Emil Gött Mauserung Lustspiel in fünf Akten     C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck – München 1911     Personen         Herlinde , eine Gräfin, als Kind verheiratet, bald Witwe, wenig über zwanzig Jahre Ihre Tante , ältere Dame Ein gräflicher Vetter , großer Junge von achtundzwanzig Ein Fürst , alt, sich jünger gebend im Hause der Gräfin:     Roland , Sekretär, sechsundzwanzig     Bechtold , Hausverwalter, gravitätischer Fünfziger     Seyfried , Stallmeister, feuriger Graukopf     Dienerinnen:         Maria , siebzehn         Bella , um die dreißig Tristan , Rolands Bursche, Knirps, jünger als sein Herr Lukas , Jäger des gräflichen Vetters, gegen die vierzig, rotnäsig Konrad , Diener des Fürsten, Weißkopf Ein Diener des Hauses, jüngerer Mensch Männliche und weibliche Dienerschaft verschiedenen Alters Ort: Schloß der Gräfin in großer deutscher Strom- und Berglandschaft Zeit: Beginn der Aufklärung. Nach mündlicher und schriftlicher Äußerung des Dichters ist die Zeit der »ersten« Aufklärung gemeint, der Anfang des 17. Jahrhunderts.   Erster Akt (Halle des Schlosses; nach hinten durch weite Bogen Blick in Garten- und Berglandschaft und Treppe nach jenem hinunter; links Treppe nach oben, vorn eine Pfeilerstellung, jenseits derer die Halle sich fortzusetzen scheint, hinten ein zweiter Abgang; rechts Pforte in die Gemächer der Herrin; daneben nach hinten eine Athene, dahinter Pflanzengruppe; nach vorn eine Wandbank und ein paar Sessel.) Erster Auftritt (Auf der Bank in abgewendeter Haltung Herlinde , vor ihr der Fürst ) Herlinde . Nein Fürst! ich glaub, ich muß mein Ohr verweigern – Es sträubt sich zu verstehn, was es vernimmt! Fürst . Nicht doch! ich bitte um ein feines Ohr, Das mich, wenn nicht erhört, so doch entsühnt! Herlinde . Bedarf es des? So wäre Schweigen besser – Das sagt mein widerstrebendes Gefühl! 6 Fürst . Verzärteln Sie das nicht – es tut ihm gut, Auch dann und wann ins Feuer zu geraten! Doch sah ein Freier schlechtere Auspizien! Schon wirbt er nur noch um Verstandenwerden – Und Frauen wollen lieben , nicht verstehn! Herlinde (lächelnd) . Das dürft es sein! Doch für den werten Freund Kann ich auch einmal andern Göttern opfern! Fürst (seufzend) . Ein wenig blutleer freilich ist mein Werben – Wie spür ich es vor dieses Lebens Fülle! Und doch: die Summe muß gezogen sein! – Ich bin nicht alt und kalt und tot genug, Um nicht an Ihrem Reize zu erglühn – Doch wirkt des Haares Bleiche tief hinein, Und Lebensweisheit hält dem späten Sturm Mit ihrem lähmenden Gewissen stand, Und sichrer gibt der unbestochnen Wage Das Goldkorn sich nicht hin, als meinem Takte Das blühende Bedürfnis Ihrer Jugend! Nur deren erster Ritter wollt ich sein Mit all den guten Waffen meines Rangs – Und nicht der winterliche Kerkermeister, Der Büttel grau und greis, dem Ersten gleich, 7 Den Sie mit Lust begruben! Nein, Frau Gräfin: Die Eitelkeit auf meinen Ruf als Geist, Den mir der Menge Unverstand verleiht, Bewahrt mich vor der letzten Abgeschmacktheit, Aus der so mancher Narr zur Grube fährt. So bot ich Ihnen meinen Hag zum blühn, Wie einer edeln Blume meinen Garten – Sie lächeln, Gnädigste! – Wie darf ich's deuten? Herlinde . Ich muß die Kunst doch immerzu bewundern, Mit der des Worts unübertroffner Meister Die schwärzeste der Sachen schneeweiß färbt! Und doch: nicht an den Kleidsaum soll mir rühren Die Armut solchen überprunkten Glücks! Nein, Fürst – nicht doch – mein väterlicher Freund, Der meiner Jugend herbes Schicksal kennt – Nicht noch einmal, nicht noch einmal vermählt! Wenn ich – ich denke nicht daran, doch setz es – Wenn ich dies Leben, das nach langer Haft Nun dreier Jahre freie Kraft genossen, Aus Müdigkeit, aus Sättigung am Glück, Oder auch aus einem Reste Ungenügens Zum zweitenmal – doch nun aus freier Wahl In eines andern Willen geben sollte, So – (Verstummt) 8 Fürst .     So? Herlinde .     So muß ich ihm noch Atem leihn? Kann es ein andrer sein als nur der eine, Mit dem ich restlos ganz zu einem Leben In ungeteiltem Doppelsein verschmölze – Vor Gott und Mensch und uns – zusammen eins? Fürst . Ich fühle meinen Schmerz dem Staunen weichen Vor dieser Glut der – hm – Tugend – unerhört! Doch wenn mir eine Frage noch vergönnt – Denkt meine – töchterliche Freundin sich – (Zögernd) Den einen an Geburt auch ebenschultrig – –? Herlinde (sich aufrichtend, über die Schulter) . Oder? Fürst (vorsichtig) .             Es hat schon Göttinnen gegeben, Die vom Olymp zur Erde niederstiegen, Wo Menschensöhne göttlicher sie dünkten – Herlinde (noch höher) . Hat diese Frage ein bestimmtes Ziel? Fürst . Mit nichten, liebe – Tochter! Eine Sorge, 9 Nein eher eine Hoffnung löst sie aus: Daß Ihre stolze Hand nicht nieder greift! Herlinde (hoch und kühl) . Des darf der Fürst gewiß sein. (Wendet sich)   Zweiter Auftritt                                                     Ah der Vetter! (Für sich) Ein neuer Sturm! Der Tag ist heiß – o Hetze! Der gräfliche Vetter (heraufkommend) . Er ist's, Herlinde – grüß dich Gott, da bin ich!         (Will sie umarmen, sie hält ihn zurück, auf den Fürsten weisend; er steif zu diesem) Servus! – Warum so kalt? Ich hab dir auch Was Rechtes mitgebracht, wie ich versprochen: Die ganze Strecke dieses Tags ist dein –         (Sie nach der Treppe führend) Da guck sie dir mal an – Lux aus dem Weg! – Zwei kapitale Hirsche, sieben Rehe, Ein Stücker dreißig Hasen, zehn Fasanen – Dazu ein Fuchs – Herlinde (verzweifelt) . Mein Gott, das viele Wildbret! Lukas (heraufkommend) . Ein stolzer Sechzehnender wär noch dabei, Euer 10 Gnaden, aber dieser Simpel von Heiner; ich steh da, und dort der Eichbusch, und von da überfällt der Hirsch die Lichtung – Herlinde (lächelnd) . Schon gut, mein lieber Lux, ein andermal! – Was bringst du sonst, mein Vetter? (Lukas zieht sich unzufrieden zurück) Vetter .                                                       Was ich sonst –?         (Sieht den Fürsten an, der ihn unterdessen mit dem Lorgnon gemustert hat) Fürst (lächelnd) . Ich will nicht stören, liebe Gräfin! Herlinde (um ihn zurückzuhalten) .                                                             Oh – Der Vetter wird doch kein Geheimnis haben? Fürst (amüsiert) . Es scheint mir doch! Vetter .                                 Nun ja, ich muß gestehn – Ich hab vom Papa was Besondres – Herlinde .                                                   Ah –!         (Zum auftretenden Hausverwalter) Wann speisen wir? 11 Hausverwalter .             In einer Stunde, Herrin! Herlinde (zum Fürsten) . Bis dahin also! (Er küßt ihr zierlich die Hand und umgeht den Grafen, der unterdessen mit dem Hausverwalter Blick und Geste wechselt, worauf sich auch dieser zurückzieht)   Dritter Auftritt                             Und, mein lieber Vetter? (Setzt sich) Vetter . Kannst du noch fragen, was ich von dir will? Herlinde (seufzend) . Ihr wollt so viel von mir! Rührt nicht dein Vater Den alten Grenzstreit, den wir kaum geschlichtet, Aus nichtigen Gründen eben wieder auf! Vetter . Es kostet dich ein Wort nur und so klein! Und aller Hader legt sich! Mein und Dein Verschmelzen sich und nehmen ihm den Grund – (Lebhaft) Doch nur dem Papa ist's darum zu tun – Mir nicht! Du darfst es glauben! Ich will dich, Und wollte dich, wärst du das ärmste Fräulein Aus einem Bettelstift, mein Wort darauf! 12 Herlinde . Wie oft hab ich gezeigt dir, was uns trennt – Vetter (einfallend) . Ach was, 's ist dummes Zeug! Ich bin wohl rauh Und ungeleckt, und schwer ist meine Zunge, Doch stell ich meinen Mann in jedem Stück, Wo Männerwerk nach einem Mann verlangt: Ich fall den Bären mit dem Messer an, Zermürb den wildesten Hengst mit meinen Knochen,         (Hält ihr den gebeugten Oberarm hin) Und – da greif her! – und such dann einen Gecken, Der eine Nuß im Ellenbogen knackt Wie ich! Herlinde (lächelnd) .                 Sei unbesorgt, mein lieber Vetter, Ich kenne deine Stärke! Aber sag: Wie du mich kennst, glaubst du, mir sei's genug? Vetter . So schlag dazu noch, wie ich gut dir bin! Und glaub, wir passen nicht so schlecht zusammen: Ein rechter Pelz besteht aus Woll und Granne! Herlinde (lachend, aufstehend und ihm die Hände auf die Schulter legend) . Wie bist du drollig und ein guter Kerl! 13 Doch quäl mich heut nicht länger! Komm zum Essen! Dann schläft ein jeder eine Nacht darüber, Und morgen, guter Junge – Vetter (eine ihrer Hände küssend) . Hab ich Antwort? Und gute? Laß mich hoffen – Herlinde .                                           Besser nicht – Das Hoffen ist ein ungesundes Ding. Vetter (ungestüm) . Und wenn! ich hoffe doch! Herlinde (im Abgehen) .               Der arme Junge! Vetter . Nur eins, Herlinde, sag mir noch – Herlinde                                                         Was ist's? Vetter . Sei mir nicht bös darum! Herlinde .                                       Wir wollen sehn! 14 Vetter . Du hast den Schreiber immer noch bei dir? Herlinde . Den Schreiber? Ah – du meinst – nun ja, noch immer! Vetter . Verflucht! Herlinde .               Was hast du? Vetter .                                           Ist es zu ertragen! Herlinde . Bist du bei dir? Vetter .                                 Der Kerl bringt mich zum bersten! Du tust so dick mit ihm, geht das Gered – Herlinde . Wer wagt –? Wer darf –? Wer kann –? Gemeine Welt! (Abrauschend) Vor der ein Stirnen bündnis nicht besteht! Vetter . Nun Gott sei Dank, wenn du es so verschwörst: Ich trüg's nicht, wär der Windhund mir im Weg! (Ab nach der Gegenseite) 15   Vierter Auftritt Verwandlung . (Es ist Abend geworden, die Lichter brennen auf den Trägern. Herlinde und Tante kommen aus dem Garten herauf) Tante . Du bist in einer wunderlichen Stimmung! Herlinde . Das stimmt! Tante .                             Dein Auge funkelt – Herlinde .                                                           Tut es das? Tante . Doch hinter seinem Zorne blitzt die Träne! Herlinde . (Heftig umkehrend) Was blitzt? Gib acht, wo's blitzt, da donnert's bald! Tante . Da grollt es schon! Nun ja, die Luft ist schwül!         (Pause) Du hast die Gäste früh sich überlassen! Herlinde . Ich bin so müde – so entsetzlich müde! 16 Tante . Ja so ein Tag muß auf die Nerven schlagen: Zwei Freier auf einmal, die (Seufzt) nicht behagen! Wann kommt der Prinz doch aus dem Märchenland, Der deiner hohen Träumerei genügt? Herlinde (sich setzend) . Wie bin ich dieses ewigen Zerrens laß Und sehne mich nach Ruhe, Frieden, Stille – Wie ich die Männer hasse – Tante .                                               Alle? Herlinde (leidenschaftlich) .                       Alle! (Tante seufzt) Ah, diese Hände all, die mich betasten! Die einen plump, die andern frech, die besten Noch lüstern – (Zur Seite, flüsternd)                           Und nur einer hält an sich! (Versinkt in Brüten) Tante . Dürft ich – mit aller Vorsicht – etwas sagen? Du selbst wie auch dein Gut bedarf des Schirms, Und die erwünschte Ruhe fändest du Am ehsten bei dem Fürsten – Herlinde (auffahrend) .                     Wie? auch du? Da ich noch zittre von der lästigen Wehr? 17 Tante . Was heißt das: lästig! Wirbt ein Mensch diskreter? Vom Vetter sag ich nichts – der arme Junge: Die Mutter kannt er nie! Vom rauhen Vater Den Mägden und den Knechten üherlassen, Wuchs er im Stall heran, auf Feld und Weide Und mehr im Bergwald noch auf Pirsch und Hatz – Er wäre eine allzu derbe Schale Für so ein lichtes Perlchen! Doch der Fürst, Der erste Kavalier im weiten Land, Ein Mann von Welt, erlesner Geistesbildung, Als Kenner aller Künste unerreicht, Freigebiger Gönner jeder Wissenschaft, Im Staatsdienst wohl erprobt, des Kaisers Rechte, Erlauchtesten Geblütes, reich und mächtig – Herlinde . Genug! Ich weiß das alles! Aber doch Will meine Hand sich mehr denn je besinnen, In seine sich zu fügen! – (Mehr für sich) Glanz des Namens: Läßt er den Gatten mir zur Seite blühn? Macht – gibt sie Glück? Geist – weiht er auch das Leben? Oft fürcht ich seinen Geist und hass' ihn fast: Er raubt den Dingen ihren heiligen Schleier Und mit ihm viele Schönheit! Welt und Leben Verlieren Grund und Ziel, selbst Wirklichkeit – Und von dem ganzen Wunder dieser Schöpfung 18 Bleibt nur ein fader Traum in der Retorte! Nein, nein, mich schauert! Nicht in diese Welt! Tante . Ja, ja, ich weiß, in welche dir gefiele – Du bist verwöhnt durch deinen Abgott Roland! Der ist dein Fall – (Herlinde zuckt unwillig auf)                                 Ich sag es ohne Spott – Auch ohne Vorwurf – denn er ist scharmant! Wie schad, daß er von niedriger Geburt! Es ist vom Schöpfer mir nicht recht verständlich, Daß er dem Pöbel solche Kinder gibt! Mir bangt, du denkst dich nicht mehr ohne ihn! Herlinde . Sag so: Ich bin mein Leben nicht mehr ohne ihn!         (Mehr für sich) Wie lebt er hier in tausend feinen Spuren Und starken Zügen, die nicht sterben werden! Sein Wesen hat das meine ganz durchwirkt. Was diese leere Brust in ihrem Dürsten Von Gott und Welt und Mensch zu wissen drang, Er hat's in vollen Zügen ihr gewährt! Mit seinem Aug und Ohr muß ich nun lauschen Hinaus ins ewig dämmernde Geheimnis –         (Tritt an die Brüstung und spricht hinaus) O Gott! Wie groß ist deine Welt geworden 19 Seit er das niedrige Gewölbe sprengte Und im Urabgrund des unendlich Einen, Von Welten wimmelnd ohne Maß und Zahl, Vernichtigt meinen Blick versinken ließ! Tante . Ja, ja – ich kenne eure Andachtsstunden! Sie haben dich der Kirche ganz entfremdet – Man spricht im ganzen Gau davon – zuck nur! Herlinde . Ihr könnt nicht Ungewöhnliches ertragen! Tante . Tauf es recht schön! Doch sollt es mich nicht wundern Käm noch ein recht Gewöhnliches heraus! Auch Ungewöhnlichkeit schützt nicht vor dem! Ja, diese Männer! – Haß ist just nicht nötig – Doch Vorsicht – Vorsicht! liebe Nichte, rat ich! – Wir wollen jetzt hinein – (Ihr Tuch fester ziehend) es kühlt bedenklich! Herlinde . Laß mich ein wenig hier, der Abendstille Und meiner Einsamkeit die Brust zu bieten. Tante (unschlüssig) . Wenn es dein Ernst ist – 20 Herlinde .                                   Bitte!         (Jene geht hinein; Herlinde wirft sich in die Ecke einer Ruhebank und schlägt eine Hand vors Auge)                                                         Ah – ich bin Von mehr als dem zerrissen und zerspellt!         (Springt auf, zischend) Ich muß ihn sehn! Noch heut und jetzt! Wie kalt Hielt er am Tische zwischen meinen Gästen Und konnte geistreich sein! (Knirschend) Ich muß ihn sehn, Und muß erforschen, was sein Herz bewegt, Da er mich wanken sieht und schwanken und – Vielleicht in eine Ehe gleiten! – Gut! (Geht hastig hinein)   Fünfter Auftritt (Nach einer kleinen Weile kommt der Verwalter von links, bleibt stehen, gähnt, sieht auf die große Taschenuhr, die er umständlich herauszieht; dann lauscht er auf und wird lebendig; die Pforte öffnet sich und Maria springt über die Bühne zur Treppe, vor der er ihr den Weg vertritt.) Hausverwalter . Ein Wort, Maria! Maria .                                               Bitte, gebt mir frei! Hab eine dringende Bestellung oben – Die Herrin wartet – 21 Hausverwalter .               Nur ein einzig Wörtchen. Maria . Ihr habt schon stark ein Dutzend, laßt mich durch!         (Bricht sich Bahn und betritt die Treppe) Hausverwalter . Gezählte, liebes Kind! will ich gezählte? Ein einziges gewognes – Maria .                                         So? Nun denn: Ich lad Euch ein – gewogen mir zu bleiben! Hausverwalter . Ei sieh, wie bissig! Und das mir! und heut! Ich hab unendlich Wichtiges für dich: Die Kämmerei ist mir so gut wie sicher! Maria . Was liegt mir dran? Hausverwalter .                   Bedenk: das wärmste Nest, Das sich ein junges Weibchen träumen kann! Maria . Bin für kein warmes Nest – mit Euch darin! Hausverwalter . Empörend! – Lauf nur deinem Windhund nach! 22 Maria . Wem lauf ich nach? Hausverwalter .                   Ja, tu nur so unschuldig! Und renn ins Unglück! Ist's nicht wie man sagt: Der Mensch liebt was ihn reizt , nicht was ihn liebt! Maria . Das scheint bei Uns zu stimmen: lieb ich Euch? Auch geb ich ohne Hehlen gerne zu, Daß Ihr mich herzlich wenig – reizt. Gut Nacht! (Hinauf) Hausverwalter . Wie wird – wie ist mir? – ha, es ist empörend! Nenn einer doch die Frauen zart! Wie grob Weiß so ein Patschchen seinen Korb zu flechten! Und ich! Reiß ich mich los von ihrem Füßchen? Wie sie es setzt und löst und wieder setzt Und leicht und süß hinauf schwebt – ach! ich spür's: Ich komm nicht los von ihr! Der süße Fratz: Je grausamer er ist, je stärker haft ich!   Sechster Auftritt Bella (vom Garten heraufkommend) . Ein wundervoller Abend, Herr Verwalter!         (Er fährt zusammen) 23 Es war zu schön für mich allein! Der Himmel Hat mich hereingeführt! Hausverwalter .                       Der Himmel? Jesus! Mir wird so schwül! (Ab zur Seitentüre) Bella .                                 Was ist, seid Ihr verstimmt? Nicht einen Gruß? Hausverwalter .             Wie – sagt ich nicht gut Nacht? So hab's denn, liebe Jungfer: süße Ruhe! Bella . Ihr weicht mir aus? Hab ich's um Euch verdient? Hausverwalter . Ausweichen, liebe Jungfer? Keine Rede! Ich hab nur noch unendlich viel zu tun! Schlußrechnung, weißt du! oh die Bücher – Bücher! Sie sprengen mir den Kopf! Gut Nacht, mein Holdchen! (Ab) Bella . Was hat der Alte? Meint er zu entschlüpfen? Er stellt dem Grasaff nach, ich weiß es wohl – Doch eh er dieses Gickack setzt ins Nest, Will ich gehörig meine Fänge rühren – (Es schellt drinnen) Was hat sie wieder? (Ab nach innen) 24   Siebenter Auftritt (Die Treppe herunter kommen Roland und Maria in verliebter Verschlungenheit, er drängend, sie schmachtend wehrend.) ^ Maria (sich windend) . Ich bitte dich, nicht weiter so! Roland .                                               Dein Ja! Maria . Bedenke, wenn uns jemand sähe – hörte! Roland . Es hört und sieht uns niemand, sag: du kommst? Maria . Wenn du nicht mein Verderben willst, so laß mich – Man kommt – (Reißt sich erschrocken los, sie stehen einen Augenblick lauschend) Roland .                     Du siehst, es war ein blinder Lärm –         (Sucht sie wieder zu fassen) Maria (ausweichend) . Doch jeden Augenblick kann jemand kommen! Roland . Ein Kerl um ihm den Schädel einzuschlagen! Er stiehlt mir diese köstliche Minute, Noch eh er da ist, der verfluchte Jemand! 25 Maria . Auch wird die Frau schon ungeduldig sein – Sie hieß mich eilen, und wie lange säum ich! – Geh mach nur schnell! (Sucht ihn zu beschleunigen) . Roland (erhascht sie) .           Nicht ohne dein Versprechen – Du kommst hernach? Maria .                                 Es kann, es darf nicht sein – Du machst unglücklich mich! Roland .                                             Ans Fenster nur! Nur einen süß gewürzten Augenblick Im Arm dich halten – Maria .                                 Dem ich kaum entrann! Du Unersättlicher! Geht doch, ihr Männer! Da seid ihr alle gleich: man läßt ein Fleckchen, So groß kaum, daß der Ziege Huf es faßt – Gleich grabt ihr euch mit beiden Füßen ein, Erbarmungslos, wie nur der Feind am Wall – Wir hätten Grund, ein Berg von Glas zu sein, So hart und glatt, daß euch kein Eisen hülfe! 26 Roland . Törichtes Hoffen, euch vor uns zu schützen! Wir stürmten dann im Fluge durch die Luft Und kämen heiß und schwer als Feuerwolken Und raubten euch den Atem! Siehst du: so!         (Überwältigt ihren schwachen Widerstand, küßt sie) Maria (sich windend) . Laß! Laß! Roland .             Weißt du, wie süß du bist? Maria (ihm den Mund schließend) .                 O geh! Du bist so wild, und ich so schwach, so schwach! Und du wirst sein, wie alle Männer sind: Du wirst mich küssen – und des Weges gehn! So viele schöne Worte kannst du machen – Doch nie sprachst du von – (Verstummt) Roland .                                         Von? Maria .                                                     Kannst du noch fragen? Was erst die Echtheit einer Glut bezeugt, Weil Dauer sie und Weihe heischt – 27 Roland (unruhig) .                                         Ah so! Lieb Kind – Lieb Kind! Maria .                                     Sprich doch! Roland .                                                           Wie soll ich sagen – Maria (die Hand ans Herz legend) . So hast du nie daran gedacht? O Gott! Roland . Es wäre mir so leicht, dich zu belügen, Doch bist du mir zu gut! – Ich durft es nie –: Unstet bin ich! Nicht Amt, noch Heim, noch Ziel Setzt meinem Schweifen einen festen Pol. Hier hab ich ausgedauert, es ist wahr – Doch sitz ich wie der Vogel auf dem Zweig: Ein Zug und Trieb – ein Husch und ich bin weg! Und innen? Schließ dein Aug! Ein Felsenmeer Liegt wüster nicht als meines Wesens Blöcke, Und kein Gewissen weiß mich zu versichern, Ob es Bausteine sind des Werdenden – Ob Trümmer des Verkommnen! – Maria (an seinem Halse) .                         Sprich nicht so! Du machst dich schlechter vor mir, als du bist – 28 Das mag ich nicht – und diese böse Falte! Auch sollst du wissen: ich bin nicht so arm! Der Pate hat sein Häuschen mir vermacht, Neun Tagwerk Feld und Weinberg sind dabei –         (Roland lacht herzlich) Du lachst? Und auch die Herrin ist uns gut –         (Er lacht weiter) Und hilft uns gern – warum nur lachst du so? Roland . Lieb goldig Kind, dein Häuschen rührt mich so! Wie weiß und niedlich hängt's an seinem Berg – Und eben seh ich dick und friedlich mich Aus seinem rebumlaubten Fenster gucken Die Troddelmütze überm linken Ohr – Unschuld! Der Taubenschlag wär meine Welt? Maria . Geh, spott nicht so! Wir können's ja verkaufen –   Achter Auftritt Herlinde (langsam aus der Pforte) . Man unterhält sich hier so ausgezeichnet, Daß ich die halbe Nacht wohl warten könnte – Roland . Wir waren im Begriffe einzutreten – Bitt um Vergebung – 29 Herlinde (sich fächelnd und die Luft genießend) .                                     Laßt uns hier verweilen – Es ist so schwül in den Gemächern – (Zu Maria) Du? Maria (verwirrt) . Ich sehne mich ein wenig in den Garten –         (Auf einen Wink ab) Herlinde (auf und ab) . Ich hab Ihn nochmals zu mir herbemüht Um – eh (Verstummt) Roland .           Ich steh der Herrin zu Befehl! Herlinde . Der Tag entläßt mich in Verworrenheit Und ich entbehre Seiner guten Stimme! Roland . Die Herrin weiß, daß mir ein Wink genügt – Herlinde . Fast war die Hand zu schwer zu diesem Winke –         (Tritt an die Brüstung und schaut eine Weile hinaus) Das ist der Jupiter? Roland (nach einem Schritt und Blick) .                                   Ja Herrin. 30 Herlinde .                                           Herrlich! Er steht auf jenem Gipfel wie ein Feuer – Nur ruhig, milden Scheins und ohne Flecken – Ob wohl auch Wesen sich auf ihm zerfleischen! – Ich bin unglücklich, Roland! Roland .                                           Teure Frau! Das ist ein Unrecht oder eine Schwäche! Auch weiß ich, nur Besinnung tut hier not – Herlinde . Besinnung – ja Besinnung! Doch im Schwanken Und in des Auges Trübe wird sie teuer. Roland . Nur nichts in sich versinken lassen, Herrin – Ein Ruck der stolzen Schulter – und Ihr wacht! Herlinde . Er weiß sehr wohl, daß mich kein Traum bedrückt – Roland . Herrin, dem Wachenden ist alles Traum Was ihn bedrückt: – Ist er nicht frei geboren? Herlinde (fast heftig) . So weck Er mich! – Verzeiht, ich bin gereizt!         (Zieht ihr Tuch und bemeistert einen Weinanfall, dann springt sie auf) 31 Ergeben? Nein! Nicht noch einmal – ergeben!         (Tritt an die Brüstung und spricht herb hinaus) O meine Jugend! deren Traum und Spiel Und Blüt und Duft ein unbarmherzig Schicksal Mich einem Greisen aufzuopfern zwang! O Glück – entweihtes! Schmach – nicht auszudenken! Gram – untilgbarer – nein! dem Herrn sei Dank, Der endlich – nein! ich schuld ihm keinen Dank: Es kam zu spät, daß er den bleichen Engel Den bleichen Alp von mir zu nehmen sandte, Mich wieder mir, des Lebens lichtem Tag Und seinen zarten Festen wiedergab – Nicht noch einmal – nicht noch einmal vermählt – Ver mählt! Zer mählt! – Verzeiht – Ich ließ mich gehn! Roland . Herrin! Es ist für mich ein schmerzlich Glück, Der Zeuge solchen Sturmes sein zu dürfen Und – ihn an mir verbrausen lassen müssen. Reglos – zu Stein gebannt – als eine Säule, Um die ein Leben loht – kann ich denn helfen? Ich bitt es selbst zu sagen: kann ich helfen?         (Nach einigen schwachen Versuchen zu sprechen, wendet sie sich ab; kleine Pause) Ich sehe meine Frau in einer Lage Die sie noch jüngst mit Epiktet belächelt: 32 Sie will das Glück der Frau, die Macht der Fürstin, Die Ware und den Preis – das gibt es nicht! Herlinde . Ist diese Weisheit Seine ganze Hilfe? Sie ist so kalt wie Spott! Roland .                                     Dem Fiebernden Wird leicht die Hand des Arztes eisig dünken! Herlinde . Auch lieblos! Roland .                             Lieblos? Herlinde .                                         Ja! nicht eine Spur Von Mitbewegung zeigt er – Roland .                                           Wie der Arzt: Nur Sorgfalt! Herlinde .               Sorgfalt? Roland .                                   Ja! wie durft ich auch Nur eine Spur von mehr als Sorgfalt zeigen? Ich, meiner Herrin Diener! 33 Herlinde .                                       Nur ihr Diener? Der Freundschaft tausend Zeichen denkt Er nicht? Roland (mit stürmischem Akzent) . Mit Innigkeit und wärmstem Glücksgefühl – Doch wie es schmerzhaft an dem Kranz von Eis, Der Eure Höhe von der Niedrung scheidet, Zurückzuckt, meßt Ihr nicht? Wo stünd ich heut, Wenn diese Glut je diesen Wall beleckte! (Sie tut einige unsichere Schritte, dann läßt sie sich wieder abgewendet auf die Bank nieder) Herlinde . Ich habe das Gefühl, mich klein zu machen, Täuscht Er der Lage jeden Ernst hinweg! Roland . Den Ernst nicht, nur die Furcht vor – zu viel Ernst! Und nicht durch Täuschung! Sag mir doch die Herrin: Was in der Welt, welch ehernes Gebot Zwingt Euch, nach zwanzig abgeschlagnen Andern, Des Fürsten oder Eures Vetters Werbung Als Fessel um den Nacken Euch zu schlingen, Minervens und Dianens keusche Freiheit, Der Amazone Willen aufzugeben? Doch nur die Furcht! Vor was? Vor Sorgen, Kämpfen, Die vorerst Einbildung nur schreckhaft malt! 34 Nun wohl: der Kampf schafft Arbeit, raubt die Ruhe, Schlägt Wunden, bringt Verluste – aber Herrin, Ist denn die Kraft nichts, die wir so gewinnen? Und, brächen wir im Kampfe, nichts die Ehre? Herlinde (aufstehend) . Ich dank ihm! Alles ist so übereinfach – Und doch, da bleibt ein unerklärter Rest Der mir die Brust beklemmt! Er hat so recht – Und es erquickt mich nicht, es macht mich bitter, Und das befreite Auge bleibt umflort. Roland . Es ist der Ungenuß der Überzeugung, Daß sich im Kreise unsrer Hochgebornen Der Mann nicht findet, der Euch voll ergänzt! Wär mir denn fremd das höhere Bedürfnis Der reichbegabt- und hochgespannten Seele? Mir, den sie mit dem hohen Glück beehrt, Den edelsten der Dürste zu geleiten Auf seiner raschen, nimmersatten Suche Nach Wissen von der Welt und ihrem Schönen? Nach oben weiß ich diesen Blick geschlagen, Verehren müßt Ihr können um zu lieben, Und nur dem Höheren paart sich dieses Leben! Herlinde (leise, das verhaltene Spiel einer mächtige Bewegung schließend) . Und dieser Höhere – wenn Er so meint – 35 Ich dank ihm drum, daß Er so hoch mich stellt, Selbst wenn er sich verschätzt – wo find ich ihn? Roland (schwer atmend, zögernd) . In unsres Landes engerer Begrenzung –? Nachdem der Einzige, in dessen Hut Ich meine Herrin mir noch denken könnte, Zu tief im Winter steht – und Euer Leben Um seinen Lenz, um einen seiner Lenze Im bösen Schach der Politik betrogen, Muß , wenn es drängt, nach seinem Frühling drängen – So weiß ich in der weiten Runde Keinen! Wir trauern lang schon über dies Geschlecht, Rückständig ist des Menschen Höherzug, Voran nur im Verfall! Verdummt, entnervt, Roh oder faul! Noch mehr der edeln Frauen Darben nach Leben, das sie aufwärts führt – So meine Herrin: einsam fühlt sie sich. Herlinde . Wie Er das Alles weiß! Da ich nicht leugne, Muß ich an Stolz verloren haben, wie? Recht hat Er: ich bin einsam! Jeder Werber Läßt mich die Tiefe dieser Armut fühlen, Und Er auch weiß nicht Einen in der Runde, Nicht Einen, der auf einen Punkt vereinte Hirn, Herz und Kraft, in würdiger Gestalt? 36 Ein Licht, das wärmt, ein Feuer, das erhellt Und unsre Fülle nicht zu nichts verzehrt! So wär der Ganze also nicht geboren, Der Beste noch ein Halbes, eine Hülle Zu einem prahlenden Phantom gebauscht, In dem ein Stückwerk klappert? Laß Er mich! Wenn Er mir diesen Stern vom Himmel reißt, So soll mein Sehnen zu sich selbst verkriechen         (Wendet sich zum Gehen) Und dieses Zwitterlicht des Tages scheun! Gute Nacht! (Umkehrend) oder nein doch, prüf er noch einmal: Nicht Einen weiß er, Einen in der Runde? Ist selbst ein Mann, und weiß doch Keinen – Keinen! Roland (düster beginnend, zum Schluß kühl und fest) . Vielliebe Frau! Tief gräbt sich Euer Zahn In das, was ich von Mannheit in mir spüre – Ich muß ihn nagen lassen – kann ich dienen? Wenn sich der Kerl mal fände, der zur Not Natur und Bildung wünschenswert vereint – So ist er wieder durch Geburt ein Lump! (Herlinde sieht ihn an, ringt danach noch etwas zu sagen, dann wendet sie sich und schreitet grußlos hinaus; er verbeugt sich, dann richtet er sich auf und blickt ihr mit wildem Ausdruck nach) Roland (heiser) . Was ist das? treibt zur Frucht ein langes Warten? 37 Die unterm Schmelze des bewegten Lebens Sonst ruhte als ein marmorn Götterbild, Bekommt sie Blut? Steigt sie herab vom Sockel? So wär es denkbar doch! – Hinweg, mir schwindelt!   Neunter Auftritt Maria (kommt aus dem Garten herauf und wirft sich an seine Brust) . Geliebter! Roland (verwirrt) . Du?! noch auf? – Maria .                                                 Mein süßes Unglück! In rasender Zerstörung lag ich draußen Und hielt die Füße des Apoll umschlungen Und küßte sie, als wären es die deinen – Warum bist du so kalt? Sie waren wärmer! Roland (zerstreut) . Die Herrin war so wunderlich – Maria .                                                   Laß sie: Der Augenblick ist mein! Sag, bist du bös, Daß ich so sehr an mich gedacht, und dich Für dieses Glück, in deinem Arm zu ruhn, 38 In meine kleine Welt hereingezogen? Nichts will ich, nichts, als lieb dich haben dürfen – Doch komme nicht – nachher – ich bitte dich! Roland (hastig) . Gut – wenn du meinst – Maria .                                                         Wie läßt du mich so leicht! Wie kalt bist du geworden, da ich glühe – Komm – ich beschwöre dich! (An ihm hängend) Roland .                                               Seltsames Kind! Maria . Ich muß so viel noch fragen – viel noch wissen Vor allem: liebst du sie? Roland .                                     Wen sie? Maria .                                                       Die Herrin! Roland (schroff) . Wie kommt dir das? Maria .                                                     Sie liebt doch dich! 39 Roland .                                                                                     Sie mich? Bist du verrückt – sie mich? Maria .                                             Siehst du es nicht? Mein eifersüchtig Herz hat bessre Augen! Roland . So höre denn mein Wort: ich hasse sie! Maria (erschrocken) . O Gott, das ist zu viel – Haß ist zu viel: Wenn du sie hassest, ist's, weil du sie liebst!         (Es schellt drinnen) Ich muß hinein! – Kommst du? Ich bitt dich, komm – Ich muß so viel noch wissen! (Ab) Roland (ihr nachsehend) .                 Gut – ich komme! Doch kann's nur sein, das Steuer umzulegen – Ich muß zurück von ihr! – Verdammte Wut, Die mich gelüsten ließ in diese Schulter Den Fang zu schlagen, da die andre ragt In Alabasterreine, Firnschnees Kälte! Mich schaudert nun vor der, die sich mir beut, Und brennend Schmachten hebt sich nach der Stolzen – Die sich – Triumph! – nun schmelzend neigt zu mir! Doch still –!         (Ein Diener kommt, die Lichter zu löschen)                       Und kaltes Blut wie immer! – Lösch nur! (Er geht hinauf, der Diener löscht und geht; nach einer Weile:) 40   Zehnter Auftritt Herlinde (heraustretend) . Undenkbar ist heut Schlaf – die Schläfen hämmern – Das Herz springt an die Rippen, wie der Tiger An seines Käfigs Stangen – Kühlung – Kühlung! Was wolltest du? Bist du von Sinnen, sag, Daß du dich so entblößt – nein, nein, unmöglich! Du hast nicht deinen Wahnsinn ihm verraten: Zu deinen Füßen trieb's dich, ihn zu sehn, Vor dir im Staube sollt er zuckend liegen, Sein schmerzentstelltes Antlitz – süßes Labsal Dem wunden Stolze – rauchend zu dir kehren, Und überströmen sollte seine Lippe Von all der heißen Qual, die ich ihm schaffe – Und er blieb aufrecht, fest, und ich zerging! O welche Schmach! Wie ich ihn hasse! hasse! (Wild) Weh ihm, wenn er's erriet!         (Kleine Pause, in der ihr Auge böse funkelt, dann sich fassend)                                                         Doch, Törin, sag: Wenn so geschehn, wenn sich sein Kelch ergossen Und seiner Leiden Weihrauch dir geduftet? – – Unselige Höhe, die, dem Tal verwiesen, Dem Glück der Liebe keine Hütte mehr An ihre kahlen Wände kleben läßt! – Einsamer Stolz wärmt nicht die frostige Schulter? Mich schaudert hier – zu Bett – nein in den Garten: 41 Die weiche Luft und dort die klaren Sterne, Die einsam ihren Weg ziehn wie ich selbst, Sie sollen helfen wieder mich zu fassen! (Sie geht hinunter)   Elfter Auftritt (Nach einer Weile kommen Tristan und Roland die Treppe herab; Tristan stolpert) Roland (flüsternd) . Mach keinen Lärm, Tölpel! Tristan . Halten zu Gnaden, es ist so dunkel, daß ein Fuß über den andern fällt! Roland . Halt dein Maul, verdammter Kerl! Wenn ich nur deinen Rücken nicht brauchte! Tristan . Da sieht man wieder, wozu ein Rücken gut ist! Roland (packt und schüttelt ihn) . Muß ich dich umbringen, damit du still bist! Tristan (geschüttelt) . Eure Lei–ter! Ihr bringt Eure Leiter um! (Roland läßt ihn los) Um ein Haar hätte ein Mädel seine Unschuld behalten – für heute! Roland (mutlos sich zur Gartentreppe wendend) . Ich sage gar nichts mehr! 42 Tristan (trällernd hinter ihm drein) . Auf zur Tat! Auf zur Tat! Roland (innehaltend) . Ich hätte meinen Mantel droben lassen können! Blödsinn! da! Tristan . Her damit, ich will ihm Sinn geben: er soll meine Schulter wattieren! Roland . Schlingel! Du machst mich noch toll! Tristan . Ich? Bewahre! Dafür ist mein Haar nicht lang genug! Roland (hilflos) . Komm jetzt! Tristan . Ich komme! Roland (wütend umkehrend) . Aber das letzte Wort mußt du doch immer haben! Tristan . Geizkragen! Wollt ihr das auch noch! Bedenkt doch, welchen Erstlingen Ihr entgegen geht! (Roland mit verzweifelter Geste schnell ab; Tristan parodiert ihn und folgt)   Der Vorhang fällt . 43   Zweiter Akt (Zimmer Herlindens; seine Ausstattung verrät künstlerische und wissenschaftliche Interessen; ein großer Tisch ist mit Büchern, Rollen und Papieren bedeckt, trägt einen Globus und ein Astrolabium; in der einen Ecke lebensgroße Venus von Capua, in der andern der Narziß; weite Fenster und Balkontüre öffnen in die Landschaft; links und rechts Türen; links vorn ein Kamin, rechts ein Spiegel mit Gesims.) Erster Auftritt (Von links kommt, während der Vorhang sich über der nächtlichen Szene erhebt, Herlinde gestürzt und läutet Sturm auf der Schelle, vom Auftreten an rufend) Herlinde . Leute! Zu Hilfe! Diebe! Räuber! Waffen! Kommt niemand? Licht! Zu Hilfe! Waffen! Licht! (Die Türe rechts öffnet sich, Maria läßt Roland heraus, der durch das Zimmer huscht) Maria (flüsternd) . Schnell – fliehe – rette dich in diesem Dunkel! O Gott, o Gott! Wie wird das enden! 44 Herlinde (entsetzt)                                       Ha! Ging da nicht –? (Geller Schrei) Ha! Hier ging ein Mann hindurch! (Sturm läutend) Zu Hilfe! Leute!   Zweiter Auftritt (Von links und rechts stürzen in rascher Folge männliche und weibliche Dienerschaft und die Hausgenossen, zum Teil mangelhaft bekleidet und sich nachträglich ordnend; Mädchen in losem Haar und übergeworfenen Tüchern; ein Reitknecht bringt seine Stiefel mit und zieht sie, den Degen zwischen den Zähnen, in einer Ecke an; einige Frauen tragen Lichter, alle Männer Waffen, darunter auch, die Beschäftigung andeutend, Forke, Spaten, Bratspieß und ähnliches) Stallmeister .             Waffen, Herrin, hier! Ein Diener (hinter ihm) . Und hier! Bella .               Hier Licht! Tante .                                   Um Gott, was ist dir Kind! Mägde (wimmernd) . O heilige Jungfrau! 45 Vetter (durch die Diener brechend) .           Platz! Wer tut dir was? Herlinde . Man läßt mich hier ermorden! Hausverwalter (mit Licht) .                         Jesus! Jesus! Doch Gnaden leben noch – Gott sei's gedankt! Fürst . Mein Degen, teure Wirtin, hier – zur Not! Was aber schreckt Sie! Herlinde .                               Männer sind im Hause – Im Garten zwei – der eine klomm hinauf – Und einer lief hier durch und dort hinaus – Durchsucht den Park und hier durchleuchtet alles! (Die Mannschaft verteilt sich, nach links und rechts ab) Fürst . Ich halte hier – Herlinde .                     Was gafft Er da und zaudert! Wird's bald? Wie lahm! Ich glaube gar, Er zittert! Hausverwalter . Ich bitte – 46 Herlinde .                               Nun, was trippelt Er herum, Wo er das Haus voll Raubgesindel weiß! Hausverwalter (das Licht schützend) . Eil ich nicht, was ich kann? Herlinde .                                       Das nennt Er Eile! Hausverwalter . Kann ich denn mehr? Es löscht mir ja das Licht! Tante . Doch wenn Er säumt wie so, entweicht der Dieb! Hausverwalter . Doch wenn das Licht erlöscht, wie find ich ihn? Herlinde . Dummkopf! Noch weniger, wenn Er hier so fackelt! (Treibt ihn hinaus) O Gott, was für ein Volk, dem man verfallen! Fürst . Schlafmützen, einem Murmeltier zum Neide! Stallmeister (mit seinen Leuten von rechts) . Auf dieser Seite, Herrin, fand sich nichts! Herlinde . Ist alles gut durchsucht? 47 Stallmeister .                                     Der letzte Winkel! Bella . Auch unsre Kammer? Stallmeister .                           Ja, beruhige dich! Bella . Und unter meine Bettstatt –? Stallmeister .                                     – ist geleuchtet! Bella . Und nichts habt Ihr gesehn? Stallmeister .                                     Oh – dies und das, Was unters Bett gehört! (Die Männer lachen, die Mädchen kichern) Bella (gegen ihn schlagend) .   Der Unflat! Herlinde .                                                     Ruhe! Kaum unberechneter Gefahr entronnen, Ergötzt sich schon das Volk an plumpen Spässen! (Zum Stallmeister) 48 Und schäm Er sich – (Draußen entsteht ein Gepolter mit Fall und Krach. Alles lauscht gespannt und erschrocken auf) Tante .                                   Was ist das? Stallmeister (auf die Türe zu, gefolgt von seinen Leuten) .                                                             Teufel auch! (Unter der Türe erscheint bleich und schlotternd, gestützt von zwei Dienern, der Hausverwalter; später folgt der Graf mit seinen Leuten) Herlinde (auf ihn zu) . Um Gott, was ist geschehn? Tante .                                             Wie sieht er aus? Hausverwalter . Euer Gnaden wollen mich zuerst zu Atem – Und – bitte – einen Stuhl – die Kniee – Oh!         (Läßt sich auf den herbeigebrachten Stuhl nieder und schöpft Atem) Herlinde . Nun aber sprecht! Stallmeister .                           Wir müssen auch was tun – Wenn nicht ein Spuk die Heldenseele äffte! 49 Hausverwalter . Ich wollte Euch mal sehn, kämt Ihr wie ich Vom Rand des Grabes! Herlinde .                               Welche Langeweile!         (Zu seiner Begleitung) Sprecht Ihr, was ist geschehn? Ein Diener .                                       Wir wissen nichts, Als daß wir wimmernd ihn am Boden fanden – Hausverwalter . Den Kerl! Den Kerl! Habt Ihr ihn nicht gesehn? Diener . Nicht eine Spur! Stallmeister .                     Es ist so, wie ich sage! Hausverwalter . Was, wie ich sage? Auf der Stelle sterb ich! Ich hielt die Treppe – die da suchten draußen – Da raschelt was im Busch – ein Kerl taucht auf – Ich streck den Degen aus – Stallmeister .                               Der geht nicht los! 50 Hausverwalter . Doch er geht los – ein Sturmwind auf mich zu – Der Degen fliegt mir aus der Hand – das Licht – Mit einem Tatzenhiebe schlägt er's aus – Und unter einem ungeheuren Stoße Von furchtbarer Gewalt stürz ich zu Boden! Stallmeister . Wie sah der Kerl denn aus? Hausverwalter .                                           Sah ich's im Dunkel? Fürst ^ Er hatte doch ein Licht! Hausverwalter .                           Das schlug er aus! Stallmeister . Doch vorher – als es brannte? Hausverwalter .                                               Bester Freund: Er trug den Mantel überm linken Arm Und deckte sein Gesicht! Nur durch den Spalt Sah ich zwei fürchterliche Augen glotzen –: So stürzt er auf mich zu – mit solchen Augen!         (Steht auf und ahmt unter allgemeinem Gelächter nach) 51 Fürst . Schrecklich – fürwahr! Stallmeister .                             Und Grund auch für den Degen, Ihm aus der Hand zu fliegen! Herlinde .                                         Scherzet nicht: Auch ich sah einen Mann, klein aber breit Mit langem Mantel – Hausverwalter .                 Klein? Das kann nicht sein: Ein Riese war's! (Alle lachen) Herlinde .                   Lacht nicht! Seht lieber nach! Nehmt Leute, Seyfried, schaut nach einer Spur – (Zu Dienern) Folgt ihm, mit Licht! – (Zu den Mädchen)                                 Und Ihr auf Eure Kammern! Bella . Oh nicht doch, liebste Herrin, eh wir wissen – Es ist so schauderlich! Die andern Mädchen .         Wir bitten drum! 52 Maria . Dürft ich mein Auge in den Kissen bergen! O Gott! O Gott! Wie schrecklich schießt die Saat! Stallmeister . (mit lachendem Gesicht zurück, etwas hinterm Rücken haltend, auf das die Männer hinter ihm grinsend und flüsternd sehn) . Da sind wir schon – die Jagd war kurz, doch gut: Mein Riecher hatte gleich den rechten Wind! Herlinde . Was habt Ihr? zeigt! Macht schnell! Stallmeister .                                                       Ein kostbar Korpus! Und wunderbar, wie dieses graugrüngelbe Und etwas schmierige, wildlederne Ding Bekannt mir vorkommt! (Hält eine Mütze hoch) Alle (die Hälse reckend, erstaunt und erlöst) .                                           Ha! Herlinde .                                         Ist das nicht –! Stallmeister .                                                             Freilich – Alle (in einem Schrei) . Tristans! 53 Hausverwalter . Es ist nicht möglich! Stallmeister .                                         Wessen sonst Als unsres Erzhofschlingels Tristans Kappe! (Lachen und Bewegung) Herlinde . Gebt Ruhe! Wenn das wirklich Tristans Mütze – Wer sah sie nicht dem Schelm im Nacken sitzen? – Und hängt das mit dem Schatten gar zusammen, Der durch dies Zimmer lief, so ist's nicht anders Als daß ein Ungehöriges geschehn, Das fast – nein, übler ist als Diebsbesuch! Fürst . Ah hm! Herlinde .         Wer weiß etwas? (Alles sieht sich verlegen an) Tante .                                             Natürlich keiner! Herlinde . So geht! (Zum Stallmeister und Hausverwalter)                           Ihr aber bleibt zur Untersuchung!         (Die Dienerschaft verzieht sich, Bella zögert) Was willst du noch? Weißt du etwas von dem? 54 Bella . Von dem? Die Wahrheit zu gestehn, noch nichts, Nur wollt ich mich der Herrin noch empfehlen: Ich weiß genug, was zwischen Tag und Tag, Und zwischen Küch und Söller husch husch macht! Herlinde . Schon gut! Man wird dich rufen – (Für sich) Ekle Schlange!         (Bella ab; zum Stallmeister und Hausverwalter) Was ist nun Eure Meinung? Red Er, Seyfried! Seyfried . Dies Korpus zeigt schon viel, wenn nicht schon alles: Der Apfel, sagt man, fällt nicht weit vom Stamm! Herlinde . Wie meint Er das! Hausverwalter .                       Es lag mir auf der Zunge: Die Kappe fiel nicht weit von Tristans Bürste! Tante . Zu diesem Schluß braucht es der Ratsherrn zwei! Herlinde . Ich weiß, Er meinte mehr! Vetter .                                                   Ich wittre was: Der Schreiber steckt dahinter! 55 Stallmeister .                                     Ei, natürlich, Tristan das ist der Apfel – Herlinde (sich aufregend) .         Und sein Stamm!         (Tut einige Schritte hinweg) Fürst . Ah – ich versteh! Herlinde .                         Was aber ging da vor? Stallmeister . So sahen Euer Gnaden doch den Burschen? Herlinde . Gleich hier am Flügel unter der Altane! Stallmeister . So so! Hm hm! Da schlafen ja die Mädchen! Herlinde . Ha! und Er meint? Stallmeister .                           Da stand er Wache – oder Es ist dort ein empfindliches Spalier – Herlinde . Was stockt Er? Schnell! 56 Fürst .                                                 Spielt er den Elefanten! Herlinde (verständnislos) . Den Elefanten? Fürst .                         Ja, ein ragend Tier! Ein animaler Turm! Herlinde .                         Ha – wird mir Licht? Hausverwalter (zur Seite) . Er war bei ihr – ich sehe gelb und grün! Herlinde (zur Seite) . O Gott, gib mir ein kälteres Besinnen, Daß ich nicht mich und meine Schmach verrate!         (Zum Stallmeister) So meint Er wirklich – Roland –? Tante .                                                       Wer denn sonst? Vetter . Da hast du deinen Schreiber! Fürst (kopfschüttelnd für sich zur Seite) . Eigentümlich! Wo bleibt da mein Verdacht? 57 Herlinde (für sich) .                         Es macht mich rasend!         (Zu ihren Leuten) Doch wenn er's war: zu wem – zu welcher, meint ihr? Stallmeister . Da bin ich überfragt: ich bin vom Stall Und führe Buch nur über meine Stuten! Tante . Er Grobian! Hausverwalter .     Das Schlänglein! Geb ich's preis? Herlinde . Und Er – was murmelt Er? Weiß Er etwas? Hausverwalter . Nach meiner Meinung – doch ganz unmaßgeblich – Wenn dieser Bube, der dies edle Haus, Dianens Heiligtum, so frech befleckte, Der aufgeblasne Fant war, Tristans Herr, So kann das Schätzchen nur Maria sein – Herlinde (empört) . Maria! Tante .                                   Wundert's dich? 58 Fürst .                                                               Er hat Geschmack! Sie pflanzen schöne Menschen um sich her – Das zieht sich an! Herlinde .                       Dies Kind! Mir anvertraut! Fürst . Mein Gott! Verliebtes Volk! Ein Bursch, ein Mädel, Unter einem Dach tagtäglich umeinander – Das ist wie Funk und Kraut auf einer Pfanne! Herlinde (zornig) . Genug! Hier spricht ein Mann für einen Mann – Ich stehe für die Reinheit meines Hauses! Ich bin die Herrin, mein ist das Geschirr – Nun – ich will scheuern und für Blankheit sorgen! Vetter . Du wirfst den Lümmel einfach aus dem Haus – Mit Schwung! Ich bitte, laß es mich besorgen! Herlinde (verwirrt) . Es wird sich zeigen! Tante .                                                           Braucht's der Überlegung? 59 Herlinde (scharf) . Nein! Aber bitte laßt mich jetzt allein. Es ist auch spät, und meinen werten Gästen Hat dieser Lärm die Ruhe bös gestört! Gute Nacht! (Alle verabschieden sich unter Verbeugung) Fürst (sich neigend und aufrichtend) .                       Auch unsrer teuren Wirtin! Morgen ist auch ein Tag! Dem schlaferfrischten Auge Wird reiner sich der Stunde Wirrnis schlichten! (Ab)   Dritter Auftritt (Der Stallmeister zögert zu gehen) Herlinde . Was will Er noch? Stallmeister . Darf ich die Herrin mahnen, Die Strafe nicht im Zorn zu überspannen Euer Gnaden schaun zu heiß, will mich bedünken! Herlinde . Was gibt Ihm Anspruch, diesen Grad zu schätzen? Stallmeister . (sie mit einem Blick ansehend, den sie nicht aushält) . Vergebt, vielliebe Herrin, wenn dies Haupt, In Euerm Dienst ergraut, sich so erkühnt: Gerechtigkeit will Ruhe und Ihr zittert! 60 Herlinde . Ich? Stallmeister . (frei und fest) . Ja! Herlinde (seinen Blick meidend, in versuchter Herbheit) . Er täuscht sich ! Ich bin ruhig Stallmeister . Herrin! Ich hab mein Auge! und dies Auge folgt Seit rundum zwanzig Jahren Eurem Weg Da ich zum erstenmal aufs Roß Euch nahm Und Eure erste Liebe ward nicht wahr? (Herlinde macht eine Bewegung) Gibt das ein Recht, und alles, was dazwischen? Darf ich oder ist's zu hart, es zu erwecken? Euch mahnen, wer am Waldsaum oft die Wacht Bei unsren Rossen hielt, stumm wie sie selbst, Und tief im Tanne lag ein fürstlich Weib Sich auszuweinen in der grünen Kirche! Gibt das ein Recht, um heute Euch das zu sagen: Nie sah so bös ich dieses Auge funkeln Als etwa in der Kindheit Teufelstagen! Gelt, Ihr nehmt's an von Eurem alten Schelter Ihr kennt ja seine Weise: rauh und recht! 61 Herlinde (verwirrt) . Ich gebe zu es mag den Anschein haben Daß ich erregt bin (Hastig) aber sagt doch selbst: Geschehen muß etwas und Strafe sein! Stallmeister . Wohl wohl! Strafe muß sein! Gerecht, ja streng, Jawohl, auch streng allein zuvor gerecht! Ein Tüttelchen von Unrecht an der Strafe Entwertet sie, nimmt ihr die Heilsamkeit, Und heilen wollt Ihr doch und nicht verderben! Herlinde (noch verwirrt) . Gewiß! (Zögernd) Doch sag Er mir das eine noch: Glaubt Er, daß Roland dieses Mädchen liebt? Stallmeister . (wägend) . Das glaub ich nicht! Herlinde (lebhaft) . Er schließt es ? Stallmeister . Das ist einfach: Ich seh das aus dem Weg, den er genommen: Der Bauer steigt sechs Jahre durch das Fenster Und findet noch im siebenten die Türe! Doch niemals dieser Schlag! 62 Herlinde (in gemischter Empfindung, befreit und empört zugleich) . Und so natürlich Erscheint Ihm diese Schändlichkeit? Ein Kind In meinem Hause, kaum zum Weib gereift Das ist doch Schufterei! Vergebt: die Lippen Erbleichen vor dem niegefallnen Wort Und wie gelassen macht Er mich sie glauben! Stallmeister . (nach einer Pause, in der sein Haupt hin und her wiegt) . Vielliebe Frau! Soviel Ihr Männer schaut Wo oder wie, in welchem Land und Stand Merkt Euch: am Weib ist jeder Mann ein Schuft Nehmt's ganz im ganzen, ohne viel Beweis! Herlinde (abgewandt, beklommen) . Wir wissen's alle doch wir glauben's nicht! In Stunden, da aus schmählichem Verrat Auch wir entgeistert aus den Träumen schrecken, Bricht blitzend wohl Erkenntnis durch die Nacht, Und an der Schwester Schicksal sehn wir's täglich Und rund um uns! Vom eignen Liebsten aber, Solang wir stehn in seines Auges Bann, Und seiner Schwüre trunken, glaubt's kein Weib Unglückliches Geschlecht! So leicht betört Und furchtbar stets bestraft: die Welt wird wohl Von einem Mann regiert, sonst wär es anders! 63 Stallmeister . (sich mit verzogenem Gesicht hinterm Ohr kratzend, etwas zur Seite) . Ganz unbestreitbar das es wäre anders! Was aber denkt die Herrin jetzt zu tun? Herlinde . Noch bin ich mir nicht klar, allein sein Wort Verhallte nicht im Leeren: viel gefaßter Kann ich mich weiter tasten hab Er Dank! Er hat sich neu bewährt ich freu mich Seiner Und bitt Ihn nur zu bleiben (Lächelnd) rauh und recht! Stallmeister (küßt die gereichte Hand liebreich und ehrerbietig und geht) . Wünsche ruhsame Nacht und gut Erwachen!   Vierter Auftritt Herlinde (nach kleiner Pause, in der sie sich versucht) . Ich schlafen? Heute? Lieber, Alter, Treuer: Hab ich dich sehr belogen? Zwar den Sturm Gestand ich dir und ließ ihn deiner Mühe Doch nicht das Gift, das mir im Busen brodelt! Es frißt mein Herz! O Qual! O Schmach! O Tod! Ich winde mich um ihn in tausend Schmerzen, Ohnmächtiger Stolz zerreißt sich mit der Liebe, Die ihres Siegs nicht froh wird! Bleich und Rot Jagt sich auf ihrer Wange, heiß und kalt 64 Durchstürmt es mich! Und er! Mit Eiseskälte Höhnt er mein wildes Schmachten und Versagen! In meinem Hause neben meinem Lager, Auf dem ich stöhnend in den Kissen wühle, Trinkt er Vergessenheit bei meiner Magd Ha, Frechheit, heilst du mich?   Fünfter Auftritt Bella (schießt herein) . Herrin, Herrin! Ich bitt um Botenlohn! es ist heraus! Herlinde . Was bringst du? Bella . Ei, des saubern Rätsels Lösung! Gibt es im Haus ein zieriger Geschlecker Mit höher getragner Nase als Maria? Und dieser Geck natürlich, dieser Roland! Nun ja: war's nicht von je sein Hauptgeschäft Parlieren, schwadronieren, karressieren, Und immer um die jüngsten, dümmsten rum, Als ob ! (Verschluckt sich) Jetzt liegt sie drin auf ihrer Kammer Und weint und wimmert vor der heiligen Jungfrau! Na ja, natürlich! 's ist das alte Lied: Erst geht es hui! dann ui! 65 Herlinde (verekelt) . Sonst weißt du nichts? Bella . Natürlich scharmutzieren sie schon lang, Haben ein Flüstern, Blicken, Händedrücken, Sich-streifen, Necken, Sich-behilflich-sein, Umständlich Fädchen von den Kleidern lesen, Und gar bis so 'ne Knosp' am Mieder steckt, Wollt ich ein Staatskleid fertig mir garnieren! Herlinde . Genug! Schick mir Maria! Aber wehe, Wenn ich am Schlüsselloche dich ertappe! Bella . Was haben Gnaden immer gegen mich? Herlinde (winkt und kehrt sich um; Bella mürrisch ab) . Ich muß das Tier doch aus dem Hause tun! Wie ist die Luft so übel hinter ihr Wie reinigt sie ein guter Mensch! (Maria tritt ein) Da ist sie!   Sechster Auftritt (Maria eilt auf die Herrin zu, wirft sich ihr zu Füßen und sucht eine Hand zu erhaschen) Maria . Verwerft mich nicht, eh alles Ihr gehört! 66 Herlinde . Steh auf! Maria . Nicht bis Ihr mir verzeiht! Herlinde . Steh auf! Rühr mich nicht an! Unzüchtige Hand, hinweg! Nie hätt ich das von dir gedacht, von dir! Maria (noch auf den Knieen) . Herrin, ich weiß, wie sehr ich hab gefehlt, Doch denkt nicht schlecht! Er kam nur an das Fenster! Herlinde . Du lügst: hier kam er durch von deiner Kammer! Maria . Herrin! Er floh nur durch vor Euerm Lärm. Ihr schriet schon, eh er den Balkon betreten! Herlinde . Und wenn ich nicht Euch auseinander schreckte Was dann? Maria . O Herrin nichts Herlinde . Was zitterst du? Wie steht Ihr zueinander, und wie oft Ist er schon diesen Weg gegangen? 67 Maria . Herrin, Nur heute! Herlinde . Lügnerin! Maria . So tötet mich! Herlinde . Dann sag, wie lange treibt Ihr sonst dies Spiel? Verborgen habt Ihr's gut, Verräter beide! Trau einer doch der kühlen Mädchenstirn! Wie weiß sie hinter schämigem Getue Die heimlich buhlerische Glut zu bergen! Wie weit seid Ihr, gesteh! ich will es wissen! Maria (das Gesicht bedeckend) . O Herrin, nicht! Herlinde (ihr die Hand wegreißend) . Du sollst! Sieh mir ins Aug! Du kannst nicht? Wie gemein muß ich es deuten? Maria . Nicht doch nicht so! Wir waren uns nur gut, Und gestern küßt er mich zum erstenmal! Es ist so ich beschwör es! Herlinde (finster) . Gestern? 68 Maria . Ja! Herlinde (rauh) . Wann und wie war es sprich, ich will es wissen! Maria (zitternd) . Er kam von Euch ich goß die Blumen hier Da trat er hinter mich und faßte mich Und Herlinde (zischend) . Und? Was stockst du? Maria (zitternd) . Küßte mir den Nacken! Herlinde (zischt) . Ha! Unerträglich! Und du hast's geduldet! Maria . Der Schreck schoß lähmend mir ins Knie doch süß Ich hab ihn lieb! Herlinde . Dirne! Du pochst noch auf! Maria . Herrin! Nicht Dirne! Denn ich hab ihn lieb! Herlinde (zur Seite) . Was drückt sie mir den Stachel in die Wunde! Schamlose, wie! Du wehrst dich um den Makel! 69 Maria . Ihr nennt es Makel doch es war sein Mund, Und Euer brennend Auge lechzt danach! Herlinde (auffahrend) . Ha was! Was soll das? Maria . Ja! Ihr liebt ihn selbst! Herlinde (auf sie zugehend) . Wenn dir dein Leben lieb ist, schweig! Maria . Verderbt mich Es ist mir nicht lieb, denn ich muß ihn lassen! Herlinde (rauh) . Ich rate dir: wenn dir sein Leben lieb Zwing mich mit deinem Schrei'n nicht zum Beweise, Daß mir sein Leben nicht so lieb wie dir! (Pause, in der sie sich drohend und furchtsam messen) Auf deine Kammer! Daß ich erst mich fasse! Doch wisse: siehst du morgen noch den Tag, So schließ den Riegel deines Mundes besser Als ihren! Aber schließ auch den! Nun geh! Maria (nach einem langen Blick auf die Herrin hinauswankend) . Ob tot ob lebend er ist mir verloren! 70   Siebenter Auftritt Herlinde (nach kleiner Pause die künstliche Haltung verlierend und wieder nach ihr ringend, stoßweise) . Erkannt! Verraten! und an sie die Magd! Dämonische Rotte der empörten Sinne, Wie dämpf ich euch! Des Meeres wildeste Brandung Kocht nicht so wie mein Blut! Und doch halt ein: Was dich bis heute hob, es darf nicht stürzen Ich muß sie wieder finden, Stolz und Kraft, Die Säulen meines Seins, und sie gewaltig Gegen das brechende Gewölbe stemmen! Steh auf! Sei wieder Fürstin deiner selbst! Balgst du mit deiner Magd um ihren Buhlen? Um ihren Buhlen oder ? Zittr' ich wieder? (Besinnt sich plötzlich, das Haupt aufwerfend) Hier will ich Klarheit noch in dieser Stunde! (Schellt) Aus seinem Munde hol ich's: liebt er sie, Oder ist's nur Schaum kaltherziger Männergier! (Ein Diener tritt ein) Geh und bescheide Roland zu mir her! Diener (im Abgehen) . Wie eilig hat sie's, ihm was vorzurauchen! Ich möchte nicht in seinem Leder stecken Der Gärtnershund ist, scheint mir, von der Kette! 71 Herlinde . Und ich will gehn das heiße Antlitz baden, Mich kühlen ganz zu Eis und Felsenruh: Das edelste der köstlichen Gebilde, Das deinen Garten schmückt in Erz und Marmor, Es hebe seinen wundervollen Bau In das Gewirk der Erde und des Himmels Zu deiner Scham nicht edler als du selbst! (In stolzer Bewegung ab)   Der Vorhang fällt . 72   Dritter Akt (Turmstube Rolands; links Lager und Truhe, rechts Türe, daneben Ständer mit Jagdgeräten, Waffen; nach hinten mehrfach gekuppeltes Fenster, davor Tisch mit Büchern und brennender Ampel, an den Wänden Bilder und Zeichnungen. Auf dem Lager liegt Roland hingeworfen, das Haupt auf dem Arm, mit geballten Fäusten und stöhnend, er schnellt in die Höhe.) Erster Auftritt Roland . Ich habe keinen Fluch, der Luft mir schafft! (Wirft sich wieder hin, nach einer Weile wieder auf) Aus ist's! aus ist's! Ein Kind hätt es erkannt: Die Stunde forderte dein Leben frei Und auf dies einzige Geschick geschliffen, Das dir ein jäher Schleierriß verriet Und du warst schwächlich, zärtlich, süßlich, klein, Und bogst dich unter dieses niedre Dach! Nun friß es, Narr friß Staub dein Leben lang So hat Ambrosia dir doch geduftet! Heran, Jungfrau von Eisen, Selbstverachtung! 73 Genossin, kalte, heiße, tausendzahnig Ich geb mich deinem Kuß da nimm dein Recht! (Wirft sich wieder hin)   Zweiter Auftritt Tristan (außer Atem und gekrümmt hüpfend, die Seite haltend als einer, der sich heftig gestoßen hat) . Ha ha laßt mich nur einen Augenblick (Läßt sich ächzend auf die Truhe fallen und krümmt und wälzt sich) Gotts Donner! Bin ich angerannt! Hol dich der Teufel, feige Bestie! Roland . Was hast du, was ist los? Tristan (aufstehend und sich betastend) . Ich will hoffen nichts! Es hält noch zur Not! (Ächzend) Aber du drei mal drei macht neunmal verdammter Mehlpapp!! Roland . So rede doch! Tristan . Wenn du nur eine Spur Stich gehalten hättest! Aber so war's, als ob ich von einem Turm in die Luft getreten wäre: so warst du weg und so flog ich! 74 Na, ich will dies Hinschlagen gern als Buße für mein verruchtes Leiterstehn nehmen (Sich betastend) wenn ich nur noch alle Sprossen hab! Roland . Wie bist du denn herein gekommen? Tristan . Mit allen Listen des Odysseus und seiner Tapferkeit! Es war großartig! Da hält er an der Treppe, in der einen Hand zittert das Licht, in der andern schlottert der Degen, und er zetert: holt Fackeln! Windlichter! mehr Leute! laßt die Hunde los! Ich hatte gerad noch Zeit gehabt, mich in die Eiben zu drücken, aber wie ich ihn den Augenblick so allein seh, nütz ich's, drapier mich mit dem Mantel und lauf ihn an mit ein paar Augen aus dem Schlitz heraus, daß es auch die Mauern Trojas erschüttert hätte! Na, im letzten Schimmer der Kerze, bevor ich sie ihm ausschlag, seh ich ihn noch sich entgeistern aber wie ich mich auf ihn werfe, um ihn ein wenig rumpeln zu lassen ist er wie weggeblasen nur plumpsen hör ich ihn und flieg selbst an den Pfeiler, daß ich das Feuer im Elsaß sehe! Kaum find ich den Atem schnell genug wieder, um mich heraufzumachen auf allen Vieren da bin ich gesehen hat mich kein Auge und so wären wir geborgen! 75 Roland (einige Schritte machend für sich) . Geborgen? Auf wie lang? Und auch vor was? Was ist das, was in meiner Brust herauf schwillt Und gärend zwischen Wut und Gram sich nistet? Tristan (hat den Mantel umgeschlungen) . Ich gäb ein Abendessen drum, wenn ich mich selbst gesehn hätte, wie ich auf ihn los bin hab ich nichts Heroisches an mir? Roland . Ich rate dir, laß jetzt die Maskerade Sie macht mir übel ! Tristan . Wie nach einem Balle, von dem man hinausgeschmissen wurde! (Nimmt den Mantel ab und trägt ihn an den Ständer) Fort also, Hülle Eurer Herrlichkeit! Und wenn ich Euch bei der sauergewordenen Zeche nicht Gesellschaft leisten soll gut Nacht! (Er greift grüßend nach der Mütze) Na zum Donner! (Sieht sich um) Roland . Nun was hast du wieder? Tristan . Heiligs siedigs Donnerwetter! Wo ist meine Kappe hingeraten? Ist sie ein Opfer des Gefechts? Blieb sie auf der Walstatt? Es wäre höllisches Pech autsch unser Backen! 76 Roland . Unstern verfluchter bist du recht im Aufgang! Tristan . Da muß Klarheit her, sagte die Wurst zur Brühe und begab sich zum Sauerkraut ich schleich mich nochmal runter! (Ab)   Dritter Auftritt Roland (nach ein paar Schritten) . Entgleist! Im besten Zug im höchsten Flug Zur größten Möglichkeit gescheitert wrack! Entgleist wodurch? Durch eine Leidenschaft? Nein lächerlich! durch eine dumme Treue! (Läßt sich auf der Truhe nieder und schlägt den Kopf in die Hände; Pause)   Vierter Auftritt Tristan . Der Boden muß sie geschluckt haben oder eine Hand! Das Haus ist taghell beleuchtet und bei der Frau großer Empfang! Von der Knechtskammer aufwärts bis zu den Fürstengemächern hat sich alles bei ihr versammelt und es muß sich merkwürdig ausnehmen, wenn von uns beiden niemand dabei ist als meine 77 Kappe! Wollen wir nicht doch auch hinunter und uns irgendwie herauslügen, z.B. wir wohnen so hoch und schlafen so gut! Roland (mürrisch) . Ich danke! Hat der Teufel denn geruht, Die Karten dieses blöden Spiels zu mischen, So geb er weiter aus! Komme was wolle! Tristan . Herr Roland hat gut reden, aber ich heiße Tristan! Eure Vielseitigkeit erhält den Abschied meine Wenigkeit ist nur einseitig und bekommt die Peitsche! Roland (kurz) . Ich nehme die Verantwortung auf mich! Tristan . Ich wollt, Ihr nähmt die Prügel auf Euch verantworten wollt ich's auch! Roland . So heiß wird nichts gegessen wie gebacken! Tristan . Man sagt so, aber es ist eine besondere Sache mit der Prügelsuppe: sie wird kalt angerichtet, aber heiß aufgetragen! O schnödes Schicksal, das auf einen so feinen Einfall meiner Front mit einem so groben Ausfall auf meine Kehrseite antwortet! OKappe, Kappe! 78 Armer Kollege! Ich möchte doch wissen, was du einmal hast auf deine nehmen müssen! Roland (auf seinem Wandel stehen bleibend) . Was faselst du? Tristan . Ei, ich muß des armen Narren denken, auf dessen Kosten dieses Wort aufgekommen ist! Wie Bruder? Hast du einem gerade so nichtsnutzigen Herrn gedient? Hast ihm auch Leiter gestanden oder ihm andre Riegel sprengen helfen, wo es nicht so honorig zugeht wie beim Weiberverführen? Roland . Hör auf ich muß in meinem Gram noch lachen! Dir ist es freilich wohl: dein Fell allein Juckt ahnend vom gesalzenen Gericht Mir aber rötet sich die andre Haut! Wie werd ich morgen vor der Herrin stehn! Wenn es den Blick verletzter Hoheit löschte Aus ihrem göttlich stolz- und schönen Auge So stürzt ich noch in dieser Nacht von hinnen! Tristan . Wie weiland Vater Adam! War nicht auch uns dies Haus ein Paradies? Herrgott, wie gut hatten wir's! Pflügten wir eine rauhere Scholle als Papier? Säten wir etwas anderes als Gedanken, Verse und 79 Lautentöne? Und siehe, wie ernteten wir Brot und Braten! Und nun? (Singt) Es wehet durch die Felder Der rauhe Boreas, Wir streichen durch die Wälder Von Schnee und Regen naß, Der Mantel fliegt im Winde, Zerrissen sind die Schuh Roland . Laß deine Possen und verfärb mir nicht Das echte Rot der Scham mit fahler Sorge! Nun wahrlich: groben Winks bedarf es nicht, Um meines Weges mich zu weisen aber: Von vorne nur, ins Aug, auf Stirn und Brust Will ich des Tadels Herbigkeit empfangen! So lös ich von der Sohle die Verachtung, Die an die flüchtende sich heftete! Nun aber geh nein: schlüpf nochmal hinunter Und such mir irgend einen scharfen Tropfen Wär's der gemeinste Schnaps selbst Essig tät's Der Schlund ist mir ganz dürr vom Qualm der Wut! Tristan . Essig? Wollt Ihr nicht an Euerm Daumen lutschen ? (Es klopft, sie fahren auf) Roland . Hallo! 80   Fünfter Auftritt Diener (in steifer Form) . Die Frau befiehlt Euch noch einmal zu sich! (Zieht sich zurück; Roland steht betroffen) Tristan . Und für einen Schnaps brauch ich, scheint's, auch nicht erst zu sorgen wenn sie Euch nur keinen allzu bittern einschenkt! (Roland stampft auf, nimmt sein Barett) Der Vorhang fällt . Verwandlung . (Szene des zweiten Aktes) Sechster Auftritt Herlinde (eintretend) . Ich bin doch ruhig? Keine Wallung soll Den Seegang meiner Innenwelt verraten, Und zähm ich mich, so stumpft sich wohl der Stachel, Der mir den Sinn verwirrt, den Stolz verletzt Und der zerrissnen Brust sich Liebe nennt! (Auflachend) Liebe und ich! Und bin ich zehnmal Weib, Von dem man sagt, zur Liebe sei's geboren Laß sehn, ob eins nicht stärker sei: der Stolz! 81 Er kommt ich fühl's am Zittern meiner Kniee Doch lächelnd faß ich und zerschmettr' ich ihn! (Tritt ans offne Fenster und schaut mit aufgestützten Händen in die Mondnacht, selbst vom Mondschein übergossen)   Siebenter Auftritt (Roland tritt ein und bleibt in dienstlich gemessener und gedrückter Haltung am Eingang stehen; nach einer Pause wendet sie sich) Herlinde . Ach daß er selbst die Nacht noch für mich opfert! Roland (sich verbeugend, murmelnd) . O gnädige Herrin! Herlinde . Schelt Er es nicht Laune: Es ist mir leid um meine Ungeduld, Mit der ich diesen Abend Ihn verließ Hat es Ihn sehr verstimmt? Roland (murmelnd) . O gnädige Herrin! Herlinde . Ich hätte früher Ihn zurückgerufen Der rasche Groll, der Seine leichte Art, Mein heikel Los zu nehmen, mir geschaffen, 82 War schon geschmolzen, doch da schuf ein Vorfall Uns einen bösen Schreck ich zittre noch! Wär's möglich, daß der Lärm Ihm ganz entgangen? Hat Er so tief studiert? Es tät mir leid, Riß ich Ihn da heraus Roland . O gnädige Herrin? Herlinde . Doch denk Er: Diebe fand ich eingedrungen Der eine der Gesellen schlich hier durch Und Er studiert, indes man mich hier mordet! Roland . O gnädige Herrin! spottet mein nicht so! Herlinde . Ich spotten spotten? lieber Freund, was ist Ihm? Er sieht so blaß, einsilbig stockt das Wort Im sonst so reich beredten Mund was ist Ihm? Wie seh ich Ihn? Roland . Nicht so quält mich nicht so! (Rasch und rauh) Gebt mir den Abschied hart und kurz für immer! Herlinde . Den Abschied? Hör ich recht? Versteh ich Ihn? 83 Roland . Ihr höhnt mich immer noch! Herlinde . Mein bester Freund Roland . Ihr wißt so gut wie ich, was fort mich treibt! Herlinde . In Mitleid, ja in Furcht muß ich Ihn fragen, Was dieses seltsame Gebaren weckt: Ich bin der Grund doch nicht, denn ich bin's nicht, Den sein gebrochner Blick verklagt! Was ist's? Nur Mut! vertrau Er mir! Ich muß erstaunt An meinen Roland ihn von sonst gemahnen, Dem Er zur Stunde nicht sehr ähnlich sieht! (Wendet sich nach dem Spiegelgesims, den Fächer an sich zu nehmen, mit dem sie fächelnd zurückkehrt; inzwischen:) Roland (zischend, mit tückischem Nachblick) . Ha! Dieses Spiel mit der gefangnen Maus! (Jäh) Wie aber Katze! Soll ich Panther sein? (Wild) Bei Gott ich wag es Sprung und Griff und Biß! Herlinde . Wie ist's, noch immer findet Er kein Wort? Es muß doch etwas Ungeheueres sein Roland (zögernd ansetzend) . Ja Herrin ja: Es ist ein Ungeheures! 84 Herlinde . So beicht Er denn entlad Er sein Gewissen! Roland (stammelnd) . Ihr werdet es nicht tragen Herlinde . Weiß Er das? Ich bin so schwach nicht und auf viel gefaßt! Roland . So muß ich es entfesseln? Herlinde . Ist Er feige! Wie Er sich windet ! Roland (wild) . Nun so brech es aus : Ich (Wirft sich auf die Kniee) liebe Euch! Herlinde (fährt fauchend auf, und muß erst durch einen Wirbel von Gefühlen das gänzlich Unerwartete fassen, bis sie auf ihn zugeht und ihm den zerbrechenden Fächer ins Gesicht schlägt) . Ha ha ha Unverschämter! Roland . Herrin! Herlinde . Kein Wort mehr, oder ! Auf! O Himmel! Sahst du ein frecheres Gebaren je? 85 Ist's Wahnsinn, der sich paart mit Schlechtigkeit? Ging Hochmut durch auf zügellosem Roß, Von dem gemeinen Blute losgelassen? Er sieht mich außer mir, sonst ständ Er nimmer, Ein Bild der Häßlichkeit, vor meinem Auge Im tiefsten Turm läg Er, bei Molch und Natter Und leg ich ihn! Bei Gott! Er soll mir büßen! (Will zur Klingel. Roland hält sie durch eine Gebärde auf) Roland . So sättigt Euern Haß nach Lust und Macht Doch nicht, eh Ihr mein letztes Wort gehört! Am liebsten Oh! Was quältet Ihr mir erst Grausam das furchtbare Geheimnis ab Das ich so lang in hartbeherrschter Brust Um alle Pfade Eures Webens trug! Herlinde . Kein Wort, will Er nicht maßlos mich erbittern! Roland . Ihr müßt mich hören, daß durch mich enthüllt Mein grenzenloses Leid begriffen wird! Herlinde (hochmütig, ironisch) . Sein grenzenloses Leid? Sonst nichts? Nun gut: Ich weiß, Er weiß sich interessant zu machen! Dank Er's den nun ins Nichts versunknen Stunden, 86 Da unsre Stirnen freundlich sich berührten, Daß ich so viel der Luft ihm noch vergönne, Als Er in des Prozesses Kürze braucht, Von seinem grenzenlosen Leid zu lügen. Roland (aufzuckend) . Die Herrin hat Gewalt und Recht zu schmähn, Allein, was Ihr auch, wenn Ihr mich gehört, Gekränkten Stolzes über mich verhängt: Vergeßt nicht, hohe Frau vergeßt mir nie! Daß ich, gewillt aus diesem Paradiese, Wo ich des Glückes ungemessen sog, Mich auf des Lebens rauhsten Pfad zu schleudern, In Sternenferne fern von hier zu enden, Den schnellsten ewigen Urlaub eingefordert! Herlinde . Er wählte eine sonderbare Art! Roland . Jäh flammt der Blitz auf, lang lädt sich die Wolke! Die Schwalben flogen tief den ganzen Tag! Ihr selbst, ein Bild sonst ruhevoller Kraft, Zogt nun der Unruh Kreise und des Schwankens! Zerrissen in mir selbst hielt ich vor Euch, Doch treu mein Amt erfüllend als Berater: Was, glaubt Ihr wohl, was kochend mich erfüllte, Da ich die Not der Wahl mit Euch bedachte? 87 Herlinde . Ich denke Ungeduld war's nach Maria, Die sehnend Seiner harrte! Traf ich recht? Sie hat wohl eine mitleidvolle Hand, Der Wunden ihn zu pflegen, die ich schlug, Und nicht? aus ihrer Schulter wächst das Kraut Für grenzenloses Leid? Roland (sich unter ihren Stichen windend in wilder Entschlossenheit für sich) . Nun vorwärts durch! (Richtet sich auf und sieht sie voll an) Und wär es so? Herlinde . Ha! Frechheit unerhört! Roland . Daß ich den Brand der ausgedörrten Lippe Zu kühlen dürstete auf ihrem Schnee? Herlinde (sich abwendend) . Auf ihrem ! (Zu Roland) Und das wagt Er mir ! (Wie eben) Auf ihrem! Roland . Ich bin kein Stein, ich bin kein Gott wie Ihr! Ich rag nicht weiß und marmorn in die Luft In makelloser Ruh und Reine: Wild 88 Durchbraust mein Aderwerk der rote Strom Und wettert schäumend wider seine Dämme Ich kann und will nicht leben ohne Liebe! Wie aber hat die Herrin mich gequält: In eisiger Hoheit und so lebenswarm! In Düften wie kein sterblich Weib mehr haucht Denn keine ist aus Licht und Duft gewoben Und Feuern wunderzart wie Ihr so hieltet Ihr unbewegt im Sturme dieser Gluten, Die ich geheim um Euern Felsen peitschte Ich trug's nicht länger und ich riß mich los! Was es gekostet, freilich, weiß nur ich Und weiß auch, Herrin, was es kosten wird (Nähertretend) Doch ich will leben, Herrin, leben will ich Nicht siechen unter eines Toren Schmerz! (Noch näher) Und soll ich sagen, welchen Stoffs ich bin ? So hoff ich noch: aus dem man Männer schnitzt! Drei Jahre zog ich meinen Kreis um Euch Und sog mich voll an Eurer Kraft und Süße Doch länger nie, als nur ein Schlag des Herzens Die ungestüme Welle durch mich treibt Hab ich davon geträumt Euch zu besitzen! Mein Hirn, schwor ich, so lang es mir gehorcht Und ich will sorgen, daß es mir gehorcht Es soll nicht träumen, nicht von Dingen träumen, Die ich im Griffe dieser Faust nicht fasse! (Anschwellend) 89 Zugreifen will ich, wie der Schraubstock greift, Wenn mich die Stunde und das Meine trifft Von Griff zu Griff doch immer ohne Traum! Nun bitte gebt mich frei! Ich bin bereit! Noch diese Stunde, Herrin, kann ich reisen! (Tastet an seine Taschen) Herlinde (hat während seines Ansturmes das Auge zu ihm aufzuschlagen versucht; jetzt gelingt es ihr und sie messen sich einen Augenblick; dann wendet sie sich wieder ab; zitternd) . Nein Nein (Für sich) Was tu ich? Sag ich? Gott er blutet! Von meinem Schlag! (Zieht ihr Tuch und reicht es, abgewendet, zitternd) Da ist mein Tuch Roland (sich darauf stürzend) . O Dank! O holdes Zeichen, zart gewobne Brücke, Auf der ein Hoffen darf es sich schon regen? Den jähen Abgrund freundlich überspannt Nein noch wagt nicht der Fuß es dünkt ihn Wahnsinn Sie wieder zu betreten! Und doch, Herrin! Wenn Ihr mich denn des rauhen Weges weist Und aus dem Buch mich Eures Lebens streicht Nicht Alles bitte! löschet aus von mir! Und schaudert auch das Aug an so viel Flecken Ich trug doch manches ein, das lesbar bleibt, Und diesen teuren Rest bezeug dies Tuch: 90 Als unentreißbar mächtiger Anker soll's Doch nicht von ihrem freveln Blut befleckt An meiner Brust der so zerrissnen ruhn, Und mich mit diesem Duft an all erinnern, Was ich besessen und was ich verlor Nicht wahr, es ist nun mein? Herlinde (um jedes Wort und Tun verlegen, in bewegtem Spiel) . Ich bitte geht! Roland (bebend, in gleichem Spiel) . Ich gehe! aber Herrin! wann? wohin? Herlinde (kann nur winken) . Roland . Ich bitte mir's zu deuten! Nicht die Nacht Das Beben meiner Herrin läßt den Fuß Von dieser Schwelle sich zu stürzen zaudern Hab ich zu gehn? Hinaus? Zu dieser Stunde? Herlinde (noch mühsam) . Ich hab es nicht gesagt Roland (wild) . Doch dann wohin? Herlinde (blickt ihn an, sich an seiner Verlegenheit weidend, und es kommt ihr ein Lächeln; mit Handbewegung) . Zu Bett! 91 Roland (fährt auf, starrt sie an sie lächelt wieder über ihn eine mächtige Bewegung lodert in ihm auf und der Ruf entfährt ihm:) Herlinde! (Ruf und Bewegung brechen vor ihrer Haltung ab – sie hat beide Hände in schöner, stolzer und doch erschrockner Geste von sich gestreckt; sie sehn sich noch einen Augenblick an, dann sucht er den Weg fast rückwärts zur Türe, sein Auge auf sie gerichtet, das sie zu vermeiden strebt; sobald die Türe sich hinter ihm schließt, wirft sie die Arme erst hoch, breitet sie dann aus und fliegt mit einem tiefen)                                     Ah! (nach innen)   Der Vorhang fällt . 92   Vierter Akt (Gartenterrasse vor der Halle des ersten Aufzugs; vorn links umbrüsteter Felsenabsturz, rechts auf einem Unterbau ein Apollo, dahinter immergrüne Büsche, weiter hinten Tannen und Birken. Es ist Frühmorgen, hell, aber die Sonne noch nicht über den Bergen. Auf den Stufen vor dem Apoll liegt Roland schlafend; aus dem Wäldchen kommen der Hausverwalter und Bella, Arm in Arm.) Erster Auftritt Hausverwalter . Jesus, wie hell ist's schon! Das Haus erwacht Wir müssen machen, lieber Schatz Bella . Was tut's! Hausverwalter . Bedenk, wenn wir vor offener Verlobung Bella . Was schadet das: sie würde dadurch offen! Hausverwalter . Wohl wohl! Doch wär mir's peinlich vor der Frau Du weißt, sie liebt die frühen Morgenstunden. 93 Auch wär's noch Zeit, ein Nickerchen zu tun Weiß Gott, die Nacht ist wie im Nu verflogen (Schäkernd) Seit jemand mit dem kalten Umschlag kam! Bella (schlägt ihn) . Wart Schäker! Hausverwalter . Komm! Vor Mittag wissens alle, Wer nun Frau Vögtin wird! Bella . Na hoffentlich! Ich freu mich auf verschiedne spitze Nasen Und runde Augen! Dieser grüne Spatz! Hausverwalter . Sprich nicht von ihr ich war ein großer Narr! Dem Dorne nachzulaufen statt der Rose! Wir werden glücklich sein, nicht wahr? (Küßt sie schmatzend) Bella . Und ob! (Sie wenden sich gegen das Haus) Von je bin ich entzückt von dir gewesen: Wie du so gehst und stehst ein Achtzehnender Trägt stolzer nicht den Kopf bscht! guck, wer liegt da? Ei sieh, der süße Gauner! Wohlbekomms! Du hattest dieses kühle Bett wohl nötig! 94 Gib acht, wir werden hier noch was erleben: Herlinde! rief er grad heraus: Herlinde! Ja diese Götter! Sollt es mich noch wundern, (Deutet auf eine Artemis) Wenn so ein steinern Mensch vom Sockel stiege Und einen Knecht sich aus dem Stalle holte Was hast du, Männchen? Hat dich was verstimmt? Hausverwalter (mürrisch) . Das hättest du nicht sagen sollen! Bella . Was denn? Hausverwalter . Es gibt noch andre Bilder! Bella . Andre Bilder! Hausverwalter . Als mit dem Achtzehnender! Bella (stutzend, begreifend und herauslachend) . Ah du meinst ! (Indem sie sich nach der Treppe wenden) Nein nein: was diese Männer gleich sich denken! Nein nein! (Schließt mit Gelächter, sie verschwinden im Hause) 95   Zweiter Auftritt Maria (von der Gegenseite aus dem Gebüsch tretend) . Ruhlose Nacht, du Marter jedes Kranken! Wie zögernd ließest du dem Tag den Schleier, In den ich stöhnend meine Schande barg Nun da er kommt und meines Lämpchens Funke In seines Lichts grausamer Flut ertrinkt, Enteilst du mir zu schnell! Wär es nicht besser, Ich schwände hinter meinem Traum dahin, Nicht in den Tag wie sie: in tiefre Nacht? (Tritt an die Felsenbrüstung) Wohl hundert Ellen stürzt der Fels hier nieder, Schwindelnd wich sonst das Auge, und die Hand Erlahmte am Geländer doch nun lockt Das Grauen süß und liebreich mich hinab! Und Gott im Himmel, heilige Jungfrau du: Ihr würdet nicht zu sehr der Armen zürnen, Die ihren Gram nicht überleben kann! Doch laßt mich noch einmal die Stätte sehn, Wo ich in Fiebern, die ich nie gekannt, Wie an der Brust des Glückes trunken lag (Wendet sich zum Apoll und erblickt Roland) Jesus! Er ist es! (Eilt auf ihn zu) Weck ich noch einmal Für einen Pulsschlag nur den Traum zurück, 96 An dem ich einmal schon gestorben bin? Noch einen Kuß und dann getrennt auf ewig! (Beugt sich über ihn und prallt zurück) Gott! Ist er's noch? wie furchtbar sieht er aus! Wie finster diese Stirn, wie hart der Mund Er fletscht und knirscht die Zähne, krampft die Faust Welch bös Gesicht mag seine Seele quälen! Vor dieser fremden furchtbaren Gestalt Beschleicht mich Furcht! Gott er erwacht hinweg! (Sie flieht ins Haus)   Dritter Auftritt Roland (im Schlaf keuchend) . Die Faust weg! Wirst du ? Fahr zur Hölle (Mit einem Schrei des Entsetzens sich aufwälzend) Ha! Das war ich selbst! Kann man so furchtbar träumen? Wo aber bin ich? Hier? Wie aber? (Sich entsinnend) Ah! Tristan (aus dem Hause) . Hallo! Also da reibt Ihr den Schlaf aus den Augen und beguckt die harten Daunen! Es war kein geringer Schreck für mich, da ich auf Euerm Bärenfell aufwache und Euer Nest unberührt finde! Schon herausgeschmissen? denk ich! Aber schnell: wie geht's wie steht's? Was hat sie Euch eingeschenkt? Mein ganzes Fell ist in begreiflicher Spannung! 97 Roland (sich erhebend) . Laß mich ich muß mich selber erst besinnen Der Kopf ist mir ganz voll von wirren Träumen. Vom letzten friert mich ganz! Wie war es doch: Ich klomm da steil und mühsam wo empor Tristan . Wie es scheint ohne meinen alleruntertänigsten Rücken? Roland . Still es kam schauerlich: da sperrt ein Kerl Nein, erst war's eine Alte mir den Weg. Mit Spinnenfüßen greift und würgt sie mich Und hält mich schwebend über grausiger Tiefe. Da krieg ich meinen Dolch sie wird ein Kerl »Gut denn, stoß zu!« sagt er und grinst mich an, Und seine Fratze wird mir so bekannt »So fahr zur Hölle!« lall ich und stoß zu Und zischend fährt der Stahl in meine Weiche Der andre war ich selbst! Ist das nicht seltsam? Tristan . Ihr habt Euch so 'ne Kante in die Rippen gelegen davon träumt man dann solches Zeug! Roland (sich schüttelnd) . Ja es ist Unsinn! Häng ich Schatten nach, Da mir des schönsten Tages Sonne winkt! 98 Ich bin ein Mann darf mich ein Spuk erschüttern Auf eines Wunders Schwelle, das kein Traum?! Tristan . Diese verklärte Miene gibt mir ein wahres Hochgefühl sind meine Schulden bezahlt, lieber Herr? Roland . Geh! wüßtest du, was mir Fortunens Schoß, Indes du schnarchtest, schöpferisch geboren Du dächtest nicht an das! Der Wassertropfen Auf heißem Stein verpuffte nicht so leicht Als diese kleine Not! Tristan . Na hört mal! Ihr mutet mir eine rührende Vergeßlichkeit zu! Ich wollte doch mal sehn, ob die Bank, auf die Ihr geschnallt werden sollt, nicht selbst im Zustand der ewigen Seligkeit Euer Hinteresse wachhielte! Aber es klingt Trost aus Eurem Geläute: Fortuna hat gejungt, merk ich! Laßt mich Gevatter stehn! Legt den Täufling in meine Arme: ich will ihn lieb haben, wenn er für mich eine andre Aufwartung bedeutet Roland (lachend) . Als die bewußte? Ich sage nichts als: wenn nicht alles trügt, So duftet es im Haus nach andern Suppen! 99 Tristan . Hochzeit? Kann ich die Böller rüsten? Schießt sie was Tüchtiges zu? Na sie hat's ja, Euch den Weg durch die Türe zu weisen! Roland . Wer ? Was ? Tristan . Ich hab Euch nur durchs Fenster helfen können! Roland . Zum Henker denn was meinst du? (Verstehend) Ah! Mach dich nicht lächerlich! Tristan . Was? Hat das Wetter umgeschlagen? Roland (mehr für sich) . Das arme Mädel! Der Blick, fest auf die Sonne jetzt geheftet, Reißt sich nicht wieder los und in der Höhe, Dahin die Schwinge des Geschicks mich trägt, Entschwindet sie dem ihr verlornen Auge, Dem kleinen Veilchen gleich im Grase! Tristan . Donnerwetter! wie lang ist's her, da stand sie in Euerm Aug eine Zeder vom Libanon! 100 Roland . Laß sie! Weiß Gott, sie tut mir leid Tristan . sagte die Katze zur Maus, daß ich Sie verspeise! Roland . Was willst du machen! 's ist eine mehr! Das Leben ist ein Krieg Und kostet Schutt, und des Gefallnen achtet Kein vorwärts Stürmender wie käm er vorwärts? Und ich will vorwärts aufwärts! Und, mein Junge: Ein jeder Mann ein Mann! verstehst du wohl Hat einen Augenblick in seinem Leben, Der einmal ist und niemals wiederkehrt: Da spielt das Glück den großen Wurf mit ihm: In dem wie sonst ergriffnen Becher rasseln Die Würfel heut mit sonderbarem Ton! Für den hab er ein Ohr, ein Ohr, mein Junge, Und dann (Mit Geste) ein Handgelenk! und eine Faust! Verhört, verpaßt er das und fehlt ihm das (Geste mit der Faust) Ist er und bleibt sein Leben lang ein Lapp Und troll sich ins Gewimmel seiner Herde! Ich aber, Freundchen 101 (Will ihm einen wuchtigen Schlag auf die Schulter geben, Tristan weicht aus, der fehlgehende Hieb bringt Roland ins Schwanken)                                         Kerl, was stehst du nicht! Tristan . Na ich danke! Ich weiß auch ohne diese Spezialkniffe der lullischen Kunst, daß Ihr einen festen Griff habt! Roland (von ihm hinwegschreitend und hinaussprechend) . Ja ich will greifen wie der Schraubstock greift Von Griff zu Griff jetzt über allen Traum! (Verändert) Auch trotz dem dummen Zittern dieser Hand Und dieser dunkeln Last auf meiner Brust, Die ich nicht recht verstehe Pah hinweg! Wie? zittert nicht der Bogen nach dem Schuß? Drei Jahre halt ich reglos mich gespannt, Verknirschte all mein Wüten im Geheimen Nun ist der Pfeil entschwirrt! ins Blatt getroffen Liegt mir die weiße Hindin auf der Decke Ha! Nach der Folter dieses wilden Schmachtens Sink ich nun doch zur Rast an diesen Busen! Mir werden öffnen sich die hehren Arme, Die herben Lippen ihren Nektar reichen Und ich soll zittern nicht und nicht erbrausen? Von welchem Übermenschen fordr' ich das? (Zu Tristan zurückkehrend, der ihn scheu umwichen hat) 102 Doch frag nicht mehr, ich will's nicht mehr bereden! Die reife Frucht wird einst ins Maul dir fallen Wenn du's so offen haben wirst wie jetzt! Tristan (klappt hörbar seinen Mund zu) . Habt Dank! genügt! verstehe! Noch vor vier Wochen hab ich Eurer Mutter daheim gesagt: Frau Gertrud, hab ich gesagt, Euer Junge stirbt in keinem niedern Bette Roland (überrascht) . Verflucht! Und ist das deine wahre Schätzung? Tristan . So Wahres gibt's überhaupt nicht freilich; den Rest behielt ich für mich! Roland . Ich dacht es doch: ein »aber« wird nicht fehlen! Tristan . es steckt in ihm ein solcher Schuft (Roland tut einen Ruck) versteht sich in ganz honorigem Sinn! daß er entweder im Ministersessel entschlummert oder am Galgen! Roland . Wetter nochmal! Respekt vor dieser Nase! Sieht es nicht aus, als triebe sich der Kerl In meiner Brust geheimsten Sorgen um? 103 Doch hör: ein Schelm ist wohl des andern wert, Drum, wenn wir weiter uns so gut vertragen, So soll, wie auch der letzte Würfel rolle, Kein andrer Kammerdiener mich begleiten! Tristan . Topp! das ist ein Wort! Roland . Wie, ohne Einspruch? Und auf beiden Gängen? Tristan . Mit Haut und Haar! Roland . Zum Galgen, hörst du hast du dich verschworen! Tristan . Ihr habt eine Spur, daß es mehr Ehre und Vergnügen macht, mit Euch gehenkt zu werden, als hundert andern Exzellenzen die Orden an die Hühnerbrust zu stecken! Roland . Zu prügeln bist du oft mit deinem Maule Doch so wärst du ein Mädel, müßt ich's küssen! Doch deine Borsten brrr! Nun nicht so da! (Streckt die Hand) 104 Tristan (zum Einschlagen ausholend) . Wahrhaftig, auch mir käm's auf einen Kuß nicht an! Aber wenn wir den Zucker den Mädeln lassen, ist »Soda« ein Salz für Männer! (Schlägt kräftig ein, sie schütteln sich die Hände) Roland (lachend) . Doch ohne eine Schnurre läßt du's nie! Tristan . So Gott will, nie! Roland . Und auch das letzte Wort mußt du behalten! Tristan . Grad wollt ich noch sagen, des Seilers Tochter muß sich beeilen, um es mir abzunehmen aber zum Zeichen, daß mir für Euch noch das Unmögliche möglich wird diesmal sollt Ihr's haben! (Klappt den Mund hörbar zu) Roland . Wirklich? Tristan (würgt und schluckt) . Roland . Wirklich! Tristan (würgt weiter) . 105 Roland . Bei Gott! Ist es zu glauben? Erlaub, daß ich das Haus zusammenrufe! (Wendet sich um; in diesem Augenblick erscheint Herlinde über der Treppe, steigt herunter und schreitet langsam, sich da und dort verweilend, in die eben aufgehende Sonne hinein)   Vierter Auftritt Roland . Die Frau! Verdammt! Kann ich ihr so begegnen? Wie seh ich aus? Schnell bringe mich in Ordnung! (Tritt mit Tristan hinter das Gebüsch, ordnet hastig die Locken, dreht seinen Bart, während Tristan an seinem Anzug herumzupft und mit dem Sacktuch seine Schuhe abstaubt. Roland hält aber, von der nahenden Erscheinung getroffen, in seiner Bemühung bald inne und stößt dann auch Tristan hinweg, der sich im folgenden versteckt hält) Ha – dieses königliche Menschenwesen Dies göttlich schöne, reine Frauenbild! Auge, erträgst du's ungeblendet? Brust, In deinen Räumen wagst du's zu empfangen? Wie sie hereinfließt in die junge Welt! Der Garten wird lebendig, schwillt von Odem, Die Brunnen lachen auf und plätschern heller, Vertausendfacht fällt ein der Vöglein Chor, Und an der schneeig schimmernden Gestalt 106 Rauscht höher auf die goldne Flut des Lichts! Und ich! Und ich in meinem Schmutz vor ihr! (Er erstarrt, im folgenden tiefer und tiefer versinkend) Herlinde (nach vorn kommend, die Sonne mit der Linken abblendend) . Wie köstlich labt die Luft des reinen Morgens, Gekühlt vom Eis der Firne, die dort glühn, Die heiße Brust! O süße Himmelsspeise, In vollen durstigen Zügen laß dich atmen, Und du, o junges Licht, hilf mir entschürzen, Was noch die blasse Nacht an Rätseln ließ! Weiß ich, was mir geschah und was mir wird? Bist du's, was wie der Blitz aus dunkler Wolke Zerschmetternd und erlösend in mich brach, Und drückst das Siegel auf mein Leben, Glück? Zerstör's nicht wieder, unbarmherziger Tag, Der jeden Traum verlöscht! Nein doch: versuch's! Üb deines Lichtes ganze Kraft an ihm, Und war's ein Traum, seng ihn dein Strahl hinweg Und geb mich wieder meinem herben Wachen! Doch geh! Ohnmächtig bist du! Das ist Leben! Und sah ich's nur im Zucken eines Blitzes, So ist es doch! Ha, wie er sich erhob Und alle seine Schorfe von ihm glitten Aufrecht und mannhaft, hart und scharf und klar! Ein halbgezücktes Schwert oder wie du 107 (Wendet sich zum Apoll und erblickt Roland ) Da er! O Gott, wie soll ich ihm begegnen? Was sag ich ihm? (Sie stehen sich in verschiedener Unschlüssigkeit gegenüber) Roland . Wie komm ich fort von hier? Herlinde . Er findet noch zu keinem Gruß das Wort! Roland . Ich trag nicht länger ihren reinen Blick! Herlinde . Wie helf ich ihm zu Mut und wer hilft mir? Roland (knirschend) . Es muß sein! Herrin Herlinde . Roland? Roland (bebend) . Darf ich bitten ? Herlinde (verwundert) . Um was? Roland . Entfernen mich zu dürfen! 108 Herlinde (stockend) . Wie? Er hat die Freiheit! Doch vor jedem Gruß ? Roland . Verkennt nicht meine Bitte ? (Stockt) Herlinde . Ist Er seltsam! Roland . Ihr seht verwirrt mich und aus manchen Gründen (Rasch) Von welchen den natürlichsten zu nennen Die Schicklichkeit verwehrt Herlinde . Er spricht in Rätseln! Roland (stammelnd) . Es hat mich diese Nacht hierher geworfen Von diesen Fliesen stand ich eben auf Und fühle mich so so so ungeordnet Herlinde (ein Lächeln findend) . Ah so! (Beurlaubende Handbewegung) Ich wünsch Ihm ein gesegnet Bad! Roland (sich hastig neigend) . Ich danke, Herrin! (Rasch ab, vor dem Verlassen der Szene noch einen Rückblick tuend und dann wie gehetzt ins Haus) 109 Herlinde (ihm nachsehend) . Ist er noch zu kennen? Wie kommt ihm dieser scheue, wunde Blick? Es muß ihn wahrlich hart ergriffen haben Doch mir auch bebt und wie das ganze Leben! (Zu Tristan , der sich drücken will) Du halt! Komm her und lasse dich besehn! Tristan (sich windend) . Bitt schön ich muß ihm doch bei seinem Wichs helfen! Herlinde . Er wird sich wohl ja noch der Zeit erinnern, Wo er alleine mit sich fertig ward Mich dünkt, du windest dich vor meinem Blick! Tristan . Allergnädigste Frau ich bin auch noch nicht gewaschen! Herlinde . Nie fand ich dich in diesem Stück fanatisch! Du bleibst und kämst du eben aus der Suhle! Wie kommt es denn: ich seh dich ohne Mütze? Tristan . O an einem solchen Morgen geh ich gern in der bloßen Wolle! 110 Herlinde . Wolle ist gut! Wohl für den Bürstenmacher! Ich seh dich aber lieber in der Mütze, Und eben heut hab ich besondre Lust! Tristan . Wie das sich trifft! Grad heut, wo sie mir abhanden gekommen ist! Herlinde . Abhanden? Hast du eine Ahnung, wie? Tristan (für sich) . Wolkenbruch, gehst du nieder? (Laut) Eine Ahnung? Eine Ahnung? Ich glaub, die Frau hat so viel davon wie ich, wie sie mir abhanden gekommen, aber mehr als ich, wo sie hingekommen ist (Sie wendet sich ab, um ihr Lächeln zu verbergen, er wirft sich auf die Knie) Liebste Frau, quält mich nicht länger! Es ist ja doch alles heraus Gott sei Dank! Laßt mir die Absolution geben und dann meine Kappe wieder! Ich will sie von heut an doppelt in Ehren halten, seit sie für das Glück dieses Morgens verantwortlich ist! Herlinde . Schlingel, was soll das! Meinst du zu entschlüpfen? Weißt du, daß du ein Schurke warst? O Schmach: Das liebe, junge, unverdorbene Kind 111 Auf deinen Schultern hobst du ihn hinauf Und spürtest nichts, du hartgesottner Sünder! Tristan . Spüren? Haltet mich nicht für fühllos, liebste Herrin! (Sich eine Schulter reibend) An die verdammten spitzen hohen Absätze will ich gar nicht erinnern Herlinde (aufstampfend) . Ich rat dir auch, tu's nicht! wag nicht zuviel Und nicht in diesem Stück auf deinen Freibrief! Tristan . Nein nein nein nein um Gottes willen nicht wo werd ich denn! Es war mir auch sonst nicht wohl dabei! (Gegen das Haus) Hätt ich nur Zeugen dafür, wie ich alles getan, das Unglück zu bremsen ist er mir nicht an den Kragen gegangen? Herlinde . Schurke, verlüg dich nicht! Wer wird dir glauben! Tristan . Aber welche Gewalt traut Ihr mir auch zu über so ein junges feuriges Roß das den rechten Bereiter noch nicht gefunden hat! Und es ist so ein unruhiges gewittriges Frühjahr es liegt so etwas (Mit Augenaufschlag) Schmerzliches in der Luft! (Sie wendet sich ab) Ihr freilich spürt nichts davon aber, was ist das? 112 Seh ich das jetzt erst? Was für eine Veränderung ist mit unsrer Frau vorgegangen? Herlinde . Veränderung an mir? Geh, du bist drollig! Tristan . Ich schwöre drauf! Herlinde . Mich dünkt, du gehst auf neue Schliche aus! Tristan . Ich nehme noch fünf zu meiner Portion, wenn Ihr nicht eine Andre seid als gestern als seit lange! Euer Auge blitzt, die Wange glüht, der Mund schaut friedlich und satt, das Haar schimmert wie Seide kurz, man meint, Ihr hättet nach langem Hungerleiden wieder einmal tüchtig gegessen Herlinde (belustigt und verwirrt) . Tristan! Tristan . Oder als ob Ihr die ganze Zeit eine Mondfinsternis gewesen wärt! Herlinde (auflachend) . Jetzt aber schweig mein holder Sänger, Und halt mich nicht für töricht: Freund, du salbst, Um besser deinem Büttel zu entgehn! 113 Tristan . Salben? Salbt mich! Ich nehme noch fünf zehn zwanzig die doppelte Portion! Glänzt Ihr, will auch ich nicht matt sein! Und jetzt muß Verschiedenes heraus: Herlinde . Tristan! Tristan . Die losen Zungen des Landes, die von Euch sagen: Ihr triebt es wie der Gärtnershund, können ihren Witz einpacken! Herlinde (erstaunt und entrüstet) . Wie wer? Wie soll ich das verstehn? Doch schlag nicht neben mir in eine Pfütze! Tristan . Na: er ißt selber das Obst nicht, läßt es aber auch keinen andern essen! So Ihr im Garten der Liebe: selber kalt wie Eis, aber heiß wie der Teufel hinter den armen Sündern drein! Herlinde . Tristan! Tristan . Ja Kuchen, Tristan! Und wenn Ihr sie verdreifacht: der Gärtnershund hat Appetit bekommen! 114 Herlinde (hin und her flüchtend) . Tristan! Wie stopf ich ihm den Mund! Tristan (triumphierend auf ihr Antlitz deutend) . Es gibt nur eine Schminke, die so heizt! Herlinde (sich die Ohren zuhaltend) . Das Beste ist, ich flüchte! (Wendet sich nach dem Hause) Warte nur! Tristan . Aber meine Kappe was ist mit meiner Kappe? Ich fühle mich ja auch noch so wie sagte mein Herrchen? noch so ungeordnet! (Stutzt gleichzeitig mit Herlinde zurück und drückt sich im folgenden)   Fünfter Auftritt (Über der Treppe erscheinen der Fürst, die Tante und der gräfliche Vetter) Fürst ^ Da da was ist das? (Führt sein Glas ans Auge) Herlinde . Gott ich bin belauscht! Fürst . Trügt mich mein Auge oder ist das nicht Der Bursche unsres Burschen? 115 Tante . Tristan ist's! Fürst . Und unsre Frau jagt sich mit ihm? Merkwürdig! Herlinde . Wohin entflieh ich? (Ihre Wangen pressend) Kann ich so mich zeigen? Tante . Es ist nicht zu verstehn! Vetter . Ja, Gott verdamm mich! Sie hat kein gut Gewissen! Wie sie stutzt! Fürst . Hm so scheuert man sein schmutziges Geschirr! Was liegt da vor? Vetter . Es muß ergründet werden! Tante . Sie kann uns nicht entgehn auf der Terrasse! Herlinde . Sie kommen auf mich zu wie rett ich mich? Sie dürfen mich nicht sehn die Wange glüht Ich glaub es selbst! Wär ich an der Fontaine! 116 O Gott nun fühl ich erst die neue Schwere: Wir leben nicht zu zwein auf einer Insel ! Ich stecke meinen Kopf in dieses Buch! (Zieht ein Büchlein aus dem Gürtel) Fürst . Mein Gott, wie geistreich: Straußenpolitik! (Zur Tante) Nun wenden wir hinüber unauffällig! Die Herrin hält wohl ihre Morgenandacht Natürlich mit Horaz! Herlinde . Geraten, Fürst! Fürst . Ich lobe so melodische Begleitung: Es stimmt zu dieser Zeit und Tagesstunde Der Garten zeigt sich in der schönsten Pracht! Herlinde . Es ist auch seine schönste Zeit und Stunde! Wie leicht gewinnt der Mai doch seinen Ruhm, Nachdem drei Monde für ihn stritten, litten! Fürst ^ Es leidet, streitet Alles bis es blüht Doch ist es wahr, zwingt dieser Wange Schmelz Zur Frage wohl, was sie gelitten hat! Herlinde . Wie meint der Fürst das? 117 Tante . Nun es ist erstaunlich, Wie wohl du aussiehst nach der bösen Nacht! Du bist rein in der Blüte! Herlinde (in steigender Verwirrung) . Geh was sagst du! Fürst . Und heiter selbst beim lästigsten Geschäft! Herlinde . Versteh ich das? Wie komisch seid Ihr alle! Vetter . Du warst auch komisch vorhin mit dem Burschen! Fürst (wie begütigend) . Ich bitte, Graf, man kann auch lustig scheuern! Herlinde . Vor diesem Lächeln und vor deinem Grollen Fühl ich verraten mich drum guten Morgen! (Rauscht ab, sie sehen ihr nach)   Sechster Auftritt Fürst . Wie dünkt Euch das? 118 Vetter . Da ist was nicht in Ordnung Nun, meiner Nase riecht's schon lang nicht gut : Zu nah, das gibt zu warm! Der Teufel hol's! Ich wollt, ich könnte beiden an den Kragen Denn das hängt doch zusammen! Tante . Sicherlich! Sie mag schon lachend vor dem Burschen flüchten Er war wohl unverschämt Vetter . Ich wollt ihm anders! Tante . Wenn Roland sie Herlinde nennen darf Vetter . Und nicht zum Haus hinausfliegt! Daß die Pest! Ich wollt, ich hätt ihn unter meinem Stiefel! Fürst . Klar ist mir eins: der Bursch muß aus dem Haus! Und unverzüglich! Denn er wird gefährlich! Vetter . Das ist er lang schon! 119 Fürst . Ist es zu verwundern: Er ist ein hochbegabter, flotter Kerl, Der meine eigne Neigung reichlich hat Schon lang beacht ich ihn und fürcht ich ihn! Und wenn ich über etwas staunen muß, Ist's nur, daß nichts geschah! Vetter (wild) . Noch nichts! Wer weiß es? Tante . Des bin ich wohl der beste Zeuge, Neffe! Ein Drache hütet seinen Schatz nicht so, Wie ich der beiden innigen Verkehr Doch sorglos war ich in der Tiefe nie! Fürst . Ich will es hoffen, meine Gnädigste! Was mich betrifft, so weiß ich einen Mann, Der sich als Grabschrift dieses Marterl setzt: Hier ruht ein Mensch, der war sehr weis: Er wußte das Wasser naß und das Feuer heiß Und erwartete nicht, daß jenes nicht nässe Und dieses nicht fresse! Tante . Wahrhaftig, Fürst, ich merke, das ist viel! 120 Fürst . Nicht wahr? Vetter (für sich) . Das Wasser naß das Feuer heiß Aha, mir dämmert's auch das ist ein Wort! Tante . Bst! Bst! da kommt er selbst Fürst . Das trifft sich gut! Ich bitte, laßt ihn mir, ich bring ihn weg! (Tante und Vetter ab)   Siebenter Auftritt (Roland kommt in finsterem Sinnen aus der Halle und wird erst spät die Gruppe gewahr; er nimmt sofort eine vollendet höfliche, ehrerbietig wartende Haltung ein) Fürst . Guten Morgen, junger Freund! Eh was ich sehe? Die sonst so flotte Stirn in solchen Sorgen? Roland . Erlaucht ich wüßte nicht Fürst . Eh keinen Schwindel! Hab ich noch sein Vertraun? Was gilt die Wette: Er treibt von hier hinweg ich seh's ihm an! 121 Roland . Erlaucht ich staune! Fürst . Ist es nicht so? Roland . Nun Ich kann nicht leugnen doch wie kommt Erlaucht ? Fürst . Pah! Seh ich ihn zum erstenmal? Roland . Nicht doch Fürst . Nun also! Und wie viel der Stunden sind's, Da krähte noch sein kriegerisch Gesicht: »Hier bin ich Hahn im Korb! Wer schmeißt mich raus?« Heut stehn in seiner Miene andre Noten, Und vor die Nase scheint ein b gesetzt! Was hat es denn gegeben? Na, heraus! Roland . Erlaucht wenn ich es denn gestehen muß: Ein Blödsinn eine ungeheure Dummheit! Fürst (den Stock erhebend) . Où est la femme? 122 Roland . Nun ja Fürst . Nun ja, mein Lieber! Dummheit ist leicht gesagt, und Blödsinn auch! Doch ist's ein Ding so göttlich wie nur eins, Vom kindischen Menschen nur so schlimm getauft! Denk Er das Leben sich mal ohne sie, Die launigen, brutalen Knotenspalter, Nur unsrem schäbigen Verstand gelassen: Pfui Teufel! Endlos diese Langeweile! Und mehr als das: des längst verdauten Wollens Und weniger Begriffe schale Inzucht! Von außen kommt das neue frische Blut, Und der Verstand ersetzt sich aus der Dummheit, Und wo sich fruchtlos höchste Weisheit schindet, Das löst im Handumdrehn ein Narrenstreich! Roland (sich nach seiner Hand neigend) . O wunderbarer Trost aus diesem Worte! Fürst . Nicht wahr? Drum Vorsicht: dank Er seinem Schöpfer Für seinen Blödsinn und dann: fort von hier! Zu lang ist Er schon hier, ich sagt es immer! Natürlich sitzt Er angenehm im Nest, Doch viel zu angenehm für seine Jahre! Er fault hier! Diese weiche, feuchte Luft, Sie treibt Phäaken , aber keine Männer! Schäm Er sich was, herkulische Talente, Um die ein Mann wie ich mich seiner freue, Am Rocken Omphales so zu verzupfen! Heraus, sag' ich, mit Ihm und (Sinnend) weiß Er was? Komm Er zu uns! Wir werden Ihn versuchen, Und taugt Er wirklich was, was aus Ihm machen! (Roland streicht sich die Stirne und tastet nach des Fürsten Hand) Wie ist es? Hat Er neben den Talenten Wie nennt der Deutsche doch den Schwindel? Treue? Roland (seine Hand küssend) . Der Dank ertrinkt im Schwalle der Gefühle! Fürst . Ein Luxus, des Er sich entwöhnen mag! Und seine Antwort? Frage ist wohl kitzlich? Roland . Grausam ist sie, Erlaucht! Denn ja und nein Beraubt mich eines Vorzugs: sag ich nein, So bin ich treulos, sag ich ja, geschmacklos! Doch da mir höher als ein Tugendpreis Das Lob des hochverehrten Meisters steht, So sag ich frei: ich hab nicht mehr von Treue, Als mit den eignen Plänen sich vereint Ich habe Ehrgeiz! 124 Fürst (seine Wange berührend) . Kleiner Schäker! Na: Besuch Er mich zunächst auf meinem Schlosse; In wenig Tagen ruft es mich zum Kaiser, Und sind wir einig, mag Er mich begleiten! Auf Wiedersehn denn! (Reicht ihm lässig die Hand) Roland (sie küssend) . O, ich werde fliegen! Fürst (mit dem Finger drohend) . Freundchen, Freundchen! Die Füße auf dem Boden! Und Schritt für Schritt und Schritt für Schritt nicht anders! (Abgehend, sich noch einmal umdrehend) Scharmanter junger Mann! Nein, diese Bauern! Was gäb ich drum, wär mein Sohn so geraten! (Ab) Roland . Was war das! Schicksal, spielst du Ball mit mir? Klirrend zerspringt in hartgepreßter Hand Das Glasgebild des einen Traums der andre Schwillt auf, von unversehns, in festen Formen: Arbeit und großes Tun! Noch faß ich's nicht Zerbrochen hat mich dieser Griff ins Leere! So krachten wohl Irions Arme auch, Die rasend er um seine Wolke warf, Vor der enttäuschten Geckenbrust zusammen! 125 (Er kommt weiter nach vorn) Hier war's! Hier wacht ich auf! Hier fuhr der Stoß In die zum frechen Sprung gestraffte Weiche! Hier schoß ich in die Tiefe atemlos Ins Ungemessne zur Zerschmetterung! Hier stand sie! Da: hier hat der Silbertau Des leichten Fußes leisen Druck bewahrt (Wirft sich hin) Vergib, Geliebte Hohe du, vergib! An dieser Spur laß meine Lippen büßen Für ihren schwelgerischen Traum von deinen Vergib! Ich hab mich erst erkannt an dir! (Er liegt, von einigen Zuckungen unterbrochen, still)   Achter Auftritt Tristan (taucht unter Umblicken aus dem Gebüsch auf) . Holla! Da liegt Er schon wieder! Das reine Lagergetreide! Oder kasteit Er sich hier für das höhere Bett? Aber was ist ihm? Was habt Ihr? Schaut doch auf! Herr, treff ich Euch so im Sonnenaufgang des Glücks! Roland (bitter auflachend) . Des Glücks! Des Glücks! Tristan . Hör ein Mensch dieses Lachen! Wenn Ihr nicht das Schoßkind Fortunas seid, wer dann? Das Herz 126 der Frau ist in Feuersbrunst die Flammen schlagen zum Dach hinaus! und wie festlich hatte eben die Staatsgaleere für Euch geflaggt! Roland . Du weißt nicht, wie mir ist! (Erhebt sich) Gut, daß du kommst, ich habe dich gesucht Ich brauche dich! Sieh dich im Hause um Nach einem Mantelsack oder sonst so was Ich weiß nicht, wo mein Bündel hingeraten Tristan (stotternd) . Mantelsack? Wozu? Roland . Dann hilf mir packen! Tristan . Packen? Roland . Ja, ich muß hinweg! Tristan . Ihr müßt hinweg? Roland . Und noch vor Abend also tummle dich! Tristan (krümmt sich und schielt an sich selber hinauf) . Laust mich ein Affe? Um meines Verstandes willen hat's bei Euch eingeschlagen? Ich hab zugeschworen, mit 127 Euch Minister oder Rabenfutter zu werden aber das Tollhaus steht noch außer Verabredung oder laßt mich doch schnell den vernünftigen Grund wissen, aus dem ich mitverrückt werden soll! Roland (hat sich inzwischen auf die Rampe des Apollostandes gesetzt und den Kopf in die Hand gestützt; nun da er laut geben will, fährt er gegen seinen Aufruhr kämpfend auf, läßt sich aber wieder zurückfallen und vergräbt, von Schluchzen geschüttelt, das Gesicht in beide Hände) . Tristan . Um Gott Herr, was ist Euch? Noch hat keine neue Stunde geschlagen, seit Ihr diesen Augenblick den einzigen genannt und Euch vermessen habt, ihn fassen und unter Euch kriegen zu wollen, der da nur einmal im Leben Roland (aufspringend) . Schweig nein: stoß zu und triff mich voll ins Blatt! Sie streckt sich noch, die einzige der Stunden Sie schlägt erst aus (Schreiend) sie hebt erst an sie will Erst unter mich gezwungen sein und (Stampfend) soll's! Tristan (sich ängstlich umsehend) . Wenn mir nur einer sagte, was los ist! Roland (hinaussprechend) . O Mensch, was ist dein Denken, Meinen, Suchen! Und wärest du der listigste und kühnste, Vom stärksten Willen deine Brust gespannt, 128 Mit härtestem Können deine Faust begabt : Was prescht aus den geheimsten deiner Gründe Von weltenfernher in den eitlen Bau, Und schmeißt sein klägliches Gerüst zusammen? Da! reck die Nase! wittre rund um dich, Und spür ihm nach, dem rätselhaften Sturm, Von wo er braust, wohin er treibt ! Ohr auf! Hörst du das Kollern unter über dir? Meckert ein Faun gellt Satans schrille Lache, Oder dröhnt donnernd noch ein andrer drein? Weiß ich's? Ich spüre nur den heißen Blitz, Und an der Kehle würgt die nächste Not! Drum frag mich jetzt nicht leih mir deine Hand! Ich muß vor Abend aus dem Hause sein: Der Boden brennt, und Hölle ist geworden, Wo mir soeben noch ein Himmel lachte! (Stürzt ab) Tristan . Das ist eine Geschichte merk ich aus den Regionen, wo unsereins die Bergkrankheit kriegt! Aber es soll mich wundern, ob das wirklich so heiß gegessen wird! Was ist denn das? (Geht zur Stelle, wo Roland gesessen hat) Donner! An die hat gestern keiner von uns gedacht, daß wir ihnen entgegengingen: von Kind auf kenn ich ihn aber das sind seine ersten Tränen!   Der Vorhang fällt . 129   Fünfter Akt (Halle des ersten Aufzugs. Die Gräfin bewegt sich in ihr stockenden Schrittes und hält dann inne) Erster Auftritt Herlinde . Wir leben nicht zu zwein auf stiller Insel In einer Welt Getrieb, von der wir leben! Frei sind wir nur im Fühlen unsrer Brust. Schon deinen Blick mußt du verschleiert tragen Den Rest beherrscht die Sitte deines Stamms! (Pause) Und doch: was laß ich diese kalten Hände Der Seele selig Glühen mir erschrecken? Dies namenlose Glück, das in mich braust, Wenn ich die Schleusen öffne ist's ein Trug? Und ist es Scham, davon die Wange blüht, Und in des Herzens ungestümem Pochen Jagt ruhlos das Gewissen einer Schmach? Nie und unmöglich! Denn ich bin's, die liebt! Nun zeig Geschick, wie du den Knoten lösest, Und ob die süße Kraft, die mich erfüllt, 130 Mich nicht beseelt auch, diese Welt zu zwingen, Den Gatten mir zu lassen meiner Wahl! (Geht hinein)   Zweiter Auftritt (Von der andern Seite tritt der Hausverwalter auf) Hausverwalter . Mir ist nicht ganz so wohl als es doch sollte: Der böse Tropfen frißt sich tief und tiefer Vergeblich ist mein Würgen wider ihn, Und unaufhaltsam steigt's wie Katzenjammer! Fand sie zum Schmeicheln denn kein ander Bild? (Seufzt) Ich unterlag den Künsten der Sirene! Bin ich ihr ganz verfallen? Oder wäre Noch Rettung möglich vor den achtzehn Enden? Um wie viel keuscher scheint mir doch Maria! Wie? Wenn ich ihr die Liebelei verziehe? Bin ich nicht auch ein Sünder? Und wie mürb Wird sie jetzt sein und mir als Retter danken!   Dritter Auftritt (Von der Treppe herauf kommt des Fürsten alter Diener im Reitanzug) Der alte Diener . Wo ist der Fürst, Herr Hausverwalter? 131 Hausverwalter . Ei Der alte Konrad! Und was gibt's, mein Freund? Der alte Diener . Wo ist der Fürst? ich bitte! Hausverwalter . Diese Eile! Kein Wort zum Gruß! Nicht erst ein Gläschen Wein? Oder ein Schnäpschen? Zur Erquickung? Wie? Der alte Diener . Ich bitte noch einmal: führt mich zum Fürsten! Hausverwalter . Ihr seid ja ganz verstört was mögt Ihr bringen? Der alte Diener . Man hat den jungen Herrn heut nacht erstochen! Hausverwalter . Wie wa das ist ja fürchterlich! Und wer? Der alte Diener . Weiß nicht man fand ihn in der Straßengosse Vor einem bösen Hause in der Stadt! Hausverwalter . Ein schrecklich Unglück! 132 Der alte Diener . Doch ein Glück dabei: Der Lümmel ist dahin! Wo ist der Fürst? Hausverwalter . Im Garten, bei der Herrin, muß er sein Doch sieh, da kommt er bringt's ihm schonend bei! (Auf den Zehen ab nach innen)   Vierter Auftritt Fürst (auftretend) . Du hier, mein Alter? Und mit welcher Miene Du bringst nichts Gutes! Der alte Diener . Nein, mein teurer Herr Doch laßt die Botschaft nicht dies Haupt entgelten : Der junge Herr Fürst (die Hand erhebend) . Ah ahnt ich's fast mein Sohn! Was ist mit ihm! Der alte Diener . Mein Fürst er ist nicht mehr! Fürst (taumelnd) . Wie ist's geschehen? Ein Unglück oder Schmach? 133 Der alte Diener (unsicher) . Wir wissen nichts Genaues Fürst . Sag nur alles Ich merk dir an: es ist mehr als ein Tod! Der alte Diener . Man fand ihn heut erstochen in der Stadt! Fürst (heiser) . Ich weiß genug laß mich allein! (Der Diener zieht sich zurück) O ! nein! Ich will auch jetzt nicht diesen Namen nennen, Da mich der Gram zerstückt! Trag's schweigend durch! Es ist geschehn und einem üblen Lehen Ein übel Mal gesetzt (Leise) zum Glück das letzte! Und doch: so schlecht der Bube war ein Riß Zieht schneidend doch durch mich und meinem Leben Ist abgetrennt ein Glied kaum zu entbehren: Der letzte Sproß nun bin ich ganz allein! (Er steht eine Weile still auf seinen Krückstock gestützt; die Treppe herauf kommt Roland in raschen Sätzen, stutzt vor der Haltung des Fürsten und des Dieners und sieht fragend von einem auf den andern; da schwankt der Fürst, sein Stock fällt zu Boden, beide stürzen auf ihn zu und schützen ihn vor dem Falle; der Fürst bedeckt mit einer Hand die Augen) Der alte Diener (flüsternd und zitternd) . Mein armer Herr! (Pause) 134 Fürst (leise) . Wer ist das? Der alte Diener . Ich Ihr Konrad Fürst (noch abwesend) . Der andre? (Der Diener sieht Roland fragend an) Roland . Roland! Fürst . Ah! Wie warm ist seine Hand! Führt mich hinein! (Richtet sich auf) Ich muß ein wenig ruhn An diesem Schlage merk ich: ich bin alt! (Sie führen ihn gegen die Türe) Es geht sich gut an seinem Arm mein Sohn! Er bleibt bei mir? ich kann ihn wohl gebrauchen! Roland . Mit allen Kräften meiner Seele, Fürst! (Sie gehen hinein)   Fünfter Auftritt (Die Gräfin kommt eilig aus der Pforte) Herlinde . Der arme Vater welch ein bittrer Schmerz! Entsetzlich Ende eines Fürstensohns! 135 Wenn es ein Wort vermag, ein nasser Blick Und eine weiche Hand will ich ihn trösten! (Ab)   Sechster Auftritt (Die Tante und der Vetter aus dem Garten) Tante . Unredlich wär's, dein Hoffen zu bestärken Und grausam ist's, dir ganz es zu vernichten! Und doch: wenn dir der Fürst auch nicht gefährlich Und uns ihr Roland unnütz Sorge machte Wie ich sie kenne, hörst du doch ein Nein! Sie träumt von einem Mann, den 's nur in Märchen Und in geschwollenen Romanen gibt! Drum freut mich so unbändig Rolands Streich: Er zeigt ihr, daß er ist wie alle sind Ich, Neffe, würde sie nicht so verlesen! Vetter . Ich glaub's ja auch nicht mehr! Ach, liebe Tante! Es war mir nicht so wohl auf diesem Gang: Seit ich des Turmhahns erstes Funkeln sah, Drückt mich der Alp! Und dennoch zog's mich her Wie einen Barsch, der auf die Angel ging! Doch jetzt hab ich genug! Ja oder nein! Ich hab schon satteln lassen! Sagt sie nein 136 Mag sie die Kirschen mit dem Papa essen, Und der hat böse Klauen! Tante . Ja, weiß Gott!   Siebenter Auftritt (Der alte Diener geleitet die Gräfin heraus) Herlinde . Wir wollen ihm den leisen Schlummer gönnen, Der freundlich diese Stunde überbrückt! Ich dank Ihm! Welch ein Schrecken! Aber wie: So bald schon wollt Ihr reisen? Der alte Diener . 's ist befohlen! Herlinde (mit belegter Stimme, zögernd) . Und hört ich recht der junge Mann geht mit? Der alte Diener . Ja, Euer Gnaden! Herlinde (mit wankendem Schritt, verabschiedend) . Danke! (Tritt heraus, der Diener geht zurück) Er verläßt mich! Die Kniee wanken mir was treibt ihn fort? 137 Wie ist er bleich sein Auge flieht mich scheu Ist es noch Scham, die wirkt? Das muß es sein Und Schonung meiner vor der argen Welt! (Entzückt) Er biegt sich nur zu mir versteh ich dich? (In jähem Wechsel) Und doch: mir ist als ob ich schreien müßte! Er geht! Verläßt mich! (Bemerkt die beiden) Gott! und nicht allein! Sich fassen müssen, wo man am Zerbrechen! Willst du mich weiter quälen, Vetter? Vetter . Quälen? Ich will dein letztes Wort! Herlinde . Gab ich's nicht immer? Vetter . Ich bin das Hin und Her des Hoffens satt! Herlinde . Hab ich dich hingehalten, da ich schonend Dein knabenhaftes Stürmen von mir wies? Doch zeig nun ganz dein Ohr und dein Gefühl: Hast du mich lieb? Vetter (feurig) . Herlinde! 138 Herlinde . Doch versteh: Ob du mich liebst oder nur haben willst? Vetter . Das ist mir eine sonderbare Frage! Ich hab dich lieb und möchte drum dich haben! Herlinde . Und wenn dir mich zu haben nicht gelingt, Hast du mich nicht mehr lieb? Vetter . Bei Gott, wie komisch! Man wird ganz dumm davon! Natürlich nicht! Herlinde . Wenn ich aus Gründen übermächtiger Art, Gleichviel aus welchen, nicht die Deine werde, Und dieses Schicksal, nicht von mir beschlossen, Doch unablenkbar treu erfüllen muß So fällst du von mir ab? Vetter . Was soll ich denn? Am Ende zuschaun, wie dich Einer küßt! Herlinde . So hör mein letztes Wort: die Frauenseele Ist wie der See: von jedem Hauch gerührt, 139 Mag hin und her sein flüssiger Spiegel wanken In seiner Tiefe ruht er unbewegt. So auch die Frau: auf ihres Wesens Grund Trägt sie ein Bild ihr Gegenbild! das sich Zu einem Wesen mit ihr einen will! Lang wirkt es unerkannt, durch Widerstreben Das Wählen nur bestimmend und das Werden Doch grausam rächt es jeglichen Verrat So grausam, daß des Toren Wahnwitz nur Bewußt von dem enthüllten Bilde schiede! Doch sieh: wenn es uns glückt, die krausen Wellen Nach letztem Sturm zu letzter Ruh zu zwingen, So wirkt's, selbst nicht enthüllt, mit Sonnenkraft, Und sagt dort »ja« hier »nein«! und lieber Vetter! Hier sagt es »nein« du gleichst dem Bilde nicht! Vetter (knirschend) . Aha! So gleicht ihm wohl dein Schreiber mehr! Herlinde . Was gibt dir Recht zu dieser Frage, Vetter? Vetter . Oho! mein Blut! Die Ehre des Geschlechts! Herlinde (etwas bebend) . Was gibt dir Grund, für diese bang zu sein? 140 Tante . Du wirst mir zugestehen, liebe Nichte: Dein Spiel mit Tristan war doch sehr verdächtig! Herlinde (auffahrend) . Warum? Erklärt nicht alles dieser Name? Du kennst den Schelm doch: wird man mit ihm fertig? Man läßt ihn prügeln oder räumt das Feld! Vetter . Du hast's geräumt und er verdiente Prügel! Und Er behauptet es und müßt es räumen! Herlinde (zögernd vor der diplomatischen Benützung der noch unverstandenen Tatsache) . Und wie wenn Er es täte? Tante (schnell) . Tut er es? Herlinde . Er tut es heute noch! Tante (überrascht) . Noch heute? Herlinde . Ja! Tante . Das ändert viel ein Stein entfällt der Brust! 141 Herlinde . So haltet Eures Urteils Atem an Und schützt mein Bild vor schmählichem Verdacht! (Ab) Vetter . Es ist ein Brocken doch was hilft es mir? Er geht in meinem Garten doch spazieren! Tante . Merkwürdig, was das für ein Seegang heut! Ich weiß nicht, was ich davon denken soll! Sie liebt ihn sicher und entläßt ihn doch? Es ist verdächtiger als wenn er bliebe: Es zeigt den Sturm an aus der Seele Grund! (Zum Vetter, der mürrisch versunken da gestanden hat) Da hast du's, armer Kerl, ihr letztes Wort! Was machst du nun? Vetter . Was werd ich machen? Abziehn! Mit abgesägten Hosen, wie ein Narr! Tante (über den Ausdruck schaudernd, doch begütigend) . Nun, nun doch nimm's dir nicht zu sehr zu Herzen; Es gibt Partien noch genug im Land ! Ich will doch gleich den Almanach studieren, Und dir brav suchen helfen! 142 Vetter . Danke, Tante! Ich hab vorerst genug! Tante . Nun ja, doch später! Wir sehn uns noch zum Frühstück! (Ab)   Achter Auftritt Vetter (nachbrummend) . Oder nicht! Was tu ich hier nach dieser Schlappe? Fort! (Sein Jäger kommt mit den Reisesachen heraus) Jäger . Nach Euer Gnaden Miene ist nicht umsonst gepackt und gesattelt! Vetter (nickt trübselig) . Jäger . Pah kein Herzgeklapper um ein Frauenzimmer, das man nicht kriegt es ist kein Unglück! Ich kenne genug Männer, die sich alle Finger danach schleckten und die Zehen dazu, wenn sie die Herztausigallerliebste, um die sie sich einst die Hände wund gerungen und die Köpfe blutig geschlagen, mit keinem Aug gesehn hätten oder mit beiden! 143 Vetter . Läuft die verruchte Schnauze wieder über? Jäger . Ist's anders möglich, wenn man so voll ist wie ich von Einer! Als sie mich gestern zum Haus hinaus gegrault hatte, und ich auf der Stellfalle saß und ins Wasser spuckte wissen Gnaden, was mir da gekommen ist?: Die Ehe ist wie der Galgen: vorher hat der Mensch einigermaßen die Wahl, ob er hinauf will oder nicht; hängt er aber so kommt er nicht wieder runter, bis er auseinanderfällt! Also aufgeschaut! Außerdem: wenn's sein muß, ziehn Gnaden Weiber an wie geriebner Siegellack Papierschnitzel! Vetter . Ach geh, das ist kein Trost in solchem Fall: Du spürst an jeder Frau, die sich dir läßt, Doch nur die Eine, die dich heimgeschickt Es bleibt ein Loch zurück, das schließt kein Stöpsel! Jäger . Was kein Stöpsel? (Mit Stimmfall) So schlecht ist die Welt nicht eingerichtet! Muß ich mit dem Windkolben voranleuchten?: Wenn man einen Weinkeller hat, in dem man sich Tag für Tag totsaufen kann, ohne daß er es spürt! Und sechs Quadratmeilen Jagdgrund Feld, Heide, Wald, Berg, Strom und 144 See! Sakra! das lüftet noch eine Mannsbrust aus von den Schaben, die die Weiber hineinbringen! Denkt nur an den alten vertrackten Schwarzkittel, den wir immer noch nicht herein haben! Vetter (aufgemuntert) . Verdammt! Recht hast du: Jagen lüftet aus Und Saufen macht vergessen! Bist ein Kerl, An dem man noch was hat in beiden Stücken! Und daß du grad mich an den Keiler mahnst! Komm, nimm die Sachen! Und dann nix als naus! (Wendet sich zum Gehen) Jäger (die Sachen aufnehmend) . Na, Gott sei Dank, daß ich an einem Ort erkannt bin! Ja: (Mit Komik aufsagend) Wenn weiß nit wär und schwarz nit wär Gäb's keine Schimmel und Rappen, Und hätt mer mich und die Löffel nit Müßt mer die Suppen lappen! (Folgt seinem Herrn)   Neunter Auftritt (Der Hausverwalter kommt in eiligem Getrippel von rechts und späht über die Brüstung in den Garten) Hausverwalter . Sie kommt! Wie ist sie süß in ihrer Blässe! 145 Ich muß ihr noch einmal den Weg vertreten Brächt ich den alten Burschen von ihr weg! (Der Stallmeister tritt auf, Maria führend) Stallmeister . Das ist ein Unsinn wie der andre, Mädel Hausverwalter . Ei guten Morgen Beiden! Wohl geruht? Stallmeister . Geht an! Was hast du sonst für einen Schmerz? Hausverwalter . Nicht eigentlich und doch: laß mir das Kind Für ein paar Worte gute! doch allein! Maria (zur Flucht bereit) . Ich bitt Euch schützt mich oder laßt mich fort! Nur nicht mit dem allein an diesem Morgen! Stallmeister . Du hörst so scheer dich! Hausverwalter . Liebes Kind warum nicht? Dein Unglück rührt mich Sünde nenn ich's nicht Ich weiß ja: unser Aller Fleisch ist schwach! Und führe dich noch heut so gern wie gestern In das bewußte Glück! 146 Maria . Laßt mir mein Unglück Es ist mir lieber als ein Glück mit Euch! Hausverwalter . Das mir? Es ist empörend! Stallmeister . Zieh nun ab Und laß das Feld uns! (Aus dem Garten herauf kommt Bella mit einem mächtigen Blumenstrauß) Bella . Ah! da treff ich dich Wir wollen jetzt zur Herrin. (Schiebt ihm den Arm unter) Hausverwalter (sich sträubend) . Laß mich noch Bella (ihn fortziehend) . Ach was! Was kümmert dich die Trauerweide Sie mag jetzt ihre Fähnchen hängen lassen! Hausverwalter (sich sträubend) . Aber aber Schatz Bella . Nichts da! Jetzt wird geheiert. (Zieht ihn hinein) 147   Zehnter Auftritt Stallmeister . (nachlachend) . Zur Schlachtbank mit ihm! Aber ist's zum lachen? So menschlich wird in keinem Stall geheiert! Doch nun zu unserm Text: ein Unsinn ist's! Maria . Sie deuten mit den Fingern all auf mich Wo berg ich meine Schmach! Stallmeister . Mach mich nicht wild! Schmach? weil einmal ein jung, jung süßes Mädel, Vom Gluthauch eines Teufelskerls versengt, Zum erstenmal aus heißem Auge blickt ! Muß man da gleich ins Wasser oder Kloster? Da gibt's noch andre Bäder! Hör einmal: Auf Schönhof geht die Meierin, meine Nichte Nein, Mädel! hör, jetzt sag ich dir ein Wort Es soll dich ehren und ein wenig stärken: Es ist nicht meine Nichte meine Tochter! (Maria schaut erschrocken, verstehend und dankend zu ihm auf) Und ihre Mutter war ein Kind wie du Der Rest sei mein Geheimnis doch versteh: Man trägt die Sünde wie ein ander Leid: Man überwindet sie und wächst durch sie! Meine Bertha rüstet ihre schwere Stunde 148 Und schickte heut um Hilfe. Unsre Frau Ich will sie bitten sende dich hinaus: Da leg das überflüssige Grämen ab Und dafür an die so willkommne Hand Und nebenbei hab einen offnen Blick: Du wirst das Weib in seinen Schmerzen sehn, Und dann der Mutter rätselvolle Freude! Und siehst du ihren Mann am Lager knien Und seine treuen Augen ab ihr bitten, Magst du den einzigen Preis erraten auch, Um den das Weib dem Mann sich lassen darf: Der Liebe erst- und letzter Grund: die Ehre! Maria . Ich hab's gewußt und hab es doch getan! Ich lauschte gierig seinem Schmeichelwort Und wand mich wohlig unter seinem Blick Und sog mich voller Gift in durstigen Küssen Und drinnen in der unbestochnen Brust Ward ich den dumpfen, heißen Druck nicht los, Und nicht das leise, feine, spitze Stechen, Das für mich wachte und das ich verriet! (Birgt sich an seiner Brust) Stallmeister . Ja, das Gewissen! Wunderliche Uhr! Wer immer deinem regen Zeiger folgte, 149 Der sparte viele Schmerzen ob er aber Sich eher vollendete, ist noch die Frage! Doch still ich seh ihn kommen, deinen Jüngling Maria . Wer? Er? Hinweg! Er soll mich nicht mehr sehn! (Wendet sich gegen die Pforte)   Elfter Auftritt (Die Pforte öffnet sich, der Hausverwalter und Bella kommen Arm in Arm heraus, sie hoch, er gedrückt; Maria kehrt um und flüchtet hinter die Pflanzengruppe; von der Gegenseite kommt langsam Roland) Hausverwalter . Sie hat es kurz gemacht! Bella . Sie hat's gemacht Und das genügt: wir werden Mann und Frau! Hausverwalter (seufzend, die Augen aufschlagend, zur Seite) . Ich werfe meine Not auf meinen Herrn! Bella . Was faselst du von Not? Kopf hoch, Herr Vogt! Zeig, daß du glücklich bist! (Auf der Mitte der Bühne stoßen sie auf Roland, der beim Erblicken des Stallmeisters stehen geblieben ist) 150 Hausverwalter . Ah, junger Herr! Darf man nach dem Befinden sich erkunden? Roland . In welch besondrer Absicht darf man fragen? Ihr übertrieft von Liebenswürdigkeit! Hausverwalter . Eh war nicht Don Adonis diese Nacht Auf Abenteuer aus nicht ohne Unfall? Roland (hart an ihn herantretend) . Gelüstet es den alten Wackelbock Nach einem andern Um fall? Hausverwalter (zurückprallend) . Nu nu nu! Man hat doch sozusagen seine Nerven! Roland . So rat ich Ihm: fall Er mir nicht auf meine! Bella (ihn fortziehend) . Laß doch den Grobian! Du kennst ihn ja: In Frechheit hat er immer alle Trümpfe Er kann's noch zu was bringen! Hausverwalter (sich den Leib haltend, trippelnd an ihrem Arm über die Bühne) . Jesus Jesus ! Mein Leib mein schwacher Leib! 151 Bella (einen langen hochmütigen Blick nach Maria hinüberwerfend) . Hat sie ein Ohr? Sie mag an meine Stelle rücken, Jungfer! Im Juli ist die Hochzeit tanzt sie mit? (Sie gehen ab)   Zwölfter Auftritt Stallmeister (der den Vorgang lächelnd verfolgt hat) . Nicht übel habt Ihr diesen abgetakelt! Allein wie wär's, stellt ich die gleiche Frage? Roland (befremdet) . Wie der? Stallmeister . Wie der! Roland . In gleichem Sinn? Stallmeister . Nun ja! Roland . Meister Seyfried! Was ist in Euch gefahren! Die gute Meinung, die ich für Euch trage, War wohl die Mutter einer weichern Neigung, Mich Euerm Aug und ernstem Wort zu stellen Doch dieser Ton und dieses fade Lächeln 152 Macht Euch verzeiht dem gleichen der da ging Nun nehmt die Antwort wie es Euch beliebt! Stallmeister . Verdammt! meint Ihr, ich ließ mir's dran genügen Ihr sollt mir Rede stehn! Roland . Ich soll? Wer sagt's? Stallmeister . Ich und im Notfall etwas Hart- und Spitzes! Roland . Was fällt Euch ein! Gebt frei den Weg! und schafft Daß ich Euch nicht als Narren stehen lasse! Stallmeister . Als Narr! Holla! Ich steh für eine Ehre! Roland . Wie? Hab ich Euch verletzt? Stallmeister . Mich? Nein und doch: Ich stehe für die Ehre eines Kindes, In dem Ihr mich verletzt kommt vor das Tor! Roland . Ihr seid verrückt! Meint Ihr, daß ich mit Euch 153 Stallmeister . Mich schlage? Ho! Ich merk, Ihr teilt die Männer In solche mit und ohne Waffenehre Wie auch die Fraun in Damen und in Dinger! Mir gilt die Ehr in Samt wie in Kattun, Und welche Faust für sie vom Leder zieht, Ist eines Edelmanns heraus die Plempe ! Roland . Nun Gott verdamm mich, gibt es einen Zweiten, Von dem ich dies ertrüge! Wenn ich schwör's Bei hundert guten Stunden, die gemeinsam Auf Rossesrücken jagendem Gewog, Behaglich aufgestützt am breiten Tisch, Auf zottig Fell vor das Kamin gestreckt, Traulich der kräftigen Männerzwiesprach pflegend In dreier Jahre Fluchten wir genossen Wenn sag ich noch auf das mein Degen zögert, Ist's nur der Fordrung Unsinn, der ihn hält! Weiß Gott! ich schlüg mich mit dem Vater lieber Als grad mit Euch! Und kennt Ihr mich so schlecht, Um ein Gewerbe, das nach Eurer Art Gemein nicht sein kann, so an mich zu bringen? Ihr habt ein Wort mir in die Brust geschossen Wie einen Pfeil mit bösem Widerhaken, 154 Und so vergiftet, daß der erste Eindrang Schon jäh das Mark im Knochen lähmen muß! Jawohl: ich habe gröblich mich vergangen An zweier Frauen Würde und die eine War schutzlos meiner Unzucht preisgegeben : Wie käm mir's an, die Klinge zu parieren, Die für sie zückt, und Gegenschlag zu tun? Da ist mein Degen! Wehrlos seht Ihr mich! Nun straft mich, wie Ihr wollt, mit Schimpf und Schlag Und rächt die Dame in Kattun und Linnen ! Dann reicht die alte Faust zu langem Abschied! Stallmeister . (ihn anfassend) . Mein lieber Junge! weißt du, wie man sagt: Gläser und Fraun laß nicht zur Probe fallen Doch einen Mann, den lohnt es zu versuchen! Laß mir's als Schmaus, was ich dir herb entpreßt, Und einem andern Ohr als seine Sühne! Doch sag mir erst das eine: du willst fort? Roland . Nicht weiter, Meister Seyfried! Darf ich bitten! Unmöglich wär es mir, Euch noch zu täuschen, Und noch unmöglicher, hier Licht zu schaffen! Stallmeister . (ihm die Hand bietend) . Bewahr nur dein Geheimnis, das bei Gott! Die Fliese nicht verdunkelt, drauf es steht! 155 Ich hab Geduld und meinen Stall zum Warten! Pack ein! Zieh ab! Doch klopf erst auf den Busch, Ob du hier nicht noch was zu ordnen hast! (Schiebt ihn gegen Maria, sie tritt hervor) Roland . Du hier ? Vor dieser Schwelle? Maria . Fürchte nichts Roland (mehr für sich) . Was sag ich dir Maria . Sag nichts ich hörte alles Und danke dir du denkst nicht schlecht von mir! Roland . Maria! nicht ! so mild nicht faß mich an Es wär mir wohler unter scharfem Bisse : Ich hab mit deinem tiefen Ernst gespielt! Maria . Du hast genommen, was ich dir gebracht! Roland . Beschönige nichts ich war der Wissende! Maria . Doch ich hab viel in dieser Nacht gelernt! So laß zurück mich in den Schatten treten Was bin ich vor der Sonne, die dir scheint! 156 Roland . Ich will zu dieser Stund ihr noch entfliehn! Maria . Ich weiß es wohl: es schickt sich nicht zu bleiben Doch du wirst wiederkehren, wenn sie Roland (fast heftig) . Nein! Berede nichts, was jenseits dieses Tages Ins Ungemessne fällt! Vor meinem Schritte Dehnt unabsehbar sich der wilde Weg Maria . Doch lodert dir im düstern Aug ein Ziel Wenn nicht so nimm mich mit! ah, wie du zuckst! Du darfst gefahrlos deine Stirn entfinstern: Der Klirr in dieser Brust klang hell genug, Um mich zu wecken! Geh! nimm deine Bahn! Kein Vorwurf wird beschwerend an dir hängen, Und du wirst hoch genug am Himmel ziehn, Daß auch kein Seufzer mehr dein Ohr erreicht Von der, die dir zu einem Spiel genug, Und die dich so geliebt! (Sie weint) Roland (sie zart anfassend, tiefbewegt) . Durch tiefen Schmerz Kann ich allein für diese Tränen büßen! (Sie weint an ihn gelehnt) 157   Dreizehnter Auftritt (Auf der Haustreppe oben erscheint Tristan und späht übers Geländer) Tristan . Was? Hat er wieder ein Auge für Veilchen bekommen? Wie es scheint ein nasses! das ist nicht so feuergefährlich. (In der Pforte erscheint die Gräfin; sie stutzt an der Gruppe; der Stallmeister tritt zu dem Paar und berührt Marias Schulter) Stallmeister . (leise) . Die Herrin! (Sie treten in verschiedner Betroffenheit auseinander) Tristan . Fcht! Maria (auf Herlinde zueilend und sich auf ein Knie lassend) . Vergebt! Ich hab es ja nicht so gewußt! Tristan . Sagt allemal die Magd! Herlinde . Nicht so steh auf! (Hebt sie auf, flüsternd) Ich weiß noch eine Frau, Die es erst diese wilde Nacht erfuhr, Was aus sehnsüchtigen Herzen brechen kann! 158 Geh jetzt! Es wird sich etwas für dich finden Wir wollen uns die nächste Zeit nicht sehn Später vielleicht (Zum Stallmeister) Geleit Er sie! Maria (mit ihm abgehend, hauchend) . Nie wieder! (Die beiden ab nach innen; die Bleibenden halten in gespannter Verwirrung sich gegenüber) Tristan . Silentium für einen Gang Liebeserklärungen! (Nach kleiner Pause) Na auf die Mensur! Herlinde (bebend) . Ich hatte Ihn erwartet denn ich weiß Konrad entfiel es Er will fort von mir? Roland . Ja, Herrin! Tristan . Das Konsilium stammt also nicht von ihr! Herlinde . Und wer treibt Ihn fort? Roland . Ich selbst. (Schnell) Versucht nicht, wider Euer bessres Fühlen, Mich länger hier zu halten! Diese Nacht, Wie hat sie aus der Brust geheimsten Tiefen 159 Das Unsagbare ungewollt enthüllt! Nun ist es Tag das Schicksal rückt am Zeiger Hartholzen schließen sich drei Jahresringe Zurück unmöglich! Weiter undenkbar! Und selbst das Scheiden wird unsäglich bitter! Herlinde . Er spricht in Rätseln dunkel ist mir alles Tristan . Mir auch! Herlinde . Und schmerzhaft überraschend und enttäuschend! Ich hob den Fuß, aus einem düstern Hause, Darin ich lang gefröstelt und getrauert, Heraus zu treten in die goldne Sonne Da überschüttet's mich aus dunkeln Gründen Mit neuen Schauern Eises! Roland! Roland! Was ist geschehn? Was hat (Das Ihn nur mit einiger Mühe findend) Ihn angewandelt? Tristan . Möcht ich auch wissen! Roland (die Hände vors Gesicht schlagend) . Erkenntnis meiner selbst an Euch! Herlinde (macht eine erstaunt fragende Bewegung) . An mir? 160 Tristan . Sollt ihm die Ungewaschenheit so tief gegangen sein! Roland . Wie stand ich da, gebläht von meinem Glück, Und schlug mein Pfauenrad da traft Ihr mich, Ein licht Gebild von Schönheit Hoheit Gutheit Und zaubrischer als von dem Strahl der Macht Von einer Reinheit Schimmer überflossen, Vor dem ich jäh zu wüstem Schmutz erstarrte Und krachend in ein schmählich Nichts zerfiel! Herrin! Laßt fort mich, daß ich rein mich bade, Und nicht der Schmach erliege! Denn sie brennt Wie Dejanirens Balsam mir ins Mark! Tristan . Was ist das für 'ne Schminke? Herlinde . Roland! Nicht so nicht so in dieser Stunde, Da Er mich suchend weiß und ringend! Helf Er! Und mach sich nicht so schwer, so furchtbar schwer (Stockend) Da ich die Hand Ihm reiche, Ihn zu heben! Tristan . Mein ich auch! Es müßte dir tun wie Feuer unter der Düte! 161 Roland . Herrin, das ist's! Mich heben? Mich? den Mann? Heben will ich! Und nicht gehoben sein Auch nicht am wenigsten! von Euch! Tristan . Na nu! Herlinde (sich ans Herz fassend) . Von mir? (Hinwegtretend, mehr für sich) Ich hatte einen Traum wie hob er mich Und ließ mich leicht auf weichen Lüften schweben! Der Brust, so lang um reines Glück betrogen, Gezwungen und gewohnt, des Hoffens Funken In felsgegründetem Verließ zu bergen, War restlos alle Härte hingeschmolzen; Kein stolzer Zwang lag mehr im Hub der Stirn Und in des Auges Aufschlag wie ein Jauchzer Wie sich der Adler in den Abgrund wirft, So brach sein Leuchten in die junge Welt, Und riß mich mit, und trug mich ach wir kurz! Da tauml' ich wieder die gelähmten Arme, Noch eben Schwingen, gleiten zuckend nieder, Der Fuß, der Erde stundenlang entfremdet, Sucht mühsam sich auf ihrer rauhen Scholle Zurecht zu finden einsam wie zuvor! 162 Tristan . Flattert sie nicht hin wie ein verwitwetes Turteltäubchen? Roland . Herrin, verkennt es nicht erfühlt es ganz, Wie es mir ist, daß ich Euch lassen muß Ich, dem, seit Ihr den Dämon ihm entfesselt, Nun jede Ader ein Gerinne nur, In dem sein Ich, mit Leib und Geist und Seele, In übermächtiger Wallung zu Euch drängt Herlinde . Und treibt doch fort? Roland . Es muß weil ich Euch liebe! Sonst riß ich im Triumph Euch in die Arme Als Beute meiner Frechheit wie ich gestern Die schänderischen Arme um Euch schlug ! Wie hab ich Euch belogen und betrogen! Herlinde (fast lächelnd) . Wo war ich, daß ich mich versinken ließ? Roland . Ich züngelte nach Euch und haßte Euch Und ließ den Mund von Liebe überschäumen, Die meine Brust 163 Herlinde (lächelnd) . Nicht kannte? Roland . Fragt mich nicht Herlinde . Roland! ich kenne selber diesen Haß, Er flammte heiß genug in meinem Herzen, Und hat in seiner letzten Wallung mir Ein Taschentuch gekostet! Tristan . Was? Sollte das mit seinem Schmiß zusammenhängen? Roland . Herrin nicht! Versucht mich nicht mit soviel Lieblichkeit! Schaut lieber her und sagt: Wollt Ihr mich so? Arm, elend, wüst, unfertig noch in allem, Nicht Amt, nicht Ehre! Eben Euer Knecht Kaum aus den Armen Eurer Magd gescheucht : Wollt Ihr mich so? Tristan . Blitz! so wenig ist an dir? Herlinde (in holder Neigung) . Mein Freund; wer denkt daran? Wer schaut, zum sonnenfrohen Ziel gelangt, 164 Den Pfad nun anders als erlöst zurück? Der Taucher haßt die Muschel nicht darum, Daß sie so herb den Atem ihm beschwerte, Und wenn die Perle mir am Nacken schimmert, Wer wird sie ob der dunkeln Mutter schmähn? Was als Geschmeide oder Waffe blitzt, Unreinem Erze ward es einst entrissen Der Schlacken aber denkt kein Vorwurf mehr. So Freund, auch wir: laß nicht am jungen Tage Den fernen Alp das neue Leben drücken! Tristan . Predigt sie nicht besser als ein Pfaffe? Roland . Herrin, ich zittre von dem heißen Blink, Und Euer holdes Wort es macht mich taumeln! Und doch: ich muß ihm widerstehn : Tristan . Aber warum denn? Ich flöge! Roland . Herrin: Wir alle sind nur Menschen: feuerflüssig Rinnt noch der Stoff, aus dem wir sind und schaffen, Durch unsre Finger! Alles fließt! Und nichts, Was heut in felsengleich gerecktem Bau 165 (Hier erscheint der Fürst und sein Diener unter dem Bogen; stutzend weist er diesen zurück und bleibt beobachtend hinter dem Pfeiler stehen) Der Erd' entragt und Ewigkeit verheißt, Ist schon so fest, daß nicht der nächste Tag Geschmolzen und verdampft es schauen kann! Ich aber will nicht, daß der stolze Bau, Den Aug und Wille unermeßlich türmt, Zur Beute falle dem gemeinen Lose Und ende seine Pracht im Schutt der Reue ! Dem bau ich vor als Bauherr! Fürst . Sieh den Jungen! Roland . Ruhlos soll jeder Nerv an mir sich spannen, Bis gleich ist unser beider Schalen Schwere All Eure Fülle und schaut her! mein Nichts Und (Sich zurückbiegend, dem Lächeln nahe) meine Matte Raum für zweie hat, Und ich (Anschwellend) zugreifen darf , zugreifen, Herrin, (Bebend) Wenn mich die Stunde und das Meine trifft So hoch es ragt und (Sich wieder zurückbiegend) seh ich in dies Auge Und (Anschwellend) darf ich ganz dem Jubelsturm vertraun, (Anschwellend) Der in mir aufsteht wie der Sonne nur 166 Orkane rasen mögen und dem Klirren Der tausend Schwerter, die mich heiß durchzücken Und mich zum Sturme wecken auf mich selbst (In höchster Höhe) Dann bist du's doch! Fürst . Sapristi! Tristan (entzückt) . Das war Abfuhr! Herlinde (zitternd die Arme ein wenig öffnend, Jubel und Furcht in der Stimme) . Roland! (Sie messen sich zitternd) Fürst (den Anblick genießend) . Fein! Ablösung vor! ich merk es! Und ich merke: Hier spiel ich noch den Charon doch zu Wiegen! Roland (die Spannung brechend, einen Schritt näher, in Angriffsstellung) . Herlinde (Wieder zurückgeneigt und in verändertem Ton) Nein: mit gierigen Händen nicht (Sich zum Knieen neigend) Mit einem Herzen ganz als Kelch geformt Empfang ich es und laß ich es verströmen Ich schlürfe nicht ich dulde! (Kniet mit nach hinten gebreiteten Armen) 167 Tristan . Wie der Galgenvogel sich gemausert hat! Aber ob nicht auch ihre Federn der Aufkräuselung bedurften? Herlinde (ihm entgegen) . Roland! (Noch einmal innehaltend) Herz Zerspring nicht an der Fülle deines Glücks! Aus unbekannten, doch vertrauten Himmeln Ergießt sich über mich ein Blumenregen! (Zurückkehrend) Roland! Wenn ich auf deine Stirne sehe Und in dein Auge tauche, und die Brust An deines Rufes ehernem Hall erschrickt In mir auch fühl ich einen Sturm erstehn, Er hebt ein Bild von meines Wesens Grund, Und aus mir muß es brechen wie ein Jauchzen! Du bist's! du bist's! dem ich entgegenlebe! Nun Welt, empör dich wider meine Wahl, Und schleudre deiner Achtung matte Blitze ! Ja: greif auch wölfisch an, mit rotem Rachen Nichts soll mich schrecken nichts mehr von dir scheiden! Und würde meine Fülle hier zur Gruft, Mich hier zu bannen, während du dort schweifst So schleudr' ich sie von mir und unter mich, Und werfe frei mich in die Welt mit dir, An deiner Seite darbend aber lebend ! 168 Roland! Nimm hin sieh wie die Schalen stehn (Geste mit beiden Händen; in herrlicher Bewegung um sich weisend) Dies Nichts zu deinem Nichts mein Alles nun! (Wirft sich ihm zu) Roland (sie empfangend) . Herlinde! (Sie zieht ihn zu sich hinauf und sie stehen in schöner Umschlingung) Fürst (leise, mit Handbewegung) . Das schreibt sich seinen eigenen Adelsbrief! Tristan (verzückt) . Jetzt noch meine Top-Flagge dann wären wir alle so ziemlich geordnet!   Der Vorhang fällt .   ══════════════   Nachbericht Wir sind ein sehr sittliches Volk oder leben in einer sehr sittlichen Zeit: wir wollen Rechenschaft von allem. Andre Zeiten, andre Völker waren darin anders. Da ich aber meiner Zeit und meinem Volke angehöre, so habe ich sogar selbst den Drang, Rechenschaft darüber abzulegen, wie ich zu diesem Kinde gelangt bin, noch ehe man sie mir abfordert. Dieses Spiel ist auf einer Komödie des monströsesten der Dichtergeister aufgebaut, dem man nachgesagt hat, daß sich überhaupt jeder dramatische Stoff bei ihm vorgebildet zeige des Lope de Vega. Und zwar auf einem bisher in Deutschland wohl unbekannten Stück, el perro del hortelano , der Hand des Gärtners, das mir in der französischen Prosaübersetzung des Damas Hinard ( Théâtre espagnol , Paris 1842) vorlag. Ich darf aber wohl sagen, daß ich es, bis auf einen später zu bekennenden Zug, nur als Quelle für eine eigene Neuschöpfung, oder um ein anderes, wie mir scheint dem Vorgang ziemlich nahe kommendes Bild zu verwerten, als Unterlage , im gärtnerischen Sinn, für eine Veredlung 170 benützt habe; und wenn es mir erlaubt ist, diesen Vergleich ein wenig zu reiten, möchte ich meine Vornahme eine Wurzelhalsveredlung nennen, bei der nicht nur die entfaltete Krone, sondern selbst der Stamm des Wildlings der wohlwollenden Säge zum Opfer fällt; ja ich möchte sogar soweit gehen, zu behaupten, daß ich genötigt war, gleichsam auch ein Auge nach unten einzusetzen, da auch die Wurzel dem neuen Bedürfnis nicht mehr genügte. Freilich, ob es mir dabei nicht wie einem Gärtner gegangen ist, der an Stelle einer würzigen Waldkirsche eine fade Glaskirsche gezüchtet hat, muß ich einer aufmerksamen vergleichenden Kostprobe der Feinschmecker überlassen zu entscheiden. Da aber eine solche Vergleichung nur den wenigsten möglich werden wird, denen ich meine Frucht vorsetze, glaube ich nicht unerwünscht zu handeln, wenn ich den Verlauf des Lopeschen Gedichtes kurz, aber genügend mitteile. Dort ertappt eine hohe Dame in ihren Gemächern zwei vor ihr flüchtende Männer. Die sofort aufgenommene Untersuchung, bei der auch die verlorene Mütze des Dieners eine Rolle spielt, bringt bald heraus, daß es der Sekretär der Dame gewesen ist, der einer ihrer Dienerinnen einen späten Besuch abgestattet hat. Diese Liebschaft erweckt ihre eigene Aufmerksamkeit auf den jungen Mann, und sie läßt ihn auf eine kaum noch zweideutige Weise (diktierte Briefe) sehen, daß sie ihn selber liebt. Er verläßt sofort brüsk sein Mädchen und wirft sich der neuen großen Erwartung in die Arme. 171 Aber durch ihren leichten Sieg schon gesättigt, stößt ihn die Frau kalt wieder ab, worauf er sich mit der Verlassenen wieder aussöhnt. Sobald die Frau dessen inne wird, regt sich wieder Eifersucht und Lust, und sie holt ihn wieder von dort weg zu sich heran aber nur, um ihn zum zweitenmal brutal fallen zu lassen. Er ist des Spiels jetzt satt, will ihren Dienst verlassen, erklärt ihr, sie triebe es wie der Gärtnershund, der selbst (Obst) nicht äße, aber auch nicht essen ließe worauf sie ihm eins auf die Nase gibt, den Streich jedoch nachher durch zweitausend Taler sühnt »für Taschentücher!« (das blutige hat sie von ihm eingefordert). In dieser Gegend des Stückes, da er auf seinem Abschied beharrt, werden ihre Gefühle ernst, Stolz und Liebe kämpfen miteinander; da ersterer der Stärkere scheint, will sie den Geliebten zwar fortlassen, nicht aber mit ihm das Mädchen. In diesem kritischen Zustande schließt der zweite Akt. Im dritten bringt der durchtriebene Bursche des Helden (Tristan, dem ich den Namen gelassen) eine unerwartete Lösung dadurch herbei, daß er seinen Herrn für den einst geraubten Sohn eines Granden ausgibt, ihn diesem, der einen solchen Sohn beweint, zuführt und dadurch der Dame ebenbürtig macht, worauf sie sich natürlich sofort verloben. Den Akt durchschießt noch eine Fopperei Tristans an zwei adligen Freiern der Dame, die seinen Herrn ermorden lassen wollen und ihn für einen Bravo nehmen. Eine ernste Note klingt am Schluß auf: der Held will die Hand der Dame doch nicht durch einen 172 Betrug gewonnen haben und deckt ihr die Schurkerei auf; sie findet das sehr nett von ihm, verzeiht und nimmt ihn doch. Diesen etwas gemeinrealistischen Vorgang, der aber natürlich in den Zauber Lopescher Grazie getaucht ist das Stück dürfte eines seiner besten sein, nach allem, was ich sonst von ihm kenne, habe ich nun, wie die Akten zeigen, ganz in unser deutsches, vielleicht überhaupt modernes Gefühl übersetzt, den Forderungen unserer Sittlichkeit so weit genähert, als es (mir) überhaupt möglich war, wenn der gewagte und im allgemeinen doch heitere Untergrund, das lustspielmäßig Wirkende, nicht ganz aufgegeben werden sollte. Aber brauche ich noch zu sagen, daß, nach Empfängnis dieser Tendenz, zu ihrer geschlossenen Durchführung in einer Kunstform kaum ein Stein mehr auf dem andern bleiben konnte, sondern eine vollkommen neue Aufführung notwendig wurde, das heißt sich von selbst ergab. Im einzelnen dies nachzuweisen, kann unmöglich hier meine Aufgabe sein; aber so viel darf ich sagen, daß ich, vielleicht mit Ausnahme Tristans, der nur seine Schalkerei dem veränderten Bedarf anzupassen brauchte, die Hauptpersonen mit einer neuen, die Nebenpersonen aber überhaupt erst mit einer Seele begaben mußte; das Hauspersonal und die Freier mit ihren Dienern sind bei Lope durchaus schematisch es sind die reinen Mazzen von Figuren behandelt; wie in der ganzen 173 spanischen Dramaturgie muß auch hier die reiche, tönende, in der Ausnützung der poetischen Mittel unbeschränkte Sprache ein Quid pro quo schaffen, das dann auch, für das Ohr und den Geschmack jener Zeit, als gestaltet wirkt. Wo aber – ich komme damit auf die Andeutung oben zurück die Punktierung meiner Gestalt die der Vorlage berührt oder schneidet, bin ich einer Vermählung nicht nur nicht ausgewichen, sondern ich habe sie mit einiger Zärtlichkeit gesucht. Doch sind diese Berührungen nicht zahlreich, meist nur flüchtig, und nur in den Umbildungen von Bedeutung. Habe ich mich aber, vor lauter Sittlichkeit, schon einmal darauf eingelassen, mich über die Herkunft meiner Arbeit zu verbreiten, so dürfte es nicht mehr als billig sein, auch der andern Nachhilfen zu gedenken, denen ich und die Welt es zu verdanken haben, daß der Gärtnershund sich bis zu erreichtem Grade gemausert hat: und da wärst in erster Linie du zu nennen, Wilhelm Wetz , der du mich auf diesen Gärtnershund losgelassen und von Anfang bis zu Ende mit deiner ewig unzufriedenen Miene als Scharfmacher hinter mir her warst, bis du dich jetzt notdürftig zufrieden geben konntest. Hab Dank! Eine wirksame Zusammenziehung im vierten Akt, der erst durch sie seine jetzige schneidende Keilform annehmen konnte, habe ich und hat man der glücklichen Kritik von Gustav Killian gutzuschreiben. 174 Einen stilleren Dank auch dir , die du mich im Augenblick der tiefsten Ermattung durch dein unmittelbares, himmlisches Vertrauen aufrecht hieltest und auf den weiteren Weg stärktest; so hast auch du mitgewirkt; drum grüße dich dies Wort hier. Zähringen , um den Frühlingsanfang 1908