten. Zu letztgenanntem vergleiche man Voltaires ›Henriade‹, 10 Buch und das ›Journal de Henri IV‹, Band 1, p. 47-83 und achte darauf, wie ein ungekünstelt Tatsachenbericht viel stärker bewegt als ausführliche epische Schilderungen. !   PEST Tausende Römer starben in ihren Häusern oder auf den Straßen vor Hunger; und da sich die öffentlichen Grabstellen außerhalb der Mauern in den Händen der Feinde befanden, verpestete der Gestank, der von den verwesenden und unbeerdigten Leichen ausging, die Luft, und nach der Hungersnot kamen die Seuchen. Die Versprechen rascher und durchschlagender Hilfe, die der Hof zu Ravenna wiederholt nach Rom übermittelte, belebte von Zeit zu Zeit die erlahmende Widerstandskraft der Römer, bis sie schließlich an menschlicher Hilfe verzweifelten und sich bereit fanden, auf übernatürliche Kräfte zu hoffen.   ABERGLAUBE Der Stadtpräfekt Pompeianuns hatte sich von einigen begabten oder fanatischen toskanischen Wahrsagern davon überzeugen lassen, dass sie mit Hilfe von geheimnisvollem Zauberwerk und allerlei Opfern die Blitze aus den Wolken ab- und gegen das Lager der Barbaren hinlenken könnten Zosimos (5,41) spricht von diesen Vorkehrungen wie ein Grieche, der mit dem regionalen Aberglauben der Römer und der Toscana nur wenig vertraut ist. Ich vermute, dass sie zwei Teile besaß, einen geheimen und einen öffentlichen. Der Erstgenannte war vermutlich eine Nachahmung der Beschwörungsformeln, mit deren Hilfe Numa Jupiter und seinen Donner auf den Aventin herabgezogen hatte. »Quid agant laqueis, quae carmina dicant,/Quaque trahant superis sedibus arte Jovem,/Scire nefas homini.« (Was sie mit den Stricken machen, welche Lieder sie singen/mit welchen Kunstgriffen sie Jupiter auf den oberen Sitzen ziehen/das darf ein Menschenkind nicht wissen.) Die ›ancilia‹ oder Schilde des Mars, die an den Kalenden des März in feierlichem Umzug umhergetragen wurden, leiten ihre Herkunft von diesem geheimnisvollen Ereignis ab (Ovid, Fasti 3,259-398). Man wollte wohl dieses alte Fest wieder zum Leben erwecken, das unter Theodosius abgeschafft worden war. In diesem Falle erhalten wir ein chronologisches Datum, den 1. März 409, das bis dahin nicht bemerkt wurde. . Diese geheime Absprache kam Innozenz, dem Bischof Roms zu Ohren; und der Nachfolger Petri wird nun, vielleicht zu Unrecht, beschuldigt, die Sicherheit der Stadt der strengen Ordnung der christlichen Gottesdienste vorgezogen zu haben. Als aber die Frage vor dem Senat verhandelt ward, als vorgeschlagen wurde, diese Opfer sollten – dies war unabdingbar – auf dem Capitol vollzogen werden, und zwar mit Billigung und in Anwesenheit des Magistrates, trug die Mehrheit dieser edelachtbaren Versammlung denn doch Bedenken, aus Furcht vor göttlicher oder kaiserlicher Ungnade, einem Vorhaben beizutreten, das de facto auf eine öffentliche Wiedereinführung des Heidentums hinausgelaufen wäre Sozomen 9,6 lässt durchblicken, dass der Versuch tatsächlich, wenngleich ohne Erfolg, gemacht wurde; den Namen Innozenz erwähnt er allerdings nicht; und Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 10, p.645) mag nicht daran glauben, dass ein Papst sich einer solchen Gottlosigkeit könne schuldig gemacht haben. .   ALARICH HEBT DIE BELAGERUNG GEGEN EIN LÖSEGELD AUF A.D. 409 Die letzte Hoffnung der Römer war nunmehr die Milde oder doch wenigstens die Mäßigung des Gotenkönigs. Der Senat, der in dieser Notlage die oberste Regierungsgewalt an sich genommen hatte, benannte zwei Botschafter, die mit dem Feinde verhandeln sollten. Man vertraute diese wichtige Aufgabe Basilius an, einem Senator spanischer Herkunft, der bei der Verwaltung von Provinzen sich seinen Namen gemacht hatte, sowie Johannes, dem Doyen der Notare, den besonders sein Verhandlungsgeschick und seine frühere Bekanntschaft mit dem Gotenkönig für dieses Amt qualifizierte. Als sie vorgelassen wurden, erklärten sie, vielleicht ein wenig zu hochfahrend für ihre heikle Stellung, dass die Römer in Krieg und Frieden ihre Würde zu behalten gesonnen seien; und dass sie, sollte ihnen Alarich eine ehrenhafte und anständige Kapitulation verweigern, er seine Kriegdrommeten blasen lassen und sich auf einen Verzweiflungskampf einstellen möge, den er mit einer ungezählten waffengeübten und zu allem entschlossenen Menschenmasse zu führen haben werde. »Je dichter das Gras, desto leichter ist es zu mähen«, war die kurz angebundene Antwort des Barbaren; und diese ländlich-derbe Metapher wurde von einer grölenden Lachsalve begleitet, mit der er seine Verachtung für die Anmaßung eines unkriegerischen Volkes ausdrückte, das durch Luxus schlaff geworden war, bevor sie der Hunger völlig entkräftet hatte. Dann zeigte er sich geneigt, den Preis zu nennen, den er sich für seinen Abzug bezahlen lassen wollte: alles Gold und alles Silber in der Stadt, ob es sich nun im Staats- oder Privatbesitz befinde; alle wertvolle bewegliche Habe; und alle Sklaven, die nachweisen könnten, dass sie Barbaren seien. Die Abgesandten des Senates unternahmen es, in bescheidenem und demütigem Tone zu fragen, »Wenn dies, o König, dein Begehr ist: was willst du uns dann noch lassen?« »DAS NACKTE LEBEN,« erwiderte der hochfahrende Sieger: sie erbebten und entfernten sich. Indessen, bevor sie sich zurückzogen, wurde noch eine kurze Waffenruhe verabredet, die Gelegenheit zu ferneren Verhandlungen gab. Alarichs harte Bedingungen wurden unmerklich abgemildert; in vielen Einzelheiten gab er nach; und schließlich erklärte er sich zur Aufhebung der Belagerung bereit gegen die sofortige Zahlung von fünftausend Pfund Gold, dreißigtausend Pfund Silber, viertausend Seidenroben und dreitausend scharlachfarbigen Kleidungsstücken sowie dreitausend Pfund Pfeffer Pfeffer war die beliebteste Zutat der sehr kostspieligen römischen Küche, und die beste Sorte hatte einen Preis von fünfzehn Denar oder zehn Schilling pro Pfund (Plinius, Naturalis historia 12,14). Er stammte aus Indien; und noch heute liefert dasselbe Land, die Küste von Malibar, Unmengen davon: aber die Verbesserung des Handels und der Seefahrt haben die angelieferte Menge vergrößert und den Preis vermindert. Siehe Raynal, Histoire politique et philosophique des deux Indes, Band 1, p. 457. . Aber der Staatsschatz war erschöpft; die jährlichen Abgaben der großen italischen Ländereien und der Provinzen waren infolge des Krieges ausgeblieben; Gold und Edelsteine hatte man während der Hungerszeit für elementare Bedürfnisse ausgegeben; Habgier hielt verheimlichten Reichtum auch jetzt noch verborgen; und nur einige heilige Beutestücke waren die einzige Quelle, den drohenden Untergang der Stadt abzuwenden. Sobald die Römer Alarichs räuberische Forderungen erfüllt hatten, konnte sie sich in gewissen Umfang wieder an Überfluss und Reichtum erfreuen. Einige Tore wurden vorsichtig geöffnet; die Goten hinderten die Zufuhr von Lebensmittel aus der Umgebung und vom Fluss her nicht länger; die Bürger gingen zu den Märkten, welche in den Vorstädten drei Tage lang abgehalten wurden; und während noch die Kaufleute bei diesem einträglichen Handel sich beachtlichen Gewinstes erfreuten, wurde die künftige Versorgung der Stadt durch große Vorräte sichergestellt, die man in öffentlichen und privaten Kornhäusern anlegte. Im Lager Alarichs beobachtete man währenddessen eine straffere Disziplin, als man hätte erwarten dürfen; und seine Vertragstreue bewährte der weise Gotenkönig durch die angemessene Strenge, mit er einen Haufen marodierender Goten bestrafte, die einige römische Bürger auf der Straße nach Ostia geplündert hatten. Die eigentliche Armee, bereichert durch das Lösegeld der Stadt Rom, verzog sich allgemach in die liebliche und fruchtbare Toskana, wo er das Winterquartier aufschlagen wollte; zugleich wurde die Fahne der Goten zum Fluchtpunkt von vierzigtausend Barbaren-Sklaven, welche ihre Ketten abgeschüttelt hatten und sich nun unter der Führung ihres großen Befreiers für das Unrecht und die Entbehrungen ihrer grausamen Knechtschaft schadlos zu halten hofften. Etwa um diese Zeit erhielt er auch eine etwas ehrenhaftere Verstärkung durch die Hunnen und Goten, die sein Schwager Adolphus Dieser gotische Stammeshäuptling heißt bei Jordanes und Isidor Athaulphus ; bei Zosimos und Orosius Ataulphus und bei Olympiodoros Adaulphus. Ich selbst habe mich für die berühmte Form Adolphus entschieden, was durch die Praxis der Schweden, den Brüdern und Söhnen der antiken Goten, gerechtfertigt scheint. auf seine dringenden Vorstellungen vom Donau- an das Tiberufer geführt hatte und die sich nicht ohne Schwierigkeiten und Verluste ihren Weg durch die zahlenmäßig überlegenen kaiserlichen Truppen gebahnt hatten. Nun stand also an der Spitze von fünfhunderttausend waffenfähigen Kriegern ein siegreicher Häuptling, der in sich barbarischen Wagemut mit der geschulten Disziplin des römischen Generals vereinte; und Alarichs furchtbarer Name wurde in Italien nur noch mit Schrecken und Scheu genannt Der Friedensvertrag zwischen Alarich und Rom ist Zosimos 5,42 und 42 entnommen. Weitere Einzelheiten werden hier nicht aufgenommen, da es nur wenige belanglose sind. .   VERGEBLICHE FRIEDENSVERHANDLUNGEN Heute, im Abstand von vierzehn Jahrhunderten, könnten wir uns damit begnügen, die militärischen Unternehmungen von Roms Bezwinger zu berichten und davon Abstand nehmen, die Motive für sein politisches Handeln zu untersuchen. Inmitten seines offenkundigen Siegeslaufes war sich Alarich einiger geheimer Schwächen, einiger interner Risiken bewusst; vielleicht auch diente die von ihm beobachtete Mäßigung nur der Täuschung und Einlullung der arglosen Minister des Honorius. Wiederholt erklärte der Gotenkönig sein Verlangen, als Freund des Friedens und der Römer angesehen zu werden. Drei Senatoren wurden auf sein dringendes Ersuchen als Botschafter an den Hof von Ravenna gesandt, den Austausch von Geiseln und den Abschluss von Friedensverträgen zu betreiben; und die Vorschläge, die er im Laufe der Verhandlungen zu erkennen gab, ließen nur deshalb Zweifel an seiner Aufrichtigkeit aufkeimen, weil sie so gar nicht zu seiner augenblicklichen Machtstellung zu passen schienen. Nach wie vor war der Barbar um den Posten eines Heermeisters des Westens bemüht; er verlangte ferner jährliche Getreide- und Geldlieferungen; und als Gebiet für sein neues Königreich wählte er Dalmatien, Noricum und Venetien, von wo aus er die wichtige Verbindung zwischen Italien und der Donau beherrscht hätte. Hätte man diese bescheidenen Forderungen abschlägig beschieden, dann hätte Alarich sich bereit gefunden, die ihn persönlich betreffenden Forderungen zurück zu nehmen und sich mit der Herrschaft über Noricum zufrieden zu geben: ein ausgeplünderter, verarmter Landstrich, beständig den Angriffen der germanischen Barbaren ausgesetzt Zosimos 5,48 . Aber alle Friedenshoffnungen gingen zuschanden an der erbärmlichen Widersetzlichkeit oder den persönlichen Interessen des Ministers Olympius. Ohne sich die vernünftigen Vorschläge des Senates überhaupt nur angehört zu haben, schickte er dessen Gesandtschaft in Begleitung einer militärischen Eskorte fort, welche für ein Ehrengeleit zu üppig und für eine reguläre Verteidigungsarmee zu schwach war. Sechstausend Dalmatier, die Blüte der kaiserlichen Armee, ließ man nach Rom mitten durch das offene, von einem furchtbaren Feinde besetzte Land marschieren. Diese wackeren Legionäre, verraten und umzingelt, wurden ein Opfer ministerieller Dummheit; ihr General Valens entkam mit einhundert Soldaten vom Schlachtfeld; und einer der Gesandten, der sich nun nicht mehr auf das Völkerrecht berufen konnte, musste sich seine Freiheit gegen ein Lösegeld von dreißigtausend Goldstücken erkaufen. Aber anstelle dass Alarich diese ohnmächtige Gebärde der Feindseligkeit übel aufgenommen hätte, erneuerte er sogar seine Friedensangebote; und die zweite Gesandtschaft des römischen Senates, welche durch die Anwesenheit des städtischen Bischofs Innozenz an Würde und Bedeutung gewonnen hatte, erfreute sich auf ihrem gefahrvollen Wege sogar der Bewachung durch ein Detachement gotischer Krieger. Zosimos, 5,45. Der Bischof verblieb in Ravenna und entzog sich so den drohenden Kalamitäten Roms. Orosius, 7,39.   NEUE MINISTER ERNANNT Olympius Zu den Abenteuern des Olympios und seiner Amtsnachfolger siehe Zosimos 5,45ff und Olympiodoros, bei Photios p.180. hätte nun damit fortfahren können, die berechtigten Klagen des Volks, das ihn lauthals für die allgemeine Notlage verantwortlich machte, zu ignorieren; aber seine Macht war durch Hofintrigen mittlerweile unterhöhlt worden. Die Eunuchen, deren Einfluss alles entschied, hatten die Herrschaft über Honorius und das Reich dem Reichpräfekten Jovius übertragen: eine elende Kreatur, der für die Dummheiten und Fehler seiner Verwaltung nicht durch persönliche Vorzüge entschädigte. Das Exil oder besser die Flucht des schuldbeladenen Olympius sparte ihn für weitere Wechselfälle des Schicksals auf: er durchlebte ein abenteuerliches Wanderleben; kam erneut zur Macht; fiel erneut in Ungnade; die Ohren wurden ihm abgeschnitten; er wurde zu Tode gepeitscht; und zumindest für die Freunde des Stilicho war sein schmachvolles Ende ein erfreuliches Erlebnis. Nach dem Ende des Olympius, dessen ganzes Wesen durch religiösen Fanatismus eingetrübt war, wurde für Heiden und Häretiker das unkluge Verbot aufgehoben, durch welches sie von staatlichen Ehrenstellungen ausgeschlossen worden waren. Den wackere Gennerid Zosimos (5,46) erzählt diese Begebenheit mit sichtlichem Behagen und feiert in Gennerid den letzten aufrechten Vertreter des untergehenden Heidentums. Deutlich verschieden davon waren die Befunde des Konzils von Karthago, welches vier Bischöfe an den Hof zu Ravenna entsandte, um Beschwerde gegen das jüngst erlassene Gesetz einzulegen, dass jede Konversion zum Christentum nur aus freien Stücken geschehen dürfe. Siehe Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 409, Nr 12 und A.D. 410, Nr 47f. , einen Krieger ausländischer Herkunft, der nach wie vor die Götter seiner Väter anbetete, hatte man genötigt, sich seines militärischen Ranges zu entledigen; und obgleich der Kaiser ihm wiederholt versicherte, dass die Gesetze nicht für Personen seines Ranges und seiner Verdienste gemacht seien, weigerte er sich gleichwohl, jede nur teilweise Entschuldigung anzunehmen und verblieb solange in ehrenhafter Ungnade, bis er von den Vorwürfen von der römische Regierung durch einen offiziellen Rechtsakt gereinigt war. Gennerids Verhalten in der bedeutenden Stellung eines Heermeisters von Dalmatien, Pannonien, Noricum und Rhaetien, in die man ihn befördert bzw wieder eingesetzt hatte, schien die Ordnung und den Geist der Republik neu zu beleben. Seine Truppen, die bis dahin in Trägheit und bei knappster Ration gelebt hatten, gewöhnten sich rasch wieder an scharfen Drill und ausreichende Verpflegung; und seine private Großzügigkeit half oftmals aus, wenn die Knickerigkeit oder sogar echter Mangel am Hofe zu Ravenna es an Belohnungen fehlen ließen. Gennerids Stärke, die den benachbarten Barbarenstämmen furchtbar war, bildete das zuverlässigste Bollwerk an der illyrischen Grenze; und er verhalf rasch entschlossen dem Reich zu einer Verstärkung von zehntausend Hunnen, welche an Italiens Grenze ankamen mit dermaßen viel Vorräten sowie Rinder- und Schafsherden, dass hiermit nicht nur eine Armee auf dem Feldzug begleitet, sondern eine ganze Kolonie hätte begründet werden können. Nur der Hof und die Ratgeber des Honorius blieben nach wie vor ein Ort erbärmlicher Schwäche, der Korruption und der Führungslosigkeit. Angestachelt durch den Praefekten Jovius begannen die Leibgarden mit einer Meuterei und verlangten den Kopf zweier Generäle und der beiden einflussreichsten Eunuchen. Die beiden Generäle wurden unter trügerischen Sicherheitsversprechen an Bord eines Schiffes geschickt und heimlich ermordet, während die beiden Eunuchen aufgrund ihrer Beziehungen mit einem milden und harmlosen Exil in Mailand davonkamen. Nachfolger als Meister des Schlafgemaches und der Wache wurden Eusebius, der Eunuch und Allobich, der Barbar; und der gegenseitige Argwohn dieser beiden nachgeordneten Staatsdiener wurde zur Ursache dafür, dass sie sich gegenseitig den Untergang bereiteten. Aufgrund des wahnwitzigen Befehles des Haushofmeisters wurde der große Kammherr vor den Augen der verblüfften Majestät mit Stöcken zu Tode geprügelt; und die anschließende Ermordung des Allobich inmitten einer öffentlichen Prozession ist die einzige Gelegenheit in seinem ganzen Leben, bei der Honorius schwache Ansätze zu Mut und Zorn durchschimmern ließ. Und doch trugen, noch vor ihrem Untergang, Eusebius und Allorich das Ihre zum Untergang der Republik bei, indem sie einen Vertrag hintertrieben, den Jovius aus eigennützigen, vielleicht sogar kriminellen Motiven mit Alarich in persönlichen Unterhandlungen unter den Mauern von Rimini ausgehandelt hatte. Man hatte den Herrscher überredet, während der Abwesenheit des Jovius den hohen Tonfall unerschütteter Würde anzunehmen, zu der ihm weder seine Stellung noch sein Charakter die rechte Handhabe bot: ein mit dem Namen des Honorius unterzeichneter Brief wurde unverzüglich an den Prätorianerpräfekten abgesandt, in welchem ihm freie Verfügungsgewalt über die Reichfinanzen eingeräumt, zugleich aber das strenge Verbot ausgesprochen wurde, Roms militärische Ehrenstellen den kecken Begehrlichkeiten der Barbaren aufzuopfern. Der Brief wurde, töricht genug, Alarich persönlich zugestellt; und der Gote, der sich während der ganzen Verhandlung mäßig und besonnen gezeigt hatte, äußerte nunmehr mit gewürzten Wendungen seinen Zorn über das Unrecht, das man ihm und seinem Volke so mutwillig angetan habe. Die Konferenz von Rimini wurde ohne Verzug aufgehoben; und nach seiner Rückkehr in Ravenna sah sich der Präfekt genötigt, sich die herrschenden Ansichten des Hofes zu Eigen zu machen, ja, sie zu fördern. Auf seinen Rat und nach seinem Vorbild mussten die führenden Hofbeamten den Eid leisten, dass sie sich unter allen Umständen und allen Friedenbedingungen in dauerhaftem Kriegszustande gegen die Feinde des Reiches befänden. Dies war für alle künftigen Verhandlungen ein unüberwindbares Hemmnis. Man hörte die Minister des Honorius sagen, dass sie, wenn sie nur die Gottheit angerufen hätten, die öffentliche Sicherheit und ihr Seelenheil der Gnade des Himmels anvertraut hätten; nun aber hätten sie auf das heilige Haupt des Kaisers selbst ihren Eid geleistet; in ernster Zeremonie hätten sie den Erhabenen Thron der Majestät und der Weisheit berührt; und die Verletzung dieses Eides würde sie der weltlichen Strafe für Gotteslästerung und Rebellion aussetzen Zosimos 5,48 und 49. Dieser Brauch, bei des Herrschers Haupte, Leben, Sicherheit oder Genius zu schwören, war in Ägypten (Genesis 42,5) und Skythien seit Alters üblich. Schmeichelei übertrug ihn auch auf die Caesaren; und Tertullian beklagt sich darüber, dass dies der einzige Eid sei, den die Römer seiner Zeit überhaupt noch ernst nahmen. Siehe die schöne Studie des Abbé Guillaume Massien über die Eide der Antike in den Mémoires de l'Academie des Inscriptions, Band 1, (1736), p. 208. .   ZWEITE BELAGERUNG ROMS DURCH DIE GOTEN A.D. 409 Während der Kaiser und sein Hof sich mit albernem Stolz der Sicherheit und der Sümpfe Ravennas erfreuten, überließen sie Rom praktisch schutzlos Alarichs Rachegelüsten. Aber immer noch besaß er soviel Mäßigung, oder gab vor, sie zu besitzen, dass er während seines Marsches auf der Via Flaminia beständig die Bischöfe der italischen Städte entsandte, seine Friedensangebote zu wiederholen und den Herrscher zu beschwören, er könne die Stadt retten und ihre Einwohner vor feindlichem Feuer und Schwert bewahren Zosimos 5,50. Ich habe die Ausdrücke Alarichs abgemildert, welcher sich über die Geschichte Roms auf zu üppige Weise auslässt. . Diese drohenden Kalamitäten wurden jedoch abgewendet, aber nicht durch die Weisheit des Honorius, sondern die Klugheit oder Humanität des Gotenkönigs; welcher eine sanftere, obschon durchaus nicht minder effektive Art des Eroberns praktizierte. Anstelle die Stadt berennen zu lassen, richtete er erfolgreich seine Anstrengungen gegen den Hafen von Ostia, eines der kühnsten und erstaunlichsten Werke römischer Größe Siehe Sueton, Claudius 20; Cassius Dio 60,11 und Juvenals lebhafte Beschreibung Saturae 12,75ff. Noch im XVI Jhdt. konnte man die Überreste dieser Hafenanlage aus augusteischer Zeit besichtigen, und Altertumswissenschaftler haben den Grundriss mit Entzücken gezeichnet (siehe d'Anville in den Mémoires de lAcadémie des Inscriptions Band 30, 1764, p. 198) sowie mit Nachdruck hervorgehoben, dass alle gekrönten Häupter Europas außerstande seien, ein so großes Werk zu vollenden (Berger, Histoire des grands Chemins, Band 2, p.356). . Die Zufälligkeiten, denen die heikle Versorgung der Stadt während der erschwerten Winterseefahrt und auf den ungeschützten Landstraßen beständig ausgesetzt war, hatten dem Genius des ersten Caesar einen Plan eingegeben, welcher dann unter Claudius exekutiert wurde. Die künstlichen Molen, die weit im Meer eine enge Einfahrt und zugleich wirkungsvolle Wellenbrecher bildeten, während noch die größten Frachtschiffe sicher in einem der drei großen Hafenbecken vor Anker lagen, reichten bis zum Nordarm des Tiber, etwa zwei Meilen von der alten Kolone Ostia entfernt Die Ostia Tiberina (siehe Cluver, Italia antiqua, Buch 3, p. 870-879), im Plural die beiden Tibermündungsarme, wurden durch das Heilige Eiland getrennt, ein gleichseitiges Dreieck, deren zwei Seiten mit jeweils etwa zwei Meilen berechnet wurden. Die Kolone Ostia wurde unmittelbar unterhalb der linken oder südlichen Mündung angelegt, und der Hafen unmittelbar neben dem rechten oder nördlichen Flussarm; die Entfernung zwischen ihren Ruinenstätten beträgt etwas mehr als zwei Meilen auf der Landkarte von Cingolani. In Strabos Zeiten hatten der Sand und der Schlamm des Tiber den Hafen von Ostia verstopft; aus dem gleichen Grunde hatte sich auch das Aussehen der Heiligen Insel verändert und Ostia und den Hafen in eine beträchtliche Entfernung von der Küste gerückt. Die trocken gefallenen Wasserstraßen ( fiumi morti ) und die großen Flussmündungen ( stagni die Ponente, di Levante ) legen von dem geänderten Flusslauf und der Wirkung der See Zeugnis ab. Über den gegenwärtigen Zustand dieses verödeten Landstriches informieren die vorzügliche Karte des Kirchenstaates aus der Hand der Mathematiker Benedikts XIV., die neuerliche Übersicht des ›Agro Romano‹ von Cingolani in sechs Blatt, der 113.89 rubia (ca. 370.000 acres) umfasst und die topographische Karte von Ameti in acht Blatt. . Aus dem römischen Hafen wurde allgemach ein Bischofssitz Bereits im III. (Lardner, Credibility of the Gospel, Teil 2, Band 3, p. 89-92), spätestens im IV. Jhdt. wurde der Hafen zu einem Bischofssitz, welcher vermutlich im IX. Jhdt von Papst Gregor IV während der Arabereinfälle zerstört wurde. Heute besteht er nur noch aus einer Kneipe, einer Kirche und dem Palast eines Bischofs, welcher immerhin einer der sechs Kardinalbischöfe der römischen Kirche ist. (Siehe Eschinardi, Descrizione di Roma e dell'Agro Romano, p. 328. , in welchem das für die Hauptstadt bestimmte Korn in großen Getreidespeichern gelagert wurde. Sobald Alarich diesen wichtigen Ort besetzt hatte, bot er der Stadt an, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und bekräftigte dieses Angebot durch die nachdrückliche Erklärung, dass im Falle einer Weigerung oder auch nur einer Verzögerung er im Gegenzug die Magazine zerstören werde, von denen das Leben der römischen Bevölkerung abhing. Der Lärm, den das Volk daraufhin schlug und die schrecklichen Gedanken an den Hunger waren angetan, den Stolz des Senates zu neigen; auch hörten sie ohne Dünkel auf den Vorschlag, anstelle des völlig unfähigen Honorius einen anderen Herrscher zu installieren; die Wahl des Gotenkönigs fiel auf Attalus, den Stadtpräfekten. Unverzüglich anerkannte der Herrscher in seiner Dankbarkeit Alarich als Heermeister des Westens; Adolphus im Range des Haushofmeisters übernahm die Aufsicht über Attalus; und so schienen die beiden feindlichen Völker durch das Band der Freundschaft und Allianz einander herzlich zugetan Zur Erhebnung des Attalus siehe: Zosimos 5,7; Sozomen 9,8 und 9; Olympiodoros bei Photios p. 180, 181;Philostorgos 12,3, und Gothofred, Dissertationes, p. 470. .   ATTALUS Die Stadttore wurden geöffnet, und Roms neuer Herrscher wurde in Begleitung gotischer Krieger mit viel Geräusch zum Palast des Augustus und Trajan geführt. Nachdem Attalus unter seinen Günstlingen und Freunden die zivilen und militärischen Ehrenstellen verteilt hatte, besuchte er eine Senatsversammlung; hier verkündeter er in sachlicher und doch bilderreicher Rede seine Entschlossenheit, die Würde des Reiches wieder herzustellen und die Provinzen Ägyptens und des Ostens, die einst Rom gehorcht hatten, dem Imperium neuerlich einzuverleiben. Diese ausschweifenden Versprechungen erfüllten jeden nachdenkenden Bürger mit berechtigter Verachtung für das unkriegerische Gemüt dieses Herrschers, dessen Wahl zum Kaiser der Republik der bisher tiefste und schmachvollste Tort gewesen war, die die dreisten Barbaren dem Staat angetan hatten. Das Volk indessen applaudierte mit der üblichen Gedankenlosigkeit ihrem neuen Herren. Die öffentliche Diskussion war dem Rivalen des Honorius durchaus günstig; und die Sekten, die durch seine repressiven Erlasse einiges auszustehen gehabt hatten, erhofften sich von dem neuen Herrscher einiges an Wohlwollen oder doch wenigstens Toleranz, war er doch in seiner ionischen Heimat im heidnischen Aberglauben aufgewachsen und hatte die Taufe von einem arianischen Bischof empfangen Wir schließen uns den Beweisen des Sozomenos für die arianische Taufe des Attalus und denen des Philostorgios für seine heidnische Erziehung an. Zosimos' sichtliche Freude und das Missvergnügen, mit der er die Familie der Anicier bedenkt, werfen auf das Christentum des neuen Herrschers ein ungünstiges Licht. . Die ersten Regierungstage des Attalus ließen sich schön und verheißungsvoll an. Ein General seines Vertrauens wurde mit einem beachtlichen Truppenkontingent abgesandt, Afrikas Gehorsam zu erneuern; Italien unterwarf sich größtenteils der gotischen Macht; und wenn auch Bologna heftigen und wirkungsvollen Einspruch erhob, begrüßte Mailands Bevölkerung, vermutlich missgestimmt durch die dauernde Abwesenheit des Honorius, lauthals die Wahl des römischen Senats. An der Spitze einer bedrohlichen Armee zog Alarich mit seinem königlichen Gefangenen bis vor die Tore von Ravenna; und eine würdige Gesandtschaft der wichtigsten Minister, des Reichspräfekten Jovius, des Infanterie- und Kavalleriegenerals Valens, des Quaestors Potamius und des Rechtsgelehrten Julian wurde mit militärischem Pomp ins Lager geleitet. Im Namen ihres Herren anerkannten sie übereinstimmend die rechtmäßige Wahl seines Mitbewerbers und schlugen eine Teilung der westlichen Provinzen und Italiens unter die beiden Herrscher vor. Ihre Vorschläge wurden mit Verachtung vermerkt und zurück gewiesen; und diese Ablehnung wurde durch des Attalus beleidigende Milde zusätzlich verschärft, der sich zu der Zusicherung verstieg, dass Honorius, sollte er unverzüglich den Purpur ablegen, den Rest seines Lebens in friedlichem, wenngleich entlegenem Exil verbringen dürfe Er ging in seiner Überheblichkeit so weit, dass er verkündete, er werde Honorius noch vor seiner Verbannung verstümmeln lassen. Doch mit unparteiischem Zeugnis wird diese Behauptung des Zosimos von Olympiodoros widerlegt, der diesen brutalen Vorschlag (Attalus verwarf ihn mit Entschiedenheit) der Niedertracht undVerräterei des Iovius anlastet. . So aussichtslos indessen erschien die Lage von Theodosius' Sohn denen, die mit seiner Macht und seinen Möglichkeiten am besten vertraut waren, dass sein Minister und sein General, Jovius und Valens, ihm die Treue aufkündigten, das sinkende Schiff ihres Wohltäters verließen und seinem glücklicheren Rivalen ihre Dienste anboten. Erschüttert durch diese Beispiele heimischen Verrats erbebte Honorius beim Herannahen jeden Dieners und bei der Ankunft eines jeden Boten. Er entsetzte sich vor geheimen Feinden, die ihn in seiner Hauptstadt, seinem Palast, seinem Schlafgemach beschleichen mochten; und Schiffe lagen seeklar im Hafen von Ravenna, den abgesetzten Herrscher zu seinem unmündigen Neffen, dem Herrscher des Ostens, zu verbringen.   SEINE ABSETZUNG DURCH ALARICH · A.D. 410 Aber es gibt eine Vorsehung, und diese wacht über die Torheit und die Unschuld (dies wenigstens war die Auffassung des Historikers Procopius Prokopius, De bello Vandalico 1,2. ); und die Ansprüche, die Honorius an ihre besondere Fürsorge stellte, kann nicht ernsthaft in Frage gestellt werden. In dem Augenblick, als er, unzugänglich irgendwelchen Vernunftgründen, schmachvolle Flucht erwog, landeten unerwartet, aber rechtzeitig viertausend Veteranen im Hafen von Ravenna. Diesen streitbaren Fremdlingen, die trotz aller Hofkabalen noch nicht die Seite gewechselt hatten, vertraute er Mauern und Tore der Stadt an; und so ward des Herrschers Schlummer nicht länger durch die Furcht vor äußeren oder inneren Feinden beunruhigt. Glückhafte Zeitung aus Afrika wirkte sich ebenfalls erhebend auf die Gemütslage des Volkes und die Politik aus. Die Truppen, die Attalus in jene Provinz entsandt hatte, wurden besiegt und aufgerieben; Heraclianus' tätiger Eifer bewies seine und des Volkes Treue gegenüber dem rechtmäßigen Herrscher. Der getreue comes von Afrika übersandte eine beträchtliche Summe Geldes, welches die Ergebenheit der kaiserlichen Garde festigte; und sein Eifer, den er bei der Verhinderung von Öl- und Getreideexporten an den Tag legte, war Anlass für Hungerunruhen in Rom. Der fehlgeschlagene Afrikafeldzug wurde zur Quelle gegenseitiger Beschuldigungen innerhalb der Partei des Attalus; und sein Gönner entfremdete sich unmerklich der Sache eines Herrschers, dem es zum Befehlen an Stärke und zum Gehorchen an Lenksamkeit fehlte. Die dümmsten Maßnahmen wurden ohne Wissen oder sogar gegen den ausdrücklichen Rat des Alarich ergriffen; und die hartnäckige Weigerung der Senatoren, der Einschiffung von nur fünfhundert Goten zuzustimmen, verriet eine argwöhnische und misstrauische Gesinnung, welche in ihrer augenblicklichen Situation weder angemessen noch besonders klug war. Den ganz besonderen Zorn des Gotenkönigs riefen die bösartigen Schliche des Jovius hervor, welchen man in den Patrizierrang erhoben hatte und der hernach seine doppelte Treulosigkeit ohne zu erröten mit der Erklärung exkulpierte, dass er seinen Dienst bei Honorius nur zum Scheine aufgekündigt habe, um den Untergang Usurpator dadurch umso wirkungsvoller vorantreiben zu können. In einer großen Ebene bei Rimini und in Gegenwart ungezählter Römer und Barbaren wurde der unglückselige Attalus öffentlich seines Purpurs und seines Diadems entkleidet; und diese Königsinsignien ließ anschließend Alarich als ein Unterpfand für Frieden und Freundschaft dem Sohne des Theodosius zukommen Zu Ursache und Begleitumständen des Falles von Attalus siehe: Zosimos, 6,12; Sozomenos 9,8 und Philostorgios 12,3. Die beiden Amnestiegesetze des Codex Theodosianus (9,38,11 und 12), verkündet am 12. Februar und 8. August A.D. 410, bezogen sich eindeutig auf diesen Usurpator. . Die Offiziere, die zu ihrer Fahne zurück kehrten, wurden in ihrer Stellung weiter beschäftigt, und selbst eine verspätete Reue galt noch als Verdienst; aber der abgesetzte Herrscher der Römer, der am Leben hing und doch für seine Lage unempfänglich war, bat um Erlaubnis, sich der Sache der Goten im Trosse ihres stolzen und launischen Anführers anschließen zu dürfen »In hoc, Alaricus, imperatore, facto, infecto, refecto, ac defecto ... mimum risit, et ludum spectavit imperii.« (In einem Augenblick hatte Alarich einen Kaiser ernannt, abgesetzt, neu eingesetzt, fallen gelassen; lachte übe die Komödie und beschaute sich das Schauspiel seinereigenen Herrschaft). Orosius 7,42 .   DRITTE BELAGERUNG UND PLÜNDERUNG ROMS 24. AUGUST 410 Durch die Absetzung des Attalus war das einzige nennenswerte Friedenshindernis beseitigt; und Alarich rückte bis drei Meilen vor Ravenna, um die Unentschlossenheit der kaiserlichen Minister zu beenden, deren Dreistigkeit zunahm, als ihr Glück zurückkehrte. Seine Empörung wuchs noch bei der Nachricht, dass Sarus, ein gegnerischer Stammeshäuptling, persönlicher Feind von Adolphus und Erbfeind der Balti, im Palast freundliche Aufnahme gefunden hatte. An der Spitze von dreihundert unerschrockenen Kriegern macht der kühne Barbar vor Ravenna einen Ausfall, überrumpelte ein beträchtliches Kontingent von Goten, metzelte es nieder, kehrte im Triumph in die Stadt zurück und durfte seinem Gegner den Tort antun, durch die Stimme des Heroldes öffentlich verkünden zu lassen, dass die Schuld des Alarich ihn für alle Zeiten von einer Freundschaft und Allianz zum Kaiser ausschließe. Für diese kriminelle Dummheit des Hofes zu Ravenna musste Rom ein drittes Mal büßen. Zosimos, 6,13; Sozomenos 9,9; Philostorgios, 12,3.. An dieser Stelle ist die Textüberlieferung bei Zosimos verderbt und der Rest des 6. und letzten Buches, das mit der Plünderung Roms endete, ist verloren. Mag er auch noch so arglos und parteiisch sein, wir müssen uns jetzt nicht ohne einiges Bedauern von diesem Historiker verabschieden. Der Gotenkönig, außerstande, seine Rache- und Beutegier länger zu verhehlen, erschien in Waffen unter den Mauern der Hauptstadt; und der Senat, bebend und ohne Hoffnung auf Entsatz, bereitete sich vor, durch verzweifelten Widerstand den Untergang ihrer Heimat hinaus zu zögern. Aber gegen die heimlichen Abmachungen ihrer Sklaven und Domestiken zeigten sie sich unvorbereitet, welche sich, sei es aus Eigeninteresse oder wegen ihrer Herkunft, der Sache des Feindes anschlossen. Zu mitternächtlicher Stunde wurde die Porta Salaria heimlich geöffnet, und die Einwohner wurden aus dem Schlafe emporgeschreckt durch das grässliche Getöne der gotischen Kriegsdrommeten. Elfhundertunddreiundsechzig Jahre nach der Gründung Roms war die Kaiserstadt, welche fast die ganze Menschheit unterworfen und zivilisiert hatte, der Zerstörungswut germanischer und skythischer Stämme überlassen »Adest Alaricus, trepidam Romam obsidet, turbat, irrumpit.« (Alarich naht, belagert das bebende Rom, verwirrt es, fällt ein). Orosius 7,39. Er fasst dieses Großereignis in sieben Worte; aber er benötigt ganze Seiten, die Frömmigkeit der Goten zu rühmen. Ich habe aus einer unglaubwürdigen Darstellung des Prokopios die Umstände gesammelt, welche wenigstens einen Anflug von Wahrscheinlichkeit für sich haben. Prokopios, De bello Vandalico 1,2. Er vermutet, dass die Stadt überrumpelt wurde, als die Senatoren ihr Mittagsschläfchen hielten; Hieronymus hingegen versichert mit viel Nachdruck, das es nachts geschah: »nocte Moab capta est; nocte cecidit Murus eius.« (Nachts wurde Moab genommen, nachts fiel seine Mauer). Ad Principiam, Opera Band 1, p.121. .   GOTEN SCHONEN DIE CHRISTEN Die Proklamation Alarichs beim gewaltsamen Eindringen in die besiegte Stadt lässt indessen Respekt vor den Gesetzen der Humanität und Religion erkennen. Zwar ermunterte er seine Leute, sich die Belohnung der Sieger zu ergreifen und sich am Gut der wohlhabenden und verweichlichten Römer zu bereichern; zugleich aber ermahnte er sie, das Leben derer zu schonen, die sich stille verhielten und die Kirchen der Apostel Petrus und Paulus zu respektieren, da es nun einmal heilige und unverletzliche Gotteshäuser seien. Inmitten der Schrecknisse dieses nächtlichen Tumultes ließen einige christliche Goten den Eifer der erst kürzlich Konvertierten erkennen; und mehrere Beispiele für deren untypische Mäßigung werden von eifrigen Kirchenschriftstellern überliefert Orosius (7,39) rühmt die Frömmigkeit der christlichen Goten und übersieht dabei, dass die meisten von ihnen arianische Ketzer waren. Jordanes und Isidor von Sevilla, die beide der Sache der Goten zugetan waren, haben diese Erbauungsgeschichten öfters wiederholt und ausgeschmückt. Glaubt man Isidor, dann soll Alarich selbst gesagt haben, er führe den Krieg gegen die Römer, aber nicht gegen die Apostel. Dies war so der Stil des VII. Jhdts; zweihundert Jahre zuvor hätte man Ruhm und Verdienst nicht den Aposteln zugeschrieben, sondern Christus. . Während die Barbaren, gierig nach Beute, durch die Stadt marodierten, wurde die schlichte Behausung einer alternden Jungfrau, die ihr Leben dem Altardienst gewidmet hatte, von einem riesigen Goten gewaltsam geöffnet. Er verlangte, wenngleich in gesetzter Sprache, alles in ihrem Besitz befindliche Gold und Silber; und erstaunte darüber, wie bereitwillig sie ihn zu einem wahren Hort von Gegenständen aus den wertvollstem Materialien in der schönster Ausführung brachte. Der Barbar gaffte mit Staunen und Entzücken auf diese wertvolle Sammlung, als ihn eine ernstliche Ermahnung unterbrach, die an ihn erging mit folgenden Worten: »Dieses,« sprach sie »sind heilige Gefäße, die St. Peter geweiht sind; solltest du wagen, sie auch nur anzufassen, dann wird diese Freveltat immer in deinem Gewissen bleiben. Ich für meinen Teil wage nicht, das zu behalten, was ich außerstande bin zu verteidigen.« Der Hauptmann der Goten, den plötzlich ein heiliger Schauer durchbebte, ließ dem König Nachricht zukommen von dem Schatz, den er gefunden hatte; und erhielt von Alarich den strenggehaltenen Befehl, alle geweihten Pokale und Schmuckstücke sollten unverzüglich und unversehrt in die Kirche der Apostel verbracht werden. So zog wohl vom einem Ende der Stadt, etwa dem Quirinal, in das abgelegene Viertel des Vatikan ein zahlenstarkes Detachement Goten in Schlachtordnung durch die Hauptstraßen, wo sie mit blinkenden Waffen dem langen Zuge ihrer gottesfürchtigen Gefährten Geleitschutz gaben, welche auf ihren Häuptern das geweihte Geschirr aus Gold und Silber trugen; und das kriegerische Lärmen der Barbaren ward untermischt mit den Klängen frommer Hymnen. Aus allen umliegenden Häusern eilte die Christenheit herzu, diese erbauliche Prozession zu verstärken; und die Masse der Flüchtlinge war glücklich, ohne Unterschied des Alters, der Stellung, ja sogar der Sektenzugehörigkeit, in dem sicheren und gastfreundlichen Heiligtum des Vatikans Zuflucht zu finden. Das gelehrte Werk vom Gottesstaat wurde erklärter Weise von St. Augustin verfasst, um die Wege der Vorsehung am Beispiel des Unterganges römischer Größe zu rechtfertigen. Er rühmt, sichtlich zufrieden, diesen bemerkenswerten Triumph des Christentums; und kränkt seine Gegner durch die Aufforderung, ihm ein einziges Beispiel einer im Sturme genommenen Stadt zu nennen, in der die antiken Fabelgötter imstande gewesen seien, sich oder ihre betrogenen Anhänger zu schützen Siehe Augustinus, de Civitate Dei 1,1-6. Er beruft sich besonders auf die historischen Vorbilder von Troja, Syrakus und Tarent. .   VERWÜSTUNG UND ZERSTÖRUNG ROMS Zu Recht sind einige ungewöhnliche und seltene Beispiele für Tugenden der Barbaren gerühmt worden, die sich während der Plünderung Roms ereigneten. Aber der heilige Bezirk des Vatikans und der Apostelkirchen konnte nur einen Bruchteil der römischen Bevölkerung bergen: tausende von Kriegern, die unter Alarich dienten und ganz besonders die Hunnen, wussten nichts von Christus oder doch wenigstens dem Glauben an ihn; und wir dürfen wohl vermuten, ohne dabei taktlos oder wahrheitswidrig zu werden, dass in der wüsten Stunde der Plünderung, als alle Leidenschaften entzündet und alle Rücksichten erstorben waren, sich auch die getauften Goten nicht in jedem Falle von den Geboten des Evangeliums leiten ließen. Selbst die Schreiber, die noch am ehesten Neigung verspürten, ihre Milde zu überzeichnen, schreiben frank und frei von einem Massaker an den Römern Hieronymus (Ad Principiam. Opera, Band 1, p 121) greift alle die kräftigen Worte des Vergil, um Roms Plünderung zu bechreiben: »Quis cladem illius noctis, quis funera fando/Explicet,...« (Wer erzählt das Unheil dieser Nacht, wer nennt die Toten?) Prokopios 1,2 stellt ausdrücklich fest, dass auch viele Goten erschlagen wurden. Augustinus, de Civitate Dei 1,12 und 13, bietet den christlichen Trost für die Toten, deren Körper (›multa corpora‹) unbeerdigt geblieben waren (›in tanta strage‹). Baronius hat verschiedene Schriften der Kirchenväter ausgewertet und so einiges Licht auf die Plünderung Roms geworfen. Annales ecclesiastici, A.D. 410, Nr. 16-44. ; dass sich in den Straßen der Stadt die Leichen häuften, welche während der allgemeinen Auflösung unbegraben blieben. Bisweilen schlug die Verzweiflung der Bürger um in blanke Wut; und immer dann, wenn die Barbaren durch Widerstand zusätzlich aufgereizt wurden, mordeten sie zusätzlich die Schwachen, Unschuldigen und Hilflosen. Vierzigtausend Haussklaven nahmen ungestraft und gnadenlos ihre Rache; und die Peitschen, die bis dahin für sie aufgespart waren, wuschen sie nun mit dem Blute der schuldigen oder besonders niederträchtigen Familien sauber. Die Matronen und Jungfrauen Roms sahen sich Gewalttaten ausgesetzt, die nach den Maßstäben der Keuschheit schlimmer waren als der Tod; und so hat uns denn ein Kirchenschriftsteller ein Beispiel für die Tugend eines Weibes überliefert, das künftigen Generationen zum Beispiel dienen sollte Sozomenos 9,10. Augustinus (De Civitate Dei 1,12 und 13) lässt uns wissen, dass einige Jungfrauen und Matronen sich selbst töteten, um der Vergewaltigung zu entgehen; und wenn er auch ihren Mut bewundert, nötigt ihm seine Theologie doch eine Verurteilung ihrer unbesonnenen Kühnheit ab. Vielleicht hat dieser brave Bischof von Hippo in Ansehung dieses weiblichen Heldenmutes zu viel Glauben und in dessen Beurtilung zu viel Srenge bewiesen. Die zwanzig Jungfrauen jedenfalls – wenn es sie denn jemals gegeben hat-, die sich in die Elbe stürzten, da Magdeburg mit Sturm eingenommen wurde, sind irgendwann zu eintausendzweihundert angewachsen. Harte, History of Gustavus Adolphus, Vol 1, p. 308. . Eine römische Dame, ausgezeichnet durch Schönheit und Glaubensstärke, hatte die Begierden eines jungen Goten aufgereizt, auf dessen Nähe zu der arianischen Ketzerei hinzuweisen Sozomenos scharfsinnig genug war. Durch ihren Widerstand zusätzlich gereizt, griff er zum Schwert und verletzte sie am Nacken, wie es so die Art zurückgewiesener Liebhaber ist. Verwundet widerstand die Heldin auch jetzt noch seinen Anstrengungen und Anträgen, bis der Schändliche von seinen fruchtlosem Bemühungen Abstand nahm, sie anstelle dessen zum Heiligtum des Vatikans geleitete und den Kirchenwachen sechs Goldstücke gab mit dem Auftrag, sie unversehrt ihrem Gatten zurück zu geben. Solche Beispiele von Mut und Großherzigkeit waren indessen selten. Brutal hielt sich die Soldateska schadlos, ohne nach den Wünschen oder Verpflichtungen ihrer weiblichen Gefangenen zu fragen; und mit viel Feinsinn wurden jetzt heikle Konfliktfälle diskutiert. Ob nicht etwa jene sanften Opfer, die sich unbeugsam, aber vergeblich gegen die Vergewaltigung gewehrt hätten, nunmehr die Krone der Jungfräulichkeit verloren hätten, die von ihnen bis dahin ruhmreich behauptet worden war Siehe Augustinus, de Civitate Dei 1, 16 und 18. Er verbreitet sich über dieses Thema mit bemerkenswerter Genauigkeit: und nachdem er eingeräumt hat, dass es dort kein Verbrechen geben könne, wo keine Einwilligung vorhanden sei (?), fährt er fort: »Sed quia non solum quod ad dolorem, verum etiam quod ad libidinem, pertinet, in corpore alieno perpetrari potest; quicquid tale factum fuerit, etsi retentam constantissimo animo pudicitiam non excutit, pudorem tamen incutit, ne credatur factum cum mentis etiam voluntate, quod fieri fortasse sine carnis aliqua voluptate non potuit. Sed quia non solum quod ad dolorem, verum etiam quod ad libidinem, pertinet, in corpore alieno perpetrari potest; quicquid tale factum fuerit, etsi retentam constantissimo animo pudicitiam non excutit, pudorem tamen incutit, ne credatur factum cum mentis etiam voluntate, quod fieri fortasse sine carnis aliqua voluptate non potuit.« (Da man aber an einem fremden Leibe nicht nur schmerzerregende, sondern auch lusterregende Handlungen verüben kann, so ruft allerdings jedes derartige Vorkommnis, wenn es auch die mit aller Standhaftigkeit der Gesinnung festgehaltene Keuschheit nicht aufhebt, doch die Scham hervor, es möchte den Anschein haben, als sei das, was vielleicht nicht ohne fleischliche Lust vor sich gehen konnte, mit Einwilligung des Geistes geschehen. (Ü: Alfred Schröder)). In Kapitel 18 macht er einige merkwürdige Unterscheidungen zwischen moralischer und physischer Jungfräulichkeit. . Es gab noch andere Verluste zu beklagen, die – allerdings denn doch – von substantieller Natur und allgemeinerem Interesse waren. Die Annahme hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich, dass alle Barbaren zu allen Augenblicken zu solchen sexuellen Übergriffen imstande waren; und der größte Teil der weiblichen Bevölkerung Roms war vor Vergewaltigung geschützt aus Mangel an Jugend, Schönheit oder Keuschheit. Habgier indessen ist allgegenwärtig und unersättlich; denn der Genuss von Dingen, die nur irgendwie geeignet sind, irgendeinem Geschmack Vergnügen zu bereiten, kann nur durch Reichtum gewährt werden. Als Rom geplündert wurde, richtete man das besondere Augenmerk auf Gold und Edelsteine, da hier der höchste Wert auf kleinstem Raum und in geringstem Gewicht konzentriert ist; nachdem aber diese bewegliche Habe von den umsichtigeren Plünderern fortgetragen worden war, raubte man aus den Palästen Roms schöne und wertvolle Möbelstücke. Unterschiedslos häufte man auf den überallhin mitgeführten Wagen goldenes Tafelgeschirr und kostbare Purpur- und Seidengarderobe. Die kostbarsten Kunstwerke wurden grob behandelt oder vorsätzlich ruiniert: so manche Statue wurde wegen ihres hohen Materialwertes eingeschmolzen und so manche Vase bei der Aufteilung der Beute mit der Streitaxt zertrümmert. Solches Erraffen von Reichtum löste bei den Barbaren nur noch Hunger nach mehr aus, so dass sie durch Drohungen, Schläge und Foltern von ihren Gefangenen die Preisgabe von weiteren Verstecken zu erpressen fortfuhren Marcella, eine Römische Dame, durch Adel, Alter und Frömmigkeit gleichermaßen ausgezeichnet, wurde niedergeworfen zur Erde und grausam geschlagen und gepeitscht (»caesam fustibus et flagellis«) Hieronymus, Ad Principiam, Opera, Band 1, p.121. Siehe auch Augustinus, de Civitate Dei 1,10. Das neue Werk ›Sacco di Roma‹, p. 208, vermittelt eine Vorstellung von den unterschiedlichen Foltertechniken des Goldes wegen. . Äußerer Glanz und Aufwand galten als Beweis für ein üppiges Vermögen; äußere Bescheidenheit galt als Zeichen für eine knauserige Einstellung; und die Hartnäckigkeit mancher Knicker, die eher die grausamsten Foltern ertrugen als die Verstecke für die Objekte ihrer Begierden preiszugeben, wurde so manchem wirklichen Armen zum Verhängnis, welche unter der Folter starben, weil sie außerstande waren, ihre angeblichen Schätze zu verraten. Auch die Gebäude Roms bekamen von gotischer Brutalität einiges zu spüren, obwohl diese Schäden gewaltig übertrieben worden sind. Als sie durch die Porta Salaria einbrachen, steckten sie die Nachbarhäuser in Brand, um den anderen den Weg zu weisen und die Römer selbst abzulenken; da sich den Flammen in dieser Nacht kein Hindernis entgegen stellte, wurden viele Privathäuser und öffentliche Gebäude zerstört; und noch in der Zeit Justinians galten die Ruinen der Villa des Sallust Der Historiker Sallust, der praktischerweise genau diejenigen Laster ausübte, der er so wortgewaltig gegeißelt hatte, nutzte die Plünderung von Numidien, um seine eigenen Garten und Hügel auf dem Quirinal auszuschmücken. Dort, wo sein Haus stand, befindet sich die Kirche der hl. Susanna, nur einen Straßenzug von dem Thermen des Domitian entfernt und ebenfalls nahe der Porta Salaria. Siehe Nardini, Roma antica, p. 192f und den großen Plan des modernen Rom von Nolla. als Schandmal für gotische Zerstörungswut Prokopios(De bello Vandalico 1,2) drückt sich hier bestimmt und gemäßigt aus. Die Chronik des Marcellinus übertreibt mit dem »pertem urbis Romae cremavit« (einen Teil der Stadt hat er eingeäschert); und die Worte des Philostorgios 12, 3: ἐν ἐρειπίοις δὲ τῆς πόλεως κειμένης (da die Stadt in Trümmern lag) rufen eine falsche und übertriebene Vorstellung hervor. Bargeraeus hat eine eigene Abhandlung verfasst (siehe Graevius, Thesaurus antiquitatum Romanorum, Band 4), um zu beweisen, dass die Gebäude von Rom von den Goten und Vandalen nicht zerstört wurden. . Ein zeitgenössischer Historiker hat zu bedenken gegeben, dass ein Feuer schwerlich die gewaltigen Balken aus reiner Bronze hätte vernichten können, und dass es über Menschenkraft ginge, die Fundamente antiker Gebäudekonstruktionen zu zerstören. Es wird wohl einige Wahrheit durch seine fromme Bemerkung verdunkelt, dass der Zorn des Himmels den schwachen Kräften der Barbaren beigesprungen sei und das stolze Forum Romanum, ausgeschmückt mit ungezählten Götter- und Heldenstatuen, vor den Einschlägen der Blitze in den Staub gesunken sei Orosius (2,19) redet, als seien ihm alle Statuen zuwider; »vel deum vel hominum mentiuntur« (...die Götter und Menschen vortäuschen). Hier gab es Statuen der Könige Albas und Roms seit Äneas, waffen- oder kunstberühmter Römer und der vergöttlichten Caesaren. Das, was er unter dem Forum versteht, bleibt etwas unbestimmt, denn es gab immerhin fünf von ihnen; da sie aber alle benachbart waren und in dem Gebiet lagen, welches das Capitol, Quirinal, Esquilin und Palatin umfassten, kann man sie auch als eines ansehen. Siehe Donati, Roma vetus et recens, p. 162-201 und Nardini, Roma antica, p. 213 – 273. Ersteres ist nützlicher wegen seiner antiken Beschreibungen, das zweite für die Gegenwarts-Topographie. .   SKLAVEREI UND EXIL IN AFRIKA Wie viele Ritter oder Plebejer auch bei der Einnahme Roms ihr Leben verloren: fest steht, dass nur eine einzige Person senatorischen Ranges durch das Schwert des Feindes umkam Orosius (2,19) vergleicht die Grausamkeit der Gallier und die Zurückhaltung der Goten: »Ibi vix quemquam inventum senatorem, qui vel absens evaserit; hic vix quemquam requiriri, qui forte ut latens perierit.« (Dort fand man kaum einen Senatoren, der entkam, und wäre er auch woanders gewesen; hier lässt sich kaum einer finden, der starb, als wäre er zufällig versteckt gewesen) Aber in dieser Antithese steckt ein Hauch von Rhetorik und damit vielleicht auch von Unwahrhaftigkeit; und Sokrates (7,10) bekräftigt, vielleicht aus umgekehrten Gründen übertreibend, dass »viele« Senatoren unter ausgesuchten Foltern zu Tode kamen. . Aber schwer war die Zahl derer abzuschätzen, die von einer ehrenhaften und wirtschaftlich sicheren Stellung unversehens in die verzweifelte Lage von Gefangenen oder Flüchtlingen gerieten. Da die Barbaren eher für Geld als für Sklaven Verwendung hatten, setzten sie einen mäßigen Preis zum Freikauf ihrer unvermögenden Gefangenen fest; und oft brachte die Mildtätigkeit von Freunden oder sogar Fremden dieses Lösegeld auf »Multi...Christiani in captivitatem ducti sunt« (Viele Christen sind in die Gefangenschaft verschleppt worden). Augustinus, De Civitate Dei 1,14; und besondere Härten erlitten die Christen nicht. . Die Bürger, welche gleichsam offiziell auf dem Markte oder privat verkauft wurden, konnten auf gesetzlichem Wege ihre angeborene Freiheit wieder erlangen, welche sie als römische Bürger gar nicht verlieren oder abtreten konnten Siehe Heineccius, Antiquitatum Romanorum iurisprudentiam syntagma, Band 1, p. 96. . Da sich aber schon bald zeigte, dass diese Verteidigung ihrer Freiheit sie in Lebensgefahr brachte und dass die Goten sich veranlasst fühlten, ihre nutzlosen Gefangenen umzubringen, wenn sie sich nicht zum Verkaufe entschlossen, milderte die bürgerliche Rechtsprechung dies durch eine vernünftige Festlegung dahingehend ab, dass sie angemessene fünf Jahre dienen sollten, bis sie durch ihre Arbeit das Lösegeld abgearbeitet hatten Appendix zum Codex Theodosianus 16, in: Sirmond, Opera, Band 1, p. 735. Dieses Edikt wurde am 11. Dezember A.D. 408 verkündet und ist intelligenter gemacht, als man von den Ministern des Honorius hätte erwarten können. . Die Völker, die in das Römische Reich eingedrungen waren, hatten ganze Heerscharen von ausgehungerten und verängstigten Provinzialen vor sich hergetrieben, die weniger vor der Sklaverei fürchteten als vor dem Hunger. Roms Notlage verstreute nunmehr seine Einwohner zu den einsamsten, sichersten und abgelegensten Zufluchtsorten. Während nun die gotische Reiterei Furcht und Schrecken an den Küsten Campaniens und der Toskana verbreiteten, widerstand die kleine Insel Igilium, nur durch eine schmale Meeresenge vom Kap Argentarium getrennt, ihren feindlichen Anstrengungen oder spottete ihrer; und so dicht vor Rom gelegen, bot der heimliche Ort doch vielen Bürgern Zuflucht »Eminus Igilii sylvosa cacumina miror; Quem fraudare nefas laudis honore suae. Haec proprios nuper tutata est insula saltus; Sive loci ingenio, seu domini genio. Gurgite cum modico victricibus obstitit armis, Tanquam longinquo dissociata mari. Haec multos lacera suscepit ab urbe fugatos, Hic fessis posito certa timore salus. Plurima terreno populaverat aequora bello, Contra naturam classe timendus eques: Unum, mira fides, vario discrimine portum/Tam prope Romanis, tam procul esse Getis.« (Von ferne bestaune ich die Waldgipfel von Igilium; an ihrem Lobe zu sparen wäre Frevel. Vor kurzem schützte diese Insel seine eigenen Wälder, sei es durch ihre bevorzugte Lage, sei es durch des Kaisers (Honorius) Genius, als sie, getrennt von der Küste nur durch einen schmalen Meeresarm, den siegreichen Waffen so widerstand, als läge sie auf offener See. Viele Flüchtlinge aus der niederliegenden Stadt hieß sie willkommen: hier konnten die Müden ihre Furcht ablegen und Sicherheit finden. Eine Reiterei hatte gegen alle Natur vom Schiff aus während eines Landkrieges Meer um Meer verheert: ein Hafen ist in wunderbarer Weise nah den Römern und ferne den Goten) Rutilius Claudius Namatianus, Itinerarium 1,325. Heute heißt die Insel Giglio. Siehe Cluver, Italia antiqua, Buch 2, p. 502. . Die weitläufigen Latifundien, die so viele senatorische Familien in Afrika besaßen, hießen sie willkommen, wenn sie denn die Gelegenheit und die Klugheit gehabt hatten, sich unter den Schutz jener gastlichen Provinz zu flüchten. Die prominenteste dieser Flüchtlinge war die adlige, fromme Proba Da die Erlebnisse der Proba und ihrer Familie im Zusammenhang mit dem Leben von St. Augustin stehen, hat Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 13, p. 620-635, sie sorgfältig dargestellt. Kurze Zeit nach ihrer Ankunft in Afrika nahm Demetrias den Schleier und legte ein Keuschheitsgelübde ab; welches Ereignis für Rom und die Römische Welt als hochbedeutend angesehen wurde. Alle Heiligen schrieben ihr Glückwunschadressen; die des Hieronymus ist auf uns gekommen (Ad Demetriadem de servanda virginitate. Opera, Band 1, p. 62.73) und enthält eine Mischung aus abstrusen Gedanken, Herzensergießungen und merkwürdigen Einzeltatsachen, von denen sich einige auf die Belagerung und Eroberung Roms beziehen. , die Witwe des Präfekten Petronius. Nach dem Tode ihres Gatten blieb sie, die einflussreichste Bürgerin der Stadt, das Haupt der Anicier-Familie und unterstützte mit ihrem Privatvermögen nacheinander das Konsulat ihrer drei Söhne. Nach der Belagerung und Eroberung Roms durch die Goten schickte sich Proba mit christlicher Duldsamkeit in den Verlust ihrer unermesslichen Reichtümer; ging an Bord eines kleinen Seglers, von dem aus sie den Brand ihres eigenen Palastes beobachtete; und floh mit ihrer Tochter Laeta und ihrer Enkeltochter, der hochberühmten Demetrias, an Afrikas Küste. Die segensreiche Freigebigkeit, mit der die Matrone von der Fülle ihrer Besitztümer abgab, half vielen, die Beschwernisse von Exil und Gefangenschaft zu ertragen. Aber selbst die Familie der Proba war den beutegierigen Nachstellungen des comes Heraclianus ausgesetzt, welche kühnlich und schandbar noch die adligsten Jungfrauen Roms der Habgier oder der Lust syrischer Kaufleute andiente. Die Flüchtlinge aus Italien zerstreuten sich auf die ganze Provinz, entlang der Küste Ägyptens und Asiens bis nach Jerusalem und Konstantinopel; und das Dorf Bethlehem, welches die einsame Wohnstatt des heiligen Hieronymus und seiner Anhängerschar aus weiblichen Konvertiten war, überfüllte sich nun mit adligen Bettlern beiderlei Geschlechtes und jeden Alters, welche durch die Erinnerung an ihre früheren Umstände das Mitleiden der Öffentlichkeit erregten Siehe die leidenschaftliche Klage von Hieronymus in der Vorrede zum zweiten Buch seines Ezechiel-Kommentars, Opera Band 5, p. 400. . Das ganze Reich war durch Roms gräßliches Schicksal mit Trauer und Entsetzen erfüllt. Dieser fesselnde Gegensatz zwischen Größe und Fall vermochte den törichten Aberglauben des Publikums, die Not dieser Königin unter den Städten heftig zu beweinen und sogar noch zu vergrößern. Der Klerus, der diese jüngsten Ereignisse den unbestimmten Metaphern orientalischer Prophezeiungen zuordnete, fand sich zuweilen versucht, die Zerstörung der Hauptstadt mit dem Untergang der Welt zu verwechseln.   DIE SOLDATESKA KARLS V. SCHLIMMER ALS DIE GOTEN Der menschlichen Seele wohnt eine starke, naturgegebene Neigung inne, die Vorzüge der Gegenwart herabzusetzen und ihre Übel zu vergrößern. Als sich jedoch die erste Erregung gesetzt hatte und man des tatsächlichen Schadens inne ward, fanden sich die nachdenklicheren und urteilsfähigeren Zeitgenossen zu dem Zugeständnis genötigt, dass das jugendliche Rom dereinst von den Galliern empfindlicher gezüchtigt worden war als das alte in seinen sich neigenden Jahren von den Goten Orosius zieht diesen Vergleich (2,19 und 7,39), wenngleich mit theologischer Parteilichkeit. Doch ist in der Geschichte der Eroberung Roms durch die Galler fast alles ungewiss und vermutlich sogar freie Erfindung. Siehe Beaufort, Incertitude p. 356 und Anicet Melot in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 15 (1750), p1-21. . Die Erfahrungen von elf Jahrhunderten haben der Nachwelt eine noch eindrucksvollere Parallele an die Hand gegeben: mit Bestimmtheit kann sie sagen, dass das Wüten der Barbaren, die Alarich von der Donau nach Italien geführt hatte, weit weniger Verheerung anrichtete als das Marodieren der Truppen Kars V, eines katholischen Herrschers, der sich selbst römischer Kaiser zubenannte Wenn sich der Leser über Einzelheiten zu diesem berühmten Ereignis informieren möchte, so möge er die bewundernswerte Darstellung in Dr. Robertson, History of Charles V. (Band 2, p. 283) lesen oder die Annali d'Italia des gelehrten Muratori (Band 14, p. 230-244, Oktavausgabe) zu Rate ziehen. Möchte er Originalquellen studieren, dann mag er zurückgreifen auf Buch 18 der großartigen, aber unvollendeten Historia Guicciardinis. Die Darstellung jedoch, der die Bezeichnungen ›authentisch‹ und ›ursprünglich‹ am meisten verdient, findet sich in dem kleinen Buch ›Il sacco di Roma‹, geschrieben in weniger als einem Monat nach der Eroberung der Stadt vom Bruder Lodovico des Historikers Francesco Guiciardini, einem offenbar tüchtigen Verwaltungsbeamten und sehr sachlichem Autoren. . Die Goten verließen die Stadt nach Ablauf von sechs Tagen, aber die Kaiserlichen behielten Rom neun Monate lang in ihrem Besitz; und jede Stunde war für Raub, Plünderung und Notzucht vorgesehen. Alarichs Autorität hielt die Ordnung aufrecht, und die kriegerische Masse, die ihn als ihren Anführer und König respektierte, beobachtete leidlich Zurückhaltung; aber der Bourbonengeneral war beim Angriff auf die Stadt im Kampf gefallen; und der Tod ihres Befehlshabers beseitigte die letzten Reste von Disziplin aus einer Armee, in welcher drei Nationen nebeneinander vertreten waren, Italiener, Spanier und Deutsche. Zu Beginn des XVI Jahrhunderts wies Italiens Gesittung in bemerkenswerter Weise alle Anzeichen einer gottfernen Gesellschaft auf. Es fanden sich hier Bluttaten, das Kennzeichen archaischer Gesellschaften, und daneben Hochglanzverbrechen, welche eine Frucht von überverfeinertem Luxus sind; und die Glücksritter gar, die sich über jedes Vorurteil hinweggesetzt hatten, welches Patriotismus und Aberglauben bereithalten, um den Palast des römischen Pontifex in ihre Hand zu bekommen, müssen als die verworfensten aller Italiener angesehen werden. Zur gleichen Zeit waren die Spanier das Entsetzen der Alten und der Neuen Welt; und ihr hochgemuter Geist war durch überheblichen Stolz, räuberische Habgier und mitleidlose Grausamkeit besudelt. Unermüdlich auf der Jagd nach Ruhm und Gold, haben sie durch wiederholte Übung die raffiniertesten und wirkungsvollsten Methoden vervollkommnet, ihre Gefangenen zu foltern; viele Kastilianer, die an Roms Plünderung teilhatten, waren auch mit der Heiligen Inquisition innig vertraut; und viele waren erst kürzlich nach der Eroberung Mexikos zurückgekehrt. Die Deutschen endlich waren weniger verderbt als die Italiener und weniger grausam als die Spanier; und hinter der bäuerlichen, fast schon kulturlosen Fassade dieser transmontanen Krieger verbarg sich eine harmlose und freundliche Natur. Aber der Geist und die Prinzipien Luthers und der Reformation hatten sie berührt. Es war ihr Liebstes, die geheiligten Gegenstände des katholischen Aberglaubens zu besudeln oder zu zerstören; sie widmeten mitleidlos und ohne Reue ihren ganzen Hass dem Klerus jedweder Herkunft und Stellung, der im modernen Rom einen so bedeutenden Anteil an der Bevölkerung hat; und ihr fanatischer Glaubenseifer strebte wohl auch danach, den Thron des Antichristen zu stürzen, um mit Blut und Feuer die Abscheulichkeiten dieses geistlichen Babylons auszumerzen Luthers zorngemute Heftigkeit, die eine Frucht von Temperament und religiösem Enthusiasmus war, wurde heftig attackiert (Bossuet, Histoire des variations des églises protestantes, Buch 1, p. 20-36) und nur matt verteidigt (Seckendorff, Comentarius de Lutheranismo, Buch 1, Nr 78, p. 120 und Buch 3, Nr 122, p. 556) .   ALARICH VERLÄSST ROM – 29. AUGUST 410 Der Abzug der siegreichen Goten, die Rom nach sechs Tagen räumten Marcellinus, in Orosius, Chronikea (7,39) behauptet, dass er Rom am dritten Tage verlassen habe. Diese Unstimmigkeit lässt sich jedoch mit dem langsamen Fortrücken großer Truppenkontingente leicht erklären. , mag die Frucht der Klugheit, aber ganz gewiss nicht die Folge der Angst gewesen sein Sokrates (7,10) behauptet, allerdings ohne die Spur eines Beweises, dass Alarich auf die Nachricht vom Herannahen der Armeen des Ostreiches das Feld geräumt habe. . An der Spitze einer Armee, mit Beute schwer beladen, zog ihr unerschrockener Anführer auf de Via Appia zu den südlichen Provinzen Italiens, walzte nieder, was sich ihm in den Weg zu stellen wagte und begnügte sich mit der Plünderung des wehrlosen Landes. Über dem Schicksal Capuas, der reichen und üppigen Metropole Kampaniens, die sich noch in ihrem Niedergang die achte Stadt des Reiches nennen durfte Ausonius, de claris urbibus. Opera, p. 233. Capua hat in seinem Luxus früher selbst Sybaris übertroffen. Siehe Athenaios, Deipnosophistai 12, p. 528 , liegt das Vergessen; während das benachbarte Nola Vierundachtzig Jahre vor Gründung Roms (etwa 800 v.Chr.) gründeten die Toskaner Capia und Nola, dreiundzwanzig Meilen voneinander entfernt; aber die letztgenannte Stadt ist immer nur Mittelmaß geblieben. bei dieser Gelegenheit durch die Heiligkeit des Paulinus Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 14, p. 1-146) hat mit bewährter Sorgfalt alles zusamengetragen was das Leben und die Schriften des Paulinus betrifft, dessen Abkehr von der Welt er selbst lobt, der aber auch dafür von Ambrosius, ieronymus, Augustinus, Sulpicius Severus und anderen christlichen Freunden gerühmt wird. berühmt wurde, der hier nacheinander Konsul, Mönch und Bischof wurde. Im Alter von vierzig entsagte er dem Wohlleben und der Ehre, der Gesellschaft und der Literatur, um ein Leben in Einsamkeit und Buße zu Führen; und der laute Beifall des Klerus ermutigte ihn, den Tadel seiner weltlichen Freunde zurück zu weisen, welche diese Verzweiflungstat irgendeiner geistigen oder körperlichen Unordnung zuschrieben Siehe die teilnahmsvollen Briefe des Ausonius (Epistulae 19-25) an Paulinus, seinen Freund, Kollegen und Schüler. Die Religion des Paulinus bleibt ein Problem, da es das aber auch schon zu seinen Lebzeiten so war, und dehalb war er in seinem Herzen ein Heide. . Eine frühzeitige, leidenschaftliche Anhänglichkeit bestimmte ihn, seine bescheidene Behausung in einem der Vororte Nolas zu beziehen, nahe dem wundertätigen Grabe des heiligen Felix, welchem die öffentliche Verehrung bereits fünf große und gliederstarke Kirchen gestiftet hatte. Seine verbleibenden Vermögenswerte und Verstandskräfte widmete er dem Dienste an diesem hochberühmten Märtyrer; dessen Ruhm an seinem Festtage mit einer feierlichen Hymne zu künden Paulinus seitdem nicht einmal verfehlte; und in dessen Namen er noch eine sechste Kirche von erlesener Schönheit und Anmut errichtete und mit treffenden Bildern aus der Geschichte des Alten und Neuen Testamentes verzierte. Solcherlei glühender Glaubenseifer sicherte ihm die Gunst des Heiligen Demutsvoll erkühnte sich Paulinus einmal zu der Vermutung, der Heilige liebe ihn; etwa so wie ein Herr seinen Hund. oder doch wenigstens seiner Mitmenschen; und so wurde ihm denn nach fünfzehn Jahren frommer Einsamkeit das Amt des Bischofs von Nola angetragen, das er ein paar Monate vor der Eroberung der Stadt durch die Goten denn auch annahm. Während der Belagerung zeigten sich einige besonders Gläubige befriedigt darüber, dass ihnen im Traum oder anderen Visionen ihr Titularbischof in himmlischer Form erschienen war; aber schon bald erwies sich, dass es Paulinus an der Handhabe und der Neigung gebrach, die Herde zu retten, deren Hirte er war. Nola entging nicht der allgemeinen Zerstörungswut Siehe Jornanes, Gethica 30; Philostorgios, 12,3; Augustinus, De Civitate Dei 1,10. Baronius, Annales Ecclesiastici A.D. 410, No. 45, 46. ; und den Bischof rettete nach seiner Gefangennahme nur eine unbestimmt-allgemeine Armuts- und Unschuldsvermutung.   GOTEN NEHMEN ITALIEN IN BESITZ A.D. 408-412 Fast vier Jahr vergingen, bis die Goten seit der erfolgreichen Eroberung Italiens unter Alarich freiwillig unter seinem Nachfolger Athaulph wieder abzogen; und während der ganzen Zeit regierten sie ohne Kontrolle über ein Land, in welchem nach Auffassung der Alten alles vereint war, was Natur und Kunst an Großem geschaffen hatten. Der Wohlstand indessen, den Italien unter der glückhaften Regierung der Antonine angehäuft hatte, war mit dem Niedergang des Reiches ebenfalls zur Neige gegangen. Die Früchte einer langen Friedenszeit verdarben unter dem brutalen Zugriff der Barbaren; und sie selbst waren außerstande, vom verfeinerten Luxus zu kosten, der zum Genuß für die sanften und gebildeten Italiener bereit stand. Jeder einzelne Soldat jedoch reklamierte für sich eine üppige Portion von der handgreiflichen Fülle, die täglich in Form von Wein, Öl, Korn und Rindfleisch im Lager der Goten einlief; und die prominenteren Kriegsherren suhlten sich in den Landhäusern und Gärten eines Lucullus und Cicero, die an der herrlichen Küste Campaniens aufgereiht waren. Ihre bebenden Gefangenen, Söhne und Töchter römischer Senatoren, reichten den stolzen Siegern in juwelenbesetzten Pokalen üppige Kostproben Falerner; diese streckten ihre groben Gliedmaßen unter dem Schatten von Platanen Die Platane war bei den Alten besonders zum Zwecke der Beschattung beliebt, welche sie zu diesem Zwecke aus dem Osten nach Gallien eingeführt hatten. Plinius (Naturalis Historia 12,3-5) erwähnt einige von gewaltigem Umfang; unter anderen einen im kaiserlichen Landsitz in Velitrae, den Caligula sein Nest nannte, da ihre Äste groß genug waren, eine Tafel, die Bedienung und den Kaiser selbst aufzunehmen, den Plinius verschmitzt pars umbrae (Stück vom Schatten) nennt; welche Bezeichnung mit gleichen Gründen auch auf Alarich angewendet werden kann. aus, welche auf kunstvolle Weise zurecht gestutzt waren, die Strahlen der Sonne abzuhalten und die belebende Wärme hindurch zu lassen. Diese Genüsse erhöhten ihre Wirkung noch angesichts der zurückliegenden Entbehrungen; der Gegensatz zu ihrer Heimaterde, den schroffen und kahlen Erhebungen Skythiens und der zugefrorenen Elbe und Donau mehrte die Behaglichkeiten Italiens noch um ein Mehrfaches »The prostrate South to the destroyer yields/ Her boastet titles/ and her golden fields:/ With grim delight the brood of winter view/ A brighter day, and skies of azure hue;/ Scent the new fragrance of the opening rose,/ And quaff the pendent vintage as it grows.« (Gray, Poems, p. 197, 1768). Warum hat Mr. Gray, anstelle Zeit- und naturgeschichtliche Tabellen zusammen zu stellen, nicht seines Verstandes Kräfte versammelt, um die philosophische Dichtung zu vollenden, von der er eine so eindrucksvolle Probe abgelegt hatte? .   ALARICHS TOD UND BEGRÄBNIS A.D. 410 Ob nun Ruhm, Eroberung oder Reichtum Alarichs eigentlicher Endzweck waren: er verfolgte dieses Ziel mit hartnäckigem Eifer und ließ sich durch Widerstand nicht abschrecken, wie er sich anderseits durch Erfolge nicht einlullen ließ. Kaum, dass er den äußersten Süden Italiens erreicht hatte, zog auch schon der Anblick einer nahebei gelegenen, fruchtbaren und friedlichen Insel seine Aufmerksamkeit auf sich. Aber selbst der Besitz von Sizilien war ihm nur ein Zwischenschritt auf dem Wege zur Eroberung von Afrika, welchen Plan er schon lange heckte. Die Meeresstraße von Rhegium und Messina Eine vollständige Beschreibung der Straße von Messina, der Scylla und Charybdis etc bietet Cluver, Italia antiqua, Buch 4, Band 2, p.1293 und Sicilia antiqua, Buch 1, p. 60-76. Er hat die Alten gründlich studiert und den heutigen Zustand des Landes mit wachen Sinnen betrachtet. ist zwölf Meilen lang und an der engsten Stelle ein und ein halbe Meile breit; und die Fabelwesen der Tiefe, die Felsen der Scylla und die Wirbelwasser der Charybdis, schreckten kaum noch den unbefahrensten und arglosesten Matrosen. Sobald aber die ersten Abteilungen der Goten an Bord gegangen waren, brach ein plötzlicher Sturm los, welche zahlreiche Transportschiffe versenkte oder zertrümmerte; dieses neue Element benahm ihnen den Mut; und das ganze Vorhaben zerschlug sich endlich infolge des allzufrühen Todes Alarichs, welcher nach kurzer Krankheit hier seinen Eroberungszüge ein Ziel setzte. Das rauhe Wesen der Barbaren kam besonders deutlich bei den Funeralien für ihren Helden zum Ausdruck, dessen Macht und Ruhm sie mit schwermütiger Bewunderung rühmten. Mit Hilfe von zahlreichen Kriegsgefangenen lenkten sie den Busento um, einen kleinen Fluss vor den Toren von Cosenza. In dem leeren Flussbett wurde das Grab ihres Königs ausgehoben und mit römischen Beutestücken und Trophäen versehen; dann wurde das Wasser wieder in seinen natürlichen Lauf zurück gelenkt, und der geheime Platz, an dem Alarichs sterbliche Reste beigesetzt wurden, blieb für immer verborgen, weil alle Gefangenen, die an der Arbeit beteiligt gewesen waren, in unmenschlicher Weise massakriert wurden Jordanes, Getica 30. .   ATHAULF ZIEHT NACH GALLIEN Persönliche Feindschaften und Erbfolgezänkereien unter den Barbaren mussten zunächst hinter ihre heikle Lage zurücktreten; und so wurde der wackere Athaulf, der Schwager des toten Königs, einstimmig zu seinem Thronfolger bestimmt. Der Charakter und die politische Vorstellungswelt des neuen Königs lassen sich am besten aus einem Gespräch mit einem berühmten Bürger von Narbonne ablesen, der es später auf einer Pilgerfahrt ins Heilige Land im Beisein des Historikers Orosius dem heiligen Hieronymos erzählte. »Im vollen Vertrauen auf meine Macht und den Sieg« (so Athaulf) »war ich voreinst bestrebt, der Erde ein neues Gesicht zu geben; den Namen Rom aus dem Gedächtnis der Menschen zu löschen; auf seinen Trümmern das Reich der Goten zu errichten; und wie einst Augustus als der Begründer eines neuen Reiches in die Unsterblichkeit einzugehen. Aus wiederholter Erfahrung lernte ich jedoch, dass Gesetze unabdingbar sind, einen wohlbegründeten Staat zu erhalten und zu lenken, und dass die ungebärdige Gemütslage der Goten jedenfalls nicht geschaffen ist, das wohltuende Joch von Gesetz und bürgerlicher Obrigkeit zu ertragen. Von da an setzte ich mir ein anderes Objekt meiner Ruhmbegier und meines Ehrgeizes vor; und so ist es jetzt mein aufrichtiger Wunsch, dass die Dankbarkeit inskünftiger Zeiten die Verdienste eines Auswärtigen anerkennen möge, der das Schwert eines Goten führte und die Größe Roms nicht etwa zu Boden warf, sondern neuerlich aufrichtete Orosius 7,43. Er wurde 415 von Augustinus von Africa nach Palästina geschickt, um den Heiligen Hieronymus aufzusuchen und über die pelagianische Kontroverse zu befragen. .« Mit diesen friedlichen Zielen vor Augen entschlug sich der Nachfolger Alarichs fernerer kriegerischer Unternehmungen und handelte ernstlich mit dem Hofe einen Friedens- und Freundschaftsvertrag aus. Dies lag auch im Interesse der Minister des Honorius, welche sich der Verpflichtungen ihres merkwürdigen Eides ledig sahen, Italien von der unerträglichen Macht der Goten zu befreien; und bereitwillig stellten sie sich den Tyrannen und Barbaren entgegen, die den Provinzen jenseits der Alpen beschwerlich fielen. Athaulf Jordanes mutmaßt, wenn auch reichlich unbegründet, dass Athaulf Rom ein zweites Mal heimgesucht und geplündert habe »more locustarum merasit« (...hat nach Art der Heuschrecken gehaust). Aber immerhin stimmt er Orosius zu in der Annahme, dass es zwischen dem Gotenkönig und Honorius zu einem Friedensvertrag gekommen sei. Siehe Orosius 7,43 und Jordanes, Getica 31. , nunmehr im Range eines römischen Generals, wandte sich vom äußersten Campanien nach Südgallien. Seine Truppen besetzten unverzüglich die Städte Narbonne, Toulouse und Bordeaux, sei es mit Gewalt oder auch einvernehmlich; und obgleich der comes Bonifatius sie vor den Mauern Marseilles zurückschlug, beherrschten sie schon bald das Gebiet zwischen Mittelmeer und Atlantik. Die bedrängten Provinzbewohner mochten Klage führen, dass die Goten ihnen nunmehr gewaltsam das Wenige entreiße, was ihnen der innere Feind belassen habe; aber ganz ohne Grund und Rechtfertigung war die Gewaltanwendung der Goten nicht. Man konnte die Städte, die die Goten angriffen, durchaus als im Zustande der Rebellion gegen Kaiser Honorius betrachten; die Friedensartikel oder die geheimen Weisungen des Hofes mochten bisweilen zugunsten der offenkundigen Usurpation des Athaulf angeführt werden: und die Schuld für irgendeinen ungesetzlichen feindlichen Akt konnte jederzeit mit dem Anschein der Wahrheit dem Vernunftgründen unzugänglichen Geiste eines barbarischen Feindes zugeschrieben werden, welcher Frieden und Disziplin nun einmal nicht ertragen mochte. Italiens Luxus hatte weniger dazu beigetragen, das Gemüt der Goten befrieden als ihren Mut zu schwächen; und so hatten sie die Laster einer zivilisierten Gesellschaft in sich aufgenommen, ohne ihre Gesittung und Einrichtungen zu übernehmen Der Rückzug der Goten aus Italien und ihr erster Einfall in Gallien liegen weitgehend im Dunkeln. Ich habe hier viele Hilfe von Mascov (History of the ancient Germans, Buch 8, c. 28 und 35-37) erhalten, der die zusammenhanglose und fragmentarische Chronik der Zeit geordnet hat. .   ATHAULF HEIRATET PLACIDIA · A.D. 414 Die Bekenntnisse des Athaulf waren zweifellos aufrichtig, und sein Wohlwollen für die Sache der Republik wurde zusätzlich gefestigt durch den Einfluss, den eine römische Prinzessin über Herz und Verstand dieses Barbarenhäuptlings gewann. Placidia Siehe über Placidia bei du Cange, Familiae Byzantinae, p. 72, und Tillemont, Histoires des empereurs, Band 5, p. 260 und 280 und Band 6, p. 240. , die Tochter der großen Theodosius und seiner zweiten Frau Galla hatte im Palast zu Konstantinopel eine königliche Erziehung empfangen; ihr an Wechselfällen reiches Leben steht im engen Zusammenhang mit den Umwälzungen im Westen unter der Regentschaft ihres Bruders Honorius. Als Rom zum ersten Male durch die Waffen Alarichs bedrängt ward, wohnte Placidia, damals etwa zwanzig Jahre alt, in der Stadt; und ihr rasches Einverständnis mit der Hinrichtung ihrer Kusine Serena wirft ein grausames und sehr hässliches Licht auf sie, welcher Eindruck je nach Blickwinkel durch ihr zartes Alter entschuldigt oder vertieft wird Zosimos 5,38. . Die siegreichen Barbaren forderten und erhielten die Schwester des Honorius als Gefangene osimos 6,12. Orosius7,40 und die Chronik des Marcellinus legen die Vermutung nahe, dass die Goten Placidia nicht vor der letzten Belagerung Roms fortführten. oder als Geisel; während sie sich aber zu ihrem Verdruss genötigt sah, allen Bewegungen des Gotenheeres durch Italien zu folgen, erfuhr sie, immerhin denn doch, eine respektvoll-anständige Behandlung. Jordanes, der ihre Schönheit rühmt, erhält ein Gegengewicht durch das Schweigen, das beredte Schweigen ihrer Schmeichler; doch der Rang ihrer Geburt, ihre blühende Jugend, ihr geschliffenes Auftreten und der Austausch, auf den sie sich einließ: die alles machte auf Athaulfs Gemüt einen tiefen Eindruck; und so bemühte sich der Gotenkönig darum, sich »Bruder des Kaisers« nennen zu dürfen. Weit und empört wiesen die Minister des Honorius dieses dem römischen Stolze so widrige Ansinnen zurück und verlangten an Stelle dessen die unverzügliche Herausgabe der Placidia als eine unverzichtbare Vorbedingung für jede Friedensverhandlung. Aber die Tochter des Theodosius unterwarf sich ohne Widerworte dem Verlangen des Siegers, eines jungen und kühnen Herrschers, der dem Alarich an Statur gleichkam, ihn aber an gewichtigeren Qualitäten, Anmut und Schönheit, übertraf. Die Hochzeit von Athaulf und Placidia Die Schilderungen von Athaulf und Placidia und der Bricht über ihre Hochzeitfindet man bei Jordanes, Getica 31. Was nunden Ort betrifft, an dem die Vermählung beschlossen, vollzogen und gefeiert wurde, variieren die Jordanes-Handschriften zwischen den Nachbarstädten Imola undForli (Forum Cornelii undForum Livii). Es ist durchaus angemessen und unkompliziert, den gotischen Historiker mit Olymiodoros in Übereinstimmung zu bringen, (Mascou, Ancient Germans 8,36). Aber Tillemont wird verdrießlich und schwört, es lohne sich nicht, Jordanes mit irgendeinem guten Autoren in Einklang zu bringen. wurde geschlossen, bevor noch die Goten sich aus Italien zurückgezogen hatten; und der festliche Tag – vielleicht auch der Jahrestag – ihrer Eheschließung wurde im Hause des Ingenuus gefeiert, eines der angesehensten Bürger von Narbonne in Gallien. Die Braut, herausgeputzt und geschmückt wie eine römische Prinzessin, hatte auf einem Staats-Thron Platz genommen; der König der Goten jedoch verstand sich bei dieser Gelegenheit zu römischem Brauchtum und begnügte sich mit einem bescheideneren Sitz an ihrer Seite. Die Hochzeitsgabe, die man Placidia entsprechend den Sitten dieses Volkes Die Westgoten (die Untertanen des Athaulf) hatten durch entsprechende Gesetze der Verschwendung unter Brautleuten einen Riegel vorgeschoben. Einem Ehemann war es untersagt, während des ersten Ehejahres zu Gunsten seiner Frau ein Geschenk zu machen oder ihr eine Rente auszusetzen, und auch danach durfte seine Freigebigkeit nicht den zehnten Teil seiner Besitztümer überschreiten. Die Lombarden waren in diesem Punkte etwa großzügiger; sie gestatteten eine Morgengabe im Anschluss an die Hochzeitsnacht; und dieses berühmte Geschenk, die Belohnung für Jungfräulichkeit, durfte immerhin ein Viertel des Vermögens des Mannes betragen. Einige vorausschauende Mädchen waren indessen verständig genug, sich vorderhand diese Gabe auszubedingen, die sie ganz gewiss nicht verdient hatten. Siehe Montesquieu, Esprit de lois, Buch 19, c. 25; Muratori, Delle antichità italiane, Band 1, Diss. 20, p. 243. überlassen hatte, waren erlesene und kostbare Beutestücke ihres eigenen Landes. Fünfzig schöne Jungfrauen in Seidengewändern trugen in jeder Hand eine Schale; in der einen dieser Schalen befanden sich Goldstücke, in der anderen Edelsteine von unschätzbarem Wert. Attalus, der dem Schicksal und den Goten so lange zur Zielscheibe ihres Spottes gedient hatte, leitete den Hochzeitschor, und der abgedankte Kaiser mochte sich als begabter Musiker empfehlen. Die Barbaren genossen mit einigem Übermut ihres Triumphes; und die Provinzialen freuten sich über diese Verbindung, da durch sie und den mildernden Einfluss der Liebe und der Vernunft das ungebärdige Temperament des Gotischen Kriegsherren gemildert wurde Wir haben Orosius (bei Photios, p. 185 und 188) die schnurrigen Details dieser Hochzeitsfeierlichkeiten zu danken. .   DER SCHATZ DER GOTEN ALS HOCHZEITSGABE Die einhundert Schalen mit Gold und Edelsteinen, die man Placidia zu ihrer Hochzeit schenkte, waren nur ein unbedeutender Teil des Gotenschatzes; von dem wir uns ein paar besonders markante Beispiele aus der Geschichte von Athaulfs Nachfolgern heraussuchen wollen. Viele kunstreiche und wertvolle Schmuckstücke aus reinem Gold, bereichert noch durch Juwelen, fanden sich in ihrem Palast in Narbonne, als er im sechsten Jahrhundert von den Franken geplündert wurde: sechzig Abendmahlskelche; fünfzehn Stück an Tischgerät zu ebendiesem Gebrauch; zwanzig Behälter für die Evangelien; diesen geheiligten Reichtum Vergleiche hierzu die ausführliche Quellensammlung zur französischen Geschichte von Dom. Bouquet im 2. Band Gregor von Tours 3,10, p. 191 und die Gesta regum Francorum 23, p. 557. Der anomyme Verfasser, der mit seiner Ignoranz seiner Zeit alle Ehre macht, mutmaßt, dass diese Werkzeuge des christlichen Gottesdienstes aus dem Tempel von Salomon stammten. Wenn dies irgendeinen Sinn ergeben soll, dann müssen sie während der Plünderung Roms aufgefunden worden sein. verteilte der Sohn des Clovis unter die Kirchen seines Herrschaftsbereiches, und diese fromme Freigebigkeit scheint eine Art Vorwurf für die früheren Vergehen der Goten gewesen zu sein. Sie besaßen – und dies mit bestem Gewissen – das berühmte missorium , eine große, fünfhundert Pfund schwere Schüssel zum Gebrauch bei Tische aus massivem Gold, deren Wert durch die eingelegten Juwelen noch deutlich übertroffen wurde, eine hervorragende Handwerksarbeit, von der die Tradition wollte, dass der Patrizier Aetius sie dem Gotenkönig Torismund vermacht habe. Einer der Nachfahren Torismunds konnte sich die Hilfe des französischen Königs erschleichen, indem er ihm dieses einzigartige Geschenk in Aussicht stellte. Als er auf dem Thron Spaniens saß, übergab er es mit vielem Widerstreben den Gesandten König Dagoberts; ließ sie auf dem Heimweg überfallen; bezahlte nach langem Feilschen ein völlig unzureichendes Sühnegeld von zweihunderttausend Goldstücken; und bewahrte so das missorium als ein Prunkstück des Gotenschatzes Man sehe die folgenden Originalurkunden in den Historiens de la France, Band 2: Fredegarii Scholastici Chronica, p. 441; Fredegarii Fragmentum 3,p. 463. Gesta Regis Dagoberti c. 29, p. 587. Sisenands Thronbesteigung fand A.D.631 statt. Die 200000 Goldstücke stiftete Dagobert zum Bau der Kathedrale von St. Denis. . Als nach der Eroberung Spaniens die Araber den Schatz plünderten, bewunderten und verehrten sie ein anderes, noch prachtvolleres Schmuckstück: eine Platte von beträchtlicher Größe aus einem einzigen Smaragsstück Der Präsident Goguet (Origine des loix, Band 2, p.239) ist der Auffassung, dass die berühmten Smaragdstücke, die Statuen und Säulen, die das Altertum in Ägypten, in Gades und in Konstantinopel hinterlassen hat, in Wirklichkeit künstlich gefärbtes Glas waren. Der berühmte Smaragdschale, die jetzt in Genua steht, gibt diesem Verdacht neue Nahrung. gearbeitet, gerahmt von drei Reihen ausgesuchter Perlen und von dreihundertfünfundsechzig Juwelenfüßchen und massivem Gold getragen Elmacinus, Historia Saracenica, Buch l, p. 85; Rodericus Toletanus, Historia Arabum, c.9; Cardonne, Histoire de l'Afrique et de l'Espagne sous les Arabes, Band 1, p. 83. Man nannte ihn den Tisch Salomons in Anlehnung an den Brauch der Orientalen, diesem Herrscher gerne Werke von besonderer Gelehrsamkeit oder Prachtentfaltung zuzuschreiben. mit einem Schätzwert von fünfhunderttausend Goldstücken. Einiges aus diesem Schatz der Goten mag wohl eine Freundschaftsgabe gewesen sein oder der Tribut der Botmäßigkeit; aber das meiste war die Frucht des Krieges, des Raubes, war Beute aus dem Reich und wohl auch aus Rom.   SONDERGESETZE FÜR ITALIEN UND ROM A.D. 410-417 Nachdem nun die Goten Italien geräumt hatten, ließ man zwischen all den Palastintrigen doch einen geheimen Berater zu, der die dem Lande geschlagenen Wunden heilen sollte Seine drei Gesetze sind in den Codex Theodosianus incorporiert: 11,28,7; 13,11,12; 15,14,14. Die Formulierungen der letzten sind durchaus bemerkenswert, da sie nicht nur eine Bitte um Verzeihung, sondern auch noch eine Entschuldigung enthalten. . Eine menschenfreundliche und weise Regelung verschaffte den acht am schwersten betroffenen Provinzen Steuernachlass für fünf Jahre: Kampanien, Toskana, Picenum, Samnium, Apulien, Calabrien, Bruttium und Lukania: der übliche Steuersatz wurde auf ein Fünftel herabgesetzt, und selbst dieses eine Fünftel wurde dafür verwendet, die öffentlichen Einrichtungen wieder in Ordnung zu bringen. Ein anderes Gesetz sprach solches Land, das seine Bewohner aufgegeben hatten, mit einigem Steuernachlass den Nachbarn zu, die es erwerben wollten, oder Fremden, die darum baten; und zugleich waren die neuen Besitzer gegen die Ansprüche geschützt, die die früheren, flüchtigen Besitzer etwa erheben mochten. Etwa zu gleicher Zeit erging im Namen des Honorius eine allgemeine Amnestie, mit der die Schuld und die Verfolgung aller unfreiwilligen Vergehen aufgehoben wurden, die seine unglücklichen Untertanen in den Zeiten der allgemeinen Wirrnis und Not begangen haben mochten. Der Wiederherstellung der Stadt widmete man besondere Aufmerksamkeit; die Bürger wurden ermutigt, die Gebäude neu zu errichten, die das feindliche Feuer zerstört oder beschädigt hatte; und von Afrikas Küsten wurde eine außerplanmäßige Getreidelieferung angeliefert. Das Volk, das eben noch vor dem Schwert der Barbaren enteilt war, kam schon bald zurück in der Hoffnung auf Überfluss und Freuden; und der Stadtpräfekt Albinus setzte den Senat mit ängstlicher Überraschung davon in Kenntnis, dass an einem einzigen Tage vierzehntausend Fremde angekommen seien Olympiodoros, bei Photios, p 188. Philostorgos 12,5 bemerkt, dass, als Honorius im Triumph in Rom einzog, er mit »Hand und Zunge« (χειρὶ καὶ γλώττη) die Römer ermuntert habe, ihre Stadt neu zu erbauen. Prosper Tiros Chronik lobt Heraclianus, »qui in Romanae urbis reparationem strenuum exhibuerat ministerium.« (der beim Wiederaufbau der Stadt sein Amt so nachdrücklich ausübte). . In weniger als sieben Jahren waren die Spuren der gotischen Verwüstung nahezu getilgt, und Stadt schien zu ihrem früheren Glanz und Wohlstand zurückgekehrt. Die wackere Matrone setzte sich erneut die Krone auf, die ihr der Sturm vom Haupt gerissen hatte; und freute sich selbst noch in ihren letzten Lebenstagen an den Prophezeiungen, die ihr süße Rache, großen Sieg und ewige Herrschaft versprachen Das Datum der Reise des Claudius Rutilius Numantianus ist schwer zu bestimmen, aber Scaliger hat mit astronomischen Rechnungen deduziert, dass er am 24. September 416 Rom verlassen habe und in Porto am 9. Oktober 416 an Bord gegangen sei. Siehe Tillemont, Histoire desempereurs Band 5, p.820. Auf dieser politischen Reisebeschreibung grüßt er Rom mit Nachdruck(1,115): »Erige crinales lauros, seniumque sacvrati/ Verticis in virides Roma recinge comas...« (Erhebe o Rom, dein lorbeergekröntes Haupt und wandele deinen geheiligten grauen Scheitel zu Jugendlocken um.) .   REVOLTE UND NIEDERLAGE VON HERACLIAN, COMES VON AFRICA A.D. 413 Diese allgemeine Ruhe wurde allerdings schon bald aufgestört durch das Herannahen einer feindlichen bewaffneten Macht, die ausgerechnet aus dem Lande kam, das sonst für Roms tägliches Brot aufkommen musste. Heraklian, der comes von Afrika, welcher unter den schwierigsten und gefährlichsten Bedingungen tatkräftig die Sache des Honorius unterstützt hatte, fand sich im Jahre seines Konsulates versucht, den Rebellen zu spielen und den Kaisertitel zu beanspruchen. Die Häfen Afrikas füllten sich binnen Kurzem mit bewaffneter Seemacht, an deren Spitze er sich zur Eroberung Italiens anschickte; und seine Armada übertraf, als sie vor der Tibermündung vor Anker ging, in der Tat die Flotten des Xerxes und Alexander an Zahl, wenn denn alle Schiffe von der Königsgaleere bis zum kleinsten Nachen die unglaubliche Zahl von dreitausendzweihundert tatsächlich erreicht haben sollten Orosius schrieb seine Geschichte in Afrika nur zwei Jahre nach dem Ereignis; aber gegen seine Autorität spricht das Gewicht der Fakten. Die Chronik des Marcellinus billigt Heraklian nur 700 Schiffe und 3000 Mann zu; die letztgenannte Zahl ist auf lachhafte Weise verderbt, aber die erste gefällt mit wirklich gut. . Und doch machte der afrikanische Eroberer mit dieser geballten Macht, die die mächtigsten Reiche der Erde hätte unterwerfen können, auf die Provinzen seines Gegners nur einen sehr schwächlichen und blassen Eindruck. Als er vom Hafen nach Rom marschierte, wurde er von einem kaiserlichen Offizier und seiner Mannschaft abgefangen, umzingelt und aus dem Feld getrieben; da gab der Herr dieser gewaltigen Kriegsmacht seine Sache und seine Freunde verloren und floh schmachvoll auf einem einzigen Schiff nach Africa Die Chronik von Hydatius behauptet ohne den allergeringsten Anschein von Wahrheit, dass er bis Otriculum in Umbrien gekommen sei, wo er erst in einer gewaltigen Schlacht mit fünfzigtausend Toten habe besiegt werden können. . Als Heraklian nach Karthago zurückgekehrt war, fand er, dass die ganze Provinz, die sich eines derart hilflosen Führers nur schämen konnte, zum angestammten Gehorsam zurückgekehrt war. Der Rebell wurde im alten Tempel der Memoria enthauptet; sein Konsulat getilgt Siehe den Codex Theodosianus 15,14,13. Alle Maßnahmen mit Gesetzeskraft, die in seinem Namen geschehen waren, selbst noch die Freilassung von Sklaven, wurden solange für ungültig erklärt, bis sie offiziell wiederholt worden waren. ; und die Überreste seines Privatvermögens, das die mäßige Summe von viertausend Goldpfund nicht überschritt, wurden dem wackeren Constantius zugesprochen, der hier schon mal den Thron verteidigt hatte, den er hernach mit seinem schwachen Herrscher teilen sollte. Honorius blickte mit untätigem Gleichmut auf Roms und Italiens Notlage Ich habe es für unter meiner Würde befunden, eine ungemein törichte und vermutlich falsche Geschichte (Prokopios, de bello Vandalico 1,2) mitzuteilen, nach der Honorius aufgeschreckt war durch den Verlust von Roma, bis er begriff, dass es nicht sein Lieblingshuhn gleichen Namens war, sondern nur die Hauptstadt, die verloren war. Dennoch wirft diese Geschichte einiges Licht auf die öffentliche Meinung. ; nur die Widersetzlichkeiten des Attalus und Heraklian gegen ihn persönlich schreckten den stumpfsinnigen Herrscher kurzfristig aus seinem Dämmern auf. Vermutlich kannte er noch nicht einmal die Ursachen der drohenden Gefahr und die Ereignisse, die ihn gerettet hatten; und da Italien nicht länger von auswärtigen oder inneren Feinden heimgesucht wurde, wohnte er in seinem Palast zu Ravenna friedlich vor sich hin, während Alleinherrscher jenseits der Alpen wiederholt im Namen und durch die Generäle von Theodosius' Sohn besiegt wurden Die Materialien für die Biographien all dieser Tyrannen sind sechs Zeitgenössischen Autoren entnommen, vier griechischen und zwei lateinischen: Orosius, 7,42; Renatus Profuturus Frigeridus, bei Gregor von Tours, 2,9 in den Historiens de la France, Band 2, p. 165f; Zosimos, 6,2ff; Olympiodoros bei Photios, p. 180f und 184f; Sozomenos, 9,12-15; und Philostorgios, 12,5f, mit Gothofreds Dissertationes, p. 477-481. Außerdem noch die vier Chroniken von Prosper Tyro, Prosper von Aquitanien, Hydatius und Marcellinus. . Nun könnte ich im Verlauf unserer Erzählung leicht des Todes eines solchen Fürsten zu erwähnen vergessen, und so eile ich bereits an dieser Stelle zu bemerken, dass Honorius die Belagerung Roms dreizehn Jahre überlebte.   AUFSTÄNDE IN GALLIEN UND SPANIEN · A.D. 409 – 413 Die Usurpation des Constantin, der einst den Purpur von den britannischen Legionen erhalten hatte, war ein voller Erfolg gewesen und schien auch abgesichert zu sein. Sein Titel wurde vom Antoniuswall bis zu den Säulen der Herkules anerkannt; und inmitten der allgemeinen Unordnung teilte er sich mit diversen Barbarenstämmen in die Herrschaft und die Plünderung Spaniens und Galliens, die der Rhein und die Pyrenäen nicht länger von ihrem zerstörerischen Tun abhielten. Besudelt mit dem Blute von Honorius' Verwandten erzwang er vom Hof zu Ravenna, mit dem er in geheimer Verbindung stand; die Anerkennung seiner widerrechtlichen Ansprüche. Constantin verpflichtete sich feierlich, Italien von den Goten zu befreien; gelangte auch bis zum Po-Ufer; und kehrte, nachdem er seinen kleinherzigen Verbündeten eher beunruhigt als unterstützt hatte, in Eile in seinen Palast zu Arles zurück, um dort mit maßloser Verschwendung seinen hohlen und prahlerischen Triumph zu feiern. Aber dieser nur vorübergehende Höhenflug wurde schon bald von dem comes Gerontius, seinem fähigsten General, aufgehalten; welcher während der Abwesenheit seines Sohnes Constans (dieser Prinz trug bereits den kaiserlichen Purpur) mit der Verwaltung der Provinzen Spaniens betraut war. Aus uns unbekannten Gründen nahm Gerontius nicht selbst das Diadem, sondern setzte es seinem Freunde Maximus aufs Haupt, der seine Residenz in Taragona einrichtete, während der comes selbst ungestüm durch die Pyrenäen vordrang, um die beiden Kaiser Constantin und Constans zu überrumpeln, bevor sie Zurüstungen zu ihrer Verteidigung treffen konnten. Der Sohn wurde in Wien gefangen gesetzt und unverzüglich hingerichtet; und der Unglückliche hatte kaum Zeit, das Schicksal seiner Familie zu beklagen, die ihn in unfrommer Weise aus der stillen Abgeschiedenheit seines Mönchsdaseins herausgelockt oder -genötigt hatte. Der Vater überstand die Belagerung von Arles; aber die Stadt hätte sich ergeben müssen, wenn nicht ganz unerwartet eine Armee aus Italien zum Entsatz gekommen wäre. Allein der Name des Honorius, die Ankündigung eines machtvollen Kaisers bestürzte die hadernden Parteien der Rebellen. Gerontius, von den eigenen Truppen im Stich gelassen, entfloh nach Spanien; und nur die römische Tapferkeit, die in den letzten Augenblicken seines Lebens aufflackerte, bewahrt seinen Namen vor der vollständigen Vergessenheit. Um Mitternacht umstellten zahlreiche treulose Soldaten sein Haus, in dem er sich fest verbarrikadiert hatte. Nur seine Frau aus dem Volk der Alanen und ein paar getreue Sklaven hielten noch zu ihm; und mit so viel Entschlossenheit und Geschick bediente er sich eines großen Vorrates von Pfeilen, dass mehr als dreihundert Belagerer ihr Leben lassen mussten. Als er in der Morgendämmerung alle seine Pfeile verschossen hatte, flohen seine Sklaven; und hätte seine Gattin ihn nicht zärtlich zurückgehalten, wäre Gerontius wohl ihrem Beispiel gefolgt; bis dann die Soldaten, aufgebracht denn doch durch soviel hartnäckigen Widerstand, von allen Seiten Feuer an das Haus legten. In dieser äußersten Situation gab er dem Wunsch eines seiner barbarischen Freunde, eines Alanen, nach und enthauptete ihn. Die Frau des Gerontius beschwor ihn, sie nicht einem Leben in Schande zu überlassen und bot seinem Schwert ihren Nacken dar; und die tragische Szene endete schließlich mit dem Tod des comes selbst, der nach drei wirkungslosen Hieben einen Kurzdolch zog und ihn sich ins Herz stieß Das Lob, das Sozomen für diese Verzweiflungstat erübrigt, hört sich aus dem Munde eines Kirchenschriftstellers einigermaßen befremdend an. Er merkt dazu noch an (p. 379), dass die Frau des Gerontius Christin war; und dass sie sich mit dieser Tat ihrer Religion als würdig erwiesen und zugleich Unsterblichkeit erworben habe. . Der schutzlose Maximus, dem er den Kaiserpurpur umgehängt hatte, musste für sein Leben mit dem Spott und der Verachtung bezahlen, denen er sich schon bald ausgesetzt sah. Die Barbaren, die Spanien heimsuchten, setzte dieses kaiserliche Gespenst neuerlich auf den Thron; aber schon bald überantworteten sie ihn der Justiz des Honorius; und nachdem man ihn der gaffenden Menge Ravennas und Roms dargeboten hatte, wurde der Alleinherrscher Maximus öffentlich hingerichtet.   CHARAKTERISTIK UND SIEGE DES CONSTANTIUS Der General, Constantius war sein Name, der mit seinem Entsatzheer die Belagerung von Arles aufgehoben und die Truppen des Gerontius zerstreut hatte, war zu Rom geboren; und diese bemerkenswerte Auszeichnung ist für den Verfall des militärischen Geistes außerordentlich kennzeichnend. Die Charakterstärke und Majestät, die man dem General nachsagte Εἶδος ἄξιον τυραννίδος (...ein Bildnis, würdig der Tyrannis) liest man bei Olympiodoros, was er wohl der nur fragmentarisch überlieferten Euripides-Tragödie ›Aiolos‹ entlehnt hat (Euripides bei Barnes, Band 2, p. 443, 38). Seine Anspielung zeigt, dass die klassischen Tragiker im V. Jhdt. durchaus noch gegenwärtig waren. , waren hinreichend, ihn in der populären Meinung für den Thron zu qualifizieren, den er später denn auch tatsächlich innehatte. Im seinem privaten Leben war er leutselig und umgänglich; zuweilen verschmähte er es nicht einmal, in geselligem Kreise und bei ausgelassener Stimmung sich mit den Pantomimen in der Ausübung ihrer fröhlichen Kunst zu messen. Wenn ihn jedoch das Trompetensignal zu den Waffen rief; wenn er sein Streitross bestieg und sich beinahe bis auf dessen Hals vorbeugte (denn dies war seine – recht ungewöhnliche – Übung) und mit rollenden, fast tierhaften Augen die Walstatt musterte, dann packte Furcht die Feinde, aber Constantius' eigene Leute wurden von Siegeszuversicht voran getragen. Er erhielt vom Hof zu Ravenna den bedeutenden Auftrag, die Unruhen im Westen auszutreten; und der angemaßte Kaiser Constantin wurde nach kurzer und sorgenvoller Verschnaufpause erneut in seiner Hauptstadt von einem noch stärkeren Feinde belagert. Immerhin aber führte er in dieser Zwischenzeit erfolgreiche Verhandlungen mit den Franken und Alamannen; und sein Abgesandter Edobich kehrte schon bald an der Spitze einer Armee zurück, welche die Belagerung von Arles zumindest stören sollte. Anstelle nun in seiner Stellung den Angriff abzuwarten, entschloss sich der römische General kühn und klug zugleich, die Rhone zu passieren und die Barbaren seinerseits anzugreifen. Seine Maßnahme führte er so geschickt und unauffällig durch, dass die Germanen, während sie die Linieninfanterie des Constantius angriffen, unversehens von der Kavallerie seines Generals Ulphilas umzingelt, angegriffen und aufgerieben wurden, nachdem dieser in ihrem Rücken in aller Heimlichkeit eine günstige Stellung bezogen hatte. Die Überlebenden aus der Armee des Edobich retteten ihr Leben durch Flucht oder Kapitulation, und ihr Anführer selbst entkam in das Haus eines ungetreuen Freundes; welcher schon sehr bald begriff, dass der Kopf seines rebellischen Gastes dem Kaiser ein willkommenes und wertvolles Geschenk sein müsste. Bei dieser Gelegenheit bewahrte Constantius allerdings echt römische Größe. Er unterdrückte jedes Gefühl von Futterneid und anerkannte öffentlich Ulphilas Verdienste an dem Sieg; aber von der Ermordung des Edobich wandte er sich mit Grausen; und er gab strengen Befehl, dass das Lager nicht länger durch die Anwesenheit eines verräterischen Buben besudelt werden dürfe, der die Gesetze der Freundschaft und des Gastrechtes beleidigt habe.   TOD DES USURPATORS CONSTANTINUS 28. NOVEMBER 411 Der Thronräuber, der von den Mauern von Arles aus zusehen musste, wie seine letzten Hoffnungen zugrunde gingen, sah sich versucht, zu einem so großherzigen Sieger Zutrauen zu fassen. So verlangte er für sich eine feierliche Sicherheitsgarantie; und nachdem ihm ein christlicher Presbyter die Hand aufgelegt hatte, traute er sich die Stadttore zu öffnen. Aber schon bald musste er erfahren, dass die Ehrprinzipien, die die üblichen Aufführungen des Constantius bestimmen mochten, hinter den weniger festen Grundsätzen der politischen Moral zurücktreten mussten. Der römische General selbst nahm Abstand davon, seine Lorbeeren mit dem Blute des Constantin zu beflecken. Aber der abgesetzte Kaiser und sein Sohn Julian wurden unter strenger Bewachung nach Italien verbracht, und ehe noch sie in Ravenna ankamen, trafen sie auf die Boten des Todes.   STURZ DES JOVINUS · SEBASTIAN · ATTALUS A.D 411-416 In einer Zeit, als es allgemein anerkannt war, dass nahezu jeder andere Bürger des Reiches mehr persönliche Verdienste als der aktuelle Herrscher besaß, der nur infolge des Zufalls seiner Geburt den Thron drückte, sah man doch in schneller Folge Thronbewerber auftreten, des Schicksals der jeweiligen Vorgänger ungeachtet. In Spanien und Gallien fühlte man diesen Übelstand besonders schmerzlich, weil der Krieg hier alle Prinzipien von Befehl und Gehorsam zum Erliegen gebracht hatte. Bevor Constantin den Purpur niederlegte, im vierten Monat der Belagerung von Arles, erfuhr man am kaiserlichen Hofe davon, dass Jovinus zu Mainz in Obergermanien auf Betreiben des Alanenkönigs Goar und des Burgunderkönigs Guntiarius das Diadem aufgesetzt hatte; und dass der Kandidat, den sie für das Imperium vorgesehen hatten, mit einer gewaltigen Heeresmacht von Barbaren vom Rhein an die Rhone unterwegs sei. Alles an dieser kurzen Geschichte der Herrschaft des Jovinus ist dunkel und ungewöhnlich. So wäre es füglich zu erwarten gewesen, dass ein wackerer und entschlossener General sich auf dem Schlachtfeld für die Sache des Honorius eingesetzt hätte. Der überstürzte Rückzug des Constantius mag sich noch mit gewichtigen Gründen entschuldigen lassen; aber er gab Gallien ohne jede Gegenwehr verloren; und der Prätorianerpräfekt Dardanus wird rühmlich genannt als der einzige Magistrat, der dem Thronräuber den Gehorsam verweigerte Sidonius Apollinaris (5, Epistulae 9, mit den Erläuterungen Sirmonds, p. 58), der die Unbeständigkeit des Constantin brandmarkt, die Nachgiebigkeit des Jovinus und die Treulosigkeit des Gerontius, bemerkt anschließend, dass in der einen Person des Dardanus alle Laster dieser drei Tyrannen vereint seien. Aber der Reichspräfekt stellte in der Welt und sogar noch in der Kirche eine Respektsperson dar; mit Augustinus und Hieronymus unterhielt er eine erbauliche Korrespondenz; und erhielt von letzterem (Opera, Band 3, p.66) die Epitheta Christianorum nobilissime und Nobilium Christianissime. . Als die Goten zwei Jahre nach der Belagerung Roms ihre Quartiere in Gallien aufschlugen, war die Annahme naheliegend, dass sie ihre Neigung entweder dem Honorius zuwenden würden, mit dem sie eine Bündnisverpflichtung verband, oder dem abgesetzten Attalus, der in ihrem Lager die Rolle eines Musikers oder Königs spielen durfte. Aber in einem Augenblick des Ekels (Zeitpunkt und Anlass sind nicht leicht zu eruieren) trat Athaulf mit dem Usurpator Galliens in Verbindung und übertrug Attalus das unrühmliche Geschäft, den Vertrag auszuhandeln, der seine eigene Schande besiegeln würde. Erneut lesen wir mit Überraschung, dass Jovinus nicht etwa in der Allianz mit den Goten die zuverlässigste Stütze seines Thrones sah, sondern in dunklem und schwammigem Sprachduktus das zudringliche Anerbieten des Attalus schalt; dass er für den Rat seines mächtigen Verbündeten nur Verachtung erübrigte und seinem Bruder Sebastian den Purpur umhängte; und dass er höchst unbedacht den Dienst des Sarus annahm, als dieser tapfere Stammeshäuptling und Krieger des Honorius veranlasst wurde, den Hof eines Herrschers zu verlassen, der außerstande war, zu strafen oder zu belohnen. Athaulf, der in einer Kriegerkaste erzogen worden war, welcher die Pflicht zur Rache als das Heiligste und Köstlichste von ihrem Erbe galt, eilte mit einem Korps von zehntausend Goten, dem Erbfeinde des Hauses der Balti zu begegnen. Er griff Sarus in einem unbewachten Augenblick an, als er von nur achtzehn oder zwanzig seiner Krieger begleitet war. Durch Freundschaft geeint und von Verzweiflung beseelt, endlich aber der Übermacht unterlegen, verdiente sich diese Truppe von Helden den Respekt ihrer Gegner, ohne allerdings auch ihr Mitleid zu erregen; und sobald der Löwe nicht mehr durch die Lappen gehen konnte Man kann den Ausdruck fast wörtlich nehmen. Olympiodoros sagt όλις σάκκοις ἐζώγρησαν. Σάκκος (oder σάκος) mag einen Sack oder ein grobes Gewand bezeichnen; und diese Methode, »laciniis contortis« einen Feind zu fangen, wurde bei den Hunnen gerne geübt. Tillemont (Histoire des empereurs Band 5, p. 608) übersetzt die Stelle mit: Il fut pris vif avec des filets. , war er auch schon in die andere Welt befördert. Der Tod des Sarus löste auch die – ohnehin lockeren – Verbindung zwischen Athaulf und den Usurpatoren Galliens. Er hörte lieber auf die Gebote der Liebe und der Besonnenheit; und rasch stellte er den Bruder der Placidia ruhig, indem er versicherte, er werde schon bald die Köpfe der beiden Tyrannen Jovinus und Sebastian dem Palast zuschicken. Der Gotenkönig löste sein Versprechen umgehend und ohne Anstand ein; die beiden Brüder, hilflos und ohne persönliche Bedeutung, wurden von ihren barbarischen Hilfstruppen fallen gelassen; und die kurze Gegenwehr von Valentia endete mit dem Untergang einer der schönsten Städte Galliens.   ATTALUS NACH LIPARI VERBANNT Für den vom Römischen Senat gewählten Herrscher, der emporbefördert, abgesetzt, gekränkt, erneut eingesetzt, erneut abgesetzt und erneut gekränkt worden war, vollendete sich schließlich sein Schicksal; als der Gotenkönig seine schützende Hand von ihm abzog, hielten Mitleid oder Verachtung ihn davon ab, der Person des Attalus irgendeinen persönlich Tort anzutun. Der glücklose Attalus, von allen Verbündeten und Untertanen verlassen, ging in einem spanischen Hafen an Bord, auf der Suche nach einem ruhigen und sicheren Refugium; auf See wurde er jedoch gefangen gesetzt, Honorius vorgeführt, im Triumph durch die Straßen Ravennas und Roms geführt und schließlich auf der zweiten Stufe des Thrones seines unbesiegbaren Gegners dem gaffenden Mob zur Besichtigung frei gegeben. Das gleiche Strafmaß, mit dem in den Tagen seiner Größe seine Gegnern misshandelt zu haben Attalus vorgeworfen wurde, bekam er nun selbst zu spüren: er wurde, nachdem man ihm zwei Finger abgeschnitten hatte, zu lebenslänglichem Exil auf der Insel Lipari verurteilt, wo er mit karg bemessenen Lebensnotwendigkeiten versehen wurde. – Der Rest der Regierungszeit des Honorius wurde durch keinerlei Rebellionen mehr erschüttert; und es soll hier festgehalten werden, dass innert fünf Jahren sieben Thronräuber an einem Herrscher gescheitert waren, der persönlich außerstande war, irgendeinen Entschluss zu fassen geschweige denn ihn auszuführen.   SUEBEN FALLEN IN SPANIEN EIN 13. OKTOBER 409 Infolge seiner geographischen Lage war Spanien durch die See, Gebirge und trennende Provinzen von Roms Feinden verschont geblieben, so dass dieses abgelegene Land sich einer langen Friedensperiode erfreut hatte; wir wollen hier anmerken, dass diese Provinz – und dieses ist ein zuverlässiges Zeichen für einen gesicherten Frieden im Inneren – vierhundert Jahre lang keinen nennenswerten Beitrag zur Geschichte Roms geliefert hatte. Die Spuren der Barbaren, die unter Galienus Herrschaft die Pyrenäen überschritten hatten, waren durch die anschließende Friedenszeit schon bald getilgt; und im vierten Jahrhundert der christlichen Ära zählten die Städte Emerita oder Merida, Cordoba, Sevilla Bracara und Tarrogona zu den berühmtesten der römischen Welt. Die natürliche Fülle des Tier-, Pflanzen- und Mineralreiches wurde durch das Geschick gewerbefleißger Bürger ausgebeutet und verarbeitet; und die mit Eifer betriebene Seefahrt trug dazu bei, den ausgedehnten und einträglichen Handel zu fördern Ohne auf ältere Autoren zurückzugreifen, will ich drei ansehnliche Zeugen aus dem IV. und VII. Jhdt anführen: die Expositios totius Mundi (p. 16 in Band 3 von Hudson, Geographiae scriptores minores), Ausonius (De claris urbibus. Opera, p. 242) und Isidor von Sevilla (Vorwort zur Chronik in Grotius, Historia Gothorum, p. 707). Diverse Einzelheiten zu Fruchtbarkeit und Handel Spaniens finden sich bei Nonnius, Hispania illustrata und bei Huet, Histoire du commerce des anciens, c. 40, p. 228-234. . Künste und Wissenschaft blühten unter der schirmenden Hand der Kaiser; und wenn das Gemüt der Spanier durch Frieden und Knechtschaft auch geschwächt war, so schien doch das feindliche Herannahen der Germanen, die zwischen Rhein und Pyrenäen Furcht und Schrecken verbreitet hatten, in ihnen Funken von militärischem Geiste neu zu entflammen. Solange die Verteidigung der Berge der entschlossenen und zuverlässigen Landmiliz anvertraut war, wurden die Angriffe der Barbaren erfolgreich zurückgeworfen. Aber kaum, dass diese landeseigenen Truppen genötigt worden waren, ihre Stellungen für die Truppen des Honorius im Dienste des Constantin zu räumen, als auch schon diese Einfallstore nach Spanien – etwa zehn Monate vor der Plünderung Roms durch die Goten – an den Feind verraten wurden Das Datum ist in den Fasti und der Chronik des Hydatius genau fixiert. Orosius (7,40) macht für den Verlust Spaniens den Verrat der Honorianer verantwortlich, während Sozomenos lediglich ihre Nachlässigkeit tadelt. . Schuldbewusstsein und Raubgier bestimmte diese gemieteten Wachen der Pyrenäen, ihren Posten zu verlassen; die Sueben, Vandalen und Alanen zum Kommen zu laden; und so die Flut zu vergrößern, welche mit unwiderstehlicher Gewalt von Galliens Grenze bis vor Afrikas Küste strömte. Spaniens Katastrophe kann man nun mit den Worten seines sprachmächtigsten Historikers beschreiben, der die heftigen und wohl auch übertriebenen Klagen zeitgenössischer Autoren Hydatius möchte für dieses nationale Unglück an liebsten die Prophezeiungen Daniels heranziehen; und sieht sich daher genötigt, die Ereignisse der Terminologie dieser Vorhersagen anzupassen. zu Papier gebracht hat. »Tiefe Not folgte auf diesen Einfall dieser Völker; denn die Barbaren waren unglaublich grausam gegenüber den Römern und Spaniern und wüteten in den Städten und dem offenen Lande mit gleicher Wildheit. Der zunehmende Hunger zwang die unglückseligen Einwohner, sich vom Fleische ihrer Landsleute zu nähren; und selbst die wilden Tiere, die sich in der Wüste unkontrolliert vermehren konnten, gingen so weit, durch den Geschmack von Blut und von Hunger verwegen gemacht, ihre Menschen-Beute anzugreifen und zu verschlingen. Schon bald kam die Pestilenz, jener zuverlässige Begleiter des Hungers; der größte Teil der Bevölkerung wurde dahin gerafft; und das Stöhnen der Sterbenden erregte nur den Neid derer, die am Leben bleiben mussten.« »Endlich bezogen die Barbaren, des Metzelns und Beutemachens satt und bedrängt von den ansteckenden Krankheiten, die sie selbst eingeschleppt hatten, einen festen Wohnsitz in dem entvölkerten Land. Das antike Galizien, in deren Grenzen das Königreich Alt-Kastilien gelegen hatte, wurde zwischen Sueben und Vandalen aufgeteilt; und die Alanen zerstreuten sich über die Provinzen Lusitanien und Karthagena, die zwischen Atlantik und Mittelmeer lagen; das fruchtbare Baetica fiel den Silingi zu, die ebenfalls zum Volk der Vandalen gehörten. Nachdem dieses geregelt war, schlossen die Sieger mit ihren neuen Untertanen noch verschiedene Schutz- und Gefolgschaftsverträge auf Gegenseitigkeit; erneut kam das Land unter den Pflug; und Städte und Dörfer wurden erneut durch Gefangene besiedelt. In ihrer Mehrheit waren die Spanier eher geneigt, sich in diese neue Form der Armut und Barbarei zu fügen als in die drückende Herrschaft der Römischen Regierung. Dennoch gab es etliche, die immer noch ihrer nationalen Freiheit nachhingen; und die sich, besonders in den galizischen Bergen, dem Joch der Barbaren widersetzten Mariana, de rebus Hispaniae, Band 1, p. 148. Er hatte bei Orosius gelesen, dass die Barbaren ihre Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet hatten; und dass viele Provinzialen es vorzogen, »inter Barbaros pauperem libertatem quam inter Romanos tributariam solicitudinem sustinere.« (...lieber unter den Barbaren die Freiheit in Armut zu tragen als unter den Römern die Last der Tribute). .«   ATHAULF IN SPANIEN · A.D. 414 Mit Jovinus' und Sebastians Köpfen war Athaulfs Freundschaft gefestigt und Gallien in die Botmäßigkeit seines Schwagers Honorius zurückgeführt worden. Nun ist Frieden unverträglich mit der Stellung und der Gemütslage von Gotenkönigen. So war er rasch bereit, seine siegreiche Heeresmacht gegen die Barbaren in Spanien zu wenden; die Truppen des Constantius schnitten ihn vom Verkehr mit den gallischen Seehäfen ab und lenkten seinen Marsch mit sanftem Druck in Richtung auf die Pyrenäen Diese Mischung von Nötigung und Überredung lässt sich durch den Vergleich von Orosius mit Jordanes, des gotischen mit dem römischen Historiker erhalten. ; er überquerte das Gebirge und überrrumpelte im Namen des Kaisers die Stadt Barcelona. Die Zuneigung des Athaulf zu seiner römischen Frau hatte sich im Laufe der Zeit nicht abgekühlt; und die Geburt eines Sohnes, den man nach seinem berühmten Großvater Theodosius benannte, schien ihn auf alle Zeit an die Sache der Republik zu binden. Der Tod dieses Neugeborenen, dessen sterbliche Überreste in einem Silbersarg in einer der Kirchen nahe Barcelona beigesetzt wurden, bereitete den Eltern viel Kummer; aber Athaulfs Schmerz fand im Felde bei kriegerischen Geschäften Linderung; und schon bald wurde sein Siegeslauf durch Verrat gehemmt. Er hatte unklugerweise einen der Anhänger des Sarus in seine Dienste genommen: ein wagemutiger Barbar von kleinem Wuchs; dessen heimlicher Wusch, seinen geliebten Patron zu rächen, durch den gedankenlosen Sarkasmus seines neuen Herren lebendig gehalten wurde. Athaulf wurde im Palast von Barcelona ermordet; bei der Bestimmung des Nachfolgers ließ man die Thronfolge-Gesetze außer Acht Nach dem System des Jordanes (Getica 33) besaßen das eigentliche Thronfolgerecht die Amaler; aber diese Prinzen, die zugleich Vasallen der Hunnen waren, führten das Szepter über die Ostgoten irgendwo in Germanien oder Skythien. ; und Singerich, Bruder des Sarus und mit der königlichen Familie nicht verwandt, bestieg den Thron der Goten. Seine erste Regierungsmaßnahme war die unmenschliche Ermordung der sechs Kinder des Athaulf, die einer früheren Ehe entsprossen waren und die er mitleidlos einem hilflosen, wenn auch ehrbaren Bischof entriss Über den Mord berichtet Olympiodoros, die Zahl der Kinder stammt von einer Grabinschrift von fraglicher Echtheit. . Auch die unglückliche Placidia, die doch noch bei dem Gefühlsrohesten Mitleid erweckt hätte, wurde mit Grausamkeit und Willkür behandelt. Die Tochter des Kaisers Theodosius musste zusammen mit zahlreichen anderen gewöhnlichen Gefangenen zu Fuß zwölf Meilen vor dem Pferd des Barbaren herlaufen, der den Mann ermordet hatte, den sie liebte und nun beweinte Der Tod des Athaulf wurde in Konstantinopel festlich und mit allerlei Zirkusspielen gefeiert (siehe die Alexandrinische Chronik); es ist nicht ganz klar, ob die Giechen bei dieser Gelegenheit sich durch ihren Hass gegen die Barbaren oder die Römer anstacheln ließen. .   GOTEN EROBERN SPANIEN ZURÜCK A.D. 415 – 418 Aber schon bald kostete Placidia süße Rache; und vielleicht hatte der Anblick ihrer Schmach das Volk gegen einen Tyrannen empört, der bereits am siebenten Tage nach seinem Thronraub niedergemetzelt wurde. Nach Singerichs Tod verlieh das Gotenvolk in freier Wahl das Szepter an Wallia; dessen kriegerisches und zweideutiges Gemüt der Republik äußerst feindlich war. Er marschierte in Waffen von Barcelona zur Atlantikküste, die den Alten als das Ende der bewohnten Welt heilig und zugleich furchtbar gewesen war. Als er aber an das südliche Vorgebirge Spaniens kam und von dem Felsen aus, auf dem heute die Feste Gibraltar steht, seine Gedanken zum fruchtbaren und nahe gelegenen Afrika hinüberfliegen ließ, erneuerten sich in Wallia die Eroberungspläne, die der Tod seines Vorgängers Alarich vereitelt hatte »Quod Tartessiacis avus hujus Vallia terris Vandalicas turmas, et juncti Martis Alanos Stravit, et occiduam texere cadavera Calpen.« (Dass auf tartassischem (SW-Spanien) Boden sein Großvater Wallia die Vandalen und ihre Kriegsgefährten, die Alanen geschlagen hatte und dass ihre Körper das westliche Calpe (Gibraltar) bedeckten). Sidonius Appollinaris, Panegyricus in Anthemii 363-365. . Wind und Wellen waren indessen dem Vorhaben der Goten ungünstig, und die häufigen Stürme und Schiffsbrüche verfehlten nicht, das abergläubische Kriegsvolk zu beindrucken. In dieser Lage mochte dann der Nachfolger des Athaulf seine Ohren nicht länger vor einem römischen Gesandten verschließen, dessen Vorschläge durch die wirkliche oder auch nur erdachte Nachricht unterstrichen wurden, dass der tapfere Conantius mit großer Streitmacht herannahe. Ein Vertrag wurde feierlich aufgesetzt und auch tatsächlich eingehalten: Placidia wurde ihrem Bruder in allen Ehren zurückgegeben; sechshunderttausend Maß Weizen wurden den hungrigen Goten abgeliefert Diese Hilfe war hochwillkommen; die Goten hatten von den Vandalen Spaniens den Schmähnamen Truli erhalten, da sie in äußerster Not ein Goldstück für eine trula (etwa ein halbes Pfund Weizen) gegeben hatten (Olympiodoros p. 189). ; und Wallia sollte zukünftig sein Schwert nur noch im Dienste der Republik ziehen. Unverzüglich kam es unter den Barbaren Spaniens zu einem blutigen Krieg. Und die streitenden Herrscher sollen Briefe, Botschafter und ihre Geiseln an den Herrscher des Westens geschickt haben mit der dringenden Aufforderung, bei dieser Auseinandersetzung stille Beobachter zu bleiben; welche Ereignisse den Römern ja durchaus günstig waren, wenn sich ihre gemeinsamen Feinde gegenseitig abschlachteten Orosius fügt sogar noch eine Abschrift dieser sogenannten Briefe hinzu (p. 586): »Tu cum omnibus pacem habe, omniumque obsides accipe; nos nobis confligimus, nobis perimus, tibi vincimus; immortalis vero quaestus erit Reipublicae tuae, si utrique pereamus.« (Habe Frieden mit uns allen, nimm Geiseln von uns allen; wir kämpfen mit uns, sterben durch uns und wir siegen für dich zum ewigen Ruhm deines Staates, wenn wir auf beiden Seiten untergehen). Die Gedanken sind durchaus zutreffend; aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie von Barbaren so gedacht oder geäußert wurden. . Drei Feldzüge lang wurde dieser Spanische Krieg mit äußerster Erbitterung und wechselndem Erfolg geführt; und Wallias Kriegsruhm wurde groß im ganzen Reiche. Er vertrieb die Silingi, die die üppig blühende Provinz Baetica unwiderruflich zugrunde gerichtet hatten. Der König der Alanen wurde in offener Feldschlacht besiegt; und die Überreste jener skythischen Wanderer, die dem Gemetzel entkommen waren, suchten nun nicht etwa einen neuen Kriegerkönig, sondern nahmen schmähliche Zuflucht unter dem Banner der Vandalen, mit denen sie seither für immer verbunden blieben. Die Vandalen selbst und die Sueben wichen vor der Macht der unbesiegbaren Goten zurück. Der ungeordnete Barbarenhaufen, dessen Rückzug abgeschnitten war, wurden in die Berge Galiziens abgedrängt; wo sie dann auf beengtem Gelände und holprigem Boden ihre ewigen Feindseligkeiten fortsetzten. Durch das Bewusstsein seines Sieges in gehobene Stimmung gebracht, beobachtete Wallia Vertragstreue: er führte die spanischen Provinzen erneut in den Herrschaftsbereich des Honorius zurück; und die Bedrückung durch die kaiserlichen Beamten brachte das unterdrückte Volk schon bald dazu, sich nach der Zeit ihrer Knechtschaft unter den Barbaren zu sehnen. Während der Ausgang des Krieges noch in der Schwebe war, ermutigten die ersten Erfolge Wallias den Hof von Ravenna dazu, ihrem unfähigen Herrscher die Ehren eines Triumphzuges zuzusprechen. Er zog in Rom ein wie einer der siegreichen Feldherren aus der Vergangenheit; und wenn die Dokumente der Sklavengesinnung nicht ihr verdientes Schicksal gefunden hätten, dann würden wir mit einiger Sicherheit finden, dass ein Schwarm von Redner, Dichtern, Magistraten und Bischöfen dem Glück, der Weisheit und dem gewaltigen Mut des Kaisers Honorius gejauchzt hätten »Romam triumphans ingreditur« (Im Triumph zog er in Rom ein), so der formelle Text aus der Chronik von Prosper Tiro. Die Ereignisse, die mit dem Tode Athaulphs und Wallias Eroberungen zusammenhängen, werden berichtet von Olympiodorus bei Photios 26; Orosius7,43; Jornanes, Getica 31f; und den Chroniken des Hydatius und Isidor. .   GOTEN SIEDELN IN AQUITANIEN · A.D. 420 Einen solchen Triumph hätte mit gutem Recht Roms Verbündeter für sich in Anspruch nehmen können, wenn denn Wallia, bevor er die Pyrenäen ein zweites Mal überquerte, alle Ursachen des Spanischen Krieges ausgemerzt hätte. Dreiundvierzig Jahre nach ihrer ersten Donauüberquerung wurden die Goten endlich in Übereinstimmung mit den geltenden Verträgen in einem zweiten Aquitanien angesiedelt: eine Küstenprovinz zwischen Garonne und Loire unter der Zivil- und Kirchenverwaltung von Bordeaux. Diese Großstadt, zum Seehandel vorteilhaft am Meere gelegen, war von regelmäßiger und wohlansehnlicher Architektur; und ihre zahlreichen Einwohner zeichneten sich von den übrigen Galliern durch Reichtum, Bildung und gehobelte Sitten aus. Die Nachbarprovinz, welche man zu Recht mit dem Garten Eden verglichen hat, ist gesegnet durch fruchtbaren Boden und mildes Klima: überall im Lande findet man Spuren der Kunstfertigkeit und des Gewerbefleißes; und nach den Anstrengungen des Krieges erschöpften die Goten die reichen Weingärten Aquitaniens Ausonius, de claris urbibus, Opera, p. 257-262, besingt Bordeaux mit der persönlichen Zuneigung des Einheimischen. Siehe die farbige Darstellung der Provinzen von Aquitania und Novempopulania bei Salvianus, de gubernatione Dei p. 228. . Durch gelegentliche Schenkungen benachbarter Diözesen vergrößerten die Goten ihren Herrschaftsbereich; und in Toulouse richteten Alarichs Söhne ihre Residenz ein, welche Stadt fünf volkreiche Quartiere oder Stadtteile in ihren umfänglichen Mauern aufnahm. Etwa um die Zeit der letzten Regierungsjahre des Honorius hatten auch die GOTEN, BURGUNDER und FRANKEN in Galliens Provinzen dauerhafte Heimstatt genommen. Des Thronräubers Jovinus großzügige Überlassung an seine burgundischen Verbündeten wurde durch den gesetzestreuen Kaiser bestätigt; Obergermanien wurde diesen furchtbaren Barbaren überlassen; und nach und nach besetzten sie durch Eroberung oder Verträge die beiden Provinzen, welche noch heute unter dem Namen Freigrafschaft und Herzogtum Burgund Bestandteil des offiziellen Staatsnamens sind Orosius (7,32) hebt die Milde und Sanftmut dieser Burgunder hervor, die ihre gallischen Untertanen als ihre christlichen Glaubensbrüder behandelten. Mascou hat die Gründung des Burgunderreiches in den ersten vier Anhängen am Ende seiner mit gewaltigem Fleiß erarbeiteten Geschichte der alten Germanen dargestellt (Band 2, p. 555-572). . Die Franken, Roms streitbare und getreue Alliierte, sahen sich schon bald genötigt, es ihren Besatzern gleich zu tun, denen sie so tapferen Widerstand geleistet hatten. Trier, die Hauptstadt Galliens wurde durch ihre gesetzlosen Räuberhaufen verwüstet; und die schlichte Kolonie, die sie in Brabant im Distrikt von Toxandria so lange gehalten hatten, wuchs unmerklich längs der Maas- und Scheldeufer, bis sie schließlich das ganze Niedergermanien in ihrem Besitz hatten. Diese Tatsachen sind alle historisch abgesichert; aber die Gründung der französischen Monarchie durch Pharamond, die Eroberungen, Gesetze und selbst die Existenz jenes Helden sind durch strenge historische Kritik angezweifelt worden Siehe Mascov, Ancient Germans, Buch 8, c. 43-45. Mit Ausnahme einer kurzen und verdächtigen Passage in der Chronik des Prosper wird der Name Pharamond vor dem siebenten Jahrhundert nie erwähnt. Der Verfasser der Gesta Francorum (Historiens, Band 2, p. 543) vermutet mit einigem Recht, dass die Wahl des Pharamond – oder doch wenigstens eines Königs – den Franken von seinem Vater Narcomir vorgeschlagen wurde, der in der Toscana im Exil lebte. .   BARBAREN IN GALLIEN SEIT 420 Der Untergang der reichen gallischen Provinzen datiert von jenem Zeitpunkt, als die Barbaren sich dort niederließen, sie, deren Freundschaft gefährlich und bedrängend war und die sich aus Eigennutz oder Herzensneigung immer mal wieder gedrängt fühlten, den öffentlichen Frieden zu stören. Schwere und willkürliche Belastungen wurden den Provinzen auferlegt, die den Wechselfällen des Krieges entkommen waren; das schönste und fruchtbarste Land fiel den raublüsternen Fremden in die Hände, ihnen, ihren Familien, ihren Sklaven und ihrem Vieh und zur freien Verwendung; und die Eingeborenen ließen mit einem Seufzen das Erbe ihrer Väter dahingehen. Aber dieses häusliche Missgeschick, das nur selten das Los eines besiegten Volkes ist, hatten die Römer selbst durchgemacht wie auch zugefügt, und zwar nicht nur nach siegreich beendeten Kriegen, sondern auch im Zusammenhang mit dem Irrsinn von Bürgerkriegen. So setzten die Triumvirn achtzehn der fruchtbarsten italischen Kolonien auf die Proskriptionsliste; und verteilten deren Ländereien und Höfe an die Veteranen, die Caesars Tod rächten und zugleich der Freiheit ihres eigenen Landes ein Ende setzten. Zwei Dichter von ungleichem Ruhme haben den Verlust ihres väterlichen Erbes unter vergleichbaren Umständen beklagt; aber die Krieger des Augustus scheinen mit ihrer Brutalität und Rücksichtslosigkeit die Barbaren noch übertroffen zu haben, die unter Honorius in Gallen eingefallen waren. Zumindest entkam Vergil nur mit genauer Not dem Schwerte des Centurio, als dieser ihm seinen Landsitz in der Nähe von Mantua raubte »O Lycida, vivi pervenimus: advena nostri (Quod nunquam veriti sumus) ut possessor agelli Diceret: Haec mea sunt; veteres migrate coloni. Nunc victi tristes, etc. « (O Lydicas, wir müssen es noch erleben, – nie hätten wir's vermutet – dass ein herbeigelaufener Besitzer unseres Gütleins sagt: Das ist meins; fort, ihr alten Siedler! Nun, traurig als die Unterlegenen...). Siehe hierzu die vollständige neunte Ekloge nebst Servius' hilfreichem Kommentar. Fünfzehn Meilen des Gebietes um Mantua wurden den Veteranen zugeteilt, vorbehaltlich der drei Meilen rund um die Stadt für die Einwohner. Aber selbst dieses Zugeständnis wurde ihnen streitig gemacht von Alfenus Varus, einem Rechtsgelehrten von Rang und Kommissionsmitglied, der noch achthundert Schritt Wasser und Sumpfland mit einbezog. ; während Paulinus von Bordeaux von seinem gotischen Nachfolger zu seiner freudigen Überraschung eine Summe Geldes erhielt; und wenn diese auch deutlich unter dem eigentlichen Wert des Anwesens lag, so war dieser Raub doch durch den Anschein der Mäßigung und Gerechtigkeit gemildert Siehe die eigenartige Textstelle aus dem Eucharistikon von Paulinus (575) bei Maskov, Ancient Germans, Buch 8, c. 42. . Der ominöse Name des Eroberers war ersetzt durch die milde und freundlichere Bezeichnung eines Gastes der Römer; und so gaben denn die Goten in Gallien mehrfach zu verstehen, dass sie mit dem Volke weit mehr durch die Bande der Gastfreundschaft verbunden seien und mit dem Herrscher durch militärische und andere Bündnisverpflichtungen. Der Name des Honorius, seine Gesetze und seine Magistrate galten also noch etwas in einem Lande, das sie schon an die Barbaren abgetreten hatten; und die Könige, die uneingeschränkt über ihr Volk das Szepter schwangen, waren in ihrem Ehrgeiz um den weitaus bedeutenderen Titel eines Heermeisters der kaiserlich-römischen Armee bemüht Diese wichtige Einsicht danken wir der Sorgfalt Tillemonts (Histoire des empereurs, Band 4, p. 641) und dem Scharfblick des Abbé Dubos (Histoire de l'établissement de la monarchie francoise, Band 1, p. 259). . So also wirkte unbeabsichtigt immer noch der römische Name auf die Gemütsverfassung jener Krieger, welche im Triumph Kriegsbeute vom Capitol fort getragen hatten.   AUFSTAND IN BRITANNIEN UND AMORICA Während Italien von den Goten verwüstet wurde und zugleich eine ganze Serie erbärmlicher Tyrannen den Ländern jenseits der Alpen zusetzte, sagten sich die britischen Inseln vom Römischen Reiche los. Die eigentlichen Truppen, die jene abgelegene Provinz besetzt hielten, waren nach und nach abgezogen worden; und Britannien fiel den sächsischen Piraten und den Wilden aus Irland und Kaledonien kampflos in die Hände. Die Bretonen warteten in dieser Notlage nicht länger auf die verspätete und unzuverlässige Hilfe eines Herrschers, dessen Jahre sich neigten. Sie versammelten sich unter Waffen, schlugen die Eindringlinge zurück und erfreuten sich an der Neuentdeckung ihrer eigenen Stärke Zosimos (6,5 und 10) erwähnt die Revolte von Britannien und Armorica nur mit ein paar Worten. Unsere Gelehrten, selbst noch der große Cambden, haben sich wegen ihrer mangelnden Kenntnisse der Geschichte des Festlandes zu mancherlei groben Irrtümern verleiten lassen. . Durch ähnliche Misslichkeiten bedrängt und durch den gleichen Kampfgeist beseelt, entschlossen sich die Provinzen Armoricas (gemeint sind hiermit die meeresnahen Länder Galliens zwischen Seine und Loire Die Grenzen von Armorica sind durch zwei landeskundige Geographen abgesteckt worden, nämlich die Messieurs de Valois und d'Anville in ihren Notitias des alten Gallien. Diese Bezeichnung wurde in einem umfassenderen Sinne verwendet, später allerdings deutlich enger aufgefasst. ) dem Beispiel der benachbarten Insel nachzueifern. Sie vertrieben die römischen Magistrate, welche im Namen des Thronräubers Constantin tätig waren; und das Volk, welches so lange der Willkür einer fremden Macht unterworfen gewesen war, gab sich jetzt selbst eine Regierung. Honorius, der gesetzmäßige Herrscher des Westens, bestätigte schon bald darauf die Selbständigkeit Britanniens und Armoricas; die Briefe, mit denen er den neubegründeten Staaten die Sorge für ihre eigene Sicherheit übertrug, kann man als vollständige und endgültige Abdankung der staatlichen Souveränität ansehen. Im gewissen Umfang wird diese Deutung durch die folgenden Ereignisse gerechtfertigt. Nachdem die Fremdherrschaft Galliens eine nach der anderen wieder aufgegeben worden war, wurden auch die Seeprovinzen dem Reich wieder angeschlossen. Aber ihre Gefolgschaft stand auf wanken Füßen und war unzuverlässig: die unbeständige und aufsässig Verfassung ihrer Einwohner vertrug weder die Freiheit noch die Knechtschaft »Gens inter geminos notissima clauditur amnes, Armoricana prius veteri cognomine dicta. Torva, ferox, ventosa, procax, incauta, rebellis; Inconstans, disparque sibi novitatis amore; Prodiga verborum, sed non et prodiga facti.« (Ein berühmtes Volk, eingeschlossen von zwei Flüssen, von den Alten das armorikanische zubenannt. Wild und trotzig, wetterwendisch, rotzig, leichtsinnig und widerborstig; unzuverlässig, da allen zu Neuerungen zugetan; wortreich, aber tatenarm) Erricus der Mönch in Vita Sancti Germani 5, bei Valesius, Notitia Galliarum, p. 43. Valesius benennt mehrere Zeugen, die diese Charakteristik bestätigen sollen und denen ich die des Presbyters Constantin (A.D. 488) hinzufügen will, der in seiner vita Sancti Germani die armorikanischen Empörer »mobilem et indisciplinatum populum« nennt. (...ein unruhiges und liederliches Volk) Siehe Historiens de la France, Band 1, p. 643. , Armorica behielt nicht für lange die Staatsform einer Republik Ich halte es für nötig, an dieser Stelle meinen Protest gegen das System des Abbé Dubois zu Protokoll zu geben, gegen das auch Montesquieu (Esprit des lois 30,24) so nachdrücklich seine Stimme erhoben hat. bei und wurde von häufigen und verheerenden Unruhen heimgesucht. Britannien ging für immer verloren Βρεταννίαν πέντοι Ῥωμαῖοι ἀνασώσασϑαι οὔκε τι εἶχον(Die Römer konnten Britannien nicht mehr halten) heißt es bei Prokopios (de bello Vandalico) in einer sehr wichtigen Passage, die viel zu stark vernachlässigt worden ist. Selbst Beda (Historia gentis Anglorum 1,12) bemerkt, dass die Römer unter Honorius Britannien endgültig aufgaben. Aber unsere zeitgenössischen Historiker und Altertumsforscher dehnen die Dauer ihrer Herrschaft; und einige legen zwischen den Abzug der Römer und den Einfall der Angelsachsen nur ein paar Monate. . Da aber die Kaiser sich klüglich mit der Unabhängigkeit einer entlegenen Provinz abfanden, blieben Strafe oder Aufstände aus; und schon bald folgten gegenseitige und freiwillige Freundschaftsbündnisse Beda hat die gelegentlichen Hilfeleistungen der Legionen gegen die Scoten und Picten nicht vergessen; und noch nachdrücklicher fällt ins Gewicht, dass die unabhängigen Bretonen für den Dienst des Kaisers Anthemius 12.000 Man auf die Beine stellten. .   ZUSTÄNDE IN BRITANNIEN · A.D. 409 – 449 Diese Umwälzungen führten zur Auflösung der Zivil- und Militärverwaltung; und vierzig Jahre lang, bis zum Erscheinen der Sachsen, wurde das unabhängige Land vom Klerus, dem Adel und den Municipien regiert Ich bin mir und der historischen Wahrheit die Anmerkung schuldig, dass einige Umstände in diesem Abschnitt nur mit Hilf von Konjekturen und Analogieschlüssen gefunden werden konnten. Die mangelnde Schmiegsamkeit unserer Sprache hat mich bisweilen vermocht, vom Konditionalis zum Indikativ zu wechseln. . I. Zosimos, der als einziger diese bedeutende Ereignis festgehalten hat, stellt mit Genauigkeit fest, dass die Briefe des Honorius an die Städte Britanniens adressiert waren Πρὸς τὰς ἐν Βρεταννίᾳ πόλεις. Zosimos 6,10. . Unter Roms Schutz waren in den verschiedenen Landstrichen dieser großen Provinz nacheinander neunzehn große Städte erwachsen; und dreiundzwanzig von diesen waren durch ihre besonderen Gerechtsame und ihre Bedeutung vor den anderen ausgezeichnet Zwei Städte Britanniens waren m unicipiea , neun coloniae , zehn latii iure donatae , zwölf stipendiarae von Bedeutung. Dies Detail stammt von Richard von Cirencester (De situ Britanniae, p. 36); und obgleich es wenig wahrscheinlich ist, dass er die mss. eines römischen Generals exzerpiert hat, zeigt er dennoch bedeutende Kenntnisse des Altertums, für einen Mönch des vierzehnten Jahrhunderts durchaus ungewöhnlich. . Jede dieser Städte besaß, wie es in jeder Provinz üblich war, eigene Körperschaften zur Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten; und die Befugnisse dieser städtischen Regierungen verteilten sich auf einen jährlich gewählten Magistrat, einen gewählten Senat und die Volksversammlung, ganz nach dem Vorbild der Verfassung der Stadt Rom Siehe Maffei, Verona illustrata, Teil 1, Buch 5, p. 83-106. . Steuerverwaltung, bürgerliche und Kriminalgerichtsbarkeit sowie öffentliche Ratssitzungen waren Bestandteil dieser Klein-Republiken; und wenn es um ihre Unabhängigkeit ging, dann versammelte sich die Jugend der Stadt und der Nachbargemeinden wie natürlich unter der Fahne der Magistrate. Aber das Verlangen nach den Vorteilen und die Abneigung gegen die Lasten eines solchen Systems ist die immer sprudelnde Quelle für Zwistigkeiten; auch ist die Vermutung abwegig, dass die Errichtung der Freiheit Britanniens ohne Getümmel und Faktionsbildung sollte vonstatten gegangen sein. Das Vorrecht von Geburt und Vermögen muss des Öfteren von geringeren Bürgern verletzt worden sein; und der arrogante Adel, der Klage darüber führte, dass er nunmehr zum Sklaven seiner eigenen Diener geworden sei »Leges restituit, libertatemque reducit, Et servos famulis non sinit esse suis.« (Gesetze erneuert er, die Freiheit führt er wieder ein, und lässt nicht zu, dass sie Sklaven ihrer Diener sindd). Rutilius Claudius Namatianus, Itinerarium 1,215.« , mochte gelegentlich die Regierung eines Willkürherrschers herbeisehnen. II. Die Rechtsprechung der Städte über die benachbarte ländliche Region stand unter dem väterlichen Einfluss der Senatoren; und die Kleinstädte, die Dörfer und die Landbesitzer stellten sich unter den Schutz dieser emporstrebenden Republiken. Ihr Einflussbereich entsprach ihrem Wohlstand und ihrer Bevölkerungsstärke; aber die erblichen Großgrundbesitzer, die nicht durch die Nachbarschaft einer mächtigen Stadt sich bedrängt fanden, fühlten sich nachgerade als unabhängige Herrscher und übten verwegen Friedens- und Kriegsrecht aus. Die Gärten und die Landhäuser, die so etwas wie italische Eleganz erahnen ließen, konnten in starke Festungen umgewandelt werden und boten in Zeiten der Gefahr der Landbevölkerung Zuflucht Eine Inschrift (bei Sirmond, Anmerkungen zu Sidonius Appollonaris p. 59) beschreibt ein Kastell »cum muris et portis, tuitioni omnium« (mit Mauern und Toren und für alle zum Schutz), das Dardanus auf seinem Landgut bei Sisteron in der Narbonnensis errichtet und »Theopolis« (Gottesstadt) genannt hat. ; die Erzeugnisse des Landes wurden darauf verwandt, Waffen und Pferde zu erwerben und eine bewaffnete Streitmacht von Sklaven, Bauern und freiwilligen Gefolgsleuten zu unterhalten; und der Stammesfürst mochte in seinem Herrschaftsbereich die Machtbefugnis eines zivilen Magistrates ausüben. Vielleicht waren verschiedene solcher britischen Stammesfürsten die Nachfolger alter Könige; und noch viel mehr von ihnen fühlten sich wohl versucht, dieser ehrwürdige Stammesfolge beizutreten und ihre Erbansprüche einzufordern, welcher sie seit den Eroberungen der Caesaren ledig waren Die Errichtung ihrer Herrschaft hätte, folgt man den unmöglichen Vorstellungen eines phantasievollen und gelehrten Altertumsforschers, in der Tat ein Leichtes sein können; nimmt er doch an, dass britische Könige aus verschiedenen Stämmen in der Zeit von Claudius bis zu Honorius weiter regierten,wenn auch mit eingeschränkter richterlicher Gewalt. Siehe Whitacker, History of Manchester, Band 1, p. 247-257. . Ihre gegenwärtige Lage und ihre Hoffnungen verführten sie, zu Kleidung, Sprache und Gebräuchen ihrer Vorfahren zurück zu kehren. Wären die Könige von Britannien in die Barbarei zurückgefallen, während die Städte weiterhin Bräuche und Kultur Roms beobachteten, hätte das Land in zwei nationale Faktionen zerfallen können; und anschließend in tausende kleinere Parteiungen, die sich von partikularen Interessen und Vorurteilen hätten leiten lassen. Und die Stärke des Landes hätte sich nicht etwa gegen einen äußeren Feind geeint, sondern hätte sich in unbedeutenden Nachbarschaftsstreitigkeiten zerrieben; und das persönliche Verdienst, das voreinst den erfolgreichen Häuptling zum Ersten unter Gleichen gemacht hatte, hätte ihn jetzt allenfalls instand gesetzt, ein paar benachbarte Dörfer zu dämpfen und sich eine Stellung unter den Tyrannen zu sichern Ἀλλ᾽ οὖσα ὑπὸ τυράννοις ἀπ᾽ αὐτοῦἔμενε (Von da an verblieb es unter Gewaltherrschern). Prokopios, de bello Vandalico 1,2. »Britannia fertilis provincia tyrannorum,« (Britannien, eine Provinz, fruchtbar an Tyrannen), so die Formulierung von Hieronymus im Jahre 415. Ad Ctesiphontem. Opera, Band 2, p. 255. Von den Pilgern, die alle Jahre wieder in das Heilige Land aufbrachen, erhielt der Mönch die aktuellsten und genauesten Nachrichten. , die Britannien nach dem Abzug der römischen Besatzer heimgesucht hätten. III. In der Kirche Britanniens gab es wohl dreißig bis vierzig Bischöfe Siehe Bingham, Christian antiquities, p. 394. nebst der entsprechenden Anzahl niederer Geistlicher; in Ermangelung von Reichtum (denn sie scheinen in Armut gelebt zu haben) mochten sie sich veranlasst fühlen, sich die öffentliche Wertschätzung durch bescheidenes und vorbildliches Auftreten Es wird erzählt, dass drei britischen Bischöfen, die am Konzil zu Rimini A.D. 359 teilnahmen, »tam pauperes fuisse ut nihil [proprium] haberent « (...so arm waren, dass sie nichts besaßen). Sulpicius Severus, Historia sacra 2. Einige ihrer Brüder befanden sich in besseren Umständen. zu verdienen. Die Vorlieben und die Gemütsverfassung des Klerus begünstigten den Frieden und die Eintracht in jenem abgelegenen Lande; in ihren Predigten mochten sie wiederholt diese heilsamen Lehren eingeprägt haben; und die Bischofssynoden waren die einzigen Zusammenkünfte, die die Bedeutung und das Gewicht einer nationalen Versammlungen beanspruchen konnten. Bei solchen Konzilien, bei denen Herrscher und Magistrate in bunter Reihe mit den Bischöfen zusammen saßen, dürften Dinge von nationaler Bedeutung ebenso verhandelt worden sein wie Kirchenangelegenheiten; wurden Streitigkeiten beigelegt, Allianzen geschlossen, Abgaben auferlegt, Beschlüsse gefasst und bisweilen sogar umgesetzt; und wir haben Grund zu der Annahme, dass in Augenblicken höchster Gefahr ein Pendragon oder Diktator durch einstimmigen Beschluss aller Bretonen gewählt wurde. Diese Pastoralsorgen, die dem Auftrag der Bischöfe so sehr entsprachen, wurden jedoch durch Glaubenseifer und Aberglauben immer wieder aufgestört; und der britannische Klerus zeigte sich dauerhaft bemüht, das heidnische Erbe auszumerzen, vor dem sie als dem besonderen Schandfleck ihrer Heimat tiefempfundene Abscheu hegten Siehe Usher, Ecclesiarum antiquitates Band 1, Buch 9, p. 394. .   VERSAMMLUNG DER SIEBEN GALLISCHEN PROVINZEN Es ist einigermaßen bemerkenswert, oder eigentlich ist es unmittelbar einleuchtend, dass die Umwälzungen in Armorica und Britannien den Anschein von Freiheit in die gehorsamspflichtigen Provinzen Galliens sollten getragen haben. In einem feierlichen Erlass Siehe den besseren Wortlaut dieses Ediktes, wie ihn Sirmond (Anmerkungen zu Sidonius, p. 147) herausgegeben hat. Hincmar von Rheims, der den Bischöfen einen Platz einräumt, hatte möglicherweise (im IX. Jhdt) eine vollständigere Abschrift zu Gesicht bekommen. Dubos, Histoire Critique de la Monarchie Francoise, Band 1, p. 241 – 255. , der vollgestopft war mit den Bekundungen väterlicher Zuneigung, welche Herrscher so gerne äußern und so selten empfinden, verkündete Kaiser Honorius seinen Willen, eine jährliche Versammlung der sieben Provinzen einzuberufen: welche Bezeichnung besonders auf Aquitanien passte und das antike Narbonensis, die schon lange ihre keltische Kulturfernet gegen die nutzbringenden und schönen Künste Italiens eingetauscht hatten Aus den Notitia Galliarum geht eindeutig hervor, dass es sich bei den sieben Provinzen um Viennensis gehandelt hat, die Alpes maritima, Narbonensis prima et secunda, Novempopulana und Aquitania prima et secunda. Im Bereich des ersten Aquitanien wollte der Abbé Dubos, der sich auf Hincmars Zeugnis beruft, die erste Provinz Lugndunensis, die Lyoner, etablieren. . Arles, das Zentrum für Handel und Politik, wurde als Versammlungsort auserwählt; welche dann regelmäßig achtundzwanzig Tage lang, vom fünfzehnten August bis zum dreizehnten September jeden Jahres zusammentrat. In ihr waren vertreten der Heermeister Galliens; die sieben Provinzialstatthalter, ein Konsular und sechs Präsidenten; die Magistrate und Bischöfe von nahezu sechzig Städten; und eine hinreichende, wiewohl unbestimmbare Anzahl der bedeutendsten Landbesitzer , die man mit einigem Recht als die Vertreter ihres Landes ansehen mochte. Sie hatten die Vollmacht, die Gesetze ihres Herrschers zu deuten und umzusetzen; Beschwerden und Wünsche ihrer Klientel vorzutragen; die Last übermäßiger oder ungleich verteilter Steuern zu lindern; und über alle Dinge von lokaler oder nationaler Bedeutung zu beratschlagen, wenn sie geeignet schienen, Frieden und Nutzen jener sieben Provinzen zu mehren. Wenn eine solche Institution, die dem Volk Teilnahme am Regierungsgeschehen ermöglichte, durch Trajan oder die Antonine zu einer allgemeinen Einrichtung gemacht worden wäre, dann hätte man im Römischen Reiche die Saat der Staatsklugheit aufgehen und sich ausbreiten sehen. Die Vorrechte des Volkes wären ein Stütze der Monarchie gewesen; dem Machtmissbrauch durch eine willkürliche Verwaltung wäre ein Riegel vorgeschoben worden, oder zumindest hätten diese repräsentativen Versammlungen korrigierend eingreifen können; und das Land wäre gegen äußere Feinde durch Einheimische und Freie verteidigt worden. Rom wäre unter dem milden und wohltätigen Einfluss der Freiheit unbesiegbar und unsterblich geblieben; oder, wenn seine ungeheure Größe und die Hinfälligkeit menschlicher Unternehmungen einer solchen Dauer entgegen gestanden hätten, so hätten doch seine lebenskräftigen Glieder ihre Stärke und Unabhängigkeit bewahren können. Aber in den Zeiten der Auflösung des Reiches, als alle gesunden und lebensfördernden Grundsätze sich erschöpft hatten, war die zögerliche Anwendung dieses Heilmittels nicht hinreichend, durchschlagende und heilsame Wirkungen zu erzielen. Der Kaiser Honorius zeigt sich überrascht, dass er den widerstrebenden Provinzen Vorrechte aufnötigen muss, nach denen sie doch dringlich von sich aus verlangen müssten. Den Repräsentanten wurde im Falle ihrer Abwesenheit eine Strafgebühr von drei oder gar fünf Pfund Gold auferlegt; so dass sie dieses Geschenk einer freien Verfassung als ein letztes und besonders niederträchtiges Unrecht ihrer Unterdrücker einzuschätzen nicht anstanden. XXXII ARCADIUS HERRSCHER DES OSTENS · AUFSTIEG UND FALL DES EUTROPIUS · AUFSTAND DES GAINAS · VERFOLGUNG DES ST. CHRYSOSTOMOS · THEODOSIUS II HERRSCHER DES OSTENS SEINE SCHWESTER PULCHERIA · SEINE FRAU EUDOCIA · KRIEG GEGEN PERSIEN UND TEILUNG ARMENIENS   DAS OSTREICH A.D. 395 – 1453 Die Teilung der Römischen Welt unter die Söhne des Theodosius markiert die endgültige Etablierung des Ostreiches, welches sich eintausendundachtunfünfzig Jahre lang, vom Beginn der Herrschaft des Arcadius bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken, in einem dauernden Zustand des vorzeitigen Niederganges befand. Der Herrscher dieses Reichs beanspruchte und verteidigte unerschüttert den leeren und am Ende nur noch fiktiven Titel eines Römischen Kaisers, während die verbrieften Titel Caesar und Augustus lediglich die Illusion aufrecht erhielten, dass er der rechtmäßige Nachfolger des ersten der Menschen sei, welcher die erste der Nationen beherrscht hatte. Der Palast von Konstantinopel konnte es mit persischer Prachtentfaltung aufnehmen, ja, übertraf sie vielleicht sogar noch; und St. Chrysostomos' Bruder Montfaucon, der auf Anordnung seiner Benediktinischen Oberen (siehe Logueruana, Band 1, p. 205) das mühselige Geschäft der Herausgabe von St. Chrysostomos (Paris 1718-1738, in dreizehn starken Foliobänden!) besorgen musste, macht sich einen Spaß daraus, dieser ungeheuren Materialfülle ein paar merkwürdige Antiquitäten zu entnehmen, welche die Zustände des theodosianischen Zeitalters illustrieren. (Siehe Chrysostomos, Opera Band 13, p. 192-196, und die französische Abhandlung in den Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 13 (1748), p. 474-490. feiert in wortgewaltigen Predigten des Arcadius pompösen Luxus, während er ihn doch verdammt. »Der Kaiser,« so sagt er, »trägt ein Diadem auf dem Haupt oder eine Goldkrone, verziert mit Steinen von unschätzbarem Wert. Dieses Schmuckwerk und seine Purpurgewänder sind allein seiner geheiligten Person vorbehalten; und seine Seidenroben sind gesäumt mit goldenen Stickereien von Drachen. Sein Thron ist massives Gold. Wenn er sich in der Öffentlichkeit blicken läßt, ist er umgeben von Höflingen, Leibwache und Hofbeamten. Deren Speere, Schilde und Panzer, das Zaumzeug und die Decken der Pferde sind entweder aus Gold oder sehen wenigstens so aus; und der große Schildbuckel ist von kleineren umgeben, die wie ein menschliches Auge aussehen, Die beiden Maultiere, die den Wagen des Herrschers ziehen, sind fleckenlos weiß und über und über von Gold glänzend. Der Wagen selbst, ebenfalls von reinem, massiven Gold, erregt die Bewunderung der Zuschauer, welche die Purpurvorhänge bestaunen, die schneeweißen Decken, die herrlichen Steine und die funkelnden Goldbeschläge, welche bei jeder Bewegung des Wagen glitzern. Die kaiserlichen Bilder sind weiß auf blauem Grund; der Kaiser selbst erscheint auf seinem Throne, seine Waffen, Pferde und Leibwache neben ihm und seine besiegten Feinde in Ketten zu seinen Füßen.« Die Nachfolger des Constantin errichteten ihre dauernde Residenz in der Kaiserstadt, welche er an der Grenze Europas zu Asien begründet hatte. Der Wut ihrer Feinde und wohl auch den Klagen ihrer Bürger unerreichbar, erhielten sie bei jedem Wind die Tributzahlungen aus allen Weltgegenden; während die unüberwindliche Stärke ihrer Hauptstadt auf Menschenalter hinaus dem feindlichen Anrennen der Barbaren spottete. Adria und Tigris bildeten die Grenzen ihres Reiches; und die riesige Entfernung von fünfundzwanzig Tagesreisen zwischen der klirrenden Kälte Skythiens und Äthiopiens Gluthitze Unter der ungesicherten Annahme, dass ein Schiff bei günstigem Winde 1000 Stadien oder 125 Meilen an einem Tage und in einer Nacht zurücklegen kann, errechnete Diodoros Siculus (Band 1, p. 200) von der Maeotis (Asowsches Meer) nach Rhodos zehn und von Rhodos nach Alexandria vier Tage. Die Flussfahrt auf dem Nil von Alexandria nach Syene am Wendekreis des Krebses erforderte, da sie gegen die Strömung ging, zehn weitere Tage. Er mag mit gutem Recht an der Grenze zur heißen Zone von extremer Hitze sprechen; aber er schildert den Maeotis auf dem 47° nördlicher Breite, als läge er auf dem Polarkreis. lag innerhalb ihres Herrschaftsbereiches. Die volkreichen Länder dieses Kaiserreiches waren die Heimat von Kunst und Gelehrsamkeit, von Luxus und Reichtum; und die Einwohner, die die Sprache und die Sitten der Griechen pflegten, bezeichneten sich selbst und nicht ganz ohne Berechtigung als den aufgeklärtesten und kultiviertesten Teil des Menschengeschlechtes. Die Staatsform war eine reine, unverfälschte Monarchie; der Name RÖMISCHE REPUBLIK, der solange noch schwache Erinnerungen an Freiheit hatte anklingen lassen, war den lateinischen Ländern des Westens vorbehalten; die Herrscher von Konstantinopel kannten keinen anderen Maßstab für ihrer Macht als die sklavische Unterwürfigkeit ihrer Untertanen. Es war ihnen unbekannt, wie sehr dieses passive Verhalten jede geistige Fähigkeit abstumpft und verkümmern lässt. Die Untertanen, die ihren Willen der absoluten Befehlsgewalt ihres Herren unterworfen hatten, waren gleichermaßen außerstande, ihr Leben und ihren Besitz gegen die Angriffe der Barbaren zu verteidigen wie ihren Verstand von den Bedrückungen des Aberglaubens freizuhalten.   ARCADIUS – EUTROPIUS – A.D. 395 – 399 Die ersten Ereignisse in der gemeinsamen Herrschaft des Arcadius und Honorius stehen so unmittelbar miteinander in Beziehung, dass dem Gotenaufstand und dem Sturz des Rufinus bereits ihr Platz in der Geschichte des Westens zugewiesen wurde. Es wurde bereits berichtet, dass Eutropius, einer der führenden Eunuchen Barthius, welcher seinen Autoren mit dem blinden Ergebenheit eines Kommentatoren verehrt, gibt den beiden Büchern, die Claudian gegen Eutropius verfasst hat, den Vorzug vor allen seinen anderen Gedichten. (Baillet, Jugemens des Savans, Band 4, p. 227). In der Tat handelt es sich hier um eine elegante und witzige Satire; und sie wäre im Sinne des Historikers noch wertvoller, wenn seine Angriffe weniger pauschal und etwas gemäßigter gefasst wären. im Palast von Konstantinopel, dem hochmütigen Minister folgte, dessen Sturz er eingefädelt hatte und dessen Laster er schon bald nachahmte. Jedermann im Staate beugte sich dem neuen Günstling, und ihre brave und bereitwillige Unterwerfung ermutigte ihn zu neuen Gesetzesbrüchen und – was noch gefährlicher und auch schwieriger ist – zur Korruption der Sitten seines Landes. Noch unter den schwächsten Vorgängern des Arcadius war der Einfluss der Eunuchen geheim und ohne jedes Aufsehen gewesen. Sie erschlichen sich das Vertrauen ihres Herrschers; aber ihre offizielle Aufgabe war beschränkt auf die niederen Dienste des Kleiderbewahrers und Hüters des kaiserlichen Schlafgemachs. Sie mochten wohl auf direktem Wege durch Einflüsterungen die öffentlichen Beratschlagungen beeinflussen oder durch bösartiges Ränke Ruf und Vermögen angesehener Mitbürger ruinieren; aber niemals waren sie so dreist, sich an die Spitze des Reiches zu stellen Nachdem sich Claudian über den wachsenden Einfluss der Eunuchen im römischen Palast beklagt und deren wirkliche Aufgaben benannt hat, fügt er hinzu: »A fronte recedant Imperii.« (Vor der Spitze des Reiches weichen sie zurück). In Eutropium 1, 422. Allerdings sieht es nicht danach aus, dass der Eunuch einen einflussreichen Posten des Reiches erhalten hätte; in dem Erlass für seine Verbannung wird er lediglich »praepositus sacri cubiculi« (Aufseher des Heiligen Schlafgemaches) genannt. Siehe Codex Theodosianus 9, 40,17. oder die Ehrenstellungen des Staates zu missbrauchen. Eutropius war der erste Träger dieser sinistren Menschenart, welcher die Stellung eines Römischen Magistrates oder Generals »Iamque oblita sui, nec sobria divitiis mens/In miseras leges hominumque negoti a ludit:/Judicat eunuchus ... Arma etiam violare parat....« (Schon hat er sich ganz vergessen, trunken ist sein Verstand vom Reichtum; spielt mit schlechten Gesetzen und den Geschäften der Menschen: so spricht ein Eunuch Recht...für Waffen hat er nur Hohn). Claudian (In Eutropium 1,229-270) beschreibt mit jener Mischung aus Empörung und Frohsinn, die bei den Satirikern immer so gefällt, die Dummheit des Eunuchen, dieser Schande des Reiches und Freude der Goten: »Gaudet, cum viderit, hostis, Et sentit iam deesse viros.« (Es freut sich der Feind, wenn er uns sieht, denn er merkt: es fehlt an Männern). zu beanspruchen wagte. Bisweilen bestieg er die Rednertribüne, um Urteile zu verkünden oder einen bombastischen Redeschwall zu tun, dies in Gegenwart des Senates, der darüber errötete; ein anderes Mal erschien er zu Pferde an der Spitze seiner Soldaten wie ein Held bewaffnet und gekleidet. Die Verachtung von Brauchtum und Anstand verrät zuverlässig ein schwaches und fehlgeleitetes Gemüt; auch scheint Eutropius seine albernen Auftritte nicht durch irgendwelche höheren Verdienste oder besonders geschicktes Handeln kompensiert zu haben. In seinen früheren Jahren oblag er jedenfalls nicht dem Studium der Gesetze und ließ sich auch nicht im Felde blicken; seine erfolglosen Anläufe bewirkten bei Außenstehenden nur heimliche Verachtung; die Goten wünschten inständig, dass so ein General immer an der Spitze der römischen Armeen stehen möge; und der Name des Ministers ward ein Gelächter, was für einen Würdeträger verheerender ist als Hass. Die Untertanen des Arcadius erinnerten sich mit Empörung daran, dass dieser hässliche und abgelebte Eunuch Des Dichters anschauliche Beschreibung seines abstoßenden Äußeren (1,110-125) wird durch das authentische Zeugnis des Chrysostomos bekräftigt (Opera, Band 3, p.384), welcher mitteilt, dass das Gesicht des Eutropius nach dem Entfernen der Schminke noch runzliger und hässlicher war als das einer alten Vettel. Claudian (1,469) bemerkt, und diese Bemerkung kann nur auf persönlicher Wahrnehmung beruhen, dass zwischen der Jugend und dem Altersverfall des Eunuchen kaum einen Übergang gebe. , der eine Karikatur des männlichen Geschlechtes war, ein elendes Sklavendasein gefristet hatte; und dass er vor dem Eintritt in den Palastdienst von hundert Herren nacheinander ge- und verkauft worden war, die seine Jugend mit allen möglichen niedrigen und abartigen Diensten erschöpft hatten und ihn schließlich im Alter in die Freiheit und Armut Eutropius stammte offenbar aus Armenien oder Assyrien. Die drei Dienste aber, die er geleistet hatte und die von Claudian eingehender beschrieben werden (In Eutropium 1,31-137), waren diese: 1. Viele Jahre war er der Buhlknabe des Ptolemaios, eines Pferdeknechtes oder Soldaten in den kaiserlichen Stallungen; 2. Ptolemäus reichte ihn an den alten General Arintheus weiter, für den er mit viel Geschick das Amt eines Kupplers versah. 3. Er wurde bei der Hochzeit von Arintheus' Tochter dieser mitgegeben; und hier war der künftige Konsul damit beschäftigt, ihr das Haar zu kämmen, ihr die silberne Wasserkanne zu halten, sie zu waschen und der Herrin bei heißem Wetter Kühlung zuzufächeln. entließen. Während diese Schauergerüchte ihre Bahnen zogen und in privaten Gesprächen sich beständig vergrößerten, wurde der Eitelkeit des Günstlings mit den schönsten Ehrungen geschmeichelt. Im Senat, in der Hauptstadt, in den Provinzen wurden Marmor- und Bronzestatuen des Eutropius errichtet und erhielten als Inschrift den pompösen Titel des dritten Gründers von Konstantinopel. Er erhielt den Rang eines Patriziers, was nach populärer und sogar gesetzeskonformer Deutung den Vater des Kaisers bezeichnete; und das letzte Jahr des vierten Jahrhunderts wurde verdunkelt durch das Konsulat eines Eunuchen und eines Sklaven. Dieses unerhörte und unsühnbare Zeichen Claudian (In Eutropium 1-22) zählt zunächst die diversen Vorzeichen auf, etwa Schreckensvögel, sprechende Tiere, Blut- oder Steinregen, doppelte Sonnen \&c, wobei er wohl auch übertreibt: ommnia cesserunt eunucho consule monstra (Jedes Monstrum ist harmloser als ein Eunuch zum Konsul). Das erste Buch endet mit einer Rede der Göttin Rom an ihren Liebling, Honorius, in welcher sie bat, diese neuartige Schande, der sie jetzt ausgesetzt war, von ihr abzuwenden. rief jedoch die Vorurteile der Römer auf den Plan. Der Westen tilgte diesen weibischen Konsul als einen einmaligen Schandfleck aus den Jahrbüchern der Republik; und ohne eigens die Schatten des Brutus oder Camillus zu beschwören, führte der Kollege des Eutropius, ein gelehrter und honoriger Beamter lavius Mallius Theodorus, dessen bürgerliche Ehrenstellungen und philosophische Arbeiten Claudian in einem sehr eleganten Panegyricus rühmt. , die Unterschiede zwischen den beiden Verwaltungen hinreichend vor Augen.   SEINE KÄUFLICHKEIT UND SEINE UNGERECHTIGKEIT Rufinus' kühnes und entschlossenes Gemüt scheint von einem sanguinischen und rachelüsternen Temperament regiert worden zu sein; aber die Habgier des Eunuchen war nicht minder unersättlich als die des Präfekten Μεϑύων δὲ ἤδη τῷ πλούτῳ (trunken vor Reichtum) ist der derbe Vergleich des Zosimos 5,10; und die Habgier des Eutropius wird im Lexikon des Sudas und der Chronik des Marcellinus auf ähnliche Weise verflucht. Oft hatte auch Chrysostomos den Günstling vor der Eitelkeit und der Gefahr unmäßigen Reichtums gewarnt (Opera, Band 3, p. 381) . Solange er nur solche staatlichen Übeltäter ausplünderte, die ihrerseits durch das Berauben des Volkes reich geworden waren, mochte Eutropius seiner Habsucht genügen, ohne viel Neid zu erregen oder Unrecht zu tun. Die üblichen Foltermethoden wurden angewandt und ausgeweitet; und Claudian hat ein sehr lebhaftes und authentisches Bild einer solchen staatlichen Maßnahme entworfen. »Die Impotenz des Eunuchen« (sagt der bissige Satiriker) »hat immerhin dazu beigetragen, seine Habgier zu vergrößern: dieselbe Hand, die er in seiner Sklavenzeit für kleinere Diebereien am Eigentum seiner Herren einsetzte, greift nun nach dem Wohlstand der ganzen Welt; und dieser elende Krämer taxiert und teilt das ganze Römische Reich vom Hämusgebirge bis zum Tigris. Ein Mann wird als Gegenleistung für sein Landhaus zum Prokonsul von Afrika; ein zweiter erwirbt für die Juwelen seiner Frau Syrien; und ein dritter führt Klage, dass ihn die Verwaltung von Bythinien sein väterliches Erbe gekostet habe. Im Vorzimmer des Eutropius befindet sich, dem Publikum zur Kenntnisnahme, eine große Tafel, auf der die jeweiligen Preise für die römischen Provinzen verzeichnet sind. Die unterschiedlichen Sätze für den Pontus, Galatia oder Lydien werden präzise berechnet. Lycien kann man bereits für so und soviel tausend Pfund Gold erhalten; aber der Zugang zu Phrygiens Reichtum verlangt deutlich mehr. Der Eunuch möchte inmitten der allgemeinen Misstimmung den ihm persönlich gewidmeten Hass vergessen machen; und da er früher selbst verkauft worden ist, will er jetzt die ganze Menschheit verkaufen. Hierbei ist das Wohl und Wehe einzelner Provinzen oftmals ungewiss; und bis sich die Wagschale der einen Seite zuneigt, bleibt das Urteil des Richters besorgniserregend in der Schwebe »...certantum saepe duorum Diversum suspendit onus: cum pondere judex Vergit, et in geminas nutat provincia lances.« (...oftmals, wenn zwei Wettbewerber sich zanken, wägt er das Gewicht der Gegenparteien; und bis die Schale mit der schwereren sich nieder neigt, schwankt die Provinz von einer zur anderen). Claudian (1,192-209) geht so sehr in die Nebenumstände bei diesem merkwürdigen Verkauf, dass hier insgesamt Anspielungen auf besondere Anekdoten vorzuliegen scheinen. . So also« fährt der Dichter empört fort »steht es mit den Früchten römischer Macht, des Sieges über Antiochus und der Siege eines Pompeius.« Dieses Vermarkten öffentlicher Ämter garantierte auch zukünftigen Verbrechen Straflosigkeit; aber die Reichtümer, die sich Eutropius durch seinen Diebstahl von Staates wegen zusammen gerafft hatte, waren schon vorher durch Unrecht besudelt; denn es gehörte sich, Wohlhabende, nach deren Reichtümern ihn verlangte, anzuklagen und zu verurteilen. So mancher Adlige wurde durch Henkershand hingerichtet; und noch die entlegensten und unwirtlichsten Gegenden des Reiches füllten sich mit schuldlos Exilierten von Adel.   ABUNDANTIUS UND TIMASIUS Unter den Generälen und Konsuln des Ostens hatte Abundantius Claudian (In Eutropium 1, 154-170) erwähnt die Schuld und das Exil des Abundantius; auch konnte es nicht fehlen, dass er das Beispiel des Künstlers erwähnte, der den ersten Versuch mit dem Stier aus Erz unternahm, den er dann dem Phalaris präsentierte. Siehe Zosimos, 5,10; Hieronymus, Band 1, p 26. Die widersprüchlichen Ortsangaben sind leicht erklärt; aber das entscheidende Ansehen des Asterius von Amasia (Orationes 4, p. 76, bei Tillemont, Histoire des empereurs Band 5, p. 435) muss für Pityus den Ausschlag geben. als einer der Ersten Anlass, Eutropius' Anwandlungen zu fürchten. Er hatte das unverzeihliche Verbrechen begangen, den verworfenen Sklaven in den Palast von Konstantinopel einzuführen; und eigentlich muss man dem ebenso mächtigen wie undankbaren Favoriten Dank aussprechen, dass er sich mit dem Untergang seines Wohltäters zufrieden gab. Abundantius wurde seiner Reichtümer durch ein kaiserliches Reskript beraubt und nach Pytius am Schwarzen Meer verbannt, dem entlegensten Vorposten der römischen Welt; wo er bei den Barbaren freundliche Aufnahme fand, bis er nach dem Sturz des Eutropius ein milderes Exil zu Sidon in Phönizien fand. Um Timasius Die Suidas hat (Vermutlich unter Rückgriff auf das Geschichtswerk des Eunapius) ein äußert unvorteilhaftes Bild des Timasius entworfen. Der Bericht über seine Ankläger, die Richter, den Prozess \&c stimmt den Gepflogenheiten an den antiken und heutigen Grichtshöfen vollständig überein (siehe Zosimos, 5,9ff). Ich bin beinahe versucht, den Roman eines großen Meisters zu zitieren (Fielding, Tom Jones, Works, Band 4, p. 49ff), den man als Geschichte der menschlichen Natur ansehen kann. zu vernichten, bedurfte es einer ernsthafteren und durchdachteren Vorgehensweise. Dieser fähige General und Heermeister in Theodosius' Armee hatte in Thessalien durch einen entscheidenden Sieg über die Goten eine Probe seines Könnens abgelegt; aber er war nach dem Vorbild seines Herren allzu leicht geneigt, sich dem Luxus des Friedens hinzugeben und sein Vertrauen an intrigante Schmeichler mit kriminellen Neigungen zu verschwenden. Timasius hatte sich nicht um den öffentlichen Protest gekümmert, als er einem verrufenen Bewunderer das Kommando über eine Kohorte übertrug; und er verdiente sich nachgerade die Undankbarkeit des Bargus, den Eutropius heimlich dazu angestiftet hatte, seinen Patron der hochverräterischen Verschwörung zu beschuldigen. Der General wurde vor den Richterstuhl von Arcadius selbst gezerrt; und der Obereunuch stand neben dem Thron, um seinem Kaiser die Fragen und Antworten einzuflüstern. Da man nun aber diese Art von Verhandlungsführung parteilich und voreingenommen nennen konnte, wurde die fernere Untersuchung der Verbrechen des Timasius in die Hände des Saturnius und Prokopius gelegt: der erstere von konsularischem Rang, der zweite in einigem Ansehen als der Schwiegervater des Kaisers Valens. Der Anschein für ein faires und gesetzmäßiges Verfahren wurde durch die unverdrossene Ehrlichkeit des Prokopius gewahrt, welcher für die kriecherische Beflissenheit seines Kollegen nur Verachtung erübrigte, als dieser über den unglückseligen Timasius den Schuldspruch aussprach. Seine unermesslichen Reichtümer wurden im Namen des Kaisers konfisziert und dem Günstling zugesprochen; er selbst wurde zu lebenslänglichem Exil in Oasis verurteilt, einem einsamen Flecken inmitten der lybischen Sandwüste Die große Oase war eine der fruchtbaren Orte in Libyens Sand, der, bewässert von Quellen, sogar Weizen, Gerste und Palmen hervorbrachte. Er erstreckte sich etwa drei Tagesreisen in nordsüdlicher Richtung und ein halbe Tagesreise in die Breite und war etwa fünf Tagesreisen westlich von Abydos am Nil entfernt. Siehe d'Anville, Descriptions de l'Egypte, p. 186ff. Die unfruchtbare Wüste, welche die Oase umgab, hatte der Vorstellung von relativer Fruchtbarkeit und sogar dem Epitheton einer glücklichen Insel Raum gegeben (Herodot 3,26). . Abgeschnitten von allem Verkehr mit Menschen, war der Heermeister Roms für die Welt gestorben; allerdings sind über sein weiteres Schicksal nur widersprüchliche Nachrichten im Umlauf. Eutropius soll seine heimliche Hinrichtung angeordnet haben Die Zeile bei Claudian, In Eutropium, 1,180 »Marmaricus claris violatur caedibus Hammon,« (Marmaricus Hammon wird durch den erlauchten Mordentweiht) spielt deutlich auf seine Überzeugung vom Tode des Timasius an. . So wird erzählt, dass bei dem Versuch, der Oase zu entkommen, er vor Hunger und Durst in der Wüste umgekommen sei; und dass man seine Leiche in der Wüste Libyens gefunden habe Sozomenos 8,7. Er spricht nur vom Hörensagen ὥς τινος ἐπυϑόμην. . Glaubwürdiger klingt indessen die Versicherung, dass sein Sohn Sygarius erfolgreich die Pläne der Hofemissäre und -agenten vereitelt, eine Bande afrikanischer Räuber aufgestellt und Timasius aus seinem Exil befreit habe; und dass dann Vater und Sohn aus dem Gesichtskreis der Menschen entschwunden seien Zosimos 5,9. Aber er hegt den Verdacht, dass dieses Gerücht von den Freunden des Eutropius gestreut sei. . Der niederträchtige Bargus indessen kam nicht in den Genuss der Belohnung für seinen Verrat, sondern erlag schon bald der stärkeren kriminellen Begabung des Ministers; welcher demnach genug Verstand besaß, sich des Werkzeuges seiner Verbrechen zu entledigen.   DAS GRAUSAME GESETZ GEGEN DEN HOCHVERRAT – 4.SEPTEMBER 397 Der Hass der Öffentlichkeit und die Verzweiflung der Betroffenen bedrohte beständig die Sicherheit des Eutropius, zumindest schien es ihm so; ähnlich erging es seinen zahlreichen Anhängern, die von seiner Karriere abhingen und durch seine käufliche Gunst gefördert worden waren. Zu ihrem gegenseitigen Schutz heckte er ein Gesetz aus, welches alle Grundsätze der Humanität und der Gerechtigkeit verhöhnte Siehe den Codex Theodosianus 9,14, ad legem Corneliam de Sicariis, leg. 3, und den Codex Justinianus 9,8, ad legem Iuliam de Majestate, leg. 5. Die Umbenennung des Titels vom Mord in Hochverrat war eine Verbesserung des spitzfindigen Tribonian. Gothofred erläutert das Gesetz des Arcadius in einer regelrechten Abhandlung, in die er in seinen Kommentar eingeflochten hat und erklärt alledie kniffligen Stellen, die die Rechtsgelehrten des dunklen Jahrhunderte verdreht worden sind. Siehe Band 3, p. 88-111. . I Es wurde im Namen von Arcadius verfügt, dass alle, welche mit Einheimischen oder Fremden sich gegen das Leben einer der vom Kaiser als »Glieder seines eigenen Leibes« bezeichneten Personen verschwören sollte, mit dem Tode und dem Einzug seines Vermögens bestraft werden sollten. Diese Form des angeblichen oder metaphorischen Verrates wird definiert nicht nur, um die bekannten Armeegeneräle zu schützen, die Zugang zum Allerheiligsten haben, sondern in gleicher Weise die obersten Hofbediensteten und die Senatoren von Konstantinopel und die Militärbefehlshaber und die zivilen Magistrate in den Provinzen: eine unbestimmte und unendliche Liste, welche unter den Nachfolgern des Constantin einen ganzen Tross nachgeordneter Diener in sich begriff. II. Diese äußerste Strenge hätte sich allenfalls rechtfertigen lassen, wenn sie nur dazu gedient hätte, die Repräsentanten des Herrschers bei der Ausübung ihrer Amtsgeschäfte vor echter Gewalttätigkeit zu schützen. Aber die gesamte kaiserliche Dienerschaft maßte sich das Vorrecht oder vielmehr die Straflosigkeit an, welche sie in den heikelsten Augenblicken ihres Lebens vor den vorschnellen und wohl auch gerechtfertigten Hassgefühlen ihrer Landsleute schützen sollte; und so wurde durch eine abenteuerliche Pervertierung des Gesetzes jeder private Streit ebenso mit Verfolgung und Strafe bedroht wie eine vollendete Verschwörung gegen den Kaiser und das Reich. Der Erlass des Arcadius erklärt in eindeutiger und unfassbarer Sprache, dass in solchen Fällen von Gedankenverbrechen und Taten mit gleicher Strenge bestraft werden müssten; dass die Kenntnis einer verschwörerischen Absicht, sie würde denn augenblicklich gemeldet, ebenso kriminell sei wie die Absicht selbst Bartolus versteht hierunter eine schlichte Kenntnis der Tat ohne Anzeichen von Billigung oder Mitwirkung. »Für diese Auffassung«, sagt Baldus, »muss er nun in der Hölle braten.« »Ich für meinen Teil«, so der besonnene Heineccius (Elementa iuris civilis, Buch 4, p. 411), »trete der Theorie des Bartolus bei; aber in der Praxis neige ich der Meinung des Baldus zu.« Aber Bartolus wurde von den Rechtsgelehrten des Kardinals Richelieu gerne zitiert; und so wurde Eutropius sogar noch indirekt schuldig an der Ermordung (1624) des tugendhaften (Francois) de Thou. ; und dass jeder unbedachte Mann, der sich etwa unterstände, Nachsicht für die Verräter zu erflehen, in dauerhafter öffentlicher Schande leben solle. III. »Was nun die Söhne der Verräter betrifft« (so fährt der Kaiser fort), »so schenken wir ihnen aufgrund unserer herrlichen kaiserlichen Milde das Leben, obgleich sie dieselbe Strafe wie ihre Eltern verdienen, da sie ihnen vermutlich auch in ihren Lastern ähneln werden; zugleich aber erklären wir sie hiermit für unfähig und unwürdig, ihr väterliches oder mütterliches Erbe anzutreten oder eine Geschenk oder ein Donativ von einem Fremden oder einem Einheimischen zu empfangen. Gebrandmarkt mit erblicher Schande, ausgeschlossen von jeder Aussicht auf Ehrenstellungen oder Vermögen, überlassen wir sie den Fährnissen und Nöten der Armut und der Schande, bis dass sie ihr Leben als eine einzige Kalamität und den Tod als Linderung und Erlösung empfinden.« Mit eben diesen Worten, die das Empfinden der Menschheit zu beleidigen geeignet sind, zollte der Kaiser oder genauer: sein Lieblingseunuch der Milde eines Gesetzes seinen Beifall, welches alle Unmenschlichkeiten und Ungerechtigkeiten auf die Kinder derjenigen häufte, welche irgendwelche angeblichen Verschwörungen unterstützt oder sich nicht von ihnen ferngehalten hatten. Einige der schönsten Leistungen der römischen Rechtsgelehrsamkeit sind uns leider verloren gegangen; aber dieses Edikt, ein bequemes und machtvolles Werkzeug für staatlichen Terrorismus, wurde mit aller Sorgfalt in den Codex Theodosianus und Iustinianus eingefügt; und dieselben Grundsätze wurden in heutigen Zeiten wieder zum Leben erweckt, um die Kurfürsten Deutschlands und die Kardinäle Roms zu schützen Es wird allerdings die Vermutung geäußert, dass dieses Gesetz, welches zu den germanischen Freiheiten so im Widerspruch steht, der Goldenen Bulle von 1356 nur untergeschoben worden ist. .   AUFSTAND DES TRIBIGILD · A.D. 399 Indessen waren diese mörderischen Gesetze, welche ein wehr- und orientierungsloses Volk mit Terror überzogen, ungeeignet, um die unternehmende Kühnheit des Ostgoten Tribigild Eine detailfreudige und umständliche Erzählung (die man sich für einen wichtigeren Gegenstand hätte aufheben können) über die Revolte des Tribigild und Gainas stammt aus der Feder des Zosimos (5,13). Siehe außerdem Sokrates 6,6 und Sozomenes 8,4. Das zweite Buch des Claudian gegen Eutropius ist ein schönes, wenn auch unvollendetes Stück Geschichtsschreibung. zu dämpfen. Diese kriegstüchtige Völkerschaft, die Theodosius in den fruchtbarsten Ländereien Phrygiens Claudian (In Eutropium 2, 237-250) stellt mit Genauigkeit fest, dass der alte Name und das Volk der Phrygier sehr weitläufig-unbestimmte Grenzen hatten, bis das Land schließlich zusammengedrängt wurde von den Kolonien des thrakischen Bithyniens, der Griechen und endlich der Gallier. Seine Beschreibung der Fruchtbarkeit Phrygiens und der vier goldführenden Flüsse ist zutreffend und anschaulich. angesiedelt hatte, verglichen mit Neid die schleppenden Einkünfte ihres landwirtschaftlichen Fleißes mit den erfolgreichen Raubzügen und großzügigen Belohnungen eines Alarich; auch war ihr Häuptling mit seinem eigenen ungnädigen Empfange am Hofe zu Konstantinopel übel zufrieden. So hörte die sanfte und wohlhabende Provinz im Herzen des Reiches unvermittelt Kriegslärm; und mancher getreue Vasall, welchen man kujoniert oder missachtet hatte, erneuerte sein Ansehen, sobald er sich wie ein feindlicher Barbar aufführte. Die Weinberge und die fruchtbaren Felder zwischen dem schnellfließenden Marsyas und dem windungsreichen Mäander Xenophon, Anabasis, 1, 2,8; Strabo, 12,8,15; Quintus Curtius 3,1. Claudian vergleicht den Zusammenfluss von Marsyas und Mäander mit dem der Sâone mit der Rhone; mit dem einen Unterschied indessen, dass der kleinere der phrygischen Flüsse durch den größeren nicht beschleunigt, sondern abgebremst wird. standen in Flammen; die mürben Stadtmauern fielen beim ersten Ansturm der Feinde in den Staub; verängstigt flohen die Bewohner vor dem Massaker an den Hellespont; und ein beachtlicher Teil Kleinasiens lag infolge des Aufstandes des Tribigild verheert. Die Bauern von Pymphylien stellten sich seinem Vorwärtsstürmen erfolgreich in den Weg: die Ostgoten, in einem Engpass bei Selgae Selge, eine Pflanzstadt der Spartaner, zählte voreinst zwanzigtausend Einwohner; aber in den Zeiten eines Zosimos war es nur noch eine Kleinstadt. Cellarius, Geographia antiqua, Band 2, p. 117. zwischen tiefem Morast und den Klippen des Taurusgebirges angegriffen, wurden besiegt und verloren ihre besten Krieger. Aber der Geist ihres Anführers wurde durch dieses Missgeschick durchaus nicht gedämpft; und seine Armee wurde beständig ergänzt durch Barbarenhaufen und Gesetzlose, welche auch weiterhin dem Raub-Gewerbe obliegen wollten, wenn auch unter der achtbareren Bezeichnung des Krieges und der Eroberung. Vielleicht konnten die Gerüchte von Tribigilds Erfolgen eine Zeitlang durch Furcht beiseite geschoben oder durch Schmeichelei verhehlt werden; aber irgendwann schreckten sie doch den Hof und die Hauptstadt auf. Jeder Fehlschlag wurde jetzt durch dunkle Andeutungen aufgebauscht; und bezüglich der künftigen Pläne der Aufständischen verlegte man sich auf angsterfülltes Spekulieren. Zog Tribigild ins Landesinnere, neigten die Römer zu der Annahme, er plane die Überquerung des Taurus und den Einmarsch in Syrien. Bewegte er sich aufs Meer zu, vermuteten sie, ja schlugen dem Gotenkönig wohl auch das riskante Projekt vor, in den Ionischen Häfen eine Flotte auszurüsten und seine Raubzüge auf die Küstenländer zwischen der Nilmündung und Konstantinopel zu beschränken. Die näherrückende Gefahr und Tribigilds hartnäckige Weigerung, sich auf irgendwelche Schlichtungsgespräche einzulassen, bestimmtem Eutropius endlich, einen Kriegsrat einzuberufen Der Kriegsrat des Eutropius bei Claudian lässt sich vergleichen mit dem des Domitian in der vierten Satire des Juvenal. Die Hauprpersonen des ersteren waren »juvenes protervi lascivique senes « (ungezogene Jüngelchen und Lustgreise); einer von ihnen war früher Koch, der andere Wollkämmerer gewesen. Die Sprache ihres früheren Gewerbes verrät ihre Anmaßung, und ihre lächerliche Konversation über Tragödien, Tänzer \&c. wird vor dem Hintergrund der wichtigen Beratungen nur noch alberner. . Nachdem er für sich selbst die Vorrechte eines Soldaten im Ruhestand reklamiert hatte, vertraute der Eunuch den Schutz Thrakiens und des Hellespont dem Goten Gainas an; den Befehl über die asiatische Armee seinem Liebling Leon: beides Generäle, die der Sache der Rebellen auf unterschiedliche, aber wirkungsvolle Weise Vorschub geleistet hatten. Leon Claudian (In Eutropium 2,376-461) hat ihn geradezu infam dargestellt; Zosimos (5,14) bestätigt seine Vorwürfe, aber mit gemäßigter Wortwahl. , dem die seines Körpers Massigkeit und Geistes Blödigkeit zu dem Zweitnamen ›Ajax des Orients‹ verholfen hatten, war seinem ursprünglichen Gewerbe eines Wollkaufmannes untreu geworden, um mit deutlich geringerem Erfolg und Geschick die Militärlaufbahn einzuschlagen; und so waren denn seine dilettantischen Manöver durch eine völligen Unkenntnis der Schwierigkeiten und die haarsträubende Vernachlässigung aller günstigen Gelegenheiten gekennzeichnet. Die Ostgoten hatten sich durch ihr rasches Vordringen zwischen den Flüssen Melas und Eurymedon unversehens in eine missliche Lage gebracht, wo ihnen die Bauern von Pamphylien hart zusetzten; aber die Ankunft der kaiserlichen Armee gab ihnen die Mittel zu Rettung und Sieg an die Hand. Tribigild überrannte im Dunkeln der Nacht das unbewachte Römerlager; machte die Mehrheit der Barbaren in ihrer Treue schwanken und zerstreute ohne sonderliche Mühe die Truppen, welche durch die lose Disziplin und den Luxus der Hauptstadt angekränkelt waren. Für Gainas, der die Ermordung des Rufinus so kühn geplant und vollendet hatte, war die steile Karriere seines unfähigen Nachfolgers ein dauerndes Ärgernis; er zieh sich selbst des ehrlosen Müßigganges unter dem Sklavenregiment eines Eunuchen; und galt zumindest in der öffentlichen Meinung überführt, heimlich die Revolte des Tribigild zu begünstigen, war er an ihn doch durch einen Bündnisvertrag gebunden Von der Verschwörung Gainas und Tribigild, die von griechischen Historikern bestätigt wird, war Claudian nichts zu Ohren gekommen, der den Aufstand der Ostgoten seinem kriegerischen Gemüt und dem Rat seines Weibes zuschreibt. . Als Gainas den Hellespont überquerte, um die Trümmer der Asiatischen Armee unter seiner Fahne zu sammeln, richtete er seine Truppenbewegungen sorgfältig nach den Bedürfnissen der Ostgoten; gab das Land preis, das sie zu überfallen begehrten; oder ermöglichte den Hilfstruppen der Barbaren die Desertation. Dem kaiserlichen Hofe vergrößerte er die Macht, das Genie und die unerschöpflichen Hilfsquellen des Tribigild; gestand sein Unvermögen ein, den Krieg weiter zu führen; und erlangte die Erlaubnis, mit dem unbezwingbaren Feinde in Verhandlungen einzutreten. Die Friedensbedingungen diktierte der hochfahrende Rebell; und die unabdingbare Forderung nach dem Kopf des Eutropius enthüllte den Urheber und die eigentliche Absicht dieser feindlichen Verschwörung.   DER STURZ DES EUTROPIUS Der kühne Spötter, der seinen Unmut durch die leidenschaftliche und einseitige Kritik christlicher Herrscher kühlte, beschädigt die eher Würde der Geschichtsschreibung als ihre Wahrheit, wenn er den Sohn des Theodosius mit einer jener unschuldigen und einfältigen Kreaturen vergleicht, welchen kaum zum Bewusstsein kommt, dass sie Eigentum ihres Schäfers sind. Zwei Leidenschaften jedoch, Angst und die Hingabe an sein Weib, weckten die träge Seele des Arcadius: die Bedrohung durch die siegreichen Barbaren entsetzte ihn; und er ergab sich der sanften Beredsamkeit seines Weibes Eudoxia, welche, ertränkt in einem Strom erheuchelter Tränen, ihre unschuldigen Kinder ihrem Erzeuger vorwies und um Gerechtigkeit flehte für tatsächliches oder ausgedachtes Ungemach, die sie dem dreisten Eunuchen vorwarf Diese übrigens nur von Philostorgios (11,6 und Gothofred, Dissertationes p. 451-456) überlieferte Anekdote ist bemerkenswert und bedeutend deshalb, weil sie den Gotenaufstand mit Palastintrigen in einen Zusammenhang bringt. . Des Kaisers Hand war ausgestreckt, das Urteil zu unterzeichnen; der Zauberbann, der vier Jahre lang Herrscher und Volk aneinander gefesselt hatte, war mit einem Schlage gebrochen; und die Heilrufe, die unlängst noch die Verdienste und das Glück des Favoriten bejauchzt hatten, wurden unversehens zu lautem Lärm, mit dem Volk und Soldaten seine Verbrechen verurteilten und seinen Kopf forderten. In dieser Stunde der Not blieb Eutropius als einzige Zuflucht nur noch der geheiligte Raum der Kirche, deren Vorrechte er kluger- oder berechnenderweise festgeschrieben hatte; und der beredteste aller Heiligen, Johann Chrysostomos, freute sich des Triumphes, den bittflehend hingestreckten Minister zu schützen, der ihm durch seine Einflussnahme zum bischöflichen Stuhl Konstantinopels verholfen hatte. Der Erzbischof bestieg die Kanzel, auf dass er von der unzählbaren Menge beiderlei Geschlechtes und jeden Alters besser gesehen und gehört werde, und erging sich angemessen und salbungsreich über die Vergebung von Kränkungen und die Hinfälligkeit menschlicher Größe. Die Seelenangst des bleichen und verschüchterten Schurken, der würdelos unter dem Altartisch auf dem Boden hockte, bot ein eindrucksvolles und lehrreiches Schauspiel; und der Redner, welchem später vorgeworfen wurde, das Unglück des Eutropius verhöhnt zu haben, bemühte sich, die Verachtung des Volkes zu schüren, um seinen Zorn umso besser dämpfen zu können Siehe die Homilie des Johannes Chrysostomos Band 3, p. 381-386, deren Exordium (Einleitung) besonders schön ist; Siehe Sokrates (6,5) und Sozomenes (8,7). Montfaucon (Leben des Chrysostomos, Band 13, p. 135) nimmt etwas voreilig an, dass Tribigild sich wirklich in Konstantinopel aufgehalten und die Soldaten befehligt habe, die den Auftrag zur Ergreifung des Eutropius hatten. Selbst der heidnische Dichter Claudian (Vorrede zu Buch 2 In Eutropium 27) die Flucht des Eunuchen in Heiligtum erwähnt. »Suppliciterque pias humilis prostratus ad aras /Mitigat iratas voce tremente nurus.« Flehend vor frommen Altären zu Boden gestreckt/sucht er milde zu stimmen mit bebender Stimme die zornigen Frauen). . Endlich obsiegten Menschlichkeit, Aberglauben und Überredungskunst. Die Kaiserin Eudoxia wurde durch ihre eigenen Vorurteile oder die ihrer Untertanen dazu gebracht, die Heiligkeit der Kirche zu schonen; Eutropius selbst kapitulierte vor der sanften Kunst der Überredung und dem heiligen Versprechen, dass sein Leben geschont werde In einer anderen Predigt steht Chrysostomos nicht an zu erklären (Opera, Band 3, p. 386), dass Eutropius niemals gefasst worden wäre, hätte er sich nicht aus der Kirche geflüchtet. Auf der anderen Seite betont Zosimos (5,18), dass seine Feinde ihn mit Gewalt (ἐξαρπάσαντες αὐτόνí) aus dem Heiligtum geschleppt hätten. Aber auch in dem Versprechen schimmert Verrat hindurch; und Claudians feste Versicherung »Sed tamen exemplo non feriere tuo« (Aber du wirst trotzdem nicht nach deinem Beispiel vernichtet werden) kann als Beweis für eine vorangegangene Zusicherung gelten. . Unverzüglich und unbekümmert um das Ansehen ihres Herrschers verfügten die neuen Minister, dass sein letzter Favorit die Titel Konsul und Patrizier verwirkt habe, dass seine Statuen zu entfernen, sein Vermögen einzuziehen und er nach Zypern Codex Theodosianus 9,40,14). Das Datum dieses Erlasses (17. Januar A.D. 399) ist fehlerhaft und verderbt überliefert; denn der Sturz des Eutropius kann sich nicht vor dem Herbst desselben Jahres ereignet haben. Tillemont, Histoire des empereurs, Band 5, p. 780. zu einem immerwährenden Exil zu entfernen sei. Ein in Ungnade gefallener Eunuch konnte nicht länger die Ängste seiner Feinde wach halten; auch war er es ihn nicht gegeben, sich an dem, was noch verblieben war – Frieden, Einsamkeit, ein günstiger Landstrich – zu erfreuen. Ihr unversöhnlicher Hass missgönnte ihm die letzten Augenblicke seines elenden Lebens, und kaum hatte Eutropius die Küste Zyperns betreten, als er auch schon dringlich zurückbeordert wurde. Die kindische Hoffnung, den Verpflichtungen eines Eides durch einen Ortswechsel zu entgehen, veranlasste die Kaiserin, den Ort des Prozesses und der Urteilsvollstreckung von Konstantinopel auf das nahe gelegene Chalkedon zu verlegen. Der Konsul Aurelian verkündete das Urteil; und der Tenor des Urteils wirft ein bezeichnendes Licht auf die Rechtsprechung dieses Willkürregimes. Die Verbrechen, die Eutropius gegen das Volk begangen hatte, hätte ein Todesurteil durchaus gerechtfertigt; aber er ward für schuldig befunden, an seine Kutsche die heiligen Tiere angespannt zu haben, welche wegen ihrer Fellfarbe und edlen Rasse nur für kaiserlichen Gebrauch vorgesehen waren. Zosimos 5,18; Philostorgios 11,6.   GAINAS STURZ · A.D. 400 Während nun dieses alles vor sich ging, sagte sich Gainas Zosimus (5,18-22); Sokrates (6,4); Sozomenos (8,4); und Theodoretos (5,32 und 33) berichten, wenn auch mit einigen abweichenden Nebenumständen, über die Verschwörung, die Niederlage und den Tod des Gainas. offen von seinen Gehorsamspflichten los; vereinte zu Thyatira in Lydien seine Heeresmacht mit der des Tribigild; und behauptete nach wie vor seine Überlegenheit über den rebellischen Herrscher der Ostgoten. Die vereinten Armeen gelangten, ohne auf Widerstand zu treffen, bis an Hellespont und Bosporus; und Arcadius zeigte sich vorbereitet, dem Verlust seiner asiatischen Herrschaft vorzubeugen, indem er sich ganz und gar der Treue der Barbaren anvertraute. Die Kirche der heiligen Märtyrerin Euphemia Ὁσίας Εὐφημίας μαρτύριον heisst es bei Zosimos (5,18) der sich dabei unaufmerksamerweise des christlichen Sprachgebrauchs bedient. Euagrios beschreibt (2,3) Lage, Architektur, Reliquien und Wunder dieser berümten Kirche, in welcher später noch das Allgemeine Konzil von Chalkedon stattfand. , die in der Nähe von Calchedon an exponierter Stelle lag, wurde zum Verhandlungsort bestimmt. Gainas beugte ehrerbietig das Knie vor seinem Herrscher und verlangte zugleich nach dem Kopf von Aurelian und Saturnius, zwei Ministern von konsularischem Rang; und schon boten sich ihre bloßen Nacken der Schärfe des Schwertes, bis der hochfahrende Rebell ihnen großherzig eine ungewisse und beschämende Frist gewährte. Die Goten wurden gemäß den Bedingungen der Übereinkunft unverzüglich von Asien nach Europa übergesetzt; und ihr siegreicher Häuptling, der inzwischen auch noch den Titel eines Heermeisters der Römischen Arme erhalten hatte, überschwemmte Konstantinopel mit seinen Truppen und verteilte unter seinem Anhang Titel und Geldgeschenke. In früher Jugend hatte Gainas die Donau als Bittflehender und Flüchtling überquert; sein Aufstieg war das Ergebnis von Glück und Mut gewesen; sein Untergang die Folge seines hinterhältigen, ja treulosen Verhaltens. Der Proteste des Erzbischofs ungeachtet beanspruchte er mit lästiger Ausdauer ein eigenes besonderes Gotteshaus für seine arianischen Sektierer; und diese nachgerade offizielle Billigung der Ketzerei kränkte den Stolz der Katholiken Chrysostomos' fromme Gegenrede, die in seinen eigenen Schriften allerdings nicht in Erscheinung tritt, wird von Theodoretos mit Eifer bekräftigt; aber seine versteckte Anspielung, dass sie erfolgreich waren, wird durch die Fakten widerlegt. Tillemont (Histoire des empereurs Band 5, p. 383) hat sogar herausgefunden, dass der Kaiser das Silbergeschirr der Kirche einschmelzen ließ, um das räuberische Verlangen des Gainas zufrieden zu stellen. . In allen Stadteilen Konstantinopels gab es Krawall und Unordnung; und die Barbaren gafften mit solcher Gier auf die Auslagen reicher Juweliergeschäfte und die Tische der Geldverleiher, die mit Gold und Silber bedeckt waren, dass man sich klüglich bemüßigt fand, solcherlei gefährliche Einladungen den Augen der Fremden zu entziehen. Diese vorbeugende Maßnahme wurde übel vermerkt; und so machten sie während der Nacht ein paar bedenkliche Versuche, den Kaiserpalast anzuzünden Die Kirchenhistoriker, die der öffentlichen Meinung bisweilen vorangehen und ihr oft genug auch hinterher laufen, versichern mit Nachdruck, dass der Palast zu Konstantinopel von Engeln bewacht ward. .   20. JULI 400 In diesem Stadium gegenseitigen Grauens und Argwohns verriegelten Wachen und Bürger Konstantinopels die Tore und gingen in Waffen, die Aufführungen der Goten abzuwehren oder sie gegebenenfalles zu bestrafen. Als Gainas abwesend war, wurden seine Leute umzingelt und geschlagen; siebentausend Barbaren kamen bei diesem blutigen Massaker ums Leben. Im Eifer der Verfolgung rissen die Katholiken das Dach ab, um brennende Holzbalken hinab zu schleudern auf ihre Gegner, die sich in die Kirche – genauer: in das Versammlungshaus der Arianer – zurückgezogen hatten. Gainas selbst hatte mit der Sache nichts zu tun oder er war von ihrem Erfolg allzu überzeugt gewesen; die Nachricht vom schmachvollen Untergang der Blüte seiner Armee überraschte ihn, ebenso die Kunde, dass er nunmehr zum Staatsfeind erklärt worden war und dass ein Landsmann, der wackere und zuverlässige römische Bundesgenosse Fravitta, den Krieg zu Lande und zu Wasser weiterführen sollte. Die Unternehmungen des Rebellen gegen die Städte Thrakiens scheiterten an einer wohlvorbereiteten und entschiedenen Verteidigung; seine ausgehungerten Soldaten mussten sich schon bald mit dem Kraut begnügen, welches am Rande der Festungsanlagen wuchs; und Gainas, der sich nun vergeblich nach dem Wohlstand und Wohlleben Asiens zurücksehnte, entschloss sich zu einer Verzweiflungstat, den Hellespont zu überqueren. Ihm fehlten Fahrzeuge; immerhin boten die Wälder der Chersonnes Material für Flöße, und seine furchtlosen Barbaren trugen keine Bedenken, sich den Wellen anzuvertrauen. Aber Fravitta beobachtete den Fortgang ihrer Arbeiten mit wachem Argwohn.   23. DEZEMBER 400 Sobald die Goten in der Mitte des Gewässers waren, rauschten die römischen Galeeren, vorangetrieben von Rudern, Strömung und günstigen Winden in geschlossener Ordnung und unwiderstehlicher Stoßkraft heran Zosimos (5,20) nennt diese Galeeren Liburnias und merkt an, dass sie ebenso wendig waren wie die Fünfzigruderer, ohne genauer auf den Unterschied zwischen ihnen einzugehen; und dass sie den sogenannten Triremen an Geschwindigkeit weit unterlegen waren, welche schon lange außer Gebrauch gekommen waren. Aus den Angaben des Polybius folgert er indessen nicht ohne Grund, dass während der Punischen Kriege noch bedeutend größere Galeeren gebaut worden waren. Vermutlich war seit der Errichtung der Römerherrschaft über das Mittelmeer die Kunst, große Kriegsschiffe zu bauen, nutzlos geworden, sodass man sie vernachlässigt und allmählich verlernt hatte. ; und der Hellespont deckte sich mit den Trümmern der gotischen Flotte. Als sich nun seine Aussichten zerschlagen und tausende seiner besten Leute ihr Leben verloren hatten, entschied sich Gainas, der nicht mehr darauf hoffen konnte, irgendwann an die Herrschaft zu kommen oder die Römer sonst zu dämpfen, zu einem unabhängigen Räuberleben. Eine leichtbewegliche Kavallerieabteilung, unbehindert von Gepäck oder Infanterie, mochte wohl in acht oder zehn Tagen die dreihundert Meilen vom Hellespont bis an die Donau zurücklegen Chishul (Travels, p. 61 ff. und 72-76) gelangte in etwa fünfzehn Tagen von Gallipoli über Adrianopel an die Donau. Er befand sich im Gefolge des englischen Gesandten, dessen Gepäck einundsiebzig Gepäckkarren umfasste. Dieser gelehrte Reisende hat das Verdienst, interessante und selten begangene Wege betreten zu haben. ; von dieser wichtigen Grenze waren im Laufe der Zeit fast alle Garnisonen abgezogen worden; der Fluss selbst mochte, mitten im Dezember, bis auf den Grund zugefroren sein; und die unendlichen Weiten Skythiens boten dem Ehrgeiz des Gainas ein ausreichendes Betätigungsfeld. Diese Pläne wurden nun allerdings den einheimischen Truppen hinterbracht, welche ihr Schicksal an das ihrer Anführer knüpften; und so ließ Gainas noch vor dem Signal zum Aufbruch eine große Anzahl derjenigen Provinzial-Hilfstruppen hinterrücks niedermachen, die zu ihm übergelaufen waren und die er verdächtigte, weiterhin ihrem Vaterland anzuhängen. Danach ließen die Goten in Eilmärschen die Ebenen Thrakiens hinter sich; die Sorge vor Verfolgung nahm ihnen Fravittas Eitelkeit, der, anstelle den Krieg zu beenden, nach dem Beifall des Volkes und den mit dem Konsulat verbundenen Ehren dürstete. Aber ein furchtbarer Verbündeter trat in Waffen auf den Plan, die Ehre des Reiches wiederherzustellen und Frieden und Freiheit Skythiens zu bewahren Die Erzählung des Zosimos, der Gainas noch die Donau überqueren lässt, muss durch das Zeugnis des Sokrates und Sozomenos richtig gestellt werden, gemäß denen er noch in Thrakien getötet wurde; was auch durch die genaue und zuverlässigen Angaben der Alexandrinischen Chronik, des Chronikon Paschale, p. 307, bestätigt wird. Der Seesieg auf dem Hellespont wird auf den Monat Apelaeus zehn Tage vor den Kalenden des Januar (23. Dezember) datiert; das Haupt des Gainas wurde drei Tage vor den Nonen des Januar (5. Januar) im Monat Audynaeus noch Konstantinopel gebracht. . Die Übermacht von Uldin, dem Hunnenkönig, stellte sich Gainas Vormarsch in den Weg; das Land, feindlich und darniederliegend, verwehrte ihm den Rückzug; er selbst verschmähte jede Kapitulation; und nach wiederholten Versuchen, sich durch die feindlichen Reihen seinen Weg zu bahnen, fand er mit seinen unbedingt ergebenen Anhang auf dem Schlachtfeld den Soldatentod.   4. JANUAR 401 Elf Tage nach dem Seesieg auf dem Hellespont wurde der Kopf des Gainas, die unverzichtbare Beute des Siegers, in Konstantinopel mit allen Freuden- und Dankesbezeigungen in Empfang genommen, und das Volk beging das Ereignis mit Feiern und Beleuchtung. Der Sieg des Arcadius wurde zu einem Gegenstand der epischen Dichtung Eusebius Scholasticus hat sich durch sein Gedicht über den Gotenkrieg, an dem er selbst teilgenommen hatte, manchen Ruhm erworben. Fast vierzig Jahre später trug Ammonius ein Gedicht über denselben Gegenstand in Anwesenheit des Theodosius vor. Siehe Sokrates 5,6. ; und der Herrscher, der sich nun nicht mehr feindlicher Anschläge zu versehen hatte, ergab sich der mildtätigen und unbeschränkten Herrschaft seines Weibes, der schönen und geistreichen Eudoxia; welche ihr Andenken allerdings durch die Verfolgung des Chrysostomos verdunkelt hat.   WAHL DES CHRYSOSTOMOS – 26. FEBRUAR 398 Nach dem Tode des antriebslosen Nectarius, des Nachfolgers Gregors von Nazianz, war die Kirche von Konstantinopel gespalten durch den Ehrgeiz zweier rivalisierender Kandidaten, welche sich nicht entblödeten, mit Gold und Schmeichelei die Stimmen des Volkes oder eines Günstlings zu ergattern. Bei dieser Gelegenheit scheint sich Eutropius von seinen sonst üblichen Gepflogenheiten verabschiedet zu haben; jedenfalls wurde sein unbestechliches Urteil durch die höheren Verdienste eines Fremden eingenommen. Bei einer früheren Reise in den Osten hatte er die Predigten eines gewissen Johannes schätzen gelernt, eines Presbyters und gebürtigen Antiochiers, dessen Name durch das Epitheton Chrysostomos oder Goldmund geziert wurde Das VI. Buch des Sokrates, das VIII. des Sozomenos und das V. des Theodoretos bieten eine Fülle von Merkwürdigkeiten und authentischem Material aus dem Leben des Johannes Chrysostomos. Neben diesen Darstellern der allgemeinen Geschichte habe ich mir zum Führer die vier wichtigsten Biographen des Heiligen gewählt. 1: Den Verfasser einer parteiischen und leidenschaftlichen Ehrenrettung des Erzbischofs von Konstantinopel, in Dialogform abgefasst und veröffentlicht unter dem Namen eines eifrigen Parteigängers Palladius, des Bischofs von Helenopolis (Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 11, p. 500-533)). Es ist in die Werke des Chrysostomos eingefügt (Band 13, p. 1-92). 2. Den sanften Erasmus: Epistulae MCL, Opera, Band 3, p.1331-1347). Er ist lebhaft und von Natur aus mit gesundem Menschenverstand begabt; seine Irrtümer waren bei dem damaligen rudimentären Zustand der kirchlichen Altertumsforschung unvermeidlich. 3. Den gelehrten Tillemont (Mémoires ecclésiastiques, Band 11, p. 1-405 und 547-626), der das Leben der Heiligen mit unglaublicher Geduld und frommer Pedanterie zusammengetragen hat. Das gewaltige Opus des Chrysostomos hat er selbst genau durchforscht.4. Vater Montfaucon, welcher diese Werke mit der neudierigen Sorgfalt eines Herausgebers studiert, mehrere neue Predigten entdeckt und das Leben des Chrysostomos neuerlich revidiert und dargestellt hat. Opera, p. 91-177. . An den Gouverneur von Syrien erging eine inoffizielle Anordnung; und da das Volk seinen Lieblings-Prediger wohl nur ungern hätte fahren lassen, wurde er hastig und heimlich in einem Postwagen von Antiochia nach Konstantinopel verbracht. Der einhellige und ungeheuchelte Beifall des Hofes, des Klerus und der Gläubigen bekräftigten die ministerielle Entscheidung; und der Bischof übertraf als Heiliger und als Prediger die hochgesteckten Erwartungen des Publikums bei weitem. Chrysostomos war aus adliger und wohlhabender Familie in Syriens Hauptstadt gebürtig, auferzogen von einer zärtlichen Mutter und ausgebildet von kenntnisreichen Meistern. Er ging bei Libanius in die Schule der Rhetorik; und dieser gefeierte Sophist, der schon bald die Talente seines Schülers bemerkte, bekannte offen, dass Johannes sein Nachfolger hätte werden sollen, hätte das Christentum ihn nicht hinweggestohlen. Frömmigkeit erlaubte ihm, schon bald das Sakrament der Taufe zu empfangen; die einträgliche und ehrbare Profession eines Gesetzeslehrers auszuschlagen; und sich darnach lebendig in der benachbarten Wüste zu begraben, wo er durch strenge Kasteiung sechs Jahre lang des Fleisches Lust ertötete. Schwäche bestimmte ihn, erneut die Gesellschaft der Menschen aufzusuchen; und die Autorität des Meletius gewann seine Begabung für den Dienst an der Kirche; aber noch inmitten seiner Familie, noch auf dem erzbischöflichen Stuhle beobachtete Chrysostomos die Einhaltung mönchischer Tugenden. Die üppigen Einkünfte, die seine Vorgänger im wesentlichen für Luxus und eitlen Prunk aufgewendet hatten, setzte er gezielt für den Bau von Spitälern ein; und die Volksmassen, die von seiner Milde fristeten, zogen seine eloquenten und erbauenden Predigten den Vergnügungen von Zirkus oder Theater vor. Der Monumentalbau dieser Beredsamkeit, den man fast zwanzig Jahre lang in Antiochia und Konstantinopel bewundern konnte, ist sorgfältig bewahrt worden, und die Kenntnis von nahezu eintausend Predigten oder Homilien hat die Gelehrten aus späteren Zeiten befähigt Da mir persönlich die umfangreiche Predigtsammlung des Chrysostomos nahezu unbekannt ist, vertraue ich mich dem Urteil der gewissenhaftesten und besonnensten Kirchen-Gelehrten an, Erasmus und Dupin; aber der gute Geschmack des Ersteren wird bisweilen getrübt durch seine Begeisterung für alles Antike, und der gesunde Menschenverstand des Letzteren durch allzu klügelndes Abwägen. , das angeborene Talent des Chrysostomos nach Gebühr zu würdigen. Einhellig bestätigen sie dem christlichen Redner, dass ihm eine elegante und wortreiche Sprache zu Gebote stehe; die Klugheit, sich der Vorteile zu entschlagen, die ihm Philosophie und Rhetorik an die Hand gegen haben; ein unerschöpflicher Fundus an Metaphern und Bildern, von Ideen und Vergleichen, um noch die gängigsten Vorstellungen zu variieren und zu illustrieren; die schöne Kunst, Leidenschaft in den Dienst der Tugend zu stellen und die Torheiten und Schändlichkeiten des Lasters mit dem Nachdruck eines Dramas zu inszenieren.   SEINE AMTSFÜHRUNG UND IHRE MÄNGEL – A.D. 398 – 403 Die seelsorgerische Arbeit des Erzbischofs von Konstantinopel rief zwei Arten von Feinden auf den Plan, die sich schon bald vereinten: der karrierebewusste Klerus, der ihm seinen Aufstieg neidete, und die verstockten Sünder, die sich an seinen Ermahnungen ärgerten. Wenn Chrysostomos von der Kanzel in St. Sophia herunterdonnerte, dann verloren sich seine Geschosse in der Menge, ohne eine bestimmte Person wirklich zu verletzen oder auch nur zu benennen. Zog er aber gegen die Laster der Reichen zu Felde, dann mochten sich die Armen damit vorübergehend vor seinen Pfeilen sicher wähnen; und immerhin war ihre individuelle Schuld aufgrund ihrer großen Zahl nur gering, ja, wegen der hieran geknüpften Vorstellungen über Vorrang und Vergnügen erhielt der Tadel sogar eine Art von Auszeichnung. Wenn nun aber die Pyramide sich nach oben verjüngte, spitzte sie sich unmerklich auf einen Punkt zu; und die Magistrate, die Minister, die aktuellen Eunuchen, die Damen des Hofes Die Frauen Konstantinopels zeichneten sich entweder durch ihre Abneigung oder Anhänglichkeit gegenüber Chrysostomos aus. Der reiche Witwen von Adel, Marsa, Castricia und Eugraphia führten das Lager der Verfolgerinnen an Palladios, Dialogos in Chrysostomos, Opera, Band 13, p. 14. Es war ausgeschlossen, dass sie einem Priester hätten vergeben können, der ihr Bemühen getadelt hatte, durch prachtvollen Aufputz ihr Alter und ihre Hässlichkeit zu vertuschen (Palladios, p. 27). Olympias hatte sich durch vergleichbaren Eifer, den sie in einem weniger weltlichen Zusammenhang offenbart hatte, den Titel einer Heiligen erworben. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 9, p. 416-440. , die Kaiserin Eudoxia gar: sie hatten eine bedeutend größere Sündenlast unter erheblich weniger Sündern aufzuteilen. Die Stimme des eigenen Gewissens kam den Erwartungen der Zuhörer zuvor oder bestätigte sie zumindest; und der furchtlose Prediger nahm für sich das heikle Recht in Anspruch, dem Publico zum Entsetzen, die eigentlichen Sünder und ihre Sünden öffentlich beim Namen zu nennen. Die heimliche Abneigung des Hofes ermutigte nun auch den unzufriedenen Klerus und die Mönche Konstantinopels, die von dem Glaubenseifer ihres Erzbischofs schier überrannt wurden. So hatte er von der Kanzel aus die Frauen im Hause des Klerus von Konstantinopel verurteilt, welche unter dem Namen einer Sklavin oder Glaubensschwester eine beständige Gelegenheit zu Sünde und Skandal boten. Die stillen und einsamen Asketen, welche sich von der Welt abgewandt hatten, fanden Chrysostomos' wärmste Billigung; aber ein Grauen und Übelstand war ihm der Haufen verkommener Mönche, dieser Schande seines heiligen Berufes, welche aus Profitsucht oder anderer unwürdiger Motive die Straßen der Stadt heimsuchten. Nicht nur die Stimme der Überredung musste der Erzbischof einsetzen, sondern auch die der unverhohlenen Drohung; und sein Zorn war in der Ausübung seiner kirchlichen Pflichten nicht immer frei von Leidenschaft; auch ließ er sich nicht ausschließlich von Klugheit leiten. Von Natur aus war Chrysostomos cholerisch veranlagt Sozomenos und ganz besonders Sokrates haben den wahren Charakter des Chrysostomos, ganz im Gegensatz zu seinen blinden Bewunderern, mit gemäßigter und unparteiischer Freiheit gezeichnet. Diese Historiker lebten nun allerdings eine Generation später, als der Parteienkampf abgeklungen war, auch hatten sie mit vielen Zeugen näheren Umgang gehabt, welche mit den Tugenden und Fehlern dieses Heiligen besser vertraut waren. . Wenn er sich auch nach den Vorschriften des Evangeliums bemühte, seine persönlichen Feinde zu lieben, so gönnte er sich doch das Vorrecht, die Feinde Gottes und der Kirche zu hassen; und seine jeweiligen Meinungen vertrat er oft mit allzu starker Betonung der Ausdrucks und der Sprache. Aus gesundheitlichen oder anderen Rücksichten behielt er eine frühere Gewohnheit bei und nahm seine Mahlzeiten alleine zu sich; und dieser etwas ungastliche Brauch Palladios (Band 13, p. 40) verteidigt den Erzbischof mit allem Nachdruck: 1: Er trank keine Tropfen Wein. 2. Sein schwacher Magen verlangte nach spezieller Kost. 3. Seine Arbeit, seine Studien oder seine Andacht bewirkten oft, dass er bis Sonnenuntergang fastete. 4. Der Lärm und die Frivolitäten großer Tafeln waren ihm zuwider. 5. Mit dem hier Ersparten half er den Armen. 6. Er war sich bewusst, welche Missgunst- und Neidgefühle Einladungen von der einen oder anderen Seite in einer Stadt wie Konstantinopel hervorrufen mussten. , den ihm seine Feinde als Hochmut auslegten, machten am Ende aus ihm einen mürrischen und eigenbrötlerischen Zeitgenossen. Ohne jeden vertrauten Umgang mit Menschen, der den glatten Gang der Geschäfte erleichtert, verließ er sich ausschließlich auf seinen Diakon Serapion und wandte seine spekulativen Vorstellungen von der Natur des Menschen nur selten auf Untergebene oder Seinesgleichen an. Im Bewusstsein der Lauterkeit seiner Absichten und wohl auch der Überlegenheit seines Genius vergrößerte der Erzbischof von Konstantinopel den Gerichtsbezirk der Kaiserstadt, auf dass er dadurch auch das Gebiet seiner Seelsorge erweitere; und die Vorgehensweise, die die weltliche Meinung seinem Ehrgeiz anrechnete, erschien Chrysostomos im Lichte einer heiligen und unerlässlichen Pflicht. Bei seinen Visitationen durch die asiatischen Provinzen enthob er dreizehn Bischöfe Phrygiens und Lydiens ihrer Ämter; und er erklärte rundheraus, dass tiefe Verderbnis, Simonie und Zügellosigkeit den ganzen bischöflichen Stand durchseucht hätten Chrysostomos erklärt unverhohlen (Homilie ad Acta Apostlorum 3, Opera 9, p. 29), dass die Zahl Bischöfe, die selig werden konnten, klein sei im Vergleich zu denen, die verdammt seien. . Wenn nun jene Bischöfe unschuldig waren, dann musste eine so vorschnelle und ungerechtfertigte Verurteilung eine berechtigte Verstimmung hervorrufen. Waren sie schuldig, dann konnte es den zahlreichen Schuldigen nicht lange verborgen bleiben, dass ihre eigene weitere Karriere vom Sturz des Erzbischofs abhänge; den sie folgerichtig als den Tyrannen der Ostkirche darzustellen trachteten.   KAISERIN EUDOXIA STELLT IHM NACH – A.D. 403 Diese Kirchenverschwörung organisierte Theophilus Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 11, p. 441-500. , der Erzbischof von Alexandria, ein umtriebiger und ehrgeiziger Prälat, welcher die Früchte seiner Räubereien in prahlerischen Monumenten ausstellte. Seine patriotische Abneigung gegen die wachsende Größe einer Stadt, welche ihn von zweiten auf den dritten Rang in der christlichen Welt degradierte, wurden in einigen persönlichen Unterredungen mit Chrysostomos noch zusätzlich angefacht Ich habe vorsätzlich die Kontroverse unterschlagen, welche zwischen den Mönchen Ägyptens zur Frage des Origenismus und des Anthropomorphismus entbrannt war; die Heuchelei und Gewaltbereitschaft des Theophilos; seine raffinierte Inszenierung der Einfalt des Epiphanius; seine Verfolgung und die Flucht der ›langen‹ Brüder; die zweifelhafte Unterstützung, die sie in Konstantinopel von Chrysostomos erhielten \&c, \&c. . Auf private Intervention der Kaiserin kam Theophilos nach Konstantinopel gesegelt und mit ihm eine beachtliche Begleitmannschaft ägyptischer Marine, um dem Volke zu begegnen; und dazu noch eine große Gefolgschaft ergebener Bischöfe, die die Mehrheitsverhältnisse auf der Synode sicherstellen sollten. Diese Synode wurde in der »Eiche« genannten Vorstadt von Chalkedon abgehalten Photios (p. 53-60) überliefert die Originalakten des Synode bei den Eichen; welche die irrtümliche Ansicht widerlegen, dass Chrysostomos nur von sechsunddreißig Bischöfen verurteilt wurde, von denen neunundzwanzig ägyptische waren. Fünfundvierzig Bischöfe unterschrieben das Urteil. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 11, p. 595. , wo Rufinus eine große Kirche und ein Kloster hatte errichten lassen, und an vierzehn Tagen oder Sitzungen gab es beständigen Fortschritt. Ein Bischof und ein Diakon klagten den Erzbischof von Konstantinopel an; aber die leichtfertige und ganz unglaubwürdige Liste mit den siebenundvierzig Artikeln, die sie ihm vorlegten, kann man geradezu als eine anmutige, unwiderlegbare Lobrede ansehen. Vier Vorladungen ergingen an Chrysostomos, aber er weigerte sich standhaft, sich oder sein Ansehen in die Hände seiner geschworenen Feinde zu geben, welche es klugerweise unterließen, auch nur einen einzigen Anklagepunkt genauer zu prüfen, nur seinen verdammungswürdigen Ungehorsam verurteilten und in Eile seine Absetzung verfügten. Die Eichensynode wandte sich daraufhin ohne Verzug an den Kaiser, das Urteil zu unterfertigen und zu exekutieren, und aus Barmherzigkeit bliesen sie ihm ein, es möge nur die Strafe für Hochverrat über den Priester verhängt werden, welcher sogar die Kaiserin Eudoxia persönlich mit dem Namen Jesabel geschmäht habe. Der Erzbischof wurde mit harter Hand verhaftet, von einem kaiserlichen Beauftragten durch die Straßen der Stadt geführt und nach kurzer Seefahrt am Eingang zum Schwarzen Meer an Land gesetzt; von wo er, bevor noch der fünfte Tag sich vollendet hatte, glorreich zurückbeordert wurde.   KRAWALL IN KONSTANTINOPEL In ihrer ersten Verblüffung verhielt sich seine treue Gemeinde ruhig und abwartend; dann aber brach sie in einmütigem und unwiderstehlichem Zorne los. Theophilos entkam; aber die unorganisierte Masse der mitgereisten Mönche und Matrosen wurde in den Straßen Konstantinopels mitleidlos niedergemetzelt Palladios gesteht ein (Dialogos p. 30), dass das Volk von Konstantinopel Theophilos zuverlässig ins Meer würde geworfen haben, wenn sie ihn denn erwischt hätten. Sokrates (6,17) spricht von einem Kampf zwischen dem Mob und den Seesoldaten aus Alexandria, in dem es viele Verletzungen und einige Tote gab. Das Massaker an den Mönchen wird nur von dem Heiden Zosimos (5,23) erwähnt, welcher noch Chrysostomos' einzigartiges Talent bemerkt, die ungebildete Menge zu verführen, ἦν γὰρ ὁ ἄνϑρωπος ἄλογον ὄχλον ὑπαγαγέσϑαι δεινός. . Durch ein Erdbeben, gerade zur passenden Zeit, heiligte der Himmel dieses Eingreifen; die Flut der Empörung brandete bis vor die Palasttore; und die Kaiserin warf sich, von Angst oder Reue getrieben, Arcadius zu Füßen und bekannte, dass die öffentliche Sicherheit nur durch die neuerliche Erhebung des Chrysostomos wieder herzustellen sei. Ungezählte Fahrzeuge schwammen auf dem Bosporus; Europas und Asiens Küsten erglänzten im Lichterschein; und der Jubel des siegreichen Volkes geleitete vom Hafen bis zur Kathedrale den Triumphzug des Erzbischofs. Dieser war – allzu schnell – damit einverstanden, in sein früheres Amt einzutreten, noch bevor seine Sache vor einer Kirchensynode ordnungsgemäß zu einem Abschluss gekommen war. Unkundig oder gleichgültig gegenüber der drohenden Gefahr widmete sich Chrysostomos seinem Glaubenseifer oder besser: seiner Rache; schenkte seine besondere Abneigung den weiblichen Lastern; und verfluchte die weltlichen Ehrungen, welche man der Statue der Kaiserin gleichsam im Schatten der heiligen Sophia angedeihen ließ. Seine Unbedachtsamkeit ermöglichte seinen Feinden, den stolzen Sinn der Eudoxia in Flammen zu setzen, indem sie folgendes berühmte Predigtexordium hinterbrachten oder vermutlich erfanden: »Herodias wütet schon wieder; Herodias tanzt schon wieder; neuerlich verlangt sie nach dem Kopf des heiligen Johannes.« Eine dreiste Anspielung, die sie weder als Frau noch als Kaiserin vergeben konnte Siehe Sokrates, 6,18; Sozomenos, 8,20. Zosimos (5,24) erwähnt in allgemein gehaltenen Redensarten seine Invektiven gegen Eudoxia. Die mit diesen berühmten Worten beginnende Predigt wird als Fälschung verworfen. Montfaucon, Opera, Band 13, p. 151. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 11, p. 603. . Eine kurze, trügerische Ruhepause ward eingelegt, in der man auf fernere Auskunftsmittel sann, den Erzbischof zu erlegen und zu zermalmen. Eine zahlenstarke Ratsversammlung östlicher Prälaten, welche durch den fernherwirkenden Rat des Theophilus geleitet wurde, bestätigte die Gültigkeit des früheren Urteils, ohne es überhaupt geprüft zu haben; und ein Detachement ausländischer Truppen wurde in die Stadt eingelassen, um die Gemütsbewegung des Volkes zu stillen. An den Ostervigilien wurde die feierliche Taufzeremonie von den Soldaten brutal gestört, welche die andächtigen, entkleideten Katechumen aufschreckten und mit ihrem Auftritt die Mysterien des christlichen Gottesdienstes beleidigten. Arsacius besetzte die Sophienkirche und den Thron des Erzbischofs. Die Katholiken zogen sich in die Bäder des Constantin zurück und anschließend auf das offene Feld; wo ihnen die Wachen, die Bischöfe und die Magistrate immer noch zusetzten. Der verhängnisvolle Tag der zweiten und endgültigen Vertreibung des Chrysostomos wurde denkwürdig durch das Niederbrennen der Kathedrale, des Senats- und benachbarter Gebäude; und diese Katastrophe hängte man ohne einen Beweis, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit der Faktion der Verfolgten und Verzweifelten an Eine solche Behauptung durften wir von Zosimos allerdings erwarten (5,24), aber es ist doch bemerkenswert genug, dass auch Sokrates (6,18) und der Chronikon paschale (p.307) dies bestätigen. .   ERZBISCHOF CHRYSOSTOMOS IM EXIL Cicero mag einiges Verdienst für sich beanspruchen, wenn er freiwillig in das Exil ging und der Republik dadurch den Frieden bewahrte Er entwickelt seine Scheinargumente (Oratio post reditum ad Quirites 13f.) in der Sprache des Redners und Politikers. ; aber die Unterwerfung des Chrysostomos war die unabdingbare Pflicht eines Christenmenschen und Untertanen. Anstelle seinen demütigen Bitten Gehör zu schenken, ihn seinen Wohnsitz in Kyzikos oder Nicomedia nehmen zu lassen, verfügte die unversöhnliche Kaiserin ein Exil in der abgelegenen und öden Stadt Kukusus am Fuße des Taurus in Armenien. Sie unterhielt wohl auch noch die stille Hoffnung, der Erzbischof möchte auf der schwierigen und gefährlichen, siebzigtägigen Reise durch die Sommerhitze Kleinasiens verderben, weil er dort beständig den Angriffen der Isaurier und dem noch gefährlicheren Zorn der Mönche ausgesetzt war. Aber Chrysostomos kam wohlbehalten am Platze seiner Verbannung an; die drei Jahre, die er noch in Kukusus und dem benachbarten Arabissus verbrachte, wurden sogar zu den erfolgreichsten seines ganzen Lebens. Infolge der beständigen Verfolgungen wurde seine Person geheiligt; die Fehler seiner Tätigkeit waren vergessen; aber das Lob seiner Tugend und seines Geistes sangen alle Zungen und die christliche Welt blickte mit Andacht auf einen verlassenen Fleck am Fuße des Taurusgebirges. Von hier aus führte der Erzbischof, dessen Geist Rückschläge und Verbannung nichts hatten anhaben können, in die entlegensten Provinzen eine lebhafte Korrespondenz Zweihundertundzweiundvierzig Briefe des Chrysostomos haben sich erhalten (Opera, Band 3, p. 528-736). Sie sind an alle möglichen Personen adressiert und lassen eine Gemütsfestigkeit erkennen, die weit über der Ciceros in dessen Exil steht. Der vierzehnte Brief enthält eine lesenswerte Schilderung der Gefahren auf der Reise. ; ermutigte seine getreuen Anhänger zur Festigkeit im Glauben; drängte auf die Zerstörung der phönizischen Tempel und die Auslöschung der Ketzerei auf der Insel Zypern; erweiterte seine seelsorgerische Tätigkeit auf Persien und Skythien; unterhandelte durch Gesandte mit dem Bischof von Rom und Kaiser Honorius; und verlangte in aller Kühnheit von einer parteiischen Synode die Einberufung eines freien und allgemeinen Konzils. Der berühmte Verbannte hatte sich die Unabhängigkeit seines Geistes durchaus bewahrt; aber sein gefesselter Körper war nach wie vor den Nachstellungen seiner Feinde ausgesetzt, welche nicht aufhörten, den Namen seines Kaisers Arcadius zu missbrauchen Nach dem Exil des Chrysostomos hatte Theophilos eine umfangreiche und entsetzliche Scharteke gegen ihn abgefasst, in welcher er beständig Artigkeiten wie hostem humanitatis, sacrilegorum principem, immundum daemonium (Feind der Menschlichkeit; Fürst der Gottlosen; unreiner Geist) wiederholt. Er bekräftigt, dass Johannes Chrysostomos seine Seele den Verführungen des Teufels preisgegeben habe; und er verlangt nach fernerer Bestrafung, die der Größe seiner Sünden angemessen sein möge, wenn dies denn überhaupt möglich sei. Hieronymos hat auf Bitten seines Freundes Theophilos diese Erbauungsschrift vom Griechischen ins Lateinische übersetzt. Siehe Facundius von Hermiane, Pro defensione trium capitulorum 6,5, herausgegeben von Sirmond, Opera, Band 2, p. 595-597. .   SEIN TOD 14. SEPTEMBER 407 So erging Order, dass Chrysostomos unverzüglich in die äußerste Wüste von Pityus entfernt werde: und seine Bewacher folgten dieser grausamen Anweisung so pünktlich, dass er noch vor Erreichen der Schwarzmeerküste in Comana im Pontus im Alter von sechzig Jahren sein Leben endete. Die Nachwelt hat seine Unschuld anerkannt und seine Verdienste richtig gewürdigt. Die Erzbischöfe des Ostens, die wohl darüber erröten mögen, dass ihre Vorgänger Feinde des Chrysostomos waren, wurden nur allmählich durch den römischen Pontifex dazu gebracht, diesen ehrwürdigen Namen den gebührenden Respekt zu erweisen Sein Name wurde von seinem Nachfolger Atticus denn auch A.D. 418 in die Diptiycha der Kirche von Konstantinopel eingelassen. Zehn Jahre später wurde er bereits als ein Heiliger Verehrt. Cyrillos, der diesen Platz und die Leidenschaftlichkeit seines Onkels Theophilus geerbt hatte, gab zähneknirschend nach. Siehe auch: Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 14, p. 277 – 283; Facundius von Hermiane, Pro defensione 4,1. . Seine sterblichen Überreste wurden dreizehn Jahre nach seinem Tode von seinem entlegenem Grabe in die Kaiserstadt überführt, auf dass Klerus und Volk eine Stätte zu frommer Verehrung erhielten Sokrates 7,45; Theodoretos, 5,36. Dieses Ereignis versöhnte auch die Joanniten, welche sich bis dahin geweigert hatten, seinen Nachfolger anzuerkennen. Solange als er noch am Leben war, respektierten die Katholiken die Joanniten als die wahre und rechtgläubige Gemeinde von Konstantinopel. Ihre Halsstarrigkeit aber rückte sie allmählich in die Nähe zur Glaubensspaltung. . Der Kaiser Theodosius kam dem Zug bis nach Calchedon entgegen; und erflehte, bäuchlings auf dem Sarge liegend, im Namen seiner schuldbeladenen Eltern Arcadius und Eudoxia die Verzeihung des Heiligen, dem man solches Unrecht getan hatte Nach einigen Berichten (Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 438, Nr 9f.) wurde der Kaiser genötigt, einen Einladungs- und Entschuldigungsbrief abzuschicken, bevor der Leichnam des Heiligen von Comana abtransportiert werden konnte. .   TOD DES ARCADIUS 1.MAI 408 Indessen bleiben einige begründete Zweifel bestehen, ob denn wirklich der Makel einer ererbten Schuld von Arcadius auf seinen Nachkommen übergegangen war. Eudoxia war eine junge Frau, die sich ihren Leidenschaften widmete und ihren Mann verachtete; wenigstens der comes Johannes pflegte mit der Kaiserin vertrauten Umgangs; und das Publikum erklärte ihn zum Vater von Theodosius dem Jüngeren Zosimos 5,18. Eine Kaiserin konnte man nicht der Unkeuschheit zeihen, ohne einen Zeugen vorzuweisen; aber es fällt auf, dass dieser Zeuge unter einem Herrscher lebte und schrieb, dessen Geburtsrecht er anzuzweifeln wagte. Wie müssen also annehmen, dass sein Geschichte eine parteiische Kampfschrift war, unter der Hand von den Heiden gelesen und verbreitet. Tillemont ist auch nicht abgeneigt, Eudoxias guten Namen zu brandmarken (Histoire des empereurs, Band 5, p.782. . Der fromme Gatte jedoch legitimierte das Kind, war es doch ein Ereignis, das für ihn selbst, seine Familie und das Morgenland äußerst glückverheißend und ehrenvoll war; und der königliche Infant wurde – ein Vorgang ohne historisches Vorbild – mit dem Augustus- und Caesarentitel ausgestattet. Noch nicht vier Jahre später starb sie in der Blüte ihres Lebens an den Folgen einer Fehlgeburt; und dieser vorzeitige Tod gab der Prophezeiung eines heiligen Bischofs Porphyrius von Gaza. Sein Glaubenseifer bewährte sich höchlich, nachdem er den Befehl erhalten hatte, acht heidnische Tempel dieser Stadt zu zerstören. Die bemerkenswerten Umstände seines Lebens siehe bei Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 401, Nr. 17-51. Ursprünglich wurden sie in griechischer, vielleicht auch in syrischer Sprache von einem Mönch verfasst, der zu seinen Lieblingsdiakonen gehörte. Nahrung, welcher unter allgemeinem Jubel vorauszusagen gewagt hatte, dass sie auf die lange und glückhafte Regierung ihres ruhmreichen Sohnes blicken würde. Die Katholiken freuten sich der himmlischen Gerechtigkeit, welche die Verfolgung des heiligen Chrysostomos ahndete; und vielleicht war Kaiser Arcadius der einzige, der aufrichtige Tränen über die hochmütige und raubgierige Eudoxia vergoss. Ein solches häusliches Missgeschick setzte ihm mehr zu als die öffentliche Notlage des Ostens Philostorgios, 11,18; Gothofredus, Dissertationes, p. 457. ; als die dreisten Züge der isaurischen Räuberbanden vom Pontus nach Palästina; als die Erdbeben, Brände, Hungersnöte und Heuschreckenschwärme Hieronymus (Opera, Band 6, p. 73 und 76) beschreibt in lebendigen Farben diesen verheerenden Heuschreckenzug, welcher wie eine schwarze Wolke zwischen Himmel und Erde über Palästina sich ausbreitete und den glückliche Winde zum Teil ins Tote und zum Teil ins Mittelmeer abtrieben. , welche die öffentliche Stimmung der Unfähigkeit des Herrschers zuzuschreiben sich geneigt zeigte. Endlich aber, in seinem einunddreißigsten Lebensjahr verschied Arcadius in seinem Palast zu Konstantinopel nach einer Regierungzeit (wenn wir den Ausdruck hier einmal missbräuchlich verwenden dürfen) von dreizehn Jahren, drei Monaten und fünfzehn Tagen. Es ist schlechterdings unmöglich, ein Charakterbild von ihm zu entwerfen; denn für diese Epoche, die an historischen Quellen so überreich ist, hat es sich als unmöglich erwiesen, dem Sohn des großen Theodosius auch nur eine einzige Regierungsmaßnahme zuzuordnen.   SEIN ANGEBLICHES TESTAMENT Der Historiker Prokopios Procopios, de bello Perico 1,2. hat nun in der Tat die Gemütsverfassung des sterbenden Herrschers mit einem Strahl menschlicher Einsicht und himmlischer Weisheit umleuchtet. Arcadius erwog mit ängstlicher Voraussicht die hilflose Lage seines noch nicht siebenjährigen Sohnes Theodosius, die gefährlichen Minderheitenfaktionen und den glühenden Ehrgeiz des Perserkönigs Jezdegerd. Anstelle nun aber durch Teilhabe an der höchsten Macht die Ergebenheit eines ehrgeizigen Untertanen in Versuchung zu führen, wandte er sich beherzt an den Edelmut des Königs selbst; und legte kraft letztwilliger Verfügung das Szepter des Ostens in die Hand von Jezdegerd selbst. Der königliche Vormund übernahm und übte dieses Amt unerwartet getreulich aus; und so wurde des Theodosius Jugend durch persische Waffen behütet. Dies ist jedenfalls Prokopios' einzigartige Geschichte; und ihr Wahrheitsgehalt wird auch nicht von Agathias Agathias, 4,26. Obgleich er sich auf die gängige Überlieferung beruft, bestätigt er doch, dass Prokopius der erste war, der sie schriftlich festgehalten hat. Tillemont (Histoire des empereurs, Band 6, p.597) untersucht diese Fabel mit vieler Delikatesse. Seine Kritik war durch keinerlei kirchliche Autorität beschnitten: Prokopius und Agathias waren beide halbe Heiden. bestritten, während er doch von dessen Urteil abzuweichen vorgibt und die Weisheit eines christlichen Kaisers in Abrede stellt, der so unbedacht, wenn auch mit gutem Ausgang das Schicksal seines Sohnes in die Hände eines Fremden legte, eines Gegners, eines Heiden gar. Im Abstand von einhundertundfünfzig Jahren mag man diese politische Frage am Hofe Justinians diskutiert haben; aber ein klugbedachter Historiker wird sich weigern, das Testament des Arcadius auf seinen Gehalt an politischer Vernunft hin zu untersuchen, solange er nicht dessen Wahrheit erwiesen hat. Und da es in der Geschichte der Menschheit ohne Parallele ist, können wir mit gutem Grund fordern, dass es durch das übereinstimmende Zeugnis der Zeitgenossen bestätigt sein sollte. Das sensationell Neuartige dieses Ereignisses, das unser Misstrauen erweckt, hätte doch ihre Aufmerksamkeit erregen müssen; doch ihr einstimmiges Schweigen löst diese inhaltsleere Überlieferung eines späteren Zeitalters in Luft auf.   REGIERUNG DES ANTHEMIUS A.D. 408-415 Die Grundregeln des Römischen Rechtes, hätte man sie denn von privaten auf staatliche Angelegenheiten übertragen dürfen, hätten die Sorge für seinen Neffen – wenigstens bis in dessen vierzehntes Lebensjahr – dem Kaiser Honorius auferlegt. Aber die Unfähigkeit des Honorius und die dauerhafte Notlage seiner Regierung disqualifizierten ihn für dieses naturgegebene Amt; und so sehr verschieden waren mittlerweile die Interessen und die Ziele der beiden Monarchien, dass Konstantinopel den Anweisungen des persischen Hofes mit weniger Widerstreben würde gehorcht haben als denen des italienischen. Unter einem Herrscher, dessen Ohnmacht sich nur notdürftig hinter den äußeren Abzeichen der Mannbarkeit und Verstandesreife verbirgt, können noch die unwürdigsten Kreaturen insgeheim um die Vorherrschaft im Palast raufen und abhängigen Provinzen Anordnungen erteilen im Namen eines Herrschers, der in ihrer Hand ist und den sie im Grunde verachten. Aber die Diener eines Kindes, das außerstande ist, sie mit königlicher Autorität zu versehen, müssen aus sich heraus über die erforderliche Macht verfügen und sie exekutieren. Die großen Lenker der Armee und des Staates, die Arcadius noch vor seinem Tode ernannt hatte, bildeten eine Aristokratie, für die die Idee einer freien Republik nicht undenkbar hätte sein können; und glücklicherweise lag die oberste Verantwortung für das Ostreich in den Händen des Präfekten Anthemius Sokrates 7,1. Anthemius war der Enkel des Philipp, eines Ministers von Constantius und zugleich Großvater des Kaisers Anthemius. Nach seiner Rückkehr von einer persischen Gesandtschaftsreise wurde er 405 zum Konsul und Prätorianerpräfekten des Ostens ernannt; die Präfektur hatte er dann zehn Jahre lang inne. Zu seinen Ehrenstellen und Auszeichnungen siehe Gothofredus, Codex Theodosianus, Band 6, p. 350 und Tillemont, Histoire des empereurs, Band 6, p.1ff. , der aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten unter den sonst Gleichgestellten einen bestimmenden Einfluss ausübte; und mit klugbedachter Festigkeit stand er für die Autorität und die Macht des unmündigen Herrschers ein. Uldin hatte sich mit gewaltiger Heeresmacht im Herzen Thrakiens niedergelassen: hoffährtig wies er alle Verhandlungsangebote zurück; vor der römischen Gesandtschaft wies er auf die aufgehende Sonne und erklärte, dass allein die Bahn dieses Planeten das Reich der Hunnen begrenzen werde. Indes, nachdem seine Konföderierten unter der Hand über Redlichkeit und Freigebigkeit der kaiserlichen Minister Erkundigungen eingezogen hatten, verließen sie Uldin in hellen Scharen und nötigten den Hunnenhäuptling, sich über die Donau zurückzuziehen; seine Nachhut, der Stamm der Scyrren, wurde fast ausgelöscht; und tausende von Kriegsgefangenen mussten fortan die Äcker Kleinasiens mit Sklavendiensten kultivieren Sozomenos 9,5. In Bithynien in der Nähe des Olympos sah er ein paar scyrrische Sklaven bei der Arbeit und wog sich in der trügerischen Hoffnung, dass diese Gefangenen die letzten ihres Volkes seien. . Noch während des öffentlichen Triumphes wurde um Konstantinopel eine neue und größere Wehranlage angelegt; auch in den Städten Illyriens fand man sich zu dieser Vorsichtsmaßnahme; und es wurde mit großer Genauigkeit ein Plan gefasst, welcher nach sieben Jahren die Donaugrenze abgesichert hätte, indem man an diesen Fluss eine stehende Flotte von zweihundertundfünfzig Kampfschiffen verlegt hätte Codex Theodosianus, 7,17 und 15,1,49. .   PERSÖNLICHKEIT UND REGIERUNG DER PULCHERIA A.D. 414-453 Aber die Römer waren so sehr an einen Monarchen gewöhnt, dass das erstbeste kaiserliche Familienmitglied, und sei es auch nur ein Weib, das Neigung und Begabung erkennen ließ, den verwaisten Thron des Theodosius erklimmen durfte. Seine Schwester Pulcheria Sozomenos füllt drei Kapitel mit einem großartigen Loblied auf Pulcheria (9,1-3); und Tillemont (Memoires ecclesiastiques Band 15, p. 171-184 hat der Ehre der heiligen Pulcheria, Junfrau und Kaiserin, ein Sonderkapitel gewidmet. , die lediglich zwei Jahre älter war als er, erhielt mit sechzehn den Titel einer Augusta ; und wenn ihr Urteilsvermögen zuweilen auch durch Launenhaftigkeit oder Kabalen eingetrübt schien, beherrschte sie die östliche Reichshälfte für nahezu vierzig Jahre; während ihres Bruders langer Minderjährigkeit und nach seinem Tode in ihrem Namen und dem ihres nominellen Gatten Marcian. Aus Staatsklugheit oder religiösen Motiven zog sie ein eheloses Leben vor; und ungeachtet einiger trübseliger Nachrede über Pulcherias Das Suda-Lexikon (Excerpta legationum, p. 68) meint unter Berufung auf die Nestorianer, dass Pulcheria gegen den Stifter dieser Sekte aufgebracht war, weil er ihren Umgang mit dem schönen Paulinus und den Inzest mit ihrem Bruder Theodosius übel vermerkte. Keuschheit wurde diese Entschlossenheit, die sie mit ihren Schwestern Arcadia und Marina teilte, von der christlichen Welt als Gipfelpunkt entsagender Frömmigkeit gerühmt. In Anwesenheit des Klerus und des Volkes widmeten die drei Töchter des Arcadius Siehe du Cange, Familae Byzantinae, p. 70. Die älteste der Schwestern, Flaccilla, starb entweder noch vor Arcadius oder war – wenn sie denn bis 431 gelebt haben sollte – wegen körperlicher oder geistiger Behinderungen vom Hofleben ausgeschlossen. Gott ihre Jungfräulichkeit; welches feierliche Gelübde in eine edelsteinbesetzte Goldtafel eingelassen und in der Hauptkirche von Konstantinopel öffentlich gemacht ward. Ihr Palast wurde zu einem Kloster umfunktioniert; und alles, was männlich war, (ausgenommen waren nur die Lenker ihres Gewissens, Heilige, die schon längst den Unterschied zwischen den Geschlechtern vergessen hatten) wurde mit großer Gewissenhaftigkeit von der heiligen Schwelle zurückgewiesen. Pulcheria, ihre beiden Schwestern und eine handverlesene Gruppe von privilegierten Edelfräulein bildeten eine religiöse Gemeinschaft: den eitlen Tand schöner Kleider wiesen sie von sich; aßen, wenn sie nicht gerade fasteten, äußerst schlicht und frugal; verwandten viel Zeit auf Stickarbeiten; und sparten viele Stunden des Tages und der Nacht für Gebet und fromme Gesänge auf. So wurde die Frömmigkeit einer christlichen Jungfrau durch den Glaubenseifer und die Freigebigkeit einer Kaiserin erhöht. Die Kirchengeschichte weiß von vielen prunkvollen Kirchenbauten, die sie auf Kosten der Pulcheria in den östlichen Provinzen errichtet wurde; weiß von ihren großzügigen Stiftungen zu Gunsten der Fremden und Armen; weiß von ihren großen Schenkungen, die sie klösterlichen Gesellschaften überschrieb; und von der eifernde Strenge, mit der sie die feindlichen Ketzereien des Nestorius und Eutyches zu tilgen sich anstrengte. Solcherlei frommes Tun musste das besondere Wohlwollen der Gottheit auf sich lenken; und die Reliquien von Märtyrern sowie das Wissen um zukünftige Ereignisse teilten sich der kaiserlichen Heiligen in Träumen und Gesichten mit In wiederholten Träumen wurde sie auf den Ort hingewiesen, an welchem die Reliquien der vierzig Heiligen begraben lagen. Der Boden hatte nacheinander gehört: zum Haus und Garten einer Frau aus Konstantinopel; zu einem Kloster makedonischer Mönche und schließlich zu der Kirche des St. Thyrsus, die von Caesarius (Konsul A.D. 397) errichtet worden war; die Erinnerung an die Reliquien war nachgerade untergegangen. Der achtbaren Versuche des Dr. Jortin (Remarks, Band 4, p. 234) ungeachtet ist es gar nicht so einfach, Pulcheria von der Teilhabe an diesem frommen Betrug freizusprechen, welchen sie ausübte, als sie älter als fünfunddreißig Jahre alt war. . Aber die Hinwendung zu Gott hielt die nimmermüde Pulcheria durchaus nicht von der Sorge um weltliche Angelegenheiten ab; und sie allein unter den Nachfahren des großen Theodosius scheint ein gewisses Maß seines männlichen Geistes und seiner Fähigkeit geerbt zu haben. In der lateinischen und griechischen Sprache stand ihr ein eleganter und flüssiger Sprachduktus zu Gebote, den sie im Schriftlichen und Mündlichen bei verschiedenen Gelegenheiten bewährte; ihre Entscheidungen waren stets wohlerwogen; und ihre Maßnahmen erfolgten dann rasch und kompromisslos; und obwohl sie es war, die ohne viel Geräusch und Aufheben das Rad der Regierungsgeschäfte lenkte, schrieb sie dem Genie des nominellen Herrschers Marcian die lange Friedenszeit während seiner Regierung zu. Nun wurde allerdings in den letzten Jahren seines friedlichen Lebens Europa von den Horden Attilas heimgesucht; aber die – größeren – Provinzen Asiens erfreuten sich einer dauerhaften und stabilen Friedenszeit. Theodosius der Jüngere sah sich niemals vor die Notwendigkeit gestellt, aufständische Untertanen zu bekriegen und zu bestrafen; und wenn wir auch nicht ihre Machtentfaltung bestaunen können, ist doch der mildtätigen und segensreichen Regierungstätigkeit der Pulcheria manches Lob geschuldet.   THEODOSIUS DER JÜNGERE · ERZIEHUNG UND CHARAKTER Die römische Welt beobachtete die Erziehung ihres künftigen Herrschers mit vielem Interesse. Studien und Leibesübungen wurden in regelmäßigen Kursen erteilt; von den militärischen Fertigkeiten waren es Bogenschießen und Reiten; von den freien Künsten Grammatik, Rhetorik und Philosophie; die besten Lehrer des Osten buhlten um die Aufmerksamkeit ihres königlichen Schülers; und so mancher Jüngling von Adel erhielt Zutritt zum Palast, um im freundschaftlichem Wettbewerb seinen Eifer zu spornen. Lediglich das schwierige Geschäft der Unterweisung in der Regierungskunst behielt Pulcheria sich selbst vor. Doch ihre Regeln lassen Zweifel an ihren geistigen Möglichkeiten oder der Lauterkeit ihrer Absichten aufkeimen. Sie lehrte ihn ein majestätisches und gravitätisches Auftreten; sie hieß ihn gehen, seine Roben tragen und auf dem Throne Platz nehmen, wie es einem großen Herrscher angestanden hätte; vom Lachen abzustehen; angemessene Antworten zu erteilen; in loser Folge einen leutseligen oder strengen Gesichtsausdruck anzulegen; mit einem Wort, mit Erhabenheit und Würde die Rolle des Römischen Kaisers zu geben. Aber Theodosius An dieser Stelle weichen die beiden Kirchenhistoriker, die im Allgemeinen gut übereinstimmen, in bemerkenswerter Weise voneinander ab. Sozomenos (9,1) überlässt der Pulcheria die Regentschaft über das Reich und die Erziehung ihres Bruders, für den er kaum ein freundliches Wort erübrigt. Sokrates, der mit erheucheltem Gleichmut jede Karriere- und Ruhmsucht von sich weist, veranstaltet hier eine detaillierte Lobrede auf den Herrscher und verkleinert mit gebotener Vorsicht die Verdienste seiner Schwester (7,22 und 7,42). Philostorgios (12,7) schildert in gezierter und höfischer Sprache den Einfluss der Pulcheria, τὰς βασιλικὰς σημειώσεις ὑπηρετουμένη καὶ διευϑύνουσα. (den Verlautbarungen des Königs unterstellte sie sich und verantwortete sie.) Das Suda-Lexikon (Excerpta legatonium, p. 53) bietet eine getreue Charakterbeschreibung des Theodosius; und ich selbst bin dem Vorbild des Tillemont (Histoire des empereurs, Band 6, p. 25) gefolgt und habe bei den modernen Griechen ein paar Anleihen gemacht. fühlte sich niemals aufgefordert, die Last und den Ruhm eines bekannten Namens auf sich zu nehmen; und anstelle seinem Ahnen nachzueifern, übertraf er noch (wenn wir uns denn unterfangen dürfen, Unfähigkeit auszumessen) die Inkompetenz seines Vaters und seines Onkels. Arcadius und Honorius waren von einem Vater angeleitet worden, der selbst ein lebendiges Vorbild abgegeben hatte. Aber der armselige Herrscher, der im Purpur geboren wird, wird die Stimme der Wahrheit niemals verstehen; und der Sohn des Arcadius war dazu verflucht, während seiner ganzen Kindheit von einem erbärmlichen Haufen aus Weibern und Eunuchen umzingelt zu sein. Die unbemessene Freizeit, die er sich durch Vernachlässigung seines hohen Amtes erschlich, war mit müßiger Kurzweil und nutzlosen Studien ausgefüllt. Die Jagd war die einzige Aktivität, die ihn aus dem Dunstkreis des Palastes herauslocken konnte; mit größtem Eifer, zuweilen sogar beim Scheine einer mitternächtlichen Lampe, übte er das mechanische Handwerk des Malens und Bildhauens; und durch die Anmut, mit der er Bücher religiösen Inhaltes abschrieb, verdiente sich der Römische Kaiser den einmaligen Titel eine Kalligraphen oder Schönschreibers. Abgeschieden von der Welt durch eine undurchdringliche Trennwand, vertraute Theodosius ausschließlich solchen Menschen, die er liebte; und lieben konnte er nur die, die ihn zu unterhalten und zu schmeicheln verstanden; und da er niemals die ihm zur Unterschrift vorgelegten Papiere durchzulesen pflegte, wurden in seinem Namen oft die abscheulichsten Verbrechen begangen, vor denen sein Gemüt sicherlich zurückgebebt wäre. Der Herrscher persönlich war keusch, gemäßigt, freigebig und milde von Gesinnung; aber diese Eigenschaften, die die Bezeichnung »Tugend« nur dann verdienen, wenn ihnen Mut und Umsicht zur Seite stehen, wurden für die Menschheit nur selten segensreich und zuweilen sogar bedenklich. Sein durch die königliche Erziehung missgeleiteter Verstand war durch törichten Aberglauben verwirrt und befangen; er fastete, psalmodierte und glaubte kritiklos alle Wunder und Sätze, mit denen sein Glaube beständig gefüttert wurde. Theodosius verehrte mit Inbrunst alle toten und lebenden Heiligen der katholischen Kirche; und einmal weigerte er sich solange zu essen, bis ein dreister Mönch, der über seinen Kaiser den Kirchenbann verhängt hatte, sich gnädig bereit fand, die seelische Wunde zu heilen, die er ihm zugefügt hatte Theodoretos, 5,37. Der Bischof von Kyrrhos, an Gelehrsamkeit und Frömmigkeit einer der Ersten seiner Zeit, lobt den Gehorsam des Theodosius gegenüber den göttlichen Gesetzen. .   DIE ABENTEUER DER KAISERIN EUDOCIA – IHRE PERSÖNLICHKEIT A.D. 421 – 460 Die nun folgende Geschichte einer holden und tugendsamen Jungfrau, die aus geringen Anfängen bis auf den Thron erhoben wurde, möchte man wohl als eine müßige Fabel abtun, wenn diese Fabel nicht in der Hochzeit des Theodosius ihre Bestätigung gefunden hätte. Die nachmals hochberühmte Athenaïs Sokrates (7,21) erwähnt ihren Namen, (Athenaïs, Tochter des Leontios, eines Sophisten aus Athen), ihre Taufe, ihre Hochzeit und ihr dichterisches Genie. Die älteste Erzählung über sie findet sich bei Johannes Malalas (Chronographia, Teil 2, p.20f.) und in der Chronikon paschae p. 311f.. Diese Autoren hatten vermutlich Originalportraits der Kaiserin Eudocia zu Gesicht bekommen. Die modernen Griechen, Zonaras, Kedrenos \&c haben mehr Liebe als Talent zum Fabulieren entwickelt. Ich habe mich indessen getraut, von Nicephoros ihr Alter zu übernehmen. Romanautoren wären nicht auf den Einfall gekommen, die Athenaïs fast achtundzwanzig Jahre alt sein zu lassen, als sie das Herz des jungen Kaisers entflammte. wurde von ihrem Vater Leontius im Glauben und in der Wissenschaft der Griechen erzogen; und so günstig war des Philosophen Meinung von seinen Zeitgenossen, dass er seine Erbschaft unter seine beiden Söhne aufteilte und seiner Tochter nur ein kleines Legat von einhundert Goldstücken hinterließ in dem lebendigen Glauben, dass ihre Schönheit und ihre Begabung ein hinreichendes Erbteil abgäben. Die Eifersucht und Habgier ihrer Brüder veranlassten Athenaïs schon bald, nach Konstantinopel auszuweichen; um sich dort, auf Gerechtigkeit oder Gnade hoffend, der Pulcheria zu Füßen zu werfen. Die Herrscherin lauschte ihrer beredten Klage mit geschärften Sinnen; und insgeheim bestimmte sie die Tochter des Philosophen Leontius zum künftigen Weibe des Kaisers von Ostrom, er, der eben in sein zwanzigstes Lebensjahr eingetreten war. Leicht erweckte sie die Neugier ihres Bruders durch eine lebhafte Schilderung von Athenaïs' Schönheit: große Augen, wohlproportionierte Nase, anmutiger Gesichtsausdruck, Goldlocken, schlanke Gestalt, anmutige Aufführung, ein durch Studien geschärfter Verstand und eine in Nöten bewährte Tugend. Theodosius, im Wohnraum seiner Schwester hinter dem Vorhang verborgen, durfte die Jungfrau aus Athen in Augenschein nehmen; mit der Zurückhaltung der Jugend erklärte er seine reine und lautere Liebe zu ihr; und schon bald ward Hochzeit gehalten unter dem Jubel der Hauptstadt und der Provinzen. Athenaïs hatte sich leicht darein gefunden, den Irrtümern des Heidentums abzuschwören, konvertierte und erhielt den Taufnamen Eudocia; aber die vorsichtige Pulcheria behielt sich den Titel einer Augusta vor, bis die Frau des Theodosius ihre Fruchtbarkeit durch die Geburt einer Tochter nachgewiesen hatte, welche übrigens fünfzehn Jahre später den Kaiser des Westens ehelichte. Die Brüder der Eudocia gehorchten mit ängstlicher Bereitwilligkeit der kaiserlichen Einladung; aber da sie sich es leisten konnte, deren letztlich glückbringende Lieblosigkeit zu vergeben, gönnte sie sich sogar die zärtliche – oder soll man sagen: eitle? – Gesinnung einer Schwester, indem sie beide zu Konsuln und Reichspräfekten ernannte. Im Luxus ihre Palastes widmete sie sich eben den Geisteskünsten, denen sie ihren Aufstieg zu danken hatte; klüglich setzte sie ihre Talente zum Ruhme der Religion und ihres Gatten ein. Eudocia schrieb eine dichterische Paraphrase auf die ersten acht Bücher des Alten Testamentes und die Wahrsagungen Davids und Zachariahs; kompilierte Homerverse zur Schilderung des Lebens Christi und seiner Wunder; schrieb die Legende von St. Cyprian und eine Darstellung von Theodosius' siegreichem Perserkrieg; übrigens haben ihre Dichtungen, die ihre servilen und abergläubischen Zeitgenossen mit schuldigem Jubel bedachten, auch den Beifall der unparteiischen Kritik gefunden Sokrates 7,21; Photios, p. 413-420. Der Cento aus den Homerversen ist uns überliefert und wurde wiederholt verlegt, aber Eudocias Anspruch auf diese geschmacksarme Veranstaltung wurde von der Kritik nicht geteilt. Fabricius, Bibliotheka graeca, Band 1, p. 357. Die Ionia , ein Lexikon für Geschichte und Fabel wurde im elften Jahrhundert von einer anderen Kaiserin mit dem Namen Eudocia zusammengetragen; das Manuskript dieser Arbeit ist noch vorhanden. .   IHRE PILGERFAHRT NACH JERUSALEM Des Kaisers Verliebtheit erlosch nicht durch Zeit und Gewohnheit; und Eudocia erhielt nach der Hochzeit ihrer Tochter die Erlaubnis, ein früheres feierliches Gelübde durch eine Pilgerfahrt nach Jerusalem einzulösen. Die Fahrt, die sie mit viel Geräusch durch die östlichen Provinzen vollführte, mag mit dem Geist christlicher Demut unvereinbar scheinen; sie hielt von goldenem Throne eine wohlklingende Rede an den Senat von Antiochia, erklärte ihren Kaiserlichen Willen, die Mauern jener Stadt zu vergrößern, spendierte zweihundert Pfund Gold zur Restaurierung der öffentlichen Bäder und ließ sich die Statuen gefallen, die ihr die Dankbarkeit Antiochias übereignete. Im Heiligen Lande übertrafen ihre Schenkungen und frommen Stiftungen die Freigebigkeit der großen Helena womöglich noch; und wenn auch die Staatskassen durch diese exzessive Spendenfreudigkeit schier ausgeplündert waren, so kehrte sie doch mit dem freudigen Bewusstsein nach Konstantinopel zurück, im Besitze der Ketten von St. Petrus zu sein, des rechten Armes von St. Stephan und eines unzweifelhaft echten Gemäldes der Heiligen Jungfrau aus der Hand von St. Lukas Baronius (Annale ecclesiastici, A.D. 438f.) ist faktenreich und überladen; aber es wird ihm vorgeworfen, dass er den Lügen verschiedener Zeitalter den gleichen Grad von Authentizität verleiht. . Aber diese Pilgerfahrt war die letzte Stufe auf Eudocias Ruhmesleiter. Von hohlem Pompe satt und wohl auch ohne das Bewusstsein für das, was sie Pulcheria schuldete, erstrebte sie für sich die Regentschaft über den ganzen Osten; entzweit lag der Palast durch den Hader der beiden Frauen; aber schließlich entschied der Glücksstern von Theodosius Schwester den Sieg. Die Hinrichtung des Haushofmeisters Paulinus und der Sturz des Reichspräfekten Cyrus überzeugten das Publikum davon, dass Eudocias Gunst nicht hinreiche, ihre treuesten Freunde zu schützen; und Paulinus' ungewöhnliche Schönheit leistete den Gerüchten Vorschub, dass seine Verbrechen die eines erfolgreichen Liebhabers gewesen sein müssen Bei dieser skizzenhaften Schilderung von Eudocias Ungnade habe ich mich an den behutsamen Evagrius (1,21) und des Comes Marcellínus (Chronika A.D. 449 und 444) orientiert. Die beiden vom Letztgenannten mitgeteilten authentischen Daten machen einen großen Teil der griechischen Erfindungen gegenstandslos; und die berühmte Geschichte vom Apfel eignet sich nur für 1001 Nacht, wo man Artverwandtes sicher finden mag. . Sobald die Kaiserin inne geworden war, dass sie die Zuneigung des Theodosius für immer verloren hatte, bat sie um die Erlaubnis, sich in die ferne Einsamkeit Jerusalems zurück ziehen zu dürfen. Man willfahrte; aber die Eifersucht des Theodosius oder die racheschwangere Gemütsverfassung der Pulcheria setzten ihr auch noch in ihrer letzten Zufluchtsstätte nach; und so erhielt der Haushofmeister Saturninus Befehl, sie durch die Ermordung ihrer beiden Lieblingsbediensteten, zweier Kirchenmänner, zu bestrafen. Eudocia rächte sie unverzüglich durch die Ermordung des comes ; die Zornanwandlungen, die sie bei dieser Gelegenheit offenbarte, schienen Theodosius strenges Durchgreifen zu rechtfertigen; und die Kaiserin, ihrer Ehrenabzeichen Priscus (Excerpta legationium, p. 69) Der Zeitgenosse und Höfling Priscus erwähnt nur trocken ihren heidnischen und christlichen Namen und unterlässt jede weitere Ehren- oder Respektsbezeigung. beraubt, lag, in den Augen der Welt vermutlich zu Unrecht, im Staube. Die verbleibenden sechzehn Jahre ihres Lebens verbrachte Eudocia im Exil und bei religiöser Hingabe; und das nahende Alter, der Tod des Theodosius, das Unglück ihrer Tochter (sie wurde als Gefangene von Rom nach Karthago geführt) und die Gesellschaft der Heiligen Mönche Palästinas festigten ihr religiöses Bewusstsein. Nachdem sie die Wechselfälle des menschlichen Lebens bis zur Neige ausgekostet hatte, verschied die Tochter des Philosophen Leontius zu Jerusalem in ihrem sechsundsiebzigsten Lebensjahr; und bekannte mit ersterbendem Atem, dass sie niemals die Gebote der Freundschaft übertreten habe Hinsichtlich der beiden Pilgerfahrten der Eudocia, ihres langen Aufenthaltes dortselbst, ihrer Almosen \&c vergleiche Sokrates (7,47) und Evagrius (1,20-22). Bisweilen verdient auch das Chronikon paschale Beachtung; und für die Lokalgeschichte von Antiochia ist Johannes Malalas eine Autorität. Der Abbé Guenée hat in einer Denkschrift über die Fruchtbarkeit von Palästina, von der ich nur einen Auszug zu sehen bekam, die Spenden der Eudoxia auf 20.488 Pfund Gold entsprechend 800.000 Pfund Sterling geschätzt. .   DER PERSERKRIEG · A.D. 422 Theodosius' mildes Gemüt hatte niemals den Ehrgeiz nach Eroberungen und militärischen Ruhmestaten gespürt; und so vermochte auch der nur von Ferne drohende Perserkrieg die Ruhe des Ostens nicht aufzustören. Die Gründe für diesen Krieg waren gerechtfertigt und ehrbar. Im letzten Jahre der Regierung des Jezdegerd, des angeblichen Vormundes von Theodosius, hatte ein Bischof, den es nach der Märtyrerkrone verlangte, einen der Feuertempel in Susa Theodoretos, 5,39. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 12, p. 356-364. Assemanni, Bibliotca Orientalis, Band 3 p. 396, Band 4, p. 61. Theodoretos schilt Abdas wegen seiner Unbesonnenheit, aber betont seine Standhaftigkeit als Märtyrer. Indessen begreife ich die Logik nicht ganz, welche es uns verbietet, einen Schaden zu beheben, den wirt widerrechtlich angerichtet haben. zerstört. Sein Glaubenseifer und seine Verbohrtheit rächte sich an seinen Glaubensbrüdern; die Magier begannen eine grausame Verfolgung; und Varanes oder Bahram, der Sohn Jesdegerds, eiferte dem Fanatismus seines Vaters nach, sobald er den Thron bestiegen hatte. So kam es zum Kriege zwischen den beiden Königreichen. In den Bergen Armeniens und auf der Ebene Mesopotamiens marschierten die feindlichen Armeen auf; aber die Operationen zweier aufeinander folgender Feldzüge brachten keine entscheidenden oder überhaupt nur erwähnenswerten Ereignisse zuwege. Ein paar Scharmützel wurden ausgefochten, einige Städte mit zweifelhaftem Erfolg belagert; und wenn es den Römern nicht gelang, das seit langem verlorene Nisibis erneut in ihren Besitz zu bringen, so wurden die Perser vor den Mauern einer mesopotamischen Stadt zurückgeschlagen, verteidigt von einem kriegerischen Bischof, der seiner gewaltigen Kriegsmaschine den Namen des Apostels Thomas gegeben hatte. Doch die herrlichen Siege, von denen der Bote Palladius dem Palast zu Konstantinopel wiederholte Zeitung brachte, wurden mit Dankfesten und Ruhm-Reden gefeiert Sokrates (7,18-21) ist für die Perserkriege unser bester Gewährsmann. Wir können aber die drei Chroniken, die Paschalis, die von Marcellinus und von Malalas studieren. . Von diesen Panegyriken mögen die Historiker jener Zeit ihre phantastischen und vermutlich frei erfundenen Geschichte ausgeborgt haben; etwa die von der Herausforderung eines gewaltigen persischen Helden, der von dem Netz des Goten Areobindus eingefangen und von dessen Schwert in die andere Welt befördert wurde; von den zehntausend Unsterblichen , die beim Angriff auf das Römerlager umkamen; und von den hunderttausend Arabern oder Sarazenen, welche in einem Anfall von Panik sich kopfüber in die Fluten des Euphrat stürzten. Derlei Vorkommnisse muss man nicht glauben und kann sie mit Verachtung abtun; aber die Mildtätigkeit eines Bischofs, Acacius von Amida, dessen Name jeden Heiligenkalender zieren könnte, soll nicht in Vergessenheit geraten. Er hatte rundheraus erklärt, dass Gold- und Silbergeschirre nicht für einen Gott taugten, der weder esse noch trinke und hatte dann den Schatz der Kirche Amidias verkauft; verwandte es zur Auslösung von siebentausend persischen Kriegsgefangenen; half ihnen mit großherzigen Spenden; und entließ sie in ihre Heimat, ihrem König vom wahren Geiste der Religion zu künden, die er verfolge. Solche tätige Nächstenliebe inmitten des Krieges ist immer angetan, die Feindschaft zwischen den Völkern zu ersticken; und nur zu gerne will ich glauben, dass Arcadius zur Wiederherstellung des Friedens beitrug. Während der Friedenskonferenz an der Grenze der beiden Reiche verunglimpften die römischen Gesandten den Charakter ihres eigen Kaisers durch den sinnlosen Versuch, den Umfang seiner Macht auszudehnen, indem sie den Persern ernstlich rieten, durch rechtzeitiges Nachgeben den Zorn eines Herrschers zu vermeiden, der von diesem fernen Kriege überhaupt nichts wusste. So wurde denn ein hundertjähriger Frieden geschlossen; und obwohl die Unruhen in Armenien die öffentliche Ruhe hätten beeinträchtigen können, wurden die wesentlichen Bedingungen dieses Vertrages von den Nachfolgern des Artaxerxes und Constantin fast achtzig Jahre lang eingehalten.   TEILUNG ARMENIENS ZWISCHEN PERSIEN UND KONSTANTINOPEL A.D. 431 – 440 Seitdem sich die römischen und parthischen Fahnen zum ersten Male an den Ufern des Euphrat begegnet waren, war das Königreich Armenien von seinen fürchterlichen Beschützern immer wechselweise unterdrückt worden Diese Skizze des Unterganges und der Teilung des armenischen Monarchie ist dem dritten Buche der Geschichte Ar,meniens von Moses von Chorene entlehnt. Wenn ihm auch alle Voraussetzungen zu einem guten Historiker abgehen, so sind doch die Informationen zu den Örtlichkeiten, seine Leidenschaft und seine Vorurteile bezeichnend für den Eingeborenen und Zeitgenossen. Prokopios (de aedificiis 3,1 und 3,5) erzählt die gleichen Fakten auf ganz andere Weise; aber ich habe die Tatsachen ausgezogen, die die meiste Wahrscheinlichkeit in sich selbst besitzen und den geringsten Widerspruch zu Moses von Chorene aufweisen. . Auch im Laufe unserer Darstellung kamen schon die verschieden Ereignisse zur Sprache, welche die Waage für Krieg und Frieden entschieden. In einem schimpflichen Vergleich war Armenien Sapors Ehrgeiz überlassen worden; und Persiens Waagschale erhielt das Übergewicht. Aber das königliche Geschlecht des Arsakes unterwarf sich dem Hause der Sassaniden nur mit Widerstreben; der unruhige Adel behauptete seine angestammte Freiheit oder wurden an ihr zum Verräter; und das Volk neigte den christlichen Herrschern Konstantinopels zu. Zu Beginn des fünften Jahrhunderts wurde Armenien durch eine Folge von Kriegen und Faktionsbildung immer weiter zersplittert In Westarmenien waren in religiösen Angelegenheiten die griechische Sprache und Buchstaben maßgebend; in den Ostprovinzen war diese Sprache des Feindes durch die Perser untersagt und das Syrische die Amtssprache, bis schließlich die Erfindung der armenischen Schrift im V. Jhd durch Mesrobes und die nachfolgende Übersetzung der Bibel ins Armenische die Beziehung der Kirche und des Volkes zu Konstantinopel entspannte. ; und diese widernatürliche Teilung beschleunigte den Niedergang dieser alten Monarchie. Der persische Vasall Chosroes herrschte über das östliche und größte Teilgebiet des Landes; während der Westen unter der Gerichtsbarkeit des Arsaces stand und die Oberherrschaft des Kaisers Arcadius anerkannte. Nach dem Tode des Arsaces lösten die Römer die königliche Regierung auf und machten ihre Verbündeten zu Untertanen. Das militärische Oberkommando lag in der Hand des comes der armenischen Grenzlande; die Stadt Theodisopolis Moses von Choren, Historia Armenica, Buch 3, p. 303 und 358; Prokopios, de aedificiis 3,5. Theodosopolis liegt, genauer: lag etwa fünfunddreißig Meilen östlich von Arzeroum, der Hauptstadt des heutigen Türkisch-Armeniens. Siehe d'Anville, Geographie ancienne, Band 2, p.99f. wurde an strategisch günstiger Stelle an der Quelle des Euphrat auf fruchtbarem, hohem Plateau gegründet und befestigt; und die den Persern botmäßigen Territorien wurden von fünf Satrapen regiert, deren außerordentliche Stellung durch eine besondere Gold- und Purpurkleidung bezeichnet war. Die weniger glücklichen Adligen, welche ihrem König nachtrauerten und ihren Standesgenossen ihre Ehrenstellung missgönnten, sahen sich genötigt, am persischen Hofe Frieden und Verzeihung zu erhandeln; und anerkannten auf ihrer Rückreise zusammen mit ihren Anhängern im Palast von Artaxata Chosroes als ihren rechtmäßigen Herren. Etwa dreißig Jahre später hatten die Hochfahrenden Adligen Armeniens Grund, sich an Artasiris, dem Neffen und Nachfolger Chosroes zu ärgern; und einmütig verlangten sie nach einem persischen Gouverneur anstelle des unfähigen Königs. Die Antwort des Erzbischofs Isaac, dessen Genehmigung sie allen Ernstes verlangten, ist kennzeichnend für die Denkungsart eines abergläubischen Volkes. Er beklagte die offenkundigen und unentschuldbaren Fehler von Artasisris; und er erklärte sich bereit, ihn ohne Zögern vor dem Tribunal eines christlichen Herrschers anzuklagen, welcher den Sünder bestrafen müsse, ohne ihn zu vernichten. »Unser König«, so Isaac weiter, »obliegt allzu sehr üppigen Ausschweifungen, ist aber durch das heilige Wasser der Taufe gereinigt. Er liebt die Frauen, aber er betet immerhin nicht das Feuer oder andere Elemente an. Man mag ihn mit Recht der Liederlichkeit zeihen, aber er ist unbestritten ein Katholik; sein Glaube ist rein, wenn auch seine Sitten tadelnswert sind. Nimmermehr werde ich darein willigen, meine Schäfchen den reißenden Wölfen auszuliefern; und schon bald werdet ihr Reue empfinden, dass ihr vorschnell die Schwächen eines Gläubigen gegen die vorgeblichen Tugenden eines Heiden aufrechnen wolltet Moses von Chorene, Historia Armeniciaca, Buch 3, p. 316. Entsprechend den Vorschriften von St. Gregor, dem Apostel Armeniens, war der Erzbischof stets von königlichem Geblüte; ein Umstand, welcher oft den Einfluss der Religion korrigierte und die Mitra mit der Krone vereinigte. .« Aufgebracht durch Isaacs Halsstarrigkeit klagte der eingebildete Adel König und Erzbischof als heimliche Anhänger des römischen Kaisers an; und freute sich törichter Weise über die Verurteilung, die nach einem Schauprozesse von Bahram persönlich ausgesprochen wurde. Die Nachfahren des Arsaces gingen ihrer Königswürde verlustig Ein Zweig dieses Könighauses der Arsakiden dauerte fort in der Stellung und mit den Besitztümern eines armenischen Satrapen. Siehe Moses von Chorene, Buch 3, p. 321. , die sie immerhin für fünfhundertundsechzig Valarsaces wurde von seinem Bruder, dem Partherkönig, unmittelbar nach der Niederlage von Antiochus Sidetes, 130 v. Chr. (Moses von Chorene, Buch 2, p. 85.) zum König von Armenien ernannt. Ohne uns jetzt auf die unterschiedlich und z.T. gegensätzlich dargestellten Regierungen der letzten Könige einzulassen, können wir sicher sein, dass sich der Untergang der armenischen Monarchie nach dem Konzil von Chalcedon (A.D. 431) ereignete und zwar unter der Herrschaft von Veramus oder Bahram, Königs von Persien zwischen A.D. 420 bis 440. Siehe Assemani, Bibliotheca Orientalis, Band 3, p. 396. Jahre besessen hatten, und die Besitztümer des glückverlassenen Atasiris wurden zu einer Provinz mit dem neuen und kennzeichnenden Namen Persarmenia. Diese Besitzergreifung erfüllte den römischen Gouverneur mit Scheelsucht; aber die aufkeimenden Streitigkeiten wurden schon bald durch eine einvernehmliche, wenn auch ungleiche Teilung des alten Königreiches Armenien beendet; und so warf eine Gebietserweiterung, die Augustus wohl verachtet haben dürfte, noch einmal etwas Glanz auf das sinkende Reich des jüngeren Theodosius. XXXIII TOD DES HONORIUS · VALENTINIAN III. KAISER DES WESTENS · SEINE MUTTER PLACIDIA · AËTIUS UND BONIFATIUS · EROBERUNG AFRIKAS DURCH DIE VANDALEN   TODE DES HONORIUS - 27. AUGUST 423 Während seiner langen und inhaltsleeren Regierung von achtundzwanzig langen Jahren hatte Honorius, der Kaiser des Westens, sich von allen freundschaftlichen Gefühlen für seinen Bruder und später auch für seinen Neffen, den beiden Herrschern des Ostens freigehalten; und Konstantinopel sah mit sichtbarem Gleichmut und kaum verhohlener Freude auf Roms Notlage. Placidias ausgefallener Lebenslauf indessen erneuerte und festigte das Bündnis zwischen beiden Reichen. Diese Tochter Theodosius' des Großen war Gefangene und zugleich Königin der Goten gewesen; sie hatte einen Gatten verloren, der ihr in Liebe zugetan war; dessen zynischer Mörder hatte sie in Banden geführt; sie hatte genussreich Rache genommen, und sie war in einem Friedensvertrag gegen sechshunderttausend Maß Weizen eingelöst worden. Nachdem sie aus Spanien nach Italien zurückgekehrt war, durchlebte Placidia im Schoße der eigenen Familie eine neue Art von Verfolgung. Sie sträubte sich gegen eine Hochzeit, die man gegen ihren Willen arrangiert hatte; und der brave Constantius erhielt als Belohnung für seine Siege über verschiedene Feinde aus der Hand des Honorius höchstpersönlich die Witwe des Athaulf, die sich aber durchaus abgeneigt und widersetzlich erzeigte. Doch ihr Widerstand versandete schließlich mit der üppigen Hochzeitsfeier; auch weigerte Placidia sich nicht, die Mutter von Honoria und Valentinian III. zu werden, die absolute Herrschaft über das Gemüt ihres Gatten zu gewinnen und auch zu exekutieren. Diese schlichte Soldatennatur, die sich bis dahin nur in Geselligkeiten und im Militärdienst geübt hatte, lernte neue Lektionen über Habgier und Ehrgeiz; ränkekundig gewann er sich den Augustustitel; und der Knecht des Honorius hatte Teil an der Herrschaft über den Westen. Der Tod des Constantius im siebten Monat seiner Regentschaft schien die Macht der Placidia sogar noch zu vermehren anstelle ihr Abbruch zu tun; und ihres Bruders unschickliche Vertraulichkeit Τὰ συνεχῆ κατὰ στόμα φιλήματα (Die dauernden Küsse auf den Mund) heißt es bei Olympiodoros bei Photios, p. 197, der wohl die gleichen Liebkosungen beschreiben will, die Mohamed seiner Tochter Fatima gewährte. »Quando,« sagt der Prophet selbst, »quando subit mihi desiderium Paradisi, osculor eam, et ingero linguam meam in os eius.« (Wenn mich die paradiesische Lust überkommt, küsse ich die und führe meine Zunge in ihren Mund). Aber diese sinnliche Zärtelei war durch Wunder und Mysterium gerechtfertigt. Die Anekdote ist von Pater Marracci in seiner Übersetzung und Widerlegung des Korans öffentlich gemacht worden., Band 1, p. 32. , bei der es sich vermutlich nur um Symptome einer kindlichen Zuneigung handelte, wurde allgemein einer inzestuösen Liebe zugeschrieben. Unversehens jedoch wurde aufgrund einer niederträchtigen Intrige eines Kammerdieners und eines Kindermädchens aus dieser Zuneigung ein unheilbares Zerwürfnis; die Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und seiner Schwester hielten sich nur für kurze Zeit innerhalb der Palastmauern; und da die gotischen Söldner Anhänglichkeit an ihre Königin bewahrten, kam es in Ravenna schon bald zu blutigen Unruhen, der nur durch den erzwungenen oder freiwilligen Rücktritt der Placidia und ihrer Kinder beigelegt werden konnte. Die königlichen Flüchtlinge landeten - kurz nach Theodosius' Hochzeit - in Konstantinopel, während man den Sieg über die Perser feierte. Man behandelte sie freundlich und mit allem Pomp; aber da man dem Kaiser Constantius am Hof des Ostens Statuen verweigert hatte, konnte man seiner Witwe schlechterdings nicht den Titel der Augusta zugestehen. Einige Monate nach Ankunft der Placidia brachte ein Eilbote Nachricht, dass Honorius an der Wassersucht gestorben sei; aber das wichtige Staatsgeheimnis war nicht publik gemacht, als bis ein beachtliches Truppenkontingent an die dalmatinische Küste in Marsch gesetzt worden war. Sieben Tage lang blieben in Konstantinopel Läden und Tore geschlossen; und der Tod eines ausländischen Herrschers, über den man weder Freude noch Trauer empfand, wurde mit ebenso unüberhörbaren und wie erheuchelten offiziellen Betroffenheits-Bezeigungen beweint.   DER THRONRÄUBER JOHANNES - ERHEBUNG UND STURZ A.D. 423 – 425 Während die Minister Konstantinopels noch in Nachdenken versunken waren, riss der Ehrgeiz eines Fremden den verwaisten Thron des Honorius an sich. Der Name des Rebellen war Johannes; er hatte die Vertrauensstellung eines Primicerius oder Ersten Sekretärs inne; und die Geschichte hat ihm mehr Tugenden zugeschrieben, als man sie ihm aufgrund der Verletzung solch heiliger Pflichten zubilligen möchte. Optimistisch erhoben durch Italiens Unterwerfung und durch die Hoffnung auf ein Bündnis mit den Hunnen brachte Johannes es sogar fertig, die Majestät des Ost-Kaisers mit einer Gesandtschaft zu kränken; als er indessen erfahren musste, dass seine Bevollmächtigten verurteilt, eingesperrt und schließlich mit Schimpf und Schande davongejagt worden waren, schickte er sich an, seine angemaßten Ansprüche mit Waffengewalt zu behaupten. Bei einer solchen Gelegenheit hätte der Enkel des großen Theodosius höchstpersönlich ins Feld ziehen müssen; aber sein Arzt brachten den jungen Herrscher leicht von einem so unbedachten und gefahrvollem Vorhaben ab; und so übertrug er den Feldzug nach Italien klugbedacht dem Ardaburius und dessen Sohn Aspar, die sich bereits gegen die Perser bewährt hatten. Ardaburius sollte sich, so ward beschlossen, zusammen mit der Infanterie einschiffen; während Aspar an der Spitze der Reiterei Placidia und ihren Sohn Valentinian entlang der Adriaküste begleiten sollte. Der Zug der Kavallerie wurde mit soviel Umsicht durchgeführt, dass sie ohne Widerstand die wichtige Stadt Aquileia überrumpeln konnten; als plötzlich die Hoffnungen des Aspar einen Dämpfer erhielten durch die Unglückspost, dass ein Sturm die kaiserliche Flotte zerschlagen habe; und dass sein Vater, dem nur zwei Galeeren geblieben waren, im Hafen von Ravenna gefangen in Ketten liege. Aber dieser Zwischenfall, so unglücklich er zunächst zu sein schien, erleichterte am Ende die Eroberung Italiens. Ardaburius ge- oder besser missbrauchte die ihm zugestandene Freiheit und belebte den gesunkenen Mut seiner Truppen aufs Neue; und sobald die Sache zur Entscheidung gereift war, drängte er Aspar durch vertrauliche Boten zum Eingreifen. Ein Schäfer, den der populäre Aberglauben zu einem Engel gemacht hatte, leitete die Kavallerie des Ostens auf einem geheimen und, wie allgemein angenommen wurde, unpassierbarem Weg durch die Schlickwüsten des Po. Die Tore Ravennas öffneten sich nach kurzem Gefecht; und der schutz- und hilflose Usurpator wurde der Gnade oder besser: der Grausamkeit der Sieger ausgeliefert. Zunächst einmal schlug man ihm die rechte Hand ab; und nachdem man ihm auf Eselsrücken der öffentlichen Spottlust ausgesetzt hatte, wurde er im Zirkus von Aquileja enthauptet. Als bei Kaiser Theodosius die Zeitung des Sieges einlief, ließ er das Pferderennen abbrechen; und indem er auf dem Zuge durch die Straßen einen passenden Psalm vernehmen ließ, führte er sein Volk von der Rennbahn zum Gotteshaus, wo er den verbleibenden Tag in dankbarer Anbetung zubrachte Zu diesen Umwälzungen im Occident siehe: Olympiodoros, bei Photios, p. 192,193,196,197 und 200; Sozomenos, 9,16; Socrates, 7, 23, 24; Philostorgios, 12,10 und 1l und Gothofredus, Dissertationes,p. 486; Prokopios, de Bello Vandalico 1,3; Theophanes, in Chronographia p. 72f .; und die Chroniken. .   VALENTINIAN III WIRD KAISER DES WESTENS A.D. 425 – 455 Für eine Monarchie, die man aufgrund ihrer unterschiedlichen Vorgeschichten als Wahl- oder auch Erbkönigtum ansehen kann, können die verschlungenen Ansprüche der weiblichen oder Nebenlinien Grotius, de iure belli et pacis 2,7. Er hat mit viel vergeblicher Mühe versucht, ein stimmiges Rechtssystem für die verschiedenen Arten der königlichen Thronfolge auszuarbeiten, die sich durch Betrug, Gewalt, Gewohnheit oder Zufall etabliert hatten. unmöglich mit Genauigkeit festgelegt werden; und Theodosius hätte mit dem Recht des Blutsverwandten oder des Siegers die Herrschaft über das ganze Römische Reich antreten können. Für einen Augenblick war er von dieser Aussicht auf die Unendlichkeit geblendet; dann aber fügte sich sein gemäßigtes Gemüt dem Diktat der politischen Vernunft. Er begnügte sich mit der Herrschaft über den Osten; und sorgfältig erwog er die Risiken, einen mühsamen und blutigen Krieg gegen die fernen Barbaren jenseits der Alpen zu wagen; oder etwa den Gehorsam der Italiener und der Afrikaner wieder herzustellen, die sich durch unüberbrückbare Gegensätze ihrer Sprache und ihrer Interessen entfremdet hatten. So hörte Theodosius also nicht auf die Stimme des Ehrgeizes, sondern nahm sich die Zurückhaltung seines Großvaters zum Vorbild und beschloss, seinen Vetter Valentinian mit dem Thron des Westreiches zu belehnen. Der königliche Knabe erhielt noch in Konstantinopel den Titel eines Nobilissimus ; er wurde noch vor seiner Abreise aus Thessaloniki in den Rang und die Würde eines Caesar erhoben; und nach der Eroberung Italiens begrüßte der Patrizier Helion im Auftrage des Theodosius und in Gegenwart des Senates Valentinian, den dritten Träger dieses Namens, als Augustus und investierte ihn feierlich mit Diadem und Königspurpur Die zeitgenössischen Autoren sind uneins (Muratori, Annali d'Italia, Band 4, p. 139), ob Valentinian das Königsdiadem in Ravenna oder in Rom erhalten habe; angesichts dieser Unsicherheit möchte ich annehmen, dass dem Senat die Ehre gegeben wurde. . Die drei Damen, die die römische Welt tatsächlich beherrschten, einigten sich dahin, den Sohn der Placidia der Eudoxia zu verloben, der Tochter des Theodosius und der Athenais; und sobald der Liebhaber und seine Braut die Pubertät erreicht hatten, wurde dieses Bündnis feierlich vollzogen. Zur gleichen Zeit wurde, vielleicht als Ausgleich für die Kriegskosten, da westliche Illyrien aus den italienschen Gebieten herausgetrennt und dem Thron von Konstantinopel zugeschlagen Der Count de Buat (Histoire des peuples d'Europe, Band 7, p. 292 – 300) hat die Wahrheit dieser merkwürdigen Landabtrennung erwiesen, die Gründe dafür erläutert und die Folgen ermittelt. . Der Herrscher des Ostens erhielt so die vorteilhafte Herrschaft über die reiche dalmatinische Seeprovinz und zugleich den heiklen Besitz von Noricum und Pannonicum, welche über zwanzig Jahre lang von den Massen der Hunnen, Ostgoten, Vandalen und Bavarier bedrängt worden waren. Theodosius und Valentinian fuhren fort, die Verpflichtungen einzuhalten, die sich aus ihrer privaten und staatlichen Allianz ergaben; aber die Einheit der römischen Regierung war endgültig aufgelöst. Durch einen eindeutigen Erlass wurde die Gültigkeit aller zukünftige Gesetze auf den Herrschaftsbereich ihrer jeweiligen Urheber beschränkt; er hielt es denn für angemessen, sie von eigener Hand zu unterfertigen und seinem unabhängigen Kollegen zur Billigung vorzulegen Siehe hierzu das Erste Nachtragsgesetz des Theodosius, durch das er (A.D. 438) den Codex Theodosianus unterzeichnet und in Kraft setzt. Etwa vierzig Jahre zuvor hatte sich die Einheit der Gesetzgebung durch eine Ausnahme erwiesen. Die Juden, zahlreich in den Städten Kalabriens und Apuliens, brachten im Osten ein Gesetz zuwege, um ihr Fernbleiben von öffentlichen Ämtern zu legitimieren (Codex Theodosianus 16,8,13); und der Herrscher des Westens musste durch ein besonderes Edikt das Gesetz für ungültig erklären, (»quam constat meis partibus esse damnosam.«) Codex Theodosianus 12,1,158. .   VALENTINIANS MUTTER PLACIDIA A.D. 425 – 450 Als Valentinian den Augustustitel erhielt, war er nicht älter als sechs Jahre; seine langjährige Minderjährigkeit stand unter dem Schirm seiner Mutter, die das Recht der weiblichen Linie an der Herrschaft über den Westen für sich reklamieren mochte. Placidia blickte mit Neide auf das Ansehen und die Tugenden des Weibes und der Schwester des Theodosius, konnte ihnen aber nichts entgegen setzen: dem anmutigen Genius der Eudocia und der klugbedachten und erfolgreichen Politik der Pulcheria. Mit Missgunst sah die Mutter des Valentinian auf die Macht, an der sie keinen Teil haben konnte Cassiodor (Variae 11, Epistulae 1) hat die Regierungen der Placidia und der Amalasuntha miteinander verglichen. Er tadelt die Schwäche von Valentinians Mutter und rühmt die Vorzüge der königlichen Hoheit. Allerdings scheint bei dieser Gelegenheit die Schmeichelei die Wahrheit gesprochen zu haben. ; fünfundzwanzig Jahre lang regierte sie im Namen ihres Sohnes; und die Charakterzüge dieses unwürdigen und unfähigen Herrschers gaben dem Verdacht Nahrung, dass Placidia seine Jugendstärke durch eine wüste Erziehung geschwächt und seine Aufmerksamkeit vorsätzlich von allen männlichen und ehrenhaften Vorhaben abgelenkt habe.   IHRE FELDHERREN AETIUS UND BONIFATIUS Inmitten des allgemeinen Niederganges des kriegerischen Geistes ließ sie ihre Armeen von zwei Generälen kommandieren, Aëtius Philostorgios, 12,10 und Gothofred, Dissertationes, p. 493ff.; und Renatus Frigeridus, bei Gregor Tours. 2,8, Band 2, p.163.Der Vater des Aëtius war Gaudentius, ein angesehener Bürger der Provinz Skythien und Heermeister der Kavallerie; seine Mutter war eine reiche Italienerin von Adel. Seit seiner frühesten Jugend hatte Aëtius als Soldat oder als Geisel Umgang mit den Barbaren gehabt. und Bonifatius Zur Persönlichkeit des Bonifatius siehe Olympiodoros, bei Pühotios, p. 196 und Augustinus, bei Tillemont, Mémoires ecclesiastiques, Band 13, p. 712 – 715 und 886. Der Bischof von Hippo hatte Anlass, den Fall seines Freundes zu beweinen, da er nach feierlichem Keuschheitsgelübde die zweite Frau aus der Sekte der Arianer geheiratet hatte und darüberhinaus noch im Verdacht stand, in seinem Hause diverse Beischläferinnen zu beherbergen. , die sich die Ehrenbezeichnung der Letzten Römer verdient hatten. Vereint hätten sie dem sinkenden Imperium noch Hilfe bringen können; ihre Zwietracht war der letzte, entscheidende Anlass für den Verlust von Afrika. Der Sieg über Attila hat den Ruhm des Aëtius unsterblich gemacht; und wenngleich die Zeit den Namen des Bonifatius verdunkelt hat, so hat doch die Verteidigung von Marseille und die Befreiung Afrikas seine militärische Begabung deutlich erwiesen. Auf dem Schlachtfeld, bei zahlreichen Kommandounternehmen, in vielen Einzelgefechten blieb er der Schrecken der Barbaren; die Klerisei und insonders sein Freund Augustinus zeigten sich höchlich erbaut über die christliche Frömmigkeit, die ihn voreinst vermocht hatte, sich von der Welt zurückzuziehen; das Volk war von seiner fleckenlosen Lauterkeit entzückt; die Armee fürchtet seine strikte und unnachsichtige Gerechtigkeit, für die hier ein einzigartiges Beispiel gegeben werden soll: Ein Bauer, der sich über die ehebrecherische Beziehung zwischen seinem Weib und einem Goten beklagt hatte, erhielt Weisung, sich anderen Tages bei Gericht einzufinden; noch am Abend bestieg der comes sein Pferd, nachdem er sich über Zeit und Ort des Stelldicheins genau erkundigt hatte, ritt zehn Meilen landeinwärts, erwischte das schuldige Paar in flagranti, erschlug den Soldaten auf der Stelle und brachte den klageführenden Ehegatten zum Schweigen, indem er ihm am nächsten Morgen den Kopf des Ehebrechers präsentierte.   BONIFATIUS UND DIE VANDALEN Man hätte die Befähigung des Aëtius und Bonifatius auf getrennten Kommandostellen mit Vorteil gegen einen ausländischen Feind einsetzen können; aber ihre jüngsten Erfahrungen haben Kaiserin Placidias Entschlüsse gesteuert. In der Trübsal und Einsamkeit ihres Exils hatte allein Bonifatius in unerschütterter Treue zu ihr gestanden; und die Armee und Geldmittel Afrikas hatten wesentlich zur Niederwerfung der Rebellion beigetragen. Dieselbe Rebellion hatte Aëtius in seinem Ehrgeiz und seiner Umtriebigkeit befeuert, indem er sechstausend Hunnen von der Donau an die italienische Grenze führte, dem Thronräuber Johannes zur freien Verwendung. Dessen vorzeitiges Ende nötigte Aëtius, einen durchaus vorteilhaften Frieden zu schließen; aber er wurde nicht müde, er, der Untertan und Krieger des Valentinian, eine geheime und vermutlich hochverräterische Beziehung mit den barbarischen Alliierten zu unterhalten, deren Rückzug man mit großzügigen Geldgeschenken und noch großzügigeren Versprechungen erkauft hatte. Indessen hatte Aëtius einen unbezahlbaren Vorteil in diesem Weiberregiment: er war stets zugegen; mit kunstgerechter und unermüdeter Schmeichelei belagerte er den Palast von Ravenna; verbarg seine schwarzen Entwürfe hinter der Maske des ergebenen Freundes; und betrog endlich seine Herrin und seinen fernen Rivalen mit einer Kabale, die zu durchschauen einer schwachen Frau und einem arglosen Mann wohl schwer fallen mochte.   AUFSTAND DES BONIFATIUS IN AFRIKA A.D. 427 Heimlich überredete er Placidia Prokopios (De bello Vandalico 1,3f) erzählt den Betrug des Aëtius, die Gegenwehr des Bonifatius und den Verlust Afrikas. Diese von einigen weiteren Zeugen bestätigte Geschichte (siehe Ruinart, Historiaa persecutionis Vandalicae, p. 420f.) passt durchaus zu den Gepflogenheiten antiker und gegenwärtiger Höfe und mochte naturgemäß durch die Reue des Bonifatius entdeckt werden. , Bonifatius aus seinem Regierungsamt in Afrika abzuberufen; heimlich gab er Bonifatius den Rat, der kaiserlichen Verfügung nicht zu gehorsamen: dem einen stellte er den Marschbefehl als Todesurteil dar; der anderen wusste er die Weigerung als Signal zum Aufstand auszulegen; und als der nichtsahnende und leichtgläubige comes die Provinz zu seiner Verteidigung unter Waffen gestellt hatte, beglückwünschte sich Aëtius zu seinem Scharfsinn, eine Rebellion vorhergesehen zu haben, die er mit seiner Niedertracht überhaupt erst ins Leben gerufen hatte. Eine gut geführte Untersuchung hätte die wahren Beweggründe des Bonifatius an den Tag gebracht und dem Staat einen treuen Diener zurückgegeben; aber die Anschläge des Aëtius zeigten nach wie vor ihre Wirkung, und so griff der comes in seiner bedrängten Lage zu den allerbedenklichsten Auskunftsmitteln. Er hatte die ersten Angriffe mit Erfolg zurückgeworfen, aber er gab sich nicht der leeren Hoffnung hin, er könne an der Spitze von einem Haufen ungeordneter Afrikaner den regulären Streitkräften Paroli bieten, zumal sie unter dem Kommando eines Gegners standen, dessen militärische Kompetenz er nichts weniger als gering schätzen durfte. Nach einigem Zögern, dem letzten Ringen zwischen Vernunft und Treue, schickte Bonifatius einen zuverlässigen Freund an den Hof, oder besser: in das Heerlager von Gunderich, des Vandalenkönigs, mit dem Vorschlag für eine unbedingte Allianz und dem Angebot zu einem günstigen und dauernden Siedlungsrecht.   BONIFATIUS RUFT DIE VANDALEN · A.D. 428 Nach dem Rückzug der Goten aus Spanien hatte sich die Autorität des Honorius vorübergehend erneuert; ausgenommen war nur Galizien, wo die Sueben und Vandalen ihre Heerlager wegen ihres gegenseitigen Misstrauens und ihrer neidvoll beobachteten Unabhängigkeit aufgebaut und befestigt hatten. Die Vandalen behielten die Oberhand; ihre Feinde wurden in dem Nervasischen Hügelland zwischen Leon und Oviedo belagert, bis der herannahende comes Asterius die siegreichen Barbaren veranlasste, den Kriegsschauplatz zu verlassen und die Baetische Ebene aufzusuchen. Der rasche Vormarsch der Vandalen machte schon bald ein entschiedeneres Entgegentreten erforderlich; und so zog ihnen der Heermeister Castinus mit einer großen Armee aus Römern und Goten entgegen. Jedoch: Castinus ward in dem Kampf gegen einen schwächeren Gegner besiegt und entfloh in Schande nach Tarragona; und seine unvergessene Niederlage wurde schon bald als die Strafe für seinen Dünkel angesehen, war aber wohl nur dessen Folge Siehe die Chroniken des Prosper Tiro und Hydatius. Salvianus (de gubernatione Dei 7) schrieb den Sieg der Vandalen ihrer größeren Frömmigkeit zu. Sie fasteten, beteten und trugen dem Heere eine Bibel voran, vermutlich in der Absicht, die Bösartigkeit und Gotteslästerlichkeit ihrer Feinde zu beschämen. . Sevilla und Carthagena gab es für die stürmischen Sieger zur Belohnung oder besser wohl: zur Beute, und die Schiffe, die sie im Hafen von Carthagena vorfanden, mochte sie wohl leicht nach Mallorca oder Minorca bringen, wo die spanischen Flüchtlinge etwas naiv ihre Familien und ihr Vermögen zu verbergen gehofft hatten. Diese Erfahrungen mit der Seefahrt und die Aussicht auf Afrika ermutigten die Vandalen indessen, die Einladung anzunehmen, die ihnen der comes Bonifatius hatte zukommen lassen; und der Tod des Gunderich beschleunigte und befeuerte nur dieses kühne Projekt.   GEISERICH, KÖNIG DER VANDALEN Nach einem Herrscher, der keiner überdurchschnittlichen geistigen oder körperlichen Begabungen verdächtig war, erhielten sie nun seinen Halbbruder, den fürchterlichen Geiserich ›Gizericus‹ (sein Name hat verschiedene Schreibarten) statura mediocris et equi casu claudicans, animo profundus, sermone rarus, luxuriae contemptor, ira turbidus, habendi cupidus, ad solicitandas gentes providentissimus, semina contentionum jacere, odia miscere paratus. Jornanes, de Rebus Geticis, c.33, p. 675. Diese kunstvoll gezeichnete und frappierend ähnliche Portrait ist wohl der Gotischen Geschichte des Cassiodor entlehnt. ; welcher Name sich im Zusammenhang mit dem Untergang des Römischen Reiches den gleichen schrecklichen Klang erworben hat wie Alarich oder Attila. Der Vandalenkönig war, wie wir lesen, von mittelgroßer Statur und schleppte den einen Fuß nach, den er sich bei einem Reitunfall verletzt hatte. Sein langsamer und abwägender Sprachduktus enthüllte nur selten die eigentlichen Absichten seiner Seele: er verschmähte es, den Luxus der Besiegten nachzuäffen; aber dafür gönnte er sich bedenklichere Leidenschaften, Zorn und Rache. Geiserichs Ehrgeiz kannte kein Ziel und keine Skrupel; und der Krieger verstand sich auf die finsteren Machenschaften der täuschend geübten Verstellung, um etwa den Verbündeten zu schmeicheln, die ihm bei seinen Unternehmungen nützlich sein mochten, oder um unter seinen Feinden tändelnd Missgunst und Zwietracht zu säen. Im Augenblick seiner Abfahrt hörte er davon, dass der Suebenkönig Hermanrich sich erkühnt hatte, die spanischen Länder zu plündern, die er – Geiserich – zu verlassen im Begriffe stand. Aufgebracht über diese Kränkung, verfolgte Geiserich die fliehenden Sueben bis nach Meridia; jagte den König und seine Armee in den Anas-Fluss und kehrte zufrieden an die Küste zurück, um seine siegreichen Truppen einzuschiffen. Die Boote, mit denen er die Vandalen über die heutige Straße von Gibraltar nach Afrika führte, stellten die Spanier zur Verfügung, die seine Abreise dringend herbeisehnten, sowie der afrikanische General, der sich diesen grässlichen Verbündeten ins Land gerufen hatte Siehe die Chronik des Hydatius. Dieser spanische Bischof und Zeitgenosse verlegt die Überfahrt der Vandalen in den Mai des Jahres 2444 nach Abraham (welches im Oktober beginnt). Dieses Datum, das A.D. 429 entspricht, wird auch von Isidor bestätigt, einem anderen spanischen Bischof, und es sollte ihm der Vorzug gegeben vor der Auffassung jener Autoren, welche eines der vorangegangenen Jahre für dieses Ereignis angenommen haben. Siehe Pagi, Critica, Band 2, p. 205ff. .   GEISERICH HÄLT HEERSCHAU A.D. 429 Unsere Phantasie, die sich schon lange an die gewaltigen kriegerischen Schwärme gewöhnt hat, die aus dem Norden herabgezogen kamen, wird vielleicht überrascht sein, wenn sie von der Größe des Heeres hört, die Geiserich an der Küste Mauretaniens musterte. Die Vandalen, die innerhalb von zwanzig Jahren von der Elbe zum Atlasgebirge vordrangen, waren unter dem Kommando ihres kriegserprobten Häuptlings vereint; und mit gleicher Autorität befehligte er auch über die Alanen, die innerhalb einer Generation von der Kälte Skythiens in die Gluthitze Afrikas gezogen waren. Die Aussichten, die dieses kühne Unternehmen in sich barg, hatten so manchen wackeren Goten belebt; und viele verzweifelte Provinzialen fühlten sich versucht, sich ihren Besitz auf die gleiche Weise zu zurück zu holen, auf die sie ihn verloren hatten. Aber diese buntscheckige Masse stellte nur knapp fünfzigtausend wehrfähige Männer; und wenn Geiserich auch seine zählbare Stärke künstlich vergrößerte, indem er achtzig chiliarchen oder Kommandeure über Tausend ernannte, konnte auch das trügerische Zählen von Alten, Kindern oder Sklaven die Zahl kaum auf achtzigtausend aufblähen Vergleiche Prokopios, de bello Vandalico 1,5 und Victor Vitensis, de persecutione Vandalico 1,1. Hydatius versichert uns, dass Geiserich Spanien verließ »cum Vandalis omnibus eorumque familiis.« (mit allen Vandalen und ihren Familien. Possidius (in der Vita Augustini 28,bei Ruinart, Historia, p. 427) schildert sein Heer als »magnus ingens immanium gentium Vandalorum et Alanorum, commixtam secum habens Gothorum gentem, aliarumque diversarum personas.« (gewaltig groß, aus den unmessbar großen Völkern der Vandalen und Alanen, untermischt mit Gothen und verschiedenem anderen Volk). . Aber seine Geschicklichkeit und die Streitigkeiten in Afrika mehrten die Stärke der Vandalen durch Zuzug zahlreicher waffenfähiger Verbündeter. Der Teil Mauretaniens, der an die Große Wüste und den Atlantik grenzt, war von einer halbwilden und unbezwingbaren Menschenrasse bewohnt, deren kühner Mut durch die Bedrohung durch Roms Waffen eher aufgebracht als bezähmt worden war.   DIE MAUREN Als sich die nomadischen Mauren Über die Sitten der Mauren siehe Prokopios (De bello Vandalico 2,6), über Gestalt und Hautfarbe Herr Buffon (Histoire naturelle, Band 3, p. 430) Prokopios sagt ganz allgemein, dass die Mauren sich den Vandalen anschlossen, noch bevor Valentinian gestorben war (De bello Vandalico 1,5); auch ist es wahrscheinlich, dass diese unabhängigen Stämme sich keinerlei politischen System unterwarfen. allmählich der Küste und dem Lager der Vandalen näherten, müssen sie nicht ohne Erschrecken und Erstaunen die Trachten, die Bewaffnung, den kriegerischen Stolz und die Waffentüchtigkeit der unbekannten Fremden wahrgenommen haben, die da an ihrer Küste gelandet waren; und die anmutige Gesichtsbildung der blauäugigen Germanenkrieger bildete einen auffälligen Kontrast mit dem schwärzlichen oder olivfarbigen Aussehen, das die Nachbarschaft zu der heißen Zone nun einmal mit sich bringt. Nachdem die ersten Probleme in gewissem Umfang behoben waren, die sich etwa aus der Unkenntnis der jeweils anderen Sprache ergaben, gingen die Mauren, unbekümmert um etwaige künftige Folgen, mit den Feinden Roms ein Bündnis ein; und eine Masse nackter Wilder eilte aus den Wäldern und Tälern des Atlasgebirges herzu, um Rache zu nehmen an den geleckten Tyrannen, die sie der naturgewollten Herrschaft über ihr eigenes Land beraubt hatten.   VERFOLGUNG DER DONATISTEN Die Verfolgung der Donatisten Siehe Tillemont, Mémoires ecclesiastiques, Band 13, p. 516 – 558; und in den Originaldukumenten, veröffentlicht von Dupin im Anhang seiner Optatus-Ausgabe, p. 323.515, den ganzen Verlauf der Verfolgung. war ein Ereignis, das den Plänen Geiserichs ebenfalls förderlich war. Siebzehn Jahre vor seiner Landung in Afrika hatte auf Anordnung des Magistrates in Karthago eine Konferenz stattgefunden. Die Katholiken waren davon überzeugt, dass die Halsstarrigkeit der Schismatiker nach den von ihnen vorgetragenen, unwiderlegbaren Gründen nunmehr unentschuldbar und vorsätzlich war, und der Kaiser Honorius fand sich bereit, die schwersten Strafen über eine Faktion zu verhängen, die so lange seine Geduld und Milde missbraucht hatte. So wurden denn dreihundert Bischöfe Auf der Konferenz von Karthago waren 279 donatistische Bischöfe anwesend; und sie versicherten, dass es ihrer nicht weniger als vierhundert seien. Die Katholiken kamen auf 286 anwesende, und 120 abwesende Bischöfe sowie vierundsechzig verwaisten Diözesen. und viele Tausend vom niederen Klerus aus ihrer Kirche verstoßen, bei gleichzeitiger Beschlagnahme des Kirchenbesitzes auf Inseln verbannt und die Proskription angedroht, falls es ihnen einfallen sollte, sich in Afrika verborgen zu halten. Ihren zahlreichen Anhängern wurden in Stadt und Land die Bürgerrechte aberkannt und die Religionsausübung untersagt. Ein regelrechter Strafgeld-Katalog von zehn bis zweihundert Pfund Silber wurde mit Genauigkeit aufgezeichnet, um je nach Rang und Besitz das Verbrechen zu bestrafen, das die Anwesenheit auf einem schismatischen Konventikel darstellte; und war auch die fünfmalige Verhängung des Bußgeldes ungeeignet, die Widersetzlichkeit des Gesetzesbrechers zu brechen, wurde die Sache an den Kaiserhof weitergereicht Der 5. Titel des 16. Buches des Codex Theodosianus enthält eine Reihe von kaiserlichen Gesetzen gegen die Donatisten aus den Jahren 400 bis 428. Von diesen ist das 54. Gesetz, das Honorius A.D. 514 promulgierte, das strengste und wirkmächtigste. . Durch dieses strenge Vorgehen, das übrigens den wärmsten Beifall von St. Augustinus St. Augustin änderte allerdings seine Auffassung bezüglich der angemessenen Behandlung von Häretikern. Seine leidenschaftliche Beschwörung von Mitleid und Nachsicht für die Manichaeer hat Herr Locke (Band 3, p. 469) als Musterbeispiel in seine Sammlung gelehrter Auszüge aufgenommen. Ein anderer Philosoph, der berühmte Bayle (Band 2, p. 445 – 469, hat mit überbordendem Scharfsinn und Witz die Argumente zerpflückt, mit denen der Bischof von Hippo in seinen alten Tagen die Verfolgung der Donatisten zu rechtfertigen suchte. fand, wurden sehr viele Donatisten der katholischen Kirche wieder zugeführt; aber die Fanatiker, die bei ihrem Irrtum verharrten, wurden in den Wahnsinn und zur Verzweiflung getrieben; Aufruhr und Blutvergießen im Lande ringsum; die bewaffneten Circumcellionen gingen mit äußerster Brutalität abwechselnd gegen sich selbst oder gegen die Feind vor; und der Märtyrerkalender ward auf beiden Seiten immer umfänglicher Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 13, p. 586 – 592, 806. Die Donatisten rühmten sich tausender solcher freiwilligen Märtyrer. Augustinus behauptet, vermutlich mit Recht, das diese Zahlen gewaltig übertrieben seien; aber er beharrt mit Nachdruck darauf, dass es besser sei, wenn ›einige‹ sich auf dieser Welt selbst verbrannten, als dass ›alle‹ in den Flammen der Hölle verbrennen sollten. . Unter diesen Bedingungen nun erwies sich Geiserich, ein Christ zwar, aber ein Feind der Orthodoxie, den Donatisten in ihrer Bedrängnis als hochwillkommener Verbündeter, von dem sie zu Recht eine Aufhebung der verhassten und bedrückenden kaiserlichen Edikte Nach Augustinus und Theodoretos neigten die Donatisten den Grundsätzen oder doch wenigstens der Partei der Arianer zu, die auch Geiserich unterstützten. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 6, p. 68. erwarten durften. Jedenfalls wurde die Eroberung Afrikas durch die offene Glaubensbegeisterung oder durch heimliche Begünstigung der Donatisten erleichtert; die willkürlichen Übergriffe auf Kirche und Klerus, die man gerne den Vandalen vorhält, gingen wohl überwiegend auf das Konto des Fanatismus ihrer Verbündeten; und der Geist der Intoleranz, der den Sieg des Christentums verdunkelt hatte, leistete auch einen wesentlichen Beitrag zum Verlust dieser wichtigsten Provinz des Westens Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 428, Nr. 7 und A.D. 439, Nr. 35. Der Kardinal, der die Ursachen für historische Ereignisse eher im Himmel als hienieden zu suchen geneigt ist, hat gleichwohl die enge Beziehung zwischen Donatisten und Vandalen wahrgenommen. Unter der Barbarenherrschaft erfreute sich das afrikanische Schisma jedenfalls einer hundertjährigen Ruhezeit; an dessen Ende wir dann wieder im Lichte kaiserlicher Verfolgung seine Spur aufnehmen werden. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 6, p. 192. .   BONIFATIUS' SPÄTE REUE Mit Erstaunen nahmen der Hof und die Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass ein so verdienstvoller, getreuer Held plötzlich seine Gefolgschaft aufgekündigt und die Barbaren nachgerade eingeladen hatte, die seinem Kommando anvertraute Provinz zu zerstören. Die Freunde des Bonifatius, die immer noch glaubten, dass sein kriminelles Verhalten durch irgendwelche achtbaren Motive zu entschuldigen seien, baten während der Abwesenheit des Aëtius um die Möglichkeit zu einem Gespräch mit dem comes von Afrika, und Darius, ein allgemein angesehener General, wurde für diese wichtige Mission bestimmt In einem persönlichen Brief ermahnte St. Augustinus, ohne nach den Hintergründen des Streites zu fragen, mit frommen Worten den comes Bonifatius, seine Pflicht als Christenmensch und Untertan zu erfüllen; sich ohne Verzug seiner heiklen und schuldbeladenen Stellung zu begeben, und, das Einverständnis seines Weibes vorausgesetzt, ein Leben in Ehelosigkeit und Buße zu führen. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 13, p. 890. Der Bischof war ein enger Freund von Darius, dem Unterhändler des Friedens. . Beim ersten Treffen in Karthago wurden die angeblichen gegenseitigen Provokationen untersucht; man zeigte und verglich die Briefe des Aëtius; das Lügengebäude fiel zusammen. Placidia und Bonifatius beweinten ihren verhängnisvollen Irrtum; und der comes besaß genug Größe, der Milde seiner Herrin zu vertrauen oder ihren künftigen Zorn seinen Kopf darzubieten. Seine Reue war heftig und aufrichtig; aber schon bald gewahrte er, dass es nicht mehr in seiner Macht lag, das Gebäude zu stützen, an dessen Grundfesten er gerüttelt hatte. Karthago und die römischen Garnisonen kehrten unter Valentinians Kommando zurück; aber das übrige Afrika wurde weiterhin von Krieg und Bürgerkrieg heimgesucht; und der felsenharte König der Vandalen wies alle Friedensangebote zurück und weigerte sich mit Nachdruck, die Beute, die er nun einmal gemacht hatte, herauszugeben. Die Veteranen des Bonifatius und die hastig ausgehobenen Provinzialtruppen wurden aufgerieben; siegreich plünderten die Barbaren das offene Land: Karthago, Cirta und Hippo Regius waren die einzigen Städte, die diese allgemeine Sturmflut noch nicht verschlungen hätte   AFRIKA VERWÜSTET In dem langgestreckten, schmalen Küstenstreifen Afrikas fanden sich ungezählte Monumente römischer Kunstfertigkeit und Größe; und das Ausmaß der Verfeinerung lässt sich mit Genauigkeit an der Entfernung von Karthago und der Mittelmeerküste ablesen. Eine einfache Überlegung wird jeden, der denken will, eine deutliche Vorstellung von der Fruchtbarkeit und Kultur jenes Landstriches vermitteln: die Provinz war äußerst dicht besiedelt; die Einwohner behielten zu ihre eigenem Gebrauch ansehnliche Vorräte zurück; und doch waren die jährlichen Getreidelieferungen, namentlich der Weizenexport, derart zuverlässig und üppig, dass Afrika die Kornkammer Roms und der Menschheit genannt wurde. Und nun wurden die sieben fruchtbaren Provinzen von Tanger bis nach Tripolis von den Vandalen in einem Sturmlauf überrannt; deren Zerstörungswut vielleicht von der populären Abneigung, von religiösem Eifer und Hetzreden übertrieben dargestellt wurde. Auch in seiner erträglichsten Form ist Krieg eine beständige Schändung von Humanität und Recht; und die Feindseligkeit der Barbaren wurden noch gesteigert durch die Bereitschaft zu Gewalt und Gesetzlosigkeit, die sie in ihrer Heimat immer wieder erfahren und geübt hatten. Wo die Vandalen Widerstand erfuhren, wurde Quartier nur selten gegeben; und der Tod ihrer Landsleute ließ sich nur durch den Untergang der Städte rächen, vor deren Mauern sie gefallen waren. Ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht oder Stellung wandten sie jede Art von Druck und Folter aus, um von den Gefangenen die Verstecke ihrer Schätze zu erpressen. Die brutale Politik des Geiserich rechtfertigte diese häufigen Verheerungen: weder war er der Herr seiner eigenen Leidenschaften noch der seiner Gefolgsleute; und zusätzlich wurden die Nöte der Krieges verschärft durch die Bösartigkeit der Mauren und den Fanatismus der Donatisten. Aber nur schwer kann ich mich davon überzeugen, dass es geübte Praxis bei den Vandalen gewesen sein soll, die Oliven- und andere fruchttragende Bäume auszureißen in einem Lande, dass sie zu besiedeln vorhatten; auch mag ich es nicht glauben, dass es ein übliches Vorgehen war, Massen von Gefangenen vor den Mauern belagerter Städte hinzuschlachten zu dem einzigen Zweck, die Luft mit Pestilenz zu vergiften, deren erstes Opfer doch notwendig sie selbst gewesen wären Zeitgenössische Klagen über die Not Afrikas findet man: 1: In einem Brief von Capreolus, dem Bischof von Karthago, um sein Fernbleiben vom Konzil zu Ephesus zu entschuldigen (Ruinart, Historia persecutionis Vandalicae, p. 429). 2: In der Lebensbeschreibung des Augustinus von seinem Freund Possidius (Ruinart, p. 429). 3: In der Geschichte der Verfolgung duch die Vandalen von Victor Vitensis (1,1 – 3). Dieses zuletzt gezeichnete Gemälde, das 60 Jahre nach dem Ereignis entstand, besticht eher durch des Verfassers Leidenschaft als durch Wahrheit. .   BELAGERUNG VON HIPPO REGIUS MAI 430 Des comes Bonifatius große Seele konnte sich nun entsetzen beim Anblick der Verheerungen, zu denen er Anlass gegeben hatte und deren raschem Vordringen zu wehren er mittlerweile außerstande war. Nach der verlorenen Schlacht floh er nach Hippo Regius; wo er übergangslos von einem Feinde belagert wurde, der in ihm das eigentliche Bollwerk Afrikas sah. Die Pflanzstadt Hippo See Cellarius, Geographia Antiqua, Band 2, Teil 2, p. 112. Leo Africanus in Ramusio, Navigationi, Band1, Blatt 70; L'Afrique de Marmol, Band 2, p. 434 und 437. Shaw, Travels, p. 46 – 47. Das alte Hippo Regius wurde im VII Jhdt. von den Arabern zerstört; aber in einer Entfernung von zwei Meilen wurde aus den Trümmergestein eine neue Stadt errichtet, und im XVI Jhd lebten in ihr etwa dreihundert fleißige, wenngleich streitlüsterne Handwerkerfamilien. Die umliegende Landschaft wird gerühmt wegen ihrer gesunden Luft, ihres fruchtbaren Bodens und ihrem Überfluss an delikatem Obstsorten. , etwa zweihundert Meilen westlich von Karthago, hatte in früheren Zeiten das ehrende Epitheton Regius erhalten, da hier die numidischen Könige residierten; und einige Spuren von früherer Bevölkerungsgröße und von Reichtum finden sich auch in der modernen Stadt, welche in Europa unter dem verderbten Namen Bona bekannt ist. Die militärischen Anstrengungen und sorgenvollen Grübeleien wurden durch die erbaulichen Gespräche mit seinem Freunde St. Augustinus Tillemonts Lebensbeschreibung von St. Augustinus füllt eine Quartband (den 13.) von mehr als eintausend Seiten; der Forschungseifer dieses gelehrten Jansenisten bewährte sich an diesem Gegenstand, als er mit Parteilichkeit und Glaubenseifer dem Stifter seiner Sekte ein Denkmal setzte. entlastet; bis dann dieser Bischof, Zierde und Stützpfeiler der katholischen Kirche, im dritten Monat der Belagerung und im sechsundsiebzigsten Lebensjahre von der gegenwärtigen und künftigen Notlage seines Landes sanft erlöst wurde.   TOD DES HL. AUGUSTINUS 28. AUGUST 430 Die Jugend des Augustinus wurde von den Verfehlungen und Irrtümern überdunkelt, zu welchen er sich so ausführlich bekennt; aber von dem Augenblick seiner Bekehrung bis zu seinem Tode waren die Aufführungen des Bischofs von Hippo rein und lauter; und die auffälligste unter seinen Tugenden war sein glühender Eifer gegen Häretiker jedweder Richtung: die Manichäer, die Donatisten und die Pelagianer, gegen die er in beständiger Fehde lag. Als die Stadt ein paar Monate nach seinem Tode von den Vandalen angezündet wurde, blieb die Bibliothek mit seinem gewaltigen schriftlichen Nachlass glücklicherweise verschont: zweihundertundzweiunddreißig verschiedene Bücher zu theologischen Gegenständen, dazu eine vollständige Auslegung der Evangelien und der Psalter sowie eine vielumfassende Sammlung von Predigttexten und Briefen Dies zumindest ist die Schätzung von Victor Vitensis, de persecutio Vandalico 1,3; während Gennadius Zweifel äußert, ob irgend ein Mensch alle Schriften des Augustinus gelesen oder wenigstens gesammelt habe (siehe Hieronymus, de viris illustribus. Opera, Band 1, p. 319). Wiederholt wurden sie verlegt; und Dupin (Bibliotheque ecclésiastique, Band 3, p. 158 – 257) hat uns eine große und zufrieden stellende Epitome von ihnen geschenkt, die sich an der letzten Ausgabe der Benediktiner orientiert. Meine persönliche Bekanntschaft mit dem Bischof von Hippo geht nicht über die ›Bekenntnisse‹ und den ›Gottesstaat‹ hinaus. . Folgt man dem Urteil der meisten unparteiischen Gelehrten, dann beschränkte sich die stupende Gelehrsamkeit des Augustinus auf die lateinische Sprache In seiner frühen Jugend (Confessiones 1,14) gefiel Augustinus das Studium des Griechischen nicht, und so vernachlässigte er es; er bekennt offen, dass er die Platoniker in einer lateinischen Übersetzung studiert habe. Einige gegenwärtige Gelehrte meinen, dass seine Unkenntnis des Griechischen ihn zur Auslegung der Heiligen Schriften disqualifiziere, und dass Cicero und Quintilian von einem Rhetorikprofessor die Kenntnis dieser Sprache würden gefordert haben. ; und sein Stil, den zuweilen eine Beredsamkeit beseelt, zu der nur die Leidenschaft fähig ist, wird durchgängig durch falsche und gekünstelte Rhetorik verdunkelt. Aber er besaß einen starken, weitgreifenden und streitbaren Verstand; kühn tauchte er in die dunklen Tiefen der Gnade, der Prädestination, der Willensfreiheit und der Erbsünde; und das feste Bauwerk des Christentums, das er errichtete oder erneuerte Diese Fragen wurden in den Zeiten zwischen St. Paulus und St. Augustinus nur wenig diskutiert. Mir ist bekannt, dass die griechischen Kirchenväter die natürlichen Ansichten der Semi-Pelagianer beibehalten haben und die Orthodoxie eines St. Augustinus sich von der Schule der Manichäer herleitet. , wurde mit öffentlichem Beifall Rom hat Augustinus kanonisiert und Calvin verdammt. Da aber der wahre Unterschied zwischen beiden selbst unter dem theologischen Mikroskop unsichtbar bleibt, werden die Molinisten von des Heiligen Autorität niedergebeugt, und die Jansenisten sind in Ungnade wegen ihrer Nähe zu den Ketzern. Mittlerweile stehen die protestantischen Arminianer abseits und spötteln der Ratlosigkeit der Disputanten. (Siehe den lesenswerten Überblick zu dieser Kontroverse bei Le Clerc, Bibliothèque universelle, Band 14, p. 144 – 398) Dafür möchte ein unabhängiger Geist sich seinerseits über die arminianischen Römerbrief-Kommentare mokieren. und heimlicher Ablehnung von der katholischen Kirche angenommen.   NIEDERLAGE DES BONIFATIUS A.D. 431 Dank der Tüchtigkeit des Bonifatius und wohl auch wegen der Dummheit der Vandalen zog sich die Belagerung von Hippo über vierzehn Monate in die Länge; die See war jederzeit zugänglich, und als das umliegende Land infolge der Raubzüge ausgeplündert war, nötigte der Hunger die Belagerer, ihr Unternehmen zu überdenken. Auch der Herrscher des Westens war sich der Bedeutung und der Gefahr Afrikas deutlich bewusst. Placidia erflehte die Hilfe ihrer östlichen Verbündeten; und die italienische Flotte und Armee wurde von Aspar verstärkt, der mit großer Truppenmacht aus Konstantinopel abgesegelt war. Sobald beider Reiche Macht vereint war, marschierte Bonifatius mutig den Vandalen entgegen; und die Niederlage in der zweiten Schlacht besiegelte Afrikas Schicksal endgültig. In jagender Verzweiflung begab er sich an Bord und überließ es dem Volk von Hippo, die Plätze der Soldaten einzunehmen, die zum größten Teile gefallen oder von den Vandalen gefangen gesetzt waren. Der comes, dessen fatale Leichtgläubigkeit die Republik ins Mark getroffen hatte, mochte den Palast von Ravenna mit einiger Beklemmung betreten haben, die aber durch Placidias Lächeln schon bald gegenstandslos wurden. Bonifatius nahm dankbar den Rang eines patricius und die Würde eines Heermeisters der römischen Armee an; aber ganz gewiss errötete er über dem Anblick einer Medaille, auf der er mit dem Namen und den Attributen des Sieges dargestellt wurde Du Cange, Familiae Byzantinae p. 67. Auf der einen Seite der Kopf von Valentinian; auf der Rückseite Bonifatius auf dem Triumphwagen und von vier Pferden gezogen (auf einer anderen Medaille von vier Edelhirschen), mit der Peitsche in einer und einem Palmzweig in der anderen Hand: was für ein Fehlgriff! Ich bezweifle, ob es noch ein Beispiel dafür gibt, dass der Kopf eines Untertanen auf der Rückseite einer kaiserlichen Medaille abgebildet wird. Siehe Pater Jobert, Science des medailles, Band 1, p. 132 – 150. . Die Entdeckung des an ihm geübten Betruges, das Missvergnügen der Kaiserin und der steile Karrieresprung seines Rivalen schreckten die hochfahrende und treulose Seele des Aëtius auf. Mit einem Anhang oder besser: einer Armee ausländischer Gefolgsleute kehrte er in Eile aus Gallien nach Italien zurück; und derart schwach war die Regierung, dass die beiden Generäle ihren privaten Streit in einer blutigen Schlacht austragen konnten. Bonifatius obsiegte; aber er empfing in dem Gefecht eine Wunde von einem gegnerischen Speer, der er nach einigen Tagen erlag; in solch christlicher und versöhnlicher Stimmung übrigens, dass er seinem Weibe, einer reichen spanischen Erbin anempfahl, Aëtius als zweiten Gatten anzunehmen. Aber Aëtius war außerstande, aus der Generosität seines sterbenden Gegners den nahe liegenden Vorteil zu schlagen; Placidias Gerechtigkeit erklärte ihn zum Rebellen, und obgleich er versuchte, einige starke Festungen auf seinen väterlichen Erblanden zu verteidigen, nötigte ihn die kaiserliche Macht, sich nach Pannonien in das Gezelte der treuen Hunnen zurück zu ziehen. Infolge ihrer gegenseitigen Abneigung sah sich die Republik der Dienste ihrer beiden besten Feldherren beraubt Prokopios (De bello Vandalico 1,3) verfolgt das Schicksal des Bonifatius nicht weiter als bis zu seiner Rückkehr nach Italien. Sein Tod wird bei Prosper und Marcellus erwähnt; die Bemerkung des Letzteren, dass Aëtius sich am Tage zuvor mit einem längeren Speer versehen habe, legt den Gedanken an so etwas wie ein regelrechtes Duell nahe. .   WEITERES VORRÜCKEN DER VANDALEN IN AFRIKA A.D. 431 – 439 Man könnte nun erwarten, dass nach Bonifatius' Rückzug aus Afrika die Vandalen ohne weiteren Verzug oder Widerstand die Eroberung Afrikas abschließen würden. Indessen: von der Räumung Hippos bis zur Eroberung Karthagos vergingen noch acht Jahre. In dieser Zeit handelte der ehrgeizige Geiserich, der sich auf dem Zenit seiner Macht befand, einen Friedensvertrag aus, der ihn sogar nötigte, seinen Sohn Hunnerich als Geisel zu stellen und der dem Kaiser des Westens die uneingeschränkte Herrschaft über die drei Mauretanien zusicherte Prokopios, De bello Vandalico 1,4. Valentinian erließ einige menschenfreundliche Gesetze, das Los seiner numidischen und maurischen Untertanen zu erleichtern; er erließ ihnen ihre Schulden, minderte ihre Steuern auf ein Achtel und gab ihnen Einspruchsrecht gegen die Magistratsentscheidungen ihrer Provinz beim Präfekten Roms. Codex Theodosianus, Band 4, Novellae, p. 11f. . Diese Bescheidenheit, die wir unmöglich seinem Gerechtigkeitsgefühl in Rechnung stellen können, ist vielmehr eine Frucht der Politik des Eroberers. Sein Thron war von Feinden umdrängt, die ihm seine niedere Herkunft übel anrechneten und die rechtmäßigen Ansprüche seiner Neffen, der Söhne Gonderichs betonten. Diese Neffen indes opferte er seinem Sicherheitsbedürfnis; auch ihre Mutter, die Witwe des verstorbene Königs, wurde auf sein Geheiß in den Fluss Ampsaga geworfen. Aber die öffentliche Verdrossenheit schwelte weiter und führte zu häufigen und gefährlichen Verschwörungen; und dies wird dem kriegslüsternen Tyrannen nachgesagt: dass er mehr Vandalen-Blut durch Henkershand als auf dem Schlachtfeld vergossen habe Victor Vitensis, de persecutioneVandalico 2,5. Die Grausamkeiten Geiserichs an seinen Untertanen sind in der Chronik Prosper Tiros, A.D. 442, eindrucksvoll beschrieben. . Die Agonie Afrikas, das ihn zum Angriff geladen hatte, machte ihm die Etablierung eines festen Regimentes unmöglich, und die verschiedenen Erhebungen der Mauren und Germanen, der Donatisten und Katholiken erschütterten oder bedrohten in einem fort die wenig gefestigte Stellung des Siegers. Als er auf Karthago marschierte, musste er seine Truppen aus den westlichen Provinzen abziehen: prompt sah die Küste sich den Landungsunternehmen der Römer aus Spanien und Italien ausgesetzt; und im Herzen Numidiens behauptete die wohlbefestigte Stadt in eigensinniger Unabhängigkeit Possidius in seiner Vita Augustini 28, bei Ruinart, de persecutione Vandalico, p. 428. . Diese Probleme wurden nach und nach durch Geiserichs Hartnäckigkeit und Grausamkeit niedergedrückt, indem er abwechselnd Kriegs- und diplomatische Künste zur Festigung seiner afrikanischen Herrschaft bemühte. Er unterzeichnete einen Vertrag in der Hoffnung, aus dessen Beobachtung Vorteile zu gewinnen wie aus dessen zeitlich passender Verletzung. Die Wachsamkeit seiner Feinde schläferte er ein durch Gesten der Freundschaft, mit denen er seine feindliche Beschleichung verbarg; und endlich wurde Karthago von den Vandalen überrascht, fünfhundertundfünfundachtzig Jahre nach der Zerstörung der Stadt durch den jüngeren Scipio Siehe die Chroniken von Hydatius, Isidor, Prosper Tiro und Marcellinus. Sie nennen zwar dasselbe Jahr, aber unterschiedliche Tage für den Überfall auf Karthago. .   KARTHAGO ÜBERRUMPELT – 9. OKTOBER 439 Eine neue Stadt war aus den Ruinen des alten Karthago entstanden, und wenn diese Kolonie auch an die königlichen Prärogative Konstantinopels, die Handelsmacht von Alexandria oder den Glanz Antiochias nicht heranreichte, galt sie doch als die zweitgrößte Stadt des Westens; als das Rom Afrikas (wenn wir denn einen Zeitgenössischen Vergleich aufgreifen dürfen). Die reiche und luxusträchtige Stadt Die Beschreibung Karthagos, wie es im IV und V Jhdt blühte, beruht auf: Expositio totius Mundi, p. 17, 18; im 3. Band von Hudson, Minor Geographiae scriptores minores; Ausonius, de Claris Urbibus, p. 228, 229; und vornehmlich von Salvianus, de Gubernatione Dei 7, p. 257, 258. Mich erstaunt, dass die Notitia für Karthago weder eine Münzstätte noch ein Arsenal verzeichnet, sondern nur ein gynecaeum, ein Frauen-Arbeitshaus. gab sich, ob sie gleich abhängig war, das Ansehen eines blühenden Staatswesens. In Karthago versammelte sich der Gewerbefleiß, die militärische Macht und der Wohlstand der sechs Provinzen. Eine festgelegte Rangfolge bürgerlicher Ehrenstellen führte von Straßen- und Stadtviertel-Wart bis in den obersten Magistrat, welcher (versehen mit dem Titel eines Prokonsuls) den Rang und die Bedeutung eines Konsuls aus der Zeit der römischen Republik innehatte. Schulen und gymnasia standen zur Erziehung der heranwachsenden Jugend bereit, und die freien Künste, Grammatik, Rhetorik und Philosophie wurden in griechischer und lateinischer Sprache öffentlich gelehrt. Einzigartig waren die Gebäude Karthagos; inmitten der Stadt wurde ein schattiger Hain angelegt; der neue Hafen, ein sicherer und geräumiger Anlegeplatz, stand dem Erwerbssinn der Bürger und der Fremden bereit; und die großartigen Circusspiele wurde wurden sozusagen in Sichtweite der Barbaren aufgeführt. Das Ansehen Karthagos kam dem ihres Landes nicht gleich, und »punische Treue« war immer noch konstitutiv für ihren verschlagenen und treulosen Charakter Der anonyme Autor der Expositio totius mundi vergleicht in seinem durchgängig barbarischen Latein Land und Leute; und fährt nach einem Tadel wegen ihrer mangelnden Treue unterkühlt fort (p. 18): »Difficile autem inter eos inventitur bonus, tamen in multis pauci boni esse possunt.« (Ist aber schwierig, dass unter ihnen ein Guter gefunden wird, trotzdem können unter Vielen ein paar Gute sein.) . Die Gebräuche des Handels und der Luxus hatten sie korrumpiert; und so waren ihre höhnische Verachtung des Mönchswesens und die Schamlosigkeit, mit der sie widernatürliche Unzucht übten, die beiden Steine, an denen sich der fromme Eifer von Salvian, des Predigers jener Zeit, besonders heftig stieß Er verkündet, dass die schlimmsten Laster eines jeden Landes sich in Karthago, dieser Senkgrube, vereinigt fänden. (De gubernatione 7,74). Die Pflege ihrer Laster sei für die Afrikaner vornehmlich ein Nachweis männlicher Tugend. » Et illi se magis virilis fortitudinis esse crederent, qui maxime viros feminei usus probrositate fregissent.« (Und jene glauben, sie seien im Besitze größerer Männlichkeit, da sie Männer überwältigten und sie schandbar als Frauen missbrauchten) (7,87). Die Straßen von Karthago seien von abartigen Lüstlingen verschmutzt, welche in aller Öffentlichkeit das Gebaren, die Kleidung und das Aussehen von Weibern annahmen. (7,83). Lasse sich ein Mönch in der Stadt blicken, dann setze man dem Heiligen mit » detestantibus ridentibus cachinnis.« (mit grölendem Hohngelächter) zu. (8,22) . Der König der Vandalen kurierte alle diese Leiden des üppigen Volkes; und die alte, ehrwürdige, großartige Freiheit Karthago (Victor benutzt diese Ausdrücke nicht ohne Feuer) wurde unter Geiserich zu einer elenden Knechtschaft. Nachdem er seinen beutelüsternen Truppen erlaubt hatte, sich an der Stadt Schadens zu erholen, führte er ein geordneteres Raub- und Unterdrückungssystem ein. Ein Erlass ging in die Welt, welcher alle Personen aufforderte, ohne Verzug und Trug alles Gold, Silber und alle Juwelen und Einrichtungen von Wert den königlichen Beamten abzuliefern; der Versuch, auch nur ein einziges Stück von ihrem Erbe zu verhehlen, sollte als ein Akt des Hochverrates gegen den Staat unnachsichtig mit Folter und Tod bestraft werden. Das Land dieser prokonsularischen Provinz, die den unmittelbaren Bezirk Karthagos bildete, wurde vermessen und unter die Barbaren aufgeteilt; und der Sieger sparte für seine höchsteigene Person die fruchtbaren Ländereien von Byzacium und die anliegenden Teile Numidiens und Gaetulias auf Vergleiche Prokopios, de bello Vandalico 1,5 und Victor Vitensis, de persecutione Vandalico 1,4. .   FLÜCHTLINGE UND GEFANGENE Es war nur natürlich, dass Geiserich alle die hasste, denen er soviel Unrecht getan hatte; dem Adel und den Senatoren Karthagos widmete er seine ganze Eifersucht und Verachtung; und alle, denen ihre Selbstachtung und religiöse Überzeugung verboten, sich auf diese demütigenden Bedingungen einzulassen, zwang der Tyrann mit der arianischen Gesinnung zu lebenslänglichem Exil. In Rom, Italien und den Provinzen drängten sich die Exilierten und Flüchtlinge, die das Mitleid der Öffentlichkeit erflehten; und die Empfehlungsschreiben des Theodoret haben uns die Namen und das missgünstige Schicksal von Caelestian und Maria überliefert Ruinart (Acta sincera, p. 444–457) hat aus Theodoretos und anderen Autoren die echten und die erdichteten Kalamitäten der Karthager zusammengetragen. . Der syrische Bischof beklagt das Schicksal von Caelestian, der seine Stellung als wohlhabender und angesehener Senator Karthagos eingebüßt hatte und nunmehr genötigt sei, zusammen mit seinem Weib, seinen Kindern und seinen Sklaven sein Brot in fremdem Lande zu erbetteln. Zugleich aber lobt er die Unterwerfung unter dieses Exil und die philosophische Gesinnung, welches aus solcher Notlage mehr wahre Glückseligkeit zu schöpfen imstande sei als aus dem üblichen Anteil an Wohlstand und Reichtum. Die Geschichte von Maria, der Tochter des Eudaimon, ist einzig und von großem Interesse. Nach der Verwüstung Karthagos hatten einige syrische Kaufleute sie von den Vandalen erstanden und kurz darauf in ihrer Heimat als Sklavin verkauft. Eine weibliche Bedienstete, welche in demselben Schiffe fortgebracht und an dieselbe Familie verkauft wurde, fuhr fort, ihren Respekt der Frau zu erweisen, die das Schicksal in diese Sklaverei gestoßen habe; und so empfing die Tochter des Eudaimon von dieser getreuen Seele aus Anhänglichkeit diejenigen Dienste, die sie ihr einst aus Gehorsam erwiesen hatte. Dieses Auftreten machte Marias Lage weniger drückend, bis sie endlich in Abwesenheit des Bischofs Cyrrhus durch die Großzügigkeit einiger Garnisonssoldaten aus der Sklaverei erlöst wurde. Theodoret sorgte für ein anständiges Auskommen, und zehn Monate war sie unter den Diakonissinen der Kirche; bis sie die unerwartete Nachricht erhielt, dass ihr Vater dem Untergang Karthagos entkommen sei und in einer der westlichen Provinzen ein ehrenhaftes Amt bekleide. Ihre Ungeduld als Tochter befeuerte der fromme Bischof; in einem – noch heute existierenden – Brief empfiehlt Theodoret Maria dem Bischof von Aegae, einer Küstenstadt Kilikiens, welche während der jährlichen Messe von zahlreichen Schiffen aus dem Westen aufgesucht wurde, und ermahnt den Kollegen dringend, er möge die Jungfrau mit der ihrer Geburt angemessenen Aufmerksamkeit behandeln und sie der Fürsorge solcher Kaufleute anvertrauen, deren Redlichkeit hinreichende Gewähr dafür biete, dass die Tochter, die menschliche Hoffnung bereits aufgegeben habe, ihren weinenden Eltern zurückgegeben werde.   DIE LEGENDE VON DEN SIEBEN SCHLÄFERN Unter den ansonsten recht geschmacksarmen Fabeln der Kirchengeschichte würde ich an dieser Stelle gerne die erzählenswerte Legende von den SIEBEN SCHLÄFERN hervorheben Eine Auswahl von fabulösen Begleitumstände hilft nicht weiter; ich für meine Person habe mich auf die Erzählung beschränkt, die Gregor von Tours aus dem Syrischen übertragen hat (De Gloria Martyrum 1,95, in der Maxima Bibliotheca patrum, Band 11, p. 856), auf die griechischen Prozessakten zu ihrem Martyrium (bei Photios p. 1400f) und auf die Annalen des Patriarchen Eutychius. (Band 1, p.391, 531f. und 535). , deren fiktive Lebensdaten mit der Regierung von Theodosius dem Jüngeren zusammenfallen sowie mit der Eroberung Afrikas durch die Vandalen. Als der Kaiser Decius die Christen verfolgte, nahmen sieben junge Männer von Adel in einer geräumigen Höhle des unfern von Ephesos liegenden Gebirges ihre Zuflucht; wo sie nach dem Willen des Tyrannen zugrunde gehen sollten und folglich die Anordnung gab, dass der Eingang mit einem Haufen von mächtigen Steine zugemauert werden sollte. Die Sieben fielen augenblicklich in einen tiefen Schlummer, der dann auf wunderbare Weise und ohne Rücksicht auf die Lebensgesetze auf einhundertundsiebenundachtzig Jahre verlängert wurde. Am Ende dieser Frist entfernten die Sklaven des Adolius, der inzwischen diesen Berg geerbt hatte, die Steine, da sie Material für irgendein ländliches Bauvorhaben benötigten; das Sonnenlicht fiel in die Höhle, und den Sieben wurde es gegeben zu erwachen. Nach einem, wie sie wohl meinten, Schlaf von ein paar Stunden meldete sich der Hunger; man beschloss, dass Jamblichus, einer der Ihren, sich heimlich in die Stadt begeben sollte, um für seine Gefährten Brot zu kaufen. Der junge Mann (wenn denn der Ausdruck hier angemessen ist) erkannte seine vertraute Heimatstadt nicht wieder; und sein Erstaunen wuchs, als er ein großes Kreuz gewahrte, das sich triumphierend über dem Haupttor von Ephesos erhob. Seine fremdartige Kleidung und seine schwer verständliche Sprache verwirrten den Bäcker, dem er eine Münze aus der Zeit des Decius als gängige Reichswährung anbot; da man ihn verdächtigte, einen Schatz gefunden zu haben, schleppte man Jamblichus vor den Richter. Durch gegenseitige Befragung brachte man es an den Tag, dass nahezu zwei Jahrhunderte vergangen waren, seit Jamblichus und seine Freunde dem Wüten eines heidnischen Tyrannen entkommen waren. Der Bischof von Ephesos, der Klerus, der Magistrat, das Volk, ja sogar der Kaiser eilten, die Höhle der Sieben Schläfer zu schauen; welche sich gesegnet sahen, ihre Geschichte erzählten und in selbigen Augenblick friedlich von hinnen schieden Zwei syrische Autoren verlegen, so wie sie von Asemanni zitiert werden (Bibliotheca Orientalis, Band 1, p. 336 und 338), die Wiederauferstehung der Sieben Schläfer in das 736 (A.D. 425) oder 748 (A.D.437) der seleukidischen Zeitrechnung. Ihre griechischen Akten, die Photius gelesen hat, bekräftigen als Datum das 39. Regierungsjahr des Theodosius, welches nun entweder mit A.D. 439 oder 446 zusammenfallen muss. Der Zeitraum seit der Verfolgungen des Decius lässt sich leicht ermitteln; und nichts Geringeres als die Unkenntnis des Mohammed oder der Legendenschreiber kann hier einen zeitlichen Abstand von drei- oder vierhundert Jahren vermuten. . Die Herkunft dieser Wundermär kann man nicht dem frommen Betrug oder der Leichtgläubigkeit der heutigen Griechen zuschreiben, da sich die Tradition bis zu einem halben Jahrhundert vor genanntem Wunder zurückverfolgen lässt. Jakob von Sarug, ein syrischer Bischof, der nur zwei Jahre nach dem Tode des jüngeren Theodosius geboren war, hat eine seiner zweihundertunddreißig Homilien dem Lobe der jungen Männer von Ephesos gewidmet Jakob, einer der orthodoxen Väter der syrischen Kirche, wurde A.D 452 geboren; er begann A.D. 474 mit der Abfassung seiner Predigten; A.D. 519 wurde er zum Bischof von Batnae im Bistrikt Barug ( Provinz Mesopotamien) geweiht, und A.D. 521 starb er (Asemanni, Bibliotheca Orientalis, Band 1,p.288). Zu seiner Homilie ›de pueris Ephesinis‹ a.a.O., p. 335 – 339 hätte ich mir gewünscht, dass Assemanni die Schriften des Jakob von Sarug übersetzt hätte, anstelle auf die Einwände des Baromius zu erwidern. . Gregor von Tours übersetzte am Ende des VI Jahrhunderts die Legende aus der syrischen in die lateinische Sprache. Der Osten hält ihre Namen gleichermaßen in Ehren; und in den römischen, abessynischen und russischen Heiligenkalendern findet ihr Name einen Ehrenplatz Siehe hierzu die Acta Sanctorum der Bollandisten. Dieser gigantische Heiligenkalender ist in einhundertundsechsundzwanzig Jahren (1644 – 1770) auf fünfzig Foliobände angeschwollen und doch nicht weiter als bis zum 7. Oktober gelangt. Das Verbot des Jesuitenordens hat höchstwahrscheinlich dieses Unternehmen aufgehalten, welches mit dem Medium der Fabel und des Aberglaubens auch viel historische und philosophische Belehrung überliefert hat. . Auch beschränkt sich ihr Ansehen nicht allein auf die christliche Welt. Diese volkstümliche Erzählung, die Mohammed kennen gelernt haben mag, als er Kamele auf die syrischen Märkte trieb, hat als göttliche Offenbarung auch in den Koran Eingang gefunden Siehe Maraccis Ausgabe des Alkoran, 18. Sure, Band 2, 420 – 427 und Band 1, Teil 4, p. 103. Versehen mit einem so weitreichenden Privileg, hat Mohammed wenig Geschmack oder Erfindungsgabe bewährt. So hat er den Hund (Al Rakim) der Sieben Schläfer hinzuerfunden; ferner die Hochachtung der Sonne, welche zweimal an diesem Tage ihren Lauf geändert hatte, um in die Höhle scheinen zu können; und endlich Gottes Fürsorge selbst, die ihre Körper vor Verderbnis bewahrte, indem er sie nach links und rechts umdrehte. . Die Geschichte von den Sieben Schläfern ist von Bengali bis Afrika in die populäre Sagenwelt der Völker islamischen Bekenntnisses übernommen worden Siehe d'Herbelot, Bibliothèque Orientale, p. 139 und Renaudot, Historia patriachrum lexandrinordum p. 39f. ; und selbst im fernen Skandinavien Paulus Diakonus von Aquileja (De gestis Langobardorum 1,4), der am Ende des VIII Jahrhunderts lebte, hat die Sieben Schläfer des Nordens in eine Felsenhöhle an der Küste des Atlantik verlegt; und ihre lange Ruhe wurde von den Barbaren respektiert. Ihre Kleidung wies sie als Römer aus; und die Konjektur des Diakons ging dahin, dass sie von der Vorsehung zu den künftigen Apostel jener glaubensfernen Länder bestimmt waren finden sich noch Spuren einer vergleichbaren Tradition. Die universelle Verbreitung dieser schlichten Erzählung, die so kennzeichnend für die Gemütsverfassung der Menschheit ist, geht wohl auf Rechnung der Geschichte selbst. Unmerklich schreiten wir von der Jugend bis ins Alter voran, ohne die kleinen, aber unaufhörlichen Änderungen der menschlichen Angelegenheiten wahrzunehmen, und selbst mit unserer umfänglichen Erfahrung aus der Geschichte ist uns aufgrund der immerwährenden Kette von Ursache und Wirkung die Vorstellung nicht fremd, noch die entferntesten historischen Wendepunkte miteinander in Beziehung zu setzen. Wenn aber der zeitliche Abstand zwischen zwei bemerkenswerten Ereignissen mit einem Schlage aufgehoben werden kann; wenn es möglich wäre, nach einem Schlaf von fast zweihundert Jahren dem Auge des Betrachters die neue Welt vorzustellen, während er noch eine lebhafte Erinnerung an die alte in sich trägt; dann müssten seine Überraschung und seine Gedanken den Stoff für eine schöne Geschichte liefern. Die Szene hätte man nicht vorteilhafter als in die zwei Jahrhunderte verlegen können, welche zwischen der Herrschaft des Decius und des jüngeren Theodosius lagen. Während dieser Zeit wurde der Regierungssitz des Reiches von Rom an die neue Stadt am thrakischen Bosporus verlegt; ein raffiniertes System der Bändigung und zeremoniellen Sklaverei hatte den Missbrauch des Militärs beendet. Der Thron des fanatischen Decius war durch eine Reihe christlicher und rechtgläubiger Herrscher besetzt gewesen, welche die Fabel-Gottheiten der Antike ausgerottet hatten; und die Bevölkerung jener Zeit zeigte sich begierig, an den Altären des Herkules und der Diana vor den Heiligen und Märtyrern der Katholischen Kirche anbetend in den Staub zu sinken. Die Einheit des Römischen Reiches befand sich in der Auflösung; sein Genius lag am Boden; und die Heerscharen unbekannter Barbarenstämme aus dem Norden hatten siegreich in den schönsten Provinzen Afrikas und Europas ihre Herrschaft errichtet. XXXIV PERSÖNLICHKEIT, EROBERUNGEN UND HOFHALTUNG VON ATTILA, DEM HUNNENKÖNIG · TOD VON THEODOSIUS DEM JÜNGEREN · PULCHERIA ERNENNT MARCIANOS ZUM HERRSCHER DES OSTENS   DIE HUNNEN A.D. 376 - 433 Die westliche Welt wurde unterdrückt von den Goten und Vandalen, die ihrerseits vor den Hunnen geflohen waren; aber die Erfolge der Hunnen standen in keinem Verhältnis zu ihrer Stärke und ihrem Reichtum. Siegreich hatten ihre Horden die Ebene zwischen der Wolga bis zur Donau erobert; aber ihre Macht zerrieb sich infolge der internen Zwistigkeiten ihrer Stammeshäuptlinge; von ihrer Kraft wurde in unbedeutenden Raubzügen übler Gebrauch gemacht; und oftmals befleckten sie ihre nationale Ehre, indem sie sich beutelüstern unter die Fahnen ihrer flüchtigen Feinde reihten. Unter Attilas Original-Material zur Geschichte Attilas findet sich bei Jornanes (Getica 34-50) und Priscus (Excerpta legationum, p. 33-76). Die Lebensbeschreibung Attilas des Juvenus Caelius Calanus Dalmatinus aus dem XII. Jhdt. war mir nicht zugänglich; auch die aus dem 16. Jhdt von Nikolaus Olahus, des Erzbischofs von Gran, nicht. Siehe Mascov, History of the Germans, c.23, und Maffei, Osservazioni Litterarie, Band 1, p. 88f. Die Zutaten der Ungarn der Jetztzeit gehören ins Reich der Fabel; und in der Literatur haben sie es sichtlich nicht weit gebracht. Sie unterstellen, dass Attila nach seinem Einmarsch in Gallien ungezählte Weiber geheiratet habe und dass er einhundertundzwei Jahre alt geworden sei. Herrschaft jedoch wurden die Hunnen wiederum zum Schrecken der Welt; und nunmehr möchte ich die Persönlichkeit und die Taten dieses fürchterlichen Barbaren beschreiben, der abwechseln den Westen und den Osten bedrängte und überfiel und so zum Zusammenbruch des römischen Reiches beisteuerte.   DIE HUNNEN IN UNGARN Als die große Wanderungswelle von China unaufhaltsam zu Germaniens Grenzen flutete, befanden sich die mächtigsten und größten Völker im Umkreis der Römischen Provinzen. Man konnte dem Druck durch künstliche Barrieren wohl für eine Weile standhalten; aber das allzu rasche Nachgeben der Kaiser steigerte den Appetit der Barbaren, ohne ihn zu stillen, da sie das Verlangen nach dem Luxusleben der Zivilisation gepackt hatte. Die Ungarn, welche ehrsüchtig Attilas Name in die Liste ihrer Könige aufnehmen, können mit Recht darauf hinweisen, dass die Horden, welche seinem Onkel Roas oder Rugilas folgten, ihre Lager auf dem Gebiet des modernen Ungarn Ungarn wurde von dreimal erfolgreich von den Skythen besetzt: 1: Von die Hunnen Attilas; 2: van den Avaren im VI. Jhdt; 3: von den Magyaren im Jahre 889: den direkten Vorfahren der modernen Ungarn, deren Verbindungen zu den beiden erstgenannten Völkern äußerst fragwürdig und entlegen sind. Der Prodomus und die Notitia des Matthäus Belius enthalteneinen reichen Fundus von Information über das frühere und heutige Ungarn. Ich konnte Auszüge hiervon in der Bibliothéque Ancienne et moderne, Band 22, p. 1-51, und in der Bibliothèque Raisonée, Band 16, p. 127-175 einsehen. aufschlugen, da dieses fruchtbringende Land großzügig die Bedürfnisse eines Jäger- und Hirtenvolkes befriedigte. In dieser vorteilhaften Lage entschieden Rugilas und sein mächtiger Bruder, deren Ansehen und Macht beständig wuchsen, über Krieg und Frieden gegen die beiden Reiche. Seine Allianz mit Westrom wurde gefestigt durch seine persönliche Freundschaft mit dem großen Aëtius; der sich im Lager der Barbaren stets einer gastfreundlichen Aufnahme und einer tatkräftigen Unterstützung gewiss sein konnte. Auf seine Bitte hin, vorgetragen im Namen der Usurpators Johannes, rückten sechzigtausend Hunnen gegen die Grenzen Italiens vor; beides, ihr Vormarsch und ihr Rückzug, kamen den Staat teuer zu stehen; und dankbar überließ Aëtius den Besitz Pannoniens seinen getreuen Konföderierten. Auch die Oströmer bangten nicht minder vor Rugilas Waffen, der den Provinzen, ja sogar der Hauptstadt selbst bedrohlich wurde. Einige Kirchenhistoriker lassen die Barbaren durch Blitzschlag und Pestilenz Sokrates, 7,43; Theodoretos 5,36.Tillemont, der sonst immer seinen kirchlichen Autoren folgt, behauptet mit Nachdruck (Histoire des empereurs, Band 6, p. 136 und 607) die Kriege und die beteiligten Personen seien nicht die gleichen gewesen. verderben; aber Theodosius war auf das niedere Hilfsmittel verwiesen, eine jährliche Zahlung von dreihundertundfünfzig Pfund Gold zu leisten und diese peinliche Abgabe hinter dem Titel eines Generals zu verbergen, den der Hunnenkönig freundlichst anzunehmen sich bereit erklärte. Die öffentliche Ruhe wurde bisweilen aufgestört durch die tätliche Ungeduld der Barbaren und allerlei Hofkabalen in Byzanz. Vier abhängige Nationen, unter denen wir auch die Bavarer erkennen, erkannten die Herrschaft der Hunnen nicht an; ihre Revolte wurde durch einen römischen Verbündeten befeuert und unterstützt; bis schließlich die berechtigten Ansprüche und die fürchterliche Macht des Rugilas von Enslaw, seinem Abgesandten, geltend gemacht wurden. Einmütig wünschte der Senat nur noch Frieden; der Kaiser zeichnete ihr Dekret gegen; und zwei Gesandte wurden benannt: Plinthas, ein General von skythischer Herkunft und konsularischem Range sowie der Quaestor Epigenes, ein kluger und erfahrener Staatsmann, den sein ehrgeiziger Kollege zu diesem Amte empfohlen hatte.   DIE HERRSCHAFT ATTILAS A.D. 433 - 453 Rugilas Tod unterbrach die Friedensverhandlungen; Bleda und Attila, seine beiden Neffen, die ihrem Onkel auf den Thron folgten, erklärten sich zu einem Gespräch mit den beiden Abgesandten aus Konstantinopel bereit; da sie sich aber, Hoffahrt im Herzen, weigerten abzusteigern, wurde die Verhandlung auf dem Rücken der Pferde weiter geführt, auf einer weiten Ebene in der Nähe von Margus im oberen Mösien. Die handgreiflichen Vorteile und die hohlen Ehrungen, die diese Verhandlungen mit sich brachten, ließen sich die Hunnenkönige gefallen. Sie legten die Friedensbedingungen fest, und jede dieser Bedingungen war ein Anschlag auf die Majestät des Imperiums. Neben dem Recht auf freien Handel an den Ufern der Donau verlangten sie zugleich eine Erhöhung der jährlichen Tributzahlungen von dreihundertundfünfzig auf fünfhundert Pfund Goldes; dass ferner eine Strafe oder ein Lösegeld von acht Goldstücken für jeden römischen Gefangenen zu zahlen sei, dem die Flucht vor seinem Barbaren-Herren gelungen sei; dass der Kaiser alle Verträge und Bündnisse mit den Feinden der Hunnen aufkündigen solle; und dass alle Flüchtlinge, die am Hofe oder in den Provinzen des Theodosius Asyl genommen hätten, der Gerechtigkeit des gekränkten Herrschers auszuliefern seien. Diese Gerechtigkeit wurde denn auch unnachsichtig gegen einige glückverlassene Jugendliche königlicher Herkunft exekutiert. Auf Geheiß Attilas wurden sie auf dem Gebiet des Römischen Reiches ans Kreuz geschlagen: und sobald der König der Hunnen den Römern seinen Namen wieder entsetzlich gemacht hatte, gönnte er ihnen eine kurze Pause, während er selbst die unbotmäßigen Völker der Skythen und Germanen bekämpfte Siehe Priscus, p. 47f. und du Buat, Histoire des peuples de l'Europe, Band 7, c.12-15. .   ATTILA : PERSÖNLICHKEIT UND CHARAKTER Attila, der Sohn des Mundzuk, leitete seine adlige, vielleicht sogar königliche Herkunft Priscus, p. 39. Die heutigen Ungarn haben sein Geschlecht fünfunddreißig Generationen bis auf Noah's Sohn Ham zurückverfolgt; den richtigen Namen seines leiblichen Vaters wissen sie allerdings nicht. (de Guignes, Histoire de Huns, Band 2, p. 297). von den alten Hunnen her, welche sich in früheren Zeiten mit den Kaisern von China gerauft hatten. Sein Aussehen zumindest trug, wenn wir den Feststellungen des gotischen Historikers glauben dürfen, das Gepräge seiner Rasse; das Aussehen Attilas zeigt die naturgegebenen Merkmale der heutigen Kalmücken Vergleiche hierzu Jordanes (Getica 35) mit Buffon Histoire naturelle, Band 3, p.380.. Der Erste durfte feststellen: »originis suae signa restituens.« (die Insignien seines Ursprungs wieder herstellend Eigenschaften und Aussehen von Attila sind wohl aus Cassiodor entnommen. : dicker Kopf, dunkle Haut, kleine, tiefliegende Augen, flache Nase, anstelle eines Bartes nur ein paar Haare, breite Schultern und gedrungener Körper, dieser aber ungestalt und von angespannter Kraft. Das hochmütige Auftreten des Hunnenkönigs verriet das Bewusstsein seiner Überlegenheit gegenüber dem Rest der Menschheit; auch hatte er die Angewohnheit, furchtbar die Augen zu rollen, als ob er den Schrecken auch noch genieße, den er ausströmte. Aber ganz frei von Mitleiden war dieser wilde Held nicht: Feinde, die sich vor ihm niederwarfen, konnten sich auf Gnaden- oder Friedensbekundungen verlassen; und von seinen Untertanen wurde Attila als ein gerechter und nachsichtiger Herr angesehen. Im Kriege blühte er auf; nachdem er aber in reifem Alter den Thron bestiegen hatte, eroberte er den Norden in Gedanken mehr als mit der Tat; und sein Ruf als ein draufgängerischer Krieger wurde mit Gewinn gegen den eines besonnenen und erfolgreichen Feldherren getauscht. Die Wirkung von persönlichem Mut ist – außer in der Poesie und in Romanen – so nebensächlich, dass ein Sieg selbst bei den Barbaren in erster Linie von der Geschicklichkeit abhängt, mit der die Kampfbereitschaft der Massen in den Dienst für einen einzigen Mann gelenkt wird. Die skythischen Eroberer Attila und Dschingis Khan übertrafen ihre Landsleute an Führungsqualitäten, aber nicht an Mut; und es darf hier vielleicht angemerkt werden, dass beide Monarchien, die der Hunnen und der Mongolen von ihren Begründern auf dem populären Aberglauben errichtet wurden. Die wundersame Empfängnis, die man der Jungfrau-Mutter des Dschingis mit Lug und Trug zuschrieb, erhob ihn über Menschennatur; und der nackte Prophet, der ihn im Namen der Gottheit in die Herrschaft über die Erde einsetzte, versah die kriegerische Stärke der Mongolen mit unwiderstehlicher Begeisterung Abulpharagius, Hisoria Dynastiarum, p.281; Abulghazi Bahader Khan, Genealogical History of the Tartars, Teil 3, c. 15; Teil 4, c,3; Pétis de la Croix, Vie de Genghizcan, Teil 1, c. 1 und 6. Die Berichte der Missionare, die im XIII Jhdt. die Tatrtarei bereisten, (siehe Band 17 der Histoire générale des voyages) vermitteln uns die Sprache und Anschauungen des Volkes; Dschingis ist der Sohn Gottes \&c, \&c. .   ATTILA ENTDECKT DAS SCHWERT DES MARS Auch die religiösen Kunstgriffe Attilas waren nicht weniger geschickt auf sein Alter und die Denkungsart seiner Landsleute berechnet. Es war naheliegend, dass die Skythen dem Kriegsgott besondere Verehrung entgegenbrachten; da sie aber zu einer abstrakten Gottesidee ebensowenig imstande waren wie zu einer anschaulichen Darstellung, beteten sie ihre Titulargottheit unter dem Symbol eines eisernen Krummsäbels an »Nec templum apud eos visitur, aut delubrum, ne tugurium quidem culmo tectum cerni usquam potest; sed \>gladius\< barbarico ritu humi figitur nudus, eumque ut Martem regionum quas circumcircant praesulem verecundius colunt.« (...und auch einen Tempel bekommt man bei ihnen zu sehen, nicht einmal eine strohgedeckte Hütte; aber ein nacktes Schwert rammen sieim Boden nach Barbarensitte fest und das nun verehren sie wie ihren Kriegsgott und den Behüter des von ihnen bewohnten Gebietes) Ammianus Marcellinus 31,2 sowie die gelehrten Bemerkungen von Lindenbrogius und Valesius. . Ein Schäfer der Hunnen bemerkte, dass eine grasende Färse sich am Fuß verletzt hatte; neugierig verfolgte er die Blutspur, bis er im hohen Gras den Knauf eines alten Schwertes entdeckte, das er ausgrub und Attila überbrachte. Dieser großdenkende oder besser: dieser klug berechnende Herrscher nahm mit frommer Dankbarkeit dieses Himmelsgeschenk an; als der rechtmäßige Besitzer des Schwertes des Mars erhob er den gottgegebenen und unbestreitbaren Anspruch auf die Herrschaft über den Erdkreis Priscus erzählt uns diese merkwürdige Geschichte, sowohl in eigenen Worten (p. 65) und auch als Zitat aus Jordanes (Getica 35). Damit wollte er die Überlieferung oder genauer: das Märchen erläutern, das dieses berühmte Schwert umgab wie auch den Namen und die Attribute der skythischen Gottheit, aus der er den Mars der Römer und Griechen machte. . Wurden die religiösen Bräuche der Skythen bei feierlicher Gelegenheit geübt, dann wurde ein Altar oder eher wohl doch ein Haufen aus Reisigbündeln, dreihundert Schritt ins Geviert, auf freiem Felde aufgeführt; und das Schwert des Mars wurde alsdann auf der Spitze dieses grobschlächtigen Altares senkrecht errichtet, den man einmal im Jahre mit dem Blut von Schafen, Pferden und von einem Hundertstel der Gefangenen der Gottheit weihte Herodot 4,62. Ich habe aus Gründen der Ökonomie die kleinste Zahl zugrunde gelegt. Sollten Menschen geschlachtet werden, dann schlugen sie den Opfern Schulter und Arm ab, warfen sie in die Luft und leiteten aus der Art, wie sie auf den Scheiterhaufen zurückfielen, Omen von allerlei Vorbedeutung ab. . Ob nun die Menschenopfer ein Teil der Verehrung für Attila waren oder ob er den Kriegsgott mit den dauernden Opfern auf dem Schlachtfeld günstig stimmen wollte: der Liebling des Mars erwarb sich allmählich einen geheiligten Charakter, was seine Eroberungen begünstigte und sie stabiler werden ließ; und die Barbarenkönige bekannten in der Sprache der Andacht, dass sie außerstande seien, mit festem Blick auf die göttliche Majestät des Hunnenkönigs zu schauen Priscus p. 55. Ein Held von höherer Gesittung, Augustus, gefiel sich damit, wenn die Person, die er ins Auge fasste, außerstande schien, ihren göttlichen Schimmer auszuhalten. Sueton, Augustus 79. . Sein Bruder Bleda, der über keinen ganz kleinen Teil des Imperiums das Regiment führte, verlor beides gewaltsam, Szepter und Leben. Aber selbst dieser Akt der Grausamkeit geschah infolge eines übernatürlichen Auftrages; und die Heftigkeit, mit der Attila das Schwert des Mars führte, überzeugte die Welt davon, dass es allein für seinen unbesieglichen Arm aufgespart gewesen war Der comte de Buat (Histoire des peuples de l'Europe, Band 7, p. 428f) versucht Attila vom Vorwurf des Brudermordes freizuwaschen; und versteigt sich fast dazu, die Zeugnisse des Jordanes und der zeitgenössischen Chroniken zu verwerfen. . Aber nur die Größe seines Reiches ist für uns ein Beleg für die Zahl und die Bedeutung seiner Siege; und so mag denn der skythische Monarch, wie ungebildet und desinteressiert an Wissenschaft und Philosophie er auch immer gewesen sein mag, heimlich darüber geseufzt haben, dass seinen illiteraten Untertanen die Kunst abging, die das Andenken an seine Taten unsterblich gemacht hätte.   EROBERUNG VON SKYTHIEN UND GERMANIEN Würde man eine Trennungslinie ziehen zwischen den zivilisierten und den wilden Völkern dieser Erde; zwischen den Stadtbewohnern, die der Erde Kultur geschenkt hatten, und den Jägern und Nomaden, welche in Zelten ihr Dasein fristen: dann möchte Attila wohl Anspruch auf den Titel des einzigen und höchsten Barbarenkönigs erheben »Fortissimarum gentium dominus, qui inaudita ante se potentia, solus Scythica et Germanica regna possedit.« (Herrscher über die mächtigsten Völker, von einer nie gehörten Macht, der einzige, der skythische und germanische Königreiche beherrschte.) Jornanes, Getica 49; Priscus, p. 64, 65. Herr de Guignes hat sich durch seine Kenntnisse des Chinesischen einen angemessenen Begriff von Attilas Reich machen können. Histoire des Huns, Band 2, p. 295- 301. . Er alleine hat unter den Herrschern der alten und modernen Zeiten die mächtigen Königreiche Skythien und Germanien geeint; und wenn man diese unbestimmten geographischen Kennzeichnungen auf sein Reich anwenden will, kann man sie nur sehr ungefähr verstehen. Thüringen, das sich weit über seine heutigen Grenzen bis an die Donau erstreckte, gehörte zu seinen Provinzen; auch mischte er sich mit dem Gewicht eines einflussreichen Nachbarn in die inneren Angelegenheiten Frankreichs; und einer seiner Generäle züchtigte, ja löschte nahezu die Burgunden am Rhein aus. Er bekriegte die Inseln im Ozean, die Könige Skandinaviens und wurde zum Herrscher der Ostsee; und so konnten die Hunnen einen Tribut an Pelzen von jenen nördlichen Regionen abverlangen, welche bis dahin durch das strenge Klima und den Mut ihrer Einwohner gegen alle Eroberungsversuche geschützt waren. Nach Osten lässt sich die Grenze seiner Herrschaft über die skythischen Wüsten geographisch schwer bestimmen; aber des können wir gewiss sein, dass sich sein Reich bis an die Wolga ausdehnte; dass der Hunnenkönig nicht nur als Krieger, sondern auch als Zauberer gefürchtet war Siehe Histoire des Huns, Band 2, p. 296. Man glaubte, dass die Hunnen auf Wunsch Gewitter und Sturm hervorrufen konnten. Ein Stein namens Gezi war für diese Leistungen verantwortlich; dessen Zauberkräften schriebem auch im XIV Jhdt mohammedanische Tartaren die Niederlage in einer Schlacht zu. Siehe Sharaf al-Din, Histoire de Timour-Bec, Band 1, p. 82.f. ; dass er den Khan der furchtbaren Geougen bedrängte und besiegte; und dass er Gesandtschaften in das chinesische Reich schickte, um von Gleich zu Gleich über Bündnisverträge zu verhandeln. Im dem großen Reigen der Völker, die Attilas Oberherrschaft anerkannten und die zu seinen Lebzeiten noch nicht einmal den Gedanken an Revolte zuließen, zeichneten sich die Gepiden und Ostgoten immerhin durch ihre Zahl, ihren Mut und die individuelle Tapferkeit ihrer Stammeshäuptlinge aus. Die Masse der gewöhnlichen Könige jedoch, die Anführer so mancher kriegslüsterner, Attila dienstpflichtiger Stämme bekleidete den nachgeordneten Rang eines Wachsoldaten oder Hausdieners im Umkreis ihres Herren. Sie hingen an seinen Lippen; sie bebten vor seinem Unwillen; und bei der leisesten Willensäußerung eilten sie, seine strengen und unwiderruflichen Anordnungen zu erfüllen. In Friedenszeiten leisteten diese Könige zusammen mit ihren Truppen dem König regelmäßige Heerfolge; wenn dann Attila in Kriegszeiten seine militärische Macht sammelte, konnte er eine Armee von fünf-, nach anderen von siebenhunderttausend Barbaren ins Feld schicken Jorndanes, Getica 35 und 37. Siehe Tillemont, Histoire des Empereurs, Band 6, p. 129, 138. Corneille hat den Stolz Attilas gegenüber den ihm untertänigen Herrschern betont,und so beginnt seine Tragödie mit diesen albernen Zeilen: Ils ne sont pas venus, nos deux rois! qu'on leur die Qu'ils se font trop attendre, et qu'Attila s'ennuie.« (Unsere beiden Könige sind nicht gekommen! Man sage ihnen, dass sie zu sehr hätten auf sich warten lassen du dass Attila verstimmt sei). Die beiden Könige der Gepiden und Ostgoten sind dargestellt als glänzende Politiker und empfindsame Liebhaber: und so verrät das ganze Stück die Fehler des Dichters, aber nicht sein Genie. . Die Gesandten der Hunnen dürften wohl die Aufmerksamkeit des Theodosius auf sich gelenkt haben, indem sie ihm in Erinnerung brachten, dass sie seine europäischen und asiatischen Nachbarn waren; denn sie beherrschten das Land zwischen Donau und Tanais (Don). In der Regierungszeit seines Vaters Arcadius hatte ein Haufen räuberischer Hunnen die Provinzen des Ostens heimgesucht; aus denen sie dann reiche Beute und ungezählte Gefangene verschleppt hatten »... alii per Caspia clustara Armeniasque nives, inopino tramite ducti Invadunt Orientis opes: jam pascua fumant Cappadocum, volucrumque parens Argaeus equorum. Jam rubet altus Halys, nec se defendit iniquo Motlte Cilix; Syriae tractus vastantur amoeni Assuetumque choris, et laeta plebe canorum, Proterit imbellem sonipes hostilis Orontem.« (...andere Heere aus dem Osten brechen unerwartet durch die kaspischen Pässe und den Schnee Armeniens, auf geheimen Wegen geführt: schon brennt das kappadokische Weideland, Argaios, geflügelte Rosse hervorbringend,. Schon rötet sich der Halys, und das Gebirge schützt nicht Kilikien; verdorben ist Syriens Land. Den friedlichen Orontes, gewöhnt an Gesänge fröhlicher Menschen, stampft nieder die feindliche Reiterei.) Claudian, in Rufinum 2,28-35. Siehe auch Claudian, in Eutropium 1, 243-251 und die eindrucksvolle Schilderung von Hieronymus, der ganz nach Gefühl schrieb, Epistula 60 und 77. Opera, Ban 1, p. 26 und 200. Philostorgios 9,8 erwähnt diesen Überfall. .   HUNNEN ÜBERFALLEN PERSIEN · A.D. 430 - 440 Auf geheimen Pfaden rückten sie an der Küste des Kaspischen Meeres vor; passierten die schneereichen Berge Armeniens; überquerten den Tigris, den Euphrat, den Halys; ergänzten ihre abgemattete Kavallerie mit kappadokischen Pferden, einer fruchtbaren Rasse; besetzten das hügelige Kilikien; und schreckten die Bürger Antiochias inmitten ihrer Gesangs- und Tanzfeste auf. Ägypten erzitterte bei ihrem Nahen; und die Mönche und Pilger des Heiligen Landes zeigten sich vorbereitet, ihren Grimm mit hastiger Einschiffung zu fliehen. Die Erinnerung an diese Invasion ist noch heute im Orient lebendig. Attilas Untertanen schickten sich an, mit überlegener Kraft ihre kühnen Pläne zu exekutieren; und schon bald verlegte man sich auf besorgtes Raten, ob der Sturm wohl Persien oder römisches Gebiet heimsuchen werde. Einige der Groß-Vasallen des Hunnenkönigs, ihrerseits selbst mächtige Herrscher, waren gekommen, um mit dem Kaiser oder genauer: dem General des Westens Allianz und Waffenbrüderschaft zu schließen. Während ihres Romaufenthaltes berichteten sie von den näheren Umständen eines Feldzuges, den sie unlängst im Osten durchgeführt hatten. Nach dem Passieren einer Wüste und eines Sumpfgeländes, das die Römer für den Maeotis-See halten, überquerten sie die Berge und gelangten nach fünfzehn Tagen Gewaltmarsch endlich an die Grenzen Mediens; wo sie bis zu den unbekannten Städten Basic und Cursic vordrangen. Auf den Ebenen Mediens kam es zu einem Treffen mit der persischen Armee; und der Himmel, so ihre Schilderung, verdunkelte sich unter einer Wolke von Pfeilen. Aber dennoch mussten die Hunnen vor der Übermacht der Feinde weichen. Ihr mühseliger Rückzug ging einen anderen Weg; fast die gesamte Beute ging verloren; und schließlich kamen sie im Lager ihres Königs an, bereichert um einige landeskundliche Erkenntnisse und mit wilden Rachegedanken im Herzen. An Hofe Attilas diskutierten die kaiserlichen Botschafter in freiem Austausch Das Originalgespräch ist bei Priscus, p. 64f. nachzulesen. das Auftreten und die Entwürfe ihres furchtbaren Feindes, und die Abgesandten Konstantinopels hofften, dass er seine Stärke in langen Kriegen mit zweifelhaftem Ausgang gegen das Haus der Sassaniden aufreiben möge. Die Italiener, einsichtsvoller, wie sie waren, verwiesen ihren Brüdern die Torheit und Vergeblichkeit solchen Hoffens und machten ihnen klar, dass die Meder und Perser der Hunnenmacht unmöglich widerstehen würden und dass ein solch leichter und zugleich bedeutsamer Sieg die Macht und den Hochmut des Herrschers nur weiter emporheben müsse. Anstelle sich mit einem maßvollen Tribut und einem militärischen Titel zufrieden zu geben, der ihn den Generälen des Theodosius gleichberechtigt an die Seite gestellt hätte, würde Attila auch fernerhin ein schändliches und schweres Joch auf den gebeugten Nacken der Römer legen, die dann auf allen Seiten vom Imperium der Hunnen umzingelt sein würden Priscus, p. 33. Die Geschichte des Priscus enthält eine detailfreudige und anschauliche Darstellung des Krieges (Euagrios 1,17), aber leider sind nur die Teile auf uns gekommen, die von den einzelnen Gesandtschaften berichten. Das Original war jedoch den Autoren zugänglich, von denen wir unsere unvollständigen Kenntnisse entlehnen: Jordanes, Theophanes, der comes Marcellinus, Prosper Tiro und der Verfasser der Alexandrinischen Chronik und des Chronikon paschale. Herr de Buat (Histoire des peuples d'Europe, Band 7, c.15) hat den Anlass, die Begleitumstände und die Dauer des Krieges untersucht; und er lässt ihn keinesfalls länger als bis zum Jahre 444 dauern. .   HUNNEN GREIFEN DAS OSTREICH AN UND VERHEEREN EUROPA · A.D. 441 Während Europa und Asien zugleich bemüht waren, die drohende Gefahr abzuwehren, unterstützte die Allianz mit Attila die Herrschaft der Vandalen in Afrika. Rom und Konstantinopel hatten vereinte Anstrengungen unternommen, diese wertvolle Provinz zurück zu gewinnen; schon hatten sich die Häfen Siziliens mit der See- und Landmacht des Theodosius gefüllt. Aber der verschlagene Geiserich, der seine Fäden überall hin spann, durchkreuzte diese Entwürfe, indem er den Hunnenkönig veranlasste, seinerseits das östliche Imperium anzugreifen; und ein läppisches Vorkommnis lieferte den Anlass oder besser: den Vorwand für diesen mörderischen Krieg Prokopios, De aedificiis 4,5. Kaiser Justinian ließ später diese Festungsbauten restaurieren, verstärken uns erweitern; aber schon bald wurden sie durch die Avaren zerstört, die von den Hunnen Macht und Gebiet übernommen hatten. . Unter dem Schutz des Vertrages von Margus wurde nördlich der Donau Markt abgehalten, der außerdem von einer römischen Festung mit Namen Constantia beschirmt wurde. Ein Haufen Barbaren störte diese friedliche Szenerie, ermordete oder verjagte die arglosen Kaufleute und legte die Festung in Trümmer. Die Hunnen rechtfertigten dieses gewaltsame Vorgehen als Akt der Wiedergutmachung; behaupteten, der Bischof von Margus habe ihre Territorien betreten, den geheimen Schatz ihrer Könige auszuspähen und zu stehlen; und verlangten mit Nachdruck die Auslieferung des schuldigen Prälaten, seiner frevlerischen Beute und der flüchtigen Untertanen, die vor Attilas Gerechtigkeit entflohen waren. Die Weigerung des Hofes zu Byzanz war das Signal zum Kriege; und sogleich klatschten die Mösier dem festen Sinn ihres Herrschers Beifall. Aber schon bald packte sie das Entsetzen, als Viminacium und die benachbarten Städte in Asche sanken; und die Einwohner sahen sich genötigt, den zweckdienlichen Grundsatz anzuerkennen, dass ein Bürger, wie unschuldig und achtbar er auch sein mochte, bereitwillig der Sicherheit seines Landes geopfert wird. Der Bischof von Margus, dem die Neigung zum Märtyrertod abging, beschloss, den Absichten zuvor zu kommen, die er den Hunnen unterstellen zu können glaubte. Kühnlich begann er mit den Herrschern der Hunnen zu unterhandeln; sicherte sich durch feierliche Eide Pardon und Belohnung zu; postierte heimlich ein Detachement Barbaren an günstigen Stellen der Donau; und öffnete mit eigener Hand zu vereinbarten Stunde die Tore seiner Bischofsstadt. Dieser Vorteil, errungen durch Verrat, war nur das Vorspiel einer ganzen Reihe ehrenhafterer und entscheidender Siege. Die illyrische Grenze war geschützt durch eine reguläre Kette von Basteien und Festungen; und obgleich sie mehrheitlich nichts weiter als einzelne Türme mit einer kleinen Besatzung waren, reichten sie gemeiniglich hin, den Angriff eines Feindes zurück zu schlagen, der der Belagerungskünste unkundig war und den sich aus einer Belagerung ergebenden Verzögerung nur mit Ungeduld ertrug. Die Unmassen der Hunnen jedoch fegten die leichten Hindernisse in einem Nu hinfort »Septuaginta civitates« (sagt Prosper Tiro) »depraedatione vastatae.« (Siebzig Städte durch Raub verwüstet.) Die Sprache von Comes Marcellinus ist noch bitterer; »Pene totam Europam, invasis excisisque civitatibus atque castellis, conrasit.« (Beinahe ganz Europa löschte er aus, indem er in Städte und Burgen eindrang und sie vernichtete.) . Mit Feuer und Schwert zerstörten sie das volkreiche Sirmium und Singidunum, Rataria und Marcianopolis, Naissus und Sardica; in welchen Städten im Laufe der Zeit doch eigentlich alles zu dem einzigen Zwecke der Verteidigung hergerichtet worden war. Auf einer Strecke von fünfhundert Meilen, vom Schwarzen Meer bis zur Adria, wurde Europa in einer einzigen Angriffswelle von Attilas Myriaden überrannt, besetzt und verwüstet. Die Gefahr und die Not seines Volkes veranlassten Theodosius indessen nicht, seinem müßigen Zeitvertreib oder seine Gottessuche einzustellen oder sich in höchsteigener Person an die Spitze der römischen Legionen zu verfügen. Immerhin wurde das Corps, das gegen Geiserich ins Feld gezogen war, in aller Eile aus Sizilien zurück berufen; die Garnisonen an der persischen Grenze wurde ausgehoben; und so wurde in Europa eine Streitmacht versammelt, die durch ihre Schlagkraft und ihre schiere Masse hätte fürchterlich werden können, wenn sich die Generäle aufs Befehlen und die Soldaten aufs Gehorchen verstanden hätten. In drei aufeinander folgenden Gefechten wurde die Armee des Ostreiches aufgerieben; und an den Orten der Schlachten konnte man Attilas Vorwärtsstürmen verfolgen. Die beiden ersten am Ufer des Utus und vor den Mauern von Marciopolis wurden in den riesigen Ebenen zwischen Donau und Hämusgebirge ausgefochten. Als dann die Römer vor dem siegreichen Feinde zurück wichen, zogen sie sich allmählich und gegen jede Kriegskunst auf den thrakischen Chersonnes zurück; und diese enge Halbinsel wurde Zeuge ihrer dritten und entscheidenden Niederlage. Nachdem diese Armee vernichtet war, behauptete Attila unwidersprochen das Feld für sich. Vom Hellespont bis zu den Thermopylen und den Vororten von Konstantinopel verwüstete er hemmungs- und gnadenlos die Provinzen Thrakien und Makedonien. Heracles und Adrianopel entgingen wohl dem furchtbaren Dreinfahren der Hunnen; aber für die Unglücksfälle, die über siebzig Städte des Ostreiches hereinbrachen, kamen nur die drastischsten Ausdrücke wie »völlige Ausmerzung und Ausradieren« in Betracht. Theodosius selbst, sein Hof und das kriegsuntüchtige Volk fanden Schutz hinter den Mauern von Konstantinopel; aber erst kürzlich hatte ein Erdbeben diese Mauern erschüttert, und der Einsturz von achtundfünfzig Türmen hatte eine grässliche Bresche geschlagen. Zwar der Schaden ward in Eile behoben; aber der Vorfall hatte zusätzliche Bedeutung erhalten durch die abergläubische Furcht, der Himmel liefere die Kaiserstadt den skythischen Nomaden in die Hände, welchen Gesetze, Sprache und Religion Roms fremd waren Tillemont (Histoire des empereurs, Band 6, p. 106f.) hat diesem bemerkenswerten Erdbeben viel Aufmerksamkeit gewidmet; welches man noch im fernen Antiochia und Alexandria verspürte und welches von allen Kirchenhistorikern ausführlich gewürdigt wurde. In der Hand eines volksnahen Predigers wird ein Erdbeben zu einer Waffe von wundersamer Wirkmächtigkeit. .   DIE SKYTHISCHEN KRIEGE Bei all ihren Einfällen in die zivilisierten Reiche des Südens waren die skythischen Nomaden von einem ungestümen, mörderischen Geist beseelt. Die Kriegsgesetze, welche Völkermord verwerfen, beruhen auf zwei grundlegenden Interessen: der Kenntnis des dauerhaften Vorteils, den eine maßvolle Ausbeutung eines Sieges mit sich bringt; und die berechtigte Sorge, die Verwüstung, die wir dem Lande unserer Feinde zufügen, könnte irgendwann auf uns selbst zurück fallen. Einem Volk von Nomaden ist eine solche Mischung aus Furcht und Hoffnung naturgemäß fremd. Attilas Hunnen können mit gutem Recht verglichen werden mit den Mongolen und Tartaren, bevor deren archaische Gebräuche durch Religion und Luxus aufgelockert wurden; und die Tatsachen der Geschichte des Orients können einiges Licht auf die römischen Annalen werfen, die an dieser Stelle kurz und lückenhaft sind. Als die Mongolen einst die nördlichen Provinzen Chinas unterworfen hatten, wurde allen Ernstes vorgeschlagen, und zwar nicht in der Hitze des Sieges, sondern in sachlich-kühler Ratsversammlung, alle Einwohner jenes riesigen Landes zu töten, um Weideland für Vieh zu gewinnen. Die Kühnheit eines chinesischen Mandarines, dem es gelang, in das Gemüt von Dschingis Khan Anflüge von politischer Vernunft zu träufeln, ist es zu danken, dass er von diesem fürchterlichen Vorhaben Abstand nahm Er stellte dem Mongolenherrscher dar, dass die vier Provinzen Petschlei, Chantong, Chansi und Leaotong, die bereits in seinem Besitz waren, unter einer vernünftigen Verwaltung jährlich 500 000 Unzen Silber, 400 000 Maß Reis und 800 000 Seidentücher hervorbringen möchte. Gaubil, Histoire de la dynastie des Mongous, p. 58f. Yehlüchutsay (so hieß der Mandarin) war ein weiser und geschickter Beamter, der sein Land rettete und den Siegern Zivilisation beibrachte. Gaubil, p.102f. . Aber gegenüber den Städten Asiens, die sich den Mongolen ergaben, wurde dieses unmenschliche Kriegsrecht exekutiert, und zwar auf eine nachgerade systematische Art und Weise, die man aus gleichen Gründen auch bei den Hunnen vermuten darf. Die Bewohner, die sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben hatten, hieß man ihre Häuser räumen und sich auf einer unfernen, ebenen Fläche sammeln; hier wurden die Besiegten in drei Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe bestand aus den Soldaten der Garnison und den waffenfähigen jungen Männern; deren Schicksal entschied sich im Augenblick: entweder wurden sie den Truppen der Mongolen eingereiht, oder sie wurden von den Gegnern niedergemacht, welche mit wurfbereiten Speeren und gespannten Bögen im Kreis um die gefangene Masse aufgestellt waren. In der zweiten Gruppe fanden sich junge und schöne Frauen, Handwerker jeden Alters und jeder Profession und angesehene und wohlhabende Bürger, von denen man üppiges Lösegeld erwarten durfte. Der Rest, dessen Tod oder Überleben den Siegern gleich nutzlos war, durfte in die Stadt zurückkehren; die man in der Zwischenzeit ausgeplündert hatte; und von jenen Armseligen wurde eine Steuer erhoben für das Privileg, atmen zu dürfen. Soweit das Verhalten der Mongolen, wenn sie nicht aus irgendeinem Grunde besonders blutdürstig waren Einzelfälle führen ins Uferlose. Aber der wissbegierige Leser möge die Biogrophie Dschingis Khans von Pétis de la Croix, die Histoire des Mongous und das 15. Buch der Histoire des Huns zu Rate ziehen. . Aber der geringfügigste Anlass konnte sie dazu bringen, die Bewohner einer Stadt allesamt zu massakrieren; und manch blühende Stadt wurde so zugrunde gerichtet, dass nach ihren eigenen Worten Pferde ohne mit den Hufen anzustoßen über den Boden galoppieren konnten, auf dem sie einst gestanden hatte. Die drei großen Städte von Khorosan, Maru, Neisabur und Herat wurden von den Dschingis' Horden ausgelöscht; und die Zahl der Toten wurde auf vier Millionen dreihundert und siebenundvierzig Tausend bestimmt In Maru 1 300 000; in Herat 1 600 000; in Neisabour 1 747 000. Ich halte mich hier an die Orthographie der Karten d'Anville's. Es muss hier jedoch zugestanden werden, dass die Perser ihre Verluste und die Mongolen ihre Erfolge zu übertreiben geneigt waren. . Timur oder Tamerlan wurde in einem weniger barbarischen Zeitalter und in der mohammedanischen Religion erzogen; wenn aber Attila in seinem Wüten Tamerlan Sein elender Panegyrist Sharaf al-Din hat uns viele grauenvolle Beispiele überliefert. In seinem Lager vor Delhi ermordete Timur 100 000 indische Gefangene, da sie gelächelt hatten, als die Armee ihrer Landsleute in Sicht kam (Histoire de Timur Bec, Band 3, p. 90). Das Volk von Ispahan musste für die Errichtung eines himmelstrebenden Turmes 70 000 Menschenschädel liefern (Band 1, p. 434). Eine ähnliche Steuer ward Bagdad nach einer Revolte auferlegt (Band 3, p. 370); und die genaue Zahl, die Sharaf al-Din von dem zuständigen Offizier in Erfahrung zu bringen außerstande war, wird von einem anderen Historiker (Ahmed Arabsiades, Timuri Historia, Band 2. P. 175) auf 90 000 veranschlagt. gleichkam, dann durften sich der Tartar und der Hunne mit gleicher Berechtigung DIE GEISSEL GOTTES nennen Die Alten wie etwa Jordanes, Priscus \&c. kennen dieses Epitheton nicht. Die heutigen Ungarn vermuten, dass ein gallischer Eremit es Attila angehängt und dieser es hocherfreut unter seine Königstitel eingereiht habe. Mascov, History of Germans, Buch 11, c.23 und Tillemont, Histoire des empereurs, Band 6, p. 143. .   STELLUNG DER GEFANGENEN Mit noch kühnerer Gewissheit soll die Behauptung gewagt sein, dass die Hunnen einige Provinzen durch das Fortführen der Gefangenen nachgerade entvölkerten. Unter einem verständigen Gesetzgeber hätte eine solche arbeitsame Schar bis über die Wüsten Skythiens hinaus die ersten Anfänge der nützlichen und schönen Künste pflanzen können; aber diese Kriegsgefangenen wurden nach dem Zufallsprinzip unter die Horden Attilas verteilt. Ihr jeweiliger Nutzwert wurde nach den primitiven Maßstäben der rohen Barbaren festgelegt. Sicherlich waren sie außerstande, den Wert eines Theologen zu schätzen, welcher sich vertiefte Kenntnisse über Trinität und Inkarnation erworben hatte; immerhin brachten sie den Dienern jeder Religion Respekt entgegen; und der tätige Eifer der christlichen Missionare, die der Person und dem Hof des Königs übrigens nicht näher kamen, hatte einigen Erfolg bei der Verbreitung des Evangeliums Die Missionare von St. Chrysostomos bekehrten ungezählte Skythen, die jenseits der Donau in Zelten und Planwagen hausten Theodoretos 5,21; Photios, p. 1517). Die Mohammedaner, Nestorianer und römischen Christen erwarteten reiche Beute unter den Söhnen und Enkeln Dschingis Kahns, da er die rivalisierenden Missionare mit gleicher Zuvorkommenheit behandelte. . Da den Hirtenvölkern keine Vorstellung von Landeigentum hatten, muss ihnen die bürgerliche Rechtsprechung und der zugehörige Missbrauch erbärmlich vorgekommen sein; und die Gewandtheit eines Anwaltes mit forensischer Beredsamkeit war ihnen verächtlich, ja entsetzlich Die Germanen, die Varus und seine Legionen vernichtet hatten, hatten mit dem römischen Recht und seinen Dienern besonder üble Bekanntschaft gemacht. Nachdem einer dieser Barbaren die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hatte und einem Advokaten die Zunge herausgeschnitten und den Mund zugenäht hatte, bemerkte er mit vieler Genugtuung, dass die Schlange nun nicht mehr zischeln könne. Florus, 4,12. . Der beständige Verkehr zwischen Hunnen und Goten hatte die Kenntnis der beiden nationalen Dialekte verbreitet; und die Barbaren legten Wert darauf, sich in Latein zu unterhalten, da dies selbst im Ostreich das militärische Idiom war Priscus, p. 52. Es scheint, dass die Hunnen dem Gotischen und Lateinischen vor ihrer eigenen Sprache den Vorzug gaben; welche vermutlich ein ebenso grobkörniges wie dürftiges Idiom war. . Die griechische Sprache und der griechischen Wissenschaften jedoch verachteten sie; und der eitle Sophist, der in seiner Schule sich des schmeichelhaftetsten Beifalls erfreut hatte, gewahrte nunmehr mit Erstaunen, dass seinem rüstigen Sklaven nun, da sie beide Gefangene waren, mehr Wert und Bedeutung zukam als ihm selbst. Das Handwerk stand in Ansehen und wurde gefördert, das es die Bedürfnisse der Hunnen bedienen konnte. Ein Architekt aus der Gefolgschaft von Attilas Liebling Onegesius erhielt den Auftrag, ein Bad zu bauen; aber dies war ein seltenes Beispiel für privaten Luxus; und das Gewerbe eines Huf- oder Waffenschmiedes und Zimmermannes waren besser geeignet, ein nomadisierendes Volk mit den nützlichen Gegenständen für Krieg oder Frieden zu versehen. Nur dem Gewerbe des Arztes begegnete man allgemein mit Ehrfurcht und Respekt; Barbaren, die den Tod nicht scheuten, fürchteten sich gleichwohl vor Krankheit; und der ansonsten so hochmütige Herrscher zitterte in der Gegenwart eines Gefangenen, dem die Macht zugeschrieben wurde, Leben zu verlängern oder gar zu retten Philip de Comines erzählt in seiner lesenswerten Darstellung der letzten Tage von Ludwig XI (Mémoires, Buch 6, c. 12) von der Dreistigkeit seines Arztes, welcher innert fünf Monaten dem knickerigen Tyrannen 54 000 Kronen und einen Bischofssitz abschwatzte. . Die Hunnen waren imstande, über das Elend der von ihnen abhängigen Sklaven zu höhnen Priscus p.61 lobt die Gerechtigkeit der römischen Gesetze, die das Leben von Sklaven schützten: »Occidere solent (sagt Tacitus von den Germanen) non disciplina et severitate, sed impetu et ira, ut inimicum, nisi quod impune.« (Es kommt vor, dass man Sklaven erschlägt, nicht aus Gründen der Zucht oder Ordnung, sondern im Jähzorn oder aus Wut, genau wie einen Feind, nur eben straffrei.) Germania 25. Die Heruler, Attilas Untertanen, beanspruchten und übten das Recht über Leben und Tod ihrer Skaven. Hierzu auch eine merkwürdiges Beispiel im zweiten Buch es Agathias. ; aber zu einem durchdachten System der Unterdrückung waren sie unfähig; und oft genug belohnten sie deren Tapferkeit oder Dienstbarkeit mit der Freilassung. So sprach den Historiker Priscus, dessen Gesandtschaftsreise in hohem Maß lehrreich ist, im Lager Attilas ein Fremder unter vier Augen in griechischer Sprache an, obwohl er seiner Kleidung und seinem Aussehen nach wie ein wohlhabender Skythe wirkte. Während der Belagerung von Viminacium, so der Bericht des Fremden, hatte er Vermögen und Freiheit eingebüßt; er wurde Sklave des Onegesius; aber sein zuverlässiger Dienst gegen die Römer und Akatziren hatte ihn allmählich in den Rang eines gebürtigen Hunnen erhoben; denen er endlich gleichgestellt wurde, nachdem er sich wiederverheiratet und mehrere Kinder gezeugt hatte. Durch Kriegsbeute war er so reich wie früher und noch reicher geworden; er wurde sogar zu der Tafel seines früheren Herren zugelassen; und der abtrünnige Grieche segnete die Stunde seiner Gefangennahme, denn sie hatte ihm das Tor zu einem glücklichen und freien Leben eröffnet; in welchem er jetzt eine militärische Ehrenstellung bekleidete. Diese Erzählung gab naturgemäß Veranlassung zu einer Erörterung der Stärken und Schwächen der römischen Herrschaft, die der Abtrünnige mit Nachdruck attackierte und die Priscus weitschweifig, aber dürftig verteidigte. Der Freigelassene des Onegesius beschrieb in wahren und lebendigen Worten die Defekte des untergehenden Reiches, unter denen er so lange Zeit leiden musste: die grausame Idiotie der römischen Herrscher, die ihre Untertanen gegen die Feinde des Reiches zu schützen außerstande waren und ihnen gleichzeitig Waffen zu deren eigenem Schutz verweigerten; die unerträgliche Steuerlast, die durch die Willkür und Korruption des Erhebungssystems noch drückender wurde; die zahlreichen widersprüchlichen und unverständlichen Gesetze; das schwerfällige und kostspielige Gerichtswesen; die Willkürjustiz; und die krebsartig wuchernde Korruption, welche den Einfluss der Reichen beständig erhöhte und die Lage der Armen verschlimmerte. Ein Anflug von patriotischem Mitleid belebte sich endlich in der Brust des glücklich Exilierten; und unter einem Strom von Tränen klagte er über die Schuld der Magistrate, welche aus Vorsatz oder Unfähigkeit die besten und heilsamsten aller Einrichtungen so pervertiert hatten Die vollständige Unterredung bei Priscus, p. 59-62. .   VERTRAG ZWISCHEN ATTILA UND DEM OSTEN Die furchtsame oder auch egoistische Politik Westroms hatte den Osten des Reiches den Hunnen ausgeliefert »Nova iterum Orienti assurgit ruina . . . quum nulla ab Occidentalibus ferrentur auxilia.« (Neuerlich ereilte den Osten das Verderben, da vom Westen keinerlei Hilfe kam.« Prosper Tyro schrieb seine Chronik im Westen; seine Bemerkung beinhaltet eine Rüge. . Die Armseligkeit der Truppen, ihre mangelnde Disziplin und Kampfkraft, dies alles fand seine Parallelen im persönlichen Charakter der Monarchen. Gerne durfte Theodosius die Prachtentfaltung und den Titel des Unbesiegbaren Augustus in Anspruch nehmen; gleichwohl war er gehalten, Attila um Milde anzubetteln, welcher ihm mit imperialer Geste folgende drückenden und demütigenden Friedensbedingungen diktierte: I. Der Kaiser des Ostens trat ausdrücklich oder durch stillschweigendes Einverständnis einen beträchtlichen und wichtigen Streifen Landes ab, welches sich von der südlichen Donau (bei Sigdunum oder Belgrad) bis nach Novae in der Diözese Thrakien erstreckte. Die Breite wurde nur sehr ungefähr mit fünfzehn Tagesreisen bestimmt; aber schon bald wurde klar, dass Attila die untergegangene Stadt Naissus in dieses Land mit einbezog. II. Der König der Hunnen verlangte, und man folgte ihm hierin, dass die Abgaben von jährlich siebenhundert Pfund Gold auf zweitausendeinhundert erhöht werde; und er bestand auf der unverzüglichen Zahlung von sechstausend Pfund Gold zur Erstattung der Kriegskosten. Man könnte sich vorstellen, dass diese Forderung, die noch fast im Bereich privater Reichtümer lag, die üppigen Möglichkeiten des Ostreiches nicht hätte überfordern dürfen; aber die öffentliche Notlage wirft ein kennzeichnendes Bild auf den zerrütteten oder doch wenigstens ungeordneten Zustand der Staatsfinanzen. Ein erheblicher Teil der Steuern, die man dem Volk abpresste, versickerte auf seinem Wege nach Konstantinopel in trüben Kanälen. Theodosius und seine Günstlinge verschleuderten die Einkünfte durch besinnungslosen Luxus, der sich dann allerdings hinter Bezeichnungen von imperialer Größe und christlicher Milde verbarg. Den Rest hatten die unvorhergesehenen Ausgaben für das Militär verschlungen. Die einzige Möglichkeit, Attilas ungeduldige Habgier ohne Zeitverzug zufrieden zu stellen, bestand deshalb darin, dass den Mitgliedern des senatorischen Standes das persönliche Opfer abverlangt wurde; aber die Armut des Adels bestimmte ihn, aus einer trüben Quelle zu schöpfen und in öffentlicher Versteigerung die Juwelen und ererbten Schmuckwerke aus ihren Palästen anzubieten Nach den Mitteilungen oder genauer: den Schmähungen des Chrysostomos müssen diese Versteigerungen des byzantinischen Luxus sehr ergiebig gewesen sein. Jeder wohlhabende Haushalt verfügte über eine halbkreisförmige Tafel aus reinem Silber, die zwei Mann mit genauer Not anheben konnten, ein Gefäß aus reinem Gold mit einem Gewicht von vierzig Pfund, außerdem Vasen, Teller und anderes Geschirr aus demselben Metall. . III Der Hunnenkönig scheint zum Grundsatz nationaler Rechtspflege erhoben zu haben, dass er niemals den Besitzanspruch über die Personen verlieren könne, die irgendwann einmal freiwillig oder genötigt sich seiner Autorität unterworfen hätten. Hieraus folgerte – und Attilas Folgerungen hatten den Charakter von unumstößlichen Gesetzen – dass alle kriegsgefangenen Hunnen ohne Verzug und Auslösung zu entlassen seien; dass jeder Römer, der zu fliehen sich unterstanden hatte, sein Recht auf Freiheit zum Preis von zwölf Goldstücken einlösen müsse; und dass alle fahnenflüchtigen Barbaren bedingungslos und ohne Aussicht auf Pardon Attila auszuliefern seien. Bei der Ausführung dieser grausamen und schandbaren Bedingungen waren die kaiserlichen Beauftragten oftmals genötigt, loyale und adlige Deserteure umzubringen, da diese sich weigerten, in den sicheren Tod zu gehen; und die Römer selbst verspielten jedes Anrecht auf die Freundschaft des skythischen Volkes, da sie öffentlich ihre Unfähigkeit oder Unwilligkeit erklärten, alle die zu schützen, die vor dem Thron des Theodosius ihre Zuflucht genommen hatten Die Artikel des Friedensvertrages sind, wenn auch ohne Ordnung und Genauigkeit, bei Priscus (p. 34-37 und 53ff.) verzeichnet. Es ist ein kleiner Trost in der Feststellung des comes Marcellinus, dass 1.: Attila selbst um Frieden bat und anbot, was er vorher noch verweigerte; und dass 2.: etwa zu dieser Zeit der Botschafter von Indien dem Kaiser Theodosius einen wunderschönen zahmen Tiger zum Geschenk machte. .   DER GEIST VON AZIMUNTINIUM Der feste Sinn einer einzigen Stadt, die so unbedeutend war, dass sie von keinem Geographen oder Historiker erwähnt wurde außer bei dieser einen Gelegenheit, stellt die Kaltherzigkeit des Kaisers und des Reiches in ein besonders helles Licht. Atimus oder Azimuntium, eine thrakische Kleinstadt an der Grenze zu Illyrien Priscus, p. 35 f. Unter den 182 thrakischen Festungen, die Prokopios (de aedificiis 4,11) uns nennt, gibt es eine mit dem Namen Esimontou, die ungefähr in der Nachbarschaft von Anchialus und dem Schwarzen Meer gelegen haben soll. Name und Stadt von Azimuntum mögen fortgelebt haben bis in die Zeiten von Justinian, aber seine tapferen Verteidiger sind durch die Eifersucht der römischen Kaiser ausgelöscht worden. , hatte sich ausgezeichnet durch den kriegerischen Geist seiner Jugend, den kalkulierten Wagemut seiner gewählten Feldherren und den kühnen Geist ihrer ungezählten Unternehmungen, die sie gegen die gegen die Unmassen der barbarischen Horden unternahmen. Anstelle nur tatenlos deren Angriffe abzuwarten, machten die Azimutiner zahlreiche und durchaus erfolgreiche Ausfälle gegen die Hunnen, welche in dieser gefährlichen Nachbarschaft massive Einbußen erfuhren; entrissen ihnen Gefangene und Kriegsbeute; und verstärkten mit Überläufern und Flüchtlingen ihre Kampfkraft. Nach Abschluss der Friedensverträge bedrohte Attila das Reich mit fernerem Kriege, solange nicht die Azimuntiner freiwillig oder gezwungen die Bedingungen anerkannten, denen sich auch ihr Sovereign gebeugt hatte. Schamrot aber wahrheitsgemäß bekannten die Minister des Theodosius, dass ihre Autorität über diese Männer, die so tapfer für ihre Freiheit fochten, vollständig erloschen sei; und der Hunnenkönig sah sich genötigt, mit den Bürger von Azimus von gleich zu gleich zu verhandeln. Sie verlangten die Rückgabe zweier Hirten und ihrer Herden, welche jüngst zufällig gefangen gesetzt worden waren. Eine peinliche, wiewohl ergebnislose Nachforschung wurde zugestanden; aber die Hunnen mussten einen Eid darauf leisten, dass sie keine der Stadt gehörigen Gefangenen mehr hätten, bevor sie zwei gefangene Landsleute zurück bekommen konnten, die die Azimuntiner ihrerseits als Faustpfand für die Sicherheit ihrer beiden vermissten Gefährten in Gewahrsam hielten. Attila war mit ihrer feierlichen Versicherung zufrieden – und zugleich getäuscht – , dass man die übrigen Gefangenen dem Schwert überantwortet habe; und dass es bei ihnen geübter Brauch sei, die Römer und die Deserteure sogleich zu entlassen, welche sich der Öffentlichkeit auf Treu und Glauben überliefert hätten. Diese Täuschung mögen Kasuisten verdammen oder verteidigen, je nach dem, ob sie der strengen Auffassung des Augustinus oder der milderen des Hieronymus und Chrysostomos zuneigen; aber jeder Soldat, jeder Staatsmann wird zugeben, dass, wäre die Eigenart der Azimuntiner nur stärker verbreitet gewesen, die Barbaren schon bald aufgehört hätten, die Majestät des Reiches zu beleidigen Der erhitzte Disput zwischen Hieronymus und Augustinus, welche mit unterschiedlichen Argumentationslinien den scheinbaren Gegensatz zwischen den beiden Aposteln Peter und Paul beizulegen sich abmühten, hängt ab von der Lösung einer zentralen Frage (Middleton Works, Vol 2, p. 5-10), welche katholische und lutheranische Gottesgelehrte und sogar Philosophen und Rechtskundige aller Zeiten oftmals verhandelt hatten. .   GESANDTSCHAFTEN IN KONSTANTINOPEL Es hätte sich in der Tat merkwürdig ausgenommen, wenn Theodosius auf Kosten der Ehre sich eine gesicherte Ruhe erkauft oder wenn sein Trägheit nicht wiederholte Beleidigungen herausgefordert hätte. Fünf oder sechs aufeinander folgende Gesandtschaften suchten den Hof von Byzanz heim Montesquieu hat mit kühner und geschmeidiger Feder einige besondere Merkmale von Attilas Hochmut und der misslichen Lage der Römer dargestellt. Ihm gebührt Dank dafür, dass er die gar zu sehr vernachlässigten Fragmente des Priscus studiert hat. ; und Attilas Abgesandte hatten klare Weisung, die schleppende oder unvollständige Erfüllung der letzten Friedensbedingungen einzufordern; die Namen der Flüchtlinge und Deserteure preiszugeben, die immer noch den Schutz des Reiches genossen; und mit angemessener Bescheidenheit darauf hinzuweisen, dass es für ihren Herrscher beim besten Willen unmöglich sei, die Erbitterung seiner kriegerischen Horden zu kontrollieren, solange er nicht vollständige und unverzügliche Genugtuung erhalten habe. Neben Stolz und Berechnung mochten den Hunnenkönig wohl auch niedere Motive bestimmen, Gesandtschaften abzuschicken, nämlich seine Favoriten auf Kosten seiner Feinde zu beschenken. So lag denn der kaiserliche Schatz bald geplündert, um bei den Gesandten und ihren Wortführern diejenige günstige Stimmung zu erzeugen, die für einen günstigen Bericht und damit für die Fortsetzung der Friedenszeit vonnöten war. Der König der Barbaren mochte sich durch die günstige und großherzige Aufnahme seiner Bediensteten geschmeichelt fühlen; er berechnete mit Vergnügen den Wert der Bestechungsgelder, achtete mit Nachdruck auf die Erfüllung aller Zusagen, die zu ihrer persönlichen Bereicherung dienten und behandelte die Vermählung seines Sekretärs Constantius Siehe Priscus, p. 69 und 71ff. Ich möchte gerne glauben, dass dieser Glücksritter auf Veranlassung von Attila wegen des Verdachtes verräterischer Umtriebe später gekreuzigt wurde; indessen hat Priscus (p. 57) eindeutig zwei Personen namens Constantius unterschieden, welche aufgrund ähnlicher Lebensumstände leicht miteinander verwechselt werden konnten. wie eine wichtige Staatsangelegenheit. Jener gallische Abenteurer, der dem Hunnenkönig eine Empfehlung von Aëtius vorweisen konnte, hatte den Ministern von Konstantinopel seine Dienste angeboten, als Gegenleistung für eine in Aussicht gestellte wohlhabende und edle Frau; und die Tochter des comes Saturninus ward ausersehen, mit ihrer Person diese Schuld ihres Landes zu begleichen. Die Sprödigkeit der Opfers, häuslicher Streit und die ungerechtfertigte Beschlagnahme ihres Vermögens kühlten die Glut ihres Liebhabers; aber nach wie vor bestand er im Namen Attilas auf einer gleichwertigen Verbindung; und nach vielen erbärmlichen Ausflüchten und Verzögerungen sah sich der Hof von Byzanz endlich genötigt, dem zudringlichen Fremden die Witwe des Armatius anzudienen, da ihre Stellung, ihr Reichtum und ihre Schönheit ihr einen führenden Platz unter den Matronen des Reiches sicherte. Für diese zudringlichen und lästigen Gesandtschaften verlangte Attila einen angemessenen Gegenbesuch; er taxierte mit argwöhnischem Stolze die Persönlichkeit und die Stellung der kaiserlichen Botschafter; aber er ließ sich zu der Zusicherung herbei, jedem Beamten von konsularischem Rang bis nach Sardica entgegenzukommen. Der Kronrat des Theodosius wich sich diesem Vorschlag aus, indem er auf den ruinierten Zustand von Sardica hinwies; und er verstieg sich sogar zu der kühnen Idee, dass jeder General oder Zivilminister dazu geeignet sei, mit dem mächtigen König der Skythen Rats zu pflegen. Maximinus Beim Abschluss des Friedenvertrages mit Persien im Jahre 422 war der kluge und beredte Maximinus der Berater des Ardaburius gewesen (Sokrates 7,20). Als Marcianos den Thron bestieg, erhielt Maximinus das Amt des Oberkämmerers, welches Amt zu den vier wichtigsten des Staates gehört (Novellae, im Anhang des Codex Theodosianus, p. 31). Er exekutierte eine zivile und militärische Mission in den Provinzen des Ostens; und sein Tod wurde von den Wilden Äthiopien beklagt, deren Übergriffe er zurückgedrängt hatte. (Siehe Priscus p.40, 41). , ein angesehener Höfling, der in zivilen und militärischen Geschäften schon längst seine Fähigkeiten bewährt hatte, unterzog sich widerstrebend der schwierigen und wohl auch nicht ungefährlichen Aufgabe, den aufgebrachten Hunnenkönig zu besänftigen. Sein Freund, der Historiker Priscus Priscus stammte aus Panium in Thrakien aus adliger Familie; seine Beredsamkeit sichert ihm einen Platz unter den Sophisten seiner Zeit. Seine Geschichte von Byzanz, die bis in seine Zeit hinabreicht; enthielt sieben Bücher. (Siehe Fabricius, Bibliotheca Graeca, Band 6, p. 235f.) Der achtbaren Einwände der gelehrten Welt ungeachtet meine ich, dass er ein Heide war. , nahm die Gelegenheit wahr, den Held der Barbaren in friedlicher und gleichsam häuslicher Umgebung zu beobachten; aber das Geheimnis der Gesandtschaft, ein verhängnisvolles und schuldbeladenes Geheimnis, wurde nur dem Dolmetscher Vigilius anvertraut. Die beiden letzten Gesandten der Hunnen, Orestes, ein Adliger aus Pannonien und Edecon, ein Stammeshäuptling vom Volke der Skyrren, kehrten zur gleichen Zeit aus Konstantinopel zurück. Ihre unbekannten Namen erhielten später durch die außergewöhnlichen und entgegengesetzt verlaufenden Biographien ihrer Söhne Berühmtheit: die beiden Diener Attilas waren die Väter des letzten weströmischen Kaisers und des ersten Barbarenkönig Italiens.   DIE GESANDTSCHAFT DES MAXIMINUS BEI ATTILA · A.D. 448 Die Gesandtschaft, der noch ein zahlenstarker Zug Berittener folgte, machte in Sardica, dreihundertundfünfzig Meilen oder dreizehn Tagesreisen von Konstantinopel entfernt ihren ersten Halt. Da die Ruinen von Sardica damals noch zum Römischen Reich gehörte, oblagen den Römern die Pflichten des Gastgebers. So stellten sie mit Hilfe der Provinzialen eine hinreichende Zahl von Ochsen und Pferden zur Verfügung; und luden die Hunnen zu einem wo nicht glanzvollen, so doch reichlichen Essen ein. Aber die Harmonie zwischen beiden wurde schon bald durch gegenseitige Abneigung und Unbedachtsamkeiten getrübt. Die Größe des Römischen Reiches und seines Herrschers wurde von den Ministern des Kaisers in lebhaften Farben vorgestellt; mit vergleichbarem Eifer verwiesen die Hunnen auf die Überlegenheit ihres siegreichen Herrschers: der Streit gewann an Schärfe durch die gedankenlose und zeitlich unpassende Schmeichelei des Vigilius, der sich den törichten Vergleich zwischen einem Sterblichen und dem göttlichen Theodosius verbat; und nur mit Mühe vermochten Maximinus und Priscus die Streithähne zu trennen und die erhitzten Gemüter der Barbaren zu kühlen. Als die Tafel aufgehoben wurde, schenkten die kaiserlichen Gesandten dem Orestes und Edecon üppige Seidengewänder und indische Perlen, die dankbar entgegen genommen wurden. Indessen konnte sich Orestes nicht des Hinweises enthalten, dass er für seine Person nicht immer so großzügig und respektvoll behandelt worden sei; der kränkende Rangunterschied, der zwischen seinem zivilen Amt und dem erblichen Rang seines Kollegen stillschweigend einbegriffen war, machte Edecon zu einem unsicheren Freund und Orestes zu einem unversöhnlichen Feind. Nach dieser Abendunterhaltung zogen sie dann die einhundert Meilen von Sardica nach Naissus. Diese einstmals blühende Stadt, Geburtsort zugleich des großen Constantin, lag in Trümmern, die Einwohner tot oder vertrieben; und der Anblick einiger Versehrter, denen der Aufenthalt in den Trümmern der Kirchen erlaubt war, trug dazu bei, das Grauen zu vermehren. Überall auf dem Boden lagen die Skelette der Erschlagenen; und die Gesandten, die nordwestlich zogen, mussten an den Hügeln des heutigen Servia vorbei, bevor sie in die sumpfigen Flussniederungen der Donau hinab gelangten. Die Hunnen waren die Herren auf diesem gewaltigen Strom; ihre Schifffahrt fand in großen Kähnen statt, die sie aus einem einzigen Baumstamm ausgehöhlt hatten; sicher gelangten des Theodosius Abgesandte an das andere Ufer; und ihre nichtrömische Begleitung eilte in das Lager Attilas, welches für Jagd- wie für Kriegszwecke in gleicher Weise zugerüstet war. Kaum hatte Maximinus die zwei Meilen zwischen Fluss und Lager zurückgelegt, als er auch schon den mäkelnden Hochmut des Sieger an eigenem Leibe erfuhr. Streng ward ihm untersagt, sein Zelt in einem lieblichen Seitental aufzuschlagen, da er hierdurch den gebührenden Abstand verletzen würde, der gegenüber dem königlichen Gezelte zu beobachten sei. Die Minister Attilas nötigten ihn, ihnen die Vorschläge und Angebote mitzuteilen, die eigentlich für das Ohr des Herrschers aufgespart waren. Als Maximinus mit der gebotenen Zurückhaltung auf die abweichenden internationalen Gepflogenheiten hinwies, musste er zu seinem wachsenden Verdrusse erkennen, dass die Beschlüsse des heiligen Konsistoriums, deren Geheimnisse nach den Worten des Priscus nicht einmal den Göttern selbst offenbart werden durften, den Feinden des Reiches in verräterischer Weise bereits enthüllt worden waren. Als er sich weigerte, unter derart erniedrigenden Bedingungen weiter zu verhandeln, hieß man die kaiserliche Gesandtschaft unverzüglich abreisen; der Befehl wurde widerrufen; er wurde erneuert; und dann fuhren die Hunnen mit ihren fruchtlosen Versuchen, die unerschütterte Geduld des Maximinus zu etmüden. Endlich wurde er auf Vermittlung des Scotta, eines Bruders des Ongesius, dessen Freundschaft man rechtzeitig durch ein großherziges Geschenk sichergestellt hatte, vor den König gelassen: aber anstelle das er eine verwertbare Antwort erhalten hätte, musste er eine Reise in den fernen Norden unternehmen, auf dass Attila sich der stolzen Genugtuung erfreuen könne, in demselben Lager die Botschaften des West- und Ostreiches zu empfangen. Auf seiner Reise geleiteten ihn kundige Führer, die ihn Halt machen ließen oder auch zu Eilmärschen antrieben, Umwege einschlagen hießen, je nach dem, wie es das Vorhaben ihres Königs erforderte. Bei ihrem Zug durch die ungarische Ebene nahmen die Römer an, dass sie verschiedene Flusse überquerten, in Kanus oder mit transportfähigen Booten; aber es besteht guter Grund zu der Annahme, dass die Theiss (oder Tibiscus) sich an verschiedenen Orten unter verschiedenen Namen darstellte. Unferne Dörfer versorgten sie regelmäßig und üppig mit Proviant; Met gab es anstelle von Wein, Hirse anstelle von Brot und einen Likör mit dem Namen camus , welcher nach den Angaben des Priscus aus Gerste gewonnen wurde Die Hunnen selbst verachteten immer noch die Feldarbeit; sie missbrauchten hier die Privilegien des Siegers; und die Goten, ihre fleißigen Nachbarn, die die Erde unter den Pflug genommen hatten, fürchteten ihre Nähe wie ein Rudel von reißenden Wölfen (Piscus, p. 45). In gleicher Weise sorgen die Sarten und Tadschiken für ihren Unterhalt und für den der usbekischen Tartaren, ihre faulen und raubgierigen Beherrscher (Siehe Genealogical History of the Tatars, p. 423, 455). . Für Männer, die vom Luxus Konstantinopels gekostet hatten, mochte diese Reise unzumutbar und widrig erscheinen: aber in einer wirklichen Notlage half ihnen die Gastfreundlichkeit derselben Barbaren, die im Kriege so fürchterlich und gnadenlos sein konnten. Die Botschafter hatten sich am Ende an der Grenze zu einem Sumpf gelagert. Ein fürchterlicher Sturm mit Blitz und Donner und Regengüssen hatte ihre Zelte umgerissen, Gepäck und Einrichtung unter Wasser gedrückt und ihr Gefolge zerstreut, welches im Dunkel der Nacht umherirrte, unkundig des Weges und besorgt um etwaige Gefahren, bis ihre Rufe endlich die Bewohner eines Nachbardorfes aufweckten, welches der Witwe des Bleda gehörte. Helle Beleuchtung und nach nur wenigen Augenblicken ein wärmendes Schilf-Feuer wurden ihnen freundlich angezündet; die Bedürfnisse und sogar die heimlichen Wünsche der Römer wurden großherzig erfüllt; sie scheinen durch das einzigartige Entgegenkommen von Bledas Witwe nachgerade peinlich berührt worden zu sein, da sie zu den anderen Vergünstigungen auch noch das Geschenk, oder zumindest die leihweise Überlassung einer hinreichenden Anzahl schöner und bereitwilliger Fräulein hinzufügte. Im Sonnenschein des folgenden Tages erholten sich Mann und Ross; man sammelte das Gepäck und ließ es trocknen: aber am Abend vor der Abreise gaben die Botschafter ihrer Dankbarkeit durch ein üppiges Geschenk an die Herrin des Dorfes, der sie silberne Gefäße, rote Gewänder, getrocknete Früchte und indischen Pfeffer präsentierten. Bald nach diesem Zwischenfall stießen sie wieder zu Attila, von dem sie beinahe sechs Tage lang entfernt gewesen waren; und allmählich näherten sie sich der Hauptstadt eines Reiches, welches auf tausende Meilen sonst keine einzige nennenswerte Siedlung aufwies.   HOLZHÄUSER VON UNGEFÜGER GROSSARTIGKEIT Soweit wir die unbestimmte und dunkle Länderkunde des Priscus konkretisieren können, lag diese Hauptstadt zwischen Theiss, Donau und den Karpathen, in der Ebene des oberen Ungarn und höchstwahrscheinlich in der Nachbarschaft von Jazberin, Agria und Tokay Es ist offenkundig, dass Priscus die Donau und die Theiss überquert hat, aber dass er nicht bis zu den Karpathen vordrang. Agria (Eger), Tokay und Jazberin (Jász-Berény) liegen in der derart umgrenzten Ebene. Herr de Buat (Histoire des Peoples, Band 7, p. 461) hat sich für Tokay entschieden, und Herr Otrokosci (bei Mascov, History of the Germans, c. 9, p. 23), ein gelehrter Ungar, für einen Ort, der etwa sechsunddreißig Meilen westlich von Buda und der Donau liegt. . Ursprünglich war sie wohl nicht anderes als zufälliges Militärlager, welches sich wegen Attilas häufiger und dauernder Anwesenheit dortselbst zu einem großen Dorf erweitert hatte, in welchem sein Hof, die ihm nachfolgenden Soldaten und eine große Anzahl arbeitsscheuer oder fleißiger Sklaven und Gefolgsleute ihre Unterkunft fanden Dieses Königsdorf des Attila lässt sich am besten mit der Stadt Karacorum vergleichen, der Residenzstadt der Nachfolger von Dschingis Khan; welche, wenn sie auch etwas mehr auf Dauer angelegt schien, an Schönheit und Glanz der Abtei und der Stadt von St. Denis aus dem XIII. Jhdt. nicht gleichkam. Siehe Rubruqis, Histoire générale des voyages, Band 7, p. 286. Das Lager von Aurangzeb, das Bernier so anschaulich beschrieben hat (Voyages, Band 2, p. 217-235), vereinte in sich die Bräuche der Skythen mit dem Luxus von Hindustan. . Die von Onegesius angelegten Bäder waren die einzigen Gebäude von Stein; das Baumaterial dazu hatte man aus Pannonien herangeschafft; und da das umliegende Land kein Bauholz bereitstellte, darf angenommen werden, das die Behausungen der einfachen Leute aus Stroh gefertigt waren, aus Lehm oder aus Leinwand. Die Holzhäuser der etablierten Hunnen waren entsprechend der Stellung, dem Vermögen oder dem Geschmack ihrer Besitzer von robuster Großartigkeit. Es scheinen die Entwürfe eines gewissen Sinnes für Ordnung und Symmetrie nicht entbehrt zu haben; und jedes Grundstück ward umso achtbarer, je dichter es an die Person des Herrschers heranrückte. Der Palast Attilas, der alle anderen Gebäude seiner Herrschaft übertraf, war vollständig aus Holz erbaut und bedeckte eine gehörige Fläche. Die äußere Umfassung war eine Palisade aus geglättetem Vierkantholz, zwischen die Türme eingefügt waren, mit denen man aber eher Schmuck- als Verteidigungszwecken verfolgt haben mochte. Diese Palisade, die man um einen Hügel angelegt zu haben scheint, umschloss eine Vielfalt von Holzgebäuden, welche zum Gebrauch durch den König angelegt waren. Ein eigenes Haus besaßen jeweils die zahlreichen Weiber Attilas; und im Gegensatz zu der strengen und engherzigen Abgeschlossenheit, die die asiatische Eifersucht eigentlich verlangte, ließen sie die römischen Gesandten in ihre Nähe, an ihre Tafel und gönnten ihnen sogar eine unschuldige Umarmung. Als Maximinus seine Geschenke der Cerca, Attilas Hauptfrau, überreichte, konnte er die einzigartige Architektur ihres Hauses bewundern, die Höhe der runden Säulen, Form und Schönheit ihres Holzes, welches eigentümlich geformt, gedrechselt, geglättet oder ausgearbeitet war; und sein aufmerksames Auge entdeckte in den Ornamenten Anzeichen von Geschmack und ein gewisses Ebenmaß in den Proportionen. Nachdem er an den Torwachen vorüber war, führte man den Botschafter in die privaten Gemächer der Cerca. Attilas Weib empfing ihren Besucher, wobei sie auf einer Art Sofa saß oder fast schon lag; der Boden war mit Teppichen überdeckt; Hausdienerinnen bildeten einen Kreis um die Königin; und ihre Jungfrauen waren, auf dem Boden sitzend, damit befasst, die unterschiedlichen Schmuckstücke zu fertigen, mit denen die Krieger der Barbaren ihre Kleider verschönerten. Die Hunnen waren eifrig darauf bedacht, diese Reichtümer zur Schau zu stellen, waren die doch die Früchte und die Beweise ihrer Siege: das Geschirr für ihre Pferde, ihre Schwerter, ja selbst ihre Schuhe waren mit Gold und Edelsteinen geschmückt; und auf ihren Tafeln fanden sich Teller, Becher und Vasen aus Gold und Silber, die griechische Kunstfertigkeit gestaltet hatte. Einzig der König gönnte sich das überlegene Gefühl des Stolzes und hing nach wie vor der Schlichtheit seiner skythischen Vorfahren an Als die Mongolen auf der Reichsversammlung zu Toncat ihre asiatische Beute zur Schau stellten, war der Thron von Dschingis nach wie vor mit dem ursprünglichen schwarzen Filztuch bedeckt, auf dem er auch gesessen hatte, als er die Herrschaft über seine kriegerischen Landsleute übernommen hatte. Siehe Pétis, Histoire de Genghizcan, Buch 4, c.9. . Attilas Kleidung, seine Waffen und die Ausstattung seines Pferdes waren schmucklos und von ein und derselben Farbe. Aufgetragen wurde bei der Tafel aus hölzernen Gefäßen und Tellern; seine einzige Nahrung war Fleisch; und niemals verfiel der Eroberer aus dem Norden soweit dem Luxus, dass er Brot aß.   AUFTRETEN ATTILAS GEGENÜBER DEN RÖMERN Als Attila den römischen Gesandten an den Donauufern Audienz gewährte, war sein Zelt von einer furchteinflößenden Wache umkreist. Der Herrscher selbst saß auf einem Holzstuhl. Seine finstere Miene, seine ausgreifende Gestik und sein ungeduldiger Tonfall brachten Maximinus denn doch einigermaßen aus der Fassung; noch mehr Grund zur Sorge hatte indessen Vigilius, da er sehr deutlich die Drohung verstand, dass Attila, wenn es ihm nicht gefallen wollte, das Völkerrecht zu beachten, den ungetreuen Dolmetscher ans Kreuz nageln und seinen Körper den Geiern zum Fraße vorwerfen würde. Der Barbar ließ sich herbei, durch die Vorlage einer genauen Liste die dreiste Lügenhaftigkeit des Vigilius offen zu legen, welcher behauptet hatte, dass nicht mehr als siebzehn Deserteure aufzutreiben gewesen waren. Aber hochmütig erklärt er, dass er nur den Hader befürchte, der um seine entlaufenen Sklaven entstehen werde; denn die ohnmächtigen Anstrengungen, die Theodosius zur Verteidigung der ihren Waffen übergebenen Provinzen unternehme, verachte er nur: »Denn welche Festung (fügte Attila hinzu), »welche Stadt im ganzen weiten Römischen Reiche kann noch die Hoffnung hegen, sicher und unbehelligt zu existieren, wenn es uns gefällt, dass sie vom Erdboden gelöscht werden soll?« Indessen, er entließ den Dolmetscher, welcher nach Konstantinopel zurückkehrte mit dem entschiedenen Verlangen nach vollständiger Wiederherstellung und Teilnahme an einer respektableren Gesandtschaft. Sein Ärger verrauchte allmählich, und die Hochzeit, die er unterwegs mit der Tochter des Eslam beging, trug wohl auch dazu bei, sein naturgewollt heftiges Temperament abzukühlen. Der Einzug Attilas in das königliche Dorf war mit ähnlichem zeremoniellen Aufwand gerahmt. Zahlreiche Weiber nahten herzu, ihren Held und König zu empfangen. Sie zogen vorweg, eingeteilt in langen und regulären Marschkolonnen; die Zwischenräume zwischen diesen Abteilungen wurden durch Bahnen von weißer Leinwand überbrückt, die die Frauen an beiden Enden mit den Händen emporhoben und die so als Baldachin für einen Jungfrauenchor dienten, die Hymnen und Lieder in skythischer Sprache vernehmen ließen. Die Frau seines Favoriten Onegesius begrüßte zusammen mit einer zahlreichen weiblichen Gefolgschaft Attila am Eingang zu ihrem eigenen Haus, als er sich seinem Palast näherte und erwies ihm, der Sitte der Landes entsprechend die Ehre, indem sie ihm Wein und Fleisch aus eigener Küche zu Kosten anbot. Sobald der Monarch Gewährung genickt hatte, hoben seine Bediensteten ein kleines Silbertablett in bequeme Höhe – saß er doch auf einem Pferd – berührte denn Pokal mit den Lippen, grüßte neuerlich des Onegesius Weib und zog weiter. Während seines Aufenthaltes in der Hauptstadt seines Reiches vertat er seine Zeit nicht durch längeres Verweilen in der trägen Abgeschlossenheit des Serails; der König der Hunnen verstand es, Würde und Distanz zu bewahren, ohne sich gleichzeitig vor seinem Volk verstecken zu müssen. Er rief häufig den Kronrat ein und gab ausländischen Botschaften Audienz; und auch sein Volk konnte den obersten Gerichtshof anrufen, den er zu festgelegten Stunden entsprechend den Gebräuchen des Ostens vor dem Haupteingang seine Holzpalastes abhielt.   EIN FESTBANKETT Zweimal wurden die Römer des Ostens und des Westens zu einem Bankett geladen, das Attila zu Ehren der Herrscher und Adligen Skythiens gab. Maximinus und seine Kollegen wurden an der Schwelle aufgehalten und genötigt, ein Trankopfer auf Gesundheit und ferneres Wohlergehen des Hunnenkönigs zu spenden; nach dieser Zeremonie führte man sie zu ihren vorgesehenen Plätzen in der geräumigen Halle. Inmitten der Halle stand, einige Stufen erhöht und mit feinem Leinen bedeckt, der Königstisch; und einem Sohn, einem Onkel oder einem in Gunst stehenden Häuptling wurde es gestattet, Attilas frugale und derbe Kost zu teilen. Zwei Reihen mit kleinen Tischen, an denen je drei oder vier Gäste Platz fanden, standen links und rechts davon in einer Reihe; die rechte galt als die ehrenvollere, aber die Römer bekannten hochsinnig, dass man sie in der Linken habe Platz nehmen lassen; und dass Berich, ein sonst unbekannter Stammeshäuptling vermutlich gotischer Abstammung, die Repräsentanten des Theodosius und Valentinian anführte. Der Barbarenkönig empfing von seinem Mundschenk einen gefüllten Weinpokal und trank höflich auf das Wohlergehen der wichtigsten seiner Gäste, die sich ihrerseits erhoben und auf gleiche Weise die gleichen Wünsche aussprachen. Diese Zeremonie wurde danach auch für die übrigen – oder doch wenigstens die angesehenen – Gäste wiederholt; dies muss ziemlich lange gedauert haben, denn sie wurde dreimal wiederholt, wann immer ein Gang auf den Tisch gestellt wurde. Wein gab es auch dann noch zu trinken, nachdem das Fleisch abgeräumt war; und die Hunnen widmeten sich noch lange ihrer Maßlosigkeit, als die nüchternen Botschafter der beiden Reiche sich schon längst von dem nächtlichen Bankett zurück gezogen hatten. Aber bevor sie sich entfernten, hatten sie Gelegenheit, die Trinksitten dieser Nation aus nächster Nähe zu beobachten. Zwei Skythen standen vor Attila und rezitierten Verse aus eigener Produktion, in denen sie seine Macht und seine Siege feierten. Die Halle saß in gespanntem Schweigen; und die Gäste waren gebannt von der vokalen Harmonie, die die Erinnerung an ihre eigenen Eroberungen wachrief und festigte: kriegerischer Glanz blitzte aus den Augen der Krieger, die nach Kämpfen verlangten Dürfen wir Plutarch glauben (Demetrios 19), dann beflügelten die Skythen bei Tafelfreuden ihren schlummernden Mut, indem sie den Sehnen ihrer Bögen kriegerische Harmonien entzupften. ; und die Tränen in den Augen der Alten kündeten von der Trauer, dass es ihnen versagt bleiben müsse, inskünftig an den Gefahren und dem Ruhm der Schlachten teilzuhaben. Auf diese Unterhaltung, die man als Schule der kriegerischen Tugenden ansehen mag, folgte eine Groteske, die ein Hohn auf die Menschenwürde darstellte. Ein afrikanischer und skythischer Possenreißer erregten nacheinander ihre ruppigen Zuhörer zu Heiterkeitsausbrüchen durch ihre verkrüppelte Gestalt, ihre alberne Kleidung und die unverständliche und fremdartige Mischung aus dem Lateinischen, Gotischen und Hunnischen; und die Halle erbebte unter lautem und dröhnendem Gelächter. Inmitten des allgemeinen Aufruhrs bewahrte alleine Attila mit unbewegter Miene die Fassung; welche er auch sonst beobachtete, außer beim Herannahen seines jüngsten Sohnes Irnac: er umarmte den Knaben unter zärtlichem Vaterlächeln, tätschelte ihm sanft die Wange und ließ überhaupt eine besondere Zuneigung erkennen, die auch durch die Versicherung seiner Wahrsager gerechtfertigt wurde, dass nämlich Irnac dereinst die Stütze des Reiches und seiner Familie sein werde. Zwei Tage später erhielten die Botschafter Roms eine zweite Einladung; und so hatten sie Grund, die Höflichkeit Attilas ebenso zu preisen wie seine Gastfreundschaft. Der König der Hunnen unterhielt sich lange und vertraulich mit Maximinus; aber diese seine feine Lebensart wurde immer mal wieder durch ordinäre Ausdrücke und hochmütige Vorwürfe getrübt; und er fühlte sich veranlasst, aus reinem Eigennutz die privaten Ambitionen seines Sekretärs Constantius zu befördern. »Der Kaiser«, so Attila, »hat ihm schon lange ein Weib versprochen; Constantius darf nicht enttäuscht werden; noch auch darf man den römischen Kaiser zu Recht einen Lügner schelten.« Am dritten Tage ward der Botschafter entlassen; auf nachdrückliche Bitten wurde mehreren Gefangenen gegen ein geringes Lösegeld die Freiheit zugesichert; und neben königlichen Geschenken erhielten sie von den skythischen Adligen auch noch die nützlichere Gabe in Gestalt eines Pferdes. Maximinus ritt auf dem gleichen Wege nach Konstantinopel zurück; und wenn er auch gelegentlich mit Berich, Attilas neuem Botschafter, in Streit geriet, so konnte er sich doch schmeicheln, den Frieden und die Freundschaft zwischen den beiden Nationen mit seiner mühsamen Reise gefestigt zu haben Die anschauliche Schilderung dieser Gesandtschaftsreise, die nur wenige Beobachtungen erforderte und keinem anderen Zeugnis gegenüber gestellt werden kann, findet sich bei Priscus (p. 49-70). Ich habe mich indessen nicht an seine Reihenfolge gehalten; und ich habe vornehmlich die historischen Begleitumstände ausgezogen, die mit der eigentliche Reise und der Aufgabe der römischen Botschafter weniger zu tun hatten. .   VERSCHWÖRUNG DER RÖMER GEGEN DAS LEBEN ATTILAS Aber der römische Botschafter wusste nichts von den verräterischen Entwürfen, welche man unter der Maske öffentlich bekundeter Treue verborgen gehalten hatte. Beim Anblick von Konstantinopels Pracht war Edecon ins Staunen geraten, was den Dolmetscher Vigilius ermutigt hatte, ihm eine geheime Unterredung mit dem Eunuchen Chrysaphius Herr de Tillemont hat mit großer Berechtigung die Reihe der Kammerherren genannt, die im Namen des Theodosius die eigentliche Regierungsgewalt ausübten. Chrysaphius war der letzte und, so das einhellige Urteil der Geschichte, der übelste dieser Kreaturen (Histoire des empereurs, Band 6, p. 117-119 und Mémoires ecclésiastiques, Band 15, p. 438). Seine Parteiname für seinen Paten, den Erzketzer Eutyches, war Ursache seines Vorgehens gegen die Orthodoxen. zu ermöglichen, welcher den Kaiser und damit das Reich in seiner Hand hatte. Nach einem einleitenden Geplauder und einem gegenseitigen Schweigegelübde kam der Eunuch, der sich aus eigener Neigung oder Wissenschaft keinen Begriff von den Tugenden eines Ministers gebildet hatte, auf die Ermordung von Attila zu sprechen als einem wichtigen Dienst, durch den sich Edecon einen beträchtlichen Anteil an Reichtum und Luxus sichern würde, die er so sehr bewunderte. Der Botschafter der Hunnen lauschte auf das verführerische Angebot und bekannte mit sichtlichem Eifer seine Bereitschaft diese Bluttat auszuführen; der magister officiorum wurde eingeweiht, und der fromme Theodosius gab seine Einwilligung in die Ermordung seines unbesiegbaren Gegners. Aber dieses finstere Komplott ward ruchbar, weil Edecon täuschende Verstellung geübt oder ihn die Reue gepackt hatte; und wenn er auch die ihm innewohnende Abscheu vor Verrat übertrieben haben mag, so kommt ihm doch das Verdienst zu, rechtzeitig und freiwillig alles gestanden zu haben. Und wenn wir jetzt noch einmal die Botschafterreise des Maximinus und das Verhalten des Attila im Rückblick betrachten, dann müssen wir uns vor dem Barbaren verneigen, welcher die Gesetze der Gastfreundschaft heiligte und einen Minister großherzig aufnahm und bewirtete, dessen Herr ihm nach dem Leben getrachtet hatte. Aber noch mehr ist uns der Mut des Vigilius auffällig, da er im vollen Bewusstsein seiner Schuld und der über ihm schwebenden Gefahr in das Lager Attilas zurückkehrte; in Begleitung seines Sohnes und mit einer gewichtigen Goldbörse ausgerüstet, die ihm der Eunuch ausgehändigt hatte, um Edecons Wünsche zu befriedigen und zugleich die Treue der Wachen umzustimmen. Der Dolmetscher wurde unverzüglich festgesetzt und vor Attilas Thron geschleppt, wo er solange standhaft seine Unschuld beteuerte, bis die Androhung der sofortigen Tötung seines Sohnes ihm die getreuliche Aufdeckung des kriminellen Vorhabens abnötigte. Der habgierige König der Hunnen erhielt unter der Bezeichnung Lösegeld oder Konfiskation zweihundert Pfund Gold für das Leben eines Verräters, den er so sehr verachtete, dass er ihn nicht einmal bestrafen mochte. Attila bekundete seine gerechte Empörung gegenüber einem würdigeren Gegner. Seine Boten Eslaw und Orestes wurden mit weitreichenden Instruktionen nach Konstantinopel abgefertigt, und den Anweisungen nicht zu folgen wäre für sie weitaus heikler geworden als ihnen zu willfahren. Beherzt suchten sie die kaiserliche Nähe, Orestes mit der ominösen Goldbörse um den Hals; welcher denn auch den zunächst dem Throne stehenden Eunuchen Chrysaphius befragte, ob er denn nicht diesen Beweis seiner Schuld wiedererkenne. Aber das eigentliche Amt, dem Kaiser die tadelnde Vorhaltung auszusprechen, blieb der höheren Würde des Eslaw aufgespart, welcher sich denn auch mit den folgenden würdigen Worten an den Herrscher des Ostens wandte: »Theodosius ist der Sohn ehrbarer und berühmter Eltern; insgleichen ist Attila von adliger Abstammung; und er für seine Person ist mit Worten und Taten der Würde gerecht geworden, die von seinem Vater Mundzuk auf ihn gekommen ist. Theodosius indessen habe die Ehre seiner Väter verwirkt, und durch seine Zustimmung zu der Tributzahlung die Stellung eines Sklaven bezogen. Es wäre ihm daher angemessener, dass er dem Manne Ehre erweist, den Glück und Verdienst über ihn gesetzt haben, anstelle wie ein verworfener Sklave seinem Herren heimlich nach dem Leben zu trachten.« Der Sohn des Arcadius, der nur die Stimme der Schmeichelei zu hören gewohnt war, lauschte mit Erstaunen auf den harten Klang der Wahrheit; er errötete und erbebte; auch wagte er nicht, sich vor Chrysaphius zu stellen, dessen Kopf Eslaw und Orestes weisungsgemäß verlangten; eine respektgebietende Gesandtschaft, bewaffnet und mit Geschenken schwer beladen, wurde in Eile abgefertigt, den Zorn Attilas zu dämpfen; zusätzlich schmeichelte es seiner Eitelkeit, dass Nomius und Anatolius zu Gesandten bestimmt wurden, zwei Ministern von konsularischem Rang, von denen der eine der Meister des Schatzes und der zweite der Heermeister des Ostens war. Er ließ sich herbei, die beiden Botschafter am Ufer der Drenco zu empfangen; und wenn er zu Beginn auch eine strenge und abweisende Miene zur Schau trug, verursachten allgemach Beredsamkeit und Freigebigkeit eine mildere Stimmung. Er war bereit, dem Kaiser, dem Eunuchen und dem Dolmetscher zu vergeben; verpflichtete sich seinerseits mit heiligen Eiden, die Bedingungen des Friedens einzuhalten, viele Gefangene zu entlassen, Flüchtlinge und Deserteure zu begnadigen und ein großes Stück Land südlich der Donau wieder abzutreten, welches allerdings verödet dalag. Dieser Frieden wurde zu einem Preise erkauft, der fast einen Feldzug gerechtfertigt hätte; und die Untertanen des Theodosius sahen sich genötigt, das Leben eines nichtswürdigen Favoriten mit Sondersteuern zu erkaufen, die sie viel lieber bezahlt hätten, wenn sie dafür seine Hinrichtung hätten erleben dürfen Den Bericht von der Verschwörung und ihren bedeutenden Folgen kann man den Fragmenten des Priscus, (p. 37ff., 54, 70ff.) entnehmen. Die Chronologie dieses Geschichtsschreibers bietet kein einziges gesichertes Datum; aber die vielen Verhandlungen zwischen Attila und dem Ostreich müssen sich irgendwann in den drei oder vier Jahren vor dem Tode des Theodosius A.D. 450 ereignet haben. .   THEODOSIUS DER JÜNGERE STIRBT 28. JULI 450 Kaiser Theodosius überlebte diese tiefste Schande seines ruhmlosen Lebens nicht lange. Bei einem Ausritt oder einer Jagd in der Nähe von Konstantinopel stürzte er vom Pferd und fiel in den Fluss Lycus; infolge des Sturzes brach er sich einen Rückenwirbel; und wenige Tage später verschied er in seine fünfzigsten Lebens- und seinem dreiundvierzigsten Regierungsjahr Theodoros der Leser (s. Valesius, Historiae ecclesiasticae, Band 3, p. 563) und die Chronikon paschale erwähnen den Unfall, ohne jedoch die Verletzung genauer zu bezeichnen; aber ihre Folge lag so sehr in der Natur der Sache und konnte so wenig erfunden werden, dass wir getrost auf Nicephorus Callistus vertrauen können, einem Griechen des XIV. Jahrhunderts. . Seine Schwester Pulcheria, deren Autorität in staatlichen und kirchlichen Angelegenheiten stets unter dem verderblichen Einfluss der Eunuchen gestanden hatte, wurde einhellig zur Kaiserin des Ostens erhoben; und so beugten sich die Römer zum ersten Male einem weiblichen Regiment. Kaum hatte Pulcheria den Thron bestiegen, da gönnte sie ihren und des Volkes Hassgefühlen einen Akt der Volksjustiz. Ohne Prozess wurde der Eunuch vor den Toren der Stadt hingerichtet; und die unermesslichen Reichtümer, die der habgierige Günstling zusammengerafft hatte, dienten dazu, seine Hinrichtung zu beschleunigen und zu rechtfertigen »Pulcheriae nutu (so der Comes Marcellinus) sua cum avaritia interemptus est.« (Das Schwanken der Pulcheria und seine Habgier haben ihn umgebracht) Sie überließ den Eunuchen der frommen Rache eines Sohnes, dessen Vater auf sein Betreiben umgebracht worden war. .   MARCIANOS WIRD NACHFOLGER · 25. AUGUST 450 Inmitten des allgemeinen Beifalles von Kirche und Volk vergaß die Kaiserin nicht die Vorurteile und Abneigung, die ihr als Frau entgegengebracht wurden; und klüglich kam sie dem Murren zuvor durch die Wahl eines Kollegen, der den höheren Rang und die jungfräuliche Keuschheit seines Weibes immer respektieren würde: Sie gab Marcianos ihre Hand, einem Sechzigjährigen Senator, und der Ehemann der Pulcheria ward feierlich mit dem kaiserlichen Purpur investiert. Der Eifer, mit dem er sich für den wahren Glauben einsetzte, so wie er auf dem Konzil in Calchedon festgeschrieben worden war, hätte ihm bereits das Lob der Katholiken gesichert. Aber das Verhalten des Marcianos in seinem privaten Leben und danach auf dem Thron mochte wohl der begründeten Meinung Vorschub leisten, dass er durchaus qualifiziert war, dem Reich neues Leben einzuhauchen, nachdem es zuvor durch die Unfähigkeit zweier aufeinander folgender Erbkaiser fast untergegangen war. Er stammte aus Thrakien und zum Berufssoldaten ausgebildet; aber Marcianos hatte in seiner Jugend ernstlich unter Armut und Unglück zu erdulden gehabt, denn sein einziges Kapital bei seiner ersten Ankunft in Konstantinopel waren zweihundert Goldstücke, geborgt von einem Freunde. Er durchlief neunzehn Jahre Militärdienst unter Aspar und seinem Sohn Ardaburius; er diente unter diesen großen Generälen in Persien und Afrika; und sie verhalfen ihm zu dem ehrenvollen Amt eines Miltärtribuns und Senators. Seine Anlage zur Friedfertigkeit und seine übrigen Talente empfahlen Marcian der Gunst seiner Patrone, ohne ihren Neid aufzurufen; er hatte die Bedrückungen einer käuflichen und brutalen Verwaltung gesehen und wohl auch an eigenem Leibe erfahren; und er selbst verlieh durch sein eigenes Vorbild den Gesetzen Nachdruck, die er zur Besserung der Sitten erlassen hatte Prokopios, de Bello Vandalico 1,4; Euagrios, 2,1; Theophanes, p. 90f; Novellae, im Anhang zum Codex Theodosianus, Band 6, p. 30. Das Lob, das der hl. Leo und die Katholiken dem Markianos erteilt haben, werden von Baronius zur Aufmunterung künftiger Fürsten getreulich abgechrieben. . XXXV HUNNENINVASION IN GALLIEN – ATTILA VON AËTIUS UND DEN WESTGOTEN ZURÜCKGEWORFEN – ATTILA FÄLLT IN ITALIEN EIN UND RÄUMT ES WIEDER – TOD VON ATTILA, AËTIUS UND VALENTINIANUS III   ATTILA BESCHLIESST INVASION IN GALLIEN – A.D. 450 Es war Markianos' Auffassung, dass Krieg solange wie nur irgend möglich zu vermeiden sei, wenn gleichzeitig ein ehrenhafter und gefestigter Frieden sichergestellt werden könne; doch war auch dies seine Meinung, dass ein Frieden dann nicht sicher und ehrenhaft sein könne, wenn der Regent eine kleinmütige Abneigung gegen Krieg erkennen lasse. Dieser wohltemperierte Mut gab ihm die Antwort auf Attilas Forderungen ein, der die Entrichtung der Jahrestribute mit trotziger Ungeduld verlangte. So gab der Kaiser denn den Barbaren zu verstehen, sie mögen der Majestät nicht fernerhin durch die Erwähnung von Tributen lästig fallen; dass er durchaus geneigt sei, die zuverlässige Freundschaft seiner Verbündeten mit angemessener Freigebigkeit zu belohnen; dass sie aber, sollten sie fortfahren die öffentliche Ruhe zu stören, erfahren würden, dass er Truppen besäße, Waffen und insbesondere die Entschlossenheit, ihre Angriffe zurück zu schlagen. Solche Worte und noch dazu im Lager der Hunnen führte sein Botschafter Apollonios im Munde, der sich überdies kühnlich weigerte, vor einer persönlichen Audienz irgendwelche Geschenke herauszugeben und der dabei einen Sinn für Würde und eine Geringschätzung von Gefahren an den Tag legte, die Attila bei einem Botschafter der ausgearteten Römer anzutreffen denn doch nicht vorbereitet war Siehe Priscus, p. 32 und 72. . Es verlangte ihn danach, den vorlauten Nachfolger des Theodosius zu züchtigen, war aber unschlüssig, ob er seine unbesiegten Armeen erst das West- oder das Ostreich angreifen lassen sollte. Während die Menschheit seinem Entschluss mit ängstlicher Spannung entgegenfieberte, schickte er eine gleichrangige Gesandtschaft nach Ravenna und Konstantinopel, und seine Abgesandten begrüßten die beiden Kaiser mit dem gleichen hochmütigen Stolze: »Attila, der mein Herr ist und auch der deine, befiehlt dir, einen Palast für seinen unmittelbar bevorstehende Empfang bereitzuhalten. Die Alexandrinische Chronik, das ›Chronikon Paschale‹, in der diese hochfahrende Botschaft noch zu Lebzeiten des Theodosius publiziert wurde, nennt ein offenkundig zu frühes Datum, denn den originalen und unverfälschten Tonfall Attilas zu erfinden war der stumpfsinnige Annalist ersichtlich nicht in der Lage. « Da aber der Barbar die Oströmer, die er schon so oft besiegt hatte, verachtete oder zumindest zu verachten vorgab, erklärte er schon kurze Zeit später, diese leichte Eroberung solange auszusetzen, bis dass er eine lohnendere und ruhmvollere Unternehmung vollendet habe. Zu ihren berüchtigten Invasionen Galliens hatte die Hunnen naturgemäß der Reichtum und die Fruchtbarkeit jener Provinzen gelockt; aber die ganz persönlichen Motive Attilas lassen sich nur mit der Lage des Westreiches unter Kaiser Valentinianus oder, um genauer zu sein, unter der Herrschaft des Aëtius erklären Das zweite Buch der Histoire Critique de l'Etablissement de la Monarchie Francoise, Band 1, p. 189-424, wirft viel Licht auf das Gallien in der Zeit der Hunneneinfälle unter Attila., aber der gelehrte Verfasser, der Abbé Dubos, verliert sich allzu oft in Systeme und Konjekturen. .   CHARAKTER UND HERRSCHAFT DES AËTIUS A.D. 433-454 Nach dem Tod seines Rivalen Bonifatius hatte Aëtius sich wohlerwogen in die Zelte der Hunnen zurückgezogen, und hatte seine Sicherheit und Wiedererstarkung vornehmlich ihnen zu danken. Pardon erhielt er nicht mit der Sprache eines bittflehenden, schuldig Exilierten, sondern als Heerführer an der Spitze von sechzigtausend Barbaren; und die Kaiserin Galla Placidia gab mit ihrem matten Widerstreben zuerkennen, dass ihre Nachgiebigkeit, die man sonst wohl ihrer Huld hätte zuschreiben können, eine Frucht der Schwäche und der Angst war. Sie gab sich, ihren Sohn Valentinian und das ganze Reich des Okzidents einem dreisten Untertanen in die Hände; auch war Placidia außerstande, Bonfatius' Stiefsohn, den tapferen und getreuen Sebastian Victor Vitensis (de Persecututione Vandalico 1,6 nennt ihn »acer consilio et strenuus in bello« (im Rat scharfsinnig, im Krieg draufgängerisch); als ihn aber sein Glück verließ, wurde er nur noch tollkühn genannt, und Sebastianus verdiente sich den Zweitnamen ›praeceps‹ (kopfüber). (Sidonius Apollinaris, Carmen 9, 181). Beiläufig werden seine Abenteuer in Konstantinopel, Sizilien, Gallien, Spanien und Afrika von Marcellinus und Hydatius in ihren Chroniken erwähnt. In seinem Unglück hatte er gleichwohl immer ein starkes Gefolge und war deshalb imstande, den Hellespont und die Propontis zu verheeren und die Stadt Barcelona einzunehmen. vor unversöhnlichem Hass zu schützen, der ihn von einem Königreich in das andere hetzte, und der schließlich im Dienst der Vandalen auf elende Weise endete. Der glückverwöhnte Aëtius hingegen, der sofort in den Rang eines patricius erhoben und zum dritten Male zum Konsul ernannt wurde, erhielt zusammen mit dem Titel eines magister equitium die oberste militärische Befehlsgewalt im Staate; zeitgenössische Autoren nennen ihn den dux oder General von Westrom. Es war mehr Berechnung als Anstand, die ihn bestimmte, Theodosius' Enkel im Besitz des Purpurs zu belassen; und tatsächlich durfte Valentinian Italiens Frieden und Luxus genießen, während Aëtius in der Aura eines ruhmreichen Helden zwanzig lange Jahre die Trümmer des Westreiches abstützte. Der gotische Historiker bekennt aufrichtig, dass Aëtius geboren wurde, Rom zu retten »Reipublicae Romanae singulariter natus, qui superbiam Suevorum, Francorumque barbariem immensis coedibus servire Imperio Romano coegisset. (...für den Römischen Staat einzig dazu geboren, den Übermut der Sueben und die Kulturlosigkeit der Franken durch gewaltige Metzeln unter die Herrschaft Roms zu zwingen) Jornanes, de Rebus Geticis, 34. ; und in dem nachfolgenden Portrait dürfte der Anteil von Wahrheit den der Schmeichelei selbst dann noch übertreffen, wenn es sehr ins Schöne gemalt ist: »Seine Mutter war eine wohlhabende Italienerin von Adel, sein Vater Gaudentius, ein angesehener Mann in der Provinz Skythien, war vom einfachen Soldaten zum Heermeister der Kavallerie emporgestiegen. Ihr Sohn, von frühester Kindheit mit dem Waffenhandwerk vertraut, hatte zunächst bei Alarich und dann bei den Hunnen als Geisel gelebt; auch bei Hofe hatte er alle militärischen und zivilen Ehrenstellungen durchlaufen, für die er sich durch seine Verdienste gleichermaßen qualifiziert hatte. Von Figur war Aëtius nur mittelgroß, aber seine männlichen Glieder waren von bewundernswerter Stärke, Schönheit und Behändigkeit; Großes leistete er in den kriegerischen Fertigkeiten des Reitens, Bogenschießens und Speerschleuderns. Hunger und Schlafmangel ertrug er mit Gelassenheit, Körper und Geist zeigten sich den größten Herausforderungen in gleicher Weise gewachsen. Er verfügte über jenen angeborenen Mut, der nicht nur Gefahren, sondern auch Unrecht verachtet; und unmöglich war es, die Unerschütterlichkeit seiner Seele aus der Fassung zu bringen, zu korrumpieren oder zu hintergehen. Dieses Portrait hat der zeitgenössische Historiker Renatus Profuturus Frigeridus entworfen, der nur durch einige bei Gregor von Tours (2,8, Band 2, p. 163) aufbewahrte Auszüge bekannt ist. Vermutlich war es Frigiderus' Pflicht, zumindest aber sein Anliegen, die Vorzüge des Aëtius zu erheben; es wäre aber geschickter gewesen, wenn er seine geduldige, dem Vergeben zuneigende Gemütsverfassung weniger herausgearbeitet hätte. « Die Barbaren, die sich in den westlichen Provinzen angesiedelt hatten, lernten allmählich die Lauterkeit und Tapferkeit des Aëtius anzuerkennen. Er kanalisierte ihre Leidenschaften, achtete ihre Vorurteile, wog ihre Interessen und setzte ihrem Ehrgeiz Grenzen. Ein zur rechten Zeit mit Geiserich geschlossener Vertrag ersparte Italien einen Vandalen-Raubzug; die unabhängigen Briten baten nicht vergeblich um seine Hilfe; in Gallien und Spanien wurde die kaiserliche Autorität wieder hergestellt, und die Sueben und Franken, von ihm im Felde besiegt, wurden genötigt, nützliche Verbündete der Republik zu werden.   SEINE BEZIEHUNG ZU ALANEN UND HUNNEN Aus grundsätzlichen Erwägungen wie auch aus Dankbarkeit pflegte Aëtius das Bündnis zu den Hunnen besonders sorgfältig. Während er als Exilant oder Geisel in ihren Zelten das Gastrecht genoss, hatte er sogar mit Attila, dem Neffen seines Wohltäters, vertrauten Umgang; und die beiden berühmten Gegner scheinen sogar so etwas wie eine freundschaftliche Beziehung gepflegt zu haben, die sie später durch gegenseitige Beschenkungen, häufige Gesandtschaften und endlich durch die Erziehung von Aëtius' Sohn Carpilio in Attilas Lager noch vertieften. Durch vordergründige Versicherungen von Dankbarkeit und bereitwillige Ergebenheit mochte der Patrizier seine Sorge vor dem skythischen Eroberer verhehlen, dessen ungemessene Armeen den beiden Reichshälften furchtbar waren. Seine Anordnungen wurden befolgt oder man wich ihnen geschickt aus. Als Attila Beutestücke aus einer eroberten Stadt für sich beanspruchte, (es handelte sich um ein paar unterschlagene goldene Vasen), wurden die Zivil- und Militärstatthalter in Noricum unverzüglich in Marsch gesetzt, seinen Beschwerden abzuhelfen Die Gesandtschaft setzte sich zusammen aus dem comes Romulus; Promotus, dem Statthalter von Noricum; und Romanus, dem militärischen Oberbefehlshaber. Begleitet wurden sie von tatullus, einem bekannten Bürger aus der Stadt Petovio in derselben Provinz, sowie dem Vater des Orestes, der die Tochter des comes Romulus geheirattet hatte. Siehe Priscus, p. 57, 65. Cassiodor (Variae 1,4) erwähnt noch eine weitere Gesandtschaft, die sein Vater und Aëtius' Sohn Carpalio leiteten; und als Attila nicht mehr war, konnte er sich getrost seines unerschrockenen Auftritts vor dem Furchtbaren rühmen. ; und nach ihrer Unterredung mit Maximinus und Priscus im königlichen Lager stand zumindest fest, dass Aëtius mit all' seiner Tapferkeit und Klugheit das Westreich vor Tributzahlungen nicht hatte bewahren können. Aber immerhin verlängerte seine geschickte Politik den Frieden, und ein beachtliches Heer aus Hunnen und Alanen, das ihm persönlich unterstellt war, wurde zur Verteidigung Galliens aufgestellt. Zwei Kolonen dieser Barbaren wurden im Gebiet von Valence und Orléans angesiedelt »Deserta Valentinae urbis rura Alanis partienda traduntur.« (Das verlassene Umland der Stadt Valencia wurde den Alanen zur Verteilung überlassen). Prosper Tiro, Chronica A.D. 440, in der Historiens de la France, Band 1, p. 639. Einige Zeilen später merkt Prosper an, dass den Alanen in Gallia ulterior Ländereien angewiesen wurden. Ohne der Verbesserung des Dubos (Band 1, p. 300) beizutreten, kann die wahrscheinliche Voraussetzung von zwei Kolonien oder Besatzungen der Alanen die angeführten Beweisgründe dieses Autors bestätigen und seine Einwände zurückweisen. ; und ihre Kavallerie sicherte eifrig die wichtigen Übergänge über Loire und Rhone. Diese wilden Verbündeten waren den römischen Untertanen allerdings nicht weniger schrecklich als die eigentlichen Feinde. Bei der eigentlichen Besiedlung gingen sie gewaltsam wie bei einer Eroberung vor, und die Provinzen, durch die sie hindurchmarschierten, hatten alle Kalamitäten einer feindlichen Besatzung auszustehen Siehe Prosper Tiro, p. 639. Sidonius Apollinaris klagt (Panegyricus ad Avitum 246-250), im Namen seiner Heimat, der Auvergne: »Litorius Scythicos equites tunc forte, subacto /Celsus Aremorico, Geticum rapiebat in agmen /Per terras, Arverne, tuas: qui proxima quaeque/ Discursu, flammis, ferro, feritate, rapinis, /Delebant; pacis fallentes nomen inane.« (Litorius Celsus hat nach Unterwerfung von Armorica schickte seine skythischen Reiter gegen den Goten durch das Avernerland: sie vernichten alles, was sie antrafen, mit Feuer und Schwert, mit Roheit und Plündernund so verrieten sie den Namen des Friedens.) Paulinus, ein anderer Dichter, bekräftigt dies noch: »Nam socium vix ferre queas, qui durior hoste.« )Denn als Bundesgenosse ist nicht zu ertragen, der noch brutaler als der Feind ist). Siehe Dubos, Histoire critique, Band 1, p. 330. . Da sie dem Kaiser und dem Land fremd waren, schuldeten die Alanen Galliens nur dem Ehrgeiz des Aëtius Gehorsam; und obgleich argwöhnen mochte, sie würden im Falle eines Krieges mit Attila wieder auf die Seite ihres Volkskönigs schlagen, war der Patrizier dennoch bemüht, ihre Abneigung gegen die Goten, Burgunder und Franken eher zu zügeln als anzureizen.   DIE WESTGOTEN IN GALLIEN UNTER THEODERICH A.D. 419-451 Das von den Westgoten in Südgallien errichtete Königreich hatte im Laufe der Zeit an Rang und Ansehen zugenommen, und die Umtriebe dieser emporstrebenden Barbaren wurden in Kriegs- und Friedenszeiten von Aëtius stets gleichbleibend argwöhnisch beobachtet. Nach dem Tode von Wallia fiel das Gotenreich Theoderich zu, dem Sohn des großen Alarich Theoderich II, der Sohn von Theoderich I, erläutert Avitus seinen Entschluss, den sein Großvater begangen hatte, wieder gut zu machen oder zu sühnen: »Quae ›noster‹, peccavit ›avus‹, quem fuscat id unum, Quod te, Roma, capit.« (Was unser Großvater verbrochen hatte, dessen einziger Makel es war, Rom zu erobern). Sidonius, Panegyricus ad Avitum 505f. Dieser Charakterzug, der nur auf Alarich passt, sichert die Genealogie der Gotenherrscher fest, die bislang unbeachtet blieb. ; und dass es ihm gelang, mehr als drei Jahrzehnte über dieses renitente Volk das Szepter zu führen, beweist, dass seine Staatsklugheit noch durch ein beträchtliches Maß an Verstandes- und Körperkräften ergänzt wurde. Unzufrieden mit seinen beengten Möglichkeiten strebte Theoderich die Herrschaft über den Regierungssitz und Handelsplatz Arles an; aber das rechtzeitige Eintreffen von Aetius rettete die Stadt, und Theoderich, der die Belagerung mit viel Schande und noch mehr Verlusten aufgehoben hatte, ließ sich dazu bestimmen, die Kampfkraft seiner Truppen gegen Spanien zu lenken. Aber Theoderich lauerte auf die Gelegenheit und packte sie, seine feindlichen Anstrengungen erneut aufzugreifen. So belagerten die Goten Narbonne, während die belgischen Provinzen von den Burgundern heimgesucht wurden. Und so geriet die Sicherheit des Imperiums infolge der offenkundigen Einigkeit seiner Feinde allseitig unter Druck. Aber überall traten Aetius und seine skythischen Reiter den Feinden entschlossen und siegreich entgegen: zwanzigtausend Burgunder fielen in der Schlacht, und die Überlebenden schickten sich drein, in Savoyens Der Name Sapauda, aus dem sich das heutige Savoyen ableitet, wird erstmals bei Ammianus (15,11) erwähnt; in der Notitia werden zwei Militärposten innerhalb dieser Provinz genannt: in Grenoble in der Dauphiné war eine Kohorte stationiert, und Eburodunum oder Yverdon wurde von einer Flotte kleiner Schiffe gesichert, die den Neuenburger See beherrschte. Siehe Valesius, Notitia Galliarum, p. 503; d'Anville, Notice de l'ancienne Gaule, p. 284 und 579. Bergen sich neu anzusiedeln. Die Mauern von Narbonne hatten die Belagerungsmaschinen bereits zermürbt und die Bewohner das Äußerste an Hunger ertragen, als der comes Litorius sich in aller Stille näherte, jedem seiner Reiter zwei Sack Mehl aufzupacken befahl und sich dann durch die Verschanzungen der Feinde schlug. Sogleich wurde die Belagerung aufgehoben; und einen zweiten, entscheidenden Schlag, der achttausend Goten das Leben kostete, führte Aëtius persönlich. Aber in seiner Abwesenheit –einige private oder öffentliche Geschäfte machten seine Anwesenheit in Italien dringend erforderlich- übernahm Litorius das Kommando, und schon bald erwies sich deutlich, dass es das Eine ist, eine Kavallerieabteilung zu führen und etwas Anderes, in einem wichtigen Krieg strategische Unternehmen zu leiten. An der Spitze einer Hunnen-Armee war er in großen Tagesmärschen bis vor die Tore von Toulouse gelangt, unbesorgt und voller Verachtung für einen Feind, den sein Missgeschick vorsichtiger und seine Lage verzweifelt-entschlossen gemacht hatte. Die Auguren hatten Litorius mit ihren Prophezeiungen die törichte Zuversicht eingeflößt, er werde in die Hauptstadt der Goten im Triumph einziehen; und das Vertrauen, das er auf diese heidnischen Verbündeten setzte, machte ihn derart leichtsinnig, dass er die vorteilhaften Friedensangebote ausschlug, die ihm die Bischöfe im Namen Theoderichs wiederholt vorlegten. Der Gotenkönig zeigte in dieser seiner Notlage christliche Frömmigkeit und Mäßigung als erbauliches Gegenstück und ging solange in Sack und Asche, bis er sich hinreichend zum Kampf vorbereitet glaubte. Seine Krieger, von kämpferischem und religiösen Enthusiasmus gleichermaßen erhitzt, griffen das Lager des Litorius an. Das Handgemenge war von großer Dauer, die Verluste hielten sich die Waage. Und schließlich wurde der römische Heerführer nach seiner vollständigen Niederlage, die allein seinem Leichtsinn zuzuschreiben war, tatsächlich im Triumph durch die Straßen von Toulouse geführt, wenn auch nicht in seinem, sondern in seiner Feinde Triumphzug. Das Elend, das er in langer Gefangenschaft durchlebte, erregte am Ende sogar das Mitgefühl der Barbaren Salvianus hat sich bemüht, die moralische Herrschaftsform der Gottheit zu erklären; welche Aufgabe leicht durch die Annahme zu lösen ist, wenn man die Unglücksfälle der Sünder als ›Strafen‹ und die der Gerechten als Prüfungen ansieht. . Einen derartigen Verlust konnte ein Land, dessen Lebenswillen und Finanzkraft schon längst erschöpft waren, nicht ohne weiteres ersetzen; und die Goten, die ihrerseits den Römern Rachepläne unterstellen mochten, hätten sicherlich ihre siegreichen Fahnen am Rhoneufer aufgepflanzt, wenn nicht die persönliche Anwesenheit des Aëtius die Disziplin und Kampfmoral der Römer erneuert hätte »... Capto terrarum damna patebant Litorio: in Rhodanum proprios producere fines, Theudoridae fixum; nec erat pugnare necesse Sed migrare Getis. Rabidam trux asperat iram Victor; quod sensit Scythicum sub moenibus hostem Imputat, et nihil est gravius, si forsitan unquam Vincere contingat, trepido.« (...als Litorius gefangen war, lag das Elend des Landes offen. Die Grenze bis zur Rhone vorzurücken war Theoderichs fester Beschluss; die Goten brauchten gar nicht zu kämpfen, sie konnten wandern. Der grimme Sieger spornte seinen Zorn noch an; denn er sah den skythischen Feind vor den Stadtmauern; nichts ist bedrückender als ein erschrockener Mann, wenn er vor einem denkbaren Sieg steht.) Panegyricum ad Avitum 300-306. Sidonius fährt dann fort – so, wie es sich für einen Panegyriker gehört – alle Verdienste des Aëtius auf seinen Herren Avitus zu übertragen. . So warteten die beiden Armeen auf das Sugnal zum letzten, entscheidenden Gefecht; aber die beiden Generäle, die ihrer eigenen Stärke nicht gewiss und über die ihrer Gegner nicht im Zweifel waren, ließen klüglich die Schwerter in der Scheide; und ihre Verständigung war aufrichtig und dauernd. Theoderich, der König der Westgoten hatte sich die Zuneigung seiner Untertanen, das Vertrauen seiner Verbündeten und die Wertschätzung aller Menschen verdient. Um seinen Thron standen sechs wackere Söhne, die alle mit gleicher Sorgfalt in den Lagern der Barbaren wie in den Schulen Galliens auferzogen wurden. Das Studium des Römischen Rechtes vermittelte ihnen wenigstens theoretisch das Wissen um Gesetz und Gerechtigkeit. Und der harmonische Geist der Verse eines Vergil half dabei, die naturgewollte Rauhigkeit ihrer Aufführungen zu ebnen Theoderich II verehrt in der Person des Avitus seinen Lehrer (Sidonius, Panegyricus ad Avitum 495-498.) . Die beiden Töchter des Gotenkönigs wurden mit den ältesten Söhnen des Sueben- und Vandalenkönigs verheiratet, die über Spanien bzw. Afrika herrschten; aber diese glanzvollen Verbindungen gingen mit Schuld und Zwietracht grässlich schwanger. Die Königin der Sueben beweinte schon bald den Tod eines Gatten, den ihr Bruder unmenschlich ermordet hatte. Die Prinzessin der Vandalen wurde das Schlachtopfer eines argwöhnischen Tyrannen, den sie Vater nannte. Geiserich, der grausame, verdächtigte das Weib seines Sohnes, sie habe sich verschworen ihn zu vergiften; und zur Strafe für diesen vermuteten und niemals bewiesenen Mordanschlag wurden ihr Ohren und Nase abgeschnitten; in Schanden wurde die entstellte Tochter Theoderichs an den Hof in Toulouse zurückkehren. Jeder Augenzeuge brach über diese einem zivilisierten Zeitalter unfassbaren Scheußlichkeit in Tränen aus, Theoderich indessen fühlte sich als Vater und König aufgerufen, diese Ungeheurlichkeit zu rächen. Die Minister des Kaisers, die jedweden Hader unter den Barbaren mit Freuden förderten, hätten die Goten bei ihrem afrikanischen Feldzug bereitwillig mit Waffen, Schiffen und Gold unterstützt. So wäre die Grausamkeit Geiserichs ihm jetzt selbst zum Verhängnis geworden, wenn der ränkereiche Vandale nicht die furchtbare Macht der Hunnen auf seine Seite gezogen hätte. Seine dringlichen Bitten erweckten Attilas Beutelust, und die Pläne des Aëtius und Theoderich wurden durch seinen Einfall in Gallien zunichte gemacht Unsere Quellen für die Herrschaft von Theoderich I sind Jornanes de Rebus Geticis 34 und 36, und die Chronicen des Hydatius und der beiden Prosper, eingefügt in die Historiens de la France, Band 1, p. 612-640. Hinzuzufügen wären noch Salvianus, de Gubernatione Dei 7 und der Panegyricus ad Avitum von Sidonius Apollinaris. .   DIE FRANKEN IN GALLIEN UNTER DEN MEROWINGERN A.D. 420-451 Die Franken, deren Reich nach wie vor auf das Niederrheingebiet beschränkt war, hatten voller Weitsicht das Recht auf die Erbfolge der Adelsfamilie der Merowinger übertragen »Reges ›Crinitos‹ [super] se creavisse de prima, et ut ita dicam, nobiliori suorum familia.« (Könige, langbehaart, über sich gesetzt aus der ersten und, dass ich's sage, vornehmsten ihrer Familien) Gregor von Tours 2,9. Gregor selbst erwähnt den Namen ›Merowinger‹ nicht, den man indessen bis zum Beginn des VII Jahrhunderts als besondere Bezeichnung der Königsfamilie und sogar der französischen Monarchie zurückverfolgt werden kann. Ein scharfsinniger Forscher hat die Merowinger von dem großen Maroboduus hergeleitet und deutlich nachgewiesen, dass der namensgebende Herrscher noch älter als der Vater des Childerich war. Siehe die Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 20, p. 52-90 und Band 30, p. 557-587. . Diese Herrscher wurden auf einem Schild, dem Sinnbild der militärischen Kommandogewalt emporgehoben Dieser germanische Brauch, der sich von Tacitus bis zu Gregor von Tours verfolgen lässt, wurde endlich auch von den Kaisern Konstantinopels übernommen. Nach einem Manuskript aus dem X Jahrhundert hat Montfaucon das Bild einer ähnlichen Zeremonie gezeichnet, welches die Unwissenheit der Zeit jedoch König David zuschrieb. Siehe Monuments de la Monarchie Francoise, Band 1, Discours Préliminaire. ; und die langen Haare, die Modetracht der Könige, war zugleich das äußerliche Abzeichen ihrer hohen Geburt und Würde. Ihre flachsfarbigen Locken, die sie ausführlich kämmten und schmückten, fielen bis auf die Schultern und den Rücken herab, während es der übrigen Nation aufgetragen war, sei es von Gesetzes wegen, sei es infolge alten Herkommens, den hinteren Teil des Kopfes zu scheren, die Haare Vorderpartie zu kämmen und sich im übrigen mit der Zier eines kleinen Schnurrbartes zu begnügen »Caesaries prolixa ... crinium flagellis per terga dimissis, \&c« (Wallendes Haupthaar...in Haarsträhnen auf den Rücken herabfallend...) Siehe das Vorwort zu Band 3 der Histoire de la France und Abbé Le Boef, Dissertations, Band 3, p. 47-79. Dieser merkwürdige Brauch der Merowinger wurde von Eingeborenen und Fremden viel bemerkt, so auch von Priscus (Historiens de la France, Band 1, p. 608), von Agathias (Band 2, p. 49) und Gregor von Tours (3,18; 6, 24; und 8,10). . Der hohe Wuchs und die blauen Augen der Franken deuteten auf germanische Abkunft; ein mächtiges Schwert hing vom breiten Gürtel herab, ein großer Schild verlieh ihnen Schutz. Von frühester Jugend wurden diese kriegerischen Barbaren zum Laufen, Springen und Schwimmen angehalten, Schwert und Streitaxt zielgenau zu handhaben, einen überlegenen Feind ohne Zögern anzugreifen und sich im Leben und Sterben dem ewigen Andenken ihrer Vorfahren würdig zu erweisen Siehe hierzu das originalgetreue Bild von Gestalt, Kleidung, Waffen und Gemütsverfassung der antiken Franken bei Sidonius Apollinaris, Panegyricus ad Maiorianum, p. 238-254; solchen Abbildungen, wenn auch mit wenig Kunst verfertigt, wohnt dennoch ein wirklicher und eigener Wert inne. Pater Daniel (Histoire de la Milice francoise, Band 1, p. 2-7) hat den Beschreibung erläutert. . Der erste dieser fränkischen Langhaarkönige, Clodion, dessen Name und Werke für uns historisch fassbar sind, hatte seine Residenz in Dispargum Dubos, Histoire critique, Band 1, p. 271. Einige Geographen haben Dispargum (Duisburg?) auf die deutsche Seite des Rheins verlegt. Siehe die Anmerkung der benediktinischen Herausgeber in den Historiens de la France, Band 2, p.166. genommen, einem Dorf oder einer Festung irgendwo zwischen Brüssel und Löwen gelegen. Von seinen Spähern erfuhr der Frankenkönig, dass sich die Provinz Belgia secunda in einem derart schutzlosen Zustand befinde, dass sie schon beim allerersten Angriff vor dem Ungestüm seiner Mannen zurückweichen würde. Beherzt durchdrang er die dichten Wälder und die Sumpfgebiete des karbonarischen Waldes Der karbonarische oder Kohlenwald gehörte zu dem großen Waldgebiet der Ardennen, das sich zwischen Schelde und Maas ausdehnt. Valesius, Notitia Galliarum, p. 126 , besetzte Tournay und Cambray, die einzigen Städte, die im V Jahrhundert dort existierten und dehnte seine Eroberungen bis an die Somne über ein verödetes Land, dessen Kultur und Bevölkerungsreichtum die Frucht späterer Anstrengungen sind Gregor von Tours 2,9; Fredegar, Epitome 9; Gesta Francorum 5; Hincmar, Vita Remigii, in den Historiens de la France, Band 2, p. 166f., 3955, 544, und Band 3, p. 373. . Während Clodion in der Ebene des Artois Francus qua Cloio patentes/Atrebatum terras pervaserat. (Clodion, der Franke, hatte das offene Atrebaten-Land heimgesucht). Sidonius, Panegyricus ad Maiorianum 212. Der genaue Ort war eine Stadt oder ein Dorf namens Vicus Helena; moderne Geographen haben im Namen und Ort das heutige Lens entdeckt. Valesius Notitiae Galliarum, p. 246; Longuerue, Description de la France, Band 2, p. 88. sein Lager bezogen hatte und in eitler und demonstrativer Sicherheit die Hochzeit seines –vermutlichen – Sohnes beging, wurde die liebliche Feier durch die unerwartete Ankunft des Aëtius gestört, welcher nicht geladen war und der nun an der Spitze seiner leichten Kavallerie die Somne überquert hatte. Die Tafeln, die man am Fuße eines Hügels an einem lauschigen Flussufer aufgebaut hatte, wurden gröblich umgestürzt: die Franken waren geschlagen, bevor sie überhaupt zu den Waffen greifen oder Stellung beziehen konnten; und ihre nutzlose Stärke wurde ihnen jetzt selbst zum Verhängnis. Die Lastkarren, die ihrem Marsche gefolgt waren, boten reichliche Beute; und die jungfräuliche Braut nebst Brautjungfern ergaben sich den neuen Liebhabern, die die Wechselfälle des Krieges ihnen nun mal zugedacht hatten. Dieser Sieg, der in erster Linie dem Geschick und Unternehmungsgeist des Aëtius zu danken war, wirft auf das militärische Können des Clodion gewiss kein günstiges Licht; aber schon bald hatte der Frankenkönig sein Ansehen restauriert und seinen Einfluss zurück gewonnen und blieb darüberhinaus im Besitz seines Königreiches zwischen Rhein und Somne Einen etwas unverständlicher Bericht über das Gefecht bietet Sidonius, Panegyricus ad Miarianum 212-230. Die französischen Gelehrten, begierig, ihre Monarchie in Gallien zu begründen, haben ein starkes Argument aus dem Schweigen des Sidonius extrahiert, da dieser es nicht einmal anzudeuten wagt, dass die besiegten Franken genötigt waren, über den Rhein zurückzuweichen. Dubos, Histoire critique, Band 1, p. 322. . Unter seiner Herrschaft und infolge des Tatendranges seiner Krieger durchlitten die drei Hauptstädte Metz, Trier und Köln die Folgen feindlicher Grausamkeit und Habgier. Die Notlage Kölns wurde noch zusätzlich verlängert durch die dauernden Besatzungslasten eben jener Barbaren, welche das zerstörte Trier verlassen hatten; und Trier, das binnen vierzig Jahren viermal belagert und geplündert worden war, suchte die Erinnerung an diese Heimsuchungen mit müßigen Zirkusspielen zu vergessen Salvianus (De gubernatione Dei 6) hat mit unbestimmten Worten und mehr auf Wirkung bedacht die Leiden dieser drei Städte geschildert, was der gelehrte Mascov (History of the old Germans, Buch 9, p. 21) mit größerer Genauigkeit dargestellt wird. . Clodions Tod nach zwanzigjähriger Regierung lieferte sein Reich dem Ehrgeiz und der Streitlust seiner beiden Söhne aus. Merowech, der jüngere der beiden In der Schilderung dieses Bruderzwistes nennt Priscus keine Namen; den zweiten, einen bartlosen, langhaarigen Jüngling, hatte er in Rom getroffen (Historiens de la France, Band 1, p. 603 f.). Die benediktinischen Herausgeber neigen der Meinung zu, die beiden seien die Söhne irgendeines unbekannten Frankenhäuptlings gewesen, der am Ufer des Neckar herrschte; aber die Argumente von Herrn de Foncemagne (Mémoires de l'Académie des Inscriptions, Band 8, p. 464) scheinen nur zu beweisen, dass die Söhne Clodions sich den väterlichen Thron rauften und dass der jüngere, Merowech, der Vater Childerichs war. , hielt es für geraten, Roms Schutz zu suchen; er wurde in der Kaiserstadt wohl aufgenommen als Verbündeter des Valentinian und als Adoptivsohn des Aetius; und mit Geschenken, Freundschafts- und Unterstützungsversicherungen reich versehen, ward er wieder in seine Heimat verabschiedet. Während seiner Abwesenheit jedoch war sein älterer Bruder auch nicht müßig gewesen und hatte die Hilfe des furchtbaren Alarich gesucht und erhalten: der Hunnenkönig schloss gerne eine Allianz, die ihm eine bequeme Rheinüberquerung ermöglichte und einen achtbaren Vorwand für eine Invasion nach Gallien lieferte Bei den Merowingern war der Thron erblich, doch alle Söhne eines verstorbenen Herrschers besaßen gleiches Anrecht auf einen Anteil an seinen Schätzen und Ländern. Siehe die Abhandlungen von Herrn de Foncemagne im 6. Und 8. Band der Mémoires de l'Académie des Inscriptions. .   DIE ABENTEUER DER PRINZESSIN HONORIA Als Attila seine Entschlossenheit verkündete, sich der Sache seiner Verbündeten, der Vandalen und der Franken anzunehmen, geschah es, dass –nachgerade im Geiste edelster Ritterlichkeit- der halbwilde König sich als Liebhaber und Beschützer der Prinzessin Honoria bekannte. Diese Schwester Valentinians war im Palast von Ravenna auferzogen; und da ihre Verheiratung für den Staat nicht ganz unbedenklich zu sein schien, wurde sie durch die Verleihung des Augusta-Titels Es ist eine Gedenkmünze erhalten, die Honorias anmutiges Gesicht zeigt und den Titel einer Augusta; auf der Rückseite findet man ein Christusmonogramm mit der wenig passenden Umschrift ›Salus rei publicae‹. Siehe du Cange, Familiae Byzantinae, p. 67 und 73. den Hoffnungen noch der verwegensten Untertanen entzogen. Kaum aber war die lebenslustige Honoria sechzehn Jahre alt, als sie ihre Exklusivstellung zu verachten begann, die sie von den Glücksmomenten einer echten Liebesbeziehung fernhielt; umgeben von leerem und langweiligem Pomp, gab Honoria unter vielen Seufzern den Impulsen ihrer Natur nach und warf sich in die Arme ihres Kammerdieners Eugenius. Ihre Schuld und Schande (dies die idiotische Sprache herrschsüchtiger Männer) machten sich schon bald durch die Anzeichen einer Schwangerschaft bemerklich; aber erst die Torheit der Kaiserin Placidia machte die königliche Kalamität der Welt ruchbar, da sie ihre Tochter nach einem strengen und demütigendem Arrest zu einem Exil in das ferne Konstantinopel verbannte. Die unglückliche Prinzessin verbrachte zwölf oder gar vierzehn lange Jahre in der trostlosen Gesellschaft von Theodosius' Schwestern nebst deren auserlesenen Jungfrauen, auf deren Kranz Honoria nun nicht mehr hoffen durfte und deren klösterliche Übungen – Beten, Fasten, Nachtwachen – sie allenfalls mechanisch nachahmte. Unfähig zu langem und sinnlosem Zölibat, verfiel sie auf ein ebenso verzweifeltes wie abwegiges Auskunftsmittel. Attilas Name war in Konstantinopel ebenso bekannt wie gefürchtet, aber seine zahlreichen Gesandtschaften hielten einen lebhaften Austausch zwischen seinem Lager und dem Kaiserhof aufrecht. Um ihrer Liebe – besser wohl: ihrer Rache willen – ließ die Tochter der Placidia alle Pflichtgefühle und Vorurteile fahren und bot sich dem Barbaren an, dessen Sprache sie nicht sprach, dessen Körper kaum menschlich zu nennen war und dessen Religion und Sitten ihr schauderhaft waren. Mit Hilfe eines treuen Eunuchen überbrachte sie Attila einen Ring als Unterpfand ihrer Zuneigung und beschwor ihn flehentlich, auf sie Anspruch als Gattin zu erheben, mit der er heimlich verlobt sei. Indessen, diese vorwitzigen Anträge wurden mit Kälte und Verachtung aufgenommen, und der König der Hunnen fuhr fort, die Zahl seiner Weiber zu vergrößern, bis irgendwann seine wahren Leidenschaften, Habgier und Ehrgeiz, auch seine Liebe zu Honoria weckten. Der Einfall nach Gallien wurde vorbereitet und formell gerechtfertigt durch den offiziellen Anspruch der Prinzessin Honoria an einem gerechten und gleichen Anteil an dem kaiserlichen Erbteil. Attilas Vorfahren, die alten Tan ju, hatten oft auf diese dreiste Weise die Töchter Chinas für sich gefordert. Seine jetzigen Ansprüche an das Römische Reich waren nicht minder beleidigend. Seine Botschafter erhielten höflichen, aber entschlossenen Bescheid. Das Recht auf weibliche Thronfolge mochte durch die aktuellen Beispiel der Placidia und Pulcheria bekräftigt werden, wurde aber entschieden bestritten, und den Ansprüchen des skythischen Werbers standen die unauflöslichen Verbindungen der Honoria entgegen Siehe Priscus in Excerpta legationum, p. 39 f. Es ließe sich mit Recht einwenden, dass, weibliche Thronfolge vorausgesetzt, Valentinian selbst, der die Tochter und Erbin des jüngeren Theodosius geehelicht hatte, ihr Recht auf das Ostreich geltend gemacht hätte. . Die Prinzessin selbst ward nach der Entdeckung ihres Einverständnisses mit dem Hunnenkönig als ein Gegenstand des Abscheus von Konstantinopel nach Italien verbracht worden; immerhin schonte man ihr Leben; aber die Hochzeitszeremonie wurde mit einem blutleeren nominellen Gatten vollzogen, bevor man sie in ein Dauergefängnis einmauerte, damit sie dort jene Verbrechen und Fehlschläge beweine, die ihr erspart geblieben wären, wenn sie nicht als Kaisertochter zur Welt gekommen wäre Die Abenteuer der Honoria werden von Jordanes nur unvollständig erzählt. (Romana 97 und Getica 42, außerdem in den Chroniken des Prosper Tiro und des Marcellinus). Aber sie erhalten weder Zusammenhang noch Glaubwürdigkeit, es sei denn, wir trennen durch einen zeitlichen und räumlichen Abstand ihre Liebeshandel mit Eugenius und ihre Einladung an Attila. .   ATTILA ÜBERFÄLLT GALLIEN – BELAGERUNG VON ORLÉANS A.D. 451 Ein gebürtiger Gallier und Zeitgenosse, der gelehrte und beredte Sidonius und spätere Bischof von Clermont, hatte einem Freund das Versprechen gegeben, nach allen Regeln der Kunst die Geschichte des Krieges gegen Attila zu schreiben. Hätte nicht Selbstbescheidung den Sidonius von diesem löblichen Vorhaben »Exegeras mihi, ut promitterem tibi Attilae bellum stylo me posteris intimaturum ... coeperam scribere, sed operis arrepti fasce perspecto, taeduit inchoasse«. (Du hast mir das Versprechen abgenötigt, den Nachfahren Attilas Krieg aufzuzeichnen...ich fing damit an; aber als ich der Last des begonnenen Unternehmens gewahr wurde, bedauerte ich es, mich darauf eingelassen zu haben). Sidonius Apollinaris, Epistulae 15. abgehalten, hätte der Historiker mit den schlichten Worten der Wahrheit von jenen denkwürdigen Ereignissen berichten können, auf die jetzt der Dichter in gedrängter Form und mit dunklen und zweideutigen Metaphern anspielt Vergleiche etwa Sidonius, Panegyricus ad Avitum 319-328. . Die Könige der germanischen und skythischen Völker von der Wolga bis vielleicht zur Donau folgten Attilas kriegslüsternen Rufen. Von dem Residenzdorf in Ungarn brachen seine Feldzeichen gen Westen auf, und nach einem Marsch von sieben- bis achthundert Meilen erreichten sie den Zusammenfluss von Rhein und Neckar; wo noch die Franken zu ihm stießen, die seinem Bundesgenossen, Chlodions ältestem Sohn, ergeben waren. Ein kleiner Trupp leichtbewaffneter Barbaren hätte wohl den Winter abgewartet, um dann in aller Bequemlichkeit den zugefrorenen Rhein zu überqueren; aber die Unmassen an Kavallerie benötigte solche Mengen an Futter und Proviant, dass dies nur in milderen Landstrichen sicher zu stellen war. Der hercyanische Wald bot genug Baumaterial für eine Schiffsbrücke, und mit unwiderstehlicher gewalt ergossen sich Myriaden von Feinden über das wehrlose Belgien Die zuverlässigste und reichhaltigste Schilderung dieses Krieges bietet Jordanes, Getica 36-41, der Cassiodors umfänglichere Darstellung mal aus- und mal abgeschrieben hat. Jordanes – der Hinweis ist fast überflüssig – sollte durch Gregor von Tours (2,5-7) und durch die Chroniken von Hydatius und Isidor sowie der beiden Prosper korrigiert und kommentiert werden. Alle diese Zeugnisse finden sich in den Historiens de la France versammelt. Doch sollte der Leser zur Vorsicht gemahnt sein vor einem angeblichen Auszug aus der Chronik des Hydatius (unter den Fragmenten Fredegars, Band 2, p. 462) der dem ursprünglichen Text des gallischen Bischofs oftmals widerspricht. . Gallien in seiner Gesamtheit war entsetzt, und die vielfältigen Schicksale seiner Städte hat die Tradition mit Märtyrer und Wundergeschichten ausgeschmückt Die alten Legendenschreiber verdienen einige Aufmerksamkeit, weil sie ihre Fabeln mit der tatsächlichen Geschichte ihrer eigenen Zeit zusammenfügen mussten. Siehe die Viten von St. Lupus, und St. Ananus, der Bischöfe von Metz und der hl Genoveva in den Historiens de la France, Band 1, p. 644f, 649 und Band 3, p. 369. . Troyes wurde durch St. Lupus gerettet; St Servatius ward von dieser Erde geholt, auf dass er die Ruinen von Tongres nicht schauen musste; und die Gebete von St. Genoveva machten, dass Attila nicht in die Nähe von Paris gelangte. Da nun aber die meisten Städte Galliens sowohl der Heiligen ermangelten wie auch der Soldaten, konnten die Hunnen sie belagern und bestürmen, um dann, etwa bei der Eroberung von Metz Die Skepsis des Grafen de Buat (Histoire des peuples, Band 7, p. 539f) wird von Vernunftgründen und der historischen Wissenschaft nicht geteilt. Berichtet Gregor nicht detailgenau und ausdrücklich von der Zerstörung von Metz? Sollte denn er, sollte das Volk noch vor Ablauf von einhundert Jahren unkundig sein des Schicksals eine Stadt, der wirklichen Hauptstadt seiner Regenten, der Könige von Austrasien? Der gelehrte Graf, der sich offenbar die Verteidigung Attilas und der Barbaren zur Aufgabe gemacht hat, beruft sich auf die Aussage des falschen Hydatius, »parcens civitatibus Germaniae et Galliae« (die Städte Germaniens und Galliens verschonend) und übersieht, dass der echte Hydatius ausdrücklich darauf hinweist, dass »plurimae civitates effractae« (die meisten Stadte verwüstet) wurden, worunter er auch Metz zählt. , ihre üblichen Kriegsmaximen zu befolgen. Sie metzelten unterschiedslos die Priester bei ihrem Altardienst nieder sowie die Kleinkinder, die der Priester in der Stunde der Not vorsichtshalber getauft hatte; die blühende Stadt ging in Flammen auf, und die einsame Kapelle von St. Stephan bezeichnet den Ort, wo sie einst stand. Von Rhein und Mosel brach Attila mit seinen Scharen ins Zentrum Galliens vor; überquerte die Seine bei Auxerre und schlug nach langen und mühsamen Tagesmärschen sein Lager vor den Toren von Orléans auf. Es war seine Absicht, seine Eroberung durch die Besetzung einer strategisch günstigen Ortschaft abzusichern, die den Loire-Übergang beherrschte, wobei er sich noch von der geheimen Mitarbeit des Alanenkönigs Singaban abhing, der versprochen hatte, die Stadt zu verraten und seine Allianz mit dem Reich aufzukündigen. Aber sein Verrat ward entdeckt und vereitelt: Orléans war erst vor kurzem neu befestigt worden, und die Angriffe der Hunnen wurden machtvoll zurückgeschlagen von Bürgern und Soldaten, die die Stadt getreulich verteidigten. Der Hirten-Eifer des Anianus, eines Bischofs von unverfälschter Frömmigkeit und höchster Umsicht, aktivierte bis zur Ankunft der verheißenen Retter jede Art von religiöser Hilfestellung. Nach hartnäcker Bestürmung wankten die mauern unter den Stößen der Rammböcke; schon hatten die Hunnen die Vorstädte besetzt; und dad Volk, das über keine Waffen verfügte, lag im Gebet hingestreckt; Anianus, der ängstlich Tage und Stunden gezählt hatte, schickte einen zuverlässigen Ausguck auf die Rampe, das umliegende Land auszuspähen. Zweimal kehrte er ohne Nachrichten zurück, die geeignet gewesen wären, den Bedrängten den Mut oder die Hoffnung zu heben; bei seinem driten Rapport sprach er von einer kleinen Staubwolke, die er am entfernten Horizont gerade noch hatte ausmachen können. »Es ist Gottes Hilfe,« rief der Bischof in frommer Zuversicht aus, nd schon wiederholte die Menge: »Es ist Gottes Hilfe!« Allmählich wurde das entfernte Objekt, auf das alle ihre Blicke richteten, größer und deutlicher, und als ein günstiger Wind die Staubwolke zerblies, entdeckte man die tiefgestaffelten Reiterschwadrone von Aëtius und Theoderich, die machtvoll voranstürmten, die Stadt Orléans zu entsetzen.   BÜNDNIS ZWISCHEN RÖMERN UND WESTGOTEN Die Leichtigkeit, mit der Attila bis ins Herz Galliens vorgedrungen war, lässt sich seiner berechnenden Politik zuschreiben wie auch dem Schrecken, der von seinen Waffen ausging. Seine öffentlichen Erklärungen wurden mit schlauer Berechnung in privaten Äußerungen abgemildert; wechselweise bedrohte er Römer und Goten oder sagte ihnen Nettigkeiten; und so blickten die Höfe von Ravenna und Toulouse, die sich stets beargwöhnt hatten, blickten nun mit unbesorgtem Gleichmut auf den heranrückenden gemeinsamen Feind. Aëtius war der einzige Garant für die Sicherheit des reiches, aber seine umsichtigsten Maßregeln wurden durch eine Faktion paralysiert, welche seit Placidias Tod dem Kaiserpalast lästig fiel. Italiens Jugend bebte beim Klang der Kriegshörner; und die Barbaren, die aus Furcht oder Eigennutz für Attila Partei waren, warteten mit wankender oder falscher Treue den Kriegsausgang ab. Der patricius überquerte die Alpen an der Spitze eines kleinen Truppenkontingentes, das aufgrund seiner Bewaffnung und Größe kein Anrecht auf die Bezeichnung Armee hatte »...vix liquerat Alpes Aëtius, tenue, et rarum sine milite ducens Robur, in auxiliis Geticum male credulus agmen Incassum propriis praesumens adfore castris.(...Aetius hatte kaum die Alpen hinter sich, an der Spitze eines kleinen Heeres von Hilfstruppen und ohne Legionäre, vergeblich darauf wartend, dass das Gotenheer sich ihm anschließe.) Sidonius, Panegyricus ad Avitum 328 - 331 . Als er in Arles oder Lyon ankam, erfuhr er, dass die Westgoten sich weigern würden, an der Verteidigung Galliens teilzunehmen, sondern vielmehr auf ihren eigenen Territorien die Ankunft jenes furchtbaren Gegners abwarten wollten. Bei dieser Gelegenheit bekundeten sie auch ihre Verachtung für diesen Feind. Der Senator Avitus hatte nach ehrenhafter Erlegung seines Dienstes als Prätorianerpräfekt sich auf seine Ländereien in der Auvergne zurück gezogen, ließ aber dazu bereden, diese so wichtige Gesandtschaft zu übernehmen, die er denn ja auch mit Geschick und Erfolg vollführte. Er stellte Theoderich dar, dass einem ehrgeizigen Eroberer, der nach dem Besitz der ganzen Welt greife, nur durch das feste und unbedingte Bündnis derjenigen Mächte Einhalt geboten werden könne, die er zu unterwerfen suche. Avitus' Beredsamkeit entzündete die kriegerische Begeisterung der gotischen Krieger, indem er anschaulich die Verbrechen darstellte, die ihre Vorfahren durch die Hunnen erleiden mussten, deren unversöhnliche Wut sie inzwischen von der Donau bis an den Fuß der Pyrenäen getrieben hatte. Auch sei es die Pflicht eines jeden Christenmenschen, so der Senator mit Nachdruck, die Kirche Gottes und die Gräber der Heiligen vor den Zugriffen jener Gottlosen zu bewahren es sei im Interesse eines jeden Barbaren, der Siedlungsland in Gallien erworben habe, Felder und Weinberge gegen die Verheerungen der skythischen Nomaden zu verteidigen. Theoderich konnte diesen unmittelbar einleuchtenden Wahrheiten nur beitreten, tat, was Klugheit und Ehre forderten und erklärte, dass er, der Römer und des Aëtius zuverlässiger Bundesgenosse bereit sei, sein Leben und sein Reich für Galliens Freiheit in die Schanze zu werfen In den Panegyricus auf Avitus und bei Jordanes im 36. Kapitel ist die Politik des Attila, des Aëtius und der Westgoten nur unvollständig dargestellt. Dichter und Historiker waren je und je von nationalen Vorurteilen geleitet. Der erstere hebt Verdienst und Bedeutung des Avitus übertrieben hervor: »Orbis, Avite, salus!« Der Zweite ist bemüht, die Goten in möglichst günstigem Licht zu zeigen. Aber dass sie übereinstimmen – wenn man sie denn richtig erläutert-, ist wohl ein Beweis für ihre Wahrhaftigkeit. . Die Westgoten, die sich damals auf der Höhe ihrer Macht und ihres Ruhmes befanden, gehorchten mit Freuden dem Rufe zum Kriege; hielten Waffen und Pferde in Bereitschaft und sammelten sich unter der Fahne ihres betagten Heerkönigs, der entschlossen war, zusammen mit seinen beiden ältesten Söhnen Theoderich und Torismond an die Spitze seiner ungezählten Scharen zu treten. Das Vorbild der Goten wirkte sich günstig aus auf die zahlreichen Stämme, die noch zwischen Römern und Hunnen hin- und herschwankten. Ohne Unterlass sammelte Aëtius Truppen in Gallien und Germanien, die sich zuvor noch Untertanen und Soldaten des Reiches genannt hatten, nun aber den Lohn für freiwilligen Dienst und die Stellung unabhängiger Verbündeter beanspruchten. Es waren dies die Laeten, Armorikaner, Breonen, Sachsen, Burgunden, Sarmaten oder Alanen, Ripuarier und die franken, die Merowech, ihrem rechtmäßigen Fürsten folgten. Die war die buntscheckige Armee, die unter Theoderichs und Aetius' Führung in Eilmärschen heranrückte, um Orléans zu entsetzen und den ungezählten Massen Attilas ein Treffen zu liefern Die Musterung der Armee des Aëtius unternahm Jordanes (Getica 36), in der Hisiens de la France, Band 2, p. 23, mit den Fußnoten des benediktinischen Herausgebers. Die ›Laeti‹ waren ein in Gallien Barbarenmischvolk, in Gallien entstanden oder dort naturalisiert; die ›Ripari‹ oder ›Ribuarii‹ leiteten ihren Namen von ihrem Wohnsitz an den drei Flüssen Rhein, Maas oder Mosel ab; sie ›Armorikaner‹ besaßen die unabhängigen Städte zwischen Seine und Loire. In der Diözese von Bayeux war eine Kolonie von Sachsen angelegt worden; die Burgunden siedelten in Savoyen, und die ›Breonen‹ waren ein kriegerischer Stamm von Rhätern östlich des Bodensees. .   ATTILA WEICHT IN DIE CHAMPAGNE ZURÜCK Bei ihrem Anmarsch brach der Hunnenkönig augenblicklich die Belagerung ab und ließ die Truppen zurückbeordern, welche bereits mit der Plünderung der Vorstadt begonnen hatten »Aurelianensis urbis obsidio, oppugnatio, irruptio, nec direptio.« (Belagerung von Orléans, ihre Erstürmung, der Einfall ind die Stadt, doch nicht ihre Plünderung). Sidonius Apollinaris 8, Epistulae 15. Die Rettung von Orléans konnte leicht zu einem Wunder umgedeutet werden, das der heilige Bischof erwirkt und vorhergesagt hatte. . Attila ließ sich bei Ausübung seiner Macht stets von Klugheit leiten; und da er die fatalen Konsequenzen einer Niederlage mitten in Gallien schon vorher abschätzen konnte, zog er sich über die Seine zurück und erwartete den Feind in der Ebene von Chalon, deren weicher und ebener Boden den Ansprüchen seiner skythischen Reiter sehr entgegenkam. Aber im Verlauf dieses ungeordneten Rückzugs bedrängte die Vorhut der Römer und ihrer Verbündeten ununterbrochen den Nachtrab von Attilas Armee am Ende der Marschkolonne. So entwickelten sich im Dunkel der Nacht und auf unbekanntem Terrain mehrfach Zufallsgefechte; und doch waren diese blutigen Handgemenge der Franken und Gepiden, in der fünfzehntausend Die verbreiteten Textausgaben lesen XCM, aber die einige Handschriften – und es würde beinahe jede einzelne hinreichen – sprechen von XVM. Barbaren ihr Leben verloren, nur der Prolog zu einer weitaus größeren und entscheidenden Schlacht. Die Katalaunischen Felder Chalon-sur-Marne oder »Duro-Catalaunum«, später dann »Catalauni«, hatte einst zum Bezork vonReims gehört, von dem es nur 27 Meilen entfernt lag. Sieh Valesius, Notitia Galliarum, p. 136, und d'Anville, Notice sur de l'ancienne Gaule, p. 212 und 279. liegen bei Chalon und erstrecken sich nach den recht nebulösen Angaben des Jordanes auf einer Länge von einhundertunddreißig und einer Tiefe von einhundert Meilen über die gesamte Provinz, die den Namen Champagne führt Den Name Campania oder Campagne erwähnt Gregor von Tours des öfteren, und diese große Provinz mit der Hauptstadt Reims stand unter dem Befehl eines dux. Valesius, Notitia Galliarum 120-123. . Doch gab es auf dieser weiten Ebene einige Unebenheiten, und die Bedeutung einer bestimmten Höhe, von der aus das Lager Attilas beherrscht werden konnte, war den beiden Feldherren durchaus bewusst, so dass sie ihn sich einander streitig machten. Zunächst besetzte der tapfere Thorismund den Hügel, seine Goten stürzten sich unwiderstehlich auf die Hunnen, die ihn von der Gegenseiten her zu erstürmen suchten. Der Besitz dieser vorteilhaften Stellung schien beiden Heerführern die Garantie für den endgültigen Sieg zu sein. Attila zögerte, ängstlich und besorgt und fragte endlich seine Haruspices und Wahrsager. Man sagt, dass sie die Eingeweide durchwühlte und bis auf die Knochen bloßgelegt hätten und sich dann in dunjklen Andeutungen über seine Niederlage und den Tod seines schlimmsten Feindes ergangen hätten; und dass der Barbar, einverstanden mit diesem Preis, durch die Anerkennung der Gleichwertigkeit des Aëtius indirekt dessen Überlegenheit anerkannt habe. Aber die ungewohnte Mutlosigkeit, die die Hunnen insgesamt erfasst zu haben schien, veranlasste Attila zu der Maßnahme, die bei den Feldherren des Altertums gang und gäbe war, nämlich durch eine Ansprache seinen Kriegern den Mut zu heben. Seine Worte waren die Worte eines Heerkönigs, der schon oft an ihrer Spitze gekämpft und gesiegt hatte Ich bin mir bewusst, dass diese Ansprochen in der Regel von dem Historiker selbst abgefasst wurden; aber die alten Ostgoten, die unter Attila gedient hatten, konnten seine Worte vor Cassiodor wiederholt haben; die Gedanken und selbst noch die Wortwahl sind von eindeutig skythischem Gepräge, und zudem bezweifle ich, dass ein Italiener des VI. Jahrhunderts an »huius certaminis gaudia « (die Freuden dieses Kampfes) gedacht haben kann. . Er stellte ihnen mit Nachdruck ihre frühere Größe, ihre gegenwärtige Gefahr und ihren inskünftigen Ruhm vor Augen. Dasselbe Geschick, das ihnen waffenlos die Wüsten und Sümpfe Skythiens geöffnet und so viele kriegerische Völker zu Füßen geworfen hatte, habe ihnen die Freuden dieser Schlacht bis zu ihrem letzten, entscheidenden Sieg aufgespart. Die tastenden Maßnahmen ihrer Feinde, ihre engen Verbindungen und ihre günstige Positionierung legte er ihnen listig nicht als Frucht einer klugbedachter Strategie aus, sondern als Ergebnis ihrer Angst. Allein die Westgoten seien das Mark der feindlichen Armee; die Hunnen mochten daher bedenkenlos die verkommenen Römer niederwalzen, deren dichte und geschlossene Schlachtreihe ihre Angst verrate und die selber außerstande seien, die Mühen und Gefahren auch nur eines einzigen Gefechtes zu ertragen. Die Doktrin der Vorherbestimmung, die dem kriegerischen Geist so ungemein günstig ist, fand ebenfalls Eingang in des Hunnenkönigs Rede, der seinen Untertanen zusicherte, dass die Krieger inmitten des Pfeilhagels ihrer Feinde sicher und unverwundbar seien; dass aber die unfehlbaren Schicksalsgöttinnen ihre Opfer noch im Schoße eines ruhmlosen Friedens erlegen würden. »Ich selbst«, fuhr Attila fort, »werde den ersten Speer schleudern, und der Wurm, der dem gleichzutun sich weigert, soll unfehlbar eines schmachvollen Todes sterben.« So wurde der Mut der Barbaren durch die Anwesenheit, die Stimme und das Vorbild ihres furchtlosen Anführers neuerlich belebt; uns Attila selbst gab ihrem Drängen nach und ließ sie in Schlachtordnung antreten. An der Spitze seiner tapferen Hunnen übernahm er in eigener Person die Position des Anführers. Die in seinem Imperium untertänigen Völker. Die Heruler, Thüringer, Franken, Burgunder standen an beiden Flanken aufgereiht auf den ausgedehnten katalaunischen Feldern; der rechte Flügel stnd unter dem Kommando von Ardarich, dem König der Gepiden; und die drei tapferen Brüder, die Herrscher der Ostgoten, standen auf dem linken Flügel, den stammverwandten Westgoten genau gegenüber. Die Aufstellungen der übrigen war von anderen Erwägungen bestimmt. Sangiban, der ungetreue Alanan-König, stand im Zentrum, wo sein Handeln genauer überwacht und etwaiger Verrat sofort bestraft werden konnte. Aëtius über nahm das Kommando über den rechten und Theoderich den linken Flügel; Torismond indessen hielt die Anhöhe besetzt, die sich in die Flanke oder sogar bis in den Rücken der skythischen Armee erstreckt zu haben scheint. Es fanden sich die Völker von der Wolga bis zum Atlantik in der Ebene von Chalons versammelt; aber viele dieser Völker waren durch Parteienhader, Niederlagen oder Auswanderungen geschwächt; und die Standarten, die einander durchaus ähnlich schienen, verliehen dem ganzen den Anschein eines Bürgerkrieges.   DIE SCHLACHT AUF DEN KATALAUNISCHEN FELDERN Die militärische Ausbildung und die Taktik der Griechen und Römer stellen einen aufschlussreichen Zug ihres nationalen Brauchtums dar. Das aufmerksame Studium der Militäroperationen bei Xenophon, Caesar oder Friedrich –vorausgesetzt, sie werden in demselben Geiste geschrieben, wie sie konzipiert und exekutiert wurden – bieten einen Fortschritt in der Kunst des Tötens, wenn denn ein solcher Kenntnisgewinn wirklich wünschenswert ist. Die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern weckt unser Interesse nur durch ihre schiere Größe.; denn sie wurde entschieden durch blindwütiges Anrennen der Barbaren, und ihre Schilderung stammt von parteiischen Autoren, die ihre bürgerlichen oder kirchlichen Berufe mit militärischen Gegenständen nicht in Berührung brachten. Cassiodor indessen hatte mit vielen gotischen Kriegern, die in jener denkwürdigen Schlacht Dienst getan hatten, vertrauten Umgang: »eine Schlacht,« so belehrten sie ihn, »wild jederzeit offen, langandauernd, blutig und ohne Parallele zu irgendeiner in der Vergangenheit oder Gegenwart.« Die Zahl der Erschlagenen belief sich auf einhundertzweiundsechzigtausend oder, nach anderer Zählung, fast dreihunderttausend Mann Die Worte von Jordanes, vielmehr von Cassiodor, sind sehr stark aufgetragen: »Bellum atrox, multiplex, immane, pertinax, cui simile nulle usquam narrat antiquitas: ubi talia gesta referuntur, ut nihil esset quod in vita sua conspicere potuisset egregius, qui hujus miraculi privaretur aspectu.« (Ein verbissenes Gefecht, vielfältig, gewaltig, verbissen, wie keines sonst, von denen die Vergangenheit berichtet, sodass eine Augenzeuge dieses Wunders in seinem Leben mehr hätte ansehen können.) Dubos (Histoire critique, Band 1, p. 392f.) möchte die 162.000 des Jordanes mit den 300.000 des Idatius und Isodore zusammenpassen, indem er annimmt, dass in der größeren Zahl die Kriegstoten insgesamt einbezogen sind, die Verluste durch Krankheit und die Ermordung unbewaffneter Zivilisten u.a. ; diese haltlosen Übertreibungen setzen allerdings einen realen Verlust voraus, der die Worte eines Historikers rechtfertigt, dass durch den Irrsinn der Könige in nur einer Stunde eine ganze Generation ausgelöscht werden kann. Nach den einleitenden und wiederholten Speer- und Pfeilsalven, bei denen die skythische Reiterei ihre deutliche Überlegenheit bewährte, kam es zwischen Kavallerie und Infanterie beider Heere zu heftigem Nahkampf. Die Hunnen, die immerhin unter den Augen ihres Herrschers fochten, durchbrachen das schwache und unzuverlässige Zentrum ihres Gegners, trennte so seine Flügel, schwenkten mit einer plötzlichen Wendung nach links und warfen sich mit ihrer ganzen Macht gegen die Westgoten. Und als Theoderich durch die Linien ritt, um seine Truppen zu ermutigen, empfing er vom Speer des Andagas, eines ostgotischen Adligen die tödliche Wunde und stürzte im Augenblick vom Pferd. Der verwundete König ging im allgemeinen Getümmel verloren und wurde von der eigenen Kavallerie zertrampelt; und so brachte der Tod dieses großen Mannes Licht in die zweideutigen Andeutungen der Haruspices. Attila jauchzte bereits über den sicheren Sieg, als der kühne Torismond vom Hügel herabstürmte und so den zweiten Teil der Prophezeiung erfüllte. Die Westgoten, die sich wegen der Flucht und besser: des Verrates der Alanen bereits in Auflösung befanden, stellten allmählich ihre Schlachtordnung wieder her; und als Attila sich darauf zurückziehen musste, waren die Hunnen unwiderruflich besiegt. Er hatte sich tollkühn wie ein einfacher Krieger in den Kampf gestürzt; aber die Elitetruppen im Zentrum waren zu weit nach vorne gestürmt und die übrige Front hinter sich gelassen. Ihr Angriff wurde daher nur schwach unterstützt, an den Flanken waren sie ungedeckt, und nur die hereinbrechende Nacht bewahrte die Eroberer Skythiens und Germaniens vor der völligen Vernichtung. Sie zogen sich in ihre Wagenburg zurück, das ihr Feldlager sicherte; die abgesessene Reiterei bereitete sich auf einen Abwehrkampf vor, zu der sie weder Waffen besaß noch Neigung verspürte. Der Ausgang war bedenklich, aber Attila hatte für einen letzten und ehrenhaften Ausweg gesorgt: Die Sättel und das Zaumzeug der Kavallerie wurde auf sein Geheiß zu einem großen Scheiterhaufen aufgetürmt; denn der großdenkende Barbar hatte beschlossen, sich im Falle einer erkennbaren Niederlage vorüber in die Flammen zu stürzen und seine Feinde um den Triumph zu betrügen, der ihnen durch seinen Schlachtentod oder seine Gefangennahme zugefallen wäre Der Graf du Buat (Histoire des peuples, Band 7, p. 554-573), der sich noch immer auf den ›falschen‹ Hydatius bezieht und den ›echten‹ erneut ablehnt, hat Attilas Niederlage in zwei große Gefechte zerlegt: das erste bei Orléans, das zweite in der Champagne; in der ersten wurde Theoderich getötet, in der zweiten wurde er gerächt. .   ATTILAS RÜCKZUG – THEODERICHS TOD Aber auch die Feinde Attilas hatten die Nacht in Sorge und Auflösung zugebracht. Torismonds vorschneller Mut drängte darauf, die Verfolgung aufzunehmen, als er sich, für ihn selbst überraschend, mit nur wenigen Begleiten zumitten einer skythischen Wagenburg wiederfand. Er wurde im Durcheinander des nächtlichen Gefechtes vom Pferd geworfen, und der Gotenprinz wäre gleich seinem Vater des Todes gewesen, wenn nicht seine jugendliche Kraft und der unverzagte Mut seiner Mitstreiter ihn aus seiner heiklen Lage befreit hätten. Ähnliches widerfuhr Aëtius auf dem linken Flügel, als er –von seinen Verbündeten getrennt, in Unkenntnis über ihren Sieg und besorgt um ihr Schicksal – mit den schwärmenden feindlichen Truppen auf der Ebene von Chalons zusammen gestoßen und anschließend entkommen war; endlich ereichte er das Lager der Goten, das bis zum Morgengrauen nur mit einem leichten Wall aus Schilden gedeckt werden konnte. Da erst erfuhr der kaiserliche General zu seiner Genugtuung von Attilas Niederlage, der immer noch ruhig in seinem Lager verharrte; und als er dann nachdenklich die Szenerie musterte, bemerkte er mit stiller Freude, dass die Barbaren den größeren Blutzoll entrichtet hatten. Der Leichnam Theoderichs, mit ehrenhaften Wunden bedeckt, wurde unter einem Berg von Gefallenen hervorgezogen: seine Untertanen beweinten ihren Vater und König, aber unter ihre Tränen mischten sich auch Gesänge und Freudenrufe, und die Begräbnisrituale begingen sie im Angesicht eines besiegten Feindes. Die Goten erhoben seinen ältesten Sohn Torismond unter lautem Waffenklirren auf den Schild, da sie in ihm nicht zu Unrecht den Vater des Sieges sahen; und der neue Herrscher nahm die Pflicht zur Rache als einen geheiligten Teil seines väterlichen Erbes an. Die Goten indessen bemerkten mit Erstaunen, wie ihr mächtiger Gegner immer noch einen furchterregenden und gewaltigen Eindruck machte; ihr Geschichtsschreiber hat Attila mit dem Löwen verglichen, der in seiner Höhle gefangen sitzt und seinen Jägern mit verdoppelter Wut begegnet. Den Königen und Stämmen, die in dieser Stunde auf schnöden Verrat sinnen mochten, kam zum Bewusstsein, dass der Unmut des Königs für sie die schwerste und unmittelbarste Gefahr darstellte. Alle seine Kriegsinstrumente intonierten einen einzigen und aufrüttelnden Klang der Herausforderung; und Tatsächlich wurden die ersten Truppen, die zum Angriff vorrückten, von einem Pfeilhagel zurückgeschreckt oder sogar dezimiert, die von allen Seiten aus der Verschanzung auf sie herabflogen. In einem allgemeinen Kriegsrat wurde deshalb der Entschluss gefasst, den Hunnenkönig in seinem Lager einzuschießen, jeden Nachschub zu unterbinden und ihn so nur noch die Wahl zwischen einem Schmachfrieden oder einem ungleichen Gefecht zu lassen. Aber die Ungeduld der Barbaren verschmähte diese bedächtigen und vorsichtigen Maßnahmen, und der erfahrene Aëtius besorgte, dass nach dem Untergang der Hunnen nunmehr die Macht der Goten dem Reiche furchtbar werden könnte. So bediente er sich der wirkmächtigen Waffen der Vernunft und der Autorität, um die Leidenschaften herabzudämpfen, die Theoderichs Sohn wohl mit einer heiligen Pflicht verwechselte; stellte ihm mit erheuchelter Anteilnahme und nachdrücklicher Wahrheit die Gefahren einer zu langen Abwesenheit und Verzögerung dar und brachte Torismond dazu, durch seine rasche Rückkehr die ehrgeizigen Entwürfe seiner beiden Brüder zu enttäuschen, welche Thron und Schatzhaus von Toulouse an sich reißen könnten Jordanees, Getica 41. Die Politik des Aëtius und das Verhalten von Torismond sind völlig natürlich. Nach Gregor von Tours (2,7) entließ der Patrizier den fränkischen Fürsten, indem er ihm eine vergleichbare Befürchtung darstellte. Der unechte Hydatius behauptet albernerweise, Aëtius habe nachts heimlich den Königen der Hunnen und der Westgoten eine heimlichen Besuch gemacht und von jedem von ihnen eine Bestechungssumme von zehntausend Goldstücken für einen ungestörten Abzug erhalten. . Nach der Trennung der Goten von ihren Verbündeten erstaunte Attila über die große Stille über dem Schlachtfeld von Chalon; die Besorgnis einer feindlichen Kriegslist veranlasste ihn indessen, noch ein paar Tage in seiner Wagenburg zu bleiben; und sein Rückzug über den Rhein hinaus schließlich bezeugte den letzten Sieg, der im Namen des Abendlandes erkämpft wurde. Merovius und seine Franken beobachteten einen gehörigen Abstand und vergrößerten jede Nacht durch zahlreiche Feuer ihre scheinbare Zahlenstärke; sie verfolgten die Nachhut Attilas bis in das Thüringische hinein. Die Thüringer leisteten Kriegsdienst unter Attila; sie durchzogen beim Hin- wie beim Rückmarsch das Land der Franken, und es war wohl auch in diesem Krieg, in welchem sie die Grausamkeiten verübten, für die etwa achtzig Jahre später Chlodwigs Sohn Rache nahm: sie ermordeten ihre Geiseln und Kriegsgefangenen, zweihundert Jungfrauen wurden mit ausgesuchter Grausamkeit gefoltert, ihre Leiber von wilden Pferden zerrissen oder vom Gewicht schwerer Lastkarren zermalmt, und an öffentlichen Straßen wurden die Leichname Geiern und Hunden zum Fraß vorgeworfen. Soviel zu jenen Völkern, deren Tugenden späteren zivilisierten Zeiten bisweilen zu Lob oder gar Neid Anlass gaben! Diese Grausamkeiten, die Chlodwigs Sohn Theuderich (Gregor von Tours 3,10) so heftig beklagt, passen in die Zeit und zu den Umständen von Attilas Invasion. Sein Aufenthalt in Thürigen hielt sich lange Zeit in den Volkssagen; auch soll einen Kurultai, eine Reichstag in die Gegend von Eisenach einberufen haben. Siehe Mascov, Ancient Germans, Buch 9, c.30, der mit erfreulicher Genauigkeit das Ausmaß des alten Thüringen bestimmt und dessen Namen vom Gotenstamm der Therwingen herleitet.   ATTILAS EINBRUCH IN ITALIEN A.D. 452 Weder der Unternehmungsgeist Attilas noch seine Macht noch sein Ansehen hatten durch das Scheitern der gallischen Feldzuges ernstlich Schaden genommen. So erneuerte er im nächsten Frühjahr seine Ansprüche auf die Prinzessin Honoria und ihr väterliches Erbteil. Dieses Begehren wurde neuerlich mit Hohn zurückgewiesen, und der empörte Liebhaber rüstete sogleich, ging über die Alpen, drang in Italien ein und belagerte Aquileja mit einer nicht zählbaren Masse von Barbaren. Indessen waren jene Barbaren in den Belagerungskünsten ungeschickt, welche selbst im Altertum eine gewisse Grundkenntnis oder doch wenigsten praktische Erfahrung in der Mechanik voraussetzten. Aber mit den vereinten Anstrengungen von Provinzialen und Gefangenen, deren Leben man los mitleidlos opferte, wurde diese gefährliche und schwierige Arbeit zustande gebracht. Selbst die römische Mechaniker wurden dazu herangezogen, ihr eigenen Vaterland zu zerstören. Dann berannten sie die Mauern von Aquileja mit ganzen Batterien von Rammböcken, fahrbaren Türmen und Wurfmaschinen zum Schleudern von Pfeilen, Steinen und Bandfackeln »Machinis constructis, omnibusque tormentorum generibus adhibitis.« (Belageerungsmaschinen wurden gebaut und mit jeder Art von Wurfgeschossen bestückt.) Jornanes, 42. Im XIII Jahrhundert bestürmten die Mongolen chinesische Städte, welche Mohammedaner oder Christen in ihren Diensten entworfen hatten du die Felsbrocken zwischen 150 und 300 Pfund schleudern konnten. Zur Verteidigung ihres Landes benutzten die sogar Schießpulver oder Bomben, mithin hundert Jahre, bevor sie in Europa bekannt waren; doch selbst diese himmlischen -oder doch besser wohl: infernalischen Waffen waren unzureichend, eine schwächelnde Nation zu schützen. Siehe Gaubil, Histoire des Mongous, p. 70f., 155 und 157ff. ; und außerdem setzte der Herrscher aller Hunnen die wirksamsten Triebfedern ein, die Hoffnung, die Furcht, den Neid und den Eigennutz, um die einzige Barriere einzureißen, die der Eroberung Italiens noch im Wege war. Zu jener Zeit war Aquileja eine der reichsten und am besten befestigten Hafenstädte an der Adriaküste. Die gotischen Hilfstruppen, die vermutlich unter dem Kommando ihrer heimischen Herrscher Alarich und Antala standen, bewährten ihrer unerschütterten Kampfesmut; und auch die Bürger Aquilejas erinnerten sich an den erfolgreichen Widerstand, den vordem ihre Väter einem tyrannischen Barbaren geleistet hatten, der der Ehre des Römischen Purpurs zu nahe getreten war. Drei Monate lang war Aquileja bereits erfolglos belagert worden; schließlich zwangen Proviantmangel und wohl auch der Unmut seiner Krieger Attila, die Belagerung aufzuheben und mit Bitternis im Herzen die Anordnung zu geben, die Truppen sollten am nächsten Morgen ihr Gezelte abbrechen und zum Abmarsch antreten. Als er aber ein letztes Mal um die Mauern ritt, gedankenverloren, enttäuscht und zornig, beobachtete er, wie sich ein Storchenweibchen anschickte, ihr Nest in einem der Bastionstürme aufzugeben und mit den Jungen ins Land hinauszufliegen. In einem Nu erfasste Attila mit der Geistesgegenwart des wahren Staatsmannes die einmalige Chance, die ihm der Aberglaube in die Hand gegeben hatte; und er lief laut und fröhlich aus, dass ein Vogel, der so sich so eng an die menschliche Gesellschaft angeschlossen habe, niemals seine Behausung aufgeben würde, wenn nicht den Türmen Einsamkeit und Untergang unmittelbar bevorstünden. Dies günstige Omen wurde als Siegesversprechen aufgefasst, die Belagerung wieder aufgenommen und fortgesetzt mit neuermunterten Kräften Jordanes und Prokopios erzählen dieselbe Geschichte, nur ist es schwierig zu entscheiden, von wem das Original stammt. Aber der Grieche hat einen Fehler gemacht: er lässt die Belagerung nach Aëtius' Tod stattfinden. . In die Stelle der Mauer, wo die Störche fort geflogen waren, wurde eine große Bresche gerammt, dann stürmten die Hunnen mit gnadenloser Gewalt; und die späteren Generationen hatten Schwierigkeiten, wenigstens die Ruinen von Aquileja aufzufinden. Jordanes bestätigt etwa hundert Jahre später, dass Aquileja so vollständig zerstört war, »ita ut vix ejus vestigia, ut appareant, reliquerint.« (...dass kaum eine Spur übrig von ihrem Dasein übrigblieb). Siehe Jornanes, Getica, 42; Paulus Diaconus 2,14; Liutprand, Historia 3,2. Der Name Aqulileja wurde zuweilen für Forum Iulii (Cividale de Friuli), die neuere Hauptstadt Venetiens benutzt. Nach dieser fürchterlichen Heimsuchung setzte Attila seinen Marsch fort; und als er vorüber war, da waren die Städte Altinum, Concordia und Padua nur noch Stein und Asche. Auch die Städte im Landesinneren, Vicenza, Verona und Bergamo waren der Raubgier der Hunnen ausgeliefert. Mailand und Pavia unterwarfen sich, fügten sich in den Verlust ihres Reichtums und rühmten sogar noch die unübliche Milde, welche die öffentlichen und privaten Gebäude vor den Flammen bewahrt hatte und endlich sogar den Gefangenen das Leben schenkte. Den Volkssagen von Como, Turin und Modena wollen wir füglich misstrauen immerhin aber scheinen sie zu bestätigen, dass Attila vornehmlich die Gegend der heutigen Lombardei heimgesucht hatte, welche vom Po geteilt und von Alpen und Apennin begrenzt wird Zur Darstellung dieses ebenso berühmten wie in den Einzelheit wenig bekannten Krieges von Attila habe ich mit zwei gelehrte Italiener zu meinen Führern erwählt, die diesen Gegenstand mit einigen besonderem Geschicl behandelt haben: Sigonius, de Imperio occidentali, Buch 12. Opera Band 1, p. 425-502 und Muratori, Annali d'Italia, Band 4, p. 229-236, Oktavausgabe. . Als er den Kaiserpalast zu Mailand mit Beschlag belegt hatte, war er unangenehm berührt beim Betrachten eins Gemäldes, welches die Caesaren darstellte, zu deren Füßen die Könige von Skythien im Staube lagen. Die Revanche, die Attila an diesem Denkmal römischer Eitelkeit nahm, war ebenso harmlos wie witzig: er ließ einen Maler kommen, der die Figuren und ihre Attribute tauschen musste. Und so wurden die Kaiser auf derselben Leinwand neu portraitiert, wie sie in unterwürfiger Haltung dem skythischen Herrscherthrone nahten, das schuldige Tributgold zu entrichten Diese Anekdote findet sich in der Suda in zwei Fassungen (μεδιόλανον und κόρυκος) . Den Betrachter haben die Wahrheit und Stimmigkeit dieser Korrekturen eingeleuchtet; uns ebenso waren sie wohl auch geneigt, zumindest bei dieser Gelegenheit eine Verbindung zu der wohlbekannten Fabel vom Streitgespräch zwischen Löwe und Mensch herzustellen Leo respondit, humana hoc pictum manu: Videres hominem dejectum, si pingere Leones scirent. (Der Löwe erwidert: Das Bild ist von Menschenhand: Ihr würdet den Menschen am Boden liegen sehen, wenn Löwen zu malen verständen.) Phaidros, Fabeln, Appendix 18. Der Löwe bei Phaidros (3,10) beruft sich törichterweise genug statt der Bilder auf das Amphitheater; und ich freue mich, das der angeborene gute Geschmack von La Fontaine diesen lahmen und blutleeren Schluss gestrichen hat. .   DIE GRÜNDUNG DER REPUBLIK VENEDIG Man hat eine Redensart zur Hand, die gut auf Attilas grausamen Stolz passt, dass nämlich dort, wo sein Pferd einmal aufgestampft habe, nie wieder Gras wachse. Und dennoch veranlasste dieser maßlose Zerstörer, wenn auch nicht beabsichtigt, die Gründung einer Republik, welche dem feudalen Europa die hohe Kunst und den Geist der Geldgeschäfte wiedergab. Der hochberühmte Venedig oder Venetia Paulus Diaconus (De gestis Langobardorum 2,14) beschreibt die italienischen Provinzen am Ende des VIII Jahrhunderts: »Venetia non solum in paucis insulis quas nunc Venetias dicimus, constat; sed ejus terminus a Pannoniae finibus usque Adduam fluvium protelatur.« (Venetia besteht nicht nur aus den paar Inseln, die wir heute die venetianischen nennen; vielmehr gilt diese Benennung für das Gebiet von Pannoniens Grenzen bis zur Adda). Die Geschichte dieser Provinz bildet den ersten und zugleich interessantesten Teil des Werkes ›Verona illustrata‹, in welchem sich der Marquis Scipio Maffei den Erfordernissen eines großangelegten Überblickes (p. 1-388) ebenso gewachsen zeigt wie denen von detaillierten Einzelstudien. war ursprünglich nur für die große und fruchtbae italienische Provinz in Gebrauch, die sich zwischen Pannonien und der Adda und vom Po bis zu den Rhätischen und Julischen Alpen ausdehnte. Vor dem Barbareneinfall blühten hier fünfzig venezianische Städte in Wohlstand und Frieden; den Vorrang unter ihnen besaß Aquileja, aber auch Padua stützte sich seit alters auf Landwirtschaftund Handwerk; und der Besitz der über fünfhundert Ritter im Range eines Ritters muss sich – selbst bei zurückhaltender Schätzung – auf eine Millionen und siebenhunderttausend Pfund belaufen haben. Viele der Familien, die dem Gemetzel entkommen konnten, fanden eine sichere, wenngleich nicht eben prominente Zuflucht auf den benachbarten Inseln Zeitgenössische Belege für diese Auswanderung liegen nicht vor, aber die Tatsache als solche spricht dafür, und die näheren Begleitumstände aufbewahrt haben. Die Bürger von Aquileja begaben sich auf die Insel Gradus, die von Padua nach Rivus Altus oder Rialto, wo nachher Venedig erbaut wurde \&c. . Am äußersten Ende der Bucht, wo die Adria noch den Tidenhub des Ozeans erahnen lässt, finden sich etwa einhundert durch Flachwasser vom Ufer getrennte Inseln, welche durch diverse Landzungen vor der Brandung geschützt sind und die zugleich durch verborgene und enge Kanäle der Schifffahrt einen Zugang gewähren Topographie und Altertümer der venezianischen Inseln von Grado bis Chioggia sind sorgsam verzeichnet inder Dissertatio chorographica de Italia medii aevi, p. 151-155. . Bis in die Mitte des V Jahrhundert waren diese abgelegenen und verborgenen Lokalitäten so gut wie ohne Namen und Bewohner geblieben. Aber die Bräuche der venetischen Flüchtlinge, ihre Künste und ihre Verfassung wurden hier allgemach durch die neue Lebenssituation umgeformt; und einen der Briefe Cassiodors Cassiodor, Variae 12, Epistulae 24. Maffei (Verona illustrata, Teil 1, p. 240-254) hat diesen wichtigen Brief übersetzt und kommentiert, und zwar im Geiste des gelehrten Altertumswissenschaftlers und des getreuen Untertanen, dem Venedig die einzige rechtmäßige Erbin der Römischen Republik war. Er datieerrt den Brief und demgemäß auch die Präfektur Cassiodors indas Jahr 523; und die Autorität des Marquis hat umso mehr Gewicht, als er eine Ausgabe seine Schriften besorgt und soeben eine Abhandlung über die korrkte Schreibweise seines Namens publiziert hat. Siehe seine Osservazioni letterarie, Band 2, p. 290-339. , der ihre Lage siebzig Jahre später beschreibt, mag man als die Gründungsurkunde der Republik Venedig ansehen. Der Minister des Theoderich vergleicht sie darin in seinem hintersinnigen Stil mit Wasservögeln, die ihre Nester auf den Wellen erbauen; und wenn er auch nicht in Abrede stellt, dass die venetischen Provinzen ehedem viele Familien von Adel aufgewiesen hätten, so müsse er doch andeuten, dass sie nunmehr infolge vieler Unglücksfälle alle miteinander in bitterer Armut lebten. Fische bildeten die tägliche und fast ausschließliche Nahrung für alle Stände, ihr einziger Reichtum sei Salz im Übermaß, das sie der See abtrotzten und für welche dem menschlichen so notwendige Annehmlichkeit sie auf den benachbarten Märkten Gold und Silber im Austausch erhielten. Das Volk, dessen Heimat man mit gleichem Recht das Land und das Meer nennen könne, war schon bald mit beiden Elementen wohlvertraut, und so erhob nach der Stimme der Not schon bald die Stimme der Habgier. Die Insulaner, die von Grado bis Chiozza aufs engste miteinander verbunden waren, drangen mittels der zuverlässigen, wenn auch mühseligen Fluss- und Kanalschifffahrt bis in das innerste Italien vor. Ihre Schiffe, die im Laufe der Jahre immer mehr an Zahl und Größe zunahmen, liefen alle Häfen der Bucht an; und die Vermählung, welche Venedig noch jährlich mit der Adria begeht, wurde schon in seiner frühesten Kindheit gestiftet. Der Brief des Prätorianerpräfekten Cassiodor ist an die Tribune des Seewesens gerichtet; und ermahnt sie in dem milden Tone der Autorität, den Eifer ihrer Landsleute für den Dienst am Staat zu befeuern, welcher ihre Unterstützung beim Transport der Wein- und Ölvorräte aus der Provinz Istrien nach Ravenna erfordere. Die unbestimmte Stellung dieser Tribunen erklärt sich durch die Tradition, gemäß der in jedem Jahr auf den zwölf vornehmsten Inseln zwölf Richter oder Tribune vom Volk gewählt wurden. Übrigens wird die Existenz der Republik Venedig unter den Gotenkönigen durch genau die echten Aufzeichnungen bekräftigt, welche zugleich ihren stolzen Anspruch auf ursprüngliche und immerwährende Unabhängigkeit widerlegen Man sehe im 2. Band der ›Histoire du gouvernement de Venise‹ von Amalot de la Hossaie eine Übersetzung des berühmten ›Squittenio‹. – Dieses stark überschätzte Buch starrt in jeder Zeile vor unredlicher und bösartiger Parteilichkeit, aber immerhin sind hier die wichtigsten – apokryphen wie echten – Zeugnisse vereinigt, und so kann der Leser den Mittelweg leicht selber finden. .   ATTILA SCHENKT DEN RÖMERN FRIEDEN Die Italiener, des Umgangs mit der Waffe schon längst entwöhnt, wurden nach vierzigjährigem Frieden von einem Feind überrannt, der ihnen als Feind ihrer Religion und ihres Staates in gleicher Weise entsetzlich war. Inmitten der allgemeinen Orientierungslosigkeit war es allein Aëtius gegeben, nicht in Panik zu verfallen; aber allein und auf sich gestellt war es auch ihm nicht möglich, irgendwelche seiner früheren Reputation gemäßen militärischen Unternehmungen zu leiten. Die barbaren, die Gallien verteidigt hatten, weigerten sich, auch Italien zur Hilfe zu kommen, und die Hilfe, die der Herrscher des Ostens versprochen hatte, war ungewiss und ließ auf sich warten. Während Aëtius an der Spitze seiner einheimischen Truppen sich im Felde behauptete und Attilas Vormarsch erschwerte und aufhielt, zeigte er sich niemals als wahrhaft größer, als eben zu der Zeit, da seine Vorgehensweise von einer ignoranten und undankbaren Volksmasse angefeindet wurde Sirmond hat in den Kommentaren zu Sidonius Apollinaris, p. 19, eine merkwürrdige Passage aus Prosper Tiro ausgezogen: »Attila, redintegratis viribus, quas in Gallia amiserat, Italiam ingredi per Pannonias intendit; nihil duce nostro Aetio secundum prioris belli opera prospiciente, etc.« (Attila wollte nach der Ergänzung seiner Verluste aus dem gallischen Feldzug von Pannonien in Italien einfallen; von unserer Führung – Aëtius – wurde nach den Mühen des ersten Krieges keinerlei Maßnahme ergriffen). Er wirf Aëtius vor, er habe es unterlassen, die Alpen zu sperren und außerdem die Absicht verfolgt, Italien zu verlassen. Dieser leichtfertige Vorwurf wird jedoch durch die günstigen Zeugnisse des Hydatius und Isidor mehr als nur aufgewogen. . Wenn Valentinians Gemüt irgendeiner höheren Empfindung fähig gewesen wäre, würde er sich einen solchen Feldherren zum Muster und Vorbild erwählt haben. Aber Theodosius' angsterfüllter Enkel floh vor den Gefahren des Krieges bei ihrem ersten Herannahen; und sein hastiger Rückzug von Ravenna nach Rom –von einer uneinnehmbaren Festung mithin in eine schutzlose Großstadt – verriet seine heimliche Absicht, bei der allerersten Gefahr für seine kaiserliche Person Italien im Stich zu lassen. Diese würdelose Flucht indessen verzögerte sich infolge jener schwankenden und zögerlichen Haltung, die solchen aus Feigheit geborenen Ratschlüssen gemeinhin innewohnt und die zu korrigieren sie gelegentlich imstande ist. So gelangten der Kaiser des Westens und der Senat von Rom zu dem heilsameren Entschluss, durch eine feierliche und demütige Bitt-Gesandtschaft Attilas großen Zorn abzuwenden.   DIE GESANDTSCHAFT AN ATTILA Dieser hochbedeutsamen Aufgabe unterzog sich Avienus, welcher aufgrund seiner Herkunft und seines Reichtums, seiner Konsulatswürde und seiner umfangreichen Klientel sowie wegen allgemeiner persönlicher Verdienste den ersten Rang unter Roms Senatoren einnahm. Avienus' Siehe die Originaldarstellungen von Avienus und seinem Rivalen Basilius, wie in den Briefen des Sidonius (1,9) skizziert und gegenübergestellt sind. Er hatte die beiden Häupter des Senates eingehemd studiert, fühlte sich selbst aber mehr zu Basilius hingezogen, dem zuverlässigen, über den Parteien schwebenden Freund. gewinnendes und gewandtes Naturell war für Verhandlungen privater und politischer Natur gleichermaßen geschickt; sein Kollege Trigetius hatte in Italien das Amt des Prätorianerpräfekten inne gehabt, und Leo, Bischof von Rom stimmte darin ein, sein Leben für die Sicherheit seiner Herde zu wagen. Leos Charakter und Grundsätzen Leos kann man in den 141 Originalbriefen nachspüren, welche die Kirchengeschichte seines langen und ereignisreichen Pontifikates (440-461) veranschaulichen. Siehe Dupin, Bibliotheque ecclesiastique, Band 3, Teil 2, p. 120-165. Genie bewährte sich in diesen Zeiten der allgemeinen Bedrängnis, und redlich hat er sich den Beinamen ›der Große‹ verdient durch das nachdrückliche Streben, mit dem er seine Auffassungen unter dem ehrbaren Namen der Orthodoxie und der Kirchenzucht durchsetzte. Roms Botschafter wurden in Attilas Zelt eingelassen, wo der windungsreiche Minucius in den stürmischen Benacius-See Siehe Vergil, Georgica 3, 14 und 2, 159f. einmündet und wo seine skythische Reiterei die Landgüter des Vergil und Catull niederstampften Der Marchese Maffei (Verona illustrata, Teil 1, p. 95, 129 und 221; Teil 2, p. II und 6) hat mit Geschmack und Gelehrsamkeit diese interessante Topographie vor uns ausgebreitet. Er verlegt die Unterredung zwischen Attila und Leo in die Nähe von Arioloca oder Ardelica, dem heutige Peschiera, wo der Fluss in den (Garda)See mündet; bekräftigt, dass die Villa Catulls auf der hübschen Halbinsel Sirmio lag; und entdeckt das Andes Vergils in dem Dorfe Bandes genau dort, wo die ›veronesischen Hügel sich allmählich in Mantuas Ebene verlieren.‹ . Der barbarische Monarch lauschte ihren Worten mit geneigter, ja, respektvoller Aufmerksamkeit, und Italiens Befreiung wurde erkauft durch ein gigantisches Lösegeld, oder genauer: die Mitgift der Prinzessin Honoria. Der Zustand von Attilas Armee mochte ihm diese Übereinkunft erleichtern und seinen Abmarsch beschleunigen: ihr kriegerisches Gemüt war durch den Luxus und das Klima des Südens erschlafft, die Nomaden des Nordens, deren übliche Nahrung rohes Fleisch und Milch war, gaben sich etwas zu freudig den Genüssen von Wein, Brot und dem durch höhere Kochkunst verfeinertem Fleisch hin; und die Ausbreitung von Krankheiten war im gewissen Sinne Italiens Rache für erlittene Unbill »Si statim infesto agmine urbem petiissent, prande discrimen esset: sed in Venetia quo fere tractu Italia mollissima est, ipsa soli coelique clementia robur elanguit. Ad hoc panis usu carnisque coctae, et dulcedine vini mitigatos, etc.« (Hätten sie sofort in einem Vorstoß die Stadt angegriffen, wäre dies eine große Gefahr gewesen; aber in Venetien, Italiens lieblichster Landschaft, erweichen Himmel und Erde mit ihrer Sanftheit die Kraft. Außerdem griff Marius genau zur rechten Zeit an, als sie durch den Genuss von Brot und gekochtem Fleisch sowie die Süße des Weines verweichlicht waren.) Diese Passage bei Florus (3,3) lässt sich noch besser auf die Hunnen anwenden als auf die Kimbern, und sie kann uns zugleich die ›Himmelspest‹ verstehen lernen, mit der Hydatius und Isidor Attilas Heer angesteckt hatten. . Als Attila seine Bereitschaft bekundete, mit seinen Waffen bis vor die Tore Roms zu ziehen, erinnerten ihn seine Freunde und seine Feinde daran, dass Alarich die Eroberung der Stadt nicht eben lange überlebt habe. Sein Gemüt, über reale Gefahren erhaben, bebte zurück vor eingebildeter Bedrohung; auch konnte er sich dem Einfluss des Aberglaubens nicht entziehen, den er schließlich so oft seinen eigenen Zwecken dienstbar gemacht hatte Der Historiker Priscus hat auf den Eindruck, den dieses Beispiel auf das Gemüt Attilas machte, mit Nachdruck hingewiesen. Jordanes, Getica 42. . Leos eindringliche Beredsamkeit, sein majestätischer Anblick und die priesterlichen Gewänder erzeugten in Attila ein Gefühl der Verehrung für den geistlichen Vater der Christenheit. Die Epiphanie der Apostel St. Peter und St. Paul, die dem Barbaren den sofortigen Tod androhten, wenn er sich den Bitten ihrer Nachfolger weiter verschließe, ist eine der vornehmsten Legenden der kirchlichen Tradition. Vielleicht benötigte Roms Rettung wirklich das Eingreifen himmlischer Mächte, und so sei denn einer Fabel Nachsicht gewährt, die Raphaels Das Gemälde Raffaels befindet sich im Vatikan, das Bas- (oder vielleicht auch Haut)Relief von Algardi auf einem der Altäre inSt. Peter (siehe Dubos, Réflexios sur la poésie et la peinture, Band 1, p. 519f.) Baronius (Annales ecclesiastici, A.D. 452, Nr. 57 und 58) vertriff mannhaft die Echtheit dieser Erscheinung, die allerdings vonden meisten gebildeten und frommen Katholiken abgelehnt wird. Stift und Algardis Meißel ausgeführt haben.   ATTILAS TOD A.D. 453 Bevor der Hunnenkönig Italien räumte, drohte er eine Rückkehr an, grässlicher und unversöhnlicher als alles vorherige, wenn seine Braut, die Prinzessin Honoria, nicht innerhalb der im Vertrag vorgesehenen Frist seinen Gesandten ausgeliefert würden. Inzwischen widmete Attila seine aufkeimenden Bedürfnisse nach zärtelnder Fürsorge der anmutigen Ildico »Attila, ut Priscus historicus refert, extinctionis suae tempore, puellam Ildico nomine, decoram valde, sibi [in] matrimonium post innumerabiles uxores ... socians.« (Attila hatte nach Angaben von Priscus, dem Historiker, vor seinem Tod ein wunderschönes Mädchen mit Namen Ildico nach ungezählten vorangegangenen Frauen...zur Gattin genommen.) Jordanes, Getica 49. »Filii Attilae, quorum per licentiam libidinis poene populus fuit.« (Die Söhne Attilas, die bei seiner endlosen Wollust fast einen eigenen Volksstamm bildeten) Polygamie war unter Barbaren seit je üblich. Die Stellung von Frauen in unteren Schichten war allein durch ihre individuelle Ausstrahlung bestimmt, und die alternde Matrone bereitet ohne Murren das Bett für ihre blühende Rivalin. Doch in königlichen Familien übertrugen die Töchter der Khans ihren Söhnen ein Vorrecht bei der Erbschaft. Siehe Abulghazi, Genealogical history, p. 406ff. , mit der er das umfängliche Register seiner Weiber vergrößern wollte. Die Hochzeitsfeier ward in seinem Holzpalast am anderen Donauufer mit der bei Barbaren üblichen Prachtentfaltung begangen; und der Monarch, vom Wein und Müdigkeit schier überwältigt, zog sich vom Bankett zu später Stunde in das Brautgemach zurück. Seine Diener erwiesen den ganzen folgenden Tag über seinen Vergnügungs- oder Ruhebedürfnisse submissest Respekt, bis die unheimliche Ruhe denn doch Argwohn oder Besorgnis hervorrief; nach mehreren vergeblichen Versuchen, Attila durch lautes Lärmen aufzuwecken, brachen sie endlich gewaltsam in das königliche Schlafgemach ein. Hier nun fanden sie die bebende Braut, die auf der Bettkante saß, ihr Gesicht hinter dem Schleier barg und über beides schluchzte, ihre heikle Lage und den Tod des Königs, der in der Nacht verschieden war Die Nachricht von Ildikos ›Schuld‹ erreichte Konstantinopel, wo diese Tat indessen einen anderen Namen erhielt; und Marcellinus bemerkt, dass der Tyrann von Europa in der Nacht von der Hand und durch das Messer eines Weibes getötet worden sei. Corneille, der seiner Tragödie den ursprünglichen Bericht zugrunde gelegt hatte, beschreibt den Blutsturz in vierzig bombastischen Versen, in denen Attila in lächerlichem Zorne ausruft: »S'il ne veut s'arreter, on me payera ce qui m'en va couter.« (Wenn es nicht aufhören will, muss man mir zahlen, was es kostet.« . Es war ihm unvermittelt eine Ader zerrissen; und da er auf dem Rücken lag, so erstickte er an einem Blutstrom, der ihm in Lunge und Magen gelaufen war, da er nicht durch die Nase ablaufen konnte. Auf offenen Feld wurde sein Leichnam unter einem Seidenbaldachin aufgebahrt, in angemessenem Abstand ritten ausgewählte Schwadrone und ließen Trauergesänge vernehmen zum Gedächtnis an einen Helden, ruhmbedeckt im Leben, noch im Tode unbesiegt, der Vater seines Volkes, die Geißel seiner Feinde und das Entsetzen der Welt. Entsprechend dem Volksbrauch schnitten sich die Barbaren die Haare teilweise ab, fügten ihrem Gesicht klaffende Wunden zu, um ihren König nicht nach der Art der Weiber mit Tränen zu beweinen, sondern mit dem Blut von Kriegern, wie es ihm zukam. Attilas sterbliche Reste wurden in drei Särgen eingeschlossen, aus Gold, Silber und Eisen und zu nächtlicher Stunde in aller Stille beigesetzt; die Gefangenen, die das Grab ausgehoben hatten, wurden sämtlich gnadenlos ermordet; und dann hielten dieselben Hunnen, die so maßlos getrauert hatten, am frischen Grabe ihres Königs mit ausgelassener Fröhlichkeit ein üppiges Festmahl ab. In Konstantinopel ging die Rede, dass in jener glückhaften Nacht seines Todes Kaiser Marcian davon geträumt habe, wie der Bogen Attilas entzwei brach; diese Erzählung mag zumindest als Beweis dafür dienen, dass der Gedanke an jenen furchtbaren Barbaren den römischen Herrscher noch bis seine Träume verfolgte Die erzählenswerten Begleitumstände von Attilas Tod und Begräbnis finden sich bei Jordanes (Getica 49), der sie vermutlich von Priscus abgeschrieben hat. .   DER UNTERGANG VON ATTILAS REICH Die Umwälzungen, die nun das Hunnenreich auflösten, begründen auch den Ruhm Attilas, denn sein Genius allein hatte dieses gigantische Konstrukt zusammengehalten. Nach seinem Tode strebten die kühnsten Stammeshäuptlinge nach der Königswürde, und die mächtigsten von ihnen weigerten sich, einen Höheren anzuerkennen. Und die ungezählten Söhne, die der Verstorbene mit seinen zahlreichen Weibern gehabt hatte, schacherte und markteten um die Herrschaft über Germanien und Skythien wie um ein Privaterbe. Der kühne Aldarik empfand die nachgeordnete Bedeutung seines Anteils und ließ seinen Unmut auch erkennen, und seine kriegesfreudigen Gepiden und Ostgoten ermutigten unter der Führung von drei beherzten Brüdern ihre Verbündeten, ihr Anrecht auf Freiheit und Königswürde zu behaupten. In einer verlustreichen Entscheidungsschlacht am Netad-Fluss in Pannonien traten die Lanze der Gepiden, das Schwert der Goten, der Pfeil der Hunnen, das suebische Fußvolk, die leichtbewaffneten Heruler und die schwerbewaffneten Alanen für oder gegeneinander auf; und Aldarichs Sieg kostete dreißigtausend Feinden das Leben. Auch Ellak, Attilas ältester Sohn, verlor in dieser unvergessenen Schlacht am Netad Krone Leben. Mit dem unbekümmerten Mut der Jugend hatte er den Thron der Akatziren besetzt und diesen skythischen Stamm unterworfen, und sein Vater, der die Verdienste des Ellak durchaus zu schätzen wusste, hätte ihn um diesen Tod sicherlich beneidet Siehe Jordanes, Getica 50. Seine Unterscheidung der nationalen Waffentypen ist bedeutsam und von Interesse. »Nam ibi admirandum reor fuisse spectaculum, ubi cernere erat cunctis, pugnantem Gothum ense furentem, Gepidam in vulnere suorum cuncta tela frangentem, Suevum pede, Hunnum sagitta prasumere, Alanum gravi, Herulum, levi, armatura, aciem instruere.« (Denn ich glaube, dass dort ein staunenswertes Schauspiel zu sehen war, wie der Gote mit dem Spieß kämpfte, der Gepide mit dem Schwert wütete und die Waffe in der Wunde zerbricht, und wie der schnelle Suebe und der bogengewandte Hunne, der Alanen mit schwerer und der Heruler mit leichter Bewaffnung in den Kampf ziehen.) Die genaue Lage des Flusses Netad ist mir unbekannt. . Sein Bruder Dengisich, dessen Hunnenarmee noch im Untergang furchtbar war, behauptete sich immerhin fünfzehn Jahre an der Donau. Attilas Palast und das Dacien von den Karpaten bis zum Schwarzen Meer wurde das Zentrum des neuen Reiches, das der Gepidenkönig Ardaric begründet hatte. Pannonien von Wien bis Sirmium fiel den Ostgoten zu; und die Siedlungsgebiete der verschiedenen Stämme, die ihre eingeboren Freiheit so tapfer verteidigt hatten, verteilten sich eher zufällig und ihrer augenblicklichen Stärke entsprechend. Von der Unmasse der Sklaven seines Vaters umringt und bedrängt, endete Dengisichs Machtbereich am Außenrand seiner Wagenburg. Mit dem Mute des Verzweifelten beschloss er, das Oströmische Reich zu erobern; er fiel in der Schlacht, und der Kopf des Toten, der schmachvoll im Hippodrom zur Schau gestellt ward, diente dem Volk von Konstantinopel zur Stärkung und Erhebung. Attila selbst hatte, sei es aus Aberglauben, sei es aus Überschätzung, in seinem jüngsten Sohn Irnak den Mann gesehen, dem es gegeben sei, den Ruhm seines Volkes weiterhin zu mehren. Die Gemütsverfassung dieses Prinzen, der das überschäumende Wesen seines Bruders Dengerich zu dämpfen bestrebt war, passte schon besser zu der Untergangsstimmung der Hunnen, und so zog sich Irnak denn auch mit seinen Horden nach Skythien zurück. Aber schon bald wurden sie von einer neuen Barbarenflut überrannt, die demselben Wege folgten wie einst die eigenen Vorfahren. Die Jou-Jan oder Avaren, deren Heimat die griechischen Autoren an den Ozean verlegen, setzten ihren Nachbarn zu, bis endlich die nördlichen Iguren aus der sibirischen Kältesteppe, von wo die wertvollsten Pelze stammen, sich durch die Wüste bis zum Borystenes und dem Kaspischen Meer ergossen und das Reich der Hunnen endgültig von der Erde tilgten Zwei neuere Historiker haben viel neues Licht auf den Untergang und die Aufteilung von Attilas Reich geworfen: Herr du Buat durch rastlose und detailversessene Mühen (Histoire ancienne, Band 8, p. 3-31 und 68-94) und Herr Guigenes durch seine vorzügliche Kenntnis der chinesischen Sprache und Autoren. Siehe seine Histoire des Huns, Band 2, p. 315-319. .   VALENTINIAN ERMORDET AËTIUS – A.D. 454 Dieses Ereignis konnte wohl für die Sicherheit des Orients vorteilhaft sein, der unter einem Herrscher stand, der sich der Freundschaft der Barbaren versichert hatte, ohne ihren Respekt zu verwirken. Doch der Westkaiser, der schwache und unfähige Valentinian, hatte zwar sein fünfunddreißigstes Lebensjahr, aber noch nicht das Alter von Vernunft und Entschlossenheit erreicht und missbrauchte die scheinbare Sicherheit seines Reiches, durch die Ermordung des Patricius Aëtius das Fundament seiner eigenen Herrschaft zu unterwühlen. Aus tiefster Seele hasste und beneidete er den Mann, der allgemein als der Schrecken der Barbaren und die wichtigste Stütze des Staates verehrt wurde; und des Kaisers neuer Favorit, der Eunuch Heraclius, weckte den Herrscher aus seiner dumpfen Trägheit, die sich zu Lebzeiten der Placidia Placidia starb am 27. November 450 in Rom. Begraben wurde sie in Ravenna, wo ihr Grabmal und selbst noch ihr auf einem aus Zypressenholz gefertigtem Stuhl sitzender Leichnam für lange Zeit bewahrt wurden. Von dem orthodoxn Klerus erhielt die Kaiserin mancherlei Ehrenbezeigungen, und St. Peter Chrysologos sicherte ihr zu, dass ihr Eifer für die heilige Trinität durch eine herrliche Trinität von Kindern belohnt worden sei. Siehe Tillemont, Histoire des empereurs, Band 6, p. 240. mit dem Vorwand der kindlichen Verehrung hatte entschuldigen lassen. Der Ruhm des Aëtius, sein Reichtum, seine Popularität, sein zahlreicher und kriegerisch gestimmter Barbaren-Anhang, seine einflussreiche Gefolgschaft, die viele bürgerliche Staatsämter besetzt hielt, und endlich der Ehrgeiz seines Sohnes Gaudentius »Aëtium mactavit Placidus semivir amens.« (Aëtius wurde von dem irren Eunuchen Placidus ermordet), so der Befund bei Sidonius, Panegyricus ad Avitum 359. Der Dichter kannte die Welt und war nicht willens, einem Minister Nettes zu sagen, der die beiden Helden seines Gesanges, Avitus und Maiorianus, beleidigt und geschmäht hatte. , der bereits mit der Königtochter Eudoxia verlobt war: dieses alles erhob ihn weit über den Rang eines gewöhnlichen Untertanen. Seine ehrgeizigen Pläne, die man ihm insgeheim vorwarf, erregten Valentinians hasserfüllte Angstgefühle. Aëtius selbst hatte wohl im Bewusstsein seiner Verdienste und seiner Unschuld ein etwas hochfahrendes und leichtfertiges Verhalten angenommen. Er stieß seinen Herrscher mit einer nachgerade feindseligen Bemerkung vor den Kopf, vergrößerte die Kränkung noch, indem er ihn einen Vergleich zur Aussöhnung und Verschwägerung mit feierlicher Eidesleistung zu bestätigen nötigte; er sprach seinen Verdacht vernehmbar aus, vernachlässigte sogar die Sorge für seine eigene Sicherheit und wagte sich persönlich nach Rom in den Palast; letzteres wohl in der etwas naiven Annahme, dass sein von ihm so verachteter Feind noch nicht einmal zu einem gediegenen Verbrechen imstande sei. Während er, vermutlich mit kaum verhehlter Ungeduld, auf die Hochzeit seines Sohnes drängte, zog Valentinian zum ersten Male in seinem Leben das Schwert und bohrte es dem General in die Brust, der ihm das Reich gerettet hatte; Höflinge und Eunuchen eilten dienstfertig herzu, es ihrem Herren gleich zu tun, und Aëtius, aus hundert Wunden blutend, stürzte vor seinem Kaiser tot zu Boden. Boëtius, der Prätorianerpräfekt, wurde im selben Augenblick mitermordet, und noch bevor das Ereignis ruchbar wurde, rief man die einflussreichsten Freunde des Patriziers in den Palast, wo sie einer nach dem anderen umgebracht wurden. Diese schrecklichen Verbrechen, zu deren Rechtfertigung man auch noch die Gerechtigkeit und Staatsnotwendigkeit einspannte, wurde vom Kaiser den Soldaten, dem Volk und allen Verbündeten kundgetan. Die Völker, die Aëtius fremd waren oder sonst wie ferne standen, beklagten immerhin das ruhmlose Ende eines Helden; die Barbaren in seinem Dienst unterdrückten ihren Schmerz und ihre Verbitterung, und nur die öffentlichen Meinung, die so lange hinter Valentinian gestanden hatte, wandte sich mit einem Schlage gegen ihn. Aber solche Empfindungen von Abscheu verirren sich gemeinhin nicht in Palastmauern, und so war der Kaiser denn doch überrascht durch die aufrichtige Antwort eines Römers, dessen Beifall einzuholen er sich nicht entblödet hatte: »Ich kenne, Herr, weder Eure Beweggründe noch den unmittelbaren Anlass; aber das weiß ich gewiss, dass Ihr gehandelt habt wie einer, der sich mit seiner linken Hand die rechte abgeschlagen hat.«   VALENTINIAN VERGEWALTIGT DIE FRAU DES MAXIMUS – SEIN TOD 16. MÄRZ 455 Der Luxus von Rom scheint Valentinian zu oftmaligen, auch längeren Visiten bestimmt zu haben; folgerichtig war er in keinem Teil der Welt so verachtet wie dort. Unmerklich belebte sich im Senat eine Art republikanische Gesinnung, als des Kaisers erbärmliche Regierung die Autorität und Unterstützung des Senates benötigte. Die Prunkauftritte eines Erbmonarchen beleidigte den Stolz der Senatoren, und Valentinians Vergnügungen waren zusätzlich störend für den Frieden und die Ehre der Adelsfamilien. Der Herkunft nach war die Kaiserin Eudoxia ihm gleichgestellt, und ihr Liebreiz und ihre Zuneigung hätte die Liebesbeweise verdient gehabt, die ihr untreuer Mann an verbotene, flüchtige Liebschaften verschwendete. Petronius Maximus, ein wohlhabender Senator aus anicischer Familie und zweifacher Konsul, war mit einer keuschen Schönen verheiratet; ihre hartnäckigen Weigerungen waren indessen nur geeignet, Valentinian noch stärker aufzureizen; und so beschloss er, sei es mit List, sei es mit Gewalt zum Ziele zu gelangen. – Das Glücksspiel war eine der am Hofe gern geübten Laster; der Kaiser, der durch Betrug oder pures Glück eine beachtliche Summe von Maximus gewonnen hatte, forderte in taktloser Weise dessen Ring als Sicherheit; und schickte eben diesen im Namen ihres Mannes durch einen zuverlässigen Boten zu dessen Frau mit dem Auftrag, sie möge sich rasch bei der Kaiserin Eudoxia einstellen. Maximus' argloses Weib ließ sich in ihrer Sänfte zum Palast bringen, die Emissäre ihres ungeduldigen Liebhabers brachten sie in ein abgelegenes und verschwiegenes Schlafzimmer; und dann verletzte Valentinian gnadenlose alle Gesetze der Gastfreundschaft. Ihre Tränen nach der Heimkehr, ihre tiefe seelische Verwundung und ihre bitteren Vorwürfe gegen ihren Mann, den sie für einen Komplizen bei dieser Untat halten musste: dies alles weckte Maximus berechtigte Rachegedanken; auch wurde das Verlangen nach Vergeltung durch Ehrgeiz befeuert, denn zu Recht mochte er im Falle einer freien Wahl durch den Senat auf den Thron seines erbärmlichen und verächtlichen Feindes hoffen. Valentinian, der in dem Argwohn lebte, dass jede Menschenbrust so wie die seine frei von den Gefühlen der Freundschaft und Herzlichkeit sei, hatte unklugerweise ein paar Bedienstete des Aëtius in seiner Leibwache. Zwei von ihnen, beide ausländischer Herkunft, waren rasch beredet, eine heilige und ehrenhafte Pflicht zu vollenden und den Mörder ihres Patrons mit dem Tode zu bestrafen; furchtlos und kühn, wie sie waren, warteten sie nicht lange auf eine günstige Gelegenheit. Während Valentinian sich auf dem Marsfeld die Zeit bei ein paar militärischen Übungen vertrieb, stürzten sie unversehens mit gezogener Waffe auf ihn, machten den schuldigen Heraclius nieder und stießen dem Kaiser das Schwert durch das Herz, ohne dabei den geringsten Widerstand von seinem zahlreichen Gefolge zu erfahren, welches vielmehr Freude beim Tod des Tyrannen zu empfinden schien. Dies war der Tod von Valentinian, dem Dritten dieses Namens Hinsichtlich der näheren Todesumstände von Valentinian und Aëtius sind wir nur unzureichend informiert. Prokopios (De bello Vandalico 1,4) macht aus den Ereignissen vor seiner Zeit müßige Fabeln. Seine Berichte müssen daher von fünf oder sechs Chroniken ergänzt werden, von denen jedoch kein in Rom oder Italien abgefasst worden ist und die folglich nur andeutungsweise die Gerüchte mitteilen können, die damals in Gallien, Hispanien, Afrika, Konstantinopel oder Alexandria kursierten. und dem letzten römischen Kaiser aus der Familie des Theodosius. Sozusagen getreulich imitierte er die angeborene Antriebsschwäche seines Vetters und seiner beiden Onkel nach, ohne die Liebenswürdigkeit, die reinliche Gesinnung und Herzensgüte zu besitzen, die bei ihnen den Mangel an Geist und Begabung etwas kompensiert hatten. Valentinian kann nicht entschuldigt werden, denn er besaß Leidenschaft ohne Tugend; selbst seine Religion war fragwürdig, und wenn er auch nicht die Pfade der Ketzer wandelte, beleidigte er doch den frommen Christenmenschen wegen seiner Nähe zu den profanen Künsten der Magie und Wahrsagerei.   SYMPTOME DES UNTERGANGES Noch in der Zeit eines Cicero oder Varro war es die gesicherte Auffassung der römischen Auguren, dass die zwölf Geier, die Romulus gesehen hatte, die zwölf Jahrhunderte symbolisierten, die bis zum Untergang der Stadt vergehen sollten Die Deutung des Vettius, eines hochangesehenen Auguren, wird von Varro im 18. Buch seiner Antiquitates mitgeteilt. Censorius, De die natali 17. . Diese Prophezeiung, die in den Tagen der Machtfülle wohl nur geringes Ansehen hatte, erfüllte das Volk mit dumpfen Vorahnungen, als das zwölfte Jahrhundert, das von Unglück und Not überschattet war, sich allmählich seinem Ende zuneigte Nach Varros Berechnungen sollte dieses XII Jahrhundert A.D. 447 enden., aber die Ungewissheit über Roms wahres Alter ließ hier einen gewissen Spielraum Freiheiten in beide Richtungen zu. Die Dichter dieser Zeit, Claudian (De bello Getico 265) und Sidonius (Panegyricus ad Avitum 357) kann man als gültige Zeugen für die kursierende populäre Auffassung ansehen: »Iam reputant annos, interceptoque volatui Vulturis, incidunt properatis saecula metis.« (Schon zählen sie die Jahre, durchschneiden den Geierflug und geben den Jahrhunderten kürzere Dauer.) »Iam prope fata tui bissenas Vulturis alas Implebant; scis namque tuos, scis, Roma, labores.« (Schon war das Schicksal dabei, das Zeichen der fliegenden Geier zu erfüllen; du kennst, o Rom, du kennst deine Mühen). ; und selbst die Nachwelt muss mit einiger Überraschung bekennen, dass diese willkürliche Deutung eine fabulösen oder zufälligen Naturereignisses mit dem Untergang des Westreiches auf verstörende Weise zusammentraf. Indessen: sein Fall kündigte sich deutlicher an als durch Geierflug. Die Regierung Roms wurde ihren Feinden täglich weniger furchtbar und dafür ihren Untertanen umso hassenswerter und bedrückender Das fünfte Buch des Salvanius ist ein einziges Jammer- und Klagelied. Die maßlosen Übertreibungen, mit denen er schreibt, können als Beweis für die Schwäche und für die Verderbtheit der römischen Regierung angesehen werden. Sein Buch wurde nach dem Verlust von Afrika (A.D. 439) und vor dem Krieg gegen Attila (A.D. 451) veröffentlicht. . Zusammen mit der allgemeinen Not stiegen auch die Steuern, wirtschaftliches Handeln fand umso weniger statt, je notwendiger es wurde. Unrecht war es, dass die Lasten von den Schultern der reichen auf die der Armen umgelegt wurden, denen zusätzlich sogar noch die Stundung versagt wurde die ihr Elend hätte erleichtern können. Die unnachsichtige Steuerfahndung, die ihnen ihr Gut raubte und sie der Folter unterwarf, brachte die Untertanen Valentinians dazu, der ehrlichen Tyrannei der Barbaren den Vorzug zu geben, in die Wälder und Berg zu fliehen oder sich sogar als Mietsklaven zu verdingen. Die Rechtsstellung eines Römischen Bürgers, vordem das Ziel allen irdischen Strebens, war nunmehr ein einziges Schrecknis geworden. Die armorikanischen Provinzen Galliens und der größte Teil Spaniens wurde mit Hilfe der Bagauden in einen Zustand unstrukturierter Selbständigkeit versetzt, und die kaiserlichen Beamten stellten nun mit Proskriptionen und ohnmächtigen Waffen den Rebellen nach, die sie selbst ins Leben gerufen hatten Die Bagauden Spaniens, die sich mit den Römern regelrechte Gefechte lieferten, werden in der Chronik des Hydatius mehrfach erwähnt. Mit kräftigen Farben hat Salvianus ihre Notlage und ihre Empörung ausgemalt: »Itaque nomen civium Romanorum ... nunc ultro repudiatur ac fugitur, nec vile tamen [tantum] sed etiam abominabile poene habetur ... Et hinc est ut etiam hi qui ad barbaros non confugiunt, barbari tamen esse coguntur, scilicet ut est pars magna Hispanorum, et non minima Gallorum ... De Bagaudis nunc mihi sermo est, qui per malos judices et cruentos spoliati, afflicti, necati postquam jus Romanae libertatis amiserant, etiam honorem Romani nominis perdiderunt ... Vocamus rebelles, vocamus perditos quos esse compulimus criminosos.« (Und so wurde der Name ›Römischer Bürger‹...außerdem noch verachtet und gemieden, und nicht nur für verächtlich, sondern für abscheulich gehalten...Und solche, die zwar nicht zu den Barbaren flohen, sehen sich dennoch genötigt, Barbaren zu werden, so wie ein Großteil der Spanier und und nicht der kleinste Teil der Gallier...Ich rede nun von den Bagauden, die von grausamen Richtern beraubt, bedrängt, und getötet wurden und nach Verlust der Römischen Freiheit auch noch die Ehre des römischen Namens verloren haben...Wir schelten sie Rebellen und Verworfene und waren es doch selber, die sie ins Verbrechen getrieben haben.) De gubernatione Dei, 5,5ff. . Und selbst wenn alle Barbaren auf einen Schlag vernichtet worden wären, hätte dies das Westreich nicht wieder hergestellt. Und wenn Rom trotz alledem fortfuhr zu existieren, so überlebte es den Verlust seiner Freiheit, seiner Tugenden, seiner Ehre. XXXVI GEISERICH, DER KÖNIG DER VANDALEN, PLÜNDERT ROM · SEINE RAUBZÜGE ZUR SEE · DIE LETZTEN WESTRÖMISCHEN KAISER MAXIMUS, AVITUS, MAIORIAN, SEVERUS, ANTHEMIUS, OLYBRIUS, GLYCERIUS, NEPOS, AUGUSTULUS · ENDGÜLTIGR UNTERGANG DES WESTRÖMISCHEN REICHES · HERRSCHAFT UND CHARAKTER VON ODOAKAR, DES ERSTEN BARBARENKÖNIGS ITALIENS   ROM UND DIE VANDALEN – IHRE SEEMACHT A.D. 439-455 Der Verlust und der Zustand der Auflösung, in welchem sich die Provinzen von den Alpen bis zum Atlantik befanden, passte übel zu Roms glorreicher Vergangenheit; sein Wohlstand war unwiderruflich durch den Verlust Afrikas dahin. Die raubgierigen Vandalen rissen die Landgüter der Senatoren an sich und fingen die regelmäßigen Getreidelieferungen ab, welche die Armut der Plebejer zu lindern und ihre Trägheit zu festigen halfen. Die Notlage der Römer verschärfte sich schon bald infolge eines unvorhergesehenen Angriffs; und so wurde die Provinz, die seit Menschengedenken durch den Fleiß und Gehorsam ihrer Bewohner bedeutend war, durch einen ehrgeizigen Barbaren gegen Rom bewaffnet. Die Vandalen und Alanen, die sich den siegreichen Standarten des Geiserich angeschlossen hatten, hatten einen fruchtbaren und wohlhabenden Küstenstreifen erobert, welcher sich neunzig Tagesmärsche von Tanger bis nach Tripoli dehnte; aber sein schmaler Verlauf wurde im Süden durch Sandwüsten und im Norden durch das Mittelmeer begrenzt und eingeengt. Die Erforschung und Eroberung der schwarzen Völker, die jenseits des Trockengürtels wohnen mochten, reizten den nüchternen Geiserich naturgemäß nicht, dann aber ließ er sein Augenmerk über das Meer wandern; beschloss den Bau einer Seestreitmacht; und führte diesen kühnen Entschluss mit zäher und rüstiger Hartnäckigkeit durch. Die Wälder des Atlasgebirges stellten unerschöpfliche Holzvorräte bereit; seine neuen Untertanen verstanden sich durchaus auf Schiffbau und Schifffahrt; er brachte seine kühnen Vandalen dahin, eine neue Technik der Kriegsführung zu erlernen, welche alle Küstenländer ihren Waffen erreichbar machen würde; die Mauretanier und Afrikaner lockte die Aussicht auf Beute; und so beanspruchten zum ersten Male nach sechs Jahrhunderten Schiffe aus Karthago die Herrschaft über das Mittelmeer. Die Erfolge der Vandalen, die Eroberung Siziliens, die Plünderung Palermos und ihre häufigen Abstecher an die lucanische Küste schreckten die Mutter des Valentinian und die Schwester des Theodosius auf. Bündnisse wurden geschlossen; und Expeditionen, teuer und wirkungslos, wurden ausgerüstet, den gemeinsamen Feind zu vernichten, der sich seinen Mut gegen die Gefahren aufsparte, die seine Politik weder abwenden noch vortäuschen konnte. Die Entwürfe der römischen Regierung wurde des öfteren zunichte gemacht durch sein geschicktes Hinhalten, mehrdeutige Versprechungen und scheinbare Zugeständnisse; und die Gegenwart seines furchtbaren Verbündeten, des Hunnenkönigs, rief die Kaiser Roms von der Eroberung Afrikas zurück, um zunächst ihr eigenes Land zu sichern. Palastrevolutionen, die den Westen ohne Verteidiger und ohne gesetzmäßigen Herrscher zurückließen, zerstreuten Geiserichs letzte Besorgnisse und reizten seine Habgier umso stärker auf. Unverzüglich rüstete er eine mächtige Flotte aus, besetzte sie mit Afrikanern und Mauren und ließ sie an der Tibermündung vor Anker gehen, etwa drei Monate nach dem Tod Valentinians und der Thronbesteigung des Maximus.   PERSÖNLICHKEIT UND HERRSCHAFT VON PETRONIUS MAXIMUS 17. MÄRZ 455 Das private Leben des Senators Petronius Maximus Sidonius Appolinaris verfasste den 13. Brief des 2. Buches eigens zu dem Zweck, um die merkwürdige Begeisterung seines Freundes Seranus für den hingeschiedenen Kaiser zurück zu weisen. Dieser Brief kann – bei einigem Entgegenkommen – das Verdienst einer eleganten Komposition für sich beanspruchen; und außerdem wirft er doch viel Licht auf den Charakter des Kaisers Maximus. wurde oft als ein seltenes Beispiel menschlicher Glückseligkeit beigebracht. Er war von achtbarer und adliger Herkunft, stammte er doch aus anicischer Familie; zu dieser Stellung kam noch ein unverächtliches Erbteil an Land und Geld, und zu diesen Glücksgeschenken gesellten sich noch die Vorurteilslosigkeit und Bescheidenheit, welche die unschätzbaren Gaben des Geistes und der Tugend schmücken oder nachahmen. Sein Palast war gastfrei und von ausgewählter Eleganz. Wann immer Maximus in der Öffentlichkeit auftrat, war er von einer Schar dankbarer und ergebener Klientelen Clientum praevia, pedisequa, circumfusa, populositas (Ein Klientenschwarm, vor ihm, hinter ihm, um ihn.) ist das Gefolge, das Sidonius (1, Epistulae 9) einem anderen Senatoren von konsularischem Rang beigibt. umgeben; und es ist nicht auszuschließen, dass unter diesem Klientel einige echte Freunde waren. Senat und Kaiser anerkannten mit Dankbarkeit seine Verdienste; dreimal war er Prätorianerpräfekt von Italien; zweimal hatte er das Amt eines Konsuls inne gehabt, und er stand im Rang eines patricius. Diese bürgerlichen Ehrenstellungen waren mit Müßiggang und Zurückgezogenheit durchaus nicht unverträglich; seine Stunden wurden entsprechend den Erfordernissen der Zerstreuung oder der Arbeit durch eine Wasseruhr mit Genauigkeit eingeteilt; und diesen Haushalten mit der Zeit ermöglichen uns Einblick in Maximus' Vorstellungen von individuellem Glück. Das Unrecht, das der Kaiser Valentinian ihm antat, scheint die blutigste Rache zu rechtfertigen. Ein philosophisches Gemüt indessen könnte auf dem Standpunkt stehen, dass im Falle eines ernsthaften Widerstandes die Keuschheit seines Weibes unbefleckt geblieben wäre und dass sie niemals wiederhergestellt werden konnte, wenn sie sich in den Willen des Ehebrechers gefügt hätte. Ein Patriot hätte wohl gezögert, sich und sein Land den Kalamitäten auszusetzen, die dem Untergang des Hauses des Theodosius mit Notwendig folgen mussten. Maximus war unbesonnen genug, sich solchen heilsamen Überlegungen zu verschließen: er bediente seine Hass- und Rachegefühle; er sah Valentinians blutenden Körper zu seinen Füßen; und er vernahm, wie Senat und Volk ihn einmütig zum neuen Kaiser ausriefen. Aber der Tag seiner Inauguration war der letzte glückliche Tag in seinem Leben. Er war Gefangener in seinem eigenen Palast (so der lebendige Ausdruck bei Sidonius); und nach einer schlaflosen Nacht seufzte er, dass er auf dem Gipfelpunkt seiner Wünsche angekommen sei und jetzt nur noch unversehrt von dieser gefahrvollen Höhe herabzusteigen wünsche. Bedrückt von der großen Last des Diadems, vertraute er seine Ängste seinem Freund und Quästor Fulgentius an; und als er dann mit nutzloser Reue auf die unschuldigen Freuden seines vergangenen Lebens zurück blickte, rief der Kaiser aus: »O glückseliger Damokles, dein Leben begann und endete mit derselben Mahlzeit Districtus ensis cui super impia Cervice pendet, non ›Siculae dapes‹ Dulcem elaborabunt saporern: Non avium citharaeque cantus Somnum reducent. (Wem das gezückte Schwert über dem schuldigen Nacken schwebt, dem schafft kein üppiges Mahl Wohlgeschmack, und kein Vogel- oder Saitenklang bringt ihm Schlummer.) Horaz, Oden, 3,1,17-21. Sidonius beschließt den Brief mit der Geschichte des Damokles, die Cicero (Tusculanae Disputationes 5,20) so unnachahmlich erzählt hat. «: eine wohlbekannte Anspielung, die Fulgentius später als eine lehrreiche Lektion für alle Herrscher und Untertanen wiederholte.   MAXIMUS' HERRSCHAFT – SEIN TOD 12. JUNI 455 Die Regierung des Maximus währte etwa drei Monde. Seine Stunden, über die er längst nicht mehr frei verfügte, waren angefüllt mit Reue, Schuld und Gewalt; und sein Thron wankte unter den Aufständen des Volkes, der verbündeten Barbaren, der Soldaten. Die Hochzeit seines Sohnes mit der ältesten Tochter des verstorbenen Vorgängers hätte die Erbfolge in seiner Familie etablieren können; aber die Gewalt, die er der Kaiserin Eudoxia antat, konnte nur das Ergebnis blinder Lust- oder Rachegefühle sein. Seine eigene Frau, die unfreiwillige Verursacherin all' diese tragischen Ereignisse, war rechtzeitig gestorben; und die Witwe des Valentinian sah sich genötigt, ihr stilles Klagen, vielleicht auch ihren echten Kummer, gewaltsam zu verbergen und sich die plumpen Umarmungen des Thronräubers gefallen zu lassen, in dem sie den Mörder ihres toten Mannes zu sehen Anlass hatte. Dieser Argwohn wurde schon bald durch ein unbedachtes Geständnis des Maximus gerechtfertigt; und so schürte er unabsichtlich den Hass seiner störrischen Braut, in der immer noch das Bewusstsein ihrer Abkunft von den Kaisern lebendig war. Aus der Osthälfte des Reiches konnte Eudoxia jedoch nicht auf nennenswerten Beistand hoffen; ihr Vater und ihre Tante Pulcheria waren beide tot; ihre Mutter verbrachte ihre Tage in Jerusalem im schmachvollen Exil; und das Szepter Konstantinopels war nun der Hand eines Fremden. Sie wandte ihren Blick nach Karthago; heimlich bat sie den König der Vandalen um Hilfe; und sie brachte Geiserich dazu, die günstige Gelegenheit beim Schopfe zu packen und seine Raubzüge achtbar zu machen durch die Epitheta Ehre und Gerechtigkeit und Mitleid Ungeachtet der Belegstellen bei Prokopios, Evagrius, Idatius, Marcellinus \&c zweifelt der gelehrte Muratori diese Einladung an. »Non si può dir quanto sia facile il popolo a sognare e spaciar voci false.« (Annali d'Italia, Band 6, p. 249). Aber sein vom räumlichen und zeitlichen Abstand hergenommenes Argument steht auf äußerst schwachen Füßen. Die Feigen, die bei Karthago wuchsen, wurden am dritten Tag dem Senat von Rom übergeben. . Welche Fähigkeiten Maximus auch immer in einer untergeordneter Stellung bewährt haben mochte, die Fähigkeiten zur Lenkung eines Staatswesens gingen ihm jedenfalls ab. Und obgleich er sich leicht über die Zurüstungen hätte kundig machen können, die an der gegenüberliegenden Küste Afrikas vor sich gingen, so wartete er doch mit trägem Gleichmut auf den Angriff der Feinde, ohne an Verteidigung, Verhandlung oder vorzeitigen Rückzug auch nur zu denken. Als die Vandalen schließlich vor der Tibermündung vor Anker gingen, wurde der Kaiser aus seiner Behaglichkeit jäh empor geschreckt durch das Lärmen der zitternden und verbitterten Menge. Das Einzige, was ihm bei dieser Gelegenheit einfiel, war eine überstürzte Flucht, und er ermunterte die Senatoren, dem Vorbild ihres Herrschers zu folgen. Aber kaum ließ sich Maximus auf den Straßen blicken, als er auch schon von einem Steinhagel überschüttet wurde; eine römischer, nach anderer Darstellung ein burgundischer Soldat reklamierten für sich die Ehre, ihm die erste Wunde zugefügt zu haben; sein entstellter Körper wurde schmachvoll in den Tiber geworfen; das Volk Roms jauchzte über das Strafgericht, das sie dem Urheber der öffentlichen Not hatte zuteil werden lassen; und die Hausdiener der Eudoxia überhäuften ihre Herrin mit gehäuften Beweisen ihrer Ergebenheit. »...Infidoque tibi Burgundio ductu Extorquet trepidas mactandi principis iras.« (...es bewirkte dir der Burgunder durch seinen ungetreuen Heerführer rastlose Wut, den Herrscher zu töten). Sidonius, Panegyricus ad Avium. 442. Ein bemerkenswerter Vers, der nahe legt, Rom und Maximus seien von burgundischen Söldner verraten worden.   VANDALEN PLÜNDERN ROM 15.-29 JUNI 455 Am dritten Tage nach dem Tumult griff Geiserich von Ostia her die schutzlose Stadt an. Anstelle dass Roms Jugend nun zu den Waffen geeilt wäre, kam ihm eine unbewaffnete Bittprozession mit dem Bischof Roms an der Spitze seines Klerus Der offenkundige Erfolg von Papst Leo wird durch Prosper und sein Historia Miscella bestätigt; aber die unglaubwürdige Feststellung von Baronius (Annales ecclesiastici, A.d. 355, Nr 13), dass nämlich Geiserich die drei Apostolischen Kirchen verschont habe, wird noch nicht einmal durch das Zeugnis des sonst sehr parteiischen Liber Pontificalis unterstützt. . Leos Furchtlosigkeit, sein Charisma und seine Beredsamkeit besänftigten erneut den Ungestüm eines barbarischen Eroberers: der Vandalenkönig versprach, die Menge zu schonen, wenn sie keinen Widerstand leiste, die Häuser nicht in Brand zu stecken und die Gefangenen nicht zu foltern; und wenngleich derlei Anordnungen niemals mit vollem Ernst erteilt noch pünktlich befolgt werden, war Leos Dazwischentreten für ihn selbst rühmlich und für sein Land in gewissem Sinne segensreich. Rom selbst aber und seine Bewohner waren der Willkür der Vandalen und Mauretanier ausgeliefert, die jetzt blindwütig Rache für das Unrecht an Karthago nahmen. Vierzehn Tage und Nächte dauerten die Plünderungen; und alles, was es überhaupt noch gab an öffentlichen oder privaten Werten, ein heiligen oder weltlichen Schätzen, wurde zu Geiserichs Schiffen geschleppt. Unter der Beute gaben die herrlichen Reste zweier Tempel – oder besser: zweier Religionen – ein eindrucksvolles Bild von der Vergänglichkeit menschlicher und göttlicher Dinge ab. Seit dem Untergang des Heidentums stand das Kapitol vernachlässigt und verfiel; aber die Statuen der Heroen und Götter waren unberührt, und das berühmte Dach aus vergoldeter Bronze war den raubgierigen Händen Geiserichs vorbehalten Die Verschwendung des Catulus, der die Dächer als erster hatte vergolden lassen, wurde nicht allgemein gebilligt (Plinius, Naturalis Historia 33,18); zumindest wurde sie weit übertroffen durch die des Kaisers, denn die äußerliche Vergoldung des Tempels kostete Domitian 12.000Talente (2.400.000 Pfund). Die Beschreibung des Claudian und Rutilius (›luce metalli aemula...fastigia astris‹, und) (dem Silber ähnlich...der Giebelden Sternen) und des Rutilius (›confunduntque vagos delubra micantia visus‹) (es verwirren den Beschauer die glänzenden Heiligtümer) belegen eindeutig, dass diese glanzvolle Hülle weder von Alarichs Goten noch von den Christen entfernt worden war (Siehe Donati, Roma antiqua, Buch 2, p. 125). Es scheint übrigens, dass das Dach des Kapitols mit vergoldeten Statuen und Quadrigen geschmückt war. . Die heiligen Gerätschaften des jüdischen Gottesdienstes Der neugierige Leser kann auf die gelehrte und genaue Abhandlung de Spoliis Templi Hierosolymitani in Arcu Titiano Romae conspicuis von Hadrian Reland zurückgreifen. , der goldene Altar und der siebenarmige Leuchter, gefertigt ursprünglich nach Gottes eigener Weisung und im Allerheiligsten seines Tempels aufgestellt, waren dem Volk von Rom beim Triumphzug des Titus vorgeführt worden. Danach hatte man sie im Tempel des Friedens untergebracht; und nach vier Jahrhunderten gelangte die Beute aus Jerusalem von Rom nach Karthago auf Veranlassung eines Barbaren, der von der Ostseeküste stammte. Diese archaischen Stücke mochten durchaus die Neugierde und ebenso die Habgier zu erwecken. Aber die christlichen Kirchen, die der vorherrschende Aberglauben der Zeit reich und prachtvoll gemacht hatte, gab zur Raubgier wesentlich mehr Anlass; und die fromme Freigebigkeit Leos, der sechs hundert Pfund schwere Silbervasen – Geschenke Konstantins – hatte einschmelzen lassen, beweist den Schaden, den nachher zu vergüten er bemüht war. In den fünfundvierzig Jahren seit der Goteninvasion waren Roms Luxus und Prunk in gewissem Umfang wieder hergestellt. und so war es denn schwierig, der Habgier eines Eroberers zu entkommen oder ihr Genüge zu tun, wenn er Zeit und Schiffe genug besaß, den Reichtum der Stadt an sich zu reißen und fort zu schaffen. Die kaiserlichen Auszierungen des Palastes, wertvolle Möbel, Garderobe, Tafelsilber, alles wurde unterschiedslos fortgerafft; der materielle Wert des Goldes und Silbers belief sich auf mehrere tausend Talente; und selbst Bronze und Kupfer wurde mühsam fortgeschafft. Eudoxia ihrerseits, die herbeigeeilt war, ihren Freund und Befreier zu begrüßen, fand rasch Anlass, ihr unkluges Verhalten zu bereuen. Grob wurden ihr die Edelsteine vom Leibe gerissen: und die unglückselige Kaiserin wurde gezwungen, zusammen mit ihren beiden Töchtern, den letzten lebenden Zeugen aus dem Hause des Theodosius, als Kriegsgefangene dem hohnlachenden Vandalen zu folgen; dieser ließ unverzüglich Segel setzen und kehrte mit Beute schwerbeladen nach Karthago zurück Das Schiff mit den heiligen Beutestücken vom Kapitol war das einzige aus der ganzen Flotte, welches Schiffbruch erlitt. Wenn ein bigotter Sophist oder ein heidnischer Andächtler den Vorfall erwähnte, dann mochte er sich wohl darüber freuen, dass diese Fracht für immer im Meer verloren war. . Tausende Römer beiderlei Geschlechtes, die man für irgendwelche nützlichen und zumutbaren Arbeiten bestimmt hatten, gingen widerstrebend an Bord von Geiserichs Flotte; und ihre Not wurde noch vergrößert durch die gefühlsrohen Barbaren, die beim Teilen der Beute Frauen von ihren Männern und Kinder von ihren Eltern getrennt hatten. Die tätige Milde von Deogratias, des Bischofs von Karthago Siehe Victor Vitensis, de persecutione Vandalorum 1,8 Vandalorum. Deogratias war nur drei Jahre lang Bischof von Karthago. Wäre er nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit begraben worden, hätte das Volk in seiner wirrsinnigen Verehrung seinen Körper in Stücke gerissen. , war in dieser Lage ihre einzige Hilfe und Erleichterung. Großzügig verkaufte er Gold- und Silbergeschirr der Kirche, um einigen die Freiheit und anderen wenigstens Erleichterung in ihrer Sklaverei zu verschaffen und um der schwächelnden und siechen Menge in ihrer Gefangenschaft zu helfen, deren Gesundheit durch die Fährnisse der Überfahrt von Italien nach Afrika angegriffen war. Auf seine Anweisung hin wurden zwei geräumige Kirchen zu Hospitälern umgerüstet; die ernstlich Kranken erhielten geeignete Betten, reichliches Essen und Medizin; und dann kam der betagte Prälat tag und Nachts zu Besuch mit einer Ausdauer, die über seine Kräfte ging und einem sanftmütigem Mitleid, das die Wirkung seiner Visiten noch erhöhte. Man vergleiche diese Szene mit dem Schlachtfeld von Cannae, und dann entscheide man sich zwischen Hannibal und dem Nachfolger von St Cyprian Angaben zum Tod von Maximus und zur Plünderung Roms durch die Vandalen finden sich bei Sidonius (Pangyricus ad Avitum 441-450), Prokopios (DE bello Vandalico 1,4f und 2,9), Euagrios (2,7) und Jordanes (Getica 45) sowie in den Chroniken von Hydatius, Prisper Tiro, Marcellinus und Theophanes unter dem zugehörigen Jahr. .   KAISER AVITUS – 10. JULI 455 Der Tod von Aëtius und Valentinian hatte die letzten Hemmnisse beseitigt, die die Barbaren in Gallien in Frieden und Unterwerfung gehalten hatten, Die Küste wurde von den Sachsen bedrängt; und die Alamannen und Franken rückten von Rhein an die Seine vor; und der Ehrgeiz der Goten, so schien es, sann auf größere und dauerhafteren Landgewinn. Der Kaiser Maximus hielt sich diese entfernten Bedrängnisse höchst eigennützig vom Leibe; zu den Bitten seiner Freunde schwieg er, hörte lieber auf die Stimme des Gerüchtes und ernannte einen Fremden zum kommandierenden General der Truppen in Gallien. Avitus Die privaten Bewandtnisse und die Karriere des Avitus müssen wir – mit der gebotenen Vorsicht – aus einer Prunkrede extrahieren, die Sidonius Apollinaris, sein Untertan und Schwiegersohn, auf ihn gehalten hat. , der Ausländer, dessen Verdienste so nobel belohnt wurden, stammte von einer adligen und wohlhabenden Familie aus der Auvergne. Die Wirren der Zeit nötigten ihn, sich mit gleichem Eifer auf eine zivile und eine militärische Karriere zu werfen; und so verband der Unermüdliche das Studium der Literatur und Jurisprudenz mit der Einübung von Waffen- und Jagdtechniken. Dreißig Jahre seines Lebens hatte er so löblich im öffentlichen Dienst zugebracht; abwechselnd bewährte er sich auf Feldzügen und bei Gerichtsverhandlungen; und nachdem dieser Soldat in den Diensten des Aëtius sich auf heiklen Missionen bewährt hatte, wurde er in die Stellung eine Prätorianerpräfekten von Gallien befördert. Entweder riefen nun die Verdienste des Avitus Neider auf den Plan, oder es verlangte ihn in seiner Bescheidenheit nach Ruhe: jedenfalls zog er sich auf sein Landgut in der Nähe von Clermont zurück. Ein kräftiger Strom aus den Bergen, der in zahlreichen rauschenden Kaskaden herabstürzte, mündete in einen See von zwei Meilen Länge, an dessen Ufern in gefälliger Lage seine Villa erbaut war. Die Bäder, Porticos und die Sommer- und Winterwohnungen waren praktisch und zugleich luxuriös eingerichtet; und das umliegende Land gewährte Ausblicke auf liebliche Wälder, Weiden und Wiesen Nach dem Vorbild des jüngeren Plinius hatte Sidonius (2,2) eine weitschweifig-blumenreiche Beschreibung des Landhauses ausgearbeitet, die nach seinem Besitzer den Namen Avitacum trug. Die genaue Lage ist nicht mehr zu ermitteln. Man ziehe jedoch Savaron und Sirmond zu Rate. . In dieser Zurückgezogenheit, wo Avitus seine Mußestunde bei Lektüre, ländlicher Kurzweil, praktischer Hauswirtschaft und Geselligkeiten Sidonius (2, Epustulae 9) hat das Leben eines gallischen Landedelmannes anlässlich eines Besuches bei Freunden in der Nähe von Nismes beschrieben. Die Morgenstunden verbrachte man im sphaeriserium, einer Art Tennisplatz; oder in der Bibliothek, die weltliche und religiöse lateinische Autoren enthielt: erstere für die Herren, letztere für die Dament. Zweimal, mittags und abends, wurde aufgedeckt; es gab gebratenes oder gekochtes Fleisch und Wein. In der Zwischenzeit ruhte die Gesellschaft, machte Ausritte an der frischen Luft und badete warm. zubrachte, erhielt er das kaiserliche Diplom, durch welches er zum Heermeister der Infanterie und Kavallerie Galliens ernannt wurde. Er nahm das Kommando an; sogleich gaben die Barbaren Ruhe; und was immer er vorhatte und zu welchen Eingeständnissen er sich allenfalls genötigt sah: das Volk freute sich der Segnungen der gegenwärtigen Ruhe. Aber das Schicksal Galliens hing von des Westgoten ab: und der römische General, dem seine Würde weniger wichtig war als das öffentliche Interesse, war sich nicht zu schade, sich in der Eigenschaft eines Gesandten nach Toulouse zu begeben. Theoderich, der König der Goten, nahm ihn mit höflicher Gastfreundschaft auf. aber während noch Avitus über einen Bündnisvertrag mit dieser mächtigen Nation verhandelte, hörte er zu seinem Erstaunen, dass Kaiser Maximus erschlagen und Rom von den Vandalen geplündert sei. Ein leerer Thron, den er besteigen konnte, ohne schuldig zu werden oder Gefahr auszustehen, lockte seinen Ehrgeiz Siebzig Zeilen Jubeldichtung (505-575), in denen das zudringliche Werben von Theoderich und Galliens mit Avitus' schwer überwindbarem Sträuben dargestellt werden, sind zerblasen durch diese drei Worte eines ehrlichen Historikers: »Romanum ambisset imperium.« (Dies bestreitet das Römische Reich.) Gregor von Tours, 2,11. ; und leicht fanden sich die Westgoten bereit, seinen Anspruch mit ihrem entscheidenden Einfluss zu unterstützen.   15. AUGUST 455 Sie schätzten Avitus durchaus; sie achteten seine Fähigkeiten; und sie waren nicht blind für die Vorteile und die Ehre, dem weströmischen Reiche einen neuen Kaiser zu schenken. Die Zeit für die jährliche Versammlung von sieben Stämmen in Arles war gekommen; ihre Entscheidungsfreiheit mag durch die Anwesenheit Theoderichs und seiner kriegesfrohen Brüder ein wenig gelenkt worden sein; aber naturgemäß fiel auch ihre Wahl auf den berühmtesten ihrer Landsleute. Nachdem Avitus noch ein wenig den Spröden gespielt hatte, nahm er das kaiserliche Diadem aus der Hand der Repräsentanten Galliens entgegen; und der Beifallslärm der Barbaren und Provinzialen bestätigte die Wahl. Die formale Zustimmung von Marcian, des Ostkaisers, ward erbeten; er nickte Gewährung; lediglich der Senat, Rom und Italien, beengt allerdings durch ihre augenblickliche Notlage, unterwarfen sich den Anmaßungen des gallischen Thronräubers nur mit Murmeln.   THEODERICH, KÖNIG DER WESTGOTEN A.D. 453-466 Theoderich, dem Avitus wegen des Königsmantels verpflichtet war, hatte seinerseits das Szepter der Goten erst durch die Ermordung seines älteren Bruders Torismond an sich gerissen; und er rechtfertigte seine Bluttat mit der Behauptung, sein Vorgänger habe den Bündnisvertrag mit dem Reich zu verletzen geplant Isidor, Erzbischof von Sevilla und selbst von gotisch-königlichem Geblüt, gesteht dieses Verbrechen ein und rechtfertigt es nachgerade (Historia Gothorum, p. 178), welches ihr Schreiber Jordanes (43) schlichtweg verschweigt. . Ein solches Verbrechen muss mit den Tugenden eines Barbaren durchaus nicht unvereinbar sein; aber Theoderich war eigentlich von freundlicher und humaner Wesensart; und die Nachwelt mag sich ohne Entsetzen das Bild eines Gotenkönigs betrachten, welches Sidonius in Zeiten der Ruhe und friedlichen Umganges von ihm entworfen hat. In einem Brief, der am Hof von Toulouse abgefasst wurde, stellt der Redner die Neugierde eines seiner Freunde mit folgender Beschreibung zufrieden Für diese detailfreudige Beschreibung (1, Epistulae 11) gibt es natürlich auch politische Motive. Es war für die Öffentlichkeit berechnet und wurde von Sidonius' Freunden bekannt gemacht, bevor es in seiner Briefsammlung Eingang fand. Das erste Buch ist gesondert erschienen. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques Band 16, p. 264. : »Allein durch das Majestätische seines Äußeren beeindruckte Theoderich diejenigen, die etwa seine Verdienste noch nicht kannten; und, obgleich zum Herrscher geboren, würden seine Verdienst auch eine private Stellung auszeichnen. Er ist von mittlerer Größe, sein Körper mehr gedrungen als dick, und in seinen wohlproportionierten Gliedmaßen vereinen sich rasche Behändigkeit mit Körperkraft Ich habe in diesem Portrait des Theoderich einige übergenaue Beschreibungen ausgelassen, welche erträglich oder wenigstens verständlich nur solchen Menschen sein können, die – wie seine Zeitgenossen – oftmals die Märkte besuchten, wo nackte Sklaven zu Verkauf angeboten wurden. Dubos, Histore critique, Band 1, p. 404. . Betrachtest du sein Gesicht, dann gewahrst du eine hohe Stirn, große, fast struppige Augenbrauen, eine gebogene Nase, dünne Lippen, ebenmäßige weiße Zähne und einen anmutigen Gesichtsausdruck, in dem sich öfters Bescheidenheit als Zorn bemerklich machen. Seine normale Zeiteinteilung, soweit sie für die Öffentlichkeit bestimmt ist, soll kurz dargelegt werden.« »Noch vor Tagesanbruch begibt er sich mit einer kleine Gruppe zu seiner Hauskapelle, wo der Gottesdienst im Arianischen Ritus abgehalten wird; aber diejenigen, die seine innersten Gedanken zu deuten sich unterfingen, wollen in dieser hartnäckigen Anhänglichkeit lediglich die Wirkung von Gewohnheit und Politik entdecken. Der restliche Vormittag ist der Verwaltung seines Königreiches gewidmet. Sein Thron ist von gestandenen Offizieren umgeben; die Audienzhalle ist von seiner lautstarken Leibwache von Barbaren mit Beschlag belegt; allerdings ist es ihnen nicht gestattet, hinter den Vorhängen oder Teppichen zu stehen, welche das Rats-Kabinett von der gemeinen Öffentlichkeit abtrennen. Die Gesandtschaften der verschiedenen Völker werden nacheinander vorgelassen: Theoderich hört aufmerksam zu, antwortet mit höflicher Kürze und gibt entsprechend der Natur ihres Anliegens unmittelbaren Bescheid oder vertagt die Antwort.« »Um acht Uhr (der zweiten Stunde) erhebt er sich von seinem Thron und sucht entweder seine Schatzkammer oder den Pferdestall auf. Entschließt er sich auf die Jagd zu gehen, oder doch wenigstens auszureiten, so trägt ein Lieblingsknabe seinen Bogen; ist das Wild aber erst einmal umstellt, dann spannt er in mit eigener Hand, und nur selten verfehlt sein Pfeil das Ziel: als König achtet er es gering, die Waffen zu so geringem Krieg zu führen; als Soldat jedoch würde er darüber erröten, irgendwelche Hilfe in militärischen Hantierungen anzunehmen, die er selbst hätte verrichten können.« »An Werktagen unterscheiden sich seine Mahlzeiten in Nichts von denen eines Privatmannes; an Samstagen jedoch werden regelmäßig achtbare Gäste an die königliche Tafel geladen, welche bei solcher Gelegenheit mit griechischer Eleganz, gallischer Üppigkeit und italienischer Sorgfalt gedeckt ist »Videas ibi elegantiam Graecam, abundantiam Gallicanam; celeritatem Italam; publicam pompam, privatam diligentiam, regiam disciplinam.« . Das Gold- und Silberbesteck ist weniger bemerkenswert durch seinen materiellen Wert als vielmehr durch die exzellente Ausführung der Schmiedearbeit; der Wohlgeschmack der Speisen wird nicht durch irgendwelche ausländischen Luxuszutaten erhöht; die Menge des ausgeschenkten Weines unterliegt strengem Mäßigungsgebot; und das feierliche Schweigen wird nur gelegentlich durch ernste und erhabene Wechselgespräche unterbrochen.« »Nach dem Essen pflegt Theoderich gelegentlich süßen Schlummers; wacht er dann auf, ruft er nach Würfel und Spielbrett, ermuntert seine Freunde, seiner königlichen Würde zu vergessen und ist voller Vergnügen, wenn sie den Leidenschaften frönen, die nur die Zufälligkeiten des Glücksspiels aufzurufen imstande sind. Bei diesem Spiel, das für ihn eine Art Abbild des Krieges ist, offenbart er wechselweise Eifer, Geschick, Ausdauer und Fröhlichkeit. Verliert er, dann lacht er; gewinnt er, bleibt er bescheiden und zurückhaltend. Trotz seiner äußerlichen Gelassenheit versuchen die Höflinge die Gunst der Stunde zu nutzen und bitten bei einem Sieg um irgendwelche Gefälligkeiten; ich selber habe aus meinen Niederlagen so manchen Vorteil gezogen »Tunc etiam ego aliquid obsecraturus feliciter vincor, et mihi tabula perit ut causa salvetur.« Sidonius, der aus der Auvergne stammte, war kein Untertan des Theoderich, aber er war vermutlich genötigt, am Hofe von Toulouse Gerechtigkeit oder wenigstens Gunst zu suchen. Theoderich selbst hatte ein freiwilliges und feierliches Treuversprechen gegeben, was in Spanien und Gallien durchaus bemerkt wurde. .« »Um die neunte Stunde (drei Uhr) beginnt erneut die Arbeit und dauert bis nach Sonnenuntergang, wenn das Zeichen zum Essen die ermüdete Schar der Bittstellenden und Sachwalter entlässt. Während des Essens im kleineren Kreise treten bisweilen Pantomimen und Spaßmacher auf, um die Gesellschaft durch ihren Witz abzulenken, beileibe nicht zu kränken; Sängerinnen jedoch und der Klang sanfter Musik sind nachdrücklich verbannt vom Hofe, und nur kriegerisches Getöne, welches die Seele zu Ruhmestaten emporreißt, findet Eingang in Theoderichs Ohren. Dann erhebt er sich; und schon ziehen vor dem Schatzhaus, dem Palast und den privaten Gemächern die Nachtwachen auf.«   DER SPANIENFELDZUG · A.D. 456 Als der König der Westgoten Avitus ermunterte, den Purpur anzunehmen, bot er sich und seine Truppen als treue Soldaten des Staates zur Unterstützung an »Theoderich selbst hatte hatte ein feierliches und freundschaftliches Treueversprechen gegeben, das in Spanien und Gallien galt: »...Romae sum, te duce, Amicus, Principe te, miles.« ...(mit dir als Führer bin ich ein Freund Roms, mit dir als Kaiser bin ich sein Soldat). DSidonius, Panegyricus ad Avitium 511. . Die Heldentaten Theoderichs überzeugten die Welt schon bald davon, dass auch in ihm die kriegerischen Tugenden seiner Vorfahren lebendig waren. Nachdem sich die Goten in Aquitanien festgesetzt und die Vandalen nach Afrika übergesetzt hatten, planten die Sueben nach Etablierung ihres Königreiches in Gallicia die Eroberung Spaniens und drohten, die furchtsamen Reste der einstigen römischen Kolonie auszulöschen. Die Provinzialen von Carthagena und Tarragona, bedroht von feindlicher Invasion, gaben ihre Notlage und Besorgnisse zu erkennen. Der comes Fonto ward im Namen des Kaisers Avitus entsandt, mit günstigen Angeboten Frieden und Bündnisverträge zu erhandeln; und Theoderich warf sich mit Nachdruck ins Mittel und erklärte, dass, wenn sein Schwager, der König der Sueben, nicht unverzüglich sich zurückziehe, er sich genötigt sehe, für die gerechte Sache der Römer zu den Waffen zu greifen. »Sagt ihm« so der hochmütige Rechiarius, »dass ich seine Freundschaft ebenso gering achte wie seine Waffen; aber dass ich schon bald erproben will, ob er es wohl wagen möchte, meine Ankunft unter den Mauern von Toulouse abzuwarten.« Eine derartige Herausforderung nötigte Theoderich, den kühnen Plänen seines Feindes zuvor zu kommen; er überquerte die Pyrenäen an der Spitze seiner Westgoten; Franken und Burgunder dienten zusammen unter seiner Standarte; und wenn er sich auch den getreuen Diener des Avitus nannte, so strebte er doch insgeheim für sich und seine Nachfolger nach der Alleinherrschaft über Spanien. Am Urbicus, einem Fluss etwa zwölf Meilen vor Astorga, trafen die beiden Heere – oder besser: Nationen – aufeinander; und nach dem entscheidenden Siege der Goten schienen Name und Königtum der Sueben für einige Zeit ausgelöscht. Vom Schlachtfeld eilte Theoderich indessen auf kürzestem Wege nach Braga, ihrer Hauptstadt, welche noch heutzutage die Spuren früherer Größe und vergangenen Glanzes erkennen lässt »Quaeque sinu pelagi jactat se Bracara dives.« (Und das reiche Braca, das in einer Meertesbucht liegt.) Ausonius, de claris urbibus 11. Aus der Planung des Suebenkönigs können wir folgern, dass der Seeweg von den Häfen Gallicias zum Mittelmeer bekannt war und auch benutzt wurde. Die Schiff von Bracara (oder Braca) hangelten sich vorsichtig an der Küste entlang und waren ängstlich bemüht, sich nicht in den Weiten des Atlantik zu verlieren. . Sein Einmarsch in die Stadt war nicht von Blut besudelt, und die Goten achteten die Keuschheit ihrer weiblichen Gefangenen, insonders der heiligen Jungfrauen; aber der größte Teil des Klerus und der Bevölkerung wurde zu Sklaven gemacht, und selbst die Kirchen und Altäre waren von der allgemeinen Plünderei nicht ausgenommen. Der glückverlassene König der Sueben war zu einem der Atlantikhäfen entkommen; aber widrige Winde hinderten die Flucht; so blieb er einem unversöhnlichen Feinde ausgeliefert; und Rechiarius, der Gnade weder erfleht noch sie überhaupt erwartet hatte, bewahrte mannhafte Seelenruhe bis zu seinem Ende. Nach diesem Blutopfer an die Politik oder seine Rachegelüste führte Theoderich seine siegreichen Armeen bis nach Merida, der Hauptstadt von Lusitania, ohne dabei irgendwelchen Widerstand zu erfahren außer von der wundermächtigen Heiligen Eulalia; aber er wurde in seinem Siegeslauf aufgehalten und aus Spanien zurückgerufen, bevor er seine Eroberungen hatte absichern können. Bei seinem Rückzug zu den Pyrenäen musste das umliegende Land für seine Enttäuschung büßen; und besonders bei der Verwüstung von Pollentia und Astorgia erwies er sich als treuloser Bundsgenosse und grausamer Feind. Während der König der Westgoten noch im Namen von Avitus kämpfte und plünderte, war die Herrschaft des Avitus längst erloschen; und beides, die Ehre und die politischen Interessen Theoderichs, hatte der treulose Freund schwer verletzt, den er doch auf den Thron des Westens plaziert hatte Der Bericht über Suebenkrieg ist der zuverlässigste Teil der Chronik des Idatius, welcher als Bischof von Iria Flavia ein Augenzeuge und ein Leidtragender war. Jordanes (Getica 44) verweilt mit Freuden bei dem Sieg der Goten. .   AVITUS ABGESETZT 16. OKTOBER 456 – DER COMES RICIMER Die drängenden Bitten des Senates und Volkes von Rom vermochten Avitus, seine Residenz dortselbst einzurichten und das Konsulat für das folgende Jahr anzunehmen. Zum ersten Januar verfasste sein Schwiegersohn Sidonius Apollinaris einen Jubel-Hymnus von sechshundert Zeilen; aber der künstlerische und der Wahrheitsgehalt dieser Komposition, die doch mit einer Bronzestatue In einem der Porticos oder Galerien der Trajansbiblothek unter den Statuen berühmter Autoren und Redner. Sidonius Apollinaris 9, Epistulae 16; Carmina 8. belohnt wurde, ist äußerst karg. Der Dichter – wenn wir denn diesen heiligen Namen derart profanisieren dürfen – übertreibt die Verdienste des Herrschers und Vaters; und seine Prophezeiung von einer dauerhaften und ruhmreichen Herrschaft wurde schon bald von der Ereignissen zurechtgerückt. In einer Zeit, da die kaiserliche Würde eigentlich nur noch ein Übermaß an Verdruss und Gefahr bedeutete, widmete Avitus sich vorrangig den Genüssen, die Italien bereithielt; das Alter hatte seine Neigung zu amourösen Abenteuern nicht eingeschläfert; und man beschuldigte ihn sogar, dass er die Ehemänner der von ihm verführten oder sogar vergewaltigten Frauen auch noch ausführlich verhöhnt habe »Luxuriose agere volens a senatoribus projectus est.« (...er wollte ein Leben im Luxus führen, wurde aber von den Senatoren zuvor gestürzt), so der gedrängte Ausdruck des Gregor von Tours (2,11). Eine alte Chronik (Historiens de la France, Band 2, p. 649) spricht von einem obszönen Scherz des Avitud, der eher auf Rom als auf Trier passt. . Aber die Römer zeigten wenig Neigung, über seine Fehler hinweg zu sehen oder gegen seine Tugenden aufzurechnen. Die einzelnen Gebiete des Reiches wurden mit jedem Tag stärker voneinander abhängig; und der Fremdling aus Gallien war die Zielscheibe der allgemeinen Verachtung und Ablehnung. Der Senat erinnerte sich seines Vorrechtes, bei der Kaiserwahl mittun zu dürfen; und sein Ansehen, das ursprünglich auf Vorrechten von Verfassungsrang beruht hatte, erstarkte anlässlich der Krise der kaiserlichen Autorität erneut. Aber selbst noch diese Monarchie hätte sich den Wünschen eines unbewaffneten Senates widersetzt, wenn seine Ablehnung nicht von der bewaffneten Macht des comes Ricimer, eines der Oberkommandierenden der zu Italiens Schutz aufgestellten Streitkräfte, ins Leben gerufen und befördert worden wäre. Ricimers Mutter war die Tochter des Westgotenkönigs Wallia; von väterlicher Seite war er ein Suebe Sidonius rühmt Ricimers königliche Herkunft, die ihn, so die naheliegende Folgerung, zum gesetzmäßigen Erbe der gotischen und suebischen Königreiche mache. ; sein Stolz oder Patriotismus mochte durch das Missgeschick seiner Landsleute aufgereizt worden sein; und nur mit Widerwillen gehorsamte er einem König, auf dessen Wahl er nicht hatte Einfluss nehmen können. Sein eifervoller und wirksamer Einsatz gegen den gemeinsamen Feind machte ihn noch bedrohlicher Siehe die Chronik des Idatius. Jordanes (de rebus Geticis 44) nennt ihn mit einiger Wahrheit »virum egregium, et pene tunc in Italia ad exercitum singularem.« (Ein trefflicher Mann und im damaligen Italien als Krieger beinahe einmalig). ; und nachdem er an der Küste Korsikas eine aus sechzig Galeeren bestehende Flotte von Vandalen zerstört hatte, kehrte er im Triumph und mit dem Ehrentitel eines Befreiers von Italien zurück. Er nutzte die Gelegenheit, um Avitus davon in Kenntnis zu setzen, dass seine Herrschaft sich ihrem Ende zuneige; und der schwache Kaiser, fern von seinen gallischen Verbündeten, musste nach kurzem und wirkungslosem Widerstand des Purpurs entsagen. Ricimers Parcens innocentiae Aviti, (den unschuldigen Avitus schonend), so die Mitleid erregende, aber eigentlich verächtliche Anmerkung von Victor Tunnunensis (Chronica ad Eisebios). An anderer Stelle nennt er ihn vir totius simplicitatis (ein Mann, voller Einfalt). Diese Empfehlung ist noch demütigender, aber auch begründeter und aufrichtiger als die Lobeshymnen von Sidonius. Sanftmut – oder war es Geringschätzung? – erlaubte es Avitus, vom Kaiserthron auf den noch erstrebenswerteren Bischofssitz von Placentia zu wechseln; aber der Groll des Senats war noch nicht verflogen, und mit unnachsichtiger Strenge verhängte er das Todesurteil über ihn. Er floh in die Alpen mit der trübseligen Hoffnung, zwar nicht die Westgoten zu den Waffen zu sammeln, aber doch wenigstens sich selbst und seine Schätze im Heiligtum des Julian, des Titularheiligen der Auvergne Man nimmt an, dass er unter Diokletians Verfolgungen zu leiden hatte (Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 5, p. 279 und 696). Gregor von Tours, einer seiner heftigen Verehrer, hat dem Ruhm von Julian, dem Märtyrer, ein ganzes Buch gewidmet (DE gloria Martyrum, Buch 2), in dem er fünfzehn törichte Fabeln der von seinen Reliquien vollbrachten Wundertaten berichtet. , in Sicherheit zu bringen. Unterwegs wurde er von Krankheit oder der Hand des Henkers überwältigt; doch wurden seine sterblichen Reste in allen Ehren nach Brivas oder Brioude – seiner Heimat – verbracht, wo er zu Füßen seines heiligen Patrons ruht Gregor von Tours (2,11) stellt die Herrschaft seines Landsmannes knapp, aber präzise dar. Die Worte des Idatius »caret imperio, caret et vita« (er entsagte der Herrschaft und dem Leben) legen die Vermutung nahe, dass Avitus' Tod gewaltsam war; aber dies muss dann heimlich geschehen sein, denn Evagrius nimmt noch an, dass er an der Pest gestorben sei. . Avitus hinterließ nur eine Tochter, die Frau von Sidonius Apollinaris, der das Gut seines Schwiegervaters erbte; und der sich zugleich über das Scheitern seiner Karriere-Hoffnungen beklagt. Sein Verdruss bestimmte ihn schließlich, sich einer aufständischen Faktion in Gallien anzuschließen, oder doch wenigstens mit ihr zu sympathisieren; und die Schuld, die unser Dichter dadurch auf sich lud, machten es ihm zur Pflicht, sich durch eine neuerliche Schmeichel-Adresse an den neuen Herrscher reinzuwaschen. Nach einer Berufung auf seine Brüder Vergil und Horaz gesteht Sidonius ehrlich seine Schuld ein und verspricht, sie abzutragen. (Carmina 4, 11-14). Siehe auch Dubos, Histoire critique Band 1, p. 448ff)   DIE WAHL MAIORIANS – A.D. 457 In dem Nachfolger des Avitus begegnen wir – angenehm überrascht – einem der großen und heldenhaften Charaktere, wie sie in einem verkommenen Zeitalter gelegentlich wohl anzutreffen sind und die Ehre einlegen für das Menschengeschlecht. Der Kaiser Maiorian hat die Hochachtung seiner Zeitgenossen genauso verdient wie der Nachwelt; und diese Hochachtung findet starken Ausdruck in den Worten eines unparteiischen und neutralen Historikers: »Dass er höflich war zu seinen Untertanen; dass er fürchterlich war seinen Feinden; und dass er in allen Tugenden alle seine Vorfahren übertraf, die jemals über Rom herrschten Hier müssen Prokopios' Worte wiedergegeben werden: »οὗτος γὰρ ὁ Μαιορῖνος ξύμπαντας τοὺς πώποτε Ῥωμαίων βεβασιλευκότας ὑπεραίρων ἀρετῇ,« und weiter »νὴρ τὰ μὲν εἰς τοὺς ὑπηκόους μέτριος γεγονὼς, φοβερὸς δὲ τὰ ἐς τοὺς πολεμίους.« (Denn Maiorinus, der an Tugenden alle übertraf, die jemals Herrscher über Rom waren... und: ein Mann, der gegenüber seinen Untertanen angemessen und seinen Feinden fürchterlich war). De bello Vandalico 1,7. Eine gedrängte, aber auch vollständige Beschreibung von Herrschertugenden. .« Dieses Zeugnis würde gut zu dem Panegyricus des Sidonius passen; und selbst wenn dieser Gefälligkeits-Dichter mit vergleichbarer Ergebenheit ein solches Lob auch über den unwürdigsten aller Herrscher ausgeschüttet haben würde, so können wir uns doch mit der Versicherung beruhigen, dass in diesem speziellen Falle die außergewöhnlichen Verdienste des Belobten ihn in den Grenzen der Wahrheit hielt Der Panegyricus wurde in Lyon des vor Ende des Jahres 458 gehalten, als der Herrscher noch das Konsulat innehatte. Die Rede enthielt mehr Kunstfertigkeit als Geist und mehr Angestrengtheit als Kunstfertigkeit. Das schmückende Beiwerk ist falsch oder trivial; die Ausdrucksweise ist blass und langweilig; außerdem fehlt Sidonius die Fähigkeit, die Hauptfigur in einem deutlichen und hellen Licht erscheinen zu lassen. Das Privatleben des Maiorianus wird auf etwa zweihundert Zeilen ausgebreitet (107-305). . Maiorian hatte seinen Namen vom Großvater mütterlicherseits, der Kommandeur der illyrischen Grenztruppen unter dem großen Theodosius gewesen war. Er verheiratete seine Tochter mit dem Vater unseres Maioran, einem honorigen Beamten, welcher die Steuereinkünfte Galliens getreulich und geschickt verwaltet hatte und mehr auf die Freundschaft des Aëtius Wert legte als auf die trügerischen Lockungen des Hofes. Sein Sohn, der künftige Kaiser, der das Waffenhandwerk von Anfang an gelernt hatte, zeigte schon in frühester Jugend unerschütterten Mut, Klugheit, die seinem Alter voraus war sowie unbegrenzte Freigebigkeit trotz karger Vermögensverhältnisse. Er folgte den Feldzeichen des Aëtius, trug das Seine zu dessen Erfolgen bei, hatte Teil an dessen Ruhm, übertraf ihn zuweilen sogar, und erregte endlich den Neid des Patriciers, oder genauer: seiner Frau, die ihn schließlich nötigte, seinen Abschied zu nehmen Sie bestand sogar auf seinem augenblicklichen Tod und gab sich mit seinem Zustand der Schmach schwerlich zufrieden. Es scheint, dass Aëtius – ähnlich wie Belisar oder Marlborough – unter der Fuchtel seines Weibes stand; deren glühende Religiosität, mochte sie auch Wunder wirken (Gregor von Tours, 2,7), mit hinterhältigen und bluttriefenden Ratschlägen durchaus kompatibel war. . Nach dem Tode des Aëtius wurde Maiorian zurückberufen und befördert; und seine gute Bekanntschaft zum comes Ricimer war der entscheidende Impuls, der ihn auf den Thron des Westens beförderte. Solange der Thron nach der Abdankung des Avitus verwaist stand, herrschte der ehrgeizige Barbar, dessen Herkunft ihn von der Thronfolge ausschloss, über Italien mit dem Titel eines patricius; trat seinem Freund die bedeutende Stellung eines Heermeisters der Kavallerie und Infanterie ab; und beugte sich ein paar Monate später dem einhelligen Votum der Römer, deren Gunst Maiorian durch einen Sieg über die Alamannen erworben hatte Die Alamannen hatten die Rhätischen Alpen überquert und waren in den Campi Canin i oder dem Tal von Bellinzona besiegt worden, durch welches der Tessin auf seinem Wege vom Mons Adula zum Lago Maggiore fließt (Cluver, Italia antiqua, Band 1, p. 100). Dieser gewaltige Sieg über sage und schreibe neunhundert Barbaren (Panegyricus ad Maiorianum 373f.) verrät die äußerste Schwäche Italiens. . Zu Ravenna empfing er den Purpur, und der Brief, den er bei dieser Gelegenheit an den Senat schrieb, kann am besten seine Lage und sein Denken darlegen. »Eure Wahlentscheidung, versammelte Väter, und der Wunsch einer machtvollen Armee haben mich zu Eurem Kaiser gemacht »Imperatorem me factum, P. C. electionis vestrae arbitrio, et fortissimi exercitus ordinatione agnoscite.« Novellae Maioriani 3, am Schluss des Codex Theodosianus. Sidonius (Carmina 5, 386) verkündet des Recjes einmütige Meinung: »Postquam ordine vobis Ordo omnis regnum dederat; plebs, curia, miles, Et collega simul.« (...achdem dir alle Stände den Thron übergeben hatten, Plebejer, Senat, Heer und Amtsollege...). Diese Sprache ist die althergebrchte Verfassungssprache, und wir merken zudem, dass der Klerus noch nicht als eigenständiger Stand innerhalb des Staates angesehen wurde. . Möge die gnadenreiche Gottheit meiner Regierung günstig und förderlich sein, zu Eurem Vorteil und zum Wohlergehen des Volkes. Was mich betrifft, ich habe mich nach diesem Amte nicht gedrängt, ich habe es auf mich genommen; ich hätte mich auch gar nicht den Pflichten eines guten Bürgers entziehen können, wenn ich mich in selbstsüchtiger und undankbarer Weise geweigert hätte, die Mühen auf mich zu nehmen, die mir vom Staat nun einmal auferlegt worden sind. Helft daher dem Herrscher, den Ihr gewählt habt; habt Teil an den Pflichten, die die Euren sind; und mögen unsere gemeinsamen Anstrengungen das Glück des Reiches mehren, das ich aus Eurer Hand empfangen habe.« »Seid versichert, dass das Recht noch zu Euren Lebzeiten zu seiner althergebrachten Stärke zurückehren und dass Tugend nicht nur eine unschuldige, sondern eine verdienstliche Größe sein wird. Niemand als die Urheber selbst sollen sich vor Denuntiation delationes ; auch dilationes (Verzögerungen) kann gelesen werden; aber delationes ergibt einen wesentlich besseren Sinn, weshalb ich mich für diese Lesart entschieden habe. fürchten müssen, welche ich als Untertan immer verdammt habe und die ich als Herrscher unverbrüchlich bekämpfen werde. Unsere eigene Wachsamkeit und die unseres Vaters Ricimer sollen ausschlaggebend für unsere militärischen Aktivitäten sein und für die Sicherheit der römischen Welt Sorge tragen, die wir bis heute vor äußeren und inneren Feinden bewahrt haben »Ab externo hoste et a domestica clade liberavimus.« Unter dem Letzteren muss Maiorian die Tyrannis des Avitus verstanden haben; dessen Tötung er folgerichtig als eine verdienstliche Tat ansieht. An dieser Stelle ist Sidonius furchtsam und von unbestimmter Ausdrucksweise; er redet von den zwölf Caesaren, den afrikanischen Völkern \&c, auf dass er den heiklen Namen Avitus vermeide (305-369). . So wollt Ihr denn auch die Maximen meiner Herrschaft verstehen: Ihr möget auf die treue Zuneigung und zuverlässige Hilfe eines Herrschers rechnen, welcher bis vor kurzem Euer Weggefährte gewesen ist, der sich immer noch stolz Senator nennt und der ängstlich darauf bedacht ist, dass Ihr niemals die Entscheidung bereuen möget, die Ihr zu seinen Gunsten getroffen habt.« Der Kaiser, der inmitten der Trümmer der römischen Welt alte Gerechtigkeits- und Freiheitsideale beschwor, dass selbst ein Traian daran seine Freude gehabt hätte, muss diese großen Worte in sich selbst vorgefunden haben; denn die Bräuche der Gegenwart gaben ihm hierin kein Vorbild ab, geschweige denn die Beispiele seiner Vorgänger Man sehe den vollständigen Wortlaut des Ediktes oder Schreibens von Maiorian an den Senat (Novellae 4) Nur der Ausdruck Regnum nostrum entspricht in etwa dem Zeitgeschmack, und harmoniert nur wenig mit dem Wort respublica , welches er oft im Munde führt. .   SEINE SEGENSREICHE GESETZGEBUNG · A.D 457 – 461 Nur wenig wissen wir über Maiorians private Aufführungen und seine öffentliche Tätigkeit; seine Gesetze indessen, die bemerkenswert sind für ihren Reichtum an neuartigen Gedanken und Ausdruck, lassen uns eine Herrscherpersönlichkeit erkennen, der sein Volk liebte, der mit ihm fühlte in seiner Not, der sich viel über die Gründe des Niederganges des Reiches nachgedacht hatte und der willens war, in solcher Situation auf Abhilfe zu sinnen Siehe am Ende des Codex Theodosianus die Gesetze des Maiorianus (es sind ihrer nur neun, allerdings lang und mannigfach). Gothofred hat diese Zusätzeunkommentiert belassen. – wenn sie denn überhaupt noch praktikabel gewesen wäre »Fessas provincialium varia atque multiplici tributorum exactione fortunas, et extraordinariis fiscalium solutionum oneribus attritas,« ...(die durch die vielen verschiedenen Abgaben erschöpften und durch zusätzliche fiskalische Lasten vernichtete Vermögen der Provinzialen). Novellae Majorian 4. . Seine Anordnungen, die Finanzen betreffend, waren darauf angelegt, die schwersten Bedrängnisse wenn schon nicht zu entfernen, so doch abzumindern. I. Von der ersten Stunde seiner Herrschaft an war er ängstlich besorgt darum (ich übersetze hier seine eigenen Worte), den ausgelaugten Vermögensverhältnissen der Provinzialen Erleichterung zu verschaffen, welch unter Zinsen und Zinseszinsen stöhnten. Er erließ ein allgemeine Amnestie, einen endgültigen und unwiderruflichen Erlass aller Tributzahlungen und aller Schuldforderungen, welche die Finanzbeamten unter welchen Vorwand auch immer gegen die Bevölkerung erhoben hatten. Dieser weise Verzicht auf obsolete, willkürliche und unprofitable Ansprüche erwies sich für das Steuerwesen als außerordentlich segensreich; und der Untertan, der nunmehr den Rücken frei hatte, mochte mit vermehrtem Eifer für sich und sein Land an seine Arbeit gehen. II. Bei der Festlegung und Eintreibung der Steuern stellt Maiorian die ursprüngliche Gerichtsbarkeit wieder her und löste die außerordentlichen Steuerkommissionen auf, welche im Namen des Kaisers oder der jeweiligen Reichspräfekten ins Leben gerufen worden waren. Die jeweiligen Favoriten, die diese außergesetzlichen Machtmittel in der Hand gehalten hatten, waren schlichtweg unverschämt in ihrem Benehmen und willkürlich in ihren Forderungen gewesen; sie gaben vor, die untergeordneten Gerichtsbarkeiten zu verachten und waren nicht zufrieden, bis ihre Einkünfte und Profite ihre vorher an die Staatskasse geleisteten Einzahlungen nicht wenigstens um das Doppelte übertrafen. Es gibt ein Beispiel für ihre Raubsucht, das wir nicht glauben würden, würde sich der Gesetzgeber nicht für die Richtigkeit verbürgt haben. Sie verlangten die gesamte Zahlung in reinem Gold; aber sie verweigerten die Annahme der gegenwärtigen legalen Reichsmünze und waren nur bereit, die alten Münzen zu akzeptieren, welche mit den Namen der Faustina oder der Antonine geprägt waren. Der Untertan, der diese seltene Münze nicht besaß, blieb nicht anderes übrig, als sich mit ihrem räuberischen Begehr zu vergleichen; besaß er jedoch solche Münzen, dann wurde die Forderung flugs verdoppelt, entsprechend dem Metallwert und dem Gewicht früherer Zeiten Der gelehrte Greaves (Works, Band 1, p. 329ff.) hat durch sorgfältige Forschungen herausgefunden, dass die aurei der Antonine einhundertundachtzehn und die des V. Jahrhunderts nur noch achtundsechzig englische Grains (59 mg) wogen. Maiorianus setzte alle Goldmünzen in Umlauf, ausgenommen den gallischen Solidus wegen seines Mangels nicht an Gewicht, sondern an Gehalt. . III. »Die städtischen Körperschaften« (so der Kaiser) »die niederen Senate« (so nannte da Altertum sie zutreffend) »werden zu Recht als das Herz und die Seele der Republik bezeichnet. Und doch sind sie gegenwärtig so tief gesunken, vorwiegend durch die Schuld der Magistrate und die Willkür der Steuereintreiber, dass viele ihrer Mitglieder Würde und Heimat gering veranschlagen und ein abgelegenes und vergessenes Exil vorziehen.« Er drängt auf ihre Rückkehr zu den jeweiligen Städten, ja, er beschwört sie nachgerade; aber er beseitigt auch die Belastungen, die sie zum Verlassen ihrer städtischen Pflichten genötigt hatte. Sie erhielten Anweisung, im Namen der Provinzial-Regierung die Steuererhebungen wieder aufzunehmen; aber nunmehr wurden sie nicht mehr für die Gesamtsumme verantwortlich gemacht, die für die betreffende Region festgesetzt worden war, vielmehr wurde von ihnen getreue Rechnungslegung über die bereits erhaltenen Summen verlangt sowie die Nennung der säumigen Zahler, die dem Staat noch etwas schuldig geblieben waren. IV. Indessen war sich Maiorian durchaus bewusst, dass diese Körperschaften allesamt begierig waren, das Unrecht und die Unterdrückung zu vergelten, die sie durchlitten hatten; und so belebte er das nutzbringende Amt des » Verteidigers der Stadt « (Defensores civitatum). Er ermuntert die städtische Bevölkerung, in freier und vollständiger Versammlung einen Mann von Reputation zu wählen, welcher es auf sich nehmen wolle, ihre Vorrechte zu verteidigen, ihre Bedrückungen zu erleichtern, die Armen gegen die Willkür der Reichen zu schützen und den Kaiser von allen Missgriffen in Kenntnis zu setzen, die in seinem Namen begangen worden waren.   ZERFALL DER RÖMISCHEN BAUWERKE Der Betrachter, der einen melancholischen Blick auf die Ruinen des antiken Rom wirft, ist in Versuchung, das Andenken an die Goten und Vandalen zu verfluchen für die Verwüstungen, die zu vollführen sie in Wirklichkeit weder die Zeit, die technische Handhabe noch die Neigung hatten. Kriegsstürme mögen den einen oder anderen himmelwärts strebenden Turm zu Boden werfen; aber das Zerstörungswerk, das die Fundamente jener massiven Prachtbauten unterhöhlte, vollzog sich langsam und unauffällig im Laufe von zehn Jahrhunderten; und der Eigennutz, der später scham- und hemmungslos wütete, wurde wenigstens durch Kaiser Maiorans Geschmack und Geist im Zaume gehalten. Durch den Niedergang der Stadt verloren auch die öffentlichen Gebäude an Bedeutung. Zirkus und Theater mochten nach wie vor das Interesse des Publikums wachrufen, aber den Bedürfnissen des Volkes kamen sie nicht entgegen; in den Tempeln, die dem christlichen Fanatismus entgangen waren, wohnten keine Götter und Menschen mehr; in den gewaltigen Bädern und Porticos verloren sich nur noch wenige aus Roms geschrumpfter Bevölkerung; und die wohlausgestatteten Bibliotheken waren nutzlos für ein träges Geschlecht, das sich in seinem Dahindämmern durch Geistesarbeit nur ungern aufstören ließ. Die Monumente konsularischer oder imperialer Größe dienten nicht länger als Gedenkstätten unsterblichen Ruhmes, sondern wurden nur noch hoch geschätzt als unerschöpfliche Materiallieferanten, bedeutend billiger und handlicher als die fernen Steinbrüche. Beständig wurden die gleichgültigen Magistrate Roms mit Petitionen belagert, die dann auch prompt den Bedarf an Steinen und Ziegeln für irgendwelche Bauvorhaben anerkannten; die schönste Architektur wurde so auf rohe Weise für irgendwelche armseligen oder sogar nur vorgeschützten Reparaturen drangegeben; und die verkommenen Römer ruinierten so mit frevelnder Hand die Anstrengungen ihrer Ahnen. Maiorian, der oftmals über den traurigen Zustand der Stadt geseufzt hatte, verschrieb gegen das wachsende Übel eine kräftige Kur Das gesamte Edikt ist bemerkenswert (Novellae Maioriani 6): »Antiquarum aedium dissipatur speciosa constructio; et ut [earum] aliquid reparetur, magna diruuntur. Hinc iam occasio nascitur, ut etiam unusquisque privatum aedificium construens, per gratiam iudicum ... praesumere de publicis locis necessaria, et transferre non dubitet...« (Die herrliche Architektur alter Gebäude wird ruiniert, und damit irgendetwas ausgebessert werden kann, wird Großes zerstört. Dies ist auch die Ursache, dass jemand, der sich ein Privathaus bauen will, nicht ansteht, mit richterlicher Genehmigung das Erforderliche von den öffentlichen Gebäuden an sich zu nehmen und fort zu schaffen.) Ebenso eifervoll, wenn auch kraftloser wiederholt Petrarca im XIV Jahrhundert die gleichen Klagen. (Vie de Petrarque, Band 1, p. 326f.). Sollte ich diese Geschichte einmal fortsetzen, werde ich des Zerfalls der Stadt Rom sicherlich eingedenk sein – ein interessanter Gegenstand, auf den sich mein Plan ursprünglich beschränkte. . Er behielt sich und dem Senat die letzte Entscheidung für den äußersten Fall vor, der die völlige Zerstörung eines antiken Gebäuden bedeutet hätte; legte jedem Magistrat eine Strafe von fünfzig Pfund Gold auf (zweitausend Pfund Sterling), wenn er eine solche gesetzwidrige und ungeheuerliche Erlaubnis erteilen sollte; und drohte eben dem in gesetzeswidriger Weise gehorsamen Subalternen Züchtigung in Form von Auspeitschen und Abschlagen beider Hände an. In letzter Konsequenz mochte hier die Gesetzgebung das rechte Verhältnis von Schuld und Strafe vergessen haben; aber sein Eifer hatte achtbare Gründe, denn Maioran war bemüht, das Gedächtnis an jene Zeiten lebendig zu erhalten, in denen zu leben er sich gewünscht haben mochte und wohl auch verdient hatte. Dem Kaiser war bewusst, dass es sein Interesse war, die Zahl seiner Untertanen zu mehren; dass es zu seinen Pflichten gehörte, die Reinheit des Ehebettes zu schützen; aber die Mittel, durch die er diese heilsamen Vorhaben auszuführen suchte, waren zweifelhaft, vielleicht sogar anfechtbar. Die frommen Jungfrauen, die ihre Jungfernschaft Christus widmeten, durften den Schleier erst nach Ablauf ihres vierzigsten Jahres nehmen. Witwen unter diesem Alter mussten eine zweite Ehe innerhalb von fünf Jahren eingehen, wenn sie nicht ihr halbes Vermögen an ihre nächsten Verwandten oder den Staat abtreten wollten. Standesunterschiedliche Heiraten wurden für ungültig erklärt und annulliert. Vermögensentzug und Exil für Ehebruch wurden als derart unverhältnismäßig milde Strafen angesehen, dass der Schuldige auf Maiorians ausdrückliche Anordnung ungestraft erschlagen werden durfte, wenn er sich wieder in Italien blicken ließ Der Kaiser tadelt die Milde von Rogatian, eines Konsulars aus der Toscana mit einer scharfen Rüge, die fast wie ein persönlicher Angriff klingt (Novellae 9). Das Gesetz Maiorians, mit dem er widersetzliche Witwen bestrafte, wurde von seinem Nachfolger Severus aufgegeben (Novellae Severi 1). .   MAIORAN BEREITET DIE INVASION AFRIKAS VOR – A.D 457 Während Kaiser Maiorian nach Kräften bemüht war, Wohlfahrt und Moral der Römer zu heben, stieß er zugleich mit Geiserichs Waffen zusammen, der aufgrund seiner Energie und strategischen Position der schlimmste Feind Roms war. Eine Flotte mit Vandalen und Mauren landete an der Mündung des Liris oder Garigliano; aber kaiserliche Truppen überrumpelten die ungeordneten Barbaren, die unter der Last ihrer campanischen Beute schwankten; man jagte sie zu ihren Schiffen, metzelte sie nieder, und ihr Anführer, der Schwager des Königs, war unter den Toten Sidonius, Panegyricus ad Maiorianum 385-440. . Hinter dieser Wachsamkeit mochte man wohl die neue Regierung vermuten; aber auch die schärfste Achtsamkeit und die mächtigsten Truppenkontingente waren unzureichend, um die langgestreckte Küste Italiens gegen die Überfälle von See her zu schützen. Die öffentliche Meinung hatte für Maiorians Genius eine größere Aufgabe vorgesehen. Rom erwartete von ihm allein die Wiederherstellung der Kolonie Afrika; und der Plan, den er ausspann, nämlich die Vandalen in ihren eigenen Siedlungsgebieten anzugreifen, war das Ergebnis einer ebenso kühnen wie durchdachten Politik. Wenn denn der furchtlose Herrscher imstande gewesen wäre, seinen kühnen Geist der italischen Jugend zu einzuflößen; wenn er auf dem Marsfeld die kriegerischen Tugenden, in denen er alle anderen stets übertroffen hatte, hätte wiederbeleben können: dann hätte er Geiserich mit einer römischen Armee angreifen können. Emporstrebende Geschlechter hätten sich solchen Neubeginns unterziehen können; aber es ist das Unglück jener Herrscher, die einer danieder liegenden Monarchie vorstehen, dass sie um eines augenblicklichen Vorteils willen oder zur Abwehr einer drohenden Gefahr sich genötigt finden, die schlimmsten Missbräuche nicht nur zu dulden, sondern oft sogar zu vermehren. So war Maiorian denn wie die schwächsten seiner Vorgänger gehalten, zu dem schmachvollen Auskunftsmittel zu greifen, gemietete Barbarentruppen an die Stelle seiner kriegsunlustigen Untertanen zu berufen; und seine überlegenen Fähigkeiten konnten sich nur in der Durchschlagskraft und der Geschicklichkeit erweisen, mit der er diese zweischneidige Waffe handhabte, die so leicht auf den zurückfallen kann, in dessen Hand sie geführt wird. Zusammen mit den Verbündeten, die sich bereits in kaiserlichen Diensten befanden, lockte der Ruf seiner Freigebigkeit und seiner Macht die Völker von der Donau, der Borysthenes und der vielleicht sogar der Theiss. Tausende der tapfersten Untertanen Attilas, die Gepiden, Ostgoten, Rugianer, Burgunder, Sueben, Alanen strömten auf den liguruschen Ebenen zuhauf; und nur ihrer gegenseitige Abneigung hielt ihrer ungeheuren Macht die Waage Die Heerschau und die Überquerung der Alpen sind noch der beste Teil des Panegyricus (470-552). Herr de Buat kommentiert (Histoire des peuples, Band 8, p. 49 – 55) diesen Zusamnmenhang besser als Savaron und Sirmond. . Sie überquerten in einem strengen Winter die Alpen. Der Kaiser zog den ganzen Weg zu Fuß und in voller Rüstung; er ließ die Dicke des Eises und Schnees mit einem Stab sondieren, und er hob den Mut der Skythen, die sich über die bittere Kälte beklagten, durch die fröhliche Zusicherung, die Hitze Afrikas werde sie reichlich entschädigen. Die Bürger Lyons hatten es für besser befunden, vor ihm die Tore zu schließen; schon bald erflehten sie seine Milde, die ihnen denn ja auch gewährt wurde. Er überwand Theoderich im Felde; und gewann anschließend zu seinem Freundeskreis und Verbündeten einen König hinzu, der sich seines – Maiorians – Heeres durchaus als würdig erwies. Die segensreiche, wenngleich eigennützige Wiedervereinigung der größten Teile Spaniens mit denen von Gallien war das Ergebnis von Überredungskünsten, verbunden mit Gewaltanwendung Τά μεν ὅπλοις, τά δε λόγοις (Teils durch Waffen, teils durch Worte) lautet die zutreffende und nachdrückliche Unterscheidung des Piscus (Excerptio Lagationum, fr. 27) in einem kurzen Fragment, das viel Licht auf die Geschichte Mariorians wirft. Jordanes hat die Niederlage und das Bündnis der Westgoten übergangen so wie das Bündnis, das in Galicien feierlich ausgerufen und in der Chronik des Hydatius vermerkt wird. ; und auch die unabhängigen Bagauden, welche sich den Untwerfungsversuchen früherer Regierungen erfolgreich entzogen oder sogar widersetzt hatten, zeigten Bereitschaft, sich Maioran zu ergeben. In seinem Lager wimmelte es von verbündeten Barbaren. Sein Thron wurde vom Eifer eines ergebenen Volkes geschützt; aber dem Kaiser war nicht entgangen, dass die Wiederoberung Arikas ohne eine mächtige Flotte ein Ding der Unmöglichkeit sein müsse. Im ersten Punischen Krieg hatte die Republik solche unfassbaren Anstrengungen unternommen, dass seit dem ersten Axthieb, der im Wald erklang, nur sechzig Tage vergingen, bis eine stolze Flotte von einhundert Schiffe auf Reede lag Florus amüsiert sich bei der märchenhaften Vorstellung, dass sich die Bäume gleichsam von selbst in Schiffe verwandelt hätten; und in der Tat bewegt das ganze Unternehmen, so wie es Polybius im ersten Buch erzählt, in einem etwas zu großen Abstand von dem, was menschenmöglich ist. . Unter weitaus widrigeren Umständen konnte Maiorian wenigstens mit dem Geist und der Zähigkeit der alten Römer gleichziehen. Die Wälder des Apennin wurden niedergeholzt; die Arsenale und Waffenschmieden von Ravenna und Misenum wurden entmottet; Italien und Gallien wetteiferten förmlich miteinander um die größten Beiträge zu diesem öffentlichen Dienst; und die kaiserliche Flotte, dreihundert große Galeeren und eine entsprechende Anzahl von Versorgungsschiffen und kleineren Einheiten, sammelte sich in dem sicheren und geräumigen Hafen des spanischen Karthagena »Interea duplici texis dum littore classem Inferno superoque mari, cadit omnis in aequor Silva tibi...« (Inzwischen hast du an der doppelten Küste Flotten für das obere und untere Meer (Adria und Tyrrhenisches Meer), und der ganze Wald fiel ins Meer). Sidonius, Panegyricus ad Maiorianum 441ff. Die Anzahl der Schiffe, die Priscus mit 300 festlegt, wird durch den unpräzisen Vergleich mit den Flotten des Agamemnon, Xerxes und Augustus noch vegrößert. . Maiorians ungebrochener Optimismus übertrug auch auf seine Soldaten eine gewisse Siegeszuversicht; und wenn wir dem Historiker Procopius glauben dürfen, dann veranlasste ihn sein Mut oftmals zu Taten, die außerhalb der menschlichen Klugheit lag. So hat er, begierig, den von ihm angegriffene Staat der Vandalen mit eigenen Augen zu sehen, sein Haar gefärbt und Karthago als sein eigener Botschafter aufgesucht; und tatsächlich ärgerte sich Geiserich hinterher mächtig über die Entdeckung, dass er den Kaiser der Römer empfangen und wieder entlassen habe. Man kann dieses Geschichtchen als unglaubwürdige Erfindung zurückweisen; aber es ist eine Erfindung von der Art, die nur im Leben eines Helden hatte Platz finden können Prokopios, de bello Vandalico 1,7. Als Geiserich seinen unerkannten Gast durch die Arsenale Carthagos führte, begannen die Waffen in dem ihnen eigenen Rhythmus zu rasseln, heißt es. Seine blonden Locken hatte Maiorian übrigens schwarz eingefärbt. .   DIE FLOTTE WIRD AN EINEM EINZIGEN TAG VERNICHTET – MAIORANS TOD – A.D. 461 Auch ohne persönliche Inaugenscheinnahme war Geiserich mit dem Genius und den Plänen seines großen Gegners hinreichend vertraut. Er übte sich in seinen üblichen Künsten, Trug und Lug und Verstellung, aber er übte sie vergeblich. Seine Friedensersuchen wurden von Stunde zu Stunde flehentlicher, und womöglich sogar aufrichtiger; der unbeugsame Maiorian hatte sich die Maxime der alten Römer zu eigen gemacht, dass es für Rom keine Sicherheit geben können, solange Karthago eine feindliche Stellung einnehme. Der Vandalenkönig veranschlagte die Kampfstärke seiner Landsleute nicht eben hoch, denn sie waren im Luxus des Südens »...spoliisque potitus Immensis, robur luxu jam perdidit omne, Quo valuit dum pauper erat.« (im Besitz von unmessbarer Beute, hat er durch Luxus alles ruiniert, was ihn während seiner Armut stark gemacht hat). Sidonius, Panegyricus ad Maiorianum 330. Später schreibt er Geiserich – wohl zu Unrecht – die Laster seiner Untertanen zu. vollständig verkommen; auch misstraute er der Zuverlässigkeit der unterworfenen Völkerschaften, zumal sie ihn als einen arianischen Gewaltherrscher verabscheuten; und sein Versuch, Mauretanien in eine Wüstenei zu verwandeln Er ließ die Dörfer niederbrennen die Brunnen vergiften (Priscus p. 42). Dubos (Histoire critique, Band 1, p. 475) merkt dazu an, dass die von den Mauren unter der Erde angelegten Magazine bei diesen Verwüstungen unentdeckt blieben. Es wurden zwei- bis dreihundert Vorratsgruben an ein und derselben Stelle angelegt, wobei jede wenigstens 400 Bushel Getreide (1 bushel = 34,3 l) fasste. Shaw, Travels, p.139. , war nur ein Verzweiflungsakt und konnte die Maßnahmen des Römischen Kaisers nicht nennenswert behindern, der sich im Gegenteil den Landeplatz für seine Truppen an der nordafrikanischen Küste nach Belieben aussuchen konnte. Aber Geiserich konnte dem drohenden und unausweichlichen Untergang noch einmal entkommen, weil einige verräterische Untertanen ihrem Herren den Erfolg neideten oder sich vor ihm fürchteten. Durch heimliche Zeitung gewarnt, überrumpelte er die ungeschützte Flotte in der Bucht von Karthago; zahlreiche Schiffe wurden versenkt, gekapert oder verbrannt; und so gingen die Vorbereitungen von drei Jahren an einem einzigen Tage zuschanden Hydatius, der in Galizien fern von Ricimers Macht in Sicherheit war, erklärt kühn und geradeheraus, dass »Vandali, per proditores admoniti \&c « (die Vandalen, durch Verräter gewarnt); den Namen des Verräters verhehlt er uns indessen. . Immerhin zeigten sich beide Gegner nach diesem Ereignis als Meiser ihres Schicksals. Der Vandale wurde ob dieses Zufallserfolges keineswegs übermütig, sondern erneuerte augenblicklich seine Friedensbemühungen. Der Kaiser des Westens, der genauso gut großer Entwürfe fähig war, wie er bittere Rückschläge wegstecken konnte, war mit dem Vertrag, oder besser: dem Waffenstillstand einverstanden; denn er hatte die Gewissheit, dass er noch vor der Fertigstellung seiner Flotte genügend Gründe für die Fortsetzung des Krieges haben würde. Maiorian kehrte also nach Italien zurück, um sich das öffentliche Wohl angelegen sein zu lassen. Im sicheren Bewusstsein seiner persönlichen Unbescholtenheit mochte er lange nichts von der finsteren Verschwörung bemerkt haben, die ihm nach dem Thron und dem Leben trachtete. Die kürzliche Niederlage bei Karthago machten in den Augen der Masse den Ruhm zunichte, den er bis dahin erworben hatte; fast jeder militärische oder zivile Rangträger war gegen den Reformer aufgebracht, da sie aller Vorteile verlustig gegangen waren, die sie aus den – von ihm abgestellten – Amtsmissbräuchen zu erlangen gehofft hatten; und der patricius Ricimer brachte die wankelmütigen Barbaren gegen den Herrscher auf, den er selbst hochschätzte und zugleich hasste. Maiorians Tugenden konnten die Meutereien nicht verhindern, welche im Lager bei Tortona am Fuße der Alpen ausbrachen. Er wurde gezwungen, den kaiserlichen Purpur abzulegen; fünf Tage nach seiner Abdankung, so wird überliefert, starb er an der Ruhr Prokopios, de bello Vandalico 1,8. Hydatius' Zeugnis ist fair und unparteiisch: »Maiorianum de Galliis Romam redeuntem, et Romano imperio vel nomini res necessarias ordinantem, Richimer livore percitus, et ›invidorum‹ consilio fultus, fraude interficit circumventum « (Maiorianus war auf dem Rückweg von Gallien nach Rom, um wichtige Staatsangelegenheiten für das Reich und das Volk zu regeln; Ricimer, missgünstig und von Neidern bestärkt, ermordete den Begrängten hinterlistig.) Einige lesen ›Suevorum‹ statt ›invidorum‹, und ich bin nicht gesonnen, eines der Worte zu streichen, da sie die verschiedenen Mitschuldigen dieser Verschwörung gegen Maiorianus nennen. ; und sein schlichtes Grab wurde erst durch die Verheerung der folgenden Generationen geheiligt Siehe das Epigramm Nr. 135 von Ennodius, bei Sirmond, Opera Varia, Band 1, p. 1903. Es ist platt und unverständlich; aber Ennodius wurde erst fünfzig Jahre nach Maiorians Tod Bischof von Pavia gewählt, und so verdient sein Lob Glauben und Anerkennung. . Als Mensch verdiente Maiorian Liebe und allen Respekt. Für bösartige Verleumdung oder Satire erübrigte er nur Unwillen oder, wenn es um ihn selbst ging, Verachtung; aber er stand doch für die Freiheit des Geistes; und im Freundes- und Familienkreis gab er sich durchaus aufgeräumt und charmant, ohne dabei seines hohen Amtes zu vergessen Sidonius schildert mit ermüdender Detailfreude (1, Epistulae 11, 12) ein Essen in Arles, zu dem Maiorian ihn kurz vor seinem Tode eingeladen hatte. Er hatte nicht die Absicht, den verstorbenen Kaiser zu rühmen, aber eine kleine Randbemerkung, »Subrisit Augustus; ut erat, auctoritate servata, cum se communioni dedisset ioci plenus,« (Der Augustus lachte lauthals; er konnte unter Bewahrung seiner Würde ganz fröhlich sein, wenn er in geselliger Runde war) hat mehr Gewicht als die sechshundert Zeilen dieser gekauften Jubelrede. .   SEVERUS WIRD RICIMERS PUPPENKAISER A.D. 461 – 467 Es geschah vermutlich nicht ohne einige innere Kämpfe, dass Ricimer seinen Freund im Interesse seines eigenen Ehrgeizes aufopferte; aber anschließend vermied er es in kluger Weise, noch einmal der überlegenen Tugend und den Verdiensten den Vorzug zu geben. Der Senat, stets seines Winks gewärtigt, versah Libius Severus mit dem Kaisertitel, der den Thron des Westens bestieg, ohne sich jemals in irgendeiner Weise hervorgetan zu haben. Die Geschichte hat es nicht über sich gebracht, von seiner Geburt, seinem Aufstieg und seinem Ende irgend Notiz zu nehmen. Sobald er seinem Patron lästig wurde, musste er sterben Sidonius (Panegyricus ad Anthemium 317) schickt hn in den Himmel: »Auxerat Augustus naturae lege Severus Divorum numerum.« (Es wurde aufgrund des Naturrechtes drr Augustus Severus zu den Göttern erhoben.) Eine alte Kaisertabelle aus der Zeit Justinians rühmt seine Frömmigkeit und nennt Rom seine Residenz. Sirmond, Anmerkungen zu Sidonius, p. 111f. ; und es wäre sinnlos, seine Herrschaft in die sechs Jahre zu unterteilen, die zwischen Maiorians Tod und der Ernennung des Anthemius lagen. In dieser Zeit war die Regierung ganz und gar in Ricimers Händen; und obgleich der Barbar bescheiden blieb und nur den Namen eines Königs für sich beanspruchte, so häufte er Schätze an, stellte eine eigene Armee auf, schloss private Bündnisverträge und beherrschte Italien ebenso unangefochten und despotisch wie nach ihm Theoderich und Odoacer. Aber sein Herrschaftsbereich endete an den Alpen; und zwei römische Generäle, Marcellinus und Aegidius, bewährten ihre Staatstreue, indem sie der Puppe, die den Kaiser gab, ihre Anerkennung verweigerten.   ERHEBUNG DES MARCELLINUS IN DALMATIEN... Marcellinus war sogar noch Anhänger der alten Religion; und die ihm ergebenen Heiden, die insgeheim den Gesetzen der Kirche und des Staates den Gehorsam schuldig blieben, bewunderten seine hervorragenden divinatorischen Fähigkeiten. Aber er verfügte auch über höhergewichtige Qualifikationen wie etwa Bildung, bürgerliche Tugenden und persönlichen Mut Tillemont, dem die Tugenden der Ungläubigen allemal verdächtig sind, schreibt dieses günstige Portrait des Marcellinus (welches die Suidas nun einmal überliefert hat) dem parteiischen Eifer einiger heidnischer Historiker zu. Histoire des empereurs, Band 6, p. 330. ; am Studium der Lateinischen Literatur hatte er seinen Geschmack geschult; und durch seine militärische Talente hatte er die Wertschätzung und das Vertrauen des großen Aëtius erworben, in dessen Sturz er übrigens auch verwickelt war. Durch rechtzeitige Flucht entkam er den Rachegelüsten Valentinians und rettete inmitten der Umwälzungen des Westreiches Freiheit und Leben. Seine freiwillige – oder auch nicht freiwillige – Unterwerfung unter die Autorität des Maiorian wurde mit der Provinzialherrschaft über Sizilien belohnt sowie mit dem Kommando über eine Armee, welche auf der Insel stationiert war und deren Aufgabe es war, die Vandalen abzuwehren oder sogar ihrerseits anzugreifen; aber die Miettruppen der Barbaren wurden nach dem Tod des Kaisers durch Ricimers berechnete Freigebigkeit zur Revolte veranlasst. An der Spitze treu ergebener Gefolgsleute besetzte der furchtlose Marcellinus die Provinz Dalmatien, nahm den Titel eines Patricius des Westens an, erwarb die Zuneigung seiner Untertanen durch ein mildes und gerechtes Regime, ließ eine Flotte zimmern, mit der er die Herrschaft über die Adria für sich reklamierte und setzte die Küste Italiens und Afrikas in Alarmstimmung Prokopios, de bello Vandalico 1,6. Die vielfältigen Begebenheiten aus dem Leben des Marcellinus werden bei Prokopios und den latein-sprachigen Chronisten höchst unterschiedlich dargestellt und sind nur schwer zu vereinbaren. .   ...UND DES AEGIDIUS IN GALLIEN Aegidius, der Statthalter Galliens, der den alten römischen Heroen nacheiferte oder sie doch wenigstens nachahmte Das Lob, das Sidonius einem ungenannten Heermeister (dem Kommandierenden General von Maiorian, der die Nachhut befehligte) zuteil werden lässt (Panegyricus ad Maiorianum 553), muss ich auf Aegidius übertragen. Hydatius rühmt seine christliche Frömmigkeit, Priscus (p. 42) sein militärisches Talent. , erklärte seinen unverwelklichen Hass gegen die Mörder seines geliebten Herrn. Eine wackere und zahlenstarke Armee sammelte sich unter seiner Fahne; und wenn er auch durch Ricimers Ränke und eine Armee aus Westgoten daran gehindert wurde, direkt auf die Stadt zu marschieren, behielt er doch jenseits der Alpen seine Machtstellung und empfahl den Namen Aegidius gleichermaßen für Friedens- und Kriegszeiten. Die Franken wählten den römischen General zum König, nachdem sie Childerich wegen allerlei Jugendtorheiten ins Exil verbannt hatten; durch diese einmalige Ehrerweisung war seine Eitelkeit, wenn schon nicht sein Ehrgeiz ruhig gestellt. Und als die Nation nach vier Jahren Reue empfand über das Unrecht, das sie der Familie der Merowinger zugefügt hatte, fügte er sich mit Gelassenheit in die Inthronisation des rechtmäßigen Herrschers. Aegidius' Machstellung endete erst mit seinem Tod; und den Verdacht, es möchten Gift und heimliche Gewalttat eine Rolle gespielt haben, welche Vermutung denn ja auch trefflich Ricimers Charakterbildung abrunden würde, griff die nachgerade leidenschaftlichen Leichtgläubigkeit der Gallier bereitwillig auf Gregor von Tours 2,12. Der Pére Daniel, der eine Reihe moderner und gehaltloser Ideen vertritt, hat gegen die Geschichte des Childerich einige Einwände erhoben (Histoire de France, Band 1, Préface, p. 77ff.); aber durch Dubos (Histoire critique, Band 1, p. 460-510) und zwei weitere Autoren wurde sie richtiggestellt – übrigens haben beide um den Preis der Akademie von Soisson gestritten. Hinsichtlich des Exils von Childerich muss man das Leben des Aegidius entweder über den in der Chronik des Hydatius genannten Termin verlängern, oder man muss den Text des Gregor verbessern, indem man quarto und nicht octavo anno liest. .   SEEKRIEGE GEGEN DIE VANDALEN A.D. 461 – 467 Das Königreich Italien – auf diese Bezeichnung wurde das Westreich allmählich verkleinert – wurde unter der Herrschaft Ricimers beständig von den Raubzügen der Vandalen bedrängt Geiserichs Seekrieg wird beschrieben von: Priscus (Excerpta Legationum, fr. 29); Procopius (de Bello Vandalico, 1,5 und 22); Victor Vitensis (de Persecutione Vandalorum 1,17); Ruinart (Historia persecutionis Vandalicae, p. 467-481). Außerdem noch in drei Panegyricen des Sidonius, deren chronologische Anordnung unklugerweise in die Ausgaben von Savaron und Sirmond übernommen wurde: Carmen ad Avitum 7,441-451; Carmen ad Maiorianum 5, 327-350 und 385-440; Carmen ad Anthemium 2, 348-386. . In jedem Frühjahr rüsteten sie im Hafen von Karthago eine respektable Flotte aus; und Geiserich, obschon in sehr fortgeschrittenem Alter, kommandierte in höchsteigener Person jedes dieser Unternehmungen. Bis zu dem Augenblick, wo die Segel gesetzt wurden, waren seine Pläne von einem undurchdringlichen Schleier des Geheimnisses umhüllt. Fragte ihn sein Steuermann nach dem Kurs, antwortete der Barbar mit frömmelnden Zynismus: »Überlass das dem Wind; er wird uns zu der schuldbeladenen Küste bringen, deren Bewohner den göttlichen Gerechtigkeitssinn beleidigt haben.« Ließ sich Geiserich jedoch zu präziseren Angaben herab, so befand er, dass die Reichsten notwendig auch die Verworfensten sein müssten. Die Vandalen plünderten wiederholt die Küsten von Spanien, Ligurien, der Toscana, Campanien, Lucanien, Bruttium, Apulien, Calabrien, Venetien, Dalmatien, Epirus, Griechenland und Sizilien; auch versuchten sie eine Unterwerfung, Sardiniens, die strategisch günstig im Zentrum des Mittelmeeres lag; und so verbreiteten ihre Waffen Schrecken und Furcht von den Säulen des Herkules bis zur Mündung des Nil. Da es ihnen weniger um Ruhm als um Beute ging, vermieden sie die Belagerung befestigter Städte und ließen sich auch auf keinerlei Gefechte mit regulären Truppen ein. Da sie aber äußerst beweglich waren, waren sie imstande, gleichsam zur gleichen Zeit die entferntesten Objekte anzugreifen, die ihre Begehrlichkeiten erregt hatten; und da sie stets eine ausreichende Zahl von Pferden an Bord hatten, überschwemmten sie jedes mal die heimgesuchte Landschaft mit Schwadronen leichter Kavallerie. – Indessen, des Vorbildes ihres Königs ungeachtet, wurden die eingeborenen Vandalen und Alanen dieses mühseligen und unsicheren Geschäftes allgemach müde; die kriegsgewohnte erste Generation der Eroberer war fast erloschen, und ihre Söhne, die bereits in Afrika auf die Welt gekommen waren, erfreuten sich der köstlichen Bäder und Lustgärten, die die Kraft ihrer Väter erobert hatte. An ihre Stelle waren Mauren und Römer, Kriegsgefangene und Randexistenzen getreten; und diese Kriminellen, die bereits die Gesetze ihres Heimatlandes übertreten hatten, gebärdeten sich auch auf Geiserichs siegreichen Fahrten am grausamsten. Bei der Behandlung seiner unglücklichen Gefangenen ließ sich er bisweilen von Habgier leiten, beim nächsten Mal der Brutalität. Die Ermordung von fünfhundert angesehen Bürgern von Zakynthos, deren verstümmelte Leichname er in das Ionische Meer werfen ließ, wurde durch das Gedächtnis der Öffentlichkeit noch seinen spätesten Nachfahren vorgehalten.   VERHANDLUNGEN MIT DEM KAISER DES OSTENS A.D. 462 Derlei Verbrechen ließen sich durch keine Provokation entschuldigen; aber der Krieg der Vandalen gegen Rom hatte einen einleuchtenden und vernünftigen Grund. Die Witwe von Valentinian, Eudoxia, die er als Gefangene von Rom nach Karthago geführt hatte, war die einzige Erbin der theodosianischen Dynastie; ihre älteste Tochter, Eudocia, wurde gegen ihren Willen die Frau seines ältesten Sohnes Hunnerich; und der Vater reklamierte nachdrücklich einen gesetzlichen und schwer zurückzuweisenden oder anderweitig zu befriedigenden Anspruch auf Teilhabe an der imperialen Gewalt. Der Kaiser des Ostens, für den die Bewahrung des Friedens staatsnotwendig war, bot einen angemessenen oder doch wenigstens schätzbaren Ausgleich. Eudoxia und ihre jüngere Tochter Placidia wurden in allen Ehren wieder eingesetzt, und so zielte der Zorn der Vandalen in erster Linie auf das Westreich. Die Italiener, denen eine schlagkräftige Flotte zum Schutz ihrer Küste fehlte, erbaten die Hilfe der glücklicheren Nationen des Ostens, welche vorher für Friedens- und Kriegszeiten Roms Suprematie anerkannt hatten. Aber die dauerhafte und endgültig Teilung der beiden Reiche hatte ihre unterschiedlichen Interessen und Zielsetzungen entstehen lassen; ein kürzlich geschlossener Friedensvertrag wurde zitiert; und anstelle von Waffen oder Schiffen gab es für die Römer des Westens nur eine halbherzige und wirkungslose Vermittlung. Der hochmütige Ricimer, der immer mit den Schwierigkeiten seiner Stellung zu kämpfen hatte, musste sich schließlich als schlichter Untertan dem Thron Konstantinopels annähern; und Italien musste, als Preis für Hilfe und Sicherheit, sich einen Herren von Konstantinopels Gnaden gefallen lassen Selbst der Dichter ist gehalten, die Notlage Ricimers anzuerkennen(2,352): ...praterea invictus Ricimer, quem publica fata/ Respiciunt, proprio solus vix Marte repellit/ Piratam per rura vagum.../ (...auch schlägt der unbesiegte Ricimer, von dem das Geschick des Staates Schutz erwartet, allein auf sich gestellt, kaum die Piraten zurück, die an unserer Küste streifen). Italien wendet sich klagend an den Tiber, und Rom wendet sich auf Drängen seiner Flussgottheit nach Konstantinopel, ruft die alte Freundschaft in Erinnerung und fleht bei Aurora, der Göttin des Ostens, um freundschaftliche Hilfe. Diese fabulösen Wirkmächte, die Claudian nach Belieben ge- und missbraucht hatte, sind für die Muse des Sidonius die beständige und trübe Quelle. . Es ist nicht unsere Absicht, in vorliegendem Kapitel [oder sogar vorliegendem Bande] die spezielle Geschichte Konstantinopels darzustellen; aber ein gedrängter Überblick über die Herrschaft und den Charakter des Kaisers Leo kann diese letzten Anstrengungen zur Rettung des untergehenden Westreiches möglicherweise erklären Die Originalschriften mit der Darstellung von Marcians, Leos und Zenos Regierungen sind bis auf ein paar Fragmente verloren; diese Lücken müssen daher die jüngeren Kompilationen von Theophanes, Zonaras und Cedrenus füllen. .   LEO II, KAISER DES OSTENS A.D. 457 – 474 Nach dem Tode von Theodosius dem Jüngeren war die Ruhe Konstantinopels kein einziges Mal durch Krieg oder Faktionshader aufgestört worden. Pulcheria hatte ihre Hand und das Szepter des Ostens Marcians gemäßigter Tugend anvertraut; mit Ehrfurcht respektierte er ihren edelachtbaren Rang und ihre jungfräuliche Reinheit. und nach ihrem Tode gab er seinem Volk ein Beispiel für die religiöse Verehrung, die dem Andenken dieser kaiserlichen Heiligen geschuldet war St. Pulcheria starb A.D. 453, vier Jahre vor ihrem nominellen Gatten, und ihr Fest wird von den modernen Griechen am 10. September gefeiert; sie hinterließ eine gigantische Stiftung für fromme, oder doch wenigstens kirchliche Zwecke. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 15, p. 181-184. . Da Marcian seine Aufmerksamkeit wesentlich dem Gedeihen seiner eigenen Besitzungen widmete, blieb er Roms Schicksal gegenüber von kaltem Gleichmut; und so wurde die hartnäckige Weigerung dieses braven und rüstigen Herrschers, sein Schwert gegen die Vandalen zu ziehen, auf ein geheimes Versprechen zurückgeführt, dass ihm Geiserich während seiner Gefangenschaft abgetrotzt hatte Siehe Prokopios, de bello Vandalico 1,4. . Marcians Tod nach siebenjähriger Herrschaft hätte den Osten einer Wahl durch das Volk ausgesetzt, wenn nicht der massive Einfluss einer einzigen Familie die Waage zu Gunsten des von ihr unterstützten Kandidaten geneigt hätte. Der Patricius Aspar hätte das Diadem wohl auf sein eigenes Haupt gesenkt, wenn er denn bereit gewesen wäre, das Nicäische Glaubensbekenntnis zu unterschreiben Wegen dieses Ausschlusses Aspars von der Thronbesteigung mag man schließen, dass der Makel der Häresie ewig und untilgbar war, während der der Barbarischen Herkunft bereits in der zweiten Generation erlosch. . Drei Generationen lang hatten sein Vater, er selbst und sein Sohn Ardaburius mit Erfolg die Heere des Ostens geführt; seine ausländische Leibwache war so mächtig, dass sie Stadt und Palast von Konstantinopel in dauernde Besorgnis versetzte; und durch die großherzige Verteilung seiner ungemessenen Reichtümer machte sich Aspar ebenso beliebt, wie er einflussreich war. Er sprach sich für den völlig unbekannten Leo aus Thrakien aus, einen Militärtribun und seinen obersten Hausvorsteher. Der Senat stimmte seiner Ernennung mit Einmütigkeit zu; und so erhielt der Diener des Aspar die Kaiserkrone aus der Hand seines eigenen Herren oder Bischofs, der durch diese ungewöhnliche Zeremonie die Wahlentscheidung der Gottheit mitzuteilen die Erlaubnis erhalten hatte Theophanes, p. 95. Hier scheint der Ursprung der Zeremonie zu liegen, der sich alle christlichen Herrscher der Welt seither unterworfen haben, und aus der der Klerus die grässlichsten Schlussfolgerungen abgeleitet hat. . Dieser Kaiser Leo, der erste seines Namens, wurde durch den Beinamen der Große ausgezeichnet angesichts einer langen Reihe von Nachfolgern, welche nach Auffassung der Griechen nur noch ein erbärmliches Helden- oder doch wenigstens Herrscherniveau repräsentierten. Aber die freundliche Bestimmtheit, mit welcher Leo den Annäherungen seines Wohltäters sich widersetzte, zeigt deutlich, dass er sich seiner Pflichten und Vorrechte durchaus bewusst war. Aspar war indigniert, dass sein Einfluss dem Präfekten von Konstantinopel keine Vorschriften mehr machen konnte: er unterfing sich, seinem Herrscher den Bruch von Versprechungen vorzuhalten, und sagte, wobei er an dem Purpur zupfte: »Es ist nicht wohlgetan, dass der Mann, der dieses Kleid trägt, sich einer Lüge schuldig mache.« »Noch ist es wohlgetan (dies Leos Antwort), dass ein Herrscher genötigt werde, sein eigenes Urteil und das öffentliche Interesse dem Willen eines Untertanen zu unterwerfen Kedrenos (p. 346), der mit den Schreibern aus besseren Zeiten auf vertrautem Fuße stand, hat die bemerkenswerten Worte Aspars aufbehalten: βασιλεῦ τὸν ταύτην τὴν ἁλουργίδα περιβεβλημένον οὐ χρὴ διαψεύδεσϑαι. .« Nach dieser außergewöhnlichen Szene konnte die Aussöhnung zwischen Herrscher und Patricius nichts weniger als aufrichtig sein; oder wenigstens fest und dauerhaft. Heimlich wurde eine Armee aus Isauriern Die Macht der Isaurier hielt noch zwei nachfolgende Herrscher, Zeno und Anastasius, in Atem; aber es endete mit dem Untergang dieser Barbaren, die ihre naturwüchsige Unabhängigkeit immerhin 230 Jahre bewahrt hatten. angeworben und in Konstantinopel eingeschleust; und während Leo das Ansehen der Familie des Aspar untergrub und auf ihren Sturz hinarbeitete, hielt sein vorsichtiges und mildes Wesen sie von unüberlegten und fatalen Aktionen ab, die sich für sie selbst oder ihre Feinde als verhängnisvoll hätten erweisen können. Durch diese innenpolitischen Umwälzungen waren auch die Entscheidungen über Krieg und Frieden berührt. Solange Aspar die Fundamente des Thrones unterwühlte, begünstigte er in seiner religiösen Geheimkorrespondenz die Sache Geiserichs. Sobald Leo sich aus diesem entwürdigenden Verhältnis losgelöst hatte, hatte er ein Ohr für die Anliegen der Italiener; zeigte sich entschlossen, die Vorrangstellung der Vandalen zu brechen; und erklärte Anthemius zu seinem Verbündeten, den er denn auch feierlich mit dem Purpur und Diadem des Westkaisers investierte.   ANTHEMIUS HERRSCHER DES WESTENS A.D. 467-462 Die Tugenden des Anthemius sind unter Umständen durch die Nachwelt vergrößert worden, da seine kaiserliche Abstammung, die sich nur bis auf den Thronräuber Procopius zurückverfolgen ließ, zu einer ganzen Geschlechterfolge von Kaisern aufgebläht wurde »Tali tu civis ab urbe Procopio genitore micas; cui prisca propago Augustis venit a proavis.« (Du, Bürger aus einer solchen Stadt, strahlst bei einem Vorfahren wie Prokopios; der alten Nachkommenschaft von augusteischem Geblüt). Dann erzählt der Dichter Sidonius (Panegyricus ad Anthemium 67-306) Leben und Taten des künftigen Kaisers, mit denen er ja kaum bekannt gewesen sein dürfte. . Aber die Verdienste seiner leiblichen Eltern, ihre Geltung und ihr Reichtum machten ihn zu einem der berühmtesten Untertanen des Ostens. Sein Vater Procopius wurde nach seiner persischen Gesandtschaftsreise in den Rang eines Generals und patricius erhoben. Und den Namen Anthemius hatte er nach seinem Großvater mütterlicherseits erhalten, welcher mit so viel Umsicht und Erfolg Theodosius im Kindesalter geschützt hatte. Der Enkel dieses Mannes hatte durch seine Heirat mit Euphemia, der Tochter des Kaisers Marcian, seine Stellung deutlich über die eines normalen Untertanen erhoben. Diese glänzende Allianz, welcher es allerdings ein wenig an Verdienst gebrach, befeuerte die Karriere des Anthemius durch die aufeinander folgenden Stufen des comes, Heermeisters, Konsul und patricius; und seine Verdienste – oder sein Glück – sprachen ihm einen Sieg über die Hunnen an der Donau zu. Ohne besonderen Ehrgeiz entwickeln zu müssen, durfte sich der Schwiegersohn des Marcian Hoffnungen auf dessen Nachfolge zu machen; die Enttäuschung trug Anthemius mit Tapferkeit und Geduld; und seine verspätete Ernennung wurde vom Publikum beifällig aufgenommen, da es ihm – zumindest bis zu seiner Thronbesteigung – die Befähigung zu diesem Amt zutraute Sidonius entdeckt mit gehörigem Witz, dass diese Rückschläge den Tugenden des Anthemius neuerlichen Glanz verlieh (210ff), da er auf ein Szepter verzichtete und ein anderes nur widerstrebend annahm (22ff.). .   12. APRIL 467 Der Herr des Westens brach von Konstantinopel auf, begleitet von mehreren Hochrangigen Hofbeamten und einer Leibwache, die an Kampfkraft und Anzahl einer gängigen Armee gleichkam; er zog in Rom im Triumph ein, und Leos Wahl wurde durch den Senat, das Volk und die ausländischen Verbündeten Italiens bestätigt Auch hier feiert der Dichter die Einstimmigkeit aller Stände und Ordnungen (15-22); und die Chronik des Hydatius vergisst nicht den Hinweis auf das kriegerische Gefolge, das seinen Einmarsch begleitete. . Auf die festliche Amtseinführung des Anthemius folgten die Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit seiner Tochter mit dem patricius Ricimer: ein glückhaftes Ereignis, welches man allgemein als zuverlässig Vorzeichen für das inskünftige Gedeihen des Staatswesens ästimierte. Ausgiebig stellte man den Reichtum der beiden Imperien zur Schau; und viele Senatoren vollendeten ihren Ruin, indem sie in der Absicht, ihre Armut zu verbergen, viel zu teuren Aufwand betrieben. Die Geschäfte ruhten während dieser Lustbarkeiten; die Gerichtshöfe blieben geschlossen; die Straßen Roms, die Theater sowie öffentliche und private Lokalitäten klangen wieder von allerlei Hochzeitsgesängen und -bräuchen; und die königliche Braut, mit Seidengewändern angetan und einer Krone im Haar, wurde in den Palast des Ricimer geleitet, der seinerseits die Kriegstracht ab- und die Zunfttracht der Senatoren und Konsuln angelegt hatte. Bei dieser denkwürdigen Gelegenheit trat Sidonius, dessen frühere Entwürfe so kläglich gescheitert waren, als Redner in der Delegation der Auvergne auf, um dem Thron Glückwünsche oder Klagen vorzutragen »Interveni etenim nuptiis Patricii Ricimeris, cui filia perennis Augusti in spem publicae securitatis copulabatur.« (Ich kam zur Eheschließung des Patriziers Ricimer hinzu, dem die Tochter des unsterblichen Augustus verheiratet wurde, was einen Hoffnungsschimmer für die Sicherheit des Reiches bedeutete.) Sidonius' Reise von Lyon und die Feiern in Rom sind recht geistreich beschrieben in 1, Epistulae 5 und 6. .   1. JANUAR 468 Die Kalenden des Januar nahten, und der käufliche Dichterling, der Avitus geliebt und Maiorian geschätzt hatte, ließ sich von seinen Freunden bereden, in Heldenversen die Verdienste, das Glück, das zweite Konsulat und die künftigen Triumphe des Kaisers Anthemius zu feiern. Sidonius verfasste nicht ohne Wirkung ein geschmackvolles Panegyricus, das auf uns gekommen ist; und welche Unzulänglichkeiten der Gegenstand oder die Dichtung auch immer haben mochten, der willkommene Schmeichler wurde unverzüglich mit der Präfektur Roms belohnt; eine Ehrung, die ihn mit den wichtigsten Männer des Imperiums gleichstellte, bis er dann voll Weisheit zu dem angesehenen Amt eines Heiligen und Bischofs überwechselte Sidonius (1, Epistulae 9,8) lässt uns deutlich seine Motive, seine Anstrengungen und seine Belohnung wissen: »Hic ipse Panegyricus, si non iudicium, certe eventum, boni operis accepit.« (Dieses Loblied hätte, wenn nicht Beifall, so doch den Erfolg eines guten Werkes gezeitigt.) Er wurde A.D. 471 zum Bischof von Clermont ernannt. Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 16, p. 750. .   DAS LUPERCALIENFEST Die Griechen lassen es sich angelegen sein, die Frömmigkeit und katholische Glaubensfestigkeit des Kaisers zu rühmen, den sie dem Westen geschenkt hatten; auch verfehlen sie nicht anzumerken, dass er nach seiner Abreise aus Konstantinopel aus seinem Palast eine fromme Stiftung gemacht habe mit einem Bad für das Publikum, einer Kirche und einem Hospital für alte Männer Der Palast des Anthemius stand am Ufer der Propontis (Marmarameer). Im IX Jahrhundert erhielt Alexius, der Schwiegersohn von Kaiser Theophilus die Erlaubnis, das Grundstück zu erwerben; er beendete sein Leben in einem Kloster, das er auf diesem erlesenen Stückchen Land gegründet hatte. Du Cange, Constantinopolis christiana, p. 117 und 152. . Es gibt jedoch einige Verdachtsmomente, die die Gottesfrömmigkeit es Anthemius zu besudeln imstande sind. Durch den Umgang mit Philolethus, einem makedonischen Sekretär, hatte er den Geist religiöser Duldsamkeit in sich aufgenommen; und Roms Häretiker hätten sich straflos versammeln können, wenn nicht das kühne und heftige Interdikt des Papstes Hilarius zu St. Peter ihn bestimmt hätte, von dieser unpopulären Teilnahmslosigkeit abzustehen »Papa Hilarius...apud beatum Petrum Apostolum, palam ne id fieret, clara voce constrinxit, in tantum ut non ea facienda cum interpositione juramenti idem promitteret Imperator.« (Papst Hilarius verbot beim heiligen Apostel Petrus mit deutlicher Stimme, dass das nicht öffentlich geschehe, im gleichen Sinne, wie der Kaiser dasselbe unter Eid verspräche, dass es nicht geschehen dürfe.) Gelasius Epistola ad Andronicum, bei Baronius A.D. 467, No. 3. Der Kardinal bemerkt mit Selbstgefälligkeit, dass Häresien in Konstantinopel viel leichter an Boden gewännen als in Rom. . Selbst die Heiden, eine verängstigte und ohnmächtige Splittergruppe, schöpfte infolge der Glaubenskälte oder sogar Parteilichkeit des Anthemius eine nichtige Hoffnung; und seine tiefe Freundschaft zu dem Philosophen Severus, den er sogar zum Konsul machte, gab Anlass zu dem Verdacht, es solle insgeheim die obsolete Verehrung der alten Götter erneuert werden Damaskios in der Vita des Philosophen Isidoros, bei Photios, p. 1049. Damaskios, der unter Justinian lebte, verfasste ein weiteres Werk, das 570 Märchen von Seelen, Dämonen und übernatürlichen Erscheinungen enthält: Das platonische Heidentum im Zustand der Senilität. . Diese Götzen waren allesamt zu Staub zerfallen, und die Mythologie, die einst der Glauben der Völker gewesen war, war mittlerweile derart angezweifelt, dass ein christlicher Dichter sich ihrer bedienen mochte, ohne sofort Skandal oder Verdacht zu erregen In dem dichterischen Werk des Sidonius – er hat es später allerdings verdammt (9,Epistulae 16) – spielen die Fabelgötter der Vergangenheit die Hauptrolle. Und wenn Hieronymus bereits von Engeln gegeißelt wurde, weil er Vergil gelesen hatte, dann verdient sich der Bischof von Clermont für solche matte Imitation eine zusätzliche Auspeitschung durch die Musen. . Aber die Burgen des Aberglaubens waren noch nicht endgültig geschleift, und das Lupercalienfest, dessen Ursprünge noch vor der Gründung Roms liegen, wurde auch unter Anthemius nach wie vor begangen. Seine wilden und archaischen Rituale waren kennzeichnend für Gesellschaften, die noch nicht durch Kunst oder Landbau veredelt waren. Die ländlichen Gottheiten, die über Freud und Leid des Hirtenlebens wachten, Pan und Faunus und ihr Anhang aus Satyrn, waren so gestaltet, wie die Phantasie der Hirten sie sich wohl vorstellen mochte: verspielt, launisch, sinnlich; mit begrenzter Macht und von harmloser Arglist. Eine Ziege war das Opfer, das am besten zu ihrem Charakter und ihren Bedürfnissen passte; das Fleisch des Opfertieres wurde an Spießen von Weidenholz geröstet; und die ungebärdige Jugend, die zu diesem Fest zusammengekommen war, rannte nackt über die Felder, Lederriemen in den Händen, um dadurch den Fruchtbarkeitssegen auf die Weiber herab zu beschwören, welche sie berührten Ovid (Fasti, 2, 267 – 452) hat uns eine amüsante Beschreibung von den Torheiten der Alten gegeben, die immer noch soviel Andacht erregte, dass ein würdiger Beamter, der nackt durch die Straßen zog, durchaus nicht zum Gegenstand der Befremdung oder des Gelächters wurde. . Der von dem Arkadier Evander in einem dunklen Winkel des Palatins errichtete Pan-Altar wurde durch eine nie versiegende Quelle bewässert und von einem Wäldchen beschattet. Die Überlieferung, dass an dieser Stelle die Wölfin Romulus und Remus gesäugt habe, machte sie den Römern noch heiliger und achtbarer; doch wuchsen allmählich um diesen Waldflecken die städtischen Gebäude des Forums empor Siehe Dionysius Halicarnassos 1,79. Donati (Roma vetus ac recens, Buch 2, p. 173f.) und Nardini (Roma antica, p. 386f.) die römischen Altretumsforscher, haben versucht, das Lupercal zu bestimmen. . Auch nach der Bekehrung der Kaiserstadt fuhren die Christen fort, im Februarmond das jährliche Fest der Lupercalien zu begehen; schrieben sie ihnen doch einen geheimen, mysteriösen Einfluss auf die Zeugungskräfte der Tiere und der Pflanzen zu. Die Bischöfe Roms waren eifersüchtig bestrebt, diesen weltlichen Brauch abzustellen, der dem Geiste des Christentums so offenkundig widersprach; aber die zivilen Magistrate zeigten sich ihrem Eifer abgeneigt: der eingefleischte Missbrauch blieb bis zum Ende des fünften Jahrhunderts am Leben; und Papst Gelasius, der die Stadt von diesem letzten heidnischen Stein des Anstoßes befreite, beschwichtigte mit einer offiziellen Entschuldigung Senat und Volk, welche dawider murrten Baronius hat aus den Manuskriptsammlungen des Vatikans den Brief des Gelasius veröffentlicht (A.D. 496, Nr. 28 – 45), mit dem Titel ‚Adversus Andromachum Senatorem, caeterosque Romanos, qui Lupercalia secundum morem pristinum colenda constituebant.'(Gegen den Senator Andromachus und die übrigen Römer, welche die Lupekalien nach alter Sitte zu feiern beschlossen). Gelasius argwöhnt stets, dass seine Gegner nur formal Christen seien, und um ihnen an albernen Vorurteilen nicht nachzustehen, sieht er in diesem unschuldigen Fest die Ursache für alle Übel seiner Zeit. .   KRIEGVORBEREITUNGEN GEGEN DIE VANDALEN A.D. 468 In allen öffentlichen Verlautbarungen unterstreicht Kaiser Leo die Autorität seines Sohnes Anthemius und versichert ihn seiner Zuneigung, mit dem er sich die Herrschaft über das Universum geteilt habe »Itaque nos quibus totius mundi regimen commisit superna provisio.... Pius et triumphator semper Augustus filius noster Anthemius, licet Divina Majestas et nostra creatio pietati ejus plenam Imperii commiserit, potestatem, etc« (Und so hat die himmlische Vorhersehung, die uns die Herrschaft über alles Erdreich überlassen hat...Der fromme uns immer siegreiche Augustus, unser Sohn Anthemius – die göttliche Majestät und meine Wahl erlauben es, seiner Frömmigkeit das vollständige Oberkommando anzuvertrauen...). Soweit der würdige Stil des Leo, den Anthemius voller Achtung ‚Mein Herr und Vater›heiligster Fürst‹ nennt. Siehe NovellaeAnthemii 2 und 3 am Schluss des Codex Theodosianus. . Leos Lage und wohl auch sein Charakter rieten ihm von den Mühen und Gefahren eines afrikanischen Feldzuges ab. Aber dennoch wurden die Kräfte des Ostens gewaltig angestrengt, um Italien und den Mittelmeerraum von den Vandalen zu säubern; und Geiserich, der so lange über Länder und Meere geherrscht hatte, sah sich unversehens von allen Seiten bedrängt. Der Präfekt Heraclius Der Feldzug des Heraclius ist von Schwierigkeiten umdunkelt (Tillemont, Histoire des empereurs Band 6, p. 640), und nur mit viel Fingerspitzengefühl kann man Theophanes Umständlichkeiten benutzen und dabei zugleich Procops verständiger Darstellung gerecht werden. eröffnete mit einem kühnen und erfolgreichen Unternehmen die Kampagne. Unter seinem Kommando wurden Truppen aus Ägypten, Thebais und Lybien eingeschifft; und mit Pferden und Kamelen öffneten die Araber den Weg in die Wüste. Heraclius landete an der Küste von Tripoli, überrumpelte und besetzte die Städte dieser Kolonie und schickte sich an, sich durch einen Gewaltmarsch, den Cato einst vollführt hatte, mit den kaiserlichen Truppen unter den Mauern von Karthago zu vereinen Catos Marsch von Berenike in der Provinz Cyrene war bedeutend länger als der des Heraclius von Tripoli. Er durchquerte die schwergängige Sandwüste in dreißig Tagen, und es war nötig gewesen, neben der normalen Verpflegung eine große Anzahl von Wasserschläuchen bereit zu stellen sowie mehrere ‚psylloi', denen man eine besondere Fähigkeit nachsagte, die Wunden auszusaugen, die die Schlangen ihres Heimatlandes gebissen hatten. Plutarch, Cato Uticensis 56; Strabo, Geographica 17, p. 1193. . Die Nachricht von diesem Verlust bestimmte Geiserich zu einigen hinhaltenden und wirkungslosen Friedensangeboten; noch mehr indessen schreckte ihn die Versöhnung des Marcellinus mit den beiden Reichen auf. Dieser eigenwillige patricius hatte sich bereit gefunden, den rechtmäßigen Titel Anthemius anzuerkennen, woraufhin er ihn auf seinem Marsch auf Rom begleitet hatte; die dalmatinischen Flotte fand in den Häfen Italiens Aufnahme; die Vandalen wurden durch Marcellinus' zupackendes Durchgreifen aus Sardinien vertrieben; und selbst das träge Rom steuerte zu den ungeheuren Vorbereitungen des Ostreiches einiges bei. Die Kosten für die Bewaffnung der Flotte, die Leo gegen die Vandalen aufrüstete, wurden übernommen; und die Kosten dieser Maßnahme werfen einiges Licht auf den Reichtum des untergehenden Reiches; die Privatschatulle des Herrschers steuerte siebenzehntausend Pfund bei; siebenundvierzigtausend Pfund Gold und siebenhunderttausend Pfund Silber flossen in die Schatzkammern der Reichspräfekten. Aber die Städte verarmten darüber; und eine sorgfältige Berechnung der Geldbußen und Beschlagnahmungen, die keine verächtlichen Einnahmequellen darstellten, lassen vor uns nicht das Bild von einer gnadenreichen Verwaltung entstehen. Die Gesamtkosten des Afrikanischen Feldzuges, wie immer sie nun aufgebracht worden sein mochten, beliefen sich auf einhundertdreißigtausend Pfund Gold oder fünf Millionen zweihunderttausend Pfund Sterling, und dies zu einer Zeit, als der Wert des Geldes, gemessen am Getreidepreis, höher gewesen sein muss als in der Gegenwart Die Gesamtsumme wird von Procopius eindeutig angegeben (De bello Vandalico 1,6); Einzelbeträge, welche Tillemont in mühsamer Arbeit aus den Byzantinischen Autoren zusammengetragen hat (Histoire des empereurs Band 6, p. 396), sind weniger zuverlässig und dazu weniger wichtig. Der Historiker Malchus beweint das allgemeine Elend (Auszug aus der Suda, fr. 2a, im Corpus Byzantinae Historiae); aber er tut Leo sicher Unrecht mit der Beschuldigung, dass er Schätze horte, die er dem Volk abgepresst habe. . Die Flotte, die von Konstantinopel nach Karthago in See stach, bestand aus elfhundertunddreizehn Schiffen und war mit über einhundert Soldaten und Seeleuten bemannt. Dem Bruder der Kaiserin Valeria, Basiliscus, hatte man das Oberkommando anvertraut. Seine Schwester, Leos Frau, hatte seine Verdienste in den früheren Feldzügen gegen die Skythen überzeichnet. Aber die Entdeckung seiner Schuld oder Unfähigkeit blieb für den Feldzug nach Afrika aufgehoben; und seine Freunde konnten seine militärische Reputation nur durch die Versicherung retten, dass er mit Aspar sich verschworen habe, das Leben Geiserichs zu schonen und die letzte Hoffnung des Westreiches zu betrügen.   DER AFRIKAFELDZUG SCHLÄGT FEHL Die Erfahrung hat gelehrt, dass der Erfolg eines Angreifers fast immer von dem Nachdruck und der Schnelligkeit abhängt, mit der er seine Maßnahmen durchführt. Der Eindruck der ersten Erfolge wird durch Bummelei zunichte gemacht; Gesundheit und Geist einer Truppe siechen in fremden Ländern dahin; die See- und Landstreitkräfte werden unmerklich aufgerieben; und jede Stunde, die mit fruchtlosen Unterhandlungen vertan wird, gewöhnt den Feind an den Schrecken, den sein Gegner verbreitete und der zunächst unwiderstehlich erschien. So segelte die gewaltige Flotte des Basiliscus glücklich vom thrakischen Bosporus an die Küsten Afrikas. Er landete seine Truppen am Kap Bona, auch genannt das Vorgebirge des Merkur, etwa vierzig Meilen von Karthago entfernt Dieses Vorgebirge befindet sich vierzig Meilen vor Karthago (Prokopios 1,6) und zwanzig Meilen von Sizilien entfernt. (Shaw,Travels,p.89). Scipio landete einst tiefer in der Bucht. Siehe auch die anschauliche Schildeung bei Livius 29,26f. . Die Armee des Heraclius und die Flotte des Marcellinus vereinten sich mit dem kaiserlichen General oder unterstützten ihn zumindest; und die Vandalen, die sich ihrem Vormarsch zu Wasser und zu Lande entgegenstemmten, wurden allmählich besiegt Theophanes (p. 100) versichert uns, dass zahlreiche Schiffe der Vandalen versenkt wurden. Die Versicherung des Jordanes (de successione regnorum), dass Basiliscus Karthago angegriffen habe, muss man nicht eben streng wörtlich nehmen. . Hätte Basiliscus den Augenblick der Verwirrung genutzt und die Hauptstadt entschlossen angegriffen, dann hätte Karthago sich ergeben müssen, und um das Reich der Vandalen wäre es geschehen gewesen. Geiserich jedoch begegnete der Gefahr mit Festigkeit und entzog sich der Gefahr mit seiner altbewährten Geschicklichkeit. Er bekundete in dem unterwürfigsten Sprachduktus, dass er bereit sei, sich und sein Reich dem Herrschaftsanspruch des Kaisers zu unterwerfen; nur eine Waffenruhe von fünf Tagen erbat er sich, während welcher Frist die Kapitulationsbedingungen ausgehandelt werden sollten; und allgemein glaubte man, dass dieses Entgegenkommen den Erfolg der offen geführten Verhandlung befördern würde. Anstelle nun mit Entschiedenheit alle Zumutungen seines Gegners zurückzuweisen, erklärte sich der arglose – oder schuldbeladene – Basiliscus mit dem fatalen Waffenstillstand einverstanden; und in unentschuldbarer Leichtfertigkeit sah er sich bereits als Bezwinger Afrikas. Schon während dieser kurzen Frist drehte sich er Wind zugunsten der Entwürfe Geiserichs. Er bemannte seine größten Kriegsschiffe mit seinen besten Männern, Vandalen und Mauren, welche eine große Zahl von Booten in Schlepp nahmen, welche sämtlich mit leicht brennbaren Materialien vollgestopft waren. Im Schutze der Nacht wurden diese brandgefährlichen Fahrzeuge gegen die ahnungslose und unbewachte römische Flotte in Bewegung gesetzt, auf der man erst im Augenblick der unmittelbaren Gefahr reagierte. Da sie dichtgedrängt vor Anker lag, breitete sich das Feuer rasend schnell und mit unwiderstehlicher Gewalt aus; das Geräusch des Windes, das Prasseln der Flammen und die Schreckensschreie der Soldaten und Seeleute, die weder gehorchen noch befehlen konnten, erhöhten die Panik des nächtlichen Aufruhrs. Und während sie versuchten, die Brander zurückzustoßen und so wenigstens einen Teil der Flotte zu retten, griffen die Kriegsschiffe Geiserichs sie geordnet und zielstrebig an; und zahllose Römer, die der Wut der Flammen entkommen waren, wurden nunmehr von den siegreichen Vandalen getötet oder gefangen genommen. Während der Ereignisse dieser desaströsen Nacht tat sich der verzweifelte Mut von Johannes, eines Unterfeldherrn des Basiliscus rühmlich und unvergessen hervor. Als das Schiff, das er bis dahin tapfer verteidigt hatte, von den Flammen fast aufgezehrt war, sprang er in voller Rüstung ins Meer, wies verächtlich das Mitleid von Genso, Geiserichs Sohn, zurück, der ihm ehrenhaftes Quartier aufnötigen wollte, und versank; wobei er mit seinem letzten Atemzug rief, dass er niemals diesen gottlosen Hunden lebend in die Hände fallen werde. Basiliscus, den ein ganz anderer Geist beseelte und der sich schon zu Beginn des Kampfes schmachvoll dorthin verzogen hatte, wo die Gefahr am geringsten war, kehrte nach Konstantinopel zurück, nachdem er das halbe Heer und die halbe Flotte eingebüßt hatte und nahm dort Zuflucht im Heiligtum der Sophia, bis endlich seine Schwester durch Tränen und drängendes Flehen bei dem empörten Kaiser Gnade für ihn erwirkt hatte. Heraclius nahm seine Zuflucht in der Wüste; und Marcellinus zog sich nach Sizilien zurück, wo er – vermutlich auf Betreiben Ricimers – von einem seiner Offiziere ermordet wurde; und so konnte der König der Vandalen nicht umhin sich drüber zu verwundern, dass die Römer eigenhändig seine einzigen Gegner von Rang aus der Welt geschafft hatten Damaskios, Vita Isidori, bei Photios, p. 1048. Vergleicht man die drei einzigen aus jener Zeit überlieferten Chroniken, dann will es scheinen, dass Marcellinus bei Karthago gekämpft hatte und in Sizilien getötet wurde. . Nachdem nun der groß angelegte Feldzug in einem einzigen Fiasko geendet hatte, wurde Geiserich neuerlich zum Herrscher des Meeres.   A.D.477 Die Küsten Italiens, Griechenlands und Kleinasiens überschwemmte er mit seinen Beute- und Rachegelüsten, Tripolis und Sardinien wurden ihm erneut untertänig, Sizilien reihte er unter die tributpflichtigen Provinzen; und kurz vor seinem Tode, in er Fülle seiner Jahre und seines Ruhmes, wurde er noch Zeuge des endgültigen Unterganges des Weströmischen Reiches Zum Afrikanischen Feldzug siehe: Prokopios, (de BelloVandalico 1,6); Theophanes (p. 99f.); Kedrenos (p. 349f.) und Zonaras (16,1) Montesquieu (Considérations 20 hat hierzu eine aufschlussreiche Bemerkung gemacht. .   EROBERUNGEN DER WESTGOTEN IN SPANIEN UND GALLIEN 462-472 Während seiner langen und ereignisreichen Herrschaft hatte der Herrscher Afrikas die freundschaftlichen Beziehungen zu den Barbaren Europas nicht vernachlässigt, deren Waffen er zu passender Zeit gezielt gegen die beiden Reiche hätte einsetzen können. Nach Attilas Tod erneuerte er den Bündnisvertrag mit den Westgoten, die damals in Gallien siedelten; und die Söhne von Theoderich dem Älteren, die nacheinander dieses kriegsgewohnte Volk geführt hatten, fanden sich leicht dazu bestimmt, aus schnödem Eigennutz den tödlichen Schimpf zu vergessen, den Geiserich ihrer Schwester angetan hatte Jordanes (Getica 44-47) ist für die Regierungszeiten von Theoderich II und Eurich unsere beste Quelle. Hydatius schließt sein Werk zu früh ab, und Isidor geizt mit den Einzelheiten aus dem spanischen Krieg. Die Ereignisse betreffend Gallien ausführlich bei Abbé Dubos, Histoire critique,Band 1, Buch 3, p. 424-620. . Der Tod des Kaisers Maiorian erlaubte es Theoderich, Rücksichten auf seine Ängste oder seine Ehre hintan zu stellen. Zunächst einmal brach er den neuen Vertrag mit den Römern; und die großflächige Landschaft an der Norbonne ward ihm zur Belohnung, die er denn auch unverzüglich fest an sein Herrschaftsgebiet band. Ricimers eigennützige Politik ermutigte ihn, in die Provinzen einzufallen, die noch unter der Herrschaft seines Rivalen Aegidius standen; aber der tatkräftige comes rettete Gallien durch die erfolgreiche Verteidigung von Arles und seinen Sieg bei Orleans und hielt, solange er am Leben war, den Vormarsch der Westgoten siegreich auf. Nun aber ward ihr Ehrgeiz wieder belebt; und der Plan, Roms Herrschaft in Spanien und Gallien zu stürzen, wurde unter der Regierung des Eurich gefasst und auch nahezu vollendet, der seinen Bruder Theoderich ermordet hatte und danach in Krieg und Frieden anspruchsvollere Fertigkeiten bewährte. Er überquerte an der Spitze einer starken Armee die Pyrenäen, unterwarf die Städte Saragossa und Pampeluna, besiegte in offener Feldschlacht den Kriegeradel von Tarragona, stieß mit seiner siegreichen Armee nach Lusitanien vor und gestattete den Sueben, das Königreich Galizien unter der Oberhoheit der Goten in Spanien zu behalten Marina, Historiae de rebus Hispanicae, Band 1, p. 162. . In Gallien waren Eurichs Bestrebungen nicht minder nachdrücklich und erfolgreich; und in dem ganzen Land zwischen Pyrenäen und Rhone und Loire waren Berry und die Auvergne die einzige Stadt bzw. Diözese, die ihm die Unterwerfung verweigerten Eine unvollständige, aber naturnahe Darstellung Galliens und besonders der Auvergne bietet Sidonius (5. Epistulae 1, 5, 9), der als Senator und späterer Bischof am Schicksal seines Landes besonderes Interesse hatte. . Bei der Verteidigung ihrer Hauptstadt Clermont ertrugen die Bewohner der Auvergne unerschüttert die Bedrückungen des Krieges, Pest und Hunger; und die Westgoten gaben ihre Hoffnungen auf diese wichtige Eroberung auf und beendeten die fruchtlose Belagerung. Zusätzlich befeuert wurde die Jugend des Landes durch die schier unglaubliche Heldentat des Ecdicius, des Sohnes von Avitus Sidonius 3, Epistulae 3, Gregor von Toers 2,24 und Jordanes 45. Möglicherweise war Ecdicius nur der Stiefsohn des Avitus, der Sohn seiner Frau von ihrem vorigen Manne. : er machte einen Überraschungsangriff mit nur achtzehn Reitern, griff das Gotenheer an und kehrte nach einem fliegenden Gefecht sicher und wohlbehalten nach Clermont zurück. Ebenso groß wie sein Mut war seine Mildtätigkeit; in Zeiten äußerster Knappheit ließ er tausende Bedürftiger auf seine Kosten speisen, und eine Armee zur Befreiung der Auvergne wurde auf sein Betreiben aufgestellt. Allein sein Edelsinn vermochte den treuen Bürgern Galliens noch Hoffnung auf Sicherheit und Freiheit zu erhalten; und selbst dies reichte nicht hin, den drohenden Untergang von seinem Land abzuwenden, da sie zu furchtsam waren, sich nach seinem Vorbild zwischen Exil oder Sklaverei zu entscheiden »Si nullae a republica vires, nulla praesidia, si nullae, quantum rumor est, Anthemii principis opes, statuit, et auctore, nobilitas, seu patriam dimitere seu capillos (Wenn die Republik keine Soldaten mehr hat, keine Macht, wenn Kaiser Anthemius, wie das Gerücht geht, keine Mittel mehr hat, dann hat unser Adel unter seiner Führung beschlossen, entweder das Vaterland aufzugeben oder seine – Haare). Sidonius 2.Episulae 1,4. Die letzte Anmerkung könnte auch die geistliche Tonsure meinen, für die sich Sidonius selbst auch entschieden hatte. . Das Vertrauen der Öffentlichkeit war ruiniert; die Mittel des Staates erschöpft; und die Gallier hatten alle Veranlassung zu der Annahme, dass Anthemius, der Herrscher Italiens, sich als ungeeignet erweisen werde, seinen bedrängten Untertanen jenseits der Alpen wirkungsvoll beizustehen. Lediglich zwölftausend Mann britannische Hilfstruppen konnte der schwache Herrscher zu ihrem Schutz bereitstellen. Einer der unabhängigen Stammeshäuptlinge der Insel, Riothamus, konnte überredet werden, seine Truppen auf den Kontinent nach Gallien zu schicken; er schiffte die Loire aufwärts und schlug sein Lager in Berry auf, wo sich die Bevölkerung über diese übermächtigen Verbündteten beklagten, bis sie denn endlich durch die Waffen der Westgoten vertrieben oder umgebracht wurden Die Geschichte dieser Goten kann man nachlesen bei Jordanes Getica 44 und 45, Sidonius 3, Epistulae 9 an Riothamus und Gregor von Tours 2,18. Sidonius, der diese Söldnertruppe ‚ argutos, armatos, tumultuosos, virtute, numero, contubernio, contumaces' (listig, gut bewaffnet, unruhig, tüchtig; verschworen und unbeugsam) bezeichnet, redet zu ihrem Befehlshaber im freundschaftlich-vertrautem Tone. .   DER PROZESS GEGEN ARVANDUS A.D. 468 Eine der letzten Rechtsprechungsakte, die der römische Senat über einen seiner gallischen Untertanen ausübte, war der Prozess und die Verurteilung des Prätorianerpräfekten Arvandus. Sidonius, der sich freute, in einer Zeit zu leben, in welcher er für einen Staatsverbrecher hätte Sympathie empfinden dürfen, hat mit Wärme und Freisinn die Fehler seines unbedenklichen und glücklosen Freundes eingestanden Siehe Sidonius 1, Epistulae 7, mit Sirmonds Anmerkungen. Dieser Brief ehrt beides, seinen Verstand und seine Herzensbildung. Die Prosa des Sidonius, wie sehr sie auch durch Affektiertheit verderbt sein mag, steht deutlich über seinen geistlosen Versen. . Dass er verschiedentlich Gefahren entkommen war, hatte Arvidus selbstsicher, aber nicht eben klüger gemacht; und so notorisch unbedacht verhielt er sich, dass sein Aufstieg eine größere Überraschung darstellt als sein endlicher Untergang. Seine zweite Präfektur binnen fünf Jahren annullierte die Verdienste der ersten deutlich. Sein oberflächlicher Charakter war durch Schmeichelei eingelullt und durch Widerspruch rasch gereizt; die Forderungen seiner zudringlichen Gläubiger befriedigte er aus den Einnahmen der Provinz; mit seiner Launenhaftigkeit stieß er die gallischen Adligen vor den Kopf und häufte den öffentliche Unmut auf sich. Schließlich sah er sich genötigt, sich wegen seiner Aufführungen vor dem Senat zu rechtfertigen; er überquerte das Tuscanische Meer mit günstigen Winden, was er naiver Weise für ein günstiges Vorzeichen ansah. Ein gewisser Respekt vor seinem Amt als Prätorianerpräfekt war freilich noch spürbar; in Rom angekommen, wurde Arvandus eher der Gastfreundschaft als der Aufsicht des Flavius Asellus anvertraut, welcher der Hüter der Weihegeschenke war und auf dem Kapitol residierte Nachdem das Kapitol seine Funktion als Sakralgebäude verloren hatte, stand es den zivilen Magistraten zu beliebiger Nutzung zur Verfügung; und auch heute ist es noch die Residenz des römischen Senates. In den Porticos dürfen Juweliere u.a. ihre kostbaren Waren auslegen. . Seine Verfolger setzten ihm nachdrücklich zu, vier Repräsentanten Galliens, die sich durch Herkunft, Stellung und Beredsamkeit auszeichneten; diese nun strengten im Namen ihres Landes und entsprechend den Formvorschriften der römischen Rechtsprechung eine Zivilklage und einen Strafprozess an, indem sie angemessenen Ersatz für die Verluste der Einzelnen beantragen und zugleich durch strenge Bestrafung dem staatlichen Strafanspruch Genüge zu tun verlangten. Zahlreich und schwerwiegend waren die Anklagepunkte wegen räuberischer Erpressung; aber ihre eigentliche prozessuale Geheimwaffe war ein Brief, welchen sie abgefangen hatten und von dem sie mit Hilfe der Aussage seines Schreibers beweisen konnten, dass er von Arvandus persönlich diktiert worden war. Der Verfasser schien darin den Gotenkönig von einem Friedensschluss mit dem König der Griechen abbringen zu wollen; zugleich schlug er einen Angriff auf die Briten an der Loire vor und empfahl die Teilung Galliens zwischen den Westgoten und Burgunder »Haec ad regem Gothorum, charta videbatur emitti pacem cum Graeco Imperatore dissuadens, Britannos super Ligerim sitos impugnari oportere demonstrans, cum Burgundionibus jure gentium Gallias dividi debere confirmans«. . Diese bösartigen Entwürfe, die selbst ein wohlmeinender Freund nur als törichten Leichtsinn bagatellisiert hätte, ließen durchaus die Interpretation des Hochverrates zu; und die gallischen Prozessbevollmächtigten hatten mit viel Umsicht dafür Sorge getragen, dass von ihrer schärfsten Waffe bis zu Prozessbeginn nichts ruchbar werde. Indessen, der dienstbare Eifer des Sidonius erriet ihre Absichten. Unverzüglich entdeckte er dem Arglosen die Gefahr; und beklagte aufrichtig und ohne Zutat von Verdruss den Hochmut des Arvandus, welcher es ablehnte, seines Freundes heilsamen Rat anzunehmen, ja, ihn sogar übel aufnahm. In Unkenntnis seiner heiklen Lage ließ sich Arvandus in der weißen Toga eines Kandidaten auf dem Kapitol blicken, nahm unbedenklich Huldigungen und Dienstleistungsangebote entgegen, betrat die Läden der Kaufleute, prüfte die Seidengewänder und Edelsteine, zuweilen wie ein unschlüssiger Müßiggänger, zuweilen wie ein kaufentschlossener Kunde, beklagte sich über die schlechten Zeiten, die Regierung, den Kaiser und den schleppenden Gang der Justiz. Schon bald war diesem letzten Teil seiner Klagen abgeholfen. Für seinen Prozess wurde ein früher Termin anberaumt; und Arvandus erschien zusammen mit seinen gallischen Anklägern vor dem zahlreich versammelten Senat. Während sie in schlichter Kleidung erschienen und hierdurch die Sympathien der Richter auf ihre Seite zogen, verärgerte ihr Gegner das Gericht durch seinen prunkvollen und selbstgefälligen Auftritt; und als man dann Arvandus und den ersten gallischen Prozessbevollmächtigten aufforderte, ihren Platz einzunehmen, wurde der gleiche Gegensatz zwischen Bescheidenheit und Maßlosigkeit bemerkt. In diesem denkwürdigen Prozess, welcher ein getreues Abbild der alten Republik lieferte, legten die Gallier mit Nachdruck und Freimut die Bedrängnisse der Provinzen dar; und als das Publikum in der rechten Stimmung war, trugen sie den verhängnisvollen Brief vor. Arvandus in seiner Verbohrtheit beharrte aus dem merkwürdigen Standpunkt, dass ein Untertan, der nicht gerade nach dem Purpur getrachtet habe, unmöglich des Verrates bezichtigt werden könne. Als nun Brief vorgelesen worden war, bestätigte er laut, nachdrücklich und wiederholt seine Urheberschaft; und Überraschung und Entsetzen hielten sich bei ihm etwa die Waage, als ihn der Senat tatsächlich einstimmig eines Kapitalverbrechens schuldig sprach; er wurde aufgrund dieses Urteiles seines Amtes als Reichpräfekt enthoben, zum Plebejer degradiert und von Sklavenhand und in Schanden in das Staatsgefängnis verbracht. Nach vierzehntägiger Unterbrechung trat der Senat erneut zusammen, das Todesurteil zu verhängen; aber während er auf der Insel des Äskulap auf das Ende der Dreißig-Tage-Frist wartete, die die Gesetze der Alten noch dem übelsten Verbrecher zubilligten Senatusconsultum Tiberianum¸(Sirmond, Anmerkungen, p.7); aber dieses Gesetz sah nur zehn Tag zwischen Urteil und Hinrichtung vor; die übrigen zwanzig stammen aus der Zeit des Theodosius. , hatten sich seine Freunde eingeschaltet, der Kaiser Anthemius ein Einsehen gehabt, und der Reichspräfekt wurde zu Exil und Vermögenskonfiskation begnadigt. Die Tapsigkeiten des Arvandus hätten vielleicht Mitleid hervorrufen können; aber die Vergehen des Seronatus beleidigten jedes Rechtsempfinden, bis er schließlich auf Betreiben und Beschwernis der Bürger der Auvergne verurteilt und hingerichtet wurde. Dieser verabscheuungswürdige Minister, der der Catilina seiner Zeit und seines Landes genannt wurde, unterhielt eine heimliche Korrespondenz mit den Westgoten, um die von ihm ausgeplünderte Provinz zu verraten; eifrig erwies er sich lediglich im Ersinnen immer neuer Abgaben und Steuern, und seine Laster wären verächtlich gewesen, wenn sie nicht Schrecken und Abscheu erregt hätten »Catilina saeculi nostri« (ein Catilina der Gegenwart) heißt es bei Sidonius (2, Epistulae 1,5,13 und 7,7); er verflucht die Verbrechen des Seronatus und begrüßt dessen Bestrafung. Vielleicht geschah dies mit der Empörung des tugendsamen Bürgers, vielleicht auch mit den Gefühlen der Abneigung eines persönlichen Feindes. .   ZWIETRACHT ZWISCHEN ANTHEMIUS UND RICIMER A.D. 471 Derlei Verbrechen lagen noch nicht außerhalb der Reichweite der Justiz; aber welche Schuld auch immer Ricimer auf sich geladen haben mochte, dieser mächtige Barbar war imstande, den Herrscher zu bekämpfen oder mit ihm zu verhandeln, nachdem er mit ihm ein Bündnis einzugehen sich herabgelassenhatte. Die friedensreiche und blühende Herrschaft, die Anthemius dem Westen versprochen hatte, war schon bald von Fehlschlägen und Zwietracht umwölkt. Ricimer, der einen Mächtigeren neben sich nicht dulden mochte oder konnte, zog sich aus Rom zurück und richtete seine Residenz in Mailand auf, von wo er die kriegerischen Stämme zwischen Alpen und Donau leicht zurückschlagen oder an sich ziehen konnte Unter der Herrschaft des Anthemius hatte Ricimer den Alanenkönig Beogor in einer Schlacht besiegt und getötet (Jordanes, Getica 45). Seine Schwester hatte den Burgunderkönig geheiratet, und er selbst stand mit den Kolonien der Sueben in Pannonien und Norikum in enger Verbindung. . Italien war unmerklich in zwei unabhängige und feindliche Königreiche zerfallen; und der Adel Liguriens, der vor eine Bürgerkrieg mit Schrecken herannahen sah, warf sich vor dem patricius in den Staub und flehte, ihres unglückseligen Landes zu schonen. »Mir für meinen Teil«, erwiderte Ricimer im Tone beleidigender Zurückhaltung »ist nach wie vor an der Freundschaft mit dem Galater gelegen; und wer will sich da unterfangen, seinen Zorn zu dämpfen oder den hohen Mut zu beschwichtigen, der sich bei eurer Unterwerfung zuverlässig erheben wird? »Galatam concitatum.« (Leidenschaftlicher Galater). Sirmond schreibt diesen Beinamen Anthemius persönlich zu. Der Herrscher war vermutlich in der Provinz Galata geboren, deren Bewohner, die Gallo-Griechen, in sich die Laster eines kulturlosen und eines entarteten Volkes vereinigten. « Sie setzten ihn davon in Kenntnis, dass Epiphanius, der Bischof von Pavia, in sich die Klugheit der Schlange und die Unschuld der Taube vereine; und sie vertrauten zuversichtlich darauf, dass die Beredsamkeit eines solchen Abgesandten sich gegen den stärksten Widerstand des Eigennutzes durchsetzen werde Epiphanius amtete dreißig Jahre (A.D. 467 – 487) als Bischof von Pavia. (Tillemont, Memoires ecclésiastiques Band 16, p. 788) Die Nachwelt hätte Leben und Werke dieses Mannes wohl vergessen, wenn nicht sein Nachfolger Ennodius eine Lebensbeschreibung hinterlassen hätte (siehe Sirmond, Opera Band 1, p. 1647-1692), in welcher er ihn als eine der großen Persönlichkeiten seiner Zeit darstellt. . Diese Empfehlung fand allgemeinen Beifall; und Epiphanius übernahm die dankbare Vermittlerrolle und begab sich unverzüglich nach Rom, wo man ihn mit der seinen Verdiensten angemessenen Aufmerksamkeit empfing. Die Rede des Bischofs für den Frieden mag man sich leicht vorstellen: er führte aus, dass unter allen Umständen das Verzeihen von Unrecht ein Akt der Gnade, der Großherzigkeit oder der Klugheit sei; und eindringlich mahnte er den Kaiser, von einem Krieg mit einem wilden Barbaren abzustehen, der für ihn selbst verhängnisvoll sein könne, für seinen Herrschaftsbereich aber zuverlässig den Ruin bedeute. Anthemius verschloss sich dem Wahrheitsgehalt dieser Grundsätze nicht; aber in seinem Innersten fühlte er mit Empörung und Seelennot Ricimers Wirken, und da gab ihm der Hass die passenden Worte ein. »Welche Gunst«, rief er mit Nachdruck aus, »haben wir diesem Undankbaren nicht gewährt? Welche Kränkung nicht erduldet? Der Majestät meines Purpurs ungeachtet gab ich meine Tochter einem Goten zum Weibe; für die Sicherheit des Landes habe ich mein eigen Blut dahingegeben. Diese Großherzigkeit, die uns die immerwährende Anhänglichkeit Ricimers hätte einbringen sollen, hat ihn gegen seinen Wohltäter aufgebracht. Welchen Krieg hat er eigentlich nicht gegen das Reich angezettelt? Wie oft ist er nicht der Krieglust befeindeter Nationen beigesprungen? Und nun soll ich mit dem Argen Freundschaft schließen? Kann ich denn darauf hoffen, dass er die Bedingungen eines Friedensvertrages einhalten wird, er, der die Pflichten eines Sohnes verletzt hat?« Aber der Ärger des Anthemius hatte sich mit diesen Kraftäußerungen erschöpft; unmerklich schloss er sich den Vorschlägen des Bischofs an; und dieser selbst kehrte zu seiner Diözese zurück mit dem erhebenden Gefühl, den Frieden in Italien gerettet und eine Wiederversöhnung eingeleitet zu haben, an deren Stabilität und Dauer indessen der eine oder andere Zweifel aufkeimen mochte Ennodius hat uns von dieser Gesandtschaft berichtet. Seine naturnotwendig wortreiche und aufgeblähte Darstellung malt dennoch einige interessante Einzelheiten im Zusammenhang mit dem Untergang des Westreiches. . Die Nachgiebigkeit des Kaisers zumindest war nur ein Ergebnis seiner Schwäche; und Ricimer ließ seine ehrgeizigen Entwürfe solange ruhen, bis er alle Zurüstungen vollendet hatte, mit denen er den Thron des Anthemius zu stürzen hoffte. Dann allerdings warf er die Friedens- und Freundschaftsmaske beiseite. Die Armee des Ricimer war durch starke Kontingente von Burgundern und Ost-Sueben verstärkt worden. Er kündigte alle Verträge mit dem Griechischen Kaiser, marschierte von Mailand auf Rom, schlug sein Lager am Ufer des Anio auf und wartete ungeduldig auf die Ankunft des Olybrius, seines Kandidaten für den Kaiserthron.   OLYBRIUS WIRD KAISER DES WESTENS 23. MÄRZ 472 Der Senator Olybrius aus der Familie der Anicier mochte sich mit gutem Grund für den rechtmäßigen Erbe des Westreiches halten. Er hatte Valentinians jüngere Tochter Placidia geheiratet, nachdem Geiserich sie neuerlich erhoben hatte; und der nach wie vor dessen Schwester Eudoxia als die Frau, oder besser: die Gefangene seines Sohnes festhielt. Der Vandalenkönig unterstützte nach Kräften die Ansprüche seines römischen Verbündeten; und nannte als einen der Gründe für seinen Kriegseintritt die Weigerung des römischen Senates und des Volkes, ihren gesetzmäßigen Herrscher anzuerkennen und dafür einem unwürdigen Fremden den Vorzug zu geben Priscus, Excerpta legationum fr. 29; Prokopios, de bello Vandalico 1,6.Eudoxia und ihre Tochter kamen nach dem Tode des Maiorianus erneut zu Ehren. Vielleicht war das Konsulat des Olybrius (A.D. 464) eine Art Hochzeitsgeschenk. . Diese Freundschaft mit einem Staatsfeind machte Olybrius den Italienern womöglich noch unpopulärer; als aber Ricimer über den Sturz des Kaisers Anthemius mit sich zu Rate ging, trug er versuchend einem Kandidaten das Diadem an, der seine Rebellion mit seinem berühmten Namen und der Verbindung mit einem König rechtfertigen konnte. Der Gatte der Placidia, der wie die meisten seiner Vorgänger konsularische Würden ausgeübt hatte, hätte in dem sicheren und friedlichen Konstantinopel sich seiner Tage erfreuen können; auch scheint er nicht von der Art Genius besessen gewesen zu sein, welcher durch nichts anderes zufrieden gestellt werden kann als durch die Herrschaft über ein Weltreich. Indessen, Olybrius gab dem Zudringlichkeiten seiner Freunde und wohl auch seines Weibes nach; geriet schon sehr bald in die Nöte und Verhängnisse eines Bürgerkrieges und nahm mit dem stillschweigenden Einverständnis des Kaisers Leo den Purpur Italiens im Empfang, den ihm der unzuverlässige und launenhafte Wille eines Barbaren überlassen hatte. Er landete ohne Widerstand (denn Geiserich war Herr der Meere) entweder in Ravenna oder in Ostia und begab sich unverzüglich zum Lager Ricimers, wo er denn auch als der Herrscher der Westlichen Welt begrüßt wurde Das feindselige Auftreten des Olybrius wird alleine durch die Dauer seiner Herrschaft gekennzeichnet, der abweichenden Meinung der Pagi ungeachtet. Leos heimliches Einverständnis wird durch Theophanes und die Chronik des Paschalis bestätigt. Seine Motive kennen wir nicht; aber eigentlich kennen wir für fast alle Ereignisse von Bedeutung aus jenen dunklen Tagen die Hintergründe nicht. .   PLÜNDERUNG ROMS – TOD DES ANTHEMIUS 11. JULI 472 Der Patricius, der seine Militärposten vom Anio bis zur Milvischen Brücke stationiert hatte, besaß bereits die Hälfte Roms, den Vatikan und den Janiculum, den der Tiber vom übrigen Rom abtrennt Von den vierzehn Quartieren oder Stadtteilen, in die Augustus Rom einteilte, lag nur ein einziger, der Janiculum auf der tuskanischen Seite des Tibers. Im V Jhdt. bildete der Vatikan eine ansehnliche Siedlung; und infolge der durch Simplicius – des regierenden Papstes – vorgenommenen kirchlichen Einteilung wurden lediglich zwei der sieben Gemeinden der Kirche von St. Peter zugesprochen. Siehe Nardini, Roma antica, p. 67. Es würde eine zähfließende Abhandlung erfordern, um alle Einzelheiten darzutun, in denen ich von den Ansichten dieses gelehrten Römers abweiche. ; und es lässt sich vermuten, dass eine Versammlung abtrünniger Senatoren die äußeren Formen für eine legale Kaiserwahl beachteten. In ihrer Mehrheit jedoch standen Senat und Volk in Treue fest zu Anthemius' Sache; und tatsächlich ermöglichte ihm die resolute Hilfe einer Gotenarmee nicht nur seine Herrschaft, sondern auch die Not des Volkes zu verlängern, das unter Pest und Hunger in gleicher Weise zu leiden hatte. Endlich ließ Ricimer die Brücke des Hadrian (St. Angelo) stürmen, welcher enge Weg indessen mit gleichem Nachdruck und bis zum Tode ihres Häuptlings Gilimer von den Goten verteidigt wurde. Siegreich und ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen brachen sie bis zum Stadtzentrum vor, und Rom (wenn wir die Sprache des zeitgenössischen Papstes übernehmen dürfen) wurde durch den bürgerlichen Fanatismus des Anthemius und Ricimer zerstört »Nuper Anthemii et Ricimeris civili furore subversa est.« Gelasius in einem Brief an Andromachus, bei Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 496, Nr 42. Sigonius (De occidentali Imperio, Buch 14. Opera Band 1, p. 542f.) und Muratori (Annali d'Italia, Band 4, p. 308) haben mit Hilfe einer leidlich unbeschädigten Handschrift der Historia miscella diesen dunklen und blutigen Vorfall erläutert. . Der glückverlassene Anthemius wurde aus seinem Versteck hervorgezerrt und auf Befehl seines Schwiegersohnes ermordet; welcher auf diese Weise einen dritten und womöglich vierten Herrscher zu seinen Opfern hinzufügte. Die Soldaten, die in sich die Verranntheit von politischen Parteigängern mit den ungehobelten Aufführungen des Barbaren vereinten, gaben sich unkontrolliert dem Morden und Rauben hin. Die Plebejer und Sklaven, die das Vorkommnis nicht weiter anging, konnten durch das allgemeine Plündern nur gewinnen; und so bot die Stadt den merkwürdigen Gegensatz zwischen systematischer Grausamkeit und ungezügelter Ausschreitung So war die »saeva ac deformis urbe tota facies«, (das furchtbare, zerstörte Antlitz der ganzen Stadt) anzuschauen, als Rom von Vespasians Truppen angegriffen und bestürmt wurde; und doch ist in der Zwischenzeit jede Art von Unglück durch ein noch größeres übertroffen worden. Die Jahrhunderte bringen immer wieder die gleichen Katastrophen; aber Jahrhunderte können vergehen, bevor ein neuer Tacitus geboren wird, sie zu beschreiben. .   TOD RIKIMERS 20. AUGUST 472 – OLYBRIUS Vierzig Tage nach dieser Katastrophe wurde Italien von seinem Tyrannen befreit, der an einer Krankheit qualvoll verstarb und der das Kommando über seine Armee seinem Neffen Gundobald, einem burgundischen Herrscher, übertragen hatte. Im einem Jahr wurden alle Hauptdarsteller dieses großen Stückes vom Schauplatz abberufen; und die Herrschaft des Olybrius, dessen Todesumstände keine Anzeichen von Gewalt erkennen lassen, dauerte noch nicht einmal sieben Monate. Er hinterließ eine Tochter aus seiner Ehe mit Placidia; und die Familie von Theodosius dem Großen, die von Spanien nach Konstantinopel verpflanzt war, lebte in der weiblichen Linie noch acht Generationen weiter Siehe du Cange, Familiae Byzantinae, p. 74f. Areobindus, der eine Nichte des Kaisers Justinian geheiratet zu haben scheint, stammte aus der achten Generation nach Theodosius dem Älteren. .   JULIUS NEPOS UND GLYCERIUS WERDEN ZU KAISERN Während der verwaiste Thron in Italien der Willkür von Barbaren ausgeliefert war Diese letzten Umwälzungen im Westreich werden bei Theophanes (Chronographica p. 102), Jordanes (Getica 45), in der Chronik des Marcellinus und in Fragmenten eines unbekannten Autors am Ende von Ammianus, herausgegeben von Valesius (p. 716), nur beiläufig erwähnt. Wenn Potius nicht so grausam knapp wäre, könnten wir bedeutend mehr Informationen aus den zeitgenössischen Chroniken des Malchus und Candidus gewinnen. Siehe seine Excerpte, p. 172-179. , wurde die Wahl eines neuen Mitkaisers in Leos Kronrat mit Nachdruck betrieben. Die Herrscherin von Verina, auf die Mehrung des Ruhmes ihrer Familie bedacht, hatte eine ihrer Nichten mit Julius Nepos verheiratet, der seinem Onkel Marcellinus in der Regentschaft über Dalmatien gefolgt war, einer solideren Stellung als der Titel, der ihm erfolgreich angedient wurde, nämlich die Kaiserkrone des Westens. Aber die Maßnahmen, die Byzanz ergriff, waren derart zögerlich und kraftlos, dass viele Monate seit dem Tode des Anthemius und sogar noch des Olybrius ins Land gingen, bis ihr vorgesehener Nachfolger sich seinen neuen italienischen Untertanen an der Spitze einer respektablen Streitmacht zeigen konnte. In der Zwischenzeit hatte Glycerius, ein sonst unbekannter Soldat, den Purpur aus der Hand seines Patrons Gundobald empfangen; allerdings war der Burgunder unfähig oder unwillig, es für seinen Zögling auf einen Bürgerkrieg ankommen zu lassen: im Verfolg seines eigenen Ehrgeizes musste er zurück über die Alpen Siehe Gregor vonTours 2, 28; Dubos, Histoire critique, Band 1, p. 613. Durch die Ermordung seiner beiden Brüder erlangte Gundobald die Alleinherrschaft über das Königreich Burgund, dessen Untergang durch ihre Feindschaft beschleunigt wurde. , und sein Klient musste das Szepter Roms mit dem Bistum Salona tauschen. Nachdem er sich dieses Mitbewerbers also entledigt hatte, wurde der Kaiser Nepos vom Senat anerkannt, von den Italienern und den gallischen Provinzialvertretern; hoch wurden seine Tugenden und seine militärischen Begabung gerühmt; und wer sich von seiner Herrschaft noch persönliche Vorteile erhoffte, kündete vom Beginn eines neuen goldenen Zeitalters Nepos verlieh Ecdicius den Titel eines Patricius, den Anthemius ihm versprochen hat, decessoris Anthemii fidem absolvit (...und löste des Amtsvorgängers Anthemius Versprechen ein). Siehe Sidonius 8, Epistulae 7. . Ihre Hoffnungen – sofern sie denn solche gehegt hatten – zerschlugen sich binnen Jahresfrist; und die Friedensverhandlung, zu der die Westgoten ihn nötigten, sind das einzige nennenswerte Ereignis seiner kurzen und unbedeutenden Herrschaft. Die treuesten gallischen Untertanen Galliens opferte der italienische Kaiser seiner persönlichen Sicherheit auf Epiphanius wurde von Nepos als Botschafter zu den Westgoten geschickt, um die »fines italici imperii« (die italischen Reichsgrenzen) abzuklären. (Ennodius bei Sirmond, Opera, Band 1, p. 1665-1669). Hinter seiner leidenschaftlichen Verhandlungsführung verbarg sich ein schämdliches Geheimnis, welches kurze Zeit später die gerechten, bitteren Klagen des Bischofs von Clermont hervorrief. ; aber schon bald darauf wurde seine Ruhe durch eine Auflehnung seiner ausländischen Verbündeten unterbrochen, als sie unter dem Kommando ihres Generales Orestes in zornigen Tagesmärschen von Rom nach Ravenna eilten. Bei ihrem Herannahen erbebte Nepos; und anstelle auf die uneinnehmbare Lage Ravennas zu vertrauen, entkam er in hastiger Flucht auf die Schiffe und strebte auf seine dalmatischen Besitztümer auf der anderen Seite der Adria. Durch diese schmachvolle Abdankung verlängerte er immerhin sein Leben um fünf Jahre, das er allerdings in einem dauerhaften Schwebezustand zwischen Exil und Kaiser zubrachte, bis er schließlich in Salona durch den undankbaren Glycerius ermordet wurde, der anschließend, vermutlich als Belohnung für sein Verbrechen, das Erzbistum Mailand erhielt Malchos, bei Photios, p. 172; Ennodius, Epigramm 82, in Sirmond, Opera, Band 2, p. 1879. Es bestehen allerdings gewissen Zweifel an der Identität von Kaiser und Erzbischof. .   ORESTES A.D. 475 Die Völker, die ihre Unabhängigkeit nach dem Tode Attilas behauptet hatten, siedelten zu Recht oder durch das Recht des Stärkeren in den endlosen Ebenen nördlich der Donau oder in den römischen Provinzen zwischen den Alpen und jenem Strom. Die Blüte ihrer Jugend jedoch trat der Armee der Konföderierten bei, welche Italiens Schutz und Schrecken war Unsere Kenntnisse von diesen Söldnertruppen, die dem Westreich schließlich den Untergang brachten, beziehen wir aus Prokopios, (De bello Gotico 1,1). Die populäre Auffassung und die gegenwärtige Geschichtsforschung stellt Odoacer in dem falschen Licht eines Ausländers und Königs dar, der in Italien mit einer Fremden-Armee, in Wirklichkeit seinen eingeborenen Untertanen, einfiel. ; und in dieser buntscheckigen Masse schienen die Namen der Heruler, Scyrren, Alanen, Turciligen und Rugianen vorgeherrscht zu haben. Das Beispiel dieser Krieger diente dem Orestes zum Vorbild «Orestes, qui eo tempore quando Attila ad Italiam venit se illi iunxit et eius notarius factus fuerat.” (Orestes, der zu jener Zeit, als Attila in Italien einbrach, sich mit diesem verband und zu dessen Sekretär gemacht worden war.) Anonymus Valesii, p. 716). Er irrt bezüglich des Datums; aber wir können seiner Versicherung glauben, dass Attilas Sekretär der Vater des Augustulus war. , dem Sohn des Tatullus und Vater des letzten römischen Kaisers. Orestes, dessen wir in dieser Darstellung bereits Erwähnung taten, hat sein eigenes Land niemals in Stich gelassen. Seine Abkunft und sein Reichtum machten ihn zu einem der bedeutendsten Untertanen von Pannonien. Als dieses Land an die Hunnen abgetreten werden musste, trat er in die Dienste seines rechtmäßigen Herren, Attila, nahm die Stelle seines Sekretärs ein und war oftmals Gesandter in Konstantinopel, um dort die Befehle seines Herren zu verkünden. Nach dem Tode dieses Herrschers erlangte er seine Freiheit wieder; und er konnte sich in allen Ehren weigern, den Söhnen Attilas in die skythische Wüste zu folgen oder den Ostgoten zu dienen, die mittlerweile Pannonien erobert hatten. Anstelle dessen zog er den Dienst bei den italienischen Herrschern vor, den Nachfolgern eines Valentinian; und da er sich durch Mut, Fleiß und Erfahrung auszeichnete, stieg er rasch in der militärischen Karriere-Leiter empor bis hin zum patricius und Heermeister der Truppen. Diese Truppen ihrerseits war seit langem daran gewöhnt, Orestes' Autorität und Person anzuerkennen, denn er respektierte ihre Bräuche, unterhielt sich mit ihnen in ihrer Landessprache und verkehrte mit ihren Stammeshäuptlingen auf freundschaftlichem Fuß. Auf seine Veranlassung erhoben sie ihre Waffen gegen den drolligen Griechen, der von ihnen Gehorsam zu verlangen sich unterstand; und als Orestes sich aus uns unbekannten Gründen weigerte, den Purpur anzunehmen, waren sie ebenso rasch gewonnen, seinen Sohn Augustulus als Herrscher des Westens anzuerkennen.   SEIN SOHN AUGUSTULUS, DER LETZTE KAISER DES WESTENS A.D. 476 Infolge der Abdankung des Nepos war Orestes am Ziel seines Ehrgeizes angekommen; aber noch vor Ablauf des ersten Jahres musste er erkennen, dass Unrecht und Gewalt, die wichtigsten Werkzeuge eines Empörers, sich auch gegen den Urheber selbst wenden; und dass die barbarischen Söldnertruppen dem überängstlichen Herrscher Italiens nur die Wahl zwischen Sklaverei oder Tod ließen. Eine gefährliche Allianz dieser fremden Truppen hatte Hand gelegt an die letzten Überreste der römischen Freiheit. Nach jedem Sturz eines Kaisers wurden ihr Sold und ihre Vorrechte vergrößert; aber ihre Dreistigkeit wuchs in noch stärkerem Maße; mit Neid blickte sie auf ihre Stammverwandten in Gallien, Spanien und Afrika, die nach ihren Siegen zu dauerndem, erblichem Wohlstand gekommen waren; und mit Nachdruck bestanden sie darauf, das der dritte Teil Italiens unverzüglich unter sie solle aufgeteilt werden. Orestes, dessen Gesinnung unter anderen Umständen unsere Bewunderung erheischt haben müsste, war eher bereit, sich dem aufgebrachten, bewaffneten Mob entgegenzustellen als den Untergang eines unschuldigen Volkes zu unterschreiben. Er lehnte das dreiste Ansinnen rundweg ab; aber seine Weigerung war dem Ehrgeiz Odoacers förderlich; ein kühner Barbar, der seinen Kriegern versicherte, dass sie, wenn sie sich nur unter seiner Fahne versammeln würden, schon bald zu jenem Recht kommen würden, das man ihren höflichen Anträgen verweigert hatte. In allen Garnisonen Italiens sammelten sich die Konföderierten, durch das gleiche Verlangen und den gleichen Groll angestachelt; und der glückverlassene patricius, von der Flut überrannt, floh in die Feste Pavia, den Bischofssitz des Epiphanius. Sofort wurde Pavia belagert, die Anlagen mit Sturm genommen, die Stadt verwüstet; und obschon der Bischof mit einigem Eifer und Erfolg darum bemüht war, die Schätze der Kirche und die Unversehrtheit der weiblichen Gefangenen vor Übergriffen zu schützen, konnte der Tumult dennoch nur durch die Hinrichtung des Orestes beigelegt werden Siehe Ennodius, Vita Epiphanii, bei Sirmond, Opera, Band 1, p. 1669f. Er fügt der Darstellung des Prokopios noch einiges von Gewicht hinzu, obschon Zweifel erlaubt sein dürfen, ob der Teufel tatsächlich bei der Belagerung Pavias mitgewirkt habe, den Bischof und seine Herde zu erschrecken. . Sein Bruder Paul fiel im Kampf bei Ravenna; und da der ohnmächtige Augustulus bei Odoacer allen Respekt eingebüßt hatte, war er auf dessen Gnade angewiesen.   DER LETZTE HERRSCHER DES WESTENS ODOACER, KÖNIG VON ITALIEN A.D. 476 – 490 Dieser erfolgreiche Barbar war der Sohn des Edecon; immerhin war er bei einigen in den früheren Kapiteln dargestellten Unternehmungen der Kollege des Orestes gewesen. Die Ehre eines Gesandten sollte eigentlich außerhalb jeden Verdachtes stehen; aber Edecon hatte einer Verschwörung gegen das Leben des Herrschers sein Ohr geliehen. Indessen machte er seine nachweisliche Schuld wett durch seine früheren Verdienste oder durch Reue; seine Stellung war herausragend, auch stand er bei Attila in Gunst; und die Truppen unter seinem Kommando, die in Abständen das königliche Dorf bewachten, bestanden aus Scyrren, seinen unmittelbaren Erbuntertanen. In dem gewaltigen Völkerkrieg blieben sie den Hunnen anhänglich; und noch zwölf Jahre später wird der Name Edecon bei ihrem ungleichen Kampf gegen die Ostgoten rühmlich erwähnt; welcher nach zwei verlorenen Schlachten mit dem Untergang der Scyrren endete Jordanes 53 und 54. Herr de Buat (Histoire des peuples de l'Europe, Band 8, p. 221-228) hat Herkunft und Leben des Odoacer deutlich dargestellt. Ich persönlich neige eher dazu, in ihm den Plünderer von Angers zu sehen und den Anführer einer sächsischen Piratenbande auf dem Ozean. Gregor von Tours 2,18. . Ihr ritterlicher Anführer, der die Katastrophe seines Volkes nicht überlebte, hinterließ zwei Söhne, Onulf und Odoacer, die den treuen Gefolgsleuten ihres Exils nach ihren Möglichkeiten durch Raub oder Dienstleistungen Unterstützung gewährten. Onulf wandte sich nach Konstantinopel, wo er durch den Mord an einem Wohltäter seinen wohlerworbenen Waffenruhm zugrunde richtete. Sein Bruder Odoacer führte ein unstetes Wanderleben unter den Völkern Noricums, zu den vernunftwidrigsten Verzweiflungstaten gewillt und imstande; als er seine Wahl getroffen hatte, besuchte er andachtsvoll die Zelle des populären Landesheiligen Severinus, um dessen Segen und Billigung einzuholen. Kaum passte Odoacers hochgewachsene Statur unter die niedrige Tür; er war genötigt sich zu bücken; aber in dieser Geste der Demut entdeckte der Heilige die Anzeichen für seine inskünftige Größe; und so wandte er sich an ihn mit prophetischer Stimme und sprach: »Verfolge deine Entwürfe; gehe nach Italien; schon bald wirst du dieses grobe Gewandt aus Tierfellen ablegen; und an Körper und Seele wirst du blühen »Vade ad Italiam, vade vilissimis nunc pellibus coopertus: sed multis cito plurima largiturus.« (Anonymus Valesianus, p. 717) In einer auf uns gekommenen Lebensbeschreibung des St Severinus werden viele sonst unbekannte und wichtige Einzelheiten zur Zeitgeschichte überliefert; sie stammt aus der Feder seines Schülers Eugippius (A.D. 511), dreißig Jahre nach seinem Tode. Siehe Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 16, p. 68-81. .« Der Barbar, dessen unternehmender Geist sich mit diesem Bescheid rasch anfreundete, trat dem militärischen Dienst des Westreiches bei und nahm schon bald einen ehrenhaften Posten in der Garde ein. Sein Auftreten nahm allgemach Schliff an, seine Kenntnisse in militärischen Dingen mehrten sich, und sobald Odoacers Heldentaten ihm hinreichende Reputation eingebracht hatten, wählten die Konföderierten Italiens ihn zu ihrem General Theophanes, der ihn einen Goten nennt, bekräftigt, dass er in Italien auferzogen () worden sei (p. 102). Wörtlich darf man diesen starken Ausdruck nicht nehmen, und vermutlich ist hiermit auch die lange Dienstzeit in der kaiserlichen Garde gemeint. . Sie ernannten ihn per acclamationem zum König, aber während seiner gesamten Dienstzeit nahm er vom Tragen des Purpurs und Diadems Abstand »Nomen regis Odoacer assumpsit, cum tamen neque purpura nec regalibus uteretur insignibus.« Cassiodor, Chronika A.D. 476. Er scheint den Titel eines König überhaupt angenommen zu haben, ohne ihn in Bezug zu einem bestimmten Volk oder Land zu bringen. , damit er nicht etwa die Herrscher vor den Kopf stieße, deren Untertanen in zufälliger Zusammensetzung jene siegreiche Armee gebildet hatten, die durch Zeitläufte und Politik zu einer großen Nation geeint werden konnten.   DAS WESTREICH HÖRT AUF ZU EXISTIEREN A.D. 476 ODER 479 Den Barbaren war das Königtum vertraut und Italiens Bevölkerung fand sich bereit, ohne Murren die Autorität zu akzeptieren, die er zum Vizekönig auszurufen sich bereit erklären würde. Aber Odoacer war entschlossen, dieses ebenso nutzlose wie kostspielige Amt für alle Zeiten abzuschaffen; aber soviel Gewicht hatte damals noch althergebrachtes Brauchtum, dass einige Kühnheit und Berechnung erforderlich war, dies im Grunde äußerst einfache Unterfangen zu vollenden. Der unglückliche Augustulus wurde zum Werkzeug seines eigenen Unterganges gemacht; er unterzeichnete vor dem Senat seine Abdankungsurkunde; und noch bei ihrer letzten Gehorsamsleistung beobachtete jene Versammlung Verfassungstreue und Freiheitssinn. Durch einstimmigen Beschluss ward ein Brief an den Kaiser Zeno aufgesetzt, den Schwiegersohn und Nachfolger von Leo; gerade eben erst hatte er nach kurzen Unruhen dem Thron von Byzanz erklommen. Feierlich »verneinten sie den Wunsch oder auch nur die Notwendigkeit einer weiteren kaiserlichen Thronfolge in Italien; denn nach ihrer einhelligen Meinung sei die Majestät eines einzigen Herrschers hinreichend, den Westen und den Osten zu schützen und zu mehren. In ihrem eigenen und des Volkes Namen sprächen sie die Auffassung aus, dass der Sitz des weltumspannenden Reiches von Rom nach Konstantinopel verlegt werden müsse; und sie begäben sich ihres Rechtes, ihren eigenen Herren zu wählen, das einzige Überbleibsel der Macht, die einst der Welt Gesetze diktiert hatte. Die Republik (sie erröteten nicht, dieses Wort zu benutzen) möge sich den Fähigkeiten eines Odoacer anvertrauen; ihre Bitte sei es, dass der Kaiser ihn mit dem Titel eines patricius ausstatten möge und mit der Verwaltung der Diözese Italien.« Die Senatsdelegierten wurden in Konstantinopel jedoch recht missvergnügt empfangen; und als sie zur Audienz bei Zeno zugelassen wurden, verfehlte er nicht, ihnen ihr Gebaren gegenüber den beiden Kaiser Anthemius und Nepos vorzuhalten, die der Osten Italien auf dessen Drängen hin geschenkt habe. »Den ersten,« so fuhr er fort, »habt ihr ermordet, den zweiten verjagt; indessen ist er noch am Leben, und solange er lebt, ist er eurer gesetzmäßige Herrscher.« Aber einsichtig, wie Zeno war, ließ er schon bald die hoffnungslose Sache seines abgedankten Kollegen fahren. Seine Eitelkeit gab sich mit dem Titel des alleinigen Herrschers und den überall in Rom aufgestellten Statuen zufrieden; mit dem patricius Odoacer korrespondierte er freundschaftlich, wenngleich er sich niemals festlegte; und dankbar nahm er die kaiserlichen Insignien entgegen, die heiligen Zierden von Thron und Palast, welche der Barbar nicht ungern den Blicken des Volkes entzog Malchus – wir müssen den Verlust seiner Schriften bedauern – hat von dieser ungewöhnlichen Gesandtschaft des Senates zu Zeno in Konstantinopel berichtet (Excerpta legationum 10). Das anonyme Fragment (p. 717) und der Auszug des Candidus (bei Photios, p. 176) sind vergleichsweise nützlich. .   AUGUSTULUS WIRD IN DIE VILLA DES LUCULLUS VERBANNT In Verlauf von zwanzig Jahren seit dem Tode des Valentinian sind nacheinander neun Herrscher abgetreten. Und der diese Reihe beschloss, der Sohn des Orestes, der sich nur durch seine Schönheit empfahl, wäre der letzte, von dem die Nachwelt Notiz genommen hätte, wenn in die Zeit seine Herrschaft nicht das Ende einer weltgeschichtlichen Ära gefallen wäre Das genaue Jahr, in dem das Westreich erlosch, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Die übliche Angabe A.D. 476 hat immerhin die Bestätigung durch die zeitgenössischen Chroniken für sich. Aber die zwei durch Jordandes (Getica 46) mitgeteilten Daten würden dieses große Ereigniss auf das Jahr 479 verschieben; und wenn Herr de Buat auch dessen Beweiskraft übersehen hat, so fördert er doch (Histoire des peuples, Band 8, p. 261-288) zahlreiche Nebenumstände zu Tage, die diese Auffassung bestätigen. . Der patricius Orestes hatte die Tochter des comes Romulus aus Petovio in Noricum geheiratet; der Name des Augustus war in Aqilieia ein geläufiger Familienname, der Scheelsucht der Mächtigen ungeachtet; und die Namen der beiden großen Gründer der Stadt und der Monarchie waren somit auf merkwürdige Weise in den letzten ihrer Nachfolger vereint Siehe die Gedenkmedaillen bei du Cange, Familiae Byzantinae, p. 81, und Priscus, Excerpta legationum, p. 56 und endlich Maffei, Osservazioni letterarie, Band 2, p. 314. Es sei uns gestattet, auf einen ähnlich gelagerten Fall anzuspielen. Der geringste Untertan des Römischen Imperiums benannte sich ruhmselig Patricius, welcher Name nach der Bekehrung Irlands sogar einem ganzen Volk zugeteilt wurde. . Der Sohn des Orestes nahm den Namen des Romulus Augustus an und machte ihm Schande; den ersten verderbten die Griechen zu Momyllus, während die Lateiner den zweiten mit dem respektarmen Diminutiv Augustulus bedachten. Odoaker war großherzig genug, das Leben dieses harmlosen Jünglings zu schonen; er warf ihn mitsamt seiner Familie aus dem Kaiserpalast, setzte eine jährliche Apanage von sechstausend Goldstücken fest und wies ihm den Palast des Lucullus in Campanien als Exil- oder Ruhesitz zu »Ingrediens autem Ravennam deposuit Augustulum de regno, cujus infantiam misertus concessit ei sanguinem; et quia pulcher erat, tamen donavit ei reditum sex millia solidos, et misit eum intra Campaniam cum parentibus suis libere vivere.« Anonymus Valesii 8,38. Jordanes sagt (Getica 46): »...in Lucullano Campaniae castello exsilii poena damnavit.« (...er wurde auf das Schloss des Lucullus in Campanien verbannt). . Sobald die Römer sich von den Leiden des zweiten Punischen Krieges erholt hatten, zog sie die Schönheit Campaniens mächtig an; und das Landhaus von Scipio dem Älteren gab ein nachdrückliches Vorbild für rustikale Schlichtheit ab Vergleiche hierzu Senecas eloquente Ausführung (Epistulae 86). Vielleicht wollte der Philosoph daran erinnern, dass jeder Luxus relativ sei; und dass Scipio der Ältere, der seinen Umgangsformen durch Studien einen gewissen Schliff gegeben hatte, seinerseits von seinen derberen Zeitgenossen deswegen angeklagt wurde. Livius 29,19. . An der Küste der Bucht von Neapel drängten sich solche Landhäuser; und Sulla lobte uneingeschränkt den meisterlichen Wurf seines Gegners, der sich auf dem emporragenden Vorgebirge von Misenum niedergelassen hatte, welches nach allen Seiten bis zum Horizont See und Land beherrschte Sulla lobte im Soldatenidiom seine »peritia castrametandi« (Erfahrung im Lagerabstecken). Plinius, Hisoria Naturalis. Phaedrus hat ihre schattigen Gänge (laeta viridia) zum Schauplatz einer abgeschmackten Fabel (2,4) gemacht. . Nach ein paar Jahren hatte Lucullus die Villa des Marius erworben, und der Preis war von zweitausendfünfhundert aus achtzigtausend Pfund Sterling gestiegen Von siebeneinhalb auf zweihundertundfünfzigtausend Drachmen. Aber selbst als Eigentum des Marius galt die Villa als ein sehr üppiger Rückzugsort. Die Römer lachten ihn wegen seiner Trägheit aus; schon bald hatten sie Gelegenheit, über seinen Unternehmungsgeist Klage zu führen.Plutarch, Marius 34. . Der neue Besitzer schmückte sie schon bald mit griechischer und orientalischer Kunst aus; und so nahmen das Haus und die Gärten des Lucullus eine hervorgehobene Stellung unter den kaiserlichen Palästen ein Lucullus hatte noch andere vergleichbare Landhäuser in Baiae, Neapel und Tusculum; er rühmte sich, dass er zusammen mit den Störchen und Kranichen mit den Jahreszeiten sein Klima wechsele. Plutarch, Lucullus 39. . Als die Vandalen der italienischen Küste furchtbar wurden, nahm die Villa des Lucullus auf dem Vorgebirge von Misenum allmählich den Namen und die Eigenart einer Festung und schließlich des Ruhesitzes des letzen römischen Kaisers an. Zwanzig Jahre danach wurde es zu einem Kloster und einer Kirche, die die Gebeine des heiligen Severinus aufnahm. Dort ruhten sie zwischen den modernden Trophäen der cimbrischen und armenischen Siege bis zum zehnten Jahrhundert; dann zerstörte die Bevölkerung von Neapel die Festungsanlagen, die den Sarazenen zu einer wirksamen Schutzwehr dienen konnte Severinus starb in Noricum, A.D. 482. Sechs Jahre später wurde sein Körper, der noch auf dem Vorbeitransport Wunder verbreitete, von seinen Schülern nach Italien überführt. Die Verehrung einer neapolitanische Frau führte ihn in die Villa des Lucullus, die Stätte des Augustulus, der zu jenem Zeitpunkt wohl nicht mehr am Leben war. Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 496, Nr. 50 und 51, und Tillemont, Mémoires ecclésiastiques, Band 16, p. 178-181, nach der Vita des Eugippus. Auch die Erzählung der letzten Wanderung des Severin nach Neapel ist authentisch. .   ERLÖSCHEN DES RÖMISCHEN GEISTES Odoacer war der erste Ausländer, der in Italien das Szepter fuchtelte über ein Volk, das einstmals der restlichen Welt seinen festen Willen aufgedrückt hatte. Die Schmach der Römer erregt noch heute unser respektvolles Mitgefühl, und wir können mit dem Kummer ihrer ausgearteten Nachfahren zärtelnden Anteil nehmen. Aber die Notlage Italiens hatte das eigentliche Gefühl für Freiheit und Würde allgemach verkümmern lassen. Als Rom im Zenit seiner Macht stand, waren die Provinzen den Waffen und die Bürger den Gesetzen der Republik gehorsam: bis diese Waffen sich in Bürgerkriegen verbrauchten und die Stadt und die Provinzen zum verfügbaren Eigentum von Tyrannen wurden. Die jeweilige Beschaffenheit der Verfassung, die ihre erbärmliche Sklaverei verschleiern oder erleichtern sollte, wurde im Laufe der Zeit ganz aufgegeben; die Italiener beklagten abwechselnd die An- oder Abwesenheit des jeweiligen Herrschers, die sie im Grunde verabscheuten oder verachteten; und im Laufe von fünf Jahrhunderten lernten sie dann alle Abarten von militärischer Rücksichtslosigkeit, willkürlichstem Despotismus oder ausgefeilter Unterdrückung kennen. Und genau während dieser Zeit erhoben sich die Barbaren über ihren verachteten und unbedeutenden Status; die germanischen und skythischen Krieger wurden in den Provinzen aufgenommen, zunächst als Sklaven, dann als Verbündete und endlich als die Herren Roms, das von ihnen bedrängt oder geschützt wurde. Der Hass der Bevölkerung trat hinter die Furcht zurück; sie anerkannten den kriegerischen Geist und Ruhm der Stammeshäuptlinge, die die Ehren-Insignien des Reiches trugen; und für lange Zeit hing Roms Schicksal an den Waffen jener schrecklichen Fremden. Der mächtige Ricimer, der Untergang Italiens, hatte die Macht eines Königs ohne eigentlichen Titel ausgeübt; und die Römer, mittlerweile leidensfähig geworden, ließen sich Odoakers Königtum und das seiner Nachfolger gefallen.   ODOAKERS HERRSCHAFT – A.D. 476 – 490 Der König von Italien war seiner bedeutenden Stellung, zu welcher Zufall und persönliche Tüchtigkeit ihn emporgehoben hatten, durchaus nicht unwürdig. Seine ungehobelten Aufführungen erhielten durch geeigneten Umgang einigen Schliff; und obwohl er der Eroberer und Sieger war, ließ er gleichwohl die staatlichen Einrichtungen und Vorlieben seiner Untertanen unangetastet. Nach Ablauf von sieben Jahren führte Odoaker das Konsulat im Westreich wieder ein. Für sich selbst verzichtete er aus Bescheidenheit oder aus Hochmut auf eine Ehre, die die Herrscher des Ostens für sich noch immer in Anspruch nahmen; elf der bedeutendsten Senatoren hatten nacheinander den Sitz im Senat eingenommen Die konsularischen Fasti können bei Pagi oder Muratori nachgeschlagen werden; die von Odoaker oder dem römischen Senat ernannten Konsuln wurden offenbar im Ostreich anerkannt. ; in diesem Verzeichnis glänzt der angesehene Name des Basilius, dessen Tugend ihm die Freundschaft und Bewunderung seines Klienten Sidonius einbrachte Sidonius Apollinaris (1, Epistulae 9) hat die beiden bedeutendsten Senatoren der Zeit (A.D. 468), Gennadius Avienus und Caecina Basilius miteinander verglichen. Dem ersteren schrieb er die sichtbaren öffentlichen und dem letzteren die handfesteren privaten Tugenden zu. Ein jüngerer Basilius, vermutlich sein Sohn, war Konsul im Jahr 480. . Die Gesetze der Herrscher wurden getreulich eingehalten, und die Zivilverwaltung Italiens wurde nach wie vor vom Reichspräfekten und seinen nachgeordneten Beamten ausgeübt. Die widrige und verhasste Aufgabe des Steuereintreibens übertrug Odoaker den römischen Magistraten; für sich selbst sparte er die dankbaren und volkstümlichen Nachlässe auf Epiphanius intervenierte zugunsten der Bewohner von Pavia; und der König gewährte zunächst einen Aufschub von fünf Jahren und danach ersparte er ihnen Pelagius, den gewalttätigen Reichspräfekten. (Ennodius in der Vita St. Epiphanii, bei Sirmond, Opera, Band 1, p. 1670 und 1672). . Wie allen anderen Barbaren war er mit der arianischen Ketzerei aufgewachsen; klerikale Würdenträger und Mönche hatten seine Bewunderung; und dass die Katholiken schwiegen, beweist ihre Duldung. Um des Friedens willen musste sein praefect bei der Wahl des römischen Pontifex moderierend eingreifen; zum Wohle des Volkes wurde jetzt endgültig das Dekret verabschiedet, das dem Klerus untersagte, Land zu veräußern, um mit den Erträgen baufällige Kirchengebäude in Stand zu setzen Baronius, Annales ecclesiastici, A.D. 483, Nr. 10-15. Sechzig Jahre später wurde das gesetzwidrige Vorgehen des Basilius von Papst Symmachus auf einer Synode zu Rom verurteilt. . Italien wurde durch die Waffen seines Besiegers geschützt; und die Barbaren Galliens und Germaniens achteten seine Grenzen, nachdem sie sie unter dem schwächlichen Theodosius so lange missachtet hatten. Odoaker überquerte die Adria, um den Mord an Kaiser Nepos zu rächen und sich die Meerprovinz von Dalmatien anzueignen. Dann zog er über die Alpen, um die Reste der Provinz Noricum vor dem Rugierkönig Fava oder Felethus zu retten, der am anderen Donauufer seine Residenz eingerichtet hatte. Der König wurde im Kampf besiegt und gefangen abgeführt; zahllose Gefangene und andere Untertanen wurden nach Italien umgesiedelt; und Rom mochte sich nach langen Zeiten der Demütigung und Niederlagen eines Sieges seines ausländischen Herren rühmen Die Kriege Odoakers werden bei Paulus Diakonus (De gestis Langobardorum 1,19) und den beiden Chroniken des Cassiodor und Cuspinian in aller Knappheit erwähnt. Die Lebensbeschreibung des heiligen Severinus von Eugippus, die der Count de Buat sorgfältig untersucht hat (Histoire des peuples, Band 8, c. 1,4,8,9) gibt zusätzliche Einblicke in den Untergang der Provinz Noricum und einige bairische Altertümer. .   DER ERBÄRMLICHE ZUSTAND ITALIENS Ungeachtet der Besonnenheit und der Erfolge Odoakers bot sein Königreich den trübseligen Anblick von Armut und Verzweiflung. Seit den Tagen eines Tiberius war die Landwirtschaft in Italien spürbar zurückgegangen; und ständig wurde Klage geführt darüber, dass das Leben der Römer von den Launen des Wetters und der Wellen abhänge Tacitus, Annalen 3,35. Butel-Dumont, Recherches sur l'administration (p. 351-361) zeigt den erkennbar fortschreitenden inneren Verfall. . Wegen der Aufteilung und des Niederganges des Reiches war die Ernte Ägyptens ausgeblieben; ständig ging infolge von Nahrungsknappheit die Zahl der Bewohner zurück; schließlich hatte das Land durch Krieg, Hungersnot Eine Hungersnot, die Italien während des Überfalles des Herulerkönig Odoaker durchlitt, wird eindrücklich in Prosa und Versen durch einen französischen Dichter, Les Mois (Band 2, p. 174 und 206 der Duodezausgabe), geschildert. Mir ist nicht bekannt, woher er seine Kenntnisse bezieht; aber ich bin mir sicher, dass er einige historisch nicht haltbare Tatsachen berichtet. und Pestilenz unwiederbringliche Bevölkerungsverluste erlitten. Der heilige Ambrosius hat den Untergang eines bevölkerungsreichen Landstriches beweint, den einst die blühenden Städte Bologna, Modena, Regium und Placentia geziert hatten Siehe den 39 Brief des hl. Ambrosius, zitiert von Muratori, Delle antichità italiane, Band 1, Dissertatio 21, p. 354. . Papst Gelasius war Odoaker untertänig und schildert mit starker Übertreibung, dass in der Emilia, Toscana und den benachbarten Provinzen jedes menschliche Leben nahezu erloschen sei »Aemilia, Tuscia, ceteraque provinciae in quibus hominum prope nullus exsistit.« Gelasius Epistula ad Andromachum, bei Baronius, Annales ecclesiastici A.D. 496, Nr. 36. . Die Plebejer aus Rom, die aus der Hand ihrer Herren genährt wurden, gingen zugrunde oder verschwanden, sobald seine Freigebigkeit erlosch; der Untergang der Künste verurteilte die fleißigen Künstler zu Nichtstun und Armut; und die Senatoren, die über die Notlage ihrer Heimat noch Gelassenheit beobachteten, entsetzten sich wegen des Verlustes ihres privaten Vermögens und des Luxus' umso stärker. Ein Drittel jener riesigen Latifundien, deren Verlust den Ruin Italiens ausmachte »Verumque confitentibus, latifundia perdidere Italiam.« (Um die Wahrheit zu sagen: die Latifundien haben Italien ruiniert). Plinius, Naturalis Historia, 18,7,3. , wurde zum Gebrauch durch die Sieger enteignet. Zum Unrecht kam noch die Kränkung; zu der Verbitterung über den gegenwärtigen Verlust trat noch die Sorge vor zukünftigen Übeln; und da neues Land stets auf neue Barbarenschwärme verteilt wurde, überkam jeden Senator Sorge, sobald sich eigenmächtige Feldmesser seiner Lieblingsvilla oder seinem ergiebigsten Ackerland näherten. Am glücklichsten erging es noch denjenigen, die sich ohne Murren der Macht unterwarfen, gegen die Widerstand hoffnungslos war. Da sie am Leben hingen, empfanden sie bereits das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Tyrannen, wenn er sie nur am Leben; und da er nach absolutem Belieben über ihr Vermögen verfügte, musste das, was er ihnen übrig ließ, gleichsam als freiwilliges Gnadengeschenk angesehen werden Auf diese Weise sucht Cicero (Ad Familiares 9,17) seinem Freund Papirius Paetus Trost oder Geduld zuzusprechen, als dieser unter der Soldateska Caesars zu leiden hatte. Das Argument »vivere pulcherrimum duxi« (einfach nur zu leben habe ich für das Schönste gehalten) ist aber eher an einen römischen Philosophen zu richten, der die freie Wahl zwischen Leben und Tod hatte. . Italiens Notlage war indessen gelindert durch Odoakers Menschlichkeit und Staatsklugheit, da er sich – als Preis für seine Wahl – damit begnügte, die Begehrlichkeiten des habgierigen Wahlvolkes zufrieden zu stellen. Die Barbarenkönige wurden oft genug bekämpft, abgesetzt oder ermordet: von ihren eigenen Landsleuten. Und die verschiedenen Söldnerbanden Italiens beanspruchten unter der Fahne eines von ihnen bestimmten Generals das Vorrecht auf Raub. Eine Monarchie, der die Einheit der Nation fehlt und das Erbrecht, eilt seiner Auflösung entgegen. Nach nur vierzehn Jahren wurde Odoaker durch das überlegene Genie des Ostgotenkönigs Theoderich beiseite geschoben, der in sich kriegerische und zivile Fähigkeiten vereinte, der ein Zeitalter des Friedens und des Wohlstandes errichtete und dessen Name noch heute verdientermaßen die Achtung der Menschheit verdient.