Walther Harich Der Schatten der Susette   Verlag von Th. Knaur Nachf. 1928 1 Seit sechs Wochen lebte Franz Margis, der Maler, jetzt in dem kleinen Badeort Sankt Lüne. Er genoß das Alleinsein, fern von seiner Frau und den Kindern. Es war herrlich, so losgelöst zu sein, in aller Stille morgens mit einigem Raffinement die Nerven auf die Arbeit einzustellen, dem Bogen nachzugeben, wie er sich gerade spannte: für vier, für sechs Stunden, für den ganzen Tag bis zur Dämmerung. Dann aber wieder waren die Abende da, mit denen er nichts anfangen konnte. Hin und wieder konnte man spazierengehen, möglichst dem Sonnenuntergang aus dem Wege, den alle Menschen pflichtgemäß bewundern gingen. Ein wenig durch das Gehölz streifen. Aber nicht zu oft, denn diese Mischung von wildem Krüppelholz und sauberer Promenade, diese aufgeputzte Dürftigkeit fiel auf die Nerven. Gleich hinter St. Lüne wurde es anders. Da begann die Steilküste mit den dunklen Wäldern, die auf einmal jäh abrissen und mit weißem Dünenhang zum Meer hinunterstürzten. Aber gerade in St. Lüne konnte er hoffen, diese wundersame Meerstimmung zu fassen und künstlerisch zu bewältigen. Diese großartige Öde von Strandhafer, im Wind frierenden Kiefernstämmen, ohne pathetische Linien, ohne steile Hänge, ohne den Hintergrund dunkelblauer Forsten und fetter Felder mit roten Dörfern darin – gerade das reizte ihn. Gerade deshalb hatte er beschlossen, einmal einen ganzen Sommer lang, ohne Familie, hierherzugehen. Und jetzt war er seit sechs Wochen da und rang mit dieser spröden Landschaft. Nach dem Abendessen blieb er gewöhnlich in der Hoteldiele an seinem Tisch sitzen, bestellte eine Flasche Mosel, hörte zu, wie die Musiker ihre Instrumente stimmten. Und saß noch immer da, wenn die Tanzerei in vollem Gange war. Eigentlich konnte er auch nichts anderes tun als dasitzen. Oben auf seinem Zimmer hörte er doch jeden Ton: den Baß des getrommelten Klaviers, das Klirren des Schlagzeugs, die winselnden Saxophone und den Schleifschritt der Tanzenden. Es blieb ihm geradezu nichts anderes übrig, als hier bis nach Mitternacht zu sitzen, obwohl er in seiner Isoliertheit an dem kleinen Tisch offenbar eine lächerliche und auffallende Erscheinung war: mit der Weinflasche und später der Mokkatasse, immer das aufgeschlagene Buch vor sich, als wenn man bei dem Lärm hätte lesen können. Das einfachste wäre gewesen, das Hotel zu verlassen und sich irgendein Zimmer zu mieten. Man hätte sogar viel billiger leben können. Aber es war, als ob die Jazzband ihn mit ihren Schlagern faszinierte wie die Schlange das gebannte Opfer. Jeden Tag konnte er sich vornehmen, eine Änderung eintreten zu lassen. Am Abend saß er dann doch wieder an seinem Platz, trank, las und sah auf die tanzenden Paare. Eigentlich hatte er einen besonderen Anlaß gehabt, gerade nach St. Lüne zu gehen. Zunächst war es der künstlerische Grund gewesen: die eigenartig spröde Landschaft. Aber wieviel Landschaften hatte er schon gesehen, die ihn reizten, und dennoch war er nie für Monate, für ein halbes Jahr dorthin gegangen. Es war etwas anderes gewesen: ein Blick, eine flüchtige Begegnung, kaum eine Begegnung, was ihm im vorigen Frühjahr, als er mit seiner Frau sich ganz zufällig einige Tage hier aufhielt, sofort den Gedanken eingab, für längere Zeit hierherzukommen. Sie waren abends auf dem Wege zum Strandhotel durch die Kusseln gegangen. Ein schmaler Steig führte zwischen den Kiefern hin, so schmal, daß zwei Menschen kaum aneinander vorbeikonnten. Da war ihnen jene Frau begegnet, die er seither nicht wieder ganz hatte vergessen können. Keine sehr junge Frau mehr, vielleicht fünfunddreißig Jahre oder älter. Schwarzes Scheitelhaar über schmalem Gesicht, Knoten im Nacken. Ein weißes Kleid, und ein schwarzer Schal über die Schultern gelegt. Als sie an ihm vorbeiging, konnte er deutlich sehen, daß sie blaue Augen hatte, die in seltsamem Gegensatz zu ihrem dunklen Haar und dem weißen Gesicht standen. Da sie sich dicht und langsam aneinander vorüberdrücken mußten, hatte er die Gestalt genau ins Auge gefaßt. Aber es war nicht diese Frau allein. Hinter ihr ging ein Mädchen, ein halbes Kind noch, offenbar ihre Tochter. Und das merkwürdige war, daß sie in allem der Gegensatz zu der voranschreitenden Frau schien. Hellblonder Bubikopf, der wiederum mit schmalen, ganz dunklen Augen kontrastierte. Eine kurze, fast aufgewippte Nase, darunter ein ausdrucksvoller Mund, wie der einer reifen Frau. Und in eigenartiger Weise war der Gang der Tochter voll gespannter Beherrschung gewesen, der der Mutter wie eines halbflüggen Backfisches von berückender Unfertigkeit. Zwei Frauengenerationen gingen da vorüber, von denen die ältere, zwischen den Zeiten stehend, nicht ganz fertig mit sich geworden war, und eine jüngere, die, fast vollendet, mit zwei kräftigen Beinen mitten ins Leben hineinsprang und da war. Diese beiden Gestalten waren für Franz Margis fast eine einzige gewesen. Er konnte die eine nicht ohne die andere denken, nicht das weiße Kleid der Mutter ohne das dunkelblaue der Tochter. Nicht den schwarzen Haarknoten ohne die blonde Tolle. So war eine Deutung in Richtung auf Verliebtheit nicht gut möglich, und doch fühlte er sich von den beiden auf eine merkwürdige und ganz tiefe Art ergriffen, ohne daß er seiner Frau, die gleich ihm beiseitegetreten war, mit einer Silbe von diesem Erlebnis Mitteilung machen konnte. Luisa hatte von den beiden nicht mehr bemerkt als: eine Dame und ihre Tochter; und ganz unnötig war seine Besorgnis gewesen, sie würde sich der Begegnung erinnern und seinem Plan, nach Sankt Lüne zu gehen, mit Mißtrauen entgegenstehen. Natürlich war das Ganze nicht mehr als eine Spielerei seiner Phantasie gewesen, ein kleines Raffinement, sich die Landschaft, die er malen wollte, reizvoll zu machen und vor sich selbst die Wiederkehr in diesen Ort energischer zu betreiben. Auch hatte er der beiden Erscheinungen, seit er wirklich wieder in St. Lüne war, kaum mehr gedacht, und nur manchmal beobachtete er sich, wenn er Abend für Abend in der Tanzdiele des Hotels saß, daß er in den Gesichtern nach Ähnlichkeiten suchte und sich sogar für ein Wiedersehen mit den beiden wappnete, wenn er zwischen den Kusseln umherstrich. Gerade sechs Wochen war er in Sankt Lüne, als eines Abends Mutter und Tochter in Gesellschaft eines Herrn in die Hoteldiele eintraten und am Nebentisch Platz nahmen. Die kleine Gesellschaft war – das hatte er bemerkt – mit einem Auto gekommen. Zuerst war der Herr eingetreten, eine auffallende Erscheinung übrigens, und war geradeswegs auf den zufällig leeren Nebentisch losgegangen. Hinter ihm ging das junge Mädchen, erwachsener als im vorigen Jahr, aber kaum verändert, und dann kam die Frau im weißen Kleid, den schwarzen Spitzenschal über den Schultern. Ihre Mäntel und Hüte hatten sie wohl in dem Auto draußen gelassen. Die Art, wie sie Platz nahmen, war keineswegs geräuschvoll und dennoch auffallend. Nicht so sehr durch das selbstbewußte Auftreten des Herrn und die ruhige Sicherheit des jungen Mädchens als gerade durch die unruhige und ein wenig unsichere Art der Frau, die sich zwischen den Stühlen nicht zurechtfand, erst den einen Platz, dann einen anderen versuchte, aus Verlegenheit mitten in einem Piano der Musik den Kellner heranrief und nach Eis fragte. Franz Margis wartete, bis die Fremden bestellt hatten. Sekt, und für die Damen überdies Eisbecher. Dann ging er in sein Zimmer hinauf, um sich umzuziehen. Er wollte sich nicht etwa besonders fein machen, aber in Breeches und Sporthemd dazusitzen, erschien ihm nicht mehr ganz passend. Als er nach zehn Minuten herunterkam, fragte er den Hotelier hinter dem Büfett nach der Gesellschaft am Nebentisch. Den Herrn kannte man nicht; die Dame aber war Frau Maria Fenn, Besitzerin des Restgutes Klein-Klank, und das junge Mädchen ihre Tochter Renate. Jedermann weit und breit sollte Maria Fenn und ihre Tochter Renate kennen. Der Wirt schmunzelte sogar ein wenig während seines Berichts. Maria Fenn! dachte Margis, als er sich an seinen Platz setzte. Maria und Renate Fenn! Der Herr, etwa dreißig Jahre alt, trug einen Ehering. Er sagte »Gnädige Frau« und »Fräulein Renate«, wie Franz Margis deutlich hören konnte. Ihn redeten die Damen mit »Herr Doktor« an. Eigentlich war der Doktor der interessanteste von den dreien. Eine hohe, trainierte Gestalt, amerikanisch bartloses Gesicht, das braune Haar glatt nach hinten gekämmt. »Klug, energisch und sehr reich!« konstatierte der Maler. »Sportsmann oder Industrieller!« Das Gespräch ging zwischen dem Doktor und der Tochter, aber Margis spürte, daß die Beziehungen zur Mutter vornan standen. Als ein Blues gespielt wurde, forderte der Herr Maria Fenn auf, zögerte aber einen Augenblick, da die Tochter dann am Tisch allein geblieben wäre. Die Augen der Mutter sahen sich verlegen lächelnd im Saale um. Franz Margis bewunderte sich selbst, da er sich erhob, zu dem jungen Mädchen trat und sich mit kurzer Verbeugung vorstellte. Der Herr und Frau Fenn tanzten schon, ehe der Maler recht zur Besinnung kam. Das Mädchen stand auf und nahm seinen Arm, aber ihre Miene verbot ihm, ein Wort zu sagen. Wozu auch? dachte er. Renate tanzte genau, wie er es sich gedacht hatte. Obwohl sie kunstgemäß seiner Führung folgte, sich jedem Einfall anpaßte – Margis war Eigentänzer, wie er es nannte – schien sie dennoch weitab. Eigentlich bist du eine dumme Gans, dachte er, daß du dich gar nicht darum bekümmerst, mit wem du tanzt. Mit einem, der einen Namen hat, Beste! Dessen Bilder in allen großen Galerien hängen. Es ist keine besondere Herablassung, wenn du mit mir tanzt, kleines Mädchen! Renates Augen suchten die Mutter. Manchmal lächelten beide Frauen sich beim Tanzen zu. Margis kam es vor, als machten sie sich über ihn lustig und als ginge Frage und Antwort zwischen den beiden hin und her. Eigentlich war er froh, als der Tanz zu Ende war und er Renate an ihren Platz führte. Dennoch, jetzt merkte er, wie diese Begegnung ihn erregte. Durch sie bekam sein Aufenthalt erst einen Sinn. Bisher war alles unbefriedigend gewesen. Jetzt schürzte sich ein Erlebnis. Eigentlich wollte er kein Erlebnis, wollte nur die beiden Frauen zusammen sehen, was ihn auch jetzt wieder seltsam und ganz tief berührte. Der schwarze Scheitel der Mutter, der blonde Schopf Renates! Wenn er von seinem Buch aufsah, konnte er allen dreien ins Gesicht blicken, weil sie im Halbkreis um den runden Tisch saßen. Aber der interessanteste war der Mann. Es war kaum anders möglich, als daß dieser »Doktor« Abenteuer in Hülle und Fülle erlebt hatte. Dabei war das Gesicht aber wie das eines Kindes geblieben. Vielleicht Forschungsreisender? dachte Margis. Einer jedenfalls, bei dem Abenteuer mit Löwen, wilden Völkern und Frauen keine problematische Zerrissenheit zurücklassen, der sie wieder abschütteln und von neuem anfangen kann. Ein bildschöner Kerl! Ab jetzt ein Boston kam, warf der Herr einen Blick zu dem Maler herüber, und erst, als Franz Margis sich aufzustehen anschickte, forderte er das junge Mädchen auf. Margis stand vor Maria Fenn. »Es ist nett von Ihnen, daß Sie unsern Kreis ergänzen,« sagte sie. »Eigentlich wollten Sie lesen?« Er wollte aber nicht lesen, erklärte ihr, daß sein Zimmer über der Diele läge. Kein Gedanke daran, daß man einschlafen könne, solange die Musik spiele. Sie fand es sonderbar, daß er allein in St. Lüne lebe. Er arbeite, male. Die Landschaft interessiere ihn. Ob er ein berühmter Maler sei? Sie hätte seinen Namen nicht verstanden. Er wiederholte ihn, aber sie hatte noch nie von ihm gehört. Sie standen noch immer zwischen den Tischen. Auf einmal erklärte Maria Fenn, nicht tanzen zu wollen. »Nehmen Sie es mir sehr übel? O bitte, nein!« Sie hielt ihn zurück. »Leisten Sie mir Gesellschaft! Oder wollen Sie allein sein?« Er fand sie nervös. Während sie sprach, folgten ihre Augen der Tochter, die mit dem Doktor tanzte. O mein Gott, dachte er, hier haben sich Mutter und Tochter in den gleichen Mann verliebt! – Man konnte keine rühmliche Rolle dabei spielen. Trotzdem setzte er sich an den Tisch, ärgerte sich zugleich, daß er nun mit dem Rücken gegen den Saal sitzen mußte, und überhaupt –. Der Wirt schien erfreut, daß sein Gast Gesellschaft gefunden hatte; er kam selbst vom Büfett herbei und trug ihm Flasche und Glas nach. Dabei lächelte er wieder wie vorher bei seiner Auskunft. Was hatte man über Maria Fenn zu lächeln? War sie vielleicht eine ortsbekannte Kokette? »Wohl bekomm's!« sagte der Wirt. Er hatte ihm eingeschenkt und entfernte sich. Die Dame fragte ihn, ohne zuzuhören, nach Herkunft und Familie. Er ärgerte sich, daß man ihm die Flasche nachgebracht hatte. Eigentlich wollte er hier nur sitzen, solange die beiden andern tanzten. Es war sogar unschicklich von ihm, sich hier niederzulassen. Er hätte die Flasche zurückschicken sollen. Nun stand sie großspurig auf dem Tisch, eine einfache grüne Flasche, neben den Eisbechern und den drei Sektgläsern. War Frau Fenn erstaunt gewesen, daß er sich so plötzlich an ihrem Tisch anbaute? »Um Gottes willen, gnädige Frau! Ich habe es gar nicht gesehen. Der Wirt –. Ich will durchaus nicht stören.« Sie schien ihn nicht ganz zu verstehen. In diesem Augenblick war der Tanz zu Ende. Der Doktor und Renate kamen an den Tisch, ein wenig verwundert, den Fremden vorzufinden. Renate schien über das Ungeschick ihrer Mutter zu lächeln. Margis erhob sich. Maria Fenn stellte vor, nannte Herrn Margis, ihre Tochter Renate und Herrn Dr. Mario Glasberg. »Glasberg?« fragte Margis erstaunt und dachte an die berühmte Industriedynastie. In welche Gesellschaft war er geraten! Der Doktor zeigte sein sympathisches Lachen. »Es ist jedesmal dasselbe,« sagte er fröhlich. »Jawohl, von den Glasbergs aus Leynhausen! Kohlen, Stahl, Eisen, Truste, Banken, was Sie wollen. Aber nur ein simpler dritter Sohn, ganz bescheidener Doktor der Chemie.« Mario Glasberg! Wo habe ich den Namen schon gehört? durchfuhr es den Maler. – Glasberg fragte ihn nach seinem Beruf, ließ sich den Namen noch einmal nennen. Im Augenblick waren sie im Gespräch. Er kannte Margis' Pietà in der Hamburger Kunsthalle, dieses kolossal angelegte Werk, das seinen Ruf begründet hatte. Die drei Eifellandschaften, die in Frankfurt hingen. Ein reizender Kerl, dieser Industriellensohn! Ein wenig zu liebenswürdig vielleicht! empfand Margis. Seltsam, noch vor einer halben Stunde war ihm Sankt Lüne gleichgültig gewesen, und jetzt saß er hier auf einmal mit den Damen Fenn und einem wirklichen Glasberg zusammen. Wo habe ich von Mario Glasberg schon einmal gehört? Nur konnte er nicht daraus klug werden, ob er das Trio störte oder wirklich willkommen war. Die beiden Frauen sprachen kaum mehr, um so lebhafter der Doktor. Er schien alle Welt zu kennen, Margis und er hatten im Handumdrehen eine Reihe gemeinsamer Bekannter. Ein Zufall, daß sie sich nicht längst begegnet waren. »Kennen Sie van Holten,« fragte Margis, »den Rechtsanwalt? Ich glaube, van Holten hat mir von Ihnen gesprochen.« »So!« antwortete Glasberg kurz und wendete sich ab. Frau Fenn wollte sich ins Gespräch mischen, aber dem Maler fuhr es bereits heraus: »Natürlich! Jetzt weiß ich's: van Holten hat Ihr Bild auf seinem Schreibtisch stehen!« Er bemerkte nicht, daß Glasbergs Miene eisig wurde und die Damen sich verstörte Blicke zuwarfen. Die Musik setzte mit einem Charleston ein. Renate sprang wie erlöst auf und winkte dem Maler zu: »Tanzen Sie Charleston?« »Das nicht,« bekannte er. »Aber wir können steppen.« Während des Tanzes sprach sie wieder kein Wort. Als ob sie eine Pflicht erfüllte, schwebte sie in seinen Armen, ein wohlfunktionierender Mechanismus, dem leisesten Druck gehorchend, aber ohne Seele, steinhart das Gesicht, die Augen niedergeschlagen. Auf einmal sagte sie, ohne daß ihre Miene sich geändert hätte: »Sprechen Sie nie wieder jenen Namen aus!« »Welchen Namen?« fragte er erstaunt. »Van Holten!« »Ich verstehe nicht.« Sie sagte nichts mehr. Die Musik hörte auf, er führte Renate zum Tisch zurück. Im Augenblick merkte er die verwandelte Stimmung. Maria Fenn sah verlegen vor sich nieder. Glasberg war bereits im Begriff zu zahlen und ganz mit dem Kellner beschäftigt. Der Chauffeur stand in der Tür. »Wir kommen!« winkte der Doktor ihm zu. Warum dieser plötzliche Aufbruch? dachte Margis. Natürlich täuschte er sich, aber es wollte ihm vorkommen, als ob die Erwähnung jenes Namens eine kleine Panik zur Folge gehabt hätte. Glasberg reichte ihm die Hand, die Damen nickten ihm wie in Verlegenheit zu. Nicht einmal »Auf Wiedersehen!« wurde getauscht. Die drei gingen hinaus, wie sie gekommen waren, nicht geräuschvoll, aber doch auffallend. Voran Mario Glasberg, dann Renate und Maria Fenn als letzte. Wie ein Traum war das alles gewesen. Franz Margis faßte sich an die Stirn. Nun saß er allein an dem großen Tisch. Hatte er eine Taktlosigkeit begangen? War es vielleicht, weil er sich überhaupt zu fremden Menschen an den Tisch gesetzt hatte? Aber Frau Fenn hatte ihn dazu aufgefordert! Das konnte es unmöglich sein. Glasberg war sogar entschieden froh gewesen, seine Gesellschaft zu finden. Bis jener Name fiel. Van Holten, Rechtsanwalt van Holten! Weshalb durfte man diesen Namen nicht aussprechen? Oder war der plötzliche Aufbruch nur ein Zufall gewesen? Van Holten war ein durchaus einwandfreier Mann, der sich durch einige große Prozesse einen Namen gemacht hatte. Und Margis hatte wirklich die Photographie Glasbergs auf van Holtens Schreibtisch gesehen. Jetzt besann er sich sogar ganz genau darauf. Eine in die Brüche gegangene Freundschaft? »Sprechen Sie nie wieder diesen Namen aus!« hatte das junge Mädchen gesagt. Auf einmal fiel es ihm ein: Dr. Mario Glasberg, Sohn des berühmten Leynhausener Trustkönigs! Richtig, da war diese Geschichte gewesen, eine ganz rätselhafte Geschichte, die durch die Blätter gegangen war und über die man vor einigen Jahren viel geredet hatte. Wie war es doch gewesen? Hatte dieser Mario Glasberg nicht eine Frau gehabt? Oder war es eine Geliebte gewesen? Plötzlich fiel dem Maler sogar der Name ein, brach aus ferner, dunkler Erinnerung hervor: Susi Streicher, die süße Susette Streicher, aus der berühmten Schauspielerfamilie! So war es gewesen: Heirat gegen den Willen der Eltern, abenteuerliche Entführungsgeschichte, ein Jahr lang Leben in Saus und Braus, und dann, urplötzlich, hatte sich die junge Frau, die süße Susette, das Leben genommen, aller Welt zur Überraschung. Was war damals alles geredet worden? Einfluß des allgewaltigen Trustmagnaten! Sogar von der Liebe eines Prinzen hatte man gesprochen, vor der die süße Susette sich schließlich in den Tod flüchten mußte. Mein Gott, war das damals eine Aufregung an den Künstler- und Schauspielerstammtischen gewesen! Alle kannten Susi Streicher von der Bühne her. Sie hatte ein Jahr lang in Berlin gespielt. Dann war sie an irgendeine Hofbühne im Reich gegangen, irgendwo in der Nähe von dem Industriereich der Glasbergs. Weimar, Meiningen oder Koburg? Oder war es Leynhausen selber? Es konnte Leynhausen gewesen sein. Irgendein Herzog oder regierender Graf saß dort in der Nähe. Ein emeritierter Fürst, der natürlich nichts neben den Glasbergs bedeutete. In dieser Atmosphäre hatte sich das Drama angesponnen. Natürlich: Dr. Mario Glasberg! Franz Margis war in sein Zimmer hinaufgegangen und stand am Fenster. Jenseits der flachen Dünen lag das Meer und sandte sein immerwährendes Donnern herüber. Wie konnte man nach solcher Tragödie dieses Knabengesicht behalten? dachte er. Er sah die klaren, energischen Züge des Chemikers zum Greifen deutlich vor sich. Das also war der Mann der vergötterten Susette Streicher gewesen! Ein ganz junger Mann, der anscheinend erst zu leben anfing, der die furchtbaren Erinnerungen längst wie ein Knabenerlebnis abgeschüttelt hatte. Und dieser Mann fuhr jetzt im Auto mit Maria Fenn und ihrer Tochter durch die Nacht. »Eifersüchtig?« fragte Margis sich selber. Wie konnte er eifersüchtig sein! Dieser Mario Glasberg war einer der Halbgötter der Erde. Was konnte er, der ringende Maler, der in Berlin eine Frau und drei Kinder hatte, neben Mario Glasberg für Frauen bedeuten? Aber seltsam war dieses Zusammentreffen! Mit einem Seufzer legte er sich ins Bett, obwohl die Klänge der Jazzband von unten heraufdrangen. 2 Am nächsten Tage begann der Maler einen Brief an den Rechtsanwalt van Holten in Berlin. Ihm war, als müsse er diesem die Begegnung mit Mario Glasberg und die seltsame Wirkung, die die Erwähnung seines Namens hervorgerufen, mitteilen. Aber auch zwei, drei Tage später war der Brief nicht über die ersten Sätze hinausgekommen. Schließlich kannte er den Rechtsanwalt nicht genauer, als einige gemeinsame Abende im Bühnenklub und einige Besuche mit sehr vielen Menschen zusammen es mit sich brachten. Und was ging es ihn eigentlich an, was zwischen van Holten und Glasberg vorgefallen sein mochte! Sie waren Freunde gewesen und hatten sich getrennt, nichts weiter. Oder van Holten hatte vielleicht einen Prozeß gegen die Leynhausener Glasbergs geführt und gewonnen. Es war nichts Besonderes daran, und es wäre direkt taktlos gewesen, bei van Holten daran zu rühren. Dennoch standen gleich im Anfang des Briefes einige Sätze, die dem Maler so unbedingt das Richtige auszudrücken schienen, daß er den Bogen nicht fortwarf. »Ich habe natürlich keine Ahnung, lieber van Holten, weshalb ich Ihnen davon schreibe. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß es richtig ist. Verzeihen Sie, wenn ich dadurch vielleicht schmerzliche Saiten bei Ihnen zum Klingen bringe, aber –.« So weit hatte er geschrieben, als er den Brief abbrach. Seit jenem Abend blieb er nicht mehr in der Hoteldiele sitzen, bis die Musik begann. Er stand frühzeitig von seinem Tisch auf und legte sich in die nahen Dünen. Aber immer so, daß er ein heranfahrendes Auto bemerken mußte. Oder strich durch das kleine Badedorf, ging den Weg zum Wäldchen, dann in dieses hinein. Aber wiederum immer so, daß er die Autostraße im Auge behielt und gleichzeitig jenen Pfad überblickte, auf dem Mutter und Tochter im vorigen Jahr ihm begegnet waren. Es war, wie er in Erfahrung gebracht hatte, der Fußweg von St. Lüne nach Klein-Klank. Für sein Leben gern wäre er hier weitergegangen, um den Gutshof liegen zu sehen. Aber er fürchtete eine Begegnung mit Glasberg oder den Frauen, wobei es sich herausstellen konnte, daß er ihnen nachspionierte. Im übrigen arbeitete er fleißig an seinem letzten Bilde weiter. In den Kusseln am Strand, rechts von der allgemeinen Badestelle, hatte er sich eine richtige kleine Räuberhöhle angelegt. Nicht eine Hütte gerade, aber so etwas wie einen Vorratsschrank. Ein Loch im Sandboden, mit kleinen Hölzern abgesteckt, um seine Staffelei, die Palette, Pinsel und Farben unterzubringen. Es war ihm gesagt worden, daß man in dieser Gegend nicht stehle. So bedurfte es nur eines Verschlusses gegen den Regen. Jeden Morgen, wenn es einigermaßen gutes Wetter war, stellte er in den Dünen die Staffelei auf, zog den Malerkittel über den bloßen Körper und arbeitete, badete, las. Eigentlich hätte er es den ganzen Tag bis zum Abend so treiben können, aber gegen Mittag bekam er doch Hunger, und die Hitze wurde zu stark. Selbst im Schatten stand die Glut zwischen den Bäumen. Dann ging er in sein Hotel zurück, aß und legte sich eine Stunde aufs Bett. Nach dem Kaffee ging er gewöhnlich wieder an seine Bade- und Malstelle. Aber es war dann nicht mehr das Richtige. Gewöhnlich zog er sich bald an, verstaute die Sachen und machte Spaziergänge. Über diesen Nachmittagsstunden lag eine Unlust, die bis zum Schlafengehen anhielt und erst am nächsten Morgen fortgeblasen war. »Vielleicht bin ich doch zu einsam!« sagte er sich. An einem der nächsten Vormittage tauchte Mario Glasberg überraschend zwischen den Dünen auf. Da nie ein Mensch hierher kam, man aber allgemein im Hotel und Dorf seine Arbeitsstätte kannte, war es kaum anders möglich, als daß Glasberg ihn absichtlich aufsuchte. »Holla!« rief Glasberg von weitem. »Holla, Meister Margis! Darf man sich dem geweihten Bannkreis nahen?« Sie setzten sich auf die Sandhügel; Margis reichte Zigaretten. Glasberg war gekommen, um sich für den plötzlichen Aufbruch neulich zu entschuldigen. »Sie werden diese Eile natürlich auf sich bezogen haben, Meister. In Wirklichkeit wollten wir nur einmal in diesen Tempel Terpsichores hineinschauen, einige Runden machen und wieder verschwinden. Wir hatten es uns gar nicht überlegt, daß, wenn zwei tanzen, der Dritte genasführt dabeisitzen muß. Gott sei Dank sprangen Sie ein.« »Bitte!« unterbrach Margis. »Es war aber unverkennbar, daß Sie und die Damen sich zurückzogen, als ich den Namen Holtens genannt hatte.« Damit hätte er allerdings einen Namen genannt, der ihm ziemlich verhaßt wäre. Und wie der Zufall spiele: Gerade an diesem Nachmittag hätte er den Damen Fenn von seinem feindlichen Zusammenstoß mit dem Rechtsanwalt erzählt. Holten hätte sich ihm gegenüber wirklich toll benommen. Aber das wären alte, begrabene Geschichten. Glasberg lächelte dazu und entblößte seine prächtigen Zähne. »Sind Sie übrigens mit Holten befreundet?« Diese Frage rief bei Margis ein ihm selber unerklärliches Mißtrauen hervor. Er verstand sofort, daß diese Frage der eigentliche Grund war, weshalb Glasberg ihn aufsuchte. Vielleicht war es Mario Glasberg unbequem, wenn van Holten durch ihn etwas von seinem hiesigen Aufenthalt erfuhr? Vielleicht wollte er sich vergewissern, ob der Maler nicht schon an Holten geschrieben hatte oder schreiben wollte? Er zögerte mit der Antwort, wußte nicht recht, was da zu sagen war. »Verzeihen Sie meine Frage!« fuhr Mario Glasberg fort. »Natürlich, ich bin indiskret; aber es handelt sich um folgendes: Wenn Sie mit Holten befreundet sind, ist natürlich jeder Verkehr zwischen Ihnen und mir ausgeschlossen. Denn Holten ist einfach mein Feind. Im andern Fall hätte ich gern meinen Aufenthalt hier mit Ihrer Gesellschaft ein wenig gewürzt. Man könnte nette Abende miteinander verbringen, zusammen Auto fahren, jagen, bei den Damen Fenn tanzen und tausend Sachen mehr.« »Wohnen Sie in Klein-Klank?« fragte Margis dagegen. »Oh, keine Spur! Ich wohne auf dem Rittergut Serbenitz, bei meinem Freund Teuffel.« Margis fuhr zusammen. Der Name erschreckte ihn in diesem Augenblick. »Teufel?« »Teuffel! Baron von Teuffel! Eine in Deutschland nicht unbekannte Familie. Ich bin seit Jahren in jedem Sommer dort. Wenn Sie so wollen, sehe ich dort nach dem Rechten, wenn Baron Teuffel verreist ist. Ende Juli kommt er wieder; wir verbringen dann noch eine gemeinsame Woche, und ich rutsche wieder an die Arbeit. Also: Sind Sie mit Holten befreundet?« Das alles war mit vollendeter Liebenswürdigkeit herausgesprudelt, von einem Lächeln und dem Blitzen der prachtvollen Zähne begleitet. Margis mußte wieder daran denken, daß keine Frau diesem Manne widerstehen konnte. »Nein!« sagte er. »Ich kenne Holten nur oberflächlich. Aber noch in diesem April sah ich Ihr Bild auf seinem Schreibtisch. Hinterher, als Sie fort waren, fiel mir das alles ein.« »Was heißt alles?« fragte Glasberg scharf zurück und bohrte seine Augen in das Gesicht des Malers. Margis erwiderte den Blick ruhig. »Alles, was man seinerzeit über Sie redete. Aber das sind unangenehme Erinnerungen für Sie.« Er sah nicht ein, weshalb er Glasberg gegenüber ein Blatt vor den Mund nehmen sollte. Mario Glasberg stand auf und ging einige Schritte weiter. Plötzlich drehte er sich wieder um. Seine Augen waren niedergeschlagen. Er hatte das Gesicht eines gescholtenen Knaben. »Man hat diese Geschichte also noch nicht vergessen?« sagte er langsam. »Ich dachte, daß jetzt Gras darüber gewachsen sei. Aber es ist noch immer so: Wenn einer den Namen Mario Glasberg hört, dann denkt er sofort an die furchtbare Geschichte mit Susette Streicher, nicht wahr?« »Ich entsinne mich keiner Einzelheiten, Herr Doktor, und es ist auch nur wie eine ganz ferne Erinnerung.« Mario Glasberg schlug die Augen auf. »Bitte, Meister Margis, was wissen Sie noch davon? Verzeihen Sie! Aber es interessiert mich natürlich brennend, wie man heute, nach mehr als zwei Jahren, über diese Geschichte denkt. Bitte, was wissen Sie noch davon?« Margis rekapitulierte mit kurzen Stichworten, was er über Susette Streichers Ende in der Erinnerung hatte: ihre Flucht mit Mario vor dem elterlichen Widerspruch, die kurze Ehe und dann den überraschenden Selbstmord. Er dachte, daß Glasberg nur unter Qualen diese Geschichte anhören könnte. Als er aber aufsah, bemerkte er statt eines verstörten Gesichts, wie der Chemiker mit Interesse, ja, mit einer gar nicht verhehlten Befriedigung, mit einem fast glücklichen Leuchten in seinen Augen zuhörte. Was ist das für ein Mensch! dachte er entsetzt. Im nächsten Augenblick aber korrigierte er diesen Eindruck. Natürlich war es nur der Gedanke an die Geliebte, an das Jahr ihres unbeschreiblichen Glücks, das diese beseligende Wirkung bei ihm auslöste. »So!« sagte Glasberg nach einer Weile. »Und weshalb, glauben Sie, hat sich meine Frau das Leben genommen? Haben Sie darüber etwas gehört?« »Dumme Gerüchte! Man sprach damals sogar davon, daß Ihr Herr Vater die unbequeme Schwiegertochter aus dem Wege geräumt habe. Es hieß auch, daß die allzu zudringliche Liebe eines Prinzen – ich weiß nicht, welches – Susi Streicher in den Tod getrieben habe. Das ist aber wohl alles Unsinn?« Glasbergs Gesicht war wieder eisig geworden. »Ich weiß nichts!« sagte er nach einer Weile. »Mir ist die Tat heute noch ebenso unergründlich wie damals. Seit jenem Morgen, als ich Susette tot in ihrem Bett fand, habe ich keinen der Meinen und keinen der Ihren mehr wiedergesehen. Auch nicht den Prinzen Georg. Vielleicht habe ich Vermutungen, aber Sie verzeihen, daß ich darüber nicht spreche!« Im Augenblick fiel dem Maler der Name van Holtens ein. War ein Zusammenhang zwischen dieser Geschichte und der Feindschaft der beiden Männer? Aber war es denn überhaupt eine Feindschaft? Der Rechtsanwalt hatte doch das Bild Mario Glasbergs auf seinem Schreibtisch stehen! Wie sonderbar war das alles! Aus wie vielen Situationen und Eindrücken war dieser Augenblick zusammengeweht! Da sah er im vorigen Jahre Mutter und Tochter auf einem Fußweg an sich vorübergehen, da sah er im Winter die Photographie eines Mannes auf dem Schreibtisch eines Bekannten, da hatte er von Mario Glasberg erzählen hören – und jetzt auf einmal ballten sich die zerstreuten Eindrücke zu dieser seltsamen Situation zusammen: Er mit Glasberg im Gespräch über das Ende der schönen Susette. Und noch eben war ein Abend gewesen, da hatte ihm die kleine Renate Fenn verboten, den Namen van Holtens auszusprechen. Wie merkwürdig war das Leben! Einen Augenblick mußte er denken, daß etwas ganz anderes als nur eine spröde Landschaft ihn hierhergerufen hatte, daß ihn hier irgend etwas erwartete. Ganz folgerichtig war das alles so gekommen: erst die inhaltleeren sechs Wochen wie ein Auftakt, und jetzt überstürzten sich die Begegnungen. »Verzeihen Sie,« sagte Glasberg, jetzt wieder leichthin. »Ich falle Ihnen mit diesen Dingen lästig. Im übrigen führt mich ein bestimmter Auftrag hierher. Frau Fenn läßt Sie bitten, heute nachmittag bei ihr Tee zu trinken. Haben Sie Lust? Mein Wagen kann Sie abholen.« Margis fand nicht sofort die bejahende Antwort. Das richtige wäre gewesen, die Einladung abzulehnen, seine Sachen zusammenzupacken und abzureisen. Ganz deutlich hatte er die Empfindung, daß dies das allein Richtige war. Was sollte er mit diesen Menschen? Er witterte irgendeine Absicht hinter der Einladung. Daneben hörte er sich die Zusage geben: »Selbstverständlich, ich komme sehr gern!« Hatte er das wirklich gesagt? Aber weshalb sollte er nicht? Seine Bedenken waren natürlich lächerlich. Die Damen Fenn interessierten ihn, er hatte durch einen Zufall ihre Bekanntschaft gemacht, sie luden ihn ein. Es war selbstverständlich, daß er hinging. Man konnte überhaupt einige nette Wochen in diesem weltabgelegenen Winkel verbringen. Wie hatte Glasberg gesagt? »Ein wenig Auto fahren, jagen, bei den Damen Fenn tanzen und tausend Sachen mehr.« Natürlich konnte man das. Weshalb nicht? Ihm wollte jetzt sogar scheinen, als wenn Glasberg die Damen Fenn nicht übermäßig ernst nahm. Vielleicht hatte der verwöhnte Industrieprinz für sie dasselbe Lächeln wie der Hotelier. »Mit den Damen Fenn tanzen und tausend Sachen mehr.« Das klang ein wenig, als wenn er Maria Fenn für eine Kokette nahm, gut genug für einige Sommerwochen, und vielleicht war er der Gesellschaft der beiden längst überdrüssig und suchte im Verkehr mit Margis Abwechslung. Jedenfalls konnte man das alles ganz harmlos und leicht nehmen. »Dann wird mein Wagen Sie um fünf Uhr abholen, Meister Margis. Ich werde übrigens heute nicht in Klein-Klank sein. Ich muß arbeiten, ich mache gerade einen interessanten Versuch: Arsenreaktionen. Ich habe mir in Serbenitz ein kleines Laboratorium eingerichtet.« Sie gingen durch den Sand zum Hotel zurück, wo Glasberg das Auto gelassen hatte. 3 Gleich hinter St. Lüne stiegen dunkle Wälder mit üppigem Untergehölz hoch. Eine Försterei lag zwischen fetten Wiesen. Man sah Kühe weiden und Pferde auf Koppeln springen. Nichts erinnerte an die Nähe von Meer und armseligen Fischerdörfern. Nur hier und da hatte ein Riesenkamm die Wälder gescheitelt, und im Dreieck eines Durchblicks zeigte sich zwischen dunklen Wipfeln die stahlblaue See mit ihren weißen Schaumpunkten. Kirchdörfer tauchten landeinwärts auf, Hügelrücken schoben sich daher. Wenn ich hier wohnte, dachte Franz Margis, wäre ich andrer Stimmung. Aber es blieb dennoch jene öde Sandbucht, die ihn zum Malen reizte, nicht diese fette Landschaft, die wohltätig auf seine Nerven einwirkte. Auf dem Fußweg mußte man, quer durch das Wiesental eines Baches, in einer knappen Stunde von St. Lüne nach Klein-Klank gelangen. Die Chaussee machte einen weiten Bogen, folgte dem Vorsprung der Küste, die hier mit scharfer Spitze weit ins Meer hineinstieß. Aber auch so sah man in einer knappen halben Stunde den Gutshof liegen, überwachsen von den mächtigen Kastanien des Parks. Eine Birkenallee bog von der Chaussee ab. Hier mußte das Auto langsamer fahren. Vom letzten Regen standen noch Wasserlachen quer über dem Weg. Links begann hinter einem einfachen Drahtzaun der Park. Man sah zwischen den Bäumen auf verschlungene Pfade, und von hinten schimmerte eine helle Rasenfläche mit Farbentupfen von bunten Blumenbeeten hindurch. Vor dem Wirtschaftshof bog man zum Herrenhaus durch ein offen stehendes Gittertor. Kiesbedeckt schwang sich die Anfahrt um ein Rondell aus Rosen. Man hielt vor der breiten Veranda. Ein Mädchen mit weißer Schürze und weißer Krause im Haar stand auf den Stufen und lächelte. Der Maler wollte dem Chauffeur ein Trinkgeld geben. »Danke!« sagte der ablehnend. »Ich werde von meinem Herrn bezahlt.« Margis sah ihn erstaunt an. Es war ein hochmütig verschlossenes Gesicht mit merkwürdig brennenden grünbraunen Augen darin. In einer Diele legte Margis Hut und Stock ab. Das Mädchen zeigte auf die Treppe. Er war erstaunt, hatte gedacht, daß auf Gutshöfen die Wohnräume unten lägen und oben nur noch Schlaf- und Fremdenzimmer. Maria Fenn hatte es anders eingerichtet. So ging er die braune, geschnitzte Treppe hoch. Oben gab es eine Art Wohnflur mit Tischen und Sesseln, allerhand Graphik an den Wänden und eine Reihe von weißen Türen, eine große Flügeltür gerade vor der Treppe. An diese Tür klopfte das Mädchen und zog sich zurück. Renate öffnete. Sie hatte ein rotes Seidenkleid an und eine ganz dünne Perlenschnur um den kindlichen Hals. »Herr Margis!« sagte sie seltsam abwesend und gab ihm die Hand. Er trat in einen kleinen Empiresaal in Weiß und Gold. Drei Fenster gingen bis zum Fußboden hinunter. Man schien zwischen Baumkronen zu schweben. Das erste, was er sah, war der weite Ausblick über die Rasenflächen und Blumenbeete des Parks und hinten das blaue Meer, eingefangen zwischen dem Ausschnitt der grünen Wipfel. Rechts am Fenster stand ein Sekretär. Es gab gemütliche Ecken um geschweifte Tischchen, einen kleinen Stutzflügel, mit schillernder Brokatdecke überzogen. An einer Wand einen breiten Diwan mit einem prachtvollen Eisbärfell darüber, Aschenbecher auf kleinen Hockern, einige Landschaften in matten Farben und silbrigen Rahmen. Ah! dachte der Maler. So muß Maria Fenn wohnen! Zwischen Flügel und Fenster wartete auf einem goldlackierten Tischchen die brodelnde Teemaschine mit drei Gedecken. »Mutter läßt sich entschuldigen,« sagte Renate. »Sie mußte mit dem Verwalter noch einmal aufs Feld reiten. Sie wird in einer halben Stunde zurück sein.« Renate bereitete den Tee, reichte ihm Weißbrot, Butter und eingemachte Früchte zu. Er folgte ihren Bewegungen mit offensichtlicher Bewunderung. Vielleicht ist es nur ein kultivierter Haushalt, dachte er, aber es könnte ebensogut Yoshiwara, das japanische Liebesparadies, sein. Sicher ist auch der Verwalter ein hübscher, schlanker Kerl und der Herrin mit Leib und Leben ergeben, und vielleicht erwartet man von allen Männern, die hierher kommen, wunderbare Liebesfeste. Er mußte lächeln, als diese Gedanken ihm kamen. Natürlich war alles ganz anders. Maria Fenn hatte nur die Kultur der Großstadt in diesen stillen Winkel mitgenommen. Oder Herr Fenn, an den er noch gar nicht gedacht hatte, war einst ein Mann von künstlerischen Neigungen gewesen. Es sollte auf diesen ostpreußischen Gutshöfen Originale von allen Schattierungen geben. »Gehört noch viel Land zu Ihnen? Ich glaubte, Klein-Klank sei Restgut?« fragte er. »Ach Gott, einige hundert Morgen. Es ist nicht viel.« »Sie sind oft auf Reisen?« »Wir reisen nie.« Nach einer Weile fügte sie hinzu: »Wir haben kein Geld.« »Nanu?« lachte er und zeigte auf die Einrichtung. Achtete zugleich unwillkürlich darauf, ob nicht leise Spuren des Verfalls zu bemerken waren. Er konnte aber nichts entdecken, was nach Vernachlässigung aussah. Im Gegenteil, der Eindruck der Gepflegtheit, der aus allem, aus der Haube des Dienstmädchens, aus den Blumenrabatten, den Bildern und Teppichen sprach, war unverkennbar. »Ach, das!« sagte Renate wegwerfend. Sie schien die seltene Gelegenheit eines Besuches auszunützen, um ihre Meinung zur Geltung zu bringen. »Ja, das ist alles ganz nett. Aber ich würde lieber hier sparen und dafür reisen. Mama will hübsch wohnen. Das ist ihr alles.« Ob sie viel Besuch hätten? Renate sagte, daß es selten vorkäme. Sie mochten mit den Grundbesitzern der Umgegend nicht verkehren. Allein Teuffels wären ganz nett. »Die übrigen sind alle, wissen Sie, so primitiv, ohne Interessen und Formen. Sie wundern sich über unsre Bilder und Bücher. Ich könnte keinen von denen heiraten. Mama auch nicht.« Es amüsierte ihn, wie das junge Mädchen über eine mögliche Heirat ihrer Mutter nachdachte. »Verzeihen Sie! Ist Ihr Herr Vater schon lange tot?« Aber Herr Fenn war von seiner Frau geschieden und lebte in Kalifornien. »Vater war vielleicht etwas sonderbar. Er mochte Deutschland nicht. Meine Mama ist vom Rhein. Wir erbten dieses Gut vor fünf Jahren von einem Onkel und zogen hierher. Mir gefällt es hier nicht.« Es stellte sich heraus, daß sie lieber tanzte und Bücher las als spazierenritt. Sie lachte dazu. »Sehen Sie, kleine Hunde gehen noch an, aber Pferde sind so furchtbar groß! Ich mag das nicht! Dann muß es schon ein Auto sein. Aber wir haben auch kein Auto!« Hier trat Maria Fenn ein, wie immer im weißen Kleid, nur der schwarze Spitzenschal fehlte. Statt dessen schmückte eine wunderbare Perlenkette ihren Hals. Eine dreifach geschlungene Kette von solch großen Stücken, daß man erst hinsehen mußte, um sie für echt zu halten. »Wir haben ja kein Geld!« hatte Renate gesagt. Vielleicht hatten sie wirklich für die Verhältnisse verwöhnter rheinländischer Patrizierfamilien wenig, und Franz Margis konnte sich denken, daß Maria Fenn zum Reisen, was sie unter Reisen verstand, wahrscheinlich sehr viel Geld gebraucht hätte. Aber es gefiel ihm von ihr, daß sie einen kleinen Rahmen lieber mit Luxus ausfüllte, als sich in einem größeren Rahmen zu beschränken. Es gefiel ihm ebenso, wie ihm das Verlangen der Tochter nach der weiten Welt gefiel. Noch immer war es so: Diese beiden Frauen waren für ihn untrennbar. Sie beide zusammen erst hatten diesen unwiderstehlichen Reiz, der sie ihm nun über ein ganzes Jahr hindurch – und was für ein Jahr Berliner Lebens! – unvergessen gemacht hatte. Und zu beiden paßte der verwöhnte Sohn des Trustkönigs mit seinem romantischen Schicksal. »Nun, hat Ihnen Renate schon ihr Leid geklagt?« Das waren Marias erste Worte. Sie kannte die Art ihrer Tochter. »Über die verwunschene Einsamkeit und den Drang in die Welt und den Mangel eines Autos,« sagte Margis. »Um so wundervoller ist es für den arglosen Wanderer, wenn er das Dornengestrüpp beiseitebiegt und solche Wunderblumen entdeckt.« Maria Fenn sah ihn mit ihren blauen Stahlaugen an. »Sie sagen das im Scherz,« sagte sie lächelnd, »aber ich hoffe, es ist Ihr Ernst.« Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt und ließ sich von Renate bedienen. Wie fein, dachte Margis, daß sie nicht im Reitkleid hereingekommen ist! Keine andere Frau hätte sich das entgehen lassen. Sie nahm gleich das Gespräch in die Hand, fragte, ob Mario Glasberg ihm die Entschuldigungen für den plötzlichen Aufbruch übermittelt hätte. Betonte, vielleicht ein wenig zu ängstlich, daß man Herrn Doktor Glasberg viel zu selten zu sehen bekomme. »Jedes Jahr ist er auf Serbenitz. Wer hat ihn dort entdeckt? Natürlich Renate! Sie brachte ihn vor zwei Jahren auf einmal an.« Renate wäre ja damals vollkommen Kind gewesen, während sie jetzt nur noch ein Kindskopf sei. Aber Herr Glasberg wäre mit seiner ganzen Liebenswürdigkeit auf ihre dummen Gedanken eingegangen, und so wäre er plötzlich, mit dem Mädel an der Hand, hier aufgetaucht. »Aber er ist uns ein lieber Freund geworden.« »Siehst du,« sagte Renate schnippisch, »das habe ich eben sofort herausgefühlt. Und ich brachte ihn ja auch nicht für mich mit.« »Sondern für mich, nicht wahr?« lachte Maria Fenn. »Dabei möchte sie mir, ihrer alten Mutter, die Augen auskratzen, wenn Glasberg zu mir ein Wort mehr als zu ihr spricht.« Das junge Mädchen wurde bei diesen Worten ihrer Mutter purpurrot. Margis bemühte sich, es nicht zu sehen. Frau Fenn lächelte kaum merklich darüber. Hol' mich der Teufel, dachte er, wenn die nicht eben mit Glasberg zusammengewesen ist! Das Auto hat ihn am Waldrand abgesetzt, mich dann aus St. Lüne geholt und ihn wieder am Waldrand aufgenommen. Selbstverständlich! »Dabei ist Mario Glasberg ein alter Ehemann!« setzte Maria Fenn fort. »So?« fragte Margis. »Ist Herr Doktor Glasberg wieder verheiratet?« »Und wie verheiratet!« brach Renate los. Sie konnte sich kaum lassen vor Heiterkeit. »Denken Sie sich eine biedere Haushälterin mit einem Madonnenwasserscheitel, und hinken tut sie auch!« Die maßlose Gehässigkeit einer hoffnungslosen Mädchenschwärmerei trat mit unbekümmerter Roheit zutage. »Pfui, Renate!« rief die Mutter dazwischen. »Das ist furchtbar häßlich, so zu sprechen! Dr. Glasberg hat sicher eine sehr nette Frau. Wir kennen sie leider nicht.« »Ich habe ihr Bild gesehen!« schmollte Renate. Margis fragte, ob sie die Geschichte seiner ersten Ehe kennten. Die Damen nickten schweigend. »Übrigens hängt es mit dieser Geschichte natürlich zusammen,« sagte Frau Fenn nach einer Weile, »daß Glasbergs jetzige Frau wirklich andere Vorzüge als große Schönheit aufzuweisen haben soll. Er hat die furchtbaren Gefahren der Schönheit kennengelernt. Die Schönheit ist ihm und Susi Streicher zum entsetzlichen Verhängnis geworden. Kein Wunder, daß er darauf eine durchaus unscheinbare Frau wählte. Er hatte genug an der einen Tragödie.« »Und doch wird er von der Schönheit niemals loskommen!« warf Renate dazwischen. Sie war aufgestanden, um Tee einzuschenken. Während sie diese Worte aussprach, reckte sie sich unwillkürlich – oder war es Absicht? – hoch. Es war eigentlich von atembeklemmender Peinlichkeit, daß sie diese Worte sprach. Den Maler durchfuhr es wie ein eisiger Schrecken. Warf das kaum flügge Ding mit diesen Worten und dieser Geste nicht einer fernen, schutzlosen Frau in ungehemmter Brutalität den Fehdehandschuh hin, in ihrem eigenen oder, noch schlimmer, ihrer Mutter Namen? Kaum ihre siebzehnjährige Jugend konnte dafür als Entschuldigung gelten. Maria Fenn erbleichte geradezu. Sie sah ängstlich zu Margis hinüber. »Du bist noch sehr jung!« sagte sie dann streng. Renate setzte sich wieder auf ihren Platz, als wenn nichts geschehen wäre. »Ja,« sagte der Maler, »Schönheit kann ein Verhängnis sein. Wenn sie mit Dummheit gepaart ist, ist sie meistens ein Glück und eine Macht. Wenn sie aber mit Klugheit und Kultur gepaart ist, ist sie ein Verhängnis. Außer denen, die es an sich selbst erfahren, weiß das am besten der Künstler.« Er wunderte sich über sich selbst, daß er diese Worte ernstlich und mit Betonung aussprach und Maria Fenn dabei fest ansah. Sie nickte ihm zu. 4 Während Margis auf Klein-Klank mit den Damen Fenn Tee trank, raste Mario Glasberg auf seinem Auto nach Königsberg. In einer Stunde hatte er eine besondere Gelegenheit, nach Berlin zu fliegen, außerhalb des regelmäßigen Passagierdienstes. Gegen neun Uhr abends konnte er mit der leichten Taube, die nur zwei Personen faßte, bereits dort sein. Der Wagen sauste über die Samlandhügel; ferner drehte sich der Horizont mit Wäldern, die wie Geschwader von Lanzenreitern vorüberhuschten. Dörfer tanzten vorbei, kleine Brücken donnerten, gepreßte Luft zischte gegen die Siedlungshäuser von Tannenwalde, das schlechte Vorstadtpflaster rüttelte an den Achsen, bis man auf den Asphalt wie in eine besänftigende Flüssigkeit hineinglitt. Vorbei an den kleinen Bahnhöfen, durch Hinterstraßen, zwischen langen, dunklen Kasernen und alten Festungsmauern. Dann wieder Chaussee bis zum Flugplatz. Die Taube war startbereit. Der ehemalige Fliegerhauptmann, der sie lenken sollte, grüßte fast militärisch. »Wie lange?« fragte Glasberg. »Bis Tempelhof? Knappe drei Stunden bei dem Wetter!« antwortete der und fuhr mit der Hand an die Kappe. Dieser junge Mann, den er so plötzlich nach Berlin befördern sollte, mußte etwas Besonderes sein. Sie stiegen auf, drehten sich hoch. Hinter den Türmen der Stadt sah man die bleigraue Fläche des Haffs mit ihrem Waldkranz und den leuchtenden Dünen aufsteigen, dahinter das Meer, dem sie zustrebten. Die Sonne brannte von schräg unten zu ihnen herauf. Die Stadt rutschte hinter den Horizont, die ganze Landschaft unter ihnen glitt wie auf einem Rollband nach hinten. Wie auf einer Landkarte lag blau unter ihnen die Danziger Bucht mit den Wäldern von Oliva; Kirchtürme spießten ohnmächtig nach oben. Wie eine Nebelbank lag die Landzunge von Hela, dahinter, lächerlich klein und wie ein Spielzeug, der polnische Kriegshafen von Gdingen mit zwei rauchenden Torpedobooten. Dann stachen sie wieder ins Land, über die abgezirkelten Beete der Felder. Wie feine weiße Striche eines Tennisplatzes liefen die Eisenbahndämme. Orte lagen wie auf der Reliefkarte, Flüsse beschrieben sinnlose Bogen. Manchmal sackten sie wie auf einem Fahrstuhl Hunderte von Metern hinunter. Dann blähte sich das Land ihnen verzerrt entgegen, und die Sonne fiel stolpernd bis zum Horizont. Silbriger Nebel kam angekrochen, die Bäume und Dörfer wateten mit schweren Schritten darin. Aus dem Weltraum griff es kühl mit unheimlichen Schatten nach ihnen. Von ferne ballte sich ein Dunstgebilde mit grellen Lichtern, die sich auf Nebelkissen wälzten. Schornsteine, Türme zackten daraus. Schwarze Striche liefen von allen Seiten zusammen, Seen lagen wie ein übergelaufener Fluß in Talmulden. Erleuchtete Züge, Autos krochen als bebrillte Schlangen am Boden. Dann schwebten sie über dem Dächermeer, über ängstlich zusammengerückten Plätzen. Hinten blinkten die Lichter der Funktürme vom Tempelhofer Flughafen auf. Sie drehten sich nieder. Dann noch der beklemmende Augenblick der Landung, das Federn auf dem Rasen, das lange Dahinrollen, und sie stiegen aus. Die Terrassen des Restaurants träumten leer in ihrem weißen Licht. »Nun,« fragte der Hauptmann, »sind Sie zufrieden, Herr?« »Ausgezeichnet! Ich danke Ihnen.« Er nahm die Aktentasche, sein einziges Gepäck, an sich, enteilte in das Restaurant, ließ sich eine Bouillon geben. Noch ehe sie kam, telephonierte er van Holten an, zuerst in der Privatwohnung, dann, da der Rechtsanwalt noch nicht zu Hause war, im Büro. »Hallo, Holten, alter Junge! Wie geht's? – Wo ich bin? In der Regina-Bar. Denke zufällig an dich. – Von der Reise zurück? Ja, aus Dalmatien bin ich seit zwei Tagen zurück. Übermorgen aber geht's nach Norwegen. Sehen wir uns heute? – Morgen habe ich zu packen. Wenn, dann heute! – Gut, um elf in der Königin-Bar! – Meiner Frau? Der geht's gut – danke. Also um elf!« Er hängte ab. Es war gerade neun durch. Er hatte noch Zeit. Als er an seinen Platz zurückkam, stand die Bouillon schon da. Er sah sich um, ob zufällig ein Bekannter ihn sehen konnte. Aber nur eine einzige Gesellschaft saß mindestens zehn Tische weiter. Er kannte niemand. Befriedigt lehnte er sich in den Stuhl zurück. Er war müde und hungrig. Vielleicht sollte er hier etwas essen und eine Flasche Sekt trinken. Es würde gut für das Zusammentreffen mit Holten sein. Ja, er konnte es nicht leugnen, der Gedanke an Holten regte ihn auf. Weshalb suchte er nur immer und immer wieder diesen Menschen? Niemals mehr kam er in Gesellschaft mit ihm zusammen, aber unter vier Augen trafen sie sich von Zeit zu Zeit noch immer. Es gab tausend Gründe der Klugheit dafür: Weshalb dreht man den Kopf immer nach der Richtung, aus der Gefahr droht? Aber das war es nicht. Er würde von van Holten nie herausbekommen, wie weit der mit seinen Nachforschungen war, und auch diesmal würden sie kein Wort darüber sprechen. Sie würden Zusammensein, als wenn nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre, würden Sekt trinken und bald zwei Mädchen an ihrem Tisch haben. Nein, es war kein Grund der Klugheit, daß er mit Holten immer wieder zusammentraf. Es stieg aus tieferen Schichten: Holten war sein Freund gewesen, als er Susette kennengelernt hatte. Der ganze Zauber jenes Jahres der ersten Werbung stieg vor ihm auf, wenn er mit ihm zusammen war. Sie konnten über die gleichgültigsten Dinge reden, im Grunde war es doch wie damals auf dem nächtlichen Parkspaziergang, als er dem Freund von seiner Liebe zu der jungen Schauspielerin sprach, von seinen ersten Annäherungsversuchen bis zum ersten Kuß. Dann das Durcheinander der Familien: sein entrüsteter Vater, der ihn, seinen Liebling, für eine Kohlen- und Eisenerzheirat ausersehen hatte. Dann der ganze alte Streit zwischen der Kohlendynastie der Glasbergs und dem kleinen Herzogshof. Der Streit, der sich nun auf sie beide stürzte und sie zermalmen wollte. Denn die Streichers, als alte Hofschauspielerfamilie, gehörten natürlich zur Hofpartei. Die ganze Gnade des herzoglichen Paares bestrahlte sie. Wie hatte der alte Heldenvater Streicher gedonnert und Frau Agathe alle Register ihres Mütterfaches gezogen! Und hinter dem allen Prinz Georg mit seinem Anhang! Wie sie sich über dies alles amüsiert und darunter gelitten hatten! Mit welcher Kunst sie ihre Stelldicheins verabreden mußten, da sie rings von Spähern umgeben waren. Prinz Georg befahl Susette zum Tennisspielen. Sie mußte hingehen. Der Prinz begleitete sie bis nach Hause. Hinten im Park, im alten Gartenhäuschen, wohnte Frau von Gladen, des alten Herzogs emeritierte Freundin, des Prinzen Georg mütterliche Vertraute. Zu ihr schleppte er die widerstrebende Susette, und es war ihr Glück, daß sie hinging. Denn in wenigen Wochen war die prächtige alte Dame Susettes Vertraute und übte zum erstenmal in ihrem Leben Verrat an dem herzoglichen Hause. Wie voller Romantik und Schrecken war es gewesen, wenn sie sich in der Rosenlaube des Gartenhäuschens trafen, während die Späher sie in den Anlagen des Wallgrabens suchten! Und dann stand er, Mario Glasberg, hinter dem Kattunvorhang, indes der Adjutant des Prinzen beordert wurde, die Demoiselle Streicher nach Hause zu geleiten und vor den Nachstellungen des jungen Monsieur Glasberg zu schützen. Einen ganzen Trust und ein ganzes Herzogtum hatten sie mit ihrer Liebe durcheinandergewirbelt. Bis sie endlich nach England fliehen konnten und sich trauen ließen. Das alles erlebte er nochmals und nochmals, wenn er mit Holten zusammensaß. Damals hatte er noch nichts von dem furchtbaren Verhängnis gewußt, das über ihm waltete. Er trank das letzte Glas Champagner aus, zahlte und ging zum Autoplatz. Der Flug hatte ihn ermüdet, jetzt waren alle Gelenke wieder straff und federten. Sein Knabengesicht lugte neugierig in die Welt. Er würde mit Holten zusammensitzen wie immer. Er war wieder der junge Doktor der Chemie, der um die Rosenlaube der Gladen schlich, um die rote Schleife von Susettes Kleid zu erspähen. Nichts im Leben ging über die Entzückungen der ersten Umarmung, um den Rausch der gebrochenen Widerstände, dieses rasende Emporwirbeln der Gefühle. Für einen Augenblick stand Maria Fenns Gesicht vor ihm, der leicht gebeugte Nacken mit dem schwarzen Haarknoten darauf. Er nannte dem Chauffeur die Tanzdiele am Kurfürstendamm, warf die Zigarette fort und atmete die Nachtluft in vollen Zügen ein, den Duft der Linden, die zu beiden Seiten des Weges standen. Ahnte van Holten, woher er kam? Ließ der ihn vielleicht seit Jahr und Tag beobachten? Diese Frage nagte an ihm. Wenn Holten seinen Sommeraufenthalt herausbekam, dann ging das Rennen auf Leben und Tod. »Tod!« Das Wort durchfuhr ihn. Aber wenn auch, er mußte es noch einmal auskosten, noch einmal durch alle Himmel und Höllen hindurchgehen. Vielleicht, daß er diesmal gefeit war. Vielleicht!? Sein Blick bekam etwas Unstetes. Erst als der Wagen in das Licht der großen Straßen einbog, sammelte er sich und zwang das jungenhaft vergnügte Lächeln auf die Lippen zurück. Es war unmöglich, daß Holten seine Spur entdeckte. Zu jenem nordöstlichen Winkel an der See hatte der keine Brücke. Nicht einmal Glasbergs Frau wußte, wo er den Sommer verbrachte. Was mochte Käte jetzt eigentlich treiben? Die Blumen in der Dahlemer Villa begießen, dem Kanarienvogel Futter geben, Kakteen ziehen! Er bekümmerte sich nicht viel um sie, die er auf den Wunsch des Vaters endlich doch geheiratet hatte, um das Langenohrer Hüttenwerk dem Konzern anzugliedern. Er hatte ihr nichts vorgemacht, als er um ihre Hand bat. Sie wußte, daß er von olympischen Höhen und unvergeßlichen Liebesfesten herkam, und hatte es auf sich genommen, als seine Frau zu gelten. Er wohnte nicht einmal mehr ständig bei ihr. Seit er den großen Versuchslaboratorien des Trusts vorstand – es war die Belohnung für seine Heirat gewesen –, wohnte er in dem dunklen Fabrikgebäude zwischen Tempelhof und Schöneberg. Hatte dort, fünf Stock hoch, seine eigene Wohnung, wie im Leuchtturm, nur mit dem verrußten Lift zu erreichen. Ein kleines Paradies, mit Auslauf auf verborgene Dachgärten. Nur sichere Freunde durften ihn dort besuchen, und auch sie fanden den Weg nicht, wenn nicht unten an der Anfahrt der Portier sie erwartete, um sie hinaufzuführen. Von jenem verschwiegenen Gehäuse aus unterhielt er seine Korrespondenz mit der Welt und unternahm seine Reisen, während der offizielle Verkehr über die Dahlemer Villa ging. Es war für Holten fast unmöglich, ihn in dieser Fabrikgegend zu überwachen. Es gab zu viele Ausgänge in dem riesigen Gebäudekomplex. Selbst ein sehr gewiegter Spion konnte hier sein Leben nicht überschauen. War es Angst, daß er sich in diesen Wald von rauchenden Schornsteinen zurückgezogen hatte? Gefahren waren schon vorhanden, seit Holten, wie er wußte, auf seiner Fährte lag. Es ging auf Leben und Tod, da war nichts abzuhandeln. Aber es war keine Angst in ihm, wirklich nicht! Jeden Augenblick wäre er lächelnd hervorgetreten, um sich dem Gegner zu stellen. Es war die Freude an dem gefährlichen Spiel. Wer konnte es überhaupt wissen, wie weit ihn diese Lust am Indianerspiel getrieben hatte? Vielleicht war das der eine große Antrieb bei seinem Tun gewesen? Nicht alles freilich. Nein, nicht alles! Aber immerhin der eine große Antrieb. Er saß mit gespannten Muskeln da; die Augen weit aufgerissen, suchte die verwirrende Fülle des Straßenbildes zu durchdringen, zu ordnen. Das Auto bog in den Kurfürstendamm ein, überflutet vom Licht der Bogenlampen, Schaufenster, Terrassen. Im Glast des nächtlichen Dunstes schwamm gespenstisch wie eine Insel aus Stein die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Menschenströme wogten auf beiden Seiten dahin, aufreizend durch die raffinierte Verbindung von Pelzen und leichtem Seidengeflitter. Kaum hörbar hallten vom Turm die elf Schläge. Die Bremse knirschte, die Feuerlichter der Bar schrien ihn an, er stieg aus. Während er zahlte, schlug ihm van Holtens Hand auf die Schulter. »Drei Mark siebzig,« sagte der Chauffeur. Die schmalen Lippen des Rechtsanwalts verzogen sich zum Feixen. »Eine nette Summe für die Fahrt von der Regina-Bar bis hierher!« »Oh,« rief Glasberg lustig, »was hab' ich inzwischen alles erlebt! Denkst du, man sitzt ungestraft zwei Stunden in einer Berliner Bar, wenn man gerade aus Dalmatien kommt?« Fein, er war gut in Form. Sie warfen an der Garderobe die Mäntel ab. Als das Licht von tausend Kerzen auf sie eindrang, sah Glasberg, daß van Holten müde und alt aussah. Eigentlich hatte er neben Mario immer müde und alt ausgesehen: der nervöse Arbeitsmensch neben dem unverwüstlichen Sportsmenschen. Aber heute fiel es besonders auf. Die Gläser der Hornbrille waren fast größer als das ganze runde Gesicht. Auch die Haare vorn begannen sich zu lichten. Dabei war Wolf van Holten dicker geworden. Es war keine gemütliche Dicke, sondern eine widerwillig getragene. Sollte Mario Glasberg den Gegner bemitleiden? Aber es war wohl zu früh. Wolf van Holten hatte seine Perioden, nach denen er wieder verjüngt aus einer Krisis hervorsprang. Man kannte das an ihm nun schon seit zehn Jahren. Weit eher war Gefahr zu argwöhnen. Denn gerade wie jetzt sah Wolf immer aus, wenn er mitten in einer Riesenarbeit steckte, mit der er noch nicht ganz im reinen war. Sie fanden einen leeren Tisch im Tanzraum. »Ich komme von der Arbeit her, aber daß du für einen nächtlichen Bummel so wenig Toilette gemacht hast, nimmt mich wunder,« eröffnete Holten das Gespräch. »Als ob ich heute ausgehen wollte!« erwiderte Mario. »Es kommt manchmal über einen.« Dabei dachte er, daß er noch heute mit dem Maler Margis in den Dünen von St. Lüne gestanden hatte. Für sein Leben gern hätte er Holten nach Margis gefragt. War Margis vielleicht ein Komplice? Aber keine noch so vorsichtige Frage hätte es aus Holten herausbekommen, während im Gegenteil dieser ihm selber auf die Spur kommen konnte. Der Rechtsanwalt brauchte morgen nur bei Frau Margis unter irgendeinem Vorwand anzurufen und zu fragen, wo ihr Mann in den letzten Wochen gewesen war. Und dennoch – war es das Getöse der Jazzband um sie, irgendein weicher Ton des Saxophons, der sich auf seine Nerven schlug, oder eine merkwürdige Anwandlung von Eifersucht, weil er den Maler in der Nähe von Maria Fenn wußte – er konnte es nicht lassen, in diesem Augenblick seinen Namen zu nennen. Oder es war wohl nur Übermut, wie ein Flieger in der Gefahr den Motor abstellt und sich treiben läßt. »Du kennst doch den Maler Margis?« »Ja, flüchtig,« erwiderte Holten. »Hast du ihn gesprochen?« Aber er wartete keine Antwort ab, glitt darüber hinweg, als wenn es ihn nichts anginge. »Sag mal, wo hast du in Ragusa gewohnt? Sonderbar, daß du Baron Schlieven dort nicht getroffen hast. Man trifft sich doch da? Er war jetzt vier Wochen dort, wußte aber nichts von dir. Eigentlich könntest du mir einmal eine Ansichtskarte von deinen schönen Reisen schicken. Es interessiert mich doch, wo du steckst!« Hatte eine drohende Betonung in diesen Worten gelegen? Glasberg dachte darüber angestrengt nach. Er suchte sich den Tonfall ins Gedächtnis zurückzurufen. War es möglich, daß Wolf ihm auf der Spur war? »Ach was,« sagte er leichthin, »ich werde auf einmal Ansichtskarten schreiben!« Er erhob sich und forderte eine Dame vom Nebentisch zum Tanz auf. Es war derselbe Blues, den er vor einigen Tagen mit Maria Fenn getanzt hatte. Holten sah ihm lächelnd nach. Habe ich eine Dummheit gemacht? fragte Mario Glasberg sich. Jedenfalls werde ich morgen früh nicht das offizielle Flugzeug nach Königsberg benutzen. – Seine Dame tanzte begeisternd. Er gab sich ganz der Seligkeit hin, den weichen Frauenkörper durch das Gewühl zu lenken und lachte mit gesunden weißen Zähnen zu Wolf hinüber. 5 Eine Woche später teilte Franz Margis seiner Frau das Vorhandensein der Damen Fenn mit. »Du wirst dich nicht besinnen, daß wir sie im vorigen Jahr in dem Wäldchen getroffen haben. Als sie neulich in mein Hotel kamen, erkannte ich sie gleich wieder. Sie waren übrigens mit einem interessanten Mann zusammen. Erinnerst du dich an Mario Glasberg, den Sohn der Leynhausener Trustfamilie, dessen Frau, die berühmte Susette Streicher, sich vor zwei Jahren plötzlich vergiftete? Dieser Glasberg wohnt hier auf einem Gut und ist viel mit Mutter und Tochter Fenn zusammen. Übrigens scheint er – er ist Chemiker – viel zu arbeiten. Man sieht ihn oft tagelang nicht.« Er schilderte Luisa das Zusammentreffen in der Tanzdiele und seine Besuche in Klein-Klank. »Die beiden Frauen bedeuten mir viel. Obwohl ich seit Jahren kein Porträt mehr gemacht habe, male ich jetzt Maria und will dann Mutter und Tochter noch einmal zusammen malen. Von den Dünen hat es auch einige gute Bilder gegeben, aber die eigentliche Ausbeute dieser Reise werden doch die Porträts sein. Wie sonderbar verläuft die Entwicklung eines Künstlers! Da kam ich hierher, um mich mit Sand und Fichten und Meer auseinanderzusetzen, einer ganz dürftigen und öden Landschaft, und auf einmal male ich hier Porträts, strotzend von Farbe und unmittelbarem Ausdruck Wahrscheinlich bedeutet das für mich einen Wendepunkt in meinem Schaffen. Vielleicht werde ich jetzt ein oder zwei Jahre nur noch Porträts malen. Pekuniär wäre es natürlich sehr günstig, denn eine Landschaft zu verkaufen, wird immer schwerer. Wahrscheinlich komme ich nach Hause, sobald die Porträts fertig sind. Wir gehen dann zusammen noch einige Wochen nach Bayern.« Er las den Brief mehrere Male durch, bevor er ihn einsteckte. Eigentlich wollte er vor Luisa die Bekanntschaft nicht so wichtig machen, denn sie neigte zur Eifersucht. Aber jedes Wort, das er über die Fenns schrieb, schien ihm von besonderer Schwere, die Luisa herausfühlen mußte. Empfindungswelten schwangen da mit, stundenlange Gespräche, Augenerlebnisse von köstlicher Eindringlichkeit. Er konnte es nicht verhindern. Vielleicht war er in einen Hörselberg geraten. Die Stunden in Klein-Klank, die Verabredungen auf halbem Wege bestimmten seine Tageseinteilung. Die Staffelei war mit den andern Malsachen nach dem Gutshaus gebracht. Jeden Vormittag trafen sie sich zum Baden am Strand, aber nicht an seiner alten Malstelle. Er mußte fast drei Viertelstunden weitergehen, wo die Steilküste des Samlands jäh zum Meer abfiel. In einer Schlucht von Haselnußgesträuch, Birken und wilden Rosen trafen sie sich. Die Frauen kamen im Bademantel mit geflochtenen Strandschuhen vom Gut her den kleinen Pfad hinunter, wo er schon wartete. Der Tag konnte ihm nicht früh genug beginnen. Um neun Uhr war er schon dort, klomm die Böschung hinauf, ob er sie nicht von weitem durch den Wald kommen sah. Gerade über ihrer Badestelle lag ein uralter Buchen- und Eichenhain. Das Licht floß grün zwischen den Baumstämmen, vom Boden stieg leichter Modergeruch auf. Abgestorbene Blätter lagen in Jahresschichten übereinander, kleine verschlungene Wege führten hindurch. Oft ging der Maler bis zum Waldsaum. Dort sah er den Gutshof liegen. Von dort mußten sie kommen, aus dem Park heraustreten, dann die Birkenallee entlang, dann über die Chaussee, zwischen zwei Feldern durch, die mit gelben Ähren wogten, dann über die kleine Wiese. Fast eine Viertelstunde konnte er sie hinter seinem Dickicht beobachten, den ein wenig unbeholfenen Gang der Mutter und Renates straffen, geflügelten Schritt. Wenn sie nahe waren, widerstand er der Versuchung, sie hier oben schon zu begrüßen, eilte zum Strand zurück, legte sich in die Sonne und erwartete sie. Schlimm war es, wenn das Wetter zweifelhaft war. Er wußte dann nicht, ob sie kommen würden, wartete am Waldrand auf ihr fernes Auftauchen, ging wieder zurück und wieder hinauf. Wenn die Sonne dann endlich durchbrach, war es zu spät. Sie hatten es wohl aufgegeben. Wenn sie mich nur ein wenig gern hätten, dachte er, würden sie dennoch kommen! An solchen Tagen ging er traurig in sein Hotel zurück und las einen Schmöker. Manchmal war er bis auf die Haut durchnäßt. Er wußte nicht, wo seine Wünsche hingingen. Liebte er eine von ihnen? Nein, er liebte sie beide. Er liebte sie! Das erhöhte Gefühl, das ihn erfüllte, die nie abreißende Unruhe sagten es ihm in jeder Minute. Wie ein Primaner bin ich! gestand er sich ein. Obwohl er sich keine der beiden Frauen allein denken konnte, litt er doch darunter, daß er sie nur zusammen sah. Einer einzigen hätte er näherkommen können. Dabei konnte er nicht sagen, mit welcher von beiden er allein zu sein wünschte. Er malte Maria. Aber während er ihre volleren Glieder in Farben nachzauberte, zärtlich dem Lichtflaum nachging, der auf ihrem Nacken lag, den matten Glanz der schwarzen Haare einzufangen suchte, dem Fallen des Kleides auf dem weichen Frauenkörper folgte, dachte er immer schon daran, welche andere Farbe er für Renate wählen müßte, welche härteren Bogen, primitiveren Linien, herberen Töne und Striche ihr Kopf und Nacken und Körper erforderten. Unsichtbar malte er neben der aufgeblühten Frau das streng verschlossene Mädchen, neben dem schwarzen Schal über weißem Stoff den weißen Spitzenüberwurf über der roten Seide. Vielleicht hatte seine Erregung dennoch nichts mit Liebe zu tun, war nur die Erregung des Künstlers vor seinem Stoff. Vielleicht war es ihm nur auferlegt, das Mysterium von Mutter und Tochter zu gestalten, das nicht weniger tief war als jenes andere Mysterium von Mutter und Kind, das die Malerei von Jahrhunderten beherrscht hatte. Vielleicht war »Mutter und Tochter« das Mysterium der neuen Zeit, alle anderen Motive in sich fassend. Wie wenig haben wir Männer uns seit einem halben Jahrhundert verändert! Aber die Frauen veränderten in einem ungeahnten Grade das Antlitz der Welt; ein ganz neues Geschlecht, voll unvermuteter Kräfte. Und nun von diesen neuartigen, noch unbegriffenen Geschöpfen zwei Generationen darzustellen: die ältere, noch befangen Zweifelnde, und die junge, unbefangen sich Ausstrahlende, Mutter und Tochter, – rührte das nicht an den tiefsten Nerv der Zeit? Konnte die Nähe dieses Mysteriums nicht in bebende Erregung versetzen? Unbeschreiblich im Ausdruck, von einer bezwingenden Einfachheit mußte das Doppelbildnis werden. Zum Greifen deutlich stand es ihm vor Augen. Es mußte ihm vor Augen stehen, denn auch, wenn er Maria malte, saß Renate daneben, lesend und zuschauend. Obwohl er darauf brannte, Maria oder Renate einige Stunden allein zu haben, wäre er unglücklich gewesen, wenn das Mädchen während des Malens nicht dagesessen hätte. »Sie müssen sich jetzt schon das Kleid anziehen,« sagte er zu ihr, »in dem ich Sie malen werde.« Es hatte ein langes Aussuchen und Herumprobieren gegeben. Achtmal verwandelt kam sie aus ihrem Zimmer, das oben, neben dem Salon, lag. Von Leinen bis Crêpe Georgette wurde alles versucht. Schließlich blieb es doch bei der roten Seide, in der sie ihn zum erstenmal empfangen hatte. »Das wußte ich von vornherein!« rief sie. So saß sie neben der Mutter auf dem breiten Diwan mit dem Eisbärfell, beobachtete oder las in einem Buch. Fast jeden Nachmittag um die Teestunde war Margis bei den Frauen. Wenn das Licht nachließ, die Sonne hinten auf den Waldspitzen tanzte, ehe sie verschwand, legte er den Pinsel fort, packte die Sachen zusammen und verabschiedete sich. Jeden Tag war es so, daß er eine Aufforderung erwartete, den Abend in Klein-Klank zu verbringen. Nie kam diese Aufforderung. So schritt er denn, ein wenig mißmutig, langsam auf St. Lüne zu und nahm im Hotel sein Abendessen ein. Schließlich wollten die Frauen doch einige Stunden allein sein. Oder sie empfingen Dr. Glasberg. Vielleicht verlebte Glasberg alle seine Abende in Klein-Klank. Margis wurde nicht müde, sich das Zusammensein der drei auszumalen. Mario Glasberg war sicher ein vorzüglicher Gesellschafter. Er brachte wohl in seinem Auto Delikatessen und Champagner mit. Dann tafelten sie in großer Toilette. Nachher wurde das Grammophon in Bewegung gesetzt, sie tanzten, saßen auf dem breiten Diwan beisammen, löschten die Lichter bis auf einige Kerzen aus. Ganz genau stellte er sich das vor. Es war ja so natürlich, daß sie die Abende auf diese Weise verbrachten. Das Eigentliche, das Stimmungsvolle, Intime vollzog sich ohne ihn, den schwerfälligen Maler. Er durfte malen – mehr war ihm nicht vergönnt. Nach einigen Tagen erhielt er von Luisa einen Brief. Er brach ihn in einiger Beklommenheit auf. Luisa aber freute sich, daß er in St. Lüne Bekanntschaften gemacht hatte und daß er porträtierte. Sie erzählte von sich und den Kindern. »Und weißt Du, neulich rief Herr van Holten unvermutet an. Ich verstand zuerst gar nicht den Namen, so erstaunt war ich. Er erkundigte sich, wo Du wärest und wann Du zurückkämest. Ein Bekannter von ihm wolle eine Landschaft von Dir kaufen. Nun, Du kannst ja nach Deiner Rückkehr mit ihm telephonieren.« Margis war durch das Auftauchen dieses Namens betroffen. Weshalb hatte Holten seine Frau angerufen? War die Sache mit dem Bild ein Vorwand gewesen oder war er bereits durch die Bekanntschaft mit Glasberg in ein Geheimnis verwoben? Jedenfalls durfte er dem Chemiker nichts davon erzählen. Aber weshalb nicht? Konnte er durch Verschweigen oder durch Erzählen etwas verderben? Da aber Schweigen besser als Reden ist, beschloß er zu schweigen. Eigentlich brauchte er sich in dieser Hinsicht nichts vorzunehmen, denn er hatte Glasberg seit Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen. Vielleicht war er gar nicht mehr in dieser Gegend, und alle seine Gedanken über ihn und die Damen Fenn waren Einbildung. Beim Baden fragte er Maria nach ihm. Aber Mario Glasberg war noch in Serbenitz. »Gestern ist er bei uns zu Mittag gewesen. Wir sprachen viel über Siel« Margis traute diesem Mittagessen nicht. Die Vorstellung von allabendlichen Zusammenkünften der drei ließ ihm keine Ruhe. Eines Abends, als er das Gutshaus von Klein-Klank verließ, schlug er nicht den Fußweg durch den Wald ein, sondern ging durch die Birkenallee zur Chaussee, legte sich dort in das Dickicht und beschloß, auf Glasberg zu warten. Über eine Stunde ließ er sich von den Mücken zerstechen. Hier kann ich noch lange liegen, dachte er schließlich. Vielleicht hatten die drei ihre Zusammenkünfte erst um neun oder um zehn Uhr. Und vielleicht war es überhaupt ganz anders: Vielleicht hatte Glasberg Maria Fenn längst erobert und schlich sich erst spät in der Nacht zu ihr. Marias Schlafzimmer lag im Erdgeschoß des Hauses, eine Treppe tiefer und im anderen Flügel als Renates Zimmer. Auf einmal kam ihm der Gedanke, Glasberg in Serbenitz aufzusuchen. Er konnte den Besuch sogar damit begründen, daß er ihm eine Gegenvisite schuldete. Er kroch aus dem Unterholz hervor, säuberte sich und schlug entschlossen den Weg nach rechts ein. Jeden Augenblick, dachte er, würde Glasberg hinter einer Biegung hervorkommen. Er ging wohl zwanzig Minuten die Chaussee entlang, ohne daß eine Menschenseele ihm entgegengekommen wäre. Zur Linken glühte das Abendrot durch die Baumstämme, rechts lagen die Gründe schon im Dunkel. Ein leiser Westwind rauschte in den Zweigen. An einer Biegung der Chaussee lag ein Gasthaus. Bis hierher war er schon oft gegangen. Jetzt bog der Weg ins Tal; unter einer Brücke gluckste ein halbausgetrockneter Bach. Merkwürdig kühl schlug sich die Luft um ihn. Der Boden war feucht, riesige Linden wölbten sich zum dichten Blätterdach. Auch am Tage drang hier kein Sonnenstrahl hindurch. Margis schritt eilig vorwärts. Da hörte er das Knirschen von Autorädern in der Ferne. Um die jenseitige Ecke funkelten zwei Scheinwerfer ihm entgegen, prallten gegen den Wald, schlugen über ihn hinweg. Ein Wagen kam angerast. Das Licht fiel blendend gegen seine Augen. War das Glasbergs Auto? Er konnte es nicht erkennen. Ein Mann saß am Steuer. Er suchte nach der Nummer, aber ehe seine lichtgetroffenen Augen sehen konnten, war es um die Ecke verschwunden. Hatte es noch einen Zweck, weiterzugehen? Aber wenn er nun Glasberg zu Hause antraf? Kurz entschlossen ging er vorwärts. Er wollte aus den Zweifeln heraus. Als er aus dem Waldgrund hervorkam, bemerkte er, daß es noch gar nicht dunkel war. Er konnte links das Meer sehen, über dem noch immer der rosarote Schein der untergegangenen Sonne lag. Vor ihm breiteten sich eingezäunte Wiesen und Roßgärten. In einiger Entfernung lag ein großer Gutshof. Das mußte Serbenitz sein. Ein Fahrweg bog von der Chaussee ab. In wenigen Minuten stand er vor dem verschlossenen Gitter des Wirtschaftshofes. Ein Hund gebärdete sich im Innern wie wahnsinnig, riß an seiner Kette, tanzte auf den Hinterfüßen. Kein Mensch war zu sehen. Im Hintergrund lag dunkel hinter Kastanien das Herrenhaus. »Hallo!« rief Margis. Der Hund heulte, ein Mann kam angeschlurft. Margis fragte nach Herrn Doktor Glasberg. »Der Chauffeur ist im Stall,« sagte der Mann und ging zurück. Nach einer Weile kam der Chauffeur an das Gitter. Herr Doktor Glasberg wäre im Schloß, aber er arbeitete und hätte sich jede Störung verbeten. »Herr Doktor wird mich sicher empfangen,« sagte Margis und nannte seinen Namen. »Sicher,« sagte der Chauffeur und behielt sein undurchdringliches Gesicht. »Aber ich darf Sie leider nicht melden. Der Herr Doktor macht Experimente.« Margis drehte sich um und ging ohne Gruß fort. War Glasberg nun zu Hause oder nicht? Vielleicht steuerte er bei seiner abendlichen Tour nach Klein-Klank den Wagen selbst? Er dachte an das vorbeifahrende Auto. War das Glasberg gewesen? Vielleicht saß er aber wirklich in seinem Laboratorium und »machte Experimente«? Der Chauffeur war jedenfalls gut geschult und überdies ein unverschämter Bursche. Was nun? Sollte man nach Hause gehen, noch etwas essen und sich über die Tanzmusik ärgern? Nach Hause gehen und morgen abfahren! dachte er. Schon einmal war ihm dieser Gedanke gekommen: als er das erstemal nach Klein-Klank eingeladen war. Jetzt tauchte es zum zweitenmal wie eine Warnung in ihm auf. Packen und nach Hause fahren! Aber die Porträts? Die Bilder mußte er erst zu Ende malen. Aber er konnte sich ganz auf diese Arbeit beschränken. Vormittags baden, gut! Kamen die Frauen, so kamen sie. Wenn nicht, so blieben sie fort! Dann nachmittags die Sitzung, und abends konnte er wieder wie früher in der Hoteldiele hocken, seinen Mosel trinken und um Mitternacht schlafengehen. Das war ein gutes Programm. Als er durch den dunklen Grund gekommen war, stand dieser Entschluß fest. Wie lange Zeit brauchte er noch für die Bilder? Acht Tage vielleicht. Mit Maria konnte er morgen fertig werden, dann noch eine knappe Woche für das Doppelporträt, ein Tag Nichtstun und Packen, vielleicht noch ein Abend in Königsberg, dann aber mußte er nach Berlin. Es war die höchste Zeit. Luisa mußte auch einmal von den Kindern fort und ein wenig nach Bayern, um Ruhe zu haben. Er atmete erleichtert auf und ging schnell weiter. Außerdem hatte er Hunger. Es war inzwischen zehn Uhr geworden. Hier kam die Birkenallee nach Klein-Klank. Ob er die Spuren eines Autos entdecken konnte? Er hielt die Augen dicht über dem Boden. Es waren verschiedene Wagenspuren da, aber sie konnten alt sein. Seit drei Tagen hatte es nicht geregnet. Doch vielleicht fand er irgendwo das Auto? Er ging, sich am Rande des Weges haltend, weiter. Was sollte er sagen, wenn er jetzt jemand traf? »Nun, ich komme einmal auf einem Abendspaziergang vorbei, sehr einfach!« beruhigte er sich. Aber er drückte sich doch im Schatten der Birken von Baum zu Baum vorwärts. Am besten ging er jetzt im Park weiter. Er kletterte durch den kleinen Graben, bog die Drähte des Zaunes herunter und klemmte sich durch. Seine Füße wateten in weichem Laub, das leise raschelte. Hin und wieder knackte ein Zweig. Jetzt war er auf dem Weg. Zwischen den dichten Hecken konnte man bis ans Gutshaus gelangen. Ob hier nachts ein Hund war? Die Frauen schienen Hunde nicht zu mögen. Er hatte bisher keinen in Klein-Klank entdeckt. Auf dem Wirtschaftshof würde natürlich einer sein, aber der war vorn durch das Parkgitter vom Herrenhaus getrennt. Margis schlich sich langsam weiter. Von der Seite fiel der Mond ein. Die Rasenflächen hinter den Hecken schimmerten silbrig. Jetzt hob sich die dunkle Fassade des Hauses gegen den Himmel. Wenn er einige Minuten wartete, mußte der Mond voll darauf liegen. Er hielt an, brach durch das Dickicht bis zum Rand des Rosenrondells vor. Der Blättervorhang schützte ihn; nur seine Blicke konnten, wenn er einen Zweig vorsichtig in die Höhe hob, hindurchdringen. Schweigend und dunkel lag das Haus. Die unteren Fenster waren durch Läden abgeschlossen. Man konnte nicht wissen, was sich hinter ihnen abspielte. Aber die oberen Fenster lagen frei, und einige schienen offen zu stehen. Er wartete auf den Mond. Langsam hellte sich jetzt die Fläche auf, dunkle Flecke huschten nach links, und dann lag die Wand in weißem Licht. Eine unendliche Sehnsucht ergriff ihn. Klein-Klank! Ein unbeschreiblicher, nicht auszukostender Zauber lag für ihn in diesem Namen. Die drei großen Fenster des Salons waren geöffnet. Er sah deutlich die weißen Stores, wie sie sich langsam im Winde hin und her bewegten. Noch ein viertes Fenster daneben stand offen: Renates Zimmer. Als der Mond jetzt höher stieg, sah er sie selbst auf der Fensterbank kauern. Im Nachthemd, mit emporgezogenen Knien, saß sie da und sah in den Park. Der Mond schien ihr voll ins Gesicht. Jeden einzelnen Zug, durch dunkle Schatten markiert, glaubte er zu erkennen. Es trieb ihn, näherzuschleichen, um sie noch deutlicher zu sehen! Aber zwischen ihm und ihr breiteten sich die mondbeschienenen Plätze. Nur auf der anderen Seite des Parks konnte er näherkommen. Hier standen alte Fliederbüsche dicht unter ihrem Fenster. Aber um dorthin zu gelangen, mußte er noch einmal tief in den Park zurück. Nachher hatte sie sich vielleicht schon zurückgezogen, und er verlor Minuten ihres Anblicks. Dennoch ging er langsam zu dem Gang zwischen den Hecken zurück, einige hundert Meter immer im Schatten. Nutzte die Deckung der Pergola, um hinüberzuschlüpfen, gewann den Heckengang auf der anderen Seite des Parks und ging vorsichtig nach vorn. Bis zu den Fliederbüschen mußte er zehn Meter über einen freien Platz gehen. Er rechnete sich aus, wie er es machen konnte, daß auch sein Schatten durch die Fliederbüsche verborgen blieb. Schließlich legte er sich auf die Erde und kroch vor, zwängte sich langsam und vorsichtig in das Gebüsch, bog einen Zweig zur Seite, und nun sah er, selbst im Dunkel, Renate vor sich, ganz deutlich, jede Falte ihres Hemdes, die Biegung ihrer Füße, die über den Beinen verschlungenen Hände. Nur das Gesicht nicht. Sie hatte es vornübergebeugt. Das kurze blonde Haar fiel wie ein Vorhang darüber. So kauerte sie unbeweglich. Er wunderte sich nicht einmal. Irgend etwas Seltsames mußte sie tun; weder lernen und ein Examen machen, noch ein Instrument spielen oder in der Wirtschaft tätig sein; aber hier die Nacht über im Fenster sitzen, stundenlang, unbeweglich, dem Rauschen der Bäume hingegeben, den leisen Verschiebungen des Lichts, dem Zug der Wolken – das war Renate Fenn! Eine halbe Stunde stand er da und sah sie an, kämpfend mit der Versuchung, sie anzurufen. Dann schlich er vorsichtig zurück, durchwandelte, immer ihr Bild vor Augen, den Heckengang und fand hinten im Park auf verwachsenen Wegen den Ausgang zur Birkenallee. Als er in das Hotel kam, packten die Musiker gerade ihre Instrumente zusammen. Der Wirt stand hinter dem Büfett und rechnete mit den Kellnern ab. »War es schön in Klein-Klank?« fragte er dienernd und hatte wieder sein Lächeln um den Mund. Margis ging ohne Antwort in sein Zimmer hinauf. 6 Am nächsten Morgen konnte er kaum das Zusammensein mit den Frauen erwarten. Ihm schien, als müßte nun alles anders zwischen ihnen werden, seit er Renate des Nachts belauscht hatte. Er hatte den Eindruck, in einer geheimnisvollen Weise Gewalt über sie bekommen zu haben. Als er aufwachte, hatte sich der Himmel bezogen. Es regnete nicht, aber an solchen Tagen pflegten die Frauen dem Strand fernzubleiben. Alle seine guten Vorsätze vom gestrigen Abend waren geschwunden. Er dachte wohl noch an seine Absicht, die Bilder schnellstens zu beendigen und fortzufahren, und er widersprach dieser Absicht auch nicht gerade. Aber wie sollten die Bilder geraten, wenn er sich innerlich von seinen Modellen löste? So trieb er wieder auf der Flut seiner Empfindungen. Er zog sich am Strande nicht erst aus, so sicher war er, daß die Frauen heute fortbleiben würden. Aber er klomm doch den Hang hinauf, schlenderte oben durch die grüne Dunkelheit des Waldes und konnte das Auslugen nicht unterlassen. Still lagen die Birkenallee und der Park. Schon herbstliche Wolken zogen über die Wiesen und Felder. Wie, wenn er einfach nach dem Gutshof ging? Mußte er sein Kommen noch begründen? War er nicht genugsam dort zu Hause? Nein, er war es nicht! Aber vielleicht lag es nur an ihm, diese Abgrenzungen zu durchbrechen? Er ging über die Wiese, dann zwischen den Feldern hindurch zur Chaussee. Vielleicht hatte er sogar etwas Wichtiges mitzuteilen. Er konnte sagen: »Wir müssen nun auch am Vormittag arbeiten. In acht Tagen muß ich in Berlin sein. Mich erwartet dort ein großer Auftrag.« Vielleicht war es überhaupt gut, so etwas zu sagen. Er überquerte die Chaussee und bog in die Birkenallee ein, schlenderte weiter, als genösse er die Landschaft, und dachte daran, wie er gestern abend hier entlang gegangen war. Würde er Renate sehen? Was für ein Kleid würde sie anhaben? Er bog durch das geöffnete Gittertor in die Auffahrt ein. Wie schön die Rosen der Rabatten in dem trüben Licht des wolkigen Tages aussahen! Vor der Veranda stand Glasbergs Auto, ohne Chauffeur. Also doch! Wenn die Frauen nicht zum Strand kamen, war Glasberg bei ihnen. Sie benutzten die Ausrede des trüben Wetters, und er kam angefahren. Und ohne den Chauffeur, genau wie gestern abend! Aber das Auto hatte in der Nacht nicht hier gestanden. Nein, so dumm war Glasberg nicht. Das ließ er irgendwo im Gestrüpp; der Wald bot Verstecke genug. Auf der Veranda saß Renate und las. Als sie den Kopf hob, bemerkte er, daß sie dunkle Ränder unter den Augen hatte. Kein Wunder, wenn sie in den Nächten am Fenster saß. Aber weshalb war gerade heute ihre Müdigkeit so sichtbar? Saß sie nicht in allen Nächten am Fenster und sah in den Park hinaus? Hatte sie es gestern zum erstenmal getan? »Guten Tag, Fräulein Renate!« sagte er und ging zu ihr. Sie beachtete ihn nicht sonderlich, gerade, daß sie nicht weiterlas. Reichte ihm auch nicht die Hand. »Komme ich ungelegen?« »Nein, wieso? Herr Glasberg ist bei der Mutter drin.« Er fragte, ob die beiden etwas zu besprechen hätten. Er wolle nicht stören. Dabei setzte er sich neben sie. Sie legte das Buch zur Seite. »Ärgern Sie sich, daß ich Ihre Lektüre unterbreche?« »O Gott, nein!« sagte sie. »Ein entsetzlich langweiliges Buch! Aber alle lesen es.« »Weshalb lesen Sie es denn? Es ist kein Buch für Sie.« Er hätte heute keine Lust zum Baden. Das Wasser wäre eisig. Und überdies müsse er die Bilder beschleunigen. Er werde in der nächsten Woche nach Berlin zurückfahren. Dabei wartete er ängstlich auf ein Zeichen ihres Bedauerns. Es sollte ihr leid tun, daß er fortfuhr. »Schade!« sagte sie. Es war so unbetont gesprochen, daß es nur Höflichkeit schien. Auf einmal fiel ihm ein, daß es van Holten war, der seine Frau wegen eines Bildankaufs angerufen hatte. »Was ist eigentlich mit van Holten los?« fragte er unvermittelt. Sie hob den Kopf und sah ihn an. »Haben Sie von – von diesem Mann etwas gehört?« »Das nicht!« sagte er. »Aber Holten scheint an jenem Auftrag für mich irgendwie beteiligt zu sein. Ich weiß übrigens nichts darüber. Es scheint mir nur so. Und da ich Herrn Doktor Glasberg hier nun kennengelernt habe, interessiert es mich natürlich, was zwischen den beiden Herren spielt. Es ist jedenfalls sicher, daß Holten das Bild Glasbergs auf seinem Schreibtisch stehen hat.« »Ach,« sagte sie, »es ist nichts weiter. Eine Dummheit. Herr van Holten soll der Ansicht sein, daß Herr Glasberg seine erste Frau, die Schauspielerin, umgebracht hat.« »Wie denn? Sie hat sich doch selbst das Leben genommen?« »Ja aber Holten soll behaupten, daß Glasberg es getan hat. Verrückt, nicht?« »Anscheinend!« sagte Margis; aber er war betroffen. Er hatte sogar das Gefühl, zu erbleichen. War das möglich, was Holten behauptete? Aber was war hier nicht möglich? In diesem Augenblick trat Glasberg mit Maria Fenn aus dem Haus. »Hallo, Meister Margis!« rief er. »Gerade wollte ich zu Ihnen kommen, um mich wegen gestern abend zu entschuldigen.« Frau Fenn bewillkommnete ihn gleichzeitig mit vielen Worten. Mario Glasberg sprach sein Bedauern aus, Margis am Abend verfehlt zu haben. Der Chauffeur wäre ein dummer Kerl. »Selbstverständlich hätte ich Sie brennend gern auf Serbenitz begrüßt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit!« Er forderte den Maler auf, ihn gegen Abend zu besuchen. Fragte, ob er Jäger sei. Sie könnten abends oder auch am nächsten Morgen pirschen gehen. Margis war nicht Jäger; aber er liebte es, im Wald herumzustreifen. Ihm fiel ein, was Glasberg in den Dünen zu ihm gesagt hatte: »Man könnte nette Abende miteinander verbringen, zusammen Auto fahren, jagen, bei den Damen Fenn tanzen und tausend Sachen mehr.« Seither hatte er Glasberg kaum zwei- oder dreimal flüchtig gesehen, und von diesen angenehmen Dingen war nicht mehr die Rede gewesen. War Glasbergs Gleichgewicht inzwischen durch irgend etwas gestört worden? Der Chemiker schien seine Gedanken zu erraten. »Überhaupt hoffe ich, Sie jetzt öfters zu sehen, Meister. Ich hatte in den beiden letzten Wochen viel vor. Ich habe Spritztouren in die Umgegend gemacht und nachts gearbeitet. Aber auch Sie haben sich ja hier mit dem Pinsel vor Anker gelegt!« Margis überlegte sich, ob das vielleicht eine eifersüchtige Warnung sein sollte. Aber nichts schien in dem offenen Knabengesicht Glasbergs zu drohen. Es strahlte eitel Lebenslust und gute Laune aus. »Also heute abend, Meister! Gegen sechs oder sieben Uhr. Sie essen zur Nacht mit mir und bleiben bis in die Unendlichkeit.« Er reichte allen die Hand, sprang zum Auto hinunter und fuhr davon. Margis berichtete von seinem Plan, die Bilder in einer Woche zu beenden und fortzufahren. »Um Gottes willen!« rief Maria Fenn aus. »Wie können Sie uns sobald allein lassen! Im Herbst und Winter sind wir lange genug einsam!« Der Ausbruch tat ihm nach Renates Gleichgültigkeit wohl. Aber auch hier wußte er nicht, ob es nicht nur Höflichkeit war. Lag der Frau wirklich etwas an seiner Gesellschaft? Vielleicht war es nur die Gegenwart Renates, die jeden Gefühlsausdruck der Mutter zurückdämmte? »Gnädige Frau!« sagte er, »Sie beschämen mich. Wie kann ich hoffen, daß meine Gegenwart Ihnen etwas bedeutet?« »Nur niemand halten wollen, Mama!« rief Renate dazwischen. Es wirkte in dem Augenblick, da Maria Fenn und der Maler sich gerade in Freundschaftsbeteuerungen überbieten wollten, so komisch, daß sie alle drei lachten. Während des Gelächters wurde Margis inne, daß er die ganze Zeit an Renates Worte gedacht hatte: »Herr van Holten soll der Ansicht sein, daß Herr Glasberg seine erste Frau umgebracht hat!« Eine merkwürdige Ansicht Holtens! Konnte man ihm zutrauen, daß er sich in eine unsinnige Idee verbiß? Während diese Sätze in klarer Formulierung durch seinen Kopf gingen, lachte er immer noch mit den Frauen. »Nun, dann muß ich mich in der Tat verabschieden,« sagte er und löste neues Lachen aus. Maria Fenn begleitete ihn bis zur Allee, während Renate wieder zu ihrem Buch griff. »Heute muß Ihr Bild fertig werden, Frau Maria. Aber dazu wird es nötig sein, daß wir einige Stunden ungestört sind. Morgen werden dann Sie beide gemalt. Aber heute nachmittag sind wir allein im Salon, gelt?« Maria Fenn seufzte: »Wie sag' ich's meinem Kinde?« Und begann von Renates Eifersucht zu sprechen. »Wissen Sie, daß eine erwachsene Tochter einen am liebsten abdrosseln möchte? Man hat doch manchmal das Bedürfnis, mit jemand allein zusammen zu sein. Sie erlaubt es nicht!« Auf einmal lachte sie wie ein kleines Mädchen. »Mit Herrn Dr. Glasberg gebe ich mir manchmal geradezu ein Rendezvous. Ihnen kann ich's sagen, Sie verstehen es natürlich nicht falsch. Ich reite mit dem Verwalter aufs Feld – Renate mag nicht reiten – und treffe mich hinter der Waldecke mit Glasberg. Ich will mich doch auch über Renate mit jemand aussprechen, nicht wahr? Was soll aus dem Mädchen werden? Was meinen Sie, Margis? Sie will nichts lernen und nichts arbeiten. Sie werden mir sagen, daß sie heiraten wird. Aber solche Wesen werden in jeder Ehe unglücklich sein. Und wie, wenn ich selbst noch einmal heiraten sollte?« Sie sah ihn fragend an. »Das wird Renate nicht zulassen,« sagte er lachend. »Nein, sie wird es nicht zulassen. – Also auf heute nachmittag!« Sie ging um das Rondell zur Veranda zurück. Es ist nichts zwischen ihr und Glasberg! entschied sich Margis. Natürlich ist sie in den Jungen verliebt. Auch Renate ist in ihn verliebt. Wenn Glasberg nicht da wäre, würden sie beide in mich verliebt sein, und es würde ebensowenig zu bedeuten haben. Oder nein! Wahrscheinlich weniger, viel weniger! Aber ist Glasberg in Maria Fenn verliebt? Dann gibt es ein Unglück. Er wußte nicht, weshalb es ein Unglück geben würde. Jedenfalls nicht wegen Glasbergs Frau, die nur in geringem Grade auf der Welt zu sein schien. Aber vielleicht wegen Renate! Auf dem Weg überlegte er, daß er seit gestern abend ein großes Stück vorwärts gekommen war. Es war gut, daß er Renate des Nachts in ihrem Fenster gesehen hatte und heute vormittag einfach nach Klein-Klank gegangen war. Was hatte er alles in diesen Stunden kombiniert! Man nahm immer alles zu wichtig, beschwerte jede Äußerung, jeden Umstand, jedes Kommen und Nichtkommen mit tausend Möglichkeiten, und dabei war alles so einfach. Natürlich! Wenn die Frauen nicht baden wollten, so riefen sie Glasberg an, und er kam zu ihnen gefahren. Man brauchte wirklich an keine nächtlichen Feste zu denken, und wenn die drei vielleicht zusammen soupierten, so war es sicher kaum anders als seine eigenen Zusammenkünfte mit den Damen Fenn. Die Eifersucht Renates sorgte schon dafür. Aber wie kam Holten darauf, daß Glasberg seine Frau umgebracht haben sollte? Ein toller Gedanke! Oder hatte Glasberg es wirklich getan? Am Nachmittag empfing ihn Renate auf der Veranda noch kühler. Sie sah kaum von ihrem Buch auf, als er ins Haus hineinging. Natürlich hatte sie auch nicht das rotseidene Kleid an, sondern etwas, was sie fast niemals trug: Rock und Bluse. Es stand ihr allerliebst. Natürlich wußte sie das. Sie schlug damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens sah sie gut aus, zweitens dokumentierte sie Margis gegenüber: »Es ist mir ganz gleichgültig, wie ich für Sie aussehe.« Rock und Bluse waren ungefähr eine Kriegserklärung und Mobilmachung. Im Salon erwartete ihn Maria. »Renate ist böse!« sagte sie. Er erwiderte, daß er es gemerkt hätte. »Ist das schlimm?« Maria fand, daß es doch eigentlich sehr ehrenvoll für ihn wäre. »Nein,« sagte er ernst. »Man muß nicht alle Situationen über einen Kamm scheren. Sie ist nicht eifersüchtig auf mich, wie sie es etwa auf Herrn Dr. Glasberg wäre, sondern nur in dem Sinne, daß ich als ziemlich gleichgültige Person es fertigbekomme, sie von etwas auszuschließen. Sie ärgert sich darüber, daß Sie, Frau Maria, mir einige Stunden mit sich gönnen, nichts weiter.« »Sie dürfen sich nicht so gering einschätzen, Lieber!« »Ich schätze mich richtig ein.« »Nein, Sie sind zu bescheiden!« sagte Maria. Er sah sie erstaunt an, begann aber schon, die Farben auf der Palette zu prüfen. In diesem Augenblick wirkte sein Entschluß, die Bilder zu beenden und abzufahren. Merkwürdigerweise gerade in diesem Augenblick. Maria Fenn nahm schweigend ihre Pose ein. Er arbeitete mit strenger Sachlichkeit. Es war wenig mehr oder noch alles an dem Bilde zu tun. Der letzte Eindruck der Fertigkeit war heraufzubeschwören, ohne daß man das Wesentliche, das längst dastand, antastete. »Wenn Sie wüßten, was ich hier male, würden Sie mich hinauswerfen,« sagte er endlich. Sie sah ihn fragend an. »Ich genieße Sie,« sagte er trocken. Und nach einer Weile, sie groß und offen ansehend: »Darf ich Sie küssen?« Da sie nichts antwortete, trat er zu ihr, nahm ihren Kopf in beide Hände und küßte ihren Mund, ihre Augen, ihre Stirn. »Deswegen wollten Sie mit mir allein sein?« fragte sie, ihn zurückschiebend. »Ja!« Sie stand auf, und ihm war, als ob seine Zärtlichkeiten damit von ihr abflössen und zu Boden sanken. »Ich habe es gestattet,« sagte sie ernst. »Aber tun Sie es nie wieder!« »Weshalb nicht?« fragte er fast barsch. »Weil – ich einem andern gehöre. Was haben Sie gemalt?« Sie zeigte auf das Bild. »Mein Gott!« sagte sie. »Das ist ein Meisterwerk!« Sie stand ergriffen vor der Staffelei. Renate kam herein. Margis bemerkte mit innerer Schadenfreude, daß Maria vor ihrer Tochter verwirrt war. »Wenn Sie um sieben in Serbenitz sein wollen, müssen Sie jetzt fort!« sagte Renate. Und in diesem Augenblick fühlte er, daß er hunderttausendmal lieber Renate geküßt hätte. 7 Als Wolf van Holten von dem Zusammensein mit Mario Glasberg nach Hause kam, fand er eine dringende Depesche vor. Er war wie aus dem Wasser gezogen. Die Stunden mit Glasberg pumpten ihn förmlich aus. Nicht allein, weil er sich in Wort und Haltung bis zum äußersten in die Gewalt nehmen mußte, oder weil die Jahre der gemeinsamen Freundschaft beschwörend vor ihm aufstiegen – das alles spielte nur in seinen Zwiespalt hinein und wurde mehr oder weniger leicht niedergehalten. Aber vor Marios Gegenwart drohte sein ganzes Gedankengebäude einzustürzen. Wenn er mit ihm zusammengewesen war, wurde er immer wieder unsicher, ob nicht allein Neid ihn in die unversöhnliche Kampfstellung hineintrieb. Die heitere Kraft Glasbergs überwältigte ihn. War es möglich, daß jemals hinter dieser offenen Knabenstirn Mordgedanken ausgebrütet wurden, daß dieser kindlich-fröhliche Mensch ein Verbrechen auf dem Gewissen hatte? Es gab Augenblicke, wo er seinen Kombinationen nicht mehr traute. Er sah sich wieder als den kleinen Regierungsratssohn, der gegen den Götterliebling rebellierte. War es nicht auf der Schulbank schon so gewesen? Hatte er Glasbergs Freundschaft nicht immer wieder zurückgewiesen, bis der Sohn des Trustkönigs ihn doch erobert hatte und bezwang? Nicht einmal mit besonderer Anstrengung, sondern nur, wie er alle besiegte. Das alles hatte er sich tausendmal gefragt und hatte es tausendmal widerlegt. Und immer war dann die Frage gekommen, ob die geheime Triebfeder seines Tuns nicht Eifersucht sei. Nein, es war keine Eifersucht! Er hatte Susanne Streicher nicht geliebt! Vielleicht hatte er die beiden um ihr Leben beneidet, dieses losgelöste, frei aus sich herausschwingende Leben, das niemals einer Arbeit, einer Aufgabe, einer Idee hörig geworden war. Nein, er hatte zu Susette genau so gestanden wie zu Mario: bewundernd, ein wenig verachtend und ein wenig neidisch. Nicht so neidisch, wie er selbst von hundert andern um die Freundschaft mit diesen Menschen beneidet wurde. Es hatte ihn nie mit Glück erfüllt, wenn Susette ihn vor allen als den ein für alle Male bevorzugten und allernächsten Freund auszeichnete. Natürlich, er hatte sich immer – ein wenig eitel vielleicht – in dem großen, freien Stil dieser Menschen gesonnt, aber warm war ihm in Susettes Nähe nie geworden. Dazu fehlte ihr nach seinem Geschmack etwas. Er fand Susette zu unbelastet. Sie kannte kein Ringen um Ziele, hatte niemals Stunden des Ungenügens gehabt. Unzweifelhaft war sie eine der begabtesten jungen Schauspielerinnen. Aber für Literatur hatte sie sich nie interessiert, und es war ihr keinen Augenblick schwer geworden, der Bühne den Rücken zu kehren, da ihr Leben der gleiche Triumphzug blieb, ob sie nun spielte oder nicht. War es übrigens so völlig ausgeschlossen, daß sie sich selbst das Leben genommen hatte? Konnte sie nicht ihr Dasein ganz plötzlich als inhaltleer und äußerlich empfunden haben? Vielleicht war der Ekel langsam in ihr aufgestiegen und hatte sich dann in der entsetzlichen Tat Luft gemacht. Wenn es so war, dann war sie jedenfalls anders gewesen, als er sie immer gedacht hatte. Dann hatte sie langsam an Mario zweifeln gelernt. Dann aber hätte doch einmal in einem ihrer langen Gespräche, die ihn stets so unbefriedigt gelassen hatten, der Funke herüber- und hinüberspringen müssen. Aber er hatte nie die geringste Regung eines Zweifels an ihr bemerkt, Nein, solche Frauen nehmen sich nicht das Leben! Immer wieder kam er zu diesem Schluß. Wie sollte sie doch in dem umstrittenen Abschiedsbrief geschrieben haben? »Das Leben ist so herrlich, und es ist unmöglich, daß es so bleiben kann. Deshalb gehe ich, da noch alle Tafeln besetzt sind. Adieu, ich stehe auf!« Das sollte diese Susette als Abschied an ihre Mutter geschrieben haben? Immer stand dieser Abschiedsbrief am Schluß aller Fragen. War es möglich, daß sie ihn selbst geschrieben hatte, oder war er eine Fälschung Marios? Darum drehte sich alles. Wenn man nur diesen Brief hätte bekommen können! Aber Mario gab ihn nicht heraus. Alle Bemühungen waren vergebens gewesen. Selbst der Einbrecher, den Holten gedungen hatte – ein ganz schwerer Junge aus seiner Praxis – war nicht zum Ziel gelangt. Mario verstand sich auf den Kleinkrieg der Weltstadt. Er saß unangreifbar in seinem Nest zwischen den hohen Fabrikschloten. Wächter und Hunde hüteten die Zugänge; elektrische Lärmkabel neuester Konstruktion vereitelten jedes unbefugte Eindringen. Einmal hatte Holten eine jener Bardamen aus den Dielen, mit denen Glasberg von Zeit zu Zeit verkehrte, für sich gewonnen. Sie war in der Fabrikwohnung, die Holten niemals zu betreten Gelegenheit bekam, einige Tage ein- und ausgegangen. Sie hatte Holten noch berichten können, daß der so eifrig gesuchte Brief in Marios Schreibtisch eingeschlossen lag. Dann war sie verschwunden. Holten hatte sie niemals wiedergesehen. Tagelang hatte er jede Leiche in Augenschein genommen, die irgendwo gefunden oder angeschwemmt war, hatte jeden Mittag das Leichenschauhaus besucht. Er konnte keine Spur von ihr entdecken. War sie zu Glasberg übergegangen, oder hatte der sie ertappt und beseitigt? In seinem großen Röntgen-Laboratorium konnte er durch die elektrische Hochspannung mehr als einen Menschen in Staub und Asche verwandeln. Seither hatte Holten nie wieder einen Versuch in dieser Richtung unternommen. Doch, noch ein einziges Mal, einen letzten, verzweifelten Versuch, von dessen Mißlingen er von Anfang an überzeugt gewesen war: Eines Tages hatte er Glasbergs jetzige Frau aufgesucht und seinen Verdacht gegen Mario rückhaltlos vor ihr ausgebreitet. Es war in dem silbergrauen Salon in der Dahlemer Villa gewesen. Bleich und zitternd hatte Frau Käte in ihrem weitbauschigen, unmodernen Kleid dagesessen und ihn angehört. Er beschwor sie, sich von Mario zu trennen, auf die Seite seiner Freunde zu treten. Kein Wort hatte Frau Käte gesagt, ihn eine halbe Stunde reden lassen. Dann hatte sie auf den Knopf der Klingel gedrückt und mit fester Stimme dem Diener befohlen, den Besuch hinauszubegleiten. Niemals war zwischen Mario und ihm von dieser Szene die Rede gewesen. Er wußte nicht einmal, ob sie je zu ihrem Mann von Holtens Besuch gesprochen hatte. Vielleicht war die stille Frau die wahre Heldin dieser Tragödie. Vielleicht zweifelte sie nicht an der Schuld ihres Mannes, vielleicht fürchtete sie selbst, eines Tages das Opfer zu werden. Aber sie blieb ohne ein Wort auf dem Posten, der ihr zugefallen war, als das Langenohrer Hüttenwerk mit dem Leynhausener Konzern vereinigt wurde und sie selbst die Rolle von Mario Glasbergs Frau auf sich genommen hatte. Holten konnte es sich damals selbst sagen, daß er durch Frau Käte nicht in den Besitz von Susannes Abschiedsbrief kommen würde. Aber er wollte wenigstens den Versuch gemacht haben. Es war die peinlichste Situation gewesen, der er sich je ausgesetzt hatte. Eigentlich war es unfaßbar, daß Mario Susannes Brief an ihre eigene Mutter nicht herausgab. Frau Agathe Streicher hatte ihm die Szene viele Male geschildert: Am Abend war der große Kostümball gewesen, der einmal im Jahr die ganze Leynhausener Gesellschaft, sowohl des Hofes wie der Industrie, in einem Hotel zusammenführte. Mario und Susette, mit den Familien notdürftig ausgesöhnt, waren von Berlin zum Fest herübergekommen. Bald nach Mitternacht hatten sie sich zurückgezogen und ihr Hotel aufgesucht. Gegen ein Uhr rief Susette ihre Mutter an, wie sie es fast jeden Abend zu tun pflegte. Nichts hätte, wie Frau Agathe Streicher schilderte, bei ihrer Tochter den Eindruck besonderer Exaltation hervorgerufen. Susette wäre lustig wie immer gewesen. Wohl eine halbe Stunde lang hechelten die beiden am Telephon die Gesellschaft durch, unterhielten sich über den neuesten Klatsch und die Kostüme, die zum Teil sehr originell gewesen waren. Dann trennten sie sich, um schlafenzugehen. Am nächsten Vormittag war Mario überraschend in der Streicherschen Villa, die die Gnade des Herzogs dem verdienstvollen Hofschauspielerpaar erbaut hatte, erschienen und hatte Frau Streicher mitgeteilt, daß ihre Tochter sich in der Nacht, offenbar bald nach dem Telephongespräch, mit Veronal das Leben genommen habe. Dr. Dix, der zur Glasberg-Partei in Leynhausen gehörte, hatte bereits den Totenschein ausgefertigt. Mario schilderte der fassungslosen Mutter, wie er nachts aufgewacht war, und den kalten Körper neben sich fühlte. Er war bereits, während Susette telephonierte, eingeschlafen und hatte im Halbschlummer nur undeutlich bemerkt, wie sie sich auskleidete und zu Bett ging. Auf einmal ergriff ihn des Nachts ein unerklärliches Angstgefühl. Er drehte das Licht an, entdeckte den leblosen Körper, das Röhrchen mit den fünf fehlenden Veronaltabletten und auf dem Nachttisch Susettes Abschiedsbrief an ihre Mutter, den er der unglücklichen Frau vorlas und mit der Begründung, daß er das letzte Zeugnis seiner Frau nicht hergeben könne, wieder an sich nahm. Kaum war er dazu zu bewegen, den Brief noch einmal herzuzeigen, damit die Mutter ihn wenigstens in Händen halten und küssen konnte. Sie erkannte den blaß blauen Bogen, den Susette für ihre Briefe zu benutzen pflegte, las noch einmal die letzten Grüße und diese seltsam verstiegene Begründung ihres unseligen Schrittes, stutzte beim Anblick der Schriftzeichen, die ihr seltsam fremd vorkamen. Faßte aber noch keinen Verdacht, glaubte vielmehr, daß ein fremder und böser Geist, der von Susette Besitz ergriffen, sich auch in ihrer Schrift ausdrücke, und reichte dem drängenden Schwiegersohn nach langem inneren Kampf die kostbare Reliquie zurück. Erst nach Stunden, als ihr Mann nach Hause kam und sie ihm das Fürchterliche mitteilte, überkam sie eine Ahnung, daß der Brief gefälscht und ihre Tochter ermordet worden war. Aber auch diesen Verdacht drängte sie noch zurück in dem Gefühl, die Totenfeier und ihre erste Trauer um die Unvergeßliche nicht entweihen zu dürfen. Viele Wochen später erst faßte sie ganz plötzlich und sich selbst überraschend den Entschluß, an die Ermordung Susannes unverbrüchlich zu glauben. Van Holten hatte erst ein Jahr später von den näheren Umständen erfahren. Vielleicht wäre alles anders geworden, wenn die Eltern sich gleich an ihn gewendet haben würden. Aber man hielt ihn in Leynhausen für Glasbergs besten Freund und glaubte eher, den Verdacht vor ihm verheimlichen zu sollen. Der alte Theophil Streicher hatte sofort, als Frau Agathe ihre Meinung äußerte, von jedem Vorgehen abgeraten, aber die Mutter war nicht zu halten gewesen. Natürlich waren alle Schritte, eine gerichtliche Untersuchung gegen Doktor Mario Glasberg, den Sohn A. W. Glasbergs, anzustrengen, vergeblich gewesen. Frau von Gladen wollte mit der Angelegenheit nichts zu tun haben, und nur Prinz Georg, der auf seinem nahen Gut Markroda saß und jagte, griff die Vermutung, daß der ihm verhaßte Mario Glasberg die junge Frau ermordet habe, mit Enthusiasmus auf. Der Herzog selbst aber, auf den alles ankam, lehnte jedes persönliche Eingreifen ab. Obwohl er trotz der Revolution, wenn auch ohne Regierungsgeschäfte, in alter Weise Hof hielt und sich nur ungern daran erinnern ließ, daß sich in seinen Machtverhältnissen einiges verändert hatte, erkannte er sofort, daß jede Stellungnahme in diesem Falle den offenen Zusammenstoß mit der gefährlichen Dynastie Glasberg bringen mußte, der bis dahin von beiden Seiten taktvoll vermieden worden war. Trotzdem konnte es nicht verhindert werden, daß sich in der Beurteilung dieses Falles die Meinungen deutlich, je nach der Zugehörigkeit zum Hofe oder zur Industrie, spalteten und das beiderseitige Mißtrauen vertieften. Damals entstand jene Legende, daß Susette Streicher sich dem Drängen des Prinzen Georg nicht mehr anders als durch den Tod habe entziehen können. Man munkelte sogar von einem gewaltmäßigen Übergriff des Prinzen, vor dessen Folgen sie in den Tod habe gehen müssen. Man besprach das Verhalten Susettes und des Prinzen auf jenem Kostümball, dem das Ereignis gefolgt war, in allen Einzelheiten. Man hatte die beiden miteinander reden sehen und wollte nachträglich bei Susette Anzeichen großer Erregung festgestellt haben. Auch den frühen Aufbruch des jungen Ehepaares schob man diesem Gespräch zu. Die Hofpartei hingegen wollte wissen, daß der mächtige Trustkönig sich der unwillkommenen Schwiegertochter mit Hilfe eines von ihm abhängigen Arztes entledigt habe. Man sprach ziemlich offen davon, daß Dr. Dix den Totenschein niemals in dieser Schnelligkeit hätte ausstellen dürfen, da die junge Frau doch ganz offenbar – wieso, wußte niemand – erwürgt war. Bei diesem Durcheinander von Meinungen mußten alle Schritte der unglücklichen Mutter ergebnislos verlaufen. Der Oberstaatsanwalt des zuständigen Gerichtsbezirkes erhielt den Eindruck, daß es sich bei diesem Fall um einen regulären Selbstmord handelte und die umlaufenden Gerüchte in den besonderen Verhältnissen des ehemaligen Herzogtums und in der romantischen Liebesgeschichte des jungen Paares ihren Grund hatten. Kaum, daß man den besagten Dr. Dix protokollarisch vernahm, der den von ihm ausgestellten Totenschein durch den Befund der Leiche und die angebrochene Röhre mit den Veronaltabletten genugsam begründete. Von Würgespuren am Halse wäre keine Rede gewesen. Natürlich, meinte Dr. Dix, bliebe die Möglichkeit immer offen, daß der junge Ehemann die tödlichen fünf Veronaltabletten seiner Gattin gegen ihren Willen und vielleicht unter Vorspiegelung der völligen Harmlosigkeit dieses Mittels appliziert habe. Dieses zu beweisen, wäre aber an sich eine Unmöglichkeit, und eine solche Annahme setze so viele Unwahrscheinlichkeiten voraus, daß man sie seines Erachtens nicht weiterzuverfolgen brauche. Auch würde ein Chemiker von den wissenschaftlichen Qualitäten Dr. Glasbergs wissen, wie wenig Verlaß auf den Ausgang einer Veronalvergiftung sei. Daß in diesem Falle fünf Gramm zum Tode geführt hätten, stände ziemlich vereinzelt da und bewiese eine besondere Empfindlichkeit der jungen Frau. Ganz sicher würde sich Dr. Glasberg nicht der unsicheren Veronaltabletten, sondern eines sicherer wirkenden Giftes, etwa des Arsens in irgendeiner Form, bedient haben. Frau Agathe Streicher suchte den Generalstaatsanwalt und später den Polizeipräsidenten der Provinzialhauptstadt auf. Sie beschwor die Herren, Mario Glasberg verhaften zu lassen und die Leiche ihrer Tochter zu exhumieren. Ganz gewiß würde man irgendetwas finden, was auf die richtige Spur brächte. Sie berief sich darauf, daß der Abschiedsbrief offenbar gefälscht sei. Aber diese Annahme erschien zu willkürlich, um darauf einen Schritt wie die Verhaftung eines Glasberg zu stützen. Man hielt ihr die Aussage des Dr. Dix entgegen und bemühte sich, über ihre beleidigenden Verdächtigungen des bekannten Arztes hinwegzuhören. Vielleicht trug es auch zu den Mißerfolgen ihrer Schritte bei, daß jedermann in jener Gegend sie zu oft und zu lange Jahre in der Rolle einer komischen Alten auf dem Theater gesehen hatte. So glaubte man auch jetzt, ihren Eifer nicht besonders ernst nehmen zu brauchen. Wie konnte eine »komische Alte« gerade bei übermäßiger Ereiferung anders als komisch genommen werden? Das alles hatte sich ohne Wissen van Holtens zugetragen. Er erfuhr durch die Zeitungen und die offizielle gedruckte Todesanzeige nur die nackte Tatsache. Sie erschütterte ihn nicht einmal so, wie er es von sich selbst erwartete. Merkwürdigerweise hatte er sofort den Eindruck, daß dieser Vorfall seine Beziehungen zu Glasberg lockern würde. Nicht, daß er einen Verdacht gegen ihn hegte, aber er glaubte, daß nun der Zeitpunkt gekommen wäre, sich von Glasberg zurückzuziehen. Er verließ damit nicht etwa den Freund im Unglück, denn er wußte, daß es Mario nicht vergönnt war, jemals ganz unglücklich zu sein. Vielleicht war es gerade diese Überlegung, die ihm Zurückhaltung auferlegte. Mario brauchte ihn nicht, nicht einmal jetzt. Wahrscheinlich lag etwas Selbstquälerisches in Holtens Haltung. Er hätte vielleicht nichts lieber gesehen, als daß Mario sich nun gerade mit aller Kraft an ihn anschloß. Vielleicht hoffte er sogar, nun endlich den Zugang zu Tiefen des Freundes zu finden, von deren Vorhandensein er allerdings nicht sehr überzeugt war. Aber Mario war, als er von dem Begräbnis nach Berlin zurückkehrte, genau so, wie Holten es sich vorgestellt hatte. Fast noch einige Grade lebenstüchtiger, großartiger geworden. Keine ernste Linie hatte sich in seine Stirn gemeißelt. Mit einer Leidenschaft, die von jeder Verzweiflung frei war, warf er sich auf Leichtathletik, verbrachte die Tage im Stadion, soupierte gut und unternahm eine Reise nach Nordafrika, von der er nicht anders zurückkehrte, als er Abschied genommen hatte. Niemals würde er von irgendwoher anders zurückkommen, dachte Holten. Kurz nach Ablauf des Trauerjahres heiratete er Käte Lenninghaus, bezog mit ihr die Dahlemer Villa und für sich jene Dachhöhle bei Tempelhof, von der Holten erst durch Dritte erfuhr. Nichts änderte sich in ihrem beiderseitigen Verkehrston, nur daß sie – auf Holtens Veranlassung – immer seltener zusammenkamen. 8 An diese ganze Entwicklung mußte Holten denken, als er gegen drei Uhr nachts die Depesche aus Leynhausen in der Hand hielt. So müde er war, straffte sich sein Körper sofort. Er wußte, daß irgend etwas Einschneidendes geschehen war. Sein Vater, pensionierter Oberregierungsrat des ehemaligen Herzogtums, wohnte noch immer in Leynhausen, und es hätte möglich sein können, daß das Telegramm den alten Herrn betraf. Aber Holten roch es gewissermaßen, daß es mit Glasberg zusammenhing. Schon daß Mario ihn heute aufgesucht hatte, war für ihn fast ein Beweis. Im tiefsten Lebensgrunde hängen alle Dinge und alle Geschehnisse und alle Menschen zusammen. Weshalb mußte Mario ihn heute plötzlich anrufen? Weil sich ihm von fern eine Unruhe mitgeteilt hatte! Sicher hatte er geglaubt, einem Einfall zu gehorchen, aber dieser Einfall konnte nur kommen, weil ein fernes Ereignis ihn aufgestört hatte. In diesem Augenblick ertappte sich Holten bei dem Wunsch, daß die Depesche von Gitta sein möchte, von Brigitte Streicher, Susettes jüngerer Schwester. Eigentlich durfte sie von niemand anderem sein, nachdem sich Gitta in den Dienst des Rachewerkes gestellt hatte. Seit einem Jahr führte sie in dieser Angelegenheit die Korrespondenz mit Holten, hatte ihn sogar einige Male aufgesucht, um sich mit ihm zu beraten und von allen seinen Schritten Kenntnis zu nehmen. Ja, im Grunde war sie es gewesen, die Wolf van Holten für die Familie Streicher gewonnen hatte. Gitta hatte äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer Schwester, aber innerlich erschien sie, wenigstens Holten, ganz anders. Sie war von einem befremdenden Ernst für ihre Jahre, und wenn Susette das Leben wie einen köstlichen Maskenball angesehen hatte, so kannte Gitta nur Aufgaben und Pflichten, die sie mit einem kindlichen Enthusiasmus übernahm. Nicht das Pflichtbewußtsein, sondern dieser Enthusiasmus war das Schöne an ihr. Holten fand in dem Mädchen, was er bei Susette vermißte, vielleicht manchmal vergeblich bei ihr gesucht hatte. Es bedeutete für ihn ein Glück, in Gitta einen Bundesgenossen zu haben, der an allem, was er tat, nicht nur den regsten Anteil nahm, sondern sogar als treibende Kraft hinter im stand. Gittas Bundesgenossenschaft war ihm wie ein Geschenk des Himmels. Er kostete es als ein tiefes Glück aus, mit diesem schönen, ernsten Mädchen durch die gemeinsame Aufgabe im Innersten verbunden zu sein. Unvergeßlich stand ihm der Tag vor Augen, an dem ihn Gitta vor einem Jahr überraschend in einer Konditorei am Kurfürstendamm angesprochen hatte. Er pflegte dort im Sommer eine Nachmittagsstunde lang auf der Terrasse zu sitzen, um sich an dem vorübergleitenden Straßenleben zu zerstreuen. Schon mehrmals waren ihm drei Damen aufgefallen, die fast täglich an einem benachbarten Tisch Platz nahmen. Manchmal glaubte er sich schmeicheln zu dürfen, daß er ihre Aufmerksamkeit in einem besonderen Grade erregt habe. Es waren zwei Frauen in der Mitte der Zwanziger und dieses junge Mädchen von etwa neunzehn Jahren. Er glaubte sogar zu bemerken, daß das Mädchen einigemal auffällig an seinem Tisch vorüberging. Er sah sie an und war von irgendeiner Ähnlichkeit betroffen, die er jedoch nicht unterbringen konnte. Susette Streicher war goldblond gewesen und hatte strahlende Augen gehabt, während bei ihrer Schwester alles ins Dunkle gewendet war. An einem heißen Augustnachmittag, als Holten vor seinem Eiskaffee saß und das Wunder der saftigen grünen Blätter in dieser Welt von Hitze und Staub bestaunte, stand überraschend – er hatte gerade an diesem Tage noch mit keiner Silbe an die drei Frauen gedacht – das junge Mädchen an seinem Tisch und redete ihn mit seinem Namen an. Fast erschrocken sprang er auf und fragte sie nach ihrem Begehr. Sie gab sich zu erkennen. Allerdings hatte sie für Berlin den Namen Gitta Alsen angenommen, während er sich darauf besann, von Susettes jüngerer Schwester Brigitte gehört zu haben. Als Gitta Alsen debütierte sie an einem kleinen Berliner Theater und gebrauchte als Schauspielerin diesen angenommenen Namen. Weshalb tut die Tochter der alten Schauspielerfamilie das? fragte Holten sich. Ist nicht der Name Streicher für eine junge Künstlerin die beste Reklame? Aber sie wollte die Sensation dieses Namens vermeiden. Und noch aus einem andern Grunde, der Holten erst später klar wurde: Sie wollte sich in Glasbergs Bekanntenkreis bewegen können, ohne als Susannes Schwester erkannt zu werden. Gitta Alsen verkehrte bei dem Grafen Gahlen und dem Kommerzienrat Sussex und in anderen Familien, bei denen Glasberg zu Gast war. Sie war auf Gesellschaften an ihm vorbeigestrichen, ohne von ihm bemerkt zu werden. Sie hatte sich mit guten Freunden von ihm über ihn unterhalten, ohne daß jemand die nahe Beziehung geahnt hatte, und sie war glücklich gewesen, daß selbst Holten sie nicht erkannte, dem sie als Kind in Leynhausen begegnet war. Bei diesem Zusammentreffen ging Gitta sofort auf ihr Ziel los. Zuerst fragte sie ihn, ob er ein Freund Mario Glasbergs wäre, und als er, der damals noch nichts Näheres von den besonderen Umständen bei Susettes Tod erfahren hatte, bejahte, drang sie sogleich in ihn, beschwor ihn, ihr eine Unterredung zu gewähren, und dies auf der Stelle. Holten wollte sie bestimmen, ihn in seinem Bureau aufzusuchen, aber sie ließ nicht locker, bis er mit ihr und den beiden Damen in ihre nahe Wohnung in der Lietzenburger Straße ging. »Sie sind Marios Freund!« sagte sie. »Verzeihen Sie, aber ich habe in Ihrem Bureau nicht das Gefühl der Sicherheit vor diesem Menschen. Ich kann ihm dort auf der Treppe begegnen, und das will ich nicht.« Er versicherte ihr, daß Glasberg ihn seit Monaten nicht mehr aufgesucht habe. »Aber kann er nicht jeden Augenblick kommen?« So ließ er sich Gittas Begleiterinnen, bei denen sie wohnte, vorstellen. Es waren eine Frau Werneuchen und ein Fräulein Diepenbroich. Eine Viertelstunde später saß er in Gittas kleinem Zimmer und hörte von den besonderen Umständen, unter denen das tragische Ende Susettes sich vollzogen hatte. Alles, was er dunkel über Mario Glasberg gefühlt, sprudelte nun heraus. Es war ihm klar, daß er Mario von jetzt ab würde verfolgen müssen. In diesem strahlenden Dasein war ein dunkle, blutige Stelle, die ans Licht gebracht werden mußte. Er schüttete Gitta sein Herz aus, und je weniger er vor ihr eine mißfällige Äußerung über die vergötterte Susette tun durfte, um so schonungsloser entblößte er die brutale Kälte von Marios Charakter und fühlte sich von Gitta ebenso verstanden, wie er sie verstand. Gitta war noch ein Kind gewesen, als Mario zu der Familie Streicher in Beziehung trat. Halb war sie von seiner Gewandtheit und Sicherheit geblendet, halb sprach bei dem Mädchen der alte Haß der Leynhausener Hofpartei gegen die Trustdynastie der Glasbergs mit. Sie haßte ihn, weil er ihr die Schwester entführte, und liebte ihn, weil er der Geliebte der angebeteten Susette war, und haßte ihn wieder als Theaterkind noch besonders, da er Susette der Bühne fortnahm und sie durch ihn »eine Dame« wurde. Das alles wogte in dem Mädchen durcheinander und erhielt durch den Verdacht der Mutter endlich die Richtung zum unerbittlichen Haß, und seit sie, gerade erwachsen, in das Geheimnis eingeweiht war, hatte sie sich und ihrer Mutter geschworen, Susette an dem Verbrecher zu rächen. Während sie sich auf die Bühnenlaufbahn vorbereitete und dann die ersten kleinen Rollen spielte, ließ sie keine Gelegenheit ungenutzt, um Freunde und Bekannte Marios zu beobachten und auszuhorchen, und sie hatte schon seit Monaten Holtens Gewohnheiten heraus, ehe sie sich entschloß, sich gerade diesem ältesten und besten Freunde ihres Schwagers zu eröffnen. Zu ihm hatte sie Vertrauen, vielleicht weil er der Sohn eines herzoglichen Regierungsbeamten war. Ihre Eltern ahnten nichts von ihrem merkwürdigen Treiben in Berlin, und erst, als sie sich Holtens sicher wußte, gab sie ihrer Mutter von dem neuen und wichtigen Bundesgenossen Kenntnis. »Aber weshalb, aus welchem Grunde oder in welcher Absicht hat Glasberg es getan?« fragte Holten das junge Mädchen, und diese Frage sollte sich von nun an immer wieder vor ihnen aufrecken. Hier standen sie beide vor einem Rätsel. Es war sonderbar: Sonst ging seinem mißtrauischen Suchen zuerst die innere Wahrheit einer Tat auf, entwirrte sich zunächst das Gestrüpp der Motive und Beziehungen und leitete von dort zu den Indizien und Beweisen hin. Hier aber blieb an Motiven und Beziehungen alles im Dunkeln. Sie wußten beide nicht, was Glasberg angetrieben haben konnte. Es gab da nur ein paar rein äußerliche Verdachtsmomente, kaum vor dem eigenen Mißtrauen aufrechtzuerhalten, und dennoch stand ihnen beiden das Verbrechen außer Zweifel. Selbst bei Holten gab es kaum mehr eine Minute, in der er an der Tat selbst zweifelte, mochten ihm die Motive noch so verdeckt bleiben. Er »wußte«, obwohl er nicht sah. Hundertmal konnte er später dieses »Wissen« vor sich selbst entwirren, auf seinen alten Freundschaftshaß zu Mario zurückführen oder auf das Glück, sich von diesem Mädchen in seinen bestimmten Gefühlen für Glasberg verstanden zu sehen. Unerschütterlich stand Glasbergs Verbrechen für ihn fest, seit ihm Gitta die Umstände jener Nacht und des folgenden Tages geschildert hatte. Gitta war nach Leynhausen zurückgekehrt. Sie trat in dem alten Hoftheater unter ihrem richtigen Namen Brigitte Streicher auf. Nur für Holten blieb sie Gitta, weil ihm dieser Name ans Herz gewachsen war. Sonst durfte niemand ahnen, daß die jugendliche Sentimentale des Leynhausener Theaters mit jenem jungen Mädchen identisch war, das während des letzten Winters in zahlreichen Kreisen der Berliner Gesellschaft verkehrt hatte. In Leynhausen hatte sie die Bemühungen ihrer Mutter, die Behörden zur Exhumierung der Leiche zu veranlassen, weiter fortgesetzt. Wolf und Gitta verbissen sich in den Gedanken, daß die Auflösung des Geheimnisses in jenem Grabe ruhte. War es nicht möglich, daß sich etwas ganz Unvorhergesehenes herausstellte? Während Holten in Berlin, ebenso vergeblich, versuchte, sich in den Besitz von Susettes Abschiedsbrief zu setzen, kämpfte Gitta in Leynhausen für die Öffnung des Grabes. Noch einmal unternahm sie alle die vergeblichen Bittgänge, von denen Frau Agathe ohne Erfolg zurückgekehrt war. Das schöne junge Mädchen fand freundlichere Abweisung und herzlichere Vertröstung als ihre Mutter, aber an dem Ergebnis selbst konnte sie nichts ändern. Nach einiger Zeit erhielt sie sogar den deutlichen Wink, ihre Bemühungen einzustellen. Der Intendant, der immer noch Zuschüsse aus der herzoglichen Schatulle bezog – es war noch derselbe, den einst der Herzog an diese Stelle berufen hatte – redete ihr mit väterlichen Ermahnungen zu, von einem Bestreben abzustehen, das nur den Frieden der Stadt untergraben konnte. Als Wolf van Holten spät in der Nacht die Depesche in der Hand hielt, wußte er, daß sich irgend etwas Wichtiges in dieser Angelegenheit zugetragen hatte. Vielleicht war die Anordnung der Staatsanwaltschaft endlich ergangen. Aber wie, wenn Gitta den Sarg heimlich und ohne Erlaubnis hatte ausgraben lassen? War Gitta eines solchen Streiches nicht fähig? Konnte sie nicht in aller Stille die Vorbereitungen dazu getroffen haben, absichtlich ohne ihm davon Mitteilung zu machen? Dann würde auch diese Depesche kein Wort davon enthalten, höchstens eine nur ihm verständliche Andeutung. Er wagte das Blatt nicht zu entfalten. Ihn erregte das Zusammentreffen des heutigen Abends mit diesem Telegramm. Auf einmal fiel ihm ein, daß Glasberg ihn vielleicht nur hatte abhalten wollen, Gittas Telegramm rechtzeitig zu erhalten. Vielleicht wußte Mario bereits von Vorgängen, die ihm, Holten, noch verborgen waren. Vielleicht hatte er ihn in eine Falle gelockt? Er legte den Mantel ab und trat, immer die Depesche in der Hand, in das Speisezimmer. Drehte alle Lampen an, riß die Tür zu dem danebenliegenden Wohnzimmer auf und machte auch hier Licht, als ob die erleuchtete Zimmerflucht ihm die Furcht benehmen könnte. Dann setzte er sich an den Eßtisch, schälte eine Apfelsine ab, und plötzlich riß er, sich selbst zur Überraschung, die Depesche auf. »Gitta«, las er zunächst die Unterschrift, und schon dieser Name beruhigte ihn ein wenig. Aber der Inhalt gab keinerlei Anhalt. »Bisher wenig Neues. Würde Sie unendlich gern sprechen. Können Sie morgen Leynhausen kommen?« Das war alles. Aber es konnte sehr viel sein. »Bisher wenig Neues«, das bedeutete, daß in allernächster Zeit etwas geschehen sollte. Gitta hatte etwas vor und wollte vorher seinen Rat einholen. Aber vielleicht war auch schon etwas geschehen. »Wenig Neues« konnte immerhin bedeuten, daß etwas im Gange war. Er mußte bedenken, daß ihr Telegramm in A. W. Glasbergs Händen sein konnte, ehe er selbst es erhielt. Vielleicht hatte Mario bereits von ihm Kenntnis? A. W. Glasberg war in Leynhausen allmächtig. Gab es vor diesem Mann irgendein Geheimnis? Holten konnte sich nicht vorstellen, daß es in Leynhausen irgend etwas gab, das A. W. Glasberg nicht durchsetzen konnte, wenn er wollte. Gitta rechnete damit, daß ihre Korrespondenz überwacht wurde. Briefe schickte sie öfters, wenn sie wichtig waren, aus der nächsten kleinen Stadt ab. Sie konnte das Telegramm den Umständen entsprechend abgefaßt haben. Natürlich würde er morgen zu ihr fahren. Er ging in sein Arbeitszimmer. Auf seinem Schreibtisch lag der Inhalt des Telegramms in Maschinenschrift. Seine Sekretärin hatte es also bereits telephonisch aufgenommen und ihm auf den Arbeitsplatz gelegt. Eine aufmerksame Person! Es war übrigens Elma Diepenbroich, die eine der beiden Damen aus der Lietzenburger Straße, bei denen Gitta im letzten Sommer gewohnt hatte. Er hatte sie auf Gittas Empfehlung hin engagiert und einen guten Griff damit getan. Er hob das Blatt auf, als ob ihm die veränderte Form etwas Neues sagen konnte. Natürlich würde er morgen zu ihr fahren, dachte er noch einmal. Die Müdigkeit war wie weggeblasen. Er sah den Terminkalender durch. Zwei wichtige Sachen waren morgen vormittag vor dem Gericht zu vertreten. Er konnte bis zwölf Uhr damit fertig sein. Um eins ging der Expreßzug, mit dem er abends gegen acht in Leynhausen eintraf. Er nahm das Telephon in die Hand und gab das Telegramm an Gitta auf: »Eintreffe abends acht Uhr. Holten.« Und ein anderes gleichen Inhalts für seinen Vater. Natürlich würde er bei dem alten Herrn wohnen. Dann machte er sich an die Durcharbeitung der Akten für den kommenden Vormittag. Nur die beiden wichtigen Sachen, das andere mußte sein Sozius erledigen. 9 Natürlich konnte Gitta nicht an der Bahn sein. Obwohl das Theater Ferien hatte, bestand für sie vielleicht dennoch eine dienstliche Abhaltung. Vielleicht hatten auch die Proben schon eingesetzt, oder sie hielt es überhaupt für richtig, Aufsehen zu vermeiden. Trotzdem fühlte er eine leichte Enttäuschung, als sie nicht da war und nur der alte Herr ihn erwartete. Ein sehr würdiger alter Herr mit einer ein wenig eingeknickten Statur und weißem Schnurrbart. Holtens Blicke suchten nach Gitta, ob sie nicht doch irgendwo hinter einer Säule stand. Aber sie war wirklich nicht gekommen. Sollte er sie von seinem Vater aus gleich anrufen? Aber wahrscheinlich erregten auch die Telephongespräche der Familie Streicher auf dem Amt besonderes Interesse. Es war besser, wenn er in der Dunkelheit zu der Streicherschen Villa ging. Währenddessen umarmte er den Vater. »Natürlich bist du wegen Streichers gekommen,« sagte der alte Herr. »Schauderhafte Geschichte das!« Der Oberregierungsrat nahm selbstverständlich Partei gegen die Glasbergs. Im einzelnen war er über die Absichten seines Sohnes in dieser Angelegenheit nicht orientiert; es war ihm nur natürlich, daß »ein anständiger Mensch« sich für die Hofpartei entschied. Es gefiel und imponierte ihm sogar ein wenig, daß sein Sohn in dieser Angelegenheit eine Rolle zu spielen schien. Wolf erklärte ihm, daß sein Besuch am besten geheim bliebe, er aber in der Tat noch diesen Abend zu Streichers müsse. Der Vater hatte Verständnis. »Selbstverständlich bist du ganz unbehindert!« Als sie aus dem Bahnhofsgebäude heraustraten, warteten drei Droschken auf dem Platz. Eine hatte sich der Oberregierungsrat bereits gesichert. An der Ecke kroch eine leere Elektrische langsam davon, gerade als die Menschen von dem Zug herausströmten. Sie fuhren durch die Anlagen am Fluß in die Stadt. Vor der Brücke stand das Denkmal von Herzog Georg dem Eisernen. Er setzte den linken Fuß vor, und die erhobene Rechte schien zu drohen oder zu schwören. »Wie klein das jetzt alles ist!« Wolf dachte es jedesmal, wenn er über die Brücke fuhr. In diesen Anlagen war er als Knabe umhergestrichen. Sie hatten unendliche Schlupfwinkel, Urwälder und weite Savannen enthalten. Jetzt sah er nur glattgeharkte Wege, einiges Buschwerk und Rasen. Jenseits der Brücke begann die Stadt mit unendlich langweiligen Straßen. Zehn Minuten klapperten die Hufe des Schimmels immer zwischen den gleichen Häusern. Einige Male bogen sie um Ecken, ohne daß das Bild sich veränderte. Sie fuhren an dem Georgsplatz vorüber, der leicht geneigt war und in der Mitte ein Kriegerdenkmal von 1871 präsentierte. Dann kam eine Villenstraße. Auch hier dieselben Häuser, nur in kleinen Gärten stehend. Nicht der Luft und des Raumes wegen, sondern weil es vornehmer war. Weiß abgeputzt, mit Borten von roten Backsteinen, manche auch gelb getönt, alle mit kriegerischen Zinnen am Gesims und den gleichen Magnolien vorne. Vor einer solchen Villa hielten sie. Das Mädchen in der weißen Schürze und der Schäferhund standen am Gittertor und warteten. Dies war das Haus seiner Kindheit. Als Knabe war man stolz darauf gewesen, in einer der vierzig Villen zu wohnen, die vier Straßen entlang in Reih und Glied standen. Er gab dem Mädchen die Hand. Sie war schon sechs Jahre in der Familie und hatte noch seine Mutter gekannt. Der Hund wedelte freundlich, wußte aber nicht recht, wo er den Besuch hintun sollte. Wolf war seit einem Jahr nicht mehr dagewesen. Er bezog sein altes Knabenzimmer. Das Mädchen brachte den Koffer herauf. Dann kam das Abendessen mit dem alten Herrn. Bratkartoffeln und Aufschnitt, wie immer. Der Oberregierungsrat schimpfte auf die neue Zeit, klagte über die Verlassenheit des alten Herzogs, erzählte von der Prinzessin Amalie, die er gestern in den Anlagen beim Spazierengehen getroffen hatte. Jawohl, die alte Nettelmann war noch immer Hofdame. Gott sei Dank, was sollte Prinzessin Amalie ohne die Nettelmann anfangen! Und Prinz Georg jagte immer noch in Markroda. Es hatte sich nichts verändert und würde noch in zehn Jahren das alte sein. Dann ließ Wolf sich die Schlüssel geben und ging fort. »Du wirst doch wohl nicht zu spät kommen, Junge? Ich denke, wir trinken dann noch eine Flasche zusammen.« Wolf konnte es nicht versprechen. Die Straße war menschenleer. Drei, vier Gaslaternen glühten wie giftige Blumen. Ein kleiner, plätschernder Bach kam von links gelaufen. Hier ging ein Fußsteig zwischen Gärten und Zäunen. Er führte zur Margaretenstraße hindurch. Zwischen zwei niederhängenden Weiden stand eine Bank. Die Jungens und Mädels des Villenviertels kannten sie alle seit zwanzig Jahren. Hinten sah man gegen den Himmel zwei Reihen Pappeln antreten. Es war die Chaussee, die hier zur Stadt hinausführte. Die Streichersche Villa lag an ihr, als letztes Haus der Straße, Wolf ging auf einem Laufsteig über den Bach. Jenseits der Chaussee lagen die weiten Flußwiesen. Das war die Stelle, die er an Leynhausen liebte. Die alte Heerstraße, auf der schon die Burgunder ins Donautal gezogen waren, lange, lange ehe es diese künstliche Stadt über den Kohlelagern gab. Hier merkte man nichts von Gruben und Hütten und Hochöfen, nichts von dem grauen Schloß, das auf der anderen Seite hinter dem Park lag. An dieser Stelle hatte der alte Herzog den Streichers die Villa bauen lassen. Ein schönes, bequemes Haus, aber immerhin, weil es doch Schauspieler waren, ganz an den Rand der Stadt gebaut. Schauspieler brauchten nicht in der gleichen Straße mit dem Hofmarschall und dem Minister zu wohnen. Das denn doch nicht! Eine Pergola führte von der Gartenpforte zur Haustür. Sie war über und über mit kleinen Rosen berankt. Weshalb wirkt so etwas hier dürftig und wie angeleimt? dachte er. Es ist die Industriegegend! Die Luft schmeckt nicht nach Rosen, sondern nach Kohle. Das ist es! Er klingelte. Ein Hund bellte innen; die Tür wurde geöffnet. Gitta stand vor ihm. »Da sind Sie!« rief sie mit gedämpfter Stimme. »Wir wollen auf die Chaussee gehen. Ich habe Ihnen viel zu sagen!« Sie nahm einen Mantel, zog ihn im Gehen an, drehte das Licht ab und war im Augenblick draußen. »Kommen Sie!« Ihre Anwesenheit schien die Atmosphäre mit einem Schlage zu verändern. Er spürte auf einmal den Sommer und den warmen Anhauch des abendgetränkten Luftmeeres. Die Pappeln stiegen hoch in das blaue Dunkel, und von der Wiese her quakten die Frösche. Sogar die Kletterrosen begannen zu duften. Gitta schritt neben ihm. Er sah von der Seite, wie sich ihr halblanges Haar im Nacken ringelte. Natürlich wüßten die Eltern von seinem Kommen, aber den heutigen Abend hätte sie ihnen unterschlagen. »Es ist gut, daß Sie jetzt noch gekommen sind. Ich dachte immer: Kommt er oder kommt er nicht? Gerade heute abend aber wollte ich Sie ganz ungestört sprechen.« Ob sie etwas Besonderes hätte? »Ich weiß eben nicht, ob es etwas Besonderes ist. Aber vielleicht – vielleicht weiß ich jetzt alles.« Er horchte erstaunt auf. Das Besondere bestand darin, daß sie zu einem der Chemiker auf der Kohleversuchsstation in Beziehungen getreten war, einem alten Herrn, der erst seit einem Jahr im Glasberg-Trust arbeitete. Gitta hatte ihm als Schauspielerin gefallen, und er hatte ihre Bekanntschaft gesucht, und aus dieser Bekanntschaft entwickelte sich bald eine Art Freundschaft. Herr Dr. Gerlach, der sonst wenig ausging und selten unter Menschen kam, hörte erst spät von den Vorfällen, die ganz Leynhausen in Atem gehalten hatten. Es blieb natürlich nicht aus, daß er seine junge Freundin – er besuchte sie bald auch in ihrem Elternhaus – danach fragte. Nach anfänglicher Zurückhaltung erzählte ihm Gitta die ganze Geschichte, und seine Sympathie für das junge Mädchen bestimmte ihn, ihr aufs Wort zu glauben. Schon als sie ihm das erstemal von Susettes Ende berichtete, machte er jene Bemerkung, die ihr ganz neue Aussichten eröffnete. »Natürlich ist sie gar nicht mit den Veronaltabletten vergiftet worden. Ihre Frau Schwester hat sicherlich keine einzige dieser Tabletten geschluckt. Die angebrochene Röhre sollte nur den Anschein des Selbstmordes vortäuschen. Vergiftet worden ist sie mit einem ganz anderen Gift.« Er erklärte ihr, daß man zwar öfters Todesfälle als Folge übermäßigen Veronalgebrauchs wahrgenommen hätte, daß sich aber kein Chemiker auf diese Wirkung verlassen würde. »Wenn Ihre Frau Schwester tatsächlich an Veronalvergiftung gestorben ist, so wäre das ein Beweis dafür, daß sie sich das Leben zu nehmen versucht hat.« »Da haben wir es!« rief Holten lebhaft aus. »Selbstverständlich, so ist es! Er hat ihr ein anderes Gift beigebracht und nachher das Veronal auf den Nachttisch gelegt. Aber wie ist dieses andere Gift nachzuweisen? Nur durch Exhumierung der Leiche!« »Warten Sie!« fuhr Gitta fort. »Wir sind noch einen Schritt weitergegangen.« Sie berichtete, wie der Dr. Gerlach sofort auf Arsen verfallen war. Er hatte geäußert, daß einem Chemiker, wenn er jemand vergiften wollte, Arsen jedenfalls am nächsten läge. Es hätte den Vorteil, nicht ganz leicht nachweisbar zu sein. Wem einige Zeit vergangen wäre, könnte es unter Umständen gar nicht mehr nachzuweisen sein. Herr Dr. Gerlach meinte, daß Arsen im Erdboden sehr verbreitet sei. Würde in einem Grabe Arsen nachgewiesen, so könnte es immer noch von der Erde herstammen. Falls ein Chemiker also jemand mit Arsen umgebracht habe und die Leiche würde in einem stark arsenhaltigen Erdreich begraben, so wäre die Vergiftung nur äußerst schwer nachweisbar. »Und ist die Erde bei Susettes Grab arsenhaltig?« fragte Holten gespannt. »So warten Sie doch! Natürlich ist sie es. Und nun kommt etwas Merkwürdiges. Wissen Sie, daß nach dem Ereignis ein großer Kampf darüber entbrannte, wo meine Schwester bestattet werden sollte? Meine Eltern wollten das Grab durchaus auf dem Neuen Friedhof haben, wo sie selbst einmal ruhen würden. Und so furchtbar eng war ja auch Susette niemals mit der Familie Glasberg verwachsen. Aber Mario setzte es durch, daß sie im Glasbergschen Erbbegräbnis beigesetzt wurde. Sie kennen es sicher: auf dem Alten Friedhof, wo die große Marmorgruppe steht. Bis jetzt ruhen die Eltern des alten Glasberg dort und sein jüngerer Bruder, der als Kind starb. Ich kann mir sogar denken, daß der alte Glasberg es durchaus nicht gern wollte, daß die ihm ziemlich unsympathische Schwiegertochter im Glasbergschen Erbbegräbnis begraben wurde. Aber Mario setzte sein Stück durch. Wir dachten damals alle, daß er die Eltern damit ärgern wollte. Denn es ist ihnen natürlich unangenehm, das Glasberg-Grab aufzusuchen, wenn sie das Grab ihrer Tochter besuchen wollen. Sie gehen in der Tat auch sehr selten hin und bekränzen lieber Susettes großes Bild in Vaters Arbeitszimmer. Es ist allerdings auch möglich, daß Mario seiner Frau nach ihrem Tode die Genugtuung verschaffen wollte, im Erbbegräbnis gerade der Familie zu ruhen, die sie so ungern als Schwiegertochter aufnahm.« »Nein, solche zarten Gedankengänge liegen Mario vollkommen fern. Er wird dem Andenken Susettes zu Ehren eine besonders gute Flasche Champagner trinken und das Glas gegen die Wand schmettern. Doch ich weiß jetzt schon, worauf Sie hinauswollen, Gitta.« »Ja, wir haben in einer Nacht beim Glasbergschen Erbbegräbnis ein Loch gegraben. Meinen Bruder Paul, den Sekundaner, nahmen wir gegen sein Ehrenwort, zu schweigen, mit. Ein ganz tiefes Loch, so tief, wie die Leiche liegt. Es war vor acht Tagen. Wir krochen mit großer Anstrengung über die Mauer, vom Schloßpark aus. Wir waren alle drei wie aus dem Wasser gezogen vom vielen Graben. Der arme Dr. Gerlach hat sich noch böse dabei erkältet, denn die Nächte sind hier am Fluß doch so schauderhaft neblig. Aber es half nichts, die Sache war doch zu wichtig. Dr. Gerlach nahm sich also von den verschiedenen Erdschichten Proben mit. Er hatte schon besondere Gefäße dafür mitgebracht. Was soll ich Ihnen sagen: Die Erde war –« »Kolossal arsenhaltig!« »Natürlich! Herr Gerlach nannte mir auch den Prozentsatz. Ich habe ihn vergessen, aber er soll sehr hoch sein. Und außerdem handelte es sich um eine besondere Zusammensetzung des Arsens, um Arsentrioxyd oder so ähnlich. Und Dr. Gerlach meinte, daß Mario das gewußt hat und daß er nach dieser Zusammensetzung, ganz genau danach, das Gift für Susette hergestellt habe. Denken Sie! Und selbst wenn man jetzt die Leiche ausgräbt, kann man in der Leichenflüssigkeit nur genau dasselbe Arsen feststellen, das auch der Boden enthält.« »Verstehen Sie?« fuhr Gitta, zu Holten gewendet, fort. »Deshalb wollte Mario durchaus, daß Susette dort begraben wird. Er hat alles darangesetzt, um dies durchzusetzen. Vielleicht hat er seinem Vater damals sogar versprochen, Käte Lenninghaus zu heiraten, unter der Bedingung, daß Susette gerade hier begraben wird.« »Aber vielleicht enthält die Erde auf dem neuen Kirchhof ebenfalls Arsen?« »Auch das haben wir geprüft. Vorgestern nacht haben wir drei dort ein Loch an einer Stelle gegraben, wo die Eltern damals Susettes Grab hinhaben wollten. Und diese Erde war nahezu arsenfrei. Was sagen Sie nun? Gestern, als Herr Dr. Gerlach mir das Resultat mitteilte, habe ich Ihnen sofort das Telegramm geschickt. Sagen Sie selbst: Mario hat den Plan von langer Hand vorbereitet. Er hat es sich sorgfältig überlegt, daß er die Tat am besten in Leynhausen ausführt, denn es wäre vielleicht schwierig, die Leiche von Berlin nach hier zu überführen. Vielleicht hat er auch auf Berliner Kirchhöfen nach arsenhaltiger Erde gesucht und nicht das Richtige gefunden. Vielleicht kann man auch in Berlin nie ganz berechnen, wo eine Grabstelle in Wochen und Monaten frei sein wird. Kurzum, das alles paßte ihm besser in Leynhausen. So fuhr er mit Susette denn zu dem Kostümfest hierher, nachdem er früher schon das Gift nach den entnommenen Erdproben fertiggestellt hatte. Und so geschah es denn, und niemals, niemals wird dieser Mord gesühnt werden. Nie wird es bewiesen werden können. Mario Glasberg ist zu raffiniert vorgegangen!« Sie schwiegen beide. Es war so dunkel geworden, daß sich nur noch die Schattensäulen der Pappeln von dem dunklen Grund der Nacht abhoben und einer des andern Gestalt gerade noch neben sich erriet. Die neuen Tatsachen rumorten in Holtens Gehirn. Nichts bisher hatte so dicht an die Mordtat herangeführt wie diese Überlegungen des alten Chemikers. Man hatte kombiniert und erwogen, aber zum erstenmal stieg jetzt Glasbergs Tat mit allen scheußlichen Einzelheiten auf. Man sah ihn an der Erde knien und Proben entnehmen. Man sah ihn das tödliche Gift nach dem Maß dieser selben Erde bereiten, in der das Opfer, seine Frau, bald ruhen würde. Man sah ihm zu, wie er eine Gelegenheit suchte, um mit ihr nach Leynhausen zu fahren. Mit besonderer Wollust ging er mit ihr in das Hotel und stieg nicht im väterlichen Hause ab, sich teuflisch überlegend, daß die verärgerten Seinen seine Frau bald in ihrem Erbbegräbnis würden dulden müssen. Sollte ein Mensch wirklich Wochen und Monate hindurch solche Gedanken hegen und dabei an der Seite seines Opfers hinleben können, heiter, lachend, wie auf einem immerwährenden Fest? »Gitta!« unterbrach er das Schweigen, »das ist ja alles nicht möglich! Bedenken Sie, was das heißt! Wir haben doch allenfalls angenommen, daß er Susette in einer plötzlichen Aufwallung ermordet hat. Aber diese wochenlangen Vorbereitungen! Das kann nicht so gewesen sein! Durch diese Theorie haben Sie etwas an der Sache überspannt. Das Ganze ist nicht möglich, ich glaube es nicht mehr. Wir haben uns in Hirngespinste verloren. Das ist ja alles ganz anders. Susette hat sich in einer merkwürdigen Überreiztheit ganz plötzlich das Leben genommen. So war es: Das Fest ist vorüber, sie hat an dem Abend einen Zusammenstoß mit Prinz Georg gehabt. Das ist wohl sicher, daß sie den gehabt hat. Darauf das lange Telephongespräch mit ihrer Mutter. Sie kehrt in ihr Zimmer zurück. Mario schläft bereits. Um ihn nicht zu wecken, steckt sie nur die Kerze auf ihrem Nachttisch an. Denken Sie sich die Stimmung in einem halbdunklen Raum, in dem die Schatten huschen, und neben einem schlafenden Menschen. Noch eben stand sie in dem Lichtersaal, umringt, umjubelt, und jetzt sitzt sie in dem öden Hotelzimmer. Ein unüberwindlicher Ekel vor diesen Festen, diesen flirtenden Menschen packt sie. Vielleicht ist es der einzige Augenblick in ihrem Leben, in dem sie ganz sie selbst ist. Die Leere dieses Lebens überwältigt sie. Vielleicht weiß sie auf einmal, daß sie diesen Mario Glasberg nie hätte heiraten dürfen. Einem großen Künstler vielleicht, einem Gelehrten, einem Dichter hätte sie sich verbinden sollen; aber jetzt ist es zu spät. Sie fühlt, daß sie niemals mehr den Mut finden wird, umzukehren. Da entdeckt sie auf dem Nachttisch das Röhrchen mit den Veronaltabletten. Mario hat es ihr fürsorglich hingestellt und schon geöffnet, damit sie nach den Aufregungen des Tages leicht einschlafe. Jetzt faßt sie den entsetzlichen Entschluß. Sie nimmt die Briefkassette aus dem Koffer und schreibt diesen Abschiedsbrief an ihre Mutter. Vielleicht meint sie es noch gar nicht so ernst, rechnet damit, daß Mario aufwacht und sie fragt. ›Ach, ich mache mir nur ein paar Notizen‹, würde sie dann sagen, und sie würden vielleicht ein wenig plaudern und zusammen einschlafen, und am nächsten Morgen hätte sie den angefangenen Brief zerrissen, und das alte Leben wäre weitergegangen. Nun aber wacht Mario nicht auf, sie wird aus der übernächtigten Verstiegenheit nicht herausgerissen, und so schreibt sie den Brief zu Ende. ›Deshalb gehe ich, da noch alle Tafeln besetzt sind! Adieu, ich stehe auf!‹ Ist das nicht ganz Susette? Und sie schluckt eine, zwei, drei, fünf Tabletten hinunter und weiß, daß sie nicht mehr erwachen wird. Und Mario ist wirklich aus allen Himmeln gefallen, wie er die Tote neben sich findet. Kann sich von der letzten Reliquie, diesem Abschiedsbrief, nicht trennen und weigert sich, ihn herzugeben. Aus Liebe zu seiner Frau setzt er es durch, daß sie in dem Erbbegräbnis beigesetzt wird. Vielleicht auch aus Eifersucht gegen ihre Eltern, an denen sie bis zu Ende hing. Vielleicht mußte er wirklich seinem Vater versprechen, Käte Lenninghaus zu heiraten und das Langenohrer Hüttenwerk dem Konzern einzubringen. Auch das hat er noch für Susette getan, damit sie, die von den Glasbergs Angefeindete und Verfolgte, in ihrem Erbbegräbnis ruhe. Zur Genugtuung! Gitta, hören Sie, das ist die Wahrheit! Ich glaube es jetzt ganz bestimmt. Man kann nicht so verrucht sein, wie wir es von Mario glaubten, und es ist doch kein Beweis, daß die eine Erde nun soundsoviel Prozent Arsen enthält und die andere ein wenig weniger.« Er hielt inne und mußte Atem schöpfen, so rasch hatte er gesprochen. Er fieberte, daß man ihm beistimme oder starke Gründe entgegensetze. »Das glauben Sie doch selber nicht, Wolf!« hörte er Gitta sagen. Sie legte die Entscheidung wieder in ihn selbst. Er wußte nicht mehr, was er glaubte. »Immerhin ist das mit den beiden verschiedenen Erdsorten merkwürdig,« sagte Gitta. »Aber das, was den Ausschlag gibt, ist doch, daß ich an einen Selbstmord Susettes nicht glauben kann.« »Wieso nicht?« fragte er erstaunt. »Susette ist ja gar nicht so gewesen!« Er sah erstaunt zu ihr hin, konnte aber ihr Gesicht nicht erkennen. »Nein, sie ist nicht so gewesen!« wiederholte sie noch einmal. »Deshalb gehe ich, da noch alle Tafeln besetzt sind! – Ach, Herr van Holten, alle Menschen, auch meine Eltern und vielleicht Mario selbst, haben geglaubt, daß meine Schwester so sei. Aber sie war ganz anders. Soll ich es Ihnen sagen, daß sie viel kälter, eitler war? Um Gottes willen, verachten Sie mich nicht, Herr van Holten! Sie wissen, wie ich zu Susette aufsah und wie ich sie geliebt habe und noch liebe. Das hat nichts damit zu tun. Aber ich habe mich seit zwei Jahren so mit ihr beschäftigt, habe mir so sehr jedes Wort und jede Bewegung von ihr zurückgerufen und mir lebendig zu machen gesucht, daß ich jetzt genau weiß, wie sie war. Susette war ganz anders!« Holten hing an ihrem Munde. War sie dahintergekommen? War Gitta jetzt so weit, auszusprechen, was er seit Jahren dachte? Hatte sie nicht eben gesagt, daß Susette »viel kälter und eitler« war? Das war, was er von jeher an ihr gesehen hatte. Aber wie? Weshalb setzte dann Gitta ihr Leben ein, um diese Schwester zu rächen? Hätte sie ihre schönsten Jugendjahre nicht ganz anders verwenden können? Es war, als hätte sie seine Gedanken erraten. Nein, Susette war herrlich gewesen, ein herrliches Geschöpf. »Aber nicht moralisch zu nehmen, verstehen Sie? Ein hinreißendes Wesen, voll Charme und Esprit und Anmut, und als Schauspielerin eine ganz große Begabung. Aber sie war doch ganz anders, wie man dachte. Sie war nur ›herrliches Geschöpf‹, ohne Tiefe und Verpflichtung. Gerade das liebe ich ja an ihr.« »Nein,« sagte er, »gerade das konnte ich an ihr nicht lieben. Gerade dieser Mangel an Tiefe und Verpflichtung ließ mich ihr nicht näherkommen. Und, Gitta, weil Sie Tiefe und Verpflichtung haben und überdies alles das, was Susette auszeichnete, dazu, deshalb mag ich Sie gerne.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts von Susette außer einer Ähnlichkeit von Stirn und Nase, und alle die Hemmungen, die ich habe und die Sie offenbar Tiefe nennen, bewerte ich nicht sonderlich. Mit diesen Eigenschaften, gerade mit diesen, habe ich mich immer als – nun raten Sie! – als Schatten von Susette gefühlt. Auch weil ich dunkler bin als sie. Unsere Mutter nannte uns immer ›Susi und ihr Schatten‹, und das ist richtig. Wir beschwerten und zergrübelten und dunklen Menschen sind nur die Schatten von diesen hellen Lichtgestalten. Wir liegen immer, wo sie aufrecht schreiten. Wir haben nicht ihre herrliche, unbekümmerte Leichtigkeit. Das ist ja nur Neid und Ressentiment, daß wir uns als ›tiefer‹ ausgeben. Wir werden niemals das sein, was sie sind. Und nicht einmal – wenn Sie das verstehen, und Sie werden es verstehen – so ›Gott wohlgefällig‹ wie sie. Die andern schweben als ein Traum Gottes durch das Leben. Sie können eitel und kalt sein, aber sie tragen doch einen Hauch des Paradieses um sich, während wir nur im Schattenreich des – allerdings ›tieferen‹ – Fegefeuers vegetieren. Wir quälen uns und andere, indes die Susettes erfreuen und gute Träume geben. Ich hätte etwas von Susette? Ach Gott, kann ich die Menschen durcheinanderwirbeln wie sie? Kann ich eine ganze Gesellschaft heiter stimmen? Kann ich beglücken wie sie?« »Nun, Gitta, mich beglücken Sie mehr und tiefer und inniger, als Susette es je gekonnt hätte. Verzeihen Sie, ich will Ihnen keine Liebeserklärung machen. Ich würde es nicht wagen. Aber Ihre Wertschätzung der Susette-Natur erscheint mir geradezu ein wenig abstrus.« »Wirklich?« fragte sie. »Ja, ganz wirklich!« Sie hielt einen Augenblick inne. Vielleicht freute sie sich über seine Meinung. »Ich will Ihnen alles zugeben,« sagte sie nach einer Weile. »Susette war nun einmal das höchste Ideal meiner Mädchenjahre, und sie wird es immer ein wenig bleiben. Ach, ich könnte noch ganz anders über Susette reden. Ich könnte Ihnen sagen – und es ist die Wahrheit, hören Sie?« »Ich höre.« »Ich könnte Ihnen sagen: sie hat Mario genommen, weil er ein Glasberg war. Diese Liebesgeschichte war eine unerhörte Reklame für sie. Und daß sie für ein, zwei Jahre von der Bühne fortging, war nur klug. Im nächsten Winter konnte sie, nach ihren gesellschaftlichen Erfolgen, jedes Engagement in Berlin haben, das sie wollte, und zu jeder Bedingung. Und sie hatte es sich ganz genau überlegt, wann sie wieder auftreten würde. Und Glasberg wäre sicherlich nicht ihr letzter Mann gewesen, sondern jetzt wäre irgendein berühmter Bühnenname an die Reihe gekommen, und dann hätte die Welt ihr zu Füßen gelegen. Sehen Sie, und gerade das finde ich herrlich an ihr!« »Nein,« rief er, »das finden Sie gar nicht herrlich! Sie belügen sich selbst. Ja, Sie beleidigen geradezu Ihr eigenes innerstes Wesen damit.« »Tue ich das?« sagte sie ernst. »Ich komme mir Susette gegenüber minderwertig vor. Sie haben es nicht von Jugend auf erlebt, wie sie vergöttert wurde. Auch von mir selbst. Es muß doch eine Kraft in ihr gewesen sein. Erklären Sie mir die Kraft, die in ihr war!« 10 Sie konnten über Susette viel hin und her reden. Je nachdem sie beleuchtet wurde, erschien sie völlig anders. Der Zauber, den sie ausgestrahlt hatte, widersprach der Banalität ihres Lebens in dem letzten Jahr. Ihre geniale Begabung, die alle Gefühlstöne in ihrer ganzen Skala bereithielt, ließ den Gedanken an Leere und Eitelkeit kaum aufkommen. Holten und Gitta konnten nicht einmal jeder für sich zu einem klaren Urteil gelangen. Immer wieder kamen sie darauf: Wenn Susette sich selbst das Leben genommen hatte, dann mußte etwas in ihr geschlummert haben, das kein Mensch bei ihr vermutete. Aber hatte sie sich das Leben genommen? Und wenn sie von Mario ermordet worden war: Warum hatte er es getan? Zum erstenmal aber sprachen sie frei und offen über Susette, und daß sie das konnten, befreite beide von einer Last. Sie waren in ihren Gesprächen einige Kilometer weit gegangen und hielten erschrocken an, als sie in der Talmulde die Schieferdächer des ersten Dorfes im Sternenlicht erglänzen sahen. »Mein Gott, da ist ja schon Lengeberg!« Sie kehrten um, gerade als sie von Susette zu sprechen anfingen, und während dieses ganzen Gesprächs lagen die Wiesen mit brodelnden Nebelmassen unter ihrem Blick, bildeten stille weiße Teiche und weite Seen. Sie schritten nebeneinander, suchten Susettes Gestalt zu verklären und zu erklären und endeten immer wieder bei den alten Fragen. Holten mußte spätestens am nächsten Abend nach Berlin zurückkehren. Sie trafen Verabredungen für den Tag. Vor allem mußte Dr. Gerlach besucht werden, der aber bis fünf Uhr auf der Kohleversuchsstation arbeitete. Vorher waren Besuche zu machen, zum Beispiel bei der alten Gladen, die noch immer in dem Gartenhäuschen im Park wohnte. Und am Nachmittag kam Wolf wohl am besten zu Streichers herüber. »Wird es nicht auffallen, wenn wir uns beide am hellichten Tage in den Straßen zeigen?« fragte er. Natürlich würde es auffallen; aber man würde ihr Zusammensein doch weniger auf die alte Geschichte zurückführen, als etwas anderes vermuten. »Ist Ihnen das nicht unangenehm, Gitta?« Sie sah ihn sehr ernst an. »Nein, Wolf van Holten, es ist mir gar nicht unangenehm. Aber das müssen Sie wissen: Ich werde keinem Manne angehören, bis meine Schwester gerächt ist!« Sie schwiegen beide und ließen die Worte nachklingen, wogen noch einmal ihre Schwere aus, wußten, daß diese Worte sie verbanden und wie ein Verlöbnis waren. Wie töricht sind wir, dachte Holten. Weshalb genießen wir nicht unsre Liebe? Weshalb jagen wir hinter dieser furchtbaren Vergangenheit her? Aber er sagte nichts. Auf einmal blieb er doch stehen, nahm ihren Kopf in beide Hände und küßte sie auf Lippen und Augen. Sie ließ es ruhig geschehen, machte sich dann von ihm los. »Ich muß nach Hause!« Sie sprachen nichts mehr, bis er sich unter der Pergola mit den Kletterrosen von ihr verabschiedete. Ihre Gespräche und die Küsse klangen in ihm nach, als er neben dem kleinen Bach herging. Hatte Gitta recht, daß sie nur der »Schatten Susettes« war? Dann war er selber vielleicht nur ein Schatten Glasbergs? Dunkel, erdgebunden! Vielleicht war es wirklich so, trotz allem. Sie mühten sich im niederen und dunkleren Reich, indes die anderen heiter in der Sonne tanzten. Er versuchte, mit seinem Vater, der ihn noch erwartete, über Susette zu sprechen. Aber für den alten Herrn war sie eine entzückende Schauspielerin gewesen, und im Grunde kam ihm schon die Verbindung »einer solchen« mit Mario Glasberg, dem Sohn einer so großen Familie, wie eine Hochstapelei vor, aus der Unheil entstehen mußte. Für den Vater war Prinz Georg die wichtigste Figur in dem Drama. »Man weiß ja, wie das so ist,« meinte er, ohne sich weiter zu äußern. »Wenn das so ist, wie du glaubst,« sagte Wolf, »dann hätte sie sich also doch selbst das Leben genommen?« Aber zu dieser Ansicht wollte sich der alte Herr auch nicht entschließen. Wolf sah, wie solche Fälle im allgemeinen von Menschen betrachtet werden. Man nimmt eine kleine Formulierung von hier, eine nette Anekdote von dort, setzt sie klischeehaft zusammen und läßt sich angenehm und unverbindlich von bunten Figuren unterhalten. Die Stellungnahme erfolgte je nach dem gesellschaftlichen Rahmen und den materiellen Beziehungen. Keine Spur von logischen Schlüssen und Wahrheitsdrang und Verantwortung. Unmöglich, in einer solchen Welt etwas auszurichten ohne den Donnerschlag schallender Beweise. Und wie die erbringen? Ihm fielen Dr. Gerlachs Arsenproben ein, aber darüber konnte er mit seinem Vater noch nicht sprechen. Am Morgen holte er Gitta zu einem Rundgang durch die Stadt ab. Für die Eltern Streicher sah er Gitta erst jetzt. Vater Theophil arbeitete hemdärmelig im Garten. Holtens Besuch beunruhigte ihn. Er hatte von Anfang an alle Bemühungen in dieser Angelegenheit für aussichtslos gehalten und witterte, daß Holtens Anwesenheit neue Enttäuschungen zu bedeuten hatte. Er wollte seine Tochter Susette, diesen jäh abschießenden Stern erster Größe, betrauern, nichts weiter. Selbstverständlich hatte der reiche Erbe sie ermordet. Für Künstlerkinder brachte jede Berührung mit den Großen dieser Erde Verderben. Er hatte es von Anfang an gesagt und mit der ganzen Geschichte nichts zu tun haben wollen. Vielleicht kam wenigstens für Gitta eine gute Verlobung mit dem anständigen Kerl, diesem Rechtsanwalt van Holten, dabei heraus. Das war seine Meinung, und Mutter Agathe dachte seit ihren Mißerfolgen nicht viel anders. Der Sekundaner Paul drückte dem Besucher als Mitverschworener heftig die Hand. Er empfand, daß Gitta und Holten ihn eigentlich hätten mitnehmen müssen. Aber Erwachsene sind egoistisch und undankbar. »Zuerst zur Gladen!« Sie gingen durch die endlosen steinernen Straßen. Lieblos und hastig gebaut, um Menschen zu kasernieren, weil man sie für die Kohle brauchte. Aus allen Ecken Deutschlands hatte die auflebende Industrie die Menschen herbeigesaugt. Sie gingen über den geneigten Georgsplatz, an dem Kriegerdenkmal vorüber, das als steinerner Infanterist mit Pickelhaube und Bajonett in gewundene Zuavenleiber hineinstach. Hinter dem Platz stand das Regierungsgebäude, und dahinter begann der Park mit Buschwerk und Reitwegen, auf denen niemand mehr ritt. »Hoffentlich ist der alte Gerlach auf dem Damm!« sagte Gitta. »Er hatte sich in der zweiten Nacht wieder furchtbar erkältet.« »Haben Sie ihn denn gestern nicht gesehen?« Aber er hatte ihr vorgestern nur einen Zettel geschickt: »Kein Arsen!«, was sich auf die Erde des Neuen Kirchhofs bezog. Holten zuckte die Achseln: Man würde am Nachmittag sehen. Von der Außenpromenade des Schloßparks gab es einen Blick in die Talmulde. Dort begann das Reich A. W. Glasbergs. Ein Wald von Schornsteinen, Brandmauern, elektrischem Gestänge. Krane drehten sich hoch in der Luft, Loren glitten an Stahlseilen. Drei Hochöfen nebeneinander stießen schwarzen Rauch aus, der sich als Wolke zwischen die Hallen aus Glas und Eisenwerk niederschlug. Eine rote Mauer, mit zackigen Glasscherben obenauf, sperrte das Werk ab. Man sah nur das Getriebe hoch oben, das Greifen der Fangarme, die Pinselstriche aus geschwungenem Rauch über dem graublauen Himmel, fühlte das Schüttern der Maschinen, hörte das Schreien von Schienen und Räderwerk. »Großartig!« Das großartigste aber war die Schlackenhalde, die drohend gegen den Schloßpark stand, tote, ausgeglühte Erde, trostlos erloschen, aber wachsend, wachsend. Die beiden Enden eines Gleises ragten gespenstisch über den Kraterrand. »Mein Gott,« sagte Holten, »wie ist die Halde gewachsen! Der Park hat ja keine Vormittagssonne mehr!« Gitta nickte. »Sie wächst täglich. Ich sehe hier manchmal eine halbe Stunde zu, wie aus den Loren die tote Schlacke herunterrinnt. Wie ein feines Rieseln ist es. Das läuft wie Sand den Sturzhang hinab, treibt im spitzen Winkel auseinander und meißelt richtige Pyramiden heraus. Vielleicht sind diese Schlackenhalden die Pyramidenbauten unsrer Zeit. Ist es nicht furchtbar zu denken, wie viele solcher Berge in der Welt mit jeder Stunde wachsen und als Ungetüme vorwärtskriechen?« »Ja,« sagte er, »und daß nun der Schloßpark keine Vormittagssonne mehr hat! Das Grauen kann einen anpacken. Sehen Sie, das dort« – er wies auf den schattigen Park – »das ist die alte Zeit. Aber wenn das« – und er zeigte auf die Fabrik –, »wenn das die neue, unsre viel gepriesene moderne Zeit ist, wo paßt dann der Begriff totes Gerümpel hin?« »Auf beides!« sagte sie. »Da! Sehen Sie!« Ein Auto fuhr die Mauer entlang, von einem livrierten Chauffeur gelenkt. Mit kleinen Staubflügeln unter den Rädern raste es die Mulde hinab und wieder zu ihnen hinauf. Ein alter Mann im grauen Anzug, mit grauem Schlapphut, mit grauen Bartkoteletten, saß darin. Selbst das zerknitterte Gesicht erschien grau. »A. W. Glasberg!« sagten sie beide zugleich. Der Wagen fuhr dicht an ihnen vorüber. Bemerkte der graue Mann sie? Sein Blick ging flüchtig über sie hinweg. Er war wie der Blick eines Toten, der nichts mehr aufnimmt. »Hätte ich ihn grüßen sollen?« fragte Holten. Sie zuckte die Achseln. »Es ist alles gleich. Vielleicht hat er uns erkannt, vielleicht nicht. Aber glauben Sie mir: Er weiß viel, sehr viel von uns. Sicher läßt er uns beobachten, und alle paar Wochen hält ihm jemand einen Vortrag über Mario und Sie und mich. Wo ist eigentlich Mario?« Er hatte ihr erzählt, daß er gestern mit Mario zusammengewesen war. Mario hatte davon gesprochen, daß er nach Norwegen wollte. Aus Dalmatien, wie er vorgab, kam er jedenfalls nicht. »Werden Sie es herausbekommen, wo er den Sommer verbringt?« Ihm fiel ein, daß Mario von dem Maler Margis gesprochen hatte. Man konnte feststellen, wo Margis sich aufhielt. Er nahm sich vor, in der Wohnung des Malers gleich in Berlin anzurufen, und sagte es ihr. »Gut,« meinte sie, aber die Begegnung mit A. W. Glasberg hatte sie beide ein wenig eingeschüchtert, wie Kinder. Sie gingen durch den Park. Die alten Bäume hielten die Geräusche des Werkes ab. Ganz still war es hier. Sie hörten nur das Knirschen ihrer Schritte auf dem Kies der Wege. Manchmal blickte die Schutthalde zwischen den Bäumen zu ihnen herüber. Am Ende der großen Wiese schloß das Naturtheater aus der Barockzeit die Aussicht ab. Weiße Statuen winkten von dort. Sie schienen alle nach der grauen Halde zu blicken und nach dem Ende der Geleise, die über den Rand ragten. »Wie merkwürdig ist das alles!« flüsterte Gitta. »Zwei Zeitalter bedrohen sich.« Und sie stand gerade dazwischen. Er nickte. Hinter dichten Heckenwänden aus Haselnußgesträuch kamen sie zum See, gingen über die Brücke mit weißem Birkengeländer. Kleefelder schimmerten von fern durch die Bäume. Man sah bunte Kühe weiden. Ein Bach lief den Parkrand entlang. Dort lag das Gartenhäuschen der Frau von Gladen, mitten in einem Gemüsegarten, der sich seltsam und lustig in dem schweigenden Ernst der grünen Bäume ausnahm. Unter einem breiten Strohhut und überdies von einem bunten Sonnenschirm beschützt, wandelte das verhutzelte alte Dämchen zwischen den Beeten und kommandierte zwei Mägde, die an den Mistbeeten hantierten. Sie sah die beiden kommen, hob ihre Lorgnette vor die Augen und humpelte ihnen entgegen. »Mein Gott!« rief sie. »Das Fräulein Streicher in eigener Person! Und mit einem schmucken Kavalier!« Sie strahlte über das ganze kleine rosige Gesicht, eine Liebesgeschichte witternd. »Ach, der junge Herr van Holten! Was macht Berlin? Wissen Sie, daß ich früher mal in einer Kutsche nach Berlin gefahren bin? Mein seliger Mann war auch zu altmodisch. Er bestand durchaus auf der Kutsche. Ja ja, Kindchen, er war aber auch dreißig Jahre älter als ich.« Sie saßen in dem kleinen Salon zusammen und tranken Portwein. Frau von Gladen erzählte unaufhörlich. Wollte sie vermeiden, daß die Rede auf »diese schreckliche Geschichte« kam? Aber sie hatte nur Freude an dem jungen Besuch, tätschelte »das Fräulein«, machte neckische Bemerkungen zu dem jungen Rechtsanwalt. »Ihr Herr Vater? Oh, das ist ein strenger Mann! Vor dem habe ich mich immer gefürchtet. Wenn die Leute schon ›van‹ heißen und nicht ›von‹! Um Gottes willen, Sie heißen ja selber ›van‹!« Sie lachten, erzählten, daß A. W. Glasberg in eigner Person an ihnen vorübergefahren war. A. W. Glasberg war für Frau von Gladen »der Mann mit dem vielen Schutt«. »Dem werde ich noch einmal in meinem Leben begegnen!« rief sie aus. »Wissen Sie, daß ich ihn noch nie gesehen habe? Aber ich will nicht sterben, bevor ich ihm einmal meine Meinung gesagt habe.« Die Besucher sahen sich in dem Raum um. Hier hatten Mario und Susette ihre Stelldicheins gehabt. In diesem Zimmer hatte der Adjutant des Prinzen Georg gestanden, um die Demoiselle Streicher nach Hause zu geleiten, während sich draußen, in der Rosenlaube, ihr Geliebter versteckt hielt. »Kind, Sie werden aber der Susette wirklich immer ähnlicher!« rief die Gladen aus. »Manchmal denkt man, daß Sie es selbst sein müßten. Aber Sie sind es nicht. Sie sind auch schon so ein bißchen ›neue Zeit‹, und die Susette war zeitlos, wie wir es in unsrer Jugend waren.« Sie fing an, von Susette zu schwärmen. »Das seht ihr heutigen Jungen natürlich nicht ein. Wenn eine so von Natur anmutig und hübsch ist, das genügt euch dann schon. Aber es ist gar nichts. Jede Bauernmagd kann das. Aber zu wissen, was gefällt, und die Schönheit und Anmut in jedem Augenblick zu produzieren und darzustellen, das ist wahre Kultur, und die hatte Susette. O Kinder, die hatte sie! Susette wußte genau, warum sie jetzt läuft und jetzt langsam geht, wann ihr die Locke über die Stirn zu fallen hat und wann es gut ist, zu lachen oder zu weinen. Merken Sie, Kindchen, Lachen ist fast immer gut! Aber ihr wollt euch das heute ja nicht mehr merken! Ihr seid ja alle so furchtbar ernst. Puh!« Nun lachten sie doch alle drei, aber Wolf und Gitta sahen sich dabei an. Hatte die Gladen nicht richtig charakterisiert? War Susette nicht genau so gewesen? Nahm sich etwa eine solche Susette das Leben? Als sie durch den Park zurückgingen, fiel Gitta auf einmal der alte Gerlach ein. »Ob er vielleicht doch krank und zu Hause ist? Wir hätten jetzt gerade noch Zeit, ihn zu besuchen.« »Ach, Gitta, Sie sagen das ja nicht deswegen,« meinte er. »Sie wollen bloß so früh wie möglich zu ihm hin. Sie sind in Unruhe, daß etwas dazwischenkommt. Ist's nicht so? Vielleicht, weil der alte Glasberg uns gesehen hat?« Sie sah ihn erschrocken an. »Wie kommen Sie darauf? Natürlich ist es so! Ich bin wirklich in Unruhe.« »Weiß man denn etwas von Ihrer Freundschaft mit Herrn Gerlach?« Sie zuckte die Achseln. Man könne in Leynhausen nie wissen, was jemand weiß. Gitta war niemals zu ihm gegangen, aber man konnte sie zusammen gesehen haben. Da sie zu zweit waren, beschlossen sie, hinzugehen. Sie mußten durch den ganzen Park, an dem Barocktheater vorüber. Dann kam die graue Mauer des herzoglichen Marstalls, dann das alte Portal, das zum Schloßhof führte. Sie atmeten auf, als sie so weit waren, daß nirgends mehr die Schutthalde über die Bäume ragte. Bis dahin hatten sie das Gefühl, daß der tote Blick des alten Glasberg ihnen im Rücken saß. Sie gestanden es sich verlegen. »Wir sind doch nun einmal Hofpartei,« sagte Wolf. Gitta nickte: »Ja, hundertmal lieber begegne ich dem Herzog selbst und mache meinen Knix und lasse mich leutselig ansprechen, als daß ich den alten Glasberg an mir vorüberfahren sehe.« Von dem Schloßportal waren sie in wenigen Augenblicken wieder am Georgsplatz. Dicht daneben wohnte Herr Gerlach. Es war ein Haus wie alle in diesen Straßen, mit einem Erdgeschoß und ersten Stock. Dann kam schon das hohe Dach, in dem es nur noch Mädchenmansarden und Trockenböden gab. Sie stiegen die Treppe hinauf und sahen die weißlackierte Tür mit dem Porzellanschild und dem Messinggriff der Klingel. Gerade tat sich die Tür auf, und heraus kam ein dicker, freundlicher Herr mit grauem Schnurrbart und goldener Brille. »Um Gottes willen!« entfuhr es Gitta. Es war der Sanitätsrat Dr. Dix, der Arzt der Glasberg-Partei, jener, an dessen Totenschein alle Bemühungen der Streichers gescheitert waren. Der Sanitätsrat drehte sich langsam um und kam die Treppe herunter. »Nanu?« sagte er, als er die beiden erblickte. »Wie kommen Sie denn hierher? Zum alten Gerlach?« 11 Holten gab vor, daß Herr Gerlach ein alter Bekannter von ihm wäre. »Schau, schau!« sagte der Sanitätsrat. »In dem alten Gerlach kreuzen sich also die Parteien von Leynhausen. Aber im Ernst: Es geht ihm schlecht! Wenn das nicht eine Lungenentzündung von ganz besonderer Gründlichkeit der Ausführung ist, lasse ich mich hängen. Was Ihnen und Ihrer werten Familie, mein gnädiges Fräulein, ja nicht weiter leid tun würde!« »Ich bitte, Herr Sanitätsrat!« sagte Gitta streng. »Nun, nun,« begütigte Dr. Dix. Aber dem alten Gerlach ginge es wirklich schlecht. Herr Glasberg wäre sehr beunruhigt und hätte soeben noch selbst vorgesprochen, was doch sonst nicht seine Art sei. Ob sie sein Auto nicht noch um die Ecke biegen sahen? Die beiden warfen sich einen Blick zu. Dr. Dix sagte, daß er sofort eine Pflegerin hierher beordern würde. Er schüttelte bedenklich den Kopf, ob er den Besuch gestatten solle. »Vorsicht vor Ansteckung!« warnte er. Holten sagte, daß er Herrn Gerlach ziemlich dringend sprechen müßte. Sein Besuch würde dem alten Herrn einigermaßen wichtig sein. »Wichtig, wichtig!« wiegte Dr. Dix den Kopf. »Wissen Sie, es gibt Augenblicke, wo einem das Wichtigste nicht mehr sehr wichtig ist. Aber wenn ich Ihnen verbiete, hineinzugehen, warten Sie, bis ich alter Esel um die nächste Ecke bin, und tun doch, was Sie wollen. Na, also!« Er brummte irgendeine Empfehlung an »werte Angehörige« und ging die Treppe hinunter. Die beiden blieben oben stehen und sahen sich an. »Ob er wirklich so krank ist?« Daran wäre nicht zu zweifeln. Weshalb sollte der Sanitätsrat ihnen etwas vorlügen? Aber daß gerade dieser Mann sie nun hier getroffen hätte! Und was es bedeuten solle, daß Glasberg selbst hiergewesen wäre! »Ist der Herr Gerlach denn ein besonders großer Mann im Konzern?« »Gar nicht!« sagte Gitta. »Er ist nicht einmal Leiter der Kohleversuchsstation, sondern nur so als Chemiker angestellt. Aber sagte ich es Ihnen nicht, daß der alte Mann alles über uns weiß? Er hatte gehört, daß Gerlach bei meinen Eltern verkehrt, und heute sah er uns beide zusammenstehen. Da ist ihm eingefallen, daß Gerlach erkrankt ist, und er hat einmal nachgesehen. Und der Dr. Dix, dieser alte Spion, ist natürlich auch gleich vom Werk aus hergeschickt.« »Es ist gräßlich in dieser Stadt!« sagte Holten. »Wissen Sie, Gitta, hier habe ich immer das Gefühl, daß man sich mühen und mühen kann, und dann tut A. W. Glasberg einen Federstrich, und nichts ist gewesen. In Berlin ist man doch nicht ganz so machtlos. Oder vielleicht merkt man es nur nicht so. Aber kommen Sie!« Er zog an dem Messinghandgriff. Eine freundliche alte Frau öffnete. »Fräulein Streicher!? Der Herr Doktor hat schon sehr nach Ihnen verlangt. Ich sollte Sie schon holen gehen.« Sie nötigte hinein. Herr Gerlach wohnte in alten Mahagonimöbeln. Er lag übrigens nicht im Bett, sondern saß, im Schlafrock und in Decken gehüllt, in einem Großvaterstuhl am Fenster. »Natürlich, Fräulein Gitta!« rief er. »Ich wußte doch, daß Sie kommen würden! Eigentlich sollte ich schon im Bett sein, aber Ihretwegen bin ich noch aufgeblieben.« Er hustete, daß der ganze Körper sich schüttelte und das bleiche Gesicht in Schweiß stand. »Die Ärzte –« sagte er zwischendurch mühsam, »Lungenentzündung – aber das schlimme ist, daß das Herz diese Hustenanfälle nicht aushält. Er sollte mir Kodein geben, aber er wollte nicht. Na, dann besorge ich es mir so! Wir Chemiker –« Er wollte lachen, aber der Husten schüttelte ihn wieder zusammen. Einen furchtbar kranken Eindruck machte er trotzdem nicht. Vielleicht hatte der Sanitätsrat übertrieben. Herr Gerlach wußte, wer Holten war. Er beeilte sich, auf seine Arsenvermutungen zu sprechen zu kommen. »Ich habe eine kleine Überraschung für euch, Kinder!« Er stand auf, überdauerte den nächsten Anfall im Stehen und öffnete die Tür zum Nebenraum. »Wenn Herr Glasberg wüßte, was hier drin ist, würde er mir nicht den Sanitätsrat, sondern den leibhaftigen Teufel auf den Hals schicken! Übrigens war er selber hier, nicht der Teufel natürlich, sondern der alte Glasberg. Liebenswürdig, sage ich euch, gemütlich, so der richtige Krankenbesuch eines hohen Herrn!« Ob er denn nichts von Glasberg befürchte, fragte Holten. »Nein, gar nichts! Wenn ich ein Aufsichtsratsmitglied wäre oder so etwas und dann mit Streichers befreundet wäre! Aber ein kleiner chemischer Angestellter! Da ist's ihm gleichgültig. Hoffentlich! Aber der kleine chemische Angestellte wird seinem Sohn das Genick brechen. Auch wenn der Mensch eigentlich erst beim Aufsichtsrat anfängt.« Er hatte die Tür geöffnet. Wie er jetzt im Schlafrock und in Pantoffeln dastand, sahen sie, daß er Fieber hatte und sich krampfhaft aufrecht hielt. »Lassen Sie es doch sein, Herr Doktor!« rief Gitta. »Ich habe Holten ja alles erzählt.« »Nichts haben Sie erzählt!« knurrte der Alte. »Sie wissen selber noch nichts. Wissen Sie vielleicht, daß ich jetzt das Arsen nachweisen kann, mit dem er die Frau vergiftet hat? Wissen Sie das? Na also!« Er ließ sie eintreten. Es war ein vollständiges Laboratorium, das sich Dr. Gerlach eingerichtet hatte. Ein großer Schrank mit Reagenzgläsern und Retorten nahm fast eine ganze Wand ein. In der Mitte stand ein großer Tisch, der in buntem Durcheinander seltsame Instrumente, Schmelztiegel, elektrische Apparate, Kolben, Gestelle von allen möglichen Formen aufwies. An der Seitenwand befand sich ein Bücherschrank mit Fachliteratur. An das Fenster war ein hohes Stehpult gerückt, das mit Papieren bedeckt war. Der Alte wies darauf hin. »Dort schreibe ich Ihnen ein Gutachten für die Staatsanwaltschaft. Ich lege die ganze Angelegenheit vom Standpunkt des Chemikers aus klar. Beweise vor allem, daß dieser Sanitätsrat Dix ein Esel ist und sich die Leiche überhaupt nicht angesehen haben kann. Wenn eine junge Frau an Veronalvergiftung stirbt, so wälzt sie sich im Bett herum und stöhnt: Und davon sollte der zärtliche Gatte nicht aufgewacht sein? Danke sehr! Das alles schreibe ich in meinem Gutachten. Und dann führe ich aus, weshalb dem Dr. Glasberg so sehr daran gelegen war, daß seine Frau auf dem alten Kirchhof begraben wurde.« Er schwenkte ein beschriebenes Blatt in der Hand. »Hier ist der Nachweis des Arsentrioxyds, wie es sich dort findet. Ich habe genau aufgeschrieben, auf welche Weise ich den Nachweis geführt habe, damit nicht irgendein Idiot zu einem gegenteiligen Ergebnis kommt. Aber die Hauptsache, Kinder, seht hier!« Er steckte ein Gebläse an, aus dem die Flamme mit scharfem Zischlaut herausstieß, nahm ein Röhrchen in die Hand und hielt es ins Feuer. »Ich habe das für euch aufbewahrt, um es euch vorzumachen. In diesem Röhrchen ist das Arsentrioxyd, wie es sich im Boden findet. Und in diesem anderen Röhrchen jenes im Wasser lösliche Arsentrioxyd-Präparat, wie es Dr. Glasberg wahrscheinlich für seine Gemahlin zusammengesetzt hat. Ein harmloses weißes Pülverchen übrigens. Der übliche Arsennachweis ist hier bei beiden Materien bereits vollzogen. Es ist beidemal genau dieselbe chemische Zusammensetzung erwiesen. Ich dachte nun nach, wie man es bewerkstelligen könne, bei diesen beiden chemisch gleichen Stoffen eine verschiedene Reaktion herbeizuführen, so daß man – trotz der gleichen Eigenschaften – sagen könne: hier ist das Arsen der Erde, und hier das als Gift benutzte Arsen. Eine Unmöglichkeit, was? Wenn es der gleiche Stoff ist, wie soll sich eine Verschiedenheit der Reaktion ergeben, was? Aber nun schaut einmal her. Ich habe hier das Erdarsen in eine Flüssigkeit getan, und in diesem anderen Röhrchen das Pulver in die gleiche Flüssigkeit. Paßt auf!« Er hatte während der letzten Sätze das eine Röhrchen ins Feuer gehalten. Die Flüssigkeit begann zu brodeln. »Hier, was seht ihr? Seht ihr einen Niederschlag, einen Spiegel, wie man das nennt? Nein, nichts seht ihr!« Er hatte recht. Die Flüssigkeit zeigte eine leichte Trübung, ergab aber nicht den geringsten Niederschlag. »Und trotzdem ist genau das gleiche Arsen darin wie dort!« rief er triumphierend und hielt die zweite Röhre in die Flamme. In diesem Röhrchen setzte sich in wenigen Augenblicken der »Spiegel« ab, ein wenig hinter der erhitzten Stelle, dunkelbraun und metallisch glänzend. Wolf und Gitta starrten auf die seltsame Erscheinung. Sie hatten noch nie etwas Derartiges mitgemacht und verstanden im Grunde nichts, begriffen nur, daß da ein Verfahren gefunden war, um Susettes Vergiftung nachzuweisen. Wußten, daß diese kleine, hauchzarte und metallisch glänzende Bildung von ungeheurer Bedeutung für sie sein konnte. »Was – was ist das für eine Flüssigkeit?« fragte Holten. Der Alte lachte. »Das möchten Sie gern wissen, was? Aber das ist eben das Geheimnis, meine Entdeckung! Die ganze Nacht habe ich heute daran gearbeitet, bis ich das herausbrachte. Deshalb bin ich ja heute auch nicht auf die Station gegangen. Wegen des bißchen Erkältung da? Unsinn! Weil ich die ganze Nacht bis morgens um sieben gearbeitet habe! Ja, die Flüssigkeit! Es ist im Grunde eine ganz einfache Sache. Wie soll ich es euch erklären? Nun, im Boden sind gewisse Salze, die mit dem Arsentrioxyd eine gewisse Verbindung eingehen. Salze, die zufällig genau in dem gleichen Grade löslich sind wie das Arsen und zufällig die Bildung des Spiegels verhindern. Wenn man sie nämlich in meiner Flüssigkeit löst.« »Aber,« fragte Holten, »ist dann nicht auch das Gift inzwischen diese Verbindung mit den Salzen eingegangen? Wird es nicht, in dieser Ihrer Flüssigkeit gelöst, genau so reagieren wie das Arsen aus der Erde?« »Nein, mein Lieber! Das verhindern wieder bestimmte Eiweißverbindungen, die dieses Pulverarsen im Körper eingeht. Darüber gibt es eine ganze Literatur.« Er wies auf ein Buch, das aufgeschlagen dalag. »Und diese Entdeckung ist zuverlässig? Wirklich ganz zuverlässig?« »Daran läßt sich überhaupt nicht zweifeln! Kinderchen, gebt mir acht Tage Zeit! Ich muß mich jetzt wirklich etwas erholen. Und dann schreibe ich mein Gutachten nieder. Und es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn ihr daraufhin nicht augenblicklich die Leiche herausbekommt. Gegen diese Ausführungen kann kein Staatsanwalt etwas einwenden. Er muß die Exhumierung anordnen!« »Dann müssen Sie ja aber Ihre große Entdeckung preisgeben?« sagte Gitta. »Nun, wozu habe ich sie denn gemacht?« lachte der Alte leise. In diesem Augenblick setzte der Hustenanfall wieder ein. In der Erregung der letzten Minuten hatte Gerlach nicht gehustet, nun aber schüttelte es ihn. Schweißtropfen traten auf der Stirn aus. Er preßte das Taschentuch mit einem ängstlichen Blick gegen den Mund, als müßte er den beiden Besuchern etwas verbergen, und ließ sich in den Stuhl fallen. »Kinderchen,« sagte er mühsam zwischen den Anfällen, »helft doch, bitte, meiner Eurykleia das Bett aus dem Schlafzimmer nach vorn schaffen.« Sie verstanden, daß man, um ins Schlafzimmer zu gelangen, durch sein Laboratorium hindurch mußte und er keinem Besucher und ebensowenig dem Arzt einen Einblick in seine geheime Werkstätte vergönnen wollte. »Es ist nicht nötig, daß der Sanitätsrat etwas sieht!« Sie führten ihn langsam in das Vorderzimmer zurück und setzten ihn in den Armsessel. Der Husten hatte nachgelassen, aber er sah bleich und erschöpft aus. »Das Herz,« sagte er, »das ist das schlimme!« Holten rief die Wirtschafterin und holte mit ihr das Bett. Dabei sah er, daß Herr Gerlach sein eigentliches Schlafzimmer dem Laboratorium geopfert hatte und in einer Kammer schlief, die nur hoch oben ein kleines Fensterchen aufwies und nicht viel größer als das Bett selber war. Es war ein schweres Eichenbett. Die beiden hatten genug daran zu tragen. Sie bekamen es kaum durch die Türen. Der Alte saß jetzt still in seinem Stuhl. Mit großen, mißtrauischen Blicken sah er das Bett an. Es war, als packte ihn die Ahnung, daß sein Bett nicht wieder mit ihm in jene Kammer zurückkehren würde. Er beargwöhnte die Absichten dieses Möbels in dem schönen Mahagonizimmer. Es war ihm deutlich anzumerken. »Geht, Kinderchen, geht!« sagte er auf einmal unwirsch. Gitta trat zu ihm und drückte einen Kuß auf seine Stirn. Der Alte nickte, als wüßte er, daß das ein großer Abschied war. »Geht, geht!« winkte er mit der Hand. Sie flohen fast, wußten, daß jede Sekunde ihm jetzt schmerzhaft war. Vielleicht wollte er ungestört Blut husten, nachdem er ihnen seinen Zustand im Laboratorium noch gerade verborgen zu haben glaubte. »Weshalb haben Sie ihn geküßt?« fragte Holten draußen. »Jetzt glaubt er, daß Sie sich für immer von ihm verabschieden wollten.« »Das wollte ich auch!« sagte Gitta. Plötzlich weinte sie auf und lehnte sich gegen die Treppenwand. »Uns muß in dieser Geschichte alles schiefgehen!« stammelte sie. Er versuchte sie zu trösten. Sie wischte sich schnell die Tränen ab und drehte sich nach ihm um. »Wie schlecht man ist! Wissen Sie, was ich denke? Wenn er doch bloß erst nach der Fertigstellung seines Gutachtens stürbe! Daß so ein Gedanke den Schmerz um einen doch so lieben und verehrten Menschen völlig verdrängen kann!« »Ja, Gitta, wer von einem Plan so völlig besessen ist wie wir, der ordnet ihm alles andere kaltherzig unter und ist wohl während dieser Zeit nicht sehr gut, aber immerhin um eines guten Zweckes willen.« »Ach, Wolf, ich glaube, die ganze Schlechtigkeit auf der Welt kommt daher, daß alle Menschen immer glauben, wegen eines sogenannten guten Zweckes gräßlich schlecht sein zu dürfen. Man sollte sich solche guten Ziele, über denen man schlecht wird, gar nicht setzen.« »So wollen wir es aufgeben.« »Nein!« sagte sie entschlossen. »Nichts geben wir auf!« »Haben Sie denn Susette so geliebt, oder hassen Sie Mario so sehr?« »Ich weiß nicht, was es ist, aber ich komme von diesen beiden Menschen nicht los, bis alles aufgeklärt ist.« Wolf seufzte. Es war das gleiche wie bei ihm. Man kam von diesen beiden Menschen nicht los. »Was halten Sie von der Entdeckung oder Erfindung?« fragte Gitta. Aber er konnte es nicht sagen. Vielleicht hatte Herr Gerlach in seinem Fieber und in der Erregung der durchwachten Nacht einen Fehler gemacht, und das Ganze war Unsinn. Aber wenn es auch richtig war, so sollte man doch nicht darauf vertrauen, denn Gerlach würde jenes Gutachten nicht mehr schreiben. »Er ist ja viel kränker, als wir zuerst glaubten, und ich glaube, noch kränker, als selbst der Sanitätsrat annimmt. Und wissen Sie, was mir einfällt? A. W. Glasberg ist nicht deswegen zu ihm gekommen, weil er einen Argwohn gegen ihn hatte unsertwegen, sondern er wollte einfach beizeiten feststellen, ob er die Stelle neu ausschreiben soll. Solche Leute denken viel einfacher und robuster, als wir glauben.« »Das kann sein,« sagte sie resigniert. Sie gingen bereits über den Georgsplatz. – Nach zwei Tagen erhielt Holten von Gitta den erwarteten Brief. Herr Dr. Gerlach war gestorben. Kurz vor seinem Ende hatte er sich aus dem schwarzen Eichenbett geschlichen, ohne daß die Pflegerin etwas merkte, war in das Laboratorium gegangen und hatte die Retorten und Reagenzgläser zerschlagen. Es hatte einen großen Krach gegeben. Die Pflegerin stürzte hinein und fand den Alten halb über dem Versuchstisch liegend, mit Haupt, Oberkörper und Armen mitten zwischen Scherben, Pulvern und Flüssigkeiten. Vielleicht hatte er die Spuren seiner Versuche vernichten wollen, als er den Tod fühlte, vielleicht waren ihm Bedenken gekommen, und er hatte den Versuch gemacht, noch einmal seine Experimente nachzuprüfen, und dabei hatte der Tod ihn überrascht. Gitta blieb noch bis zu seinem Begräbnis. Dann wurde Leynhausen ihr unerträglich. Sie erreichte die Lösung ihres Vertrages und traf drei Tage nach ihrem Brief in Berlin ein, um vielleicht dort ein Engagement zu finden. »Wissen Sie, wo sich Mario zur Zeit aufhält? Er ist auf einem ostpreußischen Gut an der Küste,« konnte Holten ihr berichten. »Ach ja!« antwortete sie. »Aber was tun wir jetzt?« Er zuckte die Achseln. 12 Margis wanderte die Birkenallee entlang zur Chaussee und bog dann rechts nach Serbenitz ab. In seinem Ohr klangen noch die Worte der Damen Fenn. Nun wußte er gar nichts mehr. Welchem anderen Manne gehörte Maria, wenn nicht Mario? Also doch! Er rief sich ihre Worte ins Gedächtnis zurück. »Weil – ich einem anderen gehöre!« hatte sie gesagt und ihn zurückgedrängt. Und einige Male hatte sie von ihrer Wiederverheiratung gesprochen. Hoffte sie, daß Glasberg sie heiraten würde? Obwohl er bereits verheiratet war? Aber Glasberg sollte doch schon einmal seine Frau ermordet haben? Wollte er vielleicht damals frei sein, als Susette Streicher unter merkwürdigen Umständen starb? Wartete damals vielleicht eine andere Frau auf Susettes Tod, wie jetzt vielleicht Maria Fenn auf den Tod von Glasbergs zweiter Frau wartete? Diese Möglichkeit durchfuhr den Maler wie ein Dolchstich. Hatte der Zufall ihm den Vorhang zur Seite geweht, so daß er, er allein, einen ersten Blick hinter die Kulissen werfen konnte? Wie war es? Eine Frau sprach davon, daß sie vielleicht wieder heiraten würde. Und diese Frau hatte Beziehungen zu einem verheirateten Mann. Aber dieser Mann sollte bereits einmal seine Frau ermordet haben. Lag hier die Möglichkeit eines logischen Schlusses vor? Aber wen hatte denn Mario Glasberg zum zweitenmal geheiratet? Irgendein unscheinbares und wenig hübsches Wesen, um das er sich überhaupt nicht bekümmerte. Also nicht dieser, seiner zweiten Frau wegen konnte Glasberg Susette aus dem Wege geräumt haben, sondern einer anderen Frau wegen, die er hernach doch nicht bekommen hatte. Vielleicht war sie plötzlich gestorben, vielleicht hatte der Abscheu vor dem Mörder sie zurückgehalten. Wer konnte diese Frau sein? Man hatte nie davon gehört, daß irgendeine andere Frau bei ihm überhaupt eine Rolle spielte. Aber konnte man einen Mario Glasberg so genau überwachen? Was war alles auf kurzen Geschäftsreisen möglich oder auch während vorgetäuschter Dienststunden? Niemand brauchte etwas zu merken. Und wenn jetzt Glasbergs zweite Frau unter eigentümlichen Umständen starb und gleich darauf Maria Fenn vielleicht zufällig einer plötzlichen Krankheit erlag, wer wußte denn in der Berliner Gesellschaft etwas von dem, was sich hier an der Ostsee abgespielt hatte? Aber wahrscheinlich war alles Unsinn. Ja, Glasberg hatte Beziehungen zu Maria Fenn, und die vertrauensselige Frau hoffte, von ihm geheiratet zu werden. Natürlich würde sie sich täuschen. Das war der ganze Sachverhalt. Und er, Margis, hatte sich dabei ein wenig das Federkleid versengt. Man mußte es zugeben. Ohne Glasbergs Auftreten würde er vielleicht mehr Glück gehabt haben. Nun war es nichts, außer daß zwei große Porträts entstanden. Immerhin zwei ganz große Bilder. Oder Renate? Nein, Renate konnte ihn nicht leiden. Sie verachtete ihn und liebte Glasberg. Und doch, wie sie soeben noch vor seinem Bilde gestanden hatte, dem Porträt ihrer Mutter, diesem »Meisterwerk«, das die Sehnsucht und das innere Erleben von Wochen in sich schloß – da schien etwas in ihr aufzutauen. Sie hatte die Hand der Mutter erfaßt und »O Gott, ist das schön!« gerufen. Ganz ergriffen war sie gewesen. Dieses Mädel, das nichts tat als herumschlendern und unbegriffene Bücher lesen, hatte Sinn für Qualität. Bei Maria Fenn war er sich nicht so völlig klar darüber. Aber Renate, dieses in Luxus und Einsamkeit aufgewachsene Geschöpf, von der Feinheit einer alten Rasse, die sich in ihr vielleicht schon erschöpfte, sie hatte das Fingerspitzengefühl für Form und Farbe. Ganz anders war sie zu ihm gewesen als vorher. Hatte ihn bis zur Allee hinausbegleitet und »Auf Wiedersehen!« gesagt, mit einem Ausdruck, den er noch nie an ihr wahrgenommen hatte. Er ging, tief in Gedanken, die Chaussee entlang. Wie gestern flammte das Rot der untergehenden Sonne von links durch die Bäume. Rechts lag der Wald düster und schwer. Er kam an dem Gasthaus vorüber, durchschritt den tieferen Grund, der auch heute, trotz der früheren Stunde, feucht und dunkel war. Der halbausgetrocknete Bach plätscherte tief unten, grünes Licht tropfte sparsam nieder. Draußen dampfte der Boden unter dem steigenden Nebel. Hier war ihm gestern jenes Auto begegnet, in dem er Glasberg vermutet hatte. Wieder waren die Gedanken bei diesem seltsamen Menschen angelangt. War es Glasberg gewesen oder nicht? Er schritt die Höhe hinan. Oben lag, zwischen den Wiesen und Roßgärten, das Gut mit dem dunklen Block des Parkes Serbenitz. Zum erstenmal sah er das Gut in hellem Tageslicht liegen. Hier leben! dachte er. In dieser weiten Rodung zwischen den uralten Wäldern, und unten die rauschende See! Hier den Wechsel der Jahreszeiten begleiten, den braunen Herbst und den schweigenden Winter, und wenn im Frühjahr die Erde und der Wald aufbrechen und der Sommer wie ein Traum des Südens vorüberhaucht! Das Holztor zum Wirtschaftshof stand offen. Der Hund an der Kette tobte wieder wie wahnsinnig, heulte, sprang hoch, überschlug sich. Vor einem Schuppen hantierte der Chauffeur an dem Auto. Hinter einer Reihe Kastanien lag das Herrenhaus, ein einfacher breiter Kasten mit gelbem Putz, der verwittert war und an vielen Stellen bröckelte. Vorn war eine Veranda angelegt, zu der vier abgetretene Stufen hinaufführten. Margis hatte sich den Sitz der Barone Teuffel prächtiger vorgestellt. Dennoch imponierte ihm etwas an diesen behäbigen Mauern, die schon Jahrhunderte alt waren. Hier war kein Platz für Rosenrondell und Kiesauffahrt. Ein Hausherr wollte hier in Joppe und hohen Stiefeln heraustreten und die Arbeit auf dem Hof beaufsichtigen. Er verstand, daß man unter solchen Menschen über das Restgut Klein-Klank ein wenig lächelte. Als der Chauffeur ihn bemerkte, richtete er seine merkwürdigen graubraunen Augen auf ihn, musterte ihn und grüßte durch eine Kavalierverbeugung. Glasberg hatte ihm also Höflichkeit anbefohlen. Die Veranda war geschlossen. Margis zog an einer Glocke. Ein Diener erschien, einer von den ganz alten, mit weißem Kaiser-Wilhelms-Bart auf den Backen. »Der Herr Doktor lassen bitten.« Eine Halle mit Hirschgeweihen, Eberköpfen, Elchschaufeln, mit Garderobeschränken und Kleiderknaggen, mit einem abgetretenen Teppich und zwei wackeligen gelben Rohrstühlchen nahm ihn auf. Alte Joppen, Reisemützen, Mäntel hingen herum. In einem Ständer standen gegen zehn Spazierstöcke verschiedensten Formats. Über der einen Tür hing ein furchtbares Bild der kaiserlichen Familie in Öldruck. Es stammte, dem Alter der dargestellten Personen nach, aus dem Anfang der neunziger Jahre. Seitdem war nichts mehr für die Verschönerung der Halle getan worden. Merkwürdige Menschen müssen das sein! dachte er. Ein Gut von mehr als zweitausend Morgen, und dann dieses Bild, und überhaupt dieser ganze Raum! – Das Gutshaus von Klein-Klank sank auf der Wage wieder schwer hinunter. Der Diener half ihm beim Ablegen. Auf einmal kam Glasberg die Treppe herunter, begrüßte ihn mit seinem heiteren »Meister Margis«. »Nun, da sind Sie endlich! Seit vierzehn Tagen hoffte ich, Sie täglich hier zu begrüßen. Kommen Sie, Meister! Wir essen sofort.« Er führte ihn durch das Arbeitszimmer des abwesenden Hausherrn. »Warten Sie einen Augenblick,« sagte Margis. »Das muß ich mir anschauen. Ich fühle mich hier wie in einem Völkerkunde-Museum. Sehen Sie diese Bilder!« Es waren Jagdszenen, wieder in Öldruck, und einige fürchterliche Ölskizzen von unbeholfener Dilettantenhand. Ein alter Biedermeiersekretär stand am Fenster, aber in verkehrter Richtung. Der Tisch mit verschnörkelten Füßen stammte aus der Zeit des Jugendstils. Eine alte Petroleumhängelampe mit Trutzschildern war auf elektrisches Licht umgearbeitet. Ein verschließbarer Gewehrschrank an der Längswand, die ganz mit Geweihen bedeckt war, schien der einzige geachtete Wertgegenstand dieses Raumes zu sein. »Merkwürdig, merkwürdig!« Glasberg lächelte. »Sagen Sie, Herr Doktor, sind die Besitzer so arm?« Glasberg lachte schallend los. »Im Gegenteil, Lieber, im Gegenteil; sie sind schwer reich, haben einen Kutschstall voll edelster Pferde und fahren zurzeit auf einem sechszylindrigen Maybach mit Luxuskarosserie in Spanien herum. Das hier ist bloß ihr Stil, das Abbild ihrer Seele, in der, wie Sie sehen, eine edle Treuherzigkeit und schlichte Vätertugend vorwaltet. Aber sehen Sie hier!« Er öffnete die Tür zum Eßsaal und drehte das Licht an. Ein riesiger Raum lag da, mit Holztäfelung und dunklem Balkenwerk an der Decke. Kostbare Brokatvorhänge verdeckten die Fenster, die vom Fußboden bis zur Decke reichten. Drei glitzernde Kristalleuchter verströmten strahlende Helle. Schwere Schränke im Danziger Barock mit gedrechselten Säulen, alles in schwarzbrauner Eiche, mit reichem Schnitzwerk, standen längs der Innenwände. Auf Etageren prunkte Silbergerät: Sektkühler, Fruchtschalen, Flaschenuntersätze, Kannen, Karaffen, Tablette. Der Boden war in seinem ganzen Umfang mit einem graublauen Smyrna belegt. In den Ecken gab es gemütliche Sitze mit Ledermöbeln. An einem kleineren Tisch in einer Ecke war für sie beide gedeckt. Mit kostbarem Sevres-Porzellan, wie Margis erkannte, geschliffenen Weingläsern und funkelndem Gerät. In dem Augenblick erschien der Diener und steckte neun dicke weiße Wachskerzen eines schweren silbernen Leuchters an. »Sie können das elektrische Licht ausdrehen, Joachim!« rief Glasberg ihm zu. Ihre Ecke lag in dem warmen huschenden Kerzenlicht. Es war ein idealer Platz zum Einhauen und Pokulieren. Nichts fehlte. Auf dem Tisch blinkte mit blutrotem Schimmer der Bordeaux aus einer Kristallkaraffe. Aus Eiskühlern reckten Champagner- und Moselflaschen ihre Hälse. In der eingebauten Nische standen schon Zigarrenkisten und riesige Aschenschalen bereit. Daneben schimmerte hinter Glasverschluß mit weißer Marmorkachelung ein eingelassener Likörschrank in der Wand. »Nehmen Sie Platz, Meister Margis! Die Seele unsrer Ostagrarier hat zwei Seiten. Auch ich ziehe diese vor. Ja, zu meiner Schande gestehe ich, daß ich in dieser höchst behaglichen Ecke lieber speise als selbst bei den Damen Fenn. Das heißt, bei Nachtisch und Champagner beginnt man das weibliche Element hier zu vermissen. Wie ich bei den Damen Fenn während des Bratens und des Bordeaux diese Ecke vermisse.« Margis wunderte sich über diese Worte in Gegenwart des Dieners. Er versuchte, ein Zeichen mit den Augen zu machen, aber Glasberg bemerkte es nicht. Der Alte servierte mit unbeweglichem Gesicht. Vielleicht war ihm verboten, ein Wort der Unterhaltung zu vernehmen. Wenn er die Schüsseln gereicht hatte, stand er steif an der Wand, blickte leblos ins Leere. Aber wenn Margis dachte: Von diesen Trüffeln könnte man vielleicht noch etwas nehmen, oder für diese ausgezeichnete Sahnensauce wäre noch Platz auf meinen Kartoffeln! – wurde ihm schon wie durch magische Gedankenübertragung das kaum deutlich Gewünschte zugereicht. Glasberg sprach mit auffallender Kennerschaft von dem Porträt Marias. Versteht dieser Mensch alles? fragte sich Margis. Aber vielleicht hat ihm Frau Fenn nur meine eigenen Worte weitergesagt, und er versteht es geschickt, sie in anderer Fassung zu wiederholen. Natürlich war es so! Am Ende kam der Mokka auf den Tisch, nach allen Köstlichkeiten ein schauderhaft dünnes Getränk. »Ja, das verstehen sie hier nicht!« sagte Glasberg ohne Rücksicht auf die Anwesenheit des Dieners. Sie hatten noch volle Champagnergläser vor sich stehen und schon dicke Zigarren im Mund. Ein anderer, jüngerer Diener räumte den Tisch ab. »Sie können gehen, Joachim! Stellen Sie uns noch die Eisschale hierher. So, danke!« Der Alte verschwand. Glasberg kühlte die Gläser. »Bloß dieser Mokka!« schimpfte er noch einmal. »Hier ist der Punkt, wo man die Damen Fenn vermißt.« »Sagen Sie,« unterbrach ihn Margis, denn er mußte es herausbekommen, »wie stehen Sie zu Frau Fenn?« Mario Glasberg behielt die Miene des anregenden Plauderers durchaus bei. »Maria Fenn ist mein Trost in diesem Erdenwinkel. Ohne sie wäre ich längst nicht mehr hier. Was für eine charmante Frau! Und Renate übrigens! Dieses Mädel wird noch einmal einen Saal voll Menschen durcheinanderwirbeln. Merken Sie, wie sich die Kleine anzuziehen versteht?« »Bitte, beantworten Sie mir aufrichtig meine Frage!« unterbrach Margis zum zweitenmal. »Haben Sie mit Frau Fenn etwas? Verzeihen Sie, aber ich frage aus einem bestimmten Grunde.« Glasberg lachte belustigt auf. »Haben Sie von Maria Fenn einen Korb bekommen?« »Vielleicht ist es so etwas Ähnliches,« versuchte Margis zu scherzen, merkte aber, daß er rot wurde. »Das hätte ich Ihnen voraussagen können. Nein, Meister, ich habe mit Frau Fenn nichts. Ganz aufrichtig, als Mann zum Mann gesprochen. Aber Ihrem Bilde merkt man es an, daß Sie stark interessiert sind. Verzeihen Sie, daß ich das sage. Es kommt übrigens so etwas öfters vor, und Frau Maria ist auf diesem Gebiet viel gewöhnt. Sie ist ja auch eine bezaubernde Frau. Erzählen Sie!« »Es ist nichts zu erzählen!« »Nun, dann werde ich es Ihnen erzählen. Sie machen also eine zarte Andeutung, küssen ihr begeistert die Hand. Maria weicht freundlich, aber entschieden aus. Sie glauben, es ist allgemeine weibliche Scheu, und holen zu neuem Angriff aus. Und da bedeutet Maria Ihnen, daß sie bereits versagt ist. War es nicht so?« »Genau so,« sagte Margis ernst. »Ich dachte natürlich, daß Sie der Glückliche wären.« »Nein, Meister,« lachte Glasberg. »Mir ist es gegangen wie Ihnen und hundert anderen. Man läßt sich durch die natürliche Freiheit oder freie Natürlichkeit dieser Frau herauslocken. Aber es kommt daher, daß Maria Fenn tatsächlich ihr Herz verschenkt hat. Ein schwerreicher Großgrundbesitzer aus Schlesien ist der Glückliche. In jeder Woche kommen zwei dicke Liebesbriefe von ihm an und werden ebenso dick erwidert. Jener Glückliche aus Schlesien weiß ständig alles, was hier vor sich geht. Auch von Ihnen und mir bereits natürlich alles. Maria richtet ihr Verhalten, auch uns gegenüber, völlig nach Weisungen aus Schlesien ein. Wenn ihm etwas brenzlig erscheint, soll besagter Schlesier schnurstracks herüberkommen. Es ist gut, daß wir darauf zu sprechen kommen. Ich hatte mir bereits vorgenommen, Sie bei Gelegenheit zu warnen. Ich kenne das schon. Ganz ungebrannt bleibt niemand in der Nähe von Maria Fenn. Ich habe mir übrigens, um diese Nähe ungefährdet zu ertragen, ein Sicherheitsventil in Königsberg zugelegt, weshalb Sie mich so oft mit meinem Auto auf Reisen sehen. Aber bitte, erzählen Sie Maria nichts davon! Frauen nehmen so etwas immer übel, selbst dann, wenn sie nicht geneigt sind, selbst zu gewähren. Man sollte ein edler Ritter von Toggenburg sein. Das wäre das Richtige für Maria. Sie, Meister, haben übrigens Anlage dazu.« Es war ganz harmlos hingesprochen, aber im Augenblick wollte es Margis erscheinen, als ob hier eine unwillkürliche, ganz unbewußte und sogar wider Willen entschlüpfte Anspielung auf sein gestriges Abenteuer im Park von Klein-Klank hindurchschimmerte. Sollte Glasberg ihn vor Renates Fenster beobachtet haben? Aber dann war ja alles Lüge, was er soeben erzählt hatte! Dann brachte er doch seine Nächte bei Maria Fenn zu! Aber war es nicht selbstverständlich, daß Glasberg hier log? War es nicht geradezu Kavalierpflicht? Gewiß, aber unter vier Augen, wenn man als Mann vom Manne gefragt wurde und nicht nur so aus allgemeiner Neugierde, sondern aus einem ernsteren Gefühl heraus, konnte man sich da nicht mit einer ganz leisen Andeutung begnügen, die nichts besagte und den anderen dennoch warnte? Aber vielleicht hatte Glasberg gar nicht gelogen? Er schmauchte so behaglich die Importe und hielt prüfend den Kognak unter die Nase, ganz ein genußfroher Junge, der es sich bequem gemacht hat und sich in Gegenwart eines guten Freundes gemütlich gehen läßt. Und hatte er nicht sogar angedeutet, daß er sich selbst von Maria Fenn eine Zurückweisung zugezogen hatte? Konnte man offener sein? »Sie müssen öfter hierher kommen, Margis,« sagte er. »Man genießt diese schönen Dinge hier so angenehm in Ihrer Gegenwart. Und ich will Ihnen nur gestehen, daß ich seit langem darauf brenne, mit jemand so recht viel von jener Frau zu sprechen. Trotz meines Sicherheitsventils in Königsberg bin ich noch immer nicht so ganz geheilt. Sprechen Sie, erzählen Sie, Margis, von Maria Fenn! Schwärmen Sie von ihr! Ist sie nicht eine bezaubernde Frau? Sehen Sie, ich dachte, daß seit – jener alten Geschichte mein Herz abgestorben wäre. Aber Maria Fenn hat es wieder in Wallung gebracht. Ich könnte vielleicht – ja vielleicht könnte ich den Seelenfrieden dieser Frau ein wenig stören. Ich tue es nicht. Ich darf so etwas nicht mehr tun. Sie verstehen schon. Aber ich möchte immer von ihr sprechen dürfen.« Wie ein Knabe sah er aus, der von einer ersten zurückgedämmten und unglücklichen Liebe spricht, als er sein Glas hob. »Maria Fenn!« Er leerte es und schwieg. Margis trank sein Glas ebenfalls aus und dachte, daß er ein großer Schurke wäre, wenn er diesem Manne mißtraute. »Maria Fenn!« wiederholte er. Woher kam es nur, daß er Glasberg dennoch nicht trauen konnte? 13 Irgendein Bann war gebrochen. Mit einem Male hatte Margis nicht mehr das Gefühl, vom eigentlichen Leben dieser Menschen ausgeschlossen zu sein. Die festgefrorene Tageseinteilung war umgestoßen, und immerhin hatte er Maria Fenn küssen dürfen. Vielleicht könnte auch ich den Frieden dieser Frau ein wenig gefährden! schmeichelte er sich. Aber will ich es überhaupt ernstlich? Er dachte an Luisa und die Kinder. Nein, er wollte es keineswegs. Er wollte nur etwas spielen, in den Abgrund hinuntersehen und dann vom Rand entschlossen zurücktreten. Wie hätte er etwas anderes wollen können! Aus Serbenitz war er spät nach Hause gekommen. Glasberg hatte ihn selbst im Auto zurückgefahren. Er hatte ihm das ganze Schloß gezeigt, die phantastischen Schlafzimmer des freiherrlichen Ehepaares, die lange Flucht der Fremdenzimmer, die zur Zeit der großen Treibjagden bis zum letzten Winkel belegt waren, und sein eigenes Reich. Ein nicht zu großes Zimmer mit gemütlichen, altväterlichen Möbeln und einer Nische, in der das Bett stand, und daneben das Laboratorium, das er sich für die Sommerzeit eingerichtet hatte. »Ich habe einige wissenschaftliche Liebhabereien,« gestand er Margis. »Wenn ich nicht der Sohn des Trustkönigs A. W. Glasberg wäre, so hätte ich jetzt eine Assistentenstelle an irgendeinem der großen Institute, etwa in New York, oder vielleicht auch eine Professur und könnte ganz meinen Neigungen leben. Ich habe versucht, mich selbständig zu machen, und der Kampf um Susette gegen meine Familie war zugleich der Kampf um mein eigenes Leben. Aber ich bin unterlegen. Immer fand ich hochbezahlte Stellen, in denen ich nicht arbeiten konnte, und Stellen, auf denen ich es gekonnt hätte, wurden mir durch einen Federstrich meines allgewaltigen Papas gesperrt. Für mich bestand immer nur die Möglichkeit, verhältnismäßig viel Geld zu haben, mir Autos und Pferde und Diener zu halten und wenig zu tun – oder zu verhungern. Können Sie sich einen solchen Zustand denken?« »Schwerlich! Hat denn Ihr Herr Vater Ihre – Gattin so gehaßt?« »Keine Spur! Er war sogar immer ein wenig in sie verliebt, und wäre sie lediglich meine Geliebte gewesen, hätte er sie mir in Gold eingefaßt. Er wollte nur seinen Willen durchsetzen. Wissen Sie, unsereins ahnt gar nicht, wie es in einem solchen Gehirn aussieht.« »Nun aber ist alles wieder gut. Sie sind Leiter der großen Versuchslaboratorien des Konzerns.« »Ja, es ist alles gut, seit – Susette tot ist.« Margis schauerte zusammen. So hat er sie vielleicht doch ermordet, um Frieden mit seinem Vater zu machen? durchfuhr es ihn. Vielleicht hat er den Plan sogar mit dem Alten durchgesprochen? Woher kam es denn, daß nicht einmal eine Untersuchung stattfand? Irgendeine gewaltige Macht stand schützend hinter ihm! »Verzeihen Sie,« fing Margis an, »sind Sie denn bei einer solchen Lage nicht in den Verdacht der – Mordtat an Ihrer Gattin gekommen? Ich bitte um Entschuldigung, aber für die Juristen, die cui bono fragen, muß so etwas doch naheliegen.« Er sah ängstlich zu Glasberg hin. Der aber lachte hell auf. »Verehrtester Meister,« rief er, »an Ihnen ist ja ein Untersuchungsrichter verlorengegangen! Nein, auf einen solchen Gedanken sind nur ganz wenige Menschen gekommen, und nur einer verfolgt ihn noch heute, unser gemeinsamer Freund van Holten, der sich nicht davon trennen kann. Ich bitte Sie: Wenn ein Chemiker wie ich einen Menschen umbringt, dann soll er sich ausgerechnet einiger Veronaltabletten bedienen? Und dann liegt da ein Abschiedsbrief meiner Frau an ihre Mutter vor. Wirklich, Meister Margis, von allen Beteiligten bin ich derjenige, der am wenigsten in Frage kommt. Aber da wir davon sprechen, will ich Ihnen gestehen, daß ich selbst lange Zeit einer ganz anderen Erklärung dieses mir heute noch völlig rätselhaften Selbstmords nachhing. Nämlich, ob da nicht eine gewisse Pression von seiten meines Vaters vorlag. Ja, daran hatte ich gedacht, aber auch das war natürlich Wahnsinn. Die Tat muß in einem Augenblick gesteigerter Exaltation geschehen sein, für die es vielleicht Anlässe gab. Aber lassen wir das!« Diese Unterredung wurde in dem kahlen Zimmer geführt, das mit seinen ineinandergewirrten Drahtleitungen, mit Schmelzkolben, Reagenzgläsern, Tiegeln und Gebläsen einen gespenstischen Eindruck machte. Wenn sie schwiegen, hörte man nur das Ticken einer Sekundenuhr und das Knabbern der durch das Licht aufgescheuchten Versuchsmäuse in ihren Käfigen. In keinem andern Raum hätte Margis den Mut zu seiner Frage gehabt, aber diese Umgebung schien ihm förmlich nach Erörterungen über Gift und Mord zu schreien. »Verzeihen Sie, selbstverständlich – aber schon die Versicherung, daß ich Ihren Worten durchaus glaube, ist natürlich überflüssig.« Glasberg spielte mit den Mäusen. Sie kletterten auf seinen Ruf an ihren kleinen Gitterstäben empor, umklammerten sie mit ihren Pfötchen wie mit kindlichen Armen und preßten die rosa Nasen gegen das Drahtgeflecht. Es war unheimlich, zu sehen, wie diese unschuldigen Tiere sich vor ihrem Peiniger nicht im mindesten entsetzten, sondern an ihm zu hängen schienen. »Wir wollen aber leise sein,« sagte der Chemiker und zeigte auf eine Tür. »Hier in der Kammer nebenan schlaft mein Chauffeur.« Sie verließen den unheimlichen Raum. Das alles hatte sich am späten Abend zugetragen. Vielleicht war es gut, daß sie auch über diese Angelegenheit gesprochen hatten. Margis konnte allerdings nicht sagen, ob die Unterhaltung sein Mißtrauen gegen Glasberg zerstreut hatte. Niemals hatte er früher ein Wort darüber vernommen, daß der Chemiker an dem Tod seiner Frau schuldig sein könnte. Erst gestern vormittag, durch Renate, hatte er zum erstenmal davon sprechen hören. Seitdem verließ ihn der Gedanke nicht mehr, und jetzt noch konnte er nicht sagen, was er darüber dachte. Er wußte nicht, woher sein Mißtrauen Nahrung sog. Mario Glasbergs Betragen war nicht nur völlig einwandfrei, es war bezaubernd, gerade durch eine freie Natürlichkeit und völlige Aufrichtigkeit. Und dennoch hielt Margis ihn auch jetzt noch jedes Verbrechens fähig. Da er spät nach Hause gekommen war, war es gegen halb elf, als er in Klein-Klank anlangte. Renate saß, heute in dem roten Seidenkleid mit dem weißen Spitzenkragen, auf der Veranda und las in ihrem Buch Sie kam ihm lächelnd entgegen. Der Eindruck, den sein Bild auf sie gemacht hatte, war in ihrem Betragen zu ihm noch wirksam. Sie war wie ausgewechselt. Wie sie in der ganzen Zierlichkeit ihrer Bewegungen auf ihn zukam, in dieser raffinierten Gebrechlichkeit, regte sich in ihm der leise Verdacht, daß sie nur netter zu ihm war, weil sie es jetzt richtig einzuschätzen verstand, was es bedeutete, von ihm gemalt zu werden. Wahrscheinlich nahm sie mit dem Instinkt des ehrgeizigen kleinen Mädchens den Vorteil wahr, der sich ihr bot. »Mama wartet oben auf uns,« sagte sie. Eigentlich brauchte er Maria heute nicht und mußte ein wenig bei dem Gedanken lächeln, daß vielleicht sein gestriges Ungestüm sie bestimmt haben mochte, ihn mit Renate nicht allein zu lassen. Vielleicht hatte sie sogar deswegen auf ein verstohlenes Zusammensein mit Glasberg verzichtet. Als ob diese Mutter imstande wäre, diese Tochter zu überwachen! mußte er denken. Als er neben Renate die Treppe hinaufging, fiel ihm der schlesische Großgrundbesitzer ein. Er wollte genau darauf achten, ob etwas bei Maria Fenn an die ruhige Sicherheit eines verschenkten Herzens gemahnte. Eigentlich hatte er sie bisher ganz anders gesehen: unruhvoll und suchend, wie von einem Glück gestreift, das sie noch nicht ganz zu halten vermochte. »Freie Natürlichkeit und natürliche Freiheit,« hatte Glasberg gesagt. Welch ein Unsinn! empfand er auf einmal schroff. Wenn jener Schlesier überhaupt existierte, so bestanden noch Kampf und Widerstreit zwischen den beiden und kein beruhigender Besitzzustand. Er wollte aufpassen. Maria trug das gewohnte weiße Kleid mit dem schwarzen Spitzenschal. Ihr Porträt stand noch auf der Staffelei. »Ich habe es stundenlang angesehen,« empfing sie ihn. »Ich kann mich gar nicht von dem Bilde trennen. Sie haben mir eine so große, so übergroße Freude gemacht. Wie wenigen Menschen geschieht es, daß sie ihr eigenes Wesen, losgelöst von sich und in eine höhere Sphäre erhoben, betrachten dürfen! Es ist ein ganz unerhörtes und unverdientes Glück. Eigentlich müßte ich Sie jetzt auch ›Meister‹ nennen, wie Glasberg Sie immer nennt. Aber ich finde es gräßlich!« Er meinte, daß Glasbergs Ausdrucksweise ein Scherz wäre. Ernsthaft würde sie erst, wenn man einen langen weißen Bart hätte, und wer bringe es heute dazu? Seiner Generation fehle der Sinn für die eigene Würde, und Würde sei ja auch etwas furchtbar Komisches. – »Gott sei Dank, daß Sie das sagen,« sagte Maria Fenn. »Dann brauche ich Sie also nicht Meister zu nennen.« Später ging sie übrigens doch hinunter, um nach der Post zu sehen. Die Anfangsarbeit an dem Bilde machte ihn unwirsch. Er achtete kaum darauf, daß Maria Fenn hinausging, hatte damit zu tun, die Leinwand zu grundieren und Farben unterzulegen, ehe sich in eckigen Klecksen die Umrisse herausschälten. Er teilte die Fläche fast geometrisch auf, und die Gestalten wurden zunächst in Kuben, Kreisen, Winkeln angelegt. Renate sah aufmerksam zu. Die Frauen sollten auf dem Diwan nebeneinandersitzen und den Betrachter anschauen. So hatte Margis sich schließlich entschlossen. In seiner Phantasie gingen sie freilich nebeneinander her, wie er sie das erstemal erblickt hatte. Nebeneinander oder durch die Enge des Kusselweges ein wenig hintereinandergedrängt. Aber er wagte es nicht, sie so zu malen. Es würde keine Form ergeben. Das Nebeneinandersitzen war das einfachste. Maria Fenn sollte auf dem Bilde unruhig ins Weite blicken, mit emporgehobenem Kopf, indes Renate in einem Buch las, das ihr auf den Knien lag. Die Mutter ins Ferne bangend, unstet, witternd – die Tochter gesammelt, beschäftigt, ruhig. Einer seltsamen Eingebung folgend, begann er mit Renates Augen ins Detail zu gehen. Man sollte die Augen sehen, obwohl sie auf das Buch hinunterblickten. Es machte ihm Spaß, diese Augen inmitten eines wilden Durcheinanders von Farben hinzusetzen. Diese Augen, die er liebte, obwohl sie kühl waren. Renate sah ihren eigenen Blick in weißer und dunkler Farbe erstehen. »Was machen Sie da?« rief sie auf einmal. »Sind das meine Augen?« Er nickte. Sie starrte gebannt auf seinen Pinsel, als würde jetzt eine Entscheidung über sie getroffen. »Mein Gott, das sind meine Augen!« rief sie noch einmal. In diesem Augenblick hörte man draußen im Treppenflur Marias aufgeregte Stimme. Sie telephonierte mit Glasberg. Man verstand deutlich die Worte. »Um Gottes willen, lieber Glasberg, kommen Sie her! – Nein, ich habe einen Brief bekommen. – Jawohl, von meinem Mann. – Nein, er ist schon in Hamburg und will in acht Tagen hier sein.« Renate sprang auf. »Papa kommt!« jubelte sie los. »Hurra, Papa kommt!« Und stürzte hinaus. Margis blieb allein zurück. Er besann sich, daß Herr Fenn in Kalifornien lebte und wohl von seiner Frau geschieden war. Die Tatsache, daß er zurückkam und in acht Tagen in Klein-Klank auftauchen würde, schien einen Sturm der Erregung in Maria Fenn zu entfesseln. War sie vielleicht, innerlich oder äußerlich, nicht unabhängig von diesem legendenhaften Herrn Fenn? Hatte er noch die Macht, in ihr Leben einzugreifen? Vielleicht war es jetzt mit der Ruhe dieser Sitzungen überhaupt vorbei. Margis zog die Uhr. Er faßte einen großen Entschluß. In Sekundenschnelle zog er die Bilanz dieses Sommers. Wenn in fünf Minuten niemand ins Zimmer zurückkehrte, wollte er losgehen, einfach losgehen, sogar ohne seine Sachen zusammenzupacken. Er konnte sie durch den Hoteldiener holen lassen. Und dann auf dem schnellsten Wege nach Berlin zurückkehren. Das Doppelporträt blieb dann eben ungemalt. Der große Vorstoß in die kommende Porträtperiode, die er sich verordnet hatte, war auch durch Maria Fenns Bildnis bereits vollzogen. Er würde andere Modelle finden. Mein Gott, lief nicht in Berlin dutzendweise herum, was er hier als Seltenheit anbetete. In Klein-Klank zogen sich Wolken zusammen. Maria, Glasberg, der Schlesier, und jetzt dieser Herr Fenn! Er hatte das deutliche Gefühl, fliehen zu müssen. Drei Minuten vergingen, vier, da kamen die Frauen herein. »Um Gottes willen, gnädige Frau! Haben Sie Aufregungen gehabt?« Die Anrede »Gnädige Frau!« war schon vom Entschluß seiner Abreise eingegeben. »O keineswegs,« antwortete sie. »Nur eine Überraschung. Denken Sie, mein Mann kommt hierher.« Er fragte sie, ob sie geschieden wäre. »Aber das ist es ja gerade: Wir sind nicht geschieden! Das heißt, so gut wie geschieden. Wir gingen damals auseinander, als ob wir geschieden wären. Und jetzt kommt er zurück. Eine Scheidung war bisher natürlich nur eine Formsache. Ich weiß nicht, weshalb wir uns nicht längst haben scheiden lassen. Aber jetzt! Ach, wenn ich nur wüßte, was er will! Denken Sie, wenn er mich wieder bei sich haben will!« Er meinte, daß die Anwesenheit eines Dritten in dieser Situation nur stören könnte, und bat, sich verabschieden zu dürfen. »Nein – nein! Bleiben Sie!« rief Maria. »Helfen Sie mir, raten Sie mir!« Es war zu sehen, daß sie den Kopf verloren hatte. »Ja, ist denn Ihr Herr Gemahl so furchtbar?« Jetzt drängte sich Renate vor. »Bezaubernd ist er!« rief sie. »Denken Sie, an jedem Morgen ißt er eine große Scheibe Beefsteak ganz roh, ungemahlen. So prächtige Zähne hat er!« Den Maler machte das »Bezaubernde« des Beefsteakessers beklommen. »Ja, aber –,« stotterte er. Renate war an den Schreibtisch gesprungen und hatte eine Photographie herausgerissen. Sie kam triumphierend damit an. »Hier, sehen Sie! Das ist doch wirklich ein Mann!« Margis besah das Bild. Dieser Mann war vielleicht fünfzig Jahre alt. Das Gesicht war alles andere eher als schön. Die Stirn niedrig, die Nase eine richtige Kartoffelnase, die Lippen aufgeworfen wie die eines Negers. Das Kinn war von einem dunklen kurzen Vollbart verdeckt, aber man bemerkte noch die ungewöhnlich kräftigen Kiefer. Die Augen blitzten hinter einer goldenen Brille hervor. Nein, schön war dieses Gesicht in der Tat nicht. Dazu kam, daß Herr Fenn sich zum Photographieren offenbar »feingemacht« hatte. Es war richtige Positur in seiner Haltung, herausgedrückte Brust, hochgekämmter Schnurrbart, und den Augen war ein »bedeutender« Ausdruck verliehen. War Renates Bewunderung dieses Bildes vielleicht ein Scherz? Margis sah verwirrt zu ihr hin. »Ja – aber,« sagte er noch einmal. Da bemerkte er, daß das junge Mädchen mit echter Begeisterung auf das Bild blickte. Sie liebte diesen Vater! Sie, das zarte Püppchen, diesen Ausbund von brutaler Männlichkeit. Und auf einmal schlug sich ihm von diesem Bilde die Brücke zu ihrer Verliebtheit in Mario Glasberg. Ihm wurde klar, daß sie in Glasberg nicht den »schönen Mann« liebte, der er auch war, sondern den kalten, energischen Erfolgsmenschen, der sein Auto steuerte und mit Giften herumoperierte und dem »die Weiber nachrannten«. Glasberg Erfolgsmensch? dachte er. Ja, freilich, nicht der Glasberg, den man sah, dieser freimütige, liebenswürdige Junge, sondern der andere, den Margis in ihm argwöhnte, den verschlagenen, listigen Glasberg. Mit einem Wort: Glasberg, den Mörder! Gerade in den hatte sich dieses zerbrechliche Wesen verliebt. Sie sah durch seine schöne Maske hindurch, witterte das Entsetzliche, Abgründige in ihm. Margis starrte das Bild des Herrn Fenn an. Natürlich! Das war der Vater Renates. Nur daß bei ihr alles ins Zierliche, Geschmeidige gewandt war. »Wie finden Sie ihn?« fragte Maria. Er starrte noch immer auf das Bild. Dieser Mann war klug, bedeutend, energisch, geradezu, »gewaltig«, viel mehr, als er sich vor der Linse des Photographen den Anschein zu geben versuchte. Ein Herrenmensch, mit den nur äußerlichen Anzeichen des Spießbürgers. »Das ist ein enormer Mann!« sagte er, zu Maria Fenn gewandt. »Eine Frau, die in diesem Manne vollständig aufzugehen vermag, ist vielleicht vollkommen glücklich.« Er wunderte sich selbst über seine Antwort, die ihm viel deutlicher und entschiedener über die Zunge sprang, als er sie sich überlegt hatte. Maria Fenn sah ihn fassungslos an. »Ja, er ist gut!« sagte sie dann. Margis starrte noch immer auf das Bild. »Würden Sie einen solchen Mann lieben können?« fragte er Renate plötzlich. »Nur einen solchen Mann!« sagte sie ohne Besinnen. Er blickte betroffen zu ihr hin. Ihm war, als hätte er sie gefragt, ob Mario Glasberg seine Frau umgebracht habe und sie hätte mit Begeisterung zugestimmt. In diesem Augenblick fuhr Glasbergs Auto vor. Sie hörten seine Hupe ertönen, und dann trat er selbst im Lederdreß ins Zimmer. Aller Augen wandten sich ihm zu. »Denken Sie, Vater kommt in einer Woche hierher!« rief Renate ihm jubelnd entgegen. Es war, als erwartete sie von des Vaters Ankunft eine Umwälzung aller Dinge. »Also der selige Herr Fenn wird wieder unselig!« bemerkte Glasberg trocken. Es war durchaus witzig und liebenswürdig, wie er das sagte, aber es erschien Margis ungeheuer zynisch. 14 Die bevorstehende Ankunft des sagenhaften Herrn bildete den Gesprächsstoff für die nächsten Tage. Natürlich reiste Margis nicht ab, obwohl mit dem Doppelporträt nicht weiterzukommen war. Jeden Vormittag wurde der Versuch gemacht, zu malen, aber die Nerven waren zu erregt. Wenn das Wetter schön war, ging man lieber an den Strand und badete. Es half besser über die Zeit hinweg als die Stille und Unbewegtheit der Sitzungen. Die Frauen legten immer schon zu Hause ihr Badezeug an und warfen zu dem Weg nur die bunten, flauschigen Mäntel über. Margis bekam das erstemal Trikot und Mantel aus den Vorräten des Hauses geliehen, zog sich in Maria Fenns Schlafzimmer um und ging, seltsam kostümiert, zwischen den beiden durch die Birkenallee, dann über die Chaussee und zwischen den Feldern hindurch, über die Wiese und durch den Wald, wo das Licht tief grün zwischen den alten Stämmen hing. Nie würde er diesen Weg vergessen, den er so oft in banger Erwartung entlanggespäht hatte. Es war ein Fortschritt, daß er jetzt nicht mehr am Waldrand auf der Lauer zu liegen brauchte, und doch schien ihm jene Zeit schöner gewesen zu sein. Er war den Frauen bekannter und vertrauter geworden, und dennoch war er ihnen in nichts nähergekommen, sondern fühlte sich ihnen gerade durch die größere Vertraulichkeit weiter entrückt. Er durfte Renate bei der Hand fassen und mit ihr den Sturzhang der Düne hinunterrasen, aber das Gefühl, das ihn in ihrer Nähe mehr denn je ergriff, mußte er hinter freundschaftlicher Harmlosigkeit verbergen. Auch daß er sich in Maria Fenns Schlafzimmer umzog, erschien ihm als ein Sinnbild dieser Fernnähe, zu der er verdammt war. Er war doch »Meister« und ungefährlich geworden. Dabei nagte jener seltsame Ausruf Renates in seinem Innern, daß sie sich nur in einen Mann, der »ein Mann« war wie ihr Vater, verlieben könne. Dieses Wort schloß ihn so schonungslos von ihrer Welt aus, daß ein Stachel zurückblieb, der fortwährend schmerzte. Vielleicht war das alles aber auch nur, weil er sie malte und in seinen Gegenstand magisch einzugehen gezwungen war. Oft kam Glasberg in seinem Wagen herübergefahren. Dann saßen sie im Salon und sprachen das Problem des Herrn Fenn durch. Niemals wurde des »Schlesiers« Erwähnung getan; Glasberg redete von Marias »persönlicher Freiheit«, die sie sich unter allen Umständen wahren müsse. »Ihnen persönlich gehört Klein-Klank,« sagte er. »Niemand, auch Ihr Mann nicht, kann es Ihnen nehmen. Sie können ihm den Aufenthalt hier verwehren und brauchen ihm nicht zu folgen, wenn er Sie forthaben will. Das ist allerdings nach unseren Gesetzen ein Scheidungsgrund, aber Sie wollen ja gerade geschieden werden, und ob Sie die Schuld bekommen, kann Ihnen gleichgültig sein.« »Aber nein doch!« rief Maria Fenn eifrig dagegen. »Wenn ich die Schuld bekomme, hat er doch Anspruch auf Renate! Und wir wollen nicht voneinander getrennt sein!« Renate sagte bei diesen Unterhaltungen kein Wort. Sie saß auf ihrem Stuhl und pendelte mit den Beinen. Die Herren hatten den Eindruck, daß sie jeden Augenblick bereit war, sich von ihrem Vater entführen zu lassen. Eigentlich müßte jetzt der »Schlesier« auftauchen! dachte Margis. Aber kein »Schlesier« ließ sich blicken. Hingegen hörte man über Herrn Fenn Näheres. Herr Fenn entstammte einer alten Kaufmanns- und Juristenfamilie und war keineswegs ein Emporkömmling, wie Margis gedacht hatte. Aber er war ein ungeheuer energischer Unternehmer, der schon vor dem Kriege ein großes Vermögen erworben hatte, es dann verlor und heute wieder über Millionen gebot. Ein Mann großen Stils, der bei der Ausführung seiner Elektrifizierungsprojekte in fremden Ländern mit seinen Arbeitern monatelang zusammen im Zelt schlief, wilde Pferde bändigte und sein eigener leitender Ingenieur war. Dabei der gutmütigste Mensch, den man sich denken konnte. Er ging über Leichen, wenn er von einem Plan besessen war, warf aber wieder das Geld mit vollen Händen weg und war jeden Augenblick bereit, jedes mögliche persönliche Opfer zu bringen. Dies war Herr Fenn! Aus den Andeutungen Marias entnahm man, daß seine Frau oder Deutschland oder beide zusammen ihm eines Tages auf die Nerven gefallen waren und er einfach auf und davon gegangen war. Damals besaß er nichts, während Maria gerade Klein-Klank geerbt hatte. »Wahrscheinlich wird er nichts von Ihnen wollen, sondern nur die Absicht haben, Sie materiell zu sichern und aufzubessern,« meinte Glasberg. Sie zuckte die Achseln und sah ihn mit einem flehenden Blick an, der Margis nicht entging. Weshalb kam der »Schlesier« nicht, um sie zu retten? Margis glaubte nicht mehr an Glasbergs Märchen. Glasberg selbst war der »Schlesier«. Aber liebte Glasberg sie? Manchmal wollte es ihm scheinen, als ob er schwer mit einem Entschluß ringe. Er wird eines Tages verschwinden! dachte der Maler. Jeden Vormittag erwartete er die Kunde von Marios plötzlicher Abreise. Aber irgendwann am Tage erschien er doch wieder, unruhiger als bisher, mit schärferen und härteren Zügen. Wenn er bemerkte, daß Margis ihn beobachtete, nahm sein Gesicht sofort den alten Knabenausdruck an. Vielleicht war er wirklich nur für Maria besorgt, die in innerer Glut zu lodern schien. Sie machten Spaziergänge zu viert, kehrten eines Abends sogar im Strandhotel von St. Lüne ein, tanzten und tranken Sekt. Von hier hatte alles seinen Ausgang genommen. Sie saßen an dem historischen Tisch, und der Wirt kam, um ihnen eigenhändig einzuschenken und zu lächeln. Wieder tanzte Glasberg mit Maria und Margis mit Renate. Wieder folgte das junge Mädchen beim Tanz jeder seiner Eingebungen, lag leicht und doch ohne Seele in seinen Armen. Aber sie lächelte nicht mehr zu den andern hinüber, sondern hielt den Kopf gerade und blickte still vor sich hin. Habe ich Terrain gewonnen? fragte Margis sich. Aber wahrscheinlich haben wir alle gegen den auftauchenden Herrn Fenn verloren. Plötzlich aber fing er einen Blick auf, den sie zu Glasberg hinüberwarf, und wußte, wie es in ihr aussah. Vielleicht war es doch nur Glasbergs wegen, daß sie die Ankunft des Vaters herbeisehnte. Dann aber weiß sie und hat es begriffen, was zwischen Glasberg und ihrer Mutter vorgeht? Natürlich hat sie es begriffen! An diesem Abend waren sie alle bleiern müde, und dennoch schickten sie den Chauffeur nach Klein-Klank vor, um noch spazierenzugehen. Es war, als ob sie sich heute nicht trennen könnten, so seltsam verstrickt waren sie ineinander. Sie gingen am Rand der Dünen neben der See, die grauschwarz zu ihrer Linken lag und ganz leise und spukhaft donnerte. Margis zeigte ihnen sein Versteck, das er früher für seine Malsachen angelegt hatte. Es gab noch die kleine Grube mit der Decke aus Zweigen. »Da liegt ja noch ein Handtuch und ein Buch darin!« rief Renate und hob die Überbleibsel auf. Margis hatte diese Sachen vergessen. »Daß Sie das Versteck so im Dunkeln finden!« wunderte Maria sich. Er erklärte ihr die Lage der Bäume, und wie man gerade von dem Kilometerstein der Chaussee auf die Signalstange zugehen müsse. Während er sprach, bemerkte er, daß Glasberg gespannt hinhörte. »Interessiert Sie das?« fragte er ihn. »Wie? Was?« fragte der zurück. »Ich habe an etwas ganz anderes gedacht. Entschuldigen Sie!« – Es war neu, daß Glasberg sich zerstreut zeigte. Erst gegen Mitternacht kamen sie in Klein-Klank an. Noch immer wollten sie sich nicht voneinander trennen. Sie setzten sich in den Salon und tranken Wein. »Es gibt solche Nächte, in denen man nicht voneinander loskommt!« sagte Glasberg. Er wurde wieder lebhaft und erzählte von Nächten in Tunis, dem Leuchten der See, dem Kreuz des Südens und dem Leben, das nachts von allen Dächern atmete. Maria fragte, woher diese Vorliebe der Menschen für die Nacht stamme. Im Süden, ja, da wäre allein des Nachts die Temperatur erträglich. Aber bei uns im Norden? Margis meinte, es wäre der Reiz der Synkope. Das natürliche wäre, daß man mit der Sonne aufstünde und schlafenginge. Aber ein solches Leben wäre ohne Spannung zum Kosmos. Je einfacher die Menschen sind, desto mehr leben sie mit der Sonne, je komplizierter und bewußter, desto stärker setzen sie sich in Gegensatz zur Natur und dem Ablauf der Sterne. »Man muß eine etwas feindliche Spannung zum Kosmos haben,« sagte er. »Daraus entsteht alles Bewußtsein und alle Kultur.« Glasberg wollte von dem Wort Kosmos nichts hören. Er bestritt jedes »kosmische« Gefühl. Das Bewußtsein glimme als ein chemischer Erdrindenprozeß auf, eine Art Verwesungsprozeß, und damit gut. Im Tode erlösche es. »Mein Gott,« sagte Margis, »diese Ansicht ist doch ganz unmodern und zur Zeit höchst diskreditiert.« Glasberg verwahrte sich dagegen. Das Gespräch spitzte sich zu einem Dialog zwischen den beiden Herren zu. Es stellte sich heraus, daß Glasberg absolut materialistisch eingestellt war. Die Frauen neigten mehr zu Margis. Er fühlte, daß auf diesem Terrain der Gegner zu schlagen war, und bot einen großen Vorrat kosmischer Erlebnisse und Tatsachen auf. »Tatsachen? Sie wollen Tatsachen, Herr Dr. Glasberg! Wissen Sie, daß alle 24000 Jahre sich die Stellung der Gestirne genau wiederholt? Daß dann die Tierkreiszeichen mit den gleichnamigen Sternbildern zusammenfallen und daß diese Konstellation sich zuletzt im Jahre der Geburt Christi fand – und dann erst wieder vierundzwanzigtausend Jahre zurück?« Er schilderte, wie die Erdbahn in Jahrtausenden von einem Sternbild in das andere rückt. Wie in den Jahrtausenden vor Christus der Widder das beherrschende Bild gewesen und welche Rolle der Widder als heiliges Opfertier damals bei allen Völkern spielte. Und wie vorher der Stier am Himmel gestanden hatte, und wie noch die Sage vom Apisstier an ein Zeitalter des Stieres auf Erden erinnerte. Und wie auf den Widder das Zeitalter der Fische folgte und das Christentum im Zeichen des Fisches die Welt durchdrang, und wie wir uns jetzt dem Zeichen des Wassermanns nähern und das Kommen eines neuen Zeitalters so augenfällig sei wie seit Christi Zeiten nicht mehr! »Das ist herrlich!« rief Maria aus. »Oh, das ist ja ganz großartig!« Sie wurde von dem Rhythmus der Jahrtausende ergriffen. Renate sprach kein Wort. Sie sah den jeweiligen Sprecher aufmerksam an. Margis erhitzte sich, je mehr sich Marias Meinung auf seine Seite neigte. Das Gespräch ruhte in seinen Händen, und er lenkte es von einem Weltproblem zum andern, jedesmal angefeuert durch Glasbergs Widerspruch und Marias Zustimmung. Dabei kannte er das Ziel, dem er zustrebte: Er wollte es dahin bringen, daß Renates Augen einmal im ungeheuren Begreifen vor der Tiefe und Gewalt der Welt aufleuchteten. Er sprach von dem magischen Bann der uralten exotischen Religionen und verband ihre Wahrheiten mit den neuesten Entdeckungen der Naturwissenschaften. »Ja,« warf Glasberg ein, »aber das Maschinengewehr und der Kintopp haben sich leider als stärker erwiesen als die magischen Kulturen des Orients.« »Wollen wir nicht schlafengehen?« sagte Renate hier und erhob sich plötzlich. »Ich bin furchtbar müde.« Margis ärgerte sich, aber alle waren für Schlafengehen. »Es war wundervoll heute abend,« meinte Maria Fenn beim Abschied. »Eigentlich hab' ich noch nie einen so schönen Abend verlebt.« Margis empfand bitter, wie wenig Ansichten und Weltanschauungen über die Sympathien der Menschen vermögen. Das senkt sich geheimnisvoll und unerbittlich aus dem Weltall auf uns nieder. Wir vermögen darüber nichts zu bestimmen. Und wenn sich Glasberg als flacher Ignorant erwiesen hätte – was übrigens nicht der Fall gewesen war –, so wäre selbst dadurch nichts geändert worden. Glasberg brachte ihn im Wagen zu seinem Hotel. »Ich bitte Sie, eine Sache von zehn Minuten!« Als sie nebeneinander durch die Nacht fuhren, sagte der Chemiker überraschend: »Übrigens teile ich im Grunde Ihre Ansichten, Meister Margis. Aber ich habe mich nun einmal entschlossen, ein Mann der Tat und des wissenschaftlichen, vielleicht begrenzten Rationalismus zu sein. Ich würde mich selbst verlieren, wenn ich der Mystik Gewalt über mich einräumen wollte. Es ist bei mir eine Sache der Selbstzucht.« Margis nickte resigniert. »Aber wir müssen bald wieder einen Abend miteinander verplaudern. Ohne die Frauen. Morgen werden wir zu müde sein. Übermorgen nacht bin ich in Königsberg, ebenso die Nacht darauf. Sie wissen schon! Erzählen Sie aber um Gottes willen nichts den Damen Fenn davon! Ich bin am frühen Morgen mit meinem Wagen wieder zurück. Es braucht niemand etwas zu wissen und zu merken. Sie erinnern sich: mein Sicherheitsventil!« »Also Freitagabend!« sagte Margis. »Ich hoffe, Sie am Freitagabend in Serbenitz zu sehen.« Das war mit einer ganz eigentümlichen Betonung gesprochen, so als ob es niemals Freitagabend werden würde, und im Schein der Lampe, beim Aussteigen, sah Margis, daß Glasbergs Züge hart und scharf waren. Was war das mit diesem Mann? Er sah das Auto davonfahren und ging die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Was war das für ein merkwürdiger Tag gewesen? Und wurden die Tage jetzt nicht immer merkwürdiger? Ihm kam es vor, als ob man eine Symphonie hörte, die immer stärker und stärker erklang, immer neue Tonmassen, neue Instrumentengruppen ins Treffen führte, sich in immer heftigerem Tempo bewegte. Die Harmonien konnten die rasenden Massen nicht mehr zähmen. Es gab Mißtöne, schrille Dissonanzen, ein Brummen von falschen Bässen. Und immer kamen noch neue Stimmen hinzu, und das Tempo steigerte sich. Aber vielleicht kam diese Vision nur von dem schnellen Autofahren. War es möglich, daß die bevorstehende Ankunft des Herrn Fenn sie alle derart aufwühlte? Er stand in seinem Zimmer, legte den Kragen ab und kramte derweil in seinen Papieren. Auf einmal fiel ihm der angefangene Brief an den Rechtsanwalt van Holten in die Hand. Er las: »Ich habe natürlich keine Ahnung, lieber van Holten, weshalb ich Ihnen davon schreibe. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß es richtig ist. Verzeihen Sie, wenn ich dadurch vielleicht schmerzlichere Saiten bei Ihnen zum Klingen bringe, aber –« Bis hierher hatte er damals geschrieben. Kaum vierzehn Tage war es her. Mit plötzlichem Entschluß schraubte er den Füllfederhalter auf, setzte sich an den Tisch, veränderte das Datum des Briefes und fuhr fort: »aber ich bin hier unter seltsamen Umständen einem Ihrer Bekannten begegnet, Herrn Dr. Mario Glasberg, von den Leynhausener Glasbergs, dem, der damals diese merkwürdige Geschichte mit dem plötzlichen Tode seiner Frau (Susette Streicher) hatte. Natürlich brachte ich die Rede auf Sie, und die Art, wie Herr Dr. Glasberg darauf reagierte, erschien mir ein wenig befremdend. Verzeihen Sie, wenn ich das schreibe! Welchem Zweck das dienen soll, weiß ich selber nicht. Sie waren neulich so liebenswürdig, mich wegen eines von anderer Seite projektierten Ankaufs einer meiner Landschaften anzurufen. Meine Frau teilte es mir mit.« Er warf noch einige nichtssagende Sätze hin, schrieb die Adresse, frankierte und ging, wie er war, zum Postkasten hinunter. Es wäre dasselbe gewesen, wenn er den Brief am nächsten Morgen eingesteckt hätte. Die Post ging doch erst morgen, Dienstag, abend nach Berlin. Vor Mittwoch mittag hatte Holten das Schreiben nicht. Aber Margis wollte den Tag mit etwas Unwiderruflichem beschließen. Er wollte Glasberg einen Streich spielen. Dabei wußte er nicht, was sein Brief auslösen würde. Immerhin bestand die Möglichkeit, daß man Glasberg damit Ungelegenheiten bereitete. Aber vielleicht war der Brief sehr dumm. Vielleicht erfuhr Glasberg in wenigen Tagen, daß er, Margis, diesen Brief in feindseliger Absicht geschrieben hatte. Bis zum Freitagabend konnte Glasberg von diesem feindlichen Akt Kenntnis bekommen. »Nun, wenn schon!« sagte er zynisch, als er die Treppe wieder hinaufging. »So ist eben Feindschaft zwischen mir und ihm. Als wenn wir nicht schon längst Feinde wären! Natürlich sind wir Feinde!« Aber was hatte Glasberg ihm getan? Kam er ihm nicht geradezu mit aufrichtiger Freundschaft entgegen? Er vergegenwärtigte sich zum hundertsten Male Zug für Zug von Glasbergs Verhalten, von jenem Vormittag an, als er ihn in den Dünen aufgesucht und ihm die Einladung der Damen Fenn überbracht hatte. Was wollte er damals? Mich ködern, damit ich um Gottes willen nicht Herrn van Holten seinen hiesigen Aufenthalt verrate. Natürlich, das wollte er! Und seine ganze Freundlichkeit hat heute noch keinen anderen Zweck. Und die Frauen hat er gebeten, mich zu sich heranzuziehen, damit ich ihn nicht verrate. Daher erlaubten sie mir, bei ihnen zu verkehren, daher lockten sie mich mit ihrer Freundschaft. Und ich Tor dachte, daß ich ihnen gefiele und daß Maria sich von mir küssen ließ, weil sie mich vielleicht doch in einem Winkel ihres Herzens ein wenig gern hat. Aber es war alles nur ein verabredetes Spiel! Ich habe mich locken lassen, und nun auf einmal habe ich doch an Holten geschrieben! Er lag im Bett und frohlockte, daß er den Brief abgeschickt hatte. Wie rasch war das gekommen! Noch vor zwei Stunden ahnte er nichts von der Möglichkeit einer solchen Entschließung. Wodurch war dieser Umschwung eingetreten? Vielleicht, weil Glasberg während der Fahrt seinen Ansichten vorsichtig beigestimmt hatte. »Natürlich war es das! Es war zu deutlich, zu plump. Daran merkte ich endlich, wie er mich ködern wollte und belog. Immer belogen hat, mit jedem Wort, von Anfang an!« [15] Gitta rief Holten an, er solle sich den Abend und die Nacht freihalten. Sie hätte etwas. »Gewöhnlichen Straßenanzug, bitte! Ich hole Sie gegen acht Uhr ab.« Es war unmöglich, mehr aus ihr herauszuholen. »Ich erkläre Ihnen alles nachher.« Um acht Uhr kam sie, ganz einfach angezogen. Sie sah reizend aus. »Haben Sie nicht einen älteren Rock? Dieser sieht viel zu fein aus.« »Mein Gott, was haben Sie nur!?« Sie hatte etwas Abenteuerliches vor. »Heute nacht werden wir in Glasbergs Wohnung sein!« Er sah sie erschrocken an. Sie erklärte ihm die näheren Umstände. Sofort nach ihrer Ankunft in Berlin hatte sie jene Fabrikgebäude des Glasberg-Konzerns zwischen Schöneberg und Tempelhof regelrecht belagert. Sie versuchte sich als Stellungsuchende Eingang zu verschaffen, war von einer Abteilung zur andern geschickt worden und hatte schließlich die Bekanntschaft eines jungen Werkführers gemacht. Sie mietete in einer der Nebenstraßen ein kleines, dunkles Zimmer und wohnte dort als stellungsuchende Arbeitslose, ließ aber durchblicken, daß sie »bessere Tage gesehen«. »Ein entzückendes Fabrikmädchen sind Sie!« lobte Holten. Sie blieb aber ernst. Jener Werkführer besuchte sie und bemühte sich, sie in einer Abteilung der Fabrik anzubringen. Schließlich, als sie eine Woche lang die Abende miteinander verbracht hatten – sogar in einem Neuköllner Vergnügungsetablissement hatte sie sich abends von ihm traktieren lassen –, sagte sie ihm die Wahrheit. Sie wolle aus Glasbergs Schreibtisch jenen Abschiedsbrief ihrer toten Schwester an ihre Mutter heraushaben. Weshalb sie es denn nicht mit dem Gericht versucht hätten, hatte der Werkführer gefragt. »Glasberg würde sagen, daß dieser Brief irrtümlich mit andern Papieren durch die Schuld eines Dieners verbrannt worden sei. Man kann ihn nur mit List herausbekommen.« Schließlich hatte sie ihm dreihundert Mark versprochen, wenn er ihr den Brief verschaffte. Zuerst habe er sich furchtbar gesträubt, Geld anzunehmen. Wenn er es täte, so täte er es nur, weil es ein gutes Werk sei, nicht wegen Geld. Die Hauptsache wäre ihm, daß es sich wirklich nur um jenen einen Brief handele. Das versprach Gitta ihm hoch und heilig. Endlich war folgendes ins Werk gesetzt: Es gab in der Fabrik mehrere Dienstwohnungen. Der junge Werkführer selbst wohnte als Einmieter bei einer Inspektorsfamilie. Diese Familie feierte heute einen Geburtstag, zu dem mehrere Gäste geladen waren. Als Gäste dieser Familie sollten Holten und Gitta in die Fabrik eingeladen werden. Sie würden mit dem Werkführer zusammen durch das Tor gehen. Der Portier würde keine Schwierigkeiten machen, da sie namentlich angemeldet waren. Glasbergs Wohnung selbst war zum größten Teil abgeschlossen, die Köchin beurlaubt, und der Diener, der dort zurückgeblieben war, war ebenfalls zu der Geburtstagsfeier eingeladen worden. Dieser Diener machte dem Manne überhaupt wenig Kopfzerbrechen; er schilderte ihn als Dummkopf, der es nicht einmal verhindert hatte, daß er selbst sich die Wohnung genau ansah. So hatte der Werkführer bereits Nachschlüssel und Brecheisen besorgt. Er stellte zur Bedingung, daß er selbst nichts anzurühren brauchte, aber persönlich dabei war, wenn Gitta und der Rechtsanwalt den Schreibtisch durchsuchten, damit er sich überzeugen könne, daß es sich wirklich nur um jenen Brief handelte. Holten sah die Sache nicht so leicht an. »Weiß denn die Inspektorsfamilie davon?« Sie wußte nichts. Der Werkführer hatte nur im Namen des Inspektors zwei Personen mehr angemeldet. Sie würden sich als Herr Viktor Stadelmann und Fräulein Marie Klump – diese Namen hatte Gitta ausgesucht – in das Buch eintragen. »Aber wird es nicht auffallen, wenn der Werkführer von der Geburtstagsfeier fernbleibt?« Aber auch das war schon in die Wege geleitet. Eine Schwester des Werkführers kam mit ihrem Mann aus Westfalen, und er wollte sie auf der Bahn sprechen. Er ging dann später zu der Feier. »Gitta,« sagte Holten, »natürlich werde ich mitkommen, aber ich werde mich keinen Augenblick wundern, wenn das Ganze eine Falle ist, in die Mario uns lockt. Oder wenn es elektrische Alarmklingeln gibt, die uns verraten.« Gitta lachte. »Die Alarmleitung hat doch mein Werkführer selbst im vorigen Jahr gelegt, und er versteht es, sie auszuschalten. Nur vor Fingerabdrücken sollen wir uns in acht nehmen. Wir tragen natürlich Handschuhe.« Sie sprach sehr zuversichtlich, aber Holten sah es ihr an, daß sie erregt war. »Und wenn wir gefaßt werden?« Sie zuckte die Achseln. »Aber wenn sich nun dieser Brief als echt herausstellt?« Sie sah ihn ernst an. »Vielleicht wünsche ich nichts in der Welt sehnlicher, Wolf. Dann ist meine Schwester freiwillig in den Tod gegangen. Dann hat sie unter ihrem Leben gelitten, wie wir es manchmal gedacht haben, daß sie darunter leiden sollte, und der Ekel vor der Öde und Nichtigkeit dieser Welt ist immer höher und höher in ihr gestiegen, bis sie wirklich schließlich ›aufstand und fortging‹. Dann ist Susette eine große Frau gewesen, Wolf!« Er nickte. »Dann hat uns Mario viel zu verzeihen.« Holten setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einige Zeilen für seine Sekretärin auf. »Wenn ich morgen früh nicht zu Hause bin oder keine Nachricht gebe, benachrichtigen Sie unverzüglich die Polizei. Fräulein Gitta Alsen und ich wollen heute nacht versuchen, in die Wohnung des Herrn Mario Glasberg, in den Fabrikgebäuden des Glasberg-Konzerns in Tempelhof, einzudringen und uns in den Besitz eines widerrechtlich dort zurückgehaltenen Dokuments zu setzen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß wir in eine Falle gelockt sind. Sollte ich also bis zehn Uhr nicht zurück sein, bieten Sie sofort polizeiliche Hilfe auf.« Er adressierte: Fräulein Elma Diepenbroich, und schrieb sicherheitshalber auf den Umschlag: »Nicht vor zehn Uhr zu öffnen!« und trug den Brief in sein Bureau hinüber. »So, nun kann es losgehen!« Sie brachen auf. Im Auto konnten sie vor Erregung kein Wort sprechen, malten sich alle Konsequenzen aus, die die Auffindung des Briefes nach sich ziehen mußte. Wenn die Schriftzüge gefälscht waren und ein Schriftsachverständiger es ihnen attestierte, dann mußte die Staatsanwaltschaft die Leiche ausgraben und Mario Glasberg verhaften lassen. Diese Aufregung in Leynhausen! Holten mußte in Gedanken daran lächeln und bemerkte, daß auch Gitta lächelte. »Warum lachen Sie?« fragte er. Sie dachte wie er an Leynhausen. »Ist es nicht komisch, daß wir in diesem Augenblick an dieses Nest denken? Und nicht einmal an die Menschen, die uns nahestehen, sondern wahrscheinlich an die allergleichgültigsten Leute. Zum Beispiel an den Apotheker, der allen Freunden am Stammtisch große Vorträge über Veronal und Arsen halten wird, und an die Hofdame der Prinzessin Amalie und an die Garderobenfrau im Landestheater, die Susette so gut kannte.« »Ja,« sagte er. »Es ist nun einmal so. Ich habe an ganz ähnliche Ergebnisse unseres Unternehmens gedacht.« Das Auto bog von der Schöneberger Hauptstraße in die Tempelhofer Straße ein. Holten kannte diese Gegend kaum. Es ging unter Eisenbahnunterführungen durch, über unbebautes Land mit blühenden Schrebergärten. »Wie heißt diese Straße?« »Sachsendamm!« Er hatte noch nie davon gehört. Auf einmal fiel ihm ein, daß seine Rechtsanwaltslaufbahn zu Ende war, wenn er bei diesem Einbruch ertappt wurde. Vielleicht fiel eine gerichtliche Strafe nicht einmal so hoch aus. Man würde ihnen selbstverständlich mildernde Umstände zubilligen, aber mit seiner Juristenlaufbahn war es trotzdem aus. Es ging um eine Ecke. Hier waren die Häuser sechs Stockwerke hoch. Man hatte das Gefühl, in einer engen Schlucht zu sein. Gitta ließ halten. Sie stiegen aus, standen allein. Zur Rechten erhob sich die Steinmauer des Bahndamms. Stufen mit einem Eisengeländer führten hinauf. Ein Signalmast mit grünem Licht stieg in die Unendlichkeit. Die Straße verlief im Kreise. Wo sie umbog, hing eine Laterne schief in einem eisernen Halter und brannte, obwohl es noch ziemlich hell war. »Ist es hier nicht wie auf einer Zeichnung von Alfred Kubin?« sagte Gitta. »Und Sie sollten diese Straße morgens und am Nachmittag sehen, wenn sie bis an den Rand gefüllt ist von einem Strom eiliger Menschen. Können Sie glauben, daß ich diese Gegend seitdem liebe? Nicht Ebbe und Flut am Meer hat mir diesen Eindruck kosmischer Gewalten gegeben, die das menschliche Leben bestimmen, wie das An- und Abschwellen dieser Massen in diesen Winkelstraßen. Glauben Sie, daß es die Uhr und der Achtstundentag ist, der dieses Strombett füllt und entleert? Nein, der Kosmos, der Rhythmus der Unendlichkeit atmet darin.« »Wissen Sie, wie wir sprechen?« fragte er. »Wie sich Menschen im Weltkrieg kurz vor Losbruch der Schlacht unterhielten. Man weiß nicht, was die nächste Stunde bringt. Da setzt man sich schnell in Einklang mit dem Unendlichen und redet von ewigen Dingen.« »Sie können recht haben,« lächelte Gitta. »In solchen Augenblicken überschaut man die Zusammenhänge des Lebens am deutlichsten. Und was wir jetzt tun werden, hat wirklich Ähnlichkeit mit einer Schlacht. Wenn es mißglückt, haben wir uns aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgestrichen.« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Eigentlich wollte ich es allein tun, aber es ließ mir keine Ruhe. Sie sollten an allem teilhaben, am Erfolg oder am Mißerfolg.« »Sie wissen, Gitta, daß das eine Liebeserklärung ist, was Sie da sagen!« »Ich weiß es, Wolf. Ich habe Ihnen neulich in Leynhausen auch schon eine gemacht.« Er nickte, und sie sahen sich an. »Weshalb stehen wir hier eigentlich?« fragte er, in die Wirklichkeit zurückkehrend. Es war die Stelle, die sie mit dem Werkführer verabredet hatte. »Wissen Sie, daß ich drei Häuser weiter wohne? Hoch oben unter dem Dach! Oder vielmehr gewohnt habe. Denn heute nachmittag bin ich wieder in die Lietzenburger Straße zu Frau Werneuchen gezogen. Ich glaubte, es sei besser, wenn man mich hier nicht mehr sieht.« Der Werkführer kam um die Ecke und trat auf die beiden zu. Ein bildhübscher Kerl, ein wenig jünger als Holten, von einem verstaubten Blond, mit klugem und gutmütigem Blick. Sie sprachen den Plan durch. »Die Dame hier hat Ihnen dreihundert Mark versprochen,« sagte Holten. »Aber Sie sollen tausend Mark haben, wenn alles klappt.« Der Mann wurde verlegen. »Es ist nicht wegen dem. Ich tue für das Fräulein alles sehr gern. Aber wenn ich nun nachträglich gefaßt werde? Es ist ja nur, weil ich meine alte Mutter mit ernähre. Würden Sie mir, wenn ich in Not bin, eine Stelle besorgen, Herr Rechtsanwalt? Ich verstehe so allerhand und bin, trotz dieser Geschichte hier, ehrlich.« Holten versprach, ihn unterzubringen; wenn nicht anders, dann bei sich selbst. »Falls mir diese Sache nicht selber das Genick bricht!« Der Werkführer grinste. »Diese Sache,« sagte er, »ist gut und ehrlich, wenn sie geglückt ist. Wenn sie mißglückt, ist sie ein Einbruch und nichts weiter.« Sie lachten. »Kommen Sie!« Sie gingen die Straße weiter bis zu einem kleinen Platz. Ein hohes Gittertor gähnte dunkel. Hier war der Eingang zur Fabrik. Ein Fliederstrauch wuchs aus dem Asphaltring, sonst gab es nur Stein und Glas und Eisen. Gegen den halbdunklen Himmel wölbte sich das Portal. In den obersten Fenstern brach sich glührot die untergehende Sonne. Es war die einzige Farbe in dem einförmigen Grau. Der Werkführer zog an der Glocke. Ein Portier in Hemdsärmeln, aber in Mütze, schlurfte über den Zement des Eingangs. »Was wollen Sie?« fragte er barsch. »Aber, Mensch, das sind doch die Freunde vom Inspektor Bresch! Wegen des Geburtstags!« »Ach so,« knurrte der Portier und schloß das Tor auf. An zwei großen Brettern hingen die Nummern der Arbeiter. Es gab lange Gestelle für Fahrräder, die jetzt leer waren. Holten und Gitta mußten sich in ein Buch einschreiben. »Na, denn amüsieren Sie sich man!« rief der Portier ihnen nach. »Du gehst doch mit, Gustav, nicht wahr?« »Selbstverständlich!« rief der zurück und bog mit den beiden um die Ecke. »Wir haben schön Zeit. Wenn wir zu früh herauswollen, fällt es nur auf.« Holten dachte, daß sie jetzt vielleicht in der Falle waren. Machte man es ihnen nicht ein wenig zu leicht? Das Tor schnappte hinter ihnen zu. Sie gingen zwischen dunklen Mauern hin, kletterten über Gleise, gingen durch Straßen, über denen Rädergewirr und Drahtgeschling hing. Dann hielten sie vor einem hohen, sechsstöckigen Haus, das sich oben ins Dunkle verlor. »Hier ist es!« Sie traten ein. Der Werkführer entschuldigte sich, daß er keinen Schlüssel zum Fahrstuhl habe. Sie würden zwölf Halbtreppen steigen müssen. Er riet, kein Licht zu machen, sondern sich am Geländer hinaufzutasten. Die Fenster des Treppenhauses wären von draußen zu sehen, während die Wohnung selbst abgedeckt sei. Holten fragte nach der elektrischen Alarmleitung. Sie war an der Entreetür angebracht und führte direkt in die Portierloge. Man konnte sie von drinnen und von draußen abstellen, wenn man es verstand. Karl, der Diener, würde sie angestellt haben, als er zu Breschs hinüberging. Sie stiegen in schweigenden Minuten hoch, einer hinter dem andern, zählten jeder für sich die Treppenabsätze. Zwölfmal mußten sie umbiegen; oben steckte der Mann ein Streichholz an und hantierte an einem Wandschalter. »Hat der Karl richtig vergessen, die Alarmleitung einzuschalten. Was nützen da die schönsten Erfindungen!« Er war ordentlich ärgerlich. Holten meinte, daß der Diener doch vielleicht noch in der Wohnung wäre. Ob man nicht vorsichtshalber erst klingelte? Der Werkführer hielt es für ausgeschlossen, überzeugte sich noch einmal, daß die Alarmglocke abgestellt war, und schloß die Tür auf. »Karl!« rief er hinein, »Karl, wo steckst du denn? Wir warten alle.« Aber die Wohnung lag leer und schweigend. Sie gingen hinein. Der Werkführer riet, kein Licht anzumachen. Vielleicht drang doch ein Schimmer ins Freie, obwohl nach außen hin alles abgeblendet sei. Holten fühlte, wie sein Herz gegen die Rippen sprang. Weshalb kein Licht? dachte er. Sollten wir etwa Mario und seine Männer nicht sehen, die sich vielleicht im nächsten Augenblick auf uns stürzen? Wer weiß, wer sich hier versteckt hat! Dort, hörte man nicht atmen? Aber es war nur Gitta, die hinter ihm ging. Er fand, daß der fremde Mensch in Glasbergs Wohnung merkwürdig genau Bescheid wußte. Eine Tür nach der andern wurde geöffnet. Hinter jeder Ecke konnten die Feinde hervorstürzen. Holten hielt es nicht mehr aus. Als sie wieder an eine Tür kamen, suchte er rechts und links nach dem Schalter, und dann drehte er ihn plötzlich an und sah das weiße, beißende Licht von der Decke herniederstürzen, die Wände hochklettern. Die beiden andern standen erschrocken. »Was ist das?« Gitta schrie es fast. Der Werkführer war kreidebleich. Holten sagte, daß er das Licht angedreht habe. »Ich hatte die Empfindung, daß sich einer im Dunkeln auf mich stürzen wollte.« »Kommen Sie,« sagte der Mann lächelnd. Er drehte dieses Licht ab und ließ die Beleuchtung im nächsten Raum anspringen. Es war Glasbergs Arbeitszimmer. »Diese Fenster gehen auf den Dachgarten. Dort sind dichte Hecken gezogen, so daß hier niemand etwas sehen kann.« Die Fenster schienen die ganze Wand einzunehmen. Schwere Brokatvorhänge hingen von der Decke hernieder. In der Ecke stand ein riesengroßer Schreibtisch, ein »Diplomat«, aber er war mit einem flachen Rolladen verschlossen. Ein hohes Büchergestell nahm eine ganze Wand ein. An den andern Wänden hingen große Ölgemälde der Florentiner Schule. In der Mitte standen niedrige Sessel um einen Rauchtisch mit einer gehämmerten Kupferplatte. Der ganze Raum, die Brokatstoffe, die Bezüge, die Tapeten, hatte die Farbe dunklen glänzenden Kupfers. Nur der Teppich und der Schreibtisch waren schwarz. Was aber ihre Blicke vom Augenblick des Eintretens an auf sich zog, war der schwarze Vorhang an der Wand über dem Schreibtisch. Er schien einen Spiegel oder ein Bild zu verdecken. Holten zog den Vorhang beiseite. Gitta und er prallten erschrocken zurück. In rotem Kupferrahmen, der wie von Blut Überflossen schien, hing dort das lebensgroße Porträt Susettes. Wie eine Heilige von Ribera kniete sie am Boden in transparent leuchtendem kobaltblauem Kleid, umflossen von dem Lichtgold ihrer aufgelösten Haare, reckte sterbend die Arme einer nebelverhüllten Sonne entgegen. Man sah, daß sie im nächsten Augenblick entseelt zur Erde sinken würde. Der Ausdruck der Gestalt war von einer überwältigenden Größe und noch im Tode leuchtenden Schönheit. Es war, als ob diese Frau noch im Sterben schön zu sein sich bemühte, als ob darüber aller Schmerz hinfällig würde und abflösse wie die Falten des Kleides. Sie standen ergriffen. »Das ist Susette!« flüsterte Gitta. »Wer mag es gemalt haben?« »Kein Deutscher!« gab Holten flüsternd zurück. »Es ist wie von einem Spanier.« Gitta ließ sich in einen Sessel fallen und schluchzte. Sie wollte das Weinen zurückdrängen, aber ihr Körper bebte unter den verhaltenen Tränen. Der Werkführer stand verlegen beiseite. Holten zog den Vorhang wieder vor. Sie begannen mit Brecheisen und Schraubenschlüsseln zu arbeiten, wobei sie sich bemühten, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen. Nach einer Viertelstunde ließ sich der Rolladen zurückschieben. Sie zogen eine Schublade nach der andern auf. In der untersten lagen in dicken Bündeln Susettes Briefe und, im blauen Umschlag für sich allein, mit Bleistift geschrieben, der Abschiedsbrief. Holten entfaltete ihn. Es war der richtige, lange gesuchte. Gitta hatte sich an seine Schulter gelehnt und sah mit ihm zugleich in das Blatt. Sie nahmen zum Vergleich einen anderen Brief heraus, prüften aufmerksam Buchstaben und Zeilen. »Ich würde den Brief für echt halten,« sagte Holten dann. »Was meinst du, Gitta?« – Seit sie vor Susettes Bild gestanden hatten, nannten sie sich »du«. »Ich auch,« flüsterte Gitta tonlos. Sie überflogen flüchtig die letzten Briefe Susettes, die obenauf lagen, um vielleicht etwas zu erfahren. Trotz der Situation mußten sie ein wenig lächeln. Die Briefe enthielten nur Beschreibungen von Kleidern und kurze Bemerkungen über Feste. »Es war goldig,« oder: »Es war fad,« kehrte ständig wieder. »Laß mich noch einmal das Bild sehen!« bat Gitta. Sie schauten es an. Ja, das war der gleiche Mensch, der diese kurzen Briefe geschrieben hatte. Genau der gleiche und dennoch von einer hinreißenden und ergreifenden Schönheit, ein Wunder des Himmels. »Komm!« sagte sie leise und hing sich erschöpft in seinen Arm. Der Werkführer suchte wenigstens oberflächlich die Spuren des Einbruchs zu verwischen. Als er fertig war, zog Wolf den Vorhang zu und drehte das Licht ab. Sie gingen hinaus. Im Dunkeln befühlte er den Brief in seiner Tasche. 16 »Wenn der Brief nun wirklich echt ist?« »Er kann doch nicht echt sein!« Sie kamen unangefochten an dem Portier vorüber. Der Werkführer war nicht mehr bei ihnen. Sie dachten, daß der Portier sich wundern würde, weil sie so früh fortgingen. Aber er beachtete sie kaum, trug nur mürrisch die Zeit ihres Durchgangs hinter ihre Namen ein. Draußen gingen sie absichtlich langsam über den kleinen Platz, vorbei an dem mageren Fliederbusch, bogen um die Ecke und fanden am Sachsendamm ein Auto. »So!« atmeten sie auf. »Glaubst du, daß es herauskommen kann?« Er ging alle Möglichkeiten durch. Wahrscheinlich kehrte Glasberg erst in Wochen nach Hause zurück. Sobald er den Schreibtisch öffnete, mußte er freilich den gewalttätigen Eingriff bemerken. Aber dann würde es so spät sein, daß man den Zeitpunkt des Diebstahls – er sagte Diebstahl, obwohl es vielleicht keiner war – auch nicht annähernd mehr feststellen konnte. Irgendeinen Anhalt gab es nicht. Natürlich kam der Diener in Betracht. Aber die Alarmleitung? Nun, in ihrem Fall hatte ja der Diener sogar vergessen, sie anzustellen, und er würde auf Befragen zugeben müssen, daß er es hin und wieder vergaß. Damit verschwand jede Möglichkeit des Verdachts gegen den Werkführer. Und überhaupt: Ehe es zu Nachforschungen Glasbergs kam, mußte er unschädlich gemacht sein. »Wenn der Brief gefälscht ist!« wiederholte Gitta nochmals. Es war noch nicht zehn Uhr, als sie in Holtens Wohnung eintraten. Sein erstes war, das Schreiben an die Sekretärin in kleine Stücke zu zerreißen. »Ob man Kunkel anruft?« Kunkel war einer der größten Schriftsachverständigen. Holten kannte ihn von einigen Prozessen her. Er hob den Hörer auf. Kunkel war zu Hause, zeigte sich interessiert. Er müßte zum Vergleich Briefe der betreffenden Dame – man sagte ihm nicht den Namen – möglichst aus verschiedenen Jahren haben. Holten hatte ein Dutzend Schreiben von Susettes Hand. Dann würde er kommen, rief Kunkel zurück, und in einer halben Stunde da sein. »Nennen wir ihm den Namen und sagen wir alles?« fragte Gitta. Wolf wollte abwarten. Wenn der Brief unzweifelhaft echt war, brauchte man jedenfalls nichts zu sagen. Sie saßen erschöpft an dem Eßtisch, versuchten noch einmal, Buchstaben und Schriftbild zu vergleichen. Aber sie waren zu müde, merkten erst jetzt die furchtbare Aufregung, die sie hinter sich hatten. Das Bild! dachte sie. »Ja, das Bild!« antwortete er. Er bestellte bei der Köchin Mokka, stürzte zwei kleine Tassen hinunter. Es erfrischte ihn. »Gitta!« sagte er, sich aufreckend. »Wenn der Brief echt ist – wenn es sich also erweist, daß wir uns geirrt haben – was dann?« »Glaubst du denn, daß wir uns geirrt haben können?« Er verneinte. »Aber wenn, was dann?« »Ich weiß nicht, was du meinst?« »Wenn wir uns also geirrt haben, dann – verzeih – dann heiraten wir auf der Stelle und machen eine große Reise. Es muß dann ein ganz großer Einschnitt in unser Leben kommen. Wir könnten doch nicht hier einfach so weiterleben, wo wir seit einem Jahr oder länger nur den einen Gedanken hatten. Es muß dann alles anders werden.« »Wenn der Brief echt ist,« sagte sie ernst, »dann kann ich dich nicht mehr sehen, Wolf. Ich könnte es nicht ertragen. Du würdest mich immer an den furchtbarsten Irrtum meines Lebens erinnern und immer wieder Zweifel in mir wecken. Nein, verzeih, ich könnte es nicht.« »So!« sagte er tonlos. »Du könntest es ja auch nicht, Wolf!« »Wieso nicht? Du bist mir wichtiger als Mario und Susette. Tausendmal wichtiger! Obwohl der Gegensatz zu Mario durch mein ganzes Leben hindurchgehen wird. Das weiß ich bestimmt. Als ich Mario zum erstenmal in der Schule sah, wußte ich, daß ich von diesem Menschen niemals loskommen würde. Aber du bist mir doch wichtiger, Gitta, und wenn dir Mario wichtiger ist, so liebst du ihn. Ja, Gitta, du liebst ihn!« »Du bist wahnsinnig!« lachte sie auf. »Vielleicht ist das Liebe, wenn man einem Menschen auf der Fährte sitzt und ihn nicht mehr loslassen will. Und ich werde ihn nicht loslassen! Wenn sich Susette selbst das Leben genommen hat, dann – trägt er dennoch die Schuld daran. Dann hat er sie eben in etwas hineingezwungen, wofür sie zu schade war. Ich muß dahinterkommen, was es mit ihm und Susette war, und ich werde dahinterkommen! Sage, Wolf, hat Glasberg eine Geliebte?« Sie sah ihn lauernd an. »Eine?« fragte er höhnisch. »Mehrere! Viele wahrscheinlich!« »So werde ich alles daran setzen, seine Geliebte zu werden, wenn es nicht anders möglich ist. So, nun weißt du es!« »Gitta!« schrie er auf. »Bitte, rege dich nicht auf! Wenn wir Mario zu Fall bringen, wenn es uns gelingt, ihn zu entlarven, dann bin ich frei von ihm, und in demselben Augenblick will ich dir gehören. Aber bis er entlarvt ist – verstehst du das denn nicht? – bis er entlarvt ist, ist er einfach für mich das große Rätsel, der dunkle Schleier, den ich abreißen muß, muß, muß! Denke dir, Wolf, daß Mario das große Erlebnis meiner Mädchenkinderjahre war! Stelle dir vor, daß dieser Mensch jedes Gespräch bei uns durch Jahre erfüllte. Daß er mit meiner angebeteten berühmten Schwester durchging, sie in England heiratete. Daß die beiden dann gesellschaftliche Triumphe ohnegleichen feierten. Wo sie hinkamen, waren sie der Mittelpunkt. Alles sprach von ihnen. Und ich, das kleine dunkle Mädchen im hintersten Winkel, sah dem allem zu. Und nun passierte dieses Furchtbare! Und wenn es zehnmal ein Selbstmord war, es muß doch etwas dahinterstecken!« Holten sah traurig vor sich hin. Natürlich hatte er sich das alles gedacht. Nicht Susette, Mario war es, den sie enträtseln wollte. Er wußte es lange, aber jetzt, vor der Entscheidung, wurde das alles so überdeutlich. Bisher hatten sie um das eine Ziel gekämpft, und hinter dem Ziel lag ihre Vereinigung. Jetzt standen sie dicht vor dem Ziel oder doch vor einem Abschluß, und alle Bedenken und Vorbehalte, alle Zweifel und Hemmungen brachen hervor. Nicht bei ihm, dem Mann. Der Mann unserer Tage ist völlig Intellekt geworden, empfand Wolf. Für mich ist alles klar und einfach und regelt sich nach dem Verstand. Aber da kommt nun die Frau, und das Leben wird wieder rätselhaft, instinkthaft wie in Urzeiten. Bei uns heutigen Menschen sind ja zwei ganz verschiedene Weltalter übereinandergetürmt: ein abstrakt und logisch gewordenes des Mannes und ein dämonisch und urhaft getriebenes der Frau. Wer weiß, was uns von der befreiten Frau noch alles kommt! Er hatte das Mädchen hinuntergeschickt, um Herrn Kunkel an der Haustür zu erwarten. Es war weit über eine halbe Stunde vergangen; und Herr Kunkel erschien noch immer nicht. Die Uhr ging auf elf. Sie saßen sich ermüdet und in einer fast feindseligen Gereiztheit gegenüber. Endlich hörten sie das Aufschließen der Entreetür und die Stimmen von Männern. »Das sind doch mehrere!« rief Holten. Er ging zur Tür. Herr Kunkel hatte einen Fremden mitgebracht. Es war Herr Makel, sein Kollege und Rivale. »Gerade wollte ich aufbrechen,« sprudelte Herr Kunkel lebhaft, »als mich Makel in einer Sache anrief. Da habe ich ihn aufgefordert, gleich mitzukommen. Wenn Herr van Holten etwas hat, ist es immer interessant, und das Gericht hört uns ja beide! Hoffentlich ist es Ihnen recht?« Holten bejahte. Die beiden Kollegen bildeten ein höchst seltsames Paar. Kunkel machte den Eindruck eines verhungerten Lohnschreibers. Alles an ihm war spitz und mager. Auf der scharfen Nase saß eine Nickelbrille. Sein Kopfhaar endete in einem spitzen Schopf, und das Kinn war durch einen faserigen, dünnen Spitzbart verlängert. Herr Makel hingegen war groß und breit, hatte eine leuchtende Glatze und einen wallenden schwarzen Vollbart. Er bewegte sich wie ein Ringkämpfer. Es ging das Gerücht, daß er mit seinem gewaltigen Brustkasten eine nicht zu dünne Metallkette zerreißen konnte. Holten kannte beide Herren. Er wußte, daß sie Koryphäen waren, Meister angewandter Psychologie, voll reicher Erfahrungen in der Welt des Verbrechens. Nie vergaßen sie eine Handschrift, die sie einmal gesehen hatten. Kunkel, der Dünne, Spitze, arbeitete mehr mit dem Intellekt, während Makel, der Kräftige, Bebartete, oft einen divinatorischen Blick und eine ganz seltsame Fähigkeit der Einfühlung zeigte. Holten wußte, daß niemand besser als diese beiden Männer das Rätsel von Susettes Abschiedsbrief lösen würden. Gitta sah sie mit großen Augen an. Kunkel und Makel ließen sich umständlich vorstellen, nahmen Platz, gossen sich Kaffee ein und legten die Lupen feierlich vor sich hin. Zuerst wollten sie die unzweifelhaft echten Briefe sehen. Sie wendeten die Blätter hin und her, hoben sie gegen das Licht, besahen sie ohne Brillen und durch die Gläser. »Ei, ei, eine Dame Ihres Bekanntenkreises!« sagte Kunkel. »Sie weiß, was sie will,« fuhr er fort. »Eine zähe, ehrgeizige Natur. Nicht sehr leidenschaftlich. Eher kalt. Ist sie sehr schön?« Holten meinte, daß das nichts zur Sache täte. Er legte den Abschiedsbrief vor. Ihm und Gitta blieb das Herz vor Spannung stehen. Die nächsten Sekunden mußten entscheiden. »Ist das der – der fragliche Brief?« »Nein,« sagte Gitta überraschend, »den habe ich noch hier.« »Ei, ei,« sagte Kunkel. »Diese Schrift ist aber auch gefälscht!« Es war den beiden, als bräche der Raum ein. »Es ist der fragliche Brief!« gestand Gitta. »Ein kleines Scherzchen?« kicherte Kunkel. »Ein allerliebstes kleines Scherzchen? Aber sehr amüsant. Der Brief ist gefälscht!« Er vertiefte sich nichtsdestoweniger weiter in ihn, hielt die Lupe bald vor das eine, bald vor das andere Auge. Herr Makel hatte noch kein Wort gesagt. »Ich weiß doch nicht,« fuhr Herr Kunkel nach einer Weile fort, »es ist dieselbe Schrift – und doch wieder nicht.« Nun polterte Herr Makel los, daß der Brief durchaus echt wäre. »Nur nicht so flüchtig hingeschrieben wie die anderen. Gesammelter, beschaulicher, überlegter.« »Ja,« unterbrach Holten. »In allergrößter Gemütsruhe anscheinend. Die Schreiberin nahm sich nämlich unmittelbar nach diesem Brief das Leben!« Herr Makel brummte, las dann den Inhalt des Briefes. »Hm,« machte er. »Da stimmt etwas nicht.« Er nahm noch einmal einen anderen Brief zum Vergleich in die Hand. »Nehmen wir an,« sagte er dann langsam, »daß es einen anderen Menschen gibt, der diese Handschrift in allen ihren Besonderheiten seit Jahren erfühlt hat, vielleicht sogar mühelos diese Schrift kopiert – man kann es dahin bringen! – dann ließe sich eine Fälschung nur durch die Diskrepanz zwischen dem Inhalt des Briefes und dem Gemütszustand der Schrift erweisen. Wir haben hier einen der ganz seltenen Fälle vor uns, daß tatsächlich ein zweiter Mensch diese Schrift vollkommen täuschend nachzumachen versteht. Aber dieser Mensch hat vergessen, den Gemütszustand, in dem ein solcher Abschiedsbrief geschrieben wird, zu berücksichtigen. Passen Sie auf! In der großen Erregung würde diese Frau, die Besitzerin der Handschrift, etwa so geschrieben haben!« Er bedeckte ein Blatt Papier mit Schriftzeichen. Es war vollkommen die Schrift Susettes, nur ins Erregte, Leidenschaftliche gesteigert. Holten und Gitta sahen verwundert auf die Schriftzüge, die aus der fremden Hand so vertraut herausflossen. »Diese Schrift ist übrigens sehr leicht nachzumachen,« beschwichtigte Herr Makel ihr Erstaunen. »Sehen Sie! Der fragliche Brief ist in vollkommener Ruhe und Sammlung geschrieben. Das ist der einzige Fehler; sonst ist die Nachahmung vollkommen geglückt.« Er zeigte an den echten Briefen, wie die i-Punkte, je flüchtiger der Brief war, desto mehr von ihrem Buchstaben fort nach rechts abwanderten. In dem Abschiedsbrief standen sie hingegen fast genau über dem i. Herr Kunkel hatte bereits eine ganze Weile gelächelt. Er wartete auf den Augenblick, das Wort an sich zu nehmen, rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her. »Sehr scharfsinnig, sehr scharfsinnig,« sprach er jetzt mit seiner Fistelstimme dazwischen. »Aber natürlich vollkommen falsch, nicht wahr? Alle diese von meinem großen Kollegen geäußerten Momente brachten mich im ersten Augenblick ebenfalls darauf, eine Fälschung anzunehmen. Aber, meine Herren, es ist ja ganz anders! Wenn man sich das Leben nimmt, ist man kurz vorher natürlich erregt. Aber in dem Augenblick, da man zu dem großen Entschluß kommt, da man das Fazit des Lebens zieht, kann man durchaus ruhig, gesammelt, überlegt sein. Es ist vielleicht ein Augenblick unerhörter Klarheit!« Er sah sich triumphierend um. »In einer solchen Stimmung, wo das Leben unter uns und hinter uns liegt, ist dieser Brief geschrieben. Die Erregung kam dann wahrscheinlich nachher, als man zur Tat schritt.« »Was, was!« polterte Herr Makel dazwischen. »Sehen Sie denn nicht diese verkürzten Anstriche?« »Natürlich sehe ich sie, habe sie schon längst gesehen, Herr Kollege. Und die zunehmende Neigung der Abstriche! – Aber der Brief ist auf dem Bettrand geschrieben, nicht wahr? Und die Nachttischlampe stand rechts. Man ist gewohnt, daß das Licht von links fällt. Hier fiel es aber von rechts. Die Frau schläft im rechten Bett, der Mann im linken, nicht wahr?« Er blitzte Gitta an. »Es ist doch so?« »Ich bleibe bei meiner Ansicht,« brummte Herr Makel, »so sehr ich die Ansicht meines Herrn Kollegen begreife. Der Brief ist gefälscht!« »Er ist nicht gefälscht!« fistelte Herr Kunkel. »Glauben Sie,« begann Holten, »daß ein längeres Studium des Briefes Ihre Ansichten umstoßen könnte?« Die beiden schüttelten die Köpfe. »So stehen hier zwei Ansichten gegenüber: Herr Makel behauptet, daß der Brief falsch ist. Er stützt seine Meinung darauf, daß ein solcher Brief die Spuren höchster Erregung aufweisen müßte, während er im Gegenteil alle Merkmale einer ruhigen, gesammelten, aufmerksamen Stimmung zeigt. Herr Kunkel hält den Brief für echt und stützt sich auf die Annahme, daß dieser Brief in einem Augenblick überlegener Reife zu Papier gebracht sei. Ihre Meinungen, meine Herren, weichen im Grunde sehr wenig voneinander ab, nur herrscht leider eben über den Hauptpunkt keine Klarheit: Ist er gefälscht oder echt? Ich erinnere, daß Sie über diesen Punkt früher anderer Ansicht waren wie jetzt. Was meinst du, Gitta?« »Es ist genau die alte Frage, über die wir nicht hinauskommen,« sagte sie. »Was war mit Susette? Wir wissen es noch immer nicht?« Sie nahm den Abschiedsbrief an sich und legte ihn vor sich hin. »Wenn ich nur wüßte, wie er geschrieben wurde!« »Kommt's zum Prozeß?« fragte Herr Kunkel. Holten zuckte die Achseln. Wenige Minuten später brachte er die Herren hinunter. Als er zurückkam, starrte Gitta noch immer auf den Brief. Sie blieb noch einige schweigende Minuten. Als er sie hinausbegleitete, warf sie sich plötzlich an seine Brust. »Wie sind wir unglücklich, Wolf!« weinte sie. »Es ist alles rätselhaft: der Brief, das Bild, Mario, Susette. Wenn man doch einmal klarsehen könnte!« Am nächsten Tag rief er sie in der Lietzenburger Straße an und las ihr den soeben eingetroffenen Brief des Malers Margis vor. »Was sagst du nun?« »Dort oben ist er? Ich werde hinfahren!« entschloß sie sich im Augenblick. Er suchte es ihr auszureden. Er wußte, daß nur Marios Nähe sie anzog. Was sollte diese Reise für einen Zweck haben! Aber am nächsten Morgen saß sie doch im Zug nach Königsberg und stieg abends im Hotel ab. Sie ging durch die schmalen Straßen, in denen die aufgespeicherte Sonne aus den Steinen quoll, stand am Schloßteich und sah die fernen Bäume wie Rauch gegen den Himmel gelagert, spürte die Meeresluft in ihren Lungen, ging zum Hafen hinunter und blickte in das Gewirr der alten Speichergassen. Als sie, ziemlich spät, in ihr Hotel zurückkehrte, hörte sie, wie der Portier einem Herrn nachrief: »Sehr wohl, Herr Glasberg!« Sie sah zwei Füße in breiten gelben Stiefeln und Ledergamaschen, die etwas dunkler waren, auf der Treppe oben verschwinden. Gerade hatte ihr Blick noch die Bewegung der Gelenke erfaßt. Ihr Herz schlug bei dem Gedanken, mit ihm unter demselben Dach zu wohnen. »Ist denn Herr Glasberg hier?« fragte sie den Portier. »Jawohl, gnädiges Fräulein.« Er wies auf die Gästetafel. »Dr. Mario Glasberg«, stand neben der Zimmernummer. Sie ging ganz langsam hinauf, blieb ein wenig vor seinem Zimmer stehen. »Dr. Mario Glasberg!« sagte sie leise vor sich hin. Nahm sich vor, morgen frühzeitig aufzustehen und ihn auf jeden Fall im Frühstückszimmer abzuwarten. Sie schlief in der Nacht nur wenig. Das opalene Licht der nordischen Dämmerung winkte vom Fenster wie mit Geistertüchern. Die Linden dufteten zu ihr herein. Wie in einer anderen fremden Welt fühlte sie sich. Morgens um acht ging sie hinunter, fragte den Portier, ob Herr Dr. Glasberg schon gefrühstückt habe. »Herr Dr. Glasberg ist um sechs mit dem Auto abgefahren,« sagte der Mann. »Danke,« sagte sie und wandte sich ab. 17 Als Margis am nächsten Morgen erwachte, fiel ihm sofort sein Brief an den Rechtsanwalt ein. Zuerst erschrak er, dann aber erinnerte er sich wieder aller Gründe. Glasberg hatte ihn ködern wollen, und die Damen Fenn waren ihm dabei behilflich gewesen. Und jetzt hatte er Glasbergs Aufenthalt an Holten verraten. Morgen konnten bereits Depeschen hin und her gehen. Er wußte nicht, was sein Brief auf sich hatte, aber es war eine bewußt feindliche Handlung gegen Glasberg. Er kleidete sich rasch an, frühstückte und ging den Fußweg durch die Kusseln nach Klein-Klank. Maria war mit dem Inspektor aufs Feld geritten. So, so, dachte er, also ist sie mit Glasberg zusammen! Er traf Renate allein. »Kommen Sie, heute bringe ich Ihr Bild zustande.« Sie folgte ihm still die Treppe hinauf. Er hatte die Empfindung, daß sie sich hinter seinem Rücken über ihn lustig machte. Mochte sie, es war ihm gleichgültig. Wie überlegen war er allen diesen Menschen geworden, die ihn an der Nase herumzuführen gedachten. Er entriß ihnen ihre Seele und bannte sie auf die Leinwand und begann eine neue Periode seines Schaffens. Das war wichtiger als alles, was hier vor sich ging. Wenn er das zweite Bild fertig hatte, fuhr er ab und schrieb aus Berlin einen kurzen Brief. Renate konnte man vielleicht etwas Konfekt schicken. Ja, das war das richtige: etwas Konfekt für Renate. Plötzlich drehte er sich um und fragte sie etwas. Er sah dabei, daß sie sich ziemlich müde hinter ihm herschleppte. Vielleicht macht sie sich gar nicht über mich lustig? dachte er. »Es wird heute gewiß furchtbar heiß werden,« sagte sie. Oben griff er gleich zu Palette und Pinsel. Sie saß schon mit ihrem Buch da. »Sie sind heute so wenig frisch!« sagte er. »Ein junges Mädchen muß frisch sein können, wenn es will. Oder wenigstens so aussehen!« Sie lachte. »Ist es jetzt besser?« Er nickte. Da blickten ihre Augen, die er zuerst ausgeführt hatte, aus dem Bild. Jene Partie, wo sich der Hals in den weißen Spitzen verlor, reizte ihn plötzlich wegen der roten Reflexe auf der weißen Haut, die in der Sommersonne kaum braun werden wollte. Aber es war doch vielleicht der Gedanke an ihren Körper, der hier aus dem Kleide herauswuchs. Solange er das malte, mußte er doch wieder alles lieben, unter Qualen lieben; nicht wie man eine Frau liebte, sondern wie ein Phantom. War denn dieses elfische Wesen überhaupt eine kleine Frau? Wie mußte es sein, solche schlanken Glieder zu haben, sich in Seide und Spitzen zu hüllen, blonde Haare über das Gesicht fallen zu lassen, wenn man wollte? Er setzte die Farben nebeneinander. Sie sah ihm aufmerksam zu. Auf einmal zeigte sie auf das Bild und sagte wie zu sich selber: »Ich würde mich in dieses Mädchen verlieben.« Wurde gleich darauf dunkelrot. »Da müßte man sich in viele verlieben!« brummte er und arbeitete weiter, obwohl ihm das Herz klopfte. Sie fragte ihn, ob es in Berlin oder sonst in der Welt viele solcher Geschöpfe wie sie gäbe. Es interessierte sie. »Eine ganze Menge!« sagte er. Die meisten. Frauen wären in ihrem Alter wie sie. »Können Sie Frauen lieben? Ich meine erwachsene, ältere Frauen?« »Nur solche!« gab er sofort zurück. Sie schüttelte den Kopf. »Wissen Sie, daß wir eine Zeitlang dachten, Sie wären in mich verliebt?« Er lachte. Sie fand Frauen über zwanzig oder über fünfundzwanzig Jahre nicht mehr hübsch. Es wäre dann doch schon etwas zerstört. »Etwas an der reinen Form zerstört!« ergänzte er. »Ja,« rief sie fröhlich; »ich hätte gesagt: an der Figur. Aber an der reinen Form ist viel richtiger. Ganz ausgewachsene Frauen sind – ich weiß nicht, wie ich sagen soll.« Sie sah ihn an. »Sie sind eben Frauen und keine Wesen mehr!« ergänzte er wieder, und wieder rief sie: »Richtig! Ich bin noch ein Wesen, und Mama zum Beispiel ist eine Frau. Männer also scheinen nur Frauen zu lieben.« Sie lachten beide. »Wenn Sie sechs Jahre älter sind, werden Sie damit sehr einverstanden sein,« sagte er. Sie nickte und sah wieder auf ihr Buch. »Vielleicht muß man wirklich sechs Jahre älter sein!« seufzte sie noch einmal, dann schwieg sie und blieb still. Er arbeitete, jetzt an den Armen, die senkrecht herunterhingen. Die Haut war fast rot vom Widerschein des Kleides. Er legte kräftiges Weiß unter. Dieser Körper durfte nicht brennen, mußte kühl und straff sein. Die roten Reflexe durften nur über ihn hinhuschen. Manche Maler sind in sechs Stunden mit einem solchen Bild fertig, fuhr es ihm durch den Kopf. Er hätte an einem Arm so lange malen mögen. Was gab es da alles zu sehen! Zum Beispiel dieses Spiel der Schatten in den Gelenken. Aber man mußte fertig werden. Konnte er heute abend diese Figur vollenden und dann morgen Maria daneben? Marias Gestalt machte keine Schwierigkeiten mehr. Es war fast nur nötig, das erste Bild zu kopieren. Damit konnte man an einem Tage fertig werden. Woher kam diese Eile? Es war sein Brief an Holten! Morgen mittag mußte der Rechtsanwalt ihn erhalten. Morgen, den ganzen Tag über, brauchte man hier noch nichts von diesem Schritt zu wissen. Aber schon gegen Abend konnte der Boden unterhöhlt sein, konnte jeden Augenblick ein Telegramm hereinplatzen. Er hatte keine Ahnung, wie sein Brief sich auswirken würde. Vielleicht war es auch gar nichts. Holten konnte ihn lesen und sagen: »Schau, da treibt sich Glasberg an der Ostsee herum. Ich muß doch Margis einmal fragen, was für einen Eindruck er von ihm hat.« Das konnte alles sein. Wer weiß? Daneben rumorten ganz andere Empfindungen in ihm. Man hätte zu Renate sagen müssen: »Du hast recht: Reife Frauen sind nichts gegen dich süßes, zierliches, zerbrechliches Geschöpf. Du bist noch reine Form, elfisches Wesen, zwecklose Blüte. Du hast dich noch wie ein zauberhafter Schmetterling auf dem Rand der Schöpfung niedergelassen. Dich müßte man streicheln, küssen und zerbrechen, weil man deinen Anblick in dieser Welt nicht ertragen kann!« Aber er sagte statt dessen: »Halten Sie doch bitte einen Augenblick Ihre Beine ruhig!« Denn sie »pendelte« schon wieder, was er übrigens reizend fand. Dann verbiß er sich von neuem in die Arbeit, sah nichts mehr als begrenzte Farbflecke, setzte einen neben den andern, wußte nicht mehr: das ist ein Bein, eine Hand, sondern die Hand konnte auch eine weiße Taube sein. Er starrte ihre Beine an, bis sie rot wurde. »Was sehen Sie da?« Er wollte, daß sie schwarze Strümpfe anzog. »Sie müssen schwarze Strümpfe anziehen gehen. Es dauert doch nur ein paar Minuten.« Gehorsam ging sie hinaus. Er dachte über die farbigen Beziehungen zwischen diesen schwarzen Strümpfen und Marias schwarzem Schal nach. Verbesserte inzwischen an ihrer kleinen Nase, dem kleinen Stumpfnäschen, das irgendwie von dem Vater herkam. Sie setzte sich mit den schwarzen Strümpfen wieder in Positur; er malte unentwegt. Nach einer Stunde kam Maria hinein. »Mein Gott, wie weit Sie schon sind!« Er wollte heute den ganzen Tag malen. Die Frauen sollten ruhig essen; aber nachher mußte er Renate wiederhaben. Natürlich forderte Maria ihn auf, zu Tisch zu bleiben. Er sprach kaum ein Wort während des Essens, sah vor sich hin, spielte, was seine Frau den Kindern immer verbot, mit dem Messerbänkchen. Da mußte er an zu Hause denken. Bald, bald komme ich. Aber dieses Bild muß noch fertig werden! Sein Brief fiel ihm immer wieder ein. Nun war er, Margis, es, der hier alle an der Nase herumführte. Vielleicht dachte Maria Fenn gerade: Den haben wir schön zu uns herangezogen. Er frißt uns aus der Hand. »Wissen Sie,« platzte Renate los, »Ihre Frau möchte ich gerade nicht sein. Sind Sie immer so unterhaltend bei Tisch?« »Sehr oft!« gab er zurück. »Wenn mich ein Bild beschäftigt, kann ich nicht sprechen. Meine Frau weiß es. Ich esse dann auch meistens im Atelier.« Renate meinte, daß ihr das von ihrem Mann nicht gefallen würde. »Dann müssen Sie einen Beamten heiraten,« sagte er fast grob. Maria Fenn lenkte ab. »Es ist alles so sonderbar jetzt. Ich habe fortwährend das Gefühl, daß sich ein Gewitter zusammenzieht. Seit dem Brief deines Vaters, Renate!« Renate schob es auf die Hitze. »Vielleicht kommt das Gewitter,« sagte Margis, Er dachte wieder an seinen Brief. Aber das war ja Unsinn. Sein Brief war auch schon unter dem Druck eines nahenden Schicksals geschrieben. Machte das alles der Besuch des Herrn Fenn? Würde es zu einem Zusammenstoß kommen? Von welcher Seite drohte Gefahr? Herr Fenn konnte Maria in den einen Arm und Renate in den andern nehmen und befehlen: »So, jetzt kommt ihr mit nach Kalifornien!« Und würde Maria nicht einfach folgen? Aber sie liebte Glasberg. Sie konnte Glasberg um den Hals fallen, ihn gegen ihren Mann vorschieben. Herr Fenn und Glasberg, das waren zwei Gegner! Aber wieweit liebte Glasberg Maria? Es mußte doch ein starkes Gefühl sein, das den Mann beherrschte. Man erkannte es an seinen scharfgewordenen Zügen. Da spielt und brodelt etwas, wovon du nichts ahnst! flüsterte eine Stimme Margis zu. In drei Tagen mußt du hier fort sein und kannst meinetwegen aus Berlin Briefe schreiben und Konfekt schicken! Renate wollte nach Tisch durchaus ein wenig ruhen. »In einer Stunde sitze ich Ihnen wieder.« Er setzte sich währenddessen auf die Veranda und las. Dann wurde weitergemalt. Um sechs Uhr bog die Sonne ums Fenster und warf alle Farben durcheinander. Das Bild war fast fertig. Er mußte aufhören, legte den Pinsel hin und ging fast eilig aus dem Haus. Er war völlig erschöpft; aber gerade das hatte er erreichen wollen. Nur diese zwei oder drei Tage hinter sich haben, bis Glasberg zu ihm sagte: »Nun, Sie haben ja da einen reizenden Brief an Holten geschrieben!« Irgend so etwas müßte kommen. Aber vielleicht war er dann schon fort. An diesem Abend saß er wieder allein am gewohnten Tisch und trank seinen Mosel. Der Wirt kam lächelnd herbei und wollte ihn unterhalten. Aber Margis gab keine Antwort und holte ein Buch aus seinem Zimmer, einen spannenden Schmöker. Dann sah er den Tanzenden zu. Es waren hübsche Mädchen darunter. Keine Maria gerade und keine Renate vor allem. Renate stand ihm fortwährend vor Augen, wie er sie den ganzen Tag gesehen hatte. Seine Augen hielten den Eindruck stundenlang fest. Er sah Kleidfalten, einen Finger, der sich über die anderen legte, die Linie des Kinns. Was wurde das für ein Bild? Ein gutes, ein hervorragendes! Wenn er in drei Tagen im Zug saß, würde er lächelnd diese Wochen überschauen und wie ein Börsianer an seinen Gewinn denken. Man erlebte alle Ängste und Qualen um dieses Augenblicks willen, da man eine Arbeit hinter sich und die neue noch nicht angefangen hatte. Denn dann setzte es wieder von neuem ein. Dabei vergaß er nicht, daß jetzt der Brief bereits in einem donnernden Zug durch die Welt rollte. Er sah nach der Uhr und ließ sich das Kursbuch geben. »Jetzt ist er in Marienburg,« stellte er fest. Am nächsten Tag hatte die Hitze zugenommen. Sonst war es genau wie gestern. Nur daß er schon vor dem Mittagessen mit Renates Bild fertig wurde und am Nachmittag Maria ihm saß. Sie sprachen kaum ein Wort; seine Hände arbeiteten um so eiliger, da sein Inneres kaum mehr berührt wurde. Alle Hemmungen und Probleme in Marias Gestalt hatte er schon überwunden. Er hatte sie überwunden, als er sie damals küßte. Wie eine Ewigkeit lag das hinter ihm. Es war ganz zufällig, daß es ihm überhaupt einfiel. Von innen heraus hätte er kaum daran gedacht. Wo ist der Schlesier? fiel ihm ein. Was dieser Glasberg doch für ein Lügner ist! Unterdessen wuchs Marias Bild neben Renate aus der Leinwand. Ah, sie war doch eine wunderbare Frau! Vielleicht liebte Glasberg sie viel, viel mehr, als man dachte. Gegen sechs Uhr mußte Margis wegen der einbrechenden Sonne aufhören. Wiederum war er nicht ganz fertig geworden. Morgen zwei Stunden noch! dachte er. Er stand mit Maria am Fenster und sah zu, wie das Meer zwischen dem Ausschnitt der Bäume langsam dunkel wurde und sich dann rosenrot färbte. Ganz still standen sie nebeneinander. Auf einmal trat Renate ein. Maria und er wandten sich erschrocken um. Sie hatten nichts zu verbergen, und doch waren sie betroffen, nur weil nach den Stunden angespannter Arbeit das plötzliche Geräusch der geöffneten Tür sie aufschreckte. Vielleicht dachten sie auch an jene Szene nach der Beendigung des ersten Bildes, als gleichfalls Renate unvermutet eingetreten war. Es gab einen Augenblick der Verwirrung. Renate wurde nicht weniger rot als Maria. Sie streifte Margis mit einem scheuen Blick. Das Ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert. Dann sprachen sie über das Doppelbild, standen davor, verglichen die beiden Figuren. Als Margis am nächsten Morgen erwachte, war es sein erstes, zu erwägen, ob dies sein letzter Tag in St. Lüne sein würde. Bis zum Mittag konnte die Arbeit beendet sein. Er wollte die Leinwand gleich mitnehmen und die Staffelei nachmittags durch den Hoteldiener im Handwagen abholen lassen. Am nächsten Morgen oder vielleicht noch abends konnte er fortfahren. Es war sogar möglich, noch den Berliner Nachtzug in Königsberg zu erreichen. Es lockte ihn unendlich, plötzlich fort zu sein, morgen früh bei Luisa und den Kindern einzutreten. Er fieberte beim Hinuntergehen, ob die Post seine Entschlüsse vielleicht unterstützen würde. Aber außer der Zeitung war nichts gekommen. Schon ein wenig in der Abschiedsstimmung, schlug er den Weg durch die Kusseln ein. Dachte, daß vielleicht Glasberg ihn bereits in Klein-Klank erwartete. Aber er fand die Frauen allein. Weshalb hatte Renate Rock und Bluse angezogen? Sollte es wieder eine Kriegserklärung sein? Sie schien ihre alte verletzende Zurückhaltung hervorgeholt zu haben, empfing ihn mit auffallender Kühle. Glasberg? – fragte er sich. Aber Glasberg war doch heute nacht in Königsberg gewesen und würde die folgende Nacht auch in Königsberg sein. »War Glasberg gestern abend hier?« fragte er. »Nein, wieso?« Renate zuckte die Achseln. Log sie? Sie machte den Eindruck eines ungezogenen Kindes. Er erwartete, daß Maria ihm irgend etwas sagen würde, als er mit ihr allein war. Aber sie begrüßte ihn freundlich wie immer. »Was hat Renate?« fragte er. Maria sagte überraschend, daß ihre Tochter eifersüchtig zu sein scheine. Ah, dachte Margis, wenn Renate eifersüchtig ist, dann hat es Maria ihr eingeblasen, um Renates Verdacht von Glasberg abzulenken. Sollte Renate nicht wissen, was zwischen Maria und Glasberg vorgeht? Vielleicht, vielleicht ahnte sie nichts! Vielleicht ahnte sie nur und zweifelte. Und vielleicht, vielleicht sah er wirklich Gespenster und hatte Maria Fenn doch ihren Schlesier. Während dieser Gedankengänge war er schon an der Arbeit. Punkt zwölf Uhr war das Bild fertig. Er trat von der Staffelei. »He!« rief er. Maria stand auf, kam um das Gestell herum, stand lange davor. »Ist es gut?« fragte sie. »Natürlich ist es gut,« antwortete er. »Genau so gut wie Ihr Solobild und durch Renate entsprechend bereichert. Gefällt es Ihnen nicht?« Er hoffte sogar ein bißchen, daß es ihr nicht gefallen würde. Er hätte sich ihr dann weniger verpflichtet gefühlt. »Es ist so anders,« sagte sie, »als das letztemal. Damals war es wie ein großer Abschluß. Ich fühlte die ganze Weihe einer vollendeten Schöpfung. Deshalb durften Sie ja auch tun, was Sie dann taten.« Sie lächelte. »Und diesmal bin ich müde, überanstrengt. Ich sehe, es ist fertig. Es ist wundervoll. Aber ich bringe das Gefühl der Weihe nicht mehr auf wie damals.« Er fand, daß sie recht hatte. Es käme, weil sie das zweitemal gemalt wäre. Es fehlte das Unerhörte der Einmaligkeit. »Sagen Sie,« und er wunderte sich selbst, daß er den Mut fand, diese Frage zu tun, »lieben Sie und Glasberg sich wirklich so sehr?« Sie sah ihn ernst und erstaunt an. »Über alles in der Welt!« antwortete sie dann. »Werden Sie es ihm erzählen, daß Sie es mir gesagt haben?« »Nein! Und auch Sie werden zu jedermann und auch zu Mario davon schweigen.« »Gewiß! Weiß Renate etwas?« »Nein!« sagte sie mit Bestimmtheit. »Renate weiß nichts, und sie soll und darf nichts wissen.« »Und was soll daraus werden?« Sie ließ Kopf und Arme sinken. »Ich – weiß nicht. Glauben Sie, daß Mario sich einmal freimachen kann?« »Er hat schon einmal eine Frau ermordet, heißt es,« sagte er. Sie schrie leicht auf. »Um Gottes willen, nicht so! Und es ist doch eine infame Lüge, daß er diese Frau umgebracht hat.« »Das weiß Glasberg allein, ob es eine Lüge ist.« »Glauben Sie, daß er es getan hat?« Er wußte nicht, was er dieser Frau antworten sollte. Weshalb traute er Glasberg das Verbrechen zu? Und wenn er jetzt Zweifel äußerte, war das bereits Bejahung. Und wenn er nichts sagte, war es auch Bejahung. Er fragte, ob Glasberg gestern abend in Klein-Klank war. »Nein,« sagte sie. »Er hatte in Königsberg zu tun.« Dabei wurde sie über und über rot. »So,« sagte er kurz, drehte sich ab und drückte die Pinsel aus. Wer log hier? Belog Maria ihn? War Glasberg wirklich in Königsberg gewesen, um Maria Fenn zu betrügen? Während sie sich »über alles in der Welt« liebten? Er spannte das Bild von dem Rahmen ab und bog vorsichtig die Enden aneinander, legte Pinsel und Palette in den Kasten und klappte die Staffelei zusammen. »Ich lasse die Sachen am Nachmittag holen.« Sie fragte ihn, ob er jetzt wieder am Strande malen würde. »Ja,« sagte er und verabschiedete sich kurz. Er nahm sich fest vor, am nächsten Morgen in Berlin zu sein. Maria Fenn war sehr blaß, als er hinausging. Ahnte sie, daß sie ihn nicht wiedersehen würde und allein mit ihrer Leidenschaft zurückblieb? Es wollte ihm vorkommen, als ob sie Angst davor hatte, allein mit Mario zurückzubleiben. 18 Seit langer Zeit zum erstenmal nahm er sein Mittagessen im Strandhotel ein. Danach ging er in sein Zimmer, um ein wenig zu ruhen und zugleich das Packen seiner Sachen vorzubereiten. Da er vor einigen Tagen seine Wäsche hatte waschen und plätten lassen – vielleicht schon aus Vorahnung – bekam er alles bequem in die beiden Koffer hinein. Er kramte allerlei Kleinigkeiten in der Stube zusammen. Auf einmal machte er sich klar, daß er sofort packen mußte, wenn er den Abendzug erreichen wollte. Der Hoteljunge konnte die Malsachen erst am späten Nachmittag abholen. Nur wenn er sich beeilte, kam er noch zur Zeit. Es ist falsch, so überstürzt abzureisen, dachte er. Man muß noch einen Abschiedsspaziergang durch die Dünen und die Kusseln machen und womöglich noch einmal baden. Er beschloß, erst am nächsten Morgen zu fahren, bis zum Abend in Königsberg zu bleiben und am Sonnabend früh überraschend bei Luisa einzutreffen. So ging alles in Ruhe vor sich. Und nichts ist schöner, als an einem Ort zu verweilen, in dem man eigentlich nicht mehr da ist. Das sind die einzigen Stunden, in denen man niemandem und nichts gehört. Während die Sonne noch hoch stand, badete er an der alten Stelle, dicht bei seinem Versteck, und ließ sich im Sande trocknen. Sechs Bilder hatte er hier gemalt. Sie lagen zusammengerollt in dem großen Holzkoffer. Mein Gott, wieviel gelbe Farbe hatte er hier verbraucht und wieviel rote zum Untermalen! Diese ganze Landschaft war ja eigentlich am Nachmittag schon rot, wenn die Nebel stiegen und die Sonnenstrahlen sich brachen, trotz der Glühhitze, die der weiße Sand zurückwarf. Eigentlich war aber auch der Sand rot. Er ließ die zu feinen Körnern zermahlenen Gebirgsmassen durch seine Finger laufen und sog den Tanggeruch vom Wasser auf. Zermahlenes Nordland! – empfand er. Blöcke, angeschwemmte Bergriesen, von Jahrtausenden zerquetscht und zerstäubt, und eine Wüstensonne lag über allem. Er schlenderte den Strand entlang, kam an der Landspitze vorüber, wo er mit den Frauen gebadet hatte. Liebte er sie noch? Nein, sie lagen weit hinter ihm, dieses merkwürdige Paar von Mutter und Tochter. Mochte der sagenhafte Herr Fenn sie mit nach Kalifornien nehmen! Wann kam er eigentlich an? Montag oder Dienstag vielleicht oder noch früher. Solche Menschen mußten überraschend auftauchen und alles umwerfen. Er ging am Strand weiter. Der wurde hier ganz schmal und war von Steinen überdeckt. Mannshohe Blöcke von den Umrissen seltener Tiere verwitterten einsam. Durch eine buschige Bucht kam ein Bach geplätschert. Es war derselbe, der halb vertrocknet durch die dunkle Schlucht vor Serbenitz floß. Margis sah sich wieder am Abend die Chaussee entlanggehen, als der Scheinwerfer des vorbeirasenden Autos ihn streifte. Hatte nun Glasberg darin gesessen oder nicht? Er wußte es noch immer nicht. Damals war dann die Nacht im Park vor Renates Fenster gekommen! Er sah sich wieder vorsichtig durch die Fliederbüsche lugen. Auf einmal überwältigte ihn die Erinnerung. Nein, er liebte diese beiden Frauen nicht, aber sie waren wie ein Traum aus einem früheren Dasein durch sein Leben geschritten und hatten ein unbekanntes Heimweh in ihm erweckt. Nie würde er die beiden vergessen können! Er setzte sich auf die Steine und stützte den Kopf in die Hand. Nach einer Weile klomm er längs des Baches die Böschung empor. Oben mußte man in der Ferne Klein-Klank liegen sehen, wenigstens mußten in dem Ausschnitt der Bäume die drei hohen Fenster des Salons zu sehen sein, wo jetzt gerade seine Staffelei abgeholt wurde. Ob er noch einmal im Leben an dem Rosenrondell vorbeigehen würde? Ob er noch einmal auf der Veranda Renate mit ihrem Buch sitzen sah? Vielleicht las sie im nächsten Jahr irgendwo in Kalifornien auf einer Veranda. Ein Fußweg lief von dem Bach fort in die Höhe. Margis ging ihn entlang, kam aber nicht, wie er dachte, auf die Chaussee, sondern in den Garten des Gasthauses, an dem er einige Male vorübergewandert war. An primitiven Holztischen saßen Sommergäste beim Abendbrot. Hühner stolzierten zwischen den Tischen und stürzten sich in komischer Eile auf die hingeworfenen Brocken. Er wunderte sich, daß es schon so spät war. Es waren fast drei Stunden vergangen, seit er das Hotel verlassen hatte. Er ließ sich Eier geben. Einige Tische weiter schrieb ein Kurgast einen Brief. Ihm fiel ein, daß er ebenfalls an Glasberg und Maria Fenn schreiben konnte, um Abschied zu nehmen. Richtig, Glasberg erwartete ihn ja morgen abend. Oder erwartete er ihn nicht? Es war so eigentümlich gewesen, wie er seine Zusage aufgenommen hatte. So, als wenn dieser Abend niemals herankommen würde. Ein unheimliches Gefühl beschlich ihn. Was war das mit diesen Fahrten nach Königsberg? Maria Fenn hatte davon gewußt. Sie war über und über rot geworden, als sie davon sprach. War ein Geheimnis dabei? Abgerissene Gespräche wollten sich ihm zu einer Kette zusammenschließen. Arbeitete Glasberg daran, sich von seiner Frau zu befreien? Hatte er sie vielleicht nach Königsberg gelockt, um sie dort zu beseitigen, wie er einst Susette beseitigt hatte? Dieser Mensch ist vielleicht ein Teufel! schoß es ihm durch den Kopf. Trotz solcher Einfälle ließ er sich Schreibzeug bringen und schrieb an Glasberg einige höfliche Zeilen »im Augenblick der Abreise« und entschuldigte sein Fernbleiben am Freitagabend. Der Kellner, der in Frack und Morgenschuhen durch den Garten schlurfte, hatte ihm mehrere Bogen gebracht. An Maria Fenn wollte er eigentlich erst aus Königsberg schreiben, aber die bereitliegenden Seiten verlockten ihn. »Verehrte gnädige Frau!« fing er an, »Liebe Maria Fenn! Ganz plötzlich habe ich mich entschlossen, morgen in aller Frühe...« Ja, es war besser, wenn er sich noch von hier verabschiedete. Er konnte den Brief in den Kasten vor dem Wirtshaus werfen. Maria erhielt ihn dann bald nach seiner Abreise. Die anderen Gäste hatten den Garten verlassen. Sie gingen, um vom Rand der bewaldeten Düne aus die untergehende Sonne zu sehen. Ob er auch noch ein letztes Mal ging, den roten Ball ins Meer untertauchen zu sehen? Er stand auf und zahlte. Aber seine Abneigung gegen die Pathetik des Sonnenuntergangs ließ ihn den Ausgang nach der Chaussee nehmen. Wie in Gedanken bog er nach links in die Schlucht. Der Modergeruch des Bodens, den nie ein Sonnenstrahl traf, umhüllte ihn. Unten sickerte unter überhängendem Brombeergesträuch der kleine Bach, gluckste mühsam über die Steine. Margis ging langsam weiter, die grandios geschwungene Schleife der Chaussee entlang. Dann aber bog er links in den Wald ab. Er wollte Glasberg nicht begegnen, wenn der vielleicht wirklich nach Königsberg fuhr. In weitem Bogen umschritt er, immer durch den Waldrand gedeckt, die Wiesen und Roßgärten, in deren Mitte Serbenitz lag. Wie ein riesiger Block aus schwarz-grünem Granit stand der Park des Gutes. Einige Tannenspitzen stachen aus der oberen Kante hinaus. Trotz der großen Entfernung sah er es deutlich. Als er weiterging, tauchte jenseits des Parks das Meer auf, schwarzblau, mit einem Rosenstreif am Horizont. Hier blieb er auf einem Baumstumpf sitzen. Weshalb tat er das? Vielleicht wollte er Glasberg doch nach Königsberg fahren sehen. Vielleicht wollten seine Augen sich sattrinken an dieser üppigen Landschaft, zur Entschädigung für die Wochen, die er in den dürftigen und ausgetrockneten Dünen von St. Lüne verlebt hatte. Die weite Rodung, in der das Gut des Barons Teuffel lag, war wie ein Brett vor ihm ausgebreitet. Am gegenüberliegenden Waldrand konnte er trotz der einbrechenden Dämmerung die umgehauenen Baumstämme noch deutlich erkennen. Ob Glasberg bereits von seinem Brief etwas wußte? Es wurde dunkler. Auf einmal kam ein Auto von der Chaussee her über die Lichtung gefahren. Wie ein kleines Spielzeug sah es aus, mit dem offenen Kasten und durchsichtigen Rädern. Ein Mietauto, wie es sie in den Städten gibt. Nanu? dachte Margis. Was will das leere Auto hier? Er konnte deutlich erkennen, daß sich außer dem Chauffeur kein Mensch darin befand. Es fuhr, mit kleinen Staubwolken unter den Rädern, auf den Gutshof zu. Es dauerte eine halbe Stunde, ehe es wieder zurückkam. Die Dämmerung hatte inzwischen rasche Fortschritte gemacht. Ganz undeutlich sah er den Wagen, erkannte nur noch, daß das Verdeck jetzt geschlossen war. Die Laternen, die schon angesteckt waren, rissen das Dunkel keilförmig auf. Ist das Glasberg, dachte er, der nach Königsberg fährt? Weshalb benutzt er den Mietwagen? Er wartete, bis das Auto im Walde verschwunden war, dann ging er zur Chaussee zurück. Weshalb fährt Glasberg in einem Mietwagen? mußte er immer noch denken. Vielleicht war sein eigener Wagen in Reparatur? Es konnte alles ganz natürlich zusammenhängen. Aber vielleicht hatte auch sein Brief schon Aufregungen hervorgerufen. Wie, wenn er in Serbenitz selbst nachfragte? Etwas drängte ihn dorthin. Er ging zwischen den Drahtzäunen der Weiden hindurch und stand in einigen Minuten vor dem verschlossenen hölzernen Tor. Er sah den Hund an der Kette springen und hörte ihn jaulen. Vor dem Schuppen stand Glasbergs Wagen. Einige Männer saßen vor der Stalltür. Ein Knecht fragte ihn nach seinem Begehr. Herr Doktor Glasberg wäre nach Königsberg gefahren. Ja, sein Auto hätte heute nacht einen Vergaserbrand gehabt. Der Herr Doktor wäre kaum mit dem Wagen bis hierher gekommen. Für heute hätte er sich einen Mietwagen aus der Stadt kommen lassen. Wo der Chauffeur wäre? Der schliefe wohl schon in seiner Kammer im Herrenhaus oder bringe seine Sachen in Ordnung. Ob er ihn holen solle? »Nein, danke!« sagte Margis und ging davon. Es war genau wie an jenem ersten Abend gewesen, nur daß der Knecht heute freundlicher war. Margis hatte die Empfindung, daß der Mann nicht log. Wenn Glasberg sich ein Mietauto aus der Stadt hatte kommen lassen, war er in der Tat nach Königsberg gefahren. Ein Mietauto konnte man nicht nachtsüber im Walde verstecken, um Schäferstunden zu verleben. Außerdem war der Weg nach Klein-Klank so kurz, daß Glasberg ihn ebensogut zu Fuß zurücklegen konnte. Nein, kein Zweifel, er war in Königsberg. Vielleicht war er immer in Königsberg gewesen, wenn der Maler ihn in Klein-Klank vermutet hatte. Auch in jener Nacht, als er vor Renates Fenster stand. Er schlenderte die Chaussee entlang, kam durch den Grund, an dem Wirtshaus vorüber. In dem blauen Kasten lagen jetzt seine Abschiedsbriefe. Seltsam war das, da er noch in dieser Gegend umherstrich. Ob es übrigens nicht einen näheren Weg zwischen Serbenitz und Klein-Klank gab als die Chaussee? Es war interessant, das festzustellen. Er ging in das Gasthaus hinein. In der Fremdenstube saßen Kurgäste an einzelnen Tischen und lasen. Er bestellte ein Glas Bier. Der Kellner brachte es in Frack und Filzschuhen. Er fragte ihn nach dem Weg. Der Mann wußte aber weder etwas von Serbenitz noch von Klein-Klank. Ein Herr am Nebentisch gab Auskunft. In der Tat ginge ein Waldweg hinter der Schlucht von der Chaussee ab. »Gar nicht zu verfehlen!« Margis dankte, blieb eine Weile sitzen und las in der Königsberger Zeitung. Wie die Zeit verrann! Es war bereits halb zehn Uhr. Er zahlte und ging. Eigentlich wollte er geradeswegs nach St. Lüne zurückkehren, aber der Waldweg lockte ihn. Er ging durch die Schlucht zurück. Hinter dem Gut bog der Fußpfad in den Wald hinein. Margis konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Der Weg senkte sich hinunter. Er drehte die Taschenlampe an. Eine kleine Brücke führte über den Bach, Gestrüpp schlug ihn schulterhoch ein. Jenseits stieg der Weg wieder an. Oben kam er aus dem Wald heraus. Auf dem Feld stand Getreide in dunklen Hocken. Er ging weiter am Waldrand entlang. Vor ihm stieg die Mondsichel hoch. Eine Waldzunge spannte sich in das Feld hinein. Dies war die Waldecke, hinter der sich Maria Fenn mit Glasberg traf, wenn sie »mit dem Inspektor aufs Feld ritt«. Der Weg bog wieder in den Wald ein. Als er nach einigen Minuten hinaustrat, lag Klein-Klank vor ihm mit großen Scheunen und Wirtschaftsgebäuden. Seltsam, daß es auch in Klein-Klank so etwas gab! Es war ihm nie eingefallen, daß Maria eine Gutsherrin war, die vielleicht morgens in hohen Stiefeln durch den Kuhstall ging. Aber sicher gab es das auch bei ihr. Hinter dem Haus, das so zierlich und köstlich eingerichtet war, wurden Gespanne eingeteilt und Schafe ausgetrieben und standen abends Knechte vor Stalltüren, und Kälber wurden geboren, und schwere Zuchtsäue sielten sich mit ihren Ferkeln. Weshalb hatte man Maria Fenn nie danach gefragt? Vielleicht führte sie auf der anderen Seite des Hauses ihr eigentliches Leben, hatte Besprechungen mit dem Inspektor und gab der Mamsell Anweisungen. Seltsam, daß er nie darauf gekommen war! Er ging quer über das Feld auf die große dunkle Scheune zu. Im Mondschatten stand ein Roßwerk. Dicht daneben begann schon der Park. Aber er konnte nicht ohne weiteres eindringen. Kletten hingen sich an seine Kleidung, das Gestrüpp wurde undurchdringlich. Brennesseln schlugen ihm gegen die Hände und ins Gesicht. Schließlich kam ein Graben, den er nicht zu überspringen wagte, da er dem Boden drüben nicht traute. Vielleicht blieb er im Morast stecken. Er machte einen weiten Bogen und erreichte schließlich, wieder über mondhelles Feld gehend, den Parkrand, schlüpfte durch den Drahtzaun und stand in raschelndem Laub, das den Boden bedeckte. Wenn er ein wenig vordrang, mußte er unter Renates Fenster stehen. Er merkte, daß er wie aus dem Wasser gezogen war. Das Hemd klebte an seinem Körper. Die Luft zwischen den Bäumen umfing ihn mit stickiger Schwere. Wie, wenn Renate in ihrem Fenster auf jemand wartete? mußte er plötzlich denken. Von dieser Seite mußte Glasberg angeschlichen kommen. »Renate weiß nichts, und sie darf und soll nichts wissen!« hatte Maria Fenn gesagt. Aber vielleicht wußte sie dennoch alles, sah jede Nacht den dunklen Gast über das Feld kommen und zwischen den Büschen herumstreichen, kauerte sich im Fenster zusammen und wartete, bis er wieder fortging, zerrissen von Qualen der Eifersucht und gemarterter Kindesliebe. Mein Gott! dachte er. Kann es etwas Furchtbareres geben als das, was dieses Kind durchmacht. Der Mond stand noch tief. Die Fassade des Hauses lag im tiefen Dunkel. Hell und lau mit silbernen Sternen jubilierte der Nachthimmel über dem First. Margis spürte das schwere Duften des Rosenrondells. Er sah die dunkle Mauer vor sich. Irgendwo mußte der Fliederbusch stehen, in dessen Schutz er damals bis dicht vor das Fenster gelangt war. Er lugte zwischen den Büschen hindurch, sah das Gesträuch dunkel vor sich aufragen. Langsam schob er sich bis dahin vor, tastete sich vorsichtig durch die Zweige. Jetzt mußte er dicht unter dem Fenster stehen, aber noch immer sah er nur die dunkle Mauer und darüber den funkelnden Himmel. Ganz langsam bog er das Gezweig zurück und stand im Freien. Seine Augen bohrten sich in das Dunkel. Oben, in der Höhe des zweiten Stocks, sah er die weiße Gestalt, undeutlich, nur als bleicher Fleck zu erkennen. Saß sie, wie damals, zusammengekauert im Fensterrahmen, die Arme um die Knie geschlungen, den Kopf niedergebeugt und von dem Vorhang der blonden Haare verhüllt? Er suchte den weißen Fleck zu deuten, Umrisse zu erkennen. Stand unbeweglich, ohne Atem fast vor dem verschleierten Bild. Ihm war, als wenn ihre Atemzüge zu ihm hinunterschwebten, als könnte er das Schlagen ihres Herzens vernehmen. Die Zeit sank hinter ihm in den Abgrund. Er wußte nichts mehr außer diesem erahnten Geschöpf dort oben und ihrem Schicksal. Morgen, in einigen Stunden schon, war er weit weg, sah sie vielleicht niemals im Leben wieder. Auf einmal schreckte er hoch. Hatte etwas Helles sein Auge getroffen? Der Mond war über den First emporgestiegen, zögerte einen Augenblick und schnellte sich in den jubilierenden Himmel. Margis fühlte, wie hinter ihm der Garten in silberner Lichtflut stand, die mit Windeseile vorwärtsjagte, gerade auf ihn zu, in breiter Linie das Rosenrondell und den Fliederbusch überschwemmte und über ihn hinwegbrach. Er sah sich im vollen Licht stehen und oben im Fenster Renate. Ihre Augen trafen sich, suchten Halt in des andern Gestalt, staunten sich erschrocken an. Was war das? Er sah, daß ihre Arme sich hoben, hörte einen Schrei, nochmals einen Schrei wie aus fernen Wäldern. Sah sie vom Fenster wegstürzen. Er stand wie betäubt, starrte in das offene Loch. Irgend etwas war geschehen, er wußte nicht. War das nicht ein Jubelschrei gewesen? Er hörte einen Jubelschrei in seinem Ohr, stand noch immer, vom Licht überflutet, das jetzt die Fassade hinaufsprang. Innen huschte es aus den Räumen wie elektrisches Licht. Eine Stimme schien durch das Haus zu fliegen. Und dann kam wieder ein Schrei. Nein, das war kein Jubelschrei! Es kam von der andern Seite des Hauses, ein furchtbarer, gellender Schrei war es. Irgend etwas Entsetzliches war geschehen. War das Renates Stimme? Er hatte nur ein Gellen im Ohr. Weshalb ist es so furchtbar, daß ich hier stehe? dachte er. Dann kam noch einmal dieser Schrei. Er hörte Fenster, Türen schlagen. Ein Grausen ergriff ihn. Er sprang ins Gebüsch zurück, raste sinnlos über die Wiese, wie von Furien gehetzt, und wieder durch Dickicht. Das faulende Laub raschelte unter seinen Füßen, Zweige peitschten ihm ins Gesicht. Er durchsprang den trockenen Graben, hetzte über die Birkenallee. Mein Gott! dachte er nur immer. Mein Gott! – Er kam erst auf dem Fußweg nach St. Lüne zur Besinnung. Was war das nur? fragte er sich. Habe ich vielleicht so furchtbar ausgesehen, wie ich da im Mondlicht stand? Er hastete den Weg durch die Kusseln weiter. Ganz allmählich beruhigte er sich. Wenn ihm nur nicht diese letzten beiden Schreie noch immer im Ohr gegellt hätten! Seltsam – nun habe ich die ganze Gegend noch einmal abgeschritten, die Dünen und den Strand und den vertrockneten Bach und Serbenitz und Klein-Klank, und jetzt bin ich gerade an der Stelle, wo ich Maria Fenn und Renate zum erstenmal sah! Er blieb ein wenig stehen, fühlte, wie ihm etwas Nasses über die Stirn tropfte. Er wischte es mit der Hand ab und sah im Mondlicht, daß es Blut war. Er mußte sich an einem Zweig gerissen haben. Dann ging er weiter, von Fragen und Angst bestürmt. Wie sollte er es Renate erklären, daß er vor ihrem Fenster gestanden hatte? Ob er ihr noch vor seiner Abreise einige erklärende Worte schrieb? Weshalb war es so schlimm, daß er in der letzten Nacht noch einmal an Klein-Klank vorbeiging? Natürlich, natürlich ist es schlimm! sagte er sich. Wie soll ich ihnen glaubhaft machen, daß ich nicht jede Nacht dort war und sie die ganzen Wochen hindurch belauerte? Jetzt werden sie alles von mir glauben. Ich stehe im Geruch eines Verbrechers, dem vielleicht nur die Gelegenheit zu einer Untat fehlte! Als er in das Strandhotel kam, packten die Musiker ihre Instrumente zusammen. Der Wirt rechnete mit dem Kellner ab. »Wie sehen Sie aus, Herr Professor?« rief er Margis lächelnd zu. »Als ob Sie jemand umgebracht hätten!« Margis sagte, daß er sich im Walde verirrt und wohl an einem Brombeerstrauch geritzt habe. Ihm schien, daß der Wirt ungläubig lächelte. »Übrigens, morgen früh fahre ich ab. Mit dem Zehnuhrzug. Sind eigentlich meine Sachen aus Klein-Klank zurückgekommen?« »Jawohl,« erwiderte der Wirt und dienerte. Margis fühlte selbst, daß er eine lächerliche Figur machen mußte. Vielleicht hielt man ihn für betrunken. Und in der Tat, ihm war, als taumelte er die Treppe hinauf. In seinem Zimmer stand der Kasten mit der Palette und den Pinseln, und in der Ecke lehnte die zusammengeklappte Staffelei. Er packte den Rest seiner Sachen ein und ging zu Bett. Seltsam, seltsam! dachte er beim Ausziehen. Wie mag das alles zusammenhängen? Er erwog eine Verbindung zwischen seinem Brief an Holten und Renates gellenden Schreien. Es mußte da ein Zusammenhang bestehen, wenigstens ein moralischer. Wußte man schon von seinem feindlichen Schritt? Aber wie war das alles miteinander verknüpft? Er besah sich im Spiegel. Ein blutiger Riß ging quer über seine Stirn. Es erschien ihm wie eine Strafe für seinen Brief. Er konnte lange nicht einschlafen, wurde das Bild nicht los, wie Renate ihre Arme in die Höhe warf und aufschrie. Als er am Morgen erwachte, war es fast neun Uhr. Er warf einen Blick durch das Fenster, um nach dem Wetter zu sehen. Ein Herr stand dort und sah zu ihm empor. Margis kannte ihn nicht, aber er hatte das undeutliche Gefühl, daß dieser Herr seinetwegen dort stand und vielleicht mit seinem Brief oder der verflossenen Nacht zusammenhing. Er kleidete sich rasch an und ging hinunter. Auch im Hausflur stand ein fremder Herr, der ihm sogar folgte. Unten dienerte der Wirt, ohne zu lächeln. So seltsam war das alles! Er frühstückte, gab Anweisungen wegen seines Gepäcks, bezahlte die Rechnung beim Kellner, der ein eisiges Gesicht machte. Er wollte sich von dem Wirt verabschieden, aber der verschwand in seinem Privatkontor. Margis setzte den Hut auf, hing den Mantel über den Arm und verließ die Halle. Der Herr aus dem Hausflur ging wenige Schritte hinter ihm her. Der andere Herr, der vorhin vor seinem Fenster gestanden hatte, setzte sich gleichfalls in Bewegung. Der Diener fuhr auf dem Handwagen sein Gepäck zur Bahn. Margis bemerkte alles wie durch einen Schleier. Sollte er die Herren zur Rede stellen? Aber er gab es wieder auf, hatte die Empfindung, daß sich in wenigen Augenblicken alles aufklären würde. Er löste die Fahrkarte nach Königsberg. Als er vom Schalter zurücktrat, kam einer der Herren auf ihn zu, lüftete seinen Hut und zeigte seine Marke als Kriminalbeamter. »Es tut mir leid, Sie für verhaftet erklären zu müssen, Herr Margis.« »Verhaftet? Wieso verhaftet?« Aber er fühlte selbst, daß er erbleichte. »Wieso verhaftet?« Der Beamte zuckte die Achseln. »Sie werden das wohl selbst am besten wissen.« »Nichts weiß ich! Was ist denn los?« »Sie stehen in dem dringenden Verdacht, heute nacht Frau Fenn in Klein-Klank ermordet zu haben.« Margis taumelte zurück. »Was? Maria Fenn ist ermordet? Ja, um Gottes willen!« Mit einem Schlage wurde ihm die Situation klar. »Ich verstehe,« sagte er. »Wenn Frau Fenn heute nacht ermordet wurde, dann muß ich wohl in den Verdacht kommen, der Täter zu sein. Natürlich folge ich Ihnen, mein Herr. Es wird sich bald alles aufklären. Ich bin vollkommen unschuldig.« Dann erst kam es ihm zum Bewußtsein, daß Maria ermordet sein sollte. Er preßte die Hände vor die Augen und stöhnte laut auf. »Aber um Gottes willen, wie ist das möglich! Und Renate? Was ist denn mit Renate? Ich muß Renate sprechen!« »Sie werden dazu Gelegenheit haben,« sagte der Beamte und bat ihn, sich zusammenzunehmen. »Die Leute werden aufmerksam.« 19 »Ich will Ihnen alles erzählen, was ich weiß, Herr Kommissar. Aber sagen Sie mir um des Himmels willen, was geschehen ist!« Sie fuhren zu dritt in einem geschlossenen Abteil zweiter Klasse, Margis und die beiden Wachtmeister. »Ich habe kein Recht, Sie zu vernehmen,« sagte der eine Wachtmeister und zuckte die Achseln, »und darf Ihnen natürlich auch nichts sagen. Sie könnten Ihre Aussage danach einrichten.« Margis schwieg; aber er hielt es nicht lange aus, sondern begann zu erzählen, das letzte zuerst, in einem wirren Durcheinander. Er merkte selbst, daß man daraus nicht klug werden konnte. »Mein Gott!« sagte er schließlich und verhüllte das Gesicht mit den Händen. Er dachte an Luisa und die Kinder. »Aber ich muß doch meiner Frau Nachricht geben! Sie muß doch einen Verteidiger besorgen! Die Sache ist doch kompliziert! Ich sehe ja ein, daß Sie mich für einen Mörder halten müssen. Aber Sie können alle Welt nach mir fragen. Jedermann wird Ihnen sagen, daß ich unmöglich ein Mörder sein kann.« »Sie können in Königsberg sofort an Ihre Frau schreiben. Sie werden es ganz gemütlich haben, und vielleicht stellt sich Ihre Unschuld bald heraus.« Margis verstummte wieder. Er versuchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen. ›Maria Fenn ist heute nacht ermordet worden!‹ ging es ihm im Kopf herum. Ja, um Himmels willen, von wem denn? ›Von wem denn?‹ schrie es in ihm. ›Von Glasberg!‹ Von Glasberg? Aber Glasberg war nach Königsberg gefahren. Er, Margis selbst, hatte das Auto gesehen, das ihn abholte. Aber wenn es nicht Glasberg war, wußte er überhaupt nichts. Dann kam einfach jeder von den vielen, vielen Millionen Menschen in Betracht. »Wie ist Frau Fenn denn ermordet worden?« bat er. »Können Sie mir nicht wenigstens sagen womit?« »Nun, Herr Margis, womit wird sie ermordet worden sein? Mit dem Dolch, den man in Ihrem Versteck am Strande gefunden hat.« »Wie? Was? Mit einem Dolch? In meinem Versteck?« »Ja, es ist der Dolch, ein alter indianischer Dolch, der sonst im Schlafzimmer von Frau Fenn auf dem Nähtisch lag.« »Aber da müssen doch Fingerabdrucke zu finden sein?« »Das ist sehr interessant«, daß Sie danach fragen, Herr Margis. Aber Sie wissen wohl selbst, daß man ein Tuch um den Griff wickeln oder sich Handschuhe anziehen kann. Ich will Sie beruhigen, es gab keinen Fingerabdruck an dem Dolch. Aber vielleicht habe ich Ihnen damit schon zuviel gesagt.« Margis fing wieder an zu erzählen, wie er die Frauen gemalt hatte und mit ihnen zusammengewesen war. »Seit Wochen habe ich es wie eine warnende Stimme in mir verspürt, abzureisen. Hätte ich doch darauf gehört!« Er berichtete von seinem gestrigen Abschiedsgang, erzählte, wie er sich in dem Gasthaus nach dem Waldweg erkundigt und längs der Scheune in den Park geschlichen hatte. Wie er Renate im Fenster sah, wie auf einmal der Mond über den First stieg und ihn beleuchtete und Renate aufschrie. »Das Furchtbarste war, daß ich es zuerst für einen Jubelschrei hielt. Sie muß dann durch das Haus gestürmt sein. Nachher hörte ich sie noch zweimal aufschreien und rannte davon.« »Merkwürdig,« sagte der Wachtmeister. »Und Sie ahnen gar nicht, wer der Mörder sein könnte?« »Ich wüßte es,« rief Margis lebhaft, »ich wüßte es genau, wer der Mörder ist. Um so genauer, da schon vor wenigen Jahren die Frau dieses Menschen unter seltsamen Umständen starb. Ich würde den heiligsten Eid darauf schwören, daß er der Mörder ist, aber – dieser Mann war heute nacht in Königsberg. Ich habe ihn selbst im Auto nach Königsberg fahren sehen. Aber wer ist es denn sonst?« »Meinen Sie Herrn Dr. Glasberg?« »Ja, ich meine Glasberg.« Der Kommissar lachte. »Mit dieser Behauptung werden Sie nicht viel Glück haben, Herr Margis.« »Ich weiß, ich weiß. Bald muß ich es ja selber glauben, daß ich der Mörder bin. Zumal man den Dolch noch in meinem Versteck gefunden hat. Aber dieses Versteck kannte außer mir und den beiden Damen ebenfalls nur Glasberg. Ich habe die Lage und den Zugang diesen drei Personen vor einigen Tagen, als ich ihnen das Versteck zeigte, genau beschrieben. Man muß von dem Kilometerstein der Chaussee gerade auf den Signalmast in den Dünen zugehen. Ich sehe noch das gespannte Gesicht Glasbergs vor mir, als ich das sagte. Und Herr Glasberg hat Ihnen natürlich das Versteck gezeigt, wo Sie den Dolch fanden. Ist es nicht so?« »Jawohl,« bestätigte der Kommissar. »Herr Dr. Glasberg hat alles getan, er hat die junge Dame beraten, die Polizei auf die Beine gebracht und uns auch das Versteck gezeigt.« Margis nickte. »Herr Glasberg kann es nicht gewesen sein, da er weg war. Er oder ich kommen nur in Frage. Also bin ich es gewesen! Diese Logik leuchtet mir vollkommen ein. Wann ist Herr Glasberg denn aus Königsberg zurückgekommen?« Es war gegen sieben Uhr gewesen. Die junge Dame kam in aller Frühe nach Serbenitz gerannt. Herr Glasberg war gerade zurückgekommen und zog sich um. Er hatte das Mietauto an der Chaussee nach Hause geschickt. Die junge Dame erzählte ihm, was vorgefallen war. Herr Glasberg setzte dann sofort alle Hebel in Bewegung. Die Gendarmen der Gegend waren seit halb acht auf den Beinen, die Mordkommission aus Königsberg traf gegen halb neun im Auto ein. »Von Anfang an wurde angenommen, daß ich der Mörder bin, nicht wahr?« Der Wachtmeister nickte. »Die junge Dame hat Sie ja unmittelbar nach dem Morde im Park stehen sehen. Und dann –« der Kommissar zögerte ein wenig, »und dann hatten Sie ja seit Wochen ein Liebesverhältnis mit Frau Fenn.« »Was? Ich?« rief Margis erstaunt aus. »Ich ein Liebesverhältnis mit Frau Fenn? Wer hat denn das behauptet?« »Das wußte die ganze Gegend hier. Und die junge Dame hat es bestätigt. Zuerst hatte sie gedacht, daß es Herr Dr. Glasberg war, der oft des Nachts durch den Park geschlichen kam. Vor einigen Tagen war es ihr dann aus einem Gespräch mit Ihnen klar geworden, daß Sie es sind. Außerdem hatte sie Sie beide auch vorgestern abend zusammen am Fenster dicht nebeneinanderstehen sehen.« »Ich weiß, als ich das Bild fertig gemalt hatte.« »Und schon früher gewann die junge Dame einmal den Eindruck, Sie beide beinahe gestört zu haben. Damals hatte sie immerhin noch Zweifel. Als sie Sie aber gestern nacht im Park sah, ist ihr alles klar geworden.« Margis holte tief Atem. Natürlich, so war es gewesen! Auf einmal begriff er Renates wechselndes Verhalten zu ihm. Sie hatte es nicht zu glauben gewagt, bis sie selbst ihn gestern im Mondlicht dastehen sah. Da hatte sie die Arme in die Höhe geworfen und einen Jubelschrei ausgestoßen. Natürlich, das war das Jubelnde gewesen, das er herausgehört hatte. Es war doch ein Jubelschrei gewesen. Überwältigt von der Entdeckung, daß nicht Mario Glasberg der Geliebte ihrer Mutter war, war sie dann durch das Haus zu ihr gestürzt, um ihr um den Hals zu fallen, und hatte Maria – tot, ermordet aufgefunden. Dann waren die beiden Schreie ertönt, die ihn davongejagt hatten. So war es gewesen! »Wenn man aber zu jemandem Liebesbeziehungen unterhält, sollte man doch noch weniger in den Verdacht kommen, diese Person ermordet zu haben,« sagte Margis. Der Wachtmeister zuckte die Achseln. »Manchmal ist es eben doch anders,« meinte er nach einer Weile. »Man nimmt an, daß der Geliebte, in diesem Falle Sie, Herr Margis, der Mörder ist. Das Zimmer war in einem Zustand –. Das Fenster stand außerdem weit offen. Der Mörder muß dort hinausgesprungen sein.« »Welches Fenster? Das Zimmer liegt in der Ecke des Hauses und hat ein Fenster nach dem Park und eins nach der Giebelseite. Das nach dem Park zu gelegene war jedenfalls geschlossen, als ich dort stand, und es ist unmöglich, daß jemand hinaussprang, solange ich da war.« »Nun, Herr Margis, es wird Ihnen ja nicht unbekannt sein, daß es das andere Fenster, das an der Giebelseite, war, das offenstand.« »Wieso? Ach so, verzeihen Sie, Sie müssen mich ja für den Mann halten, der dort hinaussprang. Aber ich werde Ihnen etwas Seltsames mitteilen, was Sie mir selbstverständlich nicht glauben werden. In der Tat hatte nicht ich ein Liebesverhältnis mit Frau Fenn, sondern Herr Dr. Glasberg hatte es. Er hütete dieses Geheimnis sehr streng, aber Frau Fenn selbst hat es mir verraten. Sie hoffte sogar, daß Glasberg sich von seiner jetzigen Frau befreien und sie heiraten würde. Frau Fenn und ich haben miteinander darüber gesprochen. Aber weshalb, meinen Sie, könnte Frau Fenn gerade durch ihren Geliebten umgebracht worden sein?« Der Beamte zuckte die Achseln. »Nun, dafür könnte es manche Gründe geben. Es kommt sogar ziemlich oft vor, daß ein Mann seine Geliebte ermordet. Ich verstehe es ja auch nicht, aber es muß etwas in der männlichen Natur vorhanden sein, das dazu hinneigt.« »Mein Gott,« sagte Margis betroffen, »Sie haben vielleicht recht. Manchmal spürte ich selbst in mir, der ich doch ein ruhiger und ziemlich kühler Mensch bin, solch einen Willen zur Vernichtung aufsteigen. So ganz fern, verstehen Sie, aber immerhin so, daß ich aus tiefster Tiefe noch diese Stimme vernahm. Eine Art Zerstörungstrieb, einen Drang, die Welt von diesem Punkt aus zu vernichten. Ich kann mir denken, daß bei manchen Naturen ein solcher Trieb mit so elementarer Kraft auftritt, daß sie nicht widerstehen können.« Der Wachtmeister hörte ihm aufmerksam zu. »Sie schließen sich selbst völlig von solchen Menschen aus?« »Ja, vollkommen! Ich bin viel zu intellektuell dazu.« »Nun, es gibt ja auch andere Gründe. Vielleicht hat man manchmal Angst vor den – sagen wir: Folgen eines solchen Liebesverhältnisses. Man fürchtet Verwicklungen, Ansprüche materieller und ideeller Art, die daraus erwachsen könnten. Besonders, wenn man einigermaßen glücklich verheiratet ist. Und das sind Sie doch?« »Gewiß, sehr glücklich. Mit drei Kindern.« »Nun sehen Sie.« Margis errötete. »Ich sehe ja selbst ein, daß die Umstände sämtlich gegen mich sprechen. Ich kann mich nur noch nicht so recht daran gewöhnen, daß ich wirklich in den Verdacht eines Mordes gekommen bin. Wenn Sie mich kennen würden, wüßten Sie, wie ungewohnt eine solche Situation gerade für mich sein muß.« Der Wachtmeister nickte. Margis fuhr fort: »Aber durch alles, was Sie erzählen, wird für mich die Sache immer rätselhafter. Immer deutlicher wird es mir, daß nur Herr Dr. Glasberg für die Tat in Betracht kommt. Stellen Sie sich doch meine Lage vor, Herr Kommissar! Ich weiß, wie Glasberg zu Frau Fenn stand. Ich weiß es aus ihrem eigenen Munde. Nun deuten alle Anzeichen darauf hin, daß der Mörder zugleich der Geliebte war. Es kann für mich also nur Glasberg sein. Aber Glasberg war in jener Nacht, und übrigens auch in der vorigen Nacht, fortgefahren. Also kann er es wieder nicht sein!« »Was Sie sich den Kopf zerbrechen!« sagte der Wachtmeister wie mitleidig. Auf einmal fiel dem Maler der »Schlesier« ein. Sollte wirklich ein solcher »Schlesier« existieren? Oder vielleicht der sagenhafte Herr Fenn? Vielleicht hatte einer von ihnen Maria einen unvermuteten Besuch abgestattet, und vielleicht hatte sie dem Zurückgekehrten ein Geständnis abgelegt, das dann die blutigen Folgen nach sich zog. »Das ist die einzige Möglichkeit, die ich finden kann.« Er berichtete, was Glasberg ihm von dem Schlesier erzählt hatte, und von der bevorstehenden Ankunft des Herrn Fenn aus Kalifornien. Der Wachtmeister wollte an den Schlesier nicht glauben, und Herrn Fenn hatte man erst heute morgen telegraphisch aus Hamburg herbeigerufen. Wahrscheinlich würde er sein Alibi in Hamburg nachweisen können. »Sie sind aber sehr geschickt, Herr Margis, das muß ich Ihnen lassen. Sie spielen den interessierten Unschuldigen ausgezeichnet. Ob Sie es wirklich sind, wage ich nicht zu entscheiden. Außerdem haben Sie nun alles aus mir herausgeholt, was ich Ihnen nicht sagen wollte.« »Verzeihen Sie,« mischte sich auf einmal der zweite Wachtmeister ein. »Sie erwähnten vorhin, daß die frühere Gattin des Herrn Dr. Glasberg vor einigen Jahren unter seltsamen Umständen gestorben sei. Wissen Sie Näheres darüber?« »Eigentlich nicht.« Margis gab an, was er wußte. Eigentlich war ihm nur Renates Äußerung bekannt, nach der Herr van Holten heute noch die Überzeugung haben sollte, daß Glasberg der Mörder seiner ersten Frau war. »Wie stellte sich die junge Dame zu dieser Auffassung? Hatten Sie das Gefühl, daß diese Mordtat sie anzog, ihr vielleicht in romantischem Schimmer erschien?« »Ich glaube nicht. Ich hatte viel eher das Gefühl, daß sie den Rechtsanwalt van Holten haßte, weil er ihr Idol mit seinem Verdacht beschmutzte. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, Herr Kommissar. Sie glauben, daß vielleicht Renate aus Eifersucht –. Nein, das ist vollkommen ausgeschlossen. Solch ein Gedanke kann niemals in Fräulein Fenn aufgetaucht sein.« »Ich danke Ihnen, Herr Margis. Vielleicht gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich Sie für völlig unbeteiligt an dieser Mordtat halte.« »Sie auch? Ich auch!« rief Margis aus. Trotz der Situation mußten die drei lachen, brachen aber sofort erschrocken ab. Eine halbe Stunde später bezog Margis seine Zelle im Untersuchungsgefängnis. Man behandelte ihn mit vollendeter Höflichkeit. Sogar die Fahrt durch die Stadt war in einer Droschke ohne jedes Aufsehen erfolgt. Als sich die Tür hinter ihm schloß, empfand er eine gewisse Befriedigung über das Alleinsein. Er saß lange auf seinem Stuhl, ohne sich zu rühren. Was hatte er alles zu durchdenken! Erst jetzt wurde die furchtbare Tat für ihn zur Wirklichkeit. Erst jetzt war Maria Fenn ermordet worden. Sie, deren Bild er noch zweimal gemalt, die er für Jahrzehnte, und vielleicht für Jahrhunderte auf der Leinwand festgehalten hatte, kurz ehe sich der Mörderstahl in ihre Brust senkte. Vielleicht war diese Frau unklar und überschwenglich gewesen. Vielleicht hatte ihre schwärmerische Seele sie zu manchen Torheiten verleitet, aber doch war sie ein wundervoller Mensch gewesen. Alle Stunden mit ihr erstanden ihm wieder. Alle, in denen er sie mit einer scheuen Verehrung geliebt, und alle, in denen er sie ein wenig, ein ganz klein wenig rührend und komisch gefunden hatte. Er war ihr die Totenfeier dieser Stunde schuldig. Er bat es ihr ab, daß er manchmal mit nicht ganz reinen Gedanken ihr genaht war, die so selbstverständlich geradeaus und dann grenzenlos empfunden hatte. Seine Verhaftung war ihm wie eine Sühne dafür. Er wußte, daß er durch Meere der Angst und Steppen der Erbärmlichkeit gehen würde, und er billigte die tiefe Gerechtigkeit, die für ihn darin lag, weil er mit halben Gefühlen und Leidenschaften gespielt hatte. Was war die Vollendung dieser seiner letzten beiden Bilder gegen die innere Unwahrheit seines Wandels und seiner unklaren Empfindungen! Er beugte sich dem Schicksal, das ihn ergriffen hatte, und gab sich willig der Läuterung hin, die über ihn verhängt war. Vielleicht schaute die Tote von irgendeinem Stern auf ihn hernieder oder trieb noch unerlöst in der irdischen Sphäre und sog Nahrung aus seinen Gedanken. Ich weiß nicht, wo deine Seele jetzt weilt, Maria Fenn, und ob du nicht überhaupt nur ein verwesender Leib bist und in die kurze Ewigkeit der Erdrinde dich auflösest. In mir wirst du auf eine wunderbare Art lebendig. Vielleicht lebten wir wirklich einmal vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden zusammen, weil du mich so ergreifen konntest. Vielleicht spielte Renate einmal als neckischer Kobold um uns und verwirrte schon damals meine Sinne. Jetzt aber führst du, Maria Fenn, mich zu mir selber und zu meinem Gesetz zurück. Er saß auf seinem Stuhl und blickte in den Sommerhimmel, der seltsam dünn und fern hinter den Gitterstäben hing. Er fühlte, daß seine Totenfeier langsam in die Beichte hinüberfloß, die er vor Luisa abzulegen hatte und zu der ihm aus dieser Stunde die Kraft kam. Dann schloß er den Koffer auf, den man ihm mitgegeben hatte, nahm Briefpapier heraus und schrieb an Luisa alles, was ihm in diesen Wochen begegnet war. »Dir brauche ich ja nicht zu sagen, daß ich an der Tat selbst unschuldig bin und daß ich mich auch mit Maria Fenn nicht mehr an dir vergangen habe, als ich es hier gestand.« Dann riet er ihr, sich sofort an Rechtsanwalt van Holten zu wenden. »Denn keineswegs wollen wir verabsäumen, an meiner baldigen Befreiung zu arbeiten. Es wird sogar sehr notwendig sein.« 20 Gitta ahnte nicht, als sie auf einer kleinen Station den Zug von St. Lüne nach Königsberg halten sah, daß der verhaftete Maler Margis darin saß. An dem Morgen, als Mario Glasberg das Hotel in aller Frühe verlassen hatte, hatte sie sogleich den Entschluß gefaßt, Margis aufzusuchen. Margis hatte ausdrücklich geschrieben, daß er in St. Lüne Herrn Dr. Glasberg »unter merkwürdigen Umständen« begegnet war. Das konnte tausenderlei bedeuten. Der Brief machte aber den Eindruck einer Warnung, als wolle er Holten auf Glasbergs jetziges Tun und Treiben aufmerksam machen. Sie notierte sich für alle Fälle, wann sie Glasberg in dem Königsberger Zentralhotel gesehen hatte und wann er nach Aussage des Portiers abgefahren war. Diese Daten konnten vielleicht von Wichtigkeit werden. Der Zug durchschnitt die Hügellandschaft des Samlandes. An Dörfern und Gütern fuhr er vorbei, hielt an kleinen, freundlichen Stationen, brauste durch Wälder voller Tannen und Haselgesträuch. Fern tauchte das Meer wie ein festgespanntes blaues Fahnentuch auf und blieb nun immer zu ihrer Rechten liegen. Gitta war das alles fremd. Zum erstenmal sah sie die See und wunderte sich über das landkartenartige Blau. Auch die Menschen im Zug schienen ihr fremdartig mit ihrer breiten Sprache und der verbissenen Gutmütigkeit. In St. Lüne stieg sie aus, ging zum erstenmal in ihrem Leben durch die Straße eines Seebades, freute sich an den vielen kleinen Läden und bunten Fahnen, Schiffchen, Bällen und Sandschaufeln. Die Menschen, die in hellen Kleidern, das Badezeug über dem Arm, dahingingen, die Mädels mit offenen Haaren oder farbigen Binden um den Kopf, die jungen Männer in bunten Sweatern, alles gefiel ihr und machte ihr einen seltsam festlichen Eindruck. Weshalb bin ich nicht jeden Sommer in einem solchen Seebad? dachte sie. Sie schlenderte, überall stehenbleibend, zum Strandhotel und fragte den Kellner nach Herrn Margis. Der Wirt kam hinter dem Büfett hervor und machte ein ernstes Gesicht. Fragte sie unter höflichem Dienern, ob sie Herrn Margis kenne. »Nicht gerade persönlich,« sagte sie, »aber ich bringe ihm Grüße eines guten gemeinsamen Freundes.« Erwartete, daß der Wirt sie nun an einen der Herren weisen würde, die in Gruppen herumstanden. Aber er bat sie in sein Privatkontor und berichtete ihr von Herrn Margis' vor einer Stunde erfolgter Verhaftung. »Aber das ist doch nicht möglich!« Der Wirt erzählte von den Damen Fenn, wie sie mit einem Herrn hereingekommen waren und Margis' Bekanntschaft gemacht hatten. Wie dann Herr Margis sich fast nur noch bei diesen Damen in Klein-Klank aufgehalten hatte. Wie er endlich gestern spät nachts mit einem blutigen Riß über der Stirn nach Hause gekommen war und heute in aller Frühe abreisen wollte, dabei aber verhaftet wurde. »Seit acht Uhr morgens war sein Zimmer unauffällig umstellt. Er konnte nicht mehr entwischen. Vielleicht hielt er sich noch für vollkommen sicher, aber unsere Polizei ist sehr gut und auf dem Posten!« Gitta fragte nach jenem Herrn, mit dem die beiden Damen Fenn seinerzeit hier zum erstenmal aufgetaucht wären. Es war ein Dr. Glasberg, der auf dem Rittergut Serbenitz den Sommer verbrachte. »Ein sehr feiner Herr und sehr reich. Er hat einen prachtvollen eigenen Wagen, italienisches Fabrikat, glaube ich.« Dieser Herr Dr. Glasberg habe die Untersuchung der Mordtat sofort in die Hand genommen. In einem Versteck, das sich Herr Margis in den Dünen für seine Malsachen angelegt habe, hätte man denn auch den Dolch gefunden, mit dem Frau Fenn ermordet worden war. Er, der Wirt, wüßte das alles von dem Ortsgendarmen, der gerade vor einer Viertelstunde bei ihm gewesen war, um ihn als Zeugen zu vernehmen. »Da kommt Herr Glasberg gerade angefahren!« rief er und zeigte durch das Fenster auf ein Auto. »Der linke Herr ist es! Rechts sitzt der Untersuchungsrichter aus Königsberg, Landgerichtsrat Wehmann.« Gitta konnte nichts mehr erkennen. Das Auto war um die Ecke gebogen. Der Wirt eilte hinaus und ließ sie stehen. Sie ging ihm nach und nahm an einem Tisch in der Halle Platz. Die Nachrichten waren wie eine Sturmflut über sie gekommen. Noch eben schlenderte sie ahnungslos durch diese künstliche, heiter improvisierte Dorfstraße, und nun war das Fürchterliche, das sie dunkel geahnt und das sie hierhergetrieben hatte, bereits geschehen. Nein, überrascht war sie nicht eigentlich. Sie stellte es selbst bei sich fest. Es war eine bestimmte Vorstellung in ihr gewesen. Jetzt begriff sie es erst. Nur, daß das alles so rasch gekommen war, ließ sie erstaunen. Aber daß sich in Marios Nähe ein Verbrechen abspielen würde, hatte sie gewußt, seit sie diese ostpreußische Reise unternahm. Das war es nicht, was sie erzittern ließ, und sie merkte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. Aber im nächsten Augenblick würde sie Mario Glasberg eintreten sehen, und der Gedanke daran preßte ihr fast das Herz ab. Seit zwei Jahren hatte sie diesen Mann nicht mehr gesehen, mit dem sich alle ihre Gedanken beschäftigten. Sie fürchtete sich vor dem Eindruck, den er auf sie machen würde. Vielleicht werde ich dann sehen, daß alle meine Annahmen unsinnig waren. Zweifelte nicht auch Holten immer an Marios Schuld, wenn er wieder mit ihm zusammengewesen war? Aber es handelte sich ja nicht nur um diese Schuld. Alle Rätsel der Welt waren für sie in diesem Manne einbegriffen. Sie mußte hinter sein Geheimnis kommen! Ihr fielen die Worte ein, die sie noch vor zwei Tagen zu Holten gesprochen hatte: »So werde ich alles daransetzen, seine Geliebte zu werden, wenn es anders nicht möglich ist!« War sie vielleicht nur zu diesem Zweck hierhergefahren? War vielleicht der ganze Inhalt der beiden letzten Jahre nur ein ihr selbst verborgenes Werben um Mario Glasberg gewesen? Sie schauderte. Was alles lag in ihr verborgen? Und wenn sie ihn nun sah und sich klar darüber werden mußte, daß sie ihn liebte und daß sie ihm tausendfache Morde verzeihen konnte, wenn er sie nur wiederliebte? »Nein, das ist ja Unsinn!« sagte sie sich. »Wie komme ich nur auf solche Gedanken! Es sind Kindheits- und Mädchenerinnerungen, die keine Wirklichkeit haben!« Aber sie zitterte noch immer vor seinem Eintritt. Die Herren standen draußen mit dem dienernden Wirt zusammen, der heute gar nicht lächelte. Der Kellner fragte Gitta, ob sie zu speisen wünschte. Die Karte bebte in ihren Händen, daß sie kaum zu lesen vermochte. Schließlich bestellte sie ein gewöhnliches Menü. In diesem Augenblick traten Mario und der Landgerichtsrat ein und nahmen unweit von ihr Platz. Sie blickte zu Mario hinüber. Sein offenes Jungengesicht war von der Sonne gebräunt. Aber es war so ernst, wie sie es nur von jenem Tage kannte, als er in die Streichersche Villa gekommen war, um Susettes Tod anzuzeigen. Und eine harte Falte hatte sich auf der Stirn eingegraben, die er damals nicht hatte und die ihr irgendwie rührend erschien. Sie sah, wie er sich lebhaft mit dem Untersuchungsrichter, einem Herrn mit schlankem, braunem Kopf und scharfen dunklen Augen unterhielt. Einmal wandte Mario den Kopf zu ihr hin, da er sich durch ihren Blick einen Augenblick lang beunruhigt fühlte. Aber er sah gleichgültig, ohne sie zu erkennen, wieder fort. Wie sollte er auch in der jungen Dame den einstigen langaufgeschossenen Backfisch vermuten! dachte sie, wenn sie irgendwo in ihrem Innern auch von ihm erkannt zu sein wünschte. Da sitzt er mit dem Untersuchungsrichter, auf den er natürlich den denkbar besten Eindruck macht, und beweist ihm, daß nur Margis der Mörder sein kann! dachte sie. Aber vielleicht war es Margis? Ihr fiel die Schilderung des Wirtes wieder ein. Wenn Glasberg heute nacht in Königsberg gewesen war – und sie hatte sich selbst davon überzeugt –, dann war Margis oder ein anderer der Mörder. Konnte Mario überhaupt einen Mord begehen? Sie sah ihn wieder aufmerksam an. Natürlich konnte er es! Der harte Zug um seinen Mund sagte es ihr. Aber hätte es nicht gerade gegen ihn gesprochen, wenn keine Spur von dem Erlebnis in seinem Gesicht zurückgeblieben wäre? Zum zweitenmal ereignete sich ein solches Geschehnis in seiner unmittelbaren Nähe. Selbstverständlich war er erschüttert, selbstverständlich gruben sich Falten um seinen Mund und in seine Stirn. Mußte er sich nicht verflucht vorkommen, daß ihn Mord und Selbstmord ständig verfolgten? Wenn es nun auch jetzt wieder so war, daß sie und Holten und einige andere Menschen den Verdacht gegen ihn nicht verstummen ließen und ein großes Rätsel zurückblieb? »Dann, dann muß ich wirklich seine Geliebte werden, um ihn zu ergründen!« Sie dachte darüber nach, ob er sie lieben würde. Vielleicht, vielleicht! erwog sie. Er hat meine Schwester geliebt! Ja, er muß sie geliebt haben! Sie ging ihre einzelnen Ähnlichkeiten mit Susette durch. Vielleicht wird er mich viel mehr lieben als sie! Vielleicht hat er sogar unter bestimmten Eigenschaften Susettes gelitten? Sie mußte traurig und verwirrt lächeln, daß sie solche Gedanken haben konnte, während er kaum zehn Schritte von ihr entfernt saß und vielleicht ein schweres Verbrechen mit jedem Wort, das er zu dem Landgerichtsrat sprach, besiegelte. Inzwischen hatte sich die Halle mit Menschen gefüllt. Die Tische zwischen ihr und Mario waren besetzt worden. Sie mußte ein wenig mit dem Stuhl beiseiterücken, um seine Stirn im Auge zu behalten. Ein junges Ehepaar und ein Herr setzten sich an ihren Tisch. Sie sprachen über die Mordtat der Nacht. Wenn die wüßten, daß der Mörder wenige Tische von uns sitzt! dachte Gitta. Auf einmal fiel ihr ein, daß sie Mario begrüßen konnte. Wenn sie auf ihn zuging und ihm einfach Guten Tag sagte? Guten Tag, Mario! Erkennst du mich nicht? Ich bin Brigitte, Susettes Schwester! Sie mußte an sich halten, um es nicht zu tun. Einmal stand sie sogar auf, ging an seinem Tisch vorüber. Wenn er mich erkennt, ist es gut! Aber sie wagte nicht, ihn anzusprechen. So holte sie sich nur eine Zeitung und setzte sich wieder. Die Gesellschaft an ihrem Tisch sprach über die Ermordete und ihre siebzehnjährige Tochter Renate. Man war der Meinung, daß Margis sowohl mit der Tochter wie mit der Mutter »eine Geschichte« gehabt habe. »Wer weiß, was da vorgegangen ist!?« sagte der Ehemann. »Es kann eine furchtbare Eifersuchtsszene gegeben haben. Es ist schwer, so etwas wirklich zu durchschauen. Ich zweifle daran, daß die Gerichte, selbst in Fällen, die ganz klar erscheinen, die Wahrheit herausbringen.« Der andere Herr hatte Margis gesehen, als er gestern nach Hause kam. »Er soll doch ein berühmter Maler sein, nicht wahr? Gestern nacht machte er wirklich einen tollen Eindruck. Seine Stirn blutete. Vielleicht hatte es einen Kampf mit seinem Opfer gegeben. Schrecklich! Und einen solchen Menschen hat man nun fast täglich gesehen!« Die junge Frau fragte, ob da nicht noch ein anderer Rivale gewesen wäre. Die ganze Gesellschaft hätte doch neulich noch zu vieren hier getanzt. Es könne erst wenige Tage her sein. Die Herren entsannen sich nicht. Nein, ich muß etwas anderes tun, überlegte Gitta. Ich muß den Untersuchungsrichter auf Glasbergs Vergangenheit aufmerksam machen. Aber so, daß Mario nichts davon merkt. Wie mache ich das? Ganz einfach! Ich gehe in das sogenannte Privatbureau und bitte den Wirt, mir den Untersuchungsrichter hereinzurufen. Eine Dame hätte ihm eine wichtige Mitteilung zu machen. So geht es! Sie schickte sich wirklich an, aufzustehen. In dem Augenblick erhoben sich die Herren und gingen hinaus. Gitta wagte nicht, sie aufzuhalten. Sie fühlte ihre Erregung. Sie hätte zu dem Wirt nicht ruhig sprechen können. Durch das Fenster sah sie, wie die Herren das Auto bestiegen und davonfuhren. Einen Augenblick hatte sie noch das Gesicht des Chauffeurs im Auge, ein hochmütiges, verschlossenes Gesicht mit merkwürdig flammenden grünbraunen Augen darin. Sicher ist das Glasbergs Chauffeur! dachte sie. Was tue ich nun? Zuerst mußte sie an Wolf van Holten eine Depesche schicken. Was depeschierte man ihm? Sie setzte auf: »Eine Bekannte Marios und Margis' heute nacht ermordet. Margis als Täter verhaftet. Sofort Königsberg kommen.« Das mochte genügen. Vielleicht konnte sie hinzusetzen: »Erwarte Dich morgen früh.« Sie hatte dann die Gewißheit, daß er sich am Abend oder spätestens morgen früh in den Zug setzte. Und abends in Königsberg wollte sie den Untersuchungsrichter aufsuchen, um ihn über Glasbergs Vergangenheit zu informieren. Sie rief den Kellner und zahlte. Der Wirt bat sie noch einmal in sein Kontor, fragte, ob sie hierzubleiben wünschte. Er könne ihr allerdings nur das durch Margis' Verhaftung freigewordene Zimmer anbieten. Gitta dankte. Sie hätte unter diesen Umständen beschlossen, nach Königsberg zurückzufahren, ließ sich aber von ihm noch Einzelheiten, insbesondere über die Damen Fenn, berichten. Ob er die Tochter, Renate, kenne? Natürlich kannte er sie. Ein bildhübsches Mädelchen und immer wie aus dem Ei gepellt. »Aber sonderbar, wissen Sie, sonderbar!« Er beschrieb ihr die Lage von Klein-Klank. Am Vormittag waren die Leute zu Hunderten dorthin geströmt, so daß die Birkenallee abgesperrt werden mußte. Gitta wußte genug. Sie ging auf das Postamt und gab eine dringende Depesche an Holten auf. Ob Wolf wirklich morgen früh ankam? Weshalb sollte er nicht kommen, wenn sie ihn rief? Spätestens morgen abend kam er gewiß. Jetzt oder nie war die Möglichkeit, Glasberg zu entlarven. Hier, wo noch alles im Fluß war, mußte Wolf eingreifen. Und selbstverständlich würde er die Verteidigung Margis' übernehmen. Das war der Weg, um an die Akten heranzukommen. Das Fräulein auf dem Amt sah sie interessiert an, als sie das Telegramm durchlas, das mit der aufregenden Mordtat in so naher Verbindung stand. Wahrscheinlich fühlte sie sich im Mittelpunkt der Ereignisse, da alle Depeschen in dieser Angelegenheit durch ihre Hand liefen. Auf einmal fiel es Gitta ein, daß sie die Adresse des Untersuchungsrichters nicht kannte. Sie ließ sich das Fernsprechverzeichnis kommen und suchte die Wohnung des Landgerichtsrats Wehmann heraus. Dann schlenderte sie nach dem Bahnhof, um mit dem nächsten Zug zurückzufahren. Als das blaue Band der See festlich zu ihrer Linken ausgespannt war, dachte sie mit einer leisen Wehmut daran, daß ihr kein Frieden beschieden war. Niemals würde sie ein solches Bad mit hübschen Läden und bunten Wimpeln und Schiffchen und Papierlaternen und kleinen Netzen besuchen können, ohne daß ihr dieser merkwürdige Tag vor Augen stand. Sie brachte ihre kleine Handtasche in das Hotel zurück und behielt ihr Zimmer. Auch für Wolf bestellte sie gleich eines vom nächsten Tage ab. Der Portier notierte es sich. »Nun ist Herr Dr. Glasberg heute nacht gerade hier gewesen,« sagte sie zu dem Mann. »Und wissen Sie, was derweil passiert ist? Eine Dame auf einem Gut bei St. Lüne, eine gute Bekannte von ihm, ist gerade in dieser Nacht ermordet worden!« Der Portier wußte von nichts. Er besann sich nur darauf, daß ein Herr Dr. Glasberg die letzten beiden Nächte im Hotel gewohnt hatte. »Er kam beide Male abends mit dem Auto an und fuhr am Morgen ganz früh wieder fort,« sagte er. »Behalten Sie das nur im Gedächtnis! Es könnte sein, daß es für Herrn Glasberg wichtig ist, falls er in den Verdacht der Mordtat kommt.« Der Portier sah sie verwundert an. »Ich bitte Sie!« sagte er breit. »Ein Gast unseres Hotels!« Sie ging in ihr Zimmer hinauf und blickte durchs Fenster. Auf einmal kam ihr ein Gedanke: Konnte Mario nicht heimlich des Nachts aus seinem Zimmer hinausklettern, mit einem Auto nach Klein-Klank fahren, wieder zurückkehren und am Morgen vor den Augen des Portiers das Hotel verlassen? Hatte er dann nicht das schönste Alibi für sich? Sie lehnte sich aus dem Fenster hinaus. Vier Zimmer weiter hatte Mario geschlafen. Oder nicht geschlafen. Vor den Fenstern dieser ganzen Seite lag das breite Dach der vorgebauten Halle. Man konnte bequem aus den Zimmern auf dieses Dach gelangen. Und rechts davon reckten zwei Platanen ihre Äste über das Dach. Natürlich! Hier konnte ein geschickter Kletterer, ohne Aufsehen zu erregen, auf die Erde gelangen. Gleich um die Ecke hielten die Autos. Der Atem stockte ihr vor Erregung. Weshalb war Mario in jenen beiden Nächten in Königsberg gewesen? Was wollte er hier? Was für einen Zweck konnte es haben, abends anzukommen und am frühen Morgen wieder abzufahren. Ein Liebesabenteuer! schoß es ihr durch den Kopf. Oder das Alibi? Wenn sich nun der Verdacht auf ihn lenkte, und Mario hatte hier wirklich ein Abenteuer gehabt – würde er als Kavalier nicht schweigen müssen? Und wenn er zum Tode verurteilt wurde? Auch dann würde er schweigen! Jedenfalls würde er keinen Namen nennen und die Zeugin nicht anführen. Dann stand sie wieder vor dem Rätsel: War er ein Mörder oder heftete sich nur das Unglück an seine Fersen? Vielleicht kämpfte er gegen das Schicksal an, bewahrte sein unberührtes Knabengesicht und sein heiteres Lächeln, um den Dämon doch schließlich niederzuzwingen? Vielleicht war er ein Held, der mit übermenschlicher Kraft gekämpft hatte, um Susettes blutigen Schatten von seinem Leben abzuwehren, und jetzt verdunkelte ein Mord zum zweitenmal seinen Lebensweg? Aber wenn er wirklich gestern nacht in diesem Hotel geschlafen hatte, mußte dann nicht die Frau, die bei ihm gewesen war, in der Gerichtsverhandlung vorstürzen und Zeugnis ablegen? Und wenn sie ihr Leben und ihre Ehre damit preisgab? Oh, sie, Gitta, hätte es getan! Sie stand lange vor dem Fenster. Noch immer maßen ihre Augen die Möglichkeit ab, durch das Fenster auf die Straße zu gelangen. Es war möglich, es war unzweifelhaft möglich! Ob sie nun noch zu dem Untersuchungsrichter ging? Sie gab sich einen Ruck. Weshalb zögerte sie, den Mörder zu überführen? Sie ging hinunter und winkte ein Auto herbei. Landgerichtsrat Wehmann wohnte draußen auf den Hufen. Ein Mädchen mit weißer Schürze öffnete die Tür. Der Herr Rat wäre soeben aus St. Lüne zurückgekehrt. Gitta ließ sich in einer dringenden Angelegenheit melden. Das Mädchen verschwand, kam wieder und führte sie in das Herrenzimmer. Ein zwölfjähriger blonder Junge saß da und lernte Vokabeln. Gitta begrüßte ihn. Sie fühlte sich in dieser bürgerlichen Atmosphäre seltsam geborgen. Dem Jungen war die Anwesenheit der fremden Dame peinlich. Er starrte sie eine Weile an und verließ dann das Zimmer. Herr Landgerichtsrat Wehmann trat gleich darauf herein und fragte zurückhaltend nach ihrem Begehren. Noch einmal erwog sie, ob sie nicht unter irgendeiner Ausrede das Zimmer verlassen sollte. Sie sah ängstlich den feinen klugen Kopf des Juristen an, dann setzte sie sich mit kurzem Entschluß nieder und begann zu erzählen. »Mir sind diese Dinge nicht neu, Fräulein Streicher,« sagte der Landgerichtsrat. »Ich habe seinerzeit selber die merkwürdige Geschichte von dem Selbstmord Ihrer Frau Schwester in Berlin gehört und habe heute allerhand Neues darüber von Herrn Dr. Glasberg selbst erfahren. Sie stellen da gefährliche Theorien über Arsen und gefälschte Briefe auf. Einen eigentlichen Beweis bringen Sie aber nicht herbei. Wie Sie selbst sagen, sind sich die Sachverständigen nicht darüber einig, ob der fragliche Brief nun wirklich gefälscht ist. Selbstverständlich werde ich mir sofort das gesamte Aktenmaterial von dem dortigen Oberstaatsanwalt kommen lassen.« »Ach, das Aktenmaterial!« sagte Gitta. »Da steht natürlich nichts darin.« »Es ist aber für mich als Juristen einigermaßen maßgebend.« »Aber geht das denn nicht, daß Mario Glasberg immerhin in den Verdacht der Tat kommt? Es liegen doch Verdachtsmomente gegen ihn vor? Und wenn das nun zum zweitenmal der Fall ist, dann müßte doch wenigstens die Exhumierung der Leiche angeordnet werden. Und dann würde es sich herausstellen, daß meine Schwester gar nicht durch Veronal vergiftet ist.« Der Landgerichtsrat machte eine verbindliche Handbewegung. »Ich weiß bereits durch Herrn Dr. Glasberg, daß Ihre werte Familie durchaus, an diesem Verdacht festhält. Viel Wahrscheinlichkeit scheint mir nicht dafür zu sprechen. Herr Glasberg ist ein hochangesehener Mann, der mit Ihrer Frau Schwester in einer denkbar guten Ehe lebte. Vielleicht hätte ich als Staatsanwalt um des lieben Friedens willen die Exhumierung längst angeordnet. Es mag vielleicht an den dortigen Verhältnissen liegen, daß das nicht geschehen ist. Sie wollen, gnädiges Fräulein, auch hier Verdachtsmomente gegen Ihren früheren Schwager herausfinden. Schließlich können gegen jeden einzelnen Menschen gewisse Verdachtsmomente geltend gemacht werden. Nun aber bedenken Sie einmal, was an positivem Verdacht gegen Herrn Margis vorliegt. Die Aussage der Tochter, daß er zu der Ermordeten in unerlaubten Beziehungen stand. Dann, daß er zur Zeit des Mordes an der Mordstelle weilte und in einem Zustand höchster Erregung mit blutigem Gesicht in das Hotel zurückkehrte. Daß sich der Dolch in seinem sogenannten Versteck befand, erscheint mir ebenfalls belastend. Solche Mörder aus Affekt pflegen nach ihrer Tat irgendeine Unsinnigkeit zu begehen. Es war natürlich Unsinn, den Dolch gerade dort zu verbergen. Und wenn es Sie interessiert: Ich habe soeben einen langen Brief gelesen, den Margis an seine Frau schrieb. Es ist typisch für den Verbrecher, wie er darin seine Unschuld beteuert. Und noch etwas ist in dem Brief bemerkenswert: Es kommt ihm in erster Linie darauf an, sein Verhältnis zu Frau Fenn abzustreiten. Darauf verwendet er volle vier Seiten. Er hatte also Angst davor, daß seine Frau etwas von dieser Geschichte erführe. In dieser Angst scheint mir überhaupt das eigentliche Motiv zu der Tat zu liegen. Was für ein Motiv aber konnte Herr Dr. Glasberg haben? Angst kennt der nicht! Und wo ist das geringste Motiv, das ihn getrieben haben sollte, seine erste Frau zu ermorden? Nein, gnädiges Fräulein, ich sehe hier keinen Weg. Auch wenn man aus dem Fenster unseres lieben alten Hotels mit einer Kletterpartie auf die Straße gelangen kann. Aber außerdem, mein gnädiges Fräulein, kann ich Ihnen bei dieser Gelegenheit genau vor Augen führen, wie leicht Ihre Verdachtsmomente zu beseitigen sind. Sie sahen Herrn Dr. Glasberg um halb zwölf Uhr etwa die Hoteltreppe hinaufsteigen. Fast genau zu derselben Zeit fand die unselige Tat statt. Was sagen Sie nun?« »Ach, Herr Landgerichtsrat, vielleicht ist das alles ganz anders, als es jetzt erscheint.« Als Gitta draußen stand, wußte sie, daß sie mit allen Mitteln kämpfen würde, um Mario zu entlarven. Der Widerstand des Juristen hatte ihre Zweifel niedergedrückt. Glasberg war doch der Mörder! Sie fieberte darauf, mit Holten zusammen zu sein und alles mit ihm zu besprechen. Sie mußte einen Weg finden! Auf der Straße wurde das Abendblatt der Zeitung ausgerufen. »Mord in St. Lüne! Der bekannte Berliner Maler Margis verhaftet!« gellte es an den Straßenecken. Das gleiche ruft man nun in Berlin aus, dachte sie, und Frau Margis hat noch keine Nachricht! Sie kaufte ein Blatt, um sich in allen Einzelheiten zu informieren. Im Hotel fand sie die telegraphische Antwort Holtens vor. Er konnte erst morgen abend kommen. 21 Als Gittas Telegramm ankam, rief Holten sofort bei Frau Margis an und sondierte vorsichtig, ob sie bereits Näheres wußte. Frau Margis wußte überhaupt nichts. »Erschrecken Sie bitte nicht, gnädige Frau! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß es sich da um ein bloßes Mißverständnis handelt, denn ich kenne die Zusammenhänge, Ihr Herr Gemahl ist heute früh verhaftet worden. Eine Dame seiner Bekanntschaft wurde ermordet aufgefunden. Selbstverständlich ist Ihr Herr Gemahl völlig unschuldig. Ich glaube auch bereits zu wissen, wer der Mörder ist, und werde sofort alles tun, um die Sache aufzuklären.« Luisa stürzte zu Holten. Er hatte sie noch niemals gesehen, da sie sich in Gesellschaft nicht zeigte. Eine schlanke Frau mit eingeschlagenem blonden Haar. Sie liebt Mann und Kinder, dachte Holten, und ist klug genug um an seiner Lebensarbeit teilzunehmen. Mehr verlangt sie nicht vom Leben, und vielleicht ist das alles sehr weise von ihr. Die Frau war ihm sofort sympathisch. »Sicher wird Ihr Herr Gemahl Ihnen geschrieben haben. Aber der Brief eines Verhafteten muß erst die Instanzen passieren. Sie erhalten ihn gewiß übermorgen zum Sonntag.« Dann berichtete er ihr über seinen Kampf gegen Glasberg. Es war für ihn sicher, daß Glasberg auch diesmal seine Hand im Spiele hatte. »Margis muß ein Vorgefühl der Katastrophe gehabt haben. Vor einigen Tagen schrieb er mir diesen Brief.« Er las ihn vor. »Klingt das nicht wie eine Warnung?« Luisa berichtete ihrerseits, was Margis ihr von den Damen Fenn und Glasberg geschrieben hatte. »Gleich, als ich diesen Brief las, packte mich eine unerklärliche Angst. Da wird etwas passieren, mußte ich denken, schlug es mir aber natürlich aus dem Kopf. Glauben Sie, Herr van Holten, daß mein Mann in einer ernstlichen Gefahr schwebt? Halten Sie es für möglich, daß er etwa wegen Mordes zum Tode verurteilt wird?« »Ich denke, nein! Aber Glasberg ist ein sehr ernster Gegner. Sicher hat er die Tat bis ins einzelne vorbereitet. Das erstemal, bei Susette, hat er den Mord als Selbstmord drapiert. Diesmal hat er alles so angelegt, daß ein anderer als Täter erscheint. Er wird es mit großer Geschicklichkeit gemacht haben, gnädige Frau. Und sicher hat er mit großer Kunst ein Alibi für sich zurechtkonstruiert, so daß er als Täter überhaupt nicht in Frage kommen kann.« »Man hat ihm auch im Falle der Susette Streicher nichts anhaben können?« »Nicht das geringste. Zudem schützt ihn natürlich bis zu einem gewissen Grade sein Name sowie der Umstand, daß jedes Motiv zu einer solchen Tat zu fehlen scheint. Ich selbst, der ich mich seit länger als einem Jahr mit dem Fall Glasberg beschäftige, bin mir über die Motive seiner Handlungen völlig im unklaren. Wenn Glasberg jetzt seine zweite Frau umgebracht hätte, so ergäbe das eine feste Linie. Man würde sagen, daß er die festen Bindungen nicht erträgt und die Fessel selbst durch Mord abschüttelt. Aber so?« Frau Margis fand, daß diese Erklärung gerade auf die Ermordung der Frau Fenn paßte. Seine zweite Ehe könnte Glasberg kaum als Fessel empfunden haben, während ihn die Liebe zu Maria Fenn vielleicht wirklich fesselte. »Er hat Susette geliebt und ermordet, und vielleicht liebte er diese Frau ebenfalls. Vielleicht muß er immer seine Geliebte ermorden?« Holten sah die schlichte blonde Frau erstaunt an. »Immer die Frau ermorden, die man liebt!« wiederholte er zögernd. »Eine Art Blaubart also!« Er dachte darüber nach; Luisas Worte arbeiteten in seinem Innern. »Vielleicht,« sagte er, »vielleicht!« »Maria Fenn muß sehr schön gewesen sein,« fuhr Luisa fort. »Sie hat die alte Abneigung meines Mannes gegen das Porträt besiegt. Margis hat Frau Fenn und ihre Tochter porträtiert, und er ist wohl auch ein wenig in sie verliebt gewesen. Der arme Kerl! Nun bringt es ihm noch Untersuchungshaft ein!« »So?« sagte Holten. »Das ist allerdings sehr interessant. Glasberg wird natürlich diese kleine Schwäche Ihres Gatten bemerkt und ausgenutzt haben. Damit hat er ihn in die Falle gelockt.« Er rief seine Sekretärin herein, machte die Damen miteinander bekannt und erzählte Elma Diepenbroich kurz das Vorgefallene. »Frau Margis erhält von Ihnen jederzeit Auskunft über alles, was mit diesem Fall zusammenhängt. Und nun geben Sie eine Depesche an Fräulein Streicher auf, daß ich erst morgen abend in Königsberg sein kann. Ich muß die Nacht durcharbeiten, um für einige Tage fort zu können.« »Was ist das für eine sympathische Person!« sagte Frau Margis, als Elma Diepenbroich hinausgegangen war. »Ja,« antwortete er, »sie hat auch allerhand durchgemacht. Es gibt wirklich merkwürdige Männer auf der Welt.« »Nun, mit den Frauen ist es auch nicht besser.« Am nächsten Morgen war Holten müde und nervös. Er hatte bis fünf Uhr gearbeitet und sich nur in seinen Kleidern auf das Sofa geworfen. Die neuen Ereignisse erschütterten ihn mehr, als er es selbst bemerkt hatte. Oder er merkte es erst an den körperlichen Folgen. Während er sich wusch und umzog, packte ihn auf einmal die Angst vor den nächsten Wochen. Natürlich würde er Margis' Verteidigung übernehmen. Aber wenn er sich dieser Aufgabe nicht gewachsen zeigte? Wenn er immer weiter vor dem Rätsel stand, ohne es lösen zu können? Er war zum Einbrecher geworden, ohne damit einen Schritt weiterzukommen! Und wie, wenn selbst eine Exhumierung der Leiche nichts zutage förderte? »So werde ich alles daran setzen, seine Geliebte zu werden, wenn es nicht anders möglich ist!« hatte Gitta gesagt. Diese Worte klangen fast körperlich hart an sein Ohr. Er nahm ihr Bild zur Hand, das sie ihm in Leynhausen geschenkt hatte. Was war das für ein wunderbares Geschöpf! Er sah das herbe, fast knabenhafte Gesicht an, die ernsten, dunklen Augen, die strenge, gerade Stirn, die dunklen, halblangen Locken, die in den Nacken hineinfielen. Wozu gibt es so wundervolle Geschöpfe! mußte er denken. Ihr Schicksal ist nicht besser als das der andern Menschen, und ihr Gang durch das Leben hinterläßt Kummer und Herzeleid. Aber vielleicht ist das der Sinn unsres Daseins! Vielleicht sollen wir immer wieder herausgerissen werden aus allem bürgerlichen Behagen, sollen Kummer und Herzeleid erleben und bis ans Ende einen Traum in uns tragen, der nie erfüllt wird. Ich muß noch etwas ruhen, sagte er sich und nahm eine Karte erster Klasse. Er war allein in dem Abteil und streckte sich auf der Polsterbank aus. Am Bahnhof Friedrichstraße stieg ein Herr mit einem großen gelben, exotisch aussehenden Lederkoffer ein. Ein Riese von Gestalt, mit schlauen, zusammengekniffenen Augen hinter dicken Brillengläsern, mit dunklem Vollbart, der schon angegraut war, und einem rechtlich erworbenen Männerbauch. Was für ein furchtbarer Kerl! dachte Holten. »Mein Herr!« dröhnte der Mann. »Sie befinden sich auf meinem reservierten Platz. Jawohl, hier ist meine Platzkarte!« Holten wechselte auf die andere Bank über. Hierbei streifte sein Blick das Kofferschild. »Fenn« stand mit großen Buchstaben darauf. Fenn? dachte er. Weshalb heißt dieser Mann Fenn? Was kann er mit Maria Fenn zu tun haben? Maria Fenn hieß doch die Ermordete. Er zog die Zeitung aus der Tasche. Das gestrige Abendblatt hatte nur eine kurze Meldung gebracht, aber die Morgenzeitung enthielt eine lange Spalte. »Der bekannte Maler Margis verhaftet!« las er die Schlagzeile, überflog den Bericht, an dem ihm fast alles neu war. Er las davon, daß das Töchterchen der Frau Fenn Margis des Nachts blutbesudelt im Park hatte stehen sehen. Sollte etwa Margis doch der Mörder sein? Nach dem Bericht bleibt kaum ein Zweifel übrig. Dummkopf! schalt er sich. Natürlich hat Glasberg die Geschichte schon ausgezeichnet eingefädelt! Aber ihn packte wieder die Angst. Würde er hindurchfinden? Der Kellner kam und bot Plätze zum Mittagessen an. Sie nahmen beide Karten. »Diese verwünschte Esserei!« brummte der Herr. »Kaum ist man eine Woche in Europa – schon revoltiert der Magen gegen all das, was man zu sich nehmen muß.« »Kommen Sie von Übersee?« »Kalifornien!« sagte der Mann kurz. Dann las er in seiner Zeitung weiter. Natürlich, er hat auch den Bericht über den Mord aufgeschlagen. War er vielleicht der Vater oder ein Verwandter von Maria Fenn? Jedenfalls war es auffallend, daß ein Mann, der aus Kalifornien kam, in einem Zug nach Königsberg saß. Sie sprachen bis zum Mittagessen kaum ein Wort. Holten hatte sich wieder hingelegt; der andere lehnte in seiner Ecke und paffte eine dicke Brasilzigarre nach der andern. »Sie sind hier mit der Landwirtschaft weiter als drüben,« sagte er einmal, auf die Felder weisend. »Aber eigentlich müßten sie noch viel weiter sein. Es genügt nicht für das übervölkerte Land!« »Nein!« antwortete Holten. Das war ihre ganze Unterhaltung. Hinter Schneidemühl gingen sie gemeinsam in den Speisewagen. Sie hatten zwei Plätze an einem kleinen Tischchen. Holten bestellte ein Wasser, der andere ließ sich ein Weinglas mit Kognak füllen. »Weshalb es hier nirgends Whisky mit Soda gibt, möchte ich auch wissen!« Holten meinte, daß sein Gegenüber offenbar auf das Soda verzichten könne. »Das sieht nur so aus,« sagte der Mann. »Ich habe Kummer.« Das kam so rührend, so aus tiefster Herzensnot heraus und war so naiv geradezu hingesagt, daß es Holten irgendwie erschütterte. »Sie sind verwandt mit der ermordeten Frau Fenn?« fragte er. »Verwandt? Verwandt? Es war meine Frau!« Holten sah ihn überrascht an. »Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr mit ihr zusammengelebt,« fuhr der Mann fort. »Gerade hatte ich mich bei ihr für die nächste Woche angemeldet, da muß sie sich ermorden lassen. Meinen Sie, wenn ich früher hingereist wäre, daß sie dann vielleicht nicht ermordet wäre?« Das war die Frage, die an ihm nagte. »Oder sie wäre vielleicht einige Tage früher ermordet worden,« sagte Holten. »Man weiß ja nicht, ob der Mörder sie nicht in jedem Falle vor Ihrer Ankunft ermorden wollte. Vielleicht hat Ihre Anmeldung die Sache beschleunigt oder aufgehalten. Man weiß ja noch gar nichts.« Der Mann fragte, ob Holten nicht die Zeitungen gelesen hätte. Weshalb soll ich hinter dem Berge halten? dachte der Rechtsanwalt. Es ist vielleicht besser, wenn ich ihm alles erzähle. »Ach was,« sagte Herr Fenn, nachdem er Holten eine Weile angehört hatte, »ich dachte, das ist nun wenigstens eine schöne, klare Geschichte, und jetzt kommen Sie mir mit allerhand Komplikationen!« Aber er hörte aufmerksam weiter. Mario Glasberg schien ihm ausnehmend zu gefallen. »Der Mann gehört nach Übersee!« sagte er. »So was kann man hier nicht gebrauchen!« Als Holten ihm von der Möglichkeit der Arsenvergiftung und den Theorien des verstorbenen Herrn Gerlach berichtete, hing Herr Fenn an seinen Lippen. »Das ist großartig!« rief er aus. »Ihr seid doch in Deutschland verfluchte Kerle mit eurer Chemie!« Er war Feuer und Flamme für Arsenvergiftungen. Psychologische Erörterungen hingegen wehrte er mit einer herrischen Handbewegung ab. »Davon weiß man nie etwas,« sagte er wegwerfend. »Weshalb soll so ein Mann nicht seine schöne Frau vergiften?« Er hielt es offenbar für einen ganz natürlichen Hergang, daß man eine schöne Frau vergiftete. Sollte es wirklich so sein? dachte Holten. War es nicht dasselbe, was schon Frau Margis gesagt hatte: Vielleicht muß er immer seine Geliebte ermorden? »Sie glauben nicht, daß meine Frau mit diesem Maler etwas gehabt hat?« fragte Herr Fenn. Holten wußte nicht recht, was er sagen sollte. Dieser Mann machte ganz den Eindruck, als wenn er einen im nächsten Augenblick totschlug, sobald man etwas gegen seine Frau sagte. Herr Fenn schien es zu bemerken. »Meine Frau konnte natürlich tun und lassen, was ihr beliebte. Ich habe das auch getan. Also was meinen Sie dazu?« Holten meinte, daß eine Frau eher mit Glasberg als mit Margis »etwas hatte«. »Das denke ich auch!« bestätigte Herr Fenn. »Wissen Sie, sie war eine famose Frau. Eine bildschöne und kluge Frau. Aber sie neigte zu Dummheiten, zu kleinen deutschen Sentimentalitäten. Sie war kein Renaissance-Mensch. Und ich kann nun einmal nur Renaissance-Menschen vertragen. Sehen Sie her!« Er zog ein Bild aus der Tasche und wies es Holten. Er sah Marias edelgeneigtes Profil, den schwarzen Haarknoten im Nacken, den süßen, schwellenden Mund, das sehnsüchtige, schwärmerische Auge. Und diese Frau hatte mit dem behaarten und gewalttätigen Herrn Fenn zusammengelebt, der für »Renaissance-Menschen« war! »Sie gefällt Ihnen besser als ich, was?« sagte Herr Fenn. »Ja, sie war eine wunderbare Frau!« Sie gingen in ihr Abteil zurück. »Wie werden Sie die Sache anfassen?« Aber Holten wußte noch nichts. Zuerst mußte er natürlich mit Margis sprechen, um alles Nähere zu erfahren. Sodann konnte es vielleicht glücken, Glasberg zu belasten. Das vorläufige Ziel war, die Exhumierung von Susettes Leiche durchzusetzen. Wenn es glückte, den Verdacht auf Glasberg zu lenken, mußte die Ausgrabung der Leiche alles Weitere ergeben. Wenn es sich dann herausstellte, daß Susette in der Tat nicht mit Veronal vergiftet war, war nach seiner Ansicht die Sache entschieden. »Seltsam ist es nur, daß er diesmal einen Dolch verwandt hat. Man sollte denken, daß das Gift seine Sache ist. Ich stelle mir sogar vor, daß es ihn gereizt hat, eine komplizierte und schwer nachweisbare Vergiftung ins Werk zu setzen.« »Selbstverständlich!« nickte Herr Fenn. »Aber woher denn nun der Dolch?« fragte Holten noch einmal. Herr Fenn meinte, daß er überrascht worden wäre. »Mitten in seiner wunderschönen Arbeit wird er überrascht, und da stößt er schnell zu und läuft fort. Das ist doch klar!« Ein sonderbarer Heiliger! dachte Holten. ›Wunderschöne Arbeit!‹ sagte er, wo es sich um die Ermordung seiner Frau handelt. Dieser Mann ist wirklich eine Art Renaissance-Mensch. Vielleicht macht er sich ganz genaue Vorstellungen und bewundert dabei noch Glasbergs Geschicklichkeit! Inzwischen kämmte sich Herr Fenn seinen Bart und sah dabei in einen kleinen Taschenspiegel. »Da ist noch meine Tochter Renate,« sagte er nach einer Weile. »Ich bin neugierig, wie sie geworden ist. Wissen Sie, Herr Rechtsanwalt, ich dachte damals immer, daß ich aus meiner Frau noch etwas machen könnte. Etwas in meinem Sinne: eine Frau für Übersee. Aber das ist Unsinn. Man kann nie aus einer Frau etwas machen. Aber wie die kleine Kröte geworden ist, darauf bin ich gespannt. Sie versprach etwas. Ich hoffe, sie ist am Bahnhof. Ja, wahrscheinlich wird sie mit diesem Herrn Dr. Glasberg am Bahnhof sein. Sie können ja dann gleich mit Ihrem alten Freunde Wiedersehen feiern.« Um Gottes willen! dachte Holten. Natürlich wird Glasberg am Bahnhof sein! Sie würden zusammen sprechen. Was sagte er ihm nur? Daß er die Verteidigung von Margis übernommen habe! »Aussichtsloser Fall!« würde Glasberg antworten. Ja, genau so würde es sein. Und wenn auch Gitta dort war? Er sah in Gedanken Mario und Gitta auf dem Bahnsteig auf- und abgehen und den Zug erwarten. Das konnte eine unterhaltsame Begrüßung ergeben! Herr Fenn und seine Tochter, Mario Glasberg und Gitta und er! Erst jetzt wurde ihm klar, daß sich die Lage zur Katastrophe zuspitzte. Alles, was er bisher gegen Mario unternommen hatte, war in gewissem Sinne unverbindlich gewesen. Kein Mensch außer Gitta hatte darum gewußt. Sie hatten in voller Verschwiegenheit arbeiten können. Jetzt aber schwoll es wie eine Lawine an. Frau Margis wußte darum, und seiner Sekretärin hatte er das Nötige sagen müssen und jetzt sogar diesem Herrn Fenn, und vielleicht hatte Gitta auch in Königsberg schon eingegriffen. Es war doch immerhin sehr angenehm gewesen, daß die Maske der Freundschaft zwischen ihm und Mario beibehalten worden war. Wenn er aber jetzt aus dem Zug stieg und Mario stand auf dem Bahnsteig und Gitta trat hinzu, dann war es wie ein Aufmarsch der feindlichen Heere. »Wann kommen wir in Königsberg an?« fragte Herr Fenn und ließ seine goldene Uhr spielen. »In zwei Stunden!« »Dann kann man noch ein Nickerchen machen,« sagte Herr Fenn und zog sich in seine Ecke zurück. Holten sah aus dem Fenster. Jenseits eines dunklen Flusses blitzten in der Abendsonne die Fenster einer Burg. Rotgoldener Schein huschte über gewaltige Mauern, die wie ein Gebirge aufstiegen. Ein merkwürdiges Land! dachte Holten. Was haben sie da für eine Welt aus Backsteinen aufgerichtet? Ich dachte immer, es gäbe nur am Rhein und im Süden Burgen. »Marienburg!« rief der Schaffner durch den Gang. Die Bremsen zogen an. Herr Fenn schreckte aus seiner Ecke hoch und sah erstaunt auf die Burg, die in ungeheuren Terrassen aufwuchs. »Amerika, du hast es besser,« brummelte er in seinen Bart und schlief weiter. 22 Gitta schlenderte durch die Straßen zum Bahnhof hinunter. An dem Schloß vorbei ging sie langsam durch das Gedränge der Hafenstraßen, ließ ihre Augen auf der dunklen Wasserfläche von dem Gewühl der Wagen, Elektrischen, dem Strom der Menschen ausruhen und schlenderte weiter. Sie hatte noch eine halbe Stunde Zeit, bis der Berliner D-Zug einlief, mit dem Holten kommen mußte. In einem offenen Auto sah sie plötzlich Mario Glasberg sitzen. Er wird doch nicht auch zum Zuge fahren, dachte sie. Mario saß neben einem jungen Mädchen. Gitta sah ein bleiches Gesicht mit großen, hellen Augen darin. Sie war schwarz gekleidet. Renate Fenn! dachte Gitta. Vielleicht holen sie einen Verwandten ab. Auf dem Bahnsteig sah sie die beiden auf- und niedergehen. Wieder packte sie, wie gestern in St. Lüne, die Lust, Mario anzusprechen. Was konnte die Folge sein? Daß er erschrak und sich verfolgt wußte! Vielleicht warnte es ihn. Aber vielleicht wollte sie ihn gerade warnen? Sie ging einige Male an ihnen vorüber. Hatte Mario sie bemerkt? Er soll mich bemerken! hoffte sie. »Mario!« rief sie ihn an. Er sah in ihr Gesicht, suchte es zu durchdringen, auseinanderzulegen, wußte nicht. »Brigitte!« kam sie ihm zu Hilfe. Er kennt mich als Brigitte, ging es ihr durch den Kopf. Seltsam, daß ihr im Augenblick »Brigitte« besser gefiel als »Gitta«. War nicht ein furchtbares Erschrecken durch seine Züge gegangen? Sie glaubte gesehen zu haben, daß er erbleichte. Gleich darauf aber strahlte er ihr in warmer Freude entgegen. »Brigitte! Mädel!« rief er aus, umarmte sie und drückte einen Kuß auf ihren Mund. Sie fühlte es heiß durch ihren Körper rinnen. Das war Mario Glasberg, den sie verfolgt hatte? Ihre Lippen konnten nicht anders als den leichten Druck erwidern. »Hier ist Brigitte Streicher, Susettes Lieblingsschwester!« sagte er zu dem jungen Mädchen. »Und dies ist Renate Fenn. Du weißt wohl, Brigitte?« Renate sah Gitta mit unverhohlener Feindseligkeit an. Ihre Augen bekamen einen stumpfen, kalten Glanz. »Trägt man die Haare jetzt wieder so in Berlin?« fragte Renate. »Ich weiß nicht, was Sie meinen,« antwortete Gitta kühl. Mario hatte ihre Hand gefaßt. Wie ein Ertrinkender, empfand sie. Wer weiß, wie es jetzt in ihm aussieht! Er fragte sie, ob sie hier am Theater wäre. »Ich habe dem Intendanten vorgesprochen,« log sie, aber es tat ihr geradezu weh, ihn anzulügen. »Wen erwartest du hier?« fragte er weiter. »Wolf van Holten,« antwortete sie. »Er wird die Verteidigung von Margis übernehmen.« Sie sah, wie er zusammenzuckte. »Bist du mit ihm –« fing er an. »Ich meine, kennt ihr euch gut?« »Sehr gut!« sagte sie. Er zuckte die Achseln. »So!« Und wandte sich Renate zu. Hat er mir den Rücken gedreht? fragte sich Gitta. Der Zug lief ein. »Papa fährt sicher erster Klasse,« sagte Renate. Gitta stand dicht hinter ihr und hörte heraus, daß sie ihren Vater abholte. Wolf kommt sicher Zweiter, dachte sie und mußte ein wenig lächeln. Dann stand er aber doch in der ersten Klasse mit einem großen dicken Herrn zusammen. Das ist Herr Fenn! wußte sie und wunderte sich, daß die beiden sich kannten. Holten sah müde aus, hatte ein kleines Gesicht, das hinter den Brillengläsern fast verschwand. Es war ein Chaos von einer Begrüßung. Herr Fenn und Renate lagen sich in den Armen. Sie weinten beide. »Dich habe ich immer geliebt, Papa!« stammelte ihm Renate ins Gesicht. »Nimm mich bloß aus diesem schrecklichen Land fort!« Herr Fenn strich ihr immerfort über das Haar, während ihm die Tränen unter der Brille hervorrollten. In Glasbergs Anwesenheit gab es ein kühles Willkommen zwischen Wolf und Gitta. Vielleicht sollte sie mich gerade in seiner Anwesenheit küssen! dachte er und fand sie einigermaßen lieblos. »Du wirst unsern Freund Margis verteidigen,« sagte Glasberg und reichte Holten die Hand. »Aussichtslose Sache das!« »Wollen sehen!« gab Holten zurück. Herr Fenn drückte Glasberg die Hand, als begrüßte er einen alten Freund. »Sie haben sich der Sache angenommen, Herr Doktor,« sagte er mit warmer Herzlichkeit. »Ich danke Ihnen!« Es war, als wollte er Holten zeigen, daß er seinen Verdacht für sinnlos hielt. Die beiden jungen Mädchen vermieden jede Berührung. Die Kofferträger wußten nicht, wohin. Herr Fenn und Renate sollten mit Glasbergs Wagen nach Klein-Klank hinausfahren. Aber der Kalifornier erklärte, daß er niemals in der Dunkelheit mit einem Auto fahre. Er beabsichtige, mit seiner Tochter im Hotel zu übernachten und morgen hinauszukommen. Holten bemerkte, daß Glasberg ihm einen scheuen Blick zuwarf. Mario hatte sofort erfaßt, was auch Holten fühlte: Herr Fenn wollte nicht Autogast des vermeintlichen Mörders seiner Frau sein. Holten bewunderte die Sicherheit seines Auftretens. Hatte dieser schwerfällige Bär die Situation im Augenblick erfaßt? Roch er die Menschen? Holten erklärte, in welchem Hotel er mit Gitta wohne. Glasberg schlug für Fenns ein anderes vor. »Vielleicht essen wir dort zu fünfen Abendbrot?« forderte Herr Fenn auf. Renate machte ein böses Gesicht. Sie verstand ihren Vater nicht, daß er nicht mit ihr allein sein wollte. Aber gerade das wollte Herr Fenn anscheinend vermeiden. Er schämt sich seiner Gefühle, dachte Holten. Und wahrscheinlich will er sich von uns allen ein Bild machen. Es war merkwürdig, wie sie sich vom ersten Augenblick an nach diesem bärtigen Ungetüm richten mußten. Er stand inmitten der Gruppe, riesengroß, in weitem, schwarzem Mantel und schwarzem Schlapphut. Selbst Glasberg sah unscheinbar neben ihm aus. Herr Fenn beorderte seinen Koffer in ein Mietauto. Glasberg forderte Holten und Gitta nicht auf, von seinem Wagen Gebrauch zu machen. Es war wie ein zerschnittenes Tafeltuch zwischen ihnen. So ließ sich auch Holten seinen Koffer in ein Mietauto tragen. In einer halben Stunde wollte man sich, wie verabredet, wieder treffen. Die beiden Paare fuhren ab, Glasberg stieg allein in seinen Wagen. Der scharfe Zug um seinen Mund hatte sich verstärkt. Er sah ungeheuer ernst aus. »Er ist der Mörder!« sagte Holten zu Gitta. Sie fand, daß Mario sich vielleicht nur über die Art des Herrn Fenn geärgert habe. »Du hast ihm alles gesagt?« Holten nickte. »Ich habe ihm alles gesagt, und aus seinem Benehmen schließe ich, daß er mir glaubt.« »Aber es ist nicht möglich, daß er es ist. Zur Zeit der Mordtat war er doch hier im Hotel. Ich sah ihn selbst noch gerade die Treppe hinaufgehen, und der Portier rief ihm etwas nach und nannte seinen Namen.« »Sonderbar!« sagte Holten und ließ sich von ihr erzählen, was sie wußte. »Weißt du, Wolf, er tut mir zutiefst leid!« Sie berichtete, wie er sie auf dem Bahnsteig geküßt habe. »Er faßte meine Hand wie ein Ertrinkender. Ich kann es nicht glauben, daß er es getan hat.« »Kannst du mir geradeheraus erklären: Du glaubst nicht, daß er der Mörder ist?« »Nein, das kann ich nicht!« sagte sie verlegen. »Dann ist er es gewesen. Denn wenn du, die ihn zur Zeit der Tat hier gesehen hat, noch zweifelst, dann muß er es gewesen sein, Gitta!« »Ich weiß nicht, wie das alles zusammenhängt, Wolf. Aber er tut mir furchtbar leid!« Sie fuhren bei dem Hotel vor. Holten unterhielt sich, während er seine Personalien eintrug, mit dem Portier. »Herr Doktor Glasberg hat in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag hier gewohnt?« Der Portier bejahte. »Und auch die Nacht vorher?« Holten fragte ihn nach Glasbergs Aussehen. »Ein großer, schlanker Herr, bartloses Gesicht. Er trug Autokappe und hellen Staubmantel.« »Hatte er die Brille heruntergelassen?« »Nein, natürlich nicht. Er hatte sie hochgeschlagen.« Holten zuckte die Achseln. Der Portier lächelte, daß man einen Gast dieses Hotels mit einer Mordtat in Zusammenhang brachte. Er hatte inzwischen die Zeitungen gelesen. Wegen des Sonnabends war das Restaurant in dem Hotel dicht besetzt. Sie erwischten einen kleinen Tisch in einer Ecke, saßen zusammengekauert und konnten kaum sprechen. Herr Fenn saß zwischen Holten und seiner Tochter, Glasberg zwischen Renate und Gitta, Holten zwischen Gitta und Herrn Fenn. Es machte den Kalifornier merklich beklommen, nicht über weiten Raum zu gebieten und seine Stimme dröhnen lassen zu können. Dennoch hatte er auch jetzt noch breite Bewegungen, die seine Nachbarn einengten. Ein Herr am Nebentisch hinter ihm war mit seinem Stuhl förmlich an die Wand geklemmt, wagte aber nicht, sich zu beschweren. Man hatte das Gefühl, daß dieser Riese einen Lästigen mit einer Handbewegung einfach durch die Wand schieben würde. Sie aßen fast schweigend. Herr Fenn hatte für alle Bordeaux bestellt, obwohl es heiß war. Außer ihm trank fast niemand; aber es gab im Handumdrehen drei leere Flaschen auf dem Tisch. Dazu hatte er zwei Rumpsteaks vor sich stehen. »Ißt du nicht mehr rohes Fleisch, Papa?« fragte Renate. Herr Fenn sagte mit Verachtung, daß es hier nur geschabtes und durchgemahlenes Zeug gäbe. Dann äße er schon lieber Eierkuchen oder Grießbrei. »Wolf, ich muß dich nachher sprechen!« sagte Glasberg plötzlich zu Holten hinüber. Der sah ihn erstaunt an. »Ja, verzeih, Brigitte! Aber ich muß ihn unbedingt allein sprechen. Er bringt dich ins Hotel, während ich nach meinem Wagen sehe. Wir treffen uns dann wieder hier.« »Wo hast du deinen Wagen?« fragte Holten. »In einer Garage, ganz in der Nähe.« »Ich dachte, du pflegst in unserm Hotel abzusteigen?« »Du verstehst, Wolf, daß mir dieses Hotel seit gestern verhaßt ist.« »Ich bin natürlich jederzeit bereit, mich mit dir zu unterhalten,« sagte Wolf. Gitta drängte nach Hause. »Ich finde wirklich den Weg allein, Wolf! Du brauchst mich nicht zu begleiten! Denke, bitte, nicht, daß ich es dir übelnehme. Ich bin zudem hundemüde!« Sie erhob sich, reichte allen die Hand. Herr Fenn schüttelte sie und nickte ihr, weiterkauend, mit großen Kopfbewegungen zu. Renates und Gittas Hände berührten sich kaum, und die Mädchen sahen sich nicht an, als sie sich voneinander verabschiedeten. Es war wie eine offen erklärte Feindschaft zwischen ihnen. Holten brachte Gitta bis auf die Straße. Sie war bleich, als sie ihm Lebewohl sagte. »Was wird Mario dir sagen, Wolf? Ich bebe vor Aufregung. O Gott, weshalb sind wir bloß noch dort alle zusammengewesen? Es war furchtbar! Ich konnte Marios Nähe nicht mehr aushalten! Bemerktest du nicht, daß er am Ende seiner Kraft ist?« Er zuckte die Achseln. »Wolf, klopfe noch nachher bei mir an! Ich kann doch nicht schlafen! Auch wenn es ganz spät ist, hörst du!?« Er versprach es und ging an den Tisch zurück. Herr Fenn war beim Käse angelangt. Es sah aus, als ob er nichts außer seinem Gorgonzola beachtete. Gitta hatte recht, es herrschte eine furchtbare Stimmung an dem Tisch. Auf einmal blickte Herr Fenn auf und sagte, Glasberg übergehend, zu Holten: »Ich würde mich freuen, Herr Rechtsanwalt, wenn ich Sie in den nächsten Tagen in Klein-Klank begrüßen könnte.« Renate sah Glasberg an und zuckte die Achseln, als wollte sie sagen: ›Ich kann nichts dafür, daß Papa Sie nicht auffordert. Mir wären Sie jederzeit hochwillkommen, während ich diesen Holten schon vom Hörensagen nicht ausstehen kann.‹ Sie wurde aus ihrem Vater noch nicht klug, hielt es aber für falsch, ihm jetzt schon zu widersprechen. Ich werde schon noch mit ihm fertig werden! sagte ihre Haltung. Glasberg und Holten wußten nicht, ob sie bleiben oder Vater und Tochter alleinlassen sollten. Glasberg hatte seine selbstverständliche Sicherheit verloren. Wie hätte er früher und jedem andern gegenüber eine so abweisende Haltung wie die des Herrn Fenn pariert! dachte Holten. Vielleicht hatte Gitta recht, daß er dicht vor einem Zusammenbruch stand. Aber aus welchem Grunde? Hatte er gemordet, oder hatte der Tod der Freundin ihn so erschüttert? Herr Fenn beendete seine Mahlzeit. »So, meine Herren!« sagte er, sich den Mund mit der Serviette wischend. »Jetzt bleibe ich mit meiner Tochter allein!« Die Herren standen gehorsam auf. Der Kalifornier schüttelte ihnen mit treuherzigem Ausdruck die Hände. »Also, Herr Doktor,« sagte er zu Glasberg, »wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, alles Gute!« Bei aller Biederkeit fielen die Worte wie ein Verbannungsedikt nieder. Herr Fenn hätte ebensogut sagen können: Scheren Sie sich zum Teufel! Glasberg verneigte sich höflich und sagte, übrigens ohne besondere Betonung. »Auf Wiedersehen!« Selbst vor Renate machte er nur eine förmliche Verbeugung, und sie wagte nicht, ihm die Hand entgegen zustrecken. Draußen blieb Glasberg stehen und holte tief Atem. Er ließ die Luft langsam seinem Brustkasten entweichen, als machte er eine Yoghiübung, um sich zu sammeln. »Wo gehen wir hin, Wolf?« Holten hatte nicht die mindeste Lokalkenntnis. »Jenseits der Schloßteichbrücke soll es eine Art Tanzdiele geben!« entschied Glasberg schließlich. Es waren vielleicht Studentenerinnerungen, daß er mit Holten diese Art Lokale bevorzugte. »Kannst du jetzt wirklich, einen Tag nach dem – Ereignis, ein solches Lokal besuchen, Mario?« »Sei kein Spießer, Wolf! Man kann nirgendwo zurückgezogener leben als in einer Tanzdiele.« Sie gingen über den Paradeplatz und dann längs des Wassers. Rings bauten sich die Lichter der Stadt in steigenden Terrassen auf. In einem Garten wurde ein Feuerwerk abgebrannt. Es stieg in den Nachthimmel und versank gleichzeitig im Wasserspiegel. Dazu spielten von drei Seiten Musikkapellen. Über dem Teich verbissen sich die Töne ineinander, suchten sich zu überschreien, warfen mißtönende Echos auf. »Das gefällt mir!« sagte Glasberg. Holten fühlte, wie Marios Schritt geschmeidiger wurde und sein Kopf sich allmählich hob. Sie traten in ein Tanzlokal, fanden eine leere Ecke mit Korbsesseln, bestellten Champagner. »Sieh, hier sitzen die Leute bei offenem Wein. Glückliche Provinz!« Holten dachte: Ob er heute tanzen wird? Aber Glasberg tanzte nicht. Er mokierte sich über die tanzenden Paare. Dann aber winkte er auf einmal zwei Mädchen heran und füllte ihnen mehrmals hintereinander die Gläser, stürzte selbst noch einen Mokka hinunter, überschlug sich in zynischen Bemerkungen, daß die Mädchen jedesmal herausplatzten. Dabei wurde sein Gesicht immer finsterer. Es war, als hätte er sich eine Maske vorgebunden. Wohin soll dies führen! dachte Holten ängstlich. Vielleicht nimmt er im nächsten Augenblick einen Revolver und erschießt sich. Mit einemmal aber schickte Glasberg die Mädchen mit einer brüsken Bewegung fort. »Weg! Laßt uns allein!« herrschte er sie an und warf jeder einen Geldschein zu. Er wischte sich mit der Hand über die Stirn, die feucht war. »Das ist ja alles Unsinn!« sagte er. Holten sah ihn scharf an. »Du hattest mich sprechen wollen, Mario?« Ihm fiel dabei ein, daß sie bei dieser Zusammenkunft nicht im mindesten mehr jenen heiter kameradschaftlichen Ton anwandten, den sie sonst zwischen sich aufrechtzuerhalten suchten. Schon seit der Begrüßung am Bahnhof war es, als hätten sie ihre Masken fallen lassen. »Dich sprechen? Ach ja, so!« fing Glasberg an und fuhr sich wieder mit der Hand über die Stirn, als müßte er die Schweißtropfen einer großen Anstrengung fortwischen. »Findest du nicht auch, daß man lieber Schwedenpunsch trinken sollte?« Er winkte dem Kellner und bestellte. »Ist das alles, was du mir sagen wolltest?« fiel Holten ihn an. Glasberg hob erstaunt den Kopf. »Nein, natürlich nicht! Du wirst also Margis bei diesem Mordprozeß verteidigen?« Holten nickte. »Dann wirst du ihn also morgen aufsuchen, nicht wahr? Höre, er hat da in Klein-Klank zwei Bilder gemalt. Zwei unerhörte Bilder. Ich mag seine Sachen sonst nicht. Aber diese Bilder sind erstklassig.« Er beschrieb sie ausführlich, wurde warm und fast ruhig dabei. Vielleicht sprach er nur von den Bildern, um von Maria Fenn sprechen zu können. »Ich will diese beiden Bilder haben, hörst du, Wolf? Wirst du es Margis sagen? Wenigstens das eine Bild, das Porträt Marias, muß ich auf alle Fälle haben. Ich habe in meinem Arbeitszimmer noch eine leere Stelle an der Wand.« Holten zuckte zusammen. Mit allen Farben und dem roten Rahmen aus gehämmertem Kupfer stieg Susettes Bild vor ihm auf. Er sah ihr kobaltblaues Gewand und das gelöste Haar und das Hinsinken der edlen Gestalt. – Mein Gott! dachte er, dort will er auch das Bild der Frau Fenn hinhängen, um seine Opfer beisammen zu haben! »Ich weiß von dem Bild,« sagte er, »und will es Margis ausrichten.« »Der Preis spielt keine Rolle, verstehst du? Das Bild ist wundervoll. Es wird einmal einen großen Wert haben. Und ich möchte bei dieser Gelegenheit gleich Margis' Familie unterstützen. Seine Frau muß jetzt Geld in die Hände bekommen.« »Sehr edel!« höhnte Holten. Glasberg warf ihm einen fragenden Blick zu. »Weißt du, wie ich das Bild rahmen würde?« fuhr Holten schnell fort. »Es müßte einen blutroten Rahmen aus gehämmertem Kupfer haben!« Da war es heraus! Glasberg starrte ihn entsetzt an. »Was weißt du?« entfuhr es ihm. »Alles!« antwortete Holten kühl. Er erwartete, daß in diesem Augenblick mindestens die Decke einstürzen würde. Aber Glasberg lehnte sich ruhig in seinen Sessel zurück, er war nur kreideweiß, als er langsam und leise sagte: »Es ist gut, daß du alles weißt. Ich wollte es dir heute sagen.« Das Schweigen, das diesen Worten folgte, war entsetzlich. »Weißt du wirklich alles?« fragte Glasberg nach einer Weile. Holten nickte. »Ich kenne auch das Bild Susettes über deinem Schreibtisch. Du hast recht: Das Bild von Maria Fenn muß daneben, und es muß gleichfalls unter einem schwarzen Vorhang aufgehängt werden.« »Du hast Susettes Abschiedsbrief aus dem Schreibtisch geholt?« Holten nickte. »Aber niemand kann beweisen, daß er gefälscht ist,« sagte Glasberg. »Du hast recht. Die Fälschung ist vollkommen. Du hast nur das eine vergessen, daß Susette in der Erregung einer Abschiedsstunde ganz anders geschrieben haben würde als in deinem Brief. Du hast ihre Handschrift genommen, wenn sie von Bällen schreibt, daß sie fad waren.« »Das genügt nicht als Beweis.« »Vielleicht nicht. Aber es genügt, daß Susette nicht an Veronalvergiftung gestorben ist, sondern –« »Sondern?« »An Arsen!« »Auch das weißt du!« »Ich weiß auch, daß du die Erde, in der sie ruhen sollte, auf ihren Arsengehalt untersucht und dein Arsentrioxyd danach bereitet hast. Und daß du alles in Bewegung setztest, um zu verhindern, daß Susette auf dem Neuen Kirchhof bestattet wurde, weil dir die Erde dort zu wenig Arsen enthielt. Glaubst du mir jetzt, daß ich alles weiß?« Glasberg verzog den Mund zu einem höhnischen Lächeln. »Ja, du weißt alles. Du hast, wie bereits auf dem Gymnasium, eine sehr fleißige und verwendbare Arbeit geliefert. Es ist nichts daran auszusetzen.« »Mario, warum sprichst du so? Ja, ich habe über ein Jahr daran gearbeitet, um dich zu überführen. Jetzt bin ich am Ziel.« »Ja, du hast das Ziel der Klasse erreicht.« »Mario, Mario! Um des Himmels willen, weshalb hast du das getan?« Glasbergs Blick wurde unruhig, wanderte in den Ecken des Saales umher. Es war genau wie in der Klasse, wenn er eine Antwort nicht wußte. »Ich weiß es nicht,« sagte er langsam. »Ich mußte es tun. Nichts hat mich dazu getrieben als ein unwiderstehlicher Drang. Wolf, ich habe dagegen angekämpft. Daß ich jetzt die Kraft verliere, das ist nicht eure Überlegenheit, sondern ich habe zuviel Kraft in dem Kampf gegen diesen Drang vergeudet. Das ist es! Ich hätte Maria Fenn vierzehn Tage früher vergiften sollen. Dann hättet ihr mich nicht bekommen.« Er ließ seinen Kopf auf die Brust sinken, als ob er schliefe. Auf einmal fing er an zu sprechen, ganz leise zuerst, daß Holten sich zu ihm hinüberbeugen mußte. Es war, als spräche er unverständliches Zeug; erst allmählich konnte Holten alles verstehen. Aber es ging in so rasender Eile vorüber, daß er nicht wußte, ob nicht alles ein Traum war. Mario erzählte von Susette, von ihrem ersten Zusammentreffen, den Spaziergängen auf der nächtlichen Chaussee an den Wiesen, den Stelldicheins bei der alten Gladen im Park, von der überstürzten gemeinsamen Flucht nach England und der Trauung dort. Er schilderte, wie allmählich der furchtbare und seltsame Zerstörungswille in ihm wach wurde, wie er zuerst diese Stimme nicht verstand und von seinen Händen überrascht war, wenn sie sich um Susettes Hals klammerten. »Du ermordest mich ja!« hatte Susette einmal lachend und überglücklich ausgerufen. Dieses Wort hatte ihm alles erklärt. »Wolf, ich schwöre es dir mit heiligen Eiden: Es war Liebe, übergewaltige Liebe! Du ahnst nicht, wie ich Susette geliebt habe! Ich konnte es nicht ertragen, daß sich die Vergänglichkeit und das Alter an diesen Leib heranmachen würden. Ich mußte ihn zerstören, um ihn zu bewahren. Du weißt nicht, was mir von meiner Familie dafür geboten wurde, daß ich mich von Susette trennte. Der Konzern, der berühmte Glasbergkonzern, war damals dicht am Zusammenbruch. Es weiß fast kein Mensch davon, daß wir damals dicht am Abgrund standen. Es war die bekannte kritische Zeit für die großen Trusts. Alles hing damals davon ab, daß das Langenohrer Hüttenwerk uns angegliedert wurde. Käte Lenninghaus liebte mich. Ich habe alle Angebote und Verlockungen von mir gewiesen. Ja, sie haben den Tod Susettes um ein halbes Jahr hinausgeschoben. Aber – als dann das eintrat, was diesen geliebten Körper zu entstellen drohte, da – geschah es. Wolf, sie hatte einen wundervollen Tod. ›Deshalb gehe ich. da noch alle Tafeln besetzt sind!‹ Es war ja die Wahrheit! Sie hätte es jeden Augenblick hingeschrieben, wenn ich es verlangt hätte.« Er schwieg lange, und Holten wagte ihn nicht zu unterbrechen. Mario fuhr fort: »Vielleicht hältst du das alles für Unsinn. Du kannst denken, daß die Angebote meines Vaters, falls ich mich von Susette trennte, doch schließlich auf mich eingewirkt haben. Aber ich glaube, Wolf, ich hoffe jedenfalls, daß das nicht der Fall war. Ich will dir auch gestehen, daß ich wohl fühlte, daß Susette nicht mehr lange bei mir bleiben würde. Ich fühlte das ganz genau. Noch liebte sie mich; aber sie wollte zur Bühne zurück und eine große Karriere machen. Aber das war es auch nicht, was mich dazu trieb. Auch die Eifersucht auf den Prinzen Georg nicht. Nichts, nichts trieb mich als dieser unwiderstehliche Drang, sie zu vernichten.« Wie klar sah Mario Susettes Wesen! mußte Holten denken. Ihm fielen alle die harten Worte ein, die Gitta über ihre Schwester gesprochen hatte: »Sie hat Mario genommen, weil er ein Glasberg ist. Diese Liebesgeschichte war eine unerhörte Reklame für sie!« Das waren Gittas Worte gewesen. War es nun nicht um so tragischer, daß sie gerade an diesem Manne zerschellt war, mit dem ihre Laufbahn so glänzend begonnen hatte und den zu verraten sie vielleicht schon im Begriff stand? Hatte nicht aus Marios Vernichtungsdrang auch schon ein Wille zur Rache gesprochen? Aber er wagte Marios Erzählung nicht zu unterbrechen. »Als es dann geschehen war,« fuhr Mario fort, »habe ich Käte Lenninghaus geheiratet. Nicht meiner Familie wegen, sondern weil ich fühlte, daß diese Frau mir gänzlich ungefährlich war. Eigentlich entblößte ich mich durch diese Heirat. Ich dachte, daß ihr nun merken würdet, was Susette in den Tod getrieben hatte. Die Heirat mit meiner zweiten Frau war Angst vor meiner todbringenden Liebe, war Flucht vor der Schönheit. Aber ihr habt nichts gemerkt. Weil ihr schlechte Psychologen seid!« »Und Maria Fenn?« »Es war das gleiche wie bei Susette. Ich konnte der Schönheit doch nicht entfliehen. Ja, Wolf, ich habe auch diese Frau geliebt, und ich habe es monatelang gefühlt, daß meine Liebe auch ihr den Tod bringen würde.« »So ist Maria Fenn »der Schatten der Susette«,« sagte Holten in Gedanken und erinnerte sich jenes Gesprächs, da Gitta sich als den »Schatten der Susette« bezeichnet hatte. Nein, Gitta war es nicht! Sie war etwas ganz Neues, Unmittelbares, stand in niemandes Schatten. Maria Fenn mit dem dunklen Haarknoten im Nacken war der toten Lichtgestalt Susettes als Schatten gefolgt. Nicht Gitta, seine Gitta! »Wieso ›Schatten der Susette‹?« fragte Glasberg, verstand aber den Zusammenhang im nächsten Augenblick. »Ach so, ja, natürlich!« »Aber wie ist es möglich, daß du während der Tat hier in Königsberg warst? Du bist hier im Hotel genau zur Zeit der Mordtat gesehen worden! Wie ist das möglich?« Mario sah Holten mit einem fast flehenden Blick an. »Verstehst du nicht,« sagte er dann langsam und eindringlich, »weshalb ich dir alles gesagt habe? Wolf, es ist furchtbar, so zu leben, wie ich leben muß! Wolf, es ist furchtbar!« wiederholte er mit erhöhter Stimme. »Du sollst mich überführen, sollst mich dem Henker ausliefern, sollst diese Bestie in mir totschlagen lassen! Wolf, laß mich doch totschlagen! Ich verlange ja nichts sehnlicher!« Wolf konnte nicht anders, als leise seine Hand berühren. Dann gab er sich einen Ruck. »Wie konntest du hier sein und draußen morden?« fragte er. Glasberg neigte den Kopf hernieder. »Das ist es!« sagte er. »Das ist es! Ich wage es euch nicht zu sagen. Mein Lebenswille, mein Selbsterhaltungstrieb springt dagegen an. Wenn ich dir das sage, habe ich mich in deine Hand gegeben. Ich kann, kann, kann es nicht sagen. Es will mir nicht über die Lippen. Wolf, hilf mir doch! Wolf, überführe mich! Ich will dir unter dem Beil des Henkers danken! Aber ich kann es dir nicht sagen! Ich kann nicht!« Er schloß die Augen und zog seine Hand von Holten zurück. Saß da wie ein blasierter Herr, dem das primitive Tanzlokal wenig Freude machte. Wolf van Holten wußte nur, daß sein Kopf ihn schmerzte, als ob er auseinanderfallen wollte. Gedanken, Entschlüsse durchfuhren ihn krampfhaft, hoben sich auf, bäumten sich hoch, stürzten zusammen. Er bemerkte, daß Glasberg ihn nicht anzusehen wagte. Er betrachtete Glasbergs weiße Hand, die müde und ergeben auf der Lehne des Korbsessels lag. Das Getöse des Lokals schloß sie beide wie in einer isolierten Zelle ein. Der Mann an der Jazzband tobte wie ein Affe. Konfettischlangen zischten durch die Luft, ein durchdringender Geruch von erhitzten Körpern schlug sich auf die Nerven. Das alles wurde Holten wie durch eine gläserne Wand gewahr. Eigentlich – er stellte es mit Verwunderung fest – hatte er nur den einen Wunsch: schlafenzugehen. Weshalb saß er hier so lange mit Mario in dem blöden Lokal? Er hatte in der letzten Nacht kaum geruht. Komm, wir wollen gehen! hätte er am liebsten gesagt und dem Kellner zum Zahlen gewinkt. Auf einmal sah er den Geschäftsführer im Gehrock durch den Saal gehen. »Geschäftsführer!« rief er. »Holen Sie die Polizei! Hier ist der Mörder von St. Lüne!« Hatte er das wirklich gerufen? Der Mann im Gehrock drehte sich herum. »Polizei! Polizei! Dies ist der Mörder!« Kam seine Stimme gegen den Lärm nicht auf? Nur an den nächsten Tischen sah man gespannt herüber. Einige lachten. »Bitte, meine Herren!« sagte der Geschäftsführer. »Erregen Sie kein Aufsehen!« »Entschuldigen Sie!« sagte Mario Glasberg mit vollkommener Ruhe. Auf einmal hatte er wieder sein fröhlich-offenes Knabengesicht. »Wir haben zuviel getrunken. Ober, zahlen!« In wenigen Minuten standen sie draußen. Mario steckte sich eine Zigarette an. »Du bist ein Dilettant, lieber Wolf,« sagte er heiter. »Verzeihe den psychologischen Exkurs! Wenn man hier im Hotel ist, kann man natürlich nicht draußen in Klein-Klank eine schöne Frau ermorden. Und mit dem anderen ist es ähnlich. Aber so ungefähr könnte man sich die Sache vorstellen, wenn man Phantasie hat. Nicht wahr?« Damit kehrte er sich schroff um und ging mit langen Schritten davon. Holten sah ihm nach. Was ist das für ein Mensch! dachte er. 23 »Das war alles wahr, was er dir sagtet« »Ja, Gitta, jedes Wort war wahr!« Er hatte noch, wie er versprochen, in der Nacht an ihrem Zimmer angeklopft und sie wach gefunden. Sie mußten ganz leise sprechen, um nicht gehört zu werden. »Und glaubst du wirklich, daß er, wie er sagte, nichts sehnlicher verlangt, als dem Henker ausgeliefert zu werden!?« Sie nickte. »Auch das ist wahr! Jedes Wort ist wahr, das er zu dir sagte.« »Ich werde ihn überführen!« »Tu das, Wolf! Ja, tu es! Aber habe ich nicht recht gehabt, wenn er mir unendlich leid tat? Ach, Wolf, ich möchte den Kopf in die Kissen vergraben und schreien, schreien, daß es so etwas im Leben gibt!« Am nächsten Tag – es war der Sonntag – war viel Arbeit zu leisten. Schon am frühen Morgen rief Holten den Untersuchungsrichter an und bekam die Erlaubnis, Margis im Untersuchungsgefängnis zu besuchen. Er überlegte, ob er dem Landgerichtsrat von Glasbergs Beichte erzählen sollte, unterließ es aber. Es brachte die Angelegenheit keinen Schritt vorwärts. Im Gegenteil, Dr. Wehmann konnte zu der Ansicht kommen, daß Glasberg ein sehr gutes Gewissen haben mußte, um so zu scherzen. Margis empfing ihn mit heiterer Gelassenheit. »Wissen Sie, wovon alles seinen Ausgang genommen hat? Von dem Bilde Glasbergs, das auf Ihrem Schreibtisch steht. Danach habe ich Glasberg erkannt und bin dann durch meine Fragen in diese Geschichte hineingekommen. Glasberg hätte mich bestimmt nicht wieder aufgesucht, wenn ich nicht ein Bekannter von Ihnen gewesen wäre. Jetzt hatte er Furcht, daß ich Ihnen seinen hiesigen Aufenthalt mitteilte. Sie konnten ihn hier beobachten lassen und seine Absichten empfindlich stören. Gleichzeitig merkte er, daß ich Interesse für die Damen Fenn hatte, und faßte den Plan, mich als mutmaßlichen Mörder vorzuschieben. Geschickt, sehr geschickt hat er das gemacht!« Beide zusammen konstruierten den Hergang, wie er sich abgespielt haben konnte, wobei sie als selbstverständlich voraussetzten, daß Glasberg in Klein-Klank und nicht in Königsberg gewesen war. Natürlich hatte er Maria Fenn vergiften wollen. In den Vorbereitungen dazu, wahrscheinlich unmittelbar vor der Tat, hatte ihn der Schrei Renates bei Margis' Anblick gestört. Im nächsten Augenblick hörte Glasberg Türen schlagen und das junge Mädchen durch das Haus stürmen. Da hatte er den Dolch genommen, seine Hand schnell, wegen der Fingerabdrücke, mit einem Tuch umwickelt, hatte zugestoßen und war durch das Fenster gesprungen. Vielleicht hatte er sogar, als er um die Ecke bog, Margis im Mondlicht stehen sehen. Die Sache lag für ihn so günstig, wie er sie sich besser nicht wünschen konnte. Für alle Fälle war er zum »Versteck« des Malers gelaufen und hatte dort den Dolch niedergelegt. Es war alles klar. Nur wie er gleichzeitig in Königsberg sein konnte – das blieb das große Rätsel. Hatte er einen Doppelgänger zur Hand? Glasbergs Chauffeur war bereits vernommen worden. Der Untersuchungsrichter hatte Margis das Protokoll vorgelesen. Am Mittwoch abend war Glasberg mit dem Wagen nach Königsberg gefahren und mit einem durchgebrannten Vergaser am Donnerstag früh zurückgekommen. Der Chauffeur war während dieser Nacht in Serbenitz geblieben. Da der Wagen entzwei war, ließ sich Glasberg am Donnerstag abend ein Mietauto aus Königsberg kommen. Mit demselben Mietauto kam er auch gegen sieben Uhr früh aus Königsberg zurück. Wegen des schönen Wetters und weil der Weg nach Serbenitz zu sandig war, war Glasberg bereits im Wald ausgestiegen und hatte den kurzen Weg zum Gut zu Fuß zurückgelegt. »Wenn man den Chauffeur dieses Mietautos ausfindig machen könnte!« sagte Holten. »Aber das ist ja das schlimme!« fuhr Margis fort. »Auch dieser Chauffeur ist bereits vernommen worden. Glasberg hatte sich zufällig die Nummer gemerkt. Dessen Aussage stimmt genau mit den Aussagen Glasbergs und seines eigenen Chauffeurs überein. Der Mann hat sich sogar noch mit dem Hotelportier über Glasberg unterhalten, da er ihn doch am nächsten Morgen wieder abholen sollte. Es stimmt alles! Am Freitag früh war Renate zu Fuß nach Serbenitz gestürmt, um Glasberg die Ermordung ihrer Mutter mitzuteilen. Sie lief geradeswegs in Glasbergs Zimmer und fand ihn, wie er sich gerade umgezogen hatte. Seine Autokappe und der helle Staubmantel lagen noch auf dem Stuhl. Und diese Kleidungsstücke haben auch wieder der Chauffeur des Mietautos und der Hotelportier beschrieben. Glasbergs Chauffeur aber hatte sein Auto inzwischen repariert. Glasberg konnte es sofort dem Untersuchungsrichter zur Verfügung stellen. Die Mordkommission traf ja bereits gegen halb zehn in Klein-Klank ein. Ich selbst war bereits gegen acht umstellt.« »Alles höchst sonderbar!« »Wissen Sie, Holten, ich glaube doch immer noch, daß Glasberg es vielleicht nicht war. Kann man denn wirklich alle Möglichkeiten überschauen? Kann nicht ein Strolch einige Stunden vorher in das Haus eingedrungen sein und Maria Fenn ermordet haben? Kann er nicht zufällig den Dolch in meinem Versteck abgeworfen haben? Vielleicht war es ein Mann aus dem Dorf, der von meinem Lagerplatz wußte und die Waffe dort versteckte, um den Verdacht gleich auf mich zu wälzen. Es gibt ja immer so viele Möglichkeiten, an die man gar nicht denkt. Glauben Sie, Holten, daß ich wirklich in ernster Gefahr schwebe? Es will mir noch immer nicht einleuchten.« Holten zuckte die Achseln. Wenn er sich in die Lage des Untersuchungsrichters hineindachte, war da nicht einmal von einer Eventualität Margis oder Glasberg die Rede. Glasberg kam überhaupt nicht als Täter in Betracht, während sämtliche Verdachtsmomente sich gegen Margis wendeten. Auch die Kurgäste jenes Gasthauses an der Schlucht hatten ausgesagt, daß er einen verstörten und unheimlichen Eindruck gemacht habe, als er sich noch spät nach dem Waldweg nach Klein-Klank erkundigte. Es stimmte auch zeitlich alles zusammen: sein Aufenthalt in dem Gasthaus, sein Auftauchen an der Mordstelle, seine Rückkehr in das Strandhotel. Selbst die Abschiedsbriefe, die er an Maria Fenn und Glasberg geschrieben hatte, fielen ihm zur Last. Man konnte annehmen, daß er noch rechtzeitig abreisen wollte, ehe der Verdacht sich auf ihn richtete. Und wahrscheinlich wäre es auch so gewesen, wenn ihn Renate nicht im Park gesehen hätte. Holten bewunderte Margis' Haltung, der nicht im geringsten verzweifelte, sondern seine heitere Gelassenheit beibehielt. »Nun, in einigen Wochen werden wir uns wiedersehen!« sagte Holten und verabschiedete sich. Am Nachmittag konferierte er mit einem Königsberger Rechtsanwalt, Herrn Dr. Immanuel Hohn, dem er die Sache zur Fortführung an Ort und Stelle übergab. Es war ein noch junger Mensch, der die Angelegenheit mit Eifer in die Hand nahm, obwohl »der große Kollege aus Berlin« ihm bei diesem Prozeß »die Rosinen wegschnappen« würde, wie er sich ausdrückte. Mehr war im Augenblick nicht zu tun. Eine Abschrift der wichtigen Protokolle wollte der junge Kollege ihm nach Berlin schicken. Am Abend reiste Wolf mit Gitta ab. Es war seltsam, wie seit dieser Reise der Sommer mit großen Stößen zu Ende ging. Es regnete mehrere Wochen lang. Die Blätter an den Bäumen wurden gelb, und wieder einige Wochen später wirbelten sie zur Erde. Die Menschen waren längst aus ihren Sommerfrischen zurückgekehrt, gingen wieder in Theater und Konzerte und auf Bälle. Die Erinnerungen des Sommers verwehten. Holten wartete anfangs von Tag zu Tag, daß ihm aus Königsberg eine wichtige Neuigkeit mitgeteilt würde, aber nichts ereignete sich. Andere Prozesse nahmen ihn in Anspruch. Es gab Tage, an denen er nicht an Glasberg und Margis gedacht hatte. Er ließ Mario durch ein Detektivbureau überwachen, obwohl er sich nicht viel davon versprach. Mario wohnte in der Dahlemer Villa, fuhr am Morgen in die Fabrik und kehrte am späten Nachmittag nach Hause zurück. Nichts schien den gleichmäßigen Ablauf seines Lebens zu unterbrechen. Einmal traf Holten Glasberg und seine Frau im Theater. Die Herren grüßten sich mit distanzierter Höflichkeit. Käte Lenninghaus sah eisig über Holten hinweg. Gitta traf er nur selten. Sie spielte an jedem Abend neben einer berühmten Schauspielerin, der sie die Stichworte hinzureichen hatte. »Gitta Alsen« wurde kaum von jemand beachtet, obwohl sie außergewöhnlich bezaubernd aussah. Aber sie ließ sich nicht mit Geparden oder geliehenen Pelzmänteln oder eine Markenzigarette rauchend für die illustrierten Zeitungen photographieren. Man sprach nicht von ihr. An manchen Nachmittagen trafen sie sich in der Konditorei am Kurfürstendamm, wo sie sich zum erstenmal begegnet waren. Gewöhnlich saßen sie dann in einer verborgenen Ecke und scheuten die Aufmerksamkeit der Menschen. Es war schon im Oktober, als sie wieder einmal zusammensaßen, um den letzten Brief des Königsberger Anwalts durchzusprechen, der sich mit dem Zeugenaufgebot für die bevorstehende Schwurgerichtsverhandlung beschäftigte. Von Seiten der Staatsanwaltschaft und des Gerichtshofes stand lediglich die Person Margis' zur Diskussion. Von einer Belastung Glasbergs war keine Rede, wie sie ja vorausgesehen hatten. Glasberg selbst sollte lediglich als Zeuge gegen Margis geladen werden. Die beiden Chauffeure und der Portier des Hotels waren ebensowenig vorgesehen. Man schien sich damit zu begnügen, die protokollarischen Aussagen gegebenenfalls vorweisen zu können. Die Verteidigung Margis', schrieb der Rechtsanwalt, müsse zwei Aufgaben ins Auge fassen. Zunächst galt es, Margis' Charakter, sein jeder Gewalttätigkeit abgeneigtes Wesen, seinen guten Ruf, seine glückliche Ehe ins rechte Licht zu rücken. Man stünde Margis im übrigen nicht unfreundlich gegenüber. Sein Verhalten im Gefängnis machte den denkbar günstigsten Eindruck. Dr. Hohn meinte, daß Margis vielleicht auch, »ohne daß sich etwas Neues ereignete,« aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden könnte. Es käme eben auf die Zusammensetzung der Geschworenen an. Die zweite Aufgabe wäre die Belastung Glasbergs. Mehr würde man ja auf keinen Fall erreichen, als daß ein Verfahren gegen Glasberg eröffnet würde. Aber man könnte doch Verdachtsmomente häufen. Dr. Hohn schlug vor, aus Königsberg den Portier und den Chauffeur des Mietautos als Entlastungszeugen zu laden. Alles übrige könne er wohl getrost seinem »großen Kollegen aus Berlin« überlassen. Holten und Gitta beratschlagten, wen sie als Zeugen anführen wollten. »Mama und mich,« sagte Gitta. Holten war gegen Frau Agathe. Aber vielleicht sollte man Marios Diener laden, der über das Leben und Treiben in der Dachwohnung und über jenes Bild Susettes Auskunft geben könnte. Und ferner mußte man natürlich ein schriftliches und formelles Gutachten des Schriftsachverständigen Makel vorlegen. Später würde Herr Kunkel dann wohl seine gegenteilige Ansicht äußern, aber die Sache war wenigstens in Fluß gebracht. »Schau unauffällig etwas nach rechts!« flüsterte Gitta Wolf in diesem Augenblick zu. Durch den Raum ging langsam, mit suchenden Blicken, eine dunkle Pelzkappe auf dem blonden Haar, die Knabenfigur in einen weiten Sealmantel gehüllt, Renate Fenn und verschwand auf der Treppe. »Hast du gesehen?« Holten nickte. »Mit wem hat sie sich hier verabredet? Mit ihrem Vater oder mit Mario?« »Wir wollen aufpassen!« Sie blieben mit gesenkten Köpfen sitzen. Nach einer Weile kam Mario Glasberg durch den Raum und ging hinten die Treppe in die Höhe. »Sie treffen sich hinter dem Rücken des Kaliforniers.« Gitta nickte. »Ist Herr Fenn denn in Berlin?« Nein! Holten hatte Nachricht, daß Herr Fenn mit seiner Tochter in Klein-Klank wohnte. Herr Dr. Hohn hatte ihm geschrieben, daß der unternehmungslustige Mann eine Reihe Maschinen, einen Zuchtbullen und verschiedenes andere angeschafft hatte, um aus Klein-Klank einen Musterbetrieb zu machen. Es hieß sogar, daß er elektrische Ströme durch die Erde jage, um die Ertragsfähigkeit des Bodens zu heben. »Und derweil trifft sich Renate mit Mario in Berlin.« »Sie hat wohl nur mit ihrem Vater eine kleine Reise gemacht.« »Weißt du, Gitta, daß es sehr wichtig ist, daß wir die beiden gesehen haben? Renate ist doch schließlich die Hauptbelastungszeugin. Wenn man nachweisen kann, daß sie alles Interesse hat, die Schuld von Glasberg fort auf jemand anders zu wälzen, würde das sicher Eindruck machen.« Aber Gitta schüttelte den Kopf. »Das sind alles nur Kleinigkeiten, Wolf. Wenn nicht ein großer Schlag geführt werden kann, ist es umsonst.« Immerhin notierte er sich die Stunde dieser Begegnung. Währenddessen saß Margis im Gefängnis und hatte seltsame innere Erlebnisse. Fast wünschte er, daß diese Zeit nie ein Ende nähme. Er vergaß nicht, daß in Wochen und Monaten ein Tag furchtbarer Erregung und Angst kommen würde: die Schwurgerichtsverhandlung. Aber er schob die Gedanken daran fort, lebte still sich und seinen Gedanken. Viel dachte er an Luisa und die Kinder. Wenn er noch einmal aus diesen Mauern herauskam, sollte das ein ganz neues und anders geartetes Leben werden. Und auch seine Arbeiten würden fortan einen anderen Charakter tragen. Man schuf zuviel aus der Tradition heraus, überlegte er sich, ohne Verbindung mit dem Leben. Porträt, Landschaft – das waren feststehende Formen, die man mehr oder minder gut ausfüllte. Aber darauf kam es gar nicht an. Wenn man einen Menschen malen wollte, dann durfte man an keines aller bisherigen und vorhandenen Porträts denken, sondern man mußte die Welt dieses Menschen malen, eben weil man ihn malen wollte. Auch die Art des Bildes mußte ganz neu und von innen heraus erschaffen werden. Nur so entstanden die großen Werke, die ewig jung blieben. Die Bilder, die ein ganzes Zeitalter in sich bargen. Das Doppelbildnis von Maria und Renate war nur ein Anfang. Jetzt schon hätte er es ganz anders gemalt. Aber die richtige Form war darin erfühlt, der Vorstoß in das Gedankliche schon geleistet. »Mutter und Tochter,« kein stoffliches Motiv mehr, sondern schon Form, die Form, die Madonnenform der Zeit. Er genoß es, unendlich lange bei seinen Grübeleien verweilen zu können. Wie karg war einem im Leben draußen die Zeit bemessen! Hier lag die unübersehbare Weite von Wochen und Monaten vor ihm. Immer noch zuviel Unterbrechung gab es für ihn: die Mahlzeiten, die Besuche des Geistlichen, den Rundgang in dem kahlen Hof und immer wieder Vernehmungen und Gegenüberstellungen. Am liebsten hätte er still für sich auf der Pritsche gelegen und die Gedanken wandern lassen. Wie seltsam ist es! mußte er oft denken. Da sitze ich hier seit vielen Wochen und kehre mein Inneres um und um und meine, daß ich ganz deutlich sehen müßte. Und drüben, nicht weit von hier, sitzen Männer an Schreibtischen und kehren in den Akten mein Leben um und um, und doch ist keine Brücke und keine Verbindung von dieser Zelle zu diesen Akten. Weshalb sieht man nicht, daß ich völlig unschuldig an dieser Mordtat bin? Wenn ich schuldig wäre, würde ich es doch längst gestanden haben! Dann aber malte er es sich aus, daß er den Mord begangen hätte. Würde er ihn wirklich gestehen? Und plötzlich kam ein großes Erschrecken über ihn. Ich weiß nicht, ob ich ihn gestehen würde. Ich weiß es wirklich nicht! Ich würde ihn gestehen wollen. Ganz starke Kräfte in mir würden mich treiben, ihn zu gestehen. Ich würde mich danach sehnen, zu bekennen. Bis dicht an die Oberfläche würde ich erfüllt sein von der Sehnsucht, alles einzugestehen. Und dennoch – über die Oberfläche hinaus würde ich es wahrscheinlich nie gelangen lassen. Etwas in mir würde schreien: Helft mir doch! Ich will ja gestehen, ich kann es nur noch nicht! Aber ich würde mich dennoch genau so halten wie jetzt, würde fast dieselben Briefe schreiben, die gleiche Ruhe bewahren. Ja, das würde ich! Und die Richter wissen nicht, ob sie dem innersten Drang eines Verbrechers entgegenkommen, wenn sie ihm die Daumenschrauben des Kreuzverhörs anlegen, oder ob sie einen Unschuldigen martern. Nie wissen sie es und können es nie wissen. Als der Tag der Schwurgerichtsverhandlung angesetzt wurde, war es mit seiner Ruhe vorbei. Er bemühte sich, den näherkommenden Termin zu vergessen. Er sagte sich, daß noch drei lange Wochen dazwischen lagen, aber die Zeit begann ihm zur Qual zu werden. Er ging stundenlang in seiner Zelle auf und ab. Er versuchte, spannende Kriminalgeschichten zu lesen, sah aber überall quälende Beziehungen zu seiner eigenen Lage. Er zählte die Seiten der Bibel durch, die er in der Schublade gefunden hatte. Manchmal zählte er sinnlose Zahlenreihen vorwärts, nur um die Minuten zu erwürgen. Am Ende der ersten Woche fing er an zu toben. Er riß die Pritsche herunter, zerfetzte die Matratze, trommelte mit den Fäusten auf den Tisch, brüllte. Zwei Wärter bändigten ihn. Nach diesem Tag wurde er wieder still und ergeben. Es kamen Stunden furchtbarer Todesangst. Er sah sich von den Henkern unter das Beil gezerrt, hörte das Schwirren des Eisens. Aber er tobte nicht mehr. Hatte er es nicht am ersten Tag, als er hier eingeliefert wurde, vorausgesehen, daß solche Stunden und Tage und Wochen der Qual und Erniedrigung und Erbärmlichkeit kommen würden? Gehörte das nicht zu der Läuterung, die ihm auferlegt war und die er mit klarer Kraft und heiligem Bewußtsein gebilligt hatte? Diese Vorstellung tröstete ihn. Aber sie durfte von seinen Qualen auch wieder nichts fortnehmen, denn sonst drückte er sich ja um das Schicksal herum, das ihm zugemessen war. Er schüttelte den Kopf vor Verwunderung über die Verworrenheit des Lebens. Am Ende der zweiten Woche kam plötzlich Wolf van Holten zu ihm. »Freuen Sie sich, Margis!« rief er, noch ganz erregt. »Ich habe eine Entdeckung gemacht, eine ganz fabelhafte Entdeckung, die alles aufklärt. Sie sind gerettet! Daß wir nicht gleich darauf verfielen! Die Sache ist doch so einfach!« Holten hatte entdeckt, wie man in Königsberg sein und zu gleicher Zeit in Klein-Klank morden konnte. Er berichtete mit fliegenden Worten. Er hatte sich noch einmal nach Königsberg begeben, um sich für die Hauptverhandlung alle Daten und Details ins Bewußtsein zu rufen. Wieder war er im selben Hotel abgestiegen. Merkwürdigerweise – er wußte selbst nicht, wie er dazu kam – hatte er diesmal Glasbergs Bild eingesteckt. Als er ins Hotel kam, fragte er, nur zur Sicherheit, noch einmal den Portier genau nach den näheren Umständen von Glasbergs Besuch. Der Portier konnte sich nicht mehr recht genau auf die Wochentage besinnen und sah in den Anmeldungen nach. »Zeigen Sie mir doch einmal das Formular her!« bat Holten. Beim ersten Blick wurde ihm klar, daß die Schrift nicht von Mario Glasberg herrühren konnte. Wie ein Faustschlag hatte ihn die Erkenntnis getroffen, aber er bemühte sich nichts merken zu lassen. »Sie sind als Zeuge geladen worden, nicht wahr? Bringen Sie, bitte, bestimmt dieses Formular mit! Es ist von allerhöchster Wichtigkeit. Und schweigen Sie gegen jedermann darüber!« Dann wies er dem Mann Glasbergs Photographie vor und fragte wie beiläufig: »Kennen Sie übrigens diesen Herrn?« Der Portier konnte sich nicht besinnen. »Ist dies vielleicht Herr Dr. Glasberg?« fragte er noch einmal. »Bestimmt nicht!« antwortete der Portier. Das gleiche wiederholte sich mit dem Chauffeur des Mietautos, den Holten mit vieler Mühe aufgestöbert hatte. Auch der Chauffeur konnte sich nicht entsinnen, das Bild zu kennen. »Herr Dr. Glasberg aus Serbenitz ist es jedenfalls nicht. Ich habe mir die Züge dieses Herrn ganz genau gemerkt. Denn einmal drehte ich während der Fahrt den Sucher an, um nach einem Wegweiser zu sehen. Herr Dr. Glasberg war ausgestiegen und wurde vom Schein des Suchers getroffen. Dabei sah ich mir sein Gesicht an. Der Herr auf diesem Bilde ist es nicht!« »Was sagen Sie nun, Margis?« »Die Sache ist viel zu einfach und wäre viel zu dumm eingefädelt, um stimmen zu können.« »Aber nein doch! Bedenken Sie, daß es nur durch einen ganz dummen Zufall herausgekommen ist. Hätten Sie mich nicht benachrichtigt und hätte ich nicht sofort eingegriffen, dann hätte nie jemand daran gedacht, an dem Alibi Glasbergs auch nur im geringsten zu zweifeln. Man hat ja nicht einmal vom Gericht aus den Portier und den Chauffeur als Zeugen geladen. Glasberg schaltete doch völlig aus.« »Weiß er denn, daß der Chauffeur und der Portier als Zeugen geladen sind?« »Um Gottes willen, nein! Er ahnt es nicht. Er weiß doch, daß er diesen Menschen niemals als Dr. Mario Glasberg begegnen darf. Wenn er zur Verhandlung käme und sähe diese Zeugen, er würde sofort davonrasen. Wir haben sie deshalb auch eine halbe Stunde früher als alle anderen geladen und lassen sie in ein besonderes Zimmer führen, um sie dann mitten in der Verhandlung herauszustellen. Das alles hat der Kollege Hohn von hier hervorragend arrangiert. Der Gerichtshof selbst ahnt nichts von dem Schlag, den wir beabsichtigen.« Margis holte tief Atem. »Das wäre –«, sagte er, »das wäre!« Er sah völlig klar, daß damit über den Ausgang des Prozesses entschieden war. Aber er mußte sich erst in die neue Lage hineinfinden. »O Gott, Luisa!« rief er aus. »Wer aber kann der Mann gewesen sein, der an Stelle Glasbergs nach Königsberg gefahren ist? Margis, das müssen Sie wissen! Sie haben Glasberg in dieser Gegend erlebt.« Aber Margis wußte es nicht. Vielleicht war es sogar Glasbergs Chauffeur selbst gewesen. »So müssen wir auch ihn als Zeugen benennen.« »Um Gottes willen, nein!« rief Holten wiederum. »Glasberg würde sofort wissen, worum es sich dreht, und ins Ausland fliehen.« Sie gingen noch einmal die Tatsachen durch. Holtens Entdeckung füllte die bestehenden Lücken aus. Wie war es gewesen? Jedesmal, wenn Glasberg nach Königsberg zu fahren vorgab, hatte er die Nacht in Klein-Klank verbracht. In der letzten Nacht wollte er ganz sicher gehen. Ihm genügte nicht der Portier des Hotels zum Nachweis seines Alibis, er wollte noch einen zweiten Zeugen haben. Daher bestellte er sich, unter dem Vorwand, daß sein Wagen entzwei war, ein Mietauto aus der Stadt und merkte sich genau die Nummer des Wagens. Das Mietauto fuhr vor, ein Herr stieg ein. Da Dr. Mario Glasberg aus Serbenitz den Wagen bestellt hatte, konnte der Chauffeur gar nicht auf den Gedanken kommen, daß es sich um eine andere Person handelte. Dieser Glasberg-Stellvertreter kommt morgens zurück. Da es heil ist und um diese Stunde auf einem Gutshof besonderes Leben herrscht, läßt er das Auto nicht vorfahren, sondern schickt es von der Chaussee aus zurück. Der Stellvertreter verschwindet, der richtige Glasberg kommt aus Klein-Klank angewandert und geht langsam auf sein Zimmer. Alle Leute können ihn sehen, wie er aus Königsberg zurückkommt. Der Chauffeur, dessen Nummer man sich gemerkt hat, ist Zeuge, daß er Herrn Dr. Glasberg an diesem Morgen aus Königsberg nach Serbenitz gefahren hat. Nun kommt Renate angelaufen, stürzt zu Glasberg hinauf, erfährt von den Dienstboten oder schon auf dem Hof, daß er soeben aus Königsberg zurückgekehrt ist. Sie sieht die Autokappe und den gelben Staubmantel, den sie kennt, noch auf dem Stuhl liegen. Der Stellvertreter hat sie ihm inzwischen übergeben, oder Glasberg besitzt ganz ähnliche Sachen. Vielleicht ist es auch wirklich der Chauffeur, der ja in der Kammer daneben wohnt. So ist es gewesen! Glasberg war vollkommen sicher, wenn es ihm gelang, eine persönliche Konfrontierung mit seinen Alibizeugen zu vermeiden, was schließlich nicht so überaus schwierig war, da ja der Verdacht sofort auf Margis fiel. »Hören Sie, Margis! Das ist jetzt für Sie eine hochwichtige Entscheidung. Aber schließlich kommen Sie nur aus einer Geschichte heraus, in die Sie durch einen Zufall hineingeraten sind. Aber für mich und Gitta bedeutet es einen Lebensabschnitt. Jetzt sind es bald zwei Jahre, daß wir an Glasbergs Entlarvung arbeiten. Endlich, endlich wird jetzt die ganze Sache aufgerollt werden! Sie ahnen nicht, wie es in mir aussieht!« »Was sagt Gitta dazu?« Holten biß sich auf die Lippen. »Ich weiß nicht, ob Sie es verstehen werden. Ich sage Gitta nichts von meiner Entdeckung. Ich weiß nicht, Gitta –« Er machte eine abwehrende Handbewegung. »Es ist etwas mit ihr anders geworden. Ich fürchte geradezu, daß sie Glasberg warnen würde. Nein, Gitta muß vor die vollendete Tatsache gestellt werden. Aber Ihrer Frau, Margis, sage ich morgen vormittag alles. Sie wird sich freuen!« »Das weiß Gott!« sagte Margis ernst und hatte Tränen im Auge. 24 Holten hatte Gitta wirklich nichts gesagt. »Wie wird es werden, Wolf?« fragte sie ihn, als sie sich am Zuge trafen, um nach Königsberg zu fahren. Er zuckte die Achseln. »Ich will alles versuchen. Ich werde noch einmal die ganze Geschichte aufrollen. Vielleicht wird Makels Gutachten wirken.« Dann sprachen sie nicht weiter davon. »Hast du dich leicht freimachen können?« fragte er. »Du spielst doch jeden Abend?« Es war gegangen. »Natürlich riskiere ich, daß meine Vertreterin es besser macht oder besser gefällt und mir das nächste Engagement fortschnappt. Aber das ist ja gleichgültig.« Er wunderte sich, daß es ihm so leicht gelang, seine freudige Erregung vor ihr zu verbergen. Aber im Grunde hatte er gar nichts zu verbergen. Ihm war, als führe er genau so, ganz ohne Waffen oder doch mit sehr unzureichenden, zu der Verhandlung, wie er es sie glauben machen wollte. Es kann nichts dazwischenkommen! machte er sich klar, aber er vermochte es selbst kaum zu glauben. Wenn Glasberg im letzten Augenblick nicht erschien oder wenn er den Chauffeur und den Portier bestochen hatte? Das war alles kaum möglich, aber doch hatte Holten nicht das Gefühl der unbedingten Sicherheit. Sollte Mario wirklich nicht damit rechnen, daß sein Alibibeweis zusammenbrach? Der Portier dienerte, als sie aus dem Auto stiegen. Hoffentlich spricht er nicht von morgen, dachte Holten, fürchtend, daß Gitta etwas erfahren könnte. Absichtlich hatte er nicht den Kollegen Hohn zu einer letzten Unterredung ins Hotel gebeten. Sie aßen ein wenig zur Nacht, schlenderten durch die Straßen. »Wollen wir nicht nachsehen, ob Mario im Hotel abgestiegen ist?« schlug Gitta vor. Er scheute sich vor einer Begegnung, Gitta aber übernahm es, hineinzugehen und den Portier zu fragen. Ja, Glasberg war bereits am Nachmittag mit dem Auto von Berlin gekommen und speiste gerade im Restaurant. »Wenn die gnädige Frau ihn sprechen wollen? Bitte sehr?« Der Mann öffnete die Tür. »Nein, nein!« sagte sie schnell und ging hinaus. Holten merkte ihr an, wie erregt sie war. Da sie noch nicht schlafen konnten, gingen sie in ein Kino. Nachher saßen sie in einem kleinen Café zusammen. »Meinst du, daß er etwas davon ahnt, daß du morgen gegen ihn sprechen wirst?« Er hielt es für gewiß. »Ich hätte ihn für mein Leben gern gesehen!« fuhr sie fort. »Hat er wieder sein offenes, heiteres Gesicht? Oder meinst du, daß er die scharfen Falten hat?« Er meinte, daß es Mario sicher nicht sehr wohl in seiner Haut war. »Ich halte es sogar für möglich, daß er mit dem Entschluß kämpft, ein volles Geständnis abzulegen. Vielleicht hat er es sich fest vorgenommen. Wenn Margis wirklich zum Tode verurteilt werden sollte, wird er vielleicht hervortreten und alles gestehen.« Sie schüttelte den Kopf. »Beinahe wird er es gestehen, beinahe! Aber schließlich wird er doch nichts sagen.« Er kam sich hinterhältig vor, daß er ihr nichts von seinem Vorhaben sagte. Aber er fürchtete, daß sie in der Nacht zu Mario laufen könne, um ihn zu warnen. »Weißt du,« sagte sie, »ich habe im Hotel das gleiche Zimmer wie damals. Obwohl es kalt ist, machte ich doch das Fenster auf, um noch einmal nachzusehen, ob man wirklich aus diesen unteren Zimmern auf die Straße gelangen könne. Man kann es bestimmt! Aber er war ja in derselben Stunde hier, in der der Mord geschah!« »Rege dich nicht auf, Gitta!« redete er ihr zu. »Wir müssen gut schlafen. Morgen ist ein schwerer Tag für uns.« Sie gingen in ihre Zimmer. Schliefen aber natürlich doch nicht, hörten die Glockenschläge von den Türmen bis zum Morgen. Eigentlich wollten sie wegen der schmutzigen Straßen mit einem Auto zum Landgericht fahren. Sie waren aber so zeitig mit Aufstehen und Frühstücken fertig und hatten so gar keine Lust, noch länger am Tisch zu sitzen, daß sie den Weg zu Fuß machten. Holten überzeugte sich, daß der Portier bereits vor ihnen weggegangen war. Sie kamen noch immer frühzeitig genug an. Vor der Tür des Gerichtsgebäudes stand bereits Glasbergs Wagen. Hoffentlich hat er nicht schon meine Zeugen gesehen! dachte Holten. Der Chauffeur saß nicht auf dem Bock. Offenbar war er mit hineingegangen. »Verzeih, Wolf,« sagte Gitta. »Ich möchte nicht mit dir zusammen hineingehen. Du bist der offizielle Verteidiger und ich bin Zeugin.« Holten machte ihr klar, daß sie lediglich Zeugin der Verteidigung wäre und, wenn überhaupt, so doch viel später aufgerufen werden würde. Sie sollte sich ruhig in den Zuschauerraum begeben und der Verhandlung von Anfang an beiwohnen. Er gab ihr die Karte für einen reservierten Platz. Sie traten schnell in die Tür, da in diesem Augenblick Herr Fenn und Renate angefahren kamen. Innen trennten sie sich. Holten ging in das Anwaltszimmer, um mit Dr. Hohn zu sprechen. Gitta stieg die Treppen zum Schwurgerichtssaal empor. Ihre Füße waren so schwer, daß sie alle Kraft zusammennehmen mußte. Ich werde bei der Verhandlung ohnmächtig werden! dachte sie. Im oberen Stock stauten sich schon die Menschen, standen in Gruppen zusammen. Gespräche erfüllten wie ein Bienenschwarm das Treppenhaus. Männer in schwarzen Talaren liefen hin und her. Türen öffneten sich und fielen wieder zu. Auf einmal hielt Gitta inne. Vor ihr, auf dem höheren Treppenabsatz, stand Mario Glasberg mit dem Untersuchungsrichter im Gespräch. Einige Schritte hinter Mario stand, kerzengerade und unbeweglich, sein Chauffeur. Die Herren verabschiedeten sich, schüttelten sich die Hände. Sie sah, daß Glasberg sein heiteroffenes Knabengesicht hatte. Es war, als ob er sich vergeblich bemühte, ernst auszusehen. Jetzt ging Mario die Treppe hinauf, neben ihm der Chauffeur. Gitta folgte ihnen, denn sie wollte nicht mit den Fenns zusammenstoßen, die sie fast schon erreicht hatten. Marios Kopf verschwand hinter der Decke des oberen Geschosses. Es ist komisch, dachte sie, wenn man nur die Füße eines Menschen gehen sieht! Sie sah Marios Füße die Stufen nehmen. Gerade so hatte sie ihn damals, in der Mordnacht, im Hotel die Treppe hinaufsteigen sehen. Plötzlich erbleichte sie. Sie mußte sich am Geländer anklammern. Das, das sind nicht die Füße, die ich damals gesehen habe, durchfuhr es sie. Aber daneben, dicht neben den Füßen Marios, gingen sie, nahmen die Stufen, in breiten, gelbledernen Stiefeln und etwas dunkleren Gamaschen. Genau so wie damals erfaßte sie die Bewegung der Gelenke. Es war nicht Mario, es war der Chauffeur! schrie es in ihr auf. Sie wunderte sich, daß sie es nicht hinausschrie. Der Chauffeur ist in Königsberg gewesen, während Mario draußen Frau Fenn ermordete! »Aber, kleines Fräulein!« hörte sie die Stimme des Herrn Fenn neben sich. Er stützte sie. Sie fühlte, daß sie sonst die Treppe rücklings hinuntergeschlagen wäre. An seinem Arm ging sie weiter. Sie sah, wie Mario oben den Pelz abnahm und den Chauffeur damit hinunterschickte. Der Mann mit dem unbeweglichen Gesicht und den merkwürdigen Augen streifte sie beinahe im Vorübergehen. Mario sah sie am Arm des alten Fenn heraufkommen und wandte sich ab. Ein ungeheurer Schmerz durchstieß sie bei dieser Bewegung. Gehörte sie nicht zu den Menschen, die ihn zu Tode hetzten? Ja, von diesem Augenblick an war sein Leben in ihrer Hand. Was sollte sie tun? Zu Holten eilen und es ihm sagen? Oder sollte sie es Herrn Fenn ins Ohr flüstern: »Dort steht der Mörder Ihrer Frau!« Sie brachte es nicht über die Lippen. Weshalb stürzte sie nicht zu Wolf, fiel ihm um den Hals, jubelte: »Wolf, Wolf, ich habe es herausbekommen! Ich weiß es jetzt! Wir haben gesiegt!« Das konnte sie alles nicht. »Na nun, mein kleines Fräulein,« sagte Herr Fenn. Renate grüßte mit einer kühlen Kopfbewegung und schoß ihr einen giftigen Blick zu. Gitta drückte Herrn Fenn die Hand, wollte fortgehen, aber er ließ sie nicht los. Sie sah in sein Gesicht, dieses häßliche, brutale Gesicht mit den zusammengekniffenen schlauen Augen darin, und merkte auf einmal, daß dieser selbstbewußte Riese vor Aufregung beinahe barst und sich fest an sie klammerte. Natürlich, empfand sie, es geht ja um die Ermordung seiner Frau! Die Menschen schoben sich durcheinander, drängten sich in die Türen eines Saales. Sie ging an Herrn Fenns Seite hinein, hinter ihm Renate. Ein Bote wies ihnen die Plätze auf der reservierten Bank vorne an. Eine bleiche, verschleierte blonde Frau saß neben ihr. Frau Margis! wußte sie. Auf der anderen Seite, rechts von ihr, sah sie Mario. »Es ist die Zeugenbank,« erklärte Herr Fenn. Er hatte durch Gitta seine Ruhe wiedergefunden. Er mag Renate nicht! dachte sie und wunderte sich, daß Vater und Tochter nicht enger zusammenhingen. Andere Personen nahmen auf der Zeugenbank Platz. Sie erkannte den Wirt des Strandhotels. Dann sah sie Wolf van Holten vorne an einem Pult stehen, und jetzt wurde Margis hereingeführt. So sieht ein Mensch nach drei Monaten Untersuchungshaft aus! dachte sie voller Schrecken und Mitleid. Wenn man bedenkt, daß in jedem Augenblick Tausende und Zehntausende in Untersuchungshaft sitzen! Grausig! Die blonde Frau neben ihr begann zu weinen. Gitta sah Margis an, den sie nur flüchtig aus Berlin kannte. Ein feiner Kopf! dachte sie, und trotz aller Falten und Aufregung von einer herrlichen Überlegenheit und Ruhe. Wie er die Richter und die Geschworenen mustert! Ja, sieht man denn nicht, daß dieser Mann unschuldig ist? Sie sah zu Glasberg hinüber. Sein Gesicht war vollständig ruhig. Vielleicht ist er sehr beruhigt, daß der Portier und der Mietchauffeur nicht unter den Zeugen sitzen. Aber was nützt es ihm! Ich, ich weiß ja doch alles! Eine Glocke ertönte. Der Vorsitzende strich sich den kräftigen Schnauzbart und eröffnete die Verhandlung. Förmlichkeiten, die Gitta nicht verstand, gingen rasch und in einem undeutlichen Gemurmel vorüber. Einmal hörte sie Wolfs Stimme, verstand aber nicht, was er sagte. Der Vorsitzende las etwas vor. Allmählich wurde er lauter und eindringlicher. Es war die Anklageschrift. Ein dünner, semmelblonder Staatsanwalt mit einem Glaskneifer erhob sich und sprach. Paragraphen wurden genannt. Endlich wurde Margis aufgerufen. Er gab Antworten mit deutlicher Stimme. Aber auch das brach wieder ab. Die Zeugen wurden hinausgeführt und sollten draußen ihren Aufruf abwarten. Und dann begann es. Wenn Mario nun draußen fortläuft! dachte Gitta. Aber vielleicht war er ganz sicher, ahnte nichts von dem, was sie gesehen hatte. Margis erzählte seine Erlebnisse in St. Lüne. Er berichtete von dem Abend, an dem er die Damen Fenn und Glasberg kennengelernt hatte. Wie er mit Renate tanzte und sich mit Maria Fenn unterhielt. Gleich im Anfang flocht er ein, wie er sich auf Glasbergs Geschichte mit Susanne Streicher dunkel besann. Er erzählte von dem Bild Glasbergs, das er auf Holtens Schreibtisch gesehen hatte. Der Staatsanwalt unterbrach ihn. »Die Geschichte des Herrn Doktor Glasberg geht uns hier nichts an.« »Ich denke doch,« fuhr Margis fort. »Vielleicht mache ich damit auf den hohen Gerichtshof und die Geschworenen zunächst einen schlechten Eindruck. Aber ich halte Doktor Mario Glasberg für den Mörder der Frau Fenn, und ich werde im Laufe der Verhandlung, hoffe ich, den Beweis dafür erbringen.« Das war mit starker Stimme und Betonung herausgesagt. Der Staatsanwalt lächelte, der Vorsitzende strich sich gelangweilt den Bart. Man merkte, daß die Zuschauer und die Geschworenen sich über diese Behauptung wunderten, die Köpfe hoben, fragende Blicke warfen. Margis erzählte weiter von den Bildern, die er von Maria und Renate Fenn gemalt hatte, von ihren gemeinsamen Stunden und schließlich von den Erlebnissen des letzten Tages und der letzten Nacht, die seiner Verhaftung vorausging. »Sie bestreiten, mit der Ermordeten ein Liebesverhältnis gehabt zu haben?« fragte der Vorsitzende. »Durchaus!« sagte Margis. Der Vorsitzende suchte in den Akten und las die protokollarisch gegebene Aussage von Fräulein Renate Fenn, Tochter der Ermordeten, vor. Danach wäre Renate zunächst im Zweifel gewesen, ob die Ermordete nicht zu Dr. Glasberg in nahen Beziehungen stand, hätte dann aber doch immer mehr der Ansicht zugeneigt, daß es Margis war, der fast jede Nacht sich durch den Park von Klein-Klank schlich. Ganz sicher wurde sie ihrer Sache aber erst, als sie in jener Nacht den Maler vor ihrem Fenster stehen sah. Der Vorsitzende fragte Renate, ob sie ihre Aussage aufrechterhalte. »Ja!« rief Renate von ihrem Platz. Aller Augen wandten sich nach dem jungen Mädchen hin, das so Furchtbares durchgemacht hatte. Hier mischte sich zum erstenmal Wolf van Holten ein. Es wäre sehr töricht von Margis, sagte er, sich nach dem Mord unter Renates Fenster zu stellen. Vorausgesetzt, daß sein Klient der Mörder wäre, würde er sich sofort durch die Birkenallee auf die Chaussee begeben haben. »In diesem Augenblick hat ein Mörder nur das Bestreben, zu fliehen. Margis aber stand ganz ruhig vor Renates Fenster.« Der Staatsanwalt fragte Renate, ob nicht Margis vorbeigeflohen wäre. »Nein!« sagte sie. »Er stand da. Mehr habe ich nicht gesehen.« »Wie lange?« »Einige Sekunden.« »Er blieb vielleicht einige Sekunden stehen, aber er war im Begriff zu fliehen,« sagte der Staatsanwalt. »Dann floh er jedenfalls in verkehrter Richtung,« warf Holten ein. »Der Weg zur Flucht ging nach der entgegengesetzten Seite.« Man merkte an einer leisen Unruhe, daß Holtens Worte Eindruck machten. Holten fuhr fort: »Man fand nachher den Dolch in dem sogenannten Versteck meines Klienten. Der Herr Vorsitzende hat vielleicht die Güte, das corpus delicti, das vor ihm liegt, den Herren Geschworenen sichtbar zu machen.« Der Vorsitzende tat es. »Sie sehen, meine Herren, daß es sich immerhin um eine Waffe von einiger Größe handelt. Wenn die Voraussetzungen des Herrn Staatsanwalts und der Anklageschrift zutreffen, muß also Herr Margis diesen Dolch bei seiner ›Flucht‹ zu dem Fenster des Fräulein Fenn bei sich getragen haben. Hat Fräulein Fenn etwas Derartiges bemerkt? Nein? Dann bitte ich den Herrn Staatsanwalt, mir zu erklären, wie man einen solchen Dolch anders als in der Hand tragen könnte. Mit einem solchen Dolch in der Tasche herumzulaufen, dürfte sich auch für einen Mörder nicht empfehlen. Wenn aber Margis den Dolch in der Hand hatte, dann mußte Fräulein Fenn das bemerken. Margis kann also nicht derjenige sein, der den Dolch in das sogenannte Versteck gebracht hat. Ganz abgesehen davon, daß es eine kolossale Dummheit von ihm gewesen wäre. Es war doch viel einfacher, die Waffe irgendwo im Walde fortzuwerfen.« Wieder ging eine Bewegung durch die Reihen. Wolf spricht gut! empfand Gitta. Holten fuhr fort, auseinanderzusetzen, daß nur ganz wenige Menschen dieses kleine Versteck kannten. Nur die beiden Damen Fenn und Herr Dr. Glasberg. »Möglich, daß auch einige Dorfbewohner sich dafür interessierten, wo die Malsachen und die schwere Staffelei, die Margis nicht jedesmal nach Hause schleppen wollte, während der Nacht blieben. Der Mann jedenfalls, der den Dolch dort niederlegte, war der Mörder, und er wollte den Verdacht auf Herrn Margis lenken. Von allen Menschen der Welt aber hatte allein der Angeklagte das Interesse, daß der Dolch nicht gerade an dieser Stelle gefunden wurde. Soviel ich weiß, kam Herr Doktor Glasberg als erster auf den Gedanken, an dieser Stelle nach verdächtigen Momenten zu suchen. Merken Sie wohl, meine Herren Geschworenen: Herr Doktor Glasberg kam auf diesen Gedanken! Der einzige, der, außer Margis selbst und den Damen, das Versteck kannte! Darf ich vielleicht bitten, Herrn Doktor Glasberg als Zeugen zu vernehmen?« Aber der Staatsanwalt wollte erst den Wirt des Strandhotels in St. Lüne und den Herrn Studienrat Albrecht vernehmen, jenen Herrn, der dem Maler am Abend den Waldweg nach St. Lüne beschrieben hatte. Der Wirt hielt sich hauptsächlich an den Eindruck der letzten Nacht: Wie Herr Margis mit blutender Stirn und offensichtlich in höchster Aufregung durch das Lokal auf sein Zimmer gestürzt wäre. Der Staatsanwalt unterstrich das Bild des fliehenden Mörders. Der Rechtsanwalt machte es begreiflich, daß ein Künstler mit sensiblen Nerven wohl aufgeregt sein konnte, nachdem er jene Schreie des Fräulein Fenn vernommen und sofort etwas Furchtbares geahnt hatte. Der Studienrat wußte wenig mehr zu sagen, als daß der Angeklagte in dem Wirtshaus bei der Schlucht einen seltsamen und verstörten Eindruck machte. Das Bild ändert sich, empfand Gitta. Man denkt nicht mehr so günstig über Margis wie vorher. In dem Augenblick tat sich die Tür auf, und Mario Glasberg kam herein. Sein Auftreten war eine kleine Sensation. Die meisten Anwesenden kannten den Namen des Leynhausener Trustkönigs. Mario sprach die Eidformel mit ruhiger Stimme nach und antwortete ausführlich auf die Fragen des Vorsitzenden. Gitta sah, wie die bleiche Frau Margis gespannt an seinen Lippen hing. Der Mann, der dort mit der Ruhe und Liebenswürdigkeit eines vornehmen Gentleman aussagte, der so blendend gewachsen und tadellos gekleidet war und ein offenes, klares Gesicht zeigte – dieser Mann war hier soeben von dem Angeklagten des Mordes beschuldigt worden. Alle dachten daran und fragten sich, ob er eine Ahnung von dieser Anschuldigung haben konnte. Es schien unmöglich. Gitta fielen seine Worte ein, die er zu Holten gesagt: »Ich sehne mich ja danach, unter das Beil des Henkers geliefert zu werden!« Konnte es wirklich in diesem Menschen so aussehen? Keiner unter allen, die im Saal waren, würde es vermutet haben. Glasberg sagte aus, daß er eigentlich zunächst nicht besondere Beziehungen zwischen Frau Fenn und Herrn Margis angenommen habe. Erst in der letzten Zeit wäre ihm die besonders enge Freundschaft zwischen den beiden aufgefallen. Damals entsann er sich einzelner Äußerungen von Margis, die er erst später richtig verstehen und deuten lernte. »Jetzt freilich glaube ich, daß diese Beziehungen sehr eng gewesen sind. Und das Motiv der Tat?« Er zuckte die Achseln. Es läge seit dem Befund der Leiche deutlich zutage. »Furcht vor den Folgen dieser nächtlichen Zusammenkünfte!« Der sachverständige Arzt warf für die Geschworenen einige aufklärende Sätze dazwischen. Holten wiederholte seine Ausführungen über die inneren Widersprüche der Anklage, was auf Glasberg großen Eindruck zu machen schien. Der Vorsitzende fragte Glasberg, ob er von der Schuld Margis' überzeugt wäre. »Ich war felsenfest davon überzeugt,« antwortete er. »Aber durch die Fragen des Herrn Rechtsanwalts van Holten bin ich in der Tat zweifelhaft geworden. Ich halte es nicht mehr für ausgeschlossen, daß Margis völlig unschuldig ist.« Wieder ging eine Bewegung durch den Raum. Nur Holten lächelte. Der Vorsitzende machte Anstalten, Glasberg zu entlassen. Holten bat, völlig unbetont, noch einige Fragen an den Zeugen richten zu dürfen. Bevor er sprach, merkte man ihm eine gewisse Verlegenheit an. Er wußte im Augenblick nicht, wie er Mario anreden sollte. »Will der Zeuge mir.« sagte er dann, »erklären, wo er sich in der Unglücksnacht befunden hat? Es ist mir aufgefallen, daß er reichlich früh zur Stelle war, als es galt, die Verfolgung und Überführung Margis' aufzunehmen, obwohl er doch die Nacht in Königsberg zugebracht haben will.« Die Saalgeräusche wurden um einige Grade leiser, obwohl nur drei oder vier Menschen merkten, daß diese Frage wie ein blitzendes Schwert durch die Luft sauste. »Ich war in Königsberg und übernachtete im Hotel,« sagte Glasberg ohne jede Erregung. »Übrigens hat mich meine frühere Schwägerin, Fräulein Brigitte Streicher, die im Zuschauerraum anwesend ist, genau zur Zeit der Mordtat dort die Treppe hinaufgehen sehen.« Der Vorsitzende bat die bezeichnete Dame, hervorzutreten und auszusagen. Offenbar wollte er durch dieses unverdächtige Zeugnis den Angriff Holtens gegen Glasberg von vornherein abbiegen. Gitta stand vor den Schranken. »Ich will Sie nicht vereidigen, Fräulein Streicher, da Sie mit Herrn Doktor Glasberg verschwägert sind. Aber ich hoffe, daß Sie auch ohne Eid die volle Wahrheit sagen werden. Ist die Behauptung des Herrn Doktor Glasberg richtig? Haben Sie ihn zu der angegebenen Zeit dort gesehen?« Gitta sah zu Mario hinüber, der sie kaum zu beachten schien. Wenn er mich jetzt ansieht, durchfuhr es sie, dann sage ich alles, was ich weiß. Aber Mario sah sie nicht an. Zu ihrer eigenen Verwunderung hörte sie sich sagen: »Jawohl, ich sah ihn die Treppe hinaufgehen.« Ganz fest und ruhig hatte sie das gesagt. Sie sah, daß Holten sie mit einem fragenden Blick streifte. Als sie sich besann, was geschehen war, saß sie bereits wieder auf ihrem Platz. 25 Der Vorsitzende wandte sich an die Geschworenen: »Beachten Sie diese Tatsache und denken Sie an die Behauptung des Angeklagten, daß Herr Doktor Glasberg der Mörder der Frau Fenn sei!« Die Geschworenen lächelten über diese Behauptung des Angeklagten. Der Verteidiger setzte wieder ein, fragte, ob irgend jemand den Zeugen persönlich habe abfahren sehen. Das Auto, ja, das habe man gesehen. Aber niemand sah Herrn Dr. Glasberg hineinsteigen. Man sah ihn auch nicht aussteigen, sondern zu Fuß ankommen. Das Auto will er bereits im Walde zurückgeschickt haben. Wer aber kann sagen, daß der Zeuge nicht von der Mordstelle herkam? Der Vorsitzende las als Antwort die protokollarischen Aussagen des Portiers und des Chauffeurs vor. »Meine Herren Geschworenen, wenn Sie diese Aussagen, die unter Eid abgegeben sind, mit der Aussage des Fräulein Streicher zusammenhalten, dann werden Sie sich vergeblich fragen, was der Herr Verteidiger mit seinen Fragen bezweckt.« Ein Geschworener stand auf und war dafür, den Chauffeur oder den Portier mit dem Zeugen zu konfrontieren. »Ich meine nur,« sagte er und setzte sich verlegen wieder hin. »Ist das wirklich nötig?« fragte der Vorsitzende. Gitta ließ die Augen nicht von Mario. Er mußte doch sehen, daß er in diesem Augenblick in höchster Gefahr schwebte, aber er lächelte überlegen, als wollte er sagen: Aber bitte sehr! Ich ersuche jetzt selbst darum, mit den genannten Zeugen zusammengebracht zu werden. »Es ist sehr einfach zu machen,« sagte Holten mit leicht erregter Stimme. »Ich habe die beiden Zeugen bereitgestellt. Sie warten draußen.« Man merkte die Erregung, die durch den Saal ging. Wurde Glasberg bleich? Gitta sah, daß er einige Sekunden lang die Augen schloß. Holten heftete seine Blicke fest auf sein Gesicht. Der Vorsitzende sagte gelangweilt: »Meinetwegen!« Herr Dr. Hohn ging hinaus und kam in einigen Augenblicken mit dem Portier und dem Chauffeur zurück. Beide Männer sahen sich nicht ganz selbstbewußt in dem großen Saal um. Die Formalitäten nahmen einige Zeit in Anspruch. Der Portier Johannes Lange und der Chauffeur Gustav Balzereit wurden vereidigt. »Vielleicht geben Sie mir einmal das von Herrn Doktor Glasberg persönlich ausgefüllte Anmeldeformular,« begann Holten. Er reichte das Papier dem Vorsitzenden. »Darf ich den Herrn Zeugen fragen, ob er diese Schrift als seine Handschrift anerkennt?« »Nein!« sagte Glasberg, als handelte es sich um die selbstverständlichste Sache von der Welt. Der Vorsitzende sah interessiert auf. »Zeuge Balzereit, bezeichnen Sie mir hier im Raum den Herrn, den Sie als Herrn Doktor Glasberg von Serbenitz nach dem Hotel und am nächsten Morgen wieder nach Serbenitz zurückgefahren haben!« Der Chauffeur sah sich in dem Raum um. »Ich sehe ihn nicht,« sagte er zögernd. »Zeuge Lange,« fuhr Holten mit ausdrucksloser und monotoner Stimme fort. »Wen halten Sie hier für Herrn Doktor Glasberg?« »Den Herrn da jedenfalls nicht!« sagte der Portier und zeigte auf Glasberg. Im Augenblick herrschte Totenstille. »Wie erklären Sie das, Herr Zeuge?« fragte der Vorsitzende. Glasberg zuckte die Achseln. »Die Herren können sich vielleicht nicht entsinnen.« »Die Handschrift auf dem Anmeldeschein scheint sich auch nicht entsinnen zu können. Aber soll ich Ihnen den Herrn vorführen, der hier fälschlich für Doktor Glasberg gehalten wurde, Herr Doktor Glasberg!?« Zum erstenmal im Leben redete Holten seinen Jugendfreund in dieser Weise an. »Herr Doktor Glasberg, ich nehme an, daß Ihr Wagen mit Ihrem Chauffeur draußen auf Sie wartet. Haben Sie etwas dagegen, daß ich Ihren Chauffeur hierherbitten lasse? Ist der Herr Vorsitzende damit einverstanden?« Der Vorsitzende nickte. Ein Bote wurde angewiesen, den Chauffeur zu holen. Währenddessen hielt die Totenstille im Saal an. Die Zeit schien in Leere auseinanderzuklaffen. Niemand bewegte sich. »Das ist er!« riefen die Zeugen gleichzeitig, als der Chauffeur hereinkam. Fast im gleichen Augenblick herrschte Glasberg ihn an: »Sie haben die Unverschämtheit gehabt, sich vor diesem Chauffeur und im Hotel als Doktor Glasberg auszugeben!?« Diese Frage verwirrte im Augenblick alles. Lag hier ein Mißverständnis vor? »Ich muß Sie bitten, zu schweigen!« griff der Vorsitzende ein. »Wie heißen Sie?« fragte er den neuen Zeugen. »Edgar Scharff,« antwortete der. Der Vorsitzende versuchte, ihm freundlich zuzureden. »Erzählen Sie ganz offen, wie alles war. Sind Sie in jener Nacht in Königsberg gewesen und haben Sie sich als Herr Doktor Glasberg ausgegeben?« »Nein!« sagte der Chauffeur. »Ich war in dieser Nacht in Serbenitz!« »Haben Sie Zeugen dafür?« Der Mann verstummte, wußte nicht mehr, was hier von ihm verlangt wurde. »Verzeihung, Herr Vorsitzender!« mischte sich Glasberg ein. »Dieser Mann ist mir treu ergeben. Er merkt, daß seine Aussage für mich wichtig sein kann. Er zerbricht sich jetzt den Kopf, was er sagen soll, und wird natürlich das Verkehrte sagen.« »So fordern Sie ihn auf, einfach die Wahrheit zu sagen!« »Sagen Sie die Wahrheit, Scharff! Sie haben sich –« »Halt!« unterbrach der Vorsitzende. »Der Mann soll selbst erzählen!« Aber der Chauffeur blieb stumm. »Waren Sie in jener Nacht in Königsberg?« »Jawohl!« »Wohnten Sie im Hotel?« »Jawohl!« »Gaben Sie sich für Ihren Herrn aus?« »Jawohl!« »Weshalb taten Sie das?« Wieder stand der Mann wie ein Stück Holz da und rührte sich nicht. »Taten Sie das aus Prahlsucht oder hatten Sie vielleicht den Auftrag erhalten, es zu tun?« »Aus Prahlsucht!« »Was wollten Sie denn in Königsberg?« »Mich amüsieren. Ich hatte Urlaub.« »Sind Sie denn so gut gestellt, daß Sie sich für die weite Strecke ein Mietauto nehmen konnten?« »Jawohl, ich kann es mir leisten.« »Meine Herren Geschworenen, ich halte es für leicht möglich, daß dieser Mann tatsächlich ein Vergnügen daran fand, als ein Herr Dr. Glasberg in einem feinen Hotel zu wohnen. Aber weshalb, Herr Dr. Glasberg, haben Sie denn von sich behauptet, mit diesem Mietauto nach Königsberg gefahren zu sein und im Hotel gewohnt zu haben? Sie müssen doch einen Zweck damit verbinden?« Glasberg lächelte wie verlegen. Am Morgen habe er seinen Chauffeur ausgefragt und erfahren, daß er unter seinem Namen sich in Königsberg amüsiert habe Dann hörte er von der Mordtat und machte sich klar, daß er unter Umständen in den Verdacht kommen konnte, der Täter zu sein. »Das Vergehen meines Chauffeurs, über das ich zuerst ärgerlich war, kam mir jetzt sehr gelegen. Es ergab sich ein leicht zu beweisendes Alibi für mich. Ich machte davon Gebrauch.« »So waren Sie tatsächlich in jener Nacht in Serbenitz?« »Nein, ich war in der Tat ebenfalls in Königsberg.« »Wie kamen Sie denn dorthin?« »Auch mit einem Mietauto! Ich traf es auf der Chaussee und hielt es an. Aber ich hatte mir nicht die Nummer gemerkt. Es mußte mir nach den Vorgängen jener Nacht sehr daran liegen, mein Alibi leicht nachweisen zu können. Deshalb machte ich von der Extratour meines Chauffeurs den Gebrauch, den Sie kennen und den ich hiermit als Lüge eingestehe.« »Sie haben unter Ihrem Eid ausgesagt.« »Nichts Falsches! Ich bin mit einem Mietauto nach Königsberg gefahren. Ich kann es jetzt nur nicht beweisen.« »Sind Sie auch so zurückgekommen?« »Ja! Aber auch von diesem Auto habe ich mir nicht die Nummer gemerkt.« »Und Sie sind im Hotel gewesen?« Glasberg lächelte wieder. »Ich kann es leider aus besonderen Gründen nicht sagen, wo ich gewesen bin.« »Und Sie haben keinen Zeugen dafür?« »Es gibt einen Zeugen, aber seine Ehre ist an sein Schweigen gebunden, wie meine Ehre als Mann es mir verbietet, diesen Zeugen zu nennen.« »Sie haben in dieser Nacht also ein galantes Abenteuer erlebt?« Wieder lächelte Mario wie verlegen. »So ist es! Die Schwierigkeit, mein Alibi zu beweisen, stand mir sofort vor Augen, als Fräulein Fenn mir von den furchtbaren Vorgängen jener Nacht berichtete. Deshalb freute ich mich, daß mein Chauffeur mir durch seine Extratour zu Hilfe kam. Sie werden unter diesen Umständen verstehen, daß ich nach schweren Bedenken von der günstigen Gelegenheit Gebrauch machte. Ich bin nun allerdings gerade damit hineingefallen.« Er stand lächelnd da, als ob er die ganze Angelegenheit nicht weiter ernst nähme. Gitta dachte: Weshalb hat Wolf mir von diesen Sachen nichts gesagt? Ich weiß, er traute mir nicht, er hatte Angst, daß ich Mario warnen würde. Und vielleicht hätte ich ihn gewarnt. Sie sah zwischen Holten und Glasberg hin und her. Liebe ich Mario denn? Ihr fiel der Abend ein, als sie mit Holten aus Glasbergs Wohnung mit dem geraubten Brief zurückgekommen war. Damals hatte Wolf es ihr ins Gesicht gesagt: »Du liebst ihn!« Liebte sie ihn wirklich? War das Liebe gewesen, daß sie seit zwei Jahren auf seiner Fährte lag? Mario – Wolf, dachte sie. Empfand zugleich die merkwürdigen Beziehungen, die alle diese Menschen umspannten. Neben ihr saß die blonde, verschleierte Frau. Sie sah das Sokratesprofil des Herrn Fenn, den bleichen Kopf Renates, deren Augen weit aufgerissen an Mario hingen, Sie sah den Angeklagten, der nervös an der Unterlippe nagte. Auf einmal empfand sie mit Entsetzen, daß es hier um Tod und Leben ging. Weshalb sagte der Vorsitzende nichts? Sie sah, daß er sich den Bart strich. Der Staatsanwalt tat, als ob er in den Akten herumblätterte. »Das sind allerdings sehr merkwürdige Sachen!« sagte der Vorsitzende jetzt. Man sah es ihm an, daß er ratlos war. Er vermochte es nicht über sich, Zweifel in die Worte des gutangezogenen Gentleman zu setzen, obwohl er ihn als schwer belastet empfinden mußte. »Meine Herren,« begann Holten von neuem und deutete auf Mario. Er sprach von der überlegenen Ruhe des Herrn Dr. Glasberg, von der Sicherheit, die sein ganzes Wesen auszustrahlen scheine. »Aber Sie ahnen nicht, was hinter dieser Maske steckt. Wir, die Verteidiger des Herrn Margis, hätten uns damit begnügen können, auf die inneren Widersprüche und Haltlosigkeiten der gegen Margis gerichteten Anklage hinzuweisen. Wir hätten uns als Verteidiger auf die eigentliche Verteidigung des Angeklagten beschränken, darauf hinweisen können, daß, wenn man einen Menschen gemordet hat, man sich nicht ausgerechnet vor das Fenster eines von der Tochter der Ermordeten bewohnten Zimmers hinstellt, so daß man gesehen werden muß. Daß es unmöglich ist, einen solchen Dolch lose in der Tasche zu tragen, daß aber Fräulein Fenn keinen Dolch bei meinem Klienten gesehen hat. Sie werden es für ganz natürlich halten, daß man am Abend vor der Abreise noch einmal alle die Stätten besucht, an denen man schöne Stunden verlebt hat. Das alles würden Sie einsehen und meinen Klienten zum mindesten aus Mangel an Beweisen freisprechen müssen. Aber damit wollte ich mich nicht begnügen; denn dieser Fall gab mir endlich die lange gesuchte Möglichkeit in die Hand, diesem untadeligen Gentleman die Maske vom Gesicht zu reißen.« Und nun begann er von Anfang an zu erzählen. Von den sonderbaren Umständen, unter denen Susette Streicher starb. Von ihrem Abschiedsbrief an die Mutter, den Glasberg nicht herausgeben wollte. Er berichtete, wie er sich in den Besitz dieses Briefes zu setzen versuchte und daß es ihm endlich gelang. Er verlas das Gutachten des Gerichtssachverständigen Makel. Hier machte Glasberg mit überlegener Ruhe einen Einwand: »Ich werde Ihnen andere Gutachten beibringen, die den Brief für vollkommen echt halten.« Diese Worte schlugen beinahe die ganze Wirkung von Holtens Rede nieder. Aber Holten fuhr fort. Er schilderte, wie er Glasberg beobachtete und beobachten ließ und auf tausend Lügen und Winkelzügen ertappte. Er gab ein Bild seines Charakters, schilderte sein von diesem merkwürdigen Zerstörungsdrang besessenes Wesen und berichtete schließlich von jenem seltsamen Gespräch in der Königsberger Tanzdiele und Marios großer erschütternder Beichte. Dies war der Augenblick, wo sich eine deutliche Bewegung der Zuhörer bemächtigte. Holten ging dann auf die Ermordung von Maria Fenn über. Er gruppierte meisterhaft die Tatsachen, setzte auseinander, daß der Verdacht in erster Linie auf Glasberg fallen mußte und wie dieser vorsorglich und mit großer Kunst sich ein Alibi zurechtgezimmert habe, das dann hier soeben zusammenstürzte. »Es ist noch sehr viel zu tun, meine Herren; man wird zum Beispiel den Wagen Glasbergs untersuchen müssen und feststellen, daß der Vergaser gar nicht, wie er angibt, durchgebrannt war, sondern daß es lediglich darauf ankam, durch ein Mietauto, dessen Nummer man sich genau merkte, den Alibibeweis zu verstärken. Und nun bricht vor Ihren Augen dieses ganze Alibi kläglich zusammen. Es zeigt sich, daß Glasberg weder mit diesem Mietauto gefahren noch mit ihm zurückgekehrt ist. Man hat seinen Chauffeur für ihn gehalten. Von der künstlich aufgebauten Lüge ist nichts übriggeblieben. Und was sagt Herr Dr. Glasberg jetzt? Daß er mit einem Mietauto, das er zufällig auf der Chaussee traf, dessen Nummer er sich aber nicht gemerkt habe, nach Königsberg gefahren ist und dort eine galante Nacht verbracht hat! Weshalb hat er sich denn nicht ein Mietauto herauskommen lassen, wenn er nach der Stadt fahren wollte? Sein Chauffeur sogar war dazu imstande. Weshalb hat er nicht dasselbe Mietauto benutzt? Verlohnt es noch ein Wort darüber, daß dies alles eine plumpe Lüge ist? Ganz abgesehen davon, daß Herr Dr. Glasberg hier des Meineids vor Ihrer aller Augen und Ohren überführt ist. Er hat unter Eid ausgesagt, daß er nach Königsberg gefahren ist und im dortigen Hotel übernachtet hat. Wenn man schon von der Geschichte mit dem Auto absieht, so ist doch zum mindesten der Beweis erbracht worden, daß er nicht im Hotel gewesen ist. Herr Doktor Mario Glasberg ist des Meineids schuldig!« Holten schwieg. »Was sagen Sie dazu?« fragte der Vorsitzende. »Ich habe jene Nacht im Hotel zugebracht,« sagte Glasberg ernst, »wenn ich auch verschweigen muß, wie und unter welchen Umständen.« »Sie sagten doch vorhin, daß Sie dort von Ihrer früheren Schwägerin, dem Fräulein Brigitte Streicher, gesehen worden sind? Vielleicht hat die Dame die Freundlichkeit, sich darüber zu äußern.« Gitta sah, daß alle Augen sich auf sie richteten. Nur Mario blickte wie gleichgültig vor sich nieder. Auf einmal fühlte sie, welches Gewicht ihr nächstes Wort haben mußte. Zuerst, ganze Sekunden lang, handelte es sich nur darum, ob sie Mario in dem Hotel gesehen hatte. Dann kam etwas anderes, Größeres, Schwereres von allen Seiten auf sie zugeflossen. Auf einmal wußte sie, daß alle diese Augen von ihr wissen wollten, ob sie jene Frau war, mit der Glasberg die Unglücksnacht verbracht hatte. Sie sah Holtens Blick auf sich ruhen, sah, wie Renates Augen sie entsetzt, gefoltert, in unermeßlicher Qual anstarrten. »Fräulein Streichet,« hörte sie wieder die Stimme des Vorsitzenden. »Sind Sie in jener Nacht mit Herrn Dr. Glasberg im Hotel zusammengewesen? – Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie, als mit dem Beschuldigten verschwägert, die Aussage verweigern können. Sie können die Aussage auch verweigern, wenn Sie sich selbst einer strafbaren Handlung, etwa des Ehebruchs, bezichtigen würden.« Gitta stand schweigend an ihrem Platz. War es wirklich, daß alle Menschen jetzt auf ihre Worte warteten? Weshalb war es auf einmal so wichtig, was sie sagen würde? Der Vorsitzende sprach wieder. »Verweigern Sie die Aussage, weil Sie mit dem Angeschuldigten verschwägert sind oder weil Sie sich selbst einer strafbaren Handlung bezichtigen müßten?« »Ich bin in jener Nacht mit Herrn Dr. Glasberg im Hotel – –« hörte sie ihre Stimme leise, aber klar und deutlich den Raum erfüllen. Sie merkte eine ungeheure Bewegung um sich. Einige Menschen waren aufgesprungen. Wolf van Holtens Augen hingen entsetzt an ihren Lippen. Mario sah sie ernst an. Luisa Margis wurde noch bleicher als vorher. Gitta sah es deutlich durch den Schleier hindurch. Sie sah alles, alle Menschen, alle Gesichter. Sie sah sich selbst in visionärer Deutlichkeit dastehen, mit geöffnetem Munde. Noch hatte sie den Satz nicht zu Ende gesprochen. Sie wußte nicht, wie sie im nächsten Augenblick fortfahren würde. Drei, vier, zehn Sekunden dauerte schon das fürchterliche Schweigen. Ja, ich werde Mario retten! durchfuhr es sie. Ob Holten es glauben wird, was ich jetzt gleich sagen werde? Sie sah noch immer seine entsetzten Augen auf sich ruhen und daneben das kalte, gleichgültige Gesicht Marios, der sie ernst anblickte. Sie sah ihm in die Augen, hoffend, fürchtend. Was fürchtete sie? Daß sich im nächsten Augenblick der Ausdruck seines Auges verändern, daß ein siegreiches Triumphgefühl darin aufblitzen würde. Das fürchtete sie. Und nun kam es: Ein leises Leuchten und Sprühen, verstohlen und verhalten, traf sie aus Marios Augen. Ein abschätzender Kennerblick musterte unter gesenkten Lidern die Sklavin, die im Begriff stand, sich und ihre Ehre für ihn hinzuwerfen. Keine Angst, keine Spur von Angst war darin und nicht die Spur einer Bitte. Was entsetzte sie eigentlich bei diesem Blick? Sie spürte eine eiskalte Hand nach ihrem Herzen greifen. Auf einmal fühlte sie, daß in Marios Blick die Welt Susettes sie ansah. Macht, Glanz, Besitz! Mario und Susette! Jetzt konnte sie an dieser Welt teilhaben, wenn sie wollte. Das alles sagte Marios kalt verheißender Blick. Und daneben Wolf van Holtens zusammengesunkene Gestalt! Durch das Entsetzen seiner Augen sah sie bis auf den Grund seines Wesens. Die Welt, die erbarmungslos das Opfer eingefordert, und die Welt der entsagenden Leistung. Lichtgestalten und Menschen des Schattenreichs. Zu welchen gehörte sie? Sie stand vor ihrer schwersten Entscheidung. Noch immer hatte sie ihren Satz nicht zu Ende gesprochen. Da erhob sich schwerfällig Herr Fenn von seinem Platz. Aller Augen richteten sich auf ihn, der wie ein riesiger Bär der Urwelt dastand und unbeholfen an seiner Brille rückte. »Ich bin nämlich der Mann der Ermordeten,« fing er an. »Was ist das?« Er hob einen blitzenden Gegenstand empor, daß alle ihn sehen konnten, drängte sich aus der Bank heraus, hatte im Nu die Schranken überstiegen und hielt das Ding dem Vorsitzenden unter die Nase. »Was ist das?« fragte er noch einmal. Seine Stimme dröhnte durch den Saal. »Meine Herren,« rief der Vorsitzende, »ich dulde keine Unordnung im Gerichtssaal!« Das bezog sich gleicherweise auf den Kalifornier wie auf den gerichtlichen Sachverständigen, der nach dem Gegenstand griff und ihn prüfend betrachtete. »Was ist das?« rief er seinerseits überrascht aus. »Ja, was ist das?« fuhr Herr Fenn unbeirrt fort. »Ich fand dieses Ding unter dem Bett der Ermordeten, und zwar zwei Tage nach der Tat. – Herr Dr. Glasberg,« wandte er sich plötzlich an diesen, »es wird Ihnen fehlen! Wollen Sie es wiederhaben?« Glasberg zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, was es ist.« »Nun,« sagte der Kalifornier, »es ist der Verschluß eines Giftröhrchens, zum luftdichten Verschließen besonders empfindlicher Chemikalien, wie etwa Arsen oder Zyankali. Nehmen Sie, es fehlt Ihnen sonst bei Ihren Geräten. Das Röhrchen selbst haben Sie ja wohl mitgenommen, als Sie aus dem Fenster hinaussprangen. Aber diesen kleinen, sinnreichen Verschluß haben Sie in der Eile liegen lassen. Ist es nicht so?« Er blinzelte Glasberg freundlich an. »Ich weiß nicht, was Sie wollen,« antwortete der. »Mir scheint es der Verschluß einer Cremetube oder Zahnpasta zu sein.« »Nein,« rief der Sachverständige dazwischen, »dieses Ding ist allerdings der Verschluß eines Giftröhrchens und gehört zur Ausstattung eines chemischen Laboratoriums.« »Herr Dr. Glasberg,« fuhr der Kalifornier fort, »hat dieses Ding aufs schmerzlichste vermißt. Er suchte, um es zu finden, immer wieder das Mordzimmer auf, wie der Herr Untersuchungsrichter bestätigen wird. Da er aber dabei leider nie allein blieb, sondern immer entweder eine Gerichtsperson oder doch meine Tochter anwesend war, konnte er anstandshalber nicht gut unter das Bett kriechen. Und zwei Tage später habe ich ihn nicht mehr empfangen. Ich allerdings bin gleich unter das Bett gekrochen, obwohl es verteufelt niedrig war.« Nun hatte sich auch der Vorsitzende den kleinen Verschluß angesehen und ließ sich von dem Sachverständigen seine Eigenschaft erklären. Er strich sich erregt seinen Schnauzbart. »Aber Frau Fenn ist doch mit einem Dolch getötet worden?« fragte er. »Freilich,« gab der Kalifornier zur Antwort. »Der Täter wollte sie, seiner chemischen Natur gemäß, vergiften. Aber er wurde dabei überrascht, genau wie es Herr Kunstmaler Margis ausgesagt hat, und griff in der Eile zu dem Dolch, der auf dem Nachttisch lag.« »Ich verstehe nicht,« sagte Mario Glasberg. »Weshalb soll Herr Margis nicht Gift bei sich gehabt haben? Ich jedenfalls bin in jener Nacht in Königsberg gewesen.« Er zeigte zu Gitta hinüber. Aber der Kalifornier stellte sich breitbeinig und gewaltig vor das junge Mädchen. Der Vorsitzende versuchte vergeblich, die Ordnung wiederherzustellen. »Bei Gott!« rief Herr Fenn in den Saal. »Lassen Sie dieses junge Mädchen in Ruhe! Wollen wir wetten, daß Sie zu Hause in Ihrem Laboratorium noch das Glasröhrchen ohne den Verschluß aufbewahren?« »Da werden sich wahrscheinlich viele Röhrchen ohne Verschlußstück befinden,« antwortete Glasberg. Holten hatte sich nicht an der Debatte beteiligt. Als Gitta sich anschickte, für ihren und seinen Todfeind auszusagen, war eine Welt in ihm zusammengestürzt. Er wußte, daß ihm jetzt alles gleichgültig war. Gitta, seine Freundin, seine Verbündete, seine Braut, wollte ihm die Waffe aus der Hand schlagen, als er den rettenden Streich zu führen gedachte. Unendliches Weh durchschnitt sein Herz. Alle Worte, die sie je über Mario gesagt hatte, schossen auf ihn zu. Natürlich! schrie es in ihm. Es ist ganz folgerichtig! Sie kann gar nicht anders! Er wurde kaum gewahr, daß sich die Schlinge um Marios Hals zusammenschnürte, und vielleicht war es ihm sogar gleichgültig, da nicht er sie zuzog. Der Vorsitzende hielt den kleinen blitzenden Gegenstand unschlüssig in der Hand. Man merkte ihm an, daß er über die Beweiskraft dieses Dinges angestrengt nachdachte. Wenn das wirklich zur Ausstattung eines chemischen Laboratoriums gehörte, dann war der Fund in dem Mordzimmer von entscheidender Bedeutung. In diesem Augenblick geschah etwas höchst Merkwürdiges. Renate, die jetzt, da ihr Vater seinen Platz verlassen hatte, neben Gitta saß, beugte sich auf einmal zu ihr nieder, küßte ihre Hände, umschlang ihre Knie mit heftigen Bewegungen. Die Umsitzenden sahen es mit Erstaunen und wußten diesen Vorgang nicht zu deuten. »Retten Sie ihn!« flüsterte Renate ihrer Feindin zu. »Um Gottes willen, retten Sie ihn!« »Nein!« schrie Gitta plötzlich auf und stieß Renate zurück. Und mit derselben scharfen, hellen Stimme rief sie in den Saal hinein: »Ich bin nicht mit Mario Glasberg zusammen gewesen! Ich sah nur jemand die Treppe hinaufgehen. Heute aber habe ich ihn erkannt: es war Glasbergs Chauffeur!« Renate bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte vor sich hin. Es war das einzige Geräusch, das die unbeschreibliche Stille des Raumes unterbrach. Der Staatsanwalt erhob sich langsam von seinem Sitz. »Ich beantrage Freisprechung des Angeklagten und Eröffnung eines neuen Verfahrens gegen Dr. Mario Glasberg. Dr. Glasberg ist verhaftet!« Wie die Zähne einer scharfen Säge schnitten die Worte durch die Stille. Vier Polizisten umringten Glasberg und fesselten ihn. Der Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück. Niemand wagte währenddessen seine Stellung zu verändern. Die blonde Luisa hielt den Kopf unter dem dichten Schleier gesenkt. Selbst Margis hatte die Augen mit der Hand verdeckt. Nur der Kalifornier stand wie ein drohender Turm und blickte ins Weite. »Ich habe Maria gerächt!« drückte seine Miene aus. Als die Geschworenen hinausgegangen waren, löste sich die Spannung. Niemand mehr konnte an dem Spruch zweifeln. »Komm!« sagte Wolf van Holten zu Gitta. »Mein Vertreter besorgt alles übrige. Wir können gehen!« Sie nickte und folgte ihm. Nur in der Tür warf sie noch einen Blick zurück. »Mario! Mario!« Sie erwartete, daß der sich nach ihr umsehen würde; aber er stand, die Augen träumend ins Weite gerichtet, da. Das kindlich offene Gesicht sah unsäglich müde und fast friedlich aus. Ihr schien beinahe, als ob er lächelte, als er den Polizisten die Hände hinhielt und sich fesseln ließ. Willenlos ließ sie sich von Wolf aus dem Saal führen, durch die langen Korridore, über die hallenden Treppen. Draußen winkte er ein Auto heran. Sie fuhren durch die halbe Stadt, hatten das Gefühl, Raum zwischen sich und jene furchtbaren Vorgänge legen zu müssen. An einer kleinen Weinstube ließ er halten. Sie setzten sich in eine Nische. Noch immer hatte keiner von ihnen ein Wort gesprochen. Mit Aufbietung aller Kräfte konnte Wolf bei dem Kellner eine Kleinigkeit bestellen. Dann saßen sie wieder schweigend nebeneinander. Da begann Gitta leise zu flüstern. »Ich will dir danken, wenn du mich dem Henker übergibst. Du sollst die Bestie in mir totschlagen lassen!« »Das sind doch Marios Worte?« fragte er erstaunt. »Ja, das hat Mario zu dir gesagt.« »Hast du ihn deshalb – nicht gerettet?« »Vielleicht deshalb,« sagte sie und sah ihn ernst an. »Vielleicht aber auch, weil ich zu dir gehöre. Als ich ihn retten wollte, fühlte ich, daß ich zu dir gehöre. Ich bin keine Susette!« Er streichelte leise ihre Hand, und sie ließ es geschehen.   Ende