Karl von Holtei Die Vagabunden Roman Mit einer Vorbemerkung von Martin Feuchtwanger Halle a. Saale Verlag von Paalzow \& Co., G.m.b.H. Vorbemerkung Wenn man die Art, wie Karl von Holtei dichtet und erzählt, mit der anderer Dichter vergleichen will, so mag man ihn etwa neben Jeremias Gotthelf oder Otto Ludwig stellen, vielleicht auch neben Fritz Reuter. Die Romantik seiner Zeit haftet seinem Wesen unverkennbar an und doch kann man in einzelnen seiner Werke Stellen finden, die einer aus dem Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben haben dürfte. Und Holtei lebte 1797 bis 1880. Die Hauptzeit seines Schaffens liegt zwischen 1825 und 1855. Will man untersuchen, von wem Holtei gelernt hat und an wen er sich anlehnt, so wird man finden, daß er von jedem etwas hat, daß er überall genippt hat, daß er aber im Grunde genommen nur von seiner Zeit abhängt. Einen Vagabunden hat er sich mit Vorliebe genannt, und es gibt in der Tat kaum einen Beruf, der ihn nicht ernährte. Zwischendurch finden wir ihn immer wieder beim Theater, einmal als Direktor und das nächste Mal als Souffleur. Seine Vagabondage hat ihm aber niemals den Charakter verdorben. Ehrlich, aufrecht, bieder in allen Lebenslagen und in allen Werken! Berühmt wurde Holtei, als seine schlesischen Gedichte in die Öffentlichkeit drangen. Er ist der erste, der in der schlesischen Mundart schrieb, der in der schlesischen Mundart Land und Leute schildert, so deutlich und wahr wie Gerhart Hauptmann in seinen Dramen. Ein Vagabund im Leben war er auch ein Vagabund im Dichten. Lieder, Lustspiele, Trauerspiele, Erzählungen, Romane; es gibt keine Dichtart, in der Holtei nicht heimisch gewesen wäre. Von seinen 55 Dramen wurden einige lange Zeit hindurch oft und gern gespielt. Jetzt sind sie halb in Vergessenheit geraten, obwohl sie vielen neueren Volksstücken an Wert bedeutend über sind. Seine Romane dagegen werden immer noch so viel gelesen wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die seltene Kunst, ohne Komposition künstlerisch zu erzählen, wirkt heute noch ebenso erfrischend wie vor 50 Jahren. Holtei ist der geborene Erzähler. Er ist so viel herumgekommen und hat so viel gehört und gesehen, daß er oft nicht weiß, wo er anfangen soll. Obwohl er ein Mann der feinen Welt ist und seine Artigkeiten in die herzlichste Form zu kleiden versteht, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Dazu ist er zu ehrlich. Die bekanntesten seiner Prosawerke sind seine Autobiographie »40 Jahre « und der hier vorliegende Roman » Die Vagabunden «. In seiner Biographie wie in dem Roman ist er in seinem Element. Kreuz und quer zieht der Held in der Welt umher, überall ein gern gesehener Geselle, als Korbmacher, als Tierbändiger, als Zirkusreiter und als Gutsbesitzer. Ein Philosoph der Landstraße, wird er niemals langweilig in seinen Grübeleien. Künstlerblut, Vagabundenblut! Ruhelos treibt die Handlung vorwärts und wird dann spannend wie die seltsamste Erzählung Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns! Dabei die unbedingte Ehrlichkeit und die Treuherzigkeit, die den Autor zwingt, seine Gedanken dem Leser ohne Ausschmückung zu offenbaren. Die eingeflochtenen Selbstgespräche und Dispute mit dem Leser über den Roman selbst verleihen dem Werk einen Reiz, der sich kaum sonstwo in der Literatur findet. Martin Feuchtwanger . Erstes Kapitel Die Linden standen in voller Blüte. Vor der Tür ihrer kleinen Hütte saß auf einem zerbrochenen umgestürzten Korbe die alte Mutter Goksch zwischen zwei Misthaufen, vor sich ein Gärtchen voll blühender Blumen. Mit sichtlicher Vorliebe wendete sie einmal ums andere Mal ihren matten Blick dem Dünger zu; der Blumen achtete sie wenig, weil sie ihnen jenen Raum nicht gönnte, wo nach ihrer Meinung Kartoffeln wachsen sollten. Sieht man doch gleich, murmelte sie vor sich hin, daß der Junge eines Vornehmen Kind ist: Immer denkt er auf Putz und Schmuck, und die Großmutter mag zusehen, wo sie Futter hernimmt für ihn wie für sich selbst. Und wo er nun wieder bleibt? Die Sonne wird bald zur Rüste gehen, aber er treibt sich noch im Walde herum. Und wenn er kommt, kann ich nicht einmal mit ihm zanken, ob ich schon möchte, weil er so große dunkelblaue Augen hat wie seine verstorbene Mutter. Sobald er mich mit diesen Augen anschaut, stirbt mir jedes ernste Wort auf den Lippen. Er macht mit mir, was er will. Haben ihn doch auch alle Menschen gern: Der Baron, der alte Bär, und die Fräulein und der Pastor und der Schulmeister. Ganz Liebenau ist vernarrt in den Anton. Ihm sehen sie alles nach. Eh' sie ihre Körbe zum alten Korbmacher tragen, der gewiß ein gutes Stück Arbeit macht und rasch, bringen sie lieber ihren Kram hier ans Ende des Dorfes zu meinem Jungen und warten wochenlang geduldig, bis es ihm gefällig ist, daran zu gehen. Nu freilich, wohlerzogener ist er, als die dummen Dorflümmel. Seine Sprache schon ist nicht so rauh und grob, weil er von Kindheit an mich reden hörte, und mir klebt immer noch mein Stadtleben an; das kann mir niemand abstreiten. War ich doch auch einmal jung; jung – und schön, wie meine unglückliche Tochter! Bei diesen Worten füllten sich die Augen der Mutter Goksch mit Tränen und ein leises Schluchzen erstickte den Lauf ihres Selbstgespräches. Beide Hände drückte sie fest vor ihr welkes Angesicht, um sich recht ungestört dem Grame hinzugeben. Doch nicht lange blieb sie ihm überlassen. Anton, der leise zu ihr hingeschlichen war, zog ihr die Hände vom Haupte und fragte freundlich: »Großmutterle, warum flennst du?« Da umschlang die gute Frau den schönen Jungen mit beiden Armen, und aus den Zähren einsamen Schmerzes wurden Tränen des liebevollsten Mitgefühls. Zärtlich schmeichelnd strich Anton mit seinen dünnen Fingern über Stirn und Wangen der Mutter Goksch. »Gewiß«, sprach er, »du bist noch immer eine hübsche Frau, Großmama, wenn man dir nur die Runzeln wegstreichelt und dein Gesicht ein wenig glatt macht. Auf den Sonntag werde ich dich mit Johanniswasser einsprengen, und hernach werde ich das kleine Plätteisen nehmen und dich gehörig ausbügeln; dann kannst du schmuck zur Kirche gehen und wirst unserm Herrn Pastor gegenüber sitzen, frisch und sauber, wie ein neu ausgeputztes Haus, wo sie daran geschrieben haben: renovatum anno Domini so und so viel; drei rote Kreuze darunter. Wenn du nur um alles in der Welt nicht so viel weinen wolltest, wie ich den Rücken kehre; dann wär's noch besser; denn die Tränen haben dir schon Furchen gebissen in beide Wangen, gerade wie der Regen in unseren Dachgiebel, so gegen Abend steht. Sei doch vernünftig, Alte, und mach' mir nicht so viel Verdruß. Ich kann doch nicht den ganzen Tag bei dir sitzen, um acht zu geben auf dich und dir vorzusingen, wie einem kleinen Kinde! Mit sechzig bis siebzig Jahren könntest du schon genug Verstand haben, um manchmal ein Stündchen ohne Aufsicht zu bleiben! Und wenn du nicht gut tust, werde ich dir eine derbe Rute flechten, so wahr ich Anton heiße und ein berühmter Korbmacher in Liebenau bin.« Da lachte die Mutter Goksch über sein albernes Geplauder, daß ihr beinahe wieder die Tränen über beide Backen gelaufen wären, und kichernd rief sie: »Ach, wenn deine Mutter dich so sehn könnte!« Aber kaum hatte sie's gesagt, als sie wirklich zu weinen anfing, diesmal jedoch so innig und sanft, daß der ehrliche Anton ein bißchen mitweinte; denn das geschah ihm jedesmal, wenn seiner Mutter gedacht wurde, deren er sich aus den ersten Monden seiner Kindheit zu erinnern wähnte, wie eines glänzenden Traums. Augenblicklich ließ er von seinen Scherzen ab. Mit feierlichem Ernst setzte er sich auf den Boden, der Großmutter zu Füßen, und sein tiefes Auge fest nach ihr gewendet fragte er in rührendem Tone: »Nicht wahr, ich sehe ihr gleich?« »Nur allzusehr«, erwiderte die Großmutter. Anton schwieg ein Weilchen, dann begann er: »Das ist wieder eines von den dunklen, unverständlichen Worten, wie sie dir oft entschlüpfen, Alte, gleichsam gegen deinen Willen. Sie ängstigen mich, diese Worte. Siehst du, das muß ein Ende nehmen. Ich will wissen, was es mit meiner seligen Mutter war; will wissen, wer mein Vater gewesen, was aus beiden geworden, und wie du in diese Hütte verschlagen worden bist! Ich habe ein Recht dazu, Großmutter! Ich bin kein Kind mehr. Am vorletzten Osterfeste schon hat mich unser Herr Pastor konfirmiert und hat mich samt der ganzen Gemeinde zum Tische des Herrn gehen lassen; – jetzt bin ich siebzehn vorbei; – und hat damals gesagt, ich wäre reifer und würdiger dazu, als alle Jungen im Dorfe, die um ein Jahr älter sind. Folglich kannst du mit mir reden, wie mit einem Erwachsenen. Das weißt du auch recht gut. Also könntest du billig ein Ende machen und mich heute wissen lassen, was ich über kurz oder lang doch erfahren muß.« »Wie gescheit der Junge seine Reden setzt«, murmelte die Mutter Goksch, indem sie ihm die reichen Locken von der Stirn schob. Sie betrachtete ihn lange, wie wenn sie überlegte, ob sie seinen Wunsch erfüllen dürfe. Dann aber sprach sie plötzlich: »Nein, Anton, es geht nicht. Es kommen Dinge vor in dieser traurigen Geschichte, die für dich noch zu früh sind. Sage, was du willst, du bist ja doch nur ein Kind.« »Meinst du, Großmutter«, wendete Anton dagegen ein, »meinst du wirklich? Ich weiß mehr, als du denken magst, vom Leben und von den Menschen. Wer, wie ich, auf eigene Hand aufgewachsen ist, immer unter dem Landvolk sich herumtrieb, alles hörte, alles beobachtete, schon als kleiner Knabe denken und vergleichen lernte, der ist in meinen Jahren ein Mann. Erzähle mir, was du willst, ich werde dich verstehen – und ich werde dazu schweigen, wenn es nötig ist.« Unschlüssig staunte die Alte ihren Enkel an, den sie noch niemals so entschieden sprechen gehört, und zweifelnd schüttelte sie den Kopf, indem sie vor sich hinflüsterte: »Werden denn in dieser Zeit die Kinder schon so früh mündig?« Da ertönte vom kleinen Kirchturme die Abendglocke. Wehmütig zitterten sanfte Klänge auf lauem Winde getragen über das bemooste Strohdach und verloren sich tief im kaum hörbaren Widerhall des Kiefernwaldes, der die letzten Häuslein dieses Dorfes fast berührte. Anton nahm seine Kappe ab. Die Alte lispelte ein frommes Verslein. Und als sie fertig war mit ihrem kurzen Gebet, sagte Anton: »Nun, Großmutter, beginne! Mir ist ums Herz, als hätten sie mit diesem Glockenzuge meine Mutter ins Grab gelegt. Laß mich wissen, wo der Hügel grünt, auf dem ich knien darf, wenn ich mit ihr sprechen will.« Und die Mutter Goksch hub an: Zweites Kapitel »Dein Großvater, Anton, mein guter, seliger Mann, war Kantor und Schulrektor in N. Na, das weißt du. Davon hab' ich dir schon oft genug erzählt, von unserem hübschen, grünumlaubten Häuschen hinter der Kirche, und wie er mich heimführte als junge, schmucke Braut. Des Herrn Amtsdieners Tonel haben sie mich geheißen; denn mein Vater selig war Amtsdiener beim hohen Rat. Aber wie ich Hochzeit machte, war er schon lange tot, und meine Mutter folgte ihm bald nach meiner Verheiratung, so daß ich die Flitterwochen hindurch schwarz einhergehen mußte wie eine Amsel. Das hast du alles schon gehört, Anton, ich kann dir es aber jetzt nicht schenken, denn mein Kopf ist gar schwächlich, und wenn ich nicht die ganze Geschichte vom Anfang anfange, bring' ich sie gar nicht zustande. Aber wo blieb ich denn?« – »Bei der Amsel, Großmutter!« »Richtig. So schwarz wie eine Amsel mußt' ich einhergehen. Und samt meiner Trauerkleidung kam ich ins Wochenbett mit einem kleinen Anton. Der machte aber nicht lange, so war er hin. Der arme kleine Kerl konnte die Tränen nicht verwinden, die ich um meine Mutter so gern geweint hätte, die ich aber verschlucken mußte, weil dein Großvater zornig ward, wenn er mich weinen sah. Ich hab' das Kind meiner Mutter zu Füßen gelegt. Ich dachte in meiner Einfalt, damit sie gleich einen Engel als Boten bei der Hand haben sollte, wenn sie vielleicht einmal Luft hätte, mir einen Gruß zu schicken aus ihrem Grabe oder sonst etwas. Es hat sich jedoch nichts eingestellt. Mein zweites Kind – lange nachher – war ein Mädel. Das war deine Mutter, Anton! Antonie haben mir sie genannt. Das heißt dein Großvater rief sie Antoinette. Und da wurde zuletzt Nette daraus, und unsere Nachbarn meinten, der Name käme daher, daß sie so nett und sauber war. Denn sie wuchs auf in purer Schönheit, daß jeder stehen blieb und ihr nachstaunte, der ihr begegnete. Ich sah ihre Schönheit auch und ihre Klugheit und Anmut, o ja, ich sah alles, denn, mein Gott, wofür wäre ich denn ihre leibliche Mutter gewesen? Daneben jedoch sah ich auch ihre Fehler: Ihren leichten Sinn, ihre Eitelkeit! Dein Großvater wollte davon nichts spüren; der hob nur die Tugenden heraus. Und als sie gar zu singen anfing, und als sie sämtliche Schulkinder mit ihrer kräftigen, reinen Stimme besiegte, da war's gar aus, da kannte mein guter Mann nichts über seine Nette! Ja, wenn unser Herrgott die himmlischen Heerscharen herabgesendet hätte, daß sie vor meinem Manne musizieren müßten und singen, der hätte, glaube ich, geradezu gesagt: Sobald mein Nettel nicht mitsingt, will die ganze Musik nichts heißen. So war er. Freilich, himmlisch gesungen hat sie, das muß ich selbst eingestehen; mit vierzehn Jahren stand sie dir da, Anton, wie eine vollkommene Jungfrau, und wenn sie den kleinen Mund auftat und ihre Zähne wies, und die Stimme drang heraus, da ging es einem wohl durch alle Gliedmaßen. Ich fühlte es ebenso warm, wie dein Großvater; nur hätt' er's ihr nicht immer sagen sollen. Da wurde denn einmal ein großes Fest veranstaltet in G., was sie ein Musikfest nannten. Dazu haben sie von weit und breit aus dem ganzen Lande zusammenberufen, was streichen konnte und blasen und singen und schreien und Pauken schlagen. Wie die Ameisen sind die Musikusse über die Berge gekrochen, durch die Täler, aus allen Winkeln und Ecken, daß es nur so wimmelte! Natürlich war mein Mann auch dabei mit seiner Geige – und ohne Nette wär's ja durchaus nicht gegangen. Sie führten auf, wie die Welt geschaffen worden ist. Die Schöpfung nannten sie's. Das kam mir schon sündhaft vor. Noch sündhafter hielt ich es, daß dein Großvater als christlicher Schulmann, der er doch einmal sein sollte, sich nicht schämte, so viel Aufhebens zu machen von der Heidnischen Musik. Denn heidnisch war sie. Das hab' ich ihn und seine Musikfreunde sagen hören. Ein Heide , sagten sie, hätte das eben erst in der großen Wienstadt geschrieben. Da entblödeten sie sich nicht, in einem weg von göttlichen heidnischen Melodien zu sprechen. Schrecklich! Aber ich mußte wohl schweigen. Doch die Strafe blieb nicht aus. Von diesem gotteslästerlichen Musikfeste schreibt sich unser Elend her. Deine Mutter hatte die sündhafte Eva vorstellen müssen, so erzählte sie mir's, als sie zurückkehrten. Mitzuziehen hatte ich mich redlich gehütet. Ja, die Eva hat das unschuldige Mädchen vor aller Augen machen müssen, und gesungen hat sie Liebeslieder mit Adam, der niemand anders gewesen sein soll, als ein Opernsänger aus der Hauptstadt. Ob die Schlange auch vorgekommen sei, das hab' ich niemalen aus der Antoinette ihren Erzählungen herausbringen können. An anderem Vieh hat es nicht gefehlt. Zum Glück haben die Sänger wenigstens ihre Kleidung nicht ablegen dürfen. Sonst war alles wie beim Sündenfall. Ach, mein lieber Anton, hatte dein Großvater bisher mit seiner Nette Abgötterei getrieben, jetzt fand er gar keine Grenzen mehr. Die Lobsprüche, die sie von hoch und niedrig erhalten, hatte er eingesackt und sich völlig damit ausgepolstert, daß er selber aufgeblähter war wie ein welscher Hahn, den die Köchin mit gebratenen Kastanien stopfte. Einen güldenen Ring ließ er ihr machen für drei schwere Dukaten, und auf einem Plättchen stand eingegraben: »Eva«. Den Ring mußte sie tragen, als ob sie eine Dame wäre. Das gab ihr den letzten Gnadenstoß. Wenn ich ihr eine häusliche Arbeit auftrug, ließ sie nur ihren Ring im Lichte glitzern und setzte sich ans Klavizimbalo. O Anton, da war sie so lieblich und schüttelte mit den dunklen Locken herum, daß die allerhöchsten Noten herauspfiffen aus dem Perlenmunde, als ob's Wasserköpfen wären, die an der Sonne funkeln. Und da war die törichte Mutter wieder still, schaffte selbst im Hause und horchte auf ihres Kindes Gesang. Unterdessen waren die Husaren, die sonst in G. gelegen, zu uns nach N. ins Quartier gekommen. Schon wie sie einrückten, und wie ihre Trompeten über den Platz schmetterten, daß es bis in unseren stillen Kirchhof drang, spürt' ich an Nettens Betragen, die Sachen wären nicht in der Ordnung. Sie war wie ausgetauscht, unruhig, niedergeschlagen, dann wieder auf einmal übermütig, wild, lustig. Der Alte gab nichts auf meine Mahnungen. So sind halt die Künstlernaturen, sprach er. Sie ist eine echte Künstlernatur! Was er damit sagen wollte, hab' ich nicht entdecken können. Mir war's zu hoch. Da hatte denn deine Mutter Freundschaft geschlossen mit einem Mädel ihres Alters, der Tochter eines Steinmetzgers oder Bildhauers, wie er sich nannte, der unten am Fuße der hohen steinernen Brücke ein Häuschen bewohnte; ein dürftig hölzernes Ding von Gebäude. Ging unser Bergflüßchen nur ein bissel voll, so leckten die Wellen an des Mannes Besitztum, und wär' es nicht von Steinen, Grabkreuzen und plumpen Heiligen beschwert worden, mir scheint, das Gewässer hätt' es längst fortgeschwemmt. Mit der besagten Bildhauers Christel hatte unsere Antoinette Freundschaft geschlossen, und sie besuchten sich. Mir gefiel der Umgang nicht. Erstens wollte sich's doch nicht recht schicken, daß des Lutherschen Kantors Kind tagaus, tagein bei den katholischen Leuten steckte, die da lauter steinerne Götzenbilder um sich hatten. Und dann überhaupt war mir so weh, wie wenn mir Unheil schwante. Wie gesagt, so geschehn. Eines Abends komm' ich über die Brücke, von Neudorf herein, wo ich eine meinige Muhme besucht hatte, und mitten auf der Brücke, da sie sich am höchsten wölbt, und ich vom Steigen müde bin, rast' ich einen Augenblick aus, schau' mich um nach den grünen Bergen im Abendrot – fällt mein Blick hinab auf Bildhauers Häuschen – und siehst du, Anton, du magst mir's nun glauben oder nicht, jetzt noch, wo ich dir's beschreibe, fühl' ich den Stoß, den mir's damals ins Herz getan! – Ich schau' hinab und sehe einen Kornett von den Husaren, ein Bürschlein, nicht älter als du heute bist, schlank wie eine Tanne, aus Bildhauers Türe treten; der dreht sich fast den Kopf aus den Schultern und starrt empor nach der Brücke, wo ich stehe. Sowie er meiner ansichtig wird, macht er links um und husch ist er im Hause wieder drin. Mir brachen schier die Knie zusammen unter meines Leibes Last, und ich mußte das letzte Restchen Kraft aufbieten, um weiter zu gehn. Wird sie zu Hause sein? Das war der einzige Gedanke, den ich fassen konnte. Er kam mir auf die Zunge. Schritt vor Schritt sprach ich weiter nichts als: heiliger Gott, wird sie zu Hause sein? Denn war sie nicht daheim, dann war sie zu Bildhauers gegangen, und dann wußt' ich, woran ich war. So bieg' ich dir um die Ecke, ins kleine Gäßchen ein, das nach dem Kirchhofe führt, und eilig, wie ich bin in meiner Todesangst, renn' ich an ein Frauenzimmer an, das verblüfft vor mir stehen bleibt: es war meine Tochter! »Wohin so spät, Antoinette?« ruf' ich ihr heftig ins Gesicht; und sie, rot wie ein gekochter Krebs, stammelte nur: »dir entgegen, Mutter.« »Na, so komm'«, sprech' ich und reiße sie mit mir fort und halte sie so fest am Arme, als ob die ganze Schwadron am anderen Arme zöge! Der Vater war zu Biere gegangen. Ich hatte sie allein, nahm sie heftig ins Gebet. Doch sie hielt sich standhaft; sie leugnete mit Festigkeit – und ich ließ mich täuschen. Ließ mich täuschen, weil ich bei der schärfsten Aufmerksamkeit, von diesem Abend an zu rechnen, nichts mehr wahrnehmen konnte, was meinen Argwohn erneuert hätte. Im Herbst war ich vollkommen beruhigt; um so mehr, weil die Husaren schon wieder in andere Garnison gerückt waren. So, daß ich mich entschloß, wieder einmal die Neudorfer Muhme heimzusuchen; ich hatte das nicht getan, seitdem mir der Weg über die Brücke durch den Kornett im Bildhauerhäuschen verdorben ward. Nun denke dir meine Verwunderung, Anton, wie ich nach dem Häuschen suche und find' es nicht mehr, sondern an seiner Statt entdeck' ich ein neues, größeres, von Mauerziegeln fest errichtet, mit Schieferplatten eingedeckt; das war über Sommer emporgewachsen. Und wo hatte der hungrige Bildhauer das Geld dazu hergenommen? Du meinst, dies wär' seine Sache gewesen und hätt' ich nichts danach zu fragen gehabt. Gewissermaßen wohl. Doch aber meldete sich in meinem Herzen eine drohende Stimme, die mir den Besuch bei der Neudorfer Muhme wieder leid machte. Ich drehte auf dem Flecke um, ging nach Hause. Mir war, als wenn ein böser Geist mir zuraunte: Das Haus ist auf deiner Tochter Schande gebaut! – Zittre nicht, armer Junge, bald kommt's noch schlimmer! – Und wie ein böser Geist keinmal allein bleibt, trat alsogleich ein zweiter an mich heran: die Frau Torschreiberin nämlich; das war ein schlimmes Weib, Gott mög' ihr ewige Ruhe vergönnen. Die fing zu schnattern an, wie es ihr Brauch, redete vom Hundertsten ins Tausendste, von der Schule, von meinem kleinen Garnhandel, von der Musik, von den Husaren, und ob unsere Nettel sich denn getröstet habe über den Ausmarsch der Eskadron? Der Himmel gab mir Kraft, dem häßlichen Weibe nicht zu zeigen, wie scharf ihrer Zunge Stachel in mein wundes Herz drang. Ich hielt mich aufrecht und lachte ihr in die Nase, daß es fast lustig klang. Dann ging ich meiner Wege. Wie ich aber in unser Haus, wie ich in deiner Mutter Kammer geraten bin, das kann ich dir nicht beschreiben, Anton, denn ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß sie auf ihrem Bette saß und den Kopf hängen ließ. »Antonie«, schrie ich sie an, so laut als der Krampf, der mir die Kehle zuschnürte, mich schreien ließ, »was soll das heißen, daß fremde Weiber mich befragen nach deinem Schmerz über den Ausmarsch der Husaren? Und daß du seit acht Tagen vergehst und verkommst wie eine Blume ohne Regen? Und daß die vermaledeiten Bildhauersleute ein neues stolzes Haus auferbauen? Antonie, hast du das Sündengeld gezahlt? Ich frage dich, ich, deine Mutter.« Da hättest du sie sehen müssen, Anton, wie sie sich emporrichtete und vor mir stand, um eine Hand höher wie gewöhnlich. »Schreie nicht, Mutter, du tust mir wehe«, sprach sie. »Du sollst die Wahrheit vernehmen, auch ohne daß du mir drohst. Länger hätte ich ohnedies nicht geschwiegen. Gehen wir hinab zum Vater! auch er muß wissen, wie es mit seinem einzigen Kinde steht.« So schritt sie mir voran, ungebeugt und mächtig, das sechzehnjährige Mädchen, als ob sie die Anklägerin wäre, und ich folgte ihr bebend, wie wenn ich ein schlechtes Gewissen hätte. Sie war halt gar zu schön; man konnte sie nicht sehen ohne Entzücken. Dein Großvater saß bei seiner Notenschrift. Sie winkte ihm die dicke Schwanenfeder aus der Hand, gleichsam als ob sie ihm befehlen wollte, zu hören. Und nun begann sie: Bei dem großen Musikfeste hatte sie den jungen Grafen zum erstenmal gesehen. Unsere Augen, so drückte sie sich aus, haben sich begegnet und unsere Herzen haben sich gefunden. Dann fuhr sie fort, zu schildern, wie sein Bild nicht mehr aus ihrem Gedächtnis wich. Später zogen die Truppen hier ein. Guido fand Gelegenheit, sie anzureden. Bei Bildhauers trafen sie sich. Nachdem ich jene unselige Entdeckung gemacht, daß der junge Mann dort verkehrte, wurden sie vorsichtiger. Sie mieden sich bei Tageslicht. Aber ach, die Nächte brachte sie jenseits der Brücke zu. Wenn der Vater und ich im tiefen Schlummer lagen, schlich die Verführte ins Haus der Kupplerfamilie. Ich vermag dir nicht zu wiederholen, Anton, wie sie das alles vorbrachte. War es doch nicht anders, wie wenn sie in ihrem vollen Rechte wäre, und wir hatten das Zuhören. Endlich zog sie einen Brief hervor, den ihr Graf zum Abschied an sie geschrieben. Da stand es mit deutlichen Worten, daß er sie verehre, daß er sie lieben werde sein lebelang, daß er sie als Braut betrachte, und daß er nur der Eltern Einwilligung abschmeicheln wolle, um die Schönste heimzuführen auf seine Herrschaft und sie glücklich zu machen. Wir hörten, wir lasen, wir standen da verdutzt und stumm. Ich war ja von jeher eine dumme, unerfahrene Person, und dein Großvater, die beste Seele von einem Manne, mußte nichts von falschen Menschen. Ja, wenn's falsche Noten gewesen mären! Kurzum, aus dem Jammer wurde ein Freudenfest: Wir weinten, wir versöhnten uns, wir umarmten die Braut mit feurigen Glückwünschen und gelobten uns, gegenseitig zu schweigen über die Sache und zu harren, bis es an der Zeit sei, unser Schweigen zu brechen und die Nettel Frau Gräfin zu nennen. Aber du kannst mir's glauben, Anton, trotz meiner Dummheit war ich bei allem Jubel klug genug, einzusehen, daß deine Mutter sich nur glücklich stellte; daß sie versuchte, sich selbst zu täuschen, weil sie uns täuschen wollte. Sie glaubte nicht an ihre Zukunft. Mein Mann war von uns dreien der einzige, dem es rechter Ernst war mit seiner Hoffnung. Sonst gingen die Tage trüb und traurig hin, wie der finstre Spätherbst, in dem wir lebten. Nette sang wenig mehr. Sie sagte, es fiele ihr so schwer. Nur wenn ein Brieflein vom Herzallerliebsten eintraf, atmete sie freier auf. Dann sang sie beim Vater unten, und er schwur darauf, prächtiger, voller hätt' ihre Stimme niemals geklungen. Von der Einwilligung seiner Eltern jedoch schrieben der Herr Graf nimmermehr nichts oder doch nur wie von einer vorsichtig zu behandelnden Angelegenheit. Gegen Weihnachten wurde Antonie immer stiller, einsilbiger, zurückgezogener. Auch ihre Kleidung vernachlässigte sie, die sonst immer flink und sauber einhergegangen, daß alles an ihr knackte, mit einer Taille zum umspannen. Ihr Umschlagetuch über ihr dürftiges Hauskleid, anders erblickten wir sie nicht mehr; der Sonntagsstaat hing im Kasten. Den Verkehr mit Bildhauers Christel hatte sie längst schon abgeschnitten. Das war mir recht. Doch auch sonst vergönnte sie keiner Schulfreundin das Wort. Sie schien wie tot für alles, was ihre Liebe nicht betraf. Der heilige Weihnachtsabend rückte heran. Von einer Stunde zur anderen meinte ich, der Postbote müsse eintreten und müsse heimlich gesendete Gaben bringen, mit denen der junge Graf seine traurige Braut aus der Ferne bedenke. – Vergebens! Wir hatten einen Christbaum besorgt und ihn aus unserer Armut mit bescheidenen Geschenken aufgeputzt, so gut mir's vermochten. Da stehen wir um die Dunkelstunde in Vaters Zimmer, er und ich, bei geschlossenen Läden, stecken kleine Wachskerzen auf die Zweige, hängen Naschwerk daran und hantieren so stumm nebeneinander her. Endlich fragt dein Großvater: »Wie's wohl heut übers Jahr hier aussehen wird, Alte?« Ich raffe mich zusammen und spreche dreist: »Wie wird's denn aussehen, Alter? Gut!« »Hm«, sagte er wieder, »ob der Graf und die Nettel dann schon ein Paar sind?« Und wie er das sagt, vernehm' ich einen schneidenden Angstschrei aus Antoniens Gemach herabdringen, der mir kurzweg die Sprache verlegt. Der Alte hatte nichts gehört, denn er war schon lange taub für alles, was nicht Musik heißt. Da ruf' ich ihm ins Ohr: »Nun mach' und zünde die Lichtlein an; ich gehe hinauf, die Nettel holen!« Und ich gehe hinauf, Anton – nein! nein, ich kann nicht weiter – ...« – »Großmutter, ich bitte dich, fahre fort!« – »Nun denn, nach einer Stunde saßen dein Großvater und ich vor deiner Mutter Bett, die bleich darin lag, ein schmerzvoll-süßes Lächeln um ihren Mund. Im Arme, mein lieber Anton, hielt sie dich. Aber du warst sehr klein und schriest, wie wenn du am Spieße stecken tätest. Solches geschah am vierundzwanzigsten Dezember ...! Vor Mutter und Vater hatte das hartnäckige Mädel ihren Zustand zu verbergen gewußt. Was jetzt erfolgt war, konnte und durfte natürlich nicht verborgen bleiben. Dein Großvater mußte gebührende Anzeige machen. Da war denn der Stab über die Kantorfamilie gebrochen, die Fahne der Schmach ward uns aufs Dach gesteckt und wehte wie ein durchlöcherter, schmutziger Fetzen im kalten Schneewinde, indessen anderer Orten die Weihnachtsfeiertage fröhlich begangen wurden. Es währte auch nicht lange, so hatte der Pastor Primarius es oben durchgesetzt, daß dein Großvater vom Amte gejagt wurde, weil, wie der Bratensack behauptete, die Schulkinder nicht mehr von einem harthörigen Lehrer unterrichtet werden könnten, der für die Schande seiner eigenen Tochter taub und blind gewesen wäre. Wir mußten ausziehen. Aus unserem heimlichen, warmen, grünumwachsenen Häuschen hinaus! Zum Glück, daß die Bäume dürr waren und winterkahl! Um Ostern zogen wir hinaus. Wir hatten weiße Ostern. Es war noch grimmig kalt. Draußen in der Wiesenauer Vorstadt fanden wir eine kleine Wohnung. In einem Zimmer hausete ich mit meinem armen, niedergebeugten Alten. Im anderen trieb deine Mutter ihr Wesen mit dir. Ach, wie sie sang, wie sie dich in ihren Armen wiegte. Mit schöneren Liedern ist kein Kaisersohn in Schlaf gesungen worden. Und der Großvater fand ebensoviel Freude daran, wie der kleine hilflose Enkel. Ihr beide habt gelächelt, Anton; ich hab' geweint: denn die Stimme war ja doch unser Unglück; sie hatte uns doch eigentlich ins Unglück gebracht. Deines Herrn Vaters Briefe wurden immer rarer, und wenn etwa wieder einmal einer geschlichen kam, war der letzte gewöhnlich um etliche Wörter kürzer, als der vorletzte. Nette schwieg. Der Alte fragte nach nichts. Ich weinte. Ein ganzes Jahr hab' ich verweint, daneben fleißig meinen Garnhandel betrieben, und davon haben wir gelebt; davon und von den paar Kreuzern, die der Alte mit Notenschreiben erwarb. Am nächsten Weihnachtsabend konntest du schon laufen, Anton; langtest schon mit kräftigen Händchen nach den Kerzen am Weihnachtsbaum. Dein Vater ließ nichts weiter von sich hören. Antonie schrieb wohl einige Male; sie bekam keine Antwort mehr. Sie verging so langsam in dem Maße, wie du zunahmst. Du warst ein starkes, blühendes Kind. Es lag dazumal ein tiefer Schnee in unserer Gegend. Im Februar brach plötzlich Tauwetter herein mit heißen Winden und lauem Regen. Man mochte keinen Fuß vor die Tür stellen. Pocht es eines Abends bei uns an. »So spät?« spricht der Alte. »Ein Brief!« ruft deine Mutter und stürzt hinaus. Es war so. Der Briefträger hatte wirklich einen gebracht. Des Grafen Siegel, nicht seine Handschrift. Deine Mutter las ihn ruhig durch, zwei-, dreimal. Dann sagte sie: »Ich muß ein Sprung zu Bildhauers machen; hab' eine notwendige Bestellung.« »Jetzt, in der Nacht, bei dem Wetter?« frag' ich. »Ich muß«, sagte sie, legte dich auf ihr Bett, gab dir einen Kuß und nahm ihren Mantel um. Dann reichte sie mir und meinem Alten die Hand. »Du nimmst ja ordentlich Abschied?« sprach der. »Vielleicht bleib' ich über Nacht aus«, war ihre Antwort; »pflegt den Jungen!« – Weg war sie! »So wett' ich doch, was einer will«, sagt' ich zu deinem Großvater, »der Graf ist hier und bestellt sie zum Gespräch.« »Desto besser«, meinte der Alte, »vielleicht führt's zu gutem Ende.« Nun ja, freilich wohl, zum Ende hat es geführt. Du schliefst so ruhig an meiner Seite, Anton, du wußtest von nichts. Dein Großvater schnarchte mit dem Tauwind um die Wette, der im Schornstein heulte. Ich schlief nicht. Bis Mitternacht lauscht' ich immer, ob nicht die Türe gehen, ob Nette nicht heimkehren würde. Sie kam nicht. Dann überließ ich mein Haupt den traurigen Gedanken, die darin ihr Wesen treiben wollten. Und als ich endlich gegen Morgen einschlief, sah ich im Traume nichts als Wasser; dickes, gelbes, trübes Wasser, daß ich meinem Gott dankte, wie mich der Tag erweckte. Nun sprach ich den Morgensegen, bereitete das Frühstück, räumte auf und wartete der Dinge, die da kommen sollten, doch in steter Todesangst. Mein Mann dagegen schien voll freudiger Zuversicht, und als er sich zu seinem Notenpapiere setzte, sagt' er lächelnd: vielleicht hat er sie gleich mit sich genommen zu seinen Eltern? »Aber ihr Kind?« rief ich, auf dich weisend. Das macht' ihn stumm und nachdenklich. Doch durch diese Äußerung war mir der Brief wiederum in den Sinn gekommen und war mir eingefallen, daß sie ihn in ihren Schubkasten gelegt. Ich holte ihn alsogleich heraus, nahm meine Brille – denn ich brauchte schon dazumal eine Brille – und las, Anton. Ach, ich weiß ihn auswendig, den gottverfluchten Brief. Er war nicht von ihm, nicht von deinem jungen Vater; von seiner Mutter war er geschrieben, von der alten Gräfin: Wenn das liederliche Weibsbild, schrieb sie, welches meinen Sohn, da er noch ein unmündiger Knabe gewesen, listig verführet hat, nicht aufhört, ihn und uns mit ihren frechen Briefen zu belästigen, so werd' ich sie samt ihren ruchlosen Eltern und die ganze schlechte Wirtschaft in N. den Behörden zur strengsten Bestrafung anzeigen. Für den Bankert wird kein Heller mehr gezahlt, nachdem das Gesindel meinem Sohne schon bedeutende Summen zum Aufbau von Häusern abzuschwindeln gewußt. Dies ist das letzte Wort in dieser schmutzigen Angelegenheit. So lautete ungefähr der Frau Gräfin liebreiche Zuschrift. Nun wurde mir augenblicklich klar, was deine Mutter so spät am Abend noch bei Bildhauers gewollt. Sie, die auch nicht das geringste Geschenk von ihrem Liebhaber angenommen, war empört über solche ungerechte Vorwürfe; war empört über die Habsucht der Bildhauerleute, die gewiß falsches Spiel gespielt und in Nettens Namen dem jungen Grafen das Geld abgebettelt hatten, womit sie sich aus ihrer eigenen Not gerissen. Das war mit Händen zu greifen: Deine Mutter wollte sie zu einem Geständnis zwingen; deshalb der nächtliche Besuch. Aber warum kehrte sie nicht zurück? Das blieb mir ein Rätsel. Hielt das schlechte Volk sie vielleicht mit Gewalt? Hatte man sie vielleicht eingesperrt, um sie durch Drohungen zum Schweigen zu bewegen? Es litt mich nicht. Deinem Großvater schärft' ich ein, auf dich acht zu haben, und in des Heilands Namen begab ich mich auf den Weg, trotz Wind und Wetter. Ich mußte durchs Städtchen gehen, um aus unserer Vorstadt nach der Brücke zu kommen. Auf dem Wege fand ich alles in Alarm. Weiber standen vor den Türen und erzählten sich mit jammervollen Gebärden; Männer, Jungen rannten mit langen Stangen, mit Haken, mit Äxten bewaffnet durch die Gassen. Auf meine ängstlichen Fragen, was es doch gäbe, vernahm ich nur einen Ruf: Das Wasser! Das Wasser! Und als ich nun die Brücke erreichte – bis oben hinauf, schier bis an die hohe Wölbung drängte sich die Flut, so gelb, so trübe, wie ich sie im Traume gesehen. Unten war alles ein Meer. So schnell war es über Nacht gewachsen, daß die Bewohner der Hütten am unteren Ufer kaum Zeit gefunden, ihr Leben zu retten. Die hölzernen Häuser schwammen stückweise auf dem Strome fort. Bildhauers Neubau war zusammengestürzt, von den Seinigen niemand gerettet, weil dies Haus am tiefsten gelegen. Christinens Leichnam spülte das Wasser eine Meile weiter hinab auf eine Wiese. Die übrigen wurden nicht gefunden, auch deine Mutter nicht, lieber Anton.« Hier brach die alte Goksch ihre Erzählung ab. Sie konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen. Anton hatte keine Tränen. Schweigend erhob er sich vom Boden, wo er gesessen, fiel seiner Großmutter um den Hals, drückte einen langen Kuß auf ihre welken Lippen. Dann gingen sie miteinander ins Häuschen, und ohne eine Schnitte Brot zu berühren, legten sie sich auf ihr reinliches Lager, während die Vögel auf den Bäumen ringsumher ihnen ein Abendlied zwitscherten. Drittes Kapitel Als am nächsten Morgen die alte Frau erwachte, fand sie ein Blatt Papier mit Stecknadeln an ihre Bettdecke geheftet, worauf in großen Lettern zu lesen stand: »Liebe Großmutter, Anton ist hinaus in den Wald gegangen und wird vor Abend nicht zurückkehren. Mach' dir keine Sorge um mich. Die Einsamkeit soll mir gut tun. Morgen bin ich wieder fleißig bei meinen Körben.« Wer ihn gesehen hätte, den guten Anton, als er beim ersten Schimmer des Tages von seinem schlaflosen Nachtlager emporsprang und kaum angekleidet das Weite suchte, der würde wahrlich in ihm den heiteren, fröhlichen Knaben von gestern kaum wiedererkannt haben. Die Geschichte von seiner Geburt und von dem geheimnisvollen Ende seiner Mutter schien ihn völlig umzuwandeln. Auf seinem sonst so freundlichen Angesicht lag ein Ausdruck von Zorn und Wut, wie man nur bei recht verwilderten, bösartigen Menschen wahrzunehmen pflegt. Im Herzen des kräftigen Jungen kämpften sichtbar heftige Entschlüsse, deren Widerstreit sich bisweilen in tief ausgestoßenen Seufzern oder in einzelnen abgerissenen Worten kundgab. Seine Hände waren krampfhaft zusammengeballt. Von Zeit zu Zeit streckte er sie drohend gen Himmel. Als er heftigen Schrittes den sogenannten »Fuchswinkel« erreichte, einen düsteren, unzugänglichen Platz im großen Walde, warf er sich, wie wenn er jetzt erst sicher vor jeder Begegnung mit einem menschlichen Wesen und seinem Grame nun ungestört überlassen sei, laut heulend zu Boden und begann das bunte Waldmoos um seine Lagerstätte her auszurupfen und zu zerstören. Eine ganze Nacht hindurch hatte er seinem Schmerze Gewalt angetan und sich männlich beherrscht, um die Großmutter nicht zu beunruhigen. Jetzt wußte er sich jeder Fessel entbunden und durfte sich austoben. Rasende Flüche, gegen jenen gerichtet, der ihm das Dasein gegeben, schäumten von Antons Munde. Eine Verwünschung drängte die andere. »Rache, Rache für meine Mutter!« So lauteten die letzten Worte, die er abgemattet und erschöpft hervorbringen konnte. Dann sank er bewußtlos in dumpfen Schlaf, der anfänglich ihm finstere, blutige Bilder zeigte, später jedoch sanftere Träume vor ihm aufsteigen ließ, daß die Fieberqual entwich und ein ruhiger, stärkender Schlummer über ihn sich ausbreitete. Stunde für Stunde zog der schönste Sommertag um den Schläfer hin, der ihn in seinem Innern fühlte und durchlebte. Balsamische Düfte senkten sich von den hohen Tannen herab, daß er sie einatme und seine von Jammergeschrei wunde Brust ausheile. Er wußte, daß er schlief. Er empfand, daß der Schlaf ihn segnend abtrennte von den Leiden des Lebens. Deshalb gab er sich willig der süßen Lockung hin, die sommerlau auf ihm lag. Und da kam auch die Mutter. Sie neigte das Angesicht über ihn – aber es glänzte, daß er ihre Züge nicht sehen konnte – und lispelte ihm wie singend ins Ohr: »Habe Friede, mein Sohn!« Es war kein Traum mehr. Zu erwachen wähnte der Ärmste. Ihre langen Locken berührten seine Augenlider. Sehnsüchtig schlang er die Arme, sie zu umfangen – doch als er die Augen geöffnet, als er wirklich erwachte, leuchtete ein fremder Feuerblick ihm entgegen und an seiner Seite kniete ein in schlechte Lumpen gehüllter Bettler. Der schwarze Wolfgang war es, in der ganzen Gegend allzusehr bekannt und übel verschrien als Taugenichts und Umhertreiber. »Was willst du von mir?« rief Anton dem Wolfgang zu. »Was verfolgst du mich hierher, wo ich Einsamkeit suchte? Soll man auch im dicken Walde keine Ruhe finden vor den Menschen.« »Was haben dir denn die Menschen zuleide getan?« sagte Wolfgang. »Dir, der bei seiner Großmutter lebt im wohnlichen Hause; der sein Bett hat und seine Suppe? Im Winter seine warme Kleidung? Der sich redlich ernährt mit seiner Hände Arbeit? Was haben sie dir getan?« »Hast du danach zu fragen?« erwiderte Anton mürrisch. »Geh' deiner Wege und laß mich hier liegen.« »Ich will nicht!« war Wolfgangs trotzige Antwort. »Bei dir zu sein, bin ich dir nachgeschlichen und kauere an deiner Seite, so lange du schläfst, um dir die Bremsen zu verjagen, die dich stechen und deinen Schlaf stören wollten. Alle Menschen möcht' ich vergiften; lebendig schinden könnt' ich sie, wenn ich die Macht dazu hätte. Nur dich hab' ich lieb, Korbmacherjunge.« »Wie komm' ich zu der Ausnahme?« fragte mit fast spöttischem Lächeln unser Anton, während er seinen Oberkörper zur Hälfte von dem bemoosten Erdboden auflichtete und, auf den linken Arm das Haupt gestützt, dieses dem schwarzen Wolfgang zuwandte. »Das weißt du nicht mehr? Ich weiß es desto besser und will's dir wohl sagen. Vor einem Jahr, oder ist's noch länger, gingst du einmal mit den Töchtern eures rotnasigen, versoffenen Barons und mit des Pastors Söhnen ums Dorf herum gegen Abendzeit. Ich saß hinter einer Schlehdornhecke und sah euch kommen. Ich war voll von Bosheit und Hunger. Beim Pastor wie beim Gutsherrn hatten sie mich von der Tür gewiesen, und die älteste von den Schloßfräulein, die ihrem Vater so ähnlich sieht, schrie mir nach: »Hab' ich dir's nicht oft genug gesagt, nichtsnutziger Schlingel, du darfst die Woche nur einmal betteln!« Dumme Gans! Wenn sie mich überall auf Sonnabend bestellen nach ihrem armseligen, verschimmelten Stück Brot, wovon soll ich denn die andern Tage leben? Soll ich das verdorrte Zeug, woran sich jeder rechtschaffene Kettenhund die Zähne ausbeißt, auch noch lange mit herumschleppen? Wie gesagt, ich war voll von Bosheit, und wie ihr so bei den Hecken vorbeistricht und das häßliche Weibsbild seine Schnauze nach der Seite drehte, wo ich saß, da könnt' ich's nicht lassen, ich mußt' ihr einen Stein ins Gesicht werfen. Und der flog ihr so hübsch zwischen Nase und Maul, daß sie einen Satz machte wie eine Krähe, die angeschossen ist, und Zeter brüllte aus ihrem blutigen Schnabel. Ich wollte ausreißen, aber die Pastorjungen hatten mich entdeckt, holten mich ein und fielen über mich her; zwei über einen. Sie schlugen mich auf den Kopf und wo sie hintrafen mit ihren Knütteln, die, sie Schuljungenstöcke heißen oder Ziegenhainer. Da warfst du dich zwischen sie und mich, bedecktest mich mit deinem Leibe und batest, nun möcht' es genug sein; und wie sie immer wieder auf mich eindrangen, fingst du an, mit ihnen zu kämpfen, hieltest beide zurück, daß ich unterdessen entfliehen konnte. Seitdem lieb' ich dich, Anton, dich allein, wie ich sonst alle hasse.« »Ich besinne mich jetzt«, sagte Anton; »es ist gerade ein Jahr her. Es war der letzte Spaziergang, zu dem sie mich abriefen. – Du bist in meinem Alter?« »Ich glaube. Gewiß weiß ich's nicht.« »Du weißt nicht? Kannst du nicht deine Eltern befragen?« »Ich habe keine Eltern.« »Auch nicht? Armer schwarzer Wolfgang! Aber doch Verwandte?« »Niemand. Meine Mutter ist im Zuchthause gestorben, eh' ich sechs Jahre alt wurde. Mein Vater ward in Böhmen gehenkt.« »Gott erbarm' sich, das ist ja schrecklich.« »Warum denn schrecklich? Lustig ist's. Sie wissen nirgend, was sie mit mir anfangen sollen, weil ich nirgend eine Heimat habe. Ich bin hinterm Zaune auf die Welt gekommen, wie eine Katze. Neulich hat mich der Landdragoner festgenommen, hat mich an seines Pferdes Schwanz gebunden und hinein aufs Amt geliefert. Der Landrat lachte, wie er mich erkannte, und sprach: ›Was soll ich mit dem anfangen? Wohin ich ihn mit dem Schub schicke, wird er mir ewig wieder zurückgestellt; sie behalten ihn an keinem Orte, weil er an keinem Orte zu Hause ist. Es ist einmal unser Vagabunden laßt ihn laufen!‹ – ha, so lauf' ich nu!« »Ach, wie unglücklich mußt du sein!« rief Anton, der seine teilnehmende Rührung kaum zurückdrängen konnte. »Unglücklich? Daß ich nicht wüßte. Ich kenn's ja nicht anders. War's doch von jeher so mit mir beschaffen. Früher, eh' ich dich lieb hatte, war mir wohl manchmal, als ob ich's nicht aushielte. Seitdem du dich für mich hast prügeln lassen, weiß ich doch einen Menschen auf der Welt, an den ich denken mag, ohne daß mir die Lust in den Gliedern zuckt, ihm wehe zu tun oder einen Possen zu spielen. Bis dahin spürt' ich immer nur Haß, und das zehrt einem förmlich am Leben. Jetzt ist mir manchmal zumute, als ob ich auch ein Gefühl haben könnte, wie andere Leute. Und vorhin, wie du hier lagst und schliefst, und ich mich über dich bog und sah dich im Schlafe mit den Lippen zucken, als wolltest du lachen, da war mir eben, wie wenn ich weinen müßte. Aber es war mir gut dabei. So weich und gut, inwendig, verstehst du mich, ums Herz herum; siehst du, hier auf der Stelle.« Bei diesen Worten ließ der Landstreicher sein grobes, sackleinenes Hemd von der sonnverbrannten Brust und zeigte dem staunenden Anton jenen Fleck, wo man des Herzens stürmischen Schlag wild gegen die Brust pochen sah, daß sie hoch emporbebte. »Du mußt krank sein, Wolfgang«, rief Anton mitleidig aus, »so wütend hämmert keines gesunden Menschen Pulsschlag.« »Den Teufel, mag ich nicht krank sein? Freilich bin ich krank. Ich komme aus dem Fieber gar nicht heraus. Aber wenn ich einen tüchtigen Schluck Kornbranntwein hinuntergießen kann, wird mir gleich wieder besser; dann bin ich stark wie der Gesündeste und nehm' es mit jedem auf. Jetzt sollten die Verfluchten Pastorjungen nur über mich herfallen, ich wollte sie zusammenhauen samt ihren Ziegenhainern!« »Hast du Schnaps getrunken?« fragte Anton errötend; »heute, zum Sonntag?« »Freilich, hab' ich, sonst wär' ich nicht so rüstig, und meine Augen täten nicht so brennen. Ein fremder Herr, der während der Kirche mit einer Kutsche in euer Dorf einfuhr, Postpferde vor den Wagen gespannt, hat mir einen Groschen zugeworfen. ›Nicht mehr?‹ schrie ich, nachdem ich die Münze aufgelesen, steckte dem geizigen Kerl die Zunge heraus, schickte ihm ein paar herzhafte Schimpfwörter auf den Weg nach und bin saufen gegangen.« »Aber Wolfgang«, flüsterte Anton, »da bist du ja wirklich ein schlechter Mensch.« »Das will ich ja sein«, rief jener trotzig. »Und wenn ich nur nicht immer krank wäre und nicht immer das ewige Fieber hätte, da wollt' ich schon noch viel schlechter sein! Soll ich etwa auch nicht? Weshalb sollt' ich's mit den Menschen gut meinen? Sind sie gut gegen mich? Von meiner Mutter hab' ich nichts als Fußtritte gehabt; meine Nahrung mußt' ich mir selbst zusammenbetteln oder stehlen; und dann nahm sie mir fort, was mir gehörte. Der Vater trieb sich mit Dirnen herum; sobald ich ihn um etwas bat, schlug er nach mir, gleichviel ob mit der Faust oder mit einem Stück Holz. Als sie ihn drüben aufgehenkt hatten, weil er einen Landjuden totgestochen und beraubt, bin ich von Tür zu Tür gekrochen und hab' gebeten, sie möchten mich aufnehmen, mir Brot geben; ich wollte für sie arbeiten. Zuerst, wenn sie mich neugierig betrachtet, zischelten sie untereinander: das ist ein schöner Junge! Wenn sie mich aber nach meiner Herkunft fragten, und ich sagte ihnen die Wahrheit, da schrien sie auf: ›Was? den Lohn eines Mörders ins Haus nehmen? Geh' an den Galgen zu deinem Herrn Papa!‹ Und sie hetzten mich mit Hunden. Damals wollt' ich gut tun: die Menschen wollten's nicht haben. Jetzt will ich nicht.« »Du wirst dich aber zugrunde richten mit deinem häßlichen Saufen, du wirst immer kränker werden und in den schönsten Jugendjahren sterben«, sagte Anton. »Weiß ich's nicht?« antwortete der Wolfgang, »begehr' ich denn was anderes? Auf dem Miste werd' ich sterben, am Feldwege, im nassen Graben. Desto besser! Wer jung stirbt, braucht alt nicht zu hängen wie mein Alter. Hu – – ich seh' ihn noch baumeln! Halb war ich ohnmächtig vor Grauen, und halb war ich lustig vor Freude, daß er mich nicht mehr prügeln würde. Schrecklich war's doch, und ich möchte nicht hängen! Blieb ich aber am Leben, so käm' ich in jedem Falle an den Galgen oder aufs Rad; das spür' ich. Also wie gesagt: besser, ich sterbe auf meine eigene Hand und durch mich allein. Das hab' ich dir jetzt gesagt, Anton: ich hab' dir gesagt, daß du der einzige bist, den ich nicht hasse, gegen den ich keine Wut fühle. Nun mußt du mir dafür versprechen, daß du mir die Augen zudrücken willst, wenn's aus mit mir wird. Willst du? »Tust du doch«, sprach Anton gerührt, »als wüßtest du im voraus, wann dein Stündlein schlagen soll?« »Beinah' weiß ich's auch. Und ich werde dich rufen, wenn es Zeit ist.« »Mich rufen? Wenn du im Sterben lägest? Wie wolltest du das anfangen?« »Das laß meine Sorge sein. Ich bin ein halber Zigeuner; kann ein bissel hexen. Du wirst gerufen werden – und damit gut. Jetzt leb' wohl. Ich geh' allein aus dem Walde, damit dich niemand mit mir reden sieht. Will dir die Schande nicht antun. Auf dem Schlosse möchten sie dir den Umgang mit mir übel anrechnen. Leb' wohl – bis zum Tode!« Ehe noch Anton ein Wort der Entgegnung gefunden auf diesen gewaltsamen Abschied, war Wolfgang schon im dichten Gebüsch verschwunden. Unser junger Freund blieb sich und seinem Nachdenken überlassen. Er verglich sein Schicksal mit dem des unseligen Landstreichers und mußte zugeben, daß es, gegen jenes gehalten, ein beneidenswertes sei. Doch dann verglich er ihre Väter: »Wolfgangs Vater war ein roher, rauher Kerl, das ist richtig«, sagte er zu sich selbst. »Doch wird er es auch wohl von Kindheit auf nicht anders gesehen haben und gelernt, so wenig als sein armer Sohn. Folglich darf man von ihm nichts Besonderes verlangen. Mein Vater jedoch ist vornehmer Leute Kind und reich und ein gebildeter junger Herr gewesen und hat meine Mutter dennoch betrogen, im Stiche gelassen, in Tod und Verderben gestürzt. Wer ist nun schlechter? Der gemeine Herumtreiber, der den Sohn mißhandelt, wenn dieser ihm ungelegen kommt, oder mein eigener Vater, der niemals nach seinem Sohne fragt, so daß dieser sich nicht einmal rühmen darf, auch nur einen Schlag von der väterlichen Hand empfangen zu haben?« Der Vergleich fiel nicht zu Graf Guidos Gunsten aus. Ja, wir wollen es eingestehen, Anton verirrte sich, von liebendem Bedauern für seine Mutter und von inniger Dankbarkeit für die Großmutter angetrieben, so weit in rachsüchtigem Grolle gegen den, der ihm das Dasein gegeben, daß er ihn im Geiste an den nächsten hohen Baum aufknüpfte und eine Minute hindurch mit schauerlichem Behagen den passendsten Platz für seinen armen Sünder aufsuchte. Doch hielt diese Verwilderung eines ursprünglich zarten Gemütes nicht lange an. »Weh' über mich«, rief er aus, »was sind das für schändliche Bilder? Wer weiß, wie oft der junge Mann doch an mich gedacht hat? Vielleicht konnte er damals nicht anders, in der Klemme zwischen Liebe und kindlichem Gehorsam? Und später hat er mich vergessen. Das ist natürlich. Er hält mich für tot, wie meine Mutter. Gewiß hat sie ihm sterbend verziehen. Ich will es lebend. Ich will ihm verzeihen – und tot sein für ihn. Nein, er soll nicht dort oben hängen an dem schönen, alten Baum!« Während Anton diese versöhnenden Worte dem Walde kundgab, erblickte er auf einem Aste der mächtigen Eiche, dicht an einer spaltigen Öffnung des Stammes, mehrere wilde Turteltauben, die da drinnen nisteten. Es schienen die Eltern und ein paar Junge zu sein. Eins der letzteren war offenbar der Liebling der Alten, denn es empfing volle Nahrung von beiden, während das andere, sobald es sich nähern wollte, unsanft zurückgestoßen wurde und. sogar Bisse von den Schnäbeln ihres Vaters und ihrer Mutter erhielt. Einer dieser Stöße war zu stark für das kleine Tier; es wankte, verlor den Halt, und noch nicht völlig flügge, fiel es – ohne sich Schaden zu tun – halb schwebend vor Antons Füße. Der Eindruck, den das einfache Ereignis auf unseren Helden hervorbrachte, ist nicht zu beschreiben. Er gab sich ihm kindlich hin. Sorgsam ergriff er die kleine Ausgestoßene, bedeckte sie mit Küssen und Tränen, verhieß ihr freundliche Pflege. Seins Liebkosungen taten ihr wohl; sie ruhte friedlich in seinen Händen. Mittlerweile wurden die ungerechten Eltern doch besorgt um ihr verlorenes Kind, stießen allerlei rufende Töne aus und schwangen sich dem Platze, wo Anton lag, immer näher. Er aber, schnell emporspringend, verscheuchte sie. »Nicht mehr euer Kind!« rief er laut, daß es im Walde nachhallte. »Sie ist mein! Ich erziehe sie!« Mit diesem heroischen Ausruf erhob er sich, um den Wald zu verlassen und zu seiner Großmutter heimzukehren. Viertes Kapitel Es wird Zeit, daß wir den geneigten Leser in Antons frühere Lebensjahre, sowie in die Verhältnisse seines heimatlichen Dorfes ein wenig einführen. Deshalb werden wir einen Rückschritt machen müssen; doch soll der Fortschritt unserer Erzählung dadurch nicht lange aufgehalten werden. Der alte Baron Kannabich, der Liebenau, den ersten Schauplatz dieses schlichten Romans, von seinem Vater (dieser wieder von dem seinigen und so weiter hinauf) ererbt hatte, war auch einmal jung gewesen, wie das bei vielen alten Baronen der Fall zu sein pflegt. Und als er jung, war er ein wilder, nichtsnutziger, liederlicher junger Herr gewesen, wie das bei vielen jungen Baronen der Fall zu sein pflegt. Deshalb hatte er denn auch in seine älteren Tage nicht viel mehr herübergebracht, als drei Töchter, deren Mutter bei der Geburt der jüngsten starb – dreimal soviel Schulden, als schon bei seines Vaters Lebzeiten auf Liebenau gehaftet –, einen unversiegbaren und unbesieglichen Durst (doch nicht nach Wasser) – und endlich eine drei mal drei, folglich neunmal größere Nase, als Freiherrn, Ritter und Grafen im gewöhnlichen Lauf der Dinge zu tragen belieben. Diese Nase gab unserem Anton, der ihr blaurotes Farbenspiel von Kindheit auf mit besonderer Andacht observieret, erwünschte Gelegenheit, den gestrengen Gutsherrn mit dem Beinamen: »Onkel Nasus« zu belehnen; eine Benennung, die anfänglich kaum durchdringen wollte, da des Pastors Söhne vorher eine andere geschaffen. Sie behaupteten, der Freiherr schreibe sich nicht Kannabich, sondern von Rechts wegen »Kannenpich«, weil er lieber aus großen »Kannen«, denn aus kleinen Gläsern »pichle«. Und sie hießen ihn Onkel »Kannenpichler«. In seiner Art war das nicht übel, jedoch zu kompliziert, um ins Volk überzugehen. Onkel Nasus war anschaulicher, einfacher, wurde deshalb allgemein beliebt und schlich sich endlich bis ins Schloß, wo es dann durch Diener und Mägde bis zur sogenannten Kammerjungfer und durch solche wieder bis zu den »Schloßfräulen« selbst gelangte, die naiv genug waren, es auch zu akzeptieren und in guter Laune ihren oft in sehr übler Laune polternden ungnädigen Papa »Onkel Nasus« zu schelten, obschon dieser keines Menschen Onkel oder Ohm war, denn er hatte niemals Bruder noch Schwester besessen; er war ein einziges Kind. »Onkel Nasus ist heute wieder mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett gestiegen! Onkel Nasus hat heute wieder einmal zu tief in Glas geguckt! – Mit Onkel Nasus ist seit acht Tagen nichts anzufangen!« – Das waren Äußerungen, die nicht selten in den jungfräulichen Gemächern der drei Schwestern von Kannabich beim Aus- und Ankleiden vernommen wurden. Wenn auch »Linz« als älteste mancherlei dagegen einzuwenden wußte, sie wurde überstimmt, da »Miez«, die zweite, in dieser Sache mit »Tieletunke«, der dritten, über einstimmte; und was Tieletunke betrifft, so gestand selbige mit der ihr eigenen Unbefangenheit eine ausgesprochene Vorliebe für Anton, den Korbmacherjungen, den Gespielen früherer Zeit, den Schöpfer des »Onkel Nasus«, immer gern ein. Damit nun aber keiner meiner Leser wähne, jene soeben genannten Namen der drei Schwestern seien denselben ursprünglicherweise am Taufsteine zuteil geworden, versäume ich nicht, beizufügen, wie »Linz, Miez und Tieletunke« nur Umbildungen von Karoline, Emilie und Ottilie sind; Transkriptionen, die wir der freien Phantasie der beiden Pastorsöhne verdanken, aus deren hosenloser Kindheit sie sich unvermerkt in die Gymnasialzeit geschlichen und, wie so mancher Mißbrauch auf Erden, durch Verjährung geheiligt haben. Gleiches Schicksal traf übrigens die kühnen Täter, denn an beiden, Julius und Robert geheißen, blieben die vertraulichen Kindernamen: »Pastor-Puschel und Rubs« fest haften, während Anton allein, nur in minder vertrauten Umgang gezogen, solcher Ehre verlustig ging. Er war und blieb schlechthin Anton, an längeren Sommertagen, wo man mit der Zeit nicht zu geizen braucht: der Korbmacherjunge. Linz und Mieze standen ihm fern, auch bei ihren Kinderspielen, die beide, in gleichem Alter mit Puschel und Rubs, folglich als Mädchen schon reifer wie Knaben, nur aus Herablassung mitmachten. Tieletunke aber, fast um ein Jahr jünger als Anton, fand dessen Namen zu hübsch, als daß sie ihn hätte umstülpen sollen. Sie rief ihn folglich: Anton, und wenn sie gut aufgelegt war, wurde manchmal Toni daraus; was wohl eigentlich keine Verzerrung, vielmehr eine verkürzende Übertragung des lateinischen Antonius ins Deutsche ist; nach welcher ihr, wie sie zu äußern liebte, bloß Kopf und Schwanz, nämlich: An und us übrig blieb. Und mit An-us wisse sie nichts weiter anzufangen. Denn der Pastorsöhne Vorschlag, asinus daraus zu machen, gab sie zornig zurück, sobald ihr der Herr Pastor die Bedeutung dieses Wortes beigebracht. Der Pastor nun hatte Schloßfräulein und eigene Söhne vorbereitend unterrichtet, so gut und so schlecht er dies bei redlichem Willen imstande gewesen. Anton, der nur als halbgeduldeter Freiwilliger an jenen Lehrstunden naschen durfte, hatte das Beste davon in sich aufgenommen und das Meiste, weil er von allen der Begabteste gewesen. Das entging der feinfühlenden Tieletunke nicht. Und wie sie scheinbar den adeligsten Stolz gegen den jungen Burschen an den Tag legte, war sie ihm innerlich am herzlichsten zugetan. Die Neckereien ihrer Schwestern hatten es jedoch dahin gebracht, daß sie später ihre wahren Empfindungen in sich verbarg, wie eine Schnecke sich mit bedrohten oder gar betasteten Fühlhörnern ins Innere des Hauses zurückzieht. Linz und Mieze, minder fein organisiert und ihrem väterlichen Großnasenträger ebenso nahe verwandt, als Ottilie der durch sie und ihr Geborenwerden entseelten zarteren Mutter, machten aus ihrer Vorliebe für Puschel und Rubs gar kein Geheimnis. Diese drei Verhältnisse wuchsen mit den drei Paaren heran, wie es eben nur in solchen ländlichen Zuständen möglich ist. Es war eine werdende Dorfgeschichte – nach altem Zuschnitt. Jetzt sind Puschel und Rubs als wohlbestandene Gymnasiasten in der Hauptstadt und kommen während der Schulferien, im Sommer auch oft über Sonnabend und Sonntag, nach Liebenau zum Besuche. Sie bereiten sich fleißig vor auf ihre Prüfungen für den großen Schritt zur hohen Schule, den man damals noch nicht so zeitig tat wie später; es war noch nicht die Epoche frühreifer Weisheit und Gelehrsamkeit. Anton, weniger unterrichtet, aber klüger als sie, flicht seine Körbe und in diese samt den Weidenruten gar manchen besonderen, eigentümlichen Gedanken, auf den die jungen Herren Gelehrten schwerlich geraten dürften. Ihr Schulwissen hat sie geistig fast abgetötet, und so sicher sie sich durchs Examen winden werden, so gewiß sind sie flache, nüchterne, wenn schon gutmütige Gesellen. Ebenso bleiben, wie bereits angedeutet, Linz und Miez gar weit hinter Tieletunke zurück. Nicht allein an Geist, sondern was weit mehr sagen will, auch an Charakter. Die jüngste der Schwestern ist die selbständigste, die an Willen festeste. Dabei ist sie trotzig bescheiden, mit seltenen Ausnahmen nachgiebig, ja unterwürfig und den älteren gehorsam. Ihr eigentümliches Wesen zeigte sich schon hervorragend, da sie, ein sechsjähriges Kind, mit den Kindern des Hofgesindes spielte. Alle barfüßigen kleinen Jungen, bis zu jenen zehnjährigen Schlingeln hinauf, die bereits vom Dorfschulmeister für die kirchliche Kinderlehre vorbereitet wurden, fügten sich anerkennend ihrem geistigen Übergewicht. Dieses war so entschieden, daß es sogar ein leibliches wurde. Fräulein Tieletunke führte strenges Regiment und prügelte nötigenfalls ihre jungen Verehrer tüchtig durch, was diese ohne Widerrede sich von ihr gefallen ließen, während sie sich doch gegen Linz und Miez raufend zur Wehre setzten und die gnädigen jungen Schloßfräulein dermaßen zurichteten, daß Onkel Nasus oft mit der Karbatsche dazwischen hauen mußte. Sehr bezeichnend ist folgender Vorfall: Gottfried, des Schulmeisters Söhnlein, gleichfalls um einige Jahre älter als Tieletunke und durch seinen Vater eine Art von Respektsperson für den Liebenauer Nachwuchs, hatte einmal gewagt, sich als solche geltend zu machen und der jungen Gebieterin Gehorsam zu verweigern. Man war allgemein gespannt, welche Folgen daraus entstehen würden. Tieletunke ließ sich ein Stöckchen reichen, befahl dem rebellischen Gottfried still zu halten (was dieser in stummem Erstaunen wirklich tat) und erklärte mit fester Stimme, sie werde dem Schuldigen fünfundzwanzig Streiche geben. – (Wem diese Strafe zu hart und die Summe der Schläge zu groß erscheint, der wird zu bedenken ersucht, daß die Strafende dazumal noch nicht zählen konnte und mit 25 einen unbestimmten Begriff verband; es war, wie wenn sie drei oder sieben gesagt hätte.) – Beim ersten Streiche schon zerbrach das dünne Stäbchen. War nun wirklich kein anderes zur Hand, oder schafften die Kinder keines mehr herbei, weil sie Gottfrieds Vater zu erzürnen fürchteten: die Exekution konnte nicht fortgesetzt werden. Da sagte Tieletunke: »Mit der Hand schlag' ich einen so unsauberen Buben nicht; er mag laufen, aber ich spiele nicht mehr mit ihm!« Am anderen Tage, als zur gewohnten Spielstunde sich das muntere Völkchen auf dem grünen Kirchhof versammelte, saß Tieletunke an ihrer Mutter Gruft und spielte nicht mit den anderen. Und nun kam Gottfried, reichte ihr ein stärkeres Haselstöckchen dar, sprechend: »Gib mir meine Strafe, Tieletunke; das wird schon aushalten, ich hab' es selber abgeschnitten; wenn ich aber geprügelt bin, spiele auch wieder mit mir.« Von jenem Abende schreibt sich Antons Neigung für Ottilie. Diese Neigung würde bis auf den Zeitpunkt, der unsere Erzählungen eröffnet, schon zur heißen, wenn auch halb hoffnungslosen, doch eben darum schwärmerischen Liebe eines reiferen Knaben herangeblüht sein, unseren jungen Freund gänzlich in Anspruch genommen haben, hätte nicht die für ihr Geschlecht fast zu männliche Energie des Fräuleins den Korbmacher befremdet und instinktmäßig abgekühlt. Er wagte nicht, für sie zu schmachten, auch wenn er allein war, nicht, weil er befürchtete, sie könne ihn höhnisch verspotten. Sie, die ihn oft schon »Korbmachermädel« gescholten, weil er so leicht sich der Rührung hingab; sie, die als kleines Kind schon beklagt, daß sie nicht ein Junge geworden. »Es ist recht böse von meinem rotnasigen Papa«, hatte sie damals immer geäußert, »daß er, als der Klapperstorch, der meine arme Mutter totgebissen, mich ihm brachte, nicht ausgerufen hat: das ist ein Junge! Es hing ja von ihm ab. Er durfte nur wollen, gleich war ich ein Junge, wie ihr, und hieß Otto, statt Ottilie. Jetzt muß ich ein dummes Mädel sein und lange Röcke tragen.« So hatte sie damals geredet und redete nun freilich nicht mehr so, aber der Wunsch, ein Jüngling zu werden, statt eine Jungfrau zu sein, schien sich oft noch bei ihr geltend zu machen. Diese Richtung störte Anton in der sehnsüchtigen Andacht einer ersten unschuldigen Liebe. Er zitterte fast vor der, die er anbeten wollte, wie sanft, wie weiblich, wie anmutig sie auch sonst sein mochte. Wer irgend, mit einiger Kenntnis des menschlichen Herzens, mit einiger Beobachtungsgabe ausgestattet, die beiden mitsammen gesehen, konnte ahnen, daß hier eines jener Urgeheimnisse der Natur in verborgenster Nacht wirkte. Der Jüngling schien das Mädchen zu fliehen, das Mädchen schien ihn gering zu schätzen; und dennoch fühlten sich beide von der unbeschreiblichen Gewalt aneinander gezogen, die aus Mann und Weib wieder eine Seele und einen Leib machen möchte und dieses Problems Lösung seit Adam und Eva auf die verschiedensten Arten bis jetzt immer noch erfolglos sucht. Sobald Pastor-Puschel und Rubs in Liebenau eintrafen, sich, vom Staube des Weges einigermaßen gesäubert hatten, begaben sich beide stets regelmäßig und ohne Aufschub aus dem Pfarrhause nach dem Herrenhause, um Onkel Nasus die Hand zu küssen, der seinen »Mädels« alsobald befahl, Wein und Brot vorzusetzen. Dann ritt er aus und ließ die zwei Paare treiben, was ihnen gefällig war. Gewöhnlich unternahmen sie einen Spaziergang, den die »Studenten« mit ihren beinahe vier Meilen in den müden Füßen möglichst abzukürzen und im nächsten schattigen Wäldchen zu beenden wußten, wo man sich lagerte. Bis vor einem Jahre noch hatte man zu jedem dieser Züge Anton abgeholt. Der Korbmacherjunge, der sauberste, hübscheste, klügste Genosse der Spielzeit, durfte nie fehlen. Jetzt war das nicht mehr so. Die Hochschüler fingen an, sich seiner zu schämen; in seinem Wesen lag es nicht, sich aufzudrängen. Er blieb fern, und Tieletunke schlenderte allein hinter den zwei zärtlichen Paaren her, ohne durch ein Wort oder eine Miene zu verraten, daß sie den Begleiter ihrer Kindheit vermisse. Doch entschädigte sie sich dann beim Auskleiden für ihre Entbehrung, wenn sie den Schwestern zu verstehen gab: Rubs und Puschel wichen dem vertrauten Verkehr mit ihrem ehemaligen Spielkameraden nicht deshalb aus, weil sie sich des Dorfjungen, sondern weil sie sich vor ihm schämten, der in seiner grauen, grobleinenen Jacke zierlicher, vornehmer, unterrichteter sei, als die plumpen Schulflegel. Und gewissermaßen sprach sie wahr. Die Gegner der Aristokratie mögen zweifeln, wie sie wollen und können – es gibt einen angeborenen Adel; nur freilich, daß er nicht unveräußerliches Erbteil der Adeligen bleibt! Daß er oft mehrere Generationen überhüpft! Daß er verwunderliche Kreuz- und Quersprünge macht! Daß die Rassen Auffrischung und Wechsel brauchen! Geht es doch bei Pferden, Schafen und Rindvieh nicht anders zu. Eine der edelsten von allen unserem Helden angeborenen Eigenschaften war die Empfänglichkeit, die Bildungsfähigkeit seines Verstandes wie Gemütes. Aus den Büchern, die er teilweise beim Pastor empfangen, die er von den Schloßfräulein ausgeliehen, ging so viel in ihn über, drangen die Gedanken, die er in sich aufnahm, so tief ein, daß er, seinen Umgebungen, seinen Verhältnissen, seinem wirklichen Wissen weit voraus, sich gleichsam selbst übertraf; daß er seiner eigenen Entwicklung vorangeeilt schien. In städtischem Verkehr, in geselligen Vergnügungen heimisch, würde er ein vorlauter, altkluger, unausstehlicher Laffe geworden sein. Im Häuschen seiner biederen Großmutter, als bescheidener, reingewaschen«, sauber gehaltener Dorfhandwerker – vielmehr Pfuscher – war er ein Phänomen. Tieletunke wußte am besten, was sie tat, wenn sie ihren Schwestern zu bedenken gab, daß die gelehrten Pastorsöhne von dem ungelehrten Anton lernen könnten. Zwei kleine Talente singen frühzeitig an, sich bei ihm zu entwickeln. Zuerst ein musikalisches. Unter all den Jungen, so beim Herrn Schulmeister streichen und geigen mußten, zum Schreck und Schauder sämtlicher Dorfhunde, die ängstlich mit eingeklemmten Schwänzen und nur bei unvermeidlichen Gängen und Geschäften an der philharmonischen Sektion des Schulhauses vorüberschlichen – war er der einzige, der seiner kleinen, armseligen Fiedel reinere Töne zu entlocken wußte. So glänzend strahlten seine Progressen, daß er Herrn Kickelier, den Lehrer (Gottfrieds Vater), bald überbot und nichts mehr von ihm vernahm als staunende Lobeserhebungen, während derselbe den übrigen Jungen nicht Fingerknipse genug darreichen konnte für all ihre Mißtöne. Die zweite von Antons Gaben sprach sich in frischen Reimen aus, die ihm wunderbar leicht gelangen. Ich hätte mich wissenschaftlich kritischer ausdrücken und sagen können: er besaß Anlagen zur Poesie; er war Naturdichter und dergleichen mehr. Ich sagte absichtlich und ausdrücklich: sein Talent sprach sich in Reimen aus. Weil ich zu den aufrichtigen Leuten gehöre und eingestehe, daß ich den Reim bei einer gewissen harmlosen Gattung lyrischer Kleinigkeiten nicht entbehren mag, daß ich ihn fast für die Sache selbst halte; daß ein kleines Liedchen reimen muß, wenn es ein Lied sein will. Für mich gibt es keine Blume ohne Blüten. Antons Reime kannte nur der liebe Gott und er. Sonst niemand. Nicht einmal die Großmutter. Denn wie er, vor etwas länger als einem Jahre, Ottilie eins von seinen Sprüchlein hergestottert, hatte ihn diese unbarmherzig ausgelacht und gemeint, die Mutter Goksch würde wohl tun, ihm den Hagedorn mit dem Klopfstock auszutreiben und er möge hübsch seine Kunden prompter bedienen, damit sie nicht so lange auf geflickte Körbe warten müßten! Seitdem verschloß Anton, was die Musen ihm eingeben wollten, in tiefster Brust und vertraute niemand eine Silbe an. Aber seltsam bleibt es, daß seitdem auch, wenn Tieletunke sich allein und unbelauscht meint, sie immer und immer folgende Zeilen wiederholt: »Ich flechte schlanke Weiden In meine Körbe ein; Ich schlinge meine Leiden Und Freuden mit hinein; Ich hab' ein stilles Sehnen, Das tut mir wohl und weh; Mein Auge schwimmt in Tränen, Wenn ich mich flechten seh'; Die Weidenruten streben Aus dem Geflecht heraus; Doch müssen sie sich geben, Es wird ein Korb daraus. Ein Korb! Das ist ein schlechter, Ein trauriger Doppelsinn, O armer, armer Flechter, Ein Korb ist dein Gewinn.« Seltsam, seltsam bleibt es, daß Tieletunke diese Reime sich oft sinnend vorsagt. Noch seltsamer, daß sie von einmaligem Hören ihr im Gedächtnis blieben! Fünftes Kapitel Für die ausgestoßene Turteltaube, die er vorsichtig heimtrug, aufs ängstlichste besorgt, langte Anton vor Sonnenuntergang bei seiner Großmutter an. Um jeder Frage, wie und wo er den langen Tag zugebracht haben möge, auszuweichen, hielt er seiner Alten die Taube hin mit den Worten: »Noch ein Pflegekind!« Mutter Goksch besaß zarten Sinn genug und kannte ihren Enkel hinreichend, um zu begreifen, daß er die Erinnerungen an seine Herkunft und seiner Mutter Schicksal fürs erste begraben wolle. Sie reichte ihm ihre Hand, schüttelte seine Rechte, wie man sie einem alten, treu erprobten Freunde schüttelte, und erwiderte nur: »Für dein Pflegekind wollen wir beide sorgen; – und dann waren auch die Schloßfräulein hier, samt den Pastorjungen, sie wollten dich abholen ...« »Zum Spaziergange?« unterbrach Anton die Großmutter; »was fällt denen auf einmal wieder ein? Sie haben eine Ewigkeit nicht nach mir gefragt!« »Nicht zum Spaziergange«, fuhr die Alte fort; »von dem kehrten sie schon zurück. Nein, aufs Schloß sollst du kommen und deine Geige mitbringen. Den alten Baron hatten sie bei sich, der hatte ums ganze Dorf laufen müssen; der keuchte samt einem fremden Herrn hinter ihnen her und fluchte lästerlich über den weiten Marsch. Seine Nase spielte in allen Farben.« »Und Tieletunke?« »Die war auch dabei, natürlich. Aber die fragte nicht nach dir und sprach überhaupt nicht.« »Dann will ich gerade gehen. Doch wer ist denn der Fremde?« »Weiß ich's? Sie nannten ihn Musikdirektor, und er ist, glaub' ich, verwandt mit dem Pastor. Mir ist auch, als hätt' ich schon von ihm reden hören, wie die Pastorin noch lebte, gleichwie von einem verlorenen Sohne. Nun mag er sich wohl wiedergefunden haben! Aber vom Schweinehüten kommt der nicht. Er sah sehr prächtig aus.« »Vor ihm soll ich geigen?« wiederholte Anton nachdenklich einige Male. »Sie wollen wahrscheinlich über mich spotten, und das ist wieder ein Einfall von Fräulein Ottilie. Aber gleichviel: ich gehe doch!« Damit nahm er seine Geige und ging aufs Schloß. Sie saßen in der Laube vor der Tür; Onkel Nasus, der Pastor und der fremde Herr, an einem grünen Kartentische, auf dem verschiedene halb geleerte Weinflaschen standen. Die Mädchen, Miez und Linz, gingen mit den »Studenten« ab und zu. Letztere suchten gelegentlich, und wenn es unbemerkt geschehen konnte, ihre stets leeren Gläser wieder zu füllen. Ottilie stand in der halb offenen großen Haustür, an den geschlossenen Torflügel gelehnt und den Abendflug der Schwalben betrachtend, als ob die übrigen sie nichts angingen. Wie Anton am Eingang der langen, dicht verwachsenen Laube erschien, wedelten ihm des Freiherrn Hunde zutraulich entgegen und rieben sich an seinen Knien, als an denen eines guten Freundes. Anton küßte dem Baron die Hand, worauf dieser ihn in die Wange kniff und in bester Weinlaune sagte: »Na, Schlingel?« Sonst achtete niemand sonderlich auf ihn. Der fremde Herr war eben dabei, von seinen Reisen und Abenteuern zu erzählen. Anton legte die schlechte Geige auf einen leeren Stuhl und hörte, augenblicklich vom Vortrage des Redenden gefesselt, aufmerksam zu. Der sogenannte Musikdirektor schien ein Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Sein Benehmen war das eines viel gereisten, nach allen Richtungen bekannten und gebildeten Menschen. Wo war er nicht überall gewesen? Was hatte er nicht gesehen, erfahren, durchgemacht? Der Sohn eines armen Kleinbürgers, des wohlehrsamen Weißgerbers Karich, war er vor länger als zwanzig Jahren mit einer Bande musizierender Bergknappen aus dem Erzgebirge davongelaufen und kam nun als Herr Carino, bei einem kleinen Fürsten am Rhein als Kapellmeister angestellt, in die Heimat auf Besuch, in welcher niemand mehr von der ganzen Verwandtschaft am Leben, als des verstorbenen Vaters Bruder, der gute Pastor Karich in Liebenau. Diesen auszuforschen trieb ihn wehmütige Erinnerung an die dahingeschiedenen Eltern, denen er so viel Kummer gemacht. Doch kaum war die erste Stunde, dem Gedächtnis der Toten geweiht, vorüber, als des Mannes unverwüstliche Lustigkeit wieder ausbrach, und er in den nachgiebigen Oheim drang, ihn bei Onkel Nasus einzuführen, von dessen Nase, großem Durst und dreitöchterlichem Kleeblatt die gestern zur Sonnabendfeier angelangten Vettern mit schülerhafter Begeisterung verkündeten. Nasus, jeglicher künstlerischen Neigung fremd und ohne Spur von Anteil für einen Virtuosen, nahm doch den Neffen seines treuen Seelenhirten und Winterabendgesellschafters gut genug auf, wurde aber sogleich überaus gnädig gegen ihn, als Carino angedeutet, daß Künstler, besonders musikalische, unaufhörlich Durst empfänden. Mit Wein angefeuchtet ließ er sich denn auch die fabelhaften Mitteilungen aus Carinos Irrfahrten huldreich munden. Die anderen hörten zu, wie man tut, wo man nichts Besseres zu tun weiß. Ottilie, wie schon erwähnt, schien mit ihren Gedanken am blauen Himmelszelte zu weilen, unter welchem verspätete Schwalben hin und her schwebten. Anders war es mit Anton. Dieser verschlang jede Silbe. Und weniger vielleicht waren es Erlebnisse, Schicksale, Taten und Erfolge, deren sich der Erzähler rühmte, als vielmehr der stete Wechsel der verschiedensten Schauplätze, auf denen dieser wandernde Musikus erschien, zu denen er sich Bahn zu brechen gewußt. Eben erst in Prag eingeschlichen, blies er schon als Mitglied in der Privatkapelle eines Starosten zu Warschau die Klarinette. Kaum verhallten dort die Töne, als er bereits durch Galizien nach Wien gelangt und daselbst bei dem Orchester eines Vorstadttheaters Violinist geworden war. Bald darauf begleitete er irgend eine berühmte Sängerin auf dem Pianoforte, wie im Reisewagen, nach Mailand – und plötzlich hören wir ihn zu Neapel in einem Hofkonzerte das Brummeisen spielen, auf dem er es zu seltener Fertigkeit gebracht haben will. Endlich läuft er in Konstantinopel sichtliche Gefahr, gesäckt und ersäuft zu werden, wie ein Nest voll blinder junger Hunde, stiehlt sich aber über Bukarest und ähnliche höchst musikalisch gestimmte Städte nach Deutschland zurück, wo er gerade zu rechter Zeit anlangt, um Seiner Durchlaucht dem Fürsten von X Y Z die unterwegs komponierte Sinfonie aus Fis-Moll zu Füßen zu legen und zur Belohnung dafür den Platz eines Musikdirektors an hochfürstlicher Kapelle zu erhalten, den er zwar für den Augenblick wie einen Ruheplatz betrachtet, aber ausdrücklich hinzufügt: Nur für so lange, als er selbst Ruhe brauchen – und haben wird. Anton, der in Liebenau aufgewachsen, das stille Dorf nie verlassen – denn die umgebenden, wenn auch ausgedehnten Waldungen waren für ihn zum Dorfe gehörig! – der niemals daran gedacht hatte, je von seiner Großmutter und deren Hütte zu scheiden: Anton begriff weder die Beweglichkeit noch das Geschick des Tonkünstlers. Wie ein Zauberer kam ihm der Mann vor, der in entfernten Landen sich heimisch und, bei der Sprache der Töne nicht an Worte gebunden, geltend gemacht. Eine neue Welt tat sich an diesem Abend vor Antons Phantasie auf. Und ohne diesen Abend wäre unser Buch unmöglich, denn die künftige Wanderlust seines Helden entfaltet heute ihre ersten Keime. Sämtliche Zuhörerschaft, ein jedes darunter auf seine Art freilich, fand sich zuletzt durch des Erzählers Vortrag doch gefesselt, so daß niemand Zeit gewann, sich um Anton und seine außergewöhnliche Aufregung Zu bekümmern. Nur Ottilie entging nicht, was ihn bewegte. Sie sah, wie er mit verklärtem Antlitz an den Lippen des Redenden hing, und sie fand ihn, wie er, gleichsam in eine neue Lebensepoche gehoben, aus tiefen Augen schaute, wunderbar schön. Ihrem wunderlich trotzigen Charakter sagte eine gewisse Notwehr gegen solche Bewunderung zu; deshalb zerstörte sie sogleich absichtlich den Eindruck, den der Anblick des Korbmacherjungen auf sie wider ihren Willen hervorgebracht, indem sie spöttisch fragte, ob denn der Herr Musikdirektor über seinen eigenen unbedeutenden Schicksalen den bedeutenden jugendlichen Kunstgenossen gänzlich vergessen wolle, der ja auf seinen Wunsch hierhergerufen sei, um ihm vorzuspielen. Carino lachte laut auf, hemmte den Strom seiner Rede und zeigte das lebhafteste Verlangen, Anton zu hören. Rubs reichte diesem seine armselige Geige, aber schon beim ersten Griff platzten die Saiten. Sehr natürlich: Ottilie hatte alle vier mit ihrer kleinen Etuischere unbemerkt durchschnitten. Das Gelächter wurde allgemein. Anton, in sprachloser Verwirrung, starrte Ottilie an, als ob er sie befragen wollte, warum. Zugleich drang ein Gefühl der Befriedigung durch seine Sinne, welches ihn wähnen ließ, daß sie dies getan, um ihm eine Beschämung vor dem fremden Meister zu ersparen. Dieser aber zögerte nicht, aufzuspringen und seinen eigenen Violinkasten aus dem Gastzimmer herabzuholen; – denn man hatte ihn auf dem Schlosse einquartiert, weil beim Pastor kein Raum vorhanden, der des weitgereisten Weltmannes würdig gewesen wäre. »Hier, mein Söhnchen«, sprach er, »nimm diese echte Cremoneserin; auf ihr kannst du zeigen, was für Hunde du verstehst hinter dem Ofen hervorzulocken.« Anton antwortete durch eine verneinende Bewegung des Hauptes; mit beiden Händen wehrte er ab, das kostbare Instrument zu berühren, und als Carino wiederholt in ihn drang, machte sich seine Verlegenheit in den Worten Luft: »Ich will sie nicht entweihen mit meinen Fingern.« Dieser gewählte Ausdruck aus dem Munde des Dorfknaben überraschte Carino. »Was Teufel«, sagte er, »wie sprichst denn du? Schau' mich doch an: Was der Junge für Augen hat!? Coraggio, bellissimo ragazzo , du mußt spielen; jetzt will ich dich hören! Da, sauf' ein großes Glas Ungarwein aus Onkel Nasus' kühlstem Kellerloch; spüle die jungfräulich-verzagte Schüchternheit hinab; ergreife den Bogen und laß mich erfahren, ob dein Auge lügt!« Zum erstenmal in seinem jungen Leben trank Anton Wein. Der edle Saft aus jenem gottgesegneten Lande durchdrang ihn mit rascher Glut. Ehe noch eine Minute vergangen, zog ein Feuerstrom durch seine Adern. Mutig ergriff er nun Carinos Violine und spielte frei, ohne Zagen die alte schlichte Weise, die wir tausendmal vernahmen, ohne darauf zu achten, die uns aber entzücken würde, wenn wir sie als ausländisches Volkslied durch eine fremde Sängerin kennen gelernt hätten; ich meine die überall verbreitete Melodie voll tiefer Innigkeit und Wehmut: »Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus«, mit ihrem klagenden, wie drei Abschiedsseufzer verhallenden »Ade! Ade! Ade!« Dreimal geigte er das Lied ohne irgend eine Variation, nur jedesmal trauriger, ging zuletzt nach Moll über und brach ab ohne rechten musikalischen Schluß. Die Anwesenden, obgleich erstaunt, weil sie ähnliche Töne von Antons Fiedelbogen nie gehört, wagten doch nicht, sich zu äußern; gleich den Bewohnern mancher Stadt auf den Ausspruch der Kritik harrend, die ihnen erst verkünden soll, ob ihnen denn auch gefallen dürfe , was ihnen gern gefallen hätte. Carino jedoch, plötzlich ernst geworden, legte seine Rechte auf Antons Lockenkopf und sagte leise: »Junge, vom Geigen verstehst du freilich nichts: Du hältst deinen Bogen wie ein Bügeleisen und greifst wie ein Schneider, der Flöhe sucht; auch kann ich nicht wissen, ob in dir ein tüchtiger Musiker oder ein auch nur leidlicher Virtuose steckt. Aber daß jemand in dir steckt, daß du ein Herz, ein Gemüt, daß du Gefühl und Geist hast, daß Gott in dir wohnt! das schwöre ich dir zu, so gewiß, als ich ein arger Lump und daneben eine wahre Künstlernatur bin. Den Jungen haltet warm, ihr Onkels! Geht freundlich mit ihm um, ihr Damen und Vettern! Das ist kein gewöhnlicher Korbflechter. Aus solchem Holze schnitzt das Schicksal bisweilen seine Auserwählten. Gib mir einen Kuß, Antonio, ich habe dich lieb.« Diese in humoristischer Feierlichkeit gesprochenen Worte machten auf alle Eindruck, sogar auf Onkel Nasus, der seine Rührung mit einem großen Schluck hinunter zu schwemmen suchte. Ottilie war hinter der Haustür verschwunden. Anton fand sich am meisten ergriffen durch das Wort »wahre Künstlernatur«. Hatte nicht sein seliger Großvater, wie die alte Mutter Goksch ihm gestern abend erzählt, das liebe unglückliche Töchterlein, die schöne Antoinette, in väterlichem Stolze oftmals so genannt? Und der fremde Meister mit italienischem Namen nannte sich selbst so und daneben einen »argen Lump«? Ein Ausdruck, den Anton zwar in Liebenau nie gebrauchen hörte, dessen Bedeutung ihm aber klar schien. Müssen denn alle wahren Künstlernaturen, so dachte er bei diesem Vergleich, andre Leute sein wie die anderen Leute? Dann ergriff er seine saitenlose Geige, kniff sie verächtlich unter den linken Arm, küßte Onkel Nasus die Hand, empfahl sich seinem neuen Gönner, der aus der feierlichen bereits wieder in die durstige Stimmung übergegangen war, verneigte sich vor dem Herrn Pastor, vor Linz wie Miez, nickte dem Puschel und dem Rubs gute Nacht und schlich betrübt, Ottilie nicht mehr zu gewahren, aus der Laube. Als er jedoch beim Ausgange derselben noch einmal die Augen zurückwandte, sah er sie hinter dem Haustürflügel hervorgucken, und es schien ihm, als ob sie ihm einen Fingerkuß nachsende. Doch strafte er seine Augen Lügen und suchte sich selbst einzureden, die zweifelhafte Dämmerung müsse ihn getäuscht haben. Großmutter schlief schon. Er ging auf den Zehen, um sie nicht zu wecken, entschlummerte spät, sah dann im Traume den Musikdirektor Carino mit einer unbekannten Frau im lebhaften Gespräch einherwandeln, wobei er sich, wie häufig im Traume vorkommt, fruchtlos abmühte, beide zu erreichen und abgebrochene Worte zu erlauschen. Nur seinen eigenen Namen verstand er bisweilen. Als er aus unruhigem Schlafe erwachte und die Bilder des quälenden Traumes zu sondern versuchte, fand er eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen jener unbekannten Frau und den Schilderungen, die ihm die Großmutter von seiner Mutter zu machen pflegte. Er hätte sich nicht genug verwundern können, daß ihm dies nicht schon im Traume aufgefallen sei, wenn er sich nicht zugleich hätte erinnern müssen, daß Ottilies ihm nachgeworfener Fingerkuß, der ihm bei der Dämmerung des Abends zweifelhaft und fraglich erschien, während der Dunkelheit der Nacht und des Traumes zu großer Bedeutung angewachsen war. Nach einer Stunde des Besinnens, Erwägens, des Zweifels und der Hoffnung verschwanden ihm Carinos und das Bild der fremden Frau völlig; nur Tieletunkes Kuß lebte noch und wirkte in seiner Seele. Sechstes Kapitel Die neue Woche in Liebenau begann ebenso langweilig wie alle neuen Wochen auf Erden zu beginnen pflegen, wenn nach irgend einer Auffrischung oder Erregung der Menschen Dasein wieder den alten Gang geht. Musikdirektor Carino hat das Schloß verlassen und seinem guten Oheim, dem Pastor, Lebewohl gesagt, um sich an die Hofkapelle des bewußten Fürsten am Rhein zu begeben; Puschel und Rubs sind nach der Hauptstadt zurückgekehrt, um, ihren Studien obliegend, sich bald ins Examen zu werfen; die Schloßfräulein führen die Wirtschaft in Küche, Haus und Ställen, bleichen Leinen, bessern Wäsche aus; Onkel Nasus reitet, die dicksten Stämme musternd und Holzfrevler verfolgend, in seinen Wäldern umher, gleich dem brüllenden Leuen, zu trachten, welchen er verschlinge; Anton flicht Körbe. Wir wissen aus seinem Gedichtlein, daß er sonst schon zärtliche Gedanken mit einzuflechten pflegte. Aber was waren jene Gedanken von sonst gegen diese von jetzt? Die Liebe, von der er damals prophetisch gesungen, war eine sanft-schüchterne, im Entstehen entsagende, und an eine solche kann ich überhaupt – mag die gütige Leserin mich noch so ungütig als Lästerer verdammen! – auf die Dauer nicht glauben. Am allerwenigsten bei so schlichtem, natürlichem, ungeziertem Dorfjungen. Sie war ihm nicht tief ins Leben gedrungen. Sie war eben nur vorhanden, wie sie eigentlich immer vorhanden ist; sie schwamm in der Luft um ihn her, sei es nun als Blumendüftchen, sei es als feindseliges, ansteckendes Miasma, je nachdem. Sie streifte Antons Herz; er ahnte sie; aber das Herz war zu frisch, zu jugendstark, zu rein – sie fand keinen Eingang durch dies gesunde Herz, um den ganzen Menschen einzunehmen. So war das bisher gegangen. Jetzt aber hatten schmerzhafte Erfahrungen, leidenschaftliche Zustände ihn bewegt, erregt, erschüttert und durchwühlt. Zwischen der Kunde vom Untergang seiner Mutter bis zum Kußhändchen Ottilies lagen schon zwei lange Nächte und ein heftiger Tag. Das Herz Antons, vorgestern noch eine fest geschlossene, volle Knospe, hatte sich zur offenen, schwellenden Blume entfaltet und saugte mit banger Wollust den Hauch der Leidenschaft. Ja, sogar Antoinettes traurige Geschichte, wie die Alte sie ihm rein und schmucklos vorgetragen, wirkte nun, wenn er sie in seiner Phantasie sich wiederholte, mit dazu, ihm Ottilie, die er bisher immer nur als ein Schloßfräulein gedacht und gesehen, als weibliches Wesen näher zu rücken. Der Gegensatz besonders war seiner Ruhe so gefährlich: dort dachte ei sich die eigene Mutter, Tochter beschränkter, armer Kantorsleute, ein Opfer des reichen, hochgeborenen Junkers werden; hier stand die Tochter des gefürchteten Gutsherrn, noch in Erinnerung an jene jüngst vergangene Zeit vor Aufhebung der Erbuntertänigkeit eine große Macht! ihm, dem Korbflechterjungen, gegenüber. Er hielt sich für einen Leibeigenen des Onkel Nasus. Daß seine Großmutter freiwillig Liebenau zu ihrem Aufenthalt erwählt, als sie sich aus früheren, kleinstädtischen Umgebungen flüchten wollte; daß sie ihn, ein schon vorhandenes Kind und Anhängsel, mitgebracht; daß er folglich kein Untertan dieser Herrschaft sei, das wußte oder vielmehr bedachte Anton nicht. Er sah in Ottilie immer noch die Tochter des »Dominiums«. Und um wie viel höher stand diese über ihm, als jemals sein Vater, der Kornett und Leutnant, über des Kantors Nette gestanden haben! konnte. Und diese Ottilie hatte ihm – ihm – – nein, es war zu viel!! Denn was bedeutet es, wenn ein Mädel ihre Fingerspitzen küßt und den Kuß einem jungen Burschen durch die Luft nachsendet? Doch nur: weil ich für den Augenblick dich nicht erreichen kann, küsse ich meine Finger, aber wenn du mir näher stehst, werd' ich deine Lippen küssen. Und der Gedanke, daß dieses nicht vollbracht werden könne, durchaus nicht, ohne daß er zugleich die ihrigen küsse! Nein, wie gesagt, es war zu viel! Viel zu viel! »Was soll das heißen«, fragte Mutter Goksch von ihrer Näherei nach Antons kleiner Werkstatt hinüber, »daß du heute gar so heftig singst bei deiner Arbeit? Da sind ja die Finken in unserem Gärtchen faule Schelme gegen dich.« »Nun, Großmutterle«, erwiderte Anton, nachdem er erst seine Strophe beendet, »mir ist halt meine Brust so voll, ich weiß nicht wie. Da muß es heraus! Und du hörst mich ja gern singen. Du lobst ja meine Stimme, seitdem sie übergeschnappt oder vielmehr hinuntergeschnappt hat ins Mannbare. Du sagst ja immer, wenn ich singe, sänge deine Seele mit. Na, so laß sie singen, die alte Seele! Mir ist leichter und besser dabei, wie wenn ich's Maul halte.« »Ich weiß nicht, wie du mir vorkommst, Anton! Seit gestern fängst du an, deinem Vater – Gott verzeih' ihm! – ähnlich zu sehen. Wie du jetzt gesungen hast, glaubte ich, er säße vor mir.« »Was dir doch einfällt, Alte. Hast du dich nicht heiser geredet, mir zu beweisen, ich wäre meiner Mutter lebendiges Kontrafei, oder wie sie's nennen?« »Doch, Anton, doch. Früher warst du's. Jetzt tritt auch der Vater hervor.« »Das macht, weil ich Mann werde.« »Der Himmel gebe, daß es bei dieser Ähnlichkeit sein Bewenden haben möge!« Anton schwieg einige Minuten mit niedergeschlagenem Blicke. Dann hob er die Augen zu ihr empor und sagte: »Großmutter, wir können nicht ändern, was über uns verhängt ist. Wohl jedem, der einen Vater achten und lieben darf! Wer aber niemals einen besaß, den er so nennen konnte, wer aufwächst in der Meinung, sein Vater sei ihm verloren und tot , und ihn dann nur finde., um zu hören, er sei ein schlechter Vater! – der muß sich dann auch behelfen und einrichten, wie's gehen will. Wie heißt's in der Bibel: die Sünden der Väter werden heimgesucht an uns Kindern? Darauf muß unsereins gefaßt sein; vollends wenn man ein Bankert ist. Freilich bin ich schlimmer daran, als unser Pastor-Puschel und Rubs, die einen braven, ehrlichen Vater haben; aber ich bin doch auch besser daran, wie der schwarze Wolfgang, dem sein Vater aufgehängt wurde. Wer weiß, wozu ich's dennoch einmal bringe? Ist's nicht als Korbflechter, so ist's als Versmacher und Buchschreiber; ist's nicht als das, so ist's als Sänger; ist's nicht als Sänger, so ist's vielleicht gar als Geiger! Oder überhaupt was Besonderes. Der fremde Musikmeister hat gesagt, wie er mir die Hand auf den Kopf legte, in mir stecke jemand! Ich weiß nicht, war's der Wein, den ich hatte trinken müssen, oder war es seine Hand – aber es brannte mich, da er es sagte.« »Anton, Anton«, sprach die Großmutter, »gerate nicht auf unrechte Gedanken! Was willst du Besonderes werden? Was kannst du? Arbeite fleißig, verdiene dein Stück Brot, sammle dir womöglich einen Sparpfennig und, wenn mich der liebe Gott abruft, hole dir in dies kleine Häuschen eines rechtschaffenen Bauern Kind als Eheweib heim, die dir ein paar Taler mitbringt, auf daß du friedlich lebest und dereinst im Frieden sterbest. Alles andere ist dummes Zeug.« »Ich heiraten, Großmutter? Niemals! Und eines dummen Bauern Kind obendrein? Erst gar nicht. So lange du lebst, bleiben wir beide zusammen; ich bin zufrieden mit meiner Alten, verlange mir keine andere nicht. Und solltest du früher sterben als ich, was ja noch gar nicht ausgemacht ist, dann gehe ich auf und davon, schaue mich in der Welt um und – das übrige wird sich finden!« »Und willst nicht wieder nach Liebenau heimkehren in unser stilles Häuschen?« »Wenigstens nicht früher, als bis der jemand, der in mir steckt, herausgekommen ist und sich zeigen kann. Das ist mein Vorsatz, so gewiß Tieletunke« ... hier hielt er plötzlich inne und begann aufs neue emsig zu arbeiten. Die Alte war im Begriff zu entgegnen. Doch tat sie sich Gewalt an, stand auf, legte ihre Arbeit bedächtig zusammen und ging hinaus, ohne weiter eine Silbe zu sprechen. Draußen, nachdem sie die Haustür hinter sich zugezogen, setzte sie sich auf das Bänkchen hinten im kleinen Garten und begann mit leise klagender Stimme ein Selbstgespräch, eine Redeübung, in deren verschiedensten Formen sie überhaupt stark war: »Das wußt' ich ja, daß es so gehen würde. Der böse Geist des Vaters regt sich in ihm samt der leichtsinnigen Empfindsamkeit seiner Mutter. – Nach des Herrn Tochter wagt er die Blicke zu wenden! – O mein Schöpfer, wenn sie doch auf den Kanzeln nicht immer von Verführung und bösen Beispielen predigen wollten! Der schlimmste Verführer wohnt in den Menschen selber, und Satan braucht nicht erst von außen anzupochen, weil er mit ihnen, in ihnen geboren wird. – Möchte mir nicht auch unser Herr Pastor die Erbsünde abstreiten? – Da haben wir's ja; was ist denn hier anderes im Spiel? – Hat er je etwas der Art gesehen? Ganz von selbst ist er auf solche Sprünge gekommen. – Nein, Herr Pastor, meine Erbsünde laß ich mir nicht nehmen.« – Während sie im Freien also mit sich redete, tat Anton im Stübchen desgleichen: »Wenn's nun wirklich keine Täuschung wäre? – Wenn sie mir wirklich und wahrhaftig eine Kußhand zugeworfen? Sie, die mich immer spöttisch behandelt und seit einem Jahre gar so kalt und stolz gegen mich ist? – Was würde das beweisen? – Daß sie mich im stillen liebt, daß sie nicht wagt, es zu zeigen, da sie sich des Korbmacherjungen schämt. – Folglich darf ich nicht bleiben, was ich bin. – Folglich muß ich in die Welt laufen, wie des Pastors Neffe und muß versuchen, in der Fremde mein Glück zu machen, wie er; – denn in Liebenau wird nichts aus mir, das ist gewiß. – Also fort! Auf und davon! – Aber meine Großmutter? Es wäre ihr Tod: nein, das geht nicht. Ach, ich Unglücklicher! Was soll ich tun? Hier bleiben und Körbe flechten!« So klagte die Alte, so ihr Enkel, jedes allein, dennoch um die Wette. Aus dem friedlichen Häuschen schien der Friede gewichen. Und wo wohnt er denn? In der anderen Landleute Hütten? Stumpfsinn und rohe Gleichgültigkeit würden wir in manchen finden, wenn wir einzudringen vermöchten in ihr Inneres und ins Innere ihrer Bewohner. Aber wo auch nur eine Spur von Empfindung, von Gefühl, von menschlichen Regungen lebt, da gibt es Zwiespalt und Widerspruch. Und im Pfarrhause? Ernsten Sinnes sitzt der gutmütige, etwas beschränkte Karich da, dampft dicke Wolken aus seinem schlechten Tabakskraute und vertieft sich in düstere Träume über seiner Jungen Zukunft, die er bald auf eine entfernte Universität senden soll, denen er, wenn dieses Opfer gebracht ist, nichts mehr zu hinterlassen haben wird, als seinen ehrlichen Namen. Im Herrenhause? – Die Töchter lieben den Vater nicht, den sie kaum fürchten; von Achtung war niemals die Rede. Der Vater bemüht sich, in unbezahlten Weinen die traurige Aussicht zu ertränken, daß er nicht imstande sein wird, seinen Gläubigern gegenüber den Besitz von Liebenau noch für längere Dauer zu erstreiten. Er, für seine Person, wagt in stürmischen Tagen an ein Pistol aus seiner Reiterzeit und eine Kugel vor den umnebelten Schädel zu denken. Aber was beginnen dann »seine Mädels«? Sollen sie in Dienste gehen? Ihr Brot bei Fremden erwerben? Und sind doch Freifräuleins von reinster Geburt! Linz und Miez haben zwar den adligen Ansprüchen fast entsagt. Seitdem des Vaters Trunksucht, seine Unverträglichkeit, sein plumpes Betragen sie aus dem nachbarlichen Umgange gerissen; seitdem sie auf ihr Dorf, auf den Umgang mit der Schulmeisterin, der Verwalterin und dem Pastor angewiesen blieben, hat ihnen der Gedanke, die »Sponsade« der beiden Studenten zu heißen, nichts Fürchterliches mehr. Wenn sie nicht geradezu von einem künftigen Ehebündnisse reden, so denken sie doch gewiß daran. Denn sie wollen um jeden Preis unter die Haube kommen und kennen ihres Vaters Lage, ihre drohende Armut wie ihr Einmaleins. Kaum wird sich jemand unter meinen jüngeren Lesern deutlich machen können, wie abgeschlossen, wie fern von der Welt und von allem, was sie bewegt, vor fünfzig – ja vierzig, dreißig Jahren Geschrieben 1849. noch die Bewohner eines solchen Dorfes vegetierten, durch welches keine Straße führt; in welches sich oft jahrelang nicht einmal ein wandernder Handwerksbursche verirrte; wohin allwöchentlich nur einmal der bereits altgewordene Zeitungsblatt aus der Hauptstadt, und auch dieses nur dann gelangte, wofern der danach ausgesandte Hirtenjunge den glücklichen Moment nicht versäumte, in welchem die »ordinäre Post« durchs Nachbardorf schlich, und ein stets versoffener Schirrmeister gerade nicht vergaß, dem ängstlich Harrenden die ersehnten Blätter zuzuwerfen. Durch Puschel und Rubs kam auch nichts Geistiges von außen ins einförmige Leben der Familie, denn beide kämpften sich auch nur zwischen Entbehrung und erzwungenem Fleiße durch, ohne in der Stadt irgend eines fördernden Verkehrs froh zu werden. Sie wußten, wie so häufig arme Schüler aller Zeiten, nichts, als was sie mühselig und nur deshalb erlernt hatten, weil sie nicht tadelnde Zensuren heimbringen wollten. Diese ihre Teilnahmlosigkeit gegen alles, was gebildeter Menschen Brust bewegt, was auch ungebildete, doch mit höheren Anlagen ausgestattete Wesen, gleich Ottilie, sehnend ahnen, machte sie letzterer so unbedeutend, setzte sie in ihrer Meinung so tief herab, daß sie beide, wie schon oben angedeutet wurde, weit unter den Korbmacherjungen stellte. Das wissen wir ja längst, liebster Holtei, wird meine schöne jugendliche Leserin jetzt ausrufen. Das wissen wir bereits zur Genüge. Also, alter Schwätzer, entwickeln Sie nicht so viel; gehen Sie nicht so lange um Ihren psychologischen Brei wie ein Kater herum; sondern melden Sie mir frei heraus, als ein offenherziger Romanschriftsteller, wie es mit dem zugeworfenen Kusse aussteht, den Ihr schöner Anton aus der Dämmerung fliegen gesehen haben will; durch welchen Anblick er sich, Ihrer Versicherung zufolge, aus kindischer und bescheidener Neigung und Ehrfurcht in eine höchst sträfliche, weder sittlich noch bürgerlich zu rechtfertigende Leidenschaft hineingeträumt haben soll!? Darauf erwidere ich der fragenden holdseligen Leserin, daß ich erstens um geduldige Nachsicht bitte für einen jugendlichen Anfänger von 54½ Jahren, der seinen ersten Roman schreibt (denn einige kürzere Versuche in dieser Gattung zählen kaum). Zweitens aber muß ich gestehen, daß ich selbst nicht weiß, woran ich mit diesem Kusse bin. Das heißt: mir ist bekannt, – und ich wäre gar ein schlechter Erzähler, sollte ich darüber noch Zweifel hegen! – daß Ottilie zwei Finger ihrer linken Hand, nämlich den zweiten und dritten derselben, dicht aneinander gelegt auf ihre Lippen preßte, mit letzteren eine Bewegung des Zuspitzens machte, welche die Mundmuskeln anzunehmen pflegen, sobald sie hervorbringen wollen, was man einen Kuß nennt. Daß sie solchen flüchtigen, dennoch heißen Kuß den Abendlüften anvertraute, und daß ihr feuchtes Auge dem scheidenden, aus der dichten, dunklen Weinlaube in den freieren Hofraum schreitenden Anton nachblickte, ist ebenfalls historisch gewiß mit jenem Stempel innerster Wahrheit versehen, den mein ganzes Buch in allen größeren und kleineren Bestandteilen tragt. Um jedoch der Küssenden kein Unrecht zuzufügen, könnte ich hier das Selbstgespräch einschalten, welches sie hielt zu der nämlichen Stunde , wo wir Mutter Goksch und Anton bei dem ihrigen belauschten. Aber es würde zu lang werden, und ich darf meine fragende Leserin nicht erzürnen. Diese will nun einmal nicht, daß Ottilie den Korbmacher liebe; und ist es denn doch durchaus nicht anders, so soll die Liebende es mindestens nicht eingestehen. Wohlan denn, sie tat es auch nicht. Wies sie doch mit stolzem Hohn, ihr eigenes Gefühl nicht schonend, die zarten Empfindungen zurück, deren sie sich – wenn auch nur in schwachen, unbeherrschten Augenblicken – schuldig wußte. Sie, die junge Baronin, die Tochter des Erb- und Gerichtsherrn auf und zu Liebenau, Tochter einer unmittelbar reichsfreien Standesfrau, die nur durch eigentümliche Verkettung der Umstände bis zu einem Onkel Nasus herabgestiegen war, sie, die charakterfesteste ihrer Schwestern, armselig unadelige Liebschaften, verachtend und tadelnd; – sie empfinden für Anton, den vaterlosen, niederen Handwerker? Lieber sterben! Wer daraus entnehmen möchte, daß ihre Neigung eine sehr tiefgehende gewesen sein müsse, dem kann ich es nicht wehren. Wir werden ja sehen, wohin sie endlich führt. Und um dazu nach und nach zu gelangen, bleibt uns nichts übrig als das sechste Kapitel zu beschließen. Siebentes Kapitel Ich mag die vorrätigen Notizen, so den Stoff zu diesen höchst wahrhaftigen, durch meine schwache Feder auszuarbeitenden Lebensgeschichte liefern, nachdem solche mit reinster Gewissenhaftigkeit zusammengestellt wurden, durchmustern wie ich will – nichts findet sich vor, unser siebentes Kapitel nur einigermaßen wirksam zu beginnen, was doch schon der mystischen Zahl sieben zu Ehren ebenso wichtig als nützlich wäre. Die gewöhnlichsten Zustande laufen, einem sommerlich ausgetrockneten Bache ähnlich, durch das unerquickliche Bett des allergewöhnlichsten Daseins. Und weil Anton, wenn ich mich so ausdrücken darf, seither vom Baume der Erkenntnis nascht, geht ihm jene kindliche Unbefangenheit verloren, welche sich mit allem zufrieden stellt. Er lebt nicht mehr in und mit den Freuden der Natur, die bis dahin aus jedem Blümchen, aus jedes Vogels Kehle auf ihn wirkten. Er weiß, daß es draußen eine Welt für ihn gibt, deshalb hat er die kleine Welt, die ihm so lange genügen wollte, nicht mehr recht lieb. O, man braucht nicht Anton zu heißen, braucht kein Korbmacherjunge zu sein, um sich ähnlicher Übergänge und trauriger Fortschritte aus eigener Jugendzeit zu erinnern; da schleichen Tage ohne Gegenwart an einem sich selbst quälenden Träumer vorüber, weil sein Sinn auf eine unerforschliche Zukunft gerichtet ist, und so betrügt er sich grausam um das Glück harmloser Unschuld. Ein Glück, nach dessen Reinheit er künftig mit verzehrender Sehnsucht zurückschauen wird. – Warum auch hat die Großmutter seinen Bitten nachgegeben? Warum die Geschichte seiner Mutter ihm erzählt? Konnte sie nicht in frommer Einfalt ihn schonen mit einer Lüge? Und so sehen wir den jugendlichen Helden unseres Buches unglücklich, bevor er noch einen Schritt getan in das große Unglück hinaus, das man Leben nennt, in den ewigen Kampf der Menschheit. Sehen ihn unglücklich auf eigene Hand und durch eigenes Talent dafür; denn es gibt ein Talent fürs Unglücklichsein! Wer sich Zeit nehmen will, es auszubilden, versinkt, wenn er auf geistige Beschäftigung angewiesen ist und diese sich abzuzwingen nicht moralische Kraft besitzt, gar leicht in hypochondrische Untätigkeit oder in zweifelnde Ausschweifungen, die ihn dem Untergänge zuführen. Anton genoß den Vorteil, ein Handwerk zu treiben: er wurde, nachdem die sanfte, kindliche Lust am Dasein ihn verlassen, durch die öde Leere, worin er sich plötzlich geworfen fühlte, nun veranlaßt, in die Arbeit sich zu retten. Es war ein dunkler Trieb, der ihn dazu drängte. Niemals noch waren seine Kunden rascher bedient worden. Von allen Seiten empfing er Lobsprüche für solchen Fleiß; auch der Großmutter Anerkennung blieb nicht aus. Manchmal, wenn er einen ganzen Kreis auszubessernder Körbe und Wagenflechten um sich her stehen sah, rief er aus: »das sind meine Schanzen! Nun sollen sie nur kommen und auf mich schießen, ich will mich schon verteidigen!« Mutter Goksch verstand diesen Ausruf nicht. Ach Gott, Anton selbst verstand ihn nicht; er sprudelte ihm nur so heraus, wie in Ahnung vor irgend einem drohenden Mißgeschick. Weil er ihn aber öfters wiederholte, meinte die Alte, er fürchte einen Besuch des Barons, der etwa hinter seine Liebe zu Ottilie gekommen wäre und nun eintreten könne, um ihn höchst eigenhändig durchzuwalken, wozu die von ihm unzertrennliche Karbatsche ein trefflich geeignetes Instrument abgab. Auf ihre strengen Fragen über diesen Punkt entgegnete dann wohl Anton mit lautem Lachen: »Alte, du bist ein Narr; wo denkst du hin?« Hiernach jedoch verfiel er stets wieder in trüben Ernst und sang nur wehmütige Lieder. Seine Stimme war weich und voll, wie gar selten in so jungen Jahren. »Nicht umsonst ist er ›Evas‹ Kind«, sagte Mutter Goksch, – wider Wissen und Willen zweideutig – indem sie der »heidnischen Musik« gedachte. Von allen wehmütigen Liedern, die er vortrug, sang er eines am häufigsten: die drei Reiter waren es, welche er so oft zum Tore hinausziehen und Abschied nehmen ließ, daß Mutter Goksch behauptete, die armen Teufel müßten's doch bald satt kriegen, »Ade« zu sagen und zu reiten. Auch fragte sie mehrmals angelegentlich, ob er nicht die zerrissenen Saiten an der Geige herstellen und sie zur Feierabendstunde darauf begleiten wolle, wenn sie ein christliches Kirchenlied sänge? Worauf Anton aber entschieden verneinte und dabei sagte: »Ha, wenn's des Fremden seine Geige wäre; die hat Töne im Leibe, daß sogar Fräulein Tieletunke ihren Spott vergißt und hinter der Haustür einem armen Kerl einen Ku ... ja so!« – (Hier schlug er sich auf den Mund.) Es begab sich übrigens in Antons Herzensangelegenheit, was bei solchen zwischen Furcht und Zweifel schwankenden Liebesgeschichten gewöhnlich ist, was auch meinen älteren Herren Lesern aus ihrer Zeit noch als selbst erlebt innerlich sein mag, – wofern dieselben jemals in ähnlicher Lage waren. Man hat erst vor lauter Liebe nicht zu lieben, man hat vor Sehnsucht nicht zu hoffen gewagt. Der Abstand schien zu groß. Auch wenn die Stände gleich wären. Denn für den kindlich und kindisch Liebenden, der mehr die Liebe als den Gegenstand liebt, ist besagter Gegenstand immer vom höchsten Stande, weil er in ihm immer einen Engel sieht. So kriecht er, ein am eigenen Werte aufrichtig Zweifelnder, neben der fliegenden Himmelsbotin her und – betet an. Doch plötzlich, siehe da! geschieht der Angebeteten etwas Menschliches; sie läßt sich zu ihm und zu seiner bescheidenen Ehrerbietung herab – wie etwa Ottilie es getan durch den vielbesprochenen Luftkuß – der Engel verliert die Fittiche, das Menschliche tritt heraus, der junge Mann beginnt sich zu fühlen, Leidenschaft siegt über die Andacht, irdische Hoffnungen quellen blühend hervor, die sich an jenes unerwartete Ereignis knüpfen wie das Erblühen voreiliger Blumen an einem warmen Apriltag; ... doch nun ist's auch schon aus. Alles ist vorbei. Vergeblich harrt der kühn Gewordene auf die notwendigen Folgen des ersten Schrittes. – Sie unterbleiben. Der erste Schritt war der letzte und hat nur dazu gedient, ihm seine Ruhe zu rauben, indem er kecke Wünsche auferweckte, die unerfüllt welken. Dies alles geschah unserem Anton. Ottilie, wenn sie ihm zufällig und selten begegnete, war stolzer, fremder, zurückstoßender, als jemals vor jenem Abende, welchen der luftige Traum eines Kusses durchweht hatte. Versucht er, ihr näher zu treten, um ein Zwiegespräch zu beginnen, so kehrte sie ihm den Rücken und ließ ihn stehen, während Linz und Miez, gleichgültig freundlich mit ihm redend, nach seiner Arbeit, nach seiner Großmutter fragten, wie sie es stets getan, und ihm Grüße von Puschel und Rubs bestellten, um anzudeuten, daß die langen Jünglinge ihnen bisweilen schreiben. Eine Korrespondenz, die durch irreguläre Posten, durch Butter- und Obstweiber besorgt wurde; weshalb auch der Sommer vorzugsweise die Jahreszeit dieser Zuschriften blieb; im Winter fehlte es an Beförderung. Wie sehr in neuerer Zeit beliebt worden ist, vertraute Briefwechsel in Bücherform durch den Druck preiszugeben, kann ich mich doch nicht entschließen, den hier in Rede stehenden zu veröffentlichen. Er ist zwar, was den Inhalt betrifft, manchen im Buchhandel erschienenen nicht gar so tief untergeordnet – aber die Form gibt sich nicht einladend und dünkt mich hauptsächlich von seiten der Freifräuleins in bezug auf die eigensinnige Rechtschreibekunst allzu frei. Was die langen Jünglinge betrifft, so mengen dieselben fleißig griechische wie lateinische Brocken bei; teils um durch ihr Wissen sich ein Ansehen zu geben, teils um auf die eingestreuten französischen Brocken der Damen gleichfalls mit ausländischer Ware aufzuwarten. Man nannte das schon damals: deutschen Stil. Durch ihn aber bin ich ein wenig von meinem Wege abgekommen. Ich wollte eigentlich nicht erzählen, was ich jetzt schwatzhaft und halb willenlos erzählt habe; ich wollte vielmehr in historischer Kürze berichten, daß auf die Art und Weise, welche wir jetzt schon durch anderthalb Kapitel kennen, ganze Wochen des langen Sommers verstrichen, daß nichts geschah, was als äußerliches Ereignis ausdrücklicher Erwähnung wert erschiene. Es sind dies Zustände, welche den Erzähler zwingen, eine Lücke zu lassen im Gange der Mitteilungen; eine Lücke, die den Lesern und deren geistigem Mitwirken auszufüllen überlassen bleibt. Wie auch könnte ohne solches ein Romanschreiber bestehen? Ein Buch dieser Gattung schreiben, dichten, schaffen – nennt es, wie ihr wollt! – heißt doch endlich nichts anderes, als auf begabte Mitarbeiter zählen, die sich unter den Lesern finden. Nur solche sind Leser in meinen Augen, nur solche bilden das Publikum. Die übrigen – jene geist- und seelenleeren Blattverschlinger, die nichts von uns Schriftstellern wollen, als durch unsere Hilfe eine faule Stunde abgetötet zu wissen, jene fühllosen Egoisten, die kein Herz haben für Freud und Leid im Buche ... Ei, was werd' ich mir die Stimmung verderben durch den Gedanken an sie! Hole sie dieser und jener! – * Die Linden blühten längst nicht mehr, wie im ersten Kapitel. Auf den Feldern beginnt es leer zu werden. Die Ernte ist in vollem Gange. So reich, so günstig, wie sie in jenen minder fruchtbaren Landstrichen irgend ausfallen mag. Das Dorf Liebenau befand sich in freudiger Zufriedenheit. Die »Hofegärtner« hatten einen beträchtlichen Zehnten auf ihren Anteil erhalten; die Bedürfnisse des Jahres schienen vollauf gedeckt; die Äpfel, Birnen und Pflaumen beugten unter ihrer Last die dicksten Baumstämme nieder, daß man stützen mußte. Der Segen des Herrn war über die armen Leute gekommen, was ihnen leider nicht alljährlich widerfuhr. Darauf mögen nun wohl jene Dorfkomödianten rechnen, die mit einem kleinen Korbwagen, von zwei winzig kleinen Pferdchen gezogen, bei dem Wirtshause im Oberdorfe einkehren. Im Wagen sitzt ein junges Weib, zwei Säuglinge an der Brust. Ein kleiner Junge von etwa fünf Jahren lenkt mit starker Faust die munteren Tiere. Der Wagen trägt eine Menge von wunderlichem Gerät, bunten Lappen, Stricken, Stangen und obenauf schwebt eine große Trommel. Neben dem Wagen geht ein baumlanger, wild aussehender Mann, mehrere Burschen von verschiedenem Alter und ein schlankes, seltsam schönes, wenn auch völlig braunes Mädchen in jugendlicher Kraft und Fülle. Barfuß, nur mit einem dünnen Unterrock bekleidet und einem bis an den Hals schließenden Hemdchen, beide blendend weiß, trägt sie sich voll natürlicher Anmut, zeigt bei jedem ihrer Schritte die herrlichste Gestalt und läßt ihr schwarzes Haar sorglos flattern, den brennenden Blick umherwerfend, als ob Dorf und nebenbei das ganze Land ihr gehörten. Es ist Bärbel, des großen Samuel Schwester. Das Weib mit den Zwillingen ist Samuels Genossin. Die jungen Burschen sind eben da, kaum selbst wissend, ob sie in näherer Beziehung als jene, welche Samuels Peitsche um sie schlingt, zur Familie stehen. »Zigeuner sind gekommen!« rufen die Nachbarn des Wirtshauses einer dem anderen zu: denn häufig nennt man in Dörfern alle reisenden Gaukler Zigeuner, auch wenn sie aufrichtig weiße, nur ungewaschene Sprößlinge heimatlichen Bodens wären. Das letztere konnte vielleicht von Samuels Weibe und den sie begleitenden Jungen gelten; er selbst aber und noch mehr Bärbel gehörten unzweifelhaft zum Stamme der indischen Aus- und Einwanderer, über deren Herkunft, Sein und Werden immer noch ein nebelhafter Schleier hängt. Kaum angelangt, machten sie auch schon von der großen Gaststube Gebrauch, wie wenn Haus und Wirtschaft ihr Eigentum wäre. Ihr kleines Theater war augenblicklich aufgeschlagen in einer Ecke des weiten Raumes und diente ihnen jetzt zur Küche, zum Schlafgemach, zur Kinderstube – zu was nicht noch? Die größeren Mischen hatten sogleich ihre Angelschnüre zur Hand, womit sie sich ohne Zögern auf den Weg machten nach jenem tiefen, schmalen, blauen Bache, der tausend Schritt von Liebenau zwischen alten Erlen friedlich fließt, aus dessen stillen Fluten noch niemals ein Eingeborener auch nur die Gräte eines Fisches zu holen versuchte. Kaum jedoch hatten die bösen Buben ihren Köder fallen lassen, so zappelte schon eine Beute um die andere. Bärbel besorgte die Rosse, schirrte sie aus und trieb sie, mit sicherer Hand einige Bretter der Umzäunung beseitigend, auf eine schöne grüne Wiese, die an den Hof des Wirtshauses stößt. Es traf sich aber so unglücklich, daß diese Wiese eine herrschaftliche und noch dazu die einzige »dreischürige, Eine Wiese, auf der in einem Sommer zweimal Heu und einmal »Grummet« gedeiht, die also dreimal geschoren wird. das Heujuwel des ganzen Besitztums, sein mußte. Bärbel konnte das freilich nicht wissen. Doch nehme ich keinen Anstand, zu bekennen, sie würde, wofern sie es gewußt, auch nicht viel danach gefragt haben. Denn als die Wirtin, in der hinteren Haustür stehend, ängstlich ausrief: »Unglücksmädel, was tust du? und da kommen der gnädige Herr von Liebenau eigenhändig angeritten!« – als Onkel Nasus auf seinem steifen Schecken, wenn auch nicht »eigenhändig«, doch wirklich persönlich und lebendig und zwar im wildesten Trabe, dessen Scheck und er noch mächtig waren, herbeieilte, die furchtbarsten Flüche schon aus der Ferne vor sich her sendend! – Da trat Bärbel als hätte sie bei sich erwogen: ein Baron ist ja eben auch nur ein Mann, dem Rasenden lächelnd entgegen, welchem, von diesem Anblick geblendet, das Wort auf den Lippen erstarb. »Euer Gnaden«, sprach sie mit einem ausländisch tönenden Akzent, »ich wollt' Euer Gnaden bitten, um Permission als Grundobrigkeit, daß mir dürfet spielen heunt auf die Nacht; unsriges Papier sein in Richtigkeit, wann wollen S' anschaun?« »Aber Schockschwerenot«, schrie Nasus, denn das war das sanfteste, was die nur durch Bärbels Schönheit und Ruhe zurückgedrängte Wut ihn hervorbringen ließ – »was machen denn eure Schindmähren auf meiner Wiese?« »Fressen tun's, Euer Gnaden«, erwiderte Bärbel mit um erschütterlichem Gleichmut. »Das seh' ich, Canaille«, fuhr der Baron fort, wobei er in seiner Art vollkommen sanft und freundlich blieb; »das seh' ich, aber wer gibt ihnen das Recht? Meine schönste Wiese –« »O mein Jesus, Euer Gnaden, das bissel Wies'! Zweimal gemäht heuer, wachst nur Grummet! Vergunnen Euer Gnaden an meine Rössel! Sein so klein wie Hundel; fressen nit gar viel; nur Maulvoll. Schauen S' wie ausschlagen und schreien, wie kleine Buben. Sein gar so lustig!« Nasus verstummte. Mit dem Ausdruck dummen Erstaunens ließ er einen lüsternen Blick über die weißen Gewänder des braunen Bärbels gleiten, und seiner Nase Purpurglut brannte feuriger als je, als wolle sie Kunde geben von der Flamme, so im weiland flotten Kavallerieoffizier aus grauem Aschenhaufen emporzuckte. Bärbel sah sich ihres Sieges schon gewiß. Nur zu gut war ihr bewußt, welchen Eindruck sie überall auf jung und alt – vorzüglich auf alt – hervorzubringen pflegte. »Bitt' ich, Euer Gnaden«, flüsterte sie, damit die in der Haustür neugierig harrende Wirtin es nicht hören möge, »belieben ein bissel Kupfer zu haben in Ihrigen Gesicht. Weiß ich gutes Mittel; kann ich vertreiben Kupfer mit Salbe, daß Euer Gnaden werden jung und weiß. Wenn Euer Gnaden schaffen, kommt Bärbel auf G'schloß und streicht Pflaster auf Gesicht.« Der Baron schmunzelte. Ob er an die Salbe glaubte, wissen wir nicht. Aber ihn lachte der Gedanke eines Besuches an. »Na, meinetwegen«, sprach er, »heute abend, wenn euer Narrenspiel aus ist, magst du kommen. Aber nicht aufs Schloß, denn meine Mäd...« hier unterbrach er sich. – »Komme auf den Kirchhof, verstehst du? Nach neun Uhr ist's dunkel, da traut sich kein Teufel sonst zwischen die Gräber. Mir ist das gleich. Ich bin ein alter Heid. Hörst du, nach neun Uhr – meinetwegen so spät du willst. Du fürchtest dich doch nicht?« »Warum fürchten, Euer Gnaden? Bärbel fürchtet sich vor gar nix!« »Also gewiß gegen zehn Uhr – du ... du brauner Racker!« Mit diesem Liebkosungsworte gab Nasus seinem Schecken die Sporen und ritt davon. Über die Wiese und über Bärbels unberechtigte Näscher war weiter nicht mehr geredet worden. Die Schloßfräulein wunderten sich sehr, ihren Herrn Vater während des Mittagessens mehrfach lispeln zu hören »brauner Racker!« wobei er sich jedesmal die blauen Lippen mit der Zunge beleckte, auch wenn er vorher nicht getrunken hatte. Achtes Kapitel Anton war eben wieder zu seiner Arbeit gegangen, einige Bündel frisch eingeweichter Weidenruten lagen vor ihm, und flocht rüstig, als er scharfe Trommelwirbel die Dorfgasse herab vernahm. »Was ist das, Alte?« fragte er, ohne aufzustehen, »fängt etwa der Siebenjährige Krieg wieder an?« »Was wird es sein«, sagte Mutter Goksch, »Dorfkomödianten sind es, die ihre Torheiten ausschreien!« Dorfkomödianten!? So lange Anton denken konnte, hatten dergleichen sich nach Liebenau niemals verirrt. Er erhob sich vom Arbeitsschemel, als wollt' er zum kleinen Fenster treten, ließ sich aber sogleich wieder zum Sitzen nieder. »Was geht's mich an?« sprach er leise, »ich mag sie doch nicht sehen. Das ist nur für lustige Leute, und mir ist nicht so lustig zu Sinne.« Jetzt verhallte die Trommel; und eine helle Stimme wurde hörbar: »Heute, zum Feierabend, mit obrigkeitlicher Bewilligung, beim Wirtshause im Oberdorfe wird die Schauspielertruppe des großen Samuel aufführen zum allerersten Male das Leben und unschuldige Leiden der Prinzessin Genoveva, ein schönes, auferbauliches Schaustück; keine Puppen, lauter lebendige Menschen. Der Anfang ist um acht Uhr. Männer bezahlen einen Groschen, Weiber einen halben, Kinder drei Pfennig, ganz kleine bringen ein Ei. Es wird niemanden nicht gereuen, denn so was Schönes hat er noch niemalen gesehen und wird es nicht sehen, so lange das Dorf steht. Immer heran, ihr Leute, wem's nicht gefällt, kriegt sein Geld retour!« Der Ton dieser Stimme kam Anton bekannt vor; er hatte ihn gehört und wußte doch nicht von wem. Er trat ans Fenster. Er sah den Trommelschläger, wie er gerade aufs neue wirbelnd weiterzog. »Möcht' ich doch schwören«, sprach er kopfschüttelnd, »das sei der schwarze Wolfgang. Doch wie käme der unter die Komödianten? Aber nun muß ich auf jeden Fall hingehen und zuschauen.« Und er ging. – Ich habe die Aufführung, von welcher hier die Rede ist, auch gesehen. Ich, der Verfasser dieses Buches, kannte die Truppe des großen Samuel recht gut. Ihr Repertoire bestand aus zwei Stücken. Dieselben Stoffe bildeten es, welche fast ausschließlich den Gegenstand ähnlicher Darstellungen auszumachen pflegten. Der erste ist der unerschöpfliche Mythus vom keuschen Jüngling, in welchen jedoch bei diesen rohen Verarbeitungen stets die sündhafte Stiefmutter hineinspielt: halb biblischer Joseph, halb antike Phädra. Der König oder Kaiser lebt in zweiter Ehe mit einem jungen Weibe, das vom alten Vater hinweg nach dem holden Sohne schielt. Dieser, ein Gemisch von Hippolyt und Jakobs tugendsamem Jospeh, weist sie verschmähend zurück, verwandelt ihre Neigung in Haß, erweckt ihre Rachsucht, wird von ihr verleumdet, angeklagt, durch den leichtgläubigen Vater in den Kerker geworfen, zum Tode verurteilt und natürlich gerettet, nicht durch Dazwischenkunft der »sieben weisen Meister«, sondern der lustigen Person, die man zu jener Zeit, obwohl wahrscheinlich hispanischer Abkunft, nicht Grazioso, vielmehr ehrlich genug Hanswurst nannte. Nach den oberflächlichen Proben, die ich bisher von Bärbels Redeweise gab, wird man mir kaum glauben, wenn ich versichere, daß sie sowohl als ihre nicht besser sprechenden Kunstgenossen dennoch einigen Eindruck auf mich gemacht haben durch ihre Aufführung. Freilich war ich noch sehr jung, hatte jedoch schon manches Große und Erhabene gesehen auf den Brettern der Hauptstadt und schäme mich nicht, zu bekennen, daß ich trotzdem ergriffen wurde von etlichen Auftritten jener Dorfkomödie. Der zweite Gegenstand, dem man fast noch häufiger begegnete, durch den auch unser Anton in die Zauberwelt dramatischer Poesie eingeführt werden sollte, war die stets wiederkehrende Geschichte der heiligen Genoveva, bisweilen untermengt mit einigen Zügen und Andeutungen aus der getreuen Griseldis (siehe das Volksbuch vom Markgrafen Walther), späterem Geschlechte durch Halms Griseldis in die Herzen gerufen. Das edle, duldende, vom Gatten verstoßene, endlich durch den Lohn ihrer Tugend selige Weib. Die Rollenbesetzung bei der Wanderbühne in Liebenau war nicht so übel. Der große Samuel gab einen stolzen Siegfried, Schwester Bärbel eine schöne, wenn auch keineswegs heilige Genoveva; doch wußte sie gar trefflich die Mienen der Unschuld nachzuahmen, wobei nur zu erforschen blieb, wen um alles in der Welt aus dem Kreise ihrer Bekanntschaft sie sich zum Vorbilde hätte nehmen können, wenn Erfahrung nicht lehrte, daß ein Naturtalent häufig keines Vorbildes bedarf. Genovevas Zofe und Vertraute wurde durch die Schwägerin, Schmerzensreich durch den kleinen Rosse lenkenden Neffen gegeben. Vom Darsteller des verräterischen Golo werden wir späterhin zu sagen haben, wollen jedoch nicht unbemerkt lassen, daß die Mitspielenden (wahrscheinlich Freunde der deutschen Karte) ihn Solo zu nennen beliebten. An Rittern und Knappen lieferten die jüngeren Landstreicher genügenden Vorrat; sie Verwandelten sich aus halb nackten Raubfischern gar leicht in wackere Kämpen mit Hilfe einiger buntgefärbten Federn und Pferdeschwänze auf glanzlederne Kappen gesteckt. Für die Hirschkuh, die nicht fehlen durfte, war man genötigt gewesen, einen Dilettanten aufzusuchen, weil die zur Bande gehörige gelbbraune Vorsteh-Hündin, welche bisher mit Glück und Geschick dieser wichtigen Rolle vorgestanden, gestern auf der Reise, von unbesiegbarer Jagdlust verlockt, einem strengen Revierjäger zum blutigen Opfer gefallen. Die »umsichtige Direktion« hatte in dem an Jahren weit vorgerückten, halb erblindeten Dachsschliefer des Gastwirtes Naturell und ruhige Besonnenheit zur Genüge gefunden, um ihn mit diesem Part zu belehnen. Das Stirnband, auf welchem zwei kleine Rehgeweihe prangten – seltsamer zwiefacher Widerspruch in den Augen jagdgerechter Kenner! – und wodurch man die Hirschkuh zu bezeichnen gedachte, wurde dem armen, alten Waldmann so fest um sein ehrwürdiges Haupt nebst dazu gehöriger Kehle geschnürt, daß er fast erstickte, und daß sein Auftreten – (der kleine Schmerzensreich half ihm durch einen Strick, woran er ihn hinter sich her zerrte, über das erste Kulissen- und Lampenfieber hinweg) in fortdauerndem Würgen und sich Sträuben bestanden, was verschiedene einsichtsvolle Beurteiler im jugendlich ländlichen, strumpflosen Publiko für Kunstaufwand zu nehmen geneigt schienen. In der großen Versöhnungsszene, wo Siegfried Genoveva reuig in die Arme schließt, als Schmerzensreich, auch in das erneuerte elterliche Bündnis mit aufgenommen, nicht mehr Muße fand, seine vierbeinige männliche Amme Zu überwachen, gelang es dieser, das heißt dem halbtoten Waldmann, seinen ihn schwerer als manche Krone drückenden Hörnerschmuck abzustreifen. Er feierte solchen Triumph der Freiheit augenblicks durch eine Stellung, wie freie Hunde dieselbe allerdings häufig einzunehmen pflegen, wie man sie aber bei offener Szene nicht zu sehen gewöhnt ist. Er vergaß – was so manchem Künstler geschieht – den Charakter seiner Rolle als Hirschkuh und fiel gänzlich in den Hund zurück. Die Tränen, welche dem rührenden Schauspiele zu Ehren aus den Augen reichlich versammelter Zuschauer strömten, würden durch Waldmanns Beitrag zum Ensemble wahrscheinlich gehemmt worden sein, wenn nicht Samuel-Siegfried so viel Fassung gewonnen hätte, seinen pfalzgräflichen linken Fuß aus der Gruppe, in die er samt Gattin und Kind verschlungen stand, momentan zu lösen und den rücksichtslosen Improvisator in dieselbe Kulisse, die dieser eben entweihte, tief hineinzuschleudern. Der Effekt des Dramas war gerettet – aber Waldmann hatte ausgerungen; sein erster Auftritt auf der Bühne war sein letzter fürs Leben geworden. Der Gastwirt machte nicht viel Aufhebens davon; denn, meinte er, ich hätte ihn ja doch totschlagen lassen müssen, er war schon zu »infallied«. Das Schauspiel hatte eine gute Stunde gedauert, nicht länger. Möchten sich manche Bühnendichter an solch gediegener Kürze ein Beispiel nehmen. Die Landleute zerstreuten sich bald. Bier und Schnaps hatten sie schon während der Darstellung genossen, nicht minder ihre Pfeifchen geraucht, ganz wie man es jetzt, zu Zeiten unserer geistigen Fortschritte, in großstädtischen Sommertheatern zu tun liebt. Am nächsten Morgen hieß es zeitig aufstehen. Sie gingen also gleichgültig von dannen. Hie und da hörte man eine weibliche Stimme ausrufen: »Wunderschön haben sie's gemacht!« Damit war alles gesagt und vergessen. Aber Anton!? Zwar hatten sich unter den mancherlei »Lesebüchern«, die er vom Schlosse dargeliehen erhalten, auch bisweilen ältere Schauspiele befunden. Diese waren von ihm mit lebhafter Teilnahme durchflogen worden. Auch war seiner stets aufmerksamen Wißbegier der Unterschied zwischen Erzählung und Drama aufgefallen, und die fesselnde Handlung einiger Stücke hatte ihn beängstigend ergriffen. Niemals jedoch war ihm der Gedanke klar zum Bewußtsein gekommen, daß derlei Werke in der Absicht geschrieben würden, von Menschen leibhaftig versinnlicht zu werden. Nun trat ihm eine solche allerdings verstümmelte, in erbärmlicher Sprache abgefaßt und ebenso unrichtig vorgetragene, nichtsdestoweniger in ihrer ewig poetischen Grundlage unverwüstliche Dichtung vor das leibliche Auge, nahm Form und Gestaltung vor ihm an und ließ ihn in raschem Fortgange des beibehaltenen, ursprünglich meisterhaften Szenenbaues den teilweise albernen, fast gemeinen Dialog vergessen, dessen Mangelhaftigkeit ihm sonst gewiß nicht entgangen sein würde. Dazu bewegte sich Bärbel schön und edel, sah bezaubernd aus, so daß sie in ihm neben schuldigem Mitleid für ein grausam verstoßenes Weib nicht minder Gefühle ganz entgegengesetzter Gattung erweckte, von denen er zwar nicht verstand, sich Rechenschaft abzulegen, die aber mit jenen des verbrecherischen Golo ein wenig harmonierten. Und dieser Golo! Kein Zweifel mehr, es war der Ausrufer mit der Trommel, war der Herold der Komödianten, war der schwarze Wolfgang im abenteuerlichsten Putze, welcher ihn sehr gut kleidete. Wolfgang, der Vagabund nachbarlicher Kirchspiele, ist unter die Schauspieler gegangen!? – Wie war er darauf geraten; wie dazu gelangt? Wie hatte er erreicht, binnen kaum zwei Monaten so viel Übung zu gewinnen, daß er neben Samuel und Bärbel sich leidlich ausnahm? Und was bedeutete überhaupt das Leben und Treiben dieser Menschen, ihr Umherziehen von Dorf zu Dorf, ihr ganzes Gewerbe? Was wollten, was sollten sie in der Welt? Welchen Nutzen schafften sie? Gab es viele solche Leute? Gab es ihrer auch in Städten; in Städten, von denen er so vielerlei gelesen und gehört, deren keine er gesehen? Ei jawohl, denn Puschel und Rubs erwähnten bisweilen des »Theaters«, hatten es, wie Anton sich zu erinnern meinte, sogar einmal besucht. Also das war das Theater! Aber in der Stadt mußte es anders sein! Größer! Schöner! Und gebildete Spieler darauf! Dort würde Wolfgang nicht bestehen samt all seiner Keckheit! Wolfgang, derselbe schwarze Wolfgang, der sich in Branntwein zu Tode sau – – Gerade soweit war Anton mit seinen rasch aufeinander folgenden, sich gleichsam überstürzenden Gedanken gediehen, als der nämliche Wolfgang, dem letztere gegolten, hinter einem mit verblichenem Baumschlag beklecksten Leinwandflügel hervortrat, noch in die bettelhafte Pracht des Dorfkomödianten gehüllt, worin er sich allzusehr gefiel, um sie fürs erste abzulegen. Anton wurde durch dies unerwartete Erscheinen aus tiefem Sinnen aufgeweckt und der Wirklichkeit wiedergegeben, wo er denn staunend bemerkte, daß er – die hinter dem Vorhang befindlichen, mit Einpacken beschäftigten Schauspieler abgerechnet – der einzige im öden, düsteren Gastgemach geblieben sei. Sogar der Wirt und Wirtin hatten das Haus verlassen, um den abgeschiedenen »Waldmann« anständig unter die Erde zu bringen. Wolfgang trat raschen Schrittes in den leeren Raum, als ob er jemand suchte. Und sowie er den in der entgegengesetzten dunklen Ecke stehenden Anton erkannte, sprach er ihn barsch mit den Worten an: »Was willst du noch hier? Auf wen wartest du?« Diese Anrede, die fast feindselig klang und deshalb durchaus nicht zu den freundlichen Worten stimmte, welche Wolfgang im Fuchswinkel mit ihm gewechselt, entsetzten Anton dermaßen, daß der Schreck ihm Fassung verlieh, was bei milden und nachgiebigen Naturen häufig geschieht, so daß er kaltblütig zu erwidern vermochte: »Nur auf dich, überzeugen wollte ich mich, ob du das wirklich bist, der heute« – »Na, nun hast du dich überzeugt«, unterbrach ihn Wolfgang, »nun geh' deiner Wege.« »Was hast du denn im Sinne, Mensch«, fragte Anton, zum Gehen schon gewendet, »daß du so wild und grob gegen mich bist? Was hab' ich dir denn in den Weg gelegt? Oder bist du stolz geworden, seitdem du das Komödiantenhandwerk treibst?« »Verhöhne mich nicht, Korbmacherjunge«, schrie jener. »Meinst du, ich hätte nicht bemerkt, wie sie den ganzen Abend nach dir schaute! Du gefällst ihr, das weiß ich. Sie ist ein leichtsinniges Weibsstück. Aber so lange ich noch da bin, kommt ihr kein anderer nahe, sonst gilt's ein Leben. Wenn mich der Teufel geholt hat, macht was ihr wollt; eher nicht. Und jetzt drücke dich! Sie soll dich nicht mehr sehen!« Damit schob er den verblüfften Anton hinaus. Dieser wußte selbst nicht, wie ihm geschehen. Er blieb draußen im Freien mit offenem Munde, völlig erstarrt, einige Minuten lang mitten auf dem Fahrwege stehen, um sich nur erst wieder zu sammeln. Die Nacht war undurchdringlich finster, die Sterne in Wolken verhüllt, die Landleute hatten sich längst verloren. Tiefes Schweigen ringsumher, nur von Antons bewegter Stimme unterbrochen: »Also ist der schwarze Wolf wirklich ein Hexenmeister, daß er weiß, was mit mir vorgegangen, während ich die Genoveva gesehen habe; daß er Kenntnis hat von den sündhaften Gefühlen, die in mir wach wurden? Er muß mich besser kennen, wie ich mich selber. Denn ich weiß durchaus nicht, was mit mir vorgeht. Ich weiß doch, daß ich Ottilie noch immer unveränderlich liebe, und wenn ich an sie gedenke, ist mir zwar wehe, weil sie mich verachten will, aber es ist mir doch auch wohl dabei, wahrscheinlich, weil ich in dieser Liebe emporwuchs. Gedenke ich aber an die Schauspielerin, so wird mir gleich ganz anders, ganz bange und angstvoll, es hämmert und pocht mir im Herzen wie wenn es zerspringen sollte. Was ist denn das? Liebe ich auch die Genoveva? Und gibt's denn zweierlei Arten von Liebe? Und kann man denn zwei Frauenzimmer auf einmal lieben? In den Büchern lieben sie doch immer nur eine und die nennen sie ihre einzige! »Sie hat mich betrachtet«, spricht der Wolfgang; »ich gefalle ihr! Er ist eifersüchtig auf mich; deshalb ist er mein Feind geworden, der sonst mein Freund sein wollte. Umbringen will er mich, sobald ich ihr nahe komme! Also, er ist ihr Liebhaber. Darum ist er unter die Komödianten gegangen? – Wie glücklich muß er sein, weil er immer bei ihr ist, weil sie immer zärtlich gegen ihn – – dennoch schilt er sie, nennt sie ein leichtsinniges Weibsstück? Wenn er weiß, daß sie das ist, warum ist er dann ihr Liebster? Kann man schlechte Weiber auch lieb haben?? Ach, ich weiß ja vom lieben, langen Tage nichts, ich bin doch ein erbärmlich dummer Dorfteufel. – Jetzt, denke ich, wäre es an der Zeit, heimzuschleichen. Die Großmutter ängstigt sich, daß ich zu Schaden gekommen. – Wenn sie nur schon schliefe! Denn säße sie etwa noch beim Lämpchen an der Arbeit und sähe mir ins Angesicht – ich verginge vor Scham und Schande. Nein, ich will mich gleich ins Bett vergraben und alles verschlafen wie einen verrückten Traum!« Mit diesem redlichen Entschlusse trat unser Freund den Rückzug an. Kaum hundert Schritt im Finstern weiter gedrungen, vernahm er Tritte, Flüstern, unterbrochenes Lachen hinter sich her. Wie von banger Ahnung gewarnt, schlüpfte er hinter einen dicken Weidenstamm, der ihn schützend barg, als dicht bei ihm vier glühende Augen vorüberleuchteten. Von den Gestalten der beiden Personen, denen diese Augen zugehörten, konnte er kaum einen Umriß wahrnehmen; doch hörte er, was sie sprachen und verstand deutlich die Worte: »Kirchhof – der alte Baron – Pflaster!« Daß es Golo mit Genoveva gewesen, die auf eine nächtliche Fahrt auszogen, darüber blieb ihm kein Zweifel. Hätte er sich in seiner Seele frei und rein gewußt, würde wohl auch eine Besorgnis, es könne seinem Erb-, Grund- und Gerichtsherrn etwas Übles zugedacht sein, ihn angetrieben haben, dem leichten Pärchen zu folgen. Furcht war es nicht, was ihn zurückhielt. Weil er sich aber nicht verhehlen mochte, daß in den Eindruck, den des braunen Mädchens bedenkliche Schönheit auf ihn gemacht, sich neidische Bitterkeit gegen den schwarzen Wolfgang mische, so fand er sich nicht berufen, zwischen sie und ihre Abenteuer zu treten. Er eilte vielmehr nach dem großmütterlichen Häuschen, so rasch es die dunkle Nacht gestatten wollte, dankte Gott, daß er die Alte schlafend fand, kroch unter seine Decke, betete das kurze, vielsagende Gebet, welches er aus der Kindheit fromm bewahrt, und brachte es wirklich zu einem gesunden, stärkenden Schlummer, aus dem erst die Großmutter ihn zur Morgensuppe emporschütteln mußte. Außer dieser gewöhnlichen Suppe brachte diesmal der Morgen zwei ungewöhnliche Neuigkeiten, die von einer Haustür, von einer Obstgartenumzäunung zur anderen aus gesprächiger Nachbarinnen Mund eiligst durch Liebenau wanderten und so auch die Ohren der Mutter Goksch erreicht hatten, von welcher sie dem staunenden Anton mit seinem Frühstück zugleich aufgetischt wurden. Die erste meldete, daß der große Samuel zusamt der ganzen Bande bereits vor Sonnenaufgang Liebenau verlassen habe, und daß folglich jene für heute abend angekündigte Aufführung des »keuschen Stiefsohnes« zweifelsohne unterbleiben müsse. Die zweite, ungleich wichtiger, fast rätselhaft, lautete folgendermaßen: Seine reichsfreiherrliche Gnaden, Baron von Kannabich auf Liebenau, habe gestern abend in einer Anwandlung von tiefem Schmerze und liebevoller Erinnerung an seine unvergeßliche Frau Gemahlin auf einmal das Bedürfnis empfunden, in eigener Person an ihrer Gruft einige höchsteigene Zähren zu vergießen, habe sich demzufolge nach reichlich genossenem Nacht- und Schlaftrunk auf den Kirchhof begeben, jedoch ohne Fackeln, habe vielmehr jede Begleitung entschieden untersagt, um durch nichts in seiner Rührung gestört zu werden. Eine Viertelstunde später, nachdem er dem Kirchhofe zugewandelt, sei aus schwarzer Nacht eine Art von Hilfegeschrei und Jammergebrüll erklungen, welches sogar die Hof- und Dorfwächter sehr übel im ersten Schlafe unterbrochen. Bald jedoch, als man im Schlosse einige Anstalt getroffen, mit Laternen zum Rechten zu sehen, sei der gnädige Herr höchst ungnädig und verstört zurückgekommen, mit der Versicherung, daß es gefährlich spuke und daß ihm sogar ein Geist erschienen. Das Hofgesinde war voller Angst und Schrecken auseinandergestoben. Die Leute vom Schlosse aber hatten – (unter dem Siegel der Verschwiegenheit, welches die Frau Schulmeisterin nur ihren Vertrautesten löste) – letzterer mitgeteilt, ihr Baron habe vom Kirchhofe ein kohlpechbrandrabenschwarzes Pechpflaster heimgebracht und solches sitze so zauberhaft fest auf seiner berühmten Nase, daß es seit Mitternacht bis dato den vereinten Bestrebungen der beiden Baronessen Linz und Miez noch nicht gelungen sei, die väterliche Nase zu befreien. Auch befürchte das ganze Schloß, dieses schändliche Pflaster, wahrscheinlich aus noch schlimmeren Bestandteilen als einfachem Pech zusammengesetzt, werde nur dann weichen, wenn Onkel Nasus darein willige, sämtliche darunter befindliche Haut mit in den Kauf zu geben. Als Linz und Miez diesen Antrag ihm in töchterlicher Zärtlichkeiten stellten, wurde er höchst aufgebracht, nannte sie Rabenäser von Kindern und erklärte auf Ehrenwort, lieber wolle er zeitlebens seinen »Gesichtserker« mit Trauertuch austapeziert tragen, als sich schinden und abhäuten lassen wie ein geschossenes Wasserhuhn, und sie möchten sich zum Henker scheren, wenn sie nicht seine Hetzpeitsche zu schmecken Appetit hätten. Auf Erklärungen über Geisterspuk und wie das Pflaster damit zusammenhänge, ließ er sich weiter nicht ein. Anton malte, während er langsam einen Löffel Suppe nach dem andern und mit jedem zugleich einige Brocken dieser heiteren Morgenmär schlürfte, ein ziemlich klares Bild in seinem Geiste aus von den Vorfällen, die allen übrigen Dorfbewohnern wie Zauberkunde klangen. Die rasche Abreise der Samuelschen Truppe bestätigte ihm aufs neue seinen gestern gefaßten, schier schon wieder verschlafenen Argwohn, daß Genoveva und Golo darauf ausgegangen seien, Onkel Nasus zu schädigen. Er hütete sich aber wohlweislich, die Großmutter in seine Malereien blicken zu lassen, begnügte sich, mehrfach den Kopf zu schütteln und versuchte allen Ernstes, an die gefährliche Schöne gar nicht mehr zu denken. Was Onkel Nasus betrifft, so hat erst einige Tage nachher ein aus der Nachbarschaft herbeigeholter Wundarzt mit Beihilfe warmen Öles das häßliche Pflaster, wenn auch nicht schmerzlos, doch am Ende glücklich dem Patienten abgestreift, ohne daß der leidende Teil etwas dadurch eingebüßt hätte, wenn wir nicht weniger borstenartiger Haare Erwähnung tun wollen, die auf dem roten Grunde gediehen waren. Onkel Nasus wurde wieder, der er gewesen. Doch beobachtete er ausdauernd ein brummiges Schweigen über den ganzen Vorfall, duldete auch nicht, daß seine Umgebungen desselben gedachten. Seine Töchter hörten ihn wohl noch in Augenblicken, wo er sich unbelauscht wähnte, die geheimnisvollen Worte: »Brauner Racker!« wiederholen, doch mit unverkennbar anderem Ausdruck, als die ersten Male, wo er sie mehr zärtlich gelispelt. Neuntes Kapitel Der Erntekranz sollte gebracht werden. Onkel Nasus hatte den nächsten Sonntag für diese Feierlichkeit bestimmt und weitere Anstalten dazu getroffen, als er seit verschiedenen Jahrgängen nötig befunden. Linz und Miez empfingen strengen Befehl, mehrere Tänzerinnen aus der Nachbarschaft einzuladen, was große Schwierigkeiten fand, weil, wie schon oben erwähnt, der Umgang mit allen Gutsbesitzerfamilien eingeschlafen war. Man mußte folglich zu Pastorstöchtern, jungen Verwaltersfrauen, Schullehrernichten und sogar zu Schwestern des eigenen Försters Zuflucht nehmen, um ein Dutzend rotwangiger, vollblütiger, fest zusammengeschnürter, in schreiende Farben geschmacklos gekleideter Balltänzerinnen aufzutreiben. Auf diese Weise leisteten des Barons »Mädel« dem väterlichen Mandat Folge und stellten ihr Kontingent. Nicht so glücklich war Papa gewesen mit Lieferung der Herren Tänzer, die er auszuschreiben sich selbst vorbehalten und durch deren Erscheinung die Seinigen überrascht werden sollten. Nachdem vielerlei Versuche völlig mißlungen, sandte er an Puschel und Rubs Aufträge, »städtische Genossen und Schulfreunde, womöglich ein paar junge Herren in zweierlei Tuch« (das heißt Offiziere) mitzubringen. An unglücklichere Agenten konnte der Baron sich kaum wenden. Diese beiden armen Jungen, welche oft wochenlang von dem großen, groben Brote zehren mußten, welches ihnen der väterliche, mutterlose Backofen – doch auch nur durch Gelegenheit – lieferte, die kein Taschengeld oder doch sehr wenig erhielten, die kein Vergnügen, wofür man Geld zahlt, mit anderen genießen konnten; – wo sollten sie Bekanntschaften hernehmen, für die Zwecke des Onkel Nasus passend? Und dennoch taten, sie etwas in ihrer Art Großes und Erhabenes: Sie hatten nach glücklicher Bestehung ihres Examens für die hohe Schule, welches mit der durch den Pastor ihnen zugestellten freiheitlichen Tanz- und Erntekranz-Order zusammentraf, die geniale Idee gefaßt und ausgeführt, ihre Mitdulder und Mitsieger im Examen, acht an der Zahl – ihrer elf waren sie im ganzen gewesen – zum Liebenauer Erntekranz und Bal champêtre im Namen Seiner reichsfreiherrlichen Gnaden des Baron Kannabich feierlich einzuladen; eine Einladung, die mit allgemeinem, aus Erstaunen sich nach und nach entwickelndem Jubel auf- und angenommen wurde. Um dem Vorwurfe zu entgehen, daß ich mein Einmaleins vergessen, rüge ich auf frischer Tat einen scheinbaren Rechnungsfehler in vorstehenden Zeilen. Rubs und Puschel sind ihrer ein Paar oder in Ziffern ausgedrückt 2. Die Einladung haben sie an 8 gerichtet. 8 zu 2 macht 10. Folglich könnten nicht elf Abiturienten Teilnehmer des Examens gewesen sein, und dennoch habe ich ausdrücklich elf geschrieben. Ist das Unachtsamkeit? Zerstreuung? Nein, fürwahr, das ist es nicht. Lerne mich besser kennen, aufmerksame, an deinen schönen Fingern nachzählende und nachrechnende Leserin; es ist, was man in der kritischen Sprache einen seinen Zug, eine verborgene Schönheit, eine sinnige Nuance nennt. Vorbereiten wollte ich dadurch, daß unsere Pastorsöhne allerdings neun Mitbewerber bei der Prüfung pro maturitate zählten, daß sie aber nur acht derselben eingeladen, – weil sie sich an den neunten, als einen durchaus Exklusiven, gar nicht wagten. Es war dies der Sohn des reichen Geschäftsmannes Herrn van der Helfft, ein Jüngling, der fleißig, ernst, für seine Jugend überreif an männlicher Würde, in elegantester Kleidung sich stets vom Umgang aller Mitschüler ferngehalten und, ohne durch Unfreundlichkeit im allgemeinen zu beleidigen, doch im einzelnen jede vertrauliche Annäherung von sich gewiesen hatte. Er war die Perle in der Krone guter, musterhafter Schüler, das Vorbild der obersten Klasse, der Inbegriff reiner, feiner Sitten, der Stolz seines stolzen, überreichen Vaters. Alle Lehrer des Gymnasiums vereinten sich bei jeglicher Konferenz zum Preise des jungen van der Helfft und überstimmten die jedesmal wiederkehrende Äußerung eines alten, ziemlich untergeordneten Schulkollegen, der nichts mehr dozierte als ein bißchen Naturwissenschaft und Physik, der gewissermaßen nur das Gnadenbrot als Lehrer genoß, der jedoch ein eigentümlich humoristischer Kauz war. Dieser pflegte jede Lob- und Preishymne, welche der Chor der Professoren auf den jungen van der Helfft anstimmte, mit den Worten zu schließen: »Wenn er nur ein einziges Mal einen dummen Streich machen möchte!« Als nun der Direktor der gelehrten Schule ärgerlich über solch unlehrerhaftes Begehren, endlich fragte: »Was denn, Herr Kollega, meinen Sie eigentlich mit diesem seltsamen Wunsche?« Da brach der kleine Graukopf aus und rief ganz heftig: »Was ich meine, Herr Rektor? Ich meine, daß eine solche tugendhafte Weisheit, solche Sittsamkeit und Würde, solch untadeliger Fleiß an einem siebzehnjährigen Burschen unnatürlich sind, daß aus solchen jungen glatten Schulmustern und Zierpuppen niemals etwas wird, daß Jugend ihr Recht verlangt. Wundern tut mich dabei nur der Alte, der seinem Namen nach holländischer Abkunft scheint und folglich auch das holländische Sprichwort kennen sollte, nach welchem der Vater einer Tochter, wenn der Vater eines Sohnes um deren Hand für letzteren wirbt, zu fragen pflegt: ›Hat Ihr Herr Sohn aber auch schon ausgetobt?‹ Bequemer für die Lehrer ist gewiß, wenn die Jungen den Anfang des notwendigen und naturgemäßen Austobens weiter hinausschieben, doch besser für die Jungen ist es, wenn sie beizeiten anfangen. Ich bleibe bei meiner Ansicht. Hätte Herr van der Helfft nur ein paarmal im Karzer gesessen, ich würde weit mehr Respekt vor ihm hegen. Dixi et salvavi .« Rektor und Schulkollegium belächelten des alten Herrn komischen Erguß und zuckten mitleidsvoll die Achseln, als wollten sie sagen: er ist reif zur Quieszierung! Daß an einen solchen Vogel Phönix Puschel und Rubs mit ihrer Erntekranz-Einladung sich nicht wagten, wird man begreiflich finden. Desto überraschender wirkte nun sein Benehmen auf die zehn tanzlustigen Abiturienten. Er, Theodor van der Helfft, der im Laufe der Schulzeit mit keinem seiner Kommilitonen etwas anderes als das unumgänglich Notwendige geredet, der jetzt Nummer eins mit Auszeichnung auf dem Zeugnis seiner Reife prangen sah, während die zehn anderen eine bescheidene zwei davongetragen, er wendete sich zu ihnen und schlug ihnen vor, auf der Fahrt nach Liebenau – wohin auch er samt seinem Vater zum Erntefest geladen, von jenem aber allein zu reisen angewiesen worden – seine, Theodors, Gäste zu sein. Unser großer Stuhlwagen, fügte er hinzu, läßt sich durch zwei einzuhängende Bänke sehr leicht in einen zehnsitzigen verwandeln, und ich werde, auf dem Kutscherbock Platz nehmend, die Pferde lenken; mit unseren vier Rappen kommen wir schneller nach Liebenau als mit einem Lohnkutscher. Zehn dumme Gesichter, unter denen die beiden Puschel und Rubs angehörigen wahrscheinlich die dümmsten waren, bejahten durch erstauntes Schweigen diesen glänzenden Antrag, zu dessen Vollführung Theodor die siebente Morgenstunde des in Rede stehenden Sonntags und als Sammelplatz das Haus seines Vaters angab, in welchem man sich durch ein reichliches Frühstück zu den Anstrengungen der Reise wie des ländlichen Festes vorbereiten und kräftigen wolle. Die Sache verhielt sich aber ganz einfach so. Herr van der Helfft sen. trieb neben seinem Großhandel auch – (freilich sehr im stillen!) – ein kleines Händelchen mit Hypotheken nämlich, auf Häuser oder Landgüter eingetragen. Wo ein Großgrundbesitzer einige Male mit seinen Zinsen im Rest geblieben, waren wie Raben, die ein Aas wittern, die Mäkler des großen Mannes da, um auszustöbern, wie es mit dem unsicheren Zahler stehe. Lauteten die Berichte – in ihrem Sinne – günstig, dann wußten sie durch allerlei hingeworfene Andeutungen die auf ihre Zinsen harrenden Eigentümer jener Grundverschreibungen ängstlich zu machen und erkauften dann dergleichen Papiere, die übrigens auf den Fall eines Bankerottes Sicherheit gewähren mußten, mit unzweifelhaftem Vorteil für ihren Herrn und Meister. So war Timotheus van der Helfft in den Besitz einer gerichtlich eingetragenen, auf Liebenau lautenden Schuldverschreibung von 30 000 Talern à 4½ Prozent gelangt, welch letztere Onkel Nasus seit drei halben Jahren ignoriert hatte. Herr van der Helfft hatte bisher nur mäßig erinnert, mit Klagen nur gedroht, Subhastation nur wie ein Schreckbild aus der Ferne gezeigt, offenbar in der menschenfreundlichen Absicht, seinen Gläubiger immer sicherer sinken zu lassen, um dann die Herrschaft, deren noch immer bedeutender Waldbestand ihn lockte, ohne lange Umschweife in seine Hände zu bekommen. Der Baron, schlau genug, so etwas zu ahnen, wollte den Kaufherrn an Ort und Stelle haben, um ihn durch den Anblick alter Stämme lüstern zu machen, damit vielleicht ein Verkauf aus freier Hand ihn vor der Krida schütze und so viel abwerfe, noch ein kleines Kapitälchen an die Seite zu bringen. Deshalb hatte er den Städter dringend eingeladen. Der Städter aber, schlauer als schlau, begriff die Absicht des Dörfners und beschloß, sich durch den Sohn vertreten zu lassen, der unbefangen auftreten, dabei über manches Aufschluß erhalten und dann Bericht erstatten konnte, um so passender, weil die Herrschaft für ihn bestimmt, zu seinem »Edelsitz« ausersehen war. Je burschikoser Theodor erschien, desto leichter mußte ihm seine Rolle als unentdeckter Spion werden, und deshalb ergriff er die Gelegenheit, welche der Pastorsöhne Einladung darbot, so eifrig, im voraus von seines Vaters zustimmendem Lobe überzeugt. Daran fehlte es auch nicht. Er kutschierte, neben einem zierlichen Reitknecht thronend, die von Herrn van Helffts Gabelfrühstück hoch entflammte Zehnzahl bestens den grünen Waldgefilden zu, welche er bereits als ihm gehörig prüfte, und lieferte sämtliche Burschenschaft, durch rasche Fahrt ziemlich nüchtern geworden, richtig vor der uns bekannten Wildenweinlaube ab. Onkel Nasus entsetzte sich anfänglich, daß der kolossale Vierspänner nur junges Tänzelgesindel, nicht aber den erwarteten, fürchtend gehofften, listig zu zähmenden Gläubiger mitbringe. Wie jedoch Theodor sich als Sohn des Gewaltigen zu erkennen gab, nahm er diesen bereitwilligst für einen Friedensherold und eilte, Tieletunke als die jüngste, hübscheste und klügste der Töchter durch einige Kniffe, Püffe und Zwicker in kindliche Pflichten der Koketterie und Bezauberung einzuweihen, wobei er ihr zärtlich ins Ohr grunzte: »Von dir, du dumme Gans, hängt es jetzund ab, und von deiner Larve und deinen paar Pfund Gänsefleisch, ob dein alter Vater wie ein Bettelhund von Haus und Hof wandern soll, oder ob du den einzigen Sohn des verfluchten Wucherers fangen und den Vater retten kannst! – Reiche Dame – oder alte Spitaljungfer. Du hast die Wahl!« Baron Kannabich war noch wicht betrunken, als er diese gewichtigen Worte sprach; denn er hatte sich für van der Helffts auch wahrscheinlichen Empfang nüchtern erhalten wollen, weshalb er auch in der Kirche die Predigt abgewartet. Der Erntekranz wurde um vier Uhr nachmittags ins Herrenhaus getragen. Musikanten gingen dem Zuge voran; viele Dorfleute, darunter auch solche, die nichts mit der Feierlichkeit gemein hatten, folgten ihm, um bei Gelegenheit in jene Räume des Schlosses dringen zu dürfen, welche sonst niemals geöffnet wurden, und dort die alten, buntseidenen, wenn auch von Zeit und Mäusen zerstörten Tapeten anzugaffen. Anton war so sehr daran gewöhnt, diesen Zug mitzumachen, noch aus den Jahren frühester Kindheit, wo er als Gespiele der Fräuleins und als Tieletunkes Liebling sich im Schlosse heimisch fühlte, daß er auch heute, die jüngste Vergangenheit vergessend, sich anschloß. Er überlegte weiter nicht, welche Folgen dies möglicherweise haben könnte. Seine Großmutter schüttelte ängstlich das alte Haupt, wie er dahin zog – in seinem besten Putze! Er war sehr schön. Weiße Beinkleider, aus dem feinsten selbstgesponnenen Leinwandstücke der Mutter Goksch geschnitten und vom Dorfschneider mit besonderer Vorliebe und Sorgfalt gearbeitet, saßen ihm so nett und knapp und hoben seine schlanke, kräftige Gestalt so anmutig hervor, daß man nichts Hübscheres sehen konnte, ein kurzes Jäckchen von dunkelblauem Tuche schmiegte sich wie gegossen an die breiten Schultern, um den halb offenen Hemdkragen schlang sich ein rotseidenes Tuch, dessen Zipfel lang umherflatterten, auf den vollen braunen Locken, nach dem rechten Ohre hin gesenkt, saß ein strohgelbes Ledermützchen. Und das edle Angesicht, aus dem unter dunklen Brauen und Wimpern ein blaufeuchtes Auge hervorstrahlte, bildete in wehmütigem Ernst den wirksamsten Gegensatz zu der fast spöttisch lächelnden Oberlippe, auf der sich der erste Anflug eines regelmäßig geformten Bartes wölbte. Sein Gang war fest und leicht, beides zugleich, ohne Spur von Ziererei, den natürlichsten Anstand bezeichnend. Die kleinen Füße schienen, in dünneren Schuhen, als jemals ein Liebenauer Bursche besessen, einherschreitend, selbst zu zweifeln, ob sie Boden genug fassen könnten, der ihnen anvertrauten Person das rechte Gleichgewicht zu erhalten. Doch ging es herrlich, und Anton wandelte auf ihnen mutig einher. Die Großmutter schaute ihm lange nach, dann erlaubte sie sich die unbescheidene Frage: »Du lieber Gott, was wolltest du mit dem Jungen neben den Dorflümmeln?« Im Schlosse hatten sie den großen Saal des Erdgeschosses geöffnet, gelüftet, ausgeputzt für Tanz und Lustbarkeit. Das Mittagsmahl war beendet. Theodor, neben Ottilie gesetzt und an besseren Wein im väterlichen Hause gewöhnt, hatte des Barons Ermunterungen zum Trinken ebenso unbeachtet gelassen, als Ottilie die liebevoll an sie gestellten Aufforderungen, zuvorkommend und kokett zu sein. Sie gaben ein stummes Paar ab. Desto lauter wurden die anderen. Sie konnten kaum den Beginn des Tanzes mehr erwarten. Die Pflicht der Schloßfräulein, altherkömmlichem Brauche gemäß, sich einige Male mit den Pferde- und Ochsenknechten des Hofes umherzuschwenken, wurde eiligst abgemacht, die kranztragenden Mägde rasch beschenkt, durch eine Anweisung auf Bier und Branntwein fürs Dorfwirtshaus so schnell als möglich beseitigt, und kaum waren die leicht Befriedigten fortgeschickt, als andere Musikanten – ob besser, steht dahin – ihre widerspenstigen Geigen und Klarinetten ergriffen, den »herrschaftlichen Ball« zu eröffnen. Er war nun eben nicht sehr herrschaftlich, dieser Ball. Die Gesellschaft eine, gelind ausgedrückt, sehr gemischte, wie schon aus den uns bekannten Einleitungen für die Festlichkeit entnommen werden mag. Drei Figuren sind es, die sich ausnahmsweise hervortun, dem Ganzen einigen Glanz zu verleihen. Zuerst, wie billig, nennen wir die jüngste Tochter des Hauses. Ottilie, anspruchslos gekleidet, gewährte, ohne vollkommen schön zu sein, einen angenehmen Anblick und benahm sich, wie man sich in der höheren Welt benimmt. Sie konnte nicht anders. Neben ihr zeigte sich Theodor als wohlerzogen und zierlich, nur daß er durch Hochmut und gelangweilte Teilnahmlosigkeit, die er offen, ja absichtsvoll zur Schau trug, den günstigen Eindruck verdarb. Er konnte auch nicht anders. Anton war es endlich, der über alle hervorragte und für die Zier des Festes gegolten haben könnte, wenn er nicht zurückgezogen und stumm in einem Winkel geblieben wäre. Daß er überhaupt blieb , nachdem das Landvolk sich entfernt, scheint seltsam genug. Ihm wäre so etwas auch nicht in den Sinn gekommen, vielmehr hatte er, als der lange Zug sich emsig durch die weit geöffneten Flügeltüren in den Saal drängte, seinerseits standhaft sich gegen den Strom gestemmt, um draußen zu bleiben unter den ärmsten, geringsten, schüchternsten der Gemeinde. Dort jedoch hatte Tieletunkes Blick ihn erspäht, und sie war es, die ihn hereingeholt, mit ihm zu tanzen, während alle übrigen Tänzerinnen die Robott des Tages an derbe Knechte abtrugen. Er tanzte so leicht und wußte dabei seine Tänzerin so sicher zu führen, daß sie mehr flogen als tanzten. Ottilie kam in diesem Schweben dem auf ihren Sieg spekulierenden Vater dermaßen belebt und feurig vor, daß er sich von Dankbarkeit zu Anton gezogen fand, als welcher durch fein Geschick die Reize der sonst kalten Dame in helleres Licht zu stellen gewußt. Mit einer vom Mittagstische schon schwer gewordenen Zunge sprach er ihn in der gewöhnlichen Liebkosungsformel: »Na, Schlingel?« an und ohne selbst recht zu wissen, was er tat, befahl er ihm, beim herrschaftlichen Balle zu verweilen. Kaum war diese gebieterische Einladung ausgesprochen, als Ottilie von ihrem Tänzer zurücktrat, dem Vater einen fast zornigen Blick zuwarf und sich unter die anderen Frauenzimmer verlor. Anton stand in peinvoller Lage da. Sein zarter Sinn ließ ihn die durch Ottilie zugefügte Schmach desto schmerzlicher empfinden, weil die ihr zuvorgegangene Auszeichnung ihn mit täuschenden Hoffnungen zu necken begonnen hatte. Dem Befehle des Barons ungehorsam zu sein, wagte er nicht. So mußte der Arme verbleiben, wo er sich nur geduldet, wo er sich von ihr, um derentwillen allein er hätte gern dort sein mögen, nicht gern gesehen wußte. Deshalb stand er stumm und unbeweglich im Winkel neben den Musikanten. Als einer derselben über Schmerzen in der linken Hand klagte – es war ihm ein Glassplitterchen darin sitzen geblieben von einer Flasche, die er vorgestern einem seiner Freunde am Kopfs entzweigeschlagen – nahm Anton dessen Geige und strich statt seiner Ländler und Walzer herunter. »Gut, Anton, gut!« rief jetzt Ottilie, die eben mit Theodor an ihm vorbeisauste; »das ist brav! jetzt tanzt sich's noch einmal so schön.« Da legte Anton verdrießlich die Geige gleich wieder weg und brummte: »Wer sich aus der ihrem Benehmen gegen mich einen Vers machen wollte, der müßte mehr verstehen wie Brot essen.« Die Anwesenheit Theodors und der Abstand zwischen diesem und den übrigen Schülern, besonders den Pastorssöhnen, entgingen seinem Scharfblick ebensowenig, als des Onkel Nasus unterwürfige Aufmerksamkeit für jenen jungen Herrn. Ohne die Gründe erforschen zu können, durchschaute sein natürlicher Verstand doch bald den Zweck, und das machte ihn noch verbissener und mürrischer, so daß er einige wohlgemeinte Anreden, die Linz und Miez in ihrer nichtssagenden Manier aufmunternd an ihn richteten, fast undankbar hinnahm, ohne ihnen Folge zu geben. Rasch verfliegt Stunde um Stunde des frühzeitig begonnenen Balles, bei dem sämtliche Teilnehmer sich bestens ergötzen, nur die drei ausgenommen, welche uns die wichtigsten sind. Und die Hauptperson dieses Buches, sein Held Anton, nachdem Ottilies unwillkommenes Lob ihm auch jene Zerstreuung weggespottet, welche er sich durch Aufspielen zum Tanze bereitete, trachtete einzig und allein nach einem günstigen Moment, wo es ihm gelingen möchte, unbemerkt von Onkel Nasus zu entschlüpfen. Deshalb sucht er sich, die Wand des großen Saales entlang, so fest an die alten Tapeten gedrückt, daß er eine der darauf eingewirkten Figuren zu sein scheint, langsam von einem Fenster zum anderen zu schieben, bis er dem allgemeinen Ausgang nahe kommt. Doch hier gerade muß der Baron sitzen mit Pastor Karich und einigen anderen alten Herren, im halben Weinschlummer zwar, aber aus diesem doch von Zeit zu Zeit durch den Klang eines frischgefüllten Glases aufgeweckt. Da blieb ihm denn nichts übrig, als geduldig den schicklichsten Zeitpunkt zur Flucht zu erlauern. Er preßte, wie wenn er für nichts anderes Augen besäße, seine Stirn gegen die Fensterscheiben und starrte hinaus in den dunklen Garten. Die Glocke des kleinen Kirchturms schlug eben die zehnte Stunde. Ihre Klänge, schwach herüberzitternd, mischten sich seltsam in den Tanzlärm des Saales. Beim letzten Schlage, den Anton mit dem Seufzer begleitete: »schon zehn Uhr«, richtete sich dicht unter dem Fenster eine weiße, weibliche Gestalt empor. Die Züge des Angesichts wahrzunehmen, verhinderte ihn die Helle, welche, durch die im Saale brennenden Kerzen verbreitet, ihn blendete, aber aus ihren Bewegungen und mehr noch aus der beunruhigenden Ahnung, die ihn durchrieselte, glaubte er die braune Bärbel zu erkennen. Sie, aus der Dunkelheit des Gartens nach erleuchteten Räumen blickend, hatte leichteres Spiel und erkannte zweifellos ihn, den sie suchte. Sie gab ihm einen bedeutsamen Wink. Mit lebhafter, eindringlicher Gebärde lud sie ihn zu sich. Das war kein Irrtum. Wolfgang hat richtig gesehen, dachte Anton, ich habe ihr gefallen, sie sucht mich auf. Kaum eine Minute lang währte der Kampf seiner Seele. Aber dieser Kampf zerriß ihm fast die Brust; ihm war, als ob Ottilie ihn festhalte, als ob sein Herz mit dem ihrigen verwachsen sei, als ob er jetzt in diesem Augenblick der Prüfung den Raum nicht verlassen dürfe, wo sie atme, Und doch trieb stürmische Sehnsucht ihn hinaus, der bezaubernden Verführerin zu folgen, wohin sie ihn lockte! Wie wenn er sich durch den Anblick seiner Geliebten schützen, kräftigen wollte, wendete er noch einmal seinen Blick nach der Tanzenden zurück: da sah er dicht hinter sich Ottilie an Theodors Seite in belebtem Gespräch, wie jener gerade nach ihm deutete und Ottilie mit spöttischem Achselzucken darauf erwiderte. Das gab den Ausschlag. Ohne länger zu zögern, wandte er sich nun der Tür zu und erreichte – unbemerkt von allen, wie er glaubte – die Weinlaube, über deren Spalier er eiligst in den Garten kletterte. Halb bewußtlos stürzte er sich der ihn Erwartenden entgegen, umfing sie mit zitternden Armen und kam erst wieder zur Besinnung, als Bärbel ihn kräftig von sich stieß. »Nix Bussel! Nix zärtlich! Zu Lieb' ist kein' Zeit' der Tod ist kommen. Wolfgang laßt dich rufen. Der liegt im Fuchswinkel und stirbt. Weil du ihm versprochen hast, willst zudrücken seinige Augen, muß ich dich holen. Ich suche dich schon ganzes Abend. Hurtig, nimm in die Hand deine Beine und lauf'. Bärbel geht nit mit in Fuchswinkel; fürcht ich mich vor Tod!« Kaum war diese Botschaft in kurz ausgestoßenen, abgebrochenen Sätzen verkündigt, so stieg die braune Bärbel mit der Gewandtheit eines Marders über die Weinlaube, um wieder den Weg durch den Schloßhof ins Freie zu gewinnen, denn einen anderen Ausgang gab es aus dem mit hoher Mauer umgrenzten, zur Nachtzeit verschlossenen Garten nicht. Anton vermochte keineswegs, ihr so bald zu folgen. Von der jetzt eben noch geträumten lebendigen Erfüllung lang- und banggehegter wilder Wünsche und Erwartungen ins Reich des Todes war der Übergang zu heftig. Er, der weder Liebe noch Tod, weder Anfang noch Ende anders als aus Ahnungen kannte, sollte nun, wo er in den Armen blühender Schönheit Aufschluß über seine eigenen Gefühle zu erringen und dadurch gewissermaßen Rache an Ottilie zu nehmen vermeint hatte, den schweren Gang zu einem Sterbenden antreten, dem er das Wort gegeben, nicht zu fehlen, wenn man ihn rufe! Die volle Kraft reiner, ungeschwächter Jugend war nötig, um in solchem Kampfe nicht zu unterliegen. »Ich hab's dem schwarzen Wolfgang versprochen!« Weiter sagte er nichts und schickte sich an, der braunen Bärbel Beispiel nachzuahmen. Doch sollten für ihn die schweren Prüfungen dieser Nacht sich drängen; er sollte – dies war der Wille ewiger Mächte – in ihr zum ganzen Manne reifen. Denn als er das Gestell des Weinlaubenspaliers erklettert hatte und schon im Begriff stand, durch dicht belaubte Ranken sich windend, den Sprung hinab auf den Erdboden zu machen, mußte er halb in der Luft hängen bleiben, weil unter ihm Bärbel – die er längst auf raschester Flucht zum langen Samuel wähnte – und dieser zur Seite Theodor standen. Der junge van der Helfft, vom Tanze mit Ottilie ein wenig aufgeregt, als er bemerkte, daß er zu bemerken beginne, wie sie »gar nicht so übel sei«, hatte sich die väterlichen Lehren ins Gedächtnis gerufen, unter denen die fürnehmste dahin ausging, er möge sich um Gottes willen von keiner jener Bettelbaronessen eine Schlinge um den Hals werfen lassen, weil so etwas dem »Projekt« schaden könne. Dieser Lehre wieder eingedenk in dem Augenblick, wo er zu spüren anfing, daß einige Neigung in ihm erwache, sich für die »Misere« des Liebenauer Balles bei Ottilie zu entschädigen, besiegte er solche flüchtige Neigung ohne Mühe und begab sich ins Freie, unter dem Vorwande, frische Luft zu schöpfen, was seinem Kopfschmerz gut tun würde. Ein böser Stern wollte (meine Leser werden, wie ich befürchte, lange warten müssen, bevor sie erfahren, was ich damit meine) – daß er in die wilde Weinlaube trat, wie gerade aus der Bogenwölbung Bärbel sich herniederließ. So dunkel war es nicht, daß er nicht mehr gesehen haben sollte, als er zu sehen brauchte, um außer sich zu geraten. »Fallen Engel vom Himmel herab, mich zu entschädigen für dieses elende, unsaubere Fest?« rief er aus und hielt die Zigeunerin mit beiden Händen. Was sie weiter miteinander gesprochen oder verabredet, können wir nicht verraten. Sicher ist nur, daß Anton, über ihnen baumelnd, in Bärbels Händen flimmernde Goldstücke klingen hörte. Schon fürchtete er, nicht länger in der Schwebe ausdauern zu können und zwischen beide stürzen zu müssen, wie ein Felsstück, welches, vom Berge abgelöst, zwei Rehe trennt – als aus der Haustür Onkel Nasus samt Begleitung der männlichen Hälfte des Balles mit Kerzen und allerlei Stärkungsmitteln trat, nach dem hochgeehrten jungen Gaste und dessen Befinden zu schauen. Bärbel verschwand mit unbegreiflicher Schnelligkeit. Theodor wandte sich eiligst den Suchenden zu, die ihn umringten und, durch die Nachricht seines Besserbefindens entzückt, ihn wieder ins Schloß zogen. Anton gelangte zur Erde und diese mit rüstigen Füßen betretend, wanderte er, von unbeschreiblichen Empfindungen getrieben, dem verrufenen Fuchswinkel zu. Zehntes Kapitel Ich bin auch im Fuchswinkel gewesen, lieber Leser. Ich kenne die Wege und Schliche, die durch dick und dünn, durch Urwald und Gehege, durch Tannenschonung und junges Laubholz dahin führen, recht gut, weiß aber doch nicht, ob bei Nacht, besonders jedoch in einem Seelen- und Körperzustande wie Antons, ich mich zurechtgefunden haben würde. Er fand sich zurecht. Ohne daran zu denken, ohne sich nur umzutun nach dem Pfade, der links, rechts, über Gräben, durch stachelichte Brombeerhecken führte, traf er ihn, wie der junge Wandervogel, vom Instinkt gezogen, den Weg findet in Länder, die ihm gar noch fremd sind. Sinnenglut und gekränkte Eitelkeit, Neugier und Todesgrauen, Eifersucht und Wehmut stritten in ihm um die Herrschaft. Er sollte den unzugänglichen, von Menschen gemiedenen Waldwinkel wieder betreten, wo er zuerst um seiner Mutter jammervolles Ende geweint. Und den fast gefürchteten schwarzen Wolfgang, dessen Erscheinung ihn damals erweckt und milderen Gefühlen zugewendet, den sollte er jetzt sterbend finden, wenn anders Bärbel – jene verabscheuungswürdige Schöne – ihm Wahrheit geredet! Einem Sterbenden sollte er die Augen zudrücken, er, Anton, der noch kein Tier sterben gesehen, geschweige denn einen Menschen? »Ob der Tod wirklich erscheint, wenn er einen abholt? Ob ich ihn wahrhaft vor mir sehen werde, den leibhaftigen lebendigen Tod?« Das waren Fragen, mit denen unseres Freundes kindisch-unschuldige Unerfahrenheit seinen sonst so scharfen, richtigen Verstand gleichsam übertölpelte. Bis er sich dann wieder selbst zurechtwies und, über eine Baumwurzel stolpernd, ausrief: »Warum nicht gar! den Tod sieht man nicht, den fühlt man nur.« Je näher Anton der bewußten Stelle kam, desto langsamer ward sein Schritt, desto leiser trat er auf. Der Gedanke an die Mitternacht, an die Geisterstunde, die, wo nicht schon angebrochen, ganz nahe sein mußte, regte sich in ihm. Da vernahm er dumpfes Stöhnen; es schien von dem Platze auszugehen, auf dem er selbst gelegen, als der schwarze Wolfgang ihn aufgefunden. »Wolfgang, bist du hier?« fragte Anton mit zitterndem Tone. Das Stöhnen schwieg, und eine heisere Stimme erwiderte: »Ja, hier!« Alsobald kniete Anton neben dem Kranken, dessen Hals er sanft umschlang, dessen Haupt er vorsichtig emporhob und stützte. Und Wolfgang redete: »Gut, daß du kamst; es ist die höchste Zeit. Ich werde leichter sterben, wenn du bei mir bist. Nun ist's aus, Korbmacher. Ich habe meinen Willen, die braune Bärbel hat dem schwarzen Wolfgang den Rest gegeben; sie und der Branntwein. Nimm dich vor beiden in acht. Sie sagte immer, sie liebe mich! Aber sterben wollte sie mich nicht sehen. Sie meinte, das wäre ›grauslich‹. Sie mag recht haben. Ich verzeihe ihr nur, weil sie dich schickte. Zum Leben war sie mir lieber; zum Sterben kann ich dich besser gebrauchen, du bist gut, sie ist schlecht, noch schlechter als ich.« »Armer Wolfgang«, schluchzte Anton, sich und seinen eigenen Jammer vergessend, »warum suchtest du nicht eine Ruhestelle in einem friedlichen Hause? Warum schlepptest du dich nicht bis zu uns? Gern hätte ich dir mein eigenes Lager als Krankenbett eingeräumt. Und unser alter Herr Pastor hätte dich besucht mit geistlichen Trost und Zuspruch ...« »Geh' mir mit deinem lutherischen Schwarzrock, der kann mir nicht helfen. Einen Priester von meiner Kirche gibt es in eurer Ketzergegend nicht; ich muß ohne Ölung abfahren, mir wird mein Reisewagen nicht geschmiert. Da war mein Alter besser daran, wie sie ihn aufhingen. Sapperment, war das ein schöner Zug! Tausend und aber tausend Menschen! Und er das Kruzifix in der Linken, von dem ein kleiner, baumlanger, beinerner Heiland aus blutroten Nelken und Rosen hervorguckte, den er einmal ums andere Mal an die bleichen Lippen drückte und küßte. Und ein dicker Kapuziner neben ihm, der ihm unaufhörlich ins Ohr schrie, daß er gen Himmel fahren werde. Ha, wie er dann in der Luft zappelte – da hing er wie eine reife Frucht; und ich muß am Boden verfaulen. O, der Schmerz, Anton, der zerreißt mir die Brust. Jedes Wort, das ich spreche, gibt mir einen Stich.« »So rede nicht, Wolf. Ruhe ein wenig; versuche, ob du schlummern magst. Ich verlasse dich nicht; ich weiche nicht von dir. Gewiß nicht.« »Ich muß reden! – Versprich mir, Anton, daß du mit der Bärbel dich nicht einlassen willst, wenn sie dir wieder begegnet. Versprich mir's. Um deinetwillen nicht. Aber auch meinetwegen nicht. Dich tät' sie zugrunde richten – und ihr gönne ich dich nicht. Die Eifersucht würde mich aus dem Grabe treiben, ich müßte als Gespenst zwischen euch fahren. Sonst mag sie's halten, mit wem sie will: nur mit dir nicht. Sonst mit wem sie will. Meinethalb auch mit Onkel Nasus. Trägt der mein schwarzes Pflaster noch? Hahaha – o weh, das Lachen erstickt mich! Luft! In Teufels Namen, Luft! Korbmacher, du erdrosselst mich mit deinem Arme. Wenn du mich ersticken willst, nimm einen Strick, knüpfe mich auf! Hänge mich! Hahaha, Vater und Sohn!« Auf diese Weise trieb es der Sterbende länger als eine Stunde, daß Anton zuletzt ganz unempfindlich und stumpf wurde gegen seine ruchlosen Phantasien. Als die Nacht zu scheiden begann, ward er ruhiger. Noch ein heißer Blutstrom stürzte aus seinem zuckenden Munde, dann sprach er sanft: »Das Schlimmste ist vorüber; der liebe Gott hat Mitleid mit mir. 's ist überstanden. Vergiß nicht, mir die Augenlider zu schließen. Offene Augen sind schrecklich bei Toten. Tauche mein Tuch in den Quell dort nahe bei und lege es auf die Augen, wenn sie geschlossen sind. Ich danke dir, lieber, lieber Anton! Sei glücklich!« Hiernach verstummte der schwarze Wolfgang. Die Sonne blickte schon durch Morgenwolken, und Anton hielt seinen unseligen Freund noch immer im Arm, gleich einer Mutter das schlummernde Kind, schweigend, um ihn nicht zu erwecken. Wie es aber hell wurde um ihn her, wie er die veränderten Gesichtszüge, das gläserne starre Auge, die Ruhe der nicht mehr keuchenden Brust bemerkte, da durchzog unheimliches Grauen sein junges Herz. Er griff nach der Hand des Verblichenen – sie war steif, jede Lebenswärme aus ihr geschwunden. Er legte die eigene Hand auf Wolfgangs Wange – diese fühlte sich an wie Stein. »Er ist tot!« schrie er auf, zog den Arm, in welchem er den Leichnam gehalten, zurück, sprang empor und wandte sich ab von dem furchtbaren Bilde, um schaudernd zu entfliehen. Doch kaum waren einige Schritte getan, als er sich beschämt seines Versprechens erinnerte. »Pfui«, sprach er, »wie feige bin ich doch! Das ist halt der Tod, wie er uns allen bestimmt ist, weiter nichts. Damit muß man sich bekannt machen. Und mein Wort gab ich auch: die Augen will ich ihm schließen!« Nachdem dies geschehen, blieb er auf den Knien liegen, faltete seine Hände und betete. Hernach zwang er sich, auf die eiskalte Stirn des Toten, obwohl mit Grauen, einen Kuß zu drücken. Endlich stand er langsam auf, betrachtete die Leiche mit festem Blick und sagte: »Wie du daliegst, Wolfgang, will ich dich im Gedächtnis behalten, will oft an dich denken und an diese Nacht; das kann nicht schaden.« Elftes Kapitel »Grundgütiger Himmel, Anton, was hast du begangen? Wo kommst du her? Wo hast du diese Nacht zugebracht? Welch Unheil ist geschehen? Wessen Blut klebt an deinen Kleidern, an deinen Händen?« Mit diesem Schreckensruf empfing Mutter Goksch ihren Enkel. Dieser erfuhr erst durch sie, daß er einem Mörder ähnlich ins Haus trat. Er bebte vor sich selbst zurück. Während er Wäsche wechselte und ganze Ströme lauwarmen Wassers über sich goß, die Spuren seines traurigen Totenwärter-Amtes zu verwischen, teilte er durch die Kammertür und bruchstückweise der alten Frau das Wichtigste mit, wobei jedoch schamhafte Scheu ihn abhielt, jener Botin Erwähnung zu tun, die ihn nach dem Fuchswinkel beschieden. Sein Bericht kam ungefähr so heraus, daß die Großmutter annehmen konnte, Anton habe von Landleuten, die Waldbeeren gesucht, sagen hören, es liege ein Kranker im Gebüsch, der nach ihm frage. Sie stellte sich damit auch zufrieden, wie sie nur erst keine Blutflecken mehr an ihm sah. Er begab sich in seinen Werktagskleidern aufs Schloß, sobald er etwa vermuten durfte, daß die von der Ballnacht ermüdeten Insassen desselben Tag gemacht haben würden, feierlichen Bericht abzustatten über den im Walde verstorbenen Vagabunden, und die gnädige Herrschaft um ein Begräbnis für selbigen anzusprechen. »Der Kadaver mag draußen verfaulen im Fuchswinkel, oder die Füchse mögen ihre Jungen damit mästen, wenn ihnen das Luder des verfluchten Landstreichers nicht auch zu schlecht ist!« So ungefähr lautete des Onkel Nasus freundschaftliche Resolution. Linz und Miez rümpften ihre Nasen, als welche sich der nunmehr Vollendete dereinst zum Ziele seiner Steinwürfe ausersehen, und meinten nicht ohne Grund, es gäbe Arme genug in Liebenau, für fremde Umhertreiber reiche ihr Taschengeld nicht aus. Ottilie sagte halblaut: »Hast du Freundschaft mit dem gehalten? das macht dir viel Ehre!« Rubs und Puschel samt ihren acht Genossen stellten sich an, wie wenn sie pantomimisch zu verstehen geben wollten, es würde, wende man sie einen nach dem anderen um und um, nicht so viel Geld aus ihren Taschen fallen, daß eine Ratte nur einigermaßen anständig beerdigt werden könne. Theodor, der eben erst vom schönsten Gastbett aufgestanden – (die übrigen waren auf gemeinschaftlicher Streu im Biwak gewesen!) – verschlafen und gähnend unter sie trat und die letzten Worte, die man wechselte, noch vernahm, zog seine Börse und reichte Anton einige Goldstücke hin. Dieser winkte ihn beiseite, flüsterte ihm etwas ins Ohr, gab das Geld zurück, verbeugte sich und ging. Jeder der Anwesenden legte diesen stummen Auftritt auf seine Weise aus, keiner jedoch erriet das Richtige. Am wenigsten Ottilie, die Antons Abneigung gegen Theodor mit sich und ihren eigenen Empfindungen im Zusammenhang wähnte. Theodor aber, purpurrot im Gesicht und über alle Maßen verlegen, trieb in dieser Verlegenheit den Baron, die Stalleute zu treiben, daß er bald in seiner Gesellschaft den projektierten Ritt in Wald und Feld beginnen könne, auf welchem er die ihm zugedachte Domäne besichtigen wollte. Anton war zum Pastor gegangen, den er, wie immer, bereitwillig, gutmütig, aufopfernd fand. Dann eilte er zum alten Dorftischler, dem Sarglieferanten von Liebenau, seit fünfzig Jahren schon und länger; der Mann war hoch in den Siebzigen. Wieviel Liebenauer hatte der schon angekleidet in den letzten hölzernen Rock! Als Anton, diesem sein Anliegen mitteilend, zugleich erklärte, er wolle von seinen kleinen Ersparnissen den Sarg bezahlen, blickte Meister Fiebig ihn von der Seite an und murmelte fragend: »Halt ein Nasenquetschel?« (Du mußt wissen, lieber Leser, so benennt man dortzulande jene viereckigen Särge, deren Deckel platt und fest auf dem Körper liegt und wirklich das Gesicht oft zusammendrückt.) Anton fuhr auf: »Was denkt Ihr, Fiebig? Wenn ich einen Menschen begraben lasse, soll er nicht wie ein Hund verscharrt werden. Keine Nasenquetsche! Einen ordentlichen Sarg mit hohem Deckel, wie sich's gehört.« »Nu, nu, Korbmacherjunge«, nahm Fiebig das Wort, »nicht so heftig. Meint' ich's doch gut mit dir; du hast ja selber nichts! Die Nasenquetsche käme aufs halbe Geld zu stehen. Soll ich etwa auch Eichenholz nehmen?« »Warum nicht gar. Haltet mich nicht für Narren, Fiebig. Nehmt leichtes, dünnes Tannenholz. Wird ja doch alles wieder Staub, Mensch wie Sarg. Streicht ihn schwarz an – nicht gelb, hört Ihr? – schwarz. Das schickt sich für den schwarzen Wolfgang. Und malt keine Totenköpfe darauf, keine Knochen und solche Dinge. Wozu?« »Na, schon recht, Anton, werd's besorgen. Geh' gleich drüber her, daß Ihr ihn heute abend holen könnt, sonst holen ihn Euch die Raben fort, ein Galgenvogel den andern.« Antons menschenfreundlicher Fürsorge blieb jetzt noch der schwerste Gang: zum Totengräber. Das war ein roher Kerl. Mit guten Worten mochte der nicht gewonnen werden; den lockte nur Geld. Das war bekannt in ganz Liebenau. Anton zeigte ihm einen harten Taler, bevor er noch zu ihm sprach. Dann sagte er: »Draußen im Fuchswinkel, Totengräber, liegt eine Leiche. Wir haben noch sehr heißes Wetter, sie muß bald unter die Erde. Um fünf Uhr wird Meister Fiebig den Sarg fertig haben. Laßt bis dahin auch das Grab fertig sein; nehmt einen Arbeiter zu Hilfe; der Herr Pastor weiß schon, er wird Euch ein Plätzchen an der Mauerecke zeigen, wo er hinkommt. Dann nehmt eine Bahre, geht mit Eurem Gehilfen zum Tischler, holt den Sarg und tragt ihn hinaus; ich gehe mit. Draußen sargen wir den Toten ein und tragen ihn zu Grabe. Wenn Ihr alles ordentlich besorgt, ist dieser Taler Euer Biergeld. Was Ihr sonst zu fordern habt, berechnet der Herr Pastor.« »Hat nichts zu sagen, Korbmacher«, entgegnete der Totengräber, »für einen blanken Taler hole ich meinetwegen auch den Teufel aus dem Fuchswinkel. Und das Grab ist so gut wie fertig. Hab's gegraben auf Vorrat, für meine Alte, justement in die Mauerecke, weil ich dachte, ich würde das Weib los. Sie hat sich aber wieder besonnen und zusammengeflickt und kann noch länger halten als mir lieb ist. Glock fünf gehe ich um den Sarg. Nur beim harten Taler muß es bleiben, sonst keinen Schritt nicht.« – »Sie sagen immer, nichts auf Erden sei umsonst, außer der Tod!« brummte Anton, wie er zur Großmutter zurückkehrte, »doch das ist auch eine Lüge. Der Tod kostet genug.« »Jawohl«, erwiderte Mutter Goksch, »nur mit dem Unterschiede, daß der Tote die Unkosten nicht zu tragen hat, sondern seine Hinterbliebenen. Diesmal trifft es uns, und an einer Erbschaft werden wir uns nicht entschädigen.« »Doch, Großmutter. Mir hat er viel hinterlassen, der schwarze Wolfgang. So lange ich lebe, werde ich ihn vor Augen haben als Leiche. Und sobald mich Übermut oder Torheit verlocken will zu dummen Streichen, werde ich denken: Was hilft's, junges Blut! Du bist auch einmal solch ein starres, langes, blasses, lebloses Stück Leichnam! – Das ist eine tüchtige Lehre!« – Bis gegen fünf Uhr arbeitete Anton unverdrossen. Dann ging er ins kleine Gärtchen, flocht einen Strauß von Rosmarin und Nelken, wandte sich zu des Tischlers Wohnung, der Wort gehalten, und wartete dort auf den Totengräber, welcher sich auch pünktlich samt Gehilfen und der schwarzen Tragbahre einstellte. Dann zogen sie zum Fuchswinkel hinaus. Als Anton, voraneilend, durchs Gebüsch lugte, rief der Totengräber ihm zu: »Sei ohne Sorge, Korbmacher, wir finden ihn noch, der läuft nicht mehr weg, wenn er ordentlich tot ist, wie sich's für einen rechtschaffenen Toten gehört.« Sie legten ihn in den Sarg auf eine Unterlage von weichen Hobelspänen, über ihn streute Anton die Nelken und Rosmarinzweige, die er mitgenommen. Dann schlossen sie den Sarg, und der Schall des Hammers, der die Nägel eintrieb, hallte weit im Walde wider und erschreckte alle Vögel. Die zwei Männer trugen die Bahre. Anton ging ernst und still hinter ihnen her. Sie brauchten zwei volle Stunden bis ins Dorf. Beim Kirchhofe empfing sie Pastor Karich im Amtskleide. Anton küßte ihm die Hand für seine Güte im Namen des Toten. Die Magd leuchtete mit einer großen Stallaterne voran bis zum offenen Grabe. Als der Sarg an dicken Seilen hinabgelassen war, sprach der ehrliche Pastor: »Du hattest keine Heimat, Unglücklicher, dessen sterbliche Überreste wir bestatten; du suchtest sie, untergetrieben und verirrt, durch Nebel, Schmutz und Kot; versunken in Sünde und Laster fandest du keine Ruhe auf der Erde. Finde sie jetzt in der Erde und gönne Gottes Huld dir selige Auferstehung zum Licht und zur Wahrheit. Amen.« Das war die schönste und zugleich kürzeste Rede, die Anton jemals vom Pastor gehört zu haben sich erinnerte. Sie gingen auseinander, nachdem sie still gebetet. Die Magd, die ihrem Herrn voranleuchtete, machte eine Wendung mit der Laterne, und bei deren Schein glaubte Anton das Antlitz der braunen Bärbel zu gewahren, welches über die Mauer in den Kirchhof starrte. Zwölftes Kapitel Gleich am ersten Morgen, der nach dem Begräbnisabend folgte, fragte Anton nach »seiner Schuldigkeit«. Der gute Pastor trotz eigener Armut verzichtete nicht allein auf die ihm zustehenden Gebühren, sondern fand auch Mittel, Kirchenkasse und Totengräber zu befriedigen, so daß Anton diesem letzteren nur den versprochenen blanken Taler zu geben hatte. Um die Tischlerrechnung war er am meisten besorgt. Mutter Goksch wiederholte ihm zwanzigmal, daß für einen Sarg der Schreiner fordern dürfe, was ihm gut dünke, daß er besser getan hätte, vorher mit Fiebig auszuhandeln, daß es sie teuer zu stehen kommen könne; kurz, sie jagte ihm bedeutende Angst ein, und er lief einigemal zu Fiebig, damit dieser ihm die Rechnung machen möge. Endlich brachte sie Fiebigs Urenkeltochter, ein kleines, dummes, rotbäckiges Mädel, das zugleich einen alten Korb trug. Die Rechnung lautete wörtlich folgendermaßen: Noda von Antoni Goksch Korbmacher allhier. vor Hubelspöhne zum Lager ... macht es nichts nich. item vor schwarzer Farbe ... macht es 2 gude Gr. item vor Nägel ... hat sie der Schmied geschenkt. item vor Bretter zum Sarge ... macht es nichts nich, weil es ein Armer war. item vor Arbeitslohn ... macht es gar nichts, denn der Korbmacher soll mir meinen Korb ausbessern, so hebt sich's.   ___________________________________   Summa Summarum 2 gude Groschen   worüber quittiert Gottfried Fiebig , Tischlermeister zu Liebenau. Anton enträtselte mit Mühe des redlichen Greises Schriftzüge, doch begriff er bald den liebevollen Sinn derselben. Er trocknete eine Träne aus seinem Auge, nahm dem Kinde den Korb ab, reichte ihm zwei Groschen und schenkte ihm mit Einwilligung der Großmutter ein silbernes Schaustück, das unter den bescheidenen Kostbarkeiten der Alten einen nicht geringen Rang einnahm. Das Kind sprang lustig davon, voll Freude über den Glanz der kleinen Medaille. »Er hat selbst nichts übrig«, sprach Anton; »Kinder, Enkel und Urenkel zehren an ihm, und ist doch so gut! Dafür will ich ihm auch einen prächtigen neuen Korb bauen. Den alten, durchgewetzten soll er nicht wieder sehen.« Und wie ein redlicher Schuldner ging er abermals an die Arbeit für seine Gläubiger. Unterdessen hatte Theodors Kutscher den großen Stuhlwagen vor die Laube am Schlosse gelenkt. Seine vier Pferde, die der Liebenauer Gasthafer stach, wieherten voll Ungeduld. Doch nur acht Jünglinge bestiegen die Sitze. Des Pastors Söhne blieben, wie sich ja von selbst versteht, über die Herbstferien bis zur Abreise nach H. beim Vater. Und Theodor – wollte auch bleiben. Sein Kutscher war beauftragt, statt der Person des Sohnes ein Briefchen desselben an Herrn van der Helfft mitzunehmen und am nächsten Tage mit einem zweispännigen, leichten Wagen und einem Koffer voll Wäsche und Kleider wieder nach Liebenau zurückzukehren. Theodor gab vor, alles recht genau in Augenschein nehmen zu wollen, und es sei, meinte er, die Ausdehnung des Besitztums zu bedeutend, um es mit einigen flüchtigen Spazierritten abzutun. Onkel Nasus triumphierte. »Man müßte ja doch ein komplettes Stück Rindvieh sein, wenn man zweifeln könnte, daß er um Tieletunkes willen bleibt. O wir haben ihn! Wir haben ihn!! Und das Satansmädel stellt sich an, als wolle sie nichts von ihm wissen!« Nicht allein Onkel Nasus – der eigentlich nicht nötig gehabt hätte, sich selbst eine Nase zu drehen, da er in diesem Punkte schon so glorreich versorgt war! – auch Ottilies Schwestern wie des Pastors Söhne ließen sich durch Theodors vielsagendes Schweigen täuschen und gaben sich der Meinung hin, zwischen ihm und der stolzen Spröden bilde sich im geheimen ein dauerndes Verhältnis, das ihn an Liebenau fessele. Ottilie fand es entweder nicht der Mühe wert, sie sämtlich zu enttäuschen, oder sie schwieg zu jeder noch so unzarten Anspielung, nur damit ihr Vater nicht fürder in sie dringen möge; oder schien es ihr gelegen, unter dem gleisnerischen Mantel einer keimenden Neigung für den jungen Sohn des reichen Mannes die längst verborgene Blume strafbarer Liebe noch besser als bisher verbergen zu können? Das letztere hauptsächlich in zarter Rücksicht für Anton, dem sie durchaus die Wahrheit nicht zeigen wollte, teils aus Stolz, denn sie schämte sich ihrer, teils aus Liebe, denn sie wollte ihn durch unerfüllbare Hoffnungen nicht unglücklich wissen. Anton glaubte denn auch mit herzdurchschneidender, martervoller Wonne der Eifersucht, daß Theodor sein beglückter Nebenbuhler sei, und gab sich den Qualen dieser wahnsinnigsten aller Leidenschaften mit Wollust hin. Dabei jedoch bezweifelte seine reine Seele, daß ihre Gefühle auf würdige Weise erwidert würden, denn er bedachte des Auftrittes mit Bärbel! Und doch wieder fand er im eigenen Busen und im eigenen Schuldbewußtsein die Möglichkeit, daß ein unerfahrener Jüngling hier liebend anbeten und dort zitternd begehren könne: beides zugleich! Und wenn etwas Ähnliches bei ihm möglich gewesen, warum sollte es bei dem welterfahrenen Sohne der großen Stadt unmöglich sein? Was er in sich durchkämpfen mußte, ohne mit einer Äußerung des Vertrauens seinem gepreßten Herzen Luft machen, ohne sich einem befreundeten Wesen seines Alters mitteilen zu dürfen, peinigte den armen Jungen, vorzüglich in schlaflosen Nächten, dermaßen, daß er sich bisweilen den Tod wünschte und geradezu den schwarzen Wolfgang beneidete um sein Ruheplätzchen in der Kirchhofsecke. Ja, die schlaflosen Nächte! Es ist ein großer Segen für die Jugend, daß sie so willig und gut zu schlafen versteht. Der Schlaf ist nicht nur dienlich zur Stärkung ermüdeter Glieder, auch als Tröstung für Leiden bleibt er unschätzbar. Und wie oft legt sich ein Jüngling, sein Kopfkissen mit Tränen befeuchtend, nieder: voll von schwermütigem Liebesgram seufzend, gleich einer alten Kirchturmsfahne im Abendwind – ehe noch fünf Minuten vergangen, schläft er wie ein Sack und verschläft neun Zehnteile alles Jammers. Wenn er erst so weit kommt, daß er nach einem Stündchen unruhigen Schlummers aufschrickt, völlig munter wird und dann die Sekunden zählt, bis nur wieder ein Tag anbrechen will ... dann steht es übel mit ihm. Auf diese Weise vergingen unserem Freunde verschiedene Nächte – schlichen ihm dahin seit dem Erntefeste. Wolfgangs Leiche – Bärbel mit den Goldstücken in der Hand – Theodor auf dem Schlosse – Ottilie neben ihm – Onkel Nasus ein schwarzes Pflaster im Gesicht – Pastors Magd mit der Stallaterne – diese drei Paare tanzten, sobald er die Augen zu schließen versuchte, einen Walzer um ihn her, wozu er selbst auf Carinos Geige aufspielen mußte; dann wollten seine Finger nicht gehorchen, und das Bemühen, sie zu regen, weckte ihn aus schon begonnenem Schlafe immer wieder auf. Vergaß er sich und suchte er durch einen tiefgeschöpften, seufzerähnlichen Atemzug die Brust zu erleichtern, fragte die Großmutter aus ihrem Stübchen in die Kammer hinein: »Schläfst du, Anton?« Worauf er jedesmal, sie zufriedenstellend, erwiderte: »Ja, Großmutter, sehr gut.« Wie ungeduldig heftete sich sein blaues Auge ans Fensterlein neben der Lagerstätte, die Nacht da draußen zu befragen, ob sie denn nicht bald dem lieben Tage Raum gönnen wollte, damit man zur Arbeit schreiten und sich an ihr zerstreuen könne. Denn bei Nacht durfte er nicht aufbleiben, das litt Mutter Goksch durchaus nicht. Eine Nacht nun wollte gar kein Ende nehmen. Zweimal schon hatten finstere, quälende Träume, wie der Alp drückend, ihn erweckt, und noch keine Spur von Morgendämmerung! Da wendet er sich abermals nach dem kleinen Fenster hin und flüstert: »O, ihr goldenen Sterne, seid ihr denn eurer so viele Erden, als ihr dort oben flimmert? Und leben auf euch auch so vielerlei Menschen? Und machen sich die auch so vielerlei Kummer und Not? Dann weiß ich wirklich nicht, wem dies alles frommt! Weiß nicht, zu wessen Freude so viele leiden! Dann muß ich zweifeln an der Güte des Schöpfers. Ach, lieber Gott, laß mich nicht verzweifeln! Gib mir meinen Frieden wieder und mein ruhiges Kinderglück! Verstoß mich nicht! Hörst du? Und wenn du mich hörst, gib mir jetzt gleich ein Zeichen!« Kaum waren die letzten Silben dieses naiven Gebetes gesprochen, als Anton den Himmel und der Steine hellen Schein nicht mehr sah; ein Vorhang schien das kleine Fenster zu verdunkeln. Bald entdeckte er ein menschliches Angesicht, das ihm die Aussicht raubte. Er erhob sich von seinem Lager, nahm eine kniende Stellung ein und sah nun deutlich, daß die Glasscheiben ihn von zwei Augen trennten, die feuriger glühten als Steine. Sie konnten nur der braunen Bärbel gehören. »Öffne!« klang es durchs dünne, in Blei gefaßte Glas. Er gehorchte. Jetzt begann ein leiser Wortwechsel: »Geld und Gold steckt er mir zu. Schön ist er auch. Du bist schöner, mir gefällst du besser. Willst mein Liebster sein, und ich schenk' dir seiniges Gold. Langer Samuel hat mich geprügelt, bin ich ihm davongelaufen, geh' nimmermehr zu ihm. Bin sein' Schwester nit. Dein Fensterl ist klein, kann ich schon durch; ich bin glatt wie Schlange. Laß mich zu dir!« »Bärbel, das geht nicht. Meine Großmutter schläft drinnen und hört jeden Laut.« »Komm' zu mir! Komm' heraus!« »Ich darf nicht.« »Du darfst, was du willst. Bist ja nit kleiner Bube! Schon ein junger Kerl bist du.« »Ich liebe eine andere!« »Und mich hast wollen küssen? Warum hast gezittert und mich umarmt im Garten bei Schloß? Lieb', wen du willst, aber geh' mit mir!« »Niemals darf ich mit dir gehen, Bärbel. Ich hab's dem Toten versprochen.« »Wem? Toten?« »Dem schwarzen Wolfgang. Er leidet's nicht. Es war sein letztes Wort.« »Hu! Dem Schwarzen? War wilde Teuxel!« »Er steigt aus dem Grabe, hat er geschworen, als Gespenst und jagt uns auseinander.« »Halt Maul! Mir furchtet! – Also nix is mit uns zwei?« »Nichts, Bärbel, gar nichts. Ich darf nicht.« »Auch gut. Aber großer Narr bist du, Toni, Jesus Maria, schrecklich großes Narr, daß du hast Wort gegeben an schwarzen Wolf. Bärbel nimmt jetzt jungen Herr aus der Stadt. Bärbel wird vornehmes Mensch, zieht auch in Stadt. Esel und Gansel in Schloß glauben, er schaut auf Baronmädel! Nix da! Auf mich schaut reicher Bub'! Muß tun, was Bärbel will. Ha, Bärbel is gar pfiffiges Weibsbild. Wird werden Frau Theodor, weil du sie nicht hast mögen. Adio, schönes Toni!« Die letzten drei Worte sprach sie, obwohl bereits vom Kammerfenster verschwindend, so laut, daß der Schall derselben bis ins Nebenzimmer drang, und daß die Großmutter ängstlich rief: »Redest du im Schlafe, Anton?« Dieser schloß den Fensterflügel langsam und vorsichtig und sagte dann: »Ich glaube, es war so was. Mir träumte gerade, ich wäre eine vornehme Dame.« »Unsinn«, erwiderte die Alte zurück, »wie kann ein vernünftiger Mensch solche Torheiten träumen?« – Dann entschlief sie wieder. Woran es lag, daß unser Freund auch schlief, nachdem nur etliche Minuten seit Bärbels Rückzug verlaufen waren, daß er freier atmete, daß er sich getröstet wähnte, wer mag es genügend erklären? Dennoch war es so. Er fühlte sich wie von einer schweren Last befreit. Er vermochte, ohne Schmerz an Ottilie – er vermochte zu denken: sie ist es nicht, die den jungen Herrn in Liebenau zurückhält. Auch war er mit sich und seinem Benehmen gegen die Verführerin zufrieden. Er freute sich, dem schwarzen Wolfgang Wort gehalten zu haben. Er versenkte sich in mildere Träume, als die jüngst vergangenen Nächte ihm gegeben; ging träumend mit Tieletunke auf einer grünen Wiese spazieren; er und sie waren noch Kinder: ... und wie er sich bückte, ihr ein Vergißmeinnicht zu pflücken, dachte er noch im Halbschlafe: ich danke dir, lieber Gott, du hast mein Gebet bald erhört. Dreizehntes Kapitel Seit länger als acht Tagen hauste Theodor nun in Liebenau. Seine Equipage hatte der gefällige Vater ihm hinausgesandt, aber wahrscheinlich auch gemessene Verhaltungsmaßregeln für das Benehmen gegen den Baron und dessen Familie. Denn seit Christians Rückkehr und seitdem er den Brief gelesen, welchen dieser Vertraute des Stalles und der Küche ihm mitgebracht, benahm er sich noch artiger, noch verbindlicher und – noch schweigsamer als vorher. Tagtäglich ritt oder fuhr er mit Onkel Nasus in Feld und Wald: fortdauernd zeichnete er Ottilie durch gewisse nichtssagende, kalte Phrasen vor ihren Schwestern aus. Doch nicht minder tagtäglich und fortdauernd zog er sich so früh als nur möglich aus der Gesellschaft in seine Gemächer zurück, und von Bewerbungen um die Hand der jungen Baronesse hätte auch das Ohr einer Spitzmaus nichts vernehmen können. Freilich war das ganze Bürschchen erst achtzehn Jahre alt, kam soeben erst aus der hohen Schule, um in eine höhere, Universität genannt, zu treten. Aber, wie Onkel Nasus ganz richtig bemerkte: »Er ist so reif, so fertig, so weise, so altklug, daß er zu jeder Stunde vor den Altar marschieren könnte, und«, fügte Onkel Nasus hinzu, »er muß, ja er muß sich erklären. Wenigstens der Brautstand soll sicher sein. Mag er dann ein Jahr hindurch, der Form wegen, noch Student heißen oder Bursche, wie sie's nennen. Ich bewirtschafte so lange noch Liebenau, lichte den Wald, wo er zu dick steht und wo man ihn vor lauter Bäumen nicht sieht, bringe mich in Nummer Sicher – und dann übergebe ich ihm mit meiner Jüngsten zugleich die Herrschaft. Er mag neu pflanzen; er ist jung, er hat Aussicht zu erleben, wie seine Anlagen heranwachsen! Aber ohne Verlobung kommt er mir nicht aus dem Schlosse, und wenn er Ochsen vorspannte!« Vergebens wandte der alte Herr sich bittend und fragend an Tieletunke. Diese wies jedoch Andeutungen auf ein Verständnis mit ihrem jungen Gaste entschieden zurück. Sie versicherte dem Vater, daß sie sich gegenseitig vollkommen gleichgültig wären. Der Alte geriet in Wut: »Es ist mir ebenfalls vollkommen gleichgültig, ob ihr zwei euch gleichgültig seid. Aber Verlobung will ich haben. Braut sollst du werden, ehe der verfluchte Tütendreher mir die Hypothek kündigt, denn sobald dies geschieht, bin ich ein Bettler, meine Töchter müssen nackt und bloß aus ihrer Väter Burg ziehen und nehmen nicht einen silbernen Löffel mit, auf dem unser reichsfreiherrliches Wappen eingegraben steht. Folglich muß geheiratet werden, Tiele, es muß! Du darfst ihn nicht mehr locker lassen. Wirf dich ins Zeug und mache ein Ende.« Sie schwieg – und ging, was er sich für verschämten kindlichen Gehorsam auslegte. Der böse Geist trieb sein Spiel, mengte sich in dieses Mißverständnis und lichtete seine Sachen so schlau ein, daß am Abend desselben Tages, wo der Baron jene eindringliche Rede gehalten, ihm durch den Gärtner, einen geschwätzigen, dummen Menschen, Nachricht zukam über nächtliche Besuche, die der verehrte jugendliche Gast bei sich empfange. Zuerst, versicherte der Gärtner, pflege sich die hintere Haustür zu öffnen, zu welcher Christian sich einen Schlüssel ausgeliehen, weil er öfters bei Nacht im Stall Geschäfte haben wolle. Dann trete der Fremde heraus und treibe sich im Garten umher. Doch müsse ein Frauenzimmer aus dem Schlosse ihm heimlich nachfolgen, denn man hätte in den Gebüschen lebhaft reden hören. Und dann gingen beide wieder ins Schloß zurück. Und dann hätte er, der Gärtner, in des Fremden Zimmer durch die Vorhänge hindurch noch lange Licht gesehen. Folglich ... Der dumme Gärtner war nicht wenig erstaunt, statt des Donnerwetters, auf dessen Ausbruch er gerechnet, in des Herrn blaurotem Angesicht heiteren Sonnenschein wahrzunehmen. Jetzt schien dem Vielerfahrenen alles deutlich: »Sie wollen mich zum besten haben! Sie lieben sich wie toll und rasend, und ich soll's nicht merken! Das Geheimnis reizt sie! Gut, desto besser! Macht, was euch gefällt! Je weiter ihr geht, desto sicherer gelange ich an mein Ziel. Noch diese Nacht bringe ich die ganze Geschichte in Ordnung!« Dem dummen Gärtner wurde der Befehl, sich ruhig zu verhalten, sich auf keine Weise bemerkbar zu machen, nichts zu stören, sondern nur aufzupassen, bis er glaube, daß die Vögel im Nest wären, und dann den Baron zu holen. Auch dumme Menschen, die dümmsten oft am schlauesten, gehen gern und geschickt auf derlei schlechte Kniffe ein. Der Gärtner machte seiner Dummheit Ehre, begriff den Sinn des Befehls; wie ein Kluger ihn vielleicht kaum begriffen hätte, und führte ihn so gründlich aus, daß er Schlag ein Uhr an des Barons Schlafzimmer pochte mit der Meldung: Die Fräulein sei wieder beim Stadtherren drin! Es war ein ziemlich langer Weg von einem Ende des weitläufigen, halb zerfallenden Gebäus bis zum andern. Onkel Nasus, in einen brokatenen, verschossenen Schlafrock gehüllt, doch mit Reitelstiefeln, woran die Sporen klirrten, gerüstet, in der Linken eine Kerze auf silbernem Leuchter, in der Rechten sein Schwert führend, schritt voran. Ihm folgten der Gärtner, der Leibjäger, der Koch – denn er brauchte Zeugen! Vor Theodors Stubentür angelangt, reichte er seinem Büchsenspanner den Leuchter hin und pochte sodann mit der linken Faust dreimal gewaltig an das morsche Getäfel, daß es schier aus seinen Fugen gewichen wäre. »Zum Teufel, was gibt's?« erschallte Theodors Ruf von innen, »bis du es, Christian? Brennt die alte Räuberhöhle? Was willst du?« »Ich bin es, Herr Theodor van der Helfft, ich Freiherr von Kannabich«, nahm Nasus das Wort – »der seine Tochter sucht. Öffnen Sie gutwillig, oder ich sehe mich genötigt, durch mein Gefolge die Tür sprengen zu lassen.« Gärtner, Koch und Jäger stießen allerlei dumpfes Gemurmel aus, um anzudeuten, daß Gefolge wirklich vorhanden sei. Drinnen herrschte tiefe Stille, die nur augenblicklich durch mühsam zurückgehaltenes weibliches Gekicher unterbrochen wurde. Dann wieder ließ Theodor sich vernehmen: »Ich öffne, sobald ich meinen Schlafrock angelegt.« »Wir siegen«, murmelte Nasus, »jetzt bleibt ihm nichts übrig, als mich zu seinem Schwiegervater zu ernennen!« Die Tür ging auf. Der Baron drang hinein, seine Diener blieben im Eingang, denselben durch ihre Personen fest verrammelnd. Theodor trat dem Baron entgegen; er war gleichfalls in einen Schlafrock gehüllt, in ein Prachtgewand von grüner Seide mit bunten Blumen durchwebt. Die beiden Schlafröcke standen einander gegenüber wie dem schmutzigen, grauen November blühender Mai. »Wo ist mein Kind, Herr van der Helfft? Wo ist Ottilie?« So schnaubte, sich zornig stellend, der im innersten überglückliche Vater den hochmütigen Jüngling an. Dieser erwiderte mit der Grazie beleidigter Unschuld: »Wie ich hoffe, zu dieser Stunde in ihrem jungfräulichen Bett, Herr Baron. Es sollte mir leid tun um Sie, wie um Ihr Fräulein, wenn sie ohne des Vaters Vorwissen sich wo anders befände.« »Sehen Sie dies selbst ein, unwiderstehlicher Verführer? Dann geben Sie uns Genugtuung: Erklären Sie meine Tochter Ottilie in Gegenwart dieser drei Zeugen – (zwischen den Türpfosten regte es sich und die Angerufenen stießen Töne aus) – für ihre verlobte Braut! Sonst bekommt mein treues Schwert zu tun.« »Ich verstehe Ihre Meinung, mein Herr«, sagte Theodor, »und ich muß Ihnen, als Vater, vollkommen recht geben. Befände sich Ihre Tochter jetzt, nach Ablauf der Geisterstunde, bei mir in diesen mir eingeräumten Gemächern, dann bliebe Ihrem alten, unbefleckten Adel nichts übrig, als mein Herz zu durchbohren, oder mich als Sohn an Ihr Herz zu drücken. Gewiß ziehen Sie das letztere vor, und aus guten Gründen, wie ich vermute. Deshalb auch verspreche ich Ihnen feierlich, im Angesicht jener ehrenwerten Zeugen, Ihrer Tochter Ottilie meine Hand als Gatte zu reichen« – »An diese Brust, braver Junge! Ihr habt's gehört: sie ist seine Braut. An meine Brust!« – »Wofern sie sich zurzeit bei mir befindet!« »So ist's abgemacht! Ich weiß alles. Ich verzeihe euch, ich segne euch. Dort im Kabinett steckt sie: wir haben sie draußen lachen hören, als sie sich versteckte. Komm' heraus, Tieletunke, komm', daß dein Vater dich segne!« Nasus machte Miene, ins Kabinett zu gehen. Theodor vertrat ihm den Weg. Es entspann sich eine Art von Balgerei, die anfänglich seitens des Barons den Anflug liebevoll väterlichen Scherzes trug, durch Theodors ernsten Widerstand bald eine fast bedenkliche Wendung nahm. Mit Reden und Gegenreden verstrich die Zeit. Aus heftigem Wortwechsel wurde lautes Geschrei, und dies drang durch die offene Tür in die leeren, öden Gänge, erst alle Feldmäuse, endlich die Schläferinnen des Hauses aufjagend. In demselben Augenblicke, wo Nasus in höchster Wut brüllte: »Warum soll ich mein Kind nicht als Braut begrüßen? Ottilie, dein Vater ist's, der dich ruft!« – In demselben Augenblick machte Ottilie selbst sich Bahn durch Koch, Jäger und Gärtner, erschien im flatternden Nachtkleide hinter ihrem Vater und fragte mit dem ihr eigenen vornehmen Wesen: »Was steht zu Befehl? Hier bin ich!« »Sie werden sich jetzt zufrieden stellen und die Überzeugung gewinnen, Herr Baron, daß Sie mir, mehr aber noch Ihrem hochzuverehrenden Fräulein Tochter unrecht taten«, hob Theodor an. »So gewiß Baronesse Ottilie aus ihrem Schlafzimmer kommt, so gewiß mir nicht die gefährliche Ehre zuteil wurde, sie in dem meinigen zu beherbergen, ebenso gewiß muß ich auf das Glück verzichten, die mir dargebotene Hand derselben« – »Wer hat gewagt«, unterbrach ihn Ottilie, vor Zorn erglühend, »wer hat gewagt, meine Hand Ihnen darzubieten? Wer überhaupt durfte über meine Hand verfügen wollen? So weit erstrecken sich eines Vaters Rechte nicht und des meinigen wahrlich am wenigsten. Ich muß bitten, meine Herren, mich und meine Person gänzlich aus Ihrem Spiele zu lassen, hören Sie wohl, aus jedem: sei es auch eines um Leben, Gut und Ehre! Denn ein solches wird, fürchte ich, hier gespielt werden. Mich überrascht nichts; ich bin auf alles gefaßt und erwarte das Schlimmste mit Ruhe.« Ehe noch der Baron auch nur einen schwachen Versuch zustande brachte, in väterlicher Autorität gegen sie aufzutreten, war Ottilie nicht mehr anwesend. Er rang nach Fassung, nach Kraft, um wenigstens noch einen Wutausbruch versuchen zu können. Fruchtlos! Wie gelähmt sank er in den Lehnsessel vor Theodors Bett, seine Diener umstanden ihn, einen Schlagfluß vorhersehend. Theodor rief nach Christian und befahl diesem, rasch zu packen, während er selbst sich völlig ankleide; vor Tagesanbruch noch wollten sie abreisen. Das ging mit unerhörter Eile! Bevor noch Onkel Nasus sich erholt hatte, war alles geschehen. Die Stalleute im Hofe hatten angespannt. Theodor schien nur zu warten, ob der Baron das Zimmer nicht verlassen werde. Offenbar wünschte er, dies möge geschehen, bevor kundegeworden, wer im Kabinett versteckt gewesen sei. Der Baron jedoch, der, wenn auch langsam, doch nach und nach sein Bewußtsein wiedergefunden, raffte sich noch einmal empor und begehrte, auf sein Hausrecht gestützt, zu erforschen, wer das nichtswürdige Weibsbild sei, welches solche Schmach über ihn und Ottilie gebracht. Theodor schwankte zwischen Verlegenheit und Zorn. Da tat sich die Tapetentür auf, und heraus trat (in Theodors Kleidern begreiflicherweise!) – der schmuckste Bursch, den ein Mensch jemals gesehen. Bei diesem Anblick gewann der junge van der Helfft sogleich wieder die volle Zuversicht des Weltmännchens: »Endlich, Vetter«, rief er dem Eintretenden entgegen, »du hast lange gebraucht, bis du Toilette gemacht! Nun laß uns aber nicht zögern, diesem ungastlichen Hause den Rücken zu wenden. Wenn wir es wieder betreten, sollen andere Sitten hier herrschen; dafür will ich gutsagen.« Die beiden Stutzer umschlangen sich zärtlich und gingen triumphierend davon. Bald nachher hörte man ihren Wagen aus dem Hofraume rollen. Onkel Nasus saß wieder im breiten Lehnsessel, tiefer noch daniedergeschmettert, als beim ersten Anfall. Seine Getreuen hatten viel zu tun, ihn auf die knickenden Beine zu bringen. Und als es endlich gelang, schien er die Sprache völlig verloren zu haben. Nur unartikulierte, abgerissene Silben stotterte der alte Herr mühselig hervor, aus denen sich der Jäger nach langem Studium zuletzt jene früher schon vernommenen, ihm auch jetzt noch unerklärbaren Worte: »Brauner Racker!« zusammenbuchstabierte. Vierzehntes Kapitel Es wäre wider den natürlichen Lauf der Dinge gewesen, hätten zur Feierabendstunde Mutter Goksch und ihr Enkel die Ereignisse vergangener Nacht nicht miteinander beschwatzt. Schon des Gutsherrn bedenkliche Erkrankung, die ärztliche Hilfe und reitende Boten nötig gemacht, verursachte großes Aufsehen und zweideutige Teilnahme im ganzen Dorfe. Wie viel mehr jene geheimnisvollen, fast fabelhaften Gründe, denen diese Erkrankung beigemessen ward! Der Großmutter konnte nicht entgehen, daß Antons Mitleid für den Kranken von selbstsüchtiger Freude über Theodors plötzliche Abreise aufgewogen wurde. Auch schalt sie ihn deswegen. Das nahm er zwar demütig hin, wußte sich aber doch insofern zu rechtfertigen, als er seiner Freude den reinsten Anteil an Tieletunkes Lebensglück unterlegte. »Mit diesem Menschen«, sprach Anton, »so prächtig er aussieht und so seine Kleider ihn schmücken, wäre sie doch höchst unglücklich geworden.« Und wenn die pfiffig lächelnde Alte ihn fragte: »Du dummer Junge, woher willst du das wissen?« antwortete er nur, womöglich noch pfiffiger lächelnd, wie sie: »Ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe!« wobei er ein reizend schlaues Gesicht machte, daß ihn die Großmutter vor Liebe gleich hätte auffressen mögen. Das war ein hübscher Abend. Ringsum herbstelten freilich Wiesen und Bäume schon, doch blieb es noch warm und sommerlich. Sie saßen miteinander vor ihrem Häuschen, nicht anders als in ihren heitersten Tagen. Es war ein hübscher Abend, wie gesagt; denn sie ahnten nicht, daß er der letzte dieser Art sei. »Nun tue mir den Gefallen, Großmutterle, und sieh' dir den Postboten an«, sagte nach einer Pause zufriedenen Schweigens Anton, »sieht der nicht gerade so aus, als ob er uns einen Brief bringen wollte? Unverwandt starrt er nach mir herüber, jetzt biegt er ein. Weiß Gott, er kommt hierher. Na, das ist unerhört. Außer dem Herrn Pastor ist das noch keiner Seele widerfahren, in ganz Liebenau nicht.« Wem, um alles in der Welt, hätte der müde Mann auch in Liebenau Briefe zutragen sollen? Die Schloßbewohner korrespondieren nicht durch die königliche Post, und jene großen, unwillkommenen Zuschriften, welche Onkel Nasus von Zeit zu Zeit empfing, insinuierte leider für gewöhnlich ein Diener des Gerichts. Doch hatte Anton recht gesehen. Die Biegung des bestaubten Wanderers galt ihnen, und er fragte mürrisch: »Könnt ihr mir denn vielleicht eröffnen, ob hier im Dorfe eine Frau Hahn lebt?« »Hahn?« fragte Anton, »Frau Hahn? Ist mir nicht bekannt, Hennen! gibt's wohl, und Hähne auch, genug. Aber Frau Hahn? Daß ich nicht wüßte!« »Nun so wollt' ich«, erwiderte noch mürrischer der verdrießliche Mann, »sie säße im Monde oder sonstwo dergleichen, damit es keinem Narren auf der Erde einfiele, an sie zu schreiben; lauf' ich mir des dummen Briefes wegen meine neuen Schuhsohlen durch und werde ihn nicht los. Und macht bereits schon über einen Taler an Porto.« Anton hatte schon wieder eine lustige Bemerkung auf der Zunge, als ein Seitenblick, nach der Großmutter gerichtet, ihm Stillschweigen gebot. Denn die alte Frau saß totenbleich neben ihm, und ihr Auge, sonst schon matt und trübe, leuchtete wie Feuer unter den Brillengläsern vor. Sie sagte mit lauter, doch bebender Stimme: »Ehe eine Frau Hahn sich meldet, an welche dieser Brief« – und dabei wendete sie keinen Blick von den Schriftzügen der Adresse – »gerichtet sein könnte, müßte sie erfahren, ob ihr Stand sowie auch Tauf- und Geburtsname übereinstimmen?« »Wäret Ihr es am Ende gar selbst?« fragte der Bote. »Wohl, so nennt mir Stand und Namen, wenn das zutrifft, sollt Ihr ihn haben, und ich will Gott danken, daß ich ihn los bin.« Mutter Goksch sprach feierlich: »Antonie Hahn, geborene Werner, Witwe des wohlseligen Schulrektors und Kantors Hahn in N.« »Das trifft zu. Auf ein Pünktchen trifft es zu. Und nach N. ist der Brief auch überschrieben. Von dort hat er viele Kreuz- und Querzüge machen müssen, so daß er's wohl satt haben mag und Ruhe braucht. Zahlt mit also meinen Taler und drei Groschen an Porto und vier Groschen an Botenlohn, dann mögt Ihr ihn nehmen, und ich will wünschen, daß viel Gutes darin stehe. Weit genug ist er her und kommt aus fremder Herren Landen.« Die Großmutter stand auf, begab sich in ihr Stübchen, aus welchem sie bald mit dem begehrten Gelde zurückkehrte, den Brief in Empfang nahm und augenblicklich wieder ins Haus zurückging. Der Postbote empfahl sich. Anton blieb unbeweglich sitzen, wie wenn er versteinert wäre. Die heitere Stimmung, die ihn soeben erst noch erfüllt, war verschwunden, um einer bangen, dumpfen Ahnung Platz zu machen. Wie er vorher kaum zu sagen gewußt, warum er sich glücklich fühle, hätte er jetzt sich noch weniger schildern können, was ihn unglücklich mache. Aber daß er es sei, empfand er. Er empfand den schweren Druck einer gewitterschwülen Stunde. Und doch lächelte der Abendhimmel so herbstlich rein und blau! An seine Großmutter ein Brief! – Aus weiter Ferne noch dazu, hatte der Bote bemerkt! – Und seine Großmutter hieß Hahn, nicht Goksch? Zwar das kam freilich auf eins heraus: die Dorfleute hatten sie aus dem Städtischen ins Bäurische In manchen Gegenden nennt man den Haushahn: Goksch. übersetzt. – Doch von wem konnte dieses Schreiben kommen? Wichtig mußte es sein! – Die alte Frau war damit ins Haus geflohen, um es allein, ungestört zu öffnen, und in ihrer Miene hatte etwas gelegen, wodurch ihm gewissermaßen untersagt wurde, zu folgen oder ungestüme Fragen zu tun. – Auch mußte sie die Handschrift erkennen oder zu erkennen glauben, sonst hätte sie nicht so viel Geld daran gewagt, das Schreiben einzulösen. – Es rührte demnach von einer teuren Person her. – Und lebte denn der alten Frau, außer Anton, noch eine solche? – Wo lebt sie? – Anton glaubte doch der Großmutter Lebenslauf genau zu kennen! – Sie besaß ja keine Anverwandte mehr! All die Ihrigen waren ja tot! Alle! – Er erschöpfte sich in leeren Mutmaßungen; je länger er grübelte, desto ungeduldiger ward er. Doch ihre Einsamkeit zu stören, hätte er niemals gewagt. Lieber blieb er draußen, bis die Nacht mit ihrer Kühle ihn umgab. Es fröstelte ihn. Der Herbst begann seine Rechte geltend zu machen. Anton gedachte des nächsten Winters, des engen Lebens im kleinen Raume mit der Großmutter allein. Die langen Abende bei matter Lampe! Und man spricht sich zuletzt aus; wovon auch sollen ihrer zwei immer und immer miteinander reden? Da schleicht die Zeit so traurig hin ... »Was aber, wenn sie auch nicht mehr da wäre. Wenn du ganz allein bliebest?« Wie von einem wilden Tier überfallen, fuhr er schaudernd in die Höhe. Seine unbestimmten Ahnungen nahmen Gestalt an, er sah die Großmutter jetzt im Geiste, wie er neulich den schwarzen Wolfgang gesehen, so bleich, so starr – und länger wäre er nicht mehr imstande gewesen, sich ihr fernzuhalten. Er stürzte zu ihr hinein. Sie lag im Bett. Keine Lampe brannte. Anton machte Licht und näherte sich ihrem Lager. Unbeweglich lag sie da, die Arme ausgestreckt, das Antlitz kaum zu erkennen. Weil sie die Augen geschlossen, meinte Anton, sie schliefe, und schwieg. Der Schein des Lichts tat ihr sichtbar wehe, sie zuckte mit den Augenlidern und flüsterte matt: »Geh' schlafen, mein Sohn, laß mich auch schlafen. Ich bitte dich. Reden wollen wir morgen. Heute kann ich nicht. Geh' in deine Kammer, wenn du mich lieb hast.« »Wenn du mich lieb hast!« O dieses schlichte Wort, welche Zauberformel, welcher Machtspruch höchster irdischer Gewalt käme ihm gleich! »Wenn du mich lieb hast!« wiederholte der Knabe sanft und innerlich schluchzend, küßte die alten Hände, wankte seiner Kammer zu, und drinnen warf er sich aufs Bett, barg das lockige Haupt tief in weiche Federkissen, damit diese den Ausbruch seines Schmerzes dämpfen möchten, damit die Großmutter ihn nicht weinen höre, damit er sich und seinem jungen Grame Luft machen dürfe! »Sie stirbt! Sie stirbt!« sprach er durch glühende Tränen in die Flammen hinein, »ich sehe es ihr an. So sieht der Tod aus. Verflucht, dreimal verflucht sei die Hand, die den unseligen Brief geschrieben! Denn der Brief ist ihr Mörder.« – Was eigentlich in dem Briefe gestanden, erfahren wir nicht. Die alte Frau hat, nachdem sie ihn mit Hilfe ihrer Augengläser in unklarem Dämmerscheine mühsam gelesen, jenes Blatt sogleich verbrannt. Hätte Anton bei seinem Eintritt in ihr Zimmer für etwas anderes Aufmerksamkeit gehabt als für seine Großmutter, an dem kleinen Herde müßten ihm die Spuren der kaum verwehten Papierasche aufgefallen sein. Von wem das Schreiben gewesen? – Von seiner Mutter, der totgeglaubten, an ihre Mutter, seine Großmutter, war es gerichtet. Woher? Wir wissen es nicht. Ebensowenig, als wir für jetzt berichten können, wie es geschehen, daß Antoinette, den verheerenden Fluten entronnen, zu den Ihrigen nicht mehr heimkehrte; daß sie so lange Jahre hindurch nichts von sich vernehmen ließ; warum sie jetzt gerade ein Zeichen ihres verschollenen Daseins gegeben. Vielleicht sagt es uns der Verlauf dieser Geschichte. Erfreuliches konnten diese wenigen Zeilen für Mutter Goksch nicht enthalten haben; das zeigt uns der Zustand der alten, lebensmüden Empfängerin, die fest entschlossen scheint, das Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. »Frage mich nicht, mein Anton«, sagte sie am nächsten Tage, »forsche doch nicht, von wem dieser Brief herrühre, den ich gestern erhielt. Du würdest dich und mich nur vergebens quälen, denn du darfst niemals erfahren, was er mir gemeldet. Ich vertraue auf deinen kindlichen Gehorsam. Gib du deiner alten Pflegerin auch so viel Vertrauen, daß du nicht weiter in sie dringst, wenn sie dir zuschwört, es ist besser für dich, in Unwissenheit darüber zu verbleiben. Denke meinetwegen, ich hätte noch einen Verwandten irgendwo gehabt, von dem ich für mich – vielmehr für dich – vielleicht etwas Günstiges erwartet, und das wäre nun fehlgeschlagen. Oder bilde dir ein, man habe mir gemeldet, daß eine Person, von der ich immer noch viel Gutes geglaubt, die ich für unglücklich, aber ehrlich gehalten, mich und mein Vertrauen täuschte, daß ich eine – Freundin verlor; daß sie mich schwer betrog; daß ich gar nicht mehr an sie denken will. Irgend so etwas stelle dir vor, liebes Kind, und überlaß mich mir selbst und meinen Gedanken. Habe Geduld mit mir, wenn du mich niedergeschlagen siehst. Ich werde mich schon wieder zusammenrappeln und, so Gott will, auch diesen letzten Schlag verwinden.« Mit solchen ausweichenden Andeutungen mußte sich Anton zufriedenstellen. Doch entging ihm keineswegs, wie die Kraft der Großmutter völlig gebrochen sei. Die Augen blieben tief in den dunklen Höhlen, in welche der Brief sie versenkt, die Nase behielt ihre weiße Spitze, die Lippen lächelten nur noch gezwungen und krankhaft. Es war der Tod, den er im Fuchswinkel kennen gelernt, den er jetzt in ihren Zügen wiederfand. Guter Anton, damals suchtest du ihn im grünen Walde auf; diesmal ist er gekommen, an deines Häuschens Tür zu pochen. Fünfzehntes Kapitel Nicht gar lange mehr hielt Mutter Hahn – denn warum sollten wir sie nicht bei ihrem rechten Namen nennen? – sich aufrecht. Einige Tage nach dem soeben geschilderten Ereignis ward sie fest bettlägerig, und Anton mußte seine Arbeit stehen lassen, um häusliche Dienste einer krankenpflegenden Magd zu verrichten. Krank an irgend einem schmerzhaften Übel war die Großmutter nicht. Nur schwach. Sie vermochte kaum sich zu regen. Der Geist war dafür desto lebendiger: sie dachte, sprach, urteilte klarer und freier als in ihren letztvergangenen Lebensjahren. Ärztliche Beihilfe verbat sie sich allen Ernstes. »Jünger«, sprach sie, »kann mich der Mann nicht machen, und wenn er alle Weisheit gepachtet hätte. Warum soll ich seine Flaschen austrinken? Das Zeug schmeckt schlecht und kostet teures Geld.« Die beiden plauderten viel mitsammen. Von der Vergangenheit wie von Antons Zukunft. Jedes Gespräch über die letztere suchte der gute Junge an der Großmutter Genesung zu knüpfen. Sie dagegen zeigte sich besorgt, ihn vorzubereiten, ihn vertraut zu machen mit dem Gedanken, daß er lernen müsse, ohne sie weiterzuleben. »Dein Häuschen«, meinte sie, »kann dir niemand nehmen; Schulden stehen keine darauf; ich habe es mit meinen paar Pfennigen, die ich mir aus dem bißchen Garnhandel in N. rettete, bar und richtig bezahlt, als ich's dem seligen Meister Schröter abkaufte. Und daß der Enkel seiner Großmutter Erbe sei – wenn keine Zwischenverwandte mehr am Leben«, fügte sie mit schwerem Seufzer hinzu –, »das ist eine alte Sache. Du wirst dich schon fortbringen.« Dabei geriet sie denn immer wieder auf ihren alten Plan, Anton solle beizeiten heiraten. »Wenn du über die zwanzig hinaus sein wirst, dann nimm dir eine Frau! Handwerksleute auf dem Lande müssen zeitig in den Ehestand treten.« Davon nun wollte Anton, wie uns schon bekannt ist, nichts hören. »Wenn sie mich nun unter die Soldaten nehmen?« wendete er mehrmals dagegen ein. »Das tun sie nicht«, erwiderte beruhigt und beruhigend Frau Hahn. »Der gnädige Herr Major hat mir's mit Hand und Mund versprochen und der gestrenge Herr Kreissekretär auch. Dich nehmen sie nicht, weil sie dich als einen stillen, fleißigen Jungen kennen, der für mich arbeitet, und sie haben mir's zugesagt, so lange ich lebe« – hier hielt sie erschrocken inne. Anton war schon im Begriff zu äußern: »Aber wenn du nun stirbst?« Doch schluckte er auch dies traurige Wort mit Macht hinunter. Und wiederum hob die Alte an: »Soll dies aber mein Letztes sein, Anton, hernach erbst du ja das Häuschen, hernach bist du ja trotz deiner Jugend ein Hauswirt, und dann dürfen sie dich gar nicht einmal nehmen unter die Soldaten. Damit du aber vollkommen sicher bist, mußt du halt heiraten, und das beizeiten!« »Großmutter«, brummte Anton fast verdrießlich, »nun schweig' einmal davon! Wo soll ich denn eine Frau finden, wie ich – wie ich sie wünsche?« »Eine solche«, sagte die unerschütterliche Ehestifterin, »wird der liebe Gott dir schon senden, wenn du nur ...« In diesem Augenblick hörte man leises Klopfen an der Stubentür. Die Redenden sahen sich befremdet an, als wollten sie sich fragen: wer klopft bei uns an? Treten die Nachbarn nicht ohne Klopfen ein? Beide riefen wie aus einem Munde: »Herein!« Es war Ottilie. Anton zog sich ohne Zögern in seine Kammer zurück, nachdem er vor der Eintretenden sich errötend verbeugt. Ottilie brachte der Kranken ein Glas voll eingesottener Kirschen. »Ich wäre schon früher gekommen, gleich als ich hörte, daß Ihr daniederliegt«, sprach sie, »aber bei uns auf dem Schlosse geht es auch nicht gut. Mein Vater hat in kurzen Zwischenräumen zwei heftige Schlaganfälle erlitten. Der dritte, glaubt der Arzt, kann ihn töten. Ihr wißt, er trinkt unmäßig; das schadet ihm und verschlimmert seinen Zustand. Ich sehe schon lange ein solches Ende voraus. Und dann ist noch manches dazu gekommen, vielerlei Gram. Ihm droht der härteste Schlag: sein Hauptgläubiger will ihn stürzen. Dagegen gibt es gar keine Hilfe mehr. Er muß Liebenau mit dem Rücken ansehen. Ich wollte ihm gönnen, daß er früher stürbe!« »Das sagen Sie so ruhig, gnädige Baronesse?« rief die alte Frau ängstlich. »Was ist zu tun?« war die Antwort. »Ins Unvermeidliche muß man sich fügen. Ich bin doch darauf gefaßt.« »Aber wenn man so jung und schön und vornehm ist, wie Euer Gnaden! Hieß es doch, der fremde, junge, reiche Herr« – »Faselt nicht, Mutter Goksch. Ich werde niemals heiraten. Versteht Ihr mich? Niemals! Ihr wißt, was ich sage ist auch getan. Schon als Kind war ich festen Willens und hielt an meinen Entschlüssen. Ihr könnt mir glauben, wenn ich Euch jetzt noch einmal wiederhole: ich werde nie heiraten. Ich gebe Euch sogar die Erlaubnis, es weiter zu erzählen, wenn Ihr wollt, auch Eurem Toni! Niemals werde ich einem Manne auch nur einen freundlichen Blick gönnen, denn ich bin ... Doch wozu das? Man braucht nicht katholisch zu sein, und hat nicht nötig, ein Kloster aufzusuchen, um Nonne zu werden. Davon genug! – Wie geht es Euch? Gedenkt Ihr bald wieder aufzustehen?« »Ich denke ebensowenig von diesem Lager wieder aufzustehen, als mein gnädiges Freifräulein ans Heiraten denken will. Kaum noch ein paar Tage; ich spür's am besten.« Diese Versicherung wurde ebenso leise gegeben, damit Anton sie nicht vernehmen möge – als die vorhergegangene Ottilies laut gegeben worden war –, vielleicht, damit er sie vernehmen möge! Ottilie sah der Alten fest ins Auge, wie wenn sie dadurch von dem Gewicht der eben gemachten Prophezeiung sich überzeugen wollte; dann reichte sie ihr die Hand und sagte mit zurückgehaltenen Tränen (eine seltene Ware bei Tieletunke!): »Wenn wir uns dann nicht mehr wiedersehen sollten, alte Frau, so fahret wohl. Ich fürchte, in den nächsten Tagen Euch nicht mehr besuchen zu können, weil meine Gegenwart oben nötig sein wird. Gott gebe Euch einen sanften Tod, und er tröste den – – tröste, die leben müssen! Ihr zieht in ein Reich, wo es keine Unterschiede gibt, keine Rücksichten, wie hier auf Erden. Hebt mir ein leidlich Plätzchen in Eurer Nähe auf, wenn sich's tun läßt.« So, sich die Augen trocknend, wollte sie scheiden, da trat Anton ins Zimmer mit ängstlichen Mienen, wie wenn er den Abschied für Leben und Tod drinnen in seiner Kammer gehört und verstanden hätte. Bei seinem Erscheinen war Ottilie rasch gefaßt. Freundlich nickte sie den Abschiedsgruß, und im Gehen mit ihren Fingern an jenen Käfig streifend, den Anton für seine aus dem dritten Kapitel bekannte Turteltaube geflochten, äußerte sie, ohne gleichwohl den anzublicken, dem es galt: »Das ist ein hübsches, zahmes Tier, diese Taube, die möchte ich wohl! Grüß Gott, Anton!« Fort war sie. Anton machte sich am Glase zu schaffen, aus welchem er einige der eingelegten Früchte für die Großmutter heraussuchte. Frau Hahn aber lispelte nur: »Auch sie nicht! Auch sie will nicht heiraten! Die armen Kinder!« Sechzehntes Kapitel Es kam eine wilde, stürmische Nacht nach stillen, traurigen Tagen. Der Winter schickte seine Vorboten. Unsere Kranke, wenn wir eine schmerzlos dahinsterbende Greisin krank nennen dürfen, empfand den Wechsel der Witterung sehr hart. Sie schlief mit steter Unterbrechung und schreckte den von langen Nachtwachen schwer ermüdeten Enkelsohn häufig durch ihre Unruhe auf. Ganz gegen ihre sonstige duldsame Art und Weise klagte sie wiederholt, daß es gar nicht Morgen werden wolle. Und doch war es kaum mitten in der Nacht. Anton fühlte seine Brust wie zusammengeschnürt. Angst und Schlafsucht übermannten ihn abwechselnd. »Soll ich dir ein hübsches Lied vorlesen aus dem Gesangbuche?« fragte er, um nur etwas zu sprechen. »Nein, Anton, nein! Jetzt mag ich nichts hören. Jetzt könnte ich's doch nicht fassen. Ich horche auf etwas anderes. Sei nur still' horche nur auch, es wird sich bald melden.« »Was denn, liebe Großmutter?« »Die Sterbeglocke, mein Sohn. Aber die meinige noch nicht. Mein Stündlein hat noch nicht geschlagen. In einer regnerischen, wüsten Nacht läßt unser Herrgott meine arme Seele nicht scheiden. Mir gönnt er einen Sonnenstrahl, auf dem sie hinaufschweben kann! ... Nein, Anton: der Baron – – der Baron – hörst du ihn? Er fluchte gräßlich!« »Du phantasierst, Großmutter!« rief Anton. Und kaum hatte er's ausgerufen, so drang der erste Ton des wohlbekannten Totengeläutes durch die Seufzer des Regensturmes. »Das ist wirklich und wahrhaftig die Sterbeglocke!« sprach er. »Onkel Nasus ist tot!« sagte die Alte. »Arme Tieletunke!« fügte Anton hinzu. Die Turteltaube stieß ein ängstliches Gurren aus. Die Glocken bebten fort, stärker oder schwächer, je nachdem der wechselnde Wind sich wendete. »Der Wind springt auch herum, wie wenn er nicht wüßte, was mit ihm werden soll. Aber bald setzt er sich fest im Morgen, das spüre ich an meinen Gliedern: Dann haben wir helles, klares Wetter, morgen den ganzen Tag. Und dann einen schönen, reinen Herbstabend. Einen schönen Abend, mein Anton, mit buntem Blätterwerk, wie gemalt. Rotkehlchen, Schneekönige und Blaumeisen in den Sträuchern. Ach, wie sanft wird sich's da sterben! Weine nicht, Anton! Ich will mein Lieblingslied beten, vom alten Benjamin Schmolck, den deines Großvaters Vater als Schüler in Schweidnitz noch gekannt, den er mit zu Grabe getragen hat. Deinem seligen Großvater mußt' ich dieses Lied vorsprechen, wie er starb. Daran will ich mich jetzund laben: Ich habe Lust zu scheiden, Mein Sinn geht aus der Welt; Ich sehne mich mit Freuden Nach Zions Rosenfeld. Weil aber keine Stunde Zum Abschied sich benennt, So hört aus meinem Munde, Mein letztes Testament. Gott Vater! Meine Seele Bescheid' ich deiner Hand. Führ' sie aus dieser Höhle Ins rechte Vaterland. Du hast sie mir gegeben, So nimm sie wieder hin, Daß ich im Tod und Leben Nur dein alleine bin. Was werd' ich, Jesu, finden, Das dir gefallen kann? Ach, nimm du meine Sünden Als ein Vermächtnis an. Wirf sie in deine Wunden, Ins Rote Meer hinein. So hab' ich Heil gefunden Und schlafe selig ein. Dir, o du Geist der Gnaden, Laß ich den letzten Blick. Werd' ich im Schweiße baden. So steh' auf mich zurück. Ach, schrei' in meinem Herzen, Wenn ich kein Glied mehr rühr', Und stell' in meinem Herzen Mir nichts, als Jesum, für. Ihr Engel, nehmt die Tränen Von meinen Wangen an. Ich weiß, daß euer Sehnen Sonst nichts vergnügen kann. Wenn Leib und Seele scheiden. Tragt mich in Abrams Schoß, So bin ich voller Freuden Und aller Tränen los. Euch aber, meine Lieben, Die ihr mich denn beweint, (Hier stürzte Anton laut weinend nieder und legte sein Gesicht an die Hände der Großmutter.) Euch hab' ich was verschrieben: Gott, euren besten Freund. Drum nehmt den letzten Segen, Es wird gewiß geschehn, Daß mir auf Zions Wegen Einander wiedersehn. Zuletzt sei dir, o Erde, Mein blasser Leib vermacht, Damit dir wieder werde. Was du mir zugebracht. Mach' ihn zu Asch' und Staube, Bis Gottes Stimme ruft! Denn dieses sagt mein Glaube: Er bleibt nicht in der Gruft. Dies ist mein letzter Wille, Gott drückt das Siegel drauf. Nun wart' ich in der Stille, Bis daß ich meinen Lauf Durch Christi Tod vollende, So geh' ich freudig hin Und weiß, daß ich ohn' Ende Des Himmels Erbe bin. Als ich dies schöne Lied meinem Alten vorgesagt, ist er freundlich eingeschlafen. Und so wollen wir es alleweile auch machen, Anton, du wie ich, damit wir morgen frisch und tapfer sein mögen für unseren Abschied. Die Unruhe, so in mir gewirtschaftet, ist beschwichtigt. Der liebe Gott hat es gut mit mir vor.« Sie wendete sich ein wenig nach der Seite hin und schlief wirklich zu stillem Schlummer ein. Aber immer aufs neue setzte die Sterbeglocke an. Keine Frage mehr, das galt dem Grundherrn. Der Baron von Kannabich auf Liebenau, vulgo Onkel Nasus, liegt auf seinem weichgepolsterten Lehnstuhle regungslos und tot, wie ein anderer Leichnam. Ihm zur Seite weilt, das ernste Antlitz sorgenschwer über ihn gebeugt, Pastor Karich, der sich fruchtlos bemühte, seines alten Gönners und Freundes letzten Stunden Fassung und männliche Würde zu empfehlen. Weinend sitzen Linz und Miez in der Brüstung des Fensters, und es ist schwer zu bestimmen, ob ihre Tränen dem Tode des Vaters, ob sie ihrer eigenen schwarzumflorten Zukunft gelten. Wer sich unmittelbar nach dem Verscheiden des Freiherrn auf ihr Zimmer begeben und dort eingeriegelt hat, ist Ottilie. Ihrer an ihn und an die Großmutter gerichteten, nur halb verstandenen Abschiedsworte gedenkend, kniet Anton noch immer vor dem Bett seiner schlafenden Wohltäterin, und wie er jeden Atemzug der Teuren bewacht, angstvoll lauschend, ob es nicht gar der letzte sei, richtet er zugleich seine Teilnahme doch auf das Schloß hin, wo er Ottilie weiß, die, wie ihm die Glocken verkünden, einen Vater verlor. Wenn schon keinen kindlich geliebten, väterlich liebenden, doch einen Vater. »Dort ist's auch aus«, dachte er bei sich, »vorbei für immer Mit allem, was Freude heißt. Die Fräulen können das Gut nicht behaupten. Die ganze Familie stürzt zusammen. Der Verwalter schüttelt schon lange den Kopf. Aus den gnädigen Baronessen werden arme Leute, wie unsereins. Am Ende nehmen sie noch Puschel und Rubs zu Männern. Das wäre eine Geschichte! Und Tieletunke? ... Ja, die ist am schlimmsten dran. Fast so schlimm wie – ich.« Von diesem letzten Gedanken gelangte unser betrübter Denker, mit dem die flüchtige Phantasie ohnehin gar zu gern auf und davon ging, immer tiefer ins Gebiet der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, bis er sich zuletzt in kühne, wunderbarliche Luftschlösser verirrte, in deren allerschönstem ihm der holde Schlaf – seinem häßlichen Bruder Tod so nahe – die Stirn berührte und sprach: »Hier weile und träume!« Da lagen sie nebeneinander; die Großmutter, schon im Arme des Todes, der noch einmal die Gestalt des Schlafes angenommen, auf ihr Lager hingestreckt wie auf eine Bahre – zu ihren Füßen kniend der jugendliche Enkel, umschlungen vom Schlaf, welcher zum Bruder Tod hinüberlächelte, als wollte er ihm andeuten: »Du ahmst mich täuschend nach!« Beide, die alte Frau wie Anton, erwachten zugleich. Als der Jüngling, der den Tod bereits zu kennen wähnte und ihn doch nicht kannte, seiner Großmutter guten Morgen wünschte, nahm er die fromme Fassung, welche aus ihren Zügen auf ihn strahlte, für neue Lebenskraft. »Du bist besser, viel besser«, jubelte das treue Herz ihr entgegen, »der Schlaf hat dich geheilt, deine Krankheit ist gebrochen! Ganz anders schaust du darein, als heute nacht. Gott sei gelobt, du lebst und wirst noch lange leben!« »Sicherlich, mein Sohn«, antwortet sie, »leben werde ich. Und was noch mehr, mein wahres Leben wird erst beginnen. Davon später. Jetzt geh' und gib dem Vieh draußen sein bissel Futter. Vergiß auch die Turteltaube nicht. Die ist Tieletunkes Liebling.« Alle jene kleinen Wirtschaftsmühen, die nun Antons Fürsorge oblagen, nahmen ihn fast den ganzen Tag über in Anspruch. Er ging ab und zu, nach jeder häuslichen Verrichtung wieder einmal zur Großmutter laufend, um zu fragen, was sie wünsche und bedürfe. Solch ein Herbsttag ist kurz. Wenn seine Sonne sich einmal zu neigen beginnt, ist sie geschwind hinab. Das gibt die schönste Feierstunde im kleinen wohnlichen Räume. Zu dieser fand sich auch Anton mit freundlichem Gesicht ein. Er nahm Platz beim Bette, so daß er der Alten gerade ins Auge sah. Durch allerlei Staudengewächse und Blumenkram drangen Sonnenstrahlen ins Gemach, die Hälfte desselben mit ihrem Glänze festlich geschmückt. Frau Hahn lächelte blinzelnd hinein. Anton wollte den Laden schließen. Sie aber sprach: »Laß nur! Das blendet mich nicht. Ich sagte es dir ja gestern, mein grundgütiger Gott werde mich nicht in finsterer Sturmnacht abrufen! Er sendet mir sein Licht beim Ausgang aus dieser Erdenwelt. Jetzund, mein Junge, laß uns herzlichen Abschied nehmen und unterbrich mich nicht durch Jammergeschrei. Du hörst es gern, wenn sie dich einen jungen Mann heißen, zeige heute, daß du es bist. Mein Lebensöl ist ausgebrannt, die Lampe will erlöschen. Ich scheide von dir mit einer Seele voll inniger Liebe. Was ich für meinen seligen Mann, was ich für deine Mutter gefühlt, das habe ich gleichsam auf dich übertragen. Du warst mir Ehgemahl und Kind zugleich, du warst mir alles. Ich hoffe, mein Betragen hat dich dessen stets versichert. Diese Liebe nehme ich mit mir hinüber und lege sie nieder vor Gottes Thron. Aber auch meinen Dank nehme ich mit, meine Dankbarkeit für dich. Du warst immer gehorsam, sorgfältig anhänglich, du hast mich nie betrüben wollen, du bist ein fleißiger, ordentlicher Junge. Was sonst in dir rumort, deine verwunderlichen Ideen und Sachen – dafür kannst du nicht. Das ist angeboren, das sagt mir mein gesunder Menschenverstand. Der Hirsch ist kein Schaf, und ein Pferd kann keine Kuh werden. Es kommt nur darauf an, daß man sich einen Zaum anlegt, daß man sich beherrschen lernt. Und das wirst du lernen, mein Alter, mit den Jahren, mit der Zeit. Wenn's zu arg in dir tobt, wenn des Vaters und der Mutter Geblüte dich turbiert, dann gedenke an die Großmutter; gedenke an ihre letzten Worte. Nicht wahr, das tust du? Und noch einen Kuß gib mir, Anton, einen herzlichen Kuß, wie du mir jeden Abend gegeben, bevor du in deine Schlummerstätte gingst. Du wirst noch viele Küsse geben und empfangen; gar manches Mal werden deine Lippen an einem jungen, frischen Munde hangen, das ist schon nicht anders bei euch nichtsnutzigen Mannsbildern, und der beste von euch taugt nicht viel, wie mir sogar mein seliger Hahn eingestanden; ... aber kein Kuß wird so redlich gemeint sein, wie dieser letzte Kuß, den deine alte Großmutter gibt und empfängt in ihrem Todesstündlein! – – – So, so, mein armer Junge! – Laß mir deine Hand. – Und grüße mir Tieletunke, wenn du sie siehst. – Und grüße den Herrn Pastor. Ich wollte ihn nicht zu mir bemühen. Denn erstlich werden sie ihn auf dem Schlosse brauchen, und dann – ehrlich zu reden – ich brauche ihn nicht. Den einzigen Gram, den ich in meine Brust verschlossen mit mir nehme, kann der gute Mann mir doch auch nicht lösen. Im übrigen weiß ich, woran ich bin. Nein, ich fürchte mich nicht. Es stirbt sich ja so gut, die treue Hand des redlichsten Sohnes in ersterbenden Händen, wie ich die deine halte ... deine Tränen fallen sanft auf mein Antlitz, sie sind wie Morgentau. – Siehst du die Sonne sinken? Du meinst, sie schwindet? Nicht doch, sie steigt empor! Sie nimmt mich mit sich. – Ich werde die Nacht nimmer sehen. – Ich bleibe im Licht! Im Licht, mein Anton! – –« Ihre Zunge bewegte sich noch; Worte vernahm er nicht weiter. Ein heiseres Röcheln stellte sich ein. Dieses währte nur wenige Minuten. Dann öffneten sich die schon geschlossenen Augen noch einmal, sie hefteten sich fest auf den geliebten Knaben. Ein verklärendes Lächeln zog um den tiefeingefallenen Mund, ein Seufzer blies die alten Lippen auf; ein Druck der Hände begleitete ihn. – – Antons Großmutter war tot. Siebzehntes Kapitel Ich weiß nicht, woher es kommt und welche Art von Ehre die sogenannten Vornehmen darein setzen, daß sie ihre Verstorbenen so spät als möglich begraben lassen! In manchen Gegenden wenigstens hegt man diese seltsame Gattung von Eitelkeit. Sollte es Furcht vor dem Scheintode sein? Ich glaube kaum; denn ich selbst habe oft genug Leichenbegängnissen beiwohnen müssen, wo man sich schon einige Tage vorher durch allzu kräftig duftende Beweise von der unzweifelhaften Auflösung alles Irdischen überzeugen konnte. Es mag wohl daher kommen, daß Zurückbleibende entweder wirklich wünschen, die leiblichen Überreste der Ihrigen noch in ihrer Nähe zu wissen, oder daß sie es für schicklicher halten, diesen Wunsch mindestens voraussetzen zu lassen. Und weil denen, welche ihren Verhältnissen gemäß größere Räume, bequemere Wohnungen innehaben, es leichter wird, ein abgesondertes Leichenzimmer einzurichten, so bleibt ihnen auch hierin ein trauriger Vorzug vor den Ärmeren und Geringeren, die gezwungen sind, Luft zu machen, damit sie selbst nur wieder leben und wirken können. Anton hielt sich herkömmlicherweise an den dritten Tag, wobei er jedoch den eigentlichen Todestag nicht mitrechnete; und dadurch geschah es, daß des freiheitlichen Gutsherrn und der Kantorswitwe Bestattung auf einen und denselben Nachmittag fiel. Eine seltene Begebenheit für Liebenau: zwei Leichen unmittelbar hintereinander! Eben kamen die leidtragenden Töchter aus der Erbgruft wieder ans Tageslicht, als zwei Träger mit dem Sarge der Frau Hahn in den Friedhof traten. Anton wankte hinter diesem Sarge her wie bewußtlos. Puschel und Rubs, die sich seines Schmerzes, seiner Ratlosigkeit hilfreich angenommen, leiteten ihn. Das ganze Dorf war noch beisammen von der »Beisetzung« des Barons. Es blieb versammelt für das Begräbnis der Mutter Goksch. Bloß daß die Leute sich umwendeten, von der Gruft unter der Kirche weg, um sich dem Grabe im frischen Erdboden zuzukehren. Das war alles. Auch die drei Baronessen stellten sich dahin. Pastor Karich stand schon am offenen Grabe. Er redete nur wenig zum Andenken der Verstorbenen; doch dies wenige scheint mir eigentümlich genug, damit es hier ein Plätzchen finde! »Ich habe« – so lautete die Trauerrede für Antons Großmutter – »jetzt eben meinen ältesten Gönner und hohen Freund, unseren gnädigen Grundherrn, zur ewigen Ruhe eingesegnet, indem ich für selbigen, kraft meines Amtes als berufener und verordneter Diener Gottes, die Gnade des Himmels erflehte und barmherzige Verzeihung alles dessen, was menschlich-sündhaft an ihm gewesen. Er ist gestorben, ohne seinen Frieden mit der Ewigkeit abzuschließen, darum ist sein Ende mir ein zweifacher Schmerz. Hier dagegen stehen wir am Grabe einer so redlichen, sanften, verständigen und dabei bescheidenen Frau, daß ihr Beispiel allen empfohlen werden kann, die noch auf Erden wandeln. Während sie hier unter uns lebte, hat niemand eine üble Tat von ihr gesehen. Wie sie lebte, ist sie gestorben, im frohen Vertrauen auf die ewige Macht, welche alles leitet und lenkt. Sie hat einen Enkel hinterlassen, der ihrer würdig ist. Ihr Segen ruht auf ihm! Anton, im Namen Gottes ruft ein alter Mann dir zu, – daß die ganze Gemeinde es höre! – deiner Großmutter Segen wird dich begleiten durchs Leben. Welche Versuchungen, welche Prüfungen, welche Leiden dir etwa vorbehalten sein mögen – du wirst über alle siegen und zuletzt glücklich sein, – so gewiß die Seele selig ist, deren Hülle wir jetzt versenkt haben!! Laßt uns ein stilles Gebet sprechen, und kehre dann ein jedes an seinen Herd. Amen.« Nachdem das Gebet vollendet war, drängte sich alt und jung herbei, ihre drei Handvoll Erde auf den Sarg zu werfen. Anton blieb unbeweglich, bis keiner mehr zurück war. Dann warf er seine Spende hinab. Und wie er so schweigend, still – denn Tränen hatten seine Augen nicht mehr – ins Grab starrte, trat Ottilie an ihn heran. »Toni!« rief sie laut, daß die Leute ringsumher es hörten und auf beide blickten. Er schrak zusammen und sah sie fragend an. Sie umschlang seinen Kopf mit beiden Händen, drückte einen langen Kuß auf seine Stirn und sagte: »Lebe wohl!« Hierauf folgte sie ihren Schwestern. Das Gewühl zerstreute sich. Anton blieb am Grabe, bis es völlig geschlossen und der Hügel aufgeworfen war, der noch vor Abend mit sorgfältig ausgestochenen Rasenstücken bedeckt wurde. Achtzehntes Kapitel Wenn die Sterbenden wüßten, wie das, was sie ihren letzten Willen nennen, so oft ganz anders, als sie meinten, oder gar nicht zur Ausführung gelangt, sie würden, fürchte ich, statt jenes letzten Willens einen letzten Unwillen kundgeben. Wie viele Vermächtnisse, worin den Zurückbleibenden Einigkeit und gegenseitige Duldung geboten; wie viele Testamente, in denen Pietät und Förderung für begonnene Unternehmungen ans Herz gelegt; wie viele Hinterlassenschaften, deren weise, der Menschheit ersprießliche Verwendung ausbedungen ward?! Ach, und kaum ist der Mund verstummt, der dies anordnete, kaum die segensreiche Hand erkaltet, die es niederschrieb, kaum zwei Augen geschlossen, welche darüber wachten, – daß auch schon Mißgunst, Selbstsucht, Verschwendung den besten Vorschriften falsche Deutung geben und Auswege finden, sie zu umgehen! Man vernimmt häufig im Volks jenes albern klingende Wort: wenn der Verstorbene das wüßte, im Grabe würde er sich umkehren! Und so albern es klingt, es ist uns allen gewiß auch schon wider unseren eigenen Willen auf die Zunge gekommen, wenn wir mit ansehen mußten, wie herzlose Erben oder auch der »große Zeitgeist« unter ihre Füße traten, was edle Stifter auf immer zu gründen bemüht gewesen. Bei unserem Anton war das nun freilich ein anderer Fall. Er würde aus freiem eigenen Willen nichts unternommen haben, was er mit seiner Anhänglichkeit für die Verstorbene nicht vereinbar gefunden. Man zwang ihn dazu. Einige Wochen waren ihm unter Arbeit und trübem Sinnen verstrichen. Der wilde Schmerz fing an, sich in wehmütiger Trauer zu besänftigen; mitunter zuckte auch schon wieder ein Blitz jugendlich feuriger Lebenslust ihm durch die Adern, – doch er gedachte an die Warnungen seiner Sterbenden und ergab sich entsagender Geduld. Vom Schlosse vernahm er nur durch andere. Der Bankerott war erklärt. Die natürlichen Erbinnen des Barons wagten nicht, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen, sie traten von der gefährlichen Erbschaft zurück. Über Ottilie hörte er gar nichts. Die Pastorsöhne waren zur Universität abgereist; der alte Pastor in großer Angst, wie er sie genügend bei ihren Studien unterstützen solle. Jede Verbindung nach außen schien für Anton abgebrochen, er auf seine Werkstatt im stillen Häuschen beschränkt. Und aus Dankbarkeit, aus kindlicher Liebe für die alte Frau suchte er sich einzureden, das; er sich nach und nach darein finden müsse. Deshalb gelang es ihm bisweilen, seine Einsamkeit lieblich auszuschmücken, wenn er sich lebhaft vorstellte, Tieletunke sei die Tochter eines armen, geringen Mannes im Dorfe, – eines emeritierten Schullehrers etwa – sie trete bei ihm ein und spreche: »Mein Vater ist nun auch gestorben; willst du mich aufnehmen?« Darauf würde er mit sanftem Erröten erwidern: »Gern, Ottilie!« und würde ihr der seligen Großmutter Zimmer überlassen, sie bedienen, für sie sorgen, sie Braut nennen und dabei Körbe machen ohne Ende. Dies eingebildete Glück dauerte dann jedesmal, bis ihm die Erinnerung an ihren Kuß beim Grabe und an ihr: »Leb' wohl!« wieder wach wurde. Der Ton, womit sie jenes Abschiedswort gesprochen, war zu bestimmt, zu deutlich. Die freundlichen Bilder entschwanden; er begann voll zorniger Kraft neue Arbeit und die neuen Weidenruten mußten dafür büßen, daß er allein und einsam saß. Entschiedenen Groll hegte und nährte er in seinem sonst so liebreichen Gemüte gegen die sogenannten »Gerichte« und die »Justizherren«! Die Weiber, die ihm Arbeit zubrachten, ließen oft ein Wort darüber fallen, daß es auf dem Schlosse gar so schlimm herginge, seitdem die »Gerichte« eingeschritten wären. Unter »Gerichten« dachte sich Anton nur böse, alte Männer in schwarzen Kleidern, welche vielen Menschen, zunächst aber Ottilie, jedes gebrannte Herzeleid zufügen dürften. »Mir sollten sie nur kommen«, pflegte er oft auszurufen, indem er den kleinen Hammer schwang, womit er seine Hölzer bearbeitete, wie wenn er mit diesem die ganze hochlöbliche Gerechtigkeit des Landes zusammen zu klopfen beabsichtigte. Als sie aber in Wahrheit zu ihm kamen, – o wie schnell entsank ihm der Hammer! Die Lage der Dinge machte ihr Erscheinen unvermeidlich. Frau Witwe Hahn, genannt Goksch, hat kein Testament hinterlassen. Sie ist fremd in Liebenau angekommen, hat eine Freistelle erkauft, auf dieser mit einem Enkelsohne gelebt und ist gestorben, ohne eine schriftliche Spur seiner Herkunft irgend einer Behörde zu überreichen. Man weiß kaum, woher sie kam, kennt ihre früheren Verhältnisse nicht, und der einzige, der davon wußte, dem sie sich bei ihrer Übersiedlung als Grundherrn und Obrigkeit von Liebenau entdecken mußte, hat, was nur ihm bekannt gewesen, mitgenommen in den Aufenthalt des Schweigens. Anton ist ein uneheliches Kind; das gesteht er auf scharfdringende Fragen mit tödlicher Verschämtheit zu. Seine Mutter würde gesetzmäßige Erbin sein. Erst von dieser könnte er empfangen, was, wie er wähnte, schon ihm gehörte. Aber wo ist diese Mutter? Sie soll bei einer Überschwemmung ertrunken sein! Dieses »sie soll« kann dem Gerichtshalter keineswegs genügen. Wo blieb ihr Totenschein? Und sind nicht vielleicht nach andere Verwandte am Leben, die Ansprüche zu machen hätten? Diese müssen aufgerufen werden! Man muß Erkundigungen einziehen. Fürs erste muß ein Kurator eingesetzt werden, der die Hinterlassenschaft verwaltet. Anton, als noch unmündig, muß einen Vormund bekommen. Diese und andere Anordnungen des unerbittlichen Gesetzes drangen ihm wie eiserne Klammern verwundend und beengend in die Brust. Als Kurator der Masse – (so nannten sie zu seinem höhnischen Gelächter Garten und Haus und Vieh) – bestellten sie – wen? den alten Korbmacher am anderen Ende des Dorfes, den einzigen Gegner, den Anton kennt; den brotneidischen Knauser, der seinen jungen Nebenbuhler als Pfuscher und Eindringling haßt: denn Anton war niemals bei ihm in der Lehre gewesen, hatte sein Handwerk durch eigenen Antrieb und Fleiß erlernt. Dafür nannte er's auch eine freie Kunst. Die Männer des Gesetzes meinten es gut mit dieser Wahl, weil sie von dem Grundsatz ausgingen, jener, als Handwerksgenosse sei am besten dazu befähigt. Sein Vormund wurde der gute Pastor. Das wäre vielleicht ein ausgleichendes Gegengewicht gewesen, wenn nur der alte Karich durch die Umwälzungen auf dem Schlosse, durch seine Armut – denn die Pfarre trug blutwenig, und Gebühren zu erpressen war er zu barmherzig – und der Söhne Bedürfnisse nicht so schwer daniedergebeugt worden wäre. Er besaß die Kraft nicht mehr, für Antons Rechte männlich einzuschreiten, er begnügte sich achselzuckend, dem Rechte seinen vollen Lauf zu lassen. Von der Stunde an, wo Anton wußte, daß er nicht mehr Herr sei im Hause der Großmutter, daß es nicht unbedingt ihm gehöre, daß dem Kurator die Berechtigung zustehe, ihn unter dem ersten nächsten Vorwande hinauszuweisen, fand er sich auch nicht mehr heimisch darin. Es litt ihn nicht. Die Arbeit ekelte ihn an. Er mochte nicht mehr im Zimmer weilen. Bei schlechtem wie gutem Wetter – gleichviel! – trieb er sich im Walde herum; am liebsten dort, wo außer ihm keine Menschen weiter zu wandeln pflegten. Streichende Herbstvögel begegneten ihm herdenweise, wie sie von einem Ort zum anderen zogen. Ihr Beispiel regte in ihm die öfters schon geahnte Wanderlust auf. Manchmal trieben ihn kalte Nebel, wie Regen hinabsinkend, Baume und Sträucher vollends entblätternd, frostig heim. Kaum aber zeigte sich wieder die Sonne, ob auch matt und bleich, war er auch wieder da draußen, rührte sich auch wieder ein ungewisser Drang in ihm, sein Heil in weiter Welt zu versuchen. Am ersten November, bei schönem Wetter und so reiner, milder Luft, als ob es auf den Frühling losginge, lockte ihn der unbesiegbare Trieb aus dunklem Föhrenwalde, der ihm so wenig Sonne und Licht zukommen ließ, über die Grenzen der Herrschaft hinaus nach einem Hügel hin, einem Hügel, der jenseits der Waldungen diese von fruchtreicheren Ebenen scheidet, und den man, wahrscheinlich nur weil ihm kein höherer Nachbar zur Seite steht, in der Umgebung Berg betitelt. Der Eichberg heißt er. Von dort hinab öffnet sich eine Fernsicht in weite Flächen. Anton war niemals auf seinen Spaziergängen bis dahin gedrungen, wie er denn überhaupt, an die Heimat gebannt, seiner Pflegerin Häuschen für den Mittelpunkt der Welt – mindestens der seinigen – gehalten. Heute kam, ohne bestimmten Anlaß, in ihm die unwiderstehliche Lust, auf den Lichberg zu gehen. Die Richtung, die er verfolgen mußte, diesen zu erreichen, war ihm wohlbekannt. Nach anderthalb Stunden schon stand er auf dem abgeplatteten Gipfel des öden Hügels, den nur noch etliche von Zeit, Sturm, Wetter und Blitz zertrümmerte, morsche Eichstämme verunzierten. Rückwärts gewendet übersah Anton jene Wälder, die er seit frühester Kindheit so vielfach durchstreift hatte. Nur die Kirchturmspitze von Liebenau blickte daraus hervor. Nach der anderen Seite hin sah er Acker, Bäche, Wiesen, Dörfer, ja sogar einige kleine Städte. Drei Meilen und noch weiter blickte man ins Land hinein! Zum erstenmal im Leben nahm er wahr, was er für eine große Landstraße halten mußte, was sich aber, von oben betrachtet, nur wie ein graues Band durch Triften und Felder schlang. Noch eine Stunde Weges, – und seine Füße berührten den Boden jener Straße –! Dieser Gedanke, lebhaft und immer lebhafter wieder gedacht, ergriff ihn endlich mit wildem, niemals empfundenem Entzücken, das, nachdem es erst langsam und lange in seiner Brust geglimmt, auf einmal in helle Flammen ausbrach. Mit halb wahnsinnigem Jubelschrei, vor dessen Gewalt sämtliche Krähen auf den dürren Eichen des Berges die Flucht ergriffen, machte der Jüngling seinen Empfindungen Luft. »Hinaus«, rief er, die Mütze hoch emporschleudernd, »hinaus! Dort liegt die Welt vor mir! Ich will in die Welt! Sie nehmen mir das Haus, das mir die Großmutter als freies Eigentum bestimmte. Sie wollen mich wieder zum Kinde machen, den sie für einen Mann erklärte! Sie stürzen ihr Testament um! Ich bin frei! Hinaus in die Welt! Ich will auch erfahren, wie's im großen Leben zugeht! Ich will auch leben! Ich habe ein Recht dazu. Ich bin jung! ich bin kräftig! und häßlich bin ich auch nicht. Tieletunke kann ja doch nicht mein werden. Was soll ich in Liebenau? Ich habe keine Heimat mehr. Die Welt ist meine Heimat! Hinaus in die Welt!« Wäre nicht seine Mütze, die er bei jedem erneuten Ansatz der Lungenflügel immer wieder den Sternen zuschickte, endlich so vernünftig gewesen, an einem knorrigen Aste hängen zu bleiben, wodurch Freund Anton genötigt wurde, sie herabzuholen, wer mag berechnen, wie lange sein Toben die Krähen noch beunruhigt haben würde! Das beschwerliche Erklettern des dicken, nicht zu umspannenden Stammes brachte ihn ein wenig aus der Raserei, er fing an zu überlegen, daß er, um in die Welt zu ziehen, notwendig einige Anstalten treffen müsse. Wie er da ging und stand, konnte er nicht hineinlaufen, das sah er ein. Er warf also noch einen, raschen, scharfen Blick nach der Landstraße, gleichsam um sich zu vergewissern, daß sie ihm unterdes nicht abhanden kommen solle, und trat sodann ohne Zögern den Rückzug an nach Liebenau. Die Krähen des Eichberges erklärten sich einstimmig einverstanden mit der Entfernung des ungebetenen, störenden Gastes. Wer etwa Kolumbus gesehen, als dieser, seine neue Erde im Geiste, kurz vor der Einschiffung, die Hände auf dem Rücken, mit gewaltigen Planen angefüllt, einherschritt, – der wird, wenn er Vergleiche anstellen möchte, nur ein schwaches Seitenstück haben, wie ich befürchte, für die Wichtigkeit und das Selbstgefühl, welche der Korbmacherjunge auf seinem Heimwege vor den Vögeln des Waldes zur Schau trug. Er benahm sich, wie wenn er die Welt, in die er kopfüber zu stürzen gedachte, schon für sich erobert hätte. Mitunter ging ein Zug kindlicher Wehmut, ein Vorgefühl künftigen Heimwehs durch diese kühne Haltung. Aber das redete er sich immer bald wieder aus, und als, er gar vor der Tür seines (!?) Häuschens durch den Herrn Kurator, der »einmal wieder zum Rechten hatte sehen wollen«, derb ausgescholten wurde, daß er sich umhertreibe und nicht zu finden sei, wenn man ihn brauche, – da schwand auch das letzte Restchen von Unschlüssigkeit. Mit Einbruch der Nacht begann unser Flüchtling die auf dem Rückwege vom Eichberg ersonnenen und durchdachten Vorkehrungen zu treffen. Mutter Goksch hatte zwar die Kasse geführt, aber Anton ja schon seit Jahren mit erwerben helfen. Er hielt sich folglich für berechtigt, an sich zu nehmen, was an Gold- und Silbermünzen vorrätig, dem »Kurator der Masse« nicht überliefert worden war. Ein Sümmchen von dreißig Talern vielleicht. Damit, meinte er, komme ich bequem durch die ganze Welt! Seine besten Kleider und gute Wäsche schnürte er in ein tüchtiges Bündel zusammen. Alle übrigen Effekten verschloß er, vereinte sämtliche Schlüssel durch ein Band und bezeichnete sie nach ihren verschiedenen Bestimmungen durch angeheftete Zettel. Weil er denn gerade beim Schreiben war. suchte er den feinsten, reinsten Bogen, der sich etwa noch finden ließ, auf welchen er mit langsam geführter Feder nachfolgende Zeilen stellte: Mir hast du »Leb' wohl!« gesagt, – So will ich gehen. Die Taube hier hat dir behagt, So mag sie stehen In deiner Nähe allezeit. Der sie erzog, der ist gar weit, Du wirst ihn nicht mehr sehen, Denn ich muß gehen. Du sagtest nur ein »Leb' wohl« mir, Ich aber sende tausend dir: Leb' wohl – denn ich muß gehen. Das so beschriebene Blatt heftete er auf den Käfig seiner Turteltaube, den er sodann nach dem Schlosse trug, wo bereits alle Kerzen gelöscht waren, außer in der Kammer des Kochs. Dort gab er ihn ab, nachdem er lange vergebens mit Steinchen ans Fenster geworfen, um den verschlafenen Menschen zu wecken. »Fürs jüngste Fräulein!« fügte er bei – und verschwand. Dann lief er wieder nach seinem Hause, hing sein Gepäck um, ergriff den Schlüsselbund, löschte das Lämpchen, schloß die Türen und eilte, als ob er fürchte, es könne ihm noch leid werden, dem Pfarrhofe zu. Da ließ ihn die taube, sechzigjährige Magd ohne weiteres ein, obwohl der Herr Pastor schon längst zu Bette lag; denn schlafen – (meinte sie) – tut er ja noch nicht. Sie irrte, die ehrliche Liese. Er schlief. Anton küßte dem würdigen Manne behutsam die Hand, legte seine Schlüsselsammlung auf den Stuhl am Bett, versicherte beim Fortschleichen der fragenden Liese, daß schon ausgerichtet sei, was er Seiner Ehrwürden, dem Herrn Vormund zu bestellen gehabt; – und jetzt wollte er eben den Seitenweg aus der Dorfgasse einschlagen ... da fiel ihm der Kirchhof ein: das Grab der Großmutter! Auf dem Hügel, den er wenige Tage zuvor mit einem Kreuze geziert, nahm er Abschied von ihr, mehr in Tränen als in Gedanken. Nein, er dachte nicht, er fühlte nur: »Wenn sie von mir weiß, wenn sie jetzt um mich ist, wird sie mir verzeihen, ich kann nicht anders, sie muß es selbst einsehen. – Nun auf die Landstraße!« Neunzehntes Kapitel Aller Anfang ist schwer; auch der Anfang eines neuen Lebens. Hauptsächlich bei Nacht, im November, wo einer mit einem schweren Pack auf dem Rücken durch die Liebenauer und angrenzende Forsten wandern und hinter sich zurücklassen soll, was ihm bisher das Leben dünkte, was er aber jetzt für tot, für abgestorben betrachten will. Anton konnte sich's nicht ableugnen, daß mit jedem Tritte, den er weiter tat, seine Bangigkeit zunahm. Von dem Lebensmute, dem Unternehmungsgeiste, dem beseligenden Leichtsinn, wie er beim Sonnenschein des Mittags oben auf dem Eichberge in sich gefühlt, war jetzt um Mitternacht keine Spur mehr vorhanden. Dagegen machten sich vielfältige Besorgnisse rege: »Wohin soll ich mich zunächst wenden? Wird man mir nicht von Liebenau wie einem Ausreißer nachsetzen? Wovon werde ich essen und trinken, wenn mein Geld ausgegeben ist? Wie kann ich gute Bekanntschaften machen, die meinem Fortkommen förderlich sind? Wird man mich nicht vielleicht für einen Spitzbuben halten? Und, wenn sie mich nun einsperren? Oder sie schickten mich gar nach Liebenau zurück, und der Kurator schlägt mich zur Masse?« Mit derlei fröhlichen Aussichten schmückte Antons lebhafte Phantasie ihm die ersten Schritte ins neue Leben aus. Die häßliche Novembernacht tat das übrige. Auch war seine Last viel zu schwer. Kenner hätten ihr auf den ersten Blick angesehen, daß ein im Reisen ungeübter Anfänger diesen Vorrat von Wäsche und Kleidungsstücken zusammengerollt. Er drückte ihm den Buckel zusammen, wie seine Besorgnisse ihm die Brust einschnürten. Und all seiner kindischen unnützen Angst, daß er verfolgt und eingeholt werden könne, zum Trotz, legte er sich im dicksten Nebel auf den Erdboden, um auszurasten. Erst nachdem er seinen Nacken von der schweren Last befreit und aus dieser ein Ruhekissen für sich gemacht, kam er dazu, Rechenschaft von sich selbst zu fordern, in welchem Teile des Waldes er sich denn befände. Bald wurde ihm deutlich, er sei vom nächsten Wege zum Eichberge abgekommen und habe sich verlaufen. Und wo lag er jetzt? O weh, wie gern er sich's auch ableugnen wollte, da half kein Zittern fürs Fieber! Er lag im Fuchswinkel! Er lag auf der nämlichen Stelle, wo er seinen eigenen Vater an den Galgen gewünscht, wo er dem verlorenen Sohn eines Gehenkten die Augen zugedrückt hatte! Anton glaubte nicht an Gespenster. Ich darf dir diese Zusicherung erteilen, du aufgeklärter, höchst gebildeter, über jedes Vorurteil erhabener jugendlicher Leser aus dem neunzehnten Jahrhundert nach Christi Geburt. Aber es erging ihm wie mir; – und vielleicht ergeht es dir, o Jüngling des gelehrten Zweifels und des unbefriedigenden Wissens, bisweilen nicht anders. – Ebensowenig, wie er an sie glaubte , ebenso ehrlich konnte er sich vor ihnen fürchten , wenn Zeit und Gelegenheit gerade günstig erschienen. Deshalb melde ich es ohne höhnisches Lächeln: in diesem Augenblick fürchtete sich mein Held gar unheldenhaft und entsetzlich vor dem schwarzen Wolfgang. Dabei fand er sich in peinlicher Verlegenheit, was er doch beginnen solle, diese alberne Furcht möglichst zu verscheuchen. Denn es blieben ihm nur zwei Mittel: die Augen fest zu schließen, – oder sie weit aufzureißen. Tat er das letztere, so setzte sich der schwarze Wolfgang in Person ihm gegenüber, und er sah des Sterbenden Antlitz deutlich, wie wenn's am hellen Tage wäre. Tat er das erstere, so drehten sich grinsende Larven und Fratzen um sein schwindelndes Hirn, aus deren Kreise die Züge seiner Lieben entstellt und verzerrt auf ihn blickten. Weil es ihm gar zu scheußlich war, auch der Großmutter ehrwürdiges Haupt mit tanzen zu lassen, entschloß er sich, lieber aufzuschauen. Wolfgang wich und wankte nicht vom Platze. Mitten in seiner Pein dachte Anton doch immer: nun bin ich nur neugierig, ob so ein Ding auch sprechen kann? Dieser Gedanke setzte sich auf die Länge fest bei ihm, daß er ihn zuletzt aussprach und das Phantom endlich gar anredete. »Bist du was?« rief er hinüber; »bist du wirklich was? Und willst du was von mir? Sag's! Ich habe ein gut Gewissen gegen dich. Was ich dir geloben mußte, habe ich erfüllt. Und mehr als das. Begraben habe ich dich: der braunen Bärbel bin ich ausgewichen; und deine toten Augen habe ich dir zugedrückt, hier wo wir beide sitzen. Warum sperrst du sie jetzt so weit auf? Willst du mich schrecken? Ich fürchte mich nicht vor dir; nein, nun gar nicht mehr! Du kannst mir ja doch nichts anhaben. Aber begehrst du noch was, so sag's, dann wird's geschehen!« Je lauter sich Anton in den frisch gewonnenen Mut hineinsprach, je fester und zuversichtlichem sein Auge sich auf den schwarzen Wolfgang richtete, desto weiter schien dieser von ihm zu rücken, bis sich das ganze Wesen gar in ein Nichts auflöste und nicht mehr vorhanden war. »Steht es also mit euch, ihr Schreckbilder der Finsternis?« rief Anton: »wenn man euch ernstlich entgegentritt, dann macht ihr Platz? Das soll mir wieder eine Lehre bleiben. Vielleicht ist's nicht anders mit allem, was mich im neuen Leben bedrohen will. Nur drauf! Bin ich nicht ein rechter Waschlappen gewesen, mir unnütze Angst einjagen zu lassen? Habe ich nicht gesunde Glieder und starke Knochen? Mit denen muß ich mich halt durchschlagen. Wird schon gehen! Zurück kann ich nicht mehr, also vorwärts! Einen Kurator brauche ich nicht, will mein eigener Kurator sein. Und du, lieber Gott, heißt ja der Dummen Vormund. Sei auch mein Vormund, ich bitte dich recht schön, so lange bis ich gescheit werde mit deiner Hilfe!« Zwanzigstes Kapitel Kein Wetter ist so schlecht für den, welcher darin ist, als es dem anderen erscheint, der es aus dem Stubenfenster betrachtet. Das empfand Anton, nachdem er die Kälte der feuchten Nacht durch raschen Marsch besiegt und mit dem unfreundlichen Morgen zugleich den oberen Teil des Eichberges erreicht hatte. Zwar entdeckte er heute die Landstraße nicht, die er gestern im Sonnenschein so deutlich gesehen, aber wo sie lag, hatte er sich wohl gemerkt, sie zu erreichen schien ihm ein kleines. Seine Widersacher, die großen Nebel- und andere Krähen, empfingen ihn noch feindseliger als gestern. Beim heutigen Nebelwetter fühlten sie sich ganz als die Herren vom Berge, sie waren so recht in ihrem Elemente. »Dumme Tiere«, rief ihnen Anton entgegen, »ihr bleibt hier wohnen in den verwitterten hohlen Bäumen, ich ziehe in die Welt!« »Haha!« erklang es von einem Aste über seinem Kopfe. »Wer lacht mich aus?« fragte der Reisende mehr entrüstet als erstaunt. »Haha!« erklang es wiederum, und gleich darauf: »Lora, o Lora! Haha, Lora!« »Donnerwetter, was ist das?« sagte Anton. Und emporgewandt, brüllte er, so stark er konnte, in die umnebelten Äste hinauf: »Wer sitzt da oben und ruft nach einer Lore? Was sind das für dumme Späße, wenn junge Männer in die weite Welt gehen wollen, um ein neues Leben zu beginnen? Ich frage den Kuckuck nach deiner Lore, oder wie die Person heißt! Nur herunter, du Esel, wenn du Courage hast!« Es gab niemand Antwort. Aber Anton bemerkte, daß nicht er allein, daß auch sämtliche auf dem Eichberg ansässige Krähen von den Bäumen ringsumher besondere Aufmerksamkeit dem Orte zuwendeten, aus welchem die Stimme in der Wüste sich hören ließ. Ein Mensch konnte sich doch hinter den dürren Ästen nicht verborgen halten. Saß vielleicht einer im hohlen Stamme? Nicht denkbar. »Was Teufel, die Krähen pflegen doch nicht aus eigenem Antriebe zu reden! Aber wahrhaftig, das ist ein lebendiges, graues Klümpchen, dort im Winkel zwischen Stamm und Ast! Eine Krähe ist das nicht – es ist kleiner –, vielmehr scheint es sich vor den Krähen ängstlich zu ducken. O! Jetzt erkenne ich's deutlich, es ist ein ausländischer Vogel. Die Krähen haben ihn schon in der Arbeit gehabt, er ist schrecklich zerzaust. Das ist gewiß ein grauer Papagei. Und wie ist er auf den Eichberg geraten?« – »O Lora! Lora! Haha! Koko!« – »Koko hat er gesagt. Wahrscheinlich heißt er Koko, und seine Herrschaft heißt Lore. Ja, lieber Koko, ich bin selbst unterwegs, dort hinüber zu selbstfremd, ich kann dir keinen zweckmäßigen Rat erteilen ... Wie er mir zunickt, als ob er mich verstände! Er klettert herab. Weiß Gott, er sucht mich auf. Komm', komm', du armer Kerl!« Die Krähen erhoben im Chor ein wildes Zetergeschrei. Anton drohte ihnen mit seinem Reisestab, und diesen hielt er nachher dem vor Kälte bebenden Koko hin. Koko eilte ihm entgegen, und kaum hatte sein Schnabel diese Rettungsbrücke erreicht, als der kluge Vogel auch schon auf ihr entlang über Antons Arm auf dessen Schulter gekrochen war. Zitternd schmiegte sich das zahme Tier an seines Retters Wange, und wie wenn er ihm die wichtigsten Geheimnisse, von denen übelgesinnte Krähen auch nicht einen Buchstaben erhaschen dürften, zu entdecken hätte, flüsterte er ihm unzähligemal ins Ohr: »Lora! Lora!« »Na, das sehe ich nun wohl ein«, sagte Anton, »den kann ich hier nicht zurücklassen, den muß ich schon als Reisefracht mit mir schleppen, bis wir wenigstens zu Menschen kommen. Hier zerpflücken ihn die Krähen, es wäre schade um ihn. Solch ein Tier kostet gewiß viel Geld! Und wer weiß, wenn ich die nächste Stadt erreiche, findet sich ein guter Käufer. Vielleicht trägt mir der Vogel Goldstücke ein? Ei, sieh' da, ein gutes Zeichen für den Anfang meines neuen Lebens. Komm', Koko, jetzt suchen wir die Landstraße!« Koko, gleich einem, der Wort für Wort versteht und begreift, krallte sich tüchtig in Antons Rockärmel ein, hielt sich, wo es bergab rascher ging, nötigenfalls mit dem Schnabel am Kragen fest und war so vertraut und zutunlich, daß jeder, der die zwei mitsammen sah, darauf schwören mußte, sie wären alte Bekannte, die zu beiderseitiger Erholung eine kleine Lustreise unternähmen. Noch einen Sprung über diesen Graben – Hopp! – und wir sind auf der großen Landstraße! Der Nebel hatte schon längst aufgehört, ein gebildeter, anständiger Nebel zu sein; er war übergegangen in das, was man hie und da »Bauernnebel« nennt, das heißt: er löste sich in geraden, gutgewachsenen Regen auf, der wie Bindfaden herabströmte. Anton und Koko wurden sehr naß. Die Landstraße blieb auch nicht trocken. Sie zeigte sich als alte, vielerprobte, reicherfahrene, tiefausgefahrene Landstraße früherer Zeiten: nachgiebig, weich, anhänglich, stets darauf bedacht, daß jeder, so auf ihr in fremde Lande pilgerte, ein gutes Stück Vaterland zum Andenken an die Heimat mit den Stiefeln davontrage. Anton keuchte schon an der zwiefachen Last, die von unten an ihm zog und von oben auf ihn drückte. »Wo führt wohl so recht eigentlich diese Straße hin, guter Freund?« fragte er einen ihm begegnenden Fuhrmann, der, in etliche dicke Pferdedecken eingeschlagen, wie sein eigenes Denkmal auf einem Pechfasse klebte. »Ins Polen hinein!« war die mürrisch gegebene Antwort. Anton schwieg erstaunt. Koko äußerte sein Befremden dadurch, daß er wiederholentlich von Lora sprach und sodann dem Pech- und Teerkaufmann ein bitteres »Haha!« nachsandte. »Ins Polen hinein? Sieh', sieh', liegt Polen so nahe bei Liebenau? Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Nun, wer weiß, in Polen kann es sehr schön sein für junge Anfänger. Die selige Großmutter meinte zwar immer, in Polen wäre nicht viel zu holen – aber sie hatte, wie alle Frauen, vorgefaßte Ansichten und Meinungen von der großen Welt. Wie gesagt, Polen kann sehr schön sein, wenn nur diese Straße ein kleines bissel besser wäre!« So schwatzte Anton mit sich selbst, bis Müdigkeit, Hunger und Regen ihn endlich ermahnten, in einem Straßenwirtshause einzusprechen. »Dieser arme durchgefrorene Vogel«, sagte er mitleidig, »wird auch was Warmes zu sich nehmen wollen. Hier darf ich's schon wagen, hier kennt mich niemand mehr.« »Ist hier – Gott grüße euch alle beisammen! – ist hier schon Polenland?« Mit diesem Gruße trat er ein, während sich ein junges Schwein eilig zwischen seinen Beinen durch ins Freie schob und ihn beinahe umgeschoben hätte. »Beileibe«, wurde ihm erwidert, »noch zwei Meilen bis an die Grenze, seien Sie auch schön willkommen bei uns! Mögen Sie Bier oder Schnaps?« Anton, höchst verlegen über die ihm zur Wahl gestellte Frage, bat sich einen Kaffee aus. Die Stammgäste der Schenke lächelten mitleidsvoll. Sie stampften heftig mit ihren leeren Gläsern auf den Tisch, damit man sie aufs neue fülle und ihnen Gelegenheit gäbe, darzutun, wie sie ganz andere Männer wären. Anton achtete wenig darauf. Die Bank hinter dem Ofen schien ihm ein reizender Trockenplatz. Er dampfte wie ein kaum erstickter Waldbrand. Koko drückte sich warm behaglich an seinen Hals, mit unermüdlicher Gesprächigkeit ihn von Lora unterhaltend. Als die Wirtin den bestellten Kaffee brachte, einige umfangreiche Semmeln zur Beigabe mit, erwachte in unserm Reisenden auf einmal die Gier des Heißhungers. Kaum, daß er sich Zeit ließ, den dünnen Labetrunk zu kühlen. In die braunen Fluten getaucht, verschlang er Semmel auf Semmel, und da kehrten ihm, von innen wie von außen erwärmt, alsbald Mut und Hoffnung zurück. Ich glaube, damals ist es gewesen, wo er seine ersten philosophischen Betrachtungen über die Gebrechlichkeit des irdischen Wesens und über die Abhängigkeit der armen Seele vom menschlichen Leibe anstellte. Koko, den er grausam vergessen, gab so deutlich zu verstehen, ihm sei auch Erquickung vonnöten, und sprach seine Bedürfnisse pantomimisch so verständlich aus, daß sein Retter, obwohl hocherstaunt übel die fast menschenähnliche Ausbildung des gefiedelten Schützlings, ihn teilnehmen ließ am schwelgerischen Mahle. Semmel, in süßen Milchkaffee getaucht, war dem Vogel offenbar bekannte Kost, sie schien ihm geläufig und versetzte ihn in die heiterste Laune, die er auch ohne Aufschub durch laute Ergießungen des herzlichsten Gelächters, durch einige gellende Pfiffe und durch unendliche Anrufungen für Lora kundmachte. Die Stammgäste, die bisher den auf dem grauen Reisebündel grau in grau verschwindenden grauen Ausländer gar nicht bemerkt, wendeten jetzt ihre Ohren seinen Exklamationen zu, worauf sich unter ihnen ein vertrauliches Gespräch entspann, doch laut genug geführt, damit der Inhalt desselben den Platz am Ofen erreiche. »Auf jeden Fall gehört er dazu!« »Freilich. Das graue Vieh, das da schwadroniert wie ein getaufter Mensch, wird ihnen weggeflogen sein, und da hat der Bursche zurückbleiben müssen, um es wieder einzufangen.« »Natürlich, sie hatten ja einen ganzen Haufen von solchem Ungeziefer bei sich.« »Hört, Landsmann«, – rief einer zu ihm herüber, »Ihr seid wohl aus der Menagerie, die gestern hier durchzog?« »Menagerie? Was ist das?« fragte Anton. »Was soll's sein? Wilde Bestien halt!« »Sehe ich denn aus wie eine wilde Bestie?« »Das gerade nicht, aber wie einer, der sie herumführt. Sitzt ihm ja doch ein Vieh auf der Achsel.« »Das ist keine wilde Bestie, ihr guten Leute; das ist ein zahmer, schöner Papagei.« »Wir sehen schon, daß es kein Trampeltier ist. Deswegen gehört er halt doch auch zu den ausländischen Viechern. Und weil er ihm so freundschaftlich auf der Haut hängt wie eine abgerichtete Laus, und weil ihr so gute Kaffeebrüder miteinander seid, ihr beide, nahm ich an, Er wäre einer von den Vagabunden, die bei den Beestern als Domestiken angestellt sind. Denn die Unfläte von Pardel und Tigertier und Hyjenige haben ordentliche Bedienung wie andere hohe Herrschaften. Gestern sind sie hier vorbei in vielen großen Wagen, als ob die Luder nicht zu Fuße gehen könnten wie unsereins, haben hier Halt gemacht, Vieh und Menschen getränkt. Die schöne Frau, der Viechmutter ihre Tochter, hatte justament so'n grauen Popo, oder wie sich der ostindische Rabe aus Afrika schreibt, aus einem Käfige gelangt und wollte ihn am Kopfe kratzen, aber der asiatische Pfefferfresser schnappte nach ihr, daß sie gleich wieder losriß. Da dachten wir halt, Er wäre ... nichts für ungut!« Anton fand diesen Bericht höchst interessant. Die schöne Tochter, von der man ihm erzählte, in Verbindung zu setzen mit dem auf ihm sitzenden Koko, gewährte ihm ein gewisses Wohlbehagen. »Sollte diese Schöne«, dachte er, »die ...« »Lora!« unterbrach ihn der Vogel. »Ich muß ihn seiner Besitzerin selbst einhändigen!« So lautete der Entschluß des galanten Korbflechters. Er hatte denselben eigentlich in Form eines Gedankens nur sich selbst mitteilen wollen; wider Absicht und Willen war eine laute Äußerung daraus geworden, die keinem der Anwesenden in der Gaststube entging. Gleich hier, bei seinem ersten Eintritt in die Fremde, sollte sich bestätigen, was ich unserem Helden schon vorher abmerkte, als er noch in Liebenau weilte: seine Persönlichkeit werde ihm der Menschen günstiges Vorurteil gewinnen, wer ihn sehe, werde Wohlwollen für ihn empfinden. Kaum war sein Vorsatz ausgesprochen, als auch schon ein dicker Mann, der drüben beim Fenster saß, ihm zurief: »Hört, junger Bursche, ich fahre nach R. Für einen, der nicht ganz so dick ist, wie ich, gibt es noch Platz auf meinem kleinen Korbwagen, und Euren Grauen wird mein brauner Wallach zur Not noch fortziehen können. Wenn Ihr müde und des Laufens satt seid, will ich Euch mitnehmen, daß Ihr im Dreck nicht so schwer zu tragen braucht, 's geht aber gleich fort.« Anton nahm die Einladung dankbar gerührt an. Bald war seine Rechnung berichtigt, welche die Wirtin, hätte sie nicht ihres grämlichen Hausherrn Luchsauge gefürchtet, dem schmucken Gaste gern erlassen haben würde, denn er gefiel ihr sonderbar, so daß sie an sich halten mußte, um es nicht gar zu zeigen. Wie jedoch Anton, seine Zeche willig bezahlend, scherzhaft fragte: »Und was macht es denn für den da?« indem er auf den gefiederten Reisekameraden hinwies – da konnte die leicht entzündbare Wirtin nicht umhin, ihm wenigstens mit der Hand durch die Locken zu streichen, als Beweis ihrer lebhaften, kaum zu besiegenden Neigung. Nicht ohne die Korbgeflechte des Wagens einer oberflächlichen Kennerprüfung zu unterwerfen, die mit einem »liederliche Arbeit!« endete, bestieg Anton jenes leichte Gefährt, über das eine grobe Leinwand, auf schwankende Reifen gezogen, den Regen nur mäßig durchsieben ließ. Der Wallach ging im sogenannten Hundetrab. Der dicke Mann schlief ein. Koko zitterte wieder fröstelnd, weshalb ihn Anton mitleidsvoll und jetzt schon mit vorsorgender Rücksicht für die schöne Herrin in sein blaues Taschentuch hüllte, eine Wohltat, welche der kluge Vogel durch unterschiedliche Schnabelküsse vergalt, ohne dabei zu zwicken. Erst als Anton sein Kleidermagazin hinter sich auf und ab tanzen hörte, spürten die müden Schultern, wie schwer es auf ihnen gelastet. Jetzt fühlte sich der Reisende so leicht und froh, daß er keinen anderen Wunsch hegte, als den, es möge immer so fortgehen, wie bisher, dann wollte er's schon aushalten! Glückliches Kind! Vielleicht auch waren jene Stunden, wo er, mit kaltem Novemberregen tüchtig angefeuchtet, auf hartem Sitz, im stoßenden Wagen, vom faulsten Pferde gezogen, die elendeste Straße entlang fuhr, seiner ganzen künftigen Pilgerfahrt zufriedenste? Vor dem Tore in R. angelangt, blieb der geprüfte und erprobte Wallach stehen. Der dicke Mann, vom Stillstand der Reisemühle erwachend, gab sich als Fleischhauer kund, der aus ländlichen Vorstädten Kälber abzuholen ausgezogen war. Anton bedankte sich vielmals, ergriff seine Last – der eindringende Regen hatte sie nicht leichter gemacht, und rettete noch zu rechter Zeit seine zarten Finger aus dem warmen Händedruck des Fleischers, der sie ihm aus Wohlwollen schier zermalmt hätte. »Wo gelange ich wohl zur Menagerie?« fragte er mitten auf dem Marktplatz sehr demütig den großen, schwarzbärtigen Mann in roter Jacke und schmutzigen Lederhosen, der vor einem zeltartigen, von Wasser triefenden Vorhange, dicht neben einem kolossalen Ölgemälde stand. Der Schwarzbart wies stumm, doch bedeutend über die Schulter auf das Tableau. Anton schauderte zurück. Unter sanften Palmen, an denen Kokosnüsse in Masse hingen, gleich Stachelbeeren am Strauch, verspeiste soeben der grimmigste Tiger mit Seelenruhe einen vielversprechenden jugendlichen Neger, dessen Oberleib aus dem weit aufgesperrten Rachen noch hervorsah, wie ein schwarzer Rettich. »Geht's hier so zu?« dachte der friedfertige Liebenauer und wollte kehrt machen; aber unterdes hatte Schwarzbart, den triefenden Vorhang zurückschlagend, ihn, den Zögernden, in den inneren Raum gedrängt. Mit bunten Tüchern und Kattunen aller Farben und Muster umhangen, zeigte sich hier eine Art Vorhalle, in deren Mitte an kleinem Tischchen, worauf die glänzend schwarze, durch helle Metallbeschläge verzierte Kassette stand, eine Frau von etwa fünfzig Jahren, reich und bequem bekleidet, nicht ohne Würde saß; in ihrem Schoße ein Affe von der kleinsten Gattung der Seidenaffen. An der anderen Seite des Tischchens, nachlässig gegen einen mit Eisenstäben vergitterten, leeren Kasten gelehnt, stand eine schöne Dame, noch jung, blühend – doch so tief ins Lesen eines Buches verloren, daß sie den Eintretenden nicht bemerkte. Die ältere, die ihn forschend ansah, sagte nur, wie wenn sie eine tausendmal wiederholte Formel ausspräche: »Erster Platz acht Groschen, zweiter vier, dritter zwei.« Anton schaute hinter sich. Der Vorhang, der ihn von der Außenwelt abschnitt, war bereits wieder zugefallen. Er stand im mystischen, durch eine trübe Lampe spärlich erleuchteten Halbdunkel. Ein scharfer, widerlicher Geruch drang ihm von innen entgegen, und er fühlte sich dadurch förmlich beängstigt, so daß er vergaß, was er eigentlich hier gewollt. Madame Simonelli, denn so hieß die ältere Frau, wiederholte maschinenmäßig ihr: »Erster Platz acht Groschen«, indem sie noch einmal Anton zweifelhaft betrachtete; das Reisebündel schien sie stutzig zu machen, deshalb übersprang sie den zweiten Platz mit seinen unvermeidlichen vier Groschen und rückte ohne weiteres mit einem Antrage auf den Zwei-Groschenplatz hervor. Da erst besann sich Anton auf sich selbst. Nach seiner Börse suchend, äußerte er: »Ich kam wohl, die Wahrheit zu gestehen, nicht hierher, um etwas zu bezahlen; wollte mich vielmehr nur erkundigen, ob in der Menagerie eine Dame wohnt, welche Lore heißt?« Die Leserin fuhr auf, richtete ihre funkelnden Augen über das Buch hinweg nach Anton und fragte beleidigt: »Woher Sie weiß mein' Name?« » Der da ruft ihn unaufhörlich«, war die Antwort. Dabei lüftete er einen Zipfel des bekannten blauen Tuches und gestattete Koko eine kleine Aussicht in die Umgebung. Die alten wohlbekannten Draperien heimelten den von Krähen, Wind und Wetter mitgenommenen Dulder traulich an, er schlug sein lautestes Wonnegelächter auf, und ehe Anton die Wirkung desselben auf beide Damen noch beobachten konnte, hatte die jüngere ihren Liebling schon ergriffen, um ihm an ihrem Busen eine allerdings beneidenswertere Zufluchtsstätte anzuweisen, als Anton ihm irgend darzubieten vermochte. Er mußte erzählen, wo, wann, wie er Koko gerettet. Und ich vermute, es ist ein Glück für sämtliche Krähen im Lande, daß Kokos Gönnerin nicht eine große, mächtige Monarchin gewesen, wie sie Antons Erzählung vernahm. Denn zweifelsohne wäre dann von ihr ein Mandat ausgegangen, alle zur Sippschaft Corvus cornix und Corvus corone gehörigen Individuen mit Krieg zu überziehen, mit Stumpf, Stiel und Federkiel auszurotten; und gegenwärtig noch lebende Krähen würden wahrscheinlicherweise nicht dazu gelangt sein, diese »süße Gewohnheit des Daseins« zu genießen. Ebenso feurig aber als ihr gerechter Zorn gegen die ungastlichen Bewohner des Eichbergs entbrannte auch ihre Dankbarkeit für den Jüngling, der am Wehrlosen zum rettenden Ritter geworden. Sie wußte nicht, wie sie das kundgeben sollte. Ein Geldgeschenk anzubieten, wagte sie nicht. In Antons Benehmen lag bei aller Seltsamkeit seines Eintritts und trotz des Bündels auf seinen Schultern die Unmöglichkeit, daß eine seine und zartfühlende Frau ihn so hätte abfinden wollen. Sie wechselte einige Worte mit Madame Simonelli, worauf diese, in der deutschen Sprache genugsam geübt, zu ihm sagte: »Meine Tochter, Madame Amelot, fragt mich, was sie tun darf, um Ihnen zu zeigen, mein Herr, wie reconnaissante sie ist von Ihrer, großen Gefälligkeit.« »O mein Himmel«, erwiderte Anton, »um einer so anmutvollen Dame zu dienen, würde ich es mit allen Krähen, Dohlen und Raben aufnehmen, zehn Meilen weit um Liebenau. Es ist mir schon genug, den ehrlichen Koko wieder bei ihr zu wissen, denn ich auf meinen Reisen würde doch nur schlecht für ihn haben sorgen können.« »Sie machen große Reise, mein Herr?« fragte Madame Simonelli, »und wohin, s'il vous plait ?« »Ach – weit! Ja, sehr weit!« Als Anton diese ein wenig ins allgemeine schweifende Erklärung gab, soll sein Gesicht eben nicht den Ausdruck besonderen Scharfsinnes zur Schau getragen haben. Er pflegt in vertraulichen Stunden zu bekennen, daß er sich niemals in seinem ganzen Leben so dumm vorgekommen sei. Um nur etwas zu beginnen, was ihm über diese peinliche Lage forthelfen möge, fing er abermals an, nach seiner Börse zu suchen, wobei er die Versicherung erteilte, er wünsche ein Billett für den ersten Platz zu lösen. Er suchte, er suchte – umsonst, die Börse war verloren! Sein Silbergeld, die Goldpfennige aus den vereinten Sparbüchsen, die Zaubermünzen, deren Wert ihm der neuen Welt Pforten zu öffnen, seine gefahrvollen Wege zu ebnen bestimmt gewesen – ... verschwunden! Höchstwahrscheinlich blieb das Ledersäckchen, welches seine Schätze barg, in jenem Wirtshause liegen, wo ihn, als er eben für sich und Koko den Kaffee bezahlte, der dicke Fleischer durch das gefällige Anerbieten, ihn mitzunehmen, überraschte. Antons Schreck war so sichtbar, der Ausdruck seines Unglücks so wahr und natürlich, daß es den Damen nicht entgehen konnte. Keine von beiden dachte auch nur im entferntesten an eine lügenhafte Erfindung. Auf dringendes Befragen stammelte er bloß: »Mein Geld – mein Reisegeld: nun ist's aus mit mir!« Es entstand eine lange Pause, die zuerst durch Madame Simonelli unterbrochen wurde, welche ihm in den artigsten Formen anbot, er solle nur sein Gepäck ablegen, hineintreten und die Tiere betrachten, das werde ihn zerstreuen. Unterdessen wolle sie und Laura beraten. Denn, fügte sie mit wahrhaft graziöser Wendung hinzu, wahrscheinlich habe er seine Börse verloren, als er den Baum erklettert, um Koko vor den Krähen zu retten, und deshalb sei es ihre Sache, ihn zu entschädigen. Anton ließ mit sich geschehen, was man von ihm verlangte. Er hatte keinen Willen mehr. Ohne zu wissen, wie er dahin kam, stand er mitten unter den wilden Bestien, die er mit dumpfem Erstaunen anglotzte, wobei er nichts anderes dachte, als daß sie ihm eigentlich den besten Dienst leisten könnten, wenn sie so gütig sein wollten, ihn aufzuspeisen mit Haut und Haar, wie der Tiger draußen auf dem Bilde mit dem jungen Neger tat. Er blieb nicht lange allein bei den Tieren. Der Schwarzbart, unzweifelhaft im Auftrage seiner Gebieterin, gesellte sich zu ihm. Dieser Mann, von Geburt Italiener, hatte sich im Dienste der Madame Simonelli, die samt ihrer Tochter für gewöhnlich französisch redete, und in steter Berührung mit Deutschen, deren Länder sie fleißig durchkreuzten, eine nur ihm zugehörige Ausdrucksweise gebildet, in welche er nach Gutdünken aus jenen drei Sprachen aufgenommen, was ihm von jeglicher am besten gefiel, woraus denn eines jener unbeschreiblichen Gemische entstand, wie es die von Menschenhand gefühlte Feder in Schriftzügen wiederzugeben nun und nimmer imstande sein wird. Ohne Beihilfe pantomimischer Ausschmückungen, in denen jeder Italiener ein Meister ist, würde er sich während der ersten Konversation unserem Freunde deutlich zu machen vergeblich bemüht haben. Wie er aber Wort und Aktion vereinigte, gelang es ihm verständlich zu werden. Er ließ Anton manchen Blick in die inneren Verhältnisse des Hauses Limonelli tun. Madame war eine reiche Frau und besaß außer den lebenden, brüllenden, verschlingenden, fahrenden Gütern auch solide Fonds in sicheren Papieren. Laura Amelot, ihr einziges Kind, an einen Seiltänzer oder Springer Amelot verheiratet, lebte seit länger als einem Jahre von diesem getrennt, weil er sie nicht gut behandelt und sogar in einem Anfalle von Eifersucht einst mit der Balancierstange nach ihr geschlagen. Sie war der Mutter Abgott und hatte, nachdem Herr Amelot ihr die Liebe zu einem Manne verleidet, sich den unschuldigen Koko zum Liebhaber erwählt. Mama Simonelli schien gar nicht ungehalten über die Trennung der luftspringerischen Ehe, denn erstens war es ihr an und für sich lieb, ihre Tochter wieder bei sich zu haben, zweitens lockte deren Gegenwart an der Kasse in größeren Städten gar viele Herren zu wiederholtem Besuche der Menagerie heran. Für gewöhnlich lebten sie, Menschen und Tiere, glücklich und zufrieden miteinander, den Gestank abgerechnet, an den sich aber die Nase bald gewöhnt. Nur heute gerade gab es eine Störung des häuslichen Friedens. Antoine, einer von den Kollegen des erzählenden Schwarzbartes, hatte infolge heftiger Scheltworte, die er sich zugezogen durch unordentliche Führung, aus welcher denn auch Vernachlässigungen im Dienste entstehen mußten, und von denen die durch ihn verschuldete Entweichung des geliebten Koko nicht die geringste gewesen, Knall und Fall das Haus verlassen. Er war, gleich nachdem Kokos Verlust ruchbar geworden, über Nacht davongelaufen, wie Schwarzbart nach vorhergegangenen, im Rausche ausgeplauderten Äußerungen sicher glaubte, der nicht fernen russischen Grenze zu, um in jenem Reiche Soldat zu werden. Wenn nun schon zwei tüchtige Wärter – denn es gab neben Schwarzbart noch einen Rotbart – notdürftig hinreichten für die Pflege der Tiere, so fehlte doch Antoine als geschickter, wohlsprechender, etwaige Honoratioren anständig haranguierender Erklärer, Umherführer, Explikator, sämtliche Affen zu belustigender Kurzweil aufregender Unterhalter. Schwarz- und Rotbart verstanden ihre Arbeit: » Et voilà tout! Ma, signore , für die Geschichte von die Natur gab es nur einen Antoine; er konnte reden wie eine Professore!« Bei »Naturgeschichte« gedachte Anton der mancherlei von seltsamen Tieren handelnden Bücher, die Tieletunke und der Pastor ihm zu lesen gegeben. Das müßte auch keine Hexerei sein, dachte er, von diesen verschiedentlichen vier- und zweibeinigen Geschöpfen verschiedentliches zu erzählen. Und indem er mehrere in ihren Kasten und Verschlagen neugierig musterte, fiel ihm eines auf, dessengleichen er auch im Abbild noch nicht gesehen, ein bärenartiges und doch auch wieder vom Bären abweichendes Ungetüm. »Der ist wohl sehr grimmig, der da?« fragte er seinen neuen schwarzbärtigen Gönner. Statt eine mündliche Antwort zu geben, ging dieser dem Käfig zu, steckte seine Hand zwischen den Stangen durch, packte das Beest an der Schnauze, schüttelte es tüchtig und sagte, während er Anton aufforderte, ein gleiches zu tun: »Wie ein Kind!« Anton setzte fürs erste in die Kindlichkeit geringes Vertrauen und hielt sich in achtungsvoller Ferne. Er näherte sich indessen einigen anderen Behältern, sah dahin, dorthin und allmählich schwanden die schwarzen Schatten aus seiner Seele. Das bunte Leben zerstreute ihn wirklich, wie Madame Simonelli vorher versprochen. Es brüllte, grunzte, quiekte, zischte, schwatzte vor, neben, über ihm. Hellgeschmückte Vögel riefen ihm sanft ihr »Ara« zu; gelb- und rotbehauptete Kakadus verschwiegen ihren Namen nicht; einige frei umherlaufende seltene Ziegen stellten ihm ihre Kinder vor; ein Strauß und ein Kasuar, ebenfalls zu diätetischer Promenade freigelassen, schritten bedächtig an ihm vorüber, als wollten sie ihn auffordern, einen von ihnen beiden zu besteigen und einen Ritt durch die Wüste zu versuchen; ein Lama drückte die Herzlichkeit seines Empfanges durch häufiges Anspucken aus; und unzählige Affen, vom größten wie kleinsten Kaliber, waren augenscheinlich bemüht, unserem Reisenden die Honneurs des Hauses zu machen und ihm seine Grillen zu vertreiben. Sie zeigten sich ihm in allen erdenklichen Stellungen und Posituren, von den verschiedensten Seiten, gingen bald teilnehmend in seine ernsteren Lebensansichten ein, wobei sie tief nachdenkliche, ja kummervolle Mienen zum besten gaben, spotteten ihm aber gleich darauf jeden Ernst durch lustige, frivole Gebärden hinweg, gleichsam als wollten sie ihn zum Leichtsinn auffordern und ihm in ihrer Sprache sagen: »Entäußere dich deiner Sorgen, amüsiere dich, nimm die Sachen leicht; es ist auf Erden nicht der Mühe wert, sich zu ärgern oder zu grämen.« Anton mußte nicht sein, der er war, nicht der geistig begabte, von Geburt bevorzugte Mensch, wenn diese fratzenhaften Zerrbilder menschlicher Erscheinung ihn gleichgültig lassen sollten. Er empfand sehr tief jenen ahnungsschweren Schauder, der uns jedesmal durchdringt, wo es sich um geheimnisvolle Beziehungen, Ähnlichkeiten, Verwandtschaften des Menschlichen mit dem Tierischen handelt. Doch steckte sein Naturphilosoph noch zu fest im unentwickelten Keime, um auf die Dauer über die halb kindische Lachlust triumphieren zu können. Waren es doch die ersten Affen, die er sah! Er begrüßte sie als Brüder und vergaß in ihrem Umgang die verlorene Börse. Er ließ sich in Spiele mit ihnen ein, wobei er zuletzt selbst ein Affe wurde, der nachzuahmen versuchte, wie sie ihm nachahmten. Der Schwarzbart ging ab und zu. Von der Affengruppe zu den Damen, von den Damen zu Anton und den Affen. Er war einem außerordentlichen Botschafter nicht unähnlich, hielt auch mitten im Raume diplomatische Konferenzen mit seinem Kollegen, dem Rotbart. Anton, zu sehr in das Affentum vertieft, um zu bemerken, was von den Bewegungen der Menschen ihm galt, wurde endlich durch das Erscheinen der Damen gestört. Madame Simonelli nahm das Wort. Madame Amelot, auf ihrem Nacken den wiedergefundenen Koko, ihr französisches Lesebuch vor den Augen, schien stumme Zeugin bleiben zu wollen. Man stellte ihm den Antrag, wenn er vielleicht für seine Zukunft keine bestimmten Absichten hege, in den Dienst des Hauses zu treten. Seine Gagen sollten denen des böslich Entwichenen gleichkommen, und an den Trinkgeldern, von Schaulustigen in die Büchse geworfen, würde ihm sein Dritteil nicht entgehen. »Wir brauchen einen zierlichen jungen Mann von Lebensart, und der sich gut auszudrücken weiß. Denn wir wollen uns auch darin vor anderen auszeichnen. Eine Schwierigkeit nur könnte hinderlich sein, wenn vielleicht, durch was immer für einen ›Akziden‹, die ›Papiere‹ des Reisenden nicht in der Regel wären!« »Welche Papiere?« fragte Anton, in seiner gänzlichen Unwissenheit über ein Papier, welches man Reisepaß nennt. Als ihm die Sache deutlich gemacht wurde, stand er wie vom Blitz geschlagen. Regelloser konnten keines Landstreichers Papiere erfunden werden, denn er besaß auch nicht ein schmales Streifchen, welches nur dem Abschnitzel eines Ausweises ähnlich gesehen hätte. Nach seinem Namen befragt und seinem Stande, verhehlte er nicht, daß er Körbe geflochten habe und sich Anton nenne. Übrigens sei er ein Waisenkind. »Anton? Anton?« wiederholte Madame Simonelli mit jenem Nachdruck, der bezeichnet, daß man Licht erblickt. »Das ist auf deutsch so viel wie Antoine? Pierre, sieh' doch nach im großen Portefeuille, wo die Affichen liegen. Es müssen sich dort eure Pässe vorfinden. Antoine ist ohne Paß davongelaufen; er weiß, daß man auf dem Wege zur Galeere dergleichen nicht braucht.« Antoines Paß wurde gebracht. Die Personalbeschreibung traf nicht sehr genau zu, aber Figur, Alter, Farbe der Haare kamen doch leidlich überein. Anton stand lange unschlüssig. Madame Amelot warf ihm übers französische Lesebuch einen Blick zu, der fragen zu wollen schien: »Wie wird's denn? Ich dächte doch?« und so weiter. Der Blick wirkte . Anton ließ sich ins Französische übersetzen, nahm die Stelle an und hörte von nun an auf: »Antoine!« Einundzwanzigstes Kapitel Der Aufenthalt in kleineren Städten konnte für eine so großartige Unternehmung, wie jene der Madame Simonelli, stets nur ein vorübergehender sein. Deshalb finden wir sie in P., wo eine große, heizbare Bude für sie aufgeschlagen worden, während noch in R. nichts weiter als sämtliche zu einer Wagenburg sinnreich vereinte Fourgons, mit Leinwand überdeckt, den Zwinger bildeten. Antoine prangt bereits in vollem Putz. Schmiegsame Lederhosen und ein kurzes Jäckchen von schwarzem Samt, mit silbernen Knöpfen à la Figaro besetzt, kleiden ihn allerliebst. Was über die Tiere vorzutragen ist, hat er sich rasch zu eigen gemacht. Die mündlichen Überlieferungen der Damen wie der ausländischen Wärter, seiner Kollegen, sind durch ihn mit seinen eigenen Jugenderinnerungen aus Raff und ähnlichen, den Liebenauern zugänglichen Zoologen in ein harmonisches Tanze verschmolzen worden. Er lügt ein hochansehnliches Publikum – zum Teil aus Polen bestehend – auf deutsch, doch nur mäßig an und gleitet über fragliche, dunkle Punkte mit bewunderungswürdiger Zuversicht hinweg. Dabei flößt er den Anwesenden Erstaunen ein durch seinen ungezierten Ausdruck, da er nicht den Ton gewöhnlicher Marktschreier und öffentlicher Ausrufer annimmt, sondern vielmehr natürlich, mit wohlklingender Stimme anmutig redet. Auch verfehlt er, nicht, mit poetischen Andeutungen hinzuweisen auf die (durch ihn und seinen Einfluß bei Madame Simonelli beliebte) neue Anordnung in der Reihenfolge der Käfige, vermöge welcher allerlei in die Augen springende Gegensätze und Wirkungen erreicht worden sind. Der apathische, von seinen Schollen träumende, hin und her schaukelnde, langweilige Eisbär ist zwischen einen gefleckten Panther und einen schönfarbigen Leoparden gebracht. Aber ihm windet sich in unaufhörlicher Bewegung die schlankste, ruheloseste Tigerkatze. Tiger und Hyäne sind getrennt durch jenes gutmütige, sanfte Ungetüm, dessen sehr lange Schnauze Monsieur Pierre im vorigen Kapitel so vertraulich handhabte, was Anton mit Furcht sah, was aber Antoine , seiner innigen Beziehungen zur Schnauze sicher, jetzt ebenso vertraulich tut, wobei ich eingestehen will, daß gerade an diesem Tiere mein guter, wahrheitsliebender Anton zum frechsten Scharlatan wurde; ohne seine Schuld freilich. Denn es war ihm als Bradipus ursinus , als bärenartiges Faultier auf seinen Katalog gestellt worden. Madame Simonelli band ihm auf die Seele, die Seltenheit dieses erst »neuentdeckten« und gleichsam in ihrem Auftrag erfundenen Monstres gebührend hervorzuheben. Ja, sie ging so weit, ihm anzudeuten, er dürfe, wenn gläubige Hörer versammelt wären, wagen, es solchen als Riesenfaultier oder vorsündflutliches, fabelhaftes Megatherium zu überantworten! Zwischen besagtem Megatherium – genau betlachtet nichts anderes als ein langnasiger bengalischer Bär – und unserem Anton bestand bereits das herzlichste Freundschaftsbündnis. Petz, der Indier, fraß für sein Leben gern Äpfel, und Anton erlabte ihn mit dieser paradiesischen Frucht, wo er wußte und konnte. Welche Folgen diese Freundschaft hatte, und wie lediglich durch sie ein wichtiger Wendepunkt in Antons Leben eintreten sollte, – das werden wir seinerzeit erfahren. Die beschwerlichste, schmutzige Arbeit, wie sie Wärtern solcher Tierbuden obliegt, ward Anton nicht zugemutet. Er blieb »Bruder Redner« und machte nebenbei den oft in Anspruch genommenen, aber stets freundlich behandelten Serviteur seiner Herrin und ihrer wunderschönen Tochter, die in einer eleganten Wohnung, nicht fern der Bude, hausten. Beide freuten sich feiner Sauberkeit in Tracht, Haltung und Betragen. Madame Simonelli entdeckte sehr bald das ihm eigentümliche Sprachtalent, wußte es zu wecken, zu nähren, und schon nach Verlauf weniger Wochen wußte Anton seinem neuen Namen Ehre zu machen und sich mit seinen Damen einigermaßen französisch zu unterhalten. Trinkgelder gingen jetzt reichlicher ein, als sonst je. Weil er mit vornehmer Gleichgültigkeit die große Büchse schüttelte und dabei – nicht ohne sich gelegentlich nach Rot- und Schwarzbart zu wenden – ausrief: »für die Aufwärter, wenn's beliebt?!« konnte zwar niemand daran denken, daß er für sich begehre, beeilte sich aber dennoch jedermann, den liebenswürdigen Sammler zu erhören, sogar junge, schüchterne Mädchen erbaten sich heimlich flüsternd von den Litern einige Silbermünzen, um sie errötend in den großen Spalt werfen und in die unausfüllbare Tiefe fallen hören zu dürfen. Weil Anton mit seinen Genossen teilte, ohne nachzuzählen und zu rechnen, und weil diese bei den reichlichen Spenden, die ihm und seiner Persönlichkeit galten, zwiefach ihre Rechnung fanden, so blieben sie voll Ergebenheit für ihn, gönnten ihm jede Auszeichnung, welche Madame Simonelli ihm sonst zuteil werden ließ, und priesen ihn um so höher, als er stets bereit war, daheim zu bleiben, die Aufsicht zu führen, wenn nach beendigter Schaustellung die Bude geschlossen ward, und sie eine Schenke besuchen wollten. Diese Stunden der Einsamkeit, wo ihm jegliches menschliche Wesen fern und er allein unter reißenden Bestien weilte, wurden ihm bald unendlich teuer und wert. Zwei tüchtige eiserne Öfen strömten genügende Wärme aus, die Vögel schliefen, die Raubtiere gingen mit leisen, kaum hörbaren Tritten in ihren Kerkern auf und ab, oder sie ruhten, von der kürzlich erfolgten Fütterung satt und schlaftrunken, auf ihrer Nachtstreu. Das waren die Stunden, wo der im neuen fremden Leben umherirrende, nach außen gezogene Mensch in sich selbst zurückging, das heißt: in seine Vergangenheit. Er hatte sich eine Geige gekauft, nicht eine so kostbare, wie Carino ihm in der wilden Weinlaube dargereicht, aber doch um vieles besser als jene, von der Ottilie damals die Saiten abschnitt, und die Anton bei der »Gokschischen Masse« zurückließ. Auf dieser Neige spielte er, wenn er seine einsamen Abendstunden feierte, in Erinnerungen von Wehmut und Heimweh versenkt, die alten Liebenauer Melodien, und zwar, wie ich ausdrücklich erwähne, zur vollen Befriedigung des hohen versammelten Publikums. Sogar Seine Majestät der Löwe geruhten durch unterdrücktes Brummen Teilnahme kundzugeben. Alle lauschten, keins heulte. Es wurde weniger geplaudert und fanden minder Störungen statt, als bei vielen musikalischen Teezirkeln, wo man die Virtuosen quält, bis sie spielen, und wo man nicht auf sie hört, wenn sie es tun. Antons Hörerkreis war ganz Ohr. Es widerfuhr dem Liebenauer Orpheus bisweilen, daß er mit seinen weichsten Tönen und seinen kindlichsten Erinnerungen – einschlief. Dann schob er sich zurück auf den Sitz, den er sich am Ende der langen Bude von wollenen Decken kunstreich gebaut, die Geige entsank den Händen, er schlummerte, bis Rot- und Schwarzbart, aus dem Gasthause zurückkehrend, ihn weckten, worauf er sich dann hinüber zu Madame Simonelli begab. Denn er genoß auch den Vorzug, bei ihrer Wohnung sein Stübchen zu haben. Schon mehrere Male hatte er, mit irgend einem Auftrage zufällig und rasch bei ihnen eintretend, vernommen, daß er ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter unterbrach, das ihm gegolten. Einzelne Wörter, die er eben noch davon gehört, ließen ihn vermuten, es sei da von seinen musikalischen Feierstunden die Rede; auch davon, daß er dieselben bisweilen mit einem Schläfchen beschließe; ja, daß er schlafend allerlei Geheimnisse ausplaudere. Madame Simonelli neckte ihn einigemal mit einer »verlassenen Liebe«; Madame Amelot lächelte dabei vor sich hin, und Anton glaubte seinen Ohren kaum trauen zu dürfen,, als er die schöne Frau lispeln hörte: » Tilltonque «, was höchst wahrscheinlich »Tieletunke« bedeuten sollte. Diesen Liebenauer Spottnamen konnte man nur aus seinem Munde vernommen und er konnte ihn nur im Traume vertaten haben! Man hatte ihn also belauscht, während er schlief? Und mit welcher Absicht? Offenbar um sich zu überzeugen, ob er auch vorsichtig mit Feuer und Licht umgehe! Denn damit war nicht zu spaßen; das sah er selbst ein, er fand es billig, daß er kontrolliert werde. Aber er verspürte doch auch ein Lüstchen, gelegentlich zu belauschen, wer ihn belausche; das ist ihm auch nicht übel zu deuten. Nun soll aber einer mit Ungeduld auf etwas harren, dann geschieht es gewiß nicht. So ging es Anton. Seitdem er auf die Lauscherin lauert, will sich keine einstellen. Er findet es bald lächerlich, die schöne Schlafstunde sich durch Neugier zu verkümmern. Er gibt das Lauschen auf und schläft wieder. Er träumt auch. Der Traum führt ihn nach Liebenau. Doch kehrt er nicht heimlich heim, wie er entfloh. Nein, öffentlich, prunkvoll; er hält einen Triumphzug. Die Bestien der Menagerie haben ihn zum Herrn erwählt; er steht, die Geige spielend, auf einem goldenen Wagen, der mit Kränzen umhangen und ausgeschmückt ist, und nicht etwa mit gewöhnlichen Blumenkränzen, wie jeder andere Triumphator dieselben haben könnte. Ei, behüte! Bunte Vögel sind es, die Girlanden bilden. Aras, Kakadus, seltenste Papageien, Loris und Perüchen jeder Art und Farbe hängen mit den Schnäbeln sich verkettend und ineinander schlingend zusammen. Löwen und Tiger ziehen den Wagen. Ein Mandrill und ein Pavian reiten, ersterer auf einer trefflich zugerittenen Hyäne, der andere auf einem »Paß« gehenden Lama daneben her. Strauß und Kasuar führen den Zug an; unzählige kleine Affen folgen ihnen paarweise, sich die Pfoten reichend, wie Schulkinder bei einer Prozession. Der Eisbär trägt einen Pelikan im Rachen, ohne ihn zu beschädigen. Im allgemeinen wird vortrefflich Takt gehalten, denn jeglich Geschöpf lauscht auf Antons Geige. Ottilie tritt heraus! »Tieletunke!« ruft Anton, springt vom Wagen, achtet nicht das Zetergeschrei mehrerer Affen, denen er unsanft auf die Schwänze tritt, bricht sich Bahn zur Freundin der Kindheit, – da erscheint, er weiß nicht, woher sie plötzlich kommt, Madame Amelot, das Schloßfräulein an Schönheit hell überstrahlend, schiebt Ottilie zur Seite und fragt lächelnd; » Mais camment peut-on aimer ce quit s'appelle Tilltonque? « Anton will sich verteidigen, das Traumgesicht zerstiebt, er erwacht – wähnt noch die letzten Worte zu hören – und sieht am entgegengesetzten Ende der Bude durch den Ausgang eine weibliche Gestalt entschlüpfen, die auffallende Ähnlichkeit mit Madame Amelot verrät! – » Comment peut-on aimer ce quit s'appelle Tilltonque? « Diese seltsame Frage nahm er mit in sein Bett, begab sich jedoch am nächsten Morgen nach einem Buchladen, woselbst er das beste Wörterbuch und die beste französische Sprachlehre, so für Geld zu haben waren, käuflich an sich brachte. Denn er fand es geziemend, sich so gut und richtig wie nur immer möglich in einer Sprache ausdrücken zu lernen, welche die Muttersprache bei einer Dame sei, die er als Tochter seiner Gebieterin zu verehren habe. Zweiundzwanzigstes Kapitel Also Madame Amelot soll die Lauscherin gewesen sein? – Mir ist das ziemlich klar. Und auch dir, mein junger Leser, wird es nicht unwahrscheinlich vorkommen. Die Leserin freilich schüttelt das Köpfchen, als wolle sie äußern: wunderliche Gesellschaft, mit der man in diesem Buche zusammentrifft! Meine Gnädige, ich muß Ihnen recht geben. Sie ist etwas gemischt, die Gesellschaft, und der Autor hat gewichtige Gründe, vorauszusetzen, daß sie noch gemischter werden wird. Doch erlaube ich mir zu erinnern, wie der Titel meines Romans mich im voraus schützt und gegen derlei Beschwerden rechtfertigt. Wer sich unter Vagabunden begibt, muß auf das Schlimmste gefaßt sein. Ich kann's nicht ändern. Ich verarbeite meinen Stoff, wobei ich mich verpflichte, dies so sittsam und rücksichtsvoll zu tun, als sich mit der Wahrheit und Natürlichkeit vereinbaren will. Es ist so und nicht anders: Madame Laura Amelot war die Lauscherin. Jedes Kind muß das begreifen. Nur unserem Kinde Anton war es noch nicht deutlich. Seine Bescheidenheit ließ ihn nach langen Zweifeln, Besinnen, Erwägen zuletzt ins klare kommen, er habe sich, noch halb im Traume, getäuscht; die Erscheinung sei nicht wirklich, sie sei ein Spiel seiner Einbildung gewesen, »denn wie käme Madame Laura dazu? ... ach, nicht daran zu denken!« Mochte Madame Amelot ihn täglich über seine Fortschritte im Französischen prüfen, mochte sie ihn bei jeder Gelegenheit auffordern, ihr ein deutsches Liedchen zu singen, und dabei seine liebliche Stimme loben, mochte sie ihm sogar Unterweisung im Gitarrespiel angedeihen lassen, mochte sie französische Chansons mit ihm einüben und ihm dabei die Versicherung geben, seine Aussprache sei für einen Deutschen bewunderungswürdig, mochte sie endlich mit klaren Worten seiner stillen Abendstunden, seiner Phantasien auf der Geige – ja mochte sie seiner Träume neckend gedenken! Er blieb ein für allemal blind. Madame Simonelli hatte in P. gute Geschäfte gemacht, über Gn. und Brg. war sie, samt ihrem Gefolge von Menschen und Tieren, bis D. gedrungen. Monate sind verflossen. Der Frühling ist da. Alles ringsumher ahnet frisches Leben und Streben. Sogar die Vögel, die armen Gefangenen, an ihre Stange gekettet, erwachen aus frostigem Winterphlegma und wechseln zärtliche Worte. Nur Anton spürt nicht, was um ihn her geschieht. Er lebt in ungestörtem Eifer seinen Pflichten, lernt daneben fleißig aus seiner Sprachlehre, übt Gitarre und Gesang, schreibt zierlich Noten – (ein Erbteil des seligen Großvaters!) – liest allerlei gute Bücher aus Leihanstalten und würde sich glücklich fühlen, wenn nicht zweierlei unangenehme Empfindungen bisweilen diese genügsame Zufriedenheit unterbrächen. Erstlich entbehrt er den stillen, wehmütigen Frieden seiner dunklen Abendstunden, die teils in dem Maße schwinden, als der Tag wieder zunimmt, teils nicht mehr die alte Wirkung auf ihn üben, seitdem mit den Erinnerungen an Liebenau sich Erinnerungen an jene geträumte Erscheinung der holden Laura durchweben. Zweitens aber plagt ihn häufig eifersüchtiger Verdruß, den er nicht zurückzuweisen vermag, wenn junge Herren mit Madame Amelot plaudern. Besonders zuwider sind ihm darin die schönen Offiziere. Sie benimmt sich zwar durchaus vorwurfsfrei – dennoch –, was haben die Menschen mit ihr zu verkehren? denkt er. Sie haben ihr Eintrittsgeld bezahlt, um die Tiere zu betrachten, und wenn sie etwas Näheres über diese in Erfahrung bringen wollen – wofür bin ich denn da? Madame ist nicht als Menageriewärter angestellt. Die Zierbengel sind mir unausstehlich! – Im übrigen war er ganz zufrieden. Da kam ein schöner Pfingstsonntag. Die Bude war des Gottesdienstes halber geschlossen. Die anderen Wärter als gute katholische Christen hörten ihre Messe. Anton hatte die Wache. Lieblich drang der Festtags-Sonnenschein durch die Fugen des hölzernen Hauses, daß, von seiner Wärme durchdrungen, so manches alte Brett zu leben anfing und perlendes Baumharz aus durchsichtigen Knoten und Knorren schwitzte, wodurch ein aromatischer Duft verbreitet wurde, der Anton mit heimischer Mahnung an die Nadelholzwälder um Liebenau, an den Weg nach dem Fuchswinkel erinnerte. Langsam ging er den langen, leeren Raum auf und ab, vorüber bei den Käfigen der Tiere, welche üppig und faul dahingestreckt lagen, jedes in demjenigen Winkel seines Kerkers, wohin ein Sonnenstrahl reichen mochte, den der bunte, glatte Pelz sehnsüchtig einsaugte, als sei er für sie, die Heimatlosen, auch ein Gruß aus der glühenden Heimat. Nur » Bradipus ursinus « zeigte sich unruhig, Antons Schritte und Tritte mit lüsterner Lebhaftigkeit verfolgend, wie wenn er ihn auf sich aufmerksam machen wollte. Er fühlte sich vernachlässigt, und das mit Grund. Sein Gönner hat ihm schon seit Wochen jene Näscherei vorenthalten, womit er ihn den ganzen Winter hindurch so reichlich beschenkt; die Äpfel wurden schon selten und teuer. »Ja, drücke dich nur in die Stäbe«, sagte Anton, wie ihn der Spaziergang wieder in die Nähe des lechzenden Bären führte, »das hilft dir nichts. Die Äpfel gehen zu Ende. Was noch Erträgliches zu finden ist, das hebe ich meinen Damen auf für den Tisch. Madame Laura liebt Äpfel zum Dessert, und daß Madame Laura Amelot, geborene Simonelli, dir vorgeht, wirst du begreifen, dummer Tölpel, nicht wahr? – Sollte man nicht darauf schwören, das Beest verstände, was ich ihm vorrede? Wie es mich anschaut! Völlig mit menschlichem Blick! Ha, du gibst Pfote? Du kokettierst mit mir, Monstrum? Jetzt sitzt er auf den Hinterbeinen wie ein bittender Mops. Und wie häßlich! Vor lauter Häßlichkeit wird er schön! Nun gut, weil du gar so häßlich bist, und weil wir Pfingsten haben, heute noch einen. Aber merke dir's, Ungetüm, den letzten! Pour tout la dernière fois , bis die neuen Äpfel kommen! – Wenn ich dann noch bei euch bin«, setzte er hinzu mit einem Seufzer, dessen Bedeutung zu erklären ich nicht unternehme. Er begab sich nach dem Hintergrunde, wo, durch angekettete Doggen bewacht, die zusammengeschobenen Fourgons standen, und wo er in einem derselben eine Art von Vorratskammer angelegt, aus welcher nun der geringste der noch vorhandenen Äpfel ausgesucht wurde. Mit diesem, ihn schon von weitem vorzeigend, kehrte er zum Standort des zottigen Näschers, neckte ihn ein Weilchen, reichte ihm die ersehnte Frucht, zog sie wieder zurück und spielte so mit dem unbehilflichen Geschöpf, über seine fruchtlosen Anstrengungen lachend. Da klapperte es an der Kassentür, die zwar inwendig zugehakt, sich durch vertraute Hand von außen leicht öffnen ließ. Anton wendete das Gesicht nach dem Eingang. Die er mit ihrer Mutter in der Kirche gewähnt – Laura trat herein. »Ich muß doch sehen«, sprach sie, »wie ein Ketzer, ein Hugenott – (sie redeten immer Französisch miteinander) – seine Andacht am heiligen Pfingstfest begeht!« »Wer seine Pflicht erfüllt, Madame, ist immer in der Kirche. Das ist der beste Gottesdienst, wie meine Großmutter, Gott gönne ihr die Seligkeit, zu sagen pflegte.« »O Heuchler, der Ihr seid! Ist das Pflicht, mit dem häßlichen Tiere zu spielen?« »Eines geht mit den anderen, Madame. Während ich hier Wache halte, tue ich meine Schuldigkeit, und während ich meine Schuldigkeit tue, spiele ich mit dem häßlichen Tiere.« »Wißt Ihr nicht bessere Spiele als mit so garstigen Geschöpfen?« »Freilich, wohl möchte ich lieber mit schönen Geschöpfen spielen, aber dann würde die Frage entstehen, ob diese mit mir –« Er fürchtete eine Ungezogenheit begangen zu haben, weil er bei diesen kühnen Worten Laura fixiert. Deshalb brach er ab, schlug die Augen nieder und hielt, während er mit der rechten Hand verlegen an seiner Uhrkette zupfte, mit der linken dem Pseudo-Riesenfaultier den lang ersehnten Apfel vor. Petz machte seine lange Schnauze, so lang sie reichte, erwischte jedoch den Apfel nur halb, ließ ihn, zahnlos wie sein Rachen fast war, wieder fallen und der Apfel rollte die Bretter vor den Käfigen entlang, nach der linken Seite hin. Anton, immer noch ohne die Augen aufzuschlagen, suchte tappend mit der Linken den rollenden Apfel einzuholen; doch eben, als er ihn erfaßte, vernahm er aus Lauras Munde die kaum hörbar gehauchten Worte: »Um der Liebe Gottes willen, bewegt Euren Arm nicht, rührt Euch nicht von der Stelle.« Zugleich empfand er auf der Oberfläche seiner Hand eine leise Berührung derselben, wie von seinen Haaren. Der empfangenen Weisung gehorsam, ohne ihren Sinn noch zu ahnen, schlug er jetzt die Augen zu Madame Amelot fragend auf und sah sie totenbleich, erstarrt vor sich stehen. Er folgte mit den Augen ihrem Blicke, der auf seine linke Hand geheftet blieb – da sah er, wie über dieser und dem Apfel die Kralle des nächsten Nachbars, des großen bengalischen Tigers schwebte. Ein Druck dieser Kralle – und Antons Hand war zermalmt. Ehe er noch die blutige Gefahr recht übersehen konnte, hatte schon ein Hieb, den Laura mit dem umgekehrten, silberbeschlagenen Stabe ihres Sonnenschirms ebenso geschickt als kräftig führte, den Tiger heftig auf den Knochen getroffen, so daß dieser seine Tatze auf nur einen flüchtigen Moment erhob und zurückzog. Anton benützte natürlich diesen Moment ebenso rasch; aber kaum war seine Hand, die den Apfel nicht losließ, gerettet, so schlug auch schon des Tigers gewaltige Klaue wie der Blitz in das Brett, genau auf die Stelle, wo Hand und Apfel gelegen, daß die Späne umherflogen. Noch sammelte Anton passende Worte, um seiner Retterin für diese resolute Beihilfe zu danken ... Laura, bleicher wie zuvor, entfärbte sich immer leichenähnlicher – sie schwankte, – sie wäre zu Boden gesunken, hätte Anton sie nicht aufgefangen und behutsam nach dem bewußten Hintergrunde geleitet, wo er sie auf überflüssig vorhandene Decken sanft niedergleiten ließ ... Dergleichen Auftritte geben Romanschreibern häufig Gelegenheit, wunderliche Vorgänge zu schildern, bei deren umständlicher Auseinandersetzung ihre Feder gern verweilt. Wer von meinen Lesern Romanleser genug sein sollte, hier auch von mir erotische Scherze zu erwarten, findet sich getäuscht. Laura ist eine zu lebensfrische, natürliche Frau und Anton ein viel zu dankbares, aufrichtiges Gemüt, in diesem Augenblick an etwas anderes zu denken, als an den Augenblick selbst. Sie erholte sich bald. Als er ihr Dank stammeln wollte, gebot sie ihm Schweigen, reichte ihm ihre Rechte, forderte jedoch seine Linke, betrachtete dieselbe forschend, und nachdem sie sich überzeugt, daß keine Verletzung stattgefunden, sagte sie: »Wäre es doch zu schade gewesen um Finger, welche den Saiten so zitternde Töne zu entlocken verstehen! Künftig seien Sie vorsichtig, mit reißenden Tieren und koketten Weibern kann ein junger Mann gar nicht vorsichtig genug sein. Und dann«, fuhr sie fort, seine Hand noch immer festhaltend, »geben Sie mir ein Versprechen: das ist, mit niemand zu reden von dem, was jetzt hier geschehen ist, keine Silbe! Hören Sie wohl? Auch mit meiner Mutter nicht.« Als Anton schweigend und sich neigend bejahte, spürte er einen kurzen, doch kräftigen Druck jener Hand, welche die seinige hielt. Bevor er ihn erwidern konnte, waren beide Hände getrennt, und Laura schied, ohne sich im Fortgehen nach ihm umzublicken. »Mit niemand soll ich davon reden? Gut! Aber warum nicht? Damit meine Unvorsichtigkeit nicht kund werde? Was tut mir das? Die anderen wissen längst, daß ich und der Tiger auf gespanntem Fuße leben, und sie können sich ja nur freuen, wenn sie hören, wie ich mit heiler Haut davongekommen bin? Warum sollten sie's denn nicht erfahren? Der Madame bringt's doch wahrhaftig keine Schande, mich so klug und mutig beschützt zu haben? Das macht ihrem Herzen nur Ehre! Sie schien so teilnehmend – so erschreckt –, so ohnmächtig, als es überstanden war; sie hätte nicht mehr Mitgefühl zeigen können für ihren ...« Ja, da fehlte ihm das rechte Wort. Zwischen Bruder, Gatte, Liebhaber stand ihm die Auswahl frei. »Gatte« fand er nicht passend, weil sie von ihm getrennt lebte. »Bruder« war nicht vorhanden, weil Madame Simonelli nur ein Kind besah. »Liebhaber« –? Todesblässe, Ohnmacht, Händedruck zogen noch einmal an ihm vorüber. Sein Monolog verzog sich in unverständliches Gemurmel. Die Augen auf jene Decken lichtend, auf denen sie in Ohnmacht gelegen, bemerkte er den Apfel, den er hatte fallen lassen, um sie zu halten. Er hob ihn auf, trug ihn zum Käfig des Bären, steckte ihn lächelnd und liebkosend in den Rüssel und sagte zärtlich: »Wenn das kein Irrtum ist, was jetzt in mir vorgeht, so sollst du Apfel fressen, mein Alter, dieweil für Geld Äpfel zu haben sind. Und die besten! Das schwöre ich dir.« Dreiundzwanzigstes Kapitel Während des Mittagessens, bei welchem Anton stets die Wahl hatte zwischen den Rollen eines an königlicher Tafel aufwartenden Lakaien oder eines zur Tafel gezogenen Kammerherrn (denn er bekleidete streng genommen beide Chargen), benahm sich Laura, wie wenn durchaus nichts vorgefallen wäre, gleichgültig, unbefangen, artig. Anton fühlte sich mehrfach versucht, seine Linke verstohlen zu betrachten, ob sich nicht vielleicht Spuren des flüchtigen Druckes, Blutmale einer glühenden Berührung vorfänden. Die Hand sah aus wie gewöhnlich und brannte dennoch ins Herz hinauf. Madame Simonelli war übler Laune. Ihr »Permissionär«, der in K. die nötigen Voranstalten treffen sollte, meldete ihr, daß ihm der Reisende für die große Reitertruppe des Herrn Guillaume begegnet sei, und daß ersterer heute noch in D. eintreffen werde, um über Hals und Kopf einen Sommerzirkus errichten zu lassen. Sie wollen heute über acht Tage schon anfangen, sagte sie ärgerlich. Das verdirbt mir den Platz. D. wäre noch für einen Monat gut gewesen, wenn wir's allein für uns behielten. Jetzt ist's aus. Wer einmal bei uns war, tragt jetzt sein Geld zu den Reitern, während er ohne diese noch etliche Male uns besucht hätte. Nun kommen wir zu früh im Sommer nach K. Unterwegs in E. und Br. wird nicht viel zu machen sein. Und ich hätte mir K. so gern für den Winter aufgespart!« »Also in acht Tagen schon geht es fort von D.?« fragte Anton. »Ja, mein Junge. Bald nachdem Guillaume angefangen hat. Am liebsten bräche ich auf, ehe er noch eintrifft, denn wir sind nicht die besten Brüder, ich und er. Aber es geht nicht. Sie rücken mir zu rasch auf den Hals. Einige Tage hindurch werden wir uns in das Geld der D.ger teilen müssen, so gut und schlecht es gehen will. – Man klopft. Siehe nach, Anton, und wenn es etwa gar schon Herr Guillaume wäre, der uns besuchen will ...« »So bin ich nicht sichtbar!« rief Laura heftig und schickte sich an, die Flucht zu ergreifen. Doch augenblicklich warf sie sich wieder völlig beruhigt in ihren Sessel, denn die Tür war mittlerweile aufgegangen und eingetreten war ein kleiner, derber Mann von etwa fünfzig Jahren, dessen schwarze Augen über eine krummgebogene Nase herüber ins Zimmer leuchteten, wie wenn sie alles in Brand stecken wollten. Er trug einen dunklen Schnurrbart, der mit einem weißgrauen, doch vollen Lockenkopfe seltsam kontrastierte. Gekleidet war er halb stutzerhaft-elegant, halb abgeschabt-ärmlich. Mit ausgesucht verbindlichen Manieren näherte er sich Madame Simonelli, die ihm sogleich wie einem alten Bekannten die Hand zum Küssen entgegenstreckte. Von ihr zu Madame Amelot gewendet, lächelte er dieser, die reinsten und schönsten Zähne fletschend, eine schmeichlerische Huldigung ihrer täglich wachsenden und reicher blühenden Reize zu und nahm sodann, wie wenn er eingeladen und nur wichtiger Geschäfte halber zu spät erschienen wäre, seinen Platz am Tische, wozu er den eben leergewordenen Stuhl Antons benutzte. Dieser brachte das Dessert, stellte es auf und schob einen Teller mit prachtvollen Äpfeln vor Laura, wobei er sie ansah, als wollte er sie an die Apfelszene des Morgens mahnen. Nachdem er dies getan, machte er Miene sich zu entfernen. Madame Amelot jedoch ließ das nicht geschehen. Sie rief ihn zurück, hieß ihn, sich einen vierten Stuhl holen, lud ihn ein, diesen zu benützen und stellte ihn, da er zögerte, dem Fremden in aller Form als – Antoine, Diener und Freund des Hauses, vor. Worauf der kleine Herr sich voll militärischen Anstandes erhob und die Damen ersuchte, ihn gleichfalls zu präsentieren. Solche Mühe übernahm Madame »Mutter«; sie bezeichnete und nannte den weltberühmten Herrn Michaletto Sanchez, Künstler und Vater dreier allerliebster Töchter, die als Equilibristinnen und Drahtseiltänzerinnen ihresgleichen suchen. Michaletto wie Anton verbeugten sich gegenseitig, dann setzten sie sich wieder. Madame Simonelli kredenzte ein großes Glas Bordeaux, und Kuchen, Käse, Äpfel usw. wurden, wie man sich heutzutage darüber ausdrückt, in Angriff genommen. »Woher kommen Sie, mein alter Freund Sanchez?« fragte die Simonelli. »Wie gehen die Geschäfte?« »Abscheulich«, antwortete dieser, während er mit der Rechten ein Stück Chesterkäse, mit der Linken einen halben Borsdorfer seinen allerdings zur Zermalmung höchst fähigen und geeigneten Kauwerkzeugen überantwortete, »abscheulich, erbarmungswürdig. Dieser dicke Hahnrei von Guillaume mit seinen vierbeinigen Hilfstruppen hat mir K. totalement verdorben. Wir sind nun hierher nicht gereist, vielmehr geflogen , um ihm wenigstens den Vorrang von einigen Tagen hier in D. abzugewinnen, die wir benützen wollen, ehe sein verfluchter Reitstall fertig wird. Wir fangen morgen an in einem Salon; jawohl, nur in einem Salon, ausschließlich für die Noblesse. Eintrittsgeld ein harter Taler. Wie? Ah, nicht zu viel. Beim heiligen Blute, zu wenig! Sophia stellt jetzt andalusische Räuberszenen auf dem Drahte dar, im roten Mantel, die Flinte dabei, sie ladet, sie schießt – und diese Drapierungen! – Sie werden sehen und staunen. Lisette geht noch immer mit den Beinen oben an der Decke, aber ungleich rascher und gewandter, als vor drei Jahren, so lange ist's her, daß wir uns trafen? wie? – Damals hatte sie diese Force noch nicht. Rosalie, die jüngste, ist ein Satan von Schönheit und Bravour. Sie arbeitet auf dem Schlappseil. Früher mein Genre, wie Sie wissen. Ich war bekannt; ich war ein wenig bekannt, darf ich die Ehre haben zu versichern. In Madrid ließen sie die Stielgefechte leer, wenn es hieß: Michaletto wird arbeiten. Was brauche ich die Stiere zu sehen, rief einer dem anderen zu, haben wir nicht Michaletto Sanchez? Das tut wohl, mein Herr! Gut! Bei allen Heiligen, wenn es möglich wäre, so würde ich sagen: Rosalie übertrifft mich. Sie nimmt noch einen wilderen Schwung. Wolle Gott und seine Engel, daß die Mauern des Hauses fest stehen mögen, wo wir unseren Salon gemietet haben, sonst reißt sie alles zusammen. Und dann müssen Sie bewundern den Leuchtertanz, ausgeführt von Lisetta und Sophia. Der ist ganz neu, nie sonst produziert', meine Invention. Darin ist vereinigt Grazie, Kraft, Balance, Ausdauer. Der Bürgermeister X., ein Mann in meinem Alter, geriet in eine so heftige Leidenschaft, als er diesen Leuchtertanz gesehen, daß er sich entschließen wollte, mit uns zu gehen. ›Vater Sanchez‹, sprach er zu mir, ›du hast keinen Bajazzo; aus Liebe für diese himmlischen Gestalten will ich mit dir ziehen, will dir als Bajazzo dienen, damit ich nur täglich diesen Anblick genießen kann!‹ Glücklicherweise hat seine Gattin ihm keinen Urlaub erteilt, sonst wäre jene Stadt gegenwärtig ohne Oberhaupt. Schrecklich, aber wahr!« Madame Simonelli fand Vergnügen an Michalettos Geschwätz, weshalb sie fleißig sein Glas füllte, um ihn noch gesprächiger zu machen. Anton, anfänglich sehr geneigt, zu glauben, was er hörte, schenkte volle Aufmerksamkeit. Wie er jedoch wahrnahm, daß Laura sich langweilte und unverhohlen gähnte, wendete sich seine Aufmerksamkeit vom lustigen Prahler auf sie, und er beschäftigte sich ernstlich mit Vergleichungen, die er zwischen dem Gebiß des beglückten Vaters und jenem der gähnenden Schönheit anstellte, wobei er sich immer tiefer im Anschauen solcher Schönheit verlor. Weil aber Vater Sanchez nicht müde wurde, in Verzückung zu geraten über seine drei Töchter, so leitete die oft erwähnte Dreizahl unseren Liebenauer allgemach auf Onkel Nasus hin, der ja ebenfalls dreier Töchter Vater gewesen. Höchst natürlich geriet er dabei auf Tieletunke, und ehe er selbst noch wußte, daß er mit seinen Gedanken bei seiner kindlichen Liebe weile, war er schon von der Vergleichung zwischen Lauras und Michalettos Zahnreihen zur Vergleichung zwischen den Personen des jüngsten Freifräuleins von Kannabich und Madame Laura Amelot übergegangen. Einen gefährlicheren Übergang konnte es für ihn kaum geben. Jetzt darf ich nicht länger verschweigen, daß ich ein rein gehaltenes, sauber geschriebenes, blätterreiches Manuskript besitze, aus welchem ich schöpfe: Antons Tagebuch! »Selbstgeständnisse« nennt er's. Wir werden künftig erfahren, wie ich dazu gelangte. Er hat damit angefangen, auf einzelne Blätter die Eindrücke niederzuschreiben, die allerlei Erlebnisse auf ihn gemacht. Das hat er schon in Liebenau getan und auf Reisen fortgesetzt. Erst später hat er das Vorhandene zu einem Ganzen gesammelt. Gewiß könnte ich mir meine biographische Arbeit oft gar sehr erleichtern, wenn ich daraus wörtlich abschriebe. Doch da ein solches Verfahren dem Buche nachteilig werden müßte, durch einseitige Auffassungen und – vorzüglich im Beginn seiner Erfahrungen – noch sehr beschränkte Lebensansichten, habe ich vorgezogen, als Autor das Wort zu nehmen und im Namen meines Helden zu sprechen. Manche Zustände aber eignen sich besser, denjenigen selbst redend einzuführen, den sie zunächst betreffen. Deshalb sei mir gestattet, hin und wieder, ein Blatt unverändert einzuschalten. Wenn sich dies im Laufe der Geschichte von Zeit zu Zeit wiederholt, dürften solche Zitate auch das beste Zeugnis ablegen über die fortschreitende geistige Entwicklung eines jungen Mannes, bei immer reifer wird und täglich klarer sieht und denkt. Das nächste Kapitel sei einigen Auszügen dieser Gattung gewidmet. Vierundzwanzigstes Kapitel Aus Antons Tagebuch. D., den 3. Juni 18.. »Sie ist viel schöner, als Tieletunke, viel, viel! beaucoup ! wenngleich um einige Frühlings älter. Sie ist auch sehr gut, wohlwollend, mitleidig, tugendhaft. O, sehr. Um so erstaunlicher, weil sie die Frau eines ruchlosen Mannes war und eine Menagerietochter ist, weshalb sie von Kindheit auf unter reißenden Tieren lebte. Ich gebe mir alle nur ersinnliche Mühe, an Ottilie zu denken, wie früher. Seitdem Madame Laura meiner linken Hand zu Ehren in Ohnmacht zu sinken so gütig gewesen, muß ich immer an Madame Laura denken. Es fällt mir jetzt erst ein, daß Ottilie von Kannabich auffallend mager war. Laura hat eine Figur wie die braune Bärbel, doch ganz in Weiß und Rot. Ihre Haut ist Samt, sie hat auch etwas von Pfirsich-Pflaum. Das weiß Madame sehr wohl. Sie weiß überhaupt, daß sie schön ist. Sie müßte auch taub sein, wollte sie es nicht wissen, denn die faden Laffen sagen es ihr von früh bis Abend. Neulich, als sie mich im Französischreden übte, wobei sie auch versuchte, deutsch zu lernen, was sie durchaus nicht zustande bringt, fragte sie mich, wie »peau« auf deutsch genannt werde. Ich dachte, sie bezöge diese Frage auf den Eisbären, vor dessen Käfig wir just standen, und antwortete: »Fell – Pelz.« Wie konnte ich anders? Nachher, als wir aus der Bude zum Essen gehen wollten, rief sie mir zu: »Antoine, Sie mir geb' der Parasol, ohne das der Sonn' mich verbrenn' mein Fell-Pelz!« Da war sie so schön, wie sie das sagte, daß ich ihr am liebsten auf offener Straße zu Füßen gestürzt wär'! Aber ich hütete mich wohl.«   Den 11. Juni. Gestern sind wir abends in der Vorstellung des Herrn Michaletto Sanchez gewesen. Madame Simonelli, Madame Laura und ich. Beinahe wäre ich zurückgeblieben. Ich war in meiner gewöhnlichen Tracht und wollte die Frauen als Diener begleiten. Das war auch der Frau Mutter ganz recht. Laura jedoch bestand darauf, daß ich die hohen Stiefeln und kurze Jacke ablegen und den braunen Tuchrock anziehen mußte, den ich mir für die Kirche habe machen lassen. Ich mußte mich auch neben ihnen hinsetzen. So lange die drei Sanchezschen Mädchen arbeiteten, ließ mich Madame Amelot nicht aus den Augen. Ich mag wohl sehr kuriose Gesichter gemacht haben vor Erstaunen. Der Leuchtertanz ist wirklich wunderhübsch. Das heißt, die Leuchter tanzen nicht, und die Mädchen tanzen eigentlich auch nicht. Wie man's nehmen will. Die eine steht mit dem linken, die andere mit dem rechten Fuß, jede auf einem großen vergoldeten Leuchter. Ihre beiden anderen Beine schweben in der Luft. Mit dem einen Arme halten sie sich umschlungen, der andere hilft balancieren. Sie sind angekleidet wie Pagen, oder so etwas. Beide sehr gut gewachsen, es sieht also allerliebst aus, doch finde ich es nicht recht schicksam. Die oberen Kreise der Leuchter sind eingerichtet, daß sie sich leicht drehen, und nun fangen die beiden Frauenzimmer sich zu wenden an und wechseln Seiten und Arme, biegen sich vor und zurück und verfertigen die kunstvollsten Stellungen. Einigemal meinte ich, sie müßten herunterpurzeln. Aber nichts da. Gleich sind sie wieder aufgerichtet und stehen so fest und gerade, wie wenn sie wirklich ein paar bemalte Wachskerzen wären. Die Rosalie, die sich auf dem schlaffen Seile schwingt, ist die hübscheste; das heißt, Madame Amelot reicht sie nicht das Wasser. Doch hat ihr Papa die Wahrheit von ihr gesagt, sie ist wirklich ein Satan. Nicht nur auf dem Seile, auch so. Höchstens vierzehn Jahre kann sie haben, und doch liebäugelt sie mit allen Herren im ganzen Saale. Sogar mit den Alten. Einigemal warf sie mir recht kecke Blicke zu, und jedesmal, wenn sie das tat, zuckte Madame Amelot mit den Ellbogen, als wollte sie mich anstoßen und mich aufmerksam machen, daß ich hernach schon gar nicht mehr wußte, wohin ich gucken sollte. Morgen oder übermorgen treffen Guillaumes ein. Ihr Zirkus ist fast fertig. Da haben sich die Zimmerleute gesputet.«   Vom 17. Juni. »Gestern gab Herr Guillaume seine erste Vorstellung. Prachtvoll! Diese Kleidungen; dieser Reichtum an Dienern und Musikern; die vortrefflichen Reiter und Voltigeurs! Ach, und die Pferde! Immer eins herrlicher als das andere! Habe ich wunder gemeint, was unseres seligen gnädigen Barons Leibschecke für ein Roß wäre. Na, gute Nacht! Müßte das ein Glück sein, auch so herumzujagen und das Jubelgeschrei der Menschheit um sich her zu hören. Die Reiter wurden wie berauscht davon, sie schrien zuletzt mit aus voller Kehle, wenn sie vorbeisausten, daß mir vom Zuhören und Zusehen der Atem ausging. Solch ein Mensch möchte ich sein wie der Furioso. Wie der unbeweglich auf seinem nackten Rosse stand, und das flog unter ihm fort, und er stand immer fest. Madame Adelaide ist recht schön, doch mir könnte Demoiselle Jartour besser gefallen, sie hat einen melancholischen Zug um die Augen, als ob sie unglücklich wäre. Ich konnte mir's nicht versagen, diese Personen, die mir wie übernatürliche Wesen erschienen waren, in der Nähe anzuschauen. Da meine Damen geschlossene Sitze hatten und ich unter den stehenden Herren mich befand, wurde es mir leicht, nach den Räumen zu dringen, wo die Reiter und die Rosse Toilette machten. Herr Michaletto Sanchez war auch dort, wie wenn er bei sich zu Hause wäre, und stellte mich dem Herrn Direktor Guillaume vor. Nein, aber was die Menschen unzuverlässig und falsch sind! Das ist zum Erschrecken! Der nämliche Sanchez, der neulich bei uns auf Herrn Guillaume geschimpft, was er nur herausbrachte, war jetzt, wie wir Franzosen sagen, frère et cochon mit ihm, wie mit seinem intimsten Freunde. Da verlasse sich einer auf die Leute! Herr Guillaume »arbeitet« jetzt nicht mehr; er macht es sich bequem, dirigiert das Ganze, streicht das Geld ein und führt unterweilen die Peitsche, die er nicht schont, wie mir vorkommt. Er wäre ein stattlicher Mann, wenn er nicht einen so dicken Bauch hätte. Sanchez erzählte mir, daß dieser Guillaume zu den jungen Eleven gehört hat, die vor so und so viel Jahren ein Herr Majeur oder Mahier, als der Erste in dieser Art mit nach Deutschland brachte. Weil dieser sich Stallmeister des Königs von Spanien titulierte, heißen alle Kunstreiter in vielen Gegenden Norddeutschlands noch heutzutage »Spanische Reiter«, und wenn sie auch aus Buxtehude kämen. Dieser Herr Mahier drang mit seiner Schar bis nach der Türkei vor und brachte es dahin, im Serail des Großherrn eine Vorstellung geben zu dürfen. Die meisten der Schüler, die er bei sich gehabt, sind späterhin Direktoren von eigenen Truppen geworden, denen es gut gehen soll, als: Kleinschneck, Kolter, de Bach, Tourniaire und wie Michaletto sie nannte. Herrn Guillaume, na, dem geht es gewiß gut. Woher hätte er sonst sein Fett? Seine Gattin, die unter dem Namen Adelaide aufgeführt wird, scheint sich aber verzweifelt wenig aus ihm zu machen. Sie ist viel jünger als er. Sanchez behauptet, der Hanswurst der Gesellschaft wäre jetzt ihr begünstigter Liebhaber. Das wird wohl aber eine Verleumdung sein. Ich kann mir nicht denken, wie solch eine vornehm aussehende Dame ihrem Gemahl treulos werden oder gar einen Hanswurst lieben sollte, der sich im schmutzigen Sande umherwälzt und auf dem Kopfe steht, wie unsere Affen. Herr Guillaume war sehr freundlich gegen mich. Madame auch. Sie musterten mich und meine ganze Figur von oben bis unten, wie wenn sie mich kaufen wollten, und fragten mich dann, ob ich nicht Lust hätte, das »Metier« zu ergreifen. Ich erwiderte, ich würde mich wahrscheinlich sehr ungeschickt anstellen, denn ich hätte zeitlebens noch auf keinem Pferde gesessen. Nichtsdestoweniger, setzte ich hinzu, liebte ich die Pferde leidenschaftlich und wäre wie bezaubert von dem, was ich hier gesehen, so daß ich mich wie im Fieber befände! Sie luden mich ein, des Morgens manchmal in die Proben zu kommen. Ich könnte es ja, sagten sie, scherzweise versuchen. Warum nicht, das kann ich wohl tun!«   Den 18. Juni. Ich werde nicht einschlafen, ehe ich nicht die Eindrücke des heutigen Tages niedergeschrieben. Doch bin ich kaum imstande, die Feder zu führen, weil mir die Hand zittert. Meine Aufregung ist fürchterlich. Schon seit vorgestern abend, seitdem ich aus der Guillaumeschen Garderobe kam, ist Madame Amelot von der übelsten Laune gewesen. Ich schob das auf ihre Verstimmung wegen des großen Sukzesses, den die Reiter hatten, der uns die Einnahmen unserer letzten Tage notwendig schmälern mußte, und dachte nur an den lieben Brotneid, um so mehr, weil sich Madame Simonelli ehrlich darüber aussprach. Gestern begab ich mich in den Zirkus während der Morgenstunden, wo bei uns keine Seele anwesend war, und ich leicht abkommen konnte. Herr Guillaume empfing mich wie einen willkommenen Gast und ließ mir ein Pferd vorführen, um zu sehen, wie ich mich benehmen würde. Mir schlug wohl ein bißchen das Herz, aber weil Madame Adelaide und Demoiselle Adele Jartour zugegen waren, schämte ich mich, nein zu sagen und dachte: jetzt ist schon alles eins, und sollte es an den Kragen gehen, geritten muß sein. Kaum saß ich im Sattel, wurde mir zu Sinne, als ob ich darauf geboren wäre. Gott weiß, wie das zugeht, aber alle riefen es aus, und ich muß es selbst sagen, ein geübter Reiter könnte sich kaum besser halten. Niemand wollte mir glauben, daß ich noch nie zu Pferde gesessen. Ich tummelte das wilde Tier mit leichter Hand länger als eine Stunde hindurch in der Bahn, zum Ergötzen der Truppe. Ich wollte mich gar nicht von ihm trennen, und wäre nicht die Speisestunde herangerückt, ich säße, scheint mir, noch darauf. Herr Guillaume entließ mich nur, nachdem ich fest gelobt, wiederzukommen. Der Stallmeister versicherte mir, solches Talent sei ihm noch nicht begegnet, und ich müsse von Vorfahren abstammen, die mehr auf dem Pferde als auf dem Erdboden gelebt hätten. Meines Vaters, des Kavallerieoffiziers gedenkend, wollte ich schon zustimmend erklären, wie das zusammenhänge, aber ich gedachte meiner armen Mutter und verstummte wieder. Bei Tische erzählte ich den Vorfall. Madame Simonelli warnte mich, auf die Avancen, die man mir dort gemacht, nichts zu geben. »Sie möchten mir«, äußerte sie, »einen netten Burschen abspenstig machen, und du, mein Sohn, hättest, wenn du dich verführen ließest, auch nichts davon, als Reitknecht zu weiden, mit viel Plage und wenig Geld.« Madame Amelot, die schon vorher über Kopfschmerz geklagt, verließ die Tafel, ohne zu essen. Ich sah sie nicht mehr den ganzen Tag. Heute vormittag, eben dieweil ich mich zurechtmachte, um wieder in die Manege zu gehen, trat sie in unsere Bude, Pierre und der Rotbart reinigten die Käfige; ich hatte die Vögel besorgt und bürstete über meinem Gehrock. Da kam sie dicht an mich heran und sagte mir leise ins Ohr! »Wenn Sie noch einmal Madame Adelaide sehen, sehen Sie mich nie mehr. Sie haben die Wahl.« Dabei war sie fast so bleich, als da sie am Tiger ihren Sonnenschirm zerschlug, meine Hand zu retten. Ich fürchtete, sie werde wieder umsinken. Doch ehe ich noch antworten konnte, war sie verschwunden. Natürlich blieb ich, wo ich war, legte meinen Gehrock wieder in den Kasten, band eine Schürze vor und half den Knechten, um nur etwas zu beginnen. Aber ich wußte nicht, wie mir geschehen, noch was ich tat. Ich wußte auch nicht, sollte ich wütend sein, weil mir das Vergnügen zu reiten untersagt wurde, oder sollte ich entzückt sein über Lauras Eifersucht? Denn daß es Eifersucht ist, was sie zornig macht, darüber bleibt mir jetzt kein Zweifel mehr. Also Laura interessiert sich für mich? Die schöne, stolze Frau, meiner Herrschaft Tochter, für mich, den Korbmacherjungen? Nein, wenn sie das in Liebenau wüßten! Eine Stunde später kam Madame Simonelli auch in einer Art von Zorn oder Ärger oder Wut, – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, wie halt jemand ist, der sich eben heftig gezankt hat, – und befahl uns, die eiligsten Anstalten zur Abreise zu treffen. Morgen früh geht es schon fort. So geschwind? Wir haben noch nicht einmal die Affichen aus der Druckerei, auf denen die letzte Hauptfütterung angezeigt wurde. Gern wäre ich wenigstens heute abend in den Zirkus gegangen, die Reiterei noch einmal mit anzusehen. Doch wer dürfte so etwas wagen? Auch gab es bei uns schrecklich viel zu tun. Jetzt sind wir in Ordnung. Mit Tagesanbruch geht es ab. Fürs erste werde ich weder Zeit noch Raum zu schreiben finden. O! mein Himmel, was werde ich auf diese Blätter zu schreiben haben, wenn ich sie wieder zur Hand nehme?« – Soweit für diesmal die Auszüge aus Antons Tagebuchs. Fünfundzwanzigstes Kapitel Madame Laura Amelot scheint denn doch keine gewöhnliche Frau zu sein. Nachdem die Eifersucht ausgetobt, hat sie wieder weibliche Fassung und Würde gewonnen. Sie benimmt sich, als wäre zwischen Anton und ihr weiter nichts vorgefallen, und er weiß abermals nicht, woran er ist. Wir finden sie auf der Reise durch einige kleinere Städte, in welchen ihr Weilen von ganz kurzer Dauer ist, und holen sie, nach Verlauf eines Monats etwa, in K. ein, wo sie sich des breiteren festgesetzt haben, ohne daß im Verhältnis der Liebenden irgend ein bemerkenswerter äußerlicher Wechsel eingetreten wäre, wobei allerdings nicht zu verhehlen, daß sich Anton innerlich bedeutend verändert hat. Seine Träume sind Wünsche geworden, seine Wünsche Begierden. Sie waren einige Tage hindurch Hoffnungen. Diesen letzteren hat Lauras Zurückhaltung die Flügel gestutzt, und nun kriechen sie, ohne Aufschwung, fast erbittert am Boden umher, wo ihr Anblick ihm die Heiterkeit raubt. Er fühlt sich wieder Diener, nachdem er einen Augenblick lang gewähnt hatte, Herr zu werden. Sein Geschäft, – die Tiere, – die übelriechende Bude, das Publikum, – der Gesang, – die Musik, – alles widert ihn an. Leine Einbildungskraft weist ihn auf Guillaumes lustige Bande zurück. Er schwebt in wachen Träumen mit dem kecken Volk auf wieherndem Renner die Bahn entlang; seine seidenen Gewänder flattern rauschend beim tobenden Schalle der Musik. Er möchte die Flucht ergreifen, möchte den schnöden Affen, großen Katzen, Bären und Hyänen Valet sagen! Aber Laura lächelt ihn, wie aus Zerstreuung, einmal an, und es ist aus. Eines noch hält ihn aufrecht: das Bedürfnis zu lesen, zu lernen, wie sonst. Nur daß er es jetzt in Städten leichter befriedigen kann, als während seines Landlebens, französische Bücher wechselten mit deutschen, was die Leihbibliotheken besitzen, stöbert er auf. Unter anderen sind ihm auch Goethes Gedichte zugekommen. Viele hat er ausgeschrieben, manche auswendig gelernt. Eins rezitiert er, wo er geht und steht. Doch den Titel hat er umgeändert. Nicht Lilis, – nein »Lauras Park« nennt er's. Oft, wenn eine weichere Stimmung über ihn kommt, wiederholt er: »Denn so hat sie aus des Waldes Nacht Einen Bären, ungeleckt und ungezogen, Unter ihren Beschluß herein betrogen, Unter die zahme Kompanie gebracht Und mit den andern zahm gemacht! Bis auf einen gewissen Punkt, versteht sich! Wie schön und ach! wie gut Schien sie zu sein. Ich hätte mein Blut Gegeben, um ihre Blumen zu begießen!« Und dann fühlt er sich versucht, den indischen Bären herauszulassen aus seinem Käfig, an dessen Statt sich hinein zu begeben. Plötzlich aber ruft er sich den Schluß des Gedichtes wieder ins Gedächtnis und spricht mit Goethe: »– Götter, ist's in euren Händen, Dieses dumpfe Zauberwerk zu enden, Wie dank' ich, wenn ihr mir die Freiheit schafft: Doch sendet Ihr mir keine Hilfe nieder, – Nicht ganz umsonst reck' ich so meine Glieder: Ich fühl's! Ich schwör's! Noch hab' ich Kraft.« Wie er es aber auch sprechen, durchdenken, durchfühlen, drehen und wenden mochte, fruchtlos blieb doch jede seiner Bemühungen, die eigentliche Poesie ins Französische zu übertragen, um etwa den Inhalt derselben seiner Lili-Laura einigermaßen begreiflich und zugänglich zu machen. Anton wußte doch jetzt recht gut Französisch, sprach es so geläufig, beinahe wie Deutsch, und sprach es besser als jene, die eine fremde Sprache aus den Regeln der Schule erlernen, weil er es von lebendigen Lippen – und was für Lippen! – entnommen. Aber an diesem Versuche scheiterte jegliches Bestreben. Sinn und Worte und Form fand er für die meisten Strophen – dennoch fehlte ihm etwas, – und ohne dieses Etwas gerade wurde es eben etwas ganz anderes. Solche eigensinnige, unbesiegliche Sonderung zweier Sprachen fühlte unseren Freund auf mancherlei Betrachtungen über den Geist der Sprache im allgemeinen. Betrachtungen, welche man ebensowenig bei einem Menageriewärter suchen, als Goethe geahnt haben dürfte, daß ein solcher sich üben, ärgern und wiederum kräftigen werde an einem Gedichte, das er im Unmut unbefriedigter Leidenschaften einstmals hinwarf. Aber so geht es so geht es: »Der Urgeist streut den Samen in die Winde, Daß manch ein Körnlein Grund wie Boden finde!« Anton hatte niemand, dem er sich mitteilen konnte. Weder Schwarz- noch Rotbart, abgesehen von der verzeihlichen Roheit ihres Herkommens und Berufes, wären die Menschen gewesen, nur zu ahnen, geschweige denn zu begreifen, wie ein Jüngling von Antons einnehmender Persönlichkeit noch schmachten, zweifeln wolle nach Vorgängen, deren er zwei erlebt. Sie verließen so leicht keine Stadt und kein Städtchen, ohne Bande zu schlingen, die gleich anfänglich durch derbe, aber leicht lösliche Knoten gefestigt wurden. Doch waren sie praktische Leute und richteten die leichtere oder festere Verknotung ihrer Bündnisse schon im voraus danach ein, ob sie auf längeren oder kürzeren Aufenthalt am Orte zu rechnen hatten. K. war eine sogenannte »große Station«. Hier entsprachen dauernde Verhältnisse. Beide knüpften dergleichen mit gewohnter Leichtigkeit und Übung an. Aber beide versahen sich diesmal trotz ihrer Übung im Gegenstande der Wahl. Sie hatten die Herzen zweier Schwestern erobert, – Töchter eines Nachtwächters – die jedoch, vom strengen Vater mürrisch gehütet und besser bewacht, als das seinen Schlummerstunden anvertraute Stadtviertel, bis dahin ziemlich vorwurfsfrei gelebt und die Huldigungen der Tiermänner nur unter sehr bürgerlichen Absichten auf Ehestand angenommen hatten. Ja, was noch mehr, Pierre wie Jean, Schwarz wie Rot, fühlten sich wider Gewohnheit diesmal auch durch ernstere Neigung gefesselt, so daß bereits von »Anlegung des Ersparten, von Eintreten ins solide Leben, von Zurückziehen aus dem Geschäft usw.«, kurz von Dingen die Rede war, hinter denen die Heirat herzuziehen pflegt wie der Finnfisch hinter wandernden Heringen und aus ähnlichen Gründen. Der Herr Nachtwächter befand sich, mit höchst seltenen Ausnahmen, den ganzen Tag über daheim. Er trieb die sehr edle Flickschneiderkunst, die in Anbetracht ihrer oft erschwerten Kompositionen wohl eher unter Künste aufgenommen zu werden Anspruch hat, als jene Schneiderei aus dem Vollen, Ganzen. Seine Töchter waren mitwirkende Künstlerinnen. Da konnte weder von schwarz- noch rotbärtiger Liebe die Rede sein. Zwar gestattete der Zwillingsvater – denn Zwillinge waren die Nachtwächterstöchter – beiden Bärten, daß sie sich samt denen an sie befestigten Ausländern »auf Besuch« einfinden dürften; doch weder Pierre noch Jean waren Meister darin, während der langen Sitzungen die Fäden harmlosen Gesprächs spinnen zu helfen. Ihr Kauderwelsch war wilden Bestien verständlich, ihrem Kollegen Antoine, zur Not auch der Madame Simonelli. – Für anders Bewohner des Landes von der Düna bis zum Rhein bedienten sie sich gern der Zeichensprache, und für ihnen wohlgefällige Bewohnerinnen einer ganz entschieden ausgebildeten. Weil nun aber der flickschneidernde Nachtwächter die Eigenschaft besaß, in seiner Wohnung und als Familienvater ungleich schärfer zu vigilieren und ein besserer Stubentagwächter zu sein, wie er jemals ein Stadtnachtwächter gewesen, so blieb diesen Liebenden für den Austausch pantomimischer Symbole nur die »heilige Nacht mit blauem Sternenmantel«; diese gewissenlose Beschützerin so vieler Eltern betrügender Pläne gelobte ihren Schutz desto zuverlässiger, weil die durch den Schneider zu bewachenden Gefilde weitab lagen vom fernen Gäßchen, in welchem seine Zwillinge zurückblieben. Es kam nur darauf an, daß Antoine ins Vertrauen gezogen wurde, daß er so gefällig war, einmal die Nachtinspektion der Tierwelt zu übernehmen, denn ohne Aufsicht durften Bude und Inhalt nicht verbleiben. Dazu fand er sich willig und bereit. Nicht allein um der viel geplagten Knechte willen, die auch ihm stets dienlich sein mochten, mehr fast noch, um eine Veranlassung zu ergreifen, die sich ihm bei seiner gegenwärtigen Stimmung kaum erwünschter darbieten konnte. Ihn reizte die Aussicht auf eine Nacht unter wilden Tieren, allen Menschen fern, einsam und ungestört mit den Träumen, die etwa kommen würden, ihn zu besuchen. Deshalb machte er zu Hause förmliche Anzeige, daß Pierre und Jean Urlaub wünschten, und unterstützte ihr Gesuch durch sein Anerbieten, sie pflichtgetreu zu vertreten. Madame Simonelli fand nichts einzuwenden. Laura verriet Unruhe und gab ein mißfälliges Erstaunen kund, welches der Bittsteller scheinbar nicht zu merken den Mut besaß. So nimm den Spieß und Horn, frühergrauter – Schultze. Ich muß eingestehen, daß ich des Nachwächters Namen nicht kenne. Um einigermaßen sicher zu gehen, ergreife ich in der Not einen von jenen Hauptnamen, auf die mehr oder weniger alle Deutschen hören! – Geh' deines Weges, Schultze, nach dem abgelegenen Stadtviertel, Stunden abzusingen, welche dir unendlich dünken. Deinen Töchtern, fürchte ich, werden sie zu rasch vorüberfliehen. »Der Klock« hat zehn geschlagen, und »Gott der Herr war gelobt!« Pierre und Jean schlichen davon, die Tür nur lose anlegend, fest überzeugt, daß kein Taschendieb sich einschleichen werde, Wölfe und Hyänen heimlich davonzutragen. Anton ging im Dunkel auf und ab. Er wollte sich gar nicht zum Schlafen niederlegen. Müde war er wohl, doch nicht schläfrig. Wandelnd, sinnend wachte er Mitternacht heran. Die Augen der Tiere leuchteten wie glühende Kohlen. Man vernahm kein Geräusch in ihren Kasten, so leise traten sie auf. Wie es zwölf Uhr schlug, – der letzte Ton der großen Turmglocke verhallte, eben wendete sich Anton auf seinem gleichförmigen Wege um, – da war es ihm, als ob am hinteren Ende der Bude die Vorhänge, welche leere Käfige, Kasten und anderes ungebrauchtes Gerat verhüllten, zu flattern begönnen und sich öffneten, als ob ein Lichtschimmer daraus hervordränge. Sein erster Gedanke galt einer Nachlässigkeit der beurlaubten Knechte, einer vielleicht nicht sorgfältig gelöschten Lampe. Er schritt eilig vor, ... doch mitten im öden Raume blieb er unbeweglich stehen, ... sein Atem stockte, ... Eiseskälte durchrieselte ihn, er sah die alte Frau Goksch, seine selige Großmutter! Sie war gekleidet, wie bei Lebzeiten sie gewöhnlich einhergegangen. Aber größer schien sie ihm, hielt sich mehr aufgerichtet. Sie sah ihn bittend an. »Was bedeutet mir das?« stammelte er. Die Erscheinung hob ihre Rechte empor und deutete damit nach dem Ausgange hin. Kaum aber hatte sie einige Sekunden lang angedauert, als ihre Umrisse unsicher wurden, sich nach und nach verwischten und bald in einen grauen Nebel aufzulösen schienen, der sich wie dünner Rauch verzog. Die Stelle ward wieder dunkel, wie sie vorher gewesen. Anton untersuchte die Vorhänge, schob sie auseinander, ... alles leer und still. Sogar die Hunde unter dem Reisewagen schliefen ruhig, daß man das regelmäßige Schnarchen ihrer Kehlen vernahm. Antons Haupt wurde wieder frei, der Andrang des Blutes zog sich zurück. Da rieb er sich die Augen und sprach zu sich selbst: es war nicht außer mir! die Erscheinung kam aus meinem Innern. Deshalb hat sie doch etwas zu bedeuten, ich soll diesen Ort meiden ... Jetzt kann ich das nicht, ich darf es nicht. Ich glaube an Ahnungen, aber ich darf dennoch nicht davonlaufen. Es wäre elende Feigheit. Bleiben muß ich, geschehe, was da wolle, ich hab's einmal übernommen. Rascheren Schrittes ging er nun auf und nieder, machte sich mit den Tieren zu schaffen, reichte seinem alten Feinde, dem Tiger, einige wohlangebrachte Peitschenhiebe, liebkoste seinen alten Freund, den indischen., kindischen Bären, schüttelte dem großen Löwen die Mahne; – kurz er vertrieb sich die Zeit so anmutig, als es in solchem Kreise gehen will. Jedesmal, wenn er sich der Aus- und Eingangstür näherte, verspürte er einen unbestimmten Antrieb, nachzuforschen, ob sie offen stehe. Es kam ihm vor, wie wenn ein nächtlicher Luftzug durch die Gardinen eindringe, mit denen Kasse und Vorhalle drapiert waren. Jedesmal nahm er einen Anlauf dazu – und unterließ es wieder, ohne zu wissen, warum. Da fuhr ihm plötzlich durch den Sinn, daß er in P. belauscht worden und doch eigentlich nie zur Gewißheit gelangt sei, durch wen; daß er damals Laura beargwöhnt und diese Vermutung nachher halb und halb wieder aufgegeben habe, daß seitdem ... »Und wie, wenn sie – jetzt ? ...« Als wäre er unter wilden Geschöpfen selbst zum reißenden Tiere geworden, das auf seinen Raub springen will, so stürzte er heftig hinaus und ergriff, ehe sie noch zu entfliehen vermochte, eine warme Beute. »Wer ist hier«, schrie er mit erkünsteltem Erstaunen, um dahinter die Furcht zu verbergen, die mit der Kühnheit solches Angriffs im Widerspruch stand; »wer dringt bei Nacht hier ein?« »Gott, wie Sie mich erschrecken!« flüsterte Laura, wirklich vor Schreck bebend. Aber sie setzte nicht hinzu: »Lassen Sie mich los.« »Sie sind es, Madame? Ich bitte tausendmal um Verzeihung.« »Wer denn sollte es sein, außer mir? Wer sonst hätte hier etwas zu suchen?« »Ja, mein Gott, was denn Sie?« »Das wissen Sie nicht? Das ahnst du nicht, Mensch ohne Herz? Was ich hier zu suchen habe? Er weiß es nicht, ha, er weiß es nicht? Erforschen wollte ich, ob es Wahrheit ist, daß Pierre und Jean Urlaub genommen; daß du an ihrer Statt hier bliebst. Überzeugen wollte ich mich, ob du wirklich hier bist!« »Aber wo sollte ich denn sein?« »Weiß ich's? Bei einer Geliebten!« »Ich? da müßte ich doch erst eine haben; erst eine wollen, Madame. Und überhaupt, Ihnen wäre das doch vollkommen gleichgültig. Warum fragen Sie danach?« »Weil ich dich liebe! Weil du keine andere lieben darfst! Weil du mein bist! Mein! Und weil ich dich diesen Tieren vorwerfe, wenn du dies Geständnis nicht erwiderst.« Jetzt war die Reihe zu zittern an ihm . Wie nach langem, schwülem Sommer, wo in trockener Glut alles verschmachten will, endlich ein gewaltiges Wetter losbricht und rast, so machte sich Lauras zurückgehalten Leidenschaft in diesen wilden Worten Luft, die den, welchem sie galten, im ersten Augenblicke mehr entsetzten, als beglückten. Die Tiere, wie wenn sie verstanden hätten, daß davon die Rede war, ihnen einen blühenden Jüngling zum Zerreißen preiszugeben, fingen an mächtig zu brüllen. Der Löwe namentlich, der große Verehrung für Madame Amelot und deren Schönheit zur Schau trug, sich auch gar zu gern von ihr liebkosen ließ, wurde höchst aufgeregt, wobei er förmlich Donnertöne ausstieß. Laura zerrte den noch ganz verstörten Anton vor des Brüllenden Käfig und, indem sie den Geliebten umarmte und feurig küßte, rief sie durch die eisernen Stangen hinein: »Du bist Zeuge, König der Tiere, daß ich mich ihm gebe! Du magst mich rächen, wenn er undankbar ist!« Der Löwe begriff den Sinn dieser Herausforderung nicht. Sein bei Nacht sehendes Auge erblickte nur die Umarmung, die ihn noch zorniger machte. Er fing zu rasen an, daß er das Gitter beinahe sprengte. Bald stimmten sämtliche Tiere ein: auch die sonst friedlichen, jetzt aus ihrer Ruhe aufgestörten. Es war ein Höllenlärm! Und dieser schauerliche Chor bildete den Weihegesang beglückter Liebe. Denn wie nur Anton erst zur Besinnung gelangte, wie er nur erst zu fassen vermochte, daß er so heiß geliebt sei, da schwanden Rücksichten, Unterwürfigkeit, Zweifel und Zagen. Da fand auch er die rechten Worte, ihr kundzugeben, was er solange verschwiegen. Der helle Tag erst verscheuchte das zärtliche Paar. Laura stahl sich nach ihrer Wohnung, und Anton folgte, nachdem er durch Pierre und Jean abgelöst worden. Sechsundzwanzigstes Kapitel Aus Antons Tagebuch. K., vom 24. September. »Am vierundzwanzigsten Dezember wäre ich geboren? Nicht doch, das war ein Irrtum. Mein Geburtstag ist der vierundzwanzigste September.« Siebenundzwanzigstes Kapitel Es war schon häufig die Rede davon gewesen, sich mit der Menagerie nach Rußland zu wagen, und wenn dieser Plan ausgeführt werden, wenn vor Eintritt strengster Kälte das Hauptziel solcher kühnen Fahrt, die Kaiserstadt, noch erreicht werden sollte, so durfte man sich keine Stunde mehr besinnen. Zum Unglück für unsere Liebenden traf des »Permissionärs« Bericht, daß für Kurland und Livland der Eingang bereits gestattet, und für St. Petersburg die Konzession so gut wie sicher sei, gerade am Morgen nach der verhängnisvollen Nacht beim fliegenden Hauptquartier des afrikanisch-asiatisch-südamerikanischen Streif- und gestreiften (unfreien) Freikorps ein. Er hinderte durch beschleunigten Marschbefehl nicht nur die zarten Myrtenreiser, die Pierre und Jean in den Boden des nachtwächterlichen Gartens gepflanzt, Wurzeln zu treiben und Blüten anzusetzen für Brautkränze; – er störte auch Antons Verkehr und Umgang mit Laura. Überall gab es zu tun, zu ordnen, zu bereiten, überall mußten alle Hand anlegen; überall war Madame Simonelli,' über allen und auf alles hatte sie die Augen der Gebieterin. Es wurde den Liebenden fast unmöglich, eine ungestörte Minute zu finden, ein vertrautes Wort zu wechseln. Der Wanderer, der halb verdurstend in Staub und Hitze einherzieht, mag wohl nach Labung seufzen; dennoch wandert er auch ohne sie. Reicht ihm aber einen Krug frischen Wassers hin, mit dem Vorbehalt, daß er nur nippen dürfe, laßt ihn einen Zug tun, – und dann seht zu, ob ihr ihm den Krug so leicht entwinden werdet! Anton, in seinem strengen Rechtlichkeitssinne, unter ländlichen kleinen Erfahrungen und Wahrnehmungen aufgewachsen, noch unbekannt mit vielem, was in minder beschränkten Verhältnissen kleine Kinder durchschauen würden, vorzüglich aber, muß ich hinzufügen, in seiner unschuldvollen Verehrung für alle schönen Frauen, in seinem Köhlerglauben an sie und ihren reinsten Wert, konnte wohl nicht anders, als sich den kürzlich geschilderten Vorgängen zufolge für Lauras Bräutigam halten! für einen verlobten Bräutigam, welchem lediglich der Segen der Kirche noch mangelt, um ein Ehegatte zu sein. Sie hatte ihm gesagt: Ich liebe dich, du mußt mein werden! Was konnte das sonst bedeuten, außer: wir wollen uns heiraten? Ihr ferneres Benehmen hatte diesem Entschlüsse mehr als zu deutlich entsprochen. Witwe war sie auch – oder doch von ihrem ersten Gatten getrennt, was ebensoviel heißt. Die bisweilen in ihm aufsteigende Bedenklichkeit, daß sie samt all ihren Reizen doch vielleicht vier bis fünf Jahre länger auf dieser Erde umherwandle, als er, wies er, von ihrer Schönheit entzündet, entschieden zurück. Aber die Mama? Madame Simonelli? Inwieweit war sie unterrichtet von den Gefühlen ihrer Tochter? Aus welchem Gesichtspunkte sah sie das Verhältnis mit einem ihrer Diener? Darüber täuschte er sich nicht: sie war nicht mehr so freundlich, nicht mehr so mütterlich derb gegen ihn; ihre Artigkeit beschränkte sich auf leere Hinweisungen fürs Geschäft, ohne eine Silbe zutraulichen Geschwätzes. Keine Frage, sie mißbilligte das Verhältnis. Aus diesen Bedenklichkeiten entstand eine für beide Teile bezeichnende Unterhaltung zwischen ihm und Laura auf der Reise von K. nach Kurland. Man mußte dazumal noch den langen, beschwerlichen und oft gefährlichen Weg am Strande machen. Die plumpen Frachtwagen versanken schier im Flugsande; die Vorspannpferde arbeiteten fürchterlich. Anton war längst zu Fuße gegangen, dem Schneckenzuge leicht einen Vorsprung abgewinnend. Ehe er sich's versah, hatte Laura ihn eingeholt. Die ersten Worte galten der Gegenwart, vielmehr der allernächsten Zukunft. Ein Zusammentreffen im Nachtquartier wurde begehrt und gewährt. Dann wendete Anton sich seinen Besorgnissen zu und teilte ihr mit, was er im Angesicht der Mutter zu lesen glaube. Sie sagte: »Es ist ihr unlieb, daß ich dich liebe. Ich habe noch nicht mit ihr darüber gesprochen, aber sie verbirgt ihren Unwillen nicht. Gleichviel! Ich kann nicht anders. Seit ich von Amelot getrennt bin, habe ich bei ihr gelebt gleich einem vierzehnjährigen Mädchen, das aus der Pension tritt. Das Herz hat auch seine Rechte. Ich habe lange genug dawider gestritten. Nun will ich leben!« »Laura«, erwiderte Anton sehr ernst und feierlich, indem er sich Mühe gab, den Amtston des guten Karich nachzuahmen, wie er denselben so oft von der Liebenauer Kanzel vernommen, »das ist jetzt meine Sache. Wenn der Mann zu einem Weibe steht, wie ich zu dir, dann gebietet ihm seine Pflicht, zu handeln! Ich werde morgen mit deiner Mutter sprechen und in aller Form um deine Hand bitten.« Die eigentliche Bedeutung dieser Anrede war Laura entgangen. Sie hörte nur heraus, daß Anton sich der Mutter entdecken wolle. »Bist du von Sinnen?« rief sie aus, wobei sie ihre kleinen Füße, im Lande watend, kaum vom Flecke brachte; »bist du völlig wahnsinnig? Du wirst doch nicht so Unverschämt sein, der Mutter zu erzählen, daß die Tochter dich erhört hat?« »Aber, teuerste Freundin«, entgegnete unerschütterlich der jugendliche, unter die Vagabunden geratene Dorfphilister, »muß sie es denn nicht erfahren, wenn wir vor dem Altäre stehen?« »Gott der Götter! est-i! bête ce garçon-là ! Antoine, ich glaube, dein Protegé, das riesenhafte Faultier, führt mehr Esprit in seinem langschnauzigen, dicken Hirnschädel, als du, Schönster der Schönen! Was predigst du mir da von einem Altare? Du glaubst, Madame Laura Amelot, Tochter der reichen Simonelli, wolle Madame Antoine werden? Madame Gamin de Liebenau? Süßer Junge, in welchem Märchenlands, aus welchem fabelhaften Gewässer hast du solche Träume herausgefischt? Das kann niemals geschehen. Das ist ebenso unmöglich, wie es mir unmöglich, noch länger in diesem Lande zu schwimmen, meine Schuhe sind voll davon, zum Ertrinken. Wir wollen die Wagen erwarten; bleibe stehen! Und vernimm in aller Eile noch dies: wärest du, wie du zur Stunde unser Diener bist, der reichste Prinz aus Moskau, ich könnte nie und nimmermehr deine Gemahlin sein, denn ich bin verheiratet. Zwar lebe ich getrennt von meinem Gatten, der ein perfides Ungeheuer ist mit all seinem Talent, hasse ihn bei all seiner Liebenswürdigkeit, wie ich dich liebe in all deiner Dummheit. Aber ich bin katholisch – und eine katholische Ehe kann nicht gelöst werden. Merke dir das, Teufelsbraten von einem Ketzer! Mich verbrennen zu lassen, weil ich einen zweiten Mann nahm, während der erste noch am Leben ist, trage ich kein Verlangen. Brennt mich doch schon heftig genug das Feuer für dich, das in mir wütet. – Die Wagen sind da. Heute zur Nacht, mag es nun geschehen, wie es und wo es wolle, müssen wir uns finden. Sei wach, aufmerksam, und wenn es dir möglich ist, sei nicht dumm. Ich will dich belohnen. Adieu!« Anton half ihr in die Kutsche. Beleidigtes Ehrgefühl, gewissenhafte Sittsamkeit, Bewußtsein niedriger, unwürdiger Stellung, Groll gegen sie und sich schwellten ihm den Busen. Doch wie sie beim Einsteigen in den Wagen Gelegenheit suchte und fand, seine Hand zu ergreifen, sie zu drücken, an ihr Herz zu pressen, ... da versanken jene grollenden Gewalten in die Tiefen der See, welche am Pfade wogte, und er vernahm nur noch: »Heute nacht! – Wir müssen uns finden! – Ich will dich belohnen!« Achtundzwanzigstes Kapitel »Madame, weiter geht es nicht mit diesen Pferden; frische sind hier nicht aufzutreiben; dort ist eine Schenke – und ich dächte, wir machen Halt!« Mit diesen Worten schnitt Pierre gegen Abend den Faden der noch weiter projektierten Tagereise mitten durch. Sämtliche Fourgons wurden, dicht gedrängt, in den engen Hofraum gezogen, der sich in Stallungen und hölzernen Räumen voll Stroh und Heu um das Wohnhaus bildete, außerdem noch durch große Haufen voll Reisig und gedörrtem Seegras verengt wurde. Die Vorspannbauern mit ihren faulen Pferden ritten augenblicklich heim, den Reisenden die Sorge überlassend, wie sie aus der Nachbarschaft morgen andere Pferde auftreiben würden. Im Gasthause sah es nicht besonders aus; nur ein erträgliches Wohnzimmer für Fremde, worin zwei Betten standen. Dieses nahm Madame Simonelli für sich und ihre Tochter in Beschlag, hieß ihre Leute nach den Tieren sehen, schickte auch Anton fort, mit dem Bedeuten, sie und Laura bedürften der Ruhe und brauchten nichts mehr. Als die Mutter hinter ihm die Stubentür ins Schloß warf, durch welche er sich nun von der Tochter getrennt mußte, überkam ihn eine Art von Raserei. Wütend rannte er hinab, suchte sich einen abgelegenen Winkel in irgend einem Heuschuppen und warf sich, vor Begier und Ärger heulend, hin, ohne weiter nach den Tieren zu fragen. Pierre und Jean vermißten ihn wohl, beruhigten sich jedoch mit dem Gedanken, er sei bei den Damen, und da beide schon längst zu wissen wähnten, wie sie mit »ihm und ihr« daran waren, ja ihn beinahe schon als Herrn betrachteten, so fragten sie weiter nicht und machten ihre Arbeit ohne ihn. Der Heuschuppen, in dem Anton sich selbst – Madame Simonelli – diese Nacht – die ganze Welt! verwünschte, wurde durch eine Bretterwand von einem Behältnis getrennt, in welchem Stroh aufgespeichert lag, zur Streu für die Gastställe. Die Bretterwand erhob sich nur einige Ellen über gewöhnliche Manneshöhe: der obere Raum war offen. Anton lag mit dem Rücken gegen diese Wand und starrte hinauf in die dunkle Leere. Durch das schadhafte mit hölzernen Schindeln und Schilf gedeckte Dach blitzte hin und wieder ein Stern. Im Hofe wurde es nach und nach ruhig. Die Hunde hörten auf, zu bellen. Die wilden Tiere, nach so später Abendmahlzeit, ließen auch nichts von sich hören. Affen, Papageien, alles kleine Vieh dankten ihrem Gott, daß sie nicht mehr gerüttelt und geschüttelt wurden. Pierre und Jean hatten im bequemen Reisewagen ihrer Herrin das Biwak aufgeschlagen. Alles schien zu schlafen, ... nur Anton schlief nicht. Er wußte, ach nur allzu sicher, daß jede Möglichkeit eines Zusammentreffens zerstört war, er begriff ohne Schwierigkeit, daß Madame Simonelli ihre Tochter verhindern wollte, sich ferner zu kompromittieren, er sah deutlich ein, daß diese nicht kommen könnte – und dennoch erwartete er sie von einem Pulsschlage zum anderen! Das klingt wie Unsinn und ist dennoch wahr, ist nicht nur wahr in diesem vereinzelten Falle, es ist auch wahr im allgemeinen. Gar mancher meiner Leser, will er aufrichtig sein, wird diese Wahrheit aus eigener Erfahrung bestätigen können. »Haben wir denn Mondschein?« brummte der Gemarterte nach Verlauf einiger Stunden in das Heu hinein, worin er vergraben lag. »Ist's mir doch, als würde es oben unter dem Dache hell. Von den kleinen Sternen kann das nicht kommen.« »Antoine!« hörte er, wie über sich, flüstern. Er erhob sich. Das Licht drang aus dem anstoßenden Gebäude herüber. Augenblicklich schwang er sich an einem Querbalken hinauf, und schon auf halbem Wege wurde er von Lauras Armen umschlungen. Sie blieb im Klettern hinter ihm nicht zurück. »Wofür wäre ich denn die Frau des famosesten Tremplinspringers gewesen, wenn ich von ihm nicht gelernt haben sollte? Meine Frau Mutter hat die Tür geschlossen – ich hätte sie für so boshaft nicht gehalten –, aber zum Glück gibt es noch Kammern und gibt Fenster, die aus diesen Kammern in Höfe führen. Komm' herab, mein Engel, fort von diesem häßlichen alten Stroh' es riecht übel. Von hier duftet mir Heu entgegen. Ich liebe den Geruch des Heus. Man denkt an blühende Wiesen, an idyllische Hirten, an Frühling und zärtliche Vögel, die in den Zweigen nisten.« »Ich wußte ja, daß du kommen müßtest«, sprach Anton, »ob es gleich unmöglich war.« »Nichts ist unmöglich für die Liebe«, sagte Laura. Weiter sprachen und sagten sie nichts mehr. * »O, der häßliche Tag! Sieh' nur, Antoine, da lehrt er schon wieder, unser Glück zu stören.« »Unmöglich, meine Teure; du bist kaum seit einer Stunde bei mir.« »Sehr galant. Du fängst an, dich auszubilden. Aber es kann doch nichts helfen; ich muß fort, sonst überraschen sie uns. Es ist ja ganz hell.« »Das ist nicht die Helle des Morgens! Um Gottes willen, Laura, was hast du mit der Kerze gemacht, die dir hierher leuchtete?« »Das kleine Endchen Wachslicht, das ich mir mitnahm? Ich habe es ausgeblasen.« – »Und drüben ins Stroh geworfen?« – »Weiß ich's? Ich hielt es noch, so lange ich dich suchte. Nachdem ich dich gefunden – – « »Feuer! Feuer!« erscholl wildes Angstgeschrei vom Hofe herein. – – Wie rasch es um sich griff! Wie die Flammen, als wären sie Zungen höllischer Mächte, mit heißhungriger Wut an allem leckten, was sie erreichen konnten, und wie sie alles im ganzen Gehöfte bald erreicht hatten! Wie Gebäude, Dächer, Schuppen, Holzstöße, Reisewagen, ja selbst die herbstlich entblätterten Bäume sich in ein Feuermeer vereinigt, bevor Anton für Laura und sich durch die Hinterwand des leicht gefügten Bretterbaues einen Rettungsweg erzwungen; – das wird nur der glauben und möglich finden, der ähnliche Wirkungen der Feuersgewalt mit erlebte und sah. Es ist wirklich, als ob das Feuer einen Geist der Vernichtung, einen Willen, als ob es zuzeiten selbständige Absichten besäße! Bemüht man sich nicht oft, im eigenen Ofen, mit trockenstem Holze, beim besten Luftzuge ein tröstliches Feuerchen aufzubringen, und will es nicht geraten trotz der Förderung? Und dann wieder, wenn das Element bei Laune scheint, und wo man es eben am wenigsten wünschte, brennt ein dicker Balken wie zu seinem eigenen Vergnügen hell empor, etwa nur durch Berührung eines glimmenden Fünkchens, so daß es förmlich rätselhaft bleibt. Hier freilich wurde des Rätsels Lösung nicht schwer. Eine halbe Wachskerze, kaum ausgeblasen und mit ungeduldiger Haft in ein Strohmagazin geschleudert, kann sehr leicht auf dem Wegs durch die Luft noch einmal Flammen fassen, und fällt sie dann so unglücklich, daß sie vom Stroh nicht erstickt wird, gibt sich das übrige von selbst. Antons Zustand war fürchterlich. Er hörte das Jammergebrüll der eingekerkerten Tiere, ohne sich ihnen hilfreich nähern zu können. Nur der Gedanke daran wäre Wahnsinn gewesen. über den dicht im Hofraum zusammengedrängten Lastwagen schlug die funkensprühende Lohe von drei Seiten empor, daß sie ein glühendes Dach bildete. Wahrscheinlich hatte, während Wirtsleute und Reisende schliefen, während Anton mit Laura von Frühling und grünen Wiesen träumte, der Brand sich durch die Wagenburg selbst nach der anderen Seite des Hofes gewunden; und das war ihm leicht geworden, weil nicht nur alle Käfige dicht voll Stroh gestopft, sondern auch mit diesem überall umhergeworfen, so daß der ganze Erdboden davon bedeckt war. Mitten in das Grausen, welches Anton erfüllte, bei den Martern so schöner Tiere, bei dem Unglück ihres Verlustes, trat ihm gleich einer Rachegöttin das Bild der Frau vor die Seele, die durch seine Schuld ihr Eigentum, ihr Vermögen einbüßen und vielleicht – während er und die Tochter das Leben gerettet, verbrennen mußte! Diese gräßliche Befürchtung schreckte ihn auf aus dem starren Stumpfsinn, womit er anfänglich dem Brande zugesehen. Er wendete sich nach Laura um, dieser zu sagen, daß er die Mutter aufsuchen wolle ... Laura war verschwunden. Wie bei energischen weiblichen Naturen häufig geschieht, hatte sie in dringendster Gefahr ihre besonnene Fassung nicht verloren. Anton umkreiste den Schauplatz der Verwirrung, so schnell die bleischweren Füße ihn tragen mochten. Er kam vor jener Seite des Wirtshauses, wo der Eingang zu demselben nach dem Strande hinlag, mit Freuden an, weil er sah, daß des armseligen Gebäudes Vorderteil noch verschont blieb. Pierre und Jean hatten die Reisekutsche samt dem darauf befindlichen Gepäck der Damen noch glücklich zu rechter Zeit aus dem Hofraum gerissen. Auch die Kasse war gerettet. Madame Simonelli saß auf ihr, den Seidenaffen im Schoß. Laura trug eine Schatulle unterm Arm, auf der Achsel saß ihr Koko, der wildes Hohngelächter ausstieß. Beide Frauenzimmer hatten sich dem Strande genähert, doch hielten sie sich fern voneinander. Die Mutter schaute stumm und ernst hinüber, wo bereits einzelne Glutströme aus dem Dache des nun auch ergriffenen Wohnhauses brachen. Die Tochter ging wie mit einem Entschlüsse kämpfend auf und ab. Pierre und Jean erklärten Anton, daß nichts mehr zu retten sei. Wer sich in den Brand werfen wolle, müsse mit verbrennen und vorher von den halb gebratenen Bestien zerrissen werden. Die Klagetöne der letzteren aber waren schon verstummt. Einigemal nur sah man, wie im Wirbel der Flamme emporgetrieben, einen bunten Ara oder anderen Vogel hoch oben erscheinen, um auf der Spitze einer Feuersäule durch die Glut verzehrt zu werden. Die herrlichen Geschöpfe! Sie erinnerten an die Mythe vom Phönix – nur daß sie leider nicht wie dieser aus der Asche neu aufleben durften! Wirtsleute mit Knecht und Magd hatten ihr bewegliches Eigentum ins Freie gerettet. Kühe und Schafe waren natürlich verbrannt, von Menschen keiner. Sie besprachen sich, seitab von der auf ihrer Kasse thronenden Tierführerin, in eine drohende Gruppe vereinigt, beratend, was sie zur Entschädigung fordern – oder was sie mit Gewalt nehmen würden. Anton wagte nicht, weder an jene Leute, noch an seine Damen das Wort zu richten. Einem überwiesenen Verbrecher ähnlich stand er da. Er hielt sich selbst für den strafbarsten Mordbrenner, der jemals gestäupt und gebrandmarkt worden sei. Er staunte nur, daß man sich seiner nicht bemächtige, um ihn dem Feuertods, den er zwiefach verdiene, zu überantworten. Neunundzwanzigstes Kapitel Zwischen den Besitzern der Brandstätte und Madame Simonelli waren die Streitfragen über Entschädigung sehr bald ausgeglichen. Madame zeigte sich als erfahrene Weltfrau, die des Schicksals Fügungen mit Gleichmut hinnimmt. Sie hatte als Tochter, Gattin, Mutter, selbständige Witwe, immer auf Reisen, immer in Wirksamkeit, so viel und so vielerlei erlebt, daß nichts mehr vermochte, sie aus ihrem Gleise zu bringen. Vielleicht auch trug zu ihrer Seelenruhe der Umstand nicht wenig bei, daß sie sich eine reiche Frau wußte, die bedeutendes Vermögen in auswärtigen Banken angelegt. Sie hatte, wie man sich auszudrücken beliebt, etwas vor sich gebracht. Der Hauswirt wurde nach M. beschieden, um dort vor Gericht seine Ansprüche geltend zu machen und deren Befriedigung zu gewärtigen, zu welcher Madame Simonelli sich verstand, weil sie jeder Untersuchung über die Entstehung des Brandes auszuweichen wünschte. Indem sie ohne Weigerung für eine »vielleicht stattgehabte« Unvorsichtigkeit ihrer Leute einzustehen sich bereitwillig erklärte, vermied sie Forschungen, deren Resultat ihrem Ehrgefühl unerträglich schien. Pierre begab sich zu Fuße nach der nächsten Ortschaft, Pferde herbeizuschaffen und noch eine Kutsche. Nicht so leicht schien jener Zwiespalt auszugleichen, der im Innern der Familie nachglimmte. Mutter und Tochter standen im Begriff eine große Szene aufzuführen. Anton ahnte wohl, daß seine Rolle dabei keine glorreiche werden dürfte. Ein wunderbarer Schauplatz für diese Szenen! Dort die See, über welche ein klarer Herbsttag mild heraufzieht. Hier eine dumpfe Brandstatt, aus der noch immer Flammen zucken, die Suchenden zurückschreckend, welche aus glühendem Schutt mit Gefahr ihrer Gliedmaßen dies oder jenes noch hervorzuholen sich bemühen. Und am Strande, wie eine vertriebene Herrscherin, Madame Simonelli, Gericht zu halten über eine schuldige Tochter – über einen unschuldig-schuldigen Verräter! Laura war doch die erste, die redete. »Das muß ein Ende nehmen«, sagte sie, »wir müssen klar sehen, Mutter.« »Was das betrifft, meine Liebe, habe ich schon so klar gesehen, daß ich beinahe wünschen könnte, ich wäre blind. Schämst du dich nicht vor unseren Leuten?« »Und warum sollte ich um anderer willen verleugnen, was ich mir selbst eingestehen darf? Ist mein eigenes Urteil über mich, meine gute Meinung von mir nicht wichtiger für mich als Meinungen und Urteile Fremder? Ich bin frei, unabhängig, habe keine Pflichten außer gegen Sie, meine Mutter, und gegen mich selbst. Die Pflicht gegen Sie habe ich erfüllt. Ich habe Ihrem Wunsche gemäß wie ein Aushängeschild an Ihrer Kasse gestanden, seitdem ich von Herrn Amelot getrennt lebe. Sie wissen am besten, welche Abgeschmacktheiten, welche fade Redensarten ich hinnehmen mußte von albernen Stutzern, die frei umherlaufen durften, während unsere armen Affen eingesperrt waren. Ihnen, meine teure Mutter, mißfiel das nicht, wenn der Schwarm der Anbeter mich umlagerte, weil es Ihre Kasse schwerer machen half. Mir blieben sie alle gleichgültig, ich langweilte mich zum Sterben – aus kindlichem Gehorsam. Da schickt mir der Himmel, oder ich weiß nicht wer sonst, diesen ! und ich liebe ihn. Kann ich dafür? c'est plus fort que moi! Was Sie dagegen einzuwenden wissen, habe ich mir ein Jahr lang selbst gesagt. Am Ende half nichts mehr. Ich wurde mit mir einig – und mit ihm! Was kümmern mich die anderen? Und daß in vergangener Nacht solches Unheil über uns kam, ist nicht meine, ist noch weniger seine, ist nicht die Schuld unserer Liebe; nein, es ist die Schuld derjenigen, die mich verhindern wollte, glücklich zu sein, mich, die ich so wenig Glück erlebte, seitdem ich atme, mich, der man wohl ein bißchen Glück gönnen dürfte! Hätten Sie mich nicht gezwungen, ihn zu meiden, so wäre ich nicht entwichen, ihn zu suchen. Doch das versteht sich: der Schade, den ich verursacht, trifft mich allein. In Ihren Händen ist mein väterliches Vermögen. Was Herr Simonelli mir hinterließ, verwalten Sie. Seitdem ich volljährig bin – ja, mein kleiner Antoine, deine Geliebte ist um so viel älter als du, armes Kind; desto schlimmer für uns beide! – seitdem ich volljährig bin, besitze ich darüber die schriftlichen Ausweise. Diese sind von jetzt an ungültig, ich werde sie vernichten, auf mein Ehrenwort! und habe dann nichts mehr von Ihnen zu fordern. Hunderttausend Frank werden hinreichen, meine Mutter, damit Sie nach London gehen und neue Tiere akquirieren – wenn Sie denn doch einmal nicht aufhören wollen oder können, in der Welt herumzureisen. Für hunderttausend Frank kaufen Sie den halben Tower aus. So wäre denn die Sache in Ordnung.« »Das nennt sie ›in Ordnung‹! Unglückliches Weib, wovon wirst du leben?« »Ich habe meine kleine Privatkasse, Sie wissen ja, und meinen Schmuck. Es ist genug für mich und ihn, um in die Welt zu laufen. Das Weitere findet sich. Fürchte nichts, Antoine, nimm meine Schatulle, halte sie, sie ist dein. Wir haben genug –« »Auf wie lange? Närrin, ohne Verstand, ohne Erfahrung! Leichtsinniges, gutherziges Kind! Deine paar Frank willst du hinopfern und kannst wähnen, die Mutter werde das annehmen? Ich sollte dich schlagen für solche Zumutung. So weit ist es, Gott sei Lob, noch nicht mit Madame Simonelli gekommen, daß sie nötig hätte, ihrer schönen Tochter Eigentum zu stehlen, wenn sie eine neue glänzende Menagerie etablieren will. Was dein ist, bleibt dir! Und was mein ist, kommt dazu, nach meinem Tode. Und Madame Amelot muß eine reiche Frau sein, aller Welt und allem Feuer zum Trotze! Komm' in meine Arme, Laura. Ich war auch jung, ich besinne mich auf ähnliche Torheiten aus meinem Leben. Ich kann meiner einzigen Tochter nicht zürnen! Ich verzeihe dir.« Und sie umarmten sich im Angesicht der See – der Sonne –, Antons, welcher letztere den schlimmsten Stand hatte, in den ein junger, braver, tatkräftiger Bursch versetzt werden kann: Weiber über sich und sein Geschick verhandeln zu hören, ohne Berechtigung, den Ausschlag zu geben. Durch die Versöhnung mit ihrer Mutter errang Laura die Erlaubnis, mit dem Manne, der niemals ihr Gatte werden durfte – es sei denn, Herr Amelot wolle vorher aus besonderer Gefälligkeit sich das Genick abstürzen –, in die Welt zu ziehen, während Mama nach London ging, Tiere anzukaufen. Pierre und Jean mußten als Vertraute und geübte Männer vom Fach gleichfalls dahin. Die große Wasserreise von M. aus nach London zu wagen, schien es schon zu spät im Jahre. Madame Simonelli zog vor, den Weg durch Deutschland und Frankreich bis nach Calais zu nehmen. Sie behielt ihre wohl eingerichtete Reisekutsche, als Gesellschaft den kleinen Seidenaffen, nächst Koko das einzige unverbrannte von so vielen Tieren. Pierre begleitete sie. Jean erhielt Geld und die Weisung, sich auf eigene Hand nach London zu begeben. Der Abschied war herzlich genug, aber kurz, resolut, wie er es immer bei Personen ist, die seit ihrer Geburt an Trennung, Entfernung und Wiedersehen gewöhnt sind. Anton, teils aus aufrichtiger Anhänglichkeit für seine Wohltäterin, denn das war ihm die Simonelli wirklich gewesen, teils aus Verlegenheit, seiner peinlichen Stellung wohl bewußt, versuchte dem Lebewohl einige schwiegersöhnliche Färbung zu geben, wurde jedoch mit diesem Versuche völlig in die Flucht geschlagen. »Junger Mann«, redete die rüstige Frau ihn an, bevor sie in den Wagen stieg, »mir scheiden freundlich, doch nicht als Freunde. Ich kann denjenigen nicht für einen Freund meines Hauses ansehen, der sich zwischen mich und meine Tochter stellte. Als Laura wider meinen Wunsch Madame Amelot wurde, sagte ich ihr voraus, was geschehen ist. Diesmal will ich nicht prophezeien; das Verdienst, die Wahrheit vorher zu künden, wäre zu gering. Übrigens wünsche ich gute Reise und viel Vergnügen – so lange es dauert!« Der Postillon blies ins Horn. Laura und Anton blieben sich selbst überlassen und ihrer Zärtlichkeit – und das war vielleicht das Schlimmste, was ihrer jungen Liebe, sollte sie ja zur alten reifen, widerfahren konnte. Von der Stunde an, wo jedes Hindernis verschwindet, welches Sehnsucht von Gewährung trennt, beginnt auch gewöhnlich die Sehnsucht zu schwinden. Bei Anton, dem überraschten Neuling, schien die erste Wirkung des sicheren, ungestörten Besitzes günstig, sie gab ihm die Haltung eines neuvermählten, zufriedenen Gatten. Für Laura, wo der Reiz dieser Täuschung nicht vorwaltete, wurde schon der Anfang ihres Honigmondes bedenklich. Der kleine Krieg gegen die Mutter hatte sie so hübsch beschäftigt, jetzt gab es keine Aufpasserin mehr, die jeden verbotenen Blick, jeden inbrünstigen Seufzer überwachte. Dafür lauerte bereits der Überdruß und gähnte schon bisweilen hinter den Gardinen hervor. Sein Glück recht aus dem Vollen zu genießen, hatte unser Paar sich gleich in M. festgesetzt. Violinspiel, Gesang, Gitarrengeklimper, Lektüre sollten sich, anderen Blumen gleich, durch die Rosen der Liebe schlingen. Wäre nur irgend eine Störung von außen eingedrungen, hätte nur irgend ein verdrießlicher Umstand sie gütigst beunruhigen wollen! – Doch so gut sollte es ihnen nicht werden. – Vor lauter Seligkeit und Wonne gerieten sie schier in Verzweiflung. Anton, zu wahr und ehrlich, um eine Zufriedenheit zu erheucheln, die ihm fehlte, und deren er seine schöne Hälfte schon früher verlustig gesehen, öffnete nach einigem Kampfe sein Herz. »Was soll aus mir werden, Laura? Ich empfinde in mir eine Leere, welche sogar durch deine Gunst und deinen Besitz nicht ausgefüllt scheint. Ein Ziel müssen wir uns doch setzen, einen Zweck muß ich doch suchen, den ich erreichen will! Ich kann doch mein Leben nicht vergeuden, indem ich von deinem Gelde zehre und – wenn ich auch nicht müßig gehe – doch nichts fördere. Wie lange sollen wir hier noch verweilen? Sage, Laura, meinst du nicht auch, daß ich ein Geschäft unternehmen, daß ich etwas beginnen dürfte?« »Antoine, du redest, als ob du meiner schon satt wärest!« »Du weißt am besten, wie wenig das möglich ist. Doch leugne, wie du willst, auch du spürst das Bedürfnis, diesen traurigen Ort zu verlassen. Auch du ahnst, daß ein fauler Tagedieb dich bald belästigen könne.« »Übe dich nur auf deiner Geige!« »Tue ich's nicht? Alle Mäuse im ganzen Hotel können mir's bezeugen. Aber was hilft mir das? Ein großer Künstler zu werden, dazu gehört mehr.« »So mache wieder Körbe.« »Spotte nicht. Jene glücklichen Tage sind vorüber, wo ich mir daran genügen ließ. Nein, Laura, ich hätte wohl eine Idee ... doch wirst du sie verlachen. Sie ist kühn – vielleicht gar toll.« – »Dann heraus damit! Je toller, desto besser wird sie mir zusagen!« »Mein Violinspiel ich nicht bedeutend genug, und ich habe auch zu wenig Schule, zu wenig musikalische Kenntnisse, um als Virtuose zu glänzen. Aber an Bravour fehlt es mir doch nicht, und manches Stückchen spiele ich leidlich. Nun habe ich mir so gedacht, es käme nur darauf an, was ich etwa vermag, in einer Art und Weise vorzuführen, die noch nicht da war. An einen Geiger, der neben den übrigen Musikanten steht, werden mit Recht große Ansprüche gemacht, und er muß viel leisten, bis er seine Nachbarn überragt. Wenn aber einer käme, der das Ding ...« »Willst du vielleicht deine Variationen über nel cor più non mi sento vom Kirchturm herab zum besten geben? Das hätte sein Gutes, man würde die falschen Griffe weniger heraushören.« »Vom Turme nicht, wohl aber vom Pferde .« »Vom Pferde? Warum nicht gar vom Esel?« »Du meinst, um in meiner Verwandtschaft zu bleiben? Sei nicht boshaft und lasse mich ausreden. Als ich im Zirkus bei Guillaume war –« »Ah, Madame Guillaume!« »Laß mich ganz ausreden; unterbrich mich nicht. Und wenn ich fertig bin, ist die Reihe an dir. Als ich bei Guillaume war und ritt, verwunderte er und seine Leute sich über mein angeborenes Reitertalent. Angeboren mußte es sein, denn ich hatte vorher noch niemals ein Pferd bestiegen, wenn du nicht den Ziegenbock so nennen willst, den unser Gemeindehirt in Liebenau zur Ergötzlichkeit seiner Kinder hielt. Mir kam es vor, als ich im Sattel saß, wie wenn ich schon häufig davon geträumt und mich im Traume geübt hätte, wie wenn diese Träume jetzt in Erfüllung gingen. Ich fühlte mich ein ganz anderer Mensch! Du untersagtest mir damals, Guillaume wieder zu besuchen – und ich gehorchte. Das gilt jetzt nichts mehr. Wie wir jetzt miteinander stehen, kann das kein Hindernis meines Planes sein, und du wirst nicht argwöhnen, daß ein armer Junge, dem du dein volles Vertrauen und mit diesem dich selbst geschenkt hast, dich auch nur durch eine Silbe verraten, dich mit Undank belohnen könnte. Wie, wenn wir nun Herrn Guillaume nachreisten, wenn ich bei ihm lernte? An Mut, Gewandtheit, Kraft fürchte ich keinen Mangel. Ehe vier Wochen vergehen, stehe ich auf meinem Rosse so sicher wie der kleine Kerl mit der Lyra dort oben auf dem blaugrünen Ofen steht. Ihre Sättel sind ja breit ausgepolstert und bequemer als manches Kanapee hier im Gasthause. Eine erträgliche Figur will ich schon machen, und daß ich nicht schlecht gekleidet sei, ist Lauras Sorge, die ihren kleinen Herrn Amelot so aufzuputzen verstand, daß er einem Apollo glich, nicht wahr? Eh bien ; ich bin schlank. Wenn ich nun mein Solo reitend spiele, nachdem ich es vorher mit Guillaumes sicherem Orchester tüchtig eingegeigt, so macht das Aufsehen. Guillaume engagiert mich. Auf diese Art erwerbe ich etwas, bringe auch etwas in unsere Menage (aus der Manege), gewinne außerdem Zeit, übe fleißig, setze täglich drei Stunden daran, und ehe ein Jahr um ist, jage ich mit dem wildesten Furioso um die Wette – oder ich habe den Hals gebrochen. Im ersteren Falle ist dein Freund ein tüchtiger Mann, den man rasend applaudiert, auf den du stolz wirst! – Im letzteren Falle bist du zum zweitenmal Witwe, und für diesen Fall erteile ich dir heute, noch sehr, sehr lebendig, wie du weißt, heute, wo mein Kopf noch auf heilem Halse steht und blüht wie eine Feuerlilie auf ihrem Stengel, heute schon im voraus die Erlaubnis, mich nicht länger zu beweinen als drei Jahre, drei Monate, drei Wochen, drei Tage und drei Stunden. Hat die dritte ausgeschlagen, darfst du dich nach einem dritten umschauen! Doch siehe zu, ob du wieder einen Antoine findest!« »Nein, ich finde keinen! Und stirbst du, will ich mit dir sterben! Jetzt erst bist du schön! Jetzt erst liebe ich dich mit all der Liebe, deren ich fähig bin. Du hast recht: Leben und Wagen! Ohne Leben keine Liebe, ohne Gefahr kein Leben! Heute noch lasse uns Anstalten treffen zur Reise! O, ich sehe dich zu Pferde! Du mußt entzückend sein! Diese breite Brust, diese feine Taille, diese aristokratischen Knöchel; ganz comme il faut ! Und wie will ich dich kleiden! – Fort mit den geschmacklosen traditionellen Lappen, wie sie um jene plumpen Stallknechte flattern! Fort damit! Wenn du auftrittst, sollen alle Männer vor Neid gelb werden und alle Weiber aus Mißgunst bersten, weil du nicht ihnen gehörst, weil du mein bist! Was? Madame Guillaume? Ich fürchte sie nicht. Wird sie wagen, sich mit mir zu messen? Ich hatte sie nur zu fürchten, ehe du mich kanntest, wie du mich jetzt kennst. Nicht wahr, Antoine?« »Heute noch bleiben wir hier. Heute noch: nur Liebe! Und morgen ... ins Leben! Auf diese Reise! In die Welt! Glück auf! Glück auf! die Vagabunden!« Dreißigstes Kapitel Die Linden standen in vollster Blüte. – Doch meine ich diesmal nicht jene Linden zu Liebenau, in deren Dufte vor zwei Jahren unsere Erzählung begann. Es sind die Linden der Residenz, von denen ich rede, unter denen, in Staubwolken gehüllt, Scharen schaulustiger Städter nach dem Zirkus des Herrn Guillaume wandern, woselbst heute, den an vielen Baumstämmen klebenden Anschlagzetteln zufolge, »Herr Antoine aus Paris« zum erstenmal auftreten und sich »zu Pferd als Virtuose mit einem Violinsolo produzieren« soll. Vor der Kasse war der Andrang ziemlich stark. Bekannte grüßten sich und tauschten im voraus Mutmaßungen über den Debütanten. »Ob er jung ist?« fragte eine ältere Dame. »Zu wünschen wäre es«, erwiderte eine noch ältere, »daß Herr Guillaume daran dächte, seine Truppe aufzufrischen. Seine besseren Reiter sind sämtlich über die Jahre hinaus, und seine jüngeren sind Kinder.« »Dieser Antoine kommt aus Paris?« äußerte eine dritte; » nous verrons! « Ehe wir ihn selbst erscheinen lassen, müssen wir doch erfahren, was mit ihm geschah, seitdem wir uns von ihm und Laura in M. getrennt haben. Sie hatten Guillaume bald in D. erreicht, wo er »brillante Geschäfte« machte und in bester Laune lebte. Anton wurde freundlich empfangen, und als er mit seinem Plane herausrückte, dem er durch Violinbegleitung melodramatische Wirkung einhauchte, ging der Direktor gern darauf ein, doch konnte er die Bemerkung nicht unterdrücken, daß der junge Herr nicht so rasch zum Ziele gelangen werde, als er sich's einbilde. »Ihr seid wohl jung, mein lieber Antoine«, sprach er, »doch seid Ihr eben ein junger Mann , kein Knabe mehr. In Eurem Alter, bei Eurer Größe, bei Eurer Kraft, Eigenschaften, die Euch trefflich zustatten kommen, ein guter Stallmeister zu werden, dürfte es Euch schwer genug fallen, als Kunstreiter nachzuholen, was unsere kleinen Jungen im zehnten Jahre spielend machen. Doch Wille und Mut besiegen diese Schwierigkeiten, und ich nehme Euch als Eleven an. Auch will ich eine Ausnahme mit Euch machen, Ihr sollt nur drei Jahre lang Eleve sein. Während dieser Zeit erhaltet Ihr nichts mehr von mir als Unterricht, Kost und Kleidung; – für die beiden letzteren Artikel wird Madame Amelot Sorge tragen, nach allem, was ich höre«, fügte er lächelnd bei. »Ihr habt Euch aber, gleich allen übrigen Lehrburschen, jedem Befehle zu fügen und mitzumachen, was verlangt und angeordnet wird. Auf Gage dürft Ihr erst nach Ablauf des zweiten Jahres rechnen, und dies nur dann, wenn Ihr alle Erwartungen übertrefft.« Anton sah sich durch diese Grundzüge des Vertrages in seinen eitlen Erwartungen gar sehr getäuscht, doch ging er ihn ein, ohne zu zeigen, wie schwer ihm dies wurde. Was auch hätte er tun sollen? Ein Rückschritt war in seinen Verhältnissen schon Lauras wegen nicht möglich. Er murmelte nur, während er seinen (?!) Namen unterschrieb: »Aller Anfang ist halt schwer!« Und sich zu Laura wendend, sagte er ihr leise: »Jetzt hast du einen Lehrjungen zum Liebhaber!« Worauf diese mit der lieblichsten Frivolität erwiderte: »Das bemerke ich bisweilen; doch ohne Sorgen, wir wollen schon einen Meister aus ihm machen!« Das erste, was diese in derlei Treiben und Verkehr eingeweihte Dame veranlaßte, war, natürlich von ihrem Gelde, – der Ankauf eines guten, sicheren Pferdes, auf welchem der Scholar, als auf seinem ausschließlichen Eigentum, üben könne, wann und so oft er wolle, mit welchem er sich gleichsam einlebe. Der Furioso besaß ein solches, um so passender für Anton, den Anfänger, als es jenem zu seinen eigenen Rasereien nicht wild und feurig genug erschien. Er gab es auch willig und billig her, und Anton begann seine Studien. Nachdem er nur die notwendigsten Andeutungen für die ersten Hand- und Kunstgriffe durch Guillaume erhalten und so viel Routine gewonnen hatte, fest auf dem Sattel zu stehen, während sein Fuchs galoppierte, begab er sich an jedem Morgen, lange bevor die gewöhnlichen Übungsstunden der jüngeren Mitglieder schlugen, allein nach der Manege, wo ein von ihm bezahlter, im Dienste eingeübter Garçon bereit war, die Peitsche des Stallmeisters zu führen. Nicht selten fand auch Laura sich ein, den entschlossenen, nie verzagten Liebling durch ihren Zuruf immer feuriger anspornend oder ihn tadelnd, sobald er im Eifer die graziöse Haltung verlor, die sie ihm als Hauptbedingung der Schule und als höchstes zu erreichendes Ziel aufgestellt hatte. Häufig fiel er vom Pferde, doch jedesmal so glücklich oder so geschickt, daß er keinen Schaden nahm. Leichte Kontusionen, an denen es nicht fehlte, wußte Laura bald zu heilen. In dem Grade, wie seine Fertigkeit stieg, wuchs ihre Leidenschaft für ihn. Sie war ungeduldiger auf sein erstes öffentliches Erscheinen, als er selbst es je sein konnte; dabei aber wiederholte sie täglich, er dürfe nicht auftreten, bis er seiner Sache sicher wäre. Ihr beiderseitiges Verhältnis zu den übrigen Mitgliedern war ein höflich kaltes. Sie kamen mit jenen wenig in Berührung. Madame Adelaide hatte zurzeit nur Augen für – es ist schrecklich zu sagen – ihren Bajazzo, der allerdings, wenn die entwürdigenden Flecken seiner Narrenschminke abgewaschen, ein hübscher Mann und in jeder Beziehung zuverlässig genannt werden durfte. Die übrigen Weiber oder Mädchen der Truppe hüteten sich wohl, mit einer Schönheit wie Laura auch nur scheinbar in die Schranken zu treten, und Adele Jartour, die zu solchem Wagestück berechtigt gewesen wäre, ging dem jungen Zögling entweder aus dem Wege oder zeigte sich durchaus gleichgültig. Die Männer jedoch vermieden, der Direktor nicht ausgenommen, Antons Umgang deshalb, weil sie den Anfänger als ihresgleichen nicht anerkennen und ihn doch auch als einen Lehrjungen nicht behandeln wollten; teils wegen seines Verhältnisses zu Madame Amelot, teils in Anbetracht seines anständigen Benehmens. Diese Zurückgezogenheit hatte für ihn den Vorteil, daß er nicht genötigt wurde, rohe und gemeine Genossenschaft zu hegen. Er las viel, auch mit Laura, die er so weit brachte, sogar deutsche Bücher zu versuchen. Guillaume schonte ihn möglichst, ließ ihn vom Paradereiten frei, sowie vom Dienst bei Auflockerung der Reitbahn. Dagegen ergriff Anton selbst mit Eifer jede Gelegenheit, sich bei Spektakeldarstellungen zu beteiligen, wobei er im dicksten Pulverdampf lustig um sich her schlug, Barrieren sprang und sich, wenn auch durch Tracht, Bart und Schminke unkenntlich, als tapferster Gesell bewährte. Auch die Voltige unterließ er niemals mitzumachen und machte sie bewundernswürdig leicht, daß er nicht weit hinter Bajazzo, dem Hauptvoltigeur, zurückblieb. Die Monate vergingen schnell genug. Als D. bis auf den Grund erschöpft war, wand sich der Knäuel der Zentauren nach St., und endlich erschallten ihre Fanfaren in der Residenz, woselbst der große Tag anbrechen sollte, an welchem unser Held, – nicht mehr künstlich entstellt und seine Persönlichkeit verleugnend, – vielmehr im ganzen Zauber derselben vor dem Publikum erscheinen darf, um in doppelter Eigenschaft, als Reiter und Virtuose, Augen, Ohren, wer weiß, ob nicht auch Herzen zu gewinnen. Ich muß nur den Leser bitten, zu erwägen, daß eine Reihe von dreißig Jahren verflossen ist, seitdem sich begab, was ich zu erzählen versuchte. Heutzutage, wo dreijährige Kinder als Reiter und vierjährige als Tonkünstler erscheinen, dürfte es nur unbedeutendes Aufsehen machen, wenn zwei Pferde ein Fortepiano trügen, das dritte einen Wunderbalg, der auf dem Fortepiano mit allen vieren spielte, während die drei Rosse auf allen vieren liefen. Ja, es ist möglich, unser blasierte Zuschauerschaft wäre damit noch nicht zufrieden, weil ihr die Pferde zu langsam laufen, im Vergleich mit dem Dampfwagen. Damals waren die Ansprüche noch bescheidener. Anton erschien in dem spanischen Kostüm, so einfach, daß man genau acht geben mußte, um an der Gediegenheit der Stoffe den Wert derselben zu erkennen. Wie er nur in den Zirkus trat und seine Verbeugung machte, die gewöhnlich im weichen, aufgewühlten Boden schlecht gelingt, die ihm aber durch Laura besonders sorgfältig einstudiert war, ging ein »Ah!« des Wohlgefallens durch alle Räume. Er schwang sich keck aufs Pferd, so zwar, daß er gleich zu stehen kam, ließ sich die Violine reichen, gab der Kapelle einen Wink, das Musikstück begann, der Fuchs ging in richtigem Tempo. Laura hatte sich aufs Orchester gezogen; ihr sonst so frisches, blühendes Gesicht schaute leichenblaß, wie vor des Tigers Käfig, zwischen Trompete und Baß-Posaune hernieder. Als Anton sie erblickte, mußte er an die Menagerie denken; an Brandipus ursinus , den verbrannten Indianer, an Apfel und Sonnenschirm, ... diese Bilder, und in ihrem Gefolge noch unzählige andere zogen vor seines Rosses Kopfe daher; ein Schwindel überfiel ihn, er verlor den Haltepunkt, er wankte, noch ein Haar breit, und er fiel! Da vernahm er durch Trompeten- und Posaunengeschmetter ein lautes: » Courage, mon ami! « – und er hielt sich. Nicht vergebens hatte Lauras Kennerblick seine Haltung geregelt, hatte sie ihm eine Reihe edler Stellungen einstudiert, wie sie solche als junges Mädchen bei Franconis und Astleys besten Mitgliedern gesehen. In dem Verfolge dieser Stellungen lag Berechnung und Zusammenhang. Während Anton mit der Rechten den Bogen, mit der Linken die Violine hielt, nahm er abwechselnd bald mit einem, bald mit dem anderen Fuße die Spitze des Sattels, wobei der Oberkörper sich in den zierlichsten Wendungen nach dieser oder jener Seite neigte, ohne doch jemals die männliche Kraft aufzugeben. Jede neu veränderte Stellung wollte immer nur für einen Versuch gelten, den richtigeren und bequemeren Platz zu erringen, der für das Geigenspiel passend sei. Man konnte nichts Anmutigeres sehen, als dieses Spiel mit dem Spiele, dieses Ringen nach einem Nichts. Von Verzagtheit des Schülers blieb keine Spur. Die Kunstreiter, groß und klein, zusammengedrängt bei der Tür, welche zu den Pferdeställen führt, konnten nicht umhin seinen Mut zu loben, und der Furioso, den schwarzen Bart streichelnd, sagte laut genug, damit die zunächst sitzenden Zuschauer es vernehmen vermochten: »Bei all dem hat der Bursche Aplomb und Geschick; ich hätte ihm das nicht zugetraut!« Nun verstummte die Introduktion des Orchesters. Anton stand nun unbeweglich wie eine Bildsäule, Geige und Bogen bereit haltend, um eben zu beginnen. Der Fuchs durchlief einmal ohne Musik den Zirkus. Im ganzen Raume herrschte die Stille der Erwartung. Schon beim ersten Strich zeigte sich, daß der junge Mann seiner Sache gewiß sei. Der Ton klang rein und voll, und ob es gleich eine getragene Melodie war, die er spielte, bemerkte man durchaus keine störende Wirkung durch die Bewegung des Pferdes hervorgebracht. Der Beifall, der sich während des zarten Musikstückes zurückgehalten, brach am Schlusse desselben mit desto stärkerer Kraft hervor; der Debütant wurde sozusagen davon überschüttet, ja, selbst vornehme Damen bewegten ihre schönen Hände. Als er den Schauplatz verließ, beglückwünschten ihn sämtliche Mitglieder der Truppe, und wie er wahrzunehmen wähnte, mit Herzlichkeit. Nur Adele Jartour, ihm die liebste von allen, wegen ihrer düsteren und doch milden Zurückgezogenheit, blieb auch heute konsequent und hielt sich fern von ihm, was ihn beinahe schmerzte. Als sie ihn auf seine Garderobe zueilen sah, wandte sie den Rücken, sich in die ihrige zu verlieren. Sonderbar, sagte er beim Umkleiden zu sich selbst, dies Mädchen ist nicht mehr gar jung; auch schön ist sie nicht, mit Laura verglichen wenigstens nicht, dennoch übt sie auf mich einen geheimnisvollen Reiz. Je abstoßender sie sich gegen mich benimmt, desto mehr fühle ich mich zu ihr hingezogen. Trüg' ich nicht süße Bande – diese könnte mir gefährlich werden. Aber was hat sie gegen mich? sie vermeidet mich recht absichtlich. Ich bin so artig und aufmerksam für sie, wie sonst keiner. Und sie ... ich muß sie doch einmal ganz ehrlich fragen, was ich ihr zuleide getan. Draußen fing der Lärm der Musik wieder an. Die großen Pauke dröhnte durch die hölzernen Wände. Andere trieben ihre Künste. Anton hatte seinen Spanier an den Nagel gehängt. Er saß wie träumend davor, schaute den Putz an, als ob er staunen müßte, daß er solche Tracht getragen, und seine anderen Kleidungsstücke in Händen haltend, zögerte er noch, dieselben wieder anzulegen. Das geräuschvolle Toben aus dem Zirkus kontrastierte so wunderlich mit der leeren Ankleidekammer, die selten und nur ausnahmsweise für einen allein offen stand. Er betrachtete sein Kostüm, wie das eines Fremden: Bin ich es denn, der also aufgeputzt vor Tausenden jetzt eben sein Probestück ablegte? – Mein Gott, wenn sie das zu Hause wüßten! – Oder wenn die Großmutter das erlebt hätte? – Und das würde Ottilie ... Die Garderobentür knarrte. Anton vermutete, Laura eintreten zu sehen. Er sah Madame Adelaide. Erst jetzt, aus seiner träumerischen Zerstreuung aufgeweckt, bemerkte er, daß er, ohne es zu wissen, seine bürgerliche Kleidung noch nicht angelegt. »Bravo, Antoine«, rief die Eintretende, die nicht im mindesten über den befremdenden Anblick erstaunt und noch weniger durch denselben erschreckt schien. »Bravo, mein Junge, du versprichst!« »Und was er verspricht, pflegt er zu halten, deshalb ziemt es sich, mit Versprechungen sparsam zu sein. Nicht wahr, mein Freund?« Mit diesen Worten hatte sich Laura zwischen die Direktrice und ihn gepflanzt, ehe die letztere den Eintritt der Gegnerin geahnt. »Madame«, fuhr die Amelot fort, »wenn mich nicht alles täuscht, kommt die Reihe, sowie diese Nummer vorbei ist, an Sie. Für den Augenblick arbeitet Bajazzo auf der Leiter, und er wird trostlos werden, wenn Sie ihn nicht bewundern.« » Merci, ma chère !« entgegnete die junonische Dame, die mit einem zornsprühenden Blick auf beide das Kämmerlein verließ. Madame Laura höhnte laut lachend hinter ihr her. »Jetzt, mein Kleiner, ziehe dich an und laß uns gehen, übrigens wirst du nie mehr mit diesem Weibe reden! Nie mehr.« Anton besaß von nun an eine erklärte Feindin an der Frau seines Prinzipals. Einunddreißigstes Kapitel Als nach einigen Wochen durch allabendliches Escheinen und stets wachsenden Beifall Antons Eitelkeit befriedigt, sein Ehrgeiz abgestumpft war, fing er an, die leere Nichtigkeit dieses Seins und Wirkens zu ahnen. Solange noch ungläubiger Zweifel von seiten der Reiterschar und eigene Sehnsucht nach Selbständigkeit ihn zu riesenhaften Anstrengungen ermuntert und darin gekräftigt, hatte er nur das Ziel selbst, nicht dessen Bedeutung vor Augen gehabt. Dieses Ziel war nun erreicht, und nun durchschaute sein richtiges Urteil erst, wie verzweifelt wenig dahinter stecke. Man wiederholte ihm stündlich als eine Hauptregel des »Metiers«, daß der »Artiste«, um ein berühmtes und in Europa gesuchtes »Sujet« zu werden, sich vorzugsweise auf ein Stück lichten und es in diesem allein zur möglichst großen Sicherheit und Vollendung bringen müsse. Das Hin- und Hersuchen, Versuchen, Streben – zersplittere die Kraft und bringe zuletzt Leute hervor, die bei kleinen, schwach besetzten Truppen als »vielseitig brauchbar« sich kümmerlich durchschlagen müssen, während dem Meister, der durch eine vollendete Leistung seinen Ruf begründet, Paris und London offen stehen. Dies fand auf ihn um so mehr Anwendung, weil die Rücksicht fürs Violinspiel ihm nicht gestattete, durch eigentlichen Kraftaufwand und heftige Bravouren sich abzuarbeiten; denn er hatte seine Muskeln und Nerven zu schonen und sich in Ruhe zu halten, wenn er ein Adagio geigen wollte. So blieb ihm also die Aussicht, ein ganzes Leben hindurch auf das zu verwenden, was er, während er es ausgeübt, nur für eine Stufe zu anderen, größeren Versuchen betrachtet hatte. Das war nicht denkbar, dabei konnte er nicht ausdauern. »Es ist nur Brotneid, der sie so sprechen lehrt«, sagte er; »ich will schon etwas Neues herausgrübeln und sie alle zuschanden machen.« Und nicht nur jene Langeweile, welche sein öffentliches Auftreten und der mit demselben verbundene gleichförmige Beifall ihm erregte, mehr noch die Abhängigkeit, in welcher sein Verhältnis mit Laura ihn festhielt, drückte den ursprünglich heiteren, freien Sinn danieder. Er nahm, wie uns bekannt, noch nichts ein. Madame Amelot bestritt seine Existenz, denn sie wollte nicht einmal, daß er bei Guillaume wohne oder speise, wo Madame Adelaide die Honneurs machte. Da sie nun ebenso unziemlich fand, mit ihm gemeinschaftliche Wohnung zu haben, so stiegen die Ausgaben doppelt. Mochte sie immerhin lächelnd versichern, ihr kleiner Schatz sei groß genug, um nicht so bald erschöpft zu werden, – immerhin blieb sie es doch, welche gab; – und das fand Anton im Grunde seiner unwürdig. Möglich, daß er es nicht so streng mit dieser seiner männlichen Würde genommen hätte, wären nicht bereits einige Auftritte vorgefallen, die ihn darauf hinwiesen, daß Laura bei all ihrer scheinbaren oder wirklichen Gleichgültigkeit gegen Mein und Dein doch recht wohl wisse, wie sie es sei, die durch ihrer Börse Gewicht die Oberherrschaft behaupte. Durch ihr entschiedenes Ein- und Auftreten in die Garderobe, wie wir es am Schlusse des vorigen Kapitels schilderten, war Anton, obwohl er die Aufdringlichkeit der Frau Adelaide keineswegs löblich, ja für sich nicht einmal schmeichelhaft fand, doch verletzt worden, hatte seiner Freundin auch unumwunden eingestanden, daß sie ihn damals behandelt habe wie einen Schulknaben. Noch schlimmer jedoch drohten sich jene Zerwürfnisse anzulassen, welche durch vielerlei an ihn ergehende zärtliche Zuschriften herbeigeführt wurden. Manche derselben trugen zwar unverkennbare Spuren niedriger Herkunft, weshalb sie nicht einmal zur oberflächlichen Eifersüchtelei Anlaß boten; dagegen wieder verleugneten andere um so weniger die Berechtigung ihrer Absenderinnen, recht reiche Wappen zu führen, als sich letztere, in feinstem Lack abgedrückt, rein und lockend auf den Briefhüllen zur Schau stellten. Gewöhnlich in französischer Sprache abgefaßt, – denn wer sollte in anderer mit »Monsieur Antoine aus Paris« anknüpfen wollen? – sprachen sie den Wunsch aus, die nähere Bekanntschaft eines jungen, liebenswürdigen Künstlers zu machen, der ... und so weiter. Da Madame Amelot nicht zur Truppe gehörte, mochte ihre Existenz den meisten Schreiberinnen ebenso unbekannt sein, als Antons Stellung zu ihr. Er galt für frei ! Madame Amelot hatte sehr schlaue Vorkehrungen getroffen, damit jedes an Anton gerichtete Schreiben ihr zukommen möge. Er erfuhr den Inhalt der süßen Blätter immer erst aus den bitteren Worten, in welche die Verliebte ihn kleidete. Auch ließ sie die nähere Bezeichnung jener Orte, wo man ihm zu begegnen hoffte, stets ein Geheimnis für ihn bleiben. Es währte nicht lange, so galt der schöne Antoine bei gewissen galanten Damen von Stande für einen ausgesprochenen Weiberfeind. Dies und die Neckereien seiner Genossen, welche ihn spöttisch bedauerten, daß Lauras Aufsicht gar zu streng sei, ihm gar keine Freiheit gönne, verbunden mit dem eigenen Bewußtsein von unauflösbarer Abhängigkeit, wurde ihm gar bald zur schweren Strafe für eine leichtsinnig eingegangene Verbindung. Seine Zärtlichkeit erkaltete, und das trug dazu bei, die Freundin argwöhnischer zu machen, ihre Eifersucht zu steigern. Bald wurde ihm ein Joch, was im Beginn ein Blumenkranz gewesen. Doch sein Schutzgeist wollte nicht, daß er zum lügnerischen Heuchler werde, daß er, die liebliche Freundin durch falsche Worte täuschend, sich innerlich ganz von ihr abwenden, daß er Zerstreuung und wilden Trost im Betruge suchen solle. Was ihn retten konnte, lag nahe: die Trennung ohne seine Schuld. Eingeleitet ward sie durch ein Ereignis, welches seinem Herzen nur Ehre macht, und welches wir folglich mitteilen werden. Vollendet ward sie durch Dazwischenkunft eines dritten, der auch schon unterwegs ist. Wie stets geschieht, wo Kunstreiter in großen Städten längeren Aufenthalt machen, hatte sich auch in B. eine Anzahl täglicher Besucher gesammelt, die Teilnahme für die Reitkunst, Passion für Pferdedressur, Bewunderung für dieses oder jenes Frauenzimmer, Müßiggang, Gewohnheit, wohl gar ein poetisch-romantischer Hang dahin zieht, wo die nüchternste, niedrigste Prosa sich hinter gleißende Gewänder, fremde Sprachen, drohende Gefahr und Sinnenreiz oft so glücklich zu verbergen weiß, daß nur ein scharf geübtes Auge sie herauszufinden vermag. Die aus den verschiedensten Lebensaltern durcheinander geworfenen Habitués – (ich finde kein so bezeichnendes deutsches Wort) – vom Greise bis zum Knaben herab durften der Mehrzahl nach für Nebenbuhler des Bajazzo erklärt werden. Sie vereinten sich in Bewunderung für die Persönlichkeit von Madame Adelaide. Doch konnte diese Bewunderung nicht hindern, daß jeder Kenner der Sache in Demoiselle Adele Jartour die bessere, elegantere Reiterin, die sinnige Darstellerin ihrer kleinen Sattelszenen, die Grazie im allgemeinen erkannte, wo Madame Adelaide mehr durch üppige Schönheit glänzte. Diese aber war die Frau nicht, andere Göttinnen neben sich zu dulden; sie hatte dem unter ihrem Pantoffel gleichmütig dahin wandelnden und dirigierenden bon homme von Gatten das Engagement der Jartour lediglich gestattet, weil diese ihr an Teint, Fülle, Koketterie leicht besiegbar schien, und weil sie der Hoffnung lebte, sie werde der Bescheidenen den Siegeskranz ebenso leicht vom Haupte reißen, als sie aus der gleichnamigen, volltönenden »Adelaide« bereits eine demütig klingende »Adele« gemacht. Auch gab man der Armen schlechte Pferde, placierte sie unvorteilhaft, gestattete ihr nicht darzustellen, was sie wünschte, kurz, legte ihr jedes Hindernis in den Weg, wodurch man aber dennoch nicht dazu gelangte, sie in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Während die Partei der Madame Adelaide sich bei deren erquälten und einförmigen Attitüden die Hände wund klatschte, blieb die Mehrzahl der Zuschauer kalt. Dagegen bei der Jartour, wo niemand aus dem Direktionswinkel das Zeichen gab, erhoben sich alle Unbefangenen zu lautem vielstimmigen Lobe. Das ärgerte die Prinzipalin. Wäre etwas imstande gewesen, sie abzumagern, dieser Ärger müßte es auf die Länge getan haben. Sie jedoch war sich am besten bewußt, daß ihr Fleisch sie zu dem machte, was sie ihren Verehrern galt; sie wollte es á tout prix konservieren, und deshalb sollte nun die Jartour vertrieben werden. Händel mit ihr zu beginnen, einen Zwist herbeizuführen und dann den Gemahl zu zwingen, daß er sie entlasse – das war unausführbar. Wer konnte dieses sanfte, nachgiebige, duldsame Geschöpf – auf dem Rosse eine Löwin, auf dem Boden ein Lamm – dazu verleiten, in einen Skandal einzugehen? Hätte Madame ihr ohne Ursache eine Ohrfeige auf die rechte Wange gegeben, Adele würde in Demut die linke auch dargeboten haben. Folglich wurde beschlossen, das Engagement ihr zu verleiden, sie sollte kündigen, sie sollte erklären, daß sie scheiden wolle ! Dazu benützte Madame Adelaide ihre dienstwillige Clique und Claque; blieb, um dieselbe aufzumuntern, schon acht Tage vor Ausführung der verächtlichen Kabale stundenlang im Gedränge ihrer albernen Courmacher stehen, jeder Zudringlichkeit Stich haltend, zum großen Ärger Bajazzos, der verschiedene Male, wie aus Versehen, seine spitze, graue Hanswurstmütze, einem Donnerkeil ähnlich, dazwischen schleuderte. Während dieser acht Tage vernahm man jedesmal, wenn die Jartour, den Zirkus verlassend, ihre Verbeugung machte, anhaltendes Zischen und Pfeifen von den hinteren Plätzen, welches bisweilen so anhaltend wurde, daß die Beifallspendenden sich einschüchtern ließen und verstummten, worauf dann die Erstaunte verlegen und beschämt nach Hause wandern mußte. Anton, der sich unverhohlen über diese vollkommen ungerechten Feindseligkeiten ausgesprochen und sich, darüber empört, erklärt hatte, weil er die Jartour und ihr Talent achtete, legte sich jetzt aufs Beobachten und geriet bald auf den Zusammenhang des Komplottes. So bemerkte er zuerst, daß ein junges Herrlein, wie ihm schien, um mehrere Jahre jünger als er selbst, den Zischern im dritten Range öfters Zeichen und Winke gab. Einer derselben war es denn auch, der eines Abends mitten in den Tumult hinein nach der Reiterin einen Blumenstrauß warf, wie sie eben vom Pferde stieg. Sie blickte schüchtern auf die unerwartete Gabe, zögernd, ob sie wagen dürfe, sich derselben zu bemächtigen. Doch als sie es endlich tat und eine große Anzahl von Zuschauern Beifall dazu klatschte, erhob sich das böswillige Gezisch mit solcher Energie, daß kein Zweifel blieb, die Blumenspende war nur angeordnet gewesen, damit sich eine neue Schmach daran knüpfen lasse. Doch sollte dieser Abend nur der Vorläufer eines zweiten, noch boshafter angelegten Planes sein. Anton bekam davon eine Ahnung, die noch gesteigert wurde, als er kurz vor Beginn der Vorstellung das junge Herrlein mit jenem gehorsamen Zischer vom letzten Range bei einem Gespräch belauschte. Nur die dünnen Bretterwände der Garderobe trennten ihn von dem flüsternden Paare. Er vernahm die Frage: »Habt ihr sie hier?« und die darauf erfolgende Antwort: »Sehr wohl, Herr Graf, Friedrich hat sie oben bei sich im Futtersack!« Ob er gleich den Sinn dieser Worte nicht verstand, genügten sie doch, ihn eine neue Feindseligkeit gegen die Verfolgte erwarten zu lassen; weshalb er gewissermaßen auf dem Sprunge stand, schon im voraus bereit, zu verhindern, was er etwa verhindern könne, oder zu rächen, was zu verhindern unmöglich sei. Als Madame Adelaide heute erschien, flog ihr ein Blumenregen entgegen, und aus derselben Ecke des letzten Platzes, wo abermals jener dem jungen Herrlein vertraute Diener Posten gefaßt, schien sich ein Wolkenbruch von Sträußen und Kränzen zu entladen. Dies zu sehen tröstete Anton beinahe, denn er wurde geneigt, zu glauben, es seien eben diese harmlosen Blätter und Blüten gewesen, nach denen der verliebte Jüngling gefragt, und die seine Helfer prosaisch genug in einem Futtersack herbeigeschleppt. Mag sich das eitle Weib meinetwegen in Blumen ersticken lassen! dachte er, was kümmert's mich? Wenn sie nur der armen, wehrlosen Adele kein Leid zufügen! Die zweite Abteilung begann. Die Reihe, sie zu eröffnen, war an Adele. Mit niedergeschlagenen, rotgeweinten Augen, denen man den Schmerz über die gestern erlittene Kränkung noch ansah, schwang sich die Jartour aufs Pferd. Anton, obgleich es nicht sein Tag war, hatte sich selbst zum Manegendienst erboten, um für alle Fälle bei der Hand zu sein, und folgte dem Stallmeister, der, die Leitpeitsche führend und den Gaul antreibend, seine üblichen kleinen Kreise beschrieb; auch überreichte er der Jartour ihre Fahne, mit der sie den großen Rundlauf zu machen hatte, und die so konstruiert war, sich durch einen Griff in zwei Fahnen teilen zu lassen, welche dann, lebhaft geschwungen, wie Blitze um die dahinfliegende Reiterin sausten. In dem nämlichen Moment, wo die Kapelle das für die Karriere bestimmte raschere Tempo einsetzte, flog eine schwarze Katze über die Köpfe der Damen, welche die vorderen Plätze einnahmen, in die Manege. Das unglückliche Tier, dessen Tod für solchen niederträchtigen Endzweck vorher gewaltsam beabsichtigt worden, hatte sich, der diesen Geschöpfen eigentümlichen Lebenszähigkeit gemäß, von der ersten Betäubung erholt, während es im bewußten Futtersack steckte, und suchte nun, schwer verletzt, aus einigen Wunden blutend, von Schmerz gequält, im wilden Todeskampfe mit seinen scharfen Krallen zu packen, was sich ihm darbot. Der Wurf, der es herübergeschleudert, war so geschickt berechnet, daß dieses gemattete Geschöpf vor der Stirn des weißen Schimmels, den die Jartour ritt, hängen blieb, wo es sich wütend mit allen vier Pfoten anklammerte, des Pferdes Augen verletzte und sich in dessen Nase verbiß. Der Schimmel, ein ohnedies ungestümes und gefährliches Tier – dank der liebevollen Fürsorge von Madame Adelaide, die ihn für Adele ausgewählt! – tat, was auch ein kindfrommes Schulpferd in solchem Falle getan haben würde! Er machte ungeheure Sätze, schlug vorn und hinten aus, stieg hoch in die Höhe, daß er sich zu überschlagen drohte, und weder Stallmeister noch Reitknecht waren rasch genug, einen entschiedenen Entschluß zu fassen. Adele, da sie durchaus nicht begriff, was vorgefallen sei, befand sich gänzlich außer Fassung und hielt, mehr erstaunt und erschreckt, als fürchtend, mit beiden Händen die Mähne fest. Dieser peinliche Zustand wählte aber nur einige Sekunden lang. Schon hatte Anton eine der zu Boden gefallenen Fahnen ergriffen, mit deren Stiele die sterbende Katze herabgeschlagen, des Pferdes Zügel gepackt und sich mit solcher Gewalt daran gehängt, daß es sich auf einen Augenblick verhindert fühlte, zu bäumen oder auszuschlagen. Dieser Augenblick gab Adele ihre Fassung wieder. Sie ließ sich mit der ihr eigenen Geschicklichkeit zu Boden gleiten, kam unversehrt im weichen Sande an, erhob sich dann und schüttelte fürs erste den Staub von ihren Gewändern. Unterdessen hatte Anton das rasende Pferd sich selbst überlassen müssen, wollte er nicht von dessen Hufen zerschmettert werden. Es setzte schäumend, seiner zwiefachen Last entledigt, doch nicht ferner Schmerzen, über die ungeöffneten Türflügel der Barrieren hinaus. Nach und nach gelangten denn auch die Zuschauer aus ihrer ersten Verblüfftheit zum Bewußtsein dessen, was sich eigentlich zugetragen. Von allen Seiten wurden Stimmen laut, welche die Züchtigung des Nichtswürdigen begehrten; dieser jedoch hatte sich, wie die nächsten Nachbarn versicherten, samt seinen Kameraden beizeiten davongemacht. In das verworrene Durcheinandergeschrei rief Anton mit kräftigem Tone und in einem Deutsch, welches aus »Antoines, des Parisers« Munde in Erstaunen setzen mußte: »Meine Herren, geben Sie sich keine Mühe, einen Elenden zu verfolgen, der nur das Werkzeug dieser Infamie war, hier habe ich die Ehre, Ihnen den Urheber zu zeigen.« Zugleich schritt er, vor Wut und Zorn glühend, auf den Jüngsten von Adelaides Anbetern zu und gab ihm mit der noch blutigen Fahne einen Schlag. Lauter Beifallsruf folgte diesem Schlage. Der Getroffene wollte sich auf Anton stürzen. Mehrere von der Truppe, Furioso obenan, warfen sich dazwischen und trennten sie. Von den Herren, die in des jungen Grafen Nähe gestanden, blieb nicht einer am Orte; sie zerstreuten sich eiligst. Sicherheitsbeamte machten durch ernstliches Einschreiten Ordnung. Die Repräsentation ging, wenn auch matt und lahm, dennoch zu Ende, nachdem Anton sowohl als sein Gegner veranlaßt worden waren, den Zirkus zu meiden, mit dem Bedeuten, die Sache werde bei der Behörde anhängig gemacht und untersucht werden – eine Drohung, die später nicht erfüllt wurde, weil sich kein Kläger meldete, und man zuletzt froh war, die häßliche Geschichte nicht weiter aufrühren zu müssen. Laura verschonte Anton nicht mit Vorwürfen über seine unberufene Einmischung. Auch knüpfte sie – echt weiblich – die Bemerkung daran, es nähme sie wunder, daß er die Fahne für eine Gegnerin der Madame Adelaide schwinge! Wahrscheinlich ziehe er ätherische, das heißt magere Gestalten den profanen irdischen vor! Und dann freilich dürfe sie neben einer Jartour, die in Fleischlosigkeit exzelliere, nicht in die Schranken treten! Diese ungerechten Neckereien ärgerten Anton um so heftiger, weil er in Beziehung auf seine Teilnahme für Adele wirklich nicht ganz unbefangen war. Er verließ, ohne etwas zu erwidern, Madame Amelot. Und dies war seit ihrer Verbindung der erste Abend, welchen sie voneinander getrennt zubrachten. Zweiunddreißigstes Kapitel Am nächsten Morgen verspürte Anton nicht die geringste Lust, nach der Manege zu gehen, um sich zu üben, was er doch sonst niemals unterließ. Er blieb in seinem Stübchen und las. Da pochte es kaum hörbar an die Tür. Er wähnte, das sei Laura, die ihn zu versöhnen komme, worüber er eigentlich Freude empfand. Doch tat er sich Gewalt an und gab sein: » entrez !« so mürrisch als möglich. Die Jartour stand vor ihm. Er ging ihr freundlich entgegen, indem er sich zuvörderst entschuldigte, daß er gestern abend versäumt habe, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Ihr Befinden, erklärte sie, wäre recht gut. Dann verstummte sie wieder. Zitternd, wie eine verschämte Bettlerin, stand sie vor ihm, ohne ihn anzublicken. Er nötigte sie zum Sitzen. Sie schüttelte verneinend den Kopf – und schwieg. Anton war sehr verlegen, denn er wußte durchaus nicht, was er mit diesem sprachlosen Gaste beginnen sollte. In seiner Verlegenheit fragte er hin und her, ob sie heute auftreten werde, was der Schimmel mache, wie sich Madame Adelaide gestern noch benommen, was der Direktor sage, nur um zu sprechen. Doch vergebens: sie blieb stumm. Nun geriet er förmlich in Angst. Zwar wußte er, daß sie nur gekommen sei, ihm zu danken, daß sie dafür keine Worte finde, weil sie sich sehr bedrückt fühle, ihn bis jetzt so unfreundlich behandelt zu haben; und schon wollte er, diese peinliche Empfindung in ihre Seele hinein mitfühlend, so unzart sein, diesen Punkt zur Sprache zu bringen, bloß damit auch sie endlich die Sprache finden möge; ... da vernahm er die Treppe herauf Fußtritte, Sporengeklirr, Säbelgerassel. Aufhorchend deutete er mit der Hand nach der Tür. Aber in dem nämlichen Augenblick fühlte er, noch ehe er sie zurückziehen konnte, seine Hand an ihren Lippen, von heißen Tränen benetzt. »Pardon, Antoine!« flüsterte sie entfliehend. – Die Tür ging auf. Ein junger Offizier stand ihr gegenüber. Nun gab es eine Szene, deren stummes Spiel vielsagend genannt werden darf. Der erste Blick des Eintretenden richtete sich nicht ohne ironisches Lächeln auf Anton, der denselben ernsthaft erwiderte, und von dessen finsterer Stirn er nach Adele glitt, als wollte er sagen: »Deshalb also, Demoiselle, kämpft dieser Ritter für Sie?« Adele aber, vor einer Minute noch sprachlos, verworren, niedergeschlagen, vor Anton bebend wie ein Kind vor dem zürnenden Lehrer, stand jetzt fest und sicher vor dem Fremden. Sie gab ihm seine fragenden Blicke mutig zurück, und darin lag eine Antwort, eine entschiedene, unzweifelhafte Antwort, daß der Spott im Angesichte des Leutnants ungeheucheltem Erstaunen wich, um so rascher wich, weil die Spuren innigster Tränen noch sichtbar blieben auf des Mädchens Wangen. So verging ein ganzes Weilchen, bis der Fremde die im freundlichsten Tone gesprochenen Worte fand: »Wenn ich störe –« »Keineswegs«, unterbrach ihn die Jartour. »Ich kam, zu danken. Dies ist geschehen. Doch kann ich mich nicht entfernen, ohne Sie, mein Herr, zu versichern, daß dieses Wort des Dankes das erste gewesen, welches zwischen ihm und mir gewechselt wurde. Verzeihen Sie, Antoine, daß ich es sage, ich tue es nur um Ihretwillen. Denn was liegt an mir? –« »Und nun, Herr Leutnant«, fuhr Anton fort, nachdem Adele sie verlassen, »was steht zu Ihrem Befehle? Doch sprechen wir in unserer Sprache, bitte ich; Sie hören, ich bin ein Deutscher.« »Ihre Erklärung«, erwiderte der Offizier, »gibt mir einen erwünschten Übergang, gleichsam zur Einleitung für das unangenehme Geschäft, welches mich hierher führt. Sie sind kein Franzose, obgleich Sie dafür gelten? So wäre denn vielleicht auch wahr, was als Gerücht zu unseren Ohren gelangte: daß Sie, von höherem Stande, Ihren gegenwärtigen nur in jugendlich übermütiger Laune erwählt hätten, daß Sie von Geburt wären, daß Sie des Scherzes oder jener erotischen Beweggründe, die Sie zu solcher Verkleidung brachten, müde sind, Ihren Namen wieder tragen und die Jugendtorheit belächeln dürften?« »Und in welcher Absicht, mein Herr, stellen Sie mir diese Gewissensfragen?« »In der redlichsten von der Welt. Sie haben gestern den jungen Grafen Louis gröblich insultiert. Welche Motive Sie dafür hatten, will ich nicht untersuchen, ebensowenig als ich den verzogenen Schlingel rechtfertigen mag. Ich will Ihnen sogar zugestehen, daß ich an Ihrer Stelle vielleicht noch heftiger gehandelt hätte! – mehr können Sie von mir nicht verlangen. Aber wie die Sachen nun einmal liegen, bleibt dem Beleidigten keine Wahl, als sich mit Ihnen zu schießen auf Leben und Tod – (für den Fall, daß Sie Satisfaktion stellen könnten!) – – oder Sie bei nächster bester Gelegenheit über den Haufen zu stechen wie einen tollen Hund. Es ist übel, doch läßt sich's nicht ändern. Der Junge sollte in unser Regiment eintreten. Ich bin seinem Vater Verpflichtungen schuldig. Nach der gestrigen Geschichte ist nichts weiter zu tun, als so oder so!« »Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Leutnant, muß aber gleichwohl bekennen, das Gerücht war diesmal wieder zu voreilig. Ein Schleier liegt auf meiner Vergangenheit, das ist richtig. Auch möchte wohl von Ihrem sogenannten edlen Blute in meinen Adern wallen; doch ist es auf nichts weniger als legitimem Wege dahin gelangt, und da wir keinen Monarchen zu unserer Disposition haben, der meine Geburt sanktionieren und meine Mutter samt dazu gehörigen Vorfahren in ihren Gräbern nachadeln könnte, so wird ihrem Gräfchen nichts übrig bleiben, als ein Bastard – oder der tolle Hund. Den ersteren anlangend, steht er jederzeit zu Diensten, sobald Sie und andere Ehrenmänner der Meinung sind, daß ein Schimpf, den sich der junge Herr selbst zugefügt, dadurch getilgt werden könne. Den letzteren betreffend – den tollen Hund nämlich – muß dieser freilich auf alles gefaßt sein. Doch würde ich seinem Gegner anraten, sich auf alles gefaßt zu machen; denn mit tollen Hunden, Sie begreifen wohl, ist nicht zu spaßen.« »Nehmen Sie mir dies schlecht gewählte Gleichnis nicht übel, Antoine«, fuhr jetzt der Leutnant fort. »Es paßt wahrlich am wenigsten auf Sie, der Sie so ruhig und anständig verhandeln. Ihren Spott gegen unsere Vorurteile verstehe ich recht wohl und finde ihn von Ihrem Standpunkte aus ebenso natürlich, als Sie dieselben Vorurteile natürlich und begreiflich finden dürften, wenn Sie sich auf unseren Standpunkt versetzen wollten oder könnten. Auch soll nichts mich hindern, mir Mühe zu geben, daß ich ein Arrangement zwischen Louis und Ihnen, allen Vorurteilen zum Trotz, herbeiführe. Ich bin im voraus überzeugt, es wird Ihnen an Mut nicht fehlen.« »Das kann ich wahrlich vorher nicht versprechen, mein Herr Leutnant«, entgegnete Anton. »Ich habe noch keinen recht klaren Begriff von der Empfindung, die es hervorbringt, wenn man genötigt wird, umzubringen oder sich umbringen zu lassen. Aber ich zweifle nicht, daß es eine artige, allerliebste Sache sei, weil sie so lange in der Mode bleibt und so anhaltenden Beifall findet, wenn Ihre Fürsorge mir Gelegenheit gönnen will, auch durch diese Erfahrung meinen Lebenslauf zu bereichern.« »Sie sind ein Schalk, mein Lieber«, sagte der Offizier, »doch wirkt Ihr Wesen und Benehmen so versöhnend freundlich, so beruhigend, daß ich jetzt schon den verdrießlichen Skandal minder schwarz betrachte, als vor zehn Minuten, wo ich bei Ihnen eintrat. Ich werde den vorteilhaften Eindruck, den Sie auf mich hervorgebracht, meinen Kameraden bestens schildern. Vielleicht gelingt es unserer mehreren, die Form zu retten, ohne das Äußerste herbeizuführen, vielleicht läßt sich ein Knabenstreich – der obenein, wie ich fürchte, durch ein böses Weib provoziert wurde – als solcher behandeln, und wir bedürfen, wenn Sie zu einem ausgleichenden Worte sich verstehen wollen, wodurch Sie Ihre unüberlegte Tat als eine bewußtlos im Zorn vollbrachte erklären, gar keiner Pistolen?« »Tun Sie, was Ihnen passend scheint; ich zweifle nicht an Ihren guten Absichten und füge mich im voraus jeder Entscheidung, die Sie zweckmäßig finden können, indem ich alles in Ihre Hand lege.« »Dann«, rief der Leutnant aus, »legen Sie zuvörderst Ihre eigene Hand in die meinige! Sie sind ein braver Bursche; ich freue mich Ihrer Bekanntschaft und hoffe, Sie bald wiederzusehen.« Sie schüttelten sich recht herzlich die Hände wie ein paar alte Freunde, und schon hatte der Leutnant, zum Gehen bereit, mit seiner Linken die Tür ergriffen, als diese sich öffnete – und Laura hereintrat. Das stumme Spiel von vorhin wiederholte sich, doch allerdings in ganz anderer Art. Madame Amelot hielt den fragenden, forschenden Blick des Offiziers auch aus, ja, noch sicherer, noch kecker als ihre Vorgängerin; aber aus ihren Augen sprach, wie sie ihn erwiderte, nicht jene tränenumschleierte Reinheit, wodurch Adele jeden spöttischen Argwohn besiegte. Laura zeigte sich und gab sich, wie sie war; deshalb konnte – obgleich sie wirklich diese Schwelle zum erstenmal betrat – kein Zweifel obwalten, sie komme als Herrin! » Diesmal «, sprach der Leutnant mit einem vertraulichen Kopfnicken zu Anton, »würde ich wirklich stören, wie mir scheint! Adieu, Antoine, auf Wiedersehen! Madame, Ihr Diener!« Anton war guter Laune. Die Liebenswürdigkeit des gegnerischen Vermittlers hatte ihn erheitert. Er baute Lauras Entgegenkommen goldene Brücken; die Versöhnung bot keine Schwierigkeiten, und erst nachdem sie abgeschlossen und besiegelt war, fiel der Schönen aufs Herz, daß sie nicht zu Anton hätte kommen, sondern vielmehr daheim harrend hätte schmollen und maulen müssen, bis er bittend zu ihr gekommen wäre. Diese tadelnswerte Avance durch eiligen Rückzug gutzumachen, stand sie schon im Begriff, da klirrte es abermals die Treppen herauf, und des Leutnants Stimme ließ sich von außen vernehmen, wenn er ungelegen sei, wolle er später wiederkehren. Daß er eintrete, nur um ein Ende zu machen, rief Laura ärgerlich und riß die Tür weit auf. Der Gute war noch nicht sichtbar, da schickte er schon eine Entschuldigung voran, indem er sagte: »Ich komme mir vor wie ein außerordentlicher Botschafter, der, entsendet, um Unterhandlungen anzuknüpfen, zu früh abreiste; gleich nachdem er fort war, hat zu Hause eine Staatsumwälzung stattgefunden, die alle seine diplomatischen Feinheiten unnütz macht. Während ich vor einigen Stunden und seit ich bei ihnen war, Bester, ist soviel geschehen, daß ich gar nicht weiß, womit ich erzählend beginnen soll. Ihr Duell kann nicht zustande kommen, auch dann nicht, wenn Sie vom reinsten und ältesten Adel wären, denn ihr Gegner ist auf und davon! Es klingt unglaublich, doch leider muß ich's glauben. Denken Sie: wir beraten gestern abend alles Ernstes untereinander, was etwa geschehen könnte, den Schimpf des Fahnenschwenkens von des Gelbschnabels Kopf zu waschen – und unterdessen schleicht er zu einer bewußten Dame, um bei ihr und von ihr versprochenen Lohn zu empfangen für die an Demoiselle Adele verübte Büberei. Eine gewisse lustige Person Eurer Truppe bekommt Wind, wird darüber zur traurigen, vielmehr zornigen Person, glaubt sich in eigenen Rechten gekränkt, sprengt eine verschlossene Tür, dringt ein und trennt das ungleiche Paar – wodurch? Durch den zwischen beider Zärtlichkeit geworfenen Leichnam selbiger Katze! so daß man das alte Sprichwort passend anbringen könnte: womit du sündigst, sollst du gestraft werden. Aus dem gestörten Duett entsteht ein Terzett, in welchem, wie die Nachbarn behaupten, Bajazzos lederne Reitgerte taktiert haben soll. Der Rest ist Schweigen. Unser frühreifer Louis hat begriffen, daß eines Hanswursten Peitsche tiefere Wunden schlage, als der Jartour blutige Fahne und ist, nicht ohne seinen Gläubigern heftigen Schreck zu bereiten, in aller Frühe nach Hause gereist, allwo er seine Eltern fürchterlich anzulügen nicht ermangeln und auch an seinem überzärtlichen Papa einen gläubigen Hörer finden wird. Ich jedoch habe bereits an die Mutter geschrieben und dieser verehrungswürdigen Frau die Wahrheit mitgeteilt, damit das verdorbene Söhnchen durch ihren Einfluß wenigstens etwas strenger gehalten werden möge. Der alte Graf – zwar an Jahren ist er noch ein junger Graf – nimmt mir diese Einmischung gewiß hübsch übel, doch das ist gleichviel. Ich besuche sein Haus ohnedies nicht mehr, so lange der Schlingel von Sohn vorhanden ist. Nun, mein guter Antoine, wissen Sie, was Sie wissen mußten, zur Ergänzung unseres ersten Zwiegesprächs. Ich wiederhole Ihnen, daß wir uns freuen werden. Sie unter uns zu sehen, und empfehle mich der schönen Dame zum zweitenmal, diesmal, um fürs erste nicht wieder zu belästigen.« Laura besaß schon genügende Kenntnis der deutschen Sprache, um den Hauptinhalt dieses Berichtes zu fassen, woran sie sich nicht wenig ergötzte. Auch Anton fühlte sich glücklich, so leichten Kaufs aus einer so kitzligen Klemme befreit zu sein. Für sein Verhältnis bei der Truppe schien die Begebenheit nützlich. Madame Adelaide war – fürs erste wenigstens – von ihren Prätensionen zurückgekommen, sie schwieg beschämt zu der beifälligen Teilnahme, die sich jetzt neu erregt auf Adele und deren kühnen Ritter richtete. Ihre Anbeter verloren sich. Das Gerücht von der toten Katze hatte sie zerstreut. Doch sollte diese Ruhe und Selbstzufriedenheit, in welcher Antons Ehrgefühl noch einmal eingeschläfert ward, nur eine scheinbare, sie sollte nur von kurzer Dauer sein. Wenige Tage nach den soeben geschilderten Vorfällen verbreitete sich bei der Gesellschaft plötzlich die Kunde, Herr Amelot sei eingetroffen, habe auch bereits dem Direktor eine Antrittsvisite abgestattet, um sich und seine Künste zu offerieren. Wir haben weiter oben Herrn Amelot, den von Laura getrennt lebenden Gatten, Seiltänzer genannt. Das war er eigentlich nicht. Im Beginn seiner Laufbahn soll er sich wohl auch in jener Richtung versucht haben, doch ohne vorzüglichen Erfolg, weshalb er sich später ausschließlich zum Springer bildete und als solcher die höchstmögliche Wirkung erreichte. Seine Körperkraft und Gewandtheit konnte nur mit seinem Mute, der jede Gefahr gering schätzte, verglichen werden. Er trotzte dem Tode, wie wenn er ihn aufsuchen wollte; man sah seine Hauptstücke nicht ohne Schauder an. Doch in diesem Schauder gerade besteht für viele Zuschauer, ja unglaublicherweise für viele Zuschauerinnen, ein eigentümlicher Reiz. Dieser war es denn auch zunächst, der ihm – abgesehen von seiner allerliebsten Figur, welche auch das ihre getan – Lauras Neigung gewonnen. Sie nannte ihn zwar jetzt, sobald von ihm die Rede war, nicht anders als »Ungeheuer«, wie wenn das sein Taufname gewesen wäre. Doch daß er ihr noch nicht gleichgültig sei, und daß sie öfter, als Anton notwendig erachtete, über ihn klagte, ließ letzteren nicht mit Unrecht vermuten, das Ungeheuer sei noch nicht gänzlich aus ihrer Gunst verbannt. Deshalb empfand er, vorzüglich in den Rosenmonden seiner Liebe zu ihr, nicht selten jene rückwirkende Eifersucht, die um so peinigender quält, wenn sie einem Unbekannten gilt und folglich einer geschäftigen Phantasie desto weiteren Spielraum darbietet. Jetzt war nun dieser unbekannte Gegenstand seiner Unruhe anwesend, er sollte ihn persönlich kennen, sollte zugleich erfahren lernen, wie Madame Amelot sich Herrn Amelot und ihm gegenüber benehmen werde. Eine gefährliche Probe für beide Teile! Laura empfand dies nur allzusehr und suchte sich zuvörderst den Rücken zu decken durch die Erklärung, sie werde nicht dulden, daß der Direktor das Ungeheuer engagiere, wenn es aber wider ihren Willen geschehe, werde sie ohne Aufschub abreisen. »Und ich?« fragte Anton, »was wird mit mir? Bindet nicht mein Kontrakt mich für noch länger als zwei Jahre an Guillaume?« »So brich ihn und folge mir.« »Niemals, Laura, niemals. Es wäre feige von uns beiden. Deine Flucht müßte den Menschen, der dich unwürdig behandelte, der dich schlug, wie du behauptest – (ich begreife das nicht!) – argwöhnen lassen, er sei dir noch gefährlich. Und ich will nicht zum Betrüger an einem guten Manne werden, der mir wohlwollend entgegenkam. Zeige jetzt, wie eine Frau von Geist und Bildung ihre Stellung zu behaupten versteht, halte den groben Luftspringer durch kalte Höflichkeit fern, und wenn er sich vertrauliche Anreden erlaubt, so weise ihn mit der Bemerkung zurück, daß er jedes Recht auf dich längst verscherzt habe.« »Und wenn du mir Szenen machst? Wenn du mich mit Eifersucht plagst, Gott, welche Existenz!« »Fürchte nichts. Ich werde dich nicht plagen. Du sollst mit mir zufrieden sein.« So beschloß Anton die Unterhaltung. Aber Laura war nichts weniger als zufrieden. Antons besonnene Kälte mißfiel ihr. »Wenn er wenigstens gedroht hätte, meinen Gemahl zu töten«, murmelte sie, »das wäre doch etwas!« Ich habe durchaus nicht darüber klar werden können, warum Herr Amelot, Lauras Bitten und Schmeicheleien beim Direktor entgegen, Adelaides Einwendungen zum Trotz – denn letztere fürchtete in ihm einen drohenden Rivalen des wiederum mit ihr versöhnten, ein ähnliches Kunstgebiet bearbeitenden Bajazzo – dennoch engagiert werden sollte, und entdecke keinen anderen Grund, als den stürmischen Beifall, den er bei einigen Gastvorstellungen fand, und der Herrn Guillaume für die Kasse das Beste folgern ließ. Anfänglich ging alles gut. Amelot bekümmerte sich dem Anscheine nach ebensowenig um Laura, als Laura um ihn, vielmehr machte er aus Leibeskräften seine Cour an Madame Adelaide, wodurch Bajazzo, der sich die Palme des Salto mortale ohnehin durch ihn entrissen sah, melancholisch wurde. (Ein melancholischer Bajazzo gehörte seinerzeit überhaupt nicht unter die Seltenheiten, so wenig, als ein hypochondrischer Harlekin. Und wenn ein solcher sonst nur Humor und Witz besaß, wirkte er, Hypochonder und melancholisch, wie er war, durch den Kontrast um so mehr: – als es überhaupt noch Bajazzos gab! Die jetzigen Kunstreiter geben es vornehmer, verachten den Bajazzo, titulieren ihre Spaßmacher » clown «, und letztere verfertigen so anständige und vornehme Späße, daß ein armer, ehrlicher Mensch meines Schlages nicht mehr imstande ist, je darüber zu lachen, und sich nach dem alten, verwiesenen Bajazzo vergeblich sehnt.) Anton fand nicht die geringste Ursache zur Klage, mußte Lauras Benehmen loben und würde auch vollkommen beruhigt gewesen sein, hätte nicht das Verfahren der Jartour ihn stutzig gemacht. Diese nämlich, noch ebensowenig mit ihm redend, ihm noch ebenso ängstlich ausweichend wie sonst, schien sich die Aufgabe gestellt zu haben, Madame Laura Amelot in ihrer Beziehung auf Herrn Amelot zu überwachen. Es stellte sich beinahe dar, wie wenn sie den Mann innig liebe, jedem seiner Blicke auflauern, auskundschaften wolle, ob die von ihm getrennte Frau sich auch nur verstohlen nach ihm wende. Wo eine Möglichkeit sich ergab, daß die beiden aneinander vorübergehen, daß sie, sich begegnend, eine Silbe wechseln könnten, lauschte Adele gewiß in irgend einem Versteck. Wie dies allen auffiel, entging es auch Anton nicht. Der Argwohn flüsterte ihm mit schneidender Stimme ins Herz: nicht um ihrer selbst willen übt jene das beschwerliche Wächteramt, sie tut es für dich! Und die natürliche Folge davon war, daß auch er mißtrauisch wurde; dies Mißtrauen trug sich auf seinen Umgang mit Laura über, verstimmte auch sie. Die unbefangene Freude des Zusammenlebens ging verloren. Anton empfand, daß er im Herzen längst geschieden sei von ihr, die er zu lieben gewähnt. Aber eingestehen mochte sein Eigensinn sich's nicht. Er war dennoch eifersüchtig. Vielleicht nur aus Eitelkeit! Eines Abends in die Garderobe tretend, um sich rasch anzukleiden, findet er im Schube seines Toilettenspiegels ein zum Knoten zusammengekniffenes Zettelchen, worauf ihm in schlechtgeschriebenen Zeilen der Rat erteilt wird, heute noch eine Unpäßlichkeit zu erheucheln und seiner Dame zu sagen, er müsse nach vollbrachter Arbeit heimgehen, die Ruhe zu suchen. Dann aber solle er bei Nacht weiter verfahren, wie sein Gefühl ihn am besten belehren werde. Unterzeichnet war dies französische Gekritzel: »Von einem Freunde, der nicht will, daß ein edles Herz unwürdig betrogen sei.« Noch im Kampfe mit sich selbst, ob er solch lügenhaften Kunstgriff nicht verschmähen müsse, kam ihm ein heftiger Herzkrampf zu Hilfe, der ihn plötzlich überfiel und ihn um so mehr erschreckte, als er ihm etwas völlig Fremdes war. Die Beängstigung wurde so stark, daß er seine Kameraden ansprach. Diese riefen nach einem Arzte, und der Arzt, zufällig als Zuschauer bei der Hand, erklärte dem herbeigeholten Direktor, Herr Antoine sei fieberhaft aufgeregt, es scheine wünschenswert, daß man ihn vom Reiten freilasse. Das Programm des Abends wurde schnell geändert, eine andere Nummer eingeschoben. Laura erbot sich, Anton zu geleiten, was dieser entschieden abwies, mit der unwahren Versicherung, er kenne ähnliche Anfälle schon von früher, brauche nichts als Ruhe und werde morgen frisch und munter sein. Man besorgte ihm einen Wagen, und er verließ den Zirkus. Der Anfall dauerte wirklich gar nicht lange. Die Tropfen, die der Arzt ihm verschrieben, wirkten zauberhaft. Nach Verlauf einer Stunde fühlte sich der Kranke gesund – bis auf jenes Leiden, welches kein Arzt zu heilen versteht. Wie körperlich erleichtert, so fand er sich geistig unter desto schwerem Drucke. Die Eifersucht führt, ihrem höllischen Ursprunge gemäß, den Greuel mit sich, daß sie bereits erkaltete, gleichgültig gewordene Herzen mit Flammenqualen martert, welche der Leidende für neu auflodernde Liebe hält, während sie doch nur vom Neide angefacht werden, von Mißgunst, Selbstsucht, Eitelkeit, von den niedrigsten Mächten, die mit uns Sterblichen ihr Spiel treiben. Länger als bis gegen Mitternacht hielt es Anton nicht aus. Er verließ die Stadt und begab sich durch das prachtvolle Tor hinaus nach Lauras Gartenwohnung. Auf dem einsamen Fußpfade dahin, den er seit ihrem Aufenthalte in B. so oft mit entgegengesetzten Gefühlen und Erwartungen zurückgelegt, hatte sich erst seit gestern, wo er ihn zuletzt betreten, eine solche Menge herbstlich abgewetzter dürrer Blätter gesammelt, daß er beim Rauschen derselben vor seinen eigenen Tritten scheu wurde. Er blieb einen Augenblick stehen, aufhorchend, ob sonst in der Nähe ein Geräusch zu vernehmen sei. Ihn wollte bedünken, vor sich her Schritte im Laube zu hören. Dieser schmale, selten begangene Seitenweg führte nur nach dem einen Hause, dessen oberes Stockwerk Laura innehatte; niemand sonst wohnte darin, außer den Leuten, die es über Sommer zu vermieten und die Bedienung zu übernehmen pflegten. Die Schritte des vor ihm Gehenden konnten folglich nur dahin gerichtet sein, wohin seine eigene Unruhe ihn zog. Er empfand wiederum die Beängstigung des Anfalles, den er im Ankleidezimmer gehabt, und mußte sich, bis sie einigermaßen vorüberging, an einen Baum lehnen. Dadurch gewann der vor ihm Gehende so viel Vorsprung, daß Anton, nachdem er sich leidlich erholt, nichts mehr von ihm hörte. Er beschleunigte nun seinen Gang und eilte, was er konnte, bis er das Haus erreicht. Im Erdgeschoß waren die Laden geschlossen. Es herrschte nächtliche Ruhe. Oben schimmerte Licht aus einem halbgeöffneten Fensterflügel, den man, wie es schien, nicht fest zugewirbelt, und mit welchem der Luftzug leise spielte. Anton wußte durchaus nicht, wie er am klügsten verfahren sollte. Gerade darum tat er ohne Vorbedacht das Zweckmäßigste: er unterließ jedes Zeichen, wodurch seine Gegenwart hätte kundwerden können und erkletterte eine Pappel, die zwanzig Schritt vom Hause entfernt, dem halboffenen Fenster gegenüber sich erhob. Erst als er hoch genug war, das Lager des Feindes übersehen zu können, wendete er sich ihm zu. Seine Vorgefühle hatten ihn nicht getäuscht: Herr Amelot war zugegen. Wenn nun dieser oder jener von meinen Lesern vermutet, die Entdeckung habe dem Betrogenen wehe getan, so ist er – was den Moment betrifft wenigstens – im Irrtum. Das erste, was Anton empfand, war Freude. Er umarmte die schlanke Pappel mit beiden Händen, drückte sie gleichsam an sein Herz, als ob er ihr Dank sagen wollte, daß sie ihm Klarheit gegeben. »Ich bin frei!« so sprach sich seine Empfindung aus: »Frei, ohne Undankbarkeit, ohne Treulosigkeit von meiner Seite! Frei, weil sie mich betrügt! Frei von einem schmählichen Zwange, dem ich mich als unerfahrener Knabe verkaufte! In welchem ich untergegangen wäre, hätte mich dieser gesegnete Luftspringer nicht erlöst! Lebe wohl, Laura!« Dann ließ er sich langsam herabgleiten. Schon auf dem Heimwege entwarf er im Kopfe den Brief, den er, sowie nur der Tag da wäre, an Madame Amelot senden wollte. In diesen Brief schichtete sein beleidigter Stolz alles zusammen, was ihn seither bedrängt hatte. Kaum daß er sich Zeit genommen, wenige Stunden zu schlafen, saß er am Tische, schreibend und die schönsten französischen Floskeln für seine scharenweise herabströmenden sehr deutschen Gedanken zu suchen. So lange man in ähnlichen Lagen das Wort führen und kräftige Ausdrücke für gerechten Groll anwenden darf, spürt man den verletzenden Schmerz, ohne welchen der Bruch eines so lange bestandenen Verhältnisses ein für allemal nie bleiben wird, ungleich weniger; man tröstet sich durch zornige Aufwallungen. Ganz anders jedoch gestaltet sich der inwendige Zustand, sobald eine tückische Wendung unseres Geschickes uns diesen Trost »des ersten Wortes« raubt; sobald wir hören oder lesen müssen, was wir selbst auszusprechen vor Ungeduld brannten. Dies geschah dem armen Anton. Während er noch an seinem Absageschreiben drechselte, brachte der Zettelträger mit dem Anschlagezettel des Tages, der Herrn Antoine als wiederhergestellt pomphaft verkündete, ein zierliches, seidenpapiernes Epistelchen, dessen Inhalt wir so gut und schlecht als möglich zu verdeutschen wagen: »Sie sind ein zu braver Junge, Antoine, und waren mir zu teuer, als daß ich Sie betrügen oder täuschen möchte. Deshalb sage ich Ihnen ohne lange Vorrede: ich habe mich mit meinem Gemahl versöhnt. Herr Amelot verläßt das noch nicht fest abgeschlossene hiesige Engagement. Der Direktor ist nicht böse darüber – aus mehrfachen Gründen, und ich verlange es aus den begreiflichsten von der Welt. Wir reisen morgen oder übermorgen. Sie werden sich leicht trösten, denn mehr oder weniger sind Sie meiner überdrüssig. Ihnen und Ihrer Jugend nehme ich das nicht übel. Ich bin zu alt für Sie, und wenn ich auch immer noch eine schöne Frau bleibe, sind Sie doch viel zu jung für mich. Was wollen Sie? Es war ein Irrtum von beiden Seiten. Doch war er manchmal erträglich, nicht wahr? Ihnen blüht noch genug Glück auf Erden, wenn Sie es nur zu benützen verstehen. Sie können noch eine schöne Zukunft haben. Die meinige wird nicht glänzend sein, ich weiß es. Dennoch folge ich ihr ohne Zagen. Mein Gemahl hat sich nicht geändert. Er wird mich behandeln wie früher. Ja, wenn er erst wieder ganz sicher in seinen Rechten ist, wird er mich schlagen, mich betrügen – wie sonst. Und Sie fragen, warum ich ihm dennoch folge? Ich könnte antworten, weil er sich hinter meinen Beichtvater gesteckt, und dieser mir eine Wiedervereinigung als religiöse Pflicht auferlegt hat. Ich würde darin die Wahrheit sagen – doch auch eine Lüge. Und für Sie habe ich nur Wahrheit. Mein armer Antoine, Sie sind ein gutes, unerfahrenes Kind. Sie missen nicht – (und woher sollten Sie es wissen?) – daß Gott Weiber schuf, die gemißhandelt sein wollen , die keine Ruhe finden, kein dauerndes Glück an der Seite eines treuen, ergebenen, untergebenen Liebhabers, die des Tyrannen Faust fühlen müssen, gerade wie unser großer Tiger, der nur gegen Pierre nachgiebig war, weil dieser ihn oft halb tot schlug mit einer eisernen Stange. Apropos vom Tiger! Denken Sie noch an ihn – an den Apfel – an den Bradipus Ursinius – an meinen zerbrochenen Sonnenschirm? ... Mein hübscher, kleiner Antoine; waren Sie damals dumm!? Gott der Götter, war er dumm! Nun, etwas klüger ist er jetzt; aber das kam mir teuer zu stehen – oder vielmehr meiner Mutter. Die schöne Menagerie! Jetzt adieu, Antoine! Halte mich nicht für schlecht. Ich bin ein Weib – voilà tout ! Laura A. Koko grüßt und dankt noch einmal seinem Retter aus den Schnäbeln der Krähen.« * Da saß er nun, hielt dies Blatt in Händen, zerriß das seinige und weinte; denn von allen bitter kränkenden Vorwürfen, die er der Verräterin machen wollte, schien jetzt keiner mehr zu passen. Dreiunddreißigstes Kapitel Als Anton am Abend im Zirkus erschien, wurde ihm lauter Beifallsgruß zuteil, in den die Damen freudig einstimmten. Doch sah er sehr leidend aus, was man auf sein gestriges Übelbefinden schob und ihn um so hübscher fand. Er war zerstreut – unachtsam –, versäumte sogar, was er sonst niemals unterließ, seinen Fuchs vorher zu liebkosen, und dieser schien ebenso schlecht disponiert, ebensowenig bei der Sache wie sein Reiter. Beide hatten dieselbe Unruhe. Der Fuchs war daran gewöhnt, vor dem Eintritt in die Manege durch Laura begrüßt, geschmeichelt, mit Zucker gefüttert zu werden; Anton war daran gewöhnt, sie auf dem Orchester zu erblicken; – und Laura fehlte! Da ging denn nichts zusammen. Dreimal nahm das Tier falsches Tempo; dreimal mußte Anton stillhalten und die Musik von neuem beginnen lassen. Das machte ihn aber immer verdrießlicher. Er fing an, in sein Pferd hineinzuschlagen, wodurch er ihm den Verdruß mitteilte, ohne sich davon zu befreien, und wie ein Unglück niemals allein kommt, mußte gerade an jenem Abend eine sehr alberne Dame, in der ersten Reihe sitzend, sich unendlich viel mit ihrer Schönheit zu tun machen, an ihrer Kleidung rücken, zupfen, putzen, wie schon manche Frauenzimmer nicht anders können, in der Hoffnung, sich bemerkbar zu machen. Zum Überflüsse warf sie, weil ihr die unausgesetzten Toilette-Bestrebungen eingeheizt, ihr rotes Umschlagetuch über die Barriere, und zwar in dem Augenblick, wo Anton, sein Geigensolo beginnend, so nahe bei ihrem Sitze war, daß der Kopf des Pferdes fast daran streifte. Der Fuchs, über diesen unerwarteten Anblick erschreckt, prallte wild zurück, Anton stürzte rücklings herab, schlug mit dem Hinterkopf gegen einen Pfosten und wurde bewußtlos vom Schauplatz getragen, was so viel Anteil und Bedauern erregte, daß die eitle Närrin Zeit gewann, zu entschlüpfen, bevor noch der Unwille der Anwesenden sich gegen sie äußern konnte. * Wir finden Anton auf seinem Lager noch immer ohne Bewußtsein, den glatt geschorenen Kopf mit Eisumschlägen bedeckt. Vor ihm stehen sein Direktor, der Furioso, der Arzt von gestern und ein Wundarzt. »Es kann«, äußert der Arzt, »eine allerdings heftige, aber doch möglicherweise vorübergehende Erschütterung sein, die gar keine bedeutenden Folgen haben wird; äußere Verletzungen, welche Besorgnis erregten, sind durchaus nicht vorhanden. Es kann aber ebenso der Tod sein! Darüber ist morgen erst zu sprechen. Blut haben wir ihm gelassen. Jetzt ist nichts notwendig als Ruhe und aufmerksame Pflege, hauptsächlich wegen des Eises, welches unaufhörlich erneuert werden muß. Wenn Sie wollen, werde ich eine zuverlässige Krankenwärterin senden ...« Da erhob sich eine bleiche Gestalt, das ausdrucksvolle Antlitz durch tief eingefallene, verweinte Augen entstellt, feierlich von dem Koffer, worauf sie in einer dunklen Ecke des Zimmers gesessen. Die Fremden erschraken vor ihr. »Es ist nur die Jartour«, sagte der Direktor. Und Adele, ans Lager tretend, legte die Hand aufs Herz und sprach mit einer Stimme, die dem Arzte durch alle Nerven drang, die sogar den ziemlich gleichgültigen Chirurgen rührte: »Ich, ganz allein! Ich bitte.« – »Auf sie können Sie sich verlassen«, fügte der Furioso bei, »das ist ein edles Herz.« – Als die Jartour mit dem Kranken allein blieb, sank sie auf ihre Knie und betete: »Heilige Jungfrau, erbarme dich meiner! Ich bin seine Mörderin, wenn er stirbt! Laß ihn nicht sterben! Meine Zuschrift hat ihn von Laura getrennt. Er liebte sie! Er liebt sie noch; diese Trennung hat ihn krank gemacht; weil er krank war, verlor er die Kraft: deshalb ist er gestürzt. Ohne mich wäre es nicht geschehen. Um meinetwillen, um deines Sohnes willen, erhalte ihn am Leben. Wenn er genest unter meinen Händen, will ich mich gänzlich dem Dienste Gottes und der Kranken weihen. Ich will barmherzige Schwester werden. Das ist mein Gelübde.« »Wo bin ich?« – mit diesen drei Silben beantwortete aus Antons Munde die heilige Jungfrau das Gebet einer gläubigen Sünderin. Diese wendete sich, auf den Knien liegend, zu ihrem Kranken und, indem sie ausrief: »Ich danke dir, er wird leben: Du erhörst mich!« winkte sie ihm zu, er möge schweigen. Er gehorchte diesem Winke nicht sogleich, sondern fragte erstaunt: »Die Jartour? Was bringen Sie mir? Was ist denn vorgefallen?« Da legte ihm Adele ihre Hand auf die Lippen, wiederholte den Befehl des Arztes, welcher Ruhe geboten, und erzählte ihm dann so schonend und beschwichtigend als möglich, was mit ihm vorgegangen, wobei sie für sich die Erlaubnis erbat, ihn pflegen zu dürfen. »Fürchten Sie nicht, Antoine« – mit diesen sanft gesprochenen Worten beschloß sie ihre Meldung –, »fürchten Sie nicht, daß irgend ein eigennütziger Plan, eine zweideutige Absicht, eine versteckte Hoffnung in irgend einer Falte meines Herzens sich verberge. Das Gelübde, welches ich an dieser Stätte soeben ablegte, ist schon in voller Gültigkeit. Ich gehöre nicht mehr der Welt. Wenn Sie genesen sind, mehr davon. Jetzt nichts als Ruhe – Schlaf – und frisches Eis!« Durch Amelots rasche Abreise wie durch Antons Niederlage verloren die Abende im Zirkus viel von ihrer Anziehungskraft. Da es ohnedies spät im Jahre war, so dachte Herr Guillaume ernstlich daran, nach einer anderen Stadt zu übersiedeln, wo der Reiz der Neuheit die in seiner Truppe entstandene Lücke verdecken könne. Er hatte für Dr. bereits Vorkehrungen getroffen und wurde daselbst erwartet. Anton befand sich außer Gefahr. Doch behauptete sein Arzt, daß jede zu frühzeitige Anstrengung unzulässig sei; daß sicherer für ihn gebürgt werden könne, wenn er in ungestörter körperlicher wie geistiger Abspannung verbleibe. Ihm also durfte man fürs erste den Aufbruch der Truppe gar nicht bekannt werden lassen. Aber was sollte mit seiner Pflegerin geschehen? Würde er die Wahrheit nicht erraten, wenn sie plötzlich fehlte? Und würde er dann nicht darauf bestehen, ihnen zu folgen, oder, mit Gewalt zurückgehalten, sich in Ungeduld abquälen und dadurch krank machen? Der wohlmeinende Arzt, an seinem jungen Patienten, den er liebenswürdig fand, aufrichtigen Anteil nehmend, gestand offenherzig, daß er keinen rechten Rat wisse, und überließ es dem Scharfsinne der Jartour, mit welcher verschiedene geheime Beratungen gepflogen wurden, ein Auskunftsmittel zu ersinnen. Besser konnte er's nicht treffen. Wo niemand Hilfe weiß, wird es uneigennütziger, aufopfernder Liebe damit gelingen, – wofern auf Erden noch Hilfe vorhanden. Adele erklärte sich bereit, mit Guillaume zu unterhandeln; schon beim nächsten Besuch des Arztes konnte sie diesem, wie sie ihm auf den Vorflur das Geleit gab, die erfreuliche Nachricht erteilen, der Direktor habe ihr einen Urlaub auf unbestimmte Zeit bis zu Antoines völliger Genesung gestattet; auch füge sich's ebenso glücklich, daß derselbe ein junges Ehepaar, welches bei einer anderen, zugrunde gegangenen Reitergesellschaft außer Engagement kam, einstweilen für Dr. benützen könne, wodurch ihre wie Antons Stelle einigermaßen ausgefüllt sei. »Desto besser«, erwiderte der freundliche Arzt, »mit einer solchen Wärterin habe ich leichtes Spiel.« – Durch welche Opfer das arme Mädchen diese Vergünstigung hatte erkaufen müssen, danach fragte er freilich nicht, sie aber noch weniger. Nachdem Anton erst soweit genas, daß er sprechen, lesen, aufstehen durfte, wurde es Adele unmöglich, ihm länger einen Teil der Wahrheit zu verbergen. Stündlich fragte er sie, warum denn gar niemand sich um ihn bekümmere, warum nicht wenigstens der Furioso sich blicken lasse. »Sie sind abgereist, Antoine«, antwortete die Jartour in dem tiefen männlichen Tone, den Tänzerinnen und Reiterinnen häufig haben, der jedoch bei ihr von seltenem Wohllaut war; »sie sind abgereist, und mir hat Guillaume Urlaub gegeben, bis wir beide ihn einholen können. Er hat für diese Zeit Felix und dessen Frau aufgenommen; wissen Sie, die bei Gautier waren. Der Mann springt die Bänder, und sie nimmt in der Karriere vier Schnupftücher mit den Zähnen vom Boden. Wenig Schule, doch viel Bravour; es ist eben nur für unterdes.« »Aber Ihre Gagen, Adele?« fuhr Anton fort, der sie dabei forschend anblickte. »Zahlt er Ihnen für dieses Interim Ihre vollen Gagen?« und nachdem einmal der Geldpunkt berührt war, schrak er heftig zusammen bei dem Gedanken an seine Kasse. Er war seither daran gewöhnt, aus dem Vollen zu leben. Laura hatte ihm niemals Zeit gelassen, zu überlegen, wer ihre beiderseitigen nicht geringen Ausgaben decke. Er für seine Person empfing ja, so lange er Eleve hieß, nicht das geringste, hatte kontraktmäßig keine Forderung zu machen. Von was lebte er denn jetzt? wer bestritt die Kosten seiner Existenz, seiner Krankheit? Wovon sollte er ferner leben? Adele las in seinen Gesichtszügen, welche peinigenden Gedanken ihm wie Schlangen die Brust durchwühlten. Sie geriet in furchtbare Angst, daß sein Zustand sich dadurch verschlimmern werde. Aber sie blieb stark, wie in solchen Augenblicken es nur ein Weib, nur ein liebendes Weib vermag; dieselben Muskeln, die ihrer ausdrucksvollen Physiognomie mit krampfhaftem Zucken den Stempel heftigen Schmerzes aufzwingen wollten, mußten, einem stärkeren Willen gehorchend, in lautes Gelächter übergehen. »Ist das ein Kind«, rief sie jubelnd aus, »begreift er nicht, daß wir beide, er und ich, schon gestern ins Hospital hätten wandern müssen ohne Guillaumes Großmut! Nein, lieber Freund, machen Sie sich keine Sorgen, Guillaume hat uns hinreichend versorgt. Es liegt ihm so viel an Ihnen, und er ist so erkenntlich für die Vorteile, die Sie ihm bereits gebracht, daß er sich die künftig noch zu bringenden um jeden Preis sichern will. Er weiß am besten, wer ihm die vornehme Damenwelt in seinen Zirkus zaubert. Einen solchen Magneten läßt man nicht verderben: hier ist Gold vollauf!« »Das hätte ich nicht erwartet«, sagte Anton tief aufatmend und vollkommen beruhigt, »für so nobel habe ich ›Papa Bonhomme‹ nicht gehalten. Nun, es freut mich, daß ich ihm mein Unrecht abbitten darf, und ich will all meine Kräfte aufbieten, reichlich zu vergelten, was er an mir tut.« Von dieser Stunde an besserte sich Antons Befinden zusehends. Der Arzt gestattete ihm bald, auszugehen. Doch von der Reise nach Dr. wollte er noch nichts wissen. »Die laß ich nicht eher unternehmen«, äußerte er gebieterisch, »bevor nicht der dumpfe Druck im Kopfe, über den er bisweilen noch klagt, gänzlich vergangen ist. Denn steckt er erst wieder bei den anderen, so will er auch gleich auf die Schindmähre kriechen, das kennt man schon, da ist kein Halten. Und das könnte ihm jetzt noch schlecht bekommen. Wir müssen ihm hier einige Zerstreuungen bereiten, damit er nicht so gewissenhaft an seine verdammten Verpflichtungen gegen die vierbeinige Gesellschaft denkt. Er klagte ja neulich, daß er während eures hiesigen Aufenthaltes nicht ins Theater gehen konnte, weil er täglich in eurer Bude beschäftigt war. Schicken Sie ihn dahin, das wird ihm wohl tun. Besonders wenn man Lustspiele gibt. Er soll lachen. Er ist zu ernsthaft für seine Jahre. Er ist wohl verliebt, und ohne Hoffnung? He? Das müssen Sie wissen.« Die Antwort der Jartour auf diese Frage des behaglichen Arztes bestand in sanftem Erröten und ernstem Schweigen. Der alte Herr sah ihr ein Weilchen ins Gesicht, schüttelte sodann seinen grauen Kopf und brummte vor sich hin: »In den Augen ist nichts zu lesen, was nach meinem Argwohn schmeckt. Da steht nichts darin, als Ehrlichkeit, Treue und Sittsamkeit. Und doch ... na, die Welt dreht sich um, das muß ich sagen. Solche Edition von einer Kunstreiterin ist unerhört.« Ihren Rekonvaleszenten zum ersten Ausgange zu bewegen, hatte der Jartour unendlich Mühe gemacht. Denn er fand sich gar häßlich. Die von dem scharfen Messer des Wundarztes glatt abgeschorenen Locken wuchsen nur sehr langsam nach. Seine Haare hatten einen Hauptbestandteil jener Eitelkeit, die ihn sonst bisweilen vor den Spiegel geführt, abgegeben. Jetzt wich er dem eigenen Anblick möglichst aus. »Ich bin ganz unkenntlich«, rief er fast betrübt. »Desto besser«, wendete ihm Adele, gutmütig scherzend, dawider ein; »so wird niemand wissen, daß es der schöne Antoine ist, den er erblickt, und Sie können sich dreist unter die Menge mischen, wie auf einem maskierten Ball.« Wir erinnern uns aus dem ersten Teile dieses Buches an einen Abend, wo Genoveva in Liebenau dargestellt wurde. Seit jenem Abende hatte Anton unterschiedlichen theatralischen Aufführungen beigewohnt, in P., in D., in K.; – keine jedoch war derart gewesen, großen Eindruck auf ihn hervorzubringen. Sei es nun, daß ihn damals die Veränderung seiner Lage, die auf ihn eindringenden Umgebungen, die steigende Leidenschaft für Laura minder empfänglich machten; sei es, daß er bedeutungslose Stücke unwirksam dargestellt sah; er hatte nicht erfüllt gefunden, was die erbärmliche Dorfkomödie ihm ahnungslos verheißen. Jetzt hoffte er etwas zu genießen, was ihn neu beleben, erfrischen, was die Leere ausfüllen werde, die seit Lauras Verrat in seiner Seele herrschte. Das Schauspiel »Der Jude« aus dem Englischen des Cumberland stand angekündigt. Anton hatte, so lange er in Liebenau heranwuchs, nur einmal einen Juden gesehen, einen alten Mann, der auf dem Schlosse ein ihm gehöriges Wundertier, eine Ente mit drei Beinen, produzierte. Die Gespielen der Schloßfräulein durften einige schüchterne Gratisblicke in jenen Kasten werfen, worin die bedauernswerte Mißgeburt schmachtete; einige der Kühnsten wagten sogar, das Supplementbein zu ergreifen, um der Schmachtenden verstohlen die dritte Pfote zu drücken. Anton aber hatte weder Ente noch Pfote eines Blickes gewürdigt; die großen Augen des neunjährigen Knaben waren unausgesetzt auf dem alten, schmutzigen Mann haften geblieben, der, wie er glaubte, den Heiland hatte kreuzigen helfen. Heimgekehrt befragte er dringend seine Großmutter, warum denn auch solche Mörder umherlaufen und sogar dreibeinige Enten besitzen dürften, während doch die rechtschaffenen Christen sich mit zweibeinigen zufriedenstellen müßten, derer nicht zu gedenken, die, gleich ihnen, gar keine besaßen, worauf Mutter Goksch den Fragenden an die unbegreifliche Langmütigkeit Gottes verwiesen, welche ausnahmsweise dergleichen bisweilen dulde. Diese göttliche Langmütigkeit war ihm späterhin, namentlich während des Aufenthaltes im Polnischen, höchst ausgedehnt erschienen, wo es von Juden rings um ihn her wimmelte und mitunter von solchen, die an äußerer Armut noch weit hinter dem ehemaligen Entenbesitzer zurückblieben. In nähere Berührung war er mit keinem derselben geraten. Ein Jude blieb ihm etwas Exotisches. Deshalb kam ihm auch unerklärlich vor, wie man einen solchen zur Hauptperson eines Dramas machen könne. Dies Befremden teilte er seinem Arzte mit, der ihm auf dem Wege nach dem Schauspielhause begegnete, und fragte diesen um Rat, ob er nicht lieber einen anderen Abend zu seinem ersten Theaterbesuche wählen solle. Der Arzt schlug ein helles Gelächter auf, als er Antons Ansichten von der Stellung gegenwärtiger Judenschaft zu gegenwärtiger Welt vernahm. »Was denken Sie sich denn überhaupt unter einem Juden, Sie närrischer Mensch? Meinen Sie, daß er sich von den Christen unterscheiden soll, wie ihr in euren Stallungen Maulesel von Pferden unterscheidet? Ein Jude, wenn er erzogen, angezogen – oder ungezogen ist, wie euresgleichen, dürfte manchmal schwer für einen Juden zu erkennen sein. Ja, ich wette, es gibt Juden hier in V., mit denen Sie lange umgehen können, ohne zu ahnen, daß es welche sind.« »Wie wäre denn das möglich?« fragte Anton, ein wenig eingeschüchtert. »Muß ein Jude nicht aussehen wie die Kerls, die in P. auf den Plätzen umherliefen, mit schwarzem Kittel und langem Bart?« »Nein, zum Teufel, das muß er nicht. Da sehen Sie her: habe ich einen Judenbart? Ist das hier ein Kittel, was ich auf meinem Leibe trage, oder ein Frack, ein höchst christlicher Frack? Wie? Sage ich ›Schachermachai‹? Wie? Und ich bin ein Jude, ein Jude vom Kopf bis zum Fuß, und habe Sie wieder auf Ihre christlichen Füße gebracht, nachdem Sie auf Ihren christlichen Kopf gefallen waren. – Na, erschrecken Sie nicht! wir bleiben gute Freunde. Und jetzt gehen Sie ins Parterre. Sie sollen etwas sehen, was in seiner Art einzig ist, was so noch niemals da war und so niemals wiederkommen wird; Iffland ist vielleicht ein größerer Künstler gewesen, ich weiß nicht, doch für Rollen dieser Art, wie der Jude Schewa, hat es noch niemals einen größeren Schauspieler gegeben, als Sie heute bewundern werden. Ich beneide Sie um das Glück, einen solchen Kunstgenuß zum erstenmal zu erleben.« Anton fühlte sich noch zu verlegen durch die Entdeckung, daß sein gütiger Arzt auch ein Jude sei, deshalb schwieg er. Sonst würde er wohl Zweifel kundgegeben haben an der Möglichkeit des verheißenen Entzückens. Er empfahl sich errötend, löste sein Billett und mischte sich unter die Menge. Für diejenigen Leser, die, mit unbefangenem Sinne und empfänglichem Gemüte begabt, noch selbst erlebt haben, was hier der Verfasser andeutet, bedarf es keiner auseinandersetzenden Beschreibung dessen, was unser Held sah und hörte. Denjenigen jedoch, welche solches Eindruckes nicht mehr teilhaftig geworden, müßte meine Schilderung nutzlos bleiben. Und nicht bloß die meinige, weil sie schwach, matt, armselig ausfallen dürfte; nein, jede, auch die beredteste. Denn was ein schöpferischer Genius auf der Bühne ins Leben rief, stirbt mit ihm; – ja leider gar oft noch vor ihm, wenn er seinen Glanzpunkt überlebt. Das beste, was man davon sagen und schreiben könnte, verhält sich zu dem, was beschrieben werden soll, wie ein Buch über die Gartenkunst zum Frühling. Doch gleich dem Frühling, der mit all seiner Herrlichkeit den schlichten Landmann, als gewöhnliche, alljährlich wiederkehrende Erscheinung, eben nur in ruhiges Behagen versetzt, während er die Seele des wissenschaftlich strebenden Naturfreundes mit himmlischer Wonne durchdringt, – gewährt wohl auch dramatische Vollkommenheit, so lange dieselbe in den Formen und Grenzen unseres alltäglichen Daseins nachahmend wirkt, nur dem Kunstkenner höchste Befriedigung, der in ihr den Triumph künstlerisch veredelter Wahrheit und Naturtreue sieht, wo der Uneingeweihte, gerade weil er die reine Natur zu betrachten wähnt, gar keine Kunst ahnt. Nicht anders erging es unserem Anton mit dem Juden Schewa. Er war ergriffen, gerührt, erschüttert, entzückt; er weinte selige Tränen des Mitgefühls, – aber er dachte nicht daran, dieses Opfer dem Künstler zu spenden. Er brachte es dem Menschen, an den er glaubte, der für ihn der wirkliche Jude Schema wurde, den er aus Herzensgründe flehentlich um Verzeihung bat, daß er mit kindisch feindlichem Vorurteile in sein Haus getreten sei. Und wie in Liebenau nach Darstellung der Genoveva, obgleich diesmal mit ganz anderen Empfindungen, blieb er unter dem Gewicht des Miterlebten und Durchlebten sinnend, träumend stehen, wo seine Nachbarn längst, leere Worte wechselnd, verschiedenen Zerstreuungen zueilten. Die Hand seines Arztes, die sich sanft ihm auf die Schulter legte, erweckte ihn. »Ich brauche weiter nicht zu fragen«, sprach dieser, »die Tränen auf Ihren Wangen sagen mir deutlich genug, daß meine Prophezeiung wahr geworden an Ihnen. Desto besser; eine so wohltuende Rührung kann nicht schädlich sein. Das Stück war kurz, es ist noch eine volle Stunde Zeit, bis die Bürgerglocke des Rekonvaleszenten schlägt. Für diese Stunde mögen Sie mein Gast sein. Ich lade Sie ein, mir in eine Weinstube zu folgen. In Unkosten will ich mich Ihrethalben nicht stecken, denn ich setze Ihnen nichts vor, als ein Glas Selterwasser mit Zucker, Wein erlaubt Ihnen Ihr Arzt zur Nacht noch nicht. Dafür sollen Sie eine Überraschung genießen, die ich Ihnen vorbehalte. Nur eines versprechen Sie mir, daß Sie kein deutsches Wort vorbringen und sich anstellen wollen, als wären Sie ein Stockfranzose. Sie fanden den Weinschank in der Nähe des Schauspielhauses. Der Arzt begab sich mit seinem Gast in eine Ecke des nicht allzu geräumigen Gemaches, wo sie die Nachbartische am besten übersehen konnten. Es waren um diese Stunde nur wenig Gäste gegenwärtig. Einige stumme alte Herren, auch diese verloren sich bei der Kunde, das Theater sei geschlossen, wie wenn sie einer bald zu erwartenden Schar von späteren Stammgästen Platz machen wollten, mit denen zusammenzutreffen sie nicht viel Luft bezeigten. Solche fanden sich denn auch bald in lauten Gesprächen ein, um sich häuslich niederzulassen. Mehrere grüßten den Arzt, indem sie ihn einluden, in ihre Nähe zu rücken, wobei er entschuldigend auf seinen jungen Gast wies, um welchen sich zu bekümmern keiner Zeit fand. Denn sie waren alle heftig angestrengt durch das Bedürfnis »witzig zu sein«, dem ein jeder sich fügen mußte, wollte er bei ihnen gelten. Wem es damit nicht gelang, sah sich genötigt, zum Stichblatt für die Witze der Glücklicheren zu dienen. Aber auch das strengt an, weshalb denn jeder sein Bündel zu tragen hatte. Der Arzt sagte leise zu Anton: »Ich habe mit Ihnen abgesondert von jenem Konvivium bleiben wollen, um Ihnen mitunter einige Bemerkungen zuflüstern zu können über die Originale, die sich da gruppieren. Der Große, zum Dickwerden Hinneigende, mit dem ursprünglich edlen, jetzt verschwommenen aschgrauen Schlemmergesicht ist ein ehemaliger Hauptmann, der eine schöne Schauspielerin ehelichte, die er aber natürlich sehr unglücklich macht. Er ist ein unwissender, doch begabter Kopf, imponiert durch Ruchlosigkeit und behauptet sich auch hier durch freche Späße. Der neben ihm sitzende, noch länger als er, aber zaundürre, schwarzbraune Mann, der immer das kleine Brillengläschen vors Auge kneift, ist eine der seltsamsten Persönlichkeiten auf Erden. Von sehr guter Familie, mit welcher ihn sein unordentlicher Lebenswandel bald in Zwiespalt bringt, seine Gutmütigkeit bald wieder versöhnt, zieht er gewöhnlich vor, den Salon seines Schwagers, des Herrn Ministers Exzellenz, gegen Kneipen und Spielspelunken zu vertauschen. Seine Eigenschaft als Spieler von Profession zieht ihn zum Hauptmann, der dies auch ist, den er aber daneben vollständig verachtet und für einen gemeinen Kerl erklärt. Jener bleibt ihm nichts schuldig und nennt ihn einen Säufer, was sich leider auch bestätigt. So leben diese Menschen in stetem Kampfe, ohne sich entbehren zu können, und belustigen ihre Gefährten durch die witzigen Bitterkeiten, die sie sich ins Gesicht werfen. Während der Sommermonate der Badesaison vagabundieren sie auf Raub am grünen Tische im Lande umher. Der freundlich ernste Mann auf der anderen Seite der Tafel, dem Sie leicht abmerken werden, daß er zu jenen nicht paßt, und daß er halb und halb wider seinen Willen in ihrer Gesellschaft weilt, ist ein Rechtsgelehrter, ein würdiger Beamter, bei dem sogar fromme Richtungen vorherrschen, der aber daneben eine so leidenschaftliche Vorliebe für die Poesie und Literatur besitzt, daß er diejenigen, die darin etwas leisten, aufsuchen müßte, wenn sie auch schon in der Hölle schwitzten. In dieser schwitzt nun gewissermaßen der neben ihm aus einem scharfen Vogelgesicht herausglurende kleine Teufelskerl, dem zu Ehren er hier ist, dem zu Ehren und zuliebe er die Gemeinheiten, an denen es oft nicht fehlt, überhören will.« »Warum schwitzt aber der Kleine gewissermaßen in der Hölle?« fragte Anton mitleidsvoll. Der Arzt entgegnete: »Erstens und zunächst, weil er, wie ich gründlich weiß, an einer unheilbaren Krankheit leidet, vor der Gott jeden bewahren wolle, indem sie ein recht artiger Vorgeschmack van Hölle und Zubehör sein mag: die Rückenmarkschwindsucht! Zweitens weil er in lauter Höllenspuk, Zaubererwirtschaft und Teufelsphantasten lebt, webt und dichtet. Die modernen Leute und Weisen unserer Zeit finden das hochpoetisch. Ich, der ich noch aus der älteren Zeit und Schule herstamme, verstehe weder das Entzücken der Leser, noch die Absichten des Verfassers, – der mich übrigens nicht leiden kann, weil er mit Judenhaß kokettiert. Aber das macht nichts. Von uns Alten ist keine Rede, und die Gegenwart hat recht. Er, sehen Sie, Antoine, er ist so eigentlich das Zentrum dieses exzentrischen Kreises, den man freilich nicht Kreis nennen sollte, denn die Rundung fehlt ihm, und man stößt sich an seine scharfen Ecken, sobald man zu nahe kommt. Ich besuche ihn dennoch bisweilen und hege trotz meiner Abneigung gegen ihre Formen Respekt vor der Männer Geist und Humor, welcher letztere um so drastischer auf mich wirkt, aus je zerrisseneren Herzen er hervordringt.« »Ich verstehe Sie nicht recht«, sagte Anton aufrichtig. »Das schadet gar nichts«, lachte der Arzt, »an meinen Urteilen verlieren Sie nichts. Die übrigen Anwesenden – denn es findet heute, wie ich sehe, keine brillante Sitzung statt – sind ziemlich unbedeutende Gesellen. Junge Herren, die sich der noblen Passion des Kartenspieles widmen, – ein angehender Poet, – einige Theatermitglieder, – das schießt so an wie Schmarotzerpflanzen um Baumstämme.« »Aber lieber Herr Doktor, einen sehe ich, den Sie mir nicht näher bezeichnen, und der mir der Merkwürdigste scheint. – Dort, am Ende des Tisches, der Schweigende, dem die langen, schwarzen Haare ins bleiche Gesicht hängen, mit der krummgebogenen Nase, mit den Augen wie ich im Leben noch keine sah. – Sagen Sie mir um Gottes willen, wer ist der Mensch?« »Das wissen Sie nicht?« schrie der Arzt so laut, daß alle sich erstaunt nach ihm umwendeten; »das wissen Sie nicht und kommen aus dem Theater? Teuerster, sind Sie denn noch einmal auf den Kopf gefallen und diesmal gar auf die Stirn? Das ist ja der, um deswillen ich Sie überhaupt hierher führte; um deswillen ich Sie ins Theater schickte. Das ist ja er! Er selbst!« »Wer, er selbst? Nun, verstehe ich Sie noch weniger, als vorhin.« »Mensch! Kunstreiter! Violinspieler! Pferd! Pferdekopf, der Sie sind! Haben Sie einen Theaterzettel? – Kellner, den Theaterzettel von heute! – Hier, da legen Sie den Finger hin. Da lesen Sie, was steht hier?« »Schewa, ein alter Jude.« »Gut. Und in der gegenüberstehenden Kolonne?« »Herr Devrient!« »Nun, also!« »Wie denn, also? Was hat der alte Jude mit dem schönen, jungen, schwarzhaarigen Manne zu tun?« »Nichts weiter, als daß er es selbst ist.« »Sie wollen über mich spotten, über meine Leichtgläubigkeit. Das ist ja rein unmöglich.« Der Arzt vergaß, daß er seinem Gaste anempfohlen, sich zu stellen, als verstände er nur Französisch – (wahrscheinlich damit seine Gegenwart die Ungezwungenheit der Gesellschaft nicht hindere). – Er sprang auf, näherte sich dem anderen Tische und rief den Herren zu: »Wie finden Sie das? Hier mein jugendlicher Patient, der heute im Schauspiel war, nennt mich einen Lügner, weil ich ihm die Versicherung gebe, der Darsteller des Schewa sitze unter uns.« »Wer ist der junge Mensch?« fragten mehrere Stimmen. Antoine war wegen des noch nicht hergestellten Haarwuchses, wie bereits erwähnt, sehr verändert. »Der Kunstreiter Antoine«, antwortete der Arzt, »mein Pflegling, mein lieber junger Freund, ein braver Bursch'; aber daß er auch so albern sein könnte, hätte ich ihm nicht zugetraut.« »Sie haben mir mitgeteilt, Herr Doktor«, begann jetzt Anton, der sich unterdes gesammelt, »daß in diesem Kreise, wo der Witz vorherrscht, manchmal dieser und jener als Stichblatt dafür herhalten müsse. Sie haben auch gewiß recht, wenn Sie mich zu den Ärmeren an Geist zählen, die in solchem ungleichen Kampfe der leidende Teil Tu sein pflegen. Ich unterwerfe mich gern. Nur bitte ich doch, daß Sie es für mich etwas feiner einrichten. Die Schlinge, die man mir jetzt legen will, fällt gar zu sehr in die Augen. Der alte Jude von heute abend hat mich tief bewegt und zu inniger Teilnahme und Verehrung aufgefordert. Aber gerade weil sein Alter, seine Gebrechlichkeit, sein schwerer Streit zwischen erhabenen Gesinnungen und niederen Gewohnheiten ganz natürlich, einfach auf sein Gemüt wirkten, soll mich niemand überreden wollen, der Mensch, den ich oben auf der Bühne vor mir leben sah, könne ein anderer gewesen sein, als ein gebeugter, unterdrückter, kleiner Greis. Seine Physiognomie steht noch so deutlich in meiner Erinnerung, daß ich sie unter tausenden wiedererkennen würde. Wie mögen Sie nun verlangen, daß ich diesen Kopf, über dessen wundersame Schönheit ich Ihnen mein Entzücken soeben ins Ohr lispelte, – verzeihen Sie, mein Herr! – für den grauen, kahlen Schädel des Juden halte? Ich bitte Sie alle, stehen Sie mir bei und ersuchen Sie meinen lieben Arzt, mich auf eine schwierigere Probe zu stellen. Diese setzt seine Meinung von meinem Verstände gar zu sehr herab.« Aller Augen, die mit freundlicher Teilnahme am Sprechenden gehangen, wendeten sich jetzt fragend und erwartend dem berühmten Schauspieler zu. Niemand redete. Anton tat wie jene, auch er betrachtete schweigend des Künstlers Angesicht. In diesem ging eine unbeschreibliche Veränderung vor. Die großen Augen wurden enger, Kinn und Unterlippe schienen zurückzutreten Es ist bekannt, daß Iffland sowohl, wie Ludwig Devrient in ihren bedeutendsten Rollen sich soviel wie gar nicht schminkten und den mimischen Ausdruck fast immer von geistiger Einwirkung abhängig machten. Bei Devrient fand nur dann eine Ausnahme statt, wenn er sich für gewisse Schwanke eine förmliche Maske erfand, die dann freilich so außerordentlich geriet, daß er mit demjenigen, den er vielleicht kopieren wollte, zu verwechseln war. Als nach dem Abgänge des beliebten, aber fratzenhaften Komikers Becker in Breslau z. E. die »Pfarre« von Jul. v. Voß aufgeführt wurde, erschien Devrient als Becker, der im gewöhnlichen Leben soviel Ähnlichkeit mit ihm hatte, wie eine Bulldogge mit einem Löwen, und brachte solch' vollkommene Täuschung hervor, daß im Parterre Wetten gewagt wurden, B. sei wieder zurückgekehrt und wolle das Publikum überraschen. Anmerkung des Verfassers . , der Rücken beugte sich krumm, die Brust fiel ein, mit beiden Händen strich der Mann sein rabenschwarzes Haar aus der Stirn und streifte es in gehorsam sich schmiegenden Locken glatt zurück. So, ein ganz anderer Mensch, bevor noch ein menschliches Auge entdecken konnte, wann und wie er dies geworden, lichtete er an Anton jene alle Nerven durchdringenden Worte, die kein Fühlender vergessen kann, der sie je aus Devrients Munde vernahm: »Das ist der edler Mann, was mich hat gerettet aus die Hände von die vergrimmten Matrosen!« Dann rückte er sich wieder zurecht, ließ die Haare wieder ins Gesicht fallen, schlug sein Götterauge zu Anton empor und fragte mit listig lächelnden Lippen: »Nun, Rossebändiger, saitenstreichender Orpheus, bin ich's?« Anton stand bleich und unbeweglich. Nach einem Weilchen des Schweigens fühlte er mit der Rechten nach dem Kopfe und sagte zum Arzte: »Ich denke, wir gehen.« Dann suchte er seinen Hut, trat vor Devrient hin, ergriff dessen Hand, drückte sie an sein Herz und sprach mit bebender Stimme: »Jetzt weiß ich wohl, was ein Schauspieler ist!« – Der Arzt führte ihn nach Hause. Vierunddreißigstes Kapitel »Gibt es viele solche Schauspieler?« fragte am nächsten Tage Anton seinen Arzt. »Es kommt darauf an, wie die Frage gestellt wird«, erwiderte dieser. »Der außerordentliche Mensch, den Sie gestern kennen lernten, bleibt eben auch ein Mensch, und als solcher findet er nicht nur Grenzen für sein Genie, die er meiner bescheidenen Ansicht zufolge nicht so häufig überschreiten sollte, als er tut; – es geschieht auch sonst von seiner Seite gar vieles, diese Grenzen täglich beschränkender zu machen, weil er förmlich darauf hinarbeitet, seinen Organismus zu zerstören, sich körperlich wie geistig aufzureiben. So jung er noch ist, Sie würden ihn, wenn Sie ihn in mancherlei Darstellungen sehen sollten, zu denen seine Kräfte nicht mehr ausreichen, für eine Ruine halten, und noch dazu für die Ruine eines sehr inkorrekten Gebäudes. Deshalb will ich glauben und hoffen, daß es in Deutschland an Schauspielern nicht fehle, die ihn in solchen Rollen zu überbieten vermögen. Handelt sich's aber um Charaktere, die ihm zusagen, die ihn ganz erfüllen und von ihm ganz ausgefüllt werden, ... nun, da habe ich Ihnen ja bereits meine Meinung eröffnet: Da denke ich, hat es nichts Gleiches gegeben – und wird es auch nicht so bald.« »Ist er wohl im Umgange ebenso hinreißend wie auf der Bühne?« »Im ganzen neigt seine Natur zur Schweigsamkeit. Wie wir ihn gestern stumm sitzen, seinen Wein schlürfen, die Nachbarn durch Blicke zu ihren Hahnenkämpfen anspornen sahen, so kann er's lange aushalten. Dann belebt er sich wohl einmal, und dann redet er klug und gut, wie ein geistreicher, bedeutender Mann. So habe ich ihn öfters gehört. Auch darin macht er eine Ausnahme von den meisten Schauspielern.« »Wie soll ich das verstehen? Wollen Sie dadurch andeuten, die meisten dieser Herren wären nicht geistreich, nicht liebenswürdig und belehrend im Umgang, nicht wissenschaftlich gebildet? Ich denke doch, dies alles müßten sie notwendig sein durch ihren Beruf und für denselben?« »O Gott, du hörst das Lallen der Unmündigen!« rief der Arzt mit aufgehobenen Armen. »Antoine, Sie sind ja eine völlige Unschuld, – was diesen Punkt betrifft.« »Warum, wenn es nicht so wäre, würden so viel junge Leute die Gesellschaft von Schauspielern aufsuchen, wie Sie selbst mir neulich erzählten, als wir von meinem und Adeles Gegner, dem kleinen Grafen, redeten?« »Warum? Kind, das ist ein kurzes Fragewort, brauchte aber eine lange Antwort, sollte dieselbe erschöpfend sein. Zu solcher habe ich heute nicht Muße, denn ich soll noch einigen meiner Kundschaften auf dem Wege zum Friedhofe behilflich werden: nehmen Sie also mit einer kurzen vorlieb: Die Sucht, mit Schauspielern zu verkehren, kann zweierlei Gründe haben. Bei jungen Männern, die entweder Neigung und Beruf zur dramatischen Kunst, zur theatralischen Poesie in sich selbst spüren oder doch von deren Wirkung entzündet sind, ist es begreiflich, daß sie mit denen umzugehen trachten, welche beides üben und darstellen. Sie erblicken in ihnen nur den Priester vom Tempeldienste des Schönen, halten sich an ihre besseren persönlichen Eigenschaften, übersehen, entschuldigen, verzeihen ihre Schwächen und Fehler. Ja sogar, wenn sinnliche Verirrungen den Konflikt mit Schauspielerinnen herbeiführen, bleiben sie doch auf der Höhe reiner Begeisterung für eine Sache , um derentwillen unliebenswürdige Personen liebenswürdig erscheinen können. Diese Art von Verkehr kann ich weder schädlich noch gefährlich finden. Eltern und Erzieher haben unrecht, darüber zu klagen und die Schuld auf den Umgang mit Schauspielern zu schieben, wenn solche Burschen, dem Verbot entgegen, auf die Bretter laufen. Denn das würden sie früher oder später auch ohne solchen Umgang getan haben, wofern ihr Trieb wirklich ein unbesieglicher war. Ist er dies aber nicht , dann dient gerade die nähere Bekanntschaft mit Theaterleuten dazu, sehr nützliche Enttäuschungen hervorzubringen. Man lernt endlich Sache und Personen voneinander sondern und bleibt der Liebe zur Kunst getreu, ohne auf die Künstler Zu schwören. Das ist, wie Sie mich alten Kerl hier vor sich sehen, mein eigener Kasus gewesen. Als ich vor beinahe vierzig Jahren, ein munterer Junge in Ihrem Alter, von der Universität zurückkehrte, gefiel mir das Döbbelinische Theater ungleich besser wie das anatomische. Wir besaßen damals noch keine stehende Bühne; reisende Schauspielerunternehmer wechselten mit ihren Truppen. O, mein lieber Antoine, Sie merken es diesem grauen Kopfe nicht an, wie süß heute noch die Namen ›Witthöft, Mekour, Brückner, Schüler, Böheim, Tilly, Scholz‹ und andere theatralische Vagabunden in meinem Herzen nachklingen! Wäre ich nicht zu dem Volke gehörig gewesen, welches im großen und allgemeinen das Vagabundentum für die ganze Erdkugel gepachtet zu haben scheint, – (zum Volke der Juden, meine ich) – ich würde vielleicht der Arzneikunde entsprungen sein, um auf der Bühne mein Unheil zu versuchen. Das Vorurteil ward mein Retter. Dennoch ging ich fleißig mit Schauspielern um und habe diesem Umgänge viel zu verdanken; ja, wäre mir auch nichts davon verblieben als die Erinnerung, die mich wundersam frisch erhalten für alles, was groß und schön bleibt im Gebiete jener Kulissenwelt. Dabei bin ich doch ein solider Arzt geworden, der seine Kranken ganz erträglich behandelt, wie Figura zeigt. Meinem Jugendumgang zum Trotz! Solchen Umgang hat auch seine Philistermitwelt dem großen Gotthold Ephraim Lessing vorgeworfen, – während die Nachwelt gerade demselben Umgang Werke zuschreiben muß, die ohne ihn wahrscheinlich nicht entstanden wären. Das ist denn die Lichtseite. Aber auf der Schattenseite erblicken wir die Neigung junger Männer, sich mit Schauspielern unterzutreiben, – und diese nimmt immer mehr überhand, je mehr die Schranken fallen, welche sonst den ›Komödianten‹ vom Leben trennten, – einer Neigung, die lediglich aus Langerweile, innerer Hohlheit, dummer Oberflächlichkeit, geistiger Armut entspringt. Im Kaffeehause, ihrer hohen Schule, beim Billard oder Spieltisch, ihren Kathedern, aufgewachsen, suchen jene Tagediebe unter den Schauspielern nichts als privilegierten Müßiggang, gedankenlose Liederlichkeit, fades Kulissengeträtsch und Kuppelei. Ohne Begeisterung für die Kunst, ja ohne Teilnahme dafür, gehen sie nur auf die handwerksmäßige Erbärmlichkeit ein, die von jeder Kunst unzertrennlich, bei Ausübung der theatralischen gerade aufs widrigste hervortritt. Die verbrüdernden Zunftverhältnisse ehemaliger wandernder Truppen haben aufgehört, so weit dieselben noch fürs Ensemble, fürs gemeinsame Wirken nützlich werden konnten. Sie sind leider in voller Geltung geblieben für alles, was Gemeinheit, rohe Gesinnungen, Lumperei heißt. Und deshalb behaupte ich: wer viel mit Theaterpersonen umherzieht, ohne für Poesie und Kunst zu schwärmen, wer eben nur mit ihnen kneipen, leben, lieben, hassen, lästern, verleumden, klatschen will, – der ist entweder oder wird ein verlorener Mensch! – Doch da kommt Ihre treue Pflegerin, und der alte Schwätzer verstummt. Denn jetzt heißt es, Französisch reden, und damit will's mir nicht gelingen.« »Wie sieht's aus, cher Docteur ?« fragte Adele im fröhlichsten, freundlichsten Kontra-Alt ihrer sonoren Stimme. »Ist ihm der Abend im Theater gut bekommen?« »So gut«, erwiderte der Arzt, »daß ich nur wünschte, Ihnen den günstigen Effekt desselben in besserem Französisch zu beschreiben, als mir vom Munde geht.« »Folglich wird er, – werden wir bald reisen dürfen?« »Antoine ist gänzlich hergestellt. Bis gestern habe ich mit dieser Erklärung gezaudert, weil ich besorgte, eine Nervenaufregung könne vielleicht schädlich sein. – Man tappt im Finstern, weil keine Klappe im Hirnschädel angebracht werden darf. Doch nehme ich heute alles zurück. Er ist gesund. Seine Jugendkraft wird das übrige tun und auch den Haarwuchs treiben. Wollte Gott, er könnte mir, da er so viel hat, ein geringes davon abtreten. – Aber ich muß fort, ehe ich wieder ins Plaudern gerate, das ist mein Erbfehler, – bei Menschen, die ich gern habe.« Fast war er schon in der Tür, als Adele sich noch einmal zu ihm wendete, um ihm mit einem »Adieu!«, welches feierlich klang, die Hand zu reichen. »Ist das ein Abschied?« fragte der Gehende. »Vielleicht«, erwiderte sie, »jedenfalls ein armes Zeichen meiner Dankbarkeit.« »O, wir sehen uns noch«, rief der Doktor von der Treppe hinauf, »ich komme wieder, auch wenn er meiner nicht mehr bedarf. Ich komme wieder, Kinder, ich habe euch lieb.« »Braver Mann!« sagte Adele und schloß die Tür. »Nun, Antoine«, fuhr sie fort, »zu uns beiden. Guillaume wird ungeduldig: er braucht mich. Die Felix schlägt nicht ein, wie er's wünschte. Sie haben, Gott sei Dank, keine Wärterin mehr nötig. Lassen Sie mich voranreisen. Es ist besser. Nur um wenige Tage. Schonen Sie sich noch. Unser Freund, der Arzt, wünscht es selbst. Er hat es mir heimlich gesagt. Das Gold, welches wir von Guillaumes Vorschuß erübrigt, behalten Sie zurück. Sie müssen auch noch den Arzt honorieren – und reichlich: das sind Sie Ihrem guten Namen schuldig. Adieu, ohne Adieu! Wir sehen uns bald wieder.« »So rasch, Adele?« »Ich liebe die raschen Entschlüsse.« »Sie lassen mir nicht Zeit, Ihnen zu danken« – » Sie mir , Antoine? Wofür? Ich bin es, die Ihnen zu danken hat. Aufgewachsen unter Pferden – und Menschen, oftmals schlimmer als Pferde, ohne Erziehung, ohne Erkenntnis meiner selbst, habe ich ein elendes Dasein geführt. Als Kind schon eingeweiht in alles, was gute Eltern ihren Kindern so lange wie möglich fern halten, lebte ich ein leichtsinniges Leben, gleich den anderen. Nicht weil es mich reizte, – nur weil ich es so sah und hörte. Ich fühlte mich nie glücklich. Man fand mich erträglich, man lobte meine Bravour, ich hatte Liebhaber, ich liebte keinen! Ich schwamm in Überfluß, mein Herz blieb leer ... bis ich Sie erblickte. Die Liebe für Sie, eine heilige, reine Liebe, füllte jene Leere eines ganzen nichtigen Lebens aus. Ich bin noch zu jung, Ihre Mutter zu sein; dennoch war etwas von der Liebe einer Mutter in die Empfindung gemischt, die Sie mir gaben. Sie liebten eine andere. Ich hielt mich fern. Sie wurden betrogen, – ich machte Sie frei! Vielleicht wäre ich elend genug gewesen, den Preis Ihrer Freiheit in Ihren Armen zu suchen, ... da trat ein Wunder zwischen uns. Der Tod berührte Sie mit eiserner Faust, als wollte er mich warnen: rühre du nicht an, was dir nicht beschieden ist, was du nicht verdienst. Ich begriff diesen Wunsch. Ich gehorchte ihm. Ich entsagte willig, aus voller Seele; ich wurde Ihre Schwester. Daß ich nichts weiter sein und bleiben wollte, gelobte ich der Jungfrau Maria. Sie vernahm wohlgefällig dies Gelübde, denn kaum war es ausgesprochen, kehrte Ihr Bewußtsein zurück, und von diesem Augenblick waren Sie außer Gefahr. So reich bin ich durch Sie geworden, und Sie wollen mir danken? Keine Silbe mehr davon! Nie mehr, mein – Bruder! Lebe wohl!« Ihre Lippen berührten die seinen, und sie flog mehr, als sie ging, die Treppe hinab. »Auf Wiedersehen in Dr.«, rief er ihr nach. »Auf baldiges Wiedersehen!« Und »Auf Wiedersehen, gewiß!« klang es zurück. Fünfunddreißigstes Kapitel Erst nachdem Anton einige Stunden allein geblieben, wurde es ihm weh ums Herz, daß die Jartour ihn verlassen. Er rief sich das Benehmen dieses eigentümlichen Mädchens vom ersten Tage seines Antrittes bei Guillaume bis heute ins Gedächtnis und fand durch aufmerksames Vergleichen und Erwägen aller einzelnen Umstände die auffallendste Bestätigung ihrer zuletzt an ihn gerichteten Bekenntnisse. Nur zwischen dieser unerwartet hastigen Abreise und jener Bereitwilligkeit, womit sie, sorglos und gleichgültig gegen ihre Engagementsverpflichtungen, als seine Pflegerin zurückgeblieben war, schien ihm ein Widerspruch zu liegen, dessen Lösung er vergebens aufsuchte, und der ihn, je länger er sich abmühte ihn aufzuklären, desto heftiger beunruhigte. Es mischten sich allerlei wechselnde Gefühle in diese Unruhe. Zärtlichkeit war auch dabei. Zärtliche, wehmutige Sehnsucht nach einer so edelgesinnten, uneigennützigen, seltenen Freundin. Einigemal schon stand er im Begriff nach ihrer Wohnung zu eilen, sie vor der Abreise noch zu sehen, ihr die Zusicherung aufrichtigster Freundschaft nachzurufen; dann wieder hielt ihn die Überlegung zurück, daß er Gelegenheit finden werde, sie von seiner anhänglichen, dankbaren Treue zu überzeugen. Und wenn dieser Gedanke ihn tröstend anlächelte, wenn die Aussicht, neben ihr wieder den erwählten Beruf anzutreten, ihn der Jartour zuliebe beruhigte, – konnte er sich dabei doch nicht verhehlen, daß für ihn selbst eine mehr bange Vorahnung damit verbunden sei, um so bänger, je vager und unbestimmter dieselbe in seinem Innern waltete. »Meinen Beruf wieder antreten?« Und worin bestand denn sein Beruf? Darin, jeden Morgen zu üben, was er am Abend vor hundert oder tausend neugierigen, gedankenlosen Gaffern gedankenlos wiederholen sollte. Einen Abend wie den anderen; ohne Beschäftigung des Verstandes, ohne Teilnahme des Gemütes. Ohne das Bewußtsein, auch nur in irgend einer Seele bessere, edlere Regungen dadurch hervorzubringen. Freilich, wendete er sich selbst wieder ein, werde ich nicht stehen bleiben bei dem, was ich jetzt leiste! Ich werde weiter streben, größere Fertigkeiten erringen, vielleicht manche neue Lachen erfinden, die noch nicht gesehen wurden; die mich selbst Zufriedenstellen auf einige Zeit, weil sie der Menge gefallen! – Aber dann wiederum entsann er sich, daß ihm die Jartour, als eine in ihrem Metier sehr erfahrene und routinierte Kennerin, allerlei Bedenklichkeiten gegen seine Zukunft als Kunstreiter nicht vorenthalten habe. »Sie sind zu spät dazu gekommen«, – hatte sie ihn bei ihren Abendgesprächen als Krankenwärterin gesagt, – »Sie werden immer ein Eleve bleiben, dem die eigentliche Sicherheit, die rücksichtslose Zuversicht mangelt. Daß Sie jetzt Beifall fanden, ist ganz natürlich. Ihre jugendlich schöne Erscheinung, Ihr angeborener Anstand, Ihr musikalisches Talent, Ihr Mut, – dies alles im Verein überrascht und entzückt die Zuschauer. Hat es doch auch uns, die wir vom Handwerk sind, überrascht und entzückt. Aber bei all dem haben Sie – mir wenigstens – niemals den Eindruck eines wirklichen Artisten gemacht. Sie sind mir immer erschienen wie ein jünger, vornehmer Herr, der aus Kaprice und mehr zu seinem als zu des Publikums Vergnügen diese Exerzitien mitmachen will. Jeder von den Jungen, die mir als Lehrlinge bei den Truppen haben, wie er Ihnen an Eleganz und Tournüre jetzt noch nachsteht, ist Ihnen an Festigkeit und Schule weit überlegen. Ihm merkt man die Peitsche an, die er von Kindheit auf gefühlt hat, und ohne die es bei uns einmal nicht geht; glauben Sie mir, Antoine, ich spreche aus Erfahrung.« Die Äußerungen seiner besten Freundin klangen ihm jetzt lebendig und beruhigend im Gedächtnis nach. Sie trugen keineswegs bei, seine Einsamkeit zu erheitern. »Soll ich mein Leben vergeuden, indem ich es anwende, dies oder jenes Violinsolo zu kratzen, während ich auf mäßig galoppierendem Pferde den Zirkus durchreite? Bin ich zu nichts Besserem geboren? Wäre es nicht klüger, ich säße in Liebenau und machte Körbe? Wäre es nicht nützlicher? Wäre es nicht beglückender? O! mein kleines, stilles Häuschen! O? meine alte, treue Großmutter! Und Ottilie! ...« Hier verstummte er. Sein Häuschen sah er im Geiste vor sich. Die Großmutter sah er, wie sie leibte und lebte. Aber Ottilies Bild vermochte er nicht mehr festzuhalten; ihre Züge standen seiner Einbildungskraft nicht mehr zu Gebote. Wenn er sie zu haben glaubte, war es plötzlich eine schelmisch lächelnde Laura, die er dachte; doch auch diese hielt nicht Stich, und Laura wie Ottilie verschwammen in leere Luft – bis endlich Adele ihn ernst und traurig ansah. »Sie ist dieses Treibens auch überdrüssig«, fuhr er in seinen Betrachtungen fort; »sie erkennt auch die Nichtigkeit ihrer Bestrebungen. Und doch ist sie nur ein Frauenzimmer, bei der es ziemlich auf eins herauskommt, ob sie Strümpfe strickt und Kinder wiegt, oder ob sie auf munterem Pferde ihr Amazonendasein fristet. Aber ich bin ein Mann; ich trage Fähigkeiten in mir, hege das Bedürfnis, mich weiter fortzubilden, zu lernen. – Und bei alledem werde ich es in dieser brotlosen Kunst niemals soweit bringen, ihr nur die Schuhriemen aufzulösen; ihr, die an sich selbst verachtet, was anderen ihr ›schönes Talent‹ nennen! Überhaupt, ist es nicht unwürdig, den müßigen Leuten, die uns wie ihren Narren betrachten, Künste vorzumachen, um ihren Beifall zu buhlen und seine Knochen für sie zu Markte zu tragen? Sie nehmen nicht einmal Anteil an uns. Wenn einer von uns den Hals bräche vor ihren Augen, sie würden obendrein noch sagen: es geschieht ihm recht, wer heißt ihn solche unnütze Torheiten treiben? – Ja, wenn man dagegen die Schauspieler und ihre Kunst betrachtet, das ist ein ander Ding! Ein solches Theater, gegen unseren Zirkus gehalten, macht mir den Eindruck eines Heiligtums. Mit welcher Andacht lauschen da gebildete Zuhörer den schönen Worten und Handlungen, die bestimmt sind, sie zu erheben, zu belehren. Und wie erhaben ist die Bestimmung eines solchen Menschen, der auf der Bühne steht, um der Welt darzutun, daß jede Tugend ihren Lohn durch sich selbst empfängt, daß kein Frevel seiner Strafe entgeht. Hat es nicht auf mich gewirkt wie Gottesdienst, als der geringgeschätzte, mit Füßen getretene Jude zuletzt so groß und herrlich neben den stolzen Christen stand, daß sogar der aufgeblasene Kommerzienrat sich vor ihm und seinem Edelmut beugen mußte? Ach, wie mag einem Menschen zumute sein, einem Künstler, jenem liebenswürdigen großen Meister gleich, dessen Hand ich gestern an mein Herz drückte, wenn er zu sich selbst sagen darf: ›Du bist es, durch den erhabene Beispiele gegeben, solche eindringliche Lehren verkündet werden!‹ Ha, wie beneidenswert ist doch ein Schauspieler gegen nutzlose Burschen meiner Art ...« Nun entstand eine lange Pause in Antons Monologe. Wenn du auf einer Fußreise niedergedrückt und freudenleer unter einem grauen Tage dahinwanderst, ohne Hoffnung, daß der Himmel sich heute noch aufklären könne; wenn du, ich weiß nicht was, geben möchtest für ein Stückchen reines Blau über dir; wenn dein Herz mehr als je Wärme braucht und Licht, aber du siehst nur Nebel und empfindest nur, wie er dir naßkalt entgegenweht, – du entrollst deinen Mantel, damit du dich still ergeben, entsagend hineinhüllen dürfest, – und in demselben Augenblicke teilt sich die schwere Decke, – die Sonne gewinnt Kraft, – sie dringt durch, – der Morgenwind macht ihr Bahn, – frische Hoffnung auf einen schönen Tag durchströmt deine Brust! Weißt du, mein Leser, wie das tut? Nun denn, so und nicht anders geschah unserem hypochondrischen jungen Freunde, da mitten in seine selbstquälerischen Klagen hinein der Sonnenblick eines neuen Lebens glänzte. Dieser Sonnenblick leuchtete ihn an aus den Augen des Schauspielers, der ihn gestern abend in der Weinstube freundlich lächelnd betrachtet hatte; jenes Blickes nur gedachte Anton, und ohne lange zu überlegen oder zu zögern, raffte er sich zusammen, machte sich auf den Weg zum Kastellan des Theaters, bei dem er sich nach der Wohnung des Mannes erkundigte, welcher ihm und seiner Zukunft ein Orakel werden sollte. »Er muß das wissen!« rief er aus. Binnen einer halben Stunde stand Anton, der Korbmacher aus Liebenau, vor Ludwig Devrient. Dieser war, ihn zu empfangen, aus der Nachmittagsruhe aufgeschreckt worden, nahm ihn zwar freundlich und gütig, aber doch mit jener nur erzwungenen Herzlichkeit auf, die man erheucheln muß, wenn man sie momentan nicht empfindet. »Was wünschen Sie von mir?« – Eine sehr einfache, naheliegende Frage, die aber den Aspiranten entsetzte; sie klang ihm lieblos, kalt im Vergleich zu seines eigenen Herzens Wärme. »Vielleicht kennen Sie mich nicht mehr? Ich war nur eine Viertelstunde so glücklich ...« »O, gewiß, ich kenne Sie. Wir sahen uns gestern abend in der Nähe. Früher schon habe ich einigemal Ihre Reitbahn besucht. Ich liebe diese kühnen Künste. Noch einmal: was führt Sie zu mir? Womit kann ich dienen?« »Sie würden mir also nicht das Recht zugestehen, mich hier eingedrängt zu haben, nur um Sie zu sehen, zu hören, Ihnen wiederholt zu sagen ...« »Sie sind kein Franzose?« »Ich bin ein geborener Deutscher.« »Und führen nur eine französische Etikette, wie leider unser Champagner bisweilen tut. Ja, ja, ich besinne mich, davon gehört zu haben; romantische Geschichte mit Intrige, Entführung und dergleichen. Sie sind noch sehr jung! – Aber nehmen Sie Platz. Ich freue mich, Sie bei mir zu sehen. Ihr Violinspiel zu Pferde hat eigentümliche Empfindungen in mir hervorgebracht, es liegt Seele in Ihrem Ton. – Sie sind nun wieder ganz hergestellt?« »Körperlich wohl. Aber ...« »Aha, es steckt was im Herzen? Ihr Herren von der Kunstreiterei sollt sehr empfänglich sein für Leiden und Freuden dieser Gattung.« »Mein Leid ist anderer Art. Es erfüllt den ganzen Menschen. Es ist Herze leid und ein Seelen leiden , gegen welche ich Rat und Hilfe bei Ihnen holen will.« »Bei mir?« »Sie sind der einzige, der mir beides geben kann; der einzige, zu dem ich unbedingtes Vertrauen hege.« »Rat und Hilfe gegen Seelenleiden bei mir? Bei mir, dem größten Hypochonder im ganzen Königreich? Bei mir, der sich selbst nicht zu raten und zu helfen weiß? Ah, das ist nicht übel; das wäre ein Stoff für die feingespitzte Feder unseres Kammergerichtsrates: ein junger Kunstreiter, welcher sich Heilmittel wider Hypochondrie, Melancholie, und wie das Teufelszeug heißt, bei mir zu holen kommt! Wissen Sie, daß mich die Ärzte zu Ihnen schicken, das heißt, mir anraten, ein Pferd zu besteigen und mir reitend Bewegung zu machen, indem ich mich tüchtig rütteln und schütteln ließe? Das soll ein trefflich Mittel sein, und dieses, dächte ich, hätten Sie aus erster Hand. Wie können Sie bei Ihrer Lebensweise auf hypochondrische Grillen geraten?« »Wenn Sie mir erlauben wollten ...« »Sie haben recht. Ich ließ Sie nicht zu Worte kommen. Ich bitte um Verzeihung – und ich höre.« »Fürs erste ersuche ich Sie um Geduld, sich meine Lebensgeschichte mitteilen zu lassen, die Sie romantisch wähnen, Sie ist sehr einfach und – zu Ihrem Troste sei's gesagt – sehr kurz.« Anton drängte von dem, was der Leser bereits über ihn weiß, das Wichtigste, hierher Gehörige in einen schlichten Bericht zusammen. Ohne einen Namen zu nennen, ohne Orte zu bezeichnen, gab er seinem aufmerksamen Zuhörer im kürzesten Zeitraum das klarste Bild von sich selbst, mit so festen Zügen entworfen und mit so psychologischer Wahrheit ausgemalt, daß der Schauspieler vollkommen befriedigt schien und ihm mehrfach beistimmend und lobend zunickte. Als der Erzähler bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt gediehen war, fuhr er fort: »Gestern sah ich Sie auf der Bühne. Seit gestern abend fühlte ich das Drückende meiner Lage mehr als sonst, ohne doch zu wissen, was mir eigentlich fehle, ohne mir über meine wachsende Mißstimmung deutliche Rechenschaft ablegen zu können. Die Abreise meiner Freundin hat mein Unbehagen noch gesteigert. Und aus der trostlosen Niedergeschlagenheit, in die ich mich versenkt sah, ist nun plötzlich, wie ein Lichtstrahl von oben, die Hoffnung über mich gekommen, ich könnte Hilfe finden in Ausübung der herrlichen Kunst, deren Meister Sie sind.« »Also mit einem Wort: Schauspieler wollen Sie werden? Ob ich mir's nicht gedacht habe! Mensch, Sie sind verrückt. Nachdem Sie es durch ungeheuere Anstrengung so weit brachten, sich in Ihrem Gewerbe Bahn zu machen, wo Sie einer einträglichen Stellung entgegengehen, wollen Sie umsatteln, ein anderes Ziel verfolgen, wollen recht eigentlich vom Pferd auf den Esel steigen? Aber das ist ja reiner Wahnsinn! Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie zum Schauspieler berufen sind? Ihr Spiegel vielleicht? Sie wissen, Sie sind ein schöner junger Mann, gut gebaut, die albernen Weiber mögen Ihnen das oft genug vorgewinselt haben. Doch machen schlanke Taille und glatte Wangen den Schauspieler nicht. Mit solchen Requisiten und mit dem besten Willen obenein können und werden Sie ein höchst mittelmäßiger Darsteller bleiben. Wissen Sie, was das ist, ein mittelmäßiger Akteur, um nicht zu sagen: ein schlechter? Unter gewissen Umständen, ich meine bei geringen Ansprüchen, wie manche bescheiden eingerichtete Menschennaturen sie nicht anders mitbringen, kann ein solcher subordinierter Handlanger auch ein erträgliches Dasein fortschleppen; das gebe ich zu. Doch für Sie gilt dies nicht. Sie suchen etwas anderes. Sie werden es nicht finden, und dann erst werden Sie ganz elend sein.« »Das ist möglich. Nach Ihrer Meinung sogar höchstwahrscheinlich. Gut! So ist es doch keineswegs gewiß. Daß ich es aber jetzt wirklich und wahrhaftig bin, daß ich mich so fühle, daß ich die Überzeugung habe, in der Kunstreiterei niemals ein Höchstes zu erreichen, das ist bereits sehr gewiß . Und ein mittelmäßiger Kunstreiter ist doch wahrlich noch elender als ein mittelmäßiger Schauspieler?« »Wer sagt Ihnen das? Ich behaupte das Gegenteil. Ein Mensch, der sein Stück Arbeit auf dem Pferde macht, ohne Ideen, ohne Ansprüche auf Geist und Gemüt, jedem höheren Streben entsagend, will eben nichts anderes sein, als was er ist. In seiner Beschäftigung liegt sein Leben, und wenn er nicht vermag, als Kunstreiter zu glänzen, so bleibt ihm gestattet, sich als tüchtiger Reiter und Pferdekenner auszubilden; er gibt Unterricht, er nimmt zuletzt den Rang eines Stallmeisters ein, der mit Pferden, auf Pferden lebt und webt und wirkt, in seiner Art ein ganz tüchtiger Kerl sein kann. Jener Schauspieler jedoch, dessen Mittel und Fähigkeiten hinter seinen Ansprüchen, dessen Darstellungsgabe hinter seinen Intentionen zurückbleiben, der fortdauernd, auch bei der geringsten Rolle, die man ihm anvertraut, aufgefordert wird, zu denken, zu empfinden, in die Motive der bedeutenderen Schauspieler mit einzugehen, ihnen untergeordnet, doch aufmerksam zur Seite stehen, ... duldet ein solcher, wenn Ehrgeiz ihn anspornt, nicht fortwährende Folterqualen? Kann es für ihn auch nur eine ruhige Stunde geben? Muß nicht jeder Lobspruch, der ihm für Aufmerksamkeit und Fleiß zuteil wird, einen Stich ins Herz tun, weil er ihm mit anderen Worten andeutet: nur auf dieser Stufe bist du brauchbar, auf dieser harre aus? Wehe ihm nun gar, wenn er, empfänglich für Poesie, um sich geistig weiter zu fördern, mit Ernst und Einsicht die Werke der Meister studiert. Dann wird er sich nicht verschweigen können, daß er würdiger sei, ihre Herrlichkeit von der Bühne zu verkünden, als viele, die neben ihm stehen, die er ebenso weit übersieht, wie sie ihn als Schauspieler übertreffen. Denn, mein Lieber, nicht jeder, der es versteht, vermag es auszudrücken; nicht jeder, der es fühlt, kann es wiedergeben; sonst müßten ja alle klugen, gefühlvollen Menschen, die eine gute Aussprache, ein ausdrucksvolles Gesicht, eine starke Brust und gesunde Gliedmaßen besitzen, imstande sein, vortreffliche Schauspieler zu werden. Sie sind es aber nicht imstande! Nein, Sie sind es nicht! Die Darstellungsgabe ist ein sechster Sinn, ein unerforschliches Etwas, dessen Entstehen und Walten noch kein Physiologe auseinandergesetzt hat und ebensowenig jemals einer belauschen wird wie die Mysterien der Zeugung. Und woher mutmaßen Sie, daß dieser sechste Sinn Ihnen mitgegeben sei? Mitgegeben muß er sein, verstehen Sie mich, junger Mensch? Mitgegeben von Geburt aus! Gott – oder der Teufel, ich weiß nicht wer – muß ihn dem Kinde eingehaucht haben, als es dieses Erdentages Licht erblickte. Empfanden Sie bisher davon eine Spur? Hat ein unbekannter, unbewußter, dennoch unbesieglicher Trieb Sie angeregt, kundzugeben, was in Ihnen kocht und gärt und um jeden Preis zur Anschauung gebracht sein möchte? – Keineswegs! Sonst ja wären Sie, nachdem Sie jene Dorfkomödie mit angesehen, ohne weiteres den Zigeunern nach in alle Welt gelaufen, hätten Ihre Körbe Körbe sein lassen. Das Bedürfnis: darzustellen ! hätte jeden anderen Gedanken bei Ihnen getötet; davon aber war keine Rede. Sie liefen in die Welt, lediglich, weil es Ihnen daheim nicht mehr gefiel, weil Ihre jugendliche Kraft und Lebenslust zu leben sich sehnten. Die Bühne suchten Sie nicht. Liebe und Liebesglück suchten Sie, Pferde, bunte Kleider, Gefahr! – Was ich Ihnen sage, soll kein Vorwurf sein, ich finde dies alles ganz natürlich. Darum mögen Sie es auch natürlich finden, wenn ich Sie nicht von innen berufen halte, Schauspieler zu werden. Weil Sie mich gestern spielen sahen, weil ich Sie rührte, weil wir uns im Weinhause fanden, weil ich Sie durch einen Spaß à la Garrik überraschte; deshalb wollen Sie in aller Eile auch ein Schauspieler sein? Wie die Kinder, wenn sie von der Parade kommen, General spielen, oder Priester, weil sie in einer Kirche waren. Es schauspielert sich nicht so leicht! O, wie vielen habe ich das schon zurufen müssen! Ich bin müde davon!« »Sie schweigen; – haben Sie geendet? Unterbrechen wollte ich Sie nicht; darf ich jetzt noch ein Wort an Sie richten? Ihre scheinbare Härte hat mich weder verletzt noch gekränkt; ich hörte nur den Ehrenmann reden. Doch nun erlauben Sie mir meine Einwendungen vorzubringen, die, wenn auch nicht alles, doch einiges widerlegen dürften, was Sie mir entgegengestellt. Ich begreife vollkommen, daß viele junge Männer sich an Sie drängen, um Ihnen, gleich mir, Wünsche zu eröffnen, die den meinigen ähnlich sind. Sie haben gewiß recht, bei solchen Eröffnungen der Kinder zu gedenken, welche im Spiele nachäffen möchten, was ihnen eben in Wirklichkeit erschien und ihre Einbildungskraft erregte. Auch will ich gern glauben, daß bei vielen Jünglingen der Drang nach ungebundenem Leben, die tadelnswerte Sehnsucht, ihren häuslichen Verhältnissen zu entfliehen, heftiger sein mag, als der eigentlich innere Beruf zur Kunst, daß folglich auf diese Weise viele die Bretter besteigen ohne edleren Antrieb – ja ohne wahre Neigung und Lust zur Sache. Desto schlimmer für jene! Aber paßt denn das auf mich? Ich bin ja frei, ungebunden; treibe ja schon ein Handwerk, welches gleichsam außer allen Schranken des bürgerlichen Lebens liegt. Ich, wenn ich mich dem Theater widme, trete sozusagen ins geregelte Dasein zurück. Ich beschränke mich selbst, indem ich darauf hinarbeiten will, aus einem Länder durchstreifenden Vagabunden ein solider Künstler zu werden. Was ihren Beamten und ernsten Geschäftsmännern ein Tummelplatz ungebundener Willkür erscheint, die Bühne – mir, dem Aufwärter einer Menagerie, dem Eleven einer Reiterbande – mir wird sie zum Tempel, zum Heiligtume, wo ich die Gottheit und deren Nähe ahnen darf! Von dieser Seite kann mich also der Vorwurf des Leichtsinns gewiß nicht treffen. Von der anderen Seite aber, was Ihren Zweifel an meinem Talente gilt – reden Sie aufrichtig: ist Ihre Berechtigung, mir dieses abzusprechen, größer, sicherer begründet als meine Berechtigung, daran zu glauben? Wissen Sie, was in mir vorgeht, seit ich Sie spielen sah? Wollen Sie darauf schwören, daß ich nicht jenen Hauch empfangen habe, den der Himmel – oder, wie Sie scherzhaft äußerten, die Hölle – dem Schauspieler bei seiner Geburt einblasen mußte? Wollen Sie's verantworten vor mir und vor sich selbst, wenn Sie mir mit unumstößlicher Gewißheit auf den Kopf zusagen, daß ich durchaus nicht befähigt sein könne, dereinst ein großer Schauspieler zu werden, ein Schauspieler – wie Ludwig Devrient?« »Nein, das könnte ich nicht verantworten; denn Sie sprechen wahr. Ich weiß es nicht, wie man weiß, daß zwei mal zwei vier macht. Doch was ich weiß, was ich verantworten will vor mir, vor Ihnen und vor Gott, das ist mein wiederholter Zuruf: Versuch' es nicht ! ›Ein großer Schauspieler! Ein Schauspieler wie ich?‹ Nun meint er wunder, welchen Trumpf er ausgespielt. Und was würdest du denn sein, Knäbchen, wenn du's erreicht hättest; wenn du ein großer Schauspieler wärest, ein Schauspieler wie – ich? Ein armer, erbarmungswürdiger Mensch wirst du sein, ein Mensch, den seine Kunst aufgerieben, der, in jungen Jahren ein Greis, dahinwelkt, ein Mensch, der, ein Spielball seiner eigenen Nerven, keine Gewalt mehr hat über sich selbst, keine moralische Kraft, sich zu beherrschen, der sich mit Beifall überschüttet hört, wenn er an sich zweifelt, den sie kalt vorübergehen lassen, wenn er den Gott in sich fühlt, der um Beifall buhlen muß, den er verachtet – und ohne den er doch nicht leben könnte, weil er nur aus ihm Lebensluft atmet, der das Publikum gering schätzt, weil es kein Urteil hat, weil es niemals weiß, was es will, weil es dumm ist – und der diesem dummen Publikum dient wie der Negersklave seinem Pflanzer, der keuchend bis zur Zerstörung aller Organe, matt bis zum Tode, sich hinschleppt vor die Lampen, die ihn abscheiden von der bewegten, törichten, unbeständigen, undankbaren Masse. – Undankbar, ja undankbar sind sie. O, Schande und Schmach! Wenn ich halb sterbend in einem Winkel lag; wenn kein Fünkchen mehr glimmen wollte aus dem zerrütteten Leibe; wenn ich, unfähig beinahe, mich zu regen, flüssiges Feuer hinabstürzte, daß es mich brennend durchdringe, daß ich auf eine Stunde nur emporleuchten könne, sie zu entflammen mit meiner Glut – für wen tat ich es denn? Für wen goß ich Gift in diese kranke Brust? Für sie! Für ihr Entzücken! Und wie lohnen sie mir's? Säufer nennen sie mich! Wohin du kommst, wirst du vernehmen, daß sie mich tadeln, daß sie mich anklagen, daß sie mich Trunkenbold schelten, Verschwender, Wüstling. O, die Undankbaren! Die Dummen! Weil eine Stunde schlägt, welche zum Beginn des Schauspiels angesagt ist; weil sie versammelt sind auf ihren Sitzen, die langweiligen, gelangweilten Gesichter! weil sie ihr lumpiges Eintrittsgeld gezahlt haben; weil ich ihr Knecht bin, soll ich, sobald der Souffleur das Zeichen gibt, ihr – Gott weiß was – werden; ihr König Lear, ihr Schneider Fips, ihr Mephistopheles Es ist hier vom Teufel in Klingemanns Faust die Rede. Der Goethesche war zu Ludwig Devrients Zeiten noch nicht auf der Bühne. , ihr Gottlieb Koke, ihr armer Poet, je nachdem die Anschlagzettel es künden und sie ihre Karten gelöst. Und die Bestien begreifen nicht, daß eine Seele, die solchem gewaltsamen Rufe zu gehorchen fähig ist, eine Seele, die sich so tief in den Zustand fremder Seelen zu versetzen vermag, daß diese Seele eine kranke werden oder schon sein muß; begreifen nicht, daß eine solche Seele den Körper, der sie umgibt, der für sie und mit ihr leidet, aufreiben muß! Die Bestien! Große Leidenschaften soll ich ihnen vorführen; ungeheuere Persönlichkeiten soll ich ihnen zeigen, soll diese vor ihnen schaffen, entfalten, zerstören; soll vor ihnen grollen, rasen, sterben; soll alles mit empfinden, mit durchleben – bloß, weil sie ihr Legegeld an der Kasse entrichtet? – und ich soll keiner großen Leidenschaften in mir selbst fähig, soll derselben nicht bedürftig, soll ein Spießbürger sein, wie sie? Soll fein säuberlich heimgehen, unter meine Decke kriechen und Fliedertee saufen, wenn meine Pulse noch glühen, mein Herz noch tobt, meine Nerven zu zerreißen drohen? Die großen Leidenschaften sind es ja, ihr ewigen Philister, sie allein, die den großen Schauspieler geben! – Ein großer Schauspieler! Ha, ich muß lachen. Was ist er ihnen? Der Affe, der für sie springt. Ihr Applaus ist die Peitsche, die ihn springen macht. Und dieser Applaus, nach dem ich trachte, dessen ich bedarf, wenn ich gut spielen soll, wie des geistigen Getränkes, wenn ich nicht zusammensinken will! – Wie verteilen sie ihn? Wem spenden sie ihn am lautesten, am häufigsten? – Laß mich's nicht denken, du gutes, unerfahrenes, leichtgläubiges Kind! Laß mich schweigen!« Bleich und stumm stand Anton vor dem zürnenden Künstler, der nur nach und nach wieder einige Fassung gewann und endlich, scheinbar beruhigt, mit seinem spöttischen Lächeln fragte: »Nun, wie steht's, wollen Sie noch ein großer Schauspieler werden?« Anton erwiderte: »Von mir ist jetzt nicht mehr die Rede. Ich habe jetzt nur Gedanken für Sie, für Ihren Zustand. Das ist die traurigste Enttäuschung, die mir zuteil werden konnte. Ich kam, einen Herrscher zu sehen, der in seinem Reiche angebetet, beglückend und glücklich wäre. Sie zeigen mir einen Unglücklichen, der an sich und seinem Glücke verzweifelt; der seine Kunst gering schätzt ...« »Halt Er an! Halt Er an, junger Reiter, daß die Mähre nicht mit ihm durchgeht! So ist es nicht gemeint. Wenn ich unglücklich bin, will ich es nicht für den Pöbel sein. Ich bin es für mich, an trüben, grauen Tagen, wie heute; bin es für die Vertrautesten; bin es jetzt gewesen für einen biederen Jungen, dem ich gestern abend ins Herz geblickt, und den ich lieb gewonnen. Also, mein Söhnchen, das bleibt unter uns. Aber die Kunst, die Schauspielkunst, die wahren Künstler schätze ich nicht gering; das haben wir falsch verstanden, junges Kamel mit geschorenem Schädel. Denn ich müßte dann auch mich und mein Genie gering schätzen, und das wäre Gotteslästerung. Weiß Er das? Ich bin fromm, auch wenn ich nicht zur Kirche gehe. Ich bin tugendhaft trotz meiner Laster. Ich bin ein reines Kind trotz all dem Schmutz, der an mir klebt. Ich glaube an Gott. Ich bin dankbar gegen ihn, dankbarer, als unser hochpreisliches, höchst verehrungswürdiges Publikum. Und weil ich fromm bin, weil ich an ihn glaube, glaub' ich auch an mich und meine Kunst, für die er mich geschaffen hat. Begreift man diese Konsequenz? Und wenn ich geklagt habe, daß die Seele des Schauspielers sich selbst verleugnen, sich untreu werden, daß sie sich in die Seele, in den Leib anderer versetzen, daß mit einem Worte der Darsteller seine Persönlichkeit aufgeben müsse, so war das eine Klage aus dem beschränkten Gesichtspunkt beschränkter Kleinkrämer, in die unsereiner einstimmt, wenn er schwache Stunden hat. Höheren Ortes erscheint sie albern. Soll etwa der Advokat, der eine schlechte Sache zu verteidigen, der den Prozeß eines Schurken zu führen verpflichtet wird, deshalb ein Schurke heißen, weil er alle Segel aufspannt, demjenigen zwischen Galgen und Rad vorbeizuhelfen, dessen Unrecht er so klar durchschaut wie die Richter? Tut er nicht seine verdammte Schuldigkeit, wenn er sich mit allen Kräften des Geistes, mit allen Mitteln des Wissens in die Lage des Schurken denkt und für ihn arbeitet wie für sich selbst? Und an mir , an meinem besseren Ich sollten die Makel hängen bleiben, in die ich mich sinnend vertiefe, um einen Shylock, einen Franz Moor in ihr hellstes Licht zu setzen? Das träfe ja den Dichter nicht minder als mich. Torheiten das! Wir stehen über diesen Dingen, der schaffende Dichter, der Wiederschaffende, belebende Schauspieler. Wir stehen über der Masse, die uns nicht begreift, so wenig wie sie begreift, wie viel dem produzierenden Poeten, wie viel dem reproduzierenden Darsteller gehört von dem, was sie erschüttert, entsetzt, rührt oder wiehern macht. 's allerdings ein elend Leben, Möcht's doch nicht für ein andres geben! Nun, lebe wohl, mein Sohn! Folge mir: gib den flüchtigen, eitlen Gedanken auf. Dich rief dein Spiegel zum Theater, nicht der Gott in dir; – obwohl der Teufel noch weniger: aus solchen Zügen redet der nicht. Werde ein tüchtiger écuyer . Wir Franzosen – (denn ich bin auch so ein Stück von Franzosen, weil wir Devrients aus der französischen Kolonie stammen; wenn ich schon sonst durch und durch ein ehrlicher Deutscher und ein treuer Preuße bleibe!) – wir Franzosen sagen: .› Embrasser un métier ‹. Das ist ein schöner Ausdruck; man soll, was man einmal zum Berufe erwählt, fest umhalsen, nicht wechseln, nicht von einem aufs andere äugeln. Folglich bleibe im Stalle, in deiner Reitbahn. Dort blühen auch Röschen, wenn keine Rosen – und Dornen stechen überall. Fühlst du dich aber manchmal niedergedrückt von den Mühen deines Handwerks – oder nennen wir's Kunst meinetwegen – bist du recht verdrossen und abgemattet vom Staube des Tages, vom Lärm eurer Abende, dann gedenke dieser Stunde, gedenke meiner, du ehrlicher Bursche, meiner, der dich und deine treuen Augen nie vergessen wird; bedenke, daß der arme Ludwig auch sein Bündel trägt, daß er keucht unter dieser Last, daß er jede frohe oder wilde Stunde der Nacht mit bitteren Qualen bezahlt, daß jeder Abend des sogenannten Triumphes ein Jahr seines zerstörten Lebens kostet, daß er nicht selten den ganzen Plunder von Beifall, Ehrenbezeigungen, Berühmtheit zum Henker wünscht, weil er nichts davon hat als die Schmerzen!« Bei diesen Worten reichte er Anton die Hand und ging. Doch an der Tür des anderen Zimmers wendete er sich noch einmal um, erhob das herrliche Haupt, ließ sein Auge von geistigem Glanze strahlen, wuchs, möchte man sagen, auf vor des Staunenden Blick, daß er groß, erhaben aussah, und wiederholte mit vollster Kraft der Stimme: »– – nichts als die Schmerzen, Und wofür wir uns halten in unserm Herzen.« Dies war das letztemal, daß Anton Ludwig Devrient gesehen und gehört. Sechsunddreißigstes Kapitel Nicht die Zweifel am eigenen Talente, die durch des Meisters Äußerungen in ihm erregt worden, noch minder jene abschreckenden Warnungen gegen das Schauspielerleben im allgemeinen waren es, die Anton seinen kaum gefaßten Plan für einen schon wieder verworfenen, aufgegebenen betrachten ließen. Nein, des berühmten Schauspielers Persönlichkeit tat das meiste dazu. Diese hatte einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht; er kam sich daneben klein, beschränkt, albern vor. Man will behaupten, daß bevorzugte Naturen gerade beim Anblick des Größten die in ihnen liegenden Keime selbsteigener Größe am deutlichsten ahnen, und daß sie, weit entfernt, niedergeschlagen zu sein, dann erst recht mutig und zuversichtlich werden sollen. Des Coreggio stolzes: » anch' io !« gilt als Motto für diese Behauptung, die teilweise ihr Wahres haben mag; doch gewiß nur dann, wenn die bestimmt ausgesprochene Richtung für ein entschiedenes Talent sich schon so weit Bahn gemacht, daß diese mit einseitiger, ich will sagen, den ganzen Menschen in Anspruch nehmender Gewalt beherrscht und seinem offenkundigen Ziele zuführt. Wo das aber nicht der Fall ist, wo der Charakter über den Talenten steht, da wird sich gewiß das Gegenteil zeigen; da wird ein junger Mann, je tüchtiger sein Naturell organisiert ist, desto aufrichtiger an eigenen Fähigkeiten zweifelnd, das Außerordentliche anstaunen, ehrfurchtsvoll bewundern, ohne doch es zu beneiden. Ich gehe noch weiter. Ich spreche unumwunden den Glaubenssatz als den meinigen aus: Wer als junger Mann sich nicht willig, demütig, aus vollem Herzen vor Autorität zu beugen vermag, wer in Bewunderung derselben kein Glück empfindet, der – * Die hier weggelassene, durch Striche angedeutete Stelle schien für unser aufgeklärtes Zeitalter gar nicht passend. Vielleicht fand sie Geltung in jenem finstern Jahrzehnt, wo dieser Roman sich bewegt! Anmerkung des Setzers . Noch niemals, seitdem er vom zugeworfenen Grabe der Großmutter nach dem ausgestorbenen Häuschen heimgekehrt, hatte sich Anton so einsam und verlassen gefühlt wie jetzt. Und wo sollte er nun Trost suchen, an wessen gutem Rat und geistigem Beistand sich aufrichten? Ungeduldig zählte er die Stunden, ob nicht eine ihm seinen lieben Arzt bringen werde, damit er in dessen Busen ausschütten könne, was den seinigen erfülle. Vergebens. Der Arzt hielt ihn für gesund; – er blieb aus. Gleichsam aus Trotz gegen seine eigene Torheit, die ihn durch eitle, nichtige Hoffnungen und Wünsche fürs Schauspielerleben getäuscht, begab er sich abends wiederum ins Theater, fest überzeugt, der Mann, der ihn so hart – und so liebevoll, beides, behandelt, werde in einer neuen Glorie vor ihm erscheinen. Es kann mir gar nicht schaden, meinte er, mir noch einmal zeigen zu lassen, wie tief die Kluft ist, die mich plumpen Handwerker vom großen Künstler trennt! Nur in flüchtigster Eile waren seine Augen über die Anschlagezettel geglitten, welche eine heroische Dichtung verkündigten. Gewiß wird er, sagte Anton zu sich, den ich als kleinen armen Juden verkannte, sich heut als königlicher Herr, als Held hervortun! Das war ein Irrtum. Man führte eine große Oper auf, eine Oper mit Ballett, eines jener zusammengequälten erhabenen Werke, dem sein Erzeuger, nachdem er in der »Vestalin« und im »Cortez« sich ausgegeben und erschöpft, durch Glanz, äußerliche Pracht, betäubenden Lärm und alle möglichen wie unmöglichen Hilfsmittel zu verleihen suchte, was ihm doch fehlte. Anton blieb kalt. Er konnte nicht einstimmen in die forcierte Bewunderung, die um ihn her laut wurde. Auch der Tanz langweilte ihn, weil die Tänzer und Tänzerinnen durch denselben nichts auszudrücken wußten, weil sie sich stets nur auf einem Beine drehten. Er verließ das Haus vor Beendigung des Spektakels. Da versteht es unsere Jartour besser, dachte er: ihre Pantomime ist ausdrucksvoller. Wenn sie auf ihrer winzig kleinen Bühne, denn ein Pferdesattel ist doch nicht groß zu nennen, irgend einen Charakter darstellt, wirkt sie deutlicher, spricht mehr durch ihre Gebärden aus wie jene Damen miteinander. Ja, die gute Jartour ... Mit ihrem Bilde in der Seele betrat er sein Stübchen. Hier auf diesem Sessel hat sie Wache gehalten vor meinem Lager, hat für mich gesorgt, gedacht, gearbeitet, den Dienst einer Magd verrichtet; die liebevolle, unverdrossene Pflegerin. O, wie freue ich mich, sie wiederzusehen! Eine wohltätige Wärme durchdrang sein Herz bei dem Gedanken an dieses Wiedersehen. Das Bewußtsein, von einem guten menschlichen Wesen geliebt zu werden, rein, uneigennützig, tat ihm so wohl. Mag aus mir werden, was immer will, sagte er, eines kann mir niemand mehr nehmen: die Überzeugung, daß sie es redlich mit mir meint, daß ich also nicht ganz verlassen dastehe auf dieser Erde. Ich darf aber auch nicht unnütz zögern, mich wieder mit ihr zu vereinigen. Mein Herz braucht den Trost ihrer besänftigenden Gegenwart. Morgen erkläre ich's dem Arzte. Er muß mich ziehen lassen. Der Arzt hatte nicht das geringste dagegen einzuwenden. »Sie hätten meinet halb schon mit ihr zugleich abreisen können. Sie sind vollkommen frisch und gesund. Daß ich Sie mit halben Worten zurückhielt, geschah, aufrichtig zu reden, nur um den Wünschen Ihrer Freundin zu begegnen, die mich bat , so zu reden, wie ich in den letzten Tagen geredet habe. Es war überhaupt reiner Unsinn, was ich von möglichen Rückfällen geschwatzt, wenn mich ein Kollega gehört, müßte er mich für verrückt gehalten haben. Wie gesagt, wir spielten falsches, wenn auch unschädliches Spiel gegen Sie. Und weil eine Frauensperson dies angab, die es so treu mit Ihnen meint, nahm ich keinen Anstand, mitzuspielen. Sie werden das begreiflich finden.« » Sie wünschte, sie erbat das von Ihnen?« fragte Anton in bangem Erstaunen: »um Gottes willen, warum denn?« »Wahrscheinlich zog sie vor, allein zu reisen. Warum? Ja, liebes Kind, wenn Sie das nicht besser wissen, als ich ... Vielleicht fand sie es unschicklich, mit Ihnen allein ... sie ist ein feines Mädchen, macht seltsamerweise einen Unterschied zwischen Kranken und Gesunden. Na, Ihr werdet schon ins klare kommen. Das sei Ihre Sorge.« Der Arzt nahm Abschied und wollte gehen. Anton entriß sich seinem düsteren Nachsinnen, worein die eben vernommene Äußerung ihn versetzt, und hielt seinen alten Gönner zurück, indem er ihm, dankend mit herzlichen Ausdrücken, das bereits zurechtgelegte Honorar in die Hand schob. »Wie ist das gemeint?« fragte dieser. »Denken Sie, weil ich Ihnen entdeckt habe, daß ich zum Stamme Juda gehöre, Sie dürfen mich wie einen Juden behandeln? Sie, der nichts erwirbt, der Sie noch Eleve heißen – denn Adele hat mir vertraut, wie es um Sie steht – Sie wollen mir Gold zustecken? Herr, Ihnen soll ja das Donnerwetter ... Fort mit der Hand! Fort mit Ihren Füchsen in die eigene Tasche hinein! Werden das Zeug besser gebrauchen können! Ich bin ein alter Junggeselle, bin wohlhabend, praktiziere mehr aus Lust, und weil ich den Müßiggang hasse. Nehme nichts von Armen, nichts von Künstlern, die gewöhnlich arm sind, nichts von Landstreichern und solchem Vagabundengesindel. So, nun ist die Hand leer, nun gefällt sie mir besser, nun her damit! Nun glückliche Reise! Grüßen Sie mir das französische Mädel, die Adele! Halten Sie die treue Haut in Ehren: sie verdient es. Und schonen Sie, wo möglich, Ihre Knochen, Antoine! Schonen Sie sich und Ihre Kräfte! die Jugend währt nicht ewig! Gott mit Ihnen!« – »Das ist dein Segen, Großmutter«, sagte Anton, als der Arzt ihn verlassen, »er ruht noch auf mir!« Siebenunddreißigstes Kapitel Dir, mein teuerer Leser, der du dich deiner Schnellpostfahrten von B. nach Br. wie saumseliger Schneckenreisen erinnerst im Vergleiche mit der jetzt herrschenden Dampfexpedition, dir werde ich Mühe haben, klarzumachen, daß unser Anton, als vierter Teilnehmer einer sogenannten »Reisegelegenheit«, die Räder derselben in tiefem Sande sich langsam winden sah und deshalb vorzog, manche Meile gehend zu besiegen. Spät abends am vierten Tage oder am Vormittag des fünften, früher gab es keine Aussicht auf Erlösung. Antons erste Reisegesellschaft bestand aus stillen, gleichgültigen Leuten, die ihn für einen Franzosen hielten, mit dem sie nicht plaudern könnten, weshalb sie ihn seinen Gedanken an Adele ungestört überließen. Der Lohnkutscher war sehr ärgerlich. Die drei stummen Gefährten unseres Helden hatten sich dem Zauderer und dessen Marteranstalt nur bis W. verschrieben; dort, wo sie Handelspläne in der Umgegend verfolgen wollten, fielen sie ihm ab, und er sah sich gezwungen, mit einem miserablen, lausigen Passagier (wie er sich ausdrückte) weiterzutrödeln. Doch dein Kutscher lenkt – und das gute Glück denkt für ihn. Im zweiten Nachtquartier, das trotz der kürzesten Tageszeit noch bei hellem Sonnenschein bezogen wurde, fand Anton das Städtlein voll freudiger Aufregung. Der berühmte Taschenspieler und Bauchredner Charles aus Paris wollte die Herablassung haben, auf seiner großen Kunstreise eine Darstellung zu geben. Programme, die im Gastzimmer des Wirtshauses hingen, klebten, flatterten, auf Tischen und Stühlen umherlagen, verhießen das Unglaubliche und zum totalen Beschlusse sogar ein Feuerwerk ohne Pulver. Wahrscheinlich hatte der Kutscher dem Gastwirt und dieser dem bei ihm verkehrenden Tausendkünstler angedeutet, daß Anton ein Antoine und – laut Paß – gleichfalls ein Franzose sei, denn Herr Charles suchte den Landsmann gleich auf, offerierte ihm eine Einlaßkarte und mit derselben das Gesuch, ihn als » compère « ein weniges zu unterstützen. Vergeblich stellte Anton seine Unerfahrenheit in derlei Dingen dagegen, berief sich auf ein ihm eigenes Ungeschick, andere zu mystifizieren, und versicherte, daß er durch sichtbare Verlegenheit sein Einverständnis zu verraten fürchte. Herr Charles ließ nicht mehr los. Er unterwies den Zögernden auf umständlichste, wie man sich benehmen solle, jeden Argwohn zu entfernen, und schärfte ihm hauptsächlich ein, so weit als möglich vom eigentlichen Schauplatz, in einer Ecke des Saales, mitten unter uneingeweihten Zuschauern, Platz zu nehmen. Nachdem Anton endlich zugesagt und gelobt hatte, nach besten Kräften die ihm zugeteilte Rolle des Verwunderten zu spielen, brachte Herr Charles zwei lebensfrische, gelb-schwarz-weißgefleckte Meerschweinchen von verhältnismäßig nicht unbeträchtlicher Größe aus seinem Busen hervor, die er dem neuangeworbenen Helfershelfer als Teilnehmer des bevorstehenden unschuldigen Betruges präsentierte. Die Sau schien duldsam und sanften Temperaments. In den Augen des Ebers aber lag ein Ausdruck von Tücke – auch verhehlte Charles nicht, daß selbiger vor wenigen Tagen seine eigene (des Ebers) Kinder ihrer sie tränkenden Mutter vom Herzen gerissen, und die Kleinen, kannibalengleich, gefressen habe. Solches Ehepaar schob er unserem Freunde in die linke Rocktasche, wobei er ihn bat, sich seinerseits ruhig zu verhalten, die Insassen weiter nicht zu beachten, für deren zweckmäßiges Verhalten gebürgt werde, da dies ihr Beruf, ihre fixe Anstellung und ihnen durchaus geläufig sei. Nur sei zu vermeiden, daß man sich aus Vergeßlichkeit und in Zerstreuung nicht etwa auf die Tiere setze, weil sie doch zarter Konstruktion seien und das Wiedererscheinen von Leichnamen nicht nur die Damen erschrecken, sondern auch dem Stücke die lebendige Wirkung rauben dürfe. Übrigens habe die Stunde geschlagen und das Publikum solle nicht länger schmachten. Anton, wie langsam auch er die Beine setzte, wie vorsichtig er Schritt um Schritt abzirkelte, konnte doch nicht verhindern, daß treppauf, treppab der beschwerte Taschensack ihn, einem Glockenklöppel ähnlich, mit sanften Schwenkungen begrüßte. Jeder Schlag entlockte den eingesackten Geschöpfen ein dumpfes Grunzen, wie es in verkleinertem Maßstabe schlichte, gewöhnliche Ferkel etwa ausstoßen würden. Dieser höchst verdächtigen Töne Klang überzog seine Wangen mit immer wiederkehrender Schamröte, und er pries sich glücklich, als er im schon gefüllten Saale einen Winkel eroberte, wo zwei Mauern ihm den Rücken deckten, und wo er bewegungslos wie ein Laternenpfahl stehen blieb, um nur den abscheulichen Ton aus dem Hintergrunde nicht hervorzurufen. Es war für ihn ein schlimmer Abend. Seine Gutmütigkeit hielt ihn ab, des gewandten Franzosen Zutraulichkeit zu täuschen, und doch litt er unaussprechlich durch die Befürchtung, der Verrat könne von den Meerschweinchen ausgehen; denn im äußersten Falle, wenn seine Nachbarn dem Geräusch im Winkel ihr Ohr geliehen, die Spur desselben verfolgt hätten, ... was wäre ihm übrig geblieben, als den Schuldigen zu nennen? Während die entzückten Kleinstädter allen Schwänken und Spielereien des Herrn Charles ein an Begeisterung grenzendes Erstaunen darbrachten, froh in die Hände klatschend, sobald er ihnen wieder eine Nase gedreht und sie durch seinen Hokuspokus betrogen, vermochte Anton gar nichts zu denken, als nur: Ihr habt gut lachen und applaudieren, euch regen und bewegen, ihr Menschen! Ihr habt keine Meerschweinchen im Sack! Die erste Abteilung ging vorüber mit verwechselten Uhren, in die Luft geschossenen Ringen, erratenen und tanzenden Karten, erblühenden Blumen, gerupften Sperlingen und sämtlichem Zubehör jener herzlich langweiligen Unterhaltungen, durch die man ehrliche Leute zu amüsieren pflegt. In der zweiten entwickelte Herr Charles – (Eskamoteurs, Taschenspieler und dergl. wagten damals noch nicht, sich Professoren zu nennen!) – seine unaussprechlichen inwendigen Fähigkeiten als Bauchredner in allerlei geistvollen Dialogen, deren besonders einer, zwischen ihm und einem aus dem Schornstein antwortenden Kaminfeger, den höchsten Grad der Täuschung erreichte, so daß Antons Nachbar, ein scharf kritischer Kopf, darauf schwur, es stecke keine Phantasiegebilde des Herrn Charles, sondern ein wirklicher, reeller Lehrling des Meister Schwarz im Gemäuer, gegen welche lästernde Anklage sich jedoch der zufällig anwesende Schornsteinfegermeister mit seinem Bürgerwort verbürgte und dadurch den Beifall noch stürmischer machte. Die dritte Abteilung brachte wieder einige unendliche Kartenkünste und endlich das Stück mit den Meerschweinchen, deren Erscheinen Anton mit Gefühlen der Wonne begrüßte, weil es ihm und den in seiner Tasche verborgenen Doppelgängern Erlösung verkündigte. Er erblickte in beiden nun den Schauplatz betretenden Quadrupeden die täuschend ähnlichen Abbilder seiner Hintersassen, so daß er in der ersten Überraschung unwillkürlich einen heimlichen Griff nach seiner Tasche wagte, um sich erst zu überzeugen, ob etwas an Schweinen entkommen sei. Doch nein, kein Unterschied fühlbar, weder im Volumen, noch im Gewicht. Herr Charles bat sich von einem der ihm zunächst stehenden Herren ein seidenes Taschentuch aus – nur ein solches Exemplar befand sich im Saale, worüber der glückliche Inhaber nicht wenig Stolz verriet –, wickelte beide Meerschweinchen, die, auf dem Zaubertische harrend, sich der Prozedur bereitwilligst fügten, in das Tuch, verflocht die Zipfel in kunstvolle Knoten und steckte sodann das Häufchen Unglück in einen zierlichen Mahagonikasten, den er fest verschloß und dann den Schlüssel einer jungen Dame überreichte, damit sie ihn festhalten möge. Die Schöne, die sich in diesem Augenblicke die wichtigste Person der Stadt dünkte, gab dem Herrn Kommandanten durch geringschätzende Mienen zu verstehen, die seiner Obhut anvertrauten Torschlüssel wären gar nichts im Vergleich zu diesem , den man ihr übergeben, und klemmte sodann ihre Fingerchen zusammen, daß ihr die Nägel ins zarte Fleisch drangen. Nun brachte Herr Charles einen großen Laib Brot, den er auf einem anderen Tische der Versammlung prüfenden Blicken zur Schau legte. Und als dies geschehen, auch mit unerläßlichen Phrasen begleitet war, ließ er den Zauberstab walten. Die junge Dame mußte mit eigener, blutrünstiger Hand das Kästchen öffnen und fand es natürlich leer. Der Tuchlieferant wurde gebeten, das Brot zu zerschneiden, was einige Mühe machte, diese jedoch durch sich selbst, das heißt durch den in einen Klumpen zusammengebackenen, im Zentrum des Laibes versteckten, jetzt wieder errungenen Foulard belohnte. – Allgemeine Bewunderung. – »Aber wo sind die Meerschweinchen geblieben?« so fragte Herr Charles in schwer verständlichem Deutsch. »Sie würden argwöhnen, ich praktiziere sie Ihnen in die Taschen, wenn sie sich bei einem der Umstehenden vorfänden. Deshalb soll ein Herr sie haben – der ganz entfernt von mir – dort, in jenem Winkel – ja, ja, Sie, mein Herr – o, leugnen Sie nicht!« Er zeigte mit dem Finger nach Anton, alle Köpfe folgten der Richtung des Fingers, sämtliche Augen in sämtlichen Köpfen sämtlicher Damen blieben wohlgefällig auf Anton haften, der verlegen diesem Kreuzfeuer bloßstand. »Kommen Sie, mein Herr«, rief Charles, »kommen Sie zu mir, wir wollen nachsuchen.« Der scharfe Kritikus in Antons Nähe äußerte dagegen: »Durchaus nicht; wenn wir ihn zu ihm schicken, geschieht dort oben in aller Eile, was wir nicht mehr überwachen können. Soll das Kunststück wirklich Wert haben, so müssen die Tiere jetzt schon verzaubert sein.« Charles benützte diese Interpellation, stellte sich so ängstlich wie möglich an und schien verweigern zu wollen, daß man ihn untersuche. Ein Gemurmel des Zweifels schlich durch die Gesellschaft. »Darauf war ich nicht vorbereitet«, sprach nach kurzem Zögern Herr Charles, »jedoch wenn man es durchaus so verlangt – meinem Zauberstab ist nichts unmöglich. › Changez vite !‹ Nun untersuchen Sie, mein Herr!« Anton machte eine Wendung halb links, wodurch er sich der kritischen Forschung darbot wie ein redlich gesinnter Dieb, den die Häscher eingefangen. Der scharfe Kritikus griff ihm in die Rocktasche; – man hörte ein gellendes: »Au weh!« »Haben Sie den Schwein?« fragte Charles. »Nein, er hat mich«, erwiderte jener, zog seine Rechte heraus, und am zweiten Finger derselben, in welchen er sich verbissen, baumelte der Kindermörder. Die Gattin folgte duldend, ohne Gegenwehr. In den Ausbruch völliger Zufriedenheit von seiten eines kunstsinnigen Publici mischte sich Schadenfreude über die Verwundung des kritischen Kenners, und als nun zum Schlusse der Tausendkünstler mit einigen Schläuchen unter den Armen hervortrat, alle Lampen und Kerzen löschen ließ, um dann urplötzlich die Finsternis durch Sonnen, Sterne, Räder, die im buntesten Feuer ihn verklärend umspielten, zu erhellen, da liefen viele Stimmen: »Er ist wirklich ein Hexenmeister!« So ändert sich die Welt. Heute bleibt kein Gassenjunge vor einer Gasflamme stehen, mag sie noch so hoch emporflackern! – und nichts anderes waren es als brennende Gase, die Herr Charles aus jenen Schläuchen in metallene Röhren strömen und durch diese, zu mannigfachen Formen und Figuren sich gestaltend, verbrennen ließ. Wer den geblendeten Kleinstädtern damals gesagt hätte, daß in ähnlichem Zauberlichte gar bald ihre Nachkommen, vielleicht sie selbst die Straßen durchwandern sollten, wenn sie die Reise nach irgend einer größeren Stadt unternähmen! Ja, wer weiß, ob nicht, während diese Zeilen aufs Papier fließen, derselbe Saal, dessen Schilderung wir beabsichtigen, auch schon mit Gas beleuchtet wird? Armer Charles, deine Zeit wäre vorbei, sogar dort, wo man dich vergötterte. Anton wollte sich gerade zur Ruhe begeben, als er die Einladung des Herrn Charles erhielt, bei ihm ein Glas Wein zu trinken. Um nicht unfreundlich zu erscheinen, nahm er es an unter dem Vorbedacht, daß er sich zeitig entfernen dürfe. Er fand noch drei andere Gäste und erkannte zwei derselben; den Herrn vom seidenen Taschentuch wie auch den scharfen Kritiker, deren Gegenwart ihn argwöhnen ließ, Herr Charles brauche mancherlei Gevattersleute. Der dritte Gast machte ihm den Eindruck eines Menschen von ganz besonderem Schlage: ein ähnliches Gewächs irgendwo gesehen zu haben, konnte er sich weder erinnern, noch wußte er im geringsten, was er von dem baumlangen, engbrüstigen, schmal aufgeschossenen Kerl mit grauen Locken und zitronengelbem Gesicht halten solle. Dieser redete mit Charles ein leidliches Französisch, mit den anderen Herren ein leidliches Deutsch, besaß dabei aber eine dünne, schneidende Fistelstimme, die zu der Kirchturmfigur gar nicht paßte. Wie er sich, gleich den übrigen, bei Antons Eintritt auf einen Augenblick von der Tafel erhob, stieß er beinahe an die Decke des Gasthauszimmers an. Charles verkündete sogleich, daß dieser »Artiste« morgen in derselben Kutsche reisen werde, die so glücklich sei, seinen scharmanten jungen Landsmann nach Dr. zu bringen, und war auch bemüht, den Namen des Fremden zu verkünden, der nicht anders lautete als »Schkramprl«. Es läßt sich erklären, wie und warum der Pariser Eskamoteur dieser über französische Sprechwerkzeuge weit hinausgehenden Bemühung unterlag. Der Besitzer, wollte er richtig zur Welt gefördert werden, sah sich genötigt, sich selbst buchstabierend nachzuhelfen. Charles sagte nur: ein niedlicher Name, aber ein bißchen deutsch. Anton maß forschenden Blickes den geringen Zwischenraum, der Schkramprls hochgetürmten grauen Lockenbau von der Zimmerdecke abtrennte – ein Mücke würde Mühe gehabt haben, sich nur einigermaßen in demselben umherzuschwenken – und sagte sodann zu sich selbst: mein Kutscher muß ein Loch in das Verdeck seines Wagens schneiden; unfehlbar muß er das, wenn Schkramprl darin sitzen soll, oder Schkramprl muß etwas von der Einschlagfähigkeit eines Taschenmessers in seinen Hüftgelenken haben. Sonst sehe ich nicht ab, wie die Dinge gehen werden. Anfänglich stockte die Unterhaltung, so lange man versuchte, eine Sprache zu erfinden, die von allen fünf Teilnehmern der Gesellschaft zugleich verstanden würde. Nachdem aber erst Anton sich als Kunstreiter zu erkennen gegeben und dadurch vor Charles sowohl als vor Schkramprl sich jenem freimaurerartig verbundenen Vagabundentums angehörig erklärt hatte, wendeten sich beide, nur noch Französisch redend, zu ihm und ließen den scharfen Kritikus mit dem Manne vom seidenen Taschentuche Deutsch reden und deutsch trinken, ohne sich weiter viel um ihre Gespräche zu bekümmern. Damit Herr Charles jedoch seinen Verpflichtungen als Gastgeber doch einigermaßen entspreche, munterte er genannte Herren, deren Namen wir nicht wissen, bisweilen durch scherzhafte Intermezzos auf, indem er kleine Kunststücke zum besten gab, Gabeln verschluckte, Taler durch die Tischplatte zauberte und endlich dem Manne mit dem Foulard eine Unzahl roter und weißer Kugeln aus der Nase strich, worüber dieser bis zur Ohnmacht erschrak und sich eine Stunde nachher noch immer ängstlich an die Nase griff, ob Vielleicht, ihm unbewußt, noch einiges an Kugeln in selbiger stecke. Die vier Meerschweinchen schweiften re bene gasta im Hochgefühl ihrer Freiheit am Fußboden umher. Der Kindermörder ging in seiner fröhlichen Laune so weit, dem scharfen Kritikus ein Stück aus den neuen silbergrauen Pantalons zu knabbern, worüber Charles außer sich geriet und dem Eber die Zähne samt Kopf ausreißen wollte; der Beschädigte jedoch erklärte sich dagegen, gab vielmehr den hochherzigen Entschluß kund, die Lücke unausgebessert zu lassen als Angedenken für den Meister der natürlichen Magie. Anton vernahm im Laufe der Gespräche verwunderliche Sachen, wie er solche weder bei der Simonelli hören konnte, noch bei Guillaumes gehört, wo er ja auch fast mit der Amelot allein in näherem Verkehr gestanden. Er wurde wider seinen Willen eingeweiht in Privatverhältnisse unzähliger Familien, Truppen, Gesellschaften, Banden, Unternehmungen, die, auf Neugier, Torheit, Leichtgläubigkeit oder Vergnügungssucht der Menschen spekulierend, seit Menschengedenken vom Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter forterbend, die Welt durchstreifen, und allüberall, wo sie sich begegnen, neben dem giftigsten Brotneid doch stets einige gegenseitige Rücksichten, Gefälligkeiten, Aushilfen und sogar Freundschaft für einander haben und üben. Charles kannte viele, Schkramprl, der seinen eigenen Versicherungen zufolge von Kindheit an reiste und jetzt »sein sechzigstes« zurückgelegt hatte, so ziemlich alle. Wenn Charles einen neuen Namen über die Lippen brachte, nannte Schkramprl deren zwanzig, die zu jenem in irgend einer Beziehung standen, irgend etwas produzierten und gegenwärtig in irgend einem Lande umherzogen. Ohne bösartig sein zu wollen, verstand er doch jedem wie jeder, die erwähnt wurden, etwas anzuhängen; niemand entschlüpfte seinem unerbittlichen Gedächtnis ohne schwarzen Strich. Anton wußte die Simonelli aufs Tapet zu bringen. Schkramprl schenkte dieser nichts und nahm, da er einmal die Mutter schonungslos richtete, auch deren Tochter ins Gebet. Laura empfing ihr rechtschaffen Teil, wobei Herr Schkramprl mit Gewißheit anzugeben wußte, daß sie mit Herrn Amelot bereits wieder auf dem Prügelfuß stehe, der vor der Trennung schon beliebt gewesen. Von »Antoine« schienen seine Nachrichten unklar. Er wußte von seinem Attachement an Laura nichts und verwechselte ihn überhaupt mit einem anderen Reiter der Truppe, den er noch immer an seinen Verwundungen daniederliegen ließ, wogegen Anton nichts einwendete. Dabei zeigte sich Schkramprl höchst unzufrieden, daß seine Notizen über diesen Punkt dunkel wären, und entschuldigte sich mit längerem Aufenthalt in kleinen Städten. Nun lenkte Anton, der kurzweg für einen eben aus Paris verschriebenen Reiter zu gelten suchte, das Gespräch auf Adele Jartour. – Merkwürdig genug: von dieser wußte und hatte das lange Riesenlästermaul nichts zu sagen, als: » Bonne camerade; écuyère excellente; coeur d'ange !« Als er dies ausgesprochen, leerte er ein Glas auf ihr Wohl. Anton stieß mit ihm an. Dann aber wollte er sich den erfreulichen Eindruck durch fernere Klatschereien nicht verderben lassen. Er empfahl sich Herrn Charles und zog sich auf sein Zimmer zurück, indem er dem unermüdlichen Schkramprl ein »Auf Wiedersehen für morgen!« zurückließ. Adeles Bild im dankbaren Herzen, ihren Namen auf den Lippen, schlief er zufrieden ein, träumte sich durch allerlei sittsame, sentimentale Stimmungen immer tiefer in eine neu entstehende Liebe für sie und fand sich gar häßlich enttäuscht, als ein derber Hausknecht, das triefende Talglicht in schmutziger Faust, ihm scheltend des Landkutschers Mandat in die Ohren schrie: daß es die höchste Zeit sei! Die Physiognomie der Stadt schien durch wenige Stunden völlig verändert, ihr düsteres Grau war mit dem reinen Kleide der Unschuld bedeckt. Der erste Schnee säuselte hernieder. Wie Anton sich seinem Wagen näherte, erkannte er ihn kaum wieder. Gestern hatte sich nichts darauf befunden als sein eigenes Gepäck, und dessen war gar nicht viel, weil die meisten Effekten bereits mit Guillaumes Bagagetrain vorangegangen; heute waren Hinterteil, Verdeck, Kutschersitz so vollgeladen, und die Besitztümer des Herrn Schkramprl steigerten sich so mächtig empor, daß man ein wandelndes Haus zu erblicken vermeinte. »Nun«, murmelte Anton, »diese Pferde, diese Last, frischer Schnee und dazu der gute Wille unseres Kutschers, – das wird eine flotte Fahrt! Aber wo bleibt mein Reisegefährte?« »Sie sind vorangegangen«, meinte der Kutscher lächelnd. »Sie wollten sich nicht in den Wagen setzen, weil sie sagten, es wäre so scheniert für Sie, wegen der Längde von die Perschon. Die Kleinen sind schon drein, alle drei. Steigen Sie nur auch ein, Herr ›Anthahn‹, den Langen kriegen wir bald samt seinen hochen Spazierhölzern.« Also, es gab junge Schkramprls. »Ihrer drei«, sagte der Kutscher. »Wäre auch schade um Namen und Rasse, wenn beide ausstürben.« Der Hauptsitz des Wagens wurde durch »die Kleinen« eingenommen. Sie lagen in Pelze und Decken verhüllt, eine bei der Finsternis des Wintermorgens unerkennbare Masse. Der Schnee warf nur so viel Schein auf sie zurück, daß Anton drei Köpfe aus den Umhüllungen herauszählen konnte. »Ich möchte schlafen wie die glücklichen Kinder«, dachte er und rückte sich in seine Ecke. Aber es gelang ihm nicht. Die Langsamkeit der dahinschleichenden Kutsche, statt ihn in Schlaf zu wiegen, regte ihn ungeduldig auf. »Dort watet der große Herr im Schnee«, rief der Kutscher draußen. »Hol's der Teufel, ich will mit ihm waten«, entgegnete Anton. »Besser das, als im Wagen hocken, wenn es nicht vom Flecke geht.« Er hatte den Fußgänger augenblicklich erreicht, der sich der Gesellschaft ausnehmend freute. »Nun, wie geht's, wie steht's? Wie sieht's in der Kutsche aus? Was treiben die Kleinen?« »O, sie schlafen, Herr Schkramprl.« »Unglaublich, wie gut Sie meinen Namen artikulieren! Wie deutlich! Für einen Franzosen ungeheuer viel!« »Allerdings, Ihr Name ist schwierig.« »Furchtbar schwierig. Aber was wollen Sie? Ich hätte ihn gern umgeändert, mindestens für die Affichen; doch als ich zum Bewußtsein seiner Schwierigkeit gelangte, war es zu spät, ihn zu wechseln: ein Wechsel hätte mein Renommee in seiner Entfaltung gestört. Ich war berühmt als Schkramprl, – ich mußte Schkramprl bleiben.« »Gestern vergaß ich, Erkundigungen einzuziehen, – darf ich es heute nachholen? Als was erwarben Sie Ihre Reputation?« »Ich? Ganz einfach als Riese. Zunächst als Riese. Mit fünfzehn Jahren war ich so groß, wie Sie mich hier neben sich sehen, nicht einen Strich kleiner. Mein Vater führte mich umher. Mein Vater war der weltberühmte Gesichterschneider dieses Namens und hatte ursprünglich gewünscht, mich für seine Kunst zu erziehen. Auch machte ich schon bedeutende Progressen. Mit zwölf Jahren konnte ich schon meine Nase in den Mund nehmen, so daß die Unterlippe deren Spitze bedeckte, was allerdings bedeutende Naturanlagen verriet, weil meine Nase ungleich kürzer ist wie jene meines unvergeßlichen Vaters gewesen. Die Zunge brachte ich schon so weit hervor wie er in seinen besten Stunden. Aber es sollte nicht sein. Bevor ich noch so weit ausgebildet, daß ich mich an des Lehrers Seite mit Ehren öffentlich produzieren konnte, kam ich ins Wachsen. Es ging so schnell, daß ich aus einem untersetzten, dicken, derben Kerl binnen zwei Jahren zur Hopfenstange emporschoß. Die Eltern besorgten zuerst, ich könnte dabei draufgehen; doch zu ihrem Troste besann sich meine gute Mutter, – meine Mutter war auch Künstlerin, sie hob Mühlsteine mit den Haarzöpfen auf und ließ glühendes Eisen auf einem Amboß schmieden, während sie mit dem Kopfe auf einem, mit den Füßen auf einem anderen Stuhle lag, der übrige Körper in freier Luft schwebte, und ihr Unterleib den Amboß trug; – diese meine Mutter also besann sich zu rechter Zeit, daß einer ihrer Vatersbrüder ein Riese gewesen sei. Dergleichen Glücksfälle wiederholen sich bisweilen in der Verwandtschaft. Von dieser Stunde wurde ich zum Riesen erzogen. Man reichte mir kräftigere Kost, die mimischen Studien wurde beiseite gesetzt und dafür der Körper im ganzen und großen ausgearbeitet. Na, Sie sehen, wohin es geführt hat. Mit sechzehn Jahren war ich, der ich bin. Ich war hübsch von Gesicht; ich machte Fortune. In London, in Paris, in Brüssel, – mein Himmel, wo denn nicht? Als meine Eltern tot waren ...« »Beide?« »Beide. Ja, beide in einem Jahre, in einem Monat. Die Mutter starb in ihrem Beruf. Der Stuhl, den sie bei ihrer Arbeit unter dem Kopf gehabt, ist zusammengebrochen, der Amboß ihr auf die Brust gestürzt ...« »Arme Frau!« »Es war ein leichter Tod: sie litt nicht lange. Aber der Vater! Dieser konnte sich über den Verlust nicht trösten. Er wurde schwächlich. Sein Nervensystem war völlig zerrüttet. Und sonderbar: er, dieser famose Gesichterschneider, blieb in den letzten Tagen seines Lebens und Wirkens – denn er studierte und arbeitete bis zum letzten Hauche – nicht mehr Herr über die Muskeln, die ihm stets gehorsam gewesen. Sobald er ein bedeutendes Gesicht geschnitten, – das brachte er noch zustande, Gott sei Dank; so weit konnte sein Talent ihn nicht verlassen, dazu war seine Künstlerschaft zu vollendet; – sobald er, wollte ich sagen, ein bedeutendes Gesicht fertig hatte, blieb es stehen. Denken Sie, Herr Antoine, es blieb stehen; welch ein eigentümliches Phänomen! Manchmal um eine Minute länger als in seiner Absicht lag. Wie sich dies einigemal wiederholt, wußte ich, daß sein Stündchen geschlagen. Durch vieles Zureden gelang es mir, ihn ins Bett zu bringen. Großer Geist! Er konnte nicht untätig bleiben, ihm war es unmöglich, die edle Zeit, die er stets würdig benutzt, unausgefüllt zu lassen. Fortwährend schnitt er Gesichter, studierte auf neue Erfindungen, übte sich bei Tag und Nacht, wie wenn er ein Anfänger wäre. Endlich, in der letzten Nacht, leistete er etwas Grandioses: beide Augen preßte er weit aus dem Kopfe, den Mund riß er mit seinen schwachen Händen auseinander bis an die Ohren, die lange, schön gebaute Zunge streckte er heraus und legte sie an die Nase wie ein Mensch, der über etwas Wichtiges nachzusinnen hat, den Zeigefinger nur immer an die Nase legen mag, so lang, so rund, so dünn ... »Vater«, rief ich, »Sie übertreffen sich selbst, aber schonen Sie sich.« Ich nahm ihm die Hände vom Munde – der Mund blieb, wie er war, die Winkel bei den Ohren – die Augen blieben hängen – die Zunge blieb liegen. »Bravo«, rief ich, »bravissimo!« Er hörte mein Lob nicht mehr. Er war tot. Wir haben ihn beerdigt samt seiner letzten Kunstleistung, und bleibt nur zu bedauern, daß diese von Würmern zerstört werden sollte. So war ich denn, obgleich ein Riese, dennoch eine elternlose Waise und zog allein weiter. Aber es haftete kein rechter Segen mehr am Riese sein. Weiß der Henker, woher sie kamen, überall standen Riesen auf. Einmal trafen wir in einem kleinen erbärmlichen Neste von englischer Stadt unserer drei zusammen. Die Konkurrenz wurde zu stark, die Einnahmen immer schwächer, ich mußte mich nach etwas anderem umtun. Ein Mann ward ich auch, des Schwärmens und Liebelns längst überdrüssig, mein Herz sehnte sich nach häuslichem Glück, ich beschloß zu heiraten. Und ich fand bald eine brave, solide Frau, mit mir in gleichem Alter, auch Künstlerin ...« »Die Ihnen ihre Hand reichte?« »Nein, den Fuß.« »Verstehe ich recht? Sie gab Ihnen einen Fußtritt?« »Gewissermaßen. Doch nur aus Liebe. Sie war ohne Arme geboren, folglich fehlten ihr die Hände, folglich vermochte sie nicht, mir ihre Hand zu reichen, auch beim besten Willen nicht. Es folgt eines aus dem anderen.« »Und sie war Künstlerin? Ohne Arme?« »Daß sie keine Arme besaß, darin eben bestand ihre Kunst, denn sie schrieb mit den Füßen. Mit beiden Füßen, mein Herr. Die Feder hielt sie zwischen den Zehen und schrieb eine Hand – einen Fuß vielmehr – zum Küssen. Echte Kalligraphie! Und in drei Sprachen: Englisch, Französisch, Deutsch! Sie machte großes Glück. Ich sah mich durch sie verdunkelt. Ich, als Riese, war nur eine kleine Beigabe zu dem, was man an ihr bewunderte.« »Lebten Sie glücklich mit ihr?« »Wie die Engel. Jeden Abend nahm ich die Kasse in Empfang. Wir lebten sehr glücklich. Doch auch dieses Glück sollte nicht dauernd sein. Sie fühlte sich Mutter. – O, Freund, niemals werde ich die süßen Stunden vergessen, wo wir die Feierabende plaudernd mit kühnen Hoffnungen schmückten. Diese galten unserem jungen, sehnlich erwarteten Weltbürger. Unsere Einbildungskraft erging sich in weiten Räumen: wird es ein Knabe sein oder ein Mädchen? Oder keins von beiden? Wird es nach dem Vater, wird es nach der Mutter schlagen? Wird es vielleicht eine Riesin, doch von unbeschreiblicher Größe, wie noch nie ein männlicher Riese gezeigt wurde, wo man ohne Bedenken zwiefache Eintrittspreise stellen dürfte? Wird es – o du liebes Kind! – vielleicht nur einen Arm haben, aber an diesem zwei Hände? Oder auch gar keinen, wie seine gute Mutter, um deren Geschäft fortzusetzen? Oder werden ihm vielleicht beide Beine fehlen? Das wäre minder vorteilhaft. Ach! riefen wir dann beide zugleich, während Pamela mich umarmte ...« »Sie umarmte?« »Das heißt, während ich sie umarmte, – erscheine bald, wachse bald an, holde, glückverheißende Mißgeburt; lächle bald deinen Eltern entgegen. Sei endlich, wie du willst, wenn du nur etwas mitbringst, was noch niemals für Geld zu sehen war! Eines Morgens überraschte mich Pamela mit der Erzählung eines Traumes. Sie hatte sich Mutter gesehen; sie hatte im Traume – nein, nein, es ist zu viel! Wenn ich daran denke, möchte ich vergehen! Sie hatte ein Kind mit zwei Köpfen geboren!« »Im Traum?« »Das wäre nichts, junger Mensch. Im Traume bleibt das bedeutungslos, und streng genommen kann jeder träumen, was ihm gut dünkt. Im Traume mach' ich mich anheischig, Drillinge zu gebären, die aneinander gewachsen sind, wie Doppelkirschen oder Mandeln in einer Schale. Das will nicht viel sagen! Aber wenn ich erwäge, daß diesem Traume eine Wahrheit folgte, daß sie an dem nämlichen Tage Mutter wurde, daß sie wirklich und wahrhaftig von einem Kinde Mutter wurde, welches wirklich und wahrhaftig zwei Köpfe hatte, aus zwei Kehlen schrie! ... Herr, begreifen Sie, was das heißt? O, im Schnee möchte ich mich wälzen wie ein nackender Russe, – einen solchen Schatz läßt mich das Schicksal sehen! Halt ihn mir neckend vor! Ich greife ihn mit diesen meinen Händen! – und eine Viertelstunde später – sagen Sie, wer hätte solch kleinem unerfahrenen Wesen derlei Bosheit zugetraut? – ist es tot; mausetot! Wie nur jemals ein verächtliches gewöhnliches Kind mit einem einzigen Kopfe tot gewesen ist! Unkindliches Kind! Deinen Vater so zu täuschen! Die Mutter starb auch. Sie konnte den Jammer nicht überleben. Der dumme Akkoucheur behauptete, an den Folgen einer zu schweren Entbindung. Keine Spur! An den Folgen des Grames starb sie, desselben Grames, der an mir nagte, ohne mich zu töten. O, daß ich keine Riesennatur gewesen wäre! daß ich meinem Grame hätte unterliegen müssen, wie Pamela dem ihrigen! Vielleicht wäre mir besser. Ich sage: vielleicht!« »Es ging Ihnen nicht gut, seitdem Sie Witwer sind?« »Abwechselnd, junger Mann! Es könnte mir glänzend gehen, hätte ich nicht leichtsinnig gehandelt; leichtsinnig wie ein Kadett in Ferien! Das anatomische Museum – es war in den Niederlanden, wo ich Weib und Kind verlor, – sandte mir einen Unterhändler, den Ankauf der Leichen zu betreiben. Ich schlug meine Selige zu billig los. Keine Frage, um hundert Prozent zu wohlfeil. Eine so tugendhafte Gattin, keinen Arm am Leibe und tausend Gulden! Verschleudert; offenbar verschleudert! Doch darüber darf ich nachträglich nicht jammern, denn, frei zu reden, unter uns: was hätte sie mir genützt? Als Leiche? Ich hätte sie begraben müssen; darin lag kein Reiz, weder für sie, noch für mich. Also, das wäre zu verschmerzen. Aber unseren Sohn! Unseren lieben, kleinen, hoffnungsvollen, eigensinnigen Sohn; ein Kind von solch enormen Anlagen! Ich bitte Sie, sagen nicht eitle Väter, die ihre Alltagsbälge von Kindern preisen wollen: mein Kind hat Kopf? Nun frage ich, wie viel Kopf hat denn euer Wurm, wenn es hoch kommt? Einen! Einen einzigen! Mein Kind hatte deren zwei ! Und ich gab es – Räuber an mir selbst, der ich war! – gab es für fünfhundert Dukaten fort. War ich ein Räuber an mir selbst? Sagen Sie!« Anton hatte die größte Mühe, ernsthaft zu bleiben, würde aber trotz aller Mühe in lautes Lachen ausgebrochen sein, hätte nicht ein gewisser Widerwille, den die Brutalität seines neuen Freundes in ihm erzeugte, ihm Kraft zum Ernste verliehen. Er entgegnete, ohne nur mit den Lippen zu zucken: »Ich dächte doch, fünfhundert Dukaten wären ein schönes Stück Geld? Noch dazu holländische, was hätten Sie denn überhaupt mit der toten Mißgeburt beginnen wollen?« »Was ich damit ... o junger Mann, Sie schmecken noch gar sehr nach Ihrer Jugend. Was ich mit meinem Sohne hätte beginnen sollen? Ja, was begann denn das Museum mit ihm? Hm? Es verwahrte ihn in einer großen Flasche voll Spiritus. Da schwebt der junge Schkramprl und zeigt zum Erstaunen bewundernder Gaffer auch denen ein freundliches Gesicht, die hinter ihm stehen. Konnt' ich nicht, ich frage Sie, konnt' ich nicht mein eigenes Museum werden? Konnt' ich nicht meinen Sohn in Spiritus bei mir behalten und durch ihn, den Geistreichen, einen Grundstein legen zu einem künftigen Kabinett von anderweitigen Mißgeburten, unterschiedlichen Raritäten, Menschenhäuten, Vogelnestern, kleinen Schlangen, Negerschädeln, Mammutsknochen, Baschkirenpfeilen, Walfischrippen, Ammonshörnern, versteinerten Hölzern, Seemuscheln und unanständigen Bildern? Solche Sammlung wälzt sich auf Reisen umher wie ein Schneeball, indem sie durch die Bewegung größer wird. Eine solche besäße ich jetzt durch meinen Sohn. Und das habe ich versäumt, ich leichtsinniger, gefühlloser Vater. Schkramprl Vater und Schkramprl Sohn sind für immer getrennt. So oft ich daran denke, lebhaft daran denke, möchte ich mir den Kopf abreißen, was auch in Stunden der Wut unfehlbar schon geschehen wäre, wenn ...« »Wenn Sie deren zwei besäßen, wie der Verblichene?« »Vollkommen richtig; Sie erraten meine Gedanken. – Die Strafe meiner Dummheit ließ nicht auf sich warten. Mit den fünfhundert Dukaten kaufte ich mir drei Stück Kaffern, braune Kerls, die unbekleidete Naturballette ausführten, kriegerisch heulten, lebendige Hühner zerrissen, diese roh verschlangen und allerlei hübsche Sächelchen machten. Der Amerikaner, von dem ich sie kaufte, bewies mir schwarz auf weiß, daß sie seine Sklaven waren, die er fast ebenso teuer gekauft und wenig abgenützt hatte. Er stellte mir eine Quittung aus, strich die Dukaten ein, und ich war im Besitz. Anfänglich ging die Geschichte ganz gut, außer daß sie mich wenig verstanden, und ich sie gar nicht. Die Hälfte der Einnahme verfraßen sie mir freilich in Hühnern, – doch als ich auf den Anzeigen bemerkte, diejenigen Zuschauer, welche das interessante Naturspiel des blutig rohen Verschlingens zu beobachten wünschten, werden ersucht, das dazu notwendige Geflügel selbst mitzubringen, – da fanden bedeutende Lieferungen statt, von denen manches auch für mich abfiel. Das Gleichgewicht stellte sich wieder her, und ich war zufrieden mit meiner Entreprise. Nach und nach aber schnappten meine Sklaven deutsche Wörter und Begriffe auf, suchten Umgang mit Kellnern und Dienstmädchen in den Gasthäusern, wo wir einkehrten, und gelangten so nach Ablauf eines Jahres zur Erkenntnis, daß es bei uns zu Lande keine Sklaverei gebe, daß jeder Mensch frei sei. Unsinn! Erstens sind wir alle Sklaven, wenn auch in einer anderer Art; zweitens waren sie Wilde und keine Menschen. Der erste beste Pavian ist mehr Mensch, als sie es waren. Aber was half's? Die Rebellion brach aus. Eines schönen Morgens umringten sie mein Bett, tanzten den Kriegstanz, schwangen die keulen, setzten mir die Füße auf die Brust und proklamierten ihre Unabhängigkeit. Ich ergab mich nicht so leicht suchte meinen Riesen hervor, es entstand ein furchtbarer Lärm, das ganze Haus lief zusammen, die halbe Stadt, man holte Gerichtsdiener, und das Ende vom Liede war eine Vorladung der Behörde, die mir eröffnete, daß die Herren so und so – die Kanaillen führten gar keine Namen – ihre eigenen Herren seien und das Recht besäßen, sich für eigene Rechnung zur Schau zu stellen. Nach meinen fünfhundert Dukaten fragte niemand. Die drei Schurken trennten sich von mir und nahmen obenein eine dicke Küchenmagd aus dem Gasthause mit, die sie späterhin schwarz anstrichen und als äthiopische Negerin figurieren ließen. Ich war sehr herunter. In der Not wurde ich wiederum Riese, streckte mich, soviel mein Gram mir gestatten wollte, und verband mich mit einem Kakerlaken, einem faden Patron, der sich ›Albinos Dundos‹ nannte, mir zuerst imponierte, auf die Länge jedoch unter anderen ehrlichen Menschen nichts weiter war, als was eine rotäugige, weiße, matte Maus unter den grauen Mäusen ist. Unser Kompagniegeschäft ging schlecht. Nachdem ich wieder ein paar Goldstücke auf die Seite gelegt, machte ich mich los von ihm und führte ein Quartett steirischer Alpensänger nach London. Die guten Leute – bei Lichte besehen, Choristen von einem Wiener Vorstadttheater – hatten nicht einmal ordentliche Kröpfe und verstanden keine Silbe englisch. Deshalb brauchten sie einen Begleiter, der für sie sprach, während sie sangen. Das währte denn doch einige Jahre und half mir etwas auf. Kaum aber wußten sie sich verständlich zu machen, als sie nach Amerika zogen und mich zurückließen. Dumme Kretins! Sie sagten mir ins Gesicht, ich hätte sie übervorteilt. Was wäre denn aus mir geworden, wenn ich's nicht getan?« »Sie haben viel durchgemacht, Herr Schkramprl!« »Das will ich glauben. In einem halben Jahrhundert braucht man viel, – und wenn man durstig ist, besonders. Wir befanden uns in einer Seestadt. Ich sah mich nach einer anderen Stellung um und brauchte nicht lange zu warten. Es hatte daselbst ein Schiff gelandet, welches nebst vielen Fässern Tran, die furchtbar stanken, einen Eskimo nebst Gemahlin mitbrachte, die auch nicht nach Rosenöl dufteten. Dieses zarte Pärchen war von einem Spekulanten nach der kultivierten Welt gelockt worden, um sich zeigen zu lassen. Kaum angelangt starb dieser unternehmende Mensch. Ich bemächtigte mich seiner lebendigen Hinterlassenschaft, schloß eine Art von Vertrag mit den Leuten, die sich ebensowenig Rat wußten wie ein Fisch auf trockenem Boden, und zog mit ihnen in die Welt. Das wäre ein Goldzug geworden, wenn diese Wesen für ihre Produktion nicht immer große Gewässer gebraucht hätten, – und die finden sich weder überall vor, noch kann man sie mit sich führen. Zwar zeigte ich meine Püppchen auch in Sälen gegen mäßiges Legegeld, aber das lohnte nicht, warf keine Resultate ab, sie leisteten zwischen vier Wänden nichts Besonderes, außer daß sie lebhaft nach Tran stanken, was nicht jedes Publikums Leidenschaft ist. Ihr Element ist das Wasser. Wo sich ein Teich, ein kleiner See in der Nähe befand, veranstalteten wir große Vorstellungen, sie saßen in ihren kleinen Kähnen aus Seehundsfell, die sie sich wie einen Fußsack über die Hüften zogen und darin umherschwammen, als ob sie selbst Seehunde wären; eine Ansicht, zu der ich mich bisweilen geneigt fühlte. Mit ihren Pfeilen schossen sie nach Gänsen, wovon sie oftmals mehrere verwundeten, die ich sodann verzehren mußte, wollte ich die Auslagen dafür nicht verlieren. Ich habe einmal vier Wochen lang buchstäblich von Gänsefleisch gelebt, wobei ich völlig verdummte. Städte mit Wasser übertrugen Städte ohne Wasser; im ganzen machte sich's, hätte noch ein Weilchen vorgehalten, – da setzt sich das abgeschmackte Weibsbild in den Kopf, Todes zu sterben. Sie unterlag dem Heimweh; das heißt in unserer Sprache: der Sehnsucht nach frischem Tran! Was ich ihr von dieser Gattung kredenzte, schien ihr nicht mollig, nicht glatt genug. Einen Tag vor ihrem Tode soff sie mir meine Nachtlampe aus, schüttelte sich und stöhnte: »Aih, wahi, puhi, hui, pui, waih!« was in ihrer Zunge etwa sagen wollte: »viel zu matt, kein Aroma!« Der Witwer hielt's nicht aus ohne sie allein. Er kündigte mir den Kontrakt und begab sich nach Hause. Wahrscheinlich hat er eine Seekuh geheiratet.« Herrn Schkramprls lebhafter Vortrag, den ich hier nur höchst unvollkommen nachzubilden vermochte, weil ich nicht imstande bin, sein geläufiges, doch seltsam komponiertes Französisch wiederzugeben, hatte wenigstens dazu gedient, unserem Anton über seine trübe Stimmung und die Beschwerlichkeiten des Schneemarsches fortzuhelfen. Der Kutscher hielt an, die Pferde zu tränken, und der Riese warf einen Blick in die Kutsche nach »seinen Kleinen«. »Sie waren also nach Pamelas Tode noch einmal verheiratet?« fragte Anton. »Wieso, noch einmal?« fragte Schkramprl erstaunt zurück. »Das müssen Sie besser wissen, als ich. Ich meinte nur, da Sie doch drei Kinder besitzen ...« »Kinder? Ich? Könnte mir nicht einfallen.« »So sind das Ihre Pflegekinder, die hier im Wagen schlummern?« »Schöne Kinder! der Husar hat seine achtundzwanzig; die beiden Dirnen zusammen wenigstens fünfzig Jahre.« »Zwerge also?« »Natürlich, was denn sonst? Die beiden Schwestern habe ich in der Schweiz von ihren Eltern gekauft, mit denen reise ich jetzt schon seit länger als zehn Jahren. Den Kerl habe ich erst vor drei Jahren in Turin gefunden und habe ihn mitgenommen. Der insolente Schlingel bezieht förmlich Gage, hat sein eigenes Zimmer in meinem Hause – ...« »In Ihrem Hause?« »Welches oben auf den Wagen gepackt ist. – Ich füttere ihn mit den besten Bissen, mache ihm alle Avancen, hoffte, das kleine Gesindel sollte hecken. Kinder von Zwergen, von so kleinen gutgewachsenen Zwergen! Wie? Müßte das nicht eine Liliputanische Rasse geben? Wie gesagt, habe ihnen jeden Vorschub geleistet; keine Spur. Die Natur zeigt sich auch hier grausam gegen mich. Jetzt habe ich den dickköpfigen Husaren auf dem Halse, der nichts weiß und nichts kann, als sein »Ich bin der Doktor Eisenbart« grölen, und mir obenein durch seine Eifersucht alle Naturforscher und Amateurs Verschüchtert, die sonst nicht abgeneigt sein würden, mit Ninon oder mit Nanette nähere Bekanntschaft zu machen und die Naturgeschichte der Zwerge im stillen zu kultivieren! – Heda, Pygmäen, auf, ermuntert euch! Könnt ihr nichts wie schlafen? Herr Antoine will euch sehen; ein liebenswürdiger Kollege will euch guten Morgen sagen.« Anton war durchaus nicht lüstern nach dieser Ehre; doch ehe er sie noch ablehnen konnte, hatte Schkramprl schon die Hüllen von seinem dreiblättrigen Klee gerissen, und der kleine Menschenknäuel entwirrte sich gähnend. Es gab einen widrigen Anblick; um so widriger, weil Ninon und Nanette nicht ermangelten, mit der jenen unterdrückten Geschöpfen eigenen Zudringlichkeit allerlei Koketterien gegen den Fremden zu richten, wozu der Husar mit neidischem Grinsen die Zähne fletschte. Anton zog sich zurück. Ein Gespräch mit den kleinen, dickköpfigen Personen wäre ihm unmöglich gewesen. Schkramprl verließ im nächsten Städtchen die Kutsche , um seine Hütte aufzuschlagen. Sie trennten sich schon gegen Mittag, ohne daß Anton in Augenschein nahm, »welch erhabene Wirkung es mache, wenn der Riese ellenhoch über ein vollständiges Schweizerhaus voll Zwerge zum Himmel rage!« Schkramprl entließ seinen jungen Freund Antoine mit dem Versprechen baldigen Wiedersehens: und Anton, wieder alleiniger Inhaber und Einwohner des Lohnwagens, ließ sich Schritt für Schritt weiterziehen, um endlich doch einmal – seine Seele voll Sehnsucht nach Adele – die schöne Stadt Dr. zu erreichen. Achtunddreißigstes Kapitel Seine Seele voll Sehnsucht nach Adele, – und voll Dankbarkeit für den Herrn Prinzipal hätte ich hinzufügen müssen; für Herrn Guillaume, der durch den Urlaub, den er der Jartour bewilligt, so viel für ihn getan, der ihn so großmütig unterstützt, ihn so reichlich mit Geld versehen hatte! – Nichts Niederschlagenderes gibt es im Leben, als wenn beim Wiedersehen alle lebhaften, gefühlvollen Begrüßungen des Eintreffenden kalt und zurückstoßend aufgenommen werden. Der eine, von Reiseungeduld, von freudiger Erwartung aufgeregt, stürmt mit innigen Empfindungen herein, – und der andere gibt ihm nichts zurück als verlegenes Schweigen. Dies widerfuhr Anton, wie er bei Herrn Guillaume eintrat. Der Dicke wußte auf die feurigen Ergießungen aus seines Eleven Munde nichts zu entgegnen, hustete in unterschiedlichen An- und Absätzen, brachte dazwischen ein kaum verständliches: »nicht die geringste Ursache« heraus, worauf er sich mit einer für seine Korpulenz bewundernswürdigen Volubilität davonzustehlen wußte, Madame ging auf gar nichts ein, lachte dem Dankenden höhnisch ins Gesicht und kehrte ihm den Rücken. »Wie verträgt sich dieser Empfang mit dem Edelmut, den sie an mir geübt?« fragte der bang Erstaunte den Kassierer, den er aufzusuchen eilte. Der Kassierer, aus verschiedenen Gründen kein schwärmerischer Verehrer seiner Frau Direktrice, erwiderte offen, daß ihm durchaus nichts von Edelmut aufgefallen, und daß er erkenntlich sein wolle, wenn Anton Spuren desselben nachweisen könne. »Ja, mein Himmel, alles, was sie für mich getan! Sie haben mir Gold geschickt, zehnmal mehr als ich bedurfte, – und ich bringe den reichlichen Überschuß ehrlich wieder; sie haben meinen Urlaub ausgedehnt, damit ich mich gründlich erholen möge; und was noch mehr ist: sie haben der Jartour die Bewilligung erteilt, bei mir zu weilen, mich zu verpflegen; haben die Mitwirkung dieses wichtigen Mitgliedes hier bei Eröffnung des Zirkus entbehren wollen, was ich als das größte Opfer anerkennen muß!« Der Kassierer schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Diese Märchen hat Ihnen die Jartour erzählt? Nun begreife ich alles! Liebster Freund, Sie sind in vollkommenster Täuschung. Erstlich hat die Jartour keinen Urlaub erbeten und wußte sehr wohl, daß man ihr keinen erteilt haben würde. Ihr Kontrakt war in B. abgelaufen und hätte am Tage, nachdem Sie gestürzt waren, erneuert werden müssen. Anstatt ihn zu erneuern, erklärte Adele, sie sei entschlossen, abzugehen. Madame Adelaide triumphierte über diesen Entschluß ihrer Feindin und Herr Direktor, der soeben den Antrag von Madame und Herrn Felix in Händen hielt, ließ sich leicht beschwatzen, mit diesen beiden abzuschließen; wobei er sein Bedauern über den Verlust der besten Reiterin mit der traurigen Erfahrung beschwichtigte, daß ein junges, frisches Stück Fleisch, gleich der Felix, gar leicht eine nicht mehr blühende Künstlerin gleich der Jartour bei der Masse des Publikums ersetzt. So hatte folglich Ihre Adele völlige Freiheit, bei Ihnen zu bleiben. Die Berichte, die sie über Ihr Befinden einsandte, lauteten so larmoyant, daß wir schon das Kreuz über Sie gemacht haben; daß auf Sie gar nicht mehr gerechnet wurde. Geld hat man Ihnen nicht gesandt, Herr Antoine; nicht zurückgelassen, noch zugeschickt; nicht Gold, nicht Silber, nicht einen Pfennig. Das müßte ich wissen. Was Ihnen zugekommen, kann nur die Jartour aus ihren Ersparnissen Ihnen gereicht haben. Die Direktion war so weit entfernt, sich weiter um Sie zu bekümmern, daß Madame mir schon heute befohlen, Ihnen Futtergeld für Ihren Fuchs abzufordern, obgleich derselbe unterdessen täglich im Zirkus gebraucht und von Herrn Felix, der ein plumper Gesell scheint, fast zuschanden geritten ist. Man ist hier daran gewöhnt, Sie für einen Eleven von Vermögen anzusehen, noch aus den Tagen der Amelot her.« »Aber das ist ja schrecklich, was Sie mir da erzählen, Herr Amand«, nahm der aus all seinen Himmeln vertriebene Anton das Wort. »Wie habe ich mich doch in diesen Leuten geirrt! Und die arme Jartour, ihr sauer erworbenes Vermögen! O! sagen Sie mir, wo wohnt sie? Ist es weit vom Zirkus?« »Ich soll Ihnen sagen ...? Herr Antoine, sind Sie bei Verstande oder ist Ihr Kopf noch nicht heil? Ich soll Ihnen sagen, wo die Jartour wohnt? Wenn Sie das nicht besser wissen wie ich, dann werden wir's beide schwerlich erfahren. Seit B. habe ich nichts von ihr gehört noch gesehen.« »Adele ist nicht in Dr.?« »Wofern sie nicht mit Ihnen zugleich anlangte, sicher nicht. Was sollte sie auch hier, wenn sie nicht hier wäre, um bei Ihnen zu sein? Sagte ich Ihnen nicht schon, daß der Vertrag mit Herrn Guillaume abgelaufen ist, daß sie ihn nicht erneuert, daß sie das Engagement verlassen hat? Wer weiß, was ihr durch den Sinn gefahren ist! Sie war ein braves Frauenzimmer, aber voll von Launen und Grillen; wollte immer was Besonderes vorstellen! Schlagen Sie sich das aus den Gedanken. Hier fehlt's nicht an hübschen Mädchen, und Sie werden bald nicht wissen, wohin zuerst schauen. Vor allen Dingen aber sehen Sie nach Ihrem Fuchs, daß Sie den wieder in die Reihe bringen. Felix muß ein anderes Pferd bekommen. Sie treten morgen auf. Der Zettel ist schon in der Druckerei. Ihre Koffer stehen bei mir.« Anton hatte doch bereits so viel Herrschaft über sich und seine Gefühle gewonnen, daß er den Ausbruch heftigen Schmerzes zurückhielt, bis er sich allein befand. Allein zu sein, mit anderen Menschen so wenig als denkbar in Berührung zu geraten, erschien ihm jetzt das einzige Wünschenswerte. Deshalb auch überwand er den Widerwillen, der sich in ihm regte, von dem Golde, das die grausame Freundin ihm zurückgelassen, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Der Widerwille gegen ein Zusammenleben, wohnen, verkehren mit anderen Eleven und Hausgenossen der Direktion war doch noch größer, steigerte sich jetzt bis zum Abscheu; – und in dieser Not ergriff er von zwei Übeln das geringere. Er mietete ein bescheidenes, vier Treppen hoch gelegenes, deshalb stilles Dachstübchen, aus dessen kleinen Fenstern sein trübes Auge auf schneebedeckte Mauern, auf andere Dächer, auf Giebel und Schornsteine starrte, so lange, bis es schmerzhaft geblendet von Tränen überfloß. Was er nun für Adele fühlte, wurde ihm selbst kaum deutlich; war es beleidigter Stolz, der ihn zürnen ließ? War es schwermütige Sehnsucht, dankbare Anhänglichkeit, die den Groll in Liebe umwandelte? – »Gleichviel! – Was es sei«, rief er aus, »eins ist doch gewiß: daß ich nur sie in meinem Herzen hege! Daß ich nur ihrer gedenke, daß mir sonst alles auf Erden gleichgültig ist!« Um nur etwas zu tun, um nur in die unmännliche Abspannung, die sich seiner bemächtigen wollte, einige Tatkraft zu bringen, schrieb er an seinen Arzt in B. und beschwor diesen, durch Vermittlung der geeigneten Behörden auskundschaften zu lassen, wohin Adele Jartour sich gewendet haben könne. Nachdem er durch diesen gefälligen Gönner die Antwort empfing, ihr Reisepaß sei bei der französischen Gesandtschaft nach Paris visiert worden, wandte er sich geradezu an sie selbst, ergoß in einem langen, sehr ausführlichen Brief sein ganzes volles Herz, richtete auf gutes Glück diese Epistel an Adele Jartour, erste Reiterin beim olympischen Zirkus der Gebrüder Franconi, – und atmete leichter auf, als er einen Teil der Last, die ihn schwer drückte, mit diesen dünnen Blättern nach der Post getragen hatte. Die zuversichtliche Hoffnung einer baldigen, erklärenden, erschöpfenden Antwort hielt ihn aufrecht bei der qualvollen Ausübung seiner Berufspflichten. Denn nicht anders als qualvoll konnte es für ihn sein, Abend für Abend die alte Tour zu reiten, das alte Violinsolo abzuleiern, sein Quantum Beifall zu empfangen, seine drei Bücklinge zu machen, und dann durch Sand und Sägespäne watend, in die Garderobe zu hüpfen, wo er sich seine bunten Fetzen nicht rasch genug von den Gliedern streifen zu können meinte, um nur den Umgebungen wieder zu entweichen, die ihm schauderhaft erschienen, seitdem kein Wesen mehr in ihrer Nähe atmete, dessen Hauch sie veredelt hätte. Sich fürder zu üben, empfand er gar keine Lust. Fehlte ihm doch der Drang, Fortschritte zu machen, der ihn früher belebt! Guillaume ließ ihn gehen, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern; er fand, was Anton maschinenmäßig leistete, immer noch gut genug für ein Mitglied, das keine Gage fordern durfte und sogar jene Ansprüche, die es auf freie Kost und Wohnung besaß, nicht geltend machte. So verging der Winter. Eine seltsame Existenz, wie unser Freund sie führte. Den ganzen Tag über im kleinen Gemach, lesend, lernend, schreibend, Violine spielend, – niemals ohne Beschäftigung, stets ohne menschlichen Umgang und Verkehr; nur seine Wirtin sah er, wenn sie ihm das spärlich bereitete Mahl brachte. Des Abends, wie durch einen Zauberstab, in bunte Flitter gehüllt, zu Rosse, vor einer großen, lärmenden Menge, deren Anblick ihn immer wieder aufs neue betäubte, umrauscht von der schallenden Musik, deren Geschmetter ihm Kopfschmerz verursachte; – und eine Viertelstunde darauf wieder im stillen Gemach, wieder ein Buch zur Hand, wie wenn ihm nur geträumt hätte vom Reiter Antoine. Und dann, zur Nacht das einsame Lager, um welches wechselnde Gestalten der immer regen Einbildungskraft schwebten; Gestalten wie Ottilie – die Großmutter – Laura, – bis auch diese verflogen, der einen Raum zu geben, die seiner Seele jetzt die nächste blieb, und ihm – ach so fern! Adele hatte seinen Brief nicht beantwortet. Des langen, peinvollen Harrens endlich müde, wandte er sich an Franconis mit der bittenden Frage, ihm Nachricht zu geben, ob Adele Jartour bei ihnen engagiert, oder ob sie wüßten, wo dieselbe sonst sei. Umgehend lief die Erwiderung des Sekretärs ein: seine Direktion kenne und achte das allgemein anerkannte Talent der Demoiselle Jartour noch von ihrem früheren Engagement in Paris und müsse sehr bedauern, über ihren gegenwärtigen Aufenthalt nichts zu wissen, weil man bereit sei, ihr die vorteilhaftesten Anträge zu stellen. Nun war die letzte Hoffnung dahin. Adele war ihm verloren; sie wollte es ihm sein. Das begriff er endlich. Sie war geflohen vor ihrer eigenen Liebe zu ihm, ehe noch seine dankbare Freundschaft für sie sich in Liebe verwandeln konnte! Je tiefer er über dieses Weib nachsann, desto höher wuchs seine Achtung, desto wärmer aber auch seine Sehnsucht. – Wie wir uns denn leider nach dem Unerreichbaren am meisten sehnen, wir armen Menschen. Wie wir auch im Glück, im Genüsse der Gegenwart immer noch etwas vermissen, was uns eben auch nicht befriedigen würde, wenn es da wäre! Viele Dichter haben diese Sehnsucht, die auf Erden kein Ziel findet, besungen; am einfachsten aber und darum auch nach unserer Meinung am herrlichsten Geibel , wenn er in zwei Worten es sagt: »Dir selbst bewußt kaum ist dein Leid Ein Heimweh nach der Ewigkeit« Siehe: Juniuslieder von Emanuel Geibel: Das Geheimnis der Sehnsucht. !« Dieses Heimweh nach einer Heimat, die hienieden nicht blüht, fühlte unser Anton, seiner selbst unbewußt, während er um den Verlust seiner Freundin trauerte. Adele war ihm eben nur der Name für etwas Namenloses! Und haben wir nicht alle einmal so geliebt, uns so gesehnt? – Und uns so gegrämt ? – Wohl jedem, der es nicht getan, – würde ich sagen, müßte ich nicht zugleich sagen: Weh jedem, der es nicht getan! * »Ich kann nicht Kunstreiter bleiben«, sagte Anton vom Schmerz daniedergebeugt. »Lieber betteln! Ich kann nicht; ich will nicht .« Er ging zu Guillaume, von diesem Entlassung zu erflehen. Guillaume erwiderte, zwar sei es nicht Gebrauch, daß ein Eleve vor Ablauf der bedungenen Lehrzeit davongehe, »aber«, sagte er, »da bei Ihnen abweichende Umstände vom Anfang unserer Bekanntschaft an zu erwägen sind, so will ich Sie nicht halten. Wir gehen von hier nach L. Dort werden Sie die Ostermesse noch mit durchmachen, – und dann ziehen Sie in Gottes Namen. Doch das muß ich Ihnen offen und ehrlich mit auf den Weg geben, Antoine: fahren Sie fort, sich zu vernachlässigen, wie Sie während unseres hiesigen Aufenthaltes getan, so wird nichts aus Ihnen, gar nichts.« »Nun, wenn auch nichts, wie Sie es meinen, Herr Guillaume«, entgegnete Anton sich verbeugend, »doch vielleicht und mit Gottes Hilfe etwas anderes, was nach meiner Meinung gerade so viel sein kann, als ein Reiter nach der Ihrigen.« Er sprach so stolz, weil er Madame Adelaide im nächsten Zimmer hörte, würde jedoch in peinvolle Verlegenheit geraten sein, hätte er verkündigen sollen, welch ein »etwas« er im Geiste vor sich sah. Nun er den Zeitpunkt der Befreiung vom Joche nach Tagen zählen und berechnen durfte, trug er leichter an diesem Joche. Sein Herz schlug lebendiger ... und dennoch war alles, was vor ihm lag, Ungewißheit! Er wußte durchaus nicht, was dann beginnen? Aber, wußte er doch, daß er nicht mehr gezwungen sein werde, den Fuchs zu besteigen und den Leuten seine Künste vorzureiten. – Diese Gewißheit tröstete ihn wegen jener Ungewißheit über sein Schicksal. O glückselige Jugendzeit! Auch im Unglück noch glückselig! Neununddreißigstes Kapitel Seit vielen Jahren hatte der große Weltmarkt in L. nicht soviel »Meßbuden« gezählt, als in jenem Frühling, wo Antoine mit der Guillaumeschen Reitertruppe daselbst erschien. Es konnte nicht fehlen, sie mußten sich einer dem anderen das Brot vom Munde nehmen. Während Kauf- und Handelsleute sich im ganzen, für zufrieden erklärten, klagte das Gauklervölkchen allgemein über spottschlechte Messe. Anton befand sich in seltsamer Verwirrung seiner eigenen Wünsche und Absichten. Mit dem friedlichen Asyl, das er in Dr. bewohnt, und in dem er stille, ungestörte Stunden zugebracht, hatte er zugleich die entsagende Geduld verloren, die ihn dort im Gleichgewicht hielt, die ihn sogar bisweilen ohne Klage wähnen ließ, er sei mit dem Leben fertig. Mit dem erwachenden Frühling erwachte in ihm auch wieder das Gefühl seiner Jugend, winterlich begrabene Empfindungen entkeimten diesem Gefühle. Die schwermütige Erinnerung an Adele verwandelte sich in aufregende Sehnsucht nach ihr. Er wurde den Gedanken nicht los, daß die Jartour ihren Paß nach Paris hatte ausstellen lassen, wie sein Arzt beim Gesandten erfahren. Es war ihm zu Sinne, als müsse er die Entflohene dort wiedersehen; als würden, wenn es ihm gelänge, dieses Ziel unklarer Träume zu erreichen, viele Geheimnisse sich enthüllen, viele Rätsel seines Lebens sich lösen. Doch wie wäre dies auszuführen? Sein Geldvorrat ging auf die Neige. Er mochte sich's noch so sparsam einrichten; wenn man immer nur ausgibt, ohne einzunehmen, hilft zuletzt kein Sparen. Wie, fragte er sich, soll es mit mir enden? Wenn ich auch wirklich diese fast unbezwingbare Begierde, ihr nach Frankreich zu folgen, bezwinge, wenn ich mich und meine feurigsten Wünsche niederdrücken will, ... was soll, auch in Deutschland, aus mir werden? Ich weiß es nicht. Denn sogar für den traurigen Fall, daß ich mich überwinde, meine Arbeit als Korbflechter wieder ergreife und mich beim nächsten Meister als Gesellen verdinge, – wie komme ich mit dem unglücklichen Blatt Papier ins reine, das die Simonelli mir angeheftet, unter dessen Schutz ich noch immer reise, und zwar als ein Betrüger reise, zu dem ich wurde, ohne es zu wollen und zu wissen? Überdies auch ist jener Reisepaß abgelaufen, so gut wie ungültig. Der Furioso, der sich auf solche Dinge versteht, hat mir neulich Zu hören gegeben, ich würde genötigt sein, Paris »wieder« zu besuchen, um meine Reiseerlaubnis verlängern zu lassen. Und wenn sie dort die Wahrheit entdecken ...? Das kann mich in Schande und Kerker bringen! Gar vielleicht, wenn der wirkliche Antoine mir begegnet? Wenn er schlechte Streiche gemacht, die auf mich zurückfallen, wenn er schon eingesperrt ist? Oder wenn er ... Gott weiß was? da gibt es so viele »Oder«, daß mir ganz schwindlig wird! – Nach Liebenau zurückgeschleppt werden? ... Auf dem »Schube«, wie sie's nennen? Zum Spott der Landleute, gescholten vom Kurator, verhöhnt von Ottilie, vielleicht gebunden, mit wirklichen Stricken gebunden als Vagabund? Das ehrenvolle Andenken meiner Großmutter geschändet? Nichts Besseres als der schwarze Wolfgang? – O, ich wollte, ich läge zwischen beiden begraben im grünen Kirchhof! * Es war ein sonnig blauer Vormittag, dessen Klarheit wenig zu den Wolken passen wollte, in die Antons Haupt sich gehüllt. Dem drängenden Marktgewühl der Gassen entwichen, hatte er sich nach dem Platze begeben, auf den alle öffentlichen Schaustellungen verwiesen, eine zweite kleine Stadt von hölzernen Häusern bilden, in denen die modernen Nomaden verkehren, und wo des Morgens verhältnismäßig Ruhe herrscht, im Vergleich zum Lärmen ernsteren Verkehrs im Innern der eigentlichen Stadt. Anton hatte bisher noch vermieden, das Handwerk zu begrüßen. Nur seiner Lage Hoffnungslosigkeit trieb ihn heute, von Bude zu Bude schlendernd, mit prüfender Forschung umherzusuchen, wo sich für ihn vielleicht eine, wenn auch nur vorübergehende Zuflucht finden ließe. Denn von Guillaume sich zu trennen, wußte er sich ebenso fest entschlossen, wie er fest durchdrungen war von der traurigen Überzeugung, es bliebe ihm nichts anderes mehr übrig, als ein Dienst niedrigster Gattung im Lande der Zigeuner. Da prangte zuvörderst der »Feuerkönig«, glimmende Kohlen verschluckend, flüssiges Siegellack naschend, siedendes Öl wider brennenden Durst schlürfend, seine Fußsohlen mit glühend roten Eisen kitzelnd; und diesem verbunden eine »Minerva«, den zarten Leib mit gewichtigem Amboß belastet, auf dem vier Zyklopen furchtbare Waffen schmiedeten. War das Porträt, welches, die Göttin darstellend, in Lebensgröße neben jenem des feuerbeherrschenden Gatten hing, einigermaßen getroffen, so konnte das lebendige Urbild sehr wohl die vom Gewicht des Amboß zwar zerschmetterte, aber dennoch wieder zusammengeschmiedete Mutter des Riesen Schkramprl sein. Zum erstenmal, seitdem er in L. weilte, glitt ein Lächeln über Antons verkümmerte Züge, wie er Schkramprls gedachte und ihrer gemeinschaftlichen Schneewanderung. »Wo mag der lange Schlagetot jetzt seine Lügen debitieren«, murmelte er, bedächtig weiter schreitend, vor sich hin, und ehe er noch ausgemurmelt, stieß er fast mit der Nase an eine kleine Bude, von deren Eingang ihm das alte, grauumlockte Riesenantlitz freudestrahlend entgegenleuchtete. »Endlich, Herr Antoine! Sie haben lange Zeit gebraucht, bis Sie sich des kleinen Freundchens erinnerten. Ich wollte und konnte Sie nicht aufsuchen, indem ich mit Ihrem Direktor nicht gut stehe ...« »Keine Ahnung, Herr Schkramprl, daß Sie sich schon in L. befinden! Angenehm überrascht ...« »Treten Sie ein. Keine Publikümmer vorhanden. Leider gar keine. Wir sind unter uns! Sagen Sie, Freund, ist es wahr – – – He, ihr da drinnen im Häuschen, erhebt euch, Langschläfer! Macht Toilette! Der Husar erscheint heute im Schweizerkostüm, weil er darin nicht so eifersüchtig aussieht wie in seinem blutfarbigen Doliman. Und daß Ninon sich mehr dekolletiert als gestern: wir haben gegen ein Uhr mittags Privatvorstellung für einige alte Herren! – Also, teuerster Antoine, ist es wahr, was der Bajazzo mir sagt, daß Sie Papa Bonhomme verlassen?« »Es ist wahr, Schkramprl.« »Haben recht. Er ist ein ausgestopfter Strohmann, und sie ist ein weiblicher Satan in fleischfarbenen Trikots, unter denen sich passabel hübsches Menschenfleisch befindet, das gebe ich zu; doch darum nicht weniger Satan. Eingefleischter Satan. Haben recht. Ich erfuhr erst hier, daß Sie derselbe sind, der in B. den schönen Sturz machte. Bravo! Jetzt weiß ich alles: Laura Amelot, die Katze, Adelaide, Adele Jartour, alles! Sie müssen mich, als wir uns kennen lernten, für ein dummes Nilroß gehalten haben. Und wohin sind wir verschrieben mit unserer Violine?« »Nirgend. Ich bin ohne Aussichten.« »Sie? Ohne Aussicht! Sie, Antoine?« Hier prüfte Schkramprl Antons Gestalt mit Kennermiene, brach dann in ein wildes, höhnisches Gelächter aus und schrie, daß sein kleines Schweizerhäuschen in den Fugen bebte und seine drei Zwerge ängstlich die dicken Köpfe durch die Fensterchen steckten: »Ein solcher Jüngling ohne Aussichten? Es ist nichts mehr zu machen, durchaus nichts; ich sag' es ja. – Was kann Schkramprl für Sie tun? Wünschen Sie, daß ich an verschiedene Bekannte schreibe, die bei guten Truppen reiten?« »Sie sind sehr gefällig, lieber Schkramprl, doch will ich Ihnen eingestehen, daß ich fest entschlossen bin, die Reiterei gänzlich aufzugeben. Meine Gründe für diesen Entschluß erlassen Sie mir; die Auseinandersetzung würde zu weit führen. Vielleicht, daß mein Sturz mich eingeschüchtert, mir die rechte Lust geraubt hat. Genug, ich gebe das Metier auf. Dankbar würde ich Ihnen sein, wenn Sie mir Gelegenheit verschafften, irgend ein Unterkommen zu finden, das mich vor augenblicklichem Mangel schützt und mich der traurigen Notwendigkeit überhebt, mehr von meinen Lachen zu veräußern, als mir eben entbehrlich ist. Vorzüglich lieb wäre es mir, wenn die Unternehmung, bei der ich – sei es auch nur als Diener – attachiert würde, sich den französischen Grenzen recht bald näherte oder gar vielleicht selbst nach Frankreich reiste. Denn, im Vertrauen gesprochen, mein Paß läuft ab, und ich bin nicht ohne Besorgnis ...« »Verstehe! Verstehe alle Worte ohne Brille. Keine Silbe weiter. Sie sollen erfahren, daß Schkramprl eine böse Zunge besitzt und einen guten Willen. Wir haben zwei Stunden Zeit bis zu meiner Privatvorstellung. Ich lasse den Riesen bei den Zwergen, lege den weiten Rock an, der mich verkleinert, schließe die Hütte, und wir treten unsere Entdeckungsreise an. – Gesindel da drin, haltet euch ruhig! Husar, prügle deine Weiber nicht! Macht euch schön und exerziert das pas de trois ! Kommen Sie, Antoine! – Hier zur Linken treibt der Feuerkönig sein Unwesen mit einer sogenannten Minerva ...« »Ich sah das Aushängeschild und gedachte Ihrer Mutter, Schkramprl.« » Fi donc ! Keine Parallele zu ziehen; kein Vergleich, Misere das, pure Misere das! Aber da drüben, die große, solide Bude, die Chiarinis, Guillaumes Nebenbuhler auf diesjähriger Messe! Das ist's! Je tiens votre affaire ! Das wäre etwas für einen jungen Mann von Ihrer Bildung. Hier ist die Tür geschlossen, niemand anwesend. Wir werden sie in ihrer Behausung finden. Eine achtungswerte Familie.« Die Wohnung war bald erreicht, sie traten ein; der Riese, sich tief bückend, zuerst. Hier herrschten Ordnung und Reinlichkeit. Die kleinen Zimmerchen verrieten durch nichts, daß hier eine Schar durchziehender Tänzer eingemietet sei. Auf zwei Stühlen am Fenster saß ein eisgraues Ehepaar; die Urgroßeltern jener kühnen, doch bescheiden erzogenen Kinderchen, die, mit Büchern oder Schreibfedern in Händen, um einen großen Tisch geschart, ihre Lektionen von einem Hauslehrer empfingen. Schkramprl stellte Antoine den uralten Leuten vor. Die Urgroßmutter neigte verbindlich ihr zitterndes Haupt: der Elter-Elter-Vater erhob sich vom Sessel und gab den Gruß der Eintretenden durch eine feierliche Verbeugung zurück, wie man sie nur am Hofe Ludwig des Vierzehnten verlangt haben könnte. »Mein Sohn!« rief er ins Nebenzimmer hinein, »tritt heraus, mein Kind! es wird dir die Ehre eines Besuches zuteil.« Die Violine unterm Arm erschien ein Mann von wenigstens sechzig Jahren, seine langen, silbergrauen Haare in einen dicken Chignon gebunden, durch einen goldenen Kamm auf dem Wirbel festgehalten. Er verneigte sich graziös, als Schkramprl Herrn Antoine nannte, lud beide ein, Stühle zu nehmen und verwies, da sämtliche Sitzgelegenheiten durch die fliegende kleine Schule okkupiert war, letztere samt ihrem Professor in ein anderes Gemach. »Unsere Enkelkinder«, sagte er, »empfangen ihren Unterricht sonst gewöhnlich in meiner Stube; heute nur fand eine Ausnahme statt, weil ich mit meiner jüngsten Tochter die Allemande einübte; Herr Antoine wird gütig entschuldigen!« Nach einigen hin und her gewechselten allgemeinen Fragen und Antworten rückte Schkramprl mit dem eigentlichen Zweck ihres Besuches hervor. Chiarini, der Großvater, blickte Chiarini, den Urgroßvater, an. Der fünfundachtzigjährige Greis erwiderte diesen Blick durch ein intelligentes Zeichen des Einverständnisses und fügte hinzu: »Du würdest deinen Sohn Joseph mit zu Rate ziehen müssen, mein lieber Paul?« Herr Joseph Chiarini wurde herbeigerufen, ein hübscher, kräftiger, zierlich gebauter Mann von etlichen und dreißig Jahren. Gleich hinter demselben trat sein ältester Sohn Viktor ein, der höchstens zehn Jahre haben mochte, aber schon so tüchtig ausgearbeitet und männlich ernst erschien, daß Anton keine Mühe hatte, die Wunderdinge zu glauben, die Schkramprl in aller Eile von dem kleinen Burschen und dessen Bravour auf dem gespannten Seile berichtete. So waren vier Generationen vertreten. »Wir hegen lange schon den Wunsch, und ich sprach mich neulich darüber gegen diesen Herrn – (auf Schkramprl deutend) – aus, einen zuverlässigen Geschäftsführer zu gewinnen, der, uns voranreisend, alle äußeren Angelegenheiten ordnen möge, ehe wir an den neuen Orten unserer Bestimmung eintreffen. Bisher hat mein würdiger Vater, der seit mehreren Jahren nicht mehr tanzen will , obschon er noch in voller Kraft und Gesundheit steht – (hier sah der sechzigjährige Sohn den Greis mit dem Ausdruck schonungsvoller Liebe an!), – diese Geschäfte besorgt. Aber meine gute Mutter wünscht, daß er die anstrengenden raschen Fahrten unterlasse: nur aus Rücksicht für sie, keineswegs, weil es ihn zu sehr ermüdet – (der Alte nickte bejahend und reichte seiner Frau die Hand), – willigt er ein in das Engagement eines Sekretärs. Ein solcher aber müßte, damit ich offen rede, ein Mann von Redlichkeit, Bildung und Umsicht sein. Was dies anlangt, mein Herr, so genügt ein Augenblick des Zusammenseins mit Ihnen ...« Die vier Zeitalter verneigten sich gegen Anton. Der kleine Viktor näherte sich seinem Stuhle und schlang in kindlicher Vertraulichkeit einen Arm um seinen Hals. »Sie werden billigen, Herr Antoine, daß wir in der Wahl eines Reise- und teilweise Lebensgefährten vorsichtig zu Werke gehen. Unsere Truppe besteht, meine teuersten Eltern mit eingerechnet, aus siebenundzwanzig Köpfen, alle Artisten, alle verbunden durch die heiligsten Rechte und Pflichten des Blutes, der Liebe, der Dankbarkeit. Mein unvergleichlicher Vater hat mich unterrichtet in meinem Metier; von mir lernte mein Sohn Joseph; Viktor ist seines Vaters Schüler. Es mag anmaßend klingen, doch wirklich muß ich glauben, daß wir in unseren Leistungen von ähnlichen Künstlern nicht übertreffen werden, weder als Seiltänzer, noch als Equilibristen, noch in dem Ensemble unserer kleinen lustigen Pantomimen. Was wir machen, machen wir sicher, vollendet, rasch hintereinander, effektvoll. Unsere Repräsentationen geben ein Ganzes aus einem Gusse. Woher kommt das? Weil wir sämtlich aus einer Schule sind; weil uns alle der Geist und das Talent unseres würdigen Meisters durchdringt; weil wir uns durch sein Lob stolzer fühlen wie durch den Beifall des Publikums! Weil wir uns gegenseitig lieb haben; weil wir eine Familie von redlichen, frommen Leuten und Christen bilden. Denn wir sind sehr fromm, Herr Antoine; wir schämen uns nicht vor der Welt unserer Anhänglichkeit an die heilige, alleinseligmachende Kirche; wir spotten jedes Spötters. Deshalb auch herrscht in unserem Kreise nur die Milde, nicht die Grausamkeit, nicht die Härte wie bei vielen unseresgleichen. Niemals habe ich von meinem guten Vater einen Schlag erhalten; niemals mein Sohn Joseph oder meine Töchter ein hartes Wort von mir; und Josephs Kinder von ihm, so viel ich weiß, auch nicht.« »O, niemals, niemals, parole d'honneur «, sagte Viktor in Antons Ohr, wobei er ihm einen Kuß auf die Wange gab, den dieser herzlich erwiderte. »Ich sehe schon, daß wir füreinander passen werden, Herr Antoine. Wen die Kinder lieb gewinnen auf den ersten Blick, und wer die Kinder lieb hat, der ist wie wir ihn brauchen. Was nun Ihre Erfahrungen in dieser Art von Geschäft anlangt ...« »Damit sieht es schwach aus, Herr Paul. Ich darf Ihr Zutrauen nicht täuschen. Vernehmen Sie in wenigen Worten, wie es mit mir steht.« Und Anton teilte ihnen mit, was hierher zu gehören schien. »Ein neuer Beweis, daß dies ein braver junger Mann ist; nicht wahr, mein Vater?« fragte Herr Paul . »Und was die Erfahrung betrifft, die erwirbt man, wenn man sie nicht hat, nicht wahr, mein Vater?« fügte Herr Joseph hinzu. »Besser ein kleiner Verlust im Anfange durch Unkunde als übler Wille und Mißtrauen für immer «, schloß der Urgroßvater . Und Viktor ergriff Antons Kopf mit beiden Händen und bat flehentlich: »Bleiben Sie bei uns, mein schöner Freund: wir wollen Sie lieb haben, wir alle, jung und alt, ich und meine kleinen Schwestern.« Anton vergaß in diesem Augenblicke Paris, seinen Reisepaß, die Jartour, sich selbst. Überwältigt von dem, was er noch niemals gesehen, von dem Zauber einer Familie floß des Armen empfängliches Gemüt in Wonne über; mit Freudentränen, deren er kaum Herr zu werden vermochte, stammelte er: »Ach, ich würde zu glücklich sein!« »Über die pekuniären Bedingungen«, meinte das Haupt der Familie, »soll kein Zweifel entstehen. Ich denke, wir einigen uns, meine Kinder. Warum darf ich's nicht sagen, der junge Mensch gefällt mir sehr; sein Anblick tut meinen alten Augen wohl. Ich sehe ihm ins Gesicht, wie wenn er mein Sohn wäre – vielmehr mein Enkel. Nur daß er schön ist – und ihr seid nicht schön, meine armen Jungen, seid's niemals gewesen. Was hilft's? Ihr schlagt nach dem Alten.« Paul und Joseph erklärten sich einverstanden. Die Urgroßmutter, die Anton aufmerksam beobachtete seit der Anspielung, die ihr Sohn Joseph auf ihre Frömmigkeit hatte einfließen lassen, winkte jetzt das Ohr des Gatten an ihren Mund und flüsterte ihm etwas zu. »Du hast recht«, sprach der Alte, »es ist nicht unerläßlich notwendig.« Dann erhob er sich, ging langsam auf Anton zu, legte ihm die noch immer nervige Hand auf die Stirn und sprach mit ruhiger Würde: »Ich hoffe, unser junger Freund ist ein römisch-katholischer Christ!« Anton spürte, wie Schkramprl ihm unmerklich auf den Fuß trat. Er begriff auch sogleich, dies heimliche Zeichen sollte ihm als Warnung gelten, die Wahrheit zu verheimlichen, falls dieselbe ungünstig lautete. Doch ein solcher Betrug wäre ihm solchen Menschen gegenüber unmöglich geworden. Er stand von seinem Sitze auf und sagte sanft, aber in entschiedenem Tone: »Ich bin evangelisch-lutherisch geboren, getauft, erzogen, unterrichtet und konfirmiert.« Die drei Männer schwiegen, wie wir schweigen, wenn wir vernehmen, was unabänderlich bleibt und uns tief betrübt. Die Urgroßmutter schlug ein Kreuz. Der kleine Viktor bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und lief davon, indem er schluchzend rief: »Ach, wie traurig; nun verliere ich wieder meinen lieben, neuen Freund!« Vierzigstes Kapitel »Dummes, italienisches, bigottes Volk, das!« brach Schkramprl unwillig aus, wie sie wieder in der hölzernen Stadt der Gaukler standen. »Warum auch konnten Sie ihnen nicht ein wenig um den Bart gehen mit einer unschuldigen Lüge? In Ihrem Reisepaß gelten Sie doch gewiß für katholisch?« »Weil sie mir Achtung einflößen«, erwiderte Anton, »Achtung, ja Ehrfurcht. Mit einer Lüge für heute, wenn ich diese wirklich hätte über meine Lippen bringen können und wollen, wäre es nicht abgetan; ich hätte sie fortspinnen müssen auf die Dauer meines Zusammenlebens mit ihnen. Dafür bewahre mich Gott! Nun weiter, Schkramprl! Es sollte nicht sein. Dennoch tut es mir weh, daß es diese Wendung nahm. Ich wäre gern bei den Leuten geblieben. – Aber was gibt es hier zu sehen?« »Schlangen, mein Bester; eine Boa Konstriktor und eine lebensmüde Klapperschlange, die das Klappern längst aufgab. Ich habe ihren Besitzer, Herr Advinent, im Verdacht, daß er unter jenem Tische, worauf sich der Käfig des unbeglückten Reptils befindet, einen Jungen verborgen hält, welcher mit einer einheimischen Kinderklapper wirken muß, sobald das Stichwort fällt. Man kann hier mit Recht sagen: klappern gehört zum Handwerk. Übrigens dürfen Sie nicht fürchten, daß die Nase, die meinem Freunde fehlt, – sehen Sie ihn dort an der Tür? Ja? sehen Sie ihn? Nun, seine Nase werden Sie nicht sehen, die ist dahin! – Ich versichere, Sie dürfen nicht glauben, daß diese Nase durch den Rachen eines jener Krokodile abhanden kam, deren Abbildungen, furchtbarlich anzuschauen, im Winde flattern. Nein, seine Nase ist anderweitig verloren gegangen, und seine drei Krokodile bleiben in natura ebenso weit hinter den sie anpreisenden Gemälden zurück, als jemals eine Eidechse hinter Krokodilen zurückblieb. Und doch, man sollte es kaum denken, doch verdankt er diesen armlangen, welken Kreaturen seinen Wohlstand. Es sind die ersten, die überhaupt lebend gezeigt wurden, – wenn man das »leben« nennen darf. Binnen vier Jahren haben sie ihm sein ausgelegtes Kapital, eine ganz beträchtliche Summe nebenbei, und außerdem die Sammlung anderer Tiere, die er zusammengekauft, eingetragen. Die Boa allein gilt ein kleines Kapital, und da sie seit einigen Monaten mehrmals Freßlust gezeigt, wird er sie wahrscheinlich konservieren. Ich wollte, sie wäre mein; ich wollte gern meine Zwerge an ihr füttern, um sie desto besser aufzupäppeln. Ehe wir weiter gehen, erweisen Sie mir die Gefälligkeit, Advinents Anschlagezettel einiger Beachtung zu würdigen. Sie finden desgleichen nie und nirgend. Bitte, gleich den ersten Artikel zu lesen: Krokodil!« Anton las: »Dieses Amphium zu Wasser und zu Lande, Tiere so wie Menschen, deren schauerlichen Rachen der Nil und ganz Ägypten in diesem Klima, der große Büffon hungrig oder grausam im heißen Sande, ausgebrütet von der Sonne, die das Ichneumon als Wohltäter frißt und noch niemals in Europa keine Kosten gescheut um gütigen Zuspruch.« »Bin ich verrückt oder steht das wirklich hier, schwarz auf weiß?« fragte Anton, nachdem er den Unsinn mehrmals durchgelesen, in der unerreichbaren Absicht, Sinn hineinzubringen. »Es ist wirklich gedruckt, und ich will Ihnen auch erklären, wie es entstand. Ursprünglich besaß Herr Advinent nichts als seine drei Krokodilchen. Um die Neugier des französischen Publikums zu erregen, ließ er sich von einem Gelehrten einen langen, ausführlichen Aufsatz schreiben, der den großen Anschlagezettel ausfüllte. Dieser Aufsatz wurde alsdann ins Deutsche übersetzt und anfänglich in seiner ganzen Ausdehnung abgedruckt. Als nun späterhin des Mannes Finanzen sich besserten und er verschiedene andere Tiere, Schlangen, feine Affen und Vögel ankaufte, auch jedes der neu hinzukommenden Geschöpfe einen Platz auf der Affiche brauchte, wurde der Raum für den Krokodilartikel immer enger; ein Setzer nach dem anderen in dieser oder jener Stadt nahm nach Bedürfnis einige Zeilen davon, bis er endlich in diese wenigen, doch inhaltschweren Worte zusammengeschmolzen ist. Advinent versteht nicht Deutsch; bei jedem neuen Ankauf wiederholt sich die Operation in den Druckereien zur Belustigung der Lehrlinge. Hier dieser Wagen ist ein wanderndes Wohnhaus; gar nicht übel; besser und bequemer eingerichtet wie mein Schweizerhäuschen, das den Nachteil hat, immer auseinandergelegt und wieder aufgebaut werden zu müssen. Sollte ich auf dieser Messe noch reüssieren, laß ich mir einen ähnlichen Wagen bauen. Vorn, wie Sie sehen, ist eine holländische Waffelbäckerei eingerichtet. Das pfiffige Mädchen mit der beblechten Haube bäckt Waffeln und verkauft selbige, warm wie sie vom Feuer kommen. Ein guter Handel! um so einträglicher, weil sie nicht mit Waffeln allein handelt. Die hintere Hälfte wird von einer camera obscura eingenommen; – ich meine die hintere Hälfte des Wagens. Die Schwester der Waffelbäckerin treibt ihr Wesen daselbst im Dunkeln, und nur dann läßt sie unerwartet und für den Beschauer zu zeitig das Tageslicht wieder zuströmen, wenn die anwesenden Herren nicht begreifen wollen, daß ihre Eintrittspreise sehr niedrig sind, und daß längerer Aufenthalt in einer obskuren Kammer durch Extrageschenke erkauft werden müsse. Bei Kunstverwandten wird es nicht so genau genommen. Wollen wir eintreten? hier die kleine Treppe ...« »Nein, Schkramprl! Ich glaube nicht, daß die Waffelbäckerin mich zum Gehilfen gebrauchen kann. Und jene Schwester im Dunkel ... was sollen mir die Kinder der Finsternis? Ich suche Licht, das meine Zukunft erhelle.« »Bei Madame Mollia wird es nicht zu finden sein. Gleichwohl müssen Sie mit mir eingehen durch diese Pforten, Sie werden etwas sehen, was man nicht alle Tage ...« »Eine Menagerie? Löwen? Ob ich eintrete? Cela va sans dire ! Wär' es auch nur, um ...« »Reißen Sie Ihrer Phrase nicht die Blüte ab. Wär' es auch nur der Erinnerung wegen an Simonelli und Kompagnie wollten Sie sagen? Nun, eine Laura finden wir nicht, aber dennoch ein Weib, dem kein anderes auf Erden zu vergleichen ist.« »Reden Sie ernsthaft?« »Sie sollen sich überzeugen. Nur voran! Da sitzt sie in eigener Person!« Anton gehorchte seinem Führer, prallte jedoch, wie er vorgedrungen war, augenblicklich und so schnell zurück, daß Schkramprl, der als Nachhut hinter ihm stand, ihn gewaltsam festhalten mußte. »Was ist Ihnen denn? Was erschreckt Sie? Haben Sie einen Drachen gesehen?« »Schlimmer als das, Schkramprl! Vor einem Drachen würde ich, wie mir scheint, bessere Kontenance halten. Sagen Sie mir um alles in der Welt, was ist das? Das da – das feuerrote Kleid –« »Das? das da? das ist Madame Mollia.« »Ein menschliches Wesen?« »Ein zum schönen Geschlecht gehöriges obenein.« »Dieser Fleischklumpen mit dem alten, verbissenen, bärtigen Männergesicht? Mit den Wülsten von Haaren und Shawls um den Kopf? Mit dem safrangelben Busen, der keine Grenzen kennt? Mit den Brillantringen auf zehn kleinen, fetten Knackwürsten, die ihr als Finger dienen? Denn sie hält Eintrittskarten mit diesen Würsten fest; ich sehe es ...« »Nur vorwärts, Antoine. Es beißt nicht. Es ist die Besitzerin dieser Menagerie.« »Madame Mollia, Ihr Serviteur! Ich stelle Ihnen Herrn Antoine vor, erstes Sujet von Guillaume, berühmt durch seine unbändige Wildheit. Er hat sich vor kurzem in B. bei einem bewunderungswürdigen Sturze den Hirnschädel morsch entzweigeschlagen; hat aber nicht nachgegeben, und ehe er sich sterbend hinaustragen ließ, sein Solo ausgegeigt. Denn er ist ein vortrefflicher Geiger.« Die Erwiderung auf diese an sie gerichtete Rede bestand, ihren rhetorischen Teil anlangend, in einem unverständlichen Grunzen, das nur Schmeichler für Sprache halten konnten; es stand ihnen frei. Der mimische Teil war deutlicher, denn der Fleischklumpen regte sich; die Fettmassen des Gesichtes schoben sich auseinander, um ein faunenhaftes Lächeln zur Anschauung bringen, und zwei kleine stechende Augen sprühten in unheimlichem Glanze daraus hervor, als ob sie wie zwei Feuerfunken auf Anton fliegen wollten. Schkramprl, dem dies nicht entging, war unfähig, seinen riesenhaften Hang für Schelmerei zu unterdrücken. Er gab zu verstehen, sein Freund Antoine wolle sich verändern, suche eine minder gefahrvolle Laufbahn, die ihm überall offenstehe, weil er durchweg gebildet sei und sich für die Stelle eines Geschäftsführers, Reisenden, Sekretärs vorzüglich eigne. Die Wirkung dieser schlau berechneten Andeutung zeigte sich sogleich. Die Fleischmasse wurde unruhig; ihre Bemühung, sich, anderen Menschen ähnlich, durch Gebrauch der Zunge mitzuteilen, nahm sichtbar alle zu diesem Experimente gehörigen, in Fett vergrabenen Muskeln in Anspruch. Schon wurden einzelne Silben wie das Echo eines Taubstummeninstituts hörbar ... da erschien, wie aus dem Boden gewachsen, ein mit buntgetigertem Seehundfell bekleideter wildbärtiger, weindunstender Mensch, ein Mensch, der offenbar ebenso berechtigt war, den Riesen zu spielen als Schkramprl es je gewesen, letzterem außerdem noch an kräftiger Fülle weit überlegen. Bei seinem Anblick verstummte jeder fernere Sprachversuch im Munde der Dame. Die Fettwogen flossen in ihr Bett zurück, das Gesicht stellte sein Lächeln ein, die Feuerfunken darin erloschen wieder. Beide Riesen standen einander gegenüber und maßen sich wie zwei alte, erprobte Feinde. »Ich dachte nicht, daß der so nahe sei«, flüsterte Schkramprl Anton auf deutsch zu. »Will der Herr unsere Tiere sehen?« fragte der getigerte Seehund mit einer Baßstimme, deren Tiefe einen furchtbaren Gegensatz zu Schkramprls gebrochenem Falsett bildete. »Ich danke, nein!« erwiderte Anton, und nicht ohne Beziehung auf Herrin und Diener setzte er hinzu: »Ich habe genug gesehen.« »Aber zum Teufel, was fällt Ihnen ein, Schkramprl?« rief er fast ärgerlich, wie sie nur erst wieder im Freien sich befanden, »wie können Sie mich in solcher Art bloßstellen? Der verdammte Schuft muß ja wirklich glauben, ich wollte mich zwischen ihn und seine – Gebieterin drängen.« » Dacht ' ich denn an ihn? Ich sah ihn nicht und meinte, er läge im Wirtshause, wo er den größten Teil seines Lebens versäuft. O, ich hasse ihn, souverainement ! Er war auch Riese .« »Man merkt es ihm an, und, es muß Sie nicht beleidigen, aber ich denke, wenn er sich zusammennehmen will, er kann einen gefährlichen Nebenbuhler für Sie abgeben!« »Ah, bah! Hab' ich doch den Riesen längst beiseite gelegt! Furchtbar ist er mir nicht mehr. Ich hasse ihn aus allgemein menschlichen, moralischen Prinzipien. Es ist ein Untier. Dieses arme, alte, tolle Weib –« »Toll?« »Mannstoll, ja! Wird von ihm gemißhandelt und beraubt. Ohne ihn müßte sie reich sein, denn sie hat enormes Glück. Einigemal schon gänzlich auf dem Hunde (jedesmal durch sklavische Abhängigkeit von ihren Knechten, aus denen sie Günstlinge, folglich Herren macht), hat sie sich ebensooft wieder herausgerissen. Jetzt noch, auf ihre alten Tage ... stellen Sie sich vor, was ihr vor mehreren Jahren widerfährt: Sie war, Dank sei es dem unerschöpflichen Durste ihres jetzigen Gebieters, heruntergekommen bis auf einen räudigen Wolf, eine blinde Hyäne, einen Aasgeier, drei Stachelschweine und eine Meerkatze, gestehen Sie, man kann nicht tiefer sinken. Nur noch zwei Löwen besaß sie, eigentlich einen Löwen und eine Löwin, schöne Exemplare. Philipp braucht Geld. Das dumme Weib hat nichts mehr und willigt ein, die Löwen zu verkaufen. Philipp will das Paar dem seither verstorbenen König von *** zuführen, dem wilde Tiere die teuersten Untertanen waren. Zu diesem Endzweck läßt der Ochse einen Kasten bauen – einen für beide; diese Dummheit! – um sie leichter zu transportieren. Die verliebte alte Närrin hätte ihn nie wiedergesehen, so wenig wie ihre Löwen, wenn er einmal mit ihnen fort war; ihn so wenig, wie das Geld für die Löwen! Nun also, der Kasten ist fertig, man läßt die Löwen zusammen – und jetzt geben Sie Achtung auf dieses Glück: Wenn ein anderer ehrlicher Mensch so etwas gewagt hätte, würden sich die Katzen zerrissen haben. Nein, diese beiden werden zärtlich, – Philipp, trotz seiner Dummheit, wird stutzig, man gibt die Reise auf – man trennt das Paar wieder, damit kein Unheil geschehe ... was soll ich lange zögern: nach vier Monaten wirft die Löwin drei gesunde Junge, und Madame Mollia ist die erste Selbsterzeugerin lebendiger Löwen auf dem Kontingent.« »Das hätte ich der Frau nicht zugetraut; auf Affen würde ich eher geraten haben.« »Sie können denken, welche Einnahmen ihr das brachte! Jeder Mensch wollte die säugende Löwin mit ihren saugenden Kleinen gesehen haben! Seitdem hat sich das Ding wiederholt, sie haben schon wieder Junge von Jungen; sie versorgt alle Reisenden mit Löwen; sie setzt das Land unter Löwen, und all das versauft Philipp. Ihre Brillanten abgerechnet, die sie ihm noch so lange als möglich aus den Klauen zu halten sucht, ist sie arm, ist stets in Geldverlegenheiten, lebt vom Tage zum Tage. Aber mir ist gar nicht bange um sie. Sobald die Brillanten auch fort sind, wird die Natur irgend etwas Unerhörtes für sie tun. Der Geier wird sich mit der Hyäne paaren, und Madame Mollia wird den Vogel Greif besitzen, wird einen Dukaten Legegeld fordern; wird diesen Preis erhalten; wird Millionen einnehmen, und Philipp wird das Gold versaufen, wie er das Silber versoff; der Greif wird ihm durch den Schlund passieren wie die Löwen durchgingen. Ich sage, es gibt Menschen, die ihr Glück mit Füßen treten und es doch nicht vernichten können. Ich bin fest überzeugt, besäße die Mollia meine Zwerge, so wimmelte ihr Häuschen schon längst von Nachkommenschaft, und der kleine Däumling wäre kein Kindermärchen mehr –« »Sehen Sie doch, Schkramprl, hier stehen wir an der Hütte des Elefanten! Ist es nicht eine Schande für ein ehemaliges Menageriemitglied, wie ich war, noch keinen Elefanten gesehen zu haben? Außer im orbis pictus , den unser Pastor besaß, der meine Kindheit mit fröhlichen Bildern schmückte, der auch einen Elefanten enthielt, – den ich damals, obwohl ich fünf Jahre zählte, nicht anders zu nennen vermochte als: ›der Elegant‹. Wie herzlich lachte dann meine Großmutter. Ich sehe das noch ...« »Nicht sentimental, bester Antoine! In unserer Sphäre ist's nichts mit der Sentimentalität. Wenn Sie das Rüsseltier bewundern mögen, werde ich Sie an der Kasse präsentieren, damit Sie kein Geld auszugeben brauchen. Ich muß zu meiner Privatvorstellung; zwei Stunden sind herum. Les affaires avant tout !« Einundvierzigstes Kapitel Was man von frühester Kindheit auf als groß, als ungeheuer zu denken gewöhnt ist, woran die Phantasie wie an einem Wundermächtigen ihre Bildungskraft geübt; das, wenn es dann im reiferen Leben uns wirklich vor die Augen tritt, erscheint uns gering, befriedigt unsere Erwartungen nicht, weil es hinter den schwärmerischen Träumen weit zurückbleibt. So ergeht es uns leider mit den wichtigsten Dingen, die des Menschen ganzes Geschick aufwiegen; – warum sollte es Anton mit dem Elefanten anders ergehen? » Das ist ein Elefant?« sprach er fast geringschätzend, wie er vor ihm stand, »ich hätte ihn mir viel größer gedacht!« »Na, wie groß soll er denn sein?« fragte nicht wenig beleidigt der erste Wärter. »Haben Sie vielleicht schon größere Elefanten geritten?« »Ich sah noch gar keinen!« »Dann dürfen Sie auch den unsrigen nicht herabsetzen. – He, Jacques, gib mir die gute Jacke heraus, da kommen Frauenzimmer; der Herr Professor ist mit ihnen, weißt du, der immer erklärt, warum die Tiere gerade so sein müssen wie sie sind!« Das Erscheinen der kleinen Gesellschaft erlöste Anton von den ferneren Vorwürfen des an der Elefantenehre gekränkten Kornak, der sich nun mit aller Aufmerksamkeit seiner Pflicht widmete, den gehorsamen, gutmütigen Gefangenen zur Erfüllung der seinigen anzutreiben. Ein Pferd, des Elefanten Schützling und Begleiter, hob sich von der Streu; erst, als dieses neben ihm stand, erschien er in seiner Größe. Anton mußte unwillkürlich an Schkramprl denken, der umgekehrt sein in Ruhestand versetztes Riesentum noch als Folie benützte, um durch Vergleichung mit sich die Kleinheit seiner Zwerge hervorzuheben. Der Herr Professor dozierte drei aufmerksamen Zuhörerinnen, was man von den Eigenschaften wilder wie gezähmter Elefanten weiß – oder nicht weiß, und ließ sich besonders über ihre märchenhafte Schamhaftigkeit aus, wobei der Kornak seinem Gehilfen Jacques ungläubig zulächelte. Auch versicherte der Dozent, daß er durch häufige Besuche dem Koloß ebenso befreundet sei wie der Wärter; daß er sich durchaus nicht vor seinen etwaigen Launen fürchte. »Ich mache mich anheischig«, sagte er, wobei er eine reichliche Prise Spaniol schlürfte, »jede seiner Übungen mit ihm vorzunehmen.« »Um Gottes willen!« baten die Damen, welche ängstlich flehend ihre Hände erhoben: »Herr Professor, seien Sie nicht allzu kühn!« Doch der Herr Professor wollte dartun, daß er Mut besitze. Er schob die goldene Tabatiere, das Geschenk eines jüngsten Sohnes von dem jüngsten Lohne eines apanagierten Prinzen, dem er ein Privatissimum über Naturkunde gelesen, in die Tasche, näherte sich lustig dem Elefanten und klopfte diesem schäkernd auf den Rüssel. »Wagehals! Für die Wissenschaft setzt er sein Leben ein!« rief die älteste der Damen. Der Elefant, angelockt vom Dufte des spanischen Schnupftabaks, den er als Kitzel für die Zungennerven liebt, schlang zierlich seinen Rüssel um den Gelehrten, bevor dieser zurückweichen konnte, hob ihn sodann, daß er wie der Taufengel in einer Dorfkirche schwebend hing, zu sich empor, griff mit dem agilen Finger des Rüssels in die Rocktasche, holte sehr geschickt die Tabatiere vom jüngsten Sohne des jüngsten Sohnes des apanagierten Prinzen heraus, setzte den vor Todesangst aschgrau verblichenen Professor wieder auf die zitternden Füße, schüttelte den Inhalt bis zum letzten Krümchen auf die dicke, fleischige Zunge und gab die leere Dose verbindlich ihrem Eigentümer zurück. Die Damen lagen in verschiedenartiger Stellung in unterschiedlichen Ohnmächten. Anton hatte zwei Sinkende in seinen zwei Armen aufgefangen. Der Kornak und Bruder Jacques begnügten sich, dem Professor, so lange er in der Schwebe hing, warnend zuzurufen, er möge keine widerstrebende Bewegung wagen, weil ein leiser Druck des Rüssels hinreiche, ihm die gelehrten Rippen zu zerknacken. Um die ohnmächtigen Damen hatten sich beide, die mit schadenfroher Teilnahme des Naturforschers Luftfahrt verfolgten, nicht weiter bekümmert. Die dritte Dame würde folglich genötigt gewesen sein, auf eigene Hand in Ohnmacht zu sinken, wäre nicht gerade im rechten Augenblick ein Helfer eingetreten: Herr Terzy, nächster Wandnachbar des Elefanten, vielgereister Lehrer, Führer, Unternehmer einer sich in allen Lüften aller Länder und Zonen überschlagenhabender Springertruppe, vom Genre des seine Laura zärtlich prügelnden Herrn Amelot. Terzy, bekannt als Weiberhasser und erklärter Gegner des schönen Geschlechts, machte zwar gute Miene zu seiner bittersüßen Last, schien aber doch seelenvergnügt, wie er sie los wurde. Die Damen erholten sich nach und nach; sie verließen mit niedergeschlagenen Augen den Schauplatz ihrer Schwäche. Der Professor, nachdem er vergebens in seiner Tabatiere ein Stäubchen gesucht, um Fassung zu gewinnen, folgte ihnen fassungslos und beschämt. Terzy wendete sich alsbald zu Antoine, den er im Zirkus gesehen, richtete einige oberflächliche Lobeserhebungen an sein Talent, erklärte sich aber völlig einverstanden mit seinem Vorsatz, eine Laufbahn zu verlassen, die er, was jeder Kenner bestätigen müsse, zu spät angetreten, um einen hohen Grad von Ausbildung zu erreichen. »Sie sollten«, riet er ihm, »Ihr Violinspiel benützen zu anderen Zwecken. Sie haben einen schönen, zum Gefühl dringenden Ton, und Festigkeit bei Führung des Bogens fehlt gewiß nicht, da Sie imstande sind, auf galoppierendem Pferde die Melodie zu halten. Ich will Ihnen nicht zureden, sich zum eigentlichen Virtuosen zu machen; dafür dürfte es auch schon zu spät sein, nicht allein bei Ihren Jahren, sondern hauptsächlich bei den Ansprüchen der Welt und bei der Überfülle von Nebenbuhlern. Wenn es fortgeht, wie es sich anläßt, werden wir binnen kurzem ungleich mehr reisende Virtuosen zählen als bezahlende Zuhörer. Bei meinem letzten Aufenthalte in W. trafen zusammen: eine Klarinette, fünf Flöten, ein Kontrabaß, drei Cellos, eine Baßposaune, eine Klappentrompete, zwei Waldhörner, ein Fagott, eine Maultrommel, eine Gitarre, sieben Geigen und einundzwanzig Klaviere. Alle wollten Konzert geben, gaben es auch, jeder Warnung zum Trotz! Wo soll das hinaus? Aber wenn Sie sich der Musik widmen, um Platz in einem Orchester zu nehmen, so können Sie wenigstens existieren. Wie wäre es, wenn Sie's bei mir versuchten? Schkramprl hat mir im Vorübergehen von Ihnen gesprochen. Ich kann eine erste Violine gebrauchen, die mir das übrige Musikvölkchen, wie ich's zusammenraffen muß, wo ich anlange, im Zaune hielte. Die Stücke, die zu unserer Arbeit aufgespielt werden, sind nicht schwierig; doch höre ich sie gern im Takte und rein. Große Trommel samt Blechinstrumenten bleiben bei mir stumm. Wissen Sie was, kommen Sie mit mir zum Mittagstisch. Meine Jungen warten längst auf mich mit dem Essen; ich war nur hierher gegangen, Sie zu finden. Reichen Sie mir den Arm. Zu Hause können wir das Nähere verabreden.« Anton willigte ein, und sie gingen miteinander. Der Weg nach Terzys Wohnung führte sie bei verschiedenen Buden vorüber, die Anton an Schkramprls Seite noch nicht besucht. Nordische Herkulesse, Steinfresser, Jongleure. Beim Anblick eines solchen, der vor dem Eingange seiner geringen Hütte vor etlichen Bauern der Umgegend Übungen in der Überredungskunst anstellte, um ihr Geld aus der Tasche und sie in die Hütte zu locken, brach Terzy in fanatische Lobpreisungen aus für den Indier Moto Sami, der diese Spielerei zuerst nach Deutschland gebracht und dann ein unübersehbares Heer plumper Nachahmer hervorgerufen habe. »Was bei diesen langweilig und ermüdend wird, sobald man es einmal angesehen, war bei jenem hinreißend schön. Der ernste Geschäftsmann, der unerbittliche Richter, der tapfere Feldherr, die Betschwester, der strenge Gelehrte wie die Kinder der Erde und des Leichtsinns ... jeder ohne Ausnahme, jeder war gleich entzückt von ihm. Kraft und Grazie vereinten sich bei diesem jungen Menschen mit einer Fertigkeit, von der unsere Jongleure keine Ahnung haben. Was bei ihnen ein einzelnes Kunststück bildet, war bei Moto Sami nur das Fünfteil einer Produktion. Mit den großen Fußzehen schwang er goldene Ringe in Kreisen nach innen; mit den Daumen der Hände andere Ringe in entgegengesetzten Kreisen nach außen; auf der Stirn balancierte er einen Sonnenschirm, den ein chinesisches Dach, von kleinen Vögeln besetzt, schmückte; mit den Lippen hielt er ein Blaserohr, durch welches er Erbsen nach jenen Vögeln schoß und deren nicht einen verfehlte, und während dies alles geschah, reihte er eine Handvoll Korallen, die er vorher in den Mund genommen, mit der Zunge an einen Faden, der sodann als perlender Faden herauskam. Der arme Teufel, der so viel erlernt, konnte unser gesegnetes Klima nicht ertragen lernen. Er starb aus Sehnsucht nach den Ufern des Ganges und nebenbei ein klein wenig an den Beweisen indischer Erkenntlichkeit, die er verschiedenen Damen aus der vornehmen Welt gegeben haben soll für ihre Herablassung zu einem Paria, wie die skandalöse Chronik der Vagabunden behauptet. – Ja, lasse sich nur einer mit Weibern ein! Aber hier ist meine Wohnung.« Terzys kleine Bande, aus allerliebsten Burschen von zwölf bis siebzehn Jahren bestehend, war schon um den Eßtisch versammelt. Der Herr gab einen Wink, und augenblicklich wurde noch ein Gedeck für den Fremden aufgestellt. Die Küche schien von den jungen Leuten selbst, und zwar nicht schlecht, besorgt zu werden: einige gingen ab und zu, volle Schüsseln herbeiholend, wobei sie sich wie kokette Mädchen gebärdeten, denen sie auch durch Haarschmuck und durch andere Toilettenkünste ähnlich waren. Alle betrachteten den Gast mit unverhohlener Neugier, belauschten jedes Wort, welches Terzy mit ihm wechselte, und gaben sich versteckte Winke und Zeichen, die immer bedeutsamer, für den aber, dem sie galten, immer unheimlicher wurden, nachdem zur Sprache gekommen, daß ihm die Stelle eines Musikdirigenten zugedacht. Terzy, der seinen Gast zu trinken aufforderte und selbst den Wein nicht schonte, zeigte sich mit jedem Glase zärtlicher, wobei er nur bedauerte, daß er, weil er täglich zwei aufeinanderfolgende Vorstellungen gäbe, gezwungen sei, früher aufzubrechen wie Anton, der noch einige Stunden Zeit habe! Anton benützte diese Andeutung, sich eilig zu entfernen, schied, dringend aufgefordert, er möge des Abends wiederkehren, nahm sich aber vor, wegzubleiben, weil ihm die ganze Wirtschaft wunderlich vorkam. Er beurlaubte sich schriftlich und dankte für die angebotene Versorgung. Und daß dieser Entschluß durch steigende Verlegenheit wegen seiner nächsten Zukunft nicht wankend werden möge, vermittelte das Geschick, welches ihn, den planlos weiter Suchenden, an eine große, mit besonderer Sorgfalt konstruierte Bude geleitete, deren Anschlagezettel das große Wachsfigurenkabinett des Herrn Vlämert verkündeten. An der geöffneten, reich verzierten Kasse, vor der ein wächserner Gardist schulterte, saß eine junge Dame, die er beim ersten Anblick für seine aus dem Brünetten in das Blonde transponierte Laura Amelot halten wollte. Auch sie hatte das an solchen Kassen unvermeidliche Buch vor sich auf dem Tische liegen und las emsig; auch sie verwandte, wie damals Laura, kein Auge von der Lektüre. Anton näherte sich dem Gardisten, als mit welchem er – o biederer Liebenauer! – eine Konversation anzuspinnen beabsichtigte, indem er ihn bescheiden fragte, ob er vielleicht ein Orientale sei, da er ins Olivenfarbige spielte. Das war Madame Vlämert zu stark. Sie erhob das Gesicht vom Lesebuche und erkannte Antoine, den violinenspielenden Reiter. Wahrscheinlich hielt sie seine an den Wachsklumpen gerichtete Frage für verfängliche List, vermeinend, der mit allen Hunden gehetzte Franzose habe dadurch nur ihre Aufmerksamkeit vom Buche weg auf sich lenken wollen! Denn sie wurde – was sie nicht übel kleidete – über und über rot. Daß er den Wachssoldaten für ein lebendiges Menschenkind gehalten, konnte ihr nicht einfallen. Sie lud ihn durch eine graziöse Bewegung des Kopfes ein, den Schauplatz zu besuchen und deutete, ohne zu sprechen, mit der Hand auf den Vorhang, durch den er sich zu schieben habe. Antoine gehorchte; mehr aus Hochachtung für die schöne Dame als auf eigenen Wunsch. Er war ebenso rot wie Madame Vlämert. Diese wußte nicht, was davon zu denken sei, und las weiter in Shakespeares »Cymbeline«. Ich will mich gar nicht hinter meiner Kinderdummheit und deren törichte Furchtsamkeit verstecken; ich will vielmehr treuherzig eingestehen, daß ich mich auch noch als überreifer, vielerfahrener Mann fürchterlich gefürchtet habe, wenn ich mich zufällig, weil die Aufseher gerade abwesend und andere Zuschauer nicht zugegen waren, allein vor einer solchen Parade von Wachsfiguren befand. Fast kenne ich nichts Schauerlicheres, als eine Gesellschaft ausgeputzter Kadaver; ich behaupte auch, daß es, ich weiß nicht warum, wie in einer Totenkammer riecht! Deshalb bin ich nicht berechtigt, meinem Helden sein Entsetzen übel zu nehmen. Es findet sich eine Zeile in seinem Tagebuche, auf das zurückzukommen wir im nächsten Kapitel ohnehin genötigt sein werden, – worin er ausspricht, daß er sich unbedenklich durch die Flucht gerettet haben würde, hätte er nicht die schöne, stumme Blondine an der Kasse gewußt und ihren Hohn gefürchtet. Er stählte sich folglich mit dem Mute der Furcht, welcher, obgleich nichts anderes als Furcht vor der Furcht am gehörigen Orte Wunder zu wirken vermag. Er blieb; rückte den hohen und höchsten Herrschaften, die, mit berüchtigten Räubern, Dichtern, Delinquenten, Gelehrten, Kartenspielern, Trinkern, Giftmischern abwechselnd, hier zu Gruppen vereinigt, dort in ungeselliger Abgeschlossenheit zu sehen waren, zuversichtlich auf den Leib, warf ihnen drohende Blicke zu, forderte sie auf, ihn zu beleidigen! kurz, er verfuhr nach jener Theorie, deren Anwendung ihm damals behilflich gewesen, das nächtliche Gespenst im Fuchswinkel zu verscheuchen. Nichtsdestoweniger gestand er sich's aber: ich will lieber mit Tigern und Leoparden zu schaffen haben, die doch mindestens durch ihr Gebrüll aufrichtig bezeugen, wes Geistes sie sind: lieber mit jenen Vierfüßlern, als mit diesen zweibeinigen, sprachlosen, hochzuverehrenden Herrschaften. Eine Seitentür öffnete sich. Zwei Herren traten heraus, zum Hauptausgange geleitet von einem dritten, dem Schöpfer dieser kalten Welt, der im Vorübergehen Anton artig begrüßte, sogleich zurückkehrend sich noch artiger entschuldigte, daß er, ein Kurzsichtiger, von seiner Frau erst habe erfahren müssen, wer es sei, den er hier zu finden sich freue. Der Holländer, fertig Französisch redend und lebendiger, als die meisten seiner Landsleute, begann ein recht interessantes Gespräch, das freilich zunächst den von ihm ausgearbeiteten Köpfen und Figuren galt, ihn dabei aber doch, durch nahe liegenden Bezug auf dieselben, wie einen künstlerisch und nicht unwissenschaftlich ausgebildeten Mann erscheinen ließ. »Was Sie hier sehen«, sagte er, »ist nur für die Menge berechnet, denn ich muß mich ernähren. Andere, bedeutendere Arbeiten verwahre ich in jenem Seitenkabinett, aus dem ich soeben mit den beiden Herren trat. Darin verberge ich – denn verborgen müssen sie bleiben des lieben sittlichen Anstandes halber – die Erzeugnisse meiner Mußestunden. Nachbildungen teils verschiedener Naturmysterien, wie dieselben vor Damen, Kindern – überhaupt öffentlich nicht ausgestellt werden dürfen. Den Ausdruck des Menschlichen zu treffen, insofern er dem Antlitz geistige Weihe gibt, gelingt Künstlern meiner Gattung nur unvollkommen. Wir sollen plastische Bildner sein und Maler, beides zugleich; deshalb sind wir streng genommen keines von beiden. Ich sehe das deutlich ein, bin darum auch unzufrieden mit dem, was hier prunkt und prangt. Aber meine kleinen Arbeiten da drin, in der heimlichen Kammer, darf ich vollkommen nennen in ihrer Weise. Sie maßen sich nicht an, Leidenschaften, Gefühle, Charaktere auszudrücken, sie bedürfen keiner Augen, die Feuer, keiner Mienen, die inneres Leben verlangen. Was durch Fleiß und Geschicklichkeit erreichbar ist, genügt für diese Arbeiten. Für den Augenblick befinde ich mich mit Vorzeigung derselben in peinlicher Verlegenheit. Ich kann dafür, als für eine nur im stillen gegebene und geduldete Begünstigung, natürlich auch nur einen zuverlässigen, anständigen Diener gebrauchen, und einen solchen gelang es mir nicht aufzufinden, seitdem der vorige, den ich noch aus Holland mitnahm, nach unserer Heimat zurückgekehrt ist. Nun bin ich genötigt, selbst zum Rechten zu sehen, was mich höchst unangenehm in Anspruch nimmt und mich am Arbeiten hindert. Und dies gerade jetzt, wo ich gesonnen bin, nach Frankreich zu gehen, das einzige Land, das ich noch nie bereiste, und für welches ich gern noch einige längst gehegte Ideen, halbbegonnene Arbeiten zur Ausführung gebracht sähe!« »Sie denken nach Frankreich zu reisen? Vielleicht nach Paris?« »Womöglich auch nach Paris.« »Wollen Sie mich zum Diener haben?« »Herr Antoine, Sie scherzen.« »Antworten Sie kurz und aufrichtig: würden Sie mich nehmen, glauben Sie mich brauchen zu können, wenn ich mich anbiete?« »Auf Ehre, ich verlange es nicht besser; doch scheint mir unbegreiflich ...« »Alles wird Ihnen sehr begreiflich sein, sobald Sie mich gehört. Jetzt ruft mich meine leider noch nicht beendigte Leibeigenschaft in den Zirkus. Darf ich nach Erfüllung der heutigen Pflicht bei Ihnen vorsprechen?« »Sie machen mir die größte Freude; hier unsere Adresse. Wenn ich aber nur klug werden könnte aus diesem überraschenden Anerbieten ...« Anton war schon verschwunden und so leicht und fröhlich an der an der Kasse lesenden Dame vorübergeflogen, daß er gänzlich vergessen, ihr seine Empfehlung zu machen. Ebenso eilig entfloh er nach vollbrachter Arbeit aus der Manege, trieb sich in den Spaziergängen umher, bis er endlich die Lampen vor Vlämerts Kasse erloschen, die Türen der Bude geschlossen sah, und begab sich sodann mit klopfendem Herzen dahin, wo über seine nächste Bestimmung entschieden werden sollte. Die Eindringlichkeit seiner Gründe, die innerste Selbstüberzeugung, mit der er dieselben vortrug, die Offenheit seiner Bekenntnisse (so weit er nötig fand, dergleichen in das, was er sagte, zu verweben) gewannen des aufmerksamen Hörers volles Vertrauen, sowie Antons ganze Persönlichkeit Vlämerts Neigung. Ohne Bedenken ging der letztere auf das Anerbieten ein, zeigte über solch glückliches Zusammentreffen unverstellte Freude, deren Ursache er auch seiner Gattin, einer stummen, teilnahmlosen Zeugin der Unterhaltung, von der sie noch keine Silbe verstanden, in ihrer Sprache mitteilte. Denn sie war eine Engländerin und erst seit elf Monaten mit ihm auf Reisen. Käthchen hatte bis dahin, mild wie ein Sommerabend – obgleich sie noch immer im wilden Cymbeline studierte – sittsam, freundlich, ernst dagesessen, Anton nur oberflächlich betrachtet, gleich wieder in ihr Buch geblickt und sich kaum geregt. Nachdem Vlämert sich ihr mitgeteilt, glaubte Anton zu bemerken, daß ihre Züge ein Ausdruck tödlicher Angst überflog, daß ihre Hände zitterten; er hörte, wie sie ihrem Gemahl einige Worte erwiderte. Schon wähnte er jede Hoffnung abermals aufgeben zu müssen. Doch der Gatte schien Käthchens Einwürfe siegreich zu beschwichtigen. Sie verstummte wieder, holte tief Atem und las weiter. Vlämert reichte Anton die Rechte: »Schlagen Sie ein. Wir sind in Ordnung. Die Geldbedingungen halte ich annehmbar für beide Teile. Sie empfangen Kost und Wohnung bei uns. Sie gehören zu meiner Familie. Ihre Gage beträgt monatlich zwei Louisdor; sie wird aus der Kasse bezahlt, in welche die Extraspenden fließen für Anschauung des Ihrer Obhut anvertrauten verschlossenen Kämmerleins. Den Überschuß teilen Sie mit mir. Sind Sie's zufrieden? Anton schlug ein. Vlämert schüttelte ihm tüchtig die Hand und sagte: »Sie fürchtet sich noch vor Ihnen. Das gibt sich bald. Sie ist schüchtern wie ein Kind; bürgerliche Erziehung; kleine Häuslichkeit; fremd in der Welt, obgleich aus einer Weltstadt gebürtig. Aber gerade weil sie so ist, habe ich sie in London zur Frau genommen.« Anton empfahl sich Käthchen mit einer artigen Verbeugung, die mehr verlegen wie freundlich erwidert wurde. Vlämert leuchtete seinem neuen Gehilfen über die Stiege. Als die blonde Katharina, von ihrem Gatten Käthe genannt, allein war, faltete sie die weißen Hände über ihrem Shakespeare, schlug die blauen Augen empor und betete: To your protection I commend me, gods! From fairies and the tempters of the night Guard me, beseech ye! In euren Schutz befehl' ich mich, ihr Götter! Vor Elfen, vor Versuchern bei der Nacht Bewahrt mich, steh' ich euch! Cymbeline Akt II, Szene 2. Zweiundvierzigstes Kapitel Blätter und Blättchen aus Antons Tagebuch. Vom 30. Mai. »Meinen Fuchs hat Felix richtig gekauft und noch gut genug bezahlt. Den Betrag dafür sollte ich von Rechts wegen an Madame Amelot schicken, wenn ich sonst wüßte, wo sie zu finden ist! Der Abschied von Guillaumes war kurz und kalt. Der Furioso und die Stalljungen zeigten ein wenig Bedauern über meinen Abgang. Sonst niemand von allen, mit denen ich länger als ein Jahr zusammen gewesen. Gestern sind sie fort. Wir packen bereits. Das ist eine schwierige Arbeit, zu der ich mich wohl recht ungeschickt anstellen mag! Doch Herr Vlämert hat Geduld mit mir und unterweist mich auf das liebreichste. Ich habe bald nicht einen so sanften, gefälligen Mann gesehen. Er legt seine edlen Menschen und niederträchtigen Schurken gleich subtil auseinander, daß man denkt, er habe mit lebendigen, empfindenden Personen zu tun, die er schonen möchte. Schkramprl suchte mich gestern auf, mir Glück zu wünschen, daß ich's so gut getroffen. Er ist ganz erstaunt über die Nachricht; denn bis gestern haben wir, Vlämert und ich, das Geheimnis bewahrt. Auch danke ich meinem Schöpfer für dieses glückliche Ereignis. Es wird zwar lange genug dauern, bis der wächserne Kongreß und wir mit ihm Frankreich und gar Paris, die Stadt meiner Sehnsucht, erreichen. Aber das hilft nun einmal nichts. Allein könnte ich ja doch aus vielfachen Gründen die Reise nicht unternehmen, sogar nicht, wenn ich mich durchfechten wollte, wie die Handwerksburschen; einen Anhalt, einen Schutz, eine Bürgschaft muß ich haben bei der Unsicherheit meines Passes, und da gibt es schon keinen besseren Platz, als den mir Herr Vlämert vertrauensvoll gegönnt. Wenn ich nur aus mir selbst insoweit klug werden könnte, daß ich wüßte, was mich eigentlich nach Paris zieht. Ich mag sinnen, forschen, mich aufs Gewissen fragen, wie ich will, – endlich bleibe ich doch immer wieder bei Adele stehen. Die innere Stimme sagt mir, daß ich sie trotz des Franconischen Berichtes dennoch nirgend anderswo antreffen werde. Und sehen, sprechen muß ich sie! Ich fasse nicht, wie ich weiter leben sollte, ohne mindestens mit ihr mich ausgeredet zu haben über alles, was sie und mich betrifft. Ich weiß nicht, ob ich sie liebe. Aber ich weiß doch, daß ich ins reine kommen will über mich, über sie, über unsere Gefühle füreinander.«   Vom 14. Juni. »Es wird doch rascher gehen mit unserer Reise, wie ich erst gefürchtet. Herr Vlämert findet es gar nicht der Mühe wert, in kleinen Städten, deren wir manche berühren, anzuhalten und seine Sammlung auszupacken. Er hat auch recht. Die Kosten der Anordnung stehen in keinem Verhältnisse zu der größten Einnahme, die möglicherweise in derlei Nestern erzielt werden könnte. In der jetzigen Jahreszeit zu reisen ist sehr angenehm. Herr und Frau fahren in ihrer kleinen Chaise. Ich sitze ganz allein, ungestört im bequemen Kabriolett eines Packwagens, wo ich mich häuslich eingerichtet habe. Eine englische Sprachlehre und ein französisch-englisches Taschenwörterbuch habe ich von L. mitgenommen. Herr Vlämert, der die englische Sprache kennt und täglich übt, weil Mistreß Vlämert nichts anderes spricht, gibt mir manchen Wink über die Aussprache. Aber da wird er, fürchte ich, lange winken können, bis ich dahin gelange, mich nur verständlich auszudrücken. Eine Menge von Buchstaben klingen ganz anders, wie sie geschrieben werden; derer nicht zu gedenken, die man im Munde behalten, mit der Zunge zerdrücken und halb hinunterwürgen soll, wie reife Erdbeeren, halb wieder herausgeben, wie Kirschkerne. Ich sagte neulich zu Herrn Vlämert, es wäre für den Lernenden schlimm; wenn er zwei Tage daran gewendet, zu begreifen, wie man »Ochse« schreibe, erfahre er am dritten, daß es »Esel« ausgesprochen werde. Er lachte und übersetzte diese meine dumme Äußerung seiner Gemahlin ins Englische. Da sah ich sie zum erstenmal lächeln; doch stellte sie's augenblicklich wieder ein. Die gute Frau hat etwas gegen mich, sie kann's nicht verbergen, ich bin ihr zuwider. Zwar nehme ich ihr's nicht übel, denn so was ist unwillkürlich, doch drückt es mich und verleidet mir meine Anstellung, mit der ich übrigens alle Ursache hätte, sehr zufrieden zu sein. Es ist halt nichts auf Erden vollkommen, und kein Glück bleibt ungetrübt.«   Vom 23. Juni. »Heute ist es ein Jahr, daß ich zum erstenmal im Zirkus öffentlich erschien. Mit welchen Hoffnungen! Mit welch eitlen Voraussetzungen! Und was hat sich davon erfüllt!«   Vom 7. Juli. »Da wären mir ja in dem altberühmten F. Hier wird geblieben. Das ist wahr, einzurichten versteht mein Herr seine Sachen. Unsere Bude sieht aus wie ein Schmuckkästchen von innen und außen. Mein heimliches Kabinett ist so niedlich, daß ich es fast zu schön finde für die unschönen Gegenstände, die es zum Teil einschließt. Herr Vlämert ist zwar sehr stolz auf dieselben und gewissermaßen kann er es wohl sein; alle Kenner loben die vollendete Ausführung. Aber bei all dem kann ich die Scham noch nicht überwinden, daß ich so viele Sachen enthüllen muß, die besser verschleiert blieben! Was es doch für Weiber gibt! Gestern bestanden ihrer zwei darauf, mit einer Herrengesellschaft zugleich die verbotenen Waren anzusehen. Na, mir konnte es recht sein! aber wenn meine Geliebte oder meine Frau solches Äpfelgelüste zeigte, – ich gäbe ihr, glaub' ich, den Laufpaß! Da lobe ich mir Madame Vlämert. Die macht schon linksum, wenn sie nur in die Nähe der Tür gerät. Fast komme ich auf die Vermutung, sie wolle mir bloß deshalb übel, weil sie in mir den Hüter jener ihr anstößigen Kleinodien erblickt. Die Trinkgelder fließen übrigens reichlich ein.«   Vom 10. Juli. »Mit der englischen Sprache geht es mir gut. Das heißt, sprechen, wie ich das Französische spreche, werde ich sie niemals; das habe ich bereits aufgegeben. Aber verstehen werde ich sie sehr bald, ebensogut wie die deutsche, der sie nahe verwandt scheint. Ich lese schon ziemlich fertig. Der Herr hat mir einige Bände aus seiner Gattin Reisebibliothek geliehen, wo ich auf Schwierigkeiten stoße, erklärt er mir den Sinn. Er bossiert jetzt gerade eine Gruppe aus einem englischen Trauerspiele, für welche er sich die Porträts der Akteurs, die er zu London darin auftreten sah, mitgebracht. Das Stück ist von Herrn Shakespeare geschrieben und heißt Othello. Dieser letztere ist ein eifersüchtiger Maure oder Mohr, der seine unschuldige Frau umbringt. Diesen Auftritt hat Herr Vlämert gewählt für die neue Gruppe; wahrscheinlich, weil er meint, daß es für die Franzosen nicht blutig genug zugehen kann. Die Tragödie ist auch wirklich höchst fürchterlich. Das Ehepaar tat mir erbärmlich leid, wie ich sein trauriges Schicksal las; es ist alles so natürlich geschildert, daß man die handelnden Personen vor sich sieht, wie Menschen, die man kennt. Nur damit bin ich nicht einverstanden, daß der Bösewicht, der das ganze Unglück braut, ein gewisser Jago mit Namen, so häufig selbst sagt: er wolle schlecht handeln; es sei sein Wille, ein Bösewicht zu sein! Wahrscheinlich hab' ich unrecht, und der Dichter muß das besser verstehen; doch bisher hab' ich immer geglaubt, wer Böses tun will, suche sich's als gut vorzumalen und bemühe sich um Entschuldigungsgründe gegen sein eigenes Gewissen. Wäre ich übrigens Herr Vlämert, ich ließe die Londoner Schauspielerin gänzlich aus dem Spiele und gäbe der armen Desdemona das Gesicht meiner eigenen Gattin. Einen besseren Ausdruck für unschuldige Reinheit kann er nirgends finden, wie in Käthchens Zügen; das ist einmal wahr, und das muß ich sagen, wenn sie mich schon nicht leiden mag.«   Vom 21. Juli. »Auf was doch die Menschen geraten, um Geld zu erwerben! Und was ich schon für seltsame, närrische Dinge gehört und gesehen, ja selbst mitgemacht habe, die in derselben Absicht unternommen waren. Jetzt ist nun gar eine Affen- und Hundekomödie hier. Ein Italiener, namens Baldavi, dirigiert das Ganze. Er soll früher auch Kunstreiter gewesen sein. Weil er aber bei einem gefährlichen Sturz mit dem Pferde das Bein gebrochen hat und schlecht geheilt worden ist, sah er sich genötigt, die Reitkunst mit der Dramaturgie zu vertauschen. Das krumme Bein beiseite war ich ja in einem ähnlichen Falle, nur daß bei mir nicht zur Ausführung kam, was ich vorhatte. Ich denke oft darüber nach, ob ich gut oder übel daran getan, mich von dem großen Schauspieler sobald zurückschrecken zu lassen! Das hiesige Theater – ich meine jenes mit zweibeinigen Schauspielern – hat einige recht gute Mitglieder. Aber ein D. ist nicht dabei«   Vom 24. Juli. »Hab' ich gelacht! Die Hunde erbarmten mich wohl mit ihren dummen Gesichtern, denen man gleich ansieht, daß sie immer ängstlich nach der Peitsche schielen. Aber verwünschte Figuren sind es. Die gewisse Madame Pompadour, welche Madame Batavia besuchte; die langen, blassen Schnauzen, die da unter den Federhüten hervorschmachteten; und die Schwänze, die aus den seidenen Röcken herauszüngeln. – Einige Affen sahen frappant aus wie Schkramprls Zwerge. Der ganz kleine Rossignol, der sich auf dem Schlappseile schwenkte, erinnerte mich an Madame Simonellis Lieblingsäffchen, und beim Seile mußte ich wieder an Michaletto Sanchez' jüngste Tochter denken. Was für verschiedene Erinnerungen zogen doch in wenig Minuten an mir vorüber. Zuletzt führte die ganze Gesellschaft eine Bataille auf. Die Erstürmung und Einnahme der Festung Kakomirum. Der Mordlärm, den Affen und Hunde bei diesem Sturm erhoben, riß mich glücklicherweise wieder aus meinen sentimentalen Mucken heraus, daß ich fröhlich lachend heimkehrte und meinem Herrn samt Gattin tapfer zuredete, sie möchten sich den Unsinn doch auch einmal mit anschauen. Aber da predigt man tauben Ohren. Er sitzt so tief in seinen Büchern und denkt nur an Desdemona, daß Kakomirum und Madame Batavia keine Anziehungskraft für ihn haben. Sie sagte: »Wie können Sie Gefallen finden an den Qualen der Tiere?« Das sagte sie auf Englisch. 's ist doch närrisch; wenn Herr Vlämert diese Sprache redet, finde ich sie mißlautend. Wenn Mistreß Katharine sie spricht, finde ich sie lieblich klingend! C'est le ton, qui fait la musique , pflegte Laura zu behaupten. Arme Laura! Ob er sie wirklich prügeln mag, der verdammte, kleine Amelot?«   Vom 2. August. »Muß mich mein Unstern mit dem Affenmanne, dem Baldavi zusammenführen! Muß meine Eitelkeit mich plagen, ihm zu erzählen, daß ich bei Guillaume war! Muß er mir von seinen Künsten bei Franconi vorschwatzen! Muß er den Namen Adele Jartour aussprechen! Und kaum hat er ihn ausgesprochen, daß ich auch schon mit Fragen in ihn stürme! – Ich Tor! Was habe ich nun davon? Nichts als neue Unruhe und Ungeduld. Er ist ihr im vorigen Jahre begegnet, sie befand sich auf der Reise nach Paris! Sie hat es ihm mit klaren französischen Worten gesagt, daß sie nach Paris gehe, um dort zu bleiben! Und was weiß ich nun, da ich dies weiß? So viel wie vorher! Nichts. Nur daß es mich wieder aufregt und mich mit – ja du lieber Himmel, mit was denn? – erfüllt? Ich vermag einmal nicht mir Rechenschaft zu geben über meine Empfindungen für dieses Mädchen. Und deshalb ist und bleibt es notwendig, daß wir uns wiedersehen. Ich will mich nicht durch die Welt stehlen wie mein eigenes Geheimnis! Aus all meinem Sehnen und Trachten nach unbestimmter Ferne, aus diesem Leben und Weben in der Idee könnte mich nichts retten als eine gegenwärtige, heitere, lebensfrische Neigung für eine junge Schöne! Doch das ist leicht ausgesprochen. »Aber woher nehmen und nicht stehlen?« wie der Liebenauer Gemeindehirt sich oftmalen zu äußern beliebte. Dabei stahl er wie ein Rabe.«   Vom 13. August. »M. ist kleiner wie F., aber eine freundliche Stadt. Ich möchte wissen, woran es liegt, daß finstere Vorahnungen mich bedrängten, gleich bei meinem Eintritt. Hier sind sie wahrlich unpassend, denn alles, was mich umgibt, atmet Heiterkeit und Frohsinn. Ich trage etwas Düsteres in mir; eine Bangigkeit, die mir für gewöhnlich auch fremd ist. Ernst könnte ich wohl gestimmt sein, doch warum ängstlich? Vielleicht sind es die Gewitter, die seit acht Tagen so schwer in der Luft hängen, die mich bedrücken?«   Vom 14. »Das war eine Nacht! Wie wenn die Welt unterginge! Solch ein Donnerwetter habe ich noch nicht erlebt. Das Rollen und Krachen setzte nicht aus, und ein Blitz ging sozusagen im anderen auf, daß man sie gar nicht mehr auseinander zu sondern vermochte. Es war ein fünfstündiger Blitz. Ich lag in meinem Kämmerlein, ohne zu schlafen, doch auch ohne mich zu ängstigen. Blitze haben nur dann etwas Peinliches für mich, wenn sie in großen Zwischenräumen aus schwülen, schweren Wolken zucken, daß man lange darauf warten muß, bis wieder einer leuchtet. Wenn es aber am lieben Himmel sozusagen drüber und drunter geht, wie in vergangener Nacht, da verliert sich der Druck von meinen Nerven, und es wird mir völlig leicht und frei. So lag ich nun und war mit meinen Gedanken weit weg von M., war in Liebenau bei meiner unvergeßlichen Großmutter, die mir von frühester Kindheit an einschärfte, es sei erbärmlich, bei gefahrdrohenden Naturerscheinungen sich abzuängstigen, als ob, sagte sie, der liebe Gott, wenn er uns suchen wolle, uns bei heiterem Himmel nicht ebenso sicher finden würde! Ich dachte mich während des furchtbaren Tumultes in der Natur, gleichsam wie zum Gegensatze, so recht heimlich und kindlich in den stillen Frieden unseres Häuschens; überlegte, wie es wohl dort aussehen, wer darin wohnen möchte! Ob vielleicht gar mein verehrungswürdiger Herr Kurator? – Da pochte es an meine Tür, und englische Worte aus Engelsmunde – es gibt keinen schöneren! baten flehentlich, mich anzukleiden und hinüber zu kommen. Ich gehorchte. Ich fand Madame Vlämert im saubersten Nachtkleide, vor Schreck und Furcht weinend; sie war nicht imstande gewesen, ihren Gemahl zu erwecken, der sich eines Totenschlafes erfreut, und sie bekannte mir, daß sie in Bangigkeit vergehen müsse, wenn sie nicht mit einem lebendigen Wesen reden könne, während Gott mit der Erde zürne. Die schöne Frau stammt, wie mir scheint, aus einer Familie von sogenannten Pietisten oder Puritanern! Desto seltsamer, daß ihre Eltern ihr doch gestattet haben, einen umherziehenden Künstler zu heiraten! Die Verzweiflung, die sie in ihrer Furcht zeigte, und die ich durch Gründe zu widerlegen suchte, so weit mein schwacher Geist ausreichen wollte, führte uns auf religiöse Gespräche. Leider konnte ich doch nicht alles von mir geben, was ich etwa auf dem Herzen gehabt, weil ich mich in ihrer Sprache noch nicht fertig genug ausdrückte; denn es ist ein anderes, bei Tische zu sagen: ich bitte noch um ein Stück Fleisch! und wieder ein anderes, Meinungen und Ansichten zu entwickeln. Dazu gebraucht man seine eigene Sprache, in der man versucht hat, über dasjenige zu denken, was man mitteilen möchte. Wie ich mit Laura lebte, war ich wohl schon so weit, bisweilen französisch zu denken. Wie lange würde ich wohl mit Käthchen leben müssen, um englisch denken zu lernen? Doch das ist eine dumme Frage und, was noch schlimmer, eine strafbare. Sie ist die Gattin meines Brotherrn, meines Gönners, ist ein unbescholtenes, rechtschaffenes Weib. Folglich ist das eine unschickliche Äußerung, von der ich nicht begreife, wie sie mir in den Sinn und gar erst in die Feder geriet! Obenein diese Frau, die mich nicht ausstehen mag! ... Aber das ist kurios: da fällt mir eben ein, wie sie vergangene Nacht mich ganz anders behandelte, als bisher! – Sonderbar! – Wenn ich mir zurückrufe, wie sie mich ansah, ... sich bei heftigen Donnerschlägen an mich drängte, ... sie befand sich in unnatürlicher Aufregung. Es gibt Menschen, auf die das Gewitter gewaltsamen Einfluß ausübt, so daß sie gar nicht mehr wissen, was sie beginnen!«   M. Vom 22. August. »Die Geschäfte gehen im ganzen schwach. Herr Vlämert klagt und ich spüre es auch an meinen Seiteneinnahmen. Die Stadt zählt nicht gar viele Einwohner. Das meiste müssen die Fremden tun, die Reisenden. An denen fehlt es nicht, und diese bringen uns auch noch am meisten ein. Doch ist einer gekommen, der uns kein Geld einbringt, weil er freien Eintritt hat, wenn er ihn benützen will, und der uns zur Erwiderung auch den freien Eintritt bei sich angeboten, wovon ich nächstens Gebrauch machen werde. Das ist ein Schweizer, namens Jeanet, der mit abgerichteten Kanarienvögeln reist.«   M. Vom 26. August. »– – – Es gibt nichts Hübscheres zu sehen als Herrn Jeanets kleine Vögel, wenn sie buchstabieren und rechnen. Er besitzt deren nur drei, die in einem zu drei Käfigen abgeteilten Kasten ihren Wohnsitz haben. Den ersten nennt er den Professor, den zweiten den Studenten, den dritten den Schuljungen. Auf einem mit grünem Teppich bedeckten Tische liegen schmale dünne Kartenblättchen, auf jedes derselben ein Buchstabe des Alphabets gedruckt, der Reihe nach von A bis Z, wie man dergleichen für Kinder anfertigt, die spielend lesen lernen sollen. Sodann werden die Anwesenden aufgefordert, Namen, Wörter, was sie wollen, auszusprechen, und diese trägt ein Vogel auf den Zuruf seines Herrn aus einzelnen Zeichen, wie er dieselben mit dem Schnabel ergreift, richtig zusammen; dasselbe geschieht mit Ziffern, wodurch er die ihm gestellten Rechnungsaufgaben löst. Ich kann mir schon denken, daß der Vogel selbst weder buchstabiert, noch zusammenrechnet, sondern, daß er nur auf einen Wink seines Lehrers diejenigen Blätter mit dem Schnabel faßt, die gerade nötig sind. Aber schon das ist bewunderungswürdig und setzt ebensoviel Geschick als übermenschliche Geduld und Ausdauer von seiten des Herrn Jeanet voraus. Einen Hund kann man leicht zum Apportieren abrichten; ebenso Herr Guillaume seine dressierten Pferde; dafür gibt es die liebe und beliebte Peitsche. Aber ein kleines, gelbes Vögelchen, zart wie Spinngewebe, womit straft man dieses, ohne es zu zermalmen? Das verstehe ich nicht. Dabei sehen die Tierchen so frisch und glatt und munter aus wie nur jemals ein Rotschwänzlein aus unserem Liebenauer Gartenzaun. Vorzüglich der Herr Professor und der Student. Weniger »komfortabel«, um mit Mistreß Vlämert zu reden, scheint sich der Schuljunge zu fühlen: doch das machen die Studien der Anfangsgründe; aller Anfang ist schwer. Madame Vlämert muß das sehen, ja, das muß sie sehen. Die Hundekomödie fand sie schon in der Beschreibung ekelhaft, weshalb ich ihr nicht weiter zuredete. Dieses unschuldige Schauspielchen wird ihrem zarten Sinne und ihrer großbritannischen Exklusivität gewiß behagen. Ich will's ihr so beschreiben, daß sie einwilligt, sich von mir hinführen zu lassen.«   M. Vom 28. August. »Wehe mir, was habe ich getan? und wer konnte das ahnen? Warum aber sitzt Herr Vlämert so fest über seinem Othello, daß er selbst ... diesen Satz darf ich nicht ausschreiben, schon indem ich ihn weiterdenke, erregt er mir Entsetzen. Dieser geduldige, immer lächelnde Jeanet mit seinem dicken Haarzopf! Wenn er wüßte, was er angerichtet hat! Madame begab sich gestern in meiner Begleitung allein dahin, um die Kanarienvögel zu sehen. Unser Herr hatte sich nicht bewegen lassen, mitzugehen, weil er erklärte, das wären Narrheiten. Es war in aller Frühe, ehe noch bei uns die Kasse geöffnet wird. Herr Jeanet wollte so gefällig sein, für Madame eine Extravorstellung zu geben, und deshalb befanden sich unglücklicherweise keine Zuschauer dort außer uns. Anfänglich ging alles gut. Frau Käthchen freute sich wie ein Kind an den allerliebsten Tieren. Sie redete nicht, wie es überhaupt in ihrem Wesen liegt, wenig Worte zu machen: sie ließ auch mich die Aufgaben stellen. Herr Jeanet, nicht wissend, daß sie eine Britin ist und nur spärlich Deutsch redet oder Französisch, wandte sich auch an sie und schlug ihr vor, seinen Professor auf eine noch schwierigere Probe zu stellen, indem sie ihm anbefehle, er solle den Namen desjenigen zusammentragen, welcher ihr »der Liebste sei«. Er sagte ihr das in seinem Schweizerfranzösisch, und ich vermutete, sie verstände den Sinn seiner Anrede nicht. Um so mehr mußte ich erstaunen, als sie dem Vogel mit englischen Ausdrücken zurief, was Herr Jeanet ihr vorgeschlagen. Sie hatte ihn also doch verstanden! Jetzt war ich nur voll Erwartung, ob nun der Zuname meines Herrn erscheinen oder ob Herr Jeanet dessen Taufnamen (Hyazinth) wissen werde. Doch schon der erste Sprung, den der kleine Professor der an ihn ergangenen Aufforderung zufolge nach der Buchstabenreihe tat, überzeugte mich, daß weder von einem V noch von einem H die Rede sei, daß vielmehr der harmlos aussehende Schweizer eine Schelmerei im Sinne habe, die er wahrscheinlich für ganz unschuldig und unverfänglich hielt! Der Vogel holte ein großes A herbei. Es dauerte nicht zwei Minuten, so stand ich groß und breit auf den grünen Teppich geschrieben – oder gedruckt. In meiner tödlichen Verlegenheit stammelte ich eine Art von Auseinandersetzung, durch welche ich andeuten wollte, das Tier habe meinen Namen schon verschiedene Male zusammengestellt und werde sich dessen jetzt bei meinem Anblicke wieder erinnert haben. Diese freilich abgeschmackte Entschuldigung für den noch abgeschmackteren Spaß des Schweizers gab ich in meinem kühnsten Englisch zum besten, ohne doch dabei die Augen aufzuschlagen. Käthchen jedoch erwiderte darauf: »Dieser Vogel trifft die Wahrheit besser als mancher Mensch.« In solch verhängnisvollem Augenblick bat ich Gott nur im stillen, er möge Sorge dafür getragen haben, daß der Schweizer auch sicher und gewiß nicht eine Silbe verstehe von der Muttersprache dieser mir unbegreiflichen Frau. Wir gingen bald. Ich schützte vor, es sei die höchste Zeit, unsere Bude zu öffnen. Beinahe mußte ich unhöflich werden, um Madame zum Aufbruch zu bewegen. Sie wollte durchaus noch länger verweilen und neue Buchstabenrätsel schmieden. Auf dem Heimwege bemerkte ich, daß sie Tränen auf den Wangen hatte. Ich wünschte, ich hoffte eine Erklärung herbeizuführen, worauf ich beabsichtigte, die Insolenz des Zopfmannes aufs schärfste zu tadeln; ich zwang mich, vorauszusetzen, Käthchen sei beleidigt durch seine Keckheit und weinte aus Zorn. Deshalb fragte ich: » Wherefore weep you ?« »Weswegen weint Ihr?« Doch ach, mein Hoffen und Wünschen ward zunichte, da sie erwiderte: » At mine unworthines, that dare not offer What I desire to give; and much less take, What I shall die to want. « »Um meinen Unwert, daß ich nicht darf bieten, Was ich zu geben wünsche; noch viel minder, Wonach ich tot mich sehnen werde, nehmen.« Der Sturm. Akt III, Szene 1. Ich verwünschte in diesem Augenblicke Herrn Jeanet, seine Vögel, das Alphabet, meinen Eifer, den ich an den Tag gelegt, Madame zur Betrachtung der kleinen gelben Wunder zu geleiten; vor allen Dingen aber den Fleiß, der mich so rasche Fortschritte in der englischen Sprache machen ließ, die Verse verstehen zu lernen, welche sie zitierte. Also das war der Groll, den sie gegen mich zu hegen schien! Deshalb konnte sie mir niemals gerade ins Gesicht sehen; deshalb vermied sie, wo sie wußte und konnte, meine Nähe! Weil sie sich selbst nicht Kraft genug zutraute und zutrauen durfte, vor mir verborgen zu halten, was ich nicht wissen sollte! So lange hat sie ihr Geheimnis bewahrt, und ich Unglücklicher muß es ans Licht bringen helfen! Sie liebt mit vollster Glut. Ihre äußere Ruhe ist scheinbar, erkünstelt. In ihr wogt und wütet eine Welt von widersprechenden Gefühlen. Wenn man sich's besonnen überlegt, ist's gar nicht so unnatürlich. Herr Vlämert, der beste, bravste Mann, den ich kenne, und der seine Frau gewiß aufs herzlichste verehrt und achtet, weiß so gar nicht angenehm vor ihr zu erscheinen oder ihr das Leben angenehm zu machen. Er lebt nur seiner Kunst und hat sich gerade jetzt dermaßen in die Arbeit vertieft, daß er vor lauter Arbeit schon aussieht, wie wenn er eine Wachsfigur wäre und sich selbst gemacht hätte! Die junge Frau an ihrer Kasse, zu wohlerzogen, zu sittsam, zu schüchtern, um Gefallen zu finden am Geschwätz junger Herren, die sie gar nicht einmal versteht, läßt sich darauf nicht ein, scheucht im Gegenteil jeden, der sich etwa nähern möchte, durch ihre Strenge, mehr noch dadurch zurück, daß sie affektiert, gar kein deutsches Wort zu kennen. Nun hat sie auch keinen weiblichen Umgang, stirbt samt ihrer Lektüre fast vor Überdruß und Langerweile. Jung ist sie. Die kalten puritanischen Formen, in denen sie aufgewachsen, passen nicht zu ihrer gesunden, kräftigen, lebenslustigen Natur. Da hat sich eine Widersetzlichkeit des Fleisches eingestellt. Und ich Sohn des Verderbens bin eben apropos gekommen, die Rebellion zu nähern, ihr zum Vorwand zu dienen. Ich bin der einzige junge Mann, mit dem sie in Verkehr steht, mit dem sie reden kann. – Nun ist das Elend fertig! Ihr, wie gesagt, kann man's gar nicht so übel nehmen. Der Gatte trägt einen großen Teil der Schuld – ohne seine Schuld. Ich aber für meine Person wäre ein niederträchtiger Schurke, wenn ich auch nur das geringste unternähme, um des rechtschaffenen Mannes Vertrauen, das er in mich setzt, zu täuschen; ja, es wäre desto schändlicher von mir, weil ich für Käthchen nichts empfinde, weil sie mir gleichgültig ist. Das heißt, – lügen will ich nicht, und am wenigsten vor mir selbst, – sie gefällt mir sehr gut; ich müßte blind sein, wenn mir ein junges, blühendes, schönes Weib nicht gefiele! In gewisser Beziehung ist sie mir also keineswegs gleichgültig. Und hegte ich nicht Achtung und Dankbarkeit für ihren Gemahl, und wäre ich sonst berechtigt, sie für eine leichtsinnige, schon verdorbene Kreatur zu nehmen, so müßte ich ein Tor sein, wollte ich die Gelegenheit unbenützt lassen. Aber wie die Sachen stehen, und wie ich sie ansehe, bin ich willens, lieber meinen Platz aufzugeben als durch unwürdige Falschheit zu behaupten. Herr Vlämert benimmt sich gegen mich gleich einem väterlichen Freunde. Wer unter der Larve der Freundschaft einen vertrauensvollen Ehemann zu betrügen sucht, ist in meinen Augen schlimmer als Räuber und Mörder. Sobald Madame mir noch einmal zu verstehen gibt, daß sie geliebt sein möchte und daß sie mich liebt, werde ich deutsch mit ihr reden; – das heißt auf Englisch.« Dreiundvierzigstes Kapitel Gute Vorsätze, wie ein edles Herz sie faßt, mit klaren Vernunftgründen unterstützt, mit Festigkeit bewahrt, sind nicht so leicht umzustürzen. Sogar dem Sturm der Leidenschaft vermögen sie standzuhalten, wenn er heftig tobt, und wenn er eben durch seine Heftigkeit den redlich Gesinnten ermahnt, alle Kunst seines Willens dagegen aufzubieten. Gefährlicher erscheint mir die Lage desjenigen, der einerseits an keine Gefahr glaubt, weil er neben der Absicht , einer jeden zu trotzen, auch die Fähigkeit dazu in sich voraussetzt; der aber andererseits, durch Jugend, heißes Blut, lebhafte Phantasie beunruhigt, täglich und stündlich verlockt wird, mit der Gefahr zu spielen. Er lernt sie endlich geringschätzen. Wer seinen Gegner geringschätzt, kann schon für halb besiegt gelten – wenn nur der Feind irgend danach ist. Die Aufgabe, die dieses Buch sich gestellt hat, ist noch ausgedehnt; wir haben noch vielerlei zu erzählen, wollen wir glücklich ans Ende gelangen; müssen folglich mit dem Raume sparsam umgehen. Deshalb haben wir die umständlichen Auszüge aus Antons Tagebuch abgebrochen und ergreifen wieder die Fäden der Erzählung, die nächsten Ergebnisse in berichtender Kürze zusammenzufassen. Wir begnügen uns, die Reisenden über Frankreichs Grenzen ins Innere jenes Landes eiligst zu geleiten, und setzen uns mit ihnen für einige Wochen in Ruhe, in einer Stadt auf der großen Straße nach Paris, deren Namen Antons Journal nicht angibt. Dort erst scheint der Bildner seine nun vollendete, sehr gelungene Gruppe aus Othello den übrigen Bildwerken angereiht und sie dem öffentlichen Urteile überantwortet zu haben. Er vernimmt Lobeserhebungen, die ihn für Paris das Beste hoffen lassen, und befindet sich in jener glückseligen Künstlerstimmung, die nach vollbrachter Ausführung, nach glücklich vollendeter Arbeit und vor Beginn eines neu auszuführenden Planes heitere Zuversicht über die Tage der Erholung verbreitet. Diese Stimmung übertrug sich auch auf sein Benehmen gegen Käthchen, für die er nun auf einmal die zärtlichste Aufmerksamkeit an den Tag legte. Auf Käthchen jedoch übte solch plötzlicher Wechsel keinen günstigen Einfluß. Hätte der gute Mann unausgesetzt über seinen Wachsbildern bossiert wie seither, so würde wahrscheinlich wie seither Antons gemessene, besonnene Zurückhaltung bewirkt haben, daß auch Käthchen jenem unüberlegten Ausbruche ihres Gefühls, der ihr beim Anblick der buchstabierenden Vögel entschlüpfte, keine weitere Folge gegeben hätte. Dagegen wurde die ihrer Anmut neu zugewandte, gleichsam erst aus einem Zwischenraume künstlerischer Verhimmelung wiederum auflebende, irdisch liebende Zuneigung ihres Gatten ihr geradezu unerträglich, nachdem sie monatelang den verbotenen Götzendienst heimlicher Anbetung für Anton sonder Störung im stillen hatte ausüben dürfen. Die entsagende Geduld, womit sie ihr Eheband als eine vom Himmel auferlegte und abgeschlossene Verpflichtung getragen, verwandelte sich jetzt, da ihre Träume durch Wirklichkeiten bedroht schienen, in Überdruß, Ungeduld, Widersetzlichkeit. Und was ihr Pflichtgefühl, ihr Gewissen und ihre Frömmigkeit in ernsten Mahnungen dagegen sagten, suchte sie in den Wind zu schlagen mit dem sich selbst erteilten Zeugnis, ihren Gemahl gleich bei Antons Aufnahme gewarnt, ihre Bedenklichkeiten wider einen Reise- und Lebensgenossen von diesem Schlage ausgesprochen zu haben. »Sagte ich ihm nicht, daß dieser junge Mann meinem guten Rufe und folglich seiner Ruhe gefährlich werden könne? Gab ich ihm nicht deutlich genug zu verstehen, daß mir selbst nichts Gutes ahne? Widersetzte ich mich nicht, so weit meine Kraft reichte, seinen Entschließungen? Und er hörte nicht darauf, er lachte mich und meine kindische Schüchternheit aus. Auf ihn fällt die Schuld zurück; auf ihn allein.« Wenn Anton nicht gewesen wäre, wofür wir ihn kennen, ein edles Herz, ein dankbar treues Gemüt, und wenn das jugendliche Feuer in ihm nicht durch Adeles unerklärliches Verschwinden und durch seine Sehnsucht, sie wiederzufinden, sich nach jener gerichtet, mithin allem Sehnen und Trachten ein ideales Ziel angewiesen hätte, das seine Phantasie in Anspruch nahm ... dann war das blonde Käthchen ein verlorenes Weib, dann wurde ein guter, talentvoller, redlicher Mensch zum schmählich betrogenen und verratenen Ehemann. Der arme Vlämert! Bei allen seinen anatomischen Studien, die mit der von ihm zur Vollendung gesteigerten Kunstfertigkeit Hand in Hand gingen, verstand er doch so wenig vom inneren Organismus des menschlichen Herzens, wie treffend sein Griffel es sonst immer nachzubilden wußte! Er fühlte sich so sicher, in seinem Gott zufrieden und vergnügt, blieb so blind für die Qualen, die in Käthchens Busen wühlten, als ob sie ... je nun, warum sollte ich dieses Gleichnis ungebraucht lassen? trifft es doch die Wahrheit: als ob sie jene sinnreich konstruierte Wachsfigur aus Antons heimlicher Kammer sei, die er, der Meister, angefertigt, und deren Blutumlauf seine Hand nach Belieben beschleunigen oder hemmen mochte. In jener Kammer sollte Käthchens Geschick sich entscheiden! Der späte Herbst hüllte auch Frankreichs gesegneten und segnenden Himmel in düstere graue Wolken. Es war im Anfang des November. Anton weilte in seinem Versteck, woselbst er heute wenig Besuch empfangen, wenig Einnahmen gezählt, sich aber an dieser seltenen Stille gefreut, weil er den Jahrestag der Trennung von Liebenau feierte. »Heute vor drei Jahren ist es gewesen, wo ich den armen Koko aus den Schnäbeln der Eichberger Nebelkrähen rettete, wo ich Laura zum erstenmal sah!« Und was bedurfte es noch weiter außer dieser kurzen Erinnerung, um seine Gedanken hinreichend lange zu beschäftigen, für mehr wie einen Tag. Von Zeit zu Zeit ergriff er seine Geige. Mit ihrer Hilfe rief er viele wechselnde Bilder wach. Die wilde Weinlaube samt Carino und Ottilie, – seine Großmutter, – Laura, – Adele, welcher letzteren zu Ehren er die Musikstücke spielte, die ihre Darstellungen gewöhnlich begleitet hatten. Und wenn er nun von wehmütig frommen zu verführerischen irdischen Erscheinungen, und wieder umgekehrt, überging, drängte sich dazwischen wie beiden Richtungen angehörig die liebliche Gestalt der milden, schweigsamen, jungen Frau, in deren nächster Nähe zu atmen, ihr stilles Leiden täglich zu beobachten jetzt seine bedenkliche Aufgabe geworden war. Der Tag ging zu Ende. Die Kasse sollte geschlossen werden. Anton griff, ohne zu wissen, daß er es tat, nach den großen Vorlegeschlössern, mit denen man zur Nacht die Eingänge verwahrte, und stand eben im Begriff, zu tun, was seines Amtes, da raschelte es vor der Tür des Kämmerleins. »Führt mir der böse Geist noch spät einen lüsternen Neugierigen zu? Ich meinte, die Gnadenpforte am Eingange sei schon gesperrt.« Er ging zu öffnen ... und Käthchen drang herein. Ihr Abscheu vor allem, was dort zu sehen, war so groß, daß sie gezwungen wurde, jenen Anblick zu erwählen, der ihr der gefährlichste blieb. Sie hob ihr feuchtes, blaues Auge zu ihm auf. Schweigend standen sie sich gegenüber; Anton in verlegenem, bangem Erstaunen. Der Abend dämmerte schon. Einzelne Regentropfen schlugen gegen das Fenster. Sonst vernahm man kein Geräusch. Anton hörte sein eigenes Herz pochen. Er fürchtete einen heftigen Auftritt, jenem ähnlich, der ihn in Lauras Arme geführt. Allerdings bot die Situation einige Ähnlichkeiten. Doch war die blonde Britin kein Kind des Südens, und ihr ganzes Tun und Lassen mag sich zu jenem der feurig entschlossenen Madame Amelot verhalten haben, wie es den nächsten Umgebungen sich anzupassen schien: hier unbewegliche, stumme Menschenbilder, – dort wilde, brüllende Tiere. Womit aber nicht gesagt sein will, daß Lauras Empfindungen etwa inniger gewesen als Käthchens kindlich reine Liebe. Im Gegenteil! Nur daß die arme, zarte Katharina nicht wußte, was sie wollte für sich und von ihm, während die lebhafte Laura zwiefachen Willen gehabt für sich wie für ihn ! »Wo ist der Herr?« Mit dieser Frage bot Anton nach langem Zögern der Gefahr die Stirn und wohl gewappnet, wie er wähnte. Käthchen, wie wenn sie nur auf einen Wink gewartet hätte, um aus sprachloser Hingebung in beredte Verteidigung ihres kühnen Schrittes überzugehen, gab sogleich eine Antwort, woran sie, ohne sich unterbrechen zu lassen, den weiteren Erfolg ihrer Rede knüpfte: »Herr Vlämert hat sich nach unserer Wohnung begeben und erwartet mich dort. Ich bin willens, ihm nicht zu folgen. Stören Sie mich nicht. Lassen Sie mich sprechen! Lassen Sie mich sagen, was ich zu sagen habe; was Sie vernehmen müssen. »Ich war ein Kind, – wenn nicht an Jahren, doch sonst – als Herr Vlämert mich von meinen verarmten Eltern zur Frau begehrte und empfing. Ohne über mein Geschick nachzusinnen, folgte ich ihm und ergab mich willig, weil mein Herz frei war und weil ich diesen Mann achten konnte. Wir reisten. Der lange, leere Tag mit seiner Einförmigkeit am Kassentische zwang mich, Bücher zu lesen, die im elterlichen Hause verbotene Ware hießen. An englischen Werken, die mir einzig zugänglichen, ist in Deutschland der Vorrat nicht groß, die Auswahl beschränkt. »Ich fragte nach den besten – und erhielt jene zahlreichen Bände, die Englands größter Dichter geschrieben. Wer Shakespeare immer wieder und wieder (und nur ihn) liest, schlägt die Blätter der Welt auf, schöpft aus dem Borne des Lebens. Ich lernte Welt, Leben, Menschen kennen, in ihren Höhen und in ihren Tiefen. Ich erfuhr, was ich bis dahin nicht wissen konnte, wie Laster und Tugend, kaum durch einen Flor geschieden, nebeneinander herwandeln und oftmals verwechselt werden. Ein junges Weib, gleich mir, muß der Gewalt solcher Eindrücke unterliegen oder gegen sie kämpfen. Ich begann den Kampf. Da brachte mein Gemahl Sie in unser Haus. Ich unterlag. Mein gutes Glück wollte, daß Herr Vlämert, durch eine bedeutende Arbeit in Anspruch genommen, auf längere Zeit von mir entfernt gehalten wurde. Diese Vernachlässigung von seiner Seite machte mir's möglich, mit meinen Gefühlen, mit meiner Liebe mich in mich selbst zurückzuziehen, und ein inneres Dasein zu führen, während ich in sittsamer Selbstbeherrschung jeden Anspruch auf äußerliches Glück unterdrückte. Jetzt ist er frei. Er benützt diese Freiheit, sich mir wiederum zuzuwenden. Er verlangt seine Gattin, der Unglückliche, die nicht mehr ihm gehört, die sich ihm nicht mehr geben kann, weil sie eines anderen ist. Die Frage entsteht nur, ob der andere sie will, ob er sie wert hält, sein Eigentum zu besitzen. Darüber haben Sie zu entscheiden. Ist Ihre Zurückhaltung Gleichgültigkeit gewesen, so lassen Sie mich ruhig ziehen; weit, weit weg aus Ihrer Nähe. Neben Ihnen, ohne mit Ihnen zu sein, vermag ich nicht länger auszudauern. Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen.« Ich will meinen Helden keineswegs in das Gewand der Engel kleiden. Ich will ihn menschlich schildern, wie ich bisher getan. Deshalb auch darf ich hier die Wahrheit nicht verhehlen. Er war seiner Entschlüsse, deren er sich Herr gewähnt, als er vor einigen Minuten dies Gespräch eröffnet, schon nicht mehr sicher. Nein, er wankte. Die zunehmende Dunkelheit des trüben Abends, die Abgeschiedenheit des Ortes, Käthchens Schönheit, und mehr noch, als alles dies zusammengenommen, eine Regung des Mitleids für das reizende Weib, vermischt mit einiger Befürchtung, in ihren Augen wie ein dummer, verzagter Junge zu erscheinen! Eitelkeit, Sinnenglut, Teilnahme ... braucht es mehr? Er schloß die Zitternde in seine Arme ... Da vernahmen sie draußen im Saal, den sie zugesperrt meinten, etwas wie einen Fall zu Boden, das Geklirr einer Waffe! »Mein Gemahl!« rief Käthchen. »Der Herr!« sprach Anton und zog sich von ihr zurück. Sie jedoch umschlang ihn wieder, riß ihn gewaltsam an sich, zwang ihn mit unabweisbarer Gewalt, ihr zu folgen aus dem Nebengemach in den großen Saal der Wachsfiguren. »Daß mein Schicksal sich jetzt entscheide, in diesem Augenblicke!« sprach sie mit einer Festigkeit und Ruhe, vor der Anton verstummte. Doch was in seiner Seele vorging, läßt sich nicht genugsam ausmalen; wie in diese unbeschreiblich kurze Frist, in die wenigen Schritte über die Schwelle des Gemaches, ein ganzes Leben voll Reue und Beschämung zusammengedrängt schien! Wie der kleine, kurze Raum dem Manne entgegen, an dem er freveln wollte, ihm ein langer, schwerer Weg zum Strafgericht dünkte! Jawohl, freveln wollte. Denn nicht die Gewalt einer heißen Leidenschaft, die auch, wenn sie ins Elend führt, noch immer veredelnd erhebt, hielt ihn aufrecht. Nur eitler, übermütiger Leichtsinn hatte ihn erregt, und dieser brach zusammen vor einer so ernsten Begegnung. Doch wo weilte der Gefürchtete, Verratene? Vergebens ließ das schuldbewußte Paar seine Blicke durch alle Räume und Winkel streifen; vergebens rief sie des Mannes Namen. Alles blieb unbeweglich und stumm. Die toten Gesichter starrten mit entsetzlichem Schweigen ins Halbdunkel: kein lebendiges menschliches Wesen war unter ihnen zu entdecken. »Er ist nicht hier! Gelobt sei Gott, er ist nicht hier!« erklang Antons lauter, fast freudiger Ausruf. »Aber welch ein Geräusch? Was kann das gewesen sein?« Sie gingen von einer Gruppe zur anderen; hier standen sie vor Desdemona ... die Frage war beantwortet: Von der Figur des Othello, wie er in hocherhobener Hand den Dolch schwingt, der schuldlosen Gattin Brust zu durchbohren, mit der Linken sie an ihren Haaren zum Lager niederreißend, hatte sich der rechte halbentblößte Arm abgelöst und war zur Erde gefallen; die wächsernen Finger durch die Erschütterung zerbrochen; der Dolch, am Schwerte hingleitend, hatte den klirrenden Ton hervorgebracht. Katharina stand verwirrt, erschreckt bei diesem Anblick. Antons Armen hatte sie sich entwunden; ihr Haupt gesenkt, beide Hände gegen ihr Herz gepreßt, mit sich und ihren Empfindungen im Widerstreit, schien sie zu harren, was er nun beginnen, was er ihr sagen werde. Er, dem sie ihr Herz, ihr blutend zuckendes Herz entgegengetragen! Der Geliebte! Und dieser, im sanftesten Ton der Stimme, wie innerlichste Rührung ihn nur hervorbringen mag, redete sie herzlich an: »Katharina, was sollen Sie tun? Einen Mann verlassen, der Sie liebt, achtet, auf Händen trägt, Ihnen vertraut, Ihre Eltern unterstützt ... ihn unglücklich machen, den Mann von Kenntnissen, Talent, Charakter; um sich einem unbedeutenden Burschen hinzuwerfen, welcher nichts zu geben, nichts darzubieten hat, nicht einmal sein Herz; denn es gehört einer anderen, die er sucht, nach der er sich sehnt! Ja, liebes Käthchen, hätte Ihr Schutzgeist nicht gleichsam durch ein Wunder Sie gerettet, wie bedauernswert würden wir beide, wie verworfen würde ich sein! Sie von mir betrogen, vernachlässigt, aufgegeben, gemieden nach kurzem Rausch, in verzweifeltem Erwachen; ... ich, mit dem Jammer zwiefachen Verrates in der Seele! Benutzen wir diese Gunst des Aufschubes, die höhere Mächte uns gegönnt, gehorchen wir dem Wink eines Zufalles, der kein Zufall ist, den wir zu Gottes Warnungsstimme erheben sollen. Sie wollen nicht ferner neben mir durch die Welt ziehen? Sie haben recht. Ich kann und darf nicht mit Ihnen gehen. Deshalb will ich scheiden. An mir ist es, durch meine Entfernung alles auszugleichen. Ein paar Zeilen, die ich Ihrem Gatten zurücklasse, mögen meine rasche Abreise vor ihm entschuldigen und ihn bitten, mir ein nachsichtsvolles Andenken zu gönnen, wie ich ihm ewig dankbar bleiben will. Auch bedarf es keiner Lüge. Ich bin wirklich voll Ungeduld, Paris endlich zu erreichen. Heute nacht breche ich auf. – Sie zürnen mir; ich sehe es; aber ich sehe es mit Freuden, weil ich weiß, daß Sie mich segnen werden, wenn ich fern bin. Ja, Sie werden mich segnen – und Gott segne Sie!« Er bot ihr seinen Arm, um sie heimzuführen. Als sie schon einige Schritte getan, zog sie ihren Arm zurück, wandte sich noch einmal zu Desdemonas Lager, und als ob die bleiche Wachsfigur ein Heiligenbild, sie selbst aber eine fromm katholische Irländerin sei, warf sie sich vor Othellos reiner Gemahlin nieder auf die Knie und mit heftigem Schluchzen brach sie in deren himmlisch süße Worte aus: » Beshrew me, if I would do such a wrong for the whole world . »Ich will des Todes sein, tät' ich solch Unrecht, Auch um die ganze Welt.« Othello, Akt IV, Sz. 8. Dann ließ sie sich von ihm geleiten. Sie sprachen nicht mehr miteinander. In ihrer Wohnung angelangt, entließ sie ihn vor Vlämerts Zimmer, reichte ihm die Hand, die er küßte und lispelte ihm zu: »Gottes Lohn über Sie!« Anton schlich nach seinem Stübchen, schrieb einen Brief voll Lüge und Wahrheit an seinen bisherigen Herrn, packte seine Habseligkeiten zusammen und befand sich vor Tagesanbruch auf der Straße nach Paris. Vierundvierzigstes Kapitel Unserer Wanderer besaß – Dank sei dem geheimnisvollen Kabinett, dem er vorgestanden, und der Neigung der Menschen fürs Verbotene, Verhüllte – eine recht hübsche kleine Reisekasse. Sein abgelaufener Paß, von Paris ausgestellt, zwang ihn ohnedies dahin zurück; folglich fand er keine Schwierigkeiten, sich einer Diligence zu bedienen, und hielt in der lärmenden, schmutzigen Hauptstadt einen anständigen Einzug. Was er zuletzt erlebt, was ihn veranlaßt, die Flucht zu ergreifen, wogte zwar unterwegs noch auf und ab durch seine Sinne, und bisweilen rief er sich die Umarmung des schönen Käthchens allzu lebhaft ins Gedächtnis. Doch je näher das vierrädrige Ungetüm, in dessen Bauche er sich eingeschachtelt befand, dem Ziele der Fahrt kam, je heftiger das unerbittliche, mit jeder Post schlechter werdende Straßenpflaster ihn emporrüttelte aus weichen, weichlichen Phantasien, desto klarer stieg wieder Adeles Bild in ihm auf, desto lebhafter wuchs seine Hoffnung, die treue, teure Freundin doch wohl aufzufinden! Vielleicht als Belohnung, vom Geschick ihm zugedacht! Denn im ganzen meinte er, mit sich zufrieden sein zu dürfen. Einen Moment abgerechnet, wo er in leicht verzeihlicher Verblendung schwach genug gewesen, den Gatten neben der Gattin zu vergessen, hatte er doch die Stimme der Pflicht gehört und ihr nachgegeben, da es noch nicht zu spät war, sich zu ermannen. Er durfte ohne Reue und Scham an den biederen Mann zurückdenken, der ihm vertrauend wohlgewollt. Dies Bewußtsein verlieh ihm freudige Zuversicht. Daß er Adele wiedersehe, erbat er sich vom Geschick zum Lohne der Entsagung bei Käthchen. Der Kondukteur der Diligence, womit er die Fahrt zurückgelegt, empfahl ihm eine Wohnung bei stillen, alten Leuten, die für einzelne Herren, wenn diese geringe Ansprüche machen wollten, gern die Hälfte ihrer aus zwei Kämmerchen bestehenden Wohnung einräumten. Antons Ansprüche stimmten mit solchem Anerbieten überein; er ergriff diesen Zufluchtsort um so eifriger, weil seine künftigen Hausleute in Ihrer Abgeschiedenheit vom äußeren Leben ihn hoffen ließen, er werde ihnen gegenüber nicht nötig haben, durch Gespräche zu erweisen, wie der in Liebenau erwachsene Anton ein in Paris geborener Antoine sei. Des letzteren Paß wußte er freilich nicht ohne Besorgnis in den Händen der Behörde und entsandte manchen tiefgeatmeten Stoßseufzer zum Himmel, besagter Antoine möge in Diensten Seiner Kaiserlichen Majestät des Selbstherrschers aller Russen und Reußen bereits herrliche Progressen gemacht, jeden Gedanken an Heimkehr aufgegeben haben, vorzüglich aber in Paris keine Verwandte besitzen, die da etwa kamen, sich nach dem verlorenen Sohne zu erkundigen! Was unser Freund Anton »seine Nachforschungen« zu nennen beliebte, begann am ersten Tage, wie er sich nur kaum häuslich eingerichtet, das heißt seine Bücher und Papiere ausgelegt und einen Schreibtisch aufgeschlagen. Er begab sich nach Franconis Theater, wo er sämtliche Mitglieder, von den ersten (die Unternehmer eingerechnet) bis zum letzten Statisten des eben in Gunst stehenden Schlachtenmelodramas herab, mit Fragen über Adele Jartour bestürmte. Als er nach unzähligen Versicherungen, daß man nichts von ihr vernommen, immer wieder aufs neue zu fragen anfing, hielten sie ihn für verrückt und liehen ihn stehen. Weiteren Rat wußte der Gute nicht. Einige der Wohlmeinenderen hatten ihm zwar vorgeschlagen, sich bei der Polizei nach ihr zu erkundigen. Doch diesen Rat ließ er unbenutzt. Einesteils, weil ihm vor Entdeckungen, seine eigene Person betreffend, bangte; dann aber und hauptsächlich, weil er sich sagte, wenn sie nicht bei Franconis war, wenn diese nichts von ihr wissen, befindet sie sich auch nicht hier. Denn was sollte sie aufgesucht haben in Paris, wenn nicht ihr Metier? Es wird schon sein, wie Herr Aubri meinte, sie ist nach England hinüber! Sie ist mir wirklich verloren! Ach, und ich fürchte, nun bin ich es mir auch. Eine Mutlosigkeit kam über ihn, wie sie nur in einer solchen Weltstadt über den einsamen, völlig verlassenen Jüngling kommen kann, der gleich bei seinem Eintritt erfuhr, was ihn mit zauberischem Hoffnungsschimmer dahergelockt, sei ein Irrlicht gewesen, sei als solches verloschen ... verschwunden. Hatte er kindisch gewähnt, Adele müsse ihm begegnen, sobald er nur einmal durch die Hauptstraßen der Stadt gehe und müsse ihm entgegenrufen? »Sieh da, mein Freund, Gott grüße dich; nun ist alles gut, weil du nur hier bist!« Ach, es rief ihn niemand freudig an; er begegnete nur fremden Gesichtern, er verzehrte sich in deutschem Heimweh! Doch je tiefer Heimweh, Sehnsucht, Wehmut ihm die Brust durchdrangen, desto trotziger suchte er sich anzustellen. Mit verbissener Wut ging er spottlächelnd einher, als wolle er dieser sündhaften Stadt entgelten lassen, daß sie einen Engel wie Adele nicht in ihren Mauern einschließe. Nur leider war er es allein, der dabei zu kurz kam; denn die Stadt machte sich nicht viel aus seinem Groll; sie bemerkte ihn gar nicht. Sie fuhr fort Paris zu sein. Das von ihm geführte Tagebuch aus jener Zeit ist reich an Ergießungen seines Unwillens, die durch ihre Naivität komisch werden. Er meinte die Stadt zu strafen, daß er von ihren Merkwürdigkeiten keine Notiz nahm und sich einsiedlerisch in seine Zelle verbarg. Einmal doch fiel ihm bei, das Schauspiel zu besuchen. »Ihr großes, berühmtes Nationaltheater will ich sehen; will doch sehen, ob sie einen Ludwig Devrient besitzen?« Einige demselben mindestens nicht unähnliche oder doch der Vergleichung mit ihm würdige Darsteller hätte Anton vielleicht auf kleineren Bühnen gefunden. Er aber, ohne Kenntnis der Sache, allen Verhältnissen fremd, dachte gleich vom reinsten, besten Weine kosten zu müssen, der seiner Ansicht nach einzig und allein in der Straße Richelieu geschenkt werden konnte, wo ein théátre français , die erste Bühne des Landes und daneben die erste aller Länder, florieren sollte. Er traf es unglücklich, Talma spielte nicht. Die übrigen in ihrem tragischen Pathos, wie er es nie vernommen, schienen ihm unnatürlich, unwahr, lächerlich, fratzenhaft. Dieser üble Eindruck tat ihm gut. Es lag für ihn ein neuer Grund darin, Paris geringzuschätzen. Vielleicht, wenn er das heitere Nachspiel abgewartet und in diesem die Mars gesehen und gehört hätte, würde ihm anders zumute geworden sein. Diese Wonne war ihm nicht beschieden. Wodurch sie ihm geraubt wurde, eignet sich zum Gegenstand einer ausführlichen Schilderung. Die ganze Tragödie hindurch hatte Anton, mochte er nun wollen oder nicht, an Liebenau und dessen Bewohner, Umgebungen, an alles denken müssen, was er dort erlebt und empfunden; so lebhaft, daß er kaum Aufmerksamkeit genug sammeln konnte, dem Laufe des dramatischen Gedichtes zu folgen. Dies erschien ihm selbst auffallend. Er forschte nach äußerlichen Ursachen, weil er eine innere nicht zu entdecken vermochte. Zuerst meinte er, vornehm lächelnd, es seien die tragischen Schauspieler mit ihrem Gekrächz, die ihn – um so mehr, weil sie ein Drama von »Corneille« darstellten – an die Krähen des Eichberges mahnten, von dessen Gipfel er zuletzt die Kirchturmspitze des heimatlichen Dorfes gesehen. Er wandte sich also zeitweise von der Bühne ab und suchte sich in Betrachtung des versammelten, aufmerksamen Publikums einige Aufmerksamkeit und Sammlung zu verschaffen. Doch das half ihm nichts, verschlimmerte im Gegenteil die Sache. Je öfter seine Augen über die mit schön geputzten Damen angefüllten Balkons glitten, desto deutlicher stieg das Liebenauer Herrenhaus samt Wilderweinlaube vor ihm auf. Durch angestrengte Prüfung dessen, was bei dieser Vision in ihm vorging, geriet er endlich auf die wunderliche Mutmaßung, sie sei entschieden an einen bestimmten Platz des großen Schauspielsaales geknüpft. Gerade wenn sein Blick an diesem hing, regten die heimatlichen Erinnerungen sich am unverkennbarsten. Es dauerte lange, bis ihm der Einfall kam, die Personen zu mustern, die sich an jenem Platze befanden. Er sah einen Herrn mit Brillengläsern, der ihm völlig fremd schien; an dessen Seite eine Frau, von der, wie man sich bisweilen ausdrückt, er durchaus nicht wußte, wohin er sie bringen sollte. Daß ihm diese Dame bekannt vorkomme, war keine Frage. Doch wo konnte er sie kennen gelernt haben? Hier in Paris gewiß nicht. Und sonst? Die Zahl seiner weiblichen Bekanntschaften war unendlich gering, Name für Name im Augenblick genannt. »Nein, es ist ein Irrtum. Ich kenne sie nicht! Und dennoch ist sie es, sie ganz allein, deren Anblick, noch ehe und bevor ich mir seiner klar bewußt wurde, diesen ahnungsschweren Eindruck auf mich hervorgebracht! – Und jetzt fixiert sie mich! – Sie richtet ihren Operngucker, – sie reibt die Gläser mit dem Tuche, mich deutlicher zu erkennen, – sie versucht mir anzudeuten, daß sie mich begrüßen möchte, wenn die Nähe ihres Begleiters sie nicht daran verhindere ... Bin ich denn ein Narr? – Träume ich das? – Ist es Ottilie? Ist es Laura? Ist es Adele? Ist es Käthchen? – – Nein, keine von allen! Ja, mein Gott, wer ist das Weib?« Das rätselhafte Paar erhob sich nach Beendigung der Tragödie. Anton konnte den Wink, der ihn ebenfalls gehen hieß, wie vorsichtig man ihn auch zu geben genötigt war, doch nicht verkennen. Auch befolgte er ihn gehorsam, in neugieriger Ungeduld brennend. Unbekannt aber mit den verschiedenen Ausgängen und Türen des Hauses, zögerte er hin und her laufend so lange, daß die beabsichtigte nähere Begegnung versäumt wurde. Er mußte, ohne eine Entdeckung gemacht zu haben, das Lager suchen, auf dem der Schlaf ihn nicht suchte. Dennoch stand er am nächsten Morgen rüstiger, lebenslustiger auf als seither. Der Wunsch, zu erfahren, wer und was die Unbekannte sei, welchen Teil sie an ihm nehme, woher sie von ihm wisse, und die mögliche Wahrscheinlichkeit dieses Wunsches Erfüllung zu erreichen, zeigten ihm Paris, weil er nun irgend einen Endzweck seines Aufenthaltes gefunden zu haben dachte, auf einmal in günstigerem Lichte, machten ihm seine Existenz erträglicher. Jede Stunde günstigen Wetters benutzend, trieb er sich auf Promenaden, in Gassen und Theatern umher, wurde zum »Flaneur« im weitesten Sinne des Wortes, ohne des Wortes Bedeutung und Anwendung zu kennen. Die Boulevards von einem Ende ihrer Ausdehnung bis zum anderen schienen ihm besonders geeignet für die Erreichung seiner Absicht. Der stete Wechsel, den ihr bewegtes Treiben, ihr unermüdlicher Verkehr darbietet, unterhielt ihn zugleich und half ihm viele Stunden langweilig vergebenen Trachtens und Harrens abkürzen. Deshalb verging ein Tag um den anderen, ohne daß ihm die Hoffnung ausging. Was neben ihm her lärmte, tobte, scherzte, fluchte, gaukelte, zog ihn, ohne daß er es selbst bemerkte, von der eigentlichen Ursache seines Umhertreibens ab. Während er einem Ziele zuzueilen wähnte, rückte dieses ihm täglich ferner; im Verlaufe einiger Wochen war es fast vergessen; Anton jedoch schon so sehr daran gewöhnt, Straßenpflaster zu treten, daß sein kleines Stübchen ihn nur bei Nacht empfing, und daß von Beschäftigung bei Büchern, mit der Feder oder auf der Violine gar nicht mehr die Rede war. Die natürliche, unausbleibliche Folge des Müßigganges stellte sich auch hier bei ihm ein, der bisher ein mehr innerliches Dasein geführt und in seinem Bestreben nach geistiger Entwicklung Schutz gefunden vor unzähligen Verirrungen, denen ein junger Mann sonst nirgend entgeht. Die Neigung dafür fand sich bereits. Noch fehlte nur schlechte Gesellschaft, verführerischer Umgang, und Anton stand am Rande des Sumpfes, worin gar manche edle Natur untergegangen. Fürs erste hielt ihn noch die Dürftigkeit seiner Lage zurück, die Sparsamkeit, wozu der kleine Geldvorrat, den er überraschend schnell sich erschöpfen sah, ihn verpflichtete; der gänzliche Mangel an Aussichten für irgend einen künftigen Erwerb. Jeden Abend sagte er sich's mit eindringlicher Mahnung, daß notwendig etwas versucht, ergriffen werden müsse. Jeden Vormittag scheuchte ihn die Befürchtung zurück, daß an den ersten Schritt, den er für den Zweck der Selbsterhaltung wagen wolle, gar zu leicht Nachfragen sich drängen könnten, die zur Enthüllung seiner bedenklichen Paßgeschichte führten. Dann tröstete er sich mit dem leidigen: Morgen, morgen, nur nicht heute! Das war denn immer die Losung zu abermaligem Nichtstun und Verschleudern eines kostbaren Tages. Bei seinen Spaziergängen war ihm unter anderen ein alter Geiger aufgefallen, der täglich, an der nämlichen Stelle sitzend, auf einer besseren Geige, als derlei Bettelmusikanten zu besitzen pflegen, von früh bis in die Nacht ununterbrochen ein und dasselbe Stückchen aufspielte. Neben ihm stand ein Hut, für milde Gaben bereit, doch selten lagen mehrere kleine Münzen darin. Und doch war der Greis ehrwürdig anzuschauen. Anton verfehlte niemals, ihn zu beschenken, wenn er an ihm vorüberging, sah aber jedesmal mit Bedauern, daß er fast der einzige sei, der sich um den weißlockigen Unglücklichen bekümmerte. Desto mehr erstaunte er, als er eines schönen Tages bei hellem Wetter einen großen, dicht gedrängten Kreis von Menschen aller Stände um seinen Schützling versammelt fand und schon von weitem laute Zeichen beifälligen Anteils vernahm, die doch unmöglich dem unreinen Spiele des Bettlers gelten konnten. Er drängte sich auch hinzu und vernahm von den Umstehenden, vor einigen Minuten sei ein eleganter Herr mit einer schön gekleideten Dame des Weges gekommen, habe erst mit dem Greise geredet, sodann dessen Violine ergriffen und spiele nun auf dieser wunderschöne Sachen, so daß sich bald ein zahlreiches Publikum gesammelt. Die schöne Dame gehe mit dem Hute des Alten herum und erbitte Gaben für ihn. Voll Teilnahme für diese geniale Idee eines Künstlers suchte Anton sich letzterem zu nähern, machte sich mühsam Raum, und als er den Spielenden ins Auge fassen konnte, schrie er laut auf, denn Carino stand vor ihm. Dieser, den Ausruf und seinen Namen hörend, blickte, ohne das Spiel zu unterbrechen, den jungen Fremden staunend an, in dem er augenblicklich den Liebenauer Korbmacherjungen unmöglich erraten konnte! Vielmehr verriet sein Gesicht deutlich, daß er nachsinne, und er schüttelte sodann den Kopf, um anzuzeigen, er wisse wirklich nicht, wer ihn angerufen! Anton wollte nur den Schluß des Musikstückes abwarten, um dann weiter vorzudringen und sich zu erkennen zu geben. Doch ehe dies noch erfolgte, war die einsammelnde Dame mit dem Hute des Bettlers in seine Nähe getreten. Sie vermochte kaum den von Kupfer- und Silbermünzen beschwerten Hut zu halten. Anton ließ auch seine bescheidene Gabe hineinfallen, wobei er die Dame anblickte und bemerkte, daß sie ihn schon vorher auf eine fast zudringliche Weise anstarrte, als ob sie ihn mit ihren Augen verschlingen wolle, so daß er beschämt die seinigen senkte und sich einen Schritt von ihr zurückzog, weshalb er die wenigen leise fragenden Worte, die sie an ihn zu richten suchte, nicht deutlich vernahm. Schon stand sie im Begriffe, das eben Gesagte noch einmal zu wiederholen, als über Antons Schulter hinweg eine Hand nach dem Hute langte und einige Goldstücke hineinfallen ließ. Zugleich fühlte er sich von einer anderen Hand am Rockschoß gezupft, wandte sich, einen ungeschickten Taschendieb argwöhnend, rasch um und erkannte ... die Dame, die er im Theater gesehen und seitdem vergeblich aufgesucht! Ihr Begleiter, der die Goldstücke gespendet, führte sie jetzt, – zog sie vielmehr an seinem Arme aus dem Gedränge fort! – Keine Frage, daß sie es gewesen! Und sie hatte ihm ihre Nähe heimlich kundgeben wollen? Er gedachte nicht mehr der Frau, die so gern sich ihm verständlich gemacht hätte; er vergaß den fast bittenden Blick, womit sie ihn betrachtet hatte; er vergaß Carino, und daß er diesen hatte ansprechen, sich ihm entdecken, seinen Rat und Beistand erbitten wollen! Er vergaß alles und folgte der Fremden, die sich an ihres Begleiters Seite unaufhörlich nach ihm umdrehte, um sich zu überzeugen, ob er auch ihre Fährte nicht verliere. In das Tor eines großen Hotels bogen die beiden ein. Er blieb an der anderen Seite der Gasse stehen, wie wenn er nach einer Hausnummer suchte, versäumte dabei aber nicht, nach ihr zu schielen, und empfing ein mimisches Zeichen, das er sich so auslegte, daß er an Ort und Stelle harren möge. So war es denn auch gemeint, denn nach Verlauf weniger Minuten flog ein Fünffrankenstück, in Papier gewickelt, zu seinen Füßen. Ein Savoyarde, der sein Murmeltier (das wohl auch lieber den tanzlosen Winterschlaf abgehalten hätte) dicht nebenbei tanzen ließ, wähnte, die reiche Gabe gelte ihm, und stürzte so rasch darauf hin, daß sein Kopf mit Antons Kopf heftig gegeneinander schlug und beider Hände sich berührten. »Wir teilen«, rief Anton; »der Inhalt für dich und der Umschlag für mich!« »Das will ich gern«, sagte der Knabe und steckte den blanken Taler ein. Der Umschlag enthielt nichts als die Bezeichnung einer Haus- und einer Türennummer in der Straße d' Enfer, mit der Angabe: »Heute abend zwischen elf und zwölf Uhr. Parole für die Portiere: › le vannier .‹ – Vorausgesetzt, daß A. sich nicht mehr vor Gespenstern fürchtet!« »Vor Gespenstern fürchtet?« wiederholte Anton, nachdem er die kleinen, mit Bleistift schnell geschriebenen Zeilen mehr erraten als gelesen. »Vor Gespenstern? – Habe ich mich denn je? ... Freilich, einmal! Nur einmal! Aber wer kann darum wissen? Wer kann im Fuchswinkel meine Torheit belauscht und das Gedächtnis daran länger als drei Jahre hindurch bewahrt haben? Das ist ja mehr wie wunderbar! Ich wähnte damals, den schwarzen Wolfgang zu erblicken, jagte aber mein Phantom in die Flucht ... Herr des Himmels, der schwarze Wolf! Da ist die braune Bärbel nicht weit. Ja, wahrhaftig, wo waren meine fünf Sinne! Sie ist es! So gewiß ich lebe, sie ist es! Blind muß ich gewesen sein, sie nicht zu erkennen. Weiße Schminke mag sie aufgelegt haben, ihre Haut zu bleichen; sonst trifft alles zu, alles! Sagte sie mir nicht, vor meinem Kammerfensterlein hängend wie eine Nachteule, daß sie eine vornehme Dame werden wolle? Sie ist es geworden. Sie ist nicht mehr die braune Bärbel, die zu meiden ich dem schwarzen Wolfgang versprechen mußte. Sie ist jetzt eine andere; sie ist eine Dame; mein Versprechen bindet nicht mehr. »O, ich komme! Zwischen elf und zwölf Uhr! Ich komme auf jeden Fall!« Fünfundvierzigstes Kapitel In einen kostbaren Pelzmantel gehüllt, einen Samthut mit Reiherfedern auf dem dunklen Haar, empfing »Madame Barbe« eine halbe Stunde vor Mitternacht ihren Liebenauer Freund, vollkommen wie eine Dame von Welt einen Bekannten aus der Heimat empfängt. »Sie haben mich nicht erkannt«, – so begann sie in nicht korrektem, doch leicht fließendem Französisch, – »und das ist mir begreiflich: denn erstens habe ich mich verändert, und, wie ich fürchte, nicht zu meinem Vorteil, weil die Bildung viel Mühe macht und mir die Nerven angreift; zweitens kennt man nur wieder, was man einmal erkannt hat, – und ich bin Ihnen von jeher ziemlich gleichgültig gewesen! Dagegen erkannte ich Sie augenblicklich. Und das ist auch leicht zu begreifen. Sie haben sich wenig verändert oder gar nicht – außer daß Sie ein Mann geworden sind. Und was man liebt, vergißt man nicht. Ich verzehre mich in Neugier, zu erfahren, was sich mit Ihnen begab, seitdem wir uns trennten; nicht minder was Sie hier treiben. Damit ich Ihnen nun eine Verbindlichkeit auferlege, mir Ihre Geschichte zu erzählen, hören Sie zuerst die meinige. Ein Vertrauen ist dann des anderen wert. Ich will aufrichtig sein und erwarte von Ihnen dasselbe. Gleich nachdem ich, Theodors Mätresse geworden, in meinen vier Pfählen saß, begriff ich, daß mir not tue zu gewinnen, was man äußeren Anstrich nennt. Für die Haut war bald gesorgt; diese streicht man wirklich an, wie sie heute vormittag an der meinigen bemerkt haben werden. Doch auch den sogenannten Anstrich von Erziehung mußte ich erringen, wollte ich mich auf meinem Platze behaupten. Eure deutsche Sprache ist mir zu schwierig, noch aus meiner Genovevazeit hatte ich davon genug. Theodor mußte mir einen französischen Lehrer halten. Dieser unterrichtete mich fleißig, und ich lernte noch fleißiger. Aber war das ein Jahr! Eingeschlossen in einer halbversteckten Wohnung vor dem Tore, ohne fröhlichen Umgang, ohne Freiheit, den ganzen langweiligen Tag wie ein Kind in der Schule! Es war fürchterlich. Aber ich wollte , – und der Wille vermag alles. Hätte ich für jene toten Tage Lebendige Nächte gehabt, dann wäre mir's leichter gewesen. Doch die Nacht führte mir ihn zu, den ich nicht liebe, wie Sie wissen; den ich zu lieben vorgab, weil – weil er reich ist. Noch heute bin ich nicht imstande zu bestimmen, was mir unerträglicher schien: ob die Verstellung gegen Theodor, ob die Pein des Lernens und der Zwang, den euer Anstand mir auferlegte. Unser Verhältnis wurde so geheim gehalten; Theodor führte alles mit der ihm angeborenen Heuchelei so schlau und pfiffig durch, daß der Alte keine Ahnung davon bekam. Mit zwanzig Jahren wurde mein junger Herr wegen seines musterhaften Wohlverhaltens für großjährig erklärt und Liebenau ihm förmlich übergeben. – Weil ich jetzt einmal Liebenau erwähnt, will ich meinen Bericht über mich unterbrechen und Ihnen geschwind sagen, wie es jetzt dort steht. Ich empfinde in meiner Brust, wie heftig Ihre Sehnsucht sein muß, zu erfahren, was aus den Genossen Ihrer Kindheit wurde. Also in zwei Worten: des Pastors ältester Sohn, Julius, der seit kurzer Zeit von der Universität heimgekehrt ist, wird seinem alten, ganz hinfälligen Vater zur Seite gesetzt und auf Wunsch der Gemeinde, die mit seiner Probepredigt zufrieden war, dereinst Pastor werden. Er steht im Begriff, die älteste Tochter des vormaligen, Besitzers, Karoline, zu heiraten. Der zweite Sohn, Robert, ist im Examen durchgefallen. Theodor hat ihm versprochen, ihm die Stelle eines zweiten Verwalters zu geben, weil der alte Vater sich dafür verbürgt, daß der dumme Junge immer mehr Neigung zu Pferden und Ochsen als zu den Büchern gezeigt habe. Er ist verlobt mit Emilie. Ich habe meinen ganzen Einfluß aufgeboten, diese höchst bescheidenen Wünsche zur Erfüllung zu bringen. Warum? – Je nun, weil ich meinte, es würde einem gewissen, bei Nacht und Nebel davongelaufenen Korbmacherjungen vielleicht Freude machen, in weiter Ferne von der Heimat, Gott weiß wo, davon zu vernehmen. Für meine Nebenbuhlerin, für Ottilie oder, wie Ihr sie immer nanntet, ›Tieletunke‹ blieb nichts zu tun, denn sie begehrte nichts. Das einzige Ziel ihres Lebens, wie es scheint, hat sie erreicht; sie bewohnt das kleine Häuschen, in dem Toni Körbe flocht, verkehrt mit niemand, auch nicht mit ihren Schwestern, die sich bald nach des Barons Tode beim Schulmeister eingemietet haben; besucht allwöchentlich den Kirchhof, wo sie das Grabkreuz der alten Großmutter Hahn mit Kränzen schmückt; geht nur schwarz gekleidet; lebt sozusagen von nichts und trocknet geduldig zur alten Jungfer zusammen. Nun wieder zu mir. Kurze Zeit nachdem Herr Theodor van der Helfft selbständig gemacht war, starb sein Vater. Wir zogen nach Liebenau. Der edle Jüngling zeigte anfänglich nicht übel Lust, ohne mich den Gutsherrn zu spielen, und versuchte in ohnmächtigem Hochmut mir deutlich zu machen, daß unser Zusammenwohnen seinem Rufe als Tugendmuster schaden müsse. Doch blieb es beim Versuche. Ich bin nicht darauf eingerichtet, zu gehorchen, mich zu fügen, ich setzte natürlich meinen Willen durch, und bald war er völlig unterjocht. Was ihn wünschen ließ, unsere Verbindung möge wenigstens den Anschein des Geheimnisses erhalten, ließ mich eben verlangen, sie sollte öffentlich werden. Mein Sieg wurde so vollständig, daß er mir in seiner Angst den Antrag machte, mich zu heiraten. Doch diesen Vorschlag wies ich auch entschieden zurück. Was wäre mir das? Gesetzlich an ihn gebunden? Er nach Recht und Herkommen mein Gatte, das heißt: mein Herr? Nein! Ich will frei bleiben, und er muß gebunden sein. Gebunden durch seine unbesiegbare Leidenschaft! Ich frei, weil ich nichts für ihn empfinde; weil seine Glut ihn zum Spielball meiner kalten Besonnenheit macht. So stehen die Sachen. Weiblichen Besuch haben wir natürlich auf unserem Schlosse in Liebenau nicht empfangen. Junge Herren in Masse. Diese brauchte ich, um meinen Anbeter fortdauernd in Atem zu erhalten. Eigentlich eifersüchtig zu werden erlaubt ihm seine seligmachende Eitelkeit nicht; doch gibt er sich Mühe, stets zu gefallen, damit kein anderer auch nur einen freundlichen Blick von mir gewinne. Und so will ich's haben! Außerdem habe ich ihn zum Spieler werden lassen. Etwas muß er doch sein. Die Leerheit seiner Gesellschaft fand kein anderes Mittel, ihre Zeit zu töten. Da sind nun einige dieser Kumpane nach Paris gereist. Ich, vom ersten Augenblick meines öffentlichen Auftretens als maitresse en titre für eine Französin aus den Kolonien geltend, gab den Anlaß dazu. Ich wünschte mir eine große Stadt; in Deutschland gibt es streng genommen keine solche. Er eilte hierher, um zu spielen, – en gros ! Ich, um – ich wußte selbst nicht recht warum. Wußte es noch nicht, als ich hier meinen Einzug hielt! Jetzt weiß ich's! Und nun ist mein Bericht zu Ende.« Anton hatte schon bei Erwähnung dessen, was sie für seine Gespielen in Liebenau Günstiges erwirkt, dankbar ihre Hand ergreifen wollen, die sie aber rasch zurückzog. Jetzt sprach er seine Erkenntlichkeit in Worten aus und fügte hinzu: »Wenn ich nur wüßte, wie ich Ihnen genugsam danken könnte für diesen Beweis von Herzensgute und freundlicher Erinnerung an mich.« »Das ist sehr leicht«, erwiderte ›Madame Barbe‹; »Sie dürfen mir nur, ohne Rückhalt, ohne Verschweigung irgend eines Details, in nackter, unverhüllter Aufrichtigkeit erzählen, was Sie erlebt haben, seitdem Sie mich von Ihrem keuschen Nachtlager auf so unliebenswürdige Art verscheuchten. Es muß viel mit Ihnen vorgegangen sein. Das spricht aus, Ihren Augen, aus Ihrer Haltung, Ihrem ganzen Benehmen. Wir haben uns binnen drei Jahren beide ein wenig formiert, – bei Ihnen wird das wahrscheinlich tiefer gedrungen sein als bei mir, wo nur die Hülle verändert ward. Inwendig bin ich noch ... davon nachher. Jetzt will ich hören.« Anton ließ sich nicht bitten. Er erzählte mit lebhafter Beredsamkeit. Unter den verschiedenartigen Anregungen, die ihn freudig durchströmten, und in denen Gefühle zartester, reinster Gattung mit sehr irdischen Bildern sich vermischten, war der Wunsch, seiner Zuhörerin beifällige Teilnahme abzugewinnen, wahrlich die geringste nicht. Er begann vom Aufbruch aus Liebenau, führte die wichtigsten Ereignisse seiner drei Wandeijahre an ihr vorüber, glitt nur über seine sentimentale Sehnsucht nach Adele schamhaft und verschämt hinweg, verweilte dagegen desto kecker bei Käthchen und malte das Leben mit Laura so bunt und hervortretend wie möglich aus. Die Hörerin folgte ihm mit fieberhafter Lebendigkeit; sie hing an seinen Lippen, lauschte auf jedes Wort, und wie sie vernahm, daß er jetzt verlassen, hilflos, einsam in der großen Stadt stehe, sprang sie jauchzend von ihrem Sessel empor und rief aus voller Brust: »Welch ein Glück!« »Wie meinen Sie das?« wollte Anton, welcher ganz entgegengesetzter Ansicht sein zu dürfen vermeinte, sie mit Staunen fragen ... Doch schon hatte sie den prachtvollen Samthut vom Kopfe geschleudert; der weite Pelzmantel glitt von ihren Schultern; – und vor ihm stand im weißen, kurzen Kleidchen die braune Bärbel! »Siehst du, Toni«, sprach sie, »ich bin, die ich war. Diesen Abend liegt keine Schminke auf meinen Wangen, auf meiner Stirn; es ist die wilde Zigeunerin, der du zitternd in die Arme liefst, da sie dich zurückstoßen mußte, weil sie vom sterbenden Wolfgang kam als Todesbotin. Er ist vermodert. Wir leben noch. Eines anderen Buhlerin war ich, nachdem du mich von dir gewiesen. Aber dein bin ich dennoch geblieben, mit Seele und Leib. Und häßlich wurde ich auch nicht, sollte ich meinen! Fürchtest du dich noch vor dem schwarzen Wolfgang?« »In diesem Augenblicke nicht vor der ganzen Hölle!« sagte Anton. Sechsundvierzigstes Kapitel Der alte, vergessene Schulkollege hatte mit seinem oft verlachten Wunsche, Theodor van der Helfft möge einige dumme Streiche als Schüler begehen, doch nicht gar so unrecht gehabt. Aus dem fleißigsten, preiswürdigsten Primaner war ein fauler Tagedieb, ein wüster Schlemmer, ein Spieler geworden. Was ihm bisher noch gefehlt, völlig in den Schmutz dieses bodenlosen Abgrundes sich einzuwühlen, das jetzt zu lernen, befand er sich auf der hohen Schule, wohin er dringende Empfehlungsbriefe an den Hauptpächter der Pariser Spielbanken, den Grafen V., mitgenommen. So war er denn gleich vor die rechte Schmiede geraten, und obschon er selbst noch nicht übersah, wie rasch auf dem von ihm eingeschlagenen Lebenswege das vom Vater ererbte große Vermögen durchgebracht sein werde, obschon er sich in seinem plan- und geistlosen Dahintaumeln noch immer für überreich hielt, verschmähte er doch nicht, vertrauten Umgang, ja Kameradschaft mit Männern von Welt zu pflegen, die hinter dem Aushängeschild adliger Namen, vornehmer Manieren, chevaleresker Phrasen ganz einfach das falsche Spiel als ihr Gewerbe treiben. Bärbel wußte und kannte das. Anton aber, den sie sich endlich nach dreijährigem Schmachten, Sehnen und Harren gewonnen, den ihr ein tückischer Dämon in die Krallen geworfen, den sie nun besaß, und in dessen Besitz ihre unersättliche Leidenschaft schwelgte; – Anton durfte das Untere der Karten nicht sehen! Ihr blieb folglich die zwiefach schwierige Aufgabe: zuerst ihn auf passende Weise in die Gesellschaft Theodors einzuschwärzen, so zwar, daß man ihn dort mit gebührender Achtung empfange! – sodann, was noch gefährlicher war, die Sorgfalt, ihn nicht durchschauen zu lassen, daß er sich in einer Clique von ehr- und gewissenlosen Glücksrittern befinde. Denn im letzteren Falle mußte sie befürchten, sein ehrliches Herz könne ihm auf die Zunge kommen, – und dann war er für sie verloren! Ihre erste Zusammenkunft, die sie nur durch unsäglichen Aufwand von frecher List zustande gebracht, konnte für etwas Außerordentliches gelten, da Theodor nicht gewöhnt war, die Gefährtin lange zu entbehren. Wiederholen ließ dieses Wagestück sich nicht mehr. Deshalb hatte sie den wie in einem Rausche taumelnden Anton mit dem Bedeuten aus der Straße d'Enfer entlassen, er möge ihr den nächsten Tag Ruhe und Raum gönnen, anzuordnen, was für ihr beiderseitiges Glück vorbereitet werden müsse, und erst am dritten Tage sich mit Sack und Pack daselbst einfinden, um die kleine, doch gut eingerichtete Wohnung ganz und gar zu beziehen. Weitere Verhaltungsbefehle sollten ihm durch die vertraute Wirtin zugehen. Dieser Anweisung war er wörtlich nachgekommen, ohne zu seiner Übersiedlung große Anstalten nötig zu haben. Bücher, Musikalien, andere Papiere bildeten schier den größten Teil seiner Habseligkeiten; den schwereren ganz gewiß. Die Frau, welche die Wohnung vermietete, zeigte sich wirklich als Vertraute, sie verschwieg dem neuen Einwohner nicht, daß Madame Barbe die bedeutende Summe dafür zahle seit jenem Abend, wo er sie und sie ihn zum erstenmal im Theater gesehen; – nur, um für den Fall eines erwünschten Zusammentreffens gleich versorgt zu sein. Während sie ihm diesen und noch hundert kleine Umstände mitteilte, die sämtlich darauf berechnet waren, ihn immer mehr zu entflammen, redete sie ihn nicht anders an als mit »Herr Baron!« Als diese Anrede ihm zum erstenmal entgegengeschleudert wurde, stand er schon im Begriff, sie zurückzuwerfen wie eine ihm nicht gebührende; besann sich aber noch zu rechter Zeit; dachte, das mag Bärbel verantworten, die am besten wissen muß, wie und warum es in ihren Kram taugt, ließ sich sodann in einen Sessel sinken und sprach zur Wirtin: »Meine gute Dame, sollte ich etwas bedürfen, so werde ich läuten.« Und wie er allein war, fügte er hinzu: »Warum sollte ich nicht auch Baron spielen können, traue ich mir doch zu, einen Grafen herauszubringen, wie sie jetzt mitunter laufen! Was die Bärbel so eigentlich von mir will? Wo es hinaus soll, das weiß ich freilich noch nicht. Aber nun ist es schon alles eins. Ob sie mich packen und festnehmen, weil ich mit eines anderen Reisepaß nach Paris kam – und etwas dergleichen blüht mir, sobald ich mich zur Rückreise nach Deutschland bei der Behörde melde – oder ob sie mich einschachteln, weil meine Wirtsfrau mich baronisiert; es ist zuletzt gleichviel. Festgefahren habe ich mich nun einmal im tiefsten Sumpfe. Was ich beginnen sollte, wußte ich ohnehin nicht, mein Latein war am Ende. Adele bleibt unauffindbar. Gold wird in meiner Börse auch bald nicht mehr zu finden sein. Mit Stubensitzen, Studieren, Fleiß, Entsagung, Schwermut und frommen Wünschen ging es nicht vom Flecke. Mag denn der Leichtsinn einmal regieren, und hol's der Henker!!« Diese wenigen Worte aus dem Munde und aus der Seele eines jungen Menschen, wie wir Anton bisher gekannt, sind von schwerer Bedeutung und zeigen, welche Veränderung seit der einen Nacht, die er mit Bärbel zubrachte, in ihm vorgegangen ist! Und wenn die Sage vom Liebeszauber, wie sie im Volke lebte und noch waltet, als düstere, sündliche und zugleich lügenhafte Mythe betrachtet werden soll, so sind doch einzelne Fälle, dem hier vorliegenden ähnlich, nicht wegzuleugnen. Gerade aus dem Vagabundenvölkchen der Zigeuner durch alle Abstufungen hindurch, wie Vermischung mit anderen Rassen unter ihnen bezeugt, wachsen noch immer Geschöpfe, die sich darin von gewöhnlichen Buhlerinnen und Verführerinnen wundersam unterscheiden, daß ihre rechte, gewaltsame Macht über den Verführten erst da beginnt, wo sonst, mit Erreichung eines ersehnten Besitzes, der Zauber zu schwinden, zu erlöschen anfängt. Aus solchen Banden erlöst oftmals nur der Tod. Wer je in Rußland lebte und dort Gelegenheit fand, vertrauliche Mitteilungen über ähnliche Verhältnisse zu hören, wird sich mehrfacher Fälle erinnern, wo Männer – sogar in schon reiferen Jahren als Anton – durch Zigeunerinnen auf jede Weise zugrunde gerichtet worden sind. Männer obenein, die bis dahin das andere Geschlecht schonungslos für ein Spielwerk eigener Selbstsucht gehalten und als solches behandelt hatten. Auf wie fabelhafte Art Bärbels Herrschaft diejenigen umstrickte, die ihr einmal verfallen waren, mag der Fortgang dieser Geschichte dartun. * Als Anton sich in den zierlichen, nun von ihm bewohnten Räumen genügend umgetan, seine Schriften geordnet, dem Tagebuche die neuen Erfahrungen, Gefühle, Wünsche, die ihn durchstürmten, des breiteren anvertraut, – überkam ihn nachgerade mit Ablauf des Tages eine heftige Begierde nach ihr , die er nun seit zweimal vierundzwanzig Stunden hatte entbehren müssen, die er an der Seite des erklärten und berechtigten Verehrers wußte, und die immer noch nichts von sich vernehmen ließ. Eifersucht gegen Theodor mischte sich in diese verzehrende Ungeduld. Schon war er willens, dem heute erst zu seinem Führer erwählten und bestätigten Leichtsinn das gefährlichste Opfer zu bringen und sich rücksichtslos, ohne Vorbereitung, geradezu in das Hotel zu stürzen, aus dessen Fenster dem Savoyarden ein Taler, ihm jedoch eine mit vielen tausend Talern noch zu wohlfeil bezahlte Anweisung entgegengeworfen worden, – da trat zum Glück Madame Féval ein und legte ein kleines moschusduftiges Paketchen auf die Marmorplatte des Tischchens vor seinem Sofa. »Von wem?« fragte er bebend. »Von ihr !« antwortete die Bringerin und verschwand. Das erste, was ihm in die Hände fiel, waren einhundert feingestochener, mit seiner jetzigen Adresse bezeichneten Visitenkarten, auf denen zu lesen stand: Le Baron Antoine de la Vannière Le vannier , Der Korbflechter. . Er mußte hellen Halses auflachen über den Verein von Schlauheit und Frechheit, der diesen Namen für ihn erfunden. Sodann enthüllte er den beigelegten Briefbogen, der eine bedeutende Summe in Bankbilletts enthielt. Diese schob er wie etwas Verächtliches beiseite. Der Inhalt des Schreibens schien ihm ungleich wichtiger. »Nun«, murmelte er, – »wenn sie auch ganz erträglich plaudern gelernt, mit dem Schreiben sieht es übel aus; ich werde mich aufs Dechiffrieren legen müssen.« Er schloß die Tür, um vor jeder Störung sicher zu sein, und vertiefte sich ins Lesen. Der lange Brief, in dem weder eine zärtliche Anrede, noch eine Erinnerung an das Vorgefallene, noch eine Andeutung für künftig, kurz nicht eine Silbe, auf Liebe hinzeigend, zu entdecken war, gab so gedrängt und bündig zusammengefaßt, wie Frauen selten schreiben, nur die Anweisung, was der neugeadelte Baron zu tun habe, um sich passend bei Theodor einzuführen, und wie sein Benehmen ferner geregelt werden solle. Anton studierte voll eiserner Aufmerksamkeit diese Verhaltungsbefehle, prägte sich Punkt für Punkt auf das gewissenhafteste ein; sagte dann, wie wenn er sich durch solche Äußerung gegen die Vorwürfe eines Dritten zu verteidigen hätte: »dazu brauche ich freilich Geld!« raffte die umhergestreuten Banknoten fein säuberlich zusammen, schob sie in sein Portefeuille und rief, sich selbst betäubend, aus: » en avant, mon cher Baron, et vogue la guerre !« * Zwei Tage später sehen wir ein elegantes Kabriolett ( de remise )vor Theodors Hotel halten. Ein echter Stutzer springt heraus und fragt den zuvorkommenden Portier im pariserischesten Französisch, ob Monsieur d'Elfft visibel sei. Dann fliegt er die breiten Treppen hinauf, bittet, oben angelangt, Herrn Baron de la Vannière zu melden, und steht sehr bald vor demselben jungen Herrn, der ihm einstmals einige Goldstücke fürs Begräbnis des schwarzen Wolfgang anbieten wollte, die aber bekanntlich schnöde zurückgewiesen wurden. Anton denkt wohl in diesem kritischen Augenblicke daran, und er muß den Mund zum Lächeln verziehen, weil er sich's nicht ableugnen kann, daß es dieses nämlichen jungen Herrn Gelder sind, womit der neue Herr Baron sich ausstaffierte. So ändern sich die Zeiten, – und wir in ihnen, seufzte er leise. »Herr Baron«, empfängt ihn Theodor. »Sie häufen Großmut auf Güte. Gestern retteten Sie meine – meine Frau aus der schmachvollsten Verlegenheit, und heute kommen Sie mir zuvor, der ich mich vergebens bemühte, Ihre Wohnung auszukundschaften, was um so schwerer ward, da ich Ihren Namen nur oberflächlich kannte. Das ist der Herr«, – mit diesen Worten wandte sich der Sprechende zu einem dritten Anwesenden und schien froh, diesen seinen deutschen Landsmann deutsch anreden zu können, – »das ist der Herr, der meinem Bärbchen gestern einen kolossalen Dienst erwiesen hat. Stellen Sie sich vor, liebster Schmutzel, Bärbchen läßt vor einer großen Putzhandlung halten, schickt, weil das Wetter gut ist, Kutsche und Diener fort, in der törichten Absicht, die wenigen Schritte, die sie nach unserem Hotel noch zu machen habe, allein zu wagen. Sie wirtschaftet und befiehlt im Magazin herum, jagt Frauen und Mädchen durch alle Zimmer, läßt sich tausenderlei vorlegen, prüft, tadelt, wählt aus, macht die Leute verdrießlich, füllt endlich zwei riesenhafte Kartons mit teuren Empletten, fordert verächtlich ihre Rechnung, will bezahlen – und hat kein Geld bei sich. Die Dame vom Kontor macht ein langes Gesicht, doch Bärbchens Zuversicht beruhigt sie halb und halb. Man gibt ihr auf die Versicherung, daß sie dicht bei wohne, einen handfesten Markthelfer mit, dem, wie sie wohl hört, heimlich eingeschärft wird, Schachteln samt Inhalt nicht eher zu verabfolgen, als bis er das Geld dafür sehe. Sie gehen, treten in ein nahegelegenes Haus, und beim elften Schritt, den sie hineintut, entdeckt sie, daß sie sich in der Straße geirrt, daß sie sich in einer ihr völlig fremden Gegend befindet; daß dies Haus, welches sie im Vorbeifahren für unser Hotel gehalten, nur zufällig einige Ähnlichkeit mit demselben habe. Der Bursche wird unartig, der Portier mengt sich hinein und schüttelt den Kopf. Bärbchen besteht darauf, man solle die Sachen in ihre Wohnung tragen, die Männer erwidern, das gehe nicht so, dergleichen Schwindeleien kenne man schon, und was ähnliche Artigkeiten mehr sind. »Erst kein Geld bei sich haben? Dann seine eigene Wohnung nicht wissen? Fort zum Kommissär!« In diesem schrecklichen Moment erscheint der Herr Baron, – ein Wort im Vorübergehen vernommen, genügt ihm, zurückzukehren, er bietet seine Dienste an, er bezahlt die Note, schenkt dem Träger einen Napoleon, nennt ihn einen impertinenten Schurken, reicht Bärbchen den Arm, bringt sie bis hierher, nennt, dringend befragt, flüchtig seinen Namen und entzieht sich unserem Danke. Heute aber bemüht er sich, uns die erste Visite zu schenken! – Das heiße ich einen wahren Gentleman!« Während dieser Rede, die Anton nicht mit anzuhören brauchte, weil der Inhalt derselben schon auf seinem Register stand, wiederholte er sich die ganze Aufgabe im Gedächtnis; und da er auf den fünften Paragraphen der Instruktion stieß, welcher ausdrücklich lautet: »bisweilen deutsch reden, doch nur gebrochen«, nahm er allsogleich im schönsten gebrochensten Französisch-Deutsch das Wort, Herrn van der Helfft zu versichern, er sei gekommen, nicht um sich danken zu lassen für eine Kleinigkeit, die sich ja von selbst verstehe, sondern lediglich, um nicht den Anschein zu geben, als wolle er zögern, seine Auslage wieder zu empfangen, was Personen dieser Art gegenüber aufdringliche und unverzeihliche Frechheit sein würde. »Ich sage es ja, ein echter Kavalier!« rief Theodor und bat dringend um gefällige Rücknahme des kleinen Vorschusses von fünfhundert und fünfzig Frank, die Anton in sein Geldtäschchen steckte, gleichgültig scheinend, während es ihn kalt überlief. (Freilich stand in Bärbels Unterweisung zu lesen: »Alles, was Geld heißt in dieser Komödie, fließt aus meiner Kasse!« Sehr schön; aber wer füllte denn diese?) »Sie waren in Deutschland, Baron?« fragte Herr von Schmutzel. »Verschiedene Male, immer nur wenige Monate«, erwiderte Anton, abermals einen Paragraphen aus der Instruktion zitierend, »in Aachen und in Baden-Baden.« Dabei suchte er diesen Worten den vorgeschriebenen Anhauch von Verschmitztheit zu geben, der ihm so trefflich gelang, daß Schmutzel, mit Theodor einen Blick des Einverständnisses wechselnd, zutraulich fragte: »Vielleicht sind Sie gar von den Unseren?« »Ja und nein«, antwortete Anton, »wie Sie es nehmen wollen. Ich bin zu ungeduldig, zu jugendlich leichtsinnig, zu vergnügungssüchtig, mit einem Worte noch zu kindisch, um persönlich angestrengt und ausdauernd am grünen Tische zu arbeiten. Aber wo ich noch am Geschäfte teilnahm, sah man mich gern; denn ich bin nicht unglücklich in Bekanntschaften mit reichen Muttersöhnen, die leicht Behagen an mir finden und dann wie Lämmer an mir hängen. Lämmer zu entdecken und zuzuführen, darin suche ich meinesgleichen.« »König aller Barone!« rief Schmutze! wahrhaft begeistert aus. Anton verneigte sich dankend, wußte jedoch keineswegs, wofür er die Huldigung empfangen. Diese Stelle aus seiner Rolle hatte er wörtlich memoriert, ohne ihre Bedeutung recht zu verstehen; – wie dieses ja auch manchen Schauspielern widerfahren soll! Er war also doppelt froh, daß die Konversation durch Bärbels Eintritt unterbrochen wurde. Diese trat völlig unbefangen auf, erleichterte durch ihr Dazwischenkommen seine verfängliche und drückende Stellung und ging, nachdem sie die herkömmlichen Danksagungsformeln für gestern noch einmal abgetan, in ihrer Dreistigkeit – um nicht Unverschämtheit zu sagen – so weit, Theodor aufmerksam zu machen auf die merkwürdige Ähnlichkeit des Herrn Baron mit jenem Korbmacherjungen aus Liebenau, der an dem »bewußten ersten Abend« beim Erntekranzfeste zugegen gewesen! »Richtig«, sagte Theodor, »das ist's! Wußte ich doch gar nicht, wo ich die Ähnlichkeit suchen sollte, die mir gleich beim ersten Anblick des Barons auffiel! Richtig, der Liebenauer Korbmacher! Entschuldigen Sie, teurer Baron, daß Sie einem solchen gemeinen Bengel ähnlich sehen. – Was war doch aus ihm geworden, meine Gute? Wie? Ist er nicht davongelaufen? Ich dächte, meine Beamten hätten mir davon gesprochen?« »Freilich«, entgegnete Bärbel, »davongelaufen bei Nacht und Nebel. Und längst gestorben und verdorben; man hat nichts mehr von ihm vernommen. Gott habe ihn selig.« Durch diese kühne Wendung hatte das schlaue Weib auch die letzte Bedenklichkeit beseitigt, welche Theodors Argwohn gegen einen Baron von ihrer Fabrik vielleicht hätte erregen können! Von jetzt an gehörte Anton unter die schlechte Gesellschaft, die sich bisweilen die gute nennt. Siebenundvierzigstes Kapitel Die meisten Spieler von Profession, mögen sie noch so erpicht sein auf baren Gewinn, mögen sie, schäbigen Wucherern gleich oder hungernden Geizhälsen, sich am Glanze des Goldes letzen, sind mehr oder weniger doch Verschwender, Schwelger, Schlemmer, jeder frivolen Laune des Augenblicks frönend. Selten findet sich einer, der schlau genug berechnete, seiner Zukunft zu gedenken und wenigstens etwas von dem mit Todesschweißen und Angstblut befleckten Raube in Sicherheit zu bringen. Ein solcher gehörte zu Theodors Umgebung. Der größte Teil der Summen, die letzterer verlor, – denn durch große Verluste erkaufte seine Torheit das beklagenswerte Glück, mit Rittern vom Stegreife durch dick und dünn reiten zu dürfen, – wanderte in die tiefen Taschen des Herrn von Zwack; unter seinesgleichen nur der »Wohltäter« geheißen. Diesen tugendhaften Beinamen verdankte er der Herzlosigkeit, der eisigen Kälte und Grausamkeit, womit er die Verzweiflung unglücklicher Schlachtopfer zu belächeln pflegte, denen, wenn sie aus seinen kunstfertigen Händen kamen, gewöhnlich nur die Wahl blieb zwischen Arbeitshaus und Selbstmord. Dieser Wohltäter der Menschheit konnte, wie Rosenkranz nicht ohne Güldenstern und Güldenstern nicht ohne Rosenkranz, so nicht ohne Herrn von Schmutzel gedacht werden; sie ergänzten sich gegenseitig auf ihren Kunstreisen. Und wie zwei Personen jenes Kalibers in Shakespeares Augen dazu erforderlich schienen, einen faden Hofkavalier abzugeben, so gehörten zwei ganze Schurken zusammen, um nach Wohltäters Meinung einen vollständigen Kavalier der Industrie zu bilden. Er lieferte das vollwangige, rote, mild lächelnde Vertrauen einflößende Biedermannsgesicht; Schmutzel seinerseits gab den derben, kräftigen, soldatischen Vertreter bei allen Ehrensachen und Schandehändeln. Der Wohltäter handhabte die Karten, Herr von Schmutzel führte die Pistolen, wenn vielleicht ein Voreiliger naseweis genug gewesen sein sollte, sich zu verwundern, daß die Karten immer fielen, wie sie fallen sollten! Den größten Beweis, wie sehr Wohltäter seinen erhabenen Ruf und Beinamen verdiente, gab wohl die innige Verbindung mit Theodor, dem sie eingeredet, er sei ihr Kompagnon; den sie auch wirklich, wenn es die Börsen anderer sogenannter »Lämmer« galt, bedeutende Summen gewinnen ließen, wodurch sie seiner albernen Eitelkeit schmeichelten; doch dieses nur, um ihm später noch bedeutendere wieder abzunehmen, sobald sie »unter sich« waren und ein kleines freundschaftliches Spiel zur Erholung vom »ernsten Geschäft« spielten. Wie weit Bärbel die Wahrheit durchschaute, wissen wir nicht. Ihr genügte daran, mit beiden Händen im Golde zu wühlen, jede ihrer kostbaren Launen befriedigen zu können. Seitdem nun endlich Anton der Ihrige war, bekümmerte sie sich um gar nichts mehr, als nur um sein ersonnene Gelegenheiten, so oft wie möglich mit ihm zusammen zu sein, wäre es auch auf Viertelstunden, und versäumte von nun an nichts bei Theodor, was weibliche List erfinden mag, einen betrogenen Mann in dauernder Blindheit zu erhalten. Anton, durch neue Genüsse, durch ungewohnten Luxus, durch Überfluß und Üppigkeit eingewiegt, ließ auch sein Selbstbewußtsein schlummern. Manchmal wohl überkam ihn eine Ahnung von der Schmach solches Daseins – doch es blieb bei der Ahnung: denn bevor noch klare Einsicht daraus werden konnte, hatten Bärbels Liebkosungen Ahnung und Mahnung schon wieder verscheucht. Monate vergingen. – Monate, auf die unser Freund gar bald mit Schauder zurücksehen wird, wenn die schwellenden Blütenkränze, in deren betäubendem Duft sein Gewissen, sein Ehre, sein Rechtlichkeitsgefühl verstummten, verblühend abgeblättert sind, und er entdeckt, daß es Giftblumen waren, die sich zum Kranz um Schlangen gewunden. Jetzt noch täuscht, belügt er sich selbst. Er spottet seiner sentimentalen Sehnsucht nach Adele; er nennt sich einen Toren, weil er Käthchens Frieden geschont; er macht sich Vorwürfe, daß er sich jemals von dankbarer Treue für Laura zurückhalten ließ, daneben andere Bekanntschaften zu benützen, die man ihm darbot; – und seiner Großmutter gedenkt er gar nicht mehr; wenigstens bemüht er sich, ihrer nicht zu gedenken; dämmert jedoch ihr Bild unwillkürlich in seiner Seele auf, dann scheucht er es ängstlich, hastig zurück, indem er voll Zorn über sich selbst ausruft: was soll mir das? Sie war alt, und alte Leute müssen sterben! Der Wohltäter, Schmutzel, deren Gesellen, auch Theodor wissen ihn sehr zu schätzen. Er ist für ihre Zwecke von hohem Wert. Denn wie tief er auch schon versunken, wie groß der Abstand sein mag zwischen dem sogenannten Baron de la Vannière und jenem Antoine, der in Vlämerts Wachsfigurenkabinett das blonde Käthchen dem biederen Gatten wieder zuführte ... immer noch ist genug übriggeblieben und vorhanden von unserem ehrlichen, naturfrommen Anton aus Liebenau, daß er zwischen jenen Menschen sich ausnahm wie zwischen Dohlen und Raben die weiße Taube. Die Jugendfrische kindlicher Unschuld spricht freilich aus seinen Zügen nicht mehr; – aber noch künden sie ein reines, nur verirrtes Herz; noch wecken sie Vertrauen, fordern zu gläubiger Freundschaft auf. Und deshalb, – es ist fürchterlich zu denken, – deshalb hielten die Spieler ihn wert. Nicht etwa, um Geld von ihm zu gewinnen: darum war es ihnen nicht. Wenn sie schon nicht argwöhnen konnten, Theodor am wenigsten, es sei des letzteren Kasse, aus welcher der Baron den Baron beziehe, hatten sie doch bald eingesehen, bei ihm sei nicht viel zu holen. Folglich spielten sie mit ihm gar nicht, forderten ihn gar nicht dazu auf. Sie wollten nur seine Person um sich haben; sein Äußeres, seine bescheidene Anmut waren für sie das Aushängeschild, womit sie junge Fremdlinge, denen das Pariser Steinpflaster unter den Füßen und ihre Mutterpfennige in den Taschen brannten, und die ihnen der Mühe wert schienen, anzulocken suchten. Der Baron machte leicht Bekanntschaften, führte diese ihnen zu, ohne zu überlegen, was er tat. Und wenn die Ärmsten, dem liebenswürdigen, treuherzigen Jünglinge vertrauend, in die Raubhöhle abgeliefert waren, bemächtigte sich seiner jene Zauberin, die, dort waltend, im stillen ihr Wesen trieb. Einmal beim Kartenspiele vergaß Theodor alles, sogar Bärbels Reize, und Bärbel benützte jede Stunde für sich und ihre Zwecke. Nur ausnahmsweise geschah es, daß bei Theodor auch Damen gesehen wurden. Bärbel liebte das nicht. »Denn«, äußerte sie ganz richtig gegen Anton, »auf wen können wir rechnen? Nur auf meinesgleichen! Und meinesgleichen macht sich nicht besonders gut in großer Gesellschaft. Wir sind besser unter uns. Nicht wahr, Anton?« Desto häufiger wurden kleine Soupers gegeben, bei denen sie als Frau vom Hause unter lauter Männern präsidierte. Sie verstand, was bei ihrem Herkommen überrascht und für ihren Verstand Zeugnis gibt, mit sicherem Takte zu verhindern, daß die Tischgespräche der Herren aus dem Zweideutigen ins Unzweideutige übergingen. Was ihr aber den meisten Spaß machte und woran sie ein, ich möchte sagen, teuflisches Vergnügen fand, waren Bekenntnisse der Spieler, schamlose Enthüllungen ihrer Finten, Ränke und Verbrechen. Anton glaubte zu bemerken, daß sie diese frechen Anpreisungen schnöder List und Betrügerei deshalb so gern vernahm, weil sie dadurch in ihrem verachtenden Hasse gegen Theodor und dessen Umgebungen bestärkt, weil sie gewissermaßen dazu berechtigt wurde. Bisweilen entsetzte er sich bis zum Abscheu vor einem Wesen, das, alle Weiblichkeit verhöhnend, denjenigen haßt, betrügt, zugrunde zu richten strebt, dem es fortdauernd treue Liebe und Anhänglichkeit heucheln muß und kann; dann wieder regte die Naturwidrigkeit dieses Verhältnisses und seine eigene Stellung in demselben einen zwar krankhaften, doch eben darum desto unwiderstehlicheren Sinnen- und Seelenreiz in ihm auf, der ihn mit immer neuerwachender, unersättlicher Leidenschaft der Frevlerin verfallen ließ. Wir wollen den verworfensten aller Vagabunden, diesen umherziehenden Spielern von Handwerk, mögen sie nun in Europas Hauptstädten und Badeörtern mit Golde prunken, mögen sie in schmutziger Kneipe betrunkenen Bauern ihr Kupfergeld abgewinnen, – wir wollen ihnen in diesem Büchlein den Raum nicht gönnen, den harmlosere, wenn auch geringgeschätzte Umhertreiber anderer Gattung besser und unterhaltender ausfüllen würden. Wir wollen uns nur an ein kleines Pröbchen ihrer durch Bärbels Champagner aufgestörten und zur Sprache gebrachten Prahlereien im Gebiete ihrer Heldentaten halten und selbiges in gedrängter Kürze mitteilen. Herr von Schmutzel erzählte: »Vor zehn Jahren etwa, im Beginn meiner Lehrlingszeit, befand ich mich gänzlich auf dem Trocknen. Kein Coup wollte gelingen; nirgend eine Aussicht; die verfluchte Polizei hinter uns her; wenig Geld im Städtel: hochbeinige Zeiten: keine Courage – mochte kein Hund so länger leben Spieler von Metier lieben es, mit einigen aufgeschnappten Phrasen aus Dichtern, die sie selbst niemals lasen, um sich zu werfen, damit man sie für Leute von ästhetischer Bildung halte. ! Wer kommt eines Morgens zu mir? Jod, der Lump, der Schuft, der uns in W. verraten und die Gendarmen über den Hals geschickt, daß sie das ganze Nest ausnahmen, weil wir ihn aus der Kompagnie gestoßen. Ich springe zum Bett heraus und will ihn über die Treppe werfen. Er schreit mir entgegen: »Gnädiger Herr, eh' Sie mich schlagen, hören Sie, was ich Ihnen vorzuschlagen hab'; nachschlagen können Sie immer noch!« » Bon ! Ich denke: du hast recht; erst will ich hören; über die Stufen fliegst du zeitig genug.« Aber er flog nicht. Denn er kam als Bote des Obersten U. (ein echter konsumierter Grec, dieser Oberst, auf Seele!) und brachte mir von diesem und in dessen Namen den süperbsten Vorschlag, dessen Ausführung mir anvertraut wurde, den ich annahm, vorbereitete, siegreich ins Leben setzte – und dessen Resultat ich euch folgendermaßen wie eine zarte Novelle kunstvoll und drastisch vortragen werde mit dazugehörigen Schikanen und Effekten wie ein Romanschmierer. In dem Gebirgsörtchen K., unweit der †††schen Grenze, langt im Januar durch tiefen Schnee ein einzelner Reisender mit gebrechlichem Wagen an, hält vor dem einzigen, dort befindlichen, anständigen Gasthause, stellt sich leidend, mietet ein Zimmer und bringt auf diesem wie der schöne Einsiedler etliche sehr langweilige Tage zu, die er lediglich durch »Sekt«, vulgo Champagner, arrosiert. Nach und nach sucht er die Bekanntschaft des Wirtes, läßt sich mit selbigem Schafskopf auf Plaudereien und vertrauliche Entdeckungen ein: zieht ihn, trotz aller Schafsköpfigkeit, in seine Geheimnisse; flüstert ihm zu, daß er eigentlich in der Absicht reise, den ganzen großen Koffer voll Spielkarten, den er da hinten auf seine Kutsche geschraubt habe, ins †††sche einzuschwärzen; daß er aber jetzt kaum imstande sei, diesen lukrativen Plan auszuführen, weil er sich krank und matt fühle; hauptsächlich auch, weil er mit seinem alten Fuhrwerk unmöglich über die Berge voll Schnee auf Seitenwegen gelangen könne und außerdem befürchten müsse, viel strenger visitiert zu werden, wenn er den ungeheuren Koffer vereinzelt auf einem Schlitten bei sich führen wolle. Unterdessen verschleicht ein Tag nach dem anderen; der Reisende versäumt nicht, sich möglichst festzufressen, vielmehr zu saufen. Wie seine Rechnung wächst, fängt der Wirt an, Besorgnis zu zeigen, weil vom Bezahlen noch nicht die Rede war. Da rückt der Reisende mit dem Bekenntnis hervor, daß er schlecht bei Kasse sei. Der Wirt zeigt sich unangenehm, der Reisende stellt sich verlegen. Der Wirt droht. Der Schuldner, ohne deswegen dem Champagner zu entsagen, bietet seinem Gläubiger den alten Reisewagen an, der natürlich mit gebührender Geringschätzung als wertlos zurückgewiesen wird. Da offeriert er seinen Kartenvorrat, und zwar zu einem Spottpreise für den möglichen Fall, daß Herr Schafskopf die nötigen Einkäufe zur bevorstehenden Saison noch nicht gemacht habe. Denn K. gehört zu einer besuchten Badeanstalt, wo es von Russen und Polen wimmelt, deshalb sehr stark daselbst gespielt wird; und dieses in dem nämlichen Gasthaus, wo meine Komödie vor sich geht. Der Wirt, der Stempelpapier und Spielkarten debitiert, beißt an. Er kauft fürs halbe Geld, gleicht die mit doppelter Kreide geschriebene Rechnung aus, freut sich, den dummen Reisenden tüchtig geprellt und sich auf unzählige Sommer im voraus verfolgt zu haben. Der arme Wanderer zieht wie ein Bettler von dannen, und der erste Akt ist aus. Zweiter Akt. Schöner Sommer, brillante Saison, Überfluß an Gästen und Dukaten. Grand jeu ! Alle Karten, wie sie frisch und glatt aus dem Vorrat des unverdächtigen Schafskopfs entnommen werden, sind beschnitten, bezeichnet, anderweitig präpariert. Die Unternehmer der Bank und der übrigen Spielgelegenheiten haben sie für diesen Zweck bearbeitet. Natürlich gewinnt die Bank oder vielmehr diejenigen ihrer Associes, die als Pointeurs auftreten, unermeßlich; Rußland, Polen und Deutschland werden ausgebeutet bis auf den Grund. Allgemeines Erstaunen. Was den armen Reisenden vom vorigen Winter betrifft, ist dies niemand anders als dero hier anwesender untertäniger Diener, der durch diesen Kommerz vom Trocknen ins Fahrwasser geriet und seitdem ganz leidlich schwimmt.« Die Zuhörer überschütteten Herrn von Schmutzel mit lebhaften Zeichen ihrer innigen Bewunderung, die der bescheidene und ehrenhafte Mann verschämt ablehnte, indem er dem Erfinder seine Ehre gebührend reserviert wissen wollte. Anton rückte mit seinem Stuhle und war sichtlich im Begriff aufzuspringen, um seinem Herzen Luft zu machen ... aber Bärbel stellte ihren Fuß auf den seinigen, und er ... schwieg und blieb. Noch war der Zauber nicht verflogen, der ihn umnebelte. Achtundvierzigstes Kapitel Es ist dem Verfasser, der Anton liebt, schmerzlich und peinvoll, diese finstere Periode im Leben des Wanderers umständlich zu behandeln. Ich wünsche, bald davon loszukommen, und hoffe dabei auf Zustimmung meines gütigen Lesers, insofern dieser bereits auch schon einige Neigung für unseren Liebenauer gewonnen hätte! Der schönen Leserin glaube ich ohnedies sicher zu sein; sie wird sich jedenfalls danach sehnen, Anton gerettet zu wissen, wenn auch diese Rettung nur durch schwere, fast tödliche Kämpfe erreicht werden soll. Deshalb nehme ich nicht den geringsten Anstand, über jene Monate, die Anton mit Theodor und dessen unwürdiger Gesellschaft verschweigt, einen Sprung zu machen, damit wir nur über den kotigen Winter und über den unseligen Frühling hinausgelangen, dessen lauer Blütenduft Bärbels wildeste Lockungen und Leidenschaften hervorrief. So fessellos tobte die Glut dieses verführerischen Weibes, daß sogar die ihr fast Zur zweiten Natur gewordene schlaue Besonnenheit unterlag; daß sie es nicht mehr der Mühe wert hielt, listige Ränke zu ersinnen, wie dieselben Theodor bisher in seinem Köhlerglauben bestärkt hatten. »Mag er es endlich begreifen, der hochweise Schwachkopf«, höhnte sie, »was will er einwenden? Was will er unternehmen? Er muß ja doch ducken; er kann ja doch nicht von mir los! Er bleibt ja doch mein Sklave!« Anton, dem Theodors eifersüchtige Unruhe und Bangigkeit nicht entging, vermied den Betrogenen, wo dies nur irgend tunlich war. Dagegen nahm jetzt Bärbel keine Rücksicht mehr, die Wohnung in der Straße d'Enfer zu besuchen, und zwar als Mann gekleidet, wie wir sie schon früher in Onkel Nasus' Schloß gesehen. »Aus der Spielhölle in die Liebeshölle!« pflegte sie jedesmal bei ihrem Eintritt auszurufen. Begreiflicherweise nahm sie mit ihren unersättlichen Forderungen jeder Art Antons ganzes Dasein in Anspruch, wodurch dieser sogar dem oberflächlichen Tröste anderweitiger Zerstreuungen entzogen wurde, sich auch verhindert sah, die Theater zu besuchen, was er sonst recht gern und oft getan hätte. Wochenlang mußte er sich zufriedenstellen mit Durchlesung der Programme. In diesen fand er denn eines Tages angezeigt, daß eine Signora Carina in Rossinis Othello als Desdemona auftreten solle. Signora Carina konnte keine andere sein als jene Frau, die mit dem Hute einsammeln ging, während Herr Carino auf des armen Geigers Violine spielte; keine andere: dieselbe Frau, die ihn so durchdringend betrachtete, mit ihm zu reden begonnen hatte, wie sie seine Gabe empfing und von der Bärbels Dazwischenkunft ihn abgelenkt. War ihm doch seitdem auch Carino samt allen Liebenauer Erinnerungen gänzlich aus dem Gedächtnis geraten! »Wie wär's«, meinte er, »wenn ich es darauf anlegte, Theodor und Bärbel heute in die Oper zu überreden? Es wäre mir interessant, diese Frau wiederzusehen, sie als Sängerin kennen zu lernen, und daraus ergibt sich vielleicht eine Möglichkeit, meinen alten Gönner und Freund, den Musikdirektor, aufzufinden, der nicht weit sein dürfte, wo seine Gattin erscheint!« Sogleich sicherte er sich eine kleine Loge, zog Bärbel ins Interesse, verschwieg ihr nicht, welche jugendlich beseligenden Träume von Onkel Nasus und dessen Weinlaube sich für ihn mit Carino verknüpften, und beschwor sie, diese unschuldige Freude ihm nicht zu mißgönnen. Bei »Onkel Nasus« brach die Unbändige in freches Jubelgeschrei aus, da sie des schwarzen Pflasters, auf dessen rote Nase geklebt, dachte; doch mitten im gellendsten Hohngelächter hielt sie inne und schwieg nachdenklich; wahrscheinlich weil ihr damaliger Gefährte, der schwarze Wolfgang, ihr in den Sinn kam. Von diesem reden, nur sein Andenken bei Bärbel rege machen, hieß soviel als sie für einige Minuten sanft und nachgiebig stimmen. Sie willigte ein. Theodor, der Musikhasser; ward zur Oper gezwungen. Othellos Auftreten erschütterte Anton. Der Anblick des Afrikaners versetzte ihn neben Vlämert, Käthchen führte ihn im Geiste unter jene Schar lebloser Menschengesichter, die er solange gehegt, gepflegt, abgestäubt, ein- und ausgepackt, vor denen er sich bis zum letzten Tage gefürchtet hatte. Er konnte nicht umhin, die Veränderung zu beseufzen, die mit ihm vorgegangen seit der Trennung von Käthchen. »Ich bin viel schlechter geworden als ich im vergangenen Jahre gewesen!« murmelte er vor sich hin, während Bärbel hinter Theodors Rücken ihm die unverschämtesten Vertraulichkeiten zumutete. Signora Carina war allerdings die Begleiterin Carinos, war dieselbe, die für den armen Geiger gesammelt und dabei mit Anton beredte Blicke gewechselt hatte. Er erkannte sie augenblicklich. Die Arme mußte sich abquälen. Man hörte ihr an, daß sie einst vortrefflich gesungen; einiges gelang ihr noch heute. Aber Kraft wie Schmelz der Stimme schienen verloren; sie entwickelte kein Selbstvertrauen mehr; einige hohe Töne versagten; einige kunstreiche Figuren mißrieten; jung war sie auch nicht mehr ? die Spuren einstmaliger Schönheit vermochten nicht, sie vor Unglück zu schützen; ihr Urteil war gefällt. Schon im zweiten Akt ließen sich gellende Töne des Tadels vernehmen, deren feindselig schauderhafte Schärfe das Herz der Unglücklichen zu durchschneiden schien. Sie zuckte zusammen, wie wenn Messer ihre Brust verwundeten. Anton empfand mehr als gewöhnliches Mitleid, er fühlte innige Teilnahme für sie, fühlte sich zu ihr hingezogen in jener Sympathie, die oftmals eben nur vorhanden ist, ohne daß man Gründe für das Vorhandensein anzugeben vermöchte. Er applaudierte aus Leibeskräften, obgleich Theodor seinen schlechten Geschmack bespöttelte. Endlich schlug dieser sich gar auf die Seite der lautesten Gegner, stimmte fast wütend in die rohen Äußerungen des Mißfallens ein und gebürdete sich dabei so rücksichtslos und absichtsvoll, daß es wirklich den Anschein gewann, sein Zischen und Höhnen gelte minder einer ihm höchst gleichgültigen Sängerin als vielmehr dem sie protegierenden »Hausfreund«, dem er durch die Opposition das erwünschte Zeugnis lange verhaltenen und ausbrechenden Grolles ablegen wollte. Bei der Romanze von der Weide, dieser einfachen, himmlischen Melodie, durch die der Schwan von Pesaro, wenn er sonst nichts gesungen, unsterblich sein würde, bildeten sich im Saale zwei entgegengesetzte Parteien. Die Carina trug dies Sterbelied eines scheidenden Engels mit so vollendeter Meisterschaft vor, der Schmerz ihrer Seele über schon erlittene Schmach redete so tief und ergreifend aus diesen Klängen, daß böser Wille und unerbittliche Kritik verstummten. Für einen Augenblick beruhigten sich die Gegner, – vielleicht hätte diesmal der Beifall unbefangener Hörer gesiegt! Da rief Theodor das Gesindel aufs neue wach; er gab das Signal zum Wiederausbruch des Pfeifens. Aber kaum hatte er, durch Bärbel ermuntert, diese Heldentat vollbracht, – durch Bärbel, die der beklagenswerten Sängerin Antons Teilnahme und Mitgefühl nicht zu gönnen schien, – als dieser auch schon dem sehr edlen Herrn Theodor van der Helfft einen überschwenglichen Backenstreich ins hämisch lächelnde Antlitz geschlagen und dabei in lautem, allgemein verständlichem Französisch ausgerufen: »Sie sind ein feiger, infamer Schurke!« »Das kostet Blut, Baron«, schrie Theodor, der ihn an der Brust packte. »Ich verlange es nicht besser«, antwortete Anton, »aber erst noch eine Brandmarke auf die andere Backe!« Der Tumult wurde allgemein. » A la porte !« erscholl es von oben bis unten. Bärbel riß die Schäumenden auseinander, ergriff Antons Arm, weil es ihr um den Geliebten am meisten zu tun war und sie verhindern wollte, daß er sich heute abend aus ihren Augen entfernte. Er selbst, dem Zorn und Rache den Kopf durchwirbelten, ließ sich fortziehen, ohne zu wissen, wohin. Theodor folgte, vom spöttischen Gezisch der Umstehenden begleitet, die sich in den Korridors zusammengedrängt. Nur Bärbels schier unweiblicher Körperkraft war es möglich, die Rasenden im engen Wagen auseinanderzuhalten. Theodors Nägel suchten fortwährend Antons Gesicht und Kehle. Dieser wies ihn zurück mit den stets wiederholten Worten: »Geduld, mein Herr, scharfe Klingen kratzen tiefer!« Im Hotel angelangt, bei verschlossenen Türen, begannen diese drei Menschen einen jener Auftritte, wie sie nur da möglich sind, wo ungezügelte Leidenschaften zu bestalischer Wildheit ausbrechend, den letzten Zaun zerreißen, den herkömmliche Sitte ihnen bisher noch auferlegte. Jetzt galt auch für Bärbel kein Bedenken, kein Zurückhalten mehr. Die Lüge, die sie seit länger als drei Jahren durchgeführt, konnte nicht weiterdauern. Einer von beiden, die sie ihr gehörig wähnte, mußte verbluten. Nach ihrer Meinung, nach ihrem Willen war Theodor schon zum Opfer ausersehen; sie sagte sich jetzt offen von ihm los. »Ich habe dich nie geliebt«, schrie sie ihm entgegen, wie er mit Anton wieder anbinden wollte. »Du Schwächling bist nicht der Mann, die unergründlichen Tiefen meiner Begierde auszufüllen. Dir habe ich mich ergeben, um dich zu beherrschen und durch dich dein Geld. Diesen liebe ich; diesen habe ich geliebt, während ich an deiner Seite lebte. Und weißt du, wer es ist, den ich dir vorziehe? Kennst du deinen beglückten Nebenbuhler? Eitler Tor! Dieser Baron aus meiner Fabrik, aus der Mache einer Zigeunerin, ist kein anderer als der schöne Korbmacherjunge aus Liebenau, den ich liebte, dessen ich begehrte, wo ich noch nackend und bloß umherschweifte, der mich damals verschmähte, den ich mir jetzt gewonnen, den ich nicht mehr aufgebe. O schlage dich nur mit ihm! Wie er dir überlegen ist im Kampfe der Liebe, wird er es auch im Kampfe der Waffen sein. Zwiefacher Sieger wird er aus diesem lächerlichen Streite hervorgehen. Denn du hast keinen Mut, keine Kraft, keine Tapferkeit. Glühte nur ein Funke Mannheit in dir, flösse nur ein Tropfen kühnen Blutes in deinen Adern, so läge Anton entseelt auf dem Fußboden unserer Loge im Theater. Wie er dich ins Gesicht schlug, war es noch in deiner Hand. Den kecken Beleidiger erwürgen mußtest du und über seiner Leiche mich zwingen, die deinige zu bleiben. Dann hätte ich wenigstens Furcht vor dir gehabt wie vor dem schwarzen Wolfgang, vor dem ich heute noch bebe, obschon er tot ist. Aber du – geh', ich verachte dich. Und nun holt Degen herbei, laßt euch zur Ader. Doch aus deinen Wunden wird nur Wasser fließen.« Nicht blaß, nicht bleich, – grün im Gesichte stand Theodor vor ihnen. »Also nicht der Baron de la Vannière? Ein Imposteur? Ein gemeiner Dorfjunge, der von meiner Herrschaft entwich? Ein Betrüger? Desto besser, so brauche ich ihn nicht zu züchtigen mit eigener Hand; so darf ich, ohne meiner Ehre nahezutreten, ihn den Behörden zur Bestrafung übergeben. Und das wird geschehen. Morgen früh setze ich unsere Gesandtschaft in Kenntnis, diese mag das übrige tun. Jetzt, Schlingel, hinaus, oder meine Leute sollen dich mit Peitschen hinaustreiben!« »Wirf ihn nieder! Durchbohre ihn!« keuchte Bärbel, ein spitzes Vorschneidemesser vom Büfett nehmend. Und sie erhob es drohend. Theodor wankte. Zu ihr gewendet, flüsterte er, daß es der Gegner nicht hören solle: »Treulose, Verräterin! Undankbare!« Er sank schluchzend in einen Sessel. Anton entblößte seine Brust. »Hier hinein senke diesen Stahl«, sprach er zu Bärbel gewendet, »vollende dein Werk an mir. Zaudere nicht. Wenn du's nicht tust, tue ich's.« Bärbel schleuderte die blitzende Klinge weit weg, daß die Spitze des Messers im Rahmen eines Wandspiegels steckenblieb. Dann flog sie in Antons Umarmung. Dieser wies sie kalt und düster zurück. »Herr van der Helfft hat wahr geredet«, fuhr er fort. »Ich bin ein Betrüger, ein Fälscher, ich bin reif fürs Zuchthaus. – Dank sei dir und dem sündlichen Zauber deiner Schönheit. Ich schaudere vor mir selbst. Noch ist der Bann nicht aufgehoben, den deine Liebestränke über mich verhängt haben; – doch die Binde ist von meinen Augen gefallen. Geschehe mir, was da wolle, ich füge mich. Was du beginnen wirst, gilt mir gleich. Bleibe bei ihm , mache dich los von ihm, – gleichviel! Wir beide sehen uns nie mehr wieder.« Es lag soviel Aufrichtigkeit der Zerknirschung eine solch innerste Vernichtung in Antons Ausspruch, daß Bärbel davon betroffen aus ihrem Toben in eine Art von Stumpfsinn überging. »Wir? – nie mehr?« Weiter brachte sie nichts hervor. »Niemals! Bei dem Andenken meiner Großmutter!« sagte Anton. »Es kann dein Ernst nicht sein!« »So wahr ich's dem schwarzen Wolfgang gelobt, da er – dein Opfer – in diesem meinem Arme starb.« »Du hast die Versprechen unzähligemal vergessen.« »Dafür hat mich diese Stunde um so fürchterlicher daran gemahnt. – Laß mich ziehen, Weib! Ich berühre dich nicht mehr. Ich schwöre es bei Gott!! Zwinge meine Lippen nicht, einen fürchterlichen Fluch für dich auszusprechen; – im Kusse werden sie die deinen nicht mehr berühren. Laß mich ziehen und bringe den da zu sich. Er liegt im Starrkrampf. Nimm dich seiner an.« »Mag er verfaulen, ich hasse ihn! – Toni, bleib'! Sage mir, daß wir uns wiederfinden, daß du mein sein wirst wie bisher. Wenn du mich meidest, es ist dein Tod oder der meine!« »Dein Tod ist mein Leben; mein Tod ist mir lieber als ein Leben mit dir!« – Er ging. Bärbel ließ ihn gehen, ohne sich zu regen. Einem Leichnam ähnlich stand sie vor dem Sessel, auf dem Theodor bewußtlos lag. Anton schwankte wie ein Schlafender durch die Diener im Vorzimmer. Auf der Straße tat er einen Atemzug, sog die Nachtluft gierig ein und betete zu den Sternen hinauf: »Lieber Himmel, laß mich morgen von diesem furchtbaren Traume erwachen.« Dann eilte er seines Weges. An der Ecke der Straße hörte er »Anton! Anton!« hinter sich her rufen, wie wenn der Klang der Stimme aus der Höhe über ihn käme. Er verdoppelte die Hast seiner Schritte. Nach Mitternacht erreichte er seine Wohnung in der Straße d'Enfer. Neunundvierzigstes Kapitel Anton verfiel in einen tiefen, festen Schlaf, wie er desgleichen nicht genossen seit Bärbels Umgang und seit der dadurch herbeigeführten Verbindung mit Theodor und dessen Genossenschaft. Denn so lange dies Verhältnis bestanden, war unser Freund, zwischen Lust und Gram, zwischen Trotz und Reue, zwischen Begier und Abscheu hin und her geworfen, zu keiner eigentlichen Ruhe gelangt. Aus dem Tage Nacht machend und umgekehrt, je nachdem sein dissoluter Verkehr oder die vorsichtig gefühlte Intrige mit Bärbel dies verlangten, dabei in stets wacher Besorgnis, daß die Lügen und Schwindeleien, zu denen er sich hergeben mußte, verraten werden könnten, blieb er fortdauernd in naturwidriger Aufregung, die ihm jenen sonst besessenen Frieden stärkenden Schlafes raubte. Jetzt schien mit der Gewißheit aller über ihn hereingebrochenen Schmach und Schande die ängstlich harrende Befürchtung gewichen, und seine qualvolle, zerstörende Leidenschaft für Bärbel, die an ihm genagt, wie wenn sie sein Lebensmark aufzehren wolle, schien auf eine ihm selbst unerklärliche Weise erloschen. Erloschen und ausgebrannt, abgestorben von dem Augenblicke an, wo er, aus Theodors Hotel fliehend, seinen deutschen Namen wie von den Dächern herab hinter sich her tönend vernommen. Er vermochte nun schon an die braune Bärbel zu denken ohne jene nagende, lüsterne Marter zu empfinden, die ihn seither schmerzvoll und dennoch unwiderstehlich angetrieben, zu ihr zu eilen, um in ihren Armen Linderung zu suchen oder doch Betäubung. Mit solchem Troste schlief er wirklich ein und betrachtete denn auch, da der schönste Sommermorgen aus blauem Himmel strahlte, sein gestriges Flehen zu Gott schon halb erfüllt. Aus dem finsteren Traume, den er so lange geträumt, der wie ein Alp auf ihm gelegen, fühlte er sich wahrlich erweckt. Nur matt, schwach trotz seines festen Schlafes abgelebt bis zum Tode. Die Nachwehen verschwelgter Monate machten sich schon geltend, da kaum der wilde Rausch verrauchte, der sie bis jetzt überboten. Was sonst noch kommen sollte als wohlverdiente Strafe und Buße für den Verrat, den ein irregeleiteter Jüngling an sich selbst, an seiner eigenen Ehre, an der Achtung für sein besseres Ich frevelnd verübt, – das in Demut über sich ergehen zu lassen, war Anton still bereit und fügte sich im voraus. Theodors niederschmetternde Worts dröhnten noch in seinem Gedächtnis nach, sie trieben ihn an, wenigstens gutzumachen, was etwa gutzumachen blieb für einen, der vom Pfade des Betruges auszubiegen den festen Willen hegte. Er sonderte demnach gewissenhaft Kleidungsstücke und Wäsche. Die älteren, abgetragenen Bestandteile seiner Garderobe, wie er sie aus der ersten bescheidenen Wohnung in Paris bei seiner Übersiedelung hierher mitgebracht, sammelte er in eine dürftige Kiste, fügte seine Bücher, hauptsächlich seine Papiere, unter denen das Tagebuch den größten Raum einnahm, dazu und seufzte: Das ist mein! Alles übrige, womit Bärbels Verschwendung ihn überschüttet, womit sie ihn gezwungen, sich auszuputzen, Schmuck, Uhren, Ketten, Juwelen, unzähligen unnützen Kram mit eingeschlossen, legte er in einen großen, prachtvollen Koffer. Ebenso raffte er zusammen, was er an barem Golde oder Bankscheinen zur Verfügung besaß, schlug die Summe in ein Paket, welches er mit den Worten überschrieb: »Besser spät als gar nicht«, und schob das auch in den Koffer. Und diesen, fest verschlossen, die Schlüssel versiegelt, ließ er ohne Aufschub an den Kammerdiener des Herrn van der Helfft befördern, durch den er sich eine schriftliche Bescheinigung über richtigen Empfang erbat. Eine solche wurde denn auch vom »Kommissionär« zurückgebracht, doch erst nach langem vergeblichen Harren, das Anton um so ungeduldiger machte, je heißer seine Sehnsucht entbrannte, die Räume, die er jetzt noch innehatte, meiden zu dürfen und der Straße d'Enfer für ewig den Rücken zu wenden. Jedes Geräusch machte ihn zittern, weil er die Gefürchtete erwartete. Als nun endlich der Mensch wiederkam und von Anton angerufen wurde: »Um Gottes willen, wie lange zaudert Ihr?« Da entgegnete er: »Ich habe die größte Mühe gehabt, den Kammerdiener überhaupt nur zu sprechen und ihn zur Abfassung dieser Schrift zu bewegen. Das ganze Hotel befindet sich in einer Art von Aufruhr, alles läuft durcheinander, kein Mensch hat den Kopf auf der rechten Stelle. Die junge, schöne Kreolin, die Begleiterin des reichen Herrn aus Deutschland, hat sich in jüngstvergangener Nacht vom obersten Dachboden in die Gasse gestürzt! man hat bei Tagesanbruch den zerschmetterten, fast unkenntlichen Leichnam auf dem Straßenpflaster gefunden.« Diese Nachricht gab der vielbeschäftigte Mann wie eine gewöhnliche Neuigkeit, erkundigte sich, ob der Herr Baron sonst noch etwas zu befehlen habe und ging, durch ein » merci, non !« verabschiedet, fröhlich und guter Dinge davon. – – – »Also deshalb konnte ich schlafen?« murmelte Anton düsteren Blickes vor sich hin. »Die Zauberin ist tot! Der Zauber ist gebrochen. »Meine schöne Freundin ist tot! »Tot! Bärbel tot! Die anmutsvolle, üppige Gestalt! die glatten Schlangenglieder, die mich tausendmal umwanden, der schlanke Hals; die zarte Brust ... zerbrochen, entstellt, blutig, mit Straßenschmutz befleckt ... das wilde, feurige Antlitz unkenntlich ... ihr Auge starr ... um meinetwillen! Ja meinetwillen!! »Aber dennoch kommt ihr Blut nicht über mich! »Unschuldig bin ich dennoch an ihrem Tode. Sie hat größere Schuld gegen mich! sie hat mich mir selbst geraubt! ich war ihre Beute. Nur ihr Tod konnte mich erlösen von der ewigen Angst, sie wiederzusehen, wieder zu unterliegen. Sie ist tot ... ich bin frei! – – – frei, bis sie kommen, mich ins Gefängnis abzuholen!« Dann wieder überließ er sich traurigen Aussichten für sein Geschick im allgemeinen, versank in trostlose Träume, fand keinen Mut mehr, sich zu ermannen, bis der Abend einbrach. Er hatte den ganzen Tag über keine Nahrung zu sich genommen, er fühlte das Bedürfnis dazu nicht. In der Dämmerung sah er bleiche, blutige Schatten. Aus jener Ecke erhob sich Bärbels schlotternder Leib auf zerbrochenen Gebeinen; das Jammerbild winkte ihm zu, und glühende Augen, glühend wie in Stunden der feurigsten Vereinigung, erschreckten ihn. Im anderen Winkel lag sterbend der schwarze Wolfgang, der ihm drohte, ihn schnöden Wortbruchs zieh. »Nun fort aus dieser Höllenstraße«, schrie er angstvoll. Seine schwere Kiste lud er mühsam auf die Schulter, und von ihrer Last niedergebeugt, verließ er die Behausung, die Madame Barbe gemietet hatte für den Baron de la Vannière. Keuchend, zum Tode matt, traf er nach einer martervollen Stunde bei den ehrlichen, armen Leuten ein, die ihn früher schon beherbergt. Sein Kämmerchen stand leer, wie er es damals verlassen. Sie empfingen ihn sehr freundlich. Er sagte, daß er von einer weiten Reise zurückkehre. »Und wie er krank aussieht!« meinte die alte Frau; »Gott, was muß er unterwegs gelitten haben!« »Ja«, erwiderte Anton, »es war ein weiter Weg, und ich habe viel gelitten. Gönnt mir ein wenig Ruhe.« Er legte sich nieder, nicht ohne schüchterne Hoffnung, daß diese Nacht vielleicht seine letzte werden solle! Doch abermals senkte sich der Schlaf über den entmutigten Jüngling, ihn stärkend und neu belebend, daß er zu stärkeren neuen Prüfungen erwache. Die ehrliche Hausfrau fragte nicht, ob er unterdessen vielleicht gänzlich verarmt sei, wenngleich sein Zustand daraus hinwies. Sie brachte ihm Nahrung, so kräftig, wie ihre eigene Armut ihnen gestattete. Das gab ihm einige Lebensfähigkeit; er vermochte wieder zu denken. Auch war es heute nicht mehr jenes rasende Wirbeldrehen der sich jagenden Gedanken, wie es ihn gestern dem Wahnsinn nahe gebracht. Er wurde fähig, in richtiger Schluß- und Folgereihe der letztvergangenen Tage Ereignisse zu überschauen und bis auf die Begebenheit zurückzuschließen, die seinen entschiedenen Bruch mit Theodor und mit ... ihr , deren Namen er nicht mehr aussprach, herbeigeführt. Dadurch kam er natürlich auch auf die italienische Sängerin, deren trauriges Schicksal er sich so sehr zu Herzen genommen und in deren Verteidigung gegen ungerechte Feindseligkeit er Theodor geschlagen hatte. Was war es denn zunächst, – diese Frage legte er sich selbst vor, – das mich so rücksichtslos verfahren ließ? Gewiß nicht allein mein lange zurückgehaltener Groll gegen ihn! Gewiß nicht allein der Überdruß an meiner Abhängigkeit von ihr! Gewiß ebensowenig der Anteil für eine gemißhandelte Künstlerin im allgemeinen! Nein, es gesellte sich etwas rein Persönliches dazu, nur von jener Frau und ihrer Erscheinung ausgehend. Und was konnte das sein? Ihre Beziehung zu Carino? Unmöglich. Ihre Kunstfertigkeit? Alle Achtung davor, doch das ist es auch nicht. Ihre Schönheit? Mein Gott, die gehört vergangenen Zeiten an. Was, um alles in der Welt, zieht mich denn zu ihr hin? Was empfand ich, da sie, mit dem Hute des Bettlers in den Händen, mir gegenüberstand? Eine unerklärliche Wehmut, einen innigen Drang, sie zu fragen, wer sie sei, weshalb sie mich so forschend betrachtete. Nur der Verstorbenen Zutritt, nur das Zeichen, welches diese mir gab, ihr zu folgen, lenkte meine Aufmerksamkeit von der Italienerin ab. Doch genau die nämlichen Empfindungen walteten wieder in mir vor, da ich die Frau auf der Szene sah und erkannte. Diese Empfindungen auch waren es, die mich Theodors übermütige Roheit, welche ich bei jeder anderen Gelegenheit vielleicht mit einem harten Worte gerügt haben würde, hier so wütend lachen ließ. In diesen Dingen liegt mehr als Zufall. Es knüpft sich ja in unerforschlicher Verkettung und Lösung mein Geschick daran: Anfang und Ende des Verhältnisses zu – zu der Verstorbenen! – Ich muß jene Frau aufsuchen; ich muß Carinos Wohnung erforschen; das kann nicht schwierig sein. Der erste Ausgang, zu welchem Anton sich ermannte, galt diesen Nachfragen. Auch wurde es ihm leicht, Carinos Spur zu entdecken. Aber leider kam er zu spät. Wo der Musiker und dessen Gefährtin gewohnt hatten, fand er beide nicht mehr. Man erzählte ihm, wie etwas Alltägliches, woran man bei solchen fremden Künstlern schon gewöhnt sei, es wären nach dem furchtbaren Fiasko, den die Signora in der Oper machte, zwischen ihr und Herrn Carino große Streitigkeiten entstanden; der Musikdirektor habe Madame mit Vorwürfen überhäuft, daß sie seinem in der Kunstwelt geachteten Namen, den sie obenein nur durch Vergünstigung trage, Schande bringe. Ein völliges Zerwürfnis sei die Folge dieser Streitigkeiten gewesen; Signora, mit Sack und Pack aufbrechend, hatte gestern abend bereits Paris verlassen. Herr Carino, dem für seine Person allein diese Wohnung zu teuer dünkte (der beste Bezahler war er ohnedies nicht, fügte man hinzu) – habe sich zur Zufriedenheit des Wirtes nach einer anderen umgetan, und in dieser ihn ausfindig zu machen dürfte Bedenklichkeiten haben, da der windige Musikant solche unfehlbar so ausgesucht hätte, daß sie seinen Gläubigern auf das längste unzugänglich bleiben könne. »Nun wohlan«, sprach Anton, »ich treibe mich so lange in den Straßen umher, bis ich ihm doch einmal begegne.« Das öfters erwähnte Tagebuch enthält aus dieser Periode sehr ausführliche Schilderungen. Eben weil diese des Schreibers innerliche Zustände aufs genaueste darstellen und von äußeren Begebenheiten wenig oder nichts zu melden haben, bieten sie dem Gange der Handlung keinen Stoff, dringen nur ins Seelenleben. Ihren ganzen Verfolg mitzuteilen, spinnen sie sich zu sehr in die Breite; einzelne Sätze, aus dem Zusammenhange gerissen, würden unklar bleiben. Bewunderungswürdig aber erscheint die geistige Kraft, mit fester Hand und sicherer Feder aufs Papier zu stellen, wie nach und nach jede Freude am Dasein, jede Hoffnung auf wiederkehrendes Glück im Herzen eines jungen Menschen erstirbt; wie Mangel, Entbehrung, ja Hunger an einem schwer gebeugten, wenn auch noch nicht zerstörten Körper nagen; wie von Tag zu Tag die Flamme dürftiger flackert, die vielleicht bald verlöschen wird. »Ich betrachte mich selbst und meinen Zustand«, – schreibt er u. a. – »wie der Arzt einen Kranken betrachten mag, den zu beobachten seine Pflicht erheischt. Ich frage mich stündlich: wie lange wirst du noch imstande sein, die Feder zu halten? Und was wirft du empfinden, wenn du dich erst zu schwach fühlst, sie zu führen? mit ihr zu beschreiben, daß sie deinen Fingern entsank?« Das irgend Entbehrliche war verkauft durch Vermittlung der alten Wirtin, die sich und ihre baren Auslagen dadurch bezahlt machen sollte. Dazu reichte der Ertrag nicht hin. Sie war so gutherzig, ihren eigenen Wandspiegel, das einzige unnütze Stück im ganzen Haushalt, zu veräußern, damit noch einige Tage der Galgenfrist errungen werden möchten. Dann sah sie sich genötigt, ihrem Mietsmanne zu eröffnen: »Heute werden Sie nichts zu essen haben, Herr Antoine; doch wenn es Sie trösten kann, mein Mann und ich wollen auch fasten, und aus guten Gründen.« Anton drückte ihr die Hand und begann wieder seinen Irrlauf. »Das ist das sicherste Mittel«, sprach er, »den Hunger zu betrügen; der macht sich nur mausig, so lange man still sitzt.« So lief er nach dem botanischen und zoologischen Garten, wo er die wilden Tiere füttern sah. Der Anblick des rohen Fleisches erregte ihm Übelkeiten, doch wußte er nicht, ob aus Ekel oder aus Heißhunger. Gern hätte er sich dem Wärter der Bären als ehemaligen Standesgenossen vorgestellt und ihn um ein Stückchen von dem für jene bestimmten Brote gebeten, doch er schämte sich vor den Gaffern. Nach der Stadt zurückkehrend, sah er weder Menschen, noch Bäume, noch Häuser, – nur Bären sah er vor sich, die Brot verschlangen. Sein ganzes Dichten und Trachten richtete sich darauf, in der Bärenhöhle zu sitzen und auch Brot zu verschlingen. Er hatte seit gestern nichts genossen. »Nun ist's geschehen«, sagte er mit heiterem Lächeln um sich hin, »jetzt werde ich wahnsinnig!« »Es wird ein komischer Wahnsinn sein; ich werde mich für einen Bären halten. Ursus, Ursus , der Bär!« Dennoch ging er immer weiter. Es kam ihm der Einfall, bei diesem oder jenem Laden ein Brot zu stehlen. »Es liegt so vielerlei Gebäck aus! Vielleicht auch schenken sie mir's!« Doch wagte er weder zu nehmen, noch zu betteln. Er ging weiter. Er durchwühlte die Taschen, ob er nicht noch irgendwo ein Geldstück fände! Nein! Das letzte war vorgestern ausgegeben worden. Nun fiel ihm ein, daß er ein schwarzseidenes Tuch um den Hals geschlungen trage, daß es ein heißer Tag sei, daß er kein Tuch brauche! Er löste es ab und trat vor einen Trödelladen mit der Frage, was er dafür empfange? Die Trödlerin warf einen Seitenblick nach einem in der Nähe lauernden Aufseher. Dann sagte sie sehr laut: »Wir kaufen nichts von Unbekannten; es ist gefährlich.« »Sie hält mich für einen Dieb«, sagte Anton, »ich verdien's nicht besser. Theodor hält mich auch dafür.« Er ging weiter. Er glaubte zu bemerken, daß jener Aufseher ihm folge. Nun beschleunigte er seinen Schritt, soviel die abnehmenden Kräfte ihm gestatten wollten. Das seidene Tuch hielt er in den Händen und taumelte hin und her. Vorübergehende hörte er ausrufen: »Pfui, ein Betrunkener!« »Wollte Gott, ich wär's«, dachte Anton. Er gelangte ohne Zweck und Ziel nach den Elysäischen Feldern. Da gab es Heiterkeit und Freude die Menge. Öffentliche Spiele, Musik, Tanz, Jubel aller Art rauschte ihm entgegen. »Ob ich bei Franconis eintrete? Vielleicht schenken sie mir das übliche Almosen für einen ins Elend geratenen Kollegen! Wohlan, so sei's. Ich habe nichts zu verlieren, die Ehre ist ohnedies verspielt!« Als er eintreten wollte, entdeckte sein trübes, umflortes Auge, daß es nicht Franconis Sommerzirkus sei, vor dem er stehe, woraus die Musik ertönte. Die große Affiche mit ellenlangen Buchstaben verkündete einen anderen Namen. Diesen bemühte er sich herabzulesen: »Amelot« stand darauf gedruckt.– »Den Namen sollte ich kennen? Vor vielen, vielen Jahren gab es eine Laura dieses Namens, und diese liebte einen munteren Jungen, einen gewissen Antoine ... ich besinne mich sehr gut. Was mag aus ihnen geworden sein?« »Für welchen Platz?« fragte eine weibliche Stimme an der Kasse, als Anton, stier und sinnlos, die rechte Hand mit dem schwarzseidenen Tuche umwunden auf das Brett legte. »Für den Platz in Ihrem Herzen, schöne Laura«, erwiderte er, »aber Sie müssen mein Halstuch statt Zahlung annehmen, denn ich besitze kein Silber, und das Gold habe ich nicht bei mir. Es ist ein schönes, schwerseidenes Tuch, das, sie hat es mir geschenkt, damals, – ehe er eintraf. Gilt es noch im Preise? Zerrissen mag es sein, doch ist's lang genug, mich daran aufzuknüpfen, an die Pappel vor ihrem Hause, wenn's beliebt!« »Er hat den Verstand verloren, doch ist er's! Ja, er ist es!« rief die schöne Frau an der Kasse. »Jesus, mein Heiland, was beginne ich mit ihm? Wenn Herr Amelot ihn entdeckt, ist er verloren, und ich bin es auch. Er leidet Mangel, der arme Junge. Er sieht heruntergekommen aus, – vielleicht hungert er!« »Die Bären haben Brot zur Genüge«, murmelte der Unglückliche, »zu denen will ich gehen: ich liebe die Bären, und die Bären lieben mich. Nur mit den Tigern lebe ich nicht in Freundschaft.« Laura überzeugte sich erst durch einen Blick ins Innere des Amphitheaters, ob sie sicher sei! Da sie Herrn Amelot in voller Arbeit und die Augen der Türsteher jenem zugewendet sah, raffte sie eiligst einen Haufen großer Silberstücke zusammen, hüllte diese Summe in das schwarzseidene Tuch, reichte es Anton dar und beschwor ihn, es zu nehmen, sich augenblicklich zu entfernen. Da war es, wie wenn er plötzlich wieder klar sähe: »Ich danke – ich darf nicht; nein, ich darf nicht. Kein Sündengeld mehr; keine neue Schande mehr! Die alte drückt schwer genug. Ich danke, Laura!« Er schob das Geld wieder zurück und war entflohen. Fünfzigstes Kapitel Was gibt es dort, wo die Leute sich zusammendrängen? Ist ein Unglück geschehen? Eine Prügelei vielleicht! Oder ein Diebstahl! Sie sind so keck, diese Spitzbuben! Hat man den Täter ergriffen? Nicht doch, es ist ein Kranker! Oder ein Trunkenbold! Ein junger Mensch, wie bleich er aussieht! Wie er die Augen verdreht! Er leidet wahrscheinlich an Krämpfen! Er kommt aus einem Estaminet So wurden zur Zeit schmählicher Tyrannei diejenigen Kaffeehäuser in Paris genannt, wo Tabak geraucht werden durfte – ausnahmsweise. Jetzt soll das anders sein und überall die Freiheit herrschen, Gestank zu verbreiten und Qualm. . Hahaha, er hat zu starke Zigarren geraucht! Ob man ihn denn nicht fortschaffen wird? Ah bah, er soll seinen Rausch im Freien ausschlafen! Jawohl, unter blauem Himmel. Der Abend ist mild. Doch wir werden Gewitter haben! Desto besser, so erfrischt ihn der Regen. Seht, was dringt da durchs Gewühl? Zwei fromme Schwestern! Gehorsamer Diener, das ist die neue Schwester, die Antonina! Sie soll übers Meer gekommen sein, eine Missionärin, sagt man. Die Erste dort? Die sich Bahn bricht zu dem Kranken. Wahrlich, das ist sie! Gottes Segen über diese. Sie ist eine Heilige! Ob sie eine Heilige sein will, weiß ich nicht; aber daß sie eine Wohltäterin der Kranken und Armen ist, weiß die ganze Stadt. Seht, sie kniet bei ihm nieder. Sie ergreift seine Hand. Sie streichelt ihm die Locken aus der Stirn. Sie flüstert ihm ins Ohr. Er schaut sie an. Heilige Mutter Gottes, er lächelt. Still, jetzt spricht er. Habt Ihr vernommen, Nachbarin, was er sagte? Deutlich jede Silbe. Nun, was war's denn? Ich bin im Himmel, hat er gesagt; Gott sendet mir seine Engel. Der arme Mensch, er phantasiert! Er weiß nicht, was er redet! Doch, wenn er jene einen Engel nennt, weiß er wohl, was er redet. Schwester Antonina erhebt ihre Stimme. Seid ruhig, laßt sie sprechen. Wie? Ob wir ihn tragen wollen? Ja, gern. Wenn es die fromme Schwester wünscht, herzlich gern. Da, Frau, nimm meinen Stock. Greift an, Gevatter Bonnard. Und auch Ihr, Mathieu! Das versteht sich, für Schwester Antonina durchs Feuer! Es lebe Schwester Antonina! – – Und ihrer vier trugen Anton mitleidsvoll und vorsichtig. Schwester Antonina schritt neben ihnen her. Einundfünfzigstes Kapitel Es war ein langer, hochgewölbter Saal. Am Ende desselben brannte vor dem Altarbilde der heiligen Elisabeth die ewige Lampe. Zwei Reihen wohlgehaltener Lagerstätten, jede von der anderen durch den Zwischenraum einiger Fußbreiten getrennt, nahmen die Seitenwände ein. Die Kranken, sorglich gepflegt, mit jeder Bequemlichkeit versehen, von jeder Labung erfrischt, die des Arztes Vorsicht ihnen nur gestatten wollte, schliefen – oder stöhnten, je nachdem ihr Zustand es mit sich brachte. Dienende Schwestern gingen ab und zu, dort Arzneien reichend, hier Trost und freundliche Worte spendend. Bei Antons Bett saß Schwester Antonina. »Nichts als Erschöpfung, Elend, Gram, Hunger, versichert unser Arzt. Hunger? Du armer Freund! Er schläft. Mag er schlafen, ich wache für ihn. O, mein Gott, wie gnädig warst du mir!« Als der Morgen anbrach, schlug Anton die Augen auf. »Adele!« sprach er, »Adele! Endlich gefunden.« Und leise wurde ihm geantwortet: »Adele ist gestorben. Ich bin die Schwester Antonina.« Anton blickte umher in den Räumen, die ihn aufgenommen. Er wußte nicht mehr, wie er hierher kam. Aber er begriff, wo er war. Er begriff, wer ihn von der Straße, wo er hilflos lag, aufgehoben und vor qualvollem Hungertode, vor Wahnsinn geborgen. Doch ebenso begriff er in jenem scharfen Ahnungsvermögen der Seele, welches häufig durch körperliche Leiden, vorzüglich aber in Zuständen ohnmächtigster Ermattung sich bis zum Hellsehen steigert, was mit Adele vorgegangen; erinnerte sich – jetzt erst , wo er wiederum daniederlag! – jener Äußerungen, die sie damals an seinem ersten Krankenlager von der heiligen Jungfrau und von einem Gelübde getan. Sie war also entwichen, um der Welt und ihm zu entfliehen, hatte sich hier dem Beruf hingegeben, in welchem sie Tröstung suchte für ihres Lebens Weh! Und nun hatte er sie gefunden, nur um zu erfahren, daß er sie für immer verloren, daß Adele Jartour tot sei für ihn. Dabei jedoch mußte er sich sagen, war er von ihr gefunden worden, um gerettet zu werden. »Gerettet! Wofür gerettet?« fügte er ungläubig, an sich selbst verzweifelnd, hinzu, »für welchen Endzweck? Was soll ich dem Leben fürder nützen? Was das Leben mir?« – Sehr langsam, mit äußerster Behutsamkeit durften die Stärkungsmittel angewendet werden, welche diesem durch Ausschweifungen, wildes Leben, Verzweiflung und endlich Mangel und Not an den Rand des Grabes geworfenen Körper die vorige Jugendkraft wiedergeben sollten. Auch war solch eiserner, unerschütterlicher Wille wie der einer Schwester Antonina nötig, um den flehenden Bitten des Kranken zu widerstehen, wenn er über unersättlichen Hunger klagte und sich, um diesen zu stillen, mit den spärlichsten Gaben zu begnügen hatte. Ein ernster Blick der frommen Pflegerin reichte aber jedesmal hin, sein Murren in dankbares Gebet zu verwandeln. Und wie eine Prophezeiung wohltuenden Genesens strömte erquickendes Gefühl ihm durch die Adern, sobald er ihren Schwesternamen von anderen aussprechen hörte oder ihn selbst aussprach. »Antonina! Da sie diesen Namen erwählte, hat sie meiner gedacht!« In dem Bette zunächst dem seinigen siechte ein junger deutscher Landsmann, ein armer Handwerker, für den der Arzt keine Hoffnung mehr gab; in dem Grade, wie Anton sich der Gesundheit näherte, zehrte sich der dahinsterbende Tischlergeselle sichtlich ab und schwand dem frühzeitigen Ende zu. Sie wechselten bisweilen deutsche Grüße miteinander, Zauberklänge aus heimatlicher Gegend. Der Tischler, seiner guten, alten Mutter einziges Kind, war ihr davongegangen, »die Welt zu sehen!« In Paris war er in liederliche Gesellschaft geraten und hatte sich, seinem eigenen Ausdruck nach, auf »die schlechte Seite gelegt«. Und auf dieser, setzte er mit bitterem Scherze hinzu, bleibe ich nun liegen, bis sie mich auf den Rücken legen. Wie sie zum letztenmal miteinander redeten, fragte der Tischler, ob Anton nicht große Sehnsucht empfände nach seiner Mutter. »Ich habe keine«, erwiderte dieser. »Wenn ich meine Mutter noch einmal sehen könnte, dann wollte ich gern sterben«, sprach der Tischler. Sie entschlummerten beide. In der Nacht wurde Anton aufgeweckt von einem heiseren, durchdringenden Zuruf seines Nachbars: »Herr Landsmann, ich sehe meine Mutter, sie ist bei mir!« »So ist er wenigstens im Traume glücklich«, flüsterte Anton. Des Morgens, wie sie ihm Arznei reichen wollten, fanden ihn die verpflegenden Schwestern tot. Er hatte seine Mutter noch einmal gesehen. Anton blieb einen ganzen Tag ohne Nachbar. In der darauffolgenden Nacht, gegen Morgen, wurde ein Kranker gebracht. Schwester Antonina trug Sorge, daß er in das leere Bett neben Anton gelegt werde. Sie gab diesem zu verstehen, der neue Ankömmling kenne ihn, habe den Wunsch geäußert, mancherlei Mitteilungen zu machen. Bis jetzt sei er in seiner Wohnung verpflegt worden, nachdem jedoch die fromme Schwester, die ihn daselbst unter ihrer Aufsicht gehabt, die üblen Umgebungen in jenem Hause geschildert, sei der Transport hierher verfügt worden. Leider nur zu spät; denn die nahe bevorstehende Auflösung lasse sich nicht mehr bezweifeln. Anton war sehr begierig, zu erfahren, welche Mitteilungen das sein könnten; wer derjenige wäre, der ihm sie machen wolle, und woher Antonina vermutete, daß sie ihm gälten. »Das ist höchst einfach«, antwortete diese. »Ich war selbst in dem jammervollen Gemach, wo er bis heute krank gelegen, um Obacht zu geben auf sein Eigentum, und was er noch etwa besäße, für ihn zu retten. Da fand ich ein Blatt Papier, in großen Schriftzügen mit Bleistift beschrieben. Es sind deutsche Buchstaben darunter, die ich nicht kenne. Doch zwei Wörter mit französischen Lettern sprangen mir ins Auge: ›Anton‹ und ›Liebenau‹. Da ich nun«, sagte sie wehmütig lächelnd, »von meiner Freundin Adele diesen Namen oft nennen hörte, so benützte ich einen lichten Augenblick des Fiebernden, ihn zu befragen. Aus seinem eifrigen Wunsch, denjenigen zu finden, an welchen diese Zuschrift begonnen worden, entnahm ich, daß etwas Wichtiges für Sie daran geknüpft sein könne. Diese Entdeckung veranlaßte mich, den Sterbenden noch hierher schaffen zu lassen, was ich nur mühsam, nur mit Hilfe mächtigen Einflusses durchsetzen konnte.« »Das Blatt! Um Gottes willen, Adele – Antonina, das Blatt!« Hier ist es. »An einen genannten Anton aus Liebenau in †††, der sich wahrscheinlich noch hier befindet. Es wird gebeten, nach meinem Tode diese Zeilen – Deutsch und Französisch – öffentlich – – – der Finder erwirbt – – – ( unleserliche Stellen ) – – – eines Sterbenden, dessen Schuld – – – genaue Nachricht, – – – Herkunft – Aufenthalt seines Vaters – – – bessere Verhältnisse – – Tod seiner Mutter. Einzige Mitwisserin des Geheimnisses – – Turin oder Pisa – – Donna assoluta « »Carino? Der Sterbende ist Carino!« rief Anton so laut, daß es in den hohen Hallen des Krankenhauses widerschallte. Und ein von Leiden entstelltes, totenähnliches Antlitz richtete sich empor: »Ah, bist du es, mein Knabe? Desto besser. Vor Schluß der Szene, ehe noch der Vorhang niederfällt. Er bedeckt nichts Gutes. – Hast du des ewigen Ritters Gluck ewige Grabschrift gelesen? › Il préferait les muses aux syrènes !‹ Bei mir hieß es umgekehrt: Il préferait les syrènes aux muses ! In Welschland hausen die Sirenen. Ziehe auch gen Welschland! Zum schiefen Turme. Bringe ihr meinen Abschiedsgruß, meine Bitte um Verzeihung. Sie meinte es treu; sie war keine Sirene, sie ist ein Muse! Eine verkannte. Das Große wird immer verkannt, so lange es lebt. Komm', Anton, nimm die Geige; mein alter Oheim, der Pastor, wünscht es auch. Spiele mir ein deutsches Lied – ein deutsches, ehe ich sterbe ... Die Saiten zerschnitten? Nimm meine Geige! Wie, versetzt? Ja, so. Hier ist Gold, löse sie mir ein! Jetzt spiele ... schöner Ton! Sie geht einsammeln mit dem Hute des Bettlers ... Nun laß uns singen – dreistimmig: sie , ich , du : Es ritten drei Reiter zum Tore hinaus, – Ade – Ade – Ade!« Und auf dem Lager, worauf der arme deutsche Tischleigeselle gestorben, tat auch der Neffe des ehrlichen Pastors von Liebenau, der vielgereiste Virtuose und Musikdirektor Carino, seinen letzten Atemzug, indem er mit brechender Stimme jene Volksweise sang, die Anton einst ihm vorgespielt. Sie begruben ihn wie jeden anderen. * Antons Wiederherstellung wurde befördert durch dies Ereignis. Mit dem Streben nach einem neuen, wenn auch fernen und ihm fast unerreichbaren Ziele drang frisches Leben in seine jugendlichen Glieder. Schwester Antonina nährte des Jünglings kühne Hoffnungen. Sie zeigte ihm mit allerlei bedeutungsvollen Winken die Möglichkeit im Hintergrunde seiner übrigens so finster umhüllten Zukunft; sie deutete ihm an, daß dieselben mächtigen Hände, welche ihr so rasch und gewaltig zur Erfüllung ihrer frommen Wünsche behilflich gewesen, durch passende Vermittlung in Anspruch genommen, auch seine Zwecke zu fördern bewegt werden könnten. Wenn sie sich bei diesen schmeichlerischen Verheißungen in Geheimnisse hüllte, so machte das seinen wiedererwachenden Glauben keineswegs schwankend. Denn was Adele sprach, konnte nur Wahrheit sein; ein Dunkel, in welches Antonina sich hüllte, mußte zur Klarheit führen. Er überließ sich ihr! Überließ sich dem Glauben an ihr Herz, der Achtung für ihren Verstand, dem Vertrauen auf Gott, dem Gefühl wiederkehrender Genesung und Jugendkraft. So ausgerüstet hätte er die Stunde seiner Befreiung aus dem Krankenhause gar nicht erwarten können, wäre sie nicht zugleich wie die Stunde ewiger Trennung von Adele vor ihm erschienen. Als Schwester Antonina ihm verkündigte, daß diese Stunde geschlagen, was Anton, vor Wonne und Schmerz bebend, vernahm, gab sie ihm auf, den Wagen zu besteigen, der draußen seiner harre, und sich in jene kleine Wohnung zu verfügen, wo er sich zuletzt aufgehalten habe und wo jetzt alles für ihn vorbereitet sei. Dort möge er behutsam das Dasein des Gesundeten beginnen, die schönen Nachsommertage zu mäßigen Spaziergängen benützen und sich durch einfache Kost kräftigen. »Für die Mittel haben unbekannte oder doch ungenannte milde Gönner gesorgt. Ihre alten Wirtsleute sind unterrichtet, was Sie bedürfen. Das übrige, wenn wir uns wiedersehen.« »Sehen wir uns wieder, Adele?« »Antonina wird mit einer ihrer Schwestern bei Ihnen vorsprechen, um notwendige Anordnungen wegen einer Reise nach Italien zu treffen' einer Reise, die Anton tun muß. Bis dahin adieu! Und verlieren Sie nicht die Geduld, denn es zeigen sich noch mancherlei Schwierigkeiten. Aber wir wollen alle überwinden, – und wir werden es.« Zweiundfünfzigstes Kapitel Die alten Leute empfingen Anton wieder ebenso herzlich als da er zum erstenmal zu ihnen zurückgekehrt war. Zugleich dankten sie voll Erkenntlichkeit für die Unterstützungen, die er während seiner Krankheit ihnen habe zufließen lassen. Es war nicht schwer, auch hierin Antoninas frommes, fürsorgendes Walten zu erkennen; nicht minder sichtbar zeigte sich dasselbe in seinem Kämmerlein, in Kleidung, Wäsche, Ordnung und Aufbewahrung sämtlicher Papiere. »Ja, alles dies habe ich ihr zu verdanken«, sprach er, »ihrer schwesterlichen Liebe. Aber wird es dieser wähl auch möglich werden, mich aus dieser Stadt, aus diesem Lande zu bringen? Noch immer hängt ein Schwert über meinem Haupte; eine unvorsichtige, voreilige Bewegung, die mich, meinen Namenstausch, meinen gesetzwidrigen Aufenthalt verrät, ... und es fällt, fällt und schneidet mir jede Hoffnung ab, die Spuren weiter zu verfolgen, die Carinos Andeutung mir zeigte. Im engen Kerker, umgeben von niedrigen Verbrechern, wie der verworfenste Landstreicher behandelt, werde ich vergeblich nach Italiens Himmel mich sehnen, wohin bange Hoffnung jetzt meine Seele zieht. Abermals wird wüstes Fieber mich aufs Krankenlager werfen, – ach, und keine Antonina, keine Adele wird mit Engelsfittichen mir kühlenden Trost zuwehen. Wäre es nicht besser, von ihren milden Worten beruhigt, zum himmlischen Frieden hinübergegangen zu sein? Daß ich jetzo begraben läge, wo Carino liegt und mein armer Tischler!« Anton blieb viel daheim, holte im Tagebuche emsig nach, was er versäumt durch Bärbels Umgang, durch seine Krankheit, füllte alle Lücken aus, schrieb die ersteren Blätter ins reine und lebte auf diese Weise sein junges Leben noch einmal durch. Nur im Schütze der Abenddämmerung wagte er sich hinaus an die Luft. In jedem Begegnenden, der ihn eines Blickes würdigte, wähnte er den Verfolger fürchten zu müssen, den Diener der Gewalt, der ihn zur Rechenschaft ziehe. Es war wieder Herbst geworden, fast ein Jahr verstrichen, seitdem er in Paris eingewandert. Für ihn welch ein Jahr? Von Adele keine Kunde. Kein Zeichen, daß er noch hoffen dürfe! Tag auf Tag verging; seine Besorgnisse nahmen stündlich zu. Von einem der flüchtigen Abendspaziergänge heimkehrend, findet er seine teilnehmenden Wirtsleute ängstlich, einsilbig, unruhig. Er sieht ihnen an, daß sie ihm eine Mitteilung machen könnten, daß sie es nicht wagen. Hastig dringt er in sie und vernimmt nach langem Zögern: ein Mann von unheilverkündendem Aussehen ist dagewesen, hat streng forschend nach einem jungen Menschen sich erkundigt, der von den barmherzigen Schwestern hier eingemietet sei, und er will noch diesen Abend wiederkehren. »So ist es denn um mich geschehen«, ruft Anton. »Lebt wohl, ihr guten Freunde, Gott sei mit euch und lohne eure Liebe für mich; und wenn Schwester Antonina nach mir zu fragen käme, bestellt ihr meine Grüße, meldet ihr: Anton schmachte im Gefängnis!« »Im Gefängnis!« wiederholten beide Alten, zwischen Widerwillen und Mitleid geteilt, »Sie im Gefängnis?« Zugleich öffnete sich die Tür; jenes hämische Gesicht erscheint vor ihnen, das Anton erblickt zu haben sich erinnert, als er, um seinen rasenden Hunger zu stillen, einer Trödlerin das schwarze seidene Halstuch zum Verkauf darbot. »Sie werden mir augenblicklich zum Herrn Kommissar folgen«, sagte der Mann. Anton schüttelte seinen Wirten die Hände, empfiehlt ihnen noch einmal den Abschiedsgruß für die fromme Schwester und geht – fest entschlossen, vor Gericht die volle, reine Wahrheit zu sagen – den schwersten Gang seines Lebens. * Der Kommissar, ein ergrauter Mann, empfing ihn ernst, maß ihn mit prüfendem Blick und fragte sodann: »Wissen Sie, warum Sie bei mir sind?« »Ich kann es mir denken«, erwiderte Anton. »Nun, so sagen Sie es mir aus Ihrem eigenen Munde, ich will wissen, wie Sie selbst Ihre Lage beurteilen.« Anton wurde durch diese Aufforderung trotz seines redlichsten Willens, wahr zu sein, doch in tödliche Verlegenheit gesetzt, ob er die Gründe angeben solle und dürfe, die ihn zunächst nach Paris zogen. Mußte er dann nicht eingestehen, daß er sich Adeles wegen mit einem falschen Paß hierher gewagt? Und stand nicht zu besorgen, daß er durch alle hierher gehörigen Bekenntnisse Schwester Antonina und deren heiligen Ruf verletze? Nach langem Besinnen hub er an: »Sie haben mich festnehmen lassen, weil Sie wissen, daß ich es bin, der, eines Flüchtlings Reisepaß benützend, mich in dieses Land, in diese Stadt eingeschlichen; weil Sie wissen, daß ich hier einen Winter lang in schlechter, wenn auch prunkvoller Umgebung verkehrt; daß ich jetzt, durch mildtätige Seelen vom Tode errettet, ohne Mittel, ohne Aussicht, planlos ins Blaue hineinvegetiere; weil Sie einen Vagabunden meiner Gattung nicht dulden wollen; weil Sie für nötig finden, mich ins Gefängnis zu werfen.« »Was der junge Mann für stolze Pläne hegt! – Wir scheinen noch nicht gänzlich hergestellt von schwarzen Fieberträumen! Nein, mein Kind, so schlimm steht es nicht. Wohl ist mir bekannt, – und ich wäre eine schlechter Beamter auf meinem Platze, wenn ich davon keine Kenntnis hätte, – daß Sie nicht derselbe Antoine sind, auf dessen längst abgelaufenen Ausweis Sie durch die Barrieren drangen. Ebensowenig wie Sie ein gewisser Baron mit unmöglichem Namen sind, der allerdings auf einem schwarzen Register steht, und der zur guten Stunde sich entbaronisierte, um wieder ein schlichter Antoine zu werden. Auch haben wir unsere Augen – denn ich zähle vielerlei Augen im Dienste – auf Ihnen, seitdem Sie bei dem alten kinderlosen Paare einzogen. Das sind die beiden ehrlichsten armen Menschenhäute in ganz Paris, die keine verdächtigen Subjekte beherbergen würden. Ich weiß, woran wir sind mit ›Anton Hahn aus Liebenau‹. He? Dennoch wäre es Ihnen am Ende schlecht bekommen, mit Teufels Gewalt ein Antoine bleiben zu wollen, wenn nicht höheren Ortes Einsprache für Sie erhoben worden wäre. Ihrem Verstände will ich überlassen, darüber nachzusinnen, wie, durch wen, auf welche Weise dieselbe lautgeworden sein mag! Uns genügt, daß wir sie vernommen. Was ich Ihnen jetzt amtlich zu berichten habe, ist folgendes: Wir können Herrn Anton Hahn, der übrigens von einem Franzosen prononciert nicht anders klingt als Antoine, in Paris nicht gebrauchen. Wir stellen ihn seiner Embassade zur Verfügung. Diese ist bereits von allem in Kenntnis gesetzt, was ihr zu wissen dienlich, und handelt mit meinem Chef in Übereinstimmung. Zum Sekretär Ihres Gesandten haben Sie sich morgen früh zu begeben, ihm dies Versiegelte Schreiben zu überreichen, und von ihm werden Sie das Weitere vernehmen.« »Aber wenn er mich nach meiner Heimat zurückweist?« »Nun, was verlangen Sie mehr? On peut-on être mieux, qu'au sein de la famille ?« »Ach, Herr Kommissar, ich habe keine Familie und keine Heimat.« »Armer Junge! Nur Mut: gehen Sie dreist, wohin die Adresse dieses Briefes Sie weist. Er kommt von mächtiger Hand. Mehr darf ich nicht sagen. Vielleicht schafft er Ihnen Erlaubnis, den Weg einzuschlagen, auf dem Sie eine Heimat suchen können.« »Sie sind unterrichtet, mein gütiger Herr? Sie sind –« »Ich bin ... von der Polizei. Damit basta. Und dies Schreiben ist, ... o junger Freund, Sie taten sehr wohl, die Protektion frommer Schwestern bei frommen Personen zu gewinnen. Ohne diese möchte ich für nichts stehen. Jetzt Finger auf den Mund, – und glückliche Reise!« * Anton konnte nicht sogleich in sein Kämmerchen heimkehren. Er fühlte das Bedürfnis, erst noch in freier Luft zu atmen und zu dem blauen Raume emporzuschauen, wohin wir arme Sterbliche unser feuchtes Auge lichten, wenn wir in Schmerz oder in Freude des Ewigen bedürfen. Das kostbare Schreiben ruhte auf seiner Brust: sein Herz schlug mächtig dagegen. »Ich werde reisen dürfen! Ich werde Italien sehen! Ich werde jene Frau finden, die mir Kunde geben kann von meiner Mutter Tod, von meines Vaters Leben, – vielleicht von seiner Reue, seiner Liebe ... und abermals Adele!« Die alten Wirtsleute erwarteten ihn beim matten Lämpchen in Seelenangst mit rührender Teilnahme. Weinend umhalste er beide: »Ich bin gerettet! Ich bin frei! Alles ist gut!« Und sie falteten ihre welken Hände und dankten dem lieben Gott. * Beim Gesandtschaftssekretär sollte Anton, wie er sich am anderen Morgen zu ihm begab, nicht vorgelassen werden. Der Diener betrachtete verächtlich die abgenützte Kleidung des zu Meldenden und sagte: »Sie müssen während ›unserer‹ Amtsstunden wiederkommen; auf seinem Zimmer empfängt der gnädige Herr keine Geschäftsbesuche.« (»Vorzüglich keine Landsleute, die aussehen, als ob sie betteln wollten«, hätte er hinzusetzen mögen.) Anton zeigte sein Schreiben vor und entschuldigte das frühe Eindringen durch die ihm Zuteil gewordene Weisung des Polizeibeamten. Der Diener riß ihm den Brief aus der Hand, trug ihn mürrisch hinein, – Anton blieb im Vorzimmer, und während der einen Minute, wo er allein blieb, zogen finstere Wolken über die Sonne seiner Hoffnung. »Wenn«, seufzte er, »der Beamte mich getäuscht hätte? Wenn ...« »Bitte nur einzutreten!« Und der Diener öffnete die Pforten der Gnade mit höflicher Verbeugung. Ein junger, feiner Herr im Morgenkleide trat Anton freundlich entgegen, das bewußte Schreiben hielt er geöffnet in der einen, in der anderen Hand verschiedene andere Papiere, auf die er, während er sprach, abwechselnd blickte. »Sie sind Anton Hahn aus dem Dorfe Liebenau bei * im ***? Sie haben Ihre Reisedokumente verloren? Sie wollen einen neuen Paß haben? Aber Sie müssen, bevor Sie in unser Vaterland zurückkehren, zur notwendigen Herstellung Ihrer Gesundheit, wie dieses ärztliche Attest besagt, durchaus einige Zeit in milderem Klima verleben. Es ist Ihnen der Aufenthalt in Nizza oder Pisa verordnet. Seine Exzellenz hat mich beauftragt, Ihre Angelegenheit nach Ihren Wünschen und Bedürfnissen zu ordnen. Ihr Paß ist ausgestellt; er lautet über Turin nach Pisa nach Hause. Exzellenz meinte, es würde Ihnen lieb sein, an keinen Zeitraum gebunden zu werden. Deshalb habe ich hier gesagt, gültig auf die Dauer der Reise; so haben Sie unterwegs keine Quälereien zu fürchten. Nun tragen Sie Sorge für die nötigen Visen und reisen Sie glücklich.« Anton hütete sich wohl, den einzelnen Unrichtigkeiten in des Herrn Sekretärs Vortrage zu widersprechen oder über andere, ihn in Erstaunen setzende Punkte desselben dies Erstaunen an den Tag zu legen. Er nahm das ihm vom Himmel fallende Glück mit möglichster Fassung auf, verbeugte sich in bester Form, wie es Lauras Zögling gebührte, lichtete ein behutsam auf Schrauben gestelltes Wort der Erkenntlichkeit an die zuvorkommende Legation und schwebte sodann, beinahe ohne die Stufen der Treppe zu berühren, wie ein in Wonne verklärter Geist ohne Leib davon. In seiner Behausung erwarteten ihn zwei fromme Schwestern. Eine davon war Antonina. Anton wollte sich ihr zu Füßen werfen. Sie wußte dies zu verhindern. »Ich habe wenig Zeit«, flüsterte sie ihm zu (damit die Anwesenden nicht deutlich verstehen sollten), »wir müssen eilen. Ihre Angelegenheiten werden hoffentlich geordnet sein?« »Und alles, alles danke ich Ihnen!« rief Anton. »Dem Himmel, mein Lieber; sagen Sie, dem Himmel, der oft in einem Übermaß von Erbarmen unsere Vergehungen und Schwächen als Mittel anwendet, uns Gutes erreichen zu lassen, damit wir doppelt beschämt sein mögen. Ich will Ihnen nicht verschweigen, Antoine, Ihre Sache stand schlecht, Ihre Freiheit war gefährdet, mancherlei Anklagen erhoben sich gegen Sie, den schutzlosen Fremdling. Da muß nun ein armes Mädchen, das jetzt der Welt und ihren trügerischen Freuden entsagt hat, zu jener Zeit, wo es noch der Welt angehört hat, in vertrautem Umgange gelebt haben mit einem sehr hohen, großen, mächtigen Herrn. Und dieser Herr muß des Mädchens Angedenken bewahrt haben, fester und inniger, wie solche Herren sonst das Bild eines leichtsinnigen, oft verachteten Geschöpfes zu bewahren pflegen. Zu seinem Ohre muß die Büßerin glücklich den Weg finden; ihre Bitten werden erhört, und der Freund ist gerettet. So wollte es der Himmel, dessen Werkzeug ich ward. Ihnen ist nicht bestimmt, in Mangel und Elend unterzugehen. Ihnen ist, so sagt mir die Stimme Gottes, die meine Seele erfüllt, ein glückliches, langes Leben beschieden: darum sollen Sie die Schule der Prüfungen durchirren, sollen erfahren und empfinden, was Leiden sind, was Tränen und Kummer gelten, damit Sie einst in Ihrem Wirkungskreise für die Leiden und Tränen anderer ein mitfühlendes Herz bewahren. Und nun ziehen Sie jetzt, mein guter Freund, in ein neues Land, suchen Sie die verheißene Heimat. Zwar ahnt mir, daß Sie noch fern vom Ziele sind, daß noch traurige Tage Ihrer harren, ... aber auch diese werden überlebt werden, und aus Kämpfen wird der Friede hervorgehen. – Wir beide finden uns auf Erden nicht mehr. Dies ist das letzte Lebwohl. Mich ruft die Pflicht. Gottes Huld für mich ist unendlich, weil er mir vergönnt hat, Ihnen beizustehen. Ich will dankbar sein für diese Huld; ich will von heute an in jedem Leidenden Antoine sehen, will einen jeden lieben wie – meinen Bruder.« Sie reichte ihm die Hand, ließ eine kleine Summe Goldes in die seinige gleiten, wobei sie sagte: »Ein bescheidenes Reisegeld, von frommen Damen für meinen Kranken erbeten, denn ich bin arm. –« Dann machte sie das Zeichen des Kreuzes, nickte den beiden Alten zu, reichte der sie begleitenden Schwester den Arm – und ging. Dreiundfünfzigstes Kapitel Über Châlons und Lyon ging Anton bis Chambery zusammen mit einigen Savonarden, die in ihre Hütten heimkehren wollten, nachdem sie, durch die Welt vagabundierend, ein kleines Besitztum errungen. Seine Kasse war zu schwach bestellt, um anders als auf diese Art zu reisen. Der Herbst war schön. Das Felleisen, worin er seine Habseligkeiten beherbergte, hing wohl schwer, doch bequem zu tragen auf seinem starken Rücken, und er mußte lächeln, wenn er es mit jenem ungeschickten Bündel verglich, das ihn vor vier Jahren bei seiner Flucht aus dem Häuschen der Großmutter schier zu Boden gezogen. Von den Folgen der Krankheit empfand er nichts mehr. Die Jugendkraft, die ihn neu belebt und belebend durchströmte, spottete jeder Anstrengung, jeder Ermattung. Seine Tagebuchblätter, sauber abgeschrieben und wohlgeordnet, gaben nur noch ein mäßiges Heft, das wenig Raum einnahm. Auch die Violine, seine alte, treue Begleiterin und Trösterin seit P., wo er sie kaufte, wo sie ihm einsame Winterabende verkürzte, machte diesmal die Fußwanderung in leichtem Gewande von Wachsleinen mit. Von den Büchern freilich hatte er sich lossagen müssen; deutsche, französische, englische, an die sich vielerlei Erinnerungen gekettet. Doch tröstete ihn die Hoffnung auf italienischen Ersatz, dem er ja recht eigentlich entgegenging. »Hernach verstehe ich schon vier Sprachen«, sagte er, sich selbst beruhigend über den Verlust jener papiernen Freunde, die ihm durch manche schwere oder leere Stunde geholfen. Wenn man keine Bücher hat, muß man häufig mit Menschen vorlieb nehmen; nur tritt der Unterschied ein, daß man bei Büchern prüfend sondern, die guten auswählen, die schlechten ungelesen lassen darf, während man, was Menschen betrifft, besonders auf Reisen und zu Fuße, wie unser Anton, nicht allzu reichliche Auswahl findet. Im allgemeinen mag, was sehr oft von Büchern gilt, auch häufig von Menschen gelten, daß die älteren vorzuziehen sind. Anton hielt sich auf dieser Reise an einen Savoyarden, der gut sein Vater sein konnte, Thomas mit Namen. Von diesem ließ er sich erzählen, wie es ihm auf seiner nicht allzu bequemen Pilgerfahrt ergangen. Thomas war, ein winziges, elternloses Knäblein, ausgewandert, ohne Schutz, ohne Geld, ohne Kraft, ohne Erfahrung; Thomas hatte sich durch Betteln, Dienen, Arbeiten, Sparen bis zum Besitz einer Drehorgel emporgeschwungen; Thomas hatte später mit dieser Orgel ein von ihm ersonnenes, durch eigene Finger ausgeschnittenes, lustig eingerichtetes Schattenspiel vereinigt; Thomas hatte im Laufe von zwanzig Jahren ein hübsches, kleines Vermögen gesammelt; Thomas hatte sein Theater samt Orgelspiel an zwei jugendliche Nachfolger verkauft, die der neuen Firma »Thomas und Kompagnie« keine Schande bringen sollten, wie er hoffte; – Thomas kehrt nun in das Gebirgsdorf zurück, wo er geboren, um in demselben irgend ein freundliches Haus zu kaufen, aus dessen Tür ihm vor fünfunddreißig Jahren, milde Hände vielleicht ein Stückchen schwarzes Brot zugeworfen; Thomas ist entschlossen, die Tochter eines wohlhabenden Nachbarn heimzuführen, wobei er die Versicherung erteilt, die Schönste im Kirchspiel sei eben gut genug für ihn. Anton lauschte den Erzählungen des einfachen, aufrichtigen Mannes wie einem Evangelium. Er wußte nicht, was er mehr bewundern sollte an Thomas: ob die glücklichen Erfolge seiner Bemühungen, ob die Seelenruhe, die in diesen Erfolgen nicht nur nichts Erstaunliches erblickte, sondern dieselben sogar für ganz natürlich und billig hinnahm. Solches Selbstvertrauen, gestützt auf praktische Gewandtheit, auf Kenntnis der Umgebungen, erschien dem Liebenauer Kinde beneidenswert. Er fing an zu ahnen, daß es Menschen gebe, die mit scharfen Blicken Weg und Steg zu ihrem Ziele verfolgen, ohne sich irre machen zu lassen durch alles, was blüht und fliegt, schwebt und flattert; während wieder andere Menschen ihr schwärmerisches Auge nicht abwenden können von Blumen, Vögeln, Wolken und Sternen, dabei jedoch über jeden Stein stolpern, so auf der Straße liegt. Daß Thomas zu der ersteren Gattung gehöre, unterlag für ihn keinem Zweifel. Daß er selbst ein weniges mit der zweiten verwandt sei, fühlte er anzunehmen sich geneigt. Doch ebenso geneigt fühlte er sich, zu erlernen, was sich eben lernen lasse. Er schied nicht von Freund Thomas, ohne sich mancherlei erprobte Lebensregeln ins Gedächtnis geprägt zu haben. * In Turin war natürlich seine erste Sorge, eingedenk zu sein, daß diese Stadt auf Carinos im Todesfieber geschriebenem, halb verwischtem Abschiedsblatte leserlich zu finden gewesen. Auch wurde ihm sehr leicht, Nachricht einzuziehen von dem Gegenstande seiner Forschung. Signora Carina, noch vor einem Jahre bevorzugtet Liebling hiesiger Opernkenner und Freunde, hatte bei ihrem letzten Auftritt kein Glück gehabt; zum Teil, wie einige sagten, durch Nachwirkung des Pariser Fiasko. Man vermutete sie in Pisa. Auch dies traf mit Carinos Angabe zusammen, und Anton beschloß, ihr am nächsten Tage dorthin nachzuziehen. Den leeren Nachmittag benützte er, sich Turin zu betrachten; da fand er, über Straßen und Plätze streifend, unerwartet einen Bekannten aus der Lehrjungenzeit seines Vagabundentums: den rotbraunen Jean von Mama Simonelli. Dieser hatte sich von der Gebieterin getrennt, weil sie beim Einkauf der neuen Menagerie uneinig geworden. Er teilte seinem ehemaligen Kameraden die Geschichte dieser Trennung folgendermaßen mit: »Ist diese Frau verblendet! Ist sie trotzig! Wütet sie gegen ihren eigenen Vorteil! Sie mögen entscheiden, Antoine. Wir finden in London ein Tier, das eine ganze Menagerie aufwiegt, ein Tier, das seit Jahrhunderten, mit kurzen Worten zu sagen, seit der Sintflut, auf dem Kontinent nicht für Eintrittsgeld gezeigt wurde; ein Tier, auf dem Noahs jüngster Sohn durch die Fluten geschwommen, ohne sich die Stiefel naß zu machen; ein Tier gegen welches zwölf Elefanten ebensoviel junge Hunde wären; ein Tier, das zu warten und zu pflegen, mit dem im vertraulichen Umgang zu. stehen ich mich so stolz fühle, als ob eine ägyptische Pyramide meine eigene leibliche Mutter sei! Der Besitzer dieses höheren Wesens auf vier Beinen ist mit Blindheit geschlagen, erklärt sich bereit, für elende tausend Pfund Sterling es herzugeben. Befand ich mich in der Lage der Madame Simonelli, die damals als kinderlose Hausfrau in den Gassen Londons umherirrte, eine neue Familie suchend, zum Ersatz für jene, die das Feuer ihr geraubt, so würde ich dieses Tieres Besitz, erstrebt haben, es hätte mein werden müssen, und hätte ich die tausend Pfund à zwanzig Prozent von der Krone Englands ausleihen sollen oder beim alten Rothschild einbrechen, oder den Lordmayor in einer Schildkrötensuppe ersäufen. Sie jedoch, Madame Simonelli, für die tausend Pfund Sterling so viel sind, wie für mich zehn Pfund Virginiakanaster, – was tut sie? Sie verschmäht meinen Rat, verlacht mein Flehen, nennt mich einen sentimentalen Fanfaron, einen Jean cul ! »Du bist ein Phantast«, ruft sie mich an; »wie könnte ich mein und meiner Tochter Vermögen an das Leben eines einzigen Individuums wagen? Wenn es stürbe, wäre ich eine Bettlerin!« – So spricht eine Simonelli. Als ob die Ehre nicht auch etwas wäre! Genug, sie kauft Löwen, Tiger, Hyänen, Affen und so weiter, den alten abgestandenen Küchenzettel. Ein anderer – o, es tut mir weh um meine alte Simonelli – schließt diesen großen Handel. Was blieb mir übrig? Ich konnte nicht bei ihr bleiben; ich trennte mich mit schwerem Herzen, das will ich nicht leugnen; aber ich trennte mich und folgte dem Rhinozeros.« Anton fügte sich sehr gern der Einladung des begeisterten Mannes und ließ sich durch ihn bei dem gewaltigen, ein ganzes Vermögen aufwiegenden Tiere einführen. »Selten mag es sein«, sprach er, »obwohl der Preis auch ein seltener ist; doch schön kann ich es nicht finden, lieber Jean, beim besten Willen nicht.« »Nicht schön?« schrie Jean, indem er verzweiflungsvoll seinen roten Bart raufte, »Sie auch, Antoine, finden es nicht schön, der Sie unter Tieren sich herangebildet, entwickelt haben, der Sie wissen könnten, was schön ist? Nun, alle Heiligen erbarmen sich meiner! Wenn das nicht schön ist, was gibt es dann Schöneres in der Schöpfung? Ich finde es schöner als des Nachtwächters älteste Tochter in K. Mehr vermag ich nicht zu sagen.« »Ich kannte jenen Gegenstand deiner Liebe nicht«, versetzte Anton. »Dein Vergleich aber, in meiner beschränkten Ansicht von schön und nicht schön, gereicht der Dame deines Herzens nicht zu besonderem Vorteil. Was mich betrifft, verzeih' mir Gott die Sünde, ich kann das Rhinozeros nicht anblicken, ohne an Onkel Nasus zu denken.« »An Ihren Onkel? Gut, Herr Antoine. Mag dieser Onkel leben oder tot sein; wenn er unserem Rhinozeros ähnlich sah, war er ein würdiger Mann!« * Anton hatte keine Ursache, dem Rotbart zu verschweigen, daß sein Weg ihn nach Pisa führe; auch hielt falsche Scham ihn nicht ab, einzugestehen, wie der Staub der Landstraße, die Last eines Felleisens und die Müdigkeit verwöhnter Füße auf die Länge wenig zum Vergnügen des Reisenden beitrügen; wie er sehr zufrieden sein wollte, wenn seine Finanzen ihm gestatteten, auf einige Tage mit dem Rhinozeros zu tauschen, das in eigenem Wagen, von zwölf Rossen gezogen, als großer Herr reiste. »Ich wollte«, versicherte er, »mit einem Sechsteil dieser Ehren mich begnügen und mit zwei Postpferden vorlieb nehmen.« »Bis Nizza«, meinte Jean, »wird ein Freund von mir Sie gern mitnehmen; es ist ein Venezianer, ein gewisser Zara, der mit einem Seekalb Geschäfte macht; soviel ich weiß, bricht er in dieser Nacht von hier auf. Er hat sein eigenes Fuhrwerk und Sie werden bequem sitzen. Wenn's Ihnen recht ist, führe ich Sie gleich zu ihm, wir haben jetzt keine Zuschauer hier, und für einen Augenblick kann ich schon abkommen.« Der gutmütige Jean geleitete seiner ehemaligen Herrschaft ehemaligen Liebling zu Herrn Zaras zeltartigem Etablissement, stellte ihn als »ihresgleichen« vor und erbat sich freundlich zusagende Erfüllung des Gesuches. Das Seekalb, die eigentliche Hauptperson, Ernährer des Herrn Zara und dessen dienendem Gehilfen, der eigentliche pater familias , lag auf dem Rande seines Wasserbehälters, Brust und Kopf herausgelehnt wie ein Kapuziner Phoca monacus . , gähnte aus Leibeskräften, nieste verschiedene Male, ohne nachher ein Schnupftuch zu benützen; reichte auf Befehl des Gebieters dem Liebenauer eine Vorderpfote; sagte »Papa!« – (wodurch es aber nicht sowohl, daß Anton sein Erzeuger sei, als vielmehr, daß es in seiner Sprachausbildung, zarten Menschenkindern vergleichbar, eben noch nicht weiter gediehen war, andeuten wollte) – zog sich dann ins Wasser zurück; wälzte sich in selbigem wie ein vollgesogener Blutegel umher, stieß ein heiseres Geschrei aus, wodurch es deutlich zu verstehen gab, daß ein Gericht Fische große Gnade vor seinen schönen Augen finden werde. Herr Zara, insoweit bibelfest, wie es die Lehre vom »Schweiße des Angesichts, worin wir unser Brot essen sollen« betraf, erfüllte diesen Wunsch nicht unbedingt, sondern versicherte, die Fische könnten erst serviert werden, nachdem » Monsieur le moine « sich als Tonkünstler gezeigt. Das Seekalb spie nicht Feuer und Flamme, wohl aber Gewässer, machte endlich gute Miene und böses Spiel, indem es mit seinen Pfoten der ihm Vorgehaltenen Guitarre einige Klagetöne entriß, und bat sich unmittelbar nach dieser musikalischen Belustigung seine Fische aus, die ihm zugeworfen wurden, – (wie anderen Künstlern die Lorbeerkronen) – und die es mit großer Geschicklichkeit in der Luft auffing. Jean näherte sich Anton und sagte ihm leise: »Zara ist ein braver Bursche, und ich bin ihm sehr gut; aber gestehen Sie selbst, Herr Antoine, ob ein solcher Verkehr mit einem qasi -Fische nicht die Menschheit entwürdigt? Ich bemitleide meinen Freund. Freilich wohl, nicht alle Menschen können bei einem Rhinozeros angestellt sein, denn es gibt zu viele Menschen, die Lebensunterhalt suchen, und im Verhältnis viel zu wenig Rhinozerosse; auch müssen Unterschiede auf Erden stattfinden; ich begreife das ... Doch dieser Unterschied ist zu groß: er stört die Freundschaft. Ein Fisch! – Es ist entsetzlich. Addio, Zara«, rief er mitleidsvoll; »und, gute Reise, Herr Antoine.« Dann schritt Jean seines Weges, so stolz, als – – als ob er selbst ein Rhinozeros wäre. * Die Mönchsrobbe, in Schilfdecken gehüllt, lag in seinem Reisekubikulum; der Knecht, eine Art Kaliban, neben ihm, Zara und Anton saßen auf dem Verdeck des seltsam konstruierten Wagens. So rollten sie, von gewechselten Pferden befördert, rasch dahin. Mit jedem Poststeine, den sie zurückließen, mehrte sich Antons Erwartung, was er durch Signora Carina vernehmen solle. Sie war es, wie er vermutete, sie auf Erden allein, die ihm das Ende seiner Mutter, den Namen seines Vaters, ja, was ihm noch wichtiger wurde, die ihm Wege und Mittel zur Ausgleichung, zur Versöhnung mit diesem bezeichnen konnte. Nur in dieser Hoffnung gewann die Kenntnis von seines Vaters Aufenthalt Wert für ihn; nur durch die Entdeckung, daß väterliche Gesinnung den Mann beseele, der ihm bisher ein Fremder geblieben! »Einen Vater, der sich schämt mich anzuerkennen, mag ich ebensowenig kennen lernen, als ich jemals die selige Großmutter nur mit einer Silbe gefragt habe, wie er heißt, und wo er wohnt! – So wäre gar meine arme Mutter nicht, wie wir wähnten, bei der großen Überschwemmung in N. umgekommen? Sie wäre vielleicht in fremde Länder entflohen? Vielleicht nach Italien, wo Carinos Gefährtin mit ihr bekannt gewesen? Und rührte von dieser letzteren etwa die Zuschrift her, die meiner Großmutter Ende herbeiführte? ...« Bei solchen Fragen, die Anton, während Zara ununterbrochen schlief, an sich selbst richtete, ohne Aussicht auf Beantwortung, außer durch den Mund der Ersehnten, mußte wohl seine Ungeduld eine schwer zu beherrschende sein. In Nizza trennte er sich dankbarlichst von dem Besitzer des gebildeten Seekalbs, nahm ein Stübchen für sich allein, wusch, erquickte, stärkte sich bestens und trat ohne Aufschub, Ranzen, samt Geige auf dem Rücken, den Wanderstab in der Hand, die Fußreise wieder an. Er hatte kaum sein Wirtshaus verlassen, als ein langsam fahrender Vetturino ihn anrief, befragte, wohin er gehe, und ihm, nachdem Anton Pisa genannt, den Vorschlag machte, seinen Kutschersitz mit ihm zu teilen gegen mäßige Bezahlung. Denn auch er fuhr gen Pisa, war von einem kranken Herrn, der für sich und einen Kammerdiener das Innere der Kutsche gemietet, angenommen, behielt aber die Vergünstigung, für das Kabriolett einen Passagier zu erwerben. Anton, der bereits mehrere Bestandteile der italienischen Sprache aufgelesen und sich zu eigen gemacht, verstand sich mit Pedrillo so ziemlich; sie wurden bald handelseinig. Dem Felleisen wie der Geige wies man sichere Plätze zu, und unser Freund, sein gutes Glück preisend, bestieg den Bock. Während der Vetturino zum erstenmal anhielt, stieg des Reisenden Kammerdiener aus dem Wagen, näherte sich Anton und redete diesen französisch an: »Mein Herr hat mir befohlen, Sie zu fragen, ob Sie vielleicht vorziehen, bei ihm im Wagen Platz zu nehmen? Er wünscht sehr, sich mit Ihnen zu unterhalten. Er kennt Sie, und Sie kennen ihn. Ich soll mit Ihnen den Sitz beim Kutscher tauschen. Mein Herr würde selbst abgestiegen sein, Ihnen diesen Vorschlag zu machen, doch ist er zu leidend und schwach.« Anton hatte keine Ursache, einer so artigen Bitte nicht nachzugeben. Er tat ohne Aufschub, was von ihm gewünscht wurde. Wie er in den Wagen stieg, fand er sich neben einem Manne von sehr krankem und verstörtem Aussehen, der bei dem milden, fast heißen Herbstwetter in einen dicken Mantel vermummt, von Kissen und Polstern jeder Art umgeben und gestützt saß. Beim ersten Anblick erkannte der Einsteigende die entstellten Züge nicht wieder, was er durch seine zweifelhafte Begrüßung zu verstehen gab. Doch der Kranke kam seinem Gedächtnis zu Hilfe, indem er ihn ansprach. Sogleich rief Anton: »Herr van der Helfft? Sie?« ... Und Theodor entgegnete: »Sie staunen, daß ich Sie zu mir bitten ließ. Nach allem, was zwischen uns sich zugetragen, und den Gebräuchen zufolge, wie sie unter gebildeten Menschen auf Erden herrschen, dürfen wir uns nur mit Pistolen in der Faust wieder begegnen oder müßten uns vermeiden. Ich weiß das. Doch weiß ich auch, daß diese Gebräuche nur für lebende, lebendige Menschen gelten; der Tote ist nicht mehr verpflichtet, sich ihnen zu fügen. Und ich bin ein toter Mensch. Daß ich noch rede, ändert nichts an der Sache. Ich bin ein Leichnam. Als ich Sie, neben dieser Kutsche wandernd, Ihres Weges ziehen sah und Sie augenblicklich erkannte, regte sich der verzeihliche Wunsch in mir, mit Ihnen zu besprechen, was uns beide so nahe berührt. Erst auf meine Veranlassung wurden Sie durch Pedrillo aufgefordert, die kleine Reise mit uns zu machen. Jetzt hoffe ich, Sie werden meine Bitte erfüllen. Sterbenden pflegt man, womöglich, nichts abzuschlagen. Lassen Sie mich erfahren, was Sie und Ihr Verhältnis zu ... zu der Toten angeht. Ohne Rücksicht, ohne Zurückhaltung, ohne Schonung! Sagen Sie mir die volle Wahrheit. Schlimmer kann sie ja doch nicht sein als der Ausgang, den sie herbeigeführt hat. Doch auch das Schlimmste ist mir willkommen, weil ich klarsehen will. Sie erweisen mir, wenn Sie dies tun, einen großen Dienst; und wäre, wie ich vermuten darf, Ihr Gewissen nicht völlig rein gegen mich, so dürfte Ihnen selbst erwünscht sein, sich durch dieses mir gewidmete Opfer zu erleichtern.« Anton war tief ergriffen. Nur allzu lebhaft empfand er das Gewicht des ihm gemachten Vorwurfs; um desto lebhafter, je mäßiger die Anklage gestellt wurde. Er beichtete. Vom ersten Abend an, wo er Bärbel im großen französischen Theater gesehen, bis zum letzten, wo er den in Lüften verhallenden Ruf seines Namens, auf der Flucht vor ihr und ihrer wild glühenden Leidenschaft, durch die Nacht zittern gehört. »Also auch Sie«, hob nach langem Schweigen der Kranke an, »also auch Sie waren bezaubert, verzaubert vielmehr durch die unerforschliche Macht dieses teuflischen Engels? Bei Ihnen auch erlosch dieses Zaubers furchtbare Gewalt, als der schönste Körper zerschmettert, verstümmelt, grauenhaft entstellt, die falsche Seele ausgehaucht? Nun, sagte ich nicht, Ihre Bekenntnisse würden mir Trost verleihen? Das ist schon geschehen. Was Sie mir jetzt entdeckt: die Abhängigkeit, in welcher auch Sie wider eigenen Willen verharren mußten, die fortdauernde Anspannung aller Sinne und sinnlichen Erregungen, worin dies schlaue Geschöpf auch Sie zu erhalten verstanden, der Abscheu, den Sie vor ihr hegten, immer wieder besiegt durch die kindische Furcht, ihr zu mißfallen und ihren Groll zu erwecken; mehr noch als dies alles: jene Erschöpfung aller geistigen und leiblichen Kräfte, nachdem Sie sich frei und den Zauber verbannt fühlten; der Wahnsinn, der Sie zu beherrschen drohte; die Todeskrankheit, der Sie fast unterlagen; ... ich finde mich in diesen Zuständen wieder, mich und mein Geschick. Nur mit dem einen Unterschiede, daß Sie am Rande des Grabes, durch Jugend und Genesung gerettet, umkehren durften, sich dem Leben wieder zuzuwenden; und daß ich hinabsteigen werde in die kalte, finstere, einsame Grube; jung, mit dem Wunsche zu leben!« »So weit ist es noch nicht«, stammelte Anton. »Freilich nicht! Leider nicht! Es kann noch ziemlich lange dauern, bis dies Automatendasein, das ich führe, verlischt. Und ist das nicht um so trauriger? Die Ärzte wissen nicht mehr, was sie mit mir beginnen sollen! Die Pariser schickten mich nach Nizza. In Nizza, um mich nur los zu werden, priesen sie mir Pisa. Ich weiß im voraus, auch in Pisa kann sich's mit mir nicht ändern. Ich werde auch dort nicht aushalten. Da habe ich meine Leute entlassen, die sämtlich treulose Betrüger und Verbündete jener erbärmlichen Spielgesellen waren, mit denen meine eigene Verblendung mich verbündet hatte. Ich habe meine Wagen verschleudert, meine Pariser Einrichtung hingeworfen, jeden Luxus von mir entfernt, – nicht um zu sparen, denn für wen sollt' ich das? Nur weil mich anekelt, worin ich aufwuchs. Es regte sich in meinem Innern giftiger Neid gegen die Armen, die, auf sich allein angewiesen, sich durch die Welt schlagen; die Überdruß, Langeweile nicht kennen, die noch empfänglich sind für Luft und Freude. Denen wollte ich es gleich tun, – ah, ich vergaß, daß man dazu Kraft und Gesundheit braucht; daß der Kranke, Elende, wenn er arm ist, zwiefach leidet; daß Reichtum doch manche Linderung gewährt; aber ich rede immer von meinem Reichtum, als wüßte ich so sicher, daß ich ihn noch besitze! Das werde ich erst erfahren, wenn ich heimkehre. Meine Unordnungen, Bärbels wahnwitzige Verschwendungswut, die Nichtswürdigkeit der sogenannten Freunde haben meine Verhältnisse dermaßen verwirrt, daß ich mich selbst nicht mehr auskenne. Schleicht der Tod, den ich in diesen Gliedern spüre, so langsam fort wie bisher, zögert er noch sehr lange, bis er mir ans Herz tritt, – dann kann's vielleicht geschehen, daß ich als Bettler sterbe, wie jener Vagabund in meinem Liebenauer Walde, für dessen Begräbnis Sie damals sorgten und meine Gabe zurückwiesen. O, ich weiß noch was Sie mir ins Ohr raunten: Heben Sie Ihr Gold für die braune Bärbel auf!« »Theodor«, sagte Anton, »möchte die Träne in meinem Auge Ihnen Bürgschaft geben für mein Herz. Wollen Sie mir verzeihen, was ich an Ihnen freveln half? Können Sie's?« »Gern«, erwiderte Theodor, der ihm die magere, zitternde Hand hinstreckte. »Gern und von ganzer Seele. Ich wäre zu tadeln, wenn ich noch ferner gegen Sie grollte. Nein, ich habe kein Recht dazu. Ich von allen Menschen am wenigsten, weil ich die Übermacht am besten kenne, deren Verführung Sie unterlagen. Wenn Sie an mir gefrevelt haben, so begingen Sie den Frevel ja nur an einem Ihnen gleichgültigen Menschen, der kalt, hochmütig, lieblos auf Sie herabsah. Ich selbst bin weit sträflicher, denn ich habe unendlich größeren Frevel an mir begangen, habe mich selbst zerstört und blieb dabei der Betrogene, Verhöhnte, während Sie geliebt wurden. Sie sind also eher zu entschuldigen, als ich. Lassen Sie uns Freunde sein. Wir müssen es werden; wir sind es eigentlich schon. Eben weil wir so wütende Feinde waren, weil unsere Feindschaft entsprang aus einer Leidenschaft für ein Wesen dämonischer Gattung; weil wir an einem Tage das schmähliche Joch losgeworden sind, in einer und derselben Stunde. – Bleiben Sie bei mir. Sie stehen allein in der Welt, im Leben. Ich gehe dem Tode entgegen und bin auch allein. Harren Sie bei mir aus, bis ich sterbe. Sie sollen mein Erbe sein! Und rette ich aus der großen Hinterlassenschaft, die ein zärtlicher, – ach, allzu zärtlicher! – Vater mir hinterließ, nichts als Ihr Heimatsdorf, unser Liebenau, so ist das für Sie, der gar nichts besitzt, sehr viel. Das soll Ihr Eigentum werden, wenn Sie mich bis zu meinem Tode nicht mehr verlassen wollen. Gott hat uns hier zusammengeführt, daß meine Leiden durch Ihre liebe Gegenwart gemildert würden. Verhärten Sie Ihr Gefühl nicht gegen diesen Fingerzeig von oben; beglücken Sie mich durch Ihre Zusage; willigen Sie ein, mein Erbe zu werden! Wir halten uns nicht in Pisa auf: wir reisen ohne Aufschub heim; wir eilen, so viel meine Schwäche gestattet, nach Liebenau. Mich dünkt, im Schatten unserer Wälder müßte sich's sanft und ruhig sterben lassen! – Anton, willst du bei mir bleiben als Freund und Bruder?« »Mich ruft eine heilige Pflicht nach Pisa«, antwortete Anton, sehr ernst gestimmt durch die wunderbare Wendung, die dies Gespräch unerwartet genommen. »Ich soll dort, wie ich hoffe, Nachrichten empfangen über mich, meine Herkunft, meine Vergangenheit und Zukunft. Können Sie sich entschließen, so lange zu verweilen, bis alle Schritte getan sind, die ich dort zu tun mir vorgesetzt, dann bin ich bereit, Sie fürder zu begleiten; bin bereit bei Ihnen auszuharren und durch brüderliche Pflege an Ihnen gutzumachen und zu sühnen was – nicht Verzauberung, Theodor, belügen wir uns nicht, nein, was Leichtsinn, heißes Blut, ungestüme Jugend gesündigt. Von dem großmütigen aber unausführbaren Gedanken, mich zu Ihrem Erben einzusetzen, werden Sie in ruhiger Stimmung zurückkommen. Sie haben, das weiß ich durch Bärbel, in Holland Verwandte von mütterlicher Seite, die sich mehrmals bittend an Sie gewandt haben.« »Die ich nicht kenne! Die sich nur um meinen Vater bekümmerten, wenn sie Geld verlangten; die reichlich mit vollen Händen längst abgefunden sind. Sehr entfernte Verwandte, die gesetzlich gar keinen Anspruch machen können, sobald mein Testament einen Universalerben einsetzt. Und dieser Erbe ist Anton. Anton wird Herr von Liebenau, so wahr und gewiß ich auf Gottes Gnade hoffe im Leben wie im Tode.« Vierundfünfzigstes Kapitel Mit dem Felleisen auf dem Buckel, staubig, matt, des Laufens überdrüssig, hatte unser Held in Pisa einzuziehen gemeint. Jetzt saß er in sanft schaukelnder Kutsche, die am besten Hotel vorfuhr, und die er nach glücklich zurückgelegter Fahrt mit einem hohen, vornehm eingerichteten Wohnzimmer vertauschte, das man ihm auf Theodors Befehl angewiesen. »Morgen«, sprach dieser, da sie sich trennten, »morgen früh werde ich meinen letzten Willen aufsetzen und die hiesige Magistratsbehörde ersuchen, den Akt mit ihrem Zeugnisse zu beglaubigen. Wir haben noch weit bis zur Heimat, und wer weiß, was geschieht! Jetzt freue ich mich des Abends, der Ruhe, meines Lagers. Seit Paris, seit Bärbels Tode, seit meiner Krankheit habe ich noch keinen so erträglichen Tag gehabt, wie diesen letzten mit dir, Anton. Deine Nähe wirkt wohltätig auf mich. Schon hat sie mir leichteren Sinn gegeben, vielleicht gibt sie mir auch ruhigen Schlaf! Gute Nacht! Und das übrige morgen, beim Erwachen!« Seitdem sie sich in Nizza gefunden, während der Reise bisher hatten sie jede Minute im Wagen oder im Gasthofe miteinander zugebracht. Jetzt in Pisa erst trennten sie sich, jeder sein Nachtlager suchend, und da erst fand Anton Gelegenheit, allein und ungestört diese neue Richtung seines Lebenslaufes ins Auge zu fassen und des weiteren darüber nachzudenken. Allerdings hob sich seine Brust, von banger Freude bestürmt, hoch empor, als er durchdachte, was Theodor ihm verheißen. Habsucht und Eigennutz mögen dem Menschen noch so fernliegen, unmöglich doch kann es ohne Wirkung bleiben auf einen verwaisten Jüngling von lebhaftem Geiste, wenn man ihm zuruft: »Du warst ein Bettler ohne Hoffnung, ich mache dich zum wohlhabenden Manne!« Nehmen wir an, – was ich in seine Seele und sein Gemüt hinein anzunehmen berechtigt bin – es würde ihn für den Augenblick mehr geschmerzt als beglückt haben, Theodor zu beerben, zu dem er sich jetzt hingezogen fühlte, so dürfen wir doch daneben annehmen, daß die Aussicht, in seinem unvergeßlichen Liebenau als Freund und Adoptivbruder des Gutsherrn einzuziehen, zu wohnen, wirken zu helfen, ihn beseligen mußte. »Meine lieben Wälder werde ich begrüßen, das Grab meiner Alten, unser Häuschen ...« dachte er. O Gott woran dachte Anton nicht, da er an die Heimat dachte? »Mag Theodor genesen! Mag ich erst nach vielen Jahren die heimatlichen Fluren ererben, die er mir bestimmt; mag er mich meinetwegen überleben! Liebenau gehört ja schon mir, ist schon mein Eigentum, wenn ich nur vorwurfsfrei und ohne Sorgen dort atmen darf.« Lange stritten diese freundlichen Bilder mit seiner Müdigkeit, und spät erst schlief er ein, um freundlich fort zu träumen und spät zu erwachen. Wiederholte heftige Schläge gegen seine Tür weckten ihn aus behaglichem Halbschlummer, dem er noch willig sich überlassen hatte. Unwillig sprang er in die Höhe, zu öffnen; der Kameriere stand mit ängstlichem Gesicht vor ihm: »Befindet sich der Diener des Kavaliers, in dessen Begleitung Sie anlangten, vielleicht bei Ihnen, mein Herr?« »Ich bin allein, wie Sie sehen, und der Diener muß bei seinem Herrn zu finden sein.« »Das ist es eben, was mich besorgt macht. Vor Tagesanbruch weckte dieser Mensch unsere Leute und begehrte, daß man ihm das Haustor öffne, weil sein Herr, der plötzlich kränker geworden sei, ärztlicher Hilfe bedürfe. Man ließ ihn hinaus, ohne erst zu fragen, ob er, fremd in dieser Stadt, einen Arzt zu finden wisse. Nach Verlauf einer halben Stunde ist er zurückgekehrt mit einem Menschen von verdächtigem Aussehen, den unser Portier nicht kannte, der sich aber für einen Arzt ausgab. Mit diesem ist er nach dem Schlafgemach seines Herrn gegangen. Eine Stunde später sind beide herausgekommen, beide in Mäntel gehüllt, und der schlaftrunkene Portier, der mir dafür büßen soll, hat sie ungehindert wieder aus dem Hause gelassen, obwohl er jetzt selbst eingestehen muß, er meine bemerkt zu haben, daß beide unter den Mänteln Schatullen und Portefeuilles trugen. Die Zimmer des gnädigen Herrn sind verschlossen, der Diener nirgend zu finden, und auf unser stärkstes Pochen antwortet niemand. Deshalb hielt ich's für angemessen, bei Ihnen Rat einzuholen.« Anton kleidete sich schleunigst an und folgte dem Kameriere über einen Vorsaal nach Theodors Zimmern. Es wurden Nachschlüssel geholt, man öffnete die Tür leicht, da innen weder ein Schlüssel steckte, noch ein Riegel vorgeschoben war. Im Vorzimmer sah es unordentlich aus; die Koffer geöffnet, Wäsche, Kleider, andere Gegenstände lagen durcheinander am Boden. Sie traten ins Schlafgemach. Theodor lag tot in seinem Bette, in der rechten Hand eine Schreibfeder, in der Linken einen Bogen Papier festhaltend. Offenbar hatte der Tod ihn übermannt, während er noch zu schreiben sich bemühte. Seine Kassette und vielerlei Kleinigkeiten, die Anton auf der Reise bei ihm gesehen zu haben sich erinnerte, fehlten. Es wurde nach Polizeibeamten gesandt. Unterdessen näherte sich Anton in aufrichtiger Betrübnis der Leiche. Er war weit entfernt, da er ihr wehmütig ins gebrochene Auge blickte, an sich selbst und daran zu denken, wie dieser schnelle Tod so viele jungkeimende Hoffnungen mit kalter Hand erstickt habe. Doch wurde er, ohne es zu wollen, daran erinnert, als er sich übers Bett neigte, um die Schriftzüge zu lesen, die das Blatt in Theodors Hand enthielt. Er las: »Noch bei klarem Bewußtsein und Herr meiner Gedanken, fühle ich den Tod mir nahen. Ich setze daher meinen letzten Willen fest und ernenne zum Universalerben meines Vermögens, namentlich der Herrschaft Liebenau, meinen Pfleger, Freund und Herzensbruder Ant...« Hier hatte die Kraft des Sterbenden nicht mehr ausgereicht. Anton zog das Blatt leise aus den starren Fingern, drückte es an seine Lippen und legte es dann in seine Brieftasche neben die ihm von Carino hinterlassenen Zeilen. »Das zweite Testament in kurzer Zeit«, sprach er. »Gebe Gott, daß meine Erbschaft durch das erste glücklicher ausfallen möge!« Fünfundfünfzigstes Kapitel Wäre Anton nicht durch gerichtliche Untersuchungen, worin er mit seinen Zeugenaussagen und Nachweisungen eine sehr wichtige Rolle spielte, nebenbei auch noch durch die Anstalten zu Theodors Begräbnis in Anspruch genommen worden, hatte er sich seinen eigenen Angelegenheiten widmen und das Ziel seiner Reise verfolgen können, wie vorteilhaft wäre das für ihn gewesen! Denn die Frau, die er suchte, von deren Bekanntschaft er so viel erwartete, befand sich allerdings noch in Pisa, wählend Theodors Leiche Veranlassung zu mancherlei Bedenklichkeiten gab. Der Diener, den der Verstorbene in Nizza gemietet, war mit sämtlichem Vorrat von barem Gelde und Pretiosen entwichen. Kein Zweifel, daß er, auf diese Gelegenheit vorbereitet, nur ihrethalben den beschwerlichen Dienst eines Krankenpflegers übernommen hatte. Er sowohl wie sein nächtlicher Begleiter wurden fruchtlos verfolgt. Große Schwierigkeiten stellten sich der Beerdigung des Nichtkatholiken entgegen, die Anton gern recht feierlich angeordnet hätte, was ihm aber durchaus nicht gelang. Theodor wurde zu Grabe getragen wie der schwarze Wolfgang. Der braunen Bärbel drittes und letztes Opfer war ausersehen, seinen beiden Vorgängern einzig und allein das letzte Geleite zu geben. Durch diese unvermeidlichen Abhaltungen wurde Anton verhindert, die ersten Tage für sich und seine Zwecke zu benützen. Sobald er Theodors Leiche unter die Erde gebracht, verließ er das Hotel, in dem aus eigenen Mitteln zu leben ihm nicht geziemen wollte, zog in ein geringes Haus und begann jetzt, was er bisher hatte versäumen müssen. Leider war es schon zu spät. Signora Carina, entmutigt durch ihre Unfälle, hatte nicht mehr gewagt, vor einem italienischen Parterre zu erscheinen. Dürftig, mutlos, leidend, war sie einem Unternehmer in den Weg gelaufen, der mehrere heruntergekommene Künstler und Künstlerinnen ihrer Art mit verschiedenen Anfängern vereinigte, um zu erproben, ob italienische Gesangsmethode und Sprache Reiz genug üben würde, diesem zusammengestoppelten Vereine in mittleren und kleineren Städten Deutschlands beifällige Geltung, ihm aber Einnahmen zu verschaffen! An dem Morgen desselben Tages, wo Anton seinem Liebenauer Gutsherrn Theodor van der Helfft die letzte Ehre erwiesen, war Signora Carina abgereist, und zwar mit der Kurierpost, weil sie vertragsmäßig zur bestimmten Stunde in Wien eintreffen mußte, wo der wandernde Impresario samt übrigem Personale sie zur gemeinsamen Weiterreise erwartete. Wie Anton diese niederschlagende Kunde vernahm, war sein erstes, der Ersehnten ebenso rasch nacheilen zu wollen! Doch mußte es wohl beim Wollen verbleiben, denn seine Kasse fand sich leer: ihn allein, seine Armut hatten die mannigfachen, durch echt italienische Prellereien erzwungenen Nebenausgaben für Theodors Beerdigung getroffen. Das Gericht, welches ein Inventar der noch vorhandenen, nicht gestohlenen Effekten entworfen, die Theodors Hinterlassenschaft bildeten, verstand sich zu keinem Zuschüsse für »unnütze Dinge«; vielmehr schienen die subalternen Beamten, die in dieser Sache walteten, weit nützlicher zu finden, daß man den Lebendigen – (das heißt ihnen) – zuwende, was dem Toten gewiß gleichgültig sei. Und so wurde denn der um seine schönsten Hoffnungen abermals betrogene Anton durch den Tod seines neuerworbenen Gönners in peinigende Not und Entbehrung versetzt, anstatt, wie der Sterbende beabsichtigt, durch ihn zum wohlhabenden Gutsbesitzer zu werden. Daß er die dünne Börse für Theodors Sarg und Grabstätte hatte leeren müssen, schmerzte ihn nicht; vielmehr gab es ihm eine fromme Beruhigung, dies Opfer der jüngst geschlossenen Versöhnung mit einem unglücklichen Gegner gebracht zu haben. Daß er aber dadurch die Möglichkeit verloren sah, der Carina nachzueilen, das erfüllte seine Seele mit Gram. »Jetzt ist es wohl vorbei«, sprach er, »mit jeder günstigen Aussicht für mich! Diese letzte Täuschung war die grausamste. Sie scheint über mich verhängt als Strafe für meine Pariser Verirrungen und Schlechtigkeiten. Verdient mag sie sein, aber hart ist sie nicht minder. Ja, sie ist grausam. Züchtige deinen Sünder, ewige Macht; lasse ihn das schwerste Gewicht deines Rächerarmes fühlen, ... aber locke ihn nicht erst spöttisch auf heitere Hügel, von denen er in lachende Fluren blickt, um ihn sodann desto tiefer in den Staub des Weges zu stoßen. Strafe und Hohn, das ist zu viel! Ja, der Staub des Weges! Weiter bleibt mir nichts übrig. Und so wandere weiter, armer Teufel; wandere und schlucke deinen Staub!« * Anton stand am Fenster in seiner bescheidenen Osteria. Rings um ihn her schwieg alles. Das Gastzimmer war leer, die wenigen Reisenden, die gleich ihm Unterkunft gesucht, schliefen. Er konnte ungestört sinnen. Seine Toten zogen an ihm vorüber. Er gedachte ihrer letzten Worte. Da gedachte er auch an Carinos. Seiner zunächst, weil dieser ihn nach Pisa beschieden. Und er besann sich, daß der arme Mann singend gestorben' daß die Melodie, die der Korbmacherjunge Anton damals dem fremden Herrn vor Onkel Nasus' Schlosse vorgespielt, aus der Brust des Verscheidenden nachgeklungen habe. Als wenn er dem Verstorbenen ein Requiem schuldig sei und diese Schuld jetzt in tiefer, stiller Nacht abtragen müsse, holte er seine Geige aus ihrem wachsleinenen Reisemantel hervor, lehnte sich in die Fenstermauer und spielte das alte deutsche Volkslied stummen, steinernen italienischen Palästen vor, die da in den Sternenhimmel hineinschauten. Überall herrschten Schlaf und Schweigen. Nur ihm gegenüber in dem oberen Stockwerk eines hohen Hauses schimmerte Licht durch zwei Fenster, deren eins auch offen stand. Es bedünkte ihn, als rege sich's da drüben! Und wirklich, er hatte kaum die Weise seines Liedes einige Male durchgegeigt, so riefen von dort herüber schon die Klänge einer ihm antwortenden Violine. Aber welch einer! Und was für Klänge! Die seinigen galten ihm dagegen so dünn, so marklos, daß er beschämt innehielt und lauschte. »Welche Kraft! Welche Fülle! Welcher Wohllaut!« rief er aus, ließ seinen Bogen sinken und trank mit durstigem Ohre. Nicht lange blieb der Künstler im anderen Hause bei Antons Melodie; er fing an zu variieren, ging sonach in Doppelgriffe und Kadenzen über, arbeitete sich durch kühne Übergänge und ließ aus chaotischem Gewirre von Tönen wie aus einem Korbe voll durcheinander geworfener Blätter und Blüten unerwartet eine ganz einfache Volksweise dringen, die, dem singenden Vogel vergleichbar, aus jenem bunten Gemisch aufstieg in die dunkelblaue Nacht. Das war eine polnische Melodie; eines jener seelenvoll schwermütigen Lieder aus dem Volke der Sarmaten, das auch bei Tanz und Spiel zu – klagen scheint! Anton kannte dies Lied von seinem Aufenthalte in P., wo er es oft vernommen. Nachdem der Fremde geendet, wiederholte er auf seinem Instrument, was er jetzt von jenem gehört, es war, wie wenn ein Kind mit dünner, schwacher Stimme die kräftige Fülle eines Mannes nachzuahmen versucht. Doch schien der Mann Freude zu finden am kindlichen Gesänge, denn er gab ihm Antwort zurück. So begrüßten sie sich durch Töne, und Töne schlangen ein unsichtbares Band zwischen zwei Seelen, die sich sonst nicht kannten. Länger denn eine Stunde währte dieser Austausch der Gefühle. Am nächsten Morgen bewarb sich Anton um Auskunft über seinen nächtlichen Freund. Es sei ein »Professor der Musik«, sagte man ihm; ein Reisender, ein Engländer, der kürzlich dort eingezogen sei und fleißig studiere, nämlich geige. »Ein Engländer? Ein Landsmann Käthchens? Mit dem darf ich es wagen. Ich gehe, mich ihm vorzustellen.« Er wurde freundlich empfangen; er sprach den Fremden im reinsten Englisch an, wie es ihm nur irgend zu Gebote stand. Der Fremde antwortete auf Französisch, daß er ihn nicht verstehe. »Das liegt an der vermaledeiten Aussprache«, dachte Anton und erklärte ihm, wie er eigentlich ein Deutscher sei. »O, die Deutschen lieben und verstehen Musik«, erwiderte der Fremde, »sie treiben das gründlich. – Ich spreche auch Deutsch. Wenn Sie wollen, reden wir Deutsch.« »Und sind Engländer?« »Ich? Nein, ich bin ein Pole!« »Ein Pole? Ach, deshalb spielen Sie polnische Lieder so göttlich!« »Sie haben mich gehört?« »In dieser Nacht.« »Sind Sie mein Gegenüber?« »Ich muß mich schämen, es einzugestehen vor einem solchen Meister.« »O, ich bitte, mein Herr!« »Das habe ich nicht geahnt, daß in diesem kleinen Instrument Töne wohnen könnten, wie Sie daraus hervorholen. Es war mir ums Herz, als wenn der Himmel mit seinen Sternen die Wölbung einer hohen Kirche sei und hier bei Ihnen das Chor, worauf die Orgel steht. Von dieser Kraft und Gewalt hatte ich keinen Begriff. Ihre Hand muß von Eisen sein und Ihr Bogen von Stahl, – aber die Finger von Gold.« »O, ich bitte, mein Herr!« »Wenigstens sind die Töne, die Sie hervorbringen, Gold, und das reinste, das jemals floß. Machen Sie einen armen Teufel glücklich, lieber Herr. Lassen mich noch etwas hören – und zugleich sehen ! Und wenn Sie das glänzendste Publikum versammeln um sich her, Sie werden kein empfänglicheres finden und kein dankbareres.« Der Blick, womit Anton diese Bitte begleitete, verfehlte seine Wirkung nicht. Während des Spieles murmelte der entzückte Hörer mehrmals: »Armer Carino! – Freilich war's eines Bettlers Geige, worauf ich ihn hörte!« Wie das Stück beendet war, sagte Anton: »Zu danken, mit Worten zu danken, vermag ich nicht; jedes Wort aus meinem Munde, wenn es Sie preisen wollte, müßte albern klingen.« Der Fremde bot ihm das Instrument dar und forderte ihn auf, sich nun auch zu zeigen. »Das kann nur Ihr Scherz sein. Ich stehe vor Ihnen, wie ich einmal vor einem großen Schauspieler stand. Was der mir sagte mit scharfen, eindringlichen Lehren und Worten, mich zurückzuweisen von jener Pforte, an die meine Keckheit voreilig pochte, – Sie haben mir's heute in Tönen gesagt. Meine Geige hat Feiertage von nun an. Wenigstens will ich mich nicht mehr vergessen, anders aufzuspielen als zum Tanze – oder bei Nacht, wenn alles schläft, und ich mich allein höre –« »Und nur ein Freund wacht gegenüber, der Antwort gibt?« sprach der Künstler mit liebenswürdiger Herzlichkeit. Anton näherte sich einem Tische, worauf Musikalien, andere Papiere, Visitenkarten lagen, und eine der letzteren ergreifend, fragte er: »Darf ich?« Er nahm sie und las: Charles Lipinski. »Lipinski! Nun, ich will diesen Namen in meinem Herzen tragen: er soll darin eingegraben stehen neben dem Namen Ludwig Devrient. Lagen Sie mir – aber aufrichtig, Ihre innerste Meinung – kann es auf Erden noch einen größeren Geiger geben, wie Sie sind?« »O, ich bitte, mein Herr! Wenn Sie schon möchten hören Paganini.« »Paganini? Wer ist Paganini?« »Ich kann Ihnen das nicht sagen. Man vermag nicht zu beschreiben, was Paganini ist, man muß ihn erleben. Sie werden reisen?« »Nach Deutschland zurück«, antwortete Anton mit unterdrücktem Seufzer. »Vielleicht werden Sie Paganini begegnen, bevor Sie sich trennen von Italien, welches er hat noch nicht verlassen wollen. Versäumen Sie ihn nicht, und wenn Sie sollten machen einen Umweg von vielen Meilen. Ich werde gehen nach Paris; wann reisen Sie?« »Noch heute, – oder morgen.« »Vielleicht, daß Sie ihn treffen in Modena, – vielleicht noch in Lucca! Erlauben Sie.« Lipinski nahm die Visitenkarte aus Antons Hand, ergriff eine Feder und fragte: »Ihr Name, ich bitte?« »Antoine. – Anton?« »Das will sagen hierzulande Antonio?« Und er schrieb unter »Charles Lipinski« die französischen Worte: »empfiehlt seinen jungen Freund Antonio der Güte des Maestro Nicola Paganini.« * Bei San Rossore unweit Pisa liegt eine Sandfläche, von Eichen, Erlen, Brombeerhecken, Distelgesträuchen so sparsam durchwachsen, daß sie im ganzen ein recht artiges Bildchen arabischer Wüsteneien gibt. Dort wurden seit Jahrhunderten Kamele gezogen. Und weil das Kamel, dem Schafe gleich, Vielweiberei treibt, weil für viele Frauen ein Gatte genügt, so verkauft man gern den jungen männlichen Nachwuchs, findet jedoch in der Umgegend selten Kauflustige, da kein Landmann sich danach sehnt, seine Baumanlagen durch diese sonst brauchbaren Tiere verwüsten zu lassen. Von dort also haben die meisten Kameltreiber ihre unglücklichen, gequälten Opfer abgeholt, die wir in unserer Kindheit, poetischer Ahnungen voll, für Asiens oder Afrikas Kinder hielten, wenn wir sie nach dem dumpfen Schlag der Trommel beim schrillenden Pfiff der eintönigen Flöte durch die Gassen ziehen sahen. Ein Transport solcher Geschöpfe, dazu verflucht, die schaulustige Jugend deutscher kleiner Städte und Dörfer zu begeistern, brach unter Leitung des Länder und Völker kennenden, schlauäugigen Veronesers Geronimo von Pisa auf, wie eben der testamentarisch ein- und sogleich wieder abgesetzte künftige »Gutsherr von, auf und zu Liebenau« mit Felleisen und Knotenstock sehr entmutigt die Reise angetreten, wohin der Pariser Paß ihn wies, ohne die Luftkur vornehmer Kranker in Nizza oder Pisa über Winter abzuwarten. Sein Humor regte sich, da er die Karawane hinter sich her mit einer zu den Wolken hinaufwirbelnden Staubwolke anwachsen sah, und seit langer Zeit zum erstenmal trieb es ihn, wieder als Poet aufzutreten. »Zum Tor hinein als Kavalier; Zum Tor hinaus als Trampeltier!« dichtete er, mehr poetisch erhaben und schön als naturhistorisch wahr, da Trampeltiere von Kamelen gänzlich gesonderte Wesen sein sollen. »Ihr habt ja keinen Affen«, rief er dem Signor Geronimo entgegen, wobei er sich auf gutes Glück der französischen Sprache bediente. »Euch fehlen Affen, und ohne Affen huste ich auf die Kamele.« – (»Wie jener Mann«, setzte er auf Deutsch hinzu, »von den Kramtsvögeln meinte ohne Apfelmus.«) Die Vagabunden ähneln auch darin den Diplomaten, daß sie fast ohne Ausnahme Französisch verstehen. Französisch ist die Sprache der Kabinette und der Landstreicher. Mit ihr kommt man durch die ganze Welt. Geronimo antwortete Französisch: »Leider besitze ich noch keinen Affen, will sich Eure Exzellenz vielleicht als Affe bei mir verdingen?« »Warum das nicht?« sagte Anton, dem in diesem Augenblicke eine trotzige Wonne, eine verzweifelte, übermütige Lustigkeit wie Feuer durch alle Adern zog, »warum das nicht, wenn Ihr sonst ein Stück Geld daran wendet? Ich bin ein passabler Orang-Utan, sollte ich meinen!« »Bis zum Orang-Utan, so hoch versteigen wir uns nicht«, lachte Geronimo. »Wir sind zufrieden, wenn wir einen türkischen Affen zum Kauf finden, hätte er auch in Gibraltars Felsen seinen verehrten Erzeuger. Für jetzt aber muß ich noch warten, bis gute Einnahmen den Säckel gefüllt, der von meinem Ankaufe leer ist. Für diese drei Kamele habe ich dem Herrn Verwalter von San Rossore – die heilige Jungfrau segne den Mann, wenn ihn der Teufel nicht fressen wollte, weil er sogar für diesen zu zähe wäre! – vierhundert schwere Gulden zahlen müssen. Das geht aufs Lebendige, mein Teuerster. Hingegen sehe ich auf Eurem Ranzen die Fidel hängen! Seid Ihr, wie ich vermute, ein wandernder Musikant und habt Ihr Lust, die Reise mit mir zu machen als Spielmann, so soll es Euer Schade nicht sein. Mein Kleiner schlägt die Trommel, und dazu müßte sich eine Geige, dünn und hell gestrichen, absonderlich ausnehmen, 's wäre auch ganz was Neues und würde dem Volke hier, dem Kamele keinen Eindruck machen, manches Geldstück entlocken, weil sie versessen sind hierzulande auf Musik. Könnt Ihr tüchtig geigen, dann zieht mit mir, vorausgesetzt, daß Ihr nichts Besseres vorhabt.« »Was könnte ich Besseres vorhaben als unter Eurem Zepter, höchst würdiger und erlauchter Vagabundenfürst, Kamele zu treiben und diesen gottgefälligen, echt biblischen Tieren bei ihren Schwenkungen mit meiner Fiedel unter ihre Höcker ans Herz zu greifen? Ja, ich will mich verdingen bei Euch als Knecht; will mir einbilden, weiser Patriarch, ich müßte bei Euch dienen um eine schöne Rahel! Es wird mir zu besonderem Vergnügen gereichen, wieder mit Vieh zu verkehren, seitdem ich im Umgang mit Menschen nicht allzu glücklich war. Offen gestanden, und wenn mir von Heiden träumte, so waren dies Rinder und Schafe, von meinen Hirten gehütet. Doch was tut's? Jetzt werde ich selbst ein Hirte. Also: Topp, ich trete in Euren Dienst und bin Kameltreiber!« »Legt Euer Gepäck hier in diesen Korb, da gibt's Platz. Die Geige hübsch obenauf, damit sie keinen Schaden nimmt. Nun seid Ihr leicht, nun laßt uns rüstig wandern und nehmt den Kamelschritt zum Muster für Eure zarten Füße. Je schneller wir aus Pisas Dunstkreis gelangen, desto besser für uns; hier sind Kamele zu alltägliche Ware!« – Dann mit sich selbst redend, setzte Geronimo hinzu: »Es ist ein hübscher Bursch, und wenn er nur erträglich spielt, und wenn er nicht verrückt ist, worüber ich erst ins klare kommen muß, so habe ich einen glücklichen Griff getan und mir einen unschätzbaren Kameraden gewonnen.« Sechsundfünfzigstes Kapitel Schon im ersten Nachtquartier hatte Anton mit seinem Geigenspiel des musikliebenden Geronimo ganzes Herz bezwungen. Der rohe Tierführer – der übrigens für einen aufmerksam beobachtenden Menschenkenner vielleicht Zweifel dargeboten haben dürfte, ob diese zur Schau getragene Roheit nicht mehr Kunst enthalte als Natur – schmolz in Wehmut hin bei sanften und melancholischen Melodien. War er doch auch einmal jung gewesen! Hatte doch auch seine Kindheit eine Heimat gehabt! Es erging ihm, wie es allen Menschen ergeht, jedem in eigener Art; mag die Rinde, die Wetter und Wind und Staub und Regen um unsere Brust gelegt, noch so derb und dick sein, – bei Sonnenuntergang, in dämmernder Abendstunde träumen wir wieder von harmloser Kinderzeit, und während solcher Träume schleicht sich durch irgend welch verborgenes Winkelchen die süße Macht des Liedes unvermerkt bei uns ein. Wer diese Stimmung in uns hervorzubringen weiß, den gewinnen wir lieb. In Lucca, wenn Antons Tagebuch nicht irrt, denn es trägt die Spuren der Fußwanderung und ist unsicher und schwankend in Beziehung der italienischen Reise; in Lucca machten sie in einer Vorstadt Halt; wie Anton vermutete, weil Geronimo heimliche Gespräche zu pflegen hatte mit verschiedenen Personen, die möglichst unbemerkt kamen und gingen und sich sogar den Blicken des Reisegefährten zu entziehen suchten, der natürlich diskret genug war, sie gar nicht zu beachten. Es war noch zeitig am Tage. Die Kamele hatte Anton in einem großen Stalle untergebracht und versorgt; nun saß er beim Glase Wein in der Schenkstube, da gesellte sich Geronimo wieder zu ihm, erzählte vielerlei Schwänke und Ränke aus seinem Wanderleben, was Anton gern hörte, weil es ihn reizte, Vergleiche mit sich anzustellen, Unterschiede aufzusuchen und in manchen Erniedrigungen des um so viel älteren Mannes stillschweigend eine Erhebung seiner selbst zu entdecken und auszufinden. So waren sie guter Dinge. Einige Gäste der Schenke gesellten sich an ihrem Tisch zu ihnen, hörten Geronimo schwatzen und nickten sich bisweilen mit einem Zeichen des Einverständnisses pfiffig lächelnd zu. Der Sprecher verkündete ihnen, daß sein junger Kamerad ein Wunder sei; ein Violinvirtuose, wie es noch nie und nirgend einen gegeben, der dem Zuhörer Tränen ins Auge zu holen verstehe, und wenn er sie mit seinem Geigenbogen aus den Schuhsohlen heraufpumpen solle. »Hört auf«, sagte einer, »haltet uns nicht für Narren. Wer ein solcher Meister wäre auf vier Saiten, wie Ihr den jungen Herrn schildert, der brauchte nicht Kamele zu führen von Pisa ins Land der Barbaren. Zuletzt wollt Ihr uns glauben machen, er übertreffe den Paganini!« »Was wißt Ihr von Paganini, guter Freund?« schrie Anton, der lebhaft emporsprang. »Habt Ihr ihn jemals gehört? O, ich bitte, erzählt mir von ihm.« »Natürlich habe ich ihn gehört und werde ihn heute wieder hören, und wenn Ihr Lust habt, ihn auch zu hören, so säubert Euer Gewand, legt reine Wäsche an, kämmt und glättet Eure schönen Locken, dann geht mit mir zur Stadt, wo heute abend im großen Opernhause Nicolo Paganini ein Konzert gibt.« » Corpo di dio , ich bin auch dabei«, sagte Geronimo. Anton stürzte nach dem Stall, um zwischen drei Kamelen Toilette zu machen. * Geronimo, Anton und der philharmonische Vorstädter begaben sich miteinander nach dem Konzert. Der Vorstädter hatte seinen Bratenrock angelegt. Geronimo sah aus wie ein Handwerksmann von gröberem Zuschnitt, – so zwischen Schmied und Zimmermann – der sich sonntäglich geputzt; Anton dagegen wie ein vornehmer junger Herr im Reisekleid. Dem scharf geübten Auge Geronimos entging dieser Unterschied nicht. Er machte den Vorstädter darauf aufmerksam, während dieser an seiner Seite hinter dem ungeduldig voranlaufenden Anton herkeuchte: »Was meint Ihr zu meinem Burschen? Habt Ihr dergleichen schon gesehen in unserem Gewerbe? Für was haltet Ihr ihn?« »Ich halte ihn«, erwiderte der Vorstädter, »für einen Engländer, was sie einen Lord nennen, der die Wette einging, so und so lange als Knecht bei einem Kameltreiber zu dienen. Wenn die Zeit um ist, und er hat seine Wette gewonnen, treffen die Equipagen ein und Diener mit Haarbeuteln, und er ist wieder ein Lord. Man müßte sie nicht kennen, diese Engländer! Sie sind alle toll.« »Aber er ist kein Engländer, er ist ein Deutscher.« »Engländer, Deutscher! Das kommt auf eins heraus! Christen sind sie alle zusammen nicht, und England wie Deutschland sind Inseln im Nordmeere, wo die Eis-Polen schwimmen, das grenzt sogar an Rußland.« »Euch beliebt das anzunehmen, Blume der Weisheit von Lucca; doch erlaubt mir, der ich Deutschland schon zweimal durchzog, die demütige Einwendung, daß Ihr Euch irrt. England und Deutschland sind wirklich zwei ganz verschiedene Länder.« »Meinetwegen«, äußerte der unsichere Geograph, »zu den Barbaren gehören die Einwohner da wie dort, denn sie sind keine Italiener.« Antons Sprachtalent hatte schon seit Turin genug aufgefaßt, daß er mit Hilfe seiner lateinischen Erinnerungen vom Liebenauer Pastor her einer italienischen Unterhaltung folgen konnte. Er wendete sich um und sagte zum Vorstädter: »Ihr habt's getroffen, ich bin deutscher Graf, doch meine Herrschaften liegen in England. Wollt Ihr mir tausend Dukaten darauf leihen?« »Wenn ich sie hätte, mit Wonne«, antwortete jener, »aber ich habe nicht so viel Lire.« »Dann geht es Euch mit Euren Dukaten wie mir mit meinen Herrschaften«, lachte ihm Anton freundlich zu. Sie drängten sich ins Schauspielhaus. Dort zeigte alles ein festliches Gesicht. Die vornehme Welt in Glanz und Schmuck, die Masse feierlich bewegt. Auf jedem Antlitz stand zu lesen: »Ich werde ihn hören!« Den ersten Nummern des Konzertes ward wenig Aufmerksamkeit vergönnt. Ouvertüre und Gesang gingen wirkungslos vorüber. Dann trat eine Pause ein; eine erwartungsvolle Stille herrschte im Saale; Anton lauschte, ob man nicht ein Notenpult bringen werde! – Nein! Die Flügeltüren gehen auf ... ein langer, bleicher Mann erscheint, die Violine unterm Arm ... es erhebt sich ein Jauchzen, Schreien, Stampfen, Klatschen, Jubeln, daß die Mauern beben! Scheinbar gleichgültig dagegen und schwankenden Schrittes schlendert der Künstler vor – (»er verbeugt sich wie meine Kamele, wenn sie übler Laune sind«, sagt Geronimo) – die Introduktion, zu der sein Bogen einigemal den Takt gibt, hebt an ... sie geht zu Ende ... aus den Augen des blassen Angesichts schießen zwei Flammen ... der erste Strich ertönt ... Ich will mich wohl hüten, weiter zu beschreiben! Es war seine eigene Komposition, die Meister Nicolo vorgetragen. Das Adagio rein, edel, einfach; das Rondo heiter, frisch, lieblich, voll Melodie, Anmut, neckische Grazie und mit Bizarrerien und Kaprizen ausgeziert, die wie Schmetterlinge und goldene Insekten in Blumen gaukeln. Nach Beendigung des Tonstückes, während der Sturm des Entzückens immer lauter und anhaltender nachbrauste, ward er in die Hofloge beschieden. Man sah, wie alle ihm huldigten. Er, seine Geige unterm Arm, nahm das hin, als könnte es nicht anders sein. Nur wenn schöne Damen ihm die Hände zum Kusse reichten, legte er seine Geige beiseite auf einen Stuhl, um die dargebotenen Finger dankbar fassen und küssen zu können. Anton verlor keine seiner Bewegungen. Anton bemerkte auch, daß eine junge Schöne sich an des Meisters Geige zu tun machte. Durch sehr natürliche Gedankenverbindung fiel Tieletunke ihm ein, und wie diese mit ihrer Schere ihn außerstandgesetzt, seine eigene Violine vor Carino erklingen zu lassen, so daß ei die des Fremden hatte ergreifen müssen. »Auf Paganinis Instrument«, flüsterte er, »wäre das unmöglich, aus diesem würden Funken blitzen, mich davon zu vertreiben, wenn ich mich daran wagen wollte.« Das zweite Stück des Konzertgebers war angekündigt als: Militärische Sonate ohne Begleitung des Orchesters. Es begann nach düsterer Einleitung mit dem Thema aus Mozarts Figaro: » Non più andrai «. Schon nach den ersten Bogenstrichen platzte eine Saite. »Wie wird das werden?« dachte Anton. Paganini spielte fort. Jetzt sprang die zweite Saite. Paganini achtete nicht darauf und spielte fort auf zwei Saiten. Kaum waren noch einige Takte vorüber, so riß schwirrend auch die dritte . Nur die G -Saite hielt sich. Auf dieser setzte er sein Musikstück fort, ohne ein Zeichen von Verlegenheit zu geben. Ja, es war, wie wenn er den Mangel dreier Saiten nicht bemerkte. Er ging aus dem Mozartschen heroischen Motiv in eine wunderlich monotone Klage über Hier scheint Antons Tagebuch in einem Irrtum. So viel ich mich erinnern kann, kam bei Paganinis Sonate militaire jene jammernde Klage als Einleitung und dann erst das Motiv aus Figaro. Anmerkung des Verfassers . ; er stöhnte, jammerte, heulte in hohen und tiefen Tönen; er wimmerte den Hörern in die innerste Brust, umschlang ihnen Herz und Seele mit seinem Wehe; er weinte auf dieser einen Saite, daß alle, die ihn vernahmen, mit ihm weinen mußten; er kämpfte wie gegen unsichtbare, finstere Mächte und rief die anderen Menschen auf, mit ihm zu kämpfen; er spottete seiner eigenen Qualen und quälte die Entzückten. Es war, wie wenn ein Teufel vor Gottes Throne winselnd flehe, daß er wieder Engel werden dürfe, was er einstmals gewesen und woran er die Erinnerung noch nicht verloren. Die Wirkung dieses in solcher Weise noch nie vernommenen Spieles war so gewaltig, daß am Schlusse der Elegie kein Mensch sich regte. Eine Minute verging, – der Beifall wagte nicht, dieselbe Luft zu erschüttern, in der Paganinis Klagelied noch schwebte. Erst nach langem Schweigen atmeten die zusammengeschnürten Lungen wieder auf und machten sich frei in fanatischem Viva! Man wollte behaupten, die Saiten wären absichtlich durchschnitten worden, um einem nicht allzu getreuen Liebhaber große Verlegenheiten zu bereiten! Eifersucht habe die Schere gelenkt! Als diese Ansicht in Antons Nähe laut wurde, gedachte er sogleich jener Schönen, die er bei der Violine bemerkt hatte, während Nicola andere Hände küßte, anderen Gönnern huldigte. »Närrin, samt ihrer Eifersucht«, rief einer der Umstehenden, »und wenn sie die G -Saite auch entzweigeschnitten, so hätte er sich von seinen langen Haaren ausgerauft und auf diesen gegeigt, der Parze und ihrer Schere zum Trotze. Viva Paganini!! –« Auf der offenen, in ein Orchester umgewandelten Bühne ging es lebhaft zu. Viele Personen verließen den Zuschauerraum, um sich an Paganini zu drängen und ihm Lobeserhebungen ins Gesicht zu werfen. »Wohin?« fragte Geronimo seinen jungen Gefährten, als derselbe eiligst entwich. »Zu ihm!« erwiderte Anton. »Plagt den Jungen der Teufel?« sprach Geronimo zum Vorstädter, »wo nimmt er den Mut her, sich unter Fürsten und Grafen zu mischen?« »Es wird schon sein, wie ich vermute«, äußerte der Vorstädter, »Ihr habt einen hochgeborenen Knecht bei Eurem Vieh. – Seht doch, er macht sich Platz, – er gelangt bis zu ihm , – er nimmt ein kleines Portefeuille aus der Brusttasche, er zieht eine Karte heraus: solch ein glattes Ding, worauf die Vornehmen und Reichen ihre Namen setzen, in Kupfer gestochen.« »Bei allen Heiligen, der Maestro erkennt ihn. Kaum hatte er gelesen, so umarmte er den Jungen. Kommt mit mir, Freund, laßt uns gehen. Heute zu Nacht muß ich meine Tiere ohne seine Beihilfe versorgen mit dem ›Kleinen‹. Der große Bursche ist unter die Grafen gegangen.« * Anton, durch jenen dunklen Drang geleitet, der uns dem Wunderbaren entgegentreibt, der uns die Nähe großer Künstler suchen und wünschen läßt, ohne daß wir gründliche Ursachen für solche Wünsche aufzuweisen vermöchten, war denn auch richtig durch das Gewühl verehrender, lobpreisender Damen und Herren, die sich Sonnen gleich um eine Hauptsonne drehten, bis zu dieser gelangt. Er, der ärmste, kleinste Wandelstern, auf irrer Bahn schweifend, fuhr planlos zwischen Planeten, Monden, Trabanten jedes Kalibers. Wie er dem Zauberer Nicolo Paganini gegenüberstand, wußte er nicht, was er sagen oder tun solle. Er bot ihm nur Lipinskis Karte dar. Sobald Paganini den Namen Lipinski gelesen, umarmte er den Überbringer, wandte sich zu den Umstehenden und verkündete des jungen Polen Lob und Preis als des einzigen von allen Virtuosen des Auslandes, welche ihm bekannt geworden , vor dessen Genius er unbegrenzte Achtung hege Eigene Worte Paganinis, aus seinem Munde vernommen. . Ein Teil dieser Auszeichnung schien gewillt, auf Anton überzugehen, nur daß man nicht wußte, wer und was der Empfohlene sei. Paganini hatte ihn umarmt, so zärtlich, wie wenn der Empfohlene der Empfehlende selbst wäre. Doch was nun mit ihm beginnen? »Sie sind auch Künstler?« lautete die an ihn gerichtete Frage, von deren Beantwortung das fernere Verhalten abhängig gemacht werden sollte. Der Beauftragte, der während Paganinis Spiel den bei Lipinski schon gefaßten Vorsatz erneuert hatte, nie mehr den Bogen in die Hand zu nehmen, hätte jetzt nicht »Ja« erwidern können, um alle Schätze der Erde. Er fühlte sich so gering, so dürftig, so nichtig, daß er sich mit einem rohen, irdenen Gefäße ohne Inhalt verglich, wertlos und leer, dem nichts Besseres zu tun bliebe als demutsvoll in sich zu zerfallen und vor aller Welt in den Staub heimzukehren, aus dem es entstand. Er überschaute den Kreis, der sie beide umgab, aus dem viele Blicke sich nach ihm richteten in Erwartung, den Namen eines Virtuosen von hohem Range aus dem Munde zu vernehmen, dem Paganinis Lippen den weihenden Bruderkuß gegeben. Dann sagte er ohne Bitterkeit, ohne Ziererei, ganz einfach und natürlich: »Ich bin der Knecht des Kameltreibers Geronimo.« Ein lautes Gelächter folgte dieser Erklärung. Nur Paganini blieb ernst. »Aber wie kamen Sie zu Lipinski?« »Er hörte mich geigen, – bei Nacht, – und ich ihn; ich suchte ihn auf.« »Und er empfiehlt Sie mir? Dahinter muß mehr stecken: Sie müssen ihn entzückt haben. Da, spielen Sie auf meiner Violine – (er vergaß die zerrissenen Saiten!) – lassen Sie mich hören, was Sie können. Wenn's danach ist, sollen Sie mein Schüler werden.« »Daß Gott mich davor behüte! Auch wenn ich etwas mehr wäre als ein Stümper, vor Ihnen, auf diesem Instrument, müßte ich doch als solcher erscheinen. Warum den Herrschaften hier zum Gegenstand des Spottes dienen? Wer Ihnen gegenüber Mut und Hoffnung in sich fühlt, Ihnen nachzufolgen, muß entweder ein eitler Narr sein – oder ein Genie wie Lipinski. Daß ich dies letztere nicht sein sollte, lag im Willen des Schöpfers. Daß ich mich nicht wie ein Narr gebärde, liegt in meinem eigenen Willen. Deshalb empfangen Sie Dank für Ihre Großmut – und leben Sie wohl.« Anton ging. Ein vielstimmiges »Bravo, Bravissimo!« folgte dem Knechte des Kameltreibers Geronimo. * Geronimo kam aus dem Stalle, woselbst er seinen Kamelen einige Pfund Heu vorgeworfen, gerade zur rechten Zeit ins Gastzimmer, um zu verhindern, daß Anton seine Violine vernichte. In einer Art von wahnsinniger Schwärmerei hatte unser Freund noch einmal das Liedchen von den drei Reitern darauf gespielt; beim letzten Tone warf er die Vertraute seiner Leiden zur Erde. Schon erhob er den Fuß, sie zu zertreten, da öffnete Geronimo die Tür, stieß ihn zurück, hob die Geige auf, untersuchte aufmerksam beim Lampenlichte, ob sie nicht etwa bereits Schaden genommen, legte sie dann unversehrt auf den Tisch und sprach freundlich: »Antonio, ich verstehe dich. Wenn auch in deinen Augen nur ein Tierführer, fühle ich doch italienisches Blut in meinen Adern, und dieses verkündet mir, was in dir vorgeht. Aber sei kein Narr. Für uns beide spielst du gut genug, – und für die Leute, die dich in der Gasse bewundern werden, auch. Warum die Geige zerschmettern, die uns Geld bringen kann? Siehe die Sterne dort oben! die können wir auch nicht in die Hand nehmen; sollen wir deshalb keine Lampen und Kerzen mehr brennen? Die Sterne macht der liebe Gott, die Kerzen machen wir Menschen; ohne Kerzen müßten wir manchen langen Abend im Finstern sitzen. Laß deine Fiedel am Leben; ist sie kein Stern für die Welt, ist sie doch eine Kerze für dich. Und jetzt komm' zur Ruhe. Unsere Kamele ruhen gleichfalls.« Siebenundfünfzigstes Kapitel Geronimo wußte schon, was er wollte, wenn er Anton abhielt, die Geige zu vernichten, auf deren Wirkung er gerechnet, um die Prosa der Kameltreiberei mit einigem Zucker musikalischer Poesie zu bestreuen. Wie sie sich erst wieder auf dem Marsch befanden, setzte er ihm seine Ansicht auseinander: »Sei wer du willst, stamme meinetwegen von hohen Eltern ... denn daß du nicht auf der Straße gefunden wurdest, merke ich wohl; eines ist sicher: Du bist ohne Geld, ohne Mittel, ohne Aussichten; ein Vagabund, wie man ihn nur verlangen kann. Dein Schicksal hat dich mit mir zusammengeführt. Das Schicksal tut nichts vergebens; bei allem, was geschieht, waltet eine höhere Absicht. Deshalb müssen wir die Dinge nehmen, wie sie sind, und Vorteil zu ziehen suchen aus jeder Schickung. Ich will meinen Vorteil durch dich suchen, das sage ich dir geradezu, ohne Hinterhalt. Hast du etwas anderes vor, weißt du eine bessere Auskunft für dich, dann sag's ebenso ehrlich, und wir trennen uns. Meinst du aber auch, daß unsere Vorteile sich vereinigen lassen, so mußt du alles tun, sie zu fördern. Was ich von dir verlange, ist folgendes: Wir lassen dir eine hübsche, kleidsame Tracht machen, die deine Person heraushebt; ein bißchen knapp, bunt und abenteuerlich, wie sich's für den Tierführer schickt. Diese legst du an in jeder Stadt, in jedem größeren Flecken, wo wir mit den Kamelen auf Straßen und Plätzen erscheinen. Da geigst du, während mein Kleiner einsammelt, und ich die Tiere ihren Kreislauf machen lasse. Des Abends zählen wir die Kasse; so lange, bis ich mein Kapital heraus habe, ziehst du den Vierteil; später trittst du in ein Dritteil. Gegenseitige Aufkündigung von einer Woche zur anderen. Das ist klar und deutlich, will ich hoffen? Und nun entscheide dich: Ja oder Nein?« »Geh' und bestelle den Schneider«, sagte Anton fest entschlossen, »ich will mir die Affengarderobe anmessen lassen. Man muß nichts halb tun. Zog ich bis jetzt im halben Scherze mit dir herum, mag's nun meinetwegen ganzer Ernst werden. Ich will geigen! Lipinski hört mich nicht, und Paganini hat mich längst vergessen. Ich bin entschieden: Ja! –« » Tel brille au second rang, qui s'éclipse au premier !« pflegte Anton hohnlachend auszurufen, wenn Weiber und Mädchen, ohne der Kamele und ihres Besitzers zu achten, sich um ihn scharten, mit allen Zeichen der Bewunderung für seine Töne, noch mehr aber für seine Schönheit. Modena, Mantua, Verona, Roveredo, samt vielen Plätzen von geringerem Namen wurden zu ebenso vielen Schauplätzen des Triumphes für ihn. Und so tief ist auch in besseren Naturen die liebe persönliche Eitelkeit eingewurzelt, daß diese Erfolge ihn schmeichelnd berührten; daß ihre Wirkung ihn taub und blind machte gegen die Entwürdigung, worin er zu versinken begann. Dazu gesellten sich noch flüchtig vorübergehende Liebeshändel, die sich knüpften und lösten von einem Tage, von einem Orte zum anderen, die durch bunten Wechsel, für ihn etwas Fremdes und Neues, sein Haupt mit wüstem Rausch umnebelten, während das Herz stumm dabei blieb und fühllos. So verging der Winter. Geronimo zögerte absichtlich so lange; ob nur deshalb, weil er das mildere Klima seines Vaterlandes früher nicht verlassen wollte, ob deshalb, weil allerlei heimliche und geheim gehaltene Geschäfte, Besorgungen, Zusammenkünfte da und dort ihn fesselten – darüber sann der in Leichtsinn und Lebensgenuß verlorene Anton nicht nach. Ihm genügte das Bewußtsein, daß sich Geronimo ohne ihn und sein Spiel nicht gehalten haben würde; er fühlte sich als der Liebling der Bevölkerung; die Kamele waren zu Nebenfiguren herabgesunken, sie würden nicht das Futtergeld eingebracht haben. Auch wurde er mit Erkenntlichkeit behandelt. Er hatte stets das sauberste Lager, den besten Bissen, den reinsten Wein, die hübschesten Mädchen und als Würze die freundlichsten Worte von Momolo »Momolo« verkleinertes Liebkosungswort für Geronimo. . Mit dem Frühling zugleich hielten sie ihren Einzug in Deutschland. Und hier kam Anton zur Besinnung. Bei den ersten deutschen Worten, wie sie aus dem Kreise gaffender Hörer an sein Ohr schlugen, erwachte in ihm das Gefühl der Beschämung, welches er bisher zu übertäuben gesucht, aber so mächtig, daß er es nicht mehr zu beherrschen, nicht mehr abzuweisen vermochte. Was in fremder Sprache an ihm vorübergegangen, wie wenn es einem Fremden gelten sollte, das berührte nun in heimatlichen Klängen, wenn schon in abweichendem Dialekt und Akzent ausgesprochen, ihn selbst in eigener Seele. In Italien hatte er mit lüsternem Behagen ausrufen hören: »O, wie gut er spielt! Wie lieblich er aussieht! Welch ein schöner Mensch!« In Deutschland schnitt es ihm wie ein Messer durchs Herz, wenn sie um ihn her murmelten: »Seht nur den Geiger; schade um den hübschen Burschen!« Und wohlgetan wäre es gewesen, wenn er, seinen besseren Empfindungen gehorsam, hier gleich den Vertrag mit Geronimo aufgehoben hätte; sein Anteil am Barbestand der Kasse belief sich schon auf mehr als hundert Silbergulden. Damit konnte er, weiter wandernd, ein gutes Stück Weges machen. Doch seine Gutmütigkeit ließ ihn zögern – und zögern, – und abermals war ihm beschieden, den bittersten Bodensatz des Kelches zu leeren. Frei sollte er wieder werden von den jetzigen Banden, aber ohne den Lohn seiner Erniedrigung davonzutragen. Sie befanden sich auf dem Wege aus Tirol nach M. Schon seit Trient, wo Geronimo wiederum nächtlich heimliche Unterredungen gepflogen und nachher mehrere Briefe verbrannt hatte, bemerkte Anton, wie er zerstreut, verstört, unruhevoll sei. Sogar mit der Violine, die den musikliebenden Veronesen sonst immer aus schweigendem Grübeln in heitere oder sanfte Stimmung zu bringen vermochte, gelang es nicht mehr. Auf wiederholte Fragen schüttelte er nachdenklich den Kopf und sagte nur: »Ich fürchte, diesmal geht es schief!« weiter ließ sich nichts aus ihm herausbringen. Soeben hatten sie den Gipfel einer kleinen Anhöhe erreicht. Vor ihnen lag eine Stadt. Zu beiden Seiten der Straßen zogen sich Gebüsche und Waldungen ins Tal hinab. Die Kamele, vom »Kleinen« geführt, schritten voran und näherten sich fast den ersten zerstreuten Häusern der Vorstadt. Geronimo und Anton gingen nebeneinander her. »Warum schleppst du heute dem Felleisen, Antonio?« »Als wir die Tiere tränkten, nahm ich's aus dem Korbe, um eine Zeile in meinem Tagebuche nachzutragen. Dann habe ich's auf den Schultern behalten – ich weiß selbst nicht recht, warum; der Kleine mit den Kamelen war, glaube ich, schon vorauf; es ist übrigens nicht schwer. Meine Kleidungsstücke liegen meist im Kasten.« »Und dein Geld?« »Du weißt ja, daß ich nichts aus der Kasse entnommen habe. Das Haus ›Momolo‹ ist mir sicher.« »Das könnte dich doch täuschen. Vielleicht steht dies Haus seinem Sturze näher, als du meinst. Ist dir bekannt, was man unter einem Carbonaro begreift?« »So ziemlich, hörte ich doch oft genug davon reden.« »Diese Carbonari leben nicht auf dem besten Fuße mit einer anderen Sorte von Leuten, die Sbirren genannt werden. Und wenn es sich nun träfe, daß ein Agent besagter Carbonaris zu was immer für einem Zwecke, unter was immer für einer Maske sich auf Reisen befände, daß irgend ein Verräter seine Ankunft vorher gemeldet hätte, daß man Jagd auf ihn machte; ... bist du nicht der Ansicht, man werde nicht unterlassen, auch seine Kasse in Beschlag zu nehmen?« »Solltest du? ...« »Ich sollte so eigentlich nicht. Aber Freund Antonio, du weißt aus eigener Erfahrung, man tut nicht immer, was man sollte; man tut häufig, was man wollte ; da läuft allerlei mit unter, was verboten ist. Heute noch, sobald wir im Quartiere sind, werden wir rechnen, und du wirst an dich nehmen, was dein ist. Vielleicht auch, was mein ist, denn besser ... Heilige Jungfrau, schon zu spät! Sie halten den Kleinen mit den Kamelen an. Lebendig erwischen sie mich nicht. Addio, Teuerster! Laufe, was deine Füße dich tragen, sonst heißt's: mit gefangen, mit gehangen. Auf Wiedersehen im Himmel!« Geronimo war schon im Gebüsche verschwunden. Anton tat wie er und suchte Heil in der Flucht. Die Abenddämmerung beschützte ihn. Achtundfünfzigstes Kapitel Im Walde, bei finsterer Nacht allein, müde, hungrig, abgeängstet, suchte Anton ein Ruheplätzchen, und als er dies eingenommen, fing er zu überlegen an, was nun geschehen solle. Er hatte die Wahl, zurückzukehren nach dem Orte, wo man sich ihrer Kamele bemächtigt, sich der Behörde zu stellen und herauszubegehren, was von seinem Eigentum bei Momolos Hab und Gut sich befand, – oder sich weiterzuschlagen und nötigenfalls zu betteln. Für den ersten Entschluß sprachen seine vollkommene Unschuld, seine gänzliche Unwissenheit in allem, was politische Verbindung heißt, und gerechte Ansprüche, wie er sie an die gemeinschaftliche Kasse machen durfte. Für den zweiten dagegen eine nicht unbegründete Befürchtung, daß er sich jedenfalls langwieriger Untersuchungshaft aussetzen und wahrscheinlich doch nichts davon haben werde, da Geronimos Eigentum als eines flüchtig gewordenen Verurteilten im ganzen konfisziert werden konnte, ohne Rücksicht auf Ansprüche eines Dritten. Nach langem Hin- und Hersinnen blieb er endlich dabei stehen: »Mein Reisepaß befindet sich glücklicherweise unter den Papieren im Felleisen, das ich, wie durch eine Ahnung veranlaßt, bei mir behielt. Die Visen sind in Ordnung. Das ist wieder ein Wink! Als Anton Hahn ziehe ich unangefochten meines Weges. Von meinem Gewerbe sind die sichtbaren Spuren unter Momolos Gepäck verblieben; niemand wird mir anmerken, daß ich Kamelführer war. So kann ich von einer Stadt zur anderen langsam wandern, kann nach der Carina forschen, bleibe mein eigener Herr – und kann als solcher verhungern, wo mir beliebt. Freilich wohl verliere ich das schöne Geld und die Geige, mit der ich's erwarb – und meine Sonntagskleider, ... jedoch die Affenjacke bin ich auch los, und das ist durch die übrigen Verluste noch nicht zu teuer bezahlt. Wer weiß, warum es so kommen mußte: Antonio mag bei Antoine und bei dem Baron de la Vannière begraben bleiben. Jetzt gilt's dem armen Anton durchzuhelfen.« Auf diese Übereinkunft mit sich selbst folgte beruhigende Gewißheit. Sobald nur erst die Zweifel schwinden, stellt sich Friede ein. Die laue Nacht wurde sanft durchschlafen. Hätte der leere Magen den Träumer nicht gemahnt, sich zu erheben, wer weiß, wie lange noch in den blühenden Mai hinein unser junger Hahn sein Morgenlied zu krähen gezögert! Dicht neben seiner Schlummerstätte rieselte ein klarer Quell. Er badete Angesicht, Brust und Füße, nahm aus dem Ranzen reine Wäsche, suchte die kleine Bürste hervor, mit ihr jedes Stäubchen vom leichten Rock zu kehren, und so erfrischt suchte er einen Ausweg aus dem Walde, dessen Schutz er nicht mehr zu bedürfen glaubte, wobei er jedoch darauf achtete, diejenige Richtung zu verfolgen, die ihn immer weiter und weiter aus dem Bereiche seiner mit Beschlag belegten Kamele führte. Es dauerte auch gar nicht lange, so betrat er einen von Baumwurzeln durchschlungenen, hölzernen Fahrweg, wo in uralten, tief ausgehöhlten Löchern und Pfützen liebende Frösche und Kröten mit melancholischen Wonnetönen und paarweise den Frühling feierten. Ein grüner Fußpfad, vom schönsten Waldrasenteppich durchsäumt, zog sich neben der ausgefahrenen Straße her, wie das Leben eines jugendlichen, noch nicht enttäuschten Poeten neben dem bürgerlichen Verkehre der Alltagswelt. – Nur schade, daß derlei Fußsteige zuletzt immer wieder in die allgemeine Heerstraße münden, und daß man beizeiten einbiegen muß, will man sich nicht auf der entgegengesetzten Seite in dem von Dornen durchwachsenen, undurchdringlichen Dickicht verlaufen. Antons Magen war sehr leer. Aber sein Herz war sehr voll. Und eigentlich voll Freude, wozu doch eben wenig Anlaß vorhanden schien: Dennoch erfreute er sich des schönen Morgens aus frohem Herzen; denn des Menschen Herz ist ein wunderlich Ding. Mitten in seine genügsame Freude hinein rauschte ein Trommelwirbel, dessen Echo im Walde ringsum gar schauerlich widertönte. »Was Teufel«, sagte Anton, »haben sie ein Kommando ausgesandt nach meinem Freunde Momolo? Das wäre doch höchst fatal, wenn ich den Bajonetten gerade entgegenliefe, um mich daran aufzuspießen, gleich einem dieser (trunkene Liebeshymnen singenden) Frösche! Was beginnt nun ein kluger Feldherr? Dem verdammten Trommelwirbel kann kein menschliches Ohr anhören, von wannen er kommt, weil er in allen Büschen, aus allen Ecken widerhallt, wie ein Donnerwetter im Gebirge. Außerdem haben sie wahrscheinlich die ganze Grünlichkeit umstellt, vielleicht gar mit Wildnetzen. Sapperment, Momulo muß ein wichtiger Kohlenbrenner sein, daß sie seinetwegen mit allen Fahnen ins Feld rücken. Aber ich, wie komme ich zu der Ehre? Ich fühle mich so unwichtig, man kann sich gar nicht unwichtiger fühlen; ich bin ihnen das Wasser nicht wert, das sie mir im Kerker Schanden halber darreichen müssen, – des Brotes nicht erst zu gedenken. Ich mache keinen Anspruch auf die Auszeichnung, für einen Carbonaro, Demagogen, Weltverbesserer zu gelten. Ich bin ein simpler Hahn, und kein gallischer, ja nicht einmal ein galliger, sondern ein sanfter, deutscher, friedliebender Liebenauer, der die bunten Federn, die er in Frankreich und Italien aufsteckte, längst wieder abgelegt hat. – Schon wieder ein Wirbel? So trommle du und der Henker! Wahrscheinlich ruft er zerstreute Truppen zusammen, damit sie mich völlig umzingeln. Wie der Kerl so vortrefflich das Kalbfell rührt! das muß wenigstens ein Tambourmajor sein! Ja, es hilft nichts, ich will mich ergeben. Niederschießen ohne Urteil und Recht können sie mich doch nicht. Vorwärts Marsch, dem Feind entgegen! Von dort rasselt's; drauf und dran!« »Wird die himmelkreuzsackermentsche Bestie jetztunder bald aufhören zu trommeln, oder ich reiß' ihr, Gott straf' mich, 'nen Löffel vom Kopfe 'runter, verwünschtes Beest, was du bist!« Die Wirbel verstummten. »Nein. Ein Tambourmajor kann es doch nicht sein«, äußerte Anton, als er jene Drohung vernahm; »gegen einen solchen würde der Kommandant der Exekutionsarmee sich ähnliche Ausdrücke nicht erlauben.« Jetzt macht der Weg eine Biegung. – »Hier müssen sie stehen – bei Gott, da seh' ich die Trommel.« Das hatte seine Richtigkeit. Eine Trommel hing vor Anton, doch nicht an einem lebendigen Menschen; eine große Trommel an den dürren Ast eines krummen, halb verwitterten Baumstammes aufgehängt. Auf dem zur Erde gesenkten Stamme saß ein – Hase. Wie dieser Anton erblickte, fing er aufs neue zu trommeln an, heftiger denn vorher; seine beiden Vorderläufe arbeiteten mit unerhörter Fertigkeit, und zwar gab er für den Augenblick das Alarmsignal zum besten, womit man bei nächtlichen Feuersbrünsten schlafende Einwohner zu ermuntern pflegt. Abermals erhob sich die zürnende Stimme, und mit den Flüchen, die sie voransandte, fast zugleich traf der Besitzer dieser Stimme, ein wohlbeleibter Mann in grüner Jagdpekesche ein, offenbar entschlossen, seine frühere Drohung wahr zu machen und den Trommler am Gehör zu beschädigen. Als er Anton erblickte, stutzte er und fragte: »Herr Jesus, wo kommen Sie denn her?« »Dieselbe Frage wage ich Ihnen vorzulegen, ein Wanderer an und für sich scheint mir weniger merkwürdig als ein Mann, der mit den Tieren des Waldes auf diesem Fuße steht! Woher, wenn ich fragen darf –« »Da sehen Sie die Bescherung!« – In einem der tiefsten und umfangreichsten Löcher dieser waldumwachsenen Straße – man darf behaupten, daß die Straße in ihrer totalen Breite auf jener verhängnisvollen Stelle nur ein Loch war – lag, von trüben Wellen umspült, ein Wagen, jenen Gebäuden nicht unähnlich, in und mit denen Antons Freunde und Feinde dereinst am Strande der Flammen Raub wurden. Wenn ich sage, »er lag«, so bediene ich mich gedankenlos einer herkömmlichen Phrase, die das Bild schlecht bezeichnet. Ich müßte sagen »er stand«; doch seiner gewöhnlichen Stellung als Wagen wenig entsprechend, stand er auf dem Kopfe; mindestens streckte er seine Füße, die Räder, zum Himmel empor, von diesem Hilfe flehend. Wie es erreicht worden sei, diesen gänzlichen Umsturz der Dinge zu bewirken, würde Anton bei allem Aufgebote der Einbildungskraft nicht begriffen haben, wäre ihm die bildliche Auseinandersetzung des Pekeschenmannes nicht entgegengekommen. »Ich habe geschlafen, sehen Sie, denn ich war müde. Der Schurke, der Johann, kutschiert, sehen Sie. Hier kommt er ans Loch. Anstatt gerade durchzufahren, denn das ist das beste bei so tiefen Löchern, will der Esel rändeln und rändelt da oben 'nauf über die Wurzeln, bis er glücklich auf den umgestürzten Baum kommt, wo ich jetzt die Trommel aufgehängt habe. Von der rechten Seite gehen die Räder über den Baumstamm, von der linken schwammen sie im Loche, sehen Sie, sogleich versteht der Wagen unrecht, fängt an zu kippen und kippt aber auch gleich kopfüber. Und ich kippe mit und erwache im Schlamme, sehen Sie –« »Ich sehe.« »Und kannte nicht einmal fluchen, denn ich hatte das Maul voll Lehm und Wasser. Und der Johann, sehen Sie –« »Wo ist der Johann? den sehe ich nicht.« »Ja, wo ist der Johann? Fortgelaufen ist er, in die Waldung, sehen Sie. Er hatte ohnedies sein Kerbholz voll; da hat er sich aus dem Staube gemacht, so lange ich noch nicht bei Verstande war. Ich bin froh, daß ich das liederliche Tuch los bin, sehen Sie, wenn ich nur hier Rat wüßte. Die Hirsche sind geborgen, die stehen da im Grase angebunden. Ein Hase ist auch gerettet, der sitzt bei seiner Trommel. Was aus den anderen geworden ist, sehen Sie, das weiß ich nicht. Wie Sie um die Ecke bogen, war ich gerade dabei, langsam auszupacken, sehen Sie.« »Da bin ich ja wohl erwünscht gekommen? Darf ich Ihnen meine Hilfe anbieten?« Bei diesen Worten legte Anton Ranzen und Stab neben den Hasen, der ihn schmunzelnd betrachtete und sodann den Ranzen eifrig beschnupperte. Nach und nach wurden die einzelnen Bestandteile des halbversunkenen Inventariums ans Land gebracht. Ein Hase hatte den Hals gebrochen, weil ihm ein schwerer Kasten ins Genick gesunken war. Der andere sprang, als man ihm Luft gemacht, sain et sauf zu seinem noch lebenden Kameraden auf den Baumstamm und begann das Fest seiner Lebensrettung sogleich durch leidenschaftliche Trommelschläge zu feiern, welcher Ausdruck des Wohlbehagens ihm ernstlich untersagt werden mußte. Dem eigentlichen Wagengestell, wie es leicht herausgezogen und auf die Beine gebracht werden konnte, war kein Leid widerfahren. Dagegen hatten die hohen Korbgeflechte, die zum Aufenthaltsorte für die »Hirsche auf Kunstreisen« dienten, schwere Beschädigungen erlitten, indem die Seitenwände von oben bis unten auseinander geborsten waren. Hier zeigte sich unser Korbmacher aus Liebenau in alter Glorie. Mit einigem Handwerkszeug, was ein Vagabund von Profession stets im Kästchen des Kutschersitzes bei sich führt und Zuziehung verschiedener Stricke, die der Pekeschenmann lieferte, ging Anton rüstig ans Werk, nicht ohne sich vorher durch ein kaltes Frühstück gestärkt zu haben. An Proviant war kein Mangel und auch eine volle Weinflasche unbeschädigt aus dem Schiffbruche aufs Trockene gerettet. Der größte Teil des Tages verging mit Herstellung einzelner Schäden. Anton bot überall hilfreiche Hand, wobei er sich so willig und geschickt zeigte, daß ihm Dank, Lob und Lebensmittel in Fülle verabreicht wurden. Als er im Laufe der wechselnden Gespräche einfließen ließ, wie er planlos durch die Welt schweife, ohne andere Absicht, als möglichst viele Städte zu berühren, wo er imstande sei, Erkundigungen einzuziehen über eine Person, die er zu finden strebe; und als er nicht verhehlte, daß die Mittel zu solcher Entdeckungsreise ihm so gut wie gänzlich abgingen – da machte der Mann in der grünen Jagdpekesche ihm einen schüchternen Vorschlag in folgender Anrede: »Sie sind mir sozusagen zu vornehm, sehen Sie; denn ich kann nicht klug werden aus Ihnen, weil Sie so gelehrt reden, und doch sind Sie eigentlich ein Korbmacher und sagen, Sie hätten gedient! Da weiß ich nicht, wie ich mit Ihnen dran bin. Aber wenn Sie sonst wollten, – denn Pferdeknecht oder Kutscher ist wieder was anderes, sehen Sie. Wer in meinen Dienst geht, der hat mit Künstlern zu tun. Was meine Hasen sind, sehen Sie, das haben Sie gehört; die Hirsche sind dressiert wie Pferde, und meine Pferde sind klug, daß ihnen nur die Sprache fehlt. Und den Johann nehme ich nicht wieder auf, sehen Sie; durchaus nicht. Er ist ein Taugenichts, der Kerl, und bleibt einer. Ich heiße Kästner, sehen Sie, von der b...schen Grenze. Alle Jahre sechs Monate auf der Kunstreise und sechs Monate zu Hause. Und junge Hasen will ich bald wieder haben, das ist Leichtigkeit. Denn ich gebrauche mehr wie zwei. Einer muß trommeln, sehen Sie, und zwei müssen Schildwach stehen; und sie wechseln ab untereinander; das ist alleben die Kunst, sehen Sie.« »Herr Kästner«, antwortete Anton, »wie Sie mit mir daran sind, sollen Sie bald wissen. Ich bin bereit, den Dienst als Bursche bei Ihnen anzunehmen, unter der Bedingung, daß ich von einem Tage zum anderen das Recht behalte, Sie wieder zu verlassen. Ebenso können Sie mich fortschicken, wann es Ihnen gut dünkt. Daß ich anders rede, mich anders benehme und ausdrücke, wie Ihr Johann, darf Sie nicht irremachen, nichtsdestoweniger werde ich meine Schuldigkeit tun, und ich denke, wir werden miteinander zufrieden sein.« »Sehr zufrieden«, sagte Kästner, »sehr; ich bin schon zufrieden mit Ihnen, sehen Sie, heute den ganzen Tag.« Die Hirsche waren in ihre Körbe gebracht, die Hasen in ihre Kiste, die künstlerisch gebildeten drei Rosse, an Pegasus im Joche erinnernd, wieder vor den Wagen gelegt, der seinen Kampf mit den unerforschlichen Tiefen der Waldstraße weiter ausfechten sollte; Kästner und Anton saßen bereits ..., da erschien Johann, der Flüchtling. Er versicherte, sein Entweichen habe keinen anderen Grund gehabt, als Hilfe herbeizuholen, die er nun doch leider nicht gefunden. Kästner rief alle Nymphen und Dryaden des Waldes zu Zeuginnen auf, daß Johann ein frecher Lügner sei, zahlte ihm seinen Wochenlohn, warf ihm sein Bündel zu, empfahl ihm, sich einen Galgen mit freundlicher Aussicht zu suchen, woran er sich hängen lasse, und schloß mit einem Winke auf Anton, der ihn bereits ersetzt habe. Johann schied mit tüchtigem Fluche. Die Hasen in der Kiste trommelten einen Tusch. Die Pferde setzten sich in Bewegung. Neunundfünfzigstes Kapitel Ich werde meine Leser nicht belästigen durch Aufzählung größerer wie geringerer Orte, woselbst Kästners Rosse staunenden alten Jungfern durch graziöses Kopfnicken nahe bevorstehenden Hochzeitskuchen versprachen, oder durch Scharren ihrer Vorderfüße das Lebensalter jener Holden um etliche und zwanzig flüchtige Frühlinge zu niedrig taxierten; wo Kästners Hirsche als kühne Feuerwerker auftraten und Büchsen losbrannten, wie wenn sie Jäger wären, nicht Hirsche; wo seine Hasen sich selbst übertrafen vor der Trommel, dann durch Reifen sprangen und Schnupftücher apportierten, wie wenn sie Hunde wären, nicht Hasen; wo Anton in einer gleichfalls grünen Jagdpekesche die Tiere aus dem Stall in den Saal über die Stiegen hinauf und wieder hinab geleitete; ... es läßt sich weiter nichts Tröstliches sagen von diesem Sommer. Daß jene aus Trümmern zusammengesetzte italienische Opernunternehmung, mit der die Carina nach Deutschland gezogen sein sollte, des Weges nicht gekommen, den Kästner mit seinen Tieren verfolgte, das bestätigte sich überall, wo Anton Nachfrage hielt; er ward endlich müde zu fragen wie zu hoffen. Er starb nach und nach für alles ab, worin ein Mensch in seinen Jahren etwa Freude sucht. Wie er bei Geronimo jenseit der Alpen ein sinnlich und erotisch wildes, doch nicht unpoetisches Leben geführt, so ging er jetzt als vollkommenstes Bild eines jungen Philisters neben seinem philisterhaftesten Urbilde einher. Zwei grüne Jagdpekeschen, eine dick und breit, die andere dünn und schlank; in der einen befand sich der Herr, in der anderen der Diener; aber Herr und Diener dienten nur einer Herrin, der lobenswertesten Prosa. Sie taten ihre Arbeit, nahmen mäßiges Geld ein, ließen Pferde, Hirsche, Hasen die alten Künste machen, erholten sich bei einem Glase Dünnbier, spielten unterweilen eine Partie langen Puff, gingen mit den Hühnern schlafen, und Anton Hahn lernte sogar aus einer langen, langen Tabakpfeife schmauchen. O, wenn Laura ihn so gesehen! ... Ja, wenn er sich nur selbst hätte sehen können, wie man einen dritten sieht! ... Welchen Effekt würde er auf sich selbst hervorgebracht haben! Wohl sagte er bisweilen, wenn er die Gegenwart mit seiner Vergangenheit verglich: es kommt nur noch auf ein Jahr an, bis ich völlig verdumme; dann ist alles in Ordnung, und ich hege dann weiter keine Wünsche mehr und habe kein Bedürfnis; – höchstens etwa einen Hund. Es müßte aber ein solider Hund sein, wie ich. Kästner zeigte sich um so zufriedener mit Anton, je ähnlicher sich dieser ihm zeigte. Sie führten ein friedfertiges, stilles, gähnendes Dasein miteinander. Auch bezahlte der Herr den Diener gut, – seinen Umständen gemäß. Weil aber die Umstände den Einnahmen gemäß gewöhnlich schlecht waren, so konnte auch die gute Bezahlung nur eine schlechte sein. Anton klagte nicht. Er hatte alles frei und erhielt bisweilen ein Stück Geld, wenn die Kasse erträglich gefüllt war. Dabei sparte er und legte einen Taler zum anderen. Kästner sah das mit Vergnügen, belobte und ermunterte ihn, so fortzufahren, »Sie sind ein ordentlicher junger Mann«, sprach er oftmals zu ihm, »und wir passen zusammen, sehen Sie, und wer weiß was noch geschieht! Mit den Tieren wissen Sie gut umzugehen, haben Geduld dazu. Nächstens sollen Sie versuchen, selbst eine Vorstellung zu geben; ich kann mich auf Sie verlassen. Alt bin ich auch, vielleicht setze ich mich bald zur Ruhe. Ich habe ein kleines Haus mit Garten und Acker auf dem Lande, sehen Sie, nicht gar weit von E. Wir spielen uns jetzt immer näher darauf hin. Meine Tochter, mein einziges Kind, führt die Wirtschaft. Gefallen Sie ihr so gut, wie Sie dem Vater gefallen, – nu, sehen Sie, ich hätte nichts dagegen. Wie gesagt: wer weiß, was geschieht!« Dieses »wer weiß, was geschieht!« ging durch häufige Wiederholung bei Anton in Fleisch und Blut über; es verwuchs mit ihm und seinem einförmigen Leben. Er gewöhnte sich an den Gedanken, ein derbes, einfaches Landmädchen wie seine Frau, sich wie den Besitzer eines freundlichen Hauses zu betrachten. Mit jeder Meile, die ihn den Kästnerschen Domänen zuführte, malte er sich die jugendliche Verwalterin hübscher und wünschenswerter aus. Daß sie Adelheid heiße, wie der Vater ihm vertraut, verlieh ihr aus der Ferne schon einen gewissen Zauber: wer hinderte ihn, eine Adelheid Adele zu nennen? * Wie beinahe für jeden Menschen gewisse Monate, ja Tage des Jahres in ihrer Wiederkehr niemals ohne Bedeutung bleiben, so scheint sich bei Anton der November hervorzutun, weil der Anfang desselben immer einen Wendepunkt seines Geschickes bezeichnet. In den ersten Tagen dieses Monats hatte unser Wanderer Liebenau verlassen; in den ersten Tagen des Novembers verbrannte die Menagerie der Simonelli; im November war es, wo Adele Jartour sich von ihm trennte; im November, wo Käthchens gefährliche Neigung ihn einsam und freudlos nach Paris trieb; im November, wo mit Theodor eine kühne Hoffnung für ihn begraben ward. Und heute, da der verhängnisvolle Tag ihm seit der Trennung von Liebenau zum fünften Male wiederkehrt, heute hält er seinen Einzug in dem Gebirgsdörfchen, allwo sein Herr und Meister – vielleicht Schwiegervater – heimisch ist; wo Adelheid ihm entgegentreten soll; wo, wenn anders menschlichen Plänen und Voraussetzungen zu vertrauen wäre, sein ruhelos wandelbares Dasein nach und nach übergehen wird in friedfertige Einförmigkeit des auf kleiner Erdscholle vegetierenden Menschenlebens. Ein solcher Übergang konnte nur durch Vermittlung der Tochter vom Hause stattfinden: nur wenn Kästners Wunsch in Erfüllung ging, wenn Anton Adelheids Gatte wurde, war ihm diese kleine Heimat beschieden. Darum auch dürfen wir ihn nicht schelten, daß er mit gespannter Ungeduld dem ersten Ersehen entgegenharrte. Über des »Kindes« Alter war der Vater bis jetzt ebenso stumm geblieben, als über ihre etwaigen persönlichen Vorzüge. Er hatte sich begnügt, ihre Wirtschaftsführung zu preisen, ihre Häuslichkeit zu schildern, die Strenge ihres Regiments in helles Licht zu stellen. Dadurch entstand in Antons Phantasie ein greller Umschlag. Aus dem derben, einfachen, doch hübschen und sanften Landmädchen, wie er sich's erst hatte träumen wollen, wuchs ihm durch des Vaters Schilderungen nach und nach ein robuster, besenschwingender Hausdrache auf, über die Jugendblüte weit hinaus; unerbittlich gegen Magd und Knecht, sparsam bis zum Geiz und mit einer Grenadierstimme versehen. »Eine solche wird mich furchtbar pantoffeln«, dachte er. Mag er nun für sich selbst weiter reden. Einige Blätter aus Antons Tagebuch. V. vom 3. November. »Die Tiere sind glücklich untergebracht und wir auch. Der Herr hat sein großes Zimmer im Erdgeschoß bezogen, wo es von zahmen Waldvögeln wimmelt. Ich bewohne ein Giebelstübchen gegen Abend hinaus. Mein Fenster ist wie der Rahmen zu einem Gemälde, lauter Berge vor mir mit dunkelgrünen Tannen, wundervoll! Das andere Giebelstübchen, gegen Morgen gelegen, bewohnt die Adelheid. Aber da hab' ich mich einmal geirrt, wie ich mir im voraus eine Idee von ihr gemacht. Nichts trifft zu, außer der gesunden Gesichtsfarbe. Sie ist mehr klein als groß; mehr schlank als dick; mehr zart als plump. Ein artiges, natürliches Ding und recht hübsch. Höchstens neunzehn Jahre. Es ist erstaunlich, wie ein solches Mädchen das ganze Wesen so gut in Ordnung erhält. Sie könnte mir wohl gefallen, wenn ich ihr zufällig irgendwo begegnete, ohne sonst von ihr zu wissen. Jetzt ist sie mir gleichgültig und wird es mir auch bleiben, fürchte ich, bloß weil ich weiß, daß ihr Vater sie mir zur Frau bestimmt. Der Gedanke, daß ich ihr Ehemann werden soll, stellt sich zwischen sie und mich wie der große Schornstein, der aus der Küche herauf durchs Dach fährt, zwischen unseren beiden Giebelstübchen steht. Wenn sie mir nur nicht gar zu zärtlich entgegenkommt! Das könnte mich in schreckliche Verlegenheit setzen. Solch ein armes Mädel vom Lande, das doch einen Anflug von Bildung besitzt oder wenigstens eine Ahnung, wie es außer den Bengeln in ihrem Dorfe noch andere junge Männer auf Erden gibt, muß natürlich einen, der aus der Fremde kommt und einen anderen Zuschnitt hat, mit verliebten Augen ansehen. Sie soll mir nur Zeit lassen. Es kann sich meinetwegen alles finden, wenn nun einmal über mich verhängt ist, hier mein Leben zu beschließen. Erst muß ich mich akklimatisieren.«   Vom 6. November. »Es ist fürchterlich langweilig hier in dem lieben V. Bei schlechtem Wetter wie heute ist's gar aus! Papa Kästner will mich durchaus zum Abrichten der Tiere abrichten. Nicht zufrieden, daß ich bereits gelernt habe, seine Schüler bei öffentlichem Examen mit Glanz vorzuführen, verlangt er auch, ich soll begreifen, wie man die Langohren unterrichtet. Den drei jungen Hasen, die er als künftigen Ersatz zur Auswahl aufgenommen für jenen beim Umsturz im Walde von der Kiste erschlagenen, – welcher letztere, nebenbei gesagt, sich sehr zäh verspeiste, da wir ihn braten ließen, – diene ich gewissermaßen als Hauslehrer oder, wie man bei uns zu Lande sagt, ›Hofemeister‹. Es sind bornierte Köpfe. Adelheid geht um mich herum wie die Katze um den heißen Brei. Bis jetzt wagte sie noch kaum, mich anzusprechen. Gott sei Dank!«   Vom 8. November. »Endlich habe ich eine Geige aufgetrieben; sie ist zwar nicht viel wert, aber sie klingt doch. Es regnet unaufhörlich. Jetzt wünschte ich den Waldweg zu passieren, wo ich Papa Kästner kennen lernte, aber zu Nachen. Wenn nur erst Schnee kommen möchte. Die Berge mit ihren hohen Tannen müssen im Winterschmuck herrlich sein! Heute früh ist ein Hirschkalb eingebracht worden, das den Studien gewidmet werden soll; stellt sich noch sehr ungebärdig an.«   Vom 13. November. »Herr Kästner ist verdrießlich. Wenn ich frage, was ihm fehlt, so schiebt er alle Schuld auf das Hirschkalb, das nicht begreifen will. Im ganzen bin ich zufrieden mit seiner üblen Laune, denn sie verhindert ihn, zutraulich mit mir zu schwatzen und das gewisse Projekt in Anregung zu bringen. Je weiter sich die Sache hinausschiebt, desto angenehmer ist es mir.«   Vom 18. November. »Nun hätten mir ja den lieben Winter: ellenhoch liegt der Schnee. Es sieht wunderhübsch aus. Doch mit dem Anblick muß ich mich auch zufriedenstellen. Von Spazierengehen ist keine Rede mehr. Man versinkt bis über die Hüften. Wer jetzt seine Bücher noch hätte! Die Zeit wird mir mitunter sehr lang!«   Vom 19. November. »Die Adelheid ist eigentlich ein recht hübsches Mädchen. Wenn sie nur nicht für mich bestimmt wäre und ich für sie; das raubt ihr in meinen Augen viel von ihren Reizen. Und daß sie weiß, daß ich weiß, der Vater will sie mir geben, darin liegt die Prosa des Verhältnisses. Sie selbst, so sehr sie wünschen mag unter die Haube zu kommen, hält es gar nicht erst der Mühe wert, einen Liebeshandel anzuspinnen. Die Gewißheit, wie es werden wird, läßt auch sie ruhig erscheinen. Denn daß der Alte ihr seinen Plan eröffnet hat, leidet keinen Zweifel. Ich entnehme das aus einzelnen Worten, die beiden gelegentlich entschlüpfen, wenn sie sich unbeachtet glauben. Die Ackerwirtschaft ist recht hübsch. Am Ende, wenn Papa sich zur Ruhe setzt, künftig daheim bleibt und mich alljährlich mit den Tieren auf einen Ausflug entläßt, kann ich mir die Heirat gefallen lassen. Ich verbauere dann doch nicht ganz und gar, sehe immer wieder die große Welt, erlebe mancherlei und halte nachher wieder ein Weilchen bei meiner kleinen Frau Gemahlin aus. Es ist halt ein Leben wie ein anderes. Aber Bücher muß ich mitbringen, wenn ich künftig zurückkehre.«   Vom 28. November. »Ich bin, bei Lichte betrachtet, ein rechter Narr! Da langweile ich mich nun, wie sich nur meine Hasen in ihrem dunklen Verschlage langweilen können, und tue doch nichts dafür, etwas Leben in diese Einförmigkeit zu bringen, wozu ich doch die schönste Gelegenheit zur Hand hätte! Ein Mädel wie Adelheid geht stündlich um mich herum, wohnt mir gegenüber, Tür an Tür, – den alten Schornstein beiseite gesetzt – und ich weiche ihr aus. Warum? Weil ihr Vater mir gesagt hat, daß ich seiner Tochter Ehemann werden soll. Ist das ein vernünftiger Grund? Werde ich nicht Zeit genug haben, mich gesetzlich zu langweilen, wenn ich in Wahrheit verheiratet bin? Und wäre es nicht gescheiter, die Gegenwart zu benutzen, ohne an die Zukunft zu denken? Eine Liebschaft hinter dem Rücken des Vaters anfangen, mich ihr nähern und sie vertraulich machen, ohne vom Ehestand zu reden; den Liebhaber spielen, wie wenn ich von meinen Berechtigungen keine Ahnung hätte, und so gewissermaßen wie mein eigener Nebenbuhler auftreten? – Das müßte doch eine kleine Unterhaltung gewähren. Das Mädchen verlangt es nicht besser; man sieht's ihr an. Sie wirft mir häufig verstohlene Blicke zu, die deutlich sagen: wenn mit dir nur zu sprechen wäre, ich möchte dir allerlei eröffnen. Sie muß mich für einen rechten Stock halten, ohne Augen, ohne Gefühl. Auch täusche ich mich gewiß nicht, wenn ich annehme, der Alte will nichts Entschiedenes tun, bis ich nicht durch die erste Reise, die er mich allein unternehmen läßt, meine Brauchbarkeit fürs Geschäft an den Tag gelegt habe. Eher wird er nicht Ernst machen mit der Verlobung, das sehe ich schon. Nun, desto besser. So bleibt mir ja Zeit genug für einen kleinen Roman. Morgen fange ich an, ihn zu spielen.«   Vom 25. November. »Sie hat's gemerkt! Ihre Augen wurden noch einmal so groß, da ich sie im Vorübergehen auf der Treppe ansprach und sie fragte, wann wir ein trauliches Viertelstündchen verplaudern könnten. Erwidert hat sie nichts. Mein Roman hat begonnen.«   Vom 26. November. »Das ist seltsam. Sie weicht mir aus mit einer Gewandtheit, die der geübtesten Kokette jeder großen Stadt Ehre machen würde. Wo das die Frauenzimmer lernen? Die Kunst muß mit ihnen geboren werden. Ich wollte, es wäre mit meinen Hasen auch so. Übrigens hat sie recht. Wenn sie mich anspornen und in Feuer bringen will, schlägt sie den klügsten Weg ein. Jetzt interessiert sie mich schon ein wenig.«   Vom 27. November. »Ah, par exemple , das ist zu stark! Heute beim Essen schiebe ich meinen Fuß in die Nähe des ihrigen und drücke ganz bescheiden und sanft dagegen; da ruft sie laut: »Ist der häßliche Kettenhund schon wieder im Zimmer? Will er gleich hinaus!« In demselben Augenblicke heulte Karo draußen und rasselte mit der Kette an seiner Hütte. Papa Kästner sagte zu ihr: ›Du bist wohl gar unklug?‹ Solch eine Kröte! Na warte, Mädel, du sollst mir's büßen!«   Vom 29. November. »Ich habe sie glücklich allein erwischt, wo sie dem Geflügel Futter streute. Ich machte ihr einen spöttischen Vorwurf, daß sie mich mit dem Hunde habe verwechseln wollen. Sie hob den Blick bittend zu mir auf und seufzte: ›Ach, wenn ich reden dürfte!‹ Die dumme Magd störte uns. Aber du sollst nicht vergebens geseufzt haben, kleine Adelheid. Du sollst reden dürfen, und ich will dich hören und erhören.«   Vom 30. November. »Sie wehrt sich gegen die Liebe wie ein Sterbender gegen den Tod. Hilft doch nichts, mein Täubchen, zapple, wie du willst, der Aar wird dich bald in seinen Krallen halten. Und tröste dich, sie sind nicht rauh und scharf, diese Krallen, du sollst nur Gutes und Liebes von ihnen erdulden. Ich bin entschlossen. Heute abend, wenn alles schläft, schleiche ich mich um den Schornstein herum und zu ihr hinüber.«   Vom 1. Dezember. »Das konnte ich freilich nicht wissen, daß sie sich von innen verriegelt. Darauf wäre ich in hundert Jahren nicht gekommen. Ob sie das schon zu tun pflegte, ehe Papa Kästner mich mitbrachte? Ich wette, nein. Warum hätte sie's tun, vor wem sich verwahren sollen? Nur meinetwegen kann es geschehen. Sie vermutete also meinen Besuch? Sie setzte folglich schon voraus, daß sie etwas von mir zu fürchten hat? Und diese Voraussetzung zeigt am deutlichsten, wie es mit ihr steht. Denn man sucht niemand hinter einer Tür, wenn man nicht Lust empfindet, sich selbst dahinter zu verstecken. Bei all dem war's nicht angenehm, wieder umkehren zu müssen. Laut zu pochen durft' ich doch nicht wagen. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.«   Vom 2. Dezember. »Nicht möglich, mit ihr zu sprechen ohne Zeugen. Beim Abendessen faßte ich mir ein Herz, in Vaters Gegenwart zu fragen, ob sie immer bei verschlossener Tür schlafe. Der Alte tat, als hörte er's nicht. Sie erwiderte, das wisse sie selbst nicht; manchmal riegle sie sich ein, manchmal nicht, wie's ihr nun gerade einfiele. Jetzt bin ich doch neugierig, was ihr heute beim Schlafengehen einfallen wird. Der Alte weiß nicht, woran er mit uns beiden ist. Er glaubt, ich mag das Mädchen nicht; das macht ihn ärgerlich.«   Vom 3. Dezember. Solche Nacht gönne ich keinem Spitzbuben! Adelheid hat sich abermals eingesperrt, und ich war so fest überzeugt, sie würde mich nun einlassen. So fest , daß es mich fast verdroß, wieder abziehen zu müssen. Ich klopfte sogar, fragte, ob sie schon schliefe, und erhielt keine Antwort. Da fuhr ich wütend zurück und quälte mich dann in meinem Bette ab, ohne eine Stunde zu schlafen. Das Mädel ist doch dumm. Wenn sie darauf ausgeht, mich um so sicherer zum Heiraten zu bringen, sollte sie sich nicht so spröde anstellen. Im Gegenteil, wollte sie sich gar nicht zieren und sich zeigen, wie's ihr ums Herz ist, hingebend, ohne alle Sperenzien, dann würde ich's vielleicht hernach für meine Pflicht halten, sie zum Altar zu führen. Jetzt mag sie sich eiserne Türen vor ihr Schlafgemach schmieden lassen und Schlösser daran legen, wie vor eine fürstliche Landeshauptkasse, ich belästige sie nicht mehr. Ich rede auch nicht mehr mit ihr und tue überhaupt gar nicht, als ob ich wüßte, daß sie ein Frauenzimmer ist. Mag sie's haben! Was verdirbt sie mir meinen Roman!«   Vom 6. Dezember. »Sie möchte fürs Leben gern, daß ich wieder mit ihr spräche, mich ihr näherte. Man sieht's ihr an, sie lauert nur darauf. Aber da kann sie lange lauern. Nicht eine Silbe. Der Alte tut auch den Mund nicht auf. Wir drei führen eine lebhafte Unterhaltung. Heute den ganzen Tag haben mir nichts gesprochen. Ich glaube, unsere Hasen reden mehr zusammen.«   Vom 7. Dezember. »Jetzt eben hat sie ihre Tür ins Schloß fallen lassen, wie mit Absicht, daß ich's hören sollte. Wahrscheinlich wünscht sie, ich möchte wieder anpochen und etwa um Einlaß flehen, wie ein kleiner Junge, den die Mama hinausgeworfen. Nichts da, Jungfer Adelheid, du Gans!«   Vom 8. Dezember. »Wenn ich nur wüßte, was sie immer noch in ihrer Stube treibt, nachdem sie sich eingeriegelt, eingehäkelt, eingekettelt, eingeschlossen hat. Das dauert manchmal noch eine volle Stunde, wo ich bis herüber sie höre Stühle schieben, Tische rücken. Ich muß sie doch belauschen. Morgen früh, sobald sie hinabgegangen ist in ihre Wirtschaft, werde ich einen Bohrer nehmen und mir ein Guckloch einrichten. Nur daß die Zeit vergeht. Schlafen kann ich ohnedies nicht.«   Vom 9. Dezember. »Das Observationsloch ist gut geraten; ich kann ihr Stübchen übersehen. Ich habe es mit einem Stückchen Holz verstopft von derselben Farbe wie die Tür. Heute abend wird's benutzt.«   Vom 10. Dezember. »Das muß man ihr lassen, reinlich ist sie. Treibt die ein Waschen und Baden! Und bei der Kälte! Ganze Fluten schwemmt sie über sich. Sie erinnerte mich an Zaras Seekalb, wie ihr die Augen funkelten und die Haare trieften. Nur daß jenes nicht so weiße Haut hat und nicht so schön gebaut ist. Es gibt Frauenzimmer, die erst recht schön werden durch Putz und Kleidung; bei Adelheid ist das umgekehrt. Es war ein reizender Anblick! Hätte mich nicht so furchtbar an die Füße gefroren, wäre er mir noch schöner gewesen. Aber ich kannte doch nicht anders hinüberschleichen, als auf den Strümpfen, sonst hätte sie mich ja kommen hören.«   Vom 11. Dezember. »Der Teufel selbst hat mir geraten, das Loch zu bohren. Nun habe ich gar keinen Schlaf mehr und keine Ruhe. Mag ich die Augen schließen wie ich will, – immer sehe ich sie , wenn ihr das Wasser über den Nacken rinnt ...«   Vom 18. Dezember. »Liegt es an meinem schlechten Gewissen, – denn unrecht bleibt es, das muß ich selbst gestehen, ein Mädchen im Schlafgemach also zu belauschen, – oder liegt es daran, daß ihre körperlichen Vorzüge mir gefährlich zu werden anfangen – ich empfinde neben dem Groll, der mich bisher gegen sie schweigen ließ, jetzt auch einige Verlegenheit. Je mehr sie meine Phantasie des Abends und bei Nacht beschäftigt, desto mehr suche ich ihr den Tag über auszuweichen. Übrigens kann das nicht so fortdauern und ein Ende muß gemacht werden. Das einfachste und leichteste wäre allerdings, daß ich mich erklärte; daß ich dem Vater eröffnete: Ich will Ihren Wunsch erfüllen. Damit wäre auch der Adelheid geholfen, die nicht weiß, wie sie sich drehen und winden soll, um ihre Liebe zu beherrschen. Sie seufzt manchmal so aus dem Tiefsten heraus, daß ich förmlich erschrecke; dann wird sie's gewahr und erschrickt auch; und dann macht sie sich im Stalle oder sonstwo zu schaffen, daß sie mir nur aus den Augen kommt. Der Vater wartet nur auf mein erstes Wort; er ist zu zartfühlend, sie mir wiederholt anzutragen. Ich sehe deutlich, wie er oft gern reden möchte und es wieder hinunterschluckt. Ja, was soll ich tun? Soll ich ... Nein, das wäre Feigheit, sich hinter einen Geistlichen und hinter den heiligen Ehestand zu verkriechen, weil man auf eigene Hand nicht gleich vom Fleck gekommen ist. Wegen eines Nachtriegels an einer Schlafkammertür werde ich mir doch nicht die Schmach antun, das bißchen Poesie, das mir noch blüht, ehe ich in die ewige Prosa hineintrete, spurlos verduften zu lassen! Zum Heiraten ist noch immer Zeit! Erst muß sie mir sagen, wie heiß ihre Liebe zu mir ist, ohne daß der Backofen geheizt wird für Hochzeitskuchen. Haben mir's doch ganz andere gesagt?! Solch ein albernes Dorfding!«   Vom 20. Dezember. »Ich halte es nicht mehr aus! Wozu mich vor mir selbst verstellen? Auf diese Blätter habe ich alles geschrieben, was in und mit mir vorgegangen ist, seitdem ich denken kann. Wäre es doch kindisch, wenn ich mich diesmal verleugnen wollte. So mag es denn hier stehen; ich bin in meinen eigenen Schlingen gefangen; ich bin verliebt in den kleinen Satan. Ich liebe sie nicht, aber ich bin wahnsinnig verliebt. Ich bebe vor dem Gedanken, daß ich ihr Ehemann sein werde – daß ich überhaupt ein Ehemann werden soll, – und doch denke ich nichts anderes, wie sie, und könnte die ganze Nacht vor ihrer Türe frösteln und klappern, – wenn sie nicht im Finstern zu Bett ginge. Seit acht Tagen bin ich willens, mich vor Schlafenszeit in ihr Zimmer zu schleichen, damit sie mich schon darin finde, wenn sie die Pforte vor mir verschließen will, ... doch es ist, als erriete sie meine Absichten; denn sie verliert sich allabendlich so schlau und rasch aus Vaters Wohnzimmer, während ich noch bei ihm sitze, daß ich ohne Gewalt nicht vermag, ihr den Vorrang abzugewinnen. Eile ich dann hinauf, so höre ich sie – so lange ich noch auf der Treppe bin – oben den Riegel schon vorschieben. Der verfluchte Riegel! Der soll mich am längsten verdrossen haben.«   Vom 21. Dezember. »Heute wird Nachtriegel und alles, was Eisenwerk an ihrer Tür heißt, vernichtet; so zwar, daß sie nicht mehr kapabel ist, sich einzusperren. Dem Schlüssel drehe ich im Schlosse den Bart ab. Mag sie dann Kasten und Tische vorschieben, – die müssen meiner Gewalt weichen. Während sie das Abendbrot bereitet, gehe ich ans Werk. Geschehe dann, was wolle! Ich schwöre mir's: Heute oder nie!«   Vom 22. Dezember. »Pfui, der Schande! – Damit die Schande vollkommen und mir zugleich eine Lehre sei fürs künftige Leben, will ich zur Strafe meiner dummen Jungeneitelkeit wörtlich niederschreiben, was mir widerfahren ist. Wahr und aufrichtig. Nachdem ich gestern, während sie in der Küche schaffte, meinen Plan ausgeführt, den Stubenschlüssel im Schlosse zerbrochen, den Nachtriegel abgezwickt, das kleine Vorlegekettchen ausgerissen, begab ich mich zum Essen hinunter, doch ohne viel Appetit. So lange wir bei Tische saßen, verschlang ich nur sie – mit den Augen; mochte keinen anderen Bissen; dachte nur, wie ich bei ihr eindringen wollte. Sie räumte ab, wie gewöhnlich; sagte dem Vater gute Nacht, wie gewöhnlich; ging zur Ruhe, wie gewöhnlich. Kaum konnte sie nach meiner Berechnung in ihrem Zimmer sein, als ich desgleichen aufbrach. Wie mir das Herz schlug in Erwartung die kleine Treppe hinauf. Weil ich ihr Zeit lassen wollte, sich erst auszukleiden, schielte ich nur seitwärts nach ihrer Stubentür und trat in die meinige, um dort zu harren. Wer saß da schon, lebendig und leibhaftig? Sie! Sie selbst! Adelheid! Ich wußte gar nicht, was das bedeute! Doch sie ließ mich nicht im Zweifel; sie sprach mich an: ›Ihr habt das Schloß an meiner Tür verdorben, wahrscheinlich, weil Ihr mehrere Male vergeblich daran gerüttelt habt, um einzudringen. Schade um das Schloß. Wenn Ihr unter vier Augen mit mir zu reden wünschtet, durftet Ihr's nur sagen; ich habe ja mit Euch zu reden. Eure Schuld allein, daß es nicht schon längst geschehen. Jetzt bin ich hier; nun könnt Ihr sprechen.‹ Die Seelenruhe des Mädchens machte mich irre. Ich stotterte etwas von getäuschter Hoffnung, von Überraschung in ihrem Gemach, von einsamem Lager, von zärtlichem Besuche und so dergleichen, brachte jedoch nichts Rechtes zustande, weil sie mich dabei ansah, wie Papa Kästner seinen jüngsten Hirsch, wenn der nicht Achtung gibt beim Leinen, und wenn die Reitpeitsche schon wackelt. Sie ließ mich ausstottern und fing hierauf wieder an: ›Ich dachte mir's beinahe, daß Ihr eine solche Unverschämtheit im Sinne habt, darum bin ich lieber gleich herübergekommen, statt mich niederzulegen. Sagt mir nur, was Euch einfällt? Ehe ein junger Bursche ein Mädel bei Nacht besucht, muß er doch sicher sein, ob sie seinen Besuch haben will? Und daß ich Euch nicht will, wüßtet Ihr seit Eurem ersten Tritt ins Haus, wenn Ihr nicht ein eitler Geck wäret, wie sie wahrscheinlich draußen hundertweise umherlaufen. Bei uns werden sie ausgelacht. Der Vater hat mir's kundgegeben, daß er Euch meine Hand sozusagen versprochen. Ich habs dem Vater darauf erklärt, daß ich Euch nicht mag. Er wollte Euch das nicht selbst eröffnen, wollte sein Wort nicht zurücknehmen; wir haben uns fast erzürnt Euretwegen, er und ich, Ihr seid der Stein des Anstoßes im Hause. Zu Anfang dachte ich, Ihr werdet mit Euch reden lassen, bemühte mich, freundlich zu sein, die gute Stunde abzuwarten, – Ihr habt's falsch verstanden in Eurer hochmütigen Einbildung. Nun möchtet Ihr mir gar Gewalt antun? Ich will Euch etwas sagen: Könnt Ihr meinen Vater etwa noch beschwatzen mit Euren schönen Redensarten, daß er mich zwingt, Euch zu heiraten, und muß ich, – nun gut, so muß ich. In die Kirche mögt Ihr mich schleppen, das weiß ich nicht. Und ein Ja fährt mir vielleicht auch heraus, wenn mich der Vater ins Genick schlägt. Aber in mein Bett kommt Ihr nicht, Mosje Anton, weder nachher, noch vorher. Eher zerkratze ich Euch das glatte Gesicht mit den Nägeln und reiße Euch die frechen Augen aus dem Kopfe. Ich bin kein schwächliches Stadtfräulein; ich bin ein handfestes Weibsbild. Mich übertölpelt Ihr nicht; ich weiß, um was es sich handelt. Es wäre auch eben nicht das erstemal, daß ich zur Nacht Besuch gehabt; nur der Rechte muß es sein. Damit Ihr's wißt, des Försters ältester Sohn, der Wilhelm, ist mein Liebster und kommt zu mir in die Heirat, wenn der Vater verreist. Der ist mir der Rechte. Ein schmucker Bursche aus unseren Bergen, nicht ein Herumstreicher aus fremden Landen, der meinem leichtgläubigen Vater vorfaselt und fabelt. Also laßt Euch Euer Gelüsten vergehen. Denn der Wilhelm versteht auch keinen Spaß nicht. Und nun mögt Ihr's unten klatschen, das vom Wilhelm! 's ist mir auch nichts drum. Ich gehe schlafen. Laßt Ihr Euch bei meiner Tür spüren, so mache ich Lärm, und Gott sei Euch gnädig!‹ Darauf begab sie sich sonder Hast und Eile, auch ohne Zorn und Heftigkeit zu verraten, nach ihrem Schlafzimmer, und ich blieb in einem Zustande zurück, den Worte nicht schildern können. Wut, Beschämung, ... mir war, als hätte ich aus öffentlichem Markte die Rute bekommen. Stundenlang saß ich, ohne mich zu regen. Erst der Frost trieb mich ins Bett. Spät, mit dem späten klaren Wintertage suchte ich mich zu ermannen. Ich wartete beim Frühmahl, bis Adelheid – die sich übrigens benahm, wie wenn zwischen uns nichts vorgefallen wäre, – des Vaters Wohnzimmer verlassen. Dann ergriff ich das Wort, nicht ohne Besorgnis, der Alte würde aufbrausen über mein Bestreben, vermitteln zu wollen. Denn dieses Amt hatte ich mir aufgebürdet, eine Buße für meine Schuld. Doch da sollte ich, um gründlich geheilt zu werden, die zweite Beschämung erleben. Mit sichtbarer Freude nahm der Schwiegervater die Entsagung seines Eidams auf: ›Ich hatte mich voreiligerweise verpflichtet, sehen Sie, und wußte nicht, wie ich mich zurückziehen sollte. Darum war ich die Zeit über so mürrisch, sehen Sie. Denn das Mädel ist unterdessen einig geworden mit Försters Wilhelm, sehen Sie; also das paßte nicht. Jetzund geben Sie mir mein Wort gutwillig zurück, und eine größere Freude konnten Sie mir zum Feste nicht machen. Da werden wir den Wilhelm und seinen Vater gleich einladen, und kann zum heiligen Abend Verlobung sein, sehen Sie.‹ Ich billigte diese Entschließung. Zugleich sprach ich die meinige aus, morgen früh den Dienst des Herrn Kästner zu verlassen. Meine Kündigung wurde angenommen. Jetzt will ich mein Ränzel packen und morgen ...« Sechzigstes Kapitel Am vierundzwanzigsten Dezember gegen zehn Uhr morgens brach Anton auf. Der Abschied von Papa Kästner war kurz, doch herzlich. Adelheid gab ihm die Hand und sagte: »Nichts für ungut, jetzt sind wir gute Leute zusammen.« »Aber nicht beisammen «, sagte Anton. Er wanderte von den Bergen der Ebene zu. Gegen Mittag kehrte er in einem Wirtshause ein, um Speise und Trank zu nehmen, ohne sich aufzuhalten. Nachmittags schlug das Wetter um, wurde weicher, die Sonne ging in weißlich grauen Wolken unter, die sie scheidend rötete. Schnee fiel in sanften Flocken. Um fünf Uhr abends gelangte Anton zu einem offenen Städtchen, das fast nur aus einer Gasse bestand. In allen Häusern und Häuschen sah man Kerzen auf Weihnachtsbäumen. Er zog abermals weiter. Wo hätte er auch rasten sollen? Für ihn grünte kein Weihnachtsbaum, für ihn brannte keine Kerze. Ein kurzes Stück Weges hinter dem Landstädtchen erhob sich dicker, dichter Wald, den Waldungen um Liebenau ähnlich: meist Nadelhölzer; alte, schöne Bäume, von Schnee und Eiszapfen geziert. Der Himmel wurde wieder blau, die Luft rein; die Sterne blitzten und glänzten; die Eiszapfen an den Bäumen flimmerten. Der ganze große Wald trug ein weißes Kleid. Alles war still und feierlich. »Bis zehn Uhr«, sagte Anton, »gehe ich langsam durch den Wald; es ist zu schön.« Er ging lächelnd, wehmütig froh gestimmt, ohne zu wissen, warum er froh sei. Ihm war ums Herz, als ginge er seinem Glücke zu. Mitten im Walde lag eines Forstwärters Wohnung; eine hölzerne, einfache Hütte, doch fest gebaut. Anton guckte durchs Fenster ins Gemach. Auf dem Herde loderten Kienspäne. Mitten im Zimmer, um den grob gezimmerten Tisch, saßen drei schlafende Kinder, ihre Köpfe auf die Tafel gelegt. Auf dem Tische stand ein Tannenbaum mit herabgebrannten dünnen Kerzchen. Die Mutter, beim Spinnrad vor dem Herde, ließ auch schlummernd ihr Haupt sinken. Das Rad stand still. Der Waldbelaufer saß nicht fern vom Fenster und blies dicke Rauchwolken aus einer kurzen hölzernen Tabakpfeife. Sein brauner Hund stand neben ihm, die Schnauze auf des Mannes Knie gelegt. Man hörte deutlich den Schlag der verräucherten Wanduhr. Da war es unserem Anton, wie wenn die selige Mutter Goksch hinter ihm spräche: »Heute vor dreiundzwanzig Jahren bist du zur Welt gekommen.« In diesem Augenblicke knurrte der Hund; die Frau erwachte; der Mann fuhr aus seinen Träumen auf; Anton klopfte ans Fenster und bat, sie möchten ihm erlauben, diese Nacht bei ihnen zuzubringen. Die arme Frau öffnete ihm sogleich die Tür. Er trat hinein. »Gelobt sei Jesus Christus«, sprach die Frau. Die drei Kinder hoben schlaftrunken ihre blonden Lockenköpfe und sagten wie aus einem Munde: »In Ewigkeit!« Einundsechzigstes Kapitel Anton erreichte nach mehrtägigem Wandern eine Stadt von größerer Ausdehnung. Vor dem Tore angelangt, fragte er, ob es nicht einen Weg gäbe, der ihn hinter selbiger herumführte. Denn er fühlte nicht die geringste Lust, sich in seinem Reiseanzuge zwischen alle die geputzten Leute zu drängen, die den schönen, winterhellen Neujahrstag des Jahres 181* auf der Straße feierten, indem sie sich und ihre neuen Kleider spazieren führten. Der Torwächter versicherte ihm, der Weg um die Stadtmauer herum sei vom gestrigen Schneesturm dermaßen verweht, daß er versinken müsse bis über die Hüften, wenn er sich beikommen lasse, ihn einzuschlagen. Es blieb keine Wahl; er mußte in die kleine Residenz eintreten. Mit dem Bewußtsein, noch einige Goldstücke in der Tasche zu führen, tröstete er sich über den Gegensatz, den seine Kleidung zu den weihnachtsbeschenkten Einwohnern, zu deren pelzverbrämten Mänteln und Röcken bildete. Er fragte nach dem besten Gasthause. Man bezeichnete ihm mehrere. Den »Elefanten« erwählte der ehemalige Tierführer. »Ein Bär«, sprach er, »wäre mir noch lieber gewesen, sollte es auch ein blauer sein; dagegen wohne ich von nun an nicht mehr in einem Hirsch, und wenn's ein goldener wäre.« Der Elefant sah unseren Freund anfänglich ein bißchen über die Achsel an; das schlechteste Stübchen, so unter seines Rüssels Zepter lag, öffnete sich für Anton. Ihm, der seit sechs Tagen durch Schnee und Feld, von Dorf zu Dorf sich herumgeschlagen, dünkte dieses armselige Gemach mit seinem eisernen Öfchen ein Prunkzimmer, sehr geeignet, einige Tage der Ruhe, der Überlegung zu widmen und von dort Entschlüsse für ferneren Lebenswandel mitzunehmen. »Wie uneigentlich«, sagte er, nachdem er trockenes Holz in den glühenden Ofen nachgelegt und sich behaglich auf das dreibeinige Kanapee gestreckt, »wie uneigentlich redet man doch von dem Lebens wandel der meisten Menschen, die da unwandelbar an ihrer Scholle kleben, in ihren Läden feilschen, in ihrem Amte regieren, neben ihrer Eltern Grabe modern. Wandeln sie durchs Leben? O nein, das Leben wandelt durch sie, und sie spüren es manchmal kaum. Ich dagegen, seitdem ich Liebenau verlassen, darf mich wirklich rühmen, einen Lebenswandel geführt Zu haben, und obenein nach gewöhnlichen Begriffen einen schlechten. Aber wenn ich mich ehrlich frage, ob ich schlecht geworden bin, darf ich ebenso ehrlich antworten: noch nicht. Doch will ich auch nicht ableugnen, daß es die höchste Zeit wäre, dem Dinge ein Ende zu machen; sonst steh' ich für nichts. Mir ist ums Herz, als wäre nun der Wendepunkt erreicht: nur noch ein Jahr bis zur Volljährigkeit!? Dann soll der ganze Mann dastehen! Ach, und ich komme mir so oft noch wie ein Junge vor! Und wenn ich an Adelheid denke, wie ein recht dummer Junge!« »Wau wau!« machte jetzt im anstoßenden Nebenzimmer eine derbe Hundestimme, wie wenn sie den dummen Jungen bestätigen wollte. Dann folgten weibliche Schmeicheltöne, die wieder mit allerlei Drohworten abwechselten; hernach ließ eine heisere Männerstimme sich vernehmen, die abscheuliche Schmähungen gegen Gott und Menschen ausstieß: dazwischen erklang die Weiberstimme, zornig, im höchsten Affekt und rief: »Pack' ihn, greif' ihn, mein Tierchen; so schön! an der Brust! Besser! Schüttle ihn! wirf ihn zu Boden, den niederträchtigen Mörder, Zerreiße ihm den Rock!« – Hier sprang Anton vom dreibeinigen Kanapee auf, nahm seinen Reisestock zur Hand und wollte schon durch kräftigen Fußtritt jene Tür sprengen, welche ihn vom Schauplatz eines blutigen Verbrechens trennte, als ein freundliches: »Bravo, mein Hündchen!« ertönte, sodann harmonisches Geklapper von Tellern und Löffeln erklang, und – wie es schien – Hund, Dame, Mörder sich fröhlich und guter Dinge zum Speisen begaben. »Heute hat er's vortrefflich gemacht; heute soll er ein großes Stück Fleisch haben«; diese versöhnenden Worte entquollen – zwischen jedem ein Löffel voll Suppe als Gedankenstrich – dem heiseren Munde des Mörders. In Anton ging das Bewußtsein auf, abermals mit »Seinesgleichen« in Berührung zu geraten. Er wendete sich fragend an die Dienstboten des Hauses und erfuhr, daß sein Nachbar niemand anders sei als der auf Kunstreisen begriffene, berühmte Hund des Aubri de Montdidier, der die renommiertesten, auf Gastreisen umherreisenden Schauspieler in vielen Dingen übertreffe, vorzüglich aber in dem Triumphe, den seine Kunst über die verwöhnte, veränderungssüchtige Masse des schaulustigen Publikums davongetragen. Dieses, bei anderen Schauspielern auf häufigen Wechsel, neue Stücke, verschiedenartige Charaktere erpicht, habe für die Leistungen jenes Schafpudels eine so kindliche Pietät, daß es nicht müde werde, ihn stets nur in einer und derselben Rolle zu bewundern; daß es ihm zu Gefallen sogar den menschlichen Appendix von heiserem Mörder und edler Mutter sich gefallen lasse, weil es in letzterem die zweibeinigen Pflegeeltern des vierbeinigen Meisters verehre. Kann es etwas Unbegreiflicheres auf Erden geben als dies sogenannte Publikum? »Und dann«, – so fügte der gesprächige Hausknecht des Gasthofes »zum Elefanten« hinzu, – »dann müssen Sie auch bedenken, was für Krabalen der Hund auszustehen gehabt, bis er auf unserem Hoftheater spielen durfte! Das war schrecklich! Der Direktor hat sich mit Händen und Füßen dagegen gestemmt. Durchaus wollte er's dem armen Vieh nicht vergönnen. Aber die Schauspieler, die mit dem Hunde reisen, haben sich hinter die Madame J. gesteckt, die ist gut mit unserem Gnädigsten, und die hat es glücklich durchgesetzt. Nu hat der Hundefeind die Direktion niedergelegt! Als ob das ein Unglück wäre! Es wird ohne ihn auch gehen, und wir haben doch den Hund gehabt so gut wie jede andere Residenz, und wir brauchen uns nicht mehr zu schämen, daß wir zurückgeblieben sind!« »Ist der abgegangene Direktor auch ein Schauspieler?« fragte Anton ziemlich gleichgültig. »Gott behüte«, erwiderte der Hausknecht, »der ist ein Dichter, der – –« Und jetzt hörte unser Freund einen Namen, an dessen Klang sich für ihn der zwiefache Zauber jugendlicher Liebesträume und erster poetischer Eindrücke knüpfte; einen Namen, in dessen Gefolge eine Zahl von Liedern wach wurde, die nur im Gedächtnis schlummernd eines Wortes bedurften, um frisch aufzuleben; einen Namen, den Anton tausend und abertausendmal gedacht, ausgesprochen, seitdem er ihn kannte, ohne daran zu denken, daß er einem Lebenden gehöre, daß derjenige, der ihn trug, überhaupt jemals gleich anderen Menschen auf Erden gelebt habe! Wenn Anton auf dem Titelblatt eines gedruckten Buches diesen Namen gelesen, war ihm stets unmöglich gewesen, denselben in seiner Phantasie mit irgend einer Persönlichkeit in Verbindung zu bringen; dieser Geist, gerade weil derselbe das rein Menschliche in allen Tiefen und Höhen durchdrungen, schien ihm so wenig an eine körperliche Form gebunden, daß Antons Einbildungskraft sich kein Individuum dabei vorstellte. Ihm war es die Dichtkunst selbst, die zu ihm redete durch den lebensreichsten, deutschen Dichter. Und jetzt sollte er vernehmen, daß in dieser kleinen Stadt, wohin sein Wanderspiel ihn geworfen, dieser noch als ein Mensch unter gewöhnlichen Menschen lebende Poet die armseligen Plackereien und Qualen anderer Geschöpfe mit erdulde; daß er es nicht verschmähte habe, dem leichtsinnigen Treiben der Bretterwelt Führer zu sein! daß ein Hund ihn verdrängt habe; – Anton hätte den Hausknecht umarmen mögen! »Steht es also um die Götter dieser Erde«, rief er aus, »sind auch sie dem Elend unterworfen, Staubgeborene zu heißen? Nun, dann wäre es ja Zeit, zu lächeln bei eigenem Jammer und von allem, was sich mit uns begibt, nur die lustige Seite herauszukehren. Das will ich von nun an, – aber sehen will ich ihn , bevor ich meinen Stab weitersetze!« Und er sah ihn; sah ihn des anderen Morgens am Fenster stehen, es öffnen, einen Atemzug aus reiner Winterluft schöpfen, sein Auge zum hellen, kalten Neujahrshimmel hinaufheben! – und nachdem Anton dies gesehen, fragte er sich: was hätte ich noch im »Elefanten« zu schaffen? Er verließ die Stadt. Da er die nicht entfernte Grenze seines Vaterlandes überschritt und sich den üblichen und beliebten Zeremonien des Visitierens unterwerfen mußte, machte er durch sein Erscheinen den Grenzwächtern mancherlei zu denken. Sie konnten sich's nicht erklären, wie ein junger Bursche, den man seinem Äußeren nach für einen wohlkonditionierten Handwerksgesellen halten mußte, zu einem Pariser Legationspaß von so unumschränkter Dauer gekommen sei. Ein Kontrolleur richtete an ihn die halb neugierige, halb amtliche Frage, was er in benachbarter Residenz begonnen, was er dort gesucht habe. Und wie Anton erwiderte, er sei nur deshalb dort gewesen, um den Verfasser von »Wilhelm Meisters Lehrjahren« persönlich kennen zu lernen, weil er bei diesem ein neues Buch unter dem Titel: »Anton Hahns Wanderjahre« habe bestellen wollen, so sah man ihn zweifelnd an, ob er für einen Wahnsinnigen oder für den natürlichen Sohn des Herrn Astor in Amerika gelten solle, welcher letztere sich vorgesetzt habe, von den 145 Millionen Dollars seines Vaters ein von der Bank gefallenes Milliönchen auf dieser Fußreise in Taler zu übersetzen! Um sicher zu gehen, behandelte man ihn mit Auszeichnung; doch als weder Taler noch Dollars zum Vorschein kamen, schlug sich die Mehrzahl der Beobachter auf die Seite des Wahnsinns und gab das Kind der Liebe und der amerikanischen Millionen auf. Um so viel leichter wanderte unser Held von dannen. Er gelangte, einen Rückschritt machend, nach E., woselbst er unter jeder Bedingung ein Unterkommen suchen wollte. Nötigenfalls war er entschlossen, in ein dort liegendes Regiment als gemeiner Soldat einzutreten. Wohlbekannt mit den Aussichten, die einem solchen im Frieden blühen konnten, zog er die langweilige Einförmigkeit des Garnisondienstes endlich doch der Heimkehr nach Liebenau bei weitem vor. Er sah sich bereits, ein Liebling seines Hauptmanns, zum Unteroffizier befördert, und gefiel sich gar nicht übel, wenn er zur Parole ging und aus allen Fenstern die schönen Töchter des Landes nach ihm blickten. Mitten in diese bescheidenen Träume hinein sprengte freilich das längst verblichene, nun wieder auflebende Bild des Kunstreiters Antoine und rief ihm zu: »Unter die »Fußlatscher« »Fußlatscher« nennt man hier und da spottweise und im Gegensatz zur Kavallerie die Infanteristen. wirst du doch nicht gehen, Bruderherz? Wofür gäbe es Husaren, Dragoner und Kürassierreiter?« Aber ihm war weder beschieden, des Reiters Säbel, des Ulanen Lanze, des Grenadiers Muskete, noch des Jägers Büchse zu ergreifen; den Violinbogen wollte sein Schicksal ihm noch einmal in die Hand legen. Gleich nach seiner Ankunft machte er die Bekanntschaft eines alten Tanzlehrers, des Herrn Lemonier-Mîrabel de la Garde, de la Tour d'Auvergne . Als dieser sich ihm, umhüllt vom Rauchqualm des engen Gastzimmers, vorgestellt und genannt, selig, einer französisch redenden Zunge zu begegnen, erbat Anton sich die Vergünstigung, besagten Namen um vier Fünftel abzukürzen und ihn schlechtweg »Mirabel« nennen zu dürfen, was huldreichst bewilligt wurde. Herr Mirabel hat seine Schüler und Schülerinnen stets im Dunkel darüber gelassen, ob er ein Auswanderer, den die Revolution vertrieben, oder ob er ein Deserteur jener Armee sei, welche die Revolution verfocht. Denn seine eigenen Erzählungen schwankten zwischen beiden Möglichkeiten hin und her. Ebenso unklar blieb die junge hüpfende Welt über das Lebensalter ihres Vortänzers, der von sechzig Jahren, – und diese mag er wirklich gezählt haben – wenn er bei guter Laune war, bis auf achtzig, neunzig, ja hundert stieg. Da gab er dann auch wohl nicht unbedenklich zu verstehen, es sei nicht wahr, daß dieser »erste Grenadier Frankreichs«, der tapfere Latour d'Auvergne , im Kampfe geblieben; es gäbe noch Leute, die das Gegenteil beweisen könnten, wenn sie – und er nicht Gründe hätten, darüber zu schweigen. Er war sonst ein lustiger, gutmütiger Mensch, der sein Menuett mit seiner Haltung strich, wobei er zierlich genug mit einer kleinen Geige aufspielte. Für große Städte war er längst aus der Mode; deshalb zog er seit Jahren im Lande umher, den Winter in Mittelstädten, den Sommer auf Dörfern zubringend, woselbst er die Töchter schwach besoldeter Beamten in der verführerischen Kunst unterwies, wohlhabenden Bürgersöhnen durch ihren Tanz in die Augen zu stechen. Als Anton ihn kennen lernte, befand er sich in peinlicher Verlegenheit wegen seines Orchesters, dem er bisher selbst und allein vorgestanden, was aber jetzt unmöglich wurde, weil die Gicht sich der alten Finger zu bemächtigen drohte. »Fände ich nur einen Menschen von Bildung und anständigem Benehmen, der mich zu meinen Lektionen begleitete; denn mit einem Musikanten von gewöhnlichem Schlage ist mir nicht gedient. Französisch muß er sprechen, ein Ausländer muß er scheinen, sonst ist's um mich geschehen. In den Häusern, wo ich unterrichte, können sie nichts Deutsches brauchen, eben weil sie echte Deutsche sind.« Anton ließ sich's nicht zweimal sagen. Er bot sich zum Geiger dar und versprach gebrochenes Deutsch. »Habe ich Kamele in Gang gebracht«, sagte er zu sich selbst, »warum sollte ich Herrn Mirabels Schülerinnen nicht tanzen machen?« Der Akkord war bald geschlossen. Mirabel gab deutlich zu verstehen, daß er auf die Anmut seines jungen Musikers sichere Hoffnung eines reichen Zuwachses an tanzlustigen Damen gründe. Sie wurden einig über ein Dritteil des Lektionsgeldes, welches dem Orchester zufallen solle. Die neue Position wäre von allen bisher behaupteten unbedenklich unseres Helden bedenklichste geworden, hätte nicht das Erlebnis mit Kästners Adelheid seine Eitelkeit so tief gedemütigt, ja, ihn fast mädchenscheu gemacht, so daß aus seinen Augen, wenn Mirabel mit Dutzenden von halb und ganz erwachsenen Mädchen sich um ihn und seine Violine umherschwenkte, kaum ein Blick der Erwiderung den unzähligen Blicken zuteil ward, die sich fragend nach dem interessanten Geiger wendeten. »Mögen sie doch hüpfen, lächeln, kichern, erröten – mich soll keine mehr für einen Narren halten!« sagte er. Freilich wohl plagte ihn nicht selten die Langeweile, wenn er Tag für Tag dieselben Tänze streichen mußte. Er kannte Mirabels deutsches Wörterbuch schon in- und auswendig. »Mehr grâce, mes dames ! ick bitten Ihn' pour l'amour de Dieu , Sie ßlag' um sick mit Ihr Arm' wie Windmühl! Kopf ßuruck, Brust aus, Magen einwendick, linke Hinterfuße nit nackßleppe;' Sie geb' nit Acktung, Sie chagirnir ' alte hundertjärick Mirabel, daß muß sterb' in Blüt von sein' Jahr!« Das war der Text, den Anton melodramatisch zu begleiten hatte. Unter den verschiedenen Gruppen hübscher und häßlicher, graziöser wie plumper Jungfräulein, die sich in verschiedenen Häusern zu verschiedenen Stunden und Tagen vereinigten, befand sich eine in dem Hause einer Majorswitwe, die sich vor allen übrigen auszeichnete, weil dort wohlerzogene, bescheidene, niedliche Kinder mit ihren Müttern, von diesen überwacht erschienen. Sie bildeten eine Quadrille von vier Paaren. Doch waren nur eben Mütter bei dem Unterricht zugegen. Das achte Mädchen, das schönste, reifste, bescheidenste von allen, hatte keine Mutter mehr, sie kam unbegleitet und allein. Sie wurde Hedwig genannt. Wer und was ihr Vater sei, blieb Anton unbekannt. Zu fragen, überhaupt von ihr zu sprechen, blieb ihm untersagt. Mit wem hätte er von diesem Mädchen sprechen sollen? Mit dem alten, prahlenden, lügenden Schwätzer, dem er diente? O nein, das wäre eine Entweihung gewesen. Er begnügte sich, sie schweben zu sehen, – denn sie schwebte, wo die anderen sprangen oder gingen. Er begnügte sich, bisweilen eine Silbe von ihren Lippen zu vernehmen, wenn sie wortkarg und sanft den lustigen, gesprächigen Mitschülerinnen eine Antwort erteilte. Er fühlte, was er noch keinem weiblichen Wesen gegenüber gefühlt: ein beglückendes Bewußtsein ihrer Nähe, ohne die geringste Beimischung irdischer, eitler oder kecker Wünsche. Die Entfernung von seiner im Schmutze des Lebens befleckten Persönlichkeit bis zu ihr, die ihm ein Vorbild kindlicher Unschuld und Reinheit erschien, dünkte ihm so weit, daß ein Gedanke an Annäherung nicht in ihm aufsteigen konnte. Wenn sie ihn ansah, was allerdings bisweilen geschehen mochte, schlug er beschämt die Augen zu Boden, – aber auch dann empfand er den beseligenden Zauber der ihrigen bis tief in die innerste Seele. Dann zitterten die Töne seines Instruments wunderbar, und er legte in die leichten, tausendmal gespielten Tanzweisen einen Ausdruck, wie noch kein Musikant getan, der je vor ihm aufgespielt hat. Wenn man sich mit allen Kräften, Erwartungen, mit aller Sehnsucht auf eine bestimmte Stunde richtet, die wöchentlich nur einmal schlägt; wenn man in diese sechzig Minuten eine ganze Welt von Bewunderung, Verehrung, Begeisterung, Entzücken – und Entsagung zu drängen weiß; wenn man die übrigen Tage der Woche nur als Ergebnis leerer Stunden und Minuten betrachtet, die lediglich zu verrinnen haben, damit jene eine Stunde bald wieder erscheine – dann sollte jeder glauben, der etwas Ähnliches noch nicht durchgemacht, müsse dem ungeduldig Harrenden die Zeit fürchterlich lang werden! Merkwürdig, dem ist nicht so. Niemals verfliegen die Tage rascher als in solchem Zustande. Es ist, wie wenn auch die Zeit, vom Fieber der Patienten angesteckt, ihren Pulsschlag mit dem seinen verdoppele, um nur bald wieder zu der Stunde der Weihe zu gelangen. Was Wunder, wenn drei Monde so geschwind für Anton wechselten, daß er, als sie dahin waren, nur zwölf Stunden durchlebt zu haben wähnte! Denn zwölf Stunden hatte Herr Mirabel den jungen Mädchen im Hause der Majorswitwe erteilt; zwölfmal hatte Anton seinen Bogen daselbst gefühlt; zwölfmal hat er Hedwig gesehen. Und nun schlägt die letzte dieser seligen Stunden, und drei Monate scheinen ein einziger Tag gewesen zu sein! Sagt mir, was ihr wollt und könnt, ihr Vertreter des wirklichen genießenden Lebens, die höchste Wonne unseres Daseins liegt doch in dem, was wir lieben, weil es schön ist, weil wir es lieben müssen, ohne Hoffnung, ohne Wunsch des Besitzes. Sehnsucht ohne Absicht – das ist Liebe. Alles andere ist – etwas anderes. Als die letzte Lektion beendet war, überreichten die jungen Damen ihrem alten, wunderlichen Lehrer ein außerordentliches Geschenk, das mit dem stipulierten, höchst mäßigen Stundengelds nichts gemein haben und dem dürftigen Manne eine unverhoffte Freude machen sollte. Nachdem sie sich dieser angenehmen Pflicht mit den regelrechten Knicksen, wie Mirabel ihnen dieselben scheltend beigebracht, zierlich entledigt, steckten sie alle acht die Köpfe zusammen, debattierten, näherten sich dann den sieben Müttern, flüsterten abermals, wobei man immer nur die Worte: »Nein, ich nicht; durchaus nicht!« vernahm, bis sich diese einzelnen Verneinungen plötzlich zu einer allgemeinen Bejahung gestalteten, welche laut und deutlich ertönte: »Ja, ja, Hedwig!« Anton hatte schon die Tür in der Hand, sich zu empfehlen. Da holten ihn die Mädchen zurück. Sieben Hände faßten seine Arme, seinen Rock mit jugendlicher Lustigkeit, und sie geleiteten ihn, wie in einem erzwungenen Triumphe, zum Halbkreise der sieben Mütter, vor denen Hedwig, ein in Papier gehülltes Paketchen in zitternden Händen haltend, sehr verlegen und ängstlich stand. »Wir wollen Ihnen danken – für Ihre Mühe, ... und wir wünschen, daß diese Uhr Ihnen unterhaltendere Stunden zeigen möge als unsere Tanzstunden Ihnen gegeben.« Mit dieser furchtbar gestotterten Anrede übergab sie ihm das Päckchen und zog sich eiligst zurück. Anton vermochte gar nichts zu erwidern, verbeugte sich stumm, verließ das Haus, welches jemals wieder zu betreten er keine Aussicht hatte, rannte nach seinem Stübchen, schob die Uhr gleichgültig fort und prüfte nur die in ein zweites Papier gehüllte seidene Schnur, die, kunstreich geschlungen, ohne Zweifel von den zarten Fingern einer dieser Schülerinnen herrührte. »Wenn ich wüßte, ob Hedwig – –?« Er ergriff noch einmal das Blatt. An der äußersten Ecke desselben, kaum lesbar, in kleinsten Schriftzügen, stand ein H ... Anton küßte das Blatt, legte es in seine Brieftasche, hing die Schnur um den Hals, steckte die Uhr, daran befestigt, in die Westentasche, ging einigemal heftig auf und ab und sagte dann: »Jetzt ist es Zeit aufzubrechen und die Stadt zu verlassen.« Zweiundsechzigstes Kapitel Mirabel kam Antons Wünschen zuvor. Der Frühling trieb ihn ohnehin aus der Stadt auf ländliche Weide. Sie schlossen einen neuen Vertrag, erneuerten vielmehr den alten und sagten dem lieben E. Valet. Von ihrem Leben auf den Landschlössern, in den Beamtenhäusern, die beide nun wechselnd bezogen und nach vierwöchentlichem Aufenthalte wieder verließen, ist wenig zu berichten, was unseren Anton angeht. Immer die alte Leier: gedankenloses Hergeigen der alten Tanzmelodien; dann aber, sobald dies überstanden: Einsamkeit im Feld, im Freien, im Grünen. Da lebte der junge Mann recht eigentlich seiner männlichen Entwicklung, da lernte er denken, indem er verglich, erwog und sinnend an sich bildete. Was ihn umgab, ließ ihn gleichgültig. Was er durchlebt hatte , galt ihm nur insofern noch für wichtig, als er die Eindrücke zu erforschen stiebte, welche die Vergangenheit ihm bleibend hinterlassen. Was er noch durchleben werde , glaubte er mit Fassung erwarten zu dürfen. »Es ist gleichviel«, meinte er, »was mir begegnet; nur darauf kommt alles an, wie ich dem Unvermeidlichen begegne, wie es mich findet!« Es gelang ihm, jener einförmigen, leeren Existenz, mit der um des lieben Broterwerbes willen die schöne Jahreszeit gleichsam vergiftet wurde, eine heitere Stirn entgegenzustellen, seine Verpflichtungen gegen Mirabel und dessen Schülerwelt zu erfüllen, wie wenn er sie noch so gern erfüllte und niemand durch trübe Mienen oder mürrisches Wesen entgelten zu lassen, daß er nicht mehr in Hedwigs Nähe lebte. Wenn jemals ein junger Mann den Beinamen »der Liebenswürdige« verdiente, so war dies unser Freund, jetzt, nachdem er im Feuer der Leidenschaften, des Grames, der Entsagung dreifach geläutert, jene männlich heitere Ruhe gewonnen, die durch milden Ernst so wohl tut, die uns an erfahrenen Weltmännern bezaubert, die aber bei Jünglingen, die erst im Begriff stehen, Männer zu werden, unter die seltensten Vorkommenheiten gehört, – und zwar aus einfachen, natürlichen Gründen! Schade nur, daß Antons gegenwärtige Stellung so wenig Gelegenheit darbot, diese seine Liebenswürdigkeit in ihr volles Licht zu setzen. Diejenigen aus den ländlichen Umgebungen, mit denen sein Verhältnis ihn in Verkehr brachte, wußten das nicht zu würdigen, was an ihm außerordentlich war; und diejenigen, die befähigt gewesen wären, ihn zu erkennen, kamen mit dem Geiger des Herrn Mirabel durchaus nicht in Berührung; sie begnügten sich zu sagen: »Aus welchem Wasser muß doch eine so lächerliche Personage, wie unser alter Tanzmeister, diesen Musikanten gefischt haben? Der junge Mensch sieht manchmal darein, als ob er jemand wäre!« So rückten die Hundstage heran mit ihrer drückenden Hitze. Jean Paul in, ich weiß nicht, welchem seiner humoristischen Stilleben, segnet das Andenken des braven Mannes, der die Schulferien dieser glühenden Tage erfand, und möchte seinen Schädel küssen. Wir selbst wissen uns auf den Wert derselben gar wohl zu besinnen, und wenn wir sie als Schüler uns vergönnten, so vergönnen wir sie in reiferen Jahren zwiefach den armen, gepeinigten Lehrern. Mirabel sollte sie nicht genießen. Im Gegenteil, für ihn wurden sie Tage doppelter Anstrengung. Denn aus den geschlossenen städtischen Schulen ergossen sich freigelassene Schüler in Strömen nach allen Richtungen ihrer ländlichen Heimat; und war es den wilden Knaben zu heiß gewesen, im engen Raume des Gymnasiums über alten Autoren zu sitzen, so konnte die glühendste Sonne doch keine Temperatur zustande bringen, die das bewegliche Völkchen verhindert hätte, sich mit Mühmchen, Basen und Schwestern herumzuschwenken. Die Tanzlektionen kamen nun erst recht in Gang. Monsieur Mirabel hatte alle Hände und Füße voll zu tun. Diesen gewaltsamen Anstrengungen war der alte Herr nicht mehr gewachsen. In einer Nachmittagsstunde, wo das Thermometer nach Reaumur einundzwanzig Grad über Null im Schatten deklarierte, rührte den Unermüdlichen der Schlag. Der Dorfbader ließ das Blut des wohlbeleibten Greises zwar schonungslos fließen – doch vergebens. Herr Lemonier-Mîrabel de la Garde, de la Tour d'Auvergne verhauchte sein hundertjähriges Leben im Kreise staunender Schuljungen, die ihn mit feuchten Augen umstanden, denn sie hatten den alten Narren gern gehabt. Die letzten Warte des Sterbenden waren: » Main droite! main gauche! les cavaliers en avant! – et vive l'Empere ...!« Sie ließen ihn begraben. Aber die Welt hat es an sich, daß sie auch auf Gräbern tanzt. Und es ward an Anton die Frage gerichtet, ob er nicht zu den künftigen Tanzstunden weiter aufspielen wollte. Man werde versuchen, sich ohne Lehrer zu üben. Anton, als Knabe schon in Liebenau für einen guten Tänzer bekannt, mit Mirabels ganzer Schulweisheit bis in die kleinsten Flüche hinein vertraut, warf sich ohne weiteres zum Erben des Verblichenen auf. Da konnten Eltern, Knaben und Mädchen sich nicht genugsam verwundern und konnten es nicht genügend loben, wie der unbewegliche Geiger, der bisher nichts gerührt als Arm und Bogen, jetzt mit einem Mal Leben gewann, Lebendigkeit, Ausdruck und Sprache! Wie so ganz anders als Herr Mirabel er dem Tanze Sinn und Bedeutung verlieh; wie die Grazien auf seinen Ruf erschienen, der tobenden Schar Ordnung und Mäßigkeit beizubringen. Anton war wieder ein Antoine geworden, allen früher gefaßten Vorsätzen zuwider; und hätte nicht Hedwigs Schnur auf seinem Herzen gelegen, sich sanft an die Brust schmiegend, wer weiß, ob Antoine unter den Schülerinnen nicht eine Laura herausgefunden. Anton fand keine, weil er keine suchte. Dagegen ergötzte ihn die Beobachtung, wie in dem jungen, heranwachsenden Völkchen sich alles zeigte, – wenn auch in verkleinertem Maßstabe – alles, was diese Erde und ihre Bewohner in Haß und Liebe, in Edelmut und Neid bewegt. Er wurde, ohne danach zu streben, der Vertraute jener schon halb verderbten, halb noch schuldlosen Neigungen, die das Mädchen zum Knaben zogen, die den Knaben in Feindschaft gegen einen kleinen Nebenbuhler entbrennen ließen. Ein Tanzlehrer – man lächle nicht! – ist für die sich entwickelnde Jugend der wichtigste von allen Lehrern. Nicht, daß er auf edle Gefühle großen und nützlichen Einfluß üben könnte! Wohl aber, indem er, leichter wie jeder andere Lehrer, durch Wort, Beispiel und Tat die schädliche Einwirkung auf seine Schüler wie Schülerinnen geltend zu machen Gelegenheit findet. Deshalb, sage ich, ist er wichtig, das heißt: es ist für Eltern und Erzieher wichtig, zu wissen, wem sie ihre Pflegebefohlenen anvertrauen, wenn es auch sonst nach vieler Ansicht höchst unwichtig scheinen möchte, ob das Tanzen überhaupt gelehrt werde oder nicht. Anton hatte diese Bemerkung schon gemacht, während er nur Orchester war, und hatte deshalb das Benehmen der sieben Mütter in E., die stets als Observationskorps zugegen gewesen, höchlichst billigen müssen. Desto mehr glaubte er sich wundern zu dürfen, jetzt auf dem Lande in recht vornehmen und vornehm tuenden Familien wie auch in minder anspruchsvollen Häusern eine bis an Leichtsinn grenzende Gleichgültigkeit zu finden. Man überließ die junge Welt sich selbst und ihm bei den Lektionen. Wie gut, daß er Hedwigs Schnur auf dem Herzen trug! Es befanden sich unter den Schülerinnen einige Mädchen, die schon erwachsen und bei all ihrem adligen Hochmut herablassend genug waren, den zum Tanzlehrer beförderten Violinspieler auf eine fast zudringliche Weise auszuzeichnen. Anton tat hier zum erstenmal in seinem Leben Blicke in die wirkliche »vornehme Welt«, – denn was ihm zu Bärbels Zeiten davon vor Augen gekommen war, konnte nicht dafür gelten. Da man ihn mit den Hausoffizianten speisen ließ, war auch dafür gesorgt, daß er über alles, was er gesehen und was ihm noch dunkel geblieben wäre, weil seine angeborene Ergebenheit ihn verhinderte, das Schlimmste zu glauben, die unumwundensten Auslegungen empfing. »Nun«, sagte er manchmal des Abends, wenn er von Stundengeben und Musikmachen ermüdet sein Lager suchte, »mag es sonst sein, wie es will in der hohen Gesellschaft, eins steht fest: bei Guillaumes ging es in gewissen Punkten kaum so toll zu. Und was die stolzen Damen hier herum betrifft, sind unsere Reiterinnen im Vergleich mit ihnen wahre Tugendspiegel gewesen, – der armen Adele gar nicht zu gedenken.« Es war schon spät im Herbste, da er nach Beendigung aller vom seligen Mirabel abgeschlossenen und auf ihn übergegangenen Engagements in dieser Gegend einige Meilen weiter auf eine große Besitzung verschrieben ward, wohin man ihn mehr seiner angenehmen Erscheinung und seines entsprechenden Betragens halber als wegen seiner Talente für den Tanz bestens empfohlen hatte. Er dankte dem guten Glücke, aus all den Schlingen, die alt und jung, von der Gnädigsten bis zur Kammerkatze herab, ihm legen wollten, mit heiler Haut und unausgekratzten Augen entkommen zu sein, und begab sich nach dem Orte seiner neuen Bestimmung, wo er im Oktober anlangte. Hier wehte ihm ein anderer Geist entgegen. Von Frivolität, wie er sie kürzlich kennen gelernt, schien hier keine Spur zu entdecken, vielmehr waltete eine fast herrnhutische Neigung zu frömmelnder Strenge vor, in der aber durchaus keine Heuchelei zu bemerken war. Der ernste Ton des Hauses reichte bis auf die Dienstboten, die sämtlich ein wenig erstaunt dareinblickten, einen Jünger sündlicher Tanzluft aufnehmen zu müssen. Das Rätsel löste sich doch bald. Die mittlere Tochter des Gutsherrn (Anton fand sich durch die Dreizahl der Töchter an Liebenau erinnert, wiewohl sonst nicht die geringste Ähnlichkeit der Verhältnisse auffiel) sollte Braut werden; der Bräutigam wurde, wie die Dienstboten sich ausdrückten, auf Brautschau erwartet. Und da diese Verbindung des unseligen Geldes wegen erwünscht, – ja notwendig erschien, so hatten sich die frommen Eltern entschlossen, von ihren religiösen Ansichten einmal abzugehen und den Töchtern in aller Eile einen Anhauch von weltlichem Firnis zukommen zu lassen. Binnen drei Wochen – denn nach Ablauf dieser Frist wurde »Graf Louis« erwartet – verlangte man, daß Antoine Wunder gewirkt und den Schwestern, hauptsächlich der zum Opfer auserwählten, beigebracht haben sollte, was bis auf diesen Augenblick wie unnütze, vielleicht sträfliche Tändelei gar nicht geübt worden war. Er selbst nannte die Unterrichtsstunden, die er – natürlich in Gegenwart von Mutter und unterschiedlichen alten Tanten – den linkischen, verlegenen, bleichsüchtigen Mädchen täglich dreimal zu erteilen hatte, eine Pferdearbeit. Und er mußte sich häufig über dem sündhaften Wunsche ertappen, daß es ihm vergönnt sein möge, nur ein bißchen von den frivolen Anlagen seiner kürzlich verlassenen Schülerinnen auf die unbewegliche, leblose Kälte der jetzigen zaubern zu können, – sollte es auch mit Gefahr für der letzteren Sittsamkeit geschehen! »Hedwig war doch gewiß ein Musterbild von jungfräulicher, züchtiger Tugend. Aber wie gewandt war sie dabei, wie graziös, – die beste Tänzerin von allen achten! Diese drei tanzen wie bleierne Vögel. Gott verzeihe mir's, ich glaube, sie haben krumme Beine, weil sie so viel auf den Knien beten müssen!« Durch dergleichen Betrachtungen versuchte sein Unmut sich Luft zu machen. Doch die Erleichterung blieb nur gering, und er sehnte sich sehr ungeduldig nach der baldigen Ankunft des verheißenen Brautwerbers, die ihn seiner Lehrerwürde entbinden und ihm gestatten würde, nach E. zurückzukehren, wo er ebenfalls versuchen wollte, die Erbschaft Mirabels zu übernehmen. Denn in E. lebte Hedwig, und wenn er auch auf sie nicht mehr als Schülerin rechnen durfte, war es doch schon ein Glück, in einer Stadt mit ihr zu weilen, – ihr vielleicht bisweilen zu begegnen, – ihr vielleicht gar zeigen zu können, daß die schwarze Schnur ... »Wenn nur der junge Graf schon ins Schloß führe!« stöhnte er von einer Tanzlektion zur anderen. Und wie wenn sein Stöhnen das Geschick erweicht hätte, der Ersehnte traf wirklich um eine Woche früher ein, als man darauf gerechnet, kam so unerwartet und überraschend, daß er zum Schrecken der Mutter, zum Schauder beider Tanten mitten in eine Tanzstunde platzte. »Bitte sich nicht stören zu lassen, meine Schönen –« hier hielt er inne. Es ist schwer zu entscheiden, ob er den Faden dieser etwas nach Billardzimmer und Reitstall schmeckenden Anrede abriß, weil er die Schönen nicht schön fand, oder ob er verstummte, weil er einen fern geglaubten, tödlich gehaßten Gegner in Anton vor sich erblickte. Anton erkannte seinerseits auf den ersten Blick das einst in B. mit Adeles Fahnenstock gezüchtigte Gräflein. Er begriff sogleich, daß hier seines Bleibens nicht sei, benützte den günstigen Vorwand der unterbrochenen Tanzlektion, um sich zurückzuziehen und hatte nichts Eiligeres zu tun, als ein Schreiben an den Herrn des Hauses aufzusetzen, worin er sich entschuldigte, daß er genötigt sei, plötzlich abzureisen und so den Unterricht abzukürzen. Als er dies Briefchen einem alten Diener übergab, konnte er nicht umhin, an denselben noch eine Frage zu richten, ob denn wirklich dieser kindisch aussehende, wüste Jüngling als künftiger Bräutigam erschienen sei. Der Alte, eingeweiht in die Familienverhältnisse, bestätigte es und gab Gründe dafür an. Von seiten seiner Herrschaft die schon erwähnte Notwendigkeit, Geldrücksichten zu nehmen; von seiten der Eltern Louis' die Hoffnung, daß ihr leichtsinniger Sohn in so ernsten und strengen Umgebungen auf die Bahn der Frömmigkeit und Tugend zurückgeführt werden solle! Anton kannte sich kaum so weit beherrschen, daß er ein lautes Hohngelächter unterdrückte; er verließ den treuherzigen Betbruder in Livree und begab sich nach dem Dorfe, wo er ein Fuhrwerk mietete, das ihn und seinen Kram noch an diesem Nachmittage fortschaffen sollte; er bestellte dasselbe, um kein Aufsehen zu machen, an einer Hintertür des Gartens, schlich sich dann auf sein Zimmer, wo er zusammenpackte, rief einen Hausknecht zu Hilfe und machte sich mit diesem und seinem Gepäck auf den Weg, um den bestellten Wagen unbemerkt zu erreichen. Leider mußten sie hinter einem Boskett vorüber, in welchem Louis mit den Damen, welche die letzten Strahlen einer matten Herbstsonne genießen wollten, beim Teetisch saß. Der alte Diener hatte kurz vorher Antons Scheidebrief überreicht; es wurde darüber geredet. Anton hörte seinen Namen, winkte dem Hausknecht, weiterzugehen und blieb einen Moment lauschend stehen. Er hörte, wie Mutter und Töchter, ihn lobend und seinen raschen Entschluß bedauernd, keine Ursache dafür zu finden wußten. Graf Louis, in übermütiger Laune, in die er durch die Entfernung eines Feindes versetzt war, der, wenn er hier blieb und redete, ihm sehr schädlich werden konnte, meinte sich berufen, eine Ursache anzugeben, und wähnte diese Gelegenheit zur Herabsetzung des Abwesenden und zur Erhebung seiner eigenen Tapferkeit benützen zu dürfen. Er gab alsobald ein Märchen zum besten, das ihn als glorreichen Sieger über Anton darstellte, den er mit den Beinamen eines Vagabunden, liederlichen Herumtreibers, durchgeprügelten Händelmachers reichlich beschenkte. Anton vergaß seine guten Vorsätze, sich durchaus nicht zwischen diese Personen stellen zu wollen; von verzeihlichem Zorne übermannt, trat er vor und führte ohne Schonung gegen einen prahlerischen Lügner die Verteidigung seiner Ehre, indem er die reine Wahrheit erzählte. Dieser gegenüber blieb Graf Louis stumm; sein Schweigen wurde zum Ankläger und Richter für ihn in der Meinung der Damen. Welche Folgen diese Szene gehabt und künftig haben sollte, werden mir im weiteren Verlauf unserer Erzählung erfahren. Für jetzt genügt uns, Antons nächste Schicksale zu verfolgen, und wir geleiten ihn nur bis zu seinem ländlichen Stuhlwagen, in dem er ohne weiteres die Reise nach E. antrat. Dreiundsechzigstes Kapitel Mit der festen Absicht, sich um eine Erlaubnis für Tanzunterricht bei der Behörde zu melden, traf Anton in der Stadt ein, aus der vor einem halben Jahre Hedwigs Bild und Andenken ihn begleitet. Zuerst aber fand er es angemessen, jener Majorswitwe, in deren Hause er so schöne Stunden – in Anschauen und fromme Bewunderung versenkt – durchlebt, seinen Besuch zu machen, ihr seinen Plan mitzuteilen und um ihren guten Rat zu bitten. Daß die Hoffnung, über Hedwig etwas zu erfahren, im Grunde des Herzens schlummernd, ihn hauptsächlich zu diesem Besuche antrieb, entdeckte er selbst erst, als von ihr die Rede war. Doch welch ein Gefühl durchdrang ihn, da er vernehmen mutzte, der alte Hauptmann, ihr Vater, infolge schwerer Wunden zum ferneren Dienste völlig untauglich, sei verabschiedet worden, habe E. verlassen und habe sich in eine andere kleine Stadt – man wußte nicht, welche – begeben, um sich einzuschränken und sparsamer hauszuhalten, – Hedwig war fort. Er sollte sie nicht mehr sehen. Seine Pläne lösten sich in Rauch auf. Er entdeckte nun gar nicht erst seiner Gönnerin, daß er im Sinne gehabt, den Winter über als Tanzlehrer in E. zu leben; er empfahl sich ihr und schied für immer, meinte auch E. am selbigen Tage zu verlassen. Doch mit nichten. Er ging, nur an Hedwigs Abreise denkend, niedergeschlagen und entmutigt durch die Gassen – da fiel sein Blick auf den an der Ecke eines Hauses klebenden Anschlagzettel, der die Darstellung einer »Genoveva, Pfalzgräfin in Trier« verkündigte. Dieser Anblick brachte das Gefühl in ihm hervor, wie wenn man beim Aufräumen in irgend einem alten Kasten irgend ein altes Spielzeug aus der Kinderzeit findet und dadurch an unzählige Begebenheiten erinnert wird, die, längst vergessen und begraben, mit wehmütigem Lächeln wieder aufstehen, uns geisterhaft zu begrüßen. Bei näherer Betrachtung sah er, daß die Vorstellung der Genoveva gestern stattgefunden. Auch war es ein Puppentheater. An der nächsten Straßenecke fand er den heutigen Zettel. Dieser verkündigte das Schauspiel: »Der verlorene Sohn.« Obschon er sich von einem Puppenspiele nicht viel versprach, beschloß er dennoch, den verlorenen Sohn zu hören. Waltete doch ein Geschick über ihm, worin auch so etwas vom verlorenen Sohne sich entdecken ließ, wenngleich sehr verschieden von dem biblischen Vagabunden. »Bei meiner Heimkehr«, sprach er betrübt, »würde niemand ein fettes Kalb schlachten; niemand in Liebenau, sogar Tieletunke nicht.« * Je geringer die Ansprüche gewesen, die Anton in das Marionettentheater des Herrn Dreher mitgebracht, desto größer war sein Erstaunen, dieselben in jeder Art übertroffen zu sehen; nicht zu reden von dem überraschenden Mechanismus der meisterlich gefühlten Figuren, von der zierlichen Ausstattung der kleinen Bühne, wirkte hauptsächlich die Dichtung selbst so gewaltig auf unseren Freund, daß sein poetisches Gemüt völlig davon bezaubert wurde. In reizend naiver Einfalt hat das alte Volksschauspiel jenen ewigen Stoff aufgefaßt und behandelt. Was ein Dichter von modernem Zuschnitt wie allegorische Andeutung genommen haben würde, das tritt hier mit kindlicher Treuherzigkeit als wirklich und wahr vor die Sinne. Wenn der verlorene Sohn infolge seiner wilden Ausschweifungen so tief gesunken ist, daß er als Schweinehirt in wüster Gegend Mangel leiden muß, da verwandelt sich das Brot, womit er seinen Hunger stillen möchte, unter den zitternden Händen in harten Stein; da grinsen ihm statt jener Äpfel, die er vom Baume zu pflücken trachtet, kleine Totenköpfe entgegen; da rinnt aus dem Felsenquell, der ihn laben soll, sobald er sich dürstend naht, flüssiges Feuer hervor; alles dies, weil der Fluch gekränkter Eltern ihm folgt. Und wie er nun matt und kraftlos zur Erde taumelt, um in einen Schlaf, der Ohnmacht scheint, zu verfallen, da naht ihm ein Ungetüm, das aus dem Boden steigt, hält ihm die Reihe seiner Vergehungen vor und raunt ihm krächzend ins Ohr: »Ich bin die Verzweiflung!« Dann windet sich der Elende, erwacht aus Traumes Qualen, fleht den Himmel reuig um Gnade an, – und alsobald schwindet die schwarze Verzweiflung, die Erde schlingt sie ein, und von Rosengewölk getragen schwebt ein freundlicher Engel herab, der lispelt liebevoll: »Ich bin die Hoffnung!« Und kaum hat der verlorene Sohn diese tröstende Stimme vernommen, fühlt er Kraft, sich zu erheben, den Heimweg anzutreten und zu den Füßen der Eltern Vergebung zu suchen. Wie in allen Puppenspielen ist der ernsthaft gemeinten Hauptfigur auch in diesem Stücke Kasperle als Begleiter beigegeben; der Chorus der Romantik, der mit derben, treffenden ironischen Witzworten gleichsam die Moral der Fabel expliziert. Er ist der treue Diener; macht alle dummen Streiche des Herrn mit, obgleich er ihn und sich verspottend warnt; besucht mit ihm willige Dirnen; bleibt nicht zurück, wo der Spieltisch lockt; läßt sich beim Schenken den Becher füllen und klagt nur, daß es ein schlechtes Haus sei, weil man ihnen »besoffenen Wein« gereicht; hält sich aber, Dank sei es seiner humoristischen und dabei kerngesunden Hanswurstnatur, stets über Wasser und bewahrt auch im größten Unglück, wie er's mit dem scharf getadelten, dennoch geliebten Gebieter teilt, heitere Laune genug, aus allem Jammer das Lustige herauszufinden. Ja, Kasperle ist es zuletzt, der den heimkehrenden, in Lumpen gehüllten Bettler bei den Eltern anmeldet, diese schonend vorbereitet und ihnen sogar den tiefsten Grad vergangenen Elends schalkhaft beschreibt, indem er ihnen vertraut, ihr Herr Sohn sei auf der Insel Sumpfus König einer wilden Völkerschaft gewesen, die in niederen Hütten gewohnt habe und höchstwahrscheinlich aus Frankreich stamme, weil sämtliche Untertanen, wenn das Horn des Herrschers zur Weide rief, stets mit oui ! oui ! geantwortet. War nun im Wiedergeben der tragischen Personen manches mangelhaft, weil es bei nur zwei hinter den Gardinen redenden Darstellern an Stimmenwechsel fehlte, so wurde doch der Kasperle mit einer Vollkommenheit gesprochen, und der unsichtbare Sprecher wußte zugleich der sichtbaren, beweglichen, possierlichen Puppe so entsprechende Leitung dabei angedeihen zu lassen, daß Anton einen glücklichen Abend zubrachte. Er vergaß Hedwig und seine fromme Sehnsucht nach ihr. Er versenkte sich mit Seele und Leib in die Aktion der Puppen; er glaubte an sie. Ja, selbst das falsche Pathos, das Herr Dreher seinem zärtlichen Vater, seinem ruchlosen Sohne angedeihen ließ, mußte der begeisterte Bewunderer dieser ihm neuen Kunstgattung preisen; er fand dies notwendig für ein Marionettenspiel. Dagegen durchrieselte ahnungsvoller Schauer sein Herz, wenn die Weiberstimme eintrat. Die Klage der Mutter um den verlorenen Sohn erschütterte ihn, wie nichts ihn erschüttert, seitdem er Ludwig Devrients Schewa vernommen; er zürnte mit seinen Nachbarn, die dumm lachten, wo ihm Tränen ins Auge traten. Bei den Worten: »Ich bin die Hoffnung!« überkam ihn eine Rührung, die er kaum bemeistern konnte, und die seine nächste Umgebung bei einem Marionettenspiel komisch fanden, die aber auf ihn selbst so nachdauernd wirkte, daß er sich nicht von E. trennen mochte, ohne wenigstens noch einer Vorstellung im Puppentheater beigewohnt zu haben. »Ich bin ein wunderlicher Mensch«, gestand er sich ehrlich ein; »Spontinis große Oper mit aller Macht und Pracht hat mich kalt gelassen, wiewohl ich auch ein Stückchen Musikus bin; – und diese Belustigung, Dienstmägden und kleinen Kindern zunächst gewidmet, regt mich auf, wie wenn es eine Tragödie wäre. Einen guten Teil zu solcher Exaltation trägt freilich auch die weibliche Stimme bei, die da mit hineinredet; sie klingt, als ob sie einer alternden Frau angehöre, und doch ist mir noch keines schönen Mädchens oder Weibes Stimme so innig zu Herzen gedrungen – Hedwigs immer ausgenommen, wie sich von selbst versteht. Ich muß diese Stimme wieder hören und muß die Frau kennen lernen, die mit wenig schlichten Tönen so viel Wirkung auf mich hervorbringt. Wahrscheinlich wird es Madame Dreher sein.« Zu rechter Zeit besann er sich, daß Puppenspieler doch unbezweifelt zu den Vagabunden gehören, und daß es ihm frei stehe, sein Recht als solcher benützend, das Handwerk zu begrüßen. Herrn Dreher fand er nicht zu Hause; der Mann, dessen Dialekt schon den Altbayern verriet, – besonders wenn er seinen Kasperle sprach – zeigte sich auch insoweit der Heimat getreu, daß er fleißig »zu Biere« ging, obgleich er keinen Krug leerte, ohne jammervoll sehnsüchtige Klagelieder zu stöhnen; denn das »bayrische Bier« war damals noch nicht ins Ausland gedrungen; der »Fortschritt« war noch nicht so weit gediehen. Er klagte also, er sehnte sich, – aber er trank ... und blieb nicht beim Biere stehen. Madame Dreher saß am Nähtisch, ein Purpurgewand mit goldenen Borten zu schmücken für ihren zwei Schuh langen Kriegsobersten, den weltberühmten Herrn Holofernes; es sollte die »Belagerung von Bethulia« aufgeführt werden. Wie Anton eintrat, sprang sie auf, als ob sie gewaltig vor ihm erschrocken sei; ihre bleichen Wangen wurden noch bleicher; ihre dunklen großen Augen erglühten in unheimlichem Feuer; sie betrachtete den Eintretenden mit peinlich scharfen Blicken, als wollte sie, nachdem sie nun erst überzeugt, daß er es wirklich sei, sich auch versichern, ob er nicht augenblicklich wieder verschwinden werde. Teils diese krankhafte Aufmerksamkeit auf jede seiner Bewegungen, teils eine unbestimmte Erinnerung, der kranken, elend aussehenden Frau schon einmal irgendwo begegnet zu sein, ohne doch im entferntesten zu ahnen, wie, wo und wann, dies machte Anton so verlegen, daß er dringend nach Herrn Dreher fragte, als wenn er diesem die wichtigsten Mitteilungen zu bringen hätte. »Mein Mann kommt erst eine Stunde vor Beginn der Vorstellung heim; wenn Sie sich so lange gedulden können ...« Und bei diesen Worten zitterte die Frau vor Erwartung, was er darauf erwidern werde. »Sie scheinen sich sehr übel zu befinden«, sprach er; »vielleicht ist es Ihnen angenehmer, wenn ich mich jetzt entferne, um später nachzufragen. Ich habe durchaus kein Geschäft mit Ihrem Manne. Mich führt nichts hierher, als die Freude, die ich gestern beim Anhören des verlorenen Sohnes empfunden, und der Trieb, diese Freude dem Schöpfer derselben mitzuteilen.« »Vielleicht würde mein Mann nicht verstehen, was Sie damit sagen wollen. Ja, er würde vielleicht argwöhnen, es verberge sich Spott hinter Ihrer Teilnahme. Für den Mechanismus seiner kleinen Figuren gelobt zu werden, ist er gewöhnt. Die Stücke, die wir aufführen, hält er selbst für albernes Zeug und würde sich, fürchte ich, wundern, wenn man käme, ihm das Gegenteil zu sagen.« »Nicht möglich! Wie ist er dann imstande, so vortrefflich zu reden und namentlich dem Kasperle einen solchen Grad von Vollkommenheit einzuhauchen?« »Mit dem Kasperle ist es ein anderes; der geht ihm von Herzen; das ist der eigentliche Ausdruck seiner eigentümlichen, Vaterländischen Derbheit und Schelmerei. Wie Sie ihn den Kasperle sprechen hörten, höre ich ihn selbst stündlich mit mir sprechen. Dagegen sind ihm die ernsten Personen unserer Schaustücke zur Last; was er mit Helden, Königen, Vätern und Liebhabern eigentlich anfangen soll, weiß er niemals. Früher hat er einen Gefährten gehabt, einen verunglückten Schauspieler, der diese Partien übernommen und durchgeführt. Dieser Mann jedoch ist ihm entlaufen, hat ihn böswillig verlassen und seine erste Frau bei Nacht und Nebel mit sich genommen. An die Stelle der letzteren bin ich getreten; – der Platz des tragischen Schauspielers ist noch nicht ausgefüllt. Ich wünschte sehr, daß sich jemand dafür fände; wir wollten ihn gut bezahlen. Mein armer Mann muß sich sehr anstrengen; die Führung und Lenkung der Puppen ist keine Kleinigkeit; sie nimmt alle Körperkräfte in Anspruch, und daneben so viel zu reden, greift furchtbar an. Für einen Mann von beinahe siebzig Jahren ist das zu viel. Ich bin so leidend und schleiche so matt und hinfällig einher, daß ich wenig tun kann, um seine Mühen zu erleichtern. Gerade heute bin ich besorgt, wie es gehen wird; ich befand mich schon den Tag über schlechter, als bisher, und dann ist noch – – noch ein unerwartetes Ereignis dazu gekommen, das mich sehr ergriffen hat. Nun soll ich, weil in dem heutigen Stücke verschiedene Figuren zugleich erscheinen, meinem Manne die Leitung der Judith abnehmen, was ich gar nicht verstehe, und was er leicht ohne Beihilfe abmachen könnte, wenn nicht seine Aufmerksamkeit zugleich auf die vielen Nebenpersonen, die er sprechen lassen muß, in Anspruch genommen wäre.« Anton, der sich anfänglich vor den großen, starren, auf ihn gerichteten Augen ein wenig entsetzt, wurde nach und nach durch die heisere, umschleierte, vielleicht eben deshalb so tief in sein Herz dringende Stimme der kranken Frau für sie gewonnen. Jene Wehmut, die ihn gestern abend berührt, da sie im Namen der figurierenden Puppen geredet, stellte sich jetzt wieder bei ihm ein, wo sie in ihrem eigenen Namen zu ihm sprach. Er bot sich freundlich dar zu der gewünschten Aushilfe und erklärte sich bereit, einige Rollen zu übernehmen, möchten es nun belagerte Israeliten, möchten es Kriegshelden sein aus der Truppe des Holofernes, so man seinem geringen Darstellungstalente anvertrauen wolle. Die Frau lächelte ihn durch Tränen an. »Deuten Sie auf einen Scherz, den Sie sich heute mit sich – und mit uns machen wollen, oder verbirgt sich hinter Ihrem Anerbieten eine Absicht für die Zukunft? Sie müssen diese letztere Frage nicht übel nehmen; weiß ich doch sogar nicht, wen ich die Ehre habe, bei mir zu sehen, und inwiefern Ihre Verhältnisse diese meine unbescheidene Auslegung Ihres vielleicht unüberlegten Anerbietens gestatten. Wäre es möglich, daß Sie –« Hier stockte ihre Stimme, von Tränen bedrängt. Zugleich strahlte ihr abgemagertes, in Gram und Leid verfallenes Gesicht in freudiger Verklärung, so daß Anton aufs neue in Schrecken geriet und, die voreilige Äußerung fast bereuend, schon wieder an schnellen Rückzug dachte. Da trat im rechten Augenblick Herr Dreher ein. Gegenseitig fanden Erörterungen statt; das Gespräch wurde fortgesetzt, nur auf andere Weise, indem es aus dem Gebiete des Überschwenglichen auf irdischen Grund und Boden gelangte. Anton machte kein Geheimnis daraus, daß er ohne Ziel und Zweck sei; daß er die Tanzmeisterei, die ihn anwidere, aufgegeben habe, nachdem die einzige Veranlassung, die er dafür gehabt, nicht mehr vorhanden. Er gestand ehrlich, daß er bei seinem Besuche noch nicht an die Möglichkeit gedacht, hier als dritter Mann eintreten zu können, daß aber jetzt, wo er einen Blick hinter den Vorhang getan, alte, verklungene Träume von poetischer Theaterlust in ihm erwachten; daß er es um so leichter fände, sie – wenn auch nur versuchsweise – zu erfüllen, weil er als Puppenspieler nicht mit seiner eigenen Person bezahlen, weil er nicht befürchten dürfe, sich ungeschickt oder unbegabt, wie einen schlechten Darsteller, preiszugeben. »Lassen Sie mich«, rief er aus, »gleich heute mein Probestück ablegen; vertrauen Sie mir einige Röllchen an. Wo ist das Buch, aus welchem Sie spielen? Ich will's eiligst überlesen, und dann mögen Sie entscheiden, ob Sie mich brauchen können.« »Ein Buch?« antwortete Herr Dreher; »ein Buch, mein Lieber, gibt es nicht; weder die Belagerung von Bethulia, noch irgend ein anderes Stück ist aufgeschrieben. Wir Puppenspieler sind eine alte Zunft, ein Überbleibsel aus ›die finstere Zeiten‹! Bei uns erbt sich's von Vater auf Sohn, einer lernt vom anderen auswendig, und hernach trägt man die ganze Geschichte im Kopf mit sich herum. Jeder von uns hat müssen einen Schwur ablegen, daß er niemals eine Zeile niederschreiben will, damit's nicht in unrechte Hände kommt, die uns das Brot wegnehmen. Jetzund leben unserer vielleicht noch vier, oder drei, von der Nürnberger Schule. Wenn wir ausgestorben sind, sterben unsere Komödien mit uns aus. Denn das Gelübde müssen wir halten. Bei mir findet sich nach meinem Tode auch nicht eine Silbe vor, nicht gedruckt, nicht geschrieben. In Berlin freilich haben sie einen Kollegen von mir garstig betrogen. Da sind die Gelehrten hinterdrein gewesen und haben sich den Doktor Faust so oft vorspielen lassen, daß sie endlich das ganze Stück mit Bleifedern während der Aufführung auf Papier gebracht, und einer – Horn, glaube ich, war sein Name – hat's gar drucken lassen. Das nenne ich gestohlen. Übrigens hat auch ein gewisser Goethe einen Faust gemacht, aber das ist gar dummes Zeug; reim' dich oder ich fress' dich; lauter unverständlicher Bombast; und nicht einmal der Kasperle kommt in selbigem Goethe vor. Der ist aber da am allernötigsten; denn wenn ich keinen Kasperle nicht habe, wer soll mir dann die Teufel necken, ihnen Sessel und Tisch ins Gesicht schleudern, sie auf die Schwänze treten, wenn er's nicht tut? Das sind meine allerschönsten Szenen. Aber was ich sagen wollte wegen Ihnen, Herr Hahn, sehen Sie, das müssen wir uns reiflich überlegen. Hinter meine Gardinen, in mein kleines Laboratorium, darf kein Fremder einen Blick tun, das ist wider unsere Zunftgesetze. Wollen Sie einen Eid ablegen, sich in alle Regeln zu fügen, – na, wir werden sehen. Einen Sohn habe ich nicht ... wie gesagt, wir werden sehen. Morgen reden wir mehr davon; heute schauen Sie wieder zu ... und du, Nettel, mach' dich zurecht und gehe an die Kasse, es ist Zeit, daß wir uns richten!« Die »Belagerung von Bethulia« machte bei weitem keinen so großen Eindruck auf Anton, als der verlorene Sohn gestern getan, denn das elegisch-sentimentale Element fehlte gänzlich. Das Ding schien ironisch gemeint von Anfang bis zu Ende. Doch floß es von prächtigen Späßen über, und wenn Kasperle das Nachtlager des »Herrn Ochsofernes«, nachdem Judith diesem das Haupt abgesäbelt, vom Blute triefend erblickt und die Ansicht hegt: »der Alte habe zu viel rote Wein g'soff'n!« so mußte Anton, er mochte wollen oder nicht, in das jauchzende Gelächter der Vergnüglinge vom dritten Platze einstimmen. Judith bewegte durch ihre Töne wohl auch wieder sein Herz, doch wollte, seitdem er die vom Tode schon gezeichnete Trauergestalt der Sprecherin gesehen, deren heroischer Kraftaufwand ihm weniger zusagen. Mit einem Wort: er drang heute tiefer in die Mängel des Ganzen ein, vielleicht auch, weil man ihn aufmerksam auf dieselben gemacht, und dachte sich, während er sah, hörte, beobachtete, mehrmals an den Platz hinter den Dekorationen, fest überzeugt, es werde ihm gelingen, viele dieser Mängel zu beseitigen, wenn er mitwirken dürfe. Aus dieser Zuversicht entwickelte sich allmählich der Wunsch, in Drehers Zunft aufgenommen zu werden. Mit diesem Wunsche ging er schlafen, wie mit einem Spielwerk, das dem Kinde mit ins Bett gegeben wird, und über Nacht war dem großen Kinde der Wunsch an und in das Herz gewachsen. Als Anton erwachte, mußte er sich verwundern über seinen inneren Zustand; er vermochte nicht, sich Rechenschaft darüber zu geben; aber ebensowenig vermochte er ihn zu ändern. Ihn zog das Puppenspiel mit seinen poetisch rätselhaften wie kindlich albernen Mysterien mächtig an; ihm war zu Sinne, als winke ihm, dem Heimatlosen, im Halbdunkel jener buntbemalten Leinwandstreifen eine Heimat; als wären die kleinen, an Drähten schwebenden Zerrgebilde lebendige Geschöpfe, die ihm entgegenliefen: »Komm', Bruder, spiele mit uns, wir sind deine Geschwister; leihe uns Wort und Hand, wir führen dich zur Mutter nach Hause!« Unerforschlicher Zauber der Phantasie, wenn kaum verstandene, dunkle Ahnungen aus dem Herzen aufsteigen, den zweifelnden Verstand irremachen, daß er sich endlich gefangen gibt und glauben lernt an – er weiß selbst nicht, was! So glaubte Anton, es würde eine angestrengte Beschäftigung als Puppenspieler die Leere ausfüllen können, die ihn quälte. In seiner Vorliebe für diese seine Idee überschätzte er auch den literarischen und ästhetischen Wert jener alten Dichtungen, die ihm wie Gesänge des Homer dünkten, weil sie nur durch lebendige Tradition von Mund zu Munde forterbten. In dem fleißigen Erlernen dieser Dramen, in der Förderung mechanischer Geschicklichkeit, die er zu seines neuen Meisters Unterstützung erwerben wollte, in dem Umgange mit der kranken, ihm so rührend zu Gemüt redenden Frau, die auch für ihn ungewöhnliche Teilnahme an den Tag legte; endlich aber in trotziger Verbissenheit gegen Weltlauf und Erdengeschick, zurückgezogen hinter den Tummelplatz der Puppen, geschützt und verdeckt gegen den Anblick Neugieriger, spottend, scheltend, den Menschen derbe Wahrheiten zu sagen in anderer Namen – in all diesen Aussichten und Erwartungen erblickte der Wanderer sein Heil, träumte sich so tief in das bevorstehende Glück, daß er fest entschlossen war, Drehers Gegeneinwendungen zu besiegen, möchten sie noch so gründlich sein. Er fand eine treue, wirksame Bundesgenossen an der Frau. Für sie schien Antons Eintritt in das Geschäft, mithin auch in die Zunft, ein unerläßliches Bedürfnis, wenn sie weiter leben, wenn man von ihr verlangen wolle, daß sie fernerhin dafür arbeiten solle. Sie erklärte geradezu, daß sie von der unbedingten Aufnahme des jungen Mannes, von seinem Zusammenleben und Sein mit ihnen ihre eigene weitere Teilnahme abhängig mache, wobei denn, obgleich nur andeutungsweise, zur Sprache gelangte, daß Frau Dreher keineswegs die Gattin des Herrn Dreher sei. Letzterer wußte zu wohl, was er und seine Puppen an der armen, sanften Dulderin besaßen. Sie bekleidete seine Könige und Bettler mit Geschmack und Fleiß; sie hielt die Lampen in Ordnung; sie sorgte fürs Hauswesen und sie sprach sämtliche Frauen- und Mädchenrollen mit jenem rührenden, zitternden, verschleierten Tone, der jedes Hörers Herz bewegte. Ihr, die keine Freude mehr hatte noch suchte, die keine Forderung machte, Herrn Dreher sonst in allem gewähren ließ, – ihr konnte die einzige, erste an ihn gerichtete Bitte nicht verweigert werden. Anton wurde, nachdem er den üblichen Eid abgelegt und unverbrüchliches Schweigen beschworen, in die altlöbliche Zunft deutscher Puppenspieler als Lehrjunge aufgenommen. Sieben Wochen darauf vollendete er, indem er seinen fünfundzwanzigsten Geburtstag beging, sein vierundzwanzigstes Lebensjahr. Ein volljähriger Lehrling! An diesem Tage , als am heiligen Abende, spielte das Puppentheater nicht. Herr Dreher hatte sich nicht abhalten lassen, auch das Christfest im Bierhause zu feiern. Anton saß bei »der kranken Frau« – (nicht anders redet er von ihr in seinen Tagebüchern) – und sie ging mit ihm einige Rollen aus dem Gedächtnis durch, die er in dem Schauspiel »Don Juan, der steinerne Gast« übernehmen sollte, das auf den ersten Feiertag angesetzt war. Das Gedächtnis des Lernenden gab jenem der Lehrenden wenig nach. Sie hatte in der kurzen Frist von etwa zehn Monaten, die sie mit Dreher verlebte, sein ganzes Repertoire vollständig erlernt. Anton behielt jede Tirade, wenn er sie zweimal aus ihrem Munde vernommen, wörtlich in der Erinnerung, so daß ihm keine Silbe fehlte. Die Vorbereitungen für Don Juan bedurften also wenig Zeit. Dann bei Einbruch der Dunkelstunde begannen die vertraulichen Mitteilungen, die Antons Vergangenheit betrafen, zu welchen die kranke Frau seit seinem Eintritt ins Puppenspiel den jungen Mann auf unwiderstehliche Weise veranlaßt hatte. Sie wurde nicht müde, ihn um die kleinsten, scheinbar nichtigsten Ereignisse seines Lebens zu befragen, ihn auszuforschen bis auf den Grund seiner Seele. Und sie tat dies mit so teilnehmender Lebhaftigkeit, mit so bescheidener Freundschaft, mit so liebevoller Würde, daß jede Falte in unseres Freundes Herzen sich vor dieser innigen Milde öffnete, daß er die geheimsten Regungen und Gedanken offenbarte. Wenn auf seine Mutter die Rede kam, – und nur dann – machte der Zuhörerin Benehmen einen unangenehmen Eindruck auf den Erzähler. Denn während die kranke Frau Mitleid, Nachsicht, billige Verzeihung und christliche Teilnahme allen Persönlichkeiten angedeihen ließ, die Antons Lebensweg durchkreuzt hatten, gegen seine arme Mutter kannte sie kein Erbarmen; für ihr unmütterliches Betragen kannte sie weder Schonung noch Rechtfertigung. Sie sagte das Härteste von ihr, mit desto schärferer Zunge, je lebhafter Anton die Verteidigung der Verstorbenen übernahm, so daß es ihm bisweilen vorkam, als vermehre sie die Anklagen nur, um den Verteidiger immer wärmer zu machen. Wenn er aber dann sich selbst tadelte und die Anklagen gegen sich richtete, daß er denn doch nicht energisch genug verfahren sei, um den Aufenthalt der Carina zu erkunden und jene Spuren zu verfolgen, auf denen er etwas Näheres von seiner Mutter und ihrem Ende vielleicht erfahren haben würde; – dann bedeutete man ihn allen Ernstes, dieser Vorwürfe und Selbstquälereien sich zu entschlagen, da es keinem Zweifel unterliege, daß die übel zusammengeworfene Sängergesellschaft, mit der die Carina ihr letztes Heil versuchte, gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland aufgelöst und versprengt worden, die Carina jedoch elend zugrunde gegangen sei. Dies, versicherte die kranke Frau, wisse sie mit unumstößlicher Gewißheit durch glaubwürdige Zeugen; er möge ihrem an heiliger Eidesstatt gegebenen Worte vertrauen, jede Bemühung, die Gesuchte, anderswo aufzufinden, müsse fruchtlos bleiben. An dem Abende, den wir zunächst schildern, war Anton, von seiner Zuhörerin geleitet, wieder in die ersten Tage seines Lebens, bis zu seiner Geburt zurückgegangen. Was er aus den Mitteilungen der Mutter Goksch erfahren, das erzählte er nun, ohne daran zu denken, daß heute wiederum heiliger Abend sei. Die Dunkelstunde trat ein. Die Fenster in der schmalen Gasse glänzten im Widerschein unzähliger Lichter auf grünen Bäumen und Pyramiden. Anton kam in seiner Erzählung auf die Stelle, wo die gute Frau Hahn den Angstschrei ihrer Tochter hatte herabdröhnen hören, wo sie den ehrlichen Kantor bei seinem Weihnachtsaufbau im unteren Zimmer allein gelassen, wo sie sich in Todesangst zu ihrer Tochter hinaufbegeben, – und wo sie ihn gefunden, den kleinen, kleinen Anton: das Kind der Liebe, des Grames, der Verzweiflung! »Heute vor vierundzwanzig Jahren!« sagte die kranke Frau. Ein eisiger Frost ging bei diesen Worten durch Antons Glieder. »Es ist kalt im Zimmer, soll ich Holz nachlegen?« fragte er. »Nein, Anton«, erwiderte sie. »Ich friere, weil mein Leben langsam erlischt, der warme Ofen kann mir nicht helfen. Lassen Sie mich frieren und sterben. Aber gehen Sie, suchen Sie Ihr Kämmerlein. Ich habe Ihnen Abendbrot und Wein hinübergestellt und eine kleine Gabe von uns zum Christfest. Sie haben mir den ganzen Tag geschenkt; verderben Sie sich nicht auch den heutigen Abend mit mir. Schreiben Sie drüben, lesen Sie: unterhalten Sie sich, wie es Ihrem Geiste angemessen ist, den ich würdige und erkenne, – wenngleich meine Bitten teil daran gehabt, Sie in diese geringe Umgebung zu verlocken. Glauben Sie mir's, lieber Anton, ich hätte das nicht getan, wenn ich nicht wüßte, daß es nicht lange dauern würde. Mein Tod ist nahe, der alte Dreher kann ohne mich nicht mehr weiter. Es geht zu Ende mit diesem Leben – und mit diesem Puppenspiel, die sich beide sehr ähneln. Daß ich Sie an mich zu fesseln suchte, geschah nicht allein aus Eigennutz, der von Ihrem Umgange Trost, letzte Lebensfreude hoffte und empfing. Es geschah nicht allein für mich – es geschah auch für Sie, für Ihre Zukunft, für Ihr Glück, für Ihrer Seele Frieden! Das klingt Ihnen jetzt noch wie Faseleien einer Fieberkranken? – mag sein! Wenn mein Auge geschlossen, wenn dieser Mund stumm ist, wird Ihnen deutlich werden, was heute Wahnsinn scheint. O, mein guter Anton, Sie schreiben nicht allein Memoiren; die kranke Frau schreibt auch welche, ja, lachen Sie nur. Diese Kritzelei wird Ihr Erbteil von mir sein. Und Sie werden, wenn Sie darin blättern, mehr wie einmal ausrufen: Nun ist mir's doch lieb, daß ich der Ärmsten den Abend ihres düsteren Lebens freundlich erleuchtet habe. – Gute Nacht, lieber Anton.« Vierundsechzigstes Kapitel Der Aufenthalt in E. ging mit den Weihnachtsfeiertagen zu Ende. Anton verließ sehr gleichgültig eine Stadt, in der Hedwig längst nicht mehr weilte. Sie schlugen ihr Theater jetzt abwechselnd in verschiedenen kleineren Orten auf. Der alte Herr nahm zusehends ab; es war, als ob mit dem täglichen Erlöschen von seiner Frau Lebenskräften auch die seinigen dahinschwänden. Er ließ Anton stündlich mehr gewähren; bald lenkte dieser die Fäden des ganzen Puppenspieles, sprach die meisten ernsthaften Rollen, – nur seinen Kasperle ließ sich der graue Meister nicht nehmen, und diesen hätte auch Anton ihm streitig zu machen nimmer gewagt. Aber wie nutzbar der neue Zunftgenosse sich zeigte, wie umfassend seine Kenntnis des mechanischen und geistigen Apparates in wenig Monden geworden, dennoch gab es zwischen ihm und dem Lehrherrn häufig Streitigkeiten, sobald der Lehrling den Meister meistern, Änderungen machen oder Neuerungen einschwärzen wollte. Ihm war unter anderen auch die Besorgung der Anschlagezettel anvertraut, die er natürlich auf Grund der alten, schon vorhandenen drucken ließ. Auf einem derselben befand sich im Personenverzeichnis ein Priester aufgeführt mit der Bezeichnung: »Mufti, Oberbramine in Rom!« Diese Zusammenstellung dreier höchst getrennter Kirchen in eine schien dem Schüler des wohlwürdigen Pastors von Liebenau denn doch gar zu kühn. Als er sich Einwendungen dagegen erlaubte, wurde Herr Dreher sehr ungehalten: »So hat es bei meinem Vater geheißen«, rief er zornig aus, »und ich bin nicht siebzig alt geworden, um mich von meinem Lehrbuben korrigieren zu lassen!« Dergleichen Zwistigkeiten, die stets durch weibliche Vermittlung ausgeglichen wurden, abgerechnet, ging alles friedlich und still seinen Weg fort. Die kranke Frau, wie sie von Tag zu Tag an Körperkraft und Gesundheit verlor, gewann ebenso von Tag zu Tag in Antons Meinung und Anhänglichkeit. Je genauer und vertrauter sein Verkehr mit ihr wurde, desto aufrichtiger lernte er ihr Gemüt, ihren Verstand, ihr Wissen verehren. Lieb freilich wäre es ihm gewesen, hätte sie sich offenherziger gegen ihn erweisen, hätte sie ihm, der ja doch sein ganzes Leben ehrlich und rücksichtslos vor ihr entfaltete, auch bisweilen einen Blick in ihre Vergangenheit gönnen wollen; eine Vergangenheit, die gewiß höchst interessant und von bedeutenden Erlebnissen, Erfahrungen, Schicksalen voll war. Doch darin blieb sie unerbittlich; sie wich jeder Mitteilung darüber aus und verwies den Fragenden stets auf ihren baldigen Tod. »Dann«, pflegte sie zu sagen, »wenn ich auf der Bahre liege, wird mein Leben klar vor Antons Blicken liegen; eher nicht, lieber, junger Freund! Sie sollen mir gut sein und bleiben, solange ich noch atme. Wer weiß, ob dies der Fall wäre, wenn Sie mein Dasein genau durchschauten! Gönnen Sie der Kranken den Schleier, der ihre traurigen Geheimnisse birgt. Bin ich erlöst von der Last meines gebrechlichen Leibes, bin ich tot, so werden Sie, das weiß ich, das hoffe ich, mir und meinem Andenken eine Träne des Mitgefühls widmen, und diese Träne wird jene schwarzen Flecken verlöschen, die meine Schriftzüge enthüllen sollen. Bis dahin halten Sie mich für eine Bedauernswürdige, die viel gefehlt hat, die schwer büßen mußte, die Ihnen aber treu, mütterlich zugetan bleibt bis zum Grabe und übers Grab!« Darauf ließ sich nichts mehr sagen; sowohl Bitten als Forderungen mußten da verstummen. Anton begnügte sich, seiner lebenssatten Freundin die Versicherung zu wiederholen, daß er um jenen von ihr gestellten Preis niemals etwas Näheres von ihrer Vergangenheit erfahren möge. »O dennoch, dennoch!« rief sie aus. »Sollten Sie Ihre Jugend in den Torheiten verderben, denen Sie jetzt obliegen? Das wäre ja fürchterlich für Sie und noch fürchterlicher für mich, die den größten Teil der Schuld trägt, daß Sie bei uns blieben. Nein, Anton, Ihnen winkt eine bessere Zukunft. Wie ich Sie kennen und erkennen gelernt, sind Sie der Mann, sich Bahn zu brechen, wohin ich Ihnen durch meine Handschrift den Weg zeigen darf. Es soll mein Testament sein!« »Mit Testamenten«, äußerte Anton sehr kleinlaut, »habe ich kein Glück, wie Sie wissen. Möchten Sie lange leben !« »Leben«, – flüsterte die kranke Frau. »Ja, leben! Wenn man lebte? Nennen Sie das Leben , was ich führe. Darauf blieb er die Antwort schuldig. Und er begab sich hinter die Bühne, sie setzte sich an den Kassentisch. * Das neue Jahr hatte übel begonnen für Drehers Kasse. Im Städtchen, wo sie nach E. zuerst ihr Glück versuchen wollten, war es gar nicht gegangen; im nächsten, wo sie jetzt weilten, ging es schwach; der Zuspruch blieb sehr gering. Eines Abends stand Anton, der hinter der Szene bereits alle Utensilien zurechtgelegt und also bis zum Beginn des Schauspiels noch eine müßige Viertelstunde hatte, am Eingange des Saales, die sparsam erscheinenden Ankömmlinge musternd. Ein Offizier, an einem Krückstock mühsam forthinkend, kam langsam die Treppe herauf; ihn führte sorgfältig ein junges Mädchen. Die Beleuchtung war so schwach, daß unter dem engen Winterhute die Züge der Dame nicht zu erkennen waren. Aber ihr Wuchs, ihre Gestalt, ihre Bewegung, – alles erinnerte Anton an Hedwig. Er sagte sich: »Sie ist es nicht! Sie kann es nicht sein; wie käme sie hierher? Wenn sie im Städtchen wohnte, würde ich es längst wissen; nein, sie ist es nicht!« Dennoch zitterte er, als sie, die ihm keinen Blick zuwandte, weil sie nur für den verstümmelten Vater Augen zu haben schien, mit diesem und diesen unterstützend an ihm vorbeiging. Madame Dreher rief von der Kasse zu ihm hinauf; er möge Sorge tragen, daß der Herr Hauptmann in der ersten Reihe gute Plätze finde. Dies geschah in französischer Sprache, die sie immer anwendeten, wenn sie vor Fremden etwas miteinander zu sprechen hatten. Anton erwiderte, es sei kein Platz mehr leer, doch wolle er eiligst Stühle herbeischaffen, und bat den Hauptmann, sich solange zu gedulden. Als er nun die Stühle brachte, und als der ehrwürdige Invalide sich niedergelassen und ihm freundlich gedankt hatte, knüpfte derselbe noch ein Gespräch mit ihm an, ihn fragend, wie er doch zu der vortrefflichen französischen Aussprache gekommen, und ob er vielleicht gar ein Franzose sei. »Das nicht«, sagte Anton, »aber ich bin viel mit Franzosen umgegangen, – habe auch einige Zeit in Paris verlebt«, setzte er seufzend hinzu. Da sprach der Offizier: »Sie könnten einem alten armen Haudegen große Freude machen, junger Mann, wenn Sie ihn morgen besuchen wollten. Ich habe eine Bitte an Sie zu richten.« Anton erklärte sich gern bereit, bat sich des Hauptmanns Adresse aus, – da ertönte Herrn Drehers Glocke hinter dem Vorhang als Anfangssignal fürs Orchester, und der Gehilfe fand eben nur noch Zeit, zu versprechen, daß er sich morgen gegen Mittag einfinden werde. Er mußte auf seinen Posten eilen, ohne entdeckt zu haben, welch niedliches Gesicht hinter dem häßlichen Winterhute verborgen sein möchte. Die Vorstellung dieses Abends wurde mehrmals unterbrochen und nur kümmerlich zu Ende gebracht, weil die kranke Frau förmlich zusammensank. Man kann denken, mit welchem Herzen sie und der alte Dreher die Scherze vorbrachten, die zu der aufzuführenden Posse gehörten. Auch Anton war vom herzlichsten Mitleid für seine leidende Freundin bewegt und rannte noch bei Nacht, einen Arzt herbeizuholen, der nach langem, vielfältigem Ausfragen und Pulsfühlen mit bedenklichem Kopfschütteln davonging, ohne sich bestimmt auszusprechen. So viel stand am nächsten Morgen fest auch ohne eines Arztes Ausspruch, daß die Kranke, die sich so lange Gewalt angetan und sich mühselig herumgeschleppt hatte, nun außerstande sei, ferner dergleichen zu versuchen; daß sie daniederliegen, und daß fürs erste jede Hoffnung aufgegeben werden müsse, die Puppendarstellung fortzusetzen. Anton ging, den für diesen Tag schon bestellten Zettel aus der Druckerei zurückzuholen. Dann rüstete er sich zu dem Besuche, den er gestern abend zugesagt. – Herr Dreher begab sich ins Bierhaus, um seinen Kummer zu ertränken. Die kranke Frau blieb allein mit der Magd. Der sogenannte Hauptmann, eigentlich ein Rittmeister, erwartete schon gestiefelt und gespornt Antons Ankunft und ging ihm so rüstig, als die zusammengeschossenen und gehauenen Gliedmaßen gestatten wollten, entgegen. Ohne lange Vorrede kam er auf den Zweck dieses Gespräches: »Sehen Sie, mein Lieber, ich bin als Rittmeister verabschiedet, stehe jedoch auf halbem Leutnantssold, denn weiter hat mich's der Feind nicht bringen lassen; und daß ich als solcher kein Vermögen zurückgelegt habe, werden Sie begreifen. Nun habe ich ein einziges Kind, eine Tochter, dieselbe, die mich gestern begleitete; die ist so arm wie ihr Vater, und wenn ich sterbe, ist sie noch ärmer. Da sind wir denn einig geworden, sie und ich, sie soll versuchen, eine vorteilhafte Stelle als Gouvernante in einem großen, guten Hause zu erhalten. Dafür hat sie sich ausgebildet. Bei ihrem Fleiße, ihrer Umsicht, ihren Anlagen wird ihr das leicht. Sie weiß auch Französisch, so gründlich, wie man's nur aus Büchern erlernen kann, und beim Schreiben wird sie gewiß keinen Fehler machen. Aber mit dem Sprechen, – da sitzt's! Hier, in dem verfluchten, kleinen Neste, wo ich der Ersparung wegen zu leben gezwungen bin, versteht kein Teufel etwas davon und der einzige Sprachlehrer, der hier herumläuft, hat eine Aussprache wie eine spanische Kuh. Ich selbst, obgleich ich lange genug in Frankreich umhergeworfen wurde, habe mehr mit dem Säbel geredet als mit der Zunge und gerade nur so viel gelernt, um zu hören, ob einer gut oder schlecht ausspricht. Die Aussprache aber ist für eine Gouvernante die Hauptsache. Mag es mit Rechtschreibung und Grammatik noch so schwach bestellt sein, wenn sie den »Pariser Akzent« hat, so steht sie gleich hoch in Ehren. Sie reden, das habe ich gestern vernommen, wie ich jemals an Ort und Stelle habe reden hören; das kann ich Ihnen versichern. Ich hätte Sie, als Sie Ihrer Madame an der Kasse zuriefen, Sie wollten Stühle für uns besorgen, gleich am liebsten hinter die Ohren geschlagen, so vortrefflich redeten Sie, und so fest war ich für den Augenblick in der Täuschung befangen, ich befände mich in Paris, und Sie wären einer von unseren Feinden. Nun, sehen Sie, geht mein Wunsch dahin, Sie möchten, so lange Sie sich in diesem Neste aufhalten, meiner Tochter täglich einige Parlierstunden erteilen, mit ihr schwatzen und sie schwatzen machen und ihr dabei sagen, wo sie fehlt. Fordern Sie dafür, was Sie wollen; ich werde es erschwingen; die Sache ist mir zu wichtig, und eine solche Gelegenheit findet sich nicht wieder.« »Herr Rittmeister«, sagte Anton, »meine Forderung kann gar nicht in Betracht kommen; ich bin reichlich bezahlt durch Ihr Vertrauen, und ich bin gern bereit, ihm zu entsprechen. Auf einen langen Aufenthalt in diesem kleinen Städtchen hatten mir freilich nicht gerechnet. Seit gestern abend jedoch scheint er sich unerwartet verlängern zu wollen. Die Frau meines Prinzipals ist gefährlich erkrankt, an Weiterreisen ist nicht zu denken. Wer weiß, wie weit sich das hinauszieht. Ich werde folglich hier ohne Beschäftigung sein und stehe immer zu Diensten.« »Es tut mir leid um Ihre Prinzipalin, doch da ich ihr nicht helfen kann, so ist mir's herzlich lieb, daß sie hier krank wurde statt in einem anderen Neste. Das ist ein wahres Glück für uns. Komm' heraus, Hedwig, du kannst deine Übungen sogleich beginnen.« Bei dem Namen Hedwig sprang Anton vom Stuhls auf. den der Rittmeister ihm dargeboten. Der Vater hätte in des jungen Mannes Gesicht lesen können und müssen, was in ihm vorging, wenn er nicht gerade, nach der Tür des Nebenzimmers gewendet, die Tochter wiederholt gerufen hätte. Hedwig war in der Küche beschäftigt, deshalb erschien sie nicht auf den ersten Ruf. Unterdessen fand Anton Zeit sich zu sammeln. Er beschloß, sein Verhalten von dem der jungen Dame abhängig zu machen und nur dann ihrer früheren Bekanntschaft zu denken, wenn sie es tue. Aber gleich bei ihrem Eintritt überzeugte er sich von zwei Umständen: erstens, daß sie dem Vater gegenüber die Tanzstunden in E. oder vielmehr den Gehilfen des seligen Mirabel ignorieren wolle; zweitens, daß sie ihn erwartet, ihn gestern schon erkannt, ihn wahrscheinlich schon seit seiner Ankunft bemerkt und vielleicht nur deshalb den Vater veranlaßt hatte, das Puppenspiel zu besuchen, worauf der gute Herr sonst wohl nicht geraten sein würde. Wäre sie nun dem neuen Sprachlehrer wie einem alten Bekannten entgegengetreten, hätte sie unbefangen ausgerufen: »Ei, Monsieur Antoine , finden wir uns hier wieder?« dann dürfte er des heimlich empfangenen Uhrbandes nur wie einer mädchenhaft kindischen Gabe gedacht und keine ferneren Folgen daran geknüpft haben. Weil sie ihn aber wie einen Fremden empfing, durfte Anton sich zugestehen, daß er ihrem Herzen kein Fremder geblieben sei. Sie berechtigte ihn, ein Geheimnis mit ihr vor ihrem Vater zu hegen; sie liebte ihn!   Welch ein reizendes Leben nun für unseren Helden begann, das wage ich nicht beschreiben zu wollen. Man müßte jung sein und all der süßen Torheiten noch fähig, die da getrieben wurden. Der Rittmeister, in seinem Lehnstuhl mehr liegend als sitzend, gab sich beim Beginn jeder Sprechstunde das Ansehen eines aufmerksamen Zuhörers, eines Kritikers nicht allein, auch eines Zensors, der prüfen wollte, was für Gegenstände die jungen Leute miteinander abhandelten. Diese, so lange er die Augen offen hielt, trugen bestens und schlau genug – (denn auch das reinste, sittsamste Mädchen wird in solchen Fällen listig und schlau!) – dafür Sorge, ihn vollkommen sicher zu machen. In solchem Gefühle der Sicherheit, kläglich gelangweilt von ihren faden Diskursen, schlief der tapfere Krieger regelmäßig ein, und wenn sie ihn schnarchen hörten, wenn seinem Halse die unharmonischen Töne entquollen, die ihr Flüstern überboten, – welche Melodie, welcher Nachtigallengesang wäre ihnen dann anmutiger erschienen? Dann tauschten sie Erinnerungen, Gedanken, Gefühle gegenseitig aus. Dann zog Anton zehnmal in einer Minute seine Uhr hervor, ohne sie anzublicken, nur um die schwarze Schnur an seine Lippen zu pressen. Dann erzählte Hedwig unzähligemal, und immer wieder aufs neue von ihm dazu aufgefordert, wie sie ihn gleich am ersten Tage seiner Ankunft durch ihre Gasse schreiten sah, wie sie nicht Ruhe gefunden, bis sie erfahren, wo und warum er hier weile. Ach, sie dachten nicht der Gegenwart, nicht des Betruges, den sie an einem angebeteten Vater übten; sie gedachten nicht der Zukunft, die ihnen, menschlichen Ansichten und Erwartungen gemäß, nur Gram verhieß; sie lebten beide nur in der Vergangenheit, in der unschuldigen Sehnsucht, die sie sich aus der Ferne bewahrt, die aber nichts an ihrer Unschuld eingebüßt, seitdem sie sich täglich gegenüber saßen. Wenn sodann der Vater aufwachte, zuerst mit fragenden, weit aufgerissenen Augen umherstarrte, als wollte er das Terrain rekognoszieren; wenn er dann fragte: »Habe ich geschlafen?« und die Tochter lächelnd erwiderte: »Ein wenig, lieber Vater!« wenn Anton sich ehrerbietig empfahl, dringend aufgefordert, sich morgen nachmittag wieder einzufinden! ... eine Aufforderung, die wahrlich unnütz war! ... wenn er nun hochbeglückt heimging und, einen Himmel im Herzen, vor das Lager der kranken Frau trat! ... Welch ein Gegensatz! Und dennoch weilte der in Liebe glühende Anton auch gern bei ihr, wo der Tod aus jedem Zuge des schon entstellten Angesichts redete. Dennoch hörte die Sterbende mit regem Anteil seine Geständnisse, begleitete jedes Wort, das ihr über Hedwig gesagt wurde, mit aufmerksamer Empfänglichkeit. Es war, wie wenn sie, scheidend von dieser Erde, einen Bund segnen wollte, den sie nicht mehr mit leiblichen Augen sehen, dessen sie sich vielleicht in einer anderen Welt geistig erfreuen durfte. Sie war es, die mit fieberheißen Lippen Anton Trost und Hoffnung zusprach, wenn er hoffnungslos andeutete, daß er kein beglückendes Ende für seine Liebe erwarten könne, weil er ein ausgestoßener, ein heimatloser Bastard, ein armer Vagabund sei. »Geduld, Geduld!« rief sie dann bisweilen, und Anton wußte nicht, ob dieser Zuruf ihm und seiner Liebe, ob er der armen Leidenden gelten solle, die ihn an sich selbst richtete. Er hielt treulich bei ihr aus, pflegte sie liebevoll und heiter, so daß sie oft mit ihren brennenden Händen die seinigen ergriff, dankbar zum Munde führte und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck zu ihm sagte: »Was du mir getan, hast du dir selbst getan! Diese Nächte, Anton, werden Sie, wenn ich tot bin, um alle Schätze der Welt nicht verkaufen wollen.« Er dachte bei sich: »sie phantasiert!« So geteilt zwischen Krankheit und frischer Jugend, zwischen Tod und Liebe, brachte Anton einige Monate zu. Der arme Dreher, ohne Einnahme von seinem Ersparten zehrend, den Verlust der Frau, die ihm für sein Geschäft, in welches sie sich so rasch eingerichtet, unentbehrlich war, voraussehend, selbst von Alter und Schwäche gebeugt, gab sich der unglücklichen Leidenschaft des Trunkes nun Zwiefach hin, um in schwerem Rausche sein Elend minder zu spüren; er lag von früh bis zur späten Nacht in den Schenkstuben. Für ihn zeigte die Kranke wenig Mitleid. »Laßt ihn«, sprach sie, wenn Anton seine Verirrungen bedauerte, »laßt ihn gewähren; auf diese Weise beschleunigt er seinen Tod, und daran tut er wohl: denn ohne mich kann er ja doch nichts mehr anfangen. Laßt ihn trinken und sterben!« Schon konnte man im Monat März Vorboten des Frühlings wahrnehmen; schon plauderten Hedwig und Anton von Schneeglöckchen, Veilchen und Aurikeln, da fingen die Narben des Rittmeisters auch zu mahnen an, daß der Winter sich zum Abzüge rüste. Das war, wie er versicherte, seit acht Jahren um diese Zeit immer geschehen, doch niemals noch so heftig als Heuer. Gichtische Anfälle gesellten sich den gewöhnlichen Leiden bei. Bald war er nicht mehr fähig, sein Schlafgemach zu verlassen, und die französischen Sprechübungen der jungen Leute gingen von nun an ohne Gegenwart eines Zeugen vor sich. Dieses Alleinsein hätte nichts Gefährliches gehabt, wären beide schon beim Anbeginn ihrer Zusammenkünfte sich selbst überlassen gewesen. In einem unbedingten Vertrauen, das der Vater ihm gegönnt, würde Anton die heilige Verpflichtung gefunden und anerkannt haben, niemals auch nur mit einer Silbe aus den Grenzen verehrender Resignation herauszugehen. Doch weil der Rittmeister sich als Wachtposten aufgestellt hatte, weil Anton sich beargwöhnt sah – was Wunder, daß er wie Hedwig den Schlaf des Wächters benützten und sich Dinge sagten, die beide vielleicht in deutscher Sprache zu sagen nicht Mut gehabt hätten, die aber jetzt, wo sie »als Übung im Reden« galten, immer Weiterführten und eine Vertraulichkeit erzeugten, vor der Anton selbst erschrak, da er zum erstenmal ganz allein mit Hedwig war. Und Hedwig ist auch nicht mehr das reine Kind, wie wir es im einunddreißigsten Kapitel angedeutet. Schon damals, wo sie einen so kühnen Schritt wagte, dem namenlosen Geiger ihres Tanzmeisters heimlich ein Geschenk von eigener Hände Arbeit zuzustecken, hatte sie mit diesem Schritte einen bedenklichen Übergang aus der Unschuld ätherischer Träume in die Gefahr der Wirklichkeit getan. Länger als ein halbes Jahr hatte sie Zeit gehabt, die freudlosen Tage, die ihr an der Seite eines vereinsamten, lebensmüden Vaters dahinschlichen, mit Antons Bilde auszufüllen. Nun war er selbst gekommen, und alles war gekommen, wie wir's gelesen haben; – dürfen wir uns wundern, wenn wir den vierundzwanzigjährigen Lehrer zu den Füßen seiner sechzehnjährigen Schülerin kniend finden, ihr gestehend, daß er durch sie erst wahre Liebe kennen lernte; daß er nur sie im Herzen trage, seitdem er sie gesehen, daß er ohne sie nicht weiterleben wolle; und wie denn alle jene stets wiederkehrenden Versicherungen lauten, die der Dumme dumm, der Kluge manchmal noch dümmer, der Liebenswürdige mit Anmut, der Plumpe tölpelhaft, der Gute ehrlich, der Hinterlistige schlau, jeder auf seine Weise vorbringt, ohne daß ein besonderer Unterschied bei einem oder dem anderen zu bemerken wäre. Der erste Kniefall wurde mit gebührendem Entsetzen ab- und zurückgewiesen. Eine stumme Gebärde deutete mit beredter Drohung nach des Vaters Krankenzimmer und legte dem Sprachlustigen Schweigen auf. Man trennte sich kalt, verstimmt. Der zweite Kniefall war von stummen Handküssen begleitet. Er brachte schon nicht mehr die abschreckende Wirkung von gestern hervor. Der dritte ging in eine Umarmung über, die ursprünglich bestimmt gewesen war, ein trotziges Losreißen, Aufspringen, Entfliehen zu werden, die aber den armen Kindern unter den Händen umschlug. Nun war es aus! Vorbei mit Antons Bescheidenheit, vorbei mit Hedwigs Zurückhaltung. Sie kam vom Schmerzenslager des Vaters, er vom Sterbebett der kranken Frau; beide gerührt, ergriffen, erregt durch den Anblick des bittersten Leidens, beide aus düsteren Krankengemächern in ein kleines, freundliches Stübchen, wo sie aufatmeten, Herz an Herz. Ach, sie fragten sich nicht mehr, was aus ihnen und ihrer Liebe werden solle. Sie behielten nur Sinn für das, was sie sich waren. Ihre Liebe blühte aus den traurigen, bedrückenden Umgebungen ihres Daseins empor wie eine weiße, strahlende Wasserlilie auf trübem Sumpfe. Und wenn die französische Zunge dienlich gewesen, ihnen fortzuhelfen über die peinliche Verlegenheit der ersten Geständnisse, so konnte sie doch nicht mehr ausreichen für das Bedürfnis der Seelen, die sich sehnten, ineinander aufzugehen, eine Seele zu werden. Nein, sie sprachen Deutsch miteinander. Die Laute der teuren Muttersprache mußten ihnen verkünden, was eines für das andere fühlte. »Ich liebe dich!« hieß ihr Losungswort. Und an dieses knüpfte sich eine Fülle anderer Worte, reich an Wohllaut und Kraft, wie nur die Liebe sie erfindet, die aber arm und kalt klingen, wenn eine Feder sie nachschreiben will. »Sie stirbt; weiß Gott, sie stirbt! Sie will ihn noch einmal sehen; ist er hier?« Dieser furchtbare Ausruf schreckte eines Tages die Glücklichen auseinander. Mit wahnsinnigen Blicken eines aus seinem Taumel aufgestörten Trunkenboldes polterte der greise Puppenspieler durch die eine Tür ins Zimmer. Anton, Hedwig in seinen Armen haltend, fuhr auf und sah jetzt erst, daß auch die andere Tür offen stand. In seinen Soldatenmantel gehüllt, einen Säbel in der Rechten, schwankte der Rittmeister herein. Er hatte unbemerkt das Gespräch der Liebenden belauscht. »Elender«, schrie er, den Säbel zückend, nach Anton gewendet, »Verräter, Verführer! Du verdienst den Tod; doch verdienst du nicht, von der Hand eines Braven zu sterben. Und du, Hedwig, wähle: du ziehst mit ihm und hast keinen Vater mehr! Oder du folgst mir, kehrst ihm den Rücken, und er betritt nimmer diese Schwelle!« Hedwig wand sich schweigend aus Antons Armen und neigte sich demütig vor ihrem Vater. Anton folgte dem Puppenspieler. Fünfundsechzigstes Kapitel Es war, wie Dreher gesagt; die kranke Frau lag im Sterben. Sie streckte sehnsüchtig beide Hände ihm entgegen, da er eintrat. »Zürne mir nicht, daß die kalte Hand des Todes dich wegruft aus dem Arm der Liebe, guter Anton! Von ihr gesegnet, wirst du glücklicher in jenen zurückkehren.« »Nie mehr«, erwiderte Anton. Er wollte nichts weiter sagen, doch drang die Leidende in ihn, wörtlich zu erzählen, was vorgefallen sei. »Ich werde«, sprach sie, »den Tod so lange noch zurückdrängen; ich will so lange leben. Rede!« Nachdem Anton den letzten Auftritt zwischen ihm und Hedwigs Vater in wenig Worten geschildert, richtete sich die Sterbende empor: »Verzweifle dennoch nicht! Bleibe ihr treu und hoffe: Rat und Hilfe zeigt dir mein Testament. Und nun keinen Abschied, keine Schwäche mehr: ich will stark sein im Tode; sei du's im Leben! Wenn ich kalt bin, streife diesen Ring von meinem Finger und trage ihn, bis du dich mit Hedwig verbindest. Dann mag sie ihn tragen. Denn sie wird deine Gattin, Anton! obgleich du dich von diesem Ort entfernen mußt, sobald ich begraben bin, – ich, und jener da, der mir bald folgen wird. Siehst du, wie stumpf und verloren er vor sich hinbrütet? Gönne ihm für seine letzten Stunden mitleidige Fürsorge; um meinetwillen! Was ich für dich niedergeschrieben, ... liegt in einem hölzernen Koffer, ... noch andere Papiere dabei, die für dich von Wichtigkeit sind ... gib mir die Hand ... ich danke dir! Ich segne dich! Fluche nicht deiner ... Sie schwieg. Anton beugte sich zu ihrem Munde, um weiter Zu hören. Sie redete nichts mehr. Immer fester umschloß sie mit ihren zuckenden Fingern seine Hand; – immer schwächer wurden ihre Atemzüge; ... noch ein tiefer, wehklagender Seufzer ... Und er löste seine Finger aus denen des Leichnams, mit denen sie sich verschlungen hatten, trat von der Seite zu Füßen des Lagers, blickte das verfallene Angesicht teilnehmend an ... und wie ein Zauber schien ihm jetzt erst aus den Zügen, die der letzte Augenblick umgewandelt, die Erinnerung aufzudämmern, daß er diese Frau gekannt habe, früher schon, ehe er noch den Puppenspieler aufgesucht! Dieses Antlitz mahnte ihn an Paris! Nur daß die Krankheit mit ihren Qualen es bis zur Unkenntlichkeit entstellt, nur daß der Tod mit seiner Versöhnung es wieder kenntlich gemacht: ja, die Gesuchte, Erwartete, Verheißene lag vor ihm; es war die Carina ! Sogleich stürmte er, Hedwigs Vater, sogar Hedwig und die Trennung von ihr vergessend, mit Fragen in den armen Greis, der, von Gram und Trunk gebeugt, gleichgültig auf die Hülle der Gefährtin stierte. Dieser schüttelte nur das graue Haupt und brummte: »Sie ist hin; tot ist tot! kein Kasperle mehr!« Weiter war nichts herauszubringen. Erst wollte Anton zornig werden über die tierische Stumpfheit des alten Menschen. Bald jedoch dachte er wieder an der Dahingeschiedenen Bitte, für die letzten Stunden dem Hilflosen mitleidige Fürsorge zu gönnen; er bezwang seinen Widerwillen und brachte den Puppenspieler zu Bett. Dann rief er Leute aus dem Hause herbei und traf Anstalten, wie sie in ein Totenzimmer gehören. Unterdessen war die Leiche kalt geworden. Er legte seine Hand auf ihre Stirn ... »Desdemona!« sprach er, jenes Abends gedenkend, wo Theodor grausam genug die Feindseligkeiten wider eine gemißhandelte Sängerin neu hervorgerufen. »Desdemona, jetzt können sie dir keine Schmach mehr zufügen; und er , dein Gegner, ist auch dieser Welt Feindschaft entrückt. Werden eure Seelen sich begegnen in der Welt des ewigen Friedens?« Er blieb nachdenklich bei der Leiche stehen, – nun fiel ihm wieder ein, daß er ihren Ring an sich nehmen solle, »wenn sie kalt sei«, – mit leichter Mühe streifte er ihn vom abgemagerten Finger. Es war ein schwerer, doch einfacher goldener Reif, ohne jede Verzierung, außer einem Plättchen, das sich öffnen ließ. Inwendig waren Lettern eingegraben. Anton hielt ihn an das Licht. Er las: » Eva «. Einige Minuten hindurch blieb Anton unter dem Gewicht dieses Namens in diesem Ringe gleichsam erdrückt, ohne zu denken; ohne denken zu können. Erst allmählich, eines um das andere, stiegen einzelne Bilder, Menschen, Erinnerungen, Worte in ihm auf, die sich aneinander reihten und ihn zurückführten auf den Abend, wo Großmutter Goksch ihm zum erstenmal die Geschichte seiner Mutter mitgeteilt. Der Ring, den der Kantor Hahn seiner geliebten Tochter geschenkt, zum Andenken, zum Lohn für ihren Gesang im Oratorium! »Eva« – hatte er hineingraben lassen! »Und diese Carina, durch die mir Kunde versprochen ward von meiner Mutter? Diese kranke Frau, zu der ich von unerklärlicher Gewalt mich hingezogen fühlte; die mir immer sagte, nach ihrem Tode würde ich mein Glück preisen, sie gepflegt zu haben? Was zögere ich noch? Ihre Papiere! Ihr Testament!« Mit zitternden Händen erbrach er den Koffer, ergriff die bezeichneten Papiere und las die Bestätigung dessen, was der Ring ihn ahnen ließ. Sechsundsechzigstes Kapitel »Der unbarmherzige Brief, den deines Vaters Mutter, die stolze Gräfin, mir gesendet, hatte meinen tiefen, demütigen Schmerz in wilden Zorn verwandelt. Mein gerechter Stolz erhob sich gegen die unwürdige Anklage, die mich hinstellte, als hätte Eigennutz mich deinem Vater in die Arme gefühlt. Ich eilte zu den Bildhauerleuten, um bei diesen meinem Herzen Luft zu machen und zu erforschen, inwieweit sie meine Liebe für den jungen Grafen benutzt und ihn auf meine Rechnung und in meinem Namen betrogen haben könnten. Die Leute staunten nicht wenig, da sie mich bei dem nächtlichen Unwetter eintreten sahen, und die Christine sagte mit frechem Lachen zu ihrer Mutter: »Jetzt wird der Graf auch nicht weit sein!« Ich aber rief: »Vom Grafen ist jetzt nicht die Rede, lediglich von mir und euch, und welchen Handel ihr mit mir und ihm vorgehabt. Ist es wahr, was mir seine alte, stolze Mutter schreibt?« Und nun hielt ich ihnen vor, daß sie von Guido Geld und Geschenke genommen, die für mich erbeten und bestimmt gewesen wären, fragte sie, ob sie diese Frechheit wirklich begangen hätten. Sie leugneten gar nicht. Die Bildhauerin meinte: »Wofür denn sonst hätte ich kuppeln sollen, wenn ich's nicht fürs Geld getan; und weil meine Christel dir den Junker ließ, so durfte sie wohl die Geschenke statt deiner nehmen. Etwas mußte sie doch haben!« »Gut«, sagte ich, »wenn ihr denn schamlos genug seid, eure eigene Schlechtigkeit zu gestehen, so verhehlt die Wahrheit nicht vor der alten Gräfin; gebt mir eine Schrift, worin ihr erklärt, daß nichts von allem, was durch eure Hände ging, jemals in die meinigen kam; bestätigt mir, daß ich auch nicht die geringste Gabe, nicht das kleinste Geschenk vom Grafen Guido erhielt.« »Da müßten wir sehr dumm sein«, nahm nun der Bildhauer das Wort, »wenn wir eine solche Schrift ausstellen wollten; die könnte uns schlecht bekommen; was geschenkt ist, ist einmal geschenkt, und kein Wort mehr davon!« Zugleich wies er mir die Tür. Christine bat, sie möchten mich bei dem furchtbaren Regengusse nicht fortschicken. Jedoch ich ging; ehe ich das Zimmer verließ, wandte ich mich noch einmal nach den drei Leuten um und schrie mit dem Jammertone meiner Verzweiflung: »Seid verflucht vor Gott und Menschen, ihr schlechtes Volk!« Sonach taumelte ich hinaus, stieg die steile Ufertreppe empor, und wie ich auf der Brücke angelangt war und vernahm das Rauschen der steigenden Flut, hörte die Wogen anschlagen gegen die steinernen Pfeiler, und ringsumher herrschte tiefe Nacht, so überfiel mich eine rechte Sehnsucht, Ende zu machen mit diesem Leben voll Kummer und Schmach. Dich, mein Anton, wußte ich geborgen in den Händen deiner Großmutter. Und die Wellen, je höher sie anschwollen und stiegen, desto lauter schienen sie mir zuzurufen: »Finde Ruhe in unserem Schoß!« Nur die großen Eisschollen, die krachend an wankenden Holzblöcken sich brachen, entsetzten mich, daß ich nicht gleich zu springen wagte. Man hörte nichts als das Brausen des Flusses, das Rauschen des Regens, der in Strömen goß. Kein menschliches Wesen ließ in den öden Gassen sich spüren; in den Häusern verlöschten Feuer und Lichter; außer wo sie tiefer unten am Ufer wohnten, hielten sich Leute wach aus Besorgnis wegen der Flut. Nur da, wo sie es am nötigsten gehabt hätten, auf der Wache zu sein, weil sie am tiefsten gelegen waren, beim Bildhauer, machten sie Nacht; ich sah den letzten Schimmer an ihren Fenstern verlöschen und rief ihnen noch einmal meine Verwünschungen als Schlaflied von der Brücke hinab! Der Gedanke, daß sie, die mich so elend gemacht, ruhig schlafen mochten, gab mir neuen Grimm gegen mich und mein Schicksal. Ich schwang mich auf das Brückengeländer hinauf, gerade neben dem katholischen Steinbilde, das den heiligen Nepomuk darstellt. Ich umfaßte den naßkalten Johannes und schrie in ihn hinein, wie ich es oftmals aus Christines heuchlerischem Munde vernommen: »Heiliger Johannes von Nepomuk, bitte für mich!« Dies ausgerufen, nahm ich einen Ansatz und wollte mich in den Tod stürzen ... da erscholl der Klang eines Posthorns die Gasse entlang, die zur Brücke führt. Ich wußte, daß um diese Stunde kein Postwagen abging; dennoch hörte ich deutlich das Rasseln der Räder durch den betäubenden Lärm des Wassers. Ein Posthorn, bei der Nacht ertönend, hatte für mich von Kindheit auf immer etwas Verlockendes; der Trieb zu reisen, andere Länder zu sehen, verband sich dabei mit einer unbeschreiblichen Wehmut. Es war mir, wie wenn dieser alte, liebe Ton mich zurückhielte im Leben, wie wenn er mir zuriefe: »Suche den Tod noch nicht, du bist noch zu jung!« Der Postillion kam heran; es war der alte Christian, seit länger als dreißig Jahren im Dienste beim Posthalter. Ich rief ihm zu: »Christian, wohin fahrt Ihr?« »Mein Gott«, rief er, »steht ein menschliches Wesen auf der Brückenmauer bei dem Wetter, oder ist es ein Geist?« »Ich bin es«, sagte ich, »des Kantors Nettel, und wohin fahrt Ihr?« »Nicht fahren«, sprach er, »ich bin eine reitende Stafette, aber weil mein Brauner auf dem Rücken wund gedrückt ist, hat der Posthalter erlaubt, daß ich in die Briefkarre einspanne; ich muß schnell fahren – reiten wollte ich sagen – denn ich soll rascher in G. sein wie das große Wasser, weil ich's ihnen unten anmelden soll, daß es kommt, und im Briefe vom Herrn Landrat steht's auch geschrieben, daß sie's weiter hinunter melden lassen, ins flache Land hinein. Aber Nettel, was wollen Sie beim heiligen Nepomuk? Sie haben gewiß schlechte Gedanken!« »Ja, Christian, die habe ich: rette mich, nimm mich mit dir!« Und ich sprang zu ihm auf seine Karre, der Braune griff aus, wir flogen in die Nacht, in den Tausturm und die Regengüsse hinein. Mir war eingefallen, daß über G. der Weg nach Erlenstein führt, wo Guidos Eltern hausten. Zu denen trieb mich mein beleidigtes Ehrgefühl. Seiner Mutter wollte ich die Antwort auf ihre schriftlichen Anklagen und Verleumdungen mündlich bringen; dann erst wollte ich sterben. Als wir vor dem Tore von G. anlangten, ließ der alte Christian mich absteigen. Ich war so durchnäßt und meine Kleidung so feucht und schwer, daß sie mich fast daniederzog. Christian versprach, der Mutter Nachricht von mir zu geben, ihr zu sagen, wohin ich gegangen, und daß ich beizeiten heimkehren wolle. Er hat sein Versprechen nicht erfüllen können; denn auf dem Rückwege nach N. ist er an einer tiefen Stelle der Straße, die schon unter Wasser stand, als wir kamen, samt seinem Braunen ertrunken. Die Kunde von diesem Unglücksfall gelangte nach G., bevor ich es verließ. Ich hatte daselbst ein Unterkommen für die Nacht gefunden, wo ich mich wärmen und Wäsche wie Kleider trocknen durfte; es war in der Vorstadt bei einem Gerber namens Karich . Er und seine Frau hatten Mitleid und Erbarmen für mich, obgleich sie nur einiges von meinem traurigen Schicksal durch mich erfuhren. Sie nahmen teil an einer Familie, die durch ihr Kind Kummer erlebte, da ihr Sohn ihnen auch Kummer machte; er war vor einigen Jahren entlaufen, und die armen Eltern hatten nichts mehr von ihm vernommen. Der Vater beklagte fast noch mehr als den Verlust des Sohnes die Schande, die derselbe über seinen Namen gebracht. »Meinen Bruder, den Herrn Pastor«, rief er weinend aus, »den trifft es gar zu hart!« Er meinte niemand anders als den guten Prediger in Liebenau, welcher dir, mein Anton, späterhin Unterricht erteilte. – Wie doch die verworrenen Fäden irdischer Schicksale so häufig von einem Vereinigungspunkte ausgehen, ohne daß wir selbst es wissen! Und wie sie nach langer Sonderung sich dann wieder zusammenfinden, ohne daß wir es ahnen. Du sollst weiter lesen. Der niedergebeugte Mann hatte bei seinem eigenen Gram immer noch Teilnahme für den Gram anderer. Deshalb hielt er mich in seinem Hause fest, bis das Unwetter einigermaßen ausgetobt; seine Frau versorgte mich mit reiner Wäsche, und er geleitete mich dann am dritten Tage selbst auf den Weg nach Schloß Erlenstein. Unterwegs vernahmen wir schon die Zerstörungen, die das rasende Wetter in N. angerichtet; ein reisender Bilderhändler, der Heilige und Rosenkränze verkaufte, erzählte mir, wie das Bildhauerhäuschen von Fluten und Eisschollen zerstört worden sei, wie die Bewohner umgekommen wären und samt ihnen die Tochter des ehemaligen lutherischen Kantors, die solche Strafe des Herrn für ihre Ketzerei auf die unschuldigen Bildhauerleute herabgerufen. Du kannst denken, was deine Mutter dabei empfand. Nachdem der arme Gerber Karich einige Meilen mit mir gegangen war, übergab er mich der Fürsorge eines hausierenden Glasers, der von Ort zu Ort zog, um zerbrochene Fensterscheiben herzustellen, den er als ehrlichen Mann kannte und den sein Weg in die Nähe des Schlosses führte. Neben diesem wandelte ich, voll Dank im Herzen für den ehrlichen Karich, schweigend und ernst dahin. Er keuchte unter der Last seines schweren Kastens mit Glasplatten; mich bedrückte die Last, die auf meiner Seele lag. Gegen Abend wies der Glaser mit seinem Stabe in einen langen, offenen Waldweg, der aus dem dunklen Grün der Nadelhölzer ins Freie führte, und sprach: »Dort liegt das Schloß!« Man sah Lichter aus der Ferne herüberschimmern. Er ging geradeaus – ich bog in den Seitenweg ein. Je näher ich dem prachtvollen Gebäude kam, desto verzagter wurden meine Schritte; endlich blieb ich gar stehen. Ich überlegte mir noch einmal recht genau, was ich sagen wollte, und weil ich dabei die ganze Geschichte meines Jammers in Erinnerung durchmachen mußte bis auf den kürzlich empfangenen Brief der alten Gräfin, fand ich meinen gerechten Zorn, mit diesem auch meinen Mut wieder. Ich gelangte durch zerstreute Gärten und Häuser, in denen gräfliche Beamte zu wohnen schienen, bis in eine Art von Vorhof, dessen eiserne Gitter noch offen standen. Große Hunde sprangen mir entgegen, aber ehe ich noch Zeit gewann, meine entsetzliche Furcht vor diesen ungeheuren Tieren durch einen Angstschrei kundzugeben, schmiegten sie sich schon an mich und zeigten sich so zärtlich, daß mir alle Angst verging. Sie führten mich gleichsam, während sie bald voranliefen, bald wieder zurückkehrten und an mir emporsprangen, wodurch sie mich fast zu Boden geworfen hätten, bis an eine mit Säulen umgebene freie Marmortreppe, deren breite Stufen zum Haupteingang zu führen schienen. Oben an der offenen Haustür stand ein Diener in Livree. Ich zögerte, weiterzugehen. Ein schwarz gekleideter Mann mit gepudertem Haar trat zu dem Diener und fragte: »Was gibt's?« »Eine Bettlerin, Herr Haushofmeister«, war die Antwort. Dieser Irrtum regte mich auf. »Nein, keine Bettlerin«, sagte ich, »wenn auch eine Bittende.« »Gleichviel«, erwiderte der Haushofmeister, »kommen Sie nur herauf!« Ich folgte dieser freundlichen Aufforderung, wurde gemeldet und ohne Aufschub in ein Vorzimmer gerufen, wo der Haushofmeister mich warten hieß, bis die Frau Gräfin erscheinen würde. Es brannte helles Feuer in einem hohen Kamin, wodurch das große Gemach insoweit erleuchtet ward, daß man die Züge des Gesichts notdürftig unterschied, mehr nicht. Der alte Mann warf mir forschende Blicke zu, schien aber doch nicht recht klar zu sehen, denn er zeigte sich ungeduldig, bis ein Lakai mit etlichen Armleuchtern eintrat. Darauf wurde ich von oben bis unten betrachtet, und ich merkte dem Beobachter an, daß er für sein Leben gern mich über den Zweck meines Hierseins ausgefragt hätte, was er aber nicht wagte, weil es ihm wie allen anderen Dienern des Hauses streng untersagt war. (Das erfuhr ich später beim Gärtner.) Fast entschlossen, seiner Neugier zuvorzukommen, wollte ich mich ihm entdecken, da kam der Lakai zurück, öffnete rasch die zwei Flügel einer Seitentür und rief dem Haushofmeister zu: »Die Exzellenzfrau.« Und nun erblickte ich sie, die Mutter deines Vaters, Anton! Die gefürchtete, stolze, herzlose Frau, die ich zu finden erwartet hatte, wie ihr Brief sie mir im Geiste gezeigt: majestätisch, kalt, vornehm, in seidenen Gewändern einherrauschend, unzugänglich für den Armen, unerbittlich! Doch was erblickten meine Augen? Eine etwas gebückte, mehr kleine als große, freundliche Dame von etwa fünfzig Jahren, einfach und schlicht gekleidet in ein graues Gewand, um Kopf und Schultern einen schwarzen Spitzenschleier hängend, wie man es häufig auf alten Bildern sieht. »Was willst du, mein armes Kind?« sagte sie, nachdem sie mich mit einem Winke der Hand begrüßt. Diese im sanftesten Tone an mich gerichtete Frage, der Gedanke, daß es Guidos Mutter sei, die mich »mein Kind« anredete, ich sank zu ihren Füßen und ergriff ihre Hand, sie zu küssen. Diese entzog sie mir heftig und murmelte dabei: »Nicht knien, hübsch aufstehen und ruhig mit mir reden; ich liebe solche Szenen nicht, sie erwecken mir Argwohn, als ob ich's mit Komödianten zu tun hätte. Dein ehrliches, blasses und verkümmertes Gesicht wird besser zu meinem Herzen sprechen wie Fußfälle und solche Albernheiten. Sage mir, was du bei mir suchst.« »Gerechtigkeit«, erwiderte ich. Die Gräfin trat einen Schritt zurück, gleichsam ahnend, wer ich sein könne. Sie mußte sich erst fassen, bevor sie wieder zu reden Vermochte. Dann fragte sie weiter: »Bei mir? Und gegen wen?« »Gegen die Mutter des Grafen Guido«, sprach ich bescheiden, doch fest; »gegen ihre grausamen Vorwürfe, die ich nicht verdiene.« »So ist Sie die Kantorstochter?« sagte die Gräfin. Und der Haushofmeister, näher zutretend, sprach: »Ich habe mir's gedacht, Exzellenz.« Der Lakai war nicht mehr im Zimmer. »Sie muß überaus frech sein«, hob die Gräfin wieder an, »oder Sie muß ein sehr gutes Gewissen haben, daß Sie sich bis zu mir wagt. Rede Sie, ich will Sie hören.« Nun machte ich Gebrauch von dieser Erlaubnis im weitesten Sinne des Wortes. Von dem ersten Blicke, den dein Vater mit mir gewechselt, wo ich im Oratorium gesungen, bis zu meinem nächtlichen Besuche im Bildhauerhäuschen, wo ich die schlechte kupplerische Sippschaft verflucht und Gottes Strafe über sie herabgerufen, stellte ich der Gräfin das aufrichtigste Bild meines Lebens dar. Als ich an die Kunde kam, wie fürchterlich rasch mein Fluch in Erfüllung gegangen, und wie die Familie unter den Trümmern des Hauses, welches meine Schande auferbaute, durch die Flut umgekommen sei, bebte die Dame und verbarg das Gesicht in beide Hände. Wir schwiegen lange Zeit. Ich hörte den alten Haushofmeister leise schluchzen. Erst als ich diesen Ausbruch gerührten Mitgefühls vernahm, fand auch ich eine Träne. Die Gräfin weinte nicht. Sie ergriff wieder das Wort: »Du lügst nicht, Antoinette, das ist gewiß. Sage mir jetzt offen und ehrlich: Hat er dir die Ehe versprochen, bevor er dich verführte?« Ich antwortete: »Vorher und nachher, Euer Exzellenz, so wahr ein Gott lebt.« Abermals bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und jetzt weinte sie auch. »Ich habe dir unrecht getan, Mädchen, ich bitte dich um Verzeihung. Leider trage ich keine Schuld. Leider! Ich möchte sie lieber auf mich nehmen anstatt dir sagen zu müssen, daß Graf Guido mich getäuscht hat. Mein Schreiben an dich war nur die Folge seiner falschen, entstellenden Erzählungen. Die Mutter kann jetzt nichts mehr tun: Deine Sache gehört jetzt vor die Männer. Du magst entscheiden, ob ich meinen Gemahl zum Richter aufrufen soll. Ich will dir nicht verschweigen, daß er krank, sehr krank ist; daß die Arzte für sein Leben fürchten. Er ist aber auch heftig und streng; er ist gerecht und im Punkte der Ehre unerschütterlich. Hat unser Sohn dir sein Wort gegeben, so wird der Vater ihn nicht davon entbinden. Das schwöre ich dir! Es wird meines Gatten Tod sein, – doch das kann auch mich nicht hindern, dir dein Recht werden zu lassen. Höchstens kann ich mit ihm sterben, und das will ich gern. Bestimme du, was geschehen muß!« Ich sagte nichts weiter als: »Graf Guido hat zu bestimmen, nicht ich!« »Ruft meinen Sohn, Haushofmeister; – oder nein, laßt ihn rufen. Ihr bleibt hier und seid Zeuge von jeder Silbe, die zwischen ihr und mir gewechselt wird.« Der Haushofmeister zog eine Glocke, ein Diener trat ein. Die Gräfin befahl, ihren Sohn aus seinen Gemächern herabzurufen. Während wir ihn erwarteten, ging sie mit verschränkten Armen raschen Schrittes in dem großen Gemache auf und ab. ... Ich sollte ihn sehen! ... Wie ich seine Sporen klirren hörte, fing ich an zu zittern; ich meinte, ich müsse umsinken. Der Haushofmeister wollte mich stützen, doch die Gräfin wies ihn von mir, faßte meinen Arm, führte mich dem Eingange zu, und als dein Vater eintrat, rief sie ihm entgegen: »Guido, wer hat mich betrogen, du oder dieses Mädchen?« Dein Vater, mich an seiner Mutter Seite erblickend, schien einen Augenblick zweifeln zu wollen, ob Wirklichkeit sei, was er sah. Doch die Gräfin wiederholte ihre Frage noch eindringlicher und drohender, wie zuvor: »Ich will wissen, wer gelogen; sie oder du?« »Ich, meine Mutter«, erwiderte dein Vater mit niedergeschlagenen Augen. »Dann habe ich fürs erste nicht mitzusprechen, und Ihr beide müßt eure Sache miteinander abmachen.« Wie sie dies gesagt, ließ sie sich vom Haushofmeister einen Sessel zuschieben, und in diesem Platz nehmend, wendete sie sich an mich, indem sie auf den grauköpfigen Mann deutete: »Vor ihm haben wir kein Geheimnis, er gehört zum Hause, hat schon meinem seligen Vater gedient.« Guidos Niedergeschlagenheit war so traurig anzusehen, daß ich dabei fast meines eigenen Elends vergaß und nur Mitleid empfand für ihn. Ich machte ihm also gar keine Vorwürfe, sondern fragte nur, warum er mich bei seinen Eltern in ein falsches Licht gestellt und die Reinheit meiner Liebe für ihn durch unbegründeten Argwohn niedrigen Eigennutzes befleckt habe. »Das war niederträchtig von mir«, gab er zur Antwort, »und ich schäme mich meiner feigen Lüge. Rechtfertigen kann ich mich nicht, aber ich will jetzt wenigstens die Wahrheit eingestehen. Seitdem ich mich von dir getrennt, habe ich erfahren, daß meine Empfindung für dich nichts anderes gewesen ist als jugendliche Täuschung der Sinne; ich habe jetzt erst die wahre Liebe in ihrem ganzen Umfange kennen gelernt. Die junge Dame, welche ich mit Bewilligung ihrer und meiner Eltern Braut nennen darf, wäre niemals die meinige geworden, wenn mein Vater geahnt hätte, daß frühere Versprechungen und Gelübde auf mir lasten. So adelsstolz mein würdiger Vater immer sein mag, stehen doch sein Gerechtigkeitssinn und sein Ehrgefühl über seinem Stolze. Er würde mir, wenn er gewußt, wie niederträchtig und falsch ich an dir handelte, Antoinette, nur freigestellt haben, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen oder dich zum Altar zu führen. Meine Liebe für Komtesse Julie ist so rein, so innig, so unbesieglich, daß ich, nachdem einer deiner Briefe in meines Vaters Hände fiel, mir keinen anderen Rat wußte, als dies Verhältnis zu dir wie eine flüchtige, leicht erkaufte Liebelei darzustellen, für die man geneigt war, mir Verzeihung zu gönnen. Das konnte nicht geschehen, ohne dich schmählich zu verleumden: das habe ich getan. – Du kommst, dich zu rächen? Tue es. In deiner Macht liegt es, meines Lebens und meiner Liebe Glück zu vernichten. Folge deinem gerechten Zorn. An meinem Leben liegt mir nichts ohne Julie; meine Liebe zu dieser kann nur mit meinem Leben erlöschen.« So sprach dein Vater. Sobald ich erst wußte, daß ich nicht geliebt sei, fand ich mich selbst wieder. Ich war, für den Moment wenigstens, vollkommen ruhig. »Hätten Sie, Herr Graf«, sagte ich, »sich die Mühe geben wollen, mir dies Bekenntnis schriftlich abzulegen, so würden Sie mir einen beschwerlichen Weg, Ihrer Exzellenz eine schlimme Stunde und sich selbst eine große Beschämung erspart haben. Ich kam durch Sturm, Regenströme und Nacht hierher, weil ich wähnte, Ihr Herz gehöre mir, und es werde Ihrem Herzen wohltun, die Geliebte wider kränkenden Argwohn gerechtfertigt zu erblicken. Da Sie mein Ankläger waren, – gegen wen möchte ich mich jetzt noch rechtfertigen? Sie wollen mich los sein? Ihr Wunsch ist erfüllt. Da Sie mich nicht lieben, sind Sie frei! Ich wende Ihnen auf ewig den Rücken, und verflucht sei ...« Hier fuhr die alte Gräfin schreiend von ihrem Sessel auf. Sie gedachte meiner vor wenigen Minuten vernommenen Erzählung, wie mein Fluch an den Bildhauerleuten in Erfüllung gegangen. Mit gefalteten Händen beschwor sie mich, innezuhalten. Ich sagte zu ihr: »Fürchten Sie nichts, Frau Gräfin; nicht Ihrem Herrn Sohne, nicht Ihrem Hause sollte es gelten. Verflucht sei, wollte ich ausrufen, die Stunde, wo Sie mir gesagt, daß Sie mich liebten; verflucht die Stunde, wo ich eitel genug war, an Ihre Liebe zu glauben, an Ihr Herz, an Ihr Wort! Das wollte ich Ihrem Sohne zurufen. Aber der Fluch sollte auf mich, auf mein eigenes Haupt zurückfallen. Und mit diesem Fluche belastet, verlasse ich das Schloß, nicht um in unsere Hütte, in unsere Heimat zurückzukehren. Ich sehe die Meinigen nicht mehr wieder, mein Kind nicht wieder –« »Dies Kind, sein Kind, es soll das meinige sein«, sprach die Gräfin; »ich will Sorge tragen –« »Das werden Sie nicht «, unterbrach ich sie fest; »Sie werden nichts für dieses Kind tun. Aus Ihren Händen wird ihm keine Gabe zugewandt werden. Ich, ich, seine Mutter untersage das. Ehe ich dulde, daß Sie sich des armen Geschöpfes annehmen, eher stirbt es durch mich !« Schaudernd wandte sich die Gräfin ab. Dein Vater warf sich zu ihren Füßen ... Ich ging; ich ging, kräftig durch meinen Zorn, mit hoch aufgerichtetem Haupte aus diesem Gemach, aus der Vorhalle des Schlosses. Draußen begrüßten mich wieder die großen Hunde; sie geleiteten mich freundlich bis an das eiserne Gitter. Dort kehrten sie um, und ich war allein. Ich starrte lange in die fliegenden, zerrissenen Wolken, die der Abendwind vor sich her trieb; starrte hinein, ohne zu denken. Mein erster Gedanke war, da mir wieder Gedanken kamen, an dich, Anton! Ach und daß ich es dir eingestehen muß, ich fühlte Haß gegen dich! Das Bild deines Vaters vermischte sich in meiner Seele mit dem deinigen. Verzeihe mir, Anton! Was ich wollte? Was ich beginnen sollte? Ich wußte es selbst nicht. Ich wußte nur, daß ich entschlossen sei, nie mehr heimzukehren, nie mehr meine Eltern, nie mehr mein Kind zu sehen. Ich schämte mich, eingestehen zu müssen, daß er mich verraten, verlassen habe; daß sein freier Wille, nicht seiner Verhältnisse Zwang ihn von mir geschieden. Ich hatte keinen Willen sonst, keine Absicht, keinen Wunsch, keine Hoffnung, ... nur ein Bedürfnis empfand ich, ein unabweisliches: die junge Gräfin, seine Braut, zu sehen, die er Julie nannte, die ihn belehrt, was wahre Liebe sei! Warum? Warum ich sie sehen wollte? Um, einem wilden Tiere ähnlich, wütend in ihr Antlitz mich zu stürzen und ihr die Augen auszureißen, die meinem Verderben geleuchtet? – Oder um ihre Knie zu umfassen, mich im Staube vor ihr zu winden? Fast galt beides mir gleich, wenn ich sie nur sah! Während ich noch stand, kam ein kleiner, freundlicher Mann auf mich zu, ging einigemal um mich herum und flüsterte mir dann zu: »Sie sind's ja doch, Mamsellchen, die ich suche; der Herr Haushofmeister schickt mich, daß ich nach Ihnen sehen soll und Sie in mein Häuschen führen; wir kriegen noch schlechtes Wetter auf die Nacht. Ich bin der Gärtner.« Er faßte meine Hand, und ich ließ mich ohne Widerstand von ihm nach seiner Wohnung führen, wo eine kleine Frau, noch viel kleiner als er, uns empfing, und auf ein leise gesprochenes Wort von ihm mir sogleich ein Kämmerchen neben ihrem niederen, von altem Geräte überfüllten Wohnstübchen anwies. Es wurde mir ein Lager zurechtgemacht, sie brachten mir eine warme Weinsuppe, und nachdem die kleine Frau mich auch mit Wäsche versehen, zog sie sich eiligst zurück in ihr Gemach, wo ich sie mit ihrem Mann lange noch eintönig plaudern und murmeln hörte. Aus dem mir angewiesenen Kämmerchen führte noch eine andere Tür als jene, durch welche wir vom Wohnzimmer hereingekommen waren, eine Glastür. Ich blickte durch die Scheiben und sah in ein großes, unermeßlich langes Orangenhaus mit einem hoch zur Decke grünenden Wald von Zitronen- und Pomeranzenbäumen. Draußen kämpfte der bleiche Mond mit bleichen Regenschauern und streifenden Schneewolken, – da drinnen war es so still, so heimlich, so blütenduftig. Es zog mich hinein wie in ein gelobtes Land. »Das ist Italien«, rief ich aus und wandelte unter den herrlichen Bäumen. Der Mond schimmerte bisweilen durchs dunkelgrüne Laub. Ich habe mir vorgesetzt, dir, meinem Sohne, eine Beichte abzulegen in diesen Zeilen, dir nichts zu verschweigen, Anton! Deshalb muß ich auch hier die Wahrheit gestehen. Sie wird dir unglaublich scheinen. Kannst du es fassen, daß in meine Verzweiflung, in die Vernichtung, die vor einer Stunde über mich hereingebrochen, jetzt schon neue Lebenslust mit nie geahnten Hoffnungen und Regungen blickte, – dem Monde gleich, durch zerrissenes Gewölk? Ja, indem ich verstoßen, elend, heimatlos, ein irrender Flüchtling umherschwankte; vom Geliebten verleugnet, von den Eltern geschieden durch meinen trotzigen Entschluß, von meinem Kinde unmütterlich getrennt durch sträflichen Ingrimm; indem ich nur Mangel, Gefahr, Tod vor mir sah, wehte mich aus den Düften dieses Prachthauses eine üppig verlockende Luft mit Zauberhauch an, rief mir eine lüsterne Stimme zu: »Auch du wirst noch leben und lieben!« Das ist der entzückende Leichtsinn der Jugendkraft, der mich damals durchströmte; den ich heute, wo ich, ein sterbendes Weib, diese Zeilen mühselig zu Papier bringe, selbst nicht mehr begreife. Doch seiner zu erinnern vermag ich mich noch; vermag ich mich noch so deutlich, daß ich sagen möchte: diese fürchterlichste Nacht meines Lebens war zugleich die göttlichste. Das klingt wahnsinnig, Anton, und dennoch ist es wahr. Erst als ich vor Ermattung, im strengsten Sinne des Wortes, nicht mehr stehen konnte, suchte ich mein Lager auf und versank sogleich in todähnlichen Schlaf; und als ich aus diesem spät am Tage aufwachte, war die nächtliche Bezauberung verschwunden; ich erwachte zum ganzen, unverhüllten Jammer der Wirklichkeit. Die Gärtnerleute schienen beauftragt, mir allerlei Anerbietungen zu machen. Ich wußte ihnen auszuweichen und wies jede Annäherung, insofern sie goldene Entschädigungen betraf, so stolz von mir ab, daß ich beide gänzlich einschüchterte. Dagegen wurde es mir leicht, den ehrlichen, gutmütigen Menschen abzufragen, wo deines Vaters Braut lebe. Es war nicht weit von Erlenstein, kaum drei Meilen entfernt. Nun wußte ich genug, und ich machte mich auf den Weg, verwildert und wüst, wie ich aussah, eine rechte Landläuferin. Der kleine Gärtner und seine Frau wagten nicht, mir Widerstand zu leisten. Sie entließen mich mit Achselzucken und Tränen, als wollten sie sagen: »Sie rennt in ihr Verderben, sie ist verrückt!« Ich langte in Sophienthal wieder mit der Abenddämmerung an. Das Dorf besteht aus einer langen Gasse, in deren Mitte die Kirche liegt. Das herrschaftliche Schloß, mitten in einem waldartigen Park befindlich, war nicht zu erblicken. Vor einem hübschen Hause, der Kirche gegenüber, stand eine junge Frau, welche, da sie mich erblickte, mir schon von weitem entgegenrief: »Sind Sie es, Gräfin Julie?« Ich gab keine Antwort. Als ich mich näherte, wich sie erschrocken zurück. Ich glaubte in ihr die Gattin des Predigers zu erkennen, weil sie das stattlichste Haus und so nahe der Kirche bewohnte; deshalb redete ich sie an: »Frau Pastorin, fliehen Sie nicht von mir, es ist keine zudringliche Bettlerin, die vor Ihnen steht. Gönnen Sie mir nur zwei Worte.« Augenblicklich faßte sie wieder Mut, sowie sie meine Stimme vernommen. Sie betrachtete mich erstaunt und fragte, womit sie mir dienen könne. »Mein Wunsch mag Ihnen albern erscheinen wie mein Erscheinen verdächtig. Dennoch wage ich, Sie zu bitten. Wer ich bin, was mich hierher führt, – und so , und jetzt , – das sind Fragen, die nur mich berühren, die Ihnen durchaus gleichgültig sein können. Ich habe nur ein Ziel: dieses ist, jene junge Dame von Angesicht zu sehen, welche Sie zu erwarten scheinen. Gestatten Sie mir, bei Ihnen zu verweilen, bis Gräfin Julie kommt? Versprechen Sie mir, mich als eine Verwandte, die Ihnen unerwartet auf kurzen Besuch von irgendwo ins Haus kam, vorzustellen? Geben Sie mir Gelegenheit, die Komtesse reden zu hören? Sie erweisen mir dadurch eine große Wohltat, eine Wohltat, von deren Bedeutung Sie keinen Begriff haben können! Mir und vielleicht der jungen Gräfin auch. Ja, blicken Sie mich nur forschend an! Sie sind eine Freundin Julies?« Die Pastorin sprach angstvoll: »Ich liebe sie wie eine Schwester, verehre sie wie eine Mutter! Droht ihr Gefahr?« »Vielleicht«, erwiderte ich rasch. »Vielleicht hängt ihr Schicksal an diesem Augenblick. Vielleicht bin ich es, wie arm und bemitleidenswert ich Ihnen erscheine, die über die Zukunft dieser jungen, reichen Erbin zu entscheiden hat. Alles hängt von dem Eindruck ab, den ihre Persönlichkeit auf mich macht. Ist es ein abstoßender, verletzender, spricht aus ihren Zügen kein Herz, aus ihren Worten keine Seele, dann stehe ich für nichts; ebensowenig, wenn ich sie nicht kennen lerne; denn ich hasse sie aus guten Gründen, ohne sie zu kennen. Sie müßte mich erst zwingen, sie zu lieben, damit ich liebend ihr weiche! –« Die Pastorin ahnte vielleicht, welch ein Dämon mich treibe. Sie hatte wohl gar Kunde von meinem Dasein. Das weiß ich nicht. Aber so gewiß war sie ihrer Sache, daß sie augenblicklich auf meinen Vorschlag einging. »Treten Sie ein«, sagte sie, »mein Mann ist glücklicherweise verreist; Komtesse Julie will, wenn sie mit einigen Krankenbesuchen im Dorfe fertig ist, auf ein Stündchen zu mir kommen. Ich erwarte sie hier . Sie mögen uns im Wohnzimmer erwarten. Ordnen Sie Ihr Haar, nehmen Sie mein Mäntelchen um, das auf dem Bette liegt, setzen Sie sich mit meiner Strickerei ans Fenster. Sie sind meines Oheims Tochter, Luise; sind ein schüchternes Mädchen, verlegen, ohne viel Worte; besuchen mich auf einen Tag, – für das übrige wird der liebe Gott sorgen.« – Ich schlüpfte ins Haus und tat, wie mir geboten. Kaum saß ich, den Strickstrumpf in der Hand, auf dem mir angewiesenen Platz am Fenster, so ging die Tür auf, und die Pastorin trat ein mit der Erwarteten, – Gefürchteten. Wahrscheinlich hatte mich die Beschreibung, welche von »Muhme Luise« schon draußen im Hausflur gemacht worden, jeder Annäherung seitens der jungen Gräfin überhoben. Sie nahm Platz neben ihrer Freundin auf dem Sofa, nachdem sie mich freundlich begrüßt und weiter nicht beachtet hatte. Ohne sich durch meine Anwesenheit stören zu lassen, setzte sie das Gespräch mit der Pastorin fort, das nur Armenangelegenheiten des Dorfes betraf. Sie sagte unter anderem: »Ich kann Ihnen das alles nicht ersparen, liebe Auguste, und Sie müssen mich geduldig anhören; vielleicht ist die Zeit nicht fern, – hier bebte die sonst so feste, klare Stimme ein wenig! – wo ich mein liebes Sophienthal verlasse. Wer weiß, wie oft oder wie selten es mir vergönnt sein wird, aus den neuen, größeren Kreisen, in denen ich mich künftig bewegen soll, hierher zu entfliehen! Aber meine Schützlinge, wenn sie mich auch bisweilen vermissen werden, wie ich hoffe, sollen darum doch nichts entbehren, und Sie, gute Auguste, haben mir nun einmal versprochen, für mich einzutreten. Folglich darf ich Ihnen kein Detail erlassen.« Und nun ging sie mit bewunderungswürdiger Kenntnis aller kleinen häuslichen Bedürfnisse auf die Zustände der armen und kranken Familien ein, denen sie ihre Fürsorge geweiht. Ich kann dir nicht mit Worten ausdrücken, Anton, welche Macht in dem Klange ihrer Stimme lag. Ich lauschte jeder Silbe mit Entzücken und vergaß völlig, daß es meine beneidete, zwiefach beglückte Nebenbuhlerin sei, die solches Entzücken in mir hervorbrachte. Zweimal wollte die Pastorin aufstehen, um Licht zu holen, die Gräfin untersagte dies und lobte die Anmut der traulichen Dunkelstunde. Schon befürchtete ich, sie würde aufbrechen, ohne daß ich ein deutliches Bild von ihr mit mir nehmen könnte. Aber da brachte glücklicherweise eine Magd mit der Meldung, daß ein Diener vom Schlosse »auf die gnädige Komtesse« warte, zwei dicke, brennende Kerzen, die sie auf den Tisch vor dem Sofa stellte. Nun hatte, ich den ganzen Anblick einer Schönheit, wie ich sie auf Erden nicht für möglich gehalten. Ich kann sie nicht anders bezeichnen, als durch: Verklärung! Wenn es jemals ein weibliches Wesen gab, dem nur zwei Seraphsfittiche fehlten, um ein reiner, strahlender Engel zu heißen, so war es diese Julia. Sie sehen und im Innersten empfinden, daß diesem Wesen gegenüber jede eitle Eifersucht Verbrechen sei, – das war eins. Ich hatte nur ein Gefühl, wenn Guido vielleicht eine bessere, klügere, mehr gebildete Gattin verdiente, als ich ihm hätte werden können, so verdiente dieses Mädchen einen anderen Gatten: ihrer war er nicht würdig, das mußte ich mir eingestehen, wie heiß ich ihn auch geliebt. Ich habe niemals ein solches Weib gesehen, und als ich sie nun sprechen sah ! – Als dem seelenvollen Tone, der mich während der Dunkelstunde schon begeistert, jetzt auch die lieblichen Züge entsprachen, des Auges mildes Feuer, des zartgeformten Mundes Lächeln, da mußte ich wohl an mich halten, daß ich nicht wirklich vor ihr niedersank, ihre Knie zu umfassen. Sie wünschte mir mit holdseliger Güte glückliche Reise und ging am Arme der Pastorin. Welch ein Gang! So gehen irdische Menschen nicht! – Wie die Hausfrau zu mir wiederkehrte, fand sie mich in heißen Tränen. Sie hatte zarten Sinn genug, zu schweigen und mich weinen zu lassen. Dann bot sie mir ein Nachtlager. Das nahm ich an und bat um Feder und Papier, welche die Magd mir brachte. Ich schrieb folgende Zeilen: Graf Guido! Gräfin Julia habe ich gesehen: – Sie sind gerechtfertigt. Ich begreife, daß mich nicht mehr lieben kann, wer eine Luft mit ihr geatmet. Sie haben mein Lebensglück zerstört: Gott verzeihe Ihnen! Ich vermag es nur dann, wenn Sie von nun an keinen anderen Gedanken hegen, als diejenige glücklich zu machen, die sich Ihnen geben will. Darf ich dies glauben, so sterbe ich versöhnt mit Ihnen. Antoinette. Dieses Blatt gab ich am nächsten Morgen der Pastorin, nachdem sie es erst gelesen, und ich es hernach versiegelt, zur Besorgung an den Grafen Guido von Ellenstein. »Wollen Sie sich umbringen?« fragte mich, bleich vor Schreck und Angst, die zitternde Frau. »Ich will weder in einen Fluß springen«, entgegnete ich ihr, »noch ein Messer in meine Brust bohren, noch dies Tüchlein um meinen Hals schnüren, noch sanft gewaltsam meinem erbärmlichen Leben ein Ende machen; das darf ich Ihnen geloben. Nicht weil mir die Lust dazu fehlt, – nein, nur der Mut. Aber ich will weiter ziehen und mich sterben lassen – sei's wo es sei. Fragen Sie nicht, wohin ich mich wende! Ich weiß es nicht. Die Erde ist groß, und überall, wo ein Sterblicher endet, findet sich ein Grab. Gott segne Sie – und er segne – Julie!« Die Pastorin küßte mich auf die Stirn, und ich verließ ihr Haus. * Ich bin bis hierher sehr ausführlich gewesen mit meinen Bekenntnissen. Teils weil ich dir deutlich darstellen wollte, mein treuer Anton, wie es geschah, daß der Entschluß, für tot zu gelten, so feste Wurzel in mir fassen konnte; teils weil ich dich hinweisen wollte auf jenes himmlische Wesen, das deinem Vater Gattin wurde, und durch dessen Vermittlung, – das ist's, was mich auf meinem Sterbelager mit tröstender Zuversicht erfüllt, – du dich mit ihm vereinigen kannst. Von nun an werde ich eilen müssen, will ich ans Ende dieser Schilderung gelangen, bevor mein Ende mich erreicht. Von jenem auflodernden Lebensmute, der in der duftigen Nacht des blühenden Glashauses sich hat regen wollen, war nichts mehr übrig geblieben. Meine Eitelkeit, mein Selbstvertrauen hatten, Gräfin Julie gegenüber, einer trostlosen Entsagung weichen müssen. Mit ihr verglichen kam ich mir niedrig, unerzogen, gemein vor. Fragst du, ob ich in Wahrheit die Absicht gehegt, »mich sterben zu lassen«, so kann ich heute keine bestimmte Antwort mehr darauf erteilen. Ich fürchtete den Tod, dennoch wäre er mir willkommen gewesen. Ich haßte das Leben, dennoch knüpfte ich von Stunde zu Stunde wieder unklare Hoffnungen an seine Fortdauer. Fürs eiste eilte ich nur heftigen Schrittes, aus dem Bereiche jener Orte zu gelangen, deren Bewohnern ich für eine Abgeschiedene gelten wollte; das war mein nächster Wunsch. Ich hatte ein unbestimmtes Vorgefühl, daß es anderer Gegenden bedürfe, sollte ich ein neues Dasein beginnen, fremden Himmels, fremder Sitten, eines fremden Namens für mich. Die Kantortochter, die Geliebte des Grafen Guido, die Mutter des kleinen Anton (o, ich bedauernsweites Weib!) mußte wirklich gestorben sein, allen, die von ihr wußten, wenn dasjenige, was in mir noch lebendig waltete und strebte, sich auf irgend eine Art geltend machen wollte. Mittlerweile war ich der Landesgrenze immer näher gekommen. Von der Notwendigkeit eines schriftlichen Ausweises über meine Person hatte ich ebensowenig Kenntnis, als du, mein Sohn, gehabt, da du bei der Simonelli anlangtest, wie ich aus deinen eigenen Erzählungen weiß. Du konntest, wenn du mir von deinem Leben berichtetest, wohl nicht ahnen, mit welch eigentümlichen Empfindungen die Mutter allen Momenten lauschte, wo das Schicksal des Sohnes Ähnlichkeit mit dem ihren hatte. Mir wurde es nicht so gut, den Patz einer Entwichenen zu erben, wie du jenen des nach Rußland übergetretenen Antoine. Ich hatte noch schwer zu leiden, bevor ich diese kleinliche Not überwunden. Ich machte auf der Landstraße die Bekanntschaft zweier böhmischen Harfenmädchen, die, von einem jungen Menschen begleitet, durchs Land zogen. Sie redeten mich an wie ihresgleichen, und in meiner völligen Ratlosigkeit nahm ich ihr Anerbieten an, mit ihnen zu gehen. Sie ließen mich in einem Dorfwirtshause, wo sie anhielten, singen, nachdem ich ihnen entdeckt, daß ich in Musik und Gesang aufgewachsen sei. Ihre Freude über meine Stimme und Vortrag war unverstellt, wenn auch nicht uneigennützig, denn sie setzten mir dringend zu, mit Ihnen in Gemeinschaft zu treten. Zu diesem Zweck suchten sie aus ihren Reisebündeln allerlei hervor, wodurch meine Tracht der ihrigen möglichst ähnlich wurde, begrüßten mich sodann als Kameradin, und zwangen mich, – wenn Bitten und Versprechungen Zwang genannt werden dürfen – sie ferner zu begleiten. Unter ihrem Schutze kam ich freilich ohne Schwierigkeit von einem Ort zum anderen, weil sie, überall bekannt und vertraut, gar nirgend angehalten oder befragt wurden. Doch mußte ich diesen Schutz teuer genug erkaufen, da Männer jeden Alters und Standes gegen mich denselben freien Ton annehmen wollten, den sie bei meinen Gefährtinnen gewöhnt waren. Diesen letzteren schien es zu gefallen, daß ich jede Zudringlichkeit mit Ernst und mürrischem Stolze abwies, nur meine Lieder sang, übrigens aber schwieg und mich in gar nichts mischte. Sie gestanden mir nebst meinem Übergewichte als Sängerin auch dasjenige eines sittlichen, anständigen Benehmen zu, weil es mit ihrem gewöhnlichen Treiben sich so am besten vertrug. Die beiden Schwestern, denn dies waren sie, hielten sich zurück, wenn rohe Frechheit das äußerste von ihnen begehren wollte' bis dahin jedoch erduldeten sie so ziemlich alles und von jedem, und zwar mit dem schamlosen Eingeständnis, für jeden heuchlerischen Blick, für jeden gestohlenen Händedruck ein Geschenk zu erwarten. Ihr Begleiter galt zugleich für ihren erklärten und begünstigten Liebhaber; merkwürdig und unbegreiflich, für den Liebhaber beider Schwestern, die beide, während sie ihm nicht gestatteten, mit anderen Mädchen ein Wort zu wechseln, keine Eifersucht aufeinander zeigten. Nepomuk – so hieß der junge Mensch – durfte schön genannt werden, eine wilde, sonnenverbrannte, schwarzlockige Schönheit, die jedem Frauenzimmer von zartem Gefühl Angst und Grauen einjagen mußte. Er trug, gleichwie er ohne Murren und mit eiserner Körperkraft die schwere Last eines Reisesacks neben der Harfe schleppte, schweigend, ohne Lächeln, düsteren Blickes, – so auch die Liebestyrannei der beiden Schwestern. Sie behandelten ihn wie einen Sklaven; er duldete dies ohne Vorwurf, ohne Klage; dennoch entging mir nicht, daß er zuletzt der Herr und Gebieter sei, dem die frivolen Mädchen sklavisch untergeben waren. Das Verhältnis in seiner unerhörten Seltsamkeit wäre für den beobachtenden Menschenkenner höchst lehrreich geworden; mir konnte es natürlich nur Schauder abgewinnen. Aber ich mußte mich fürs erste fügen. Auch wurde ich gut und rücksichtsvoll behandelt, so daß ich keine Ursache zu klagen fand. Mucki – oder Muzi, wie Nepomuk abwechselnd von den Schwestern gerufen ward, schien sich am wenigsten um mich zu bekümmern und trug eine kalte Gleichgültigkeit gegen mich zur Schau, die ich bisweilen gerade ihrer Absichtlichkeit wegen für erkünstelt zu halten geneigt war. Mein Vorgefühl hatte mich auch nicht getäuscht. Wir befanden uns schon weit in Böhmen auf dem Wege nach Prag, da geschah es, daß eines Abends ein heftiger Zank zwischen ihm und den beiden Mädchen ausbrach, dessen Veranlassung mir verschwiegen blieb, weil er in ihrer Sprache geführt wurde, von der ich nur wenige einzelne Worte verstand. Wie gewöhnlich suchten die drei ihr Nachtlager auf einem Heuboden, mir ein Kämmerlein im Hause überlassend, und ich war doppelt froh, nicht in ihrer Nähe weilen und nicht Zeugin ihres Unfriedens bleiben zu müssen. Es mochte eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang sein, als Mucki bei mir eindrang, mich zu wecken, mir zu melden, daß die Schwestern infolge des mit ihm gehabten Zwistes ihn, während er schlief, verlassen hätten, daß er seine Heftigkeit bereue, daß er entschlossen sei, sie wieder einzuholen, daß wir ihnen nacheilen wollten, und daß ich mich rüsten solle, mit ihm zu gehen. Ich folgte ihm. Es fiel mir nicht auf, daß er Wagen und Pferde im nächsten Orte für uns mietete; vielmehr fand ich begreiflich, daß er die Flüchtigen so rasch wie möglich zu erreichen wünschte. Was mich aber bald befremdete, war sein Benehmen auf der Landstraße; er blickte weder rechts noch links; er sah nach denen, die er zu suchen vorgab, sich nicht um; er ließ an keinem Wirtshause stillhalten, um nach ihnen zu forschen; er fragte keinen Begegnenden, ob man sie gesehen. Er saß unbeweglich mir gegenüber, und wie wenn er nachholen wolle, was er bisher, von den Schwestern beobachtet, hatte versäumen müssen, starrte er mich auf eine Weise an, die mir bald keinen Zweifel mehr ließ über seine wahren Absichten: Es waren nicht die beiden Mädchen, die ihm entflohen waren; er selbst war es, der ihnen entfloh und mich entführte. So war ich also in eines ungebildeten, leidenschaftlichen Menschen Gewalt gegeben. Doch glücklicherweise mißbrauchte er dieselbe nicht. Er gab mir deutlich zu verstehen, daß er wohl den Unterschied anerkenne, der zwischen mir und den Verlassenen vorhanden; daß er sich von jenen getrennt habe, mehr aus Rücksicht für mich und um mich ihrer Gemeinschaft zu entziehen; daß er mich ebenso verehre, wie er die Schwestern geringschätze; daß ich mich niemals über seine Zudringlichkeit beklagen solle, und daß er es einzig und allein in meinen freien Willen stelle, ob ich ihm jemals nähere Rechte auf mich einräumen würde oder nicht. Fürs erste begnügte er sich mein Diener zu sein, nicht mein Begleiter. Sobald ich erst darüber beruhigt, daß ich mich vor seiner Zärtlichkeit nicht zu fürchten brauchte, fand ich mich sehr zufrieden, des Umgangs mit übermütigen Weibern enthoben zu sein. Ich ließ mir genügen an der augenblicklichen Verbesserung meiner Lage, ohne der Folgen zu gedenken, die doch übel kurz oder lang nicht ausbleiben konnten. An reichen Gaben, die meiner Erscheinung wie meinem Gesänge gern gespendet wurden, fehlte es nirgends. Wo ich mich, von Nepomuks Harfe begleitet, hören ließ, gab man zu erkennen, daß eine ähnliche Harfenistin noch nie gehört worden sei. Wir erreichten Karlsbad, wo es trotz drohender Kriegstrubeln von Badegästen wimmelte. Das Furore, das ich dort hervorbrachte, war unerhört, und wenn ich unterwegs oftmals gewünscht, ich möchte Nepomuks Gesellschaft mit Ehren überhoben sein, so lernte ich sie hier um desto dankbarer schätzen, weil sie mich vor den allzu kecken Anerbietungen reicher und vornehmer Herren doch einigermaßen sicherstellte. Es befanden sich vielerlei Musikanten und anderweitige Vagabunden in dem angefüllten Badeorte. Unter letzteren zeichnete sich eine Venezianerin aus, die in der Kunst des Glasblasens den höchsten Grad der Fertigkeit erreicht hatte und die artigsten Spielereien in buntem Farbenspiel an ihrem kleinen Blasebalg im Nu hervorzubringen verstand. Ihr Gatte ließ sie nicht allein Geld erwerben; auch er verschaffte sich hübsche Einnahmen, indem er sogenannte Panoramen vorwies, die auf deutsch gesagt in nichts anderem bestanden, als in einem großen Guckkasten mit verschiedenen Gläsern. Sein Schauplatz war von jenem der Glasspinnerin abgesondert, in einem anderen Hause befindlich. Immer erst am Feierabende fanden sich die den Tag über getrennten Eheleute zusammen, um sich und ihre Kassen zu vereinigen. Mein Schicksal wollte, daß Nepomuk mich einigemal in dem Speisesaale des Gasthauses singen ließ, wo die Venezianer zu Abend speisten. Beide wurden aufmerksam auf meinen Gesang; sie suchten sich mir zu nähern, doch meines Begleiters Unfreundlichkeit schreckte sie zurück. Diese seine Bärbeißigkeit war mir, wie bereits erwähnt, sehr willkommen, wenn sie mich von faden Galanterien befreite; hier verwünschte ich ihn, denn mein Gefühl sagte mir, daß die Italiener etwas Gutes mit mir im Sinne hatten. Vielleicht würde die Abhängigkeit von meinem Führer worein ich notwendigerweise geraten mußte, mich über kurz oder lang doch in seine Arme gezogen haben, wäre nicht die Stunde der Rettung von so schmählichen Banden unerwartet gewaltsam hereingebrochen. Die um meinetwillen verlassenen Schwestern, durch Nepomuk ihrer schriftlichen Ausweise beraubt, waren in Prag, bis wohin sie unsere Spur vergeblich gesucht, festgenommen worden. Ihre Aussagen hatten eine Art von Steckbrief zur Folge, der zwar Nepomuk zunächst, mich aber, als seine Gefährtin, mit berührte. Er wurde gefänglich eingezogen. Mich würde dasselbe Los betroffen, und man würde mich, als Ausländerin, in meine Heimat zurückgeliefert haben, wenn nicht bereits mein Talent mir als Fürsprecher gegolten. Unter denen, die an meinen Liedern Freude gefunden, war der im Badeorte angestellte Polizeibeamte einer der wohlmeinendsten. Er sprach mit mir, wie nur ein gütiger Vater sprechen kann, und ohne in meine traurigen Geheimnisse dringen zu wollen, gab er mir doch Mut und Vertrauen, daß ich ihm so viel erzählen konnte, als genügte, meinen Abscheu gegen erzwungene Heimkehr geltend zu machen. Vielleicht würde dennoch seine Beamtenpflicht über sein Mitgefühl gesiegt haben, wäre nicht die Glasblaserin mit ihrem Gatten vermittelnd dazwischen getreten. Diese beiden Leute, die sich auf langen Reisen schon ein genügendes Vermögen gesammelt hatten, standen im Begriff nach Venedig zurückzukehren; sie erboten sich, mich mit sich zu nehmen und mir auf ihre Kosten diejenige künstlerische Ausbildung erteilen zu lassen, die mich befähigen würde, eine Laufbahn als dramatische Sängerin anzutreten. Da sie selbst keine Kinder besaßen, so konnte dies Anerbieten für eine Erklärung gelten, mich zur Tochter annehmen zu wollen. So auch betrachtete der gutmütige Beamte diese Sache und erteilte seine Einwilligung. Von hier an, mein geliebter Sohn, beginnt deine Mutter das Leben einer Opernsängerin, mit seinen Eitelkeiten, Siegen, Triumphen und Verirrungen. Du weißt genug von der Welt, um dir denken zu können, welch ein Dasein ich führte. Ein Jahr des Unterrichts von einem trefflichen Singemeister, wie man sie für ähnliche Zwecke wohl nur in Italien findet, hatte vollkommen hingereicht, mich bis zu demjenigen Grade der Vollendung auszubilden, dessen meine natürlichen Anlagen überhaupt fähig waren. Ich debütierte bei kleineren Unternehmungen in Städten dritten Ranges mit Glück. Man prophezeite mir günstige Erfolge. Die guten Pflegeeltern statteten mich gehörig aus mit allem, was mir nötig war, und entließen mich als selbständige Künstlerin. Du wirst mir das Bekenntnis meiner Irrtümer im einzelnen erlassen. Es kann dir keine Freude machen, die Anklagen deiner strafbaren Mutter, von ihrer eigenen Hand niedergeschrieben, zu lesen. Erlaube mir also über diese Jahre meines sogenannten Glückes flüchtig andeutend hinzugleiten. Nur was für dich von Wichtigkeit ist, weil es sich auf meine Empfindungen für dich bezieht, werde ich noch umständlich enthüllen, ohne Schonung gegen mich. Von den Verhältnissen, die ich, dem Leichtsinn angemessen, der im Kulissentreiben vorherrscht, mit jungen Männern knüpfte, um sie bei Anknüpfung eines neuen Engagements gedankenlos wieder aufzugeben, nenne ich nur eines! teils weil dieses in seinen Folgen bis an das Ende meiner Laufbahn nachwirkte, teils weil es in unmittelbarer Beziehung auf dich, mein Lohn, steht. Ein Musiker, der sich den Namen Carino beigelegt hatte, der jedoch ebensowenig seine deutsche Herkunft verleugnete, als »Signora Antonia« die ihrige vor ihm geheim halten wollte, suchte meine nähere Bekanntschaft, die zu machen ihm desto leichter wurde, weil er sich bald als Landsmann kundgab und weil ich nach kurzer Unterhaltung in unserer Muttersprache den Sohn des ehrlichen Karich in ihm erkannte, des armen Gerbermeisters, der mich bei meiner Flucht so väterlich aufgenommen hatte. Tief erschütterte es diesen leidenschaftlichen jungen Mann, aus meinem Munde zu vernehmen, welch bitteren Schmerz sein Entweichen den armen Eltern verursacht! Leider durfte ich ihm keine Vorwürfe machen; hatte leider kein Recht mehr, ihn zu tadeln, der seine Eltern betrübte, während ich das Bewußtsein in meinem Busen trug, nicht nur, gleich ihm, ein undankbares Kind, sondern auch eine schlechte Mutter zu heißen; wobei ich doch ängstlich und vorsichtig Sorge trug, weder meinen Geburtsort, noch den Namen meiner Eltern oder sonst irgend etwas zu nennen, was andere kompromittieren könne. Gleiche Schuld, gleiches Leid, gleiche Reue, – immer wieder durch die Macht des Augenblicks überwältigt! – gleiche Liebe für die Tonkunst und, daß ich's nur gestehe, gleicher Hang zum Leichtsinn führte uns beide ins vertrauteste Beisammenleben. Ich galt für sein Weib und nannte mich bald nach ihm »Carina«, als welche ich in der Sängerwelt meinen Ruf erwarb. Verbindungen, die keinen anderen Halt in und außer sich tragen, als nur den freien, ungebundenen Willen derer, die sie schlössen, dauern entweder bis zum Tode, oder sie lösen sich gewöhnlich bald mit Zwist und Unfrieden. Das letztere geschah bei mir und Carino. Wir gerieten streitend auseinander, wir trennten uns. Zufall oder Absicht brachten uns wieder zusammen, und es wurde eine Versöhnung geschlossen, um nach Verlauf einiger Wochen wieder zu brechen. Unser Leben bestand aus Liebe, Eifersucht, Zank, Scheidung, Trennung, Wiedersehen, Vereinigung und Unglück. Gibt es doch solche Ehen auch mit dem Segen der Kirche! – Unterdessen, mein Lohn, warft du zum Knaben herangewachsen, zum Jüngling, ohne daß deine lieblose Mutter von dir wußte, ohne daß sie deiner gedachte. Sie hielt euch alle für tot, und dieser Irrtum beruhigte sie, verhärtete sie vielmehr gegen die häufig wach werdenden Regungen ihres Gewissens. Nach so vielfältig wiederholten Trennungen war es zwischen Carino und mir endlich zu einem entschiedenen Bruche gekommen, der länger dauerte, als alle vorhergegangenen, und der nicht mehr heilen zu sollen schien. Daß er nach seiner Heimat reisen, seine alten Eltern noch einmal sehen, sich mit ihnen versöhnen wolle, erfuhr ich folglich nicht. Ich würde, wäre es mir vorher kundgeworden, mein starres Schweigen über meine heimatlichen Zustände wahrscheinlich gebrochen und den Carino beauftragt haben, sich nach allen Einzelheiten zu erkundigen. So hörte ich nur von seiner gänzlichen Übersiedlung nach Deutschland, von einer Stelle, die er am Hofe eines kleinen Fürsten angenommen hatte, und wovon er einigen seiner künstlerischen Freunde Wunderdinge schrieb. Ich gönnte ihm sein Glück und fand mich leicht in den Gedanken, ihn niemals wiederzusehen. Doch bevor noch die Herbstvögel ihre Flüge und Züge begannen, war er schon wieder in Italien, war er schon wieder bei mir und trat ein mit seinem gewöhnlichen Wahlspruch, den er für diesen Fall einem verwunderlichen Schauspiel von Goethe – (seinem Liebling unter allen Dichtern) – zu entlehnen pflegte: »Rinaldino wieder in den alten Ketten«. Diesmal galt meine Freude über die Rückkehr des Freundes mehr als seiner Person, wahrlich seinen Erzählungen. Indem ich zunächst nach seinen Eltern fragte, wozu ich ja zwiefach berechtigt und verpflichtet war, während er mir mit aufrichtigen Tränen schilderte, wie er nur ihre Gräber hätte besuchen können, führte ihn der Fortgang seiner Reiseberichte auch nach Liebenau zum Oheim, dem alten Pastor Karich. Mit der ihm eigenen Lebendigkeit, mit seinem Talent, dem Hörer Menschen und Umgebungen anschaulich zu machen, beschrieb er mir seinen Oheim, die Neffen, das Schloß, den Gutsherrn, dessen drei Töchter, die Wälder ums Dorf, den langen Spaziergang, die Weinlaube, den lauen Sommerabend bei kühlem Trunke, den schönen Korbmacherjungen, der ihn durch den Vortrag einer alten Melodie auf der Geige gerührt habe ... Schon wie er von der Großmutter dieses jungen Burschen gesprochen, an deren Häuschen sie das Dorf entlang vorbeizogen, und wo die Fräulein bestellten: Anton solle aufs Schloß kommen, sobald er aus dem Walde heimkehre; – schon wie er mir die alte Frau mit Worten malte, meinte ich in diesem Bilde meine Mutter zu erkennen. Später, da er auf dich kam, blieb mir fast kein Zweifel mehr, daß dieser Anton mein Anton, derselbe sei, den ich mit der Melodie von den drei Reitern so oft in Schlaf gesungen! Ja, er war es, er mußte es sein. Mein Vater ist gestorben, und die Mutter samt dem Kinde ist nach Liebenau gezogen; sie ist es; mein Kind ist es, das Carino gesehen. Von diesem Gedanken wurde ich erfüllt. Ich gönnte den weiteren Berichten des unermüdlichen, wenn auch liebenswürdigen Schwätzers nur noch wenig Gehör, trachtete einzig danach, ihn bald loszuwerden und allein zu bleiben mit den Empfindungen, die ich mir so lange ferngehalten, die aber nun, sich an mir rächend, mehr schmerzlich als wohltätig auf mich einstürmten. Meine würdige Mutter lebte noch! Mir lebte ein Sohn; ein hoffnungsvoller, begabter Sohn! Und ich – – – – – Damals war es, wo ich mich entschloß, deiner Großmutter zu schreiben, ihre Verzeihung anzuflehen. Wäre mir liebevolle Antwort auf jenes Schreiben zuteil geworden, so hätte ich – dies war mein Vorsatz – den Flitterkram und Prunk, der mich zu dieser Zeit noch umgab, zu Gelde gemacht und wäre heimgekehrt, in eurer Hütte mit euch zu leben, euch zu dienen, eure Magd zu sein; nicht ihre Tochter, nicht deine Mutter. Ich hatte mit Tränen geschrieben, mit blutigen Tränen; so krümmt und windet sich der Wurm unter des Vogels Krallen, wie ich mich demutsvoll flehend unter meines Schmerzes, unter meiner Reue Geständnissen wand; wie ich um ein Wort der Liebe bat. – Es blieb aus, – ich sah mich verstoßen, verflucht; und aufs neue siegten Trotz und Leichtsinn über mein besseres Gefühl. Bisweilen fand ich mich geneigt, ein zweites Mal zu schreiben, mein Glück ein zweites Mal zu versuchen, weil ja doch der erste Brief verloren sein konnte; denn ich hatte ihn nach N., unserem ehemaligen Aufenthaltsorte, richten müssen, da Carino über die Bezeichnung des Dorfes Liebenau, dessen Name mehrfach vorkommt, nichts Näheres gesagt hatte. Ja, ich begann verschiedene neue Briefe, zerriß aber immer wieder den halb beschriebenen Bogen, weil der Groll, unerhört geblieben zu sein bei der ersten Bitte, mit jeder Zeile auflebte. »Sie hat doch wohl deinen Brief erhalten, sie will nichts von dir wissen; dränge dich nicht auf!« das waren meine unkindlichen, schändlichen Gegeneinwendungen. Du hast mir in deinen traulichen und vertrauten Selbstbekenntnissen, mein geliebter Sohn, auch erzählt, daß mein Schreiben richtig in deiner Großmutter Hände gelangt ist, und welche Wirkung es gehabt. Du hast der »kranken Frau« das Ende, das selige Ende deiner Großmutter beschrieben, nicht ahnend, was die Sterbende dabei empfand. Ach, Anton, ich zittere Sie wiederzufinden, die uns beiden Mutter gewesen. Wird sie ihr undankbares, treuloses Kind nicht anklagen als ihre Mörderin vor Gottes Thron? Was hätte ich nun weiter noch von mir zu sagen; daß ich mich fester an Carino schloß denn jemals, weil die erneuerte Mahnung an Mutter und Sohn, die beide mein Frevel mir geraubt, mich das Bedürfnis, einem Wesen auf Erden anzugehören, furchtbar ernst empfinden ließ. Er war zu gutmütig, mich von sich zu stoßen, mich deutlich merken zu lassen, daß ich ihm eine Last sei; doch konnte ich es ahnen? Meine gepriesene Schönheit schwand mit der Jugend; meine Stimme nahm ab; nur höchstes Aufgebot der Kunstfertigkeit hielt mich noch. Italiens große Städte, die mich in meiner Blüte bewundert, hatten kaum noch Nachsicht für die alternde Künstlerin; ich errang mir mit Not und Mühe hier und da, was man einen succes d'estime nennt. Carino schlug vor, man möge es mit Paris versuchen, wo er als Virtuose zu glänzen wähnte. Ich fand unzählige Schwierigkeiten und Kabalen, die meine Debüts ins Unendliche hinausgeschoben. Er drang gar nicht durch neben Lafont, Boucher und anderen, und sein brillantester Erfolg ist, fürchte ich, jener gewesen, den er auf dem Boulevard mit des Bettlers Geige errang. Du weißt, mein Sohn, wie wir uns dort begegneten; wie ich, beim ersten Anblick von deiner Erscheinung ergriffen, in dir den Liebenauer Korbmacher, in diesem ein mir ungehöriges Wesen ahnte. Du verschwandest mir sozusagen unter den Augen. Alle Mühe, dich wieder zu entdecken, blieb vergebens. Endlich kam ich auf die halbverrückte Idee, du seist um jene Stunde, Gott weiß wo, gestorben und mir als Geist, als anklagendes Gespenst erschienen! Meine Gesundheit ging schon sehr bergab. Ich litt viel. Der Gram um dich trug dazu bei; nicht minder Carinos Ausschweifungen, die durch das Mißlingen seiner Pläne immer wilder wurden. Ich sah das niedrigste Elend vor uns. Ich klagte und jammerte; das Schlimmste, was ein Weib in meiner Lage einem solchen Manne gegenüber tun kann. Er mied meine Nähe und geriet immer tiefer ins Verderben. Wie mein durch tausend schwere Opfer erkaufter öffentlicher Auftritt ablief, hast du mit angesehen. Die Schmach, die ich erlebte, bohrte sich tief in mein eitles Herz ein, wo sie so lange bohrte, einem giftigen Tiere ähnlich an meinem Leben fraß, bis ich von deinen Lippen vernahm, daß eben jene Schmach dazu beigetragen, dich aus entehrenden Banden zu befreien, dir Rettung zu bringen. Auf meinem Sterbelager habe ich sie gebenedeiet, habe Gott dafür gepriesen, weil sie meinem Sohne zugute kam. Carino, der auf mein Debüt die letzte seiner Hoffnungen gebaut, geriet nun außer sich. Seine Gutmütigkeit unterlag der Wut; er verlor sich selbst; drohte mir mit Mißhandlungen. Ich mußte ihm entweichen. Rat- und hilflos wandte ich mich nach Turin zurück. Auch dort war meine Sonne untergegangen. Meine Zeit lag hinter mir. Du weißt, daß ein armseliger Spekulant versuchen wollte, mit einer italienischen Oper Deutschland zu durchziehen. Da es ihm an Mitteln fehlte, Talente zu engagieren, so begnügte er sich mit Stümpern und mit einem Namen ; diesen letzteren sollte ich hergeben. Er fand auch jenseits den Klang nicht wieder, den er diesseits der Grenzen schon eingebüßt. Die reisende Unternehmung quälte sich mühsam von Ort zu Ort, um bald gänzlich zu zerfallen. Der Impresario entfloh bei Nacht und Nebel; ich blieb mit meinen leeren Ansprüchen zurück, ohne Geld, ohne Aussicht, ohne Stütze; krank ; ach, schon krank zum Tode. Da traf sich's, daß der greise Puppenspieler durch seines Gehilfen Perfidie um Weib und Beistand gebracht wurde. Er hauste in demselben traurigen Gasthofe, den ich bewohnte. Seine Verlegenheit, meine Not fanden sich. Mir blieb die Wahl, aus dem unbezahlten Bodenstübchen geworfen, zu verhungern oder seinen Vorschlag anzunehmen. Ich wählte das letztere und gestattete ihm, daß er mich seine Frau nenne vor den Leuten; gelobt ihm, die Stelle der Entlaufenen bei den Marionetten zu übernehmen; dagegen mußte er mir geloben, keiner Seele zu verraten, daß ich eine herangekommene italienische Primadonna sei. Er hat sein Wort gehalten, ich hielt das meinige. Und da erschienst du ! Ob ich dich erkannte? Ob ich gleich bei deinem ersten Anblick wußte, wer du seist? Magst du es glauben oder nicht: Deine Mutter begrüßte dich als ihren Sohn! Und sie legte in feierlicher Mitternacht vor sich selbst wie vor Gott einen heiligen Schwur ab, du dürfest sie erst erkennen, wenn sie ein Leichnam geworden. Ja, das soll meine Buße sein. Im Augenblick des Verscheidens noch will ich sie festhalten. Ich will hinübergehen, ohne aus deinem Munde das Wort: » meine Mutter « vernommen zu haben. Aber, Anton, wenn ich nun wirklich tot bin, wenn ich regungslos auf meinem Sterbebette liege, wenn du diese Blätter liest und bis an diese von meinen Zähren verwischten Zeilen kommst ... nicht wahr, dann halten Grausen und Ekel dich nicht zurück? Dann senkst du dein schönes Haupt auf meinen Totenkopf hernieder und gibst den blauen, kalten Lippen einen kindlichen Versöhnungskuß? Ich werde ihn empfinden, diesen Kuß!« Siebenundsechzigstes Kapitel Erst nachdem die entseelten Überreste der »kranken Frau« in die Erde verscharrt waren, bekümmerte sich Anton wieder um andere Dinge. Der alte Dreher kam eigentlich nicht mehr zu sich. Von seinem letzten Rausche erwacht, gab er den Vorsatz zu erkennen, daß er von nun an bloß Wasser trinken wolle, und führte mit einer halb wahnsinnigen Konsequenz diesen Vorsatz durch, obgleich der Arzt ihm sagte, daß er auf diese Weise seinen Tod beschleunige, weil seine Natur allzusehr an starke Getränke gewöhnt sei, um die gänzliche Entbehrung derselben überdauern zu können. Darauf brummte er nur: »Wenn ich soff, behaupteten sie, ich beschleunige meinen Tod. nun ich nicht mehr saufen will, sagen sie dasselbe. Sie sollen mich in Ruhe lassen.« Darauf vernichtete er mit dumpfer, stumpfer Gleichgültigkeit den künstlichen Mechanismus seiner Figuren, die er völlig zerstörte und unbrauchbar machte. Doch geschah dieser barbarische Kindermord erst dann, als Anton auf wiederholtes Befragen die wiederholte, ausdrückliche Erklärung abgelegt hatte, er sei unwiderruflich fest entschlossen, das Gewerbe eines Puppenspielers nicht weiter fortzusetzen. »Ein anderer soll sie nicht haben!« murmelte der Greis und arbeitete mit größerem Eifer an der Vernichtung seiner Lieblinge, der Marionetten, und seines Stolzes, der Maschinerien, als er jemals Eifer und Fleiß auf deren Konstruktion gewandt haben konnte. Nur mit dem Unterschiede, daß Stunden hinreichten, zu zerstören, was lange Jahre mühsam geschaffen. Merkwürdig und zugleich erschütternd für den Zuschauer wurde der Kampf, den der alte, halbverwirrte Mechaniker mit seinem Liebling, seinem Schoßkinde, seinem verzogenen, übermütigen Kasperle einging. Nicht allein in meisterhafter Durchführung des vortrefflich gehaltenen komischen Charakters hatte sich des Meisters Vorliebe für diese Figur immer kundgegeben. Auch der Bau der Figur selbst war ungleich kunstreicher, komplizierter, wie alle übrigen. Die Puppe Kasperle, lenksam, gewandt und kräftig, bewegte sich, von ihrem Schöpfer geleitet, wie ein lebendiger Mensch. Und diese künstlich ineinander gefügten Glieder nun, deren lustige Schwenkungen so häufig, jubelnden Beifall erregt hatten, dieses altkluge Zwergengesicht mit dem beweglichen Munde, den rollenden Augen, dieser ganze kleine Kerl sollte nun zerstört werden. Es schien eine Art von Menschenmord. Dreher ging an diesen seinen Kasperle erst ganz zuletzt, erst nachdem ringsumher schon aufgeräumt war. Und als er das leblose Ding, dem er so oft Leben, Geist, Humor eingehaucht, jetzt auf den Tisch warf, schrie er laut auf: »Komm' her, Bruder Kasperle, ich muß dich sezieren!« Dann wieder küßte der Greis das Puppenantlitz, laut schluchzend: »Mein Kasperle, mein Brüderl muß sterben; legt's mich zu ihm ins Grab; was wird aus mir ohne meinen Kasperle?« Nach getaner Arbeit verkaufte er oder ließ er durch Anton verkaufen, was er an brauchbarem oder unbrauchbarem Gerät, Kleidungsstücken der Verstorbenen usw. noch besaß, raffte den bescheidenen Ertrag zusammen und kaufte sich in ein am Orte befindliches Altes-Männerhospital mit diesem Sümmchen ein, wo man ihn gern aufnahm, in der Voraussicht, daß er nicht mehr lange den erkauften Platz in Anspruch nehmen werde. Sein Abschied von Anton war herzlich; es flackerte, da er ihm Lebewohl sagte, noch einmal der Humor des Alten auf, und ein geistiges Verständnis dessen, was die Verstorbene ihm und seinem Geschäft, was Anton der Verstorbenen gewesen, schien noch einmal das umnebelte Haupt für etliche Minuten zu erhellen. Diesen lichten Moment gab er mit freundlichen Worten dem Scheidenden kund. Gleich darauf sank er wieder in Apathie. Anton hatte seiner Mutter Handschrift und anderweitige Papiere bis nach dem Begräbnis unberührt gelassen. Jetzt müssen wir einiges daraus und darüber nachtragen. Zuerst den Schluß des Manuskripts: »Du findest, mein geliebter Sohn, in dem Paket, das diesen Blättern beiliegt, die wenigen Briefe, die dein Vater mir gesandt, da er noch wähnte, mich zu lieben; auch dein Taufzeugnis liegt eingeschlossen dabei. Der Gewohnheit, diese Briefe immer bei mir zu tragen, verdanke ich, daß sie bei meiner Flucht nicht in N. zurückblieben. Diese Briefe sowohl als auch das Zeugnis samt einem anderen Blatte von der Hand unseres alten Nachmittagspredigers zu N., können dir wichtig und nützlich werden, wenn du, woran ich nicht zweifle, den letzten Willen deiner Mutter befolgst. Er besteht darin: Du verlässest, sobald meine irdischen Überreste beerdigt und deine Verpflichtungen gegen den alten Mann erfüllt sind, der dir Gelegenheit gönnte, deiner Mutter die letzten Liebesdienste zu erweisen, dieses Städtchen; verlässest es, ohne dich vorher noch einmal bei Hedwig oder deren Vater zu zeigen. Wie du mir den adel- und soldatenstolzen Rittmeister geschildert, würde für jetzt jeder Schritt nutzlos bleiben und das arme Mädchen nur noch unglücklicher, ihr den Kampf zwischen Liebe und Pflicht nur noch heißer machen. Begib dich allsogleich auf die Reise! Der blaue Papierumschlag, der ebenfalls beigelegt ist, enthält außer einigen in Banknoten umgesetzten, redlich für dich ersparten Talern (zu deiner Ausstaffierung) ein versiegeltes Schreiben an die Gräfin Julie Ellenstein. Dieses bringe ihr selbst; trage Sorge, daß man dich bei ihr vorläßt; frage nicht nach deinem Vater, frage nur nach der Gräfin. Ich weiß, daß sie noch lebt. Ihr, nur ihr allein übergib den Brief – und lasse Gott walten. Jetzt habe ich nichts mehr zu schreiben und könnte es auch nicht, denn ich fühle mich sterben. Ich hoffe noch Kräfte zu erschwingen, um dies Paket zusammenzubinden und es in meinen Koffer zu legen. Dann soll Dreher dich bei Hedwig abrufen. Der Himmel gebe, daß es nicht zu spät sei, für dich – wie für mich! Gehorche – Anton! den Bitten deiner unglücklichen Mutter. Sie liebt dich! Sie liebt dich und fleht um Verzeihung!« * »Wenn sie«, sprach Anton, »mir gebot, nicht mehr vor Hedwig oder deren Vater zu erscheinen, ehe sie noch erfahren, welch ernste traurige Wendung die Dinge dort genommen, – um wie viel mehr habe ich jetzt nicht Ursache, diesem Gebote Gehorsam zu leisten, wo ich die furchtbaren Worte gehört habe, die des erzürnten Rittmeisters Drohung zwischen mich und die Geliebte warfen. Ja, arme Mutter, Anton erfüllt deinen letzten Willen: er scheidet von seiner Liebe; er ist bereit, den schweren Gang anzutreten, dessen Ziel du ihm vorgeschrieben! Er will ein guter Sohn sein und will Hedwig, das edle Mädchen, nicht hindern, sich als gute Tochter zu zeigen. Du hast recht, Mutter; der liebe Gott mag walten!« Achtundsechzigstes Kapitel Wie oft, mein gütiger Leser, haben wir in diesem Büchlein unseren Helden schon beobachtet, wenn er wieder zu wandern begann. Ich wage nicht zu behaupten, aber ich wünsche, daß es mir gelungen wäre, deutlich darzustellen, wie er von Jahr zu Jahr an Einsicht und Verstand reifer, aus vielen Prüfungen immer besser, aus mancherlei unsauberen Verhältnissen und Umgebungen immer gereinigter hervorging. So wollte ich ihn an dir, mein Leser, vorüberführen; doch wie gesagt, ich weiß nicht, ob ich es vermocht habe. Mag mir aber bisher vieles in meiner Schilderung mißraten, das Beste mitunter in der schwachen Feder sitzen geblieben sein; eines wirst du mir beim strengsten Tadel zugestehen müssen: daß Anton durch die letzten Ereignisse einen großen Schritt in reife, männliche Selbstbeherrschung getan, daß er nun schon Rechte erworben habe, sich Mann zu nennen. So geleiten wir den jungen Mann mit Teilnahme, die wir seinen Irrwegen bisher widmeten, auf dem letzten, den er in dieser Weise antritt; der ihn, will's Gott, zum Ziele führen soll, wenn die Hindernisse besiegt sind, die sich ihm noch entgegenstellen werden. Geht er doch eigentlich zum erstenmal, seitdem er wandert, einem bestimmten Ziele entgegen; weiß er doch eigentlich zum erstenmal, seitdem wir ihn kennen, wohin er will. Und zwei Genien umschweben ihn; zwei sanfte Frauenbilder begrüßen ihn täglich. Wenn die Frühlingssonne den Morgen herausbringt, steht er Hedwig im Geiste vor sich, hört er aus blühenden Gebüschen ihre Stimme ihm zurufen: »Hoffe nur!« Wenn der Abend in grüner Ferne dämmert, ist es der Mutter bleiches Angesicht, aus Wolken lächelnd, das ihm wiederholt: »Ja, hoffe!« Warum sollte er nicht hoffen? Auch wachten mit jeder Meile, die er weiter ins Land, in den Frühling hineintat, jugendliche Heiterkeit, angeborener Frohsinn, dankbare Lebenslust in Antons Herzen mehr und mehr auf. Krankenlager, Totenbahre, mit all ihren schwarzen Trauerfloren blieben bei jedem Schritte seines Weges undeutlicher hinter ihm zurück; die zürnenden Worte, die Hedwigs Vater gegen ihn ausgestoßen, verhallten wie ferner Donner. Er vernahm nur der Tochter Liebesschwüre, hörte nur der Mutter segnende Verheißung, empfand nur Hoffnung und Zuversicht. Wenn seine Seele im vergangenen Winter, zwischen ahnungsvollem Anteil für eine kranke Frau und zwischen schwärmerischer Liebe für ein vorwurfsfreies Mädchen geteilt, einen höheren Schwung genommen, sich sozusagen der irdischen Sinnenwelt enthoben hatte, so kehrte sie jetzt, aus solchem seltsam bedrängenden Widerspruche befreit, zu ihren früheren weltlichen Anforderungen zurück, freute sich des jungen, kräftigen Körpers, den sie beherrschte, und strebte, von ihm getragen, behaglichem Dasein entgegen. Das alte Wort, daß einer schönen Seele am wohlsten sei in einem schönen Leibe, durfte an unserem Freunde seine ganze Wahrheit bewähren. Wer ihn so rüstig daher wandeln sah, konnte ihn für einen Halbgott halten. Für etwas dergleichen schienen ihn denn auch die Weiber und Mädchen ansehen zu wollen, die ihn willkommen hießen, wenn er nach rüstiger Wanderung die Herberge suchte. Die freundlichsten Worte wurden von allen Gästen ihm gegönnt, das Beste ihm gebracht, das reinste Lager ihm bereitet. Schon regte sich wieder des Vagabunden Übermut in ihm, nur daß der Gedanke an eine schwere Stunde sich lastend darauf legte und ihn niederdrückte. Diese Stunde, wo er der Frau Gräfin seiner verstorbenen Mutter Brief in eigene Hände zu übergeben gelobt hatte, war der schwarze Fleck in freier Wandertage Sonne; vor dieser Stunde fürchtete sich Anton. Doch die Furcht war ihm dienlich; sie hielt ihn in Maß und Gewicht; sie verlieh ihm den milden Ernst, der einen jungen Mann so trefflich kleidet. Daß er aber nicht ohne Abenteuer bleibe, daß der Gegenwart ein buntes Zeichen wildbewegter Vergangenheit nicht fehle, auch dafür sorgte das Schicksal. – Er hatte des eigentlichen Vaterlandes Grenzen bereits überschritten und berechnete schon mit bangem Vorgefühl den Tag, wo ei die Stadt erreichen würde, die er sich ausersehen, um, seiner Mutter Anweisung gemäß, die Kunst eines Schneiders in Anspruch zu nehmen, der ihn bekleide, wie er geziemend vor der Gräfin erscheinen solle. Die Hauptstadt wollte er durchaus nicht berühren, aus Besorgnis, sich dort unnütz aufzuhalten und dadurch die gefürchtete schwere Stunde noch weiter hinauszuschieben, die ihm jetzt schon so schwarz drohte, daß er sie nicht rasch genug herbeiwünschen konnte, damit sie nur überstanden wäre; – gut oder übel! er ließ also das alte Br. mit seinen Türmen zur Seite und schlug einen Feldpfad ein, der ihn in gerader Linie auf die Straße brachte, die zu seinem Ziele führte. Es war gegen Abend, doch immer noch heller Tag. Ein Sonntag. Auf den Feldern lag feierliche Stille, nur von der Lerche Vesperlied belebt; kein Mensch zu sehen, so weit das Auge reichte. Anton spürte schon die weiche, wehmütige Stimmung über sich kommen, die gegen Abend sich bei so vielen Menschen anmeldet und zwar, im Verkehr der Geselligkeit überschrien, in ungestörter Einsamkeit desto mächtiger zu reden pflegt. Sein Blick verfolgte eine hoch aufsteigende Lerche, so weit, daß sie ihm beinahe schon entschwand, als er über ihr einen größeren Gegenstand im blauen Raume wahrnahm, den er für einen Raubvogel hielt. Doch zeigte die Lerche nichts von ängstlicher Besorgnis, wirbelte vielmehr ihren Hymnus mutig fort. Erst als sie satt vom Singen war, ließ sie sich zu ihrem Neste nieder. Der Gegenstand in der Höhe nahm immer zu an Umfang – das war kein Raubvogel ... er senkte sich ... seine Formen traten deutlicher hervor ... Anton erkannte einen Luftballon. Nach und nach sonderte sich das Schiff, welches dieser Ballon trug, vor seinen Blicken deutlich ab ... Fahnen flatterten ... eine menschliche Gestalt bewegte die Fahnen ... das Gesicht wurde kenntlich ... es war ein Frauenzimmer! »Eine Luftschifferin!« rief er aus, »eine Luftschifferin, die aus der zweiten Residenz des Landes in die Wolken emporstieg und sich nun zu mir herabläßt; zu mir ganz allein. Denn so viel ich sehen kann, ist außer mir niemand zu sehen. Wie sie rasch sinkt! – Ja, das ist nicht anders; mit dem Steigen geht es nicht so geschwind. – Jetzt bin ich schon imstande, ihre Züge zu unterscheiden; – sie ist hübsch, – nun wirft sie einen Anker aus, – er greift nicht ein, – schnell ihr zu Hilfe!« Anton hing sich an den herabgeworfenen Strick. Der Ballon machte Miene, sich noch einmal zu heben, trug auch die neu hinzugekommene Last wirklich ein paar Schritte über den Boden hin; doch Anton ließ nicht los, und bald hatte sich die letzte Spur von Widersetzlichkeit verloren. Die Gondel wurde an einen Feldbirnbaum befestigt, die schöne Luftschifferin erreichte, über Antons Kopf, Schultern, Rücken kletternd, unversehrt den Erdboden. »Das war Hilfe in der Not!« rief sie aus, »wäret Ihr, guter Freund, nicht herbeigekommen, wer weiß, ob der Ostwind mich nicht bis nach jenem Gehölz getrieben und mir den Ballon in den Baumzweigen beschädigt hätte. Nun aber setzt Eurem guten Werke die Krone auf und rennt nach dem nächsten Dorfe, mir einen Bauernwagen und einige Arbeitsleute herbeizurufen, damit wir vor Nacht ins reine kommen. Ich werde Euch für Eure Mühe anständig bezahlen.« »Womit?« fragte Anton. »Womit? die Frage klingt verzweifelt naiv; womit bezahlt man sonst als mit Geld? Oder herrscht hierzulande ein anderer Brauch?« »Es kommt darauf an, Madame, wen man bezahlt, und wer bezahlen soll.« »Seht doch! Ihr spitzt Eure Redensarten gewaltig zu. Seid Ihr ein Schneider?« »Ihr meint, weil ich mein Ränzel auf dem Buckel trage, müßte ich ein Handwerksbursche sein? Aber so gut ist's nicht mit mir bestellt. Ich bin nur ein Landstreicher von Profession und gegenwärtig ohne Gewerbe.« »Und was für Länder habt Ihr neuerlich durchstrichen? Von wannen kommt Ihr? Wohin geht Ihr?« »Nicht alle Leute sind so glücklich, auf derlei Fragen erwidern zu können: vom Himmel auf die Erde, wie eine gewisse, Dame. Ich muß gestehen, daß ich von Paris über Turin und Nizza geraden Weges hierher stiefelte, Euch an diesem Platze die Hand zu bieten.« »So habt Ihr mich erwartet? Nicht übel. Ihr scheint besser unterrichtet vom Strom der Lüfte als ich, die ihm Folge leisten muß. Sollte es mich doch nicht wundern, wenn Ihr mir einreden wolltet, wir wären alte Bekannte.« »Und das sind wir in der Tat. Ich glaube, Euren Namen zu kennen – und Euch.« »Leicht möglich. Ihr habt in irgend einem Nachtquartier ein Zeitungsblatt erwischt, das meine heutige Luftfahrt verkündet.« »Mit nichten. Davon habe ich nichts gehört, noch gelesen. Auch bin ich nicht imstande, Euch zu sagen, wie Euer jetziger Name lautet; denn ich sehe einen Trauring an Eurer Hand, und so vermute ich, daß Ihr nach Eurem Gatten heißt. Doch in der Taufe empfingt Ihr den Namen Rosalie, und nach Eurem Vater wurdet Ihr Sanchez genannt. Wer Rosalie Sanchez einmal gesehen hat, wer von ihr angeblickt wurde, wie ich Unwürdiger, der kann sie unmöglich vergessen; der müßte sie wiederkennen und wenn sie auf einem feurigen Drachen angeritten käme, mit einer Suite von allem, was die liebe Hölle an niedlichen Teufelchen besitzt.« »Wenn's noch lange so fortgeht, holdseliger Landstreicher, bin ich geneigt, dich selbst für einen Teufel zu halten. Das ist die originellste Entrevue, das sonderbarste Rendezvous, dessen ich mich aus meiner Praxis erinnere. Aber deiner, mein Unerklärlicher, kann ich mich wahrhaftig nicht erinnern. Hätten wir uns näher gekannt, – ich will nicht nein sagen, denn ich bin meiner Sache nicht gewiß, – so wird sich das später finden; für jetzt wiederhole ich meine Bitte, der Tag geht zu Ende.« »Ich eile zu gehorchen. Bald sehen Sie mich wieder mit Wagen, Pferden, Eseln und anderen Menschen. Bewahren und bewachen Sie so lange, wenn ich auch eine Bitte wagen darf, die Last meiner Schultern. Dort rauchen Schornsteine; das halbe Meilchen ist bald zurückgelegt.« Anton warf sein Felleisen zu Rosalies Füßen und flog querfeldein dem fernen Dörflern zu. * Wie er auch seine Schritte fördern mochte, doch war die Dunkelheit schon hereingebrochen, bis er mit den nur mühsam aus der Schenke zu holenden Bauern angefahren kam. Rosalie, die sich aus seinem Felleisen ein Kopfkissen gemacht, schlief ruhig unter dem alten Birnbaum, dessen Blüten wie Schnee im reinen Ostwind auf sie herabsäuselten. Das Wiehern der lustigen Pferde, das Rasseln des Leiterwagens, das Geschrei, womit die staunenden Landleute den noch immer in der Luft schwankenden, wenn auch schon höchst abgemagerten Ballon begrüßten, erweckte sie nicht. Erst als Anton ihr einen herzlichen Kuß auf die im Schlafe lächelnden Lippen drückte, ermunterte sie sich. Ihre erste Tat nach dem Erwachen war diese, daß sie dem Küssenden eine derbe Ohrfeige gab; dann sagte sie freundlich: »Nun, Landstreicher, seid Ihr wieder da?« Unter ihrer Leitung, und indem sie tätig half, wurde der Ballon bei Sternenschein völlig entleert, zusammengepackt, aufgeladen; die ganze Gesellschaft nahm auf Strohbündeln Platz; dann ging es gute? Dinge dem Dorfwirtshause entgegen, wo eine Schar müßiger Sonntagsgaffer des ungewöhnlichen Besuches harrte. Sie warf das Geld mit vollen Händen aus, handelte nicht mit den Leuten, entließ alle, die ihr Beistand geleistet, zufrieden und dankbar. »Wie steht es aber jetzt mit meinem Landstreicher?« fragte sie, »in welcher Münze soll ich diesen befriedigen?« »Ich habe Euch«, erwiderte Anton, »eine Probe des Münzfußes, der in meinen Staaten gilt, auf die Lippen geprägt; in dieser Gattung mögt Ihr weiter zahlen.« »Nicht doch, mein Lieber; das wäre Falschmünzerei, und mein Gemahl –« »O der – ist nicht hier!« »Freilich nicht. Und Euch die Wahrheit zu gestehen, ist er überhaupt nicht mehr vorhanden.« »Ihr seid Witwe?« »Seit einem Jahre. Mein armer Mann hat den Hals gebrochen, indem er aus derselben Gondel herabstürzte, die mich heute trug.« »Und Ihr wagt ...« »Torheiten! Leid Ihr ein rechtschaffener Vagabund, ein tapferer Landstreicher, und wollt nach solchen Kleinigkeiten fragen? Schweigen wir davon. Fahrt lieber in Euren Erzählungen fort, die Ihr auf dem Leiterwagen so heiter begonnen. Wir standen eben bei Laura, die Euch neidisch in die Seite stieß, als ich Euch einige unschuldige Oeilladen lancierte. Was ist aus dem schönen Weibe geworden? Habt Ihr Euch wiedergesehen?« »Das sind lange Geschichten, reizende Rosalie; lange, langweilige, traurige Geschichten, zu denen diese Nacht nicht ausreichen dürfte. Und morgen müssen wir uns trennen; Ihr kehrt in die Hauptstadt zurück, – ich habe ein ernstes, schweres Geschäft zu bestellen, von dessen Erfolg meine ganze Zukunft abhängt. Dann hat der Spaß ein Ende. Laßt mich diese Stunden noch heiter verbringen; erzählt mir von Euch, von Euren Triumphen, Liebschaften, Eurer Ehe; wie Ihr vom Seil in die Gondel gestiegen seid; wo Euer Vater, Eure Schwestern geblieben sind. Setzt Eure Lippen in Bewegung. Diese müssen mich nun einmal bezahlen, und darf's nicht mit Küssen sein, laßt es mit Worten geschehen.« Rosalie schwieg einige Minuten, während welcher sie Anton betrachtete. Dann hub sie in ernsthafterem Tone an: »Ich weiß nicht, warum es mir unmöglich ist, die Verstellung, ja die Lüge, worin ich mich vor allen Menschen hülle, die ich auch Ihnen entgegentrug, jetzt länger fortzusetzen. Eine Empfindung eigener Art – weiß ich doch kaum, ob ich sie Mitleid nennen soll – drängt mich, gegen Sie aufrichtig zu sein. Vielleicht entspringt sie aus einer Ahnung, daß die Frivolität, die Sie zu zeigen erstreben, nicht minder erheuchelt sei als jene, mit welcher ich prahle; daß auch Ihr Herz von heißen Schmerzen zerrissen ist, daß auch über Ihr junges Haupt Jammer, Not, Elend und Verzweiflung schon ihre glühenden Schalen ausgegossen haben wie über das meine. Fort mit der Lüge! Fort mit erquälter Lustigkeit, mit frechen Witzen, Sehen Sie mich, wie ich bin, und wenn es Ihnen wehe tut, in einen solchen Abgrund des Grames zu schauen, dann um so besser für Sie. Mir ist nicht mehr zu helfen. Ihnen kann ich vielleicht nützen, wäre es auch nur dadurch, daß, mit meinem Unglück verglichen, das Ihrige Ihnen wie Glück erscheinen wird. Als Sie mich in D. sahen, kann ich beinahe vierzehn Jahre alt gewesen sein. Das Jahr zuvor hatte mein Vater mich an einen reichen Russen verkauft. In diesen wenigen Worten ist die Geschichte meiner Jugend enthalten. Ich fuhr fort zu sündigen, nicht, weil mich Leidenschaft oder Neigung trieb, sondern nur aus Eitelkeit, aus Lust am Schlechten, Gemeinen, Niedrigen. Es fehlte nicht an Verehrern, die ich, einen wie alle, verhöhnte, denen ich Geschenke abschwatzte, und über die ich mich, je vornehmer und reicher sie waren, desto lieber und ausgelassener lustig machte in vertrautem Umgange irgend eines kecken Schulknaben, eines Lehrjungen, eines Jockeys. Mit sechzehn Jahren stand ich auf einer so niedrigen Stufe der Verderbtheit, daß ich kaum noch tiefer hätte sinken können. Dabei wurde ich immer schöner. Es scheint Naturen zu geben, die im Laster äußerlich gedeihen und sich nur kräftiger blühend daraus entfalten wie manche üppige Frucht am goldensten und duftigsten aus Mist emporwächst. Ich ward angestaunt wie ein Wunder von Schönheit, Gewandtheit, Körperkraft, Bravour auf dem Teile der Korruption. Mehr als die vorhergehenden Eigenschaften brachte die letzte mich en vogue . Es gab einen förmlichen Wettstreit unter den Männern von Ton, jungen wie alten, wer zuerst und zumeist erproben solle, wie weit meine Frechheit reiche. Mitten in diese Nacht und Finsternis eines verworfenen Daseins fiel ein Strahl des Lichtes und der Liebe; ein Engel, der Mitleid und Erbarmen gefühlt, weil so viel Schönheit und Geist – (das klingt Ihnen sehr anmaßend, nicht wahr? Dennoch habe ich ein Recht, es zu sagen) – im Kot untergehen solle, führte mir ein Herz entgegen: ein Herz! Das einzige, was mir noch niemand geschenkt, niemand nur gezeigt hatte. Rohe, selbstsüchtige Begierde hatte mir Gold über Gold geboten, das ich verachtete, nahm, verschwendete, um verachtet zu werden. Hier forderte bescheidene Liebe ein Herz für das seine, – und mit Schauder mußte ich entdecken, daß ich des Tausches unwürdig sei. Der junge Mann, dessen Bekanntschaft ich in einer belgischen Stadt machte, war von Geburt ein Deutscher, nach seiner Eltern Tode von einer hier verheirateten, kinderlosen Tante aufgenommen worden und stand im Begriff, seine Studien als Physiker, Chemiker, Techniker zu vollenden, wonach er eine Stellung in Brüssel oder gar Paris zu finden dachte. Er sah mich und faßte für mich jene glühende Leidenschaft, die mit verderblicher Gewalt sich bisweilen eines jungen Mannes um so furchtbarer bemächtigt, wenn er selbst noch ganz unverdorben ist. Da er keinen Begriff haben konnte von meiner Schlechtigkeit, weil er überhaupt nicht zu ahnen vermochte, daß es Teufel meiner Gattung in dieser Gestalt und in so zarter Jugend auf Erden gebe, ließ er kein Mittel unversucht, sich mir zu nähern. Ich, seine Schüchternheit durchschauend, kam ihm sittlich entgegen, war schlau genug, ihn über mich und meine Eigenschaften zu täuschen, spielte die Vorwurfsfreie, die nur aus Liebe für ihn sich schwach zeige, und schloß auf diese Art ein Bündnis, das ihn beglückte, das er als ein unauflösliches betrachtete. Dies tat ich, weil ein solches Spiel mir neu war, anfänglich ohne tiefere Empfindung. Ja, ich verspottete seine Leichtgläubigkeit, indem ich ihm Treue schwur. Aber das dauerte nicht lange. Der wahren, aufrichtigen Feuerglut heißer Liebe widersteht fühllose Härte zuletzt doch auch nicht. Während ich noch wähnte, dies Verhältnis zu beherrschen und ihn von mir zu stoßen, sobald es mir nötig scheinen würde, war Reinhard schon der Herr meines Willens geworden. Ich ging ernstlich mit mir zu Rate, und ich entdeckte, daß ich für ihn empfand, was ich noch nie empfunden. Zuerst erschrak ich vor mir und meinen Gefühlen; sah ich doch meine wilde Freiheit gefährdet! Ich wollte mich losreißen; ich versuchte, ihm untreu zu werden. Vergebliche Mühe! Die Wahrheit brach durch, das Reich der Lüge war zerstört, die Sünde lag bloß und nackt in ihrem Schlamme zu meinen Füßen – ich gehörte ihm ! Doch zugleich begriff ich, daß ich seiner Achtung, seiner Treue, daß ich seiner nicht würdig sei! Und dies durfte ich ihm nicht verschweigen. Der Arme! Wie bleich und erschüttert stand er vor mir, als ich meine Bekenntnisse ihm ablegte, als ich ihm enthüllte, wen er Geliebte nenne! Nein, ich schonte mich nicht. »Tritt mich in den Kot, aus dem du mich erhoben hast«, rief ich ihm zu; »wirf mich zurück in den Pfuhl, dem ich entstiegen bin, deine reine Seele durch den Hauch dieses Atems zu beflecken; töte mich, – aber verzeihe mir!« Und er hob mich auf und sagte nur: »Was du warst, bevor du mich kanntest, darf ich nicht richten, noch verdammen; die Frage ist nur, was du warst, seitdem ich dich liebe, was du wurdest, seitdem du mich liebst: was du sein wirst und willst, so lange wir uns lieben werden. Und deshalb frage ich dich: bist du mir treu gewesen von der Stunde an, wo du mein warst? Willst du mir treu sein und bleiben aus frohem Herzen und freiem Willen bis zum Tode? Und kannst du diese Frage mit einem entschiedenen Ja beantworten, jetzt, zu dieser Stunde, so werde ich um so sicherer an dich glauben, je ungeheurer deine freiwilligen Geständnisse sind; werde um so fester an dir halten, je höher du dich zu erheben vermochtest durch deine und meine Liebe. Trennen von dir kann ich mich nicht mehr. Erwiderst du Nein , dann sprichst du mein Todesurteil, doch sterbend will ich dich noch segnen, daß du die Wahrheit gesprochen. Kannst du Ja sagen, dann ist es unser beider Leben. – Ich sagte Ja ! Ich durfte es sagen mit gutem Gewissen. – »Mein Vater sah die Liebschaft, die seine ›einträglichste‹ Tochter mit einem unbemittelten Studenten unterhielt, nicht günstig an. Noch ungünstiger mußte eine Geliebte, die sich allabendlich auf dem Seile schwang und ihre Reize unweiblich zur Schau trug, Reinhards religiösen, bürgerlichen Verwandten erscheinen. Gedrückt, gescholten, gestört von beiden Seiten, entschlossen wir uns zur Flucht. Reinhard hatte schon früher mancherlei Versuche gemacht, sich gewagten Theorien hinzugeben, die Luftschiffahrt betreffend. Einem Charakter von seiner Energie war das Bücherleben stets lästig gewesen. Ihn trieb es, zu wagen, zu gewinnen! Ein bestimmter Zweck nur hatte ihm gefehlt, nach außen zu streben. Dieser zeigte sich nun. Er durchbrach seine Ketten, ich die meinigen, wir entwichen miteinander. Was wir an Geld und Geldeswert besaßen, wurde verwendet, seine Pläne auszuführen. In einer französischen Grenzstadt, wo wir einen stillen Zufluchtsort gefunden, begann und vollendete der in allen mechanischen Geschicklichkeiten geübte Reinhard seinen großen Luftballon, mit vielfältigen neuen Verbesserungen ausgestattet, die er selbst ersonnen. Seine erste Probefahrt unternahm er, ohne sie vorher öffentlich anzukündigen. Da sie über alles Erwarten günstig ausfiel, ließ er ihr bald eine zweite folgen, die ein ansehnliches Publikum versammelte und uns eine gute Einnahme brachte. Von nun an schien uns alles gelingen zu wollen. Wir durchstreiften ganz Frankreich, England, und in allen Städten erntete Reinhard Geld und Ruhm. Die Besorgnisse, die ich anfänglich gehegt, wenn ich ihn sein Leben einem so gebrechlichen, dünnen Fahrzeuge anvertrauen sah, schwanden gänzlich durch die Macht der Gewohnheit. Wie zu einem Spaziergange durch Feld und Flur sah ich ihn zu jeder neuen Fahrt sich rüsten, winkte ich ihm lächelnd ›viel Vergnügen‹ nach, wenn er von mutiger Freude strahlend emporstieg. Ich liebte ihn mit einer Innigkeit, die sich durch Worte nicht beschreiben läßt; ich lebte nur in ihm, nur in meiner Anhänglichkeit für ihn. Seine Sanftmut legte meinen üblen Gewohnheiten den mildesten Zwang auf. Ich besserte mich, ich wurde gut, weil es mich glücklich machte, ihm zu gehorchen, ihm nachzustreben. Ich glaube nicht, daß auf dieser Erde noch zwei Menschen leben, die so glücklich miteinander sind, wie ich mit ihm war. Wir waren nie getrennt, auch nicht auf Viertelstunden, außer wenn er in die Luft stieg. Und daß ich, während er die blauen Räume durchflog, auf der Erde weilen mußte ohne ihn blieb die einzige Einwendung, die ich gegen seine Wagnisse vorzubringen wußte. Ich beneidete die Wolken, durch die er drang, ich fühlte Eifersucht gegen die Adler, die sich ihm nähern durften. Da schlug er mir vor, ihn zu begleiten, halb scherzend, und war nicht wenig erstaunt, als ich seinen Vorschlag feurig ergriff. Er durfte sein Anerbieten nicht mehr zurücknehmen, ich ließ ihm keine Ruhe. Wir gingen ohne Aufschub an die Arbeit, einen zweiten größeren Ballon zu bauen; schon der nächste Sommer fand uns bereit, die gemeinschaftliche Reise anzutreten. Ich zählte vor Ungeduld Stunden und Minuten; der Gedanke, mit ihm vor aller Blicken mich erheben, mir sagen zu dürfen, er ist dein, du bist sein, und so schwebt ihr, ein seliges Paar, zu den Sternen hinauf, machte mich schon im voraus rasend vor Entzücken. Wenn ich dabei wider Willen an Gefahr denken mußte, so dachte ich nichts als meinen – unseren Tod. Und Tod mit ihm! Was konnte das anderes sein als Leben? Ich fürchtete nicht den Tod an Reinhards Seite; ich forderte ihn höhnisch heraus, ... und er übte die furchtbarste Rache. Wir stiegen vor einer unermeßlichen Schar von Gaffern, die dem jugendlich schönen Paare laute Bewunderung zollten. Im Augenblicke, wo man die Stricke losließ und der umfangreiche Luftball sich mächtig hob, umschlang ich mit dem linken Arm den Geliebten, mit dem rechten schwenkte ich über den Rand der Gondel hinaus eine Fahne, wie triumphierend über unser Glück. Obwohl wir mit ungemeiner Schnelligkeit emporflogen, regte sich doch in mir nicht eine Spur von Besorgnis; je höher wir drangen, desto wohler fühlte ich mich, und in diesem Gefühle übersah ich, daß Reinhard unruhig, ja ängstlich wurde. Endlich aber konnte mir trotz meiner übermütigen Stimmung nicht länger entgehen, wie er sich vergebens bemühte, das Ventil, das hoch oben am Ballon angebracht ist, zu öffnen. Auf meine Frage, wozu, erklärte er mir, der Ballon sei zu stark gefüllt, es habe ein Versehen stattgefunden, und nun könne er die Klappe, durch die der Überfluß an Gas ausströmen solle, nicht öffnen, weil die Schnüre sich verwickelt hätten. »Was kann uns geschehen?« fragte ich, ohne mit der Stimme zu beben. »Wir fliegen immer höher«, sprach er, und indem er sich zu trübseligem Lächeln zwang, fuhr er fort: »Möglicherweise gelangen wir in die Sonne!« »Laß uns im Monde bleiben«, rief ich ihm zu, »der Mond ist der Stern der Liebe!« – Doch kaum hatte ich diese Worte gesprochen, als auch schon unser Flug gehemmt schien und wir zuerst langsam, dann immer schneller sanken. Ich sah Reinhard forschend an. Er wies nach oben – der Ballon war geborsten, durch einen großen Riß entleerte er sich unglaublich schnell. Wir schwebten über einer öden, menschenleeren Waldstrecke. Um diese zu vermeiden und womöglich eine freie Fläche zu gewinnen, bevor wir den Boden erreichten, wurde aller Ballast ausgeworfen, doch vergebens. Die Erleichterung der Last stand in keinem Verhältnis zur Abnahme der tragenden Kraft: diese wurde von Augenblick zu Augenblick geringer; unser Fallen glich beinahe einem Sturze: mir vergingen fast die Sinne, Reinhard behielt vollkommene Fassung. Er band sich das Ende eines Strickes, nachdem er das entgegengesetzte an die Gondel befestigt, um den Leib, er sah den Moment, wo wir eine Lücke im Walde unter uns hatten, sprang tollkühn hinab, erreichte mit seinen Füßen glücklich den Erdboden und wendete jetzt alle Kräfte an, den Ballon bis zum nächsten Baume zu zerren, an dessen Stamm er sich klammerte und sodann den Strick befestigen wollte. Doch er hatte nicht berechnet, daß, von dem Gewicht seiner eigenen Schwere befreit, das zerrissene Gewebe sich noch einmal erheben könne. Dies geschah, und mit so tückischer Gewalt, daß der Unglückliche in fruchtlosem Widerstreben vom Boden aufgezogen wurde. Ich streifte über die Wipfel der hohen Bäume hin und zerrte den gemißhandelten Leib meines Geliebten hinter mir her; ehe ich noch mit blutenden Fingern den Knoten gelöst, den er in seiner Todesangst für mich doppelt fest um die Gondel geschlungen, war sein Haupt schon zerschellt an den Ästen der starren, fühllosen Bäume. Die Gondel blieb in den Zweigen hängen. Ich kletterte hinab. Ich band den Leichnam los. Ich warf mich über ihn ... Das übrige ergibt sich von selbst. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, hoffe ich, warum ich die Luftschifferei fortsetze. Die Leute wähnen, weil es ein einträgliches Gewerbe sei für eine so junge, schöne Witwe. Was kümmern mich die Leute? Sie haben gesehen, wie gering ich das Geld achte. Ich wage mein Leben in der Erinnerung an den, der auf diese Weise das seinige verlor; ich wünsche zu sterben gleich ihm. Ich denke nur seiner, wenn ich, abgeschieden von diesem Erdgewühl, hoch über eurem Jammer in Lüften Hause. Dann glaube ich seine Nähe zu fühlen, und eines Tages, meine ich, wird er kommen, mich zu sich zu rufen. Vor den Menschen zeige ich mich lustig, keck, vielleicht frech! Warum soll ich mich dem Gesindel zeigen, wie ich bin? Sie verstehen mich nicht; ich habe als Kind schon gelernt, jung und alt zu verachten. Daß ich Ihnen mein Herz geöffnet, kaum weiß ich selbst, warum. Vielleicht verdienen Sie's nicht? Doch es ist geschehen! Und nun leben Sie wohl. Ich danke Ihnen noch einmal für Ihren Beistand; er war mir willkommen. Denn, suche ich schon den Tod, siegt doch in solchen Augenblicken immer wieder des Lebens angeborener Trieb. Auch will ich nicht unten, nicht auf dem schlechten Erdboden enden. Mein Reich ist die freie Luft. Hört Gott mein Gebet, dann sendet er mir einen seiner Blitze, der mich in Feuer hüllt, wenn um mich her die schwarzen Wolken krachen. – Viel Glück, Vagabund, auf die Reise! Jetzt gehe ich schlafen.« Neunundsechzigstes Kapitel Anton stand vor den eisernen Gittern des Schlosses Erlenstein. Gewiß waren es die Urenkel jener großen Hunde, von denen seiner Mutter Handschrift berichtet, die ihn heute schmeichelnd begrüßten, wie deren menschenfreundliche Vorfahren dereinst die arme Antoniette begrüßt hatten. Auch das Geschlecht der Besitzer hat seitdem gewechselt, und wenn es nicht Urenkel sind, denen er entgegentreten soll, ist es doch der Sohn jener strengen, edlen Gräfin, dem er nun als Sohn Vaterliebe abgewinnen will. Den Wanderburschen hat er im Gasthause gelassen. Im schwarzen Kleide, wie man zum Feste geht, mit der Haltung eines feingebildeten Mannes nähert er sich den Stufen, vor denen damals seine Mutter um Einlaß bat. Er fragt zunächst nach der Gräfin, für die das Schreiben der Verstorbenen bestimmt ist. Ein Kammerdiener – nicht mehr der graue, treue Diener und Vertraute der Familie, denn er ist längst geschieden, seiner alten Herrschaft zu folgen – gibt ihm kund, daß die Gräfin abwesend sei, auf einem Ausflug nach ihrem lieben Sophienthal begriffen. Der Graf sei zu Hause, und er könne gemeldet werden, obwohl seine gräfliche Gnaden leidend wären. Anton schwankte. Seine zuckenden Fingerspitzen halten das Schreiben, das er schon wie eine vorzuzeigende Beglaubigung in Bereitschaft hat; der Kammerdiener sieht es, erbietet sich, es dem Grafen einzuhändigen. Anton zögert; er dürfe es nur in die Hände der Gräfin legen, sagt er. Dem Diener kommt sein Benehmen befremdlich vor; ehe noch ein bestimmter Entschluß ausgesprochen wurde; erfährt Anton, daß er angemeldet sei, und daß der Graf ihn erwarte. In einem großen Eckzimmer des oberen Stockwerkes, mit offener Aussicht auf einen frisch grünenden Park, den Krankenstuhl ans Fenster geschoben, von Hunden umlagert, sitzt, liegt vielmehr Graf Guido von Erlenstein, ein Mann von etlichen und vierzig Jahren, und begrüßt den von streitenden Empfindungen fast betäubten Anton mehr erstaunt als unfreundlich, obgleich die Züge des männlich schönen, durch einen überlangen Reiterbart abgeteilten Angesichts deutlich zeigen, daß gerade in dieser Stunde die Fußgicht einen heftigen Anfall auf des Leidenden gute Laune unternimmt. Was dem Kammerdiener gleich bei Antons Erscheinen auffiel, verfehlt jetzt auch nicht, sichtbare Wirkung auf den Gebieter zu machen: es ist die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn. Der letztere, dessen unsteter Blick in einen großen Wandspiegel fällt und sich darin neben dem Grafen erblickt, fährt erschrocken zurück, ohne passende Worte für eine Anrede zu finden. Sie schauen sich beide schweigend an, bis der Kammerdiener sich zurückgezogen und die Tür hinter sich geschlossen hat. »Sie haben, wie ich höre, einen Brief für meine Gemahlin? Von wem kommt er? Und was will er?« »Es ist ein Brief, den meine Mutter kurz vor ihrem Tode schrieb, den ich persönlich überreichen soll nach ihrem letzten Willen.« »Hieß Ihre Mutter Antoinette? Antoinette Hahn?« »Ja. Herr Graf!« »So bist du mein Sohn!« Bei diesen nicht ohne Rührung ausgerufenen Warten hielt der Graf dem jungen Manne die Hand entgegen, wie wenn er sie ihm reichen wollte. Anton trat einen Schritt vor, ergriff die Hand und führte sie ehrerbietig an seine Lippen. Graf Guido betrachtete ihn lange, als ob er ihn im Geiste mit einem Abwesenden vergleichen wollte, dann schüttelte er wehmütig den Kopf, stieß einen tiefen Seufzer aus und versank in trauriges Nachsinnen, woraus er sich mit unverkennbarer Mühe aufraffte. »Ich habe kein Geheimnis vor meiner Frau, Anton; Gräfin Julie weiß alles, was ich von dir und deiner Mutter ihr zu sagen wußte. Du begehst also keine Verletzung gegen den Wunsch der Verstorbenen, wenn du mir das Schreiben mitteilst, das sie dir hinterließ. Ich will es lesen, ehe wir weiter miteinander verhandeln.« Anton überreichte den Brief seinem Vater. Als dieser die Aufschrift erblickte, schien er sich der Handschrift zu erinnern, die ihm dereinst so teuer gewesen. Er sagte leise: »Armes Mädchen!« Dann las er: »Gräfin Julia! Wenn Ihre Freundin, die Frau des Pastors in Sophienthal, noch am Leben ist, wie ich hoffe, mag sie Ihnen bestätigen, daß nicht lange Zeit vor Ihrer Vermählung ein verlorenes Mädchen im Pastorhause übernachtete und von dort aus ein Briefchen an den Grafen Guido, Ihren damaligen Bräutigam, richtete. Dieses Mädchen, das Ihnen als eine arme Verwandte der Pastorin vorgestellt ward, bin ich. Nach Sophienthal war ich gekommen, um Sie zu sehen; um zu erfahren, ob die beglückte Nebenbuhlerin, der ich hatte weichen müssen, meinen Haß verdiene, ob meine Liebe! Ich hörte Sie, Gräfin, ich sah Sie, – und ich entsagte. Voll von Ihrem Bilde, desgleichen ich zu jener Zeit noch nicht gesehen hatte, desgleichen mir auch im Laufe meines elenden Lebens nicht weiter begegnet ist, schrieb ich Ihrem künftigen Gatten und gab ihm seine Schwüre zurück, seine Freiheit, mit dem einzigen Vorbehalt, daß er sich bestrebe, Ihrer würdig zu werden. Ich zweifle nicht, daß er diese meine Bedingung redlich erfüllt hat; an Ihrer Seite konnte er ja nicht anders. Und da eine glückliche Ehe volles Vertrauen bedingt, so wird Ihnen Guido unfehlbar von den Verirrungen seiner Jugend, wird Ihnen auch von mir erzählt haben. Deshalb darf ich nicht fürchten, Zwietracht zu erregen, wenn ich jetzt von meinem Sterbebette zu Ihnen rede, wenn ich Ihnen meinen Sohn – den Sohn Ihres Gatten – empfehle! Ich habe in unweiblichem Hochmut, in eitlem Zorn Eltern und Kind verlassen, habe das Dasein einer lieblosen Mutter, einer undankbaren Tochter unter goldenen Flittern und glänzendem Elend im Widerstreit mit meines Herzens besserer Stimme geführt, bis zuletzt Krankheit und Lebensüberdruß an der Hand des Mangels mich dem offenen Grabe überlieferten. An seinem Rande stehend, wurde mir noch ein Zeichen ewiger Gnade und Barmherzigkeit zuteil: Gott sandte mir meinen Lohn, daß er die letzten Tage der Sterbenden durch seine Nähe, durch sein Mitleid verklärte. Gott sandte ihn mir , ich sende ihn der Gräfin Julia! Er hat in unsteten Wanderungen, in Torheiten und Irrtümern ein reines Herz bewahrt. Er ist würdig, durch Gräfin Julia seinem Vater ans Herz gelegt zu werden. Gott hat es also gefügt. Sie verkennen diese Fügung nicht, dessen bin ich gewiß, und so sterbe ich ruhig und gern. Der Segen einer armen Sünderin dringe aus dürftiger Totenstube in Ihres Schlosses Hallen. Antoniette . Guido hatte diesen Brief laut vorgelesen, mit fester Stimme, gleichsam um sich den Inhalt und die Bedeutung desselben recht ins Gemüt zu führen. Er sagte dann zu Anton: »Es war nicht unsere Schuld, daß von unserer Seite nichts für dich geschehen konnte; weder meine Schuld, noch meiner seligen Mutter, am allerwenigsten meiner guten Frau, die, nachdem sie durch mich von deiner Existenz erfuhr, tief bekümmert war, nicht für dich sorgen zu dürfen. Deine Mutter hatte es also gewollt: die furchtbarste Drohung ward durch sie an jeden Versuch geknüpft, den wir gewagt hätten, dir hilfreich zu sein. Auch wähnte ich dich mit ihr in weiter Ferne. Jetzt bist du hier, und ich freue mich dessen. Daß Julia dir Mutter werde, bedarf es doch dringenden Mahnung dieses Briefes nicht. Du selbst sollst bestimmen, was wir für dich tun, in welche Formen wir unsere Pflichten für dich kleiden dürfen. Fürs erste bleibe einige Tage hier, daß ich dich, daß ich deine Vergangenheit kennen lerne. Unterdessen kehrt die Gräfin aus Sophienthal heim, und dann ...« Diese Rede ward unterbrochen durch das Geräusch eines am Schlosse vorfahrenden Wagens, dem der Graf aufmerksames Gehör zuwendete, wobei der Ausdruck ängstlicher Besorgnis seine bisher freundlichen Mienen verdüsterte. Er hieß Anton nach dem Vorzimmer gehen und einen Diener herbeirufen. Als dieser kam, fragte er hastig: »Wer war's?« Und als der Diener entgegnete: »Der junge Graf!« warf sich Guido halb zornig, halb niedergeschlagen in seinen Lehnstuhl zurück, laut ausrufet »Den führt ein böser Geist um diese Stunde nach Hause!« Anton begriff, daß er in einem Sohne seines Vaters, den eine solche Äußerung empfing, keinen Bruder zu erwarten habe, und fragte bescheiden, ob er sich entfernen solle. Graf Guido winkte ihm, zu bleiben. »Geschehen muß es doch, erfahren muß er es doch, daß du lebst und Ansprüche hast, zu leben. Besser heute, als später! Vielleicht kommen wir mit einem Sturme durch! Anton, du wirft in diesem Hause etwas erblicken, was selten ist: einen Sohn, den seine eigene Mutter (gegen alle Welt nur Huld und Güte) geringschätzt, meidet, haßt, soweit sie hassen kann! Einen Sohn, den sein Vater abgöttisch liebte, verzog, sich über den Kopf wachsen ließ, und den er nun fürchtet, wie man nur einen grausamen Tyrannen fürchten kann, weil die Affenliebe für ihn noch nicht besiegt ist; einen Sohn endlich, der, die Selbstsucht in Person, für keinen Menschen ein Herz hat, für seine Eltern am wenigsten' der in Müßiggang und Wildheit die Zeit verschwendet und sich hier nur blicken läßt, wenn er Geld braucht. Ich hatte nur noch eine Hoffnung für ihn: er sollte die Tochter aus einer Familie heiraten, mit der ich verwandt bin; einer Familie, wo strenge Sitte und frommer Ernst vorherrschen. Dort sollte er die weitläufigen, etwas delegierten Besitztümer übernehmen, mit meinem Gelde nachhelfen, durch Tätigkeit und Fleiß unter seiner Schwiegereltern Obhut auf eine andere Bahn geleitet werden; wir hofften, das würde ihn ermannen und zu sich selbst bringen; ihn schien es anzulächeln, daß er dadurch sein eigener Herr, Herr eines Hauses und einiger großer Landgüter werden könne. Doch alles zeigte sich als kurzer Traum, aus dem seine plötzliche Rückkehr, verbunden mit der bestimmten Erklärung, die Braut gefalle ihm nicht, uns erweckte. Seitdem treibt er es ärger als je.« Anton hatte schon im Sinne, nach dem Taufnamen des ungeratenen Söhnchens zu fragen, weil er sich Gewißheit verschaffen wollte, ob eine düstere Ahnung, die ihm bei dieser Schilderung durchs Gedächtnis zog, wahr werden könne. Doch wurde ihm diese unangenehme Mühe erspart, denn Graf Louis trat hastig ein. »Was will dieser Mensch?« rief er, mit der Reitgerte auf Anton deutend, ehe er noch einen Gruß für den Vater gefunden. Der Vater entgegnete mit fast erkünstelter Heftigkeit: »Dieser Mensch ist dein Bruder!« »War Graf Erlenstein schon einmal verheiratet, ehe er meiner Mutter die Hand reichte? Wie?« Graf Guido verstummte vor Gram und Zorn. »Einen Bastard soll ich doch nicht etwa Bruder nennen? Ich begreife nicht, mein Vater, wie Sie mir eine Zumutung dieser Art machen mögen! Noch weniger aber kann ich begreifen, wie Sie einem Burschen seiner Art hier Eintritt gestatten. Ein Herumtreiber und Gaukler, ein Knecht und Menageriewärter, ein Vagabund, der schlechter Streiche halber vor der Polizei aus einer Stadt in die andere fliehen muß, der sich in vornehme Häuser stiehlt als Musikant, als Tanzmeister, und dann entweicht, wenn er sich erkannt sieht! Schicken Sie ihn fort, mein Vater, sonst lasse ich ihn binden und unsere Amtsdiener bringen ihn nach der Kreisstadt.« Graf Guido warf seine Augen von Louis auf Anton, von Anton auf Louis, als wenn er beide fragen wollte, ob und woher sie sich kennten. Louis schäumte vor Wut. Anton fand Kraft, sich zu beherrschen, zu schweigen; doch war er noch nicht so weit Herr über sich, ruhig zu sagen, was sagen zu wollen er sich bereits entschlossen fühlte. Der Vater hatte unterdessen Antoinettes Brief zusammengefaltet und denselben, um ihn den Blicken seines »rechtmäßigen« Sohnes und Erben zu entziehen, unter anderen Papieren verborgen. Noch einmal hob Louis an: »Wird der Landstreicher nun bald seiner Wege gehen?« Noch einmal wendete Guido einen bittenden Blick auf Anton, der so viel sagen sollte als: »Rechtfertige dich!« Dieser nahm das Wort: »Herr Graf, ich habe nur die Befehle meiner sterbenden Mutter ausgeführt, da ich hier mit innerlichem Widerstreben eindrang. Sie haben mich liebevoll aufgenommen, ich danke Ihnen für die väterlich edlen Absichten, die Sie mir kundgetan; ich nehme scheidend Achtung und kindliche Verehrung für Sie in meinem Herzen mit mir fort, aber ich muß scheiden. Ich kann und darf mich zwischen Sie und Ihren Sohn nicht drängen. Die Teilnahme, die Sie mir, nah oder fern, gönnen wollten, müßte ewigen Zwiespalt herbeiführen. Von Versöhnung zwischen ihm und mir kann niemals die Rede sein. Er haßt mich auf Leben und Tod; er weiß, warum er es tut; er hat recht, mich zu hassen. Ich gebe es ihm von ganzer Seele zurück. Doch ist er Ihr Sohn, er ist der Sohn der Gräfin Julia, und ich weiche ihm. Leben Sie wohl, mein – mein Herr Graf!« »Anton, bleibe, bleibe bei mir! Er liebt uns nicht. Du hättest mich geliebt, und ich dich. Reinige dich von den Anklagen, die er gegen dich vorgebracht, und bleibe bei uns!« »Ich kann ihn nicht Lügen strafen. Es ist wahr, daß ich eines Vagabunden Leben führte; es ist wahr, daß ich mir als Knecht und Gaukler mein Dasein fristete. Wenn ich dennoch mehr wert bin als er, wenn ich meine Ehre dennoch besser bewahrte als er, so sind meine Ehre und mein Wert zu hoch über ihm, um mich auf einen Wortstreit mit ihm einzulassen. Einen anderen jedoch darf ich in diesen Räumen mit ihm nicht beginnen, denn er ist der Sohn des Hauses. Ist es ihm an jedem anderen Orte gefällig ... er weiß, wie ich meine Sachen ausfechte, auch ohne Waffen. Gewissen Helden gegenüber genügt der Stock. Noch einmal, Herr Graf, leben Sie wohl und seien Sie gewiß, daß ich Ihnen in Liebe und dankbarer Anhänglichkeit ergeben bleibe.« – Anton hörte noch im Vorzimmer den Grafen mit schmerzhafter Anstrengung »Anton, Anton!« rufen. Aber er kehrte nicht mehr zu seinem Vater zurück und verließ das Schloß. Siebzigstes Kapitel Anton brachte eine schlaflose Nacht im Dorfgasthause zu. Doch erhob er sich, nachdem er sein ganzes Geschick ernst und ruhig durchdacht, mit vollkommener Resignation vom schlechten Lager und schaute gefaßten Mutes in den göttlichen Frühlingsmolgen hinaus. »Was ist's weiter«, sprach er zu sich selbst, »eine getäuschte Hoffnung mehr! Und habe ich nicht dennoch dabei gewonnen? Meiner armen Mutter letzten Willen habe ich erfüllt, so gut ich vermochte; – denn daß Gräfin Julie abwesend, ist nicht meine Schuld; – und einen Mann, der mir das Leben gab, den ich beinahe haßte, vor dem ich mich fürchtete, habe ich nun kindlich lieb; trage sein Andenken mit mir, wie das eines gutmütigen, gefühlvollen Menschen, den seine Schwäche unglücklich macht, den ich mehr bemitleiden als anklagen darf. Ich kann meinen Vater lieben, ich kann meine Mutter selig preisen, weil sie's überstanden hat, folglich bin ich reicher als ich jemals war; – und für das übrige wird der Vormund weiter sorgen, dem ich mich anvertraute, da ich Liebenau verließ. – Aber Hedwig? Der Weg, den ich jetzt wieder einschlagen muß, führt mich nicht zu ihr. Diesmal hat der Blick einer Sterbenden nicht den Schleier der Zukunft zu durchdringen vermocht; deine Prophezeiung, du arme Mutter, geht keineswegs in Erfüllung, und deines unsteten Sohnes Erbteil bleibt der alte Fluch, der stärker wirkt als dein Segen, als meines Vaters guter Wille.« Mit ähnlichen Gedanken ging Anton munter durch die Waldungen, ohne recht zu wissen wohin. War es ihm doch gleichgültig. Lag ihm doch nur daran, so schnell wie möglich aus dem Gebiete der gräflichen Besitzungen sich zu entfernen. Er fragte einige Holzleute, die ihm begegneten, wie weit er noch habe? Sie bezeichneten ihm die Grenze, die er binnen einer Viertelstunde erreichen werde, wenn er mäßig fortschreite. Je näher sie rückte, desto dringender wurde seine Besorgnis; eine Angst; die er sich gar nicht zu erklären wußte, schnürte ihm die Brust zusammen; eine Ahnung, als drohe ihm etwas Furchtbares. Er atmete leichter auf, als er am Grenzpfahle stand, der die gräflichen Farben und obenauf eine Tafel trug mit den Warten: Herrschaft Erlenstein. Unter diesem Pfahle machte der Wanderer Halt, ließ die Last von seinen Schultern gleiten und wollte eben am Rande eines grünbewachsenen Grabens sich zur Ruhe niederlassen, als er etwa dreißig Schritt von sich hinter einem Wacholdergesträuch das Gesicht des Grafen Louis hervorblicken sah. Zwischen den Zweigen, von der Frühlingssonne beschienen, flimmerte der Lauf einer Kugelbüchse. Antons erster Gedanke war, sich hinter den Grenzpfahl zu flüchten, doch augenblicklich verwarf er ihn. Vor einem solchen Gegner fliehe ich nicht, war der nächste Gedanke. Nach jenem Gesträuch gewendet, bot er gleichsam die Brust dar, auf die schon der Büchsenlauf sich richtete. »Hund, jetzt will ich dir zeigen, wie ich meine Händel ausfechte! –« Diese Warte vernahm Anton noch ... ein Blitz vom Gewehr ... ein heftiger Schmerz in der Nähe des Herzens ... Nacht um ihn ... und er lag blutend am Boden. »Du versprachst mir Ruhe, Mutter; gottlob, nun finde ich sie.« Nachdem er es gemurmelt, verlor er die Besinnung. * Als er wieder zu sich kam, stand die Sonne schon ziemlich hoch. Seine Wunde blutete, er fühlte sich unendlich matt, aber dabei fühlte er auch, daß er daran nicht sterben dürfe, wenn ihm Hilfe zuteil werde, ehe es zu spät sei. Doch woher sollte hier die Hilfe kommen? Kein lebendiges Wesen zeigte sich außer den kleinen Waldvöglein, die neugierig um ihn herflatterten und sanfte Klagetöne ausstießen, wie wenn sie Mitleid mit ihm hätten. Der Schmerz, den die Wunde ihm verursachte, wurde mit jeder Minute heftiger, schien aber gering, gegen den Schmerz verglichen, den seine Seele fühlte über des feigen Mörders Tat. Jeder Versuch, sich aufzurichten, mißlang. Ein Tuch, gegen die Wunde gepreßt, saugte sich an und hemmte die Blutung. So lag er nun und ergab sich ins Unvermeidliche. Ohne bewußtlos zu sein, verfiel er in jene Apathie der Entsagung, wo jedes Bestreben endet, wo jeder Wunsch erlischt, wo fröstelndes Fieber mit halb wollüstigem Schauer durch alle Glieder rieselt, wo die Außenwelt verschwindet, und im Übergang vom Wachen zum Traume unsere Einbildungskraft tun kann, was ihr beliebt. Diese nun führte an seinem inneren Auge alle Personen vorüber, mit denen er in Berührung gestanden, zeigte ihm Freund und Feind, erweckte ihm Abneigung oder Wehmut, je nachdem die Erscheinungen waren. Sein alter Arzt fand sich, der ihn nach seinem Sturze gepflegt, und untersuchte die Wunde; Adele verband sie mit kunstfertigen Händen; Käthchen labte ihn durch einen Schluck frischen Wassers, wonach seine Zunge lechzte; Amelot trieb Laura mit Schlägen von des Verwundeten Seite; Antoinette, an des Grafen Guido Arm, beugte sich mütterlich über ihn; Adelheid lief vorüber und lachte; Bärbel zeigte ihm jammervoll ihre blutigen Arme, der schwarze Wolfgang riß sie fort; Hedwig blickte hinter jenem Gesträuch hervor, aus dem Louis nach ihm geschossen, und neben ihr stand eine schöne Frau in tiefer Trauer, die Anton nie gesehen, die er aber sogleich als Gräfin Julie erkannte; Theodor steckte das erdfahle Totenantlitz aus einem Grabhügel und rief ihm zu: »Liebenau ist dein!« Die kleinen Vögel um ihn her verwandelten sich in große Krähen, die ihn verfolgten, weil sie ihn für Koko hielten; der indianische Bär brach aus dem Dickicht hervor, seinen Freund zu schützen, doch der wilde Tiger zerriß den Bären; schon hob er eine Tatze, um auch in Antons verwundete Brust die scharfen Krallen zu schlagen, da erschien mit einer Keule bewaffnet der Riese Schkramprl, schmetterte den Tiger zu Boden, kniete neben Anton hin und rief so laut, daß alle krächzenden Krähen entflogen: »Bei den zwei Köpfen meines hoffnungsvollen Sohnes, hier liegt Freund Antoine!« Anton öffnete die Augen, alle Bilder seiner Fieberphantasie verschwanden; nur Schkramprl blieb in Wirklichkeit neben ihm, denn er war es. »Mein langer Gönner, von wannen kommt Ihr, mich sterben zu sehen?« fragte der Verwundete mit lächelndem Geflüster. »Hier handelt sich's nicht darum, woher ich komme, sondern einzig, wie wir Euch fortbringen. Wohin? das weiß ich schon. Heilige Barmherzigkeit, liegt der schönste Reiter hier in seinem Blute wie ein wildes Schwein, und wenn ich nicht vorüberkam, war's vielleicht geschehen um ihn! Allons, Peterl, mache lange Beine, reiß aus, und schnurstracks zurück zum Kenn Förster; ich laß ihn beschwören bei den Geistern aller Ratzen und Mäuse, die ich in seinem Hofe getötet, er soll Knecht und Magd mit einer großen Misttrage herausschicken; und lege Stroh darauf und stiehl ihm ein paar Federkissen aus seinem Bett! Lauf, Peterl, was du kannst; der Herr ist mein bester Freund! – Seht Ihr, wie der Junge fliegt? Die fürstliche Försterei liegt ganz in der Nähe. Und das Pferdeglück! Der Pflasterlasten vom Schützenbataillon, des Försters leiblicher Bruder, ist auf Besuch dort. Es konnte sich gar nicht schöner zusammenpassen. O, Schkramprl ist ein großer Mann, er trifft zu rechter Zeit ein, Tod und Leben liegt in seiner Hand. Gift für die Verbrecher, Balsam für die Tugendhaften. Blickt auf diesen Ranzen, Antoine, Arsenik, um eine ganze Räuberbande an Bauchgrimmen verrecken zu lassen. Soll er schlucken, soll er zappeln, Euer Mörder! Sagt mir, wer Euch angeschossen! Ich finde ihn, und wenn er im tiefsten Mauseloche steckte!« »Ich kenne ihn nicht, ich weiß nicht, wer es war!« – Diese Lüge stieß Anton mit heftiger Anstrengung aus. Dann ließ er sein Haupt in Schkramprls Schoß zurücksinken, wo er ruhig lag, bis der aus dem Försterhause erbetene Beistand anlangte. Der Förster und dessen Bruder, der Bataillonsarzt, begleiteten die Träger. Unter ihrer Aufsicht wurden die besten Anstalten getroffen, die Wunde jedoch vorher sorgsam besichtigt, ehe man den Leidenden in eine andere Lage brachte. Der Bataillonsarzt, mit jenem scharfen Blick, den eine auf Schlachtfeldern angeübte Sicherheit gewährt, rief lustig aus: »Das nenne ich mir doch eine Kugel, die Lebensart versteht; dringt in der Nähe des Herzens ein, wo sie allerdings einen tüchtigen Preller gegeben und zurück empfangen haben mag, schleicht sich dann zwischen Rippen und Haut bescheiden durch, und als ob sie wüßte, daß sie inwendig nichts zu suchen hat, macht sie sich gleich wieder einen Ausweg ins Freie.« »Also keine Lebensgefahr, Bruder?« fragte der Förster. »Keine«, war die Antwort. »Sechs Wochen, oder so etwas, unter guter Pflege, das ist alles.« Und Antons Wunden wurden nach allen Regeln der Kunst verbunden. Dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Schkramprl drang mit flehentlichen Bitten in den Förster, er möge ihm gestatten, als Krankenpfleger so lange im Forsthause zu weilen, bis Herr Antoine wieder auf den Beinen sei. Dabei pries er Antoines Talente und Vorzüge, stellte seine Liebenswürdigkeit in das hellste Licht und wurde nicht müde, von jenen Zeiten zu erzählen, wo sie beide, Antoine und Schkramprl, als Sterne reinsten Lichtes am Himmel der reisenden »Künstlerwelt« glänzten. Der Förster, ein braver, schlichter Waldmensch, der bei all seiner praktischen Tüchtigkeit und inmitten eines abgeschlossenen Lebens heiteren Sinn und fröhliche Frische bewahrte, nahm des närrischen Schwätzers gutmütige Übertreibungen freundlich auf. Er hatte sich schon gestern, wo der wandernde Kammerjäger – denn bis zu diesem »soliden Beruf« war unser Riese erniedrigt worden – ihm seine Dienste angeboten, nicht wenig an ihm erlustigt, hatte auch einen Vertrag mit ihm abgeschlossen, vermöge dessen Herr Schkramprl den vollen Preis für seine »totale Vertilgung sämtlichen hochfürstlichen Ungeziefers« im Forsthause erst dann empfangen solle, wenn nach Ablauf einiger Monate die Prozedur ihre unzweifelhafte Nachwirkung getan habe. Zu diesem Endzweck hatte Schkramprl ja doch bisweilen wieder einsprechen und zum Rechten schauen müssen. Auf einen Esser mehr kommt es in einer großen Landwirtschaft ohnedies nicht an, und der bleiche, männlich duldende, freundlich leidende Anton hatte durch sein stoisches Verhalten bei dem Untersuchen der Wunde wie durch seine bescheidenen, dankbaren Worte den Förster schon für sich gewonnen. Es wurden also gar keine Schwierigkeiten gemacht. Antons Lager bereitete man in einem Dachstübchen neben jenem, das die Jägerburschen bewohnten; Schkramprl erhielt ein Bett bei Anton; Peter wurde ausgesandt, um in der ganzen Nachbarschaft umherzuspüren, wo Mäuse und Ratten zu vertilgen seien, und empfing den Auftrag, Berichte darüber an seinen Herrn abzustatten, der sein Amt als menschenfreundlicher Krankenwärter mit seinem Geschäft als mäusefeindlicher Zauberer zu vereinen hoffte; des Försters Bruder unterwies ihn auf das genaueste in allen Hilfeleistungen, die beim Reinigen und Verbinden der Wunde nötig waren und versprach außerdem, einen Tag um den anderen aus seiner Garnison einen Spazierritt zum Forsthause zu machen, so lange es nötig sei. Der Förster aber setzte sogleich einen Bericht an die Behörde auf, den er seinem Bruder, dem Arzt, zur baldigen Besorgung mitgab. Gegen Abend stellte sich das heftigste, als unvermeidlich vorherverkündigte Wundfieber ein, gegen das der scheidende Arzt alle zweckmäßigen Vorkehrungen und Milderungsmittel angeordnet hatte, welches also niemand erschreckte. Anton phantasierte heftig und mengte wunderliche Dinge durcheinander, behielt aber dennoch, sogar im exaltiertesten Zustande, Willenskraft übrig, keine Silbe sich entschlüpfen zu lassen, die sein Verhältnis zu der gräflichen Familie auf Erlenstein andeuten konnte. Dagegen ergingen sich seine lebhaften Träume gleichsam lustwandeln in allen Richtungen des verflossenen Lebens, von Lust zu Gram, von Glück zu Leiden überspringend. Dadurch regte er, weil er die Namen von Personen und Orten im buntesten Wechsel durcheinander warf, den redelustigen Schkramprl auf, mit hineinzuschwatzen, seine eigenen Abenteuer mit den Phantasien des Kranken zu vermischen, ihn an Tollheit zu überbieten. Die Jägerburschen, nur durch eine dünne Wand von ihnen getrennt, wußten zuletzt nicht, wer größeren Unsinn schwatzte, ob der Kranke im Fieber, ob der Wärter, der dem Kranken Lüge über Lüge erzählte. Gegen Morgen stellte sich Ruhe ein, mit ihr durch sie der Schlaf. Und als die Gerichtspersonen, durch des Försters Rapport entboten, in den Hof einfuhren, erwachte unser Freund zu neuem, klarem Leben. Jede Gefahr schien beseitigt. In dem Verhöre, das man mit ihm anstellte, blieb er dabei, daß der Mensch, der nach ihm geschossen, den er nur undeutlich durchs Gebüsch gesehen, ihm fremd sei; daß er ihn durchaus nicht beschreiben oder bezeichnen könne; daß er keine Ahnung habe, welche Absicht dieser Tat zugrunde gelegen; und daß von seinen Habseligkeiten, die er unberührt beim Erwachen neben sich gefunden, nichts fehle. Der Richter, dessen Schreiber, der Förster schüttelten die Köpfe und beruhigten sich endlich bei der Ansicht, es könne wohl ein Raubanfall beabsichtigt, die Ausführung desselben aber durch Dazwischenkunft des Zeugen Schkramprl verhindert worden sein, die den Raubmörder veranlaßt habe, die Flucht zu ergreifen. Diese Meinung fand um so mehr Beifall, da Anton sich wohl hütete, zu sagen, welch eine Frist zwischen Louis' Schuß und Schkramprls Erscheinen gelegen. Das Resultat der Untersuchung lautete auf einen in diesen Gegenden umherschweifenden, höchst gefährlichen, gänzlich unbekannten Bösewicht, für dessen Habhaftwerdung die Forstbeamten außergewöhnliche Mittel anzuwenden, auch sich deshalb mit dem gräflich Erlensteinschen Wirtschaftsamt ins Einvernehmen zu setzen haben würden. Welchen Erfolg »diese außergewöhnlichen Mittel« samt ihren Patrouillen, Streifereien, nächtlichem Aufgebot umliegender Gemeinden und ähnlichen Unternehmungen erzielten, brauchen wir, als Eingeweihte, nicht erst anzudeuten. Der Täter blieb unentdeckt, wurde bald vergessen, und es redete schon niemand mehr von ihm, als Antons Wunde lange noch nicht geschlossen war. Schkramprl ging ab und zu, verfolgte meilenweit in der Runde alles, was Maus und Ratte heißt, kehrte treulich zu Anton zurück, benahm sich als Gehilfe des Wundarztes so vorsichtig, exakt und pünktlich, daß dieser, wenn er Zeit fand, selbst zu kommen, dem Riesen alle möglichen Lobsprüche erteilte, ihm sogar einen Platz im Lazarett anbot, welches Anerbieten jedoch schnöde zurückgewiesen wurde, weil eine solche Stelle mit der »persönlichen Freiheit« nicht vereinbar sei. »Als Vagabund bin ich geboren, habe ich gelebt, will ich sterben; auf einem Flecke verbleiben ist meinen Anlagen und Fähigkeiten zuwider; ich würde sogar hier, wo Freundschaft und Kameraderie mich fesseln, nicht aushalten, wenn ich nicht zwischendurch Erlaubnis hätte, meine alten Beine in Bewegung zu setzen und umherzuschnüffeln!« Dies letztere tat Schkramprl wirklich, und zwar nicht nur um Ratten, sondern auch um Neuigkeiten auszuspüren. Anton ist selbst nicht klar darüber geworden, ob es eigene Neugier gewesen, die den Riesen dazu angetrieben, oder ob das Bedürfnis bei ihm vorwaltete, Neuigkeiten und Klatschereien zu erzählen. Er selbst behauptete das letztere, indem er versicherte, ihm sei es durchaus gleichgültig, zu wissen oder nicht zu wissen, was die Bewohner umliegender Dörfer und Schlösser taten. Ihm liege lediglich daran, bei seiner Heimkehr den Patienten durch lebhaftes Gespräch zu amüsieren; der eigene Lebenslauf und eines Riesen Schicksale wären ausgepreßt wie eine Zitrone, deshalb müßten nun andere Menschen und andere Schicksale an die Reihe! Anton hörte ihm häufig zu, ohne auf ihn zu hören; während Schkramprls Geschwätz waren Antons Gedanken gewöhnlich bei Hedwig. Der Erzähler, der die Tugend besaß, mit Leib und Seele bei der Sache zu bleiben, achtete nicht darauf, ob man ihn hörte, wenn er nur ununterbrochen reden durfte. Damit war beiden Teilen geholfen. Anders jedoch gestalteten sich die Dinge, als der »Kammerjäger« von Schloß Erlenstein wiederkehrte, wohin ihn sein in der Nachbarschaft verbreitetes Renommee eine durch Peterl überbrachte Aufforderung hingeführt. Ohne zu ahnen, wie tief sein Zuhörer dadurch berührt wurde, machte er eine traurige Schilderung der dortigen Verhältnisse, mit denen er durch Dienstboten und Landleute bekannt geworden war. Zwischen Vater und Sohn sollten schreckliche Auftritte vorgefallen sein, deren Schuld von sämtlichen Dorfbewohnern auf den Sohn geworfen und dem Vater nur insofern zugeschoben wurde, als er viel zu nachgiebig und gut gegen den bösen Buben wäre. Einzig und allein die Autorität der Gräfin, von der alle und jeder wie von einem Wesen höherer Gattung redeten, wende bis jetzt noch das Äußerste ab; wozu es jedoch beinahe schon gekommen sein sollte, nachdem ein fremder junger Herr während ihrer Abwesenheit auf dem Schlosse beim Grafen war und mit dem Sohne in heftigen Wortwechsel geriet. Seitdem darf der junge Graf des Vaters Zimmer nicht mehr betreten; er treibt sich fluchend und laut lästernd bei den Beamten herum; der Vater ist kränker geworden, so daß man für sein Leben besorgt sein muß; die Mutter, mit himmlischer Sanftmut und Würde, sucht zwischen beiden zu vermitteln; das ganze Hauspersonal ist in verschiedene Parteien zerspalten, die sich wechselseitig auch anfeinden; die Wirtschaft geht drüber und drunter; die Hunde schleichen mit gesenkten Ohren knurrend vor der Schloßtreppe auf und ab; und die Ratzen sind so frech geworden, daß sie in vorvoriger Nacht einem im Stalle schlafenden Roßwärter die große Zehe des rechten Fußes angefressen haben. »Für die Ratten«, fügte Schkramprl hinzu, »habe ich Rat geschafft und ihnen das Beißen einstweilen vertrieben; aber für die Herrschaften weiß ich keinen. Das beste Mittel wäre freilich, wie der Kammerdiener meinte, wenn man dem jungen Herrn auch ein Rattenpülverchen in den Wein rührte. Doch wer mag so etwas riskieren? Es ist untersagt, wie ich gehört habe. Sonst wär's so übel nicht, denn der Patron ist von einer herausfordernden Unverschämtheit. Nannte er mich doch ›Er!‹ Solch ein Bürschchen! Mich, den Riesen Schkramprl! – Ich habe es ihm aber wiedergegeben. › Monsieur le comte ‹, sagte ich, – und was für Augen machte der hohläugige, ausgemergelte Jüngling, weil ein Rattenfänger, ein Kammerjäger ihn Französisch haranguierte, – ›ich bin weder Ihr Stiefelputzer noch Ihr Hausknecht; ich bin ein freier Künstler, den Seine gräflichen Gnaden Dero Herr Vater auf sein Schloß entbieten lassen, weil man es daselbst vor Ungeziefer nicht mehr aushalten konnte. Ich vermag nicht allein Ratten und Mäuse zu vertreiben, ich bin auch Meister einiger anderer Geheimnisse, und wo man mich unwürdig behandelt, verstehe ich Rache zu üben.‹ Ehrlich gesagt, ich dachte mir bei dieser süperben Phrase weiter gar nichts, als ihm einen Schrecken einzujagen, indem ich auf die alte Fabel anspielte, daß die Kammerjäger Gewalt besitzen sollen, Mäuse und Ratten wie eine ägyptische Landplage zu vermehren. Der junge Herr Graf muß es aber anders ausgelegt haben, denn er entfärbte sich siebenmal in einer Minute und ging seiner Wege, ohne mir zu antworten, woraus ich zu schließen geneigt bin, er habe irgend eine Niederträchtigkeit verübt, deren Entdeckung er fürchtet, und von der sein schlechtes Gewissen ihn glauben läßt, ich sei zufällig dahintergekommen.« »Freund Schkramprl«, sprach Anton, der diesen Vortrag seines gesprächigen Pflegers mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt hatte, »ich bin Euch unendlichen Dank schuldig geworden für die liebevolle Sorgfalt, so Ihr an mich wendet; wollt Ihr aber Eurem Werke die Krone aufsetzen, dann versprecht und gelobet mir, Euch um die Verhältnisse in Schloß Erlenstein weiter nicht zu bekümmern, vorzüglich insofern dieselben jenen jungen Grafen Louis betreffen. Ich, – nun ja, ich will's nicht leugnen, ich kenne ihn; er und ich hatten einstmals in B. eine unsanfte Begegnung miteinander; ich habe gegen ihn gefehlt, und es liegt mir aus wichtigen Gründen sehr viel daran, daß er von mir nichts erfahre; wie ich Euch denn auch ersuche, mir von ihm nichts weiter mitzuteilen. Glaubt mir, es ist um so besser für mich, und ich bitte Euch herzlich, mir diese Gefälligkeit zu erweisen.« Schkramprl versprach augenblicklich, was von ihm verlangt wurde. Kaum jedoch hatte er Antons Lager verlassen und wieder das Freie erreicht, als er ausrief: »So will ich doch ein Schurke sein und gehängt werden wie ein räudiger Hund, wenn ich dies Versprechen halte! Dahinter steckt mehr, als auf den ersten Blick scheint. Sie kennen sich ... sie waren Feinde ... Antoine kam aus der Richtung von Erlenstein, als ich ihn im Graben fand ... Schkramprl, nimm dich zusammen!« Einundsiebzigstes Kapitel Antons Genesung machte sichtbare Fortschritte. Soweit es ihm die sehr erschöpften Kräfte gestatten wollten, durfte er das Krankenzimmer verlassen und im Schatten des kleinen Baumgartens sich laben an warmer, freier Luft. Auch bezeichnete des Försters Bruder schon die nahe Frist, wo er, gänzlich geheilt, seine Wanderung fortsetzen dürfe. Den Förster selbst anlangend, bekümmerten weder er noch seine Burschen sich um den übrigens mit wahrer Gastfreundschaft behandelten Fremden. Sie hatten keine Zeit dazu. Beim Gehen und Kommen reichte der biedere alte Graubart seinem Gaste die Hand mit einem stets gleichen, wohlwollenden: »wie geht's«, und zeigte sich nur verdrießlich, wenn Anton der Beschwerden Erwähnung tat, die er ins Forsthaus gebracht. Dann suchte Förster Wolff seine furchtbarsten Weidmannsflüche hervor und gebot ihm Ruhe. »Ich habe drei Söhne«, pflegte er zu äußern, »die sich durch die Welt schlagen müssen: jeder von ihnen kann ehrlicher Leute Beistand gebrauchen; und was müßte unser Herrgott in seinem himmelblauen Waldrevier von mir halten, wenn ich einem armen Teufel verweigern wollte, was ich im Falle der Not für meine Jungen von ihm erbitte? Haltet Euer Maul und tut es nur auf, wenn Ihr Hunger habt, der sich hoffentlich bald wieder bei Euch einstellen wird.« – Schkramprl befolgte die ihm gegebene Weisung scheinbar sehr gehorsam. Er nannte den Namen Erlenstein nicht mehr und gab sich das Ansehen, wie wenn jeder Verkehr zwischen ihm und den Schloßratten abgebrochen wäre. Auch zeigte er sich ernster, dabei ergebener, teilnehmender, als anfänglich. Er schwatzte nicht mehr so viel verworrenes Zeug untereinander, gedachte der Vergangenheit nur, wenn Anton das Gespräch darauf lenkte, bemühte sich dagegen, so oft wie möglich von der Zukunft zu reden und Anton gewissermaßen auszuforschen, auf was und wohin seine Gedanken gerichtet wären. »Was meint Ihr wohl, Antoine«, fragte er unter anderem, »was möchtet Ihr Euch wohl wünschen, wenn ein Zauberer, oder um im Laufe der natürlichen Begebenheiten zu bleiben, ein Kaiser, König, Herzog – was es nun wäre – Euch unbedingte Erfüllung jedes recht herzhaften Wunsches im voraus zusagte? Was würdet Ihr dann verlangen? Tut mir die Liebe und sagt mir das. Nur, daß die Zeit vergeht, die hier im Forsthause, ohne Schmeichelei gesagt, niederträchtig langsam vom Flecke kommt. Sagt mir's. Ich baue gern Luftschlösser. Ihr nicht?« »Ich auch«, erwiderte Anton. »Und früher liebte ich sie aufzurichten bis an die Wolken. Jetzt würde ich mich mit kleineren Wünschen begnügen! freilich immer noch zu groß, immer noch viel zu hoch und stolz für die Stellung, die mir auf Erden angewiesen bleibt. Ich würde – wenn wir denn doch nun einmal wie Kinder spielen, so mag es sein – würde mir wünschen, daß Liebenau, jenes heimliche, traute Dorf, wo ich meine Knabenjahre verlebte, mit seinen Feldern und ach, seinen Wäldern, mein wäre, mein wirkliches Eigentum. Daß ich dort einzöge als schuldenfreier, wohlhabender Besitzer. Dann würde ich (ziemlich weit von hier, doch, wenn man Geld hat, kann man schnell reisen) einen Besuch abstatten bei einem würdigen, rechtlichen, wenn auch strengen Manne und diesen um die Hand seiner Tochter bitten. Und wenn er Ja sagte – die Tochter sagt nicht Nein – würde ich sie heimholen nach Liebenau und würde mich mit ihr trauen lassen in der kleinen Dorfkirche, und würde sie lieb haben; würde, mit ihr vereint, die Armen beschenken, ihnen im Winter Holz geben und Brot und warme Röcke; würde schöne Bäume anpflanzen; würde ein schlichter Landmann sein, beglückt und zufrieden. Würde meiner alten Großmutter Grab –« »Na, seid so gefällig und fangt zu heulen an, daß ich etwa auch heulen muß, was sich für einen in Ruhestand getretenen Riesen durchaus nicht schickt! Deshalb fragte ich nicht nach Euren Wünschen, um auf den Friedhof zu geraten. Die Aussicht auf Hochzeit und Ehebett könnte mir schon besser gefallen. Also das wären Eure Wünsche? Na schön, nun weiß man's doch und kann sich bei Gelegenheit danach richten.« »Ja, Schkramprl, das wären meine Wünsche, wenn ich noch dächte wie vor einigen Monaten, – wie ich seit Pisa gedacht habe. Jetzt ist das hin und tot. Doch dem teuren Liebenau werde ich deshalb nicht ungetreu. Als dummer, eitler Korbmacherjunge lief ich davon; als gedemütigter, entsagender junger Mann kehre ich zurück. Es ist beschlossen, die alberne, falsche Scham ist besiegt. Während ich hier daniederlag, habe ich es durchdacht und erwogen nach allen Seiten, ... es ist das beste, was ich tun kann. Großjährig bin ich jetzt; die Beweise vom Tode meiner Mutter, mein Taufzeugnis, alles habe ich schwarz auf weiß. Meiner Großmutter Erbschaft anzutreten werden die Gerichte mich nicht mehr hindern; des Kurators bin ich ledig; das kleine Häuschen, wo ich Körbe flocht, ist mein; das Gärtchen dabei. Dort will ich fleißig arbeiten, ruhig leben, wie ein armer Kerl, der ich bin. Mögen sie mich ein wenig auslachen! Mögen sie mich hohnnecken und verspotten, daß ich von meiner Reise um die Welt wie ein Bettelmann wiederkehre; mögen sie mich Vagabund schelten und was sie wollen, – wenn sie sehen, daß ich friedlich meinen Weg gehe, niemand belästige, werden sie mich wieder lieb haben, wie sie damals den ehrlichen Anton lieb hatten. Ich will ja nichts als Frieden, Ruhe, Einsamkeit. Die Welt ist tot für mich. Ich habe genug von der Welt. Und wenn ich in Liebenau sterbe, unbeachtet, vielleicht unbeweint, – komme ich doch wenigstens neben diejenige zu liegen, die mir – –« »Himmelsackerment, Antoine, Ihr seid ja wie versessen auf Gräber. Ich habe nichts gegen Euren Plan, im Gegenteil, ich lobe ihn; ich finde es scharmant, daß Ihr Eure Villa in Besitz nehmen wollt, und lade mich im voraus bei Euch ein auf ein Gläschen Dünnbier; doch bleibt mir mit den Gräbern vom Halse! In Eurem Grabe könnte ich Euch beim besten Willen nicht besuchen, weil ich nicht Platz darin fände, für mich muß es eine halbe Elle länger sein, als für euch kleine Zwerge ... Dabei fällt mir mein Husar ein. Besinnt Ihr Euch noch auf ihn und seine beiden Weiber?« »Auf alles, Schkramprl, auf alles. Jetzt aber gönnt mir Ruhe. Der Bau des Luftschlosses hat mich angegriffen. Ich will zu schlafen versuchen, will versuchen zu träumen – zu träumen, wie schön es sein wird, wenn ich wieder einziehe in meine Hütte!« Kaum sah er seinen jungen Liebling im festen Schlummer, als der Riese mit Riesenschritten davoneilte. »Das wird ihr willkommen sein!« rief er aus und verlor sich im Walde. Zweiundsiebzigstes Kapitel Zweimal schon im Laufe dieser Erzählung haben wir Anton, unseren Helden, vom Krankenlager sich erheben sehen und mit unseren guten Wünschen ins neue Streben und Leben begleitet. Heute, wo er zum drittenmal vom Tode ersteht, nimmt er selbst so geringe Hoffnungen, so anspruchslose Erwartungen auf seine kleine Reise mit, daß wir uns bedenklich fragen müssen, läuft es darauf hinaus? Ist der arme Junge darum so unsanft hin und hergeworfen worden, hat er darum so viel erlebt, geirrt, gelitten, daß er am Ende aller Enden sich glücklich schätzen muß, nur wieder einkriechen zu dürfen, von wo er ausging? Sollen die Erfahrungen, die er gemacht, die Bildung, die er gewonnen, die Kenntnisse, die er sich erwarb, – soll das alles nur vorhanden sein, damit er in seiner Großmutter niederer Hütte Körbe flechte – eine Beschäftigung, die ihm vor sechs Jahren, wo er in voller Übung war, unzweifelhaft besser gelang, als sie ihm jetzt gelingen wird? Und doch, wir müssen es eingestehen, was bleibt ihm übrig? Tut er nicht am besten, sich in stille Vergessenheit zu flüchten, dem Leben zu entweichen und dem Lärm des Lebens? Scheint er nicht vom Schicksal dazu bestimmt, jeder Hoffnung entsagen zu müssen? Verfolgt ihn das Unglück nicht bei jedem Schritt, den er, vom Glücke gelockt und getäuscht, zu unternehmen wagte? Immer besser, daß er auf der kleinen Erdscholle, die er sein nennt, das langsam hinwelkende, leblose Leben einer verkümmernden Pflanze durchmache, als daß er, aufs neue in gefährliche Konflikte gebracht, ihnen unterliege und ein schmachvolles Ende nehme. Ja, ich verstehe seine Sehnsucht nach Liebenau, nach seinem Häuschen, nach Einsamkeit! Ich begreife seinen Überdruß an allem, was Menschen heißt und Welt und Leben! Ich höre deutlich den Widerhall eines Liedchens, das er summte und sang, während er, noch matt und schwach, sein Bündel schnürte, und dessen letzte Zeile sich immer wiederholte: »Bin müde, bin müde, laß schlafen mich gehen!« Schkramprl hatte ihm bereits Lebewohl gesagt, und er hatte nur flüchtigen Abschied genommen, unter dem Vorwande, daß unzählige Bestellungen und Einladungen ihn riefen, daß Milliarden von Ratten und Mäusen, dem Verderben geweiht, seiner mystischen Todesurteile harrten. Anton aber war der Meinung, daß dieser Vorwand eben nur ein Vorwand sei, durch den der gutmütige Riese ferneren Danksagungen, vorzüglich jedoch der ihm zugedachten Entschädigung oder Belohnung habe entgehen wollen. »Ein zartfühlender, großmütiger Rattenfänger! Vielleicht kann ich's ihm doch dereinst vergelten, was er für mich getan. Vielleicht sucht er mein Häuschen auf, um darin zu sterben!« Der Förster und seine Burschen begleiteten Anton bis an ihres Waldes Grenzen. Seit den letzten Tagen wollte es ihn bedünken, wie wenn sein Gastgeber ein anderes Wesen gegen ihn angenommen hätte, als derselbe während der verflossenen zwei Monate an den Tag gelegt. Und jetzt auf dem Wege durch den Wald trat diese Veränderung unverkennbar hervor. Die derbe, treuherzige Freundlichkeit eines von eigener Amtswürde überzeugten Beamten war verschwunden, an ihre Stelle eine fast verlegene Artigkeit getreten, die sich bei wiederholten Ausbrüchen von Antons Dankgefühl nicht mehr an grobe Zurückweisung desselben wagte, sondern ein verbindlich ablehnendes Schweigen entgegenstellte. Auf sein dringendes Befragen, ob man ihm zürne, wurden dunkle, unverständliche Andeutungen erwidert, die von »wunderbaren Verhältnissen« sprachen und zuletzt befürchten ließen, sein Besuch beim Grafen von Erlenstein könne den Bewohnern des Forsthauses kundgeworden sein. Deshalb gab er ferneres Befragen auf, stattete nochmals den innigsten Dank für alle Wohltaten ab und schied von dem wackeren Förster, der sich scheidend »seiner Gunst« empfahl. » Meiner Gunst? – Entweder mein guter, alter Gönner hat heute früh zu tief in sein Fläschchen geguckt, – oder Schkramprl, der Schelm, hat einen seiner schlechten Späße gemacht und den leichtgläubigen Waldmännern aufgebunden, sie beherbergten einen Prinzen, der inkognito reisen will. So etwas sieht ihm ähnlich, dem langen Ungetüm!« Und er wanderte rüstig fort in den blühenden Sommer hinein. Er vergaß, daß er so lange Bett und Zimmer gehütet, daß er nur kleine Gänge zur Probe unternommen hatte. Ihn trieb die Ungeduld nach Liebenau, trieb ihn zurück in die alten, halb vergessenen, eben deshalb mit jungem Lebensdufte in seiner Seele aufblühenden Tage der Kindheit, wie wenn es in seiner Macht stände, wieder ein Kind zu werden, die Ansprüche, die er an sich, an seine Umgebungen stellen gelernt, aufzugeben, an den Nagel zu hängen, wo sein Knabenjäckchen hing, und wo nun sein Reiseranzen hängen soll. Armer Anton! Weißt du denn nicht, daß du jenen Räumen entwachsen bist, entwachsen auf jede Weise? Deinem männlich ausgebildeten, schlanken Körper wird der Großmutter Stübchen ein Kerker sein, und deine Seele, die jetzt nur Ruhe träumt, wird sich an dieses Kerkers Wänden schwer verletzen, sobald sie wieder sich zu regen beginnt, dem bunten Schmetterlinge ähnlich, der mit ängstlichem Geflatter an eines Fensters Glasscheiben den feinen Farbenduft von seinen Fittichen streift! Warum eilst du so sehr deinem Grabe entgegen, dem Grabe deiner Jugend, deiner doch lange nicht besiegten Lebenslust? Und er wanderte rüstig fort, bis er dieser unzeitigen Anstrengung unterlag. Nur mit dem letzten Aufgebot seiner ganz erschöpften Kräfte erreichte er noch das kleine Städtchen St., etwa zwei und eine halbe Meile von Liebenau entfernt, nach seiner Berechnung. Dort mußte er liegen bleiben; nicht etwa, wie seine Absicht gewesen, über Nacht, um des anderen Tages sein Ziel zu erreichen, sondern wirklich, wie ein Kranker unterwegs liegen bleibt, eines Arztes bedürftig. Er nahm ein kühles Zimmer im schlichten Gasthofe, machte sich's bequem und war gerade im Begriff, nach einem Diener zu rufen, der ihm den »Herrn Doktor« herbeischaffen möge, als die Stubentür sich langsam öffnete und Schkramprls kleiner Peterl mit listigen Augen hereinschielte. »So habe ich mich doch nicht getäuscht, da ich unterwegs dich einigemal vor und neben mir zu erblicken glaubte!« rief Anton aus: »Zum Teufel, Junge, wo kommst du her?« »Mein Herr hat in der Gegend zu tun, und weil wir im Forsthause, wo er Euch noch einmal zu sprechen wünschte, erfahren, daß Ihr schon aufgebrochen seid, und weil er selbst keine Zeit mehr hatte, hieß er mich Euch nachlaufen und mich erkundigen, wie's mit der Gesundheit steht. Aber Ihr habt so lange Schritte gemacht, daß ich mit meinen kurzen, dicken Beinen kaum folgen konnte. Nun bin ich da und soll nur fragen, ob Ihr was bedürft.« »Dein Herr ist ein großer Narr, Peterl, aber daneben der uneigennützigste, treueste Freund, den Gott belohnen möge. Und du bist ein braver Bursch. Geh, mein Sohn, forsche nach dem besten Arzt im Städtchen, und sollte es nur einen besitzen, so ist dieser gewiß der beste; den bringe mir. Denn mir ist gar nicht gut, und ich möchte doch frisch und gesund in meiner Heimat eintreffen.« »Das hat der Herr gleich gesagt, daß Ihr Euch übernehmen werdet; deshalb hat er mich auf die Lauer geschickt. Habt keine Sorge; ich bestelle den Arzt, und dann folge ich dem Herrn und bringe ihm Nachricht.« Damit verschwand Peterl, der wohlgenährte. Bald erschien ein Arzt, der verständig genug des Kranken Übelbefinden für das erkannte, was es war, ihm ein laues Fußbad verordnete, einfache niederschlagende Mittel verschrieb, für einige Tage Ruhe anempfahl und baldigen Wiederbesuch versprach; dies alles in einer Weise, wie wenn er den Patienten kenne und ihn, im voraus schon von seiner Ankunft unterrichtet, erwartet habe. »Gott mag wissen, was das wieder bedeutet!« sagte Anton, während er sein Nachtlager bestieg; »bald werde ich mir vorkommen wie die Hauptperson eines recht unnatürlichen Romans, die überall beobachtet, verfolgt, begleitet, überwacht, als Mittel für unbekannte Zwecke benützt wird, ohne jemals zu erfahren, was mit ihr geschieht. Es gibt solche Romane, und wenn ich vom Geschick ausersehen war, einen solchen mit mir spielen zu lassen, bedauere ich nur, daß der Beginn sich bis jetzt verspätet hat, wo ich auf dem nächsten Wege nach Hause mich befinde. Romantik wäre mir dienlich und lieb gewesen, da mir der Versucher vom Eichberg herab die Schätze des Landes zeigte; von nun an muß ich mir die Romantik vom Halse halten und die Romane. – Aber was zerbreche ich mir den schwachen Kopf mit Mutmaßungen, wenn ich die Lösung zur Hand habe? Schkramprl hat sich wieder ein Späßchen gemacht; sein Bote war es ja, der den Arzt herbeirief. Ja, ja, Schkramprl ist ein seltener Freund, – aber ein großer Narr!« Diese Wahrheit wiegte unseren ermatteten Freund in Schlaf. Doch schon mit dem frühen Morgen wurde er aufgeweckt durch seltsame Töne im benachbarten Zimmer, von denen er, noch schlaftrunken, anfänglich kaum zu unterscheiden vermochte, welchem Gebiete der Tierkunde jenes Wesen angehören dürfte, dem sie entstiegen. Es war dabei im Spiele das Gepfeife des Stares, das Gekrächz des Raben, das Geblök des Esels, das Meckern des Ziegenbocks, das Gestöhn der Unke und das Gebell des Hundes. Erst nachdem der Halberwachte hin und wieder einzelne Worte, dann sogar ganze Sätze verstand, die alten Freunden gleich sein Gedächtnis mahnten, fing er zu begreifen an, daß er sich eines Nachbars erfreue, der mit allen Modulationen des umfassendsten Sprechorganes deklamatorische Morgenübungen anstelle. Schiller ward nicht geschont, Tiedge heftig gemißhandelt, Kosegarten mußte mit einigen Naturschilderungen herhalten, A. W. Schlegels Arion lieferte einen großmütigen Delphin, durch den Anton an Herrn Zaras Robbe erinnert wurde; sogar die Braut von Korinth stieg aus ihrem Grabe und wollte nicht weichen, bis das Geklapper des Kaffeegeschirres sie vertrieb, wo sie verstummte vor der Dienstmagd des Gasthauses. Letztere stellte sich denn auch bald bei Anton ein, nach seinen Bedürfnissen zu forschen; auf sein Befragen vernahm er aus ihrem Munde, daß sein Nachbar ein sogenannter »Theeclamuter« sei, der heute allhier in St. eine »Sauaree« veranstalten werde, zu der sich sämtliche Honoratioren einfinden, auch viele Gutsbesitzerfamilien aus der Nachbarschaft erscheinen würden. »Wieder eine Sorte von Vagabunden, die mir noch nicht begegnet ist«, sagte Anton. »Ein reisender Deklamator. Nach dem Pröbchen zu urteilen, wie es durch die Wände zu mir drang, muß er ein gewaltiger Künstler sein, denn von Natur war nichts zu spüren, während er sich übte. Aber ich will ihn hören heute abend. An Weitergehen ist bei meiner Mattigkeit noch nicht zu denken; so mag dies die letzte öffentliche Schaustellung sein, der ich noch beiwohne, bevor ich mich wieder hinter meine Körbe verschanze. Gewiß, ich will ihn hören – und sein Publikum sehen.« Der Arzt, der womöglich noch artiger auftrat, als gestern, billigte Antons Vorsatz, mindestens noch einen Tag der gemächlichsten Ruhe zu widmen, und fragte ihn, was für einer Gelegenheit er sich später bedienen wolle, um weiter zu reisen. »Dieser hier«, antwortete Anton, indem er auf seine Füße zeigte. Der Arzt lächelte pfiffig vor sich hin und meinte, der Posthalter besitze eine sehr bequeme gelbe Chaise in guten Federn. »Kann sein«, entgegnete Anton, »aber ich habe nicht so viel Geld übrig, um mit Extrapost zu fahren.« »Erwarten vielleicht eigene Gelegenheit?« »Habe sie schon, Herr Doktor, wie gesagt; habe sie schon in diesen Beinen.« »Belieben zu scherzen!« »Herr, was wollen Sie mit Ihren Andeutungen, mit diesen versteckten Winken? Halten Sie mich für etwas anderes als ich bin, das heißt, für etwas anderes als einen armen, hergelaufenen Burschen, der, jeder Eitelkeit und jedem Anspruch entfliehend, die niedere Hütte seiner Heimat aufsucht, so sind Sie im Irrtum. Ich bin ein Korbflechter, der Arbeit braucht, und wenn Sie in Ihrer Wirtschaft zerbrochene Körbe haben, die ich ausbessern kann, dann lassen Sie mich Ihr Honorar für ärztliche Bemühungen abarbeiten; Sie sollen sehen, wie ich es ernstlich meine.« Der Arzt wurde stutzig. Die innerste Überzeugung in Antons Worten fing an, ihn irrezumachen. Schon stand er im Begriff, sich auf Erklärungen einzulassen, da ging die Stubentür auf, eine abenteuerlich aufgetakelte Frauensperson trat ein; sie begann mit feierlich tremulierender Stimme: »Der Ruf Ihrer Huld, gnädiger Herr, dringt, rosenduftigen Zephiren gleich, in die Laubengewinde der Kunst, deren Priester mit wonnereicher Zuversicht erlabend; so drang er auch zu uns, und von ihm ermutigt, sendet mein Gatte, der, angegriffen von den erschütternden Morgenstudien, einer notwendigen Schlummerstunde sich hingibt, mich, die liebende Gattin, mit diesem Programm zu Ihnen, um Sie einzuladen, daß Sie ihm heute abend Ihrer Gegenwart Ehre gönnen mögen. Obwohl parteiisch für ihn – und wehe der Gattin, die es nicht wäre für den Gefährten ihres Lebens – darf ich doch ohne Parteilichkeit behaupten, daß er das Überschwengliche leistet als deutscher Kunstredner, als Veredler heiligster Gefühle, als Verbreiter poetischer Schönheiten. Leider noch sind die Behörden, deren Sorgfalt öffentliche Geschmacksbildung anvertraut wurde, tief im Dunkel über die Verdienste meines Gatten; leider noch muß er als Begünstigung von einzelnen Schulvorstehern erbitten, daß sie ihm erlauben, die junge Welt durch seiner Donnertöne Gewalt zu erschüttern, wofür jeder Zuhörer die geringe Summe von zwei Groschen entrichtet, während alle Biersiedler besser bezahlt werden. Aber lange kann das nicht mehr dauern. Wir reisen jetzt nach der Residenz; dringende Empfehlungen werden bewirken, daß mein Gatte, mein Mortimer, bei Hofe deklamiere, und dann, – o nein, – lang lebe der König, es freue sich, was oben atmet im rosigen Licht, – nein, dann kann es nicht fehlen, daß ihm Auszeichnung, Belohnung und Rang zuteil werden; er wird, ich zweifle nicht, – festgemauert in der Erden steht mein Glaube – eine Anstellung erhalten als königlicher Kunstredner und wirklicher Obergefühlsveredler für Gymnasien und Bürgerschulen. Um dies zu erreichen, um in der stolzen Residenz unserer würdig auftreten zu können, machen wir gegenwärtige Kunstreise und rechnen auf Mäzene, die Ihnen ähnlich, gnädiger Herr – ...« »Madame«, unterbrach sie Anton, »es war ohnedies mein Wille, das Deklamatorium dieses Abends zu besuchen; und ich hoffe, ich werde dies dürfen, ohne die Titel zu führen, mit denen Ihre freiwillige Einbildungskraft mich schmückt. Gewiß werde ich mich einstellen und mein Scherflein zu Ihrer glorreichen Ausstattung für die Residenz um so sicherer beitragen, als wir alte Bekannte sind.« »Wäre es möglich? Hätten die Schlangenwindungen meiner Laufbahn die Ihrige schon einmal durchkreuzt?« »Ich glaube nicht zu irren, wenn ich mir die Freiheit nehme, Sie an einen jungen Burschen zu erinnern, dessen Wäsche Ihrer besonderen Sorgfalt sich erfreuen durfte, während er als Diener in einer Menagerie angestellt war. Oder sollte die alte, berühmte Stadt D. nicht das Glück haben, Ihre Vaterstadt zu sein?« Madame wurde feuerrot, stammelte sehr verlegen die Versicherung heraus, daß sie niemals in D. gewesen sei, daß es täuschende Ähnlichkeiten gäbe, daß ihr Gemahl sie erwarte usw. Dann warf sie noch einen prüfenden Blick auf den »gnädigen Herrn«, schien sich des ehemaligen Antoine bei Madame Simonelli wirklich zu erinnern und eilte beschämt in die Arme ihres Mortimer. Der Arzt, offenbar stutzig gemacht in seinen zuversichtlichen Voraussetzungen, wußte doch nicht recht, wie er einen Menageriewärter, der die an einen gefühlsveredelnden Kunstredner verehelichte Wäscherin aus D. kannte und von ihr gekannt wurde, mit dem geheimnisvollen Kranken in eins verflechten solle, dem er Ehrfurcht gezollt, und zog sich, nachdem er seine Ratschläge bestens wiederholt und ein Honorar empfangen hatte, ebenfalls vom Schauplatze zurück. Doch so gut war es nicht gemeint, daß Anton deshalb sich ungestört ersehnter Einsamkeit, ernstem Nachsinnen hätte hingeben dürfen. Bald meldete sich ein reisender Porträtmaler, der ebenfalls auf den »gnädigen Herrn Baron« spekulierte, über dessen Anrede sich aber der Angeredete nicht mehr ärgerte, weil er nun außer Zweifel war, daß Peterl, um wie ein würdiger Schüler Schkramprls auf- und abzutreten, ihn geadelt habe. Der Maler kündigte sich mit eigenem Munde als »liederliches Genie« an. »Ich weiß«, so äußerte er sich gleich bei seinem Eintritt, »es muß übles Vorurteil erwecken, wenn der Künstler sich in den Kneipen kleiner Städte Durchreisenden anbietet; der Fremde ist berechtigt, einen Kleckser zu erwarten, einen talentlosen Pfuscher, unfähig, an größeren Orten mit Ehren zu bestehen. Ich bin eine Ausnahme. Ich meide große Städte, nicht weil ich den Vergleich mit anderen Porträtmalern fürchten müßte, sondern lediglich deshalb, weil es mich anekelt, mit ihren Anmaßungen und Prahlereien in die Schranken zu treten. Diese geleckten und geschleckten Pinsel, die vierundzwanzig Sitzungen brauchen für ein langweiliges Ölbild, das sie gut gemalt nennen, in dem aber sogar der eigene Hund seinen Gebieter nicht wiedererkennt, es vielmehr anbellt wie den Mann im Monde, wohnen in schönen, möblierten Zimmern, haben Ateliers, seidene Schlafröcke, geben vor, Historienmaler zu sein, lassen sich mitunter Professoren schimpfen, bilden Schüler und heißen Akademiker. Mir sind diese Scharlatanerien zuwider. – Ich halte – da nun einmal die großen Meister Todes verblichen, um nicht wieder aufzustehen – keinen von uns Lebenden für würdig, Bilder zu malen mit der Anmaßung auf lange Dauer; halte kein Gesicht, wie sie jetzt herumlaufen, für würdig, mit dem Anspruch auf Verewigung konterfeit zu werden, bin vielmehr der Meinung, unsere miserable Gegenwart solle sich mit der Gegenwart begnügen, dem Augenblick sein Recht tun und damit basta! Deshalb male ich in Wasserfarben, frisch, bunt, keck, aber rasch, in fünfundvierzig Minuten; dabei treffe ich wie aus dem Spiegel gestohlen. Wenn ein jugendliches Antlitz, wie das Ihrige, sich auf meinem Bildchen erblickt, freut es sich über sich selbst, verschenkt sich mit Lust und hat den Trost, nach einigen Jahren, wo dem Original die Jugend und Schönheit zu entweichen beginnt, keine niederschlagenden Vergleiche mehr zu fürchten, denn bis dahin ist meine Malerei längst an Luft und Sonne verblichen, verlöscht, unkenntlich geworden. Folglich triumphiert das Original über die Kopie. Wie gefällt Ihnen das? Drei Taler zahlt der Plebs, Standespersonen zahlen nach Belieben. Nehmen Sie Platz, setzen wir uns, Sie bleiben auch sitzend in meinen Augen eine Standesperson.« »Ich bin noch niemals porträtiert worden«, antwortete Anton, »und wenn auch meine Kasse ungleich mehr der dünnen Börse des fußwandernden Handwerksburschen als der eisernen Schatulle einer reisenden Standesperson ähnelt, möchte ich doch, pour la rareté du fait , Ihren Pinsel in Anspruch nehmen. Legen Sie, bitte ich, das Bildchen so klein als möglich an, damit es ...« »In Briefform versendet werden könne? Verstehe! Ein Wort genügt. Nur bitte ich um fünfzehn Minuten mehr als akkordiert war. In einer Stunde sind Sie erlöst. – So, dies Blatt wird passend sein. Unten eines Fingers Breite leerer Raum, damit etliche Worte darunter geschrieben werden können, nicht wahr? O, ich kenne mein Handwerk. Sie waren krank, will mich bedünken. Angenehme, schmachtende Blässe, sehnsüchtige Hingebung! Ich spare an teurer roter Gesichtsfarbe. Die Augen sind die Hauptsache bei Ihnen. Wissen Sie, daß Sie wunderbar schöne Augen führen, Herr Baron? Viel zu tief, viel zu geistreich für einen Baron.« »Der Teufel ist ein Baron, Herr!« »Ich weiß, ich weiß, ich kenne meinen Goethe so gut wie mein Handwerk. Der Teufel ist Baron: ›Sieh' her, das Wappen, das ich führe‹, es steht fest, jeder Teufel von einiger Bedeutung muß Baron sein, sonst wäre er nicht hoffähig in der Hölle: aber nicht jeder Baron ist umgekehrt ein Teufel, wie der Augenschein lehrt.« »Sie könnten mir einen Dienst erweisen, Bester, wenn Sie mir ehrlich sagen wollten, wer Ihnen gesagt hat, daß es ein Baronsangesicht sei, dem Sie gegenwärtig Aufmerksamkeit widmen.« »Wer? Je nun, er; Ihr Diener, Ihr Heiduck, Ihr Leibriese; der alte Mann mit der jugendlichen Quäkstimme; er sandte mich zu Ihnen.« »Schkramprl! Der Kerl ist toll.« »Doch wohl nur bei Nordnordwest? Wenn der Wind südlich ist, kann er einen vornehmen Herrn von einem Vagabunden unterscheiden.« »Sie sind mir zu gelehrt, Herr Maler.« »Shakespeare – Hamlet!« »Schon recht. Schkramprl ist ein Schlingel, der sich schlechte Späße mit mir erlaubt, und seinem Pagen Peterl will ich die Ohren abreißen, wenn er mir noch einmal in die Hände gerät.« »Welche Jammertöne in Ihrer Nachbarschaft!« »Ein reisender Deklamator, der sich für heute abend übt. Kennen Sie seine Gemahlin?« »Ihn und sie! Das edle Paar wirkte jenseits des Wassers – ich meine auf der polnischen Seite – bei einer reisenden Schauspielertruppe mit, wo ich sie mehrmals bewundert habe. Die Truppe hat sich aufgelöst infolge innerlicher Zersetzung. Herr Mortimer treibt sein Wesen selbständig fort. Hören Sie nur, wie er's treibt!?« »Und die Gattin? Gibt sie den Hörern nichts zum besten?« »Sie sitzt an der Kasse. – Mein Himmel, lieber Baron, – bitte die Augen ein wenig nach oben! – Wir wollen alle leben; der eine gut, der andere schlecht. Sie begreifen das nicht. Aber ich ... wahrhaftig, mir ist sogar ein solcher Deklamator begreiflich; das heißt von seiner Seite, weniger von der Seite derer, die sich einstellen, ihn zu hören.« »Und gibt es deren?« »Es gibt deren. Glauben Sie mir, bei der Mehrzahl jener zweibeinigen Geschöpfe, die sich das Recht anmaßen, Menschen genannt zu werden, kommt es nur darauf an, sie einzuschüchtern, ihnen frech entgegenzutreten, sie in Grund und Boden zu sprechen. Geschmack, eigenen, selbständigen Geschmack besitzen und üben die wenigsten; sogar unter denen, die sich für gebildete Leute halten, ist er selten. Das kommt einem rohen, unverschämten Lümmel von Ihres Nachbars Gattung zugute. Er redet ihnen ein, daß er ein Kunstredner sei, und niemand fragt, ob es wahr ist. Die Zeit wird ihnen freilich fürchterlich lang während solchen Deklamatoriums, aber ich fürchte, sie würde ihnen noch länger werden, wenn der Mann wirklich gut, einfach und natürlich vortrüge, während er jetzt gerade das Gegenteil tut. Ich habe gefunden, daß verhältnismäßig alles Niedere, Schlechte, Gemeine auf Erden die beste Aufnahme findet.« »Das ist aber eine traurige Ansicht von der Welt und gar für einen Künstler.« »Die Welt ist auch nicht lustig, Herr Baron; ich finde sie sehr traurig für einen Künstler; warum soll ich sie nicht traurig ansehen? Das heißt: warum soll ich nicht eine traurige Ansicht von ihr hegen, vorausgesetzt, daß diese Ansicht meiner Fröhlichkeit keinen Eintrag tut? Und das tut sie nicht; denn ich bin immer guter Dinge, sogar dann, wenn ich kein Geld habe. Das will viel sagen, wie? Doch das kennen Sie nicht.« Anton brach in ein so herzliches Lachen über diese Behauptung aus, daß der Maler ihn dringend ersuchen mußte, seinen Bewegungen Einhalt zu tun. »Es wird ohnedies bald überstanden sein«, setzte er hinzu. Auch war die erbetene Stunde kaum verstrichen, als ein handgroßes, heiteres Bildchen vollendet war, dem nur ein Blinder den Vorzug lebendigster Ähnlichkeit hätte absprechen können. Natürlich war es nur skizziert, aber so sicher und fest stand es da ... man konnte nichts Vollendeteres in dieser hingeworfenen Manier denken. »Wie leid tut es mir«, sagte Anton, »daß ich nicht bin, wofür mich zu halten Ihnen beliebte. Ich würde dies reizende Spiel Ihrer geschickten Hand mit Goldstücken bedecken, um Sie würdig zu bezahlen. Aber wahrlich, wenn ich Ihnen entrichte, was Sie vorhin Ihren feststehenden Preis nannten, so empfangen Sie gerade die Hälfte meines Kapitals.« »Und bin damit zufrieden, – ohne jedoch der Großmut Hindernisse in den Weg werfen zu wollen. Lassen Sie uns einen Vertrag schließen. Heute über ein Jahr, oder später, wie mich der Wind treibt, besuche ich Sie auf Ihrer Besitzung und hole mir die Summe nachträglich ab, deren Sie mein flüchtiges Talent heute würdig fanden. Sind Sie damit einverstanden? Ja? So empfehle ich mich und wandle fürbaß, denn ich habe noch einige heimische Bürgertöchterangesichter zu liefern. Also, auf Wiedersehen in Liebenau!« Dreiundsiebzigstes Kapitel Ich erlasse meinen Lesern großmütig das unvermeidliche Deklamatorium. Hat sich Anton doch auch die größere Hälfte desselben geschenkt und noch vor Tagesanbruch mit neugestärkten Kräften, aber nichtsdestoweniger vorsichtig und langsam gehend, seine letzte Tagereise nach der Heimat angetreten. Er berührte jetzt bei der Wiederkehr die Grenzen des Liebenauer Forstes nicht von der Seite des Fuchswinkels, wo er ausgegangen, vielmehr bog er in jenen Fußpfad ein, der mit der Straße zur Hauptstadt in Verbindung steht. Dort hatte Onkel Nasus ein Jahr vor Antons Flucht kleine Birken anpflanzen lassen. Die jungen Stämmchen, die man zeitig abgeschnitten, waren bereits in dicke Gesträuche umgewandelt, die voll belaubt den großen Hau mit lächelndem Grün bedeckten. Unzählige Finken sangen dort ihr Morgenlied. Über die Schonung hinaus drehte bei sanftem Wind die alte, wohlbekannte Mühle ihre breiten Flügel. Der Müller steckte den weißbestaubten Kopf zum Guckloche heraus. Von dem Flecke, wo Anton dies sah, ist noch ein halbes Stündchen bis ans Dorf. Es war ihm unmöglich, dieses kurze Stück Weges jetzt gleich zurückzulegen. Seine innere Bewegung überwältigte ihn. Er setzte sich an den Rand des Grabens, der die Birkenschonung von einem Stück Brachfeld trennte. Über dieses kamen Schafe gezogen, hinter ihnen Schäfer und Hunde. Der Schäferknecht mit seinem langen, blassen Gesicht und den weißlich blonden Locken konnte kein anderer sein als des alten Schäfers jüngster Sohn Gottlieb, einst Gottliebel genannt, ein Gespiele aus der Kinderzeit. Er grüßte Anton wie einen Fremden und ging vorüber; die Hunde knurrten, und Gottlieb mußte sie beschwichtigen. »Es wird mich niemand mehr erkennen, im ganzen Dorfe nicht«, seufzte Anton, »so wenig wie Schäfers Gottliebel. Meine Großmutter, die würde mich erkennen, aber die ist begraben. Es ist auch freilich bald sieben Jahre her, daß ich fortlief, – sieben Jahre! – Mir kommt's vor, als wenn es siebzig wären, so vielerlei ist mir begegnet, daß ich es gar nicht durchdenken kann, ohne schwindlig zu werden; wenigstens heute nicht. Und dann wieder, wenn ich nach dem Dorfe schaue, nach dem Kirchturm, da ist mir wieder, als wären's kaum sieben Jahre, daß ich abwesend war. Zuletzt läuft alles auf eins hinaus, und wenn der Mensch erst tot ist, machen siebzig Jahre nicht mehr aus wie siebzig Minuten, sechzig auf die Stunde gerechnet. Wie gesagt, zuletzt läuft alles auf eins hinaus und ist alles nur Einbildung: Freude und Schmerz, Glück und Elend, Trennung und Wiedersehen. Die ganze Geschichte ist nicht wert, daß man sich plagt, abängstigt, betrübt. Was war's nur, daß ich mir damals einbildete, hier könnte ich's nicht länger aushalten, ich müßte die Welt, müßte das Leben kennen lernen. Was war's anders als Einbildung? Jetzt habe ich die Welt gesehen, Menschen und Leben gesehen, und bin ich nun glücklicher? Da sitze ich wieder, von wo ich ausging, um nichts klüger ... ei ja, klüger doch! Wohl, wohl um vieles klüger. Oder ist es nicht schon ein Zeichen zunehmender Klugheit, daß in demselben Augenblicke, wo ich ›die Birken‹ betrat, eine Stimme in meinem Herzen wach wurde, die mir meiner Großmutter Worte ins Gedächtnis rief: ›Auf daß du friedlich lebest und dereinst in Frieden sterbest. Alles andere ist dummes Zeug.‹ Diese Worte, an denen ich zweifelte, deren Sinn ich nicht zu begreifen vermochte, wenn die alte Frau sie mir predigte, tönen mir heute an dieser Stelle wie ein Evangelium der Huld, des Trostes. Ich verstehe jetzt, was sie damit meinte, und dies Verständnis habe ich mir draußen erst errungen, folglich bin ich klüger geworden, es ist keine Frage, folglich wäre ich nicht vergebens gewandert; folglich werde ich und muß ich jetzt aushalten in der beschränkten, niedrigen Zukunft, die vor mir liegt. Und darum denn nicht lange getrödelt! Auf, Anton! Dort hinein, wo sich das Dorf wie in einen Zipfel nach dem Walde verliert; dort hinüber, am Ziegelofen vorbei, liegt dein Erbteil, dein Häuschen, dein Garten, vorwärts, und ohne Murren!« Er erhob sich, den letzten schweren Gang zu tun. Da er sich dem Gartenzaum näherte, war es ihm, als schlüpfte jemand, vor ihm sich verbergend, durch die Stachelbeersträuche des Nachbars, und er glaubte Peterl zu erkennen, dem er die Ohren hatte abreißen wollen, was er aber jetzt vergaß und den Jungen laufen ließ. Er stand vor seiner Großmutter Haus, vor der offenen Hintertür, die nach dem sauber gehaltenen Gärtchen führte. In diesem hatte sich gar nichts verändert, außer daß die jüngeren Bäume mächtig gewachsen waren. Er trat in den kleinen Hausflur, wo er jeden Nagel, jedes Brett wiedererkannte. Alles war still. Er schritt bis an die Stubentür, er klopfte schüchtern an ... es durchrieselte ihn so etwas wie eine Erinnerung, daß die braune Bärbel erzählt hatte, Fräulein Ottilie bewohnte sein Haus als Mieterin. Nun lauschte er auf ihr »Herein!«, doch ließ sich nichts vernehmen. Er öffnete in Gottes Namen. Da war keine Seele im Zimmer. Bett, Schränke, Stühle, Geschirr standen wie bei der Großmutter Tode. Er wagte sich bis in seine Kammer. Sein Handwerkszeug lag in schönster Ordnung, der letzte Korb, den er begonnen, stand unvollendet, wie er ihn gelassen. Auf einem kleinen Tischchen unter dem Fenster der Käfig, den er für seine Turteltaube geflochten, worin er das zahme Tierchen aufs Schloß getragen. Die Taube saß darin. Er öffnete den Käfig, um sie zu streicheln, sie war leblos, war tot, ausgestopft, auf ihre Stange festgenagelt. Oben am Käfig, von einem blauen Bändchen umschlungen, hing das Blatt mit seinen Abschiedsversen. Kein Zweifel, Ottilie bewohnte noch dieses Haus. Sie war ihm und seinem Andenken treu geblieben; diese Überzeugung sprach ihn aus jedem Winkelchen der niederen Räume an. Aber er ... hatte er wohl seit Lauras erstem Blicke ihrer nur gedacht? Kaum, und wenn es geschah, mit täglich zunehmender Gleichgültigkeit. Und heute sollte er sie wiedersehen! Und wenn sie ihn fragte: »Wie ist es, Anton, bringst du mir die kindlichen Gefühle deines reinen Herzens rein und herzlich wieder mit? Ist Tieletunke noch, die sie dir war?« Was konnte er dann erwidern? Namenlose Angst bemächtigt sich seiner. Eiligst will er das Haus verlassen ... an der Vordertür tritt sie ihm entgegen. Kaum erkennt er sie, so auffallend ist sie gealtert, groß, mager, bleich, wie ein Gespenst steht sie vor ihm. Sein Anblick überfliegt ihr Antlitz mit einem Purpurschein der Freude; sie verjüngt sich wie durch Zauber. Doch verrät sonst kein Ausruf, keine übereilte Bewegung, was in ihr vorgeht. Lächelnd reicht sie ihm nur die Hand, und wie wenn sie sich gestern getrennt hätten, spricht sie freundlich: »Nun, Anton Hahn, seid Ihr wieder in Liebenau?« »Fräulein Ottilie – gnädige Baronesse – ich bin so erfreut ... und Sie in diesem Häuschen? Dieses Glück für mich ...« »Schwatzt keinen Unsinn, Anton. Es war ein Glück für mich, in diesem Hause wohnen zu können; ich habe es gemietet, es ist passend für eine alte Jungfer. Nun kehrt Ihr zurück, wollt Euer Eigentum in Beschlag nehmen, – und ich werde es räumen. Darauf bin ich schon vorbereitet, denn ich dachte mir's, Ihr würdet über kurz oder lang wieder heimkehren. Laßt mir Zeit bis morgen. Ich ziehe aus Liebenau fort. Meine Anstalten sind getroffen.« »Ich soll Sie vertreiben, Fräulein Ottilie? Nimmermehr.« »Närrischer Mensch, kann es denn anders sein? Euer Häuschen steht leer, der Gerichtshalter will es vermieten, ich ziehe ein. Ihr kommt wieder, – ich ziehe aus und mache dem Besitzer Platz. Reden wir nicht weiter davon. Heute geht ins Wirtshaus, schlaft auf frischem Heu ... und morgen nehmt Eure Sachen in Empfang.« »Ach, wenn ich nur nicht so arm wiederkäme, ärmer, als ich auszog, – und wenn ich mir's nur getraute ... ich möchte wohl ... aber, Fräulein Tieletunke ... ich weiß halt nicht ...« »Anton, gib mir die Hand! Du bist ein gutes, ehrliches Herz! Damit genug! Geh' deiner Wege, bis morgen. Suche den Herrn Kurator auf. Morgen räume ich dein Haus! Kein Wort weiter. Geh'!« »Sie hat mich verstanden«, murmelte Anton im Gehen. »Und ich verstand sie auch. Sie weist meinen Antrag zurück, im Häuschen zu bleiben und mich wieder ziehen zu lassen; sie will dies Opfer nicht von mir annehmen; ihr Stolz hat sie noch nicht verlassen, auch in ihrer Armut nicht. Da bleibt mir für jetzt nichts übrig als das Wirtshaus. Es war auch albern von mir, zu glauben, ich würde das Nest leer finden und mich gleich nur so hineinsetzen können. Es war eine indirekte Beleidigung gegen den Kurator meiner minorennen Erbschaftsmasse. Nein, solche Hotels läßt man nicht unbesetzt. Haha, ich muß lachen, da steht Anton Hahn mitten in der Hauptgasse, ›Unter den Linden‹, dem ›Graben‹, den Boulevards von Liebenau, vor seinem eigenen Palaste, und kein Hahn kräht nach Herrn Hahn, kein Hund begrüßt ihn, kein Mensch kennt ihn mehr! Kämpfte nicht Wehmut mit mir wie mit einem schwachen Mädchen und trieb mir heiße Tränen ins Auge, da ich die lange Dorfgasse betrat? Und jetzt ist's wie weggeblasen, das süße, weiche Gefühl der Heimkehr; jetzt kommt die Wirklichkeit und schickt mich ins Wirtshaus, wo die Flegel bei Bier und Schnaps sitzen, Karten spielen; wo sie mich anstarren werden wie die Kuh das neue Tor ... und gute Nacht: süße Wehmut, sanfter Tränentau, Wonne des Schmerzes; gute Nacht alles, was Poesie heißt. Ich bin überzeugt, wende ich mich nach dem Kirchhofe, um meiner Alten Grab zu sehen und auf diesem die wohltätige Stimmung wiederzufinden, die ich brauche und wünsche, dann haben die Schuljungen das Gittertor aufgelassen, und ein Schwein liegt am Grabe und wühlt den Hügel mit schmutzigem Rüssel auf. – Da macht Tieletunke die Fensterflügel zu; ich bin ihr mit meinem Anblick zur Last, wie es scheint. Wohlan, ich kann auch anderswo diese erbaulichen Selbstgespräche fortsetzen. Und darum will ich, um nur gleich das Schlimmste hinter mir zu haben, das Dorf entlang zum Herrn Kurator gehen, mich bei ihm anmelden, wie sich's gebührt. Bei dieser Gelegenheit werfe ich im Vorübergehen auch ein Blickchen nach dem alten, lieben Schloß. – Wer mag darin hausen? Hätte doch Fräulein Ottilie befragen sollen.« Und Anton ging langsam durchs Dorf, voll Erwartung, wer von alten Bekannten ihm begegnen, wer der erste sein werde, der ihn erkenne, der sich seiner erinnern möge. Doch wie er seine Augen forschend rechts und links, hinüber und herüber nach Häusern und Hütten sandte ... nirgend kam ihm ein menschliches Wesen in den Wurf. Alles wie ausgestorben. Endlich überholte er den völlig zusammengekrümmten, uralten Tischler Fiebig, denselben, der damals den Sarg für den schwarzen Wolfgang geliefert: der Greis schlich am Stabe so langsam fort, daß er sich kaum vom Flecke zu bewegen schien. Dabei war er fast erblindet. Anton sprach ihn an: »Wohin des Weges, Väterchen?« »Aufs Schloß, Landsmann; aufs Schloß.« »Und so allein, ohne Führer?« »Sind alle vorauf; konnten's nicht erwarten.« »Was denn? Gibt's was zu sehen?« »Die neue Herrschaft halt!« »Die neue Gutsherrschaft hält ihren Einzug? Also ist Liebenau wieder verkauft worden?« »Der Herr van der Helfft ist verstorben, Landsmann, draußen, weit weg. Hat viele Prozesse hinterlassen! Sie haben Akten geschrieben, multum; multum viel, Landsmann. Vor acht Tagen war Verkaufstermin. Hoch fortgegangen: Hundertfufzigtausend. Viel Geld das, aber gleich deponiert, pure Pfandbriefe. Reicher Kerl, der Käufer!« »Wie heißt er denn?« »Weiß nicht! Weiß niemand nicht. Hat sich nicht benamset. Sein Affenkate ist mit Vollmacht gekommen, General-Spezial-Vollmacht. Heute wird er sich zeigen. Neugierig; alle neugierig im ganzen Dorfe. Sagen, es wäre ein Fremder, einer aus der neuen Welt. Kurios, ob er ein schwarzes Gesicht hat. He? Wollt Ihr mitkommen, Landsmann?« »Meinetwegen, ich will Euch unterstützen, Väterchen, dann geht's rascher.« – Sie eilten, so geschwind wie Antons Beihilfe den Urgroßvater Tischler fortschieben konnte, aufs Schloß. Am Einfahrtstore des Hofes, und diesmal vollkommen deutlich und sicher, daß er sich nicht täusche, erblickte Anton wiederum Schkramprls Peterl, der, sobald er ihn erblickte, wie ein Pfeil in den Hofraum hineinschoß. Der alte Fiebig hatte die Wahrheit gesagt, die ganze Gemeinde schien versammelt. Dicht zusammengedrängt stand jung und alt, daß die wohlbekannte Wildeweinlaube, die als grünender Bogengang zum Schlosse führte, Kopf an Kopf bedeckte. Die beiden Flügel der großen Hauspforte standen weit auf. In derselben – damit alle Leute ihn sehen sollten – saß der Gerichtshalter an einer mit Teppichen behangenen Tafel, worauf vielerlei Aktenstücke, Dokumente und die Grund- wie Hypothekenbücher des Dorfes Liebenau lagen. Rechts vom Gerichtshalter saß eine schöne, ernste Dame von etwa vierzig Jahren in tiefer Trauer. Links von ihm saßen zwei Advokaten, deren einer die Verwaltung der van der Helfftschen Konkursmasse, der andere die Rechts des neuen Käufers zu vertreten hatte, welcher letztere noch nicht angelangt, und auf dessen Ankunft jeder männiglich erwartungsvoll gespannt war. Einen Schritt tiefer, doch immer noch hoch genug, um überall gesehen zu werden, befanden sich auf den zur Pforte führenden Stufen die Beamten des Gutes, Verwalter, Förster, auch Schulze und Gerichtsmänner, an ihrer Spitze der Herr Pastor, in dem Anton sogleich seinen Jugendgespielen, den sogenannten »Pastor-Puschel«, erkannte. Hoch über diese Köpfe ragte der graue Kopf des Riesen Schkramprl hervor. Und gleichwie ein graubemooster Kirchturm, höher als die höchsten Dächer neben ihm, aus seinem Glockenhaupte ein Zeichen ertönen läßt, wenn eine längst ersehnte Person ihren Einzug hält, so gab Schkramprl jetzt ein Zeichen, da er Anton am Eingang der Bogenlaube erscheinen sah. Er nickte jener Dame in Trauerkleidern ehrfurchtsvoll bejahend zu. Alsobald gab diese dem neben ihr sitzenden Gerichtshalter einen Wink. Dieser erhob sich, und augenblicks schwieg das Gesumme und Geplauder unter den Dorfbewohnern. Aller Augen richteten sich nach dem »Justitiarius«, den sie lieb hatten, weil er sie stets freundlich behandelte und gar manchen entstehenden Prozeß durch vermittelnde Ratschläge im Keime tötete. Dieser hob an: »Ihr wißt schon, ihr guten Leute, daß Liebenau verkauft ist. Die Sequestration hat ein Ende. In diesem alten Hause wird wieder ein Besitzer wohnen, und, wie zu hoffen steht, einer, der sein Geld nicht auf Reisen und in großen Städten vergeuden, sondern hier bleiben, auf seinem Eigentum leben, die Wirtschaft verbessern, die Waldungen schonen, in eurer Mitte weilen, euch ein freundlich gesinnter Herr, in Tagen der Not ein Tröster und Helfer sein will. Er ist zwar ein reicher Mann, denn er hat, wie die vor uns liegenden Papiere nachweisen, die bedeutende Kaufsumme durch seinen Herrn Bevollmächtigten bar und richtig bei den Behörden deponiert, doch ist er zugleich ein Mann, der weder verwöhnt, noch hochmütig, keineswegs in Pracht und Überfluß aufgewachsen, vielmehr vom Schicksal geprüft, das Leben kennen lernte. Er weiß, was Armut und Elend sind. Er wird es nicht vergessen, jetzt, wo er reich und glücklich ist. Er wird ein Herz für euch haben. Er war ein guter Junge, das weiß ich. Er wird ein guter Mann sein, das hoffe ich. Ich kannte ihn vor beinahe sieben Jahren. Ihr kanntet ihn auch und hattet ihn lieb. Möge er eurer Liebe würdig bleiben. Die hiesige Gemeinde macht eine Ausnahme von den meisten ihrer Nachbarschaft. Unter euch hat sich noch am reinsten der ländlich fromme Sinn, die schlichte Einfalt und anhängliche Treue unserer Vorfahren aufrechterhalten. Möge er euch vertrauen, damit ihr ihm vertrauen könnt. Und somit übergebe ich ihm im Auftrag seiner edlen Wohltäterin, die eures Herrn Mutter sein und heißen will, das Dominium Liebenau nebst den dazugehörigen Vorwerken, Höfen und gesamtem Inventarium. Er trete vor und zeige sich der versammelten Gemeinde.« Tiefes Schweigen – ahnungsvolle Erwartung unter allen Anwesenden. Anton hörte, ohne zu fassen; er wußte nicht, was um ihn her sich begab; er vernahm den Aufruf, der nur ihm gelten konnte, aber er regte sich nicht. Plötzlich lief ein Geflüster durch die Reihen. Die Zunächststehenden waren durch Peterl aufmerksam gemacht worden auf den jungen Mann, der den alten Fiebig hierher geleitet, den einzigen Fremden in der ganzen Versammlung. Sie stießen ihre Nachbarn mit den Ellbogen an und deuteten auf ihn. Bald waren aller Augen auf ihn gerichtet. Einige Frauen erinnerten sich dunkel seiner Züge. Hier und da klang ein: »Anton, Anton, der Korbmacherjunge! der Enkel der Mutter Goksch!« aus dem Gedränge. Ohne daß es ihnen geboten ward, drückten sie sich dichter zusammen und bildeten eine freie Gasse vom Eingang der Bogenlaube, wo Anton stand, bis zum Eingang ins Schloß. Anton blieb regungslos. Da erhob sich die Dame in Trauerkleidern, stieg die Stufen hinab und schritt, wie eine Überirdische, so stolz, so sanft, so weiblich, bis dahin, wo Anton stand. Freundlich löste sie seine Hand vom Arme des alten Tischlers Fiebig und führte ihn dann zurück bis an die Gerichtstafel. Anton fühlte, wie die Frau zitterte. Doch als sie die Stufen neben ihm hinanstieg, hatte sie sich bereits ermannt. Mit fester Stimme sprach sie, und laut, daß auch die Fernstehenden es deutlich vernahmen: »Der Gemeinde von Liebenau stelle ich meinen Pflegesohn Anton Hahn vor als ihren neuen Gutsherrn. Gott segne seinen Einzug!« »Gräfin Julia!« »Deines Vaters Witwe!« erwiderte sie. Die Dorfleute schrien fröhlich erstaunt durcheinander. Die Kinder jauchzten. Der Riese Schkramprl weinte und jauchzte wie ein kleines Kind. Dann stieg er auf einen Stuhl, zeigte sich dem versammelten Volk, und indem er auf seine Brust mit beiden Fäusten schlug, brüllte er unaufhörlich: » Ipse feci !« Vierundsiebzigstes Kapitel Der Sommertag ist hinabgesunken hinter die dunkelblauen Waldstreifen. Anton sitzt im Zimmer, wo Onkel Nasus starb. Dämmerung um ihn her und ernste Einsamkeit, die er aufgesucht, um die er flehentlich gebeten. Er will, er muß allein bleiben. Draußen hat er wohl Geräusch vernommen, – er achtet auf nichts; von Geschäften durfte niemand mit ihm reden. Von seinen Beamten, vom Gerichtshalter, von allen Leuten erbat er mit aufgehobenen Händen, wie der Bettelknabe einen Pfennig, nur Ruhe, nur Einsamkeit! Doch war er nicht allein. Und wer, so fragen wir, wer von allen, denen wir mit ihm in diesem Buche begegnet sind, die wir mit ihm kennen, vielleicht lieben, vielleicht hassen lernten, wer war denn jetzt bei ihm während dieser heiligen Dämmerstunde? Ach, wer denn sonst als seine Großmutter! Sie, sie allein. Ja, sie lebte vor ihm, er sah sie, sie sprach mit ihm, sie stand vor seinem Sessel, legte die dürre, zitternde Hand auf seine Locken, und er schaute sie weinend an und lispelte traurig: »Zürnst du mir nicht? Liebst du noch deinen bösen, wilden, leichtsinnigen Anton? Ja, Großmutter, es ist wahr, ich habe dich vergessen, habe dein Angedenken in meiner Seele verbleichen lassen wie die Unschuld meiner Kinderzeit. Ich bin schlecht gewesen, undankbar, und wenn du kamst, mich zu mahnen an deine Abschiedsstunde, habe ich dir nicht Rede gestanden. Es ist wahr. Doch liebst du mich noch, und ich liebe dich auch; niemals habe ich aufgehört, dich zu lieben, das fühle ich heute, fühle ich jetzt mehr als je. Alles danke ich dir, dir allein: deiner Muttertreue, deiner Sorgfalt, deinem Beispiel, deinem Segen. Ja, deinem Segen. Wie sagte der gute Pastor damals an deinem Grabe zu mir: ›Deiner Großmutter Segen wird dich begleiten durchs Leben; welche Versuchungen, Leiden, Prüfungen dir vorbehalten sind, zuletzt wirst du über alles siegen und glücklich sein, so gewiß die Seele selig ist, deren Leichnam hier begraben liegt.‹ Ja, so sprach er ... und ich habe dein Grab noch nicht besucht? Zürne mir nicht, Großmutter; ich komme in dieser Nacht, wenn sie alle schlafen, daß mich niemand sieht. Leider habe ich's oft versäumt, im Elend, im tiefsten Grame meine Zuflucht zu dir zu nehmen, Trost zu suchen bei dir; – jetzt aber, im Glücke, das über mich kommt, wie wenn es mich ersticken wollte, jetzt mußt du mich aufrechterhalten; das Andenken an dich! Das Andenken meiner Kindheit!« So redete, so träumte Anton in die Abenddämmerung hinein mit einer Lebhaftigkeit, als ob wirklich die alte Mutter Goksch vor ihm stände. Unterdessen war die Stubentür unbemerkt aufgegangen, der Riese Schkramprl hatte sich leise hereingeschlichen und fragte nun in den dünnsten Tönen seiner abgenützten Fistelstimme: »Mit wem kann der Herr reden? Er ist allein!« Jeden anderen Störer dieser heiligen und hochgeweihten Abendfeierstunde würde der neue Gutsherr hart angelassen und wahrscheinlich zum erstenmal in seinem Leben gegen ihn versucht haben, den Herrn geltend zu machen. Gegen Schkramprl war es ein anderes. Blieb ihm auch noch immer der eigentliche Gang, den die wunderbare und zauberhaft rasche Entwicklung seiner Schicksale genommen, rätselhaft und in ihrer letzten Wendung unergründlich, so konnte doch über den Vermittler dieser ganzen Angelegenheit kein Zweifel obwalten. Nur Schkramprl konnte die Gräfin über ihn, seine Verwundung, seine Wünsche, seine Anhänglichkeit an Liebenau, seine Genesung unterrichtet, nur er konnte durch getreue Botschaften, durch aufmerksame (von Peterl unterstützte) Beobachtungen jeden seiner Schritte verfolgt, gelenkt und dadurch den ergreifenden Auftritt herbeigeführt haben, der im Angesicht einer festlich versammelten Gemeinde dem neuen Besitzer sein Eigentum sicherte. Anton fühlte folglich das Bedürfnis, gegen den Mann, der einen so mächtigen Einfluß auf sein Leben geübt, sich dankbar erkenntlich zu erweisen und sich mit ihm über alle näheren Umstände auszusprechen, wobei er auf die oft erprobte Redseligkeit des riesigen Kammerjägers rechnete. Wider alles Erwarten fand er sich diesmal getäuscht. Zuvörderst wies Schkramprl jede Belohnung zurück. »Ich habe zu leben«, sprach er. »Seitdem ich die phantastischen Grillen von Riesentum, Zwergen, wilden Männern, zahmen Tieren aufgegeben und mich aus der Poesie des Vagabundenwesens in die Realität der Prosa begeben habe, seitdem ich in Giften wirke und ein solider Staatsbürger geworden bin, der seine Konzession und seinen Gewerbeschein bezahlt, finde ich mein Auskommen, erhalte aus jeder Apotheke Arsenik à discrétion und nähre mich redlich, brauche also keine Unterstützung und wäre ein gemeiner Kerl, wenn ich mich vom ›gnädigen Herrn von Liebenau‹ beschenken ließe. Worauf Hochdieselben hindeuten, mir auf Ihrer Herrschaft das Gnadenbrot zu geben und mich gleichsam zu Tode füttern zu wollen, erkenne ich zwar dero Gesinnung dankerfüllt an, bedauere jedoch, für jetzt keinen Gebrauch davon machen zu können, sintemalen ich weder Sitzefleisch genug habe, um an einem Orte zu bleiben, vielmehr des Wanderns sehr bedürftig bin, noch Lust verspüre, bald zu sterben, vielmehr leben und unzählige Ratten vergiften möchte. Kann demnach die mir zugedachten Gnadenbezeugungen durchaus nicht annehmen, bitte, dafür an deren Statt mir drei andere zu bewilligen, wie folgt: Erstens, daß mein ehemaliger Kamerad Antoine, jetzt Herr von, auf, in, zu Liebenau, den kleinen muntern Burschen Peterl, der sozusagen mein Sklave war, in dero Dienste nehmen und selbigen durch Güte, Milde, Sanftmut, Liebe, nebst dazugehöriger, wohl applizierter Reitpeitsche, aus einem kecken, nichtsnützigen Tagedieb, als welcher er in meinem Umgange wurde, zu einem braven Reitknecht und dermaleinst tüchtigen Kutscher auszubilden, als wozu besagter Schlingel Neigung und Lust verrät. Zweitens, daß der Herr von Liebenau mir gestattet, alljährlich mindestens einmal auf dem Schlosse einzusprechen und zu verfolgen, zu vernichten, zu töten, mit Stumpf und Stiel, mit Rumpf und Schwanz auszutilgen, was da heißt Ratten, Mäuse, Wanzen, Läuse, Schaben, Schwaben und Grillen mit meinen Zauberpillen! Wobei ich mir ausdrücklich bedinge, ein für mich eigens erbautes Bettgestell vorzufinden, in welchem sich ein Riese behaglich ausstrecken und in welchem derselbige, wenn es zum Ende mit ihm kommt, den Tod sein gemächlich erwarten, freundliche Pflege hoffen und einen Blick anhänglicher Liebe, wohlwollender Gesinnung geben und empfangen kann, ehe denn er die Gesichtsfensterlein pour toujours zuschließt; was sich bei den Ratten, vulgo Ratzen krepieren nenne, – bei unsereinem sterben. Nur der Ausdruck ist verschieden, die Sache bleibt sich gleich. Drittens endlich begehre und verlange ich als Entschädigung für die Stiefelsohlen, so ich mir auf meinen Märschen zwischen Schloß Erlenstein und jenem Forsthause abgelaufen, das wohlgetroffene Porträt eines gewissen ehemaligen Antoine, jetzt gnädigen Herrn auf Liebenau; denn ich habe den reisenden Porträtmaler nur deshalb in den Gasthof nach St. geschickt, weil ich dies Bildchen für mich haben will, um es stets bei mir zu tragen und durch seinen Anblick an den einzigen klugen Streich, den ich in meinem langen Leben vollführte, erinnert zu werden; auf daß es mir möglich sei, mit einiger Achtung vor mir selbst noch so lange weiterzuleben, bis der angekündigte letzte Besuch in Liebenau durchaus nötig wird. Diese drei Bitten wünschte ich jetzt gleich durch Wort, Handschlag und Tat erfüllt zu sehen, wonach ich mich augenblicklich zurückziehen möchte, indem eine göttliche Dame mit Euch zu reden wünscht.« Soweit Schkramprl. Und Anton lachte nicht. Wäre es nicht schon dunkel gewesen, der Riese hätte Tränen gesehen in den großen Augen seines jungen Freundes. Anton suchte das Bild hervor, reichte es ihm, gab ihm die Hand und sagte: »Wort, Handschlag und Tat!« Dann trennten sie sich. Ein Diener der Gräfin Julia brachte Leuchter mit Wachskerzen. Gleich darauf kam die Gräfin, sichtbar zur nächtlichen Abreise gekleidet. Der lange, schwarze Trauerschleier umhüllte die hohe Gestalt. Draußen hörte man vor ihrem Reisewagen die Rosse wiehern. Anton gedachte der Beschreibung, die seine arme Mutter von der Gräfin Julia gemacht. Er fand alles bestätigt, nur daß mit den Jahren anmutige Jugendbild sich in würdevollen Ernst umgewandelt. Die herrliche Frau nahm einen Lehnstuhl ein und winkte Anton, sich ihr gegenüberzusetzen. »Junger Mann, ich darf dich Sohn nennen; ich habe ein Recht dazu, denn mein Sohn ist tot, – mein Gemahl ist tot – ich stehe allein. Du bist des Verstorbenen Kind, bist das Kind eines unglücklichen Weibes, das sterbend dich an mein Herz legte: Du bist mein Sohn. Als solcher mußt du wissen, was geschehen ist, seitdem du deinen Vater zum erstenmal – zum letztenmal gesehen; mußt wissen, welches furchtbare Geschick über uns hereingebrochen, mußt deinen Teil des Unglücks auf dich nehmen und tragen, wie er dir gebührt: mußt erfahren, warum ich, der Welt und ihrem Geräusch entsagend, mich in tiefe Zurückgezogenheit begeben und dort nur Gott , mir und guten Werken leben will. Als du deinen Vater verlassen hattest, brach zwischen ihm und seinem ehelichen, – meinem Sohne ein gräßlicher, unkindlicher Zwist aus. Graf Louis war ein ungeratener, ein herzloser Sohn. Ich, seine Mutter, sage das. Indem ich es dir sage, bricht mein Herz. Aber ich verschweige nichts, denn zwischen uns darf kein Geheimnis walten, Anton! Seines Vaters Nachsicht hatte ihn verdorben, ihn zum früh gereiften, früh verlorenen Knaben werden lassen. Meine Gegenwirkungen blieben ohne Kraft, ohne Erfolg. Doch wäre es unmöglich, daß irregeleitete väterliche Liebe und Schwäche einen solchen Bösewicht heranziehen konnten, wenn nicht schon in des Kindes innerstem Wesen der Grund dazu gelegen hätte. Woher diese Keime der Verworfenheit meinem Sohne kamen, welche finstere Macht meinem einzigen Kinde sie eingepflanzt: nun, der Himmel weiß, daß ich es nicht weiß. Dir, Anton, ist bekannt, wes Geistes dein Halbbruder gewesen. Die Absicht, dich zu morden, hat das Siegel auf seine Untaten gedrückt. Von Sophienthal zurückkehrend, fand ich deiner Mutter erschütterndes Schreiben, fand ich den Grafen, meinen Gemahl, sterbend. Was zwischen ihm und dir, was zwischen ihm und Louis vorgefallen, tat er mir scheidend kund, empfahl dich meiner Obhut, – verfluchte unseren Sohn ... und starb. Als Louis seines Vaters Tod erfuhr, als der Arzt, gerechten Unwillens voll, ihm rücksichtslos erklärte, er sei es, der den Vater umgebracht, seinen raschen Tod herbeigeführt, da schien in ihm, dem Lieblosen, eine Umwandlung vorzugehen. Er warf sich zu meinen Füßen und begann dies verstockte Herz zu öffnen. Frevel auf Frevel floß über seine zuckenden Lippen; ich schauderte vor ihm; aber es war mein Lohn. Ich suchte den wilden Erguß fruchtloser Reue zu mildern, sein Vertrauen zu befestigen, ihm zu sagen, daß der Mutter Segen des Vaters Fluch lösen könne; und weil, sagte ich ihm, wahre Reue sich darin kundgebe, daß man durch sie und in ihr gutzumachen suche, was sich noch auf Erden gutmachen lasse, so möge er damit beginnen, dich, den Ausgestoßenen, durch ihn Vertriebenen aufzusuchen, zu versöhnen, sich dir brüderlich liebend zuzuwenden und seines Vaters Ehrenschuld am Sohne seines Vaters ausgleichen. Da sprang er auf, ein grauenhaftes Bild verzweifelnder Raserei. ›Es ist zu spät‹, rief er aus, ›ich habe ihn ermordet!‹ Ich bin keine Dame nach der Mode, Anton, die zu ihrem Riechfläschchen greift, wenn ein aussätziger Bettler die Hand nach ihr ausstreckt; ich falle nicht in Ohnmacht, wenn ich Blut fließen sehe; ich habe nicht gejammert und gewinselt über häusliche Leiden, an denen mein Ehestand reich war; ich kann körperliche Schmerzen ertragen, und ich konnte oftmals lächeln, wenn Schmerzen der Seele in mir brannten; ich leide nicht an schwachen Nerven und bin, wenn schon als Gräfin geboren und im Glanze aufgewachsen, ein starkes Weib. Aber weißt du, Anton, seinen einzigen Sohn bekennen zu hören, daß er ein Brudermörder sei, ist auch einem starken Weibe zu viel. Ich will's nicht leugnen, Anton, mir vergingen die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, spürte ich so etwas von Blutgeruch; sah ich wie durch grauen Morgennebel ein hölzernes Gerüst, auf welchem ein großer Mann stand, der ein glänzendes Beil schwingt, – und dann ein dumpfer Schlag auf hölzernen Block, – und ein blasses Haupt, das fällt, – und man erkennt die Züge dieses Hauptes, – diese starren Augen haben dich angelächelt, als diese Lippen an der Mutter Brust lagen, – mit einem Wort: es ist dein Sohn, den sie als Mörder auf einem Schafott hinrichten mußten – du begreifst, Anton, mein Erwachen war nicht süß! Da mußte ich es denn als Gnade Gottes preisen, wie sie mir Nachricht brachten, Graf Louis habe sich mit seines seligen Vaters Kugelbüchse, ... mit jenem Gewehr, das deine Brust bedrohte, ... mit dem habe er sich männlich und fest sein eigenes Herz durchschossen und sei gefunden worden im Schloßgarten auf einer Bank, auf der ich zu sitzen liebte. Sie hieß die Rosenbank. Dort lag er noch. Dort fand ich ihn ... Verzeihe mir Anton die Klage um ihn, der dich ermorden wollte. Er war mein Sohn. Von dir erfuhr ich nun durch den seltsamen Menschen, den du kennst, der zwischen dir und mir mit unermüdlicher Gutmütigkeit lief, horchte, forschte, berichtete; erfuhr, daß du lebst, ruhig leidest, – daß du den Täter nicht kennest ! O, Anton, als ich dies erfuhr, da wurdest du mein Sohn! Du wolltest, du konntest entsagen, verschweigen, schonen! Und so lebt außer dir und mir kein Mensch, dem es bekannt wäre, daß Louis dem Scharfrichter zuvorkam. Der größere Teil von deines Vaters Besitztümern ist Fideikommiß und fällt nach seines einzigen Erben Tode einer jüngeren Linie anheim. Zur Erbin seines Allodialvermögens macht mich sein Testament; es könnte bedeutend sein, wenn Louis nicht wie ein Wahnsinniger gewirtschaftet hätte. Jetzt reicht es kaum zum Ankauf deines Gutes hin, doch habe ich von meinem mütterlichen Erbteil das Fehlende ergänzt, und Liebenau ist dein, dein eigen, schuldenfrei, wenn auch nicht im besten Zustande. Aber du bist jung und wirst herstellen, was seit Jahren vernachlässigt wurde und verfiel. Mir bleibt Sophienthal, das freundliche, still abgelegene Dorf, in dem ich geboren ward, wo meine Eltern begraben liegen, woran kein Fluch haftet, kein Blutfleck, kein übler Gedanke, ja nicht der Hauch einer schlechten Nachrede. Dort, wo deine arme Mutter mich vor meiner Vermählung sah, wo sie Vertrauen in mich setzen lernte, dort werde ich leben, einfach, fleißig, nur im Umgange mit meiner lieben Freundin, der Frau des Pastors. Fern von geräuschvollen Freuden, werde ich, wie es der Witwe, wie es der verwaisten Mutter eines – Selbstmörders gebührt, Trost und Freude darin suchen und finden, daß ich für anderer Glück wirken darf. Dort auch hoffe ich von meinem lieben Pflegesohne und durch diesen zu vernehmen, daß er, gereinigt von den Flecken einer wirren, nicht tadellosen Vergangenheit, sich zu vorwurfsfreiem Wandel, zu ehrenhafter Führung seiner Angelegenheiten erhebt. Wie fest ich immer entschlossen bin, meine Tür zu schließen vor allen Eindringlingen, die meinen Frieden stören könnten, dir, Anton, wird sie offen sein. Wenn du Rat einer mütterlichen Freundin, wenn du in Schmerz oder Freude ein Herz suchst, dem du das deine ausschütten könntest, so komm' und suche mich auf. Und nun begib dich zur Ruhe. Die Begebenheiten dieses Tages haben dich, den erst Genesenden, heftig angegriffen. Segne Gott deine erste Nacht in diesem Hause mit sanftem, erquickendem Schlummer! ich reise ab. Mein Tagewerk hier ist getan. Denke in Liebe deines verstorbenen Vaters, bete für – meinen Sohn und vertraue auf deiner Pflegemutter Freundschaft.« Anton, als die Gräfin nun vom Sessel aufgestanden war, näherte sich ihr, beugte sich über ihre Hände und küßte sie. Sie umschlang ihn mit beiden Armen, drückte einen heißen Kuß auf seine Stirn und sagte nur noch: »Abel, bete für Kain!« Dann ging sie raschen Schrittes hinaus, wo ihre Diener auf dem Flure harrten. Anton geleitete sie bis zur Kutsche. Der Mond ging eben leuchtend auf. Der neue Gutsherr von Liebenau entschlummerte unter sanften Tränen, wie er sie nicht mehr geweint hatte, seitdem Mutter Goksch gestorben war. Fünfundsiebzigstes Kapitel Der Morgen des ersten Tages, den der Besitzer von Liebenau als solcher daselbst zubrachte, war dem Empfange seiner Gespielen gewidmet. Pastor Julius Karich, und Verwalter Robert Karich, samt ihren Ehehälften »Miez und Linz«, stellten sich dienstbeflissen und ergebenst ein. Anton zitterte vor dieser ersten Besprechung; es war ihm ebenso peinlich, als es ihm noch immer unbegreiflich blieb, daß er, der Korbmacherjunge, die Töchter des gefürchteten Onkel Nasus in seinem Schlosse als schlichte Bürgerfrauen bei sich sehen sollte. Er ging ihnen bebend entgegen, voll Furcht, seiner unverstellten Herzlichkeit könne Bitterkeit oder Hohn das Wort im Munde ersticken. Doch nichts dergleichen. Die Gesinnung beider Frauen tat sich in demütiger Artigkeit kund. Puschel und Rubs stellten sich sehr zu ihrem Vorteil verändert dar. Die Männlichkeit ihres Wesens kleidete sie wohl, und es war über beide, besonders aber über den jungen Prediger, eine milde, teilnehmende Freude verbreitet, die in ihrer wortkargen Innigkeit lebhaft an den verstorbenen Vater, Antons unvergeßlichen Lehrer, erinnerte. Er ließ ein schnellbereitetes Mahl auftragen, wozu er sie als Gäste einlud. Kaum hatten die ersten Gläser das Gespräch belebt, als auch schon »Tiletunkes« Name von den Schwestern genannt wurde, offenbar in der Absicht, zu erfahren, was »der Herr« für seine Jugendliebe noch fühle oder nicht mehr fühle. Dabei verhehlten beide durchaus nicht, daß sie mit Ottilie auf feindseligem Fuße lebten, seitdem diese sich ihrer Verheiratung offen entgegengestellt, auch nachher den Umgang mit ihnen förmlich abgebrochen. Sie gestanden ihrerseits Abneigung gegen die »stolze Person« ein, und es bedurfte nur geringer Kenntnis des menschlichen, vorzugsweise des weiblichen Herzens, um zu durchschauen, daß ein Schwager, wie Anton jetzt war, ihren Neid erregen werde, daß sie den Gutsherrn der »alten Jungfer«, wie sie Ottilie ein für allemal nannten, nicht gönnten. Durch diese Richtung des Gespräches verschwand die Heiterkeit der kleinen Tischgesellschaft, der Pastor wie der Verwalter eilten, dies empfindend, zu ihren Berufsgeschäften und nahmen natürlich die Frauen mit. Anton blieb wieder allein, den Nachklängen dieser peinlichen Unterhaltung anheimgegeben. Er ging länger als eine Stunde auf und ab, die großen Räume mit großen Schritten durchmessend; bald sprach er laut, bald versank er in Sinnen, dann riß er die Fenster auf und starrte ins Grüne; endlich lief er hinaus in die Wildeweinlaube, stellte sich auf den Fleck, wo er vor Carino gegeigt, blickte nach der Haustür, hinter welcher sie stand, als sie ihm die Kußhand nachschickte. Sodann begab er sich wieder in sein Wohnzimmer, warf sich in einen Lehnstuhl, bedeckte sein Gesicht mit den Händen und seufzte laut: »ach, daß doch Gräfin Julia hier wäre, daß ich mit ihr sprechen, daß ich ihre Meinung hören könnte! Die Schwestern erwarten's. Sie erwarten's mit grollendem Neide, aber gerade, daß sie diesen nicht verbergen konnten, daß sie mir ihn zeigten, zeigt mir auch meine Pflicht. Ich habe sie geliebt; sie liebt mich noch. Sie lebt ja nur dieser Liebe. In meinem Hause wohnt sie, verkehrt mit keiner Seele, die ausgestopfte Turteltaube ist ihr Umgang, der Käfig, den ich geflochten, ihr Altar, meine kindischen Verse ihr Evangelium; sie treibt Abgötterei mit ihrer Jugendliebe. Und diese hat sie dem armen Knaben treu bewahrt, von dem der Stolz sie doch trennte und fernhielt. Der arme Knabe ist ein reicher Mann geworden; er hat sie vergessen, verraten, während sie ihm treu blieb; – was kann er jetzt anderes tun, als hingehen, um ihre Hand zu werben! Die Schwestern erwarten's, ... um wie viel mehr muß sie ' s erwarten. Sie hält mich für edel; hielt sie mich doch dafür, wie ich Körbe flocht ums Geld. Ich habe zu bewähren, daß ich es blieb trotz allem Wechsel der Zeit und der Umstände. – Und ich liebe sie auch noch. O, keine Frage, ich liebe sie noch. Wie sang doch jener französische Sänger in der Pariser Komischen Oper: mais on revient toujours à ses prémières amours! Freilich, freilich on revient toujours . Ich bin wieder heimgekommen und habe auch meine erste Liebe wiedergefunden. Und sie ist auch noch recht hübsch. Recht hübsch! daß sie ein wenig älter geworden seitdem, dafür kann sie nicht; wir werden alle älter. Und daß Hedwig jünger ist und schöner als sie, ist auch nicht Ottilies Schuld. Wer heißt mich denn überhaupt an Hedwig denken! An Hedwig, – wo ich an Ottilie denken soll? Zwischen mir und ihm hieß der alte Rittmeister sie wählen, und sie wählte den Vater . Sie tat recht! Ich will auch recht tun. Ich gehe zu Tieletunke und werbe um ihre Hand. Die Tochter des Onkel Nasus hat die erste und vornehmste Anwartschaft darauf, Gebieterin zu werden in diesem Schlosse!« Anton ahnte wohl, wie notwendig es sei, diesen Entschluß rasch auszuführen, wenn die Ausführung nicht an wiederkehrender Unschlüssigkeit zuschanden werden, wenn sich Hedwigs Lockenkopf nicht noch einmal zwischen ihn und die Braut seiner Pflicht drängen sollte. Er machte Anstalt zum Gehen, da meldete man ihm den alten Korbmacher, seinen Feind, seinen Brotneider; den gefürchteten Kurator, den er im Taumel der Begebenheiten schon ganz vergessen hatte. Dieser stellte sich ein, Rechnung zu legen. In der Linken hielt er ein leinenes Säckchen mit großen und kleinen Geldstückchen angefüllt, in der Rechten ein Paket Rechnungen; seinen Hut hatte er demütig auf der Türschwelle in eine Ecke geschoben. Er holte Atem zu einer langen, winselnden Anrede. Anton unterbrach ihn und schnitt ihm das Wort ab. »Mein bester Herr Kurator«, sagte er zu ihm, »der Gerichtshalter hat mir bereits mitgeteilt, daß alles in Ordnung ist. Ich quittiere in bester Form über Eure Rechnungen. Was die Mühewaltung betrifft, die mein kleines Eigentum Euch gemacht, so nehmt als Bezahlung den Ertrag der vergangenen Jahre an. Behaltet den Überschuß, den Ihr mir einhändigen wolltet; Ihr könnt ihn gebrauchen, denn ich weiß am besten, wie wenig ein Korbmacher in Liebenau erwirbt, und ich glaube nicht, daß jetzt besser und prompter bezahlt wird, als vor sieben Jahren.« Damit entließ er den Neidhart, der nun auf einmal sein größter Verehrer und Lobredner wurde. »Ich habe es immer vorhergesagt«, äußerte der alte Esel dann im »Kretscham«, »daß in dem Korbmacherjungen etwas mehr steckte; schon wie er fortlief, sprach ich, ihr sollt sehen, der kommt wieder, – und wie!« Gegen Abend pochte Anton bei Tieletunke leise an. Mit fester Stimme rief sie »Herein!« »Ich habe Euch erwartet, Anton Hahn!« »Erwartet, Fräulein Ottilie?« »Erwartet. Setzt Euch und sagt mir, was Ihr zu sagen kommt. Ich bin begierig, es zu hören.« »Hier, in diesem Zimmer, gnädiges Fräulein, ist meine Großmutter gestorben. – Kurz vor ihrem Tode sind Sie gekommen, die alte Frau zu besuchen, ihr ein Labsal zu bringen, Abschied von ihr zu nehmen. Beim Weggehen hat es sich gefügt, daß Sie meine Turteltaube lobten, das Tierchen zu besitzen wünschten; dann wieder hat es sich so gefügt, daß Ihr Herr Vater, der Baron, und meine Großmutter, die Kantorswitwe, in einer und derselben Stunde zur Ruhe bestattet wurden. Am Grabe meiner Wohltäterin haben Sie mir Lebewohl gesagt. Seitdem haben wir uns nicht wiedergesehen. Wie ich Liebenau verlassen mußte, trug ich Ihnen die Taube aufs Schloß mit ein paar gereimten Zeilen – dann lief ich fort. Da sind denn Jahre vergangen, ich habe vielerlei erlebt, Gutes und Schlimmes; vielerlei getan, – leider mehr Schlimmes als Gutes ... aber im Herzen bin ich eigentlich unverändert geblieben; bin immer noch der Anton von damals. Also hat mich's denn auch wieder hierher getrieben, nach meiner Heimat, wo mir der Friede blühte, wo meine Kinderträume wandeln, wo meiner Jugend erste Liebe aus jedem Strauche guckt. Hierher! Und da treffe ich nun ein, matt und müde, – ach, Fräulein Ottilie, so müde! ... und das erste, was mein Auge sieht, in jener Kammer drin, wo ich so oft um Sie geweint, das ist meine Taube, mein Käfig, meine Reime. Nehmen Sie mir's weiter nicht ungnädig; wie ich das erblickte, dachte ich bei mir: sie hat dich lieb gehabt ... und sie hat dich noch lieb! Doch ich war der arme Vagabund, der zu Ihnen von solchen Dingen nicht reden durfte; dem Sie den Mund versiegelt hatten mit Ihrem Abschiedskusse auf der Mutter Grab ... Folglich tat ich wie Unverstand und ging wieder. Nun schüttet der Himmel ein ganzes Füllhorn reicher Gaben über mich aus, daß ich verdutzt um mich her schaue; und Gräfin Julia führt mich in Onkel Nasus' altes Schloß, spricht zu mir: ich bin deine Mutter, und dies Schloß ist dein! – Fräulein Ottilie, da war's, wie wenn die Turteltaube noch einmal auflebte und gurrte: ›Tieletunke!‹ – So bin ich also hierher gekommen, zu fragen, ob ich mich nicht getäuscht habe; zu fragen, ob – die Taube recht hat, und ob Ottilie Liebenau für ihr Eigentum und seinen gegenwärtigen Besitzer mit in den Kauf annehmen will?« »Ich habe Sie erwartet, Anton. Auch diesen Antrag habe ich erwartet. Wie ich vernommen, was gestern auf dem Schlosse geschehen, wußte ich, daß Anton Hahn kommen würde, mir seine Hand zu bieten. Ich würde mich auch betrübt haben, – um seinetwillen, wenn er es nicht getan. Denn es ist seines guten, edlen Herzens würdig; ist des Antons würdig, den ich liebte seit meinen Kinderjahren, den ich heute noch liebe, unverändert, wie ich ihn lieben werde bis zum letzten Lebenshauche. Mein Gott, wie sollte ich's anfangen, dich nicht zu lieben, Anton; dich, du Wonne und Schmerz meines ganzen traurigen Lebens? Ja, ja, so wahr ich lebe, ich liebe dich! Aber, so wahr ich lebe, du liebst mich nicht. Ich war deiner Knabenzeit Morgentraum, ... der Mann hat ausgeträumt. Du hast gelebt draußen und geliebt, und vergessen und wieder geliebt ... wie könnte es anders sein? Ich mußte dir gleichgültig werden. Nun kommst du heim, da regen sich die begrabenen Erinnerungen im Schoße der Erde, säuseln herauf durchs Gras, daß die dünnen Halme zittern und kleine Angerblümchen weinen. Die sanfte Abendmelodie rührt dich – du nimmst Vergangenheit für Gegenwart ... Aber du liebst mich nicht. Was auch solltest du an mir lieben? Die stolze Tochter des Barons, die dich von sich wies; die, mit ihrer heißen Leidenschaft für den armen Korbflechter in der Brust, sich kalt und vornehm von der Welt zurückzog, von den Ihrigen, und hier in deiner Hütte verkümmerte, verblich, alt und häßlich wurde vor der Zeit? Mitleid konntest du für sie haben, Mitleid, Teilnahme, Großmut, aber keine Liebe! Da bist du, guter Junge, und willst das dürre, verkommene Bettelfräulein heimholen auf ihrer Väter Schloß, damit sie an dir und deiner Jugend und deinen Lebensfreuden hänge wie ein Totengerippe. Wo hast du deine fünf Sinne, daß du nur eine Sekunde lang wähnen mochtest, deine ›kleine Tieletunke‹ werde sich so sehr verleugnen, werde ein Ehebündnis eingehen, zu welchem Rechtlichkeitsgefühl, kindliche Anhänglichkeit dich leiten? Ich habe dich zu lieb, Anton, um deine Frau zu werden! Und ehrlich gesagt, ich bin zu stolz, um dich jetzt zum Manne zu nehmen, wo du ein reicher junger Herr bist, ich eine verblühte arme Jungfrau. Stolz und immer Stolz! wirst du ausrufen. Mag sein. Der Stolz ist mein Erbteil, und in meiner Armut ist er mein Reichtum! Ich danke dir, Freund aus der Kindheit, Jugendgespiele, lieber, lieber Anton! Ich danke dir für deinen redlichen Willen, für deinen treuen Sinn. Damit du siehst, daß die arme Tieletunke nicht hochmütig ist in ihrem Stolz, will sie eine Bitte an dich richten. Du bist der einzige Mensch auf Erden, den ich jemals um etwas bat. – Ich bitte dich, mir deiner Großmutter Häuschen zu schenken – vielmehr es mir zu lassen, damit ich es bewohne, bis ich sterbe! Gestern hätte ich diese Bitte nicht gewagt, denn gestern noch hattest du selbst nichts, wo, du dein Haupt hinlegen konntest. Heute hat sich das geändert. Du bewohnst die Mauern, in denen ich aufwuchs; – lasse mich dagegen die kleinen Räume bewohnen, die deine schönsten Jahre umschlossen. – Nein, Anton, das Glück der Kindheit kehrt uns nie mehr wieder! Und wenn's dem Herrn von Liebenau danach zumute ist, mag er seinen Weg manchmal nehmen nach dem Hause der Mutter Goksch. Eine liebende Großmutter wohnt nicht mehr darin, aber eine treue, aufrichtige, uneigennützige Freundin wird er hier finden, so lange die alte Jungfer lebt. Ja, auch dann darf er mich besuchen, wenn er verheiratet ist. Ach, mein Spiegel sagt mir wohl, daß eine junge schöne Frau auf mich nicht eifersüchtig werden wird, wir können's ihr leicht gestehen, daß ihr Herr Gemahl mein Liebhaber, daß ich sein Bräutchen war, als er noch keine Strümpfe trug und Stiefel für Luxus hielt. Ja, er wird kommen, sie wird kommen, mein kleines Nonnenkloster mit ihren fröhlichen Gesichtern zu schmücken; und ihre Kinder werden sie mir bringen; die werden mich Tante Tieletunke nennen, werden alle Blumen im Gärtchen abreißen, alle Früchte von Zweig und Strauch schütteln, werden das ganze Haus umkehren, und ich werde sie niemals auszanken, denn es sind Antons Kinder. Und wenn ein Mädchen darunter ist, heißt es Ottilie, denn ich habe es über die Taufe gehalten, habe es mit meinen Tränen noch einmal getauft, doch es sind Freudentränen. Und ihr alle werdet mich lieb haben, und ich euch! Nicht wahr, Freund Anton? Es wäre alles vorhanden, was wir brauchen zum häuslichen Glücke ... wo ist die junge Frau?« Anton schlug die Augen nieder. »Er liebt!« rief Ottilie aus, indem sie freudig ihre Hände zusammenschlug; »er liebt! ich sehe es an diesem verschämten Schweigen. Er liebt eine andere, und er kam, seine Hand mir anzubieten! Da ist die Luft nicht rein; da hängen graue Wolken! Geschwind, Anton, heraus mit der Sprache; öffne mir dein Herz. Sieh', guter Freund, der Herbst ist vor der Tür, der Winter folgt ihm, und die arme Tieletunke braucht einen Kuppelpelz. Ich möchte ihn mir verdienen; – soll ich? Mut, Anton, Mut und Vertrauen? Denke, ich wäre die alte Mutter Goksch; rede mit mir, wie du mit ihr reden würdest, wenn sie an meiner Stelle säße. Entdecke mir, was dich bekümmert. Wozu hat man denn sonst seine Freunde? Und tust du's nicht, so denke ich, du willst mir die Freundschaft aufkündigen.« In diesem Augenblicke läuteten sie auf dem Kirchturme die Abendglocke. Diese Töne drangen mit ihrem alten Zauber in Antons Herz. Eine unwiderstehliche Rührung bemächtigte sich seiner. Fast willenlos sprach er Hedwigs Namen aus. »Hedwig heißt sie?« entgegnete Ottilie; »das ist recht schön, doch mir nicht genug, ich will mehr wissen.« Und Anton fing an zu erzählen ... * Es war tief in der Nacht, als er aufs Schloß zurückkehrte. * Was Fräulein Ottilie über diesen zarten Gegenstand weiter mit ihm verhandelt und besprochen, ich weiß es nicht. Im Tagebuche findet sich darüber nichts Näheres verzeichnet. Ich weiß nur, daß Anton am anderen Morgen sogleich Peterl herbeirufen ließ, welcher kleine Pferdefreund sich nach Schkramprls Abmarsch im Stalle heimisch zu machen gewußt. »Peterl«, fragte er ihn, »weißt du Schloß Erlenstein?« »Bin ich doch oft genug dort gewesen!?« »Traust du dich den Weg zu finden?« »Bei Nacht!« »Peterl, traust du dich, den Weg von Erlenstein nach Sophienthal zu finden?« »War auch in Sophienthal!« »Peterl, traust du dich, durch Nacht und Nebel nach Erlenstein zu reiten und von dort, wenn die Gräfin nicht mehr daselbst weilte, nach Sophienthal? Ohne Aufenthalt?« »Ich trau mich's!« »Kannst du reiten, Peterl?« »Ja!« »Hast du schon geritten?« »Nein!« »So wirst du vom Pferde fallen.« »So steige ich wieder hinauf!« »Und wenn's dir wegläuft?« »Ich halt's fest!« »Wir wollen's versuchen.« »Meinetwegen!« Anton begab sich mit Peterl in den Hof und ließ ein gutes Pferd satteln. Unterdessen hatte Peterl sich reisefertig gemacht und bat um Geld zur Zehrung für sich und das Pferd. Dann schwang er sich hinauf, wie ein Affe so rasch, machte einige Volten im besten Reiterstil, sprengte dann im kurzen Galopp vor den Herrn und fragte: »Wird's gehen?« »Schlingel, du hast schon geritten!« »Herr Schkramprl hat mich von den Reitern genommen.« »Warum lügst du?« »Ich wollte dem gnädigen Herrn eine Überraschung machen.« »Du bist ein braver Kerl, Peterl. Hier ist Reisegeld; hier in diesem ledernen Täschchen ist ein Brief an Gräfin Julia Erlenstein in Erlenstein oder Sophienthal. Auf diesen bringst du mir eigenhändige Antwort der Gräfin! Und bis wann?« »Darf ich das Pferd zuschanden reiten?« »Pfui, Peterl; wenn wir gute Freunde bleiben sollen, darfst du mir solche Fragen nicht tun. In meinem Dienste soll niemals ein Pferd zuschanden gejagt werden.« »Desto besser; so schone ich meine Sitzgelegenheit. – Jetzt ist's acht Uhr; – heute – morgen – übermorgen um diese Zeit! He, heppla heidonc!« Die Stalleute und Pferdeknechte schlugen ein lautes Gelächter auf über den kleinen Peterl, der da auf dem großen Rosse zum Tore hinausflog. Anton kehrte nachdenklich in sein Schloß zurück und wiederholte mehr als zwanzigmal: »Ich bin sehr neugierig, was Gräfin Julia mir antworten wird!« Sechsundsiebzigstes Kapitel Durch Hedwigs kindliche Aufopferung und sorgfältige Pflicht hatte sich der Rittmeister nach und nach wieder so weit erholt, daß er, von ihr und seiner Krücke unterstützt, alltäglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Wer die beiden Leute miteinander gehen sah, mußte die liebliche Tochter für ein hochbeglücktes Mädchen, den Invaliden aber für einen Verbrecher halten, dem sein böses Gewissen nicht eine heitere Stunde, nicht eine fröhliche Minute gönnte. Sie lächelte, schwatzte, war unermüdlich in kleinen Aufmerksamkeiten für ihn, nickte jedem Vorübergehenden freundlich zu, kurz, gab sich förmliche Mühe, öffentlich darzutun und ihrem Vater zu zeigen, wie zufrieden sie sich fühle. Er dagegen, indem er jede ihrer Bewegungen ängstlich beobachtete, keinen Blick von ihr verwendete, benahm sich nicht anders, wie wenn sie die Kranke, Gebrechliche, er ihr Führer und Arzt sei, der nur aufzumerken habe, ob nicht vielleicht ein heftiger Ausbruch des lauernden Übels bevorstehe. Dabei stöhnte der alte Mann, fuhr sich häufig mit der Hand über die feuchten Augen, seufzte wieder, drückte der Tochter zärtlich den Arm, streichelte ihre Locken und fragte unzähligemal im Laufe eines Tages: »Hast du den lahmen Krüppel, den grausamen Vater, den barbarischen Kerkermeister wirklich noch ein bißchen lieb, Hedwig?« Es war rührend mit anzuschauen, wie sie sich bemühte, ihn zu täuschen, die Sehnsucht ihres Herzens vor ihm zu verbergen und frohen Mutes zu scheinen, wo doch die arme Seele im Grame schier verging. Doch er ließ sich nicht täuschen, wußte nur zu gut, woran er glauben sollte; wußte nur zu gut, daß mit Anton seines sanften Mädchens Freude für immer entwichen sei! Ach, wie oft schon seit jener schwarzen Stunde, wo er, von heftigen Schmerzen gequält, das halbverrostete Schwert gegen ihn zückte und sie zwischen ihm und sich wählen hieß; ... wie oft seitdem hat er es bitter bereut, so gewaltsam gehandelt, so rücksichtslos jeden Vorschlag zur Güte abgewiesen, jede Ausgleichung unmöglich gemacht zu haben! Dabei vermied er, des Verwiesenen Namen auszusprechen. Er behandelte Hedwig wie eine Kranke, und dabei pflegte sie ihn, führte ihn, die gute Tochter, wie eine Mutter ihr schwächliches Kind. So lange er, durch seine Schmerzen mürrisch gemacht, sie mit übler Laune marterte, war ihr besser, fügte sie sich leichter in die Trennung von Anton. Seitdem er sanft, dankbar, gütig die freundlichste Teilnahme, ja Reue zeigte, fand sie kaum mehr Kraft, sich neben ihm aufrechtzuerhalten. Die Weichheit des sonst so strengen Mannes löste sie völlig auf. Sie gingen, sie wankten vielmehr aus, des lauen Abends froh zu werden. Beide, Vater wie Tochter, liebten jene Wege nicht, wo die Kleinstädter zu lustwandeln pflegten, weil er seine krummen Glieder, sie ihren Gram nicht gern zur Schau trugen. Sie hielten sich deshalb gewöhnlich nach einem kleinen Wäldchen hin, zu welchem kein Gasthaus mit Bier und Spiel die ehrsame Einwohnerschaft lockte. Dort hinaus ging's beim »Armen-Spittel« vorüber, wo Dreher sich eingekauft. Weiter hinaus noch lag das ehemalige Hochgericht, jetzt eine Ruine, und diesem gegenüber ein schlecht verwahrter Begräbnisplatz, zunächst für die Hospitanten, daneben auch für Fremde bestimmt, die auf dem schönen, gartenähnlichen Friedhofe der Bürgerschaft nicht Platz finden konnten. Dort auch lag Antoinette begraben, was Hedwig nicht wußte, weil sie in jenen Tagen nichts gesehen und gehört als ihres Vaters Leiden. Sie gingen also langsam ihren Abendgang. Als sie sich dem Männerhospital näherten, brachten zwei Armendiener einen schlechten Sarg auf einer schmutzigen Trage heraus und schwatzten dabei roh und pöbelhaft. Dann setzten sie sich in Bewegung nach dem Begräbnisplatz, was aber sehr langsam vonstatten ging, da die Last schwer und sie alte, kraftlose Männer waren. Der Rittmeister und Hedwig folgten der Leiche, ohne daß sie es wollten. Sie mußten, da sie nicht voraneilen konnten, hinter den keuchenden Trägern herziehen. »Hm«, sagte der Rittmeister, »wenn's dir sonst recht ist, Hedwig, gehen wir vollends mit bis auf den Kirchhof. Der arme Teufel hat keine Seele gehabt, die ihm die letzte Ehre erwiese. Wollen wir's tun?« »Gern, lieber Vater«, antwortete Hedwig. »Wen begraben wir denn hier?« fragte der Rittmeister die Träger. »Den Puppenkomödianten, Herr Oberstwachtmeister, das versoffene Schwein, Gott habe ihn selig.« Hedwig zuckte unwillkürlich mit der Hand, die des Vaters Arm stützte; dieser erwiderte den Druck, ohne eine Silbe zu reden. Sie gelangten durch die verfallene Umzäunung bis an das offene Grab, wo der Totengräber, seine Schnapsflasche zur Hand, den Trägern entgegenrief: »Wie lange schleppt ihr denn an dem alten Bierfasse?« Die Träger setzten ihre Last weg und baten den Totengräber um einen Schluck aus seiner Flasche. Dann senkten sie den Sarg in die Erde und machten sich auf den Rückweg. Während der Totengräber die Öffnung wieder zuschaufelte, wobei der Rittmeister ihn andächtig, seiner eigenen Gebrechlichkeit gedenkend, beobachtete, war Hedwigs Aufmerksamkeit auf ein Kreuz des benachbarten Grabes gerichtet. Auf diesem stand in schwarzen Lettern zu lesen: »Antoinette.« »Wer liegt hier daneben, Totengräber?« fragte sie. »Des Komödianten sein Weib!« »Die kranke Frau!« flüsterte Hedwig. Und der Rittmeister sprach: »Wir wollen nach Hause gehen.« * Zu Hause saßen sie lange stumm und betrübt. »Hedwig«, hob der Alte an. »ich habe seinen Namen nicht genannt, seitdem ich mit dem Schwerte zwischen euch getreten bin, wie der Strafengel, der die ersten Menschen aus ihrem Paradiese vertrieb. Ich habe dich aus dem deinigen vertrieben. Und du klagst nicht! Du schweigst und schluckst Gram und Tränen hinab. Mir wäre besser, ich läge beim Puppenspieler und der Antoinette, als daß ich den sprachlosen Jammer mit ansehen muß. Sprich nur, weine nur, mache mir nur Vorwürfe, ich bitte dich um Gottes willen! Tadle meine Grausamkeit, meinen Hochmut, meine Härte mit harten Worten, damit ich Worte finde, mich gegen deine Anklagen zu verteidigen! Wenn du so schweigend duldest, werde ich an mir selbst irre und komme mir vor wie ein Bösewicht. Habe ich denn wirklich so unrecht getan?« »Du hast recht getan, mein Vater, und alles Unrecht ist auf meiner Seite. Deshalb schweige ich. Wie sollte ich mich auch verteidigen? Habe ich nicht, von meiner Jugend und Unerfahrenheit irregeführt, einem jungen Manne Gehör gegeben, der es unmöglich gut meinen konnte? Der mein kindisches Vertrauen mißbrauchen wollte für seine herzlosen Zwecke? Ja, ich liebte ihn. Liebte ihn schon damals, da er unseren alten Tanzlehrer begleitete; liebte ihn, wie vielleicht nur ein Kind – denn was bin ich anderes gewesen – lieben kann: so rein, so innig, so wahr! In der Erinnerung an ihn lebte ich von ihm getrennt. In meiner heiligen Liebe lebte ich, als du ihn ins Haus brachtest. Ich bedachte nicht, daß er ein heimatloser Abenteurer sei! Ich sah in ihm nur den bescheidenen, wohlerzogenen, anmutigen Freund. Von den Gefahren, die mir drohten, habe ich keine Ahnung gehabt. Und wollte in den letzten Tagen meines Zusammenlebens mit ihm eine solche Ahnung aufkommen, so wurde sie immer wieder zurückgedrängt durch die unbeschreiblichen Gefühle, die seine Gegenwart in mir erregten. Warum sollte ich dir's verschweigen, – dein Zorn gegen uns machte mich sehr unglücklich, und wärest du damals nicht auf den Tod krank gewesen, hättest du nicht deiner Tochter Pflege bedurft, hätte ich dich verlassen dürfen, ohne dich zu morden, – wer weiß, was ich in jenem schauderhaften Momente getan, wo du mir die Wahl ließest. Ja, damals klagte ich dich an! – Ach, die Zeit hat mich belehrt, daß du keine Klage verdienst, nur Dank! Denn, sprich selbst, würde der Mensch, den ich liebte, von dem ich mich geliebt wähnte, so lange geschwiegen haben, wenn sein Herz des meinigen sich würdig hielte? Würde er, dessen Namen ich nicht mehr aussprechen will, der vor einer Drohung entfloh wie ein Feiger, ebenso feig gewesen sein, wenn sein redlicher Wille, seine gute Absicht, seine treue Gesinnung für mich ihm Waffen, gute, gerechte Waffen ihm dargeboten hätten? Sein Verstummen klagt ihn an und rechtfertigt dich! Mag mein Herz bluten, mag meine Seele sich grämen, – für dich habe ich nur Verehrung, Liebe, Gehorsam; für dich, mein Vater, habe ich nur kindliche Hingebung. Diese dir zu beweisen, gönne mir. Begehre nicht ferner, daß wir zwei uns trennen sollen, daß ich einen Platz, sei es der glänzendste, in einem großen Hause aufsuche! Laß mich bei dir. Nur bei dir ist Trost für verratene Liebe; nur an des Vaters Brust wohnt Friede für meine Brust; nur indem ich dich hüte, mich in dir vergesse, kann ich vergessen lernen, wie sehr ich ihn liebte, – wie ich ihn immer noch liebe.« Der Rittmeister lüftete den grünen Schirm, der seine kranken, einst von einer Granate geblendeten Augen verdeckte, um sich die Tränen besser trocknen zu können. »Weine nicht!« rief Hedwig, »es ist dir schädlich, deine armen Augen sind immer entzündet.« »Weine nicht!« entgegnete der Vater, »weine nicht! Wie oft müßte ich dir das zurufen! Du weinst so viel. Meinst du, ich höre das nicht? Laß mir auch die Freude; solche Tränen sind Freudentränen; sie gelten der besten Tochter, die ich Unwürdiger gar nicht verdiene; und wenn sie den Augen wehtun, so hole der Teufel die Augen; dem Herzen tun sie wohl. Oder glaubst du, ich hätte kein Herz?« »Horch, Vater, ein Posthorn! – Ein Reisewagen! Vier Pferde vor. Sie halten bei der Post!« »Es wird der Divisionsgeneral sein; er geht zur Truppenübung. – Na, da mußt du mir wohl die gute Uniform heraussuchen; da heißt's morgen früh seine Aufwartung machen. Ja, der Herr General! War Fähnrich, da ich schon Leutnant war! Jetzt ist er General, und ich bin ein armer, alter Krüppel. Aber, weißt du was, Hedwig? Seine Tochter ist eine kalte, hochnäsige Dame! Ich tausche nicht mit Ihnen, lieber General. Behalten Sie Ihre Würde und laßt mir meine Hedwig! Daß du's nur weißt' in sein Haus, zu seinen Enkelchen solltest du kommen als Gouvernante. Er ist ein braver Kamerad, hatte mir's versprochen, wollte mir den Vorzug gönnen. Jetzt, nichts da; jetzt bleiben wir beisammen, und morgen sage ich's ihm.« »Dann will ich dir die Uniform herzlich gern hervorsuchen, Vater, will sie ausklopfen und bürsten, als ob der König hier wäre; denn sobald ich bei dir bleiben darf, ist mein liebster, mein einziger Wunsch erfüllt; ja, mein einziger, ich habe jetzt keinen anderen mehr.« Der Rittmeister holte wieder einen von den tiefen Seufzern aus der Brust heraus, mit denen er seit einigen Monaten sehr freigebig war, und setzte hinzu: »Wollte Gott, du dürftest noch andere Wünsche hegen, wärmere, deiner Jugend und Schönheit mehr angemessene! Wollte Gott, du dürftest sie hegen, – und ich könnte sie erfüllen!« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als man weibliches Geflüster und das Geräusch eines Männertrittes auf dem Flur vernahm. Bald nachher wurde angepocht. Hedwig ging, zu öffnen. Ein Stubenmädchen aus dem Gasthofe stand vor der Tür, und indem sie einen Livreediener mit den Worten: »Hier ist!« vorschob, lief sie verlegen und eilig davon. Der Diener fragte nach dem Rittmeister. Hedwig ließ ihn eintreten. Er meldete »seinen Herrn« an, der um eine Unterredung mit dem Herrn Rittmeister bitte, in einer für beide Teile wichtigen Angelegenheit. »Das muß ein Irrtum sein«, sagte der Rittmeister, »ich wüßte wahrlich keinen Menschen, für den eine Unterredung mit mir von Wichtigkeit sein könnte. Wie heißt Ihr Herr?« »Hahn.« »Und sein Stand?« »Gutsbesitzer.« »Und er kommt?« »Von Liebenau.« »Wenn Sie sicher sind, daß er mich wirklich aufsucht, so sagen Sie ihm, es wird mir eine Ehre sein, ihn zu empfangen. – Keine Idee, Hedwig, wer dieser Mann, was er sein mag, was er von mir will. Hahn von Liebenau? Hast du dergleichen jemals gehört?« »Niemals, lieber Vater!« »So ist er's am Ende gewesen, der da mit Extrapost anlangte, nicht unser General. Vier Pferde, sagtest du? Hm, Hahn von Liebenau scheint hoch zu fliegen, scheint ein reicher Hahn zu sein! Aber was sucht dieser Hahn in meinem Korbe? Bei einem zusammengehauenen Rittmeister auf Halbleutnantssold? Unerklärlich. – Ich glaube, ich höre ihn schon. Geh', Hedwig, laß uns allein; ich fürchte, der Hahn kräht mir schlechtes Wetter oder sonst etwas Schlimmes. Mir ist so unruhig zumute wie vor meiner ersten Schlacht. Geh', Hedwig, laß mich mit ihm allein.« Hedwig gehorchte, und im Gehen sagte sie: »Ich weiß nicht, Vater, was du hast. Mir ist nun gerade zumute, als ob dieser Hahn gutes Wetter prophezeite.« Sie hatte kaum das Zimmer verlassen, um sich nach der Küche zu begeben, da trat Anton durch die Tür vom Flur herein. Der Rittmeister machte Miene, sich zu erheben. Anton bat ihn dringend, sitzen zu bleiben. »Ihre Stimme klingt mir sehr bekannt, doch halb blind, wie ich bin, sehe ich Sie nicht deutlich und weiß wahrlich nicht, ob ich Sie schon früher sah und kannte.« »Sie kannten mich, Herr Rittmeister. Als wir uns sahen, verwünschten Sie mich und wiesen mir als einem Unwürdigen Ihre Tür.« »Mensch – Sie – Anton –« »Anton, derselbe Anton, den Sie zu sich beriefen, damit Ihre Tochter mit ihm Französisch rede; derselbe, den Sie als Verführer fortschickten, damit er niemals wiederkehre! Derselbe und dennoch ein anderer. Daß ich mich vor Ihnen zu zeigen wage, mag Ihnen Bürgschaft sein, ich komme mit ehrlichen Absichten, mit gutem Willen. Nicht als ob es dem armen Anton daran gefehlt hätte, so lange er noch der arme Anton war. Ach nein, der Wille war immer gut, die Liebe immer aufrichtig und rein; – doch wodurch konnte ich das beweisen in meiner Stellung, ein Landstreicher ohne Mittel, ohne Aussichten! Sie trieben mich hinaus in die weite Welt und ich gehorchte, ich ging; ich bemühte mich, zu vergessen. Da wendet sich mein Schicksal: was ich seit sieben Jahren für einen unerfüllbaren Traum gehalten, was ich in nebelhafter Ferne wie Torheit betrachtet, senkt sich auf einmal als Wahrheit, als Wirklichkeit zu mir herab. Ich finde einen Vater, – eine Mutter öffnet mir die Arme, – ich werde ein wohlhabender Mann, ich bin selbständig, frei, Herr meiner Zukunft. Und der erste Gebrauch, den ich von dieser Freiheit, dieser Selbständigkeit des Besitzes mache, ist der, daß ich zu Ihnen eile, daß ich Ihre Hand ergreife, Verzeihung erflehend für den Leichtsinn, aus dem Ihr Zorn, Ihre gerechte Entrüstung mich aufschreckte: daß ich komme, Sie zu fragen, ob Ihre Tochter für mich empfindet wie sonst, daß ich den Vater bitte, bei Hedwig mein Freiwerber zu werden.« Der Rittmeister hielt die dargebotene Hand mit der Rechten fest, mit seiner Linken streichelte er sie und zitterte dabei so heftig, daß Anton ihn ängstlich befragte, ob er einen Fieberanfall befürchte. Der alte Soldat jedoch fand keine zusammenhängenden Worte: »Überraschung, – grausamer Vater gewesen, – Ehre, – guter Ruf, – gehorsame Tochter, – Tränen. – Liebe, – kann's nicht glauben, – zu großes Glück, – arme Hedwig, – Herr Graf, Herr Graf! –« Dann fing er laut zu schluchzen an, wie ein kleines Kind, und sank mit krankhaftem Zucken dem erschrockenen Anton in die Arme. Dieser schrie ängstlich nach Hedwig. Als Hedwig aus der Küche herbeigestürzte, fand sie den geliebten Vater am Herzen ihres Geliebten. * »Reisen wir geraden Weges nach Liebenau?« fragte am anderen Morgen der Rittmeister, der wie neugeboren durch seines Kindes Glück überglücklich schien. »Geraden Weges«, sagte Anton. »Und ist es wahr«, fragte wieder Hedwig, indem sie von den großen Koffern weglief, welche die Leute aus dem Gasthause von Antons Reisekutsche abgeschraubt, und die jetzt eilig gepackt werden sollten, – »ist es wahr, daß Sie gestern abend noch zwei Stafetten fortgeschickt haben, Anton?« »Vollkommen wahr. Die eine direkt nach Liebenau, die andere nach Sophiental.« »An die Gräfin?« »An Gräfin Julia.« Hedwig sah ihn an, als wollte sie sagen: »Ich kann mir schon denken, warum diese Stafetten gesandt wurden; es ist wegen der Voranstalten für ...« aber ehe ihre Gedanken noch Worte wurden, stand sie schon wieder zwischen Körben und Koffern, ihre und ihres Vaters Wäsche zu ordnen. »Was für eine Geborene ist Ihre Pflegemutter, mein teurer Graf?« »Bester Vater, Sie nennen mich immer Graf –« »Graf oder Anton oder lieber Sohn, wie sich's gerade fügt. Warum sollte ich Sie nicht Graf nennen?« »Weil ich's nicht bin.« »Ja, sind Sie denn nicht wirklich adoptiert?« »Nein, durchaus nicht! Mein Vater ist gestorben, ehe noch die Vermittlung seiner Gemahlin –« »Freund, Sie führen doch seinen Namen?« » Seinen Namen? Ich heiße Hahn .« »Ganz richtig. Und hieß denn Ihr Herr Vater anders?« »Sie verlangen doch nicht, daß mein Vater Hahn geheißen haben soll?« »Allerdings, Anton, wie denn sonst? Hab' ich ihn doch selbst gekannt, den guten, wunderlichen Grafen, der ein königliches Vermögen, ein ungeheures Besitztum in seiner Leidenschaft fürs Theater durchgebracht hat. Ja, lieber Sohn, ich habe ihn gekannt: zuerst wie er als Kavalier aus dem Mecklenburgischen nach der Residenz kam, die berühmtesten Mitglieder des Hoftheaters zu sich einzuladen, daß sie bei ihm Gastrollen geben und sich mit Gold überschütten lassen mußten; dann, späterhin, wie die Millionen bereits verschwunden waren, und er, um seine Theaterwut zu stillen, mit reisenden Truppen das Land durchzog, gleich einem gewöhnlichen Theaterprinzipal, dabei immer generös, liebenswürdig, immer Kavalier ...« »Bester Vater, mir schwindelt der Kopf, von wem sprechen Sie?« »Bester Schwiegersohn, von Ihrem Vater, dem weltbekannten Grafen Hahn.« »Nun, dann bin ich nicht von dieser Welt, denn mir ist er wirklich nicht bekannt.« »Sie sind nicht der Sohn des Grafen Hahn aus Mecklenburg oder Holstein, oder ich weiß nicht, wo seine Herrschaften lagen oder liegen? Genug, meines alten Hahnes, Sie junger Hahn!« »Mein natürlicher Vater hieß Graf Erlenstein.« »Also meine Kombinationen, die plausibelsten, die man machen kann, wären falsch gewesen? Er ist nicht der junge Hahn – Hedwig, höre doch, er ist nicht der Sohn des Grafen –« Hedwig, einen Pack Wäsche auf dem Arme, rief aus dem Nebenzimmer hinein: »Mir ist völlig gleich, wessen Sohn er ist, lieber Vater, wenn er nur ist, wie er ist.« »Nein, ich kann mich nicht zufrieden geben, solch eine logische Folgerung fallen zu lassen. Ich habe Sie, mein teurer Anton, als einen jugendlichen Vagabunden, noch obenein als theatralischen – denn Puppenkomödie gehört auch zum Theater – kennen gelernt. Als diesen habe ich Sie sozusagen aus dem Hause gejagt, nachdem ich Sie mühsam hereinberufen. Nun kehren Sie mir zurück als Gutsbesitzer, als natürlicher Sohn eines Grafen, als reicher Erbe, als Pflegesohn einer Gräfin, als ein Hahn ... ja, wer hätte da nicht einen Fahneneid schwören mögen, daß Sie kein anderer sein könnten als der von seines Vaters freiwilligem Vagabundentume unfreiwillig angesteckte Sohn?« »Es tut mir leid, Vater, Ihre Hedwig nicht zur Gräfin machen zu können. Das heißt, um Ihretwillen tut es mir leid, wofern Ihnen dieser Titel angenehm gewesen wäre. Ich bin nur imstande, eine Frau Hahn vom Altar zu führen. – Doch dieses Gespräch führt mich auf einen Wunsch zurück, den ich gern erfüllt sähe, bevor wir aufbrechen, daß Hedwig erlauben möchte, mich auf den kleinen Begräbnisplatz zu begleiten ...« »Wo Ihr alter Puppenspieler liegt? Ja, wir haben ihn gestern begleitet. Geht in Gottes Namen, mir schenkt Ihr wohl den Marsch?« Hedwig ging an Antons Arme den Weg, den sie gestern an ihres Vaters Seite gemacht. Heute ging sie rascher und mit anderen Empfindungen. Als sie draußen angekommen waren, sprach Hedwig, auf den frisch aufgeworfenen Grabhügel deutend: »Hier liegt dein Puppenspieler.« »Und hier«, sagte Anton, mit dem Finger die Aufschrift »Antoinette« berührend, »hier unter diesem Kreuze liegt meine arme Mutter.« * Der Pastor Julius Karich in Liebenau hielt seine Sonntagspredigt. Die »andächtigen Zuhörer« verdienten heute diesen Namen weniger als sonst. Denn auf heute war Erntetanz angesagt. Knechte und Mägde dachten an nichts anderes. Vergebens mühte sich der Prediger, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, sie waren im Herzen schon beim Feste, und sogar die älteren Dorfbewohner fragten sich bedenklich: was soll das werden? Heute ist Erntekranz, und der neue Gutsherr ist von seiner Reise noch nicht heim? Die ganze fromme Versammlung war weltlich zerstreut. Diese weltliche Zerstreuung nahm mächtig zu, da man während der Predigt verschiedene Equipagen bei der Kirche vorbeirollen hörte. »Der Herr kommt«, murmelten die jungen Burschen. »Und er bringt Gäste mit«, flüsterten die Mädchen. Der Pastor sagte: Amen! Während er die üblichen Kirchengebete verlas, kam der Schullehrer Kickelier samt seinem Sohne und Gehilfen Gottfried Kickelier, und sie breiteten einen wunderprächtigen Teppich, wie noch niemals ein Liebenauer gesehen, über die Stufen des Altars. Auch Herbstblumen aller Art und Gattung wurden ausgestreut. »Ist Hochzeit?« fragten sich die Weiber in den Bänken und Kirchenstühlen. »Wer macht denn Hochzeit?« fragte die Frau Verwalterin ihre Schwester, die Frau Pastorin, mit dem Ellbogen stoßend. »Er hat mir nichts gesagt«, antwortete die Pastorin, ihrem Gatten einen zornigen Blick auf die Kanzel sendend, trotz des Amtsornates. Als der Prediger Karich in den vorgeschriebenen Gebeten an die Stelle gelangte, wo des Gutsherrn gedacht wird, fügte er hinzu: und seine Braut. Ein Gemurmel des Erstaunens ging durch die Kirche. Der Prediger fuhr fort: »Als Verlobte empfehlen sich der Gnade Gottes und der Fürbitte dieser christlichen Gemeinde und werden hiermit aufgeboten zum ersten, zweiten und durch Dispensation des Hohen Konsistorii zugleich zum dritten Male: Herr Anton Hahn, Herr auf und zu Liebenau, mit Fräulein Hedwig von Lubenski, einziger Tochter des königlichen Rittmeisters von der Armee, Herrn Friedrich von Lubenski. Sollte jemand wider diese Verbindung noch etwas einzuwenden haben, der melde sich beizeiten und am gehörigen Orte, schweige aber nachher. Der Himmel gebe den Verlobten seinen Segen.« Es wäre einem jeden, der wider diese Ehe erhebliche Einwendungen auf dem Herzen gehabt hätte, wirklich schwer geworden, dieselben am gehörigen Orte vorzubringen, denn schon öffneten sich die Flügeltüren der Kirche, und das Brautpaar wurde sichtbar. Glücklicherweise war niemand zugegen, der Lust oder Beruf gehabt, sich aufzulehnen. Miez wie Linz hatten zwar, bevor der Name der Braut ertönte, einige unschwesterlich neidische Besorgnisse gehegt, doch da es nur nicht Ottilie war, sich sogleich wieder beruhigt. Gräfin Julia, den durch seine ehrenvollen Wunden geschmückten Brautvater sorgsam führend, machte in ihrer tiefen Trauer einen gewaltigen und erschütternden Eindruck, den jedoch Hedwigs heitere bräutliche Erscheinung sogleich in einen fröhlichen umwandelte. Ottilie ging als Brautjungfer neben ihr. Stolz und ernst wie immer, strahlte doch ihr bleiches, mageres Angesicht von teilnehmendem Glücke. »Pastor Puschel« übertraf alle Erwartungen, die Anton auf ihn gesetzt. Er sprach einfach, natürlich und wahr. Er rief der ganzen Gemeinde das Bild des Korbmacherjungen Anton ins Gedächtnis, erinnerte die Leute daran, daß dieser junge, freundliche Mann, der jetzt als Gutsherr, als Bräutigam einer liebenswürdigen Jungfrau vor diesem Altar stehe, dereinst, wie er ein armer Junge, ein verwaister Fremdling hieß, der Liebling des Dorfes gewesen sei. »Und warum«, sagte er, »sollte er dies nicht bleiben, jetzt, wo ihm Gelegenheit ward, eure Liebe von damals zu vergelten?« Und dann führte der junge Geistliche mit ungeheuchelter Rührung, mit einer von innerster Bewegung bebenden Stimme zwei Namen vor, die unvergessen in aller Herzen lebten, die alte Mutter Goksch, des Bräutigams Großmutter, – und sein en eigenen Vater, den guten Pastor Karich. »Sie beide«, sprach er, »haben unserem Herrn und Freunde scheidend ihren Segen hinterlassen, an seiner Großmutter Grabe verkündete mein Vater dem weinenden Jüngling eine glückliche Zukunft, und heute steht der Sohn vor diesem Altar, um emporzurufen: Vater, deine Verheißungen sind Wahrheit geworden.« Die Dorfleute weinten recht nach Herzenslust. Als die Ringe gewechselt wurden, steckte der Pastor an Hedwigs Finger denselben Ring, den Anton seiner verstorbenen Mutter auf ihr Geheiß von der Hand gestreift, denn so hatte sie es gewollt. Und die Sonne stand hoch und klar am blauen, reinen Himmel, da der lange Zug aus der Kirche sich nach dem Schlosse hin bewegte. * Um vier Uhr nachmittags brachten sie den Erntekranz. Bis in die Laube hinaus wogte die Menge der Dörfler. Die Musikanten bliesen den »Polnischen«. Gräfin Julia sprach: »Meine Trauerkleider untersagen mir, den Tanz zu eröffnen; Hedwig soll mich vertreten, und den Vortänzer werd' ich ihr zuführen.« Dies gesagt, machte sie sich Bahn durch das Gewühl, das ehrfurchtsvoll vor ihr sich öffnete. Über alle Köpfe ragte ein grauer Kopf hervor, dem Riesen Schkramprl gehörig. Diesen holte sie herbei, daß er mit Hedwig tanze! »Ohne ihn«, sagte die Gräfin zu Hedwig, »wären wir heute nicht hier.« Der Rittmeister hinkte neben Ottilie her, die zu Anton hinüberrief: »Seit sieben Jahren mein erster Tanz!« Alsogleich sprang Anton unter die Musikanten, ergriff eine Geige und spielte zum Tanze auf, wie vor sieben Jahren. Ottilie trocknete die Tränen aus lächelnden Augen. Schkramprl sagte zu Hedwig: »Der Teufel soll mich holen, Madame, wenn ich eine so selige Stunde im Leben gehabt habe, seitdem mein Sohn mit zwei Köpfen auf die Welt kam. Aber weinen und tanzen zugleich ist wirklich eine Riesenarbeit!« Der Ball dauerte gar nicht lange. Die Mägde zogen samt ihren Tänzern nach dem Wirtshause. Im Schlosse wurde es zeitig Nacht. Die Bewohner lagen um zehn Uhr schon alle in ihren Betten. Die Neuvermählten auch. Siebenundsiebzigstes Kapitel Es ist mir bei der Anschauung von Dramen und bei der Lesung von Romanen stets auffällig gewesen, mit der Vermählung des Helden oder ersten Liebhabers die Dichtung enden zu sehen, als ob nun damit alles erschöpft, als ob mit dem Jawort, das die endlich ans Ziel gelangten Liebenden vor dem Altar aussprechen, nun auch schon jede weitere Negation besiegt, jedes Ziel erreicht wäre. Seltsamer Brauch, den die Verfasser fast immer befolgen, der also doch in den befriedigten Ansprüchen der Leserwelt wurzeln muß! Was mich betrifft, so bin ich entgegengesetzter Meinung, ich kann mir nicht helfen. Ich möchte, wenn ich mich mit einem Menschen und seinem Schicksale im Buche durch dick und dünn geschlagen und ihn nun endlich bis zu seiner Verheiratung mit einer Geliebten begleitet habe, für mein Leben gern wissen, wie es ihm und ihr späterhin wohl erging, wie sie miteinander gelebt, und ob die Ehe, auf die sie beide und ich mit ihnen drei Bände lang warten mußten, denn eine glückliche geworden ist. Durch wen aber soll ich das erfahren, wenn mir's der Autor nicht sagt? An die betreffenden Personen zu schreiben will sich selten ziemen, auch wenn man ihre Adressen wüßte; denn Fragen dieser Art sind schwierig zu stellen und oft noch schwieriger zu beantworten. Da es mich nun jedesmal verdrießlich macht, meine Neugier in ähnlichen Fällen unbefriedigt zu sehen, so denke ich, es könnte unter den Lesern manche geben, die meinen Geschmack teilen; und da ferner das alte Sprichwort: Was du nicht willst, daß dir geschicht. Das tu' auch keinem andern nicht. mir von Kindheit auf eingeprägt worden ist, so halte ich es für meine Schuldigkeit, die Feder des Biographen nicht sogleich nach der Hochzeit hinzulegen, vielmehr selbige noch einmal frisch zu schneiden und unser schönes, jüngst vermähltes Paar zu verfolgen in seine Flitterwochen, sogar darüber hinaus. Sie waren sehr schön, diese Flitterwochen. Man denke nur: sanfter Herbst, ländliches Stilleben, kurze, herrliche Tage, lange, traute Abende! Und als nun der Winter kam, als der Schnee so reinlich und weiß die Fluren deckte, als die grünen Tannenwälder rauschten, als Anton den kleinen Rennschlitten lenkte, und von der neben ihm sitzenden, in einen unermeßlichen Bärenpelz vermummten Hedwig kaum ein Drittel des Gesichtes übrig blieb, womit sie dem Geliebten zulächelte: als Peterls Beine fast zu kurz waren, auf den Kufen des schmalen Schlittens Fuß zu fassen, er aber dennoch fürchterlich mit der großen Peitsche knallte, daß alle alten Weiber des Dorfes durch die kleinen Fensterlein guckten; als Anton vor seiner Mutter Häuschen anhielt und Hedwig aus dem Fell des brummigen Bären mit Nachtigallenstimme Ottilie einlud, sie möchte zum Tee aufs Schloß kommen; als Anton sodann, heimgekehrt, die rotbäckig gefrorene Frau an der Hand, in Rittmeisters Zimmer ging und sie schon auf dem Gange den Vater lachen hörten über Schkramprl, der vor seinem Ruhebette saß und log, was das Zeug hielt; als Schkramprl bei Hedwigs Eintritt aufsprang, ihr die Hand zu küssen, und eilig in den Stall lief, um verspätete Ratzen nachträglich aus seinen Fallen zu nehmen, die er dann für Peterl braten wollte, von dem er schwur, der Junge fresse Ratzen wie ein Chinese; als Anton sich in sein Arbeitszimmer begab, einige notwendige Briefe zu schreiben; als Hedwig von ihm Abschied nahm, wie wenn er nach Australien zöge; als Ottilie eintraf; als der Teetisch vor Rittmeisters Sofa geschoben wurde und die Frauenzimmer ihre Arbeit zur Hand nahmen; als Anton die seinige vollendet hatte und nun flehentlich um einen Löffel Arrak in den Tee bat, den ihm Hedwig durchaus nicht geben wollte, weil sie meinte, Tee mit Arrak sei nicht gesund; als der Rittmeister ihr recht gab und versicherte, Arrak mit Tee sei freilich gesünder; als der Stadtbote, beschneit und bereift, wie wenn er mit Zucker bestreut wäre, die Zeitungen brachte und einen Brief von Gräfin Julia, worin diese »ihre kleine Hedwig« küßte und Ottilie ihre Freundin nannte, den Rittmeister ihren würdigen Freund und Anton ihren lieben Sohn! – O welche Flitterwochen waren dies? Hedwig liebte Anton wie ihre erste, ihre täglich zunehmende, ihre letzte Liebe; wie nur ein junges Weib lieben kann, dem das Glück zuteil wurde, den Inbegriff ihrer unschuldigsten, jungfräulichsten Neigung und Sehnsucht im Gatten umarmen zu dürfen. Wenn solche Liebe, solche Anhänglichkeit überhaupt jemals erlöschen kann , so darf man beinahe mit Gewißheit annehmen, der Gemahl habe sie durch seine Schuld erstickt. Was aber Anton hätte anwenden müssen, um Hedwigs Herz, Gemüt und Seele von sich abzuwenden, das weiß ich wirklich gar nicht; meine Phantasie ist zu dürftig, Möglichkeiten dafür auszusinnen. Dennoch zweifelte der in seinen Ansprüchen unersättliche Honigmondsüchtige bisweilen an der begehrten Ausschließlichkeit dieses Besitzes, weil die Geliebte sich durch keine Gewalt ehelicher Liebe von der Erfüllung kindlicher Pflichten abhalten ließ. Aus diesen Zweifeln ging eine kleine Eifersucht hervor, eine ganz kleine, junge, niedliche, mit welcher Hedwig spielend fertig wurde, weil ein Wort von ihr, ein Blick genügten, das Scheusälchen in die Flucht zu schlagen, in den Winkel zu treiben, wo es sich verbergen mußte und eben nur soviel Macht behielt, der glühendsten Zärtlichkeit gleichsam einen Sporn einzudrücken, der sie nur um desto mehr belebte. Denn Anton achtete und liebte seinen Schwiegervater auch, und er selbst würde endlich Hedwig getadelt haben, wenn sie neben ihm und um seinetwillen imstande gewesen wäre, den Rittmeister zu vernachlässigen. Was für ihn der Vater seiner Frau, das war für diese Ottilie. Hedwig liebte Ottilie als eine Freundin, achtete sie als einen großmütigen Charakter, als ein geistreiches Mädchen, – aber sie konnte ihr doch niemals ganz vergessen, daß sie einst Antons »Tieletunke« war. Es genügte, diesen kindischen Beinamen nur auszusprechen, damit Hedwig, sei es auch nur auf einen Moment, unruhig werde. Sie hatte dieser Empfindung, die sie selbst eine höchst alberne nannte, niemals Hehl, sie meldete sich selbst, die ehrliche Seele, jedesmal, wenn's ihr geschah. »Du«, sagte sie dann, »du, Ottilie, es ist kaum fünf Minuten her, da bildete ich mir ein, ich könnte eifersüchtig auf dich sein.« Worauf Ottilie zu entgegnen pflegte: »Warum das nicht? Die Eifersucht hat schon klügere Leute dumm gemacht.« Dann lachte Hedwig und fragte: »Bin ich dumm?« Und Ottilie antwortete: »Geh; du bist nicht klug.« Dann lachten sie beide. Und Anton kam dazu und küßte Hedwig. Ottilie aber sprach: »Den Kuß müßte er mir nun geben, wenn ich nicht Verstand gehabt hätte für ihn – und für mich.« Anton küßte Ottilies Hand. Ottilie rief: »Siehst du, wie dankbar er mir ist, daß ich ihn nicht festhielt?« Dann hinkte der Rittmeister herein, und seine Tochter umschlang ihn mit beiden Armen und sagte: »Du bist mein guter, treuer Vater, du machst mir niemals Ärger.« »Außer wenn ich deine Anbeter mit dem Säbel in die Flucht schlage!« Und Hedwig machte sich vom Vater los, neigte sich zu Anton, fuhr ihm in die Locken, schüttelte ihn und flüsterte: »Hab' ich ihn doch!« So verging der Winter. Und der Frühling kam wieder; der böse Frühling! Wie er lächelnd, mit Blüten umkränzt, seinen Einzug hält, Leben verheißend und Lust, doch im Herzen birgt er den Tod, der Heuchler! Sie hatten einen Gang ins frische Grün gemacht. Die Maisonne brannte wie im August. Die Luft war schwül und schwer. Sie suchten den Schatten des nahen Buchenwäldchens. Anton und Hedwig gingen voran und plauderten von ihren Hoffnungen. Hedwig wollte wissen, ob ihr Kind, wenn es zur Welt käme, ihr oder seinem Vater ähnlich sehen werde, oder beiden; ob es blaue Augen haben werde oder braune; ob es ein Anton sein werde oder eine Julia – »denn nach unserer guten Gräfin muß es heißen. Ja, gewiß. Und ist's ein Junge, muß er Julius heißen, nicht Anton.« Es ist auch besser, daß er nicht nach dem Vater genannt werde, schon der Verwechselungen wegen. »Nehmen wir an, ich sagte eines Morgens zu Ottilie: Ich habe wenig geschlafen, mein Anton hat die ganze Nacht geschrien, – was müßte sie von dir denken?« Ottilie, den Rittmeister führend, folgte ihnen. Ein ängstlicher Ausruf aus ihrem Munde störte Hedwigs zärtliches Geplauder. Sie wendeten sich, Hedwigs Vater lag am Boden, Ottilie kniete neben ihm. – Ein Gewitter zog in der Ferne herauf. – Der alte Soldat schien tot. Hedwigs herzdurchschneidendes Jammergeschrei weckte ihn noch einmal aus seiner Betäubung. Er versuchte die Augen zu öffnen, die ihn Umgebenden zu erkennen, reichte Anton und Ottilie die zitternden Hände und zog dann Hedwigs Kopf an seine Brust: »Im Freien! Im Frühling! Im Mai! Kanonendonner! Letzte Schlacht! Mein Kind, – mein Sohn, habt euch lieb!« * Nach drei Tagen wurde der Rittmeister begraben, wo Ottilies Eltern ruhen, Antons Großmutter, der gute Pastor Karich und auch der schwarze Wolfgang. Am Abend des Begräbnistages gebar Hedwig ein totes Kind. Achtundsiebzigstes Kapitel Sie erholte sich, dank sei es ihrer Jugendkraft, bewundernswürdig schnell. Als sie zum erstenmal des Vaters Grab besuchte, sagte sie zu Anton: »Nun habe ich dich allein! Wende dich niemals von mir!« Dieses Wort, aus der tiefsten Fülle eines schmerzlich verwundeten, doch innig liebenden Herzens gesprochen, gestaltete sich auf eigentümliche Weise zu einem Fluche um, der sich gegen Antons Glück und Zufriedenheit richtete. Anton hatte schon beim Erwachen des Frühlings die Ahnung einer ihm unklaren Bangigkeit gehabt, einer Unruhe, die ihn fortwährend hinaustrieb, auch ohne bestimmten Zweck sein Gebiet nach allen Richtungen zu durchstreifen; zu Wagen, zu Pferde, wie zu Fuß! Es fehlte ihm etwas, er konnte nicht ausfinden, was es sein möge. Der plötzliche Tod seines Schwiegervaters, die Krankheit Hedwigs, der Schmerz über den Verlust eines schon vor der Geburt gestorbenen Kindes, – dies alles hatte seinen Gedanken eine andere Richtung gegeben. Hedwigs weibliche Klage und Bitte am Grabe des Rittmeisters brachte ihn wieder auf die gefährliche Grübelei, in die er vor einem Monat versenkt gewesen. »Was kann mir denn fehlen«, fragte er sich, »mir, den das Glück mit Gaben überhäuft? Daß mein Schwiegervater sterben, bald sterben würde, wußte ich, als ich Hedwig heimführte; Gott hat ihm das letzte Lebensjahr nur noch geschenkt, damit er sich freuen dürfe, seine Tochter versorgt zu sehen. Nicht daß er uns verließe, darf ich beklagen, nur zu danken haben wir, daß er uns noch so lange geliehen ward! Daß mein Kind das Licht dieser Sonne nicht erblickte, ist die natürliche Folge von Hedwigs kindlicher Liebe; sie befindet sich wieder wohl und wird künftig auch eine beglückte Mutter sein. Ich bin reich, unabhängig, jung, kann Gutes schaffen in meinem Wirkungskreise; die Bewohner von Liebenau haben mich gern; ich liebe meine Frau, meine Frau liebt mich ... was kann mir denn fehlen? – Wie, wenn es die Freiheit wäre? »Nun habe ich dich allein! Wende dich niemals von mir!« Gewiß, sie hat recht, sie ist mein schönes, gutes, treues Weib, sie hat recht, von mir Treue zu fordern bis übers Grab! – Und doch, wie wenn es nun der Gedanke wäre, so unauflöslich gefesselt zu sein, der mich beunruhigte? Es wäre schrecklich, dennoch ist es nicht unmöglich. Ich war elend, das ist richtig, ein armseliger, umhergeworfener Vagabund! Ich sehnte mich nach Ruhe, nach einer Heimat. Nun habe ich beides, habe es im überreichem, jeden Wunsch übersteigenden Maße; ... und nun entbehre ich, was mich damals quälte, jene Freiheit der Armut, deren Heimat die ganze große Erde heißt: » Vie errante est chose enivrante !« singt der französische Chansonnier, dessen Lieder ich in Paris kennen lernte. Wohl wahr! In diesem Rausche sind mir sieben Jahre verflogen, sieben Jahre voll Not und Lust. Die Not ist vergessen, die Lust wirkt nach. Sie überfällt mich bisweilen, daß ich nur gleich aufspringen und davonlaufen möchte über alle Berge hinaus! Ich weiß sehr gut, ich würde nicht lange laufen: ich würde bald wieder heimkehren nach meinem lieben Liebenau; – aber ich hätte die Lust doch gebüßt, ich hätte doch wieder einmal vom Schaume der vollen Jugendfreiheit genippt. – Für einen Gatten schickt sich das nicht. Ich soll ein Mann sein, ein ernster, würdiger Gutsbesitzer; darf meine Gemahlin nicht verlassen, muß nach der Wirtschaft sehen, die Beamten kontrollieren, muß im Geschirr des soliden Lebens ziehen, darf nicht über den Strang schlagen, bin glebae adscriptus , bin Sklave meines Reichtums, – Sklave meiner Liebe! – und gute Nacht, persönliche Freiheit! –« Gerate nur erst einer auf derlei bedenkliche Fragen, er wird sich bald in eine recht gut organisierte, rebellische Widersetzlichkeit hineingefragt haben, und gar erst, wenn er die entstehende Mißstimmung – sei es auch in der edelsten Absicht – vor derjenigen verheimlicht, welche die unschuldige Ursache derselben ist. Wer vor seiner Frau ein Geheimnis hegt (ich rede begreiflicherweise nur von solchen Geheimnissen, die auf das eheliche Verhältnis Bezug haben), der erzieht eine Schlange an seiner Brust, die ihm über kurz oder lang das Herz anfressen kann.« Anton beging diesen Wahnsinn. Er verbarg vor Hedwig jene Unruhe, die ein gespenstisches Phantom, Freiheit genannt, ihm erregte, er zwang sich, heiter und unbefangen zu erscheinen, er erkünstelte fröhlichste Laune, er verdoppelte seine zärtlichsten Aufmerksamkeiten für sie, »damit sie nur nichts merke«! Der Tor! Es wäre besser gewesen, ihr alles zu sagen, die volle, reine Wahrheit. Die Wahrheit ist immer das Beste, auch wenn sie das Schlimmste ist. Hätte er sich die Skrupel von der Seele geredet, ein ganzes verdorbenes Jahr hätte er sich ersparen können. Doch er schwieg, log, litt. Und es währte nicht lange, so empfand Hedwig, daß er sie täusche. Doch schwieg auch sie, und auch sie litt. So gingen sie lächelnd, liebend und leidend nebeneinander her. Ottilie aber schüttelte den Kopf und sagte: »Mit meinen Leutchen im Schlosse ist nicht alles in Ordnung. Seit des Vaters Tode gefallen sie mir nicht. Das muß der Gräfin berichtet werden.« Neunundsiebzigstes Kapitel Die Ernte hatte begonnen. Anton ritt von einem Vorwerk, von einem Felde zum anderen, seine Arbeiter zu begrüßen und sich von den Mägden der »Hofegärtner« »binden« zu lassen; der alten guten Sitte getreu, nach welcher bei Eröffnung der Erntezeit der Gutsherr, sobald er sich draußen zum erstenmal blicken ließ, mit bunten Bändern um den Arm geschmückt wurde, wofür er natürlich ein reichliches Geschenk zu spenden nicht versäumen durfte. Die »Hofegärtner« von Liebenau und den dazu gehörigen Wirtschaftshöfen wollten von der ihnen freigestellten Ablösung der sogenannten Robotpflichtigkeit durchaus keinen Gebrauch machen. Sie fanden es ihrem Vorteile angemessener, des Gutsherrn Fruchtfelder zu mähen, die Garben zu binden im Schweiße ihres Angesichts und dafür »den Zehnten«, den ihnen gebührenden Arbeitslohn, in Empfang zu nehmen, als nachzuahmen, was viele Gemeinden in der Nachbarschaft bereits getan hatten. Der alte Vormäher vom Oberhofe ließ sich darüber etwa so aus: »Ist's nicht gescheiter, wir tragen Glück und Unglück, gute Jahre und Mißwachs zu gleichen Teilen mit dem Dominium, statt daß wir Tagelöhner vorstellen und uns in Gelde bezahlen lassen? Jetzt kommt der Herr, oder meinetwegen der Verwalter, und fragen, was meint ihr, Leute, wollen wir hauen oder warten wir noch? Oder wo fangen wir heuer an? Oder was meint ihr vom Wetter? Wird's heimlich bleiben? Nu ja, warum sollen sie uns nicht fragen; es ist ja unser eigener Vorteil, wenn's gut geht, und wir bringen das bissel Gottessegen trocken unter Dach. Ich arbeite doch lieber, wenn ich für mich mit arbeite. So ein Tagelöhner fragt den Kuckuck danach, was verdirbt oder nicht. Und seinen Lohn versauft er und im Winter hat er nichts zu fressen.« Deshalb hatten sich die Liebenauer noch nicht von ihren Hofediensten abgelöst und bewahrten noch ein letztes Restchen patriarchalischer Überlieferung in ihren Hütten, auf ihren Feldern, in ihren Herzen. Anton plauderte mit ihnen, herzlich und vertraulich. Der eine nannte ihn Herr Goksch, der andere Hahn, ein drittel Musje Anton, und ein altes Gärtnerweib Gärtner wurden in jenen Gegenden alle ländlichen Hausbesitzer genannt, die nicht wirkliche Bauern waren. Sie wurden in Frei- und Hofegärtner geteilt. redete ihn gar »Gestrenger Herr Korbmacher von Ober-Liebenau« an, worüber er so heftig lachte, daß alle Mädel mit zu lachen anfingen und fünf Minuten lang keine Hand anlegten, bis der Vormäher fragte: »Habt ihr nu bald ausgekichert, ihr dummen Frauvölker?« Anton sah einen Seitenweg längs dem frischgemähten Stoppelfelde, den man, so lange die Frucht stand, nicht bemerkt hatte, und fragte, wohin dieser führe. »Über die Wiesen auf die Landstraße nach Polen!« lautete die Antwort. »Behüt' euch Gott, ihr Leute!« rief er aus, trieb sein Pferd an und flog diesen Weg entlang. In einer halben Stunde war der Graben erreicht, den er einst überspringen mußte, als er den Fußpfad vom Eichberg herab die große Straße suchte, um bei schlechtem Novemberwetter auf Reisen zu gehen. Heute, am schönsten Erntetage, quälten ihn nur Hitze und Staub, den seines Rosses Galopp aufjagte. Doch das hinderte ihn nicht, dem Wirtshause zuzusprengen, in dem er damals seine erste Rast gehalten hatte. Eine krankhafte Ungeduld bemächtigte sich seiner, noch einmal auf der Bank am Ofen zu sitzen, auf welcher ihm der Milchkaffee so gut behagt, den er mit Koko teilte; die Wirtin wiederzusehen, die ihm verstohlen seine Locken gestreichelt; sich in den Anblick jenes Gastzimmers zu versenken, das in seiner Erinnerung vom Rosenschimmer süßester Jugendpoesie strahlte. Er vergaß in fieberhafter, kindlicher Freude, daß sie zu Hause mit dem Essen auf ihn warten, daß Hedwig in Besorgnis geraten, alles im Schlosse unruhig werden könne. Er jagte wie rasend durch Mittagshitze und Staubwolken dem Ziele seiner Phantasie entgegen. Da ist das Dorf erreicht. Dort liegt das ersehnte Haus. Er muß mit voller Gewalt sein Pferd zurückhalten, um die halbnackten Kinder nicht zu überreiten, die vor der Tür, dicht an der Straße, ein Luft- und Sandbad genießen. Dem Hausknecht, der soeben die Pferde vor einem Frachtwagen tränkte, wirft er seines Tieres Zügel zu, schärft ihm ein, es langsam auf und ab zu führen, damit es sich gehörig abkühle, und eilt dann in die Schenke. Das große, düstere Gemach ist leer und still. Nur Millionen von Fliegen summen ihr eintöniges Klagelied. Anton wirft sich auf die Bank hinter dem Ofen, eine Wehmut kommt über ihn, die ihm unerklärlich ist, die er dennoch nicht bewältigen kann, und kaum vermag er die Tränen zurückzuhalten, die ihm das Herz schwellen. Die Wirtin tritt ein. O, wie ist sie alt geworden, wie häßlich, wie nachlässig in ihrer Kleidung. Es sind ihre sechs Kinder, die draußen im Staube des Weges spielen. Sie hat vom Hausknecht gehört, daß ein fremder Herr zu Pferde gekommen, bei ihr eingekehrt. Sie fragt, womit sie ihm dienen könne. Anton bittet sich einen Kaffee aus. Die Wirtin stutzt; sie entschuldigt sich, daß es langsam damit gehen werde, weil das Mittagsmahl längst vorüber und kein Feuer auf dem Herde brennt. Anton erklärt, er wolle gern warten und hier weilen. Die Frau sieht ihn mehrmals fragend an und geht sinnend hinaus, dreht sich aber in der Tür noch einmal nach ihrem rätselhaften Gaste um. Wie sie in ihrer Vorratskammer Kaffee und Zucker zusammensucht, erblickt sie durchs Fenster einen wandernden Scherenschleifer, der, von Schweiß triefend, auf seiner Karre sitzend, mit dem Hausknecht Worte wechselt über das Pferd, das dieser herumführt, und sie hört deutlich, wie der Schleifer sagt: »Dem gnädigen Herrn von Liebenau drüben; ich habe ihn vorgestern selbst darauf reiten sehen.« – »Hm, wie kommt der zu uns? Da muß ich schon ein Lot Kaffee mehr nehmen, daß er stark wird!« Anton ist bereits aus Wehmut in unruhige Aufregung übergegangen. Er durchläuft die Schenkstube, wie im Kampfe mit seinen widerstrebenden, sich selbst widersprechenden Empfindungen. Zum erstenmal, seitdem er Hedwig Gattin nennt, will sich ein Zweifel bei ihm geltend machen, ob er recht getan, sich zu verheiraten; ob sein ganzes Wesen überhaupt für den notwendigen Zwang des Ehestandes passe; ob er nicht gar durch sein Vagabundenleben für häusliches Glück, für friedliche Ruhe verdorben sei; ebenso unfähig dabei auszuharren, wie der Riese Schkramprl, der unmittelbar nach des Rittmeisters Tode wieder den Ranzen auf den Rücken nahm. Und der Anblick dieser Schenkstube führt ihn der Vergangenheit zu, die er jetzt noch in seinem Gedächtnis mit so lebhaften Farben erblickt, als ob sie Gegenwart wäre. Er besteigt noch einmal den Wagen des Fleischhauers, er tritt in die Menagerie der Simonelli, er sieht Laura, er liebt sie; ... er sucht neue Abenteuer; als wohlhabender Reisender, nicht mehr als armer Vagabund, zieht er durch die Welt, knüpft andere Bekanntschaften, genießt jetzt erst sein Leben! ... Er vergißt, welch heilige, welch süße Bande ihn an seine Heimat fesseln, er verrät in diesem Augenblicke schon seine Frau, indem er ihrer nicht gedenkt. – Die Wirtin bringt den bestellten Kaffee. Der gnädige Herr soll verzeihen, daß es so lange dauerte, bis er bedient wurde! »Kennt Ihr mich, gute Frau?« »Ei freilich, Sie sind der gnädige Herr von Liebenau.« »Und wo habt Ihr mich kennen gelernt?« »Der Schleifer hat's dem Hausknecht gesagt, sonst wüßte ich's nicht.« »Und Ihr selbst habt mich niemals gesehen?« »Bin mein Leben nicht nach Liebenau gekommen.« »Besinnt Euch nicht auf mich?« »Es ist mir wohl so, – gleich, wie ich den Herrn habe hinter dem Ofen sitzen sehen, hatte ich einen Gedanken, es könnte einer sein, – unmöglich!« »Was für einer?« »Nu, halt einer, der vor vielen Jahren einmal hier durchwanderte. Ein hübsches, junges Blut. Habe oft an ihn gedacht.« »Mit einem Papagei auf dem Rücken?« »Weiß Gott, der Herr weiß es! Sollte doch ... ja, meiner Seele, es ist die nämliche Person – – so seid Ihr nicht der Herr von Liebenau? So seid Ihr mein armer, hübscher Wanderbursch, an den ich so oft gedacht habe!? Nein, was doch alles auf Erden vorgeht, 's ist entsetzlich! Muß ich Euch noch wiedersehen! Freilich, dazumal war ich eine leidliche Frau, noch nicht lange unter der Haube. Jetzt bin ich ein altes Weib geworden, das machen die vielen Kinder, die schwere Arbeit. Aber Ihr seid desto schöner, nur ein bissel blaß im Angesicht, aber das läßt vornehm. Und zu Pferde seid Ihr gar! Treibt Ihr Euch noch immer so herum?« »Nein, nicht mehr, das hat ein Ende, ich bin verheiratet.« »O weh, da habt Ihr also Euer Kreuz auch schon auf dem Rücken. Da heißt's – Gute Nacht, Freiheit! Und noch so jung ... Na, Gott gnade der armen Frau!« Anton sagte ein Lebewohl und wollte fort. Zu rechter Zeit fiel ihm ein, daß er den Kaffee nicht bezahlt habe. Er kehrte um. »Ihr habt ihn ja nicht einmal gekostet.« »Gleichviel, habe ich ihn doch bestellt und Euch die Mühe gemacht, wir müssen rechnen!« »Ja, Herr, das müssen wir! Wartet nur.« Die Wirtin entfernte sich. Anton verwünschte, daß er sich zu erkennen gegeben und dadurch ein Gespräch herbeigeführt habe, das den Sturm seines Innern vermehrte. Er wollte um jeden Preis die unheimliche Schenkstube verlassen und der Wirtin, ohne ihr langweilige Berechnung abzuwarten, ein paar Taler auf den Tisch werfen! – Siehe da, seine Taschen fanden sich leer, die Feldarbeiter hatten alles empfangen, was er bei sich getragen. »So muß ich mich mit meiner Uhr auslösen«, rief er, und begab sich hinaus, die Wirtin aufzusuchen; diese trat im Hausflur ihm entgegen und reichte ihm ein schweres Ledersäckchen hin. Auf den ersten Blick erkannte er die kleine Reisekasse, die er aus seiner Großmutter Verlassenschaft zusammengestellt und hier vergessen hatte; deren Verlust ihn zum Diener in einer Menagerie gemacht, folglich seinem Lebenslauf die erste, entscheidende Richtung gegeben. »Wir haben die Münzsorten auseinandergeklaubt, gezählt und berechnet, Gold wie Silber, mein Mann und ich. Es ist alles aufgeschrieben auf dem Zettelchen, wie viel darin steckt, und macht neununddreißig Taler dreizehn Groschen. Ihr werdet's finden bei Heller und Pfennig. Es war wohl eine harte Versuchung, denn manchmal geht's hier schmal zu, wenn keine Einkehr ist und kein Verdienst; vollends jetzt, seitdem sie drüben eine Chaussee gebaut haben und alles Fuhrwerk drüben geht. Aber ich bin standhaft geblieben, und hier habt Ihr Euer Eigentum.« Anton bestieg sein Pferd. Dann gab er dem alten gebeugten Hausknecht, der es gehalten, einen harten Taler. Den ledernen Beutel aber samt seinem Inhalt warf er den spielenden Kindern zu. »Kauft eurer Mutter einen Jahrmakt«, sprach er. »Herr, Herr, was tut Ihr?« – – Er war längst hinter einer Staubwolke verschwunden. Achtzigstes Kapitel Das Leben im Schlosse zu Liebenau gestaltete sich von einem Tage zum anderen immer unfreundlicher und kälter. Frühzeitiger, regnerischer Winter trug bei, es zu verdüstern. Anton machte in der Angst seines Herzens einigemal den Vorschlag, sie möchten einige Monate in einer großen Stadt zubringen. Dagegen erklärte sich Hedwig entschieden. »Mir in meinen Umständen«, sagte sie, »ist häusliche Ruhe nötig, die ich in bei Stadt entbehren müßte. Bis Ende Mai oder Anfang Juni erwarte ich meine Entbindung; nach der Krankheit des vergangenen Frühjahrs bin ich es mir und meinem Kinde schuldig, mich zu schonen. Die Vergnügungen der Stadt locken mich nicht, und sogar, wenn sie es täten, müßte ich sie unter den jetzigen Verhältnissen meiden. Was sollte ich in jenem Geräusch, wenn es mir keine Freude macht?« Ottilie, gewöhnlich Zeugin dieser Gespräche, hätte gern gehört, daß Hedwig ihren Weigerungen noch ein Wort der Aufforderung für Anton beigefügt und ihm vorgeschlagen hätte, er seinerseits möge allein gehen und Zerstreuungen aufsuchen. Sie war begierig, wie er solchen Vorschlag aufgenommen hätte. Doch daran dachte Hedwig nicht. Sie in ihrer Unschuld vermochte nicht zu ahnen, daß es außerhalb seines Hauses Freuden für denjenigen geben könne, ohne den es für sie keine Freude gab. Nicht selbstsüchtige Mißgunst, nur Unerfahrenheit ließ sie darüber schweigen. Ottilie jedoch, die aus Antons Miene las und verstand, was seine Lippen zurückhielten; suchte Hedwigs Weigerung noch von einer anderen Seite zu unterstützen. Sie erklärte sich unumwunden gegen die Gewohnheit vieler Gutsbesitzer, den Winter über ihrer ländlichen Einsamkeit zu entfliehen; sie leitete mit sehr verständig entwickelten Gründen aus diesem Gebrauch eine lange Reihe von Mißbräuchen und Übeln her, die nicht wenig dazu beitrügen, die Angelegenheiten im kleineren wie im größeren zu verwirren. »Das Auge des Herrn, des Besitzers«, sagte sie, »soll auch im Winter sehen, forschen, prüfen und walten; auch im Winter gibt es eine Menge ländlicher Beschäftigungen, die niemand besser leiten und regeln mag, als er selbst. Seine Beamten, die Bewohner des Dorfes, Schäfer, Pferdeknechte, Kuhmägde und Ochsenjungen, alle bis auf den Geringsten sollen wissen, daß er da ist; daß er dem Schlage der Holzaxt, daß er dem hellen Klange der Dreschflegel, daß er dem Schnurren des Spinnrades lauscht; sie sollen wissen, daß in jenem Stübchen, wo der Lichtschein hinter den Vorhängen schimmert, ihr Brotherr bei seiner Frau sitzt und den langen Winterabend nach vollbrachter Arbeit traulich verplaudert. Sie sollen wissen, daß die alte, frierende Frau aus dem Dorfe sich dort eine Karre voll Holz, daß die hungernden Bettelleute ein tüchtig Stück Brot, daß der kranke Greis eine Flasche Wein erbitten kann bei der Herrschaft. Mein verstorbener Vater hatte wohl viele Fehler, und ich bin die letzte, ihn zu verteidigen, dennoch war er trotz seiner Kälte und Heftigkeit beliebt bei den Leuten im Dorfe. Warum? Weil er dreißig Jahre lang mit ihnen, unter ihnen, bei ihnen lebte! Weil er nichts sein wollte wie ein Landmann, gleich ihnen; weil er mit all seinem Fluchen und Schreien nicht hindern konnte, daß drei Töchter in seinem Namen, wenn auch ohne sein Geheiß, kleine Gaben mit eigenen Händen reichten und auch durch tiefen Schnee die Häuser aufsuchten, wo Krankheit und Not sich nach Hilfe sehnte. Sein Nachfolger (Ihr Vorgänger, Anton) warf das Geld mit vollen Händen unter die Armen des Dorfes, ohne daß er sich dadurch bei ihnen beliebt gemacht hätte; fragen Sie heute nach Theodor van der Helfft, so wird kein Mensch in Liebenau ihn anders bezeichnen als: Der vorige Herr, der immer auf Reisen war und auch auf Reisen starb. Hedwig hat nur allzu recht, wenn sie entschlossen ist, auch über Winter hier zu bleiben; diesen Winter wie immer.« Nachdem Ottilie einigemal in diesem Sinne geredet, stand bei Anton die Überzeugung fest, die beiden Frauenzimmer hätten sich heimlich miteinander gegen ihn verbündet. Er schwieg und dachte nur: »O, meine Freiheit!« – Vielleicht wäre dieser Gedanke, an sich schon gefährlich genug, zu einem unheilbringenden geworden, wenn nicht Antons Gutmütigkeit und liebevolle Gesinnung für Hedwig in der Sanftmut dieser mild weiblichen Natur immer wieder neue Nahrung gefunden und dadurch jeden möglichen Ausbruch von Ungeduld oder Heftigkeit verhindert hätte. Sie gingen, er und sie, nebeneinander her, so vorsichtig, so schonend, so rücksichtsvoll – sie, als ob sie ahnte, daß in Antons Herzen ein wunder Fleck verborgen sei; er, als ob er verhüten wolle, daß die Frau entdecke, wo und warum er leide. Ottilie suchte freilich zu vermitteln und tat es mit Geist, Gemüt und gutem Willen. Da machte sich's denn erträglich; aber auch nur erträglich. Während dieses Winters ordnete Anton seine Tagebücher. Wenn Hedwig ihn in seine Wirtschaftsrechnungen, Monatsabschlüsse und Forstausweise vergraben wähnte, erging er sich – bei Frost und Schnee im warmen Gemache weilend – in der Zeit des Vagabundenlebens. Man sollte meinen, die erneuerte Erinnerung an all das überstandene Elend müsse ihm sein gegenwärtiges Glück erst im hellsten Lichte vor die Augen gestellt haben. Im Gegenteil; was ihn, da er es wandernd ertrug, wie eine schwere Last bedrückt, das dünkte ihm jetzt ein verlorenes Glück; aus den Blättern, die er überlas, wehte ein frühlingslauer Zauberhauch, und immer und immer wiederholte sich leise der Ausruf: »Ich liebe Hedwig, und ich bin glücklich, daß sie mein Weib ist; aber es war doch schön, als ich frei war!« Ohne daß er es wollte, ja sogar, indem er es zu vermeiden suchte, trug sich eine Färbung davon in die Briefe über, die er an Gräfin Julia nach Sophienthal zu richten niemals unterließ. Diese aber schien absichtlich keine Kenntnis davon nehmen zu wollen. Aus ihren Antworten, die Hedwig wie Ottilie lasen, ging immer nur hervor, welchen Anteil sie an dem häuslichen Glücke ihrer teuren Liebenauer nehme. Ottilie dagegen schrieb sie nur, man könne jetzt nichts tun, als schweigen und hoffen; zur Entbindung werde sie sich persönlich einstellen, und erst nach dieser, wenn alles glücklich vorüber, sei es an der Zeit, zu reden und zu handeln. »Gott gebe«, seufzte Ottilie, »daß sie meinem alten Anton den Kopf zurechtsetzt; wenn die Gräfin es nicht vermag, dann ist alles vergebens.« Wir sprachen soeben von seinen Tagebüchern, und daß er dieselben, in zerstreuten Heften und Blättern wieder ordnend, durchlese. Bei dieser Gelegenheit dürfen wir auch einige kurze Auszüge geben von den Bemerkungen dieses Winters; denn Anton setzte sein Journal fort. Wir wählen aus jedem Monat immer nur ein Blättchen.   Liebenau, vom 18. November. »Voriges Jahr freute ich mich über den herannahenden Winter; das trübe Novemberwetter mit seinem grauen Himmel, seinen kurzen Tagen entzückte mich; meinetwegen hätten die Abende noch länger sein dürfen; ich konnte es gar nicht erwarten, daß Licht und Lampe brannten, daß ich bei Hedwig saß und mich unserer Abgeschlossenheit und Ruhe freute, unserer Trennung von dem Geräusch der Welt, in welche niemand sich hineinwagte, als etwa nur Ottilie, die man mit ihren geisterhaft leisen Tritten und Bewegungen kaum hört. Heuer ist das anders, und ich ärgere mich über mich selbst. Aber kann ich dafür? O, meine alte Großmutter hatte recht: Gar vieles – das Beste vielleicht, wie das Schlimmste – ward uns angeboren. Wir können's bekämpfen, manchmal besiegen, aber ausrotten? Niemals!«   Vom 24. Dezember. Dem Himmel sei Dank, daß die Glückwünsche des heutigen Tages überstanden sind; die Glückwünsche und die Danksagungen. Denn ich befinde mich in der seltsamen Lage, vormittags Gratulationen und Gaben für mich in Empfang zu nehmen, weil ich meinen Geburtstag begehe; nachmittags dagegen liegt mir, als Familienhaupt, die Sorge ob, andere zu begaben, weil wir den heiligen Christabend feiern. Voriges Jahr gewährte es mir ein eitles Vergnügen, meine Beamten vor mir aufmarschieren zu sehen und mich von ihnen anwünschen zu lassen. O vanitas vanitatum ! Diesmal hätte ich sie lieber hinausgeworfen, alle, – den guten Pastor Puschel ausgenommen, den ich liebe, weil er ein täuschendes Ab- und Nachbild seines Vaters wird. Nachhaltiger wirkte die Lust am Beschenken der ärmeren Dorfleute. Ottilie und Hedwig hatten das prächtig hergerichtet und aufgebaut. Meine Frau benimmt sich dabei wie ein Engel, den man anbeten möchte. Mitten im Jubel und im Schimmer der unzähligen Lichter fiel mir ein, daß ich vor zwei Jahren aus Kästners Haus im Gebirge wie ein begossener Pudel fortlief und wandernd, heimatlos, aufgegeben, den Christabend im tiefen Walde zubringen mußte. Und spürte ich nicht heute, umgeben von Überfluß, Liebe, Glück und Dank, eine Sehnsucht in mir nach jenem einsamen Elend? Es ist keine Frage, ich bin ein Narr! Aber Schkramprl hat wohl recht, daß er sich nicht fixieren, daß er umherlaufen will, so lange seine langen Beine ihn tragen. Man ist nicht umsonst Vagabund gewesen.«   Vom 18. Januar. »Heute hat es ein Ärgernis mit meinem Herrn Förster gegeben, und das hat mir gut getan: es hat mich aus dem Reich meiner haltlosen Träume zur unangenehmen Wirklichkeit herabgezwungen. Zum erstenmal, seitdem ich im Besitz stehe, habe ich den Herrn gezeigt. Der Mensch ist entlassen, und da seine Vernachlässigungen, vielleicht Betrügereien, auch nicht einen Tag fortdauern dürfen, schon des Beispiels wegen, so habe ich ihm sein Quartal auszahlen und die Amtswohnung heute noch räumen lassen. Seinen Dienst werde ich, bis ein anderer eintritt, selbst versehen. Vielleicht gefällt mir die winterliche Abendstille in unseren Räumen besser, wenn ich sie mir durch einen Tag im tiefen Schnee des Waldes errungen habe. Vielleicht hören meine Gedanken auf, in der Welt herumzuschweifen, wenn ich sie beim Klang der Vesperglocke mit den Holzfällern heimgeleite.«   Vom 12. Februar. »Das trifft sich glücklich: Da kommt Freund Schkramprl wieder einmal, um, wie er sich huldreichst ausdrückt, nach uns und unseren Stallratten zu sehen, und bringt mir ein Mitschreiben meines alten Wohltäters, des k. Försters Wolff. Der ehrliche Isegrim geht mich an, seinen ältesten Sohn, der seine Zeit im Jägerkorps ausgedient hat und nun, als Oberjäger entlassen, keine Stelle findet, unterbringen zu helfen. Gewiß, er soll die Försterei in Liebenau haben. Seine Zeugnisse sind vortrefflich, und er ist der Sohn seines Vaters, des braven Mannes, der mich bei sich aufnahm, da ich, ein ›angeschossenes Stück‹, in seinem Walde ›wechselte‹. Fiat ! Morgen des Tages erhält er das Anstellungsdekret. Schkramprl wird es ihm hintragen, und es wird Freude sein im alten Forsthaus. Schkramprl fragt mich, wie ich es aushalte auf einem Flecke. Ich erwiderte ihm: Willst du schweigen, verdammter Heide! Habe ich nicht schon böses Blut genug in den Adern? Willst du auch noch beitragen, mir es wieder durcheinander zu jagen? Trolle dich von dannen und gib mir Frieden!«   Vom 15. März. »Heute kam ein Gast in unsere Fluren, der mich mit seinem Lächeln aus der Fassung brachte. Offenbar hat er sich verlaufen, ist zu früh eingetroffen und wird nicht weilen; die Seinigen werden ihn zurückrufen. Fürs erste hat er sich ins Buchenwäldchen schlafen gelegt und schien höchlich erstaunt, daß die Bäume noch so dürr sind. Auch suchte er vergeblich nach Veilchen. Tor, wenn du sie nicht mitbrachtest, wir haben noch keine! Er schläft im Buchenwäldchen; mir aber hat dieser erste Frühlingstag den Schlaf geraubt. Ich werde die ganze Nacht hindurch an ihn denken, an seine Wanderlust; – und wenn ich morgen früh heimkomme, ihn aufzuwecken und ihn ein Stück Weges zu begleiten, wird er längst auf und davon sein. Desto besser. Ich wollte, wir hätten morgen das fürchterlichste Schneegestöber, das mich wieder ein wenig niederduckte! Was sollen mir die Boten der Freiheit? Ich bin nicht mehr frei.«   Vom 20. April. »Gräfin Julia meldet, sie wolle mit Anfang Mai ihren Einzug in Schloß Liebenau halten und habe sich so eingerichtet, daß sie bei uns weilen könne ›bis zur Taufe‹! Die edle, liebenswürdige Frau! Wie freue ich mich, sie wiederzusehen – und zu hören! Wahrlich, die Beschreibung meiner seligen Mutter paßt noch immer auf sie, obgleich seitdem mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen ist.«   Vom 15. Mai. »Die Gegenwart der Gräfin sollte, wie ich gehofft, beruhigend, wohltätig auf mich einwirken. Leider ist dem nicht so. Ich fühle mich noch ungeduldiger, als ehe sie ankam. Wenn sie ihr geistvolles Auge wie fragend auf mir weilen läßt, wird mir zumute, als läse sie in meinem Innern, als erriete sie, welch eine Torheit mich martert! Und das ängstigt mich; ich schäme mich vor ihr. Nein, sie darf nicht entdecken, daß der Vagabund in mir sein Wesen treibt! Was würde sie dazu sagen, deren Großmut mich so königlich beschenkte? Sie, der wir alles verdanken! Sie darf nicht wissen, daß ich meines Glückes unwürdig bin. Sie würde mir zürnen. Oder sie würde, – nicht höhnisch, denn das vermag sie nicht – sie würde mitleidig lächelnd die Achsel zucken; und ich müßte vor Beschämung in den Erdboden sinken. Nein, sie darf's nicht entdecken!«   Vom 1. Juni. »Welch ein Gefühl! Ich bin Vater!! Ein Kind ist da, das lebt, atmet, die Augen öffnet! Und dies ist mein, ist Hedwigs Kind! Noch bin ich nicht imstande, mir über meine Empfindungen Rechenschaft zu geben. Auch weiß ich nicht, was meine Freude stört! Ich vermag mich meiner ahnungsschweren Besorgnis um Hedwig kaum zu entschlagen.«   Vom 2. Juni. »Ich muß zu diesen Blättern meine Zuflucht nehmen. So manchen heißen Gram habe ich in einsamen Stunden dem Papiere anvertraut. Mag sich auch jetzt die schwerste Bangigkeit meiner Seele schreibend Luft machen. Hedwig ist sehr krank; ihre Mattigkeit nimmt mit jeder Stunde zu; schon lächelt sie nicht mehr, wenn man ihr das Kind zeigt; schon erwiderte sie kaum mehr den Druck meiner Hand. Die Gräfin und Ottilie sitzen mit ernstem Schweigen vor ihrem Bette, – mich sehen sie bedauernd von der Seite an. Der Arzt spricht von Hoffnung, die man nie ganz aufgeben dürfe, von unerwarteten Wundern, die eine gute Natur bewirkt! O, man kennt diese Sprache. Sie ist die Einleitung zu dem großen Trauerspiel! Also diese Strafe wäre mir zuerkannt? Sie ist furchtbar streng; doch wehe mir, ich darf nicht leugnen, daß sie gerecht ist! Auch unterliegend muß ich's bekennen, ich habe sie verdient. Ja, ich habe sie verdient, da ich wahnsinnig gemurrt und geklagt, daß ich meine Freiheit einbüßte, daß ich nicht mehr, wie früher, ohne Pflicht, ohne Beruf planlos umherschlendern und jeder Lockung des Augenblicks, sei es immerhin die nichtigste, frivolste, nachgeben dürfe; daß ich meiner Jugend durch den Ehestand beraubt sei. Undankbar gegen Gott und Menschen bin ich gewesen; ruchlos verkannt und geringgeschätzt habe ich die Fülle von Segnungen, die mir Unwürdigem zuteil ward, und die zürnenden Mächte habe ich aufgestört durch leichtsinnigen Frevel! Treue Liebe und Hingebung standen mir zur Seite, – ich sehnte mich nach Freiheit! das heißt, ich wünschte mir die Tage zurück, wo ich kein Herz, keine Seele mein nennen durfte. Du wirst es nun bald empfinden, was es heißt, wieder allein stehen. Da wirst du nun bald wieder frei sein, Elender, und wirst nicht wissen, was du anfangen sollst mit dir und deiner Freiheit! Blutige Tränen wirst du weinen, Tränen fruchtloser Reue, vernichtenden Jammers, wenn sie die bleiche Gestalt hinaustragen, die dein liebendes Weib war, als Blut und Leben durch ihre Adern strömte. Hedwig, Hedwig nicht mehr leben? Tot, begraben sein, die sanfte, gute, schöne Hedwig!? Ich zittere, wenn eine Tür geht, daß sie kommen, mich zu holen, mir zu künden, sie habe vollendet. Ich zittere, wie der arme Sünder, wenn seine letzte Nacht vor dem letzten Morgen entflieht. Sie schlief, da ich sie verließ. Dieser Schlaf kann der Tod sein, der sie nie mehr erwachen läßt! Aber es kann auch der Engel sein, der ihr Genesung bringt! Ach, wenn es wäre! Wenn morgen mit Tagesanbruch der Arzt ausriefe: sie ist gerettet! – Höre mich, du Ewiger, den wir Gott nennen, an den auch der Gottesleugner glaubt in seiner hochmütigen Beschränkung, in seiner spitzfindigen Dummheit. Höre mich, unerforschliche Macht! Hier steht es in festen, deutschen Schriftzügen, ein Zeichen meines unerschütterlichen Willens, meiner innigsten Überzeugung. Nicht Angst und Pein des Augenblickes, nicht wandelbare Zerknirschung, die vor Gefahren kriecht und im Staube sich windet, nach überstandener Gefahr aber neu zu trotzen wagt; nein, klares Wollen, aufrichtige Selbsterkenntnis, männliche Besonnenheit führen meine Feder, und ich gelobe es mir, – und dir, Unsichtbarer! – wenn Hedwig wieder aufersteht vom Grabe, wenn sie noch einmal lebt und liebt, – nie mehr wird ein kindischer Wunsch, ein eitles Trachten, eine bange Regung so viel Einfluß über mich gewinnen, daß ich ihnen das Recht einräumte, sich zwischen mich und meinen Frieden zu stellen. Welche Träume im Herzen mir auftauchen mögen, das kann ich heute nicht wissen; aber daß ich ihrer Herr werde, daß ich als Sieger aus jedem Kampfe mit ihnen hervorgehe, das schwöre ich mit heiligem Eidschwur bei der qualvollen Prüfung dieser Stunde. So gewiß, wie ich jetzt die Kraft fand, meine glühendsten Zähren zurückzuhalten, mit hellem Blick und sicherer Hand die Worte zu schreiben, – so gewiß will ich durchführen, was ich hier beschworen!« Einundachtzigstes Kapitel Drei Wochen sind vergangen. Hedwig hat mit Bewilligung des Arztes sich heute vom Lager weg auf einen großen, wundervollen Lehnstuhl, ein Geschenk der Gräfin Julia, begeben. Diese, noch immer zu Liebenau anwesend, weil sie der Taufe beiwohnen will, hat im Verein mit Ottilie jeden Hauch der Leidenden bewacht, hat ihr in jenen bangen Nächten mütterlich treu zur Seite gestanden, hat aber auch sehr genau und scharf beobachtet, welchen Eindruck der drohende Verlust seiner Frau auf Anton geübt, mit welcher Stimmung dieser aus den Todesängsten hervorging. Sie teilte ihre Meinungen darüber der treuen Ottilie mit, und beide sagten: »Gott sei Dank? Er liebt sie mehr als je!« Heute findet die Taufe statt. Pastor Puschel erbot sich, diese Handlung im Schlosse vorzunehmen, doch Gräfin Julia war dagegen und bestand darauf, daß es in der Kirche vor sich gehe. »Wenn wir Winter hätten und harte Kälte, so würde ich den Pastor selbst ersuchen, das Kind im Zimmer zu taufen«, hatte sie geäußert; »aber jetzt beim schönsten Sommer, warum sollen wir nicht ebensogut in die Kirche gehen, wie alle Leute aus dem Dorfe?« Die Hebamme trägt das Kind. Gräfin Julia und Ottilie folgen ihm. Anton bleibt bei Hedwig zurück. Hedwig sitzt, liegt vielmehr in ihrem Lehnstuhl, der ans offene Fenster geschoben ward, so daß sie dem kleinen Zuge, der ihr Kind in die Kirche begleitet, mit den Augen folgen kann. Nun wendet sie sich zu Anton. »Mein treuer Freund, wir haben ein herzlich Wort miteinander zu sprechen, vielmehr ich habe zu sprechen, du magst mich gütig hören. Doch ehe ich beginne, bitte ich flehentlich, du wollest nicht glauben, daß in dem, was ich dir zu sagen habe, irgend ein Vorwurf, eine Anklage gegen dich enthalten sei. Im Gegenteil. Ich bemerke schon seit ... o, schon seit meines Vaters Tode, daß dir etwas fehlt. Anfänglich machte mich diese Entdeckung sehr unglücklich, denn ich fürchtete einige Tage hindurch, du könntest bereuen, mich zur Frau genommen zu haben, nun dann wäre mir wohl nichts übrig geblieben, als meinem Vater zu folgen. Doch dein ganzes Benehmen überzeugte mich bald, daß du mich liebst, achtest, daß ich (der Himmel sei gepriesen!) dir nicht zur Last bin; nein, daß es dir nur der Ehestand im allgemeinen ist; daß der Gedanke dich peinigt, gebunden, festgehalten, an Haus und Hof und Weib gekettet zu sein, während du doch gewöhnt warst, umherzuziehen, wie Wind und Wetter dich trieben, du mein lieber, geliebter Zigeuner. Mir ist es nicht entgangen, mein armer Anton, welche Mühe du dir gabst, dich zu beherrschen, mich zu täuschen. Aber das Auge der Liebe läßt sich nicht täuschen. Ich empfand deine Leiden, wie du; ich machte deine Kämpfe in meinem Herzen mit. Dennoch versagte ich mir den Trost, darüber mit dir zu sprechen. Ich dachte so: Entweder auch dieses Kind, das ich jetzt am Herzen trage, ist dem Tode geweiht, nun dann bin ich es auch, dann ist er ohnedies wieder frei!! Oder das Kind lebt und ich lebe mit ihm – (denn ich wußte, Gott würde mich nicht von diesem Kinde trennen!) nun, dann ist immer noch Zeit, mein Herz ihm zu öffnen; dann wird sich der passende Moment schon finden. Dieser Moment ist eingetreten. Bald bringt man mir mein kleines Mädchen zurück, es hat einen Namen, es ist ein menschliches Wesen, es wächst heran in meiner Sorge und Pflege, ich bin die glücklichste Mutter, die reichste Frau auf Erden. Wäre es nicht schändliche Selbstsucht von mir, sträfliche Ungenügsamkeit, wollte ich zu all meinen Schätzen auch noch die Herrschaft über dich fügen; wollte ich, auf deine Liebe, deine Redlichkeit trotzend, dich eigensinnig festhalten, dich hindern, die Flügel zu regen, die das Bedürfnis fühlen, sich zu entfalten? Sieh', das mußte ich dir sagen, es kommt mir aus der Seele! Sei frei! Sei, wie wenn du kein Weib hättest! Ziehe hinaus und reise; treibe dich in der weiten Welt umher! Durchstreife Länder und Meere! Mache, was du willst, Anton; unternimm, wozu die Neigung dich auffordert! Ich werde nicht klagen, nicht weinen, nicht grollen. Ich werde mit meiner Tochter hier bleiben, eine treue Hausfrau, eine gute Wirtin sein, und wenn du wieder einmal einkehrst, werde ich dich ebenso freundlich, unbefangen begrüßen, wie ich gestern tat, als du aus unserem Walde heimkehrtest. Denn daß du manchmal kommen wirst, nach deiner Hedwig zu schauen, dein Kind zu küssen, das weiß ich. Und fürchte keine Eifersüchteleien, Anton. Du bist frei! vollkommen frei! Ich weiß, was ich sage. Dir Zwang anlegen? Das wäre noch schöner! Damit du bei dir selbst denken lerntest: habe ich deshalb das kleine Ding abgeholt aus ihrem Hunger und Kummer, daß sie mir anhinge wie eine Klette, die man nicht mehr abschütteln kann? Das wäre noch schöner! Ich kenne nur dich, ich habe nur dich! Ich liebe nur mein Kind und dich in ihm; für mich gibt es sonst keine Welt und soll es keine geben. Dir aber soll die Welt offen stehen, mit allem was an Freuden darinnen für dich blüht; wenn du nur nicht vergessen willst, daß Liebenau auch in der Welt ist, daß dort auch Freuden für dich blühen, die kleinen, frommen Freuden bescheidener Häuslichkeit. Und das wirst du nicht vergessen! Also sei wieder frei!« – – – * »Ottilie heißt euer Mädchen«, sagte die Gräfin, da sie das neugetaufte Kind der Mutter in die Arme legte. »Nicht Julia?« fragte Hedwig. »Ottilie«, wiederholte die Gräfin. »Ich habe darum gebeten. – Aber was hat Anton?« – Anton stand hoch aufgerichtet neben Hedwigs Lehnstuhl; sein Antlitz leuchtete in hehrer Begeisterung, zwei große Tränen liefen langsam über seine Backen. Er legte die Hand auf Hedwigs Haupt und sprach: »Daß ich eine gute, schöne, gebildete Frau habe, wußte ich schon, daß Hedwig aber auch die klügste aller Frauen sei, hat sie mir heute bewiesen.« Ottilie warf der Gräfin einen bedeutungsvollen Blick zu. Die Gräfin lächelte: »Wir sind nicht mehr nötig mit unserer Einmischung. Die Leutchen haben sich selbst verständigt.« »Ich habe ihm nur gesagt, was mein Gefühl mir eingab. Was er von meiner Klugheit redet, verstehe ich nicht«, rief Hedwig. »Eben deshalb, mein Kind! Aus dem reinen Herzen einer edlen Frau kann nur das Beste kommen; wahre, uneigennützige Liebe ist die rechte Weisheit.« Die Tür ging auf; Schkramprl steckte den Kopf herein: »Ich soll den Maler melden«, fragte der Riese, »darf er kommen?« Und der junge, umherziehende Künstler, den wir bei Anton im Gasthausstübchen kennen gelernt, erschien. »Sie versprachen mir«, hub er an, »ein Porträt, in welchem ich Sie wiederzugeben trachtete, wenn auch in kleinsten Dimensionen, mit Goldstücken zu bedecken, sobald ich Sie auf ›Ihrer Besitzung‹ heimsuchen würde; hier bin ich! Erkennen Sie mich noch? Gedenken Sie noch Ihres Versprechens? Ehrlich gesagt, ich brauche Geld; ich will eine Reise nach Italien machen. Der Liebenauer Zuschuß geht mir gerade noch ab. Doch ich bin bereit, etwas dafür zu tun, Ihre Gemahlin hält ein schlafendes Kind, Sie stehen an den Sessel gelehnt. Das gibt ein reizendes Bildchen ...« »Und ich will es besitzen«, sagte die Gräfin. – Der Maler schlug sein fliegendes Atelier auf. Es ging ihm wundervoll von der Hand. Die kleine Ottilie schlief sanft. Hedwig schmiegte ihren Kopf an Antons Arm. Die große Ottilie und Gräfin Julia nahmen auf dem Sofa Platz und sahen mit freudiger Rührung auf die Gruppe. Durchs offene Fenster herein drang von den Kronen der alten Bäume das Summen unzähliger Bienen, denn, – und darum schließe diese Erzählung, wie sie begann, – denn: Die Linden standen in voller Blüte. Anhang _________ Enthält: 1. Eine Nachschrift des Verfassers. 2. Ein Sendschreiben des Herrn A. Hahn. _________ Nachschrift des Verfassers Es mag im Winter 1841/42 gewesen sein, als zu Wien ein Herr Faber das Wunderbarste, was ich jemals gesehen oder gehört, öffentlich zur Schau stellte; eine Sprechmaschine, welche, durch Tasten, wie beim Klavier, in Bewegung gesetzt, einzelne Laute von sich gab, aus denen sich ganze, deutlich gesprochene Worte bildeten. Von allem, was des Menschen kunstfertige Hand hervorgebracht, schien mir diese Maschine, als Resultat unbegreiflicher Kombinationen, das Unbegreiflichste. Wer sein Leben damit zugebracht hat, sprechen zu lernen, den muß ein solcher Einblick in die geheimnisvolle Werkstatt des Göttlichsten, was der Mensch hat, wodurch er sich von sämtlichen Geschöpfen auszeichnet, mit ehrfurchtsvollen Schaudern durchdringen. Ich hatte früher schon ähnliche Versuche gesehen, die mehr oder minder höchst unvollkommen, mangelhaft oder gar auf Scharlanterie und Täuschung begründet waren. Hier zeigte sich nur ehrliche, redliche, bewunderungswürdige Künstlerschaft, die sich von jeder Ostentation fernhielt und vielleicht eben deshalb die Teilnahme der großen Menge nicht gewann. Herr Faber zählte so wenig Besucher seiner über alles Lob und über jede Beschreibung erhabenen Erfindung, daß er gerechte Ursache zur Klage hatte. Die große Stadt wußte eigentlich gar nichts von dem Wunder, das in ihren Mauern geschah. Ich selbst würde nichts davon erfahren haben, wäre ich nicht aufmerksam gemacht worden durch Grillparzer . Dieser große Dichter, der bisweilen wie ein Träumender durchs Leben geht und dem Geräusch des Marktes oftmals gänzlich entrückt scheint, bewahrt doch anderseits so viel reine Kindlichkeit in seiner edlen Brust, daß er sich über alles, was schön, groß, erhaben, bedeutend ist, zu freuen vermag wie ein Kind. Er war es, der mir befahl, zu Herrn Faber zu gehen; der mich dazu zwingen mußte, weil ich, Robertsons (des Luftschiffers, ich meine des Vaters) Sprechmaschine im Gedächtnis, kein Vertrauen dazu hatte. Und wie dankte ich meinem »Meister Franz«, daß er mich gezwungen. Eines Tages stand ich wiederum vor dem kleinen, unscheinbaren Kasten, aus welchem wirkliche, gesprochene Worte hervorklangen, wie aus der Brust eines denkenden, redenden Wesens, Mensch geheißen, und versank in aufrichtige Betrübnis über die Undankbarkeit der Welt, die den Erfinder einer so merkwürdigen Sache Mangel leiden und verkümmern läßt, während sie für tausend Albernheiten Geld, Zeit und Lobsprüche zu erübrigen weiß, – da traten ein Herr und eine Dame ein, außer mir die einzigen Zuschauer. Ohne Zweifel waren es Mann und Frau. Er, ein wohlkonservierter Vierziger oder drüber; die Frau, obwohl sichtbar über die Dreißig hinaus, doch so jugendlich, mädchenhaft, schlank und zart, daß man sich kein anmutigeres Weib denken konnte. Auch sie wandten ihren lebhaftesten Anteil dem bewunderungswürdigen Werke des Herrn Faber zu. Als ich erst entdeckt hatte, wes Geistes Kind dies schmucke Ehepaar sei, ließ ich meinen Klagen über die Indolenz des Publikums freien Lauf. Wie ich sprach, sahen beide, die sich bisher wenig um mich bekümmert hatten, erst sich, dann mich fragend an, und nachdem sie flüsternd einige Worte gewechselt, sagte der Mann: »Gewiß, für Sie muß diese Sprechmaschine doppelten Wert haben.« Der Akzent, in dem er dies sagte, verriet meinen Landsmann. Ich fragte, ob ich die Ehre hätte, von ihm gekannt zu sein. »Wir haben Sie vor zwei Jahren in Berlin lesen hören«, erwiderte er, »und darauf bezog sich meine Voraussetzung, daß alles, was ins Gebiet der Artikulation, der Sprach- und Sprechausbildung gehört, Sie besonders interessieren müsse, übrigens bin ich erstaunt, Sie hier zu finden! Es ist kaum einige Wochen her, daß ich von Ihrem Aufenthalte in einem Gebirgsdorfe las!« »Mein Gott«, sagte ich, »solch ein alter Vagabund von meiner Gattung ist bald hier, bald dort.« Die schöne Frau lachte und stieß ihren Mann mit dem Arme. Er lachte auch. Das Wort »Vagabund« schien sie zu amüsieren. Dann wechselten wir noch einige verbindliche Redensarten hin und her und trennten uns. * Einige Jahre später fand ich diese Wiener Bekanntschaft in B. wieder. Es war im Zirkus der Kunstleitergesellschaft von Cuzent und Léjars, wo wir zusammentrafen. Der Enthusiasmus, in welchen ich durch den Anblick jener Reiterfamilie mich versetzt fühlte, war zu heftig, um in meiner Brust Raum zu finden; ich mußte mein Entzücken mitteilen und ergoß mich in lebhaftesten Ausdrücken gegen die Bekannten aus Wien, die ebenfalls einstimmten und über die Anmut der Madame Léjars wie über die Bravour der Demoiselle Pauline Cuzent nicht genug des Lobes finden konnten. Als der Bruder dieser Damen, Paul, sein wohldirigiertes Orchester verließ, den Taktstab des Kompositeurs mit der Peitsche des Stallmeisters zu vertauschen, und, seine fünf Schimmel bändigend, die Bahn durchtobte, fragte meine holde Nachbarin ihren Gatten: »Meinst du, daß Monsieur Antoine es so weit gebracht hätte?« »Sprich mir nicht von dem armen Teufel, Hedwig, mit seinem langweiligen Violinsolo. Von dergleichen hatten wir zu meiner Zeit keine Ahnung. Da glaubte man, das Äußerste sei erreicht, wenn Furioso auf zwei Pferden seinen Ritt machte!« Er sagte dies so laut, daß ich jedes Wort verstand. Mein Erstaunen wahrnehmend, fuhr er fort: »Es muß Sie nicht wundernehmen, wenn ich mir das Ansehen eines Kenners gebe; das Recht dazu und meine Ansprüche auf Kennerschaft sind teuer genug erkauft. Ich habe auch einmal mitgemacht! – Ja, ja, starren Sie mich immer an, Herr von Holtei, ich war selbst Kunstreiter. Es ist hier nicht der Ort, romantische Selbstbekenntnisse zu liefern, auch kneift mein sanftes Weibchen mich unsanft in den Arm, damit ich schweigen soll. Aber noch einen Vorschlag in aller Eile, denn dort sehe ich schon den mächtigen Schecken der himmlischen Léjars – (kneife nicht, Hedwig!) –, Sie müssen mich in Liebenau besuchen; und das bald. Ich habe einige kürzlich erschienene Bände Ihrer Memoiren gelesen, deren Offenheit, natürliche Plauderei, wenn ich so sagen darf, mich auf den Gedanken gebracht hat, Ihnen eine literarische Arbeit anzutragen, wozu Sie das Material aus meinen Händen empfangen würden. Sie können, wenn Sie erst mit Ihrem Leben fertig sind, an die Schilderung des meinigen gehen, das nicht arm an allerlei Schicksalen ist. Doch darüber ist lange und viel zu plaudern. Also besuchen Sie mich in meinen Wäldern. Vielleicht erwacht noch einmal in Ihnen die Lust am Vogelsang! Wir sind ja ohnedies schon Brüder und Freunde in Shakespeare, dessen Glorie Sie von Stadt zu Stadt predigen. Verschmähen Sie, alter Dörfler, unser Dorf nicht, mein Weib ist nicht so böse, wie sie scheint, und wenn Sie mich auch jetzt furchtbar gezwickt hat, – Ihnen wird sie das freundlichste Gesicht machen, um in der Biographie gut wegzukommen. Dafür ist sie ein Frauenzimmer.« Ich empfing die Adresse meines neuen Freundes und gelobte, auch von seiner Hedwig gütig aufgefordert, mich einzustellen, sobald es sich schicken wolle. Erster Tag in Liebenau. Es gibt Oktobertage, deren Schönheit einen ganzen naßkalten Sommer aufwiegt. An einem solchen erreichte ich Liebenau; nicht ohne Mühe, denn mein Lohnkutscher, nachdem wir einmal die Landstraße verlassen, fuhr wenigstens zehnmal irre. Mich erfüllten diese Irrfahrten mit Seligkeit. »Gott sei Dank«, dachte ich, »endlich einmal ein Ort, zu dem keine Chaussee, keine Eisenbahn führt. Ein Ort, den man suchen muß, der von Waldungen umgeben liegt, in denen wirkliche, natürliche Bäume stehen, und mit denen man reden kann wie mit Bäumen von Alter und Erfahrung.« Da liegt das Dorf! Ein Dorf, damals für mich ohne große Bedeutung: ein Dorf, von dem ich nichts wußte, als daß mein gütiger Herr Anton Hahn daselbst hause mit einer nicht mehr jungen, aber allerliebsten, liebenswürdigen Hedwig. Ich stieg am Schlosse aus; er kam mir entgegen. »Mein Biograph!? O vortrefflich! Sie kommen mir wie gerufen. Ich bin ganz allein, was man Strohwitwer nennt. Meine Frau kehrt erst übermorgen mit den Kindern zurück. Sie ist im Lande umhergereist. Erst war sie bei unserer ältesten Tochter, die seit einigen Monaten an einen Gutsbesitzer in Sachsen verheiratet ist; dann ist sie zu meiner Pflegemutter nach Sophienthal, die sie uns hoffentlich mitbringt. Da werden Sie eine herrliche alte Frau kennen lernen. Heute und morgen leben wir als Junggesellen.« Um ein Uhr wurde die Suppe aufgetragen. Nach einem ebenso schmackhaft bereiteten als ländlich einfachen Mahle forderte Anton mich auf, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen. Ein offener Jagdwagen fuhr vor die Wildeweinlaube. Der Kutscher, ein kleiner, dicker Kerl, der seine vier Braunen vom Bock aus tüchtig zusammenhielt, fragte: »Wohin fahren wir?« »Wohin du willst, Peterl! Nur weit! Ich habe mit meinem Gaste zu reden!« Was Anton mir während unserer Spazierfahrt erzählt, brauche ich dem Leser nicht wiederzuerzählen. Es war nur eine Einleitung zu seinem Tagebuche, und dessen Inhalt kennt jeder, dem es gefallen hat, dieses Buch bis hierher durchzublättern. Wir langten mit dem ersten Tone des Abendgeläutes im Schlosse wieder an. Anton zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, notwendige Geschäfte zu besorgen, weil in den nächsten Abenden, wenn erst Weiber und Kinder eingetroffen wären, auf ungestörte Ruhe nicht zu rechnen sei. Mir gab er seine Journalhefte und Notizen auf meine Gaststube mit. Begierig durch seine während der Fahrt empfangenen Andeutungen ging ich eifrig über die bunten Blätter. Ich las die ganze Nacht hindurch. Zweiter Tag. Mit wie anderen Augen sah ich, als dieser angebrochen war, alles an, was mich umgab: Schloß, Garten, Laube, Hofraum, Kirchturm, alles! Peterl stand vor dem sogenannten »Kutschenstalle« und schalt einen Pferdejungen aus. Ich lief hinab zu ihm. »Peterl«, unterbrach ich ihn, »wo ist jetzt der Riese Schkramprl?« »Dort, Herr!« sagte Peterl und zeigte nach dem Friedhof bei der Kirche. – Dann fuhr er fort, dem Jungen sein »Untuchten« vorzuhalten. Es tat mir leid, daß ich Schkramprl nicht mehr am Leben fand. Als ich zu Anton an den Frühstückstisch gerufen wurde, betrat ich zum erstenmal sein Arbeitszimmer, wo ein Blick auf Tafeln, Schränke, Stühle genügte, um den Bewohner als fleißigen Leser und zwar als einen mit der Literatur gleichen Schritt haltenden zu erkennen. Da er augenblicklich noch mit einem seiner Beamten beschäftigt war und mich für eine Minute um Geduld ersuchte, bis sein Gespräch beendet sei, so ergriff ich zwei Bücher, die auf der Chiffonniere bei seinem Sofa lagen: »Judith« und »Genoveva« von Fr. Hebbel. In beiden fand ich mehrere Stellen mit Strichen und Notabenes, offenbar durch Antons Bleistift versehen. Wie nun der Beamte uns verlassen – ich glaube, es war Freund »Rubs« –, und der Herr des Hauses mich eingeladen hatte, den Kaffee mit ihm zu nehmen, ergriff er sogleich das Wort in Beziehung auf jene Bücher: »Nicht allein, weil Hebbel mich als selbständiger, origineller Poet interessiert, finden Sie diese beiden Dramen in meiner nächsten Nähe; es ist auch der Stoff an und für sich, der mich hier fesselt. Sie haben vielleicht schon einen Blick in meine Tagebücher geworfen –« »Von A bis Z habe ich durchlesen, was Sie mir gestern anvertrauten.« »Gott soll beschützen! – Nun, dann werden Sie wissen, warum diese Stoffe gerade mir so wichtig sind. Genoveva steht in nächster Beziehung zu mir und meinem Schicksal; Judith aber ist eine jener Rollen, die ich von meiner unglücklichen Mutter sprechen hörte, da der Puppenspieler die Belagerung von Bethulia aufführte. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was in mir vorgeht, wenn ich Hebbels eigentümliche Dichtungen mit den albernen, treuherzigen Stücken vergleiche, die ich damals von der Truppe des großen Samuel und später von den Marionetten meiner Mutter aufführen sah. Bei der Judith muß ich dem Dichter unserer Tage unbedenklich den Sieg zuerkennen; aber bei seiner Genoveva, obschon der Golo, wie er ihn schuf, eine erhabene Produktion ist, fehlt mir etwas, worin der Zigeuner Samuel den Vorrang hatte; ich meine die Versöhnung. Und wenn ich jemals mit Hebbel zusammenträfe, wollte ich ihm nicht eher Ruhe gönnen, bis er mir verspräche, ein Nachspiel hinzuzufügen. – Nun aber, sprechen Sie offen, finden Sie sich durch mein Tagebuch angeregt, es zu verarbeiten?« »Ich weiß«, erwiderte ich, »keine bessere Antwort auf diese Frage zu erteilen, als daß ich von sieben Uhr abends bis drei Uhr morgens ununterbrochen fortgelesen habe, und ich erkläre, nur an meiner schlechten Ausführung kann es liegen, wenn unsere künftigen Leser anderer Meinung darüber sind. Aber da Sie mir so viel Vertrauen gönnen, so gestatten Sie mir auch, mich hier auf dem Schauplatz Ihrer ersten Lebenszeit recht heimisch zu machen. Vor allen Dingen erlauben Sie mir die Frage: lebt ›Tieletunke‹ noch?« »Ob sie lebt! Das will ich hoffen. Meine Kinder kratzen Ihnen die Augen aus, wenn sie in Ihnen einen Frevler ahnen, der am Dasein der geliebten ›Tante Tieletunke‹ zweifeln konnte. Ja, dem Himmel sei Dank, sie lebt; und was noch mehr ist, wir wollen gehen, sie zu besuchen. Ich habe ohnedies einige notwendige Gänge ins Feld zu machen, und wenn sie gut zu Fuße sind –« »So lange und so viel Sie wollen; womöglich auch in den Fuchswinkel.« »Auch das. Aber wir müssen eilen!« Anton bestellte, daß erst um vier Uhr die Suppe aufgetragen werde, und wir begaben uns nach Ottilies Häuschen. Sie machte mir ganz den Eindruck, den ich erwartet, scheinbar kalt, mehr zurückstoßend als anziehend. Und doch sprach aus der beinahe fünfzigjährigen alten Jungfrau ein ungewöhnlicher Zauber. Anton entdeckte ihr, daß ich sein Journal gelesen und zu welchem Zweck. Er fügte bei: Fräulein Ottilie werde auch nicht geschont werden. »Ich will wünschen«, äußerte sie, »daß der Herr das Buch recht gut schreibe, aber eins will ich ihm vorher sagen! mich trifft er nicht, wenn er mich schildern will.« »Und dennoch glaube ich Sie schon zu erkennen, mein Fräulein«, versetzte ich schüchtern, »Sie und Ihr Herz.« »Das kennt nur der liebe Gott«, sagte Tieletunke, »und sonst braucht es auch niemand zu kennen. Aber wenn Sie mir Hedwig nicht gebührend loben, so lassen Sie sich in Liebenau nicht mehr blicken. Hedwig und unsere Gräfin. Den da dürfen Sie schon ins Gebet nehmen. Hauptsächlich für die ersten Jahre seines Ehestandes. Nachher hat er sich gebessert.« Ich ließ mir die ausgestopfte Turteltaube zeigen, den Platz, wo Mutter Goksch gestorben, das kleine Fenster, durch welches Bärbel mit Anton geredet, ich las des letzteren Abschiedsverslein, – und dann gingen wir nach dem Fuchswinkel. Gegen vier Uhr zum Schlosse zurückkehrend, vernahmen wir den Jammerton eines fremdartigen Instrumentes, fast wie ein Dudelsack, begleitet vom dumpfen Schall der großen Trommel. »Wie glücklich das für meinen Biographen sich trifft«, rief Anton, »das sind Bärenführer. Ich bin ihnen vorgestern drüben an der Landstraße begegnet. Cara memoria ! Da, sehen Sie nur.« Zwei Bären, drei Affen, eine reichgeputzte Ziege, ein galoppierendes Stachelschwein Es ist eine alte, unbegründete Sage, daß dieses Tier ( Hystrix cristata ), von feindlichen andern Tieren verfolgt, seine Stacheln als Waffen gegen jene schleudere! Wie gesagt, das ist ein Märchen. Wahrheit aber ist, daß ich mit einem Kästchen wundervoll geschnittener Federkiele einen solchen zum Griffel dienenden Stachel von meiner berühmten Freundin, Luise Neumann, als Geschenk empfangen und mit selbigem dies ganze Buch, folglich auch diese Zeilen geschrieben habe. und ein Esel, der die hölzerne, inwendig mit Eisenblech ausgefütterte Behausung des besagten »Eisenferkels« zu tragen verdammt war, versammelten Liebenaus schaulustige Einwohnerschaft in jubelndem Kreise um ihre unfreiwilligen Übungen. Als wir uns näherten, öffnete sich der Kreis; Anton, von alt und jung herzlich begrüßt, redete den alten Italiener an und fragte, von wannen er stamme. »Aus Parma, Exzellenz«!« antwortete der Mann. Anton reichte ihm einen Taler, dann ergriff er hastig meinen Arm und zog mich fort. »Was mag aus meinem armen Geronimo geworden sein?« murmelte er im Gehen. Dritter Tag. »Heute kommen die Meinigen, Freund Holtei. Sie sind mit meiner Vergangenheit ein wenig vertraut geworden; ich muß Ihnen jetzt auch ein Wort von der Gegenwart sagen. Wir haben vier Kinder. Die älteste Tochter, Ottilie, ist, obwohl kaum siebzehn Jahre alt, schon verheiratet. Meine Frau hatte viel gegen eine so frühe Trennung vom elterlichen Hause einzuwenden. Doch mein Schwiegersohn legte die Wünsche seiner Gönnerin, der Gräfin Julia, in die Wagschale, – und da war alles gesagt. Mein junger Hahn (Guido genannt) kräht gegenwärtig noch griechische und lateinische Vokabeln im Gymnasium und hat noch einige Jahre bis zur hohen Schule. Die jüngsten Kinder, unsere Nesthäkchen, Julie und Adele, sind bei der Mutter und sollen heute noch die Ehre haben, Ihnen vorgestellt zu werden. Sie staunen über den Namen Adele? Es ist Hedwig, die darauf bestand, daß meiner unvergeßlichen Freundin Angedenken in unserer Familie auf diese Weise geheiligt werde. Wenn Sie einen Blick in Hedwigs Schmollwinkelchen, in ihr kleines, traulich eingerichtetes Turm- und Erkerstübchen werfen wollen, so werden Sie neben mancherlei verschiedenen und wunderlich gemischten Abbildungen von Menschen und Örtern – es sind nur solche, die irgendwie in einer Beziehung zu mir und meinem Schicksale stehen – zwei Personen zu Pferde finden. Die erste dieser Personen heißt ›Antoine‹ und streicht ihre Violine bei mäßigem Galopp; die zweite, im wildesten Laufe, schwingt flatternde Fahnen, mit der Unterschrift: ›Adele Jartour‹. Hedwig hat während unseres Aufenthaltes in Berlin diese Blätter bei irgend einem Bilderhändler aus dem Staube der Vergessenheit gegraben und wie im Triumphe nach Hause gebracht. Ich bin überzeugt, wenn ein Porträt von Laura zu finden wäre, zu welchem Preise immer, sie würde ihre Sparkasse leeren und ihm einen Ehrenplatz im Museum Antoine anweisen. Sehen Sie, durch ihr großartiges Eingehen in mein unbegrenztes Vertrauen hat sich dieses Weib meiner ganzen Liebe und Anhänglichkeit so sehr bemächtigt, daß ich eigentlich nur noch in ihr lebe. Von der Stunde an, wo sie mir völlige, vollkommene Freiheit gab, wo sie mir mit dem Ausdruck innigster Wahrheit jedes Vorrecht eines ungebundenen, freien Menschen wieder einräumte, – von dieser Stunde an ist es mir nie mehr, aber auch im Traume nicht eingefallen, davon Gebrauch zu machen. Ich habe Liebenau nicht verlassen ohne Hedwig. Ich könnte es nicht. Und wenn (wie in den kürzlich vergangenen Wochen) unsere Verhältnisse erheischen, daß eins von beiden reisen, das andere aber das Haus hüten muß, so schicke ich sie fort, damit ich wenigstens, wenn ich denn einmal ihren Umgang und ihr Gespräch entbehren soll, in den Räumen weilen dürfe, die sie bewohnt. Gräfin Julia sagt immer, es müßte auf einer großen Universität ein eigener Lehrstuhl für angehende Eheweiber und Hausfrauen eingerichtet werden, und die erste Professur müßte Hedwig haben, die dann weiter nichts vorzutragen hätte, als durch welche einfachen, natürlichen und doch so geistvollen Mittel sie einen rastlosen Vagabunden zum glücklichsten Philister umgeschaffen, der seine unumschränkte Freiheit nur dazu benützt, den Pantoffel zu küssen. Die Gräfin behauptet, aus Hedwigs Schule und durch deren Schülerinnen würde eine neue Zeit für den Ehestand hervorgehen. Was mich betrifft, will ich schon zufrieden sein, wenn Hedwigs guter Geist auf unsere Tochter Ottilie forterbt, und ich habe meiner Frau eingeschärft, dem Kinde jetzt ein ausgiebiges Privatissimum über unterschiedliche Stadien der Eifersucht zu lesen, die ich während des Brautstandes wahrgenommen. Vergessen sie nicht, lieber Holtei, diesen Punkt in unserem Romane gebührend hervorzuheben. Vielleicht nimmt sich's manche junge Frau zu Herzen! Nun aber wollen wir speisen, – und dann gehen wir meinen Weibern entgegen. Tieletunke wird im Vorübergehen abgeholt.« Vierter Tag. Heute hatte das Schloß ein anderes Ansehen. Die Gegenwart einer solchen Hausfrau bringt neues Leben und verleiht auch steinernen Mauern einen unsichtbaren, dennoch nicht abzuleugnenden Schmuck. Ich fand Hedwig unverändert, wie ich sie in Wien und später im Zirkus bei Cuzent gesehen. Man hätte auch nicht geahnt, daß sie im Begriff stehe, Großmutter zu werden. Gräfin Julia, eine Dame von fünf- bis sechsundsechzig Jahren, versetzte mich durch ihren Anblick in meine früheste Kinderzeit. Damals gab es noch häufig Erscheinungen in der vornehmen Welt, die Ehrfurcht und Liebe im Greisenalter einzuflößen vermochten, Frauen mit grauem Haar, die nur von Grazien begleitet erscheinen, bei deren Eintritt jede Roheit entwich, jede Keckheit verstummte, jede Gemeinheit beschämt errötete; alte, sehr alte Frauen, die Frohsinn und Fröhlichkeit mitbrachten, Lust und heitere Gespräche erweckten, feinen Scherz verstanden, Geist und Talent schätzten; hochadlige Damen, die stolz waren, ohne hochmütig, würdig, ohne mürrisch, fromm, ohne frömmelnd und unduldsam zu sein. Sie sind selten geworden. Gräfin Julia vereinte alle Eigenschaften, vor denen man sich gern bewundernd neigt, sie war noch schön. Anton hatte mir vertraut, daß auch sie meine »Vierzig Jahre« gelesen. Bei der heiligen Scheu, welche die stets in Trauergewand gehüllte, erhabene Frau mir erregte, schlug mich diese Nachricht fast danieder. Ich wagte kaum zu reden, wenn ihr Auge bisweilen auf mir ruhte. Am Teetisch kam das Gespräch auf Antons Plan wegen des Romanes, den er mir aufgetragen. Tieletunke, nachdem sie Julie und Adele zu Bett gebracht, fing davon zu reden an. »Das wird lustig sein«, rief Hedwig. »Aber Sie dürfen nichts unterschlagen.« »Nicht allein lustig«, sagte die Gräfin, »es kann auch lehrreich werden.« »Nur um alles in der Welt keine moralischen Predigten«, meinte Tieletunke; »nur leichte, fließende Erzählung. Die Moral mag sich jeder selbst herauszulesen suchen; denn wer dies nicht vermag, für den wäre sie ohnedies nicht vorhanden, und wenn man sie mit roten Lettern hineindruckte.« »Und der Titel«, fragte Hedwig, »was für einen Titel wählen Sie? Ich stimme für die ›Vagabunden‹.« »Durch Akklamation angenommen«, sagten alle. »Gewiß«, fuhr Hedwig fort, »ich glaube, es gibt nichts in der Welt, was jemals für Geld zu sehen und auf Reisen war, womit Anton nicht in Berührung kam!« »Außer denjenigen Vagabunden«, antwortete unser Held, »die ›zu meiner Zeit‹ eben noch nicht erschienen, denen wir aber allerdings später begegneten. Da sind zu nennen: Improvisatoren , das heißt Menschen, welche unvorbereitet die deutsche Sprache zwingen, ihnen in vortrefflichen Versen dienstbar zu sein; eine Kunst, die Goethe mit der Feder in der Hand für unerreicht hielt; – dafür war er freilich auch nur ein Goethe! – Ferner die Schnelläufer , die vor zehn Jahren das ganze Land überschwemmten und gewissermaßen die Improvisatoren überholten. Sodann indische Bajaderen , arabische Beduinen und, vergessen wir nicht, was uns so nahe liegt, Vorleser.« »Richtig«, rief Hedwig laut auflachend, »Vorleser, die sich hinsetzen und drei Stunden lang aus ihrem kleinen Büchlein auf ihre geduldigen Zuhörer einreden. Ja, ja, Sie sind auch ein Vagabund, Herr Vorleser, wir haben Sie auf Ihren Streifzügen getroffen, wir haben Sie gehört.« »Aber ich nicht«, sagte Tieletunke. »Noch ich«, sagte die Gräfin. »Der Abend währt noch lang, wie wäre es?« Ich bat die Gräfin, zu befehlen, was sie hören wolle. Sie wählte Goethes Iphigenie. Nach der Vorlesung empfahl ich mich. Es war beschlossen, daß ich am nächsten Tage frühmorgens reisen würde. Die Gräfin gab mir einen Wink, daß sie mich noch auf ihrem Zimmer zu sprechen wünsche. Als ich Lebewohl gesagt und Anton gebeten, sich morgen früh meinetwegen nicht aus der Ruhe stören zu lassen, trennten wir uns wie alte Freunde. Ich folgte der Gräfin. Allein mit mir, nahm sie das Wort: »Mein Pflegesohn hat nicht bedacht, daß die literarische Arbeit, wozu er Sie aufmuntert, und die nur dann des Lesers Teilnahme erwecken kann, wofern sie wahr ist, aber wahr bis ins tiefste Geheimnis der menschlichen Seele, außer ihm noch andere Persönlichkeiten berührt. Halten Sie mich nicht für eine engherzige Frau, die durch Standesrücksichten oder vorgerücktes Alter verhindert würde, die Dinge anzusehen, wie sie sind. Ich weiß mich von jedem Vorurteile frei. Aber ich wünsche nicht in einem Roman eine Rolle zu spielen, so lange ich noch lebe. Mögen Sie Namen und Orte verändern, wie Sie wollen, ... mein furchtbares Geschick können, dürfen Sie nicht verändern in Ihrer Erzählung. Wenn ich tot bin, haben Sie freies Feld. Meines Gemahls Name stirbt mit mir. Das Geschlecht ist erloschen. Dann laßt drucken, was Ihr wollt. Und so geben Sie mir Ihre Hand mit dem Versprechen, mein Ende abzuwarten. Lange werden Sie nicht zu warten brauchen. Das weiß ich am besten.« Fünfter Tag. Der Morgen graute kaum, als ich das Schloß verließ. Peterl hatte noch nicht eingespannt. Ich bat einen Diener, der mir das Tor öffnete, mein Gepäck aufzuladen und den Wagen vor die Tür des Friedhofs zu schicken. Dahin begab ich mich im dicksten Herbstnebel. Ich suchte vor der Gruft und über den Gräbern die Inschriften auf, welche Pflicht, Dankbarkeit, kindliche Liebe ihren Verstorbenen gewidmet. Ich fand Onkel Nasus und Mutter Goksch, fand den Rittmeister und den guten Pastor Karich, ein sehr langer Grabhügel fiel mir auf; die Tafel, die ihn bezeichnet, enthält nur die Worte: Schkramprl, der Riese. Im Winkel an der Mauer fand ich ein Kreuz, worauf ich die Worte las: Der schwarze Wolfgang. Auch dieses Grab war ein kleiner Blumengarten, – freilich jetzt ohne Blüten. Peterl knallte draußen, zum Zeichen, daß er bereit sei! – Ich verließ Liebenau. * Sendschreiben des Herrn Anton Hahn auf Liebenau an Herrn Karl von Holtei irgendwo   Schloß Liebenau, 13. November 1850. Mein lieber Freund Holtei ! Hedwig, Ottilie – ich meine die alte, – die Kinder und ich kehren soeben von Sophienthal heim, wo wir unsere Gräfin Julia begruben. Ich vermag Ihnen weiter nichts über die letzten Tage dieser Heiligen zu berichten: sie starb, wie sie lebte. Ihr Verlust ist durch nichts zu ersetzen, auch die Zeit wird ihn nicht lindern. So lange wir leben, wird sie uns fehlen. Wir jammern nicht, wir haben uns die Haare nicht gerauft, als sie verschied, – von dieser ungebärdigen Art ist unser Schmerz nicht, er hätte diese Sterbestunde nur entweiht. Wilde Klagen verstummen im Geräusch des neuen Lebens; milde Trauer endet erst mit dem Leben. Wir sind alle gesund. Meine Tochter Ottilie hat einen Knaben, mein Sohn Guido studiert Arzneikunde, Julchen und Adele werden nach und nach Jungfrauen und warten auf Männer. Aber wo wachsen dergleichen für sie in unserer Zeit? Ich habe viel zu tun. Die Gräfin hat mir die Ausführung ihres letzten Willens hinterlassen. Dieses Briefchen gehört dazu. Einige Tage vor ihrem Tode erinnerte sie mich, Ihnen zu schreiben. Ich soll Ihnen danken, daß Sie Wort gehalten, – und jetzt sind Sie Herr über jene Papiere, die ich Ihnen anvertraute. Gebrauchen Sie dieselben, wie Sie wollen. Die Meinigen, Tieletunke eingerechnet, grüßen herzlich. Auch der dicke Leibkutscher Peterl will empfohlen sein. Wenn Ihr Buch fertig ist, so bringen Sie's uns; wir rechnen sicher darauf. Und zögern Sie nicht zu lange. Frisch daran! Seien Sie fleißig und schreiben Sie die Vagabunden, Sie alter Vagabund! Ihr ergebener Anton .