Anatole France Der fliegende Händler und mehrere andere nützliche Erzählungen Crainquebille Putois Riquet (Der Umzug – Gedanken eines Hundes) Die Krawatte Die großen Manöver von Montil Der verkannte Patriot (Emile) Das doppelte Gesicht (Adrienne Buquet) Der Siegelring Die Signora Chiara Die rechtschaffenen Richter Der Christ des Ozeans Ein Traum Sancta Justitia Hausdiebstahl Crainquebille. Die Majestät der Justiz herrscht in ihrer ganzen Größe in jedem einzelnen Urteil, welches der Richter im Namen des souveränen Volkes verkündet. Jeremias Crainquebille, ein herumziehender Gemüsekrämer, sollte erfahren, wie erhaben das Gesetz ist, als er wegen Beleidigung eines öffentlichen Staatsbeamten vor Gericht geführt wurde. Nachdem er in dem prächtigen und düsteren Saale auf der Anklagebank Platz genommen hatte, sah er voll staunender Bewunderung auf die Richter und Advokaten in ihren Roben, auf den Gerichtsdiener mit der Kette, auf die Polizisten und auf die Zuschauer, die bloßen Hauptes schweigend hinter einer Scheidewand saßen. Er sah sich selbst auf einem erhöhten Sitz und empfand es als eine hohe Ehre, als Angeklagter vor dem Tribunal erscheinen zu dürfen. Im Hintergrund des Saales zwischen den beiden beigeordneten Richtern thronte der Präsident Bourriche, auf dessen Brust die Ehrenabzeichen der Akademie prangten. Eine Büste der Republik und ein Christus am Kreuze schmückten die Rückwand des Saales, so daß alle göttlichen und menschlichen Gesetze über Crainquebilles Haupt schwebten. Er empfand es mit wahrem Schrecken. Denn da er durchaus nicht philosophisch veranlagt war, fragte er sich nicht, was diese Büste und dieses Kruzifix hier bedeuten sollten und in welcher Beziehung eigentlich wohl Jesus und Marianne zu dem Gericht stehen konnten. Dennoch gab es einem zu denken, denn die päpstliche Lehre und das kanonische Recht stehen in vielen Punkten im Widerspruch zu der Verfassung der Republik und dem Zivilrecht. So viel man weiß, sind die Dekretalen nicht aufgehoben worden. Die Kirche Christi lehrt wie früher, daß nur solche Mächte eine legitime Gültigkeit haben, die sie selbst eingesetzt hat. Aber die französische Republik erhebt den Anspruch, keineswegs von der päpstlichen Macht abhängig zu sein. Füglich hätte Crainquebille mit einigem Recht sagen können: Meine Herren Richter, da der Präsident Loubet nicht gesalbt ist, so verwirft dieser Christus, der zu euren Häuptern hängt, kraft des Konzils und der päpstlichen Gewalt eure Macht. Entweder ist er hier, um euch an die Macht der Kirche zu erinnern, die eure Macht vermindert, oder seine Gegenwart hier hat absolut keinen vernünftigen Sinn. Daraufhin hätte der Präsident Bourriche vielleicht geantwortet: Angeklagter Crainquebille, Frankreichs Könige haben immer in Unfrieden mit dem Papst gelebt. Wilhelm von Nogaret wurde exkommuniziert, aber um solcher Kleinigkeit willen dankte er nicht ab. Der Christ hier im Gerichtssaal ist nicht der Christ Gregors VII. und Bonifacius VIII. Er ist, sozusagen, der Christ des Evangeliums, der nichts vom kanonischen Recht wußte und niemals etwas von den verwünschten Dekretalen gehört hat. Dann lag es bei Crainquebille, ihm zu antworten: Der Christ des Evangeliums war ein Menschenfreund. Und außerdem erlitt er eine Verurteilung, die alle christlichen Völker seit neunzehn Jahrhunderten als einen großen Irrtum der Justiz anerkannt haben. Ich rate Ihnen daher, mein Herr Präsident, mich in seinem Namen nicht einmal zu vierundzwanzig Stunden Gefängnis zu verurteilen. Aber Crainquebille machte weder historische oder politische, noch soziale Betrachtungen. Er verharrte in stummem Staunen. Der Apparat, der ihn umgab, flößte ihm eine hohe Bewunderung für die Justiz ein. Er war so von Ehrerbietung durchdrungen, so überwältigt von Angst und Schrecken, daß er die Entscheidung über seine Schuld ganz den Richtern anheim stellte. In seinem innersten Gewissen zwar fühlte er sich unschuldig, aber was war das Gewissen eines einfachen Gemüsekrämers gegenüber dem Gesetz und den Verwaltern der öffentlichen Strafgewalt. Schon sein Advokat hatte ihn halbwegs davon überzeugt, daß er nicht unschuldig sei. Eine kurze summarische Untersuchung hatte die ihn belastenden Anklagen ergeben. Crainquebilles Abenteuer. Jeremias Crainquebille, seines Zeichens ein herumziehender Gemüsehändler, zog tagaus tagein durch die Straßen von Paris und schob seinen Handwagen vor sich her, indem er rief: »Kohl, Rüben, Wurzel, Salat!« Und wenn er Porree hatte, rief er: »Spargel, schöne Spargel«, denn Porree sind die Spargel der Armen. Als er am 20. Oktober um die Mittagsstunde die Straße von Montmartre hinabfuhr, trat Frau Bayard, die Schustersfrau, aus ihrem Laden und an seinen Wagen. Prüfend wog sie ein Bund Porree in der Hand und sagte wegwerfend: »Das sind man recht jämmerliche Dinger, was sollen sie denn kosten?« »Fünfzehn Sous, Frau Meisterin«, erwiderte Crainquebille, »bessere finden Sie nirgends.« »Was, fünfzehn Sous für drei elende Stangen!« rief die Frau, und entrüstet warf sie das Gemüse auf den Karren zurück. In diesem Augenblick kam der Schutzmann Nr. 64 vorüber. Er näherte sich Crainquebille und sagte: »Fahren Sie weiter.« Seit fünfzig Jahren tat Crainquebille von morgens bis abends nichts als weiterfahren – immer nur weiterfahren. Gegen diese Ordnung hatte er nichts einzuwenden. Sie schien ihm im Gegenteil ganz gerecht und in der Natur der Sache. Er war darum auch geneigt, zu gehorchen, und drängte die Meisterin, ihren Bedarf an Gemüse zu nehmen. »Na, ich werde doch wohl noch aussuchen dürfen, was ich brauche«, erwiderte sie spitz und besah und befühlte von neuem die Porreebündel. Dann behielt sie eins, was ihr am größten erschien, und preßte es gegen ihren Busen, wie die Heiligen auf den Kirchenbildern die geweihten Palmenzweige an ihre Brust drücken. »Vierzehn Sous sollen sie haben«, sagte sie, »das ist mehr als genug. Aber ich habe kein Geld in der Tasche, ich muß es aus dem Laden holen.« Ihr Porreebündel im Arm, trat sie in den Schusterladen, wo bereits eine Kundin mit einem kleinen Kinde wartete. Jetzt ermahnte der Schutzmann Nr. 64 Crainquebille zum zweiten Male: »Fahren Sie weiter.« »Ich wart' auf mein Geld«, erwiderte dieser. »Habe ich Ihnen etwa gesagt. Sie sollen auf Ihr Geld warten? Weiterfahren sollen Sie, verstanden?« wiederholte der Polizist. Währenddessen probierte die Schusterfrau dem Kinde, dessen Mutter es sehr eilig hatte, ein paar blaue Schuhchen an. Die grünen Köpfe der Porreestangen ruhten auf dem Ladentisch. In dem halben Jahrhundert, in welchem Crainquebille seinen Karren durch die Straßen schob, hatte er gelernt, den Vertretern einer hohen Obrigkeit zu gehorchen. Aber diesmal befand er sich in einer schwierigen Lage – zwischen Pflicht und Recht. Er hatte keinen juristischen Verstand. Er konnte nicht begreifen, daß sein persönliches gutes Recht ihn nicht davon entband, eine gesetzliche Pflicht zu erfüllen. Er sah in erster Linie nur sein Recht, das darin bestand, seine vierzehn Sous zu bekommen, und nicht die Pflicht, die ihn hieß, seinen Karren weiter zu schieben, immer weiter. Er blieb daher ruhig stehen. Zum dritten Male befahl ihm der Schutzmann in ruhigem, gelassenen Tone, weiterzufahren. Im Gegensatze zu vielen andern, die immer drohen und nie eingreifen, war der Schutzmann Nr. 64 sehr ruhig bei seinen Ermahnungen, aber sehr prompt dabei, ein Protokoll aufzunehmen. So war nun mal sein Charakter. Aber obgleich er ein ziemlicher Duckmäuser war, so war er doch ein tüchtiger Beamter und ein rechtschaffener Soldat. Mutig wie ein Löwe und sanft wie ein Kind, handelte er strikt nach seiner Weisung. »Sagen Sie mal, können Sie nicht hören, Sie sollen weiterfahren.« Crainquebille hielt den Grund, warum er stehen blieb, für zu wichtig, als daß er ihm nicht stichhaltig genug erschienen wäre. Er erklärte daher kurz und bündig: »Zum Kuckuck, wenn ich Ihnen doch sage, daß ich auf mein Geld warte.« Der Schutzmann begnügte sich damit, zu erwidern: »Ich soll Sie wohl wegen Zuwiderhandlung bestrafen, was? Wenn Sie das wollen, brauchen Sie 's man bloß zu sagen.« Als Crainquebille das hörte, zuckte er langsam die Achseln und blickte erst auf den Polizisten, dann zum Himmel hinauf, als wollte er sagen: »Gerechter Gott, als ob ich je die Gesetze verachtet hätte! Mich je gegen die Vorschriften und Dekrete aufgelehnt hätte, die man unserm herumziehenden Stande macht! Um fünf Uhr morgens bin ich schon in den Markthallen. Von sieben Uhr an reiße ich mir die Hände wund und schwielig an den Griffen meines Schubkarrens und rufe unermüdlich: Kohl, Rüben, Wurzel... Ich bin über 60 Jahre alt und bin so müde. Und Sie fragen, ob ich Lust hätte, die schwarze Fahne der Empörung zu schwingen. Sie wollen sich wohl lustig machen über mich, das ist grausam und schlecht.« Sei es nun, daß der Polizist diesen Blick nicht erfaßt hatte oder darin keine genügende Entschuldigung für den offenbaren Ungehorsam sah, er sagte nochmals, kurz und rauh, ob Crainquebille ihn verstanden habe. Zudem erreichte die Aufstauung der Fahrzeuge in diesem Augenblick ihren Höhepunkt in der Rue de Montmartre. Die Droschken, Karren, Möbelwagen, die Omnibusse und Rollwagen waren so eng zusammen gekeilt, daß es schien, als ob sie unentwirrbar ineinander geraten wären. Und über die unbewegliche Wagenburg erscholl ein wüstes Geschimpf und Geschrei. Die Droschkenkutscher wechselten mit den Schlächterburschen aus sicherer Ferne heroische Beleidigungen, und die Omnibusführer, die in Crainquebille einzig und allein die Ursache der ganzen Verwicklung sahen, nannten ihn einen alten Kohlkopf. Auf dem Trottoir drängten sich immer mehr Neugierige heran und verfolgten den Vorfall mit Interesse. Als der Schutzmann sich dieser Art beobachtet sah, dachte er nur noch daran, seine Autorität geltend zu machen. »Es ist gut«, sagte er kurz, und damit zog er ein schmutziges Notizbuch und einen sehr kurzen Bleistift aus der Tasche. Crainquebille blieb bei seiner Idee. Er gehorchte einer inneren Macht. Übrigens hätte er in diesem Augenblick weder zurück noch vorwärts fahren können, denn das eine Rad seines Karrens hatte sich in das Rad eines Milchwagens verfangen. Er riß an seinen spärlichen Haaren und schrie: »Herrgott, wenn ich Ihnen doch sage, daß ich auf mein Geld warte. Schock schwere Not zum Donnerwetter noch mal!« Durch diese Worte, die dem Alten mehr aus Verzweiflung, als aus Widersetzlichkeit entfuhren, fühlte der Polizist sich beleidigt. Und da für ihn jede Beleidigung notwendigerweise die traditionelle, regelmäßige, geheiligte, rituelle, sozusagen liturgische Form annahm, nämlich: »Verfluchter Polyp«, so faßte sein Ohr die Worte des Delinquenten so auf. »So, Sie haben ›Verfluchter Polyp‹ gesagt? Es ist gut, folgen Sie mir.« Ganz betäubt vor Entsetzen und Bekümmernis starrte Crainquebille den Schutzmann mit seinen armen, alten, sonnen-geblendeten Augen an, und mit vor Angst gebrochener Stimme stammelte er: »Ich hätte ›Verfluchter Polyp‹ gesagt? Ich? Mein Gott, mein Gott!« Die Verhaftung des Alten wurde von der gaffenden Menge mit Freuden aufgenommen. Das Volk war befriedigt; wie denn die große Menge immer Gefallen an gewalttätigen unnoblen Schauspielen finden wird. Nur ein alter Herr mit ernstem, traurigen Gesicht, in einem schwarzen Rocke, einen Zylinder auf dem Kopfe, bahnte sich einen Weg durch die Menge, und indem er sich dem Schutzmann näherte, sagte er sehr sanft und bestimmt: »Sie irren sich, der Mann hat Sie nicht beleidigt.« »Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, erwiderte der Beamte, jedoch ohne eine weitere Drohung hinzuzufügen, denn er hatte es mit einem gut gekleideten Menschen zu tun. Der alte Herr beharrte mit großer Ruhe und Hartnäckigkeit bei dem, was er gesagt hatte, und bestand darauf, seine Aussage persönlich bei dem Polizeikommissar zu machen. Währenddessen jammerte Crainquebille: »Also das soll ich gesagt haben, ›Verfluchter Polyp‹, je, je, je!« Gerade, als er diese Worte hervorstieß, kam die Schusterfrau auf ihn zu, um ihm die vierzehn Sous zu geben. Aber der Schutzmann hielt Crainquebille beim Kragen, und als die Meisterin das sah, ließ sie das Geld wieder in ihre Tasche gleiten, in dem guten Glauben, daß man einem Menschen, der zur Polizeiwache abgeführt wird, nichts schuldig sei. Als Crainquebille so seinen Wagen im Stich lassen mußte und sich seiner Freiheit beraubt sah, war es ihm, als sei die Sonne plötzlich erloschen, und ein Abgrund schien sich vor ihm aufzutun. Ganz verzweifelt murmelte er: »Ist es möglich – ist es möglich: Vor dem Kommissar erklärte der alte Herr, daß er durch die Verwicklung der Fuhrwerke aufgehalten und dadurch Zeuge der Szene geworden sei. Der Schutzmann habe den Gemüsehändler falsch verstanden, der alte Mann hätte ihn weder beleidigt noch beschimpft. Dann gab er seinen Namen und seine Wohnung an: Doktor David Matthieu Oberarzt am Krankenhaus von Ambroise Paré, Offizier der Ehrenlegion. Zu andern Zeiten hätte ein solches Zeugnis den Kommissar genügend über die Sachlage aufgeklärt, aber dazumal waren die Gelehrten in Frankreich verdächtig. Crainquebilles Verhaftung wurde aufrecht erhalten. Er mußte die Nacht auf der Polizeiwache zubringen und wurde am nächsten Morgen im »grünen Wagen« ins Gefängnis befördert. Das Gefängnis hatte in seinen Augen weder etwas Schmerzliches, noch Erniedrigendes, es erschien ihm als etwas Notwendiges. Bei seinem Eintritt in die Zelle fiel ihm besonders die große Sauberkeit der Mauern und Dielen auf. Er sagte sich: »Höllisch sauber hier, man könnte schlankweg vom Boden essen.« Als er allein war, wollte er seinen Schemel von der Wand abrücken, aber der war angeschmiedet. Crainquebille äußerte ganz laut seine Verwunderung darüber: »Sonderbar, sonderbar – auf so was wär' ich nie gekommen.« Dann setzte er sich nieder, drehte die Daumen übereinander und staunte vor sich hin. Er hatte Langeweile und dachte mit Sorge und Betrübnis an seinen Karren, den sie mit Beschlag belegt hatten, und der noch ganz mit Kohl und Rüben, Sellerie, Salat und anderen Gemüsen beladen gewesen war. Voll Unruhe fragte Crainquebille sich: »Wo können sie nur mit meinem Wagen geblieben sein!« Am dritten Tage besuchte ihn sein Advokat. Maître Lemerle war einer der jüngsten Gerichtsanwälte von Paris und Präsident einer Sektion der französischen, vaterländischen Liga. Crainquebille versuchte seinen Fall zu erzählen, was ihm keineswegs leicht fiel, denn er fand nur mühsam seine Worte. Vielleicht hätte er es doch fertig gebracht mit ein wenig Hilfe. Aber sein Anwalt schüttelte nur mißtrauisch den Kopf zu allem, was er sagte, und indem er in den Papieren blätterte, murmelte er: »Hm, hm, davon sehe ich ja gar nichts in den Akten.« Dann strich er sich mit einer etwas müden Bewegung über den gepflegten blonden Schnurrbart und sagte: »Ich rate Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, ein offenes Geständnis abzulegen. Dies System, alles ableugnen zu wollen, ist sehr ungeschickt.« Von nun an hätte Crainquebille gern gestanden, wenn er nur gewußt hätte, was er eigentlich gestehen sollte. Crainquebille vor Gericht. Der Präsident widmete dem Verhör von Crainquebille ganze sechs Minuten. Dies Verhör hätte entschieden mehr Licht in den Sachverhalt gebracht, wenn der Angeklagte auf die an ihn gestellten Fragen geantwortet hätte. Aber Crainquebille war zu unbeholfen im Reden, und außerdem brachte er vor lauter Respekt und Angst kein Wort hervor. Er schwieg beharrlich, und so gab der Präsident selbst die Antworten, die dann allerdings sehr belastend ausfielen. Er schloß mit den Worten: »Also Sie geben zu ›Verfluchter Polyp‹ gesagt zu haben.« Da drang aus Crainquebilles Kehle ein Ton wie verrostetes Eisen und Klirren von Glasscherben: »Ich habe ›Verfluchter Polyp‹ gesagt, weil der Herr Schutzmann ›Verfluchter Polyp‹ gesagt hat – da hab ich es gesagt.« Er wollte zu verstehen geben, daß er bei dieser plötzlichen Anschuldigung in seiner ersten Verblüffung die merkwürdigen Worte wiederholt hatte, die man ihm nun fälschlich in den Mund legte. Er habe es gesagt, wie er gesagt haben würde: »Ich, ich sollte so etwas wagen, ich? Wie können Sie so etwas glauben?« Aber der Präsident faßte es nicht so auf. »Wollen Sie etwa behaupten«, sagte er, »der Beamte hätte diesen Schmähruf zuerst gebraucht?« Crainquebille verzichtete darauf, sich verständlich zu machen; es war zu schwierig. »Sie bestehen nicht auf Ihrer Behauptung, da haben Sie recht«, schloß der Präsident. Dann ließ er die Zeugen rufen. Der Schutzmann Nr. 64, mit Namen Bastien Matra, schwor, daß er die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen wolle. Dann machte er folgende Aussage: »Am 20. Oktober hatte ich nachmittags Dienst in der Rue Montmartre und sah, wie ein Individuum, das mir ein herumziehender Gemüsehändler zu sein schien, sich ungebührlich lange vor dem Hause Nr. 328 aufhielt und dadurch eine Verwicklung der Fahrzeuge verursachte. Ich gab ihm dreimal den Befehl, weiter zu fahren, aber er tat es nicht, und als ich ihm darauf drohte, daß ich ihn aufschreiben müsse, da schimpfte er mich ›Verfluchter Polyp‹, was mir beleidigend erschien.« Diese gemessene, bestimmte Aussage wurde von den Richtern mit sichtlichem Wohlwollen aufgenommen. Zur Verteidigung waren Madame Bayard, die Schustersfrau, und Doktor Matthieu als Zeugen geladen worden. Madame Bayard hatte nichts gesehen und gehört. Der Arzt hatte sich in der Menge befunden, die den Schutzmann umgab, als dieser den Händler ermahnte, weiter zu fahren. Seine Aussage verursachte einen Zwischenfall. »Ich war Zeuge der Szene«, sagte er. »Der Schutzmann hat sich verhört, der Mann hat ihn nicht beleidigt. Ich habe ihm das damals gleich gesagt, aber er bestand auf der Verhaftung und veranlaßte mich, meine Erklärung vor dem Kommissar abzugeben, was ich auch getan habe.« »Sie können sich setzen«, sagte der Präsident. »Gerichtsdiener, rufen Sie mal den Zeugen Matra wieder vor.« »Matra, als Sie die Verhaftung des Angeklagten vornahmen, hat Sie damals der Doktor Matthieu darauf aufmerksam gemacht, daß Sie sich getäuscht hätten?« »Ja, nämlich Herr Präsident, er hat mich beleidigt.« »Was sagte er denn?« »Er hat ›Verfluchter Polyp‹ gesagt.« Im Zuschauerraum wurde Lärm und Gelächter laut. »Sie können zurücktreten«, beeilte sich der Präsident zu sagen, dann wandte er sich ans Publikum und sagte, daß er den Saal räumen lassen würde, wenn noch einmal derartige ungebührliche Kundgebungen laut würden. Währenddessen fuchtelte der Verteidiger mit dem Rockärmel triumphierend in der Luft herum, und alle glaubten, daß Crainquebille freigesprochen werden würde. Als die Ruhe im Saal wiederhergestellt war, erhob sich Maître Lemerle. Er leitete seine Verteidigung mit einem Lob auf die Polizisten ein, auf diese bescheidenen Diener des Gesetzes, die bei einem kläglichen Gehalt den größten Ermüdungen und fortwährenden Gefahren ausgesetzt seien und täglich ihren Heldenmut beweisen müßten. »Es sind meist alte Soldaten«, sagte er, »die Soldaten geblieben sind, Soldat – das sagt alles!« Und Maître Lemerle erging sich in den höchsten Betrachtungen über militärische Tugenden. Er gehöre zu jenen, sagte er, die nicht zuließen, daß man die Armee beleidige, denn auch er gehöre ihr an und sei stolz darauf. Der Präsident nickte billigend mit dem Kopfe. Maître Lemerle war in der Tat Reserveoffizier. Er fuhr fort: »Nein, sicherlich, ich verkenne nicht die bescheidenen und doch so unschätzbaren Dienste, die unsere Schutzmannschaft Tag für Tag unserem wackren Volke leistet. Und niemals hatte ich eingewilligt, die Verteidigung zu übernehmen, wenn ich in Crainquebille den Beleidiger eines alten Soldaten gesehen hätte. Man beschuldigt den Angeklagten, gesagt zu haben ›Verfluchter Polyp‹. Der Sinn dieser Worte unterliegt keinem Zweifel. Wenn Sie ein Jargon-Wörterbuch zur Hand nehmen, so finden Sie ›Verfluchter Polyp‹: Spitzname für Polizist. Wie wir alle wissen, ist der Polyp ein amphibisches Ungetüm, das gierig seine Fangarme nach allen Richtungen ausstreckt. Man gebraucht diesen Spitznamen in gewissen Kreisen. Aber die Frage ist die: – wie hat Crainquebille es gesagt und vielmehr – hat er es überhaupt gesagt? Meine Herren, erlauben Sie mir, das zu bezweifeln. Ich will den Schutzmann Matra durchaus nicht einer bösen Absicht bezichtigen, aber er verrichtet, wie wir bereits sagten, ein mühseliges Amt. Er ist zuweilen übermüdet, überbürdet, überanstrengt. Unter solchen Umständen ist es möglich, daß er das Opfer einer Gehörs-Halluzination gewesen ist. Und wenn er soeben behauptet hat, der Herr Doktor David Matthieu, ein Offizier der Ehrenlegion und Oberarzt im Hospital von Ambroise Paré, eine Leuchte der Wissenschaft und ein Weltmann, habe ebenfalls ›Verfluchter Polyp‹ geschrien, so sehen wir uns genötigt anzunehmen, daß Matra damals nicht ganz klar bei Sinnen war, ja ich möchte sagen, obgleich es etwas schroff erscheinen mag: der Mann leidet an Verfolgungswahn. Und selbst wenn Crainquebille ›Verfluchter Polyp‹ gesagt hatte, so ist es noch die Frage, ob dies Wort in seinem Munde eine Beleidigung, also ein Vergehen ist. Crainquebille ist das uneheliche Kind einer herumziehenden Händlerin, die eine notorische Trinkerin war, er ist also als Alkoholiker geboren. Sehen Sie sich den Mann an und urteilen Sie selbst, was sechzig Jahre des Elends aus ihm gemacht haben. Meine Herren, Sie müssen zugeben, daß man ihn nicht verantwortlich machen kann.« Maître Lemerle setzte sich, und der Präsident verlas nun zwischen den Zähnen das Urteil, wonach Crainquebille zu vierzehn Tagen Gefängnis und 50 Francs Geldstrafe verurteilt wurde. Das Gericht hatte seine Überzeugung auf die Aussage des Schutzmannes Matra gestützt. Als Crainquebille durch die langen, düsteren Gänge des Gerichtsgebäudes geführt wurde, fühlte er ein ungeheures Bedürfnis nach Mitgefühl. Er drehte sich nach dem Soldaten um und rief ihn an: »He, Sie – Sie!...« aber der beachtete ihn nicht, und Crainquebille seufzte. »Ach Gott, wer mir das vor vierzehn Tagen gesagt hätt, daß ich das erleben muß! Die Herren sprechen so schnell« klagte er. »Sie sprechen gewiß sehr schön – aber zu schnell, zu schnell. Ich kann sie nicht verstehen, und sie verstehen mich nicht ... Finden Sie nicht auch, Soldat, die Herren sprechen zu schnell?« Aber der Soldat ging weiter, ohne zu antworten oder auch nur den Kopf zu wenden. Crainquebille fragte kummervoll: »Warum geben Sie mir keine Antwort?« Und als der Soldat immer noch schwieg, rief der alte Mann voll Bitterkeit: »Mit 'nem Hund hat man Mitleid, und Sie wollen nicht mal mit 'nem armen alten Mann sprechen. Sie machen wohl das Maul nie auf, sind Sie nicht bang, daß es stinken wird?« Die Apologie des Präsidenten Bourriche. Einige Neugierige und zwei oder drei Rechtsanwälte verließen den Saal, nachdem das Urteil gefällt war, und der Gerichtsdiener kündete schon eine neue Sache an. Die Fortgehenden dachten nicht weiter über den Fall Crainquebille nach, der sie kaum interessiert hatte. Nur Herr Jean Lermite, ein Kupferstecher, den der Zufall in die Sitzung geführt hatte, stellte seine eigenen Betrachtungen über das eben Gehörte an. Er klopfte den Maître Joseph Aubaret auf die Schulter und meinte: »Es ist bewunderungswürdig, wie der Präsident Bourriche es versieht, sich aller eitlen Neugier zu enthalten und sich vor persönlichem Hochmut, der alles wissen will, zu bewahren. Wenn der Richter die widersprechenden Aussagen von dem Doktor Matthieu und dem Schutzmann Matra gegenüber gestellt hätte, so wäre er auf einen Weg des Zweifels und der Ungewißheit geraten. Die Methode, welche darin besteht, einen Fall nach allen Regeln der Kritik zu beleuchten, ist unvereinbar mit einer guten Verwaltung der Justiz. Wenn das Tribunal so unvorsichtig sein würde, eine derartige Methode zu verfolgen, so müßte ja sein Urteil von seinem eigenen Scharfsinn abhängen, der des öfteren gering ist – oder von der menschlichen Fehlbarkeit, die nie aufhört. Wo bliebe da die Autorität! Auch kann man nicht leugnen, daß die historische Methode ebenfalls unzulänglich ist, um dem Richter jene Gewißheit zu verschaffen, deren er bedarf. Man erinnere sich nur an Sir Walter Raleighs Abenteuer. Als Sir Walter Raleigh im Tower of London gefangen saß und eines Tages an dem zweiten Teil seiner » History of the world « arbeitete, entspann sich unter seinen Fenstern ein Streit. Er sah eine Weile zu und ging dann wieder an seine Arbeit mit der Überzeugung, die Streitenden sehr gut beobachtet zu haben. Als er aber tags darauf mit einem seiner Freunde über die Angelegenheit sprach, der bei dem Vorfall zugegen gewesen war und sich sogar an dem Streite beteiligt hatte, widersprach dieser ihm in allen Punkten. Da erkannte Raleigh die ungeheure Schwierigkeit, fern liegende Ereignisse in ihrer Richtigkeit zu erfassen, wenn es möglich war, daß er sich über das, was vor seinen Augen geschah, getäuscht hatte, und entmutigt warf er sein Manuskript ins Feuer. Wenn die Richter ebensolche Bedenken trügen wie Raleigh, so müßten sie wohl ihre ganze Gelehrsamkeit ins Feuer werfen. Aber dazu haben sie kein Recht. Sie würden damit die Justiz verleugnen und ein Verbrechen begehen. Man kann wohl darauf verzichten, – zu wissen, aber man darf nicht darauf verzichten, – zu richten. Diejenigen Leute, welche wollen, daß die Gerichtsbeschlüsse auf methodische Nachforschungen gegründet sind, müssen als gefährliche Sophisten und hinterlistige Feinde des Zivil- und Militärgerichtes betrachtet werden. Der Präsident Bourriche hat einen viel zu juristischen Sinn, als daß er sein Urteil von dem Verstand oder von der Wissenschaft beeinflussen ließe, deren Schlüsse ewigen Streit und Zweifel hervorrufen. Er gründet es auf bestimmte Dogmen und Traditionen, so daß seine Urteile an Autorität den Geboten der Kirche gleichen, sie sind sozusagen kanonisch. Sie sehen z. B., daß er die Zeugenaussagen nicht nach einer unbestimmten trügerischen Wahrscheinlichkeit ordnet, sondern nach innerlichen, permanenten, handgreiflichen Tatsachen. Er wägt sie nach dem Gewicht der Waffen. Gibt es ein einfacheres und weiseres Mittel? Das Zeugnis eines Schutzmannes erscheint ihm als unwiderlegbar. Der Mensch als solcher kommt hier gar nicht in Betracht, nur die Kategorie, der er angehört – die hochwohlöbliche Polizei – die heilige Hermandad. Bastien Matra, gebürtig aus Cinto-Monte (Korsika), erscheint ihm durchaus nicht als unfehlbar. Er weiß, daß der Mann weder eine besonders scharfe Beobachtungsgabe besitzt, noch daß er bei der Prüfung der Sachlage sehr genau und methodisch verfährt. In Wahrheit existiert überhaupt Bastian Matra in diesem Fall nicht für ihn, sondern nur der Schutzmann Nr. 64. Ein Mensch kann sich täuschen, denkt er sich. Peter und Paul können sich irren. Descartes und Gassendi, Leibniz und Newton, Bichat und Claude Bernard, die alle haben sich irren können. Wir alle irren uns, und zwar sehr häufig. Die Möglichkeit, sich zu irren, ist sehr groß und mannigfaltig. Die Wahrnehmung unserer Sinne und das Urteil unseres Verstandes sind oft nichts weiter als bloße Einbildungen und die Ursache von Ungewißheit und Zweifel. Man darf sich nicht auf das Zeugnis eines Menschen verlassen. Testis unus – testis nullus . Aber auf eine Zahl kann man sich verlassen. Bastien Matra von Cinto-Monte ist fehlbar – aber der Schutzmann Nr. 64 – wenn man von seiner Person als Mensch absieht – täuscht sich nicht. Darum hat das Gericht auch nicht gezögert, das Zeugnis des Doktor David Matthieu zu verwerfen, denn er ist nur ein »Mensch«, und es erkennt die Aussage des Schutzmannes Nr. 64 als richtig an, denn er ist eine »reine Idee«, ein Strahl Gottes, der zu uns herniederstieg. Wenn er auf diese Weise urteilt, so sichert der Präsident sich eine Unfehlbarkeit zu, und zwar die einzige, worauf ein Richter Anspruch erheben kann. Trägt ein Mensch, der als Zeuge figuriert, einen Säbel, so soll der Richter auf den Säbel hören, nicht auf den Menschen. Der Mensch ist unvollkommen und kann sich irren – ein Säbel nicht, er hat immer recht. Der Präsident Bourriche ist vollkommen in den Geist des Gesetzes eingedrungen. Die Gesellschaft ruht auf der öffentlichen Macht, und die öffentliche Macht muß als eine erhabene Institution der Gesellschaft respektiert werden. Die Justiz aber hat die Verwaltung der öffentlichen Macht. Der Präsident weiß, daß der Schutzmann Nr. 64 ein Teil des Fürsten ist – der Fürst regiert sozusagen in jedem seiner Offiziere. Die Autorität des Schutzmannes Nr. 64 zu untergraben, heißt so viel, als den Staat schwächen. Oder wie Bossuet in seiner göttlichen Sprache sagt: »Wenn man nur ein einziges Blatt der Artischocke ißt, so ißt man die Artischocke.« Alle Säbel des Staates haben dieselbe Richtung. Wollte man sie gegeneinander richten, so würde man die Republik umstürzen. Darum wurde auf die Aussage des Schutzmannes Nr. 64 der Angeklagte Crainquebille zu fünfzehn Tagen Gefängnis und fünfzig Francs Geldstrafe verurteilt. Mir ist, als hörte ich, wie der Präsident die lauteren und großen Beweggründe auseinandersetzt, die ihn zu diesem Urteil veranlaßt haben: »Ich habe dieses Individuum in Übereinstimmung mit dem Schutzmann Nr. 64 verurteilt, denn der Schutzmann Nr. 64 ist ein Teil der öffentlichen Macht. Damit Sie klar erkennen, meine Herren, wie klug ich gehandelt habe, so bitte ich, nehmen wir einmal an, ich hätte ein gegenteiliges Urteil gefällt. Sie werden sofort sehen, wie verrückt das gewesen wäre. Denn, wollte ich gegen die öffentliche Macht urteilen, so würde mein Urteil einfach nicht vollstreckt werden. Der Spruch eines Richters gilt nur, wenn er mit der öffentlichen Macht geht. Wohin kämen wir ohne unsere Polizei. Ich würde meiner Stellung schaden. Und überdies widersetzt der Geist der Gesetze sich solchem Urteil. Den Starken entwaffnen und dem Schwachen die Macht einräumen, das hieße die menschliche Ordnung auf den Kopf stellen, und meine Mission ist, uns dieselbe zu erhalten. Die Justiz heiligt bestehende Ungerechtigkeiten. Hat sie sich jemals gegen die Eroberer aufgelehnt oder gegen die Gewalthaber, welche die Macht an sich gerissen haben? Wenn eine illegitime Macht sich erhebt, so braucht das Gesetz sie nur anzuerkennen, um sie dadurch legitim zu machen. Alles liegt in der Form. Und zwischen schuldig und nicht schuldig entscheidet ein dünnes Blatt gestempelten Papieres. Warum waren Sie nicht der Stärkere, Crainquebille? Wenn Sie, nachdem Sie ›verfluchter Polyp‹ gerufen hatten, sich zum Kaiser erklären ließen, zum Diktator, zum Präsidenten der Republik oder auch nur zum Stadtrat, so versichere ich Sie, daß ich Sie weder zu vierzehn Tagen Gefängnis, noch zu einer Geldstrafe von fünfzig Francs verurteilt hätte. Sie wären jeder Strafe entgangen, das dürfen Sie mir glauben.« So hätte der Präsident Bourriche ohne Zweifel gesprochen, denn er hat einen juristischen Sinn und weiß, was das Tribunal der Gesellschaft schuldig ist, deren Prinzipien er mit Ordnung und Regelmäßigkeit verteidigt. Die Justiz ist sozial, und nur böse Geister wollen, daß sie auch menschlich und gefühlvoll sei. Man verwaltet sie nach feststehenden Regeln, aber doch nicht mit Gefühlsduseleien oder Klarheit und Intelligenz. Man verlangt vor allen Dingen nicht, daß sie gerecht sei. Das hat sie nicht nötig, denn sie ist die Justiz, und der Gedanke einer gerechten Justiz kann wirklich nur in dem Kopfe eines Anarchisten entstanden sein. Der Präsident Magnaud fällt allerdings Billigkeitsurteile, aber sie werden kassiert, und das ist die wahre Justiz. Der wirkliche Richter wiegt die Zeugenaussagen nach dem Gewicht der Waffen. Das hat man in Crainquebilles Sache gesehen und in manchen anderen, viel berühmteren Fällen.« So sprach Jean Lermite, indem er mit langen Schritten den Vorsaal durchmaß. Josef Aubaret, der das Gerichtswesen kannte, kratzte sich die Nase und sagte: »Wenn Sie meine Meinung hören wollen, so bezweifle ich, daß der Präsident Bourriche sich zu einer so hohen Metaphysik aufgeschwungen hat. Wenn er die Aussage von dem Schutzmann Nr. 64 gelten ließ, so tat er das lediglich, weil das nun mal alter Brauch ist. In der Nachahmung müssen wir die Beweggründe der meisten menschlichen Handlungen suchen. Wer den althergebrachten Gewohnheiten und Satzungen folgt, wird immer für einen ehrlichen Menschen gelten. Unter ›brave Leute‹ versteht man solche, die es machen wie die andern.« Crainquebille ergibt sich in die Gesetze der Republik. Als Crainquebille ins Gefängnis zurückgeführt worden war, setzte er sich auf den angeschmiedeten Stuhl und verharrte in stummem Staunen und stiller Bewunderung. Er wußte selbst nicht recht, daß die Richter sich getäuscht hatten. Das Gericht hatte ihm seine inneren Schwächen unter der Majestät der Formen verborgen. Er konnte nicht glauben, daß er Recht hatte gegenüber dem Tribunal, dessen Gründe er nicht verstanden hatte. Er vermochte nicht zu fassen, daß etwas bei dieser schönen Zeremonie hinkte. Denn da er weder in die Messe noch ins Theater ging, hatte er in seinem Leben nie etwas so pompöses gesehen, als diese Verhandlung im Gerichtssaal. Er wußte wohl, daß er nicht »verfluchter Polyp« gerufen hatte und daß man ihn zu vierzehn Tagen Gefängnis und fünfzig Francs Geldstrafe verurteilt hatte, weil er es gerufen haben sollte, aber allmählich wurde diese Idee zu einem erhabenen Mysterium für ihn, zu einem dieser Glaubensartikel, dem die Frommen anhängen, ohne sie zu verstehen. Es war wie eine dunkle, plötzliche Offenbarung – herrlich und schrecklich zugleich. Der alte Mann erkannte sich als schuldig, den Schutzmann Nr. 64 in mystischer Weise beleidigt zu haben, wie ein kleiner Junge in der Katechismusstunde Evas Sünde auf sich nimmt. Durch seine Verhaftung wurde er belehrt, daß er »verfluchter Polyp« gerufen hatte – also hatte er das in mysteriöser, ihm selbst unbewußter Art getan. Er fühlte sich in eine überirdische Welt versetzt. Seine Verurteilung war für ihn ein geheimnisvolles Wunder. Wie er schon von seinem Vergehen keine rechte Vorstellung hatte, so machte er sich von der Strafe erst recht keinen klaren Begriff. Seine Aburteilung war ihm als eine sehr feierliche, rituelle und vornehme Sache erschienen, als etwas Erhabenes, was man nicht begreifen kann, worüber sich nicht streiten läßt, als etwas, dessen man sich weder zu rühmen noch zu beklagen hat. Wenn der Präsident Bourriche in diesem Augenblicke durch die Decke herabgestiegen wäre mit einem Heiligenschein um das Haupt und Flügeln an den Schultern, so wäre Crainquebille von dieser neuen Manifestation der richterlichen Glorie nicht weiter überrascht gewesen. Er hätte sich einfach gesagt: »Ach so, meine Angelegenheit nimmt ihren Verlauf.« Am folgenden Tage besuchte ihn sein Advokat. »Nun, mein Lieber«, fragte Maître Lemerle, »geht es ziemlich gut? Nur Mut, zwei Wochen sind ja schnell vorüber. Wir dürfen uns übrigens nicht allzu sehr beklagen.« »Das ist wahr«, gab Crainquebille zu, »die Herren sind sehr freundlich und höflich gewesen. Nicht ein grobes Wort haben sie mir gesagt. Hätt' ich gar nicht gedacht. Und haben Sie wohl gesehen, der Soldat hatte weiße Handschuhe angezogen.« »Überlegt man sich's«, bemerkte der Advokat, »so war es das beste, daß Sie gestanden.« »Mag wohl sein«, erwiderte Crainquebille. »Ich habe eine gute Nachricht für Sie, Crainquebille. Eine mildtätige Person, die ich für Ihre Lage interessiert habe, hat mir fünfzig Francs für Sie übergeben, also gerade die Summe, zu der Sie verurteilt sind.« »Und wann werde ich das Geld bekommen«, fragte der Alte. »Das wird direkt der Kanzlei übergeben, darum brauchen Sie sich nicht zu kümmern.« »Na einerlei; sagen Sie der Person meinen besten Dank.« Dann wurde Crainquebille nachdenklich. Nach einer Weile meinte er: »Sonderbar, höchst sonderbar ist das, was mir passiert ist.« »Glauben Sie das nicht, Crainquebille, Ihr Fall ist durchaus nicht selten.« »So? – und können Sie mir vielleicht auch sagen, was aus meinem Wagen geworden ist?« Die öffentliche Meinung. Crainquebille war aus dem Gefängnis entlassen und schob wieder seinen Wagen durch die Rue Montmartre vor sich her und rief: Kohl, Rüben, Wurzeln! Er empfand weder Stolz noch Scham wegen seines Abenteuers. Es war keine peinliche Erinnerung für ihn, sondern wie ein Schauspiel, eine Reise, ein Traum. Nun aber war er froh, wieder im Schmutz herumzugehen über das Pflaster der Straßen und über sich den Himmel zu sehen, grau in grau im strömenden Regen – den lieben Himmel seiner geliebten Stadt. An allen Straßenecken hielt er an, um ein Glas zu trinken, dann fühlte er sich frei und seelenvergnügt, spuckte in die schwieligen Hände, damit sie geschmeidiger wurden, und faßte von neuem die Griffe seines Handwagens. Die Sperlinge, die wie er arme Frühaufsteher waren und ihr Futter am Wege suchten, flatterten auf bei seinem Rufe –Kohl, Rüben, Wurzeln – und flogen vor ihm her. Eine alte Haushälterin kam heran und prüfte das Gemüse. »Ja, was war denn mit Ihnen los, Vater Crainquebille«, fragte sie, »man hat Sie ja so lange nicht gesehen. Sind Sie krank gewesen? Sie sehen etwas blaß aus.« »Tje«, erwiderte Crainquebille, »ich will Ihnen was sagen, Frau Mailloche, ich hab' 'n bißchen privatisiert.« Nichts in seinem Leben ist verändert, höchstens daß er häufiger als sonst ein Gläschen trinkt. Er hat das Gefühl, als sei immer Feiertag, und dann hat er ja auch die Bekanntschaft von mildtätigen Leuten gemacht. Ein bißchen angeheitert gelangt er abends in seinen Verschlag. Dann streckt er sich zufrieden aus, deckt sich mit den Säcken zu, die ihm sein Freund, der Kastanienverkäufer von der Ecke, geliehen hat und brummt vor sich hin: »Im Gefängnis ist es gar nicht so übel, man hat da alles, was man braucht, aber einerlei, zu Hause ist es doch besser.« Seine Zufriedenheit sollte nicht lange dauern. Er bemerkte bald, daß die Kunden ihn schnitten. »Ich habe heute recht schönen Sellerie, Madame Cointreau«, sagte er freundlich. »Brauche nichts«, erwiderte die Frau barsch. »Was, Sie brauchen nichts? Sie leben doch jetzt wohl nicht bloß von der Luft?« fragte Crainquebille erstaunt. Aber Madame Cointreau würdigte ihn keines Blickes und ging stolz in ihren Schlächterladen. Sonst hatten sich Meisterinnen und Mädchen um seinen Wagen gedrängt, der stets mit reichlicher Auswahl versehen war, jetzt drehten sie ihm alle den Rücken, sobald sie ihn sahen. Als Crainquebille zu dem Schusterladen kam, wo sein gerichtliches Abenteuer angefangen hatte, rief er: »Madame Bajard, Madame Bajard, Sie sind mir noch von neulich die fünfzehn Sous schuldig.« Aber Madame Bajard, welche an der Kasse thronte, hielt es unter ihrer Würde, ihn zu beachten. Die ganze Straße wußte, daß der alte Crainquebille aus dem Gefängnis kam, und alle taten, als ob sie ihn nicht kannten. Von hier aus hatte sich das Gerücht in dem ganzen Viertel verbreitet. Als Crainquebille gegen Mittag in eine andre Straße kam, sah er seine freundliche Kundin Madame Laure an dem Gemüsewagen des kleinen Martin stehen. Sie musterte gerade einen großen Kohlkopf. Ihre Haare glänzten wie eine Unmasse feiner goldener Fäden. Und Martin, der Knirps, dieser schmutzige Lausbub, schwor mit der Hand auf dem Herzen, daß es weit und breit keine bessere Ware gäbe, als die seine. Das gab Crainquebille einen Stich ins Herz. Er stieß seinen Wagen gegen Martins Karren und sagte mit klagender, gebrochener Stimme: »Das ist nicht schön von Ihnen, daß Sie mir untreu werden.« Wie sie selbst eingestand, war Madame Laure durchaus nicht als Herzogin geboren. Und ihre Kenntnisse vom grünen Wagen und Gefängnis hatte sie sich auch nicht gerade in der großen Welt erworben. Aber man kann in allen Lebenslagen ehrlich sein, nicht wahr? Jeder hat seine Portion Selbstgefühl, und man mag nichts zu tun haben mit einem Individuum, das gerade aus dem Gefängnis kommt. Daher antwortete sie Crainquebille nur mit einem verächtlichen Achselzucken und wandte sich ab. Der alte Mann zuckte schmerzlich zusammen, dann aber fuhr er auf und brüllte ihr nach: »Schanddirne, – liederliches Weibsbild!« Vor Schreck ließ Madame Laure ihren Kohlkopf fallen. »Scher' dich weiter, du Lump«, rief sie außer sich vor Entrüstung, »so was kommt gerade aus dem Gefängnis heraus und will andere beleidigen.« Bei ruhigem Blut hätte Crainquebille Madame Laure niemals ihren Lebenswandel vorgeworfen. Er wußte nur zu gut, daß es in dieser Welt nicht so geht, wie man gern möchte, und daß man sich sein Handwerk nicht immer wählen kann. Für gewöhnlich kümmerte er sich überhaupt nicht darum, was seine Kunden taten. Aber heute war er außer sich. Er schimpfte hinter der Frau her: »Gemeine Person, Hurenmensch ...« Ein Kreis von Neugierigen sammelte sich um die beiden, die immer ausfälliger wurden. Wahrscheinlich hätte die Schimpfszene noch lange fortgedauert, wenn nicht plötzlich ein Polizist aufgetaucht wäre und sie durch seine schweigende Unbeweglichkeit eingeschüchtert hätte. Leise murrend gingen die beiden auseinander. Nach diesem Auftritt aber war Crainquebille in seinem Viertel erst recht unmöglich geworden. Die Folgen. Und der alte Mann zog weiter und murmelte für sich hin: »Ganz sicher, daß sie so eine ist, – ja, sie ist so eine –« Aber im Grunde seines Herzens machte er ihr keinen Vorwurf daraus. Und deswegen verachtete er sie auch nicht. Im Gegenteil. Er bewunderte Madame Laure, weil sie sparsam war und es verstand, etwas für ihre alten Tage zurück zu legen. Früher hatten beide gern miteinander geschwatzt. Sie hatte ihm dann von ihren Eltern erzählt, die auf dem Lande wohnten; und beide hegten den großen Wunsch, einen kleinen Garten zu besitzen, um Gemüse darin zu ziehen und Geflügelzucht zu treiben. Madame Laure war eine gute Kundin gewesen, und als Crainquebille nun sehen mußte, daß sie ihren Kohl bei dem kleinen Martin kaufte, bei diesem elenden Knirps, diesem Lausbuben, da war ihm der Schreck in alle Glieder gefahren, und wie sie ihn obendrein noch so verächtlich behandelt hatte, da war ihm die Galle übergelaufen. Das Schlimmste war, daß Madame Laure nicht die einzige war, die ihn wie einen Aussätzigen behandelte. Alle taten, als kennten sie ihn nicht mehr. Die Schusterfrau, die Schlächtermeisterin, alle wandten sich verächtlich von ihm ab. Die ganze Gesellschaft in dem Viertel wollte nichts mehr von ihm wissen. Also bloß, weil er vierzehn Tage gesessen hatte, war er nun nicht mehr gut genug, Gemüse zu verkaufen! War das wohl gerecht? Hatte es Sinn und Verstand, einen alten braven Mann Hungers sterben zu lassen, einzig und allein, weil er mit einem »Putz« in Konflikt geraten war? Wenn er sein Gemüse nicht mehr los wurde, so konnte er sich nur hinlegen und krepieren. Das erbitterte den Alten. Nach seinem Streit mit Madame Laure hatte er Händel über Händel. Um die geringste Kleinigkeit stritt er. Mit den Kunden war er grob und schimpfte ungeduldig, wenn mal einer ein bißchen lange zwischen seinen Waren suchte. In der Wirtsstube zankte er mit allen, so daß sein Freund, der Kastanienhändler, ihn nur noch »altes Stachelschwein« nannte. Und wirklich wurde Crainquebille von Tag zu Tag unleidlicher. Er schlief schlecht, war übel gelaunt und hatte immer ein böses Maul. Das Unglück machte ihn ungerecht. Er rächte sich an denen, die nichts Böses gegen ihn im Sinn hatten und oft auch an Schwächeren. So gab er eines Tages dem kleinen Alphons, dem Sohn eines Weinhändlers, eine Ohrfeige, als das Kind ihn fragte, ob es im Gefängnis schön sei. »Unverschämter Bengel«, schalt er, »wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, so säße dein Vater im Loch, anstatt reich zu werden bei seinen Giftmischereien.« Wort und Handlung machten ihm keine Ehre, denn wie sein Freund, der Kastanienverkäufer, ihm gerechterweise vorwarf – Kinder soll man nicht schlagen und ihnen ihre Eltern vorwerfen, die sie sich ja nicht selbst gewählt haben. Er fing an zu trinken. Je weniger er verdiente, desto mehr trank er. Und da er früher sehr sparsam und mäßig gewesen war, wunderte er sich über sich selbst: »Ich bin doch sonst kein liederlicher Mensch gewesen. Man wird wohl immer unvernünftiger, je älter man wird«, philosophierte er. Oft ärgerte er sich über seine Bummelei und Faulheit. »Alter Lump«, schalt er sich, »du taugst rein zu gar nichts mehr.« Manchmal versuchte er sich selbst zu betrügen, dann redete er sich ein: »Muß doch von Zeit zu Zeit ein Glas trinken, das stärkt die müden Glieder. Da ist sicher etwas nicht in Ordnung in dem alten Magen, und da hilft nichts, als 'n Glas Kirsch.« Oft verpaßte er nun in den Markthallen frühmorgens die Anfuhr und den Großverkauf der Gemüse, dann mußte er alte, verdorbene Ware nehmen, die man ihm auf Kredit gab. Einmal fühlte er sich an Leib und Seele so matt und gebrochen, daß er seinen Wagen in der Remise stehen ließ. Den ganzen Tag verbrachte er in den Wirtshäusern bei den Markthallen, und abends saß er zusammengekauert und bedrückt auf einem umgestülpten Korb und grämte sich über seine Verkommenheit. Er dachte an seine frühere Kraft und Leistungsfähigkeit, an die schweren Mühen, die er ausgestanden hatte und den glücklichen Gewinn, den er heimtrug, an all die zahllosen Tage, die einander so glichen, so ausgefüllt gewesen waren. Er sah sich wieder, wie er in der Nacht in den Markthallen auf die Anfuhr der Gemüse wartete. Dann wurde der Wagen sorgfältig und kunstgerecht beladen, stehenden Fußes noch ein Schluck schwarzer Kaffee hinunter getrunken bei Mutter Theodora, und dann wurde der Karren mit fester Hand in Bewegung gesetzt. Kräftig und hell wie ein Hahnenschrei klang sein Ruf durch den frühen Morgen, wenn er durch die Straßen fuhr. Sein ganzes unschuldiges und hartes Leben, das er während eines halben Jahrhunderts geführt hatte, zog an seinem geistigen Auge vorüber. Wie er tagaus, tagein wie ein Lasttier auf seiner rollenden Auslage den müden Städtern die frische Ernte der Gemüsegärten gebracht hatte. Und seufzend schüttelte er den Kopf: »Ne, ne, ich kann nicht mehr, mit mir ist es aus. Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Seit meiner Geschichte bei Gericht bin ich ganz verändert. Ich bin gar nicht mehr derselbe Mensch.« Kurz und gut, Crainquebille war moralisch vernichtet. Wenn einer mal erst soweit ist, so kommt er nicht mehr in die Höhe, und die Menschen verhöhnen ihn, statt ihm zu helfen. Die letzten Folgen. Das Elend kam, das schwarze Elend. Der alte Mann, der früher aus der Vorstadt Montmartre die Taschen voll fünf Francsstücken zurückbrachte, hatte jetzt keinen Pfennig mehr. Es war Winter. Aus seinem Verschlag war er ausgewiesen, nun schlief er in einer Remise. Es regnete seit 24 Stunden, die Abzugskanäle waren verstopft, die Gossen liefen über, und die Remise stand unter Wasser. Crainquebille saß zusammengekauert in seinem Wagen über den stinkenden Pfützen zwischen Spinnen, Ratten und ausgehungerten Katzen und starrte dumpfbrütend vor sich hin. Ihn fror. Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen, und zudecken konnte er sich auch nicht, denn sein Freund, der Kastanienhändler, hatte ihm die Säcke wieder weggenommen, die er ihm geliehen hatte. Er dachte an die beiden Wochen, wo ihm die Stadt Nahrung und Wohnung gegeben hatte. Er beneidete die Gefangenen, die weder von Hunger noch von Kälte zu leiden hatten, und plötzlich kam ihm ein Einfall: »Ich kenne ja jetzt den Kniff«, sagte er sich, »warum sollte ich ihn nicht brauchen«. Er stand auf und ging auf die Straße hinaus. Es mochte eben elf Uhr sein. Die Nacht war dunkel und rauh, ein dichter, durchdringender Nebel fiel hernieder. Die wenigen Leute auf der Straße drängten sich hart an den schützenden Mauern der Häuser entlang. Crainquebille ging an der St. Eustache-Kirche vorüber und bog in die Rue Montmartre ein. Sie lag ganz verödet da. Nur ein Schutzmann stand auf dem Trottoir hinter der Kirche an einen Laternenpfahl gelehnt, und der seine rieselnde Regen bildete einen rötlichen Dunst um das Gaslicht. Er fiel auf die Kapuze des Schutzmannes, der ganz durchnäßt schien, aber sei es, daß dieser das Licht der Dunkelheit vorzog, oder des Herumgehens müde war, er blieb an der Laterne stehen, die ihm vielleicht in der einsamen Nacht ein Freund und Gefährte war. Die zitternde Flamme war seine einzige Unterhaltung in den langen Stunden der Nachtwache. Seine Unbeweglichkeit hatte etwas Übermenschlisches. Der Widerschein seiner Stiefel auf dem nassen Trottoir, das wie ein See aussah, verlängerte ihn nach unten und gab ihm das Aussehen eines amphibischen Ungeheuers, das halb aus den Wassern ragte. In der Nähe mit seiner Kapuze und den Waffen konnte man ihn für einen Mönch oder für einen Soldaten halten. Die groben Gesichtszüge, die durch den Schatten der Kapuze noch vergrößert wurden, hatten etwas Friedliches und Trauriges. Er hatte einen kurzen, dicken, grauen Schnurrbart und war ein ausgedienter Soldat von einigen vierzig Jahren. Crainquebille näherte sich ihm leise und sagte mit zögernder schwacher Stimme: »Verfluchter Polyp.« Dann wartete er auf die Wirkung dieser berüchtigten Worte. Aber die Wirkung blieb aus. Der Schutzmann blieb stumm und unbeweglich mit untergeschlagenen Armen stehen. Aus seinen großen, weit geöffneten Augen, die im Dunkel leuchteten, blickte er auf Crainquebille voll Traurigkeit, Wachsamkeit und Verachtung. Crainquebille war ganz verwundert, aber mit einem Rest von Energie stammelte er: »Verfluchter Polyp – das gilt Ihnen.« Ein langes Schweigen folgte. Um die Laterne tropfte der rötliche, feine Regen, ringsumher lag ein eisiger tiefer Schatten. Endlich sprach der alte Soldat: »Das müssen Sie nicht sagen ... wahr und gewiß, das müssen Sie nicht sagen. Wenn man so alt ist, wie Sie, sollte man vernünftiger sein. Gehen Sie Ihrer Wege.« »Warum arretieren Sie mich nicht?« fragte Crainquebille. Der Schutzmann schüttelte den Kopf unter seiner nassen Kapuze: »Wenn wir all die Krakehler einstecken wollten,« sagte er, »die sagen, was sie nicht sagen dürfen, dann hätten wir viel zu tun!... Und was hätte das wohl für einen Zweck?« Crainquebille knickte zusammen bei dieser ungeheuren Verachtung. Betäubt und stumm blieb er lange Zeit im Rinnstein stehen. Ehe er weiterging, versuchte er eine Erklärung: »Es war auch nicht für Sie, daß ich »Verfluchter Polyp« gesagt habe, und auch für keinen andern – es war nur so eine Idee.« »Das ist ganz einerlei, warum Sie es gesagt haben«, erwiderte der Schutzmann mit herber Sanftmut. »Aber das muß man nicht sagen, denn wenn ein Mensch seine Pflicht tut und viele Strapazen ausstehen muß, so soll man ihn nicht durch müßige Worte beleidigen. Ich wiederhole Ihnen noch einmal, gehen Sie ihrer Wege.« Crainquebille senkte den Kopf und wankte langsam mit hängenden Armen durch den Regen in die finstere Nacht hinein. Putois I. »Der Garten unserer Kindheit,« sagte Herr Bergert, »den man mit wenigen Schritten durcheilen konnte, war doch für uns eine unermeßliche Welt voll Lust und Schrecken.« »Lucien, erinnerst du dich noch an Putois«, fragte Zoë und neigte mit dem ihr eigenen Lächeln, wobei sie die Lippen fest zu schließen pflegte, ihr Gesicht über ihre Nadelarbeit. »Natürlich erinnere ich mich an Putois!... Von allen Gestalten, die mir in meiner Kindheit vor die Augen gekommen sind, ist Putois mir am lebhaftesten im Gedächtnis geblieben. Ich besinne mich noch auf alle Züge seines Gesichts und seines Charakters. Er hatte einen spitz zulaufenden Schädel...« »Eine niedrige Stirn,« fügte Zoë hinzu. Die Geschwister sagten nun abwechselnd mit monotoner Stimme und wunderlich ernster Miene alle Einzelheiten einer Art von Signelament her: »Niedere Stirn.« »Gläserne Augen.« »Unstäter Blick.« »Krähenfüße an der Schläfe.« »Hervortretende, rote, glänzende Backenknochen.« »Die Ohren hatten keine Ränder.« »Die Gesichtszüge waren ohne allen Ausdruck.« »Die Hände waren in steter Bewegung und verrieten seine Gedanken.« »Er war mager, etwas gebeugt und anscheinend schwächlich.« »Sein Daumen war riesig groß.« »Seine Stimme schleppend.« »Seine Redeweise süßlich.« Plötzlich rief Herr Bergeret lebhaft: »Eins haben wir noch vergessen, Zoë! die gelbliche Haarfarbe und das dünne Haar. Wir wollen es noch einmal wiederholen.« Mit Erstaunen hatte Pauline dieser seltsamen Aufzählung von Putois' Eigenschaften zugehört und fragte nun ihren Vater und ihre Tante, wie sie dazu kämen, dies Prosastück auswendig zu wissen und wie eine Litanei herzusagen. Herr Bergeret erwiderte ernst: »Pauline, was du soeben vernommen hast, ist ein geheiligter, ich darf wohl sagen, liturgischer Text für den Privatgebrauch der Familie Bergeret. Es geziemt sich, daß er dir überliefert werde, damit er nicht dereinst mit deiner Tante und mir untergehe. »Dein Großvater, mein liebes Kind, dein Großvater Eloi Bergeret, ein Mann, der an nichtigen Dingen keinen Gefallen fand, schätzte dieses Stück hoch, besonders in Anbetracht seines Ursprungs. Er nannte es ›die Anatomie von Putois‹. Auch pflegte er zu sagen, erziehe in gewisser Weise die Anatomie von Putois der Anatomie von Quaresmeprenant vor. ›Wenn die Beschreibung, die Xenomanes davon machte,‹ sagte er, ›auch wissenschaftlich bedeutender ist und reicher an seltenen und vorzüglichen Ausdrücken, so wird sie doch durch Gedankenklarheit und Flüssigkeit des Stils von der Beschreibung des Putois übertroffen.‹ Er urteilte so, weil der Doktor Ledouble von Tours damals noch nicht seine Erklärung über die Kapitel 30 – 32 des vierten Buches von Rabelais gegeben hatte.« »Von alledem verstehe ich kein Wort,« sagte Pauline. »Das kommt daher, weil du Putois nicht kennst, liebe Tochter. Du mußt wissen, daß Putois für mich und Tante Zoë die bekannteste Figur aus unserer Kinderzeit war. Im Hause deines Großvaters Bergeret wurde unaufhörlich von Putois geredet. Jeder glaubte, ihn gesehen zu haben.« »Wer war denn eigentlich Putois?« fragte Pauline. Statt zu antworten begann Herr Bergeret zu lachen, und seine Schwester lachte gleichfalls mit fest geschlossenen Lippen. Pauline ließ ihre Blicke von einem zum andern wandern. Sie fand es wunderbar, daß ihre Tante so von Herzen lachte, und noch wunderbarer, daß sie so in voller Übereinstimmung und Sympathie mit ihrem Bruder lachte. Es war auch in der Tat auffallend, denn Bruder und Schwester waren selten einer Meinung. »Papa, sag' mir doch, wer war Putois? Du willst ja, daß ich es wissen soll, so sag es mir doch.« Putois, liebe Tochter, war ein Gärtner. Er war ein Sohn achtbarer Kunstgärtnersleute und hatte in St. Omer eine Baumschule eingerichtet. Aber seine Kundschaft war nicht zufrieden mit ihm, er machte schlimme Streiche. Sein Geschäft hatte er aufgegeben und ging auf Tagesarbeit aus, und die Leute, die ihn beschäftigten, hatten nicht immer Ursache ihn zu loben. Bei diesen Worten sagte Fräulein Bergeret noch immer lachend: »Erinnerst du dich wohl noch, Lucien, wenn unser Vater auf seinem Schreibtisch sein Tintenfaß, seine Federn, seinen Siegellack, seine Schere oder – was es immer sei – vermißte, so pflegte er zu sagen: ›Ich vermute, daß Putois hier gewesen ist‹.« »Ja,« erwiderte Herr Bergeret, »Putois stand in keinem guten Ruf.« »Ist das alles?« fragte Pauline. »Nein, liebe Tochter. Putois hatte die Eigentümlichkeit, daß er uns bekannt und vertraut war, und daß er dennoch gar nicht...« »Garnicht existierte!« rief Zoë. Herr Bergeret warf seiner Schwester einen vorwurfsvollen Blick zu: »Welch ein Ausdruck, Zoë! Warum so den Zauber brechen! Putois hätte gar nicht existiert! Wagst du das wirklich zu sagen, Zoë? Kannst du das begründen? Hast du die Existenzbedingungen, die Art und Weise des Daseins ausreichend geprüft, um wirklich behaupten zu wollen, Putois habe nie existiert, sei gar nie dagewesen? Sicherlich existierte Putois, liebe Schwester, aber es ist wahr, er führte ein eigenartiges Dasein.« »Ich verstehe immer weniger, was ihr sagt,« bemerkte Pauline verzagt. »Die Wahrheit wird dir sofort einleuchten, liebe Tochter. Erfahre also, daß Putois in reifem Alter geboren ward. Ich war damals noch ein Kind, deine Tante war schon ein junges Mädchen. Wir bewohnten ein kleines Haus in einer Vorstadt von St. Omer. Unsere Eltern führten ein ruhiges, zurückgezogenes Leben, bis sie von einer Eingeborenen von St. Omer, von einer alten Dame mit Namen Frau Cornouiller entdeckt wurden, die in der Nähe der Stadt auf ihrem Landsitze Monplaisir wohnte und ausfindig gemacht hatte, daß sie die Großtante meiner Mutter sei. Sie machte nun von ihrem verwandtschaftlichen Recht Gebrauch und verlangte, daß unsere Eltern jeden Sonntag zum Mittagessen nach Monplaisir kommen sollten, wo sie sich sträflich langweilten. Sie sagte, es sei wohlanständig, am Sonntag in der Familie zu dinieren, nur Leute ohne Stand und Rang hielten nicht auf diese gute Sitte. Mein Vater weinte fast vor Ärger und Langeweile in Monplaisir. Es tat einem weh, seine Verzweiflung mitanzusehen. Aber Frau Cornouiller bemerkte das nicht. Sie sah überhaupt nichts. Meine Mutter schickte sich mit mehr Anstand in die Sache. Sie litt ebenso sehr wie unser Vater, vielleicht noch mehr, aber sie lächelte.« »Die Frauen sind zum Leiden geboren,« sagte Zoë. »Zoë, alles was auf der Welt lebt, ist zum Leiden bestimmt. Vergebens lehnten unsere Eltern diese entsetzlichen Einladungen ab. Der Wagen der Frau Cornouiller stand jeden Sonntag mit unerbittlicher Pünktlichkeit vor ihrer Tür, um sie abzuholen. Es half nichts, man mußte nach Monplaisir fahren, das war eine Pflicht, der man sich absolut nicht entziehen konnte. Es war einmal die festgesetzte Ordnung, die nur durch einen Gewaltstreich durchbrochen werden konnte. Endlich empörte sich mein Vater und schwur, daß er niemals wieder der Einladung der Frau Cornouiller Folge leisten werde. Er überließ es meiner Mutter, einen passenden Vorwand und allerlei Gründe für die Ablehnung ausfindig zu machen. Aber gerade dazu war sie am wenigsten imstande. Sie verstand es ganz und gar nicht, sich zu verstellen.« »Sage lieber, sie wollte es nicht verstehen, Lucien. Sie hätte ebenso gut lügen können, wie alle anderen Menschen.« »Sicherlich. Aber wenn sie gute Gründe hatte, so ließ sie die lieber gelten, als daß sie schlechte erfunden hätte. Du erinnerst dich vielleicht noch, es passierte ihr eines Tages bei Tische, daß sie sagte, ›zum Glück hat Zoë Keuchhusten, nun brauchen wir lange Zeit nicht nach Monplaisir zu fahren‹.« »Ja, ganz richtig!« gab Zoë zu. »Du genasest, Zoë, und Frau Cornouiller kam eines Tages zu unserer Mutter und sagte: ›Meine Liebe, ich rechne darauf, daß Sie am Sonntag mit Ihrem Gatten zum Diner nach Monplaisir kommen‹. Vom Vater aber hatte die Mutter ganz ausdrücklichen Bescheid bekommen, die Einladung unter allen Umstanden abzulehnen, und in dieser Notlage erfand sie einen Grund, der der Wahrheit nicht entsprach. ›Ich bedauere lebhaft, gnädige Frau,‹ sagte unsere Mutter, aber es wird uns unmöglich sein, denn Sonntag erwarte ich den Gärtner.‹ »Frau Cornouiller sah durch die Glastür des Wohnzimmers auf den kleinen verwilderten Garten, wo Spillbaum und Flieder ganz danach aussahen, als ob sie das Messer des Gärtners nie gekannt hatten und auch nie kennenlernen würden. ›Sie erwarten den Gärtner! wozu denn?‹ ›Er soll im Garten arbeiten.‹ »Unwillkürlich hatte meine Mutter bei ihren Worten ihre Augen auf das kleine Viereck voll Unkraut und halbverwilderter Pflanzen gerichtet, das sie soeben als Garten bezeichnet hatte, und sah mit Schrecken die Unwahrscheinlichkeit ihrer Erfindung ein. ›Der Mensch‹, sagte Frau Cornouiller, ›könnte wohl am Montag oder Dienstag kommen, um Ihren ... Garten zu pflegen. Das wäre auch viel besser. Am Sonntag soll man nicht arbeiten.‹ ›Er ist aber in der Woche beschäftigt.‹ »Ich habe oft bemerkt, daß die absurdesten, ungeeignetsten Gründe den wenigsten Widerstand finden. Sie verwirren im Gegenteil den Gegner. Frau Cornouiller bestand denn auch weniger hartnäckig auf ihrer Meinung, als man es bei einer so wenig nachgiebigen Person erwartet hätte. Als sie sich von ihrem Sitz erhob, fragte sie: ›Wie heißt Ihr Gärtner, meine Liebe?‹ ›Putois,‹ erwiderte unsere Mutter ohne Zögern. »So hatte denn Putois seinen Namen. Seitdem existierte er. Beim Fortgehn sagte Frau Cornouiller vor sich hin: ›Putois, Putois, das kommt mir bekannt vor. Ich kenne ihn wohl, aber ich erinnere mich nicht recht. ... Wo wohnt er denn?‹ ›Er geht auf Tagesarbeit aus; wenn man ihn braucht, so läßt man es ihm bei dem einen oder dem anderen sagen.‹ ›Das dachte ich mir wohl, ein Herumtreiber, ein Vagabund, ein richtiger Nichtsnutz. Nehmen Sie sich vor ihm in acht, meine Liebe!‹ »Von nun an hatte Putois einen Charakter.« II. Inzwischen waren die Herren Goubin und Marteau gekommen. Herr Bergeret machte sie mit dem Gegenstand der Unterhaltung bekannt. »Wir sprachen gerade von jemand, den meine Mutter eines schönen Tages zum Gärtner in St. Omer machte und ihm einen Namen gab. »Seit der Zeit begann auch seine Wirksamkeit.« »Bitte noch einmal, verehrter Meister,« sagte Herr Goubin, und wischte sein Augenglas. »Gern,« erwiderte Herr Bergeret. »Es gab einen Gärtner in St. Omer. Der Gärtner existierte nicht, aber meine Mutter sagte: ›Ich erwarte den Gärtner‹. Alsbald gab es einen Gärtner, der auch zugleich zu einer handelnden Person wurde.« »Teurer Meister,« fragte Herr Goubin, »wie konnte er handeln, da er ja gar nicht existierte?« »Er besaß eben doch eine Art von Existenz,« erwiderte Herr Bergeret. »Sie wollen sagen, eine imaginäre Existenz,« sagte Herr Goubin verächtlich. »Ist denn eine imaginäre Existenz nichts?«, rief der Meister. »Sind nicht die mythischen Personen von großem Einstuß auf die Menschheit gewesen? Denken Sie doch an die Mythologie, Herr Goubin, und Sie werden erkennen, daß es zwar nicht wirkliche Wesen, sondern imaginäre Wesen waren, die aber den größten Einfluß auf die Seelen gehabt haben. Wesen, die überall und zu allen Zeiten nicht mehr Wirklichkeit besaßen als Putois, haben den Völkern Haß und Liebe, Schrecken und Hoffnung eingeflößt, haben ihnen Verbrechen angeraten, Opfer empfangen, Sitten und Gesetze geschaffen. Denken Sie über die ewig dauernde Mythologie nach, Herr Goubin. Putois ist eine mythische Persönlichkeit und, wie ich zugeben muß, eine von der obskursten und niedrigsten Art. Der plumpe Satyr, der einst am Tische unserer Bauern im Norden saß, wurde für würdig erachtet, in einem Gemälde von Jordans und in einer Fabel von Lafontaine zu figurieren. Der behaarte Sohn des Syorax ist in die erhabene Welt eines Shakespeare hineingelangt. Putois ist weniger glücklich gewesen und wird stets von den Künstlern und Dichtern mißachtet werden. Es fehlt ihm an Größe und Fremdartigkeit, an Stil und Charakter. Er kam unter zu vernünftigen Leuten zur Welt, unter Leuten, die lesen und schreiben konnten und nicht die reizende Einbildungskraft besaßen, die zur Fabelbildung führt. Ich denke, meine Herren, was ich gesagt habe, wird ausreichen, um Ihnen die wahre Natur von Putois begreiflich zu machen.« »Ich verstehe Sie wohl,« sagte Herr Goubin. »Putois wurde in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geboren in St. Omer,« fuhr Herr Bergeret fort. »Besser für ihn wäre es gewesen, wenn er einige Jahrhunderte früher im Ardennerwald zur Welt gekommen wäre. Denn dann wäre er ein böser Geist von außerordentlicher Geschicklichkeit geworden.« »Eine Tasse Tee gefällig?«, fragte Pauline. »Putois war also ein böser Geist?« erkundigte sich Herr Marteau. »Er war böse,« erwiderte Herr Bergeret, »aber er war es nur in gewisser Weise. Es war mit ihm wie mit den Teufeln, von denen man sagt, daß sie böse seien, an denen man aber bei näherem Umgang doch gute Seiten entdeckt. Ich bin geneigt zu glauben, daß man Putois sehr Unrecht getan hat. Frau Cornouiller hatte ein Vorurteil gegen ihn gefaßt und hegte sofort den Verdacht, er sei ein Taugenichts, ein Trunkenbold und Dieb. Dann überlegte sie: wenn meine Mutter ihn beschäftigte, so tat sie das sicher, weil er bescheiden in seinen Ansprüchen war, und sie fragte sich, ob es nicht klüger sei, ihn auch in Arbeit zu nehmen, anstelle ihres Gärtners, der zwar einen besseren Ruf besaß, aber weit anspruchsvoller war. Die Zeit zum Beschneiden der Taxusbäume nahte heran. Sie dachte, wenn Frau Eloi Bergeret, die doch nur arm sei, Putois nicht viel zahle, so würde sie, die reiche Frau Cornouiller, ihm noch weniger geben, weil es einmal so üblich ist, daß die Reichen weniger bezahlen als die Armen. Und sie sah schon im Geiste ihre Taxusbäume gefällig zugestutzt zu dichten Wänden, Kugeln und Pyramiden, ohne daß sie große Ausgaben davon gehabt hätte. Ich werde schon ein Auge auf ihn haben, sagte sie sich, und sehen, daß Putois die Zeit nicht vergeudet und mich nicht bestiehlt. Sie beschloß daher, einen Versuch mit ihm zu machen und sagte zu unserer Mutter: ›Meine Liebe, schicken Sie doch Putois einmal zu mir, er könnte auf Monplaisir arbeiten.‹ »Meine Mutter versprach es, und sie hätte gern ihr Wort gehalten, wenn es möglich gewesen wäre.« Frau Cornouiller erwartete Putois in Monplaisir, aber vergebens. Da sie sehr beharrlich in ihren Absichten war und auf ihren Vorsätzen zu bestehen pflegte, beklagte sie sich beim nächsten Wiedersehn bei meiner Mutter, daß sie nichts von Putois gehört habe. ›Haben Sie ihm denn nicht gesagt, daß ich ihn erwarte, meine Liebe,‹ fragte sie meine Mutter. ›Allerdings, aber er ist ein wunderlicher Mensch.‹ ›O, ich kenne diese Sorte. Ihren Putois kenne ich durch und durch. Aber es gibt keinen Arbeiter, der so verrückt wäre, daß er sich weigerte, in Monplaisir zu arbeiten. Mein Haus ist zu bekannt, denke ich. Putois wird sich mir schon zur Verfügung stellen, und zwar bereitwillig, meine Beste. Sagen Sie mir nur, wo er wohnt, ich werde selbst zu ihm gehen.‹ »Meine Mutter erwiderte, sie wisse nicht, wo Putois wohne, er habe weder Haus noch Herd. ›Ich habe ihn nicht wiedergesehen, Frau Cornouiller,‹ sagte sie, ›ich glaube, er hält sich verborgen.‹ »Was hätte sie auch wohl sonst sagen können? »Frau Cornouiller hörte das freilich nicht ohne Mißtrauen an. Sie glaubte, daß meine Mutter ihn ganz mit Beschlag belegt habe und ihn allen Nachforschungen entzöge, weil sie fürchtete, ihn sonst zu verlieren, oder daß er durch andere anspruchsvoller werden könne. Sie hielt sie wirklich für so eigennützig. Viele allgemein anerkannte Urteile, die die Geschichte sanktioniert hat, sind ebenso begründet wie dieses.« »Das ist freilich wahr,« meinte Pauline. »Was ist wahr?« fragte Zoë. »Daß die Urteile der Geschichte oft falsch sind. Ich erinnere mich, Papa, daß du eines Tages sagtest: ›Frau Roland war sehr naiv, an die Unparteilichkeit der Nachwelt zu appellieren. Sie sah nicht ein, daß, wenn unsere Zeitgenossen bösartige Affen sind, ihre Nachkommenschaft auch wiederum bösartige Affen sein müssen.‹« »Pauline,« fragte Fräulein Bergeret mit Strenge, »was hat die Geschichte von Putois mit dem zu tun, was du uns da erzählst?« »Sehr viel, liebe Tante.« »Daß ich nicht wüßte.« Herr Bergeret, der eine Abschweifung nicht ungern sah, antwortete seiner Tochter: »Wenn alle Ungerechtigkeiten schließlich schon in dieser Welt wieder gut gemacht würden, so wäre der Gedanke, daß wir in einer anderen Welt entschädigt werden sollen, gar nicht aufgekommen. Wie wollt ihr verlangen, daß die Nachwelt alle Verstorbenen gerecht beurteilt? In dem Dunkel, in das sie sich zurückgezogen haben, kann man sie ja nicht befragen. Von dem Augenblick an, da man gerecht gegen sie sein könnte, vergißt man sie. Aber kann man überhaupt gerecht sein? Was ist denn Gerechtigkeit? Frau Cornouiller sah sich wenigstens endlich genötigt, anzuerkennen, daß meine Mutter sie nicht betrogen hatte und daß Putois nicht aufzufinden sei. »Sie gab es indessen nicht auf, ihn zu suchen. Sie fragte bei allen Verwandten, Freunden, Nachbarn, beim Gesinde und den Lieferanten herum, ob sie Putois nicht kennten. In der Tat antworteten nur zwei oder drei, sie hätten niemals von ihm reden hören. Die meisten glaubten, ihn schon einmal gesehen zu haben.« ›Den Namen habe ich wohl gehört,‹ sagte die Köchin, ›aber auf das dazugehörige Gesicht kann ich mich nicht besinnen.‹ ›Putois! Natürlich kenne ich den,‹ sagte der Chausseewärter und kratzte sich hinter den Ohren, ›aber ich wüßte Ihnen jetzt nicht zu sagen, was er ist.‹ »Den genauesten Bescheid gab Herr Blaise, der Steuerkassierer, er erklärte, er habe Putois im Kometenjahre vom 19.-24. Oktober in seinem Hofe Holz spalten lassen. »Eines Morgens kam Frau Cornouiller ganz außer Atem in das Schreibzimmer meines Vaters gestürzt und rief: ›Soeben habe ich Putois gesehen!‹ ›Ach!‹ ›Ja, ganz bestimmt, ich habe ihn gesehen.‹ ›Glauben Sie wirklich?‹ ›Ich bin meiner Sache ganz sicher. Er strich an Herrn Teuchants Mauer entlang. Dann wandte er sich nach der Rue des Abesses . Er ging so schnell, daß ich ihn aus den Augen verlor.‹ ›War er es denn wirklich?‹ ›Ohne allen Zweifel! Ein Mann in den fünfziger Jahren, mager, gebückt. Er sah aus wie ein Vagabund und trug eine schmutzige Bluse.‹ ›Die Beschreibung könnte freilich auf Putois passen,‹ meinte mein Vater. ›Sehen Sie wohl!‹ fuhr Frau Cornouiller fort. ›Übrigens habe ich ihn angerufen. Ich rief: Putois! und er drehte sich um.‹ ›Dieses Mittel wenden allerdings auch die Sicherheitspolizisten an, um die Identität von Verbrechern, denen sie nachspüren, festzustellen.‹ ›Wie ich Ihnen sagte, er war es! ... Ich wußte wohl, daß ich Ihren Putois finden würde. Der Mensch hat ein böses Gesicht. Sie und Ihre Frau waren sehr unbedacht, ihn bei sich in Arbeit zu nehmen. Ich verstehe mich auf Physiognomien, und wenn ich ihn auch nur von weitem gesehen habe, so könnte ich doch darauf schwören, daß er ein Dieb, ja vielleicht ein Mörder ist. Seine Ohren haben keine Ränder, das ist ein untrügliches Zeichen.‹ ›So, Sie haben bemerkt, daß seine Ohren keine Ränder haben?‹ ›Mir entgeht nichts, mein lieber Herr Bergeret, lassen Sie Putois nicht wieder zu sich ins Haus kommen, wenn Sie nicht wollen, daß Sie mit Frau und Kindern ermordet werden. Noch eins rate ich Ihnen: Lassen Sie all ihre Schlösser ändern.‹ »Einige Tage darauf geschah es, daß aus Frau Cornouillers Obstgarten drei Melonen gestohlen wurden. Da man den Dieb nicht fand, so hatte sie Putois in Verdacht. Die Gendarmen wurden nach Monplaisir gerufen, und ihre Ermittelungen bestätigten Frau Cornouillers Argwohn. Herumziehende Banden suchten zu jener Zeit die Gärten der Gegend heim. Aber diesmal schien es, als sei der Diebstahl von einer einzigen Person und mit außerordentliche Geschicklichkeit verübt worden. Keine Spur von dem Einbruch war zu bemerken, noch irgendwelche Fußabdrücke auf dem feuchten Erdreich. Nur Putois konnte der Dieb sein. Das war die Meinung des Wachtmeisters, der lange Geschichten über Putois kannte und alle Anstrengungen machte, um des lockeren Vogels habhaft zu werden. Die Zeitung von St. Omer widmete den drei Melonen von Frau Cornouiller einen Artikel und veröffentlichte nach ihr zugegangenen Mitteilungen eine Personalbeschreibung von Putois. »Er hat eine niedrige Stirn, so hieß es in der Zeitung, glasige Augen, einen unsteten Blick, Gänsefüße an der Schläfe, hervortretende rote, glänzende Backenknochen. Die Ohren haben keinen Rand. Er ist mager, gebückt, anscheinend schwächlich, aber in Wirklichkeit von ungewöhnlicher Stärke und kann mit Leichtigkeit ein Fünffrankenstück mit Daumen und Zeigefinger zusammenbiegen. »Man habe allen Grund, behauptete die Zeitung, ihm eine ganze Reihe von Diebstählen zuzuschreiben, die mit überraschendem Geschick ausgeführt seien. »Die ganze Stadt beschäftigte sich mit Putois. Man erfuhr eines Tages, daß er verhaftet und ins Gefängnisregister eingetragen sei. Aber man erkannte bald darauf, daß der Mann, den man für ihn gehalten hatte, ein Almanachverkäufer war und Rigobert hieß. Da man keine Anklage gegen ihn erheben konnte, so wurde er nach vierzehnmonatlicher Untersuchungshaft entlassen. Putois aber war nicht aufzufinden. »Frau Cornouiller ward das Opfer eines weiteren Diebstahls, der noch frecher ausgeführt war, als der erste ... Man stahl aus ihrem Büfett drei kleine, silberne Löffel. »Sie glaubte, daß Putois seine Hand dabei im Spiel gehabt habe, ließ an ihrer Tür eine Kette anbringen und konnte nicht mehr schlafen. III. Gegen zehn Uhr abends, nachdem Pauline auf ihr Zimmer gegangen war, sagte Fräulein Bergeret zu ihrem Bruder: »Vergiß nicht den Vorfall, Lucien, daß Putois die Köchin der Frau Cornouiller verführte.« »Ich habe schon daran gedacht, liebe Schwester, das ist ja das beste von der ganzen Geschichte. Aber alles der Reihe nach. Putois wurde eifrig von der Justiz gesucht, sie konnte ihn aber nicht ausfindig machen. Als man erfuhr, daß er nicht zu entdecken sei, setzte jedermann seine Ehre darein, ihn aufzufinden. Den Männern gelang es auch. Und da es viele Männer in St. Omer und in der Umgegend gab, so wurde Putois gleichzeitig auf der Straße, auf den Feldern und im Walde gesehen. Es wurde ihm daher eine weitere Eigentümlichkeit beigelegt. Man verlieh ihm die Gabe, überall zu sein, die so viele populäre Helden besitzen. Ein Wesen, das imstande sein soll, in einem Augenblick weite Entfernungen zu durchmessen und das plötzlich da auftaucht, wo man es am wenigsten vermutete, jagt gerechten Schrecken ein. Putois wurde der Schrecken von St. Omer. Frau Cornouiller war überzeugt, daß Putois die drei Melonen und die drei kleinen, silbernen Löffel gestohlen habe. Sie lebte in steter Angst vor ihm und verbarrikadierte sich in Monplaisir. Aber Riegel, Schlösser, Gitter und Ketten vermochten sie nicht zu beruhigen. Putois war für sie ein Wesen, von Entsetzen erregender Subtilität, das durch Türen hindurchdringen konnte. Dazu kam ein häusliches Ereignis, das ihre Angst noch verdoppelte. Ihre Köchin war verführt worden, der Augenblick kam, da sie ihren Fehltritt nicht mehr verbergen konnte, aber sie weigerte sich hartnäckig, ihren Verführer zu nennen. »Sie hieß Gudule,« sagte Fräulein Bergeret. »Ja, Gudule hieß sie, und man glaubte, sie sei gegen die Gefahren der Liebe durch einen langen gabelförmigen Bart, den sie am Kinn trug, geschützt. Ein plötzlich entstandener Bart beschützte weiland die Jungfräulichkeit jener heiligen Königstochter, die in Prag verehrt wird. Gudules Bart, der sich keineswegs mehr im Anfangsstadium befand, hatte aber doch nicht ausgereicht, ihre Tugend zu verteidigen. Frau Cornouiller drang in Gudule, daß sie ihr den Menschen nenne, der sie mißbraucht und dann in der Not verlassen hatte. Gudule brach in Tränen aus, aber sie schwieg. Bitten und Drohungen blieben erfolglos. Frau Cornouiller stellte eine lange, eingehende Untersuchung an. Sie fragte in geschickter Weise ihre Nachbarn aus, die umwohnenden Weiber, die Lieferanten, den Gärtner, den Chausseewärter, die Gendarmen, doch nichts brachte sie auf die Spur des Schuldigen. Aufs neue versuchte sie, von Gudule ein Geständnis zu erlangen. ›Sagen Sie mir doch in Ihrem eigenen Interesse, Gudule, wer es ist?‹ Gudule blieb stumm. Plötzlich wie ein Lichtstrahl kam Frau Cornouiller der Gedanke: ›Putois ist es gewesen!‹ Die Köchin heulte und antwortete nicht. ›Es ist Putois! das hätte ich mir gleich denken können! Natürlich er ist es und kein anderer! O, du Unglückselige!‹« »Frau Cornouiller blieb steif und fest bei ihrer Überzeugung, daß das Kind ihrer Köchin von Putois stamme. Jedermann in St. Omer, vom Gerichtspräsidenten bis herab zum Laternenanzünder, kannte Gudule und ihren Korb. Bei der Neuigkeit, daß Putois Gudule verführt habe, war die ganze Stadt voller Überraschung, Verwunderung und Heiterkeit. Putois wurde wie ein Held gefeiert. Auf sehr leichte Indizien hin schrieb man ihm die Vaterschaft von fünf oder sechs anderen Kindern zu, die in jenem Jahr zur Welt kamen und die besser getan hätten, fern zu bleiben, in Anbetracht des Vergnügens, das ihrer dort wartete, und mit Rücksicht auf die Freude, die sie ihren Müttern bereiteten. ›Welch ein Ungeheuer, dieser Putois!‹ riefen die Gevatterinnen. »So bedrohte dieser unsichtbare Satyr mit nicht wieder gut zu machendem Unheil die weibliche Jugend unserer Stadt, in der man, wie die ältesten Leute sagten, die jungen Mädchen seit Menschengedenken stets in Ruhe gelassen hatte. »Während er so in der Stadt und Umgegend sein Spiel trieb, war er mit unserem Hause durch tausend feine Bande verknüpft. Man hatte ihn vor unserer Tür gesehen und glaubte, daß er zuweilen über die Gartenmauer kletterte. Niemand hat ihm je ins Gesicht gesehen, aber jeden Augenblick erkannten wir seinen Schatten, seine Stimme und die Spuren seiner Schritte. Mehr als einmal glaubten wir in der Dämmerung bei einer Krümmung eines Weges seinen Rücken zu erblicken. Mir und meiner Schwester gegenüber änderte er seinen Charakter ein wenig. Schlecht und bösartig blieb er, aber er wurde knabenhaft und naiv. Er gab sich weniger realistisch, ich kann wohl sagen, mehr poetisch. Er trat in den Kreis unserer treuherzigen, kindlichen Traditionen. Er wurde zum Schreckgespenst, zum Buhmann und zum Sandmann, der abends den Kindern die Augen schließt. Er machte den Puppen meiner Schwester Schnurrbärte mit Tinte, und von unseren Betten aus hörten wir ihn vorm Einschlafen: er heulte auf den Dächern mit den Katzen, bellte mit den Hunden, stöhnte in den Rauchfängen und ahmte auf der Straße den trunkenen Gesang später Zecher nach. »Was uns Putois stets gegenwärtig und vertraut machte, war, daß die Erinnerung an ihn sich mit allen Dingen verknüpfte, die uns umgaben. Zoës Puppen, meine Schulhefte, in denen er so oft die Seiten zerknitterte und beschmutzte, die Gartenmauer, über die er im Dunkeln mit seinen roten Augen spähte, der blaue Fayencetopf, den er im Winter zerbrach, wenn es nicht etwa der Frost getan hatte, die Bäume, Straßen, Bänke, alles erinnerte an Putois, unseren Putois, den Putois der Kinder, ein ortsangehöriges, mythisches Wesen. An Grazie und Poesie durfte er sich nicht mit dem dicken Faun von Thessalien oder Sizilien messen, aber er war doch ein Halbgott. »Für unsern Vater hatte er einen ganz besonderen Charakter. Er war ihm ein Rätsel und Gegenstand philosophischer Betrachtungen. Unser Vater hatte viel Mitleid mit den Menschen. Er hielt sie für nicht allzu vernünftig; ihre Irrtümer, wenn sie nicht auf Grausamkeit hinausliefen, amüsierten ihn und brachten ihn zum Lachen. Der Glaube an Putois interessierte ihn wie ein Auszug aus dem Lehrbuch über den menschlichen Glauben. Da er eine Neigung zur Ironie hatte und sich gern ein bißchen lustig machte, so sprach er von Putois wie von einem wirklichen Wesen. Er legte bisweilen so viel Gewicht darauf und hob einzelne Umstände so scharf hervor, daß meine Mutter ganz überrascht darüber war und in ihrer Aufrichtigkeit wohl zu ihm sagte: ›Fast sollte man glauben, daß du im Ernst sprächest, mein Lieber, aber du weißt doch ...‹ »Dann antwortete er gelassen: ›Ganz St. Omer glaubt an Putois. Wie wäre ich ein guter Bürger, wenn ich ihn verleugnen wollte! Man muß es sich zweimal überlegen, ehe man einen allgemeinen Glaubenssatz verwirft.‹ »Nur ein ganz ehrlicher Sinn kann solche Skrupeln hegen. Mein Vater pflegte stets seine eigene Meinung in Einklang mit der allgemeinen Meinung zu bringen, er glaubte daher wie die Bewohner von St. Omer an die Existenz von Putois, aber er gab nicht zu, daß er direkt an dem Melonendiebstahl oder an der Verführung von Köchinnen beteiligt sei. Er bekannte sich zu dem Glauben an die Existenz von Putois als ein richtiger Einwohner von St. Omer, aber er brauchte Putois nicht, um die Begebenheiten zu erklären, die sich in der Stadt zutrugen. So war er in dieser Beziehung wie in jeder anderen ein vortrefflicher, verständiger Mann. »Was unsere Mutter betrifft, so warf sie sich ein wenig Putois' Entstehung vor und nicht ohne Grund. Denn Putois war aus einer Lüge unserer Mutter geboren, wie Caliban aus der Lüge des Dichters. Gewiß war das Unrecht nicht dasselbe und meine Mutter viel unschuldiger als Shakespeare, aber sie war doch erschrocken und verwirrt, als sie sah, daß ihre harmlose Lüge ins Ungeheure angewachsen war und welch lebhafte Wirkung ihre leichtfertige Vorspiegelung hatte, die schier kein Ende nehmen wollte, sich bereits über die ganze Stadt verbreitet hatte und drohte, sich über die ganze Welt zu erstrecken. Eines Tages erbleichte sie vor Schreck und dachte nicht anders, als daß ihre Lüge Fleisch und Blut angenommen habe. An jenem Tage kam das Dienstmädchen, das erst vor kurzem im Hause und in der Gegend war, zu meiner Mutter und sagte, es sei ein Mann da, der sie sprechen möchte. ›Was für ein Mann?‹ fragte sie. ›Ein Mann in einer Bluse, er sieht aus wie ein Arbeiter vom Lande.‹ ›Hat er seinen Namen nicht genannt?‹ ›Ja, Madame.‹ ›Wie heißt er?‹ ›Putois.‹ ›Er sagte Ihnen, er hieße ...‹ ›Putois, jawohl, Madame.‹ ›Ist er noch da?‹ ›Ja, Madame, er wartet in der Küche.‹ ›Und Sie haben ihn gesehen?‹ ›Ja, Madame.‹ ›Was will er denn?‹ ›Das hat er nicht gesagt. Er will es nur Madame selbst sagen.‹ ›Gehen Sie hin und fragen Sie ihn, was er wolle.‹ »Als das Mädchen in die Küche zurückkam, war Putois nicht mehr da. Dieses Zusammentreffen von Putois mit dem fremden Mädchen ist niemals aufgeklärt worden, und es scheint, daß meine Mutter von diesem Tage an zu glauben begann, es sei doch möglich, daß Putois wirklich existiere, und daß sie füglich nicht gelogen habe.« Riquet (Der Umzug – Gedanken eines Hundes) Der Umzug Da der Umzugstermin gekommen war, verließ Herr Bergeret mit seiner Schwester das alte, verfallene Haus in der Rue de Seine, um sich in einer modernen Wohnung in der Rue Vaugirard niederzulassen, denn so hatten Zoë und das Schicksal es beschlossen. Während der langen Umzugsstunden irrte Riquet traurig durch die verödeten Räume. In seinen liebsten Gewohnheiten sah er sich gestört. Unbekannte, schlechtgekleidete, lärmende, grobe Leute schreckten ihn aus seiner Ruhe auf. Sie kamen bis in die Küche und stießen mit den Füßen gegen seinen Breiteller und Wassernapf. Und immer wieder zogen sie die Teppiche und Stühle unsanft unter seinem armen Hinterteil fort, so daß er schließlich nicht mehr wußte, wo er sich in seinem eigenen Hause niederlassen sollte. Wir wollen zu seiner Ehre sagen, daß er zuerst einigen Widerstand versuchte. Als man den Springbrunnen forttrug, hatte er den Feind wütend angebellt. Aber niemand war auf sein Rufen gekommen. Er sah, man ermutigte ihn nicht, im Gegenteil, es unterlag keinem Zweifel, er war der Geschlagene. Fräulein Zoë hatte ihm kurz zugerufen: »Schweig!«, und Pauline hatte gesagt: »Riquet, du machst dich ja lächerlich.« Daher verzichtete er darauf, unnütze Warnungen laut werden zu lassen und allein für das allgemeine Wohl zu kämpfen. Er beklagte im stillen den Ruin des Hauses und suchte vergeblich von Zimmer zu Zimmer nach ein bißchen Ruhe. Wenn die Umzeugsleute in die Stube kamen, in die er sich geflüchtet hatte, versteckte er sich vorsichtshalber unter einen Tisch oder eine Kommode, die noch da standen. Aber das schadete ihm mehr, als daß es ihm nützte, denn alsbald fing das Möbel über ihm an zu wackeln, hob sich, fiel wieder auf ihn zurück und drohte, ihn zu erdrücken. Mit stierem Blick und gesträubten Haaren nahm er Reißaus und floh in einen andern Versteck, wo es ihm nicht besser erging als das erstemal ... Aber diese Unbequemlichkeiten, ja selbst Gefahren, waren nichts im Vergleich mit den Qualen, die sein Herz erlitt. In ihm war das Sittlichkeitsgefühl, wie man sagt, am schwersten verletzt. Die Möbel der Wohnung waren für ihn nicht tote Dinge, sondern lebende, wohlwollende Wesen, gütige Genien, deren Fortgang schweres Unheil verkündigte. Teller, Zuckerdosen, Herd und Töpfe, alle die Gottheiten der Küche, Stühle, Teppiche, Kissen, alle die Fetische der Wohnräume, seine Laren, seine Hausgötter waren fort. Er glaubte, daß ein so furchtbares Unglück niemals wieder gut zu machen sei. Das erfüllte ihn mit einem so gewaltigen Kummer, wie ihn seine kleine Seele nur zu fassen vermochte. Glücklicherweise aber war sie gleich der menschlichen Seele leicht zu zerstreuen und bereit, alles Übel zu vergessen. Während der langen Abwesenheit der Umzugsleute, da der Besen der alten Angelika den alten Staub aus den Winkeln kehrte, spürte Riquet den Geruch einer Maus, verfolgte er die Spur einer Spinne, und seine Gedanken fanden darin eine Zerstreuung. Aber bald verfiel er wieder in seine große Traurigkeit. Als er am Auszugstage sah, daß die Dinge sich immer mehr verschlimmerten, geriet er in Verzweiflung. Ganz besonders schaurig kam es ihm vor, daß man die Wäsche in dunkle Kisten packte. Pauline legte ihre Kleider mit froher Hast in einen Koffer, und Riquet wandte sich von ihr ab, als begehe sie eine unrechte Handlung. Er kauerte sich in einen Winkel und dachte – das ist das Schlimmste von allem! Sei es nun, daß er glaubte, die Dinge hörten auf zu sein, wenn er sie nicht mehr sehen konnte, sei es, daß er nur einen peinlichen Anblick vermeiden wollte, er blickte absichtlich nicht nach der Seite hin, wo Pauline war. Zufällig bemerkte sie beim Hin- und Hergehen Riquets Stellung. Die war kläglich genug, aber Pauline fand sie komisch und fing an zu lachen. Und lachend rief sie: »Komm, Riquet, komm!« Aber er rührte sich nicht und wandte nicht einmal den Kopf. Ihm war in diesem Augenblick nicht danach zumute seine junge Herrin zu liebkosen, und in geheimem Instinkt, aus einer Art böser Ahnung heraus, hatte er Furcht, sich dem gähnenden Koffer zu nähern. Mehrere Male rief sie ihn, und als er nicht kam, nahm sie ihn auf den Arm. – – »U je,« sagte sie, »wie unglücklich ist er! Wie muß man ihn bedauern!« Das sagte sie ironisch. Aber Riquet verstand keine Ironie. Er lag teilnahmslos und tot in Paulines Arm und tat, als sähe und höre er nichts. »Riquet, schau mich an!« Dreimal kam die Mahnung, aber dreimal vergebens. Da simulierte Pauline einen heftigen Zorn, und mit den Worten: »Verschwinde, dummes Tier« warf sie Riquet in den Koffer und klappte den Deckel zu. Da ihre Tante sie gerade in diesem Augenblick rief, ging sie aus dem Zimmer und ließ Riquet im Koffer. Er war sehr in Sorge und, weit davon entfernt, zu vermuten, daß er nur aus Spielerei und zum Spaß in den Koffer gesperrt sei, bemühte er sich, die ohnehin schon recht fatale Situation nicht noch durch seine eigene Unklugheit zu verschlimmern. So verhielt er sich einige Augenblicke ganz regungslos und wagte nicht zu atmen. Dann erschien es ihm nützlich, sein finsteres Gefängnis zu erforschen. Er betastete mit seinen Pfoten die Unterröcke und Hemden, auf die man ihn in so erbärmlicher Weise geworfen hatte, und suchte nach einem Ausgang aus dem verhängnisvollen Ort. Er machte sich schon seit zwei oder drei Minuten damit zu schaffen, als Herr Bergeret zum Ausgehen gerüstet ins Zimmer trat und rief: »Komm, Riquet, komm! Wir wollen am Kai spazieren gehen. Dort ist die wahre Ruhmesstätte. Man hat da einen Bahnhof gebaut von geradezu erhabener Mißgestalt und auffallender Häßlichkeit. Die Architektur ist eine verloren gegangene Kunst. Man demoliert das Haus an der Ecke von der Rue du Bac, das so gut aussah. Natürlich wird man dafür irgendeinen häßlichen Neubau hinsetzen. Wenn die Architekten doch wenigstens nicht an unserem Quai d'Orsay den barbarischen Stil einführen wollten, von dem sie auf den Champs Elysées an der Ecke der Rue de Washington ein so fürchterliches Beispiel gegeben haben ... Wir wollen am Kai spazieren gehen. Dort ist die wahre Ruhmesstätte. Aber die Architektur ist sehr herabgekommen seit Gabriel und Louis ... Wo ist der Hund? ... Riquet! Riquet!« Herrn Bergerets Stimme war ein großer Trost für Riquet. Er antwortete, indem er mit seinen Pfoten wie toll gegen die Seitenwände des Weidenkorbes kratzte. »Wo ist der Hund?« fragte Herr Bergeret Pauline, die eben mit einem Stapel voll Wäsche im Arm zurückkam. »Er ist im Koffer, Papa.« »Was? er steckt im Koffer, warum denn das?« fragte Herr Bergeret. »Weil er dumm war,« antwortete Pauline. Herr Bergeret befreite seinen Freund, und Riquet folgte seinem Herrn schwanzwedelnd in den Hausflur. Da fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. Flugs kehrte er um, lief zu Pauline zurück, stemmte sich mit den Vorderpfoten gegen ihre Kleider, und erst nachdem er sie zum Zeichen der Anbetung wie toll geküßt hatte, holte er seinen Herrn auf der Treppe ein. Er hatte geglaubt, es an Klugheit und Verehrung haben fehlen zu lassen, wenn er einer Person, die die Macht besaß ihn in einen tiefen Koffer zu versenken, nicht seine Liebe bezeugt hätte. Auf der Straße bot sich Herrn Bergeret und Riquet das erbärmliche Schauspiel dar, daß ihre Möbel auf dem Trottoir herumstanden. Während die Umzugsleute in der Gaststube an der Ecke ein Glas Bier tranken, spiegelte Fräulein Zoës Schrank die Vorübergehenden wieder: Arbeiter, Schüler der Beaux Arts , junge Mädchen, Kaufleute, Wagen und Karren und die Apotheke mit den farbigen Pokalen und dem Äskulapstab. Gegen einen Grenzstein gelehnt, lächelte Großvater Bergeret in seinem Rahmen mit seiner sanften Miene in dem feinen blassen Gesicht unter den flatternden Haaren. Herr Bergeret betrachtete seinen Vater mit liebevoller Ehrerbietung und setzte ihn vom Grenzstein weg. Er stellte auch den kleinen Nipptisch von Zoë, der aussah, als schäme er sich, auf der Straße zu sein, an einen sicheren Ort. Indessen kratzte Riquet mit seinen Pfoten an den Beinkleidern seines Herrn und blickte ihn aus seinen schönen, traurigen Augen an, als wollte er sagen: »Solltest du, der du einst so reich und mächtig warst, arm geworden sein? Solltest du machtlos geworden sein, teurer Herr? Du läßt Leute, die in Lumpen gekleidet sind, in dein Wohnzimmer dringen, in dein Schlafzimmer, in dein Speisezimmer, läßt es zu, daß sie über deine Möbel herfallen und sie hinausschleppen. Deinen bequemen Lehnstuhl, in dem wir alle Abend ausruhten und auch manchmal morgens dicht nebeneinander, den haben sie auf die Treppe geschleppt. Ich hörte, wie er unter den rauhen Griffen der schlecht gekleideten Leute seufzte, unser guter, alter Lehnstuhl, der ein großer Fetisch ist und ein gütiger Geist. Du hast dich diesen Eindringlingen nicht widersetzt. Wenn dir keine der Genien bleibt, von denen deine Wohnung voll war, nickt einmal die kleinen Gottheiten, die du jeden Morgen, wenn du aus dem Bette sprangst, an deine Füße zogst und in die ich spielend hineinbiß, wenn du so arm, so elend bist, o Herr, was soll dann aus mir werden?« Gedanken eines Hundes 1. Die Menschen, Tiere und Steine werden immer größer, je mehr man sich ihnen nähert, und sie sind kolossal, wenn sie sich über mir befinden. Ich bleibe hingegen immer gleich groß, wo ich auch sei. 2. Wenn mein Herr mir unter dem Tisch einen Bissen reicht, den er in seinen Mund stecken will, so tut er das, um mich auf die Probe zu stellen und um mich zu strafen, wenn ich der Versuchung unterliege. Denn ich kann nicht glauben, daß er sich meinetwegen beraubt. 3. Der Geruch der Hunde ist deliziös. 4. Mein Herr hält mich warm, wenn ich hinter ihm in seinem Lehnstuhl liege. Das kommt daher, weil er ein Gott ist. Vor dem Kamin befinden sich Marmorfliesen, die ebenfalls warm sind. Diese Fliesen sind göttlich. 5. Ich spreche, wenn es mir beliebt. Aus dem Munde des Herrn kommen auch Töne, die einen gewissen Sinn haben. Aber es ist lange nicht so deutlich zu verstehen wie das, was ich durch den Laut meiner Stimme ausdrücke. In meinem Munde hat alles einen Sinn, aus dem Munde des Herrn kommt sehr viel überflüssiges Geräusch. Es ist schwer, aber notwendig, die Gedanken des Herrn zu erraten. 6. Essen ist gut. Gegessen haben ist besser. Denn der Feind, der auf der Lauer liegt, um einem das Futter zu entreißen, ist schlau und flink. 7. Alles vergeht und hat ein Ende, nur ich bleibe. 8. Ich befinde mich stets im Mittelpunkt, und Menschen, Tiere und Dinge umgeben mich, wohlgesinnt oder feindlich. 9. Im Schlaf sieht man Menschen, Hunde, Häuser, Bäume, angenehme und schreckliche Gestalten. Wenn man erwacht, sind diese Gestalten verschwunden. 10. Betrachtung. Ich liebe meinen Herrn, denn er ist mächtig und schrecklich. 11. Eine Tat, für die man geprügelt wird, ist eine schlechte Tat. Eine Tat, für die man Liebkosungen oder Futter empfängt, ist eine gute Tat. 12. Wenn die Nacht hereinbricht, streichen böse Mächte um das Haus. Ich belle, damit mein Herr aufmerksam wird und sie verjagt. 13. Gebet. O mein Herr, blutiger Gott! ich bete dich an. Schrecklicher, sei gepriesen! Großmütiger, sei gelobt. Ich krieche zu deinen Füßen, ich lecke deine Hände. Du bist gewaltig und schön, wenn du am besetzten Tische große Massen von Fleisch verschlingst. Du bist gewaltig und schön, wenn du vermöge eines winzigen Hölzchens eine Flamme hervorspringen läßt und die Nacht in Tag verwandelst. Behalte mich in deinem Hause und lasse jeden anderen Hund daraus verbannt sein. Und dich, Angelika, Köchin, erhabene, gütige Göttin, dich will ich fürchten und verehren, damit du mir recht viel zu fressen gibst. 14. Ein Hund, der sich der Menschen nicht erbarmt und der die Fetische, die sich in dem Hause seines Herrn befinden, verachtet, führt ein unstetes, elendes Leben. 15. Eines Tages machte eine undichte Wasserkanne, die durch den Salon kam, das gewachste Parkett naß. Ich denke mir, diese unsaubere Wasserkanne hat eine tüchtige Tracht Prügel bekommen. 16. Die Menschen besitzen die göttliche Macht, alle Türen zu öffnen. Ich kann allein nur eine ganz kleine Zahl öffnen. Die Türen sind große Fetische, die uns Hunden ungern gehorchen. 17. Das Leben eines Hundes ist voll von Gefahren. Um Unfälle zu vermeiden, muß man stets auf der Hut sein, selbst beim Essen und sogar während des Schlafes. 18. Man weiß nie, ob man es den Menschen recht macht. Man soll sie verehren, ohne zu versuchen, sie verstehen zu wollen. Ihre Weisheit ist geheimnisvoll. 19. Beschwörung. O Furcht, erhabene mütterliche Furcht, heilige, heilsame Furcht, erfülle mich ganz in dem Augenblick der Gefahr, damit ich vermeide, was mir Schaden bringen kann, auf daß ich mich nicht auf den Feind stürze und meine Unklugheit bereuen muß. 20. Es gibt Wagen, die von Pferden durch die Straßen gezogen werden. Sie sind schrecklich. Es gibt aber auch Wagen, die ganz allein laufen und dabei laut schnaufen. Sie meinen es ebenfalls böse mit uns. Zerlumpte Menschen soll man hassen und solche, die Körbe auf dem Kopf tragen und Fässer vor sich herrollen. Ich kann die Kinder nicht leiden, die unter großem Geschrei auf der Straße Kriegen und Verstecken spielen. Die Welt ist voll schädlicher, furchtbarer Dinge. Die Krawatte Herr Bergeret war dabei, in seiner neuen Wohnung Nägel in die Wände zu schlagen. Als er sich bewußt wurde, daß ihm das Vergnügen machte, sann er darüber nach, aus welchem Grunde ihm das Vergnügen machen könne und als er den Grund dafür gefunden hatte, machte es ihm kein Vergnügen mehr. Denn das Vergnügen hatte eben darin bestanden, daß man Nägel einschlug, ohne den Dingen auf den Grund zu gehen. Und während Herr Bergeret über die Widerwärtigkeiten allen philosophischen Geistes nachsann, hing er das Bild seines Vaters an den Platz, der ihm als der ehrenvollste erschien. »Es hängt zu weit nach vorne über,« bemerkte Zoë. »Meinst du?« »Ja sicher, es sieht aus, als ob es herunterfallen wollte.« Herr Bergeret verkürzte die Schnüre, an welchen das Bild aufgehängt war. »Jetzt hängt es schief.« »Meinst du?« »Das sieht man doch. Es neigt sich ganz nach links hinüber.« Herr Bergeret bemühte sich, es gerade zu hängen. »Und jetzt?« »Nun hängt es etwas zu weit nach rechts.« Herr Bergeret tat sein möglichstes, um den Rand des Rahmens mit der Linie des Horizontes in Einklang zu bringen, dann trat er drei Schritte zurück, um sein Werk zu prüfen. »Mir scheint, so ist es gut, sagte er.« »Ja, nun geht es,« stimmte Zoë bei. »Wenn ein Bild schief hängt, so empfinde ich das als höchst unangenehm.« »Das geht nicht allein dir so, Zoë. Vielen Leuten verursacht das sogar ein direktes Unbehagen. Unregelmäßigkeiten fallen uns am stärksten auf bei den einfachsten Dingen, weil man da sogleich sieht, wie es ist und wie es eigentlich sein sollte. Es gibt Menschen, die entschieden darunter leiden, wenn ein Tapetenmuster nicht genau aufeinander paßt. Ist es nicht fürchterlich zu denken, daß wir Menschen uns über ein schief hängendes Bild aufregen?« »Was ist denn dabei so erstaunlich, Lucien? Die kleinen Dinge spielen im menschlichen Leben eine große Rolle. Du selbst interessierst dich jeden Augenblick für eine Menge Kleinigkeiten.« »Nun sehe ich doch das Porträt unseres Vaters schon so viele Jahre, Zoë, und doch habe ich vorher nie bemerkt, was mir jetzt eben daran auffällt! Ich entdecke eben erst, daß es ja das Porträt eines noch jungen Mannes ist.« »Aber Lucien, als der Maler Goselin nach seiner Rückkehr von Rom das Bild malte, war unser Vater nicht mehr als dreißig Jahre alt.« »Du hast recht, aber als ich klein war, hatte ich von dem Bilde den Eindruck, daß es ein älterer Mann sei, und diese Auffassung ist bei mir haften geblieben. Plötzlich sehe ich es ganz anders. Die Malerei von Goselin ist stark nachgedunkelt, die Hautfarbe hat durch den Firnis einen bernsteinfarbenen Ton bekommen, und die grünlichen Schatten verwischen die Umrisse. Das Gesicht unseres Vaters scheint sich ganz in der Ferne zu verlieren. Aber diese glatte Stirn, die großen, leuchtenden Augen, die straffen, mageren Wangen, das schwarze, volle, glänzende Haar, das alles gehört zu einem Menschen, der in der Blüte seines Lebens steht.« »Ja, so ist es,« stimmte Zoë bei. »Frisur und Tracht sind aus der alten Zeit, wo unser Vater noch jung war. Er trägt das Haar ganz ungekünstelt, hat einen hohen flaschengrünen Kragen an seinem Rock, eine Nankingweste, und die schwarze Krawatte ist dreimal um den Hals geschlungen.« »Vor zehn Jahren sah man noch manchen alten Herrn mit solcher Krawatte.« »Ja, das mag sein, aber Herr Malorey trug stets solche Krawatten.« »Ach, du meinst den Rektor von der Fakultät der Wissenschaften in St. Omer. Der ist ja schon seit dreißig Jahren tot, oder noch länger.« »Ja, er war über sechzig Jahre alt, als ich noch nicht zwölf Jahre alt war, Zoë, und ich verübte damals ein unerhört kühnes Attentat auf seine Krawatte.« »Ich glaube, ich kann mich noch an diesen nicht gerade sehr geistreichen Streich erinnern.« »Sag das nicht, Zoë,« denn wenn du dich noch auf dies Attentat besinnen könntest, so würdest du nicht so reden. »Du weißt doch, daß Herr Malorey ein starkes Selbstbewußtsein hatte und daß er sich in allen Situationen stets sehr würdevoll benahm.« Er beachtete peinlichst alles, was sich schickte. Er hatte eine so köstliche, altmodische Ausdrucksweise. Einmal, als er unsere Eltern zum Essen eingeladen hatte, reichte er selbst unserer Mutter die Schüssel mit Artischoken und sagte verbindlich: ›Noch einen kleinern Hintern, gnädige Frau.‹ Das war sehr zierlich und höflich gesprochen, denn unsere Urahnen sagten nicht: ›das Herz, oder der Boden der Artischoke.‹ Aber schon damals war der Ausdruck veraltet, und unsere Mutter verbiß sich nur mit Mühe das Lachen. Ich weiß nicht, Zoë, wie wir von der Geschichte erfahren haben.« »Wie erfuhren sie,« sagte Zoë, die dabei war, Vorhänge umzusäumen, »weil unser Vater sie eines Tages erzählte und nicht bemerkte, daß wir zugegen waren.« »Ja, Zoë, und seitdem konntest du Herrn Malorey nicht sehen, ohne einen Lachanfall zu bekommen.« »Ach, du hast auch gelacht.« »Nein, Zoë, darüber habe ich nicht gelacht.« Worüber die andern lachen, das finde ich nicht lächerlich, und worüber ich lache, das bringt wieder andere nicht zum Lachen, das habe ich oft beobachtet. Ich habe so meinen Spaß bei Gelegenheiten, wo andere nicht daran denken. Ich bin so ganz gegen den Strich lustig und traurig und mache darum bisweilen einen etwas törichten Eindruck. Herr Bergeret stieg auf die Leiter und befestigte eine Aussicht vom Vesuv, ein Ausbruch bei Nacht, ein Aquarell, das er von einem Vorfahren väterlicherseits geerbt hatte. »Aber von dem Unrecht, was ich Herrn Malorey angetan habe, erzählte ich dir noch nicht, Zoë.« »Du, Lucien, da du gerade die Leiter hast, befestige doch auch bitte gleich die Gardinenstangen an den Fenstern.« »Gern,« erwiderte Herr Bergeret. »Wir wohnten damals in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt von St. Omer.« »Die Halter für die Stangen liegen im Nagelkasten.« »Ja, ich sehe sie schon, das Häuschen lag in einem Garten.« »Ein reizender Garten,« fiel Zoë ein, »voll Flieder, und auf dem Rasen stand ein kleiner Gärtner aus Terrakotta, im Hintergrund war ein Labyrinth und eine Felsengrotte, und auf der Mauer standen zwei große blaue Töpfe.« »Ja, Zoë, zwei große blaue Töpfe. Also eines Morgens, es war ein Sommermorgen, kam Herr Malorey, um etwas nachzuschlagen in Büchern, die in seiner und auch in der Stadtbibliothek fehlten. Unser Vater hatte Herrn Malorey sein Arbeitszimmer zur Verfügung gestellt, der das Anerbieten dankbar annahm. Es war abgemacht, daß er, nachdem er die gewünschten Texte gefunden hatte, zum Essen bei uns bleiben sollte.« »Ach, Lucien, sieh bitte mal nach, ob die Vorhänge nicht zu lang sind.« »Gern. Es war erstickend heiß an jenem Morgen. Die Vögel saßen schweigend in den unbeweglichen Zweigen. Ich hockte unter einem Baum im Garten und sah im Schatten des Arbeitszimmers vom Rücken aus Herrn Malorey mit seinen langen weißen Haaren, die über den Kragen seines Rockes fielen. Er rührte sich nicht, nur seine Hand bewegte sich ein wenig über einem Blatt Papier. Darin lag nichts besonderes, denn er schrieb, aber was mir sehr merkwürdig vorkam ... »Nun, sind sie lang genug?« »Nein, es fehlen etwa vier Finger breit daran, liebe Zoë.« »Was, vier Finger breit? laß sehen, Lucien.« »Ja, sieh nur. Was mir sehr merkwürdig vorkam, war, daß die Krawatte von Herr Malorey über die Fensterbrüstung hing. Der Rektor hatte, von der Sonne überwältigt, seinen Hals von der schwarzen Seide befreit, die ihn sonst dreimal umwickelte, und die lange Krawatte hing zu beiden Seiten des Fensters hernieder. Mich kam eine unwiderstehliche Lust an, die Krawatte zu packen. Leise schlich ich an der Hausmauer entlang und zog vorsichtig an der Krawatte. Im Zimmer rührte sich nichts, schnell zog ich sie ganz herab, rollte sie auf und versteckte sie in einem der großen blauen Töpfe auf der Gartenmauer.« »Na, ein sehr geistreicher Streich war das nun gerade nicht.« »Nein, das wohl nicht, ich versteckte sie in einem der großen blauen Töpfe und bedeckte sie noch sorgfältig mit Laub und Moos. Herr Malorey arbeitete noch lange, ich sah immer seinen gebeugten Rücken und die langen weißen Haare auf dem schwarzen Rock. Dann rief mich das Mädchen zum Essen. Als ich ins Zimmer trat, war ich ganz über alle Maßen überrascht. Da saß Herr Malorey zwischen meinem Vater und meiner Mutter sehr ernst und ruhig ohne seine Krawatte. Vornehm wie immer, ja fast feierlich, aber ohne seine Krawatte. Und das war es, was mich so sehr überraschte. Ich wußte wohl, er konnte sie nicht haben, weil sie in dem blauen Topf steckte, aber ich war dennoch erstaunt, daß er sie nicht hatte. ›Ich kann nicht begreifen,‹ gnädige Frau, sagte er mit sanfter Stimme zu meiner Mutter. ›Aber bitte,‹ unterbrach sie ihn, ›mein Mann wird Ihnen gern eine Krawatte leihen, verehrter Herr Rektor.‹ Und ich dachte bei mir, ich habe sie zum Spaß versteckt, und nun hat er sie allen Ernstes verloren. Und darüber war ich sehr erstaunt.« Die großen Manöver von Montil Das Gefecht war im vollsten Gange, alles ging vorzüglich. General Ducuir von der Südarmee, dessen Brigade eine starke Stellung im Gehölz von St. Colomban inne hatte, ließ um 10 Uhr morgens eine glänzende Rekognoszierung vornehmen, welche ergab, daß der Feind nirgends in Sicht sei. Hierauf bekamen die Kavalleristen ihre Suppe, der General ließ seine Schwadron in St. Luchaire und stieg mit dem Hauptmann Varnot in das Automobil, das von Schloß Montil gekommen war, wo die Baronin Bonmot sie zum Frühstück erwartete. Das Dorf Montil war feierlich bekränzt. Der General fuhr durch den Triumphbogen, der ihm zu Ehren am Eingang des Parkes errichtet war, mit Fahnen, Waffentrophäen, Eichenlaub und Lorbeerzweigen. Die Frau Baronin empfing den General auf der Terrasse des Schlosses und führte ihn in den riesigen Waffensaal, der von blitzendem Eisen wiederstrahlte. »Welch ein wunderbarer Besitz, Frau Baronin, und welch herrliche Landschaft!« sagte der General. »Ich habe hier oft in der Gegend gejagt, und wenn ich nicht irre, habe ich Ihren Herrn Sohn bei gemeinsamen Bekannten getroffen, nämlich bei den Brekes.« »Ja, ja, ganz recht, Herr General,« stimmte Ernst von Bonmot bei, der die Herren aus St. Luchaire abgeholt hatte, »es war bei Brekes, aber es ist zum Sterben langweilig bei denen.« Das Frühstück fand im kleinsten Kreise statt. Außer dem General, dem Hauptmann, der Baronin und ihrem Sohn waren nur noch Frau Worms-Clavelin und Joseph Lacrisse zugegen. » A la Guerre, comme à la guerre, « sagte die Baronin lächelnd und wies dem General den Platz zu ihrer Linken an der blumengeschmückten Tafel, auf welcher ein berittener Napoleon aus Sevres-Bisquit prangte. Der General ließ seine Blicke über die lange Galerie schweifen, von der die kostbarsten alten Teppiche herabhingen. »Wie groß ist der Saal!« sagte er bewundernd. »Ja, Herr General hätten die ganze Brigade hier hereinführen können,« meinte der Hauptmann lachend. »Sie wäre mir willkommen gewesen,« sagte die Baronin heiter. Die Unterhaltung war einfach, ruhig und herzlich. Man war taktvoll genug, nicht von Politik zureden. Der General war Monarchist. Er äußerte sich nicht darüber, aber es war bekannt. Seine beiden Söhne hatten beim Regierungsantritt des Präsidenten Loubet »Panama« gerufen auf den Boulevards und waren verhaftet worden. Er selbst bewahrte stets eine große Zurückhaltung. Heute sprach man von Pferden und Kanonen. »Das neue 75er Geschütz ist ein Juwel,« sagte der General. »Und es ist wirklich bewunderungswürdig, mit welcher Leichtigkeit es sich einstellen läßt,« bemerkte Hauptmann Varnot. »Und während abgeschossen wird, bieten die Munitionswagen durch eine ingeniöse Vorrichtung den Mannschaften Schutz,« sagte Frau Worms-Clavelin. Man bewunderte die militärischen Kenntnisse der Dame, worauf dieselbe beflissen war, sich auch sonst ins beste Licht zu setzen. »Wissen Sie wohl, Herr General,« sagte sie, »daß wir hier in unserm Kirchspiel eine wundertätige Mutter Gottes haben?« »Ja, ich habe davon gehört,« antwortete der General. »Bevor unser verehrter Abbé Guitrel zum Bischof ernannt wurde, interessierte er sich sehr für die Wunder der Madonna. Er hat sogar ein Buch darüber geschrieben, und wie Sie wohl wissen, ist sie die Beschützerin der französischen Armee.« »Wirklich? das muß ich lesen, wo bekommt man das Buch?« Frau Worms-Clavelin versprach, es ihm zu schicken. Kurz und gut, es wurde bei Tisch nichts gesprochen, was einen Mißklang gegeben oder nach Klatsch ausgesehen hätte. Nach dem Frühstück machte man einen Rundgang durch den Park, und darauf verabschiedete sich Hauptmann Varnot. »Meine Schwadron soll in St. Luchaire auf mich warten, Herr Hauptmann« sagte der General. Dann wandte er sich an Lacrisse und sagte: »Sehen Sie, die Manöver geben uns ein Bild des Krieges, aber das Bild stimmt insofern nicht ganz, als alles im voraus festgelegt ist und daß im Kriege das Unvorhergesehene eine große Rolle spielt.« »Herr General, Sie müssen meine Fasanerie sehen,« bat die Baronin. »Mit Vergnügen, meine Gnädige.« »Kommst du nicht mit, Ernst?« Ernst war angehalten worden von dem guten alten Raulin, dem Ortsvorsteher von Montil. »Sie werden entschuldigen, Herr Baron, wäre es nicht möglich, daß Sie bei dem Herrn General ein gutes Wort für mich einlegten? Vielleicht ließe es sich einrichten, daß die Artillerie über meinen Kleeacker fährt.« »Steht denn der Klee schlecht, Raulin?« »Ach, das nicht gerade, Herr Baron. Die Ernte wird ganz gut ausfallen, aber die Entschädigung ließe sich doch mitnehmen. Im vorigen Jahr hat Houssiaux sie bekommen, da ist es doch nicht mehr als recht und billig, daß ich sie diesmal kriege. Ich bin Amtsvorsteher, habe alle Lasten und Scherereien mit der Gemeinde, da meine ich, wenn eine Vergütung geboten wird, käme sie mir doch wohl zu.« Als der General die Fasanerie besichtigt hatte, meinte er: »Nun muß ich zu meiner Brigade.« »Ach,« sagte der junge Baron, mit meinem »dreißigpferdigem« ist es ein Katzensprung bis dahin. Nun besichtigte man die Pferdeställe, die Hundezwinger und die Gärten. »Wundervoll sind diese Rosen,« sagte der General, der ein großer Blumenfreund war. Der Lärm der Geschütze erstarb in der duftenden Atmosphäre vor ihren Ohren. »Ein festlicher Schall, der das Herz freudig bewegt,« sagte Lacrisse. »Ja, es ist wie Glockenläuten, schwärmte Frau Worms-Clavelin. »Sie sind eine echte Französin, gnädige Frau,« sagte der General, »aus allen Ihren Worten spricht ein wahrhaft patriotisches Herz.« Es war inzwischen 4 Uhr geworden, der General konnte unmöglich länger weilen. Ein Glück, daß man mit dem »dreißigpferdigem« im Umsehen bei der Brigade sein konnte. Der General verabschiedete sich und bestieg das Auto, begleitet von dem jungen Baron, von Lacrisse und dem Chauffeur, und wieder ging es durch den Triumphbogen. In 40 Minuten war der General in St. Luchaire, aber die Schwadron fand er nicht mehr dort. Alle vier machten sich auf die Suche nach dem Hauptmann Varnot. Vergeblich – das Dorf war leer, kein einziger Soldat mehr zu sehen. Als sie einen vorüberfahrenden Schlachter nach der Brigade Ducuir fragten, sagte der: »Fahren Sie man die Chaussee nach Cagny hinunter, vorhin hörte man die Kanonen aus der Richtung, ich kann Ihnen sagen, das war ein Geknatter!« »Cagny, wo liegt das?« fragte der General. »Beunruhigen Sie sich nicht, Herr General,« sagte der junge Baron, »ich weiß, wo es ist, ich werde Sie hinführen.« Und da die Fahrt etwas lange dauern konnte, reichte er dem General eine Automütze, Brille und Staubmantel. Nun schlugen sie die Landstraße ein, passierten St. André, Villeneuve, Letaf, St. Porçain, Trupféme, Mirange und kamen schließlich an den Teich von Cagny, der in der untergehenden Sonne wie ein kupfener Spiegel erglänzte. Unterwegs begegneten ihnen auf der Chaussee Dragoner von der Nordarmee, die wußten allerdings nicht, wo die Brigade Ducuir sich befand, aber von denen erfuhren sie, daß die Südarmee bei St. Paulair im Gefecht läge. St. Paulair – St. Paulair – das lag in 40 Kilometer Entfernung in der Richtung von Montil. Das Auto drehte um, und nun ging es zurück auf der Landstraße über Mirange, Trupféme, St. Porçain, Letaf, Villeneuve und St. André. »Fahren Sie schneller,« befahl der junge Baron. Und der Wagen flog an den Ortschaften vorüber in eine leuchtende Staubwolke, wie in eine Gloriole gehüllt, überfuhr Hühner und Schweine und traf 2 Kilometer vor St. Paulair auf die Vorposten der Südarmee, die La Saulaie, Mesville und Le Sourdais besetzt hielten. Hier erfuhren sie, daß die ganze Nordarmee auf dem jenseitigen Ufer der Ilette stand. Jetzt nahmen sie die Richtung von Torcy-la Mirande, um den Fluß in der Höhe von Vieux Bac zu erreichen. Als nach einstündiger Fahrt an dem klaren Abend schon weiße Nebel in den Wiesen lagerten, rief der junge Baron plötzlich: »Verdammt noch mal! wir können nicht hinüber, die Brücke über die Ilette ist zerstört.« »Was!« schrie der General, »die Brücke ist zerstört?« »Nun ja, Herr General, in der Manöversprache ist die Brücke angeblich zerstört.« Der General war kein Freund von schlechten Späßen. »Sehr witzig, junger Mann,« sagte er verbissen. Bei Vieux Bac fuhren sie mit Donnergetöse über die eiserne Brücke und gelangten auf die alte römische Heerstraße, die Torcy la Mirande mit dem Hauptort des Departements verbindet. Am Himmel leuchtete schon die Venus neben dem jungen Mond in silbernem Licht. Sie fuhren noch etwa 30 Kilometer, ohne auf die Truppen zu stoßen. Bei St. Evariste mußte eine schlimme Steigung überwunden werden. Der Wagen ächzte wie ein müdes Tier, aber er zog durch. Als es dann bergab ging, war der Weg so steinig, daß das Auto sich fast überschlug und in den Graben geriet. Aber dann war der Weg vorzüglich bis Mallemanche, wo sie in der Nacht während eines Alarms anlangten. Der Himmel strahlte von Sternen, Trompeten erschallten, und Fackeln warfen ihre roten Feuergarben über die bläuliche Straße. Infanteristen stürzten aus allen Häusern, an deren Fenster sich die Einwohner drängten. »Obgleich diese Operationen nur fingiert sind,« sagte Lacrisse, »ist dies alles doch sehr eindrucksvoll.« Der General erfuhr, daß seine Brigade am linken Flügel der siegreichen Armee Villeneuve besetzt hielte und daß der Feind im vollsten Rückzuge begriffen sei. Villeneuve liegt da, wo die Ilette und Claine zusammenfließen, ungefähr 20 Kilometer von Mallemanche entfernt. »Nach Villeneuve!« sagte der General, »wir wissen nun doch endlich, woran wir sind, das ist schon viel wert.« Die Straße von Villeneuve war versperrt mit Kanonen, Munitionswagen und Artilleristen, die in ihren großen Mänteln schliefen. Das Auto konnte daher nur langsam vorwärts kommen. Eine Marketenderin rief aus ihrem, mit chinesischen Lampions erhellten Wagen zu ihnen hinüber und bot ihnen Kaffee und Likör an. »Wir geben Ihnen keinen Korb,« sagte der General, »denn wir haben im Manöver viel Staub schlucken müssen.« Man trank ein Gläschen und fuhr dann bis Villeneuve, das von Infanterie besetzt war. »Wo ist denn meine Brigade,« fragte der General beunruhigt. Sie befragten die Offiziere, die ihnen begegneten, aber niemand hatte irgendwelche Nachricht von der Brigade Ducuir. »Was, keine Nachricht? die Brigade ist nicht hier in Villeneuve? das ist doch unglaublich.« Jetzt klang eine Frauenstimme wie ein Glockenzeichen durch die Nacht. »Meine Herren!« Sie hoben die Köpfe und erblickten die Posthalterin, die den Kopf ganz voller Lockenwickel zum Fenster hinaussah. »Meine Herren! es gibt zwei Villeneuve. Dies hier ist Villeneuve an der Claine, vielleicht wollen die Herren nach Villeneuve la Bataille.« »Ja, das wird es wohl sein.« »Aber das ist noch weit,« sagte die Posthalterin. »Erst müssen Sie nach Montil fahren ... wissen Sie, wo das liegt?« »Allerdings« erwiderte der junge Baron mit ironischem Lächeln. »Nun gut, von dort aus fahren Sie nach St. Michel, dann nehmen Sie die Heeresstraße und ...« »Meine Herren ...« Diesmal war es der Notar von Villeneuve an der Claine, der seinen Rat an den Mann bringen wollte. »Ich sollte meinen, um nach Villeneuve la Bataille zu kommen, täten Sie am besten, wenn Sie durch den Wald von Tongues fahren würden, dann biegen Sie rechts ab ...« »Schon gut, den Wald von Tongues kenne ich, ich habe da des öfteren gejagt, danke mein Herr, danke Fräulein.« »Bitte keine Ursache,« erwiderte die Posthalterin. »Zu Ihren Diensten meine Herren,« dienerte der Notar. »Wollen wir uns nicht erst im Wirtshaus einen Cocktail brauen lassen,« schlug der Baron vor. »Ja, ich würde gern etwas essen,« sagte Lacrisse, »ich bin schachmatt.« »Ein bißchen Courage, meine Herren,«ermunterte der General. »In Villeneuve la Bataille können wir uns erholen.« Nun ging es wieder los. Vorüber an unzähligen Dörfern und Flecken raste der Wagen und warf seinen gespenstischen Lichtkegel vor sich her in die schweigende Einsamkeit der Wälder. Sie sahen Hirsche, die eiligst vor ihnen die Flucht ergriffen, sahen die Lichter in den Hütten der Köhler – plötzlich – in einem Hohlweg fahren sie erschrocken zusammen bei einem fürchterlichen Explosionsgetöse – der Wagen schleudert und stößt gegen einen Baum. »Herrgott, was ist los!« ruft der General. Lacrisse liegt auf dem Moose und seufzt schwer. Der junge Baron hantiert mit der Laterne und spricht mit düsterer Stimme: »Ein Reifen ist geplatzt, aber was viel schlimmer ist, die Vorderachse ist verbogen.« Der verkannte Patriot (Emile) Fräulein Bergeret schwieg und lächelte still vor sich hin, was sonst nicht ihre Gewohnheit war. »Warum lachst du, Zoë?« »Ach, ich dachte an Emil Vincent.« »Was, Zoë, du denkst an diesen ausgezeichneten Menschen, den wir so lieb hatten und den wir beweinen, und du kannst lachen?« »Ich lache, weil mir einfiel, wie er früher war, und alte Erinnerungen sind immer die stärksten. Du müßtest übrigens wissen, Lucien, daß nicht jedes Lachen freudiger Art ist, wie auch nicht alle Tränen schmerzlich zu sein brauchen. Muß ich altes Mädchen dir das erst sagen?« »O nein, Zoë, ich weiß wohl, daß das Lachen der Effekt eines nervösen Reizes sein kann. Als Frau Custine von ihrem Gatten Abschied nahm, der von dem revolutionären Gerichtshof zum Tode verurteilt war, wurde sie im Gefängnis von einem konvulsivischen Lachen befallen beim Anblick eines Gefangenen, der an ihr vorüberging in Schlafrock und Nachtmütze mit gepudertem Gesicht, einen Leuchter in der Hand.« »Das läßt sich nicht vergleichen,« sagte Zoë. »Nein, erwiderte Herr Bergeret, aber ich weiß wohl, was mir selbst passierte, als ich erfuhr, daß die arme Demay gestorben war, die in den Kaffees ihre lustigen Lieder zu singen pflegte. »Es war an einem Empfangsabend in der Präfektur, als Worms Clavelin uns sagte: ›Die Demay ist tot.‹ »Ich hörte die Nachricht mit wirklicher Trauer. Und bei dem Gedanken, daß man nie wieder hören würde, wie dieses dicke Mädchen sang: ›Wenn ich Nüsse knacken will, setz ich mich darauf‹ grübelte ich über die ganze Schwermut, die darin lag, nach und schwieg. Der Generalsekretär Lacarelle brummte mit seiner rauhen tiefen Baßstimme in seinen Bart: ›Demay ist tot! Welch ein Verlust für die französische Heiterkeit.‹ ›Es stand heute abend in der Zeitung,‹ bemerkte General Cartier mit sanfter Stimme, ›und es heißt sogar, die Person sei gestorben, versehen mit den heiligen Sakramenten.‹ »Bei diesen einfachen Worten hatte ich plötzlich eine ganz bizarre groteske Vorstellung. Ich sah im Geiste das jüngste Gericht, wie es im Dies irae nach dem Zeugnis von David und der Sybille beschrieben ist. Ich sah die Welt in Staub und Asche zerfallen, ich stellte mir vor, wie die Toten aus ihren Gräbern stiegen und sich beim Aufruf der Engel in Scharen um den Thron des Allmächtigen drängten, und ich sah die dicke Demay, die ganz nackend zur Rechten Gottes stand. Bei diesem Gedanken packte mich ein tolles Lachen zum äußersten Befremden der hohen Militär- und Zivilbeamten. Das Schlimmste war, ich war so in dieser Vision befangen, daß ich unter Lachen sagte: ›Sie werden sehen, meine Herren, die Demay wird durch ihre bloße Gegenwart beim jüngsten Gericht den Ernst der Situation gefährden.‹ Zoë, ich kann dir sagen, kein Mensch begriff was ich eigentlich sagen wollte, und niemand billigte meine Worte.« »Ach du bist wunderlich, Lucien! Ich habe niemals derartige sonderbare Einfälle. Ich lachte, weil ich mir unsern Freund Vincent vorstellte, wie er im Leben war. Weiter nichts, und das ist am Ende ganz natürlich. Ich traure dennoch in meinem Herzen um ihn, denn wir hatten keinen besseren Freund als ihn.« »Ja, Zoë, ich hatte ihn auch sehr lieb, und grade wie du möchte ich lachen wenn ich an ihn denke. Es ist seltsam, wie in diesem kleinen Körper ein so starker militärischer Geist steckte und daß er trotz seines Puppengesichtes eine so heldenhafte Seele hatte. Sein Leben verlief in der Vorstadt einer kleinen Provinzstadt sehr ruhig. Er war Bürstenfabrikant, aber das füllte sein Herz nicht aus. »Er war auffallend klein und doch außerordentlich martialisch, ein eifriger Bürger und begeisterter Kolonist,« sagte Herr Bergeret. »Ja, und ein guter, rechtschaffener Mensch«, pflichtete Zoë bei. »Er hatte den Krieg von 1870 mitgemacht, Zoë. Damals war er 20 Jahre alt, und ich war eben zwölf geworden. An einem Tage jenes schrecklichen Jahres kam er mit lautem Säbelgerassel in unser friedliches Haus, um uns Lebewohl zu sagen. Er trug ein Schrecken erregendes Kostüm eines Freischützen. Aus dem scharlachroten Gürtel guckten die Griffe von zwei alten Pistolen, und wie man manchmal noch in tragischen Stunden lachen muß, hatte die Laune irgend eines obskuren Waffenhändlers ihn in sorgloser Unwissenheit an einen mächtigen Kavalleriesäbel gehängt. »Bitte, Zoë, mache mir keinen Vorwurf aus dieser Redeblüte, sie stammt nicht von mir, du findest sie in einem Brief von Cicero: ›Wer,‹ sagt der Redner, ›hat meinen Schwiegersohn an diesen Säbel gehängt? ‹ »Was mich am meisten in Erstaunen setzte an der Equipierung unseres Freundes Vincent, das war dieser riesige Säbel. In meiner kindlichen Phantasie verband ich damit die Hoffnung auf Sieg. Du, Zoë, schienst den Stiefeln mehr Beachtung zu schenken, denn du sagtest ›sieh da, der gestiefelte Kater!‹ »Hab ich das gesagt? der arme Vincent!« »Mache dir keinen Vorwurf daraus, Zoë, Madame d'Abrantès erzählt in ihren Memoiren, daß ein kleines Mädchen auch einmal zu dem jungen mageren Bonaparte ›gestiefelter Kater‹ gesagt habe, als sie ihn eines Tages in seinem lächerlichen Aufzuge als General der Republik sah. Bonaparte hat es ihr nie verziehen. Unser Freund war großzügiger und nahm es nicht weiter übel. »Emil Vincent kam mit seiner Kompagnie zu einem General, der die Freischützen nicht leiden konnte und der zu ihm sagte: ›Es genügt nicht, sich in Maskerade zu werfen, man muß sich auch schlagen.‹ »Unser Freund Vincent nahm diese höhnische Bemerkung ruhig hin. Er benahm sich bewunderungswürdig während des ganzen Feldzuges. Eines Tages sah man, wie er auf die feindlichen Vorposten losging, mit der Ruhe eines Helden, kurzsichtig wie er war konnte er kaum drei Schritte weit sehen, aber nichts hätte ihn bewegen können umzukehren. »Während der dreißig Jahre, die er noch lebte, dachte er während er seine Bürsten fabrizierte unablässig an diese Monate im Felde. Er las alle militärischen Zeitungen, präsidierte bei den Zusammenkünften mit seinen früheren Waffenbrüdern und war bei allen Denkmalsenthüllungen, die den Kriegern von 1870 und 71 galten, dabei. Er hielt dann stammende patriotische Reden, und hierbei muß ich an eine Szene menschlicher Komödie rühren, deren trübselige Possenhaftigkeit man später einmal begreifen wird. Nämlich im Laufe der Dreyfuß-Affäre hatte Vincent gesagt, daß Esterhazy ein Schuft und ein Verräter sei. Er sagte es, weil er es wußte und weil er viel zu ehrlich war, um aus der Wahrheit ein Hehl zu machen. Aber von diesem Tage an betrachtete man ihn als einen Feind des Vaterlandes und der Armee. »Er wurde als Verräter und Ausländer behandelt. Der Kummer darüber beschleunigte sein Herzleiden. Als ich ihn das letztemal sah, sprach er von Strategie und Taktik. Das war sein Lieblingsthema. Obgleich er in dem Feldzug von 1870-71 die größte Unordnung und Verwirrung erlebt hatte, war er doch davon überzeugt, daß die Kriegskunst erhaben sei über alle andern Künste. Und ich fürchte, ich habe ihn erzürnt mit meiner Anschauung, daß es eigentlich, richtig genommen, gar keine Kriegskunst gibt, daß man vielmehr während des Krieges alle Friedenskünste anwendet: die Bäckerkunst, die Hufschmiedekunst, die Polizei, die Chemie usw.« »Warum sagst du auch so etwas, Lucien?« »Aus Überzeugung, Zoë. Was man Strategie nennt, ist im Grunde die Kunst, welche die Agentur Cook auszuüben pflegt. Sie besteht in der Hauptsache darin, über die Flüsse vermittels der Brücken zu gelangen und über die Berge vermittels der Gipfel. Was die Regeln der Taktik anbelangt, so sind sie gefährlich. Die großen Heerführer richten sich nicht danach. Ohne es einzugestehen, überlassen sie vieles dem Zufall. Ihre Kunst besteht darin, Vorurteile zu schaffen, die ihnen günstig sein können. »Es ist ein leichtes zu siegen, wenn man für unbesiegbar gehalten wird. »Nur auf der Karte hat eine Schlacht ein geregeltes Aussehen und wird von einem höheren Willen beeinflußt.« »Der arme Vincent,« seufzte Zoë. Er vergötterte das Militär. Und ich bin überzeugt wie du, daß er sehr darunter gelitten hat, als die Leute von der Armee ihn als Feind betrachteten. Die Generalin Cartier hat ihn sehr schroff behandelt, obwohl sie wußte, daß er sehr freigiebig war bei militärischen Liebeswerken. Aber als sie hörte, daß er Esterhazy einen Schurken genannt hatte, brach sie alle Beziehungen mit ihm ab, und zwar schonungslos. Als er sie nämlich besuchte, trat sie ganz nahe an die Tür des Zimmers, in welchem er wartete, und rief: ›Sagen Sie, ich wäre nicht zu Hause!‹ Und dabei ist sie eigentlich keine schlechte Frau.« »Nein, sicher nicht,« erwiderte Herr Bergeret. Sie handelte aus einem Gefühl heiliger Einfalt, von dem es zu früherer Zeit noch ganz andere bewunderungswürdige Beispiele gab. Wir besitzen nur noch höchst mittelmäßige Tugenden. Und der arme Emil ist tatsächlich aus Kummer gestorben. Das doppelte Gesicht (Adrienne Buquet) Adrienne Buquet Es war nach dem Abendessen im Wirtshaus. »Ich gebe zu,« sagte Laboullé zu mir, »alle diese Tatsachen, die sich auf einen noch sehr unklar bestimmten Zustand unseres Organismus beziehen, – Doppeltes Gesicht, Fernsuggestion, Ahnungen, – sind meistens nicht genügend einwandsfrei festgestellt, um den Erfordernissen wissenschaftlicher Kritik standhalten zu können. Sie beruhen fast immer auf Zeugenschaften, die, obwohl glaubwürdig, doch Ungewißheit über die Art des Phänomens bestehen lassen. Diese Tatsachen sind noch nicht genügend begründet, darin stimme ich zu. Aber die Möglichkeit solcher Dinge steht bei mir außer Zweifel, seitdem ich Gelegenheit hatte, einen Fall zu beobachten. Durch einen glücklichen Zufall gelang es mir, alle Grundbedingungen genauester Beobachtung vereinigen zu können. Glaub mir, ich bin ganz methodisch vorgegangen und habe alle Sorgfalt aufgewandt, um jeden Grund zum Zweifel auszuschließen.« Während er dies sehr nachdrücklich sagte, schlug der junge Doktor Laboullé sich mit beiden Händen auf seine hohle Brust, die mit Broschüren überpolstert war, und näherte mir über den Tisch seinen scharfen Kahlkopf. »Ja, mein Lieber,« fügte er hinzu, »durch einen einzigartigen Zufall hat sich eines dieser Phänomene, was von Myers und Podmore als ›Phantom der Lebenden‹ klassifiziert worden ist, in allen seinen Phasen unter den Augen eines Mannes der Wissenschaft abgespielt. Ich habe alles festgestellt, alles notiert.« »Lassen Sie hören.« »Die Daten gehen auf den Sommer 1891 zurück,« begann Laboullé wieder. »Mein Freund Paul Buquet, von dem ich dir ja oft erzählt habe, bewohnte damals mit seiner Frau eine kleine Wohnung in der Rue de Grenelle, gegenüber dem Brunnen. Du hast Buquet nicht gekannt?« »Ich habe ihn ein- oder zweimal gesehen. – Ein starker Mensch mit einem Bart, der ihm bis in die Augen wächst. Die Frau brünett, blaß, mit großen Zügen und tief liegenden Augen.« »Ja, ja, erregbares, nervöses Temperament, aber ziemlich ausgeglichen. Jedoch eine Frau, die in Paris lebt – da bekommen die Nerven die Oberhand ... dann ist die Geschichte fertig ... Hast du Adrienne gesehen?« »Ja, ich traf sie eines Abends in der Rue de la Paix vor einem Juwelierladen, wie sie mit leuchtenden Blicken auf die Saphire schaute. Eine schöne Person und fabelhaft elegant für die Frau eines armen Teufels, der in einem der Kellergewölbe der industriellen Chemie arbeitet. Ich glaube, Buquet hat nicht viel erreicht, wie?« »Buquet arbeitete seit fünf Jahren in dem Geschäft von Jacob, der am Boulevard Malherbes mit photographischen Erzeugnissen und Apparaten handelt. Er hoffte von Tag zu Tag Teilhaber zu werden, ohne daß er grade Tausende verdiente, war seine Stellung doch nicht schlecht. Er hatte gute Aussichten, war geduldig, schlicht und arbeitsam. Und seine Frau machte ihm nicht viel zu schaffen. Als echte Pariserin verstand sie es meisterhaft, sich einzurichten, und machte alle Augenblicke günstige Gelegenheitseinkäufe ausfindig für Wasche, Kleider, Spitzen und Schmuck. Ihr Mann war erstaunt, wie sie es möglich machte, sich mit beinahe nichts so elegant zu kleiden, und es schmeichelte ihm, seine Frau stets so angezogen zu sehen und immer in seidenen Unterkleidern. Aber was ich da sage, hat eigentlich kein Interesse.« »Ja, doch, das interessiert mich sehr, mein lieber Laboullé.« »Nun jedenfalls kommen wir weit vom eigentlichen Zweck bei diesem Geschwätz. Ich war, wie du weißt, ein Schulkamerad von Buquet, und wir verkehrten noch miteinander, als er mit 25 Jahren ohne Anstellung Adrienne aus Liebe heiratete, die, wie man sagt, nichts besaß, als das Hemd auf dem Leibe. Diese Heirat tat unserer Freundschaft keinen Abbruch. Adrienne bezeigte mir viel Sympathie, und ich aß häufig in dem jungen Hausstand zu Abend. Wie du weißt, ist der Schauspieler Laroche einer meiner Patienten. Ich verkehre viel mit Künstlern und bekomme von Zeit zu Zeit Billette von ihnen geschenkt. Adrienne und ihr Mann gingen sehr gern ins Theater. Wenn ich also abends eine Loge hatte, aß ich bei ihnen zu Abend und führte sie dann in die Vorstellung. Ich konnte sicher damit rechnen, daß ich Buquet, der um halb sieben Uhr aus seiner Werkstatt nach Hause kam, um die Essenszeit antraf, ihn, seine Frau und ihren gemeinsamen Freund Géraud.« »Ist das Marcel Géraud, der in einer Bank angestellt war und der immer so schöne Krawatten zu tragen pflegte?« »Jawohl, er war ein intimer Freund des Hauses. Da er Junggeselle war und ein angenehmer Mensch, so pflegte er stets dort zu Abend zu essen. Er brachte Hummer, Pasteten und allerhand andere Leckerbissen mit, war verbindlich und liebenswürdig und redete wenig. Buquet konnte gar nicht ohne ihn sein, so ging er regelmäßig mit uns ins Theater.« »Wie alt war er?« »Géraud? Ich weiß nicht. So zwischen dreißig und vierzig. Als Laroche mir eines Tages wieder eine Loge geschenkt hatte, ging ich wie immer zu meinen Freunden Buquets. Ich hatte mich etwas verspätet, so daß das Essen bereits aufgetragen war. Paul sagte, er käme um vor Hunger, aber Adrienne konnte sich nicht entschließen, ohne Géraud zu Tisch zu gehen.« »Kinder,« rief ich, »ich habe eine Loge, man spielt Denise!« »Dann laßt uns schnell essen,« sagte Buquet, »damit wir den Anfang nicht versäumen.« Das Mädchen brachte die Suppe. Adrienne schien unruhig, und man merkte ihr bei jedem Löffel Suppe an, wie ihr Herz schlug. Buquet schlürfte mit Geräusch seine Suppe und schleckte mit der Zunge die einzelnen Fadennudeln auf, die in seinem Schnurrbart hängen geblieben waren. »Die Frauen sind merkwürdig,« rief er. »Denke dir Laboullé, Adrienne ist beunruhigt, weil Géraud nicht zum Essen gekommen ist. Sie macht sich Gedanken darüber. Sag ihr mal, daß es unsinnig ist. Géraud kann verhindert sein, vielleicht geschäftlich, und da er Junggeselle ist, so ist er ja niemandem Rechenschaft schuldig. Mich wundert im Gegenteil, daß er uns eigentlich alle seine Abende opfert. Sehr nett von ihm, aber darum muß man ihm billigerweise auch etwas Freiheit gönnen. Ich habe das Prinzip, daß ich mich absolut nicht um das kümmere, was meine Freunde tun. Aber die Frauen sind anders.« Frau Buquet erwiderte erregt: »Ich beunruhige mich. Ich fürchte, es ist ihm etwas zugestoßen.« Buquet hingegen suchte die Mahlzeit zu beschleunigen: »Sophie,« rief er dem Mädchen zu: »Flink! den Braten, Salat! Sophie, den Käse und Kaffee!« Ich bemerkte, daß Frau Buquet nichts gegessen hatte. »Komm,« sagte ihr Mann, »zieh dich an, Kindchen. Geh! sonst versäumen wir den ersten Akt. Ein Stück von Dumas läßt sich nicht mit einer Operette vergleichen, wo es nicht darauf ankommt, ob man ein oder zwei Arien mehr oder weniger hört. So ein Stück hat seinen logischen Aufbau, von dem man nichts verlieren darf. Geh, mein Liebling. Ich selbst brauche bloß den Rock zu wechseln, dann bin ich fertig.« Sie stand auf und ging mit langsamem Schritt und, sozusagen, willenlos in ihr Schlafzimmer. Ihr Gatte und ich tranken inzwischen Kaffee und rauchten unsere Zigaretten. »Es tut mir selbst leid, daß der gute Géraud heute abend nicht gekommen ist, es hätte ihm sicher Spaß gemacht ›Denise‹ zu sehen. Aber kannst du begreifen, daß Adrienne sich seinetwegen beunruhigt? Ich habe versucht ihr begreiflich zu machen, daß der gute Junge eine Abhaltung haben kann, von der er uns nichts gesagt hat, vielleicht irgendeine Frauengeschichte, was weiß ich. Aber sie will es nicht einsehen. Gib mir bitte eine Zigarette.« Grade als ich ihm das Etui reichte, kam aus dem Nebenzimmer ein entsetzlicher Schrei, und gleich darauf hörten wir den dumpfen Fall eines Körpers. »Adrienne,« rief Buquet und lief ins Schlafzimmer, wohin ich ihm folgte. Wir fanden seine Frau unbeweglich am Boden liegend mit bleichem Gesicht und verstörtem Blick. Der Zustand wies keinerlei epileptische Symptome auf. Kein Schaum auf den Lippen, und die ausgestreckten Glieder waren schlaff und nicht verkrampft, der Puls schlug ungleich und kurz. Ich half ihrem Gatten, sie in einen Lehnstuhl zu setzen. Fast unmittelbar setzte die Blutzirkulation wieder ein. Ein rosiger Hauch färbte ihre für gewöhnlich blassen Wangen. »Dort, dort, rief sie angstvoll und zeigte auf den Spiegel, dort habe ich ihn gesehen! Als ich mein Kleid zuknöpfte, sah ich ihn im Spiegel. Ich wandte mich um, weil ich glaubte, er stünde hinter mir. Erst als ich nichts sah, fing ich an zu begreifen, und da fiel ich zu Boden.« Während ich untersuchte, ob sie sich beim Fall irgendwelche Verletzungen zugezogen hatte, gab Buquet ihr ein Glas Zuckerwasser mit Melissenessenz zu trinken. »Komm, Liebling, erhole dich, was zum Teufel hast du gesehen, was sagst du da?« »O!« sagte sie, indem sie von neuem erbleichte, »ich habe Marcel gesehen«. »Merkwürdig! sie hat Géraud gesehen«, rief Buquet. »Ja, ich habe ihn gesehen, fuhr sie in ernstem Ton fort, er sah mich an, ohne ein Wort zu sagen – so sah er mich an«, rief sie mit verstörtem Blick. Buquet sah mich forschend an. »Beunruhigen Sie sich nicht«, sagte ich, »diese Störung hat nichts auf sich. Es kann sein, daß es aus dem Magen kommt. Wir werden das in aller Ruhe untersuchen. Für den Augenblick braucht man sich keine Gedanken darüber zu machen. Ich habe im Krankenhaus einen gastrischen Patienten, der sieht unter allen Möbeln Katzen.« Als Frau Buquet sich dann nach einigen Minuten ganz erholt hatte, sah ihr Gatte auf die Uhr und sagte zu mir gewandt: »Wenn Sie meinen, Laboullé, daß ihr das Theater nicht schaden kann, so ist es Zeit aufzubrechen. Ich werde Sophie sagen, daß sie uns einen Wagen holt.« Adrienne setzte hastig ihren Hut auf. »Paul, Paul,« rief sie erregt, »Herr Doktor, hören Sie, lassen Sie uns zu Géraud fahren. Ich bin furchtbar unruhig, viel mehr, als ich euch sagen kann.« »Ach, du bist verrückt,« rief Buquet. Was willst du eigentlich, was soll ihm wohl passiert sein? Er war gestern doch noch ganz gesund!« Sie warf mir einen jammervollen, flehenden Blick zu, der mich tief bewegte. »Helfen Sie mir Laboullé!« bettelten ihre Augen. Ich gab ihr das stumme Versprechen. Sie hatte mich so eindringlich gebeten. Paul knurrte, er wollte den ersten Akt nicht versäumen. Ich sagte: »Lassen Sie uns erst zu Géraud fahren, der Umweg ist ja nicht groß.« Der Wagen wartete schon. Ich rief dem Kutscher zu: »Fahren Sie Rue du Louvre 5, und fahren Sie flott, hören Sie!« Géraud bewohnte drei Zimmer in der Rue du Louvre 5, die immer ganz voll waren von den schönsten Krawatten. Das war der große Luxus, den der gute Junge sich leistete. Wir hielten kaum vor dem Hause, als Buquet schon heraussprang, an die Pförtnerswohnung trat und fragte: »Wie geht es Herrn Géraud?« »Herr Geraud ist um fünf Uhr nach Hause gekommen,« antwortete die Pförtnersfrau »und hat seine Briefe mit hinaufgenommen. Wenn Sie ihn zu sprechen wünschen, er wohnt im vierten Stock rechts.« Aber Buquet war schon wieder am Wagenschlag und rief: »Siehst du, Kind, du bist nicht recht klug, Géraud ist zu Hause! Kutscher fahren Sie ins Komödienhaus.« Aber Adrienne warf sich halb aus dem Wagen. »Paul, ich beschwöre dich, geh hinauf, sieh nach ihm, du mußt es tun!« »Die vier Stockwerke hinaufklettern«, sagte er achselzuckend, »Adrienne, es ist deine Schuld, wenn wir die Vorstellung versäumen, aber wenn die Frauen sich etwas in den Kopf gesetzt haben!« Ich blieb allein mit Frau Buquet im Wagen zurück, ihre Augen funkelten in der Dämmerung, und unbeweglich starrte sie auf die Haustür. Endlich kam Paul zurück. »Weiß der Himmel, ich habe dreimal geklingelt, aber es meldet sich kein Mensch, Kindchen, er wird seine Gründe haben, warum er nicht gestört sein will, vielleicht hat er Damenbesuch. Das wäre doch nicht so merkwürdig.« In Adriennes Augen trat ein so tragischer Ausdruck, daß sich unwillkürlich auch in mir ein Gefühl von Unruhe zu regen begann. »Warten Sie hier einen Augenblick auf mich!« sagte ich, »ich will mal mit der Pförtnerin reden.« Die Frau schien auch erstaunt, daß Géraud nicht, wie er sonst zu tun pflegte, zum Abendessen ausgegangen sei. Da sie seine Zimmer rein zu machen hatte, besaß sie den Schlüssel zu seiner Wohnung. Sie nahm ihn vom Schlüsselbrett und erbot sich, mit mir hinaufzugehen. Als wir oben angekommen waren, schloß sie die Tür auf und rief vom Vorzimmer aus zwei-, dreimal: »Herr Buquet!« Aber niemand antwortete. Es war völlig dunkel, und wir hatten keine Streichhölzer. »Auf dem Nachttisch muß eine Schachtel mit Streichhölzern stehen,« sagte die Frau mit zitternder Stimme und wagte sich nicht von der Stelle. Ich tastete mich vorwärts. Auf dem Tisch griffen meine Finger in eine klebrige Masse. »Das kenne ich,« dachte ich bei mir, »es ist Blut.« Als wir endlich eine Kerze angezündet hatten, sahen wir Géraud mit zerschmettertem Schädel auf seinem Bett liegen. Sein Arm hing auf den Teppich herab, wohin der Revolver gefallen war. Ein blutbefleckter Brief lag unverschlossen auf dem Tisch. Er war an Herrn und Frau Buquet gerichtet und begann mit den Worten: »Liebe Freunde, Ihr wart die Freude und das Glück meines Lebens...« Dann teilte er ihnen seinen Entschluß, daß er sterben wolle, mit, ohne ihnen irgendeinen Grund dafür anzugeben. Aber er deutete an, daß Geldverlegenheiten ihn dazu getrieben hatten. Ich konstatierte, daß der Tod vor ungefähr einer Stunde eingetreten war. Er hatte sich also in demselben Augenblick das Leben genommen, als Frau Buquet ihn hinter sich im Spiegel erblickt hatte. » Ist dies nicht,« wie ich dir sagte, »mein Lieber, ein absolut erwiesener Fall von doppeltem Gesicht, oder um es präziser auszudrücken: ein Beispiel von merkwürdigem physischem Synchronismus, den die Wissenschaft heute mit mehr Eifer als Erfolg zu erforschen bemüht ist?« »Vielleicht hatte dies doch noch eine andere Ursache,« erwiderte ich. »Hast du niemals bemerkt, daß zwischen Géraud und der Frau Buquet etwas spielte?« »Wieso? nein, ich habe nie etwas bemerkt, und wenn auch, was hätte das damit zu tun...« Der Siegelring Er hatte mich gebeten, mittags zu ihm zu kommen. Als wir bei der Mahlzeit saßen in seinem Eßzimmer, ein Raum so lang wie das Schiff einer Kirche, in welchem er einen wahren Schatz von Gold- und Silberwaren angesammelt hat, fand ich ihn nicht gerade traurig, aber doch verträumt. Hie und da blitzte in seinen Reden ein Funke seines lebhaften, vornehmen Geistes auf, bisweilen verriet ein Wort seinen künstlerischen, unendlich fein gebildeten Geschmack und seine sportlichen Leidenschaften, die selbst ein Sturz vom Pferde, wobei er sich den Schädel aufschlug, nicht zu mindern vermochte. Aber seine Gedanken waren wie abgehackt – es war, als stießen sie alle gegen ein Hindernis. Von diesem ermüdenden Gespräch behielt ich nur, daß er ein Paar weiße Pfaue nach Schloß Ravay geschickt hatte, daß er ohne allen Grund sich drei Wochen seine sämtlichen Freunde vernachlässigte, selbst die intimsten, Herrn und Frau N... Offenbar hatte er mich doch aber nicht kommen lassen, um mir diese Art von Konfidenzen zu machen, so fragte ich ihn denn, als wir beim Kaffee angelangt waren, was er mir zu sagen habe. Er sah mich erstaunt an und fragte: »Ich wollte dir etwas sagen?« »Ja, Himmel! du hast mir doch geschrieben: Iß morgen mittag bei mir, ich muß dich sprechen.« Da er noch immer schwieg, zog ich den Brief aus der Tasche und reichte ihm denselben. Die Adresse war in seiner hübschen, etwas krausen Schrift geschrieben, und die Rückseite des Umschlages trug ein violettes Siegel. Er faßte sich an die Stirn. »Jetzt erinnere ich mich – ja, bitte tu mir den Gefallen und gehe bei Ferral vorüber. Er wird dir eine Skizze von Romney zeigen, eine junge Frau: goldene Haare, die einen goldenen Schimmer auf Stirn und Wangen werfen ... Augen von so tiefem Blau, daß das Weiße im Auge noch blau erscheint ... Der warme Ton der Haut ist wundervoll. Aber der eine Arm, dünn wie ein Darm ...« »Aber bitte, sieh es dir an und suche zu erfahren ob...« Hier unterbrach er sich, und, die Hand am Türgriff, sagte er: »Warte einen Augenblick. Ich ziehe einen Rock über, wir gehen zusammen.« Als ich allein war, ging ich ans Fenster und betrachtete, aufmerksamer als ich es bisher getan hatte, das violette Siegel. Es war der Abdruck einer antiken Gemme, einen Satyr darstellend, der die Schleier einer Nymphe hebt, die am Fuße einer abgebrochenen Säule unter einem Lorbeer schlummert, ein beliebtes Sujet der Maler und Steinschneider aus der guten römischen Zeit. Ein vorzüglicher Abdruck. Die kleine Szene von der Größe eines Fingernagels wurde durch die Stilreinheit, das unvergleichliche Gefühl für die Form und durch die Harmonie des Ganzen zu einer großen gewaltigen Komposition. Ich war entzückt. Durch die halboffne Tür rief mein Freund: »Also komm.« Er hatte den Hut schon auf dem Kopf und schien Eile zu haben fortzukommen. Begeistert sprach ich über das Siegel. »Ich kenne diesen wundervollen Stein gar nicht an dir.« Darauf antwortete er, daß er ihn erst seit kurzem, seit ungefähr sechs Wochen, besäße. Es sei ein seltener Fund gewesen. Dabei zog er einen Ring von der Hand, in den der Stein gefaßt war, und reichte ihn mir. Da die meisten Gemmen gut klassischen Stils, wie bekannt ist, Karneole sind, so war ich einigermaßen überrascht, einen matten dunkelvioletten Stein zu finden. »Was, ein Amethyst!« sagte ich. »Ja, ein düsterer Stein, der Unglück bringt, nicht wahr? Glaubst du übrigens, daß der antik ist?« Er ließ eine Lupe bringen. Das Vergrößerungsglas ermöglichte mir, die Modellierung der Höhlung eingehender zu bewundern. Zweifellos war das ein Meisterwerk griechischer Steinschneidekunst aus der ersten Zeit des Kaiserreichs. Schöneres hatte ich auch im Nationalmuseum in Neapel nicht gefunden, wo doch gewiß eine Auslese von Gemmen ist. Durch die Lupe sah man auf der Säule jenes Symbol, mit dem so häufig die dem Bacchuskult geweihten Denkmäler gekennzeichnet sind. Ich machte ihn darauf aufmerksam. Lachend zuckte er die Achsel. Der Stein war offen gefaßt, so kam mir der Gedanke, auch die Rückseite zu untersuchen. Zu meiner Überraschung fanden sich Zeichen dort, die mit barbarischer Ungeschicklichkeit eingeritzt waren, und die augenscheinlich aus viel späterer Zeit datierten als die, in der die Gemme geschnitten worden war. Sie hatten Ähnlichkeit mit den Zeichen auf Amuletten, wie sie Antiquitätensammlern gut bekannt sind, und trotz meiner Unerfahrenheit auf diesem Gebiet glaubte ich Zauberformeln zu entziffern. Mein Freund war der gleichen Meinung. »Das sollen Zauberformeln sein, Verwünschungen aus einem griechischen Dichter – – « »Aus welchem?« »Ich kenn mich da nicht aus.« »Aus Theokrit.« »Ja, vielleicht Theokrit.« Durch die Lupe konnte ich deutlich eine Gruppe von vier Buchstaben lesen: KHPH. »Das ist kein Name,« sagte mein Freund. Ich wies darauf hin, daß es griechisch gelesen: KÈRÈ hieße. Und dann gab ich ihm den Ring zurück, auf den er versonnen starrte, bevor er ihn auf den Finger schob. »Gehn wir, gehn wir,« sagte er dann lebhaft, »wohin willst du?« »In die Richtung der Madeleine, und du?« »Ich? ja wohin wollte ich doch? Herrgott! Ich geh zu Gaulot ein Pferd ansehn, das er nicht kaufen möchte, bevor ich es geprüft habe. Du weißt ja, ich bin Pferdehändler und so etwas von Tierarzt. Außerdem bin ich Trödler, Tapezier, Architekt, Kunstgärtner und wenn es sein muß Kulissenschieber. Ach, ich könnte es mit jedem Juden aufnehmen, wenn es nicht so langweilig wäre.« Wir gingen die Vorstadt hinab, und mein Freund setzte sich in einer Weise in Trab, die seiner sonst so lässigen Art auffällig widersprach. Bald wurde sein Tempo so schnell, daß es mich Mühe kostete mit ihm Schritt zu halten. Vor uns ging eine leidlich gut angezogene Frau, auf die er mich aufmerksam machte. »Der Rücken ist rund und die Taille etwas zu breit, aber sieh dir die Knöchel an. Das Bein ist ganz bestimmt reizend. Schau, Pferde, Frauen, alle diese schönen Tiere haben den gleichen Bau. In den fleischigen Partien sind ihre Glieder stark und gerundet, und sie verjüngen sich an den Gelenken, wo sich die Feinheit der Knochen zeigt. Betrachte dir diese Frau. Oberhalb der Taille ist da nichts Besonderes, aber jetzt abwärts. Wie da die Form frei und kräftig wird und sich in gut verteilter Proportion verschiebt und bewegt. Und der Unterschenkel, wie fein der ist. Ich bin überzeugt, das Knie ist ziemlich nervig, und das ist wirklich etwas sehr hübsches.« Mit der von ihm sorgsam erworbenen Kenntnis, die er übrigens gern mitteilt, fügte er noch hinzu: »Man darf von einer Frau nicht alles verlangen, sondern muß das Exquisite nehmen, wo immer es sich findet. Das Vollendete ist verteufelt selten.« Ganz plötzlich, wie in einer geheimer Gedankenverbindung, hob er die linke Hand, um die Gemme zu betrachten. Ich sagte: »Durch dieses reizende kleine Bacchanal hast du euer Familienwappen ersetzt?« »Ach, die Rotbuche! Buche der Buchenaus! Mein Urgroßvater in Poitou war unter Ludwig dem Sechzehnten was man einen Mann von Adel nannte, das heißt adliger Bürger. Im Lauf der Zeiten wurde er Mitglied eines revolutionären Klubs in Poitou und Aufkäufer von Nationalgut, eine Tatsache, die mir heute in unserer verjüdelten amerikanisierten Gesellschaft die Freundschaft von Prinzen und den Rang eines Aristokraten sichert. Warum ich also die Buche der Buchenaus aufgegeben habe? Warum? Sie war ungefähr gleichwertig mit der Eiche der Eichenhorsts! Und ich habe sie eingetauscht, gegen das Bacchanal, den sterilen Lorbeer und die symbolgeschmückte Säule!« In dem Augenblick, als er diese Worte mit spöttischem Pathos ausstieß, hatten wir das Haus von seinem Freund Gaulot erreicht, aber Buchenau blieb nicht vor dem kupfernen Türklopfer stehn, der am Haustor glänzte, wie ein Wasserhahn im Badezimmer. »Du hattest doch solche Eile, zu Gaulot zu kommen?« Er schien mich kaum zu hören und beschleunigte seinen Schritt. So schoß er ohne Aufenthalt bis zur Rue Matiguon hinunter, in die er einbog. Dort blieb er unvermittelt vor einem großen, tristen, fünfstöckigen Hause stehn, schwieg und sah unruhig zu der von zahllosen Fenstern unterbrochenen öden Mörtelfassade hinauf. »Willst du hier lange stehen?« frug ich ihn. »Weißt du übrigens, daß in diesem Hause die Frau Cére wohnt.« Der Name dieser Frau würde ihn sicher irritieren. Diese Frau, deren unechte Schönheit er ebenso glossiert hatte, wie ihre stadtbekannte Käuflichkeit und ihre geradezu erschütternde Dummheit. Jetzt, nachdem sie alt und erledigt war, stand sie außerdem in Verdacht, in den Läden Spitzen zu stehlen. Aber er antwortete nur mit müder, beinahe kläglicher Stimme: »Glaubst du?« »Ja, ganz sicher. Du, bitte sieh dir mal an den Fenstern im zweiten Stock diese schauderhaften Vorhänge mit den roten Leoparden an.« Er sah hinauf. »Frau Cère, ja, ich glaube, ja wirklich, ich glaube auch, sie wohnt hier. Ich glaube, daß sie jetzt da hinter einem der roten Leoparden steht.« Anscheinend wollte er sie besuchen, darüber war ich erstaunt und sagte es ihm: »Früher als alle Welt sie hübsch und stattlich fand, mißfiel sie dir doch so sehr. Damals als sie leidenschaftlich geliebt und Leute ihretwegen tief unglücklich wurden, sagtest du: »Allein die Haut dieser Frau wäre mir ekelhaft, gar nicht zu reden von der Bügelbrettfigur und den breiten Handgelenken.« Und nun wo sie eine Ruine ihrer selbst ist, entdeckst du wohl an ihr einen dieser köstlichen Schönheitswinkel, von denen du vorhin sagtest, man müsse sich daran genügen lassen? Hat sie so feine Gelenke, oder sind es Schönheiten der Seele bei ihr? Eine Bohnenstange ohne Busen, ohne Schenkel war sie immer, die es verstand die Augen zu verdrehen und es tat, sobald sie in einen Salon kam, und mit diesem simplen Manöver zog sie diese Herde von Schafsköpfen und Gecken an sich, die nichts besseres zu tun wissen, als sich für Frauen zu ruinieren, die sich nicht ausziehen dürfen.« Ich hielt ein, etwas beschämt, so über eine Frau gesprochen zu haben. Aber diese hatte so bündige und zahlreiche Beweise ihrer abgrundtiefen Schlechtigkeit geliefert, daß ich dem Gefühl der Abneigung, das sie mir einflößte, wohl freien Lauf lassen konnte. Ich hätte mich sicher nicht in dieser Art und Weise über sie geäußert, wenn ich ihr schlechtes Herz und ihre Gemeinheit nicht gekannt hätte. Übrigens bemerkte ich mit gewisser Befriedigung, daß Buchenau keine Silbe von alledem gehört hatte. Er begann, wie zu sich selber sprechend: »Ob ich zu ihr gehe, oder ob ich nicht gehe, das ist ganz gleich. Wohin ich auch seit sechs Wochen komme, ich kann kein Zimmer betreten, ohne sie zu treffen. Ich gehe wieder in Häuser, in denen ich seit Jahren nie mehr war, warum, weiß ich nicht. Merkwürdige Häuser sind es.« Ich verließ ihn, der angewurzelt vor der offenen Tür stand, und konnte mir nicht erklären, was ihn dort festhielt. Daß Buchenau diese Frau aufsuchte, diese Frau Cère, die ihm Abscheu eingeflößt hatte, als sie schön war, deren Annäherungsversuche er zurückgewiesen hatte in den Zeiten ihres Glanzes, nun wo sie alt und morphiumsüchtig war, schien mir ein Beweis von einer Verderbtheit, die mich bei meinem Freunde überraschte. Ich würde behaupten, solcher Irrtum der Sinne sei unmöglich, wenn sich irgend etwas Sicheres über das dunkle Gebiet krankhafter Leidenschaft überhaupt feststellen ließe. Einen Monat später verließ ich Paris, ohne noch Gelegenheit gehabt zu haben Paul von Buchenau wiederzusehen. Nach einigen in der Bretagne verlebten Tagen ging ich nach Trouville, wo sich meine Cousine B ... mit ihren Kindern untergebracht hatte. Die erste Woche meines Aufenthaltes ging damit hin, meinen Nichten Unterricht im Aquarellieren zu geben, mit meinen Neffen Waffen zu schnitzen und meine Cousine Wagner spielen zu hören. Am Sonntagmorgen begleitete ich meine Verwandten bis zur Kirche und machte dann während der Messe einen Rundgang durch den Ort. In der Straße, die an Spielzeugläden und Bazaren vorüber zum Strande hinunterführt, sah ich plötzlich Frau Cére vor mir. Sie ging in der Richtung der Badeanstalt, allein, schlaff, verlassen. Mit den Füßen schlurrte sie, als ob sie Pantoffeln trüge. Das vertragene, ärmliche Kleid hing nur so an ihrem Körper. Einmal sah sie sich um, da erschrak ich über die tiefliegenden, blicklosen Augen und den herabhängenden Mund. Die Frauen sahen ihr nach, aber sie ging stumpf und gleichgültig ihres Wegs. Offenbar war die Ärmste völlig vom Morphium zugrunde gerichtet. Am Straßenende blieb sie vor dem offenen Schaufenster von Frau Guillot stehn und begann mit ihrer langen dürren Hand in den Spitzen herumzuwühlen. Mir fielen bei ihren gierigen Augen die Geschichten ein, die man sich in den großen Läden von ihr erzählt. Die dicke Frau Guillot kam mit Kunden, die sie hinausbegleitete vor die Tür, und Frau Cère ließ die Spitzen fahren, und setzte müde ihren Weg zum Strand hinunter fort. Als Frau Guillot mich bemerkte, rief sie: »Sie sind aber ein schlechter Kunde geworden! Gar nichts kaufen Sie mir ab. Aber Sie müssen doch mal die Ringe und die Fächer sehn, die Ihren jungen Damen so gut gefallen haben. Die Fräulein Nichten werden immer hübscher.« Zwischendurch sah sie der davongehenden Frau Cère nach und sagte kopfschüttelnd: »Traurig ist es mit der, nicht wahr?« Die Straßringe für meine Nichten mußte ich natürlich kaufen. Wahrend die Frau mir das Päckchen zurecht machte, sah ich durch die Scheiben Buchenau, der zum Strand hinabging. Wie er die Hand hob, und mit den Zähnen seine Nägel malträtierte, nach Art von Menschen, die in Unruhe sind, sah ich den Amethyst an seinem Finger. Dieses Zusammentreffen überraschte mich um so mehr, da Buchenau geäußert hatte, daß er nach Dinard ginge, wo er seine Besitzung hat und wo er auch rennen läßt. Als ich nach der Kirche meine Cousine traf, frug ich sie, ob sie wisse, daß Buchenau in Trouville sei. Sie nickte, und etwas bekümmert sagte sie: »Der arme Mensch macht sich total lächerlich. Er verläßt die Frau überhaupt nicht mehr, denn wirklich ...« Sie unterbrach sich, fuhr aber doch fort: »Er ist es, der ihr nachläuft. Das ist das Unfaßliche.« Dieser Frau lief er nach! In wenigen Tagen hatte ich sichere Beweise dafür. Ich sah ihn unaufhörlich mit Frau Cère und deren Gatten, von dem man noch nicht weiß, ob er ein dummer oder ein gefälliger Ehemann ist. Seine unerhörte Dummheit schützt ihn, insofern sie noch Zweifel an seiner Gemeinheit zuläßt. Früher hatte diese Frau vergeblich versucht, Buchenau zu gefallen, der sonst gern gastliebenden Haushaltungen mit beschränkten Mitteln beisprang. Aber damals hatte er ihr seine Antipathie nicht verborgen, und vor ihr gesagt: »Eine unechte Schönheit ist viel schlimmer als eine häßliche Frau, denn bei der Häßlichen kann man angenehme Überraschungen erleben, die andere aber ist wie eine Frucht, die Asche trägt.« Die Stärke seiner Empfindung hatte Buchenau in dem Augenblick dieses Wort biblischen Stiles prägen lassen. Jetzt kümmerte Frau Cère sich nicht um ihn. Sie war gegen Männer gleichgültig geworden und kannte nur noch ihre Freundin, die Gräfin V... Diese beiden Frauen verließen sich kaum einen Augenblick, und man glaubte an die eventuelle Reinheit dieser Freundschaft, nur aus dem einen Grunde, weil beide verlebt und verbraucht waren. Trotzdem begleitete Buchenau sie auf allen ihren Gängen. Eines Tages sah ich ihn mit Mänteln beladen, am Riemen quer über der Brust das riesige Marineglas von Herrn Cère. Er machte eine Segelfahrt mit Frau Cère, und der ganze Strand sah ihnen mit häßlicher Freude durch die Gläser nach. Begreiflicherweise hatte ich wenig Lust, ihn in diesem Abhängigkeitsverhältnis aufzusuchen, um so weniger, da er immer wie in einem somnambulen Zustand umherging. So ging ich aus Trouville, ohne eine Wort mit ihm gewechselt zu haben, ihn den Cères und der Gräfin V... überlassend. Eines Abends fand ich ihn in Paris wieder bei seinen Freunden und Nachbarn, den N...s, die ein sehr nettes Haus machen. In der sehr hübschen Einrichtung ihres Hauses Avenue Kleber erkannte ich neben dem ausgezeichneten Geschmack Frau N... s den von Buchenau, die sich sehr glücklich ergänzten. Der Kreis war ziemlich klein, und Buchenau zeigte sich wie früher, in seiner ihm eigenen starkgeistigen Art von raffiniertester gesellschaftlicher Gewandtheit, mit der er, ich weiß nicht recht wie, doch eine unglaubliche Ungeniertheit verbindet. Auch Frau N... hat Geist, und so unterhält man sich recht gut bei ihr. Trotzdem war anfangs das Gespräch, mit dem man mich empfing, äußerst langweilig. Ein gewisser Stadtrat Niclas erzählte die abgedroschene Geschichte von dem Schilderhaus, in dem alle Posten Selbstmord begehn, einer nach dem andern, das man dann schließlich abbrechen läßt, um diese Epidemie neuesten Stils zum Stillstand zu bringen. Im Anschluß hieran frug Frau N... mich, ob ich an Talismane glaube. Stadtrat Niclas zog mich aus der Verlegenheit zu antworten, indem er feststellte, da ich ungläubig sei, müsse ich abergläubisch sein. »Das ist richtig,« rief Frau N... »Er glaubt weder an Gott noch an den Teufel, aber für spiritistische Geschichten hat er eine große Schwäche.« Während sie sprach, sah ich die reizende Frau an und bewunderte die feine Grazie der Linie, die Wangen, Hals und Schultern umriß. Ihre ganze Erscheinung und Persönlichkeit ist wie ein seltenes und wunderbar köstliches Ding. Was Buchenau über diesen Fuß denkt weiß ich nicht, ich fand ihn berückend. Paul von Buchenau kam und gab mir die Hand, dabei bemerkte ich, daß er keinen Ring mehr trug. »Was hast du mit deinem Amethyst gemacht?« »Ich hab ihn verloren.« »Verloren! Einen Stein, schöner als alle Gemmen Roms und Neapels, den hast du verloren?« Ohne Buchenau Zeit zur Antwort zu lassen, rief N..., der ihn nicht von seiner Seite ließ: »Ja, denken Sie sich nur, er hat seinen Amethyst verloren, das ist eine ganze Geschichte!« N... ist ein ausgezeichneter Mensch, ein bißchen zu mitteilsam, etwas zu dick und von einer gewissen Einfältigkeit, die nah ans Lächerliche grenzt. »Marthe, Schatz« rief er jetzt stürmisch seiner Frau zu »hier ist noch jemand, der nicht weiß, daß Buchenau seinen Amethyst verloren hat.« Und dann wandte er sich zu mir. »Das ist nämlich ein ganzer Roman. Denken Sie sich, unser Freund hatte uns vollständig fallen lassen. Ich sagte zu meiner Frau: ›Hast du Buchenau irgend etwas getan?‹ ›Nein, absolut nichts‹, meinte sie, es war also vollkommen unverständlich. Aber noch unbegreiflicher wurde er uns, als wir hörten, daß er immer mit dieser Frau Cère zusammen sei – – « Seine Frau unterbrach ihn: »Wen kann das interessieren?« Aber N... ließ sich nicht stören. »Erlaube mal, mein Schatz, das gehört zu der Amethystgeschichte. Als nun der Sommer da war, lehnte Buchenau es ab, mit uns wie immer aufs Land zu kommen. Meine Frau und ich luden ihn sehr herzlich ein, aber er blieb in Trouville bei seiner Cousine Maureil, bei der es sehr langweilig ist.« Seine Frau widersprach. »Bitte sehr, zum Sterben langweilig. Dort hat er den ganzen Tag auf dem Wasser gelegen mit Frau Cère.« Buchenau bemerkte nun sehr gelassen, daß an dem allen, was N... erzähle, kein wahres Wort sei. »Wage es auch noch zu lügen,« sagte N..., ihm die Hand auf die Schulter legend, und dann fuhr er in seiner Erzählung fort: »Tag und Nacht war er mit Frau Cère auf dem Meer, oder richtiger gesagt, mit ihrem Schatten, denn sie soll ja nur noch ein Schatten ihrer selbst sein. Der Mann blieb mit seinem Feldstecher am Strand. Bei einer dieser Fahrten verlor Buchenau seinen Amethyst, und nachdem ihm dies Malheur passiert war, war er keinen Tag länger in Trouville zu halten. Ohne sich von irgend jemand zu verabschieden, verließ er den Strand und kam zu uns nach Eyzies, wo ihn niemand mehr erwartete. Um zwei in der Nacht kam er an, und sagte ganz ruhig: ›Da bin ich.‹ Verrückter Kerl!« »Und der Amethyst?« frug ich. »Der ist wirklich ins Meer gefallen und ruht da im feinen Meersand. Kein Fischer bringt mir den im Bauch eines Fisches zurück, wie das sonst Brauch ist.« Wenige Tage darauf kam ich, wie ich es oft tat, bei Hendel in der Rue de Chateaudun vorüber und frug, ob er nicht irgend etwas nach meinem Geschmack habe. Er weiß, daß ich aller Mode zuwider antike Bronzen und Marmor sammle. Schweigend öffnete er gewisse nur Liebhabern bekannte Glasschränke und nahm einen kleinen ägyptischen Schreiber aus Stein heraus, primitiver Stil. Ein Juwel! Als ich aber den Preis hörte, stellte ich ihn mit einem bedauernden Blick selber auf seinen Platz zurück. Dabei entdeckte ich in der Vitrine einen Wachsabdruck der Gemme, die ich bei Buchenau so sehr bewundert hatte. Ich erkannte die Nymphe am Säulenstumpf und den Lorbeer. Ein Zweifel war ausgeschlossen. »Besaßen Sie den Stein?« frug ich Hendel. »Ja, im letzten Jahr habe ich ihn verkauft.« »Ein gutes Stück! woher stammt es?« »Er kommt von Marc Delion, dem Bankier, der sich vor fünf Jahren wegen einer Frau aus der Gesellschaft umbrachte. Frau Cère, Sie kennen sie vielleicht.« Die Signora Chiara Der Professor Giacomo Tedeschi von Neapel ist in seiner Vaterstadt ein renommierter Praktikus. Sein wohlriechendes Haus wird von allen möglichen Leuten frequentiert und insbesondere von den schönen Mädchen, die in Santa Lucia die Erzeugnisse des Meeres verkaufen. Er hat Drogen für jede Krankheit, hält es nicht für unter seiner Würde einen hohlen Zahn auszuziehen, exzelliert vor allen Dingen darin, am Tage nach den Festen den tapferen Leuten die aufgespaltenen Schädel zu sticken, und versteht es, den Küstendialekt mit dem Latein der Schule zu vermengen, um sich das Vertrauen seiner Patienten zu sichern, die sich auf der mächtigen Chaiselongue ausstrecken, einer Chaiselongue, die so wacklig ist, so schmierig, die so in allen Fugen kreischt, daß man schwerlich in irgendeiner Küstenstadt der ganzen Welt ihresgleichen mehr findet. Er ist ein Mann von dürftiger Statur, mit einem vollen Gesicht, kleinen grünen Augen und einer langen Nase, die bis zu dem breit geschwungenen Munde herabhängt, seine runden Schultern, sein Spitzbauch und die hageren Beine erinnern lebhaft an die antiken Atelanen. Giacomo vermählte sich auf seine alten Tage mit der jungen Chiara Mammi, der Tochter eines sehr angesehenen alten Sträflings in Neapel, der sich auf dem Borgo di Santo als Bäcker niedergelassen hatte und dem die ganze Stadt nachweinte bei seinem Tode. Unter den Strahlen der Sonne, die die Trauben von Torre und die Orangen von Sorrent vergoldet, hatte sich die Schönheit der Signora Chiara auch zu vollster Pracht entfaltet. Der Professor Giacomo Tedeschi ist in dem guten Glauben, daß seine Frau ebenso tugendhaft als schön sei. Er weiß überdies wie strenge man über Frauenehre in den Banditenfamilien denkt. Aber er ist Arzt, und die Unruhen und Anfechtungen, denen die Natur der Frau ausgesetzt ist, sind ihm nicht fremd. Daher beunruhigte es ihn etwas, daß Ascanio Ranieri aus Mailand, der sich auf dem Platz dei Martiri als Schneider etabliert hatte, sein Haus mit immer häufigeren Besuchen beehrte. Ascanio war jung und schön und hatte stets ein Lächeln auf den Lippen. Sicherlich war die Tochter des heroischen Mammi, des patriotischen Bäckers, eine viel zu gute Neapolitanerin, um ihre Pflichten über einen Mailänder zu vergessen. Dennoch pflegte Ascanio mit Vorliebe seine Besuche während der Abwesenheit des Doktors zu machen, und die Signora liebte es, ihn ohne Zeugen zu empfangen. Als der Professor eines Tages früher, als man ihn erwartet hatte, nach Hause zurückkehrte, überraschte er Ascanio zu den Füßen der schönen Chiara. Während die Signora sich mit jenem ruhigen Schritt entfernte, in dem die Göttin sich offenbart, hatte Ascanio sich erhoben. Giacomo Tedeschi näherte sich ihm mit allen Anzeichen der größten Teilnahme. »Mein Freund«, sagte er, »ich sehe, Sie sind leidend. Sie taten recht daran, mich aufzusuchen. Ich bin Arzt und lasse es mir angelegen sein, das menschliche Elend zu mildern. Sie leiden, leugnen Sie es nicht! Sie leiden schwer, sehr schwer! Ihr Gesicht brennt wie Feuer! ... Kopfschmerz, ja zweifellos heftiger Kopfschmerz. Wie vernünftig, daß Sie zu mir gekommen sind! Sie erwarteten mich gewiß mit Ungeduld.« Und damit schob der Alte, der stark war wie ein sabinischer Ochse, Ascanio vor sich her in sein Konsultationszimmer und zwang ihn, sich auf der berüchtigten Chaiselongue niederzulassen, die vierzig Jahre lang alle neapolitanischen Krankheiten mit angesehen hatte. Er drückte ihn in die Kissen und rief: »Aha, jetzt sehe ich, was es ist! Sie haben Zahnschmerzen! Jawohl, Sie haben fürchterliche Zahnschmerzen!« ... Und damit zog er aus der Tasche eine enorme Zange, öffnete Ascanio mit Gewalt den Mund und mit einem Griff riß er ihm einen Zahn aus. Ascanio lief spuckend und fluchend davon, und der Professor rief voll grimmiger Freude: »Ein Mordszahn, ein Prachtzahn!« Die rechtschaffenen Richter Ich habe einmal ein paar rechtschaffene Richter gesehen, sagte Johann Marteau, das war auf einem Bild. Ich war nach Belgien gegangen, um einem neugierigen Beamten zu entgehen, der behaupten wollte, daß ich an einem anarchistischen Komplott teilgenommen hatte. Ich kannte meine Komplicen nicht und sie mich nicht, aber das war für den Beamten kein Hindernis. Nichts setzte ihn in Verlegenheit. Nichts klärte ihn auf, er setzte seine Untersuchung fort. Diese Manie erschien mir bedenklich; ich ging daher nach Belgien und fand in Antwerpen eine Stellung. Eines Sonntags sah ich im Museum auf einem Bild von Mabuse zwei rechtschaffene Richter. Sie gehören zu einer verloren gegangenen Art. Ich will damit sagen, es waren fahrende Richter, die im Zuckeltrab auf ihren Pferden von Ort zu Ort ritten. Gendarmen, mit Lanzen und Partisanen bewaffnet, geben ihnen zu Fuß das Geleite. Die beiden bärtigen Richter tragen auf ihrem langen Haupthaar wie die Könige in den alten flämischen Bibeln eine merkwürdige, kostbare Kopfbedeckung, die zugleich einer Nachtmütze und einem Diadem ähnlich sieht. Ihre Brokatgewänder sind reich mit eingewirkten Blumen verziert. Der alte Meister hat es verstanden, ihnen ein würdiges, ruhiges und sanftes Aussehen zu verleihen, und ihre Pferde sind still und sanft wie sie. Und doch haben die beiden Richter weder denselben Charakter, noch die gleiche Auffassung ihres Amtes. Das sieht man sofort. Der eine hält in der Hand ein Papier und zeigt mit dem Finger auf den Text. Der andre stützt die linke Hand auf den Sattelknopf, während er die rechte mehr wohlwollend als gebieterisch emporhebt. Es scheint, als hätte er zwischen Daumen und Zeigefinger ein unmerklich feines Pulver. Diese Gebärde seiner sorgsamen Hand deutet auf vorsichtig erwägendes, scharfsinniges Denken. Beides sind rechtschaffene Richter, aber der eine haftet am Buchstaben, während der andre mit dem Geiste richtet. Auf die Barriere gestützt, die sie vom Publikum trennt, höre ich ihnen zu. Der erste Richter sagt: »Ich halte mich an das, was geschrieben steht. Das erste Gesetz wurde auf Stein geschrieben, zum Zeichen, daß es bis an das Ende der Welt dauern würde.« Der andre Richter antwortet darauf: »Jedes geschriebene Gesetz wurde schon ungültig, denn die Hand des Schreibers ist langsam, aber der Geist der Menschen ist flink, und ihr Schicksal ist bewegt.« Und die beiden guten Alten fahren in ihrer sententiösen Unterhaltung fort: Erster Richter: »Das Gesetz ist stabil.« Zweiter Richter: »Zu keiner Zeit noch stand das Gesetz fest.« Erster Richter: »Da es von Gott herrührt, ist es unwandelbar.« Zweiter Richter: »Es ist ein natürliches Erzeugnis des sozialen Lebens und hängt von den bewegenden Umständen dieses Lebens ab.« Erster Richter: »Es ist der unveränderliche Wille Gottes.« Zweiter Richter: »Es ist der ewig veränderliche Wille der Menschen.« Erster Richter: »Es war da, bevor die Menschen waren, und steht über ihnen.« Zweiter Richter: »Es stammt von den Menschen und ist unvollkommen wie sie.« Erster Richter: »Richter, öffne dein Buch und lies, was geschrieben steht. Denn Gott selbst hat es denen, die an ihn glaubten, diktiert: Sic locutus est patribus nostris, Abraham et semini ejus in soecula .« Zweiter Richter: »Was die Toten geschrieben haben, werden die Lebenden verlachen, sonst würde sich der Wille derer, die nicht mehr sind, denen, die noch sind, aufdrängen. So würden die Toten die Lebenden, die Lebenden aber die Toten sein.« Erster Richter: »Die Lebenden müssen den Gesetzen der Toten gehorchen. Tote und Lebende sind vor Gott Genossen einer Zeit. Moses und Cyrus, Justinian und der deutsche Kaiser regieren uns. Denn vor dem Ewigen sind wir ihre Zeitgenossen.« Zweiter Richter: »Die Lebenden müssen von den Lebenden ihre Gesetze erhalten. Zoroaster und Numa Pompilius können uns weniger belehren über das, was uns erlaubt und verboten ist, als der Schuhsticker von Sainte Gudule.« Erster Richter: »Die ersten Gesetze wurden uns durch die ewige Weisheit offenbart. Je mehr sich ein Gesetz dieser Quelle nähert, desto besser ist es.« Zweiter Richter: »Sehen Sie denn nicht, daß jeden Tag neue Gesetze entworfen werden und daß die Verfassungen und Gesetzgebungen mit den verschiedenen Zeiten und Ländern Veränderungen erfahren haben?« Erster Richter: »Die neuen Gesetze entstehen aus den alten. Es sind junge Zweige am alten Stamm, die der gleiche Saft nährt.« Zweiter Richter: »Aus dem alten Baum des Gesetzes quillt ein bitterer Saft. Unaufhörlich legt man die Axt daran.« Erster Richter: »Ein Richter soll nicht untersuchen, ob die Gesetze gerecht sind, denn sie sind es. Er muß sie nur richtig anwenden.« Zweiter Richter: »Wir müssen erforschen, ob das Gesetz, welches wir anwenden, gerecht oder ungerecht ist, denn wenn wir es als unmöglich erkannt haben, ist es uns unmöglich, irgendwelche Milderungsmittel anzuwenden, wenn wir es gebrauchen müssen.« Erster Richter: »Die Kritik der Gesetze ist unvereinbar mit der Achtung, die wir ihnen schulden.« Zweiter Richter: »Wenn wir ihre Strenge nicht erkennen, wie könnten wir sie da mildern?« Erster Richter: »Wir sind Richter, aber keine Gesetzgeber oder Philosophen.« Zweiter Richter: »Wir sind Menschen.« Erster Richter: »Ein Mensch könnte die Menschen nicht richten. Wenn ein Richter sein Amt ausübt, so gibt er seine Menschlichkeit auf. Er wird göttlich und fühlt weder Freude noch Schmerz.« Zweiter Richter: »Eine Gerechtigkeit, die nicht von Mitgefühl geleitet wird, ist grausam.« Erster Richter: »Die Gerechtigkeit ist vollkommen, wenn sie nach dem Buchstaben handelt.« Zweiter Richter: »Sie ist abgeschmackt, wenn sie nicht vom Geist beseelt wird.« Erster Richter: »Das Prinzip des Gesetzes ist ein göttliches, und die Folgen, die es nach sich zieht, seien sie noch so gering, sind göttlich. Aber wenn das Gesetz nicht ganz von Gott, sondern ganz von den Menschen stammt, so muß es buchstäblich angewandt werden. Denn der Buchstabe bleibt, der Geist aber ist flatterhaft.« Zweiter Richter: »Das Gesetz stammt lediglich von den Menschen; es entstand in seiner Dummheit und Grausamkeit zu Beginn der menschlichen Vernunft. Aber wäre es auch göttlichen Ursprungs, so müßte man doch dem Geiste und nicht dem Buchstaben folgen, denn der Buchstabe ist tot, der Geist aber lebt.« Nachdem die beiden Richter so gesprochen hatten, stiegen sie von ihren Pferden und begaben sich mit ihrer Eskorte zum Gerichtshof, wo sie erwartet wurden, um jedem zu geben, was ihm zukam. Unterdessen unterhielten sich ihre Pferde, die an einem Pflock unter der großen Ulme befestigt waren. Das Pferd des ersten Richters sagte: »Wenn die Erde einst den Pferden gehören wird (und sie wird ihnen sicher gehören, denn das Pferd ist offenbar das Endziel und der Schlußzweck der Schöpfung), wenn die Erde den Pferden gehören wird und wir tun und lassen können, was wir wollen, so werden wir wie die Menschen unter bestimmten Gesetzen leben, und wir werden uns das Vergnügen gönnen, unsresgleichen ins Gefängnis zu stecken, aufzuhängen und zu rädern. Wir werden dann moralische Geschöpfe sein. Man wird das an den Gefängnissen und Galgen, die sich in unsrer Stadt erheben werden, erkennen. Es wird dann gesetzgebende Pferde geben. Wie denkst du darüber, Roussin?« Roussin, der Gaul des zweiten Richters, erwiderte, daß er das Pferd für die Krone der Schöpfung halte, und er hoffe, es werde früher oder später zur Regierung kommen. »Wenn wir erst Städte gebaut haben«, fuhr es fort, »so müssen wir, wie du ganz richtig sagst, Blanchet, eine Polizei einsetzen. Ich wollte, daß die Gesetze dann recht pferdisch wären, ich meine den Pferden und der allgemeinen Pferdeexistenz günstig.« »Wie verstehst du das, Roussin?« »Ich verstehe es, wie es recht ist. Ich verlange, daß die Gesetze jedem sein Teil Hafer und seinen Platz im Stall sichern, und daß es jedem erlaubt sei, frei zu lieben, wenn die Zeit kommt. Denn jedes Ding hat seine Zeit. Schließlich wünsche ich, daß die Pferdegesetze mit der Natur im Einklang stehen.« »Ich hoffe,« antwortete Blanchet, »daß unsre Gesetzgeber höher denken werden als du. Sie werden von dem himmlischen Pferd, das alle Pferde geschaffen hat, zu den Gesetzen inspiriert werden. Das göttliche Pferd ist über alle Maßen gütig, denn es ist über alle Maßen mächtig. Macht und Güte sind seine Attribute. Es hat seine Geschöpfe dazu bestimmt, den Hemmschuh zu erdulden, die Halfter zu tragen, die Sporen zu spüren und unter Schlägen zu verenden. Du sprichst von ›lieben‹, Kamerad; sein Wille war es, daß viele von uns beschnitten wurden. Es war sein Befehl. Die Gesetze müßten den verehrungswürdigen Befehl aufrecht erhalten.« »Aber bist du ganz sicher, mein Freund,« fragte Roussin, »daß dieses Übel von dem himmlischen Pferde herrührt, das uns geschaffen hat, und nicht etwa von den Menschen, die ihm untergeordnete Wesen sind?« »Die Menschen sind die Diener und die Engel des himmlischen Pferdes,« erwiderte Blanchet. »Sein Wille betätigt sich in allem, was geschieht. Es ist gut. Weil es das Böse, das uns widerfährt, will, so beweist das, daß das Böse gut ist. Damit ein Gesetz gut sei, muß es uns Böses zufügen. Und im Reiche der Pferde werden wir auf alle Art, durch Erlasse, Dekrete, Urteilssprüche und Befehle gequält und beengt werden, um dem himmlischen Pferd zu gefallen.« »Du mußt denn doch ein Eselshirn haben, Roussin«, fügte Blanchet hinzu, »wenn du nicht begreifst, daß das Pferd in die Welt gesetzt wurde, um zu leiden, daß es seinem Endzweck entgegenwirkt, wenn es nicht leidet, und daß das himmlische Pferd sich von denjenigen Pferden abwendet, die glücklich sind.« So sprachen die beiden Pferde zueinander. Der Christ des Ozeans In jenem Jahre ertranken mehrere Schiffer von Saint-Valery auf offener See. Die Wellen spülten ihre Körper und die Überreste ihrer Boote an den Strand, und während neun Tagen sah man auf dem bergigen Pfad, der zur Kirche hinanführt, schlichte, von Männern getragene Särge, denen die Witwen in ihren schwarzen Kapuzen folgten. Der Altfischer Johan Lenvel und sein Sohn wurden in dem großen Schiff der Kirche aufgebahrt, an dessen Gewölbe sie einst ein Schiff mit vollständiger Takelage zu Ehren der Mutter Gottes aufgehängt hatten. Es waren rechtschaffene Leute gewesen, die ihren Gott fürchteten, und nachdem der Pfarrer Truphenius die Absolution erteilt hatte, sagte er mit tränenerfüllter Stimme: »Nie werden bravere Leute und bessere Christen, als Johan Lenvel und sein Sohn es waren, in die heilige Erde gebettet werden, um das Gericht des Allerhöchsten zu erwarten.« Nicht nur viele Fischerboote mit ihrer Besatzung strandeten in jener Zeit an der Küste, auch manch großes Fahrzeug wurde ein Opfer des Meeres, und es verging kein Tag, wo der Ozean nicht die Überreste eines Wrackes an den Strand spülte. So sahen mehrere Kinder, die in einem Boote ruderten, eines Morgens ein Gesicht auf den Wellen. Es war ein Christus, in Lebensgröße aus Hartholz geschnitzt, mit fleischfarbenen Tönen angemalt, anscheinend ein Stück alter Kunst. Der Heiland trieb mit ausgebreiteten Armen auf den Wogen. Die Kinder zogen ihn an Bord und brachten ihn nach Saint-Valery. Seine Stirne war mit einer Dornenkrone umwunden, und seine Hände und Füße waren durchbohrt, aber die Nägel sowohl wie das Kreuz fehlten. Mit den ausgebreiteten, segnenden Armen erschien er so, wie Joseph von Arimathia und die heiligen Frauen ihn bei der Kreuzesabnahme gesehen hatten. Die Kinder übergaben ihn dem Pfarrer Truphenius, der ihnen sagte: »Dies Bildnis des Heilandes ist ein altes Werk, und derjenige, der es geschaffen hat, ist gewiß längst gestorben. Wenn auch die Händler von Amiens und Paris heute für 100 Francs und darüber wundervolle Statuen verkaufen, so muß man doch anerkennen, daß die Arbeiter in früherer Zeit auch Tüchtiges zu leisten vermochten. Aber was mich insbesondere freut, ist das: wenn Jesus Christus mit offenen Armen nach Saint-Valery kam, so tat er das, um die hart geprüfte Gemeinde zu segnen und ihr zu verkünden, daß er Mitleid habe mit den armen Leuten, die beim Fischfang ihr Leben aufs Spiel setzen. Er ist der Gott, der auf den Wassern wandelte und die Netze des Cephas segnete.« Nachdem der Pfarrer den Christus in der Kirche auf dem Altartuch hatte niederlegen lassen, begab er sich zu dem Tischlermeister der Gemeinde und bestellte ein schönes Kreuz aus Eichenholz. Als es fertig war, befestigte man den Heiland mit ganz neuen Nägeln darauf und hing das Kreuz oberhalb der Bank des Kirchenvorstandes auf. Da sah man, daß seine Augen voll Barmherzigkeit waren und gleichsam feucht von himmlischem Mitleid. Einer der Kirchenvorsteher, der bei der Aufstellung des Kruzifixes zugegen war, meinte zu sehen, daß Tränen über das göttliche Antlitz rannen. Als der Pfarrer am nächsten Morgen mit dem Meßknaben in die Kirche trat, war er sehr erstaunt, das Kreuz oberhalb der Bank des Kirchenvorstandes leer zu finden und den Heiland auf dem Altartische liegend. Sobald er das Meßopfer verrichtet hatte, ließ er den Tischlermeister kommen und fragte ihn, warum er den Christus vom Kreuze losgelöst habe. Aber der Tischler antwortete, daß er ihn nicht berührt habe, und nachdem der Pfarrer noch den Küster und die Kirchenvorsteher befragt hatte, erlangte er die Gewißheit, daß niemand mehr nach der Aufstellung des Kreuzes die Kirche betreten hatte. Da kam er zu der Überzeugung, daß ein Wunder geschehen sei, und er sann lange darüber nach. Am darauffolgenden Sonntage sprach er darüber in der Predigt zu seinen Gemeindekindern und forderte sie auf, durch milde Gaben zu der Herstellung eines Kreuzes beizutragen, das schöner sei als das erste und würdiger, den Erlöser der Welt zu tragen. Die armen Fischer von Saint-Valery gaben so viel sie nur konnten, und auch die Witwen brachten jede ihr Scherflein. Es kam so reichlich zusammen, daß der Pfarrer Truphenius alsbald nach Abbeville gehen konnte, um ein Kreuz aus blankem Ebenholz zu bestellen, das in goldenen Lettern die Inschrift INRI trug. Zwei Monate später stellte man es an den Platz des früheren und befestigte den Christus darauf. Aber Jesus verließ es wie das vorherige und legte sich wiederum während der Nacht auf den Altartisch. Als der Pfarrer ihn hier am folgenden Tage fand, sank er auf die Knie und betete lange. Das Gerücht des Wunders verbreitete sich in der Umgegend, und die Damen von Amiens veranstalteten Sammlungen für den Christus von Saint-Valery. Aus Paris erhielt der Pfarrer Geld und Kleinodien, und die Frau des Marineministers schickte ihm ein Herz aus Diamanten. Mit Hilfe all dieser Schätze verfertigte ein Goldschmied in der Rue Saint Sulpice in der Zeit von zwei Jahren ein goldenes Kreuz, mit Edelsteinen besetzt, das mit großem Pomp am zweiten Sonntage nach Ostern im Jahre 18.. in der Kirche von Saint-Valery eingeweiht wurde. Aber er, der das Schmerzenskreuz nicht verschmäht hatte, entwich von diesem kostbaren Kreuz und legte sich abermals auf das weiße Leintuch des Altartisches. Aus Furcht, ihn zu beleidigen, ließ man ihn diesmal dort liegen. Hier ruhte er bereits mehr als zwei Jahre, als Peter, der Sohn von Peter Caillu, zum Pfarrer Truphenius kam und ihm sagte, er habe am Strande das richtige Kreuz des Heilandes gefunden. Peter war ein schwachsinniger Knabe, und da er nicht genug Verstand besaß, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, gaben die Leute ihm Almosen. Alle hatten ihn gern, weil er nie etwas Böses tat. Aber, was er sagte, hatte keinen Sinn, und man hörte nicht auf ihn. Doch der Pfarrer, der fortwährend über das Mysterium, das den Christ des Ozeans umfing, nachgrübelte, war überrascht von dem, was ihm der Einfältige sagte. Er begab sich mit dem Küster und den Kirchenvorstehern an die Stelle, wo das Kind das Kreuz gesehen haben wollte, und hier fanden sie zwei mit Nägeln versehene Bretter, die das Meer während langer Zeit umhergerollt hatte, und die in der Tat die Form eines Kreuzes bildeten. Es waren die Überreste von einem Schiffbruch; auf einem der Bretter ließen sich noch zwei schwarzgemalte Buchstaben J und L erkennen, und man war nicht im Zweifel, daß es Überreste von Johan Leneols Schiff waren, der vor fünf Jahren mit seinem Sohne auf hoher See umgekommen war. Als sie die Bretter sahen, lachten der Küster und die Kirchenvorsteher den Knaben aus, der die zerbrochenen Bohlen eines Schiffes für das Kreuz des Heilandes hielt, aber der Pfarrer wehrte ihren Spöttereien. Er hatte viel nachgesonnen und viel gebetet, seitdem der Christ des Ozeans zu den Fischern gekommen war, und das Geheimnis der unendlichen Barmherzigkeit schien sich ihm zu offenbaren. Er kniete nieder auf den Sand, sprach ein Gebet für die treuen Dahingeschiedenen und befahl dem Küster und den Vorstehern, die Teile des zerstörten Schiffes auf ihre Schultern zu laden und in der Kirche niederzulegen. Als dies geschehen war, hob er den Christus vom Altar, legte ihn auf die Bretter des Schiffes und nagelte ihn selbst darauf mit Nägeln die vom Meere zerfressen waren. Auf seinen Befehl wurde dies Kreuz am andern Tage über der Bank des Kirchenvorstandes aufgehängt, an Stelle des goldenen, mit Edelsteinen besetzten Kreuzes. Der Christ des Ozeans verließ es nie wieder. Er wollte auf dem Holze bleiben, auf dem die Leute seinen heiligen Namen zum letzten Male in der Stunde des Todes angerufen hatten, und es schien, als spräche sein erhabener, schmerzvoller Mund: »Mein Kreuz ist aus dem Leid aller Menschen gemacht, denn ich bin in Wahrheit der Gott der Armen und Unglücklichen.« Ein Traum Man sprach vom Schlaf und von Träumen, und Johann Marteau sagte, ein gewisser Traum habe auf ihn einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. »War er prophetisch?« fragte Herr Goubin. »Dieser Traum,« antwortete Marteau »hatte an sich nichts Bemerkenswertes, nicht einmal in seiner Unzusammenhängigkeit, aber die Bilder darin sah ich mit wahrhaft schmerzlicher Deutlichkeit, die ich mit nichts vergleichen könnte. Nichts, gar nichts in der Welt war mir so gegenwärtig, hat mich so ergriffen als die Visionen dieses Traumes. Dadurch ist er erst interessant. Durch ihn lernte ich die Illusion der Mystiker begreifen. Wenn der Geist der Wissenschaft mich im Stich gelassen hätte, würde ich den Traum sicher für eine Apokalypse, für eine Enthüllung angesehen haben und ich hätte darin die Grundsätze für mein Verhalten und die Richtschnur meines Lebens gesucht. Ich muß noch bemerken, daß ich diesen Traum unter ganz besonderen Umständen hatte. Es war im Frühling 1895. Ich war zwanzig Jahre alt, war gerade nach Paris gekommen und machte eine schwierige Zeit durch. In jener Nacht hatte ich mich in einem Gebüsch in Versailles niedergelegt, nachdem ich vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hatte. Ich litt nicht. Ich war in einem Zustand sanfter Betäubung, der bisweilen durch ein Gefühl von Unruhe unterbrochen war. Es schien mir, daß ich weder wachte noch schlief. Ein kleines Mädchen, ein winziges Ding, mit blauem Kragen und weißer Schürze ging in der Ebene auf Krücken durch die Dämmerung. Bei jedem Schritt, den sie machte, wurden ihre Krücken höher und hoben sie empor, als ginge sie auf Stelzen. Bald waren sie höher als die Pappeln, die am Rande des Flusses standen. Eine Frau, die mein Erstaunen bemerkte, sagte: »Wissen Sie nicht, daß die Krücken im Frühling wachsen? Aber zu gewissen Augenblicken ist ihr Wachstum außerordentlich beschleunigt.« Ein junger Mensch, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte, fügte hinzu: »Es ist die Entwicklungsperiode.« Da begannen, mit leisem mysteriösem Klang, der mich erschreckte, die Gräser um mich her zu wachsen. Ich erhob mich und kam auf eine Wiese, die ganz bedeckt war von bleichen, verschrumpelten, sterbenden Blumen. Hier traf ich Vernaux, den einzigen Freund, den ich in Paris habe, wo er ebenso elendig lebt wie ich. Wir gingen lange schweigend Seite an Seite. Am Himmel standen riesige glanzlose Sterne wie blaß goldene Scheiben. Ich wußte, was davon die Ursache war und erklärte es meinem Freunde: »Es ist ein optisches Phänomen,« sagte ich, »unser Auge ist nicht richtig eingestellt.« Und mit peinlicher Sorgfalt und großer Mühe hielt ich ihm einen Vortrag über die völlige Identität des menschlichen Auges mit der astronomischen Brille. Während meiner Auseinandersetzung fand Vernaux auf der Erde zwischen den fahlen Gräsern einen riesigen runden schwarzen Hut, der an der Seite mit einer goldenen Schnur und einer Diamantagraffe verziert war. »Das ist der Hut des Lord Mayor,« sagte Vernaux. »Ja, offenbar,« erwiderte ich. Und dann nahm ich meine Auseinandersetzungen wieder auf. Sie waren so schwer faßlich, daß mir der Schweiß von der Stirn rann. Jeden Augenblick verlor ich den Faden, und unaufhörlich fing ich wieder mit dem Satz an: »Die großen Saurier, die in den heißen Wassern der primitiven Meere schwammen, hatten Augen, die wie eine Brille konstruiert waren.« Ich hielt erst inne, als ich bemerkte, daß Vernaux verschwunden war. Gleich darauf fand ich ihn in einer Senkung des Terrains wieder. Er stak am Spieß über einem Reisighaufen. Indianer, deren Haare oben auf dem Kopf zu einem Büschel zusammengenommen waren, begossen ihn mit einem langen riesigen Löffel und drehten den Spieß. Vernaux sagte: »Melanie ist gekommen?« Erst jetzt bemerkte ich, daß er einen Hals und Kopf wie ein Huhn hatte. Aber ich dachte nur noch daran Melanie zu finden, von der ich durch eine plötzliche Eingebung wußte, daß sie die bezauberndste aller Frauen sei. Ich lief und lief, und als ich den Saum eines Waldes erreichte, sah ich beim Strahl des Mondes eine flüchtende Gestalt. Die Haare, von einem wunderbaren Rot, fielen über ihren Nacken. Ein silbernes Licht liebkoste die Schultern, und blaue Schatten zeichneten die mittlere Linie des leuchtenden Rückens. Die Grübchen, oberhalb der sanften Rundungen, die sich bei jedem Schritt hoben und senkten, strahlten in göttlichem Lächeln. Ich sah deutlich, wie die bläulichen Schatten an den zierlichen Gelenken wuchsen und abnahmen, je nachdem das Bein sich beim Schreiten streckte oder bog. Ich bemerkte auch die rosige Sohle des Fußes. Lange verfolgte ich die Gestalt ohne jede Ermüdung mit dem leicht beschwingten Gange eines Vogels. Aber plötzlich verschwand sie in einem dichten Nebel. Die beständige Flucht hatte mich schließlich in einen Weg geführt, der so eng war, daß er von einem kleinen eisernen Ofen völlig verstellt war. Es war einer jener kleinen Öfen mit langen winkligen Rohren wie man sie in den Ateliers gebraucht. Er war weißglühend; obendrauf saß eine kurzhaarige Katze und sah mich an. Als ich nähertrat, sah ich durch die Risse ihres gerösteten Felles, daß das Innere ihres Körpers von glühender Eisenmasse angefüllt war. Sie miaute, und ich begriff, daß sie Wasser haben wollte. Um das zu finden, stieg ich an dem Abhang eines kühlen Wäldchens aus Birken und Eschen hernieder. Tief unter mir in einer Schlucht floß ein Bach, aber Steinblöcke und dichtes Gebüsch von Zwergeichen verwehrten mir den Zugang. Während ich mich auf einem der bemoosten Steine niederließ, löste sich mein linker Arm von der Schulter ganz schmerzlos und ohne jede Wunde. Ich hob ihn mit der rechten Hand auf, er war kalt und unempfindlich. Die Berührung war mir unangenehm. Ich überlegte, daß ich ihn leicht verlieren könnte und daß ich nun mein ganzes Leben hindurch in eine peinliche Gebundenheit geraten war, dadurch, daß ich auf ihn acht geben mußte. Ich nahm mir vor, eine Schachtel aus Ebenholz machen zu lassen, um ihn darin aufzubewahren, wenn ich ihn nicht benötigte. Da mich fror in der feuchten Schlucht, kletterte ich auf einem verwilderten Pfade wieder den Abhang hinan und gelangte auf eine Ebene, wo ein so heftiger Wind herrschte, daß die Bäume knirschend sich zur Erde neigten. Auf einem gelben Sandweg kam eine Prozession vorüber, ländlich und schlicht. Der Priester, die Ordensbrüder, die Gläubigen hatten nichts Besonderes an sich, nur hatten sie alle keine Füße, sondern bewegten sich auf kleinen Rädern. Unter dem Baldachin erkannte ich den Abbé Lataigne, der Dorfpriester geworden war und darüber blutige Tränen weinte. Ich wollte ihm zurufen: »Ich bin bevollmächtigter Minister«. Aber die Stimme blieb mir im Halse stecken, und ein riesiger Schatten fiel über mich. Als ich den Kopf hob, sah ich, daß es eine der Krücken des kleinen Mädchens war, die nun wohl tausend Meter hoch in den Himmel ragten, und das kleine Mädchen erblickte ich als winziges Pünktchen vor dem Mond. Die Sterne waren noch größer und bleicher geworden, und ich konnte unter ihnen die Planeten unterscheiden, deren sphärische Form dem Auge klar erkennbar war. Ich vermeinte sogar einige Flecke auf der Oberfläche wahrnehmen zu können. Aber diese Flecke glichen nicht denen auf dem Mars, Jupiter und Saturn, die ich früher in astronomischen Werken gesehen hatte. Jetzt kam mein Freund Vernaux auf mich zu. Ich fragte, ob er nicht die Kanäle auf dem Mars sähe. »Das Ministerium ist gestürzt«, erwiderte er mir. Ich konnte keine Spur von dem Spieß, der ihn durchbohrt hatte, entdecken, aber er hatte immer noch einen Hals und Kopf wie ein Huhn, und er tropfte von Sauce. Ich fühlte das dringende Bedürfnis, ihm meine optischen Theorien auseinanderzusetzen und meine Erklärungen da wieder aufzunehmen, wo ich stehen geblieben war. »Die großen Saurier,« sagte ich, »die ehemals in den heißen Wassern der primitiven Meere schwammen, hatten Augen, die wie Brillengläser konstruiert waren.« Anstatt mir zuzuhören, stellte Vernaux sich auf ein Pult, das in der Landschaft stand, öffnete ein Gesangbuch und fing an laut zu krähen, wie ein Hahn. Ich wandte ihm ungeduldig den Rücken und sprang auf eine elektrische Bahn, die gerade vorüberfuhr. Im Innern fand ich einen geräumigen Speisesaal, ähnlich wie in den großen Hotels und den Übersee-Dampfern. Die Tafel war mit Kristall und Silber bedeckt. Frauen in dekolletierter Toilette und Herren im Frack saßen in unabsehbaren Reihen daran. Kandelaber und Kronleuchter glänzten in endloser Perspektive in strahlendem Licht. Einer der servierenden Diener bot mir ein Fleischgericht an, aber es stank, und mir wurde übel, als ich ein Stück davon zum Munde führen wollte. Ich hatte übrigens keinen Hunger. Die Gäste standen vom Tisch auf, noch ehe ich einen Bissen gegessen hatte. Während die Diener die Leuchter forttrugen, kam Vernaux auf mich zu und sagte: »Hast du nicht die dekolletierte Dame an deiner Seite bemerkt? Es war Melanie. Sieh doch!« Dabei zeigte er durch den Vorhang der Tür, und nun sah ich draußen in der Nacht unter den Bäumen blendend weiße Schultern. Ich sprang auf, um der bezaubernden Gestalt zu folgen. Diesmal konnte ich in ihre Nähe gelangen. Ich spürte ihren Duft und fühlte, wie ihre Gestalt unter meiner Berührung erzitterte. Aber sie entschwand mir bei der Umarmung, und Wurzeln waren es, die ich gefaßt hielt. So endigte mein Traum.« »Ja wahrlich, es ist traurig,« sagte Herr Bergeret, in dem er der schlichten Stratonice die Redeweise entlieh: »Die Vision des eigenen Ichs erfüllt uns mit Grauen?« Sancta Justitia Ich kannte einen strengen Richter. Er hieß Thomas v. Maulan und war von kleinem Landadel. Er trat unter dem Septenat des Marschall MacMahon in die Richterkarriere ein, in der Hoffnung, eines Tages im Namen des Königs Recht sprechen zu können. Die Prinzipien, die er hatte, konnte er für unerschütterlich halten, weil er nie daran gerührt hatte. Sobald man nämlich ein Prinzip genau untersucht, findet man, daß es gar kein Prinzip ist. Thomas v. Maulan bewahrte seine religiösen und sozialen Prinzipien sorgfältig vor seiner eigenen Neugierde. Er war Landrichter in der kleinen Stadt X..., wo ich seinerzeit wohnte. Sein Äußeres flößte Achtung und sogar eine gewisse Sympathie ein. Er hatte ein gelbes Gesicht und einen langen dürren Körper, an dem die Haut sich straff über die Knochen spannte. Seine außerordentliche Einfachheit gab ihm etwas Vornehmes. Er ließ sich schlichtweg »Herr Thomas« nennen, nicht weil er seinen Adel mißachtete, sondern weil er sich für zu arm hielt, um ihn würdig zu repräsentieren. Ich habe genügend mit ihm verkehrt, um mich überzeugen zu können, daß sein Wesen mit seinem Äußern in Einklang stand. Bei beschränkter Intelligenz und schwächlicher Leibesbeschaffenheit, hatte er eine große Seele; ich gewahrte hohe moralische Eigenschaften in ihm. Aber, da ich Gelegenheit hatte zu beobachten, in welcher Weise er sein Amt als Richter ausübte, bemerkte ich, daß gerade sein streng redlicher Sinn und die Auffassung, die er von seinen Pflichten hatte, ihn grausam machten und ihm bisweilen jede klare Einsicht raubten. Da er außerordentlich fromm war, deckte sich in seinem Geist, ohne daß er sich dessen bewußt war, der Begriff Sünde und Buße mit Vergehen und Strafe, und es war klar, daß er die Schuldigen in dem angenehmen Gedanken bestrafte, sie zu reinigen und zu läutern. Er betrachtete die menschliche Gerechtigkeit als ein geschwächtes, aber immer noch schönes Ebenbild der göttlichen Gerechtigkeit. Schon in seiner Kindheit hatte er gelernt, daß Leiden außerordentlich heilsam seien, daß sie ein großes Verdienst und mannigfaltige Tugend in sich trügen und sichere Sühne. Auch glaubte er fest daran, und er meinte daher, daß diejenigen, die gefehlt haben, leiden müßten. Er liebte es zu züchtigen, es war eine Äußerung seiner Güte. Wie er gewohnt war, Gott zu danken, wenn er ihm Zahnschmerzen und Koliken schickte zur Strafe für seine Adamssünden und zu seinem ewigen Heil, so gewährte er den Landstreichern und Vagabunden Gefängnis- und Geldstrafen gleichsam als eine Wohltat und Hilfe. Seinem Katechismus entnahm er die Philosophie der Gesetze, und vor lauter Gerechtigkeit und Geisteseinfalt war er ohne Erbarmen. Man konnte nicht sagen, daß er grausam war, aber da ihm alle Sinnlichkeit abging, war er gefühllos. Er hatte von den menschlichen Leiden keinen konkreten, physischen Begriff, sondern nur eine moralische und dogmatische Vorstellung. Für das Zellensystem hatte er eine etwas mystische Vorliebe, und zu seiner Herzensfreude und Augenweide konnte er mir eines Tages ein schönes Gefängnis zeigen, das in seinem Gebiet neu erbaut worden war: ein großes, weißes Ding, sauber, stumm und schrecklich; die Zellen waren in Kreisform um den Wachtturm des Gefangenwärters geordnet. Er sah aus wie ein Laboratorium, das von Verrückten gebaut war, um Verrückte zu fabrizieren. Und wahrlich: nur unheimlich verrückte Menschen konnten dies System der Einzelhaft erfinden, um einen Missetäter, den sie bessern wollten, einer Tortur zu unterwerfen, die ihn blödsinnig oder rasend macht. Herr Thomas urteilte anders. Mit Genugtuung betrachtete er stillschweigend diese fürchterlichen Zellen. Er hatte seine eigenen Gedanken darüber: er meinte, der Gefangene sei niemals allein, da ja Gott mit ihm sei, und sein ruhiger, zufriedener Blick schien zu sagen: »Ich habe da fünf oder sechs hineingesetzt, die sich nun ganz allein angesichts ihres Schöpfers und erhabenen Richters befinden. Kein Schicksal der Welt ist so beneidenswert als das ihre.« Dieser selbe Beamte hatte in verschiedenen Fällen die Untersuchung zu führen, so auch in der Sache eines Schulmeisters. Es war gerade die Zeit, wo die weltlichen und geistlichen Lehrer im Kriege miteinander lagen. Die Republikaner hatten die Unwissenheit und Brutalität der Ordensbrüder denunziert, worauf ein klerikales Blatt der Gegend einen weltlichen Lehrer beschuldigte, er habe ein Kind auf einen glühenden Ofen gesetzt, und diese Beschuldigung fand Glauben in den ländlichen aristokratischen Kreisen. Die Tatsache wurde mit allen ihren empörenden Einzelheiten solange erzählt, bis das Gerücht davon der Justiz zu Ohren drang. Als ehrlicher Mann, der er war, wäre Herr Thomas nie seinen Passionen gefolgt, wenn er sie als solche erkannt hätte. Aber, da sie religiöser Art waren, hielt er sie für seine Pflicht. Er glaubte, es sei seine Pflicht, die Anklagen, die sich gegen diese Schule ohne Gott erhoben, zu vernehmen, und er war sich nicht bewußt, mit welchem Eifer er sie entgegennahm. Ich muß gestehen, daß er die Sache mit peinlichster Sorgfalt und großer Mühe leitete, und daß er ganz erstaunliche Resultate erzielte. Dreißig Schulkinder, die gründlich ausgefragt wurden, antworteten anfangs sehr schlecht, dann ging es etwas besser und schließlich sehr gut. Nachdem sie einen Monat verhört worden waren, antworteten sie so gut; daß sie alle dasselbe sagten. Die dreißig Aussagen stimmten identisch und buchstäblich überein. Dieselben Kinder, die am ersten Tage erklärt hatten, daß sie nichts gesehen hätten, sagten jetzt alle mit denselben Worten und Ausdrücken, daß sie gesehen hätten, wie man ihren kleinen Kameraden mit dem nackten Hinterteil auf einen glühenden Ofen gesetzt habe. Herr Thomas beglückwünschte sich zu diesem günstigen Resultat, aber darauf stellte der Schulmeister unabweisbare Beweise auf, daß in der Schule überhaupt gar kein Ofen gewesen war. Herr Thomas kam nun zu dem leidigen Verdacht, daß die Kinder logen, aber es kam ihm nie in den Sinn, daß er ihnen ohne Wissen und Wollen selbst dies Zeugnis diktiert hatte, das sie nun auswendig hersagten. Die Sache endete mit der Niederschlagung des Prozesses, und der Schullehrer wurde nach Hause geschickt, nachdem ihm der Richter eine ernste Ermahnungsrede gehalten hatte, in der er ihm empfahl, in Zukunft seine brutalen Instinkte zu beherrschen. Die Kinder aus der Ordensschule kamen vor das verlassene Schulhaus, sangen Spottlieder und riefen: »He! He! Kinderbrater!« und warfen mit Steinen nach ihm. Darauf wurde der Schulbehörde berichtet, daß der Lehrer seinen Schülern gegenüber keine Autorität besäße, und seine sofortige Versetzung beantragt. Sie erfolgte denn auch, und der Lehrer wurde in ein entferntes Dorf versetzt, wo die Leute ein Platt sprachen, das er nicht verstand. Der Spitzname ist ihm geblieben. In dem Verkehr mit Herrn Thomas habe ich gesehen, wie es kommt, daß alle Zeugenaussagen, die ein Untersuchungsrichter entgegennimmt, denselben Stil haben. Er empfing mich in seinem Bureau, als er mit Hilfe seines Schreibers gerade im Begriff war, ein Zeugnis aufzunehmen. Ich wollte mich zurückziehen, aber er bat mich zu bleiben, denn meine Gegenwart sei der guten Verwaltung der Justiz in nichts hinderlich. Ich setzte mich daher in einen Winkel und hörte den Fragen und Antworten zu: »Duval, Sie haben also den Angeklagten um sechs Uhr abends gesehen?« »Das heißt, Herr Richter, meine Frau stand nämlich am Fenster und sagte zu mir: Da geht Socqardot vorbei!« »Es erschien ihr demnach auffällig, daß er vor Ihrem Fenster war, weil sie Sie gleich darauf aufmerksam machte. Kamen Ihnen die Allüren des Angeklagten verdächtig vor?« »Ich will Ihnen sagen, Herr Richter, meine Frau sagte zu mir: ›Da geht Socqardot vorbei!‹ Darauf guckte ich hinaus und sagte: ›Ja richtig, das ist Socqardot!‹« »Gut! Schreiber, nehmen Sie das auf: Um sechs Uhr abends bemerkte das Ehepaar Duval, daß der Angeklagte mit verdächtigen Allüren um das Haus streifte.« Herr Thomas stellte noch einige Fragen an den Zeugen, der seines Standes ein Tagelöhner war. Die Antworten, die er erhielt, diktierte er dem Schreiber, nachdem er sie in das juristische Kauderwelsch übertragen hatte. Dann wurde dem Zeugen die Aussage vorgelesen, er unterzeichnete, grüßte und zog sich zurück. »Warum,« so fragte ich, »nehmen Sie die Zeugenaussagen nicht so auf, wie sie Ihnen überliefert werden, anstatt sie in eine Sprache zu übertragen, die dem Zeugen nicht eigen ist?« Herr Thomas sah mich überrascht an und antwortete mit größter Ruhe: »Ich weiß nicht, was Sie sagen wollen. Ich nehme die Aussagen so getreu wie nur möglich auf. Alle Beamten tun das. In den Annalen des Richteramtes findet sich kein einziges Beispiel, wo eine Aussage durch einen Richter verändert oder gefälscht worden wäre. Wenn ich dem üblichen Brauch meiner Kollegen gemäß die Ausdrücke der Zeugen etwas modifiziere, so tue ich das, weil Leute, wie dieser Duval, eine sehr schwerfällige Redeweise haben und weil es sich nicht mit der Würde der Justiz verträgt, inkorrekte, niedrige, ja bisweilen gemeine Ausdrücke aufzunehmen, wenn die Notwendigkeit es nicht erheischt. Ich glaube jedoch, mein Herr, Sie machen sich keinen klaren Begriff von den Bedingungen, unter denen eine gerichtliche Untersuchung stattfindet. Bei der Aufnahme und der Gruppierung der Zeugenaussagen darf der Beamte die eigentliche Sache nicht aus dem Auge verlieren. Der Fall soll nicht nur für ihn selbst klar werden, sondern für die ganze Richterschaft. Es ist also von höchster Wichtigkeit, daß er die Belastungen, die sich aus den oftmals unsicheren und verworrenen Zeugenaussagen und den doppelsinnigen Antworten des Angeklagten ergeben, klar zutage legt. Wenn sie ohne jede Ordnung und Methode verzeichnet würden, so würden die rechtskräftigsten Beweise schwach erscheinen und der größte Teil der Schuldigen würde der Strafe entgehen.« »Aber ist dies Verfahren, das darin besteht, die unsichere Meinung des Zeugen zu präzisieren, nicht gefährlich?« fragte ich. »Das wäre es, wenn die Beamten nicht gewissenhaft wären. Aber ich habe bisher noch keinen Richter kennen gelernt, der sich nicht im vollsten Maße seiner Pflichten bewußt gewesen wäre, und doch habe ich an der Seite von Protestanten, von Deisten und Juden als Richter fungiert. Aber es waren Beamte!« »Zum mindesten hat Ihr Verfahren den Nachteil, Herr Thomas,« sagte ich, »daß der Zeuge, wenn Sie ihm seine Aussage vorlesen, sie schwerlich versteht, da Sie darin Ausdrücke gebrauchen, die ihm ungewohnt und unverständlich sind. Was soll dieser Tagelöhner sich zum Beispiel bei verdächtigen Allüren' denken?« Er antwortete mir lebhaft: »Daran habe ich schon selbst gedacht, und um dieser Gefahr vorzubeugen, treffe ich die größten Vorsichtsmaßregeln. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür nennen: Vor kurzem war ein Zeuge vorgeladen, der mir recht beschränkt erschien und über dessen Moralität ich nicht unterrichtet war. Als der Schreiber ihm seine Aussage vorlas, schien es mir, als hörte er nicht aufmerksam zu. Ich ließ das Zeugnis noch einmal vorlesen, nachdem ich ihn gebeten hatte, sehr genau zuzuhören. Dennoch war ich überzeugt, daß er es nicht tat. Um ihn daher an die Einsicht seiner Pflicht und Verantwortlichkeit zu gemahnen, diktierte ich dem Schreiber einen Satz, der in direktem Widerspruch mit seinen bisherigen Aussagen stand, und darauf forderte ich den Zeugen zur Unterschrift auf. In dem Augenblick, als er die Feder aufs Papier setzen wollte, hielt ich seinen Arm fest. »Um des Himmels Willen,« rief ich entsetzt, »Sie unterzeichnen ja das Gegenteil von dem, was Sie ausgesagt haben, und sind im Begriff, eine verbrecherische Handlung zu begehen.« »Nun, und was erwiderte er darauf?« Er sagte ganz kläglich: »Herr Richter, Sie sind doch klüger als ich, und müssen besser wissen, was ich schreiben darf.« »Da sehen Sie,« fuhr Herr Thomas fort, »daß ein Richter, der sein Amt gewissenhaft verwaltet, sich vor jedem Irrtum bewahrt. Glauben Sie mir, mein Lieber, der juristische Irrtum ist eine Mythe.« Hausdiebstahl Vor etwa zehn Jahren – vielleicht war es auch noch etwas früher oder später – besuchte ich ein Frauengefängnis. Es war dies ein altes Schloß, das unter Heinrich IV. erbaut worden war. Die hohen Schieferdächer überragten eine düstere kleine Stadt an den Ufern eines Flusses. Der Direktor dieses Gefängnisses näherte sich dem Alter des Ruhestandes. Er war ein ganz außerordentlicher Direktor, denn er dachte selbständig und hatte menschliches Gefühl. Er machte sich betreffs der Moralität seiner dreihundert Insassen keine Illusionen, aber er schätzte, daß ihre Moralität auch nicht viel geringer zu bewerten sei, als die von dreihundert andern Frauen, die man aufs Geratewohl in einer Stadt herausgreifen würde. »Man findet hier alle Sorten, wie auch sonst überall,« schien sein sanfter etwas müder Blick zu sagen. Als wir über den Hof schritten, kam ein langer Zug von gefangenen Frauen an uns vorüber, die ihren Spaziergang beendet hatten und in die Arbeitssäle zurückgingen. Es waren viele alte darunter, die brutal und tückisch aussahen. Mein Freund, Doktor Cabane, der uns begleitete, machte mich darauf aufmerksam, daß alle diese Frauen mit ganz charakteristischen Merkmalen behaftet waren. Viele unter ihnen schielten, es waren eben degenerierte Geschöpfe, und nur wenige unter ihnen trugen nicht den offenbaren Stempel des Verbrechens an sich. Der Direktor schüttelte langsam den Kopf. Ich sah wohl, daß er den Theorien der kriminalistischen Ärzte nicht beistimmte und daß er überzeugt war, daß in unserer menschlichen Gesellschaft die Schuldigen sich nicht immer viel von den Unschuldigen unterscheiden. Er führte uns in die Arbeitssäle. Wir sahen hier Bäckerinnen, Wäscherinnen, Näherinnen bei ihrer Arbeit. Die große Sauberkeit überall wirkte wie ein Abglanz von Freude. Der Direktor war freundlich zu jeder der Frauen. Selbst bei den dümmsten und bösartigsten blieb er höflich und gütig. Er meinte, man müsse den Personen, mit denen man zu leben gezwungen sei, schon so viel nachsehen, so könne man von Delinquenten und Verbrechern auch wahrlich nicht zu viel verlangen. Und entgegen der sonstigen Gewohnheit erwartete er von Diebinnen und Zuhälterinnen nicht, daß sie vollkommen seien, weil man sie bestraft hatte. Er glaubte nicht an die moralische Wirksamkeit von Züchtigungen und hatte es aufgegeben, aus dem Gefängnis eine Tugendanstalt machen zu wollen. Da er ferner der Ansicht war, daß man die Menschen nicht bessere dadurch, daß man sie leiden läßt, so milderte er die Leiden dieser Unglücklichen Geschöpfe, soviel er vermochte. Ich weiß nicht, ob er religiöse Empfindungen hegte, aber jedenfalls hatte der Gedanke von Sühne keine moralische Bedeutung für ihn. »Ich lege mir die Verordnungen aus, ehe ich sie anwende, sagte er und erklärte sie selbst den Gefangenen. Die Verordnungen befehlen zum Beispiel absolutes Stillschweigen. Wenn die Frauen aber absolutes Stillschweigen bewahren müßten, so würden sie alle idiotisch oder verrückt werden. Ich denke...das muß ich doch denken, daß man das mit dieser Vorschrift nicht gewollt hat. Ich sage den Gefangenen also: Die Vorschrift befiehlt euch Stillschweigen. Was soll das heißen? Das soll heißen, daß die Aufseherinnen euch nicht hören dürfen. Wenn man euch hört, werdet ihr bestraft, hört man euch nicht, so kann man euch nichts vorwerfen. Ich kann eure Gedanken nicht zur Rechenschaft ziehen. Wenn eure Worte nicht mehr Geräusch machen als eure Gedanken, so kann ich eure Worte nicht zur Rechenschaft ziehen. Nachdem ich ihnen das erklärt habe, sind sie bemüht, beim Sprechen sozusagen keinen Laut hervorzubringen. Auf die Weise werden sie nicht verrückt, und der Vorschrift ist Genüge getan.« Ich fragte ihn, ob seine hohen Vorgesetzten diese Auslegung der Verordnungen billigten. Er erwiderte, daß die Inspektoren ihm häufig Vorwürfe machten, dann pflegte er sie an die Eingangstür zu führen und ihnen zu sagen: »Betrachten Sie sich dies Gitter, meine Herren. Es ist nur aus Holz. Wollte man Männer hier einsperren, so wäre nach acht Tagen kein einziger mehr hier. Den Frauen fällt es nicht ein, flüchten zu wollen. Aber darum ist es weise, sie nicht in Wut zu bringen. Die Verordnungen sind sowieso der physischen und moralischen Gesundheit sehr unzuträglich, ich könnte nicht dafür einstehen, sie hier zu halten, wenn man ihnen auch noch die Qual des absoluten Schweigens auferlegen wollte.« Die Krankenabteilung und Schlafsäle, die wir hierauf besichtigten, waren in großen, weißgetünchten Räumen eingerichtet. Nichts war von der ehemaligen Pracht übrig geblieben als riesige Kamine aus grauem Stein und schwarzem Marmor mit reichen Zierarten verkrönt. Eine Göttin der Justiz, die um 1600 entstanden sein mochte von der Hand irgendeines flämischen, von Italien stark beeinflußten Künstlers mit ihrer hervorquellenden Brust und üppigen Hüften, die aus der geschlitzten Tunika hervorsahen, hielt in ihrem feisten Arm ihre närrische Wage, deren Schalen wie Zimbeln aneinanderschlugen. Sie neigte die Spitze ihres Speeres gegen eine kleine Kranke, die in einem schmalen eisernen Bett lag auf einer Matratze, so dünn wie eine gefaltete Serviette. Die Kranke sah aus wie ein Kind. »Nun, geht es besser?« fragte Doktor Cabane. »O ja, viel besser, Herr Doktor,« sagte sie lächelnd. »Also, dann sei recht vernünftig, dann wirst du bald gesund.« Sie sah den Arzt mit großen Augen an, voll Freude und Hoffnung. »Sie ist nämlich sehr krank,« sagte Doktor Cabane, während wir weitergingen. »Für welches Vergehen wurde sie bestraft?« »Nicht für ein Vergehen – für ein Verbrechen.« »Ach!« »Ja, Kindesmord.« Am Ende eines langen Ganges gelangten wir in ein kleines, freundlich aussehendes Zimmer, ganz voll Schränken. Durch die unvergitterten Fenster blickte man auf das freie Land. Hier saß eine hübsche junge Frau an einem Pult und schrieb. Neben ihr stand ein sehr schön gewachsenes Mädchen und suchte an ihrem Schlüsselbund, das sie am Gürtel trug, nach einem Schlüssel. Ich war im Glauben, es seien die Töchter des Direktors, aber er klärte mich auf, daß es ebenfalls Gefangene seien. »Sehen Sie nicht, daß sie die Tracht der Anstalt tragen?« Nein, das hatte ich nicht bemerkt, wahrscheinlich weil sie sie anders trugen, als die übrigen. »Ihre Kleider haben einen besseren Schnitt, und die Häubchen sind kleiner, so daß man die Haare sehen kann.« »Ja,« sagte der Direktor, »hindern Sie mal eine Frau, die schöne Haare hat, sie zu zeigen. Aber die beiden unterstehen auch den allgemeinen Vorschriften und müssen ebenfalls arbeiten.« »Was tun sie?« »Die eine ist Archivistin, die andere Bibliothekarin.« Es bedurfte keiner Erklärung: dies waren zwei »Passionierte«. Der Direktor verhehlte uns übrigens nicht, daß er den Verbrechern den Vorzug vor den Delinquenten gab. »Ich kenne unter ihnen welche, die ihrem Verbrechen ganz fremd gegenüber stehen. Es war wie ein Blitz in ihrem Leben. Sie können dabei aufrichtig, mutig und großmütig sein. Aber von den Diebinnen möchte ich nicht dasselbe sagen. Ihre Vergehen, die mittelmäßiger und vulgärer Art sind, bilden das Grundgewebe ihrer Existenz. Sie sind unverbesserlich, und die niedrige Gesinnung, aus der heraus sie sich zu den verwerflichen Vergehen hinreißen ließen, findet sich auch bei jeder Gelegenheit in ihrem Verhalten. Die Strafe, die sie trifft, ist verhältnismäßig gering, und da sie wenig physische und moralische Empfindung besitzen, so nehmen die meisten sie sehr leicht. »Es ist keine Frage,« fügte er lebhaft hinzu, »diese unglücklichen Geschöpfe sind unseres Mitleids unwürdig und verdienen es nicht, daß man sich für sie interessiert. Je länger ich lebe, je mehr komme ich zu der Einsicht, es gibt keine Schuldigen, sondern nur unglückliche Wesen.« Dann führte er uns in sein Privatbüro und gab einem Aufseher den Befehl, die Gefangene Nr. 503 herzuführen. »Ich werde Ihnen etwas zeigen, was ich durchaus nicht vorbereitet habe,« sagte er. »Ich bitte Sie es zu glauben, und es wird in Ihnen zweifellos ganz neue Erwägungen hervorrufen betreffs Vergehen und Strafe. Was Sie sehen und hören werden, habe ich in meinem Leben hundertmal erfahren.« Eine Gefangene trat in Begleitung einer Aufseherin in das Büro. Es war ein junges, ganz hübsches Mädchen vom Lande, die sehr schlicht, sanft und nett aussah. »Ich habe eine gute Nachricht für Sie,« sagte der Direktor. »Der Präsident der Republik, der von Ihrem guten Betragen erfahren hat, erläßt Ihnen den Rest ihrer Strafe. Sie verlassen am Sonnabend die Anstalt.« Die Hände über dem Leib gefaltet, hörte sie mit offenem Munde zu. Aber in diesen Kopf fanden die Gedanken nur langsam Einlaß. »Am kommenden Sonnabend werden Sie dies Haus verlassen,« wiederholte der Direktor. »Sie sind dann frei.« Jetzt hatte sie begriffen. Sie hob die Hände in einer verzweiflungsvollen Gebärde, und mit zitternden Lippen sagte sie: »Ist es wahr, muß ich fort? Was soll dann aus mir werden? Hier habe ich Kost und Kleidung und alles. Können Sie es dem guten Herrn nicht sagen, daß es für mich das beste ist, wenn ich hier bleiben kann.« Der Direktor hielt ihr entgegen, daß sie die Gnade, die ihr zuteil werde, nicht zurückweisen könne. Dann klärte er sie darüber auf, daß sie bei ihrem Austritt eine bestimmte Summe, etwa zehn bis zwölf Franken bekommen werde. Sie ging weinend hinaus. Ich fragte, was das Mädchen verschuldet habe. Er blätterte im Register: »Nr. 503 ... Sie war bei einem Landwirt im Dienst, sie hat ihrer Herrschaft einen Unterrock gestohlen... Hausdiebstahl... Wie Sie wohl wissen, steht auf Hausdiebstahl schwere Strafe.« Der kleine Schornsteinfeger oder Wohlangebrachte Mildtätigkeit Horteur, der Begründer des ›Etoile‹, der politische und literarische Leiter der »Revue Nationale« und des »Nouveau Siècle illustré« , hatte mich in seinem Arbeitskabinett empfangen und sagte mir von der Höhe seines Direktionssitzes aus: »Mein lieber Marteau, machen Sie mir eine Erzählung für meine Extranummer des »Nouveau Siècle« . Dreihundert Zeilen für den Neujahrstag. Etwas recht Lebendiges, mit einem Hauch von Aristokratie.« Ich erwiderte Horteur, daß ich nicht der rechte Mann dazu sei, wenigstens nicht in dem Sinne, wie er es meine, aber ich wolle ihm wohl eine Erzählung schreiben. »Ich möchte gern, daß Sie es ›Eine Geschichte für die Reichen‹ nennen würden.« »Mir wäre lieber: ›Eine Geschichte für die Armen‹.« »Sehen Sie, ich meine es so. Es soll eine Erzählung sein, die den Reichen Mitleid für die Armen einflößt.« »Aber ich will gerade nicht, daß die Reichen Mitleid mit den Armen hegen.« »Sonderbar!« »Nein, nicht sonderbar, sondern gerechtfertigt. Ich halte das Mitleid der Reichen für die Armen für beleidigend, es ist aller humanen Brüderlichkeit entgegen. Wenn Sie wollen, daß ich zu den Reichen sprechen soll, so werde ich ihnen sagen: ›Verschont die Armen mit eurem Mitleid! Sie haben mehr als genug davon, was sollen sie damit? Warum Mitleid und nicht Gerechtigkeit? Ihr seid in ihrer Schuld. Das ist nicht Gefühlssache, sondern eine volkswirtschaftliche Frage. Wenn das, was ihr ihnen willig gebt, dazu angetan ist, ihre Armut und euern Reichtum zu verlängern, so ist die Gabe ungerecht, und die Tränen, mit denen ihr sie benetzt, können sie nicht besser machen.‹ ›Zurückerstatten müssen wir‹, sagte der Prokurator zum Richter nach der Predigt des guten Mönches Maillard. Ihr gebt Almosen, um nicht zu geben, was ihnen von Rechts wegen zukommt. Ihr gebt wenig, um viel zu behalten und ihr preist euch glücklich.‹ Auch der Tyrann von Samos warf seinen Ring in das Meer, aber die Nemesis der Götter nahm diese Gabe nicht an. Ein Fischer brachte dem Tyrannen den Ring in dem Leibe eines Fisches zurück. Und Polykrates wurde all seiner Güter beraubt.« »Sie scherzen.« »Ich scherze nicht. Ich will den Reichen begreiflich machen, daß ihre Wohltaten nur eine Rabattzahlung sind und ihre Großmut wohlfeil ist, daß ihre Gläubiger nur darüber lachen, und daß sie sich auf diese Weise ihrer Schuld nicht entledigen können. Dieser Wink wird ihnen heilsam sein.« »Und solche Ideen wollen Sie im › Nouveau Siècle ‹ entwickeln und mir damit das Blatt zugrunde richten! Nichts dergleichen, lieber Freund, nichts dergleichen.« »Warum sollte der Reiche gegen die Armen anders handeln als den Reichen und Mächtigen gegenüber? Denen zahlt er, was er ihnen schuldet, und wenn er ihnen nichts schuldet, so zahlt er auch nicht. Das ist Rechtschaffenheit. Wenn das aber recht und billig ist, so soll er mit den Armen ebenso verfahren. Sagen Sie mir nicht, daß die Reichen den Armen nichts schuldig seien. Ich glaube nicht, daß ein einziger Reicher so denkt. Aber über die Größe der Schuld sind sie im Zweifel. Und man hat es nicht eilig, sich Gewißheit darüber zu verschaffen, man zieht es vor, sich eine unbestimmte Vorstellung davon zu machen. Man weiß, man schuldet, aber man weiß nicht wieviel, und man zahlt von Zeit zu Zeit eine kleine Abschlagssumme. Das heißt dann Wohltätigkeit und bringt obendrein Vorteil.« »Was Sie sagen, mein verehrter Kollege, hat keinen Sinn. Ich bin vielleicht ein entschiedenerer Sozialist als Sie, aber ich bin praktisch. Ein Leiden mildern, eine Existenz verlängern, ein Teilchen der sozialen Ungerechtigkeit wieder gut machen, das ist ein Resultat. Das wenige Gute was man tut, ist doch getan. Es ist nicht viel, aber etwas. Wenn die kleine Erzählung, die ich von Ihnen wünsche, auch nur hundert meiner reichen Abonnenten rührt und sie zum Geben veranlaßt, so wird hundertmal Armut und Leiden gelindert. Auf diese Weise gelangen wir allmählich dahin, das Los der Armen erträglicher zu machen.« »Ist es gut, daß das Los der Armen erträglich werde? Die Armut ist dem Reichtum unentbehrlich, der Reichtum ist der Armut notwendig. Diese beiden Übel entstehen eines aus dem andern und unterhalten sich gegenseitig. Man soll das Los der Armen nicht verbessern, das Los der Armen muß aufhören. Ich werde die Reichen nie dazu verleiten, Almosen zu geben, denn ihr Almosen ist vergiftet. Almosen tun den Gebern gut, nicht den Empfängern. Der Reichtum ist schon an und für sich grausam, er soll sich nicht noch obendrein in das trügerische Gewand der Sanftmut kleiden. Da Sie wünschen, daß ich eine Geschichte für die Reichen schreibe, so werde ich ihnen sagen: »Eure Armen sind eure Hunde, die ihr nährt, damit sie beißen. Die Unterstützten bilden für die Besitzenden eine Meute, die die Proletarier ankläfft. Die Reichen geben nur denen, die fordern. Die Arbeitsamen fordern nichts und bekommen auch nichts.« »Aber die Waisen, die Invaliden und Greise? ...« »Sie alle haben das Recht zu leben. Ich werde nicht Mitleid für sie erwecken, sondern ihr gutes Recht verlangen.« »Das alles ist reine Theorie. Kommen wir zur eigentlichen Sache zurück. Sie werden mir eine kleine Geschichte anläßlich der Neujahrsgaben schreiben. Sie können ja gern eine kleine sozialistische Pointe darin anbringen. Der Sozialismus ist jetzt in der Mode. Er gehört mit zur Eleganz. Ich spreche, wohlverstanden, nicht von dem Sozialismus eines Guesde oder eines Jaurès, sondern von dem Sozialismus, den die Leute der großen Welt mit Geschick und Geist dem Kollektivismus entgegensetzen. Bringen Sie mir in Ihrer Erzählung junge Gestalten. Sie soll illustriert werden, und man sieht gern angenehme Bilder. Stellen Sie in den Vordergrund ein junges Mädchen, ein allerliebstes junges Mädchen. Das ist doch nicht schwierig?« »Nein, durchaus nicht.« »Könnten Sie in der Erzählung nicht vielleicht auch einen kleinen Schornsteinfeger anführen? Ich habe da gerade eine fertige Illustration, einen Farbstich, der darstellt, wie ein junges Mädchen auf den Stufen der Madeleine einem kleinen Schornsteinfeger ein Almosen reicht. Es wäre eine vortreffliche Gelegenheit, das anzubringen ... Es schneit ... ihn friert ... das niedliche Mädchen übt Barmherzigkeit an dem kleinen Schornsteinfeger ... Sehen Sie die Szene vor sich?« »Ja, ich sehe es.« »Gut, so schmücken Sie dies Thema aus.« »Das werde ich tun ... Der kleine Schornsteinfeger wirft sich in begeisterter Dankbarkeit dem niedlichen Fräulein an den Hals. Die junge Schöne ist keine andere als die leibhaftige Tochter des Grafen Linotte. Er gibt ihr einen Kuß und stempelt die Wange des reizenden Kindes mit einem kleinen, rußigen O, einem allerliebsten, ganz runden, tiefschwarzen O ... Er liebt sie, und Edmée (sie heißt Edmée) ist nicht unempfindlich gegen ein so aufrichtiges, treuherziges Gefühl... Mir scheint, die Sache ist außerordentlich rührend.« »Ja, Sie werden etwas daraus machen können.« »Sie ermutigen mich also fortzufahren ... Als Edmée in ihre herrliche Wohnung am Boulevard Malesherbes zurückgekehrt ist, fühlt sie zum erstenmal eine heftige Abneigung, sich zu waschen, gar zu gern möchte sie den Abdruck der Lippen, die auf ihrer Wange geruht haben, behalten. Der kleine Schornsteinfeger aber ist ihr bis zur Schwelle des Hauses gefolgt und sieht in Verzückung unter den Fenstern des jungen Mädchens ... Geht es so?« »Ja, ausgezeichnet!« »Ich fahre fort... Am andern Morgen sieht Edmée von ihrem weißen Bettchen aus, wie der Schornsteinfeger aus dem Kamin herausschlüpft. Er wirft sich unbefangen auf das entzückende Mädchen und bedeckt es über und über mit kleinen, rußigen O's. Ich vergaß noch zu sagen, daß er außerordentlich schön ist. Die Gräfin Linotte überrascht ihn bei seiner süßen Arbeit. Sie ruft und schreit um Hilfe. Aber er ist so vertieft, daß er nichts hört noch sieht.« »Mein lieber Marteau! ...« »Er ist so vertieft, daß er nichts hört noch sieht. Der Graf eilt herbei. Er ist ein echter Edelmann, so ergreift er denn den kleinen Schornsteinfeger beim Hosenboden, der sich gerade seinen Augen darbietet und wirft ihn zum Fenster hinaus.« »Mein lieber Marteau! ...« »Ich fasse mich kurz ... Neun Monate später heiratete der kleine Schornsteinfeger die adlige junge Dame. Und es war hohe Zeit ... Das sind die Folgen einer wohlangebrachten Mildtätigkeit!« »Mein lieber Marteau, jetzt haben Sie sich aber genug über mich lustig gemacht.« »Glauben Sie das nicht. Ich komme zum Schluß ... Nachdem der kleine Schornsteinfeger Fräulein von Linotte geheiratet hatte, wurde er päpstlicher Graf und ruinierte sich bei den Rennen. Heute ist er Rauchfangsachverständiger in Montparnasse in der Rue de la Gaité. Seine Frau hat einen Laden und verkauft Salamander zu 18 Francs, die in acht Monaten zahlbar sind.« »Mein lieber Marteau, das ist durchaus nicht lustig.« »Gemach, mein lieber Horteur! Was ich Ihnen soeben erzählte, ist im Grunde ›der Fall eines Engels‹ von Lamartine oder ›L'Eloa‹ von Alfred de Vigny. Alles in allem hat das mehr Wert als Ihre kleinen larmoyanten Geschichten, die den Leuten vorspiegeln, sie seien gut, und doch sind sie es nicht, sie erwiesen Wohltaten, und doch tun sie das nicht. Sie machen es sich leicht, barmherzig zu sein, und doch ist es das schwerste Ding von der Welt. Meine Geschichte ist moralisch. Außerdem ist sie optimistisch gehalten und endet gut. Denn Edmée fand in dem Laden in der Rue de la Gaité das Glück, nach dem sie vergeblich gesucht hätte inmitten der Zerstreuungen und Feste, wenn sie einen Offizier oder einen Diplomaten geheiratet hätte ... Nun, mein lieber Direktor, ist die Sache abgemacht, nehmen Sie ›Edmée‹ oder ›Wohlangebrachte Mildtätigkeit‹ für den › Nouveau Siècle illustré ‹?« »Sie sehen aus, als fragten Sie mich das im Ernst?« ... »Ich frage Sie allerdings in allem Ernst. Wenn Sie meine Geschichte nicht wollen, so werde ich sie eben anderswo veröffentlichen.« Wo?« »In einem Familienblatt.« »Da kamen Sie schön an.« »Das werden wir ja sehen.«