Friedrich Christian Laukhard Magister F. Ch. Laukhards Leben und Schicksale – Band I Von ihm selbst beschrieben Deutsche und französische Kultur- und Sittenbilder aus dem 18. Jahrhundert 1908 Einleitung. Der Aufforderung der Verlagsbuchhandlung, der Ausgabe dieses hochinteressanten Werkes einige Worte, freundliche Begleiter auf der Reise in die Leserwelt, beizugeben, bin ich um so lieber nachgekommen, als es schon lange mein Wunsch war, die berühmte Selbstbiographie des Magisters Laukhard in modernem Kleide erscheinen zu sehen. Dieses Unikum der deutschen Literaturgeschichte drohte leider aus dem Gesichtsfelde des Publikums zu verschwinden, seit die immer seltener werdenden Originaldrucke in nicht jedermann zugänglichen Sammlungen mehr und mehr verschwanden. Zudem erlag das Auge des Lesers, der sich glücklich in den Besitz eines der noch vorhandenen Exemplare gesetzt hatte, dem grauen Löschpapier und den elenden Typen dieser einer schlechten Offizin des achtzehnten Jahrhunderts entstammenden Ausgabe. So glaube ich kühn behaupten zu dürfen, daß der Herausgeber der Stuttgarter Memoirenbibliothek sich einer dankenswerten Mühe unterzogen hat, indem er Laukhards Werk in einer dem Geschmacke der Gegenwart entsprechenden Bearbeitung aufs neue in die Oeffentlichkeit bringt. Ueber Wert und Nutzen der Memoirenliteratur im allgemeinen zu reden, kann hier wohl schwerlich der Platz sein. Ist es wirklich nötig, an Goethe und sein Interesse für »alles wahrhaft Biographische« zu erinnern oder an die Tatsache, daß die glänzend geschriebenen Memoiren des französischen Generals Marbot das letzte Buch waren, das Fürst Bismarck in Friedrichsruh gelesen hat? Auch Marbots Denkwürdigkeiten gehören, wie die Erlebnisse verschiedener deutschen und französischen Militärs, zum Bestande der in Robert Lutz' Verlag erscheinenden Memoirenbibliothek. Zwei Dinge sind freilich erforderlich, um für eine Lektüre dieser Art die weiteren Kreise der Gebildeten zu gewinnen: der Memoirenschreiber muß etwas zu erzählen, also allerlei gesehen haben, und er muß über die Gabe einer fesselnden Darstellung verfügen. Beides ist bei Laukhard in einem ungewöhnlichen Grade der Fall. Als Student ein Zeitgenosse der Orden und Landsmannschaften und selbst ein Mitglied zweier von diesen Verbindungen, ist er imstande, von deren Leben und Treiben, an dem er starken Anteil genommen und dessen intime und intimste Seiten er aus dem Grunde kennt, genaueren Bericht zu geben. So gehört er denn zu den Klassikern der Geschichte des Universitäts- und Studentenlebens, und kein Forscher auf diesem Gebiete, weder Schrader noch König, noch Fabricius oder ein anderer, hat an ihm vorübergehen können, ohne sich mit dem absonderlichen Gesellen zu beschäftigen, und die meisten haben es nicht ungern getan. Auch die Theologen können den Namen eines der skrupellosesten unter den »Aufklärern« aus den Annalen ihrer Wissenschaft nicht streichen, so wenig sympathisch den meisten unter ihnen dieser Schüler Bahrdts und Semlers auch sein kann, dessen extremer Radikalismus mit jeder positivgläubigen Richtung in schneidendem Gegensatze steht und dessen zynisches Wesen mehr noch als sein Unglaube manchen frommen Herrn mit gelindem Schauder erfüllen mag. Schauder vor diesem frevelnden Weltkinde, das an den Folgen gewisser Naturanlagen, verfehlter Erziehung, trauriger Lebensverhältnisse und – wenn man so will – auch an eigener Schuld schwerer zu tragen, härter für sie zu büßen hatte als viele, die im Grunde weit schlechter waren. Es ist unmöglich gewesen, trotz umfangreicher Streichungen in dem Original, die vielfachen Ausfälle gegen andere theologische Richtungen und deren Vertreter in der vorliegenden Ausgabe der Lebensbeschreibung des merkwürdigen Mannes gänzlich zu tilgen. Es würde auch unmöglich sein, die nicht minder zahlreichen Szenen verschwinden zu lassen, in denen der unter dem wüsten Studenten- und Soldatenvolke damaliger Zeiten lebende Autor die geschlechtlichen Ausschweifungen dieser Kreise grell, oft nur zu grell beleuchtet. Zur »Entschuldigung« – wenn es in der Ausgabe historischer Denkwürdigkeiten einer solchen überhaupt bedarf – also zur Entschuldigung mag gesagt werden, daß Laukhard zwar seine Bilder mit einer manchmal verblüffenden Offenheit malt und ausstellt, daß ihm aber niemals einfällt, zweifelhafte Situationen in jener durchsichtigen Verschleierung vorzuführen, die pikant, verlockend und daher nach meinem Empfinden unsittlicher und gefährlicher wirken muß als die freilich poesielose, aber ehrliche Darstellung nackter Gemeinheit. Wir sind hiermit auf den Punkt gekommen, der einen Hauptwert der Laukhardschen Lebensbeschreibung ausmacht: das Kulturgeschichtliche. Ja, es ist wahr, was in dieser Hinsicht C. Baur über Karl Friedrich Bahrdts und Laukhards Lebensbeschreibungen sagt: »Wer an optimistischer Schwärmerei für die ›gute alte Zeit‹ leidet und an pessimistischer Schwarzsehern in bezug auf die Zustände der Gegenwart, in welcher alles schlechter geworden sei. der muß, wenn ihm überhaupt zu helfen ist, durch diese Schriften gründlich geheilt werden.« Wie falsch ist es doch, sich den allgemeinen Bildungszustand zur Blütezeit unserer klassischen Literatur, die auch die Epoche unserer großen Philosophen war, weit erhaben über dem heutigen zu denken! Das Gegenteil war der Fall, wenn auch zugegeben werden muß, daß Deutschland und andere Länder damals über eine ungewöhnlich reiche Zahl erster Geister verfügten. Gerade Laukhards Schriften gehören aber zu denen, die da zeigen, wie wenig tief die breiteren Schichten der zeitgenössischen Gesellschaft von der gepriesenen Humanität des Klassizismus durchtränkt, ja, wie roh und ungebildet sie geblieben waren. Mochten in den Zaubergärten von Weimar die Leonoren und Iphigenien wandeln: im benachbarten Jena hausten in alter Roheit Hieber und Hetzpeitsche: konnte im entlegenen Königsberg der Tiefsinn Kants die Grenzen menschlicher Erkenntnis bis an ferne Punkte zurückschieben: in dem Berlin der Wöllner und Bischofswerder herrschte die schwärzeste Finsternis, die beschränkteste Orthodoxie, der barockste Aberglaube, in dessen Dunkel die Rosenkreuzer ihr lichtscheues Wesen trieben. In beschaulichem Quietismus aber lag noch Laukhards Heimat, lagen die pfälzischen und die rheinischen Lande, mit ihren Krummstabherrschaften und Duodezfürstentümern, in denen rundwangige »Nichten« den Bischöfen und Prälaten, Kammerzofen und Amtleute den kleinen weltlichen Herren »regieren« halfen. Aus der behaglichen Ferne eines Jahrhunderts betrachtet, nehmen sich diese Dinge fast romantisch aus; die Feder des scharfäugigen Zeitgenossen aber enthüllt uns eine Menge von Dingen, die, bei Licht besehen, unumstößlich beweisen, daß es in der Urgroßväter Tagen neben Philistertum, Kleingeisterei und Beschränktheit auch an einer tüchtigen Dosis »Korruption« wahrlich nicht gefehlt hat. Durch den sommerlich schwülen Nachthimmel dieser Zeit und ihrer Zustände fährt nun aber der grelle Blitz der französischen Revolution. Er ist auch in Laukhards Leben gefahren, und sein Widerschein leuchtet uns aus dem Buch entgegen, das in sauberem Neudruck unter den modern angezogenen Kindern des zwanzigsten Jahrhunderts heute wieder den Büchermarkt betritt. Laukhard ist ein Zeitgenosse Robespierres und Napoleons; und wenn auch der Sieger von Marengo in der Lebensgeschichte des hallischen Magisters weiter keine Rolle spielt, so hat besagter Magister eine um so genauere Bekanntschaft mit den Sansculotten gemacht, in deren Land ihn die Irrfahrten seiner wunderbaren Erdenpilgerschaft verschlugen. Das war so zugegangen: Nachdem er in Gießen, Göttingen und Halle studiert und die Burschenherrlichkeit dieser drei berühmten Hochschulen bis auf die Neige gekostet, hatte er sich in Halle zu einer gelehrten Dissertation aufgeschwungen, das Magisterexamen bestanden und begonnen, an der dortigen Universität Vorlesungen zu halten. Aber der Sumpf lockte, und der junge Gelehrte war, wie so oft, in Schulden geraten. Sein Vater, sonst den nicht immer noblen Passionen des Sohnes gegenüber großmütig, will diesmal nicht zahlen. Ein psychologisches Nachtstück hebt an, ein Monodram, das in wenigen Stunden sich abspielt. Am Weihnachtsabend sieht ein Freund den unglücklichen Magister, der sein letztes rotes Kleid nebst Rock und Weste bei der Trödlerin versetzt hat, in einer Soldatenkneipe verschwinden. Am folgenden Morgen geht der Verzweifelte in die Christmette, von da in die »Broyhanschenke«, ein malerisch an der Saale gelegenes Wirtshaus, wo er stundenlang in dumpfem Schweigen vor sich hinstarrt. Nun folgt der dritte Akt: Laukhard meldet sich auf der Hauptwache, empfängt das übliche Handgeld – und der preußische Staat ist um einen jener bedauernswerten »Vaterlandsverteidiger« reicher, die sich um ein paar Goldstücke dingen ließen und den Leichtsinn einer Stunde mit einem Leben voll namenlosen Elends bezahlten. So war der Privatdozent gemeiner Musketier geworden, hinter dem die Hallenser Kinder in hellen Haufen hersangen: »Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist kein Magister mehr.« Das war der Kehrreim einer Ballade, die ein schauerliches Menschenschicksal zum Inhalt hatte. Zwar wurde ihm das Los, als gebildeter Mann unter den »Ausländern« des damaligen Werbeheeres zu dienen, von wohlwollenden Vorgesetzten tunlich erleichtert; aber Laukhard hat doch das schreckliche Soldatenleben mit seinem Hunger und Elend, seiner sittlichen Verwilderung und seinen grausamen Strafen bis in die untersten Tiefen kennen gelernt. Besonders während des Feldzugs in die Champagne, wo infolge der unfähigen Führung ein ganzes Heer in Regen- und Schlackerwetter verfaulte. Wir sind hier an einem wichtigen Wendepunkte angekommen. Denn mit dem Abmarsch seines Regiments zur französischen Grenze hat unser Magister den Boden der großen geschichtlichen Ereignisse betreten, und er, dessen Schilderungen bis hierher vorwiegend den Kulturhistoriker und besonders den Freund der Geschichte des akademischen Lebens interessieren, darf nun den Anspruch erheben, auch den Quellenschriftstellern der eigentlichen Weltgeschichte beigezählt zu werden. In der Tat sind die »Begebenheiten, Erfahrungen und Bemerkungen während des Feldzugs gegen Frankreich«, die einen Teil seiner Selbstbiographie ausmachen und dem zweiten Bande der vorliegenden Ausgabe einverleibt wurden, eine äußerst wertvolle Quelle zur Geschichte der Rheinfeldzüge. Bekanntlich haben über die »Kampagne in Frankreich« auch andere Teilnehmer berichtet, und selbst Goethe, der in Karl Augusts Gefolge den Zug mitmachte, hat ein Buch darüber geschrieben. Gerade zu diesem aber bilden Laukhards »Begebenheiten« eine sehr wünschenswerte Ergänzung. Gewiß ist Goethes Werk von einem höheren Standpunkt aus entworfen; es ist auch ungleich feiner und delikater gehalten als das Laukhardsche. Die Welt sieht eben verschieden aus, wenn man sie von der Beletage eines Hauses oder aus den Luken einer Keller- oder Mansardenwohnung betrachtet; ein Feldzug anders, wenn ein hochgestellter Herr im Hauptquartier darüber schreibt oder ein Kriegsmann, der im zerlumpten Mantel bei den Vorposten gelegen hat. Wer nun aber die Ereignisse von der vornehmen Höhe Goethescher Lebensauffassung mit angesehen und sich mit dem Dichterfürsten über dessen geistreiche Prophezeiung gefreut hat, daß mit dem Tage von Valmy eine neue Epoche der Weltgeschichte heraufsteige: der wird auch Laukhards viel prosaischere, aber der unmittelbaren Wahrheit weit näher kommende Darstellung nicht ohne Nutzen lesen. Denn die Kenntnis des Soldatenlebens und -leidens jener Tage verdanken wir doch in erster Linie dem Musketier Laukhard, der nicht allein mitten darin stand, sondern auch die finstersten Nachtseiten, über die Goethes Goldfeder zierlich hinweggleitet, mit seinem, wie immer, derben Realismus belichtet und beleuchtet. Aber das Interesse an dem Laukhardschen Werke geht hierüber weit hinaus. Im folgenden Jahre spielt sich nämlich vor der Festung Landau ein Vorfall ab, in dessen packende Einzelheiten wir hier nicht weiter eingehen wollen, um nicht dem Leser durch vorzeitiges Ausplaudern die Freude an der Episode vorwegzunehmen. Genug, infolge einer wunderbaren Verkettung von Umständen kommt Laukhard aus dem deutschen ins französische Lager und von hier ins Innere der großen Republik. Das gibt ihm Gelegenheit – eine Gelegenheit, wie sie in gleicher Weise nicht viele gehabt haben –, als Zuschauer an dem brodelnden Hexenkessel der Revolution zu stehen und dem schäumenden Gebräu da drinnen in einem Augenblick zuzuschauen, als es eben im Siedepunkte der Schreckenszeit angekommen war. Und er wäre fast selber dem Revolutionsdrachen zum Opfer gefallen, dieser ehrliche Deutsche, wenn nicht gute Freunde, die der fröhliche, leichtlebige Gesell allerorten zu finden das Glück hatte, in diesen Stunden höchster Not ihm beigesprungen wären. Selbst der öffentliche Ankläger baute ihm goldene Brücken, und die Tür des Gefängnisses öffnete sich ihm wieder, als die deutschen Zeitungen schon meldeten, daß der interessante Zeitgenosse unter dem Fallbeil der Guillotine sein Leben verhaucht habe. Es verdient bei dieser Gelegenheit erwähnt zu werden, daß die Urteile, die Laukhard als unmittelbarer Augenzeuge über die französischen Verhältnisse abgibt, im höchsten Grade Beachtung verdienen. Daß ein Mann in seiner Lage, der die elende Wirtschaft der kleinen Despoten des Heimatlandes und die eiserne Härte der preußischen Militärsklaverei am eigenen Leibe verspürt, den Gedanken der französischen »Freiheit« nicht abhold gewesen, das kann nicht wundernehmen. Auch daß er die Terroristen, selbst Robespierre, nicht ohne weiteres verdammen möchte, ist für sein Gerechtigkeitsgefühl ebenso bezeichnend wie für seine politische Einsicht. Hat er es doch ganz richtig erkannt, daß das rücksichtslose Regiment des Nationalkonvents mittels der levée en masse Frankreich damals tatsächlich vom Abgrund rettete. Sind doch auch Geister ersten Ranges, selbst Herder und Wieland, ihrer anfänglichen Bewunderung für die Revolution bis lange nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. treu geblieben, einem Ereignis, das auch Laukhard kühl genug behandelt. Auf der andern Seite war dieser den Revolutionsmännern gegenüber nichts weniger als ein blinder Jasager; er betrachtet im Gegenteil die französischen Zustände mit bemerkenswert scharfer und helläugiger Kritik. So wird man auch nicht allzu sehr erstaunt sein, zu hören, daß, wiederum in Uebereinstimmung mit ersten Geistern, unser preußischer Musketier prophetischen Blickes die Erfolge der französischen Republik voraussagt, wenn sie einen großen Führer finden würde – und er hat das zu einer Zeit gesagt, als eben dieser große Führer, Napoleon Bonaparte, noch den blauen Rock eines einfachen Artillerieoffiziers trug. Auch über französisches Volksleben und die Stimmungen in den Provinzen zur Sansculottenzeit erhält man aus Laukhards Mitteilungen eine Menge wertvoller Aufschlüsse: nicht minder über das scham- und sittenlose Treiben der Emigranten, die der Autor zu Beginn des Feldzugs in ihrem Hauptquartier in Koblenz kennen gelernt hat und denen er später nach seiner Rückkehr aus Frankreich in Süddeutschland wieder begegnet ist. Seine vorzügliche Kenntnis der französischen Sprache hat ihn befähigt, in die Denkweise dieser Leute, die, einem geflügelten Worte zufolge, »nichts gelernt und nichts vergessen hatten«, tiefer einzudringen, als mancher andere, der an sich auf höherer Warte stehen mochte, als dieser preußische Soldat. Endlich hat Laukhard zuletzt noch eine Zeitlang unter den schwäbischen Kreistruppen gedient, und, wenn er dem Biedersinn der ehrlichen Schwaben alle Gerechtigkeit widerfahren läßt, so weiß er mit dem derben Humor, der seine Schilderungen überall begleitet, die unter diesem Bruchteile der alten »Reichsarmee« herrschenden Zustände seinen Lesern in zwerchfellerschütternder Weise vorzuführen. Wer es noch nicht wissen sollte, warum weder die Kroaten Oesterreichs noch die Reichsvölker oder die Prügelsklaven der Armee weiland König Friedrichs des Großen mit den undisziplinierten »Banden« der Revolutionsheere fertig zu werden vermochten, der wird aus den Vorlesungen unseres hallischen Magisters eine besonders reichliche Belehrung mit nach Hause nehmen. Von den Schwaben kommt Laukhard endlich wieder ins Preußische und – im Jahre 1795 – nach der Universitätsstadt Halle zurück. Seine weiteren Erlebnisse bis zum Schlusse der Selbstbiographie bewegen sich nun freilich mehr im Rahmen der Alltäglichkeit, und doch ist es zu bedauern, daß das Werk im Jahre 1802, mit dem fünften Bande der Originalausgabe, abbricht. Denn noch einmal hat später das Leben des exzentrischen Mannes, das nicht dazu bestimmt war, in normalspurigen Geleisen zu verlaufen, eine höchst eigentümliche Wendung genommen, über die allerdings nicht mehr auf Grund der Selbstbiographie, sondern nur aus zerstreuten Notizen berichtet werden kann, die aus den Faszikeln der Archive zusammengesucht werden mußten. Auch die Tradition hat einiges beigesteuert, das im Schlußkapitel nach kritischer Sichtung zusammengestellt wurde. So sind Laukhards »Leben und Schicksale« ein Torso, aber ein Torso von hoher Bedeutung. Denn es dürfte nur wenige Geschichtsbücher geben, die einen solchen Reichtum kaleidoskopartiger Bilder aus dem Kleinleben einer Zeit, namentlich der mittleren und niederen Stände zweier großen Völker enthalten, wie die Aufzeichnungen dieses fahrenden Schülers, dieses »literarischen Vagabunden« (Häusser), dessen Werk, mitten in den Kriegsstürmen des Jahres 1807, Achim von Arnim seinem Freunde Brentano zur Lektüre empfahl. Und auch das darf behauptet werden: neben der unendlichen Fülle des Stoffes, überhaupt dem sachlichen Interesse des Buches wird der Leser doch nicht minder von der Persönlichkeit des Schreibers gefesselt, der seine oft haarsträubenden Erlebnisse ungemein unterhaltend vorzutragen weiß. Es ist ja richtig, wenn es auch eine feindselige Feder über Laukhard geschrieben, daß ihm die Poesie gefehlt und daß dieser grobkörnige Realist in seinen Darstellungen alles abstreift, was man eigentlich den »Schmelz« des Lebens nennen darf. In recht unangenehmer Weise zeigt sich das besonders in seinen Romanen, deren er eine längere Reihe verfaßt hat, die das Entsetzen der Hüterinnen ästhetischer Konvenienz und Etikette, der gelehrten und schöngeistigen Literaturzeitungen seiner Tage waren. Da ihm echt künstlerisches Kompositionstalent abging, so waren diese »Romane«, die heute fast sämtlich am Gestade der Vergessenheit angelangt sind, im Grunde nichts als form- und gestaltlose Abenteurergeschichten ohne psychologische Vertiefung, geschweige denn dichterische Verklärung der Gestalten. Sein »Rheingraf Karl Magnus«, in dem er die Schandtaten eines der winzigen Despoten des ancien régime schildert, sein »Marki von Gebrian«, der die Torheiten eines französischen Emigranten behandelt – es ist überflüssig, die andern dieser Werke hier aufzuzählen Vgl. das Schlußkapitel, wo über Laukhards Schriftstellerei noch einiges gesagt wird. –, sie sind bloße Aneinanderreihungen wilder Streiche und grotesker Begebenheiten, und auch das umfangreichste und vielleicht beste der Erzeugnisse seiner epischen Muse, die »Annalen der Universität zu Schilda«, enthalten zwar eine Menge an sich recht ergötzlicher »Harlekinaden« der akademischen Bürgerschaft dieser absonderlichen Hochschule, aber auch hier fehlt die Künstlerhand, um einen an belustigenden Situationen keineswegs armen Stoff zu einem harmonischen Ganzen zu verschmelzen. Wesentlich anders ist dies in der Selbstbiographie, deren Faden nicht erst künstlich gesponnen zu werden brauchte, wo vielmehr die temperamentvolle Darstellung eines ganz eigenartigen Lebensganges an sich schon vollauf genügt, um den Leser beständig in Atem zu halten. Es ist eine Tragödie der Irrungen, eine wahre Tragödie des menschlichen Leichtsinns, die sich vor unseren Augen abspielt, wenn wir diese Blätter in die Hand nehmen. Das Leben eines hochbeanlagten Menschen, aber von außerordentlicher Willensschwäche, der, wie er selbst gefühlt hat, ein Kind war und von dem ersten besten, der ihm über den Weg lief, sich leiten ließ. Einer der wunderlichsten »Helden« der Geschichte und ein unverfälschtes Original des achtzehnten Jahrhunderts: das ist Friedlich Christian Laukhard gewesen. In dem Leben dieses Menschen war nicht weniger als alles absonderlich. Nicht einmal sein Geburtsjahr hat er gekannt, er, der ein Gelehrter und dazu der Sohn eines Pfarrers, also Hüters der damaligen Geburtsurkunden war! Denn er ist nicht, wie er selbst angibt (vgl. Band I, S. 7 dieses Buches), 1758, sondern am 7. Juni 1757, zwischen sieben und acht Uhr des Abends, geboren. Ich verdanke diese interessante Notiz der Güte des Herrn Oberlehrers Friedrich Schläger in Offenbach a. Main, der das auf der Bürgermeisterei zu Wendelsheim (Rheinhessen), Laukhards Geburtsort, aufbewahrte Kirchenbuch auf meine Bitte persönlich eingesehen hat. Ich habe selbst schon einmal an anderer Stelle über ihn gesagt und darf das Wort wohl hier wiederholen: er war einer jener Charaktere, deren Bekanntschaft für den Humoristen, einen Jean Paul, einen Wilhelm Raabe, eine Tonne Goldes wert gewesen wäre. Um so mehr, als seine Konfessionen mit wahrhaft Rousseauscher Offenheit geschrieben sind. Ja, es hat vielleicht außer dem großen Jean Jacques nie einen Menschen gegeben, der mit so klassischer Ungeniertheit die Mit- und Nachwelt hinter die Gardine seines Seelenlebens hat blicken lassen, wie Laukhard. Selbst daß ihn die Rachsucht einmal fast verleitet hätte, in Frankreich einen Freund, von dem er sich verraten glaubte, auf die Guillotine zu bringen, selbst das gesteht er, und er gesteht es mit einem so ehrlichen Armesündergesichte, daß man dem sonst grundgutmütigen Menschen diese Aufwallung verzeihen muß. Ueberall tritt uns in Laukhards Werk ein ungeheurer Wirklichkeitssinn entgegen, eine erstaunliche Wahrhaftigkeit, die den Leser gefangen nimmt und ihn mit einem echt tragischen Mitleide für den Helden erfüllt, der trotz eines so offenen und urteilsfähigen Kopfes, trotz seiner respektabeln Gelehrsamkeit und mancher praktischen Fertigkeit nichts weiter als ein Vagant geworden ist. Zartbesaitete Seelen muß manches, vieles an dem Denkmal naturalistischer Darstellung abstoßen, das unter dem Titel »Magister Laukhards Leben und Schicksale« in der Literaturgeschichte auf alle Fälle einen aparten Eckplatz behaupten wird. Der Verfasser erspart uns nichts: weder die viehischen Saufgelage der Gießener Burschen oder die Stinkbomben, mit denen sie in der Silvesternacht den Eintritt des neuen Jahres begrüßen, noch die schamlosen Orgien in den Bordellen der Großstädte. Er weist mit Fingern auf hohe Herren, die in diesen Tempeln der Freude verkehren, er nennt die hallischen Studentenliebchen und ihre Anbeter mit Namen. Wir hören aus seinem Munde, wie 1792, während des Champagner Feldzuges, die unglücklichen Soldaten in den Hospitälern bei lebendigem Leibe verfaulen, wie man sogar Leichen in den Latrinen der Biwaks zwischen dem Unrat findet. Man sieht die Opfer der Spießrutenstrafe mit zerfleischten Rücken zusammenbrechen, man riecht das Blut, das zur Schreckenszeit in weiten Lachen zu Lyon auf den Richtplätzen steht. Widerlich-gräßliche, lächerlich-burleske Fratzen der Weltgeschichte steigen empor. Sie wirken um so packender, da sie sich als unmittelbare Lichtbilder erweisen, frisch von der Platte, ohne die mildernde, sänftigende Phrase, die dem Schriftsteller anstatt der Retusche dient. Auch die »anständigen« Leute, selbst die hohen Herren erscheinen ohne das konventionelle Lächeln, das der Hofphotograph distinguierten Personen auf die Lippen zu legen pflegt. In puris naturalibus treten die Menschen der Zopfzeit bei Laukhard auf. Nicht schön, aber in Zolaschem Sinne echt und interessant, doppelt interessant für das heutige Geschlecht, das den Kampf gegen die »Gesellschaftslüge« erfolgreich begonnen hat. An subtilen, schönfärbenden Ateliermalern in der Geschichte ist wahrlich kein Mangel – viel seltener sind die rücksichtslos arbeitenden Freilichtler. Ein Exemplar dieser Gattung, freilich mit recht borstigem Pinsel, steht hier vor uns. Ein prächtiger Kerl – quand même . Bonn, zu Neujahr 1908. Paul Holzhausen. An den Leser Der verstorbene Doktor Semler, dessen Asche ich nie genug verehren kann, gab mir im Jahr 1784 den Rat, meine Begebenheiten in lateinischer Sprache herauszugeben. Ich hatte dem vortrefflichen Mann mehrere davon erzählt, und da glaubte er, die Bekanntmachung derselben würde in mancher Hinsicht nützlich werden. Ich fing wirklich an zu arbeiten und schrieb ungefähr acht Bogen, welche ich ihm vorwies. Er billigte sie und riet mir, den Herrn Professor Eberhard um die Zensur zu bitten. Ich tat dies schriftlich, denn damals scheute ich mich, weil ich kurz zuvor Soldat geworden war, es mündlich zu tun. Auch Eberhard lobte mein Unternehmen: nur riet er mir, um der mehrern Leser willen, deutsch zu schreiben. Ich folgte ihm und zeigte mein Vorhaben öffentlich an. Aber weil damals mein Vater noch lebte, so mußte ich, um ihn nicht zu beleidigen oder ihm gar in der hyperorthodoxen Pfalz und bei den dortigen Bonzen nicht zu schaden, vieles weglassen, was doch zum Faden meiner Geschichte gehörte. Daher war jener Aufsatz mangelhaft und unvollständig. Mein Vater erfuhr indessen durch die Briefe des Herrn Majors von Müffling, daß ich mein Leben schriebe, und befürchtete, ich möchte Dinge erzählen, die ihm Verdruß bringen könnten. Er schrieb mir daher und befahl mir, von meinen Lebensumständen ja nichts eher, als bis nach seinem Tode drucken zu lassen. Der Brief meines guten Vaters war voll derber Ausdrücke: er stellte mir das Uebel, das für ihn daraus folgen könne, so lebhaft vor, daß ich mein Manuskript ins Feuer warf. Einige Jahre hernach starb mein Vater, und ich konnte nun freimütig zu Werke gehen; aber der Feldzug im Jahre 1790 und andere Geschäfte, welche ich ums liebe Brot unternehmen mußte, hinderten mich, meinen längst gefaßten Vorsatz eher ins Werk zu richten. Nachdem ich aber mehr Muße und tätige Unterstützung redlich gesinnter Männer erhielt, so ging ich neuerdings ans Geschäft, und so entstand die gegenwärtige Schrift. Jeder Leser wird ohne mein Erinnern gleich schließen, daß das, was der Dichter von seinen Versen sagt: – – paupertas impulit audax Ut versus facerem – »Armut trieb mich an zum Verseschmieden.« L. auch von meinem Buche gelte; und ich würde sehr zur unrechten Zeit wollen diskret sein, wenn ich's nicht bekennte. Ich bin ein Mann, welcher keine Hilfe hat, kein Vermögen besitzt und keinen Speichellecker machen kann: folglich würde ich sehr kümmerlich leben müssen, wenn ich mir keinen Nebenverdienst machen wollte. Und wer kann mir das verdenken? Allein, obgleich der erste Grund der Erscheinung gegenwärtigen Buches im Magen liegt, so ist er doch nicht der einzige. Ich war ein junger Mensch von guten Fähigkeiten und von gutem Herzen. Falschheit war nie mein Laster; und Verstellung habe ich erst späterhin gelernt und geübt, nachdem ich vieles schon getan und getrieben hatte, dessen ich mich schämen mußte. Mein Vater hatte mir guten Unterricht verschafft, und ich erlangte verschiedene recht gute Kenntnisse, welche ich meiner immer fortwährenden Neigung zu den Wissenschaften verdanke. Meine Figur war auch nicht häßlich. Da war es denn doch schade, daß ich verdorben und unglücklich ward. Aber ich wurde es und fiel aus einem dummen Streich in den anderen, trieb Dinge, worunter auch wirkliche gröbere Vergehungen sind, bis ich endlich aus Not und Verzweiflung an allem Erdenglück die blaue Uniform anzog. Wenn nun ein Erzieher, ein Vater oder auch ein Jüngling meine Begebenheiten liest, muß er da nicht manche Regel für sich oder für seinen Zögling abstrahieren? Meine Unglücksfälle sind nicht aus der Luft gegriffen, wie man sie in Romanen liest: sie haben sich in der wirklichen Welt zugetragen, haben alle ihre wirklichen Ursachen gehabt und lehren, daß es jedem ebenso gehen kann, der es so treibt – wie ich. Ich glaube daher mit Recht, daß mein Buch einen nicht unebenen Beitrag zur praktischen Pädagogik darbietet, und daß niemand ohne reellen Nutzen dasselbe durchlesen wird: und das ist doch nach meiner Meinung sehr viel. Auf diese Art werde ich, der ich durch meine Handlungen mein ganzes Glück verdorben habe, doch durch Erzählung derselben gemeinnützig, und das sei denn eine Art Entschädigung für mich. Außerdem hoffe ich auch, daß die Erzählungen selbst niemandem Langeweile machen werden, daß also meine Schrift auch zu denen gehören wird, welche eine angenehme Lektüre darbieten. Und so hätte ich, wenn ich mich nicht überall irre, einen dreifachen recht guten Zweck erreicht. Nun habe ich viele angesehene Männer eben nicht im vorteilhaftesten Lichte aufgestellt – von unwürdigen Menschenkindern, einem Kammerrat Schad, einem Mosjeh Brandenburger und dergleichen mehr, ist hier die Rede nicht: die haben die Brandmarkung verdient! –, warum habe ich das getan? – Deswegen, weil ich glaube und für unumstößlich gewiß halte, daß die Bekanntmachung der Fehler angesehener Männer sehr nützlich ist. Die Herren müssen nicht denken, daß ihr Ansehen, ihr Reichtum, ihre Titel, selbst ihre Gelehrsamkeit und Verdienste ihre Mängel bedecken oder gar rechtfertigen können. Diese Männer, von welchen ich erzähle, haben teils mit mir im Verhältnis gestanden und haben mir nach ihrem Vermögen zu schaden gesucht und auch wirklich geschadet: teils aber schadeten sie der guten Sache, den Rechten der Menschheit, besonders jenem unumstößlichen ewigen Recht, über alle intellektuellen Dinge völlig frei zu urteilen und seine Gedanken darüber zu entdecken. Wenn ich also die Professoren zu Mainz, Heidelberg und sonstige Meister als intolerante Leute beschreibe, welche gern Inquisitoren werden und den heiligen Bonifatius oder jenen abscheulichen Menschen, den Abschaum aller Bösewichter, den Erfinder der Inquisition und Hexenprozesse, ich meine den Papst Innocentius III., nachmachen möchten – tu' ich dann unrecht, da die Sache sich durch Taten bestätigt? Vielleicht schämen sich andere und werden toleranter, und wäre das nicht herrlich? Hatte ich da nicht mehr Gutes gestiftet, als mancher Verfasser dicker Bände von Predigten und anderem theologischen, philosophischen oder juristischen Unsinn? Ferner: darf ich den nicht beschreiben, der mir wehe tat? Rache, schreien zwar die Moralisten – in ihren Theorien! – sei überhaupt ein schändliches Laster, dem kein Weiser nachgeben müsse: ja ich sage irgendwo selbst, daß sie größtenteils unter der Würde der Menschheit sei. Allein, ich gestehe es, daß ich ihr Gebot nicht ganz einsehe: ich bin ein Mensch, so gut wie der Papst und der Fürst: ich hab auch meine Galle, und es kränkt mich auch, wenn man mir unrecht tut und mich armen ohnmächtigen Menschen drückt und seine Freude daran hat. Ich suche mich nun zu rächen, wie ich kann, und das kann ich auf keine andere erlaubte Weise, als daß ich die Leute von der Art nenne und ihren Charakter bekannt mache. Ich brenne mich nirgends weiß und erdenke an mir keine Gesinnungen, die ich nicht habe. Daher gestehe ich's, daß die Großmut, welche alle Neckereien übersieht und sich ungeahndet hudeln läßt, meine Tugend nicht ist. Wer besser in diesem Stück ist, nicht der, welcher bloß besser spricht, verdamme mich: ich habe nichts dawider. Und wer übeln Nachreden entgehen will, der tue nichts Uebles. Schwachheiten abgerechnet, ist Publizität für Torheit und Laster ein weit zuträglicheres Heilmittel als das Mäntelchen der christlichen Liebe – das freilich gerade von denen am eifrigsten empfohlen wird, die es am meisten bedürfen.   So Laukhard selbst in dem Vorwort zu »Leben und Schicksale«. Erstes Kapitel Meine Geburt – Mein Vater und seine philosophischen Ansichten. – Theologische Unduldsamkeit in der Pfalz. – Meines Vaters alchymistische Studien und Goldmacherei. – Sein Faktotum Eschenbach. – Meine Mutter. – Meine Tante. – Soviel vermögen Tanten und Gesinde! – Knabenstreiche. – Vorliebe meiner Tante für den Wein, und mein frühzeitiger Durst. – Mein Lehrmeister im Fluchen und Zotenreißen. – Erster Schulunterricht. – Schönschreiben und Latein. Um meine Lebensgeschichte etwas methodisch einzuleiten, muß meine Erzählung doch wohl von der Zeit und dem Orte anfangen, wo ich geboren bin. Das ist geschehen im Jahre 1758 zu Wendelsheim, einem Orte in der Unterpfalz, der zur Grafschaft Grehweiler gehört. Mein Vater war Prediger dieses Orts und genoß einer ganz guten Besoldung bei einem sehr ruhigen Dienste. Das ist nun freilich in der Pfalz eine seltene Sache, indem die lutherischen Pfarrer durchaus schlecht besoldet und dabei mit Arbeit überladen sind: wenigstens in den eigentlichen Pfälzer Pfarreien, denn die gräflichen und ritterschaftlichen befinden sich besser. Leider aber werden diese besseren Stellen auch jedesmal, wenn eine erledigt wird, an den Meistbietenden verkauft oder ordentlich versteigert. Mein Vater war jedoch so glücklich gewesen, seine Stelle ohne einen Kreuzer Ausgabe dafür zu erhalten, und dies von dem Kurfürsten zu Mainz, der daselbst Patron ist, und der, als Erzbischof einer heiligen Kirche, eine ketzerische Pfarrstelle wohl nicht ohne Geld hingegeben hätte, wenn nicht andere Gründe dagewesen wären. Mein Vater hat mir diese Gründe zwar niemals entdeckt; daß sie aber dagewesen sein müssen, erhellet daraus, daß all und jede gute protestantische Pfarre, welche der Kurfürst zu Mainz vergibt, von alten Zeiten her bis auf den heutigen Tag verkauft wird. Der jetzige Inhaber der Pfarrei zu Wendelsheim hat, wie ich aus Briefen weiß, tausend Gulden rheinisch dafür bezahlen müssen. Mein lieber Vater hat sich, ohne Ruhm zu melden, von den übrigen protestantischen Herren Pfarrern in der Pfalz merklich unterschieden. Er hatte in seiner Jugend sehr fleißig studiert und besonders die Wolffische Philosophie zu seinem Lieblingsstudium gemacht. Er bekannte mir oft, daß ihn die Grundsätze der Wolffischen Metaphysik dahin gebracht hätten, daß er an den Hauptdogmen der lutherischen Lehre zweifelte. In der Folge, da er sein Studium nicht, nach Art so vieler geistlicher Herren, an den Nagel hängte, untersuchte er alle Dogmen seines Kompendiums und verwarf sie alle, da er sie mit den Sätzen seiner lieben Metaphysik unvereinbar fand. Endlich fiel er gar auf die Bücher des berüchtigten Spinoza, wodurch er ein vollkommener Pantheist ward. Ich kann dies meinem Vater jetzt getrost nachsagen, da er tot ist und wohl nicht zu vermuten steht, daß ihn die hyperorthodoxen Herren in der Pfalz werden ausgraben lassen, wie dies vor ungefähr vierzig Jahren dem redlichen Bergmeister Schittehelm von Mörsfeld geschehen ist. Es ließen nämlich die protestantischen Geistlichen zu Kreuznach diesen hellsehenden Kopf als einen Edelmannianer Johann Christian Edelmann, bekannter Freidenker, geboren 1698 zu Weißenfels, studierte in Jena Theologie, hielt sich 1735 einige Zeit beim Grafen von Zinzendorf auf und ging 1736 nach Berleburg, wo er an Haugs Bibelübersetzung teilnahm. Er kann als der erste ausgesprochene Gegner des Christentums in Deutschland bezeichnet werden, wenngleich seine zahlreichen Schriften bald vergessen waren. Er selbst wanderte, ein langbärtiger Apostel, in Norddeutschland umher, wurde vielfach verfolgt und vertrieben und erhielt endlich, unter der Bedingung, nichts mehr zu schreiben, den Aufenthalt in Berlin gestattet, wo er am 15. Februar 1767 gestorben ist. L. herausgraben und so dicht an dem Nahefluß einscharren, daß ihn der Strom beim ersten Anschwellen heraus- und mit sich fort riß. Dergleichen Barbarei wird man doch, hoffe ich, am Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr begehen. Sonst war mein Vater sehr behutsam in seinen Reden über die Religion; nur seinen besten Freunden vertraute er dann und wann etwas von seinen Privatmeinungen und bekannte mir oft in traulichen Gesprächen, er wünsche gar nicht, daß sein System Leuten bekannt würde, welche einen moralischen Mißbrauch davon machen könnten. Mein Vater hatte in den Sprachen und Wissenschaften viel geleistet. Er verstand recht gut Latein und war in den morgenländischen Sprachen, wie auch in der griechischen, gar nicht unerfahren. Seine Predigten waren nicht ausgeschrieben, und das heißt in der Pfalz viel, sehr viel! Denn da reiten die Herren, was das Zeug hält, die alten Postillen zusammen: ja das ist schon ein rechter Mann, welcher aus Martin Jockisch' sel. expeditem Prediger, aus Pastor Gözens Dispositionen oder aus einem anderen Tröster von der Art eine Predigt zu fabrizieren imstande ist. Den meisten Herren muß alles von Wort zu Wort vor der Nase stehen, sonst verlieren sie gleich den Zusammenhang. So war aber mein Vater nicht: er arbeitete seine Dispositionen und Predigten selbst aus und trug weit mehr Moral als Dogmatik vor. Niemals konnte er sich entschließen, die Sabellianer, Arianer, Eutychianer, Pelagianer, Apollinaristen, Deisten und andere alte und neue Ketzer auf der Kanzel zu befehden, nach Art seiner Herren Amtsbrüder, und dieses wollte man eben schon von seiten dieser Herren nicht sehr loben. Sogar beging er den Fehler, daß er die Katholiken und Reformierten ihr Kirchenwesen ruhig für sich treiben ließ: ein Benehmen, das ihn bei den dortigen kontroverssüchtigen Herren vollends in Mißkredit brachte. Aber er bekümmerte sich um die Herren nicht und wandelte seinen Pfad getrost für sich fort. Außerdem war mein Vater ein unerschütterlicher Freund jeder bürgerlichen und gesellschaftlichen Tugend. Seine Ehrlichkeit kannte ebensowenig Grenzen, als sein Bestreben, gegen jedermann gefällig zu sein und jedem Notleidenden zu helfen. Dabei hatte mein Vater indes auch seine großen Schwachheiten; aber doch auch nur Schwachheiten und keine Laster. Er war – daß ich nur etwas davon anführe – ein großer Kenner der Alchimie und wollte durchaus Gold machen. Ein gewisser Mosjeh Fuchs, welcher um das Jahr 1760 wegen Geldmünzerei und anderer Halunkenstreiche in Schwaben gehangen worden ist, hatte ihn mit den Geheimnissen dieser edlen Kunst bekannt gemacht. Er fing an zu laborieren und las dabei die herrlichen Bücher des Basilius Valentinus, Baptist Helmontius und seines noch tolleren Sohnes, Meister Merkurius Helmontius, Paracelsus, Becher, Sendivogius – den er besonders hochhielt – und anderer theosophischer, alchimistischer Narren und Spitzbuben. Die Lektüre dieser Scharteken verwirrte ihm den Kopf und machte, daß er jahraus, jahrein den Stein der Weisen suchte und beträchtliche Summen bei dieser unseligen Bemühung verschwendete. Meine Mutter machte dem verblendeten Mann die triftigsten Vorstellungen, welche nicht selten in Zwist und Spektakel ausarteten; aber alles umsonst. Er laborierte frischweg und versicherte mehr als einmal, daß er das große Magisterium nunmehr gefunden hätte und demnächst Proben davon geben würde. Der Apotheker Eschenbach in Flonheim war meines Vaters treuer Gehilfe. Dieser war bankerott geworden, zwar nicht durch Alchimie, sondern durch sein Saufen und durch die Spitzbübereien des Abschaums aller Spitzbuben, des verstorbenen Rats Stutz in Flonheim. Eschenbach, welcher arm war und keinen Unterhalt wußte, war froh, daß ihn mein Vater zu seinem Kalfaktor, oder wie sie ihn nannten: Kollaboranten und Mitphilosophen aufnahm. Er half nicht nur getreulich laborieren, sondern schaffte noch alle alten vermoderten Bücher herbei, welche die Kunst, Gold zu machen, lehren sollten. Hätte mein ehrlicher Vater statt der Wolffischen Metaphysik die physischen Werke dieses Philosophen studiert, so würde viel Geld erspart und manches nachgerade unterblieben sein. Er hatte einige Jahre vor seinem Tode aufgehört zu laborieren, aber noch 1787, als ich ihn zum letztenmal besuchte, behauptete er, daß die Goldkocherei allerdings eine ausführbare Kunst sei. Es ist nur schade, fügte er hinzu, daß man so viel Lehrgeld geben muß und doch keinen erfahrenen Lehrmeister haben kann. Meine Mutter, welche noch lebt, ist eine ganz brave Frau, und so habe ich sie immer gekannt. Sie ist eine Enkelin des ehemals berühmten Rechtsgelehrten Johann Schilter von Straßburg. Mein Vater hatte sie aus Liebe geheiratet, und sie schien immer eingedenk zu sein, daß sie ihm nichts zugebracht hatte. Sonst hat sie, wie alle Weiber, ihre kleinen und großen Mängel, die ich eben hier nicht angeben mag. Von meinen ersten Jahren und meiner früheren Erziehung kann ich nur wenig anführen. Mein Vater hatte eine Schwester bei sich im Hause, welche niemals – wer weiß, warum? – verheiratet gewesen ist. Diese führte die besondere Aufsicht über uns Kinder, war dabei aber so nachgiebig, daß sie alle unsere kleinen Teufeleien nicht nur vor den Augen unserer Eltern fein tantisch verbarg, sondern selbigen nicht selten noch gar Vorschub tat. Und so ward ich früh unter den Bauern als ein Bube Nach der Pfälzer Sprache heißen alle Jungen Buben, die Bauern nennen ihre Söhne so, bis sie heiraten. bekannt, der es, mit den Pfälzern zu reden, faustdick hinter den Ohren hätte und ein schlimmer Kunde werden würde. Noch jetzt erinnere ich mich mit Unwillen oder manchmal mit Wohlgefallen, je nachdem meine Seele gestimmt ist, an die Possen und Streiche, welche ich in meiner ersten Jugend gespielt habe. Der alte Eschenbach hatte sich einmal entsetzlich betrunken und saß schlafend auf einem Strohstuhl in unserer Scheune. Ich war allein zugegen und bemerkte, daß Wasser von dem Stuhle herablief; husch, nahm ich ihm die Perücke vom Kopf, hielt sie darunter, ließ sie vollaufen, stürzte sie ihm wieder auf den Kopf, doch so, daß der Haarbeutel übers Gesicht zu hängen kam, und entfernte mich. Der alte Säufer erwachte darüber, lief auf den Hof und schrie einmal übers andere: Wer tut mich mit Wasser schütten! Mein Vater erfuhr den Vorgang, und statt mich zu züchtigen, sagte er nichts als: 's ist ein Blitzbube! Hat er den alten Saufaus nicht bezahlt! Habeat sibi. Meister Trippenschneider handelte mit Essig, Zwiebeln und Salz, welches alles er auf einem Esel herumführte. Einst kam er in unseren Flecken und ging in meines Vaters Haus, um da seine Waren anzubieten. Flugs steckte ich dem Tier angezündeten Schwamm hinters Ohr: der Esel ward wild, warf seine Ladung ab, wobei das Salz verschüttet und die Essigfäßchen zerbrochen wurden. Man untersuchte genau, woher das Tier so wild geworden man aber man fand auch keine Spur von einer Ursache. Meister Trippenschneider erklärte endlich den Zufall aus der Feindschaft der Schlampin, einer alten Frau, welche bei uns für eine Hexe galt. Diese sollte den Esel durch ihre Hexereien so in Harnisch gejagt haben. – Ich für mein Teil freute mich, konnte aber nicht schweigen, und so erfuhr mein Vater den Urheber des Spektakels. Ich erhielt Ohrfeigen zur Belohnung und Meister Trippenschneider Ersatz seines Schadens. Meine Tante pflegte hernach dieses Stückchen als einen Beweis meiner Fähigkeiten anzuführen, wenn sie für gut fand, ihre Affenliebe gegen mich durch Lob zu äußern. Meine Tante war eine große Freundin vom Trunk, und diese Neigung ging so weit, daß sie sich nicht nur oft schnurrig machte, sondern auch dann und wann recht derb besoff. Mein Vater schloß also, wenn er mit meiner Mutter über Feld ging, den Keller zu und ließ der Tante bloß ihr Bestimmtes. Diese machte aber die Entdeckung, daß eins von den Kellerfenstern ohne eiserne Barren und bloß mit einem hölzernen Gitter verwahrt war. Das Gitter konnte leicht weggenommen werden; ich mußte mich also an einem oben befestigten Seile herablassen. Inwendig öffnete ich sodann die Kellertür, und Mamsell Tante konnte sich nach Herzenslust Wein holen. Für sie selbst hätte es hingehen mögen, denn sie war einmal – wie die meisten Frauenzimmer in der Pfalz – ans Trinken gewöhnt; daß sie aber auch mich, einen Knaben von sechs Jahren, zum Weintrinken anfeuerte, das war im höchsten Grade unrecht. Ich würde sagen, daß es schändlich war, weil sie dadurch den Grund zu vielen meiner folgenden Unfälle gelegt hat; aber ihre Affenliebe zu mir ließ sie bloß auf Mittel sinnen, wie sie mir Vergnügen machen könnte; an nachteilige Folgen dachte sie nicht. Auf diese Art wurde ich also in der zartesten Jugend ein Säufer! Oft wurde ich durch den Trunk meiner Sinne beraubt, und dann entschuldigte mich die Tante, wenn ja die Eltern nach mir fragten, durch Vorgeben: daß mir der Kopf wehe täte, daß ich schon schliefe usw. Mein Vater erfuhr demnach von meinem Trinken nichts. Zu den schönen Künsten, womit meine Jugend ausgerüstet war, gehört auch das Fluchen und Zotenreißen. Unser Knecht, Johann Ludwig Spangenberger, unterrichtete mich in diesen sauberen Künsten zu früh und zu viel. Er erklärte mir zuerst die Geheimnisse der Frauenzimmer und brachte mir leider soviel Theorie davon bei, daß ich instand gesetzt wurde, zu den schamlosen Neckereien und Gesprächen des Gesindes In der Pfalz scheinen die Zoten wie zu Hause zu sein; besonders herrscht unter den gemeinen Leuten eine solche Schamlosigkeit im Reden, daß auch ein preußischer Musketier über die unlauteren Schäkereien der Pfälzer Hänsel und Gretel erröten würde. L. mein Kontingent allemal richtig und mit Beifall zu liefern. Und seitdem der Knecht mich so unterrichtete, suchte ich seine Gesellschaft mit aller Emsigkeit und versah ihn mit Tabak aus meines Vaters Büchse; es war natürlich, daß sein Unterricht hierdurch zunahm. Da auch Meister Hans Ludwig wie ein Landsknecht fluchen konnte, so ahmte ich ihn auch hierin so getreulich nach, daß jedesmal, wenn ich redete, das zweite Wort eine Zote und das dritte ein Fluch war. In meiner Eltern Gegenwart entfuhren mir anfänglich auch derlei Unflätereien; da ich aber bald merkte, daß sie das nicht leiden konnten, ward ich vorsichtiger und sprach bescheiden; aber nur in ihrer Gegenwart. Es läßt sich denken, daß es nicht bloß bei Ludwigs Theorie geblieben ist: ich bekam bald Lust, auch das zu sehen und das zu erfahren, wovon ich so viel gehört hatte. Dazu fand ich Gelegenheit bei einer unserer Mägde, welche gerne zugab, daß ich bei ihr alles das untersuchte, was mir Hans Ludwig als das non plus ultra der höheren Kenntnisse angepriesen hatte. So war meine erste Erziehung beschaffen, oder vielmehr so wurde das wenige Gute, welches mein Vater durch Unterricht und Ermahnen in mich zu bringen suchte, durch Verführung und böses Beispiel anderer verhunzt und vernichtet. Ich muß es meinem guten Vater zwar nachrühmen, daß er mich oft und mit aller Herablassung und Sanftmut unterrichtet hat: ja, er hielt mir anfangs keinen Lehrer, weil er glaubte, daß der Unterricht eines Vaters jenem eines Lehrers bei weitem vorzuziehen sei; und darin hatte er nun freilich recht. Allein er hätte mehr auf meinen Verstand und mein Betragen, als auf mein Gedächtnis Rücksicht nehmen und das letztere nicht bloß mit einseitigen Kenntnissen ausfüllen sollen. Denn da unsere Lehrstunden nicht lange dauerten, und ich das, was ich außer denselben auswendig zu lernen hatte, mit meinem ziemlich glücklichen Gedächtnis ziemlich faßte, so entzog ich mich seiner Aufsicht und benutzte meine übrige Zeit, da mein Vater in seiner Studierstube oder im alten Hause mit Goldlaborieren beschäftigt war, zu allerhand kleinen Teufeleien. Meine Mutter gab vollends noch weniger auf die Aufführung ihrer Kinder acht, und so waren wir größtenteils uns selbst überlassen. Mein Vater setzte ferner, wie viele Väter, die Erziehung in den Unterricht: lernen hieß bei ihm erzogen werden, und ein junger wohlerzogener Mensch bedeutete ihm bloß einen Jüngling, der seinen Cicero und Virgil lesen, die Städte. Flüsse u. dgl. auf der Landkarte anzeigen, die Namen der großen Heroen, die Schlachten bei Marathon, Cannae usw. auf dem Nagel herzählen und dann endlich französisch plappern konnte. Dies, sagte er, ist für einen Knaben genug: das übrige gehört für die höheren Schulen! Wie sehr er hierin geirrt hat, darf ich nicht erst sagen. Vom Schönschreiben war mein Vater kein Freund; docti male pingunt , sagte er. und so war es hinlänglich, wenn ich nur schreiben, d.h. Kratzfüße machen konnte. Er ging hierbei in seiner Pedanterie so weit, daß er den Verfasser eines mit schönen Schriftzügen geschriebenen Briefes jedesmal für einen Ignoranten erklärte. Diesem Vorurteil meines Vaters verdanke ich es. daß ich immer elend und unleserlich geschrieben und dadurch schon mehrere Flüche und Verwünschungen der Drucksetzer verdient habe. In die deutsche Schule zum Katechismus oder zum Religionsunterricht wollte mich mein Vater aus guten Gründen nicht schicken. Er war, wie meine Leser schon wissen, Pantheist, mußte folglich die Art, wie man Kindern in den Schulen von der Religion vorschwatzt, von Herzen verabscheuen: ich durfte also den Katechismus nicht lernen und habe ihn auch nie gelernt. Erst in Gießen, als ich Dr. Benners Vorlesungen über die Symbolik hörte, las ich den Katechismus Lutheri mit allem Ernst. Dagegen wurde schon in meinen früheren Jahren das Latein mit mir angefangen, und zwar aus Amos Comenius' bekanntem Buche, dem Orbis pictus. Ich muß gestehen, daß ich diesem Buche vieles verdanke: es ist das beste, um Kindern eine Menge Vokabeln und lateinische Redensarten spielend und ohne allen Ekel beizubringen. Ein Knabe, der den Orbis pictus treibt, kommt in drei Monaten im Latein weiter, als er durch den Gebrauch der sogenannten Chrestomathien und Lesebücher in einem Jahre kommen kann. Neben dem Orbis pictus wurden die Trichter des Mugelius getrieben, und dadurch ward ich nach dem gewöhnlichen Schlage in der Grammatik fest. Mein Vater hatte den guten Grundsatz, daß die Grammatik das Fundament der Sprachlehre ausmachen müsse. Zweites Kapitel Der Rheingraf. – Hofprediger Herrenschneiders »Heilsordnung«. – Kabale gegen meinen Vater. – Sein Auftreten gegen den Rheingrafen. – Ein hochgeborener Schuldenmacher. – Schinderhannes und der Kammerrat Schad. – Das Ende der Tragikomödie vom Rheingrafen. – Mein Aufenthalt im Institut zu Dolgesheim. – Unser Lehrprinz. – Häuslicher Unterricht. – Aberglaube in der Pfalz. – Das Muhkalb und der Schlappohr. – Mein Vater kuriert mich vom Aberglauben. – Aufenthalt auf der Schule in Grünstadt. – Ferienbelustigungen, – Erste Praxis in der sinnlichen Liebe. Als ich ungefähr acht Jahre alt war, wurde mein Vater in einen Handel verwickelt, der ihn ganz niederschlug; es war folgender: Der Rheingraf zu Grehweiler, meines Vaters hochgebietender Herr, hatte einen Hofprediger, Johannes Herrenschneider, von Straßburg, ehemaligen Konrektor der Schule zu Grünstadt, einen Mann, der französisch parlierte, sich täglich mit Lavendelwasser einbalsamierte und immer durch die Fistel sprach. Dieser Mann hatte in Strasburg studiert, wo die krasseste Orthodoxie vonzeiten der Reformation an fürchterlich geherrscht hat und noch herrscht. Daher war er denn auch übertrieben orthodox und roch, wie Doktor Bahrdt sagt, die Ketzer von weitem. Uebrigens wußte er gar nichts und war ein trübseliger unwissender Schüler. Und dennoch ließ sich dieser saubere Herr beigehen, ein Buch zum Unterricht der Kinder in der Rheingrafschaft herauszugeben. Er sudelte zu dem Ende ein Ding aus seinen dogmatischen Heften zusammen, welches das non plus ultra alles Unsinns und aller Grillenfängerei war; ein Ding, worin sogar von Mitteilung der Eigenschaften Christi, vom Antichrist, von der Höllenfahrt Christi und von allen Raritäten des Systems weitläufig gefaselt wird. Auf die Frage: warum Christus zur Hölle gefahren sei? heißt die Antwort: daß er predigte ewige Verdammnis den verdammten Geistern und sich seines Sieges an ihrer Qual und Marter erfreute! – Pfui der Schadenfreude! – Am Ende des Wisches steht obendrein ein Anhang von der Verschiedenheit der Religionen oder eine Nachricht – für Bauernkinder!! – von den Gnostikern, Arianern, Nestorianern, Eutychianern, Monotheleten, Schwenkfeldern, Majoristen, Atheisten, Deisten u. dgl. Das Buch wurde ganz in der Stille zu Strasburg abgedruckt und sollte auf Befehl des Herrn Grafen in alle Schulen der Grafschaft eingeführt werden. Mein Vater widersetzte sich der Einführung dieses elenden Wisches mit aller Gewalt und schrieb deswegen an den verstorbenen Herrn D. Töllner nach Frankfurt an der Oder, der stets sein Freund gewesen ist, wie auch an Herrn D. Walch nach Göttingen. Diese Männer erklärten den Wisch für das, was er war, für die Geburt eines elenden Grützkopfs, die sich zum Schulunterricht durchaus nicht schicke. Mein Vater übergab dem Grafen die Briefe seiner Freunde, legte ihm die Mängel des Buches, dem der Verfasser den Namen »Heilsordnung« gegeben hatte, deutlich vor Augen, aber was half's? Das Ding wurde eingeführt und von den Schulkindern auswendig gelernt. – Daß der Hofprediger von nun an meines Vaters erklärter Feind wurde, versteht sich von selbst. Ich bin zwar nicht gewohnt, die Geistlichen als Männer anzusehen, welche die menschlichen Schwachheiten abgelegt haben, ja, wenn ich etwas Skandalöses von einem Schwarzrock höre, so bin ich allemal geneigt, es zu glauben: die Erfahrung hat mich so weit gebracht. Doch bin ich überzeugt, man hat meinem Vater unrecht getan, als man ihn » in puncto sexus « beschuldigte. Man urteile selbst. Mein Vater hatte sich einen benachbarten Geistlichen zum Feinde gemacht, den nahen Anverwandten eines Einwohners unseres Ortes. Einige Unvorsichtigkeiten meines Vaters gaben hierauf seinen Feinden Veranlassung, dem Meister Brandenburger – so hieß der Vetter des feindlichen Geistlichen – alles zuzutragen, um einen schmutzigen Umgang zwischen ihm und einem Frauenzimmer des Ortes, welches eben nicht im besten Rufe stand, zu supponieren und ihn, nachdem sie alles fein eingefädelt hatten, förmlich anzuklagen. Die Beweise fehlten gänzlich, und ob man gleich viele Eide schwören ließ, so konnte man doch nicht das geringste herausbringen, was meinen Vater auch nur aus der Ferne wirklich graviert hätte. Dennoch wurde ei suspendiert, denn der Graf selbst war sein Feind. Ich muß den Grund dieser Feindschaft anführen: Der Graf von Grehweiler hatte ungefähr nur vierzigtausend Taler Einkünfte und führte doch einen fürstlichen Hofstaat, hielt sogar Heiducken und Husaren, eine Bande Hofmusikanten, einen Stallmeister, Bereiter und noch viel anderes unnötiges Gesinde. Dazu gehörte nun Geld, und seine Einkünfte reichten nicht zu. Die Untertanen durfte er aus Furcht vor dem Lehnsherrn, dem Kurfürsten von der Pfalz, nicht mit neuen Auflagen belästigen: daher blieb bloß der einzige Weg übrig, Schulden zu machen. Dieser Modus acquirendi ging anfangs recht gut, aber bald wollte niemand mehr dem Herrn Grafen auf sein hochgräfliches Wort borgen. Was war zu tun? Man nahm Geld auf die Dorfschaften auf, und die Untertanen mußten sich unterschreiben. Auf diese Art wurde nach und nach eine Summe von 900 000 rheinischen Gulden geborgt. Die Prozedur bei diesen Anleihen war oft mit den größten Spitzbübereien verbunden. So wurde z.B. an den Grafen von Lamberg in Mainz ein Wald zwischen Bockenheim und Wonsheim versetzt, von 500 Acker; und doch ist in der ganzen Gegend keine Staude zu sehen. Die Bedienten des Grafen ließen sich alle zu den Absichten ihres Herrn willig finden: sie haben ihren Vorteil dabei. An der Spitze von allen stand der Herr Kammerrat Schad, der erst vor einigen Jahren als Bettler gestorben ist, nachdem er über zehn Jahre im Gefängnis zugebracht hatte. Folgendes Epigramm auf den alten Schinderhannes, den dieser Kammerrat um all sein Hab und Gut gebracht hatte, charakterisiert ihn nicht übel: Ich war ein armer alter Schinder, Jedoch im Schinden viel gelinder, Als der Herr Kamm'rrat Schad, Der mich, den Schinder selbst, geschunden hat: Ich schund nur totes Vieh und meist krepierte Hunde, Indes Herr Kamm'nat Schad lebend'ge Menschen schunde. Ferner waren dabei: Rentmeister Brekenfeld, den die Bauern hernach den Verreck-im-Feld nannten, Oberschulz Häfner nebst Gemahlin, der Maitresse des Grafen, eine Menge Juden und andere Helfershelfer, welche samt und sonders auf des Grafen Unkosten oder vielmehr auf Unkosten der Gläubiger sich zu bereichern suchten. Mein Vater sah das Unwesen und sprach davon so deutlich, wie er es seiner Pflicht angemessen hielt. Er ermahnte seine Pfarrkinder, sich nicht mehr zu unterschreiben, weil sie doch einmal würden bezahlen müssen. Das wirkte! Die Leute widersetzten sich, die Schuld davon fiel auf meinen Vater. Das entflammte den Grafen zur Rache: was konnte ihm daher erwünschter sein, als eine Gelegenheit, sich zu rächen? Diese bot ihm die erzählte Beschuldigung dar. Mein Vater wurde also suspendiert. Aber da er den Prozeß am Kammergericht zu Wetzlar anhängig machte, so wurde er nach neun Monaten für unschuldig erklärt und erhielt einen Ehrenersatz. Wie sehr aber der Prozeß seine ökonomischen Umstände in Unordnung brachte, kann man denken. Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um gleich die rheingräfliche Tragikomödie auszuerzählen: Nachdem sich also die Schulden des Grafen zu sehr gehäuft hatten, so forderten die älteren Gläubiger ihr geliehenes Geld zurück. Man hatte auch die vielen Bubenstücke entdeckt, die bei den Borgereien waren begangen worden. Man hatte nämlich Schulknaben die Namen ihrer Väter unter die Obligationen schreiben lassen oder Namen hingeschrieben, die nicht existierten usw. Alles das bewog die Gläubiger, ihre Zahlung mit Ungestüm zu fordern. Unter diesen befand sich auch der Mainzische Staatsminister, Graf von Lamberg. Dieser ließ durch den Mainzischen Amtsverwalter Heimbach einige gräfliche Untertanen und drei Juden nach Neubamberg locken, anhalten und nach Mainz ins Gefängnis bringen, wo sie über fünf Jahre geblieben sind. Der Graf hielt sich bei diesem Vorfall ganz ruhig, doch unterstand er sich nicht, seine Grafschaft zu verlassen. Endlich kam eine kaiserliche Kommission, welche die ganze Wirtschaft untersuchte und zuvörderst den Herrn Grafen mit seinen Bedienten festsetzte. Die meisten dieser sauberen Finanziers hatten sich aus dem Staube gemacht. Oberschulz Häfner war nach Holland und von da nach Amerika gegangen, ebenso waren Brekenfeld und andere entwischt, aber die Frau des Oberschulzen, der Kammerrat Schad und mehrere andere wurden festgesetzt und erst lange hernach losgelassen. Der Fürst von Nassau-Weilburg war Kommissarius. Nach mehreren Jahren kam das Endurteil von Josef II. Die Untertanen, welche sich unterschrieben hatten, wurden von der Bezahlung losgesprochen. Der Graf sollte wegen seiner Betrügereien auf zehn Jahre nach der Festung Königstein bei Frankfurt gebracht und der Regierung unfähig erklärt werden. Die Sukzession sollte nicht auf den noch lebenden Bruder des Grafen, Ludwig, sondern auf eine Seitenlinie, von Grumbach, fallen. Die Kommission sollte so lange bleiben, bis die Gläubiger bezahlt wären, welche aber keine Interessen zu fordern hätten. Alle anderen, welche an der Sache mala fide Anteil gehabt hätten, sollten nach Befinden von dem Kommissar zur Strafe gezogen werden. Dies war das Urteil, welches den Einsichten und der Denkungsart des vortrefflichen Kaisers wahre Ehre gemacht hat; und so endigte sich die Grehweilersche Komödie mit Schrecken! Der Graf hat seine vollen zehn Jahre abgesessen. Seine Tochter, die Gemahlin des Grafen von Ortenburg, reiste zwar selbst zum Kaiser und bat fußfäIIig um die Freilassung ihres Vaters; aber der gerechte Fürst antwortete, der Graf hätte sich einer weit schärferen Ahndung schuldig gemacht. »Danken Sie Gott, Madame,« setzte er hinzu, »daß ich mir nicht, wie ich anfangs willens war, in dieser Sache das Gutachten der Kurfürsten und der Reichsstände ausbat; wäre dies geschehen, Ihr Väter würde so nicht weggekommen sein.« Mit diesem Troste mußte sich die gute Gräfin abführen. Jetzt ist die Sache dahin gebracht, daß der Graf Karl von Grumbach die Regierung der Grafschaft führt und die Schulden bezahlen muß. Er hat sich mit der jüngsten Tochter des Rheingrafen vermählt. Laukhard hat diesem ärgerlichen Handel eine besondere Schrift gewidmet, die er in einem späteren Bande mit den Worten ankündigt: »Die Geschichte des Rheingrafen Carl Magnus von Grehweiler. Diese Geschichte ist ein derber Beitrag zum Wesen des Despotismus unserer deutschen Duodezmonarchen, welche es weit ärger treiben als unsere Monarchen in Folio oder Quart. Ich bearbeite sie nach dem, was ich selbst darüber weiß und was Moser und andere Publizisten aktenmäßig davon gesagt haben. Sie wird handgreiflich zeigen, warum so viele Untertanen in der Rheingegend mit ihrer Regierung äußerst unzufrieden waren, und den Franzosen so schnell, fest und häufig anhingen.« Das Buch erschien dann 1798 unter dem Titel: »Leben und Taten des Rheingrafen Carl Magnus, den Josef der Zweite auf zehn Jahre ins Gefängnis nach Königstein schickte, um da die Rechte der Untertanen und anderer Menschen respektieren zu lernen. Eine Warnung für alle winzigen Despoten, Leichtgläubigen und Geschäftsmänner.« P. Während mein Vater vom Amt suspendiert war, befand ich mich zu Dolgesheim im Institut des Inspektors Kratz; er hatte seine Anstalt schon vor mehreren Jahren eingerichtet und manche junge Leute so weit gebracht, daß sie die Universität beziehen konnten. Er war wirklich ein geschickter Mann im Lateinischen und Griechischen, wußte viele Vokabeln, war stark in der Grammatik und konnte ganze Reden des Cicero wörtlich hersagen; sonst war er steif orthodox. Im Unterricht stand er immer cum baculo da und gerbte seinen Schülern das Zeug ein. Ich kann mich vorzüglich rühmen, die schwere Hand des Herrn Kratz oft und derb empfunden zu haben. Seine Eleven waren meistenteils übelgezogene Jungen, und wie vorbereitet ich in diese Gesellschaft gekommen bin, wissen meine Leser. Die Schüler, an der Zahl vierzehn, behandelten mich als einen kleinen Buben, der ihren »Komment« nicht verstünde und den sie also in die Lehre nehmen müßten. Aber sie wurden bald inne, daß sie sich geirrt hatten. Ich fing an, das praktisch zu zeigen, was ich in Wendelsheim von meinem Mentor, dem Ludwig Spangenberger, theoretisch gelernt hatte, und da sahen die Dolgesheimer Jungen, daß ich in manchen Stücken noch hätte ihr Lehrmeister sein können. Ich ward jetzt der Teilnehmer an allen ihren Vergnügungen und bald die Seele der Gesellschaft. Kein Lumpenstreich wurde ausgeführt, – Mosjeh Fritz war dabei und nicht selten der Anführer. Unsern Lehrmeister oder wie wir ihn nannten Lehrprinzen (von ›Prinzipal‹) schonten wir nicht und schabernackten ihn, wo wir nur konnten. Die Bauern in Dolgesheim fürchteten sich ordentlich vor uns; denn es verging kein Tag, daß wir die Leute nicht geneckt oder sonst gehudelt hätten. Ich wohnte bei dem Bruder meines Vaters, der sich in Dolgesheim aufhielt und Kammersekretär bei dem Grafen Leiningen-Guntersblum-Emmerich war; er hatte einen Sohn, Jakob, welcher ebenso lustig lebte wie ich und es, trotz mir, in der Schelmerei weit genug gebracht hatte. So wurden meine Sitten in Dolgesheim eher verschlimmert als verbessert. Im Latein kam ich freilich weiter, auch fing ich an, griechisch zu kauen. Aber der ganze Unterricht wollte mir nicht recht behagen; ich fühlte den Unterschied zwischen der Lehr- und Behandlungsart meines Vaters und der des Herrn Kratz. Jener war immer liebreich, fluchte und schalt nie, Herr Kratz war ganz anders. Der fluchte, wenn er tückisch war, wie ein Bootsknecht und gab uns immer die garstigsten Zunamen: Flegel, Esel, Schlingel, Büffel, Ofenlochsgabel waren die gewöhnlichen Titel, womit er uns begrüßte, und darauf pflegte eine derbe Prügelstrafe zu folgen. Selten war er freundlich. Konnte ein Schüler seine Vokabeln ohne Anstoß hersagen, so bestand der ganze Beifall in einem mürrischen hm! hm!, fehlten aber einige Wörter, dann klang die Musik ganz anders, kurz, die Schulstunden waren allemal wie ein Fegefeuer, und doch durften wir sie bei schwerer Strafe nicht versäumen. Kratz hatte keine Kinder, und seine liebe Hälfte war ein wahres Konterfei von der Hexe zu Endor. Es ist schwer, sich etwas Abscheulicheres vorzustellen: ihr Schmutz ging über alle Beschreibung. Sie soll sogar einmal von einer Jüdin für einige Kreuzer eine Reissuppe gekauft haben, weil sie »trefe«, d.h. unrein und folglich ungenießbar für Juden geworden war. Ich hatte ungefähr anderthalb Jahre in Dolgesheim zugebracht, als mich mein Vater zurückholte. Ein Baugefangener, der nach zehn Jahren saurer Festungsarbeit wieder frei wird, kann nicht froher sein, als ich es war, da es hieß, es ginge nach Hause. Beinahe hätte ich vergessen, bei meinem Lehrprinzen, dem Herrn Kratz, Abschied zu nehmen und ihm für seinen Unterricht, wie auch für die vielen Schläge u. dgl. aufs verbindlichste zu danken. Ich war also wieder im Schoß meiner Familie, erneuerte meine alten Bekanntschaften und fing's wieder da an, wo ich es gelassen hatte. Mein Vater würde mich jetzt auf eine öffentliche Schule geschickt haben, wenn ihn nicht die elende Beschaffenheit der pfälzischen Schulen daran gehindert hätte. Die einzige gute Schule ist die zu Grünstadt, welche der Graf von Leiningen-Westerburg angelegt hat und die bisher immer brave Männer zu Lehrern hatte. Weit entfernen wollte mein Vater mich nun auch nicht; da er nun wirklich Gaben und Geschick zum Unterrichten hatte, so entschloß er sich, mich noch eine Zeitlang bei sich zu behalten. Auch nach Grünstadt sollte ich nicht, weil damals ein Bruder seines ärgsten Feindes an dieser Schule Unterlehrer war. Ich blieb also in Wendelsheim noch einige Jahre zu Hause, und da wir sehr fleißig anhielten, so las ich unter der Anführung meines Vaters mehrere lateinische und griechische Autoren. Meine Tante nahm mich nun noch mehr als vorhin in Schutz; ihre Neigung zu mir hatte durch meine lange Abwesenheit viel leiden müssen. Sie bewies ihre Affenliebe zu mir bei jeder Gelegenheit jetzt dergestalt, daß ich weiter keine Rücksicht auf sie nahm, wenn ich einen Streich vorhatte; vielmehr mußte sie oft die Hände dazu bieten. So mußte sie z.B. die Jüdin Brendel unterhalten, indes ich in deren Stube schlich und Schweinsgedärme um die Schabbesampel oder Sabbatlampe wand, worüber ein entsetzlicher Spektakel ausbrach. Sie war es auch, die mich lehrte auf dem Eise glandern und Schlittschuhe laufen. Diese Kunst hatte sie als Mädchen getrieben und suchte sie wieder hervor, um ihren lieben Neffen darin zu unterrichten. Mein Vater sah wohl, daß die Tante mir zu gut war; aber da er nichts Böses oder doch nicht zu viel Böses von mir hörte, so schwieg er und ließ es gut sein. Die Mutter war vollends froh, daß ich nicht viel um sie war und ihre Geschäfte nicht störte. Die gute Tante war abscheulich abergläubisch. Ueberhaupt ist das Volk in der Pfalz diesem Fehler außerordentlich ergeben. Es gibt zwar allerorten Spuren von dieser Seuche; aber nirgends auffallender als in der Pfalz. Daß es dort viele tausend Schock Teufel, Hexen, Gespenster, feurige Männer usf. gibt, daß das Maar, wie man dort den Alp nennt, auf Anstiften böser Leute drückt, und tausend dergleichen Herrlichkeiten, sind für meine lieben Landsleute ganz ausgemachte Wahrheiten; wer eine davon leugnen wollte, würde gewiß für einen Ketzer oder für einen Dummkopf angesehen werden. Jede Stadt, jedes Dorf hat seine öffentlichen Dorfgespenster, ohne die Hausgespenster. So geht z.B. in meinem Geburtsort das Muhkalb und der Schlappohr im Dorfe; im Felde spukt der alte Schulz Hahn, item in der Adventszeit läßt sich ein feuriger Mann im Felde sehen. Beinahe alle Wendelsheimer schwören, dies Ungeheuer gesehen zu haben. Die Häuser sind auch nicht frei von Uhuhus; selbst im Pfarrhaus – im Hinterhaus – geht ein Mönch mit einem schrecklich langen Bart; in der Pfarrscheune, wie die Drescher oft versichert haben, läßt sich der Sanktornus sehen usw. Daß der Pöbel an derlei Schnurren glaubt, ist ihm zu verzeihen, aber in der Pfalz glauben auch angesehene Leute oder sogenannte Honoratiores alles das ebenso einfältig wie der Pöbel. Das abscheulichste ist, daß die dortigen Geistlichen selbst den Aberglauben zu unterhalten und zu vermehren suchen. Mein Vater predigte zwar stark gegen diese Fratzen, aber er war auch der einzige, der dergleichen Ungereimtheiten öffentlich hernahm. Doch dafür rächen sich nun auch die von ihm verworfenen Gespenster, indem ihn die Hausleute des jetzigen Pfarrers Schönfeld selbst haben spuken sehen!! Ich wurde von meiner Tante mit allen Arten des Aberglaubens bekannt gemacht. Jeden Abend erzählte sie mir und dem Gesinde Histörchen von Hexen und Gespenstern, alles in einem so krassen, herzlichen Tone, daß es uns gar nicht einfiel, ihre Erzählungen im mindesten zu bezweifeln. Unvermerkt ward ich dadurch so furchtsam, daß ich mich nicht getraute, des Abends allein zur Tür hinaus zu gehen. Mein Vater merkte endlich das Unwesen und fing an, wider die Gespenster loszuziehen, so oft er im Zirkel der Familie erschien. Er nahm mich des Abends, auch spät in der Nacht, mit auf den Kirchhof und erzählte mir bei seiner Pfeife Tabak allerhand Anekdoten, wie der und jener durch Betrug der Pfaffen – mein Vater kleidete seine skandalösen Histörchen allemal so ein, daß ein Pfaffe dabei verwickelt war, daher mein unbezwinglicher Haß gegen alles, was Pfaffe heißt – mit Gespenstern wäre geneckt worden. Sofort vertröstete er mich auf die Zukunft, wo ich würde einsehen lernen, daß alles, was man so hinschwatzte und was er zum Teil selbst hinschwatzen müßte, erdichtet und erlogen wäre; daß die Leute, die von abgeschiedenen Seelen, von Gespenstern, Geistern, Erscheinungen usw. viel Wesens machten, nicht wüßten, was sie trieben. – Auf diese Art legte damals mein Vater den Grund zu der Irreligion, welche in der Folge meinen Kirchenglauben vernichtet hat. Ich hatte nun ungefähr das dreizehnte Jahr erreicht, als mich mein Vater endlich nach Grünstadt schickte. Hier genoß ich bis ins sechzehnte Jahr den Unterricht verschiedener braver und gelehrter Männer. Ich nahm wirklich in den Schulwissenschaften sichtbar zu, wenigstens wußte ich soviel Latein, Griechisch und Französisch, als man nur in der Pfalz zu wissen pflegt, und wohl noch etwas mehr. Ich blieb nicht in einemfort in Grünstadt; denn da mein rechter Fuß, welchen ich vorher zerbrochen hatte, um diese Zeit wieder aufbrach, so nahm mich mein Vater nach Hause, um mich da unter seinen Augen heilen zu lassen: auch in den Ferien war ich gewöhnlich zu Hause und suchte mich durch ausgelassene lustige Streiche für die ausgestandenen Mühseligkeiten und Arbeiten auf der Schule in vollem Maße zu entschädigen. Noch hatte ich, so sehr ich theoretischer Zotologe war, in praxi nichts getan, einige Handgriffe abgerechnet, welche ich bei den Dorfmenschern und auch wohl bei einigen sogenannten Mamsellen anbrachte. Aber nun kommt die Periode, wo ich anfing, das förmlich auszuüben, wozu mir unser Knecht schon frühe Anleitung gegeben hatte. Ich war einst im Herbst zu Hause, gerade da meine Mutter große Wäsche besorgen ließ. Das Zeug mußte über Nacht auf der Bleiche liegen bleiben und wurde von den Waschweibern nebst einigen Knechten bewacht. Ich stieg in der Nacht aus meinem Fenster, weil die Haustür verschlossen war, und begab mich zu den Bleichern. Ich fand eine recht lustige Gesellschaft, welche mir damals baß behagte. So lüstern, saft- und wortreich ich war, schäkerte ich mit und übertraf in Ungezogenheit die Knechte und die Menscher, so sehr sie sich auch bemühten, kräftig zu sprechen. Endlich kettete sich eine Dirne, welche schon ein Kind von einem Mühlburschen gehabt hatte, an mich, ließ mich neben sich liegen, fragte sodann nach diesem und jenem, woran ich ihre Absicht leicht merken konnte, und führte mich hinter eine Hecke von Bandweiden, wo wir uns hinlagerten und – Ich bin nicht imstande, die Angst zu beschreiben, worin ich mich nach dieser Ausschweifung befunden habe; ich zündete meine Pfeife an, trank Wein, aber nichts wollte mir schmecken; ich wollte Spaß machen, aber es hatte keine Art: endlich lief ich nach Hause, konnte aber auch nicht schlafen. Den folgenden Tag sah ich die nämliche Dirne; ich schämte mich, aber sie wußte so gut zu schäkern, daß ich alle Scham hintenansetzte und sie selbst ersuchte, mir Gelegenheit zur Fortsetzung unseres Umganges zu verschaffen. Dies geschah, und zwar so, daß meine Eltern nicht das geringste davon erfuhren. – Alle Begierden waren nun in mir rege, und von dem Augenblick des ersten Genusses an betrachtete ich die Frauenzimmer mit ganz anderen Augen als vorher. Jede reizte meine Sinne: aber sehr wenige, oder wenn ich eine einzige ausnehme, gar keine, machte ferner bleibenden Eindruck auf mich. Drittes Kapitel. Therese. – Seligkeit reiner Liebe. – Theresens Vater, der Amtmann. – Ich soll katholisch werden. – Pastor Neuner und der Kapuzinerpater Hermenegild wollen mir dabei helfen. – Zukunftspläne. – Mein Vater entdeckt die Umtriebe. – Seine Toleranz. – Ein geistlicher Mörder. – Abschluß meiner Schulzeit. – Reise nach Gießen. – Liederliches Leben in Frankfurt. – Berufswahl; warum ich Theologe wurde. – Gießen. – Die Offiziere. – Die Professoren. – Ein gelehrter Wucherer. – Studentenwitz. – Ein Frauenzimmer von seltener Fleischigkeit. – Auf welche Hochschulen sollten Eltern ihre Söhne schicken? Der Amtmann zu *** hatte eine Tochter, welche ungefähr ein Jahr jünger war als ich. Das Mädchen hieß Therese, war ziemlich hübsch, aber katholisch, und zwar streng jesuitisch-katholisch, wie ihre ganze Familie. Ich lernte sie auf einem Jahrmarkt kennen und suchte von der Zeit an, näher mit ihr bekannt zu werden. Es war im Herbst, als ich sie zum erstenmal sah; ich sollte auf die nächsten Ostern die Universität beziehen, hatte daher als angehender Student schon mehr Freiheit, und mein Gesuch, Thereschen näher kennen zu lernen, war sehr leicht auszuführen. Ich besuchte sie hernach öfter, der alte Amtmann konnte mich wohl leiden: denn ich suchte mich nach seinen Grillen zu bequemen und widersprach ihm niemals. Therese war auch allemal froh, und sehr merklich froh, wenn sie mich kommen sah. Ich muß gestehen, daß die drei oder vier Monate, welche ich in diesem Umgang zubrachte, die seligste Zeit meines Lebens gewesen ist. Immer, wenn ich mich allein untersuchte, fand ich, daß ich dem Mädchen sehr viel zu sagen hatte, aber sobald ich bei ihr war, hatte ich nicht Mut genug, das zu offenbaren, was mir die Brust drückte, so oft ich mich auch entschlossen hatte, alles gerade heraus zu bekennen, es möchte auch werden wie es wollte. Endlich machte ich's, wie alle unerfahrenen Liebhaber: ich schrieb ihr einen Brief und gab ihrer Magd einen Gulden, damit sie das Geschäfte einer Unterhändlerin übernehmen möchte. Einige Tage schwebte ich zwischen Furcht und Hoffnung und war wie im Fegefeuer: endlich brachte mir ein Bauer einen Brief von Thereschen, worin sie sich über meine lange Abwesenheit – ich war drei Tage weggeblieben! – beklagte und mir alle Ursache gab, das Beste zu hoffen. Nun flog ich nach ***, traf mein Mädchen allein in der Stube und hatte das erstemal Herz genug, sie mein Mädchen, meinen Engel zu nennen und ihre Wangen zu küssen. Das war ein Tag, lieber Leser, wie ich Ihnen recht viele gönnen möchte! Größere Seligkeit läßt sich nicht denken, als ich an diesem schönsten Tage meines Lebens genoß. Von diesem Tage an wuchs unsere Vertraulichkeit immer mehr, und wir wechselten beständig Briefe. Ich machte auch Verse, und so wenig Geschick ich auch immer zur Poeterei gehabt habe, gefielen sie meiner Geliebten doch besser als die besten unserer Dichter. Das ist so in der Natur der Liebenden gegründet, und daher erklärt sich auch zum Teil die Verschiedenheit des Geschmacks. Der alte Amtmann entdeckte auf irgend eine Weise unser Verständnis und hielt mir deshalb eine derbe Strafpredigt. So ein Umgang, meinte er, schicke sich für junge Leute, wie wir wären, nicht; ich hätte keine Aussichten, kein Vermögen u. dgl. Besonders stieß er sich an meiner Religion: ich wäre lutherisch, und er würde nimmermehr zugeben, daß seine Tochter sich mit einem Menschen behinge, der nicht ihres Glaubens wäre. Er bat mich darauf, sein Haus sparsamer zu besuchen, um seine Tochter nicht ins Gerede zu bringen. Das war ein Donnerschlag für mich! Ich wußte nicht, was ich dem Manne antworten sollte: ich stammelte einiges Unverständliches, faßte mich kurz und führte mich ab, ohne diesen Tag meine Therese gesehen zu haben. Ich machte mir tausend Grillen; bald wollte ich an den Herrn Amtmann schreiben: aber da war die Frage, was ich schreiben sollte. Bald wollte ich zu Theresens Base laufen, die einige Meilen davon wohnte, und ihr meine Not klagen, bald wollte ich sonst was tun. Aber von allen meinen Anschlägen wurde auch kein einziger ausgeführt; ich wußte nämlich nicht, wozu ich mich entschließen sollte. Zwei Tage nach diesem harten Stand erhielt ich ein kleines französisches Briefchen von meiner Therese, worin sie mir meldete, daß sie zu ihrer Vase reisen würde und mich daselbst auf den Sonntag unfehlbar erwartete. Ich erwirkte von meinem Vater unter einem falschen Vorwand Urlaub und eilte zu der Base. Kaum war ich mit Therese allem, so erzählte sie mir der Länge nach, daß ihr Vater unseres Umganges wegen böse wäre; daß er sich hauptsächlich an meiner Religion stieße und daß nach Wegräumung dieses Steins des Anstoßes ihr Vater keinen Anstand nehmen würde, unsere Liebe ferner nicht zu stören, daß er mich für einen braven Menschen hielte, aus welchem noch etwas werden könne usw. Ich fing wieder an, Atem zu schöpfen. Wenn's weiter keinen Anstand hat, erwiderte ich, so wollen wir schon Rat schaffen. Die Religion liegt mir nicht sehr am Herzen, und um dich zu erhalten, Engel Gottes! wollt' ich wohl einen Glauben annehmen, bei welchem ich ewig verdammt werden könnte.   Ich beredete mich sofort mit meinem Mädchen und versprach ihr, die katholische Religion näher zu prüfen und mich ganz von ihr und ihrem Vater leiten zu lassen. Wer einmal wirklich verliebt ist, würde gewiß alles tun, was ich tat. wenn er auch viel weniger Leichtsinn besitzen sollte, als Mutter Natur mir mitgeteilt hat. Kurz, recht seelenvergnügt schieden wir von einander, und Therese versprach, mich in ihr Gebet einzuschließen, damit der liebe Gott meine Augen öffnen und mir die Wahrheit recht sichtbar machen möchte. Sobald ich nach Hause kam, besuchte ich den katholischen Pfarrer Neuner in Erbesbüdesheim, den ich schon lange kannte und der in ziemlich vertrautem Umgang mit meinem Vater stand. Ich fing recht geflissentlich an, von der Religion zu sprechen, und erinnere mich, daß unser Gespräch die Rechtmäßigkeit der lutherischen und überhaupt der protestantischen Geistlichen betraf. Herr Neuner setzte mir starke Gründe entgegen und borgte mir beim Abschied ein Buch von einem gewissen Augsburger Jesuiten namens Neumeyer. Er versicherte mich, daß ich darin die Hauptbeweise der katholischen und die Hauptwiderlegungen der unkatholischen kirchlichen Lehrsätze finden würde. Herr Neuner hätte mir kein angemesseneres Buch geben können. Neumeyer hat schön Latein und so verführerisch geschrieben, daß auch ein Mensch ohne Interesse hätte irre dabei werden können. Ich hatte niemals viel von theologischen Kontroversen gehört und verstand die Lehrsätze meiner eigenen Sekte nur so obenhin. Da überdies mein Vater sehr tolerant war, so hatte er mir auch keinen Haß gegen andere Kirchensysteme eingeflößt. Auf diese Art war also meine Seele des Eindrucks recht empfänglich, den die Vorstellung von der Güte des Glaubens meiner Geliebten auf sie erregte. Kaum hatte ich daher das Buch durchgelesen, so bekannte ich mir selbst, daß das katholische Kirchensystem besser als das meinige wäre, und wurde recht ernstlich böse auf die Reformatoren, welche den unseligen Kirchenspalt bewirkt hätten, der mir jetzt mein ganzes Glück zu rauben drohte. Mit aller Freude besuchte ich nun meinen lieben Neuner – denn damals schien er mir mein bester Freund zu sein – und entdeckte ihm ohne Umschweife, daß ich gestehen müßte, die katholische Kirche habe recht, unsere hingegen unrecht. Neuner lächelte mit proselytensüchtiger Zufriedenheit; aber da er ein Jesuitenschüler war, so konnte er mit einem so raschen Bekenntnis nicht zufrieden sein. Er mutmaßte ein Nebeninteresse von meiner Seite und fragte mich geradezu, ob ich reine Absichten bei meiner vorhabenden Bekehrung hätte? Ich stutzte, doch antwortete ich ihm: daß mir nichts näher am Herzen liege als die Wahrheit. Inzwischen besuchte ich wieder einmal den alten Amtmann und fand seine Gesinnungen gegen mich besser als das letztemal. Ich erzählte ihm, daß ich jetzt beinahe von der Wahrheit der katholischen Religion überzeugt wäre. Er fiel mir ins Wort und sagte, daß er um mein gutes Geschäft schon wüßte, und zwar durch den Kapuziner, Pater Hermenegild von Alzey, der es vom Pfarrer Neuner gehört hätte. Uebrigens dürfte ich nicht fürchten, verraten zu werden, indem niemandem die Sache bekannt wäre, der Vorteil davon haben könnte, sie auszuschwatzen. Er versicherte mich endlich, wenn ich der Wahrheit getreu bleiben und dieselbe öffentlich bekennen würde, daß man bereit wäre, mich auf der Universität zu Heidelberg etwas Rechts lernen zu lassen und mir mit der Zeit auch eine Versorgung zu verschaffen: und so würde schon alles gut werden. Dies zündete wieder neue Hoffnung in meiner Seele an, und der Himmel hing mir voll Geigen, wie man in der Pfalz zu sprechen pflegt. – Ich durfte seit dieser Zeit mit meinem Mädchen unter den Augen des Vaters vertraut umgehen, durfte sie herzen und küssen, ohne daß er uns je etwas anderes gesagt hätte, als: Leutchen, macht, daß ihr nicht in wüste Mäuler kommt! Noch dank' ich es dem guten Schicksal – denn meinen Grundsätzen hab' ich es wahrlich nicht zu danken –, daß unser Umgang nicht in eine allzu große und schädliche Vertraulichkeit ausgeartet ist. Gelegenheit war überflüssig da; aber so ausschweifend ich auch sonst bei anderen gefälligen Mädchen gewesen war, so fiel mir doch niemals der Gedanke ein, etwas mit meiner lieben Therese vorzunehmen, was wider die Ehrbarkeit gestritten hätte. So viel vermag ein bestimmter ehrbarer Gegenstand der Liebe, auch bei verwöhnten feurigen Jünglingen! Dem Pastor Neuner und hernach dem Pater Hermenegild versprach ich, nicht auf eine protestantische Universität zu gehen, sondern katholisch zu werden und ohne weitere Rücksicht auf meinen Vater mit Unterstützung einiger reicher und eifriger Katholiken in Heidelberg die Rechtsgelehrsamkeit zu studieren. Ob das Ding so hätte können ausgeführt werden, überlegte ich damals nicht hinlänglich; mir schien es möglich, und wenn ich es noch jetzt überlege, so finde ich keinen Widerspruch. Mein Vater, dem im Herzen alle Kirchensysteme, als solche, gleich waren, würde sich wieder, wenn der Schritt einmal geschehen wäre, mit mir ausgesöhnt haben; eine Versorgung hätte mir auch nicht entgehen können, da ich ein Neubekehrter gewesen wäre, welches in der Pfalz von jeher eine große Empfehlung gewesen ist und es leider noch ist. Thereschen wäre mir am wenigsten entgangen. Doch es hat nicht sein sollen, mein Schicksal hatte es anders mit mir beschlossen. Mein Vater merkte bald, daß ein Liebesverständnis zwischen mir und Mamsell Therese auf dem Tapet war; aber er hielt das Ding für eine Kinderei, die ihn nichts anginge. Es würde sich schon alles von selbst geben, dachte er, wenn ich auf Ostern die Akademie bezöge. Zu dieser toleranten Gesinnung meines Vaters trug das regelmäßige und ordentliche Betragen nicht wenig bei, das ich seit dem Anfange meiner neueren Liebschaft annahm. Ich ließ alle meine ehemaligen schlechteren Bekanntschaften fahren, war, wenn ich nicht zu *** oder zu Büdesheim war, beständig zu Hause und studierte besonders fleißig den Quintilian und den Plutarch, meines Vaters erste Lieblinge. Außerdem hatte ich mich bei ihm durch eine lateinische Elegie in starken Kredit gesetzt, die ich auf den tragischen Tod der Tochter des Hofpredigers Herrenschneider gemacht hatte, und die man als ein Meisterstück – so schlecht sie sonst wohl sein mochte – bewunderte. Die Veranlassung zu dieser Elegie ist einzig in ihrer Art und gibt zu manchen Anmerkungen Stoff an die Hand. Der Hofprediger Herrenschneider, dessen ich oben schon gedacht habe, hatte den Grehweilerschen Pfarrer Valentin zu Münster bei Kreuznach beleidigt, und dieser ihm aus Rachsucht einen tödlichen Haß geschworen. Der Hofprediger wohnte so, daß man aus dem Schloßgarten gerade durch ein Fenster in seine Wohnstube sehen konnte. Das wußte Meister Valentin, welcher ehemals in Grehweiler Hofkaplan gewesen war. Um nun seine Sache auszuführen, begab er sich an einem Winterabend in den Schloßgarten und schoß eine Flinte mit gehacktem Blei durch das gedachte Fenster ab, als der Hofprediger mit seinen Kindern zu Tische saß. Seine zweite Tochter, ein Mädchen von elf oder zwölf Jahren, wurde von einem Stück Blei ins Herz getroffen und starb auf der Stelle; der Hofprediger selbst wurde nur an der Schulter beschädigt. Diese Begebenheit erregte in der dortigen weiten Gegend fürchterliches Lärmen: aber den wahren Täter erriet niemand. Das ganze Publikum fiel auf den Rheingrafen, welcher den Hofprediger damals schlangenartig verfolgte. Valentin verriet sich aber selbst; auf dem Nachhauseweg ging er zu Kalkofen in eine Schenke. Es war um Mitternacht und also schon verdächtig. Hierzu kam, daß er einige Tage vor der grausamen Tat Blei und Pulver in Kreuznach hatte holen lassen und mehrmalen dem Hofprediger den Tod geschworen hatte. Auf diese und andere mehre Anzeigen ließ ihn die Obrigkeit einziehen; aber er kam dem Richter dadurch zuvor, daß er selbst sein Leben mit Gift unterbrach, welches er zu diesem Gebrauch vielleicht schon lange bei sich geführt hatte. Er starb in schrecklichen Konvulsionen und gestand demohngeachtet, er freuete sich, daß ihm seine Rache an dem Schurken, dem Hofprediger Herrenschneider, gelungen wäre. So italienisch unversöhnlich haßte dieser Mann Gottes in Deutschland! – Er mußte über vier Wochen über der Erde liegen bleiben, weil die pfälzische Justiz ihren gewöhnlichen Schneckengang auch hierbei ging; endlich verdammte ihn die Kammer zu Wetzlar nebst zwei Universitäten zu einem Begräbnis – unter dem Galgen! Jetzt wieder zu meiner eigenen Geschichte: Also wie gesagt, mein Vater hinderte meine Liebschaft nicht, er ging sogar so weit, daß er mir von Landau, wohin er wegen seiner Alchimie gereist war, ein Paar seidene Pariser Frauenzimmer-Sandschuhe mitbrachte und sie mir mit den Worten überreichte: »Da haste was for dein Mensch!« Die Sprache in der Pfalz ist, wie meine Leser hier sehen, nicht eben delikat; eine Geliebte heißt da, auch unter den Honoratioren, Mensch ; der Liebhaber Borsch (Bursche). L. Aber die Freude dauerte nicht lange; mein Vater entdeckte meinen Briefwechsel und sah da zu seinem Erstaunen, daß meine Liebschaft die Veränderung der Religion zum Mittelzweck hatte. Er blieb wohl nicht ganz gleichgültig, verbarg aber seinen Unwillen und ließ alle Briefe, wie er sie gefunden hatte. Ich war ausgegangen und kam erst spät nach Hause. Meine Tante nahm mich gleich auf die Seite und steckte mir, daß der Vater meine Schreibereien untersucht hätte; ich erschrak nicht wenig, lief an mein Schränkchen, fand aber alles in der gewöhnlichen Lage und war zufrieden. Nach dem Abendessen warf mein Vater die Frage auf: ob der Kurfürst von Sachsen recht getan hatte, daß er, um die polnische Krone zu erhalten, katholisch geworden wäre? Es wurde über die Frage viel hin und her gesprochen, doch ohne sich etwas merken zu lassen, was eigentlich zur Sache gehört hätte. Erst am anderen Tage, auf dem Rückweg von einem Besuch, den wir zusammen in der Nachbarschaft gemacht hatten, machte er mich auf das Vernunftwidrige aufmerksam, worein ich verfallen würde, wenn ich die geringere Torheit des Luthertums gegen die größere des Papsttums vertauschen wollte. Schimpfen und Schelten fiel indes nicht vor; ich mußte ihm nur versprechen, mein Vorhaben aufzugeben, und dabei schien er sich zu beruhigen. Zu Hause wurde weiter nichts davon erwähnt, und selbst meine Mutter war wenig von der Sache unterrichtet, weil er sie nicht kränken wollte. Nach Verlauf von drei Wochen kündigte mir endlich mein Vater an, daß ich mich anschicken sollte, in einigen Tagen eine Universität zu beziehen. Hier, sagte er, wird aus dir nichts, hier verdirbst du an Leib und Seele und ärgerst mich noch zu Tode! Ich stellte ihm vor, daß noch lange nicht Ostern wäre, daß es Aufsehen erregen würde, außer der Antrittszeit mich zur Universität zu begeben usw. Aber alle meine Einreden waren vergebens, es blieb bei seinem Entschluß; kaum konnte ich noch acht Tage Aufschub erhalten, um nur von meinen nächsten Bekannten Abschied zu nehmen; meine Therese sollt' ich durchaus nicht weiter besuchen. Das tat mir freilich sehr wehe; aber die Erwartung der Dinge, die ich nun bald auf der Universität erleben sollte, milderte meinen Schmerz, erheiterte meine Miene. Mein Vater wollte mich selbst nach Gießen – denn dahin sollte ich – begleiten, damit ich unterwegs keine dummen Händel vornehmen möchte. Trotz aller dieser Strenge schrieb ich aber doch einige Tage vor meinem Abzug noch an Therese und erhielt eine recht zärtliche Antwort. Von Frankfurt a. M. habe ich noch einmal an sie geschrieben. Unterwegs gab mir mein Vater viele vortreffliche Lehren; und ich würde gut gefahren sein, wenn ich sie befolgt hätte; aber leider schon in Frankfurt vernachlässigte ich eine seiner Hauptvorschriften. In dieser Stadt diente ein Barbiergeselle aus meiner Gegend, den ich aufsuchte, weil mir seine Anverwandten einen Auftrag an ihn gegeben hatten. Der Mensch war froh, daß er mich sah, und bot sich an, mich auf den Abend in die Komödie zu führen. Mein Vater erlaubte es. Da ich dergleichen schon mehr gesehen hatte und ohnedies ein sehr bekanntes Stück gegeben wurde, so bat ich meinen Führer, mir lieber sonst etwas Merkwürdiges in dieser schönen Stadt zu zeigen. Um meinen Vater hernach zu beruhigen, verabredeten wir, ihm zu sagen, daß wir in der Komödie gewesen wären. Gesagt, getan! Mein Landsmann nahm mich mit und führte mich – ins Bordell, zur Madame Agricola. In meinem Leben war ich noch in keinem Hause gewesen, das der Venus geweiht war; ich erstaunte also nicht wenig, als ich die zügelloseste Wollust sich hier in ihrer abscheulichsten Reizbarkeit entwickeln sah. Mein Kamerad machte sich mit den Mädchen viel zu schaffen; mich aber verhinderte meine Blödigkeit, zu machen, wie man vielleicht erwartet. Ungefähr um elf Uhr verließen wir dieses lüsterne Haus. Ich machte meinem Vater eine Beschreibung von dem Schauspiel, das ich wollte gesehen haben, und er war zufrieden. Des anderen Tages besuchte er einen Freund, der ihn zum Abendessen dabehielt. Nun konnte ich wieder ausgehen, und meine Leser erraten schon, daß mein Gang zur Madame Agricola war. Ich war jetzt dreister: mein Begleiter war nicht bei mir; ich blieb bis Mitternacht und verzehrte über einen Karolin von dem Gelde, das mir meine Mutter und einer meiner Verwandten zur Universität geschenkt hatten. Ich Tor wußte noch nicht, wie sauer Geld erworben wird! Die Mädchen waren fürchterlich aufgeräumt und kirrten mich so zuckersüß heran, daß ich ihnen Wein, Schokolade, Gebackenes und dergleichen bringen ließ. Cetera non curat praetor ! Mein Vater war ungehalten auf mich, daß ich so lange ausblieb, aber ich wußte ihm so viel vorzunebeln, daß er sich endlich zufrieden gab. In einem Tage reisten wir von Frankfurt nach Gießen, welches ungefähr zwölf starke Stunden davon liegt. Mein Vater überließ es unterwegs meiner Wahl, ob ich Jura oder Theologie studieren wollte; er stellte mir aber auch vor, daß ich in der Pfalz als Jurist keine Versorgung oder doch nur sehr schwerlich eine zu erwarten hätte, weil Protestanten wegen ihrer Religion wenig Ansprüche auf kurfürstliche Bedienungen machen dürften. Er riet mir also zur Theologie, ob er gleich im Herzen die meisten Sätze des Kompendiums für Erdichtungen oder erzwungene Lehrvorschriften hielt. Ich versprach also, Theologie zu studieren, aber im Ernst hatte ich das nicht im Sinne. Ich wollte nämlich noch sehen, wie es mit meinem Mädchen und ihrem Anhang werden würde. Im Beisein meines Vaters versprach ich zwar hoch und teuer, an Theresen nicht mehr zu denken und noch weniger an sie zu schreiben; aber mein Herz hing noch fest an ihr, so fest nämlich, als es für das Herz eines äußerst leichtsinnigen und unerfahrenen jungen Menschen möglich ist; und noch hatte ich keine andere Vorstellung von Glück, als von dem in ihrem Besitz. In Gießen ließ ich mich immatrikulieren und meinen Hut nach der neusten Mode zustutzen. Sodann suchte ich mir auf dem Lektionskatalog einige Kollegien aus, pränumerierte sie, kaufte die Kompendien, stattete meinen Besuch auf den Dörfern ab, und verschaffte mir einen neuen blauen Flausch mit rotem Kragen und dito Aufschlägen. Mein Vater blieb nicht lange; er gab mir noch gute Lehren in Menge und reiste nach Hause. Gießen selbst ist ein elendes Nest, worin auch nicht eine schöne Straße, beinahe kein einziges schönes Gebäude hervorragt, wenn man das Zeughaus und das Universitätsgebäude ausnimmt. Es führt den Namen einer Festung, die aber von allen Festungen, welche ich je gesehen, die elendeste ist; zudem wird sie von einem Berge kommandiert, von woher man sie recht gut beschießen kann. Es steht ein Regiment Soldaten darin, das aber gar nicht stark ist und nur, wenn ich nicht sehr irre, sechs Kompanien zählt. Das Regiment ist das Darmstädtische Kreisregiment und muß zu der Reichsarmee stoßen, wenn dieses Heldenkorps zu Felde zieht. Bei Roßbach sind die Darmstädter recht exemplarisch gelaufen. Die Offiziere haben meistens von der Muskete an gedient und sind endlich zu Chargen gelangt, aus keinem anderen Grunde, als weil sie lange gedient hatten. Ihre Lebensart ist nicht eben die beste. Außer Dienst sitzen sie auf den Dorfschenken, auf dem Schießhaus, bei Eberhard Busch oder sonst in einer Kneipe, machen mit Knoten oder Philistern Knoten = früher studentische Bezeichnung der Handwerksburschen (auch oft Gnoten geschrieben); Philister bedeutet im allgemeinen nur »Bürger« ohne schlechten Nebenbegriff. P . und mit Studenten Brüderschaft und spielen Tarock, sechs Marken zu einem Pfennig. Sehr wenige dieser Herren sind von Adel. Unter den Soldaten gibt es sehr viele alte Invaliden; sonst sind sie lauter Landeskinder. Die Universität hatte zu meiner Zeit sechzehn besoldete und etwa drei unbesoldete oder außerordentliche Lehrer. Je weniger man von diesen gelahrten Herren sagt, desto besser; aber einiges mag zu ihrer Charakteristik hier Platz finden. Dieser Satz gehört nicht Laukhard an, sondern dem Herausgeber; L. verwendet im Gegenteil anderthalb Druckbogen zur Aufzählung und Kritisierung aller Professoren; aber seine Bemerkungen über ihr mangelhaftes Latein, ihre Schriften usw. können heutige Leser unmöglich interessieren; ich ziehe daher nur das kulturgeschichtlich und allgemein-menschlich Bedeutsamere heraus. P . Professor Koch ist ein Jurist von Ansehen und nicht gemeinen Kenntnissen, wenn man ihm nämlich und seinen Schülern glauben will. Sein Ton ist im Kollegium und gemeinen Gespräch so diktatorisch, so zuversichtlich, daß es scheint, er habe gleich dem Vizegott zu Rom alle Weisheit allein, und befinde sich im Besitz, im ausschließenden Besitz der ganzen juristischen Gelehrsamkeit. In Gießen fürchtete sich jedermann vor dem Herrn Koch; was Er auf dem akademischen Senat spricht, muß gelten, und wenn Rektor und alle Professoren anderer Meinung wären. Wer daher Ihn zum Freunde hat, darf tun, was er will; kein Haar darf ihm gekrümmt werden. Herr Koch hatte auch eine Tochter, aber nicht in Gießen, sondern in Jena; sie hieß Hannchen und kam im Jahre 1775 nach Gießen. Da aber nahm ihr Vater sie sehr schlecht auf und drohte ihr, er wolle sie durch den Ratsdiener oder Häscher zum Tor hinaus bringen lassen. Herr Schulz war zu meiner Zeit Professor der orientalischen Sprachen und Extraordinarius bei der theologischen Fakultät. Er war ein reicher Mann, dabei aber auch so geizig, daß er auf Pfänder lieh. Tambour Hofmann brachte oft von geldbedürftigen Musensöhnen Kleider, Schnallen, Uhren, Pfeifenköpfe u. dgl. hin und versetzte sie bei dem Herrn Professor. Einst geschah eine wahre Schnurre. Die Studenten hatten eine maskierte Schlittenfahrt, die sonst in Gießen sehr gemein waren und es vielleicht noch sind. Einer war als Jude maskiert, saß zu Pferde und hatte alte Kleider, Hosen, Hemden u. dgl. bei sich. Herr Schulz war am Fenster, der verkappte Jude ritt hin zu ihm und fragte, ob er nichts zu schachern hätte. Der Herr Professor antwortete: Nein. Der Jude bot ihm darauf seinen ganzen Trödel zum Versatz an und versprach ihm dreißig Prozent. Herr Schulz schmiß das Fenster zu, und die Zuschauer lachten. Weiter wurde nichts daraus. Seine Gemahlin ist die Tochter des verstorbenen D. Benner, ein Frauenzimmer von seltener Fleischigkeit, wie D. Bahrdt sagte. Aber nicht der Fleischigkeit, sondern des Geldes wegen hat Schulz sie geheiratet. Schon vorher war ihr Ruf sehr zweideutig, und so ist er auch geblieben. Einigemal hat sie ihren Mann verlassen und mit Studenten communem causam gemacht. Aber Herr Schulz ließ sich das alles gefallen, weil sie Erbin eines beträchtlichen Vermögens war. Daß auch Auswärtige um diese Zeit die Gießener Universität nicht hoch geachtet haben, zeigt folgende Anekdote: Nach dem Absterben des Professors Wolff wurde der Lehrstuhl der orientalischen Sprachen erledigt. Das Kuratorium glaubte, daß Professor Klotz zu Halle auch in diesem Fache gelehrt sei, und bot ihm die Stelle an. Klotz dankte für die Ehre aus guten Gründen. Er verstünde, schrieb er in seiner Antwort, zwar kein Hebräisch noch sonst etwas Orientalisches, doch ceteris paribus solle ihn das nicht abhalten, die Professur anzunehmen, indem er binnen vier Wochen soviel von dergleichen zu lernen gedächte, als die Gießener Studenten nimmermehr brauchen würden. Manche Eltern glauben noch immer, man könne auf jeder Universität das Seine lernen – was freilich in Ansehung einiger guter Köpfe wahr ist –, man müsse daher den wohlfeilsten Ort aussuchen und den Herrn Sohn da studieren lassen. Aber diese guten Eltern verrechnen sich häßlich, vielmehr sollten sie eine Universität wählen, auf welcher die größere Anzahl der berühmtesten Männer das Fach lehren, für dessen Erlernung ihr Sohn entschieden ist, es sei nun Medizin, Jurisprudenz, Theologie oder ein anderes, und wo bei angemessenen Besoldungen, Bibliotheken und Kuratoren die ausgedehnteste Schreib-, Lehr- und Preßfreiheit herrscht. Freilich wird auch da aus manchem nichts, aber an einem Ort wie Gießen, Heidelberg, Rinteln, Mainz, Straßburg und dergleichen mehr Hochschulen, wo Subjekte lehren, die kaum auf einer Trivialschule lehren sollten, oder wo ein Landesherr oder Kurator ohne Kopf den Vorsitz führt und alles so engbrüstig schematisiert, daß man den Verstand darüber verlieren könnte – da wird es vollends gar nichts. Die Anmerkung ist freilich bitter, aber sie ist wahr, und deshalb sage ich sie frei hin. Viertes Kapitel Die Gießener Studenten. – Ihre Lebensart. – Gießener Kneipen und Kommerse. – »Wer ist ein rechter Bursch?« – Studentenkleidung. – Schlägereien. – Unsittlichkeit. – Erste Bekanntschaft mit dem Komment. – Dreißig Duzbrüder auf einmal. – Eine Herausforderung. – Mein erster Waffengang. – Das Schnapsen. – »Kreuzzüge«.– Ein Ausflug nach Mannheim, um Theresen zu sehen. – Spiel auf dem Kaffeehaus. – Der Hanswurst in Frankenthal. – Briefliche Strafpredigt meines Vaters. – Wie ich ihn wieder versöhnte. Zu meinen Zeiten waren ungefähr 250 Studenten in Gießen, obwohl in allen Zeitungen herumstand, es wären über 500 da. Aber man darf von dergleichen nur die Hälfte glauben. Im Durchschnitt trifft das so bei allen Universitäten ein, z.B. gegenwärtig sollen in Halle 1600, in Jena 1000, in Göttingen 1200 Studenten sein, wenigstens sagen die so, welche von so einer Universität herkommen. Untersucht man aber das Ding genauer, so muß man die Summe merklich vermindern. Die Gießener Studenten waren meistens Landeskinder; doch befanden sich auch viele Pfälzer, Zweibrücker und andere daselbst. Der Ton der Studenten oder Bursche war ganz nach dem Jenaischen eingerichtet: die vielen relegierten Jenenser, die dahin kamen, um auszustudieren, machten damals das fidele Leben der Brüder Studio von Jena in Gießen zur Mode. Zudem ist Gießen auch so recht der Ort, wo man auf gut mosellanisch hausen kann. Die Maß Bier, eine volle rheinische, kostet zwei Kreuzer oder sechs Pfennige sächsisch. Freilich ist es jämmerliches Bier, aber es füllt doch den Bauch und macht endlich – übermäßig getrunken – den Kopf heroisch. Wer leugnen wollte, daß der Hauptkomment in Jena im Biersaufen bestehe, wenigstens vor kurzem darin bestanden habe, der ist in Jena nicht gewesen. Zu Gießen borgen die Hauswirte nicht, oder sie geben, studentisch gesprochen, keinen Pump, höchstens bekommt auf die Art der Student nur die Milch zum Kaffee. Alles andere muß er sich selbst holen lassen, auch selbst für sein Bier sich im Wirtshaus Pump verschaffen. Auf den Stuben wird daher selten gejubelt; vielmehr setzt man sich zusammen ins Bierhaus und zecht auf Rechnung. Das ist auch die Ursache, warum alle Kneipen oder Bierschenken, wo sonst Bursche hingehen, zu allen Zeiten voll Studenten sind. In meinen Zeiten besuchte man besonders den »Rappen«, den »Stern«, die »Reiberei«, die beiden Burschereien, das Schießhaus, den Stangenwirt Balthasar und einige andere. Weinhäuser besuchte man seltener. Wer nun ein honoriger Bursche heißen wollte, ging des Abends wenigstens in eine dieser Bierkneipen, zechte bis zehn oder elf Uhr und schob hernach ab. Da man es für Pedanterie hielt, von gelehrten Sachen zu sprechen, so wurde von Burschenaffären diskutiert, und größtenteils wurden Zoten gerissen. Ja, ich weiß noch recht gut, daß man in Eberhards Busch-Kneipe ordentliche Vorlesungen über die Zotologie hielt, worüber ein Kompendium im Manuskript da war. In Gießen sind die Kommerse erlaubt; wir haben mehrmals auf der Straße kommersiert und das » Ecce quam bonum « zur großen Freude der Gießener Nymphen hingebrüllt. Man stellt sich also leicht vor, daß die Kommerse bei den täglichen Saufgelagen der Studenten sehr frequent werden mußten: und so war es auch wirklich. Ich habe oft vierzehn Tage nacheinander alle Tage einem Hospiz oder kommersierenden Saufgelage beigewohnt. Die Hauptbestandteile eines damaligen Gießener Burschen oder Renommisten findet man in einer Beschreibung, welche man der poetischen Laune des Herrn Hild in Saarbrücken zu verdanken hat. Die Verse sind zwar elend, aber man kann doch hinlänglich daraus ersehen, was für Eigenschaften man an einem honorigen Gießener Burschen gefordert hat. Man höre nur: Wer ist ein rechter Bursch? Der, so am Tage schmauset, Des Nachts herumschwärmt, wetzt D. i.: Mit dem Degen auf das Pflaster haut, daß die Funken daraus sprühen. L. – – Der die Philister schwänzt, Nicht bezahlt, anführt. L. die Professores prellt, Der stets im Karzer sitzt, einhertritt wie ein Schwein, Der überall besaut, nur von Blamagen rein, Und den man mit der Zeit, wenn er gnug renommieret, Zu seiner höchsten Ehr aus Gießen relegieret – Das ist ein firmer Bursch: und wer's nicht also macht, Nicht in den Tag 'nein lebt, nur seinen Zweck betracht, Ins Saufhaus niemals kommt, nur ins Kollegium, Was ist das für ein Kerl? – Das ist ein Drastikum! Ein damals bekannter Schimpfname, womit man Bursche belegte, die anderwärts » Teekessel « genannt werden. L. Was meinen die Leser zu diesem Ideal? Ich kann sie aber auf Ehre versichern, daß alle unsere sogenannten honorigen Bursche demselben so ähnlich waren, wie ein Ei dem anderen: nur das Philisterschwänzen und Professoresprellen wollte nicht immer so recht gelingen: die meisten Studenten waren sehr nahe zu Hause, und folglich hielt es nicht schwer, sie nach ihrem Abzuge zum Bezahlen gerichtlich anzuhalten. Wer den Gießener Studenten Petimäterei Von petit-maître = Stutzer. P . schuld gibt, tut ihnen wahrlich unrecht. Die meisten traten einher – nach dem Liedchen – wie die Schweine. Ein gewisser Röllner aus dem Elsaß hatte keine Lust, das Burschikose mitzumachen; er kam also selten in die Gelage und ließ sich auch ein gutes Kleid machen. Das war Losung genug, ihn nicht schlecht zu verfolgen: in allen Kollegien wurde ihm Musik gemacht und auf der Straße nachgeschrien. Das wurde so lange getrieben, bis er endlich abzog und nach Göttingen ging; hier konnte er nun freilich, ohne Gefahr, ausgepfiffen zu werden, in seinem roten Kleide mit dem seidenen Futter spanisch einhertreten. Zu Kleidern vertut der Bursche in Gießen daher blutwenig: ein Flausch ist sein Kleid am Sonntag und am Werktag; selten hat einer neben dem Flausch noch einen Rock. Dann trägt er lederne Beinkleider und Stiefeln: weil aber die Hosen selten gewaschen werden, so sehen sie gemeiniglich aus wie die der Fleischer. Nur wenig Studenten in Gießen machen Knöpfe, Knopfmachen heißt dem Frauenzimmer aufwarten; daher Knopfmacher. i L . das wird überhaupt daselbst für petimätrisch und unburschikos gehalten. Vielmehr gibt es oder gab es doch zu meiner Zeit einige, die das gute Frauenzimmer bei jeder Gelegenheit prostituierten. So zogen sie z.B. auf dem Walle, wenn sie spazieren gingen, hinter ihnen her und wiederholten laut ein Kapitel aus der Zotologie. Herr Handwerk, Oekonom der Universität, hatte eine ganz hübsche Tochter, Minchen, welche was ehrliches geneckt wurde. Die Studenten kamen des Abends vor ihr Haus und schrien: »Minche, as de ham giehst, as de die Schwernuth kriest!« Minchen, willst du nach Hause gehen oder du sollst die Schwerenot kriegen! L. Mit diesen Worten hatte sie ihr Vater einmal nach Hause geholt. Noch eins! Die Tochter des Regierungsrats Reuß hatte sich mit einem Musensohn zu weit eingelassen. Zum Unglück erfuhren die Studenten, daß die Hebamme zu ihr gerufen sei; flugs zogen sie vor das Haus und machten eine Katzenmusik, wobei die schändlichsten Lieder gesungen wurden. Der Rat beschwerte sich bei dem Rektor; aber der freute sich selbst über den schnurrigen Einfall seiner Bursche und ließ es gut sein. Schlägereien sind in Gießen gar nicht selten. So klein die Universität ist, so viel Balgereien fallen vor; manchmal haben sie einen gefährlichen Ausgang. Zu meiner Zeit war es gewöhnlich, sich auf der öffentlichen Straße zu schlagen, und dies alsdann, wenn man zum voraus gewiß war, daß es würde verraten werden. In diesem Fall ging der Herausforderer vor das Fenster seines Gegners, nahm seinen Hieber, Der Stößer diente zu geheimen Schlägereien. L. hieb damit einigemal ins Pflaster und schrie: »Pereat N. N. , der Hundsfott, der Schweinekerl! tief! pereat! pereat!« Nun erschien der Herausgeforderte: die Schlägerei ging vor sich, endlich kam der Pedell, gab Inhibition, und die Raufer kamen aufs Karzer; und so hatte der Spaß ein Ende. Bordelle gibt es in Gießen nicht: aber doch unzüchtige Menscher und folglich auch – wie leider jetzt auf jeder Universität – venerische Krankheiten. Sein irriges Ehrgefühl hält manchen ab, sich einem geschickten Arzt zu entdecken, und er fällt Pfuschern in die Hände. Sonderbar ist es, daß der größte Teil der infizierten Studenten gerade Theologen, Schullehrer- und Predigersöhne, gewesene Waisenhäusler Zöglinge der bekannten Anstalt in Halle. L. oder überhaupt solche sein sollen, die man zu Hause oder auf Pädagogien oder anderen eingeschränkten Schulanstalten zur Universität vorbereitet hat. Noch sonderbarer ist es, infizierte Stipendiaten, sobald sie entdeckt werden, des Stipendiums verlustig zu erklären. Zur Scham, sich einem geschickten Arzt anzuvertrauen, kommt hier ja noch Furcht vor Verlust hinzu, und das erschwert die Kur noch mehr. Er mag nun wollen oder nicht, er fällt Pfuschern in die Hände und verpflanzt als Halbgeheilter, über kurz oder lang, sein Gift weiter, ja er bringt es nach Gegenden, wo es vorhin vielleicht noch nicht bekannt war, und macht auf diese Art seine wirkliche Sünde zur Erbsünde, wider die weder Taufe noch Exorzismus etwas vermögen. Wer kann hier genug warnen! Mehr als hundertmal habe ich es erlebt, daß unwissende Quacksalber oder voreilige Blödlinge aus einem kleinen Uebel von der Art ein recht fürchterliches, ja unheilbares, gemacht haben. Die fieberhafte Hitze, brav Hefte nachzuschmieren, plagt die Gießener Studenten nicht, wenigstens zu meiner Zeit nicht, wenn man die Pandektenschüler des Kanzlers Koch ausnimmt. Dieser hielt keinen Schüler für fleißig, der nicht die vorgetragene Weisheit schriftlich eintrug oder doch wenigstens einige Bemerkungen darüber nachschrieb. Auf anderen Universitäten habe ich immer rüstige Heftenschreiber gefunden, nirgends aber ärger als in Halle. Hier füllen die Studenten viele Quartbände mit akademischer Kollegienweisheit an und schreiben oft Dinge nach, welche in den Kompendien weit besser stehen, oder gar nicht zur Sache gehören. Das macht aber in Gießen, daß die Professoren alle über gedruckte Bücher lesen und durchaus nicht diktieren und dadurch das Heftesudeln verhindern. Das Hallische Unwesen hat auch vorige Herbstmesse eine sehr üble Folge für einen dortigen Professor gehabt. Ein Student hatte nämlich die Jüdische Geschichte, so wie sie Herr D. Knapp vortrug, nachgeschmiert und sie hernach in Leipzig drucken lassen. In Gießen möchte der Abdruck der Hefte nicht zu fürchten sein, wenn auch alles nachgeschrieben würde: denn welcher Verleger würde wohl dergleichen Zeug annehmen? Ich fand zu Gießen einige Landsleute, welche mich zustutzten und mit dem Komment, so wie ich ihn hier beschrieben habe, vertraut machten. Ich sah die Bursche, ich bewunderte sie, und machte so recht affenartig alles nach, was mir an ihnen als heroisch auffiel. Da ich bemerkte, daß die meisten den Hut quer trugen, so trug ich den meinen auch so, und gefiel! Zum Unglück war gleich nach der Abreise meines Vaters in Wieseck ein Kommers; ich wohnte demselben bei, mußte über zehn Maß Bier zur Strafe ausleeren, weil ich die Kommerslieder nicht auswendig wußte, und erwarb über dreißig Duzbrüder! Wer war froher als ich! Dreißig honorige Bursche, die ich von dem Augenblick an du heißen durfte! Calvin mag sich kaum so gefreut haben über die Qualen des braven Servets in den Flammen, als ich mich freute, da ich den Degen am Balken betrachtete, woran die Hüte und mit ihnen die Brüderschaften angespießt waren. Ich sah mich nun mit ganz anderen Augen an als zuvor, und ward um so eifriger in dem edlen Vorsatz, ein recht honoriger Bursche zu werden. Hierzu zeigte sich auch bald Gelegenheit. Es studierte ein gewisser von Avemann in Gießen, ein Erzrenommist und Schläger, vor dem man gewissen Respekt äußerte, ob er gleich an Liederlichkeit seinesgleichen nicht mehr hatte. Es schien ihm sogar der gesunde Menschenverstand zu fehlen. Dieser Avemann nannte oder schalt mich einst auf dem Schießhaus »Fuchs« . Ich nahm das Wort häßlich auf, denn meine Kameraden hatten mir aufgebunden, mich durchaus nicht »Fuchs«, »krassen Kerl« usw. nennen zu lassen. Also trat ich zu ihm und verbat mir den Ehrentitel. Avemann lachte mir ins Gesicht, worüber ich so erboste, daß ich ihn einen dummen Jungen nannte. Hierauf hob er die Hand auf, um mich zu maulschellieren. Meine Freunde hielten ihn zurück und erklärten dem Großsprecher, daß er » desavantage « D. h.: Avemann war der Beleidigte und durfte daher nicht wieder beleidigen, denn das wäre »Nachtusch« gewesen, der unter Bedauern abgebeten werden muß. Dieser sehr vernünftige Brauch ist auch jetzt immer noch in Kraft – vernünftig, weil sonst des Schimpfens, besonders unter Bezechten, kein Ende wäre und oft Tätlichkeiten folgen würden. Man »kontrahiert« oder fordert, und die Sache ist vorläufig erledigt. Uebrigens sind gegenwärtig Anrempelungen zum Zweck des Kontrahierens, wenigstens auf den kleinen Hochschulen, verhältnismäßig selten geworden. Die Einrichtung der Bestimmungsmensuren bietet dem Tatendrang der Jugend mehr als reichliche Gelegenheit, sich mit dem Schläger in der Hand auszutoben, ohne daß die jungen Herren dabei »rauhbeinig« zu werden brauchen. Den Gesichtern schadet's ja meistens nichts. P. sei und daher von mir Satisfaktion fordern müßte. Avemann ergrimmte schrecklich: denn nichts konnte ihm empfindlicher sein, als daß er, ein Erzrenommist, von einem Fuchs Genugtuung fordern sollte. Aber es mußte nun einmal so sein. Der übermorgige Tag wurde also zur Balgerei festgesetzt. Ich hatte mich zwar schon vorher etwas im Fechten geübt, jetzt aber gaben sich meine Freunde alle Mühe, mich ein wenig mehr einzuschustern in diese edle Kunst, um doch nicht ganz als Naturalist aufzutreten. Wir schlugen uns nun wirklich. Avemann verletzte mir ein klein wenig den Arm, ich aber ihm derber sein Kollett – und der Skandal hatte ein Ende. Nachdem wir Frieden gemacht hatten, sahen alle Anwesenden mich mit Augen an, die vor Freude und Beifall funkelten: da war Bruder Laukhard hinten und Bruder Laukhard vorne! Jeder würdigte mich seiner besonderen Freundschaft – und ich Tor war über den Ausgang dieses Handels so begeistert, wie kein General es sein kann, wenn er eine Menschenschlacht gewonnen hat. Nach meiner ritterlichen Tat wurde ich in eine geheime Gießener Studentenschaft aufgenommen, die nun glaubte, ein sehr respektables Mitglied in meiner Person zu akquirieren. Ich hatte in meinem Vaterland zwar lernen derb Wein trinken; aber Schnaps war nie in meinen Mund gekommen. Das Branntweintrinken wird überhaupt in der Pfalz gleichsam für schändlich gehalten. Ein günstiges Vorurteil! Es fördert den Absatz und Anbau des Weins und beugt dort dem Kornmangel vor, der aus stark betriebener Branntweinbrennerei entstehen würde. Die Trunkenheit hält man nicht für schändlich, nur das Vehikel, wodurch sie entsteht. Ich hatte zwar einen ganz artigen Wechsel, aber der würde nicht zugereicht haben, wenn ich hätte täglich Wein trinken wollen. Also, da doch manchmal eine Schnurre passieren sollte, so ahmte ich meinen honorigen Brüdern nach und trank – Schnaps. Der Gießener Schnaps ist, wie das Bier, sehr elend: er hat einen Geschmack, wie wenn er mit Rauch von Nußlaub geräuchert wäre. Dabei ist er sehr wohlfeil: wer für sechs Kreuzer oder achtzehn Pfennige trinkt, ohne ganz berauscht zu werden, muß ein kapitaler Säufer sein. Nicht lange nach meiner Ankunft in Gießen wohnte ich auch einem Kreuzzuge bei. Das Ding war so: Sechs derbe Burschen bewaffneten sich mit Flinten und dem Zugehör und marschierten gegen Abend auf ein Dorf, etwa zwei Stunden von der Stadt. In diesem Dorf wurde derb gezecht und dann ging der Zug auf ein anderes. In jedem Dorf wurden die Bauern periert, Perieren – Pereatrufe bringen. P. die Flinten losgeschossen, dem Nachtwächter das Korn genommen, wild darauf geblasen, kurz ein Spektakel verführt, daß alle Bauern in Harnisch gerieten. Wagten sie es dann, sich uns zu widersetzen, so wurde ihnen gedroht, daß, sobald sie sich weiter mokierten, wir scharf auf sie feuern würden, ohne die Ankunft unserer übrigen Kameraden abzuwarten; wir wären wer weiß wie stark! Würden sie aber Frieden machen, so wollten wir abziehen. In einigen Dörfern wurde wirklich auf diese Art Friede gemacht, aber in Busek, wohin wir gegen Tagesanbruch kamen, wollten die Bauern von Kapitulieren so wenig wissen, daß sie uns, nachdem wir eine blinde Salve auf sie gegeben, dergestalt verkeilten, daß es uns verging, den Kreuzzug fortzusetzen. Freilich hätte mich dies witzigen sollen, dergleichen Kreuzzügen nicht wieder beizuwohnen: gefährlich waren sie immer und sehr tief unter der Würde eines Universitäters; aber – wie man ist! Mein Leichtsinn, mein studentischer Heroismus verleiteten mich noch dreimal dazu.   In dem wilden Leben vergaß ich ganz meines Thereschens oder besser gesagt, die Burschenphrenesie bemächtigte sich aller meiner Sinne so sehr, daß ich an sie nicht denken konnte. Freilich fiel sie mir mehrmals ein, allein der stärkere Gedanke, daß ich Bursch wäre und nun als Bursch leben müßte, verscheuchte sogleich das Bild des guten Kindes und jagte mich zum Balzer oder Eberhard Busch. An einem Sonntag – es war Exaudi 1775 – wollte ich eben mit meinem Freund Diefenbach nach seinem Heimatsort Reiskirchen gehen, als mir der Postbote zwei Briefe übergab: der eine war von meinem Vater, der andere schien mir der Aufschrift nach von meinem Onkel, dem Pfarrer in Oppenheim, zu sein. In meinem Schlafzimmer in Reiskirchen öffnete ich meine Briefe und las den meines Vaters zuerst: er war lateinisch, mit vielen griechischen Versen aus Homer, Theokrit u.a. nach seiner Gewohnheit ausgeschmückt. Nachher öffnete ich den meines Onkels; aber Himmel, wie ward mir, als ich mich getäuscht fand, als ich meines Thereschens Hand erkannte! Sie meldete mir, daß sie sich in Mannheim bei ihrer Frau Base aufhalte, und machte mir über mein Stillschweigen Vorwürfe. Wenn's übrigens nicht gar zu weit wäre, fügte sie hinzu, so würde sie mich bitten, sie in Mannheim zu besuchen. Dieser Brief, den ich in der schlaflosen Nacht wohl hundertmal durchgelesen hatte, wurde am anderen Morgen von meinen Gastfreunden gefunden und gelesen. Diefenbach neckte mich mit meiner Liebsten und zeigte mir, als ich mich erstaunt stellte und alles ableugnete, ihren Brief. Dann kam seine Schwester, ein liebenswürdiges frisches Landmädchen, in den Garten und fing nun an, mich ebenfalls aufzuziehen; als sie aber sah – und so was sehen die Frauenzimmer eher als der feinste Kritiker einen Schnitzer – daß sie mich tief kränkte, änderte sie ihren Ton und teilte meine Empfindungen. Nichts ist labender für einen Verliebten, als ein schönes Frauenzimmer, das in seine Gefühle einstimmt. Ich schwamm in Seligkeit und geriet über dem Lob meines Mädchens so in Enthusiasmus, daß ich vergaß, daß das Lob des einen Frauenzimmers beinahe allemal die Eitelkeit des anderen beleidigt. Mamsell Diefenbach bestärkte mich in meinem Vorhaben, nach Mannheim zu reisen, um Theresen zu besuchen. Ich blieb noch einige Tage in Reiskirchen, dann aber konnt' ich's nicht mehr aushalten vor lauter Sturm und Drang, wie Meister Klinger spricht; ich ging nach Gießen, rüstete mich, gab vor, ich wollte meine Bekannten in Weilburg besuchen, und begab mich auf die Wanderschaft der Liebe. Ich machte in einem Tage die Strecke von Gießen nach Frankfurt, und das zu Fuße. Nun, meine Herren Psychologen, will ich Ihnen was sagen, das Ihnen vielleicht nicht so leicht zu erklären sein möchte als die Ideenformen: Ich war doch voll von Theresens Bild, war ihr von ganzer Seele wieder ergeben; rege Sehnsucht trieb mich zu ihr hin, kein Gedanke stand in mir auf, an dem die Idee meines Mädchens sich nicht sogleich angekettet hätte; und doch besuchte ich den Abend, als ich zu Frankfurt angekommen war, die berüchtigte Madame Agricola. Wie ging das zu? Den folgenden Tag fuhr ich mit dem Marktschiff nach Mainz, am dritten setzte ich mich in eine Retourchaise, war schon um elf Uhr in Worms und kam des Abends noch vor Dunkel in Mannheim an. Ich logierte im »Goldenen Stern«, wo ich den Wirt kannte, der sich nicht wenig wunderte, mich zu sehen. Ich ließ mich früh à la mode de Mannheim frisieren, bürstete meinen Rock fein aus und marschierte mit tausend Herzklopfen nach dem Hause, wo Therese sich zum Besuch aufhielt. Sie empfing mich an der Haustür, gab mir einen Wink, machte mir ein gleichgültiges Kompliment auf französisch und sagte sodann: »Je vous donnerai une lettre; ouvrez-la quand vous serez hors d'ici.« Die alte Base empfing mich sehr höflich und lud mich zum Frühstück ein; während des Kaffeetrinkens gab mir Therese den Brief, den ich ihrem Vater überreichen sollte, ich merkte aber wohl, daß er für mich war. Endlich kam ein Schneider, der Theresen Maß nehmen wollte; sie ging mit ihm ins Nebenzimmer, und da nahm mich nun die Base ins Verhör. Ich hatte mir einen falschen Namen beigelegt und mich für den Sohn eines katholischen Oberförsters ausgegeben. Sie erkundigte sich, ob ich auch den jungen Laukhard kenne. Ich bejahte, und nun ging es über den her! Die alte Dame nahm kein Blatt vor den Mund, und ich war froh, als Therese wiederkam und unser Gespräch ein Ende hatte. Zwar hatte ich nun meine Ehrentitel gehört, sah aber doch auch, daß noch Hoffnung für mich übrig war. Ich eilte darauf weg, um zu sehen, was Therese geschrieben hätte. Ehe ich in mein Quartier kam, begegnete mir ein Bekannter, Herr Emons, und nötigte mich, mit ihm auf ein Kaffeehaus zu gehen. Wir spielten eine Partie Billard: ich entfernte mich aber auf einige Augenblicke, um den Brief meines Mädchens zu lesen. Der war sehr kurz: sie gab mir Stelldichein auf vier Uhr jenseits des Neckars. Das war viel Trost für mich. Auf dem Kaffeehaus wurde once-et-demi gespielt; ich wollte einige Gulden wagen, die ich entbehren konnte – ich hatte von Gießen über vier Louisdor mitgenommen –, war aber glücklich und gewann dreißig Gulden. Gegen Mittag hörte das Spiel auf. Ich bin niemals ein Freund vom Spiel gewesen, aber wenn ich spielte, hatte ich meistens Glück. Um vier Uhr war ich schon lange am roten Häuschen jenseits des Neckars: endlich kam Therese und führte mich hinter die Bäume, wo wir ungestört kosen konnten. Das Gespräch bestand aus Vorwürfen, Entschuldigungen, Nachrichten, Beteuerungen ewiger Liebe und dergleichen. Der Leser wird's schon wissen. Zuletzt offenbarte ich Therese das Gespräch ihrer Base. Sie war sehr froh darüber und sagte mir, daß ich am folgenden Tage unter meinem eigenen Namen in ihrer Wohnung erscheinen solle. »Die Base soll doch sehen, daß der Laukhard kein Schuft ist: kommen Sie, wir wollen nach der Stadt gehen.« Ich begleitete mein Mädchen bis an ihre Wohnung. Ein Hanswurst hatte einige Tage vorher in Mannheim durch seine sieben Künste die Beutel der Müßiggänger, der Domherren und des übrigen heiligen und unheiligen Pöbels in Kontribution gesetzt und hielt sich jetzt in Frankenthal auf, um seine Possen auch da zu benutzen. Eine große Menge Mannheimer – so erbaulich ist auch da der Geschmack! – fuhren, ritten und gingen nach Frankenthal, und auch ich ließ mich von Herrn Emons bereden, ihn in einer Kalesche dahin zu begleiten. Der Hanswurst balancierte auf dem Draht, ließ Marionetten spielen usf., wobei das Zuschauervolk sein Zwerchfell mächtig voltigieren ließ. Wir speisten den Abend im Wirtshaus; aber wie fuhr ich zusammen, als ich den Kupferschmied Keßler von Alzey gewahr ward und er mich gar anredete. Doch fragte er nicht weiter nach. Am anderen Morgen bei der Base wurde das Gespräch sehr ernsthaft, so ernsthaft, daß Thereschen sich wegbegab. Es wurde, damit ich's kurz mache, der Entschluß gefaßt, daß ich zwar für jetzt in Gießen bleiben, aber in den Herbstferien meine Eltern besuchen sollte. Inzwischen würde sich schon ein Mittel zeigen, unseren großen Zweck auszuführen. Das war die ganze Abrede. Ich blieb noch zwei Tage in Mannheim, sah alle Tage mein liebes Mädchen und reiste dann mit schwerem Herzen wieder ab. Meinen Rückweg nahm ich durch die Bergstraße und kam dann nach einer Abwesenheit von ungefähr zwölf oder dreizehn Tagen in Gießen wieder an. Meine Kameraden ließen sich leicht bereden, daß ich in Weilburg gewesen wäre, und waren fidel, daß sie mich wiedersahen. Ich war ziemlich fleißig, schwänzte nie und ließ es an guter Repetition nur selten fehlen. Es mochten wohl vier Wochen seit meiner Reise nach Mannheim verflossen sein, als ein Brief von meinem Vater ankam. Das war ein Brief! Schrecklicher als er darin auf mich loszog, kann ein Musketierkapitän nicht auf einen Soldaten losziehen, der die Parade verschlafen hat. Er hatte von dem Alzeyer Keßler meine Donquichotes-Reise erfahren, und die Ursache davon konnte er sich leicht hinzudenken. Er wußte, daß Therese in Mannheim war, und konnte also auch schließen, daß ich sie da gesehen und gesprochen hatte. Er drohte mir, mich von Gießen wegzunehmen und nach Kopenhagen auf die Universität zu schicken; da sollte es mir wohl vergehen, nach Mannheim zu reisen. Er wollte mit aller Gewalt meine unwürdige Liebschaft stören; da müßte doch der Henker dreinsitzen usw. Sofort sollte ich antworten und den Verlauf meiner Reise richtig und ohne Umschweife erzählen: er wisse doch schon alles, und wenn ich nicht aufrichtig wäre, so würde er selbst nach Gießen kommen und mich nach Kopenhagen hinführen – in eigener Person! Diese Drohung schlug mich gewaltig nieder: denn ich fürchtete nichts so sehr, als nach Dänemark geschickt zu werden. Um also diesem Uebel vorzubeugen, antwortete ich, daß ich zwar in Mannheim gewesen, aber bloß mit einem guten Freunde dahin gereist sei, der im Elsaß zu Hause wäre und in Gießen studiert hätte. Ich leugnete geradezu, Theresen gesehen zu haben; ich müßte ja nicht einmal, daß sie in Mannheim sich aufhielte. Uebrigens räumte ich ein, einen erzdummen Streich gemacht zu haben, versprach aber, mich zu bessern, und bat um Verzeihung. Ich hatte meinen Brief lateinisch geschrieben und brav mit griechischen Stellen ausstaffiert, welches meinem Vater denn dergestalt behagte, daß er mir verzieh und mich nur noch zum Gehorsam anwies. Nun war ich wieder getröstet! Aber der angelobte Gehorsam blieb aus; ich wechselte von der Zeit an beständig mit Mamsell Theresen Briefe und schrieb auch von Zeit zu Zeit an den Pastor Neuner. Fünftes Kapitel Die Eulerkappereien. – Rohe Burschenscherze. – Was ein Rektor dazu sagt. – Das Karzer. – Ein Studentenparlament. – Das Perieren. – Kunstbetätigung im Karzer. – Wetzlar. – Jerusalem-Werther. – Wetzlarer Komödie. – Ungesunde Galanterie. – Der Ton der Wetzlarer Gesellschaft. – Prozession nach dem Grabe des jungen Werther. – Ferienreise. – Der Bellermarkt. – Erkalten meiner Liebe zu Theresen. Ungefähr im Monat August dieses Jahres entstanden in Gießen die Eulerkappereien , welche mir und vielen anderen zu schaffen gemacht haben; sie verdienen daher eine Stelle in meiner Biographie. Ich muß aber zum voraus den Ursprung dieser Benennung erklären. Zu Gießen, am Wagengäßchen, wohnte ein gewisser Euler, der in seiner Jugend Theologie studiert hatte, hernach aber wegen eines illegalen Beitrags zur Bevölkerung, der durch seines Vaters Magd zum Vorschein gekommen war, die Hoffnung verlor, ein geistliches Amt zu bekleiden. Er hatte die Mädchenschule in Gießen angenommen, war dabei Leichenbitter, Kantor an der Zuchthauskirche und Klingelbeutelträger in der Stadtkirche. Dieser Euler, oder nach dem Ekelnamen, den ihm die Studenten gegeben, Eulerkapper, war ein äußerst lächerlicher Mensch: seine Mienen, sein Anzug, sein Gang, kurz alles war so auffallend beschaffen, daß ihn niemand ansehen konnte, ohne überlaut zu lachen. Er war eben darum der allgemeine Gegenstand für die Neckereien der Gießener Studenten; und diese Neckereien nannte man Eulerkappereien . Neben Eulerkapper wohnte ein Student, welcher aus seinem Kammerfenster gerade in dessen Putzstube sehen konnte. Der Student nahm einmal den Zeitpunkt in acht, als das Fenster dieser Putzstube offen stand, befestigte seinen Kammertopf an eine Stange, langte dieselbe hinüber und leerte den Topf – es war Unrat von verschiedener Gattung darin – in der Putzstube aus. Euler mußte das Ding bald erfahren, mußte auf den Urheber schließen, und nun war es ganz natürlich, daß er ihn beim Rektor verklagte. Der Student wurde vorgefordert, er lehnte aber die Beschuldigung von sich ab, durch Vorgeben, daß manche Bursche in seiner Abwesenheit auf seine Stube zu gehen pflegten, und da könnte es immer sein, daß sie den Mutwillen verübt hätten. Er für seine Person wäre weit von dergleichen schmutzigen Affären entfernt. Auf diese Art kam Bruder Schacht, der Student, ohne Strafe davon, und der Rektor lachte bloß über den Einfall, einen Kammertopf in ein fremdes Visitenzimmer auszuleeren. Den folgenden Sonntag versammelte Herr Schacht eine große Menge Studenten auf seiner Stube. Kaum war Euler mit Frau und Tochter zur Kirche, so wurde sein Fenster mit einer Stange eingestoßen und auf die vorhin beschriebene Art eine Menge Ladungen in die Putzstube transportiert. Euler erfuhr schon auf dem Rückweg nach Hause, was vorgefallen war. Er klagte; aber nun halfen dem guten Schacht seine Ausflüchte nicht: er mußte vier Tage ins Karzer, mußte Eulern das Fenster neu einscheiben lassen und dreißig Kreuzer zur Reinigung der Putzstube hergeben. Zu Gießen war es damals Mode, daß ein inkarzerierter Student einen anderen des Nachts zur Gesellschaft bei sich haben konnte. Schacht wählte mich dazu: ich ging hin, und hier verbanden wir uns, den Euler forthin auf alle mögliche Art zu necken und zu beschimpfen. Ich hielt redlich Wort, wie ich denn überhaupt bei dergleichen Versprechungen niemals wortbrüchig geworden bin. Wäre ich nur in anderen Dingen auch so genau gewesen! Ich hielt Wort und perierte den Eulerkapper gleich am folgenden Abend, und warf ihm die Fenster ein. Aber das Unglück wollte, daß ich erkannt und beim Prorektor angegeben wurde. Dieser diktierte mir zwei Tage Karzer und die Unkosten für die eingeworfenen Fensterscheiben. Einige andere Freunde, welche den Eulerkapper auch periert hatten, kamen gleichfalls aufs Karzer oder wie man in Gießen spricht, nach Cordanopolis. Der damalige Karzerknecht hieß Conrad. Diesen Namen veränderten die Studenten in Cordanus, und das Karzer hieß daher und heißt noch Cordanopolis. L. Darüber ergrimmte die ganze Burschenschaft Hier natürlich im Sinne von »Studentenschaft«, wie überhaupt dieser Name bei Gründung der Burschenschaft 1815 gemeint war. P. und schwur dem Eulerkapper den Tod. Schacht indizierte nun ein Parlament, welches sich im »Rappen« versammelte und ein Urteil über den Eulerkapper sprechen sollte. Das Parlament kam zusammen; Schacht redete, nachdem jeder seinen Bierkrug vor sich und seine Pfeife angesteckt hatte, die Versammlung an und stellte ihr vor, wie Euler, der Mädchenschulmeister, bisher Ursache gewesen sei, daß so manche brave honorige Bursche ins Karzer gekommen und sonst gestraft worden wären; daß also eine allgemeine Entscheidung zu fassen sei, wie man es in Zukunft mit dem Euler halten sollte. Er für sein Teil fände es notwendig, daß man ihm einen angemessenen Ekelnamen beilegte. Hierauf wurde debattiert und beschlossen, daß der Mädchenschulmeister Euler in Zukunft Eulerkapper heißen und jeder Bursche ihn wenigstens einmal die Woche perieren solle. Die Perifikationsformel wurde auch durch die meisten Stimmen folgendermaßen angegeben: »Es leben Ihre Magnifizenz, der Herr Johann Heinrich Eulerkapper, Ritter von Fellago, des Heiligen Römischen Reichs Großkroneselsohrträger, Hundsfott und Schwertfeger, hoch und abermals hoch und noch einmal hoch! Pereat Eulerkapper!« Dabei sollte, wenn sich's sonst tun ließe, der Perifikant dem Eulerkapper auch die Fenster einwerfen. Das löbliche Parlament gab gleich denselben Abend ein Beispiel der Befolgung der sanktionierten Gesetze. Alle Assessoren, nachdem sie sich stark benebelt hatten, zogen vor des armen Mannes Haus und perierten ihn in der besten Form. Der Eulerkapper, welcher sich nicht getraute, vor seine Tür zu treten, mußte dem Lärmen ohngerächt zuhören; denn er kannte niemanden, war also nicht imstande, einen Perifikanten bei der Obrigkeit anzugeben. Seit dem Parlamentstage hatten die Kappereien kein Ende: alle Abende wurde von mehr als hundert Studenten: »Pereat Eulerkapper!« gegröhlt und eine Fensterkanonade vorgenommen. Ja, einst perierten ihn gar zwei junge Frauenzimmer. Es blieb aber nicht beim Perieren und Fenstereinschmeißen allein; es wurden auch Pasquille, Liedchen und scheußliche Gemälde gemacht und allerorten, besonders in der Gegend des Hauses dieses geplagten Schulmeisters angeklebt. Da so oft Studenten vom Kapper erkannt wurden, so kamen auch nicht wenige aufs Karzer. Freilich war diese Strafe niemals scharf: ein, höchstens zwei, bei öfterer Wiederholung auch drei oder vier Tage Arrest, war die ganze Züchtigung – nebst der Bezahlung der zerschmissenen Fensterscheiben. Der Rektor lachte allemal, wenn er jemanden wegen Kapperei vorhatte. Mich hieß er einmal, freilich im Spaß und mit großem Gelächter, des Satans Engel, der Eulerkappern mit Fäusten schlüge. Dafür mußte ich indes doch nach Cordanopolis wandern. Ehemals war das Karzer in Gießen, sowie die Karzer auf anderen Universitäten, bloß mit dem Namen derer bemalt, welche in demselben kampiert hatten; aber seit den Eulerkappereien fing's auch an, an den Wänden tapeziert zu werden. Anfangs wurde bloß der Eulerkapper gerade der Tür gegenüber gemalt, mit schwarzem Rock, gelber Weste, roten Beinkleidern usw. Bald hernach wurde ein Teufel in scheußlicher Gestalt vor ihn hingestellt, der ihm Brüderschaft zutrank. Die Malerei blieb nicht beim Eulerkapper stehen; es wurden noch mehrere Personen mit Epigrammen abkonterfeit – und auf diese Art wurden alle Wände so voll, daß binnen Jahresfrist kein Platz zu Porträts übrig blieb. Ein gewisser Student, namens Anaker, sollte einmal eingesteckt werden; er stellte aber gleich am ersten Abend beim Herrn Prorektor vor, daß er sich vor den vielen im Karzer abgemalten Teufeln fürchte, und wurde losgelassen.   Die Stadt Wetzlar habe ich bald nach meiner Ankunft in Gießen besucht. Sie liegt kaum drei Stunden von da und ist ein ungleiches, ruhiges, schlecht gebautes Nest. Die Stadt ist gemischter Religion; die Geistlichkeit derselben ist so bigott, daß man wohl schwerlich in der Welt bigotteres Grob antreffen wird. Nur ein Pröbchen hiervon. Kurz vor meiner Zeit hatte sich der Sekretär Jerusalem, der Sohn des berühmten Abtes Jerusalem, aus Haß gegen einen Gesandten und aus Liebe zur Tochter des Amtmanns Buff, erschossen. Man sagte damals in Wetzlar und in Gießen, daß eine Beleidigung, die Jerusalem im Hause des Präsidenten Grafen von Spauer habe erdulden müssen, bei dem sehr empfindlichen und stolzen Jüngling das meiste zu diesem traurigen Entschluß gewirkt habe. Genug, Jerusalem erschoß sich. Und nun hatte es Schwierigkeiten mit seiner Begräbnisstätte. Der Amtmann Buff, ein redlicher Mann, bat den Pfarrer Pilger um die Erlaubnis, die Leiche des Unglücklichen auf dem Gottesacker zu begraben. Aber der Pfaffe, der leider in dieser Sache zu befehlen hatte, sah jeden Selbstmörder als ein Aas an, das eigentlich für den Schinder gehöre, und versagte die Erlaubnis. Kaum konnte der Graf von Spauer, der sich recht tätlich für Jerusalems ehrliche Bestattung interessierte, soviel erhalten, daß der Erblaßte auf einer Ecke des Gottesackers durfte begraben werden. Pastor Pilger hat hernach mehrere Predigten gegen den Selbstmord gehalten und den guten Jerusalem so kenntlich beschrieben, daß jedermann merkte, er sei es, der nun in der Hölle an eben dem Orte ewig brennen müsse, wo Judas der Verräter brennt, der sich erhenkte, mitten entzwei barst und all sein Eingeweide ausschüttete (Apostelgesch. 1,18). So elend Wetzlar sonst ist, so volkreich ist es wegen des dortigen Reichskammergerichtes. Da gibt es außer den vielen Assessoren, Prokuratoren, Advokaten, Notarien und Skribaxen, wovon alle Gassen wimmeln und welche sich gewöhnlich alle schwarz kleiden, auch noch eine Menge von Fremden, welche dahin kommen, den Gang ihrer Prozesse zu befördern, d.h. die Referenten auszuspähen, denen ihre Akten übergeben sind, und diese dann mit barem schweren Gelde oder sonst etwas zu bestechen. Bei dieser großen Volksmenge fehlt es nicht an allerhand Vergnügungen, anständigen und unanständigen, wie einer Lust hat. Oft halten sich z.B. Komödianten da auf, welche aber meistens höchst elend spielen. Mein Geschmack ist wahrlich nicht fein, aber von den vielen Schauspielen, denen ich in Wetzlar beiwohnte, hat mir auch nicht eins gefallen. Einst sah ich Lessings »Ennlia Galotti«: da agierte Odoardo wie ein besoffener Korporal, Marinelli wie ein Hanswurst und der Prinz natürlich wie ein Schuhknecht. Claudia sah aus wie eine Pastorswitwe, Emilia wie ein Hockenmädchen und die Gräfin Orsina endlich wie eine couragierte derbe Burschen-Aufwärterin. Schreien konnten die Kerls und die Menscher, als wenn alle halb taub gewesen wären. So war die Komödie; dessenungeachtet aber klatschten die Wetzlarschen Herren und Damen, als spielte ein Garrick. Das Entree kostete indessen auch nicht viel: drei Batzen auf dem Parterre! Und für Kupfergeld kriegt man auch nur immer kupferne Seelenmessen! Die Gießener Studenten besuchen Wetzlar sehr oft, wie denn überhaupt die Studenten gewohnt sind, außerhalb des Ortes, wo sie sich aufhalten, ihre Vergnügungen aufzusuchen, gesetzt auch, sie könnten desgleichen in ihrer Heimat besser antreffen. Daß ich nicht lange wartete, diesen Ort aufzusuchen, läßt sich denken, da ich überhaupt alles gerne nachmachte, was Leute meines Zirkels und meinesgleichen zu tun pflegten. Allein mir gefiel das alte Nest nicht; desto besser behagte mir die Tischgesellschaft im »Adler«, weil da Leute aus allerlei Provinzen speisten und ihre Aventüren beim Glase Wein erzählten, so unwahrscheinlich einige auch klingen mochten. Da in Gießen keine Bordelle sind, und doch die Bursche daselbst den Stachel der Sinnlichkeit ebensogut fühlen wie an jedem anderen Ort, so ziehen die meisten nach Wetzlar, um das Vergnügen zu genießen, sich mit dem Auswurf des weiblichen Geschlechtes zu unterhalten. Freilich sind, außer der Geldzersplitterung, die übrigen Folgen oft sehr traurig, denn die Wetzlarschen Nymphen sind größtenteils französisch und begaben ihre Liebhaber mit einer Galanterie, die alle anderen Vergnügungen vergiftet, solange sie dauert. Ich selbst – warum soll ich's nicht gestehen? – habe die bösen Folgen eines derartigen Umganges mit gefälligen Menschern empfunden. Zum Glück geriet ich in die Hände eines geschickten Studenten der Medizin; dieser ließ mich eine angemessene Diät halten und kurierte mich innerhalb vier Wochen aus dem Grunde. Ehe ich mein Kapitel von Wetzlar schließe, muß ich noch etwas von dem Ton sagen, der daselbst herrscht, und dann eine empfindsame Prozession zum Grabe des jungen Werthers erwähnen. Nirgends in ganz Deutschland, selbst in Lauchstädt nicht, in Eisenach nicht, in Merseburg nicht, ist der Ton in den vornehmen Gesellschaften steifer, als eben in Wetzlar. Ich habe dieses zwar nicht aus unmittelbarer Erfahrung, denn der Gießener Student hat wenig Zutritt zu den vornehmen Gesellschaften daselbst. Allein jeder, den ich darüber habe sprechen hören – und ich habe mehrere Sachkundige gehört –, hat mir das so gesagt. Der Adelige und besonders die adeligen Damen wissen es gar zu gut, daß sie adlig sind, und lassen es jeden, der mit ihnen umgeht, recht empfinden. Beiher muß man wissen, daß der Adel in Wetzlar eben nicht durch die Bank stiftsmäßig ist, daß viele Funkelneue darunter sind, auch wohl viele, welche gar nicht von Adel sind, aber unverschämt genug, sich für solche auszugeben. Haben sie einen Ball, so wird er mit folgenden Worten angezeigt: »Den und den ist im Hause des und des Herrn öffentlicher Ball, woran jeder adelige Herr und jedes adelige Frauenzimmer teilnehmen kann.« Einige adelige Damen nehmen es indessen nicht übel, wenn ein Bürgerlicher, der klingende Münze hat und sonst robust ist, ihnen die Kur macht und sich die Mühe nimmt, dem hochwohlgeborenen Eheherrn Hörner aufzusetzen. – Beispiele sind verhaßt. Die Prozession nach dem Grabe des armen Jerusalem wurde im Frühling 1776 gehalten. Ein Haufen Wetzlarscher und fremder empfindsamer Seelen beiderlei Geschlechts beredeten sich, dem unglücklichen Opfer des Selbstgefühls und der Liebe eine Feierlichkeit anzustellen und dem abgefahrenen Geiste gleichsam zu parentieren. Sie versammelten sich an einem zu diesen Vigilien festgesetzten Tage des Abends, lasen die »Leiden des jungen Werthers« von Herrn von Goethe vor und sangen alle die lieblichen Arien und Gesänge, welche dieser Fall den Dichterleins entpreßt hat. Nachdem dies geschehen war und man tapfer geweint und geheult hatte, ging ein Zug nach dem Kirchhof. Jeder Begleiter trug ein Wachslicht, jeder war schwarz gekleidet und hatte einen schwarzen Flor vor dem Gesicht. Es war um Mitternacht. Die Leute, denen dieser Zug auf der Straße begegnete, hielten ihn für eine Prozession des höllischen Satans und schlugen Kreuze. Als der Zug endlich auf dem Kirchhof ankam, schloß er einen Kreis um das Grab des teuren Märtyrers und sang das Liedchen: »Ausgelitten hast du, ausgerungen.« Nach Endigung desselben trat ein Redner auf und hielt eine Lobrede auf den Verblichenen, und bewies beiher, daß der Selbstmord – versteht sich: aus Liebe – erlaubt sei. Hierauf wurden Blümchen aufs Grab geworfen, tiefe Seufzer herausgekünstelt und nach Hause gewandert mit einem Schnupfen im Herzen. Die Torheit wurde nach einigen Tagen wiederholt; als aber der Magistrat es ziemlich deutlich merken ließ, daß er im abermaligen Wiederholungsfalle tätlich gegen den Unfug zu Werke gehen würde, so unterblieb die Fortsetzung. Hätten lauter junge Laffen, verschossene Hasen und andere Firlefanze, wie auch Siegwartsche Mädchen, rotäugige Cousinchen und vierzigjährige Tanten dieses Possenspiel getrieben, so könnte man's hingehen lassen: aber es waren Männer von hoher Würde, Kammerassessoren und Damen von Stande. Das war doch unverzeihlich! Und alle die Torheit hat das sonst in seiner Art meisterhafte Büchlein des Herrn von Goethe verursacht! Das Grab des jungen Werther wird noch immer besucht, bis auf den heutigen Tag.   Ich hatte den Sommer fidel und burschikos zugebracht, hatte mich zweimal geschlagen, war drei oder viermal im Karzer gesessen und hatte nach den Statuten des oben erwähnten Parlamentes den Eulerkapper bis aufs Leben geketzert. Da freute sich nun meine Seele, als ich gegen das Ende des Halbjahrs meine Taten so überlegte und keine einzige fand, warum ich mir – wie ich damals dachte – hätte Vorwürfe machen dürfen. Als die Ferien herannahten, schrieb ich meinem Vater, er möchte mir erlauben, ihn zu besuchen. Natürlich war nicht die Begierde, meine Eltern zu sehen, sondern ein aufwiegelnder Drang, mein Mädchen zu sprechen, die Ursache, warum ich um diese Erlaubnis anhielt. Thereschen war wieder von Mannheim nach Hause gereist, und das wußte ich, denn ich hatte wohl ein halbes Dutzend Briefe von ihr erhalten, und lauter Briefe, so lang, als immer einer aus »Sophiens Reisen« In dem einstmals berühmten Buch: Sophiens Reise von Danzig nach Memel. P. sein mag. Mein Vater mochte das Ding merken, wenigstens schrieb er mir, ich sollte fein in Gießen bleiben und die Ferien zur Repetition der Kollegien anwenden; es schicke sich nicht, daß der Student alle Augenblick von der Universität nach Hause liefe: das sähe ja aus. als wollte er seiner Mutter Katz' noch einmal sehen. – So hätte ich also bleiben müssen und wäre auch wirklich geblieben, wenn nicht ein Vetter von mir, damals Hofmeister bei einem Herrn von Breidenbach in Marburg, seine Reise durch Gießen genommen und mich zum Mitreisen in die Pfalz aufgefordert hätte. Eine halbe Stunde von Wendelsheim wird alljährlich ein berühmter Jahrmarkt unter dem Namen Bellermarkt gehalten, und zwar im blanken Felde, woran mehrere Ortschaften teilnehmen. Dahin kommen Kaufleute und Krämer, viele Meilen weit. Es werden auch eine Menge Weinhütten, ungefähr fünfzig, errichtet und von allen Bierfiedlern aus dem ganzen Umkreis her bemusiziert. Ich hörte in Flonheim, daß eben heute der erste Bellermarktstag wäre. Das war mir eine erwünschte Nachricht. Ich hatte von Alzey ein Pferd mitgenommen, und nun, statt nach Wendelsheim, ritt ich, à Ia Bursch angezogen, mit einem derben Hieber versehen, auf den Bellermarkt. Gleich vorne an traf ich den ehrlichen Töpfer Engel aus Wendelsheim, der da sein irdenes Geschirr feil hatte. Engel: Ei herr jeh! Musche Fritz, willkum! Ach um Gottes wille, wo kumme Sie dann her? Ich: Heute nicht weiter als von Alzey. Hör' Er, Meister, ist mein Vater hier? Engel: Noch nit: er werd abber doch bal kumme. Die Mammese kimt och, un och die Tantese. Mama und Tante. L. Ich: Ist sonst kein Bekannter hier? Engel (vertraulich): Musche Fritz, Ehr Mensch es schun da mit ehrem Babe. Papa. L. Ich: Das wäre! Und wo sind die, mein lieber Meister? Engel: Da unne in Bremshütt. Ich: Da muß ich gleich hin. A propos , Lieber, ich habe eine Bitte an Ihn. Engel: Wann eichs tu kan, mit Fröde. Ich: Kann Er mir einige Gulden vorstrecken, bis wir nach Hause kommen? Engel (sehr freudig): Ei warum nit! Eich will Ehne zehn Gulle gebe: hun Se damet genuk? Ich: Mit der Hälfte! Wenn ich nur fünf Gulden habe. Engel (zählt Geld): Nä, da sein zehn Gulle. Es eß schun gut. Ze Wennelshem gebe Se mer se wedder. Auf diese Weise war mein Beutel wieder in Ordnung, welcher auf der Reise, besonders zu Frankfurt, ziemlich schwindsüchtig geworden war. Hierauf band ich mein Pferd an den Wagen des ehrlichen Engel und ging, mein Mädchen aufzusuchen. Ich fand sie bald: aber wie rot ward sie, über und über, als sie mich erblickte! Ihr Vater schüttelte mir indes traulich die Hand und bewillkommte mich, als wäre ich sein Sohn gewesen. Aber wegen der Herumstehenden konnten wir nichts reden, vielmehr ermahnte er mich, ihn und seine Tochter zu verlassen, damit uns mein Vater, der wahrscheinlich auch kommen würde, nicht beisammen fände und hernach von neuem lärmte. Ich fand diesen Grund vernünftig, versprach aber, den folgenden Morgen sie wieder zu besuchen, und ging. Weit von Bremshütte setzte ich mich in eine andere und fing an, à la Bursch zu zechen. Kaum hatte ich einen Schoppen Wein geleert, als mein Vater mit einer starken Gesellschaft vorbeiging. Ich lief auf ihn zu und grüßte ihn; und der gute Mann, so unerwartet ihm auch mein Hervortreten war, gab doch sein Vergnügen zu erkennen, daß er mich sah. Ich meldete ihm die Veranlassung zu der Reise durch den Vetter, und er glaubte alles oder schien es doch zu glauben. Wir waren recht vergnügt; es war da alles so philanthropisch! Keiner nahm dem andern etwas übel. Den Abend ging es nach Wendelsheim; mein Vater und seine Gesellschaft zu Fuße, ich aber ritt ganz burschikos neben her und sprach vom Komment. Meinem Vater mißfiel dies, wie ich aus seiner verdrießlichen Miene bemerkte: die andern schienen aber ganz Ohr zu sein. Endlich kamen wir an, und die Bauern und Nachbarn liefen alle zusammen, den Musche Fritz, den sie seit dem Jänner nicht gesehen, zu beschauen, ob er auch recht bengelich Stark und robust. L. geworden wäre. Ich war freilich sehr müde und hätte gern den andern Tag geschlafen bis acht Uhr; aber ich wollte ja Thereschen besuchen. Das weckte mich schon um fünfe. Als ich zu ihr kam, war sie eben aufgestanden und noch ganz im Negligé. Ich genoß da wieder selige Augenblicke. Alles wurde in Gegenwart ihres Vaters wiederholt, was schon mehrmals war verabredet worden. Der Bellermarkt ging ganz in Jubel vorüber, und ich sah mein Mädchen noch einmal daselbst. Aber wenn ich mich nun so untersuchte, so fand ich, daß meine sonst so feurige Liebe viel von ihrer Stärke verloren hatte. Welches der Grund war, weiß ich nicht; genug, ich fühlte nach acht Tagen Aufenthalt in der Pfalz keinen allgewaltigen Drang mehr, mein Mädchen zu besuchen, und war in ihrer Abwesenheit sogar aufgeräumt. Eine neue Liebschaft hatte hieran keinen Anteil, das kann ich beschwören. Mein Vater versuchte einmal, mich auszuspähen, aber das mißlang ihm; er fragte mich nämlich, ob ich nicht Lust hätte, den Amtmann in *** zu besuchen. Er sei immer ein Freund unserer Familie gewesen: auch würde hoffentlich die Lapperei mit der Tochter – so nannte er unsere Liebschaft – nun ihr Ende erreicht haben. Ich sagte ihm ganz unbefangen, wenn er es haben wollte, so würde ich ihn besuchen, wenn er aber im geringsten besorgt wäre, daß ich wieder in meine vorigen Schwachheiten zurückfallen möchte, so sollte es nicht geschehen. Mein Vater war damit zufrieden und versprach mir, daß er selbst mit mir zum Amtmann gehen wollte. Das geschah auch einige Tage hernach: aber unsere Zusammenkunft war so ziemlich kalt und gleichgültig. Therese selbst schien mich nicht mehr als ihren Einzigen zu betrachten. Vielleicht hatte sie einige Erkältung in meiner Liebe gegen sie bemerkt, und Bemerkungen dieser ziehen gar leicht etwas ähnliches nach sich. Liebe vergehet wie hitzige Krankheit. Heftig ist ihr Anfall und heftig sind ihre ersten Paroxysmen; diese lassen nach und hören endlich gar auf. Dann braucht's nur ein klein wenig Arznei, und die ganze Krankheit ist gehoben. – Aber freilich ist die erste Leidenschaft dieser Art von wunderbar langer Dauer, wenn man sie gegen andere Liebschaften hält, die mancher hernach in der Welt angibt. Sechstes Kapitel Das Ordenswesen in Gießen. – Das Pfälzer Kränzchen. – Ich werde Amizist. – Die Gesetze der Orden. – So wird man Sklave, um frei zu sein! – Der Senior. – Die sogenannte Studentenfreundschaft. – Wem nützen die Orden? – Marburg. – Die dortigen Studenten. – Sie waren klüger als wir Gießener. – Ein Kommers in Marburg. – Meine erste Predigt. – Mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer. – Lorchen. – Eine Serenade in Gießen. – Studentenaufruhr. – Ein Froschmäusekrieg. Die Ferien waren schon acht Tage zu Ende, als ich nach Gießen zurück kam. Ich ordnete meine Kollegia und fing an, fleißig zu studieren. Ich fand jetzt mehr als jemals, daß Kenntnisse ein wahres Bedürfnis für meinen Kopf waren. Ich habe auch, ohne mich zu rühmen, bloß aus innerem Trieb und niemals deswegen gelernt, weil ich einmal mein Brot damit verdienen wollte. Meine Weisheit ist niemals weit her gewesen, und in keiner einzigen Wissenschaft habe ich mich über das sehr Mittelmäßige erhoben, doch habe ich ohne Unterlaß studiert und studiere noch recht gern; nur muß mir ein Buch in die Hände fallen, worin mehr erzählt als räsonniert wird. Denn gegen das Räsonnement hab ich von jeher einen gewissen Widerwillen gehabt, und das ist auch der Grund, daß ich in der Philosophie ein jämmerlicher Stümper geblieben bin. Vielleicht ist das aber auch so übel nicht. Ich hatte bisher bei einem gewissen Schneider Klein gewohnt: nun aber quartierte ich mich zum Eberhard Busch, berühmten Bierschenken zu Gießen, ein. Dies Logis war in der ganzen Stadt bekannt, und das Bier war da wenigstens so gut, wie man es in Gießen haben konnte. Mein Hauswirt war ein braver lustiger Mann, bei dem ich ausgehalten habe, bis ich von Gießen abzog. Ungefähr zwei Jahre vor meiner Universitätszeit waren die Orden auch zu Gießen eingeführt. Diese unsinnigen Verbindungen sind eigentlich in Jena entstanden. Die Mosellaner Landsmannschaft dort hat zuerst dergleichen ausgebrütet. Nach und nach haben sie sich an mehreren Orten eingeschlichen, so daß schon 1778 viele deutsche Universitäten von ihnen infiziert waren, besonders Jena, Göttinnen, Halle, Erlangen, Frankfurt a.d. Oder, Gießen, Marburg u.a. Einige Jenenser hatten den Orden der sogenannten Amizisten nach Gießen gebracht, auf französisch »l'ordre de l'amitié« genannt, denn die Devise war: » Amitíé !«, welche durch das Zeichen XX (›vivat Amicitia!‹) angezeigt wurde. Anfänglich blieb das Ding geheim: nachdem aber die Ritter, ich wollte sagen die Herren Ordensbrüder, inne wurden, daß man in Gießen alles tun durfte, so machten sie ihre Sache publik. Sie trugen auszeichnende Kokarden und litten nicht, daß die »Profanen« dergleichen nachmachten. So nennen Ordensbrüder diejenigen, die keinem Orden angehören. Dem Profanen steht aber, wie jeder weiß, das Heilige entgegen, wofür sich doch die Herren halten müssen! O sancta simplicitas! Den anderen Studenten gefiel das Ding: sie rotteten sich also zusammen und stifteten der Orden mehrere. Und so entstand der Hessen-Orden, ja sogar der Renommisten-Orden oder der Orden des heiligen Fensters, welcher aber leider, wegen der großen Schiefität, der schiefe Orden und der Läuse-Orden benannt wurde. So war die Lage der Orden, als ich nach Gießen kam. Ich geriet gleich anfangs in Bekanntschaft mit mehreren Ordensbrüdern, aber doch konnte ich mich nicht entschließen, ihrer Verbindung beizutreten. Ich war einmal versichert, daß ich bei Händeln fremder Hilfe nicht bedurfte; zum andern fing man von seiten der Universität an, auf die Orden aufmerksam zu werden, und drittens mochte ich keine genaue Freundschaft mit einer ganzen Bande aufrichten, von welcher mich viele nach dem Gießener Ausdruck »laxierten«, d.h. mir höchst unausstehlich waren. So blieb ich also vom Orden frei, auf eine Zeitlang nämlich. Indessen hatten die Pfälzer ein Kränzchen unter sich errichtet, welches herumging und uns viel Vergnügen machte. Wir hatten freilich unsere Gesetze und Statuten, die den Gesetzen der Orden ziemlich nahe kamen: unser Zweck war auch der Zweck aller Orden, nämlich ein gewisses Ansehen auf der Universität zu behaupten. Aber wir waren weder eidlich noch auf sonst eine Art an einander gekettet, und es stand einem jeden frei, uns zu verlassen, sobald es ihm beliebte. Uebrigens herrschte unter uns die größte Freundschaft und Harmonie, und da wir lauter solche zu Mitgliedern hatten, die als honorige Bursche angesehen waren, so wagte es niemand, das Pfälzer-Kränzchen zu beleidigen oder schlecht davon zu sprechen. So blieben die Sachen eine geraume Zeit, bis endlich ich und noch zwei andere aus unserem Kränzchen uns in den Amizisten-Orden aufnehmen ließen. Hätte ich vor meiner Aufnahme das eigentliche Wesen einer solchen Verbindung gekannt, ich würde wahrlich niemals hineingetreten sein. Das Ding ist ein Gewebe von Kindereien, Absurditäten und Präsumtionen, über welche ein kluger Mann bald unwillig werden muß. Die Gesetze sind alle so elend abgefaßt und so kauderwelsch durcheinander geworfen, daß man Mühe hat, sich aus dem Labyrinth derselben herauszuwinden. Ueberhaupt ist es ein erztoller Gedanke, daß ein Haufen junger Leute eine Gesellschaft stiften wollen, deren Zweck ist, sich ausschließlich das höchste Ansehen zu verschaffen, deren Oberhaupt ein Student ist, welcher eine Gewalt in seinem Orden ausübt, wie weiland der Jesuitengeneral in der Gesellschaft Jesu. So ungern es manche hören werden, muß ich doch die Wahrheit bekennen und gerade heraussagen, daß akademische sogenannte Orden unsinnige Institute sind. Als ich hineintrat, las man mir die Gesetze vor, welche in gewisse Titel abgeteilt waren, z.B. von Schlägereien, vom Borgen und Bezahlen, vom Fluchen und Zotenreißen. Die Sprache der Gesetze war äußerst legal, d.i. undeutsch und unverständlich. Da die Gesetze nach und nach gemacht sind, so fehlt es ihnen nicht an Widersprüchen, Wiederholungen und ganz unbrauchbaren Vorschriften. Doch das ist ja auch der Fall im Corpus juris und in mancher anderen heiligen und unheiligen Sammlung von Gesetzen. Ich erinnere mich noch an viele Gesetze des gedachten Ordens, wovon ich einige der vornehmsten mitteilen will. Der Zweck des Ordens ist, sich auf der Universität Ehre und Ansehen zu verschaffen, d.h. sich in solche Positur zu setzen, daß alle Studenten, ja selbst die Professoren und die Vorgesetzten, sich vor den Herren Ordensbrüdern fürchten möchten. Daher ist die engste Verbindung nötig. Diese erfordert natürlicherweise, daß kein Mitglied das andere beleidigen darf. Alle Beleidigungen, die vorfallen, müssen vom Senior geschlichtet werden. Ueberhaupt sind viele Gesetze da, welche Freundschaft, Verträglichkeit u.dgl. gebieten. Da aber Freundschaft ein Ding ist, das sich nicht gebieten läßt, so gibt es im Orden immer so viele Disharmonien, daß gewiß stets Schlägerei Mit den Waffen natürlich. P. sein würde, wenn nicht andere prägnante Gründe Ruhe heischten. Das Oberhaupt des Ordens ist der Senior, welchem die anderen gehorchen müssen. Er hat ihnen zwar nur in Ordenssachen zu befehlen: da sich aber dahin allerlei ziehen läßt, so ist der Senior gleichsam der Herr der Mitglieder, und die Mitglieder sind, wenn er es verlangt, seine gehorsamen Diener. So wird man Sklave, um frei zu sein! Neben dem Senior ist noch ein Subsenior, der auch etwas zu sagen hat, vorzüglich in Abwesenheit des großen Moguls, ich meine, des Seniors. Dann folgt das fünfte Rad am Wagen – der Herr Sekretär. Ordnung muß sein; wer also gegen den Senior spricht, ihn schimpft und sich seinen Befehlen freventlich widersetzt, wird ohne alle Gnade, wenn's nämlich der Herr Senior befiehlt, aus dem Orden herausgeschmissen. An Satisfaktion darf er nicht denken. Die vom Senior angegebene Kontribution muß richtig bezahlt werden. Fügt es sich, daß Ausgaben zu einer Zeit vorfallen, wo nicht alle Glieder bei Gelde sind, so müssen die, welche Geld haben, vorschießen. Das Vorgeschossene muß aber prompt ersetzt werden, unter Strafe der Verbannung aus dem Orden. Um die Kosten zu bestreiten, muß eine Kasse angelegt werden, welche unter der Aufsicht des Seniors steht, und worüber ordentlich Rechnung geführt werden muß. Wenn ein Mitglied Händel bekommt, so muß es sich schlagen; doch aus guten Gründen schlägt sich auch der Senior oder ein anderes Mitglied für ihn. Ueberhaupt müssen in diesem Fall die Glieder dafür sorgen, daß sie und nicht ihre Gegner in Avantage D.h. die Beleidiger sind. Vgl. die Anmerkung zu Desavantage, S. 57. P. sind. Lieber eine Niederträchtigkeit begangen, lieber sich à la mode der Gassenjungen herumgebalgt, als den Vorteil und die Ehre der Avantage aus den Händen gelassen! Bei den Zusammenkünften muß der, an dem die Reihe ist, rechtschaffen aufwichsen. Geht aber die Zeche auf gemeinschaftliche Kosten, so zahlt jeder seinen Anteil, außer dem Senior, der immer frei ist, weil er der Herr ist. Eine Klugheitsregel befahl, keine arme Verwachsene, Mutlose u.dgl. aufzunehmen. Der Orden hätte von diesen Menschenkindern keinen Vorteil und nichts als Kosten, Schande und Verdruß. So soldatisch-amikabel dachten die Amizisten! Und von dieser Art waren die Regeln oder die Gesetze des wohllöblichen Ordens der Herren Amizisten! Ihre Anzahl ließe sich noch stark vermehren, wenn ich nicht befürchten müßte, meinen Lesern zur Last zu fallen. Einige ihrer Gesetze waren aber doch gut: z.B. daß die Mitglieder fleißig sein, die Kollegien nicht versäumen, nicht fluchen oder Zoten reißen sollten u.dgl. Allein diese Vorschriften wurden nicht befolgt, vielmehr wurde in unseren Zusammenkünften geflucht und zotologiert, wie auf keiner Hauptwache. Die meisten anderen Gesetze waren äußerst unsinnig und läppisch, z.B. die über die Aufnahme, über das Zeichen, wodurch ein Glied sich dem anderen entdecken konnte, über die Art, sich zu grüßen, über das Einzeichnen in den Stammbüchern usw. Herr Professor Isenflamm in Erlangen hat, wenn ich nicht irre 1780, auf der dortigen Universität den Amizistenorden zerstört und ihre Gesetze drucken lassen. Ich habe hernach mehrere akademische Orden kennen gelernt, und alle kamen in der Hauptsache mit einander überein: nur daß jeder seine besonderen Geheimnisse, d.h. seine besonderen Zeichen und andere Alfanzereien vorgibt. In Halle gab es einmal einen Orden der Inviolabilisten und einen anderen der Desperatisten . Wer dergleichen Namen hört, sollte meinen, das wären gewisse Sekten oder Ketzereien wie die Interimisten, Adiaphoristen, Antinomisten usw. Obgleich der Hauptzweck der Orden, vorzüglich nach einer neueren Einrichtung bei einigen auf eine unzertrennliche Freundschaft und gegenseitige Beförderung hinauslaufen soll, so ist doch das Ding zuletzt lauter Wind oder kindische Spekulation. Auf der Universität hindert oder verdirbt einer den anderen, und hernach verabscheuen sie sich oft um so mehr, je mehr sie an Reife zunehmen und nun den Nachteil einsehen, der aus dieser Spiegelfechterei für sie entstanden ist. Herr Clemens in Hersfeld wollte mich vor fünf Jahren gar nicht mehr kennen, und doch war ich lange sein Ordensbruder gewesen und hatte mich sogar einmal für ihn, oder doch wegen seiner, herumgebalgt. Die übrigen Zwecke werden auch sehr selten erreicht. Ich habe selten gesehen, daß ein Ordensbruder vor anderen Profanen einen Vorzug gehabt hätte. Es geht ihnen wie allen hochmütigen Schwächlingen, die ihren Wert nicht von sich, sondern von anderen hernehmen wollen. Und dies gilt vom Innern wie vom Aeußern. Mir sind Fälle bekannt, wo Ordensbrüder von sogenannten Profanen verachtet, derb ausgeprügelt und hernach mit Schande bestanden sind. Für manchen Professor, Sprachmeister, Stiefelwichser, Schneider, Pferdeverleiher, Feldscherer, Gastwirt und Haarkräusler haben die Orden allerdings Vorteile. Diese guten Leute – zumal die größten Pfuscher darunter – stecken sich hinter angesehene Mitglieder derselben, und nun werden alle übrigen ihre Kunden. Die Beispiele sind freilich verhaßt! Es ist wohl nicht zu hoffen, daß die Orden auf Universitäten durch die Kraft der Gesetze werden vertilgt werden. Es sind immer einige angesehene und reiche junge Leute in denselben, und diese haben Anhang. Nun mag das Kuratorium oder der Landesherr noch so scharfe Edikte wider sie ergehen lassen, man stellt wohl Untersuchungen an, aber diese endigen sich mit Geldstrafen, und der Orden wird stärker als zuvor. Auch hiervon hat man Beispiele die Menge. Aber da doch der Schaden, welchen die Orden unter jungen Leuten stiften, unermeßlich ist: da diese Verbindungen die Jünglinge von Fleiß und Subordination abbringen, da sie ihnen aufwiegelnde Grundsätze von Ehr' und Schande einflößen, dadurch sie einen Stand im Staate bilden lehren, unverträglicher machen, und so gleichsam ein bellum omnium contra omnes unterhalten; da sie sich einander auf Abwege führen, in Gefahren stürzen und schändlich ums Geld prellen, und dabei auch nicht den geringsten wahren Nutzen aufweisen können, so wäre es durchaus der Mühe wert, ein Mittel auszusinnen, wie diese Art von Verbindungen könnte gestört werden. Gesetze, Verbote, Strafen, Karzer und Relegation enthalten dies Mittel nicht; noch weniger die so häufig angewandten Geldstrafen, das hat die Erfahrung gelehrt. Doch genug von den Orden!   Die Universität Marburg habe ich einige Male besucht und da sowohl den Burschenkomment als auch einige Gelehrte kennen gelernt. Die Universität war damals sehr schwach; sie hatte kaum 180 Studenten, deren Komment elend genug war, nämlich burschikos zu reden. Die Studenten waren meist Landeskinder, und man hielt sie in gar strenger Zucht. Als ich von Gießen aus da war, machten die Marburger Studenten eine Figur, wie ungefähr die Schüler auf dem Hallischen Waisenhaus. Sie waren den Gießenern nur darin ähnlich, daß sie derb Bier trinken und schnapsen konnten. In Kleidern gingen sie etwas galanter als die Gießener, dafür wußten sie aber auch keinen Komment. Wir kommersierten einst – versteht sich ein Schwarm Gießener – in einem Gasthaus zu Marburg. Einige Marburger sahen uns zu, wurden aber nicht zum Mitmachen eingeladen. Wir sangen aus dem erbaulichen Liede: »Ça donc, ça donc « folgende Verse sehr oft zur Erbauung der Herren Marburger: :,: Rien, rien, :,: So spricht der dumme Teufel, Der noch nicht den Komment versteht. Seht doch den dummen Marburger an, Der noch nicht kommersieren kann! :,: Courage, Courage, :,: So spricht der Gießner Bursche, Der da recht den Komment versteht. Seht doch den Gießner Burschen an, Wie er brav kommersieren kann! Die Marburger hatten nicht das Herz, uns etwas übel zu nehmen: vielleicht waren sie zu klug dazu. Als wir sie fragten, wie ihnen unser Kommers gefallen hätte, und sie mit einem: »Sehr schön!« antworteten, sagte Bruder Henrici: »Ja, ihr müßt auch wissen, ihr Marburger, daß die Gießener den Komment auch recht verstehen. Das sind ganz andere Kerls als ihr! Schwerenot, zu uns müßt ihr kommen! Ein Fuchs bei uns weiß mehr Komment als eure ganze Universität. Gott straf mich, das ist wahr!« Die Herren Marburger lächelten und gingen ihrer Straße. Sie waren klüger als wir.   Das erste Jahr hatte mein Wechsel hübsch zugereicht, und ich war um Ostern 1776 keinen Pfennig schuldig. Ich hatte zwar lustig gelebt, doch hatte ich meine Oekonomie so eingerichtet, daß ich mit meinem Bestimmten auskam. Auch hatte ich mir einige gute Bücher angeschafft; meine Mutter gab das Geld dazu her und bezahlte mir auch den italienischen Sprachmeister. Auf Ostern zog ich wieder nach Hause, meine Eltern zu besuchen und beiher auch Thereschen zu sehen. Freilich sehnte ich nach ihr mich nicht mehr so sehr als vorhin. Mein Vater wollte jetzt durchaus, daß ich einmal predigen sollte; ich lernte also eine Predigt auswendig, denn selbst konnte ich noch keine machen, hatte auch nicht Lust dazu, und hielt sie mit vieler Dreistigkeit in Mörsfeld vor Bergknappen und Bauern. Mein Vater hatte mir vor der Kirche zugehört, ohne daß ich es wußte, und war hernach ganz entzückt über meine Eleganz; nur meinte er, ich müßte künftig meine Predigten hübsch selbst ausarbeiten und mich ja nicht, wie sonst die Herren, aufs Reiten legen. In der Folge habe ich zwar manche Predigt selbst gemacht, die meisten aber schrieb ich ab und hielt sie. Ich glaubte das nämliche Recht zu haben, was ein Professor der Geschichte hat, welcher wörtlich abschreibt und hernach seinen Herren Zuhörern das Zeug dahinkanzelt. Meine Therese bekam ich diesmal nicht zu sehen: sie war in Mannheim, und mir war die Lust vergangen, mich einem Wischer von meinem Vater dadurch auszusetzen, daß ich dahin hätte fahren mögen. Beiher hatte ich auch ein anderes Mädchen kennen gelernt, welches mir meinen Aufenthalt zu Hause ziemlich angenehm machte. Verliebt in sie bin ich wahrlich nicht gewesen, bin auch seit Theresens Zeiten es in keine mehr geworden, hab' gar hernach über die verliebten Torheiten oft weidlich gelacht. Doch hatt' ich so mein Behagen an hübschen Gesichtern, aber auch bloß an Gesichtern, d.i. am Körperlichen, denn für die Seele des Weibes hab ich von jeher blutwenig Respekt gehabt. Es sind, so nach meiner Meinung – die ich aber niemandem aufdringen will – eitle, eingebildete, abergläubische, neidische Dinger, die gern wollen brillieren, die sich bloß am Schein belustigen, in Kleinigkeiten Kabalen spielen, sich durch Nachäffung formen, keinen Charakter haben, Gottes- und Pfaffengunst durch geistliche Koketterie zu erschleichen suchen, und wie's Wetter im April bald gut und sanft, bald stürmisch und tigermäßig grausam sind. – Das ist so mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer, wozu ich mir die Gründe aus der Erfahrung abstrahiert habe. Ich habe sie gesehen in vornehmen Zirkeln und in Puffkellern; sie waren aber da wie dort: immer gleiche Gesinnungen, nur bestand der Unterschied in einigen Schattierungen, welche gröber und feiner sind und die Frauenzimmer von Qualität von denen ohne Qualität unterscheiden. Ja, meine liebe Dame, daß es auch hierbei Ausnahmen gebe, weiß ich; daß aber diese selten sind, weiß ich ebensogut, als daß Sie sich zu diesen Ausnahmen rechnen werden oder mein Buch mit Verachtung hinwerfen. Der größte Teil von Ihnen ist nun so! Das Mädchen, von dem ich zuvor redete, hieß Lorchen und war die Tochter eines ehrlichen Pfarrers, der in der Folge mein bester Freund geworden ist. Wenn ich nicht das Unglück gehabt hätte, welches ich weiterhin berichten werde, so wäre ich längst Pfaffe und Lorchen wäre meine Frau geworden. Aber so wollte mein Mißgeschick das nicht. Und wenn ich's so recht bedenke, ärgere ich mich auch darüber nicht. Wer weiß, wie unglücklich ich mich mit meiner Familie noch gemacht hätte. Zum Pfaffen war ich verdorben und würde gewiß über kurz oder lang wegen Ketzerei kassiert worden sein. Wenn ich also im Unglück bin – und ich bin meiner Meinung und meiner Empfindung zufolge nicht ganz darin –, so bin ich allein darin. Ich habe bei meiner Biographie gar den Zweck nicht, dem Leser eine mitleidige Träne abzulocken und dem Publikum so was vorzuwinseln: nein, meine Begebenheiten sollen nur den Beweis erneuern: daß man bei sehr guter Anlage und recht gutem Herzen ein kreuzliederlicher Kerl werden und sein ganzes Glück ruinieren kann . Da wird nun vielleicht mancher, der das liest, vorsichtiger in der Welt handeln, damit er nicht auch anrenne, wie ich angerennet bin. Der Pastor Neuner besuchte uns fleißig in Wendelsheim, und da ich mehrmals Gelegenheit hatte, mit ihm allein zu sprechen, so ermangelte er nicht, mir vorzustellen, daß es bald Zeit wäre, das große Vorhaben des Katholischwerdens auszuführen. Er erschrak aber nicht wenig, als er hörte, daß ich den Lehren, welche ich sonst für gewiß zu halten schien, jetzt geradezu widersprach und mit Gründen dawider disputierte. Ich hatte nämlich inzwischen außer den Jesuitenschriften auch andere Bücher gelesen und war dadurch in den Stand gesetzt worden, den katholischen Kirchenplunder etwas richtiger zu beurteilen. Ich fand damals Wohlgefallen an dergleichen Kontroversen und disputierte gern: hernach aber, als ich in Absicht der ganzen heiligen Religion andere Gedanken bekam, verlor ich auch die Lust, dogmatische Kontroversbücher zu lesen: doch haben mir die Histörchen dieser Katzbalgereien immer gefallen und gefallen mir noch. Mein Pastor Neuner richtete also nichts bei mir aus und gab schon die Hoffnung halb auf, daß ich mich jemals bekehren würde. Freilich stellte er mir vor, daß ich nun ein haereticus formalis wäre, und wenn ich stürbe, schlechterdings, ohne allen Pardon, Schibes, d.i. verloren gehen müßte.   Im Frühling 1776 kam der Bruder des regierenden Herzogs von Württemberg durch Gießen, mit seiner Tochter, Prinzessin Dorothea, die der Großfürst, spätere Zar Paul von Rußland, in zweiter Ehe heiratete. P. die für den russischen Großfürsten zur Gemahlin bestimmt war. Der Herzog logierte über Nacht im Posthause. Die Studenten wußten das vorher und machten Anstalten zu einer Serenade, so gut man dergleichen in Gießen haben kann. Die Gießener Hautboisten, die sich freilich wenig über gemeine Bierfiedler erheben, wurden in Beschlag genommen, und damit alles recht feierlich herginge, wurden Pechfackeln bestellt, für jeden ein Paar. Der Rektor wußte um alles und ließ uns machen bis an den Tag, für den die Serenade bestimmt war. Da erschien plötzlich nachmittags ein Edikt am schwarzen Brett, worin den Studenten durchaus verboten wurde, der Prinzessin von Württemberg Musik zu bringen; sonst möchten sie Musik bringen, wem sie wollten, man wolle ihnen ihre Gerechtsame nicht schmälern. Die Studenten lasen den Anschlag; viele gerieten darüber in Furcht, weil Rektor Ouvrier dabei gesetzt hatte: » sub poena relegationis in perpetuum «; »Bei Strafe von Relegation für immer«, um das schlechte Latein durch schlechtes Deutsch wiederzugeben. Meinen Lesern, die nicht auf Universitäten waren, muß ich sagen, daß das akademisches Latein ist. Freilich steht's so nicht im Cicero. L. allein die Entrepreneurs der Serenade, Herr Lang aus dem Nassauischen und Herr Bohy aus Mümpelgard, setzten auf dem Billard, wo eine Zusammenkunft war, fest, daß das infame Hundsfötter, Drastika und Laxierpillen sein sollten, die sich an des Röckels Befehle kehren würden; wer ein rechtschaffener honoriger Bursch wäre, käme auf den Abend, das Trifolium, den Rektor und die verfluchten Pedelle Möser und Stein tief zu perieren! – Das war das Konklusum, welchem streng nachgelebt wurde. Ich selbst hatte viel zu läppische Begriffe von akademischer Freiheit, als daß ich diese Gelegenheit nicht hätte ergreifen sollen, mich zu zeigen, und übernahm eine Adjutantenstelle. Gegen Abend versammelten sich alle Bursche auf dem Kirchenplatz, und nach acht Uhr warteten wir dem Herzog mit der Serenade auf. Er schien mit dieser Achtung gegen ihn außerordentlich zufrieden zu sein und dankte neben der Prinzessin sehr höflich. Auch ließ er im Posthause so viel Wein auftischen, als uns zu trinken beliebte. Da die meisten ohnehin schon beinahe zu viel hatten, so kam es jetzt dahin, daß der ganze Haufen sehr bezecht wieder abzog. Auf dem Kirchenplatz wurden die übrigen Fackeln und Fackelstummeln verbrannt, der akademischen Freiheit ein Vivat und den Unterdrückern derselben ein helles Pereat geschrien. Sofort wurde das schwarze Brett, woran das Edikt geheftet war, herabgerissen, in Stücke zerschlagen und ins Fackelfeuer geworfen. Das war nun das völlige Signal zum Tumulte. Die ganze Nacht ging der Spektakel nach Pandurenart fort bis an den hellen Tag. Der arme Eulerkapper mußte schrecklich herhalten, dem Schuster Wannich wurde das Haus gestürmt und alle Fenster eingeschmissen. Das war ein sogenannter Pietist oder Separatist, der immer betete, aber auch jedes Jahr wenigstens ein Kind, jedoch nicht mit seiner Frau, fabrizierte. Die Studenten züchtigten ihn aber auch dafür ganz separat. Auch dem Rektor erscholl manches wilde Pereat. Damit hatten wir aber noch nicht genug; wir wollten Entschuldigung vom Rektor haben, und um das durchzusetzen, verließen wir allesamt die Stadt und quartierten uns auf den Dörfern ein. Keine zehn Studenten blieben in Gießen. Kanzler Koch konnte den Rektor Ouvrier ohnehin nicht leiden und setzte es durch, daß dieser, zu unserer Genugtuung, seine Würde niederlegte. So endete dieser Froschmäusekrieg. Siebtes Kapitel. Ein Ausflug nach Jena. – Das Elend in Hessen. – Aufrührerische Regenten und aufrührerische Broschürenschreiber. – Jena. – Ein Abend auf dem Fürstenkeller. – Studentische Gastfreiheit. – Der Ton in Jena und an anderen Hochschulen. – Studentenfreitische. – Wüste Auftritte in Gießen. – Meine Beteiligung an den Händeln. – Der Auszug nach Gleiberg. – Eine neue Hochschule und eine neue Fakultät.– »Professor Zotologiae«.– »Die Generalstallung« und »das wüste Gesicht«. – Studententheater in Gießen. Lange hatte ich den Wunsch genährt, die ihres Komments wegen hochberühmte Universität zu Jena kennen zu lernen. Diesen Wunsch befriedigte ich im Herbst 1776. Ich machte mich auf, nachdem ich meinen Wechsel schon in der ersten Frankfurter Meßwoche erhalten hatte, und wanderte ganz allein zu Fuße dahin. Meinen Weg nahm ich über Grünberg, Alsfeld, Hersfeld, Eisenach, Gotha, Erfurt und Weimar. Ich wählte mit Fleiß diesen Weg, um einige Städte mit zu besehen, die mir schon aus Beschreibungen bekannt waren. Auf dieser Fahrt hatte ich nun so recht Gelegenheit, die niedere Klasse der Einwohner dieser Länder kennen zu lernen, eine Klasse, welche ich immer so gern kennen lernte. Im Hessen-Kasselschen hatte ich hierzu vorzüglich Gelegenheit. Ich merkte es gar zu genau, daß ich in ein Land kam, wo ziemlich überspannte Grundsätze herrschten. Die Bauern waren durchaus arme Leute, und eben damals hatte der Landgraf seine Untertanen nach Amerika verhandelt. Da liefen einem die halbnackten Kinder nach und klagten, daß ihre Väter nach Amerika geschickt wären, und daß ihre armen verlassenen Mütter und ihre alten abgelebten Großväter das Land bauen müßten. Das war ein trauriger Anblick. Dergleichen empört tausendmal mehr, als alle sogenannten aufrührerischen Schriften; jenes ergreift und erschüttert das Herz, diese beschäftigen meist bloß den Kopf. Aber von diesen will man nichts wissen, um sein Treiben desto ungestörter fortsetzen zu können – wie wenn es nicht weit aufrührerischer wäre, aufrührerisch zu regieren, als aufrührerisch zu schreiben , zumal da dieses größtenteils eine Folge von jenem ist. Ist das konsequent? Ist es im ganzen klug, den Turmhütern und Nachtwächtern das Lärmmachen über Brand und Einbruch zu verbieten? Heißt das für das öffentliche Wohl besorgt sein? Einsichtige, väterliche Regenten denken hierbei weit vernünftiger; man überdenke die Regierung Friedrichs des Einzigen. Ich gab soviel von meiner Barschaft her, als ich entbehren konnte. Ich sprach in allen hessischen Schenken ein und hörte da nichts als Klagen und Verwünschungen. Ich stehe dafür, wenn ein Fürst zu Fuße und unbekannt eine Reise durch seine Länder machte, es würde manches geändert werden. Aber so sitzen die guten Herren in Schlössern und in Zirkeln, wo Not und Armut fremde Namen sind, und da lernen sie die Beulen und Wunden nicht kennen, an denen ihre armen Untertanen krank liegen. Ganz anders sieht es im Gothaischen und Weimarschen aus, ganz besonders aber im Erfurtschen. Zu Erfurt selbst lernte ich einige Studenten kennen, welche aber meinem damaligen Geschmack weit weniger entsprachen als die Marburger. In Jena kam ich am Abend an und trat im »Halben Mond« ab. Da ich hier gar keine Bursche antraf, ließ ich mich nach dem Abendessen auf den »Fürstenkeller« führen, wovon ich schon vieles gehört hatte. Ich fand da einen ganzen Haufen Studenten, welche mir alle unbekannt waren. Ich forderte Bier und rauchte meine Pfeife an. Ein Student trat zu mir und fragte: »Der Herr ist gewiß Bursch?« Ich: Natürlich. Er: Woher? Von Halle? Ich: Nein, von Gießen. Er: Das ist brav. Wie ist's denn in Gießen, alles noch flüchtig? Ich: Oh ja, fidel! Er: Recht so! Wollen Sie hier bleiben? Ich: Nein, ich will mich hier nur besehen. Er: Schön! – Hier können Sie den Komment recht lernen. Sapperment! Sie werden die Reise nicht bereuen! Ich: Das glaub ich auch; habe immer viel vom jenaischen Komment gehalten. Er (nimmt seinen Krug): A bonne! Ich (gleichfalls mit dem Krug): Schmollis! Ich empfehle mich deiner Freundschaft, heiß Laukhard und bin aus der Pfalz. Er: Gleichfalls: heiße Kröber und bin aus der Pfalz. So macht man die akademische Brüderschaft. L. Uebrigens war in Jena und einigen benachbarten Hochschulen bis vor 40-45 Jahren ohne weiteres Duzkomment unter allen Studenten. P. Also Landsleute! Pardieu! das ist ja exzellent! Komm, Bruder, setz dich hier her! Nun hatte ich schon einen Bruder in Jena, aber noch ehe ich den Fürstenkeller verließ, zählte ich deren über zwanzig. Die Bursche wetteiferten, mir nach ihrer Art Höflichkeiten zu bezeugen. Man muß es den jenaischen Studenten lassen, daß sie alle sehr freundlich gegen Fremde sind und die Gastfreiheit in einem hohen Grade ausüben. Das findet in Halle und Erlangen wenig und in Göttingen gar nicht statt. In Mainz, Heidelberg, Straßburg, Fulda und Würzburg ist auch nicht ein Schatten von akademischer Gastfreiheit. Die Gießener kommen den Jenensern hierin am nächsten. Vielleicht trägt die Wohlfeilheit des Unterhaltes zu Jena und Gießen viel dazu bei. Doch scheint mir der Hauptgrund in den Gelagen zu liegen, welche auf den gedachten Universitäten mehr oder weniger im Gange sind. Gelage machen herzliche Freundschaften, wenigstens auf einige Zeit, und herzliche Freundschaft erzeugt Gastfreiheit. Als die jenaischen Studenten hörten, daß ich im »Halben Mond« logierte, untersagten sie mir, länger dort zu bleiben, und einer von ihnen bot sich sogleich an, mich in seiner Wohnung so lange aufzunehmen, als ich in Jena verweilen würde. Ich nahm dies an, und wohnte jetzt in der Leutrastraße bei einem Bäcker, aber so schrecklich hoch, daß mir allemal die Beine weh taten, wenn ich die Treppen steigen mußte. Der Ton der Jenenser behagte mir sehr; er war bloß durch mehrere Roheit von dem der Gießener unterschieden. Der Jenenser kannte – wenigstens damals – keine Komplimente; feine Sitten hießen Petimäterei, und ein derber Ton gehörte zum rechten Komment. Dabei war der Jenenser nicht beleidigend grob oder impertinent; vielmehr zeigte sich viel Trauliches und Dienstfertiges in seinem Betragen. Ich habe hernach den viel feineren Ton in Göttingen und den superfeinen Leipziger kennen gelernt; da lobe ich mir denn doch meinen jenischen. Vielleicht war mein Geschmack verdorben und zu sehr an gröbere Speisen gewöhnt, aber bei alledem scheint es doch der Sache angemessen zu sein, daß der Student auf der Universität sich, soviel er kann, von allem verzärtelten und verfeinerten Wesen abhalte. Dieses hat sichtbar böse Folgen, wie es bei anderer Gelegenheit erhellen wird, nämlich da, wo ich das glänzende Elend der Studenten zu Leipzig beschreiben werde. Man hatte mir schon gesagt, daß Schlägereien in Jena häufig vorfielen, und in der Tat fand ich, daß es gar leicht war, in Händel zu geraten. Sie wurden zwar mit dem Degen ausgemacht; da aber immer für gute Sekundanten gesorgt wurde, so waren die Balgereien selten gefährlich. Doch ist noch vor ungefähr zwölf Jahren ein gewisser Baron von Herstall auf der Rasenmühle erstochen worden. Meine Freunde suchten mir meinen Aufenthalt so angenehm zu machen als sie vermochten. Die Dörfer Ammerbach, Lichtenhain, Löbstädt, Ziegenhain, wie auch die Mühlen, hab' ich in ihrer Gesellschaft fleißig besucht, auch in der Oelmühle bei einer Bataille mit den Knoten derbe Kopfnüsse davongetragen. Auf der Schneidemühle und in Wenigenjena habe ich einige unsaubere Nymphen angetroffen, welche den Beutel, die Gesundheit und die Sitten der Jünglinge so schändlich verwüsten. Damals war eine gewisse Hanne in Wenigenjena, der ein Student die Ehe durch einen schriftlichen Aufsatz versprochen hatte. Seine Kameraden mochten seine Reue darüber wissen, und um ihn zu beruhigen, stürmten sie nach seinem Abzuge das Haus der Dirne und zwangen sie, den Aufsatz heraus zu geben. So war also das Mädchen geprellt! Des Gießener Universitätskanzlers Koch Hannchen habe ich damals in Jena zwar nicht gesehen, wohl aber viel von ihr gehört; sie fing um diese Zeit schon an, gemeinnützig zu werden. Den Orden der Amizisten fand ich auch in Jena im besten Flor: er behauptete damals den Vorrang auf der ganzen Universität und bestand vorzüglich aus Mosellanern. Die Ordensbrüder hielten sich aber jetzt stille, weil kurz vor meiner Ankunft eine Untersuchung wider sie ergangen war. Die Mosellaner waren zu der Zeit die angesehensten Bursche, wenigstens die fidelsten, welche das meiste Bier soffen und am wenigsten ins Konvikt gingen. Dieses ist ein herrschaftlicher Freitisch, welchen aber auch solche benutzen, die den Freitisch nicht haben und doch einen wohlfeilen Tisch suchen müssen. Es ist sonderbar, daß der Jenenser die Studenten, welche das Konvikt besuchen, nicht für voll ansieht. Der Student an allen Orten verachtet zwar keinen wegen seiner Armut, aber so recht leiden kann er es doch nicht, daß ein Armer, um wohlfeil durchzukommen, die Mittel benützt, welche auf den Universitäten für Unbemittelte dazu da sind. So gilt einer, der in Jena das Konvikt, in Halle das Waisenhaus, in Heidelberg die Sapienz besucht, schon darum etwas weniger. Lieber verzeiht man's, daß einer Schulden mache und die Philister prelle. Ich glaube, dies rührt von dem Kontrast her, den man nach einem gewissen Würdigungsgefühl der Studenten zwischen einer liberalen Jovialität und der Scheinheiligkeit oder dem sonderbar abgeschmackten Wesen antrifft, dessen sich die Benefiziaten befleißigen müssen, um zu dergleichen, freilich ohnehin sehr kümmerlichen, Anstalten nur Zutritt zu haben. Der größte Teil dieser Dürftigen sind armer Prediger oder Schullehrer Söhne, deren gerader offener Sinn durch den Druck der Dürftigkeit zu Hause verstimmt, oft gar zur Unempfindlichkeit gegen herabwürdigende Behandlung, oder zu allerhand Tücken, Schleichwegen und Niederträchtigkeiten verwöhnt, und deren Ehrgefühl eben darum größtenteils abgestumpft oder gar erstickt ist. Und doch sind gerade diese diejenigen, denen man die Erziehung und Bildung der künftigen Generationen in Kirchen, Schulen und anderwärts anvertraut ! Aber unsere Zeiten sind finanziös, und das Wohlfeilste hält man fürs Beste. Außer der Mosellaner Landsmannschaft spielten die Livländer und Mecklenburger eine ansehnliche Rolle. Die Landeskinder waren, wie überall, wo sehr viel Fremde sind und das Land klein ist, am wenigsten geachtet. Die Nähe oder Aufsicht der Eltern hält sie etwas knapp: sie können also nicht so recht mitmachen, und dadurch sinkt ihr Ansehen. Auch wirkt hier das Vorurteil, nach welcher man von extensiver Größe auf intensive schließt – von Menge auf Wert. Noch etwas von jenischer Polizei! Es war den Schenken verboten, nach zehn Uhr in der Stadt Bier und dergleichen herzugeben. Wenn nun die Bursche beisammen saßen und nach zehn Uhr bleiben wollten – und das wollten sie immer –, so ließ sich ein jeder so viel Bier geben, als er zu trinken gedachte, zwei, drei oder mehr Stübchen; hernach konnte ihn doch niemand zwingen, eher wegzugehen, als bis er sein Bier ausgeleert hatte; und so saß er dann bis nach Mitternacht. Fürs Hineinkommen in sein Quartier durfte er nicht sorgen, die Häuser standen meistens die ganze Nacht über auf. Die Aufwärterinnen sind eben darum in Jena mehr geplackt, als auf irgend einer anderen Universität. In Göttingen sind sie es am wenigsten. – Ein Maßstab der Kultur im kleinen! Nachdem ich ungefähr drei Wochen in Jena zugebracht hatte, trat ich den Rückweg an. Zu Weimar sprach ich Wieland, oder vielmehr ich sah ihn nur; denn kaum hatte ich und ein Livländer Platz genommen, als ein Fremder sich anmelden ließ, welcher allein den Diskurs fortführte. Es war einer von denen, die so sehr von sich eingenommen sind, daß sie niemanden als sich selbst gerne reden hören. Ich war aber doch froh, daß ich nun den herrlichen Wieland in Person kannte. – Groß und berühmt zu sein, ist indes doch etwas Lästiges: jeder will davon partizipieren auf diese oder jene Art, und so ist ein solcher Mann selten ganz Herr von sich und den Seinen, am wenigsten von dem ungestörten Gebrauch seiner Zeit. Jeden Eingriff in dieselbe, ohne vollgültigen Ersatz, sollte man aber billig für eine Sünde wider den heiligen Geist halten! Ich ging nicht wieder über Hersfeld, sondern über Fulda, wo auch ein Stück von Universität ist. Ich fand einige Studenten in einer Schenke vor der Stadt, die man die »Moschee« hieß aber die Leutchen waren zu sehr mit ihrem Kegeln beschäftigt, als daß sie mich hätten unterhalten sollen. Ich schloß, sie müßten wenig Komment verstehen. Wohl ihnen!   In den Ferien des Jahres 1777 kam ein gewisser Wittenberg nach Gießen. Er war ein Genie – focht unverbesserlich auf Hieb und Stich, und spielte die Geige und den Baß meisterhaft, war aber dabei der liederlichste Kerl, den man sich vorstellen kann. Durch diesen Menschen, der sich zu den Amizisten gesellte, entstand allerlei Unruhe und mancherlei Schlägerei. Die Amizisten bekamen daher eine Menge Gegner und Feinde, und die Gärung wurde allgemein. Endlich trafen einmal einige vor der Stadt am Wasser zusammen und behandelten sich wie besoffene Bauern; sie schossen sogar auf einander, und ein gewisser Lange aus dem Elsaß wurde durch einen Schuß so gefährlich verwundet, daß man an seinem Leben lange zweifelte. – Er mußte über fünf Monat die Stube hüten. Einer, namens Conradi, hieb einen anderen dergestalt zusammen, daß man mehr als zwölf Wunden vorfand. Dieser Auftritt endigte den Spektakel noch nicht, und so klein die Universität war, fielen doch innerhalb acht Tagen mehr als dreißig Schlägereien vor. Die Antagonisten der Orden wollten die Ordensbrüder herunter haben, und diese suchten ihren Vorzug, den sie sich einmal angemaßt hatten, zu behaupten. Endlich, nachdem die Händel schon sehr lange gedauert hatten, fing der Prorektor an, zu inquirieren. Einige wurden relegiert, z.B. Wittenberg: andere mußten aufs Karzer, und einen gewissen Breithaupt führte man nach Pirmasens In Pirmasens residierte damals der Landgraf von Darmstadt, Ludwig IX., der große Soldatenspieler, genannt der »Trommler von Pirmasens«. P. ab und steckte ihn daselbst unter die Soldaten. Aber durch diese Prozeduren ward der Raufereien noch kein Ende; täglich hörte man von neuem Skandal und neuen Strafen. Ich war bei der Sache nicht ruhig geblieben; der Senior meines Ordens war weggejagt, und der Senior von unserer Landsmannschaft war auch bestraft worden. Ich ermahnte daher die guten Freunde zur Standhaftigkeit und legte selbst Hand an, soviel ich konnte. Der Prorektor schickte mir einmal den Pedell Möser; da er mir aber grob zusprach, warf ich ihn zur Tür hinaus und maulschellierte ihn zur Treppe hinunter. Nun brannte alles gegen mich. Ich wurde abermals zitiert, erschien aber nicht; endlich beschloß man, mich zu relegieren oder vielmehr mir das Consilium abeundi zu geben. Man hatte damals gewiß Ursache, mich fortzuschicken, das kann ich nicht leugnen. Wohl würde die Relegation mir als Ausländer wenig geschadet haben, ich wünschte aber in Gießen zu bleiben. Als ich nun hörte, daß man mich relegieren wollte und einer meiner Freunde schon wirklich relegiert sei, ging ich zum Rektor und gab gute Worte. Dieser gab mir zu verstehen, daß ich eine kleine Bittschrift an ihn aufsetzen möchte; er würde dieselbe schon empfehlen. Ich tat dieses, und meine Relegation wurde aufgehoben, ich aber doch auf vier Wochen ins Karzer gesetzt. Auf dem Karzer studierte ich fleißig; während ich aber dort saß, entstand ein gefährlicher Aufstand. Der Rektor wollte nämlich die überall schädlichen Geldstrafen einführen, welche mehr eine Strafe für die Eltern, als für ihre studierenden Söhne sind, und die bisher in Gießen unerhört waren. Darüber kam nun alles in Harnisch; die Feindseligen Gesellschaften und Studenteninnungen versöhnten sich miteinander, machten gemeinschaftliche Sache, lärmten, tobten und zogen aus, genau wie im vorigen Jahre. Sie zogen wieder auf darmstädtische Dörfer, bis sie merkten, daß man Miene machte, sie von da nach einigen Tagen wegzuholen und mit Gewalt nach Gießen zurück zu schleppen. Jetzt begaben sie sich ins Weilburgsche, wo die meisten in Atzbach und Gleiberg den ganzen Sommer über zubrachten. Die Universität sah sehr traurig aus, und mehrere Professoren mußten ihre Vorlesungen aussetzen. In Gleiberg lagen sie in den Scheunen und Bauernstuben auf Stroh und sahen aus wie die Hottentotten. Wie viel Unordnungen und Skandale da vorgegangen sind, kann man denken. Dem Kanzler und Rektor war es bei der Sache nicht wohl zumute; sie befürchteten, wenn dergleichen Possen vor den Landesherrn kämen, so möchte man sie zur Rede stellen; denn sie waren es doch, die durch eine unzeitige Einführung ganz neuer Strafen die erste Gelegenheit zu den Händeln gegeben hatten. Sie suchten um eine Kommission nach, und der Kurator erschien selbst in Gießen, inquirierte und hob die Geldstrafen auf. Einige schon in die Taschen der Herren gefallene Gelder wurden auch wieder zurück gegeben. Aber damit war der Tumult nicht gestillt und die Universität nicht beruhigt. Die meisten Bursche blieben auf den Dörfern bis zum Herbst, wo sie entweder abgingen oder andere Universitäten bezogen; einige brachten den Winter in Gleiberg zu. Die Frankfurter Zeitungen meldeten sehr oft Neuigkeiten vom Gießener Kriege, und die Universität geriet dadurch in gewaltigen Mißkredit. Unter anderem las man folgenden Artikel darin: » Gleiberg, den 4. August . Die Universität ist von Gießen hierher verlegt worden. Wir haben unsern Rektor, Kanzler und Professoren. Zu den vier Fakultäten ist noch eine fünfte hinzugekommen, nämlich die zotologische, worin sich die Lehrer ganz besonders verdient machen. Alle Gemeinschaft mit Gießen ist abgeschnitten; die dasigen Herren mögen den Schülern vom Pihjo Kollegien lesen.« Pihjo – so heißt das Pädagogium in Gießen. Professor Zotarium , wie Rezensent es genannt hat, oder richtiger: Zotologiae , war – ich! In Gleiberg ließ ich mich nämlich zum Professor dieser edlen Kunst ernennen und las über ein von mir selbst geschriebenes Kompendium, dem ich den Titel: » Elementa Zotologiae sive Aeschrologiae tam theoreticae quam practicae « gegeben hatte und das damals häufig abgeschrieben wurde. Die Universität suchte auch in Weilburg darum an, daß man die Gießener Studenten von den Dörfern entfernen möge; aber das geschah nicht – vielleicht dachte man in Weilburg: haben die Gießener Herren den Karren in den Kot geschoben, so mögen sie selbst sehen, wie sie ihn wieder herausziehen. Bei allem diesem Lärmen vergaßen wir indes den Eulerkapper in Gießen nicht: es wurden von Zeit zu Zeit Deputierte nach der Stadt geschickt, die den armen Mann perieren und Pasquille auf ihn anschlagen mußten. Um der Verfolgung zu entgehen, veränderte er seine Wohnung: aber es blieb beim alten. Nach den Michaelisferien wurde es zwar ruhiger, aber die arme Universität hatte eine ansehnliche Zahl Studenten verloren und mußte obendrein denen, die geblieben waren, nun mehr Freiheit verstatten als vorhin, um sie nicht auch zu verscheuchen. Aus der Bereitwilligkeit dazu haben wir hernach geschlossen, daß die Herren einen derben Verweis aus Pirmasens möchten erhalten haben. Auch der Komment hatte sehr gelitten. Die besten Schläger waren fort, und die wenigen, welche etwa noch geblieben waren, scheuten die Strafen, welche nun freilich nicht mehr in Geld bestanden, aber doch in Relegation und Karzer. Und im Karzer sitzt sich's im Winter nicht gut, besonders in dem zu Gießen nicht, wo der Ofen ganz mörderisch zu rauchen pflegte. Zu den groben Unanständigkeiten, welche um diese Zeit in Gießen Mode wurden, gehört die Generalstallung und das wüste Gesicht. Jene wurden so veranstaltet, daß zwanzig, dreißig Studenten, nachdem sie in einem Bierhause ihren Bauch weidlich voll Bier geschlagen hatten, sich vor ein vornehmes Haus, worin Frauenzimmer waren, hinstellten und nach ordentlichem Kommando und unter einem Gepfeife, wie's bei Pferden gebräuchlich ist, sich auch viehmäßig, ich meine, ohne alle Rücksicht auf Wohlstand, erleichterten. Das garstige oder wüste Gesicht war eine Larve von scheußlichem Ansehen, welche an einem Bündel zusammengerollter Lappen auf einer hohen Stange befestigt ward. Diese Larve nahm ein Student – ich selbst habe eine dergleichen gehabt –, trat des Abends spät vor ein Haus, wo die Leute, wie's in Gießen sehr gewöhnlich ist, wegen der Feuchtigkeit im zweiten Stock logierten, und klingelte oder klopfte. Kam nun jemand ans Fenster, um zu sehen, wer da wäre, so hielt man ihm das wüste Gesicht vor, worüber dann die guten Leute zu Tode erschraken. Wir gaudierten uns aber baß darüber. Schusterjungen sind heutzutage delikater und gesetzter. Ich geriet diesen letzten Winter in starke Schulden, ob ich gleich nicht sehr fidel lebte. Es ging aber ganz natürlich zu. Ich hatte in den Herbstferien eine Reise nach Oppenheim gemacht, wo meines Vaters Bruder Prediger war, der mich noch einmal vor seinem Tode zu sehen wünschte. Auf dieser Reise empfing ich mein Geld in Frankfurt und brachte besonders in Mainz, wo ich den Komment einführte, eine ziemliche Summe durch. Dieser letzte Winter in Gießen ging also, wie gesagt, ziemlich ruhig vorüber, das heißt, ich wurde nicht mehr zitiert, schlug mich nicht, kam nicht ins Karzer und betrank mich nur höchst selten. Aber ich spielte Komödie. Ein Marionettenspieler, Josef Wieland, brachte mich und zwei Freunde auf diesen Gedanken. Aber wo und durch welche Mittel? Das war die Frage. Ich besprach alles mit dem Herrn Professor Schmid. Er erbot sich gleich, die Direktion zu übernehmen, und riet mir, einen Aufsatz zirkulieren zu lassen und Beiträge von Geld bei den Honoratioren einzusammeln. Geraten, getan! Tambour Hofmann und Karzerknecht Cordanus mußten kontrollieren, und in einigen Tagen hatten wir soviel Geld, als nötig war, ein Theater zu bauen und Kulissen nebst anderen Bedürfnissen anzuschaffen. Zum Theater schlug Herr Schmid das theologische Auditorium vor, denn das große juristische war zu Disputationen und Promotionen bestimmt. Ich hielt beim Dekan darum an: aber der alte D. Benner hielt dies für Entheiligung und schlug das Gesuch ab. Also mußte das philosophische Auditorium dazu herhalten. Dieses war seit langer Zeit der Heustall der Pedellen gewesen!! Wir ließen es reinigen und bauten ein Theater für achtzig Gulden. Kulissen, Vorhang, Lichter zur ersten Vorstellung und dergleichen kosteten beinahe ebensoviel. So waren wir denn imstande, unsere Kunst zu zeigen; ich war Rollenmeister. Das erste Stück, das wir gaben, war: »Trau, schau, wem!« Unsere Aktricen waren anfangs hübsche milchbärtige Studenten, nachher aber spielten auch wirkliche Frauenzimmer mit. So wurde noch die Zeit über, die ich in Gießen war, Lessings »Junger Gelehrter«, »Der Zerstreute« aus dem Komischen Theater der Franzosen, Stephanis »Deserteur aus Kindesliebe«, »Der Bramarbas« von Holberg, »Der Postzug« u.a. aufgeführt. Herr Schmid ließ jedesmal in der »Darmstädter Zeitung« ein großes Wesen von unserer Aktion machen. Anfangs spielte ich selbst mit, z.B. den Grafen von Werlingen in »Trau, schau, wem!« und Magister Stifelius im »Bramarbas«. Aber da ich bald merkte, daß ich zum Theater verdorben war, so gab ich das Mitspielen auf, behielt aber mein Amt als Rollenmeister bis zu meinem Abzug aus Gießen. Dieses Komödienspielen hat wenig Gutes gestiftet. Unsere Bursche fanden einen so starken Geschmack am Spektakel, daß alles ernsthaftere Studieren darüber vernachlässigt wurde und jeder nur Komödien las. Die mitspielenden Personen konnten vollends gar nicht studieren. Nach meinem Abschied hat der Landgraf die Komödie verbieten lassen: man hatte ihm vorgestellt, daß sie die ganze Universität zerrütten würde. Nichts aber hat durch das Schauspiel mehr gelitten als der Komment und die Orden. Denn die Verbindungen der Spielenden waren nun viel fester, als die der Orden, und über den Komment wurde gelacht. Eulerkapper hatte auch mehr Ruhe. Der Ton war Frivolität. Achtes Kapitel. Schulden! – Abschied von Gießen. – Ausschweifungen in Frankfurt. – Ein Schurke drängt sich an mich heran. – Der »Rote Ochse«. – Wilde Nacht und unangenehmes Erwachen. – Ich bin österreichischer Rekrut. – Rettung durch einen Ehrenmann. – Examen bei meinem Vater. – »Gut bestanden.« – Göttingen. – »Schofler Comment.« – Beim Schnapskonradi. – Das Schnapsen aus Nößeln. – Der Exjesuit Badiggi. – Ein päpstlicher Denkspruch. – Meister Dippel. – Die feine Sitte in Göttingen. – Göttinger Weiblichkeit und Gesellschaftsleben. Ich hatte meinem Vater meine Schulden, die sich auf ungefähr 180 Gulden beliefen, ehrlich gemeldet. Der gute Mann mußte freilich stutzen, da er mir immer hinreichenden Wechsel und zur rechten Zeit geschickt hatte, daß ich recht mit einer so großen Nachrechnung auftrat. Zudem hatte er beschlossen, mich noch nach Göttingen gehen zu lassen, und da konnte er schon ausrechnen, daß ihm mein Studium eine ansehnliche Summe kosten würde. Bezahlt mußte indes einmal sein; er schickte mir also das Geld, und obgleich sein Brief viele Vorwürfe enthielt, so hatte ich doch nicht Ursache, daß ich mich fürchtete, vor ihm zu erscheinen. Nachdem das Geld in meinen Händen war, bezahlte ich meinen Gläubigern, doch so, daß ich ein ansehnliches Reisegeld übrig behielt. Um dies zu bewerkstelligen, kontrahierte ich mit ihnen, blieb dem sechs, dem acht, dem zwölf Gulden schuldig, und die Leute ließen das gerne geschehen, weil ich sie die drei Jahre hindurch immer ehrlich befriedigt hatte. Es war ungefähr acht Tage vor Ostern, als ich von Gießen abging. Da ich auf die erwähnte Art mit Geld versehen war, so machte ich mich in Frankfurt ausschweifend lustig, und meine Barschaft nahm zusehends ab, so daß nach Verlauf von vier Tagen nicht viel über einen Louisdor übrig war. Ich hatte vor lauter Lustbarkeit vorher nicht Zeit, meine Kasse zu untersuchen: denn ich war – zu meiner Schande muß ich dergleichen bekennen – wenig nüchtern geworden und noch weniger von der Madame Agricola weggekommen. Ich dachte: mit dem Studentenleben ist's nun alle, nach Göttingen schickt dein Vater dich doch nicht, da er dir befohlen hat, geraden Weges nach Hause zu kommen; mußt nun pauken, Predigen. L. mußt dich also noch einmal zuguterletzt recht lustig machen. Gott! wenn mein guter Vater mich da gesehen hätte! Um wieder Geld zu bekommen, wandte ich mich an einen Bekannten meiner Familie und bat ihn, mir mit 18 Gulden Reisegeld auszuhelfen. Der ehrliche Mann tat es, und erst vier Jahre nachher ist er bezahlt worden, weil er nicht mahnte. Nun nahm ich mir im Ernste vor, den andern Tag Frankfurt zu verlassen: doch sollte den Abend Madame Agricola noch einmal besucht werden. Ich ging zeitig hin und erklärte, daß ich morgen abreisen würde. Ein gewisser Mensch von einigen dreißig Jahren, den ich einigemal in diesem verrufenen Loche gesehen hatte, fragte mich, ob ich über Darmstadt oder Mainz gehen würde. Ich antwortete ihm, daß ich über Mainz müßte, weil ich meinen Koffer von Gießen aus dahin geschickt hatte. »So wären wir ja Reisegefährten; ich gehe morgen auch dahin,« sagte er und trank mir zu. Ich freute mich, jemanden zu haben, mit dem ich unterwegs auf dem Marktschiff von dem Jubel in Frankfurt schwatzen könnte, und drängte mich näher an den – Spitzbuben. Gegen neun Uhr wollte ich fort. Mein sauberer Kumpan begleitete mich; ich hatte schon eine Schnurre, und so war's ihm leicht, mich noch einmal in ein Wirtshaus zu verführen. Er sagte mir, da gäb' es herrlichen Wein und wohlfeilen, und ganz kapitale Menscher. Das war Einladung genug für mich: doch sagte ich ihm gleich, daß ich nicht viel verzehren könnte; denn ich müßte mein Geld zu Rate halten, weil ich einige Tage in Mainz zubringen wollte. »Ei was,« sagte er, »was wird's denn kosten? Drei oder sechs Batzen, das ist's all. Seien Sie doch artig!« Der Kerl führte mich in ein Weinhaus, welches, wie ich nachher erfuhr, der »Rote Ochse« hieß und das österreichische Werbhaus war. Wir kamen in eine artige Stube, wo allerlei Leute waren, meistens österreichische Soldaten, und Musik. Mein Begleiter ging gleich zur Tür hinaus, um, wie er sagte, etwas Nötiges auszuführen, kam hernach zurück und trank mit mir einen Schoppen nach dem andern. Endlich, als er merkte, daß es mir im Kopf warm war, fragte er, ob ich nicht tanzen wollte. Ich schlug es ab. »So wollen wir,« erwiderte er, »uns wenigstens dort oben an den Tisch setzen; dort ist doch Gespräch!« Das war ich zufrieden, und wir veränderten unseren Platz. Ich kam neben einem Unteroffizier zu sitzen, welcher ganz artig von gleichgültigen Dingen sprach. Er trank mir einigemal zu, und ich tat Bescheid. Der Wein stieg mir endlich so stark in den Kopf, daß ich Brüderschaft mit dem Unteroffizier und meinem Begleiter und wer weiß mit wem noch mehr trank, daß ich tanzte und bei den anwesenden Mädchen herumschäkerte. Gewöhnlich werden nämlich in den Werbhäusern Mädchen gehalten, durch diese trägt mancher den roten, weißen, blauen oder grünen Rock. Das Ding mag bis nach Mitternacht gedauert haben; denn bis halb zwölf hatte ich meine Besinnungskraft, was aber hernach mit mir vorgegangen ist, weiß ich nicht. Den anderen Morgen erwachte ich so um zehn Uhr und hatte schrecklichen Durst. Ich lag noch völlig gekleidet im Bette, außer daß man mir meinen Ueberrock ausgezogen hatte; doch war ich ordentlich zugedeckt und hatte ein Tuch um den Kopf. Meine Uhr, Stock und Hut lagen auf dem Tisch, wie auch der »Siegwart«, den ich in Gießen zum Zeitvertreib zu mir gesteckt hatte; er war damals die Modelektüre. Das Zimmerchen, worin ich lag, war sehr klein, doch reinlich. Ich wußte nicht, wo ich mich befand, ging also nach der Tür; aber wie erschrak ich, als diese verschlossen war. Ich pochte stark an; endlich erschien ein Unteroffizier mit einem Mädchen, welches Kaffee herauftrug. »Guten Morgen, Herr Bruder,« sagte er, »wie hast du geschlafen?« Ich: Gut; aber mir tut der Kopf weh; und Durst hab´ ich wie'n Pferd. Er: Glaub's halter Ein österreichisches Provinzialwort, welches die österreichischen Werber jeden Augenblick anbringen, und daher sie auch im Reiche vom Pöbel nur schlechthin die »Halters« genannt werden. L. gern: trink du nur Kaffee; es wird schon vergehen. Ich: Ja, ja. Was kostet der Kaffee? Will gleich bezahlen, auch das Logis. Er: Ist halter alles bezahlt, Herr Bruder! Trink du nur! Das Mädchen: Je nun, mein Herzchen, du warst gestern abend recht selig. Schäm´ dich, du hast bei mir schlafen sollen, aber da warst du besoffen wie ein Kater. Der Unteroffizier: Kann ja noch geschehen; will hinuntergehen. Ich: Bleiben Sie nur und sagen Sie mir, wo ich bin. Er: Im »Roten Ochsen«, Herr Bruder. Ich: Gut! Wieviel Uhr ist es? Er: Halb elf. Ich: Potztausend, dann muß ich fort. Er: Haha, daraus wird halter nichts: du bist ja Soldat, dienst dem Kaiser! Ich: Was? Soldat? Er: Ja, komm nur mit hinunter. Ich mußte mit ihm hinabgehen. In der großen Stube fanden wir eine Menge Leute, aber mein sauberer Herr Begleiter war nicht darunter. »Hören Sie, meine Herren,« fing der Unteroffizier an, »ist der Herr da halter nicht Soldat?« Alle bejahten dies. »Hat er halter nicht Handgeld genommen?« Auch diese Frage wurde bejaht. Ich leugnete das alles, aber man befahl mir, meine Börse zu untersuchen. Ich tat es und fand, außer meinem Gelde, noch 4 Kremnitzer Dukaten. Ich erschrak zu Tode, da ich den Beweis sah von dem, was der Unteroffizier mir gesagt hatte. Doch faßte ich mich und fragte, ob kein Offizier da wäre; ich müßte mit ihm sprechen. »Das soll schon halter geschehen,« war die Antwort, »er wird bald kommen.« Ich setzte mich in eine Ecke des Zimmers, stieß jeden, der mit mir reden wollte, von mir, forderte ein Glas Branntwein und las vor lauter Aerger in meinem »Siegwart«. So leerte ich zwei oder drei Gläser, und da der Spiritus vom vorigen Tage noch nicht ganz verraucht war, so wurde mein Kopf wieder verwirrt. Es schlug zwölf, und noch kam kein Offizier. Ich ließ mir etwas zu essen geben und mußte vieles von den Herrlichkeiten anhören, die bei der Armee auf mich warten sollten. Endlich riß mir die Geduld: ich forderte, daß man einen Offizier holen sollte. Man lachte. Ich wollte mit Gewalt zur Tür hinaus, aber man hielt mich auch mit Gewalt zurück, und indem wir uns so balgten, trat ein Offizier in die Stube, der, wie ich hernach erfuhr, Major war. »Was gibt's denn da?« rief der ansehnliche Mann. »Ich glaube, ihr habt Händel?« Ein Unteroffizier : Verzeihen S' halter, Ihr Gnaden, da ist ein Rekrut, der will ausreißen. Major (zu mir): Haben Sie sich anwerben lassen? Ich: Nein, mein Herr! Major: Aber die Leute da, die Unteroffiziere, sagen's doch? Ich: Mein Herr, ich kam gestern abend hierher und – Major (einfallend): – und soffen sich so voll, daß Sie noch nicht nüchtern sind. Hab' davon hören müssen. Wer sind Sie? Ich: Ein Student von Gießen. Major: Wie lange studieren Sie schon? Ich: Seit drei Jahren. Major: So, so! Aber was nehmen Sie denn Handgeld? Haben wahrscheinlich nichts gelernt? Nicht wahr? Ich: Sie beleidigen mich – Major: Daß ich nämlich bei einem Menschen von Ihrem Betragen keine Kenntnisse voraussetze. Nun, wie hieß der erste Kaiser aus dem österreichischen Stamm? Ich: Rudolf von Habsburg. Major: Und der letzte? Ich: Karl der Sechste. Major: Wann haben beide regiert? Ich: Jener kam 1273 zur Regierung, und dieser starb 1740. Major: Schön. Ich bin kein Gelehrter; sonst setzte ich das Examen fort. Es tut mir leid, daß Sie Ihr Glück verscherzen. Doch ich will sehen, was sich tun läßt. Ich möchte Ihnen gern helfen. Haben Sie Bekannte hier? Ich: Ja, den Herrn Bucher, Stadtchirurgus, den Gastwirt Tennemann und – Major: Schon gut, wollen sehen, was zu tun ist. Ich komme hernach wieder. Unterdessen halten Sie sich ruhig; aber saufen müssen Sie nicht mehr, hören Sie? Der rechtschaffene Mann ging fort, und die Unteroffiziere waren gleich weit höflicher gegen mich als zuvor; keiner sagte mehr du zu mir. »Den kriegen wir halter nicht!« sagten sie untereinander. Nach ungefähr drei Stunden kam der Major wieder zurück mit noch zwei jungen Offizieren. Der eine war der Sohn eines lutherischen Geistlichen aus Schwaben und hieß Funk. Der Major trat ganz höflich zu mir und sagte: »Mein Freund, Sie geben die 4 Dukaten heraus.« Ich tat dieses mit Freuden. »Der Spektakel hier,« fuhr er fort, »hat ungefähr zwölf Reichstaler Unkosten gemacht, aber da Sie wahrscheinlich nicht so viel bei sich haben, habe ich mit Herrn Bucher gesprochen, und der haftet dafür. Sie schicken aber innerhalb sechs Wochen zwölf Taler an den ehrlichen Mann, damit er sie sonst nicht aus seiner eigenen Tasche bezahlen müsse. Uebrigens sind Sie frei, denn unser Kaiser will nicht, daß man besoffene Leute anwirbt; ja wenn Sie auch jetzt Dienste annehmen wollten, so müßten Sie erst Ihren Rausch ausschlafen.« »Herr Major, wie soll ich Ihnen meinen Dank –« »Stille, mein Freund! Ich tue, was Menschenliebe erfordert, und vollbringe den Willen meines Herrn, der edel denkt. Danken Sie Gott, daß der Emissär Sie nicht in ein paar der anderen Werbhäuser geführt hat. Da wären Sie, so wahr ich lebe, nicht wieder weggekommen. Diese Herren scheren sich den Henker um Menschenliebe und Menschenrechte, wenn sie nur Leute kriegen; ob's ehrlich oder unehrlich dabei zugehe, darum bekümmern sie sich nicht. Aber hüten Sie sich vor ähnlichen Händeln: Sie möchten sonst nicht so glücklich wieder herauskommen.« Mit diesen Worten verlieh mich der edle Major, ohne meine Danksagung abzuwarten. Ich habe seinen Namen vergessen, und das ärgert mich in der Seele. So war ich also durch einen Schurken ins Unglück gebracht und durch einen rechtschaffenen Mann wieder errettet worden. – Aber in solchem Wasser fängt man solche Fische! Was hatte ich nötig, mich in solche Löcher zu begeben, wo Gesundheit, Ehre, Geld und Freiheit aufs Spiel gesetzt wird! So oft gewitzigt und doch nicht klug! Es geschah mir also recht, daß ich in diese Verlegenheit geriet. Wohl mir, und mehr als ich's verdiente, daß ein Menschenfreund sich meiner annahm! Wer war froher als ich! Tags darauf verließ ich Frankfurt und kam wohlbehalten nach einigen Tagen bei meinen Eltern an. Mein Vater hätte wohl Ursache gehabt, mich mit einem tüchtigen Wischer zu bewillkommnen, um so mehr, da ich eine weit stärkere Summe zum Abschiedswechsel gefordert, als er erwartete: außerdem waren ihm auch mehrere meiner Stückchen bekannt geworden, besonders die Eulerkappereien. Aber mein Vater erklärte gerne alles aufs beste, und so machte er's auch hier; er entschuldigte mich bei sich selbst und empfing mich mit freundlichem Gesicht. Die ersten Tage gingen ruhig vorbei; dann aber nahm er mich auf sein Stübchen, um, wie er sagte, zu sehen, ob ich was wüßte, oder ob Oel und Arbeit verloren sei. Ich bestand aber in seinem Examen so gut, daß er mehrmals ausrief: » Non me poenitet pecuniae, quam in tua studia impendi. « »Mir tut´s um das Geld nicht leid, das ich für dein Studium ausgegeben habe.« L. Da mein Vater mit meinen Kenntnissen so wohl zufrieden war, war ich selbst froh und dachte an nichts, als wie ich mich einrichten wollte, um auch zu Hause meine Tage vergnügt hinzubringen. Mein Vater hatte aber nach unserem Examen sich eines anderen besonnen und jetzt neuerdings beschlossen, daß ich noch auf ein Jahr die göttingische Universität beziehen sollte, damit ich mehr in den orientalischen Sprachen leisten und überhaupt mich in Absicht meiner Sitten bessern möchte, welche in Gießen ganz verwildert waren. Göttingen stand schon damals im Rufe sehr feiner Sitten. Mein Vater entdeckte mir seinen Vorsatz und befahl mir, mich zur Abreise in wenigen Tagen anzuschicken. Man stelle sich meine Freude vor, abermals eine Universität zu besuchen, welche die, wo ich gewesen war, unendlich übertraf. Mein Gepäck wurde in etwas ausgebessert und mit neuer Wäsche versehen, und dann reiste ich ab. Meine Reise ging über Gießen, Marburg, Kassel und Minden. Mein Vater hatte mich abermals bis Frankfurt begleitet. In Göttingen lehrten damals sehr viele berühmte Männer: ein Walch, Michaelis, Heyne, Lichtenberg, Kästner und viele andere sehr gelehrte, verdienstvolle Professoren. Quanta nomina! Ich war an den D. Walch empfohlen, welchen mein Vater in Jena genau gekannt und dessen Freundschaft er genossen hatte. Walch war ein vortrefflicher Mann, sowohl von seiten der Gelehrsamkeit und Kenntnisse, als in Ansehung des Biedersinns und der Redlichkeit. Ich habe viel Gutes von ihm genossen; manchen Gefallen, manche Freundlichkeit hat er mir erwiesen, und mit manchen Kenntnissen mich bereichert. Ich logierte bei der Prof. Köhlerin, einer recht braven Frau. Walch hatte mir sehr gute Regeln des Verhaltens gegeben und hinzugesetzt: da ich schon länger auf Universitäten gewesen wäre, so müßte ich gewiß gesetzt sein; er wolle mir also nicht weiter sagen, was ich als Student zu tun hätte. Der gute Mann hat sich nicht wenig geirrt! Ich war noch so frivol, als ich vor drei Jahren gewesen war. Ein gewisser Sturm war in Göttingen, den ich in Gießen gekannt hatte; das wußte ich und suchte ihn auf. »Nun, Bruder,« sagte ich zu ihm, »wie sieht's denn hier aus mit dem Komment?« Sturm: Schofel, Bruder, sehr schofel! Die Kerls wissen dir den Teufel, was Komment ist: halten ihre Kommerse in Wein und Punsch, saufen ihren Schnaps aus lumpigen Matiergläsern, lassen sich alle Tage frisieren, schmieren sich mit wohlriechender Pomade und Eau de Lavende, ziehn seidene Strümpfe an, gehn fleißig ins Konzert zum Professor Gatterer, küssen den Menschern die Pfoten; kurz, Bruderherz, der Komment ist hier schofel. Ich: Aber doch nicht allewege? Sturm: Nein, Brüderchen! es gibt noch derbe Kerls, aber die stehen wenig in Ansehen; man hält sie für liederlich, und deswegen müssen sie für sich leben und miteinander ihre Sachen allein treiben. Ich: Hör', Bruder, soviel an uns ist, müssen wir den Komment wiederherstellen oder gar einführen à la Jena – Sturm: Hast recht: aber das wird schwer halten, wollen indes sehen, quid virtus et sepientia possit. Was mit Tüchtigkeit und Weisheit auszurichten sei. L. Du gehst den Abend doch mit zum »Schnaps-Konradi«, nicht? Wir begaben uns wirklich denselben Abend zum Schnaps-Konradi, einem Bruder des Schnaps-Konradi in Halle. Wir fanden einige Studenten da, welche aus kleinen Bowlen Punsch und aus Fingerhutgläschen Schnaps tranken. Ich forderte ein Glas Schnaps und Sturm auch eins. Man brachte es uns, aber in kleinen Gläschen. Ich ließ mir also einen Bindfaden geben, damit ich es, wenn es in die Kehle hineinwitschte, wieder herausziehen könnte. Man lachte über meinen Einfall, beklatschte ihn, und wir ließen uns ein Nößel Schnaps geben, leerten es aus und gingen so wohlbezecht nach Hause. Wir fuhren fort, den Schnaps-Konradi fleißig zu besuchen, waren aber doch nicht imstande, die Mode, aus Nößeln zu schnapsen, einzuführen, obgleich einige es uns nachmachten, denn man kann nichts so sehr Närrisches anfangen, das nicht einige Nachahmer finden sollte. Herr Walch erfuhr diese Wirtschaft und gab mir deshalb einen derben Wischer. Ich unterließ hierauf das häufige Besuchen des Konradi, des Kellers und der Dörfer, und fing an, ernstlich zu studieren. Ich fand auch in Göttingen einen gewissen Italiener Badiggi, einen Exjesuiten, mit dem ich schon in Gießen Umgang gepflogen hatte. Dieser Badiggi war ein Mensch von viel Kopf und Erfahrung: aber auch ohne Religion, ohne Sitten und ohne Gesetze, kurz, ein wahres moralisches Ungeheuer. Er erzählte von sich alle möglichen Schandtaten ohne Erröten, und schrieb gewöhnlich in die Stammbücher den Denkspruch des Papstes Alexanders VI.: Chi ha diciotto anni e non è pazzo O buzzera, o fotto o si mena il cazzo. Latein konnte Badiggi reden wie Wasser, und Latein, das sich immer hören ließ, das keine Schnitzer hatte. Beiher hatte er große Belesenheit in jenen freieren Schriften der Italiener, welche das sechzehnte Jahrhundert erleuchtet haben, z.B. in denen des Aretino, Pulci, Ariosto, Pallavicino usw. Einen größeren Zotenreißer und Lästerer aller Religion, aller Sitten und aller Moral, habe ich nie gehört. Das waren aber in meinen Augen damals Tugenden und verbanden mich um so mehr mit Badiggi, oder, um besser zu sagen, sie machten, daß ich seinen Umgang eifrig suchte, ohne jedoch seine Person zu lieben oder zu schätzen. Ich gewöhnte mir in seinem Umgang einen äußerst freien und schlüpfrigen Ton in Rücksicht auf die Religion und ihre Lehren an, einen Ton, der mir, wie ich bald erzählen werde, in meinem Vaterland sehr viel geschadet und mein ganzes theologisches Glück verdorben hat. Herr Walch merkte diesen Ton und verwies ihn mir. »Hören Sie, sehen Sie,« sagte er zu mir, »das ist einfältig gesprochen. Was Sie nicht glauben, müssen Sie mit Gründen widerlegen, aber nicht beschimpfen.« Klug war das wohl geraten: aber wo sollt' ich soviel Klugheit hernehmen, seinem klugen Rate zu folgen? Obwohl Walch mich für einen Religionsspötter hielt, so entzog er mir seine Freundschaft doch nicht, und das war sehr tolerant. Badiggi genoß allerhand Unterstützungen, sowohl von Professoren als Studenten, welche letzteren er mit seinen Schwänken belustigte. Er erhielt auch Geld von Auswärtigen. Endlich ist er heimlich entwichen, nachdem er viele Leute geprellt, die Universitätsbibliothek um für 100 Taler Bücher betrogen und mehrere andere Lumpenstreiche begangen hatte. Nun muß ich noch einen anderen Narren beschreiben, dessengleichen ich nicht weiter gefunden habe. Der Mensch hieß Dippel oder Timbel – ich habe den Namen nicht recht behalten, man hieß ihn gewöhnlich »Mosjeh Kilian« oder »Bruder Kilian«. Er lebte als theologischer Student von der Gutherzigkeit anderer Studenten; an einem gewissen Tische, wo ungefähr dreißig Studenten speisten, ging er herum, so daß ihn alle Tage ein anderer fütterte. Sein Logis hatte er umsonst beim Kaufmann Backhaus, hinten im Hof über dem Pferdestall und unter dem Taubenschlag. Da er sich von jedermann gebrauchen ließ, wozu man wollte, so waren die Bursche freigebig gegen ihn, wenn er etwas nötig hatte. In einer Gesellschaft von Studenten war Meister Dippel auch. Einer davon sagte: »Wenn ich doch nur mit Heyne nicht übern Fuß gespannt wäre, so ließe ich mir seine Ausgabe von Horazens hebräischen »Georgicis« und seiner griechischen Uebersetzung des »Eulenspiegels« geben. Sie kommen erst auf die Messe in die Buchläden, aber Heyne hat sie schon an mehrere verborgt.« Dippel erbot sich alsbald, er wolle zu Heyne gehen und sich die Bücher ausbitten. Man stelle sich nun Heyne vor, wie Dippel vor ihm stand und sich Horazens hebräische »Georgica« und den griechischen »Eulenspiegel« ausbat. Es waren gerade Fremde zugegen, und Heyne, der sich sehr ärgerte, schmiß den guten Dippel zur Tür hinaus und schalt ihn einen dummen Esel. Ein andermal machte ein Engländer dem Menschen weiß, man trüge jetzt nach der neusten Mode Halsbinden von buntem Stroh mit einer Schelle vorn am Hals, ströherne Kokarden und ebensolche Röschen hinten auf dem Zopf. Er schenkte ihm sogleich eine solche Garnitur, deren er etliche hatte machen lassen, um den Einfaltspinsel anzuführen, und dieser legte den Ornat auch an, wanderte solange damit durch die Straßen, bis die hinter ihm her schreienden Jungen ihm deutlich genug zu verstehen gaben, daß er ein Geck sei. Die Studenten nahmen ihn in allerhand erdichtete Orden auf, z.B. in den Orden der Heiligen Genoveva, des Heiligen Crispinus usw., machten ihm hernach weiß, er sei nun zum Großmeister des Ordens ernannt worden, und Dippel unterschrieb sich so in den Stammbüchern. Aber nicht selten wurden Komödien mit ihm gespielt, von denen die Spielenden wenig Ehre hatten. So brachte man ihn einst in Eimbeck mit einem über und über infizierten Mensch zusammen, woher der arme Teufel ein Uebel abkriegte, welches ihn über zwei Monate gequält hat, so fleißig die Feldscherer ihn auch besuchten. Das Geld zu dieser Kur wurde an den Tischen und anderen öffentlichen Orten gesammelt Man vergleiche Laukhards Bemerkung auf S. 119: »Göttingen stand schon damals im Rufe sehr feiner Sitten!« P. In Göttinnen konnte ich bei weitem die Figur nicht spielen, welche ich in Gießen gespielt hatte; dazu hatte ich nicht Geld genug. Mein Vater gab mir zwar so viel, als ich brauchte, um ordentlich zu leben und nicht nötig zu haben, Wasser zu trinken, wie er sagte; aber ich konnte doch nicht ausreiten, ausfahren, nach Kassel reisen, alle Tage im Wichs erscheinen, wie so viele andere, welche Geld hatten. Daher blieb ich im Dunkeln und war bloß meinen Freunden näher bekannt. Ich will nicht sagen, daß ich mich geärgert hätte, weil ich keine Rolle spielen konnte; ich stand damals in den Gedanken, daß Konzerte, Bälle, Assembleen, Spazierfahrten u. dgl. gar nicht zum Wesen des Studenten gehörten. Und doch waren die, welche dies konnten und in guten Häusern verkehrten, die angesehensten auf der ganzen Akademie. Da es hier nicht selten geschieht, daß die Professoren die Studenten auf ihren Stuben besuchen, so gehört es auch zum guten Ton, dergleichen Herren dann und wann zu sich zu bitten und sich in große Unkosten zu stecken. Ich halte nichts davon, wenn Professores die Studenten in ihrer Wohnung heimsuchen. Wollen sie Umgang mit ihnen haben, so sei es an einem dritten Ort. Der Professor verliert nach und nach sein Ansehen, und der Student macht sich schwere unnütze Kosten. Am besten ist es, wenn beide in einer gewissen Entfernung von einander bleiben. Ich muß doch ein klein Wörtchen vom Göttinger Frauenzimmer sagen. Diese sind, mit gnädiger und großgünstiger Erlaubnis der Göttinger Damen, durch die Bank – nicht schön. Ich weiß es selbst nicht; sie haben so etwas Widerliches im Gesicht, welches durchaus mißfällt, und ihre Farbe, oder der Teint, wie man sagt, ist weit entfernt von jenen Lilien und Rosen, von denen unsere Herren Reimemacher so viel zu sagen wissen. Unter den gemeinen Mädchen findet man auch sehr wenig Rares. Man findet keine Bordelle in Göttingen, wenigstens zu meiner Zeit nicht: aber an Nymphen, welche für einige Groschen, und an Madamen und Mamsellen, welche für einige Taler nach advenant feil sind, fehlt es auch da nicht. Auf dem »Keller« waren die Mädchen recht fidel; man hieß sie schlechtweg die »Kellermenscher«. In Jena hat der Bursch seine sogenannte »Scharmante«; das ist ein gemeines Mädchen, mit welcher er so lange umgeht, als er da ist, und das er dann, wenn er abzieht, einem anderen überläßt. In Göttingen dagegen sucht der Student, der's zwingen kann, d.h. der Geld hat, bei einem vornehmeren Frauenzimmer anzukommen und macht dem seinen Hof. Gemeiniglich bleibt es beim Hofmachen, und hat keine weiteren Folgen, als daß dem Galan der Beutel tüchtig ausgeleert wird. Manchesmal geht das Ding freilich weiter, und es folgen lebendige Zeugen der Vertraulichkeit, die eben Ritterstöchter oft ebenso bezaubernd fesselt, als eine gefällige, busenreiche Aufwärterin. Man hat es als einen Vorzug der Göttinger Universität angesehen, daß daselbst der Student Gelegenheit habe, in Umgang mit Familien zu kommen. Man hat gesagt, das wäre ein Mittel; wodurch er die Roheit der Sitten ablegen und sich verfeinern könnte. Ich weiß aber einmal nicht, ob der Familienton in Göttingen so fein sei, daß sich ein junger Mensch daran auspolieren könne. Und dann steht gewöhnlich nur da die Tür auf, wo man gern auf Unkosten der Studenten sich Vergnügen macht. In anderen Häusern wird der Student, so wie an andern Orten, ausgeschlossen. Neuntes Kapitel. Heimkehr. – Voltaire und sein Publikum. – Liederlicher Lebenswandel.– Lutherische Pfarrer in der Pfalz. –Die Frau Pfarrerin in Badenheim. – Vergebliche Bemühungen um eine Pfarre. – Die Heidelberger Universität und ihre Studenten. – Ich mache Proselyten für den Deismus. – Die biblischen Histörchen. – Die Wolffenbütteler Fragmente. – Vorladung vor das rheingräfliche Konsistorium. – Ich halte eine orthodoxe Predigt. – »So wollten es die Umstände!« – Bemühungen um eine Anstellung im Darmstädtischen. – Landgraf Ludwig. – Examen in Darmstadt. – Mißlungene Bewerbung um die dortige Konrektorstelle. Ich kam im Frühling 1779 nach Hause. Mein Vater stellte abermals ein Examen mit mir an und war zufrieden. Ich predigte mit Beifall, denn ich predigte Moral, und nicht vom Satan oder vom Blut Jesu Christi, das uns rein macht von allen Sünden. Genug, die Bauern und Bürger hörten, wo ich auftrat, etwas Neues. Ich bin nie ein Redner gewesen, allein in der Pfalz braucht man nur eine reine Aussprache zu haben und nicht abzulesen, um des Beifalls beim Predigen sicher zu sein. Aus der wohlversehenen Bibliothek des wackeren Amtmanns Schröder in Grehweiler las ich in anderthalb Jahren fast alle Werke Voltaires, den »Esprit des lois« von Montesquieu, Rousseaus »Nouvelle Héloise«, »Emile« und andere, freilich sehr unorthodoxe Bücher. Ich lernte aus Voltaire nichts als spotten: denn andere Bücher hatten mich schon instand gesetzt, richtig – nämlich wie ich die Sache ansehe – über Dogmen und Kirchenreligion zu urteilen. Gewiß habe ich unendliches Vergnügen genossen bei der Lesung des französischen Dichters, der der Priesterreligion mit seinem feineren und gröberen Witz vielleicht mehr geschadet hat, als alle Bücher der englischen und deutschen Deisten. Die englischen gehen von Gründen aus und suchen ihre Leser durch philosophische Argumente zu überzeugen: die deutschen machen´s beinahe ebenso, und haben's auch mitunter mit der Philosophie zu tun. Zudem reduzieren letztere alles auf Geschichte und verursachen dadurch, daß die Leser ihre gelehrten Werke nicht anders verstehen, als wenn sie selbst gelehrt sind. Der französische Deist hingegen wirft einige flüchtige Gründe leicht hin, schlüpft über die Streitfrage selbst weg und spöttelt hernach über das Ganze, als wenn er seine Behauptungen noch so gründlich demonstriert hätte. Ich weiß wohl, daß das nicht überzeugt; aber Tausende, die es lesen, halten sich von nun an für überzeugt und beehren die Philosophen mit ihrem ganzen Beifall. So war es auch möglich, daß Voltaire so viele Proselyten des Unglaubens anwarb. Er schrieb nicht für Gelehrte; die, dachte er, mögen die Berichtigung ihrer Denkungsart anderwärts suchen, wenn sie klug sind. Er schrieb für Ungelehrte, für Frauenzimmer, für Fürsten und Kaufmannsdiener; diesen sollten die Schuppen von den Augen weggenommen werden. Und wenn das so Voltaires Zweck war, so hat er seine Sachen wirklich klug eingerichtet. Alles Geschrei der Gegner hat dem Manne an seinem Kredit nicht schaden können. Ich hatte anfangs wenig Umgang; bald aber kam ich in eine größere Verbindung, die mich wie ein Strom fortriß und mir selten Zeit ließ, mich zu besinnen. Wenn man von ihnen sprach, so hieß es nur kurzweg: der liederliche Amtsverwalter Schönburg, der liederliche Lizentiat Macher usw. Mein Vater sah es eben nicht gern, daß ich mich so sehr an diese Leute anschloß, aber da sie doch in Charakter standen, so ließ er es geschehen, ohne mir anfangs ernsthafte Vorstellungen zu machen. Daß ich in dieser Sozietät nicht wenig werde brilliert haben, läßt sich denken. Meine Zotologie war in Göttingen gleichsam verrostet, ich holte sie aber hier wieder hervor und erlangte solchen Beifall, daß kein Gelag ohne den »Großen« , so nannte man mich χαι εξοχην, gehalten werden konnte. Unsere Gesellschafter dutzten sich alle und nahmen einander durchaus nichts übel. Unsere Gelage waren wenigstens so lustig und ausschweifend, wie die Studentengelage in Jena oder Gießen. Die Bauern in Kriegsfeld hatten mich zum Seelsorger – so hießen die dortigen Herren Geistlichen gewöhnlich und hören den Titel auch gern – haben wollen; weil aber die Pfarre daselbst gar sehr schlecht ist, so wollte mein Vater nicht, daß ich sie annehmen sollte. Ich muß hier eine kleine Beschreibung von den lutherischen Pfarreien in der Kurpfalz einschalten. Vorzeiten hatten die Lutheraner dort gute Pfarreien; nachdem ihnen aber die Katholiken, verbunden mit den Reformierten, ihre Kirchengüter genommen und unter sich geteilt haben, so müssen die armen lutherischen Geistlichen seit der Zeit bloß von dem leben, was ihnen ihre Pfarrkinder aus Gnade und Barmherzigkeit geben wollen. Da aber der Kurpfälzer Bauer selbst nicht viel hat und also auch nicht viel geben kann, so sind die Predigerstellen ungemein schlecht, und die Inhaber derselben haben oft kaum das liebe Brot. Doch sind die Lutheraner in der Pfalz, wie jede ecclesia pressa , Unterdrückte Kirche L. streng auf ihren Glauben, so daß sie beinahe in jedem Dorf eine Kirche haben und auch einen Pastor. Was das aber auch für Pastöre sind! Kaum kann man, ich weiß nicht, ob ich sagen soll, des Weinens oder des Lachens sich enthalten, wenn man so einen pfälzischen lutherischen Gottesmann einhertreten sieht, mit einem alten verschabten Rock, der ehedem schwarz war, nun aber wegen des marasmus senilis , wie D. Bahrdt von seinem Hut sagte, ins Rote fällt, mit einer Perücke, die in zehn Jahren nicht in die Hände des Friseurs gekommen ist, mit Hosen, die denen eines Schusters in allem gleichkommen, sogar in Absicht des Glanzes, und mit Wäsche, wie sie die Bootsknechte tragen. – Aber freilich, der Mann kann sich nichts Besseres anschaffen; es ist der Anzug, welcher bei seiner Ordination neu war und ihm sein ganzes Leben hindurch dienen muß. Das Innere dieser Herren stimmt vollkommen mit ihrem Aeußeren überein, und wenn je das Sprichwort wahr ist: »Man sieht's einem an den Federn an, was er für ein Vogel ist«, so ist's gewiß von den lutherischen Herren Pfarrern in der Pfalz wahr. Darunter findet man die allerkrassesten Ignoranten, welche kaum ihren Namen schreiben und lateinisch lesen können. Sie sind zwar auf Universitäten gewesen, da sie aber schlecht unterrichtet dahin kamen, so lernten sie auch da nichts; und der gänzliche Mangel an Büchern – einige alte Schunken und Postillen, die vom Vater auf den Sohn forterben, ausgenommen – verbietet ihnen, weiter zu studieren. Aber wenn man ihnen auch Bücher geben wollte, so würde ihre krasse Orthodoxie, welche allemal bei Ignoranten und Dummköpfen krasser ist als bei Gelehrten, nebst ihrer natürlichen Trägheit, sie hindern, irgendeinen Gebrauch von einem guten Buche zu machen. Die Lebensart dieser Leutchen ist – abscheulich. Saufen, das charakteristische Laster der Pfalz, ist auch ihre Sache; da sitzen sie in den Dorfschenken, lassen sich von den Bauern traktieren, saufen sich voll und prügeln sich mitunter sehr erbaulich. So bekam der Pfarrer Weppner zu Alsheim einst so viele Prügel in der Schenke, daß er in drei Wochen nicht predigen konnte. In einem anderen Lande würden derartige Skandale verdrießliche Konsequenzen ziehen; aber in der Pfalz nimmt man's so genau nicht. Ich rede aber, was sich von selbst versteht, nicht von allen und jedem, sondern vom größten Haufen. Die reformierten und katholischen Herren sind nicht viel besser, was nämlich ihre Sitten und Kenntnisse betrifft, ob sie gleich besser gekleidet gehen, besseren Wein trinken, und, der guten Atzung wegen, auch dickere Bäuche haben als die lutherischen. Mein Vater wollte nun nicht haben, daß ich in der Kurpfalz Pfarrer werden sollte; dazu, meinte er, hätte ich zu viel gelernt. Ich hatte auch nicht Lust, mich dem traurigen Joch des pfälzischen Kuratoriums und der Tyrannei der Oberamtmänner zu unterwerfen; überhaupt verlangte mich damals nicht nach einem Amte, welches nur meine Vergnügungen würde erschwert haben. In unserer Grafschaft war zwar eine nicht schlechte Stelle aufgegangen, welche mir als einem Landeskinde gebührt hatte, allein der Herr Konsistorialrat Dietsch, ein sonst braver Mann, und der damalige Administrator der Grafschaft, Herr von Zwirnlein, waren von einem Ausländer durch Geld präokkupiert worden, der denn auch die Pfarre erhielt. Aber da starb im Herbst 1779 der Pfarrer Ritterspacher in Badenheim, einem dem Grafen Schönborn, Heusenstammscher Linie, zugehörigen Dorf. Ritterspacher war mein Freund und Universitätsbruder gewesen und hatte eine Witwe seines Vorgängers geheiratet. Weil er aber auf der Akademie sehr akademisch gelebt hatte, so bekam er die Schwindsucht und mußte abfahren. Während seiner Kränklichkeit hatte ich einigemal für ihn gepredigt und alles Lob der Bauern davongetragen. Diese lagen mir nun bei seinem Absterben äußerst an, mich zur Pfarre zu melden. Ich wollte anfangs nicht; weil es aber eine sehr gute Stelle war, so drang mein Vater darauf, daß ich mich melden sollte. Ich tat es und gab eine Bittschrift bei dem Grafen oder vielmehr bei des Grafen Beamten, dem Hofrat Schott in Mainz, ein. Dieser Hofrat ist ein rüder und unwissender Mensch, welcher vorher hinter der Kutsche gestanden hatte. Er sagte mir gerade heraus: »Herr, Sie müssen die Frau nehmen, sonst kriegen Sie die Pfarre schwerlich.« Ich gab ihm zu verstehen, daß es wider meine Grundsätze wäre, je ein Frauenzimmer zu heiraten, das mich an Alter überträfe und schon zwei Männer gehabt hätte. Der Hofrat bedauerte meine Delikatesse, versprach aber doch, die Sache bestens zu besorgen. Ich traute dem Menschen nicht recht und schrieb gerade an den Grafen nach Wien, der mir zwar auch sehr artig antwortete, aber zugleich zu verstehen gab, daß die Sache nicht mehr ganz von ihm abhinge, indem er dieselbe bereits einem anderen übergeben hätte; doch wollte er sehen, was sich für mich noch tun ließe. Als mein Vater diesen Brief gelesen hatte, riet er mir, alle Hoffnung aufzugeben, weil ich durchfallen würde. Er hatte recht; denn nicht lange darauf heiratete die Frau einen Pfälzer Pfarrer, so einen von denen, die ich soeben beschrieben habe, und der wurde Pfarrer in Badenheim. Freilich rebellierten die Bauern ein wenig darüber, aber Bauernrebellion hat selten Bestand. Der erste Mann der Pfarrerin, die eine Schwester des bekannten Malers Müller Der bekannte Dichter der Idyllen: »Die Schafschur« und »Das Nußkernen«. P. von Kreuznach ist, hatte tausend Gulden für die Stelle gegeben; weil er aber, so wie der zweite, bald starb, ohne für sein vieles Geld die Pfarrei benutzt zu haben, so ließ ihr der Graf die Freiheit, sich zur Schadloshaltung noch einen dritten zum Nachfolger des zweiten zu wählen. Allein auch der ist bald hernach gestorben, und da soll man die Pfarrei an Herrn Sträuber, einen Menschen, der es im Saufen mit jedem Matrosen aufnimmt, abermals für tausend Gulden verkauft haben. Ich könnte nicht sagen, daß diese fehlgeschlagenen Aussichten mich sehr geärgert hätten; aber desto mehr ärgerte sich mein Vater, daß man das Ding angefangen hatte. Er wünschte indes gar sehr, mich versorgt zu sehen, um mich aus dem unbestimmten wüsten Leben herauszureißen, wie er sagte. Als demnach eine sehr elende Pfarre in der kaiserlichen Grafschaft Falckenstein aufging, mußte ich mich auch da melden, aber vergeblich: ein Landeskind wurde mir vorgezogen. Indessen gab man mir bei dem Oberamte zu Winweiler zu verstehen, daß wenn ich etwas dran wenden wollte, das Ding sich so karten ließe, daß das Landeskind seinem Vater adjungiert würde und ich die Pfarre bekäme. Dieser Vorschlag war so unrecht nicht, denn weil viele alte Pfarrer in der Grafschaft waren, so hätte ich Hoffnung gehabt, bald weiter zu rücken; allein er stand mit einem Schurkenstreich in Parallele, und so wollte mein Vater durchaus nichts weiter davon wissen. Diese mißlungenen Versuche, mir in der Kurpfalz eine Pfarrstelle zu verschaffen, brachten meinen Vater auf den Entschluß, mich in Heidelberg examinieren und in die Zahl der pfälzischen lutherischen Kandidaten, deren es wenige gibt, aufnehmen zu lassen. Ich hatte freilich keine Lust, in der Pfalz angestellt zu werden, doch mußte ich meinem Vater für sein öfteres Nachgeben wohl auch einmal wieder nachgeben und nach Heidelberg reisen, um mich da einstweilen zu erkundigen, wie mir wohl die Tür zum pfälzischen Schafstall offen stehen möchte, oder ob ich sonst irgendwo hineinsteigen müßte. Es hätte wohl etwas daraus werden können, denn ich gefiel dem Heidelberger Konsistorialrat Zehner, einem Vetter von mir, und er versprach mir, für mich sorgen und den Tag bestimmen zu wollen, wo ich mich zum Examen stellen solle. Aber es kam hernach doch nicht dazu, denn es öffneten sich mir andere Aussichten, und da dachte ich nicht mehr an die Pfälzer Versorgungen. Doch lernte ich bei dieser Gelegenheit wenigstens wieder eine neue Hochschule kennen. Wenn sich eine Stadt in Deutschland zu einer Universität schickt, so ist´s gewiß Heidelberg. Sie liegt in einer der schönsten Gegenden, alles ist wohlfeil da, und da weder Hof noch Regierung die Stadt verführerisch und brillant macht, auch wenig Soldaten da sind, so könnte der Student daselbst eine angemessene Rolle für sich spielen und ceteris paribus den Zweck seiner Ausbildung da weit wohlfeiler und ungestörter erreichen, als in Mainz, Halle oder Leipzig. Aber die Universität ist, mit einem Wort gesagt, erbärmlich. Vorzeiten hat sie große Männer unter ihre Lehrer gezählt, aber das achtzehnte Jahrhundert hat auch nicht einen einzigen da aufkommen lassen. Die Studenten sind lauter Landeskinder; denn sehr selten verläuft sich ein Ausländer dahin, und selbst diejenigen Landeskinder, die etwas Rechtes lernen wollen, gehen auf andere Schulen und Universitäten. Da die Pfälzer Schulen über allen Glauben elend sind, so kommen die Herren Füchse ohne alle Vorkenntnisse nach Heidelberg, nehmen die Lehrstunden an, welche ihnen der Herr Kirchenrat, an den sie empfohlen sind, vorschlägt, und hören dann zu. Hefte werden bei den Reformierten gar nicht geschrieben, bei den Katholiken aber wird alles aufgezeichnet. Wenn ein Student zehn Stunden wöchentlich zu hören hat, so denkt er wunder, welche Arbeit er habe. Nach drei Jahren zieht er wieder ab, läßt sich examinieren, und zwar bei seinen Lehrern, die ihn dann freilich nicht abweisen, und er wird mit der Zeit Pastor, Schaffner, Amtmann, Doktor oder sonst etwas. Der Komment ist zu Heidelberg elend, auch nur wenn man ihn nach eingeführten akademischen Regeln mißt. Die Studenten unterscheiden sich in ihrer Aufführung wenig von Gymnasiasten; es fehlt ihnen allen das sonst bei Studenten gewöhnliche freie unbefangene Wesen. Doch saufen die Leutchen wie die Bürstenbinder, denn der Wein ist sehr wohlfeil da. Schlägereien sind gar nicht Mode, obgleich den Studenten erlaubt ist, Degen zu tragen. Aber en revanche nehmen die Herren allerlei Zeug vor, welches sonst Schüler aus Mutwillen oder Langerweile zu tun pflegen: sie spielen Ball, gehen auf Stelzen, suchen Vogelnester, spielen mit Weinschrotern, die sie zusammenjochen und an ein kleines Wägelchen spannen u. dgl. Das Pasquillieren ist auch ihnen gar gewöhnlich. Die Studenten zu Heidelberg werden eingeteilt in Seminaristen, Juristen und Sapienzknaster. Die Seminaristen sind katholische Theologen, meist Kinder armer Eltern; denn wer Geld hat, den schnappen die Kuttenpfaffen weg – so heißen die Mönche in der Pfalz – und machen einen Heiligen aus ihm. Unter dem Namen Juristen begreift man alle wirklich Jura Studierenden, sodann die Mediziner und protestantischen Theologen; diese sind eigentlich Kern der Universität und alleinige Inhaber des Komments. Sapienzknaster endlich heißen diejenigen armen reformierten Theologen, welche auf der »Sapienz«, einem mit Einkünften zur Erhaltung dürftiger Studenten errichteten Kollegium, wohnen und also von der Gnade des Herrn Kirchenrats leben müssen. Diese Sapienzknaster sind sehr verachtet und dürfen sich nirgends sehen lassen, wo Juristen hinwandern, sonst bekommen sie Nasenstüber. In den Kollegien wird ihnen Musik gemacht, und wer des Nachts bei der Sapienz vorbeigeht, der schreit: Heraus, ihr lumpigen Sapienzknaster! pereant! So viel von Heidelberg.   Ich war schon vor langem durch Crellius um meinen Glauben an die Dreieinigkeit, und durch Tyndale vollends um allen Glauben gekommen. In der Pfalz suchte ich nun Proselyten zu machen und fand mehrere Anhänger. Anfänglich erstreckte sich mein Bekehrungseifer bloß auf meine Freunde; mit diesen sprach ich oft über heilige Dogmen, und das Resultat war jedesmal, daß das Dogma falsch und läppisch wäre. Da unter meinen Freunden mehrere Katholiken waren, so hütete ich mich, Unterscheidungslehren anzutasten; denn so würde ich sie niemals gewonnen haben; vielmehr griff ich die sogenannten Grundlehren des Christentums an und widerlegte sie mit meinen Argumenten, welche bei meinen Leuten fangen mußten. Gewöhnlich schlug ich den Weg ein, daß ich die ganze Historie der Bibel suchte verdächtig zu machen, und dann fragte, ob man einem Buche glauben könnte, welches sich so oft widerspräche? Bald beschrieb ich den Abraham, Moses, David, Samuel, Elias und andere in der Bibel als Heilige dargestellte Personen als Erzschurken, Spitzbuben und Rebellen, deren Stückchen ich erzählte und mit Anmerkungen erläuterte. Sofort ging ich ans Neue Testament, machte mich über die Lehrart Jesu und der Apostel lustig und bewies, daß die weisen Heiden Sokrates, Platon, Xenophon, Zeno, Plutarch, Cicero und Seneca die Moral oder eigentliche ewige allgemeine Religion weit schöner und gründlicher gelehrt hätten, als die Stifter der kirchlichen Sekten. Da ich merkte, daß die Historien der unendlichen christlichen Zänkereien, Spaltungen, Verfolgungen und Pfaffenspitzbübereien den meisten Eindruck auf meine Freunde machten, so blieb ich bei diesem Kapitel immer recht lange stehen und erläuterte alles, so gut ich konnte. Voltaire kam mir, wie man denken kann, recht wohl zustatten. Dabei gab ich mir ein sehr gelehrtes Air und blickte mit Verachtung auf die herab, die die Kirchenreligion verteidigten. Mußte ich dem einen oder anderen dieser Verteidiger die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er ein gelehrter Mann und heller Kopf sei, so gab ich vor: der Mann sei nur einseitig aufgeklärt, sei ein Heuchler, rede anders als er denke oder dergleichen. Ich weiß es recht wohl, daß ich nicht allemal redlich zu Werke gegangen bin, denn ich brauchte oft Argumente, deren Schwäche ich selbst einsah; allein ich hatte mit Leuten zu tun, die alles, was ich sagte, für bare Münze annahmen, und da, dachte ich, sei eine pia fraus erlaubt. In diesem Falle machte ich es gerade so wie die heiligen Kirchenväter, ja selbst wie die Apostel, welche ad hominem bewiesen und zufrieden waren, daß ihre Zuhörer glaubten, sie mochten nun überzeugt oder übertölpelt sein. Endlich erhielt ich die berühmten Fragmente, die Lessing herausgegeben hat; jetzt war ich vollends recht in meinem Elemente. Bisher hatte ich die christliche Religion noch immer als eine gute moralische Stiftung für ihre ersten Anhänger, vorzüglich aus den Juden, angesehen, und verehrte den Urheber derselben, sowie seine ersten Nachfolger, als brave ehrliche Männer, die höchstens Fanatiker und Feinde des Priesterdespotismus gewesen wären. Aber von nun an erblickte ich in dem ganzen christlichen System nichts als Betrug, und zwar Betrug, der sich auf die abscheulichsten Absichten gründete. Ich teilte meinem Vater die Dinge mit. Er las sie durch und gab sie mir mit den Worten wieder: »Haec et ego dudum cogitaram; nil inveni novi.« »Das sind schon längst meine eigenen Ansichten gewesen; ich habe nichts Neues darin gefunden.« L. Dabei riet er mir, da ich nun gescheit genug sein müßte, ich solle das alles für mich behalten und nichts davon ins Publikum bringen. Aber das war kein Rat für mich. Ich las meinen Freunden die Fragmente, besonders das über die Auferstehung Jesu und dessen und seiner Jünger Zweck mehrmals vor. Letzteres Buch wurde, weil ich es wieder zurückgeben mußte, von uns abgeschrieben und war von nun an unsere Bibel. Auf diese Art hatte sich eine kleine deistische Gesellschaft gebildet, wovon ich der Matador war; jeder konsultierte mich, trug mir seine Zweifel vor und bat sich meine Orakelsprüche aus. Unsere Disputationen wurden meistens beim Weinglase geführt, und da disputiert sich's freilich ganz allerliebst. Ob wir gleich unsere Sache ziemlich geheim anfangs hielten, so waren doch verschiedene Pfaffen auf unsere Spur gekommen und hatten uns als Erzfreigeister ausgeschrien. Um diesem üblen Gerüchte zu entgehen, fertigte ich, auf Anraten meines Vaters, eine kleine Schrift aus und ließ sie im Manuskript zirkulieren. Das Ding war lateinisch und hieß: »Dissertatiuncula de veritate Religionis Christ. argumentum morale.« Es enthielt die gewöhnlichen moralischen Beweise für die Wahrheiten der christlichen Religion, und tat ziemlich gute Wirkung. In meinen Zirkeln widerlegte ich, nach Art so manches anderen gezwungenen Schriftstellers, mein eigenes Schriftchen und machte es lächerlich. Mein redlicher Freund, der Inspektor Birau zu Alzey, den ich sehr oft und auf mehrere Tage besuchte, ermahnte mich fleißig, mein freies Reden über die Religion einzustellen. »Sauft, lieber Freund,« sagte er oft zu mir, »macht Hurkinder, schlagt und rauft Euch, kurz, treibt alle Exzesse; das wird Euch nicht so viel schaden, als Eure Freigeisterei.« Er hatte recht; denn Saufen u. dgl. sind peccatilia , Herrn Simons Sünden, wie D. Luther sagte, die der Küster vergib; aber über die Dreifaltigkeit zweifelhaft reden, verdient alle Anathemen. Da ich in der Rheingrafschaft Kandidat war, so kam meine Ketzerei vor das Konsistorium; ich wurde vor den Rat Dietsch geladen, doch gelang es mir, mich herauszureden. Sonntags darauf mußte ich in Flonheim für den Pastor Stuber auftreten. Da nahm ich Gelegenheit, die Gottheit Christi zu beweisen, d.h. ich schrieb alle Beweise aus Schuberts Kompendium ab, brachte sie in Form einer Predigt, und warnte am Ende vor dem im Finstern schleichenden Gift der Freigeister. So wollten es die Umstände! Nach der Kirche stellte mich der Kantor Herrmann, mein guter Freund, zur Rede: wie ich eine Lehre verteidigen könnte, über die ich schon so oft in seinem Beisein gespottet hätte? Ich erzählte ihm aber den Vorfall mit dem Konsistorialrat und bat ihn, er möchte den Inhalt meiner Predigt so bekannt machen, als er könnte. Herr Herrmann bat sich mein Konzept aus, schrieb es fein ab und ließ es zirkulieren. Dieses Benehmen brachte meine Rechtgläubigkeit wieder zu einem gewissen Kredit, der aber leider nicht sehr lange währen wollte.   Mein Vater war ein geborener Darmstädter und hatte in diesem Lande viel Freunde und Verwandte; nun dachte er daran, ob er mich vielleicht an eine Stelle bringen könnte, etwa an eine Schulstelle, deren es im Darmstädtischen manche gibt. Er schrieb daher an seinen Freund, den Hofprediger Kremer. Dieser antwortete: er dürfe sich deshalb gerade an den Landgrafen wenden, der wäre ein guter Herr, und wenn er bei dem Regierungsrat Stauch Einlaß finden könnte, so wären die Sachen so gut wie fertig. Stauch war seines Handwerks ein Schneider von Kirn an der Nahe. Da er gut schreiben konnte, auch Französisch auf der Wanderschaft gelernt hatte, so ward er erst Schreiber bei dem Rat Kappes in Pirmasens; nach dessen infamer Kassierung kam er in landgräfliche Dienste, benutzte die äußerst schwachen Seiten des Landgrafen zu seinem Vorteil und ward Regierungsrat, pro titulo nämlich, denn im Grunde regierte er das ganze Land. Ich erhielt vom Pfarrer Stuber, seinem Vetter, einen Brief an den Rat, und Herr Stauch versprach, sich für mich zu verwenden; nur möchte er mich erst sehen und seinem Herrn vorstellen. Ich reiste also nach Pirmasens, wo Landgraf Ludwig IX. seine Residenz hatte. Pirmasens liegt in der Grafschaft Lichtenberg, unweit der französischen Grenze. Es ist ein kleiner Ort, den der Landgraf voll Soldaten gesteckt hat. Dieser Fürst war nämlich ebenso in Soldaten verliebt, wie der Herzog von Zweibrücken in seine Jagdhunde und Katzen. Nach Darmstadt kam der Landgraf niemals, und die Regierungsgeschäfte waren gänzlich in den Händen seiner Bedienten und seiner Kreaturen. Er hatte immer Maitressen, freilich gegen das Ende seines Lebens nur zum Zeitvertreib. Die, welche er damals hatte, war ein gemeines Mädchen von Rheims, die lange in Paris als fille de joie gelebt hatte. Der Fürst hatte die Gnade gehabt, ihr den Titel einer Komtesse von Lemberg zu geben. In Pirmasens logierte ich bei meinem Vetter, dem reichen Gerber Böhmer, welcher bei Herrn Stauch gut stand und mich auch da einführte. Herr Stauch parlierte französisch mit mir und war außerordentlich höflich. Es war ihm, meinte er, une satisfaction infinie , einen braven Mann, einen homme de mérite zu poussieren. Das freute mich, und ich insinuierte mich besonders dadurch bei dem Rat, daß ich ihm erzählte, wie, seitdem er am Ruder wäre, die Klagen nicht mehr so gehört würden wie vorher; das müßte durchaus von den guten Anschlägen herkommen, die er seinem Herrn, dem Landgrafen, gäbe. Und in diesem Stück hatte ich auch nicht gelogen, denn obgleich Stauch nicht studiert hatte und ein gelernter Schneider war, so machte er doch weit klügere Anstalten im Lande, als viele seiner studierten Vorgänger, welche Schurken gewesen waren und die Not der mittleren und unteren Volksklassen vielleicht nicht so gut gekannt hatten wie er. Herr Stauch stellte mich auf der Parade dem Landgrafen vor, welcher sehr freundlich und herablassend nach seiner steten Gewohnheit mit mir redete und mir ganz treuherzig auf die Achsel klopfte. Er befahl mir, eine Schrift bei ihm einzugeben und meine Wünsche bekannt zu machen; hernach wollte er schon sehen, was man tun könnte. Das hieß denn, er wollte es Herrn Stauch überlassen, wie ich könnte placiert werden. Die herablassende Güte des ehrlichen Fürsten rührte mich, und ich bedauerte ganz aufrichtig, daß ein Herrscher von so gutem Charakter und Herzen so wenig Regent war. Ich besuchte auf Herrn Stauchs Rat auch den Feldpropst Venator, einen erzorthodoxen, düstern Kopf, der mir alsbald auf den Zahn fühlte. Ich hielt Farbe und behauptete das absurdeste Zeug mit allen Gründen, die ich aus dem Kompendium behalten hatte. Das behagte dem guten Herrn, der über die einreißende Ketzerei heftig klagte. Uebrigens konnte Venator bei dem Landgrafen viel ausrichten, denn er war dessen geistlicher Konsulent, und mußte seine geistlichen Grillen aufs reine bringen. Der Landgraf hatte dergleichen mehrere; z.B., wenn er des Nachts nicht schlafen konnte, so dachte er an dies und das, und wenn ihm etwas einfiel, worin er sich nicht zu finden wußte, so ließ er jemanden holen, der ihm ein kompetenter Richter zu sein schien. In geistlichen Dingen war dies Venator. Einst fiel dem Landgrafen – Venator hat es mir selbst erzählt – die wichtige Frage ein, ob der Hohepriester im Alten Testament mit bedecktem oder unbedecktem Haupte ins Allerheiligste eingetreten sei. Darüber konnte er sich nun nicht finden, und Venator mußte herbei, des Nachts zwischen zwölf und eins, und ihm diese wichtige Frage auseinandersetzen. Meine Supplik an den Landgrafen wurde von Stauch so gut unterstützt, daß ich vierzehn Tage nach meiner Zurückkunft ein Dekret erhielt, worin eine Versorgung versprochen wurde, wenn ich mich in Darmstadt examinieren ließe und bestände. Ich meldete mich, bestand und gehörte nun in die Zahl der Darmstädter Kandidaten, erhielt auch ein vortreffliches Testimonium vom Konsistorio, worin die Wörtchen praeclare und optime mehrmals angebracht waren. Indes auch die Hoffnung, die ich nun schöpfen konnte, bald versorgt zu werden, ging mir verloren. Herr Stauch hatte zwar gut für mich gesorgt, und als der bisherige Konrektor in Darmstadt versetzt wurde, wirkte er mir ein Dekret vom Landgrafen zu dieser Stelle aus. Ich begab mich nach Darmstadt und glaubte, da ich die Hand des Landgrafen hätte, daß meine Anstellung keine weiteren Schwierigkeiten haben könnte. Indessen, es war noch ein anderer Bewerber da, der vom Superintendenten begünstigt wurde, und deshalb wurde entschieden, daß wir beide uns erst noch einem Schulexamen unterwerfen müßten. Der andere, ein gewisser Zimmermann, zeigte sich zwar sehr unwissend, und ich glaubte bestimmt, die Stelle zu erhalten; trotzdem wurde er, reiner Kabalen wegen, mir vorgezogen, und ich ging leer aus. Zehntes Kapitel. Unstätes Leben. – Mein Freund, der Baron von F. – Wie man einen Duzbruder bekommt. – Ein Kuppler und Stellenvermittler für Geistliche in einer Person. – Erbauliches Gespräch. – Unterhandlungen wegen des Kaufes einer Pfarre. – Reise nach Franken. – Mein Vikariat in Obersaulheim. – Heiratspläne. – Ich mache mir mächtige Feinde und werde meiner Vikarstelle enthoben. – Mein Vater sagt sich von mir los. Nachdem ich in Darmstadt durchgefallen war, durchirrte ich, aus Langerweile und Unlust gegen das Daheimsitzen, die ganze umliegende Gegend, unstät und flüchtig, fast wie Kain. Meine vielen Bekannten in dem Kreise erleichterten mir mein Leben, und oft verflossen drei bis vier Wochen, ehe ich wieder der Wohnung meines Vaters zueilte. Dieser war zwar mit meinem Umherlaufen wenig zufrieden, weil er es aber dem Mißmut zuschrieb, den ich seiner Meinung nach über mein Mißgeschick empfand, so ließ er's, unter der väterlichen Einschränkung, keine Exzesse zu machen, gut sein. Aber wenn ich beim Chirurgus L., im »Bock« zu Flonheim oder sonst in einer Kneipe kampierte, so wurde nicht nur sehr scharf gezecht, sondern auch anderer Unfug getrieben. Ich verlor durch dieses rohe und unbestimmte Leben nach und nach alle Achtung für meinen Kandidatenstand, und da galt es mir gleich viel, mit wem ich umging, wovon ich redete und wie ich mich betrug. Ich saß oft ganze Nächte in den Bauernkneipen und redete mit den besoffenen Kerls über allerlei. Die Leute hörten mich immer gern schwatzen, und da ich in jener Gegend für einen Gelehrten passierte, so schätzten sich´s fast alle für eine Ehre, wenn ich bei ihnen saß und mit ihnen zechte. Meine Freunde ermahnten mich zwar oft angelegentlich, anders und besser zu werden, wenigstens den Besuch der Wirtshäuser einzustellen. Allein es half nichts: ich estimierte mich selbst nicht mehr, wie sollte ich also für meine Reputation sorgen! Schon seit einigen Jahren war ich auch mit einem gewissen Baron v. F. aus M. bekannt. Dieser Edelmann war zwar katholisch, aber seiner Praxis zufolge ein Freigeist, zwar mehr aus Leichtsinn und Spottsucht, wie viele dergleichen Helden – denn auch der Unglaube hat seine blinden Anbeter –, als aus Grundsätzen. Er war ein ausgemachter Wüstling, der ganze Tage bei Wein und in Gesellschaft feiler Menscher, nach denen er ohne alle Delikatesse jagte, zubrachte. Zotenreitzen und Fluchen waren seine schönen Künste, und seine einzige Wissenschaft bestand darin, daß er Tag und Nacht auf den Strich ging, Mädchen wie Lerchen fing und ihnen die Taille verdarb. Sonst war er ein ganz guter Mensch, d.h. ganz so, wie wollüstige und kreuzliederliche Leute zu sein pflegen: sie teilen mit, was sie haben, und freuen sich, wenn sie für ihr Geld einen Zirkel gleichgesinnter Menschen errichten können, die ebenso ausschweifen und tollieren wie sie. Ich kannte ihn schon seit länger, aber unsere Hauptfreundschaft kam, während ich kurze Zeit im Dorfe Udenheim Vikar war, auf folgende Weise zustande. Pastor Jacobi in Niederolm hatte eine Base oder Nichte bei sich, die zwar nicht schön war, übrigens doch Reize genug hatte, junge Leute lüstern zu machen. Ich verkehrte in diesem Hause, das ich, da Udenheim nur eine Stunde weit davon liegt, öfters besuchte. Einst, da ich dahin geritten war und nach abgelegter Visite meinen Gaul aus dem Wirtshaus wieder abholen wollte, rief mich von einem Fenster desselben aus Baron F. an und nötigte mich, auf sein Zimmer zu kommen. Ich tat's, und es wurden zuerst einige Gläser Wein verschänkt. Hernach fragte er sogleich, wen ich besucht hätte, und auf meine Antwort, daß ich beim Pastor gewesen wäre, kam er außer sich und rief: »Ei Schwerenot! da haben Sie ja auch das hübsche Fratzchen gesehen? Schwerenot! wenn ich doch auch da könnte bekannt werden!« Ich: Das können Sie leicht. Gehen Sie nur hin; der Pastor ist ein höflicher, freundlicher Mann. Er: Herr, schaffen Sie mir die Bekanntschaft, und – ich verschreibe Ihnen Leib und Seele, wie man sie dem Teufel verschreibt. Ich: Die Verschreibung ist unnötig. Wissen Sie was? Auf den Sonntag kommt Mamsell Jacobi mit der Tochter des Chirurgus nach Udenheim zu mir. Kommen Sie auch, und Ihre Bekanntschaft ist gemacht. Er: Topp! Freund! Ihr seid mein Mann. (Greift nach dem Glase.) Auf gute Freundschaft, du und du! Ich: Blox! Da hab´ ich wieder einen neuen Duzbruder! Er: Kerl! hol mich der Teufel – bist mein Mann. Nur halt Wort und sei gescheit! – Auf den Sonntag puncto ein Uhr bin ich bei dir. Meine Akquisition war gut, denn Herr von F. hat mir, solange ich mit ihm umgegangen bin, viel Freundschaft erwiesen. Nachdem ich in Darmstadt nicht hatte reüssieren können, und mich, wie schon gesagt, in der Gegend unstät umhertrieb, traf ich einst meinen teuren Baron F. beim Lizentiaten M. in Kreuznach, der ein sehr fideler Bruder war. »Ei, du infamer Schlingel,« schrie er mir entgegen, als ich ins Zimmer trat, »wo kommst du her? Hab' dich ja wer weiß wie lange nicht gesehen! Wollt', der Teufel holte dich!« Das war nun so ein Kompliment! Aber in unseren Zirkeln waren sie nicht besser gebräuchlich. Ich erzählte ihm mein in Darmstadt gehabtes Malheur. Der Baron geriet in großen Zorn und schimpfte derb über die Kabalen, denn er hatte auch Gefühl, und rechtes Gefühl für das Schickliche und Menschliche. »Nun,« fuhr er fort, »mußt du mit nach Mainz; ich hoffe, für dich alten Schweden etwas tun zu können.« Ich mußte auch wirklich mit nach Mainz; hier lebten wir mehrere Tage fidel, und ich gedachte meines Unglücks nicht, denn der Baron machte mir Vergnügen von allerlei Art. Einmal sagte er mir, er wolle einen Kerl kommen lassen, mit dem man den Teufel im freien Felde fangen könnte. Einen solchen Menschen mocht' ich gern einmal sehen, und siehe da! dieser Teufelsjäger war der schon oben beschriebene Mosjeh Brandenburger. Hier ist unser Gespräch: Baron : Höre, du Höllenbrand, du ordentlicher und außerordentlicher Ambassadeur des Satans, willst du mir zu Diensten sein? Brandenburger : Von Herzen gern, gnädiger Herr, mit meinem Blute – Baron : Hat den Henker von deinem Blut! Glaub, hast so nur Wagenteer in den Adern. – Zwei Dinge sollst du mir ausrichten. Einmal besorgst du einige ordentliche Menscher auf den Abend in Dillmanns Garten. Brandenburger: Blox! gnädiger Herr, da hab' ich Ware! – Mein Seel: Ware, wie Sie noch nicht gesehen haben! – Herrliche Mädel! – Blox! wenn Sie sie sehen, die Augen stehen Ihnen auf, wie einem abgestochenen Kalbskopfe. Baron: Gut! aber Kerl, wenn die Canaillen nicht koscher sind, so brech' ich dir deinen verfluchten Hals und schicke dich einige Tage früher zum Teufel, verstehst du mich? – Fürs andere will ich dich fragen, ob du keine lutherische Pfarre vakant weißt, da für den (auf mich zeigend). Brandenburger: O Herr Baron, dazu soll Rat werden. Blox, wenn der Herr Geld anwenden kann und will, so wird's nicht fehlen. Morgen sag' ich Ihnen davon mehr. (Ab.) Wir marschierten gegen Abend nach Dillmanns Garten, und der Bube hatte Wort gehalten: es waren wirklich einige Mädchen da, dem Gesicht und der Taille nach ganz niedliche Nymphen, welche, sobald wir ankamen, sich zu uns setzten und uns die Zeit so vertrieben, wie man es nur von dergleichen Geschöpfen erwarten kann. Wir blieben die ganze Nacht in diesem Garten, und Herr von F., der die Zeche allein gutmachen wollte, mußte den Morgen gegen 18 Gulden bezahlen, die Gratiale abgerechnet, welche die Mädchen außerdem nebenher bekommen hatten. Wie viel kostet doch Wollust und Ausschweifung nicht! – Brandenburger besuchte uns den anderen Tag und berichtete uns, daß der Graf Schönborn, Wiesentheidscher Linie, der seine Güter in Franken, oberhalb Aschaffenburg, hat, eine lutherische Pfarre zu vergeben hätte; daß aber der Prediger noch lebe, jedoch den Tod schon auf der Zunge habe, bald abfahren müsse usw. Die Pfarre habe der Graf dem Domvikar Stark übergeben, und diesem erlaubt, ein Subjekt zu wählen und sich von diesem die Gebühren bezahlen zu lassen. Mein F. fand die Sache etwas unglaublich und drohte, dem Brandenburger Nase und Ohren abzuhauen und ihn noch obendrein zu kastrieren, wenn er uns hinterginge. Aber Brandenburger blieb dabei, es sei wahr. Wir zogen Erkundigung ein, und Herr Stark versicherte, daß Brandenburger wahr geredet habe, daß er es auch wohl zufrieden sei, wenn ich die Pfarrei mit 200 Dukaten bezahlte und erhielte, da sie jährlich 600 Gulden eintrüge usw. Ich äußerte meine Verwunderung gegen Baron F., daß ein angesehener Geistlicher, wie Herr Stark, gegen einen Hurenspediteur, wie Herrn Brandenburger, vertraut sein könnte. »Ja,« war des Barons Antwort, »da verstehst du den Henker davon! – Die Pfaffen müssen dergleichen Gesindel auf ihrer Seite haben, denn woher bekämen sie sonst ihre Menscher?« Ich schrieb nun an meinen Vater den Vorfall, doch ließ ich den schuftigen Brandenburger aus dem Bericht. Er antwortete mir wieder, daß er es herzlich gern sähe, wenn ich könnte befördert werden, damit ich nur einmal aus dem liederlichen und wüsten Leben herausgerissen und in eine bestimmte Rennbahn versetzt würde. Ich sollte die Sache mit Herrn Stark gewiß machen, aber auch mit dem Grafen in Mainz, damit das Ding am Ende nicht auch wieder schief ginge; er würde dann, im Fall die Pfarrei mir wirklich konferiert sein würde, das Geld schon bezahlen. Nun wurde ein Aufsatz gemacht, Stark und ich unterschrieben, und Baron F. signierte ihn qua testis. F. schlug mir nun vor, eine Tour nach Franken zu machen, wohin er mich begleiten wollte, um die Pfarrei zu besehen. Mir behagte der Vorschlag, und die Reise ging vor sich. Weil ich ganz nach Burschenart gekleidet war, einen grünlichen Flausch trug, nebst gestreifter Weste, gelben ledernen Beinkleidern, großen Stiefeln nebst einem derben Hieber an der Seite, so ward es mir leicht, mich für einen jenaischen Studenten auszugeben; auch mein Reisegefährte oder vielmehr Reisepatron tat dasselbe. Innerhalb drei Tagen kamen wir in dem Ort an, wo ich nach Brandenburgers Anstalten für die Zukunft den Bauern das Evangelium predigen sollte. Das Dorf hieß, wenn ich nicht irre, Uthoffen und war eben keins von den angesehensten, ob es gleich auch nicht zu den schlechtesten gehörte. Früh morgens, nachdem wir den Abend im Wirtshaus brav gezecht und gespeist hatten, fragte der Baron den Wirt nach dem Befinden des Pfarrers, ob er noch hübsch gesund sei usw. Die Antwort war, daß er zwar gesund, aber schon äußerst alt wäre und es wohl nicht lange mehr machen könnte. Diese Nachricht war mir eben nicht unangenehm. Wir besuchten nun den alten Herrn, F. als Baron Soundso, und ich in schwarzem Gewände als dessen Schloßprediger, und fanden in ihm einen Greis, der zwar kein gelehrter, aber doch ein sehr ehrlicher, aufrichtiger und freundschaftlicher Mann war. Er fühlte sich durch so vornehmen Besuch sehr geehrt und suchte uns nach Kräften zu bewirten. Nachdem wir uns in Uthoffen zwei Tage lang aufgehalten und von allem unterrichtet hatten, benutzten wir die Gelegenheit, eine Reise durch das Frankenland zu machen, besuchten auch Würzburg und Erlangen, und trafen erst ungefähr nach sechs Wochen wieder in Mainz ein, nachdem wir viele Umschweife und lustige Streiche verübt hatten. In Mainz statteten wir dem Herrn Grafen von Schönborn und dem Vikarius Stark Bericht von unserer Reise ab und erhielten von beiden die tröstliche Antwort, daß, wenn der alte Prädikant abfahren würde, keiner als ich die Pfarre, versteht sich gegen Erlegung von 200 Dukaten oder 1000 rheinischen Gulden, erhalten sollte. Brandenburger besuchte mich gleich den Tag nach meiner Ankunft in Mainz und erzählte mir mit Entzücken, daß er, wie er sich ausdrückte, ein gewaltiges Mensch für mich aufgetrieben hätte, dessen Vermögen an barem Gelde sich an 6000 Gulden beliefe. Es war eine Müllerstochter im Ingelheimer Grund. Brandenburger verlangte, ich sollte, um die Sache bald in Richtigkeit zu bringen, sogleich mit ihm hingehen, aber ich hatte keine Lust dazu, weil er als mein Freiwerber und Unterhändler ein zu jämmerlicher Schuft war. Gesprochen hatte er den Müller wirklich meinetwegen, auch fürchterlich von mir aufgeschnitten; dies hörte ich nachher von anderen. Mein Vater war mit meiner donquichotischen Reise nach Franken sehr wenig zufrieden, und er hatte recht. Er kannte mich und mußte sich's schon zum voraus vorstellen, daß ich auf meiner Wallfahrt viele und mannigfaltige Suiten gespielt habe. Während meiner Abwesenheit hatte der alte Pfarrer Köster zu Obersaulheim, einem rheingräflichen Dorfe, um einen Substituten oder Vikarius angehalten, das Konsistorium in Grehweiler hatte mich zu dieser Stelle ausersehen, und mein Vater drang darauf, daß ich sie annehmen sollte. Sie war auch wirklich des Annehmens wert. Ich hatte da freie Station, d.h. meinen Kaffee, der aber in jenen Gegenden nicht so frequent geschlürft wird, wie in Preußen und Sachsen, meinen Tabak und Wein, mein Reitpferd zum Vergnügen, monatlich 6 Gulden Geld, und endlich alle bei der Pfarrei einlaufenden Akzidenzien. Dafür hielt ich nur Sonntags eine Predigt und nachmittags entweder Kinderlehre oder eine sogenannte Betstunde. Kurz, diese Stelle war nicht unrecht, und ich sistierte mich daher bei dem Konsistorium. Meine Bauern zu Obersaulheim waren mir sehr gewogen; denn ich war gegen sie freundlich und tat auf das Ansehen eines Gelehrten, in welchem Rufe ich bei ihnen stand, Verzicht. Bauern dulden an ihrem Pastor gern alle Fehler, wenn er nur, wie sie sagen, was gelernt hat. Sie entschlossen sich, mich dahin zu bringen, die Tochter des Pfarrers Köster zu heiraten und mir auf diese Art die Hoffnung der Nachfolge zu sichern. Der Schulz und noch einige andere Bauern baten mich daher, in einer dazu angestellten Zusammenkunft, ihnen einen Weg zu zeigen, wie dies Ding am besten zu bewerkstelligen wäre. Ich schlug vor, daß sie meinetwegen eine Bittschrift beim Konsistorium zu Grehweiler eingeben möchten. Freilich hatte mein Herz gegen die Verbindung mit Mamsell Küster gar sehr viel einzuwenden; sie war wenigstens sechzehn Jahre älter als ich, und dann hatte sie auch nicht die geringste Spur von Schönheit. Sonst schien es ein gutes und stilles Geschöpf zu sein, aber mir wollte sie nicht gefallen, ohnerachtet ich doch auch gar nicht der Kerl war, der viel Wahl vor sich hatte. Ich hatte schon mehrmals eine beinahe festgegründete Hoffnung verloren, war als ein Libertiner bekannt und hatte blutwenig Freunde von Einfluß. Da dachte ich denn, es sei besser, in einen sauren Apfel zu beißen, als gar Hungers zu sterben – und so faßte ich den heldenmütigen Entschluß, durch den Kanal der Mamsell Katharine in den Schafstall der Herde Christi einzugehen, und mein Kreuz als Jünger und Apostel Jesu geduldig auf mich zu nehmen und zu tragen. Mein Vater hatte gegen diesen Entschluß sehr viel zu erinnern, doch wollte er mir nicht zuwider sein, ebenso dachten auch die Brüder der Mamsell, ohne es mir gerade unter die Augen zu sagen, allein die Mamsell dachte selbst weit anders als wir alle. Sie fand, daß sie für mich und ich für sie von Gott gemacht wäre; daß ein junger Mensch von dreiundzwanzig und ein zahnloses Frauenzimmer von vierzig Jahren ein allerliebstes Pärchen machen würden, und in dieser Voraussetzung fing sie an, die Verliebte und Zärtliche zu spielen. Ihr Schöntun kam aber sehr närrisch heraus und quälte mich ganz abscheulich. Und ich glaube, für jeden braven deutschen Kerl ist nichts unerträglicher und ekelhafter, als Schmeicheleien, Küsse und zärtliches Necken eines verliebten und empfindsamen Weibsbildes, für welches man nichts empfindet. So wenig Wahrscheinlichkeit auch da sein mochte, daß die Sache zustande kommen würde, so betrachtete sich doch Mamsell Katharinchen schon als meine wirkliche Braut und verlangte daher, eifersüchtig wie alle alten Jungfern, von allen meinen Schritten und Tritten genaue Rede und Antwort. Die Bauern ließen indes eine Bittschrift verfertigen und reichten selbige beim Konsistorium zu Grehweiler ein. Der Rat Dietsch war mir nicht abgeneigt, und. wäre es auf ihn allein angekommen, so hätt' ich die Pfarre erhalten; aber das Konsistorium konnte nicht resolvieren, sondern mußte die Sache dem Administrator überlassen, meinem Feinde. Ich hatte zwar diesen Mann meines Wissens nicht beleidigt, allein ich stand bei ihm in sehr üblem Kredit. Hiernach ließ sich schon vermuten, daß mein unmittelbares Gesuch nicht durchgehen würde; indes, da die Bauern supplizierten, so gab ich nicht alle Hoffnung auf. Die Antwort der Kommission erfolgte bald und erklärte, daß die Pfarre Obersaulheim schon längst an den Prediger Wagner vom Minister versprochen sei, und ich keine Hoffnung dazu bekommen könnte. Wagner hatte nämlich Herrn von Zwirnlein einige Dutzend Goldfüchse zugeschickt. Also auch diese meine Hoffnung war verschwunden und mit ihr auch meine Anhänglichkeit an Mamsell Katherinchen. Sie machte mir anfangs zärtliche, hernach gröbere Vorwürfe, und endlich sprach sie, zu meiner Freude, gar nicht mehr mit mir. Mein Vater war höchst unzufrieden mit meiner Lage, noch viel unzufriedener als ich selbst. Ich tröstete ihn mit meiner Hoffnung, eine Pfarre in Franken zu erhalten; aber diese beruhigte ihn nicht, er meinte, das Ding verzögere sich. Er kränkte sich auch sehr, daß alle seine Ermahnungen nichts fruchteten, bat mich mit Tränen in den Augen, eine andere Lebensart anzufangen, hübsch auf meinem Vikariate zu bleiben, fleißig zu studieren und so die bösen Gerüchte nach und nach verrauchen zu lassen; allein er predigte tauben Ohren. Teils hatte ich selbst keine Achtung mehr vor mir, teils hatten mir eine falsche Eigenliebe und ein unkluger Dünkel den Kopf so verrückt, daß ich bloß mir folgte. So gleichgültig ich indes gegen die Zensuren meiner Feinde war, so lieb war es mir doch, wenn ich auch an ihnen Fehler entdecken konnte. Ich wußte, Zwirnlein wollte mir nicht wohl; dies war mir schon Grund genug, die Konduite und Prozeduren desselben, womit er die Rheingrafschaft administrierte, auszuspionieren. Ich erkundigte mich bei den Bauern nach ihren Klagen, und fand so viel krumme Wege und Gänge der Zwirnleinschen Justiz, daß selbst ich darüber erschrak. Außer vielen anderen Ungerechtigkeiten nur dies: Die Gemahlin des auf die Festung gebrachten Rheingrafen und seine damals noch unverheiratete Tochter Luise, wie auch des Grafen Schwester Charlotte, mußten allen Drang und alle Insolenzien von diesem stolzen Administrator leiden, der besonders die letztere seine schwere Hand fühlen ließ, indem er ihr oft ihr Geld vorenthielt, unter dem Vorwand: es sei nichts in der Kasse. Die gute Charlotte mußte daher oft darben und von ihren groben Gläubigern sich schrecklich quälen lassen. Ich war sehr eifrig, alles dies zu verbreiten und meine Glossen darüber zu machen, welche allemal zum Nachteil des Herrn Administrators ausfielen. Ich griff auch seinen intimsten Freund, den Kammerrat Fabel zu Grehweiler, an. Dieser Mann, gelehrt bis an den Hosenknopf und stolz wie Goliath, hatte einen Schneidermeister gedrückt und ihm unrecht getan. Der Schneider war mein Gevatter; ich machte ihm also eine Schrift an die Kommission, worin ich des Kammerrats Intrigen schilderte, wie sich's gebührte. Fabel erfuhr den Verfasser und ward mir spinnefeind. Nun erhielt ich um Martini 1781 ein Schreiben von der Kommission, des Inhalts, daß Seine Durchlauchten, der Herr Fürst von Nassau-Weilburg, mit höchstem Unwillen vernommen habe, wie der Kandidat Laukhard noch immer das Vikariat in Obersaulheim verwalte, welches ohne großes Aergernis und Skandal der christlichen Gemeinde nicht mit angesehen werden könne. Der Kandidat sei als ein Mensch bekannt, der ganz und gar keine Religion habe – der über die heiligsten Geheimnisse der christlichen Lehre öffentlich spotte – überdies ausschweifend lebe – dem Trunk sich ergebe – Pasquillen auf andere schmiede, und sogar die Kanzel zum Tummelplatz seiner skandalösen Auftritte mache; deshalb trügen Seine Durchlauchten dem Konsistorium auf, den bisherigen Vikarius Laukhard zu removieren und ein anderes unbescholtenes Subjekt an die Stelle zu setzen. Herr von Zwirnlein hatte mir diesen Befehl des Fürsten, den er selbst geschmiedet und diesem Herrn nur zur Unterschrift vorgelegt hatte, abschriftlich zugeschickt und mir es freigestellt, ob ich entweder freiwillig oder gezwungen meinen Posten verlassen wollte. Ich wählte natürlich das erste, schrieb dem Administrator, daß er einen Vikarius schicken könne, welchen er wolle, ich ginge gern weg. Dann hielt ich zuallerletzt noch eine Predigt über den Vorzug des Sünders vor dem Gerechten, die ich selbst ausgearbeitet und äußerst vorzüglich zugerichtet hatte. Auf diese Art war nun auch mein Glückstern in unserer Grafschaft untergegangen. Sobald mein Vater diese Nacht des Mißgeschicks wahrnahm, schrieb er mir einen Brief und bat mich, seiner für jetzt zu schonen und ihm nicht eher wieder vors Angesicht zu kommen, als bis er's erlauben würde. Elftes Kapitel Baron von F.s Ansichten über den Adel. – Einladung nach Guntersblum. – Ich werde Jäger und Kellermeister. – Ein Schurkenstreich. – Liebeleien. – Wiedersehen mit Theresen. – Neue Pläne zur katholischen Kirche überzutreten. – Falschheit des katholischen Pfarrers. – Abschied von Theresen. »Weißt was Neues, Herr Bruder?« schrie ich, als ich einige Tage nach meinem Unfall in das Zimmer des Barons F. trat: »In meinem Lande ist's alle; werd' nimmermehr Pfaffe!« Baron: Da ist denn auch kein groß Unglück geschehen! Kannst ja sonst was werden. Ich: Ja, was denn? In der Kurpfalz hab' ich mich verschandlappt. Baron: Nun, was hast du denn angestellt? Hast doch nicht gemordet? Und Huren, Saufen, Spektakeln wird da nicht hoch gerechnet. Ich: Sieh, ich hab' mit dem Kandidaten Hundel in Korrespondenz gestanden und hab da manchen Beitrag für sein Buch geliefert, das hernach ist konfisziert worden. Hundel selbst hat sich müssen skissieren, wenn er dem Galgen oder doch ewiger Gefängnisstrafe entgehen wollte. Baron: Hast recht; in Kurpfalz kommst, hol's der Teufel, nicht an! Da mögen sie keine Leute haben, die ihnen auf den Magen sehen. Würdest nicht 'n Nachtwächterdienst kriegen! Ich: Und in meinem Lande verfolgt mich der Administrator von Zwirnlein. Baron: Von Zwirnlein? Ach, der neugebackene Edelmann? Höre, Bruder, so 'n Adel, wie der, soll nichts gelten. Unser Adel, schau, das ist 'n Adel. Vor dreihundert Jahren waren schon F. Domherren hier, zu Köln, zu Worms, Speier und an mehr Stiftern. Einer aus unserer Familie war Bischof zu Würzburg und ein anderer Bischof zu Speier, und noch ein anderer Abt in Fulda. Schau, Brüderchen, das ist ein Adel. Der deutsche Adel ist nirgends besser, d. i. älter, als an den Domstiftern; es können da bloß uralte Familien Eingang finden. Und die Ahnenprobe, welche bei der Aufnahme vorgenommen wird, ist so streng, daß jeder Querbalken im Stammbaum entdeckt wird. Daher ist der Ahnenstolz der Familien in Mainz, Würzburg, Köln, Münster, Paderborn, unaussprechlich, und ein solcher Ritter wie Dalberg, Dienheim, Schönborn, Ely, Bibra – kurz ein Ritter, dessen Wappen in der Domkirche befindlich ist, wird um alles in der Welt nicht mißheiraten; ja er wird eine Gräfin und selbst eine Prinzessin ausschlagen, wenn ihr Stamm nicht die erforderlichen Ahnen zählt. – Das gilt sogar von den dortigen protestantischen Edelleuten, die stiftsmäßig sind. Es könnte ja kommen, meinen diese, daß einmal einer von ihren Nachkommen katholisch würde, und dann könnte er ja nicht Domherr, Bischof oder Kurfürst werden! L. Aber so 'ne neue Noblesse ist nicht wert, daß man sie nennt. Ich: Du hältst also nichts auf neuen Adel? Baron: Nicht eine taube Haselnuß. Schau an, wir sind gute Freunde; du bist bürgerlich und ich bin stiftsmäßig. Das tut aber nichts; ich bin dir gut und habe keine Schande von deinem Umgang. Aber wenn ich mit einem neuen Edelmann konversieren und Freundschaft machen wollte: mein Seel! unser ganzer Stiftsadel würde sich darüber mokieren. – Aber wieder auf dich zu kommen, was willst du nun anfangen? Ich: Das weiß ich selbst nicht. Baron: Hör', Bruder! Du wartest auf die Pfarre in Franken, bleibst aber indes bei mir und lachst den Herrn von Zwirnlein und seinen Anhang aus: Hast mich verstanden? Ich: O ja; aber wie sollte ich – Baron: Davon schweige mir. Ich will keine Komplimente; bin ein ehrlicher Kerl und mein's, hol' mich der Teufel, gut mit dir. Schau, ich reise nächstens nach Straßburg, du gehst mit, und da wollen wir alle Grillen vergessen und lustig leben, wie die Vögel im Hanfsamen. Auf diese Art hatte ich also einen Freund in meinem F. gefunden, der mir Aufenthalt gab, daß ich nicht nötig hatte, meinem Vater durch meine Gegenwart noch trübere Tage zu machen, als er wirklich schon erlebte. Während dieser Zeit erhielt ich einen Brief vom Blumenwirt Schmid in Guntersblum, der voll Enthusiasmus war. Man habe, hieß es, gehört, daß man mir die Kanzel verboten und alle Hoffnung zu einer Versorgung genommen hätte. Das Ding habe meine Freunde in Guntersblum, namentlich den Major von Goldenberg, den Wirt Bechtel und ihn, Schmid, so sehr geärgert, daß sie beschlossen hätten, sich meiner anzunehmen; ich sollte nur kommen, man würde mir schon Mittel geben, den Schaden zu ersetzen und meine Feinde auszulachen. Die Bitte, bald zu kommen, war so dringend gemacht, daß ich gleich den andern Tag die fünf Stunden von Mainz aus nach Guntersblum ging. Schmid empfing mich mit der lebhaftesten Teilnahme und mit tausend Flüchen gegen alle, die mich meiner und seiner Meinung nach gedrückt hätten. Aber hier in Guntersblum fände ich alles, was ich wünschen könnte. Zuvörderst hätte der Major dafür gesorgt, daß ich bei ihm wohnen könnte, bis sich etwas für mich ergeben würde; ich fände da guten Tisch, rechten Wein und ein seines Logis. Das Ding gefiel mir schon nicht recht: lieber wäre ich bei meinem Baron geblieben. Der Major war zwar ein ehrlicher, braver Mann, ohne Stolz und ohne Grobheit, aber an Jahren waren wir zu weit auseinander, als daß wir hätten Vertraute werden können: und Vertraulichkeit hab' ich immer gesucht, habe sie sogar oft für Freundschaft gehalten und mich dabei gar häßlich betrogen. Demohngeachtet ging ich zum Major, welcher mich auf's beste bewillkommte und von dem Herrn von Zwirnlein eben nicht mit Achtung redete. »Sie sollen bei mir bleiben,« fuhr er fort, »und bei mir alles finden, was Sie verlangen: gut Essen, derb nämlich, aber wenig Gerichte; guten Wein, Guntersblumer nämlich, und das in vollem Maße, soviel in den Bauch hinein geht, und eine gute Pfeife Tabak. Aber da Sie das Ding wohl nicht werden umsonst haben wollen, so übernehmen Sie meine Jagd und besorgen meinen Keller und lehren meine Mädel ein bissel Französisch und auf der Landkarte. Wollen Sie das, mein Lieber?« Ich schlug ein und war froh, daß ich mich an einen fremden Ort bequem aufhalten konnte, ohne meinen Wohltätern lästig zu sein. Ich war also freiherrlicher Jäger, Sprachlehrer und Oberkellermeister. Letztere Stelle war freilich besser und minder beschwerlich als erstere, doch muß ich's selbst von mir rühmen, daß ich auch dieses Aemtchen mit vieler Treue versehen habe – vielleicht bloß deswegen, weil ich keine Notwendigkeit vor mir sah, meine Pflicht zu verletzen. Ich habe oft nachgedacht, warum ich zu einer Zeit fähig war, Lumpenstreiche auszuüben, die ich zu einer anderen um keinen Preis würde getan haben. Ich kann mir noch nicht alles erklären; aber diese Betrachtung macht mich äußerst nachgiebig gegen andere, besonders solche, die aus Zerrüttung ihrer ökonomischen Umstände pflichtwidrig zu handeln genötigt werden. Ich schrieb meinem lieben Baron meine neue Station, welcher sehr unzufrieden damit war und mich bloß unter der Bedingung dableiben ließ, daß ich ihn wöchentlich einmal besuchen sollte. Mein Vater gab seine Einwilligung leicht und ermahnte mich im flüchtigsten Ton von der Welt, eine ordentlichere Lebensart anzufangen. Ich denke, der gute Mann tat das nur so zum Schein, weil er glaubte, es sei doch jede ernsthafte Ermahnung an mir verloren. Wie wehe das einem Vater tun muß! Meine Geschäfte betrieb ich anfangs sehr ämsig; ich ließ mir einen grünlichen Ueberrock machen, kaufte mir einen runden Hut, welchen ich mit einer goldenen Borte auszieren ließ, und ging in diesem Ornate tagtäglich auf die Jagd. Die Titulaturen »Vikarius« und »Kandidat« verbat ich mir überall, indem sie mich nur an meine Fatalitäten erinnerten. Ich kann eben darum noch nicht begreifen, wie manche abgedankte Offiziere und Beamte ihre Titulaturen so eifrig suchen aufrecht zu erhalten, da es doch sehr oft eine Art von Vorwurf für sie ist, wenn man sie noch so nennt, wie man in ihrem Dienste sie nannte. Das Ding mit meiner Jägerei machte Aufsehen, und es fing an, zu scheinen, als wenn selbst Herr von Zwirnlein die Metamorphose aus einem Kandidaten in einen Jäger eben nicht hätte haben wollen; denn der Sekretär Schlosser schrieb an meinen Vater, meine Lage könnte immer noch verbessert werden, ich müßte nur eine Supplik eingeben, hübsch pater peccavi sagen und hernach von neuem Gehorsam versprechen; alsdann würde alles schon gut gehen. Allein das war mir erstlich nicht gelegen, und meine übrigen Zerstreuungen verhinderten vollends alles. Der Wirt Schmid mag es doch nicht so gut mit mir gemeint haben, als er sich anstellte. Denn ich war kaum vierzehn Tage in Guntersblum, als er mir einen Schurkenstreich zumutete, den ich beinahe hätte ausführen helfen, wenn der Major, der davon erfuhr, mir nicht sehr ernstlich abgeraten hätte. Ich sollte nämlich den Kaiserlichen Notarius spielen, und in Gesellschaft einiger Halunken einen guten ehrlichen Mann um zehn Faß Rheinwein betrügen helfen. Für meine Dienste sollte ich 50 Gulden erhalten, hätte aber vielleicht auch, wenn's herausgekommen wäre, aufs Schloß marschieren müssen. Der Bubenstreich ist hernach ohne mich doch ausgeführt worden.   Seit meiner theologischen Donquichoterei in der Pfalz hatte ich Theresen wenig gesehen, und aller vertraulicher Umgang, aller Briefwechsel hatte schon längst aufgehört. Meine Zerstreuungen waren zu groß und meine Bekanntschaften zu ausgebreitet, als daß ein so sanfter Affekt, wie die Liebe, in meiner Seele noch hätte haften können. Freilich dachte ich noch dann und wann ans gute Kind, aber beim Andenken blieb's. Ich hatte eine Menge Frauenzimmerbekanntschaften gemacht, und, wo ich hinkam, fand ich so was zum Zeitvertreib. Das waren nun freilich Liebschaften nach der Pfälzer Mode, wobei bloße Sinnlichkeit, oft bloße Langeweile ins Spiel kamen. Bei dergleichen Affären bleibt man so kalt wie Eis: man lügt da was her von Liebe, von Treue, aber in einer Stunde kommt man sonst wohin, und alles wird vergessen. Ich wenigstens kann mich nicht erinnern, daß meine Lorchen, Malchen, Karolinchen, Lutschen und andere mich auch nur um eine Viertelstunde Schlaf gebracht hätten. Es müssen noch eine Menge Liebesbriefe und billets doux von mir in der Pfalz sich vorfinden: daß sie sollten vernichtet sein, kann ich deswegen nicht glauben, weil das Pfälzer Frauenzimmer dergleichen Sächelchen gern aufhebt, um bei Gelegenheit mit Eroberungen Parade zu machen. Ich habe eine große Menge ähnliches Zeug gehabt, wovon ich leicht eine Sammlung, so groß wie die des Cicero, in sechzehn Büchern hätte machen können. Daß Thereschen von meiner Flatterhaftigkeit Nachricht eingezogen und sich darüber nicht wenig gekränkt habe, hab' ich hernach von ihr selbst erfahren. Therese war kein Mädchen vom gewöhnlichen Schlage: sie dachte gesetzt und hatte natürliche wahre Empfindung. Schade für das herrliche Geschöpf, daß ihre Neigung gerade auf mich gefallen war! Wie glücklich hätte sie einen Würdigeren machen können! Im November 1781 wollte ich dem Pfarrer Stuber in Flonheim meine Aufwartung machen: ich hörte, daß des katholischen Pfarrers Vetter, ein alter Duzbruder von mir, auch da sei, lief hin, und – wie erschrak ich, als ich im Pfarrhause meine Therese erblickte. Kaum konnte ich sprechen, doch endlich ward mir's wieder etwas leichter. Theresens Vater, ein vertrauter Freund des Pastors, verwies mir ganz höflich meine wenige Aufmerksamkeit, und wunderte sich, daß ich ihn in so langer Zeit nicht besucht hatte. Ich entschuldigte mich, so gut ich konnte, und versprach, auf der Rückreise bei ihm vorzusprechen. Drei Tage brachte ich in Flonheim zu, und dann nahm ich meinen Wanderstab wieder zur Hand. Ich ging durch Theresens Dorf, aber erst ins Wirtshaus, wo ich mir in einigen Schoppen Wein Mut trank: und so schlich ich unter großem Herzklopfen nach Theresens Wohnung. Der Alte empfing mich freundlich und ließ mich gleichsam absichtlich bald darauf mit seiner Tochter allein. Einige Minuten war unser Gespräch allgemein, dann fing das gute Mädchen bittere Klagen über mich an, und rückte mir meine Vergehungen und Versündigungen recht eindringlich vor. Ich räumte alles ein, klagte mich selbst an und schilderte ihr meine Lage, die ich freilich selbst verschuldet, ja schon um sie allein verdient hätte, mit recht grellen Farben. Mädchen von Theresens Art sind gute Kinder! Sie ward jetzt weich und fing an zu weinen; ich weinte bald mit, erhielt Vergebung und hieß wieder lieber Junge, lieber Fritz, wurde geduzt und geküßt und schwamm von neuem in lauter – unverdienter Seligkeit! Daß ich versprechen mußte, Mittel und Wege aufzufinden, um unsere Verbindung bald möglich zu machen, versteht sich von selbst. Ich mußte auch schwören, wenn man mir ein Mittel von der Art anzeigen würde, ohne Bedenken einzuwilligen. Ich tat das alles herzlich gern und war froh, daß ich für so viele Sünden so wenig bestraft wurde. Der Kapuziner Hermenegild war aus dem Alzeyer Kloster versetzt worden; also konnte mir dieser mit seinem Mentorrat nicht weiter beistehen. Aber der Pastor Neuner war noch übrig. An diesen schrieb ich einen ellenlangen lateinischen Brief und bat um Auskunft. Seine Antwort war nicht sehr erfreulich: ich hätte in der Pfalz zu viele Feinde, um auf eine Versorgung rechnen zu können, jedoch würde mein Uebertritt zur katholischen Kirche wieder viele meiner Feinde mit mir aussöhnen. Ich besuchte also gleich Herrn Neuner selbst, mußte aber da eine scharfe Predigt wegen meiner Atheisterei anhören. Ich erwiderte, daß ein Protestant als solcher nichts anderes sein könnte, als ein Freigeist oder ein Dummkopf. Diesen Satz hatte ich aus P. Neumeyers Buch aufgefangen. »Ein Protestant,« sagte ich, »ist ein Christ, aber ohne Fundament. Er nimmt die Bibel als göttlich an, welche doch ohne das Zeugnis der Kirche kein Ansehen haben kann. Der heilige Augustin sagt ja selbst, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn ihn nicht das Ansehen der Kirche dazu bestimmte. Hierzu kommen die großen Uneinigkeiten und Zänkereien unter den Protestanten selbst. Wer soll da recht haben: Luther oder Calvin? Sehen Sie, Herr Pfarrer, den Ursprung meiner Freigeisterei? Aber im System der katholischen Kirche finde ich alle Zweifel gehoben und ebensoviel Gewißheit, als in Kästners Geometrie.« Herr Neuner schien mit diesem Gallimathias zufrieden zu sein und versprach, sich bestens zu meinem Vorteil zu verwenden; allein, obgleich die katholischen Pfaffen gern ihre Kirche zu mehren suchen, sei's auch mit unwürdigen Mitgliedern, so muß doch diese Mehrung einem größeren eigenen Interesse nicht zuwider sein. Und das war der Fall bei Herrn Neuner: er hatte nämlich einen anderen Herrn im Sinne, der ihm eine Partie für Thereschen zu sein schien. Und so suchte er mich zu untergraben. Zugleich ging ich nun auch meinen Baron F. an, mich irgendwo unterzubringen. Baron : Ja, Bruder, das Unterbringen so auf der Stelle, das ist nun so eine Sache; ich weiß dir, mein Seel, nicht zu raten. Ich : Nicht? Und hast Freunde von Einfluß? Deinen Oheim, den Domherrn – deinen Vater – Baron : Ja, freilich: aber im Erzstift! Du weißt ja, Bruderherz, kein Protestant kann da ankommen. Ich : Wohl! Wie aber, wenn ich katholisch würde? Baron (erstaunt): Du – katholisch? Ich : Warum nicht! Baron : Weil du 'n gescheuter Kerl bist: weil du 'n Freigeist bist: weil du scheinst Ehre im Bauch zu haben! Ich : Ist's denn so unehrlich, wenn man die Religion ändert? Baron : Allerdings, wenn's geschieht, um Geld, Amt oder 'n Mensch zu bekommen. Pfui! (Spuckt aus.) Ich : Aber Bruder, wenn man glücklich werden kann! Baron : Ei was! glücklich kannst du doch werden: brauchst nicht gerade erst einen Lumpenstreich vorzunehmen. Ja, wenn du bei'n Lutheranern verfolgt würdest, oder sie dir deine natürliche oder bürgerliche Freiheit widerrechtlich beschränkten, dich drückten oder dir dein ruhiges Fortkommen unter sich erschwerten, da ließ ich's noch gelten: aber so – kann ich´s unmöglich billigen. Ich bitte dich daher, schweig mir von den Possen still! Und führst du ja so etwas aus, so sag ich dir gerade ins Gesicht: wir sind geschiedene Leute! Also war's mit F. nichts. Pastor Neuner aber, statt für mich zu agitieren, fing nun an, meine Lebensart und meinen Charakter bei meinem Mädchen anzuschwärzen und mich als einen schuftigen Kerl hinzustellen. Aber da kam er schön an! Meister Neuner verzweifelte schon an dem Fortgang seines Geschäfts, besonders, da er erfuhr, daß ich den Herrn Amtmann öfters besuchte und er mich jedesmal freundlich aufnähme. Lange verbarg man mir seine Tücke, bis endlich Therese mir riet, mich vor dem Pfaffen in acht zu nehmen; so und so spräche er von mir, und das und das wäre seine Absicht. – Ich ward grimmig böse und schrieb ihm gleich einen Brief voll Gift und Galle, worin ich ihm die derbsten Titel beilegte. Dies wirkte beim Pfaffen; er begab sich sogleich zu meinem Vater und verriet den ganzen Handel. Dieser wurde nur noch mehr gegen mich aufgebracht und schickte mir ein lateinisches Billett, worin er mir befahl, sogleich zu ihm zu kommen, um ihm Rechenschaft über eine Sache abzulegen, welche er wegen der Größe der Bosheit nicht glauben könne. Ich erschrak freilich sehr über dies Zettelchen und konnte mich durchaus nicht entschließen, der Einladung meines Vaters, den ich schon seit einigen Monaten nicht gesehen hatte, Gehör zu geben. Ich antwortete also ganz kurz: mir wäre nicht recht wohl, sobald mir aber besser sein würde, käme ich gewiß. In der Bedrängnis meiner Seele lief ich zu Thereschen; aber auch da war ein großer Brief von meinem Vater; ich konnte das Ding nicht aushalten. Der alte Amtmann gab mir harte, sehr harte Worte, Therese schwamm in Tränen, und ich stand da, wie vom Blitz gelähmt und sprachlos. Endlich lief ich fort und ging zum Schulzen, wo ich meine Grillen in Wein zu töten suchte. Gegen Abend fuhr ich ab und traf mein Mädchen noch einmal auf meinem Wege, eine halbe Stunde von ihrem Dorfe. Wir sprachen wenig und weinten desto mehr. Therese versprach mir, auf keinen Fall in Pastor Neuners Vorschlag einzuwilligen. Das edle Mädchen hat auch Wort gehalten; des Pfarrers Schützling, Mosje Firlefanz, bekam den Abschied, und vor fünf Jahren, als ich die Pfalz besuchte, war Therese noch ledig. Ich weiß, daß mehrere um sie geworben haben, daß sie aber jeden Antrag dieser Art verboten hat. Ich bin nicht stolz genug, dieses ihr standhaftes Betragen ihrer Liebe gegen mich zuzuschreiben: aber etwas muß doch mein Andenken dabei bewirkt haben. Der Baron F. ward endlich noch mein Trost in dieser meiner Verlegenheit, welche mir zentnerschwer auf dem Herzen lag. Gedrängt von innen und außen, besuchte ich ihn neuerdings und erzählte ihm alles, was mir begegnet war und was ich noch weiter befürchtete. Der Baron schien anfänglich gerührt, legte aber die ganze Sache bald auf die leichte Achsel, nahm mich mit in Dillmanns Garten und mußte da so viel Schnurren und Schnaken anzugeben, daß ich beim Wein – Vater und Theresen und Verlegenheit und alle Welt vergaß und so selig ward, als irgend ein Ratsherr in Addera je sein konnte. So ging das Leben einige Tage fort. Darauf gab F. mir zu verstehen, daß ich ihn bald nach Straßburg begleiten sollte, und daß wir da hoch leben würden. Das Ding gefiel mir: ich sagte sogleich ja und nahm meinen Rückweg nach Guntersblum. Einige Tage hernach erschien mein Herr von F. und forderte, daß ich sogleich aufpacken sollte: es ginge vorwärts. Herr von Goldenberg sah es freilich nicht gern, daß ich ihn, seine Jagden und seinen Keller verlassen wollte: aber er mußte es schon geschehen lassen und sich damit trösten, daß ich bald würde zurückkommen. Zwölftes Kapitel. Reise mit Aaron F. nach Straßburg. – Die französischen Offiziere. – Die Straßburger Universität. – Die »Schanzer«. – Mediziner und Barbiergesellen. – Die Kontroverspredigten im Münster. – Straßburger Deutsch. – Aussöhnung mit meinem Vater. – Neue Zukunftspläne. – Briefe an D. Semler in Halle. – Ein Pfarrer als Kuppler. – Reise nach Metz. – Französisch plappern. – Ein Kloster. – Lebensweise der Nonnen. – Ich gehe abermals als Vikar nach Obersaulheim. – »Se sein doch ä guter Parre.« – Abschied von der Pfalz. Ich reiste mit F. über Neustadt, Landau und Hagenau nach Straßburg. Gleich über Neustadt geht das französische Gebiet an. Ich halte mich mit Reisebeschreibungen nicht gern auf und will also die trefflichste aller schönen Gegenden, welche man dortlandes antrifft, nicht beschreiben. Ludwig XIV. war kein Narr, daß er den Elsaß wegnahm! – Ich war schon mehrmals in diesen Gegenden gewesen, hatte die Stadt Straßburg mehrmals gesehen, aber so innig vergnügt hatt' ich dort noch nie gelebt, als damals in der Gesellschaft des Barons von F. Wir nahmen unser Quartier im Gasthof zum »Tiefen Keller«. Meiner Mutter Vater, d'Autel, hatte noch Brüder in Straßburg gehabt, deren Kinder und Verwandte recht vetterlich mit mir umgingen; aber dem Baron gefiel diese Wirtschaft nicht. »Die Philisterei,« sagte er, »ist mein Tod; laß das verdammte Philisterzeug gehen; hast ja sonst Bekanntschaft!« Ich mußte ihm nachgeben und durfte nur höchst selten meine Verwandten besuchen. Unsere Gesellschaft waren meistens französische Offiziere; die Lebensart dieser Herren ist äußerst fein, und ihre Sitten so einnehmend, so gefällig, daß ich mich gar nicht wundere, wenn ein französischer Fähnrich einen deutschen Grafen beim Frauenzimmer aussticht, wie sich's oft zugetragen hat. Diese Leute haben keinen Ahnenstolz und bilden sich auf ihren Adel ganz und gar nichts ein; die Ehre eines französischen Offiziers besteht einzig und allein in der genauen. Erfüllung seiner Pflichten, gerade wie ehemals in Athen und in Rom, wo nur der Ehre genoß, der seiner Pflicht aufs genaueste entsprach. Das ist wahres, rühmliches point d'honneur , womit sich aber auch viel falsches point d'honneur vereinigt. Dahin gehören die häufigen Balgereien, die sich sehr oft mit einem gewaltsamen Tode endigen. Ein hitziges beleidigendes Wort ist hinlänglich, ein Duell anzuzetteln. Daher gehen die Herren auch auf die höflichste Art miteinander um. Das Duzen ist unter ihnen nicht gebräuchlich; es scheint auch gegen das Genie der französischen Sprache zu sein. Aber beim Revolutionsheer, von dem Laukhard weiterhin berichtet, duzten sich alle Franzosen untereinander und sogar jeden Fremden. P.   Die Straßburger Universität ist im kläglichsten Zustande. Juristen sind beinahe gar keine da, und nur wenig Theologen. Diese sind lauter »Schanzer«, die sich mit Informieren durchbringen müssen. Diese theologischen Studenten sind das non plus ultra aller Schmutzerei. Sie sitzen mittags und abends in den Schmudelbuden oder Garküchen, verzehren da für einige Sous Gemüse und Fleisch, und sind gekleidet, wie weiland Don Quichottes Schildknappe. Hier werden manche Leser stutzen und fragen: wie ist es möglich, daß in einer Stadt, wo so viel guter Ton, so viel Galanterie herrscht, die Studenten doch ein so schmutziges Leben führen? Ich werde das Rätsel lösen: Der gute Ton in Straßburg findet sich bloß bei Katholiken und solchen Lutheranern, die eigentlich zur Bürgerschaft nicht gehören. Alle anderen hängen an der alten Mode, wovon sie nicht abweichen, aus Furcht, alle ihre Privilegien zu verlieren, sobald sie sich nach französischer Sitte gewöhnen würden. Daher spricht auch ein Straßburger Philister selten französisch, wenn er es auch noch so gut kann, und die Bürgermädchen tragen noch ihre geflochtenen Zöpfe wie vor zweihundert Jahren. Unsere Wirtstochter war ein artiges Ding, aber die verfluchten neunundneunzig Zöpfe auf dem Kopf entstellten sie ganz. Ich sprach davon mit der Mutter und riet ihr, ihrer Tochter doch einen anderen Kopfputz anzuschaffen. »Ach, behüte Gott!« antwortete die Alte. »Ich sollte meine Tochter zur Hure machen?« Man denke an die Logik der Straßburger Philister! Der Student, welcher als Schanzer, d. i. Informator, bei einem Philister von der Art steht, muß sich aufs niedrigste behandeln lassen. Er muß seinen Prinzipal, den Herrn Fleischer, Schuster, Schornsteinfeger usw. allemal auf einem hohen Fuß behandeln. Daß er einen solchen Klotz nie anders anreden dürfe, als: »Um Vergebung, mein Herr, wenn es Ihnen gefällig wäre, mir die restierenden zwei Sols auszuzahlen –«, das versteht sich von selbst, wenn man die Herren Philister solcher Städte überhaupt nur ein wenig näher kennt. Daß aber der Straßburger Philister seinen Schanzer per »Er« traktiert, ihm ganz unten am Tische seinen Platz anweist, und sein philistrisches Uebergewicht bei jeder Gelegenheit geltend macht, das ist abscheulich und nicht bei allen Philistern anderer Orte so. Wehe aber allemal dem Studenten, der der Gnade der Philister leben soll! Auf diese Art müssen die theologischen Studenten in Straßburg kleinmütig und niederträchtig werden. Der verstorbene Herr La Roche, Vater des Majors dieses Namens, sagte einmal in einer Gesellschaft, wo ich zugegen war, beim Anblick eines Kandidaten: »Der hat gewiß in Straßburg studiert; ich seh's an den Komplimenten, denn gerade solche tiefen demütigen Bücklinge fordern die Straßburger Philister.« Medizinische Studenten gibt es dort auch wenig, aber desto mehr Barbiergesellen. Im Jahr 1780, wenn ich nicht irre, war ein großer Krieg zwischen den Medizinern und Barbieren, allein letztere siegten wegen ihrer Menge. Professor Lobotein versagte hierauf den Balbierern seine Kollegien, auch Professor Spielmann und andere; allein der hochweise Magistrat zwang sie, nach wie vor den Bartphilosophen aufzuwarten. Es ist in Straßburg gewöhnlich, oder vielmehr, es ist erforderlich, daß der Student, wie auch der daselbst lernende Barbiergeselle, sich einen Beichtvater halte und zu gesetzten Zeiten zum Nachtmahl gehe. Wer das nicht tut, wird zum Rektor gefordert, und wenn er dann noch nicht hingeht, wird er exkludiert, d.h. es wird ihm verboten, ferner Kollegia auf der Lutherischen Universität zu hören. Zu den Zeiten der Jesuiten war alle Sonntage nachmittags eine Kontroverspredigt in der Domkirche oder dem sogenannten Münster. An diesen Predigten nahm der Pöbel den wärmsten Anteil und jubelte oft laut auf. Sie wurden von zwei Jesuiten geführt, davon einer, der die römische Kirchenlehre in Schutz nahm, auf der Kanzel, der andere aber, der den Sachwalter der Protestanten spielte, unten stand. Da wurde nun geschimpft und gespektakelt, daß der Pöbel in einem fort immer lachte und die armen Protestanten immer den kürzeren zogen. Nach dem Fall der Jesuiten trieben andere Geistliche dieses jesuitische Farcenhandwerk, aber seltener, und ohne den Opponenten, obgleich immer noch nach einem Avis ans Publikum in der Zeitung. Die Sprache der Straßburger ist Deutsch: aber das jämmerlichste Deutsch, das man hören kann, in der allergröbsten, widerlichsten, abscheulichsten Aussprache. »Hoscht, bescht. Madeli, Bubeli« usw. ist Straßburger Dialekt. Auch Vornehme sprechen so, und der Pfaffe auf der Kanzel predigt vum Herr Jesses Kreschtes. Die Sprache ist hier noch zehnmal gröber als in der Pfalz, sehr viel Französisch wird indes da auch geredet, besonders beim Militär. Das sonstige Straßburger Französisch taugt eben nicht viel, und der Akzent ist vollends gar nichts nütze.   Ich hatte beinahe fünf Wochen in Straßburg zugebracht, als ich einen Brief von meinem Vater erhielt, dem ein anderer vom Pirmasenser Regierungsrat Stauch beigelegt war. Stauch meldete mir, daß er mich seinem Herrn, dem Landgrafen, von neuem mit Erfolg empfohlen hätte; und obgleich die üblen Gerüchte über mich einen nachteiligen Eindruck gemacht hätten, so sollte ich doch nur getrost sein, die Darmstädter Herren würden mir nicht schaden können. Ich freute mich, daß ich noch Freunde auch unter solchen fand, die mir helfen konnten ; denn andere hatte ich mehr als zuviel. – Mein Vater schrieb mir, ich sollte bald zu ihm kommen, das Vergangene sollte vergessen werden, wir wollten wieder gute Freunde sein; er hatte ein Mittel aufgefunden, mich auf den Weg des Glückes zurückzubringen. Sein Brief war über die Maßen sanft abgefaßt. Nicht einen einzigen Vorwurf, auch nicht eine harte Redensart enthielt er. Zugleich hatte er 6 Karolins beigelegt und ließ den Herrn von F. bitten, ja mit nach Wendelsheim zu kommen, wo er sich seiner Schuld gegen ihn entledigen wolle. Nachdem F. unsere Rechnung im »Tiefen Keller« für fünf Wochen mit 139 Gulden berichtigt hatte – er weigerte sich, von mir auch nur einen Teil anzunehmen –, machten wir uns auf den Weg nach Wendelsheim. Mein Vater empfing uns sehr freundlich und mit einer Herzhaftigkeit, welche ich lange an ihm nicht gesehen hatte. Das Ding drang mir in die Seele. Am ersten Abend fing F. an, eine Apologie für mich zu machen; aber mein Vater versicherte, daß er alles vergessen habe, daß er nichts sehnlicher wünsche, als meine Besserung; versorgt und glücklich würde ich schon werden, wenn ich nur wollte klug sein. Ich hätte nun meine Hörner abgelaufen. – Hernach bat er den Baron, ihm anzuzeigen, was er für mich bei unserer Lustreise – so nannte der ehrliche Mann unsere Fahrt – ausgelegt hätte; er wollte es herzlich gern ersetzen. Aber F. drohte, noch die Nacht unser Haus zu verlassen, wenn noch ein Wort der Art geredet würde, und so blieb's beim alten. Nach des Barons Abschied redete mein Vater ernstlich mit mir. »Höre, mein Kind,« sagte er, »du hast einige meiner Hoffnungen erfüllen sollen, aber leider habe ich mich in dir geirrt – bisher nämlich. Dein Leichtsinn – denn daß Bosheit bei deinen Possen ist, widerlegt schon die Natur dieser Possen selbst – also, dein Leichtsinn hat dich verführt. Du bist aber angerannt, und ich will das Schicksal preisen, wenn's zu deiner Besserung geschehen ist. – Sieh, es ist noch nicht aus mit dir, du hast noch Hoffnungen; aber erst mußt du zeigen, daß deine Seele geheilt ist. Ich habe hin und her gedacht, wie das am besten zu machen sei. Da fiel mir ein, dich noch einmal auf eine Universität zu schicken. Was meinst du?« Ich : Das hängt von Ihnen ab. Ich habe Ihre Güte zu sehr mißbraucht; ich muß mir alles gefallen lassen. Mein Vater : Nicht so, mein Kind. Sieh, ich dächte, du gingest nach Halle zu meinem Freund, dem D. Semler. Ich werde dich da noch ein Jahr ungefähr unterhalten, so daß du keinen Mangel leidest. Unterdes verraucht dein übler Name in unseren Gegenden; du vermehrst deine Kenntnisse unter der Anführung dieses trefflichen Mannes und kommst zurück, mir nichts, dir nichts. Schau, so mach' es, mein Kind, und versprich mir und deiner Mutter, unser Alter noch einmal froh zu machen. Du willst doch? Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten und noch weniger ein Wort hervorbringen. Unser Entschluß wurde so gefaßt, wie mein Vater ihn angegeben hatte, und von dem Augenblick an schien Ruhe und Frieden in unsere Familie zurückzukehren. O des guten, edlen Vaters! Heilig sei mir sein Andenken! er hat's wahrlich gut mit mir gemeint! – Und ich? – O es liegt eine Hölle in diesem Gedanken. Mein Vater schrieb an Semler; ich auch. Unsere Briefe waren lateinisch, nach meines Vaters und meiner damaligen Mode, mit griechischen Versen und Prosa ausgeschmückt. Indessen wir auf Antwort warteten, besuchte ich meinen Major zu Guntersblum und brachte dessen Jagdgeschäfte in Ordnung. Auch sorgte ich für einen rechtschaffenen Jäger an meiner Stelle. Gern hätte der Major mich behalten: aber er fand sich in meinen Abzug, weil er von der Notwendigkeit desselben überzeugt war. An meinem erklärten Feind, dem Pfarrer Fliedner von Bornheim, hätte ich mich damals gewaltig rächen können, wenn ich gewollt hätte. Ich bin aber froh, daß ich's unterlassen habe. Dieser Pfarrer hatte ein Frauenzimmer im Hause, dessen Ursprung und Charakter der ganzen Gegend ein Rätsel war. Sie gab sich für die Frau eines hessischen Kapitäns aus, der nach Amerika gegangen sei; sie sah sehr gut aus und war ungefähr zwanzig Jahre alt. Die Bauern, welche ohnehin ihrem Pfarrer nicht gut waren, späheten der Geschichte nach, und endlich brachte der Schulmeister aus authentischen Nachrichten heraus, daß das Frauenzimmer ein gemeines Mädchen aus dem Hanauischen wäre, das aber ein gewisser junger Freiherr zur Maitresse genommen hätte. Die Eltern desselben, die ihn gern mit einem Fräulein von *** verheiraten wollten, hätten dies erfahren, und dem jungen Herrn, der sonst eine Zierde des dortigen Adels und ein vortrefflicher junger Mann war, allen Umgang mit dem Mädchen scharf untersagt. Aber nun schlug Pfarrer Fliedner sich ins Mittel; er nahm das junge Frauenzimmer zu sich und gestattete, daß der junge Herr manche Nacht in seinem Hause zubrachte und sich in den Armen seiner Dulzinea divertierte. Das alles hatten die Bauern herausgebracht, und der Schulmeister trug mir jetzt an, die Sache dem Vater des Barons zu hinterbringen, aber so in einem anonymischen Briefe. Er wisse, daß ich den Curtius Rufus hasse und ich würde mich also der Gelegenheit bedienen, ihm eins zu versetzen. Aber ich schlug diesen Antrag aus und ermahnte den Schulmeister zur Ruhe. Die Sache kam nach meiner Abreise aus der Pfalz erst heraus, und Herr Fliedner kann Gott danken, daß man ihn so durchschlüpfen ließ; solche Unterhandlungen hätten eine derbe Züchtigung verdient. Der Baron F. war diese Zeit über sehr oft bei mir und brachte es sogar bei meinem Vater dahin, daß ich eine Reise mit ihm nach Metz tun durfte, um ein Mainzer Frauenzimmer von da abzuholen. Man muß wissen, daß es in den Gegenden überm Rhein für einen großen Vorzug des Frauenzimmers gehalten wird, wenn sie Französisch plappern kann. Diese Raserei geht so weit, daß Frauenzimmer, die kein Französisch verstehen und doch den Schein davon haben wollen, viele dergleichen Wörter und Redensarten in ihre deutsche Sprache einmischen und sie jämmerlich verhunzen. »Ich bin Ihnen oblischiert« – »das scheniert mich« – »er trätiert ihn nur ang Bagatel« – »o faschieren Sie sich doch nicht« u. dgl. sind gewöhnliche Phrasen der dortigen Weibsleute, die sie obendrein nicht selten am unrechten Orte anbringen und dadurch Gelächter erregen. Um aber das Französische recht zu lernen, schicken viele Eltern ihre Töchter in Pension nach Metz, Straßburg, ja selbst nach Lyon und Paris, wo sie freilich das Französische ziemlich fertig plappern lernen, aber auch einige Sitten mitbringen, die ihnen gar nicht zur Empfehlung dienen. Aus eben dieser Absicht hatte auch ein Mainzer Fräulein, eine Verwandte des Barons von F., einige Jahre zu Metz in Lotharingen bei den relegierten Augustiner Kanonissinnen zugebracht und sollte nun wieder abgeholt werden. Dieses hatten ihr Bruder und der Baron F. übernommen. F. wählte mich zum Reisegefährten, und ich verstand mich gern dazu. Das Herumfahren war in früheren Jahren so meine Sache. Unterwegs fiel nichts vor, das verdiente aufgezeichnet zu werden. Das lotharingische Volk unterscheidet sich von den übrigen Franzosen durch seinen Haß gegen die französische Regierung und durch seine Freundschaft für die Deutschen; wenigstens habe ich das so getroffen. Unser Fräulein erhielt gleich bei unserer Ankunft von unserem Dasein Nachricht und lud uns auch bald zu sich. Da ich niemals Nonnen gesehen hatte, so war ich froh, daß ich hier einige sehen sollte. Aber diese Kanonissinnen gefielen mir sehr. Ich hatte solche heilige Schwestern erwartet, wie die Mönche heilige Brüder sind, allein das war gefehlt. Die geistlichen Damen waren munter, froh, und scherzten trotz einem weltlichen Frauenzimmer. Nur wenige trugen das Ordenskleid; andere gingen wie Weltmädchen. Sie haben keine Klausur, aber Horas halten sie. Denn kaum waren wir eine Stunde im Saal, so schlug die Glocke, und alle Nonnen eilten zum Chor, um da das lateinische Brevier hinzuplärren. Es ist doch in der Tat ein erztoller Gedanke, Weibern ein Buch zum Singen aufzugeben, das sie nicht verstehen. Und wie sehr ist schon dagegen geeifert worden! Aber was hilft´s! Der kurialische Herrenverstand befiehlt, und der ans Gängelband gewöhnte Kirchenverstand gehorcht. Das ist so das Steckenpferd aller Heiligen von der Tiber bis zur – Spree! Die Elevinnen dieser Augustinerinnen werden gar nicht streng gehalten und bekommen leicht Erlaubnis, auszugehen. Doch begleitet sie in diesem Fall eine Beate, auf welche die Abbesse Vertrauen setzt. Die Nonnen werden durchgängig Mes Dames genannt. Sie haben auch Eigentum und spielen sogar l'Hombre und Tarock um Geld. Wir machten viele leichtsinnige und lustige Streiche, besuchten auch einmal Luneville, wo das Andenken des würdigen Fürsten Stanislaus, des »wohltätigen Philosophen«, noch sehr im Segen ist, und machten uns nach einigen Wochen wieder auf den Heimweg. Herr Semler hatte bald geantwortet. Seine Briefe an meinen Vater und mich waren in dem herzlichen, aber etwas steifen Tone geschrieben, der dem großen Manne so eigen war. Er schrieb, wenn ich nur hundert Taler in Halle hätte, so könnte ich mich da recht gut durchbringen. Er habe dem Direktor Freylingshausen unsere Briefe gezeigt, und dieser habe ihm sogleich versprochen, mir den Tisch und ein Logis auf dem Waisenhause zu geben, wofür ich bei der Lateinischen Schule Unterricht erteilen würde. Von diesem Augenblick an dachte ich an nichts weiteres, als meinen Abzug nach Halle, wohin ich auf Ostern ziehen wollte. Indessen schrieb mir der Konsistorialrat Dietsch, wenn ich wollte, könnte ich als Vikarius wieder nach Obersaulheim gehen; der bisherige Vikar wäre wieder fort, und wenn ich mich klug und ordentlich betragen würde, so würde auch der üble Ruf, den ich in der Gegend hätte, verschwinden. – Allein das Ding mit dem Vikariat wollte mir nicht in den Kopf. Ich antwortete, daß ich die Pfalz verlassen und mich um die Gespräche der Frau Basen nicht weiter bekümmern würde. Mein Vater dachte in diesem Stück konsequenter. Das Vikariat schien ihm recht zu sein, die üblen Nachreden zu tilgen, und er drang drauf, daß ich nach Obersaulheim gehen solle. Ich mußte also nachgeben. Meine Bauern waren herzlich froh, daß sie mich wieder hatten; denn der Herr Simon, mein Vorgänger und Nachfolger, war ein trauriger Wicht gewesen, der auf der Kanzel wie ein Hahn krähte und alle seine Weisheit wörtlich herlas. Ich las niemals etwas ab, und das gefiel den Bauern. Einer derselben schüttelte mir ganz traulich die Hand und sagte: »Mer sein grausam froh, daß mer Se wedder hun: der anner war ach gar neischt guts: der hot alles abgeles. Mer wolle Se gehrn beholen, wann Se sich schund mannichmol behaen; Betrinken. L. Se sein doch ä guter Parre.« Meine Leser glauben vielleicht, daß so vielfältige Züchtigungen mich werden gewitzigt haben, und ich endlich einmal zu einer besseren Lebensart geschritten sei; aber Sie irren, meine Leser! Ich fuhr fort, wie ich's ehedem getrieben hatte. Meinem Vater konnten meine Possen nicht lange unbekannt bleiben, wenigstens schrieb er mir, daß er selbst einsähe, es wäre nicht gut, mich länger in jenen Gegenden aufzuhalten, ob er gleich nicht gewiß darauf rechne, daß ich mich bessern werde, wenn ich anderswohin zöge; das alte Sprichwort: »Es flog ein' Gans wohl übers Meer Und kam ein Gaggak wieder her« mache ihn zwar schüchtern, doch wolle er's noch einmal versuchen: ich sollte mich also zum Abzuge anschicken. – Ich ärgerte mich zwar etwas über den Brief meines Vaters, allein der Ekel, womit ich schon lange die Pfalz und alles, was pfälzisch war, ansah, und die Nahrung, die bei dieser Veränderung meine sehr übel geleitete Neugierde erhalten muhte, verwandelten alle bisherigen Empfindungen meiner unstäten Seele in lauter Hoffnungen und Erwartungen, und diese Lage macht vergnügt und gibt uns einen gewissen Mut, den der wirkliche Besitz reeller Güter schwerlich geben kann. Ich folgte also dem Willen meines Vaters, schickte mich zum Abzug an, hielt aber von neuem in Obersaulheim eine Abschiedspredigt voll von Anzüglichkeiten und wahren Impertinenzien, und verließ mein Vikariat, ohne dem Konsistorium das geringste davon angezeigt zu haben. Hierauf kündigte ich allerorten, wo ich hinkam, meinen Abzug an, meldete aber nicht, wohin ich mich wenden würde, sondern sagte bloß, daß ich die Pfalz nicht fernerhin sehen, wenigstens in derselben nicht weiter leben wollte. Auch mein Vater hatte von meiner Reise nach Halle nichts erwähnt, und so waren die lieben Leute wegen meiner künftigen Bestimmung in Ungewißheit. Viele sprengten aus, ich würde nach Holland und von da nach Indien gehen; andere gaben ein Müssen vor, und zwar wegen skandalöser Geschichten, an denen aber kein wahres Wort war. Nachdem ich zu Hause angekommen war, wurden alle ernstlichen Anstalten zur Abreise getroffen. Ich ergötzte mich auch noch, so lange ich konnte, mit meinen lieben Freunden. Da ich wußte, daß in Halle der Wein sehr teuer sei, und mein Beutel nicht hinreichen würde, ihn zu trinken, so machte ich mir die wenige Zeit in der Pfalz noch recht zunutze und trank gerade so viel, als ich bezwingen konnte. Zu meiner eigenen Schande muß ich aber sagen, daß ich ein Meister im Saufen war und wenigstens vier Bouteillen recht guten Bechtheimer vertragen konnte, ohne mich zu übernehmen. Als ich vor einigen Jahren wieder in der Pfalz war, glaubte ich noch eben die Fertigkeit im Weintrinken zu haben, wie vorzeiten, aber ich irrte mich. Denn ohnerachtet ich kaum halb so viel Wein zu mir genommen hatte, als ich sonst ohne merkliche Veränderung meines Gehirns vertragen konnte, fing ich doch an zu wanken und mußte aufhören. Also auch garstige, unanständige Fähigkeiten vermindern und verlieren sich durch Mangel an Uebung. Meine Mutter war die Zeit über ganz untätig gewesen; sie hatte oft über meine Ausschweifungen geseufzt und geweint, mir auch dann und wann gelinde Vorwürfe gemacht, aber ihre Stimme war viel zu schwach, als daß ich auf sie hätte hören sollen. Meine Tante verstand vollends von Menschenbildung und Lenkung nichts und war schon zufrieden, wenn ich nur heiter war und ihr die Zeit verplaudern half. Sie sah nicht ein, daß eigentlich sie den ersten Grund zu meinem moralischen Verderben gelegt und dadurch den Keim meines künftigen Glückes wurmstichig gemacht hatte. Ich habe ihr deswegen nie Vorwürfe gemacht und tu' es auch jetzt nicht; sie hat es gut gemeint. Mein Vater selbst hätte besser getan, wenn er ihr gar keinen Anteil an meiner Erziehung gelassen hätte. Doch wer kann wider Verhängnis! Dreizehntes Kapitel Kleine Reiseerlebnisse. – Ankunft in Halle. – D. Semler. – Ich werde Lehrer am Waisenhaus. – Die hallischen Studenten. – Burschensprache. – Das Singen bei der Prorektorwahl. – Die Bierdörfer. – Lauchstädt. – Meßfahrten nach Leipzig. – Die Philister in den Universitätsstädten. – Das hallische Bier. – Sittlichkeitsverhältnisse. – Die Heiligkeit der hallischen Studenten. – Die Leipziger Studenten, – Der feine Ton. – Der bildende Umgang mit dem Frauenzimmer. – Gespräch auf einer Studentenstube. Mein Vater begleitete mich bis Frankfurt und sprach unterwegs ziemlich ernsthaft, ob er gleich, wie er hinzufügte, seinen Worten und Vermahnungen wenig Wirkung zutraute, wenn ich nämlich nicht selbst klug würde, wozu ich doch wohl Erfahrung genug haben möchte. Würde ich aber wirklich mich bessern, so würde er mir den Vater so zeigen, wie ich es nur selbst wünschen und hoffen könnte. In Frankfurt gab er mir vierzehn Karolins nebst fünf Dukaten Reisegeld und bezahlte im »Darmstädter Hof« die Post bis Frankfurt. Ich hatte außer meinen Kleidern und Wäsche nichts mitgenommen, als die »Idyllen« des Theokrit und den Horaz. Diese beiden lieblichen Dichter sollten mich unterhalten, wenn ich in Gasthöfen auf den Fortgang der Post würde warten müssen. In Friedberg war dies schon der Fall. Während ich aber las, forderte mich ein Tabulettkrämer zum Lottowurf gegen drei Batzen Einsatz auf und ließ nicht eher nach, als bis ich sie endlich, wiewohl ungern, hinwarf, und auf den ersten Wurf die schönste schildkröterne Tabaksdose, die der Kerl in seinem Kram hatte, gewann. Er erboste und bot mir gleich vier, hernach sechs Gulden, nebst noch vier freien Würfen. Ich erklärte ihm aber gerade heraus, daß ich die Dose auf jeden Fall behalten würde, doch wollte ich noch einige Male werfen. Ich fuhr fort und gewann immer. Der Kerl stutzte und gab vor, daß ihm seine Würfel untreu geworden wären. Er langte andere hervor; der Postsekretär winkte mir, ich verstand ihn und hörte nun auf. Nach einiger Zeit kamen andere Fremde, warfen und verloren ansehnliche Summen. Ich habe mich oft gewundert, daß man dergleichen Spitzbuben – denn weiter sind sie nichts! – noch duldet und ihnen sogar von Obrigkeits wegen erlaubt, herumzuziehen und gewinnsüchtige dumme Leute um ihr Geld zu bringen. Alle Glücksbuden dieser Art sollten durchaus nicht gestattet werden. Was nützt es wohl, für die Erlaubnis, die solchen Schuften erteilt wird, einige Taler einzunehmen, und die Untertanen, zu denen die dummen Leute ebensowohl gehören als die klugen, ruinieren zu lassen? Auf der Post riet mir jemand, vier Groschen zu geben, damit mein Koffer nicht visitiert und mir nicht alles durcheinander geschmissen würde. Das sollte so die Mode der meisten Visitatoren sein: wer ihnen blecht, sagte man, der wird nicht visitiert, gesetzt auch, er habe noch so viel Konterbande bei sich; wer ihnen aber nicht blecht und sich auf seine gerechte Sache verläßt, der muß nicht nur lange warten und allerlei Impertinenzien einstecken, sondern seine Sachen auch herumhudeln lassen, als wenn's gestohlenes Gut wäre.   Am andern Tag begab ich mich zu Herrn D. Semler. Gustav Freytag teilt in seinen »Bildern aus der deutschen Vergangenheit« einiges über diesen »Vater der modernen Theologie« mit und gibt auch einen menschlich interessanten Abschnitt aus dessen Selbstbiographie. D. Johann Salomo Semlers Lebensbeschreibung, von ihm selbst abgefaßt, 2 Teile, erschien im Jahre 1781. P. Ich hatte mir schon längst eine große Idee von diesem wichtigen Mann gemacht, und diese Idee wurde immer größer, je genauer ich ihn kennen lernte: und ich kann mich wohl rühmen, den Mann genau gekannt zu haben. Er empfing mich nach seiner Art, d.h. beim ersten Anblick kalt und befremdet: kaum hatte er aber meinen Namen gehört, so rief er: »Aha, nun weiß ich's. Sie sind der Sohn des guten Laukhard, den ich vor langer Zeit recht gut gekannt habe. Was macht denn Ihr Vater?« Ich gab alle Auskunft, und Semler freute sich, daß »der alte Metaphysikus« noch recht gesund wäre. »Er hatte seine Wolffsche Metaphysik, das war sein Steckenpferd. Gebe Gott, daß es ihm gelungen ist, die einzige Wahrheit zu finden: daß alles, was uns bessert und beruhigt, für uns nützlich und folglich wahr ist. Aber wenn ich nach Briefen schließen soll, die er mir zuweilen schrieb, so muß ich denken, er hat fortgegrübelt und sich ein System erbaut, das nicht fern ist vom kalten Spinozismus, der das Herz so leer läßt und schwache Seelen leicht zu Misanthropen machen kann. Ich vermute aber, daß das letztere bei Ihrem alten Vater der Fall nicht ist: er war dazu immer zu human und zu liberal.« Ich fand dieses Urteil über meinen Vater sehr gegründet und mußte ihm Beifall geben. Semler sprach endlich lateinisch mit mir, um, wie er sagte, zu sehen, ob ich fleißig in dieser Sprache gelesen hätte. Er war mit mir zufrieden. Dann erkundigte er sich nach meiner Barschaft und riet mir, nachdem ich ihm eine genaue Berechnung meines Geldes abgelegt hatte, zur Sparsamkeit, einer Tugend, die niemals die meine war: denn dazu war ich schon in der früheren Jugend verdorben worden. Ich stellte mich nun auch auf dem Waisenhause und bei einigen Professoren vor, und richtete mich in Halle ein. Meine Lebensart war um diese Zeit sehr ordentlich: ich hörte mehrere Kollegia und gab auf der Schule des Waisenhauses lateinischen, griechischen und hebräischen Unterricht zur Zufriedenheit. Ich fand gar bald die seligen Folgen eines ordentlichen Lebens: mein Körper war gesund und munter, und meine Seele erhielt eine Heiterkeit, welche von burschikoser Lustigkeit weit entfernt war. Fast täglich, wenigstens viermal die Woche, besuchte ich den trefflichen Semler und begleitete ihn zuweilen auf seinen Spaziergängen, die er alle Tage anstellte. Die Herren Gießener, Jenaer, Göttinger, Heidelberger, Straßburger und andere, deren Komment ich in meiner Biographie bisher beschrieben habe, möchten böse werden, wenn ich ganz von dem Wesen der Hallenser schwiege, und dazu hätten sie auch recht. Die Sprache der hallischen Studenten war damals viel rüder, als sie jetzt ist. Die Studenten haben bekanntlich überhaupt ihre ganz eigene Sprache, die man außerhalb der Burschenwelt nicht wohl versteht. Sie ist ein Aggregat von den schnurrigsten Ausdrücken dieser oder jener Provinz, Stadt, Schule, Universität und oft eines einzelnen lustigen Kopfs. Je fideler aber der Komment irgendwo ist, desto reicher ist die Burschensprache, und umgekehrt. In Jena könnte ein großes Wörterbuch mit diesem Dialekt angefüllt werden. Den hallischen hat der bekannte Magister Kindleben in ein Lexikon gefaßt und bei Hendeln herausgegeben. Wer hört aber dergleichen heutzutage noch! Alles ist jetzt edler. Die Waisenhäuser haben indes noch eine ganz besondere Mundart. So heißt z. B. »Schießen« in der gemeinen Burschensprache soviel als »heimlich entwenden«, bei den Herren Waisenhäusern aber »aufpassen«. Daher »Schießhund« ein Aufpasser. Ich habe es mir ehedem sehr angelegen sein lassen, die Burschensprache in ihrer ganzen Ausdehnung zu erlernen, und daher kommt es, daß ich jetzt bei jeder Gelegenheit dergleichen unwillkürlich anbringe. Die Leser mögen mir das verzeihen und derlei Kleinigkeiten nicht als große Sünden anrechnen. Einen Gebrauch habe ich bei den hallischen Studenten – denn hier heißen sie nicht Bursche – bemerkt, den ich noch nirgends gefunden hatte. Das war das Singen bei der Prorektorwahl. Diese wird in Halle auf den 12. Julius, als den Stiftungstag der Universität, bekannt gemacht. An diesem Tage zogen die Studenten sonst scharenweise, zu sechs, acht und mehr Hunderten durch alle Straßen und gröhlten Burschenlieder, auch die allerschändlichsten. Das Wesen ging schon gegen fünf Uhr an und dauerte bis in die späte Nacht. Keine Straße wurde vergessen; die Herren durchbrüllten auch die Winkel der Stadt. Man denke, welches Fest das für den Pöbel, oder wie's in Halle heißt, für das grobe Zeug gewesen sei, und wie sich der Janhagel müsse gefreut und angeschlossen haben. Daß bei dieser schönen Expedition manche Exzesse vorfielen, ohne gerade allemal von Studenten herzurühren, läßt sich vermuten. So sehr aber dieses spektakulöse Singen ehedem allgemein beliebt war, so allgemein verhaßt und verächtlich ist es nach und nach geworden. Der edlere Teil der Studenten fand es unter seiner Würde, bacchantenmäßig auf der Straße herumzugröhlen und sich zum skurrilischen Pöbelsänger herabzusetzen, und unterließ es. Der kleine obskure Teil, der sein Gassensingen recht behaupten zu müssen wähnte, ward des Schreiens endlich auch müde, und so kam es dahin, daß im Jahr 1789, als Herr Semler Prorektor ward, die Kinderei aufhörte und seitdem nicht wieder gehört worden ist. Das Besuchen der Dörfer ist in Halle ebensosehr Mode, als immer in Gießen und Jena. Der Student liebt überall Natur und Zerstreuung. Auf den Dörfern um Halle findet sich freilich eben nichts Besonderes, nicht einmal eine gute Kegelbahn. Aber der hallische Student muß einmal Dörfer besuchen, und wenns auch nur wäre, ungekünstelte Gesichter zu begaffen, Merseburger Bier zu trinken, mit dieser oder jener Schneiderstochter, Stiefelwichserin oder Perückenmacherdirne zu tanzen, oder des Sommers irgend einer Kornnymphe nachzuwittern. Da die von den Hallensern besuchten Dörfer meist sächsische sind, so wird viel Geld außer Landes geschleppt. Schlettau, Passendorf und Reideburg sind daher wahre Blutigel für die Beutel der Studenten. Auch Lauchstädt ist des Sommers ein wahres Verderben für die hallische Universität, ja selbst für die Bürgerschaft. Die Tugenden des Bades und der gewöhnlichen Badegäste sind sehr zweifelhaft; dies kümmert aber den Studenten nicht. Genug, wenn er nur seine Tour nach Lauchstädt machen kann. Und warum denn wohl? Welches Vergnügen kann der Herr Student in Lauchstädt erwarten? Die Gesellschaften der Badegäste stehen ihm nicht offen; keine Dame, kein Herr von Stande würdigt ihn eines Anblicks, er sei denn von Adel, und zwar von bekanntem Adel. Der Ton ist die Badezeit über so steif, als er es nur da sein kann, wo Stiftsadel den Ton angibt. Was sucht er also da? Er, der sonst Ehrgefühl zu haben prätendiert? Je nun, er geht dahin, weil's zum hallischen Komment gehört. Da sitzen sie beisammen, die Herren, gehen herum, vigilieren und machen sich selbst Gesellschaft, spielen miteinander, besuchen die Komödie und helfen das Geld unter die Leute bringen. Viele ruinieren gleich den ersten Sommer ihre Kasse durch das Rennen nach Lauchstädt dergestalt, daß sie die Zeit ihres Studierens über nicht wieder zu Kräften kommen können und immer große Schulden haben. Durch nichts aber setzen sich die Hallenser mehr zurück, als durch ihre ewigen Touren auf Leipzig zur Meßzeit. Es ist nichts Seltenes, daß einige ihren ganzen Wechsel da sitzen lassen. Und unter diesen lustigen Brüdern gibt's leider manchen armen Schlucker, dessen Eltern es blutsauer wird, ihn nur halbwegs zu unterhalten, oder die sich seinetwegen in Schulden stecken oder gar kümmerlich zu Hause behelfen müssen. Aber wer denkt an diesen Hochverrat der kindlichen Liebe eher, als bis alles verjubelt, nichts gelernt, und oft Ehre und Gesundheit zum größten Kummer der Eltern zugrunde gerichtet ist! Die Bürger in Halle machen's den Studenten treulich nach, und laufen ebenso wie diese auf die Dörfer, nach Lauchstädt und Leipzig, auch um sich zu verlustieren und ihr Geld an den Mann zu bringen. Ueberhaupt wird man finden, daß da, wo Universitäten sind, die Bürger größtenteils studentenmäßig leben und den Ton derselben nachäffen. Man gehe z.B. nach Berlin Wo damals keine Universität war. P. oder nach Frankfurt am Main, auch nur nach Mainz oder Straßburg, als wo die Universität von gar keiner Bedeutung ist und daher keinen Einfluß auf den allgemeinen Ton hat – und sehe, ob da die Bürger in den Wein-, Bier- und Schnapshäusern ihre Zeit verschleudern. Da findet man arbeitsame, haushälterische Leute; hingegen in Jena, Gießen, Halle und an anderen Orten, wo Burschenkomment herrschender Ton geworden ist, sieht es anders aus. In Halle zum Exempel sind alle Kneipen täglich voll; man gehe, zu welcher Stunde man will, auf den Ratskeller, in die Bierhäuser und Branntweinschenken, und man wird nicht eine finden, wo nicht mehrere Schneider, Schuster, Perückenmacher u.a.m. anzutreffen wären. Die Leute haben guten Verdienst, aber ihre studentische Lebensart bringt sie um dessen Früchte. In Jena ist das noch viel ärger; da glaubt der Philister, es bringe ihm Schande, wenn er von seinem Verdienste des einen Tages mehr auf den anderen spare, als er gerade noch früh zu seinem Schnaps braucht. Leicht verdienen können, macht also nicht haushälterisch. Saufen und Besaufen ist der hallischen Studenten Fehler nicht: das ist in Jena und Gießen Mode, in Halle herrscht, in Absicht des Trinkens, viel Dezenz. Das Bier ist hier nicht stark, und wer sich darin benebeln wollte, müßte eine gewaltige Portion zu sich nehmen. Branntwein wird noch weniger oder vielmehr gar nicht getrunken. Wenn daher schon dieser und jener sich nun dann und wann den Kopf schwer macht durchs kleine Glas, oder durch Wein und Punsch, so kommt dergleichen doch nicht auf die Rechnung der ganzen Studentenschaft. Ich wünschte, daß ich unsere Studenten in Absicht der übrigen jugendlichen Ausschweifungen ebenso rühmen könnte. Allein ich muß, um die Aufrichtigkeit nicht zu beleidigen, mit welcher ich meine und meiner Bekannten Händel erzählen will, gestehen, daß hier manches pekkiert wird. Es gibt zwar keine Bordelle öffentlich in Halle, aber es gibt doch Löcher, worin der Auswurf des weiblichen Geschlechts dem tierischen Wollüstling mit ihrer halbfaulen Fleischmasse für ein geringes Geld zu Gebot steht. Doch muß ich gleich auch bekennen, daß die Zahl dieser Löcher sich seit einiger Zeit sehr vermindert hat. Ich berichte also denen, welche früher in Halle gewesen sind und den »Puffkeller«, die »Tiefe Demut«, das »Rote Läppchen«, den »Korb« und dergleichen scheußliche Löcher gekannt haben, daß diese nicht mehr sind. Es ist hier der Ort nicht, zu untersuchen, ob man überhaupt Bordelle dulden solle; aber dergleichen Löcher, wie die hallischen, sollten durchaus nicht gestattet werden. Außerdem geht es den Hallensern wie den Göttingern, Gießenern, Jenensern und anderen Universitäten: sie müssen oft wegen anomalischer Beiträge zur Bevölkerung starke Summen auszahlen. Vor Zeiten hatten die Studenten in Halle den Ruf, daß sie übertrieben heilig wären. Man sieht dies aus dem ersten jener Verse, die man ehedem zur Charakterisierung einiger Universitäten geschmiedet hat. Ich will sie hersetzen: (Halle:) Ach Gott, wie ist die Welt so blind! (Leipzig:) Ich lobe mir ein schönes Kind! (Jena:) Wer mir noch spricht ein Wort, den soll der Teufel fressen! (Gießen:) A bonne amitié , so spricht der Bursch in Hessen. Daß die Hallenser, von der Stiftung der Universität an bis ungefähr auf die Zeiten des Siebenjährigen Krieges, Frömmlinge gewesen sind, ist allerdings wahr, und daß der bösartige Einfluß dieses frömmlichen Wesens sich von da aus weit und breit ausgedehnt hat, ist auch wahr. Aber wer noch jetzt über Hyperdulie der Hallenser klagen wollte, würde ihnen wahrlich zu viel tun. Seitdem ich die Studenten in Halle kenne, waren sie zwar keine Atheisten, aber auch keine pietistischen Kopfhänger. Die Kopfhängerei von ehedem hat ihren Ursprung zu Leipzig in den frommen Zusammenkünften einiger superfrommer Magister gehabt und wuchs hernach auf dem hallischen Waisenhause zu einer solchen Größe heran, daß man alle für Satanskinder ausschrie, die den Kopf gerade trugen und ihre freie unbefangene Miene jedermann hinzeigten. Lustigkeit und aufgewecktes Wesen hießen grobe Sünden, und nur der war Gott, oder, was gleich viel galt, den Vorstehern der heiligen Waisenanstalten angenehm, welcher aussah wie ein Büßender. Kirchenversäumen war Hochverrat, und nicht alle Jahre vier- oder achtmal zum Nachtmahl gehen, hieß den Heiland verleugnen. Die meisten theologischen Studenten, wenn sie auch die Waisenhäuser-Benefizien nicht genossen, ahmten diesem frömmelnden Wesen nach und lernten sehr bald die Kunst, wie so mancher übertünchte Pietist, in der Welt ohne Kopf, ohne Herz, ohne Kenntnisse und ohne reelle Sitten sein Glück zu erheucheln. So wurden nun die meisten Studenten Frömmlinge und seufzten: »Ach Gott, wie ist die Welt so blind!« Aber Dank sei es dem besseren Genius der Musensitze, unter Friedrichs des Großen Regierung fiel diese Frömmelei in die verdiente Mißachtung. Die Singereien, die Stuben-Betstunden und andere sogenannte Andachtsübungen wurden als Fratzen und Possen angesehen, woran nur ein Schwindelkopf oder ein Heuchler Gefallen finden konnte. Studenten können auch keine Heilige sein. An Fleiß lassen es die Hallenser nicht fehlen – im allgemeinen, versteht sich: denn es gibt auch träge und nachlässige Studenten hier, wie überall. In Gießen und Jena sind freilich die Bursche auch nicht faul; aber den Hallensern kommen sie im Eifer, zu studieren, nicht gleich.   In Leipzig war ich auch: Herr Kaufmann Rummel zahlte mir da mein Geld aus. Gleich das erstemal, als ich da war, spielte ich auf einem Kaffeehause und gewann eine ansehnliche Summe. Ich weiß nicht, da ich allemal im Spiel glücklich gewesen bin, daß ich doch so selten gespielt und das liebe Spiel niemals geliebt habe! Die Studenten in Leipzig haben mir durchaus nicht gefallen: ihr Wesen ist weder burschikos noch fein, und an Fleiß lassen sie's auch nicht wenig fehlen. Sie haben der Zerstreuungen zu viel, vorzüglich des Sommers und zur Meßzeit. Ich hatte in Leipzig einen Bekannten, einen gewissen Lischke, der einmal auf einer Reise nach der Pfalz durch Gießen gekommen war. In Halle hatte er mich schon bald nach meiner Ankunft aufgesucht und mir da viel von Leipzig vorgerühmt, Halle aber dagegen herabgesetzt. In Leipzig suchte ich ihn auf und bat ihn, mich in Studentengesellschaften einzuführen. Aber, siehe da, es gab dergleichen nicht. Die Studenten verlieren sich unter Kaufmannsdienern und Knoten, und machen nirgends eine Gesellschaft für sich aus; auch nicht ein einziges Leipziger Kaffeehaus oder Billard ist den Studenten eigen, nicht einmal ein Traiteurhaus. Sie sitzen, je nachdem sie Geld haben, in den Gasthäusern zerstreut; einige kommen auch wohl dann und wann auf Richters Kaffeehaus oder auf die Hotels de Bavière und de Saxe, jedoch selten. Man findet aber auch Studenten in den allerniedrigsten Kneipen, in Kneipen, wohin kein Hallenser gehen würde. Der Student spielt zu Leipzig überhaupt keine Figur. Freilich, wer dort viel Geld hat, der kann es zur Not einem Ladenschwengel gleich tun, aber das können wenige – und so hat der Scheren- und Ellenmajor in genere große Vorzüge vor den Studenten. Meine guten Leser glauben vielleicht, daß ich die Sache übertreibe; aber ich versichere, daß sich das Ding so verhält, ob ich gleich mehrere Ausnahmen gern zugebe. Lischke hat mich auch auf einige Stuben zu seinen Bekannten geführt. Da fand ich steife Menschenkinder, welche das Unbefangene und Ungezwungene nicht an sich hatten, das man sonst an Studenten gewohnt ist. Die Leutchen machen Komplimente und schneiden Reverenzen bis an die Erde: alles geht da per Sie, das trauliche, dem Studenten so angemessene Du ist verbannt: da werfen sie mit »Gehorsamster Diener«, mit »ich empfehle mich« – »haben Sie doch die Güte« – »oh, ich bitte ganz gehorsamst!« und ähnlichen Floskeln um sich, daß es einem ganz schlimm wird. Das heißt denn guter Ton! Darin besteht das feine Wesen, das die Mosjehs zu Leipzig von allen anderen so vorteilhaft unterscheiden soll! Oh weh, dacht' ich, als ich auf eine andere Stube kam und fünf bis sechs solcher Herren vom edlen Ton beäugelte, oh weh, das ist schofele Petimäterei. Ich hatte zwar damals keine Anhänglichkeit mehr an den eigentlichen Komment, allein ich fing doch mit einigen folgendes Gespräch an: Meine Herren, sagte ich, Ihre Universität ist wohl stark? Herr A .: O ja, über 1400. Herr B .: Bitte gehorsamst, mein Bester; es sind über 1600 Studenten hier. Ich : Darf man nichts von der Summe abziehen? Herr B .: Nein, noch eher hinzusetzen, wenn Sie gütigst erlauben wollen. Ich : Ja ja, ich weiß es schon, man macht Fremden immer weis, die Universität sei so oder so stark, wenn's schon übertrieben ist. – Aber Leipzig ist immer noch stark genug, besonders wenn man die Ladenstudenten mit hineinrechnet. Aber der Ton hier – wie ist der? Herr A .: Unverbesserlich, mein Teuerster! Ich : So? Und worin besteht die Unverbesserlichkeit? Herr A .: Je, mein Himmel! Bester, es fällt doch in die Augen, daß der Leipziger Student zehnmal artiger und höflicher ist, als der rüde Jenaer! Ich (ärgerlich): Ja ja, ich weiß schon: es sind mehrenteils Jungfernknechte, welche mit den Ladendienern und Knoten um die Wette hinter den Mädchen herrennen und nach dem hohen Glück schnappen, ein Pfötchen zu lecken oder ein Mäulchen zu ganfen. Stehlen. L. Herr B. : Ei, da beschreiben Sie uns ja recht hübsch. Verzeihen Sie aber gütigst, daß ich einiges erinnere. Sie wissen doch, daß ein junger Mensch in Gesellschaft der Frauenzimmer feiner – Ich (einfallend): Ich versteh's schon. Aber hol' mich der Teufel, ich kann nicht begreifen, wie ein Student in Gesellschaften von Frauenzimmern kommen will, worin er profitieren könnte. Frauenzimmer, welche dem Burschen Zugang verstatten, taugen samt und sonders nichts; das sind meist luftige, habsüchtige oder verbuhlte Dingerchen, an denen selten etwas gelegen ist. So mag's auch in Leipzig sein. Lischke : Du hast nicht unrecht, Bruderherz, unsere hiesigen Studenten machen Küchenmädchen, Aufwärterinnen und Bürgerdirnen den Hof, und führen sich sogar mit Menschern aus den Parduzlöchern, mit Etceteras So heißen die Huren bei den Leipziger Studenten. L. auf den Straßen und Promenaden herum. Das sind so die Frauenzimmer, womit unsere Herren Umgang haben. Ich : Und bei denen kann man seine Sitten doch beim Teufel nicht polieren! In solchem Umgang wird man zum Firlefanz. Aber, um von was anderem zu reden: wie steht's denn mit den Schlägereien? Herr A. : Je nun, wenn's an uns gebracht wird, so machen wir unsere Sachen aus, wie's honetten Männern ziemt. Lischke : Ja, mit dem Schuhpfriemen! Wann fallen denn hier Schlägereien vor? Die Kerls lassen sich ausmaulschellieren und mucksen nicht; oder wenn sie sich ja schlagen, so geschieht es à la mode der Gassenjungen mit Stöcken und Fäusten. – Ich war dieses Gespräches müde und brach es ab. Ueberall fand ich bei den Herren Leipzigern große Armseligkeit und glänzendes Elend. Sie tragen zwar seidene Strümpfe beim tiefsten Dreck, gehn wie die Tanzmeister parisisch, schleichen hundertmal des Tags vor dem Fenster vorbei, wo sie ein hübsches Gesicht wittern, und werden in den dritten Himmel entzückt, wenn ihnen ein solches Gesicht freundlich zulächelt: ist das aber männliches Wesen, das den Hallenser so kenntlich auszeichnet? Sonst ist das L'Hombre-Spiel unter den Leipzigern sehr gewöhnlich. Zur Zeit der Messe müssen die meisten auf dem Boden unterm Dache oder hinten neben dem Abtritt wohnen, weil zu dieser Zeit ihre Stuben von Fremden bezogen werden. Wenn die Hallenser nach Leipzig kommen, so machen sie da doch Figur, und jedermann sieht nach ihnen; wenn aber Leipziger sich zu Halle einfinden, so werden sie gar nicht bemerkt, wenigstens nicht für Studenten angesehen. Uebrigens sind die Herren gut zu Fuße und können täglich fünf, sechs, acht Meilen laufen. Doch genug von diesem Artikel. Vierzehntes Kapitel. Solider Lebenswandel. – Ich halte meine ersten Vorlesungen. – Mein Bruder. – Der »Hanauer Puff«. – Unser Mittagstisch. – Promotion zum Magister. – Die Disputation; perfides Benehmen meines Bruders. – Magister! – Der echte ciceronianische Stil. – Ich werde wieder leichtsinnig. – Die »deutschen Synonymen«. – Besuch schlechter Häuser, Prügeleien und andere dumme Streiche. – Ein geharnischter Brief vom Professor Semler. Meine Aufführung in Halle war die erste Zeit über so beschaffen, daß selbst Herr Semler mir in seinen Briefen an meinen Vater das beste Zeugnis erteilte. Der gute Mann bot mir sogar seine Kasse an, damit, wie er sich ausdrückte, unsere Freundschaft nicht bloß moralisch bleiben möchte. Durch meinen Umgang mit ihm, durch mein häufiges Lesen und Vorzeigen guter Bücher und selbst durch meine wenigen Kenntnisse, war ich unter meinen Bekannten in einiges Ansehen gekommen und wurde überhaupt auf der Universität als ein Mensch betrachtet, der das Seine gelernt hatte. Mehrere Studenten beredeten mich daher, ihnen die hebräische Grammatik zu erklären. Ich tat das, und die Studenten waren mit meinem Unterricht zufrieden, so daß ich im folgenden Winter nochmals dergleichen Unterricht erteilen mußte. Semler empfahl mir, Vorlesungen zu halten. »Man lernt da viel,« sagte er, »und fühlt die Lücken besser, als wenn man so bloß für sich studiert: man setzt sich auch in den Prinzipien fester.« Er hob sogar die Schwierigkeiten, die ich ihm entgegenstellte, und riet mir, deutsche Reichshistorie vorzutragen. Ich folgte dem Rat des Herrn Doktors und fing schon im August 1782 an, über Selchows Kompendium die vaterländische Geschichte abzuhandeln. Ich hatte zwölf Zuhörer und las in einer Stube im Hause des Buchbinders Münnich, gerade gegen Semlern über. Ich setzte den Winter über diese Lektionen fort bis zu Ende des Februars, und kam bis auf das Ende des Dreißigjährigen Krieges. Auch las ich von Michaelis an über Kirchengeschichte. Herr Semler, dem mein bisheriges Betragen gefallen hatte, riet mir, vom Waisenhause in die Stadt, und zwar in sein Haus zu ziehen. Es war nämlich ein gewisser Schmitz von Montjoie nach Halle gekommen, mit dem ich Freund geworden war. Er mietete sich ein Zimmer in Semlers Hause, und bat mich, zu ihm zu ziehen; er wolle die Miete für mich mit bezahlen. Der Vorschlag gefiel mir: ich sprach mit Semlern darüber und erhielt den Rat, nicht zu säumen; ich könnte sodann seine Bibliothek besser benutzen und besser studieren. Also zog ich zu Anfang des Oktobers vom Waisenhaus fort, und bezog Nr. 20 im Semlerschen Hause. Ich war auf dem Examen Lehrer der ersten hebräischen und der zweiten griechischen Klasse geworden. Dieses schmeichelte meinem Ehrgeiz so, daß ich beschloß, beide Klassen beizubehalten und meiner Pflicht in Unterrichtung meiner Schüler nach meinen Kräften Genüge zu leisten. Herr Freylingshausen mißbilligte zwar meinen Abzug vom Waisenhause nicht, doch setzte er, gleichsam ahnend, hinzu: es wäre schon mancher in der Stadt verdorben worden, der sich auf dem Waisenhause recht gut betragen hätte. Um diese Zeit kam mein Bruder, der schon zwei Jahre in Göttingen studiert hatte, nach Halle, um seine Studien hier fortzusetzen. Ich muß sagen, daß ich über seine Ankunft erfreut war, ob wir gleich sonst niemals solche herzlichen Freunde gewesen waren, als es sich für Brüder geschickt hätte. Er bat mich, ihm ein gutes Logis auszumachen, und ich verschaffte ihm ein schlechtes. Dies hatte folgenden Zusammenhang. In der Klausstraße, rechter Hand, ohnweit dem »Halben Mond«, wohnte eine Frau, welche außer mit anderen Schimpfnamen auch »Beutlersbanise« genannt wurde. Mit dieser Frau ward ich durch deren Hausstudenten, Hano, bekannt, welcher ihrer Tochter Christel die Cour machte. Ich ließ mir's gefallen, auch den Tisch bei ihr einzunehmen. Das alte Weib war, wie mehrere ihresgleichen, eitel genug, sich »Madame« nennen zu lassen. Sie wußte von ihren jugendlichen Aventüren sehr viel zu erzählen. Ich hörte ihre Schnurren gern, und konnte so beim Bierglas und einer Pfeife Tabak bis zehn Uhr abends sitzen und mich belügen lassen. Diese Madame Cheminon – so hieß sie, vorher Frau Dörnerin – hatte erfahren, daß mein Bruder kommen würde, und ersuchte mich, ihn bei ihr einzumieten; ich tat's, und mein Bruder zog mit einem gewissen Herrn Michaelis, der auch von Göttingen gekommen war, bei ihr ein. Herr Semler erfuhr dies und nahm es mir übel; er hatte von seinem Aufwärter gehört, daß das Haus eben nicht im besten Rufe stehen sollte. Wirklich führte es damals den Beinamen »Hanauer Puff«, weil immer mehrere Hanauer da gewohnt hatten. Aber es war nun einmal nicht anders. Anfänglich waren auch mein Bruder und sein Freund Michaelis ungehalten, daß ich sie in ein solches Loch gebracht hatte; aber dies gab sich: sie fanden bald Geschmack an der dasigen Fidelität und wohnten gern weiter da. Es kamen immer viele Studenten und hübsche Mädchen dahin, und das war so was für sie. Noch jetzt sehe ich manche angesehene Frau hier herum figurieren, welche vorzeiten im »Hanauer Puff« eine Rolle gespielt hat. So geht es in der Welt! Hano, Christelchens Liebhaber, war im Herbst abgegangen, und mehrere Studenten strebten nach seiner Stelle bei dem Mädchen. Das merkte ich und beschloß, mein Glück auch zu versuchen – nicht aus Drang der Liebe, sondern um meine Nebenbuhler zu necken. Meine Liebelei gelang mir, und Christel ward meine erklärte Geliebte; von der Zeit an hörten die Bemühungen meiner Nebenbuhler auf; aber eben deswegen verringerte sich auch meine Anhänglichkeit merklich. Es war eine Liebschaft, der es auf meiner Seite an Grund fehlte; doch kam sie in der ganzen Stadt herum, sogar bis zu Semler, der mir Vorwürfe darüber machte und im Ernste drohte, meinem Vater von solchen läppischen Historien Semler nannte alles »Historie«. L Nachricht zu geben. – Ich bemäntelte die Sache und versprach, forthin mehr auf meiner Hut zu sein. Damit war er zufrieden. Semlers Haus sah den Winter über einem Traiteurhause ähnlich. Moes, Schmitz, Schmid und ich wohnten bei ihm und ließen unser Essen von Pauli holen; daneben kamen noch täglich um zwölf Uhr neun andere Bekannte, die anderwärts wohnten, aber mit uns zusammen aßen, und so war unsere Tischgesellschaft dreizehn Mann stark. Das Bier gab Semlers Aufwärter für uns her, und seine Tochter holte das Essen. Um ein Uhr jagte ich, auf den Schlag, alle Gäste aus meiner Stube, damit ich mich auf meine Lektionen vorbereiten könnte, und diese fuhren dann mit der größten Eile auf ihren behufeiseten Stiefeln zur Treppe hinab, daß das Haus erbebte. Semler litt diesen Tumult einige Wochen, dann ward es ihm aber zu viel; er ließ mich kommen und stellte mir vor, daß es ihm allemal vor dem Schlage ein Uhr graute; da entstände ein Lärmen und ein Gerassel die Treppe herab, als wenn der wilde Jäger seinen Aufzug hielte. Dabei kam der gute Mann recht in Hitze: sein Haus sei ein Haus des Friedens und der Ruhe, und wir hätten es zu einer Garküche gemacht! – Ich versprach, das Unwesen einzustellen, und hielt Wort: denn die Speiserei wurde gegenüber in Münnichs Haus, auf eine Studentenstube verlegt. Semler aber dankte mir hernach sogar dafür, daß ich sein Haus vom Tumult befreit hätte. Einmal habe ich mich auch geschlagen, und zwar wegen einer Lumperei, mit einem meiner Landsleute. Die Schlägerei hatte eine kleine Verwundung auf meiner Seite zur Folge und kam nicht heraus, weil keine Zeugen außer den beiden Sekundanten dabei waren. Mein Kollegienlesen war bekannt geworden, und Semler befürchtete, man möchte mir das Handwerk verbieten, wenn ich mich nicht in die gelehrte Innung einschreiben ließ oder magistrierte. Ich war dazu bereit, denn ich wußte schon, wie wenig man zu wissen nötig hat, um diese akademische Spiegelfechterei mitzumachen. Ich verschrieb mir also von meinem Vater Geld, um die Fakultät und andere Promotionskosten bezahlen zu können. Mein Vater zeigte sich froh, daß ich Magister legens werden würde, und schickte mir dreißig Louisdor. Diese reichten zu, da er mir nicht lange vorher einen hübschen Wechsel geschickt hatte. Jetzt meldete ich mich beim Dekan, dem Herrn Schulze, und dieser bestimmte mir einen Tag zum Examen. Zugleich schritt ich zur Ausarbeitung einer Dissertation über Rupprecht den Pfalzgrafen, der von 1400 bis 1410 die römische Königskrone getragen und einigen Anteil an dem 1409 zu Pisa veranstalteten Konzil gehabt hatte. Da ich aber kaum acht Tage Zeit hatte, so stoppelte ich zusammen, was ich vorfand, und teilte das Zusammengestoppelte in Paragraphen ein. Machen's doch viele Dissertationsschmiede auch so! Nun sollte ich ins Examen, welches im Kaufe des Herrn Schulze gehalten wurde. Ich erschien, nachdem ich den Tag vorher die Herren von der philosophischen Fakultät alle eingeladen hatte, am 11. Jänner 1784, nachmittags um zwei Uhr. Nicht alle Fakultisten waren zugegen. Herr Forster sagte mir's gleich ab, mit dem Zusatz: er liebe dergleichen Prüfungen nicht, wo man nicht wissen könnte, ob man examinierte oder examiniert würde. – Die Fragen und Antworten übergehe ich; sie betrafen meistens philosophische, historische, geographische und philologische Gegenstände. Das Examen dauerte bis gegen sieben Uhr abends, wo ich abtrat und bald zurückgerufen wurde, und die tröstliche Entscheidung vernahm, daß ich immerhin promovieren könnte. Wer war froher als ich! Ich lief gleich zu meinem Bruder, teilte ihm meine Freude mit, und schlief hernach ganz unvergleichlich wohl. Den Tag vor der Disputation machte mein Bruder über meinen Umgang mit seiner Hausjungfer einige spöttische Anmerkungen, welche mich aufbrachten, so daß es zu Bitterkeiten kam: das Gezänk endigte sich damit, daß er mir erklärte, er würde nicht opponieren. Meine Antwort hierauf war protzig, und er ging fort, schmollend. – Früh, da der Tanz vor sich gehen sollte, schickte er mir ein Billet, worin er mir meldete, daß er allerdings opponieren würde, entweder ordentlich, wenn ich nichts dawider hätte, oder außerordentlich, wenn ich ihm unter den ordentlichen Opponenten keine Stelle gestatten wollte. Ich sollte mich nur auf ganz neue Argumente gefaßt halten, denn er habe sich vorgenommen, mich zu hecheln ( carminare ). Ich schrieb ihm wieder, er solle immer den dritten Platz einnehmen; seine Argumente würde ich auch schon beantworten, davor sei mir nicht bange, usw. Als wir auf die Wage kamen, war diese so voll Studenten, daß wir kaum durchkonnten; denn fast die ganze Universität kannte mich, und jeder wollte gern hören, wie ich meine Sachen machen würde. Herr D. Semler fing die Oppositionen an und brachte einige Schlüsse vor, welche von seiner Gelehrsamkeit allerdings zeugten. Er machte es aber, weil ihm nicht recht wohl war, gar nicht lange. Ich hatte bei diesem Umstand die schönste Gelegenheit, öffentlich zu bezeugen, wieviel ich Semler schuldig war, wie sehr ich ihn verehrte, und tat dies mit einem mir sonst ungewöhnlichen Feuer. Ich konnte dazu meinen zu Hause entworfenen Aufsatz nicht brauchen, sondern ließ hier meiner Empfindung freien Lauf, und diese bildete meinen Vortrag so glücklich, daß ich mit mir selbst zufrieden war. Mein Bruder tischte mir nun freilich ganz neue Argumente auf. Ich hatte meine Dedikation dem Herrn von Oberndorf, kurpfälzischem ersten Staatsminister, zugeschrieben, und in der Dedikation freilich Vorzüge an diesem Herrn gerühmt, die ich ihm im Herzen selbst absprach. Allein das ist ja der Fall bei den meisten Dedikationen! Mein Bruder griff also die Zuschrift an, und zwar mit Argumenten von folgender Art: Ein niederträchtiger Schmeichler ist ein Lügner, jener bist du, folglich bist du auch dieser. Ich stutzte gewaltig bei diesem Schluß, leugnete aber natürlich den Untersatz; er bewies ihn indes aus meiner Schrift. Ich hatte hier gesagt, Herr von Oberndorf mache die Pfalz glücklich; mein Bruder führte mehrere Tatsachen an, woraus das Gegenteil erhellte, und worüber die Zuhörer lachten. Ich hatte ferner gesagt, Herr von Oberndorf sorge für die Heidelberger Universität: mein Bruder bewies, daß die Universität zu Heidelberg nie elender gewesen sei, als gerade, seit Herr von Oberndorf am Ruder säße. – Daß dabei manche gröbere Invektiven unterliefen, kann man sich vorstellen. Herr Schulze, der Promotor, sagte kein Wort, wie er mich denn ganz allein meine Siebensachen defendieren ließ. Endlich wandte sich mein Bruder zu den Zuhörern und sagte ihnen auf Lateinisch: »Der Verfasser der Dissertation weiß selbst sehr gut, daß er der Wahrheit Schnippchen geschlagen hat; aber er bildet sich ein, er würde durch seine schamlose Schmeichelei die verlorene Gunst der großen Herren in seiner Heimat wiedergewinnen!« Was sollte ich auf dergleichen Sarkasmen antworten? Mein Bruder hatte freilich recht, aber sagen hätte er's doch nicht sollen. Die beiden anderen Opponenten brachten nicht gerade viel gegen mich vor. So hatte ich nun meinen akademischen Gradus und konnte ein großes M. vor meinem Namen hinpflanzen; das hab' ich aber doch nur selten getan. Auch hörte ich lieber meinen Namen als den Magistertitel; denn alle akademischen Würden kommen mir so zunftmäßig vor und waren mir immer lächerlich. Da ich jetzt mehr Recht als vorher hatte, Vorlesungen zu halten, so erklärte ich, um mich als Magister zu produzieren, die dunkeln Satiren des Persius; und so gewaltig viel Erudition ich auch dabei auskramte, so war ich doch mit meinen Lektionen innerhalb zwei Monaten fertig. Diese Vorlesung war gratis, und meine Zuhörer hörten mich gern. Daraus schloß ich, daß, wenn ich auf Ostern meine Kollegien ankündigen würde, ich nicht wenig Zuhörer haben dürfte. Meine Stunden auf dem Waisenhaus gab ich auf. Ich muß hier eine philologische Schnurre erzählen. Mein Landsmann Sch., ein nicht unebener Lateiner, wollte nach Art aller Philologen von geringerem Gehalt nichts Lateinisches leiden, was in Meister Mark Tullius' hinterlassenen Büchern nicht befindlich wäre. Sein zweites Wort war immer ciceronianisch. Ich hatte für jemand ein sogenanntes curriculum vitae aufgesetzt, und Herr Sch. hatte es wohl an fünfzehn Stellen verbessert, weil es nicht echt ciceronianisch abgefaßt wäre. Das ärgerte mich, und ich beschloß, dem Kritiker einen Possen zu spielen. Ich stellte mich also, als hielte ich ihn für einen Mann, der den Geist des Cicero neunundneunzigfach inne hätte, und unterwarf einiges seiner Kritik. Das freute den Ciceroner so sehr, daß er mich mit lateinisierender Salbaderei fürchterlich quälte und mir da ein langes und breites von der ciceronischen Wortstellung herschwatzte, wovon er ein Buch schreiben wollte. Ich übersetzte endlich ein Stück aus Ciceros Buch von der Natur der Götter, schrieb Ciceros Latein daneben, und gab mein Geschreibsel an Herrn Sch., um seine Zensur zu vernehmen. Er korrigierte den Text des Cicero an mehr als dreißig Stellen und gab mir ihn so wieder. Ich versuchte es, meine Konstruktionen in Gegenwart mehrerer Studenten als ciceronisch zu verteidigen, aber vergebens: Sch. wollte und mußte recht haben! Endlich holte ich meinen Cicero aus der Tasche und zeigte ihm, daß er den Meister selbst, seinen angebeteten Cicero, korrigiert hätte. Gelächter auf meiner und der Studenten, große Beschämung auf Sch.s Seite war die Folge. Nachher ist Herr Sch. mir niemals wieder recht gut geworden. – Man werfe dem Afterphilologen allerhand dumme Streiche vor, schelte ihn einen Esel, er wird nicht so böse werden, als wenn man ihm beweist, er verstehe das Wesen des ciceronianischen Stils selbst nicht recht. – Wer schön denkt, wird schön schreiben, und wenn er gleich mit Fehlern schreibt, wird man doch lieber sein Geschriebenes lesen, als das allerfeinste grammatisch Richtige, welches ohne Gedanken ist. Wer mag gern die Deklamationen des Quintilian lesen, mitsamt dem schönen Latein?   Ein künftiger Dozent hätte billig sollen klug handeln. »Wir brauchen keine Tugend,« sagt der große Rousseau, »wenn wir nur klug sind.« So übersetzt Laukhard, obwohl man das Wort richtiger mit ›weise‹ oder etwa ›lebensklug‹ wiedergeben müßte. Der Spruch heißt: »Il ne faut point de vertu, si nous sommes sages.« P. Ich habe nachher gelernt, daß man unter dem Namen: Rechtschaffenheit, Menschenliebe, und überhaupt Tugend, bloß Klugheit – so oder so modifiziert – meint. Damals aber verband ich noch mit diesen Worten die Bedeutungen, die ich in der Moralphilosophie gelernt hatte, und fand erst späterhin, daß die Moralisten üble Sprachmeister sind, wie auch die Herren Metaphysiker. Das war nun schon dumm genug! Demzufolge schmeichelte ich niemand, ich besuchte sogar keinen, weil ich mich nicht genieren wollte; und die Herren sagten denn auch, wenn von mir die Rede war, allemal: »Den Magister Laukhard kennen wir nicht; wie wir aber hören, so soll er ein Kerl ohne Kopf und von sehr schlechten Sitten sein.« Dieses löbliche Gezeugnis gaben mir die Herren aus Menschenliebe, um die Leute vor mir zu warnen. Ganz unrecht hatten sie wohl nicht: denn im Grunde hatte ich diese Stimmung der Herren gegen mich vielleicht selbst verschuldet. Ich machte einen Aufsatz, dem ich den Titel gab: » Deutsche Synonymen «. Da brachte ich alle mir bekannten Wörter zusammen, welche die Besoffenheit und den unflätigen Umgang mit Frauenzimmern auf deutsch bezeichnen. Das war nun so ein Stück Arbeit aus der lieben Zotologie. Ich machte den Aufsatz gemeinnützig, indem ich erlaubte, daß jeder Student, der nur wollte, ihn abschrieb; ich war sogar willens, ihn drucken zu lassen, und Herr Adelung hätte alsdann einen derben Beitrag zu seinem Wörterbuch gefunden. Herr Semler erfuhr das und koramierte mich nicht schlecht; da ließ ich denn das Ding. Aber mein Aufsatz war schon zu sehr ins Publikum, als daß er hätte unterdrückt werden können: sogar die Philister auf dem Ratskeller lasen die »Deutschen Synonymen« von Magister Laukhard und gaudierten sich höchlich über die drolligen Ausdrücke. Einst kam ich nach Reideburg, wo gerade eine gewisse Studenteninnung ihren Landtag hielt. Der Beschluß davon war ein Kommers, zu dem ich eingeladen wurde. Ich ging hin und mußte, weil ich Magister war, honoris causa das Präsidium übernehmen. Ich präsidierte mit allem Ansehen und aller Würde eines echten alten Burschen, der nicht » Rien! rien !«, sondern »Courage! Courage!« ruft und den Komment recht versteht. Da ging's munter über munter! »Es leb' der Bruder Magister hoch! Ein Hundsfott, der ihn schimpfen sollt'!« erschallte zu meiner Freude aus allen Kehlen. Ich dachte dabei an nichts Arges; doch kam es mir selbst etwas spanisch vor, daß ein Mann, der auf dem Katheder dozierte, auch Präses eines Burschen-Komments sein sollte, aber – ich setzte mich darüber weg. Zwei Tage nachher wußte mein Semler schon alles; er nahm mich vor und las mir den Text nach Noten. Ich hätte ohnehin, sagte er, bei der philosophischen Fakultät keine Freunde: ich sollte sehen, daß man mir die Erlaubnis, Kollegien zu lesen, verweigern und mich aus der Lehrerliste ausstreichen würde. – Das tat mir freilich wehe, machte mich aber nicht klüger. Ich fuhr fort, die Wirtshäuser nach wie vor zu besuchen. Auf einen Sonntag war ich bei Herrn Prof. Trapp zu Gaste: ich war gut angezogen und trug seidene Strümpfe. Abends gegen zehn Uhr ging ich fort und traf unterwegs meinen alten Freund Köster, der mich bat, ihn in den »Puffkeller« auf dem Markt unterm Rathause zu begleiten. Dieser sogenannte Puffkeller war ein Bordell der niedrigsten Gattung: er gehörte zum Rathause und wurde für 12 Reichstaler jährlich vermietet. Erst seit der Aufsicht des jetzigen Stadtpräsidenten, v. Barkhausen, hat diese skandalöse Wirtschaft da aufgehört. – Ich stellte Köster vor, daß es für einen Magister sich schlecht schicken würde, in den Puffkeller zu gehen, aber er besiegte alle meine Gründe und Einwendungen, und der Herr Magister ging in den Puffkeller. Hier war ein gewisser Herr, den ich nur Firlefanz nennen will. Ich ließ mir Schnaps geben, konnte ihn aber nicht trinken und stellte ihn mit einem Fluche auf den Tisch. Mosje Firlefanz sagte drauf mit einer altklugen Miene, es sei freilich kein Magisterschnaps. Blox! steckte ich ihm eine Ohrfeige, Köster half, und Meister Firlefanz wurde zum Loch hinausgeschmissen. Wir blieben nicht lange. Als wir in der Galgstraße der Ulrichskirche nahe kamen, trat plötzlich Mosje Firlefanz vor uns und forderte Rechenschaft wegen der Beleidigung im Puffkeller. Da wir ihm jetzt noch gröber antworteten und mit Prügeln drohten, siehe, da kamen noch zwei baumstarke Bengel aus dem Hinterhalt und schlugen auf uns zu. Wir wehrten uns ritterlich, warfen einen von den Bengeln zur Erde, und Mosje Firlefanz selbst bekam derbe Schläge mit der Faust ins Gesicht, daß die Marken davon noch vierzehn Tage zu sehen waren. Endlich kam der Nachtwächter, der alte ehrliche Hase; er kannte den Firlefanz und mich, und drohte, wenn wir nicht Ruhe hielten, mit der Kompanie des Herrn Karzerwächters Bär. Wir hielten also inne und schieden von dannen. Aber man denke, wie mein hellgrüner Rock, meine seidene Weste und meine seidenen Strümpfe ausgesehen haben. Ich mußte selbst über meine Figur lachen; Köster sah nicht besser aus; er schlief die Nacht bei mir. Bei allen meinen erzdummen Streichen, die einem akademischen Dozenten so sehr unanständig waren, machte ich immer meine Apologie und verteidigte mich mit dem Beispiel anderer angesehener Männer, welche auch dergleichen getrieben hätten; besonders half ich mir mit den Taten des verstorbenen Geheimrats Klotz, des Herrn M. Schirach, des Professors Hausen und des M. Träger, von welchen damals noch allerhand skandalöse Anekdötchen herum gingen. In unserem Hause ging es auch recht niedlich her. Da wohnte ein gewisser Z. aus Berlin, ein witziger, heller Kopf, aber ein Hans ohne Sorgen. Er ging beinahe in kein Kolleg, studierte aber doch fleißig für sich und lernte mehr als die Herren Heftenschmierer; er war vollkommen erfahren in der lateinischen, griechischen und deutschen Sprache. Also Z. war ein Ohnesorg und zog sich nicht eher an, als bis er ausgehen wollte, und er ging nur alle drei oder vier Tage einmal aus. Er saß da ohne Beinkleider in der warmen Stube und zeigte sich nicht selten in puris natura libus . Wenn nun ein Narr ist, so machen gleich ihrer zehn die Torheit nach, und so ging es auch hier: die Gewohnheit, sich nicht anzuziehen, riß im ganzen Semlerschen Hause ein, mich ausgenommen; denn an dieser Sauerei fand ich trotz meinen zotologischen Ideen doch keinen Geschmack. Semler selbst erfuhr es und ermahnte mich, diesem Unwesen Einhalt zu tun, und das Rauhe heraus zu kehren. Ich tat's zum Teil, aber die Hosen wurden noch nicht angezogen. Da schrieb uns Semler in lateinischer Sprache: er wundere sich sehr, wie Leute, die die Wissenschaft lernten und zum Teil sogar lehrten, so weit sich vergessen könnten, in seinem Hause den öffentlichen Anstand zu beleidigen, und den Dienstmädchen, ja zuweilen sogar seinen Töchtern Körperteile hinzuweisen, welche bessere Sitte verdeckt wissen wollte. Er müßte uns nur sagen, wenn der Skandal fortwährte, so würde er schlechterdings den Herrn Prorektor angehen und um unsere Wegschaffung aus seinem Hause anhalten usf. Das Briefchen tat seine Wirkung, doch nur halb; denn Z. zog sich, solange er da war, nämlich bis auf den Herbst 1783, wo er nach Jena ging, dennoch nicht mehr als zweimal die Woche über an. Fünfzehntes Kapitel. Ein Ausflug nach Jena. – Ein hochgeachteter Hund. – Lärmender Einzug in Jena. – Mein Roman »Baldrian Weitmaul«. – Ich verlasse daß Semlersche Haus. – Mein schlechtes gesellschaftliches Benehmen. – Wehe dem, über den die Weiber und die Gelehrten herfallen! – Das Kollegschinden der Studenten. – Schulden! – Mein Bruder hetzt meinen Vater gegen mich auf. – Dozentenelend. – Trotziger Brief nach Hause. – Krankheit. – Verzweifelte Stimmung. – Was soll ich tun? – Auf der Hauptwache in Halle. – Ich werde Soldat. Mein Freund Dambmann war nach Jena gezogen und hatte mich in seinen Briefen immer gebeten, ihn zu besuchen. Ich nahm mir also diese Reise vor und marschierte zu Anfang des Märzen 1783 zu Fuß nach Jena. Unterwegs verspielte ich aber mein ganzes Reisegeld bis auf 12 Groschen im Tippen; zudem fiel schlechtes Wetter ein, und ich mußte liegen bleiben und erst einen Boten an meinen Bruder in Halle schicken, daß er mir einige Taler Geld zukommen ließe. Er tat dies auch, schickte jedoch leider zugleich einen Studenten Stork mit, einen höchst liederlichen und rohen Menschen. Wir marschierten zusammen nach Naumburg, wo Stork mich in das »Sieb« führte. Am Abend ging ich auf den Ratskeller, Billard zu spielen, und kriegte mit einem Offizier Händel, aber bloß in Worten. Mein Spektakel hatte indessen doch Aufsehen gemacht und nach meiner Abreise dem Offizier Verdruß zugezogen. Im Grunde war er schuld daran; warum nannte er mich einen Bengel, da ich den Hund eines Frauenzimmers, für welches er Achtung haben mußte, getreten hatte? Am folgenden Tag kamen wir endlich nach Jena; wir hatten wegen des schlechten Wetters und weil Stork sich die Füße aufgegangen hatte, in Naumburg Pferde genommen. Stork ritt in Jena vorweg und rannte im vollsten Galopp vor das Haus, wo Dambmann wohnte; es war das des Protonotarius Hoffmann. Er schrie auf der Straße wie unsinnig: »Dambmann! Dambmann!« einmal übers andere, so daß die Leute an der Straße alle zum Fenster hinausguckten, den Menschen zu sehen, der so fürchterlich spektakeln konnte. Also wurde gleich in ganz Jena herum posaunt: der Magister Laukhard von Halle und ein hallischer Bursch seien eben angekommen, wären abscheulich betrunken – was doch nicht wahr war – und hätten einen fürchterlichen Skandal schon auf der Gasse angehoben. Ich logierte in Jena bei Herrn Dambmann; Stork trieb sich bei den Mosellanern herum und besoff sich alle Tage zweimal. Ich hatte in Halle schon angefangen, einen Roman zu schreiben, nämlich: »Leben und Taten des Herrn Magisters Baldrian Weitmaul.« »Magister Weitmaul« war der Spitzname eines Pfälzer Geistlichen, mit dem L. in der Heimat mancherlei Händel gehabt hatte. Ich habe sie in dieser Bearbeitung ausgelassen, da sie ein tieferes menschliches oder sittengeschichtliches Interesse nicht bieten, sondern in den Bereich des gewöhnlichen Klatsches gehören. P. In Jena arbeitete ich fleißig daran, webte noch jenaische Schnurren hinein und brachte ihn zustande. Sonst lebte ich in dem alten Nest sehr fidel und zog erst nach vier Wochen wieder ab. Semler ließ mich gleich den Tag nach meiner Rückkehr zu sich kommen und las mir die Leviten: er hatte von Jena aus Briefe erhalten, worin mein Benehmen eben nicht vorteilhaft geschildert war. Es hieß darin: der Magister Laukhard führe mit den Studenten auf allen Dörfern herum, läge auf den Mühlen, In Jena damals wie noch jetzt beliebte Kneipen, z. B. die »Rasenmühle«, »Oelmühle« usw. P. mache Kommerse mit, kurz, betrüge sich höchst unanständig. Semler machte mir, wie billig, ernstliche Vorwürfe, und ich Tor war empfindlich, aber nicht zu meiner Besserung; vielmehr beschloß ich, Semlers Haus zu verlassen, um mir die beständigen Vorwürfe zu ersparen. Herr Semler sah dies freilich gern. Ich mietete mich also ein in das Zaus des Buchbinders Münnich, und bat meinen Bruder, das liederliche Haus, den Hanauer Puff, zu verlassen und zu mir zu ziehen. Er tat es, und von dieser Zeit an kam ich höchst selten dahin. Dies benutzte Jungfer Christel und hing sich an einen anderen Studenten; sie kam aber hernach doch wieder zu mir, erhielt mir ihre Gunst, auch noch in der Zeit, da ich schon Soldat war, und bezeigte sich dann und wann recht zärtlich. Ihre Zärtlichkeit hat mich manchmal gefreut, manchmal belästigt, je nachdem ich gestimmt war. Ich wollte auf Ostern meine Vorlesungen anfangen und hatte die Anzeige davon gehörigen Ortes eingereicht. Zu gleicher Zeit hatte ein hiesiger Buchdrucker meinen Roman »Baldrian Weitmaul« der Zensur übergeben. Unglücklicherweise enthielt das Buch einige Stellen, die auf eine versteckte Art eben den Mann betrafen, dem es zur Zensur mitgeteilt war. Als Zensor strich er also diese Stellen und untersagte den Abdruck des Buches gänzlich. Er teilte mir diese Nachricht selbst mit, und als ich hierauf meine Handschrift in Schutz nehmen wollte, fügte er hinzu: er habe sie bei der Fakultät zirkulieren lassen, und die Vota der Herren Fakultisten gingen einstimmig dahin, den Abdruck zu verbieten, ja einige beständen sogar darauf, daß man mir das Kollegienlesen verbieten sollte – eben wegen meines Romans. Ich machte große Augen über diese Aeußerungen meines Herrn Zensors, aber noch größere, als er mir obendrein zu verstehen gab, in Halle wäre jetzt für mich nichts mehr zu machen, und ich würde wohl tun, wenn ich mich anderswohin begäbe. Ja, er fügte sogar hinzu: gleichwie die Schuster- und Schneiderzunft, wenn sie wollten, allen Pfuschern das Handwerk legen könnten, ebenso könnte es auch die Fakultät. Ich ärgerte mich häßlich über diese Parallele, kurz, wir debattierten nicht wenig. Daß es bei dieser Verhandlung dienstfertige Geister gab, die aus purer Menschenliebe Jagd auf Anekdoten über mich machten, um mich als schädlichen Menschen darzustellen, der sich zum Dozenten durchaus nicht schickte – das ist nicht nötig, erst zu erinnern. Freude war es mir aber und Genugtuung zum Teil, hintendrein zu erfahren, daß einige ansehnliche Männer sich meiner angenommen hatten, und man mir das Kollegienlesen fernerhin erlaubte, nachdem ich mich in einer Schutzschrift verteidigt und um die erwähnte Erlaubnis schriftlich angesucht hatte. Das erste halbe Jahr meiner öffentlichen Lesereien verging ruhig, wenn ich die Händel mit meinem Zensor ausnehme, die ich aber bald vergaß. Meine Sitten waren den Sommer über sehr gut, nämlich wie man Sitten von außen als sehr gut ansehen muß. Ich besuchte keine Kneipen, keine Dörfer, als nur höchst selten, und wo ich hinkam, ging wenigstens alles ehrbar zu, solange ich da war. Große Gesellschaften habe ich selten besucht und vornehme ganz und gar nicht. Einmal haßte ich allen Zwang, der in vornehmeren Zirkeln gewöhnlich ist, und war sodann in Halle zu wenig bekannt, als daß ich auch nur Eingang dazu hätte finden können. Meine Sitten waren obendrein zu roh und zu wenig abgehobelt, als daß ich hätte gefallen können. Der Burschenkomment macht keine feine Sitten, und ich hatte von jeher das Petimäterwesen gehaßt, konnte mich deshalb weder in die Komplimente, noch in die Gespräche der schönen Welt schicken; und so würde ich allerorten, wo ich zur feinen Welt gekommen wäre, das fünfte Rad am Wagen gewesen sein. – Ein hiesiges Frauenzimmer sagte mir einmal unter die Augen, daß ich in der feinen monde niemals mein fortune machen würde, weil mir das bel air fehlte. Aber statt über die richtige Bemerkung dieser Dame nachzudenken, fiel es mir auf, daß sie deutsch und französisch untereinander sprach. So geht es aber in der Welt: Man gewöhnt sich aus studentischem Heroismus einen ungeschliffenen Ton an und behält ihn hernach immer, weil man sich schämt, den einmal angenommenen Ton abzulegen, oder weil man keine Gelegenheit mehr hat, sich abzufeilen. Ich war von Jugend auf selten unter feinen Leuten gewesen. Vornehme hatte ich zwar mehrmals um mich gehabt und war mit solchen auch umgegangen; aber die waren entweder selbst nicht fein, oder zeigten damals, als ich mit ihnen umging, ihre Feinheit nicht; und wenn sie es auch getan hätten, so würde ich gelacht und ihre Gesellschaft vermieden haben. Tanzen konnte ich auch nur wenig und hatte es niemals ordentlich getrieben; daher besaß ich die Künste nicht, welche in Honoratioren-Klubs hauptsächlich empfehlen, und mußte immer hören, daß ich außer anderen Mängeln auch den der feinen Lebensart hätte. Und das mußte ich mir sogar von Mädchen sagen lassen, die ich wegen ihrer Lebensart und wegen ihres läppischen Wesens verachtete. Wehe dem, über den die Weiber und die Gelehrten erst herfallen!   Bewirtungen leichtfertiger Freunde, meine Reise nach Jena, meine Liebeleien, die Promotion, der Verlust des Honorars für meinen »Baldrian«, die Geldausgaben, um mich durch Zerstreuungen von dem Aerger über dieses und jenes zu erholen, nebst meiner Gutmütigkeit, einem jeden gern mitzuteilen, was ich hatte – das alles hatte mir Schulden zugezogen, zu deren Tilgung mein Wechsel nicht zureichte. Daß ich mit meinen Kollegien wenig werde verdient haben, versteht sich für mich als Anfänger schon von selbst. Einmal ist in Halle das Freirennen der Kollegien sehr gewöhnlich; da denken viele Studierende, das Geld könne in Lauchstädt, Leipzig, auf den Dörfern und beim Spiel besser angewandt werden, als zum Honorar für die Dozenten. Zudem war ich von jeher nachgiebig, und wer mich um etwas bat, dem konnte ich nichts abschlagen. Und so hatte ich von dreißig Zuhörern kaum zehn, die bezahlen wollten, und unter diesen zehn waren noch einige, die es hernach ganz und gar vergaßen. Ich glaube aber doch, wenn ich weiterhin bei der Universität geblieben wäre, daß ich in Zukunft bessere Einkünfte von Kollegien würde gehabt haben, weil ich mehr in Routine gekommen wäre und ohne Zweifel auch einige Künste gelernt hätte, wie man gutzahlende Zuhörer in sein Auditorium hineinlockt. Meine Schulden häuften sich also von Tag zu Tag, und ich sah weiter kein Mittel, mich zu retten, als auf das Versprechen meines Bruders zu rechnen, der meine Umstände kannte und wußte, wie mir zu helfen war. Dieser war im Herbst nach Hause abgegangen und hatte mir wie eidlich versprochen, gleich nach seiner Ankunft unseren Vater dahin zu bewegen, daß außer 40 Reichstalern zur Tilgung seiner Schulden ich noch 100 Reichstaler zur Tilgung der meinigen erhalten sollte. Wie er Wort gehalten habe, wollen wir gleich sehen, so leid es mir auch tut, meinen Bruder der Welt als einen schlechten Menschen darzustellen. Ich kann aber einmal nicht anders, es ist gar zu nötig zum Verständnis der folgenden Katastrophe. Mein Bruder war schon lange fort, ehe er oder der Vater schrieb; endlich schrieb der letztere, und sein Brief war – kalt. Er enthielt viel höfliche Vorwürfe und spielte auf Dinge an, welche ihm wohl niemand konnte berichtet haben, als eben mein Bruder. Doch fügte er hinzu, er würde mir noch einmal Geld schicken, ich sollte aber einen bessern Gebrauch davon machen, als von dem, das er mir sonst geschickt hätte; es wäre doch wahrlich einmal die höchste Zeit, klug zu werden. – Dieser Brief kränkte mich um so mehr, je wahrscheinlicher ich schließen konnte, daß meinem falschen Bruder ich das alles zu verdanken hatte. Um mir indes volles Licht zu verschaffen, schrieb ich erst meinem Bruder einen recht derben Brief, worin ich ihm sein Versprechen vorhielt und auf die Erfüllung desselbigen drang. Dann schrieb ich auch an einen anderen Freund und bat diesen, mir von meines Bruders Gesinnung gegen mich ehrliche Rechenschaft zu geben. Mein Freund antwortete bald, und bedauerte sehr, daß er mir einen Beitrag zu dem Beweise der Wahrheit liefern müsse, daß man sich auf seine Verwandten – die Eltern ausgenommen – nicht oder doch sehr selten verlassen dürfe. Er berichtete mir, daß mein Bruder gleich bei seiner Nachhausekunft vorgegeben habe, er habe auch nicht einen Kreuzer Schulden zu Halle hinterlassen. Nicht lange hernach wäre aber ein Brandbrief von einem hallischen Manichäer eingelaufen, und als jetzt der Vater den Bruder koramiert hätte, da habe dieser alle Schuld auf mich geschoben, abscheulich über meine Ausschweifungen geklagt, habe gesagt, daß ich alles den Mädchen hingäbe, daß ich alle Tage auf den Dörfern läge u. dgl. Nun sah ich deutlich, daß mein Bruder schuld an meines Vaters Kälte war. Ich ergrimmte in der Seele, um so mehr, da ich dem Menschen alle brüderliche Freundschaft erwiesen hatte. Kein Mensch kann es mir verargen, daß ich damals voll Tücke ward. Etwa acht Tage nach dem Empfang dieses Briefes kam auch einer von meinem Bruder. Da war nun der Ton gar mächtig anders geworden. Er schrieb mir steif und protzig: hier wären 40 Taler, seine Schulden zu bezahlen; ich sollte es nur sogleich tun, oder wenn ich es nicht täte, so sollte ich mich ja auf keine weitere Unterstützung von Haus aus verlassen. Auch wäre der Vater durch Briefe des D. Semler von meinen Ausschweifungen und unnötigen Geldausgaben unterrichtet; ich möchte also an ihn ja nicht schreiben. Dann sollte ich auch alle Briefe an ihn, den Bruder – die er aber sich selten ausbäte, wegen des großen Portos – unter der Adresse des Schulmeisters von Wendelsheim schicken, und was des läppischen Gesudels mehr war. Ich warf den Brief mit innigster Verachtung weg, erboste gewaltig und stieß gräßliche Verwünschungen aus. An jenem Tage wäre ich imstande gewesen, einen Mord zu begehen, wenn ich von jemandem grob wäre beleidigt worden. Um mich auf der Stelle zu rächen, griff ich die geschickten 40 Reichstaler an, kaufte mir Tuch zu einem Ueberrock und bezahlte meine drückendsten Schulden, so daß ich schon zwei Tage hernach keinen Pfennig mehr zu Händen hatte. Einiges Holz kaufte ich mir auch. Meine Manichäer hatten von diesem Gelde gehört und quälten mich nun auf rotwelsch, daß ich einige Male ungeduldig ward und die groben Kerls zur Tür hinaus schmiß. Die Kerls liefen nun hin zum Prorektor; allein da wurden sie mit dem alten Weidspruche abgewiesen: »Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.« Dieses mußte ich mir dann wieder sagen lassen und ärgerte mich nicht wenig. Indessen setzte ich doch meine gewöhnlichen Vorlesungen fleißig fort; da es mir aber an Holz fehlte, auch das Auditorium zu heizen, so verloren sich meine Zuhörer nach und nach. Die Studenten hatten sich zwar zum Holzgelde unterschrieben, allein nur wenige zahlten, und das bissel Holz, welches für das wenige Geld angeschafft werden konnte, war gar bald verbrannt. Was Wunder, wenn nun der eine Student – wie ich es selbst gehört habe – zum anderen sagte: »Gern ginge ich in Laukhards Reichshistorie, er gefällt mir besser als der ***; aber es ist zu kalt in seinem Kollegium, man möchte das Fieber kriegen«, und der andere dann replizierte: »Es ist schade, daß der Mann so in Not ist; hätt' ich Geld, ich kaufte ihm Holz.« Wie gesagt, ich hörte dies von ungefähr und hörte hintendrein noch eine weitläufige Beschreibung meiner fatalen Lage, welche durchaus wahr, aber desto schmerzhafter für mich war. Ich rannte nach Haus, als ich dies gehört hatte – ich hörte es auf der Straße, es war ungefähr den 6. Dezember 1783 – und schrieb einen äußerst heftigen Brief an meinen Vater, dem ich einen an meinen Bruder beischloß. Daß ich im letzteren schrecklich loszog, vermutet jeder. Ich bat um schleunige Antwort und setzte dazu den 21. Dezember fest. Würde ich in dieser Zeit keinen Brief erhalten und kein Geld, so müßte ich das Aeußerste wagen; es käme auf sie an, ob sie mich retten wollten oder nicht. – Bitten konnte ich nicht mehr, bloß trotzen und rasen. Solch abscheuliche Briefe sind noch niemals aus meiner Feder geflossen. – Früh schickte ich sie auf die Post und schien mir selbst ruhiger zu sein. Indessen ward ich krank und mußte einen Arzt haben. Der Chirurgus Noskovius hielt meine Krankheit für Faulfieber, aber er irrte. Ich mußte aber einen Arzt haben. Goldhagen kannte ich noch nicht; ich schickte also zu einem gewissen anderen Herrn und ließ ihn bitten, mich zu besuchen. Es hieß, er wäre nicht zu Hause; ich jagte die Aufwärterin in einem Tage wohl zehnmal hin, aber der Herr kam nicht. – – Das drückte mich beinahe ganz zu Boden; ich ließ mir also von Noskovius Arzenei vorschreiben. Den folgenden Tag kam der Student Dykershof, ein Westfälinger, zu mir, dem ich meine traurige Lage in Rücksicht meiner Gesundheit und der versagten Hilfe vorstellte. Er lief augenblicklich zum Herrn Goldhagen, und dieser große menschenfreundliche Arzt erschien ohne Verzug, gab mir Arzenei und erklärte meine Krankheit zwar für ein Fieber, aber für eine Art von hitzigem Fieber. – Im Bette blieb ich nicht lange und war bald imstande, zwei Lektionen auf meiner Stube zu halten, wozu ich meine Zuhörer einladen ließ. Einige Tage vor Weihnachten ging ich schon trotz dem Verbot des Herrn Goldhagen wieder aus und besuchte einige Bekannte im Semlerschen Hause. Das Fieber hatte mich zwar bald verlassen, aber meine Gesundheit war zerrüttet und meine ganze Munterkeit niedergeschlagen. Ich tröstete mich noch auf den letzten Posttag vor dem Feste; dann aber, wenn ich dann nichts erhielte, wußte ich wahrlich nicht, was ich ergreifen sollte. Ich gestehe, daß ich mir damals Glauben und rechten Heldenglauben an Vorsehung gewünscht habe, aber leider war Vorsehung für mich ein wahres Wunderding, und Wunderdinge hatte ich schon längst aus meinem Gehirn verbannt. Eine Frau Wilkin, welche mit den Studenten fleißig handelte und sie auf gut hallisch derb dafür prellte, war auch meine Geschäftsträgerin in der Not. Diese Frau hatte mir so nach und nach seit dem Abschiede meines Bruders meine beiden guten Kleider, meine Wäsche, kurz alles, was ich entbehren konnte, versetzt. In meiner Krankheit mußte sie wieder Rat schaffen, und jetzt verkaufte sie mein übriges rotes Kleid, mit Weste und Hosen, und brachte mir nur fünf Taler und einige Groschen. Aber was wollte ich machen? Ich mußte einmal so handeln. Dem Herrn Semler war ich schon sechs Taler schuldig, welche mein Vater erst im Februar des folgenden Jahres bezahlt hat. Und an wen sonst sollte ich mich wenden? Ich hatte ja keine Bekannten in Halle weiter, und die Erfahrung hat mich nachher noch belehrt, daß ich auch da würde umsonst gebeten haben, und in diesem Falle wäre mein Unmut in Raserei übergegangen. Ich überlegte in dieser Not, wie es wohl werden würde, wenn ich mich anderswohin begäbe? Allein wohin? Ich traute den Menschen einmal nicht mehr, weil ich Vater und Bruder nicht mehr traute; und wie sollte ich fortkommen? Ich hatte weder Wäsche noch ganze Stiefeln, und im Winter, der es war, mußte ich befürchten, unterwegs umzukommen! Der bestimmte Posttag kam heran, aber leider wieder kein Brief! Man versetze sich in meine Lage und bemesse danach den Drang und Sturm meiner Empfindungen. Abends durchlief ich alle Gassen, gleichsam außer mir, es war der heilige Abend vor Weihnachten! Köster begegnete mir und fragte, wie mir's ginge. Ich stieß ihn zurück, ohne zu antworten, und rannte weiter. Köster mir nach, und bat mich um Gottes willen, ihm meine Not oder den Grund meines Unwillens zu entdecken. Ich schwieg hartnäckig: er wiederholte seine Frage mehrmals, warum ich ihm nicht antworten wollte. »Weil du ein Schurke bist!« erwiderte ich endlich. Köster: Um Himmels willen, Bruder, sag', was ist dir? So spricht mein Laukhard nicht; so spricht ein böser Genius aus dir. Ich: Du bist ein Mensch. Alle Menschen sind Schurken. Also auch du. Hast du meinen Schluß verstanden? Geh! Köster: Ich lasse dich nicht gehen. Bruder, sag', wo du hin willst? Ich geh' mit, und wenn du zum Teufel gingst. Ich lasse dich so nicht gehen! Köster verfolgte mich, so sehr ich mich bemühte, auszureißen. Endlich fuhr ich in ein Loch, worin ich noch niemals gewesen war. Köster fuhr mir nach. Dieses für mich und meine Psychologie so merkwürdige Loch war eine Branntweinskneipe auf dem sogenannten Beckershofe zu Halle am Markt. Man nannte diese Kneipe gewöhnlich die »Knochenkammer« oder »Sankt Lukas' Residenz«. Es saßen Knoten, Soldaten und Menscher drin. Die Leute waren gewaltig lustig, tanzten, hüpften, spielten, taten schön und zeigten auch keine Spur von Gram oder Unmut. O wie beneidete ich diese Knoten und diese Soldaten! – Soldaten und vergnügt? – Und du Magister und so elend? – Soldaten! – Dieser Gedanke umfaßte meine ganze Seele, hallte anhaltend wider und vertiefte mich immer mehr in mich. – Köster forderte Branntwein, setzte sich, fing an, lateinisch zu sprechen, und drang jetzt dringender in mich, um die Ursache meines Kummers mir zu entlocken. Aber ich war stumm; es schwärmten dunkle Bilder in mir herum von dem, was ich tun wollte. So sehr auch Köster zudrang, so sehr verhärtete ich mich. Endlich sagte er: »Hör', Bruder, ich habe noch deine Particulas graecas ; vergib, daß ich sie noch habe.« »Es hat nichts zu sagen,« erwiderte ich, »wenn du jemanden weißt, der sie kaufen will, so gib sie hin und stelle mir das Geld zu. Weißt du aber keinen, so schicke sie mir morgen früh.« Köster fragte, ob ich sie ihm für den Pränumerationspreis, 1 Taler 14 Groschen, ablassen wollte. Ich hatte nichts dawider, und Köster lief den Augenblick nach Hause, um mir das Geld zu holen. Vielleicht war er auf den Gedanken gekommen, daß die höchste Geldnot der Grund meines Kummers sei. Er kam wieder, und wir verließen das liederliche Loch. Ich lief noch einigemal durch die Straßen, ging auch noch in eine Kneipe und kam gegen elf Uhr – aber ohne Trunkenheit – nach Hause. Vor lauter Aerger warf ich mein Bett auf den Fußboden und legte mich darauf. Aber meine Unruhe war zu groß, ich konnte nirgends bleiben, wußte auch nicht, wo ich war und was ich tat. Das war ein schrecklicher Zustand. Lachen konnte ich überlaut; alles, woran ich dachte, kam mir sehr lächerlich vor. Aber für den traurigsten Gedanken hatt' ich keine Empfindung. Früh war ich noch in Kleidern. Ich las in Tassos »Gierusalemme liberata« und las die äußerst rührende Stelle, wo Tancred sein Mädchen ermordet. Diese Stelle hatte mich mehrmals innigst gerührt, aber damals mußte ich überlaut dabei lachen. Ich ließ mich frisieren und lief sodann spornstreichs zur Christmette um sechs Uhr. Aus der Christmette lief ich, ohne zu wissen, wohin, zum Tor hinaus, zu dem Wirt in den »Pulverweiden«. Ich forderte Breuhahn, und die guten Leute wunderten sich, daß ich schon so früh Breuhahn trinken wollte. Hier saß ich nun fast drei Stunden, ehe ich recht zu mir kam, und untersuchte meine Empfindungen. Die gestrige Lustigkeit der Knoten und der Soldaten kam mir zuerst wieder in den Sinn, und da hob sich denn der Gedanke aus dem Gefühl der verwirrten Vorstellungen heraus, es wäre doch hübsch für dich, wenn du Soldat würdest! Dieser Gedanke schüttelte mich anfänglich freilich gewaltig zusammen, kam aber immer wieder und wieder, und ich ward endlich mit ihm vertrauter. Das war alles noch bloße Vorstellung, aber von nun an kam auch Ueberlegung dazu. Wenn du Soldat wirst, dachte ich, so bist du auf einmal von den hallischen Manichäern los, dann bist du auch an deinem Bruder und Vater gerächt – an deinem Vater? – deinem guten, biederen Vater? – O, man vergebe mir diesen tollen Gedanken und denke an meine Lage! – Und endlich findest du ohne Zweifel Mittel und Wege, dir ein ruhigeres Leben zu verschaffen. Ruhe, von welcher Art sie sein, welchen Aufwand sie auch kosten möchte, Ruhe schien mir damals bei der gewaltig anhaltenden Unruhe, worin ich schwebte, das höchste Gut auf Erden zu sein. Aber wo denn willst du Soldat werden? – Diese Frage löste sich bald auf. In Halle und an keinem andern Orte! In Halle bist du gekränkt, in Halle mußt du gerächt werden. – So kindisch rachsüchtig dachte ich damals in der Verwirrung.   In diesen Gedanken saß ich bis nachmittags um drei Uhr bei meinem Philosophen – so nannten wir damals den Wirt in den Pulverweiden. Er wollte immer mit mir reden, konnte aber wenig Worte von mir herauszerren; ich war zu sehr weg und bloß mit dem Gedanken, Soldat zu werden, beschäftigt. Ich kam gegen Abend in die Stadt zurück, ging in die »Knochenkammer«, nicht um zu trinken, sondern um frohe Leute aus der Klasse zu sehen, zu welcher ich von nun an gehören wollte. Ich sprach mit einigen, fragte sie, wie es ihnen ginge, und erhielt natürlich lauter befriedigende Antworten. Dieses machte meinen Entschluß immer fester. Nun war die Frage, an wen ich mich wenden sollte? Allein dazu, dacht' ich, sollte gleich früh Rat werden. Also verließ ich diesen Ort des lärmenden Vergnügens froh, so froh, wie ich seit einem Vierteljahre nicht gewesen war. Zum Ueberfluß besuchte ich noch einen Klub auf dem Ratskeller. Die Leute waren alle froh, mich wieder zu sehen, da sie mich schon seit so langer Zeit nicht mehr gesehen hatten. Ich war über alle Gewohnheit lustig, und dies kam dem Exschustermeister Michaelis so befremdend vor, daß er nach seiner Art Anmerkungen darüber machte. Man stutzte aber nicht wenig, als ich meinen Entschluß, Soldat zu werden, deutlich genug zu verstehen gab. Wir waren indes im Preußischen, und so widersprach keiner. – So weicht der Mensch dem Bürger, der Ernährer dem Zuchtmeister! Vom Ratskeller ging ich in das Haus, wo sonst mein Bruder gewohnt hatte, den Hanauer Puff. Hier wohnte die Cheminonin mit ihrem Manne, einem Soldaten von des damaligen Hauptmanns von Müffling Kompanie. Ich kannte diesen Cheminon und beschloß, ihm meine Absicht zu entdecken. Nachdem ich mehrere Gläser Schnaps – alles aus betäubender Lustigkeit – eingestürzt hatte, nahm ich ihn auf die Seite und bat ihn, doch ja dafür zu sorgen, daß ich ganz früh einen Hauptmann sprechen könnte, gleichviel welchen. Cheminon machte große Augen, als er von mir vernahm, daß ich Soldat werden wollte; er wollte es anfangs nicht einmal glauben und dachte, ich hätte ihn zum besten. Allein ich beteuerte ihm hoch und teuer, das sei mein Ernst, und so glaubte er's. Nun lobte er mir, wie natürlich, seinen eigenen Hauptmann, den Herrn von Müffling, und versprach mir, mich gleich am folgenden Morgen früh zu ihm zu begleiten. Ich blieb daher diese Nacht über in Cheminons Wohnung und soff mich voll in lauter Fuselbranntwein, den Madame Cheminon damals für Likör ausschenkte. Früh erinnerte ich den Cheminon an sein Versprechen; er war willig dazu, sagte mir aber, sein Hauptmann käme diesen Tag auf Wache, da könnte ich ihn auf der Hauptwache sprechen. Das war mir denn recht. Nachdem also die Wache aufgezogen war, ging ich mit Cheminon zum Hauptmann, dessen offenes Wesen mir gleich gefiel. Er war sehr gefällig, und wir redeten von allerlei, doch aber kam das Gespräch immer wieder auf mein Soldatwerden. Herr von Müffling hatte einen Band von der deutschen Uebersetzung des Polybius vor sich, worin er lesen wollte. Ich hatte auch viel von Polybius gelesen und war mit der Historie dieses Schriftstellers bekannt. Daher räsonnierten wir lange über die Kriegskunst der Alten, von welcher wir aber beide wenig verstanden. Der Leutnant von Drygalski war die dritte Person. Endlich kamen wir unserem Zwecke näher: wir kamen auf gewisse Punkte, welche mir Herr von Müffling zu erfüllen versprach. Einige davon sind freilich gehalten worden, aber – – –: doch ich enthalte mich aller Anmerkungen. Herr von Müffling bot mir 8 Louisdor Handgeld und drang in mich, daß ich jetzt gleich entweder ja sagen oder alles abbrechen sollte; und ich sagte – ja! So war ich also angeworben. Nun ließ der Hauptmann einschenken, was das Zeug hielt, und da ich die Schnurre noch von der vorigen Nacht im Kopfe hatte, so war es natürlich, daß ich derb besoffen ward. Ich ging nach der großen Wachtstube, machte mit allen Soldaten, die da waren, Brüderschaft, und war nun seelenfroh, daß ich Soldat war. Die Nacht über schlief ich in der großen Wachtstube, und zwar auf der Pritsche, obgleich Herr von Müffling mir in der Offiziersstube ein Bette hatte bereiten lassen. Sechzehntes Kapitel. Was die Hallenser sagten. – »Laukhard hin, Laukhard her«. – Mein erster Ausgang als Soldat. – Handgeld. – Mein Wirt Zutzel. – Eine Unteroffiziersseele. – Erstes Exerzieren. – Soldatenfreundschaften. – Soldatenehen. – Nebenverdienst. – Brief von meinem Vater. – Meine erste Revue. – Friedrich der Große. Man sollte denken, daß ich früh die Sachen anders als den vorigen Abend angesehen und mich derb über meinen unbesonnenen Schritt werde gekränkt haben. Das war aber nicht so; meine Stimmung hatte sich nicht geändert, und als ich erwachte, freute ich mich noch immer über das, was ich getan hatte. Das Grundgefühl von Rache, die Sehnsucht nach Ruhe, nebst der täuschenden Erwartung der Dinge, die jetzt alle kommen würden, unterhielten die Spannung meiner Seele und versetzten mich zu sehr außer mir, als daß ich meinen damaligen Zustand hätte nach der Wahrheit prüfen und wertigen können. Ich sprach mit dem Hauptmann so unbefangen, als wenn ich schon zehn Jahre bei den Soldaten gewesen wäre. Herr von Müffling freute sich über dies mein aufgeräumtes Wesen, und wiederholte mir sein Versprechen, daß ich es gut bei ihm haben sollte . Ich hatte schon am vorigen Abend auf Begehren des Hauptmanns einen Zettel an den Prorektor geschrieben und ihm berichtet, daß ich aus gewissen Gründen Soldat geworden wäre. Das war nun freilich unnötig, denn der Prorektor hat in solchen Dingen nichts zu verfügen. Der Hauptmann fragte mich, ob ich noch haben wollte, daß er den Zettel an Herrn Schulze abschicken sollte: ich bejahte es. und Zutzel, der Unteroffizier, mußte ihn hintragen. Herr Schulze ließ dem Hauptmann wieder sagen, daß er ihm zu mir gratuliere. Auf meine Frage, was Schulze für eine Miene gemacht habe, antwortete Zutzel, er habe gelacht und seiner Frau die Sache mit Lachen erzählt. Das ärgerte mich. Der Unbefangene findet aber freilich manches nicht so wichtig, als der Befangene – im Taumel. Wohl dem, der hierdurch allmählich ein Körnchen vom Salz der Weisheit einsammelt, um nichts wichtiger zu finden, als es – ist. Ich wurde noch auf der Hauptwache eingekleidet, und kam zu dem Unteroffizier Zutzel ins Quartier; das war am dritten Weihnachtstage 1783. Aber nun kam der Lärmen in der ganzen Stadt herum, und alle Straßen, alle Kirchen, alle vornehmen Zirkel und alle Puffkeller ertönten von der einzigen Nachricht: »Magister Laukhard ist Soldat geworden!« Man schrieb es gar weit und breit herum. Wer die Hallenser kennt, der weiß, daß das rechtes Wasser auf ihre Mühle war. Also war auch ich damals die Märe des Tages: viele Philister, Menscher und ander Grobzeug kamen vor das Haus, wo ich logierte, mich zu sehen und zu schauen, wie mir die Montur wohl stehen möchte. Ich ging diesen Tag einige Male aus, und jedesmal begleitete mich ein Haufen Jungen, Menscher, Studenten und Philister. Die Kinder sangen sogar: Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist ein Zottelbär. Andere: Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist kein Magister mehr. Und das alles sah und hörte Laukhard mit vieler Gleichmütigkeit. Wohl ihm, daß er Fassung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolierter Diogenes bei dem allen kalt zu bleiben! Gegen Mittag schickte mir Herr Schulze zwei Studenten und ließ mir sagen, wenn ich wieder los sein wollte und Mittel dazu angeben könnte, so wäre er bereit, alles für mich zu tun. Ich schrieb ihm einen lateinischen Brief, dankte ihm und bezeugte, daß das wohl nicht mehr gehen würde; wenn er aber mich befreien könnte, hätte ich nichts dawider. Ich wußte aber schon, daß dieses nicht mehr möglich war. Meine Bekannten und Freunde unter den Studenten, besonders einige meiner Landsleute, kamen häufig und mit Tränen in den Augen zu mir und baten mich, doch Himmel und Erde für meine Befreiung zu bewegen. Sie liefen mehrmals zum Hauptmann, und als dieser sich nicht so erklärte, wie sie wünschten, bombardierten sie den damaligen General des Regiments, den Fürsten Adolf von Anhalt-Bernburg. Dieser versprach den Studenten, um sich von ihnen loszumachen, daß er mich selbst vernehmen und dann resolvieren wolle, was rechtens wäre. Als ich diese Nachricht hörte, hatte ich genug und erklärte den Studenten, daß alle ihre Mühe verloren wäre; es würde bleiben, wie es wäre. Nachmittags schrieb mir auch Herr D. Semler einen großen lateinischen Brief, worin das edle Herz des guten Mannes auf eine sehr sichtbare Weise erschien. Ich hätte, schrieb er, dergleichen nicht unternehmen können, wenn ich nicht allen Glauben an die göttliche Vorsehung verloren hätte; dieser Glaube sei das höchste Gut des Menschen; man müsse ihn beibehalten, gesetzt auch, er wäre Vorurteil. Hätte ich mich in meinen üblen Umständen, die ihm nun recht gut bekannt wären, an ihn gewandt, so würde er wohl Wege zu meiner Beruhigung entweder selbst eingeschlagen oder mir doch gewiesen haben. Indessen sei das nun einmal nicht mehr zu ändern: auf ihn sollte ich mich immer verlassen, er würde mir immer Freund und Beistand sein. Am Ende ermahnte er mich, ja fleißig zu studieren, die Studien wären wahrer Balsam für Unglückliche. Semlers Brief rührte mich im Innern meiner Seele: ich kannte den Mann und wußte, daß seine Worte Realitäten bezeichneten. Den folgenden Tag – es war ein Sonnabend – war ich viel ruhiger: ich konnte über alles gehörig nachdenken, und wenn ich nun so meine vorige Lage mit der gegenwärtigen verglich, fand ich diese eben nicht sehr schlimm. Mein natürlicher Leichtsinn kam mir hier zustatten: ich legte alles auf die leichte Achsel. Es wird schon alles noch gut werden, dacht' ich, und wenn's nicht gut werden will, je nun, am Ende bleibt dir doch das Mittel übrig, welches keinem Menschen entsteht, das Pistol oder der Strick. Auch in dieser Vorstellung lag damals Beruhigung und etwas Angenehmes für mich. Die stoische Philosophie ist wahrlich kein dummes System: und der Mensch, welcher sich mit ihren Grundsätzen vertraut macht, kann unmöglich verzweifeln. Denn was die Moralisten, besonders die Pfaffen, sagen: Selbstmord sei allemal Verzweiflung, ist mit der gnädigen Erlaubnis dieser Herren so wenig wahr, als er allemal Kleinmut oder Verbrechen ist. Doch was hilft hier Disputieren! Wem es wohlgeht, der erschießt oder erhängt sich nicht; und wem es so übel geht, daß er's tut, dem ist's zu verzeihen: er geht mehr mechanisch als moralisch zu Werke. Und darum hob Friedrich der Große die schändlichen Strafen dafür auch auf. Sonntags früh wurde ich zum Fürsten von Anhalt geführt: er bewies mir in Form Rechtens, daß ich mich wirklich hatte anwerben lassen und folglich Soldat bleiben müsse. Er sprach mir noch allerhand Trost zu, der aber bei mir nicht anschlug: man legte mir ohne weitere Komplimente den Soldateneid vor, und ich schwor ihn. Und so war mein Herr Soldat völlig fertig. Mein Handgeld wollte mir der Hauptmann zwar übergeben, doch stellte er mir vor, daß ich besser täte, wenn ich's in seinen Händen ließe; ich würde sonst darum geprellt werden. Er hatte recht: auf der Revue 1787 hatte ich noch einen Rest davon. Freilich mußte ich jedesmal, wenn ich etwas haben wollte, mein eigen Geld gleichsam herausbetteln, wenigstens genau angeben, wozu ich es haben wollte: allein da dieses Benehmen des Herrn von Müffling zu meinem Nutzen abzweckte, so hat es mich niemals verdrossen, so empfindlich es mir sonst ist, wenn man mir unrecht tut. Der Hauptmann wollte mich zu Cheminon ins Quartier legen: allein da Zutzel mir anfänglich nicht übel gefallen hatte und ich bei Cheminon nicht gern sein wollte, weil immer Studenten hinkamen, so bat ich Herrn von Müffling, mich bei Zutzeln zu belassen. In der hallischen Garnison liegen gemeiniglich zwei unverheiratete Soldaten bei einem Verheirateten, der ihnen Holz, Licht und Bette geben muß, dafür aber den königlichen Servis, d. i. die Miete, zieht. Es steht den Verheirateten frei, sich nach Gefallen einzumieten, und da diesen das Wohlfeilste das Beste ist und sie folglich sehr schlechte Wohnungen mieten, so ergibt sich von selbst, daß manche Inkonvenienz bei diesen Quartieren vorfällt. In Magdeburg ist die Einquartierung besser; der ledige Soldat liegt da bloß beim Bürger. Ich schaffte mir nun alles an, was der Soldat so an Kleinigkeiten haben muß. Bürsten, Haarwachs, Kreide, Ton, Puder und andere Kleinigkeiten, welche zur sogenannten Propretät erfordert werden. Meine Gewehrssachen habe ich immer von andern rein machen lassen, wenn ich nämlich nicht für gut fand, es selbst zu tun. Mein Wirt, der Unteroffizier Zutzel, war ein äußerst schnurriger Mensch, von hämischem Charakter, der sich so recht freute, wenn er jemandem einen Stein stoßen konnte. Ich muß ihn etwas näher beschreiben, vorher aber anmerken, daß die meisten Unteroffiziere, die ich habe kennen lernen, preußische sowohl als andere, eine große Aehnlichkeit mit den Verschnittenen haben, welche die Weiber im Orient bewachen müssen. Da sie, wie diese, ihren Vorgesetzten auf eine ganz vorzügliche Art, und noch unendlich mehr, als der gemeine Bursche, unterworfen und gehorsam sein müssen, auch sehr oft mißhandelt und belastet werden, so suchen sie ihren Unmut und ihre beleidigte Eigenliebe an den Soldaten auszuüben, wie jene an den Weibern; werden aber auch nicht selten von den pfiffigen Burschen angeführt, wie die schwarzen Kastraten von ihrem intriganten Frauenzimmer. Dies nebenher. Zutzel mit seiner Eheliebsten war sehr fromm, das heißt, er las alle Tage in einer alten dicken Postille und ging alle Sonntage regelmäßig zur Kirche. Vom lieben allmächtigen Gott wußte Zutzel sehr viel zu reden, wie auch vom frommen Könige und Propheten David, vom lieben Gebet und andern dergleichen Dingen. Bei jeder Gelegenheit kam so was Gesalbtes vor, aber man denke ja nicht, daß dieser Mensch nicht auch geflucht habe. Es gibt wohl keinen Bootsknecht bei der ostindischen Kompanie, der besser fluchen und schwüren konnte, als Freund Zutzel; Beten und Fluchen war bei ihm in einem Odem. Bei diesen Tugenden besaß er, wie manche seinesgleichen, eine große Fertigkeit im Branntweinsaufen, den er sich jedesmal selbst holte und mit seiner Eheliebsten – welche ein ganzes Nößel doch immer noch ein Tröpfchen nannte – in bona pace verzehrte. Nichts war possierlicher anzusehen, als wenn Freund Zutzel da saß mit dem Seitengewehr und einen blauen Mantel um hatte, eine schwarze Pudelmütze auf dem Kopf, die Brille auf der Nase, die Schnapspulle vor sich, und so Strümpfe stopfte oder strickte, welches beides er aus dem Fundament verstand. Die Madame Zutzel war ordentlich gemacht, einen Mann unter die Erde zu bringen, wenn er weniger unempfindlich gewesen wäre, als der ihrige. Einer war ihr schon davon gelaufen: darauf war sie geschieden worden, und so hatte sie Freund Zutzel genommen. Den ganzen langen Tag nörgelte sie, besonders wenn sie besoffen war, zankte mit ihrem Mann und ihren Soldaten, und wenn sie nichts zu zanken hatte, so schlug sie ihren Hund Perl oder ihre Katze Minette. In diesem Quartier lag ich nun! Ich fing gleich, wie es sich von selbst versteht, an zu exerzieren, und zwar in Zutzels Stube. Freilich lernte ich nicht schnell: teils war ich des Dinges nicht gewohnt, teils dachte ich, Zeit genug zu haben, diese große Kunst zu erlernen, welche hauptsächlich in der gleichmäßigen Fertigkeit und Akkuratesse besteht und vom dümmsten Bauernjungen begriffen wird. Daß ich nun nicht flugs lernte, ärgerte meinen Zutzel, und er klagte mich beim Hauptmann als einen Menschen an, der viel zu dumm und zu tückisch zum Exerzieren sei. Herr von Müffling verschwieg mir das nicht, und ich konnte mich nicht besser rechtfertigen, als wenn ich fleißiger und aufmerksamer ward. Das wurde ich, und Zutzels Klagen von dieser Seite fielen weg. Freund Zutzel war gewohnt, mit den Rekruten, die er übte, umsonst zu frühstücken. Einige Zeit über ließ ich mir das gefallen: allein da er gar anfing, zu fordern, wies ich ihn ab und trank meinen Schnaps für mich allein. Das verdroß ihn häßlich. Da er nun sah, daß ich oft mit anderen Kameraden zur Frau Buchin oder auf die Bäckerherberge ging, so beschrieb er mich dem Hauptmann als einen Trunkenbold, der täglich in den Kneipen säße, sich voll söffe und sich von anderen prellen ließe. Der Hauptmann ließ dieses Vorgeben durch den Feldwebel untersuchen, und, da er keine Exzesse fand, schwieg er. Mit meinen Kameraden lebte ich in gutem Vernehmen, und gleich wie ich ehedem mir den Burschenkomment bald eigen machte, so lernte ich auch in kurzer Zeit jetzt den Soldatenkomment, der aber freilich, weil manches dahin Gehörige versteckt ausgeführt werden muß, weit schwerer in seiner Theorie und Praxis ist, als der der Burschen. Meine Leser kennen mich schon so viel, daß sie mir ohne Mühe glauben werden, wenn ich ihnen sage, daß ich die Soldatenkneipen fleißig besucht habe, namentlich die »Preußische Krone«, die »Kutsche«, die Frau Buchin – ja auch manches Mal die »Knochenkammer« und Meister Philipp Schauffert. Wo soll der Soldat auch sonst hingehen? Daß mir diese Gesellschaften baß behagten, ist keinem Zweifel unterworfen. Sie hatten die meiste Aehnlichkeit mit dem Gießener Burschenkomment, an den ich einmal gewöhnt gewesen war. Zudem hatten meine Kameraden von der ganzen Garnison alle mich gern um sich und begegneten mir mit einer gewissen Distinktion. Wer ist aber nicht gerne bei seinesgleichen, wenn er mit einiger Auszeichnung behandelt wird! Jeder Soldat, den ich »du« hieß, rechnete es sich zur Ehre, der Duzbruder eines gewesenen Magisters zu sein. Außerdem ist auch die Lebensart unserer Soldaten bei weitem so rüde und roh nicht, als sich mancher wohl vorstellt, der sie weniger genau kennt. Freilich werden die Soldatengesellschaften ekelhaft und fatal, wenn die »Exerzierzeit« Diese Exerzierzeit dauerte jährlich nur etwa zwei Monate. L. ist und die Landbeurlaubten sich in der Garnison einfinden. Diese sind meistens Bauern, Bergleute oder Tagelöhner, und haben neben ihrer angeerbten Grobheit und Ungeschliffenheit auch noch einen hohen Grad von dummem Stolz und Impertinenz, wodurch ihr Umgang höchst abgeschmackt ausfällt. In Rücksicht der Liebschaften ahmen unsere Soldaten den jenischen Studenten nach: denn gleich wie diese alle ihre Scharmanten haben, so haben unsere Leute, die Ledigen, auch fast alle ihre Liebchen . Was das aber auch immer für welche sind, läßt sich leicht denken. Herr von Müffling moralisierte einst über diese Kreaturen und schloß seine Rede mit folgendem Urteil, welches sich durchaus auf Erfahrung gründet und sehr wahr ist: So geht's aber, wenn die Beester das halbe Land ausgehurt haben, dünken sie sich doch noch für einen Soldaten gut genug und mehr als zu gut zu sein. Einen Achtgroschenmann , denken sie, kriegen wir noch immer.« Wenn ein Soldat heiratete und sich also eigenen Haushalt einrichtete, bekam er keine Naturalien, sondern täglich 8 g. Gr. Geld; daher der Name »Achtgroschenmann«. Eine ähnliche Bezeichnung hat sich noch jetzt in Berlin erhalten: Die Kriminalpolizei bezahlt für Auskünfte über gesuchte Verbrecher, Denunziationen u. dgl. jedesmal eine Reichsmark (nach altem Berliner Sprachgebrauch »acht Jute«). Die Ueberbringer solcher Nachrichten, meistens Zuhälter und ähnliches Gesindel, heißen in ihren Kreisen daher »Achtgroschenjungen«. P . Die Mädchen, welche von den Soldaten karessiert werden, sind größtenteils aus der niedrigsten Klasse und von der schlechtesten Lebensführung – Soldatentöchter gemeiniglich, die da denken, sie müßten in der Freundschaft bleiben. Ihre Liebschaften spinnen sie meistens auf der Straße oder in den Kneipen an. In den Soldatenkneipen nämlich wird fast täglich musiziert, freilich höchst elend, aber es kann doch danach getanzt werden, oder mit anderen Worten, man kann doch nach dem Takt Bocksprünge machen, und das ist für den Geschmack der besagten Nymphen genug. Was für Folgen von daher auf die Gesundheit der Soldaten entstehen, kann man daraus abnehmen, daß die Herren Feldscherer zuweilen eine gewisse Besichtigung vornehmen müssen, die von den Soldaten Schw–visitation genannt wird. Dennoch ist der Soldat oft froh, wenn er mit so einer Kreatur zusammen kommen kann: sie sorgt nicht nur für seine tierischen Bedürfnisse, sondern nährt ihn oft noch obendrein; denn der Soldat läßt sich für seine Aufwartung belohnen, und das Mädchen muß losziehen, wenn es will, daß ihr Galan Stich halte. Daher kommt es auch, daß viele Menschen ihre Kleider im Fall der Not versaufen oder versetzen und ihren Burschen, oft auch einem Herrn Offizier, aushelfen; besonders ist das bei alten verschabten, abgenutzten Dirnen der Fall. Reich fließt diesen freilich ihr Verdienst nicht zu: vor acht Jahren hörte ich gar einen Professor seinem Bedienten auftragen, daß er ihm ein Mädchen schaffen solle; aber ja nicht höher als 18 Pfennig. – Für dieses aes parvum , das der geizige Mann jedoch öfters ausgab, hat er endlich seine Gesundheit ruiniert, sich überall Körbe zubereitet u. dgl. Aber so geht's! Aber was wird denn nun endlich aus dergleichen Kommers der Soldaten und ihrer Liebchen? Je nun, wie's kömmt! Sehr oft werden die Leutchen getraut und leben hernach, so gut sie können, wie Mann und Frau. Daß die meisten dieser Ehen sehr unglücklich, größtenteils kinderlos und selbst dann, wenn Kinder daher kommen, für den Staat wegen der notwendig schlechten Kinderzucht von gar geringem Nutzen sind, läßt sich ohne große Untersuchung abnehmen. Der Soldat, welcher so heiratet, tut doch für sich eben nicht unrecht. Soll er denn ewig im Quartier bei anderen liegen, wo er gleichsam wie im Gefängnis sitzen muß? Lieber nimmt er sich eine Frau, wie er sie kriegen kann, und dann ist er doch gewissermaßen sein eigener Herr; auch gibt es ja einige, obgleich seltenere Ausnahmen, und es gerät wohl einer an ein ehrliches Mädchen. In solchen Kommerschen, wo getanzt und lustig gelebt wurde, befand ich mich öfters und war allemal froh, wenn ich mich da mit einigen unterhalten konnte, die nach meinem Geschmack waren. Man kann wirklich mehr nach Geschmack seine Kameraden bei den Soldaten wählen, als bei den Studenten; wer mir dort nicht gefällt, den lasse ich gehen, aber bei den Studenten geht dies gewisser Verhältnisse wegen nicht allemal an, vorzüglich, wenn man mit Landsleuten oder Ordensbrüdern umgeben ist. Ich hatte besonders mit einigen Franzosen, die ihre Sprache gut redeten, Umgang, und da ich seit sehr langer Zeit nicht mehr französisch zu sprechen Gelegenheit gehabt hatte, so war es mir lieb, mir bei ihnen die verlorene Fertigkeit im Reden wieder zu verschaffen. Daß ich auch bei den Soldaten ein Fuchs war und als Fuchs geprellt worden bin, läßt sich leicht abnehmen. Oft mußte ich für meine Mitkonsorten die Zeche bezahlen, bald ihnen Geld borgen, das ich niemals wieder bekam, bald mich sonst anführen lassen. Allein das ist einmal nicht anders; Füchse müssen geprellt sein, und unter dem Militär gibt es ebenso Pfiffige, ja noch viel Pfiffigere, als unter den Studenten. Das deutsche Sprichwort »Jung gewöhnt, alt getan« ist sehr gegründet. Ich war von Jugend auf ans Trinken gewöhnt und hatte hernach diese schöne Gewohnheit so fortgesetzt, daß ich zwar dann und wann einige Pausen, selbst recht lange Pausen, machte, aber doch immer wieder zur alten Unart zurückkehrte. Als ich Soldat ward, faßte ich den festen Vorsatz, nur nach Notdurft zu trinken und dem Saufen gänzlich zu entsagen. Ich blieb diesem Vorsatz auch eine Zeitlang getreu, und konnte wenigstens schon Monate zählen, daß ich nicht betrunken war. Allein was nutzen alle guten Vorsätze, wenn die Neigung aus Gewohnheit uns schon verdorben und verhunzt hat! Ich ging, wenn mich einer aufforderte, schließlich doch mit; denn wohin folgte ich nicht gern, wenn mich ein Trinkbruder einlud? Und Ehrgefühl, – du lieber Gott! Gießen und Ehrgefühl, – überhaupt Universität und Delikatesse! So kam ich denn wieder in berüchtigte Kneipen, z. B. in die »Halle«, wo damals ein scheußlicher, jetzt ausgestorbener Puff war, und in andere Oerter der schmutzigen Freude, wie »Brunos Warte«, in Halle die »Braune Schwarte« genannt. Ich blieb dabei über Urlaub aus, bekam auch Händel, und wurde mehrere Male mit Arrest bestraft, einmal sogar zwölf Stunden lang krumm geschlossen. Trotzdem war und blieb mein Hauptmann, Herr von Müffling, gut zu mir: er vertraute mir, bald nach meiner Aufnahme bei seiner Kompanie, den Unterricht seines ältesten Sohnes in der französischen Sprache an. Er wußte, daß ich schon damals auf wohlfeilerem Fuß als die gewöhnlichen Sprachmeister unterrichtete, und gab mir doch, so sehr ich auch widersprach, ebensoviel, als einem ordentlichen privilegierten Universitätssprachmeister und Lektor gegeben wird. Die Frau von Müffling, eine Dame, die alle Ehrfurcht verdient und die die Menschenliebe und Leutseligkeit selbst ist, behandelte mich besonders gütig. Sehr ungerecht würde ich sein, wenn ich überhaupt es nicht öffentlich rühmen wollte, daß auch die übrigen Häupter der Kompanie mich jederzeit gut und gewissermaßen mit Distinktion behandelt haben. Freilich mußte ich die Exerzitien lernen: allein da dies auf sehr verschiedene Art geschehen kann, so war es ein Glück für mich, daß man viel Geduld mit mir hatte. Damals lebte der große König noch, und der Grundsatz, daß derbe Hiebe gute Exerziermeister wären, war ein Lieblingsgrundsatz des damaligen Inspektors der Magdeburger Brigade, des Generalleutnants von Saldern, bei dessen Namen unsere alten Krieger noch zittern. Aber dieser Grundsatz wurde bei mir nicht angewandt, und kein Offizier hat mir jemals Hiebe angeboten, viel weniger gegeben oder geben lassen. Das verdient meinen Dank! Mein Vater lag mir, wie billig, gleich vom Anfang meiner neuen Lebensart, stark im Sinne. Was wird der ehrliche Alte empfinden und sagen, wenn er erfährt, daß nun alles an dir auf einmal, ohne alle Hoffnung, verloren ist? Dieser Gedanke fuhr mir immer durch Kopf und Herz und vergällte mir jeden Augenblick. Um dieser Qual los zu werden, bat ich den D. Semler schriftlich – denn persönlich wollte ich den ehrwürdigen Mann in meiner Soldatenuniform nicht angehen –, er möchte suchen, meinem Vater meinen Schritt zum Soldatenstande auf die glimpflichste Art beizubringen. Der gute Mann antwortete mir, das sei schon geschehen: er hoffe, mein Vater würde mich mehr bedauern, als über mich zürnen. Der Hauptmann hatte auch schon geschrieben, allein lange erschien keine Antwort. Endlich kam ein Brief an Herrn von Müffling in sehr gemäßigtem und gesetztem Ton: Er kenne, schrieb er, das menschliche Herz, und mein Schritt käme ihm, da er meine Sitten, meine Denkungsart und meinen Leichtsinn auch kenne, gar nicht fremd vor. Er vergäbe mir von Herzen meine Verirrungen, sogar den letzten desperaten Schritt, so sehr er ihn sonst schmerzte. »Ich wünschte,« fuhr er fort, »einen recht langen Brief von meinem Sohn zu lesen, und bitte Ew. Hochwohlgeboren, ihn denselben in Ihrer Gegenwart oder in Gegenwart eines anderen braven Mannes schreiben zu lassen, damit er gerade so schreibe, wie es ihm ums Herz ist, ohne lange herumsinnen und künsteln zu können: ich möchte gern aus dem Briefe sehen, wie er jetzt wohl denkt.« – Ich schrieb diesem gemäß in der Stube des Herrn von Müffling an meinen Vater, und dieser Brief besänftigte ihn so, daß alle seine folgenden Briefe an mich, an den Hauptmann und an den D. Semler auch nicht die geringste Spur von Vorwürfen oder Unwillen enthielten. Meinem Bruder schrieb ich auch, jedoch in galligbitterem Ton: er antwortete mir nicht. Die erste Exerzierzeit Die Exerzierzeit ist die Zeit, wo das vollständige Regiment wöchentlich fünfmal auf dem Felde exerziert wird. Unter Friedrichs II. Regierung dauerte sie gewöhnlich zwei Monate; König Friedrich Wilhelm II. hat sie abgekürzt. L. ist mir, wie jedem Soldaten, beschwerlich gefallen: allein ich überstand sie, und die folgenden Exerzierzeiten sind mir immer leichter geworden. Es fiel mir oft der Gedanke dabei ein, ob die Verdammten in der Hölle, welche doch nach der erbaulichen Lehre der orthodoxen Buchstabenkirche ewig gepeinigt werden sollen, nicht allen Sinn für Qual und Not und Angst verlieren und alle Feuer- und Schwefelpfühle, alle Haken des Satans und dergleichen nicht für Kleinigkeiten halten werden? Die Gewohnheit vermag doch gewaltig viel. Im Mai 1784 machte ich meine erste Revue bei Magdeburg und sah da den großen König zum erstenmal. Sein Anblick erschütterte mich durch und durch: ich hatte nur Auge und Sinn bloß für Ihn! Auf Ihn war ich und alles konzentriert! viele tausend Persönlichkeiten in eine einzige umgeschmolzen! Ein Heer, eine Handlung! – Mit seinen Taten war ich schon bekannt durch Bücher und Erzählungen. Es ist wahrlich etwas Göttliches, einen so großen Mann zu sehen. Der Gedanke, daß man zu Ihm mit gehöre, erhebt zum Olymp hinauf! Siebzehntes Kapitel Meine Unterrichtsstunden. – Brotneid. – Privatstudien im Tertullian. – Bartolini. – Die Herbstmanöver. – Bemühungen meines Vaters um meinen Abschied. – Unsere Geheimschrift. – Urlaubspläne. – Böse Manichäer. – Wanderung nach der Pfalz. – Neujahrsbräuche. – Aberglaube eines Weimarschen Herzogs. – Herder und die Pfaffen. – Wiedersehen in Jena. – Ein deutscher Professor und seine Laufbahn. – Vornehme Reisegesellschaft. – Junker Karl. – Empfang in Gießen. Ich hatte schon vor der Revue einige Studenten zu unterrichten im Lateinischen und Französischen; nach und nach erhielt ich mehrere. Als ich von der Revue zurückkam, nahm ich Stadturlaub, das heißt, ich ließ das Traktament dem Kapitän, tat keine Wachen und konnte daher meine Lehrstunden nach mehr Ordnung und Bequemlichkeit abwarten. Dies nötigte mich aber, meine Sachen so einzurichten, daß ich von meinem Verdienst bei Studenten leben konnte, welches an einem Orte wie Halle, wo so ziemlich alles teuer ist, und bei einer bloß von Studenten abhängenden Lebensart, etwas schwer fällt. Ich kann indessen nicht sagen, daß es mir jemals an Scholaren gefehlt habe; meine Stunden waren so ziemlich besetzt, würden es aber nicht gewesen sein, wenn ich soviel dafür hätte nehmen wollen, wie die gewöhnlichen Sprachmeister. Daß ich das nicht tat, kann man mir im geringsten nicht verdenken; ich konnte ja meine Lektionen ganz und gar umsonst geben und folglich auch so wohlfeil, als ich dies für mich und meine Kundschaft für gut fand. Wie es indes zu gehen pflegt, daß das Handwerk neidet, so war es auch hier. Ein italienischer Sprachlehrer setzte meine Lektionen überall herab, bloß darum, weil ich mir ja nur zwei Groschen für die Stunde geben ließe. – Ebenso machten es einige andere dieser Herren; ich ließ sie aber machen und versah meine Scholaren, so gut ich konnte. Für mich selbst studierte ich nach Semlers Rat in Tertullians Werken, aus welchen ich die dogmatischen Stellen auszeichnen sollte. Es ist gewiß sehr seltsam, daß ein Soldat den alten Knaster liest, und noch seltsamer, daß er ihn liest, um die Historie der sogenannten heiligen Lehren und Fratzen dadurch aufzuhellen. Dogmatische Stellen zog ich viele heraus, die ich ordnete und Semlern hernach vorzeigte; er war damit zufrieden und riet mir, fortzufahren. Weil es aber eine Holzmacherarbeit ist, den Tertullian so zu lesen, mir auch das Ding weiter keinen Nutzen brachte, so gab ich diese Arbeit auf. Um diese Zeit fing ich auch an, Romane und Komödien zu lesen; ich hatte zwar schon vorher dergleichen Sächelchen in Händen gehabt, sowohl französische wie deutsche, aber niemals war ich erpicht darauf, und ward es erst im Jahre 1784 und blieb es lange Zeit. Anfangs durchblätterte ich sie nur so, dann las ich sie mit Behagen, und endlich verschlang ich sie gar. Dies ging so weit, daß ich zuletzt nicht mehr imstande war, zwei Stunden nacheinander bei einem ernsthaften Buche auszuhalten. Ich legte mich um diese Zeit auch stärker als sonst auf die italienische Sprache. Es kam damals, als ich ungefähr ein halbes Jahr beim Regiment war, ein gewisser Italiener hierher, namens Bartolini, der sich für adlig ausgab. Der Mensch hatte sich im Reiche anwerben lassen und kam so zum hallischen Regiment; er ist schon vor zwei Jahren wieder fortgelaufen. Er hatte in seiner Jugend bei den Jesuiten studiert und echte jesuitische Grundsätze eingesogen, auch echtes jesuitisches Latein. Sonst war er ein ganz guter Mensch und mir besonders zugetan. Da er sah, daß ich seine Muttersprache liebte, so gab er sich Mühe, mich in derselben weiter zu bringen, und sprach, wenn wir beisammen waren, beständig italienisch mit mir. Seine Schicksale hat er mir oft erzählt, wie er den Venedigern, Franzosen und Spaniern gedient habe, wie er als Schnurrant durch ganz Italien, die Schweiz und Deutschland gereist sei, in Heidelberg, Gießen und Göttingen Kollegia gehört habe usw. Er war ein wahrer Aventurier, dessen Umgang allemal unterhaltend war, ob er gleich jene Wissenschaften bei weitem nicht besaß, die er zu besitzen vorgab. Er gab hier in seiner Sprache Unterricht und ernährte sich ganz ordentlich. Unser gemeinschaftlicher Broterwerb verband uns noch genauer, besonders da wir niemals in Kollision kamen, indem er ganz andere Lektionen gab als ich. Allein für mich hatte Bartolinis Umgang eben nicht die besten Folgen. Freund Bartolini war stark an die geistigen Getränke gewöhnt und trank den Branntwein wie Wasser. Ich habe ihn mehrmals drei bis vier Nößel oder zwei Kannen binnen sechs Stunden trinken sehen, ohne daß er stark wäre besoffen worden. Wollte ich also seinen Umgang recht genießen, so mußte ich die Schnapskneipen auch besuchen, die er besuchte, mußte mich oft halbe Tage lang hinsetzen und beim kleinen Glas philosophieren. Ein gewisser Stantke, welcher ebenfalls post varios casus unter die Soldaten gekommen war und sich von Gelegenheitsdichterei und Kollegienrepetieren mit Juristen nährte, schloß sich auch an uns an; er machte sich aber durch sein übertriebenes Saufen sogar zum Kinderspott, so daß wir ihn von unseren Gelagen entfernten. Unter dem verstorbenen König mußte sich die Magdeburgische Brigade jährlich im Oktober in Magdeburg versammeln, und da manövrieren. Der König wohnte diesem Manöver nicht bei, sondern der Gouverneur von Magdeburg, General Saldern, mußte die Regimenter drei Tage nacheinander exerzieren lassen. Daß dergleichen Marsch im Herbste nicht allein sehr beschwerlich, sondern auch für den armen Soldaten, der dabei alle gesparte Habe zusetzte, ein wahrer Ruin war, ist gewiß. Ich habe drei solche Manöver in Magdeburg mitgemacht, und allemal ist meine Kleidung von dem üblen Wetter verdorben und meine kleine Kasse rein ausgeleert worden. Die Revue im Frühling ist nicht so beschwerlich. Der jetzige König hat aber unter anderen für uns Soldaten vorteilhaften Aenderungen auch die getroffen, daß das Hallische Regiment seine Herbstübungen jetzt bei Halle macht, und nicht mehr nach Magdeburg zu marschieren braucht. Man will auch sagen, daß in Zukunft die Revue nur alle drei Jahre gehalten werden solle. Das wäre eine herrliche Anstalt und ein wahrer Vorteil für den armen Soldaten. Man könnte zwar einwenden, eine beständige Uebung sei eigentlich die Seele des Soldatenstandes. Allein wenn nur die Offiziere, Unteroffiziere und etwa die Hälfte der Soldaten den Dienst pünktlich versehen, so hat es für das Ganze keine Not. Mein Vater schrieb mir fleißig, wenigstens hatte ich alle zwei Monate einen recht langen Brief von ihm, worin er sogar über Dinge schrieb, welche in die Gelehrsamkeit einschlugen; von meinem tückischen Bruder konnte ich aber keine Zeile herauszwingen, so sehr ich ihn auch darum bat. Ich hatte ihn einmal seiner Meinung nach beleidigt, und das vergab er mir auf echt levitisch nicht mehr. Mein guter Vater bemühte sich auch recht ernstlich, mich vom Soldatenstande loszumachen; er schrieb an den General Leipziger, sogar an den Herzog von Braunschweig, aber alles war umsonst; ich selbst wünschte es nicht einmal im Ernst. Meines Vaters wegen wäre ich freilich gern los gewesen; aber wenn ich nun überlegte, was alsdann aus mir werden würde, so entfiel mir aller Mut, und das: »Du mußt Soldat bleiben!« blieb mir allein zurück. Weil ich überdies, seit ich diesen Stand erwischt – ja, erwischt! – hatte, mich niemals ganz unglücklich fühlte, vielmehr manchen frohen Augenblick genossen hatte, so war mir die Vorstellung einer ewigen Soldatenschaft gar nicht bitter, viel weniger unerträglich. Da mein Vater sah, daß ich den Abschied nicht erhalten würde, so entschloß er sich, Kaution für mich zu stellen, damit ich ihn noch einmal besuchen könnte. Freilich war seine Absicht dabei, mich bei sich zu behalten, den Preußen die 150 Reichstaler zur Anwerbung eines andern an meiner Stelle zu lassen, und so den Abschied selbst zu nehmen. Er eröffnete mir sein Vorhaben in einem Briefe, fügte aber hinzu, daß ich es mir ja nicht sollte in den Sinn kommen lassen, ihn auf eine andere Art zu besuchen; in Desertion könne und wolle er aus gar vielen Gründen nicht einwilligen, und er würde es mir sehr übelnehmen, wenn ich so was auch glücklich ausführte. Unsere Briefe waren in einer Sprache geschrieben, die nur mir, meinem Vater und Bruder bekannt war; wir hatten sie zusammen erfunden und oft darin gesprochen und geschrieben. Ich gebe hier eine Probe für die Herren, die alle kryptischen Schriften lesen und verstehen können: »Fa, fis fa, foti Schroft mitip wolst, dist Eip Itim Monrip lirl and mil noch on ersch.« Wer sich üben will, bringt es in einigen Wochen in dieser Sprache, die nicht bloß Steganographie ist, zu einer großen Fertigkeit. Allein meines Vaters Vorsicht war nicht nötig; Herr von Müffling forderte mir nie die Briefe ab, welche ich bekam, und las auch die nicht, die ich fortschickte. Im Sommer 1786 trieb mein Vater das Geschäft mit dem Urlaub weit emsiger, als die ganze Zeit her. Er wollte mich durchaus noch einmal sehen, und so ließ ich mir's denn gefallen, ihn mit Urlaub zu besuchen. Der Kapitän bestimmte 150 Reichstaler zur Kaution, wofür der hiesige Herr Leveaux nur gutsagen sollte, wie hernach auch geschehen ist. Mein Vater war das zufrieden, und so wurde Anstalt gemacht, daß ich auf Jakobstag abreisen sollte, aber auf einmal machten mir die Herren Philister einen Querstrich. Ich hatte, wie man schon weiß, als ich Soldat ward, noch eine artige Menge Schulden zu bezahlen. Als Soldaten ließen mich die klügeren meiner Gläubiger freilich gehen und mußten mich schon in Ruhe lassen, weil ich von keinem Gericht konnte zur Zahlung gezwungen werden, und – nichts hatte. Der Schneider Thieme nur und der Buchbinder Münnich beliefen den Kapitän einige Male und forderten, daß er mich zum Zahlen anhalten sollte. Dieser, endlich des Laufens überdrüssig, schmiß sie zur Treppe hinunter, und ihr Rennen hatte ein Ende. Freilich attackierten die Kerls mich oft auf der Straße, allein da ich anfing, ihnen grob zu begegnen – es war ja doch ein toller Gedanke, bei einem Menschen Zahlung zu fordern, der gar nichts hat! –, so ließen sie mich alle in Ruhe. Nur der Schuster Sauer ließ sich durch die ärgsten Grobheiten und angebotenen Nasenstüber nicht abhalten, mich beinahe täglich anzuzapfen und nach Noten zu manichäern. Aber ich habe mich für seine Impertinenz auch gerächt; denn als alle meine Gläubiger bezahlt wurden, bekam Meister Sauer nichts, bloß deswegen, weil er zu unbescheiden und grob gewesen war. Als er hernach seine Flegeleien fortsetzte, ja gar einige derbe Redensarten einfließen ließ, machte ich meine Drohungen einmal reell, und da hörte er denn ganz auf, mich zu quälen. Wird er so fortfahren, so soll ihm sein Taler, 16 Groschen binnen hier und Weihnachten richtig bezahlt werden, wenn ich nämlich bis dahin wieder aus dem Felde zurück bin. Meine Herren Manichäer also, da sie vernahmen, daß ich abreisen würde, wandten sich mit einer Schrift gegen mich an den General Leipziger. Der General war ein guter Mann, der viel Gefühl für Recht und Billigkeit hatte. Er ließ also den Hauptmann Müffling wissen, daß ich erst zahlen müßte, ehe ich nach Hause reisen könnte. Dieser war sehr darüber aufgebracht, und das mit Recht; denn nach den Kriegsgesetzen ging meine Schuld den General gar nichts an. Doch ließ er mich kommen und sagte mir, daß ich mich selbst beim General stellen und meine Sache ausfechten müßte; er hoffe, die Philister würden abgewiesen werden. Allein als ich einwendete, daß es doch recht wäre, daß ich meine Schulden bezahlte, und ihn um die Güte ersuchte, meinem Vater vorzustellen, daß ohne Zahlung meiner Schulden von 130 Talern kein Urlaub zu haben sei, so lobte er dies, schrieb gleich hin, und in Zeit von drei Wochen antwortete mein Vater, daß er seine Pflicht kenne und jemanden schicken würde, der in allen Stücken tun sollte, was man von einem ehrlichen Mann fordern könnte. Es verging indessen noch ziemliche Zeit, und es war bereits mitten im Winter 1786, als mich mein Vetter, der Weinhändler Dietsch, zu sich auf den »Kronprinzen« kommen ließ und mir sagte, er habe Vollmacht von meinem Vater, Kaution für mich zu stellen und mir Urlaub auszuwirken. Ich kann nicht sagen, daß mich diese Nachricht sehr erfreut hätte. Ich hatte damals viele Herren, welche mich alle sehr ordentlich honorierten; fürs andere war es Winter und das Reisen um diese Zeit sehr beschwerlich. Dann hatte ich auch gar wenig Lust, die Pfälzer Mosjehs je wiederzusehen und mich von den schwarzen Hans-Narren in meinem Vaterlande bekritteln zu lassen. Aber diese und andere Gründe wichen dem Willen meines ehrlichen Vaters, den ich zwar immer, leider nur nicht auf die rechte Art, geehrt und geliebt habe. Nun fragte sich's, wie wir's mit meinen Schulden machen sollten. Die größeren Gläubiger mußten etwas von ihren Forderungen ablassen, von kleineren Schulden wurde nichts abgezogen. Nachdem die Schuldensache in Ordnung war, erlaubte der General, daß ich abreisen konnte. Ich hatte noch einiges Geld von Studenten zu fordern; an diese wies ich meinen Wirt Müller, der es auch richtig bekommen hat; eben diesem Müller schenkte ich meine sonstigen Effekten, die ich nicht mitnehmen konnte. Auch löste ich meine Uhr ein, welche viele Jahre versetzt gewesen war, kaufte mir ein Paar Stiefel und einen blauen Oberrock zur Reise, erhielt meinen Paß und schob ab. Herr Leveaux hatte nach meines Vaters Einrichtung die Kaution beim Regiment ausgestellt. Man kann sich leicht denken, daß die Empfindung der Freiheit, die ich jetzt wieder genoß, eine sehr angenehme gewesen sei. In Passendorf schon kehrte ich ein, so auch in Schlettau und Lauchstädt. In Neumark traf ich die Neujahrssänger an; es war gerade der Tag nach Neujahr. Es ist nämlich in Sachsen Mode; daß die jungen Bursche auf den Dörfern zur Neujahrszeit in die Häuser der begüterten Bauern einkehren und da Neujahrslieder, z.B.: »Das alte Jahr vergangen ist« – »Das neugeborne Kindelein« – »Hilf, Herr Jesu, laß gelingen« u. a. herkrächzen und dafür nach der Observanz belohnt werden. Das Geld wird hernach gemeinschaftlich versoffen. In der Pfalz singt bloß der Nachtwächter in der Neujahrsnacht dergleichen Lieder, und die jungen Bursche schießen das neue Jahr an, indes die älteren Bauern es anläuten. Alle sind zu der Zeit en canaille besoffen. Das ist so der Anfang der neuen Zeit. Ein sehr erbaulicher Neujahrsbrauch fand sich zu meiner Zeit bei den Gießener Studenten. Abends ging jeder Student wie gewöhnlich in eine Kneipe, zum Eberhard Busch, in die »Krauskopferei«, die »Reiberei« oder sonst wohin; Schnaps und Bier wurden getrunken, und das lustige Leben währte bis um halb zwölf. Wenn's so hoch an der Zeit war, lief jeder Student nach Hause; schon vorher war der Nachttopf ans Fenster gesetzt worden, nachdem man ihn mit Unflat aller Art angefüllt hatte; manche patriotische Studenten versahen sich mit mehreren Nachttöpfen zu diesem noblen Geschäfte. Auf den Glockenschlag zwölf erscholl ein helles: »Pereat das alte Jahr!« aus allen Fenstern, wo Studenten wohnten, und die Nachttöpfe, zu Gießen »Brunzkacheln« genannt, flogen mit ihrem garstigen Inhalt auf die Straße. Dann ertönte ein munteres: »Vivat das neue Jahr!«, worauf die meisten ihren Weg wieder nach den Kneipen nahmen und da bis an den hellen Tag zechten. Die Straßen zu Gießen sahen also früh am Neujahrstag gar häßlich aus, und allerwegen hörte man Verwünschungen über die Garstigmacher. Dieser löblichen Gewohnheit wegen waren zu Gießen nur irdene Nachtgeschirre; denn zinnerne zum Pereat des alten Jahres auf die Straße zu werfen, wäre doch zu kostbar gewesen. Doch zurück zu meiner Wanderung! Auf dem Wege von Naumburg nach Erfurt mußte ich liegen bleiben; meine engen Stiefeln hatten mir die Füße aufgerieben; ich kehrte daher in einem Weimarschen Dörfchen, Neustadt, gemeinhin Neischt genannt, beim Wirt Krippenstapel ein und blieb dort vier Tage, bis ich zu Fuß wieder fort konnte. Um mir die Zeit zu vertreiben, las ich in einem alten lateinischen theologischen Schmöker, den mir der Herr Kantor borgte, und unterhielt mich des Abends mit diesem selbst. Der Mann, sonst ein großer Liebhaber vom Schnaps, liebte das Sprechen über theologische Sachen und haßte alle Freigeisterei, doch war er, wie er sagte, dem Aberglauben gram und sprach von Gespenstern, Hexen und Kobolden mit Verachtung. Er erzählte mir eine Anekdote von seiner gnädigen Herrschaft, welche mir damals unwahrscheinlich vorkam, die ich aber hernach in einem Buche bestätigt gefunden habe. Des jetzigen Herzogs von Sachsen-Weimar Großvater sollte nämlich vor ungefähr vierzig Jahren befohlen haben, daß man in jedem Dorfe an einem gewissen Tag einige hölzerne Teller auf eine gewisse Weise konsekrieren sollte. Diese konsekrierten Teller sollte man unter gewissen magischen Zeichen und Worten, wenn eine Feuersbrunst entstünde, einen nach dem anderen hineinwerfen; es würde alsdann beim dritten Wurf das Feuer gewiß erlöschen. – Wenn aber vor vierzig Jahren der weimarische Landesherr und seine Räte so finster waren: wen könnte es wundern, daß noch 1787 die dickste Finsternis auf den weimarischen Dörfern herrschte! Man sollte gar nicht glauben, daß diese einem Landesherrn angehörten, dessen Residenzstadt mit den hellsten Köpfen Deutschlands geschmückt ist! Hier sieht man recht augenscheinlich, daß auch die besten Schriftsteller nicht einmal in ihrem nächsten Umkreise auf die Volksklasse wirken, wenn Kirchen- und Schullehrer nicht die verdolmetschenden Vehikel ihrer Belehrung werden. Selbst lesen tut der gemeine Mann in Städten und Dörfern selten, und liest er auch, so ist das meiste für ihn zu hoch. Wo soll er also Licht hernehmen, wenn man es ihm in der Schule und Kirche unter Scheffeln versteckt, oder, was noch ärger ist, wenn selbst Schul- und Kirchenlehrer so düster leuchten, daß sie des Putzens von allen Seiten selbst bedürfen? Stechen nicht auch die Predigten des jetzigen Vizepräsidenten Herder gegen die Predigten seiner orthodoxen Herren Amtsbrüder in und um Weimar ab wie Tag gegen Nacht und Licht gegen Finsternis? Und doch haben die letzteren mehr Zuhörer als er – allerdings aus der Klasse der christlichen Kreti und Pleti, die auch im Weimarschen noch über alle Erwartung hinaus ist. Hierzu nehme man den Weimarischen Katechismus nebst Gesangbuch und Kirchenagende: welch ein alter Sauerteig riecht nicht in allen dreien! Herder, der göttliche Herder, hat gewiß Verbesserungen vorgeschlagen: aber die übrige liebe Geistlichkeit hat vielleicht die Delikatesse ihrer orthodoxen Denkungsart so weit getrieben, daß sie lieber alles aufopfern, als Herdern folgen wollte – so folgsam, wie nämlich die Buchstabentheologen gegen Christi Geist, den gesunden Menschenverstand, sind, und so zärtlich leise sie auf den Wunsch eines väterlichen Landesherrn horchen, um durch die Verbreitung besserer Einsichten glücklichere Menschen machen zu helfen. Und so hätte auch Weimar seine Gelehrten mehr fürs Ausland, als für sich! Als ich wieder gehen konnte, wanderte ich nach Jena; dort kehrte ich sogleich, nachdem ich mich beim Invalidenmajor gemeldet und als beurlaubten preußischen Soldaten legitimiert hatte, im »Halben Mond« ein, meinen hungrigen Magen auszufüllen. Nach dem Essen ging ich auf den »Fürstenkeller«, wo ich Studenten anzutreffen dachte. Ich betrog mich auch nicht, denn der Tisch war mit fidelen Mosellanern besetzt. Ich forderte eine Maß Köstritzer Bier und setzte mich auf die Seite. Da kam der Perückenmacher Stahlmann und glotzte mich an; hernach der dicke Fleischer Schmidt, der es ebenso machte. Sie wiederholten ihre Besichtigung mehrmals. »Er ist's, hol' mich der Teufel!« fing endlich Schmidt an. »Freilich ist er's, oder ich will ein Hundsfott sein,« erwiderte Stahlmann. Ich hatte Mühe, mich des Lachens zu enthalten. Nachdem sie lange so räsonniert hatten, trat Schmidt zu mir und sagt: »Gelt, du bist's?« Ich : Herr, seit wann sind wir denn Duzbrüder? Weiß der Herr nicht besser zu leben? Schmidt : Sag du, was du willst, du alter lieber Bursche; mich soll gleich der Teufel holen und in Lüften zerreißen, wenn ich dir nicht gut bin! Ich : Herr, ich kenne Sie ja gar nicht! Schmidt : Nicht! Alter Laukhard, sei kein Narre! durch hundert Türen kenn' ich dich durch. Komm, trink! – Schmollis! Indessen waren die Herren am langen Tische auf uns aufmerksam geworden und hatten von Stahlmann vernommen, wer ich wäre. Sie kamen also alle um mich herum, freuten sich meiner und nötigten mich, mich mit an ihren Tisch zu setzen und mit ihnen zu trinken. Innerhalb einer halben Stunde hatte ich schon alle die Herren, an der Zahl über dreißig, zu Duzbrüdern. Ich wollte wieder nach dem »Halben Mond« zurückkehren, aber das hieße die jenaische Gastfreiheit beleidigen, und daher mußte ich bei einem Burschen einkehren und bei ihm übernachten. Ich habe drei Nächte bei ihm zugebracht, habe täglich den Fürstenkeller besucht und bin einmal zu Dorfe gewesen. Ich kannte zwei Professoren in Jena, die Herren Fabri und Schnaubert. Letzteren wollte ich besuchen und versprach mir gute Aufnahme; allein, ich irrte mich. Schnaubert war ehemals als katholischer Kaplan, unweit Bingen am Rhein, in einen zu genauen Umgang mit seiner Köchin geraten, und da die Folgen dieses Umgangs sichtbar wurden, fürchtete sich Meister Schnaubert vor Marienborn – dies ist ein Dorf, eine Stunde von Mainz, wo man die Pfaffen, die sich vergangen haben, einsperrt – ward mit seiner Dulzinea flüchtig und kam nach Gießen, wo man von jeher die Proselyten willkommen hieß. Hier meldete er sich bei der Geistlichkeit, insbesondere bei Benner, der ihm aber ein saueres Gesicht machte. Benner nämlich, so orthodox er sonst war, hielt nichts auf Proselyten, die mit dickbäuchigen Mamsellen ankamen. Andere Herren aber nahmen ihn besser auf; ob man gleich keine Konvertitenkasse in Gießen hat, so erhielt doch Freund Schnaubert fünfzig Gulden, und dieser heilige Geist machte, daß er das lutherische Glaubensbekenntnis in die Hände des Herrn Diez ablegte. Eben das tat auch seine Madonna. Nun adressierte sich Schnaubert, der von der Welt nichts mitgebracht hatte, als einen alten verschabten grauen Flausch, schwarze Weste, Hosen und dergleichen, Strümpfe, einen Hut mit marasmus senilis , und dessen Mamsell auch nichts hatte, als wie sie ging und stand – an die Studenten, und diese gutmütigen Jünglinge gaben her, soviel gerade in ihrem Vermögen war. Ich habe, ohne Ruhm zu melden, auch zu denen gehört, welche Herrn Schnaubert unterstützt haben, ja ich habe in meinem Kränzchen, dessen Senior ich damals war, eine Kollekte für ihn angestellt. So versorgt, studierte Herr Schnaubert Jura und ward mit den Studenten so fidel, daß er für einen ordentlichen Kerl und guten Zotologen gehalten wurde. Durch Fleiß und Bücherlesen erlangte er in kurzer Zeit eine artige Kenntnis der Rechte, und sein kriechendes jesuitisch-pfäffisches Wesen erwarb ihm die Gunst des Kanzlers Koch in hohem Grade, und er wußte sich derselben durch Anbringung neuer Märchen von allerlei Art, besonders von Studentenhistörchen, immer mehr zu versichern. Indessen ward Herr Schnaubert Doktor und Schriftsteller und ließ etwas drucken. Das verschaffte ihm einigen Ruf; er kam als Professor nach Helmstedt und von da nach Jena, wo er nach Art der jenaischen Herren Professoren, die mit dem simplen Professortitel mein Tage nicht zufrieden sind, sich mit dem Hofratstitel schmücken ließ. Schnaubert war noch nicht lange in Jena, als ich jetzt dahin kam. Ich dachte, gewiß von einem Manne gut aufgenommen zu werden, um den ich mich mehr als einmal verdient gemacht hatte. Ich trat also an seine Tür und klopfte; Herr Schnaubert kam heraus. »Was will Er?« »Ei, ei, Herr Professor, Sie kennen mich wohl nicht mehr?« Hier hatte ich vergessen, den Hofrats-Titel herzubeten, und auf diese Art hatte ich den Meister vollends außer Fassung gebracht. »Ja, ja,« sagte er, »Sie sind Laukhard; ist mir lieb, Sie zu sehen; aber pardonnieren Sie, ich hab' Geschäfte!« Sapperment, wie mich das Ding ärgerte! In die Augen hätte ich ihm spucken mögen. »Ich habe,« fuhr er fort, »von Ihren Suiten gehört; der Kanzler Koch hat mir's nach Helmstedt geschrieben!« »So!« erwiderte ich; »wahrscheinlich wollte er Ihnen die Märchen wieder vergelten, die Sie ihm in Gießen so reichlich zutrugen. Hat er Ihnen vielleicht auch sein Heft übers Kanonikum von Böhmer geschickt, daß Sie es damit machen können, wie Sie es mit dem Gatzertschen getan?« Man muß wissen, daß Schnauberts berufener Kommentar über das Compendium juris feudalis weiter nichts ist, als die Vorlesungen des gelehrten Herrn Gatzert. Mein Mann erboste und lief in seine Stube, und ich – schob ab. Ich schied an einem Sonnabend von Jena, in Gesellschaft mehrerer Studenten, welche mich bis Weimar begleiteten, wo sie die Komödie sehen wollten. Ich hatte keine Lust dazu und lief noch ein Stunde weiter auf ein mainzisches Erfurt nebst Gebiet gehörte damals zu Kurmainz. P. Dorf, wo ich die Nacht blieb. Früh wollte ich die Reise fortsetzen, als ein Kutscher hereintrat und Schnaps forderte. »Wohin die Reise, Schwager?« – »Nach Gotha.« – »So? Kann ich mitfahren?« – »Warum nicht; acht Groschen, und Sie sitzen hinten auf.« Ich pränumerierte und saß hinten auf. – »Wer sitzt denn da hinten?« fragte ein fünfzigjähriges Fräulein. – »Ja, das weiß der liebe Gott,« antwortete der Schwager; »er muß doch wohl einen Paß haben, er will ja durch Erfurt.« – Es währte nicht lange, und Fräulein mußte aussteigen; es war, wie Yorik sagt: rien que pisser . Ich stieg auch ab und steckte meine Pfeife an. Da ließ sich das Fräulein mit mir ins Gespräch ein, erzählte, daß sie ein Hoffräulein von Gotha wäre, in Weimar Freunde besucht hätte, und daß der junge Mosjeh, den sie bei sich hätte, Junker Karl hieße. Ich belehrte sie jetzt auch von meinen Umständen, und Fräulein, nach vielen »Herr Gott! Herr Jesus!« gestattete mir, mit in der Kutsche zu sitzen und sie da mit Gespräch zu unterhalten. Fräulein war belesen, verstand auch Französisch und Musik, wie sie sagte, hatte viele Freier gehabt, auch recht angesehene Kavaliers und Offiziere, hatte sich aber niemals entschließen können, sich in die Bande der heiligen Ehe zu begeben. Diese Sprache war mir schon seit meiner lieben Jungfer Tante bekannt. Am Erfurter Tor mußte ich absteigen, meinen Paß vorlangen und mich sodann von einem Gefreiten auf den Petersberg zum General führen lassen. Im Preußischen, wo doch gewiß das Militär zur hohen Vollkommenheit gestiegen ist, macht man nicht soviel Umstände; da ist das Vorzeigen des Passes am Tor hinlänglich, weil die preußischen Generale mehr zu tun haben, als daß sie jedes fremden Soldaten Paß durchsehen sollten. Hierauf begab ich mich in das Wirtshaus, wo meine Gesellschaft abgestiegen war, aß daselbst zu Mittag und ging sodann ins Tor, bis die Kutsche ankam und ich mich wieder einsetzen konnte. Fräulein wollte doch nicht, daß ich mit durch die Stadt fahren sollte! Junker Karl hatte sich gar sehr bezecht und machte allerlei närrische Possen, welche erst recht drollig heraus kamen, wenn er ausstieg, seine Notdurft zu verrichten. Der Schwager lachte laut ob des Junkers Possen, dem Fräulein aber war nicht recht wohl zumut. Wir kamen am Abend in Gotha an. Von meiner weiteren Reise ist nichts Besonderes zu berichten, allenfalls noch von Gießen ein paar Worte. Dort kam ich gleich nach zwölf Uhr mittags an, und die Gießener Bürger, welche mich noch recht gut kannten, blieben auf der Straße stehen und sagten zueinander: »Da ist ja Laukhard!« oder: »Wißt ihr was Neues? Der Laukhard ist hier!« Und so war binnen einer Stunde die Nachricht von Laukhards Ankunft durch die ganze Stadt. Als ich zu Magnus in den »Stern« kam, hatte dieser schon längst gewußt, daß ich da war. – Auf dem Billard versammelten sich die Bursche um mich, und da mußte ich denn erzählen, was ich so wußte. Die waren von meinen Schicksalen unterrichtet, weil einige Hallenser dorthin gekommen waren und von mir erzählt hatten. Von meinen alten Bekannten besuchte ich bloß wenige; die Studenten blockierten mich so, daß ich die vier Tage, die ich in Gießen war, beinahe immer in ihrer Gesellschaft sein mußte. Achtzehntes Kapitel Aufnahme im Elternhaus. – Warum ich nicht in der Pfalz bleiben wollte. – Rückreise nach Halle. – Oesterreichische, preußische und dänische Werber. – Fehltritte infolge meiner Neigung zum Trunk. – Der Patriotenspektakel in Holland. – Stilleben in Halle – Die Kirchenparade. – Mein Freund Bispink. – Leiden eines ehrlichen Mönchs. – Neue Hinterlist meines Bruders. – Eine seltsame Studentenschlittenfahrt. – Quacksalber. – Der Doktor und sein Hanswurst. – Tod meines Vaters. Mein Vater machte mir ganz und gar keine Vorwürfe: geschehene Sachen, meinte er, wären einmal nicht zu ändern, und da müßte man auch nicht weiter davon reden. – Ein nur halb wahrer Grundsatz! Man muß allerdings davon reden, wenn man Klugheitsregeln daraus für sich und andere nehmen kann. Allein mein Vater hatte so sein System, und nach demselben war mehr das Schicksal als ich selbst schuld an meinen Unfällen. Meine Mutter bedauerte hauptsächlich das hübsche Geld, das ich gekostet hatte, und das nun nach ihrem Ausdruck in 'n Dreck geworfen war; aber der Alte bat sie, zu schweigen und uns keine trüben Stunden zu machen. Da schwieg sie dann. Meine alte Tante war vollends außer sich, da sie mich wiedersah, und konnte ihrer Fragerei gar kein Ende finden. Ich mußte mit meinem Vater allein auf sein Stübchen kommen; da erklärte er mir, daß mein Soldatenwesen die üblen Gespräche von mir stark vermehrt und alle alten Geschichtchen wieder ins frische Andenken gebracht hätte. Man hatte nämlich mein Soldatwerden in einige Zeitungen eingerückt – als wenn es eine so große Sache wäre, wenn ein Magister Soldat wird! Daher, fuhr mein Vater fort, müßte ich, wenn ich da bleiben wollte, lange, lange Zeit einen sehr eingeschränkten Lebenswandel führen, damit das hundertmäulige Ungeheuer, die pfälzische Fraubaserei, sonst Fama genannt, endlich schweigen oder bessere Nachrichten von mir verbreiten müßte. – Ob mein Vater hier für sein System konsequent gesprochen habe, will ich nicht untersuchen; ich erklärte nur kurz, daß ich nicht bleiben würde, ich ginge nach Verlauf meines Urlaubs wieder zum Regiment. Und dazu hatte ich meine guten Gründe, die ich hier angeben muß, weil man sich in Halle und anderwärts sehr gewundert hat, daß ich zurückgekommen bin. Einmal war ich in der ganzen Pfalz verschrien als ein Mensch ohne Sitten und ohne Religion, und dieses böse Gerücht gründete sich auf unwiderlegliche Tatsachen. Die Nachrichten aus Halle und anderen Orten hatten es nur noch verstärkt, und so hatte ein jeder Mosje Firlefanz Gelegenheit, mir zu schaden, sobald seine Firlefanzerei, seine Rachsucht oder sein Interesse es erforderten. Zum anderen konnte ich gleich in den ersten Tagen mein Maul nicht bezwingen. Ich räsonnierte schon in Alzey – von Frankfurt am Main, wo ich mit den Leuten im Wirtshause über Christi Geburt sprach, will ich nichts sagen – im Beisein mehrerer Katholiken und Protestanten sehr frei über die heiligen Dogmen, sprach von Pfaffen übel und lachte über alles, was dort überm Rhein heilige Ware ist. Da hieß es nun allgemein: Laukhard ist noch der alte Spötter; ein alter Wolf läßt seine Nuppen nicht. Und endlich drittens traute ich mir selbst nicht viel Gutes zu. Ich konnte mich nicht so weit einschränken, daß ich mein Trinken gemäßigt und ordentlich gelebt hätte. Ich fühlte das sehr gut und beschloß also, nicht da zu bleiben; es fielen auch gleich in den ersten Tagen einige Exzesse vor und machten neues gehässiges Aufsehen. Meinen Bruder sah ich in den ersten Tagen nicht; er war Vikarius in Dalheim, einem zur kaiserlichen Grafschaft Falkenstein gehörigen Dorfe. Er wußte zwar, daß ich da war, allein er übereilte sich nicht; unsere Freundschaft hatte längst aufgehört, und so waren wir eben nicht versessen, uns zu sehen. Endlich kam er doch, empfing mich aber kalt, und ich bewillkommte ihn noch kälter. Er bat mich, ihn zu besuchen; das habe ich auch einmal getan, aber nur ungefähr auf vier Stunden. Seine Unterhaltung gefiel mir nicht, und die meinige mußte ihm lästig sein. Thereschen hätte ich sehen und sprechen können, aber ich fürchtete mich vor dem Eindruck, den sie auf mich machen würde, und so wollte ich sie lieber gar nicht sehen. Sie war noch ledig. Ein gewisser Herr Huber, auch Latus genannt, hatte um sie angehalten, aber den Korb bekommen. Ich ärgerte mich häßlich über den Latus, daß er mein Mädchen hatte haben wollen, und war froh, daß sie ihn abgewiesen hatte. Was man aber ein Tor ist! Man mißgönnt anderen ein Gut, woran man keinen Teil haben kann und keinen haben will. Alles, was ich sah und hörte, machte den Entschluß immer fester in mir, nach Halle zurückzukehren, ja oft wünschte ich mich schon wirklich wieder da. Die Gesellschaften auf dem »Keller« bei der Jungfer Fleischern zu Halle, so abgeschmackt diese sonst sein mögen, erschienen mir doch lange so abgeschmackt nicht, als die Versammlungen der Pfälzer Herren und Damen. Endlich kam die Zeit herbei, daß ich abfahren sollte. Mein Urlaub ging zu Ende, und ich forderte von meinem Vater soviel Geld, als ich zur Reise nötig hatte. Er gab es mir gern; und wenn ich den Schmerz abrechne, den mir die Trennung von meinen Eltern machte, so verließ ich die Pfalz ohne Betrübnis. Nichts bedauerte ich, als den guten Wein, den ich nun nicht mehr trinken sollte. Auf der Rückreise fiel nichts von Belang vor; in einem Dorf bei Erfurt hatte ich ein Gespräch mit einem kaiserlichen Werber, das mir Spaß machte. Ich hatte dort übernachtet; früh kam der Werber, namens Messer, ins Wirtshaus, denn er hätte gehört, wie er sagte, daß ein Fremder da wäre, der Dienst suchte. Ich : Da irren Sie sich gewaltig, mein guter Herr! Messer : Warum denn? Dienen Sie halter dem Kaiser; ist ja der größte Herr in der Welt! Ich : Hab gar nichts wider des Kaisers Großherrschaft; aber dienen kann ich ihm nicht, mag's auch nicht. Messer : Geb Sie halter vierundzwanzig Gulden Handgeld und Kapitulation auf sechs Jahre. Ist halter ein gar guter Dienst; kriegen alle Tag drei Kreuzer und zwei Pfund Brot. Ich : Lieber Freund, kommen Sie her und trinken mal! Ihr Soldat werd ich nicht; ich diene dem König von Preußen; sehen Sie hier meinen Paß. Messer : Nun, wenn's halter nicht sein kann, muß ich's lassen; hab wenigstens meine Schuldigkeit getan. Will Ihnen Bescheid tun; sollen leben! Messer setzte sich hierauf ganz traulich zu mir hin, trank meinen Schnaps und hernach mein Bier, und rauchte meinen Tabak, ganz gegen die Natur des Betragens der Werber. Ueberhaupt ist ein mächtiger Unterschied zwischen einem kaiserlichen und einem preußischen oder dänischen Werber. Ersterer läßt alles gehen und ist zufrieden, wenn er seinen Mann gefragt hat, ob er dienen will oder nicht. Und bevor er keine Gewißheit hat, mag er auch keinen Heller spendieren oder sich, wie man sagt, in Unkosten setzen. Dergleichen Unkosten werden ihm nämlich nicht ersetzt. Allein die preußischen und dänischen Werber bedienten sich vorzeiten aller Finessen, sogar solcher, wobei es nicht allemal nach den Gesetzen der Billigkeit herging; wozu sonst das neuere menschlichere Werbereglement von unserem König? Er ließ sich kein Geld dauern, welches ihm sein Offizier nachher ersetzen mußte, und unternahm manchmal Touren, wobei er große Gefahr lief. Daher sind die Beispiele von ausgeprügelten preußischen Werbern in jenen Gegenden gar nichts Seltenes. Die Oesterreicher sind dagegen immer friedlich, und was sie nicht gutwillig haben können, nehmen sie nicht mit Gewalt. Die Genauigkeit jedoch, womit sie die Kapitulationen halten, macht, daß es ihnen an Leuten niemals fehlt.   Der Major von Müffling freute sich sehr über meine Zurückkunft, die er, wie er sagte, immer erwartet hätte, obgleich alle anderen daran immer gezweifelt hätten. Er ermahnte mich, besonders nun, da ich gleichsam wieder von neuem anfinge, in Halle zu leben, die verführerischen Gelage und den Trunk zu meiden, welche Dinge allemal die schädlichsten Folgen haben müßten. Freilich hatte der gute Mann recht; denn nichts hat mir mehr geschadet, als der Trunk; der hat mich sogar zu Vergehungen verleitet, die ich mich zu bekennen schäme, doch aber bekennen muß: Ich habe, wenn ich in Saufgelagen war und das Geld fehlte, einigemal Dinge, die nicht mein waren, veräußert, um nur Geld zu bekommen und der einmal rege gemachten Begierde, zu trinken und mit anderen lustig zu leben, genug zu tun. Freilich geschah dies allemal in der Absicht, das z.B. versetzte Buch wieder bei Gelegenheit einzulösen und es dem Eigentümer zuzustellen. Es ist auch größtenteils geschehen. Alle die, welche ich auf solche Art beleidigt habe, können meiner Reue nebst der Scham darüber versichert sein, und so vergeben sie mir herzlich gern, was ich tat. Im Sommer 1787 mußten die Füsiliere nach Holland marschieren, um den dortigen Patriotenspektakel beizulegen. Sie kamen schon zu Anfang des folgenden Jahres zurück und hatten fast alle eine Sackuhr u. dgl. erobert, aber nur einen einzigen Mann durch das feindliche Geschütz eingebüßt. Durch Desertion gingen freilich viele ab; aber das ist nun einmal bei den Soldaten nicht anders. Für meinen Teil lebte ich ziemlich ruhig, und da ich immer Stadturlaub hatte, kam ich weiter nicht zur Kompanie, als zu Zeiten der sogenannten Kirchenparade. Diese Parade, welche Sonn- und Feiertags früh gehalten wird, hat allerdings ihren mannigfaltigen Vorteil. Sie macht, da man dabei besonders auf guten Anzug sieht, daß der Soldat nicht vergißt, sich reinlich und proper anzuziehen. Das sollte aber auch billig das Einzige sein, was man dabei beabsichtigte. Wer sonst in die Kirche gehen will – und das wollen allemal viele, da viele Soldaten noch große Verehrer des Kirchengehens sind –, der gehe ohne allen Zwang hinein, und wer nicht hinein will, den sollte man durchaus nicht hineinzwingen. Es ist ja selbst nach den orthodoxesten christlichen Begriffen ein toller Gedanke, jemanden zum »Gottesdienst«, wie das Predigthören, Nachtmahlkaufen u. dgl. mißbräuchlich genannt wird, zu zwingen und die Versäumnis desselben zu bestrafen! Da ich nun einen unbezwinglichen Widerwillen gegen alle und jede Pfafferei in mir fühlte, so glaubte ich mir keine bessere Genugtuung gegen diesen Zwang verschaffen zu können, als wenn ich meine Kirchzeit mit Bücherlesen hinbrachte; und gerade wählte ich zu diesem Behufe Bücher, die ich zu Hause gewiß nie gelesen hätte. Um keinen zu ärgern, mag ich sie nicht einmal nennen, genug, sie waren höchst profan und schändlich. Auch habe ich bemerkt, daß dieser verbitterte Zustand meines Innern mich die letzte Zeit, wo ich oft monatelang meine Neigung zum Trunk glücklich bezwungen hatte, gerade an diesem Tage hinriß, meinen geärgerten Mut durch ein Getränke noch mehr zu erhitzen, wodurch ich ihn zu kühlen dachte.   Im Jahre 1787 kam ich in nähere Bekanntschaft mit einem Mann, der hernach mein bester Freund und wahrer Wohltäter geworden ist. Dieser Mann ist Herr Verlagsbuchhändler Bispink. Er war vorzeiten Franziskaner, aber das Mönchswesen war für seinen Kopf ebenso wenig wie für sein Herz. Durch Hilfe des Selbstgrübelns und des emsigen Lesens in den Werken der Kirchenväter hatte er sich allmählich der Gewissensfesseln so weit entledigt, daß er nach und nach anfing, auch protestantische Schriften ohne Skrupel zu Rate zu ziehen und die Unfehlbarkeit der Kirche zu bezweifeln. Da war es wohl unvermeidlich, nicht hier und da durch freimütigere Aeußerungen im Sprechen und Handeln den Verdacht und Haß seiner Ordens- und Glaubensgenossen sich zuzuziehen. Dies geschah vorzüglich die vier Jahre hindurch, die er als Professor der Philosophie im Franziskanerkloster zu Wahrendorf dozierte. Der Erfolg davon war, daß man ihn bei den Franziskanern zu Rittberg Gemeint ist das westfälische Städtchen Rietberg, Kreis Wiedenbrück, Regierungsbezirk Minden. P. so lange gefänglich verwahrte, bis man ihn im dritten Jahre für tot erfroren seiner Gefangenschaft entließ. Drei Vierteljahre gingen hin, ehe er sich von den Folgen dieses Zustandes erholte. Kaum war er aber seiner Glieder wieder mächtig, so sann er auf Mittel, sich den geistlichen Kannibalen samt allem, was Gewissens- und Kirchenzwang heißt, auch auf Kosten seines Lebens zu entziehen und auf Gottes weiter Welt als freier Mann zu bestehen. Er entwarf lange und vorsichtig, und es gelang ihm, 1783 aus dem Franziskanerkloster zu Hardenberg nach Schwelm in der Grafschaft Mark glücklich zu entwischen. Hier begab er sich unter preußischen Schutz, trat zum protestantischen Glauben über und kam im Jahr darauf nach Halle. Und diesen Mann der Leiden – wer sollte es glauben! – hielten ansehnliche Hallenser eine Zeitlang für einen Krypto-Katholiken. Die Freundschaft dieses Mannes blieb nicht bloß beim Moralischen stehen; er kannte meine Lage genau, und, ohne meine Bitten abzuwarten, kam er meinen Bedürfnissen sehr oft zuvor. Und dieser seiner Unterstützung verdanke ich es, daß ich anfing, weit gemächlicher, aber auch mit mehr Besinnung zu leben, als meine Lage vorher es zuließ. Bald unterstützte er mich mit Geld, bald gab er mir etwas zu übersetzen oder auszuziehen; über dieses wurde gemeinschaftlich gesprochen, dies oder jenes gerügt oder verbessert, auch über allerlei philosophische Materien sowohl deutsch als lateinisch disputiert; zur anderen Zeit machte er mich auf neuere Bücher aufmerksam und hatte überhaupt die Güte, mir zu jeder Zeit freien Zutritt zu ihm und freien Gebrauch von seiner Bibliothek zu erlauben. Hierdurch ward ich allmählich an bestimmte Arbeiten und Lektüre gewöhnt, fand sogar endlich Geschmack daran und entzog mich, um diesen zu befriedigen, meinen ehemaligen schlechten Zusammenkünften, übernahm mich seltener im Trunk, kurz ich fing allmählich an, mich zu bessern . Um Weihnachten dieses Jahres (1787) kam der Weinhändler Dietsch, der mir den Urlaub bewirkt hatte, wieder nach Halle. Er ließ mich kommen, und ich mußte ihm die Gründe meiner Rückkehr anzeigen, womit er sich auch vollkommen begnügte. Er streckte mir einen Louisdor vor, auf Rechnung meines Vaters. Er gab mir viele Nachrichten von meinen Verwandten, worüber ich zum Teil lachte, zum Teil aber mich gewaltig ärgerte. Von letzterer Art war folgende: Herr Leveaux hatte für mich Kaution gemacht und würde sie fortgesetzt haben, wenn mein Vater nicht hieher geschrieben hätte, daß sie aufgehoben sein sollte. Ich konnte mir dies von seiten meines Vaters nicht erklären, denn er sowohl wie meine Mutter hatten mir heilig versprochen, die Kaution für mich stehen zu lassen. Ich schrieb freilich an meinen Vater, aber seine Antwort war so allgemein, daß ich selbst nicht klug daraus werden konnte. Nun aber erfuhr ich, daß mein Bruder meinem Vater vorgestellt hatte, ich könnte ja, wenn die Kaution stehen bliebe, im Lande herumstreichen, allerlei Possen ausüben und meiner Familie noch mehr Schimpf und Schande bringen. Mein Vater hatte den Vorstellungen des teuren Herrn Sohnes Gehör gegeben und meine Kaution aufgehoben. Dadurch verlor ich meinen Torpaß und mußte mit dem Bezirk in den hallischen Ringmauern fürlieb nehmen. Aber trotz den Anstalten meines sauberen Herrn Bruders hab' ich doch durch mein Betragen und meine Diensttreue mich zum »vertrauten Mann« gemacht!   Im Winter 1788 hielten die Studenten eine maskierte Schlittenfahrt, dergleichen ich noch nie gesehen hatte. Die Gießener Schlittenfahrten en masque waren zwar grell genug, hatten aber weiter nichts als Fratzen, Schlotfeger, Juden, Hanswürste, Bauern, Menscher und dergleichen. Allein die hallische enthielt Masken, welche zu allerlei Auslegungen Gelegenheit gaben, und als persönliche Anspielungen von verschiedenen gedeutet wurden. So fuhr zum Beispiel ein Schwarzrock mit einer Ente im Arm herum, welche er liebkoste und küßte; und das sollte auf einen gewissen Herrn nebst Appendix zielen. Eine andere Maske persiflierte die Lehre vom Teufel usw. Der Prorektor schickte den Pedell zwar hin und ließ die Fortsetzung der Schlittenfahrt verbieten, allein die Stunde war herum, und die hallische Welt hatte neuen Stoff zur Erschütterung des Zwerchfells und zur Medisance. In eben diesem Winter kam ein gewisser Augenarzt nach Halle, einer von jenen hundertneunundneunzig Halunken, welche in Deutschland herumziehen, sich großer Geheimnisse rühmen, den Leuten die Beutel fegen, und sie, wenn sie ihnen trauen, um Gesundheit und Leben bringen. Ein Straßenräuber verdient die Verachtung kaum, die ein solcher Schuft verdient, daher wird man mir meine derbe Sprache in Absicht solcher Menschenschinder zugute halten. Solche Afterärzte, die alle Krankheiten kennen und heilen wollen, und doch nur arme Sünder in dem Abc der Arzneikunde sind, ziehen mit Privilegien im Lande herum und haben sich für ihr gestohlenes Geld das Recht erkauft, durch Betrügereien ferner zu stehlen. Das ist abscheulich, und Obrigkeiten, denen das Leben ihrer Untertanen teuer ist, sollten allen solchen Schuften eine Stelle im Zuchthaus oder auch nach Befinden am Galgen anweisen. Denn wenn ja jemand Zuchthaus und Galgen verdient, so ist es gewiß ein solcher Doktor Theriak. Der, von dem ich jetzt rede, schlug seine Bude mitten auf dem Markte auf. Seine Begleiter waren eine alte Matrone, welche seine Frau hieß, aber nach dem Bericht seines Hanswurstes eine verloffene Kaufmannsfrau war, die den Mosjeh instand gesetzt hatte, Arzneien und andere Hanswurstiaden anzuschaffen; sodann ein junges Mädchen, das in Mannskleidern auf dem Seil tanzte, endlich ein Herr Hanswurst, ohne welchen kein Doktor von dieser Art subsistieren kann. Der hallische Pöbel von verschiedenen Ständen lief da zusammen, gaffte den Wundermann an und freute sich gewaltig, wenn er seine unglaublichen Kuren mit aller nur erdenkbaren Unverschämtheit perorierte. Die medizinische Rede des Kerls schien aber doch nicht hinlänglich, es mußte auch noch der Hanswurst auftreten und mit allerlei Zoten und Schnurren das hallische Grob in Bewegung setzen. Hier zur Probe ein Gespräch: Herr : Höre du mein lieber Bigaz, wo bist du denn gestern abend gewesen? Hanswurst : In einer recht vornehmen Gesellschaft. Herr : Du kämst in vornehme Gesellschaften? Sag, wer waren denn alle da? Hanswurst : Da waren lauter Leinweber, Schornsteinfeger, Bruchschneider, wie auch die hochlöbliche Innung der Besenbinder und Privetputzer (starkes Gelächter von seiten der Zuschauer). Sie haben auch von Euch geredet, Herr Doktor. Herr : Was sagten sie denn von mir? Hanswurst : Ja, das darf ich nicht sagen. Herr : Sag's doch, lieber Bigaz! Hanswurst : Ja, wenn Ihr mich nicht schlagen wollt. Herr : Nein, es mag sein, was es will: sag's gerade heraus, ich will dir auf Ehre nichts tun. Hanswurst : Sie sagten. Ihr wäret ein E.. E.. (die Zuschauer sperrten die Mäuler auf). Herr : Ein E.. E.., was soll das sein? Hanswurst : Ja, ein E.. E.., sagten sie, wärt Ihr. Herr : Sie sagten vielleicht, ich sei ein ehrlicher Mann? Hanswurst : Warum nicht gar, ein ehrlicher Mann! Ein E.. E.., sagten sie, wärt Ihr. Herr : Vielleicht sagten sie, ich sei ein Ehemann. Hanswurst : Prost die Mahlzeit! Ein E.. E.., sagten sie (die Mäuler der Zuschauer gingen noch weiter auf). Herr : Nun, was mag denn das sein, ein E.. E..? So sag's doch, lieber Bigaz! Hanswurst : Je nun, weil Ihr's mit Gewalt wissen wollt (dem Herrn in die Ohren, aber aus allen Kräften schreiend): Sie sagten, Ihr wärt ein – Esel ! (Allmächtiges Gelächter und unsinniges Händeklatschen des Pöbels.) An solchen Possen und kindischem Geschwätz konnte sich der Pöbel von der niedrigsten Klasse wohl noch vergnügen; aber ich habe da auch Leute stehen und sich gaudieren sehen, welche Erziehung und Sitten haben wollen. Das war unverzeihlich. Das Mädchen, welches auf dem Seile tanzte, war eben nicht häßlich und hatte auch schon deswegen, daß sie auf dem Seile tanzte, einiges Ansehen. Eben darum zogen auch die Studenten fleißig nach dem »Blauen Hecht«, wo die noble Gesellschaft logierte, machten dem Mädchen ihre Kur, und verjubelten ihr Geld mit ihr. Eifersüchtig war der Herr Doktor keineswegs, und der Wirt noch weniger. Ich war auch einmal dort und hörte den Quacksalber bramarbasieren. Ich war so lange still, bis der Kerl endlich anfing, sich über alle Aerzte hinwegzusetzen und unsern Meckel, Reill Zwei der bedeutendsten damaligen hallischen Mediziner. Meckel (Phil. Fried. Theod.), ein Mitglied der bekannten Gelehrtenfamilie, war Anatom und Chirurg, Reill einer der hervorragendsten Kliniker seiner Zeit, der 1813, nach der Schlacht bei Leipzig, als Opfer seines Berufes dem Hospitaltyphus erlag. P. und andere Männer als Leute zu beschreiben, die weit unter ihm ständen. Das verdroß mich häßlich, und ich sagte ihm derbe die Wahrheit, so daß es beinahe Händel gegeben hätte. Der Wirt, Meister Frenzel, verwies mir meine Heftigkeit. »Ei was,« sagte ich, »darf so ein Spitzbube außer seinen Betrügereien denn auch noch würdige Männer verkleinern und von ihnen schlecht sprechen? Hol' ihn der Teufel, den Halunken!« »Ja,« erwiderte Meister Frenzel, »weder Meckel noch Reill trinken ein Glas Branntwein bei mir oder auch nur eine Bouteille Bier; aber der Doktor und seine Leute verzehren hier ihr Geld.« Das war freilich ein ökonomisches Argument, worauf ich nichts antworten konnte.   Im Frühling 1789 starb mein ehrlicher Vater. Er war nur sieben Stunden krank gewesen und war so ruhig, so schmerzenlos ad aetherum patrem – wie er sich immer ausdrückte – hinübergeschwunden, als er es jederzeit gewünscht hatte. Er starb bei sehr heiterer Seele und sprach bis auf den letzten Augenblick. Er hatte mich meinem Bruder dringend empfohlen, wie dieser mir selbst geschrieben hat; er versprach auch meinem Vater und mir, hat aber nichts gehalten. Ich bin versichert, daß mein guter Vater keine Gewissensbisse wegen seines Lebens empfunden hat; und wegen seines Glaubens und der Zukunft konnte er seinem philosophischen System zufolge keine Unruhe fühlen. Ich darf meinen Lesern wohl nicht sagen, daß ich den Tod meines biederen Vaters sehr tief gefühlt und ihm viele Tränen geschenkt habe. Noch jetzt schmerzt mich sein Verlust. – O über mich! Neunzehntes Kapitel. Die Mobilmachung von 1790 gegen Oesterreich. – Kriegsunlust der preußischen Soldaten. – Marsch nach Berlin. – Tschechen in Deutschland. – Unsere Quartiere in Berlin. – Die Berliner Bordelle. – »Stille Wirtschaften«. – Madame Schuwitz. – Rache eines Grafen. – Niedrige Lasterhöhlen. – Die »Talgfabrike« und andere schöne Namen. – Befreiung einer Unglücklichen. – Liebe zu halben Preisen, – Abmarsch nach Schlesien. – Die Frankfurter Studenten. – Da« Schlachtfeld von Zorndorf. – Viehische Roheit russischer Soldaten. – Schlesische Quartiere. – Die schlesischen Bauern. – Warme Stuben. Schon seit dem Tode König Friedrichs des Großen schien das gute Vernehmen zwischen Preußen und Oesterreich sehr erschüttert zu sein. Josef II. war eben kein persönlicher Freund von unserem jetzigen König, und das Bündnis des Kaisers mit Rußland schien vollends gegen das Interesse von Preußen zu verstoßen. Daher plauderte man immer sehr viel von einem nahen Krieg, wenigstens hatten die politischen Kanngießer aller Stände reichhaltigen Stoff, bei Wein, Bier und Schnaps über Krieg und Frieden ihre Lungen zu erschüttern. Ich habe mich mein Tage über solche Sachen wenig bekümmert, doch hab' ich meine Zirkel gern über dergleichen reden hören. Im Februar 1790 starb Josef II., und nun kam es bald zu Irrungen. Preußen verlangte, Oesterreich sollte Frieden mit den Türken machen, aber Leopold sträubte sich. Also wurden von preußischer Seite Anstalten zum Feldzuge gemacht, und endlich wurde selbst marschiert. Der preußische Soldat, im ganzen genommen, geht weit ungerner ins Feld als irgend ein anderer. Ich sage dies gar nicht, als zweifelte ich an dem Mut unserer Krieger; ich bin vielmehr versichert, daß sich bei keiner Armee mehr wahrer Mut findet, als bei der unsrigen. Die Sache hat aber einen ganz anderen Grund. Bei der kaiserlichen Armee und bei der ehemaligen französischen, wie auch bei anderen Heeren ist das Heiraten dem Soldaten sehr erschwert, allein bei unserer Armee ist nichts leichter als einen Trauschein zu erhalten. Es ist daher sogar das Sprichwort entstanden: »Für einen Taler und vierzehn Groschen bekommt man eine Frau!« Eben darum sind auch unsere meisten Soldaten verehelicht, und wenn es käme, daß unsere Weiber und Kinder mit ins Feld ziehen, so würde unsere Armee allerdings einem Haufen ziehender Nationen aus den Zeiten der Völkerwanderung ähnlich sehen. – Außerdem sind wenigstens die Hälfte unserer Soldaten Landeskinder, welche immer Urlaub haben, auf dem Lande bei den ihrigen leben und sich da von Ackerbau und anderen Gewerben nähren. Nimmt man das alles zusammen, so findet man den wahren Grund, warum ich sagen kann, daß unsere Leute ungern ins Feld ziehen. Weib und Kind und Nahrung fesseln sie ans Haus und machen ihnen den Feldzug verhaßt. Allein eben das, was den Feldzug erschwert, macht die Leute auf der andern Seite getreu, gibt ihnen Anhänglichkeit an ihr Vaterland und bewahrt sie vor dem Ausreißen. Am 5. Junius 1790 marschierten wir aus der Garnison zu Halle, und unser erster Ruhetag war in Dessau. Unterwegs waren unsere jungen Soldaten gleich vom Anfange munter und lustig, die älteren aber hingen den Kopf und sahen mürrisch aus, bis sich endlich nach und nach der Geist der Munterkeit durchaus verbreitete und das ganze Regiment zu einem Haufen lustiger Brüder ward. Ich habe es immer gern gesehen, wenn unsere Leute sangen und jubelten, ob ich gleich selbst nicht mitsinge. Die gewaltigen Zoten, welche gewöhnlich gesungen werden, konnten mich nicht beleidigen, sie beleidigen auch wohl niemanden, weil sie zu diesem Wesen zu gehören scheinen. Unser Marsch ging über Berlin, oder vielmehr in Berlin sollten wir bis auf weitere Order kantonieren; und so war unser nächstes Nachtquartier in Nowaweß, einem böhmischen Kolonistendorf bei Potsdam. Ich logierte beim Schulmeister, welcher zugleich auch ein Kattunweber war. Der Mann klagte sehr über den Verfall der böhmischen Sprache in dem Dorf, so daß die Jugend nicht mehr böhmisch lernen wollte, die böhmischen Bücher nicht mehr verstände, und daß die Leute sogar keine böhmischen Predigten mehr verlangten; alles sollte auf deutsch gehen. Ich stellte dem Manne vor, daß es großer Unsinn sei, mitten in Deutschland noch die böhmische Sprache unter den gemeinen Leuten fortsetzen zu wollen; die Leute könnten sonst was Nützlicheres lernen. Aber da hatt' ich des Herrn Schulmeisters Gunst gehabt! Er behauptete den Vorzug seiner Sprache vor allen anderen, und als ich ihn noch weiter widerlegte, ward er grob, und ich mußte, um Händeln vorzubeugen, dem Meister nachgeben und stille sein. Er sagte nachher zu einem meiner Kameraden, ich sei ein superkluger Mensch, der das Gras wachsen hörte. – Du lieber Gott! Berlin hat zwar recht hübsche Häuser, und in diesen Häusern gibt es ganz artige Zimmer, allein wir wurden größtenteils in Gemächer geworfen, welche den Höhlen wilder Tiere ähnlicher sahen, als Lagerstätten für Menschen. Die reichen Bürger gaben den ärmeren, besonders Soldatenweibern u. dgl., Geld, daß sie ihre Mannschaft einnehmen mußten, und so wurden wir zu armen Menschen hingelegt, welche freilich nicht in Palästen wohnen. Wer uns selbst aufnahm, der hatte entweder eine unterirdische Wohnung oder einen Boden oder sonst ein Loch, wohin er uns werfen konnte; kurz die Quartiere in Berlin waren durchaus schlecht und gaben zu sehr vielen Klagen der Soldaten Anlaß; allein was war zu tun? Man mußte Geduld haben. Die Berliner Bordelle hab' ich auch besucht: allein in ganz anderer Absicht, als ehemals die der Madame Agricola zu Frankfurt. Da ich in diesem Fache bisher sehr aufrichtig im Bekennen war, so werden mir meine Leser doch auf mein Wort glauben, daß ich in Berlin mit keinem feilen Mädchen näheren Umgang gehabt habe; aber die Bordelle habe ich besucht oder besehen. Es versteht sich von selbst, daß ich weder bei der Madame Schuwitzn, noch bei der Madame Lindemann, noch sonst in einer vornehmen »stillen Wirtschaft«, wie man dergleichen in Berlin nennt, gewesen bin; denn wie sollte ich, als Soldat, eine Schuwitzn besuchen, die sogar Kandidaten der hochheiligen Theologie abgewiesen hat, wie das vorige Ostern noch geschah – vielleicht, weil nichts Unreines ins Himmelreich hineingeht. Die Schuwitzn hatte, kurz vor der Zeit, als wir nach Berlin kamen, sehr gelitten. Ihre Mädchen oder ihre Damen waren eines Abends unter den Linden geneckt worden und hatten angefangen, dagegen zu schimpfen. Einige Offiziere bestellten hierauf einen pudelnärrischen Kerl, welcher die Gassenbuben wider die Nymphen aufbringen mußte. Die Jungen insultierten die Mädchen nach Noten, bis sie sich endlich aus lauter Angst in ihren Wagen zusammenpackten und nach Hause fuhren. Die Jungen waren aber auf Anstiften ihrer Führer noch nicht zufrieden und verfolgten den Wagen mit Steinen und Kot und machten selbst bei dem Hause der Schuwitzn einen gefährlichen Spektakel. Die Dame, welcher es bekannt sein mochte, woher eigentlich der Skandal entspringe, wollte eine Klage einlegen; allein das Resultat davon war, daß ihr untersagt wurde, Kutsche und Bedienten zu halten. In Berlin ist das Haus dieser Makerelle sehr bekannt, und wer die Friedrichstraße mit einem Fremden geht und an das kleine niedliche Häuschen kommt, der spricht: »Sehen Sie hier das Haus der Madame Schuwitz.« In allen vornehmen und geringeren Gesellschaften wird von Madame Schuwitzn gesprochen, und die Berliner berühmen sich, daß selbst ein gewisser Herzog, welcher während seines ersten Aufenthaltes in Berlin von diesem Freudenort beinahe nicht wegkam, gestanden habe, er habe sogar in London keine so gute Wirtschaft von der Art angetroffen. Die Dame soll auch wirklich immer für recht gute Ware sorgen, d. h. für Mädchen von schlankem Wuchs und einnehmenden Gesichtszügen, welchen hernach die Schminke, dieses große Ingredienz aller feilen Mädchen, noch zu Hilfe kommen muß. Wenn nun die Schuwitzn eine solche Person annimmt, so läßt sie selbige einige schöne Stellen aus empfindsamen Romanen, Dichtern und Schauspielen auswendig lernen, übt sie im Komplimentemachen und im Putzen, und das gefällige Mädchen, vulgo Hure, ist fertig. Bei der Madame Lindemann und an einigen andern vornehmen Orten ist's beinahe ebenso, obgleich die Schuwitzn allemal das Prae hat, wie man sagt. Billig ist es da nicht. Der Verfasser der »Galanterien von Berlin« hat gesagt: an manchen teuren Orten dieser Art müsse man einen Louisdor zuviel haben, wenn man sich ein Vergnügen machen wolle. Allein bei der Schuwitzn reicht wirklich der Louisdor nicht zu, auch bei der Lindemann schwerlich. Wer nun vollends sich will sehen und etwas aufgehen lassen, der kommt unter vielem schwerem Gelde nicht weg. Den neuesten Nachrichten aus Berlin zufolge soll die Wirtschaft der Madame Schuwitz jetzt gänzlich zugrunde gerichtet sein. Ein gewisser in diesem Bordell beleidigter Graf schickte, wie man erzählt, einen Schinderknecht dahin, der sich wer weiß wofür ausgab und daselbst die Nacht zubrachte. Den folgenden Morgen versetzte der Kerl selbst bei der Schuwitzn seine Uhr, weil er, wie er vorgab, nicht Geld genug bei sich hätte, seine Schuldigkeit abzutragen. Gegen Mittag fuhr er mit einer krepierten Sau auf seinem Karren vor das Haus der Schuwitzn, trat in seiner Schinderuniform hinein und forderte seine Uhr, um sie auszulösen. Diese Begebenheit wurde gleich in der ganzen Stadt bekannt, und das berühmte Haus verlor durch diese skandalöse Geschichte alles Ansehen und soll seitdem wenig oder gar nicht mehr besucht werden. Die Bordelle waren von der Einquartierung nicht frei, nämlich die von geringerem Kaliber, und ich habe selbst, nachdem ich mich mit meinem ersten Wirt überworfen hatte, einige Tage in einem solchen Loche gewohnt. Ich hatte schon von langen Zeiten her so viel von berlinischen Bordellen gehört, die alle anderen, selbst die zu Strasburg und Frankfurt am Main, übertreffen sollten, daß ich recht im Ernst begierig war, diese Dinge in natura zu besehen. Was ich fand, will ich kürzlich mitteilen. Ich besuchte die »Talgfabrike«, die »Tranpulle«, den »zottlichen Juden« und einige andere. Es ist allerorten Mode, daß man den Bordellen schimpfliche Namen gibt: das soll noch von einigem guten moralischen Gefühl des Publikums zeugen. Und wer das bedenkt, der wird bei den Namen »blutiger Finger«, »rotes Läppchen«, »schwarze Schürze« allemal hübsche Reflektionen machen können. Es soll hingegen eine große Verdorbenheit der Sitten anzeigen, wenn man dergleichen obskure Sachen mit seinen Namen belegt, wenn man z. B. eine Hure ein Freudenmädchen nennt; warum nicht schlechtweg gesagt »Hure«, »Hurenhaus«? Wer diese Wörter nicht hören kann, verrät, daß er ein systematischer Wollüstling ist. Doch solche Benennungen sollen den Kindermord befördern helfen!! In Berlin war's allerorten dasselbe. Es halten sich gemeiniglich sechs, acht bis zwölf Nymphen in einer Wirtschaft auf, meist Mädchen von ganz geringem Stande, welche ehemals von adligen oder unadligen Wollüstlingen verführt oder benutzt wurden und hernach, der Arbeit entwöhnt, keinen anderen Weg wußten, sich zu ernähren, als den der feilen Wollust. Einige davon fühlen das Unwürdige ihrer Hantierung und wünschen sich eine bessere Lebensart. So fand ich in der »Talgfabrike« ein Mädchen namens Jettchen, von Schwedt, welche mir feine Gesichtszüge zu haben schien und mit der ich mich daher abgab. Sie erzählte mir ihren Lebenslauf, und ich ward gerührt. Ich fragte sie, ob sie Lust hätte, aus diesem Leben heraus zu kommen, und sie gestand, nur ihre Schulden hielten sie zurück, sonst ginge sie herzlich gern gleich wieder weg. – Das Ding fuhr mir im Kopf herum, ich wußte aber nicht, wie ich es anfangen sollte, sie zu retten, da ich kein Geld hatte, um für sie zu bezahlen und sie dadurch auszulösen. Endlich machte ich gemeinschaftliche Sache mit einigen derben Kavalleristen und zwei Soldaten von unserem Regiment. Ich stellte ihnen die abscheuliche Lage des unglücklichen Mädchens vor und den Wunsch, den sie hatte, zu ihren Verwandten zurückzukehren. Dann versicherte ich sie, das Vorgeben solcher Wirte von Schulden sei nur ein Kniff, die Mädchen festzuhalten, die Kerls wären Erzpreller; es sei übrigens ein sehr gutes verdienstliches Werk, ein solches Geschöpf vom Untergang zu retten. Dabei brauchte ich meine militärische Beredsamkeit dergestalt, daß die braven Kavalleristen und Musketiers schwuren: der Teufel sollte sie samt und sonders holen, wenn das Mädchen nicht innerhalb 24 Stunden frei sein sollte! Den folgenden Abend gingen wir alle auf einen Haufen in die Talgfabrike, tranken Bier und schäkerten so herum. Endlich gab ich Jettchen ein Zeichen, daß sie sich nur zu uns halten sollte; dann nahm ein Kavallerist sie beim Arm und wollte mit ihr weg. Der Wirt aber hatte helle Augen, lief hinzu und sagte: »Wohin, mein Herr?« Der Kavallerist : Spazieren! Der Wirt : Die Mamsell geht nicht spazieren! Der Kavallerist : Warum denn nicht? Ich will sehen, wer's ihr wehren soll! Der Wirt : Sie soll nun nicht! (Will sie wegreißen.) Ein anderer Kavallerist : Kerl, reise! oder der Teufel soll dich frikassieren! (Schleudert ihn weg.) Der Wirt setzte sein loses Maul fort, bekam aber derbe Rippenstöße; der Kavallerist und einige andere waren indes mit Jettchen abgefahren, und Meister Maquereau hatte das Nachsehen. Er sprach zwar viel von Räubereien, drohte mit Verklagen, aber wir lachten ihn nur aus, da er uns alle nur nach der Uniform, nicht aber nach dem Namen, ja nicht einmal nach der Kompanie kannte. Jettchen ging nach der Neustadt zu einer alten Frau, mit der sie bekannt war, und begab sich hernach, wie ich gehört habe, zu den ihrigen nach Schwedt. Vielleicht ist sie auf den Weg der Tugend zurückgekehrt, und dann haben wir ein gutes Werk getan. Um den reumütigen Mädchen es unmöglich zu machen, ihr schändliches Gewerbe zu verlassen, so sorgen die Wirte dafür, daß sie immer viel von ihnen zu fordern haben. Der Wirt schafft der Unglücklichen Kleider, Wäsche, Putz, beköstigt sie und gibt ihr Quartier; alles rechnet er übermäßig teuer an, so daß das Mädchen nimmermehr bezahlen kann. Ihren Verdienst teilt er obendrein mit ihr, und läßt ihr nur eine Kleinigkeit, welche das zu Leckereien verwöhnte Mädchen in lauter Kuchen und Zuckerwerk vernascht. So müssen denn die Kreaturen bleiben, bis entweder der Wirt selbst sie fortjagt oder bis sie entwischen oder irgend ein Liebhaber sie auslöst. Zu wünschen wäre es immer, daß die Berliner Polizei hier angemessene Gegenanstalten träfe, um einer Unglücklichen das Laster nicht wider Willen zur Zwangspflicht werden zu lassen. Im Durchschnitt sind diese Mädchen unverschämte Nickel, die gar nichts von Anstand und Delikatesse wissen. Schamlose Worte begleiten alle ihre Reden, und durch schändliche Gebärden wiegeln sie die tierische Lüsternheit nur noch frivoler auf. Dabei können sie saufen, sogar Branntwein, wie die Packknechte. Kommt jemand in so ein Saus, so greift ihn gleich die erste beste an, nennt ihn »lieber Junge«, duzt ihn und fordert sogleich, daß er ihr Wein, Schokolade, Kaffee, Branntwein und Kuchen geben lasse; und das alles ist in diesen Häusern noch einmal so schlecht als anderswo, und doch noch einmal so teuer. Nun kommt es darauf an, ob der angehaltene Mosjeh so galant ist, daß er dem Nymphchen willfahrt oder nicht. Im ersteren Fall bleibt das Mädchen bei ihm, streichelt ihm die Backen, nennt ihn allerliebst, bis ihre Viktualien verzehrt sind oder jemand anders sie zu einem ernstlicheren Geschäft auffordert. Im andern Fall trollt sich das Kreatürchen gleich und sucht eine willfährigere Gesellschaft. Und auf diese letztere Weise kann man ganz ungestört in einem Bordell sitzen, seine Pfeife rauchen und dem Spektakel zusehen, ohne daß man nötig habe, der niedern Wollust zu frönen oder etwa mehr als das, was man selbst verzehrt, zu bezahlen. Es wird überhaupt in Berlin gar nicht für anstößig oder schändlich gehalten, in ein Bordell zu gehen. Viele, selbst angesehene, Ehemänner gehen dahin, und kein Mensch, selbst ihre Weiber, nehmen ihnen das nicht übel. Man weiß, daß der Zehnte bloß aus Neugierde hingeht oder zum Zeitvertreib. Während der Zeit, da sich die fremden Regimenter in Berlin aufhielten, standen viele Bordelle den Soldaten offen, wohin sonst bloß Vornehmere zu kommen pflegen. Ob das vielleicht Achtung für die Fremden war? Die Mädchen selbst waren so höflich, ihren Preis auf die Hälfte herabzusetzen: wo man sonst zwölf Groschen zahlen mußte, zahlte man jetzt nur sechs, doch ohne den Pudergroschen mitzurechnen. Von den berlinischen Straßennymphen gibt es eine große Anzahl; man heißt sie schlechthin »Straßenmenscher«, »Kurantmenscher« u. dgl. Sie schwärmen trotz der scharfen Aufsicht die ganze Nacht auf den Gassen, teils einzeln, teils haufenweise, herum und sehen zu, wer ihnen für den Genuß schmutzigen Vergnügens einige Groschen zollen will. Ich bin einigemal Augenzeuge von Auftritten gewesen, worüber ich errötete. – Die Gesellschaftsmamsellen, welche ganz einzeln für sich wohnen und dann und wann für Geld und gute Worte sich von schmucken jungen Leuten besuchen lassen, habe ich nicht kennen gelernt. – Aber nun mag's genug sein! Im Anfang des Julius marschierten wir an einem Montag aus Berlin auf Frankfurt zu. Das Land hier ist sehr sandig und unfruchtbar, die Leute sind größtenteils arm. Sie heißen nach der berlinischen Sprache die »Sandmärker«. Gern hätte ich die Universität zu Frankfurt an der Oder näher kennen gelernt: allein wir gingen die Stadt nur eben durch, und da ließ sich freilich wenig bemerken. Ich sah zwar einige Studenten auf der Straße, die alle recht artig gekleidet gingen und gar nicht renommistisch aussahen: ich schloß daher, daß der Komment auf dieser Universität jetzt auch sehr verfeinert sei. Allein nach meiner Zurückkunft nach Halle sprach ich mit einigen, die sonst in Frankfurt studiert hatten, und diese Herren beschrieben mir den Frankfurter Ton als sehr roh, viel roher, als er in Halle ist. An der Oder betrachtete ich die Säule, welche dem vortrefflichen Herzog Leopold von Braunschweig errichtet ist, Der Prinz ertrank bei dem Versuch, einen Soldaten aus der Oder zu retten. P. und fühlte recht lebendig, daß dieser edle Fürst eines schöneren Todes starb, als mancher Held, der hunderttausend unschuldige Menschen auf die Schlachtbank führt, und endlich auf Trümmern der Menschheit im Triumph als Sieger einherschreitet, uneingedenk des schönen Lessingschen Spruches: »Was Menschenblut kostet, ist Menschenblut nicht wert!« – dann sich hinlegt und stirbt und nun aus widervernünftiger Verwöhnung ein Mausoleum erhält. Wahrlich, Leopold hat die Ehrensäule mit größerem Recht verdient! Zu Trebbin, einem Dorfe unweit Frankfurt, konnte ich das Feld überschauen, wo vorzeiten Friedrich II. die ungebetenen Gäste, die Russen, teils zusammengehalten, teils in die Oder gejagt hat. Mein Wirt hatte dieser Menschenschlächterei beigewohnt und konnte vielerlei Partikularitäten davon erzählen. Er sprach von den Russen sehr erniedrigend und führte viele Beispiele von Grausamkeiten an, welche sie in jenen Gegenden verübt hätten. Sie pflegten, um nur eins anzuführen, die Haare der Weiber und Mädchen um ihre Säbel zu wickeln, hernach die armen Geschöpfe vermittelst des Säbels an der Erde zu befestigen und auf diese Art ihre viehische Wollust ungestörter zu stillen. Die russischen Offiziere erlaubten das alles und lachten über die Klagen des gedrückten Landmanns. Aber so soll auch ihre Schande fortdauern bis an den jüngsten Tag. Der Feind sei immerhin Feind, nur vergesse er die Menschlichkeit nicht, und man wird ihn loben und ehren! In Dittersbach bei Sagan standen wir, das zweite Bataillon, bei welchem ich mich befand, vierzehn Tage still. Dies verursachte der Reichenbacher Kongreß, von dessen Ausgang Krieg und Frieden nun abhing. Unsere Leute disputierten täglich bis zum Zanken und zu Grobheiten, ob Leopold nachgeben oder den Krieg fortsetzen würde. Sie wurden oft aufeinander so erbittert, daß sie sich mit Schlägen drohten. Ich sah dergleichen Auftritte gern, sie erinnerten mich an die Zänkereien und die Spektakel der älteren und neueren Theologen und Philosophen, welche oft über Dinge disputierten, die kein Mensch bejahend oder verneinend entscheiden kann. Hier in Dittersbach machte ich mich mit der Landesart bekannt, und ich muß mit Erlaubnis der Herren Schlesier bekennen, daß ich wenig Genugtuung gefunden habe. Ganze Strecken recht guten Landes lagen öde, und niemand konnte sich entsinnen, daß je ein Pflug darauf gekommen wäre. Der Gartenbau taugt vollends nichts, wenigstens auf den Dörfern nicht. Die Leute sehnen sich nicht einmal nach Gartenfrüchten: sie essen jahraus jahrein ihre Knödel, d. h. Mehl wird in Wasser gerührt, sehr schwach gesalzen, zu länglichen Stücken geformt, und in bloßem Wasser gesotten. Das sind schlesische Knödel, welche noch obendrein ohne Schmelze gegessen werden. Außerdem haben sie ihre Suppe, bloßes Mehl mit Salz und Wasser, selten mit Milch, und sind damit zufrieden. Es gibt Familien, die das ganze Jahr hindurch auch nicht ein Lot Fleisch essen. An Einschlachten und an Geräuchertes ist gar nicht zu denken, ich meine immer: auf den Dörfern, denn in schlesische Städte bin ich nicht gekommen. Die Tracht oder Kleidung dieser Leute ist sehr einfach und zeugt von der Armut der meisten. Fast alle beklagten sich, daß sie kaum so viel erwerben könnten, als hinreicht, die Abgaben an den König und den Edelmann zu entrichten: woher nun Kost und Kleidung! Der schlesische Landmann ist in allem Betracht ein Sklave. Die königlichen Abgaben, hörte ich mehrere sagen, wollten sie gerne geben, wenn sie nur von der Tyrannei des Adels befreit wären. Der größte Teil des Adels tyrannisiert zwar allerorten, wo er nur kann, und sieht die Landsleute als Geschöpfe an, die aus einer ganz anderen Masse gebildet sind, als der gnädige Junker. Aber nirgends ist die adelige Tyrannei ärger als in Schlesien, da können die Herren Unmenschen so recht nach Herzenslust die armen Untertanen scheren. Der Bauer da muß seinem Edelmann oder Gutsherrn arbeiten, so oft und viel er es verlangt, und was der Edelmann ihm dafür erstattet, ist der Rede nicht wert. Widersetzt sich der Bauer, so läßt ihn der Junker einsperren. Ein Bauer wollte seinen Sohn zu einem edelmännischen Amtmann qualifizieren lassen, und bediente sich dabei in vollem Ernst des Ausdrucks, er sollte ein Bauernschinder werden. – Und so fädelt man Volksaufstand ein! Wenn also Schlesien auch gleich ein recht gutes und fruchtbares Land ist, so ist doch der Wohlstand der arbeitenden Klasse, vornehmlich auf dem Lande, sehr gering, und die armen gedrückten Leute sehen leider das Unnatürliche noch nicht ein, was Hofrat Schlözer darin findet: »daß ein hochwohlgeborner Schwachkopf und Faulenzer von dem Verstand und der Arbeit hundert gescheiter und arbeitsamer Leute leben solle«. – An Holz haben die Leute freilich einen Ueberfluß, gehen aber damit so unsparsam um, daß es eine Schande ist. Um eine Wassersuppe zu kochen, verbrennt der Schlesier so viel Holz, als man in Halle braucht, eine ganze Mahlzeit zuzurichten. Den ganzen Tag brennt da das Feuer auf dem Herde, damit, wenn ja einem einfällt, etwas anzusetzen, er nicht nötig habe, erst Feuer anzumachen. Die Leute brauchen dreimal täglich warmes Wasser für das Vieh: da nun das Wasser in Ofenschiffen gewärmt wird, so werden die Stuben in diesem Lande täglich wenigstens dreimal geheizt. Ich konnte in solchen Stuben gar nicht bleiben, ebensowenig meine Kameraden: die Einwohner aber rührte das gar nicht. Wenn also überhaupt, wie man sagt, diese Nation von etwas schwachem Geiste ist, so mag das ewige Heizen der Stuben vielleicht ebensoviel dazu beitragen, wie der despotische Druck ihrer Gutsherren. In Kleinigkeiten sind die Schlesier erfinderisch. So sah ich in Sprottau eine Wiege, welche durch ein Triebrad vom Wasser in Bewegung gehalten wurde. Ich habe noch mehr Raritäten von der Art bemerkt, die aber keineswegs Beweise für die Kultur eines Landes sind. Zwanzigstes Kapitel. Friede. – Rückmarsch nach Berlin. – Gespräch mit Herzog Friedrich von Braunschweig-Oels. – Wieder in Berlin. – Widmung eines französisch geschriebenen Auszugs aus meinem Tagebuch an Herzog Friedrich. – Krankheit. – Ein energischer Feldscherer. – Rückkehr nach Halle. – Moralische Besserung. – Ein Wort über meine Selbstbiographie. – »Da steht nun Laukhard, wie er leibt und lebt.» – Auf Wiedersehen! Endlich tat der Reichenbacher Kongreß seine Wirkung; es war Friede, und wir erhielten Befehl, zurückzumarschieren. Ich bin nicht imstande, die Freude zu beschreiben, welche den größten Teil unserer Soldaten auf einmal beseelte. Sie gebärdeten sich wie die Kinder, wenn sie ein hübsches Geschenk erhalten haben. Nur wenige sahen es nicht gern, daß der Spektakel ein Ende haben sollte: diese wünschten sich ihren alten Fritze zurück: Der , meinten sie, würde kein Ungemach gescheut haben, würde entweder ganz ruhig zu Hause geblieben oder in Böhmen vorgedrungen sein, solange, bis die Türken von selbst Frieden erhalten hatten: viel Blut würde es auch nicht gekostet haben, Österreich wäre schon zu schwach, um nicht den Ueberrest von Schlesien gern freiwillig abzutreten, die Kriegskosten zu ersetzen und sich wenigstens in vierzig Jahren die Lust nicht wieder ankommen zu lassen, Europa in Krieg zu verwickeln und so auf Kosten anderer im trüben für sich zu fischen. Mir schien es aber doch, daß unser gutmütiger König sich bei diesem Feldzug doppelten Ruhm erworben habe. Es gehört doch wahrlich etwas mehr dazu, als eine kaufmännische Seele, um die Kosten zur Mobilisierung der Armee nicht zu achten, Verzicht auf Eroberungen zu tun, und da dem Feinde selbst die Hand zum Frieden zu bieten, wo es etwas Kleines gewesen wäre, ihn durch Krieg vollends aufzureiben. Und so war unser liberaler König in meinen Augen doppelt groß. Wir nahmen bis Sagan beinahe denselben Rückweg, worauf wir hingezogen waren: doch kamen wir auf anderen Dörfern ins Quartier: Das Obst fing an, zu reifen, und der vollste Baum war oft in einer halben Stunde leer. Die Soldaten machen es einmal nicht anders. Die Landleute schienen uns auch gewogener zu sein auf dem Rückweg, als auf dem Hinmarsch, ob ich gleich überhaupt sagen muß, daß die Schlesier eben keine großen Freunde von den Preußen und der preußischen Regierung sind. Von Sagan gingen wir durch die Lausitz nach Berlin. Vor Sagan ist das ganze Leiden Christi in steinernen Figuren abgebildet und auf eine Viertelmeile in Stationen verteilt – ohne Zweifel zur größeren Erbauung des hartgedrückten Landmannes. Sorau war die erste sächsische Stadt, wo wir Nachtquartier hatten: hier war der Abstand zwischen Schlesien und der Lausitz auffallend sichtbar. Es muß doch viel Fehler in der Niedergeschlagenheit der schlesischen Landleute und der daher entstehenden Schlaffheit zur Industrie liegen. Wer zur Schadloshaltung sich dumpf in die Ewigkeit hinein brütet, der ist nicht fürs Zeitliche. In Leskow ließ uns der Herzog Friedrich von Braunschweig, unser Generalissimus, die Patronen abnehmen, und sie auf der Spree nach Berlin schiffen. Das war ein großer Vorteil, den uns der väterliche Fürst verschaffte, denn nun marschierten wir weit leichter als zuvor. Nicht weit von Berlin hatte ich selbst das Glück, diesem edlen Herrn persönlich bekannt zu werden. Ich halte diesen Vorfall für einen der schönsten meines Lebens – mit Recht! Laukhard hat dem Prinzen Friedrich von Braunschweig, Herzog von Oels, den Ersten Teil seiner Lebensgeschichte gewidmet. Eine Anzahl sehr interessanter und drolliger Anekdoten über den jovialen und fein gebildeten Prinzen finden sich in Thiébaults Memoiren, die unter dem Titel »Friedrich der Große und sein Hof«, von Heinrich Conrad bearbeitet, ebenfalls im Verlag von Robert Lutz in Stuttgart erschienen sind. P . Es ging so zu: In Guben, einer hübschen, sächsischen Stadt, speisten unsere sämtlichen Offiziere beim Generalissimus. Unter anderem fiel das Gespräch auf die verschiedenen Subjekte, welche sich manchmal bei den Soldaten einfänden. Der Herzog selbst erzählte, daß er einmal zu gleicher Zeit drei Geistliche von drei Religionen bei seinem Regimente gehabt hätte – einen Lutheraner, einen Reformierten und einen Katholiken, der Kapuziner gewesen war. Das hatte meinem Hauptmann, Herrn von Mandelsloh, Gelegenheit gegeben, dem Herzog zu sagen, daß bei seiner Kompanie sich ein Magister befände, der vorzeiten in Halle Kollegia gelesen hätte. Diese Nachricht war dem Herzog aufgefallen, und er hatte geäußert, daß er mich sprechen wolle. Er kam an einem Morgen wirklich an die Kompanie geritten mit dem Generalleutnant von Kalkstein. Ich trat aus, und Herzog Friedrich redete mich sehr herablassend an, wie er allerlei Gutes von mir gehört hätte und nun mich sprechen wolle. Er fragte hierauf bald nach diesem, bald nach jenem, und spaßte nach seiner ihm ganz besonders eigenen witzigen Art über mancherlei. Unter anderem fragte er mich, ob ich Theologie studiert hätte, und als ich dies bejahte. lächelte er und sagte: »Siehe da, so sind wir ja alle drei Pfaffen: ich als Dompropst, Sie, Alter (zum Generalleutnant Kalkstein), als Domherr, und Laukhard da als theologischer Gelehrter. Nun, nun! die Pfaffen sollen leben, die uns gleichen und es mit dem Vaterland und dem Könige gut meinen! (zu mir:) Nicht wahr, mein Freund?« Er hatte von meinem Tagebuch gehört und befahl mir, ihm einen Auszug daraus in Berlin selbst zu überbringen. Er forderte zwar das Tagebuch selbst: allein, so gern ich's gleich hingegeben hätte, war es doch nicht so eingerichtet, daß es den Händen eines solchen Fürsten hätte können überliefert werden. Ich sprach beinahe eine halbe Meile mit dem Herzog, indem ich immer neben ihm herging und auf der anderen Seite den Generalleutnant von Kalkstein hatte. Endlich kamen wir an ein Dorf, und wir mußten uns trennen. »Leb' Er wohl, mein Lieber,« sagte der Herzog, »und in Berlin sehen wir uns wieder. Aber daß Er's ja nicht vergißt, mich zu besuchen! Ich bin Soldat: also sans façon! « Darauf ritt er vorwärts, und sein Stallmeister überreichte mir in seinem Namen ein Goldstück. Da stand ich, und das menschenfreundliche Betragen des herrlichen Fürsten hatte mich so entzückt, daß ich vor Freude denen, die jetzt mit mir sprechen wollten, kaum antworten konnte. Wahrlich, ich weiß es recht wohl, daß Fürsten Menschen sind wie wir; aber wenn der Mensch durch Tugenden und Vorzüge des Geistes sich der Gottheit nähern kann, welche Ehrfurcht verdient ein Fürst, der bei allen Reizen zum Stolz, zur Despotie und zur Karte, mitten im Haufen der Schmeichler Mut genug hat, Mensch zu bleiben und seine wohltätigen menschenfreundlichen Gesinnungen nicht nur andere fühlen zu lassen, sondern auch an den Freuden anderer selbst Vergnügen zu finden.   In Berlin waren unsere Quartiere ebenso elend als das erstemal, fielen uns aber jetzt, da es schon anfing, unfreundliches Wetter zu werden, weit beschwerlicher. Wir brachten volle fünf Wochen hier zu, und da begegnete uns gar manches. Meine neue Wohnung stand zwischen zwei Bordellen in der Behrenstraße: auf der einen Seite war Madame Lindemann, auf der anderen eine andere stille Wirtschaft, die man die »Diamantene Schnalle« nannte. Ein Bursche von der Kompanie hatte gerade gegenüber sein Quartier, auch in einem Bordelle. Man muß wissen, daß jenes ganze Viertel fast aus lauter Bordellen besteht, und daher das Hurenviertel genannt wird: es begreift die Behren-, Französische und Kanonierstraße in sich. Der Bursche stand abends vor der Tür, als ein Kanonierleutnant kam und in dieses Stramhaus – so nannten die Soldaten diese Häuser in Berlin – gehen wollte. Er fragte den Burschen, was er da stünde, und ohne seine Antwort abzuwarten, hieß er ihn alsobald reisen. Der Bursche erwiderte, daß hier sein Quartier sei, und daß er sich da nicht wegjagen lasse. Das verdroß den Herrn Offizier so sehr, daß er nach dem Degen griff und Gerstenberg, so hieß der Soldat, damit schlug. Gerstenberg sprang fort und verklagte den Offizier, dessen Name ihm bekannt geworden war. Herr von Mandelsloh meldete die Sache an den Obristen der Kanoniere, und da mußte der Herr Leutnant sich mit dem Soldaten abfinden und ihm Abbitte tun. So war es auch schon recht! Die Herren würden sonst denken, der Soldat sei bloß da, sich von ihren närrischen Grillen hudeln zu lassen! An dem Aufsatz für Herzog Friedrich arbeitete ich fleißig. Ich setzte alles französisch auf, hätte es aber gern durch einen andern abschreiben lassen, wenn er mir nicht ausdrücklich befohlen hätte, alles selbst zu schreiben: denn als ich mich unter anderm entschuldigte: ich könnte mein Tagebuch wegen meiner unleserlichen Hand nicht überreichen, sagte der Fürst: »Ich kann alle Hände lesen; was Er in Berlin für mich aufsetzt, muß Er auch selbst schreiben.« Wie sehr bedaure ich. daß ich in meiner Jugend nicht habe lernen schön schreiben. – Mein Aufsatz enthielt einen kleinen Abriß meiner Schicksale, und dann einige Anmerkungen über den Schlesischen Feldzug. Ich gab ihm den Titel: »Extrait du Journal d'un Mousuetaire Prussien, fait dans la Campagne de 1790«. Nebenbei machte ich ein lateinisches Carmen auf den Herzog; denn ich wußte, daß er an der lateinischen Poesie Vergnügen fand und selbst ganz artige Gedichte in dieser für die Poeterei gewiß recht schicklichen Sprache gemacht hatte. Nachdem ich fertig war – ich verschob dieses Geschäft absichtlich bis kurz vor unserem Auszug aus Berlin, um nicht zudringlich zu scheinen –, meldete ich meinem Kapitän, daß ich dem Herzog einen Aufsatz überreichen wollte. Dieser gab mir den Unteroffizier Schäffer mit. Der dachte, weil er Unteroffizier wäre, mußte er natürlich bei dem Herrn eher zur Sprache kommen als ich; er ermahnte mich daher, ja nicht eher zu reden, als bis er fertig wäre, das schicke sich nicht anders. – O tempora, o mores ! dacht' ich und zuckte die Achseln über die Präsumtion dieses Herrn Unteroffiziers. Als wir das Palais des Herzogs erreicht hatten, kam dieser eben von der Parade. Er erkannte mich sogleich, kam auf mich zu und sagte: »Ah, da ist ja mein Gelehrter!«, reichte mir die Hand, wünschte mir guten Morgen und fragte: »Hat Er den Aufsatz fertig?« Ich übergab meine Papiere. »Nun gut,« fuhr er fort, »in einem Augenblick sprechen wir uns weiter.« Sofort trat er in sein Zimmer, aber nach einigen Minuten ließ er mich hereinrufen. »Ich habe,« sagte er, »schon etwas gelesen: es gefällt mir. Wenn Er künftig etwas Gutes macht, schicke Er mir's!« Diese Huld des edlen Fürsten machte mir Mut, und ich konnte nun unbefangen mit dem würdigsten Enkel Heinrichs des Löwen, des größten deutschen Helden, weitersprechen. Unsere Unterredung war nicht kurz. Endlich sagte Friedrich: »Hier, mein Freund, ein Lehrpfennig nach Halle. Gott stehe Ihm bei und erhalte Ihn gesund!« Ich empfahl mich dem Fürsten zu Gnaden, er aber erwiderte: »Meine Gunst ist Ihm gewiß: sei Er ein braver Mann, und dann rechne Er auf mich: ich werde Ihn niemals vergessen.« Den letzten Tag ward ich in Berlin krank: ich marschierte aber doch noch den ersten Marsch mit. Allein in Detow zeigte sich's, daß ich eine Art von Halsbräune hatte. Diese hätte sehr gefährlich werden können, wenn mir der Feldscherer nicht in vier Tagen siebenmal zur Ader gelassen und häufige Injektionen gemacht hätte. Den heroischen Aderlässen dieses Herrn verdanke ich, daß ich damals nicht erstickt bin. Erst vier Tage hernach konnte ich wieder schlucken und reden. Wie abgemattet ich von dem vielen Aderlassen werde geworden sein, kann man denken, wenn man dazu nimmt, daß ich innerhalb fünf Tagen keinen Bissen Nahrung zu mir nehmen konnte. Unser Weg führte uns durch Wittenberg: der Ton der dortigen Studenten ist nicht gar sehr von dem der Knoten unterschieden: selbst ihre Kleidung ist ziemlich knotenmäßig. Sie treten einher, wie Leute ohne Erziehung, und sitzen den ganzen Tag in den Bierkneipen, wo sie ihren Gugguk trinken und Tabak qualmen, bis keiner den anderen mehr sieht. Der Fleiß der Herren Wittenberger soll sehr klein sein. So viel im Vorbeigehen von Wittenberg. In Halle mußte ich nun freilich meine Stunden wieder annehmen, und diejenigen Scholaren, welche von meinen vorigen noch da waren, nahmen meinen Unterricht auch gleich wieder an. Zu diesen erhielt ich bald noch mehrere. Ich kann mich rühmen, daß ich jetzt in meinem Stundengeben weit regelmäßiger gewesen bin, als sonst. Allein ich war ja auch in meinem Betragen, in meiner Aufführung selbst, viel regelmäßiger und ordentlicher geworden. Der Trunk, meine bisherige häßliche Leidenschaft, hatte bei mir um ein merkliches abgenommen. Die freundschaftlichen Winke und die Unterredungen des Herrn Bispink hatten meine moralische Empfänglichkeit geweckt, und mich zu mehr Reflexion über mich und die Folgen meiner Handlungen angeschärft. Hierzu kam der Feldzug, der auch nicht wenig zu meiner wirklichen moralischen Besserung beitrug. Ich lernte immer selbst nachdenken und fand, daß das Unglück, ich meine das moralische Unglück, die Verstimmung der moralischen Saiten, der fatale Mißklang der inneren Gefühlsnerven und was davon in meinem Aeußern abhing, bloß in meinem Leichtsinn und in meinem schwärmenden Wesen zu suchen war. Aus Bosheit hatte ich wahrlich nie gefehlt. So beschäftigte ich mich auf eine sehr anständige Art, und meine Herren Scholaren fanden Genüge und behandelten mich sehr freundlich. Gaben sie mir gleich keine reichlichen Honorare, so bekam ich doch soviel, daß ich ziemlich auskommen konnte. Alle Gelage konnte ich indessen nicht ganz meiden, und wer würde das fordern: ich konnte nicht immer ungestört zu Hause arbeiten; also ging ich zuzeiten und gehe noch auf den »Keller« oder in eine andere honette Gesellschaft, wo ich Leute antreffe, die nicht alle Augenblicke den »lieben Gott«, das »liebe himmlische Väterchen« u. dgl. im Munde führen, oder die sich nicht um alle Stadtmärlein, um alle Freiereien, Schlägereien, Saufereien u. dgl. bekümmern. Auf dem Keller finde ich fast immer Leute, mit denen man ein gescheites Wort sprechen und sich anständig, auch lehrreich, unterhalten kann. Aber die niedrigen Kneipen, die »Knochenkammer« und andere heillose Löcher, vermeide ich schon seit langer Zeit. Hätte ich nur auch noch das Glück haben können, mir den Beifall und die Achtung des Herrn v. Semler durch meine Besserung ganz wieder zu erwerben! Allein der edle Mann starb im Frühling 1791. Auch ich habe an diesem großen Manne viel, viel verloren. Er hat es gewiß recht gut mit mir gemeint, hat mich gern retten wollen, und hat meine Kenntnisse beträchtlich vermehrt. Ich bin ihm also Dank schuldig, und meine Verehrung gegen ihn wird erst dann aufhören, wenn die seine Modifikation meiner Seele, die jetzt »Denken« heißt, sich verändern und in eine andere Form übergehen wird. Daß diese aber länger dauern wird als die gröbere Organisation meines Körpers, davon bin ich überzeugt. Im vergangenen Winter (1791) gab Herr Bispink die Bücherverlagsverbindung auf, in der er seit 1788 mit Herrn Franke gestanden war. Ich entdeckte ihm in seiner neuen Lage mein Vorhaben, meine Lebensgeschichte zu schreiben, und zeigte ihm den Plan an, den ich befolgen wollte: er billigte ihn und versprach, den Verlag davon selbst zu übernehmen. Ich fing also an zu arbeiten, und gegenwärtiges Werkchen kam trotz der Exerzierzeit in vier Monaten zustande. Die 2 Bände dieser I. Abteilung umfassen im Original 57 Druckbogen; also eine ganz gute Leistung für vier Monate. P. Ob es dabei dem Publikum nun auch das sein werde, was ich gern wollte, daß es sein möchte, muß erst die Zeit lehren. Nun steht mir ein harter Stand vor, indem unser Regiment bestimmt ist, mit an den Rhein zu gehen, um die Inkursionen zu verhindern, womit die Neufranken dem Kaiser gedroht haben. Ich fühle schon im voraus, daß ich da manche unangenehme Stunde haben werde, allein es ist meine Pflicht, sie zu übernehmen, und was Pflicht ist, muß einem nie als böse vorkommen. Uebrigens habe ich den besten Vorsatz, immer nach mehr moralischer Besserung zu streben, und wenn nicht noch ganz gut zu werden, doch der moralischen Vollkommenheit so nahe zu kommen, als es mir möglich ist. Ich habe doch gefunden, daß man, so man nur will, manche Unart ablegen kann: warum sollte ich mit der Zeit nicht alles wieder gut machen, was die lange Hebung in Possen und Ausschweifungen verdorben hat! Sollten meine lieben Leser lein Mißfallen an meiner Biographie finden, sollte diese vielleicht ihrer Aufmerksamkeit und ihres Beifalls nicht ganz unwürdig sein, so werde ich ihnen, wenn ich lebe, mit der Zeit die Folge meiner Begebenheiten darlegen. Außerdem habe ich mir vorgenommen, ein Tagebuch auf dem bevorstehenden Marsch zu halten. Finde ich viel Merkwürdiges, so teile ich dereinst einen Auszug daraus mit.   Ich schrieb für die akademische Jugend vorzüglich, daher die eigene Art von Anlage, Ausführung und Tun: alles rasch, vieles studentisiert, burschikos und einiges gar renommistisch. Irren würde gewiß der, welcher aus dem allen folgern wollte, daß ich noch immer Behagen an meinen Verirrungen finden müßte. Du lieber Gott! Behagen an dem, was mich unglücklich gemacht hat. O, im Gegenteil, es war keine Kleinigkeit, da im Studententon zu schildern, wo gepreßter Kummer mein Herz oft zerriß und mich zuweilen, vorzüglich bei Nachrichten über meinen biederen edlen Vater, nötigte, die Feder hinzulegen, um mein Inneres zu lüften. Es ist etwas Schreckliches um ein Gespenst in der Seele! Vielleicht finden einige in meiner Biographie manches als überflüssig, ja einiges gar als schädlich: hierher rechne ich meine Bubenstreiche, die Eulerkappereien und Erzählungen von ähnlicher Art. Ich stellte sie aber hin, um mich ganz zu zeigen, und dann, um Leuten, die immer das Alte loben, das Neue herabsetzen, den ehemaligen Studententon anzugeben, und ihnen dadurch das Bekenntnis abzunötigen: Nein, so toll treiben's doch jetzt die Studenten nicht mehr! Heutzutage sind sie wirklich zivilisiert. Wem indes das nicht behagt oder wem meine Gründe dafür nicht genug tun, und der also den gekünstelten Laukhard lieber hätte haben mögen, als den natürlichen, den bedaure ich geniert zu haben, und bitte ihn bei seiner Delikatesse und Präzision um Verzeihung. »Nicht immer,« sagt Herr Schiller im Vorbericht zum Ersten Teil seiner »Kleineren prosaischen Schriften«, »ist es der innere Gehalt einer Schrift, der den Leser fesselt: zuweilen gewinnt sie ihn bloß durch charakteristische Züge, in denen sich die Individualität ihres Urhebers offenbart.« Ein Schiller bin ich nun freilich nicht! Da steht nun Laukhard, wie er leibt und lebt, von vorzeiten und von jetzt, so individualisiert von innen und von außen, nach Anlage, Ausführung, Folge – Grundsätzen, Maximen, Gesinnungen, Handlungen. Sprache – so, daß in der Galerie der Menschen noch keiner sich ihm gleich hingestellt hat! Begaffe und begucke ihn denn jetzt, wer da will und kann! Mitleiden erregen wollte er nicht: nur ein wenig warnen, zurückscheuchen und – bessern! Und so, meine teuersten Leser, leben Sie wohl und gönnen Sie mir's, wenn mein moralischer und ökonomischer Zustand sich bessert! Nach dem Feldzuge sprechen wir uns vielleicht wieder. Ende des Ersten Bandes.