Bret Harte In der Prairie verlassen (A waif of the Plains.) Erstes Kapitel Eine endlose, dunkelgraue Fläche, die in der Entfernung einen bläulichen Schimmer annahm und da und dort dunkle Flecken zeigte, die wie Wasser aussahen; zuweilen eine ausgetretene Stelle, die in unregelmäßigem Kreis vom Feuer versengt und rauh geschwärzt war, und wo ein Fetzen Zeitungspapier, ein alter Lumpen oder eine zerbrochene Blechdose in der Asche lagen; jenseits dieser grauen Fläche eine dunkle Linie, die abends in die Erde zu versinken schien und mit dem ersten Morgengrauen wieder emporstieg, aber immer gleich hoch und immer in der nämlichen Entfernung blieb; das Gefühl, sich mit unbestimmter Absicht unablässig vorwärts zu bewegen, aber jede Nacht auf demselben Fleck, in der nämlichen Umgebung, zu den nämlichen Leuten, den nämlichen Betttüchern und dem nämlichen gräulichen schwarzen Sofa, das von oben herabgelassen wurde, zurückzukehren; im Mund und auf den Lippen ein kalkiger Geschmack von Staub, die Finger immer rauh und sandig von Erde, und alles durchdrungen von Hitze und Viehgeruch. Das war die Prairie, wie sie zwei Kindern unter der Blahe eines Auswandererwagens über den eintönig nickenden Häuptern hartziehender Ochsen im Sommer 1852 erschien. Schon seit vierzehn Tagen hatten sie das nämliche Bild unveränderlich vor Augen, und es setzte sie weder in Erstaunen, noch kam ihnen seine Einförmigkeit klar zum Bewußtsein. Wenn sie es, neben dem Wagen hergehend, von der Straße aus betrachteten, so brachte nur ihr Gespann selbst einen neuen Zug hinein. Einer der Wagen trug auf der leinenen Blahe in großen schwarzen Buchstaben die Inschrift: »Auf nach Kalifornien!« Auf der andern Seite stand: »Grabe, schleppe dich ab oder stirb!« Aber diese Zurufe hatten für die Herzen der Kinder nichts Spaßhaftes oder Erheiterndes. Es mochte auch nicht leicht sein, die ernsthaften Männer, die zuweilen neben ihnen herschritten und mit dem Herannahen des Abends immer noch schweigsamer und gedrückter zu werden schienen, mit diesem einer früheren Zeit entstammenden Ausbruch von Humor in Beziehung zu setzen. Die Eindrücke der beiden Kinder waren etwas verschiedener Art. Dem älteren, einem Knaben von elf Jahren, waren die Gewohnheiten und Bräuche dieser Lebensweise augenscheinlich neu, während das jüngere, ein siebenjähriges Mädchen, darin aufgewachsen sein mußte. Die Kost war grob und nicht so gut zubereitet, wie er es gewohnt war; im Verkehr der Reisegenossen herrschten eine gewisse Freiheit und Rauheit, die häuslichen Einrichtungen waren von einer Einfachheit, die an Roheit grenzte, und die Sprache, die hier geführt wurde, war dem Knaben zuweilen ganz unverständlich. Er behielt bei Nacht seine Kleider an und wickelte sich in ein paar Teppiche: es war ihm klar, daß er im Punkt der Reinlichkeit ganz darauf angewiesen war, sich so gut es gehen wollte, selbst nach Wasser und Handtüchern umzuthun, was ihn aber bei seiner Jugend wahrscheinlich wenig anfocht und ihm nur neu und verwunderlich vorkommen mochte. Es schmeckte ihm gut, er schlief vortrefflich und fand sein Leben recht lustig, nur zuweilen stieg bei dem rauhen Ton seiner Gefährten oder ihrer noch schlimmeren Gleichgültigkeit, die ihm seine Abhängigkeit von ihnen zum Bewußtsein brachte, das unbestimmte Gefühl in ihm auf, daß ihm ein Unrecht geschehen sei, und dies Gefühl, das er gegen niemand aussprechen konnte und selbst als lästig beiseite schob, schlummerte immer in seiner kindlichen Seele. Der Reisegesellschaft war er als ein verwaister Knabe bekannt, den irgend ein Verwandter seiner Stiefmutter in »Sct. Jo« dem Zug mitgegeben hatte, und der in Sacramento an einen Vetter abgeliefert werden sollte. Da die Stiefmutter ihm nicht einmal lebewohl gesagt und seine Beförderung ganz den Verwandten überlassen hatte, bei denen er sich in letzter Zeit aufgehalten hatte, so war man allgemein der Ansicht, daß sie den Jungen habe loswerden wollen, und das Kind selbst pflichtete halb unbewußt dieser Auffassung bei. Welche Entschädigung für seine Beförderung geboten worden war, wußte er selbst nicht; er erinnerte sich nur, daß man ihm eingeschärft hatte, sich nützlich zu machen, ein Befehl, dem er willig und guten Mutes, wenn auch mit der Ungeschicklichkeit des Neulings, nachkam. Diese Aufgabe hatte auch gar nichts Erniedrigendes in einer Gesellschaft, wo jeder nach Kräften Hand anlegte, und wo das ganze Dasein in seinen Augen den Reiz eines in die Länge gezogenen Picknicks hatte. Auch hatte er von seiten Frau Silsbees, der Frau des Zugführers und der Mutter seiner kleinen Freundin, nicht über Ungleichheit in Verteilung von Liebe und Sorgfalt zu klagen. Die vorzeitig gealterte, kränkliche Frau war so mit Pflichten überhäuft, daß sie keine Zeit hatte, mütterliche Zärtlichkeit an ihr Töchterchen zu verschwenden, und beide Kinder unparteiisch und gleichmäßig streng behandelte. Der den Nachtrab bildende Wagen rollte krachend und schwankend schwerfällig hinter den andern drein. Die Hufe der Zugochsen stampften zuweilen mit dumpfem Widerhall auf den harten Boden und entsandten dabei nach beiden Seiten Staubwolken, die wie Rauch aufwirbelten. Die Kinder spielten im Innern »Kauflädchens«, das kleine Mädchen trat als wohlhabende und anspruchsvolle Käuferin auf, und der Knabe saß hinter einer Nagelkiste, die als Ladentisch diente, und verschacherte jeden beweglichen Gegenstand im Wagen, teils unter dem richtigen, teils einem Phantasienamen, wie es ihm der Augenblick eingab. Die Münze bestand in Bohnen und Papierschnitzeln, und das Geldwechseln wurde auf sehr praktische Weise verrichtet, indem man die Zettelchen einfach in noch kleinere Stücke riß. Der Abnahme des Warenvorrats wurde abgeholfen, indem man den nämlichen Gegenstand unter andrem Namen wieder und wieder verkaufte, allein trotz dieser günstigen Handelsverhältnisse war die heutige Marktstimmung flau. »Ich kann Ihnen eine sehr gute Qualität Tuch zu vier Cent den Meter zeigen, doppelt breit,« sagte der Knabe, aufstehend und sich mit den Händen auf den Ladentisch stützend, wie er es bei Kaufleuten gesehen hatte. »Reine Wolle, hält sich gut in der Wäsche,« setzte er ernsthaft und gewandt hinzu. »Bei Jackson bekam ich das billiger,« erwiderte das kleine Ding, mit der angeborenen Falschheit ihres feilschlustigen Geschlechts. »Mir auch recht,« meinte der Knabe. »Ich mag nicht mehr spielen.« »Als ob mir daran läge!« rief die Kleine gleichgültig. Nun stülpte der Kleine rasch den Ladentisch um, und der aufgerollte Teppich, der die Rolle des begehrenswerten Tuchs gespielt hatte, fiel zu Boden. Das brachte den jugendlichen Handelsmann auf einen neuen Einfall. »Du, wir spielen ›beschädigte Waren‹,« rief er. »Sieh, ich werfe alles durcheinander, das Oberste zu unterst, und verkaufe dann unter dem Selbstkostenpreis.« Das kleine Mädchen horchte auf; der Vorschlag war kühn und hatte die Anziehungskraft einer Unart, allein sie sagte, offenbar ganz gewohnheitsmäßig: »nein,« nahm ihre Puppe vom Boden auf, und der Junge kletterte nach der Vorderseite des Wagens. Damit ging die unvollendete Episode auf einmal in jener gänzlichen Vergeßlichkeit, Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit auf, wie sie jungen Tieren eigen sind. Wenn eins von ihnen in diesem Augenblick hätte fortspringen oder fortfliegen können, so würden sie das mit ebensowenig Einleitung oder Vorbereitung wie ein Vogel oder ein Eichhörnchen gethan haben. Der Wagen rollte langsam weiter, und der Junge bemerkte, wie einer von ihren Fuhrleuten auf das Trittbrett des vorangehenden Gefährts geklettert war, während der andre in eine Wolke von Staub gehüllt, halb schlafend nebenherging. »Cla'ns,« sagte das Mädchen, und ohne den Kopf nach ihr umzudrehen erwiderte der Junge: »Susy?« »Was willst du werden?« fragte die Kleine. »Werden?« wiederholte Clarence. »Wenn du groß bist,« rief Susy. Clarence zögerte mit der Antwort. Es war sein fester Entschluß gewesen, ein erbarmungsloser aber gerechter Seeräuber zu werden, allein seit er heute früh in einem zerlesenen »Führer durch die Prairie« von Fort Laramie und Kit Carson gelesen hatte, war er entschlossen, die Laufbahn eines »Kundschafters« zu ergreifen, die leichter zu erreichen war und wozu man nicht so viel Wasser nötig hatte. Doch aus Rücksicht auf Susys voraussichtlich mangelnde Sachkenntnis wollte er weder den einen noch den andern Beruf namhaft machen, sondern erwiderte mit der amerikanischen Jungen eignen Bescheidenheit kurzweg: »Präsident«. Das war jedenfalls das Sicherste, enthob ihn allen schwierigen Erklärungen und war von wohlwollenden alten Herren, die ihm die Hände auf den Kopf gelegt hatten, gut geheißen worden. »Ich will eine Frau Pfarrer werden,« sagte Susy, »und Hühner halten und Sachen geschenkt bekommen. Kinderkleider und Aepfel und Apfelmus und Honig – und – und noch mehr Kinderkleider! und Metzelsuppe, wenn man schlachtet!« Sie hatte sich, die Puppe auf dem Schoß, mit dem Rücken gegen ihn auf den Boden des Wagens gesetzt, und er konnte gerade die Rundung ihres lockigen Köpfchens und darüber hin ihre bloßen Kniee mit den Grübchen darin sehen, die hoch empor standen, und die sie vergebens mit dem Saum ihres kurzen Rückchens zu bedecken suchte. »Ich möchte keine Präsidentenfrau sein,« sagte sie plötzlich. »Weil du keine sein könntest.« »Wenn ich möchte, könnte ich's wohl!« »Nein, du könntest nicht.« »Gleich könnte ich!« »Nein, du könntest nicht.« »Warum?« Da er es etwas schwierig fand, Gründe für ihre Unfähigkeit zu diesem Posten vorzubringen, so hielt Clarence es für ebenso vernichtend, wenn er gar keine Antwort gab, und es entstand ein langes Schweigen. Es war sehr heiß und staubig, und der Wagen schien kaum vom Fleck zu kommen. Clarence blickte aufmerksam auf den Schatten, den das Dach des Wagens hinter ihnen auf die Räderspur warf, und plötzlich stand er auf und ging an der Kleinen vorüber nach dem Trittbrett. »Will hinaus,« sagte er, die Beine über den Rand schwingend. »Mam' hat's verboten,« bemerkte Susy. Clarence entgegnete nichts auf diese Mahnung, sondern ließ sich neben den sich langsam drehenden Rädern zur Erde gleiten: der Wagen war in so schläfriger Bewegung, daß er, ohne zu laufen, die Hand auf dem Trittbrett liegen lassen konnte. »Cla'ns.« Er sah auf. »Heb mich hinaus.« Susy hatte sich schon ihren großen Schutzhut aufgesetzt, stand auf der äußersten Kante des Trittbretts und streckte ihre Aermchen in solch unbedingtem Vertrauen auf seinen Beistand hinaus, daß der Knabe dieser stummen Bitte nicht widerstehen konnte und sie geschickt mit den Armen auffing. Sie standen einen Augenblick still und ließen dem schwerfälligen Gefährt, das auf seinen Achsen schwankte, wie wenn es gegen eine hohe See zu kämpfen hätte, Zeit, einen Vorsprung zu gewinnen. Regungslos blieben sie stehen, bis ihr fahrendes Haus etliche hundert Schritte entfernt war, und rannten dann plötzlich mit halb wahrem, halb gemachtem, jedenfalls sehr vergnüglichem Schrecken hinterdrein, um es wieder einzuholen. Diesen Scherz wiederholten sie zwei-, dreimal, bis sowohl ihre Kraft als ihre Freude daran erschöpft waren, und schlenderten dann Hand in Hand weiter. Plötzlich stieß Clarence einen Schrei aus. »Du Susy – da schau hin!« Der letzte Wagen war wieder eine beträchtliche Strecke von ihnen weggerollt, und zwischen dem Gefährt und ihnen hatte, das tief eingegrabene Geleise kreuzend, ein höchst merkwürdiges Geschöpf Halt gemacht. Auf den ersten Blick schien es ein Hund zu sein – ein verlaufener, schamloser, herrenloser Landstreicher, nicht der redliche Behüter eines Treiberzugs, der vom Wege abgekommen wäre. Er war so staubig, so hager, so schmutzig und schlotterig und sah so träge aus! Als sie ihn aber genauer ins Auge faßten, entdeckten sie, daß sein graugelbes Fell den Rücken entlang borstig zu Berg stand, daß er große, giftig aussehende, dunkle Blattern an den Weichen hatte, und daß die schlotternden Wampen eine Eigentümlichkeit seines Baus, und nicht ein Symptom der Angst waren. Als das Tier seinen verdächtigen Kopf nach den Kindern wandte, konnten sie auch wahrnehmen, daß seine dünnen Lippen, die viel zu kurz waren, um die langen weißen Zähne zu verdecken, höhnisch zu grinsen schienen. »Da her, Hundevieh!« rief Clarence aufgeregt. »Sei ein guter Hund! Komm! Da her!« Susy brach in ein triumphierendes Gelächter aus und rief: »Bist du dumm! Der ist ja gar kein Hund nicht, der ist ein Coyote!« Coyote – der amerikanische Prairiewolf. Anm. d. Uebers. Clarence ward dunkelrot. Nicht zum erstenmal zeigte sich ihm das Pionierskind an Wissen überlegen. Das peinliche Gefühl der Beschämung zu verbergen, sagte er rasch: »Ich fang' ihn deshalb doch!« »Kannst du nicht,« erwiderte Susy, das Köpfchen mit dem großen Schutzhut schüttelnd. »Der läuft schneller als ein Pferd!« Nichtsdestoweniger lief Clarence auf das Tier zu, und Susy trippelte hinterdrein. Bis auf zwanzig Schritte ließ das träge Geschöpf die beiden herankommen, dann machte es, sichtlich ohne die geringste Anstrengung, zwei oder drei Sprünge zur Seite, und war wieder ebensoweit von ihnen entfernt wie im Anfang. Mit mehr oder weniger Heiterkeit und Aufregung wiederholten sie diesen Ansturm noch drei- oder viermal, und das Tier entschlüpfte ihnen gewandt, ohne sich jedoch von ihnen in die Flucht treiben zu lassen, so daß es ihnen schließlich klar wurde, daß sie den Coyote ebensowenig fangen als vertreiben konnten. Die mögliche Folge dieses Verhaltens drückte Susy mit großen runden Augen in den bedeutungsvollen Worten aus: »Cla'ns, er beißt!« Clarence griff eine sonngebrannte Erdscholle vom Boden auf und warf sie, vorwärts rennend, nach dem Wolf. Der Wurf war gut gezielt; er traf ihn an die schlotterigen Weichen, und das Tier suchte schnappend und einen heiseren, knurrenden Laut ausstoßend, das Weite. Mit strahlender Siegermiene kehrte Clarence zu seiner kleinen Gefährtin zurück, diese aber starrte unverwandt nach der entgegengesetzten Richtung, und es kam ihm nun zum erstenmal in Sinn, daß sie in der Verfolgung des Coyote einen Halbkreis beschrieben hatten. »Cla'ns,« sagte Susy mit einem nervösen Auflachen. »Nun?« »Der Wagen ist fort.« Clarence erschrak. Es war richtig, nicht nur ihr Wagen, sondern der ganze Zug von Ochsen und Fuhrleuten war wie vom Erdboden verschwunden, wie wenn ein Wirbelwind ihn weggefegt, oder die Erde sich aufgethan und ihn verschlungen hätte. Sogar die Staubwolke, die ihn sonst bei Tag auf weite Ferne kenntlich machte, war nirgends zu entdecken, und die endlose Fläche, die sich gegen Sonnenuntergang vor ihren Augen dehnte, war ohne jede Spur, ohne jedes Zeichen von Leben und Bewegung. Die ungeheure blaue Krystallschale, die am Tag mit Dunst und Glut, bei Nacht mit Sternen und Dunkelheit erfüllt war und mit ihrem Rand ringsum auszuruhen und sie von allen Seiten einzuschließen schien, mußte aufgehoben worden sein, um den Zug durchzulassen, und umschloß sie nun wieder für alle Zeit. Zweites Kapitel Ihre erste Regung bei dieser Entdeckung war nichts als ein Freiheitsgefühl, wie es das dem Käfig entronnene Tier empfinden mag! Sie sahen sich mit leuchtenden Blicken an und atmeten schweigend tief auf, allein dieser unbewußte Ausbruch der wilden Natur war bald vorüber, und Susys kleine Hand griff auf einmal nach Clarences Jacke und klammerte sich daran fest. »Weit sind sie nicht,« sagte der Knabe, der ihre Bewegung wohl zu deuten wußte, »und sobald sie merken, daß wir fort sind, machen sie Halt.« Sie marschierten etwas rascher voran; die Sonne, der sie nun schon so manchen Tag gefolgt waren, und die frischen Räderspuren des Zugs waren ihre untrüglichen Führer, und die kühle reine Luft der Prairie, die jetzt von Staub und Ausdünstung des Zugviehs frei war, stärkte mit würzigem Hauch ihre Kraft. »Wir sind gar keine Bangebüchsen – nicht, Cla'ns?« bemerkte Susy fragend. »Vor was sollten wir uns denn fürchten?« sagte Clarence verächtlich. Das stolze Wort wurde um so kräftiger betont, weil ihm plötzlich ins Gedächtnis gekommen war, wie man sie oft stundenlang in ihrem Wagen allein gelassen und sich nicht nach ihnen umgesehen hatte, so daß also ihr Fehlen ganz leicht unbemerkt bleiben konnte, bis der Zug zwei Stunden später Halt machen und in der Dämmerung das Nachtlager aufgeschlagen würde. Die Kinder liefen nicht besonders rasch, aber, sei es, daß ihre Müdigkeit schon größer war, als sie selbst wußten, sei es, daß die dünnere Luft sich fühlbar machte, kurz beiden wurde das Atmen schwer. Plötzlich blieb Clarence stehen. »Dort sind sie.« Er deutete auf ein leichtes Staubwölkchen am fernen Horizont, von dem sich eine Sekunde lang der dunkle Umriß eines Frachtwagens abhob, um sofort wieder spurlos zu verschwinden. Aber während sie hinsahen, schien sich auch die Rauchwolke wie ein trügerisches Phantasiegebilde zur Erde zu senken, der ganze Zug war nicht mehr sichtbar, und sie erblickten nur die endlos vor ihnen hinziehenden Wagengeleise. Sie wußten nicht, daß diese anscheinend topfebene Fläche in Wirklichkeit wellenförmiger Grund war, und daß der entschwundene Zug einfach vor ihren Augen einen Abhang hinuntergerollt war, wie schon einmal zuvor. Das wußten sie nicht, aber sie begriffen, daß sie eine große Enttäuschung erlebt hatten, und diese Enttäuschung offenbarte ihnen auch den Umstand, daß sie bisher ihre Befürchtungen voreinander verheimlicht hatten. Die Kleine unterlag der Angst zuerst und brach in heftiges, zorniges Weinen aus, und dieses Zeichen der Schwachheit genügte, um des Knaben Stolz und Kraft wachzurufen. Von diesem Augenblick an waren sie nicht mehr Leidensgefährten, sondern er war ihr Beschützer geworden und fühlte sich verantwortlich für beide. Da er sie nicht mehr auf der gleichen Stufe mit sich sah, war er auch nicht mehr offen gegen sie. »Da gibt's gar nichts zu flennen,« sagte er mit gemachter Rauheit. »Sei doch ruhig! In einer Minute werden sie halten und jemand fortschicken, um uns zu holen. Sollte mich gar nicht wundernehmen, wenn sie es eben jetzt thäten.« Allein Susys weiblicher Scharfblick hörte sofort den hohlen Klang seiner Stimme heraus; sie stürzte sich wütend auf ihn und begann mit ihren kleinen Fäusten auf ihn loszuhämmern. »Sie thun's nicht! Sie thun's nicht! Sie thun's nicht! Du weißt es wohl – du lügst! Du lügst!« Dann warf sie sich erschöpft von ihrem Dreinschlagen mit einem Ruck flach auf das dürre Heidegras, drückte die Augen zu und klammerte sich an die Stoppeln an. »Steh auf,« sagte der Knabe mit blassem Gesicht und entschlossenem Ton – er schien in dem einen Augenblick um Jahre älter geworden zu sein. »Du läßt mich!« rief Susy. »Willst du, daß ich fortgehe und dich hier liegen lasse?« Susy schlug in dem sicheren Versteck ihres Schutzhutes eines ihrer blauen Augen auf und warf einen flüchtigen Blick auf sein verändertes Gesicht. »Ja – wenn du magst.« Er that, als ob er sich von ihr abwende, studierte aber in Wirklichkeit nur, wie hoch die Sonne noch stand. »Cla'ns!« »Nun?« »Trag mich.« Sie streckte die Händchen aus, und er hob sie sachte auf und nahm sie, ihr Köpfchen auf seine Schulter bettend, auf den Arm. »So,« sagte er heiter und zuversichtlich, »nun hältst du gute Ausschau nach jener Seite und ich nach dieser, und im Nu werden wir dort sein.« Dieser Vorschlag schien ihr zuzusagen. Nachdem Clarence ein paar Schritte mit ihr vorwärts gestolpert war, fragte sie: »Siehst du etwas, Cla'ns?« »Noch nicht.« »Ich auch nicht.« Es befriedigte sie offenbar, daß er es ihr im Erspähen nicht zuvor thun konnte, und mit einemmal hing sie matt und schwer in seinem Arm – sie war eingeschlafen. Die Sonne sank rasch; schon hatte sie den Horizont erreicht und war auf derselben Höhe mit seinen geblendeten, aber angestrengt forschenden Augen. Zuweilen schien sie ihn an seinem Späheramt zu verhindern und ihm das Sehen zu erschweren, helle und dunkle Flecken huschten am Horizont auf und ab, und auf der Heide glitzerten überall rote Oblaten wie kleine Sonnen. Dann beschloß er, nicht mehr aufzusehen, bis er auf fünfzig gezählt haben würde oder auch auf hundert, aber wenn er die Augen wieder aufschlug, hatte er immer noch das nämliche Bild vor sich, die öde, endlose Heide, die Sonnenscheibe, die, je näher sie dem Horizont kam, immer röter wurde und im Versinken alles in Glut zu tauchen schien – sonst nichts! Mühsam mit seiner Last vorwärts strampfend, suchte er sich zu zerstreuen, indem er sich die Entdeckung ihres Fehlens ausmalte. Er hörte die halblaut und zänkisch geführte Beratung über die Wahl des nächtlichen Lagerplatzes, wie sie jeden Abend stattfand, er hörte Jack Silsbees mürrische Stimme, die in ihren Wagen hineinrief: »Heraus mit euch da drin; macht schnell!« und hörte, wie der Befehl ärgerlich wiederholt wurde. Auch den zornigen Ausdruck von Jack Silsbees dunkelbärtigem Gesicht und seinen hastigen Blick in den leeren Wagen sah er ganz deutlich und hörte wie die Frage: »Was ist denn aus den Kröten geworden?« von Wagen zu Wagen lief. Dann hörte er ein paar Flüche und vernahm, wie Frau Silsbee mit ihrer hohen, schmetternden Stimme über ihn loszog, wie man hastig und unwillig die Entsendung einiger Leute anordnete, wie Silsbee selbst und einer von seinen Fuhrleuten sich unter Verwünschungen auf die Suche machten. Aller Tadel galt natürlich ihm, dem Aelteren, der »auch hätte gescheiter sein können!« Wohl war ihm etwas bänglich zu Mut dabei, aber es war gut, daß seine Einbildungskraft ihm nicht Mitleid und Erbarmen vorspiegelte. Daß man ihn anklagte, hielt seinen Stolz aufrecht, bei der Aussicht auf Teilnahme wäre er vielleicht zusammengebrochen. Endlich stolperte er und blieb dann stehen. Er konnte nicht mehr weiter, der Atem versagte ihm, der Schweiß rann von seiner Stirne, seine Kniee zitterten, es sauste ihm vor den Ohren und rings um ihn her schwirrten runde, rote Sonnenscheiben wie Blutstropfen, Zur rechten Seite der Wagenspur schien eine kleine Anhöhe zu sein, wo er ein wenig ruhen und zugleich seine Beobachtung des Horizonts fortsetzen konnte. Aber als er näher kam, fand er, daß es nichts als ein Büschel höheren Heidekrauts war, worein er mit samt seiner Last versank. Obwohl die Stelle also kein »Luginsland« bot, eignete sie sich doch zu einem weichen Lager für Susy, die ihr gewohntes Mittagsschläfchen ganz ruhig zu halten schien und hier bis auf einen gewissen Grad vor dem kalten Lufthauch, der jetzt von Westen her wehte, geschützt war. Selbst aufs äußerste erschöpft, aber angstvoll die Mattigkeit bekämpfend, die ihn beschlichen hatte, kauerte er sich in halb knieender Stellung neben sie hin, stützte sich auf die eine Hand und blickte, halb von dem hohen Gras verdeckt, mit Spannung auf die einsame Räderspur. Die rote Scheibe sank tiefer und schien schon einen beträchtlichen Teil der Entfernung mit ihren sengenden Feuern verzehrt zu haben. Als sie noch tiefer stand, schossen lange, leuchtende Streifen von ihr aus, die sich fächerartig über die Ebene verbreiteten und in des Knaben erregter Einbildungskraft den Eindruck hervorriefen, als ob das Gestirn selbst mit weitausgestreckten, gespreizten Fingern die Verlorenen suche. Und als ein langgestreckter Strahl zögernd über seinem Versteck zu weilen schien, dachte er sogar, dieser könnte Silsbee und seinen Leuten zum Führer dienen, und richtete sich auf, um seine hellbeschienene kleine Gestalt voll zu zeigen. Allein der Strahl war bald erloschen, und Clarence sank in seine vorige geduckte Stellung zurück. Er wußte ja wohl, daß ihm noch eine Stunde Tageslicht blieb, ja mit dem Erlöschen dieser abendlichen Glorie traten die Gegenstände deutlicher und greifbarer hervor als zu jeder andern Tageszeit, und seit das Flammenschwert, das zwischen ihm und dem entschwundenen Zug geflimmert zu haben schien, erbarmungsvoll in die Scheide gesteckt worden war, fühlten seine Augen eine wohlthätige Kühlung und Beruhigung. Drittes Kapitel Mit Sonnenuntergang trat ein unheimliches Schweigen ein. Er hörte deutlich Susys leichte Atemzüge, und es war ihm, als ob er in dem drückenden Schweigen der ganzen Natur sogar das Pochen seines eignen Herzens vernähme. Bisher hatte ihn bei Tage das Krachen und Kreischen von Rädern und Achsen nie verlassen, und auch die Ruhe des nächtlichen Lagerplatzes war durch die Bewegung unruhiger Schläfer in den Wagen oder das geräuschvolle Atmen des Viehs häufig unterbrochen worden. Hier aber war weder Laut noch Bewegung, Susys Geplauder oder auch der Klang seiner eignen Stimme würde den unheimlichen Bann brechen, allein es gehörte zu seiner wachsenden Selbstverleugnung, daß er darauf verzichtete, ihren Schlummer auch nur durch ein geflüstertes Wort zu stören. Sie würde ja rasch genug – vielleicht mit Hunger und Durst – erwachen, und was sollte er dann beginnen? Ach, wenn die Hilfe, wonach er ausschaute, nur jetzt kommen würde, so lange sie schlief! Seine knabenhafte Phantasie spiegelte ihm vor, daß, wenn er sie schlafend, noch unberührt von Furcht und Leiden, aus dieser Lage befreien könnte, er weniger zu tadeln wäre für seine Unbesonnenheit, und sie ihm weniger nachtragen würde, daß er sie in diese Lage gebracht hatte. Wenn sie aber nicht kam – doch daran wollte er gar nicht denken. Würde sie einstweilen durstig, nun, es konnte ja regnen, und für alle Fälle blieb ihm der Tau, den sie des Morgens immer so gern von den Büschen geschüttelt hatten – er nahm sich vor, dann sein Hemd auszuziehen und ihn damit aufzufassen wie ein schiffbrüchiger Seemann, das würde ihr spaßhaft vorkommen und sie zum Lachen bringen. Er selbst freilich würde nicht lachen – er fühlte, daß diese Einsamkeit ihn sehr alt und erwachsen machte. Es wurde dunkler – jetzt würden sie wohl in den Wagen Nachschau halten. Ein neuer Zweifel begann ihn zu quälen. Sollte er nicht jetzt, nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, die kurzen Augenblicke des Tageslichts, die ihm noch blieben, ausnützen – sobald die Glut im Westen erloschen war, würde er ja keine Anhaltspunkte mehr haben, um irgend etwas zu unternehmen. Allein dabei war immer wieder die Gefahr, Susy aufzuwecken! Die Furcht, ihrer Furcht die Stirne bieten zu müssen und kein Mittel zu ihrer Beruhigung zu haben, überwog alles andre und veranlaßte ihn zu bleiben, wo er war. Das einzige, was er that, war, daß er sachte durch das Gras kroch und in den Staub der Wagenspuren die vier Himmelsrichtungen, wie er sie jetzt noch dem Schein der abendlichen Röte nach feststellen konnte, mit Punkten und den Westen mit einem großen lateinischen W bezeichnete, ein kindlicher Kunstgriff, der ihn außerordentlich befriedigte! Wenn er nur eine Stange, einen Stecken oder wenigstens einen Zweig gehabt hätte, um sein Taschentuch daran zu binden und als Flagge wehen zu lassen, damit die Suchenden ihn auch im Fall, daß Müdigkeit und Schlaf ihn überwältigten, seine Spur fänden! Allein die Ebene war ganz kahl und weit und breit kein Gebüsch oder Holzspan sichtbar – er ahnte nicht, daß gerade die Unterlassung dieser Vorsichtsmaßregel und die Unscheinbarkeit seines Verstecks seine Rettung aus weit größerer Gefahr werden sollten. Mit Anbruch der Dunkelheit erhob sich der Wind und strich mit lang gezogenen Seufzern über die weite Fläche. Der seufzende Laut wuchs zum Gemurmel an, bis plötzlich die ganze Weite, die vorher in schauerlichem Schweigen geruht hatte, zu erwachen und mit leisem Stöhnen, bangen Klagelauten und endlosen Tönen einzustimmen schien. Zuweilen glaubte er Hallorufe weit entfernter Stimmen zu vernehmen, zuweilen schien es dicht an seinem Ohr zu flüstern. In der tiefen Stille, die auf jeden einzelnen Windstoß folgte, bildete er sich ein, das Krachen des Wagens, den dumpfen Widerhall der Ochsenhufe oder einzelne Sätze zu hören, die, sobald er sein Gehör aufs äußerste anstrengen wollte, vom nächsten Windstoß verweht und übertönt wurden. Die Anspannung der Gehörnerven fing an, seinen Kopf ebenso sehr anzugreifen, wie vorher die blendende Abendglut seinen Augen weh gethan hatte, und eine Art von Betäubung legte sich lähmend über sein Denken; ein- oder zweimal nickte er sogar ein. Zusammenschreckend fuhr er auf – eine bewegliche Gestalt war plötzlich zwischen ihm und dem Abendhimmel aufgetaucht! Sie war kaum zwanzig Meter entfernt, und ihr Umriß hob sich so scharf und deutlich von dem immer noch leuchtenden Westen ab, daß sie noch näher zu sein schien. Es war eine menschliche Gestalt, aber so phantastisch und zerzaust und dabei so armselig und kindisch in ihrem bunten Aufputz, daß sie eher die Ausgeburt eines närrischen Traumes zu sein schien. Der Mensch saß zu Pferde, stand aber in so schreiendem Mißverhältnis zu dem Pony, den er ritt und dessen schmächtige Beine beim Anhalten in rasendem Lauf sich steif in den Staub eingebohrt hatten, daß man ihn leicht für einen verlaufenen »Künstler« aus einem wandernden Cirkus dritten Rangs hätte halten können. Ein großer Hut ohne Krämpe, ein trauriger Auswurf der Civilisation, thronte, von einer Truthahnfeder überragt, auf seinem Haupte, um seine Schultern hing ein schmieriger, durchlöcherter Teppich, der die bemalten Beine, die aussahen, als ob sie in schmutzigen, gelbseidenen Trikots steckten, nur spärlich bedeckte. In einer Hand hielt die gespenstische Gestalt eine Flinte, die andre deckte sie schützend über die Augen, die scharf nach einem jenseits dem Versteck der Kinder im Osten liegenden Punkt ausspähten. Mit einem Male machte der Pony geräuschlos ein paar Schritte zur Rechten, und Clarence sah den Reiter, der unverwandt nach der nämlichen Stelle am Horizont hinsah, nun von der Seite, und da war kein Irrtum mehr möglich – das bemalte semitische Gesicht, die große gebogene Nase, die vorspringenden Backenknochen, der breite Mund, die beschatteten Augen, die langen, straffen verfilzten Haare: es war ein Indianer! Nicht das malerische Geschöpf, das Clarences Phantasie sich darunter vorgestellt hatte, aber doch ein Indianer! Dem Knaben war unbehaglich zu Mut, er war mißtrauisch und von widerstreitenden Empfindungen bewegt, aber eigentlich Angst hatte er nicht. Er sah mit dem Bewußtsein höherer Intelligenz in das plumpe, tierische Gesicht, mit der Ueberlegenheit des Bekleideten auf die halbnackte Gestalt, und mit der ganzen Ueberhebung der höheren Rasse auf diese niedrigere Individualität. Als aber einen Augenblick darauf der Reiter sein Pferd herumwarf und im Nu gegen die Wellenlinie des Westens hin verschwunden war, fröstelte es ihn doch in ganz seltsamer Weise, ohne daß er sich bewußt gewesen wäre, daß in Gestalt dieser kindischen Vogelscheuche, dieses bemalten Zwergs, die grauenvolle Majestät des Todes ihn gestreift hatte. »Mama!« Das war Susys Stimmchen: es klang, als ob sie bald zum Bewußtsein erwachen würde. Möglicherweise hatte sie instinktiv gefühlt, welche Gefahr an ihnen vorübergegangen war. »St! St!« Clarence hatte sich eben dem Augpunkt des Indianers zugewandt und er sah etwas! Eine dunkle Linie bewegte sich in der tiefer und tiefer werdenden Dunkelheit. Einen Augenblick wagte er es kaum, sich selbst seine Gedanken klar zu machen. Es war ein Zug, der hinter dem ihrigen fahrend, sie nun überholte, und zwar aus der Raschheit seiner Bewegung nach ein Zug mit Pferden, die sich sputeten, den nächtlichen Lagerplatz zu erreichen. Daß ihm auf diese Weise Hilfe kommen könnte, war ihm im Traum nicht eingefallen – des Indianers schärferes Auge hatte den Zug schon länger erblickt, und deshalb hatte er die Flucht ergriffen. Der fremde Zug kam in raschem Trab heran; er war offenbar wohl ausgerüstet mit fünf oder sechs großen Wagen und verschiedenen Vorreitern, in einer halben Stunde konnte er hier sein, und doch stand Clarence davon ab, Susy, die wieder fest eingeschlafen war, zu wecken, denn seine alte Idee, sie in bewußtlosem Zustand in Sicherheit zu bringen, beherrschte ihn gänzlich. Er zog seine Jacke aus, deckte sie ihr über die Schultern und machte ihr Nestchen behaglicher. Dann aber blickte er wieder nach dem herankommenden Zug, der jedoch aus unerklärlichen Gründen seine Richtung geändert hatte und, statt den andern Wagengeleisen zu folgen, was ihn unfehlbar an die Seite der beiden Kinder gebracht haben würde, sich plötzlich zur Linken wandte! In zehn Minuten mußte er auf diese Weise in einer Entfernung von anderthalb Meilen an ihnen vorüber sein! Weckte er Susy jetzt auf, so wußte er, daß sie vor Angst und Schrecken hilflos sein würde, und er konnte sie höchstens die Hälfte dieser Strecke tragen. Er allein hätte dem Zug wohl nachlaufen und Hilfe herbeirufen können, aber wie konnte er sie allein lassen, jetzt in der Dunkelheit! Niemals! Wenn sie erwachte, würde sie vielleicht vor Angst sterben oder blindlings und ziellos davonlaufen. Nein! Der Zug würde vorübergehen und mit ihm jede Hoffnung auf Erlösung. Es stak ihm etwas in der Kehle, aber er schluckte es hinunter und war wieder ruhig, obwohl er in dem Nachtwind vor Kälte schauderte. Jetzt war der Zug ihm gerade gegenüber. Er lief aus dem hohen Gras hinaus und schwenkte, in der eitlen Hoffnung, bemerkt zu werden, seinen Strohhut, so hoch er konnte. Weit konnte er sich nicht entfernen, denn er entdeckte, als er sich umwandte, zu seinem Schrecken, daß der Büschel Heidekraut kaum mehr zu unterscheiden war, und damit war jede Möglichkeit des Weggehens aufgehoben. Selbst wenn er den Zug einholte und jemand mit ihm gehen würde, wie sollte er das Kind in dieser trostlosen Einöde je wieder finden? Langsam sah er den Zug vorübergleiten und immer noch schwenkte er hoffnungslos, aber mechanisch seinen Hut und sprang vor seinem Versteck auf und ab, als ob er der entschwindenden Hoffnung ein Lebewohl zuwinken wollte. Mit einemmale kam es ihm vor, als ob die drei Reiter, die den ersten Wagen geleiteten, ihre Gestalt veränderten; ihre Umrisse erschienen ihm nicht mehr wie scharfe schwarze Vierecke am Horizont, sondern waren erst undeutlich und verschwommen geworden, dann höher und schmäler und standen schließlich wie Ausrufungszeichen am Himmel. Er fuhr fort seinen Hut zu schwingen, sie wurden immer schmäler und höher – jetzt begriff er die Sache – die drei verwandelten Vierecke waren die Reiter, die auf ihn zukamen! █ █ █ – so hatte er sie zuerst gesehen, ! ! ! – so sah er sie jetzt. Er rannte zu der Kleinen zurück, um sich zu vergewissern, daß sie noch schlief, denn sein närrisches Verlangen, sie zu retten, ohne daß sie eine Ahnung der Gefahr hätte, wurde jetzt, da die Hilfe so nahe war, stärker als je. Sie schlummerte noch und hatte sich nur im Schlaf auf die andre Seite gelegt. Er lief wieder nach vorne. Die Reiter hatten augenscheinlich Halt gemacht – was nahmen sie nur vor? Kamen sie nicht hierher? Plötzlich flammte von dem einen ein Lichtblitz auf, über den Kopf des Knaben flog es zischend hin wie ein Vogel und verschwand unsichtbar. Sie hatten ein Gewehr abgefeuert – sie gaben ihm, Clarence, Signale wie einem erwachsenen Mann! Sein Leben hätte er darum gegeben, auch eine Flinte zu haben, aber er konnte nichts thun, als seinen Hut schwenken wie ein Rasender. Eine der Gestalten löste sich nun von den übrigen und stürmte im schnellsten Galopp heran; sie kam rasch näher und wuchs in der Dunkelheit ins Riesenhafte, Ungeheuerliche. Mit einemmal winkte der Mann mit einer wilden Armbewegung den andern, und eine männliche, freimütige Stimme drang hell und beruhigend zu ihm herüber. »Halt! Schießt nicht! Es ist kein Indianer – es ist ein Kind!« Im nächsten Augenblick hatte er sein Pferd neben Clarence pariert, und ein bärtiges, vertrauenerweckendes, hübsches mitleidiges Gesicht beugte sich zu ihm herab. »Hallo! Was soll das heißen? Was treibst du hier?« »Verloren – aus Herrn Silsbees Zug,« sagte Clarence und deutete nach dem nun vollständig dunkel gewordenen Westen. »Verloren? Seit wann?« »Ungefähr drei Stunden. Ich dachte, sie würden uns suchen,« sagte Clarence entschuldigend. »Und da hast du dir ausgedacht, hier auf sie zu warten?« »Ja – ja – bis ich Sie gesehen habe.« »Aber weshalb in Kuckucks Namen hast du denn den Weg nicht unter die Füße genommen und bist zu uns hinübergelaufen, statt uns hierher zu locken?« Der Knabe ließ den Kopf hängen. Er wußte ja wohl, weshalb er so und nicht anders hatte handeln können, aber seit er seine Gründe darlegen sollte, kamen sie ihm recht thöricht und unmännlich vor. »Wenn wir nicht auf der Streife nach Indianern gewesen wären,« fuhr der Fremde fort, »würden wir dich gar nicht bemerkt haben, und als dies geschah, hätten wir dich um ein Haar niedergeschossen. Weshalb hast du dir denn in den Kopf gesetzt, hier zu bleiben?« Der Knabe schwieg noch immer. »Cla'ns,« sagte ein schwaches, schläfriges Stimmchen, das aus dem tiefen Gras kam, »trag mich.« Der Schuß hatte Susy aufgeweckt. Der Fremde wandte sich rasch nach der Seite, von wo die Stimme herkam. Clarence erschrak und sammelte sich. »So, nun ist es doch geschehen,« sagte er vorwurfsvoll, »Sie haben sie aufgeweckt! Deshalb bin ich hier geblieben. Ich konnte sie nicht so weit tragen und ich konnte sie auch nicht gehen lassen, denn sie würde sich gefürchtet haben. Aufwecken wollte ich sie nicht, denn sie hätte Angst bekommen, und ich würde sie nicht mehr gefunden haben! Deshalb!« Er war ganz darauf gefaßt, getadelt zu werden, aber nun er Susy in Sicherheit wußte, kannte er keine Furcht mehr. Die Männer sahen einander an, und der erste Sprecher versetzte ruhig: »Also deiner Schwester zuliebe bist du uns nicht nachgelaufen?« »Sie ist gar nicht meine Schwester,« erwiderte Clarence rasch. »Sie. ist ein kleines Mädchen; Frau Silsbees kleines Mädchen, Wir waren im Wagen und sind ausgestiegen. Es war meine Schuld. Ich habe ihr herausgeholfen.« Die drei Reiter hielten nun dicht bei ihm und beugten sich, die Hände auf den Knieen, die Köpfe vorgeneigt vom Sattel herab. »Somit,« fuhr der erste Sprecher wieder fort, »mein Alterchen, hast du dich entschlossen, hier zu bleiben und auf gut Glück mit ihr auszuharren, anstatt Gefahr zu laufen, sie zu erschrecken oder zu verlassen, obwohl dies die einzige Möglichkeit gewesen wäre, dein Leben zu retten?« »Ja,« sagte der Junge, dieser mühseligen, pedantischen Wiederholung müde. »Komm her!« Der Knabe trat trotzig vor und der Mann schob ihm den abgetragenen Strohhut von der Stirn und sah prüfend in sein gesenktes Gesicht. Die Hand auf seinen Kopf gelegt, drehte er ihn herum, daß die andern ihn auch sahen, und bemerkte gelassen: »Ein rechter Grünschnabel, nicht?« »Das stimmt,« pflichteten die andern bei. Die Stimme klang nicht unfreundlich, obwohl der Sprecher bei dem Wort Grünschnabel die untere Kinnlade vorstreckte, daß er an eine Bulldogge erinnerte. Ehe Clarence sich Rechenschaft geben konnte, ob er diese Bezeichnung als beleidigend ansehen sollte oder nicht, streckte der Mann den im Steigbügel steckenden Fuß vor und sagte mit einladender Handbewegung: »Sitz auf!« »Aber Susy?« entgegnete Clarence zurücktretend. »So sieh doch – die klettert schon bei Phil hinauf!« Susy war in der That aus dem hohen Gras hervorgekrabbelt und stand, den Hut tief im Nacken, die Locken verwirrt mit schlafroten Wangen da und schaute mit lachenden Augen und tiefer Befriedigung zu einem der Männer auf, der sich mit ausgestreckten Armen zu ihr niederbeugte. Kaum konnte der Knabe seinen Augen trauen. Die schreckgelähmte, eigensinnige, gutem Rat unzugängliche Susy, der er mit Aufopferung seiner eignen Sicherheit die entsetzliche Entdeckung von dem Verlust von Heimat und Eltern hatte ersparen wollen, dieses harmlose Kind warf sich mit dem Anschein völligen Vergessens dem ersten besten vertrauensvoll in die Arme! Die Erkenntnis dieser Thatsache erweckte aber keinen Groll über Undank in ihm; er fühlte sich nur ihretwegen sehr erleichtert und schwang sich mit knabenhafter Lust vor dem Fremden in den Sattel. Viertes Kapitel Der rasche Ritt nach der Haltestelle des Zugs war für die beiden Kinder, die sich in den starken Armen ihrer Beschützer sicher fühlten, eine wahre Wonne, und sie beklagten nur insgeheim, daß dies Vergnügen nicht länger dauerte. Der flüchtige Galopp der feurigen Mustangs, das Sausen des Nachtwinds, die tiefe Dunkelheit, worin sich die Wagen wie gewölbte Hütten vom Horizont abhoben, alles erschien ihnen als ein prächtiger, wohlgelungener Abschluß dieses ereignisreichen Tages. Bei der beneidenswerten Vergeßlichkeit der Jugend hatte die überstandene Not und Fährlichkeit keine störende Erinnerung in ihnen zurückgelassen, sie wären ganz bereit gewesen, ihren dummen Streich am andern Tag noch einmal zu machen, und hätten vertrauensselig auf einen ebenso glücklichen Ausgang gerechnet, und als Clarence, der schüchtern die Hand nach den lose gehaltenen Zügeln ausstreckte, diese mit einem Scherzwort des kühnen und sicheren Reiters eingehändigt erhielt, fühlte sich der Knabe wirklich und wahrhaftig als Mann. Allein es waren ihnen noch größere Ueberraschungen vorbehalten. Als sie in die Nähe der Wagen kamen, die mit einer gewissen militärischen Ordnung im Kreis aufgefahren waren, sahen sie sofort, daß die Einrichtungen der fremden Gesellschaft weit reicher und behaglicher waren als ihre eignen oder irgend welche, die sie bisher kennen gelernt hatten. Vierzig bis fünfzig Pferde waren innerhalb des Kreises angebunden, und die Lagerfeuer flackerten schon hell. Vor einem der Feuer war ein großes Zelt aufgeschlagen, und sie erblickten durch die offen flatternden Zelttücher einen gedeckten Tisch, der sogar ein weißes Tischtuch aufzuweisen hatte. War da ein Fest, oder war dies täglicher Brauch? Clarence und Susy dachten beide an ihre sonstigen Mahlzeiten, die gewöhnlich unter freiem Himmel auf kahlen Brettern aufgetragen oder, wenn es regnete, unter dem niederen Wagendach eingenommen wurden, und wunderten sich. Als sie aber schließlich vom Pferd gehoben wurden und im Vorübergehen sahen, daß der eine Wagen als richtiges Schlafzimmer, der andre als Küche eingerichtet war, konnten sie sich nur in stummer Bewunderung einen geheimen Rippenstoß versetzen, aber auch hier trat wieder die früher schon hervorgehobene Verschiedenheit im Empfinden und Denken der beiden Kinder zu Tage. Beide waren gleichermaßen angenehm überrascht, allein Susy verwunderte sich über ein völlig Neues, nie Dagewesenes und hegte dabei einen leisen Zweifel, ob die Dinge, die sie sah, denn auch wirklich nötig seien, während Clarence, ob aus früherer Gewohnheit oder Naturanlage, die tiefe Ueberzeugung hatte, daß, was er hier sah, das Richtige war, und was er bei den Silsbees gesehen hatte, die Abweichung von der Regel. In dieses Gefühl mischte sich ein leiser Zug der Beschämung über Susys Verwunderung, durch den sie sich, so kam es ihm vor, lächerlich machen mußte. Der Mann, der ihn vor sich aufs Pferd genommen hatte, und der das Haupt der Gesellschaft zu sein schien, war sofort in das Zelt getreten und erschien gleich darauf wieder mit einer Dame, der er hastig die nötigen Mitteilungen machte. Das Gespräch bezog sich jedenfalls auf die Findlinge, allein Clarence gab nicht acht darauf, weil er zu sehr mit der Thatsache beschäftigt war, daß diese Dame hübsch, zierlich und musterhaft rein gekleidet war, daß ihre Haare glattgekämmt und nicht wirr waren und daß sie zwar eine Schürze trug, diese aber so rein war wie ihr Kleid. Und als sie nun rasch auf sie zulief und mit einem bezaubernden Lächeln die verwunderte Susy in ihre Arme schloß, übersah Clarence in der Freude für seine Schutzbefohlene völlig, daß er selbst keiner Beachtung gewürdigt wurde. Der bärtige Mann, der offenbar der Gatte der Dame war, mußte diese Unterlassung gerügt und ihr noch einiges gesagt haben, was Clarence nicht verstehen konnte, denn sie sagte mit einer reizenden Schmollmiene: »Ach, das finde ich nur in der Ordnung« und trat dann mit dem nämlichen leuchtenden Blick auf ihn zu und legte ihm die schmale, reine, weiße Hand auf die Schulter. »Und du hast so gut für die Kleine gesorgt? Ja, sie ist aber auch ein Engel, – nicht wahr? – und du mußt sie sehr lieb haben?« Clarence ward ganz rot vor Freude. Es war ihm allerdings bis jetzt nie in den Sinn gekommen, Susy im Licht eines überirdischen Wesens zu betrachten, und es ist zu fürchten, daß die Schönheit der Sprecherin ihm mehr Eindruck machte, als ihre Anerkennung für seine kleine Gefährtin, aber er freute sich doch um ihretwillen. Er war noch nicht alt genug, um den unerschütterlichen Glauben des andern Geschlechts an seine Herrschaft über den Mann in allen Altersstufen zu begreifen – er wußte nicht, daß »Hänschen« in seinem gewürfelten Schürzchen unwiederbringlich verloren ist, wenn »Annchen« im Flügelkleid ihn erobern will, und daß er von Rechts wegen in Susy hätte verliebt sein müssen. Wie dem auch sein mochte, die Dame schleppte die Kleine sofort nach dem Heiligtum ihres eigenen Wagens, aus dem sie später gewaschen, gekämmt und mit Bändern geschmückt wie eine neue Puppe hervorgehen sollte, während Clarence mit dem Gatten und einem andern Mann von der Gesellschaft allein gelassen wurde. »Nun, mein Junge, ich weiß ja noch nicht einmal wie du heißest!« »Clarence.« »So nennt dich Susy – aber wie weiter?« »Clarence Brant.« »Mit Oberst Brant verwandt?« fragte der andre so obenhin. »Er war mein Vater,« versetzte der Junge und strahlte bei der Aussicht, in seiner Verlassenheit Bekannte zu finden. Die beiden Männer tauschten einen raschen Blick aus, und der Anführer betrachtete sich den Knaben mit einer gewissen Neugier. »Du bist ein Sohn von Oberst Brant in Louisville?« »Ja, mein Herr,« versetzte der Knabe mit einem dumpfen Gefühl des Unbehagens. »Aber mein Vater ist gestorben.« »Ach – wann starb er denn?« fragte der andre rasch. »Schon lange – ich erinnere mich seiner nicht mehr recht – ich war damals noch sehr klein,« sagte Clarence entschuldigend. »So so – du erinnerst dich seiner nicht?« »Nein,« gab der Knabe kurz zur Antwort. Er fing wieder an, in jenen Zustand von Verstocktheit zu verfallen, der sich bei feinfühligen Kindern immer einstellt, wenn sie die Unfähigkeit erkennen, ihrem innersten Empfinden den rechten Ausdruck zu verleihen. Ueberdies trug er die instinktive Gewißheit in sich, daß diese mangelnde Kenntnis seines Vaters auch ein Teil von dem Unrecht war, das ihm zugefügt worden, und sein Unbehagen ward nicht vermindert, als er bemerkte, wie einer der Männer sich halb lachend umwandte und offenbar seinen Angaben keinen Glauben beimaß. »Wie bist du denn zu den Silsbees gekommen?« fragte der erste wieder. Clarence wiederholte mechanisch, mit kindischem Widerwillen gegen thatsächliche Einzelheiten, daß er in St. Jo bei einer Tante gelebt habe und daß seine Stiefmutter ihn den Silsbees übergeben habe, daß sie ihn nach Kalifornien mitnähmen, wo er einen Verwandten treffen solle. Er fühlte wohl, daß die zerstreute, widerwillige Art, wie er seine Geschichte vortrug, sehr gegen ihn sprach, aber er war nicht im stande, das zu ändern. Der erste Sprecher hörte ihm gedankenvoll zu und warf dann einen Blick auf seine sonnverbrannten Hände. Mit einemmal kehrte aber sein gutmütiges Lächeln zurück. »Nun, ich denke, du wirst Hunger haben, kleiner Mann.« »Ja,« sagte Clarence schüchtern, »aber –« »Aber was?« »Ich möchte mich ein wenig waschen,« erwiderte er zaghaft in Gedanken an das hübsche Zelt, die schöne Dame und Susys neue Bänder. »Das sollst du auch,« versetzte sein Gönner erfreut. »Komm nur mit!« Statt Clarence zu einem buckeligen zinnernen Eimer und einem Brocken gelber Seife zu führen, wie sie das Waschgeräte der Silsbeeschen Gesellschaft gebildet hatten, brachte er den Knaben in einen Wagen, wo ein Waschtisch, eine Porzellanschüssel und feine, duftende Seife zu finden waren. Er blieb neben ihm stehen und beaufsichtigte Clarences Reinlichkeitsbestrebungen, was den Knaben nicht wenig in Verlegenheit setzte. Plötzlich bemerkte er etwas unvermittelt: »Du erinnerst dich aber doch deines väterlichen Hauses in Louisville?« »Ja wohl – aber es ist lange her, daß wir dort wohnten.« Clarence erinnerte sich sehr wohl, daß dies Heim ganz anders gewesen war als seine Wohnstätte in St. Joseph, aber ein angeborenes Gefühl des Mißtrauens hielt ihn ab, es zu schildern, und er sagte nur, das Haus sei, so viel er sich erinnre, sehr groß gewesen. Die bescheidene Antwort machte nur, daß sein neuer Freund ihn noch schärfer ins Auge faßte. »Dein Vater war also Oberst Hamilton Brant in Louisville, nicht wahr?« sagte er halb vertraulich. »Ja,« erwiderte Clarence sehr entmutigt. »Nun gut,« bemerkte der andre heiter, wie wenn er ein unlösbares Rätsel beiseite schieben wollte. »Jetzt wollen wir zum Abendbrot gehen.« Als sie das Zelt wieder erreicht hatten, ward Clarence inne, daß der Tisch nur für Herrn und Frau Peyton und den einen der Männer – er wurde mit »Harry« angeredet, sprach aber selbst von dem Anführer und der Dame als Herr und Frau Peyton – gedeckt war, während die übrigen Männer, etwa zwölf an Zahl, malerisch um ein andres Lagerfeuer herumsaßen und es sich nach Herzenslust wohl sein ließen. Hätte der Knabe wählen dürfen, er würde sich dieser Gruppe zugesellt haben, teils weil es ihm männlicher vorkam, teils weil er eine Wiederholung des Verhörs fürchtete, allein Susy, die auf einem improvisierten hohen Stuhl thronte, lenkte in diesem Augenblick seine Aufmerksamkeit glücklich ab, indem sie auf den leeren Platz neben sich deutete. »Cla'ns,« rief sie dann mit gewohnter, erschreckender Offenheit, »es gibt Hühner und Schinkeneier und heiße Kuchen und Süßes und der Herr Peyton sagt, ich kriege von allem!« Clarence, der sich mit einemmal für Susys Manieren verantwortlich fühlte, entdeckte mit Betrübnis, daß sie ihre neusilberne Gabel mit der runden kleinen Faust in der Mitte gepackt hatte, und da seine früheren Erfahrungen mit ihr ihn voraussehen ließen, daß sie alsbald damit in eine der vor ihr stehenden Platten fahren werde, machte er leise: »Bst! Bst!« »Ja, das sollst du auch, Herzchen,« flüsterte ihr Frau Peyton zärtlich und ermutigend zu, während ihr Blick den Knaben mit leisem Vorwurf streifte, »du darfst essen, was du magst, mein Liebling!« »Das ist doch eine Gabel,« tuschelte ihr der besorgte Knabe ins Ohr, da Susy geneigt schien, das neue Instrument zum Umrühren ihrer Milch zu benutzen. »Ist nicht wahr, Cla'ns – nein, ist nur ein geschlitzter Löffel,« versicherte Susy, ohne sich draus bringen zu lassen. Allein Frau Peyton nahm in ihrer Verzückung über die Kleine keinen Anstoß an solchen Formfehlern; sie überfütterte das Kind mit Leckerbissen, vergaß ganz, selbst etwas zu genießen, und hielt nur zuweilen inne, um ihr die widerspenstigen Locken aus dem Gesichtchen zu streifen. Herr Peyton sah dem Treiben ernst und befriedigt zu, und mit einemmal begegneten sich die Blicke von Mann und Frau. »Sie wäre jetzt fast gerade so alt, Hans!« sagte Frau Peyton mit leiser Stimme. Der Gatte nickte ihr wortlos zu und wandte die Augen ab, als ob er in die Dunkelheit hinausspähe, wahrend der Mann, den sie Harry nannten, geistesabwesend auf seinen Teller blickte, als ob er ein Tischgebet spräche. Clarence machte sich allerhand Gedanken, wer sie wohl sein könnte und weshalb zwei helle Thränentropfen von Frau Peytons Wimpern gerade in Susys Milchtasse fielen und ob Susy nicht heftigen Widerwillen dagegen äußern werde. Erst viel später erfuhr er, daß die Peytons ein einziges Kind gehabt und verloren hatten, und Susy verschlang den Trank, in den sich Mutterschmerz und Liebe gemischt hatten, ohne Bedenken. »Ich denke mir, wir holen ihren Zug morgen früh ein, falls ihre Leute uns nicht heute noch auffinden,« sagte Frau Peyton mit einem tiefen Seufzer und einem sehnsüchtigen Blick auf Susy. »Vielleicht könnten wir eine Weile gemeinsam reisen,« setzte sie schüchtern hinzu. Harry lachte und Herr Peyton versetzte ernsthaft: »Ich fürchte, unser Bedürfnis nach Gesellschaft würde doch nicht stark genug sein, uns diese annehmbar zu machen; übrigens,« seine Stimme klang noch ernster und leiser, »ist es wirklich seltsam, daß ihre Fahnder noch nicht auf uns gestoßen sind, obwohl ich Peter und Hanke beständig Wache stehen lasse.« »Es ist ganz einfach herzlos,« erklärte Frau Peyton mit Entrüstung. »Ich würde es mir ja gefallen lassen, wenn es sich nur um den Jungen handelte – er weiß sich ja zu helfen – aber sich um ein reines Kind, wie dieses hier, gar nicht zu kümmern, ist geradezu schamlos.« Zum erstenmal lernte Clarence die Grausamkeit der Parteilichkeit kennen, und er empfand es um so herber, als er angefangen hatte, diese holdselige, weichherzige Dame auf seine jungenhafte Art zu vergöttern. Vielleicht bemerkte Herr Peyton, wie ihm zu Mute war, denn er kam ihm zu Hilfe. »Möglich, daß sie genauer als wir wissen, in welch guter Hut sie die Kleine gelassen haben,« sagte er und nickte Clarence wohlwollend zu. »Andrerseits können sie auch so gut wie wir durch Indianer genarrt und von der rechten Spur abgelenkt worden sein.« Diese Vermutung rief bei dem Knaben die Erinnerung an die Erscheinung in dem hohen Heidegras wach – sollte er es wagen, davon zu erzählen? Würde man ihm Glauben schenken, oder ihn in ihrer Gegenwart auslachen? Er wußte nicht, was er thun sollte, faßte dann aber den Entschluß, sein Erlebnis dem Gatten im Vertrauen mitzuteilen. Als das Mahl beendet war und er die Freude erlebt hatte, daß seine freiwillig angebotene Hilfe beim Abräumen des Tisches und beim Geschirrwaschen von Frau Peyton lächelnd angenommen worden war, ließen sich alle vor dem Zelt an dem großen Lagerfeuer behaglich nieder. An dem andern Feuer machte die übrige Gesellschaft unter Lachen und Schwatzen ein Kartenspiel, aber Clarence trug kein Verlangen mehr, sich ihr zuzugesellen. Sein Gemüt war in der mütterlichen Nähe seiner Wirtin ruhig geworden, und höchstens der Gedanke an sein Verschweigen des Indianerabenteuers störte ab und zu seinen Frieden. »Cla'ns,« sagte Susy, eine Pause im Gespräch benutzend, in ihren höchsten Tönen, »kann sprechen. Sprich doch, Cla'ns.« Clarence erläuterte unter heftigem Erröten diesen etwas dunkeln Ausspruch dahin, daß Susy nicht die gewöhnliche Fähigkeit des Sprechens, sondern das Hersagen von Versen meine, worauf die Gesellschaft so artig war, ihn dringend um einen Vortrag zu bitten. »Sag' es doch, Cla'ns – von dem Knaben, der auf dem brennenden Schiff stand und sagte: ›Der Junge, ach, wo ist er?‹« schlug Susy, die sehr behaglich in Frau Peytons Schoß lag und ihre nackten Kniee betrachtete, wohlmeinend vor. »Es kommt drin von einem Jungen,« setzte sie vertraulich gegen ihre mütterliche Freundin hinzu, »dem sein Vater nie, gar nie mit ihm auf einem brennenden Schiff hat bleiben wollen, und er hat doch immerfort gesagt: ›Bleib, Vater, bleib!‹« Nach dieser ungemein klaren, deutlichen und befriedigenden Inhaltsangabe von Cäcilia Hemans' Gedicht: »Casabianca« begann der Knabe, aber unglücklicherweise war sein heutiger Vortrag dieser beliebten Schuldeklamation mehr Gedächtnis- als Gefühlssache und er begleitete die Verse mit jenen eingelernten hölzernen Gebärden, wie ein Schulmeister im Westen sie seinen Zöglingen beizubringen pflegt. Die Flammen, die ihn umloderten, schilderte er, indem er mit den Händen einen vollständigen Kreis beschrieb, dessen Mittelpunkt er selbst war; er richtete an seinen Vater, den Admiral Casabianca, Worte der Beschwörung und hielt dabei die Hände unterm Kinn gefaltet, wie wenn er sich Handschellen anlegen lassen wollte – eine Stellung, die, wie er verzweifelnd fühlte, mit allem, was er je vorher gesehen und empfunden hatte, nicht die geringste Aehnlichkeit besaß, und er gebrauchte die nämliche Handbewegung für den Vater, der im Tod zusammenbricht, und die Flagge, die hoch in den Lüften flattert. Und doch leuchtete in seinen grauen Augen manchmal ein Etwas auf, das die Verse in seiner lebendigen Einbildungskraft entzündet haben mochten, und das doch nicht zu ihnen selbst gehörte, und dann bebte seine jugendliche Stimme so stark, daß die Worte mitunter undeutlich und zusammenhangslos wurden. Zuweilen verlor er das Bewußtsein dieser gemachten unwahren Kunst, die Ebene und alles, was darauf zu sehen war, schien in Nacht zu versinken, das flackernde Feuer zu seinen Füßen wehte einen bedeutungsvollen Glorienschein um ihn und ein unbestimmtes frommes Empfinden, eine große Hingebung – er wußte selbst nicht woran – durchdrang ihn so ganz, daß es auch die Hörer ergriff. Wahrscheinlich ging auch seine jugendliche Freude an stimmlichen Kraftleistungen auf sie über, denn als er mit glühenden Wangen die Schlußworte gesprochen hatte, fand er zu seiner Ueberraschung, daß die Kartenspieler ihren Platz am Feuer verlassen hatten und das Zelt umstanden. Fünftes Kapitel »Du hast: ›Bleib, Vater, bleib!‹ gar nicht recht gesagt, Cla'ns,« bemerkte Susy kritisch, sprang dann plötzlich auf Frau Peytons Knieen in die Höhe und rief hastig: »Ich kann singen und tanzen – ich kann High Jamboree tanzen.« »High Jamboree – was ist denn das, mein Herzchen?« fragte Frau Peyton. »Das sollst du gleich sehen – laß mich hinunter.« Susy glitt zu Boden und begann ihr Kunststück. Der »High Jamboree« war offenbar ein Tanz mystischen afrikanischen Ursprungs und schien in drei kleinen Sprüngen zur Rechten und zur Linken, wobei das sehr kurze Rüschen ungemein hoch emporgehoben ward, einem unaufhörlichen Trippeln auf den Zehen sehr kleiner Füße, der Schaustellung einer großen Portion bloßer Kniee und Strümpfe und in einer glucksenden Begleitung kindlichen Gelächters zu bestehen. Dem Kunststück wurde rasend Beifall geklatscht, und die kleine Gauklerin hielt ganz außer Atem, aber mit ungestillter Ruhmbegierde inne. »Singen kann ich auch,« keuchte sie hastig, als ob sie den Beifall Klatschenden keine Zeit lassen wollte, sich abzukühlen. »Ich sing' – o je – Cla'ns« (es klang ganz jammervoll) »was sing' ich denn?« »Ben Bolt,« schlug Clarence vor. »O, ja, ja! ›O, denkt Ihr nicht mehr an die süße Ben Bolt?‹« begann Susy im selben Atem und in einer falschen Tonart, »›an die süße Alers mit den Haaren so braun, die geweint hat vor Lust, wenn dein Lächeln sie traf, und –« mit zusammengezogenen Brauen und hilfeflehendem Ton legte sie das Recitativ ein: »wie heißt es denn weiter, Cla'ns?« »Und gezittert vor Furcht, wenn du finster geblickt,« fiel Clarence ein. »Und gezittert vor Furcht, wenn ich finster geblickt,« grillte Susy. »Den Rest weiß ich nimmer. Wart nur! Ich sing« – »Nun danket alle Gott,« meinte Clarence. »Ja, ja!« Dabei war Susy, die regelmäßig dem Gottesdienst und Gebet im Lager beiwohnte, mehr in ihrem Fahrwasser. Sie erhob sofort ihr hohes Stimmchen und begann nicht ohne eine gewisse Sicherheit: »Nun danket alle Gott.« Schon bei der zweiten Zeile waren Flüstern und Lachen verstummt, und zu Ende des Verses fiel eine tiefe Stimme zu ihrer Rechten, die des Haupt-Pokerspielers, Poker ist ein in den Vereinigten Staaten beliebtes Kartenspiel. Anm. d. Uebers. plötzlich ein, ein Dutzend klangvoller Bässe und Tenöre folgte und der Schlußvers ertönte in vollem Chor, worin sich das dumpfe Summen der Fuhrleute und Treiber mit Frau Peytons hellem Sopran und Susys schrillem Kinderstimmchen verschmolzen. Wieder und wieder wurden mit weltentrückten, der Gegenwart vergessenden Blicken die letzten Zeilen wiederholt; mit dem rauschenden Nachtwind und dem Lodern und Glimmen des Feuers schwollen und verklangen die Töne und wurden zuletzt in das unermeßliche, geheimnisvolle Dunkel verhaucht. Dann trat ein tiefes und etwas befangenes Schweigen ein, und zögernd löste sich die Gesellschaft auf. Frau Peyton zog sich mit Susy zurück, nachdem sie Clarence das Kind zu einem flüchtigen Gutenachtkuß hingeboten hatte, ein für beide Teile gleich ungewohntes und verwunderliches Geschäft! »Ich glaube,« sagte Clarence, sobald er mit Herrn Peyton allein war, schüchtern, »daß ich heute einen Indianer gesehen habe.« Herr Peyton beugte sich zu ihm nieder. »Einen Indianer – wo?« fragte er rasch, aber mit dem nämlichen zweifelhaft fragenden Blick, womit er sich Clarences Familienverhältnisse hatte erläutern lassen. Im ersten Augenblick bereute der Knabe, überhaupt gesprochen zu haben, und begründete seine Angabe nur im alten trotzigen Ton durch Einzelheiten. Da er glücklicherweise eine scharfe Beobachtungsgabe besaß, war er im stande, den Fremdling haarklein zu beschreiben und seine Schilderung mit dem ganzen Maß von Verachtung zu färben, das die Erscheinung ihm eingeflößt hatte, wodurch sein Zuhörer überzeugt wurde. Peyton wandte sich plötzlich von ihm ab, kehrte aber gleich darauf mit Harry und einem dritten zu dem Knaben zurück. »Du bist ganz sicher, daß du das alles gesehen hast?« fragte er ihn in ermutigendem Ton vor diesen Zeugen. »Ja wohl.« »Ist es ebenso gewiß, daß du ein Sohn von Oberst Brant bist und dein Vater gestorben ist?« fragte Harry mit leisem Auflachen. Die Thränen traten dem Knaben in die gesenkten Augen. »Ich lüge nicht,« war seine kurze, verdrossene Antwort. »Und ich glaube dir, Clarence,« sagte Herr Peyton mit Ruhe. »Aber warum hast du mir die Geschichte erst jetzt erzählt?« »Ich mochte vor Susy nicht davon sprechen – und – und auch nicht vor ihr,« stammelte der Junge. »Wer – ihr?« »Vor Frau Peyton,« sagte Clarence errötend. »Oho,« bemerkte Harry höhnisch. »Du bist ja ein verflucht rücksichtsvoller Bursche!« »Das genügt – laß den Knaben ungeschoren, sage ich dir,« befahl Peyton seinem Untergebenen mit Strenge, »er weiß, was er zu thun und zu lassen hat. Aber,« fuhr er zu Clarence gewendet fort, »wie kommt es, daß der Indianer dich nicht gesehen hat?« »Ich rührte mich nicht, um Susy nicht aufzuwecken und« – er hielt zögernd inne. »Und was?« »Er schien all seine Sinne nötig zu haben, um Ihren Zug zu beobachten,« setzte er kühner hinzu. »So ist's,« fiel der dritte der Männer, der viel Erfahrung zu haben schien, ein, »und er muß nicht windwärts von dem Buben gestanden haben, und hat drum keine Witterung gehabt. Wird einer von ihren Kundschaftern gewesen sein; die andern sind sicher vor uns her und wollen uns den Weg abschneiden. Sonst hast du nichts gesehen, Bürschchen?« »Doch, zuerst sah ich einen Coyote,« versetzte Clarence, dessen Selbstgefühl sehr gehoben war. »Schau einer!« sagte der Kenner, indes Harry eine höhnische Grimasse schnitt. »Stimmt, stimmt! Wolf geht nicht hin, wo Wolf war, und der Coyote kommt nicht hinter dem Indianer drein – weil da nichts zu holen wäre! Wie lang vorher hast du den Coyote gesehen?« »Gleich nachdem wir den Wagen verlassen hatten,« erwiderte Clarence. »Stimmt,« bemerkte der Mann wieder nachdenklich. »Den haben sie vor sich hergetrieben, oder die Bestie ist ihnen an den Flanken gehangen. Die Kerls sind zwischen uns und dem andern Zug oder hinter jenem her.« Peyton machte ihm rasch ein warnendes Zeichen, als ob er ihn an Clarences Gegenwart mahnen wollte – der Knabe bemerkte es und wunderte sich darüber. Darauf hin führten die drei Männer ihr Gespräch mit gedämpfter Stimme fort, er konnte aber die letzte Aeußerung des Sachkundigen, die schließlich den Ausschlag gab, ganz deutlich verstehen. »Nützt nichts, Herr Peyton, und heißt nur den Pelz zum Kürschner tragen, wenn Sie bei nachtschlafender Zeit das Lager wieder abbrechen. Und Sie können ja auch nicht wissen, daß wir's gar nicht sind, auf die sie lauern. Sehen Sie, wenn wir nicht bei der ersten Spur von den verlaufenen Kindern da vom geraden Weg abgebogen wären, hätten wir in der Dummheit dem Teufelsvolk stracks in seine verfluchte Falle laufen können. Mir kommt's vor, wir haben das helle Negerglück, und wenn wir scharf aufpassen und uns nicht aufs faule Ohr legen, sind wir hier, bis es Tag wird, am allerbesten dran.« Daraufhin gingen sie auseinander, und Herr Peyton nahm Clarence mit sich. »Da wir morgen früh aus den Federn müssen, um deinem Zug auf die Spur zu kommen, so ist es jetzt Zeit, daß du dich schlafen legst, mein Junge. Ich werde dich in meinem Wagen unterbringen, und da ich den größten Teil der Nacht nicht aus dem Sattel kommen werde, hast du von mir nicht viel Störung zu fürchten.« Er zeigte ihm den Weg zu einem zweiten Wagen dicht neben dem ersten, worin Frau Peyton mit Susy verschwunden war, und Clarence fand zu seiner Ueberraschung, daß dieser mit einem Schreibtisch, Pult, Stuhl und sogar einem Bücherbrett mit etlichen Bänden ausgestattet war. Ein langer Schubkasten, der wie ein Sofa hergerichtet war, sollte ihm als Lager dienen und war sogar mit dem ungewohnten Luxus weißer Betttücher und Kissenbezüge versehen. Der Boden des schweren Schlafwagens, der, wie Herr Peyton ihm erklärte, zur Vermeidung des Stoßens in starken Federn hing, war mit einer weichen Matte bedeckt, die Seitenwände und das Dach des Gefährtes in leichtem Holz vertäfelt, statt wie in gewöhnlichen Auswandererwagen mit Zelttuch überspannt, und eine Glasthüre sowie ein bewegliches Fenster ließen Licht und Luft ein. Clarence machte sich allerhand Gedanken – er konnte nicht recht begreifen, weshalb der große, starke Mann, der mit dem Pferd verwachsen zu sein schien, je Lust haben sollte, sich wie ein Kaufmann oder Schreiber an ein Pult zu setzen, und er hätte wissen mögen, ob dieser Zug mit andern Auswanderern Handel trieb, oder ob er wie die Tabulettkrämer Waren nach den am Weg liegenden Städten lieferte, aber hier konnte er nichts Verkäufliches entdecken, und die übrigen Wagen waren nur mit den zum Lebensunterhalt der Gesellschaft erforderlichen Vorräten gefüllt. Wie gerne würde er nicht Herrn Peyton gefragt haben, wer er sei, und sich ebenso viel Auskunft erbeten haben, als man von ihm gefordert hatte. Aber der erwachsene Durchschnittsmensch bedenkt ja nie die Ungerechtigkeit, die darin liegt, der naturgemäßen und sogar notwendigen Neugierde der Kindheit das Recht des Fragens abzusprechen, das er selbst sich rücksichtslos anmaßt und recht oft ohne Zartgefühl ausübt. Somit war Clarence jede Möglichkeit, Aufklärung zu erlangen, abgeschnitten, und doch war sich der Knabe, wie alle Kinder in diesem Falle, bewußt, daß, wenn er hernach über dies unerklärliche Erlebnis von andrer Seite ausgefragt würde, man seine Unwissenheit im höchsten Grad tadelnswert finden werde. Als er jetzt sich selbst überlassen behaglich zwischen den weißen Betttüchern lag, starrte er eine Weile lang um sich. Die ungewohnte Bequemlichkeit seines Lagers, das so ganz anders beschaffen war, als die Schlafstätte mit den Filzdecken, die er mit einem der Fuhrleute zu teilen gehabt hatte, die Neuheit, Ordnung und Reinlichkeit seiner Umgebung begannen, so wohl sie seinen Sinnen thaten, sein Gemüt zu bedrücken. Seiner rechtlichen Natur erschien es wie eine Treulosigkeit gegen die früheren Gefährten, daß er hier lag; das unbestimmte, dunkle Gefühl, jene Unabhängigkeit, die ihm gleiche Entbehrungen und gleiche Freuden unter ihnen verliehen hatten, einzubüßen, bedrückte ihn, und ihm war, als ob er durch den Genuß eines ihm nicht von Rechts wegen zukommenden Luxus in Knechtschaft geriete. Das führte ihn darauf, sich genauer auf sein Vaterhaus zu besinnen, auf die großen Zimmer, die zugigen Treppen, die hohen Decken und die kalte Förmlichkeit seines Daseins mit lauter fremden Gesichtern, die fremdesten darunter – die seiner Eltern, die freundlicheren die der Dienstboten, namentlich das der schwarzen Amme, deren Pflegling er gewesen war. Es quoll ihm heiß in die Augen, aber er bezwang sich gewaltsam, kroch aus seiner Lagerstätte und ging leise nach dem Fenster, das er, um zu untersuchen ob »es wirklich gehe,« öffnete. Die verglimmenden Lagerfeuer, die Sterne, die wohl funkelten, aber kein Licht verbreiteten, die verschwommenen Umrisse einer außerhalb des Kreises auf und ab gehenden Wache, alles verstärkte noch den Eindruck, den die tiefe Dunkelheit auf ihn machte, und gab seinen Gedanken eine andre Richtung. Es fiel ihm wieder ein, wie Herr Peyton bei ihrer ersten Begegnung gesagt hatte: »Was für ein Grünschnabel!« – nein, damit hatte er gewiß nichts Böses gemeint! Er tastete sich nach seinem Bett zurück und überlegte, weil er immer noch nicht einschlafen konnte, daß er doch lieber kein Kundschafter werden wolle, wenn er erwachsen sei, sondern so ein Mann wie Herr Peyton und daß er dann einen Zug haben wolle wie diesen und die Silsbees und Susy einladen werde, ihn zu begleiten. Um sich darauf vorzubereiten, konnte er morgen in aller Frühe um die Erlaubnis bitten, mit Susy in diesen Wagen zu gehen und »Zugführer« zu spielen, wobei er dann mit allen Einzelheiten dieser Aufgabe vertraut werden und die Fähigkeit erlangen würde, sie jederzeit zu übernehmen. Im Punkt der Indianer war er ja jetzt schon eine Autorität, und man hatte sogar einmal auf ihn als Indianer geschossen! Natürlich mußte er dann später immer eine Flinte tragen wie die an einem Haken von der Wand herabhängende hier, und gelegentlich würde er eine Menge Indianer töten und in einem großen dicken Buch, wie eines auf dem Pult lag, ein Verzeichnis darüber führen. Susy, die natürlich mittlerweile eine erwachsene Dame sein würde, müßte ihm dabei helfen, und dann würden sie beide dem versammelten Volk Lebensmittel austeilen. Weit und breit würde man ihn als den »Weißen Häuptling« kennen, und die Indianer würden ihn in ihrer Sprache »das Grünschnabel« nennen, auch eine Zirkuseinrichtung würde er in einem besonderen Wagen mit sich führen und selbst hie und da in den Vorstellungen auftreten. Sogar Geschütze würde er sich anschaffen zur Wahrung größerer Sicherheit, und wenn dann ein entsetzliches Gefecht stattgefunden hätte, würde er erhitzt und pulvergeschwärzt in den Wagen stürmen, und Susy würde eine Beschreibung davon in das große Buch eintragen, und Frau Peyton, die natürlich aus nicht näher zu bezeichnenden Gründen auch dabei wäre, würde sagen: »Ich sehe jetzt wirklich ein, welch ein Glück es für uns ist, einen Knaben wie Clarence bei uns zu haben – jetzt fange ich an, ihn besser zu verstehen,« und Harry, der zum Zweck poetischer Gerechtigkeit auch Zeuge dieser Vorgänge sein mußte, würde den Kopf hereinstrecken und zwischen den Zähnen brummen: »Der ist freilich ein Sohn von Oberst Brant, hol mich der Henker,« und damit Abbitte thun für seinen Unglauben. Seine Mutter erschien dann auch mit ihrem kalten, gleichgültigen Gesicht in einem weißen Ballkleid und rief ganz verblüfft aus: »Gott wie der Junge gewachsen ist! Es thut mir leid, daß ich mich in seiner Jugend nicht mehr um ihn gekümmert habe.« Mitten in diesem Tumult überkam ihn eine gewisse Betäubung, und dann war es, als ob die Wände des Wagens weggeschmolzen waren und er draußen läge in der öden, trostlosen Heide, aus der sogar die schlafende Susy verschwunden war, und verlassen und vergessen wäre. Dann war alles ruhig und still im Wagen, und nur der Nachtwind strich klagend um ihn her, aber ach! die Wimpern des Weißen Häuptlings, des tollkühnen Zugführers, des erbarmungslosen Indianertöters waren naß von glitzernden Thränen! Kaum ein Augenblick schien ihm vergangen zu sein, als er mit dem undeutlichen Bewußtsein einer plötzlich zum Stillstand gekommenen Bewegung erwachte. Zu seiner größten Bestürzung stand die Sonne schon hoch – sie mußte seit drei Stunden aufgegangen sein, ihre Strahlen fielen heiß und sengend in den Wagen und die Luft hatte den ihm so vertrauten Geruch und Geschmack von Straßenstaub. Es war ein leises Krachen und Knistern von Federn und Brettern, ein kaum fühlbares Schwanken und dann ein Klirren von Pferdegeschirr, gerade wie wenn der Zug unterwegs, der Wagen in Bewegung gewesen wäre und nun plötzlich Halt gemacht hätte. Wahrscheinlich hatten sie den Silsbeeschen Zug eingeholt, in wenig Augenblicken würde die Auswechslung vor sich gehen und sein seltsames Abenteuer vorüber sein. Er mußte also aufstehen, aber mit der morgendlichen Trägheit gesunder Jugend reckte und streckte er sich erst noch ein Weilchen in seinem üppigen Bett und drückte sich tiefer in die Federn. Wie ruhig es war! Aus der Ferne hörte er wohl Stimmen, aber sie klangen gedämpft und hastig. Durchs Fenster sah er einen Fuhrmann mit seltsam aufgeregter, gespannter Miene vorübereilen, einen Augenblick bei einem der nachkommenden Wagen stehen und dann wieder nach der Spitze des Zugs laufen. Darauf unterschied er deutlich dumpfen Hufschlag in dem dichten Staub und zwei näher kommende Stimmen. »Hol den Jungen aus den Federn und frage ihn,« sagte eine halb gedämpfte, ärgerliche Stimme, die er sofort als die Harrys erkannte. »Warte, bis Peyton kommt,« flüsterte eine andere, »das ist seine Sache.« »Je eher wir herausbringen, wie sie ausgesehen haben, desto besser,« brummte Harry. »Halt – zurück!« rief mit einemmal Peytons Stimme dazwischen. »Ich werde ihn selbst fragen.« Clarence blickte gespannt und verwundert nach der Thüre, durch die Herr Peyton nun staubbedeckt und mit einem befremdenden, geistesabwesenden Blick hereintrat. »Wie viele Wagen hat euer Zug, Clarence?« »Drei.« »Haben sie besondere Zeichen?« »Ja wohl,« antwortete Clarence eifrig, »Auf dem einen steht: »Auf nach Kalifornien!« und auf dem anderen: »Grabe, schleppe dich ab, oder stirb!« Herrn Peytons Auge schien aufzuleuchten und heftete sich plötzlich mit seltsamer Bedeutsamkeit auf Clarence, dann sah er zu Boden. »Wie viele Leute wart ihr, alles in allem?« »Fünf und dann noch Frau Silsbee?« »Sonst keine Frau?« »Nein.« »Steh auf, zieh dich an,« sagte er mit tiefem Ernst, »und warte hier, bis ich zurückkomme. Behalte kühles Blut und habe deine fünf Sinne beisammen« – seine Stimme schien unsicher zu klingen – »vielleicht sind Dinge geschehen, wobei du dich wieder als ein kleiner Mann zu zeigen hast, Clarence!« Die Thüre fiel zu, und der Knabe hörte abermals den dumpfen Hufschlag und die halblauten Reden, die nach der Spitze des Zugs hin verklangen. Mechanisch, fast gedankenlos, aber doch mit einer unbewußten Unterströmung furchtbarer Erregung begann er sich anzukleiden. Als er fertig war, wartete er fast atemlos, und sein Herz klopfte so gewaltig, wie am Tag vorher, als er dem verschwundenen Zug nachgeeilt war. Endlich konnte er die Spannung nicht mehr länger ertragen und öffnete die Thüre – ringsum herrschte Schweigen in der regungslosen Karawane bis auf das sorglose Plaudern Susys, deren helle Stimme aus einem der nächsten Wagen herübertönte und ihn ganz wunderlich begrüßte. Vielleicht war es eine Ahnung, daß die »Dinge«, die geschehen sein konnten, sie am nächsten berührten, vielleicht eine unüberwindliche Regung, die ihn überkam, kurz im nächsten Augenblick war er zu Boden gesprungen, sah sich um und lief angstvoll nach vorne. Das erste, worauf sein Blick fiel, war der unförmliche Umriß eines der Silsbeeschen Wagen, der ein paar hundert Meter entfernt, der Achsen und Deichsel beraubt, hilf- und trostlos zum wolkenlosen Himmel emporstarrte. Unmittelbar dabei gewahrte er das Gerüste eines andern Wagens, woran die vorderen Räder und die Deichsel fehlten und der in die Kniee gesunken zu sein schien wie ein Ochse vor dem Schlächter. Nicht weit davon starrte das halb verbrannte, rauchgeschwärzte Wrack eines dritten in die Lüfte, und Herrn Peytons ganzer Zug schien sich zu Fuß und zu Pferd darum geschart zu haben. In dem Augenblick, als der Knabe hastig hinzusprang, öffnete sich die Gruppe, um zwei Männer durchzulassen, die einen leblosen, aber jedenfalls Entsetzen erregenden Gegenstand trugen. Eine bange Ahnung ließ Clarence in seinem kopflosen Lauf zur Seite weichen, doch im selben Augenblick hatten die anderen ihn entdeckt, und heftige Rufe, wie: »Zurück!« – »Bleib stehen!« – »Haltet ihn auf!« wurden laut. Clarence machte sich ebensowenig daraus, als aus dem Wind, der ihm um die Ohren pfiff, und wandte sich schnurstracks dem vordersten Wagen zu – es war der, worin Susy und er gestern noch gespielt hatten – als eine starke Hand sich wuchtig auf seine Schulter legte; es war Herr Peyton. »Das ist Frau Silsbees Wagen,« sagte der Knabe, mit entfärbten Lippen auf die Trümmer deutend. »Wo ist sie?« »Sie wird vermißt,« erwiderte Herr Peyton, »und einer von den Männern ebenfalls – die übrigen sind tot.« »Sie muß drinnen sein,« rief Clarence, auf den Wagen deutend, und suchte sich loszuwinden. »Lassen Sie mich hinein!« »Clarence,« versetzte Herr Peyton mit strenger Würde, und seine Hand hielt ihn noch kräftiger fest, »sei ein Mann! Sieh dich um und sage uns, wer diese da sind!« Auf dem Boden neben ihm schienen zwei Haufen alter Lumpen zu liegen und dort, wo die Männer vorhin auf Peytons Geheiß ihre Last niedergelegt hatten, ein dritter. In diesen verstaubten, zerfetzten Kleiderhaufen schien alle Würde des Lebens erbarmungslos zertreten worden zu sein, und nur das Gemeine und Groteske war geblieben, ohne daß es für ihn etwas Abschreckendes, Furchtbares gehabt hätte! Langsam trat der Knabe näher und – es war ihm selbst unglaublich – die unbesiegbare Furcht, die ihn vorhin beim Anblick einer solchen Leiche befallen hatte, war gänzlich von ihm gewichen. Er ging vom einen zum andren, erkannte jeden an bestimmten Kennzeichen und nannte Namen um Namen. Die Zuschauer sahen ihn neugierig an, und er fühlte wohl, daß er sich selbst nicht mehr verstand, viel weniger jemand hätte sagen können, woher ihm die Ruhe und Bestimmtheit kamen, womit er sich jetzt dem entlegensten Wagen zuwandte. »Dort ist nichts,« sagte Herr Peyton, »wir haben ihn schon durchsucht.« Der Knabe gab keine Antwort, setzte aber seinen Weg unbeirrt fort, und die anderen folgten ihm. In dem verlassenen Wagen, der ihm heute noch ärmlicher, unordentlicher und schmieriger vorkam als je zuvor, herrschte jetzt ein wirres Durcheinander von zerbrochenen Knochen, Stöcken, umhergestreuten Lebensmitteln, Pfannen, Kesseln, Teppichen und Kleidungsstücken, die, das unterste zu oberst, mit einer dicken Staubschichte bedeckt, umher lagen. Aber in diesem Chaos entdeckte sein scharfes Auge sofort ein Endchen Kattun, das zerknüllt unter dem Plunder vorsah. »Das ist Frau Silsbees Kleid,« rief er und war mit einem Satz im Wagen. Zuerst sahen die Leute sich erschrocken an, gleich darauf aber rührten sich ein Dutzend Hände, um ihm beim Wegräumen das Gerümpels zu helfen, dann stieß einer der Männer einen halb unterdrückten Schrei aus und prallte, die entsetzten und empörten Blicke zu dem erbarmungslos lächelnden Himmel aufschlagend, zurück. »Großer Gott! Da seht her!« Man hatte das wachsgelbe Gesicht einer Frau aufgedeckt; es war Frau Silsbee, und doch schien es dem Knaben, sie sei eine andere geworden, der alte ihm so wohlbekannte müde, sorgenvolle und zänkische Ausdruck war einem weltentrückten Frieden und einer statuenhaften Ruhe gewichen. Auch er hatte sie in ihrem kampfesvollen Dasein oft geärgert und er empfand nun beim Anblick dieser leidenschaftslosen, steinernen Teilnahmlosigkeit Reue darüber; zaghaft drängte er sich zu ihr durch, aber als er vortrat, warf der Mann mit rascher, warnender Gebärde hastig sein Taschentuch über den Kopf der Leiche – es war, als ob er dem Blick des Knaben etwas Fürchterliches verhüllen wollte, und zugleich zog diesen von hinten eine kräftige Faust zurück, doch nicht ehe von den weißen Lippen eines daneben Stehenden die leisen Worte gefallen waren: »Auch skalpiert! Bei Gott!« Sechstes Kapitel Dann folgten Tage und Wochen, die Clarence wie ein Traum erschienen. Erst eine Zwischenzeit voll scheuer, gedämpfter Zurückhaltung, wo er und Susy getrennt gehalten wurden und man ihnen eine seltsame, gekünstelte Teilnahme zeigte, was ihm zur Zeit keinen besondern Eindruck machte, ihm aber später, als die andern längst alles vergessen hatten, im Gedächtnis haftete; dann Frau Silsbees Begräbnis unter einer unregelmäßig aufgetürmten Steinpyramide, das mit einiger Feierlichkeit begangen wurde, und so einfach diese war, schien sie ihm und Susy doch das geheiligte Recht ihres persönlichen Schmerzes zu schmälern und ließ die Kinder kalt; dann Tage voll häufiger und heftiger Schmerzensausbrüche bei Susy, die mit der Zeit seltener wurden und schließlich – er wußte nicht mehr wann – ganz aufhörten, häufig auch nächtliche Schreckensstunden, wo jener Morgen mit den drei oder vier zerlumpten Kleiderhaufen ihn ängstigte und er sich Vorwürfe machte, sie nicht genauer untersucht zu haben: das nicht zu verwischende Bild grauenvoller Einsamkeit und Verlassenheit, worin der zertrümmerte und halbverkohlte Wagen beim Vorüberrollen des Zugs wie in stummem Gebet auf seinen Knieen zurückzubleiben schien, und das Hinterdreinrollen des verhängnisvollen, von allen mit abergläubischer Furcht gemiedenen Gefährts, worin Frau Silsbees Leichnam gefunden worden war, und dessen schließliche Uebergabe an die Behörden einer vorgeschobenen Garnison, womit das letzte Glied zwischen ihm und der nachschleppenden Kette der Vergangenheit gelöst erschien. Der flüchtige Blick, den die Kinder in jene Grenzgarnison thun konnten, war ihnen eine Offenbarung ganz fremder Lebensverhältnisse; der hübsche Offizier in schmucker Uniform mit Degen und Schärpe war eine ritterliche, heldenhafte Erscheinung, die man bewundern und nachahmen konnte; die plötzliche Bedeutung, die Susy und er als die »Ueberlebenden« gewannen, die Achtung, die man ihnen erwies, das teilnehmende Befragen und liebenswürdige Uebertreiben der Bedeutung ihrer Erlebnisse, worauf Susy rasch einging, alles dies erschien ihm, wenn er nachher daran zurückdachte, wie ein Traum. Nicht minder fremdartig und traumhaft kamen ihm die thatsächlichen Veränderungen vor, die sie beim Vorwärtsschreiten des Zugs wahrnahmen. Eines Morgens vermißten sie die wechsel- und regungslose dunkle Linie am Horizont, und noch vor der Mittagszeit befanden sie sich zwischen Felsen und Bäumen an einem hell rauschenden Fluß. Dann tauchte ein paar Tage darauf ebenso plötzlich seitwärts von ihnen ein grauer in Wolken gehüllter Gebirgszug auf, der, wie sie fest überzeugt waren, nichts anderes sein konnte, als die dunkle Linie, die sie so lange vor sich gesehen hatten. Die Leute lachten sie aus und sagten, daß sie jene dunkle Linie seit drei Tagen überschritten hätten, und daß sie höher sei, als der große graue Bergkamm vor ihnen, der ihren Augen dadurch bis jetzt entzogen gewesen sei. Susy glaubte steif und fest, daß all diese Wandlungen nur vor sich gingen, wenn sie schlafe, denn sie fühle dabei immer »ein kurioses Krabbeln« und Clarence erklärte mit der glücklichen Unterschätzung erster Jugend »man sei kein bißchen« in die Höhe gekommen. Dabei wurde die Luft, obwohl es noch immer Sommer war, kalt, bei Nacht waren große Lagerfeuer unentbehrlich, und in das Zelt, wo Susy sich aufhielt, wurde ein Ofen gesetzt, dann verschwand das alles wieder und sie waren wieder auf sengend heißer, sonnvertrockneter Heide – das alles war wie ein Traum! Mehr Wirklichkeit gewannen für sie die Menschen, woraus die Gesellschaft bestand, die sie von jeher gekannt zu haben schienen und die ihnen – so wunderlich sind unschuldige Kinderlaunen – wichtiger vorkamen, als die Verstorbenen es je gewesen waren. Da war zuerst Herr Peyton, dem, wie sie jetzt genau wußten, der Zug gehörte und der so reich war, »daß er gar nicht nach Kalifornien zu gehen brauchte, wenn er nicht wollte, und sich ein großes Stück davon kaufen konnte, wenn er mochte,« und der auch ein Advokat war und von den Soldaten des Vorpostens »Richter« genannt worden war, und also jedenfalls jedermann gefangen nehmen lassen konnte, wenn es ihm beliebte, und jeden beim Taufnamen kannte. Frau Peyton – das brachten sie auch in Erfahrung – war sehr leidend gewesen, und der Arzt hatte ihr verordnet, sechs Monate unausgesetzt in der frischen Luft zu leben und keinen Fuß in ein Haus oder eine Stadt zu setzen, und nun wollte sie Susy an Kindesstatt annehmen, sobald ihr Mann die nötigen Papiere beschafft und sich mit ihren Verwandten ins Vernehmen gesetzt haben würde! »Harry« hieß eigentlich Henry Benham, war Frau Peytons Bruder und eine Alt von Geschäftsteilhaber ihres Mannes. Der Kundschafter hieß Gus Gildersleeve oder die »Weiße Krähe«, und man erzählte sich, daß nur seine anerkannte Unerschrockenheit einen Angriff auf den Zug abgewendet habe. Dann war noch »Bill« da, der Hüter ihres Viehstands und »Texas Jim«, der vaquero , Vaquero = Kuhhirt. Anm. d. Uebers. dieser fabelhaft und unerreicht als Reitkünstler. Insgesamt waren sie den beiden Kindern wichtige und erstaunliche Persönlichkeiten, aber Clarence fühlte sich, sei es aus knabenhafter Neugierde oder einem Gefühl des Mißverstandenseins, am meisten zu den beiden hingezogen, die ihm am wenigsten freundlich begegneten, nämlich zu Frau Peyton und ihrem Bruder Harry. Nach Art der meisten Kinder und mancher Erwachsenen schätzte er Herrn Peytons gleichmäßige Güte geringer, als die einzelnen seltenen Augenblicke von Duldung, die ihm von Harry zu teil wurden, und die höflichen Zugeständnisse, die dessen Schwester ihm zuweilen machte. Mitunter kam ihm das selbst zum Bewußtsein und er fühlte, wie erbärmlich es war, und redete sich in die feste Ueberzeugung hinein, er würde, wenn er nur ein einziges Mal ein anerkennendes Wort von Harry oder ein Lächeln von Frau Peyton erringen könnte, sicherlich an sich selbst Rache nehmen und »durchgehen«. Ob er das wirklich gethan haben würde oder nicht, ist schwer zu sagen, denn bei einem thörichten, erregbaren, aufgeschossenen Jungen von elf Jahren ist im Gefühlspunkt nur die Unberechenbarkeit sicher. Um diese Zeit geschah es, daß er einem andern Mitglied der Gesellschaft näher trat, dessen Stellung zu bescheiden und untergeordnet war, als daß er auf Erwähnung in der ersten Gruppe hätte Anspruch erheben können. Er unterschied sich in Größe und Kleidung nicht von den übrigen Fuhrleuten, und Clarence hatte anfangs nichts an ihm entdeckt, was ihm besonderen Anteil eingeflößt hätte, aber nach und nach stellte sich heraus, daß er thatsächlich nur ein Jüngelchen von sechzehn Jahren war, ein hoffnungsloser, unverbesserlicher Taugenichts aus St. Joseph, dessen Eltern es bei Herrn Peyton durchgesetzt hatten, daß er die Reise mitmachen durfte. Sie hofften dabei, daß die Trennung von seinen schlimmen Spießgesellen heilsam auf ihn wirken werde. Clarence war mit diesen Thatsachen anfangs unbekannt, und zwar nicht, weil der junge Mensch es an Offenheit hätte fehlen lassen. – Der erfindungsreiche Jüngling teilte ihm später unaufgefordert mit, daß er in St. Louis drei, in St. Jo zwei Männer erschlagen habe, und die Fahnder ihm auf den Fersen seien – augenscheinlich gingen die verfrühten Gewohnheiten des Trinkens, Rauchens, Tabakkauens und Kartenspielens auch mit einer bedenklichen Neigung zu Aufschneidereien Hand in Hand. Er war auch in der That unter dem Namen »Lügenjim« bekannt, und diese Mannigfaltigkeit seines Wesens bot Clarence ein Problem, das ihn fesselte und anregte und, so zweifelhafter Natur er war, einen bedeutenden Reiz für ihn hatte. Trotz der rauhen, heiseren Stimme frühreifer Schlechtigkeit und einer tiefen Verachtung für gute Sitten hatte Meister Jim ein rundes überaus gutmütiges Gesicht, und wenn er nicht gerade gereizt wurde, die selbstgewählte Rolle des Bösewichts zu spielen, war er von Natur eigentlich ein guter Kerl. Wenige Tage nach der Niedermetzelung des Silsbeeschen Zugs, während die Kinder noch in der Atmosphäre düsterer Wichtigkeit und scheuer Zurückhaltung lebten, geschah es, daß der »Lügenjim« zum erstenmal Clarences besondere Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Kaum noch im Sattel hängend, tauchte der schlanke Jim plötzlich auf einem Indianerpony neben dem Wagen, worin Clarence saß, auf, jagte heftig hin und her und um den Wagen herum, zerrte verzweifelt an den Zügeln, gebärdete sich ganz, als ob sein tolles Pferd mit ihm durchginge und er nur durch die größte Unerschrockenheit und Geschicklichkeit seinen Sitz behaupten könne. Um und um ging es; bald hing der hilflose Reiter nur noch in einem Bügel am Boden, bald schwang er sich wieder mit einer Clarence übermenschlich erscheinenden Kraftanstrengung in den Sattel. Mit offenem Mund und vor Angst und Aufregung bebend, starrte Clarence hinaus, indes einige von den Fuhrleuten laut lachten und Herr Peyton schließlich vom Wagenfenster aus ganz ruhig sagte: »Nun ist's genug, Jim; gib es auf!« Das wilde Roß und der Reiter waren im Nu von der Bildfläche verschwunden, und ein paar Minuten später sah Clarence zu seiner Verblüffung den unerschrockenen Reiter ganz ruhig an der Spitze des Zugs im Staub dahin traben, und sein feuriges, unbändiges Tier zeigte in diesem nüchternen Licht eine bemerkenswerte Aehnlichkeit mit einem alltäglichen Zugpferd. Im Verlauf des nämlichen Tages wandte er sich mit der Bitte um Aufklärung an den Reiter selbst. »Ja, siehst du,« versetzte Jim Hooker mit düsterer Miene, »von all dem Gesindel merkt es ja keiner, was in dem Teufelsgaul steckt! Und wenn's einer merkt, traut er sich nicht, das Maul aufzuthun! Man soll's ja nicht schmecken, daß der Richter einen mexikanischen Durchgänger hat, der zwei Leute hin gemacht hat, ehe er ihn kriegte, und dem schon noch einer drauf gehen muß, ehe er Ruhe gibt! Grad in der Woche, eh wir euch aufgefunden haben, hat der Gaul gebockt, wie ich aufsitzen will, ausgeschlagen und mich geschmissen, aber ich hab' mich mit dem Fuß im Steigbügel gehalten – schau so! Zwei Meilen weit hat er mich mit dem Kopf zu unterst geschleift, und ich hab' mir mit den Händen die Felsen fernhalten müssen – schau, so!« »Weshalb hast du denn den Fuß nicht aus dem Steigbügel gezogen und bist gelaufen?« fragte Clarence atemlos. »So hättest du's gemacht,« versetzte Jim mit tiefster Verachtung, » meine Manier ist das nicht. Ich ließ mich schleifen, bis wir zu einem steilen Hügel kamen, und im Runterweg, wo der Gaul so zu sagen unter mir gewesen ist, stemmt' ich mich mit der Hand gegen den Fels – schau, so! – und damit warf ich mich ihm wieder auf den Buckel!« Obwohl Jim die Hände wie Füße nach unten setzte und durch die gewaltsamsten Gebärden die Parabel einer Feder in der Luft versinnlichte, fand Clarence, daß dieser Vorgang über sein Verständnis ging, und griff schüchtern eine leichter faßliche Einzelheit heraus. »Weshalb ist denn das Pferd zuerst scheu geworden, Herr Hooker?« »Roch Indianer!« versetzte Jim gleichmütig, eine volle Ladung Kautabakbrühe aus einer Ecke des Mundes in kühnem Bogen ausspeiend, was eine seiner besonders anziehenden Fertigkeiten war. »Wahrscheinlich deine Indianer!« »Aber« – Clarence machte seinen Einwand nur zögernd geltend – »Sie sagten doch, es sei eine ganze Woche früher gewesen.« »Ein Mexikaner wittert Indianer auf fünfzig und hundert Meilen weit,« sagte Jim mit hochfahrender Ueberlegenheit, »und wenn der Richter mir gefolgt hätte und keine so dumme Angst hätte, daß seines Gauls Charakter an den Tag käme, so hätte er den Indianern Fallen gelegt, eh sie euch gefangen hätten. Aber,« setzte er düster und gedrückt hinzu, »es ist ja kein Saft und kein Kraft in dem Volk, keine Grütze, gar nichts, kann auch nicht sein, so lang Weiber und Wickelkinder und Frauenzimmerkram mitgeschleppt werden. Ich würde der ganzen Bande schon lang den Rücken gekehrt haben, wenn nicht vorher noch ein paar Sachen abzumachen wären,« schloß er finster. Clarence übersah in der Aufregung, worein Jims geheimnisvolle Aeußerungen ihn versetzten, gänzlich, daß seine Anspielungen auf Herrn Peyton nichts weniger als ehrerbietig waren und daß ihm seine und Susys Anwesenheit offenbar ein Dorn im Auge war, und fragte hastig: »Was für Sachen?« Jim that, als ob er in seiner wechselvollen Stimmung die Anwesenheit des Knaben gänzlich vergessen hätte, und zog mit zerstreuten Blicken ein blinkendes Bowiemesser Ein zehn bis fünfzehn Zoll langes Messer, das in Amerika häufig als Waffe getragen und nach seinem Erfinder, General Bowie, benannt wird. Anm. d. Uebers. aus seinem Stiefelschaft, worin er es nach einiger Zeit lautlos wieder verschwinden ließ. »Zwei oder drei Geschichten stehen noch auf meinem Kerbholz,« fuhr er, obwohl sich kein Mensch in Hörweite befand, ganz leise fort, »eine oder zwei Rechnungen sind zu begleichen,« sprach er tragisch und wandte sein Gesicht ab, als ob er sich scharf beobachtet wüßte, »und zwar mit Blut, dann kann ich gehen. Einer oder zwei sind zu viel in der Bande, das heißt, so lange sie leben und atmen. Kann sein, Gus Gildersleeve ist der eine, kann sein Harry Benhams ist der andre, kann auch sein,« setzte er mit düsterer, aber edler Uneigennützigkeit hinzu, »ich bin's.« »O nein,« versicherte Clarence mit verbindlicher Abwehr, was aber den unheimlichen Jim keineswegs zu beruhigen, sondern eher sein Mißtrauen wachzurufen schien. »Kann sein,« wiederholte er, indem er plötzlich von Clarence wegtänzelte, »kann sein, du denkst ich lüge. Kann sein, du denkst, weil du Oberst Brants Sohn bist, könntest du mich hunzen mit deinem Zug. Kann sein,« fuhr er, wieder herangaloppierend, fort, »du denkst, weil du durchgegangen bist und ein Wickelkind mit aufgepackt hast, könntest du auch mich auskundschaften, Söhnchen. Kann sein,« er beschrieb einen Achter in dem Sand und klatschte abwechselnd mit den Händen gegen seine Stiefelschäfte, »kann sein, du schnupperst hier nur so herum und klatschst hernach beim Richter.« In der festen Ueberzeugung, daß Jim sich durch diese Art von indianischem Kriegstanz in die rechte Stimmung zu einem gefährlichen Angriff auf ihn hineinarbeite, aber tief verletzt von seiner letzten höchst ungerechten Verdächtigung, wußte Clarence nichts zu thun, als wieder einmal in sein eigensinniges Schweigen zu verfallen. Glücklicherweise ließ in diesem Augenblick eine gebieterische Stimme den Ruf ertönen: »Gib Ruhe, Jim Hooker« und der verzweifelte Bursche war, wie gewöhnlich, im Nu spurlos verschwunden. Trotzdem erschien er eine Stunde später neben dem Wagen, worin die Kinder saßen, und sein Gesicht trug ganz den Ausdruck gesättigter Rache und blutigen Schuldbewußtseins, wozu das nach Indianerweise bis auf die Augen hereingekämmte Haar nicht wenig beitrug. Da er sich jedoch großmütig an einer hingeworfenen, höhnischen Kritik des kindlichen Kartenspiels, womit Susy und Clarence sich unterhielten, genügen ließ, so kam dieser zum erstenmal auf den Einfall, daß ein großer Teil von Jims Bosheit in dessen Haaren stecken müsse. Bei reiferer Überlegung fand er es dann recht seltsam, daß Herr Peyton keinen Versuch machte, die Besserung des jungen Sünders vermittelst einer Schere ins Werk zu setzen, obwohl er selbst vorher mindestens vier Tage lang sich alle Mühe gegeben hatte, Jims Frisur auf seinem eigenen Kopf nachzubilden. Einige Zeit darauf beglückte Jim ihn abermals durch eine vertrauliche Unterredung. Clarence hatte die Erlaubnis erhalten, sich als Postillon auf eines der Wagenpferde zu setzen, und befand sich infolgedessen auf gleicher Höhe mit Jim, der sich ihm auf seinem mexikanischen Durchgänger anschloß – das Tier sah übrigens heute äußerst folgsam, schwerfällig und sogar ein wenig lahm aus, was aber sicher nur eins von seinen satanischen Kunststücken war. »Wie viel hast du dir gedacht,« sagte Jim in einem Ton finsterer Vertraulichkeit, »Söhnchen, daß du mit dem Stehlen des kleinen Mädchenbalgs machen wirst?« »Gar nichts,« versetzte Clarence lächelnd. Möglicherweise war es schon ein Symptom des bedeutenden Einflusses, den Jim auf ihn gewann, daß er gar keinen Versuch machte, sich gegen die Andichtung verbrecherischer Handlungen aufzulehnen. »Wenn's nicht Rache war, so sollt' es ein gutes Geschäft werden,« fuhr Jim, vor sich hinbrütend, fort. »Nein, Rache war es nicht,« versicherte der Knabe hastig. »Dann hast du wohl gerechnet, du werdest von dem Alten und seinem Weib hundert Dollars Finderlohn einstreichen, wenn sie nicht wären vorher skalpiert worden?« bemerkte Jim. »Das war verfluchtes Pech! Auf alle Fälle wirst du die Frau Peyton schwer einhängen, wenn sie die Kröte haben will. Sieh mal an, Bürschchen,« sagte er plötzlich zusammenschreckend und mit dämonischen Blicken unter seinen angeklebten Stirnlocken um sich spähend, »du wirst mir doch nicht weis machen wollen, daß die ganze Geschichte nicht abgekartet, eine rechte Buschklepperei war?« »Eine was?« fragte Clarence. »Willst du etwa behaupten,« – es war merkwürdig, wie seine Stimme von Sekunde zu Sekunde heiserer klang, – »willst du mir vorschwindeln, du hättest die Indianer nicht auf die Silsbeebande gehetzt und sie abthun lassen, damit du der Frau Peyton ein richtiges Waisenmädchen verschaffen kannst – hm?« Jetzt mußte Clarence denn doch entrüsteten Widerspruch erheben, was Meister Jim aber verächtlich überhörte. »Nur mir nichts vorgeflunkert,« wiederholte er geheimnisvoll. »Ich bin vom Handwerk und habe den Rummel los – wir verstehen uns,« und mit diesem durchtriebenen Vorgeben, im Besitz von Clarences verbrecherischem Geheimnis zu sein, verließ er ihn, ehe sein Vorgesetzter »Phil«, der oberste Fuhrmann, ihm die gewohnte Rüge erteilen konnte. Aber nicht Clarence allein unterlag dem verderblichen Zauber; trotz Frau Peytons zärtlicher, eifersüchtiger Sorgfalt und dem häufigen Verkehr mit Clarence, sowie dem kleinen Kreis bewundernder Verehrer, der Susy immer umringte, ward es nur zu bald klar, daß der teuflische Jim sich dieser kleinen Eva insgeheim genähert und sie in Versuchung gefühlt hatte. Einmal fand es sich, daß sie Reiherfedern im Besitz hatte, womit sie ihr Köpfchen schmückte, ein andres Mal hatte sie sich Gesicht und Arme mit rotem und gelbem Ocker eingerieben und bekannte, daß diese Schönheitsmittel Geschenke von Jim Hooker waren, deren tieferen Sinn und Zweck sie aber nur Clarence allein offenbarte. »Jim hat mir's geschenkt,« sagte sie, »und Jim ist selber so eine Art Indianer, der mir nichts thut, und wenn die bösen Indianer kommen, so werden sie denken, ich sei Jims Indianerkind, und davonlaufen, und Jim sagt, ich hätte nur zu sagen brauchen, daß ich ihm gehöre, wie sie gekommen sind, um Papa und Mama tot zu machen, dann wären sie fortgelaufen.« »Aber,« bemerkte Clarence sachlich, »das hättest du nicht können, denn du warst ja um diese Zeit bei Frau Peyton.« »Cla'ns,« sagte Susy, das Köpfchen schüttelnd und die runden blauen Augen mit unerschrockenem Lügenmut auf den Knaben heftend, »mach mir doch nichts weis – ich war dabei !« Clarence fuhr zurück und wäre in seinem Entsetzen über Susys plötzlich zu Tage tretenden Hang zum Schwindeln um ein Haar aus dem Wagen gefallen. »Aber« – es benahm ihm ordentlich den Atem – »aber – du weißt doch, Susy, daß wir vorher ausgestiegen waren.« »Cla'ns,« entgegnete Susy mit Seelenruhe, indem sie eine Falte ihres Röckchens glatt strich, »schwatz doch nicht so. Ich war dabei. Ich war ein Üblebender . Der Mann in der Festung hat's gesagt. Die Überlebenden sind immer, immer dabei und wissen immer, immer alles.« Clarence war zu verblüfft, um hier zu widersprechen. Es fiel ihm nun wieder ein, daß er damals schon bemerkt hatte, wie wichtig sich Susy durch die ihr in Fort Ridge zu teil gewordene Bezeichnung als »Ueberlebende« vorgekommen und wie sie seither in kindischer Weise bestrebt gewesen war, sich dieser Rolle würdig zu zeigen, wozu sie offenbar von dem boshaften Jim aufgestachelt worden war. Ein oder zwei Tage empfand Clarence eine wahre Scheu vor ihr und kam sich einsamer vor, denn je. In dieser Stimmung und mit dem dumpfen Bewußtsein, daß sein Verkehr mit Jim bei Frau Peyton und ihrem Bruder sehr zu seinen Ungunsten sprach, so daß die erstere ihn auch für Susys unerfreulichen Umgang verantwortlich machte, geschah es, daß er sich einen jener jugendlichen Streiche zu Schulden kommen ließ, die von Erwachsenen oft streng und nicht immer richtig beurteilt werden. Da er sich, wie so viele andre, einbildete, man kümmere sich nur um ihn, soweit es sich darum handle, ihn im Zaum zu halten, und da er mit dem Scharfblick des Kindes, den wir in unsrer Selbstgefälligkeit so lange unterschätzen, herausgefunden hatte, daß Liebe und Bevorzugung in keinem logischen Zusammenhang mit Verdienst und Charakter stehen, wurde Clarence keck und knabenhaft frech. Als dann eines Tages das Gerücht ging, eine Herde Büffel sei in der Nähe, und der Zug werde am nächsten Morgen später als sonst vom Lager aufbrechen, weil Gildersleeve, Benham und einige andre ein Jagen veranstalten wollen, so ging Clarence bereitwillig auf Jims Plan, den Jägern insgeheim zu folgen, ein. Die Verwirklichung dieses kühnen Gedankens erforderte Mut und Verschlagenheit. Sie verabredeten, daß Clarence bald nach Aufbruch der Jagdgesellschaft um die Erlaubnis bitten solle, auf einem der Zugpferde Reitübungen zu machen, eine Vergünstigung, die ihm schon häufig gewährt worden war. Er sollte sich dann das Ansehen geben, als ob der Gaul außerhalb der Umzäunung des Lagerplatzes mit ihm durchginge, worauf Jim ihm sofort nachsetzen würde. Da die Gesellschaft durch die Abwesenheit der Jäger und ihrer Pferde sehr zusammengeschmolzen war, würde die Möglichkeit, weitere Leute zu ihrem Beistand zu entsenden, ausgeschlossen sein. Sobald sie außer Sicht sein würden, wollten sie der Spur der Jäger nachreiten und beim Zusammentreffen mit ihnen die nämliche Ausrede vorbringen mit dem Zusatz, daß sie den Weg zum Lager nicht mehr finden konnten. Der Plan war gut ausgedacht, und seine Einzelheiten wurden fast zu wirkungsvoll ausgeführt, da Jim, wie sich später herausstellte, um der scheinbaren Widerspenstigkeit von Clarences Pferd mehr dramatische Wirklichkeit zu verleihen, ihm einen Stechapfel unter den Sattel geschoben hatte, was der Knabe erst entdeckte, als er nahe daran war, im vollen Ernst abgeworfen zu werden. Vorwärts getrieben durch sehr auffällige Haltrufe und verschiedene Hiebe, die Jim dem Durchgänger von hinten erteilte, befanden sich Verfolgter und Verfolger bald jenseits des halb ausgetrockneten Flußbetts und des Erlengebüsches, das die Lagerstätte umgab, in Sicherheit. Niemand folgte ihnen. Sei es, daß die Fuhrleute die Absicht der Knaben durchschauten und ein Auge zudrückten, sei es, daß sie der Ansicht waren, die jugendlichen Reiter sollen selbst zusehen, wie sie zurechtkommen, kurz, man beunruhigte sich ihretwegen offenbar nicht. Nachdem sie sich darüber vergewissert und sich eine allgemeine Idee von der Richtung der Jagd gebildet hatten, trabten die beiden Knaben seelenvergnügt vorwärts. Ein weiter Thalgrund öffnete sich vor ihnen, der sich allmählich bis zu einer halb mit Wasser gefüllten Lagune hinabsenkte, die durch den Austritt des Stroms, in dessen Gebiet sie heute gelagert hatten, gespeist wurde. Der Tümpel war von Baumstämmen und Buschwerk halb versteckt, und jenseits des Gewässers erstreckte sich als unbegrenzter Weideplatz ihres gewaltigen Wildes die weite, endlose Prairie. Hierher kamen die Büffel, wie Jim seinen Zögling mit krächzender Stimme belehrte, zur Tränke; etliche hundert Fuß weiter schreckte er theatralisch zusammen und stieg ab, um bedächtig den Boden zu untersuchen, der über und über mit halbkreisförmigen Eindrücken besät war, die er geheimnisvoll als Büffelspuren bezeichnete. Für Clarences unerfahrenes Begriffsvermögen hatte die Oberfläche der Heide große Aehnlichkeit mit einer gewöhnlichen Viehweide, was ein wenig erkältend auf seine romantische Stimmung wirkte. Die beiden Spießgesellen machten jedoch Halt und nahmen eine zunftmäßige Untersuchung ihrer Waffen und Ausrüstung vor. Die ersteren waren zwar in großer Mannigfaltigkeit vorhanden, aber weder ausreichend noch zweckmäßig. Bei der Notwendigkeit eines geheimen, fluchtartigen Aufbruchs hatte Jim sich auf eine alte doppelläufige Vogelflinte, die er in der Regel auf der Schulter zu tragen pflegte, beschränken müssen, dazu kam ein altmodischer Revolver, dessen sechs Läufe nur gelegentlich und dann immer zu ganz unerwarteter Zeit losgingen und der wegen seiner täuschenden Aehnlichkeit mit einem Küchengeräte unter dem Namen »Allens Pfefferbüchse« ging, und ein Bowiemesser. Clarence führte einen Indianerbogen und Pfeile bei sich, womit er sich im Schießen geübt hatte, und außerdem hatte er ein Beil unter der Satteldecke versteckt. Jim überließ ihm großmütig den Revolver und nahm dafür das Beil, ein Tausch, der Clarence zuerst hoch beglückte, bis er bemerkte, wie kriegerisch und malerisch sich das in Jims Gürtel steckende Beil ausnahm. Die Flinte, die, wie Jim ihm indessen auseinandersetzte, »extra geladen« und bis in die Mitte mit Bleistücken und Revolverkugeln vollgestopft war, konnte von niemand außer ihm selbst abgefeuert werden, was übrigens, wie er dunkel andeutete, sogar für ihn gefährlich war. Die Armseligkeit dieser Ausrüstung wurde aber reichlich ausgeglichen durch die Wunder, die nach Jims Bericht von »Kerls, die er kannte«, mit ebenso mangelhaften Waffen verrichtet worden waren. Er selbst hatte einmal einen »Bullen« durch einen kühnen Revolverschuß in das offene Maul, der sein »Inneres« durchbohrt habe, niedergestreckt, und ein Freund von ihm, wirklich einer von seinen intimen – er saß jetzt in Louisville im Loch, weil er einen Amtsdiener erschlagen hatte – war eines Tages ganz allein und unberitten mit einem einfachen Taschenmesser und einem Lasso unter eine Büffelherde geraten; er war dann ganz ruhig einem der gewichtigsten Vierfüßler auf den Rücken gesprungen, hatte sich mit seinem Lasso an dessen Hörnern festgeknüpft und sich, ihn mit dem Messer vorwärts treibend, tagelang von dem Fleisch ernährt, das er dem lebenden Tier ausschnitt, bis dieses, von seinen Gefährten verlassen und von Blutverlust erschöpft, schließlich an der Umzäunung des Lagers, wohin er es mit Schlauheit gelenkt hatte, zusammenbrach und seinem Besieger unterlag. Allerdings benahm diese Erzählung Clarence einigermaßen den Atem, und er hätte große Lust gehabt, etliche Fragen auszuwerfen, allein sie waren mutterseelenallein in der Prairie und waren Verbündete in einem gemeinsamen Unternehmen: die glorreiche Morgensonne ging sieghaft auf, die reine kühle Morgenluft war berauschend und stärkte jeden Nerv – in solch wonniger Jugenddämmerung hält man kein Ding für unmöglich! Der Thalgrund, durch den sie ritten, war da und dort durch Erdspalten und Wasserlachen zerklüftet, und einige Vorsicht in Bezug auf den Weg war geboten. Als sie einmal Halt machten, fiel Clarence ein dumpfes, eintöniges Geräusch auf, das mit dem schweren, regelmäßigen Fall einer Wassermasse über einen Damm große Aehnlichkeit hatte. So oft sie dem Lauf ihrer Pferde Einhalt thun mußten, wurde das Geräusch wieder hörbar und nahm an Stärke zu. Schließlich gesellte sich ein leises, aber unverkennbares Zittern des Erdbodens hinzu, das vollends die Nähe eines Wasserfalles zu verraten schien. Diese Erscheinung machte sie etwas unsicher über die Richtung, die sie eingeschlagen hatten, und während sie zögernd überlegten, ob sie auch wirklich auf der richtigen Fährte seien, machten sie die erschreckende Wahrnehmung, daß das Geräusch sich ihnen näherte! Einer natürlichen Regung gehorchend, galoppierten sie rasch dem Wassertümpel zu, und als das Gehölz sich vor ihnen aufthat, stieß Jim einen verzückten Schrei aus: »Himmel, sie sind's!« Auf den ersten Blick kam es Clarence vor, als ob der Erdboden zerklüftet sei und sich in hochgetürmten Wogen auf sie zuwälze, ein zweiter Blick zeigte ihm die wiegenden Häupter einer riesigen Büffelherde und da und dort, aus ihrer Menge hervortauchend oder halb in die hinter ihnen aufwirbelnde Staubwolke gehüllt, wilde Gestalten und das rasche Aufblitzen eines Schusses. Er konnte den Eindruck von Wasserwogen noch nicht los werden, und es wollte ihn jetzt bedünken, als ob eine stürmische Hochflut sich unsichtbar auf den Wassertümpel zuwälze und alles, was ihr in den Weg kam, mit sich forttrüge. Gespannten Blickes sah er sich in sprachloser Erwartung nach seinem Gefährten um. Aber ach! Dieser tollkühne Held und mächtige Weidmann war allem Anschein nach nicht minder verblüfft als er selbst! Allerdings blieb er wie festgewurzelt im Sattel und saß als schlanke, regungslose Heldengestalt zu Roß, wobei er krampfhaft mit einer merkwürdigen Regelmäßigkeit abwechselnd nach seinem Beil und nach seiner Flinte griff. Wie lang diese halbe Lähmung bei ihm angehalten haben würde, ist nicht zu sagen, denn im nächsten Augenblick brach die ganze Herde mit betäubendem Getöse durch das Buschwerk und stürmte, rechts von dem Gewässer abschwenkend, geradeswegs auf sie los. Nun waren alle Zweifel und alles Zögern zu Ende. Der weitblickende mexikanische Durchgänger drehte sich, fürchterlich schnaubend, herum und flog samt seinem Reiter rasend davon, und Clarences bescheidenes Zugpferd folgte, ohne Zweifel aus rührender Anhänglichkeit, sofort seinem Beispiel, so daß beide verständige Tiere gleich darauf in edlem Wetteifer Kopf an Kopf dahinsausten. »Warum reiten wir denn davon?« fragte der harmlose Clarence keuchend. »Da hinten sind Peyton und Gildersleeve, sie könnten uns sehen,« erwiderte Jim, gleichfalls nach Luft schnappend. Es fuhr Clarence wohl durch den Sinn, daß die Büffel ihnen weit näher waren als die Jäger und daß die stampfenden Hufe von einem Dutzend Bullen unmittelbar in ihrem Rücken vernehmbar waren, aber alle Kraft seiner angestrengten Lungen zusammennehmend, rief er wohlgemut: »Wann jagen wir sie denn?« »Sie jagen?« kreischte Jim mit einem krampfhaften Anfall von Wahrheitsliebe, »meiner Seel, sie jagen uns – hol's der Henker.« Es war in der That kein Zweifel möglich, daß die vor Angst tollen Pferde in wilder Flucht vor den gleichfalls angstgescheuchten Büffeln dahinjagten. Durch das Durchreiten einer Erdspalte, die von den Büffeln umgangen werden mußte, gewannen sie einen augenblicklichen Vorsprung, allein wenige Augenblicke nachher überholte sie ein Teil der Herde, der jener Wasserlache auf der andern, kürzeren Seite ausgewichen war, und nun waren sie mitten drin. Die Erde erbebte unter den stampfenden Hufen, der qualmende Atem der Tiere, vermengt mit dem feinen stechenden Staub, der die Luft erfüllte, erstickte und blendete Clarence fast. Nur undeutlich konnte er erkennen, daß Jim verzweifelnd sein Beil nach einer Büffelkuh warf, die ihm hart an den Flanken war, und als sie wieder in eine Vertiefung hinabtauchten,, sah er den Freund in äußerster Verzweiflung die verhängnisvolle Flinte erheben. Clarence lag fest an seines Pferdes langgestreckten Hals geklammert; ein blendend heller Lichtblitz flammte auf: ein einziger betäubender Knall aus beiden Läufen, Jim taumelte nach der einen Seite hin fast aus dem Sattel, während die noch rauchende Flinte in der andern Richtung über seinen Kopf hinweg zu springen schien, und dann waren Roß und Reiter in einer dichten Wolke von Staub und Pulverdampf verschwunden. Einen Augenblick später hielt Clarences Gaul mit einem plötzlichen Ruck still, und der Knabe fühlte sich über den Pferdekopf weg in den Graben geschleudert, wo er auf ein hüpfendes Kissen von krausen, wirren Haaren aufzufallen glaubte. Es war der zottige Rücken eines riesigen Büffels. Jims verzweifelter Schuß ins Blaue hatte seine doppelte Ladung einem vor ihm hertrabenden Bullen ins Hinterbein gejagt, und das Tier war mit zerrissenen Knieflechsen unmittelbar vor den Füßen von Clarences Pferd in eine tiefe Wasserrinne gestürzt. Betäubt aber unverletzt kollerte der Knabe von den Schultern des mächtigen Tieres zu Boden und stellte sich etwas mühsam wieder auf die eigenen Füße. Nicht nur sein Pferd war fort, sondern auch die gesamte Büffelherde schien vorübergefegt zu sein, und er vernahm die Zurufe der unsichtbaren Jäger nur noch aus einiger Entfernung. Offenbar hatten sie seinen Sturz nicht bemerkt. Der Abhang war ihm zu steil, als daß er ihn mit seinen schmerzenden Gliedern hätte erklettern können, die minder schroffe Seite, die er und der Büffel, als der Zusammenstoß stattgefunden hatte, herabgeglitten waren, befand sich im Rücken des verwundeten Tieres. Clarence suchte dahin zu gelangen, als das Ungeheuer sich mit großer Anstrengung auf drei Beine aufrichtete, eine halbe Wendung machte und ihm gerade ins Gesicht glotzte. Die Ereignisse waren sich zu rasch gefolgt, als daß der unerfahrene Knabe Zeit gehabt hätte, thatsächlich Furcht oder irgend etwas andres als milde Erregung und Verwirrung zu empfinden, allein der Anblick dieser ungeheuren zottigen Stirne, die den ganzen Erdriß auszufüllen schien, und die sich mit grauenhafter Entschlossenheit zwischen ihm und dem Rettungsweg aufpflanzte, ließ ihn vor Entsetzen erbeben. Die großen, glotzenden, blutunterlaufenen Augen starrten ihn mit dumpfer, verwunderter Wut an, die riesigen feuchten Nüstern waren ihm so nah, daß schon das erste gereizte Schnauben ihn zurücktaumeln machte wie ein Windstoß. Die Schlucht war nur eine schmale und kurze Erdspalte, ein paar Schritte nach rückwärts, und er hatte ihr Ende erreicht und stand vor einer nahezu senkrechten Felswand von fünfzehn Fuß Höhe. Wenn er den Versuch wagte, an ihrem zerbröckelnden Gestein hinaufzuklettern, so konnte er fallen, und dann würden diese kurzen gefährlichen Hörner bereit sein, ihn aufzuspießen. Es kam ihm zu entsetzlich, zu grausam vor! Er war ja so winzig klein neben diesem ausgewachsenen Ungeheuer – es war eine Ungerechtigkeit! Die Thränen traten ihm in die Augen, und in wütender Auflehnung gegen die Unvernunft des Schicksals blieb er mit geballten Fäusten regungslos stehen. Mit schreckensvoller kindischer Wut heftete er den Blick auf diese düster glotzenden Augen; er wußte ja nicht, daß er selbst, dank dem merkwürdigen Vergrößerungsglas, das der Büffel in seinen konvexen Pupillen besitzt, ihm viel größer erschien, als er in Wirklichkeit war, und daß die schwerfällige Bestie die Entfernung durchaus nicht sicher bemessen konnte, ein Umstand, dem die Jäger so häufig ihr Entkommen verdanken. Das einzige, worauf er sann, war irgend ein verzweifeltes Angriffsmittel – ha! der Revolver! Der steckte ja noch in seiner Tasche! Bangen Herzens zog er ihn hervor – ach, das Ding sah dem großen Feind gegenüber so trostlos klein aus! Mit flammenden Augen streckte er es von sich und zog den Drücker – ein schwaches Knacken folgte, noch eines und abermals eines – auch das versagte ihm! Noch einmal zerrte er wild an dem Drücker, es erfolgte ein lauter Knall und dann noch einer – Clarence trat zurück, aber die Kugeln hatten sich wirkungslos an dem undurchdringlichen Schädel des Untiers platt gedrückt. Noch einmal schoß er, wenngleich hoffnungslos – wieder ein Knall, plötzlich ein wütendes Aufbrüllen, und das furchtbare Tier warf den Kopf mild auf die Seite und bohrte sein linkes Horn tief in das zerbröckelnde Gestein neben sich. Wieder und wieder stieß er nach der Wandung der Schlucht, riß das Horn wieder heraus und setzte eine Lawine von Steinen und Erde in Bewegung, und erst nach ein paar Sekunden erkannte Clarence bei einer Wendung des wild um sich fahrenden Kopfes die Ursache dieser Wut. Aus seinem linken Auge strömte das Blut, die letzte Kugel war eingedrungen und der Bulle geblendet! Ein entsetzlicher Aufruhr entstand in Clarences Gemüt: eine jähe Gewissensqual befiel ihn, die ihn noch fürchterlicher bedrängte als zuvor die Todesangst – er hatte das gethan! Nicht nur der Trieb der Selbsterhaltung, sondern auch die Scheu vor dem grauenvollen Anblick ließ ihn auf seine schleunige Rettung bedacht sein, und er machte sich den nächsten Wut- und Schmerzensausbruch des Tieres, wobei es sich immer auf der linken Seite wälzte, zu nutze, um zur Rechten an ihm vorüber zu schlüpfen, den Abhang zu erreichen und in wilder Hast hinaufzukriechen. Als er die offene Heide erreicht hatte, lief er, ohne sich nach einer Richtung umzusehen, blindlings davon, nur um das todesbange Gestöhn nicht mehr zu hören und den anklagenden Blick des wunden, von Blut überquellenden Auges nicht mehr zu sehen. Mit einemmal vernahm er aus der Entfernung einen ärgerlichen Zuruf. Auf den ersten raschen Blick war ihm die Heide leer und verlassen erschienen, aber als er jetzt aufschaute, gewahrte er zwei Reiter, die, ein drittes Pferd am Lasso führend, rasch auf ihn zukamen. Zugleich mit dem wohligen Gefühl des Gerettetseins überkam ihn ein Verlangen nach Teilnahme und ein fieberhaftes Bedürfnis, sich auszusprechen, aber als die Reiter näher kamen, entdeckte er, daß es Gildersleeve, der Kundschafter, und Henry Benham waren, und daß sie, weit entfernt, über seine Auffindung entzückt zu sein, höchst ärgerlich und ungeduldig dreinschauten. Diese abermalige Enttäuschung versetzte den Knaben sofort wieder in seine dumpfe Verstocktheit. »Nun, Bursche, hol's der Teufel! Wirst du wohl aufsitzen, oder hast du im Sinn, den Zug noch eine Stunde länger aufzuhalten mit deiner verfluchten Narretei?« Der Knabe zögerte einen Augenblick und bestieg dann, ohne ein Wort zu sagen, mechanisch sein Pferd. »Wär' ihnen recht geschehen, man wäre weiter gefahren und hätte sie gelassen, wo sie sind,« brummte Benham giftig. Einen Augenblick durchfuhr Clarence der wilde Gedanke, vom Pferd zu springen und ihnen zuzurufen, sie sollten gehen und ihn verlassen! allein ehe sich dieser Drang in die That umsetzen konnte, schlugen die beiden Männer einen raschen Galopp an und rissen sein mit dem Lasso an Gildersleeves Sattel gebundenes Pferd mit sich fort. Zwei Stunden darauf hatten sie den schon im Marsch begriffenen Zug erreicht und schlossen sich den Vorausreitenden an. Herr Peyton wandte sich mit etwas verblüffter, aber keineswegs unfreundlicher Miene Clarence zu und hieß ihn durch ein nachsichtiges Lächeln willkommen, wobei der Groll des Jungen sofort geschmolzen war. »Nun, Clarence, jetzt gib deine Erlebnisse zum besten! Was ist geschehen?« Clarence sah sich hastig um und bemerkte, daß Jim mit abgewendetem Gesicht und düsterer Miene hinterdrein ritt. Dann erzählte er erregt und sich überstürzend, wie er auf des Büffels Rücken in die Schlucht gestürzt und wie er der Gefahr entronnen sei, wobei ein vernehmliches Kichern unter den Reitern entstand. Herr Peyton sah ihn sehr ernsthaft an und fragte: »Wie kam es denn aber, daß der Büffel so liebenswürdig war, in die Schlucht zu gehen?« »Jim Hooker hatte ihn angeschossen, und da ist er hineingestürzt,« sagte Clarence schüchtern. Ein nicht enden wollendes homerisches Gelächter brach los; Clarence sah sich bestürzt und verletzt um, aber ein einziger Blick in Jim Hookers Gesicht genügte, ihn die eigene Kränkung vergessen zu machen. Der Ausdruck hoffnungsloser, herzbrechender Niedergeschlagenheit – es war zum erstenmal, daß er ein wahrhaftiges Gefühl von diesen Zügen ablesen konnte – verriet ihm die traurige Wahrheit. Jim ging an seinem schlechten Ruf zu Grunde! Das einzige wahre und nennenswerte Erlebnis und der einzige wahrheitsgetreue Bericht, den er erstattet hatte, waren einstimmig für die plumpste, unverfrorenste Lüge seines Lebens erklärt worden. Siebentes Kapitel Mit diesem Jagderlebnis schloß für Clarence der erinnerungsreiche Teil seiner Reise, aber lange nachher erst sollte er erfahren, daß sich ihm damit auch etwas verschlossen hatte, was der Beginn einer neuen Laufbahn für ihn hätte werden mögen. Richter Peyton hatte die Absicht gehabt, nicht nur Susy an Kindesstatt, sondern zugleich auch den Knaben unter seine Vormundschaft und Obhut zu nehmen, vorausgesetzt, daß jener entfernte Verwandte, dem er zugesandt wurde, sich damit einverstanden zeigen würde. Nun aber machten ihn seine Frau und ihr Bruder darauf aufmerksam, daß die Beziehungen, die Clarence mit Jim Hooker unterhielt, ihn zu einem wenig wünschenswerten Gefährten für das kleine Mädchen machten, und der Richter mußte selbst zugeben, daß sein offenbarer Hang zu schlechter Gesellschaft mit seiner angeblichen Herkunft und Erziehung nicht im Einklang stehe. Unglücklicherweise war Clarence ganz davon durchdrungen, daß er keine Hoffnung habe, richtig verstanden zu werden, und war mit jener stummen Unterwerfung unter das Schicksal, die ein Hauptzug seines Wesens war, zu stolz, jene ungünstigen Eindrücke durch irgend eine kindliche Heuchelei zu verwischen. Auch hatte er ein dunkles Gefühl, daß Treue und Ehrlichkeit von ihm erheischten, zu dem in Ungnade stehenden Jim zu halten, obwohl er für diesen weder die Zuneigung einer verwandten Natur, noch die Leidenschaft eines Parteigängers empfand, sondern eher – wenn das von einem Knaben seines Alters gesagt werden kann – die Rolle eines wohlwollenden höher gestellten Beschützers spielte. Er nahm demnach, als der Zug in Kalifornien angelangt war, ohne Murren die Mitteilung hin, daß man ihn mit einer Ausstattung und einem Begleitbrief von Stockton aus nach Sacramento befördern wolle, wobei verabredet wurde, daß er, im Fall der Verwandte nicht aufzufinden wäre, wieder zu den Peytons stoßen solle, die sich in einem der südlichen Thäler ankaufen wollten. Mit dieser Aussicht und in der Erwartung von Veränderung, Unabhängigkeit und all den mannigfaltigen Möglichkeiten, die sich damit für einen phantasiereichen Jungen eröffnen, hatte Clarence den Rest der Reise entsetzlich lang und schleppend gefunden. Der Halt am Salzsee, der Zug durch die trostlose Alkaliwüste, ja sogar der gefahrvolle Uebergang über die Sierren hinterließen in seinem Gedächtnis nur halb verwischte Bilder; der Anblick des ewigen Schnees und das Rauschen der endlosen Fichtenwälder, das erste Auftauchen eines mit wildem Hafer bewachsenen Hügelabhangs und das belebte Bild eines reißenden gelben Stroms, dessen Färbung er dem darin befindlichen Gold zuschrieb, erregten ihn nur auf Augenblicke und waren schnell vergessen. Als er aber eines Morgens – der Zug hielt an der Umzäunung einer viel umkämpften jungen Niederlassung – die ganze Gesellschaft neugierig um einen vorbeireitenden Fremdling versammelt fand, der aus seiner Satteltasche ein wollenes Beutelchen nahm und eine Handvoll flimmernder Goldblättchen sehen ließ, da befiel Clarence zum erstenmal der fieberhafte, alles andre zurückdrängende Durst des Goldsuchers. Atemlos lauschte er den gespannten Fragen und raschen Antworten. Das Gold war nur dreißig Meilen von hier in einem » placer « » Placer « heißen die Goldlager, wo das Metall sich weitverbreitet der Erde beigemischt findet. Anm. d. Uebers. gefunden worden – es mochte seine hundertundfünfzig Dollar wert sein – es war nur sein Anteil an der Ausbeute, die sie zu dreien in einer Woche gemacht hatten: viel war es ja nicht, »aber alle Tage kommen neue Grünschnäbel von drüben, die einem das Geschäft verhunzen«. So erzählte gleichmütig und nachlässig der staubige, unrasierte, ärmlich gekleidete Mann, der eine langstielige Schaufel und eine Spitzaxt auf den Rücken geschnallt trug, während eine Bratpfanne an seinem Sattel baumelte, und in Clarences Augen hätte kein Ritter in voller Turnierrüstung halb so heldenhaft und unabhängig erscheinen können. Was konnte es Herrlicheres geben, als die stolze Verachtung, womit des Fremden Blick den Zug musterte, der in seinen wohlbedeckten Wagen alle Bequemlichkeiten und Lasten der Civilisation mit sich führte. »Den Plunder müßt ihr euch abgewöhnen, wenn ihr den Spaten nehmen und Gold graben wollt.« Welche Bestätigung von Clarences geheimsten Gedanken! Was für ein Bild der Freiheit und Ungebundenheit! Der malerische Kundschafter, der allmächtige Richter Peyton, der kühne junge Offizier, alle schrumpften sie zusammen und stürzten von ihren thönernen Altären angesichts dieses Helden im roten Flanellhemd mit den Wasserstiefeln! Den ganzen Tag in freier Luft umherstreichen, ohne Studium, ohne Kunst und System, die schimmernden Metallsplitter auflesen, das war Leben, wahrhaftiges Leben! Und dann eines Tages auf den großen Goldklumpen stoßen, den »ihr nicht aufheben könntet« und der so viel wert war wie der ganze Zug samt den Pferden, so einen Klumpen, wie erst neulich, der Fremde sagte es, bei Sawyers Bar einer gefunden worden war, das war ein Ziel, wofür man alles einsetzen konnte. Der ungehobelte Mann mit dem überlegenen, gleichgültigen Lächeln war ein lebendiges Glied zwischen Clarence und der Wunderwelt von Tausend und Eine Nacht, der Fleisch gewordene Alladin und Sinbad! Zwei Tage darauf erreichten sie Stockton, wo Clarence, dessen einziger Anzug, vielfach geflickt und gestopft und durch eine ganz absonderliche Jacke aus Militärtuch von dem Regimentsschneider in Fort Ridge bereichert worden war, in einem Lager fertiger Herrenkleider neu ausgestattet werden sollte. Aber ach, so groß der Vorrat für Erwachsene war, schien man sich gar nicht für einen Kunden in diesen Jahren vorgesehen zu haben, und Clarence wurde zuguterletzt mit großer Schwierigkeit aus abgedankten Regierungsvorräten mit dem Anzug eines Schiffsjungen samt einer metallknöpfigen Seemannsjacke beglückt. Zu dieser Ausstattung fügte Herr Peyton eine kleine Geldsumme für seine Auslagen und einen erklärenden Begleitbrief an den Vetter. Um Mittag sollte der Postwagen abfahren, und Clarence hatte nichts mehr zu thun, als von der Gesellschaft Abschied zu nehmen. Die endgültige Trennung von Susy war in den letzten Tagen mit etlichen Thränen, etwas Angst und vielen Umarmungen besprochen worden, und das kleine Mädchen hatte entschlossen erklärt, »mit ihm zu gehen«; aber das Ereignis der Ankunft in Stockton milderte und verwischte diese Gefühle um ein Beträchtliches, und ein bescheidenes Geschenk von Clarence, die erste Ausgabe, die er sich von seinem kleinen Kapital gestattete, bewirkte, daß man sich versprach, die Trennung nur als eine zeitweilige, vorübergehende anzusehen. Als aber des Knaben mageres Bündel unter seinem Sitz in der Postkutsche untergebracht worden war und man ihn sich selbst überlassen hatte, lief er doch noch einmal zu dem Zug zurück, um Susy noch einen Augenblick zu sehen. Atemlos und ein bißchen ängstlich drängte er sich an Frau Peytons Wagen. »Ums Himmels willen! Bist du noch nicht fort?« rief diese mit Schärfe. »Soll die Post etwa ohne dich abfahren?« Einen Augenblick vorher hätte er im Gefühl seiner Verlassenheit vielleicht mit »Ja« geantwortet, aber unter dem strengen Blick Frau Peytons und angesichts ihres merklichen Verdrusses über sein Wiedererscheinen fingen seine Beine zu zittern an, und die Stimme versagte ihm. Er wagte nicht, sich nach Susy umzusehen, aber ihr Stimmchen erklang ganz vergnüglich aus dem Hintergrunde des Wagens, wo sie behaglich saß: »Die Post fährt dir davon, Cla'ns.« Auch sie! Die Beschämung über seine thörichte Schwäche dämmte das sehnsüchtige Blut zurück, das ihm in jäher Glut von dem wehen Herzen in die Wangen gestiegen war. »Ich wollte nur – nur – nach Jim sehen, Frau Peyton,« sagte er endlich mit kecker Miene. Der Widerwillen, den seine Worte bei Frau Peyton hervorriefen, entging ihm nicht und erfüllte ihn mit einer boshaften Genugthuung, womit er sich rasch umwandte und nach dem Postwagen zurücklief. Zu seiner Ueberraschung fand er dort richtig Jim, an den er in Wahrheit gar nicht gedacht hatte, und der mit finsterer Miene das Festschnüren der letzten Gepäckstücke mit ansah. In einer Art, die darauf berechnet war, den Mitreisenden die Ueberzeugung beizubringen, daß hier zwei Mitschuldige an einem Verbrechen sich trennten, wovon der eine womöglich auf seinem Weg ins Gefängnis war, schüttelte Jim dem Knaben vielsagend die Hand und warf unter seinen Haarsträhnen hervor einen lauernden Blick auf die Passagiere. »Wenn du hörst, daß was passiert ist, so weißt du, wo du dran bist,« sagte er in leisem, heiserem, aber recht vernehmlichem Flüsterton. »Ich und du werden nicht mehr lang bei einander sein; sag den Burschen im ›Toten Schlund‹, sie können mich alle Tage erwarten.« Obwohl Clarence nicht nach dem »Toten Schlund« ging und nichts von diesem Orte wußte, ja sogar den leisen Verdacht hegte, daß Jim ebensowenig davon wisse, empfand der Knabe, als er bemerkte, wie einer oder zwei von den Mitreisenden scheu auf den so gesittet aussehenden, grauäugigen Jungen blickten, der nach diesem unheimlichen Bestimmungsort zu reisen schien, eine gewisse bange Wonne, sein Leben mit dem Reiz vorgeblicher Schuld zu beginnen. Allein das kräftige Anziehen der feurigen Pferde, die rasche Bewegung, der funkelnde Sonnenschein und die Vorstellung, daß er nun alle Fesseln der Dienstbarkeit und Sitte hinter sich lasse, vertrieben ihm bald alle andern Gedanken. Nach einiger Zeit gab er jedoch das Nachsinnen über diese hoffnungsreiche gesegnete Zukunft auf und fing an, seine Fahrtgenossen mit knabenhafter Neugierde zu betrachten. Er selbst saß eingezwängt zwischen zwei schweigsamen Männern, wovon der eine ein Farmer und der andre, seiner schwarzen Kleidung nach, ein »studierter Herr« zu sein schien, auf dem Vordersitz, bald aber fesselte ihn eine dunkelhaarige, barhäuptige Frau in einem schwarzen Mantel auf dem Rücksitz. Die dunkle Schöne war offenbar ganz Ohr für die scherzhaften Artigkeiten ihrer Begleiter und zweier Männer, die den mittleren Sitz inne hatten, und Clarence konnte von seinem Platz nicht viel mehr von ihr sehen, als die dunkeln Augen, die gelegentlich belustigt über seine unverhohlene Neugier aufleuchteten. Was ihn aber am meisten entzückte, war der reizende fremdländische Klang ihrer musikalischen Stimme, die mit nichts bisher Gehörtem zu vergleichen war und ihm – so unbeständig ist die Jugend! – viel schöner deuchte als die Frau Peytons. Plötzlich sah der Farmer an seiner Seite ihn wohlwollend an und bemerkte mit einem Blick auf Clarences Seemannsjacke und Metallknöpfe gönnerhaft: »Gerade von der See zurück, mein Söhnchen?« »Nein, mein Herr,« stammelte Clarence. »Ich kam durch die Prairie.« »Dann ist das vermutlich die Seemannstracht auf den Prairieschoonern, hm?« Alle lachten, was Clarence sehr verblüffte, worauf der humoristische Herr ihn aufklärte, daß hier zu Lande der Ausdruck »Prairieschooner« für die Auswandererwagen gang und gäbe sei. »Ich habe in Stockton,« erklärte Clarence, indem er voll Unschuld nach den schwarzen Augen auf dem Rücksitz blickte, »keinen andern Anzug bekommen können, als diesen: die Leute dort denken, scheint es, in Kalifornien gebe es keine Knaben.« Die schlichte Ehrlichkeit dieser Antwort schien auf die übrigen Eindruck zu machen, denn die beiden Männer auf dem Mittelsitz wandten sich flüsternd von der Dame ab und sahen ihn neugierig an. Clarence errötete ein wenig und wurde still. Bald darauf fuhr der Wagen langsamer; es ging bergauf und an beiden Seiten des Wegs standen große Silberpappeln, von denen da und dort Ranken von prachtvoll rot gefärbtem wilden Wein herabhingen. »Ach, wie das ist hübsch!« sagte die Dame, das schwarzverschleierte Köpfchen vorbeugend. »Es gut steht in die Haar.« Einer der Männer stellte einen ungeschickten Versuch an, vom Fenster aus einen Büschel zu erlangen, und dabei kam Clarence ein glänzender Einfall. Sobald die Kutsche wieder einen Hügel hinankroch, folgte er dem Beispiel eines Reisenden und stieg aus, um zu Fuß zu gehen. Als die Höhe erreicht war, stieg er erhitzt und keuchend wieder ein, hielt aber eine Ranke von dem wilden Wein in seiner übelzerkratzten Hand. Er reichte seine Beute dem Herrn auf dem Mittelsitz und sagte mit knabenhafter Ritterlichkeit ernsthaft: »Bitte – für die Dame.« Ein leichtes Lächeln glitt über die Züge von Clarences Nachbarn, während die hutlose Dame ihm anerkennend zunickte und die Ranken kokett in ihren glänzenden Haaren befestigte. Der schwarzgekleidete Herr neben Clarence, der bisher noch nicht den Mund aufgethan hatte, wandte sich ihm zu und sagte trocken: »Wenn du auf dem Weg weiter machst, Söhnchen, so wirst du, schätze ich, bis du nach Sacramento kommst, schon einen Männeranzug finden, der dir paßt.« Clarence verstand nicht ganz, was diese Worte bedeuten sollten, aber es entging ihm nicht, daß plötzlich ein seltsamer Ernst die beiden Spaßvögel auf dem Mittelsitz befiel, und daß sich die Dame zum Fenster hinausbeugte. Er zog aus alledem den Schluß, daß es ungeschickt gewesen sei, über seine Kleider und seine Größe zu sprechen, und nahm sich vor, sich fortan ein männlicheres Ansehen zu geben. Die Gelegenheit dazu schien geboten zu sein, als der Wagen zwei Stunden später vor einem Gasthaus hielt. Zwei oder drei Passagiere stiegen aus, um sich am Schenktisch eine Erfrischung geben zu lassen, Clarences Nachbarn zur Rechten und Linken aber waren in ein endloses Gespräch über die Nachteile und Vorzüge der sandigen oder wasserhaltigen Baustellen in San Francisco vertieft, und die lustige Gesellschaft auf dem Mittelsitz bemühte sich immer noch um die Dame. Clarence stahl sich aus dem Wagen und trat mit dem Wunsch, Aufsehen zu erregen, in das Schankzimmer, wo er aber durch die völlige Nichtbeachtung, die ihm von Seiten des Wirts und seiner Gäste zu teil ward, einigermaßen aus der Fassung kam. Er blieb einen Augenblick unschlüssig stehen, dann kehrte er zum Wagen zurück und öffnete den Schlag. »Würden Sie so freundlich sein, ein Glas Wein oder Whisky mit mir zu trinken, mein Herr?« sagte er höflich zu dem vermutlichen Farmer, der ihm am meisten Wohlwollen gezeigt hatte. Eine tiefe Stille trat ein, und die beiden Männer in der Mitte drehten sich vollständig um und sahen den Knaben an. »Der Kommodore hat Sie zu einem Trunk eingeladen,« erläuterte einer von ihnen diese Worte dem Gönner unsers jungen Freundes mit dem größten Ernst. »So? O gewiß, ich werde so frei sein,« versetzte jener Herr und sah nun auch nicht mehr verwundert, sondern höchst ernsthaft drein, »da es der Kommodore wünscht.« »Und vielleicht werden Sie und Ihr Freund mir auch die Freude machen?« sagte Clarence schüchtern zu dem Reisenden, der ihm als Dolmetsch gedient hatte. »Und – auch Sie,« setzte er zu dem schwarz gekleideten Herrn hinzu. »Wahrhaftig, meine Herren, das können wir nicht ablehnen,« sagte dieser zu den andern, indem er selbst sich mit der größten Förmlichkeit erhob. »Eine so schmeichelhafte Artigkeit von seiten unsers vorzüglichen Freundes darf nicht leicht genommen werden.« »Es ist mir nicht entgangen, daß der Kommodore ein feiner Geist ist,« erwiderte der andre mit gleicher Würde. Es wäre Clarence lieber gewesen, die Herren hätten sein erstes gastfreundliches Anerbieten etwas minder feierlich behandelt, da sie aber, ohne aufzutauen, aus dem Wagen stiegen, führte er sie etwas zaghaft in die Wirtsstube. Da er unglückseligerweise kaum groß genug war, um über den Schanktisch wegzublicken, würde der Wirt ihn wahrscheinlich abermals übersehen haben, wenn der Schwarzgekleidete ihm nicht einen raschen Blick zugeworfen hätte, der selbst des Mannes berufsmäßiges Lächeln sofort in den feierlichsten Ernst verwandelte. »Der Kommodore hält uns frei,« sagte der Schwarze, ohne mit der Wimper zu zucken, und deutete, ehrfurchtsvoll zurücktretend, auf Clarence. »Ich nehme ein Glas Whisky, der Kommodore wird sich wohl, da er sich noch nicht an unser Klima gewöhnt hat, mit Sodawasser und Limonade begnügen.« Clarence hatte im stillen den Entschluß gefaßt, so gut wie die andern Männer Alkohol zu trinken, konnte aber nicht mit sich ins reine kommen, ob es höflich sein würde, seines Gasts Bestellung zu widerrufen. Auch setzte es ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß die sämtlichen übrigen Gäste sich um ihn und seine Gesellschaft geschart zu haben schienen und ihn mit ebenso unerschütterlichem Ernst ansahen, und so sagte er hastig: »Ja, ich bitte um Limonade.« »Der Kommodore hat recht,« erklärte der Wirt, ohne eine Miene zu verziehen, indem er sich vornüber beugte und den Tisch mit berufsmäßiger Sicherheit abwischte. »Es kommt gar nicht darauf an, wieviel Alkohol ein Mensch vertragen kann; sobald er in ein andres Klima kommt, meine Herren, so heißt es: ›ich bitte um Limonade‹.« »Vielleicht,« sagte Clarence aufleuchtend, »halten Sie auch mit?« »Es wird mir eine Ehre sein, mein Herr.« »Meine Herren,« begann der breitschulterige Mann immer noch so förmlich und feierlich wie je, »es kann hier nur von einem Trinkspruch die Rede sein – ich bitte Sie, mit mir anzustoßen auf das Wohl des Kommodore: möge sein Schatten sich nie vermindern!« Ein feierlicher Umtrunk ward gehalten. Clarence fühlte, wie seine Wangen glühten, und in seiner Aufregung stieß er aufs eifrigste auf seine eigne Gesundheit an, und doch war er enttäuscht, daß so wenig Heiterkeit und Behagen unter der Gesellschaft herrschte, und dachte im stillen darüber nach, ob Männer immer so steif seien beim Trinken, auch fiel ihm jetzt ein, die Sache könne kostspielig werden. Nichtsdestoweniger hielt er seine Börse recht auffällig zahlbereit in der Hand, war doch das Bezahlen aus eignen Mitteln ein sehr wesentliches Vergnügen, von dem er sich einen recht männlichen und unabhängigen Eindruck versprach. »Wie viel?« fragte er mit gut gespielter Gleichgültigkeit. Der Wirt überflog mit sachverständigem Blick die Schenkstube. »Sie sagten ja wohl, daß Sie alle Anwesenden freihalten – wir wollen sagen zwanzig Dollars, dann gibt es eine glatte Rechnung.« Clarence wurde das Herz schwer. Er hatte allerdings viel von der Steigerung der Preise in Kalifornien gehört – aber zwanzig Dollars! Das war genau die Hälfte seines Vermögens. Trotzdem wußte er sich mit übermenschlicher Anstrengung zu beherrschen, und seine Finger zitterten kaum merklich, als er das Geld hinzählte. Dabei kam es ihm höchst sonderbar, um nicht zu sagen unpassend vor, daß alle Umstehenden die Hälse reckten und über seine Schultern weg nach dem Inhalt seiner Börse blickten. Allerdings ward diese Neugier durch den starken Mann etwas erklärt. »Der Kommodore, meine Herren, besitzt wirklich eine merkwürdige Börse. Erlauben Sie mir –« er nahm Clarence sein Beutelchen aufs artigste aus der Hand – »das ist der neueste Patentverschluß und in der That sehenswert.« Er reichte es einem der hinter ihm Stehenden, der es nach genauer Untersuchung weitergab, und so wanderte das Geldtäschchen von Hand zu Hand, und Clarence konnte aus dem stets wiederholten: »Wirklich famos« – »das Allerneueste in der Art« stets erkennen, wo es sich gerade aufhielt. Schließlich gelangte die Börse auch an den Wirt, der noch besonders um Erlaubnis gebeten hatte, sie zu besehen, und der mit der Miene gewissenhaftester Höflichkeit darauf bestand, sie eigenhändig in Clarences Brusttasche zu schieben, als ob dieser Dienst zu seinen beruflichen Obliegenheiten gehörte. Jetzt gab der Kutscher das Zeichen zum Einsteigen, die Reisenden nahmen eilig ihre Plätze wieder ein, und der Zwischenfall war erledigt und abgethan. Es überraschte Clarence ein wenig, daß seine verbindlichen Freunde von vorhin sich mit einemmal angelegentlich mit der Lokalpolitik von San Francisco und den darüber geäußerten Ansichten eines neu hinzugekommenen Passagiers befaßten, und er selbst gänzlich darüber vergessen wurde. Die Dame ohne Hut hatte sich anders gesetzt, und ihr Kopf war für ihn nicht mehr sichtbar. So ausschweifend seine Erwartungen und so kühn seine Hoffnungsfreudigkeit vorhin gewesen waren, so schmerzlich war die Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, die ihn nun befielen, als zum erstenmal seine gänzliche Unwichtigkeit in der Welt und seine eigne Unzulänglichkeit für dieses neue Leben ihm schwer aufs Herz fielen. Die Hitze und das Stoßen des Wagens übten eine einschläfernde Wirkung auf ihn, und als er aus kurzem Schlummer erwachte, fand er, daß seine beiden Nachbarn auf einer Zwischenstation ausgestiegen waren – sie hatten es also nicht für der Mühe wert gehalten, ihn zu wecken und ihm lebewohl zu sagen! Aus der Unterhaltung der übrigen entnahm er nun, daß der große Mann ein berüchtigter Spieler, und jener, den er für einen Farmer gehalten hatte, ein früherer Schiffskapitän sei, der jetzt ein wohlhabender Kaufmann geworden. Clarence glaubte nun zu begreifen, warum der letztere ihn gefragt habe, ob er frisch von der See gekommen, und daß der Spottname »Kommodore«, den der andre ihm beigelegt hatte, ein auf des Kapitäns Beifall berechneter Scherz gewesen sei. Es that ihm leid, daß die beiden ausgestiegen waren, denn er hätte sich gern bei ihnen nach seinem Verwandten in Sacramento erkundigt, den er nun so bald zu sehen bekommen sollte. Endlich erreichte er zwischen Wachen und Schlafen unerwartet schnell das Ziel seiner Reise. Es war schon dunkel, da aber heute »Dampfernacht« war, das heißt, morgen in aller Frühe ein Dampfer auslief, standen Läden und Geschäftshäuser noch offen, und Herr Peyton hatte angeordnet, der Postkutscher solle Clarence an dem Haus seines Vetters in der J.-Straße, dessen Adresse der Knabe zum Glück nicht vergessen hatte, absetzen. Er war einigermaßen verblüfft, unter dieser Nummer ein großes Geschäftshaus oder eine Bank zu finden, stieg jedoch aus und betrat mit seinem kleinen Bündel in der Hand das Gebäude, während der Postwagen weiterrollte. Ein sehr geschäftig aussehender Kommis lief ihm in die Hände, den er sofort nach »Herrn Jackson Brant« fragte. Es war kein Herr dieses Namens auf dem Comptoir, und es war auch früher kein solcher da gewesen. Die Bank hatte sich von jeher in diesem Hause befunden – konnte er sich nicht in der Hausnummer geirrt haben? Nein! Name, Hausnummer und Straße waren unauslöschlich in des Knaben Gedächtnis eingegraben. Halt! Es konnte ja ein Kunde sein, der seine Adresse auf der Bank hinterlassen hatte! Der Kommis, der diese Vermutung geäußert hatte, verschwand rasch, um nachzusehen, und Clarence wartete mit wild pochendem Herzen. Der Kommis kehrte zurück – der Name fand sich nicht in den Büchern und ein Jackson Brant war der ganzen Firma nicht bekannt. Einen Augenblick war es dem Knaben, als ob der Zahltisch, gegen den er sich lehnte, unter seiner Last schwanke, und er mußte sich mit beiden Händen festhalten, um nicht zu fallen. Es war nicht die Enttäuschung – so furchtbar sie auch war – es war nicht der Gedanke an die Zukunft, so trostlos sie auch vor ihm lag; es war auch nicht verletzter Stolz bei der Vorstellung, er könnte Herrn Peyton als Lügner erscheinen – und das war doch das Schrecklichste – sondern die urplötzliche, ihn zum Wahnsinn treibende Erkenntnis, daß er selbst getäuscht, betrogen, zum Narren gehalten worden war! Wie ein Blitz durchfuhr es ihn, daß jenes unbestimmte Gefühl, es sei ihm Unrecht gethan worden, das ihn nie ganz verlassen hatte, richtig war, daß der abscheuliche Plan, ihn loszuwerden, in diesem Betrug gipfelte, und daß seine Angehörigen ihn mit Vorbedacht und Absicht in die Irre geführt hatten, um sich seiner zu entledigen, wie man einen wertlosen Hund oder eine Katze von sich stößt! Vielleicht standen ihm diese jammervollen Gedanken auf der Stirn geschrieben, denn der Kommis sah ihn erschrocken an, bat ihn, sich ein wenig zu setzen, und verschwand abermals in den geheimnisvollen Innenräumen. Clarence hatte keine Idee, wie lange er ausblieb, ja, er bemerkte gar nichts als den Sturm in seinem Innern, und erst nachher fiel ihm ein, daß er sich gewundert hatte, weshalb der Kommis ihn durch eine Oeffnung im Zahltisch hatte eintreten lassen und ihn durch ein Zimmer mit vielen Pulten und dann wieder durch eine Glasthüre in einen kleineren Raum geführt hatte, wo ein übernatürlich beschäftigt aussehender Mann schreibend an einem Pult saß. Ohne aufzusehen, aber im Schreiben innehaltend, um einen Bogen Löschpapier auf das vor ihm liegende Blatt zu drücken, sagte der Herr: »Du bist an jemand gewiesen, der nicht aufzufinden ist? Thut nichts zur Sache« – Clarence hatte ihm Herrn Peytons Brief vorgelegt – »das kann ich jetzt nicht lesen. Vermutlich willst du nach Stockton zurückbefördert werden?« »Nein!« versetzte der Knabe, mühsam den Gebrauch der Sprache wiederfindend. »So? Ist deine Sache. Hast du Bekannte hier?« »Keine Seele – darum haben sie mich hergeschickt,« sagte Clarence, von Verzweiflung überwältigt, die um so größer war, als er fühlte, wie ihm die Thränen in den Augen standen. Diese Vermutung schien dem Mann einzuleuchten und ihn zu belustigen. »Ja, ja, es sieht ein wenig danach aus,« bemerkte er und lächelte seinen Brief grimmig an. »Hast du Geld?« »Ein wenig.« »Wieviel?« »Etwa zwanzig Dollars,« erwiderte Clarence zögernd. Der Mann zog mechanisch, ohne die Augen aufzuschlagen, ein kleines Schiebfach zu seiner Rechten auf und nahm zwei Zehndollarstücke in Gold heraus. »Mit zwanzig dazu kommst du weiter,« sagte er, die Goldstücke auf das Pult legend. »Damit hast du wenigstens die Möglichkeit, dich nach etwas umzusehen, und wenn es dir schlecht geht, so komm nur wieder hierher.« Er tauchte die Feder ein und bedeutete dem Knaben, daß er die Unterredung für abgeschlossen halte. Clarence schob das Geld zurück. »Ich bettle nicht,« sagte er trotzig. Dieses Mal drehte der Mann seinen Kopf und sah ihm scharf in die Augen. »Du bettelst nicht? Nun, sehe ich vielleicht aus wie ein Bettler?« »Nein,« stammelte Clarence unter dem Blick dieser hochmütigen Augen. »So, aber wenn ich in deiner Lage wäre, würde ich das Geld nehmen und froh daran sein.« »Wenn Sie mir erlauben, es Ihnen heimzuzahlen,« sagte Clarence, etwas beschämt und sehr erschrocken über den versteckten Vorwurf, den der Mann ihm gemacht hatte. »Das kannst du,« versetzte dieser und beugte sich wieder über seine Arbeit. Clarence ergriff das Geld und zog unbeholfen seine Börse heraus, die er seit dem Aufenthalt im Wirtshaus nicht mehr berührt hatte. Es fiel ihm auf, daß sie sehr schwer war: sie schien ganz voll zu sein, so voll, daß ihm beim Aufmachen mehrere Münzen herausfielen und auf den Boden rollten. Der Herr am Pult blickte rasch auf. »Du sagtest mir doch vorhin, du habest nur zwanzig Dollars?« bemerkte er unfreundlich. »Herr Peyton hat mir vierzig gegeben,« erwiderte Clarence bestürzt und dunkelrot werdend. »Zwanzig Dollars habe ich für Getränke unterwegs ausgegeben – und – und« – er begann zu stottern – »woher das übrige kommt, weiß ich nicht.« »Zwanzig Dollars hast du für Getränke ausgegeben?« fragte der Mann und legte sogar die Feder aus der Hand, um sich den Knaben näher anzusehen. »Ja – das heißt – ich habe einige von den Herren aus dem Postwagen an Davidsons Kreuzung freigehalten.« »Die ganze Reisegesellschaft?« »Nein, mein Herr, nur etwa vier oder fünf Herren – und den Wirt. Aber in Kalifornien ist ja alles so furchtbar teuer, das weiß ich wohl.« »Augenscheinlich. Doch hat das bei dir nicht viel zu sagen,« bemerkte der Mann mit einem Blick auf die gespickte Börse. »Sie haben meine Börse der Reihe nach ansehen wollen,« beeilte sich Clarence zu erzählen, »und dabei muß der Irrtum vorgefallen sein. Irgend einer hat aus Versehen sein Geld in meinen Beutel gesteckt.« »Versteht sich,« sagte der Bankier. »Ja, ja, so ist es wohl gewesen,« versicherte Clarence etwas erleichtert, aber noch immer beunruhigt durch den unablässig auf ihn gehefteten Blick des Unbekannten. »Unter diesen Umständen,« bemerkte jener gelassen, »wirst du mein Geld nicht mehr nötig haben.« »Aber,« versetzte Clarence schüchtern, » dieses Geld gehört ja nicht mir, und ich muß herausbringen, wem es gehört, und es zurückgeben. Vielleicht,« setzte er zaghaft hinzu, »kann ich es hier bei Ihnen lassen und den Eigentümer herschicken, wenn ich ihn finde.« Mit der größten Bedächtigkeit zählte er den Ueberschuß ab von dem, was ihm von Herrn Peytons Geschenk noch geblieben war, und die zwanzig Dollars des Bankiers legte er ebenfalls besonders. Das fremde Geld belief sich auf vierzig Dollars, die er auf das Pult vor den Bankier hinzählte. Dieser erhob sich, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und öffnete eine Thüre. »Herr Reed.« Der Kommis, der Clarence hereingeführt hatte, erschien. »Eröffnen Sie ein Conto für –« er hielt inne und sah sich fragend nach dem Knaben um. »Clarence Brant,« sagte dieser, vor Vergnügen errötend. »Für Clarence Brant. Nehmen Sie dieses Depot,« er deutete auf das Geld, »und stellen Sie eine Bescheinigung darüber aus.« Er hielt inne und sah sich, während der Kommis mit verwundertem Gesicht hinausging, den Knaben noch einmal an, sagte dann: »Aus dir kann noch etwas werden!« und begab sich dann wieder in sein Privatzimmer, dessen Thüre er hinter sich zuzog. Es war menschlich, daß der Knabe, der sich vor wenigen Augenblicken der Verzweiflung nahe und durch die schmerzlichen Enthüllungen über das Verfahren seiner Angehörigen aufs tiefste gedemütigt gefühlt hatte, jetzt plötzlich eine außerordentlich hohe Stufe von Unabhängigkeit und Männlichkeit erreicht zu haben glaubte! Er verließ das Bankhaus, worin er noch vor wenig Minuten als freundloser Knabe gestanden hatte, nicht als ein reich beschenkter Bettler – der gewichtige Mann hatte ja diese Anschauung ganz verworfen – sondern als ein richtiger Kunde, der ein Depot hinterlegt hatte; als ein Geschäftsmann gerade wie die erwachsenen Klienten, die sich im äußeren Comptoir drängten, und zwar unter den Augen jenes Kommis, der ihn so bemitleidet hatte! Und er, Clarence Brant, hatte die Ehre gehabt, mit einem Mann zu sprechen, dessen Name, wie er nun wußte, der nämliche war, der draußen auf dem kleinen Schildchen stand, und von dem seine Reisegefährten mit bewunderndem Neid als einem in ganz Kalifornien berühmten Bankier gesprochen hatten. War es nicht natürlich, daß dieser phantasievolle und hoffnungsreiche Knabe alles andre, sogar den Zweck seines Besuchs und den Umstand, daß er dieses Geld nicht als das seinige betrachtete, vergessend, sein Hütchen unternehmend schief auf die Stirn drückte und wohlgemut auf die Straße hinaustrat, die ihn der Zukunft entgegenführen sollte? Zwei Stunden später empfing der Bankier einen andern Besucher, der zufällig jener nämliche, einem Farmer ähnlich sehende Mann war, der Clarence im Postwagen kennen gelernt hatte. Er war offenbar hier eine bekannte und bevorzugte Persönlichkeit, denn »Kapitän Stevens« wurde sofort bei dem Chef des Hauses gemeldet und vorgelassen. Als die übliche geschäftliche Besprechung beendigt war, fragte der Kapitän in nachlässigem Ton: »Sind Briefe für mich da?« Der beschäftigte Bankier deutete nur mit dem Ende seines Federhalters nach dem Buchstaben S an einem Briefgestell mit alphabetisch geordneten Fächern. Nachdem der Kapitän seine Briefschaften an sich genommen und durchgesehen hatte, behielt er einen Brief nachdenklich in der Hand. »Sehen Sie mal, Carden, da sind Briefe an einen gewissen John Silsbee, sie waren schon hier, als ich das letzte Mal bei Ihnen vorsprach – vor zehn Wochen.« »Nun – und?« »Es ist der Name jenes Menschen aus dem Bergland, der in der Prairie von den Indianern geschlachtet worden ist; die Friscoer Zeitungen von gestern abend haben es haarklein erzählt – vielleicht ist dieser Brief an ihn. Poststempel ist keiner darauf – wer hat ihn denn abgegeben?« Herr Carden berief einen Kommis, und es stellte sich heraus, daß ein gewisser Brant Fanquier den Brief, der abgeholt werden sollte, hier hinterlassen hatte. Kapitän Stevens lächelte. »Brant hat zu viel zu thun gehabt mit Pharaospielen und wird's vergessen haben, und seit der bösen Geschichte mit dem Schuß in Angels hat es ihn, soviel ich höre, irgendwohin an die südliche Küste verschlagen. Cal Johnson, sein alter Spießgeselle, war heute mittag auch in der Postkutsche von Stockton.« »Sind Sie heute mittag mit der Post von Stockton gekommen?« fragte der Bankier aufblickend. »Ja, bis nach Ten-mile Station – von dort bin ich vollends hierher geritten.« »Ist Ihnen nicht zufällig ein kleines, altkluges Bürschchen aufgefallen – drei Käse hoch – etwas wie ein durchgegangener Schuljunge?« »Ob ich den gesehen habe! Ja wahrhaftig – hat mich ja mit Whisky traktiert!« Herr Carden sprang von seinem Stuhl auf. »Dann hat er also nicht gelogen!« »Nein! Wir haben ihm seine Freude nicht verderben wollen, und haben ihn dann hinterdrein in andrer Weise schadlos, gehalten. Hallo! Was ist denn los?« Aber Herr Carden stand schon draußen im äußeren Comptoir neben dem Kommis, der Clarence hereingeführt hatte. »Sie erinnern sich des Knaben Namens Brant, der vorhin hier gewesen ist?« »Gewiß, Herr Carden.« »Wohin ist er gegangen?« »Das weiß ich nicht, Herr Carden.« »Gehen Sie ihm nach und treiben Sie ihn irgendwie und -wo auf. Suchen Sie in allen Gasthäusern, Restaurants und Branntweinschenken in der Nähe – nehmen Sie noch jemand mit, falls Sie es nicht allein fertig bringen, aber schaffen Sie mir den Jungen her – rasch!« Es war nahe an Mitternacht, als der Kommis von seiner fruchtlosen Suche zurückkehrte. Im wilden Strudel der Dampfernacht schimmerten zahllose Lichter in Läden, Geschäftshäusern, Trinkstuben und Spielhöllen; die Straßen hallten wider von hastigen, lauten Fußtritten – alles jagte dem Glück, dem Ehrgeiz, Vergnügen oder Verbrechen nach, aber in diesem wogenden Getöse schien der leichtere, unschuldige Schritt des heimatlosen Knaben für immer verhallt zu sein. Achtes Kapitel Als Clarence abermals vor dem Bankhaus in der menschengefüllten Straße stand, schien es seiner kindischen Einsicht sonnenklar, daß nun, da er aufs Geratewohl und ohne irgend jemand für sein Thun und Lassen verantwortlich zu sein, in den Strom geschleudert war, durchaus kein Grund vorhanden sei, der ihn abhalten könnte, sich spornstreichs nach dem nächsten Goldlager auf den Weg zu machen! Die Möglichkeit, als ein verlassener und verleugneter Findling zu Herrn Peyton und Susy zurückzukehren, war ja ganz außer Frage. Er wollte sich also eine Art von Handwerkszeug anschaffen, wie er es bei den Goldgräbern gesehen hatte, und sich, sobald er zu Abend gegessen haben würde, auf den Weg machen. Allein so herrlich, als er sich's ausgemalt hatte, selbständig eine Mahlzeit in einem Restaurant zu bestellen, fiel dieser Versuch nicht aus, denn er war im ersten, wo er eintrat, durch seine Größe und seine Kleidung, die, wie er nun endlich selbst merkte, höchst abgeschmackt war, so vielen neugierigen Blicken ausgesetzt, daß er, eine Entschuldigung herstammelnd, gleich wieder hinausging und nicht mehr den Mut hatte, anderswo einzukehren. Ein paar Schritte von dem Wirtshaus entfernt fand er einen Bäckerladen, wo er sich mit Ingwerbrötchen und Limonade erfrischte; in einer daranstoßenden Delikatessenhandlung versah er sich mit etlichen Heringen, geräuchertem Fleisch und Biskuits, womit er seinen künftigen Rucksack zu beschweren gedachte. Darauf begann die Beschaffung seiner »Ausrüstung« und in einer Stunde hatte er – um nasenweise Fragen zu vermeiden, angeblich für einen Freund – eine Pfanne, eine wollene Decke, Schaufel und Axt erstanden. Er brachte seine Einkäufe in seinem unscheinbaren Hauptquartier bei dem Bäcker unter, während er ein Paar hoher Stiefel, die seine Seemannshosen zur Hälfte verbargen und ihn ganz unkenntlich machen sollten, gleich anzog. So unerfahren er auch war, merkte er doch, daß die Preise dieser Artikel ganz ungeheuerlich waren, und er fand, daß er nach Vollendung seiner Einkäufe von seinem ganzen Kapital kaum noch vier Dollars übrig hatte! Aber seinem jugendlichen Sinn schienen diese Ausrüstungsgegenstände weit mehr wert zu sein, als das Geld, das sie ihn gekostet hatten, und er genoß mit kindlichem Entzücken den ersten Vorschmack von der Zauberkraft des Goldes. Indessen trug das fieberhafte Treiben auf den gedrängt vollen Straßen seltsamerweise dazu bei, das Gefühl seiner eigenen Einsamkeit zu steigern, während die ausgelassene Roheit der hier vor sich gehenden Vergnügungen ihn mit Unbehagen erfüllte; was er im Vorübergehen in den Tanzsälen sah, wo bunt aufgeputzte Gestalten sich im Wirbel drehten, die nichts von Weiblichkeit an sich hatten, als die äußere Gestalt, das Johlen und Jauchzen, das ihm aus Konzerträumen entgegenscholl, die Gruppen von betrunkenem Gesindel, die vor den Thüren der öffentlichen Lokale herumstanden oder heiter die Straßen entlang schwankten, ihn mit den Ellbogen an die Mauern drückten, manchmal auch ihn humoristisch aufforderten, ihnen Gesellschaft zu leisten, flößten ihm Abscheu und Angst ein. Er hatte ja schon früher mit rohen Gesellen Bekanntschaft gemacht, aber sie waren dabei ernsthafte Arbeiter gewesen, die unter strenger Aufsicht standen, während diese gemeine Entartung von Geist und Körperkraft – zwei Dinge, die Clarence bisher blindlings verehrt hatte – ihn anwiderte und seine Illusionen zerstörte. Als er weitergehend auf einen Menschenknäuel stieß, einen Schuß fallen hörte und leidenschaftlich erregte Menschen an sich vorüberstürmen sah und dann eine hilflose, zusammengebrochene Gestalt gegen die Mauer lehnend gewahrte, bis sich der Kreis wieder dicht um diese schloß, so erweckte dieser Vorfall zwar eine furchtsame Neugierde in ihm, aber er erfüllte ihn nicht mit so hoffnungsloser Traurigkeit, wie die tierische Lustbarkeit und Ausgelassenheit. Einmal geschah es, daß er von einer dieser Banden gegen eine Thüre gedrängt wurde, die unter dem Druck nachgab, so daß sich vor seinen verwunderten Blicken ein langer, mit vergoldeten Stukkaturen geschmückter und glänzend beleuchteter Saal aufthat. Der festliche Raum war dicht gefüllt von einer schweigsamen gespannt dreinschauenden Menge, die so ganz in Anspruch genommen war von ihrer Beschäftigung, daß nicht einmal die lauten Rufe und das rohe Lachen unmittelbar vor der Thüre sie zu stören vermochten. Männer von verschiedenstem Rang und jeder Lebensstellung, einfach oder sehr elegant gekleidet, standen in Gruppen umher, und alle beherrschte dies verzauberte Schweigen und die nämliche Spannung. Die vor ihnen stehenden Tische waren mit Spielkarten und losen Haufen Goldes und Silbers bedeckt; ein Klirren, das Rollen einer Elfenbeinkugel und die häufige eintönige, lässige Wiederholung einiger dem Knaben unverständlichen Worte waren alles, was er hörte, aber er merkte doch gleich, daß er sich in einem Spielsaal befand! Ermutigt durch das feierliche Schweigen und den Umstand, daß die Anwesenden alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um auf ihn zu achten, schlich sich der Knabe schüchtern in die Nähe eines Tisches, der mit einer Anzahl Karten bedeckt war, worauf abgezählte Geldsummen lagen. Clarence sah näher hin und bemerkte, daß unmittelbar vor ihm eine Karte lag, auf der kein Geld war. Ein einzelner Spieler neben ihm blickte auf, sah Clarence fragend an und legte dann ein halbes Dutzend Goldstücke auf die noch unbesetzte Karte. Ganz vertieft in den Anblick des Saals und der Spieler bemerkte Clarence gar nicht, daß sein Nachbar ein-, zwei-, ja dreimal mit dieser nämlichen Karte gewann. Da es ihm aber auffiel, daß der Spieler ihm, während er seinen Gewinn einstrich, freundlich zulächelte, trat er in einiger Verlegenheit auf die andere Seite des Tisches, wo sich wieder eine kleine Lücke unter den Umstehenden aufthat. Zufällig lag auch dort eine unbesetzte Karte, und sofort schob der Herr, neben dem Clarence vorhin gestanden hatte, eine Summe Geldes quer über den Tisch, setzte auf die Karte und gewann. Nun begannen auch die übrigen Spieler den Knaben eigentümlich anzusehen, während die Zuschauer lächelten, und schon wollte er sich errötend und verlegen wegschleichen, als der glückliche Spieler ihn sachte am Aermel festhielt und ihm drei Goldstücke in die Hand drückte. »Das ist dein Anteil, mein Junge,« flüsterte er ihm ins Ohr. »Anteil – wovon?« stammelte Clarence verblüfft. »An dem Glück, das du mir gebracht hast,« sagte der Mann. Clarence erschrak ordentlich. »Soll ich – soll ich – damit spielen?« fragte er, den Sinn dieser Worte mißdeutend, mit einem Blick auf die umherliegenden Geldstücke. »Nein, nein!« versetzte der Mann hastig. »Laß das nur hübsch bleiben, Söhnchen, denn du würdest unfehlbar verlieren! Siehst du, Glück bringen kannst du nur andern, dir selbst nicht . Behalte also das Geld, Alterchen, und mach, daß du nach Hause kommst.« »Ich brauche das Geld nicht! Ich mag es nicht haben!« sagte Clarence, dem plötzlich die Erinnerung aufstieg an die eigentümlichen Schicksale, die seine Börse heute früh erlebt hatte, und der ein gewisses Mißtrauen gegen die Menschheit im allgemeinen zu empfinden begann. »Da!« Er trat wieder an den Tisch und legte die drei Goldstücke auf die nächste beste unbesetzte Karte. Im nächsten Augenblick hatte der Bankhalter das Geld eingeharkt, worüber Clarence eine gewisse Erleichterung empfand. »So – was habe ich dir gesagt?« sagte der Herr, der es ihm gegeben hatte, mit erschrockenem Blick und einer merkwürdig kraftlos klingenden Stimme. »Du siehst, es ist immer so. Und nun,« setzte er fast grob hinzu, »mach, daß du fort kommst, eh' du deine Stiefel und das Hemd vom Leibe verspielt hast.« Das ließ sich Clarence nicht zweimal sagen. Nur noch einen Blick ließ er über den Saal hingleiten, dann suchte er sich einen Weg nach dem Ausgang zu bahnen; aber plötzlich stutzte er, denn in diesem Rundblick hatte er eine Frau zu Gesicht bekommen, die, an einem Glücksrad waltend, in einer Ecke saß und ihm merkwürdig bekannt vorkam. Trotz eines seltsamen Kopfputzes, einer Art von Krone, die sie als Glücksgöttin kennzeichnete, bemerkte er eine ihm wohlbekannte Weinranke, die in das Flitterwerk mit eingeflochten war, und trotz des heiseren Tones, womit sie unaufhörlich den nämlichen Spruch wiederholte, erkannte er auch ihre fremdländische Betonung – es war die Frau aus der Postkutsche! In der Angst, daß auch sie ihn wieder erkennen und gleichfalls seine Dienste als Glücksbringer in Anspruch nehmen könnte, machte er kehrt und lief davon. Sobald er wieder in der frischen Luft war, überkam ihn eine Art Ekel und ein Grauen vor der rastlosen Tollheit und fieberhaften Vergnügungssucht dieser halbzivilisierten Stadt, und diese Empfindung war um so mächtiger, als sie ihm selbst unklar und nur eine Regung unbewußten Instinkts war. Er merkte, daß ihm reinere Luft, die mitfühlende Einsamkeit der Prairie not that; er begann sich nach der Gesellschaft seiner bescheidenen Genossen, der Fuhrleute, des Kundschafters Gildersleeve und sogar nach Jim Hooker zu sehnen, vor allem aber empfand er ein brennendes Verlangen, diesen überfüllten Straßen mit ihrem beängstigenden Treiben zu entkommen. Eilig begab er sich in seinen Bäckerladen, raffte seine Habseligkeiten zusammen, lud sich das Bündel im Schutz eines stilleren Thorwegs auf die jungen Schultern, schlich sich in eine Seitenstraße und sputete sich, der Stadt den Rücken zu kehren. Es war erst seine Absicht gewesen, bis zum nächsten Minendistrikt die Post zu benützen, aber angesichts der Verminderung, die sein kleines Kapital schon erfahren hatte, versagte er sich diesen Luxus und beschloß, sein Ziel zu Fuß auf der Landstraße zu erreichen, über deren Richtung er einige Erkundigungen eingezogen hatte. In einer halben Stunde waren die Lichter der eben gelegenen unruhigen Stadt und ihr Wiederschein in dem seichten, trüben Fluß hinter ihm verschwunden; die Luft war weich und kühl; ein gelblicher Mond schwamm in dem leichten Dunst, der aus den Binsen aufstieg, und in der Ferne bezeichneten ein paar Sumpfplatanen und zerstreute Silberpappeln wie Schildwachen den Weg, den er zu gehen hatte. Nachdem er noch eine Weile lang tüchtig marschiert war, setzte er sich unter einen dieser Bäume und hielt mit seinen trockenen Vorräten eine bescheidene Abendmahlzeit; da aber weit und breit keine Quelle war, sah er sich genötigt, seinen Durst in einer am Wege liegenden Kneipe mit einem Glas Wasser zu löschen. Man bot ihm dort gutmütig auch ein stärkeres Getränke an, doch er lehnte es ab und erwiderte auf ein paar neugieriege Fragen, daß er vorausgegangen sei und von den Wagen seiner Gesellschaft in einiger Zeit eingeholt zu werden hoffe. Abermals hatte das Mißtrauen gegen die Menschen den Knaben zu einer unschuldigen Lüge verleitet, die um so leichter täuschte, als sein heiteres, sorgloses Auftreten, entsprungen aus der Erleichterung, die er seit dem Verlassen der Stadt und dem tiefen Behagen, das er in der zärtlichen Umgebung der Natur und Nacht empfand, keinen ahnen ließ, wie heimatlos und arm er war. Längst war es Mitternacht vorüber, als er sich, körperlich ermüdet, aber hoffnungsfreudig und glücklich im Herzen, von der staubigen Landstraße abwandte und mit dem nämlichen Sicherheitsgefühl, wie andre Reisende ihr Gasthaus betraten, in ein weites, mit hohem gelben Steppengras bestandenes Feld eindrang. Die fast mannshohen Halme verbargen ihn völlig vor fremden Blicken, und er brauchte nur eine kleine Bresche in das dichte stachlige Gras zu hauen, um eine prächtige Lagerstätte zu haben. Dann legte er seinen Teppich auf den Boden, wickelte sich behaglich hinein, nahm das Bündel als Kissen unter den Kopf und schlief sofort ein. Bei Sonnenaufgang erwachte er erfrischt, gekräftigt und hungrig, allein er mußte sein erstes, selbstbereitetes Frühstück aufschieben, bis er Wasser und eine minder gefährliche Stelle zum Feuermachen, als das Steppengras, gefunden hatte. Eine Meile weiter fand sich beides im Schatten einiger verkrüppelten Weiden an einem halbvertrockneten Bach. Von seinen ersten Kochversuchen fiel das Feuermachen am glänzendsten aus, während der Kaffee ein wenig zu dick und breiartig ward, und Speck und Häring dadurch, daß sie in demselben Gefäß zubereitet wurden, an selbständigem Geschmack einbüßten. Bei dieser Mahlzeit vermißte er Susy recht schmerzlich, und mit einiger Bitterkeit dachte er an ihre Kühle beim Abschied, aber die Neuheit seiner Lage, der helle Sonnenschein, das Gefühl der Freiheit und das erwachende Leben auf der viel befahrenen staubigen Landstraße verdrängten bald alle Gedanken, die nicht Zukunftsträume waren. Er schnürte sein Bündel wieder zusammen und schritt fröhlich aus. Gegen Mittag überholte ihn ein Fuhrmann, der ihn für ein Streichholz zum Anzünden seiner Pfeife ein paar Stunden aufsitzen ließ. Clarence mußte leider wieder eine erdichtete Geschichte vorgebracht haben, denn der wackere Mann verließ ihn mit dem tiefsten Mitleiden und sprach die Hoffnung aus, daß der Wagen seiner Freunde nicht mehr lange auf sich warten lassen möge. »Und dann wirst du kein solches Schaf mehr sein, ihnen ihren Krimskrams zu schleppen – hol' der Henker das Zeug!« setzte er harmlos mit einem Blick auf Clarences Goldgräberausrüstung hinzu. Da dem Knaben durch diese Fahrt der mühseligste Teil seiner heutigen Tagereise – die letzten sechs Meilen war es immer bergauf gegangen – erspart worden war, konnte er noch eine beträchtliche Strecke zurücklegen, ehe er sich zu seinem Abendessen niederließ, wobei er abermals Glück hatte. Ein Holzfuhrmann, der mit leerem Wagen zurückfuhr, tränkte seine Pferde an der nämlichen Quelle und bot Clarence an, ihm sein Handwerkszeug für einen Dollar nach der Buckeye-Mühle zu befördern, wobei er ihm eine Schütte Stroh auf dem Boden des Wagens als Nachtlager und Passagierplatz drein gab. Der Knabe, dem seines vorigen Gönners Rat, sich nicht selbst mit dem »Zeug abzuschleppen«, eingeleuchtet hatte, ging mit Freuden auf das Anerbieten ein. »Wirst wohl das Geld, das dir deine Leute für die Postkutsche gegeben haben, in Sacramento verplempert haben? Ach was, nur nicht lügen, Bürschchen!« setzte der Mann rasch hinzu, als der neuerdings so abgefeimte Clarence diplomatisch lächelte. »Kenne den Rummel!« Glücklicherweise gelang es dem Knaben, durch die Versicherung, daß er müde und schläfrig sei, weitere verfängliche Fragen abzuschneiden, und bald darauf lag er auch wirklich in festem Schlaf auf dem Boden des Wagens. Er erwachte rechtzeitig, um zu entdecken, daß er schon in den Bergen war. Die Buckeye-Mühle war eine eben aufkeimende Niederlassung, und Clarence entzog sich vorsichtigerweise der unangenehmen Fragelust seines Freundes, indem er, ehe sie dort einfuhren, mitsamt seiner Habe hinten vom Wagen sprang und ihm von einem Kreuzweg aus, der in den Wald führte, ein Lebewohl zurief. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß er zum nächsten Goldgräberlager noch fünf Meilen zu gehen hatte, und die Richtung war nicht zu verfehlen, da sie durch lange hölzerne Wasserrinnen, eine primitive Wasserleitung, die am Abhang des gegenüberliegenden Berges abwechselnd verschwand und wieder zum Vorschein kam, angezeigt war. Die kühlere, trocknere Luft, der wohlthätige Schatten von Fichten und Lorbeeren und die würzigen Düfte, die ihn hier umfingen, stimmten ihn heiter, ja sogar übermütig. Dann und wann führte ihn die Fußspur, der er folgte, in tiefes Waldesdickicht, wo sein Tritt die Vögel aufscheuchte, daß sie wie Pfeile in ihre Schlupfwinkel schwirrten, ein andres Mal beugte er sich fast atemlos über eine jener unermeßlich tiefen Schluchten, wie diese Gebirge sie zeigen, wo viele tausend Fuß unter ihm die nämlichen Wälder sich zu wiederholen schienen. Gegen Mittag gelangte er auf eine rauhe kleine Straße, die offenbar der richtige Zugang zu dieser Oertlichkeit war, und hier sah er zu seiner Ueberraschung, daß die Erde sowohl auf dem Wege, als an den Rainen, wo sie aufgewühlt war, eine dunkelrote Färbung zeigte. Ueberall, wo sie an den Wegseiten die Wurzeln und Höhlungen der Bäume mit ihrem groben Staub bedeckte, an den kleinen Pyramiden von aufgeschichtetem Schmutz auf der Straße oder in den klaren, wie gemalt aussehenden kleinen Wassertümpeln, die ein zur Regenzeit quer über die Straße rieselnder Strom zurückgelassen hatte und die wie kleine Farbnäpfchen aussahen, überall leuchtete die nämliche tiefe Blutfarbe. Da und dort trat sie noch leuchtender hervor, weil sie im Gegensatz stand zu den weißen Quarzzähnchen, die am Straßenrain zu Tag traten oder in zerbröckelten Schichten am Weg lagen. Clarence hob einen dieser Brocken auf, und das Herz pochte ihm wild, als er seinen Fund untersuchte – das Gestein war mit Adern von leuchtendem Glimmer durchzogen, und dazwischen glitzerten winzige Metallflitter, die wie Gold aussahen! Die Straße senkte sich nun zu einem vielfach gewundenen Fluß hinab, der durch Gräben und Wasserabzüge eingeschrumpft, zwischen seinen weißen Sandbänken hell im Sonnenschein schimmerte und sich in glitzernde Kanälchen und kleine Wasserflächen verzweigte. Seinen beiden Ufern entlang und sogar an trockenen Stellen des Flußbetts selbst waren etliche zerstreute Lehmhütten errichtet, seltsames hölzernes Schleusen- und Rinnenwerk war vielfach zu erblicken, und dann und wann sah man durch das Blätterdickicht weiße leinene Zelte schimmern. Baumstümpfe und rauchgeschwärzte, offenbar kürzlich benützte Feuerstellen bezeichneten zu beiden Seiten den Lauf des Flusses. Bei diesem Anblick überkam Clarence eine große Ernüchterung – das sah nicht nur roh und häßlich aus, nein, was viel schlimmer war, es war ein Bild, das er schon hundertmal gesehen hatte! Das Goldgräberlager unterschied sich in nichts von den wenig anmutenden Umgebungen eines Dutzend Ansiedlungen, wie er sie an minder romantischer Oertlichkeit gesehen hatte, und die drei oder vier halbnackten, schlotterigen, bärtigen Männer, die wie Lumpensammler in dem schmutzigroten Wasser herumwühlten, das aus einer hölzernen Rinne herabfiel, erweckte keineswegs die Vorstellung, daß sie sich mit dem König der Metalle beschäftigten. Clarence war so versunken in den ihm sich darbietenden Anblick und war in den letzten Minuten so rasch gegangen, daß er ganz verblüfft war, bei einer scharfen Biegung des Wegs plötzlich vor einer etwas abseits gelegenen Wohnstätte zu stehen. Es war dies ein schwer zu beschreibendes Bauwerk, halb aus Zelttuch, halb aus Brettern. Die offen stehende Thüre gewährte freien Einblick ins Innere, dessen Wände mit Gestellen versehen waren; in der Mitte stand ein Ladentisch, worauf allerlei Waren, Lebensmittel, Spezereien, Kleidungsstücke, Nägel und Handwerkszeug ohne jeden Versuch einer Schaustellung oder Anordnung nach Gattungen aufgehäuft lagen, und auf einem kleineren Tisch standen eine Korbflasche und drei oder vier schmierige Gläser. Zwei zerlumpt gekleidete Männer, in deren Gesichtern nur Augen und Lippen zu unterscheiden waren, während alles andre unter den wilden Bärten und Haaren verschwand, lehnten, mit großen Schlapphüten auf dem Kopf, rauchend an den Thürpfosten. Clarence, der in seinem raschen Lauf bergab beinahe mit ihnen zusammengeprallt wäre, hielt hastig inne. »Nun, nun, Söhnchen, umzurennen brauchst du die Bude just nicht,« bemerkte der eine, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen. »Wenn du deine Mama suchst, die ist mit Tante Hanna gerade zu Pfarrer Doolittle zum Thee gegangen,« sagte der andre träge. »Hat sich gedacht, du werdest warten können.« »Ich – ich – will in die Goldminen,« erklärte Clarence mit einiger Befangenheit. »Dies ist wohl der rechte Weg?« Die beiden Männer setzten ihre Pfeifen ab, sahen einander an, wischten jede Spur von Ausdruck von ihren Gesichtern, indem sie sich mit dem Rücken der Hand über ihre Augen fuhren, wandten dann gleichzeitig die Köpfe nach dem Innenraum und sagten: »Wollt ihr jetzt wohl hergehen?« Diese Beschwörungsformel lockte ein halbes Dutzend ebenso bärtige und ebenso die Pfeifen im Munde haltender Männer aus dem Hintergrund der Hütte. Sie stolperten vorwärts, traten heraus und kauerten sich, den Rücken an das Haus gelehnt, nebeneinander auf einige Bretter nieder und sahen sich den Jungen bedächtig und unbefangen an, was ihm nicht sehr angenehm vorkam. »Hundert Dollars,« erklärte einer, seine Pfeife aus dem Mund nehmend und Clarence grimmig anschielend, »hundert Dollars gebe ich für den Burschen, wie er geht und steht.« »Und weil er so ein funkelnagelneues Handwerkszeug hat,« erklärte ein andrer, »so zahle ich hundertundfünfzig Dollars für ihn – und das Getränk. So etwas derart hätte ich schon lange haben sollen,« setzte er, seine Großmut beschönigend, hinzu. »Nun, meine Herren,« begann jetzt derjenige, der zuerst mit dem Knaben gesprochen hatte, »wenn wir das Bürschchen bei Licht besehen, sozusagen, den Kerl in Bausch und Bogen nehmen und dabei bedenken, wie frisch er aussieht, wie keck und unverfroren er ist – wie viel Verschmitztheit und Umsicht er gezeigt hat, indem er geradeswegs hierher kam, und daß er damit bewiesen hat, daß er sich den Henker um der Leute Urteil schert, so meine ich, er wäre unter Brüdern wohl seine zweihundert Dollars wert – der Handel gilt.« Clarences frühere Erfahrungen über die Natur der rohen, trockenen kalifornischen Spässe waren nicht dazu angethan, sein Vertrauen wieder herzustellen; er zog sich also möglichst weit von der Hütte zurück und wiederholte nur trotzig: »Ich habe Sie einfach gefragt, ob dies der Weg, nach den Minen sei.« »Das sind die Minen, und diese Herren sind Goldgräber,« versetzte der erste Sprecher ernsthaft. »Gestatten Sie mir, daß ich sie Ihnen vorstelle: Dieser da ist Shasta Jim, der dort Shortcard Billy, dieser Nasty Bob und der Slumgullion Dick; jener Herr ist der Herzog von Chatham Street, dieser das lebende Skelett und dazu noch meine Wenigkeit!« »Dürfen wir nun auch fragen, mein schöner junger Herr,« sagte das »Lebende Skelett«, das sich aber einer blühenden Gesundheit zu erfreuen schien, »von wannen Sie auf Flügeln der Morgenröte hergeschwebt sind und wessen Marmorhallen Ihr Verschwinden in Jammer versetzt?« »Ich bin über die Prairie gekommen, und Herr Peyton hat mich vor zwei Tagen mit seinem Zug nach Stockton gebracht,« erwiderte Clarence entrüstet, aber wahrheitsgemäß, denn er sah keinen Grund, hier irgend etwas zu verhehlen. »In Sacramento sollte ich meinen Vetter aufsuchen, der wohnt aber gar nicht mehr dort. Was dabei Komisches sein soll, weiß ich nicht! Ich bin in die Minen gekommen, um Gold zu graben, – weil – weil Herr Silsbee, der mich hätte nach Kalifornien bringen sollen und vielleicht auch meinen Vetter gesucht haben würde, von den Indianern umgebracht worden ist.« »Halt einmal, Söhnchen, mit dem weiteren kann ich dir aushelfen,« rief der erste Sprecher und stand dabei auf. »Du bist nicht von den Indianern umgebracht worden, weil du ein paar Stunden vorher mit Silsbees kleinem Mädel aus dem Zug verloren gegangen bist. Peyton hat euch aufgelesen, wie du auf den Balg acht gabst, und zwei Tage darauf seid ihr auf Silsbees zertrümmerte Wagen gestoßen und habt seine ganze Bande geschlachtet gefunden.« »Ja wohl, mein Herr,« stammelte Clarence, dem die Ueberraschung ordentlich den Atem benommen hatte. »Und,« fuhr der Mann fort, indem er ernsthaft seine Hand an die Stirne drückte, als ob er damit seinem Gedächtnis nachhelfen konnte, »als du mit dem kleinen Kind mutterseelenallein in der Prairie warst, sahst du eine von den Rothäuten – sie kam dir so nahe, wie ich jetzt bin – die nach dem Zug ausspähte, und du hast dich nicht gerührt und kein Lebenszeichen von dir gegeben.« »Ja, ja, so war es,« versicherte Clarence eifrig. »Und Peyton hat auf dich geschossen, weil er dich in dem Heidekraut für einen Indianer hielt? Und einmal hast du ganz allein einen Büffel erlegt, der mit dir in eine Wasserrinne eingeklemmt war?« »Ja wohl,« sagte Clarence dunkelrot vor Ueberraschung und Vergnügen. »Sie kennen mich also?« »Allerdings,« erwiderte der Mann, ernsthaft seinen Bart mit den Fingern zerteilend. »Denn siehst du, du bist schon einmal hier gewesen.« »Ich! Schon einmal hier?« wiederholte Clarence bestürzt. »Freilich, gestern abend. Du warst damals allerdings größer und trugst dein Haar lang und nicht kurz geschnitten, hast auch ein gut Teil mehr geflucht als heute. Beim Schnaps hast du deinen Mann gestellt und hast fünfzig Dollars entlehnt, um bis nach Sacramento zu kommen – das Geld wirst du vermutlich jetzt nicht gerade bei dir haben, oder?« Clarence wirbelte der Kopf vor Verwirrung und hoffnungslosem Entsetzen – war er wahnsinnig geworden, oder hatten diese grausamen Menschen von seinem treulosen Freund erfahren und war das auch ein Teil der gegen ihn geschmiedeten Verschwörung? Mit zitternden Knieen that er einen Schritt vorwärts, aber die Männer waren aufgestanden und bildeten rasch einen Kreis um ihn her, wie um ihn am Entkommen zu hindern. Hilflos und in wilder Verzweiflung stieß er die Frage heraus: »Wie heißt denn dieser Ort?« »Die Leute nennen's den Toten Schlund.« Den Toten Schlund! Nun ging dem armen verwirrten Knaben ein Licht auf! Den Toten Schlund! War es möglich, daß Jim Hooker seinen Fluchtplan schon ausgeführt und seinen, Clarences, Namen angenommen hatte? Mit flehendem, fragendem Blick wandte er sich wieder an den ersten Sprecher. »War er denn nicht älter als ich und größer? Hat er nicht ein glattes, rundes Gesicht gehabt und kleine Augen? War seine Stimme nicht heiser? Hat er nicht –« das Wort blieb ihm im Halse stecken. »O ja freilich, er war nicht die Spur wie du,« versetzte der Mann überlegend. »Das ist ja eben das Verfluchte an der Geschichte! Ihr seid uns zu viele und gar zu verschiedenartig für dieses Lager.« »Ich weiß nicht, wer vor mir hier gewesen ist, und weiß nicht, was sie gesagt haben,« erwiderte Clarence außer sich, aber trotz seiner verzweifelten Lage mit jener eigensinnigen Treue an der Rücksicht gegen seinen einstigen Spielgefährten festhaltend, die nun einmal in seiner Natur lag. »Ich weiß es nicht, und es ist mir auch ganz einerlei! Ich bin Clarence Brant aus Kentucky; mit Silsbees Zug bin ich von St. Jo abgereist und jetzt gehe ich in die Minen, und ihr sollt mich nicht daran hindern!« Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, war sichtlich überrascht, faßte Clarence scharf ins Auge und wandte sich dann zu den übrigen. Das sogenannte lebende Skelett pflanzte seine stattliche Leibesmasse breitspurig unmittelbar vor dem Knaben auf und bemerkte, ihn fest anstarrend, nachdenklich: »Der Teufel soll mich holen, wenn er dem Aussehen nach nicht Brants Balg sein könnte.« »Bist du mit dem Oberst Hamilton Brant in Louisville verwandt?« fragte der erste Sprecher. Wieder jene alte Frage! Der arme Clarence zögerte verzagenden Herzens mit der Antwort – sollte er denn abermals ein Verhör zu bestehen haben wie bei Herrn Peyton? »Ja,« sagte er trotzig, »aber er ist tot. Das wissen Sie.« »Tot – natürlich.« – »Sicherlich.« – »Er ist tot.« – »Der Oberst hat sich verkrochen,« so lautete es im Chor. »Nun wohl – ja,« sagte das »lebende Skelett« überlegend, wie einer der aus Erfahrung spricht. »Ham Brant ist jetzt wohl geradeso ein Knochenmann wie sie's haben wollen.« »Meiner Seel'! Er ist der moderigste, toteste Leichnam, den man herausscharren kann,« pflichtete ihm Slumgullion Dick kopfnickend bei. »Thatsächlich mausetot und der letzte Leichnam, dem ich die Ruhe stören möchte.« »Des Obersten Händedruck würde kalt und feucht sein,« schloß der Herzog von Chatham Street, der bisher den Mund nicht aufgethan hatte, »zweifle nicht daran, aber was hat deine Frau Mama dazu gesagt? Will sie wieder heiraten? Hat die dich hierhergeschickt?« Es kam Clarence vor, als ob der Herzog von Chatham Street bei diesen Worten einen Rippenstoß von seinen Gefährten erhalten hätte, aber der Knabe wiederholte nur trotzig: »Ich bin nach Sacramento geschickt worden, um meinen Vetter Jackson Brant aufzusuchen, aber er war nicht dort.« »Jackson Brant!« wiederholte der erste Sprecher und warf seinen Genossen einen raschen Blick zu. »Hat dir deine Mutter gesagt, er sei ein Vetter von dir?« »Ja,« versetzte Clarence verdrossen. »Adieu.« »Hallo, Söhnchen, wohin?« »Zum Goldgraben,« sagte der Junge. »Und ihr wißt wohl, daß ihr mich nicht daran hindern könnt, solange ich nicht auf euer Gebiet komme – ich weiß, wie das Gesetz lautet.« Er hatte allerdings diese Frage von Herrn Peyton in Stockton erörtern gehört und hatte nun den Eindruck, daß die Männer, die untereinander flüsterten, ihn jetzt freundlicher ansähen und ihn nicht länger foppen wollten. Der erste Sprecher legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Schon gut, mein Sohn, ich will dir zeigen, wo du Gold graben kannst.« »Wer sind Sie?« fragte Clarence. »Sie haben nur gesagt ›und das ist meine Wenigkeit‹.« »Nun, du kannst mich Flynn nennen – Tom Flynn.« »Und Sie werden mir zeigen, wo ich graben kann – ich selbst?« »Ja, das will ich.« »Wissen Sie auch,« fuhr Clarence schüchtern, aber doch mit einem etwas selbstbewußten Lächeln fort, »daß ich – daß ich auf eine Art Glück bringe?« Der Mann sah ihn an und versetzte ernsthaft, aber wie Clarence bemerkte, mit ganz anderm Ernst als bisher: »Ja, das glaube ich dir.« »Ja wohl,« fuhr Clarence im Weitergehen eifrig fort. »Ich habe neulich einem Herrn in Sacramento Glück gebracht.« Nun erzählte er des langen und des breiten seine Erfahrungen am Spieltisch, und da die Schleusen seiner kindischen Seele einmal durch einen geheimnisvollen Zug des Herzens erschlossen waren, genügte ihm das nicht, sondern er schilderte auch seine gastfreundliche Heldenthat in der Schenke an der Poststraße, erzählte von der Entdeckung seiner Fortunatusborse und von seinem Depot auf der Bank. Ob die eigenartige altväterische Verschlossenheit, die sowohl im schlimmen als im guten Sinn einen so bedeutenden Einfluß auf seine Zukunft ausüben sollte, plötzlich von ihm gewichen war, oder ob eine absonderliche Vorliebe für seinen Gefährten ihn so mitteilsam stimmte, wußte er selbst nicht, aber ehe das ungleiche Paar den Hügel erreicht hatte, wußte Flynn des Knaben ganze Geschichte bis aufs kleinste. Nur in einem Punkt war er auch jetzt noch zurückhaltend – so klar er sich innerlich über Jim Hookers Verräterei war, gab er sich doch das Ansehen, das Ganze für den schlechten Witz eines Kameraden zu halten. In der Mitte eines anscheinend fruchtbaren Hügelabhangs machten sie schließlich Halt. Clarence nahm seine Schaufel vom Rücken, löste die Pfanne aus dem Bündel und sah Flynn erwartungsvoll an. »Grabe hier an irgend einem Fleck, wo du gerade Lust hast,« belehrte ihn dieser ohne alle Wichtigthuerei, »und du kannst dich darauf verlassen, daß du die ›Farbe‹ findest. Fülle deine Pfanne mit Erde, geh an die Rinne dort und laß das Wasser von oben her darüber laufen – dabei schüttelst du sie so,« setzte er hinzu, indem er zu weiterer Verdeutlichung die Pfanne im Kreis schwenkte. »So machst du fort, bis all der Schmutz weggewaschen ist und nur der schwarze Sand am Boden sitzt. Nachher schüttelst und spülst du den geradeso, bis du die ›Farbe‹ siehst. Hab' keine Angst, du könntest das Gold mit hinausspülen, das brächtest du gar nicht fertig und wenn du es darauf abgesehen hattest. So, jetzt laß' ich dich da, und du wartest, bis ich wiederkomme.« Mit einem ernsthaften Kopfnicken und einer Art von Lächeln, das freilich nur in dem einzig unbehaarten Teil seines Gesichts, den Augen, zu erkennen war, schritt der Goldgräber rasch davon. Clarence verlor keine Zeit. An einer Stelle, wo das Gras weniger dicht stand, hob er ein paar Stücke Rasen aus und lockerte einige Schaufeln voll roter Erde. Als er die Pfanne damit gefüllt hatte, hob er sie auf seine Schulter und verwunderte sich höchlich über ihr Gewicht, das, wie er freilich nicht wissen konnte, von dem Eisengehalt herrührte, der auch den Farbstoff dieser Erdart bildete. Etwas mühsam erreichte er mit seiner Last die ihm bezeichnete Wasserrinne, die aus einem hölzernen Rohr am Fuße des Hügels hervorzukommen schien, und begann Flynns Vorschriften gewissenhaft auszuführen. Beim ersten Eintauchen der Pfanne in das laufende Wasser wurde die Hälfte ihres Inhalts weggeschwemmt und floß als heller, farbeartiger Schlamm davon. Einen Augenblick überließ er sich einer kindlichen Genugthuung im Anblick dieser schmierigen Flüssigkeit, in die er seine Finger mit Wohlgefallen tauchte; nach einigen Minuten weiterer Ueberrieselung gelangte er dann zu dem Satz von darunterliegendem schwarzen Sand. Noch einmal tauchte er die Pfanne ein und schwang sie kräftig, und siehe da! – kaum konnte er seinen Augen trauen – ein paar winzige gelbe Metallflitter, kaum größer als Stecknadelköpfe, glitzerten aus dem Sand hervor. Er goß diesen aus, und jetzt erwies sich die Beschreibung seines Begleiters als richtig, der leichtere Sand ließ sich mit dem Wasser von einer Seite zur anderen schwenken, aber die blinkenden Pünktchen blieben vermöge ihres spezifischen Gewichts an den glatten Boden des Gefäßes angeheftet. Es war die »Farbe« – es war Gold! Es war Clarence, als ob mit seinem Herzen eine körperliche Veränderung vor sich ginge. Ein Traumbild von Reichtum, Unabhängigkeit, Macht tauchte vor seinen geblendeten Blicken auf und – da legte sich sachte eine Hand auf seine Schultern, und er schreckte zusammen. In seinem Feuereifer und seiner Aufregung hatte er den Hufschlag überhört und sah nun zu seinem Erstaunen, daß Flynn hoch zu Roß neben ihm hielt und ein zweites Pferd am Zügel führte. »Du kannst reiten?« sagte er ohne Umschweife. »Ja,« stotterte Clarence, »aber –« »Aber – in zwei Stunden müssen wir in der Buckeye-Mühle sein, sonst verfehlen wir den Postwagen nach unten. Laß das Zeug liegen, sitz auf und komm mit mir!« »Aber – ich habe ja gerade Gold gefunden,« entgegnete der Junge aufgeregt. »Und ich – deinen Vetter. Komm!« Er gab seinem Gaul die Sporen, daß er über Clarences Geräte setzte, streckte den Arm nach dem Jungen aus, hob ihn fast ohne sein Zuthun in den Sattel und versetzte den Tieren mit dem Lasso einen kräftigen Hieb in die Flanken. Im nächsten Augenblick jagten die beiden Reiter in rasendem Galopp davon. Neuntes Kapitel Clarence, der sich mit einem jähen Ruck von all seinen Zukunftsplänen losgerissen fühlte, auf den der Mann an seiner Seite aber einen so beherrschenden Einfluß ausübte, daß er nicht gewagt hätte, Einsprache zu erheben, schwieg, bis er einige Minuten später, als das Ansteigen der Straße sie zwang, ihr rasendes Tempo zu mäßigen, wieder zu Atem und einigem Mut kam. »Wo ist mein Vetter?« fragte er. »In der südlichen Provinz – zweihundert Meilen von hier.« »Gehen wir zu ihm?« »Ja.« Wieder galoppierten sie mit Windeseile dahin, und es dauerte fast eine halbe Stunde, bis es abermals bergauf ging. Es fiel Clarence auf, daß Flynn von Zeit zu Zeit unter seinem Schlapphut neugierig und prüfend nach ihm herüberschielte, was ihn wohl ein wenig befangen machte, aber doch kein Mißtrauen in ihm hervorrief gegen den Mann, der es ihm so merkwürdigerweise angethan hatte. »Du hast deinen – Vetter wohl nie gesehen?« fragte er. »Nein,« versetzte Clarence, »und er mich auch nicht. Ich glaube auch nicht, daß er viel von mir weiß.« »Wie alt magst du wohl sein, Clarence?« »Zwölf Jahre.« »Nun, für so einen Grünschnabel bist du ganz tapfer« – Clarence war ordentlich bestürzt, Herrn Peytons erstes Urteil über ihn so wiederholt zu hören – »und ich denke, man kann dir schon etwas anvertrauen! Du wirst wohl nicht Angst kriegen oder den Kopf verlieren, oder die Flügel hängen lassen, schätz' ich, denn die Hasenfüße sind bei euch nicht daheim! Nun, und wenn ich dir sage, daß dieser – dieser – Vetter von dir der größte ungehenkte Schlingel unter Gottes Sonne ist – daß es noch nicht lang her ist, daß er einen tot geschlagen hat und sich deshalb aus dem Staub machen mußte, aus welchem Grund er sich in Sacramento nicht hat sehen lassen! Nun – und wenn ich dir das sagte, was dann?« Clarence fühlte, daß darin irgend eine Uebertreibung war, und sagte, seine ehrlichen, offenen Augen voll Ernst und Wahrhaftigkeit auf den Sprecher richtend: »Ich würde denken, daß Sie ein bißchen wie Jim Hooker reden!« Sein Begleiter war überrascht, hielt sein Pferd an und brach in ein lautes, wildes Gelächter aus, galoppierte dann rasch voran, schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf, klatschte sich auf die Beine und erschütterte die schweigenden Wälder mit den geräuschvollen Ausbrüchen seiner stürmischen Heiterkeit. Dann war es, als ob er plötzlich in Nachdenken versänke; er ritt schweigend seines Weges und sprach nur, wenn er Clarence zu größerer Eile antrieb oder des Knaben Pferd durch einen Hieb in die Weichen zu stärkeren Leistungen anspornte. Zum Glück war der Junge ein trefflicher Reiter, eine Eigenschaft, die Flynn voll zu würdigen und hoch zu schätzen schien, sonst wäre er ein Dutzend Mal aus dem Sattel geflogen. Endlich kamen die zerstreuten Hütten von der Buckeye-Mühle in purpurnem Abendlicht auf dem gegenüberliegenden Hügel in Sicht, und Flynn brach das Schweigen, indem er sein Pferd dicht an das des Knaben drängte und ihm die Hand auf die Schulter legte. »Höre mal, mein Junge,« sagte er, sich Thränen aus dem Auge reibend, die von dem Lachen herrührten, »ich habe dich zum besten gehabt – wollte sehen, ob du Grütze im Kopf hast! Dieser Vetter von dir, zu dem ich dich bringe, ist so friedlich und sanftmütig und altväterisch wie du selber. Er steckt so tief in Büchern und Studien, daß er mutterseelenallein in einer großen › adobe rancherie ‹ unter lauter spanischem Volk lebt und sich nichts um seine Landsleute schert! Ja, sogar seinen Namen hat er vertauscht und nennt sich Don Juan Robinson! Aber er ist steinreich, drei Stunden im Umkreis gehört ihm alles Land, und er hält Vieh und Pferde« – er warf einen befriedigten Seitenblick auf Clarences tadellosen Sitz im Sattel –, »und ich denke, daran wirst du deinen Spaß haben!« »Aber« – Clarence zögerte; der Vorschlag, dahin zu gehen, erschien ihm wie eine Wiederholung von Herrn Peytons barmherzigem Anerbieten – »ich glaube, es wäre besser, ich bliebe hier und grübe Gold – mit Ihnen.« »Und ich glaube, es ist viel besser, wenn du das hübsch bleiben läßt,« entgegnete der Mann mit einem Ernst, der von fester Entschlossenheit zeugte. »Aber, mein Vetter ist nicht einmal meinethalben nach Sacramento gekommen, hat auch niemand geschickt, um mich abzuholen, und sogar nicht geschrieben,« versetzte Clarence entrüstet und beharrlich an seinem Lieblingsgedanken festhaltend. »Dir hat er nicht geschrieben, mein Junge, aber dem Manne, der dich, wie er annahm, nach Sacramento bringen sollte. An Jack Silsbee hat er geschrieben und den Brief auf der Bank hinterlassen: Jack Silsbee aber war tot und konnte ihn nicht mehr abholen, und dir ist es nicht eingefallen, auf der Bank nach einem Brief an Silsbee zu fragen oder auch nur seinen Namen zu erwähnen. Somit haben sie den Brief an deinen Vetter zurückgeschickt und zwar durch mich, weil sie voraussetzten, daß wir hier seinen Aufenthalt kennen – ein Expreßbote hat ihn in den »Schlund« gebracht, wahrend du an dem Hügel eifrig dein neues Leben hast anfangen wollen. Eingedenk deiner Geschichte, habe ich mir die Freiheit genommen, den Brief aufzumachen, und habe daraus erfahren, daß dein Vetter angeordnet hat, Silsbee solle dich geradeswegs zu ihm bringen. Ich führe somit nur aus, was Silsbee hätte thun sollen.« Jeder flüchtige Zweifel, oder Verdacht, der möglicherweise in Clarence aufgestiegen sein würde, verschwand vor einem Blick in seines Begleiters ruhiges, gebieterisches Auge, und sogar seine bittere Enttäuschung ließ sich unter dem Zauber dieser neu gefundenen Freundschaft und dieses Schutzes leicht überwinden. Während aber dieses Verhältnis mit einem ganz ungewohnten Mitteilungsbedürfnis von seiten des Knaben angeknüpft worden war, überkam diesen jetzt neben der Dankbarkeit die zaghafte Schüchternheit eines tieferen Gefühls, und seine alte Verschlossenheit kehrte zurück. Sie hatten gerade noch Zeit, vor Ankunft des Postwagens in der Buckeye-Mühle hastig eine Mahlzeit einzunehmen, und Clarence konnte wahrnehmen, daß seinem Beschützer trotz seines verwilderten, gesetzwidrigen Aussehens von allen mit einer gewissen Ehrfurcht begegnet wurde, worein sich vielleicht auch eine heilsame Furcht mischen mochte. Jedenfalls wurden ihnen ohne Widerrede im Postwagen die besten Plätze eingeräumt, und Flynns nachlässiger, fast hochmütiger Aufforderung zum Trinken wurde von allen Seiten mit besonderer Bereitwilligkeit entsprochen, wovon auch zwei elegant gekleidete und anfangs sehr zurückhaltende Mitreisende keine Ausnahme machten. Clarence freute sich über diesen Beweis von seines Freundes eigenartigem Uebergewicht mit knabenhaftem Stolz und machte unter den neugierigen Blicken der Passagiere, die gelegentlich auch auf ihn streiften, von seiner Vertrautheit mit diesem bärtigen Gewalthaber recht augenscheinlichen Gebrauch. Am andern Tag verließen sie gegen Mittag auf einer kleinen Haltestelle den Postwagen, und Flynn teilte Clarence in kurzen Worten mit, daß sie ihre Reise nun wieder zu Pferd fortsetzen müßten. Das schien in der weltentlegenen Poststation, wo niemand außer ihnen ausgestiegen war, zuerst einige Schwierigkeiten zu haben, allein kaum hatte der Kutscher dem Posthalter ein paar Worte ins Ohr geflüstert, so wurden ihnen mit der üblichen vorsichtigen und geheimnisvollen Scheu zwei feurige Mustangs vorgeführt. Die nächsten beiden Tage brachten sie ganz im Sattel zu, und in der Nacht fanden sie bei einem oder dem andern Freund von Flynn in der Umgebung einer großen Stadt, wo sie stets nach Einbruch der Dunkelheit eintrafen und vor Sonnenaufgang wieder wegritten, Unterkunft. Einem scharfsichtigeren und erfahreneren Beobachter, als der harmlose Knabe es war, hätte es auffallen müssen, daß Flynn absichtlich die belebteren Straßen und gewöhnlichen Beförderungsmittel vermied und daß, als sie am dritten Tag wieder die Pferde gewechselt hatten, er den Weg durch eine augenscheinlich unbetretene Wildnis einschlug, Clarence aber mit seiner pantheistischen Zuversicht und seinem fröhlichen Natursinn fand in dieser Abwechslung nur einen Grund zu überströmendem Jubel. Die weiten, an Seen gemahnenden Flächen wilden Hafers, die mit mannigfaltigen, ihm fremden Blumen bewachsenen Hügel, die jungfräuliche Frische der unberührten Wälder und ihre grünen Wölbungen, deren moosiger und mit dichten Laubschichten bedeckter Boden keine menschliche Fußspur aufwies, erfüllten ihn mit namenlosem Entzücken. Ueberdies lernte er sein scharfes Auge üben, und seine im Grenzleben gesammelten Erfahrungen kamen ihm sehr zu statten; seine angeborene Gabe, Entfernungen richtig zu schätzen, ein Jägerinstinkt und sein unfehlbarer Scharfblick für jene Zeichen, Grenzsteine und Wegweiser der Natur, die keinem außer den Vögeln, dem Wild und manchen Kindern erkennbar sind, leisteten nun seinem minder damit begünstigten Gefährten die wichtigsten Dienste, und in diesem Teil ihrer seltsamen Pilgerfahrt war es der Knabe, der die Führerschaft übernahm. Flynn, der sich seit zwei Tagen auf die Rolle eines zurückhaltenden, aufmerksamen Beobachters beschränkt hatte, nickte ihm wohlgefällig zu und bemerkte: »Diese Art von Sachen sind deine Stärke, mein Junge, halte dich daran! Menschen und Städte sind nicht dein Feld!« Am nächsten Halteplatz erlebte Clarence eine große Ueberraschung. Sie waren wiederum bei sinkender Nacht in eine Stadt gekommen und fanden bei einem andern von Flynns Freunden Quartier, und zwar in Zimmern, die, wie sich aus verschiedenen Geräuschen entnehmen ließ, über einem Spielsaal gelegen sein mußten. Clarence schlief in den Morgen hinein, und als er dann auf die Straße trat; um sein Pferd für die Weiterreise zu besteigen, war er sehr bestürzt, auf dem andern Reittier nicht Flynn, sondern einen gut gekleideten, hübschen Fremden zu erblicken, der dessen Platz eingenommen hatte. Aber ein Lachen und der wohlbekannte Zuruf: »Sitz auf, mein Junge!« ließen ihn ein zweitesmal genau Hinsehen – es war Flynn, aber vollständig rasiert, mit kurz geschnittenem Haar und in einem modischen schwarzen Anzug. »Du hast mich also nicht erkannt?« fragte Flynn. »Nein, – erst an der Stimme,« versetzte Clarence. »Um so besser,« bemerkte sein Freund bündig und gab seinem Pferd die Sporen. Clarence, der sich an des Fremden zottigen Haarschmuck schon ganz gewöhnt hatte, empfand, als er jetzt an seiner Seite durch die Straßen galoppierte, eine weit größere Scheu vor ihm als je. Mund und Kinn, die er nun zum erstenmal sah, hatten im Profil etwas Herbes, Strenges und Mürrisches. Obwohl er zur Zeit nicht im stande war, dies Gesicht mit einem früher gesehenen in Einklang zu bringen, so hatte der phantasievolle Knabe doch das Gefühl, daß es mit einem traurigen Erlebnis seiner früheren Jahre im Zusammenhang stehe. Die Augen waren gütig und gedankenvoll, und Clarence sagte sich später, daß er dieses Gesicht hätte lieb gewinnen können, wenn es ihm vertrauter gewesen wäre, aber freilich war dies der erste und letzte Tag, an dem er es zu sehen bekam – gegen Abend erreichten sie nach langem staubigen Ritt auf mehr befahrenen Landstraßen das Ziel ihrer Bestimmung. Es war ein großes, von Mauern umgebenes Gebäude mit rotem Ziegeldach, das sich farbig von dem dunkeln Grün ehrwürdiger Birn- und Feigenbäume abhob und in seinem Innern einen quadratischen Hof umschloß, wo sie abstiegen. Flynn sagte einem der umherlungernden Taglöhner ein paar Worte auf spanisch, worauf die Ankömmlinge in eine hölzerne Galerie und von dort in ein langes, niederes Zimmer geführt wurden, das für Clarences Begriffe geradezu mit Büchern und Kupferstichen vollgestopft war. Flynn befahl ihm eilig, hier zu warten, während er selbst den Hausherrn in einem andern Teil des Gebäudes aufsuchen würde. Clarence vermißte ihn nicht, ja, es ist anzunehmen, daß er sogar den ganzen Zweck dieser Reise vergessen hatte über den neuen Eindrücken, die mit einemmal auf ihn einstürmten, und dem knabenhaften Ausblick in die Zukunft, der sich vor ihm aufzuthun schien. Es schwindelte ihm und er war wie betäubt. So viele Bücher hatte er nie im Leben gesehen und von dem Vorhandensein so reizender Bilder nie eine Ahnung gehabt, und doch wollte es ihn schier bedünken, als ob er einst von solchen Dingen geträumt hätte. Er war auf einen Stuhl gestiegen und starrte wie von einem Zauber umfangen auf die Darstellung einer Seeschlacht, als er plötzlich Flynns Stimme hörte. Sein Freund war geräuschlos wieder ins Zimmer getreten, aber nicht allein, sondern in Begleitung eines ältlichen, dem Ansehen nach halb ausländischen Herrn – offenbar sein Verwandter. Da Clarence keine Erinnerung besaß, die er hätte zu Hilfe rufen können, keine Möglichkeit, einen Vergleich anzustellen, und nur seine eigene unklare Idee, der Vetter werde ungefähr aussehen, wie er selber, stand der Knabe ziemlich trostlos vor ihm. Er war im stillen ganz darauf vorbereitet, daß ihm wieder ein Verhör über seinen Vater und seine Familie blühen werde, und es war ihm sogar schon der Gedanke gekommen, die Lücken seiner unvollständigen und unbefriedigenden Erinnerung durch ein paar frei erfundene Einzelheiten auszufüllen, allein zu seiner großen Ueberraschung entdeckte er beim ersten Blick in des Vetters Gesicht, daß dieser mindestens ebenso verlegen war, wie er selber. »Natürlich habt ihr keine Erinnerung aneinander,« legte sich Flynn in seiner gewohnten herrischen Weise ins Mittel, »und von Familiengeschichten weiß der eine so wenig, wie der andere, denke ich mir. Da dein Vetter sich überdies Don Juan Robinson nennt,« setzte er zu Clarence gewendet hinzu, »so wird es am besten sein, du läßt den ›Jackson Brant‹ ganz beiseite. Ich kenne ihn besser als du, aber du wirst dich bald an ihn gewöhnen und er sich an dich – wenigstens wäre es das Gescheiteste, was ihr thun könnt,« schloß er mit der eigentümlichen ernsthaften Würde, die gelegentlich in seinem Wesen lag. Da er eine Bewegung machte, als ob er das Zimmer sofort mit Clarences Vetter verlassen wollte – was augenscheinlich diesem Herrn eine große Erleichterung gewesen wäre – sah der Knabe zu diesem auf und fragte schüchtern: »Erlauben Sie, daß ich mir die Bücher ansehe?« Der Vetter blieb stehen und betrachtete den Knaben zum erstenmal mit einem Anflug von Teilnahme. »Ach! Du kannst lesen – hast du Freude an den Büchern?« »Ja,« erwiderte Clarence und setzte, da der Vetter ihn noch immer nachdenklich ansah, rasch hinzu: »Meine Hände sind zwar rein, aber wenn es Ihnen lieber ist, will ich sie erst noch einmal waschen.« »Sieh dir die Bücher nur an,« versetzte Don Juan lächelnd, »und da sie sehr alt sind, wirst du gut thun, deine Hände nachher zu waschen.« »Ich will Ihnen sagen, was ich thun werde,« wandte er sich dann plötzlich ganz erleichtert an Flynn, »ich werde den Jungen Spanisch lehren!« Die beiden Herren verließen nun miteinander das Zimmer, und Clarence machte sich eifrig an die Bücherbretter, die mit alten, zum Teil sehr alten, wunderlich gebundenen, wurmstichigen Bänden gefüllt waren. Einzelne waren Bücher in fremden Sprachen, aber andre in kräftigem, kühnem englischen Druck mit seltsamen alten Holzschnitten und Illustrationen. Eines schien eine Chronik von Schlachten und Belagerungen zu sein mit bunt bemalten Darstellungen, worauf man mit Pfeilen gespickte Kämpfer erblickte, während andern die Glieder ganz reinlich vom Rumpf getrennt waren oder ein deutlich sichtbarer Kanonenschuß sie über den Haufen warf. Er war ganz in dies »Schmökern« versunken, als er plötzlich im Hof Pferdegetrappel und Flynns Stimme vernahm. Rasch lief er ans Fenster und erblickte zu seiner Bestürzung, daß sein Beschützer bereits gestiefelt und gespornt im Sattel saß und eben von dem Hausherrn Abschied nahm. Einen Augenblick empfand Clarence jenen jähen Aufruhr der Gefühle, wie er der Jugend eigen ist, den er aber sonst immer scheu unter trotziger Ruhe zu verbergen pflegte. Flynn, sein einziger Freund, der einzige, der sein knabenhaftes Vertrauen genoß, sein Held und Beschützer ging und wollte ihn ohne ein Wort des Abschieds verlassen! Freilich war Flynns Aufgabe mit der Ablieferung an seinen Pfleger erledigt, aber deshalb brauchte er ihn doch nicht ohne ein Wort des Trostes und der Ermutigung im Stich zu lassen! Bei jedem andern würde sich Clarence wohl wieder einmal in seinen gewöhnlichen Indianerstoicismus gehüllt haben, aber derselbe Trieb, der ihn gezwungen hatte, Flynn bei der ersten Begegnung sein Herz zu erschließen, war auch jetzt mächtiger als sein Stolz. Er warf das Buch weg, lief in den Flur hinaus und gelangte im selben Augenblick, als Flynn zum Thorbogen hinaustrabte, in den Hof. Ein Verzweiflungsruf des Knaben drang bis ans Ohr des Reiters; dieser parierte sein Pferd, warf es herum, hielt und blickte Clarence ungeduldig entgegen. Um Clarences Befangenheit noch zu erhöhen, war der Vetter, als er den Reiter umkehren sah, in der hölzernen Galerie stehen geblieben, und ein Knecht, der am Thor herumlungerte, griff diensteifrig nach Flynns Zügeln. Dieser winkte ihm rasch ab und fragte, sich Clarence zuwendend, mit herbem Ton: »Nun, was ist denn jetzt los?« »Nichts,« versetzte Clarence mühsam seine Thränen zurückhaltend, »aber Sie wollten ja fortgehen, ohne mir lebewohl zu sagen – und – und Sie sind sehr gut gegen mich gewesen – da hätte ich Ihnen gern gedankt!« Eine dunkle Röte ergoß sich über Flynns Gesicht; er warf einen mißtrauischen Blick nach der Galerie hinüber und fragte hastig: »Hat er dich hergeschickt?« »Nein, ich bin von selber gekommen, weil ich Sie gehen hörte.« »Schön – leb wohl!« Er beugte sich vor, als ob er Clarences ausgestreckte Hand ergreifen wollte, zog sich aber mit einem bittern Lächeln zurück, griff in die Tasche und reichte dem Knaben ein Goldstück. Clarence nahm es, schleuderte es mit einer hochmütigen Bewegung dem daneben stehenden Knecht zu, der es geschickt auffing, trat einen Schritt zurück und sagte: »Ich wollte nichts, als Abschied von Ihnen nehmen.« Er war sehr blaß geworden; seine geröteten Augen suchten den Boden, und er schien selbst nicht zu wissen, ob er es war, der diese rasche Bewegung ausgeführt hatte, und seine Stimme klang ihm wie die eines Fremden. Zwischen dem abziehenden Gast und dem Hausherrn wurde nun ein rascher, vielsagender Blick gewechselt, wobei in Flynns Augen ein seltsamer Stolz aufleuchtete, aber als Clarence seinen Blick erhob, war der Reiter schon zum Thor hinaus. Gebrochenen Herzens wandte sich der arme Knabe nach der Galerie zurück, da legte ihm der Vetter die Hand auf die Schulter. » Muy hildagamente , Clarence,« sagte er wohlgefällig. »Ja, ja, aus dir werden wir schon etwas machen.« Zehntes Kapitel Darauf folgten für Clarence drei an äußeren Ereignissen arme Jahre, in denen er zur Genüge erfuhr, daß Jackson Brant oder Don Juan Robinson – die Verwandtschaft spielte in ihren Beziehungen nicht die geringste Rolle und wurde nach Flynns Abreise von beiden Seiten mit Stillschweigen übergangen – mehr Spanier als Amerikaner war. Er hatte sich in jungen Jahren im südlichen Kalifornien aufgehalten und eine reiche mexikanische Witwe geheiratet, die kinderlos starb und ihn zu ihrem Erben machte. Diese Umstände mochten, in Verbindung mit einer seltsamen, weltscheuen Naturanlage, dahin gewirkt haben, ihn vollständig seinem Geburtsland zu entfremden. Je näher Clarence den Mann kennen lernte, desto wunderlicher erschien ihm die Freundschaft Flynns mit diesem ganz in seinen Büchern aufgehenden Einsiedler, der seinen Landsleuten gegenüber einen gewissen Hochmut zur Schau trug. Da Don Juan über diesen Punkt aber ebenso wenig mitteilsam war, wie über ihre Verwandtschaft, so sagte sich Clarence einfach, daß auch dieses Verhältnis der mächtigen Persönlichkeit seines einstigen Freundes zuzuschreiben sei, und zerbrach sich den Kopf nicht weiter darüber. In das neue Leben in El Refugio trat er ohne störende Erinnerungen an eine Vergangenheit ein. Es war nicht schwer, sich der müßigen Freiheit dieses Haciendadaseins anzupassen; die Vormittage brachte er im Sattel unter seines Vetters Viehherden zu, nachmittags und abends beschäftigte er sich ebenso regellos und in unbeschränkter Selbständigkeit mit dessen Büchern. Der leicht zu behandelnde Don Juan machte allerdings einige Versuche, sein vorschnell gegebenes Versprechen zu erfüllen und den Knaben Spanisch zu lehren; er gab ihm auch wirklich etliche Aufgaben, als aber der schnell auffassende Clarence nach wenigen Wochen durch seinen Verkehr mit den Hirten und kleinen Handelsleuten eine ziemliche Geläufigkeit in der Umgangssprache erlangt hatte, überließ er ihn auch darin seiner eigenen Führung. Wie so häufig durch die unlogische Folgerung aus einer einzigen unwichtigen Handlung der Ruf eines Menschen für alle Zukunft begründet wird, so wurde auch Clarence durch die stolze Art, womit er Flynns Abschiedsgeschenk abgelehnt hatte, ein für allemal sein Platz in der kleinen Welt von El Refugio angewiesen. Der dankbare Spanier, dem er die Münze so verächtlich zugeschnellt hatte, versäumte nicht, seinen Freunden den ganzen Vorgang haarklein zu erzählen und dramatisch vorzuführen, wodurch der unbekannte junge Anverwandte Don Juans sofort als hijo Hijo = Sohn de la familia anerkannt und als ein Edelmann vom Scheitel bis zur Sohle gekennzeichnet war, und die lebhafte Einbildungskraft des weiblichen Teils von El Refugio verlieh dem kleinen Auftritt vollends die höhere poetische Weihe. »Es ist wahr, o du heilige Mutter Gottes,« sagte Cucha in der Mühle, »Domingo selbst erzählt es, als wäre es das Glaubensbekenntnis. Wie der amerikanische Begleiter mit dem jungen Herrn hergekommen ist, siehst du, da ist dieser Begleiter, der nicht seines Standes war, wieder fortgegangen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen. Da tritt mein kleiner Hidalgo mir nichts, dir nichts zu ihm hin und sagt: »Sie haben vergessen, von mir Ihre Entlassung zu nehmen.« Der Begleiter, der denkt, er wolle sich bei einem bloßen muchacho Muchacho = kleines Kind. wieder schön Wetter machen, greift in die Tasche und gibt ihm ein Goldstück von zwanzig Pesos. Der kleine Hidalgo hat es genommen – so – und hat gesprochen: ›Ach, ich soll wohl Ihr Schatzmeister sein für meines Vetters Leute!‹ und hat es im gleichen Augenblick dem Domingo gegeben, und wie schön und wie stolz und wie zierlich er dabei ausgesehen hat, das ist gar nicht zum sagen!« Clarences schlichtes Wesen, seine Wahrhaftigkeit und eine gewisse vornehme Laßheit, die mehr eine träumerische Geistesrichtung, als einen niedrigen Hang zu körperlicher Bequemlichkeit zu verraten schien, vielleicht auch der Umstand, daß er ein glänzender Reiter war, machten ihn bald zum Volkshelden von El Refugio, und nach Verlauf von drei Jahren entdeckte Don Juan, daß dieser unerfahrene und anscheinend müßige Junge von vierzehn Jahren weit mehr von der praktischen Verwaltung des Rancho verstand, als er selber. Ebenso stellte sich heraus, daß der ungelehrte Wildling sämtliche Bücher seiner Bibliothek mit knabenhaftem Heißhunger und jugendlicher Verdauungskraft verschlungen hatte. Er fand auch, daß Clarence, trotz seiner merkwürdigen Unabhängigkeit im Handeln, eine unwandelbare Rechtlichkeit der Gesinnung besaß, und daß er, ohne gefühlvolle Zärtlichkeit zu fordern oder zu spenden oder seine verwandtschaftlichen Beziehungen geltend zu machen, mit Leib und Seele für des Vetters Vorteil eintrat. Es zeigte sich in der That, daß er, statt wie im Anfang ein flüchtiger, aber niemals aufdringlicher Sonnenstrahl im Hause zu sein, seinem Wohlthäter eine Notwendigkeit und ein Trost und Beschützer geworden war. Clarence war daher sehr überrascht, als Don Juan ihm eines schönen Morgens in derselben verlegenen Weise, die er bei ihrer ersten Begegnung gezeigt hatte, die Frage vorlegte, welchen Beruf er denn eigentlich ergreifen wolle. Die Frage war um so auffallender, als der Sprecher, wie die meisten geistesabwesenden Menschen, bisher mit Vorbedacht bei ihren täglichen Gesprächen jede Andeutung auf seine Zukunft vermieden hatte. Das konnte einerseits einer völligen Gewißheit darüber, anderseits dem ängstlichen Zweifel entspringen; wie dem auch sein mochte, jetzt war Don Juan plötzlich aus seinem Gleichgewicht gebracht worden, und das verwirrte ihn selbst nicht minder, als Clarence. Der Knabe war sich dessen so deutlich bewußt, daß er sich, statt des Vetters Frage zu beantworten, einfach auf ein Vergehen seinerseits besann und ihn mit gewohnter kindlicher Offenheit unumwunden fragte: »Ist irgend etwas geschehen? Habe ich ein Unrecht begangen?« »O nein,« versetzte Don Juan hastig. »Aber du wirst selbst einsehen, daß es Zeit ist, an deine Zukunft zu denken, oder wenigstens dich dafür vorzubereiten. Ich meine, du solltest etwas mehr regelrechten Unterricht genießen – 's ist zu schlimm,« setzte er ärgerlich hinzu, indem er, die Gegenwart des Knaben vergessend, seinen Gedanken laut verfolgte, »jetzt gerade, da du anfängst, mir nützlich zu werden und deine lächerliche Stellung in meinem Haus, und all den verdammten Unsinn, der vorhergegangen ist, zu rechtfertigen – ich will damit natürlich nur sagen,« unterbrach er sich, nachdem er zufällig einen Blick auf des Knaben erbleichendes Gesicht und seine finstern Augen geworfen hatte, »ich meine nur, du weißt ja – die Lächerlichkeit, daß ich dich von der Schule ferngehalten habe, in deinem Alter, und dich selbst zu unterrichten versuchte – du begreifst das doch –« »Sie finden es – lächerlich« wiederholte Clarence mit trotziger Beharrlichkeit. »Ich finde mich lächerlich,« versicherte Don Juan eifrig. »Ach was! Lassen wir die Sache beruhen! Sprechen wir nicht mehr davon! Morgen reiten wir nach San José hinüber und sprechen mit dem Pater Secretär im Jesuitenseminar über deinen sofortigen Eintritt. Die Schule ist gut, und du bleibst dann doch in der Nähe des Rancho!« Damit endete diese Unterredung. Es ist zu fürchten, daß Clarences erster Gedanke war, davonzulaufen. Es gibt wenige Erfahrungen, die so niederschmetternd auf ein unbefangenes Gemüt wirken, wie die plötzliche Enthüllung dessen, was wir in andrer Augen vorstellen. Der unglückliche Clarence, der sich nur seiner Ergebenheit und Treue für den Vetter bewußt war und der gewissenhaften Erfüllung der Pflichten, die er bisher als zu seiner Stellung gehörig angesehen hatte, wurde rauh zu der Erkenntnis erweckt, daß seine Lage eine »lächerliche« sei. Während eines trübseligen Nachmittagsritts über die Hügel und später in der schlaflosen Einsamkeit seiner nächtlichen Stube gelangte er zu dem Schluß, daß Don Juan vollständig recht habe. Er wollte in die Schule gehen und tüchtig, ja angestrengt arbeiten, so angestrengt, daß er in kurzer – sehr kurzer Zeit – im stande sein würde, sich sein Brot ohne irgendwelche Hilfe zu verdienen. Damit schlief er ein und erwachte sehr beruhigt – es ist das Glück der Jugend, daß Entschluß und Ausführung ihr in eins zusammenzufallen scheinen! Am andern Tag schon befand er sich als Zögling und Pensionär häuslich eingerichtet im Seminar. Don Juans Stellung und seine Vorliebe für die Spanier mochte den Vorstehern seinen Verwandten ohne weiteres annehmbar gemacht haben, aber Clarence konnte doch nicht umhin, zu bemerken, daß Pater Sobriente, der Leiter der Anstalt, ihn von Zeit zu Zeit nachdenklich und fragend ansah, und das brachte ihn auf die Vermutung, sein Vetter könnte ihn ganz besonderer Aufmerksamkeit empfohlen haben. Auch ward er zuweilen in einer Weise über sein Vorleben befragt, die ihn eine Wiederholung des alten Verhörs über seine Herkunft fürchten ließ. Im übrigen war der Pater ein gebildeter Mann von feinen Sitten, allein Clarence sah mit dem der Jugend eigenen sachlichen, kritischen Blick in ihm nur einen Priester mit großen Händen, deren weiche Flächen ordentlich mit Güte wattiert zu sein schienen und dessen ebenfalls umfangreiche Füße, die in absonderlichen, formlosen Schuhen von naturfarbigem Leder steckten, ihm den Eindruck machten, als ob sie die Hindernisse, die den Pfad eines jungen Gelehrten erschweren können, sachte und geräuschlos niedertreten, aber nicht auffällig zerstampfen würden. In den klösterlichen Kreuzgängen fühlte sich Clarence manchmal von dem Gewicht dieser väterlich schützenden Hand schier zu Boden gedrückt, und in der mitternächtlichen Stille des Schlafsaals bildete er sich nicht selten ein, den sanften schlürfenden Fußtritt und das schnüffelnde unterdrückte Atmen seines elefantenfüßigen Meisters zu vernehmen. Seine Beziehungen zu den Mitschülern waren im Anfang nichts weniger als freundlich. Ob sie ihn im Verdacht hatten, bevorzugt zu werden, ob sie ihm sein altkluges, eigentümliches Wesen, das von dem ausschließlichen Verkehr mit älteren Leuten herrührte, übel nahmen, oder ob ihr Vorurteil sich nur auf die allgemeine Thatsache gründete, daß er ein Fremder war, ist schwer zu sagen, genug, sie gingen mit einemmal von bitterem Hohn zu Tätlichkeiten über. Da zeigte es sich denn, daß dieser artige und zurückhaltende junge Mensch gewisse, gar nicht zu billigende, rauhe ländliche Eigenschaften an Fäusten und Füßen beibehalten hatte, und daß er, ohne sich an Zweikampfregeln zu binden, alle Förmlichkeit und Feierlichkeit richtigen Schulkriegs stolz verschmähend, seine Kameraden etliche Male aus freier Hand mit oder ohne Umstände, je nachdem der Anlaß oder die Beleidigung sich ergaben, durchprügelte. In dieser Bedrängnis erteilte man einem der Aelteren die Aufgabe, diesem jungen Wilden seine richtige Stellung klar zu machen. Es erfolgte eine Herausforderung, die Clarence mit einer fieberhaften Kampflust annahm, die ihm selbst ebenso befremdlich war wie seinem Gegner, einem jungen Mann von achtzehn Jahren, der ihm an Größe und Geschicklichkeit weit überlegen war. Beim ersten Faustschlag war Clarences Gesicht in Blut gebadet, und dieses blutige Salböl rief zum Schrecken der Zuschauer eine sehr unheilige und plötzliche Umwandlung in dem Knaben hervor. Blitzschnell den Gegner umklammernd, fuhr er ihm wie ein wildes Tier an die Kehle und begann ihn, den Arm wie eine eiserne Schraube um seinen Hals legend, zu erwürgen. Unempfindlich für die Püffe und Hiebe, die von allen Seiten auf ihn herregneten, warf er den strauchelnden Feind durch die verblüffende Wut seines Angriffs zu Boden, aber es bedurfte der ganzen Kraft der im jähen Schreck herbeigerufenen Lehrer, die beiden auseinander zu reißen, und selbst dann wollte Clarence sich wieder loswinden, um den Kampf zu erneuern. Allein sein Gegner war verschwunden, und von diesem Tage an unternahm es keiner mehr, mit Clarence anzubinden. Als er im Krankensaal mit geschwollenem und verbundenem Kopf vor dem Pater Sobriente saß, während es ihm noch so vor den Augen schwamm, daß er alles im trüben Licht seines eignen Blutes sah, fühlte er, wie sich die weiche Hand des Paters sanft auf sein Knie legte. »Mein Sohn,« sprach der Priester gütig, »du gehörst nicht unsrem Bekenntnis an, sonst würde ich das Recht in Anspruch nehmen, dir eine Gewissensfrage vorzulegen. Aber als einem Freund, als deinem warmen Freund, Claro,« fuhr er, ihn liebevoll aufs Knie tätschelnd, fort, »wirst du mir altem Mann wohl offen und wahr, wie du bist, eines sagen: Hast du keine Angst gehabt?« »Nein,« versetzte Clarence trotzig, »morgen werfe ich ihn wieder.« »Gemach, gemach, mein Sohn! Ich dachte dabei nicht an ihn, sondern an einen viel gefährlicheren und entsetzlicheren Feind. Hast du keine Angst gehabt – vor – vor« er hielt inne und heftete seine klaren Augen so fest auf Clarence, als ob er ihm bis ins innerste Herz blicken könnte, » vor dir selbst ?« Der Knabe erschrak, schauerte zusammen und brach in Thränen aus. »Soso,« sagte der Priester begütigend, »jetzt haben wir unsren wirklichen Feind ja entdeckt, und nun wird mein junger Held mit Gottes gnädigem Beistand diesen bekämpfen und besiegen!« Ob Clarence sich diese Lehre zu Herzen genommen, oder ob diese eine Probe seiner Tapferkeit genügt hatte, ihm jeden Anlaß zu ihrer Ausübung fern zu halten, kann dahingestellt bleiben, Thatsache ist, daß jener wilde Auftritt bald in Vergessenheit geriet. Da seine Mitschüler ihm niemals Spielgenossen oder Vertraute gewesen waren, hatte es für ihn nicht sonderlich viel Bedeutung, ob sie ihn fürchteten oder achteten, oder nach Art der Schwächeren augendienerisch freundlich waren. Jedenfalls kam dieser Mangel an Ablenkungen seinen Studien zu gute. Schon die zwei Jahre regellosen, heißhungrigen Lesens hatten ihm eine gewisse Vertrautheit mit den mannigfaltigsten Gegenständen verschafft, und er war dadurch frei von aller Zaghaftigkeit, Ungeschicklichkeit und Teilnahmlosigkeit des Anfängers. Sein zurückhaltendes Wesen, das mehr einer mangelnden Ausdrucksfähigkeit als der Gedankenleere entsprang, hatte die Lehrer anfangs irre geführt; nun machte die Kühnheit eines niemals von andern beherrschten Geistes, der nichts früher Gelerntes über Bord zu werfen brauchte, seine Fortschritte zum Gegenstand ihrer Bewunderung. Nach Verlauf des ersten Schuljahrs war Clarence ein phänomenaler Schüler, dem alles möglich zu sein schien. Nichtsdestoweniger wurde er aber, nachdem der Pater Sobriente eine Unterredung mit Don Juan geführt hatte, ganz sachte im Lernen zurückgehalten, man räumte ihm größere Freiheit vom Schulzwang ein und munterte ihn sogar auf, sich einige Zerstreuung zu gönnen. Dazu zählte das Vorrecht, die benachbarte Stadt, Santa Clara, unbeaufsichtigt und ungehindert zu besuchen. Sein Taschengeld wurde ihm sehr reichlich zugemessen, er wußte aber bei seinen spartanischen Gewohnheiten und dem Mangel an Gefährten nichts damit anzufangen und hatte für Geld eine merkwürdige, gar nicht knabenhafte Verachtung. Trotzdem war er immer äußerst reinlich und pünktlich gekleidet und war mit seiner frühreifen Zurückhaltung und dem schwermütigen Selbstvertrauen, das sich in seiner Haltung aussprach, eine vornehme Erscheinung. Als er eines Nachmittags durch die Alameda, eine schattige Allee, die von den ersten Missionären zwischen dem Dorf San José und dem Kloster Santa Clara angepflanzt worden war, dahinschlenderte, sah er eine Doppelreihe von jungen Klosterschülerinnen auf ihrem täglichen Spaziergang des Weges kommen. Da eine Begegnung dieser Schar für Seminaristen von San José ein Gegenstand höchsten Ehrgeizes war und von den Priestern, die ihre Ausflüge beaufsichtigten, ganz besonders untersagt und vermieden wurde, empfand Clarence für dieses verbotene Vergnügen die Gleichgültigkeit eines Knaben, der in der gemäßigten Zwischenzone seiner fünfzehn Jahre Jugend und Romantik für überwunden hält! Er streifte die Reihen im Vorübergehen nur mit einem oberflächlichen Blick, als ihm plötzlich ein Paar tiefblauer Augen unter dem breiten Rand eines kokett bebänderten Hutes entgegenleuchteten, geradeso wie sie ihn einst aus der Tiefe eines Kattunschutzhütchens angelacht hatten – Susy! Rasch aufblickend, war er im Begriff, sie anzureden, als eine zur Vorsicht ermahnende Gebärde und ein vielsagender Blick auf die beiden Nonnen, die an der Spitze und am Schluß des Zugs gingen, ihm bedeutete, ihr aus der Ferne zu folgen. Er gehorchte diesem stummen Befehl, so wunderlich er ihm auch vorkam. Nach einer kleinen Weile ließ Susy ihr Taschentuch fallen und war genötigt, aus der Reihe zu treten und bis ans Ende des Zugs zurückzulaufen, wo es liegen geblieben war. Während sie sich danach bückte, telegraphierten ihre blauen Augen ihm abermals eine geheime Botschaft, dann trat sie sittsam wieder in Reih und Glied. Der Zug ging weiter, aber als Clarence an die Stelle kam, wo sie gestanden hatte, entdeckte er ein dreieckig zusammengefaltetes Papierblättchen im Gras. Der Anstand verbot ihm, es an sich zu nehmen, solange die jungen Mädchen noch in Sicht waren, er setzte also seinen Weg fort und kehrte erst später um. Der Zettel enthielt nur die in schülerhaft steifer Handschrift mit Bleistift hingekritzelten Worte: »Komm um sechs Uhr zu dem großen Birnbaum an der südlichen Mauer.« So erfreut Clarence über die Begegnung war, so fühlte er sich doch ein wenig verlegen, denn er vermochte die Notwendigkeit dieses geheimnisvollen Stelldicheins nicht einzusehen. Daß sie als Pensionärin in ihrer persönlichen Freiheit etwas beschränkt war, begriff er ja wohl, aber bei der bevorzugten Stellung, die er selbst einnahm, und seinem freundschaftlichen Verhältnis zu seinen Lehrern, war er überzeugt, daß es dem Pater Sobriente ein Leichtes sein würde, ihm eine Unterredung mit seiner einstigen Spielgefährtin zu verschaffen, von der er ihm viel erzählt hatte und die, außer ihm selbst, die einzige Ueberlebende aus seiner tragischen Vergangenheit war. Gerade weil Sobriente ihm so rückhaltlos vertraute, widerstrebte diese geheime Zusammenkunft, so harmlos sie war, seinem redlichen Sinn. Trotzdem hielt er die Verabredung getreulich ein und war zur bestimmten Zeit an der südlichen Seite der Klostermauer, wo die knorrigen Aeste des ihm bezeichneten Birnbaums weit überhingen. Hart dabei war ein vergittertes Pförtchen, das selten gebraucht zu werden schien. Würde sie auf dem Baum oder auf dem Mauergesimse zum Vorschein kommen? Beides war der Susy von ehemals wohl zuzutrauen! Aber zu seiner Ueberraschung hörte er alsbald einen Schlüssel ins Schloß stecken, die Gitterthüre bewegte sich in den rostigen Angeln und Susy schlüpfte heraus. Sie ergriff seine Hand und flüsterte ihm zu: »Wir müssen laufen, Clarence,« und ehe er Zeit hatte, eine Antwort zu geben, riß sie ihn in eiligem Lauf mit sich fort. Sie flogen über die Wiese hinunter – ungefähr gerade so, wie sie vor vier Jahren über die Prairie hin dem Auswandererwagen davongelaufen waren, dachte Clarence. Er schielte von der Seite nach der schlanken, elfenhaften Gestalt neben sich; sie war größer und anmutiger geworden; auch war sie mit großem Geschmack gekleidet, und eine Menge zierlicher Einzelheiten verrieten das verwöhnte Kind, aber über den Nacken hing ihr das nämliche, nicht zu bändigende Goldhaar, ihre veilchenblauen Augen, der launische kleine Mund, die niedlichen Hände und Füßchen waren genau so, wie sie ihm noch in Erinnerung standen. Er würde sie gern mit mehr Muße betrachtet haben, aber sie schüttelte das Köpfchen und rief mit kurzem nervösen Auflachen immer wieder: »Lauf, Clarence, lauf!« bis sie die Kreuzung der Straße erreicht hatten, um die Ecke bogen und atemlos still hielten. »Aber du willst doch nicht der Schule entlaufen, Susy – oder?« fragte Clarence äußerst besorgt. »Nur ein wenig; gerade um vor den andern Mädchen einen Vorsprung zu gewinnen« erwiderte Susy, ihre Locken ordnend und den Hut, der sein Gleichgewicht verloren hatte, zurecht rückend. »Du mußt nämlich wissen, Clarence,« ließ sie sich jetzt zu erklären herab, und nahm dabei eine ganz überlegene Miene an, »daß Mama diese Woche hier im Gasthof ist und ich jeden Abend zu ihr nach Hause gehen darf, wie die Schülerinnen aus der Stadt. Nun gehen aber immer drei oder vier andre Mädchen und eine von den Schwestern mit mir – und heute bin ich ihnen davongelaufen, um dich zu sprechen!« »Aber –« wollte Clarence einwenden. »Ach! du kannst ganz ruhig sein! Die andern Mädchen habe ich ins Vertrauen gezogen, die halten zu mir! Vor einer halben Stunde gehen sie noch nicht von Hause weg, und dann sagen sie, ich sei ein wenig vorausgegangen, und wenn sie dann mit der Schwester in den Gasthof kommen, bin ich schon dort – begreifst du jetzt?« »Ja,« sagte Clarence etwas zweifelhaft. »Und wir gehen in eine Konditorei, nicht wahr? Ganz nahe bei dem Gasthof ist eine wunderhübsche – ich habe Geld,« setzte sie rasch hinzu, weil Clarence wieder so verlegen dreinsah. »Ich auch,« versetzte er leicht errötend. »Also komm!« Sie hatte seine Hand losgelassen, um ihr Kleid glatt zu streichen, und sie gingen nun in gemäßigterem Tempo nebeneinander her. »Aber,« begann er, mit männlicher Zähigkeit an seinem ersten Gedanken festhaltend und von dem Wunsche erfüllt, ihr einen richtigen Begriff von seiner bevorzugten Stellung beizubringen, »ich bin im Seminar, und der Pater Sobriente, der eure Oberin sehr gut kennt, ist wirklich mein Freund und gewährt mir viele Vorrechte, und – und – wenn ich ihm sage, wie wir dereinst miteinander gespielt haben, so wird er es einzurichten wissen, daß wir uns sprechen können, so oft wir wollen.« »O du Einfaltspinsel!« rief Susy aufrichtig. »Diese Idee! Jetzt, wo du – ?« »Wo ich – was?« Ein dunkelblauer Strahl schoß unter dem breiten Hutrand hervor zu ihm hinüber. »Jetzt – ja – wo wir erwachsen sind?« Dann setzte sie mit scharfer Betonung hinzu: »Du könntest doch wissen, wie streng sie es mit jungen Herren nehmen! Ich sage dir, Clarence, wenn sie eine Ahnung hätten, daß du und ich –« wieder leuchtete es unter dem Hutrand auf, und der Blick ergänzte den unvollendeten Satz. Angenehm berührt und doch etwas bestürzt, sah Clarence mit geröteten Wangen gerade vor sich hin. »Denke dir nur,« fuhr Susy fort, »Mary Rogers, die auf dem Spaziergang neben mir ging, hat dich für viel älter gehalten, als du bist, und – für einen vornehmen Spanier! Und ich –« fragte sie etwas unvermittelt, »bin ich nicht gewachsen? Sag doch, Clarence, findest du nicht, daß ich gewachsen bin?« – Das war ihr altes, ungeduldiges Drängen. – »So sag mir's doch!« »O, gewiß, du bist sehr groß geworden,« versicherte Clarence. »Und ist das nicht ein hübsches Kleid? Es ist nur mein zweitbestes – ich habe noch ein hübscheres, vorne ganz mit Spitzen – aber gefällt dir das nicht auch? So sag's doch, Clarence!« Clarence fand das Kleid und seine Besitzerin einfach vollkommen, was er ihr auch aussprach, worauf Susy, gerade als ob sie jetzt erst bemerkt hätte, daß Leute vorübergingen, plötzlich eine Haltung von strengster Sittsamkeit annahm, die Hände gerade herunterhängen ließ, mit etwas geziertem, selbstbewußtem Gang dahin tänzelte und einen größeren Zwischenraum zwischen sich und Clarence ließ. So gelangten sie an die Konditorei. »Nimm einen Tisch im Hintergrund, Clarence,« flüsterte sie ihm vertraulich zu, »wo wir nicht gesehen werden – und bestelle Erdbeereis, denn das Citronen- und Vanilleeis, das sie hier haben, ist entsetzlich schlecht!« Sie ließen sich in einer Art von künstlicher Laube, die in der Tiefe des Ladens stand, nieder und nahmen sich in dieser Umrahmung wie ein jugendliches, etwas zu sehr geputztes Schäferpaar aus. Eine ungeschickte Verlegenheitspause trat ein, aber Susy bestrebte sich, sie mit gesellschaftlicher Gewandtheit zum Abschluß zu bringen. »In unsrer Schule,« bemerkte sie, »herrscht ein wahrer Aufruhr, weil wir einen andern französischen Lehrer bekommen sollen. Die Mädchen in meiner Klasse sind ganz empört darüber.« Und das war alles, was sie ihm nach vierjähriger Trennung zu sagen hatte? Clarence war trostlos, aber noch immer stumm und um ein Gespräch verlegen. Endlich griff er, mit seinem Löffelchen das Eis umrührend, eine Erinnerung auf, die ihm gerade durch den Sinn fuhr: »Ißt du immer noch so gern Pfannkuchen, Susy?« »Ja wohl,« versetzte sie lachend, »aber wir bekommen sie hier nie.« »Und singt Moses immer noch mit dir?« Moses war ein schwarzes Wachtelhündchen gewesen, das immer zu heulen pflegte, wenn Susy sang. »O, der ist längst verloren gegangen,« sagte Susy gefaßt, »aber ich habe einen Neufundländer, und einen Hühnerhund und einen schwarzen Pony.« Daran schloß sich eine vollständige Aufzählung all ihrer Besitztümer, woran sich eine oberflächliche Schilderung der zärtlichen Liebe ihrer Pflegeeltern schloß. Sie sprach von ihnen immer als von »Papa« und »Mama« und schien keine störende Erinnerung an die Toten zu bewahren. Aus allem ging hervor, daß die Peytons sehr reiche Leute waren; sie besaßen, außer ihren Grundstücken in den niederen Teilen des Landes, einen Rancho bei Santa Clara und ein Haus in San Francisco. Nach Kinderart war sie nur von den Eindrücken aus jüngster Zeit erfüllt, und in der eitlen Hoffnung, ihre Gedanken auf die Vergangenheit zurücklenken zu können, fragte Clarence: »Erinnerst du dich auch an Jim Hooker?« »O freilich! Der ist durchgegangen, nachdem du fort warst! Neulich ging ich mit Papa in ein großes Restaurant in San Francisco, und als wir hineinkamen – wer steht mit der Serviette unterm Arm da? Jim Hooker! Jim Hooker – ein richtiger Kellner! Papa sprach mit ihm, ich natürlich nicht,« sie zog ihr Näschen hochmütig hinauf, »es hätte sich ja nicht geschickt – denke doch – mit einem Kellner!« Die Geschichte, wie Jim Hooker sich seinen Namen angeeignet hatte, wollte Clarence jetzt nicht mehr über die Lippen; er konnte es nicht über sich bringen, mit dieser Enthüllung die Verachtung seiner kleinen Dame für den armen Kerl noch zu steigern, denn so harmlos ihr kindlicher Hochmut war, für Clarences feines Gefühl lag doch etwas Verletzendes darin. »Clarence,« sagte sie, das Köpfchen plötzlich geheimnisvoll zu ihm hinüberneigend und auf die Bedienung im Laden deutend, »ich glaube wahrhaftig, die Leute schöpfen Verdacht.« »Wieso?« »Sei doch nicht so albern! Bemerkst du denn nicht, wie sie uns anstarren?« Clarence war leider nicht im stande, bei dem Ladenbesitzer oder den Leuten, die aus und ein gingen, das geringste Zeichen von Neugierde oder Beachtung in Beziehung auf ihn und sein Dämchen zu entdecken, aber er empfand abermals jene angenehme Befangenheit, die ihn kurz vorher auch befallen hatte. »Du bist also jetzt bei deinem Vater?« fragte Susy, rasch auf etwas andres übergehend. »Du meinst, bei meinem Vetter,« erwiderte Clarence lächelnd. »Mein Vater, das weißt du ja, war schon lange tot, als ich dich kennen lernte.« »Ja, das hast du mir immer gesagt, Clarence, aber Papa sagt, es sei nicht wahr,« versetzte sie; da sie aber wahrnahm, wie des Knaben Augen nicht nur verwundert, sondern ganz verstört an ihren Lippen hingen, verbesserte sie sich rasch: »O, dann ist er also dein Vetter.« »Nun, ich dächte allerdings, das müßte ich am besten wissen,« bemerkte Clarence mit einem Lächeln, das keineswegs Behagen ausdrückte, denn all die peinlichsten Erinnerungen an die Peytons waren ihm wieder lebendig geworden. »Ja, ein Freund von ihm hat mich in sein Haus gebracht.« Nun gab Clarence in raschen Worten einen kurzen, knabenhaften Bericht über seine Reise nach Sacramento und Flynns Entdeckung des an Silsbee gerichteten Briefes. Aber lange ehe er damit zu Ende war, mußte er sich sagen, daß Susy weder an seinen Erlebnissen Anteil nahm, noch im mindesten durch die Erwähnung ihres verstorbenen Vaters und dessen Zusammenhang mit Clarences Mißgeschick gerührt wurde. Ihr rundes Kinn in die zierliche Hand gestützt, betrachtete sie ihn etwas naseweis, und doch auch wieder zimperlich aufs eingehendste. »Ich will dir etwas sagen, Clarence,« versetzte sie, als er seine Erzählung beendigt hatte, »du solltest dafür sorgen, daß dein Vetter dir einen ›Sombrero‹ und eine hübsche goldgestickte ›serape‹ anschafft – das würde dir gut stehen! Und dann – dann könntest du in der Alameda auf und ab reiten, wenn wir vorüber gehen.« »Aber ich werde dich besuchen – in deinem Haus und im Kloster,« versicherte Clarence eifrig. »Pater Sobriente und mein Vetter werden das schon einleiten können.« Susy schüttelte mit überlegener Weltklugheit das Köpfchen. »Nein: sie dürfen unser Geheimnis nie erfahren! Papa und Mama auch nicht – namentlich Mama nicht. Sie dürfen gar nicht wissen, daß wir uns wieder gesehen haben – nach all diesen Jahren! « Susys blaue Augen legten »diesen Jahren« eine gar nicht wiederzugebende Wichtigkeit und Bedeutung bei. Nach kurzem Schweigen fuhr sie dann fort: »Nein, Clarence! Wir können uns niemals wieder treffen, außer Mary Rogers hilft uns dazu. Sie ist meine beste – meine einzigste Freundin und älter als ich; sie hat auch schon Herzeleid erlebt, und es ist ihr ausdrücklich verboten, ihn je wiederzusehen. Mit ihr kannst du über Suzette sprechen – so heiße ich jetzt; Mama hat mich noch einmal taufen lassen: Suzette Alexandra Peyton. Und jetzt, Clarence,« flüsterte sie, indem sie sich scheu umsah, »darfst du mich zum Abschied ein einziges Mal küssen.« Geschickt drehte sie den breiten Hutrand dem Laden zu und bot in seinem Schatten Clarence die frische junge Wange zum Kuß. Errötend und lachend drückte der Knabe zweimal seine Lippen darauf; dann erhob sich Susy mit einem tiefen Atemzug, der einen seelenvollen Seufzer vorstellen sollte, schüttelte die Biskuitkrümel von ihrem Kleidchen, zog mit vieler Würde ihre Handschuhe an und sagte: »Begleite mich nur bis an die Thüre – sie kommen jetzt.« In steifer, hochmütiger Haltung ging sie an dem sehr beschäftigten Geschäftsinhaber und den Ladenmädchen vorüber zum Ausgang, verabschiedete sich von Clarence mit einem übertrieben höflichen: »Guten Abend, Herr Brant,« und trippelte rasch dem Gasthof zu. Clarence blieb noch einen Augenblick stehen, um der geschmeidigen kleinen Gestalt mit dem schimmernden goldbraunen Haar, das ihr wie ein lichter Mantel über Rücken und Schultern floß, nachzusehen, und schlug dann die entgegengesetzte Richtung ein. Der verblüffte Zustand, worin er den Heimweg antrat, kam ihm selbst ganz abgeschmackt vor! Er wußte selbst nicht, warum er sich dieser Begegnung mit Susy nicht ungeteilt und rückhaltslos freuen konnte. Sie hatte sich seiner aus freien Stücken erinnert und war ihm trotz ihrer veränderten Verhältnisse so herzlich entgegengekommen. Daß sie an der Möglichkeit künftigen Zusammenseins zweifelte, berührte ihn nur wenig, auch machten die sonstigen Veränderungen in ihrem Charakter und Betragen ihm schwerlich Kummer, denn er war in einem Alter, wo man solche Züge ungemein reizend und anziehend findet, und sah darin nur, wie sehr sie bei aller Schwachheit ihrer Natur an ihm hing! Aber er war sich schmerzlich bewußt, daß diese Begegnung all jene Furcht, die unbestimmte Bangigkeit, und das Gefühl, Unrecht erlitten zu haben, das ihn die ganze Kindheit hindurch verfolgt hatte und das er seit vier Jahren in El Refugio begraben glaubte, wieder erweckt hatte. Susys Anspielung auf seinen Vater und die Erwähnung von Peytons Zweifeln an seinen Aussagen riefen in seinem gereifteren Geist jetzt den ersten ernsten Verdacht hervor, der in seiner ehrlichen Seele je Raum gewonnen hatte. Sollte der Grund dieses sich immer wiederholenden Verschweigens und Verheimlichens in irgend einer Handlung seines Vaters zu suchen sein? Wenn er in späteren Jahren an die Vorgänge dieses Tages zurückdachte, sagte er sich, daß jene Begegnung mehr eine Hindeutung auf Zukünftiges, als eine Auffrischung von Kindheitserinnerungen gewesen war. Elftes Kapitel Das Angelusläuten war längst vorüber, als er in sein Kloster zurückkam. Im Flur begegnete er einem seiner Lehrer, der, statt ihn über sein Ausbleiben zur Rede zu stellen, seinen Gruß mit mildem Ernst erwiderte, was ihm auffiel. Er ging auf Pater Sobrientes Studierzimmer, um ihm Bericht zu erstatten, wurde aber in diesem Vorhaben gestört, weil er ihn im Gespräch mit drei oder vier von seinen Kollegen traf. Sie schienen in einer ernsten Beratung begriffen zu sein und gerieten bei Clarences Erscheinen sichtlich in einige Verlegenheit. Der Knabe wollte sich rasch zurückziehen, aber Pater Sobriente verständigte sich durch einen raschen Blick mit den andern und rief ihn, diese entlassend, zurück. Verwirrt und verlegen durch das Gefühl, daß ihm irgend etwas drohe, suchte der Knabe sich von seinem Unbehagen zu befreien, indem er dem Priester sofort von seiner Begegnung mit Susy erzählte und die Hoffnung auf seinen Rat und Beistand aussprach. Er nahm die Schuld, Susy zu diesem Streich verleitet zu haben, auf sich. Der alte Mann sah ihm nachdenklich und mit einem gewissen mitleidigen Lächeln in die ehrlichen Augen. »Ich hatte eben im Sinn, dir einen freien Tag zu geben,« sagte er, »den du bei Don Juan Robinson zubringen könntest,« – es fiel Clarence auf, daß er statt des gewohnten: »bei deinem Vetter« dessen Namen und Titel nannte – »aber davon können wir nachher reden. Setze dich zu mir, mein Sohn, ich habe gerade nichts zu thun und wir können ein wenig plaudern. Pater Pedro sagt mir, daß du sehr fließend übersetzest – das ist vortrefflich, mein Sohn, ganz vortrefflich!« Clarence errötete vor Vergnügen; sein Herz war erleichtert und alle Bangigkeit überwunden. »Du übersetzest sogar nach Diktat! Gut! Wir haben jetzt gerade ein Stündchen für uns, und du kannst mir eine Probe deiner Geschicklichkeit ablegen. Nun? Gut! Ich will auf und ab gehen und dir in meinem mangelhaften Englisch diktieren, und du schreibst es in deinem vortrefflichen Spanisch nieder. Wir werden uns gut unterhalten und zu gleicher Zeit etwas lernen.« Clarence lächelte. Solche vereinzelte Lehr- und Ermahnungsstunden waren bei dem trefflichen Pater nichts Unerhörtes, und er ließ sich ganz vergnüglich an des Gelehrten Tisch vor einem weißen Blatt Papier nieder und hielt die Feder erwartungsvoll in der Hand. Der Pater Sobriente ging mit seinem gewohnten schweren, aber geräuschlosen Tritt im Zimmer hin und her, und nachdem er einen bedächtigen Griff in seine Tabaksdose gethan und sich kräftig geschneuzt hatte, begann er zu seines Schülers Erstaunen im feierlichsten Kanzeltone. »Es steht geschrieben, daß die Sünden der Väter heimgesucht werden an den Kindern, und die gedankenlosen Weltkinder haben sich vor diesem Gesetz zu retten gesucht, indem sie es für hart und grausam erklärten! Erbärmliche, mit Blindheit geschlagene Seelen! Sehen wir denn nicht, daß der gottlose Mann, der im Uebermut seiner Kraft und seines eitlen Ruhms sich für seine Person der Strafe aussetzt, ja sich mit diesem falschen Mut brüstet – innehalten muß vor dem grauenvollen, ehernen Gebot, das gleiches Leiden verhängt über die, so ihm lieb sind, und daß er solches Leiden nicht auf sich nehmen oder verhüten kann. Was nützt ihn sein kühner, trotziger, hochfliegender Geist, wenn er diese Schuldlosen gegen Schande, vielleicht Krankheit, Armut oder Verlassenheit kämpfen sieht? Wir wollen uns in seine Lage hineindenken, Clarence.« »Jawohl,« sagte der alles buchstäblich nehmende Clarence und hielt in seiner Sprachübung inne. »Ich will sagen,« fuhr der Priester leise hüstelnd fort, »wir wollen uns zum Beispiel das Bild eines solchen Vaters vor die Seele führen! Ein vermessener, eigenwilliger Mann, der göttliches und menschliches Recht mit Füßen tritt, dessen ganzer Halt das trügerische Ding ist, das er seine Ehre zu nennen beliebt, und der sich einzig auf seine Kühnheit und seine Kenntnis der menschlichen Schwachheit verläßt! Stellen wir ihn uns vor, grausam und blutdürstig – ein berufsmäßiger Spieler, ein vom Gesetz Geächteter, ausgestoßen aus der Kirche, verläßt er freiwillig Freunde und Familie, das Weib, das er behüten, den Sohn, den er erziehen sollte, um seinen grauenvollen Leidenschaften zu frönen. Und nun denken wir uns, wie eines Tages plötzlich der Gedanke an die Erbschaft von Schande und Elend, die er auf seinen unschuldigen Sprößling übertragen hat, an ihn herantritt, der Gedanke an diesen Erben, dem er nicht einmal seine eigene ruchlose Verwegenheit mitgeben kann, zur Stütze in seinem unverschuldeten Elend. Wie mag es im Herzen solcher Eltern aussehen –« »Pater Sobriente,« sagte Clarence bescheiden. Zu des Knaben großer Ueberraschung fühlte er, wie, kaum daß er gesprochen hatte, des Priesters weiche Hand sich linde auf seine Schulter legte und wie dessen nach Schnupftabak riechende aber freundliche Oberlippe, die von verhaltener Erregung zitterte, sich seiner Wange näherte. »Was ist dir, Clarence?« fragte er hastig. »Du wolltest mich etwas fragen – sprich, sprich ohne Scheu, mein Sohn –« »Ich weiß nicht recht, ob ›Eltern‹ im Spanischen ein männliches Zeitwort verlangt,« sagte Clarence unbefangen. Der Pater Sobriente schneuzte sich heftig. »Allerdings – obwohl es für beide Geschlechter gebraucht wird, ist es hier dem Sinn nach männlich,« versetzte er ernsthaft, beugte sich über Clarence und überflog flüchtig dessen Arbeit. »Gut, recht gut! Und nun könnten wir zur Abwechselung –« er fuhr sich mit der Hand wie mit einem feuchten Schwamm über die erhitzte Stirne – »unsre Uebung in umgekehrter Weise fortsetzen. Ich werde dir auf spanisch sagen, was du englisch wiedergibst? Und laß uns überlegen – wir nehmen vielleicht am besten etwas Näherliegendes, Erzählendes?« Clarence, den die feierlichen Allgemeinsätze einigermaßen gelangweilt hatten, stimmte diesem Vorschlag freudig bei und griff wieder zur Feder, während der Priester seinen geräuschlosen Spaziergang durchs Zimmer fortsetzte und sein neues Diktat mit den Worten begann: »In den fruchtbaren Gefilden von Guadalajara lebte ein gewisser Edelmann, der Land und Herden, Weib und Sohn besaß. Da er aber unbändiger, unstäter Natur war, schätzte er diese Güter gering und sehnte sich nach gefahrvollen Abenteuern, Waffenthaten und blutigem Kampf. Zu dieser Kriegslust gesellten sich allerhand Ausschweifungen, Spiel und Trunk, durch die sich mit der Zeit sein väterliches Erbe verminderte, während sein aufrührerischer, rauflustiger Sinn ihn der Familie und den Nachbarn entfremdete. Sein Weib starb, von Scham und Kummer gebeugt, als der Sohn noch ein Kindlein war; in einer Stimmung, worin Gewissensqual und Ruchlosigkeit sich in seiner Seele bekämpften, nahm der Caballero in Jahresfrist eine andre Frau, die aber von ebenso herber und wilder Gemütsart war, wie ihr Gatte. Heftige Auftritte fanden zwischen ihnen statt, und die Folge war, daß er Frau und Kind verließ und für immer aus St. Louis – ich wollte sagen Guadalajara – verschwand, um sich unter fremdem Namen einigen Abenteurern in einem andern Land anzuschließen. Dort trieb er sein wildes Leben weiter, bis gesetzwidrige Handlungen ihm die Rückkehr in die Gesellschaft abschnitten. Die verlassene Gattin, die nur widerwillig Mutterstelle an seinem Kind vertreten hatte, fand sich in ihre Lage, befahl, daß sein Name in ihrer Gegenwart nicht mehr genannt werde, teilte ihren Freunden mit, daß er gestorben sei, verheimlichte auch seinem Sohn, daß er noch lebte, und gab diesen in die Obhut ihrer Schwester. Diese Schwester setzte sich insgeheim mit dem ausgestoßenen Vater in Verbindung, und es ward zwischen ihnen verabredet, daß der Sohn unter dem Vorwand, einem entfernten Verwandten übergeben zu werden, seinem unwürdigen Vater zugeschickt werden solle. Vielleicht, daß der schuldbeladene, entehrte Mann eine Regung des Gewissens spürte.« »Es ist genug,« sagte Clarence plötzlich, warf die Feder weg und stand blaß und hochaufgerichtet vor seinem Lehrer. »Sie wollen mir irgend etwas auf Umwegen beibringen, Pater Sobriente,« stieß er mühsam hervor. »Sprechen Sie offen, ich beschwöre Sie darum. Ich kann alles ertragen, nur nicht diese Geheimthuerei, und bin kein Kind mehr – ich habe ein Recht, alles zu erfahren! Was Sie mir da sagten, ist keine Erfindung, ich sehe es Ihnen an, Pater Sobriente, es ist die Geschichte –« »Deines Vaters, Clarence,« sagte der Priester mit zitternder Stimme. Der Knabe trat kreideweiß einen Schritt zurück. »Meines Vaters,« wiederholte er. »Lebt er, oder ist er tot?« »Er lebte noch, als du die Heimat verließest,« erwiderte der alte Mann, Clarence bei der Hand nehmend, rasch, »denn er war es, der dich im Namen eines Vetters nach Kalifornien kommen ließ. Er lebte noch, solange du hier warst, denn er war es, der in diesen Jahren hinter dem sogenannten Vetter Don Juan stand und dich unsrer Schule übergab. Er lebte noch, Clarence, aber mit einem Ruf, der dich befleckt haben würde! Jetzt aber ist er tot , gestorben in Mexiko, wo er als Insurgent und immer noch ein wildes Treiben führend, erschossen wurde! Gott sei seiner Seele gnädig!« »Tot!« wiederholte Clarence erschüttert, »und erst jetzt.« »Die Nachrichten von dem Aufstand und seinem Ende sind erst vor einer Stunde hier eingetroffen,« fuhr der Pater fort, »niemand als Don Juan kannte den Namen, unter dem er in den Aufstand verwickelt war. Er würde dir, dem Wunsch des Toten gemäß, die Kenntnis der Wahrheit erspart haben, allein meine Brüder und ich waren andrer Meinung. Daß ich dir das Entsetzliche so ungeschickt eröffnet habe, vergib mir!« Clarence brach in ein krampfhaftes, gellendes Gelächter aus, daß der Priester entsetzt vor ihm zurückwich. » Ihnen vergeben? Was war mir denn dieser Mann?« sagte er mit knabenhaftem Ungestüm. »Er hat kein Herz für mich gehabt, hat mich verlassen und mein Leben zur Lüge gemacht. Er hat mich nie gesucht, ist mir nie nahegekommen, hat nie seine Hand nach mir ausgestreckt, daß ich sie hätte ergreifen können.« »Nur ruhig! Ruhig!« ermahnte der Priester erschüttert, legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter und drückte ihn sanft auf seinen Stuhl nieder. »Du weißt nicht, was du redest, Clarence! Denke doch – denke doch nach, mein Sohn – war unter denen, die dir Schutz und Hilfe gewährten, die dich auf deiner Irrfahrt aufnahmen – war keiner darunter, dem dein Herz sich unwillkürlich zugewendet hätte? Besinne dich, Clarence, du selbst hast mir von einem solchen Fall gesprochen – laß dein Herz wieder sprechen – ihm, dem Toten zu Ehren.« Ein milderer Glanz trat in des Knaben Auge und er sah bestürzt auf, ergriff seinen Lehrer heftig am Aermel und flüsterte beklommen: »Doch, einen habe ich gefunden; es war ein böser, tollkühner Mann, den sie alle fürchteten – jener Flynn, der mich von den Minen hierher gebracht hat. Ja, ich dachte, er sei meines Vetters treuer Freund – mehr als die andern, und ihm habe ich alles gesagt – alles, was ich nicht einmal dem Manne gesagt habe, den ich für meinen Vetter hielt, auch keinem sonst, sogar Ihnen nicht, und ich glaube, Pater Sobriente, ich glaube, den habe ich am liebsten gehabt. Später sagte ich mir oft, es sei unrecht gewesen,« fuhr er mit unsicherem Lächeln fort, »daß ich solch thörichte Freude hatte an der Art, wie die andern ihn fürchteten, ihn, vor dem ich so gar keine Angst hatte, und der so gütig gegen mich war. Aber auch dieser hat mich ohne ein Wort des Abschieds verlassen, und als ich ihm nachlief, da –« die Stimme versagte ihm und er vergrub sein Gesicht in den Händen. »Nein, nein,« sagte Pater Sobriente mit warmem Eifer, »das war nur sein thörichter Stolz, der dir die Kenntnis deiner Zusammengehörigkeit mit einem Verfemten ersparen wollte, und ein Teil der kurzsichtigen, irrigen Buße, die er sich selbst auferlegt hatte, denn in jenem Augenblick, wo du dich in knabenhafter Empörung von ihm abwandtest, liebte er dich heißer als je. Ja, mein armes Kind, dieser Mann, zu dem Gott deine Schritte nach dem ›Toten Schlund‹ gelenkt hat, der Mann, der dich hierher brachte, und der durch ein geheimnisvolles Band, das ich nicht kenne, und das in der Vergangenheit begründet sein mag, so viele Macht über Don Juan hatte, daß er ihn überreden konnte, die Rolle eines Verwandten zu spielen, dieser Flynn – und Jackson Brant, der Spieler – und Hamilton Brant, der Ausgestoßene – war dein Vater . O ja – weine, mein Sohn – weine, jede Thräne der Liebe und Vergebung, die aus deinen Augen fließt, hat die erlösende Macht, ihn rein zu waschen von seinen Sünden.« Mit einem einzigen Griff seiner starken Hand zog der Priester Clarence an seine Brust, bis der Knabe ihm knieend zu Füßen sank. Dann schlug er den Blick nach oben und sprach langsam: »Und auch du, auch du, du unseliger, verirrter Geist, sollst Ruhe finden!« Der Morgen dämmerte schon, als der wackere Priester die letzten Thränen von Clarences wieder heller werdenden Augen wischte. »Und nun, mein Sohn,« sagte er, sich mit mildem Lächeln erhebend, »laß uns auch der Lebenden eingedenk sein. Deine Stiefmutter hat freilich durch ihre Handlungsweise jeden rechtlichen Anspruch auf dich eingebüßt, und es sei ferne von mir, dir dein Verhalten ihr gegenüber vorschreiben zu wollen. Genug, daß du unabhängig bist.« Er wandte sich um, öffnete ein Schubfach in seinem Pult, nahm ein Bankbuch heraus und legte es in die Hand des erstaunten Knaben. »Es war sein Wunsch, Clarence, daß du sogar nach seinem Tode in deine Rechte eintreten sollest, ohne deine Ansprüche als sein Sohn begründen zu müssen. Er machte es sich zu nutze, daß du in kindlicher Weise auf der Bank des Herrn Carden ein Depot hinterlassen hattest, und mit dessen Zustimmung hat er es auf deinen Namen Monat um Monat und Jahr um Jahr vermehrt, während Herr Carden sich gerne damit befaßte, das Kapital umzutreiben. Dieser Samen hat über alles Erwarten tausendfache Frucht getragen, du bist jetzt nicht nur frei, mein Sohn, sondern stehst auf eignen Füßen und bist, unter welchem Namen du willst – dein eigner Herr.« »Ich werde keinen andern Namen führen, als den meines Vaters,« sagte der Knabe einfach. »Amen!« sprach der Pater Sobriente. Damit schließt die Geschichte von Clarence Brants Knabenzeit. Wie er seinen Namen geführt und seine Unabhängigkeit behauptet hat, und was aus denen geworden ist, die auf seine Kindheit Einfluß hatten, ihn gehemmt oder gefördert haben, mag vielleicht später erzählt werden. Ende.