Friedrich Wilhelm Hackländer Humoristische Erzählungen Inhalt.         Reisende Engländer im Orient Ein Ausflug in den Schwarzwald Eine Reise nach Paris Eine Reise im neuen Styl Nur natürlich! In Scene setzen Der Leibschneider der Zwerge ( Märchen ) Vier Könige ( Arabesken ) Kriegsspiele Reisende Engländer im Orient Wenn man heutzutage etwas über eine Tour liest, die Dieser oder Jener gemacht hat, so kann man sich sicher darauf verlassen, gleich beim ersten Kapitel, neben Klagen über schlechte Wirthshäuser und theure Rechnungen und dergleichen Fatalitäten mehr, die Engländer, die dem Erzähler begegneten oder nicht begegneten, nach Kräften lächerlich gemacht zu finden. Das ist einmal jetzt bei uns zur Mode geworden und seit Heine oder Saphir – ich weiß nicht recht, wer – einmal gesagt, er finde in der Welt nichts prosaischer, als einen kattunenen Regenschirm oder einen reisenden Engländer, so werden täglich über diese Melodien neue Variationen gemacht. Dem scheinen die Söhne Albions aus Steifleinen fabrizirt, Jenem kommt die ganze Figur wie in einer Nürnberger Fabrik aus Holz geschnitzt vor, und alle stellen sie dar, wie die Knochen im Fleisch, die einem beim Genuß des saftigsten Stückes Landschaft unangenehm den Geschmack verderben. Daß der Engländer in seiner trockenen, eher abstoßenden als anziehenden, Manier dem guten gemüthlichen Deutschen stets fremd gegenüber tritt, finde ich sehr natürlich. Letzterer zu Hause mit allen möglichen Fesseln und Banden an Haus, Arbeitstisch und Staat gekettet, freut sich einige Jahr voraus auf die Reise in den Rheingau, die er zu machen gedenkt, legt heute einen Thaler in die Ecke der Schublade und morgen wieder einen, schickt schon anfangs Januar, wenn die Neujahrsrechnungen bezahlt sind, seinen Koffer zum Sattler und geht in den ersten vier Wochen regelmäßig täglich wenigstens einmal bei der Werkstatt vorbei, damit sein Reisegeräth ja bis zum August fertig ist, lebt in steter Besorgniß und Angst, ob auch der neue Rock und die Stiefeln von Glanzleder fertig werden, und so kommt langsam der Frühling und geht vorüber. Da fährt eines schönen Sommermorgens der Staatsminister, oder wer sonst der Vorgesetzte ist, in's Bad, und unser Reisender kommt Mittags mit seelenvergnügtem Gesicht nach Hause, ein großes gefaltetes Papier in der Rocktasche. Es ist sein Reisepaß: »Vorzeiger dieses \&c.« Früher dachte er mit Vergnügen an seine Tour, malte sich die fröhlichen Stunden, die er genießen würde, recht lebendig aus; jetzt, wo sich die Zeit der Erfüllung nähert, denkt er ängstlicher daran, es könnt' ihm noch etwas dazwischen kommen; er wagt es nicht mehr, die Genüsse, die ihm bevorstehen, auszudenken; er schließt, so oft ihm ein solcher Gedanke überkommt, die Augen, und ein kleiner Stoßseufzer entfährt ihm; er ist in einer unangenehmen Spannung, spricht gegen Niemand mehr von seinem Vorhaben und wundert sich doch dabei, daß die Leute nicht auf der Straße stehen bleiben und wenn er kommt, einander zuflüstern: der reist auch morgen. So nimmt er unruhig sein Postbillet, packt eilig und unruhig seine Sachen und erst, wenn er das rauchende Dampfboot besteigt, ihm der Kellner auf dem Verdeck den Kaffee servirt hat, erst wenn er sich die Cigarre angezündet, und um sich schauend drei Kreuze nach der Gegend hinmacht, wo sein Arbeitstisch, sein Zwinger steht, springen seinem Herzen tausend Reife und es schwillt ihm auf, wie ein englischer Twistballen, dem man seine Emballage genommen; er wacht auf, er ist des köstlichsten Humors, denn er reist ja; dem Kellner überläßt er in der Freude seines Herzens die vier Kreuzer, die dieser ihm herausgeben will, rechts und links bietet er den Passagieren seine Tabaksdose oder seine Cigarren an, und vom Kapitän bis zum Schiffsjungen hat er schon jeden gefragt, ob nicht bald zum drittenmale geläutet würde. Er steigt mit großen Schritten auf dem Verdeck herum, und sucht bei Jedem, der nicht gerade mit Andern beschäftigt ist, seine seligen Empfindungen anzubringen. An der Brüstung neben dem Steuerruder steht ein hagerer langer Herr; seinen Kopf mit einem bleichen Gesicht und den etwas in's Röthliche spielenden Haaren bedeckt eine sackähnliche Reisemütze mit großem Schirm. Ueber dem zugeknöpften Rocke trägt er ein Mäntelchen von wasserdichtem Zeug, das ihm bis an die Knie reicht. Seine Stiefeln sind von ungeschwärztem Leder oder er trägt vielleicht auch Schuhe und Kamaschen. Vor ihm liegt ein Panorama des Rheinlaufes und in der Hand hält er ein Buch, violet eingebunden und vergoldet; neben ihm lehnt ein großer Regenschirm, obgleich an dem ganzen Himmel kein Wölkchen zu sehen ist. Aufmerksam blickt der lange Herr in die Gegend und sieht zuweilen in sein Buch. Zu diesem gesellt sich der Deutsche. »Ach, mein Herr, ein köstlicher Morgen – Sie reisen wahrscheinlich auch nach Köln? – Wir werden heute eine herrliche Gegend haben – Kennen Sie die Tour? – Ich versichere Sie, ich freue mich unendlich auf den Rheingau. – Waren Sie schon da?« – Der lange Herr nickte mit dem Kopfe. »Nicht wahr, Sie finden ihn köstlich?« fährt der Unermüdliche fort. »Ach, Caub und die Pfalz, Bornhofen und die Brüder, es gibt nichts Schöneres.« – Bis hieher bleibt der lange Herr stehen; dann nimmt er, ohne zu antworten, seinen Regenschirm unter den Arm, geht drei Schritte links, setzt ihn wieder hin und blickt wie früher in die Gegend. Unser Reisender sieht ihm überrascht nach; doch glaubt er endlich, der lange Herr ist ein vornehmer Herr, ein Prinz vielleicht oder ein hoher Adeliger, und da findet er es ganz natürlich, so en Bagatelle behandelt zu werden, ja ganz natürlich, und er würde sich als ächter Deutscher geärgert haben, hätte der Prinz oder Baron freundlich mit ihm gesprochen. Er zieht sich langsam zurück, stets nach dem langen Herrn hinschielend, und Arm und Körper bereithaltend, gleich eine Verbeugung zu machen, im Fall sich der Herr noch einmal umsehen würde, dann ihn durch einen tiefen Bückling wegen seiner Zudringlichkeit um Verzeihung zu bitten – dieß wäre doch seine Schuldigkeit. Dann geht er rasch zum Kellner. »Wer ist der Herr dort mit der dicken Mütze und den weißen Schuhen?« »Der da? ein Engländer.« »So, wahrscheinlich ein vornehmer Lord oder so ein reicher Marquis?« »Im Gegentheil, ein sehr armer, denn er hat heute Morgen eine halbe Portion Kaffee ohne Zucker genommen.« Nach diesen Mittheilungen verwandeln sich plötzlich alle Ideen unseres Reisenden. »So, kein Lord!« murmelte er für sich, »der grobe Kerl gibt mir keine Antwort, sieht mich gar nicht an, so ein Stock-Engländer.« Er geht einigemale bei dem langen Engländer vorbei und sieht ihn verächtlich von der Seite an. »Habe ich doch immer gehört, daß es kein arroganteres unangenehmeres Volk gebe, als diese Engländer, diese hölzernen Kerls, ohne Bildung und Lebensart. 's ist doch ein häßliches Volk!« Der halbe Tag ist ihm dadurch verdorben und in seinem Herzen keimen die schlechtesten Meinungen, die schlimmsten Ideen über Alt-England. Ach, und an dem Allem ist der lange, freilich sehr trockene Sohn Albions fast unschuldig. Er ist ja nicht dem Aktenpulte oder Gott weiß was sonst für Banden entschlüpft, und freut sich nicht, in frischer Luft und Morgenthau andere fröhliche Menschen zu finden, denen er, wie der Deutsche, sein Vergnügen mittheilen kann, das er empfindet, wenn tausenderlei Gegenstände bei ihm vorbeifliegen. Er langweilt sich bei seiner Tour; das Reisen ist ihm ein Geschäft, eine Arbeit, denn unter hundert Engländern reisen vielleicht keine zehn, weil es ihnen Freude verursacht. Der zieht gähnend durch's Land und freut sich, wenn er wieder zu Hause sein wird; denn er ist an den Rhein oder nach Italien gereist, weil es so Mode ist, und die meisten seiner Bekannten auch dort waren. Ein Anderer sucht dem politischen Lärm, der ihn auf seiner Insel fast taub macht, zu entfliehen. Dem Dritten hat sein Arzt verordnet, für ein Jahr lang, statt der Nebel Londons, die frische kräftige Luft Deutschlands einzuathmen. Der Vierte, Fünfte und wer weiß wie vielste endlich reist, weil er zu Haus mit seinen Renten nicht auskommen kann. Er verläßt Porter und Roastbeaf, um draußen in einer freiwilligen aber unangenehmen Verbannung zu leben. – Armer Engländer, Du hast schon viel mit Deiner Langenweile und Deinem Guide zu thun, und freust Dich auf den Abend, wenn endlich das Dampfboot anlegt, Du Dein Buch zumachen darfst und für heute keine alten Schlösser und Klöster mehr die stillen Träume Deines sinnigen Theevergnügens stören! Kann man es Dir da verargen, daß Du einem langweiligen Deutschen, der Dich zu Tode landschaftern will, zu entfliehen suchst, und ihm nicht antwortest! Nein, Du bist vielmehr zu loben, daß Du so ruhig kopfnickend auf die Seite gehst, Harmloser, Du könntest ja auch stehen bleiben und grob werden. Wie schon gesagt, an diesem fremdartigen Aneinanderstreifen mit uns haben die Engländer eben so wenig die ganze Schuld, wie wir. Als vor langen Jahren das Reisen dieser Insulaner so recht anfing, wurden sie wie goldbringende Gottheiten, wie reiche Füllhörner betrachtet. Sie warfen mit Pfunden und Guineen um sich, und wir fanden es dafür ganz natürlich, daß der englische Reisende den Hut auf dem Kopf behielt, wenn er mit uns sprach, eigentlich mit uns sprach kann man nicht sagen, denn so weit ließ er sich nicht ein, sondern er fragte nur, und wenn wir uns herausnahmen, es eben so zu machen, gab er uns keine oder sehr spärliche Antworten. Dieß war so seine Manier, und wir hätten es ihm eben so machen können, ohne daß er eine Beleidigung darin gesehen hätte; denn er war das von Jugend auf so gewohnt, und mußte unser unterthäniges Hutabziehen, und wenn wir so zierlich mit dem Fuße auskratzten, für lächerlichen Servilismus halten. Das that denn auch der Sohn Albions und war viel zu klug, um sich gegen uns zu ändern, denn er hatte gleich bemerkt, daß er uns recht anfahren, sehr kurz und grob behandeln müßte, um für das entsetzliche Geld, das wir ihn zur Revanche bezahlen ließen, recht gut behandelt und mit der größten Unterwürfigkeit bedient zu werden. Es ist dieß leider bei uns nur zu wahr; ich habe mehrmals mit den höflichsten Geberden in einem Gasthof um ein Zimmerchen gebeten, und wurde vielmal scheel angesehen und hinten hinaus sechs Treppen hoch zunächst an den Bedientenstuben logirt. Doch wenn ich ein anderesmal meinen Koffer gleich in's Zimmer werfen ließ, Hausknecht und Kellner recht grob anfuhr oder mich ihnen nur mit einem langen Gähnen und ohne ein Wort zu sprechen präsentirte, bekam ich ein gutes Zimmer und lebte herrlich und in Freuden. Daß endlich der Engländer, wenn er zu uns kommt, so eigensinnig bei seinen Gebräuchen, bei seiner Sprache und den Gewohnheiten bleibt, die ihm von Hause aus ankleben, können wir ihm nie verzeihen. Warum lernt er nicht deutsch – und läßt, statt dem Singen der Theemaschine zuzulauschen, nicht Champagnerpfropfen gegen die Decke fliegen? warum behält er seinen Hut auf dem Kopfe und drückt uns dagegen recht herzlich die Hand? Ach! wie undankbar sind wir! Dank sei es dem Engländer und Franzosen, daß sie nationell bei uns auftreten und uns zeigen, wie ein Mensch leben muß, um gebildet zu scheinen. Woher wüßten wir sonst, daß man französisch plappern muß, um guten Ton zu haben, und daß es nöthig ist, Thee zu trinken, damit man auch so interessant blaß aussieht, wie die Engländerinnen? Und ernstlich gesprochen, wie Noth thäte es uns, etwas von dem Stolze des Engländers zu haben, der es unter seiner Würde hält, auch nur in der Kleidung eine andere Nation, am allerwenigsten uns, nachzuäffen. Ach, nähmen wir doch ebenfalls den biederen ehrlichen Deutschen mit, wenn wir verreisten und ließen dafür zu Hause die lumpigen Fetzen von fremden Gebräuchen, mit denen wir uns umhängen und die uns kleiden, wie den Esel die Löwenhaut. – Nein, ich wollte sagen, wie den Löwen die Eselshaut, denn wir könnten die Löwen sein, ächte Löwen , aber keine Lions . Mit welcher Lust, wie viel lieber ließ ich mich bei einem Gedränge tüchtig gegen eine Mauer rennen, wenn der, der mich angerannt hätte, sich mit einem: »Ich bitt' um Verzeihung!« zu entschuldigen suchte, als mich leicht auf den Fuß treten, um ein: Pardon Monsieur entgegen zu nehmen. – Zum Teufel das Pardon ! – Auf meinen Reisen sind mir immer die Engländer ein interessantes Studium gewesen, und wenn man unter hundert Passagieren den einzigen Briten herauskennt, so kann ihm das, wie schon gesagt, nur zur Ehre gereichen. Daß sie ihre Eigenthümlichkeit immer bis zum Lächerlichen festhalten und übertreiben, ist freilich auch wahr, und wenn es kein vernünftiger Mensch billigen kann, daß man von vornherein die Söhne Albions ohne Unterschied als lächerliche Person hinstellt, wie den Pantalon in der italienischen Komödie, kann ich es mir doch nicht verwehren, die zuweilen wirklich komischen Figuren der reisenden Engländer, die mir begegneten, in ein Paar Skizzen darzustellen. Ort und Klima tragen auch viel dazu bei, Manches in anderer Beleuchtung zu sehen, und wenn mich auch auf einem reinlichen rheinischen Dampfboote die blendende Wäsche des Engländers freut, so ist doch die sorgfältige Erhaltung derselben in dem Schmutze türkischer Wirthshäuser etwas gesucht und eine wohl eingerichtete und sauber erhaltene Theemaschine unter den Palmen des Nils wohl im Stande, dem Unparteiischen ein kleines Lächeln zu entlocken. Je mehr man sich von dem Hauptreisestrich, Holland, dem Rhein entlang, die Schweiz, Tirol nach Italien – westlich gegen Frankreich und hauptsächlich östlich gegen das Innere von Deutschland verliert, um so seltener trifft man die englischen Reisenden, ich sage selten gegen die Masse derjenigen, welche die oben genannte große Route einhalten; denn im Allgemeinen findet man unter jedem Himmelsstrich, daß von zehn Reisenden sechs Engländer sind. Nur einzelne wißbegierige oder neugierige Exemplare sind es, welche die Hauptstraße verlassen, um rechts oder links abzuschweifen. Auf der obern Donau fanden wir noch viele Söhne und Töchter Albions, von denen der größte Theil der Kaiserstadt Wien eine Visite machen wollte. Hier war auf dem Dampfboot von allen Nationen noch eine recht noble Auswahl, und wenn nicht zuweilen ein ehrlicher Oesterreicher mit einem deutschen Wort zwischen die Konversation gefahren wäre, hätte man glauben können, in England oder Frankreich zu sein. Doch wie plötzlich und gänzlich änderte sich diese Scene, als wir Wien verlassen, um unsere Reise nach Pesth oder weiter hinab fortzusetzen. Die Kaiserstadt hatte, ein gewaltiger Magnet, fast die ganze fashionable Welt, die wir mitgebracht, angezogen und hielt sie fest. Verschwunden war der kurze Makintosh und der seegrüne flatternde Schleier Englands, so wie die weißen Glacehandschuhe und die Masse überflüssiger Redensarten Frankreichs. Wir hatten die vielen nüchternen und langweiligen Gesichter, die den Kupferstich ihres Buchs lieber ansehen, als das Original selbst auf der Spitze des Felsens, gegen gesunde kräftige Physiognomien vertauscht und wahrhaftig sehr dabei gewonnen. Neben uns stand der Oesterreicher mit dem gutmüthigen Gesicht, und wem neben diesem Ausdruck der schwarze Bart und die dunklere Gesichtsfarbe etwas Abenteuerliches gab, war der Ungar. Auf der Galathee, so hieß unser Boot, war ein sehr lustiges Leben. Wir hatten schönes Wetter, Alles plauderte durcheinander, und jeder freute sich an der Freude des Andern und den grünen Wellen der prächtig dahin strömenden Donau. So kamen wir nach Pesth, von wo uns der Zriny, ein schönes fast neues Dampfschiff, weiter hinab durch die Ebenen Ungarns nach der Wallachei führen sollte. Vor den Fenstern unsers Gasthofs in Pesth lag dieß Schiff; doch fiel am Morgen der Abfahrt ein so dichter Nebel, was uns freilich einen guten Tag versprach, daß wir nur den Dampf des Schornsteins erblicken konnten, der sich mit Mühe einen Weg durch die weißen Massen bahnte. Dann und wann, wenn sich die Nebel etwas zusammen ballten, senkten oder erhoben, blickte einer der Masten hindurch, auf welchem die Flagge mit den ungarischen Farben flatterte. Am Ufer standen Gruppen von Ungarn, in ihren weißen und schwarzen Schafpelzen mit den gut geformten Gesichtern, die dem Boote neugierig zusahen oder sich mit ihren kleinen Pferden beschäftigten, die am Boden liegend vom ausgebreiteten Tuche ihr ärmliches Futter verzehrten und sich zur harten Arbeit des Schiffziehens stärkten. Wir waren Alle froh statt der langweiligen nobeln Gesellschaft, die uns gestern umschnatterte, einmal wieder eine andere Welt um uns versammelt zu sehen. – Fahrt immer zu, den Rhein hinab und hinauf, Ihr Franzosen und Engländer, und laßt Euch von Eurem Buch den großen Sagenkranz vor Augen zaubern, den jenes Kloster und diese Burg umgibt, laßt Euch immerhin erzählen von sinniger Minne und edler Ausopferung; wir wollen einmal den Glacehandschuh ausziehen, um dem derben Wallachen die Hand zu reichen und uns von dem kräftigen Ungarn erzählen lassen: Bei Semplin schlug man das Lager, Alle Türken zu verjagen. – Lebt wohl, leichtfertiger Franzose und guter, aber langweiliger Sohn Englands! – Doch was seh' ich? Während ich so am Fenster meine Träume habe, ist der Nebel etwas gewichen. – Welche Flagge wird da aufgezogen? noch verdecken mir sie die zerrissenen Nebelmassen – doch jetzt hat sie die höchste Spitze des Hauptmastes erklettert und der frische Morgenwind entfaltet vor uns die Farben Englands. – Ja, sie war es, und der dienstfertige Kellner, den wir um die Ursache dieser seltsamen Erscheinung auf einem österreichischen Schiffe befragten, gab uns die tröstliche Nachricht: die besten Kajüten auf dem Deck habe Seine Herrlichkeit der Lord Londonderry eingenommen, der nebst Gemahlin und einer großen Dienerschaft nach Konstantinopel wolle. Es war wirklich so – verschwunden waren meine Träume; denn als wir das Boot bestiegen, sah ich wohl manche kräftige Physiognomie, aber das ganze Schiff hatte nichts mehr vom Charakter des interessanten Landes, dem es angehörte, sondern sah ganz englisch aus. Auf dem Verdeck mochte man sich wenden, wohin man wollte, so stieß man auf eines jener nüchternen Gesichter mit blonden Haaren, bis an die Nase in bunte farbige Halsbinden vermummt, die einem Körper angehörten, der sich langsam herumbewegte und sich eine kleine Arbeit machte. An dem einen Radkasten stand der erste Kammerdiener und packte Silberzeug aus und ein; ein anderer saß daneben und die Beiden drehten jeden Löffel einigemal in den Händen herum, ehe sie ihn einen Dritten gaben, der ihn abputzte und wieder weglegte. Neben dem andern Radkasten hatten sich die Kammerjungfern der Lady postirt und wühlten in einem unendlichen Haufen weißer Leinwand. Die Bedienten zweiten Rangs saßen an der Spitze des Schiffs und die Kiste, die dieser rechts gerückt hatte, schob jener wieder links. Der eine putzte an einer Theemaschine, der andere polirte ein Paar Stiefeln und pfiff dabei, wie die englischen Stallbedienten, wenn sie die ungeduldigen Pferde beruhigen wollen. Die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft hatte, um dem ehrenwerthen Lord das Leben auf ihren Schiffen so bequem als möglich zu machen, auf ihre Rechnung einen englischen Koch engagirt, der zu gewissen Stunden für Seine Herrlichkeit allein kochen mußte. An dem Theil des Schiffes, wo sich die Küche befand, war des Geklappers kein Ende und England florirte hoch. Hier liefen die Bedienten mit ihren Theekannen und Beafsteakpfannen aus und ein, und wir andern harmlosen Passagiere waren in beständiger Gefahr überrannt zu werden; besonders an dem ersten Tage unserer Fahrt, ehe die dienenden Töchter und Söhne Albions jeden Winkel zu ihrem Gebrauch eingerichtet und mit Kisten und Kasten verstellt hatten, erging es uns wie in dem bekannten Märchen: wen der Esel nicht schlägt, den kneipt der Krebs, und wen der Krebs verschont, dem wird von der Katze der Ruß in die Augen gekratzt. Wer glücklich bei der Küche vorbei kam, ohne von einer Portion Sauce angebrüht zu werden, dem schob vielleicht der Kutscher ein Rad des schweren Wagens auf den Fuß, oder sprang ihm vom Bock herab auf ein Hühnerauge, und wer hier glücklich vorbeikam, der wurde wenigstens von den Stiefel putzenden und Kleider ausklopfenden Bedienten tüchtig eingestaubt. Die Herrschaft all' dieses Unwesens, der edle Lord mit seiner Gemahlin, belästigte uns noch am allerwenigsten. Die Dame saß schon am frühen Morgen in ihrer Kajüte und ließ sich von dem Herrn Gemahl die courfähigen Passagiere der Reihe nach vorführen. Sie war eine Dame in den Vierzigen und einstens gewiß sehr schön gewesen. Man sah noch heute die deutlichen Spuren davon. Der Stuhl der Lady stand in ihrer Kabine dicht am Radkasten, wodurch sie den ganzen Tag wie ein Sulz in eine zitternde Bewegung versetzt wurde, was äußerst komisch aussah. Während der vier Tage, die wir zusammen reisten, kam sie vielleicht zweimal auf's Verdeck, um sich die Gegend anzusehen. Während der übrigen Zeit ließ sie sich von ihrer Kammerjungfer ansagen, wo sie sich gerade befand, und sah sich dann in ihrem Guide viel lieber die Stahlstiche an, die im Grunde schöner waren, als die Gegend selbst und was die edle Dame viel bequemer hatte. Der Lord dagegen ließ sich häufig auf dem Verdeck blicken und sah beinahe, wie alle andern Menschen aus; nur hatte er Kinn und Hals ebenfalls in einer großen Binde verwahrt, und trug den Hut sehr auf dem Hinterkopfe. Die Ungarn und Wallachen, die auf dem Schiffe waren, fühlten sich durch die Ausbreitung des englischen Comforts noch weit unbehaglicher als wir. Sie drückten sich an die Schiffswände und wagten es kaum, über das Verdeck zu gehen. Doch ging die Sache so lange gut, als wir uns auf dem Zriny befanden, der genug Kajüten hatte, um den ausgebreiteten Forderungen der englischen Herrschaft Genüge zu leisten. Sobald wir aber unterhalb Orsova durch das eiserne Thor auf Kähnen schiffen mußten, und dann auf ein anderes Dampfboot, die Panonia, kamen, so geriethen Seine Herrlichkeit sehr in Verlegenheit, denn da das Schiff nur drei Kajüten hatte, eine für die Damen, eine für den ersten und eine für den zweiten Platz, von denen nur die erstere kleine abgetheilte Schlafstellen hatte, so mußte der Lord sich entschließen, die Nacht in unserer Kajüte zuzubringen. Anfänglich hatte er lange Debatten mit dem Kapitän, die wir zu unserm großen Ergötzen mit anhörten, und trotzdem daß die Dampfschifffahrtsgesellschaft alles Mögliche gethan hatte, um die Engländer zufrieden zu stellen, beklagte sich doch der Lord über schlechte und unaufmerksame Behandlung auf den Donauschiffen. Den ersten Abend auf der Panonia konnte er sich lange nicht entschließen, mit uns ein gemeinschaftliches Schlafgemach zu beziehen, sondern spazierte lange auf dem Verdeck umher, und als es gegen neun Uhr anfing zu regnen, mußten sich fünf bis sechs seiner dienstbaren Geister mit aufgespannten Regenschirmen oben hinstellen, unter denen er hin und her spazierte. Doch bald wurde ihm das Wetter zu arg und wir saßen gerade bei einem Glase Punsch, als der Kapitän hereintrat und uns lachend aufforderte, auf die Anstalten Achtung zu geben, die er jetzt machen müsse, um dem Lord ein würdiges Nachtlager zu bereiten. Die Thür öffnete sich und ein Paar betheerte Schiffsjungen kamen herein, die ein großes Flaggentuch trugen, das sie wie eine spanische Wand an den Ecken der Kajüte befestigten und so ein abgesondertes Zimmerchen bildeten. Der Kapitän hatte, um einen Spaß zu machen, eines mit den englischen Farben gewählt, was aber Seine Herrlichkeit sehr günstig aufnahm und sich wohlgemuth dahinter zur Ruhe begab. Bei Rustschuck verließen wir das Dampfboot, um von da unsere Reise zu Land über Schumla und Adrianopel nach Konstantinopel fortzusetzen. Einigemal hatte die Lady den Wunsch geäußert, diese Tour ebenfalls zu machen, und nur den dringenden Vorstellungen des Kapitäns, der Passagiere und des Herrn Gemahls, der keine Lust verspürte, das bequeme Schiff zu verlassen, daß sie auf der ganzen Tour mit den größten Unbequemlichkeiten zu kämpfen habe, daß sie nirgends ein Wirtshaus, geschweige denn ein ordentliches Hotel finden würde, und dann daß weder an einen Wagen noch an eine Sänfte zu denken sei, hatte sie endlich Gehör gegeben und war von ihrem Vorsatze abgegangen. Ein anderer Passagier dagegen, ein junger Mann, der für einen Engländer sehr umgänglich und liebenswürdig war, schloß sich uns an, und verließ ebenfalls das Schiff, um unsern Ritt durch die Türkei mitzumachen. Wir Deutsche nahmen jeder nur einen kleinen Reisesack mit, der mit der notwendigsten Wäsche angefüllt war und hatten unsere Kleidung so viel wie möglich vereinfacht. Die Hüte blieben natürlich bei unserm Gepäck auf dem Schiffe und wir setzten eine leichte Reisemütze auf. Der Engländer dagegen hatte einen schwarzen Frack an, einen Makintosh darüber und auf dem Kopf einen Hut. Auch war sein Gepäck ganz anders beschaffen, als unsere armseligen Bündelchen. Als wir uns in den Nachen setzten, um über die Donau zu fahren, sahen wir, daß er zwei kolossale Nachtsäcke mitgenommen hatte, und auf unsere Frage, was er mit all dem Gepäcke wolle, versicherte er uns ganz ernsthaft, er habe nur die allernothwendigsten Sachen mitgenommen. Doch wurden wir schon im ersten Nachtlager gewahr, was er unter diesen notwendigen Sachen verstand. Das war in einem elenden türkischen Nest, ein Haus ohne Fenster und Thüren, auf einem Lehmboden ohne Tische und Stühle, auf dem wir uns angezogen wie wir waren hinstrecken mußten. Am andern Morgen, ehe wir Uebrigen aufstanden, war der Engländer schon hinausgegangen und schleppte bald darauf einen seiner Nachtsäcke in die Stube, öffnete ihn und ein vorwitziger Blick, den ich darauf warf, belehrte mich, daß der Sack ganz mit weißer Wäsche angefüllt sei. Als der Tag herandämmerte, erhoben wir uns auch, und ich, der zufällig neben dem Engländer lag, wollte eben ruhig meine Toilette machen, als er mich erstaunt fragte, ob ich denn keine reine Wäsche anziehen wolle? Ich entgegnete ihm lachend, daß ich dafür nicht gesorgt habe, worauf er mich mit einem Blick des tiefsten Mitleidens, dem aber eine kleine Dosis Verachtung beigemischt war, ansah. Wie aber auch die Andern keine reinen Hemden anzogen, war er ganz überrascht und sah, während er seine Wäsche wechselte, mit einem wehmüthigen Blick zum Fenster hinaus. Er blickte wahrscheinlich einer traurigen Zukunft entgegen, denn er fühlte sich gewiß sehr verlassen unter uns schmutzigen Leuten, die auf einer türkischen Landreise nicht jeden Tag ein reines Hemd anzogen. Er hatte von diesem Artikel beiläufig gesagt zwei Dutzend in seinen Nachtsäcken, eine Unzahl von Schnupftüchern und weiter gar nichts. Diesen Mangel an Reinlichkeit verzieh er uns erst, als wir ihm vorrechneten, daß wir wenigstens sechs Packpferde mehr nöthig hätten, wenn Jeder von uns zwei solcher Nachtsäcke mit sich schleppen wollte. Diese Eigenheit abgerechnet, so wie sein beständiges Mißvergnügen, daß unsere Tagemärsche zu klein wären, war er ein ganz guter und angenehmer Gesellschafter und wir kamen glücklich mit ihm in Konstantinopel an. Der right honourable Lord Londonderry, wie auf allen seinen Kisten und Koffern stand, nebst Frau Gemahlin und Dienerschaft, war schon einige Tage vor uns in Pera angekommen und setzte die Stadt durch sein Erscheinen nicht wenig in Allarm. Von der Regierung waren ihm mehre Kawaschen (Wachen) gegeben worden, die, wenn er in den Straßen von Stambul ritt oder fuhr, beständig hinter oder vor ihm paradirten. Bei unserm Aufenthalt in Konstantinopel verloren wir ihn bei dem Schönen, was wir sahen, bald aus dem Gesichte und wurden erst wieder durch eine lächerliche Geschichte, die zwischen der Lady und dem Sultan vorfiel, auf ihn aufmerksam. Nachdem Seine Herrlichkeit eine offizielle Audienz bei dem Padischah gehabt, wünschte auch die Lady das erhabene Antlitz des Großherrn von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Doch da es dem Sultan nicht erlaubt ist, ein weibliches Wesen, das ihm nicht eigen gehört, und am allerwenigsten eine weibliche Ungläubige in seinem Palaste zu empfangen, so zerbrach man sich den Kopf, wie man die Bitte der Lady, da man sie ihr nicht gern abschlagen mochte, bewilligen könnte. Endlich fand man einen Ausweg. Die Lady mußte Beschitdesch, das Sommerpalais des Sultans, an einem gewissen Tage Abends zu der und der Stunde besehen, wo ihr der Sultan von ungefähr begegnen und eben so von ungefähr ein paar Worte mit ihr reden wollte. So geschah es denn auch. Die Lady erschien und hatte sich zu dieser feierlichen Gelegenheit so mit Diamanten behängt, deren sie eine ziemliche Anzahl besitzt, daß die türkischen Palastoffiziere, die sie empfingen, es für ihre Pflicht hielten, dieß dem Padischah heimlich zu melden, worauf dieser nach einiger Berathung sämmtlichen Anwesenden befahl, ihre mit Brillanten besetzte Nischah (Ehrenzeichen) ebenfalls umzuhängen, worauf von den Großen des Reichs, die die Lady in einem Schwarm überall hin begleiteten, sich Einer nach dem Andern verlor, um mit dem großen Stern geschmückt wieder zu kommen. Auf einer Terrasse begegnet der Padischah endlich Ihrer Herrlichkeit, bleibt stehen und fragt den damaligen Minister Redschid Paschah, der ihn begleitet: wer die Dame sei? Sie wird ihm vorgestellt, und nachdem er einige Worte mit ihr gewechselt geht er weiter, bleibt aber nach wenigen Schritten wieder stehen, blickt der Dame nach und gibt, da er sich über die Masse der Edelsteine, womit sie geschmückt war, höchlich verwunderte, dem Minister den kitzlichen Auftrag, sich bei der Lady zu erkundigen, ob die Steine auch alle ächt seien, und was sie wohl gekostet hätten. Redschid Paschah, als ein gewandter Mann, stellt der Dame die letzte Frage mit Uebergehung der ersten und erhält darüber eine ausführliche und bestimmte Antwort; denn sie liebte es sehr, die ungeheuren Summen anzugeben, die der Schmuck wirklich gekostet. In Konstantinopel gab es zur Zeit unseres Aufenthaltes wenig Engländer. Auch hatten wir auf dem Dampfboote Crescend, das uns nach Beirut brachte, keinen in unserer Gesellschaft. Doch kamen wir in Marmarizza, wo die ganze englische Flotte damals lag, mit mehren zusammen und fanden jetzt wieder einzelne Exemplare fast auf unserer ganzen Reise. In Beirut lag noch die englische Artillerie, die am Hafen unter großen grünen Zelten campirte; sie hatte ihre Küche zwischen zwei hohen Mauern aufgeschlagen, worin es immer ungemein lieblich roch. Hier lebten die Söhne Albions herrlich und in Freuden, denn ihre Schiffe kreuzten beständig auf der Rhede und versahen sie mit dem Nöthigsten; auch die Einwohner ließen ihnen vorzugsweise die besten Sachen zukommen; denn »die Inglese,« wie sie von dem Volk genannt wurden, hatten sich durch ihre gewaltigen Bombardements in großen Respekt gesetzt, und dieser Name war besonders an der syrischen Küste ein Zauberwort, mit dem man überall durchkam. Oft wenn wir durch die Bazars oder über die Plätze Beiruts wandelten, blieben die kleinen Buben um uns stehen, und erst nachdem sie uns sattsam betrachtet, riefen sie: »Inglese, Inglese, puff, puff!« und liefen schreiend davon. Wenn man die englischen Soldaten und Seeleute nicht schon an ihrer Kleidung erkannt hätte, so hätte man sie doch sicher an ihrem Benehmen von den andern Nationen unterschieden; denn während der Franzose lachend und schwadronirend umherschlenderte und der österreichische Seemann vor jedem gut gekleideten Franken freundlich grüßend an den Hut griff, starrte der Engländer mit dem kalten nüchternen Gesicht die Häuser und den Himmel an und rannte Jedem in die Seite, der ihm nicht auswich. Die Offiziere und Gentlemen, die neben dem Genuß des guten Porters und Roastbeaf, das ihnen von den Schiffen verabreicht wurde, auch zuweilen ein geistiges Vergnügen haben wollten, stellten deshalb mitunter in der Ebene hinter der Stadt große Jagden an, zu denen sie sich anfänglich einen lebendigen Schakal hatten kommen lassen. Doch dieses Thier, kaum in Freiheit gesetzt, zog sich schleunigst in die Schluchten des Gebirgs zurück, wohin ihm die englischen Jagdliebhaber nicht folgen konnten, weßhalb sie sich in der Folge eines Hundes bedienten, der besser in der Ebene blieb und wo sie das Vergnügen, ihn zu hetzen, länger genießen konnten. Noch vor unserer Abreise von Beirut wurden die Kanoniere eingeschifft und die meisten Engländer zogen sich nach Saida, Acre und Jaffa, wo wir sie später wieder trafen. Von letzterer Stadt aus machten sie häufig Ausflüge nach Kamleh und Jerusalem, wo wir ihnen hie und da in kleinen Gruppen zu fünf bis sechs begegneten; ohne daß wir ein Wort mit ihnen wechselten, erkannten wir schon von Weitem, wer unter diesem Trupp Franzose oder Engländer sei, an der Art zu Pferde zu sitzen, an dem runden Hute, der niemals fehlen durfte, oder an der großen Halsbinde. Letzteres machten sogar unsere Beduinen scherzweise nach, und wenn sich so ein dunkel gefärbter Kerl den Shawl faustdick um den Hals wand, ging er gespreizt umher und sagte wohlgefällig: »Inglese! Inglese!« In Gazza war es, wo wir die Mode der Briten, auch in die unwirthbarsten Gegenden alles zum Comfort Gehörige mitzuschleppen, einmal recht aus Herzensgrund segneten. Ibrahim Pascha, der sich unserer besonders annahm, hatte uns in der kleinen Stadt, die mit Soldaten von der unglücklichen Armee aus Damaskus überfüllt war, ein freilich sehr armseliges Quartier verschafft; doch gebrach es uns am Notwendigsten, und da wir gehofft hatten, von Jaffa aus zu Schiff nach Alexandrien zu kommen, hatten wir uns weder mit Eß- noch Trinkgeschirren versehen, und in Gazza waren nicht einmal Lebensmittel, geschweige denn etwas Anderes zu bekommen. Da erfuhr Giovanni, unser trefflicher Dolmetscher, daß mehre englische Offiziere hier stationirt seien, um sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Ibrahim Pascha Syrien wirklich verlasse. Wir machten ihnen einen Besuch und wurden dafür auf den Abend zum Thee eingeladen. Hier war denn Alles auf's Beste eingerichtet; da war die singende Theemaschine, da waren die großen Porzellantassen, die silbernen Löffel, der Spülnapf und die Krystallfläschchen mit Arak und Rhum; da brachten die Bedienten das geröstete Brod herein, ganz wie in England; da fehlte nichts bis auf die damastene Tischdecke, die auf ein Paar großen Kisten ausgebreitet war und um welche wir auf Kissen und Teppichen lagen. Während unseres Aufenthalts in Gazza waren wir öfters bei diesen englischen Offizieren und machten kleine Touren mit ihnen in die Umgegend und an das Meer, und als wir abreisten, fand es sich, daß einer derselben, ein Kapitän E. aus Bombay, die Tour durch die Wüste machen würde, was uns sehr angenehm war, denn außer seiner Person, er sprach geläufig französisch und konnte, wenn er gerade dazu aufgelegt war, recht unterhaltend sein, führte er drei Bedienten mit sich, so wie in einer großen Kiste alles mögliche Geschirr zum Essen und Trinken, und das kam uns bei der gänzlichen Armuth, in der wir uns befanden, trefflich zu Statten. Wie mit Zauberkraft ließ er aus dieser Kiste eine Menge Sachen herausspazieren, von denen wir glaubten, daß nicht die Hälfte Platz habe. Am erstem Abend machte es ihm Spaß, uns alle diese Geräthe, Teller, Gläser, Messer, Leuchter, Theeservice zu zeigen, und er blieb sich auch in dieser Gefälligkeit gegen uns fast immer gleich. Doch hatte er dafür eine Menge anderer Eigenheiten, die uns oft lächerlich vorkamen, ja oft verdrüßlich machten. So hatte er mit seinen drei Bedienten ein ewiges Gezänke, und wenn sie nicht auf seinen Wink flogen, quälte er sie bis in die Nacht hinein mit Allerlei unnöthigen Aufträgen, oder bestrafte sie, so wie auch seine Kameeltreiber mit tüchtigen Schlägen, wozu er seinen Steigbügelriemen gebrauchte. Seinen Kammerdiener und Koch, der ein Grieche war, aber gebrochen französisch sprach, bestrafte er meistens mit Worten, wobei wir uns des Lachens kaum enthalten konnten. So sagte er ihm z. B., und auch eben nicht im besten Französisch: »N'est ce pas vous êtes une bête. Cites mois, que vous êtes une bête? Eh bien parlez donc: je suis une bête!« Das trieb er so lange, bis der arme Kerl sagte: »je suis une bête!« Und dann gab er ihm zur Antwort: »Ah oui, grande bête!« Dann verlangte er auch von seinem Bedienten, daß seine Befehle buchstäblich, wie das englische Gesetz, befolgt würden. So hatte er einmal einen großen Korb mit Fischen gekauft, und befahl: diese sollten zum Abendessen gebraten werden. Ein großer Theil derselben erschien auch wirklich auf's Beste zubereitet, und ehe die Schüssel noch geleert war, waren wir Alle vollkommen gesättigt. Der Kapitän legte sich auf seinen Teppich hin und vertraute mir: er habe etwas zu viel gegessen. Während er so da lag und an die Decke des Zeltes hinauf sah, kam ihm ein Gedanke. Er rief den Koch und fragte ihn, ob er auch die Fische alle gebraten habe. Dieser antwortete: er habe außer denen, die zu uns in's Zelt gekommen seien, auch für sich und die andern Bedienten einen Theil zubereitet; doch sei immer noch eine gute Portion im Korb übrig geblieben. Darauf fing der Kapitän ganz ruhig mit ihm die bekannte Unterredung an: »N'est ce pas, vous êtes une bête« etc. und da er befohlen habe, daß die Fische alle gebraten werden sollten, so möge er gleich die übrigen noch zurichten. Da half keine Widerrede, und obgleich es schon spät war, wurde doch ein neues prasselndes Feuer angemacht und die Fische gebraten. Ungefähr um Mitternacht, als wir Alle schliefen, brachte der Koch die Schüssel ins Zelt, weckte seinen Herrn, der einen davon versuchte und sie dann wieder hinaustragen ließ. Eine andere große Eigenheit des Mannes war, daß er uns anfangs erklärte, er verstehe nur englisch und französisch. Wir ließen daher oft unserer Zunge freien Lauf, und sagten in deutscher Sprache Manches über seine Eigenheiten, was gerade kein Kompliment für ihn war, und am Schlusse unserer Wüstenreise offenbarte er uns, daß er zwei Jahre in Frankfurt am Main gelebt und sehr gut deutsch verstehe. Am Ende des Tagmarsches hatten wir auch zuweilen einen kleinen Streit mit ihm, denn da es ihm in dem ausgedörrten Sand der Wüste sehr heiß geworden war, so wollte er, als wir uns Aegypten näherten, zum Aufschlagen der Zelte einen Platz gesucht haben, der schön feucht und kühl sei, weßhalb er zum Extrem überging und nicht selten die Nacht in Sümpfen zubringen wollte. In Kahira, wo er auf seinen früheren Reisen schon einmal gewesen, führte er uns in einen englischen Gasthof, in eine großartige Anstalt, die zugleich die Postverbindung zwischen England und Ostindien besorgt, indem die Briefkasten von Liverpool auf den englischen Dampfbooten nach Alexandrien gebracht werden; dort liegen die Barken des Gasthofs von Kahira bereit, welche Briefe und Passagiere den Nil herauf nach dieser Stadt bringen. Hier wird den Reisenden kaum Zeit gelassen, ein Mittagsmahl einzunehmen, worauf sie zu Pferd oder in Sänften und sogar in großen zweirädrigen Wagen durch die Wüste nach Suez geschafft werden, um ein anderes Dampfboot zu besteigen, das sie nach Bombay bringt. Wenn es auch gewiß für den Reisenden angenehm ist, so weit von der Heimath in fremdem Lande allen möglichen Comfort zu finden, den man nur zu Hause genießen kann; wenn es auch ein eigenes Vergnügen gewährt, von einem Spaziergang unter den Palmen am Nil, wo man am andern Ufer die mächtigen Pyramiden in majestätischen Reihen sieht, zurückzukehren und sich an eine Tafel zu setzen, die bis auf die geringste Kleinigkeit nach europäischem Begriff elegant servirt ist; – so muß doch der Reisende diese Annehmlichkeit in dem englischen Gasthof zu Kahira wirklich enorm bezahlen. Zur Zeit unseres Aufenthaltes daselbst waren wir die einzigen Fremden. Einige streifende Engländer waren wenige Tage vorher nach Alexandrien abgereist und hatten bei dem Besuch der Pyramiden von Ghizet den sie begleitenden Fellahs eine komische Scene zum Besten gegeben, die aber fast einen traurigen Ausgang gehabt hätte. Um nach den Pyramiden zu gelangen, muß man einen kleinen Arm des Nils passiren, auf dem sich aber weder Boot noch Brücke befindet. Doch da das Wasser sehr seicht ist, machen sich die Fellah einen besondern Erwerb daraus, die Reisenden auf ihren Schultern an's andere Ufer zu tragen. Jene Engländer kommen also auch in Begleitung einer Lady hieher und die dienstfertigen Fellah bieten gleich ihren Rücken an, um sie hinüber zu tragen. Da ihnen aber das Wasser in der Mitte des Flusses bis über die Knie reicht, so pflegen sie das graue Hemd, ihr einziges Kleidungsstück, etwas in die Höhe zu schlagen. Die Cavalcade beginnt, zwei der Engländer sind glücklich ans andere Ufer gebracht worden, und die Lady hat gerade einen handfesten Fellah bestiegen, während der Herr Gemahl noch am Ufer bleibt, um in seinem Guide etwas nachzulesen. Mag es nun sein, daß der Träger der Dame eine etwas tiefere Furth wählte, genug, er rollt sein Hemd etwas höher auf, als die andern, und der Engländer schreit dem Fellah in gutem Englisch mit heftiger Stimme nach; doch dieser versteht ihn nicht, und wandert ruhig weiter. Der Engländer, der am Ufer verzweiflungsvoll die Hände ringt, erinnert sich des arabischen Wortes: Burda! Burda! – Halt, halt! welches er nun unzählige Male ausruft. Doch der Fellah, der wahrscheinlich nicht weiß, was er will, sieht sich lächelnd um und geht abermals weiter. Jetzt verliert der am Ufer den Kopf, reißt eine Pistole heraus und schießt nach dem Araber. Dieser läßt nun die Engländerin ins Wasser fallen, winkt einigen seiner Kameraden, die in vollem Laufe zurückkehren und den Gemahl wahrscheinlich übel zugerichtet haben würden, wenn sich nicht der Dolmetscher der Briten ins Mittel gelegt hätte. Von einem andern Engländer, der vor wenigen Jahren die Pyramiden und die Sphinx besuchte, erzählen die Fellahs unter Kopfschütteln, daß er mit vielen Kosten und großer Mühe das Vordertheil dieses Riesenbildes vom Sand habe entblößen lassen, um die Inschrift der Tafel, welche sie zwischen den Klauen hält, abzuschreiben. Nach einigen Wochen angestrengter Arbeit habe er seinen Zweck erreicht, dann aber die ganze Geschichte wieder zudecken lassen. Auf unserer Tour nach jenen riesenhaften Denkmalen war es unser englischer Kapitän, der zu mancherlei komischen Auftritten Veranlassung gab. Bald hatte er mit den Arabern Streit, weil sie nach seiner Idee zu viel für die kleinen gebrannten Mumien, Käfer, Pagoden und andere Figuren forderten, die man in den Gräbern findet und die das Volk zum Verkauf aufbietet; bald jagte er diese Leute, welche sich in dichten Schaaren um uns versammelten, auseinander, und verfolgte einzelne, die ihm laut lachend entliefen, auf seinem Pferde, doch zog er dabei beständig den Kürzern und die gewandten Araber hatten ihn förmlich zum Besten. Bald that einer, als würde er eingeholt, sprang dann auf die Seite und schrie das Pferd an, daß es stutzig und scheu zu werden drohte. So trieb er es den ganzen Tag auf dem Hin-, wie auf dem Heimwege. In dem englischen Hotel, wohin er uns doch eigentlich geführt, blieb er selbst nicht lange, sondern da es ihm zu theuer war, miethete er sich ein paar Stuben und kam nur zum Frühstück und zu Tische. Doch reisten wir bald darauf ab und sahen ihn nicht wieder. In Alexandrien schifften wir uns auf dem englischen Dampfboot, der Orientale, ein, und blieben nun bis nach Italien beständig in ächt englischer Umgebung und englischem Schutze. Doch war das auf dem Meer so übel nicht; denn alle Reisende sind darüber einig, daß man mit keinen Schiffen angenehmer und bequemer fährt, als mit den englischen. So unpraktisch und langweilig auch dieses Volk auf dem Lande erscheint, so praktisch ist es dagegen auf der See in seinen Schiffen, in denen Alles auf das Eleganteste und Bequemste eingerichtet ist. Auf unserem Dampfboote waren von den hundert und zwanzig Passagieren vielleicht sieben Achtel Engländer, die nach ihrer Heimath zurückkehrten, und Alle waren hier ganz erträglich. Da konnten sie sich auf's Verdeck setzen und so lange es ihnen die Seekrankheit gestattete, sich dem Vergnügen überlassen, bei einer Tasse Thee weit, weit in das unendliche Meer zu blicken, wo sie keine Berge mit langweiligen Burgen quälten und sie keinen Guide nachzuschlagen brauchten, um aus demselben in ihr Tagebuch abzuschreiben, was sie nicht gesehen. Aber im Laufe des ersten Tages hatte der Spaß ein Ende. Da schwebte das Gespenst der Reisenden, die unerbittliche Seekrankheit, aus dem Verdeck umher und jagte den größten Theil der Passagiere in ihre Kajüten, aus denen nun Heulen und Zähnklappern erscholl. Nur eine kleine Anzahl blieb zum Dienste des Theetrinkens mobil und versah dieß Amt auch mit der pünktlichsten Genauigkeit. Von unserer Gesellschaft war keiner eigentlich ganz seekrank, weßhalb wir uns jenen übrig Gebliebenen beigesellten und allabendlich vor dem Kajütenhäuschen sitzend die frische Meerluft einathmeten. Einmal fiel es einer der englischen Damen ein, sie möchte gern wieder einige deutsche Nationallieder hören, deren Klänge sie früher an den Ufern des Rheins so sehr ergötzt habe, und da ich auf unserer ganzen Tour, so wie auch in einsamen Stunden auf dem Schiff als Troubadour fungirte, erwählte man mich, um der sentimentalen Lady etwas vorzusingen. Doch bald war mein Vorrath an Liedern, die man bei uns in Gesellschaft von Damen singen kann, erschöpft, und nachdem ich mich überzeugt, daß die Engländerinnen kein deutsches Wort verstünden, machte ich mich an unsere Volkslieder, und sang ihnen eine Unzahl derselben herunter. Oft verlangten sie zu den Liedern, deren Melodien ihnen am meisten zusagte, die Worte auf englisch, doch konnte man diesem Verlangen nur mit der allerfeinsten Uebersetzung nachkommen; denn einer prüden Engländerin das Lied: Es waren vier Gesellen, Die thäten sich was verzällen \&c. oder Wenn ich Abends zu Dir geh, O mein Schatz, juchhe! \&c. wörtlich zu übersetzen, war doch nicht gut möglich. – Nirgends tritt so sehr der Kontrast von Nord und Süd schärfer hervor, als in Malta, das unter englischer Herrschaft steht, und es macht ein eigenes Gefühl, hier neben dem braunen sonnverbrannten Malteser den englischen Constable mit schwarz lakirtem Hut und dem kleinen Stock mit dem englischen Wappen zu sehen, oder auf der Parade, wo einige hundert rothröckige Engländer mit steifen Gliedern und noch steiferen Gesichtern marschiren, dem Gewühl und Gedränge der lustigen glühenden Malteserinnen zuzusehen, die in ihrer ganz schwarzen Nationaltracht und mit ihren noch schwärzeren Augen auf dem Platz umher schwärmen. Nachdem wir in der Quarantäne zu Malta ein und zwanzig Tage verlebt hatten und endlich der Tag der Erlösung kam, trat uns Alt-England noch einmal in den Weg und wäre in der Person eines mürrischen Gentleman beinahe ein neuer Riegel geworden, der uns wieder eine lange Zeit gefangen hielt. Dieser Edle nämlich wohnte auf demselben Corridor wie wir, und hatte während der Dauer der Quarantäne beständig die Zeichen der besten Gesundheit gegeben. Das konnte die große Menge geleerter Porterflaschen, die vor seinem Lokal aufgeschichtet waren, sowie die Rechnung des Speisewirthes bezeugen, welche nach den vielen Beafsteaks, die er täglich genoß, gewiß nicht klein war. An dem Morgen, wo sich unsere Gefangenschaft endigte, waren wir schon sehr früh bei der Hand, packten unsere Sachen und sahen sehnsüchtig hinüber nach Lavalette, in deren Gassen wir uns bald wieder als freie Menschen bewegen konnten. Ein Paar junge Franzosen, die auf der andern Seite neben uns wohnten, trieben vor Freude über ihre Erlösung allerhand Tollheiten, tanzten die Treppen hinab und hinauf, und erkundigten sich wohl hundertmal, ob nicht bald der Quarantänearzt käme, um uns zu entlassen. Bald darauf öffnete sich auch die Thür des Engländers, und er trat in seinem Schlafrock, die weiße Mütze auf dem Kopfe heraus und sah uns mit recht kläglichem Gesichte an. »Aber mein Gott!« riefen wir ihm zu, »warum sind Sie noch nicht angezogen? es geht ja gleich fort.« – »O, o,« entgegnete der Engländer, »ich fühle mich sehr krank.« Das war eine schreckliche Antwort für uns; denn jeden Augenblick sollte der Arzt kommen, konnte die Krankheit des Engländers für einen Pestanfall halten und uns Alle, die wir mit ihm in Berührung gekommen waren, auf weitere vierzig Tage in Quarantäne setzen. Es war ein entsetzlicher Moment, und so viel wir dem Mann im Schlafrock zuredeten, sich anzuziehen und ja dem Arzt von der Unpäßlichkeit nichts zu sagen, so that er gerade das Gegentheil. Doch da der Quarantänearzt, der gleich darauf eintrat, ein vernünftiger Mann war, so konsultirte er den Koch der Anstalt, der ihm anvertraute, daß der Engländer gestern Abend nicht weniger als vier Portionen Schildkrötensuppe verspeist habe, wonach sich die Unpäßlichkeit leicht erklären ließ und wir in Gnaden entlassen wurden. Daß wir schnell entflohen, und nicht erst warteten, bis der kranke Engländer seine Sachen zusammengepackt hatte, kann sich jeder denken. Schon tanzte unser Boot auf den Wellen des neuen Hafens, und wir sahen das Dampfboot vor Anker liegen, das uns morgen schon nach Italien führen sollte, als wir zurückblickend noch immer die Gestalt jenes Engländers unter den Bogen des Corridors stehen sahen. Sein Bedienter stopfte einige kolossale Nachtsäcke aus, und der Herr, noch immer im Schlafrock und der weißen Mütze, untersuchte mit seinem Fernrohr St. Elmo und Lavalette, und schrieb darüber von der Quarantäne aus gewiß viel Geistreiches in sein Tagebuch. Ein Ausflug in den Schwarzwald Gegen die Mitte des Monats September schien der Sommer noch einmal in seinem vollen Glanze, in seiner ganzen Hitze bei uns eingekehrt. Es lag bei dem klarsten Himmel eine wirklich drückende Schwüle auf den breiten schattenlosen Straßen Stuttgarts, und selbst die Winde, die sich sonst hier nicht selten machen, sparten diesmal ihren Athem und trieben, weil es ihnen vielleicht im Thale zu heiß war, aus den Bergen umher unter Buchenlaub und Rebenranken ihr loses Spiel, indeß sie uns fast verschmachten ließen. Nicht nur in der Mittagszeit war es außerordentlich warm, sondern auch am frühen Morgen und späten Abend herrschte eine Luft so lau, wie sie in diesen Monaten vielleicht an den himmlischen Küsten bei Neapel oder in den Ebenen bei Pavia und Mailand herrscht, und der Himmel war so dunkelblau und klar, wie er über Italien schwebt. Trotz der Annehmlichkeit, auch einmal im September noch solche Tage zu haben, so warm und berauschend, wie die der südlichen Länder, die wir oft darum beneiden, so kommt doch diese Sache selten, wir sind nicht eingerichtet, die Hitze zu empfangen und zu brechen, wie wir es mit der Kälte machen; uns fehlt der erquickende Seewind, der am Abend über den einförmig schlagenden Wellen hinstreicht und kühlend das Gesicht des Spaziergängers küßt; bei uns wächst nicht der Orangebaum, dessen süße duftige Blüte die Hitze zu verzehren und Kühlung auszubreiten scheint; und dann eine Hauptsache: uns fehlt das Eis, ich meine Gefrorenes, wie man es in jeder, auch in der kleinsten Stadt Italiens in Auswahl haben kann. Freilich wagt sich auch hier wohl in einigen Konditoreien, wenn es einmal vierzehn Tage hintereinander sehr heiß gewesen ist, zuweilen eine schüchterne Tafel vor die Thür, auf der man die Worte: »Glace oder Gefrorenes« liest, aber man findet da ein oder auch wohl zwei Arten Eis, halb warm und kein steinhartes Pezze, sondern ein Glas voll dicken Breies. Stößt man selbst zuweilen einmal auf gutes Eis, so kann man es doch nicht auf der Straße sitzend und die Vorüberwandelnden betrachtend unter einem aufgespannten Dache, das den Luftzug durchstreichen läßt, genießen, sondern man muß sich in der dumpfigen Stube damit regaliren. Doch ländlich, sittlich; und wir haben so viel Schönes im deutschen Vaterland, daß man nur scherzweise die Vorzüge anderer Länder herbeiwünschen kann; und so auch hier. Mitte September war es also entsetzlich heiß. Ich hatte keine Lust zum Arbeiten, und schlenderte entweder dicht an den Häusern hin, das Bischen Schatten, das da zu finden war, aufsuchend, oder lag zu Hause, mich mit kaltem Brunnenwasser kühlend. Da trat eines Tages mein Freund Siegmund in meine stille Klause, und trug mir nach den ersten Begrüßungen mit einem gelinden Fluch über die gräßliche Hitze eine Idee vor, die erfrischender war, als Eis und Sorbet. »Weißt du was,« sagte er, »wir wollen für einige Tage hinausgehen aus Stuttgart nach dem Neckarthal in den Schwarzwald, und uns dort unter die himmelhohen Tannen an irgend ein klares Bergwasser legen. Ich versichere Dich, da ist das Moos weich und kühl und unser Blut rollt, wie der Quell selbst, wieder frisch und lebendig.« Lange überlegen ist nie meine Sache gewesen, und so saßen wir denn am andern Morgen um fünf Uhr, nachdem ich um ein Haar die Postzeit verschlafen hätte, im Eilwagen, der nach Freudenstadt fährt. Ach, ich hatte lange keinen Sommermorgen mehr im Freien erlebt. Ein Schauspiel, das wir, weil es uns so nahe liegt und so wenig kostet, so selten besuchen. Die Sonne vergoldete die Spitzen der Bäume, und die Reben rings an allen Bergen bedeckte hie und da noch ein feiner Nebelschleier; dabei der duftige Geruch des Grases und des frischen Laubes, das uns bald von allen Seiten umgab; denn wir gelangten in kurzer Zeit nach dem Schönbuch, einem Walde, wie sein Name sagt, voll herrlicher Buchen. Er liegt schon auf der Höhe der Filder, einer ziemlichen Hochebene. Die Sonne warf ihre Strahlen quer über die Berge weg in den Schönbuchenwald, und ließ uns weit hineinsehen. Wie an so manchen Orten, hat auch hier in der herrlichsten Natur die Geschichte oder ein einzelner Mensch seine blutigen Spuren hinterlassen; denn wenn wir sie auch nicht sahen, so steht doch etwas tiefer in dem Walde die von dem Volke sogenannte Hutten-Eiche, wo Hans von Hutten von der Hand des Herzogs Ulrich fiel. Mir hat dieser Baum immer sehr leid gethan, denn er kommt mir wie ein Mensch vor, der unschuldig von dem Blute eines Ermordeten bespritzt wird, das in der Erinnerung der Welt immer an ihm kleben bleibt, und wie die Menschen es machen, so betrachten auch vielleicht die umstehenden Buchen die arme Eiche mit finstern Blicken. Doch weiter von diesem Wald. Uns trug der Wagen durch die weiten gesegneten Gefilde Württembergs, welche in ihrem jetzigen Flor das Herz so freudig anlachen, daß alle finsteren Erinnerungen aus demselben weichen müssen. Wir ließen Böblingen und Herrenberg hinter uns, zwei Poststationen, wo ich nicht umhin konnte, mich darüber zu verwundern, mit welcher beispiellosen Langsamkeit das Umspannen vor sich geht, oder vielmehr warum auf jedem dieser kleinen Orte der Wagen, der doch den Namen eines Eilwagens führt, halbe Stunden lang wie ein Lohnkutscher vor dem Posthause steht, ehe die neuen Pferde kommen. In Nagold war bei unserer Ankunft die Mittagstafel servirt, und uns wurde ein für den Ort wirklich sehr gutes und billiges Essen; aber nie habe ich eine solche Menge von Fliegen gesehen, wie hier, die sogleich die ausgetragenen Speisen bedeckten; auch scheint Nagold und besonders das Wirthshaus, in dem wir uns befanden, von jeher dieses Glück gehabt zu haben; denn einer unserer Reisegesellschaft erzählte uns eine hierauf bezügliche recht artige Anekdote. Als der Herzog Karl von Württemberg eines Tages in der Gegend jagte, und in diesem Wirthshaus, das damals schon existirte, die Tafel für ihn bereitet war, beschwerte er sich über die Masse der Fliegen, die ihn belästigte, und sagte halb verdrüßlich halb lachend zu der Wirthin: sie solle den Fliegen hinter dem Ofen einen eigenen Tisch serviren; es sei doch nicht anständig, daß sie ungeladen an seinem Tische zu Gaste wären; was die kluge Frau alsbald besorgte, sich aber, nachdem sie mehre Schüsseln hinter den Ofen gesetzt, ehrfurchtsvoll mit den Worten an den Herzog wandte: »Servirt ist; befehlen nun Euer Durchlaucht auch, daß sich die Fliegen an ihren eigenen Tisch begeben.« Ich war sehr begierig, endlich den Schwarzwald zu sehen, von dem ich so viel gelesen und mir so Manches hatte erzählen lassen. Doch fängt er nach Freudenstadt zu nicht plötzlich an, sondern hängt mit dem Schönbuch zusammen, an dessen Ausläufern einzelne kleine Tannen schon mit den Buchen vermischt sind, die sich in einem gewaltigen Crescendo bis auf die Höhen des Schwarzwaldes ziehen, schon bei Freudenstadt als wahre Riesen die Berge bedecken und sich in die duftigen Thäler hinabziehen. Bei guter Zeit kamen wir nach Freudenstadt, wo wir die Nacht bleiben wollten, und benutzten den schönen Abend zu einem kleinen Spaziergang in den Wald. Wir traten vor das altertümliche Thor, das als Verzierung mehre in Stein gehauene kolossale Köpfe hat, und sahen vor uns die herrlichste Gegend ausgebreitet, keine Fernsicht, aber zwei liebliche Thäler, die sich rechts und links eine kurze Zeit hinzogen und dann zwischen den Bergen verloren. Mit Recht hat der Schwarzwald seinen Namen; denn besonders gegen den blauen Himmel und das frische kräftige Grün der Thäler sticht die dunkelgrüne Farbe des Nadelholzes recht schwarz ab. Den Weg verlassend, gingen wir durch Gras und Kleefelder in das Thal hinab, und fanden hier die ersten deutschen Vergißmeinnicht wieder, denn die letzten blauen Blümchen dieser Art hatte ich am Fuße des Libanon gepflückt. Die Mühle im Thal, sie lag so wunderbar heimlich, hatte ihre Arbeit eingestellt, und das Wasser schoß rauschend über das Wehr hinaus. Wir folgten dem Bache einige Schritte, bis zu einer Brücke, die in den Wald führt, von der wir seinen muntern Sprüngen eine Zeit lang nachschauten. Mir schienen hier die Menschen mit der Natur so verwandt; den schlanken Wuchs der Tanne, das Haar dunkel und glänzend, wie das dieses Baumes, und das ganze Wesen kräftig und frisch, wie der Bach, der vor uns hinsprang mit schwarzen Steinen besäet, denen das anklebende Moos etwas Lebendiges gab, und die so traulich zu uns aufzublicken schienen, diese Augen des Baches, wie die schwarzen sinnigen Augen der Schwarzwaldmädchen. Im Walde legten wir uns ins Moos unter mannsdicke Tannen, diesen ewig grünen Säulen des Waldpalastes. Nie ist mir ein Lager so duftig, ein Moos so frisch und grün vorgekommen, wie das, worauf wir ruhten. Bei uns vorbei kamen Mädchen, die auf dem Kopfe Körbe trugen und Männer mit großen Aexten, und es schien mir, als gingen Alle träumend bei uns vorüber und freuten sich auf ihren Heerd, an dem sie sich von des Tages Mühen erholen wollten. Die Waldblumen, die um uns standen, neigten ihre Köpfe, als wollten sie schlummern; die ganze Natur schien sich zur Nachtruhe bereit zu machen; aus dem Thale stiegen blaue Nebel auf, die zuerst die untersten Tannen bedeckten und dann an ihnen hinaufkletterten, das ganze Thal ausfüllend. Auch wir gingen endlich unserm Hause zu, und nachdem ich mir noch einen tüchtigen Knotenstock gekauft hatte, legten wir uns sehr zeitig zu Bett, um unsere Füße zu schonen, denen wir morgen eine starke Tour zumuthen wollten. Am andern Morgen erhoben wir uns zu guter Zeit und eilten aus dem Städtchen, von wo wir den Weg nach Schömberg einschlugen, um von da weiter in den dichtesten Schwarzwald zu kommen. Der Morgen war herrlich, der Himmel ganz unbewölkt! Anfangs waren wir noch allein auf der Straße, und erst nachdem wir eine Stunde gegangen waren, kamen Holzfäller und Mädchen aus den Seitenwegen hervor, und Alle boten uns freundlich einen guten Morgen. Es ist doch etwas besonderes um Tannenwälder überhaupt, und vorzüglich um den Schwarzwald. Der Anblick der schnurgeraden glänzenden Stämme ist dem Auge vielleicht nicht so wohlthuend, wie das unordentlich durch einander stehende Laube von Eichen- oder Buchenwäldern, und doch wieder traulicher. Von den dichten Massen des Laubwaldes kehren Blick und Gedanken bald gesättigt zurück, und senken sich in die eigene Brust; nicht so beim Tannenwald, wo dem Auge kein Halt geboten wird, und es, die Phantasie mit fortreißend, sich weiter und weiter zwischen den glatten Stämmen verliert oder auf den treppenförmigen Aesten den Baum leicht ersteigt und von der Spitze weit ins Land schaut, vielleicht Häuser und Fenster von dem Sonnenstrahle glänzen sieht, der es vor wenig Augenblicken aufgeküßt. Freilich ist der Tannenwald stumm, wenn der Wind nicht durch die Spitzen der Bäume streicht oder ein Auerhahn falzend auffliegt; es begleitet kein harmonischer Gesang der Vögel den Wanderer, und doch hört man zuweilen Klänge, die auch ohne Melodie das Herz ergreifen und die Phantasie wunderbar beschäftigen; ich meine den schallenden Schlag der Axt gegen den Baum, den man weithin hört, oder das Knarren eines Holzwagens, der sich in den engen Pfaden ächzend fortbewegt. Nach einigen Stunden beständigen, doch nicht starken Aufwärtssteigens erreichten wir Schömberg, ein kleines Dorf, wenn man die fünf bis sechs Häuser, die dort um die Kirche liegen, so nennen darf. Bis hier hatte uns ein ziemlich breiter Weg geführt, auf dem wir nicht irre gehen konnten, doch jetzt wollten wir auch diesen verlassen, um auf Fußpfaden und Holzschleifen nach Alpirsbach zu gelangen, das eine der schönsten Parthien des Schwarzwaldes sein soll. Kinder, die vor den Häusern in Schömberg spielten, liefen, als wir sie um den Weg oder einen Führer fragten, bei unserm Anblick schreiend davon, und konnten nur durch einige Kreuzer, die wir ihnen schenkten, zum Stehen gebracht werden, aber an Reden oder uns Antwort geben, war darum doch nicht zu denken. Von meinem norddeutschen Dialekte verstanden sie wahrscheinlich kein Wort, und selbst mein Freund Siegmund, der doch ein geborener Württemberger ist, konnte sich schwer mit ihnen verständigen. Da sonst kein menschliches Wesen zu sehen war, so drang jeder von uns in ein Haus, um Jemand ausfindig zu machen, der uns einen Führer verschaffe. Ich war glücklicher als mein Freund, und fing auf der Leitertreppe des kleinen Hauses, in das ich gerathen, ein Wesen, von dem ich im ersten Augenblicke nicht wußte, ob es ein menschliches sei; doch hielt ich meinen Fang fest und gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, es möge mir auf die Straße folgen; denn von den Reden, die es mir zu halten schien, verstand ich keine Sylbe. Beim Tage sah ich, daß es ein Weib sei, aber von einer Häßlichkeit, wie ich bis jetzt keines gesehen. Kaum vier Fuß hoch, verwachsen, flackerten um das gelbliche Gesicht fußlange ins Röthliche spielende Haare in einzelnen Strängen. Es war das Konterfei irgend eines bösartigen Waldweibes aus einem Märchen; indeß war die Frau sehr umgänglich und obgleich sie uns keinen Führer verschaffen konnte, denn die Erwachsenen seien alle im Wald beim Holzschlagen, sagte sie, und von den Kindern sei noch nie eines bis Alpirsbach gekommen, was beiläufig gesagt, nur zwei Stunden sind, so beschrieb sie uns doch den Weg so genau, daß wir ihn auch selbst gefunden haben. Dieser Weg führte anfänglich durch den Vogt Jockele's Wald, was ins Genießbare übersetzt, der Wald des Schultheißen Jacob heißt. Trotz der mehrtägigen Hitze war der Boden des Wegs, den wir jetzt zu machen hatten, feucht und naß, weil die Tannen hier sehr dicht standen und Sonnenlicht und Luftzug keinen Durchgang gestatteten. Bald ging unser Weg abwärts, bald aufwärts, und gewährte den schönsten Anblick, wenn er am Abhang eines Berges vorbeilief und wir die Tannen so recht betrachten konnten, wie sie so regelmäßig neben uns aufwärts bis zur Spitze des Berges und ebenso abwärts bis ins Thal stiegen, wo wir die feingezackten Gipfel der höchsten Tannen wie kleine Sträucher vor uns spielen sahen und sie mit den Händen erreichen zu können glaubten. Von Zeit zu Zeit kamen wir an sogenannten Holzschleifen vorbei, zwei bis drei Fuß breiten Pfaden, die von der Spitze des Berges bis ins Thal ausgehauen sind und gerade hinablaufen, daß es einem Menschen beinahe unmöglich ist, da hinabzuklettern. Auf sie werden die gefällten Stämme, nachdem sie ihrer Rinde beraubt und behauen sind, gelegt und schießen so bei dem geringsten Anstoß polternd ins Thal hinab, wo die zahlreichen Bäche, die der Schwarzwald besitzt, dazu benutzt werden, sie weiter zu bringen. Doch sind dieser Transportmittel noch immer zu wenig, um namentlich das Brennholz ins Unterland zu bringen, was daher im Gegensatz zu dem wohlfeilen Preise, zu dem man es im Schwarzwalde kaufen kann, in den Städten sehr theuer ist. Mein Freund Siegmund, als ehrbarer Hausvater, klagte mir beständig darüber, wie ihm das Herz blute, wenn er hier oben mitunter das schönste Holz, weil man es nicht Alles fortschaffen könne, verfaulen sehe. Und so war es auch: wir haben manches Klafter an stehengebliebenen Baumstrünken und liegengebliebenem Holze gefunden, das schon verfault war. Es war Mittag und schon sehr heiß, als wir Alpirsbach vor uns liegen sahen. Doch mußten wir noch weit hinabsteigen in das zerklüftete, wild romantische Thal, durch das die Kinzig fließt und in dessen tiefstem Grunde das Oertchen selbst liegt. Wir Beide waren von der Hitze und dem Herumklettern in den Bergen ziemlich müde geworden, und freuten uns nicht wenig, ein gutes Gasthaus zu finden, wo wir uns etwas ausruhen und erfrischen konnten. Anfänglich war unsere Absicht gewesen, über Schiltach und Wolfach nach Rippoldsau zu gehen, was man uns hier abrieth, da dieser Weg dem Kinzigthale entlang für uns, die wir nur die Absicht hatten, den Schwarzwald selbst, das heißt, seine himmelhohen Tannen und Waldwege zu bewundern, wenig belohnend sei. In Alpirsbach besahen wir das einzige Merkwürdige, was der Ort bietet, ein altes Benediktinerkloster, welches im Jahre 1095 von Rottmann von Hausen und Adelbert von Zollern gestiftet wurde. Die sehr kleine Kirche desselben hatte man jetzt weiß angestrichen und für den evangelischen Gottesdienst eingerichtet. Der Kreuzgang war mit Bildhauerarbeit verziert und wenn nicht einer von den schönsten, die ich gesehen, doch einer der ödesten und unheimlichsten. Er umgab von vier Seiten einen kleinen Hof, zu dem entweder nie ein Eingang gewesen oder derselbe vermauert war; denn den Boden hatte seit langer Zeit kein menschlicher Fuß mehr betreten; es wucherte da ein Wald von Unkraut, allerlei Schmarotzerpflanzen bedeckten die Fenster theilweise und verdunkelten den Gang noch mehr. Ich hätte ihn wohl beim Mondschein sehen mögen, da müßte er eine gute Staffage zu einer schauerlichen Novelle abgeben. In der brennendsten Sonnenhitze stiegen wir wieder aus dem Thale heraus in den Wald, um nach Rippoldsau zu kommen. Auf dem Wege begegneten uns wieder viele Mädchen mit schwarzen Augen und schwarzen Haaren, die sie in lange Zöpfe geflochten über den Rücken hinabhängen lassen. Sie kamen vom Feld, wo sie vom frühen Morgen an bis jetzt gearbeitet hatten, und da die Hitze zu groß wurde, nach Hause zurückkehrten. Die meisten waren schlanke volle Gestalten, die unsern Gruß freundlich erwiederten. Von einer der hübschesten, mit der ich mich unterhielt, und die mir, nachdem ich eine lange Rede gehalten, recht naiv antwortete, sie habe mich nicht verstanden, erfuhr ich endlich, nach vielen Umschreibungen, daß sie Maria heiße, worauf wir uns als gute Freunde trennten. Wir litten bei dem Bergsteigen nicht wenig von der Hitze, und waren endlich recht froh, wieder in den Schatten der Tannen zu kommen. Doch stiegen wir lustig und guter Dinge, lachend und singend aufwärts und vertrieben uns die Zeit, indem wir uns bald Märchen, bald selbst erlebte Anekdoten erzählten. Meine Phantasie ist nie so regsam, als wenn ich im Wald spaziere, und hundert Pläne und Gedanken, wenn auch vielleicht alle ohne Werth, tauchen in mir auf; heute waren wir Beide besonders glücklich, Novellen zu erfinden, wir verwarfen aber alle als nicht tauglich, bis auf eine, die uns sehr pikant vorkam. Ein junger, wohlbeleibter, aber dabei sehr fauler Poet, sieht im ersten Kapitel der Novelle endlich ein, daß eben diese Faulheit nicht viel aufs Papier brächte, und daß er in dem Gewühl und der Zerstreuung der großen Welt, die ihn umgab, nicht im Stande sei, seine Phantasie und das Bischen Geist, das er besitzt, aus der Lethargie, in die Beide gefallen, aufzurütteln, worauf er im zweiten Kapitel aus gewaltigen, nichts sagenden Monologen, die er hält, den Gedanken auffischt, sich mit seinem Bedienten in ein einsames Haus im Walde zurückzuziehen, um da ein noch zu erdenkendes, unsterbliches Werk zu schreiben: ein Plan, der im dritten Kapitel zur Ausführung kommt, wo Beide sich in ein einsames Dorf am Waldrande begeben und viel Dinte und Papier mitnehmen, auf das jedoch, wie das vierte Kapitel, das aus weißen Blättern besteht, sehr traurig anzeigt, Nichts geschrieben wird. Das fünfte Kapitel, ein sehr wehmüthiges, sagt aus, wie der Poet und sein Diener, anstatt zu arbeiten, nach verschiedenen Richtungen im Wald und auf den Dörfern herumstreifen; im sechsten erwacht die noch nicht ganz gesunkene moralische Kraft des Poeten, und er faßt im siebenden Kapitel den großen Entschluß, seine und seines Bedienten Kleider bis auf den Schlafrock fortzuschicken, um also genöthigt zu sein, den ganzen Tag über zu Hause zu bleiben, was im achten Kapitel am Schluß des ersten Bandes ausgeführt wird. Die drei ersten Kapitel des zweiten Bandes sind höchst matt und langweilig, weil hier der Poet arbeitet, und nur hie und da in der Dunkelheit Abends Spaziergänge macht. Im vierten überfällt ihn eine gewaltige Sehnsucht, und ein gewisses Etwas scheint ihn nach einer Gegend hinzutreiben, die er früher nie betreten. An einem schwülen Abend geht er im fünften Kapitel dorthin, und findet – – – ein hübsches Landhaus, in dem eine alte Dame mit ihrer sehr schönen und jungen Tochter und einer Kammerjungfer wohnt. Die Tochter sitzt zufällig im Garten und spielt Guitarre und zufällig ein Lied, von dem er zufällig die Schlußstrophe weiß, die er als Erwiederung auf die ersten Strophen singt, und sich dann zurückzieht. In den folgenden Kapiteln sieht man, wie nach dem Lauf der Welt der Poet und die junge Dame sich in einander verlieben und der Schluß des zweiten Bandes findet den Poeten in der gräßlichsten Verzweiflung, denn die junge Dame hat ihn in der Nachmittagsstunde in eine heimliche Laube, die sie im Walde hat herrichten lassen, zu einem Rendezvous eingeladen; er hat ja Nichts als den Schlafrock bei sich! Dieser zweite Band schließt sehr lehrreich, besonders für junge Poeten, indem er zeigt, wie man sich von der Begierde nach Arbeit nicht dürfe hinreißen lassen. Hier schloßen wir die Novelle, indem der Andrang dieses gräßlichen Umstandes auf den Poeten uns gar zu arg dünkte, um ihn auszugleichen. Auch mochten wir keinen Selbstmord auf uns nehmen. Bald stiegen wir eifrig den Berg hinan, bald setzten wir uns zu einer Gesellschaft von Holzfällern, die auf dem Stamme einer umgehauenen Tanne sitzend ihr Mittagsmahl hielten, was meistens sehr einfach aus Milch bestand, in die sie schwarzes Brod brockten, und kamen durch diese Abwechslung etwas langsamer, aber auch frischer auf die Höhe des Berges, von wo wir leicht und rasch abwärts stiegen. Schon lange hatte ich mir gewünscht, einen Meiler zu sehen, diese schwarze Waldherberge, in der die Ritter mit ihren Knappen und Rößlein einkehrten, wenn sie den Weg verloren und die Nacht sie überrascht auf den einsamen Waldpfaden. Eine Köhlerhütte behält für mich wenigstens, von der ersten Lektüre in der Jugend her, einen poetischen Schein, der bis dahin um so größer war, da ich noch keine in der Wirklichkeit gesehen. Sie kommt fast in allen abendländischen Sagen und Märchen vor, die wir als Kinder gelesen, in den schauerlichen Geschichten von Rübezahl, in der Sage von Griseldis, die sogar ein Köhlerkind war. Der Schwarzwald ist, möchte ich sagen, die Heimath der Köhlerhütten, und doch hatten wir heute noch keine gesehen; wohl mehre runde verbrannte Plätze, von denen die Kohlen schon weggeräumt waren, und auch einen, den man eben aus trockenen Tannenästen errichtete, doch war dieß Alles nicht das rechte; ein Meiler muß schwarz gebrannt sein und noch rauchen; dann muß auch die Köhlerhütte dabei stehen, vor der der Köhler selbst mit seinem Hunde sitzt und an die grausigen Schicksale denkt, von denen ihm der Ritter, den er gestern beherbergt, erzählt hat. Von dem Herabsteigen ermüdet, setzten wir uns auf eine Tanne, die auf der Holzschleife, wo sie noch lag, erst kürzlich von dem Gipfel des Berges herabgerutscht schien, denn sie war frisch behauen. Um uns stiegen die rothen und weißen Tannen so senkrecht in die Höhe, als wären sie alle nach dem Loth geordnet, und dieser Trieb ist so stark bei ihnen, daß große Stämme, die als Schößlinge schief aus dem Boden kamen, sich bogen und parallel den Andern emporwuchsen. Neben diesen mächtigen Tannen des Schwarzwaldes, die dieser Landschaft ein imposante dunkle Färbung geben, mildern die heimlichen klaren Bergwasser, die überall herkommen und munter ins Thal stürzen, das Düstere des Bildes, helle Lichter aufsetzend. Wir saßen jetzt gerade neben einem solchen Bächlein, dessen frisches Wasser wir zu den Brombeeren tranken, die in großer Menge um uns wuchsen, und folgten mit den Augen, so weit die Bäume es zuließen, seinem Laufe ins Thal, wo es sich einem Arme der Kinzig zugesellt, den wir über die Spitzen der Bäume hinweg hie und da aus dem Grün hervorblitzen sahen. Da stieg auf einmal neben uns etwas tiefer, als wir saßen, ein blauer Rauch auf, und Siegmund versicherte mich, dieß müsse ein Meiler sein, und wahrscheinlich einer, wie wir ihn gerade wünschten, schwarz oder rauchend. Eilig rutschten wir die Holzschleife hinab und arbeiteten uns dann durch das Gebüsch, bis wir endlich auf einem freien Platz das Gesuchte fanden, – ein stattlicher Meiler, der jedoch schon ausgebrannt war und nur noch von Zeit zu Zeit aus der Spitze rauchte, weßhalb wir ihn auch nicht früher sahen. Neben ihm lagen einige Gruben, die voll Wasser waren, das zur Abkühlung der Kohlen gebraucht wird. Auch die Köhlerhütte lag in der Nähe. sah mir aber doch ein Wenig gar zu ärmlich und einfach aus. Sie bestand aus zusammengestellten Baumstämmen, die oben durch schwache Reiser verbunden waren und, mit Moos und Gesträuch verstopft, sehr dünne Wände gaben. Das Innere war durch einen Baumstamm am Boden in zwei Theile getheilt, wovon der hinterste das Lager des Köhlers, aus Laub und Moos bestehend, enthielt, der vordere zur Küche zu dienen schien; denn zwischen drei Steinen waren Spuren von halbverbrannten Kohlen und Holzasche, neben der in einem Winkel ein Haufen Kartoffeln lag. Vor der Hütte stand die Wurzel eines Baumes, die oben glatt gehauen, eine Art von Stuhl gab, auf dem eine große Holzaxt eingehauen war; ein langer Schürbaum lehnte daneben. Doch war der Herr dieser Gerätschaften nirgends zu sehen. Wir riefen einigemal in den Wald hinein, und hätten den Köhler in seinem rußigen Gewand gar zu gern zwischen den Bäumen hervortreten sehen; doch warteten wir eine halbe Stunde vergebens, und sahen uns endlich genöthigt mit der Köhlerhütte zufrieden zu sein und unsern Weg fortzusetzen. In kurzer Zeit waren wir unten im Thale, wo das Dörfchen Reinerzau liegt, das jedoch nur aus einzelnen Häusern besteht, die an dem Arm der Kinzig, von dem ich oben sprach, einem kleinen Bache, zerstreut liegen. Siegmund sagte mir, daß schon dieser Bach zur Fortschaffung von ziemlich großen Flößen in die Kinzig selbst benützt würde, die sie dann weiter bis Kehl trägt, wo sie auf dem Rhein zu größeren verbunden werden und nach den Niederlanden abgehen. Obgleich dieser Bach viele Schleusen hatte, war es mir doch unerklärlich, wie das Wasser, das an den meisten Stellen kaum die Kiesel bedeckte, im Stande sei, einen Baumstamm zu tragen, und ich würde mit einigen Zweifeln hierüber nach Hause zurückgekehrt sein, wenn mich nicht zufälliger Weise der Augenschein davon überzeugt hätte. Wir waren nämlich kaum einige hundert Schritte den Bach aufwärts gegangen, so kamen uns in gestrecktem Laufe mehre Flößer entgegen, starke kräftige Menschen, mit großen Spangen und Aexten bewaffnet, im runden Hut und kurzer Jacke, große lederne Stiefel, bis über die Knie hinaufgezogen, von denen ein Theil an den Schleusen, die wir vor uns sahen, stehen blieb, die andern mit einem Rufe bei uns vorbei stürzten. Wir traten ebenfalls näher, und erfuhren von dem Flößer, der die schwere Schleuse, bei der wir uns eben befanden, allein aufwand, daß im nächsten Augenblick ein Floß kommen würde, und wirklich kam er auch gleich darauf um eine Ecke des Baches, die ganze Breite desselben einnehmend. Er bestand aus sehr schweren Balken, die sich nicht selten ächzend an den Ufern hinschoben und doch von dem Wasser, das sich hinter der Schleuse gesammelt hatte, mit unglaublicher Schnelle bis an das Thor derselben, das kaum breit genug war, ihn durchzulassen, daher getrieben wurde. Wir sprangen auf die Bank der Schleuse, wo der Bach einen Fall von wenigstens fünf Fuß bildete, und sahen dem Anblick gespannt entgegen, wo die Spitze des Floßes, auf dem einer der Flößer mit gespreizten Beinen stand, und sich durch eine eingeschlagene Axt festhielt, sich hinabstürzen würde. Manchmal kommen hiebei Unglücksfälle vor, indem die Spitze durch die nachfolgenden Balken gedrängt sehr häufig auf dem Grunde des Wassers sitzen bleibt und der Flößer, der vorn steht, durch den gewaltigen Stoß, den dieß verursacht, hinabgeschleudert wird, und nicht selten überfahren ihn die Balken, die sich im Augenblicke darauf wieder losmachen und beschädigen ihn stark. Doch ging es heute ganz glücklich ab. Der ohnehin schon sehr rasche Lauf des Floßes wurde durch den Fall noch verstärkt, und er schoß mit einer solchen Gewalt und Geschwindigkeit durch die Schleuse, daß der Flößer an der Spitze einen Augenblick bis an die Mitte des Leibes unter Wasser war und das Gebälk des Schleusenwerkes zitterte. Auf breiten Flüssen lenkt ein anderer Mann das Ende, das sonst gewaltig hin und her schlagen würde, was es hier bei der Enge des Baches nicht gut konnte; und doch drängten die letzten Balken mit ziemlichem Spektakel gegen die Ufer und das Schleusenwerk. Der ganze Floß hatte sechszehn Glieder und mochte, wie man uns später sagte, einen Werth von ungefähr zwei tausend Gulden haben. Es steckt überhaupt ein gewaltiger Reichthum in den Stämmen des Schwarzwaldes und man findet vielleicht nirgends so reiche Bauern wie hier; besonders in Reinerzau soll sehr viel Geld sein, und in einem kleinen Wirthshause, wo wir abstiegen, zeigte uns unser Führer drei Brüder, die zusammen genommen vielleicht ein Vermögen von einer Million Gulden haben. Viele Partien des Schwarzwaldes und besonders das Thal, in welchem Reinerzau liegt, wo wir uns gerade befanden, erinnert lebhaft an die Schweiz. Die untern Abhänge der Berge sind wie dort mit frischem Grün bekleidet und eben so fängt auch in dem Drittel der Höhe dieselbe Art dunkler schöner Tannen an, die sich bis über den Gipfel heraufziehen. Fast in jedem Thal fließt ein klares Bergwasser, das seine Nahrung von kleinen Bächen erhält, die sich von allen Seiten, Silberfaden gleich, durch die Tannen- und Wiesengründe schlängeln. Sogar die Häuser des Schwarzwaldes, die auch nicht selten in der Mitte des Berges, wo die Wiese aufhört, liegen, haben Aehnlichkeit mit den Sennhütten der Schweiz. Die platten Dächer, auf denen große Steine liegen, bedecken Gebäude, die auch hier ganz von Holz sind, und denen nur, um vollkommen den Schweizerhäusern zu gleichen, die Gallerien fehlen, welche Letztere von außen umgeben, und auf denen die Eingänge zu den Stuben befindlich sind. Das Innere der Schwarzwälder Häuser ist dagegen noch viel heimlicher, wie das der gewöhnlichen Sennhütte; doch sind die Wohnhäuser der reichen Schweizerbauern geräumiger und reinlicher. Man sieht es den Häusern aus dem Schwarzwald an, daß sie Holz in Menge zum Bau verwenden können, denn das ganze Getäfel, Fußboden und Decke bestehen aus glatt gehobelten Tannenbrettern: eine Tapete, die sehr warm hält und freundlich aussieht, aber dagegen auch viele Mängel hat, und sehr bald der Aufenthalt von dem mannigfaltigsten Ungeziefer wird. Die Möblirung dieser Häuser ist sehr einfach und altmodisch, und in den meisten der einzige Zierrath der Stube die Schwarzwälder Uhr, die man in allen Größen und sehr billig kauft. – So wie die meisten Bergbewohner hat der Schwarzwälder sein Kostüm erhalten. Der Bauer trägt schwarze kurze Beinkleider, bis zu denen die Stiefel von schwarzem Leder hinaufreichen, eine dunkle Weste, einen schwarzen oder dunkelbraunen Rock, der mit Grün ausgeschlagen ist, und auf dem Kopfe einen schwarzen runden Hut mit großer Scheibe, den ebenfalls ein grünes Band schmückt; ein Anzug, der so die Farbe ihres Waldes hat, wo zwischen den alten dunkeln Tannen hie und da ein junger Sprößling oder ein ander Laubholz grün hervortritt. Ich glaube wirklich, sie wollen die Farbe ihres Waldes im Kostüme nachahmen; denn die Tannen sind ihr Reichthum und ihr Stolz. Die Flößer tragen Wämser von dunkler Leinwand, kurze Beinkleider, welche ein handbreiter grüner Hosenträger in die Höhe hält, und ihre bekannten großen Stiefel, womit sie das ganze Bein bedecken können. Von Reinerzau nahmen wir einen Führer, der uns über den Roßberg nach Rippoldsau führen sollte, wohin wir noch eine sehr beschwerliche Tour hatten. Wir gingen einen schmalen, schlechten Fußweg, der auf der Höhe des Berges, wo gerade stark gehauen wurde, eine lange: Strecke mit mächtigen Stämmen bedeckt war, die wir umgehen mußten. Schon sank die Sonne, als wir die andere Seite erreicht hatten, und das reizende Schappacherthal lag in der schönsten Abendbeleuchtung vor uns. Wir verließen hier den Fußpfad, den wir bisher verfolgt, und begaben uns auf eine der Holzschleifen, die ins Thal führt, aber noch steiler als ein Hausdach hinabläuft, und deßhalb das Klettern einigermaßen gefährlich macht. Wir setzten uns in das schöne Moor am Fuße einer Tanne und sahen lange Zeit mit Vergnügen in das Thal und auf die gegenüberliegenden Berge, die höchsten des Schwarzwaldes. Dort lag der Kniebis, auf welchem die Straße nach dem Elsaß und also nach Frankreich führt. Auf seinen höchsten Punkten befinden sich zwei Forts, der Roßbühl und das Fort Alexander. Dort sahen die hohen Tannen schon oft französische Bajonette funkeln, und die alten Bäume haben gewiß oft mißmuthig das Haupt geschüttelt, daß sie nicht über die Köpfe der zügellosen Banden zusammenstürzen konnten, die von dort hinabstiegen, ein herrliches, gesegnetes Land zu verheeren. Doch weg mit diesen traurigen Bildern, die einer längst vergangenen Zeit angehören, und so Gott will, nie wiederkehren! Viel lieber wandten wir unsern Blick in das freundliche Thal vor uns, in dem Mühlen und Bauernhäuser liegen, und das wir von unserer Höhe aus bis Rippoldsau verfolgen konnten. Vor diesem kleinen Badeort geht eine schöne Abtei und Kirche, deren Thurm von den letzten Strahlen der Abendsonne geküßt wurde. Mir fiel hier lebhaft ein Lied von Alfred de Musset ein, dessen erste Strophe heißt: O wie gern im Abendstrahle, Tief im Thale, Seh' ich einem Todthenmahle Aehnlich, schwarzer Münster Bau. Das Hinabsteigen, oder vielmehr das Hinabrutschen ins Thal ging ziemlich rasch von Statten, und in einer Stunde waren wir in Rippoldsau, wo wir noch ein Bad nahmen und uns dann sehr ermüdet zu Bett legten. Es ist hier gar nicht meine Absicht, eine Beschreibung .des Bades Rippoldsau zu liefern, nur so viel sei gesagt, daß es sehr großartige elegante Gebäude hat, die von hübschen Spaziergängen und sonstigen Anlagen umgeben, recht heimlich in dem engen Thale liegen. Am andern Morgen sah der Himmel nicht mehr so klar aus wie gestern und vorgestern; vielmehr zeigten sich hie und da Wolkenstreifen und die Thäler waren mit Nebel bedeckt. Wir brachen sehr früh auf, um bei guter Zeit nach Freudenstadt zu kommen, was auf dem nächsten Wege nur zwei Stunden sind. Wir nahmen keinen Führer mit, denn da es doch nur unsere Absicht war, im Walde herumzustreichen, so wäre es uns selbst im schlimmen Falle nicht unangenehm gewesen, uns eine Stunde weiter zu verirren. Der Weg führte von Rippoldsau gleich den Berg hinan, und senkte sich dann in ein wildes Thal, durch das ein Arm der Kinzig stürzte, der in seinem engen felsigen Bett unzählige Wasserfälle und kleine Seen bildet. Der Thalgrund, in dem sich eine kleine hölzerne Brücke, die über den Bach führte, befand, war ungemein still und traulich; nur zuweilen hörte man weithin das Schallen einer Axt, und die Kühle des nassen Grases, sowie der frische Harzduft stärkte Herz und Sinne. Trotz des trüben Himmels war doch die Luft sehr heiß und wir beschloßen nach dem mühsamen Klettern über den Berg, hier in der Schlucht ein Bad zu nehmen, was wir auch alsbald ausführten. Doch das Wasser war eiskalt, und trieb uns nebst der Besorgniß, die immer mehr sich am Himmel zusammenziehenden Wolken möchten uns noch ein anderes Bad zukommen lassen, bald wieder in die Kleider. Wieder ging's den Berg hinan, auf einem besseren Wege als dem bisherigen, denn hier hatte man Stamm an Stamm gelegt, um ihn glatt und fest zu machen. Bald jedoch verlor sich diese gute Bahn und von drei Fußwegen, die sich unserm Blick zeigten, wählten wir, wie sich später auswies, gerade den unrechten. Wenn wir auch heute Morgen über allenfallsiges Verirren gescherzt hatten, so war es uns doch jetzt bei dem heranziehenden Wetter nicht gerade sehr angenehm. Der Himmel wurde dunkler und fernhin rollte schon ein lange nachhallender Donner über die Wipfel der Tannen. Der von uns gewählte Weg führte aber aufwärts bis auf eine Ebene des Berges, wo eine Gesellschaft der nobelsten Tannen beisammen stand, und verlor sich dann ins Moos. Was war zu thun? Zurückgehen mochten wir nicht; denn Freudenstadt mußte vor uns liegen. Also gerade aus! Wir gingen unter den großen Stämmen hin, über einen ausgezeichneten Moosteppich, der mir gerade aussah, als hätte ihn seit langer Zeit kein menschlicher Fuß betreten. Auch zeigte sich, nachdem wir eine gute Strecke gegangen, weder eine Aussicht ins Thal, noch ein Fußpfad. Siegmund erinnerte mich an Hauff's Märchen: das kalte Herz, und meinte, wir würden vielleicht auf den Tannenbühl gerathen sein, wo das Glasmännlein residire; der Gedanke war gut, und nach langem Scherzen und Lachen suchten wir aus unserm Gedächtniß den Vers zusammen zu bringen, mit welchem das Männlein zu citiren ist, und es gelang uns auch nach vielem Studiren. Dann stellten wir uns nach der Gegend, wo die dicksten Tannen standen, und ich, der ein wirkliches Sonntagskind ist, sprach laut und feierlich die Worte: Schatzhauser im grünen Tannenwald, Bist schon viel hundert Jahre alt; Dein ist all' Land, wo Tannen stehn, Läßst Dich nur Sonntagkindern seh'n. und – – – im ersten Augenblick verging uns alles Lachen, und wir sahen einander mit sonderbaren Blicken an; denn einige Schritte vor uns, hinter einer großen Tanne hervor, trat das Glasmännlein, oder wenigstens ein Männlein in seinem Kostüme, mit schwarzem Wämschen, großem Hut, kurzen Höschen und Strümpfen mit Schuhen, und sah uns fragend au. Ueberrascht traten wir auf den Kleinen zu, der sich aber alsbald im besten Schwäbisch nach unsern Wünschen erkundigte. Leider war er nicht das Glasmännlein, das uns vielleicht auch drei Wünsche erfüllt hätte, sondern es war ein Knabe aus einem der benachbarten Höfe, doch wies er uns freundlich auf einen nahen Pfad, der uns in einer halben Stunde nach Freudenstadt brachte. Und es war hohe Zeit, der Himmel lag so schwarz auf den Bergen, daß er an einigen Stellen fast nicht mehr von den Tannen zu unterscheiden war, und kaum waren wir ins Gasthaus getreten, so brach ein unerhörtes Gewitter los. Es ging freilich in einer Stunde wieder vorüber, doch war in den nächsten Tagen an ein Weiterwandern nicht zu denken, da hier sich das Wetter nach einem Gewitter gewöhnlich für mehre Tage trübt und häufige Regenschauer nachfolgen. Deßhalb schlossen wir unsere Tour und fuhren über Wildbad nach Stuttgart zurück. Eine Reise nach Paris. Es gibt auf der ganzen Welt nichts Heimlicheres und Angenehmeres, als im eigenen bequemen Wagen mit Postpferden von einem Ort zum andern zu reisen. Der Wagen ist eingerichtet wie eine gut möblirte Wohnstube; man hat alle Reisebedürfnisse des menschlichen Lebens rings um sich vereinigt. In jener Ecke ruht Pfeife und Taback verborgen, in der andern eine ganze Bibliothek. In Fond befindet sich die Uhr, vorne liegt das Fernrohr; und man braucht nur unter den Sitz zu langen, um eine wohlgefüllte Korbflasche zu ergreifen; das nöthige Glas hierzu findet man in einer der Seitentaschen. Ja, und bei dieser höchst liebenswürdigen Art zu reisen, hat man in Vergleich mit allen andern Arten des Fortkommens ungeheure Vorzüge. Ich brauche mich nicht nach einer eigensinnigen Postuhr zu richten, die mich grausam straft, wenn der Oberkellner meines Hotels die Rechnung zu langsam anfertigt, oder wenn der Hausknecht mit meinen schweren Koffern nicht schnell genug auf das Bureau trabt. Dabei fahre ich in meinem eigenen Wagen schneller und überhole die Post, d. h. in Deutschland, schon nach den ersten Stationen, wenn ich vielleicht auch eine Stunde später abgefahren bin. Nebenbei ist meine persönliche Freiheit in keiner Weise eingeschränkt. Ich kann meine Beine ausstrecken, wie ich will, und der unberechenbarste Vortheil ist unstreitig der, daß ich keinem reisenden Engländer gegenüber zu sitzen brauche. Fahre ich mit einem liebenswürdigen Begleiter oder mit einer noch liebenswürdigeren Begleiterin, so brauche ich dem Postillon nur an einer schönen Stelle zuzurufen, daß er halten soll, und wir können eine anmuthige Gegend, ein schönes Schloß, eine herrliche Ruine mit aller Muße beschauen. Bin ich allein, so kann ich, wenn es mir darum zu thun ist, Gesellschaft zu haben, und ich zu Thorheiten aufgelegt bin, überall welche finden. Und dann erst das Fahren in einer schönen Sommernacht! Es muß im Laufe des Tages ein wenig geregnet haben, damit der Staub nicht aufwirbeln kann. Dichte Wolken ziehen noch langsam über der Erde hin, und der volle Mond arbeitet sich ruhig hindurch, die Gegend mit hellen Streiflichtern verzierend. Ein Postillon lobt dem andern beim Umspannen die Größe des Trinkgeldes, und alle fahren wie besessen darauf los. Du liegst in die Ecke des Wagens geschmiegt, vorn auf dem Bocke sitzt der Bediente, leise mit dem Schwager plaudernd. Die Wagenlaterne wirft einen zitternden Schein auf den Boden, und wie Mücken ein Licht in der Stube umflattern, so springen, vom raschen Fahren aufgeregt, kleine Erdklümpchen in dem hellen Scheine hin und her. Ach, und die ganze Natur ist so still und feierlich; es wird dunkel nah und fern, und Alles nimmt eine phantastische Gestalt an. Die riesenhaften Pappeln an der Chaussee huschen eilfertig vorbei, und wenn man auch von Weitem ganz genau sah, wie sie dicht beisammen standen und mit einander plauderten, so stehen sie doch beim Näherkommen gerade und vereinzelt da, wie ertappte Schulbuben. Und dann in der Nacht die Einfuhr in eine Stadt, das Klirren auf dem Pflaster, die schlafenden Häuser, das Blasen des Postillons – das ist die Poesie des Reisens! Ja, dies ist freilich die Poesie des Reisens, aber sie ist sehr theuer und schon fast ganz verschwunden; man wird bald nur noch von ihr den Kindern und Enkeln erzählen können, wie von einer alten, fabelhaften Geschichte. An die Stelle der Chaussee, die sich malerisch zwischen Thal und Berg windet, ist der Schienenweg getreten, der einförmig und langweilig in gerader Linie dahin zieht. Statt des sanft schaukelnden Wagens sind Diligencen, Waggons, Charabancs, und wie alle diese Marter-Instrumente noch heißen mögen, entstanden, die in einer ewigen, nervenzerstörenden Bewegung durch ein feuerspeiendes Ungeheuer, Locomotive genannt, mit rasender Schnelligkeit dahin gerissen werden – bald auf hohen Dämmen über tiefe Thäler hinweg, bald mit entsetzlichem Gekrach und Geseufze, durch den Schooß der Erde. Immer zu, immer zu, Ohne Rast und Ruh'. Es war im Sommer 1844 zu Cöln am Rhein. Da saßen wir etwa unser Zehn, einträchtig in den großen Omnibus des Königlichen Hofes gezwängt, um hinaus nach dem Bahnhof zu fahren. Es wäre ungefähr Zeit gewesen, um nicht gerade in der letzten Minute anzukommen. Doch gefiel es dem lieben Gott, unsere Geduld in der Gestalt eines reisenden Engländers, eines langbeinigen, klapperdürren und rothhaarigen Gentleman aus dem Specereiladen, hart auf die Probe zu stellen. Obgleich dieser Edle, wie wir, vor Fünf aus dem Schlaf war aufgestört worden, obgleich man ihn fünf- bis sechsmal geweckt hatte, so forderte der liebenswürdige Ausländer gerade in dem Augenblick warmes Wasser zum Rasieren, als wir nach hastigem Verschlingen unseres Frühstücks in den Wagen stiegen. Und wir mußten warten, wir alle, unser Zehn, mußten warten dieses einzigen lumpigen Engländers wegen. So will es das Gasthofgesetz. Endlich kam er die Treppen herab, bezahlte aufs Umständlichste seine Rechnung, zankte sich über einige Pfennige, die ihm zu viel angerechnet seien, und war nicht eher zum Einsteigen zu bringen, als bis der Kutscher in die Pferde hieb und alles Ernstes Miene machte, davon zu fahren. Man muß es dem Bahnhof in Cöln nachsagen, daß er aufs Zweckmäßigste eingerichtet ist. Die Anfahrten sind alle sehr bequem, die Räumlichkeiten für Passagiere und Güter wohl eingerichtet, und das Personal sehr zuvorkommend und höflich. Es war, wie gesagt, schon ziemlich spät geworden, und um die Kasse wogte und drängte es ganz gewaltig. Man hat hier eine sinnreiche Einrichtung getroffen, um das heranströmende Publikum zu vermögen, daß es sich von einer Seite zur Kasse hinbegibt und von der andern Seite wieder wegflutet. Sie besteht in einer Barriere, die in einem spitzen Winkel gerade so nahe vor das Kassenfenster gerückt ist, daß sich allenfalls noch ein ziemlich wohlbeleibter Mensch durchdrängen kann. Zum Ueberfluß für Jemanden, der, obgleich er eine ganze Reihe Leute dort ankommen und hier abgehen sieht, noch im Zweifel sein könnte, ob sie auch den richtigen Weg gewählt, sieht man an jeder Seite der Barriere eine große fette Hand gemalt, die ruhig und gemessen jedem Ankommenden den Weg zeigt. Man muß also schon sehr verhärtet oder ein ganzer Engländer sein, um trotz diesen deutlichen Hinweisungen die Sache verkehrt anzugreifen. Heute Morgens aber passirte es nicht nur einem Einzelnen dieses seltenen Volkes, sondern als ich in die Barriere trat und ungefähr noch der Sechste bis zum Kassenfenster war, lenkte drüben eine ganze Familie Engländer nach sorgfältigem Umherschauen und Prüfen in den verbotenen Weg ein, uns entgegen. Es war ein Engländer Vater, eine Engländerin Mutter, und sechs englische Kinder, alle acht sehr pikant blond und äußerst mager. Alle hatten den Mund weiter geöffnet, als gerade nöthig war, – ein stark ausgeprägter Familienzug – nur ließen die drei jungen Gentlemen gleich dem Vater die Unterlippe herabhangen, während die drei Ladies, analog der Mutter, die Oberlippe emporzogen. So standen wir, zwei feindliche Parteien, einander gegenüber, und meine überhöflichen Landsleute, wenn sie bei dem Kassenfenster vorbei sich durch die wegsperrenden Engländer mit Mühe hindurch zwängten, baten diese freundlichst um Verzeihung. Gerade vor mir in der Barriere stand ein Mann von ganz kolossalem Körperbau. Der Raum war ihm eigentlich zu klein, denn er mußte halb links vorwärts marschiren, um die Barriere nicht auseinander zu drücken. Ich war recht auf den Augenblick gespannt, wo dieser Koloß der englischen Familie drüben begegnen würde, weil neben ihnen ein Ausweichen nicht zu denken war. Jetzt hatte er sein Billet gelöst und stand nun mit einer sonderbar lächelnden Miene dem Engländer gegenüber. Dieser drängte seinerseits auch vorwärts, Madame drängte ihren Herrn Gemahl, und die sechs Kinder im entsetzlichsten Gedränge drückten die Mutter vorwärts. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Sie öffneten ihre Mäuler weiter und zogen sie krampfhaft zusammen, wie Fische auf trockenem Sand. Aber alle Anstrengungen waren vergebens. Der dicke große Mann ging unaufhaltsam und ruhig weiter, wie das Verhängniß, und riß alles Widerstrebens ungeachtet die ganze Familie mit sich fort. Der Engländer fluchte auf Englisch, der dicke Mann schimpfte Deutsch dazwischen, einige Bahnaufseher bemühten sich, die Streitenden zur Ruhe zu bringen, der Kassier streckte seinen Mund an die kleine Oeffnung und bat um Stille, dazwischen begann die große Glocke zu läuten und gab das Zeichen zur Abfahrt. Alle, mit Ausnahme jener Insulaner, hatten ihre Billets und eilten in die Säle, die auf den Bahnhof führten. An der Ecke schaute ich mich noch einmal um, und der Engländer, dem jetzt Ein- und Ausgang zu Gebot stand, wählte trotz der Ermahnung des Kassiers aufs Neue den letztern, um vorzudringen, und ging, als er endlich seine Billets errungen, ruhig auf der andern Seite ab. Ich kann es mir nicht anders erklären, als daß der Engländer dieses Gegen-den-Strom-Schwimmen mit allen Seefischen gemein hat. Es liegt in seiner Natur, er kann nicht anders. Die Plätze aus der Eisenbahn sind bekanntlich in drei Classen eingetheilt, erste, zweite und dritte, oder Diligence, Charabancs und Waggons, und fast ohne Unterschied ist auf allen Bahnen für die Bequemlichkeit des zweiten und dritten Platzes sehr schlecht gesorgt, obgleich sie, namentlich der zweite, bei Weitem mehr als der erste benutzt werden. Auf der rheinischen Bahn sind die Diligencen allerdings recht zierlich und elegant eingerichtet. Sitz und Lehnen sind gepolstert, und durch die Eintheilung der Plätze ist es möglich geworden, daß jeder Reisende eine Ecke hat. Auf der zweiten Classe dagegen sind die Sitze kaum mit einem magern Polstern versehen, die Wagen haben keine Scheiben und man kann sich vermittelst eines zwilchenen Vorhanges kaum gegen Regen und Wind schützen. Da das Wetter im Verhältnisse zum Charakter des ganzen Sommers gut zu nennen war, so nahm ich mir einen Platz der zweiten Classe, setzte mich aber auf einen der dritten, deren Wagen gänzlich unbedeckt sind und eine freie Aussicht gewähren. Es war die höchste Zeit, und kaum hatten wir uns niedergelassen, als die Locomotive, das dritte Geläute auf dem Bahnhofe mit ihrem eigentümlichen gellenden Pfiff beantwortend, sich langsam in Bewegung setzte und davon fuhr. Die ersten Stationen auf der Bahn von Cöln nach Aachen bieten nicht viel Interessantes dar. Das Terrain ist eben und flach, und kleine Hügel haben höchstens einen zwanzig Fuß tiefen Einschnitt oder einen eben so hohen Damm bedingt. Die Gesellschaft unseres Wagens bestand theils aus Arbeitern, Handwerksleuten, Soldaten, Krämern, meistens Leuten, die in Geschäften reisten; theils befanden sich viele Passagiere der ersten und zweiten Classe hier, die wie ich einen Blick auf die Gegend thun wollten. Mir gegenüber saßen ein paar gelehrte Herren aus der Schweiz, die sich freuten, an mir Jemanden gefunden zu haben, der hier bekannt war und sie über Manches aufklären konnte. Wir wurden in kurzer Zeit recht bekannt mit einander, und da sie auch nach Brüssel und weiter hinaus wollten, so würden wir uns wahrscheinlich zu einer Gesellschaft vereinigt haben, wenn nicht der Dämon der Zwietracht schon auf der nächsten Station eine junge hübsche Wienerin zwischen uns gesetzt hätte, die durch ihr freies, munteres Benehmen den würdigen Herren ein Aergerniß gab, welches sie bis auf mich auszudehnen Ursache zu haben glaubten. Diese junge Dame, sehr fein und elegant gekleidet, hüpfte, als der Wagen hielt, herein, schaute sich neugierig nach allen Seiten um, und kam erst im Augenblicke, als der Zug wieder fortging, auf eine etwas gewaltsame Art zum Sitzen, indem sie durch das Prellen der Wagen fast umgeworfen wurde und sich wahrscheinlich wehe gethan hätte, wenn ich sie nicht in meinen Armen aufgefangen. Erstes Aergerniß der beiden Herren, welches sich durch eine nur sparsam fortgesetzte Conversation kund gab. Desto mehr aber plauderte meine kleine Nachbarin, und bald hatte sie mir Zweck und Ziel ihrer Reise anvertraut. Sie war kürzlich verheirathet und reiste in Begleitung ihres Mannes, der aber, häufig an Kopfschmerzen leidend, es nicht wagte, sich der Zugluft auszusetzen, und deshalb auf der ersten Classe geblieben war. Sie zeigte mir oben an der Stirn die Stelle, wo er zu leiden pflegte, und erzählte, daß sie nach Aachen wollten, um dort die Bäder zu gebrauchen. So ein Wagen auf der Eisenbahn ist eigentlich recht dazu gemacht, um eine heimliche Conversation zu führen, denn das Rasseln und Dröhnen ist so groß, daß die Nebensitzenden genau Achtung geben müssen, um von dem Gespräch etwas zu erlauschen. Hinter uns saßen ein paar ehrliche Handwerker mit ihren Frauen, welche sich über die verschiedenen Unglücksfälle laut genug unterhielten, die auf den Eisenbahnen schon passirt seien. Obgleich durch die guten Einrichtungen der Direktion und die Umsicht der Locomotiv- und Zugführer in der Art sich nicht viel zugetragen hat, so wurden doch einzelne Vorfälle von den guten Leuten so ins Entsetzliche gezogen, daß meiner kleinen Nachbarin angst und bang wurde. Namentlich die Geschichte des armen Mädchens, vor kurzem passirt, die, in einem der offnen Wagen sitzend, sich bis zum Tunnel mit einer Nachbarin recht freundlich unterhalten hatte, aber verschwunden war, als der Convoi aus der jenseitigen Oeffnung wieder hervorkam. Mau schickte natürlich von der nächsten Station gleich wieder zurück und fand die Unglückliche in höchst beklagenswertem Zustande im Tunnel liegen. Obgleich sie nichts gestand, erklärte man sich die Sache auf die natürlichste Weise, daß sie nämlich aus dem Wagen gesprungen sei, um freiwillig ihrem Leben ein Ende zu machen. Meine kleine Nachbarin, die nicht gut begreifen konnte, wie ein Mensch seines Lebens so überdrüssig sein könne, rückte näher an mich heran und erkundigte sich etwas ängstlich, ob es denn nicht vielleicht möglich sei, daß das Mädchen schwindelig geworden oder daß der sehr starke Luftzug etwas zu dem Unglück beigetragen. Sehr naive Fragen, die ich im Angesichte des unterirdischen Weges aus wohl erklärbaren Gründen achselzuckend beantwortete. Jetzt stieß die Locomotive einen gellenden Pfiff aus. Das Rasseln und Klappern der Maschine, die jetzt in den Eingang des Tunnels fuhr, war wirklich betäubend. Meine kleine Nachbarin fuhr aus Schrecken heftig zusammen und gegen mich hin, ich fuhr aus Mitgefühl etwas Weniges gegen sie hin, und so fuhren wir zusammen durch den fast eine halbe Stunde langen, gänzlich finstern Tunnel. Eine wahre Höllenfahrt, das Dröhnen, Rasseln, Klappern der Maschine, das Knirschen der eisernen Räder gegen die Schienen, doppelt fürchterlich durch das Gewölbe, das uns rings einschließt, hiezu der Lärm des Dampfes, der Weg, den wir durchfliegen, finsterer als die dunkelste Nacht, nur zuweilen erhellt von den rechts und links umherfliegenden feurigen Kohlen, die Alles noch schrecklicher machen und hier und da in tausend Funken zerstieben, auf wenige Sekunden die erstaunten und ängstlichen Gesichter beleuchtend. Auch ohne Furcht athmet man jenseits etwas leichter auf, beim Eintritt ins rosige Licht. Meine Nachbarin hatte, wie sie mir gestand, die Augen fest geschlossen gehabt und alle Heiligen zum Schutz angerufen. Doch wollte sie gefunden haben, daß der Luftzug nicht so stark sei, als sie sich vorgestellt. Auch glaubte sie nicht, daß er im Stande wäre, ein Mädchen zu entführen. Ihren eleganten weißseidenen Hut hatte er aber dennoch ein wenig auf die Seite gerückt. Auch auf die beiden erwähnten Herren schien der Druck der Luft sonderbar eingewirkt zu haben, denn sie, die früher gegen uns gekehrt waren, hatten jetzt plötzlich eine ganze Schwenkung gemacht und zeigten uns ihre Kehrseite. Unterdessen fuhren wir rasch vorwärts, erreichten Düren mit seinen vielen Dampfmaschinen und mit seinem unausstehlichen Glockenspiel, das alle Viertelstunden, seit den zwanzig Jahren, die ich diese Stadt kenne, die Melodie des bekannten Liedes: »Heil dir im Siegerkranz« spiele, sahen bald darauf Stolberg mit seinen Kupferwerken und Galmeigruben, deren große flackernde Feuer sich namentlich Abends sehr gut ausnehmen, und kamen so in die Gegend von Aachen. Die Eisenbahn hat hier einen sehr schönen Wald durchschnitten, der früher in seinem dichten Laubwerk zwei malerisch gelegene Burgen des alten Kaisers Karl verbarg, zu welchen man nur auf vielfach gewundenem Wege hingelangen konnte. Es that mir leid um die schönen alten Ruinen. Ihre heimliche Lage ist verschwunden, der Damm der Bahn führt haushoch neben ihnen vorbei und stellt sie neben sich und der kolossalen Brücke über das Wurmthal, das hier beginnt, den Blicken recht kalt und prosaisch bloß. Jetzt sind wir in Aachen, haben zur Rechten die alte Kaiserstadt mit dem Dome Karls des Großen, rings von freundlichen Bergen umgeben, unter denen der sogenannte Lußberg hoch emporragt. Links liegt das kleine Burtscheid mit seiner stattlichen Abtei und den steilen engen Straßen. – Arabien mein Heimathland! – – Der Zug hält hier eine halbe Stunde an, und alle Passagiere verlassen die Wagen, um sich durch einige freie Bewegungen von dem heftigen Zusammenrücken zu erholen. Meine kleine Nachbarin suchte ihren Mann auf, mit dem sie gleich darauf zurückkam und uns gegenseitig vorstellte. Eine unglückliche vertrocknete Gestalt, der Herr Gemahl, und ganz das Gegentheil seiner Begleiterin. Er hatte, obgleich es nicht kalt war, drei Röcke über einander an, wenn ich nicht irre, eine ungeheure Halsbinde à l'Anglaise bedeckte ihm Kinn und Mund, und unter dem Hute blickte eine schwarzseidene Mütze hervor, die er als Mittel gegen das Kopfweh trug. Die junge Dame, der ich von den Schönheiten der nun folgenden Bahn keine schlechten Schilderungen gemacht, sah mit Sehnsucht nach Westen, wo sich der Schienenweg den Berg hinanzog, und machte einige leise schüchterne Versuche, den Herrn Gemahl zum Weiterfahren zu bewegen. »Lieber Fritz,« sprach sie, mit der vollen Kraft ihrer einschmeichelnden Stimme, »wir wollten ja ohnehin nach Brüssel. Wenn Ihnen nun das Fahren Erleichterung verschafft, so wäre es am Ende besser, wir setzen heute unsere Fahrt bei dem guten Wetter fort.« Obgleich ich der jungen Frau, aber natürlich in dem gleichgültigsten Tone half, so warf ich doch einige nicht schlechtklingende Phrasen dazwischen, und am Ende sagte der Gemahl Ja und ging hinweg, um Karten bis Brüssel zu holen. Als er zurückkam, versprach er obendrein, er wolle einen Versuch machen, bei uns auf dem offenen Wagen zu fahren, was von der hübschen Wienerin mit großer Freude aufgenommen wurde. Während dieser Zeit gingen die gelehrten Herren um uns herum, wie brüllende Löwen, und wandten ihr Gesicht weg, wenn sie in meine Nähe kamen. Auch sah ich hier die ganze Heerde maulaufsperrender Engländer wieder, die sich in allen Ecken des Bahnhofes umhertrieben, an der Spitze Vater und Mutter, denen die Kinder alle Bewegungen, alle Ausrufe des Erstaunens oder der Mißbilligung auf das Genaueste nachmachten. Jetzt ertönte die Glocke wieder und Alles strömte in die Wagen, um einen guten Platz zu bekommen, unter dem hier das Umgekehrte wie bei gewöhnlichen Fuhrwerken zu verstehen ist, indem die Rücksitze des Luftzugs wegen sehr gesucht sind. Hier beginnt mit einer sehr starken Steigung, von einer stehenden Maschine gezogen, die Fahrt nach Verviers und Lüttich, die jeden Schritt Terrainhindernisse zu überwinden hat und deshalb vielleicht zu den merkwürdigsten Eisenbahnen der ganzen Welt gehört. Ein galvanischer Telegraph gibt der zwei Stunden von Aachen auf der Höhe stehenden Maschine ein Zeichen, daß Alles bereit sei, worauf sie sich in Bewegung setzt. Im Vergleich zu der sehr starken Steigung geht es rasch genug hinauf. Oben wartet die Locomotive, die von hier bis Herbesthal ihre ganze Kraft gebrauchen muß, da die Bahn beständig im Verhältniß von 1 bis 120 aufsteigt. Es ist nicht meine Absicht, alle Einzelnheiten der schönen rheinisch-belgischen Bahn genau und ausführlich, wie es schon oft geschah, zu beschreiben. Nur freut es mich, daß selbst mein kranker Wiener versicherte, es gereue ihn nicht, die Tour zu machen, und daß seine liebenswürdige Frau ganz außer sich war. Bald stand sie auf, um so die Sache besser übersehen zu können, bald wandte sie sich um, und lachte, wenn der Kohlenstaub der Maschine sie augenblicklich nöthigte, die Augen zu schließen. Gleich auf der Höhe hinter Aachen windet sich die Bahn durch tiefen Sand fort, und man verläßt nur die unterirdischen Wege, um auf hohen Brücken über tiefe Thäler zu fliegen. Dabei ist die Gegend sehr schön – ein dichter Wald, der sogenannte aachener Busch, mit kleinen, aber sehr tiefen Thälern, aus denen hier und da freundliche Häuser hervorblicken – vorbei, vorbei! Kaum sieht man einen bemerkenswerthen Punct vor sich, so hat man ihn erreicht und läßt ihn gleich darauf weit hinter sich. Jetzt pfeift die Maschine aufs Neue, und wenn man aus dem Wagen späht, um das Stationshaus oder einen Tunnel zu erblicken, dem das Signal gelten könnte, wird man überrascht, ich möchte sagen, erschreckt, da man bemerkt, wie der Zug auf ein sehr breites und tiefes Thal losrast, und man keine Idee hat, wie da hinüber zu kommen. Jetzt biegt sich die Bahn etwas, und man sieht durch das Thal lang hingestreckt ein wahrhaft riesenhaftiges Werk, eine ungeheure Brücke, die von einer Höhe zur andern führt. Die Bogen sind doppelt über einander gesetzt, und die Höhe der mittleren beträgt an 220 Fuß. Dies Werk ist, was elegante Bauart anbetrifft, nur mit den schönsten der altrömischen Wasserleitungen zu vergleichen, vielleicht mit der des prachtliebenden Justinian bei Konstantinopel. Es ist die bekannte und berühmte Brücke über das Geulthal. Bei Herbesthal an der preußisch-belgischen Gränze, durch eine große eiserne Brücke repräsentirt, welche diesseits den preußischen Adler, jenseits den belgischen Löwen führen wird, mußten wir eine Zeit lang warten, theils der Mauth halber, theils um einen Eisen-Convoi zu erwarten, der von Lüttich hier angezeigt war. Bald darauf setzten wir uns wieder in Bewegung, begleitet und beaufsichtigt von einer Menge belgischer Zollbeamten, die hoch auf den Wagen thronten, um zu überwachen, daß nicht ein vorwitziger Passagier unvisitirt den Zug verließe. Obgleich an diesen Gränzen alles Mögliche gethan ist, um den Verkehr zu erleichtern, und das Visitiren selbst ohne sonderliche Strenge vor sich geht, so hat man sich doch z. B. sehr in Acht zu nehmen, daß man nicht ein kleines Päckchen, einen Nachtsack oder dergleichen bei sich im Wagen hält, indem man es den Blicken der nachsuchenden Officianten zu entziehen weiß. Ein solches würde nämlich in Verviers fortgenommen und ohne Gnade plombirt nach Aachen zurückgeschickt werden. Meine Nachbarin führte eine kleine zierlich gearbeitete Reisetasche bei sich, in welcher sie allerlei überflüssige Gegenstände hatte, die ihr aber sehr nothwendig erschienen, als Flacons, einige Bücher, verschiedene Schachteln mit Magenpastillen u. dgl. m. Doch war ihre Furcht und Gewissenhaftigkeit so groß, daß sie dem Mauthoffizianten die ganze Geschichte einhändigen wollte, der sie aber lachend zurückwies. Ueberhaupt kann ich nicht umhin, sowohl den preußischen als den belgischen Douanen das Zeugniß zu geben, daß sie sich bei ihrem delicaten Geschäft mit äußerster Schonung und Artigkeit benehmen. Von Dolhain, das neben dem hohen Damme der Bahn tief im Grunde liegt, und wieder hoch von der Veste Limburg überragt wird, fällt die Bahn noch stärker, als sie von Aachen nach Herbesthal stieg. Die Locomotive arbeitet hier gar nicht, sondern der Zug läuft von selbst hinab, sorgfältig überwacht von den Maschinisten und Conducteuren, von denen sich jeder bei seinem Posten an Bremse und Hemmmaschine befindet. Auch ist diese Vorsicht hier nicht unnöthig. Der Weg geht an einem felsigen Thalgeländer vorbei, und da oft große Steinmassen es gänzlich unmöglich gemacht haben, die Bahn geradeaus zu führen, so bildet sie zuweilen starke Krümmungen. Bei abschüssigen Stellen und starken Biegungen hat man die inwendige Schiene einige Zoll tiefer gelegt, wodurch die Wagen etwas schief zu stehen kommen. Obendrein hat man auch noch zwischen den Geleisen eine dritte höhere Schiene angelegt, und durch diese Vorsichtsmaßregel ist an solchen gefährlichen Stellen das Ausspringen des Zuges gänzlich unmöglich gemacht. Bald sahen wir Verviers vor uns; eine sehr gewerbfleißige Stadt, liegt sie in einem schönen Thale, zwischen großen Gärten und Parkanlagen der reichen Fabrikherren versteckt. Der Schienenweg läuft längs einem ziemlich lebhaften Theile Verviers vorbei, um auf die andere Seite zu dem Bahnhofe zu gelangen. Sie schneidet hier die schönsten Gartenanlagen zuweilen mitten entzwei, und die reichen Eigenthümer haben ihr Besitzthum durch kolossale Brücken, die sie über die Bahn hinwegführten, nothdürftig wieder zusammengeflickt. Hier in Verviers wird alles Passagiergut, das am Platze bleibt oder weiter ins Belgische geht, visitirt, zu welchem Ende das ganze Gepäck in einen großen Saal geschleppt wird, wo man es auf Tische legt, die dort im Quadrat aufgestellt sind. Ich hätte mir diese Ceremonie noch gefallen lassen, wenn man einzeln oder wagenweise dort hineingeführt worden wäre, aber wir mußten alle auf einmal in den Saal, wurden mit den freundlichsten Mienen und lieblichsten Worten angelockt, und kaum war man darin, so war man gefangen und wurde nicht wieder hinausgelassen. Da unser Convoi sehr stark war, so herrschte in dem Saale ein wahrhaft betäubendes Gewühl und Spectakel. Da wurde gedrängt, gestoßen, gerufen, geweint, geflucht, gebeten, gelacht, Alles in mehren Sprachen; doch war deutsch und französisch vorherrschend. Eine unglückliche, sehr dicke und ältliche Dame arbeitete sich wie rasend durch das Gedränge und suchte nach einer Haubenschachtel, die ihr abhanden gekommen. Wo sie ein Gepäckstück erblickte, das mit dem verlorenen irgend eine Aehnlichkeit hatte, stürzte sie furienartig darauf hin, und es begann dann nicht selten ein Kampf auf Leben und Tod. So mit der maulaufsperrenden englischen Familie. Die beiden jüngsten Sprößlinge derselben waren vom Papa in eine Ecke postirt worden, wo ihr ganzes Gepäck beisammen lag. Unglücklicherweise hatte sich die Haubenschachtel der dicken Dame hinter zwei riesigen Koffern der englischen Familie verkrochen. Aber was bleibt dem ängstlich suchenden Blick einer Mutter verborgen? Bald hatte sie ihren verlorenen Liebling entdeckt, und die beiden jungen Engländer bei Seite schiebend, wollte sie sich ihrer Schachtel bemächtigen. Doch Albions Jugend wich nicht vom Platze, und der Aeltere behauptete: dies Stück gehöre seinem Papa. Unglückliche alte Dame! Vergebens war ihr Bemühen, zu der Schachtel zu dringen; die beiden riesigen Koffer dienten den Insulanern als Bollwerk, und sie gaben die Schachtel nicht heraus, denn sie behaupteten, es sei ein Stiefelkoffer der Mama. Anfänglich erstarrte die dicke Dame bei dieser frevelhaften Aeußerung, und die Arme sanken ihr matt herab. Dann aber machte sie mit verdoppelter Wuth einen neuen Angriff, wälzte sich über einen der Koffer hin, riß mit augenblicklicher Geschwindigkeit von der Schachtel den Deckel ab und zog eine ungeheure Haube hervor mit handbreiten Kanten und feuerrothem Bande, und darauf begann sie dies Beweisstück den jungen Engländern so kräftig wie möglich um die Köpfe zu schlagen. Diese ließen überrascht ihre Unterlippen noch weiter herabhangen als sonst, und die dicke Frau entfernte sich triumphirend mit ihrem wieder eroberten Schatz. Man muß aber ja nicht glauben, daß diese Scene große Aufmerksamkeit erregt hätte. Es wurden deren an allen Ecken des Saales mehr oder minder starke gespielt. »Nehmen Sie sich nur in Acht,« schrie eine Stimme, »Sie werfen mir ja Ihren Koffer auf meinen Nachtsack!« – »Hören Sie, mein Herr,« schrie eine andere, »ich finde es durchaus nicht gentil, sich so vorzudrängen.« – »Herr Controleur, ich bitte Sie, einen Augenblick!« – »Mir fehlt mein Nachtsack!« jammerte ein Anderer dazwischen. – »O, er wird sich finden!« – »Ich versichere Sie, nein, er fehlt, er ist grün, roth und weiß, mit einem messingenen Schloß. Ich kenne ihn unter Tausenden heraus.« So ging es in dem Saale fort. Das war ein entsetzliches Durcheinander von Effecten, Menschen und Stimmen. Dazwischen rasselten die Schlüssel und dröhnten die schweren Koffer, wenn sie mit voller Kraft zugeschlagen wurden. Damen öffneten ihre Riechflächschen, und auf allen Gesichtern malte sich eine gewisse Angst; kam es von der stürmischen Menschenmenge her, oder erblaßte manch hübsches Gesicht, wenn es sah, mit welcher Fertigkeit die Beamten ein verborgenes Fach im Koffer aufzufinden wußten? Ich stand in einer Ecke an der Thüre und beschützte meine kleine Wienerin aus allen Kräften gegen die stoßende und herandrängende Volksmenge. Ich deckte sie so viel wie möglich mit meinem Körper und brauchte meine Ellbogen auf das Kräftigste, um einiger Maßen Platz zu machen. Doch vergebens. Unser Platz an der Thüre war einer von den schlechtesten. Der Herr Gemahl hatte sich entfernt, um nach seinen Koffern zu sehen, und wenn wir auch vor wenigen Augenblicken seine schwarzseidene Mütze hier und da auftauchen sahen, so war er doch jetzt im Gedränge verschwunden, und ich konnte ihn nirgends mehr entdecken. Seine großen Koffer standen noch unangerührt auf dem Tische, und einer der Beamten klopfte zuweilen laut mit der Hand daran, um den Eigentümer herbei zu locken, da nicht viel Zeit mehr übrig war. Meine Begleiterin suchte in steigender Angst mit den Augen ihren Gefährten und wurde blaß und immer blasser. Sie hielt sich krampfhaft an meinen Arm und zitterte heftig. Auch mir war es unbegreiflich, wo ihr Mann mochte hingerathen sein. Plötzlich schaue ich durch die Glasthür neben mir und sehe ihn von den Wagen kommen, ein kleines Packet in der Hand, das er wahrscheinlich vergessen hatte. Das Gedränge um uns wurde immer heftiger. Alles strömte vorbei, um den andern Ausgang zu gewinnen. Trotz dem, daß ich meine Nachbarin so gut wie möglich beschützte, konnte ich doch nicht verhindern, daß ein schwerer Koffer, der bei uns vorbeigeschleppt wurde, sie etwas unsanft berührte. Sie zuckte zusammen, schloß die Augen und fiel ohnmächtig in meinen Arm. Da befand ich mich denn in einer ganz verfluchten Stellung. Draußen der Gemahl an der Glasthür, den die Beamten als ihrem Reglement zuwider dort nicht hereinlassen wollten. »Oeffnen Sie doch!« schrie der unglückliche Mann, und dabei blickte er mich an, als er sah, daß seine Frau mit geschlossenen Augen in meinem Arme lag. »Oeffnen Sie doch!« Was sollte ich um Gotteswillen anfangen? der Beamte, der innerhalb stand, und der, wenn von der Thür die Rede gewesen wäre, doch wohl selbst am besten hätte öffnen können, wandte sich beim Anblick meiner ohnmächtigen Gefährtin zu mir hin, indem er mir sagte: »Ja, mein Herr, öffnen Sie, es ist besser!« Und mir flammte in diesem Augenblick ein ungeheures Licht auf. Doch wie sollte ich Aermster öffnen, da ich genug zu thun hatte, um die unglückliche Wienerin festzuhalten. Alles strömte unerbittlich bei mir vorbei. Da gewahrte ich zum Glück jene dicke Dame, deren pfiffig lächelndes, freudestrahlendes Gesicht verkündete, daß sie irgend eine unbedeutende Kleinigkeit glücklich eingeschmuggelt habe. »Madame,« rief ich ihr zu, indem ich sie beim Kostbarsten, was sie besaß, bei ihrer Haubenschachtel, festhielt, »stehen Sie mir einen Augenblick bei.« »Oeffnen Sie,« schrie der Gemahl draußen. – »Oeffnen Sie,« sagte der Beamte. – Und ich setzte mit halb angewandtem Gesicht hinzu: »Ja, Madame, öffnen Sie.« Eine zierlich gearbeitete Broche war von der kunstfertigen Hand der alten mitleidigen Dame alsbald beseitigt; im selben Augenblick verschwand der Gemahl an der verschlossenen Glasthür, um auf der andern Seite den Eingang zu gewinnen. Meine arme kleine Ohnmächtige athmete tief auf und wollte noch immer nicht die Augen öffnen, obgleich an ihrem schwarzseidenen Oberrock schon drei Schleifen geöffnet waren. Dem Himmel Dank, daß in diesem Augenblick der bestürzte Wiener herbeikam und ich ihm seine Frau überliefern konnte, bevor die unermüdlich dicke Dame in ihrem Enthüllungs-Geschäft weiter fortschritt. Ich wollte die Götter nicht ferner versuchen, und eilte zu meinem Koffer, denn es war in jeder Hinsicht die höchste Zeit. Als guter Staatsbürger führte ich natürlich nichts Mauthbares bei mir, und wurde in wenig Augenblicken erlöst. Man machte auf meinen Koffer, wie auf alle übrigen, einen Kreidestrich, und so bezeichnet, durfte ich mit meinen Sachen die Ausgangsthür passiren. Bald saßen wir wieder im offenen Wagen beisammen, der Wiener nämlich, die Wienerin und ich. Die beiden gelehrten Herren dagegen hatten einen andern Waggon bestiegen: sie flohen meine Nähe! England war in einem Charabane, und auch die dicke freundliche Dame befand sich in demselben Waggon, nur in einer andern Ecke. Hier in Verviers fing man schon an, Zeitungen und Broschüren öffentlich auszubieten, wie es in Belgien und Frankreich in den Theatern Mode ist. Auch lief ein Mensch in einer weißen Blouse den Zug auf und ab, seine Beinkleider hatte er auf das Solideste unten mit Leder besetzt. Er redete jeden Wagen ungefähr an, wie folgt; »Meine Herren und Damen, viele von Ihnen werden Paris sehen wollen, die Hauptstadt Frankreichs und Europa's, den Mittelpunct der ganzen Welt! Ich erlaube mir, Ihnen eine Karte zu überreichen, eine Karte der uneigennützigsten und solidesten Gesellschaft, die je von Brüssel nach Paris gefahren. Nehmen Sie, meine Herren, nehmen Sie! Mittags und Abends! In zwei und zwanzig Stunden! eher früher als später, die besten und bequemsten Wagen.« Auf diese Art schrie der Kerl in Einem fort, während er bald rechts, bald links bei uns vorbei lief. Obgleich ich im Ganzen dergleichen Anpreisungen hasse, und mich wie bei Privat-Lotterien und allen dergleichen Geschichten nicht gern darauf einlasse, so kam ich doch hier zu einer Karte und wußte nicht, wie. Ich hatte wohl, aber sehr entfernt, daran gedacht, Paris zu sehen, und wandte mich bei dem Anruf des Menschen etwas herum. In demselben Augenblick schob er mir auch schon eine Karte zwischen die Finger und versicherte mir nochmals, es sei die beste Gesellschaft. Jetzt zog die Locomotive langsam an, und ich hörte durch das Geräusch des Dampfes nur einzelne Sätze, die er stärker betonte. »Ganz bequeme Wagen – in zwei und zwanzig Stunden präcis!« Ich steckte die Karte zu mir und konnte nicht begreifen, wie ein Mensch sich zu einem solchen Commissions-Geschäfte hergab, das doch gewiß nichts einbrachte. War schon von Aachen nach Verviers die Gegend reizend und interessant gewesen, so konnte man in der That nichts Anmuthigeres sehen, als die Thäler, durch welche wir nun dahin flogen. Die Bahn, welche sich so recht eigensinnig auf dem geraderen Wege über Thal und Berg einen Durchgang erzwang, deckte so viele heimliche Schönheiten auf, die sich bis dahin fern von der staubigen Landstraße verborgen hatten. Bald kamen kleine freundliche Dörfer, deren Häuser um ein ungeheures Fabrikgebäude mit rauchendem Schornstein gruppirt waren, gerade wie sich in alter Zeit die Landbewohner um Thurm und Warte eines alten Ritterschlosses schaarten, nur in anderm Sinne: hier suchten sie Schutz, dort fanden sie Nahrung. Nach der Scene im Mauthhause hatte ich mit meiner Nachbarin noch kein Wort gewechselt. Der Herr Gemahl schaute etwas verdrießlich drein und behauptete, sein Kopfweh plage ihn mehr als vorhin. Die Dame schaute zum Wagen hinaus und hatte mir noch keinen einzigen Blick geschenkt. Ich wußte aber auch wahrhaftig nicht, wie ich das Gespräch wieder beginnen sollte – von der Gegend und dem Wetter, das war zu gesucht, ich wollte unbefangen erscheinen. Die Wienerin hatte ihren Shawl etwas zurückgeworfen und ich konnte kein Auge von der verfluchten dritten Schleife verwenden. Ueberhaupt war mir das ganze Schleifensystem etwas Neues, doch hielt ich in Gedanken der ganzen Mode der Ueberröcke eine kleine Lobrede, malte mir die hohe Nützlichkeit und Brauchbarkeit dieses Kleidungsstückes so lebhaft aus, daß meine Phantasie nun plötzlich Worte bekam und ich, vielleicht ein wenig unpassend, meiner hübschen Nachbarin versicherte, gegen ein gewöhnliches Kleid, habe ein Ueberrock für mich etwas ungemein Reizendes, ja, Poetisches. Sie wandte den Kopf herum und sah mich mit einem seltsamen Blick an. Anfänglich war dieser Blick etwas ernst, doch spielte er ins Freundliche, und plötzlich brach sie in ein lautes Lachen aus, wobei sie auf eine Schaar junger Fohlen zeigte, die neben der Bahn auf einer Wiese ihre possierlichen Sprünge machten. Wenn ich nur hätte heraus bringen können, wem das Gelächter gegolten, den Fohlen oder der dritten Schleife! Doch war ich schon zufrieden, daß ihre ernste Laune gewichen war und sie mit mir über die lustigsten Dinge lachte und sprach. Obgleich mir einer der Conducteure versicherte, die Wagenzüge von Verviers nach Lüttich würden, der vielen Brücken, Tunnels, Krümmungen wegen, nur sehr langsam geführt, so konnte ich doch das gar nicht finden, sondern wir waren im Umsehen in letzterer Stadt. Das Aus- und Einpacken der Passagiere dauert hier eine kleine halbe Stunde; dann geht der Convoi, von einer stehenden Maschine gezogen, ziemlich steil den Berg hinauf, nach Ans, wo die schöne malerische Gegend aufhört und man auf einer ungeheuren Ebene dahin fliegt. Wenn auch alles Land rechts und links aufs Herrlichste angebaut ist und einem üppigen Garten gleicht, so ermüden doch die unabsehbaren Flächen das Auge, und man kann in Versuchung kommen, die ungeheure Schnelligkeit, mit welcher der Zug dahin fährt, noch langsam zu finden. Wir verließen die Waggons, und mein guter Wiener mit seiner schönen Frau nahm seinen Platz in der Diligence wieder ein. Da ich den meinigen in einem Charabane genommen, so hätte ich sie verlassen müssen, doch waren diese zweiten Plätze so entsetzlich überfüllt, daß ich blos aus dem Grunde mein Billet zur ersten Wagenclasse umtauschte. Und so saßen wir wieder beisammen im traulichen Verein. Auch die dicke Dame hatte sich zu uns gefunden. – Doch die gelehrten Herren sah man niemals wieder! So kamen wir nach Tirlemont, woselbst noch als schwache Erinnerung an die Berge ein kleiner Tunnel zu passiren ist, erreichten bald Löwen, dann Mecheln, das Eisenbahnherz Belgiens, wo alle Linien ihren Zusammenfluß haben und Alles aus- und einströmt. Hier dauert das Ein- und Aussteigen eine ziemliche Zeit. Von hier aus werden Wagen gewechselt, und man muß sich genau in Acht nehmen, daß man auf den richtigen Zug gelangt, denn es gehen zuweilen zu gleicher Zeit hier Züge nach Aachen, Antwerpen, Brüssel und Ostende ab. In der letzten Zeit hatten wir in unserer Diligence große Beratungen über die Wahl des Gasthofes angestellt, den wir in Brüssel gemeinschaftlich beziehen wollten. Die kleine Frau meinte: Wir sind unser drei, wir können Morgens ausgehen, um zusammen zu frühstücken, können ohne zu große Kosten einen eigenen Wagen nehmen, kurz, leben ganz en famille . Der alte Herr, der mich liebgewonnen zu haben schien, indem er mich für einen sehr practischen Menschen hielt, da ich nämlich zufällig in Tirlemont die Flucht seines Nachtsackes verhütet, willigte ebenfalls in dieses Zusammenleben, und ich sträubte mich wahrhaftig nicht dagegen. In Mecheln stiegen die Beiden einen Augenblick aus, und ich unterließ nicht, ihnen nochmals die größte Vorsicht anzuempfehlen, damit sie den richtigen Wagenzug nicht verfehlten. Indessen nahm das Getümmel auf dem Bahnhofe zu, es war hier eine wahre Ueberschwemmung von Passagieren, Koffern und Mantelsäcken, Alles drängte und wogte durcheinander. Die Locomotiven fuhren zischend auf und ab, es begann die große Glocke zu läuten, und Alles eilte seinen Plätzen zu. »Nach Brüssel!« schrie der Conducteur, der auf unserm Wagenschlage stand; ich wiederholte eben so laut: nach Brüssel, und spähte dabei ängstlich um mich her, ohne von den Beiden auch nur das Geringste zu entdecken. Der Menschenknäul auf dem Bahnhofe war aber auch gar zu groß, und die lebendige Strömung aus den Wartesälen wollte gar nicht aufhören. Jetzt blasen die Conducteure des antwerpener Zugs, der zuerst fortging, und die Locomotive fährt dicht bei unsern Wagen vorüber. Hinter der Locomotive kommt der Tender, dann einige Packwagen, und die Geschwindigkeit des Fahrens nimmt zu. Nun folgen einige offene Wagen, jetzt die Diligence, und in einer derselben sehe ich zu meinem größten Schrecken meine hübsche Wienerin mit ihrem Gemahl sitzen, die lustig nach Antwerpen steuerten. Ich lehne mich zum Wagenschlage hinaus und schreie so laut wie möglich: »Aber um Gottes willen! wo wollen Sie hin?« – »Nach Brüssel,« antwortete die Dame und setzte mit einem sonderbaren Blick hinzu: »Warum haben Sie Ihre Reiseroute geändert?« – Heilige Gerechtigkeit, das war zu hart bestraft. Ich stürze an den Wagenschlag, welchen der Conducteur eben abgeschlossen. »Wohin, mein Herr?« ruft mir dieser zu, als ich versuchte, das Schloß zu öffnen. – »Nach Brüssel,« schreie ich ihm entgegen. – »Sie sind auf dem rechten Zuge.« – »Nein, nein,« entgegnete ich, ich muß nach Antwerpen.« – »Ja so,« antwortete er mir eben so gleichgültig, »das ist zu spät. Der Convoi hat schon den Bahnhof verlassen.« Sehr verstimmt werfe ich mich in die Ecke der Diligence, konnte aber nach einigen Augenblicken ruhigen Nachdenkens nicht umhin, über diese höchst unangenehme Verwechselung zu lachen, indem ich bei mir überlegte, welch' merkwürdigen Einfluß die Eisenbahnen auf unsere socialen Verhältnisse ausübten. Ungefähr um drei Uhr Nachmittags langte ich, statt in angenehmer Gesellschaft, allein und ziemlich ärgerlich in Brüssel an. Ich ging ins »Hotel de Flandre ,« und befand mich in der Laune, in der man ein schlechtes Zimmer doppelt empfindet, und dies ward mir in dem sonst ausgezeichneten Gasthofe, der großen Menge Fremden wegen, zu Theil. Ich kannte Brüssel schon von früher her, hatte seine Merkwürdigkeiten alle gesehen, und würde mich nur in der angenehmen Gesellschaft von heute Morgen ein paar Tage gut amüsirt haben. Dadurch, daß die Hauptstraße dieser Stadt, die rue de Madeleine , vom Place royal steil den Berg hinab geht, wird das behagliche Flaniren, sonst in fremden Städten eine meiner liebsten Beschäftigungen, hier zu einer wahren Arbeit. Als ich meine Brieftasche auf den Tisch legte, fiel mir die Karte in die Hände, die mir in Verviers der Commissionär gegeben, und mir kam plötzlich der Gedanke: »Wie, wenn du die sechs Tage, die du für Brüssel, Antwerpen, Ostende \&c. bestimmt, dazu anwenden würdest, einen Begriff von der Häusermasse zu bekommen, die man Paris nennt?« Mehr konnte ich natürlich in der Zeit doch nicht profitiren, ich zündete mir eine Cigarre an, und schritt die Straße hinab, indem ich die auf meiner Karte angegebene Hausnummer suchte. Endlich finde ich das Haus, das von oben bis unten mit großen Placaten bedeckt ist, auf denen man mit ellenlangen Buchstaben lesen kann: » Paris, midi et soir. « Ich verglich nochmals meine Karte mit der Firma, die über der Thür angebracht war, und als ich nun vor dem Bureau stand und nach den Abfahrtsstunden der Wagen nach Paris forschte, fiel mir plötzlich ein, wie sehr ich heute Mittag Unrecht gehabt, die Thätigkeit des Commissionärs in Verviers für eine nutzlose anzusehen, denn hatte ich mich doch selbst durch ihn bestimmen lassen, gerade diese und keine andere Anstalt aufzusuchen. Der Beamte war sehr artig, und nachdem er mir ebenfalls versichert, seine Gesellschaft habe die bequemsten Wagen, setzte er mir auseinander, daß man hier in Brüssel den Platz bis nach Paris bezahle. Die Gesellschaft lasse alsdann die Passagiere eine halbe Stunde vor der Abfahrt in ihren betreffenden Hotels abholen und nach der Eisenbahn führen. Diese Abfahrtsstunde sei Mittags ein Uhr; man führe mit der Eisenbahn bis Quievrain, wo alsdann die Messagerie bereit stände, um die Passagiere nach Paris zu befördern. Die ganze Fahrt dauerte nicht über zweiundzwanzig Stunden. Nachdem er mir dies Alles auseinander gesetzt, sah er wegen eines Platzes für Morgen in seinen Listen nach, und es fand sich, daß nur noch ein einziger, und dieser gerade in der Rotunde, frei war. Für den, der die Einrichtung der französischen Eilwagen nicht kennt, bemerke ich, daß ein solcher viererlei Plätze hat, deren Preise sehr verschieden sind. Um mit der Höhe anzufangen, ist oben auf dem Wagen das Banquet, auch Imperiale oder Cabriolet genannt, doch ist die erste Benennung die allgemeine, dann kommt das Coupé, der beste und teuerste Platz, nach demselben der Interieur, der eigentliche Wagenkörper, und an diesem hängt hinten die Rotunde, zu acht Personen eingerichtet, eigentlich nur zu sechs, doch stopft man eher mehr wie acht, als weniger hinein. Von dem Fahren in dieser Rotunde nun hatte mir einer meiner Freunde, der freilich mit außerordentlich langen Gliedmaßen begabt, und dessen Laune überhaupt leicht zu trüben ist, eine wahrhaft jammervolle Schilderung gemacht, wie er, zwischen zwei dicken Damen eingeklemmt, von diesen wie von zwei Mühlsteinen in der Nacht fast gemahlen wurde, während ihm gegenüber ein sechs und ein halb Schuh langer Nationalgardist saß, dessen Beine mit den seinigen nicht gut harmonirten. Wenn ich überhaupt nach Paris fahren wollte, so mußte es, um nicht einen Tag zu verlieren, morgen geschehen. Doch wie gesagt, vor der Rotunde hatte ich einen unüberwindlichen Abscheu, weshalb ich dem Beamten mein Bedauern ausdrückte, diesen Platz nicht annehmen zu können, und mich an eine andere Gesellschaft in derselben Straße wandte. Es war die wohlbekannte und berühmte der Herren Lafitte, Gaillard und Comp. Hier war auch schon Alles ziemlich besetzt, doch fanden sich noch Plätze auf dem Banquet und glücklicher Weise un coin , d. h. Eckplatz, worauf man namentlich in dem Banquet zu sehen hat. Man zeigte mir dort in einem Reservewagen diesen coin auf dem Banquet, den ich einnehmen könnte, und obgleich sich der Sitz sehr in der Höhe befand, so schien es mir doch da oben, was frische Luft und Aussicht anbelangt, nicht übel zu sein. Auch dachte ich: wenn der Wagen umschlägt, was zuweilen vorkommt, so hast du Numero eins und kommst nicht unter die Räder. Ferner wußte mir der Beamte so viel Gutes und Angenehmes von dem Banquet vorzuschwatzen, sogar von der Liebenswürdigkeit des Conducteurs, der morgen zufällig fahre, daß ich mich kurz entschloß, meine 45 Francs bezahlte und eine Karte erhielt Numero 1 auf dem Banquet. So war ich denn unwiderruflich für Paris bestimmt und zog meines Weges. Abends wurden im königlichen Theater »Die Krondiamanten« von Auber gegeben, eine mir bekannte Oper, weshalb ich es vorzog, das kleine neugebaute Théàtre de nouveautés zu besuchen. Hier wurde ein neues Vaudeville gegeben: » Paris voleur ,« und obendrein hieß es auf dem Zettel: die Maschinerie würde durch Dampf getrieben. Dies war nun allerdings ein kleiner Puff, denn obgleich sich wirklich zu diesem Zweck eine Dampfmaschine hier befand, hatte man noch keine Concession erhalten, um sie in Wirksamkeit treten zu lassen, weshalb heute noch Alles auf dem natürlichen Wege vor sich ging. Ueberhaupt kann ich die Nützlichkeit und Brauchbarkeit einer Dampfmaschine, um die Dekorationen zu bewegen, nicht einsehen, und wenn auch vielleicht ein Ersparniß an Menschenkräften bewirkt wird, so erfordert doch die Maschine ihren Maschinisten, ihren Heizer \&c., und muß vielleicht Nachmittags um 3, 4 Uhr schon geheizt werden, um für jeden Act einmal die Decoration zu wechseln; denn ich kenne keines von den neuen französischen Stücken, weder Oper, Vaudeville, noch Trauer- und Lustspiel, wo die Decoration nicht den ganzen Act stehen bliebe. Was aber die Ausschmückung und Einrichtung dieses neuen Theaters betrifft, so fand ich sie äußerst zweckmäßig, zierlich und elegant. Das Haus ist klein und hat nur vier Logenreihen; statt eines schweren Kronleuchters, der die obere Gallerie teilweise am Sehen verhindert, befinden sich an den Logenbrüstungen des ersten und zweiten Ranges große Gasflammen, mit matt geschliffenen Gläsern bedeckt, die ein helles und schönes Licht geben. Die Decke, welche gewölbt ist, besteht theilweise aus gemaltem Glas, hinter dem ebenfalls Gasflammen brennen, welche auf diese Art ein gedämpftes, wohlthuendes Licht verbreiten. Von dem Stücke selbst kann ich nicht umhin zu sagen, daß es äußerst schlecht war, und wurde es, wie viele dergleichen Neuigkeiten, nur durch ein oder zwei beliebte Künstler gehalten, so wie durch einige Couplets, weil sie voll Bezüglichkeiten waren. Am nächsten Morgen, es mochte ungefähr sechs Uhr sein, kam der Kellner und sprach mir von einem ältlichen Herrn, der gestern Abend spät von Antwerpen gekommen sei und sich nach mir erkundigt habe. Ueberrascht fuhr ich aus dem Bett empor, und meine erste Frage war, ob der Herr allein gekommen sei. »Ja wohl,« entgegnete der Kellner, »sogar ohne Gepäck.« Ich warf mich verdrießlich wieder hin. »Und will er was von mir?« sagte ich ziemlich heftig. »Ja,« antwortete der Kellner, »da ich ihm sagte, Sie würden heute nach Paris abreisen, so bedauerte er es sehr und wünschte Sie diesen Morgen einen Augenblick zu sehen.« Indem er so sprach, klopfte es schon an die Stubenthür, und auf mein: Herein, erschien der Kopf meines theuren Begleiters, des Wieners mit der schwarzseidenen Mütze, und nickte mir freundlich zu. »Ha, ha!« lachte er, »das war gestern ein fataler Streich. Meine Frau hat Recht gehabt, indem sie immer behauptete, wir seien auf einem verkehrten Wagen.« – »Und jetzt ist Ihre Frau Gemahlin . . .?« unterbrach ich ihn. – »Sie ist in Antwerpen geblieben,« entgegnete der Wiener, »hat gestern über Kopf- und alles mögliche andere Weh geklagt und sich bei ihrer Ankunft gleich zu Bette gelegt. Ich benutzte darauf gestern den letzten Zug, theils um nach Ihnen zu forschen, theils um bei meinem hiesigen Bankier Gelder zu erheben.« – »Und wollen Sie einige Tage in Antwerpen bleiben?« fragte ich. – »Das nicht,« entgegnete der Wiener; »denn meine Frau wünscht bald nach Brüssel zu kommen. – Ich hätte sie gestern Abend schon mitgebracht, doch erschien mir die Tour von Cöln nach Antwerpen stark und anstrengend genug. Sie freut sich recht darauf, Sie wieder zu sehen,« setzte er hinzu, »und wir können uns zwei bis drei Tage recht gut amüsiren.« – Ich lachte so recht aus Ingrimm laut auf, indem ich ihm meine Karte zeigte, die Karte für Numero 1 auf dem Banquet nach Paris. »Ach,« meinte er, »das ist unangenehm. Und wie lange denken Sie auszubleiben?« »Vor sechs Tagen kann ich nicht zurück sein,« entgegnete ich, während ich ihn um Erlaubniß bat, aufstehen zu dürfen und mich anzuziehen. »Bitte recht sehr,« sprach der höfliche Wiener, »es thut mir wirklich leid, daß Sie abreisen, aber wenn es Ihnen recht ist, können wir wenigstens heute Morgen einmal zusammen frühstücken – en famille . Ich zog mich an und packte meine Geschichten zusammen, bestimmte meinen Koffer zum Dableiben, indem ich nur einen Nachtsack mitnehmen wollte. Dann frühstückten wir beide zusammen, und man kann sich denken, gerade so freundlich und angenehm, so ganz en famille , wie es die junge Frau gestern vorausgesagt. Der Herr Gemahl war noch so freundlich, mich um ein Uhr an die Eisenbahn zu begleiten, wo ich ihm mit aller Beredsamkeit ein Versprechen abzunöthigen suchte, daß er bis zu meiner Rückkehr hier verweilen wolle. »Sie bleiben mit Ihrer Frau Gemahlin,« sagte ich, »in Antwerpen, wo Sie zwei Tage nöthig haben, um die Rubensgalerie anzusehen, gehen alsdann nach Gent und Brügge und verweilen darauf einige Zeit in Ostende, wo Sie notwendiger Weise ein paar Seebäder nehmen müssen.« Obgleich er mir gerade kein festes Versprechen gab, so schien er doch auch nicht abgeneigt, und so trennten wir uns. Die Bahn von Brüssel nach Valenciennes ist kürzlich wohl fertig geworden, bietet aber wenig Interessantes, da sie beständig durch das flache Land führt. Etwas Unangenehmeres, wie die hiesigen Hemmmaschinen für den ganzen Körper, besonders für die Ohren sind, weiß ich nicht. Vor jeder Station fangen die Conducteure an zu schrauben, um den Lauf der Wagen aufzuhalten, es drücken sich eiserne Stangen gegen die Schienen, was ein so erbärmliches Gekreisch und Gezitter verursacht; ich kann es nicht anders vergleichen, als mit dem Tone, wenn man mit einem eisernen Griffel über eine Glasscheibe fährt, nur zehntausendmal verstärkt. Obendrein wird auf dieser Tour fast jeden Augenblick angehalten, zuweilen bei einem einzelnen Hause, wo eine kleine Seitenbahn abgeht und schnurgerade auf eine Menge großer schwarzer Schornsteine führt, wahrscheinlich Eisenfabriken, die sich so mit der Hauptbahn in Verbindung setzen. Ich hatte mich in einen Wagen gesetzt, an dem sich eine Tafel befand, mit dem Worte »Tabagie,« wo man also rauchen konnte. Hier war die Gesellschaft nun freilich sehr gemischt, bestand aber meistens aus jungen lustigen Belgiern und Franzosen, die mit ihrem Lärmen und Schreien selbst die Locomotive übertönten. Da wurden allerhand Späße getrieben, die mitunter nicht gerade zu den zartesten gehörten, oder sie neckten einander, kurz, trieben alle mögliche Spielerei, und so viel kann ich mit Gewißheit sagen, daß fast keiner der jungen Männer anhaltend zwei Secunden lang ruhig sitzen geblieben wäre. Endlich gegen drei Uhr kamen wir nach Quievrain, wo vor dem Bahnhofe schon drei mächtige Eilwagen vollständig bespannt hielten. Kaum waren wir ausgestiegen, so ging das Geschrei der Conducteure los, die so schnell wie möglich ihre Passagiere zusammen bringen wollten, um davon zu fahren. Zwischen diesen Messagerieen, der »Messagerie royale,« der »Messagerie Lafitte et Gaillard« und »les Jamelles,« herrscht, besonders da sie zu gleicher Zeit abfahren, immer eine kleine Eifersucht, da jede zuerst in Paris ankommen möchte, weshalb sie alles Mögliche thun, ihre Abfahrt zu beschleunigen und einer vor der andern einen kleinen Vorsprung zu gewinnen. Wenn auch zu diesem Zweck jede Gesellschaft auf der Eisenbahn ihren eigenen Packwagen hat, den sie, angekommen, nur aufzuschließen braucht, um die Güter hinaus zu räumen, so ist doch die Zahl derselben meistens so groß, daß eine ziemliche Zeit darüber hingeht. Ich betrachtete mir indessen unsern Wagen und fand, wenn schon das Banquet auf dem Reservewagen, den man mir in Brüssel gezeigt, hoch genug angebracht war, daß doch die Copie, wie es meist in der Welt geschieht, nur weit hinter dem Original zurückblieb, denn der Sitz, den ich nun besteigen sollte, befand sich in einer wirklich fabelhaften Höhe. Mein erster Versuch, da hinauf zu kommen, mißlang vollständig. Es gehörte auch hierzu eine ganz genaue Kenntniß des Terrains. So lange die eisernen Staffeln an der Seite des Coupés bis auf dessen Dach führten, gelang es mir; doch um von da auf den Sitz des Kutschers zu kommen, mußte man dem Körper einen kräftigen Schwung geben, und um dies zu bewerkstelligen, hätte ich von unten herauf die erste Stufe statt mit dem rechten, mit dem linken Fuß antreten müssen. Ich mußte also wieder hinunter, und nach mehren Versuchen hatte ich im Auf- und Abklettern eine ziemliche Fertigkeit erworben. Da der Wagen auf den Zwischenstationen oft nur wenige Minuten anhält, so ist es nöthig, bei vorkommenden Gelegenheiten schnell ab- und aufsteigen zu können. Endlich war Alles fertig, doch hatte uns die »Messagerie royale« einen kleinen Vorsprung abgewonnen; denn als unser Postillon die Peitsche aufhob, um in die Pferde zu hauen, fuhr jene schon im vollen Galopp davon, kam uns also um vielleicht fünfzig Schritte voraus was aber hier einen bedeutenden Unterschied macht, indem der Wagen, welcher zuerst vor dem Städtchen Quievrain, wo die französisch-belgische Gränze ist, bei dem Mauthhause ankommt, auch zuerst visitirt wird, und sonach der andere wohl eine kleine Stunde warten muß. Diese Zeit wird indessen dazu angewandt, ein sehr theures und schlechtes Diner einzunehmen, in einer Restauration, die sich gerade dem Mauthhause gegenüber befindet. Dort fanden sich nach und nach alle Passagiere ein, und ich hatte Muße, unsere ganze Reisegesellschaft anzuschauen. Ich trat in das Zimmer und erstaunte nicht wenig als ich oben am Tische die beiden würdigen Gelehrten erblickte, die mit mir von Cöln nach Aachen gefahren waren. Da sich neben ihnen noch ein Platz offen befand, so setzte ich mich dorthin und begann ein Gespräch mit ihnen. Schon aus den ersten Worten bemerkte ich, daß ihr Groll gegen mich nachgelassen hatte, denn sie waren freundlicher als neulich, und der eine, indem er lustig mit den Augen blinzelte, fing an, mich über meine wiener Nachbarin etwas zu necken, und ich traute meinen Ohren kaum, als der andere der Herren darauf sagte: »Diesmal sind wir glücklicher als Sie, denn wir haben bei uns im Interieur eine junge Französin, hübsch« – »und« fiel der Andere ein, »sehr anständig.« Bei diesen Worten sah ich mich neugierig im Saale um, doch war nichts da, was die Beschreibung hätte rechtfertigen können. Außer ein paar unvermeidlichen Soldaten befanden sich am Tische drei alte und sehr dicke Damen, die nebst ein paar Dienstmädchen und Kindern den Inhalt der Rotunde ausmachten. Das Coupé gehörte dreien Damen, die unten am Tische saßen, und die sämmtlich über die erste und zweite Periode der Jugend hinüber waren. Die schwarzen Herren, welche den Grund meiner Forschungen wohl erriethen, stießen sich lachend an und vertrauten mir, ihre Gesellschafterin, die sie gemeint, befinde sich noch draußen bei dem Wagen. »Dort aber kommt sie,« sagte der eine, und beide blickten schüchtern und verschämt auf ihre Teller. Ich blickte auf, und offenherzig gestanden, ich hätte den Herren keinen so guten Geschmack zugetraut. Es war eine leichte, allerliebste Figur, die in das Zimmer trat oder vielmehr herein hüpfte. Sie trug einen feinen Strohhut am Arm, und in der Hand hatte sie einen kleinen Frisirkamm, mit welchem sie eben beschäftigt war, ihr schönes braunes Haar zu ordnen. Ihr Anzug bestand aus einem schwarzseidenen Kleide, das sehr einfach gemacht war, und nur eine merkwürdige lange Taille zeigte. Es war eine jener gutgeformten niedlichen Gestalten, wie sie die französischen Künstler, namentlich im »Charivari,« mit wenig Strichen hinzuwerfen verstehen. Nachdem sie mit der Herstellung ihres Kopfputzes fertig geworden, setzte sie sich uns gegenüber und musterte Jeden von uns der Reihe nach mit einem einzigen vielsagenden, aber sehr sichern Blicke. Der eine der Herren stieß mich an, und obgleich ich, als gelte es etwas Anderem, gleichgültig die Achseln zuckte, so ärgerte ich mich doch über das gute Glück dieser Herren. Die kleine Französin war, wie gesagt, angenehm, sah auch recht lustig aus, obgleich man ihr auf den ersten Anblick anmerkte, daß sie gerade nicht einer höheren Classe der Gesellschaft angehörte. Während des Diners, bei welchem sie gegen die Gewohnheit der Franzosen ziemlich der Weinflasche zusprach, schaute sie beständig durch das Fenster nach dem Mauthhause, stürzte bald an die Thüre, dem Conducteur zu rufen, bald an das Fenster, um zu sehen, ob ihre Effecten noch nicht an die Reihe kämen. Endlich rief unser Conducteur sie ab, sie nahm seinen Arm und floh mit ihm die Straße nach dem Wagen. Ich machte den beiden Herren meine Gratulation über ihre Eroberung, und um ihnen ihr Betragen von gestern zu vergelten, erlaubte ich mir einige derbe Spaße über die Fahrt, die vor uns lag. Es dauerte ziemlich lange, bis die Effecten der Dame visitirt waren, und die zollbaren Sachen, brüsseler Spitzen, Foulards \&c. wollten kein Ende nehmen. Endlich kam sie wieder und setzte ihr Diner fort. Doch, wie ich schon vorhin bemerkte, sprach sie in Gemeinschaft mit dem Conducteur, den sie zum Essen eingeladen und neben sich gesetzt, etwas zu stark der Weinflasche zu. Es schien mir, als mustere sie meine Persönlichkeit und schenke mir mehr Blicke, als ihrer Wagengesellschaft, den beiden Herren, und ich hatte mich, ich könnte wohl sagen, leider! nicht getäuscht. Nach dem Essen sagte mir der Conducteur, die Dame fürchte sich vor dem Fahren im Interieur und wolle zu uns auf's Banquet hinaufsteigen. Unglückliche Gelehrte! Wie wohlgemuth stiegen sie nach gehaltener Visitation in den Wagen und setzten sich zurecht! Ich war auf mein Banquet hinauf geklettert und Alles in Ordnung gebracht, mit Ausnahme der Französin, denn diese wurde von den Zollbeamten noch einmal freundschaftlich ins Local genöthigt, weil sie eine ungewöhnlich große Reisetasche bei sich trug, mit deren Inhalt sich die Beamten bekannt zu machen wünschten. Endlich war sie befreit, die beiden Herren blickten zum Wagen hinaus und wunderten sich nicht wenig, als eine Leiter gebracht und an das Banquet gesetzt wurde. Jetzt stieg die Dame zu uns herauf, der Postillon hieb auf die Pferde, und wir flogen im Galopp auf der Landstraße dahin. Wer beim gewöhnlichen Fahren mit unsern Wagen und auf unsern Chausseen es nur im Geringsten unbehaglich findet, wenn sich das Fuhrwerk zuweilen etwas stark auf die Seite neigt, oder wenn er einen Rosselenker hat, der bei andern Fahrzeugen so nah vorbeijagt, daß man kein Blatt Postpapier zwischen die beiden Achsen legen könnte, oder wer sich schon auf die andere Seite drückt, wenn ein solider deutscher Postillon in einem kleinen Bogen um die Ecke fährt, ein solcher besteige nie das Banquet eines französischen Eilwagens, will er nicht während der zwanzigstündigen Fahrt eine eben so lange geistige und leibliche Tortur ausstehen. Die Messagerien sind mit fünf schweren, kräftigen, flamändischen Pferden bespannt, zwei an der Deichsel und drei vorn. Ehe die Fahrt losgeht, leben diese Thiere in beständigem Streit: bald schlägt dies, bald das, und die andern beißen nach allen Richtungen um sich herum, wobei sie jenes laute kreischende Geschrei ausstoßen, das den Pferden eigen ist. Der Postillon hat jetzt viel mehr sein Augenmerk auf sie zu richten, als während der Fahrt; denn bald prellen die Vorderpferde rechts und links, bald ziehen die Hinterpferde die Deichsel nach der verkehrten Richtung. Dabei ist die Straße, die vielleicht viermal so breit ist, wie unsere Chausseen, auf der Mitte der ganzen Länge von Brüssel nach Paris gepflastert; dieser Steindamm ist so schmal und obendrein erhöht, daß von zwei breiten Wagen, die sich begegnen, die äußern Räder von dem Damme herab auf die Chaussee gleiten, und da sie dort in die weiche Erde manchmal einschneiden, so neigt sich der schwer beladene Wagen so auf die Seite, daß man jeden Augenblick umzuschlagen glaubt. Wer weiß auch, was geschähe, wenn dieses Ausweichen nicht meistens im vollen Galopp vor sich ginge, und äußerst kurz gemacht würde, so daß die vordern Pferde schon wieder auf dem Steindamme sind, um den Wagen hinaus zu ziehen, indeß die hintern Räder noch in die Chaussee einschneiden. Dabei fahren die Postillons bald im scharfen Trab, bald im vollen Gallopp, wie es ihnen gerade einfällt, und wenn es einmal eine Zeit lang ziemlich ruhig gegangen ist, und man will den Versuch machen, ein wenig zu schlummern, so wird man durch ein entsetzliches Geschrei des Postillons aufgeschreckt, der in seine fünf Pferde wie toll hinein haut, bis das ganze Gespann in einem vollkommenen Durchgehen in voller Carriere dahin ras't. Unsere Dame auf dem Banquet, die uns offenherzig anvertraute, die Gesellschaft da unten im Wagen, aus lauter alten Herren und Damen bestehend, sei äußerst langweilig, war von einer auffallenden Lustigkeit, welche mir im Verein mit ihrem stark gerötheten Gesichte nicht recht gefallen wollte. Während der ersten Stunde unseres Fahrens sang sie in Einem fort Couplets aus den neuesten pariser Vaudevilles, oder sie machte dem alten gutmüthigen Conducteur eine Liebeserklärung über die andere, der mich alsdann lächelnd anstieß und mir mit einer Pantomime, als tränke er ein Glas aus, zulächelte. Ich saß aus Galanterie in der Mitte, und die Dame stieß mich ihrerseits ebenfalls an und machte eine Geberde, als habe sie den Conducteur nur zum Besten, und wer weiß, ob die Beiden hinter meinem Rücken nicht mich selbst auslachten. Ich kam mir in der That wie verrathen und verkauft vor und sah mich in einer sonderbaren Gesellschaft; denn hatte ich schon gestern geglaubt, daß meine gute, liebe Wienerin in ihrer Natürlichkeit etwas weit gegangen sei, so bat ich sie für diesen Verdacht jetzt tausendmal um Verzeihung. Im Anfang hatte ich mich, durch ihr äußerst freies Betragen aufgemuntert, mit der Französin in allerlei Redensarten eingelassen, die man gerade nicht überall anbringen darf; doch kam ich hier schön an, denn da sich auch der Conducteur nicht eben äußerst zart in die Unterhaltung mischte, so wurden Sachen und Gegenstände verhandelt, die einem deutschen Ohre aus dem Munde einer Dame doch etwas ungewohnt erscheinen. Ich mußte aber hier wieder der französischen Sprache den großen Vorzug einräumen, den sie für eine leichte Conversation vor unserer soliden deutschen voraus hat; denn wenn ich zuweilen versuchte, eine im Französischen etwas stark klingende Phrase der Dame zu übersetzen, so erschrack ich wirklich selbst vor dem Klange, den diese im Deutschen hatte. Nebenbei wurde diese leichtfertige Unterhaltung von der Französin mit einer gewissen Decenz, wenn ich mich so ausdrücken darf, jedenfalls aber mit großer Feinheit und Eleganz geführt. So fuhren wir dahin und kamen nach Valenciennes, wo unsere Pässe visitirt und weggenommen wurden, wogegen wir einen französischen Paß erhielten, der zwei Francs kostete. Die sonst so freien und artigen Franzosen hätten eigentlich schon lange von dieser häßlichen Gewohnheit, sich den Eintritt in ihr Land mit zwei Francs bezahlen zu lassen, abkommen sollen. Ich würde nichts dagegen haben, wenn man sich hiedurch eine Erleichterung erkaufte, aber im Gegentheil, man ist genöthigt, diesen französischen Paß in Paris bei der Abreise gegen den heimatlichen umzutauschen, wodurch man wenigstens ein paar Stunden Zeit verliert, die man dort weit besser anwenden könnte. Ein Kaufmann, der mit im Wagen war, erzählte mir später, daß er die Wegnahme seines Passes dadurch verhindert, indem er vorgab, er reise nur bis Peronne. Selbst diese französischen Pässe erhält man nicht im Augenblick, sondern ein Kerl in einer halb zerrissenen Blouse rannte dem Wagen bis vor die Stadt nach und überreichte, auf dem Wagentritt stehend, jedem Passagier das Papier, was auch wieder einige Sous kostete. Bald wurde es Nacht, und ich muß gestehen, daß es auf dem Banquet oben gar nicht sehr angenehm war. Es regnete und ging ein kühler Wind, wobei die arme Französin, die nur einen leichten Shawl trug, erbärmlich fror. Sie nahm in Cambray unsern gut gemeinten Rath an, sich ins Interieur zu begeben, wo sie auch blieb bis zum Anbruch des Tages. Dann aber kletterte sie wieder zu uns herauf, um frische Luft zu genießen, wie sie sagte. Waren ihre Gesichtszüge gestern Abend etwas mehr als sanft geröthet gewesen, so sah sie dagegen todtenblaß aus und sehr durchwacht. Ich kann hier nicht umhin, die Artigkeit eines französischen Postillons zu erwähnen, der, als er auf den Wagen steigen wollte, und das traurige Aussehen seiner Landsmännin bemerkte, plötzlich ins Haus zurückeilte und eine frisch aufgegangene duftende Rose brachte, die er ihr mit der Bemerkung überreichte, der süße Geruch würde sie erquicken. Bald erreichten wir Senlis, wo gefrühstückt wurde, und nach einigen Stunden sahen wir Paris vor uns ausgebreitet liegen. Ich suchte die Kirche Notre-Dame; doch sieht man sie von hier aus nicht. Dagegen ragt der Montmartre hinter der Stadt hervor, das ganze Terrain beherrschend. Bald glänzte uns die große Befestigungslinie entgegen, aus einzelnen Forts, Schanzen und Mauern bestehend, Alles aus weißgrauem Stein aufgebaut. Jetzt erreichten wir das Faubourg St. Martin, wo unser ganzer Wagen gewogen wurde, und dann waren wir in Paris. Ich kann unmöglich beschreiben, welchen Eindruck es auf mich machte, durch diese Straßen, bei diesen Häusern vorbei zu fahren, einen Boden unter mir zu haben, der, um mit den eitlen Franzosen zu sprechen, in so vieler Hinsicht der Mittelpunkt der Welt war und ist. Bei jedem Schritt, den wir vor uns kamen, nahm das Gewühl und Gedränge von Menschen, Equipagen und Karren zu; eben so die eigentümliche Dekoration der Häuser. Hatten sich diese am äußersten Ende der Vorstadt mit einem oder zwei Aushängeschildern begnügt, so nahm ihre Eitelkeit zu, je weiter wir kamen, und bald sahen wir fast kein Gebäude mehr, das nicht von unten bis oben mit ellenlangen Buchstaben bemalt war, mit Namen von Eigentümern verschiedener Geschäfte, mit Angaben, welcher Art Magazine sich dort befanden, daneben riesige Theaterzettel oder Anzeigen von Verkäufen. Kurz, jedes Haus erzählte den Vorübergehenden auf das Freundlichste, wen es beherberge und was hier alles für Lebensbedürfnisse und Luxusartikel zu haben seien. Nun erreichten wir Porte St. Martin, ein schwarzes hochgewölbtes Thor, und eines der wenigen, welches die Revolution verschonte. Wir durchschnitten die Boulevards und kamen in die Stadt, wo das Gedränge und das Spektakel auf eine wahrhaft erschreckende Art zunahm. Ich weiß nicht, soll ich es Leichtsinn, Selbstvertrauen oder Geschicklichkeit nennen, daß der Postillon in vollem Trabe durch die überfüllten Straßen und um scharfe Ecken fuhr. Bei letzteren half der Condukteur den Wagen diregiren, indem er die Hemmmaschine fleißig und aufmerksam handhabte. Eine lange Zeit fuhren wir durch die Straße St. Honoré, bis wir die Bureaus der Messagerie erreichten, in einem großen Hofe, mit Eilwagen aller Art vollgepfropft. Meine Begleiterin suchte alsbald ihre Kisten und Kasten zusammen, und Schnell war ihre Spur verschwunden, Sobald das Mädchen Abschied nahm. Die beiden Herren sah ich mit ihren Nachtsäcken im Hofe umherirren; vielleicht suchten sie mich, doch war ich mit dem Condukteur und meinem Gepäcke beschäftigt; dann sah ich sie zu einem der Hofthore hinausgehen, ehe ich ihnen zurufen konnte. Sie waren fort und natürlich an kein Wiederfinden zu denken. Auch der Condukteur empfahl sich, und so stand ich denn allein, nahm meinen Nachtsack auf die Schulter und suchte ein Unterkommen im Hotel Lafitte neben der Messagerie, was ich auch fand. Es hat mir einmal ein Freund erzählt, daß er vor langen Jahren mit einem Landsmann, ebenfalls einem Deutschen, durch die Porte St. Martin nach Paris hereinfuhr. Beide wollten hier ihr Glück versuchen; der Eine war ein Schriftschneider, der Andere ein sehr geschickter Ebenist. Es waren junge Leute und ihr Gepäck natürlich sehr unbedeutend, so daß Jeder es bequem in seine Tasche schieben konnte. Der Schriftschneider spricht mit dem Condukteur und erkundigt sich nach einem wohlfeilen Gasthause, während der Andere auf die Straße hinaus und zufällig in ein Caffeehaus tritt, um dort etwas zu sich zu nehmen. Beide denken, sie werden sich natürlich gleich wieder finden. Doch gerathen sie zufälliger Weise in entgegengesetzter Richtung aus einander. Es wird Abend, und sie finden sich nicht wieder, eben so den andern Tag, da Keiner des Andern Gasthaus weiß. Beide waren traurig darüber, da sie sich so viel Schönes von dem Zusammenleben in Paris versprochen. Doch gehen sie wohlgemuth an ihre Geschäfte, finden Arbeit, sind fleißig und kommen empor, während Jeder vom Andern glaubt, der arme Kerl wird gestorben sein oder nach Hause zurückgekehrt. Endlich nach zwanzig Jahren begegneten sich zufällig zwei wohlbeleibte, wohlhabende Bürger in einem Caffeehause, die sich plötzlich erkennen und sich erinnern, wie sie vor langer Zeit zusammen eingewandert sind. Ich hatte diese Geschichte immer als etwas fabelhaft betrachtet, obgleich ich manche große Stadt gesehen; aber wie ich hier so allein in die Straße hinausging und dieses unsägliche Menschengewühl erblickte, wie Jeder unbekümmert an dem Andern vorbeieilt, Keiner den Andern grüßt, wie in kleinen Städten, da sich hier selten ein Paar kennt, zweifelte ich nicht mehr an deren Möglichkeit. Wenn man so Stunden lang durch die Straßen gelaufen ist, und nirgends einen Ruhepunkt findet, immer das gleiche unruhig wogende Leben, das hastige Hin- und Herrennen, und wenn man die Unzahl der Wagen erblickt, die unaufhaltsam nach allen Richtungen hinströmen und einen in kurzer Zeit in ganz andere, eben so unbekannte Stadtviertel bringen, wo man den Rückweg ohne Hülfe nicht mehr findet, so kann man wohl glauben, daß ein Vorfall wie der erwähnte wahr ist. Mir aber passirte dagegen etwas, das meinen eben geführten Beweis für die Möglichkeit jenes Falles beeinträchtigen könnte, wenn nicht Jeder einsehen würde, daß es der allerseltsamste Zufall war. Als ich nämlich von meinem Gasthof auf die Straße trat und auf dem klassischen Boden des Flanirens in dieser schweren Kunst einen schwachen Versuch zu machen begann, sah ich vor einem Hutladen eine Gestalt stehen, die ich augenblicklich für einen meiner Bekannten aus St. gehalten hätte, wenn ich nicht in Paris gewesen wäre. Es war ein junger Mann, der sich während der Ferien auf Reisen begeben hatte und der von uns den Namen Reisegespenst erhalten. Er spukte nämlich schon vielleicht acht Tage vor seinem Auszuge in seinem Reiseanzuge umher, und um sich von der Vortrefflichkeit desselben in allen Lagen zu überzeugen, bestieg er Kirchthürme und Berge, wo er schon hundertmal gewesen, setzte sich in ganz miserable Fiaker und quälte uns mit allen möglichen Projekten zur Reise, die er machen wolle, woraus er jeden Abend herzlichen Abschied von uns nahm, und am andern Morgen sahen wir ihn eben so wohlgemuth wieder durch die Straßen wandeln. Endlich an einem schönen Morgen war das Reisegespenst verschwunden, und hier sollte ich es wieder finden. Ja, er war es, ich erkannte die großkarrirten Beinkleider, die grauen Gamaschen, den erbsenfarbigen Rock und den grauen breitkrempigen Hut. Unser Wiedersehen war wirklich rührend. Für mich war es in jeder Hinsicht interessant, das Reisegespenst gefunden zu haben, denn es wandelte schon acht Tage hier herum und konnte mir daher zu mancherlei eine kleine Anleitung geben. Unterdessen war es spät geworden, und wir hatten nicht viel gesehen, da ich von dem Ungeheuren dieser Stadt mich so ins Flaniren vertieft hatte, daß es fünf Uhr, Essenszeit schlug, ehe wir noch daran dachten. Wir hatten flüchtig das Palais Royal durchirrt, die Tuilerieen, natürlich von außen gesehen, waren auf dem Platze de la Concorde gewesen, warfen einen Blick hinaus auf die Champs Elysees und den Arc-de-Triomphe de l'Etoile, und speisten alsdann für 30 Sous ganz gut zu Mittag. Nachher zog ich mit dem Reisegespenst wieder aus, und wir suchten diesmal die Boulevards auf, wo wir hinauf und hinab rannten, so weit wir kommen konnten. Wenn Paris schon etwas von einer Hauptstadt der Welt hat, und die Boulevards der erste Spaziergang von Paris sind, so sind sie auch der erste Spaziergang der Welt, und das kann man ihnen auch in ihrer Art zugestehen. Wenn freilich der Molo von Neapel bei Mondschein und Meerleuchten, mit dem Vesuv im Hintergrunde, der zuweilen dumpf donnernd eine feurige Lohe ausstößt, auch seine großartigen Schönheiten hat, so ziehe ich doch auf die Dauer die Boulevards von Paris vor. Man hat hier so Alles, was die Seele nur verlangen kann, und braucht nur zuzulangen. Man findet Alles hier bis auf die geringsten Kleinigkeiten schön und appetitlich zugerichtet. Es muß nothwendig im Himmel Boulevards geben oder – doch wir wollen uns in ein Caffeehaus setzen und Eis essen und lassen die Menge einen Augenblick bei uns vorbeispazieren. Man braucht hier in Paris nicht wie in einer andern Stadt zu fragen: was beginnen wir nun? sondern man fragt sich: wozu haben wir Zeit oder Lust? und so war es auch jetzt. Wir beratschlagten, in welches Theater wir gehen sollten. In welches Theater! wie einem bei der Idee, unter einem Dutzend Theater die Auswahl zu haben, so sonderbar wird, wenn man aus einer deutschen Residenz kommt, wo jede Woche einmal in einem einzigen gespielt wird. Wir entschieden uns für das Theater der Porte St. Martin. Dort wurde ein fünfaktiges Spektakelstück, »Don Cesar de Bassan«, gegeben, in welchem Frederic Lemaitre glänzte. Es war mir interessant, diesen berühmten Künstler zu sehen. Das heutige Stück entstand, indem Lemaitre, welchem der Charakter des Don Cesar im Ruy Blas sehr zusagte, sich von ein paar jungen Autoren ein Stück schreiben ließ, in welchem derselbe Don Cesar, wie schon der Titel des Stücks besagt, die Hauptrolle hat. Es war ein wahres Spektakelstück, die erste Scene ein öffentlicher Markt zu Madrid, Volksgetümmel, Tanz von Zigeunern, deren Königin oder Herzogin ein paar Arien singt. Sie ist die Primadonna und muß durch das ganze Stück in allen Fächern wirken. Sie tanzt, sie singt und schauspielt. Es kommt ein Page, der in irgend einem Cavallerie-Regimente dient und von seinem Capitän mißhandelt worden ist – jetzt erscheint Lemaitre, Don Cesar, der heruntergekommene, leichtsinnige, ausschweifende Mensch von guter Familie, Alles an ihm hierzu wunderbar übereinstimmend: der nachlässige Gang, das heisere Organ und das einzig zusammengestellte Costume, ein Costume, das, aus Sammt und Damast bestehend, vor der Zeit prachtvoll gewesen war, und der es trägt, weiß sich noch in den übrig gebliebenen Lumpen mit Anstand zu bewegen; Collet und Beinkleider fahl und abgerissen, der eine Strumpf hängt nachlässig herunter, und dessen Schleife ist vor dem Knie gebunden, während die andere an ihrem Platze sitzt. Der graue Hut trägt Spuren von zahlreichen Hieben, und er so wie die abgenutzte Feder geben deutliches Zeugniß, daß der Kopf, den sie schmücken, nicht immer unter gutem Obdach und auf seidenen Polstern ruht. Das einzige Wohlerhaltene an seinem ganzen Anzuge ist seine Waffe, der überaus lange Stoßdegen, auf dem der sehr zerfetzte roth und weiße Mantel ruht. Nachdem er den Pagen natürlicherweise beschützt, ersticht er den Capitän und wird dafür, da man sich gerade in der heiligen Woche befindet, zum Tode verurtheilt. Wahrhaft groß ist Lemaitre im zweiten Akt, wo er im Gefängniß nachlässig auf einem Lehnstuhl ausgestreckt liegt, neben sich die Wanduhr, die ihm anzeigt, daß er nur noch zwei Stunden zu leben hat. Es versteht sich aber von selbst, daß er von dem Pagen gerettet wird. Das Stück an sich ist ziemlich schwach und würde ohne Lemaitre gar nichts machen. Es ist Schade, daß das heisere Organ, welches im ersten Akte nach einer durchschwelgten Nacht so ganz an seinem Platze ist, nicht angenommen, sondern sein natürliches ist. Man muß genau Achtung geben, um ihn zu verstehen. Der große Künstler soll auch im Leben etwas sehr Don Cesar de Bassan sein; anständig und nobel, aber sehr ausschweifend. Am andern Morgen nahm ich mir einen Fiaker und kutschirte in Paris herum, um zu sehen, so viel es mir möglich. Berauscht, wie ich war von all' dem Großen, kann ich mir selbst von dem Gesehenen kein klares Bild machen, viel weniger einem Andern. Was soll ich mehr sagen, als daß ich im Pantheon, im Dom der Invaliden und in St. Denis war, daß ich vom Louvre so viel wie möglich sah, daß ich aus den Thurm der Kirche Notre Dame stieg, im Pflanzengarten die Affen und Bären sah, im Palais Royal umherlief, den berühmten und berüchtigten Greve- und Carousselplatz besuchte und alsdann spät am Abend verwirrt und betäubt zu Bette ging! Gott soll mich bewahren, daß ich es wage, etwas über diese allgewaltige Stadt zu schreiben, selbst wenn ich auch statt zwei Tage vierzehn Tage da gewesen wäre. Auch bin ich überzeugt, daß man mir dies gern erlassen wird. Da ich aber die Fahrt auf der Messagerie aufs Gründlichste kennen gelernt habe, so will ich noch eine schwache Schilderung der Rückfahrt von Paris nach Brüssel versuchen, die mit der Herfahrt Aehnlichkeit hatte, aber doch ganz verschieden war, – Aehnlichkeit, da es dasselbe unaufhörlich lange Pflaster war, dieselbe reizlose Gegend, und die gleichen Stationen; verschieden aber durch unsere Reisegesellschaft, die äußerst zahlreich, ja, zu zahlreich war. Wie die untern Regionen des Wagens besetzt waren, darum kümmerte ich mich wenig; bis zu uns drang kein Aechzen der Rotundebewohner. Auf den Bergen ist Freiheit, der Hauch der Grüfte \&c. sagte der unsterbliche Schiller irgendwo. Aber wenn wir auch Freiheit und frische Luft dort oben genug hatten, so war letztere so stark mit Regen vermischt, daß wir die schlechten flatternden Ledervorhänge vergeblich anstrengten, um uns dagegen zu schützen. Mit dem Condukteur, der sich durch das Regenwetter getrieben, zu uns hereinsetzte, waren wir zu Vier auf dem Banquet, lauter hübsche, gut gewachsene, aber sehr beleibte junge Leute. Ich saß zwischen zwei Franzosen eingekeilt, die mich sonderbar ansahen, als ich meine Cigarrendose herausholte, und mich darauf ganz naiv mit einem Blick auf den Condukteur fragten; »Aber Sie wollen rauchen, mein Herr?« – »Ja so, es ist in den französischen Eilwagen verboten, zu rauchen, selbst auf dem Banquet, wenn keine Damen da sind.« – »Allerdings, mein Herr!« – »Sehr gut!« Und schon wollte ich meine Cigarre in größter Ruhe wieder einschieben, als mir die beiden höflichen Franzosen, wahrscheinlich durch meine Folgsamkeit gerührt, versicherten, so eine kleine Cigarre würde ihnen nichts schaden, ich möchte sie nur rauchen. Unsere Lage dort oben war in Wahrheit schrecklich. Keiner konnte sich neben dem Andern rühren. Der Regen goß in Strömen und drang zu uns herein, und hinter unserm Sitze war das Leder nicht befestigt, so daß Niemand den Kopf anlehnen konnte. Und dabei hatten wir vier und zwanzig Stunden vor uns, die beim furchtbaren Schütteln des Wagens auf dem entsetzlichen Pflaster also zugebracht werden mußten. So kamen wir zur Vorstadt St. Martin heraus, passirten die Barrière und fuhren in scharfem Trabe davon, als wir plötzlich vor uns auf der Straße einen Mann gewahr wurden, der sich in sonderbarer Lage befand. Er streckte die Arme nach uns aus, in der Art, wie es Beter an der Straße vor Heiligenbildern zu thun pflegen. Gäbe es heut zu Tage schon Luftdampfschiffe, so hätte man ihn für einen Passagier halten können, der mit seinen sämmtlichen Effekten einem solchen entfallen wäre. In seiner Nähe war weder Wagen noch Haus, noch sonst etwas zu sehen, und doch befand er sich hier mitten im Regen, umgeben von zwei Koffern, einem Nachtsack und ein paar Hutschachteln. Es dauerte indessen nicht lange, so wurden wir durch den Condukteur belehrt, daß der Mann dort ein sogenannter blinder Passagier sei, einer seiner besten Freunde, der um Alles in der Welt morgen nach Brüssel müßte. »Es ist ein Franzose, meine Herren,« haranguirte uns der Condukteur, »ein Landsmann, der sich in Verlegenheit befindet, wir müssen ihm helfen.« – »Ja, ein Landsmann,« wiederholten seufzend meine beiden Reisegefährten, »aber wohin mit ihm?« Der Wagen hielt, und der Condukteur ließ sich die beiden Koffer, Hutschachteln und Nachtsack heraufreichen und überließ dem Neuangekommenen seinen Platz auf dem Banquet, wogegen er sich trotz des dichten Regens hinaus zum Postillon setzte. Der blinde Passagier, ein wohlgenährter Epicier der Rue St. Honoré, kletterte mit Mühe zu uns herauf, denn neben einem nassen Mantel, den er auf den Schultern trug, hinderten ihn ein paar große Melonen, die er unter dem Arme hielt, an freier Bewegung. Glücklicher Weise kam er nicht neben mir zu sitzen. Sein Mantel troff von Nässe, ein Umstand, der nur seinem Nachbar zu Gute kam. Dagegen aber verbreitete sich der unangenehme Geruch der überreifen Melonen schnell durch den ganzen Wagen. So fuhren wir dahin, eingekeilter als je, und wir alle vier lieferten einen schlagenden Beweis, was der Mensch nicht alles auszuhalten vermag. Es dunkelte schon, als wir in Peronne einfuhren, wo dinirt wurde. Der Regen war hier so stark geworden, daß unsere Mäntel während des Herabsteigens vom Wagen fast durchnäß wurden. Das Essen war leidlich und der Wein gut. Bei Tische sahen wir, wie ungeheuer alle Räume des Wagens angefüllt waren, man hörte nichts wie Klagen über das Wetter, über das Pflaster und über die langweilige Fahrt. Bald mahnte der Condukteur zum Aufbruch, und wir zwängten uns wieder auf unsere Marterbank zusammen. Da das Wetter immer abscheulicher wurde, so hatte der Condukteur für den blinden Passagier eine andere Unterkunft gefunden, die aber für den Unglücklichen nichts weniger als angenehm war. Er mußte hinter das Banquet zu dem Gepäck kriechen, wo durch Verschiebung einiger Koffer und Frachtstücke ein Raum hergerichtet war, daß ein Mensch zusammengekauert sitzen konnte. Obgleich wir sehr darum gebeten hatten, man möchte das Leder hinter unserm Rücken schließen, so bedauerte der Condukteur, daß er es nicht thun könne, indem alle Schnallen gerissen seien. Nebenbei fuhr das Passagiergut auf dem Verdeck des Wagens hinter uns hin und her, und stieß uns nicht selten empfindlich an die Köpfe. Die beiden Melonen waren unter dem Sitze angebracht worden, und so fuhren wir in finsterer Nacht dahin. Von Schlafen war natürlich keine Rede; denn nachdem anfänglich der blinde Passagier lachend seine schreckliche Lage vorgestellt, behauptete er sehr ernsthaft, das sei gar nicht zum Aushalten, und er würde morgen früh an allen Gliedern zerschlagen oder erstickt sein. »Condukteur,« schrie er, »es herrscht unter den Koffern und Hutschachteln eine wahre Revolution; ich bin Aristokrat, aber die Volkspartei ist mächtiger, ich werde hinausvotirt. Condukteur, denken Sie um Gotteswillen, wenn der Wagen umschlägt. O, ich werde alsdann zermalmt auf dem Boden ankommen.« – So ging es ohne Unterbrechung fort. Bald zwängte er seinen Kopf durch das Leder hinter uns und bat, wir möchten doch auf seine Melonen wohl Acht haben, daß ihnen kein Leides geschehe. Meine Nachbarn gaben ihm hier und da lachend Antworten, und nur der Condukteur, der gern schlafen wollte, brummte ihm verdrießlich zu, er möchte doch um Gottes willen Ruhe halten. Aber es war keine Rede davon. Schwieg er eine Viertelstunde lang, so begann sein Geschrei nur desto ärger und heftiger. »Condukteur!« schrie er, »ich ersticke, ich bin ganz todt! O, ich unglücklicher Mensch! Meine Herren, ich nehme Sie zum Zeugen, daß mir der Condukteur meuchelmörderisch nach dem Leben trachtet!« So kamen wir nach Cambray, und meine Uhr zeigte mir, daß es glücklicher Weise schon Mitternacht sei. Als wir diese Festung hinter uns hatten, wurde der blinde Passagier etwas ruhiger, und wir fingen an, uns auf ein Bischen Schlaf zu freuen. Ich lehnte meinen Kopf gegen einen schweren Koffer, der sich mir freundschaftlich von hinten genähert, und befand mich so eine Zeit lang zwischen Schlafen und Wachen, als der unausstehliche Mensch wieder anfing: »Condukteur, he, Condukteur!« – »Zum Teufel, lassen Sie mich zufrieden!« – »Condukteur!« – »Was gibts denn um Gottes willen?« – »Haben Sie das Buch der Hundert und Eins gelesen, Condukteur?« – »Ach, ich wollte, daß Sie mich in Frieden ließen!« – »Haben Sie es gelesen?« schrie er lauter. »Oder Sie, meine Herren?« wandte er sich an uns. Meine Nachbarn lachten und erwiederten ihm, daß sie es freilich kennten, aber was die Frage heißen sollte. »Also haben Sie es gelesen?« fuhr er fort. »Ein famoses Buch, Sie werden sich des Kapitels von der Morgue erinnern, die Erzählung von der Amme aus der Normandie, die mit dem ihr anvertrauten Kinde, einem unmündigen Jüngling, nach Paris reist. O, meine Herren! Das arme Kind gerieth, wie ich, unter das Gepäck; es kam erstickt nach Paris, wie ich erstickt nach Brüssel kommen werde. Condukteur! gibt es eine Morgue in Brüssel?« Jetzt aber vereinigten wir unsere Vorstellungen mit denen des Condukteurs und baten vereint um Ruhe, worauf der blinde Passagier hinter dem Leder her mit dumpfer Stimme zur Antwort gab: er wolle sein Möglichstes thun, aber es sei hart, stillschweigend sterben zu müssen. Jetzt hatten wir eine Zeit lang Ruhe, und würden wahrscheinlich aus Ermüdung eingeschlafen sein, wenn nicht unglücklicher Weise eine der Melonen unter dem Sitze hervor und zu den Füßen meines Nachbars gerollt wäre. Dieser dehnte sich schlaftrunken aus und bohrte seine beiden Absätze so heftig in die reife Frucht, daß sie auseinander platzte und einen wahrhaft betäubenden Geruch verbreitete. Dieser mußte sogar bis hinter den Ledervorhang gedrungen sein, denn wenige Sekunden später meldete sich der blinde Passagier aufs Neue und erkundigte sich besorgt, ob mit seinen Melonen etwas vorgefallen sei. Mein Nachbar verhehlte ihm das Unglück nicht, das geschehen, worauf der Jammer des armen Epicier so groß ward, daß wir in ein allgemeines Gelächter ausbrachen. Anfänglich ärgerte er sich darüber, doch bald stimmte er mit ein, und bat sich nur die Freiheit aus, sein Unglück bejammern zu dürfen, was er denn auch so überaus kräftig that, daß von einem Schlafen ferner die Rede gar nicht mehr sein konnte. Glücklicher Weise dämmerte bald der Morgen auf, und wir erreichten Valenciennes. Bald kamen wir nach Quivrain, wo wir uns zum Eintritt in Belgien einer Visitation unterwerfen mußten, die aber sehr gelinde ausfiel. Eine halbe Stunde darauf saß ich auf dem guten Polster des Eisenbahnwagens und floh gen Brüssel. Der blinde Passagier mit den Melonen befand sich in einem andern Wagen, und ich habe ihn nicht wieder gesehen. Doch ist mir jetzt, mehr als ein Jahr nach dieser denkwürdigen Nacht, der Geruch von Melonen so zuwider, daß ich nicht im Stande wäre, ein Stückchen dieser Frucht zu essen. Wie glücklich war ich, als ich nach der so schlimm zugebrachten Nacht eine Stunde in meinem bequemen Zimmer des »Hotel de Flandre« zu Brüssel ausruhen konnte, und alsdann neu gestärkt, auf die Straße ging. Unter dem Thorweg des Gasthofes sah ich einen Herrn und eine Dame, welche die Eisenbahnkarte eifrig studirten. Beide schienen mir nicht fremd, und als ich näher trat, erkannte ich den Wiener mit seiner liebenswürdigen Frau, welche sich unter den Abfahrtsstunden eine für sie passende aussuchten, um nach Aachen zurückzukehren. Glücklicher Weise ließen sie sich bereden, noch ein paar Tage in Brüssel zu bleiben, und wenn mir die Dame auch anfänglich ein böses Gesicht machte, daß ich sie in Mecheln so schnöde verlassen, (denn sie gab mir die Schuld) so wurde sie doch bald wieder überaus lieb und freundlich, und wir verbrachten noch ein paar recht vergnügte Tage en famille im »Hotel de Flandre« zu Brüssel. Eine Reise im neuen Styl. Beim heutigen Zustand der Verkehrsmittel geschieht es leicht, daß man das vorgesteckte Ziel einer Reise um ein Bedeutendes überschweift. So ging es mir so eben, und wenn mich auch mein Weg nicht in unbekannte Länder führte, von denen ich viel Neues und Seltsames mittheilen könnte, so ist doch die Schnelligkeit merkwürdig, mit der ich eine große Strecke durchflogen, Anfangs durch rauchende Locomotiven oder schmetternde Posthörner verführt, am Ende aus Neugier, um zu sehen, in wie viel Zeit man von Köln über Aachen und Brüssel nach Ostende und von dort über Antwerpen und Rotterdam wieder den Rhein hinauf gelangen könne. – Es war Donnerstag Mittag, als wir von Cöln mit dem Convoi nach Aachen fuhren. Seit die neue Eisenbahn beide Städte verbindet, hatte ich den Weg nicht mehr gemacht, und da ich ihn früher öfters zu Pferde, mit der Post, sowie mit langsamen Miethkutschern zurückgelegt, so empfand ich recht die Segnungen der neuen Einrichtung. Um die Annehmlichkeit der Eisenbahn recht zu schätzen, muß man bekannte Strecken durchfahren, wo man an einzelnen Häusern, Dörfern, Bäumen deutlich erkennt, wie entsetzlich schnell man alles das erreicht, was man früher im Staube der Chaussee so langsam und beschwerlich einholte. In Folge der Festlichkeiten in der Rheinprovinz waren den Locomotiven ungewöhnlich viele, dicht besetzte Wagen angehängt. Das lachte und schrie durcheinander, deutsch, französisch und wallonisch, bis zum großen Königsdorfer Tunnel, der wie ein langer schwarzer Gedankenstrich die lustige Conversation unterbrach. Es ist wirklich ein eigenes Gefühl, so plötzlich aus der Helle des Tages in eine Nacht hineingerissen zu werden, die durch die vollkommenste Finsterniß und den Mangel an genießbarer Luft einem Vorhof der Hölle gleicht. Alle muntern Gespräche verstummen, die Maschine kracht und klirrt auf betäubende Weise, und Jeder schließt die Augen, theils weil man im Dunkeln überhaupt hiezu geneigt ist, theils um sie vor dem Dampf und Kohlenstaub zu schützen, der das Gewölbe anfüllt. Der Tunnel ist eine starke halbe Stunde lang, und ob man ihn gleich in drei Minuten durchfliegt, erscheint doch diese kurze Zeit sehr lang. Man hat bei der Bahn von Cöln nach Aachen sehr bedeutende Terrainschwierigkeiten zu überwinden gehabt. Außer diesem großen Tunnel gibt es noch einen kleinen, eine Unzahl von Brücken über verschiedene kleine Flüsse, und bei Aachen einen großen Viaduct, der die Bahn über das Wurmthal führt und dessen mittlere Pfeiler einige achtzig Fuß hoch sind. In Folge der vielen Zwischenstationen braucht man zwei und eine halbe Stunde Zeit, um zu der alten Kaiserstadt zu gelangen, die von Cöln fünfzehn Stunden Wegs entfernt ist. Bei der Menge von Wagen verschiedener Gasthöfe, sowie der großen Omnibus, welche die Reisenden nach den Posten und den umliegenden Orten führen, geschieht es leicht, daß man in ein unrechtes Fuhrwerk kommt; so ging es auch uns, und wir fuhren in kurzer Zeit, statt in den Gasthof zu den vier Nationen, zu unserer nicht geringen Verwunderung in den Hof der Lütticher Post. Indessen, statt umzukehren, nahmen wir diese Verwechslung als einen Wink des Schicksals und ließen uns nach Lüttich einschreiben, um die großen belgischen Eisenbahnen in der Nähe zu besehen. Bereits schwebte uns sogar Brüssel im Hintergrunde vor. Abends zehn Uhr fuhr die Post aus Aachen, und da diese alten Wagen noch drei Sitze neben einander haben, und es regnerisches Wetter war, so daß man, trotz der neun Personen im Innern, fast beständig die Fenster schließen mußte, und da ferner der ganze Weg von Aachen nach Lüttich gepflastert ist, so gehörte dieses Stück Reise, mitten zwischen den herrlichsten Eisenbahnen gelegen, nicht zu den angenehmsten Partien. Obendrein wurden wir aus dem ersten Halbschlummer durch die belgischen Zollbeamten geweckt, die auf der Grenze bei Henri-Chapelle unsere sämmtlichen Effekten, so wie unsere Pässe auf's Genaueste revidirten. Endlich lag Lüttich vor uns im Thale, von der aufsteigenden Morgensonne beleuchtet, welche uns zugleich in der Ferne den prächtigen Bahnhof zeigte, wo die Locomotive rauchte und uns freundlichst einlud, auf die fatale langsame Nachtpartie eine windschnelle lustige Tagfahrt zu versuchen. – Diese Aussicht war wirklich zu einladend, und wir ließen uns geduldig auf einen ungeheuern Omnibus laden, der uns geradezu auf den Bahnhof führte. Karten nach Brüssel waren bald genommen, und es verging keine halbe Stunde, so gaben die Condukteurs mit ihren Hörnern das Zeichen zur Abfahrt und der Convoi setzte sich langsam in Bewegung. Noch vor wenigen Monaten mußte man aus dem Lütticher Thale eine lange Strecke bergan zu Wagen zurücklegen, jetzt aber ist auch dieser Theil der Bahn fertig und eine stehende Dampfmaschine schleppt an einem ungeheuern Drahtseil den Wagenzug in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit hinauf. Oben kam uns eine andere Locomotive entgegen, wurde vorgespannt und wir flogen dahin. Das gesegnete, aber flache Land Belgiens auf der Landstraße zu durchschneiden, muß schrecklich langweilig gewesen sein; denn obgleich wir die Strecke von Lüttich nach Brüssel in drei Stunden zurücklegten, däuchte uns der Weg sehr lang, und obgleich die Räder mit rasender Geschwindigkeit dahin rollten, konnten wir nicht begreifen, warum Brüssel so lange nicht erscheinen wollte. So ist der Mensch; wer früher mit guten Pferden Morgens von Lüttich abfuhr, durfte sich unterwegs nicht lange aufhalten, wenn er bei einbrechender Nacht in Brüssel sein wollte. Jetzt würde man mit der Eisenbahn diese Strecke noch schneller zurücklegen, als ich angegeben, wenn sie nicht einen kleinen Umweg über Mecheln machte. Mecheln ist das Herz der Eisenbahnen Belgiens; hier ist der Hauptbahnhof, wo alle Züge zusammentreffen, um ihre Passagiere auszutauschen. – Es mochte eilf Uhr sein, als wir nach Brüssel kamen, und wir wandten den Nachmittag dazu an, die Stadt flüchtig zu besehen. Wir hatten, wie früher bemerkt, früher höchstens bis Brüssel gehen und von hier nach Aachen zurückkehren wollen. Doch der Bekannte, mit dem ich reiste, hatte noch nie das Meer gesehen, und es wäre doch unverzeihlich gewesen, die vier Stunden, die wir nach Ostende hatten, nicht zu opfern, was ja mit so wenig Kosten geschehen konnte. Auch entschlossen wir uns kurz und saßen schon um sieben Uhr auf der Eisenbahn, um nach Mecheln und von da weiter nach Ostende zu fahren. In Mecheln ist ein wirklich merkwürdiges Leben; die weitläufigen Gebäude des Bahnhofs mit allen möglichen Werkstätten begrenzen einen weit ausgedehnten Platz, auf dem sich eine Menge Eisenbahnen von allen Richtungen her kreuzen. Oft stehen drei bis vier Züge zu gleicher Zeit da. Die Locomotive rauchen, die Passagiere sitzen in bunten Reihen und die Condukteurs laufen emsig hin und her und rufen laut die Namen der Städte, die dieser oder jener Zug berührt, um einen nachlässigen Passagier vor der Unannehmlichkeit zu bewahren, nach dem unrechten Orte zu gelangen. Und doch ist im ganzen Getreibe eine merkenswerthe Ruhe und Ordnung; die Beamten der Bahn sind äußerst höflich und artig, und wissen gewöhnlich den Passagieren in drei Sprachen Auskunft zu geben. – Wenn man die vielen Locomotive sieht, die den augenblicklichen Dienst versehen sollen, oder zur Reserve geheizt und hergerichtet sind, so kann Einem wohl die Idee kommen, als seien all die tausend Passagiere, die in den eleganten Wagen sitzen, nur Zuschauer bei einem großartigen Wettrennen. Die Locomotive sind die Rennpferde und werden von den Maschinisten in dem großen Bahnhofe auf- und abgeführt, damit ihre Glieder gelenkig werden, bald rascher, bald langsamer, und die schönen Maschinen gehorchen leicht und willig dem Druck der Handhabe, wie ein edles Roß der Bewegung des Zügels. Plötzlich erschallt eine große Glocke, und aus den Restaurationen stürzen die letzten Passagiere eilfertig zu den Wagen. Jetzt verlassen die Locomotive die kurzen Nebenbahnen und werden vermittelst der großen Drehscheiben vor die betreffenden Züge gespannt. Die Condukteurs laufen längs der Wagenreihe hin und her, um jede Thüre sorgfältig zu verschließen. Sobald dieß geschehen ist, gibt der Beamte des letzten Wagens durch drei Hornstöße das Zeichen, daß bei ihm alles in Richtigkeit ist, welches Signal von dem des ersten Wagens wiederholt wird. Die Maschine stößt den überflüssigen Dampf aus und setzt sich in Bewegung. Von Mecheln aus fahren gewöhnlich die drei Convois nach Lüttich, Ostende und Antwerpen eine kurze Strecke nebeneinander her. Anfänglich geht es langsam, doch merkbar immer schneller und schneller; jetzt wenden sich die drei Eisenbahnen in weiten Bogen jede nach einer andern Richtung, und da nun auch die Locomotive in vollem Laufe dahin jagen, ist jeder Zug bald aus dem Gesichtskreise des andern entschwunden. Es mochte eilf Uhr sein, als wir nach Ostende gelangten, und da wir uns von Cöln aus mit keinem überflüssigen Gepäck versehen hatten; so konnten wir uns gleich aus dem Wagen nach dem Hafendamme, dem Dyk, begeben, um einen Blick über das Meer zu werfen und uns nach einem Bade umzusehen. Mein Freund, der, wie schon gesagt, hier zum erstenmal die heilige Salzfluth sah, stand sprachlos beim großartigen Anblick, und auch mir, der ich das Meer an vielen Küsten schon gesehen, schlug das Herz rascher. Bald stiegen wir an den Strand hinab, um uns eines der Badekarren zu bemächtigen, von denen, da es eine ungewöhnliche Stunde zum Baden war, viele leer standen. So ein Seebad ist der köstlichste Genuß, so erfrischend und stärkend; leider war es gerade Ebbe und die Wellen gingen nicht hoch. Wir bezahlten für das Bad nebst der Badekleidung zusammen einen Franken. In der wohl eingerichteten Restauration Hammer speisten wir ausnehmend gut und billig, und standen schon im Begriff, noch einen Tag in Ostende zuzusetzen, was wir auch gethan haben würden, wenn wir einige Bekannte, die wir hier vermutheten und die auch wirklich hier waren, aufgefunden hätten; aber ein Fremdenblatt, das hier erscheint, kommt nur alle vierzehn Tage heraus, und auf der Polizei war man zwar außerordentlich artig und freundlich, konnte uns aber keine Auskunft geben. So schlenderten wir mißvergnügt dem Bahnhofe zu, und wenn wir die zurückgelegte Strecke überdachten, waren wir darüber einig, daß der Weg von Lüttich nach Aachen, den wir auf dem schlechten Postwagen und dem entsetzlichen Pflaster nothwendig wieder genießen mußten, gar unangenehm sei. Ein anderer Weg, um nach Cöln zu gelangen, lag allerdings vor uns; doch erwähnten wir desselben Anfangs nur scherzweise gegen einander; denn es grenzte etwas ans Fabelhafte, von Ostende über Antwerpen und Rotterdam den Rhein hinauf sich dorthin zu begeben. Indessen waren wir im nächsten Augenblicke Beide gar nicht abgeneigt, diese zwei Städte, so wie die Schelde und Osterschelde zu sehen, und ein kleiner Umstand entschied über unser Schicksal. Da der Convoi von Ostende zugleich nach Brüssel und Antwerpen abging, fragte mich der Beamte am Schalter, indem er zwei Karten hervorsuchte: » Pour Anvers Monsieur? « und ich sagte: Ja. Eine Viertelstunde darauf fuhren wir schon dahin, kamen im Umsehen nach Brügge und Gent und bei einbrechender Nacht nach Mecheln, wo sich die Züge für Brüssel und Antwerpen theilten. Mit letzterem fuhren wir unter einem starken Gewitter dahin und waren Abends um neun Uhr in der Vaterstadt Rubens. Wir suchten im Dunkeln die Statue des großen Niederländers und sahen sie auch bald in undeutlichen Umrissen hervorragen. Das war aber auch Alles, und nachdem wir ein Abendessen eingenommen, mußten wir uns auf das Dampfboot nach Rotterdam begeben, das um Mitternacht abfuhr. Wer schon große Strecken auf Eisenbahnen zurückgelegt hat, weiß, daß das eigentümliche Rütteln auf denselben sehr ermüdet, weßhalb wir auch bald entschliefen und erst wieder erwachten, als die Sonne hinter den kahlen Dünen der holländischen Küste emporstieg. Unser Schiff fuhr äußerst langsam, nicht wegen Schwäche seiner Maschinen, sondern wegen mangelnder Concurrenz, wie uns der gähnende Kapitän versicherte; sonst, als noch eine zweite Gesellschaft diesen Weg machte, kamen die Schiffe schon Morgens um acht Uhr nach Rotterdam, und wir gelangten erst um eilf Uhr dahin. – Es war Sonntag, und mochte unser etwas defekt gewordenes Reisekostüm Schuld sein, oder die übertriebene Reinlichkeit der holländischen Häuser und Menschen, genug, wir fühlten uns beim Anblick der reinlichen, geputzten Stadt nicht heimlich und nahmen das Anerbieten eines Fiakers an, dem noch zwei Menschen an einer Ladung nach dem Haag fehlten. An dieser Hauptstadt des Landes selbst lag uns eigentlich nichts; bei unserem eiligen Durchstreifen konnten wir ja doch von ihren Merkwürdigkeiten nichts genießen; aber Scheveningen reizte uns, und unser gestriges Seebad in Ostende hatte in uns große Lust zu einem zweiten gemacht. Auf dem Weg zwischen Rotterdam und dem Haag wurde mir ordentlich bange. Da ist Alles so in geraden Linien gezogen, so blank gescheuert und bunt angestrichen, so gar nichts Zufälliges, von der Natur Hervorgebrachtes, woran man seine Freude haben könnte. In den Wirthshäusern, wo wir unterwegs anhielten, war ebenso Alles unheimlich reinlich und obendrein entsetzlich theuer. Alles, was wir gestern noch mit einem Franc bezahlt hatten, kostete heute einen Gulden. So kamen wir nach dem Haag, und an der Postexpedition, wo wir abgeladen wurden, hatte ich es nur meiner Standhaftigkeit zu danken, daß wir für einen Fiaker nach Scheveningen nicht fünf holländische Gulden bezahlen mußten, indem einer der Postbeamten uns fast mit Gewalt hinein nöthigen wollte. Es gelang mir mittelst einiger Grobheiten loszukommen; wir hatten aber damit vier Gulden verdient, denn ein anderer Lohnkutscher führte uns für einen Gulden gern nach Scheveningen. Indessen hatten wir hier von diesem Rosselenker eine andere Kränkung auszustehen, indem er beim Aussteigen schon sein ganzes Geld haben wollte, da wir ihn doch auch für die Rückfahrt gemiethet. Er stützte seine Forderung auf den sehr angenehmen Grund, wir könnten ja möglicherweise im Meer ertrinken. Wir ertranken aber nicht, sondern erfrischten uns trefflich in den hochgehenden Wellen, für welchen Genuß wir aber einen Gulden die Person zu bezahlen hatten. Abends eilten wir nach dem Haag und von da nach Rotterdam zurück, wo wir die Nacht ruhig verschliefen, um am andern Morgen ein Dampfboot der niederländischen Gesellschaft zu besteigen, das uns in zwei Tagen rheinaufwärts nach Cöln brachte. Obgleich man uns auf dem Bureau dieser Gesellschaft versichert hatte, wir würden schon am Abend gegen acht Uhr nach Emmerich gelangen, so wurde es doch halb zwölf und am folgenden Tage, wo das Schiff gegen eilf Uhr in Cöln sein sollte, gelangten wir erst um vier Uhr Morgens dahin, ein Verfahren und Fahren, das sich die niederländische Gesellschaft oft zu Schulden kommen läßt, und das in öffentlichen Blättern ernste Rüge verdiente. So hatten wir in fünf Tagen, durch Umstände und Gelegenheiten verführt, eine sehr bedeutende Strecke zurückgelegt, waren freilich wie Brieffelleisen gereist, hatten aber dabei wenigstens, wenn auch nur im Fluge, die trefflichen Einrichtungen so wie die Schnelligkeit und Wohlfeilheit der belgischen Eisenbahnen kennen gelernt. Nur natürlich! Wenn ich im Buche meiner Erinnerungen nachblättere, und meiner Freunde und Bekannten von ehemals gedenke, so kommt mir häufig einer derselben ins Gedächtniß, ein guter gemüthlicher Mensch, der seines Zeichens ein Apotheker war, und mit dem ich lange Zeit auf's Freundschaftlichste zusammenlebte. Wir wohnten nicht in einem und demselben Hause, nur in derselben Stadt. Ueber seinem Quartier war ein goldener Löwe angebracht und vor dem langen viereckigen Gebäude, in welchem ich campirte, standen zwei alte Kanonen und neben ihnen zwei Kanoniere, mit dem Säbel in der Hand, Schildwache. Wo wir uns eigentlich kennen lernten, kann ich nicht angeben und, obgleich wir, was Neigung und Verhältniß anbelangte, nicht sehr zusammenpaßten, so wurden wir doch ganz gute Freunde. Schmidle, so hieß der Apotheker, war ein Schwabe und von unserm Herrgott nicht mit überflüssiger Körperschönheit begabt; doch hatte er an gutem Aussehen, was man für's Haus braucht, und war, wie eine alte Tante von mir in ähnlichen Fällen zu sagen pflegte, vor Ach! und Pfui! bewahrt. Das soll nämlich heißen: vor »Ach, wie schön!« und »Pfui, wie häßlich!« Schmidle konnte sogar, wenn er Sonntags seinen schwarzen Frack mit allem dazu Notwendigen und Passenden anzog, für einen hübschen eleganten Menschen gelten, und einen gewissen süßen Kräuter- und Medicamenten-Duft abgerechnet, der nicht aus seinen Kleidern zu vertreiben war, hätte man es ihm alsdann nicht ansehen, oder vielmehr anriechen können, in welcher Branche er der leidenden Menschheit diente. Ja, man hätte ihn zuweilen für einen jungen Cavalier halten können, vielleicht für einen Offizier in Civil, denn er verstand es, wie diese Leute, sein Halstuch mit einer gewissen lockern Eleganz zu knüpfen und an seinen Handschuhen hatte er beständig ein Knöpfchen abgerissen. Auch setzte er seinen Hut ganz gerade auf den Kopf und ließ sich an Sonn- und Feiertagen gern die Stiefeln lakiren. Dabei war er von einer Gutmütigkeit und hatte einen Glauben an die ganze Menschheit, der an Schwäche gränzte. Er that für seine Freunde, was er nur immer konnte, und seine Börse, die, da er einiges Vermögen hatte, beständig wohl gefüllt war, öffnete sich jedem Hilfsbedürftigen mit einer Ausdauer, die ans Fabelhafte gränzte. Was dieser Charakter, der, wie ich genugsam dargethan, als Mensch vortrefflich war, als Apotheker galt, ach, darüber war in dem ganzen Stadtviertel, das zur Löwenapotheke gehörte, nur eine Stimme, besonders bei dem dienenden Personal, mit dem Schmidle hauptsächlich verkehrte. Es mußte schon wahr sein, was die Leute sagten, daß der alte mürrische Prinzipal, ein Hagestolz in den Sechzigen, seinen ersten Gehilfen außerordentlich liebte, denn Schmidle zog durch seine ungemein freundliche Persönlichkeit eine Unmasse baaren Geldes an sich, das sonst in die Ladentische anderer Apotheken geflossen wäre. Alle Mägde und Hausknechte, die von ihrer Herrschaft ausgeschickt wurden, irgend etwas zu holen, ohne daß ihnen die Apotheke angegeben wurde, zogen in den Löwen und dort warteten sie lieber halbe Stunden lang an der Thür, wenn Herr Schmidle vielleicht gerade beschäftigt war, ein Zeichen der Popularität, das die andern Gehilfen und selbst den damaligen rothhaarigen Lehrling mit Neid erfüllte. Es hat aber auch wohl nie in der Christenheit einen zweiten Apotheker gegeben, der die Leute so zu fassen und zu behandeln wußte, wie mein Freund. Seine stehenden Kunden kannte er fast alle auswendig und er sah den goldbetreßten Bedienten dieses und jenes Cavallerie-Offiziers nicht selten an der Nase die Bedürfnisse an, die sie in die Apotheke führten, und wenn diese Herren selbst kamen und im Beisein anderer Leute gleichgiltig vom Wetter und dergleichen sprachen, griff Schmidle mit einem vielsagenden Blick oder dergleichen hinter sich, und traf in den meisten Fällen das Rechte. Den stolzen Dienerschaften noch stolzerer Herrschaften, die sich auf ihren Livréerock etwas zu gut thaten und die es unserm Herrgott nie verzeihen konnten, daß die Bäume anstatt grün nicht gelb oder blau, wie die Wappenschilder ihrer Kutschen waren, wußte er durch bunte glänzende Papiere mit denselben Farben zu schmeicheln, und auf dieselbe Art behandelte er alle Köchinnen und Stubenmädchen, die ihm einmal anvertraut, während er ihnen eine Medizin anfertigte, die nicht gekocht zu werden brauchte, und worauf sie warten konnten, daß Indigoblau oder Ponceauroth ihre Leibfarbe sei. Selbst beim Beschreiben der Etiketten und Pillenschachteln wußte er Unterschiede zu machen und Nuancen anzubringen, die wohl im Stande waren, das Herz einer gefühlvollen Kammerjungfer zu bewegen. Den Befehlshaberton, wie er gewöhnlich bei solchen Aufschriften herrscht, wie z. B.: Alle Stunden einen Eßlöffel voll zu nehmen, wandte er nie allein an, wenigstens setzte er hinzu: w. g. i., das heißt: wenn's gefällig ist. Dies war aber noch die niedrigste Classe, denn seine Bekannten oder öfteren Kunden wurden auf das Höflichste gebeten, doch stündlich einen Eßlöffel voll zu nehmen. Und mit welcher Feinheit verstand er es, dem letzten Schnörkel seiner Schrift durch allerhand Formen eine tiefere Bedeutung zu geben! Man konnte oft einen gewissen Buchstaben daraus lesen oder ein Ausrufungszeichen und nicht selten brachte er sogar ein sinnreichverschlungenes Herz an. War er vielleicht gerade zu sehr beschäftigt, um alle Etiquetten selbst zu schreiben, so unterwarf er doch die vom Lehrling angefertigten einer genauen Revision und fügte gewöhnlich einen Strich oder einen Punkt hinzu, was den betreffenden Stubenmädchen äußerst angenehm war. Wer aber Schmidle in seiner ganzen Glorie sehen wollte, der mußte die Löwenapotheke an einem Samstag Abend besuchen. Alsdann wurde von dem dienenden Personal des ganzen weiblichen Stadtviertels vor der Apotheke förmlich Queue gemacht, und man konnte Stunden lang warten, bis man zu Schmidle hingelangte, der, hinter einem großen Topfe stehend, mit einer Feinheit und Grazie Pomade austheilte, die an's Unglaubliche gränzte. Neben sich hatte er eine ganze Batterie mit Flaschen von wohlriechendem Oel, und er wußte recht genau, welche von seinen Kunden den Duft der Rose dem der Nelke vorzog, oder welche zu ihrer Pomade einen stärker- oder schwächerriechenden Beisatz bedurfte. Kein Tag, keine Stunde, kein böses oder schlimmes Wetter war im Stande, die liebenswürdige Laune Schmidle's zu verderben, ja selbst in der Nacht, wenn er aus dem süßen Schlummer geweckt wurde, ließ er sich nicht, wie die Apothekergehilfen im Allgemeinen, einige Dutzend Mal durch den Ton der Klingel rufen, ehe er wirklich kam, um alsdann obendrein noch bärbeißig und verdrießlich zu erscheinen; nein, auch in solchen Stunden behandelte er die armen Dienstboten in den meisten Fällen so ausgezeichnet, daß sie sich noch lange daran mit Freuden erinnerten. Aber bei allen diesen Vorzügen Schmidle's, bei allen diesen liebenswürdigen Eigenschaften meines Freundes kann ich doch nicht umhin, des Spruches zu erwähnen, daß, wo viel Licht, auch viel Schatten ist. Mein Freund war nur der vortreffliche Mensch, wie ich ihn eben geschildert, so lange er sein und scheinen wollte, was er wirklich war, nämlich erster Gehilfe der Löwenapotheke, mit einem Worte, so lange er sich natürlich gab, wie ihn Gott geschaffen. Aber daß er dies nicht immer that, daß er einen Drang in sich fühlte, so wie er den schwarzen Frack angezogen und die Thüre des Laboratoriums hinter sich zugemacht hatte, etwas anderes sein zu wollen, als ehrsamer Apothekergehilfe, dies war die Schattenseite des sonst so vortrefflichen Charakters. Man hätte glauben sollen, Jemand, der, wie er, hinter dem Ladentische die Achtung der ganzen Bevölkerung des Stadtviertels besaß, müsse stolz darauf gewesen sein, so in seinem Stand etwas zu gelten, und mit einer Miene auf die Straße hinausgetreten sein, die deutlich verkündigte: Ich bin Schmidle, der geschickte Apotheker. Aber nichts weniger als das. Schon vorhin sprach ich von der Art, wie er seine Halsbinde umband, wie er seinen Hut aufsetzte, seine Handschuhe anzog. Ach, das Alles that er nicht, weil ein inneres Bewußtsein ihm vorschrieb, sich so zu kleiden, nein, er that es nur, um einen höheren Stand nachzuäffen, und da er solcher Gestalt die Götter versuchte, rächte sich das Schicksal bisweilen an ihm und ließ den Armen Niederlagen erleben, die oft durch unbedeutende Kleinigkeiten in der Kleidung herbeigeführt wurden. O es ist eine große Kunst, sich elegant anzuziehen, selbst wenn man auch, wie Schmidle, die Mittel dazu besitzt, und eine noch größere Kunst ist es, sich einer feinen eleganten Kleidung gemäß in jeder Hinsicht zu betragen. Und da Schmidle von Jugend auf keine Gelegenheit gehabt, sich in diesen beiden Künsten zu üben, so folgte die Strafe, daß er seine liebenswürdige Natürlichkeit unter dem Deckmantel einer unpassenden geborgten Eleganz verbarg, ihm gewöhnlich auf dem Fuße nach, indem er sich unzählige Male lächerlich machte, wobei ihm nie seine eleganten Bestrebungen gelangen. Welche Noth hatten wir mit ihm, wenn er eine Champagnerflasche aufmachte, damit er den Pfropfen nicht knallen ließe! Und die großen Kelchgläser mußten wir ihm fast mit Gewalt verbieten, indem es ihm gar nicht passend erschien, den edlen Wein aus gewöhnlichen Gläsern zu trinken. In der Regel ging er alle Jahr einmal zu seinen Eltern auf Urlaub, und fand da Gelegenheit, auf eine Jagd mitgenommen zu werden. Es versteht sich von selbst, daß er den Wildstand bei dieser Gelegenheit auf keine Weise verminderte, denn wenn er auch von Hasen, Füchsen und Böcken erzählte, die er geschossen, so kam man seinem Jägerlatein doch glücklich auf die Spur, indem er erzählte, wie er den Fuchs im jungen Klee getroffen, oder daß der Rehbock, den er erlegt, eben vorsichtig aus seinem Sandloch herausgekommen sei. Das wäre an sich nun nichts Böses gewesen, aber unsere Neckereien über seine Nimrodiaden brachten ihn auf die Idee, aus irgend einem für die Menschheit sehr nützlichen Werke die Jägersprache zu studiren, und als er die meisten vorkommenden Ausdrücke so ziemlich inne hatte, konnten wir uns in unsern Unterhaltungen schlechterdings nicht mehr davor retten. O es war oft rein zum Verzweifeln; nicht, als wenn er diese Ausdrücke nur angewandt hätte, wo sie wirklich hingehörten, nein, es erschien ihm vielmehr höchst elegant, sie in alle seine Gespräche einzuflechten. So konnte er uns von keiner Prügelei zwischen Straßenjungen erzählen, ohne daß er versicherte, der Eine habe schrecklich an seinen Löffeln geschweißt. Die Pferde hatten bei ihm Läufe und alle Haare ohne Ausnahme nannte er Wolle. Was sein Herz anbetraf, so war es bis zu dem Zeitpunkt, von dem ich jetzt erzählen werde, noch eine jungfräuliche Festung und hatte alle Stürme siegreich abgeschlagen. Nicht als sei er unempfänglich für weibliche Schönheit gewesen und noch viel weniger, als wäre er von dem andern Geschlecht nicht ausgezeichnet worden, im Gegentheil, da Schmidle ein ziemlich anständiges Vermögen besaß, so daß es von ihm hieß, er werde baldigst eine eigene Apotheke kaufen, so wandte sich der Blick manches schönen Augenpaares, das viele andere mit Eiseskälte anblickte, freundlich gegen Schmidle und forderte ihn deutlich auf, sich zu nähern. Aber auch hier traten ihm die Schatten seines Charakters wieder in den Weg, denn eine gutgeregelte bürgerliche Liebschaft schien ihm nicht nobel und elegant genug, und dann hatte er sich auch fest vorgenommen, sein künftiges Ehegespons solle sich durch seine gesellschaftlichen Vorzüge, durch seine eleganten und ritterlichen Manieren zu ihm hingezogen fühlen, kurz, es erschien ihm schrecklich, sich als Apotheker geliebt zu wissen und glauben zu müssen, daß die Liebe seiner Zukünftigen auf sein Vermögen gegründet sei. Eines Morgens nun, als ich gerade im Begriff war, einigen wenig versprechenden Rekruten die Anfangsgründe der edlen Reitkunst beizubringen – es war an einem Samstag Morgen – erhielt ich ein kleines Billet von Schmidle, worin er mir schrieb: »Bruderherz. Da ich heute Morgen leider viel zu thun habe, so erzeige mir doch den Gefallen und komme, so bald Du kannst, zu mir.« Ich kürzte die Reitstunde so viel wie möglich ab, ging in die Löwenapotheke und fand meinen Freund, indem er sich eifrig damit beschäftigte, irgend ein Tränklein zuzubereiten. Bei meinem Eintritte übergab er dies Geschäft dem zweiten Gehilfen und zog mich rasch in das kleine Stübchen hinter der Apotheke, wo er mir feierlich seinen Stuhl anbot und sich vor mich hinsetzte. Nach einer kleinen Pause, während welcher er mich aufmerksam ansah, als müsse er erspähen, daß ich das große Ereigniß ahne, weshalb er mich herbeigerufen, sagte er mit einem unterdrückten Seufzer: »Du, ich habe mich ganz erschrecklich verliebt.« Ich war über diese Aeußerung nicht wenig erstaunt, doch er ließ mich nicht zur Sprache kommen und fuhr fort: »Ach, es mögen jetzt ungefähr vier Tage sein, als mich der Reisende des Hauses Faber und Comp. – Du weißt, woher wir viele Materialien und Oele beziehen – besuchte und ich darauf, wie gewöhnlich, zu Mittag im englischen Hof mit ihm speiste. O Gott, gegenüber von uns waren ein Paar leere Couverts und nach der Suppe, beim Rindfleisch, erschienen zwei Damen dort, zwei Damen, von deren Schönheit das Herz eines reitenden Artilleristen nicht im Stande ist, sich einen Begriff zu machen. Ich hatte meine gute Laune und entfaltete bei Tische eine Liebenswürdigkeit, die mich selbst in Erstaunen setzte.« – »Natürlich,« schaltete ich ein, »ließest Du den Champagnerpfropfen gegen die Decke fliegen, und erzähltest von der großen Jagd, wo Du den Fuchs im Kleefeld geschossen.« »Nicht ganz so,« entgegnete Schmidle. »Ich muß wirklich sehr liebenswürdig gewesen sein, denn die Damen waren es ebenfalls und unsere Bekanntschaft wurde schon den ersten Tag so intim, daß wir mit ihnen Kaffee tranken und sie sich nach Tische noch eine gute Stunde mit uns unterhielten. Auf mich hatte besonders die Eine, die schwarze Haare und ein Paar Lichter im Kopf hatte, o Gott, ein Paar Lichter! den unvertilgbarsten Eindruck gemacht. Denselben Abend ging ich ins Theater, die Damen saßen in der Fremdenloge und nun speise ich jeden Mittag da, und ich muß Dir gestehen, daß ich fast glaube, einigen Eindruck auf das Herz der jüngeren Schwarzen gemacht zu haben.« – »So,« entgegnete ich, »nur die Eine ist jung, die Andere also alt?« »Ei ja,« antwortete Schmidle, »es ist eine ältliche Tante mit ihrer Nichte, sonst würde es sich ja auch nicht schicken; zwei junge Damen allein? Du weißt, ich sehe auf so etwas.« – »Aber sage mir,« entgegnete ich ihm, »was hast Du denn eigentlich mit der ganzen Geschichte vor? Hast Du Absichten auf das Mädchen, oder willst Du sie blos durch Deine unerreichbare liebenswürdige Person unglücklich machen? Höre, Schmidle, Du bist ein entsetzlicher Roué!« Schmidle schien das selbst zu fühlen, denn er schlug die Augen nieder und entgegnete mir: »Alter Junge, Du kennst meine Verhältnisse, Du weißt, daß mein Vater in mich dringt, mich zu verheirathen, um den Stamm meiner alten Familie fortzupflanzen. Aber vorher –« – »Willst Du erst ein verfluchter Kerl sein, wie Weinberl im Jux sagt?« »Das nicht,« antwortete mein Freund, »aber ich möchte erst sehen, ob, nun ja, ob meine persönlichen Eigenschaften im Stande wären, ein weibliches Herz und noch dazu eins aus der höheren Gesellschaft zu fesseln. – Gestern,« fuhr er fort, »gingen sie bei unserm Laden vorbei, ich stand gerade am Fenster, und Du kannst Dir denken, wie ich zurückfuhr. Glücklich haben sie mich auch nicht erkannt, denn Du wirst selbst begreifen, daß ich jeden Mittag im englischen Hof als junger reicher unabhängiger Particulier erscheine.« – »Richtig,« entgegnete ich ihm,« dafür kenne ich Dich. Aber was kann ich bei der ganzen Geschichte thun? Uebrigens weißt Du, daß ich ganz zu Deinen Diensten bin.« »Ja,« versicherte Schmidle, und drückte mir warm die Hand. »Das weiß ich. Und deswegen habe ich Dir geschrieben. Du mußt mir einen großen Gefallen erzeigen. Ich glaube, Dir schon gesagt zu haben, daß ich vermuthe, einigen Eindruck auf das Herz der kleinen Schwarzen gemacht zu haben, aber ich fand bis jetzt keine Gelegenheit ihr eine Erklärung zu machen und ihr meine Liebe zu gestehen. Und was das Schrecklichste ist: morgen reisen sie ab. Sie nehmen von hier einen Wagen, und wollen durch unsere herrliche Gegend bis zum Städtchen M. einen ganzen Tag gebrauchen, um unterwegs das königliche Lustschloß mit seinen herrlichen Gartenanlagen zu besehen. Denke Dir doch, in der freien Natur, in den schattigen Gängen treffen wir zusammen. Du beschäftigst Dich mit der Alten, führst sie an den kleinen See und zeigst ihr die melancholisch herabhängenden Trauerweiden. Ich dagegen verliere mich mit der Nichte auf die kleine Anhöhe, wo der Amor steht, und da werde ich schon einen Anknüpfungspunkt finden.« Wäre es nicht mein Freund Schmidle gewesen, der mir diese Idylle ausmalte, so hätte ich laut auflachen müssen. Aber so kannte ich meinen Mann und willigte mit kurzen Worten in Alles. Er hatte gefürchtet, ich möchte Einwendungen machen, und entzückt über meine Bereitwilligkeit fuhr er freudig fort: »Ich dachte anfänglich, einen Wagen zu nehmen, aber wir müßten dann beständig hintereinander fahren, und dann, gestehe ich Dir offenherzig, sprach ich bei Tische viel von Pferden und vom Reiten, weshalb ich der Meinung bin, daß es weit besser wäre, wenn wir die Partie zu Pferde machten.« – »O,« entgegnete ich ziemlich überrascht, »zu Pferde! Kannst Du aber auch reiten?« »Nicht viel, alter Kerl, aber siehst Du, da brauche ich Dich ja wieder. Du trabst den Nachmittag in der Stadt herum und suchst für mich ein sanftmüthiges Thier von gutem Aussehen, dem ich meine Person, meine Hoffnungen und meine Liebe anvertrauen kann. Im englischen Hofe habe ich schon ein Zimmer gemiethet, wo wir die Nacht schlafen werden. Du kommst natürlich in Uniform und bist mein Freund, ein angehender Offizier aus einer benachbarten Garnison, und am Morgen, kurz nachdem die Damen abgefahren sind, schwingen wir uns auf und folgen ihnen.« – »Abgemacht!« sagte ich. »Ich werde jetzt alles Nöthige besorgen. Und wo treffen wir uns?« »Gegen acht Uhr im englischen Hof,« antwortete er mir, »denn Du weißt,« setzte er kleinlaut hinzu, »ich muß vorher alle Stubenmädchen der Stadt mit Pomade versehen.« – »So will ich lieber um die Zeit hierherkommen und Dir helfen,« entgegnete ich. »Nein, nein, es ist besser,« sagte Schmidle, »Du erwartest mich um acht Uhr im englischen Hof. Adieu!« – »Adieu!« – – Ich ging nun, der Bitte meines Freundes gemäß, in die Stadt zu einem mir bekannten Pferdevermiether und suchte für meinen Freund Schmidle einen Klepper, wie er ihn nur wünschte. Das Thier hatte früher einem Stallmeister gehört, war also sehr gut zugeritten, und wenn auch die Zeit schon mit harter Hand über seine Glieder gefahren war, so konnte es sich unter der Faust eines guten Reiters noch immer ein stattliches Ansehen geben. Die Hauptsache war, das Pferd war sicher, hatte einen angenehmen Trab, und wenn es einmal warm geworden war und die Steifheit seiner alten Glieder etwas überwunden hatte, so ging der alte Gaul herrlich vom Fleck. Dabei war er, wenigstens unter meiner Hand, lammfromm. Ich suchte für meinen Schmidle noch eine Schabrake unter den Sattel aus, von schwarzer Farbe, die ihm nothwendig gefallen mußte. Darauf schlenderte ich in der Stadt umher, speiste irgendwo zu Mittag und kam erst Nachmittag gegen vier Uhr in meine Kaserne zurück, wo ich sogleich des Hausknechtes aus der Löwenapotheke ansichtig wurde, der mich erwartete. Auf dem Arm hatte er einen vollständigen Anzug Schmidle's hängen, den er meinem Burschen übergab, und mir selbst händigte er ein Billet ein mit dem kurzen Inhalte: »Lieber Bruder, erzeige mir doch den Gefallen und laß' meine Kleider bis acht Uhr in den Stall hängen, daß sich ihr Kräuterduft etwas verliert; und wenn sie dagegen etwas Stallgeruch annehmen, ist es noch besser.« Ich that nach seiner Bitte und ließ den ganzen Anzug an einem Theil des Stalles aushängen, wo Schmidts Wunsch auf's Kräftigste in Erfüllung ging. Als es acht Uhr geschlagen hatte, verfügte ich mich in den englischen Hof und Schmidle ließ nicht lange auf sich warten. Seine erste Frage war, ob ich das Pferd für ihn ausgesucht, und als ich ihm dies versicherte, wollte er es anfänglich durchaus sehen. Doch nachdem ich ihm auseinandergesetzt, das Thier müßte auf den morgenden scharfen Ritt nothwendig seine Ruhe haben und es würde durch unsern Besuch sehr darin gestört, so fand er diese Gründe kräftig genug, und wir gingen auf unser Zimmer, eigentlich in unsere Zimmer, denn es waren ihrer zwei. Doch Schmidle zeigte gleich auf die Thür, welche in das zweite führte, wobei er auf den Zehen schlich und mir anvertraute, indem er den Finger auf den Mund legte, daß jenes an das Schlafgemach der kleinen schwarzen Dame stoße. Der gute Schmidle war heute Abend in einer seltsamen Aufregung und Unruhe. Als nach einer halben Stunde mein Bursche den durchräucherten Anzug brachte und der Hausknecht der Löwenapotheke ein Paar Stiefeln mit darangeschraubten schweren neusilbernen Sporen, mußte Alles vorher anprobirt werden, damit er sicher sei, ob auch Hosenträger und Sprungriemen in bester Harmonie seien und ihn an einem eleganten Sitz nicht hinderten. Nach vielem Schnallen und Anprobiren war endlich Alles in Ordnung, und da nun Schmidle einmal seine Sporen an den Füßen hatte, legte er sie nicht wieder ab, sondern stolzirte mit klirrenden Schritten in dem Zimmer umher, wobei er sich hauptsächlich in dem zweiten aufhielt und dort eine Mazurka pfiff, die er einstens gelernt, wobei er mit den Absätzen wie wüthend aufeinander schlug. So wurde es spät, wir speisten zu Nacht und machten es uns so bequem wie möglich, um bei einer Flasche Wein über die morgende Tour zu sprechen. Hierbei bemerkte ich, daß, so oft mein Freund von seinem Pferde sprach, er tiefer athmete als gewöhnlich und daß er das Gespräch immer auf Unglücksfälle zu lenken wußte, die beim Reiten vorkämen, woraus ich denn nicht ohne Grund schloß, daß Schmidle's Freude auf die morgende Partie durch einige beträchtliche Angst vor dem Reiten sehr gedämpft wurde. Das konnte man ihm aber auch nicht übel nehmen, denn mit vieler Offenherzigkeit vertraute er mir: morgen sei es das zweite Mal, daß er ein Pferd besteige, und obendrein liege zwischen diesen beiden wichtigen Ereignissen ein Zeitraum von circa fünfzehn Jahren. Im Allgemeinen gab ich ihm einige Verhaltungsregeln, zeigte ihm an einem Stricke, wie er die Zügel halten müsse, und damit er sich gleich morgen früh vor Hausknecht und Kellnern keine Blöße gebe, stellte ich mich an ein Ende des Sophas, welches wir als Pferd annahmen und er mußte auf die linke Seite herantreten, den linken Fuß aufheben, als setzte er ihn in den Bügel und sich mit dem rechten über den Sitz schwingen. Am Meisten examinirte er mich über das Durchgehen der Pferde und wie man sich bei einem derartigen Fall am Besten zu benehmen hätte. Vor einem solchen Ereigniß hatte er überhaupt die größte Angst und wie schon gesagt, obgleich es mir leid that, diese Furcht noch mehr zu vergrößern, drang er doch so lange in mich, bis ich ihm einige schauderhafte Fälle von durchgehenden Pferden und nachgeschleiften Reitern erzählte. Es ging ihm wie den Kindern, die, je mehr sie sich fürchten, doch um so lieber die entsetzlichsten Schauergeschichten anhören. Ja, als sich Schmidle schon ausgezogen hatte und in seinem Bette lag, stand er noch einige Male auf und kam zu mir, um sich zu erkundigen, was denn eigentlich zu thun sei, wenn ein Pferd stürze oder der Reiter mit den Sporen im Bügel hängen bliebe. Ich tröstete ihn so gut wie möglich, doch konnte ich sein Herz nicht beruhigen, denn so oft ich in der Nacht aufwachte, hörte ich ihn schwer träumen und vernahm, wie er ängstlich stöhnte und seufzte: »O Gott, o Gott! halt an! ein fürchterlicher Abgrund!« und dann arbeitete er mit Händen und Füßen um sich, daß das Gestell des Bettes krachte. Es war für den armen Schmidle eine sehr unerquickliche Nacht. Kaum graute der Morgen, so war er schon wach, um im Zimmer umher zu rumoren, und wenn ich ihn so laut singen und pfeifen hörte, wobei er aber ein sonderbares Gesicht machte, so kam ich leicht auf die Vermuthung, er stelle sich nur so lustig, um seine immer mehr wachsende Angst zu verbergen. Der arme Schmidle war von einer ungewöhnlichen Hast und Unruhe. Bald schellte er dem Kellner und bestellte aufs Neue den Kaffee, den er schon einige Male befohlen, bald betrachtete er seine Sporen und trieb die Rädchen herum, bald lief er ans Fenster und fluchte, daß die Pferde noch nicht kämen, dann eilte er wieder ins Nebenzimmer, um zu lauschen, ob die Dame seines Herzens noch nicht aufgestanden sei. Endlich wurde es auch in den Zimmern neben uns lebendig, die Damen machten ihre Toilette und tranken Kaffee; darauf hörten wir, wie der Oberkellner zu ihnen ins Zimmer ging, um die Rechnung vorzulegen und wie er dabei den Gasthof für die Zukunft empfahl. Jetzt fuhr unten ein Wagen vor und Schmidle nahm eilig seinen Hut, um die Damen vorläufig an der Hausthür zu empfangen und ihnen durch Reitanzug und Sporen einen kleinen Hoffnungsstrahl zu geben, daß sie ihn noch wiedersehen würden. Ich legte mich oben ins Fenster, um mir die Damen wenigstens anzusehen, die nun aus dem Hause an ihren Wagen traten. Richtig! Schmidle stolperte hinter ihnen drein die steinernen Stufen des Hotels herab, wobei er um ein Haar mit seinen Sporen hängen geblieben wäre. Unter dem Arme hatte er seine ungeheure Reitpeitsche mit silbernem Knopf, den Hut trug er in der Hand, und nachdem er mit den Damen einige vorläufige Complimente gewechselt, trat er, wahrscheinlich um als ächter Reiter seine Pferdeliebhaberei kund zu geben, zu den magern Miethgäulen hinan, klopfte sie auf den dürren Hals, und hatte schon zu Anfange des Tages beinahe ein Unglück; denn als er, wie ich es ihn gelehrt, mit der Hand den Kamm herab durch die Mähne fuhr, um sich von der guten Race der Thiere zu überzeugen, berührte er vielleicht eine kitzliche Stelle des armen Gaules, denn dieser warf den Kopf mit solcher Gewalt gegen Schmidle zurück, daß mein armer Freund vor Schrecken rückwärts gegen die Wagenthür prallte, und dort zum noch größeren Unglück unsanft gegen die ältere Dame stieß, die eben im Begriff war, einzusteigen. O weh, o weh! mir wollte es in diesem Augenblick gar nicht gefallen, daß die junge Dame hastig mit ihrem Taschentuch an den Mund fuhr, denn es kam mir nicht vor, als trockne sie Abschiedsthränen ab, vielmehr schien es mir, als bedecke sie ein leises spöttisches Lachen. Es war sehr gut, daß Schmidle dies nicht bemerkte, denn der Angriff des Pferdes auf ihn hatte ihn schon genug aus der Fassung gebracht und vergeblich suchte er durch eine Masse von Complimenten das gehörige Gleichgewicht wieder zu erlangen. Endlich bestiegen die Damen ihren Wagen, der Schlag wurde zugemacht und der Kutscher fuhr dahin. Ich sah ihnen einen Augenblick nach, und ich muß gestehen, daß ich deutlich bemerkte, wie die junge Dame aus dem Wagenschlag rückwärts sah. Ob dies wohl meinem Freund Schmidle galt? ich wußte nicht, was ich davon denken sollte. Er aber fuhr mit dem silbernen Knopf seiner Reitpeitsche auf das Herz und verneigte sich unendlich tief. Selig über die Triumphe, die er erlebt, stieg Schmidle die Treppen herauf und trat zu mir ins Zimmer, wobei er nicht anders erwartete, als daß ich ihn mit dem größten Lobe überschütten würde, weshalb es ihn nicht wenig befremdete, als ich ihm versicherte, er habe sich wieder einmal sehr unnatürlich und deshalb schlecht benommen – eine Anklage, die ich durch meine Behauptung motivirte, daß es ihm gar nicht darum zu thun gewesen wäre, die gute oder schlechte Race der Fiakerpferde zu untersuchen, sondern daß er den Damen nur habe zeigen wollen, wie gut er es verstehe, ein Pferd anzufassen. »Doch, lieber Schmidle,« setzte ich hinzu, »Du hast selbst gesehen, wie unglücklich es Dir mit dieser Renommage beinahe ergangen wäre; nimm Dich also künftig in Acht.« Diese Worte sprach ich in sehr ernstem Tone, doch als ich sah, daß er sie ebenso aufnahm und daß sein Gesicht sich zusehends verlängerte, dachte ich mitleidig an die große Angst, die er schon in der Nacht ausgestanden, und brach, um ihn zu trösten, in ein lautes lustiges Lachen aus, was mir jedoch nur halb gelang; denn obschon er im Begriff war, kräftig mit einzustimmen, so brach er doch plötzlich ab, da wir auf der Straße den Hufschlag von Pferden hörten. Schmidle eilte an's Fenster; richtig, es waren unsere Rosse, die eben von dem Hausknechte des Pferdevermiethers herangeführt wurden. Mein Freund, der bei diesem Anblicke in sichtliche Unruhe gerieth, wollte sich sogar mir gegenüber das Ansehen eines gleichgiltigen Menschen geben und begann eine Arie zu pfeifen. Doch kam der Ton sehr tremulando zwischen seinen Lippen hervor und ich bemerkte ebenfalls, daß ihm, als er aus seiner Kaffeetasse noch einen guten Schluck nehmen wollte, die Hand bedenklich zitterte. Jetzt war es aber die höchste Zeit, wenn wir den Wagen noch unterwegs einholen wollten, weshalb wir die Treppen hinabstiegen und uns zu den Pferden begaben. Hier steckten wir jeder eine Cigarre an und ich hielt meinem Freunde den Bügel, um ihm, wenn er droben säße, die Zügel richtig in die Hand zu geben. Ach, hier fühlte ich denn deutlich, was ich schon oben bemerkt, daß sich der gute Schmidle in einer fieberhaften Aufregung befand, denn er konnte kaum sprechen und holte bei jedem Worte den Athem tief aus der Brust. Nachdem ich ihm die Bügel mit vieler Mühe passend geschnallt, setzte ich mich ebenfalls auf und wir ritten, um dem nachgaffenden Hausknecht und den Kellnern kein Aergerniß zu geben, langsamen Schrittes davon. Draußen vor dem Thor hatten wir eine schöne breite Chaussee vor uns, die etwas aufwärts stieg, und oben auf der Höhe sahen wir den bewußten Wagen dahinrollen, wodurch sich Schmidle's Herz mächtig nachgezogen fühlte, so daß er mich bat, in einen kleinen Trab einzugehen. Mir war das ganz recht, ich trieb mein Pferd an und rief meinem Freunde zu, er möge nur die Schenkel anlegen, ohne mit den Sporen dem Gaul zu nahe zu kommen. Doch war dies leichter gesagt, als gethan. Obgleich mein Freund nachher feierlich beschwor, das Pferd sei ungeheuer kitzlicher Natur, denn er habe es nur sanft mit dem Schenkel berührt, so war ich doch vom Gegentheil überzeugt, indem das ruhige Thier beim Antraben ein Paar Sprünge machte, daß Schmidle fast heruntergefallen wäre. Dies Mal aber verlor er aber nur beide Bügel und rettete sich durch einen kühnen Griff an den Sattelknopf. Ich hielt an und darauf versuchten wir es noch ein Mal anzutraben, aber auch dies Mal ohne besseren Erfolg; wir würden wahrscheinlich nicht anders wie im Schritt von der Stelle gekommen sein, wenn ich nicht meinen Freund gebeten hätte, sein Pferd ohne alle Hilfe dem meinigen folgen zu lassen, worauf es vortrefflich ging. Freilich machte der Gaul, der durch Schmidle's Sporenangriff unruhig geworden war, noch einige leichte Courbetten, dann aber trabte er mit dem meinigen ruhig fort. Aber der Reiter auf seinem Rücken war nicht so ruhig, den Oberleib hielt er vorgebeugt und den Kopf hatte er weit hinten übergelegt, so daß er, anstatt wie es einem guten Reiter zukommt, zwischen den Ohren des Pferdes hindurch auf den Boden zu blicken, hoch in die Spitzen der Pappeln hinaufsah. Hierdurch rutschte sein Hut langsam auf den Hinterkopf hinab in den Nacken, was äußerst possirlich aussah und die Bügel schlotterten, anstatt daß er sie mit den Fußspitzen festgehalten hätte, an den Absätzen umher und verursachten mit seinen neusilbernen Sporen ein anmuthiges Geklingel. Es war ein Glück, daß Schmidle seine Cigarre noch im Munde hatte, denn obgleich sie längst ausgegangen war, diente sie ihm doch dazu, die fürchterlichen Anstrengungen des Reitens auf ihr zu verbeißen, was er mit solchem Erfolge that, daß sie in kurzer Zeit ganz platt gedrückt war und sich seine beiden Mundwinkel braun färbten. So trabten wir lustig dahin und kamen bald dem Wagen näher und immer näher; ehe wir ihn aber erreichten, ließ ich mein Pferd kürzer gehen und fiel darauf in den Schritt, um meinem Freunde Zeit zu lassen, seinen Sitz etwas zu regeln und mit Anstand bei den Damen vorbeizukommen. Schmidle war so außer Athem, daß er auf meine Fragen nach seinem Befinden nur durch ein leises Kopfnicken und ein sehr erkünsteltes Lächeln Antwort geben konnte. Er rückte sich mühsam in dem Sattel zurecht, richtete seinen Hut auf und faßte die Bügel, wie es sich gehört. »Lieber Schmidle,« sagte ich ihm darauf, »wenn wir an dem Wagen vorbeikommen, reitest Du links, wo die junge Dame sitzt, und ich halte mich an der rechten Seite. Nimm Dich aber jetzt zusammen, daß uns im wahren Sinne des Wortes keine Niederlage passirt. Ich werde kurz angaloppiren und Du thust das Nämliche, indem Du den rechten Zügel Deines Gauls etwas anziehst, den linken Schenkel scharf an den Gurt legst und ihm mit dem rechten Fuß einen kleinen Sporenstich versetzst. Verstehst Du?« Schmidle nickte mit dem Kopfe. »Wenn wir,« fuhr ich fort, »glücklich an dem Wagen vorbei sind, hast Du Dich als famoser Reiter gezeigt, und es kann Dir alsdann später in M. gar nicht fehlen. Noch eins! Haben wir erst den Wagen im Rücken, so müssen wir den Damen aus den Augen zu kommen suchen, damit sie Deinen mangelhaften Sitz keiner Kritik unterwerfen können. Ich werde also scharf davongaloppiren, und wenn Du fühlst, daß Du etwas locker auf dem Sattel sitzest, so fass' nur in Gottes Namen die Mähne und lass' Dein Pferd dem meinigen folgen, es wird nicht davonlaufen.« Mit solchen Ermahnungen ausgerüstet, versprach Schmidle sein Möglichstes zu thun, und das Rennen begann. Glücklich brachte er sein Pferd links in Galopp, und diese Bewegung schien ihm besser zu gefallen, als das Traben. Er versuchte es, den Kopf nach mir hinzuwenden, um mir durch eine freundliche Miene sein Vergnügen auszudrücken; doch brachte er es nur dahin, seine Augen zu verdrehen. Jetzt erreichten wir den Wagen. Ich bog rechts ab und Schmidle's Pferd folgte glücklicher Weise dem meinen nicht, wie ich gefürchtet; nur sah ich, daß das Thier seine Ohren in den Nacken legte und stärker galoppirte, als es bemerkte, daß ich nicht mehr an seiner Seite sei. Bald war ich neben dem Wagen und ich sah in diesem Augenblick natürlich von meinem Freunde nichts mehr. Was er gethan, wußte ich nicht. Doch wollte es mir nicht gefallen, daß die Damen in dem Wagen neugierig lachend links hinausschauten und daß der Kutscher auf dem Bock ein brüllendes Gelächter ausstieß. Schon war ich im Begriff, mein Pferd anzuhalten und auf die andere Seite zu reiten, denn ich dachte nicht anders, als Schmidle lasse seinen Gaul im Trab neben dem Wagen hergehen, um alsdann, natürlich in der lächerlichsten Position, den Angenehmen zu spielen. Doch ich hatte diesen Gedanken noch nicht erfaßt, als das Pferd mit meinem armen Freunde in Carriere links an dem Wagen hervorkam, und im vollkommensten Durchgehen auf der Chaussee dahinjagte. Die beiden Damen schauten ihm nach und lachten jetzt eben so überlaut, wie der Kutscher. Obgleich mich dies im ersten Augenblicke ärgerte, so mußte ich ihnen doch im andern ihre Lustigkeit verzeihen; denn Schmidle hing gar zu erbärmlich komisch auf seinem Pferde. Von Bügel- und Zügelhalten war gar keine Rede mehr. Seine Beine hielt er krampfhaft in die Weichen des Pferdes gedrückt; sein Oberleib hing ganz vorn über und mit seinen beiden Armen hatte er den Hals des Pferdes umklammert. Dabei ritt er ohne Hut und sein Haar flog im Winde. Ich nahm mir natürlich keine Zeit, in Ruhe diesen seltsamen Sitz zu betrachten, sondern ich gab meinem Pferde die Sporen und jagte, was das Thier laufen mochte, hinter meinem Freunde her. Bald näherte ich mich ihm und rief ihm mit lauter Stimme zu, die Zügel anzufassen, aber er hörte mich nicht. In diesem Augenblick lief Schmidle's Pferd an einigen schweren Lastwagen vorbei und zu gleicher Zeit kam ihm ein großer vierspänniger Eilwagen gerade entgegen. So zwischen zwei Fuhrwerken eingeengt, mochte das Pferd keinen Begriff haben, wie es diese gefährliche Stelle wieder verlassen könne, und es wandte sich plötzlich, um links von der Chaussee hinab in ein Kleefeld zu setzen, bei welchem Sprung mein armer Freund gänzlich das Gleichgewicht verlor und, von dem Rücken des Pferdes bis zur Erde einen großen Bogen beschreibend, gewaltsam in den Klee geschleudert wurde. Da lag der Aermste und so regungslos, daß ich allen Ernstes glaubte, es sei ihm ein Unglück passirt. Ich näherte mich eilig, sprang von meinem Pferde und versuchte meinen Freund aufzurichten. Doch half er sich schon allein empor und sein Erstes war, sich auf allen Seiten zu befühlen, ob er nichts zerbrochen habe, denn nach seiner Idee mußte ein Sturz vom Pferde von einem Bein- oder Armbruche unzertrennlich sein. Glücklicher Weise war ihm aber nichts geschehen und es dauerte keine Viertelstunde, so erzählte er mir zwischen Ernst und Lachen, daß er eigentlich gar nicht wisse, wie das Pferd mit ihm durchgegangen sei, nur erinnere er sich, daß, als er bei dem Wagen dem Thier etwas nachdrücklich die Sporen gegeben, damit es in kühnen Sätzen vorbeilancire, der eigensinnige Gaul seinen Kopf fast zwischen die Vorderbeine gesteckt habe, wobei er, da er sich an den Zügeln festhielt, ganz natürlich aus dem Sitze gekommen sei, und darauf sei er plötzlich mit ihm durchgegangen. »Gott, was werden die Damen von mir denken!« fuhr Schmidle fort und setzte sich nachdenkend vor mir auf einen Wegstein. »Ich glaube, ich habe mich in ihren Augen entsetzlich lächerlich gemacht.« Ich konnte nicht umhin, diese Vermuthung zu bestätigen, und erzählte ihm meiner Seits, wie überlaut die Damen über seine Fatalität gelacht hätten. Aber wie ich sie schon früher in meinem Innern hierüber entschuldigt, so sah ich mich auch jetzt veranlaßt, ein Gleiches gegen meinen Freund zu thun, indem ich ihm ungefähr die Stellung vormachte, wodurch er die Rückseite seines Körpers den Damen entgegengestreckt. Nach vielen innerlichen Kämpfen sah denn Schmidle wirklich ein, wie lächerlich er sich gemacht, und begann es von der jungen Dame verzeihlich zu finden, wenn die Zuneigung, die er ihr vielleicht in den vergangenen Tagen eingeflößt, durch die verunglückte Reitpartie gänzlich erkaltet sei, worauf ich noch weiter in ihn drang und zu seinem eigenen Besten den Versuch machte, ihm die Idee, als habe er sich in den letzten Tagen wirklich elegant und liebenswürdig gezeigt und die Neigung der jungen Dame erworben, zu benehmen. Schmidle war durch den Sturz vom Pferde in allen Tiefen seines guten Herzens so erschüttert, daß er nach und nach meine Vorstellungen richtig fand und einsah, daß sein unnatürliches Wesen, seine Anwendung von Ausdrücken, die er nicht verstand, besonders seine Manier, einen eleganten Herrn vorstellen zu wollen, ihn nur lächerlich machen könne. Diese praktisch philosophischen Gespräche hielten wir, wie gesagt, in oben benanntem Kleefelde, an einem Meilenzeiger sitzend, der, wie ein großes Fragezeichen, vor unserer heutigen Lustpartie stand. Auf der einen Seite zeigte er nach C., wo wir eben herkamen, und er bezeichnete zwei Stunden bis da; auf der andern Seite aber verkündigte er uns, daß M., das Ziel unseres Ritts, fast eben so weit entfernt sei. Sollten wir zurückkehren, wo wir hergekommen, oder sollten wir unsere Tour vollenden? Ich war sehr für das Letztere, denn wenn wir dem Pferdevermiether so früh am Tage seine Pferde zurückbrachten, so war es natürlich, daß er sich einbildete, es sei uns ein kleines Reiterunglück passirt, und ich kannte meinen Mann, daß er sich ein Vergnügen daraus machen würde, diese Vermuthung unter der Hand unsern Freunden und Bekannten mitzutheilen. Auch Schmidle, obgleich er mit einem sorgenvollen Blick sein Pferd ansah, das sich ruhig, als sei nichts vorgefallen, den Klee schmecken ließ, stimmte dafür, vollends nach M. zu reiten, und ich hätte ihn wahrscheinlich so weit gebracht, diesen Vorsatz auszuführen, ohne daß er die junge Dame wieder gesehen hätte, wenn uns jetzt nicht plötzlich eingefallen wäre, daß er seinen Hut dahinten gelassen, den der Kutscher, wie wir nicht anders erwarten konnten, mitbringen würde. Und so war es auch. Bald rollte der Wagen, der an allem Unglück von heute Schuld war, heran, und schon von Weitem bemerkte ich den Hut meines Freundes, den der Rosselenker auf das Dach seiner Kutsche gesetzt hatte. Jetzt hielt der Wagen und die beiden Damen erkundigten sich sorgfältig nach dem Befinden Schmidle's. Mir wäre es viel lieber gewesen, wenn sie das nicht gethan hätten, denn ich merkte schon bei dem ersten freundlichen Worte, daß seine Hoffnungen wieder hoch empor wuchsen. Ach, es ist etwas Gefährliches um ein Paar schöne schwarze Augen, und mein Freund war überhaupt nicht der Mann, sein Herz, das schon entzündet war, vor ihnen zu bewahren. Trotz allen meinen Ermahnungen und trotz den Versprechungen, die er mir gegeben, war Schmidle, der jetzt am Wagenschlage stand, plötzlich wieder ein ganz anderer Mensch geworden, als Schmidle, der vorhin neben mir unter dem Meilenzeiger saß. Er versicherte den Damen, er, der so viel reite und so gut mit Pferden umzugehen wisse, habe keine Ahnung davon, was vorhin sein Roß angewandelt. Er könne nicht anders glauben, als daß sich eine Schmeißfliege irgendwo in der Wolle festgebissen, oder das arme Thier an den Lichtern genirt habe. »Ja, meine Damen,« fuhr er fort, »ich hatte Mühe, Meister über das Pferd zu werden und es wäre auf ein Haar mit mir gestürzt.« Bei dieser ungeheuren Prahlerei bemerkte ich sehr gut, daß die junge Dame still lächelnd an dem Anzuge Schmidle's heruntersah. der hier und da einige erdfarbige Flecke zeigte und daß sie einige abgerissene Kleeblätter betrachtete, die verräterisch aus seinem Haar und aus den Falten seines Rocks hervorblickten. Trotz meinem Winke mit den Augen und meiner ungeduldigen Miene konnte mein Freund es nicht über sich gewinnen, den Vorschlag der jungen Dame abzulehnen, die ihn bat, doch bis M. neben dem Wagen herzureiten. Er warf mir dagegen einen flehenden Blick zu, und war überhaupt in seiner ganzen Unnatürlichkeit so komisch, daß ich nicht böse sein konnte, sondern ihm vielmehr den Bügel hielt und ihm auf's Neue zu Roß half. Der Wagen fuhr fort, zuerst, da es bergauf ging, im Schritt, und später bergab im Trab. Auch ich hielt mich diesmal an der linken Seite des Wagens, um zu seinem Schutz und zu seiner Hilfe nötigenfalls bereit zu sein. Es dauerte nicht lange, so hatte er wieder denselben komischen Sitz eingenommen wie früher, den Oberleib nach vorn und den Hut nach hinten, was jetzt um so lächerlicher aussah, da er die fürchterlichsten Anstrengungen machte, ungezwungen und möglichst elegant auf dem Sattel zu bleiben. Seine schweren Athemzüge, das stiere Auge und die zusammengepreßten Mundwinkel straften das lustig sein sollende Lächeln, das er hier und da hervorbrachte, so wie die Stellung seiner rechten Hand, die er leicht an die Hüfte gelegt, gewaltig Lügen, und übrigens wurde es von Minute zu Minute schlimmer mit ihm. Sehr gut bemerkte ich, daß die Damen im Wagen Mühe hatten, ihr lautes Gelächter zu verbergen. Der Kutscher auf dem Bock sah in stiller Freude beständig hinter sich, und trieb, da es jetzt stärker bergab ging, seine Pferde zu eiligerem Laufe an. Wir mußten folgen. Schmidle's Gesicht, das vorhin sehr bleich gewesen war, ging in eine unnatürliche Röthe über, sein Hut, den ich ihm, von den Damen ungesehen, zuweilen wieder zurechtgerückt hatte, sank immer wieder schneller hinten hinab. Den einen Bügel hatte er schon lange verloren und er konnte ihn trotz den verzweifeltsten Anstrengungen nicht wieder erfassen. Dabei fuhren seine Ellbogen auf und ab und verursachten eine Bewegung, als wolle er einen Versuch zum Fliegen machen. Wohl dachte ich in diesem kritischen Augenblicke daran, sein Pferd und das meinige anzuhalten und zurückzubleiben. Aber was hätte es geholfen? – Nein, nur eine förmliche Niederlage vor den Augen der jungen Dame konnte ihn vielleicht für die Zukunft heilen. Und sie blieb nicht lange aus. Umsonst warf er flehende Blicke zu mir herüber, umsonst erfaßte er die Zügel und riß sie mit aller Kraft zurück, je härter er zog, je stärker trabte das Pferd, und je stärker sein Pferd trabte, je mehr ließ der Kutscher seine Gäule laufen und je heftiger lachten die Damen. Es war Schmerz und Freude in immer steigenden Verhältnissen. Doch der Schmerz gewann für einen Augenblick das Uebergewicht. Schmidle, der jetzt statt der Zügel den Sattelknopf erfaßt hatte, berührte unsanft die Seiten seines Pferdes mit den Sporen, das Thier begann unruhig zu werden, prallte vor und zurück, ging vorn und hinten in die Höhe und es dauerte keine Minute, so schoß Schmidle mit einer merkwürdigen Geschwindigkeit vom Sattel in den Sand hinab, geleitet von dem brüllenden Gelächter des Kutschers und den nichts weniger als mitleidigen Blicken der Damen. Die jüngere beugte sich etwas hinaus, doch ich sowohl wie der unglückliche Schmidle sah, wie sie das Lachen nicht verbergen konnte, und uns ziemlich spöttisch eine glückliche Reise wünschte. Dann fuhr der Wagen davon und war in kurzer Zeit hinter der nächsten und letzten Anhöhe vor M. unsern Blicken entschwunden. Außer einem großen Risse in seinem Rocke und einigen Beulen in seinem Hut hatte Schmidle keinen Schaden genommen. Nur war er äußerst niedergeschlagen, und da ich den Erzürnten spielte, und ihm ohne ein Wort zu sagen auf's Pferd half, so ritten wir stillschweigend im Schritt davon und erreichten M. in kurzer Zeit. An dem Thore wandte ich mich mit kurzen Worten an ihn und fragte: ob er denn noch wisse, in welchem Gasthof die Damen eingekehrt seien, damit wir sie finden könnten. »Denn,« setzte ich hinzu, »Deine beiden Niederlagen von heute Morgen werden Dich nicht abhalten, den Eleganten und Unnatürlichen zu spielen, um Dich und mich lächerlich zu machen;« worauf er statt aller Antwort mit dem Kopf schüttelte und mich versicherte, es sei ihm ganz gleich, wohin wir ritten. Er fühle sehr gut sein Unrecht und seine Ungeschicklichkeit und werde sich für die Zukunft gewiß in Acht nehmen. Bald erreichten wir einen Gasthof, stellten unsere Pferde ein und gingen in ein Zimmer hinauf, woselbst Schmidle bei einer guten Flasche Wein und einer Cigarre bald über den Morgenspazierritt zu lächeln anfing, so daß ich es nochmals wagen konnte, ihm mit allen möglichen Details sein auffallendes Betragen vorzustellen, und wie dies eher geeignet sei, ihm ein weibliches Herz abgeneigt, als gewogen zu machen. Ein herbeigerufener Schneider setzte den Rock meines Freundes wieder in gehörigen Stand, und da es bald Zeit zum Essen war, gingen wir hinunter in den Speisesaal, wo sich außer uns noch eine kleine Gesellschaft befand: zwei junge Damen und zwei sehr junge Herren, die man auch füglich Knaben hätte nennen können. Mir schien es, als seien es Schüler irgend eines Gymnasiums, die sich allmählich zur Universität vorbereiten. Sie trugen kurze Sammetröcke, blau und grüne Cerevis-Mützen und hatten sich schon ein gewisses burschikoses Wesen angewöhnt, das aber, durch schülerhafte Bescheidenheit gemildert, etwas sehr Naives und Lustiges hatte. Auch die beiden Mädchen, die zwischen achtzehn und neunzehn Jahren alt sein mochten und die recht hübsch waren, hatten etwas Heiteres und Ungezwungenes. Wir setzten uns zusammen an den Tisch und wurden bald die besten Freunde. Ich ließ es mir anfänglich besonders angelegen sein, die Freundschaft der beiden jungen Herren zu gewinnen, was mir auch dadurch gelang, daß ich ihnen häufig etwas vortrank und mich einige Mal erkundigte, im wie vielsten Semester sie studirten. Mein Freund Schmidle war seit heute Morgen wie umgewandelt. Er war natürlich und deshalb sehr liebenswürdig. Wenn ihm auch zuweilen im Eifer des Gesprächs ein Jagdausdruck entfuhr, so setzte er hinzu: So sagen die Jäger, deren ich aber keiner bin, und zum Belege hierfür nahm er sogar keinen Anstand, lachend seiner früher erwähnten Jagdpartie zu gedenken, wo er das Reh geschossen, als es eben aus seinem Sandloche hervor kam. Wenn auch unser Project, mit den beiden Damen aus dem englischen Hof, von denen wir aber keine Spur mehr fanden, das schöne Schloß und die herrlichen Parkanlagen M's anzusehen, förmlich zu Wasser wurde, so wandelten wir doch nach Tische in nicht minder liebenswürdiger Gesellschaft durch die schattigen Alleen; besonders ich hatte bei dem Tausche sehr gewonnen, denn anstatt, wie Schmidle gewünscht, der alten Tante die herabhängenden Trauerweiden an dem kleinen See zu zeigen, war ich so glücklich, meine schöne neunzehnjährige Begleiterin darauf aufmerksam machen zu können. Ob Schmidle, der unterdessen mit der andern Dame und einem der jungen Herren, während der zweite bei mir als Ehrenwache blieb, auf dem Hügel zu dem steinernen Amor ging, dort einen Anknüpfungspunkt fand, kann ich nicht genau angeben; nur so viel weiß ich, daß er mit seiner Begleiterin am Arm lustig lachend wieder mit mir zusammentraf und daß er mir darauf freudig die Hand drückte mit der leisen Versicherung: er würde ganz glücklich sein, wenn ihm nicht heute Abend der fatale Ritt nach der Stadt bevorstände. Ich hatte schon ein Auskunftsmittel gefunden, indem die beiden jungen Herren meinen Vorschlag, die Pferde nach C. zu reiten, wohin auch sie wollten, mit Freuden annahmen, wogegen wir uns ihrer Plätze in dem Wagen bedienten. Schmidle war heute der liebenswürdigste Mensch von der Welt. Bei einem kleinen Souper, das wir einnahmen, verwundete sich seine Begleiterin mit dem Messer, und da er diese Verletzung mit einem kleinen englischen Pflaster, das er stets bei sich führte, auf das kunstgerechteste bedeckte, so konnte er auf die Frage der beiden Damen nicht läugnen, daß er mit dergleichen Sachen viel zu thun habe, und er gestand auch gern und willig, daß er Apotheker sei. Ihm folgte aber auch der Lohn für seine Aufrichtigkeit und Natürlichkeit auf dem Fuße nach, denn die beiden Mädchen erklärten ihm freudig, auch sie hätten in E. einen Onkel, der Apotheker sei und den er vielleicht kenne. Er sei der Besitzer der Löwenapotheke. Von der Freude Schmidle's über diese Entdeckung will ich nichts sagen, da es meiner schwachen Feder doch unmöglich wäre, ein getreues Bild davon zu entwerfen. Bald bestiegen wir den Wagen, die beiden jungen Herren schwangen sich auf unsere Pferde und mein Freund fand diese neue Reiseart um so viel behaglicher und besser, daß er im Uebermaße seines Glücks sogar des unglücklichen Ritts von heute Morgen erwähnte. Sehr ergötzlich malte er seinen zweimaligen Fall vom Pferde aus und er that es mit solcher Lebendigkeit und solcher Treue, daß die beiden Mädchen mehrmals laut lachten, aber mit einem ganz andern Tone, als die junge schwarze Dame aus dem englischen Hof. Nur ließ sich Schmidle bei seiner Erzählung eine große Unwahrheit zu Schulden kommen, indem er mich als denjenigen angab, den die schwarzen Augen der schönen Dame angezogen, und als sei er nur mir zu Liebe mitgeritten. Es versteht sich von selbst, daß ich seine Erzählung als wahr passiren und mir die Neckereien der jungen Mädchen über mein mißlungenes Abenteuer gefallen ließ. Es war ein wunderschöner Abend. Wir sangen und lachten in dem offenen Wagen, und die beiden jungen Herren hielten mit unsern Pferden auf der Chaussee kleine Wettrennen. So erreichten wir die Stadt. Vor dem Thore bestiegen wir unsere Rosse wieder, wünschten den Damen gute Nacht und Schmidle sprach still lächelnd die Vermuthung aus, daß er sie wiedersehen werde. Der Glückliche wollte abwarten, welchen Eindruck er morgen früh in seinem Arbeitscostüme, vor der Reibschaale stehend, im Gegensatze zu heute Abend, auf das Mädchen machen würde. Ach, er hatte große herrliche Pläne! – Ich ging allein in meine Kaserne, und hörte in den nächsten Tagen nichts von meinem Freunde; aber ungefähr eine Woche nach unserm merkwürdigen Spazierritte bekam ich einen Brief von ihm, worin er mir schrieb, daß er der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt sei; er habe sich mit der Nichte seines Prinzipals verlobt und schon die Einwilligung seines Vaters erhalten. Ich eilte zu ihm und wir besprachen uns lange und freundlich im kleinen Stübchen hinter der Apotheke, wo Schmidle mir gerührt die Hand drückte, und ich konnte nicht umhin, ihm auch für die Zukunft den Wahlspruch zu empfehlen, den ich ihm so oft gesagt: » Nur natürlich! « In Scene setzen. Wenn man eine fertige Arbeit betrachtet, so denkt man selten der Schwierigkeiten, der Mühe und Arbeit, deren es bedurfte, um ein Werk auf den Punkt zu bringen, daß es dem Auge wohlgefällig, den Sinnen genießbar erscheint, wer denkt daran bei dem fertigen Palast, einem vollendeten Gemälde, bei einem Rock, der einem eben durch den Schneider angepaßt wird? Noch weniger aber als man bei all' diesen Werken auf die Einzelnheiten ihrer Entstehung zurückblickt, ist dies der Fall, wenn man des Morgens im Fauteuil eine Cigarre raucht oder des Mittags aus der Restauration kommt und an einer Straßenecke den Theaterzettel liest. » Norma. « Ja, das Wort und die ganze Reihenfolge des Personals kommt dem Leser so natürlich und unzweifelhaft vor, es versteht sich so von selbst, daß heute Norma sein muß, weil gestern diese Oper auf dem Zettel angekündigt stand, daß es dem Laien ganz unbegreiflich ist, wenn man ihm sagt, daß dieses einzige Wort Norma dem Intendanten, dem Kapellmeister, den Regisseuren, kurz allen denen, die bei der Oper mehr zu thun haben als sich zu schminken und anzuziehen, vielleicht eine schlaflose Nacht verursacht hat. Was ich oben von der Undankbarkeit sprach, die man im Allgemeinen gegen fertige Werke ausübt, so ist dies namentlich bei dem Theater der Fall. O, so ein Theaterzettel ist ein stiller klarer See, die Buchstaben und Worte auf demselben stellen sich dem Auge des Beschauenden so natürlich dar wie die Furchen, die der leise Wind auf dem Wasserspiegel zieht. Aber der Mensch begehre nimmer zu schauen, wie der klare See noch vor wenigen Stunden aussah, ehe eine mächtige Hand ihn ebnete und glättete, wie es noch unter der blanken Oberfläche in seinem Innern kocht und gährt, und es nur eines einzigen Tropfens mehr bedarf – sei es nun der Tropfen, den einer der Sänger über den Durst trinkt, oder sei es ein Hoffmannstropfen, den die Prima Donna zu sich nehmen zu müssen glaubt – um die Wellen zu empören, daß sie in lautem Tosen über den Strand schlagen. Ja, wir sind undankbar, sehr undankbar. Bald wird uns eine Oper zu oft gegeben, bald ist uns ein Schauspiel zu lang, denn wir glauben ja, daß der Intendant blos mit seinem Aermel zu schütteln brauche, um etwas Anderes über die Bretter rauschen zu lassen. Hat man nun den Zettel von oben angefangen zu lesen, sich da schon über Diverses geärgert, über ein aufgehobenes Abonnement, oder ein Benefiz zu Gunsten für Diesen oder Jenen, der einem eigentlich gar nichts angeht, hat man es niedergeschluckt, daß man statt eine gewünschte Oper zu hören, oder ein leichtfüßiges Ballet über die Bühne säuseln zu sehen, ein fünfactiges Drama in dröhnendem Galoppschritt über die Bretter soll klirren hören, so stellen sich den Blicken, ehe man zu den Personen gelangt, oft noch ein paar Worte dar, die man entweder leichtsinnig überhüpft, oder die man undankbarer und unverständiger Weise unter dieselbe Rubrik wirft, wie wenn man in den Zeitungen liest: »Ausverkauf« oder »Herabgesetzte Preise« oder »Nur noch heute«, so wie wenn auf den Zetteln der herumziehenden Künstlergesellschaften das bekannte »Auf Verlangen zum allerletzten Male« steht, – ich meine die gewichtigen Worte: »Neu in Scene gesetzt.« Es ist eigentlich unverantwortlich und traurig, daß wir dies Wort nie gehörig beachten, daß Wenige darüber nachdenken, welch' ungeheuer Großes der Ausdruck: »In Scene setzen«, in sich begreift. Es ist auf dem Zettel wie beim Spiel die Hauptsache; es ist die Hose, die der Regisseur dem Nackten, dem Unschicklichen anzieht, es ist die Wattirung, durch die er einem klappernden Verse ein rundes stattliches Ansehen gibt, es ist die Scheere, die das Röckchen der Tänzerinnen kürzt und das begierige Auge üppige Formen sehen läßt, es ist der lange Talar, der oft den nach der Rhetorik der Handwerksburschen Declamirenden zum Oberpriester oder König umwandelt: es ist Alles in Allem, sowohl auf den Brettern, die die Welt bedeuten, als wie in der Welt selbst. Setzt sich nicht Jeder in Scene, wenn er am Morgen seinem Bette entsteigt, mag die Garderobe in einem durchlöcherten Flauß oder in einem seidenen Schlafrock bestehen, mag die Dekoration eine Dachkammer oder das Gemach eines Palastes sein? Und da es schon einem einzelnen Menschen oft schwer genug wird, sich selbst ordentlich in Scene zu setzen, um anständig erscheinen zu können, welche Arbeit hat also der arme Regisseur, der ein ganzes Personal so weit bringt, daß es wie ein Uhrwerk in einander greift und das aufgegebene Stück ohne Störung zu Ende spielt. Muß er sich nicht um Alles bekümmern, um Garderobe und Decorationen, um Requisiten und Musik, um Lampenputzer und Statisten, und Alles das erst, nachdem er vielleicht schon lange vorher das Stück zu Hause durchgenommen, hier eine Stelle gekürzt, da eine Stelle gestrichen und sein Denkvermögen fast vernichtet hat, um nur herauszubringen, wie er alle Rollen schicklich besetzen will. – – Seit langen Jahren ist Egmont von Goethe nicht mehr gegeben worden. Plötzlich kommt von Oben herunter der Befehl: das Stück neu in Scene zu setzen und baldigst zu geben. – Egmont von Goethe. Der Auftrag hat dem Regisseur sein Abendbrod sehr vergällt, denn da ist für ein paar Dutzend redender Personen zu sorgen, für eine Unzahl von Statisten, außerdem spielt er noch die Hauptrolle, die er seit Jahren nicht mehr angesehen, und die seinem Gedächtniß allmälig entschlüpft ist. Noch spät am Abend, als er nach Hause kommt, händigt er seinem Bedienten einen Zettel ein, wonach ihm der Inspicient des Theaters am folgenden Morgen in der Früh sämmtliche Rollen schicken muß. Er schreibt noch eine Masse von kleinen Briefen an seine Freunde; der eine besitzt ein altes Kupferwerk aus den Zeiten des niederländischen Befreiungskrieges, der andere hat sich mit der Geschichte selbst viel beschäftigt, ein dritter hat den Egmont vor einiger Zeit in X. gesehen, der besitzt eine Masse alter Schwerter und Hellebarden, die gut zu brauchen wären, jener das echte Exemplar eines Ordens vom goldenen Vliese. Alle werden um irgend etwas gebeten, und so den Kopf voll von Egmont legt sich der Regisseur zu Bett. Im Traum erscheint ihm Herzog Alba und verlangt in eigener Person mitspielen zu dürfen, denn keiner würde das so gut machen wie er selbst. Kaum hat der Träumende, durch die Erscheinung des blutigen Kriegsmanns erschrocken, ihm Alles bewilligt, was er verlangt, so erscheint der Schauspieler, dem die Rolle von Gott und Contracts wegen zukommt, und spricht sie für sich an. Die beiden Aspiranten gerathen in Streit, der wirkliche Herzog zieht sein Schwert und der Schauspieler seinen Contract aus der Tasche, den er in Stücke zerreißen will und seine Entlassung fordert. Wer weiß, wie sich dieser Kampf endigen würde, wenn nicht noch zur rechten Zeit Wilhelm von Oranien die Beiden verdrängte. Doch jetzt kommt der Regisseur vom Regen in die Traufe, denn da ihm immer die Kraftstelle des Prinzen, wo er ein paar Thränen fließen läßt, im Andenken ist, so erscheint er als heulendes und schluchzendes Gespenst und will sich gar nicht zur Ruhe bringen lassen. Auch Klärchen schwebt heran; aber es ist eigentlich die Schauspielerin, welche diese Rolle spielt. Sie bittet den guten Regisseur mit ihrer schmeichelnden zarten Stimme um ein neues, schönes Costüm, und der unruhig sich hin und her wälzende Mann verspricht, ihr das schönste Kleid aufzuheben. Doch hat er noch keine Ruhe, jetzt rauscht das niedere Volk heran, die Bürger von Brüssel, und schreien nicht nach Freiheit, sondern nach neuen Costumen; die Garden des Herzogs von Alba, die langen steifen Spanier, wollen auch neu gekleidet sein, und schon denkt der Regisseur, wie schön ihnen die Röcke stehen würden, die er auf einem niederländischen Gemälde aus jener Zeit gesehen. Er denkt an die Kosten, die allenfalls noch herauszuschlagen wären, als es ihm plötzlich so vorkommt, als sei er – Egmont im Kerker; die himmlische Musik ertönt, der Hintergrund öffnet sich, Klärchen erscheint, aber statt der Friedenspalme schwingt sie in ihrer Hand ein Decret von der Oberhofintendanz, worin der Regisseur mit dürren klaren Worten zur Sparsamkeit aufgefordert wird. Der arme Mann fährt aus seinem leichten Schlummer empor, greift nach einem Glase Wasser und legt sich wieder hin. Diesmal ist ihm Morpheus günstiger, doch weil er sich unaufhörlich mit dem Egmont beschäftigt, träumt er wieder von der Tragödie, und es umschwebt ihn diesmal das Balletcorps und bittet ihn, die nöthigen Pagen auszulesen: Sie neigen sich, beugen sich, Schweben auf und ab. »Eine Hexenzunft!« murmelt der träumende Regisseur mit Mephistopheles, sieht aber mit Wohlgefallen den reizenden Bewegungen zu. Wilder wird der Tanz, tiefer der Schlaf, aber undeutlicher die Gestalten, und endlich erblickt der Regisseur nichts mehr als Himmel und Tricots. – Er ist sanft entschlummert. In der Nacht war es uns nicht möglich, die Wohnung des Regisseurs genau zu besehen, doch jetzt erlaubt uns der helle Tag, einen Blick in die geheimen Gemächer zu werfen. Wie sich die Zeiten geändert haben! Poeten und Künstler sind von ihren Mansarden herabgestiegen in den ersten Stock oder in glänzende Parterrewohnungen, und wenn die Kunst selbst mit ihren Jüngern in Wechselwirkung steht, so muß sie bedeutend emporsteigen; doch hoffentlich nicht in die leer stehenden Dachstuben, sondern als geistiges Wesen gen Himmel, wo sie hingehört, um uns von da herab mit ihren Strahlen zu durchdringen. Es ist eine Parterrewohnung, vor der wir stehen, und während ein gähnender Bedienter in Livree die Glasthüre öffnet, welche in den Vorsaal führt, schlüpfen wir hinein und können unbesorgt sein, daß uns Niemand hört, denn auf dem Boden liegen Teppiche, Bärenfelle, und die Thüren, die uns durch ihr Knarren verrathen könnten, sind ausgehoben und haben Vorhängen von buntem, glänzendem Stoffe Platz gemacht. In den Zimmern selbst sind schwellende Divans, Blumentische, die den herrlichsten Duft ausströmen; Gemälde und Kupferstiche in goldenen Rahmen bedecken die Wände, und Bildsäulen der Venus in allen möglichen Stellungen sind in den Ecken placirt. Im zweiten Zimmer befindet sich der Regisseur im eleganten Schlafrock; er liegt in einem prächtigen Fauteuil; vor ihm steht ein Marmortischchen, auf dem der Kaffee servirt ist, und ein angenehmer Duft, der uns entgegenströmt, sagt uns, daß er eine sehr feine Havannacigarre rauche. Obgleich es erst acht Uhr ist, ist doch schon Gesellschaft da. So eben trat der Theaterdiener ein und brachte einen Stoß vergilbter Papiere, es sind die verlangten Rollen des Egmont. Der Theaterdiener ist ein ganz merkwürdiger Mensch; obgleich er nichts zu thun hat, wie Ausgänge zu besorgen, Briefe auf die Post zu tragen, Proben anzusagen, dem Personale die Monatsgagen zu bringen, so weiß er mit einer ungemeinen Feinheit in diese untergeordneten Geschäfte einen Faden aus den höhern Zweigen des Theaterwesens hinabzuziehen und da oben, wenn auch ganz unbemerkt, die Hände im Spiel zu haben. Der Theaterdiener wird »Herr« genannt, ist bei Hoftheatern meistens ein alter gedienter Soldat, der die Medaille im Knopfloch trägt. Auf seinen Lippen steht ein beständiges Lächeln, und er macht sich ein Geschäft daraus, das ganze Theaterpersonal so zu studiren, daß er weiß, bei dem braucht es nur eines Ausweises, bei dem einer kleinen Bemerkung, bei Jenem ein wohlangebrachtes Lächeln, um zu erfahren, was er zu wissen wünscht. Dabei muß der Theaterdiener ein starkes Gedächtniß besitzen, muß alle alten Stücke mit ihren Besetzungen wie seine Taschen kennen. Ja, er ist ein unentbehrliches Glied in der langen Kette, an der das ganze Personal zappelt. Ohne seinen Willen wird vielleicht Norma an dem und dem Abend nicht gegeben. Die erste Sängerin hat zufällig etwas Anderes zu thun, als in der Oper zu singen, und klagt am Abend vor der Vorstellung ihrem Kammermädchen die Noth. Der Theaterdiener kommt ins Vorzimmer und sagt Lisettchen eine Probe an. »Ach, mein lieber Freund,« entgegnet ihm diese, »ich glaube, wir können morgen unmöglich singen; ich versichere Sie, wir sind ganz heiser;« – die Zofen der Künstlerinnen reden nämlich immer in der Mehrzahl. – Der Theaterdiener denkt einen Augenblick nach und plötzlich fällt ihm eine schnippische Antwort ein, die ihm Mademoiselle E., die Soubrette, vor einigen Tagen gegeben. Er nickt mit seinem Kopf und geht nachdenkend fort. Der gute Intendant, der sich nicht wenig freut, die Norma endlich glücklich herausgeschält zu haben, wird sehr unangenehm überrascht, als ihm der Theaterdiener meldet, daß die erste Sängerin von einer so entsetzlichen Heiserkeit befallen wäre, daß sie kein Wort sprechen könne. Die Regisseure sind augenblicklich nicht bei der Hand, der Zettel für morgen muß in die Druckerei, und da weiß denn ein kluger Theaterdiener zu rechter Zeit schüchtern den Namen eines Stückes hinzuwerfen, das lange nicht gegeben wurde. Wird diese Idee von dem Chef aufgefaßt, so hat Jener gewonnenes Spiel und läuft mit Freuden nochmals herum, das andere Stück anzusagen, denn er kommt ja auch in das Haus der Soubrette, der er dadurch vielleicht einen genußreichen Abend verdirbt. Aber auch wegen anderer Motive läßt der Theaterdiener seine Minen springen. Der erste Held ist vielleicht gerade krank, und der zweite Held, der eben kein Held ist, möchte gern einmal den Wallenstein spielen; denn ein durchreisender Tourist, der sein Freund ist, möchte den großen Mimen gern einmal in einer Glanzrolle sehen, um mit ihm ein Capitel in seinen Reisetabletten ausfüllen zu können, und dies wäre nur unter diesen Umständen möglich. Ein Anderer möchte seinem Collegen gern den Spaß verderben und ihm einen Stein in den Weg legen, damit ein Stück, in dem Jener eine Lieblingsrolle hat, nicht gegeben wird. – Doch wir schweifen zu weit ab und kehren lieber ins Zimmer des Regisseurs zurück, wo wir vielleicht bessere Gelegenheit haben, dergleichen interessante Betrachtungen anzustellen. Der Theaterdiener, der gegen den Regisseur noch viel geschmeidiger ist als gegen den Chef selbst, denn Ersterer ist ein praktischer Theatermensch und läßt sich nicht leicht etwas vormachen, rückt das Marmortischchen näher und legt den Rollenstoß mit einem gelinden Seufzer darauf hin. Der Regisseur läßt das Zeitungsblatt neben sich fallen und wirft die Rollen auf dem Tische aus einander. Da es dem Theaterdiener für jetzt nur darum zu thun ist, zu wissen, wie die Partien aufs Neue besetzt werden, damit er sieht, ob seine Protegés auch gehörig bedacht sind, so fängt er an, den Regisseur leise auszuforschen. »Da haben der Herr Regisseur wieder eine schwere Arbeit.« Keine Antwort. »Nun, die meisten Rollen werden bleiben, wie sie früher gewesen sind.« Der Regisseur blättert emsig in den Papieren fort. »Seit Herr C., der den Alba zum letzten Male spielte, gestorben ist, ist das Stück nicht mehr gegeben worden. – Der Herr Regisseur werden Mühe haben –« – »Das wär' das Wenigste,« entgegnet ihm dieser, »Herr M. wird diese Rolle eben so gut spielen.« – Das schreibt sich der Theaterdiener gleich hinter das linke Ohr und fährt so mit Fragen fort, bis er ziemlich mit der Rollenverteilung im Klaren ist. »Befehlen der Herr Regisseur, daß ich wiederkommen soll?« – »Gegen Mittag, ja, Adieu!« Der Theaterdiener empfiehlt sich und der Regisseur ist allein und hält in Gedanken einen ähnlichen Monolog wie König Philipp, als er seine Brieftasche durchmustert. Er sieht die Namen, die aus den vor ihm ausgebreiteten Rollen stehen, bald mit Lächeln, bald mit Kopfschütteln an. Ach, er ist ja auch nur ein Mensch, und ihm fällt ein, wie sich Dieser und Jener gegen ihn benommen, und wenn er auch zu rechtlich ist, um Jemand zu unterdrücken, so kann man es ihm doch nicht verdenken, wenn er gerade dem, der ihm beständig opponirt, eine Eselsbrücke bauen sollte. Auf diese Art hat Mancher den Sieg bei St. Quentin längst verwirkt und wird zu den Todten gezählt. Diese vergilbten Rollen zeigen mit den Namen der verschiedenen Schauspieler, die auf ihnen gezeichnet und wieder ausgestrichen sind, aufs beste die Laufbahn, die mancher Künstler gemacht hat. Hier ist die Rolle des ersten Bürgers von Brüssel und mit manchem durchstrichenen Namen versehen. Hier nahm manches junge Talent seinen Anlauf, manches kam höchstens bis zur Rolle des Gomez; der spielte einmal den jungen Herzog von Alba und wurde bei Seite gelegt, und von so vielen ist kaum ein einziger, der sich bis zu einer ersten Rolle durchdrang und sich da erhielt. Auch der Regisseur hat diesen Weg gemacht; aber er sieht mit stillem Vergnügen, wie die Rollenhefte, auf denen sein Name prangt, allmälig dicker wurden; er sieht einen ganzen Lebenslauf dazwischen liegen, und jede Rolle, die er durchsieht, bringt ihm traurige und angenehme Stunden ins Gedächtnis Wo sind all' die Klärchen geblieben, mit denen er auf den Brettern, so wie im Leben gespielt. Auf dem Rollenhefte steht eine zahlreiche Liste von Namen, die einst schönen jungen Mädchen angehörten, aber die meisten sind alt geworden, verschollen, gestorben und verdorben. Andere sind weiter gerückt, doch wenn sie auch dickere Rollen bekamen, sind sie doch nicht aufwärts gestiegen. Aus jungen Liebhaberinnen wurden sie auf den Brettern und in der Wirklichkeit Mütter und keifende Matronen. Aber wenn man alle diese hört, geschah ihnen bitteres Unrecht. Sie wurden unterdrückt und würden Klärchen heute noch so gut spielen wie vor fünf und zwanzig Jahren. Doch still, es klopft, und ein lebendiges Beispiel tritt ein. Es ist Madame H., die vor etlichen zehn Jahren mit dem Regisseur Liebhaber spielte und auf die zarte Neigung, die sie früher so oft auf den Brettern verband, eine feste Freundschaft baute, welche sie jetzt bei kleinen Bitten geltend macht. Aus jungen naiven Mädchen ging sie ins Fach der zärtlichen Mütter über, wurde nach und nach Ehrendame der Königinnen, spielt auch in alten Stücken vornehme Personen selbst, denn sie hat eine stattliche hohe Figur, über welche sich der Königsmantel sehr schön zur Schau hängen läßt. Obgleich es dem Regisseur nicht angenehm ist, unterbrochen zu werden, rückt er doch der Dame Anstandshalber einen Sessel hin, und sie läßt sich mit einer unnachahmlichen Grazie nieder. »Ach, guten Morgen, lieber Regisseur, hab' schon lange die Idee gehabt, Sie zu besuchen, komme aber nie dazu.« – »So,« entgegnet dieser ziemlich lang gezogen, »und was führt Sie jetzt zu mir?« – »Ach,« declamirt die H. schmachtend: »Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu, Und wem sie just passiret, Dem bricht das Herz entzwei« »Sie wissen ja, lieber Regisseur, daß mit dem nächsten Jahre mein Contract zu Ende läuft, und da Sie Alles bei der hohen Intendanz vermögen, so werden Sie doch, hoffe ich, einer alten Collegin, wollte sagen, einer Collegin, die schon lange mit Ihnen spielt, das Wort reden.« Der Regisseur hat während dieser Rede, die ihm nicht neu ist, in den Rollen des Stücks geblättert und ohne gerade der Dame auf ihre Bitte eine Antwort zu geben, legt er ein dünnes Heftchen vor die Madame H. hin, es ist die Rolle von Clärchens Mutter, auf der ihr Name prangt. »Aber, lieber Freund,« fährt diese überrascht fort, »was machen Sie denn da? Sie sind doch sehr zerstreut. Sie dachten an mich und schreiben meinen Namen auf dies Rollenheft?« »Ja,« entgegnete der Regisseur, jedoch ohne aufzusehen; denn es ist gefährlich, einer Künstlerin, die Heldinnen spielt, bei Momenten, wo man ihr etwas Unangenehmes sagen muß, in das Auge zu blicken. »Ich that es nicht in der Zerstreuung; es ist gewiß besser, liebe H., daß Sie anfangen, sich in Müttern zu versuchen. Wissen Sie, die Zeit rückt vorwärts, ich werde auch allmälig alt, und ich versichere Sie, daß es mir sehr lästig wird, noch den Egmont und dergleichen jugendliche Rollen zu spielen.« War die Dame wirklich durch die ihr zugedachte Rolle so überrascht, oder affectirte sie nur die Bestürzung und den Verdruß, der sich aus ihrem Gesicht und an der ganzen Haltung deutlich blicken ließ, genug das drohende Feuer in ihrem Blick verschwand, sie wandte den Kopf recht würdevoll gegen den Regisseur, hob eine ihrer Hände mit einer unnachahmlichen Bewegung gegen das Herz und lispelte mehr, als sie sprach: »Aber lieber Regisseur, wie kann ich bei meinem edlen Wesen so ein Weib spielen, die Mutter einer solchen Tochter. Ah! Ich würde ganz meine gewöhnliche Natürlichkeit verlieren, und jeder würde mir ansehen, daß ich mit Widerwillen einen solchen Charakter darstelle.« Aber der Herr Regisseur blieb trotz diesen Lamentationen fest. Er zuckte die Achseln und versicherte, vergeblich einem Auskunftsmittel nachgedacht zu haben. »Sehen Sie,« sagt er und steckt sich eine neue Cigarre an, »die M. ist krank, die W. auf Urlaub und der R. so wenig wie der Y-Z. kann ich doch eine solche Rolle anvertrauen. Sie wissen ja selbst, liebe H., daß der Effect all' der Scenen zwischen Egmont und Klärchen sehr viel auf dem würdevollen Benehmen der Mutter beruht. Und darum habe ich Sie vorgeschlagen.« Dann fährt er mit sanfter Stimme fort: »ich muß es Ihnen offenherzig gestehen, ist mir die Zeit, wo wir zusammenspielten, die Zeit, wo der Egmont eine meiner Glanzpartien war, noch so im Gedächtniß, daß es mir schmerzlich sein würde, die bekannten Züge – Sie wissen, liebe H., wie wir uns gekannt haben, gar nicht mehr vor mir zu sehen. Es bleibt ja doch in der Familie. Vor zehn Jahren liebt' ich die Mutter, heute die Tochter. Apropos, wie geht's Ihrer Emilie? Das Mädchen wird jeden Tag schöner; bei ihr möcht' ich gern einmal den Egmont spielen. – Sie wissen doch, daß ich ihr seit gestern freie Entrée verschafft habe? Der Intendant hat es sehr gern gethan, denn er ist mit mir einverstanden, daß hübsche Mädchen eine gute Decoration fürs Parterre sind.« Der Regisseur hatte die letzten Worte mit Herzlichkeit gesprochen und fällt jetzt wieder in seinen ruhigen Ton zurück. »Nicht wahr, liebe H., Sie werden das einsehen, und dann ist es auch wegen Ihres Contracts. In dem Rollenfach der komischen und polternden Alten können Sie sich noch lange erhalten.« Madame H., die ihren Freund kennt, weiß wohl, daß hier nicht viel mehr zu machen ist, legt also seufzend dem Regisseur noch einmal die Contractsache ans Herz und zieht sich gegen die Thür. In der Ecke des ersten Zimmers steht ein Sopha mit prachtvollen gestickten Kissen. Beider Blicke fahren unwillkürlich über diese Zeichen früherer glühender Liebe hin, und während der Regisseur listig lächelt, sagt die Dame: »Ach, Heinrich, die vergangenen Zeiten waren doch schön!« Er begleitet sie zur Thür, und wie sie zwischen den rauschenden Vorhängen verschwindet, ruft er ihr laut genug nach, daß sie es deutlich verstehen kann: »Sie geht, und da sie geht, möcht' ich sie halten!« Noch ein Blick, der Bediente macht mit seinem äußerst dummen Gesicht ein Compliment, und die Dame ist verschwunden. Rasch wendet sich nun der Regisseur ins Zimmer zurück, klopft anmuthig die Asche von der Cigarre und ruft dem Bedienten hinaus: »das verfluchte ewige Stören. Ich bin für Niemand mehr zu Haus!« Er setzt sich wieder in seinen Fauteuil und fährt fort in den Rollen, so wie in den Büchern, die ihm nach und nach von seinen Freunden geschickt werden, zu blättern. Wenn ihn auch nicht gerade die Scene, die er mit der H. hatte, alte Jugenderinnerungen, weder traurig noch komisch, ins Gedächtniß zurückruft, so findet er dagegen auf den gelben Papieren manchen Namen, der ihm ein Lächeln oder einen stillen Seufzer abgelockt. Auch Bemerkungen, die hie und da von den darstellenden Künstlern zwischen den Reden eingeschrieben wurden, kommen ihm äußerst komisch vor. Da heißt's bei einer Stelle: der rechte Arm wird ausgestreckt, der Kopf würdevoll zurückgeworfen, oder die Augen werden schmachtend geschlossen; bei einer andern: hier trete ich drei Schritte zurück, knirsche mit den Zähnen und stoße drei Seufzer aus; hinter einem langen Monologe stehen die Worte: als ich zum letzten Male diese Rolle spielte, geruhten Se. Durchlaucht der Fürst, der in Husarenuniform im Theater war, mich aufmerksam anzuhören und am Schlusse beifällig mit dem Kopfe zu nicken; auch applaudirte das Parterre dreimal. Ein anderes Notabene hieß: hier stützte ich mich mit dem linken Arm auf mein Schwert, legte den rechten Ellbogen, auf dem mein Kopf ruhte, darauf und bildete so, wie meine Freunde mich später versicherten, eine malerische Stellung. Das Alles liest der Regisseur durch, vertheilt die noch fehlenden Rollen, schreibt die Zahl der Statisten auf, so wie das ganze Ballet, das er im Stück zu verwenden gedenkt; Einige sollen Pagen machen, Andere führen bei den Volksscenen in Brüssel Tänze auf, und der Nachwuchs des Ballets, die Kinder unter zehn Jahren, sollen die Straßen bevölkern, hin und her rennen und kleine Spiele treiben. So ist es elf Uhr geworden. Es schellt draußen, der Bediente bringt ein kleines Billet und meldet zugleich drei Tänzerinnen, die aufzuwarten wünschen. In dem Briefe bittet ein College, der bisher die Rolle des Vansen spielte, da er zufällig gehört habe, daß der Egmont auf dem Repertoire stünde, um Abnahme dieser Rolle und um Zutheilung des Herzogs Alba, da letzterer eigentlich mehr Intriguant sei als ersterer, und er für dies Fach doch engagirt sei. Der Brief wird ad Acta gelegt und die Tänzerinnen vorgelassen. Neue Klagen und Beschwerden. Die drei Grazien kommen eben aus der Tanzstunde, wo sie erfuhren, daß ihnen zu einem Tanz auf heute Abend, in dem sie die Solopartien haben, keine neuen Schuhe gemacht werden sollen. Dem Regisseur werden die alten vorgezeigt, die von fleischfarbener Seide und jedenfalls sehr defect, sogar durchlöchert sind. Doch zuckt er die Achseln und rechnet ihnen vor, daß die ausgesetzte Summe für neue Schuhe fast überschritten sei und er also nichts mehr dürfe machen lassen. Aber das Kleeblatt läßt sich so bald nicht abweisen, sie bestürmen den guten Mann mit Bitten und Schmeicheleien, versichern ihm, daß sie auf den durchgetanzten Sohlen fast nicht mehr stehen könnten, eine sogar, die sehr schöne Waden hat, macht, während sie die Schuhe vorzeigt, ein kleines Battement, um zu zeigen, daß man bei der Vorstellung die defecten Stellen deutlich sehen könne, was den Regisseur rührt, und sie erhalten endlich die Erlaubniß, die sehr notwendigen neuen Schuhe machen zu lassen. Nachdem sich die Tänzerinnen noch einige Sekunden in dem Zimmer des Regisseurs umgesehen, da eine schöne Stickerei bewundert, hier die Stellung der Venus nicht ganz natürlich fanden, trifft der Regisseur Anstalten, sich seines Schlafrocks zu entledigen, um Toilette zu machen, eine Bewegung, welche die drei alsbald in die Flucht schlägt. Jetzt wird dem Bedienten geschellt, doch kaum ist dieser eingetreten, um seinem Herrn die nöthigen Sachen zur Toilette hinzureichen, als draußen wieder heftig geschellt wird. Schon ist der geplagte Mann im Begriff seinen Schlafrock wieder fester um sich zu ziehen, als er an dem lauten Gelächter der vor der Thür Stehenden erkennt, daß es ein paar gute Freunde sind, vor denen er sich nicht zu geniren hat. Er läßt also den Schlafrock fallen und läßt sich, nachdem er noch einen Blick zum Fenster hinausgeworfen hat, ein paar helle Beinkleider geben, die er dem Sonnenschein zu Liebe heute anziehen will. Indessen sind zwei junge Männer an die Thür getreten, die in ihrem Aeußern den schärfsten Contrast bilden. Der erste ist von einer langen, sehr langen Gestalt, auf der ein interessantes, aber sehr blasses Gesicht, von hellblonden Haaren umgeben, sehr von oben herab auf die Welt sieht. Er ist recht elegant gekleidet, trägt bunte carrirte Beinkleider, eine schwarze Atlasweste, auf der ein kleines Stückchen goldener Kette prangt; ein ähnliches Geschmeide verbindet die kolossalen Knöpfe zweier Tuchnadeln, mit denen der lange junge Mann das schwarzsammtne Halstuch verziert hat; ein Frack nach dem neuesten Schnitt mit pfundschweren Knöpfen, auf denen ein Fuchskopf ciselirt ist, vollendet das Ganze. Er schreitet mit großen Schritten durch den Vorsaal, wobei er einer Tanne zu vergleichen ist, die vom wilden Sturmwind bewegt hin und her schwankt. Der Andere, der wenigstens einen guten Schuh kleiner ist als der Erste, aber dagegen der Breite desto mehr zugesetzt hat, ist kaum im Stande, ihm zu folgen. Beide mögen vielleicht fünf bis sechs und zwanzig Jahre alt sein, sehen aber aus ganz verschiedenen Umständen weit älter aus und sind bei ihrem Eintreten über dies Capitel gerade in einen kleinen Streit verwickelt. »Ich versichere Dich,« sagte der Lange, »daß Du mit jedem Tage unförmlicher und dicker wirst. Alles Jugendliche ist aus Deiner Erscheinung verschwunden, und wenn nicht Dein kindischer Kopf wäre, der, beiläufig gesagt, weniger zu Deinem Körper als zu Deinen Neigungen und Gesinnungen paßt, so könnte man Dich für einen alten Kerl von fünfzig Jahren halten.« Das sprach der Lange finster und ernst und mit solchem Tone, als sei die Sache durch den Ausspruch abgemacht und ließe sich nichts weiter darauf entgegnen. Doch der kleine Dicke, der freundlich lachend hinter dem Langen hertrippelte und zu ihm emporsah, schenkte Jenem nichts und verglich ihm mit einem Streichhölzchen von dem aber oben der Schwefel abgebrannt sei. So gelangten Beide in das Zimmer des Regisseurs, als Jener sich gerade beschäftigte, das helle Beinkleid anzuziehen. Der Lange bleibt bei diesem Anblick wie erstaunt unter der Thür des Zimmers stehen und sagt mit überraschtem Tone, während sich der Dicke in eine Sophaecke legt und nach einer Cigarre langt: »Ach, lieber Regisseur, Sie wollen heute ein helles Beinkleid anziehen? Welche Idee! Es giebt ja in einer Stunde Regen. Dann sollten Sie sich auch mehr in Acht nehmen und sich nicht hier bei den offenen Thüren anziehen. Ich habe Johnen das schon oft genug gesagt.« Der Regisseur läßt langsam die Hand sinken und schaut noch einmal zum Fenster hinaus, dann sagt er ruhig: »Ja, Sie haben Recht, es wird doch in kurzem schlechtes Wetter. Johann, eine schwarze Hose!« Und der Dicke bricht in ein lautes Gelächter aus. Von den beiden eben Eingetretenen, die ich dem Leser zwar bezeichnet, aber noch nicht vorgestellt habe, ist der Lange Schauspieler und der Dicke Schriftsteller. Daß der Mime ein Mann von Talent und Fähigkeiten ist, läßt sich daraus abnehmen, weil er mit dem verständigen scharfblickenden Regisseur in so vertraulichem Verhältnisse steht, so daß dieser sogar auf die Meinung und das Urtheil des Untergebenen etwas hält. Was den Schriftsteller betrifft, so schweigt die Geschichte. Der Lange ist indessen mit einigen großen Schritten im Zimmer umhergestürzt und hat in kurzem die Rollenhefte des Egmont auf dem Tische entdeckt. »Ah, der Egmont!« ruft er laut. »Ich bekomme doch den Oranien? Nicht wahr? Ich versichere Sie, ich habe mich sehr darauf gefreut und schon lange über das Costüm nachgedacht, das mir am Besten dazu stehen wird. Was denken Sie zu einem schwarzen Sammetkleide? Ich nehme dazu eine kurze blonde Perücke und einen rothen Bart.« – »Wie Dein natürlicher ist,« schaltet der Dicke ein. »Doch hoffe ich, wird Dir jetzt endlich einmal Befehl ertheilt werden, ihn abzuschneiden; denn Du, der so sehr auf Treue des Costüms inclusive Perücke und Bart sieht, wirst doch wohl wissen, daß damals dieser Wangenschmuck nicht Mode war.« Der Lange sieht ihn mit einem großen Blicke an und antwortet ganz ruhig: »Glaub' mir nur, daß ich besser weiß, was sich für meine Rolle paßt als Du.« Schon droht wieder, wie beim Eintritt, ein kleiner Streit zu beginnen, wenn nicht der Regisseur gerade angezogen wäre, seinen Hut nimmt, und so das Zeichen zum Aufbruch gibt. Die Drei gehen fort, und auf der Treppe wird dem Regisseur noch ein Billet gebracht. Es ist von dem Kapellmeister, der anfragt, ob der Egmont wirklich in den nächsten acht Tagen gegeben werde, was ihm eigentlich nicht recht gelegen sei, denn er habe schon für das nächste Concert etwas von der Beethoven'schen Musik aus dieser Tragödie bestimmt. Kaum ist der Brief gelesen, so wird der Regisseur auf der Straße von einem jungen Diplomaten mit der Frage angehalten: »Sie geben nächstens Egmont? Wissen Sie, wir haben diesen Winter über die Tragödie einige Male gesprochen, und da gab ich Ihnen einige Stellen an, die bei uns gestrichen wurden und nothwendig auch hier wegbleiben müssen.« Der Regisseur dankte ihm lächelnd und versichert ihm, daß er wohl daran gedacht habe. Für heute Morgen wäre Egmont nun glücklich beendigt, denn obgleich ihm hie und da auf der Straße Collegen begegnen, die mit einer Bitte oder Klage auf ihn zulenken wollen, so thut doch der Regisseur, als sähe er sie nicht, nur um auf einem Augenblick von Allem, was Egmont heißt, befreit zu sein. Indessen sind Nachmittags die Rollen vertheilt und ist auf den folgenden Morgen eine Probe angesagt worden. Schon in der Frühe sind eine Menge Leute da gewesen, die den Regisseur haben sprechen wollen, doch hat der Bediente den strengsten Befehl erhalten, Niemand vorzulassen, da er sonst mit den Vorbereitungen nicht fertig werden würde. Auf dem dunklen Theater hat sich indeß das Personal versammelt und steht hie und da in kleinen Gruppen beisammen. Die Zimmerleute tragen die alten Coulissen herbei oder sind auf dem Schnürboden beschäftigt. Der Theaterdiener geht herum und flüstert bald dem Einen, bald dem Andern eine Bemerkung zu. Die Leute, die bei dem Erscheinen des Regisseurs etwas anbringen wollen, halten sich an der ersten Coulisse auf, um ihn gleich überfallen zu können, und ihre Zahl ist nicht klein. Wie der Theaterdiener in seiner Art ein ganz eigentümlicher Mensch ist, gibt es deren beim Personal noch viele stehende Personen, die wie die Masken aus dem italienischen Theater mit wenigen Variationen fast immer denselben Charakter haben. Unter den Choristen ist einer, der die andern in jeder Beziehung überragt oder zu überragen glaubt. Das ist meistens eine große starke Figur, der im Rittercostüm wie ein rechter Schlagetodt aussieht, und der sich durch allerhand Kleinigkeiten bemerkbar zu machen weiß. Gewöhnlich stellt er sich vorn hin, macht auffallende Gesten und Bewegungen, und wo der Chor sich in pleno zu freuen hat oder betrübt sein muß, drückt er seinen Schmerz noch heftiger aus, oder lacht mit lauter Stimme einige Secunden früher als die Andern. Er ist es, dem sich bei vorkommenden Gelegenheiten der erste Tenor an die treue Freundesbrust wirft, und der mit starkem Arm den Ohnmächtigen aufrecht zu erhalten hat. Bei Balletten spielt er den Zauberkönig oder auch Ungeheuer und ist im Allgemeinen dadurch kenntlich, daß er an seinen Kleidern, die mit denen der übrigen Choristen gleich sein sollten, beständig eine kleine Auszeichnung hat. Bald ist es eine Tresse, bald eine Reihe Knöpfe mehr, bald eine farbige Feder, wo der ganze übrige Chor nur schwarze oder weiße hat. Da sich dieser Mann durch kleine Dienste bei den Regisseuren in Gunst zu setzen weiß, so hält es schwer, ihn von seinem Posten zu verdrängen, denn wenn er auch auf der Bühne nicht selbst mitzuwirken hat, weiß er sich doch immer hinter den Coulissen ein kleines Geschäftchen zu machen. Bald blitzt und donnert er, bald läßt er die Kanonen aus der Entfernung spielen, bald dirigirt er das kleine Gewehrfeuer und läutet mit den Glocken. Ihm gegenüber, doch weniger glücklich und anhaltend, regiert eine handfeste Dame die Choristinnen; doch ist dies weibliche Personal nicht gutmüthig genug, um einer Einzigen zu erlauben, daß sie sich immer vordränge, und dann fährt auch die rauhe Hand der Zeit weit unnachsichtiger über die Wange der Herrscherin. Bei stämmigen Bäuerinnen kann sie noch immer eine der Ersten vorstellen, doch bei jungen unschuldigen Gespielinnen irgend einer Prinzessin, wo sie vor fünf und zwanzig Jahren anmuthig glänzte, muß sie sich gefallen lassen, von dem jungen naseweisen Volk verdrängt zu werden. Dann fallen auch im menschlichen Leben allerhand Verhältnisse vor, die sie nöthigen, eine Zuflucht hinter der geschlossenen Phalanx ihrer Colleginnen zu suchen, wobei sie es dann nicht unterläßt, sich auf die Zehen zu stellen, um den Kopf so weit wie möglich vorstrecken zu können. Eine andere, nicht minder beachtenswerte und sehr wichtige Person in dem Haushalte des Theaters ist der Inspicient. Da der Posten eines Inspicienten einen Mann verlangt, der eine Unzahl von Stücken fast auswendig weiß, der das Theater durch und durch kennt, so sind es meistens gediente Veteranen, denen ein solcher Posten anvertraut wird. Dieser Mann, der den ganzen Tag in seiner Rumpelkammer zu thun hat, wobei er die alten rostigen Schilder hin und her wirft, zur Vorstellung herrichtet und wieder aufräumt, wo er die Deckelkannen und Becher, aus denen die tapfern Ritter getrunken, zusammenstellt, hat sich durch diese immerwährenden Arbeiten mit den leblosen klappernden Gegenständen ein finsteres, mürrisches Wesen angewöhnt, das er an allen seinen Collegen und selbst an den Vorgesetzten ausläßt. Dabei sind ihm seine alten Gerätschaften ein wahres Heiligthum, und ein Nagel, der ihm nach der Vorstellung an irgend einem Stücke fehlt, ist im Stande, ihn für mehrere Tage unglücklich zu machen. Der Inspicient ist gewöhnlich von Natur ein gutmüthiger Mensch, was sich auch auf seinem Gesichte ausdrücke, weshalb der Ingrimm und der Schmerz, der ihm durch die rohe Behandlung seiner Requisiten verursacht wird, auf seinem dicken lächelnden Gesicht nicht recht die Oberhand gewinnen kann. Sein Geschäft verbietet ihm, in der Kleidung sehr gewählt zu sein, und da ihm bei dem Herumstöbern in den Winkeln zuweilen die Perücke etwas verschoben wird, so sieht der Mann nicht selten sehr possirlich aus, wenn er so mit einigen mächtigen Ritterschwertern unter dem Arm an das Tageslicht heraufsteigt. Des Abends bei der Vorstellung läuft er hinter den Coulissen umher, um jedem der Schauspieler zu sagen, wann der Augenblick da ist, daß er auftreten muß. Dann liest er das Stichwort, es mag einen noch so rührenden Monolog beschließen, mit näselndem Tone ab, gibt dem Schauspieler einen kleinen Puff, nimmt hastig eine Prise und eilt auf eine andere Seite der Bühne, wo es vielleicht eben blitzen soll, oder wo er den Befehl zu geben hat, daß ein paar kleine Balletmädchen, die als Genien in ihren Hänggurten zappeln, über die Bühne fliegen sollen. Jetzt endlich schlägt es zehn Uhr; der Regisseur kommt in Begleitung des langen Schauspielers, von dem ich oben sprach, und der ihn regelmäßig zu den Proben abholt; denn der Regisseur, ein kleiner König in seinem Reiche, hat so gut Günstlinge wie jeder Andere. Hier auf der Probe hat sein Auftreten wirklich etwas Königliches, und er wird umringt von der Schaar der Supplicanten, die sich in der ersten Coulisse hinter leinwandenen Bäumen und hölzernen Steinen verbargen. Zuerst naht sich ihm der Maschinist, der zugleich Decorateur ist, und entschuldigt sich über einen verunglückten Mondschein, oder daß eines der Garderobemädchen gestern bei der letzten Scene, wo der Hintergrund das offene Meer darstellte, ins Wasser gegangen sei, er habe sie zurückhalten wollen, doch sei es zu spät gewesen. Der Anführer der Statisten, der, weil er in vorkommenden Fällen die Gefechte zu führen hat, Schlachtenlenker genannt wird, bringt die Liste, auf der die Soldaten verzeichnet sind, die im Hintergrunde warten, bis der Augenblick kommt, wo sie als Leibwache des Herzogs von Alba über die Bretter marschiren sollen. Der Balletmeister, dem der Regisseur heute Morgen einige Zeilen schrieb, er möge doch bei den Volksfesten in Brüssel durch einige Tänzer im Hintergrunde einen kleinen Tanz aufführen lassen, steht auf der Bühne und macht nur einige Schritte gegen den Regisseur, damit dieser die gleiche Anzahl gegen ihn machen soll. Er thut dies nur, um seiner Würde nichts zu vergeben, obendrein, da er alle Ursache hat, sich über das Begehren des Regisseur beleidigt zu finden, denn er sagt diesem, daß er es sehr geschmacklos fände, wenn man verlange, daß das Ballet im Hintergrunde tanzen solle. Der Regisseur weiß ihn nur durch das Versprechen zu beruhigen, daß dort ein kleiner hölzerner Hügel gebaut werden soll, auf welchem man vom Parterre aus die Tänze deutlich sehen könne. So hat der beschäftigte Mann nach allen Seiten zu fragen, zu beantworten, Bitten zu gewähren oder abzuschlagen. »Lieber Bruder,« sagte der Herzog Alba zu ihm, »Du könntest mir zu der Rolle auch eine neue Perücke machen lassen; ich versichere Dich, die alte paßt gar nicht mehr dazu.« Vansen, der Schreiber, kommt und beklagt sich, daß er in der Garderobe keinen Rock finden könne, der zerrissen genug wäre. Kaum sind die Beiden abgefertigt, und der Regisseur ist glücklich an seinen Tisch gelangt, worauf die Klingel und sein Hut steht, so fühlt er sich leise am Rock gezupft. Es ist eine Choristin von kleiner Statur, die sich gern auszeichnen möchte, und da sie wegen ihrer unansehnlichen Gestalt von den Andern immer zurückgedrängt wird, hat sie sich auf die Gassenjungen und dergleichen verlegt und bittet den Regisseur, sie bei den Volksfesten in Brüssel einen solchen spielen zu lassen. Nach einer Zeichnung und Beschreibung, die er heute Morgen dem Decorateur zuschickte, hat dieser das Theater zu der ersten Scene, wo Jetter im Begriff ist, nach der Scheibe zu schießen, hergerichtet. Der Regisseur, der die Niederlande bereiste, hat dort einigen kleinen Festen der Art beigewohnt und die Häuser auf dem Theater geschmückt, wie sie daselbst verziert waren. Von den Giebeln hängen bunte Fahnen mit Namen verschiedener Ortschaften und Dörfer, die Theilnehmer zu dem Scheibenschießen sandten. Auf dem Boden sitzen Gruppen von Kindern, und der Regisseur zeigt ihnen, wie sie spielen und sich herumbalgen müssen; auch dürfen sie zuweilen schreien und laut jubeln. So beginnt die Probe, doch gibt es noch Unsägliches zu thun. Bald stehen die Landleute im Hintergrunde zu dick auf einander, bald sind die Reihen zu dünn und füllen das Theater nicht aus. Die Statisten, welche die gemüthlichen holländischen Soldaten darstellen sollen, marschiren ängstlich hin und her mit angezogenen Knieen und steifen Fußspitzen, als wenn sie auf dem Exercirplatze wären. Die Damen des Ballets, die leichtfüßige Bauernmädchen machen sollen, schweben wie Nymphen einher, machen statt natürlicher Bewegungen die ausgesuchtesten Attitüden, kurz, es ist noch nicht die Idee von einem wirklichen Leben in dem Gewühl. Der Regisseur läuft herum, stellt hier eine Gruppe zusammen, jagt dort die Kinder auseinander und fordert sie auf, laut zu schreien; endlich geht die Sache etwas besser; doch kaum wird es von Neuem probirt, so haben die Meisten das eben Gemachte wieder vergessen und es muß ihnen abermals gezeigt werden; besonders die Kinder sind schüchtern und fürchten sich, bis vorn auf die Bühne zu laufen, weshalb der Regisseur einen Korb mit Aepfeln kommen läßt, und der Inspicient muß einen nach dem andern über die Bühne rollen lassen. Jetzt wird's besser, die Kinder laufen den Aepfeln nach, werfen einander um, überpurzeln sich und die Sache wird natürlicher. So geht die Probe fort. Die Scenen zwischen Egmont, Brackeburg und Klärchen erfordern weniger Mühe; doch hat der Regisseur auch hier immer noch genug zu thun, um dem Ganzen die gehörige Rundung zu geben. Da müssen die Farben der Decoration, der Möbel mit den Costümen übereinstimmen, und wenn er endlich nach seiner besten Einsicht alle diese Sachen ordentlich zusammengestellt hat, so kommt ihm oft noch die Meinung eines einzelnen Künstlers dazwischen, und er muß, um die Collegen bei guter Laune zu erhalten, die ganze Anordnung wieder umwerfen. So glaubt Alba, daß ein rother Sammetmantel zu seinem Costüme besser stehen würde, was aber nun zu den Möbeln von derselben Farbe und demselben Stoffe nicht gut passen würde. Der lange Schauspieler, der den Oranien spielt, überzeugt den guten Regisseur in einer schwachen Stunde, daß er zu seinem schwarzen Kleide auf jeden Fall blaue Möbeln haben müsse, und so geht das fort, untermischt mit andern kleinen Störungen, die jeden Augenblick eintreten. Klärchen ist heiser und kann ihre Reden kaum sprechen, auch zerstreut und sieht oft hinter den Coulissen umher, als suche sie dort etwas. Die Mutter dagegen, die sich noch der seligen Zeit erinnerte, wo sie Klärchen spielte, verspricht sich jeden Augenblick und sagt oft in der Zerstreuung lange Sätze von den Reden ihrer Tochter. Hinter den Coulissen wogt und murmelt es durch einander, und der Regisseur muß oftmals seine Klingel gebrauchen und Ruhe gebieten, damit er die auf der Bühne Befindlichen hören kann. In Gruppen stehen die Schauspieler, die Choristen und Statisten vor und in den Garderoben zusammen, betrachten die Kleider, die dort aufgehängt sind, haben daran etwas auszusetzen, oder einer ärgert sich über den andern, wenn Jener ein besseres Kleid hat als Dieser. Vansen hat sich so in seine Rolle hineinstudirt, daß er den aufrührerischen Schreiber auch hinter den Coulissen fortspielt. Er beweist eben dem Brackeburg, der gerade seinen Contract in der Tasche hat, daß er danach den Egmont rechtmäßig für sich in Anspruch nehmen könne; zufällig kommt der zweite Tenor hinzu und ist voll Gift und Galle über den Regisseur, der von ihm verlangt, er solle die gemeinschaftlichen Reden der Bürger mitsprechen. Auf der andern Seite stehen die Choristinnen beisammen und Alle haben sich über den Regisseur zu beklagen. Diese wollte heute Morgen von der Probe dispensirt sein, und trotz dem, daß sie eine große Wäsche hat oder ausziehen will, muß sie doch bleiben; eine Andere, die unverheiratet ist, wurde von ihm auf das Gröbste beleidigt, indem er sie gestern ermahnte, zur heutigen Probe ihre Kinder mitzubringen; einer Dritten endlich, die beim wehmütigsten Chore oder bei Ausbrüchen der Verzweiflung oder des Schmerzes ruhig ihren Strickstrumpf bearbeitet, wurde diese Thätigkeit auf der Probe untersagt und sie dadurch auf das Empfindlichste gekränkt. So dauern die Proben fort, Morgens und Nachmittags, und allmählich taucht aus dem Chaos ein fester Kern hervor, und bei der Generalprobe sieht sich im günstigen Falle der Regisseur für seine viele Arbeit und Mühe belohnt, denn die Vorstellung verspricht eine glänzende zu werden. Auf dem Zettel von heute steht schon für morgen der Egmont angekündigt, aber noch ist manche Tücke des Schicksals zu fürchten, die vielleicht die ganze Vorstellung für längere Zeit hinausschieben kann, die wirkliche oder fingirte Krankheit eines Mitgliedes, und der Regisseur sieht an diesem Tage dem Theaterdiener immer mit Schrecken entgegen, weil er die unheilschwangern Worte zu hören glaubt: Herr oder Madame So oder So sind krank geworden. Doch kommt diesmal der Tag der Aufführung ohne Störung heran. Der Zettel wird gedruckt, öffentlich angeklebt, und jetzt ist so leicht an eine Veränderung nicht mehr zu denken. Während nun schon von drei Uhr Nachmittags an der Regisseur in den Garderoben und auf der Bühne herumkriecht, hier andere Costüme aussucht, dort noch Anordnung für die Möbeln trifft, während der Mann dabei ermüdet und abgespannt von der tagelangen Arbeit obendrein seine Rolle hervorholen und noch einmal ablesen muß, schlendert man auf der Gasse gemächlich ins Kaffeehaus und liest an der Ecke den angeklebten Zettel. »Egmont,« sagt Einer, »wäre mir schon recht.« – »Mir auch,« sagt ein Anderer, »und Der und Der, und Die und Die spielt mit; die Besetzung ist ziemlich.« – »Ja,« fügt ein Dritter gähnend hinzu, »wenn ich mich nur nicht bei Durchlesung des Theaterzettels immer ärgern müßte, da lesen die Schauspieler ihre Rollen ein halbmal durch, halten zu ihrem Vergnügen eine Stunde Probe, und dann macht sich so ein Regisseur wichtig und läßt auf den Zettel drucken: »Neu in Scene gesetzt!« Der Leibschneider der Zwerge. Märchen. Vor langer, langer Zeit lebte zu Aachen, in der alten Kaiserstadt, ein Schneidermeister, wie es deren heute noch viele gibt. Doch hatte Meister Caspar damals das besondere Vorrecht, die kaiserlichen Stalldecken und sonstige Kleidungsstücke für Pferde und Dienerschaft mit seiner kunstreichen Nadel verfertigen zu dürfen. Er bildete sich auf dieß Amt nicht wenig ein, und wenn man ihn auf seinem Tische sitzen sah, mit der spitzen weißen Mütze aus dem Kopf, die Elle wie ein Scepter in der Hand schwingend, so hätte man wohl glauben können, Meister Caspar sei der Kaiser selbst gewesen. Obgleich er aber nur ein kleines dürres Kerlchen war, so besaß er doch bei seinen Gesellen und Lehrjungen einen fast unglaublichen Respect, was um so unbegreiflicher war, da er mit seinen Leuten nie lärmte und schimpfte, sondern bei vorkommenden Gelegenheiten seine feine krähende Stimme erhob, um seinen Schneiderburschen mit aller Artigkeit zu sagen, daß sie Lumpen und bis unter die Haut schlechte Kerle seien. Es war merkwürdig, was die wildesten und verwegensten Schneidergesellen zahm und gelenkig wurden, wenn sie erst eine kurze Zeit in Meister Caspars Werkstatt gearbeitet hatten. Die Faulen wurden fleißig und die, welche lieber Geschichtchen erzählten oder Lieder sangen, als wie Stiche machten, schienen bald in dem Punkt ihr ganzes Gedächtniß verloren zu haben und waren stumm wie die Fische. An dieser guten Zucht mochte nun der strenge Meister selbst viel Schuld seyn. Doch wollten andere Leute behaupten, daß die Gesellen, wenn ihnen der kleine dürre Mann mit der haarfeinen Stimme eine Standrede hielt, eher darüber zum Lachen geneigt seien, als zu Befolgung seiner Vorschriften, und daß im Haus ein anderer Zauber walte, der im Stande sei, die kecken trotzigen Gemüther der Schneider zu bändigen. Der Zauber war aber Niemand anders, wie das sechszehnjährige Töchterlein des Meister Caspar, die ihm, da die Frau Schneidermeisterin gestorben war, die Wirthschaft führte. Sie kochte für die Gesellen das Essen, legte Allen bei Tische vor, und wenn hier unter ihnen mancher war, der von Hause her die schöne Gewohnheit hatte, auf gut türkisch zu essen, das heißt: mit der Faust in die Schüssel zu fahren, so ließ er es wohl bleiben, wenn ihm Rosa, so hieß Meister Caspars Töchterlein, einmal ein schiefes Gesicht darüber gezogen. Wenn nun auf diese Art Meister Caspars Zucht in seiner Werkstatt und Rosa's Freundlichkeit in ihrem Hauswesen sich allmählich über die fremden Gesellen und Lehrburschen verbreitet hatte, so war dieß doch bei einem Einzigen nicht der Fall, der noch obendrein aus des Meisters Caspars Sippschaft und seiner Schwester Sohn war. Philipp, so hieß dieser Neffe, war eigentlich von Natur ein gutmüthiger Mensch, und, wenn er wollte, ein geschickter und fleißiger Arbeiter. Doch hatte er die fatale Gewohnheit, bei keiner Arbeit eifrig aushalten zu können. Nahm er ein neues Kleid oder so etwas vor, so nähte er zum Beispiel die erste halbe Stunde unverdrossen darauf los und machte dabei unvergleichlich schöne regelmäßige Stiche, daß dem Meister Caspar vor Freuden das Herz im Leibe lachte. Doch länger, als höchstens eine halbe Stunde, hielt der gute Philipp das ruhige Arbeiten, besonders aber das Stillschweigen dabei nicht aus. Dann stieß er gewöhnlich seinen Nebenmann an und plauderte mit ihm über Sachen, die gar nicht dahin gehörten; oder er sang, lachte, trieb Späße, kurz, brachte in wenig Zeit die ganze Werkstatt in Unordnung und Aufruhr. Diese Unart hatte ihm der Meister schon oftmals in Güte und Strenge verwiesen, hatte ihm sowohl in Beisein der Gesellen als wie geheim auf seiner Kammer tüchtig den Text gelesen; aber das half Alles nichts: Philipp trieb seine Späße fort und da er nebenbei die Andern auf alle mögliche Art neckte, so gab er auf diese mehr, als auf sein Geschäft Acht, und verdarb gewöhnlich bei solchen Anläßen eine Arbeit, die er aufs Kunstreichste angefangen. Seine Stiche wurden dann lang und immer länger, und anstatt einen Mantelkragen in kunstreiche Falten zu schlagen, nähte er ohne Bedacht darauf los, als wollte er dem Koch oder irgend einem andern Bedienten eine Schürze machen. So hatte Philipp dem Meister schon manches Stück Arbeit verdorben, und war von diesem oftmals bedroht worden, daß er ihn bei der nächsten Veranlassung in die Fremde schicken wollte, doch immer hatte eine angelobte Besserung oder die Bitten Rosa's, die den unartigen Vetter wohl leiden mochte, den Zorn des Vaters gedämpft. Auch hätte es diesem selbst leid gethan, so alle schönen Lustschlösser verschwinden zu sehen, die er auf seinen Schwestersohn gebaut hatte. Der Meister hatte sich einiges Vermögen erworben und eine glänzende Kundschaft, in welche er Philipp, als in ein warmes Nest hineingesetzt hätte. Bei diesem Vorhaben sah er auch in der Zukunft seine Tochter Rosa versorgt, die er ihm dann gern zur Frau würde gegeben haben. Doch vor der Unbedachtsamkeit und Plauderhaftigkeit des Vetters zerflossen alle die Projecte in Wasser. Je mehr Nachsicht der Meister übte, je wilder und unartiger wurde Philipp, und verschlimmerte sich trotz Rosa's Bitten jeden Tag mehr und mehr. Er lieferte kein Stück Arbeit mehr ab, in welchem sich nicht ein grober Fehler befand, und neben der Nachlässigkeit, welche diesen Fehler begehen ließ, machte er aus Muthwillen andere, die noch viel schlimmer waren. So kam es ihm gar nicht darauf an, auf das schwarze ehrbare Kleid eines Rathsherrn einige bunte Lappen zu setzen, die anfänglich vom Mantelkragen verdeckt wurden und bald darauf, wenn sich auf der Straße ein kleiner Wind erhob, die ehrbare Magistratsperson dem Gespött der Gassenbuben aussetzte. Das Sprichwort: Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht, zeigte sich auch an Philipp in voller Kraft; denn am Ende einer bedeutungsvollen Woche, in der sich der Vetter besonders schlecht aufgeführt, nahm Meister Caspar ein großes Stück Kreide, und machte durch den Namen seines Neffen an der Wand einen vielsagenden Strich. Er kündigte ihm darauf an, daß er morgen früh sein Haus zu verlassen habe, und da Meister Caspar fürchtete, daß er gegen Philipps Bitten und Rosa's Thränen doch wieder nachgeben würde, so that er einen kräftigen Schwur darauf, ihn nicht eher wieder in sein Haus und seine Werkstätte aufzunehmen, bis er sich gebessert und ihm zum Zeichen dafür wenigstens sechs wohl erworbene Goldgulden auf den Tisch legen könne, eine für die damalige Zeit sehr große Summe. Die Gesellen und Lehrburschen, die umher standen, erblaßten bei diesem feierlichen Act und nur Philipp, als er hierdurch sah, daß er unvermeidlich fort müsse, war der Gefaßteste, packte sein Felleisen zusammen, band Scheere und Bügeleisen oben hinauf und trat noch an demselben Nachmittage vor den Meister Caspar und Rosa hin, um sich bei ihnen zu verabschieden. Ach, hätte er lieber sein Mühmchen nicht wieder gesehen und wäre stillschweigend fortgegangen! Doch als er jetzt Abschied nehmend vor ihr stand, sah er wohl, wie schön ihr blaues Auge war, wie schlank und lieblich ihre ganze Gestalt, und fühlte wohl in seinem Herzen, warum das ihrige so schlug, als sie ihm zum letzten Male die Hand reichte. Sie hielt in ihrer Hand ein kleines Beutelchen mit Scheidemünze, das sie dem Vetter einhändigen wollte. Sie hatte es ihm schon in die Hand gedrückt, als zwei Thränen ihren Augen entrollten und dem armen Burschen auf das Herz fielen, so daß er auf einmal seinen Leichtsinn und die Größe seiner Schuld einsah, und eilig aus dem Hause lief, um seine Thränen zu verbergen. In der damaligen Zeit war es für einen Handwerksburschen weit schwerer, ein Unterkommen und Arbeit zu finden, als jetzt. Das wußte auch Philipp wohl, und da er nebenbei jetzt die Größe seiner Fehler recht einsah, so hatte er gar nicht den Muth, sich auf die Straße nach irgend einer großen Stadt zu machen, sondern stieg träumend und nachdenkend hinter seiner Vaterstadt Aachen in die Höhen hinan. Hier verirrte er sich bald zwischen den Felsen und Kastanienwäldern des Berges, den man heutzutage den Louis- und Losberg heißt. Dies machte ihn recht traurig, denn es fielen ihm bei jedem Stein, bei jedem Hügel so manche Stunden seiner Kindheit ein, wo er mit andern Knaben hier gespielt. Da liegen große Sandsteinfelsen umher, in denen sich die schönsten versteinerten Muscheln und kleine Seethiere befinden, welche die Kinder aus den Steinen heraushauen und als artiges Spielzeug gebrauchen. Wie manche Tasche voll versteinerter Schneckenhäuser, Wendeltreppen und andere Muscheln hatte er hier zusammengetragen und mit nach Hause genommen. Hinter diesen Plätzen, wo man die schönsten Versteinerungen mit leichter Mühe findet, fingen dichte weitläuftige Tannenwälder an, bis zu deren Grenze die Kinder und Erwachsenen gingen, aber weiter nicht. Denn hinter diesen alten schwarzen Bäumen sollte es nicht recht geheuer sein, wie die Leute sagten. Da fand man freilich zwischen den Bergen die schönsten Versteinerungen, aber man wollte behaupten, daß Alles, was von dort herkäme, etwas Unheimliches an sich hätte. Oftmals brachten Holzhauer die schönsten Muscheln von dort mit, um sie zu Haus auf Gesims und Wandschränke zu legen; doch trugen sie sie bald wieder fort, denn mitten in der Nacht fing es zuweilen aus den Steinen an zu singen und leise zu wispern; es klagte und seufzte wie mit den Stimmen kleiner Kinder, denen man wehe gethan. Das thaten die Hurlemänner, die in den Steinen und Muscheln wohnten, wie alte Leute versicherten, und die man sich nicht zum Feinde machen durfte, weshalb man auch jenen Theil des Losberges in Frieden ließ und von dort keine Versteinerungen mitnahm. Philipp, nachdem er auf allen Plätzen umhergewandelt, wo er sich früher mit Knaben seines Alters belustigt, stieg träumend und nachdenkend fort und dachte traurig an Aachen, an den Meister Caspar, aber noch mehr an Rosa. So hatte er bald die Grenze jener Tannenwälder erreicht, von wo es zwischen den Bergen bald auf-, bald abgeht. Er achtete nicht auf Weg noch Steg, und sah sich bald dergestalt zwischen den hohen und dichten Bäumen, daß er nicht mehr wußte, wo er hergekommen war und wo er wieder hinaus sollte. Auch sank die Sonne allmählich und jetzt fiel es dem armen Burschen plötzlich ein, in welchem Revier er sich befinde. Er lief bald rechts, bald links, um einen Ausweg zu suchen, fand aber keinen, und wenn er zuweilen seine Stimme erhob und laut nach Jemand rief, der ihm den richtigen Weg zeigen könnte, so war es nur das Echo, das ihm antwortete, und das, so kam es ihm zu seinem Entsetzen vor, hier wie ein feines Hohngelächter klang. Indessen kam die Nacht heran, und da Philipp nun wohl einsah, daß er jetzt keinen Ausweg aus dem Tannenwald mehr fände, so ergab er sich in sein Schicksal, und suchte nach einem Platz, wo er vor dem kalten Winde geschützt wäre und vielleicht etwas schlafen könnte. Bald hatte er auch einen solchen Platz gefunden und setzte sich in's Moos an den Stamm einer Tanne, betete ein paar Vaterunser und schlief darauf ein. Plötzlich war es ihm im Schlaf, als rufe ihn Jemand beim Namen, und da ihn sonst Rosa des Morgens weckte, indem sie ihn vor der Kammerthür bei seinem Namen rief, so glaubte er auch jetzt, es sei Zeit in die Werkstätte zu gehen und antwortete schlaftrunken wie sonst: »Gleich, gleich, Rosa!« Doch ein langes feines Lachen, das ihm darauf entgegen scholl, weckte ihn aus seinen Träumen. Er öffnete die Augen und glaubte seinen Blicken nicht trauen zu können, als er sich mitten im Walde sah und bei einer schwachen Beleuchtung, die weder vom Mond noch von der Sonne herkommen konnte, vor sich ein Männlein erblickte, das kaum einen Fuß hoch war. Es sah recht gutmüthig aus, hatte ein langes schneeweißes Bärtlein und stützte sich auf einen Stock. Philipp glaubte zu träumen und rieb sich wiederholt die Augen, hustete, nannte sich selbst beim Namen; doch das kleine Männlein wollte nicht verschwinden, hob vielmehr seine Hand empor und winkte ihm, er solle folgen. Anfänglich hatte Philipp große Lust davon zu laufen. Doch da das kleine Männlein gar nicht bösartig aussah und ihm auch gegen seine eigene Größe zu klein und unbedeutend erschien, so nahm er seinen Ranzen auf die Schulter und folgte dem Hurlemännchen, denn anders konnte es doch nichts sein. Sie gingen bei der matten Beleuchtung, die Philipp bei seinem Erwachen schon bemerkt, tiefer in den Wald hinein, und letzterer sah bald, daß der Schein von einem Feuer herkam, das sich zwischen einigen großen Sandsteinen befand. Um das Feuer herum saßen aber auf der Erde noch fünf andere Hurlemännchen, die alle recht traurig aussahen und zu welchen sich der Führer Philipps hinsetzte, ihm bedeutend, es ebenso zu machen. Da die Nacht ziemlich kühl war, so that ihm die Wärme wohl; er streckte sich neben das Feuer hin und rieb sich die erstarrten Hände. Doch bald begann es ihm bei der stummen Gesellschaft etwas langweilig zu werden. Er hatte schon einige Male versucht, einen von seinen kleinen Nachbarn zum Sprechen zu bewegen, wenn er sich aber mit einer Frage an einen wandte, oder gar durch einen freundschaftlichen Rippenstoß zur Antwort bringen wollte, so knirschten die Hurlemänner mit den Zähnen und sahen ihn recht wüthend an, ja als Philipp es doch nicht aufgab, zu schwatzen und zu fragen, so schlug der Zwerg, der ihn hieher gebracht, mit seinem Stöckchen in's Feuer, so daß ihm die glühenden Kohlen in Gesicht und Haar flogen und ihn nicht schlecht verbrannten. Philipp war im ersten Augenblick bereit, dem Hurlemann mit seinem Knotenstock eins ins Genick zu geben. Doch fielen ihm glücklicherweise einige Erzählungen seiner Amme bei, wo in ähnlichen Fällen die erbosten Zwerge einem armen Menschenkinde elend das Gesicht nach hinten gedreht hätten. Und so gab er sich in Ruhe, und da der Schlaf gänzlich von ihm gewichen war, so nahm er sein Felleisen vor sich und fing es an auszupacken. Bei diesem Anblick sah er, wie sämmtliche Hurlemänner lange Gesichter machten und neugierig in den geöffneten Ranzen hineinsahen. Philipp seinerseits stellte sich auch jetzt ganz theilnahmslos, und breitete ein Tuch vor sich hin, worauf er Nadel und Scheere, Faden und Zwirn legte, Alles in schönster Ordnung und daneben das blanke Bügeleisen. Die Hurlemänner rückten auf dem Boden hin und her und machten lange Hälse, um genau zu sehen, was der Bursche jetzt anfangen würde. Philipp, der bei sich dachte: Aha, jetzt fangt ihr an aufzupassen, that, als wenn er die Neugierde der kleinen Männchen gar nicht bemerkte, sondern nahm ein altes Wams vor und fing an, ein großes Loch in demselben mit seiner Nadel recht kunstreich zuzuflicken. Bei dieser Arbeit wurden die Blicke der Zwerge lebhafter und Alle regten sich auf den Fußspitzen zu dem Schneider hinüber, um genau zuzusehen. Dabei entfuhr allen Sechsen ein tiefer Seufzer, so daß Philipp von seiner Nadel emporsah und bemerkte, wie die Männchen noch viel trauriger aussahen, als früher. Das jammerte ihn und da er zugleich glaubte, jetzt eine Antwort zu erhalten, so fing er wieder auf's Neue an, sie auszufragen. Doch kaum hatte er das erste Wort gesprochen, so setzten sich Alle mit erbosten Mienen hin, und Philipp erhielt von hinten eine so gewaltige Ohrfeige, daß er mit dem Kopf in das Moos stürzte. Zuerst glaubte er, es sei der Meister Caspar, der ihn aufgesucht und aus einem schweren Schlaf erwecken wollte. Doch als er sich umsah, war es nur ein Baumast, der auf eine so merkwürdige und nachdrückliche Art auf sein Ohr gefallen war. Ergrimmt setzte er sich wieder hin und begann seine Arbeit von Neuem; bei jedem Stich, den er machte, kamen die Hurlemänner wieder näher und seufzten gar kläglich. Da dachte Philipp in seiner gutmüthigen Art: was mag den kleinen Kerls nur fehlen? und als sein Führer von vorhin ziemlich nahe trat, ihn mit einem sonderbaren Blick ansah und dabei mit der Hand über seinen Rücken fuhr, da dachte Philipp: aha, soll ich vielleicht den Zwergen ihre Camisöler und Hosen flicken; und es war, als wenn der Zwerg seine Gedanken verstanden hätte, denn über sein kummervolles Gesicht flog ein freundliches Lächeln. Hierdurch aufgemuntert, griff der Schneider nach ihm, faßte ihn in's Genick und legte ihn auf das eine Knie, um seine Kleider zu untersuchen. Da fand sich denn freilich in dem Rücken des Camisols ein großer Riß, und als der Schneider das Zeug auseinander that, sah er, daß der Schnitt nicht nur durch Unterfutter und Hemd lief, sondern sogar bis auf das Körperchen des Hurlemanns. Dieser Körper war aber von ganz besonderer Art. Er bestand nicht aus Fleisch, sondern war mit einer Zwiebel zu vergleichen, nur daß die Schaalen, die über einander lagen, aus einem feinen Stoffe, wie lauter Rosenblätter bestanden. Doch bald darauf fiel ihm ein, wie ihm seine Großmutter einmal erzählt, daß die Hurlemänner, so wie alle Zwerge und Alraunen von den Wurzelmännern herkämen, welche Nachkommen von den Zwiebelleuten seien. Wie schon früher gesagt, war unser Schneider, wenn er einmal zum Arbeiten aufgelegt war, ein fleißiger und pünktlicher Mensch, weswegen er gleich hier bedachte, daß er doch wenigstens den Versuch machen müsse, auch den kleinen Körper des Zwerges zu flicken, ehe er ihm Unterfutter und Camisol darüber zusammen nähe. Auch war er muthwillig genug, in Erinnerung an das Feuer und die Ohrfeige von vorhin, dem Zwerge hie und da einen Stich tiefer zu thun, als nothwendig war, und begann mit der feinsten Nadel, die er hatte, die Arbeit. Neugierig rückten die andern Zwerge näher, und ihr Gesicht begann sich etwas aufzuklären, als sie sahen, wie der Schneider mit großer Gründlichkeit die untersten Blätter des Schnittes zuerst zunähte. Jetzt dachte Philipp, wäre es nicht mehr wie recht und billig, daß ihm die kleinen Krabbelinsky auch einmal auf seine Fragen Antwort gäben. Und als er sich gerade eine neue Nadel einfädelte, that er den Mund weit auf, und bat die Zwerge ihm doch zu sagen, wer sie eigentlich wären. Doch, o weh! Kaum hatte er das Wort gesprochen, so wurde die Nadel zwischen seinen Fingern glühend und fuhr ihm einen Zoll tief in die Hand, so daß er vor Schmerz laut aufschrie. Auch bekam er jetzt von der andern Seite eine Ohrfeige, die aber nicht minder kräftig war, als die erste. Was war zu thun? Philipp griff hinter sich nach seinem Knotenstock, doch glaubte er zu bemerken, wie bei dieser Bewegung die Hurlemänner plötzlich anfingen, in die Breite und Länge zu wachsen. Deswegen ließ er die Hand mit einem Seufzer sinken, und begann seine Arbeit von Neuem. Doch da waren alle Stiche, die er schon gethan, wieder aufgerissen und es dauerte eine gute halbe Stunde, ehe er wieder so weit war, wie vorhin. Innerlich seufzte er tief über die schlechte Gesellschaft, in die er gerathen und dachte betrübt an seine Werkstatt in Aachen, an Meister Caspar und Rosa. Es war ja wahrhaftig hier noch schlimmer wie dort. Da hätte er einen ganzen Tag schwatzen können und doch hätte er keine Ohrfeige bekommen oder wäre ihm die Nadel glühend geworden. Ach, dachte er, das Schwatzen bei einer Arbeit muß doch eine böse Angewohnheit sein und wenn das schon eine Stunde von Aachen so schwer bestraft wird, und das so fortgeht, so werden sie mir in der nächsten Stadt für das unschuldigste Wort am Ende den Kopf abschlagen; zum erstenmal in seinem Leben dachte er darauf an eine ernstliche Besserung. Die Arbeit ging ihm indessen rasch von Statten, nur kam es ihm aber sonderbar vor, daß er, so oft er einen größeren Stich machte, als nöthig, in der Hand einen schmerzlichen Stich empfand, wie von einer Nadel. Während der Zeit trugen die andern Männchen besonders trockenes Reißig zusammen und unterhielten das Feuer auf's Beste. Jetzt war auch Philipp fertig geworden und da er doch das Bügeleisen nicht gebrauchen durfte, um das Camisol auszubügeln, so nahm er seine große Scheere, und klopfte die Nähte auf dem Rücken des Zwerges breit, wobei er übrigens heftiger zuschlug, als gerade nöthig war. Darauf nahm er den Zwerg auf die Hand, besah ihn nochmals genau, und bemerkte mit Freuden, daß alle Traurigkeit von dessen Gesichte verschwunden war, worauf er ihm mit der flachen Hand einen Klaps auf einen gewissen Theil des Körpers gab, daß er über das Feuer hinüber in das weiche Moos fiel. Doch schien diese Behandlung den Zwerg gar nicht böse zu machen, vielmehr raffte er sich auf und tanzte wie unsinnig vor Freuden eine Zeit lang herum. Dann aber trat er vor den Schneider hin, zog aus der Tasche ein großes Goldstück heraus und legte es ihm auf die Hand. Ueberrascht sah Philipp das Gepräge und bemerkte, daß es ein wohlaussehender Goldgulden war, der dem Gewicht und Klange nach wohl ächt sein könnte. Während diesen Geschichten war die Nacht vorgerückt, und schon fühlte man den kühlen Wind, der dem Morgen voraus eilt, als Philipp begann, sein Handwerkszeug zusammen zu packen und nach seinem Knotenstock langte, um sich den Zwergen zu empfehlen. Er reichte Allen nach einander die Hand und es that ihm wirklich leid, daß die fünf noch viel trauriger aussahen, und nur der, den er geflickt, ein munteres und fröhliches Gesicht machte. Dieser zog einen kleinen goldenen Becher aus der Tasche, setzte ihn an den Mund und reichte ihn darauf dem Schneider, der kein Arg hatte, das süße Getränk, was darin war, bis auf den letzten Tropfen auszusaugen. Doch wie ward ihm plötzlich! Zuerst schien es ihm, als falle er von einem Berg herunter, dann aber fühlte er mit Schrecken und Entsetzen, daß sein Körper allmählich einschrumpfte und er in wenig Augenblicken eben so klein war, wie die Zwerge. Das war ein schrecklicher Moment für den armen Philipp und er war so betrübt, daß er anfänglich keine Gedanken hatte; dann entstürzten ihm heftige Thränen und er dachte an Rosa, zu der er als so ein kleiner Knirps doch nimmermehr zurückkehren durfte. Als er wieder bei voller Besinnung war, gebrauchte er seinen Mund, der so lange geschwiegen, auf das Heftigste und warf den Zwergen unter bitterlichen Thränen ihren Undank vor. Doch alle zuckten die Achseln und zeigten in die Höhe, als wollten sie ihm andeuten, daß er doch wieder so groß werden würde und er möge nur Geduld haben. Was war zu thun? Der arme Schneider mußte sich in Geduld fügen und den Zwergen folgen, die vorangingen und ihm winkten nachzukommen. Wie ungeheuer erschienen ihm jetzt die Tannenbäume, zu deren Spitzen er kaum hinaufsehen konnte. Das niedere Wachholder- und Distelgebüsch, das er gestern noch mit dem Fuß zertreten, ragte ihm jetzt hoch über den Kopf, und Käfer und Spinnen, die der ankommende Morgen erweckt, und die lustig ihren Geschäften nachliefen, erschienen ihm jetzt groß und fürchterlich. Nach kurzer Zeit gelangte er mit den Hurlemännern an einen hohen Fels, so hoch wie er früher nie einen gesehen und hier standen sie still, vor einer versteinerten Wendeltreppe, wie er sie sonst mit andern Muscheln aus den Felsen heraus gehauen hatte und die ihm jetzt ungeheuer groß vorkam. Einer der Zwerge nahm ein goldenes Horn hervor und stieß hinein, worauf sich die Wendeltreppe langsam herumdrehte und eine Oeffnung zeigte, zu welcher die Gesellschaft hinein und langsam aufwärts stieg. Die nie gesehene ungeheure Pracht, die sich jetzt vor den Blicken Philipps entwickelte, ließ ihn für Augenblicke sein Leid vergessen. Von der Treppe kamen sie in eine große Vorhalle, aus den schönsten glänzendsten Steinen zusammen gesetzt und von Säulen getragen, die aus rosenrothem und weißem Krystall bestanden. Von hier kamen sie in große Säle, von denen einer prächtiger geschmückt war, als der andere. Doch war in all' den Zimmern und Gängen keine Menschenseele zu sehen. Daß aber hier noch vor wenigen Stunden Leute gewesen waren, sah man an den goldenen und silbernen Geschirren, die hie und da unordentlich auf den Tischen umherstanden, so wie an den Kronleuchtern, die mit halb herabgebrannten Lichtern besteckt waren. Es war gerade, als seien in diesen Gemächern große Feste und Gastmähler gefeiert worden, und auch Musik hatte nicht gefehlt, denn in einem der größten Säle standen auf dem Orchester noch die verschiedenartigsten Instrumente. Die Zwerge gingen durch diese geschmückten Hallen stumm und traurig, und Philipp folgte ihnen mit größter Verwunderung. Jetzt hatten sie die Säle hinter sich und befanden sich vor einer Menge vielfach verschlungener Gänge, wo sich die sechs Hurlemänner die Hand reichten und jeder in einen besondern Gang hineintrat. Der Eine winkte Philipp, ihm zu folgen, und Beide traten in einen gewölbten Corridor, von dessen Ende ihnen eine sanfte leise Musik entgegentönte. Es war wie einzelne Klänge, die der Wind den Saiten entlockte: es war wie die Klage von Aeolsharfen. In diesem Corridor befand sich Thür an Thür und fast am Ende desselben öffnete der Zwerg ein Pförtchen, hieß den Schneider hineintreten und schloß hinter ihm zu. Philipp, dem von all' dem Wunderbaren, das ihm heute vorgekommen, der Kopf wie verwirrt war, wagte anfänglich nicht, sich umzusehen, aus Furcht, etwas Neuem, Unheimlichem zu begegnen; doch dem war nicht so. Als er endlich sein kleines Zimmer untersuchte, fand er, daß es freilich nur in Stein gehauen, aber weit zierlicher und geschmackvoller eingerichtet war, als seine Schlafstube bei Meister Caspar. Nur kam ihm die Bettlade sonderbar vor, die aus einer großen versteinerten Muschel bestand. Doch da Kissen und Decke in demselben überaus weich und fein waren, so zog er sich in Gottes Namen aus und legte sich hinein. Anfänglich drückte ihn der Gedanke an Rosa schwer und wie er ihr so nahe und doch so fern sei; doch ließ die Musik, die immerfort in den Gängen ertönte, keinen trüben Gedanken aufkommen, vielmehr verwandelten sich alle schweren Träume und Seufzer in lustige fröhliche Gesichter, die ihn umtanzten, und so entschlief er. Wie lange er so mochte geschlafen haben, wußte er nicht; wie ihm däuchte, nach mehreren Stunden, fühlte er sich am Aermel gezupft; sein Führer von gestern Abend stand vor ihm und ermahnte ihn aufzustehen und ihm zu folgen. Der arme Schneider, dem jetzt wieder seine ganze Verwandlung und Alles, was ihm passirt, schwer auf's Herz fiel, stand seufzend auf und folgte dem Zwerg in den Gang hinaus, wo man jetzt die sanften Klänge nicht mehr hörte, wohl aber eine andere rauschende lustige Musik, die von den prächtigen Sälen herzukommen schien, durch welche sie gestern gewandelt. Am Ende des Corridors traten die fünf andern Hurlemänner wieder zu ihnen und Alle gingen schweigend durch seitwärts gelegene, glänzend erleuchtete Hallen fort. Die sechs Zwerge senkten stumm und traurig die Blicke zu Boden, Philipp aber konnte es nicht unterlassen, seine Augen überall herumzuschicken und da sah er denn, wie sich hie und da ein Thürlein öffnete und ein Zwerg oder eine Zwergin heraustrat, auf das Prächtigste angethan mit schön gestickten Kleidern, die aber alle beim Anblick der traurigen Gesellschaft schnell wieder verschwanden. Jetzt kamen sie von einer andern Seite her wieder in die große Halle mit den krystallnen weißen und rothen Pfeilern; der Eine stieß wieder in's Horn, die Wendeltreppe drehte sich und wie sie langsam aus ihr hinabstiegen, wurde die rauschende Musik und der laute Jubel in der Zwergenburg immer schwächer und schwächer und hörte endlich ganz auf, als sie wieder in den Wald hinaustraten unter die Tannenbäume. Da war es wieder Nacht wie gestern; nur wollte es Philipp bedünken, daß es heute weit kälter war. Doch machten die Zwerge gleich ein Feuer an, bei dessen hellem Schein sich der Schneider seine Finger erwärmen konnte. Auch sah er jetzt, daß der Zwerg, der ihn aus dem Bette geholt, seinen Ranzen über die Schulter gehängt hatte, den er jetzt neben ihn hinlegte. Die Gesellschaft setzte sich um das Feuer und war stumm wie gestern. Auch Philipp, der an die glühende Nadel und die Ohrfeige dachte, wagte es nicht den Mund zu öffnen. Doch bald ergriff ihn die Langeweile und er öffnete seinen Ranzen, nahm Nadel und Zwirn heraus und machte den Zwergen durch Mienen verständlich, ob vielleicht noch einer von ihnen geflickt sein wolle, worauf fünf von ihnen freudig in die Höhe sprangen und sich zu ihm drängten. Er faßte einen am Aermel, untersuchte ihm die Jacke, wo er dann fand, daß dieser eben einen solchen Riß an der Seite hatte, als der gestrige auf dem Rücken. Er brachte den kleinen Kerl also in die gehörige Lage, und nähte unverdrossen darauf los. Doch da er heute eben so kleine Hände hatte, wie die Zwerge, so ging es mit der Arbeit langsamer als gestern, und wenn er sich auch wohl in Acht nahm, damit das Zugenähte nicht wieder aufspränge, so wurde er doch erst fertig, nachdem sich der Himmel im Osten röthete und die Sonne langsam aufzusteigen begann. Nachdem der Zwerg, der heute geflickt worden war, eine Zeit lang eben so lustig im Grase herum gesprungen, wie der gestrige, zog auch er einen Goldgulden aus der Tasche und gab ihn dem Schneider. Jetzt gingen sie wie gestern zur Zwergenburg zurück, stiegen die Wendeltreppe hinauf, kamen durch die wieder leer gewordenen Säle und Philipp legte sich in seine Muschel und schlief bei dem Klange der Harfentöne wieder ein. Eben so erging es dem Schneider in der dritten, vierten und fünften Nacht. Er nahm jedesmal draußen im Wald einen der Hurlemänner vor, und nähte ihm Haut, Unterfutter und Rock auf das Sorgfältigste zusammen, erhielt dafür seinen Goldgulden und fügte sich, da es einmal nicht anders war, in das traurige Schicksal, im wahren Sinne des Wortes Leibschneider der Zwerge zu sein und nicht mehr zu den Seinen zurückkehren zu können. Nur kam es ihm bei diesen nächtlichen Besuchen des Tannenwaldes sonderbar vor, daß dieses Jahr der Winter so rasch eintrat; denn schon in der dritten Nacht war es so empfindlich kalt, daß ihm ohne das Feuer der Zwerge die Finger erfroren sein würden, und doch war es erst Ende des Monats August gewesen, als er Aachen verlassen. In der vierten Nacht traute er kaum seinen Augen, als er sah, daß die Zweige der Tannenbäume dicht mit Schnee bedeckt waren und vom eiskalten Winde bewegt traurig seufzten; ebenso in der fünften Nacht und in der sechsten, wo er den letzten Zwerg vornahm, um ihn ebenfalls wie die Andern, auszubessern. Er nähte heute eifriger, um sich in der kalten Luft warm zu machen, und war schon fertig, als Mitternacht kaum vorüber sein mochte. Dann entließ er den Zwerg mit einem gelinden Klaps wie auch die übrigen, und sah zu seinem großen Erstaunen, wie sie alle sechs aufstanden, sich bei den Händen nahmen und mit lustigen Geberden wild um ihn herumtanzten. Nachdem es einige Sekunden gedauert hatte, standen die Hurlemänner still, und der, den er zuerst zusammengenäht hatte, trat auf ihn zu, öffnete den Mund und sprach zum ersten Mal zu ihm folgende Worte: »Nimm für das, was Du an uns gethan hast, unsern herzlichsten innigsten Dank und erfahre, welchen ungeheuren Dienst Du uns geleistet. Du hast unsere Burg gesehen und an der glänzenden Einrichtung derselben, so wie an den prächtigen Sälen, die bei unserer Rückkehr eben erst das lustige Zwergenvolk verlassen, daß wir ein angenehmes und behagliches Leben führen. In der Zeit, die ihr Menschen Tag nennt, und wo der große Stern, die Sonne, euch mit seinem unausstehlichen Licht fast blendet, schlafen wir und erst wenn die Nacht heraufsteigt, wird es in unsern Burgen lebendig und wir erfreuen uns bei Spiel und Tanz der vergnügtesten Stunden. Wisse, daß wir Zwerge ein noch viel reizbareres Temperament haben, als ihr Menschen. Und so geschah es denn in einer Nacht, daß wir sechs in der Burg eines fremden Zwergenkönigs, durch Tanz und Spiel aufgeregt, eines unserer Hauptgesetze, dasjenige nämlich, zur rechten Zeit zu schweigen, ganz vergaßen, und dadurch mit den andern Zwergen zuerst in Wortwechsel, dann aber in blutige Händel geriethen. Du hast gesehen, welche Wunden wir davon trugen und nur dem Vorzug eines tausendjährigen Lebens hatten wir es zu danken, daß wir an unsern Wunden nicht starben. Auch sprach bei unserer Rückkehr unser König eine schwere Strafe über uns aus, welche dahin lautete, daß wir so lange von den Festen der lustigen Burg entfernt bleiben und die Stunden, in denen sich die andern Bewohner der Zwergenburg mit Spiel und Tanz unterhielten, im dunkeln Walde zubringen sollten, bis sich ein Mensch fände, der unaufgefordert von uns und ohne dabei ein Wort zu sprechen, nach Eurer Art unsere Kleider und Wunden zunähe. Um diesen Fluch zu schärfen, und seine Lösung recht lange hinauszuziehen, war es uns nicht einmal vergönnt, jede Nacht dem Blicke der Menschen, die vielleicht vorbeikamen, sichtbar zu sein; sondern nur beim Mondeswechsel durften wir uns in unserem erbarmungswürdigen Zustande sehen lassen, um in tiefem Schweigen um Hülfe zu flehen. Du wirst erstaunen und erschrecken, wenn ich Dir die Länge der Zeit nenne, die wir hier vergebens geharrt. Es sind weit über hundert Jahre, weshalb unsere Schuld gegen Dich unbezahlbar ist.« Philipp stand stumm vor Erstaunen da bei dieser Rede des Zwerges und wußte nicht, was er sagen sollte. Dieser zog hierauf unter seinem Mantel den wohlbekannten goldenen Becher hervor und reichte ihn Philipp, der ihn zweifelnd nahm, ihn doch im Vertrauen auf die Zwerge rasch leerte. Da fühlte er plötzlich in allen seinen Gliedern eine gewaltige Lust, sich zu recken und zu dehnen. Er wuchs sichtlich in die Länge und Breite und bemerkte in wenig Minuten zu seiner größten Freude, daß er seine vorige Gestalt wieder angenommen hatte. »Nimm,« fuhr der Zwerg fort zu sprechen, »die sechs Goldstücke, die wir Dir in sechs Nächten gegeben, als eine Belohnung des Dienstes an, den Du uns geleistet. Ich weiß, Euch Menschen geht nichts über das blanke Metall. Doch lass' keins dieser Goldstücke aus Deinem Besitze kommen, sondern verschließe sie in eine Truhe, wo Du bei ihnen jedesmal das nöthige Geld zu Deinen Ausgaben finden wirst. Vererbe sie auf Deine Kinder und Kindeskinder, denen sie einst noch größere Dienste leisten werden; denn in ihnen wohnt eine geheime Kraft, die erst nach einigen hundert Jahren ihre Reife erlangt. Jetzt lebe wohl und merke Dir die goldene Regel, deren Vernachläßigung uns in's Unglück brachte, und in deren Ausübung Du auch nicht stark zu sein scheinst: »Schweige zur rechten Zeit!« Bei diesen letzten Worten reichte er und die fünf andern Hurlemänner dem erstaunten Schneider die Hand und im Augenblick darauf waren alle sechs verschwunden. Jetzt drang auch der erste Strahl der Morgensonne über die Berge herüber und beleuchtete den Schnee, der auf dem Boden lag und an den Zweigen der Tannenbäume hing. Nun erst wurde es dem glücklichen Philipp klar, woher er plötzlich in sechs Nächten aus dem Sommer mitten in den Winter versetzt worden war; denn da die Zwerge sich ihm nur von Monat zu Monat zeigen durften, so hatten sie in den Zwischenzeiten ihn mit einem Zauber umgeben, der ihn jedesmal einen ganzen Monat schlafen ließ. Obgleich es so Februar und ziemlich kalt geworden war, so hatte doch Philipp den Vortheil, daß er jetzt den Weg aus dem Tannenwalde finden konnte, da an den niedern Sträuchern keine Blätter mehr hingen, die ihm die Aussicht versperrten. Rüstig schritt er zu und jauchzte vor Freuden laut auf, als vor ihm aus dem Thal der majestätische Dom Kaiser Karls emporstieg. Bald hatte er die Mauern der Stadt erreicht und durchlief eilig die Straßen nach Meister Caspars Hause. Diesem hatte unterdessen seine Härte gegen Philipp leid gethan und er sowohl wie Rosa weinten heiße Thränen, als der Vetter, freilich in etwas abgeschabtem Anzuge, in's Zimmer stürzte. Doch wie groß war das Erstaunen und die Freude, als Philipp nun aus seinem Ranzen sechs vollwichtige schwere Goldgulden hervorzog und sie nebst der Erzählung alles Wunderbaren, was ihm passirt, vor des Meisters Augen ausbreitete. Dieser gab ihm der Formalität wegen noch eine kleine Probezeit auf, um zu sehen, ob er seine Plauderhaftigkeit abgelegt, und fand darnach, daß Philipp sich so gebessert hatte, daß er ihm in kurzer Zeit seine Kundschaft übergeben und ihn mit der glücklichen Rosa verheirathen konnte. Seit der Zeit gab es aber auch keinen fleißigeren und ausdauerndern Arbeiter als Philipp; denn wenn ihn anfänglich auch die Lust anwandelte aufzuschauen und zu plaudern, so empfand er in seinen Ohren ein leises Jucken, so wie einen feinen Stich in der Hand, was sich aber auch nach und nach verlor. Das Versprechen der Zwerge bewährte sich und die Goldgulden, die in einer besondern Truhe verschlossen wurden, gaben bei kleinen Verlegenheiten das nöthige Geld willig her und blieben so unangetastet im Besitz der Familie. Vier Könige. ( Arabesken. ) Ein Sommernachtstraum. Es war einmal in einer Nacht, da träumte mir von kühn gewölbten Hallen, von großen schattigen Sälen, mit buntem Marmor gepflastert, gothischen Bogenfenstern, welche den Anblick auf eine himmlische Gegend gewährten, und deren herrliche Glasmalereien die sinkende Abendsonne gegen die Wand wiederstrahlte: eine wundervolle Tapete. Ach, und mir träumte von losem Epheu, welches gegen die bunten Fenster leise, leise anschlug, und dabei lispelte mir ein sanfter Wind wohlbekannte süße Namen und brachte mir mit leiser Stimme Botschaften von einem kleinen Platze, auf welchem viele weiße Kreuze standen. Das Alles träumte mir in einer dumpfigen Kasernenstube, wo ich der Zwölfte in einer Ecke lag und schlief. Ich erwachte, setzte mich an die kleinen vergitterten Fenster der Stube, welche eine Aussicht in den umschlossenen Hof gewährten, und blickte in die ruhige Nacht hinaus. Was war mir von meinem schönen Traume geblieben? – Schon der Knabe träumte von weiten Hallen, einem lustigen, freudenvollen Leben; aber träumte auch nur. Die Hallen schrumpften zusammen zu engen, kleinen Stuben, und das lustige Leben ward ein tief ausgefahrener Hohlweg, dessen Krümmungen, durch steile Seitenwege eingeengt, ich ruhig folgen mußte. Ich sah den Mond, der sich durch eine Häuserlücke auf den Hof geschlichen und, sich da unbemerkt glaubend, an eine Kanone gelehnt hatte; – eine rührende Anhänglichkeit von dem Monde, denn es war eine alte Kanone, eine in den letzten Kriegen eroberte französische, und ich konnte deutlich in dem hellen Scheine das große N sehen. Ihr Beide kanntet euch und hattet euch vielleicht ebenso umfaßt unter dem Blüthenregen von Catalonien, so wie umstarrt vom Eise an der Berezina. Ihr spracht wohl von großen, schwarzen, liebeglühenden Augen und von brechenden – Vive l'Empereur! Wie wird mir plötzlich so wunderlich! Was tritt dort aus der Ecke hervor, und stellt sich um das Geschütz? Schwankende Gestalten sind es, mit bleichen Gesichtern. Die langen, dürren Finger greifen in die Schmarren und Löcher der Kanone und Laffette. Ich höre leises Flüstern – »dies machte die Kugel, die mich niederschlug. Hier ist mein Blut – der Hieb gab mir den Tod, und ich sprach: Leb' wohl, Nannett'! da starb ich.« So sprachen sie und lehnten sich todesmüde an das Geschütz. Ich aber nahm meinen Mantel und trat mit leisen Schritten auf den Hof. – Alles still und ruhig. Verschwunden waren die Gestalten, und da stand nur eine einsame Kanone, auf welche der Mond schien. Aber es war ein Leichenstein von Gott weiß wie viel braven Kanonieren. Sollte ich noch schlafen? – Mich umgab die Nacht und that so geheimnißvoll und zugleich so geschwätzig, als wollte sie ihren dunklen Schleier lüften und mir Wesen zeigen, welche sonst dem Auge unsichtbar sind. Darum verließ ich die Kaserne und trat in die Stadt, in das alte Cöln, und wie ich durch die stillen Straßen wandelte, dachte ich an ein großes, erhabenes Gedicht, keines, welches ich selbst machen wollte, sondern an eins, welches seit Menschengedenken da ist, und wozu noch täglich Commentarien geschrieben werden. Vor meinem innern Auge entrollte sich das ungeheure Prachtexemplar dieses Gedichtes, groß und herrlich, mit vielen erklärenden Abbildungen, tausenden von Inschriften und erläuternden Noten. – Das Gedicht war der Rheinlauf und unten an der farbigen Rolle hing eine zierliche Kapsel, die alte Stadt Cöln, in welcher sich das Siegel befand, wodurch jede Strophe documentirt wurde, und in dessen vielen Wappenschildern sich das ganze Gedicht abspiegelte – der Dom. Dahin ging ich und setzte mich zu seinen Füßen auf einen alten halb verwitterten Stein. Es war in jener Zeit für mich so schön und anmuthig, in tiefer, stiller Nacht hier zu sitzen. Da lag vor mir der Wallrafsplatz mit seinen hohen, buntverschnörkelten und halb verfallenen Häusern, so wüste und leer, einem vormals schönen, nun verödeten Blumengarten gleichend, in welchem der Domthurm, eine alte Sonnenuhr, noch hoch emporragte, aber mit dem verstümmelten Zeiger nur eine einzige Stunde nichtig angibt, wenn der Mond hell scheint – Mitternacht; denn dann ward's lebendig im alten Thurme, es stürzte sich der Baumeister, wer weiß zum wie vielsten Male, vom Krahnen herab und hinter ihm drein der Teufel in Gestalt eines zottigen schwarzen Hundes. Sanct Christoph streckte seinen langen Arm drohend zum Fenster heraus, und alle die kleinen steinernen Figuren an den Pfeilern und in den Nischen sprangen empor und kletterten jauchzend in die Höhe, um von oben wieder zu sehen, was es in der Welt gäbe, und das tolle Gesindel scheuchte die Habichte und Eulen aus ihren Löchern und setzte ihnen durch die Luft nach, mit Gequicke und Heulen: eine steinerne wilde Jagd. An der Thüre standen die zwölf Apostel und neigten sich, Psalmen singend, wozu die Orgel einen einzigen Ton immer und immer fort anhielt, bis die Mutter Gottes in der Kirche mit dem silbernen Finger auf das silberne Herz schlug, daß es klingelte und die heiligen drei Könige in ihrem goldenen Sarge Amen sangen. Da erstarrten rings die Gestalten, es wurden die Gesichter und Leiber wieder hart und starr, langsam, wie gerinnendes Wachs, mit weit offenen Augen, und es ward stille; nur leise summte es noch in dem majestätischen Steinhaufen, leiser und immer leiser, bis endlich das Rauschen des vom Nachtwinde bewegten Grases zwischen den Mauerritzen mit dem Klopfen meines Herzens das einzige Geräusch blieb, welches die Stille der schönen Nacht unterbrach. Da habe ich den Dom an mein Herz gedrückt und wuchs sichtlich an seiner Größe empor, hoch und immer höher, bis ihn mein Geist überragte und sich an das dunkle Himmelsgewölbe anklammerte; aber, ach! das war so kalt und entsetzlich glatt, daß ich betrübt hinabsank, bis ich wieder neben dem riesigen Thurme stand, eine kleine Menschengestalt. Schon oft habe ich mich Nächte lang aus den alten Straßen herumgetrieben, hatte die öden, wüsten Plätze besucht und mich da viele Stunden in das Gras und Schlingkraut gelegt, welches zwischen den zerborstenen Füßen irgend eines alten Heiligen hervorwucherte. Da haben mich die verfallenen Häuser seltsam genug angesehen, da huschten oft Schatten und Gestalten vorbei, doch sie wollten mir nie Rede stehen. Ich habe Nächte lang den Dom durchschritten, aber die metallenen Erzbischöfe sprachen in ihren Nischen so leise, daß ich nichts davon verstehen konnte. Ich habe in mondheller Nacht auf dem Grunde des Rheins manch' Seltsames zu sehen geglaubt; doch wenn sich mir aus dem bunten Gewimmel deutliche Bilder begannen aufzuklären, schoß gewöhnlich ein neidischer Hecht durch das Wasser und Alles war trübe, wie früher. Auch diese Nacht hatten mich erst meine Träume, dann die gespenstischen Kanoniere und der alte Dom geneckt, ohne mich in ihre Mysterien einzuweihen. Stets strich das Geisterreich, ein eiskalter Luftstrom, dicht bei mir vorüber, und wenn ich mich hinwandte, um die brennende, schmachtende Brust abzukühlen, war die ganze Luft um mich heiß, wie meine glühende Stirne. – Träume wohl, Alter! sprach ich, und verließ den Dom. Willenlos folgte ich den Wendungen einiger dunklen Straßen, in welche ich gerieth, und stand plötzlich vor dem Rathhausplatze, der, vom Monde beleuchtet, mit seinen hellen, großen Steinplatten einem weißgedeckten Tische glich, um welchen die alten Häuser wie steifgetrunkene Zechbrüder standen, die ihre alten Sorgen und sich im klaren Weine versenkt haben, und die sich nur dann und wann unter dem Tische die Hand drücken. Es war eine noble Gesellschaft da beisammen; die Häuser der alten Patrizier Cölns, und die Ehrwürdigen sahen so grau und zerfallen aus, die leeren Fensterhöhlen blickten so erschrocken und scheu nach dem Rathhausportale, wo ihr edler Bürgermeister, freilich nur in Stein gehauen, mit dem Löwen ringt, so überrascht und verdrüßlich, wie wohl an jenem Tage, an dem ihr Mordanschlag mißlang. Wie ich so auf der Tafel herum trat und den steinernen Herren ihre ewige Unruhe und Hinterlist vorwarf, habe ich mich sehr über ihre jetzige Friedfertigkeit verwundert, denn warum erhob nicht einer die Faust, fing und erdrückte mich armen Plebejer wie eine Fliege; oder hat die Zeit den stolzen Adeligen den Arm gelähmt? – – Was hemmt plötzlich den Lauf meiner Gedanken! wirft sie aus einander wie empörte Wellen! Wer sprach da? Ich richtete mich horchend leise empor und sah mich rings um. Richtig! unter dem Rathhausportale flüsterte es leise, und nachdem mein Auge sich an das Dunkel, das dort herrscht, gewöhnt hatte, sah ich da, zuerst in dunkeln Umrissen, dann aber deutlich eine seltsame Gesellschaft versammelt. Auf der Erde saßen fünf Gestalten, welche sich mit Kartenspiel beschäftigten. Es waren alte kölnische Stadtsoldaten aus dem vorigen Jahrhundert, uniformirt, wie sie noch jetzt bei den Maskenzügen zu sehen sind; doch war das Roth ihrer Röcke verblichen, das Gold ihrer Tressen vom Moder halb zerfressen und die rostigen Waffen lagen neben ihnen. Schauerlich leuchteten ihre Gesichter durch das Dunkel, mit Leichenfarbe überzogen waren ihre eingefallenen Wangen, und nur das unheimliche Feuer ihrer Augen zeigte, daß wenigstens für den Augenblick Leben in diesen Körpern war. Die Kriegsknechte häufelten, und bei dem Banquier schien Unglück zu sein; mit stieren Augen und zitternder Hand legte er die Karten, und bei jedesmaligem Umschlagen zuckte ein freudiges Lachen über die Züge der vier Andern. Ich schlich mich näher. »Es wird Morgen, mich friert,« sprach Einer der Spieler und zog seine schlotternde Uniform durch große Falten, die er hineinkniff, fester um den magern Körper. Ein Anderer, ein wahres Judasgesicht, klimperte mit den gewonnenen silbernen und goldenen Pfennigen und wandte sich hohnlachend zu dem Banquier, welcher mit ängstlicher Hast seine Taschen umkehrte, aus denen jedoch kein Geld, wohl aber Moder und Erde fiel. »Du hast nun Alles verloren,« sprach der Judas, »und wirst künftig, wenn wir die verdammten Nachtstunden durch Spiel tödten, zusehen und kannst an Deine und unsere Sünden denken.« Die Andern lachten. »Uebrigens wollen wir aufhören, denn der Tag kommt, und unsere Zeit ist für heute verflossen.« »Noch ein Spiel,« bat der Banquier, »ich kann ja das Meinige wieder gewinnen, noch ist es früh in der Nacht.« Er sah gen Himmel und widerstand krampfhaft dem Frost, womit ihn der wirklich herannahende Morgen überschüttete. »Wovon aber,« lachte heiser ein Dritter, »wirst Du bezahlen, wenn wir gewinnen?« »Ich werde aber gewinnen,« sprach dringender der Vorige, »wenigstens etwas wieder gewinnen, damit ich morgen spielen kann. Soll ich denn die nächste Nacht hier oben herum wandeln, und die Minuten zählen, bis ich wieder hinab werde steigen können ins Grab, während euch die Zeit rasch verfliegt! Ich bitte euch, noch ein Spiel; ihr werdet mir borgen.« »Was Du nie wieder bezahlen kannst?« entgegnete der Judas, und ein Anderer murrte dazwischen: »Geh, Du raubst uns noch die wenige Zeit mit Deinen Klagen.« »Erinnere Dich,« flehte nochmals der Bankhalter, »wie Du – es mögen jetzt hundert Jahre sein – in der Schenke am Wall den letzten Pfennig verspieltest, und ich Dich auf Ehrenwort setzen ließ; da hast Du all' das Deine wieder gewonnen.« »Ja,« entgegnete der Andere, »damals lebten wir noch, und ich hatte dich am Haken, weil ich wohl wußte, wer den alten Offizier hinter der Bastei erstochen hatte.« – »Hab' ich denn nichts mehr?« rief gellend der Vorige, und plötzlich schien ihm ein sonderbarer Gedanke zu kommen. Er sprang auf und sah starr vor sich hin; doch mußt' es was Entsetzliches sein, worüber er nachdachte; denn sein Mund zuckte und das wenige Haar auf seinem Scheitel sträubte sich empor. Zweimal öffnete er die Lippen und schien sprechen zu wollen, doch brachte die wild arbeitende Brust kein Wort hervor. Die vier Andern schauten erwartend zu ihm auf. »Ich habe noch etwas, ein köstliches Gut« – die Worte stieß der Unglückliche mühsam heraus – »es ist ein Schatz von so hohem Werthe, daß ich ihn nur gegen all' Euer Gold und Silber setzen kann. Gewinne ich, so ist das sämtlich mein, verliere ich dagegen, so – so – könnt ihr zehn Jahre lang ruhig in Euren Gräbern liegen, und ich wache jede Nacht für euch hier oben, allein der Langenweile und damit der Verzweiflung Preis gegeben.« Der Vorschlag mußte den Vieren unerwartet kommen. Lange sahen sie sich sprachlos an, und schauerlich wechselte Vergnügen und Entsetzen auf ihren bleichen Gesichtern. Der mit dem Judaskopfe faßte sich zuerst und ohne den Unglücklichen anzusehen, sprach er: »Ich nehme das Spiel an.« Die Uebrigen nickten schweigend mit dem Kopfe. Es begann. Mit zitternder Hand mischte der Bankhalter und legte die Haufen, wovon viere die Spieler besetzten, und ihm den fünften überließen. Kein Athemzug war im Kreise hörbar, die Todten waren todtenstill. Da deckte der Banquier seine Karte auf: es war eine Dame und beim Anblick des hohen Blattes flog ein freundliches Lächeln über sein Gesicht. Rasch wandten nun auch die vier Spieler ihre Haufen, und selbst mir stockte das Blut: sie hatten die vier Könige umgeschlagen. Wie von einer unsichtbaren Gewalt empor geschnellt, sprang der Unglückliche auf, und blickte in derselben Stellung jener entsetzlichen Aufmerksamkeit, mit welcher er vorhin den zitternden Händen der Mitspieler gefolgt war, einige Minuten die unglückseligen Blätter an; und die verzweiflungsvolle Hoffnung, daß die gekrönten Häupter sich in niedrige Karten verwandeln würden, war mit dem Bewußtsein der Unmöglichkeit, daß dies geschehen könne, in seinen verzerrten Zügen zu lesen. Darauf schien ihn ein gewaltiger Frost zu durchschütteln, erst hob er seine Hände wie beschwörend zum Himmel, dann stürzte er auf die Kniee und krallte sie auf dem Boden fest. »Hohnlache, unbegreifliche Macht,« stöhnte er, »hohnlache, daß der Spieler, nachdem er sein Lebensglück verspielte, selbst nach dem Tode die Karten zur Hand nahm und die Ruhe im Grabe verschleuderte! Freue dich, daß ich wandern muß, wenn die Andern schlafen, doch freue dich auch auf den Abscheu, den ich den Lebenden gegen dich, Ungeheuer, einflößen, und durch meine Jammergestalt beeiden werde. – Doch auf euch, ihr verruchten Blätter, den gedoppelten Fluch des Todes, dem euer lockender Anblick zehn ewige Jahre gestohlen. Hier bei der Morgenluft, die euch, ihr Wesenlosen, mit unheimlichem Schauer durchweht, bei dem Glanz des jungen Tages, der euch und sonst auch mich hinabdrängt in das dunkle Bett, bei dem aufsteigenden Licht, das eure Gestalten abfrißt und sie zu schwankenden Schatten bleicht, bei der ewigen Verdammniß beschwör' ich meinen Wunsch und stehe zu dem höchsten Wesen: es möge mich ewige Zeiten grablos herumschweifen lassen! doch auf euch, ihr unseligen Könige, lege ich meine starren Hände und ziehe euch in meinen Fluch! Wandelt auch ihr ruhelos umher, wandelt und genießt des Menschenlebens unsäglichen Jammer, und so wie ihr, meine Karte überbietend, mich in's Verderben stürztet, so soll auch in eurem Leben ein höheres Blatt, so soll das Aß, ihr Könige, euch fürchterlich und fluchbringend sein!« – – So lautete der Fluch des Gespenstes, und ich faßte an meine Stirn und einen steinernen Pfeiler, der mich hielt, um zu erforschen, ob ich wache oder träume. Doch es war Wahrheit, was ich gesehen und gehört. Stolz und ruhig stieg der Morgen auf, und wie kleine Nachtlichter im hellen Sonnenstrahle erblichen die vier Spieler und verschwanden endlich ganz, wie das Licht des Tages die Morgendämmerung vertrieb. Nur der unglückliche Bankhalter stand vor mir, und um ihn lagen die vier Könige. Thränen rollten ihm über die gefurchten Wangen, und auch ich konnte eine schmerzliche Wehmuth nicht unterdrücken. Ich nahm meinen Mantel und warf ihn dem Unglücklichen über. Er sah mich an, und sein Blick, obgleich sich Dankbarkeit darin aussprach, war entsetzlich. O es ist etwas Fürchterliches, ein Gespenst bei hellem Tage zu sehen. Noch seh' ich, wie der Morgenwind, der sich erhob, die vier Könige erst in kleinen Kreisen, dann in immer größeren herumwirbelte und sie endlich über die nächsten Dächer schleuderte. Gebeugt und stöhnend verlor sich das Gespenst in einer der nächsten Gassen, und ich ging nachdenkend meiner Wohnung zu. – Robert der Teufel. Vor einigen Jahren erschien bei dem Kapellmeister des Hoftheaters ein junger Mann und theilte demselben seinen Wunsch mit, auf die Bühne zu gehen, indem er ihn bat, seine Stimme zu untersuchen, da er sich zum Sänger ausbilden wolle. Der junge Mann verband mit einem anständigen Aeußern eine sehr angenehme, offene Gesichtsbildung, über welche jedoch ein melancholischer Zug einen tiefen Schatten warf. Er setzte den teilnehmenden Fragen des biedern Meisters, ob er auch diesen Schritt, den er für's Leben thun wolle, gehörig überlegt und mit seinen Eltern und Verwandten berathen, mit Festigkeit entgegen: es treibe ihn nicht die Absicht zur Bühne, ein wildes, zügelloses Leben zu führen, sondern nur die reine Liebe zur Kunst, und er habe diesen seinen Entschluß sorgfältig überlegt. Was seine Eltern, Verwandte oder seine Heimath betraf, so schien er Erörterungen darüber auszuweichen. Der Kapellmeister untersuchte nun die Stimme und fand einen herrlichen Tenor von seltenem Umfange, worauf er gleich angenommen wurde, seinen Lehrer und seine regelmäßigen Singstunden in der fürstlichen Schule erhielt, welche er mit ausdauerndem Fleiße benutzte, und dadurch bald glänzende Fortschritte machte. Da ihn Niemand in der Stadt kannte, er sich auch bei zufälligem Zusammentreffen mit andern jungen Leuten eher zurückstoßend als annähernd bezeigte, so blieb er einsam und sich selbst überlassen, und gerade dieses abgesonderte Leben schien ihm sehr zu behagen. Er durchstrich, nachdem er seine Studien beendigt, die Umgegend, legte sich stunden- und halbe tagelang in den Schatten der schönen Waldungen, welche die Stadt umgaben, und war dann froh, ohne dies jedoch durch Gesang oder Ausrufungen zu bezeugen; vielmehr hat man ihn oft gesehen, wie er, unter einer alten Eiche liegend, sein Gesicht in das dichte Moos verbarg, und nachdem er so lange Zeit unbeweglich geblieben, zeigten die freudestrahlenden Blicke, mit welchen er sich später erhob, daß er sich auf diese Art sehr gut amüsirt habe. Man glaube jedoch nicht, dies scheue Wesen habe sich auch in den Stunden gezeigt, in welchen er die Gesangsschule besuchte, und da vor dem Lehrer und den übrigen Schülern seine Arien vortrug. Dann richtete sich seine ganze Gestalt auf, er schien ein überirdisches Wesen zu sein, und die Innigkeit, das Feuer, mit welchem er sang, besonders wenn es traurige Lieder waren, griff jedem der Zuhörer an's Herz. Dann durchglühte eine unendliche Freudigkeit sein ganzes Wesen, und beim Hinausgehen drückte er dem Lehrer und den andern Schülern herzlich die Hand. Aber ein einziges Mal fand in der Schule ein sonderbarer Auftritt statt. Einst, mitten im Gesange, bei einer wundervollen Stelle, als er begeistert sein Auge umher schweifen ließ, hatte einer der andern Sänger eine Spielkarte aus der Tasche gezogen – es war das Treff-Aß – und zeigte es lächelnd einem Nebensitzenden. Beim Anblick der Karte brach er plötzlich mit einem schneidenden Wehlaute ab, preßte seine Hände vor's Gesicht und stürzte aus der Schule. Warum? das hat er nie Jemand offenbart. Den freien Eintritt, welchen er in's Parterre des Theaters hatte, benutzte er höchst selten; nur bisweilen, wenn große Opern gegeben wurden, oder irgend ein vorzüglicher Gast auftrat, und dann pflegte er sich jedesmal an's Ende einer gewissen Bank zu setzen, so entfernt als möglich von den übrigen Zuschauern, um ja in keine Berührung mit ihnen zu kommen. Eines Abends aber, da ein sehr beliebter Sänger auftrat, und das Haus gedrängt voll war, mußte er gern oder ungern den Zwischenraum, den er gewöhnlich durch Hinlegung seines Hutes zwischen sich und dem nächsten Nachbar bildete, einer jungen Dame überlassen, welche keinen Platz fand und ihm einen bittenden Blick zuwarf. Anfangs sprach er kein Wort mit dem Mädchen, welches, ohne gerade schön zu sein, ein sehr interessantes Gesicht hatte und wundervoll gewachsen war. Auch sie schien sehr schüchtern und eine Unterhaltung mit dem fremden jungen Manne eher zu vermeiden, als zu wünschen. Doch mag es sein, daß entweder die bezaubernde Musik, oder das zurückhaltende Benehmen der Dame den jungen Sänger anspornte, kurz er wagte es, ihr einige Bemerkungen über das eben Gehörte zu sagen, in welche sie bescheiden, aber mit vielem Verstande einging oder sie widerlegte. Endlich endete das Stück, und das Publikum ging auseinander. Obgleich den andern Tag ein Lustspiel gegeben wurde, trieb es unsern jungen Freund doch zum Theater und er befand sich schon lange vor Anfang des Stücks auf seinem Sitze. Auch überzog eine stille Freude seine Züge, als die unbekannte Dame von gestern sich wieder neben ihn setzte. Ihre Unterhaltung war heute Abend lebendiger, und am Ende des Stücks wagte er es sogar, so lange sein Weg ihn mit dem ihrigen zusammenführte, sie zu begleiten. Dann bog sie rechts in eine andere Straße, wünschte ihm gute Nacht, und er ging nachdenkend nach Hause. Auf diese Weise verlebten Beide lange eine unendlich glückliche Zeit. Ihre Unterhaltung wurde mit jedem Tage inniger und zutraulicher. Es wurde jedem die Zeit lang, bis das Andere kam; denn sie liebten sich, ohne sich das gestanden zu haben. Sie näherten sich so leise und schüchtern, sie wandelten wie im Traume gegen einander dem ersten Kusse zu, wie im Traume so leise, und doch so sicher, die Brust angefüllt mit einer unendlichen Seligkeit. Erst ein Anfassen der Hand, dann ein leiser Druck, endlich an einem hellen klaren Abend, wo der Himmel einer großen Rosenlaube glich, wo der Mond voll über ihnen stand, eine aufgegangene weiße Rose, umgeben von vielen großen und kleinen Knospen, den Sternen, da sprach der junge Sänger: »Das Menschenleben hat neben unsäglichem Jammer auch himmlische Seligkeit,« und drückte dem Mädchen den ersten Kuß auf die Lippen, und Beide sprachen: »Ich bin Dir gut!« – Er wußte nicht, wer sie war, und mochte auch nicht darnach fragen; denn er fühlte sich glücklich, und wollte nicht mehr. Da wartete er eines Abends im Theater vergebens auf sie; es wurde ein Ballet gegeben; er sah unverwandt nach der Thüre, sie kam nicht, und das konnte er sich durchaus nicht erklären. Die Sinfonie endigte, der Vorhang rauschte auf, und er schaute traurig und verstimmt dem Tanze zu. Die leichte, liebliche Musik gaukelte ihm unabläßig das Bild seines geliebten Mädchens vor, und immer lebendiger trat ihre Gestalt vor sein inneres Auge. Ein Pas de cinq war geendigt, und die Tänzer und Tänzerinnen hüpften in die Coulisse zurück. Die Musik ging in ein rascheres Tempo über, und siehe, wer trat da so sicher und graziös auf, im reizenden Costüm, den blühenden Kranz von Rosen leicht auf die blonden Locken gedrückt – es war seine geliebte Unbekannte. Er sah es jeder ihrer Bewegungen an, sie mache dieselben nur für ihn; nur nach ihm wandte sie ihr großes blaues Auge, und reichte ihm die Hand, nachdem sie sie zuvor an ihr Herz gedrückt hatte. – Er liebte sie unaussprechlich. Mittlerweile hatte er seine Studien beendigt und ward als erster Tenor bei der Bühne engagirt. Doch auch jetzt, wo er seiner Stellung halber mit vielen Leuten verkehren mußte, behielt er seine frühere Abneigung gegen jede Gesellschaft. Oeffentliche Orte besuchte er nie und mit ängstlicher Sorgfalt vermied er Alles, was ihn in das Treiben anderer jungen Leute hineinziehen konnte. Da erhielt er eines Tages ein Billet, in welchem ein Unbekannter sein Bedauern über seine gänzliche Abgeschiedenheit aussprach, wie es traurig sei, daß er seine ganze Zeit nur seiner Geliebten widme, da er doch wohl denken könne, daß diese es nicht eben so machen würde. Er glaube der einzige Begünstigte zu sein, doch würde sich Schreiber dieses ein Vergnügen daraus machen, ihm das Gegentheil zu beweisen, und das nur in der einzigen Absicht, um seine Gesellschaft für seine Verehrer zu gewinnen. Er möge sich nur heute Abend um die und die Zeit an eine bezeichnete Laterne stellen, und dann mit seinen eigenen Augen sehen. Anfangs verlachte der Sänger das Billet; dann aber stieg ein kleiner Zweifel auf, den er zuerst niederkämpfte, doch gleich wieder heraufrief. Er fing an, einzelne Worte und Mienen strenge zu untersuchen und sich Thatsachen, die ihm sonst ganz unschuldig erschienen waren, verdächtig zu machen. Er führte sich an einen bodenlosen, entsetzlichen Abgrund, er sah die Untreue des Mädchens, für das er allein lebte, und schauderte zurück, denn er fühlte, das ihn der Sturz für sein Leben unglücklich machen mußte. Er wollte zu ihr hin, ihr das Schreiben zeigen, und so demselben Hohn sprechen; doch auf dem Wege zu ihrer Wohnung wandte er um – stand des Abends, in seinem Mantel gewickelt, aus der bezeichneten Stelle. Er stand und sah, und stand lange; es schlugen die Glocken sehr oft, während er da stand, und wie er sich endlich an seine Stirn faßte, um sich zu ermuntern, war es tief in der Nacht. Er hatte das Mädchen seiner Liebe gesehen, wie sie vertraulich mit einem Manne daher kam, mit einem Manne, der ihr lange nachgestellt, und von dessen Liebe zu ihr sie oft dem Sänger muthwillig lächelnd erzählt und scherzhaft zu ihm gesagt: »Sieh, wenn du mich einmal treulos verlässest, so hab' ich gleich Ersatz.« – – Mit dem Manne hatte er sie gesehen und war darauf in wüste Träume versunken. Entsetzlich lange Stunden hatte er auf die Ecke gestarrt, um welche sie mit ihm verschwunden. Im Traum waren in ihm lang vergessene Erinnerungen aufgetaucht, unter Anderm hatte er einen alten eisgrauen Mann gesehen, der ihn höhnisch angrinzte und zu ihm sprach: »Warum hast du auch auf die eine Karte dein ganzes Glück, die ganze Ruhe deines Lebens gesetzt?« Darauf war der Alte mit einem gellenden Gelächter verschwunden. Er raffte sich auf und ging zum letzten Mal an ihrer Wohnung vorüber. Noch brannte Licht in ihrer Stube, in welcher er so glückliche Stunden verlebt hatte. Er blieb einen Augenblick stehen und starrte in den Schein, ohne zu wissen, was er hier noch wolle. Da öffnete sich leise die Hausthür und derselbe Mann, den er vorhin mit dem Mädchen gesehen hatte, schlich heraus. Am andern Morgen empfing die Intendanz des Theaters ein Schreiben von unserem Sänger, in welchem derselbe anzeigte, sein Contract sei ohnehin in einigen Tagen zu Ende, und wichtige Familienverhältnisse zwängen ihn, augenblicklich nach seiner Heimath zu reisen. Für die wenigen Vorstellungen, welche er noch zu spielen habe, verzichte er auf seine Gage, die er seit einiger Zeit nicht erhoben. Auch hatte er noch in derselben Nacht der Tänzerin geschrieben, hatte ihr ihre Untreue ruhig vorgehalten und ihr dabei ohne Vorwurf gesagt: sie habe ihn sehr elend gemacht, habe die Ruhe seines Lebens zerstört, hatte sie gebeten, keine Versuche zu machen, sich ihm, weder schriftlich, noch persönlich zu nähern, da er keinem bloßen Gerücht geglaubt, sondern mit eigenen Augen gesehen habe. Er verschwand plötzlich, wie er gekommen war. Lange reiste er nun umher, nahm einen andern Namen an, und erlangte in einigen Jahren durch sein Talent einen ausgezeichneten Ruf. Doch sah man ihn nie lachen, und seine frühere Scheu gegen alle Bekanntschaften und gesellige Unterhaltungen hatte noch zugenommen. Briefe, die auf seinen Reisen ankamen, öffnete er gar nicht, sondern verbrannte sie gleich, ohne nur einmal zu sehen, woher sie waren. So lebte er einige Jahre, wenn man sein Vegetiren leben nennen kann. Nie offenbarte er sich Jemand, nie hatte er mit einem Menschen über sein früheres Verhältniß, seine Heimath oder Verwandte gesprochen; er ward mit jedem Tage melancholischer und schien sein Leben nur wie eine schwere, nicht abzuwerfende Bürde zu tragen. Das Vermögen, welches er sich erworben hatte, setzte ihn in den Stand, ganz unabhängig zu leben, was er denn auch that, indem er unstät umher reiste, ohne sich an einem Orte lange aufzuhalten. Da erhielt er eines Morgens zwei Briefe, welche ihm vermittelst dringender Empfehlung von Station zu Station nachgeschickt worden waren, der eine groß, mit dem Intendantursiegel des Hoftheaters, an dem er seine Studien angefangen, der andere klein, schwarz petschirt, und eben daher. Eine unsichtbare Hand schien ihn abzuhalten, sie wie alle früheren gleich zu vernichten. Er legte sie hin, und an einem Abende, wo er trauriger als gewöhnlich gestimmt war, wo die süße Luft seine Brust geöffnet hatte, gewann er es über sich, die beiden Briefe zu entsiegeln. In dem größeren bot ihm die Intendanz ein Engagement unter den glänzendsten Bedingungen an. Der andere war von der Schwester seiner früheren Geliebten, welche ihm schrieb: »Schon unzählige Male habe ich oder meine unglückliche Schwester Briefe an Sie abgesandt, ohne je eine Antwort von Ihnen zu erhalten. Rechnen Sie mit Gott ab, was Sie an uns verschuldet. – Meine arme Schwester ist nicht mehr; doch hat sie mir und den Meinigen auf dem Sterbebette mit den feierlichsten Eiden versichert, nie eine Untreue gegen Sie begangen zu haben, und ich mische meinen Schwur mit dem ihrigen, denn ich war zu überzeugt von ihrer innigen reinen Liebe zu Ihnen. Was Sie auch mögen gesehen haben: meine Schwester hat Ihnen mit keinem Gedanken die gelobte Treue gebrochen, wohl aber Sie. Leben Sie wohl, und wenn Sie es können, glücklich.« Beim Durchlesen dieser einfachen Zeilen erfaßte den unglücklichen Mann ein entsetzlicher Zweifel. Die klaren Worte lösten eine dicke Eisrinde von seinem Herzen und ließen ihn früher verlebte glückliche Stunden mit der quälendsten Erinnerung wieder genießen. Das Bild seiner geliebten Tänzerin tauchte vor ihm auf, sie neigte sich lächelnd gegen ihn, mit dem Rosenkranz auf dem Haupte, wie er sie zuerst auf der Bühne gesehen. – Dann sank sie mit geschlossenen Augen langsam zurück ins Grab. Noch in derselben Nacht nahm er Postpferde und reiste ohne Unterbrechung, bis er den Ort seines früheren Glückes, seines tiefen Schmerzes erreicht hatte. Ach, sie hatte ihm die Wahrheit geschrieben, die arme Schwester: sein Mädchen war ihm treu gewesen, und er war in das Netz des schändlichsten Betruges schlechter Menschen gefallen, deren Zweck und Motiv nicht mehr zu ergründen war. Da stand er spät in der Nacht wieder an demselben Platze und vor derselben Laterne, wo er sie am Arm eines fremden Mannes wollte gesehen haben. Da versank er wieder wie damals in tiefes Nachsinnen und wieder erschien ihm der alte eisgraue Mann und lachte höhnisch wie damals und sprach: »das ist das Menschenleben, das Wandeln auf der Erde; auch ich wandle noch.« Der Sänger hob den Blick gen Himmel und sprach leise: »Aber warum muß ich leben und wandeln?« Mit lautem Jubel begrüßten den Angekommenen die Mitglieder des Hoftheaters, vor Allen der Intendant; doch wie erschracken und erstaunten sie, als ihnen der Sänger ruhig und fest erklärte: er sei nicht hieher gekommen, um das angebotene Engagement anzunehmen, sondern fest entschlossen, nie mehr aufzutreten. Lange war alles Bitten der Behörde, so wie das seiner alten Collegen, wenigstens einige Vorstellungen zu geben, umsonst, und als er endlich dem allgemeinen Wunsch nachzugeben schien und darein willigte, in einer Parthie aufzutreten, hatten ihn diese gewiß nicht dazu vermocht, sondern er wollte sein Herz foltern, indem er noch einmal in einem Stücke spielte, in welchem er früher mit der Geliebten zugleich gewirkt hatte. Er wollte das Mädchen, unterstützt durch Musik und Decoration, vor sein Auge zaubern, er wollte die Tänzerin, die ihre Stelle eingenommen, durch seine innigen Gedanken in das Bild seiner verdorbenen Geliebten einhüllen, und dabei erstarrt von dem Bewußtsein, daß sie wirklich und durch seine Schuld im Grabe liege, eine fürchterliche Erinnerungsfeier halten. Dazu wählte er die Oper: Robert der Teufel. Diese war früher mit großer Pracht und Vollkommenheit, aber unbekannter Umstände halber seit dem Tode jener Tänzerin, welche die Rolle der Aebtissin hatte, nicht mehr gegeben worden. Es wurde nun Probe auf Probe gehalten, einerseits, um das Getriebe dieses großartigen Werkes mit der äußersten Genauigkeit und Sicherheit wieder in den Stand zu setzen, andererseits aber auch, weil es einmal so altherkömmlich war; selbst bei einem bekannten Stücke nur recht viele Proben! Alles ging übrigens recht gut, nur fand bei der Generalprobe ein sonderbarer Vorfall statt. Der erste und zweite Act gingen glücklich und ohne Anstoß vorüber. Es erschien der gespenstische Klosterhof; die Stelle kam, wo alle jene Lampen in dem dunklen Klostergange plötzlich aufflammten, die Nonnen erhoben sich schauerlich still mit den starren Leibern aus ihren Särgen; nur die Abtissin, welche vorne auf der Bühne unter dem Kreuzgewölbe aus ihrem Sarkophage steigen sollte, erschien nicht. Der Maschinist lief in der größten Verlegenheit umher, und es trat eine unangenehme Pause ein, in welcher der Sänger »Robert« auf die Bühne stürzte, ohne sein Stichwort abzuwarten. In seinen Zügen malte sich ein Schrecken, den der an sich unbedeutende Vorfall nicht werth war. Die Arbeiter aus dem Keller schrieen: der Deckel des Sarges wolle sich trotz ihrer erneuerten Anstrengung nicht lüften und müsse wahrscheinlich von der Feuchtigkeit gequollen sein. Der Maschinist wußte nicht, was er anfangen sollte, bis ihm der ruhige, verständige Regisseur den Befehl ertheilte, die Abtissin aus einer andern Versenkung aufsteigen zu lassen, den Sarkophag aber gleich nach der Probe genau zu untersuchen und zu verbessern. Darauf ward das Stück ohne weitere Störung zu Ende gespielt, nur gingen unsere Sänger und einige der älteren Mitglieder, welche um sein Verhältniß zu der verstorbenen Tänzerin wußten, von seltsamen Gedanken beengt, nach Hause. Später meldete der Maschinist dem Regisseur, man habe den Sargdeckel nur mit Hülfe von Brecheisen öffnen können und dadurch sei die Maschinerie so zerstört, daß sie zur morgenden Vorstellung nicht mehr eingerichtet werden könne. Der Abend der Aufführung erschien, und schon eine Stunde vor Anfang des Stücks war das ganze, große Haus gedrängt voll, woran sowohl der bedeutende Ruf des Sängers, als die gern gesehene Oper Schuld waren. Sie begann, und mit jeder Nummer wuchs die Begeisterung des Publikums, besonders für Robert, der in jedem Zwischenact gerufen wurde. Aber er hatte noch nie so hinreißend gesungen, wie heute. Diesmal ging der dritte Act ohne Störung vorbei, obgleich es Viele befremdete, daß die Abtissin nicht, wie sonst, ihrem Sarkophage entstieg, sondern hinter demselben hervorkam. Doch war das eine Kleinigkeit, und störte nicht im Genuß des Abends. Gänzlich entzückt und befriedigt von der Vorstellung entströmte das Publikum nach Beendigung derselben dem Hause. Nicht so ging es dem Sänger. Ihn schien der Lorbeer, den er heute um seine Stirn gewunden hatte, nicht zu vergnügen. Ganz ermattet sank er in der Garderobe zusammen, sein Diener entkleidete ihn, und er ließ es willenlos geschehen. Es war die Erinnerung, welche sich zu kräftig, zu entsetzlich auf ihn geworfen. Das Bewußtsein, ein Herz besessen zu haben, das für ihn schlug und das er gebrochen, war ihm, verbunden mit der trostlosen Gewißheit, nun wieder ganz allein zu stehen in der Welt, am heutigen Abend erst recht fürchterlich klar geworden. Im Grabe lag die schöne weiße Hand, welche sonst hinter der Coulisse die seinige gedrückt hatte, und todt war der Mund, der ihm ehedem zuflüsterte: »Du hast eben so schön, so sehr schön gesungen!« Damals war bei den Worten Alles neu in ihm aufgelebt, und er hatte aus dem blühenden Auge der Geliebten frische Kräfte gesogen. – Wie war es heute so anders gewesen? Da traten ihm die Collegen mit Complimenten über seine unvergleichlichen Leistungen entgegen, wandten sich dann von ihm und eilten hinweg, denn jeder der Glücklichen wußte ganz gewiß ein Herz, das auf ihn liebend harrte. Der Sänger schickte seinen Diener und den Wagen, welcher unten ihn erwartete, hinweg, und blieb allein in der allmählich leer werdenden Garderobe. Längst hatten die Arbeiter die Lampen bis auf einige wenige ausgelöscht, welche der Wachthabende die ganze Nacht brennend erhalten mußte, und schon hatte sich derselbe auf seine Matratze an der hintern Coulisse gestreckt; da erwachte er aus seinem dumpfen Hinbrüten, warf den Mantel um, und trat hinaus auf die halb dunkle Bühne. Der Vorhang war aufgezogen, und das Haus lag so leer und still vor ihm, vorher noch so lebendig und munter, ein Riesenleichnam, der sich verblutet. Er suchte die Bank, wo sie oft gesessen und ihn freundlich angeblickt, von wo sie aufmerksam vor Anfang des Stücks auf den Vorhang gesehen, durch dessen Oeffnung er, ihr allein verständlich, seinen Diamantring blitzen ließ. O es tauchten stets neue und immer lebhafter tausend schmerzliche Erinnerungen in ihm auf. Überwältigt von Gefühlen kniete er auf den Boden nieder neben den Deckel des Sarges, dem sie so oft liebreizend und fröhlich entstiegen war, an der Fallthüre, die sich jetzt nicht hatte öffnen wollen, die ihr treu geblieben war. O sie hatten Gefühl, diese Bretter! Das Mädchen war ja ernstlich ins Grab gestiegen, darum wollten sie sich auch zum Spiel nicht mehr öffnen. – Da sprang der Sänger plötzlich entsetzt auf. Sah er recht, täuschte nicht das Halbdunkel der Bühne? – Nein, nein, langsam öffneten sich die Flügel der Versenkung. Still und geräuschlos, ohne daß er das Knarren der Seile, welche die Maschinerie leiteten, hörte, thaten sie sich weit von einander, und auf dem Sarg, welcher emporstieg, lag die verstorbene Tänzerin, seine Geliebte, mit dem sonst so blühenden, jetzt schneebleichen Gesichte, im weißen Gewande der Aebtissin, mit dem großen schwarzen Kreuze des Ordens auf der Brust. Er wollte auf sie zustürzen, sie emporreißen; doch fühlte er sich plötzlich am Arm gehalten, und neben ihm stand der alte eisgraue Mann, den er schon zweimal gesehen hatte. Der flüsterte ihm leise zu: »In der That ein schönes Gemälde das, aber ich bitte Sie einige Schritte zurückzutreten, es ist Decorationsmalerei, welche in der Entfernung gewinnt, und sich dann ganz anders gestaltet. – Sehen Sie z. B. von hier, wo Sie keine Gesichtszüge, keine Gestalt unterscheiden, müssen Sie mir zugestehen, daß die viereckige Fläche des Sarges mit dem schwarzen Kreuze frappant einem großen Treff-Aß ähnlich sieht.« – – – Am andern Morgen machte die Intendanz des Theaters folgenden traurigen Vorfall bekannt. »Nachdem Herr * als Robert in der Oper gleichen Namens den kunstsinnigen Publikum einen so hohen Genuß gewährt hatte, blieb derselbe ermüdet allein in der Garderobe zurück; wie lange, weiß man nicht, da er seinen Diener nach Haus geschickt hatte, und der unglückliche Mann selber einige Stunden nach Beendigung des Stücks durch die Theaterwache auf der Bühne, wahrscheinlich in Folge eines Schlagflusses, todt gefunden wurde.« Zum stillen Vergnügen Vor Jahren gab es zu Cöln am Rhein eine sonderbare Schenke. Das Haus, oder vielmehr der Keller, welcher als Gastzimmer diente, wird nunmehr längst eingefallen oder abgetragen sein, denn schon zur Zeit, von der ich rede, sah die Spelunke äußerlich so baufällig aus, daß, wer zum ersten Male hinkam, schwerlich der Versicherung seines Führers glaubte, es sei im Innern ganz comfortabel und gar nicht so gefährlich, als sich das Gebäude von außen anließ. Von selbst verlor sich nicht leicht Jemand dahin; es war fast nur einem Eingeweihten möglich, sich in den Gäßchen, welche zum Ziele führten, nicht zu verirren. Man konnte auch nicht wohl Jemand um den Weg fragen; denn eine gute Strecke vom Hause lief der Weg kreuz und quer bald zwischen Gemüsegärten, bald zwischen öden Mauern oder Trümmerhaufen der Wohnungen einer verschwundenen Generation. Wer sich nun durch all' diese Schrecknisse glücklich durchgefunden hatte, kam auf einen kleinen, freien Platz, welcher mit melancholisch durcheinandergewachsenem Unkraute bedeckt war, und hier stand die Schenke zum stillen Vergnügen . Sie war zart und sinnig gewählt, diese Benennung. Nur das Verlangen nach stillem Vergnügen, nach stillem Genuß des wirklich guten Weines, der hier geschenkt wurde, führte die Gäste unter dieses einsame Dach. Hier herrschte auch feierliche und erhabene Stille. Mit inniger Rührung wurden die geleerten Schoppen betrachtet und sorgfältig in's Himmelreich gesetzt; so hieß ein großer Korb, der jedem der Stammgäste zwischen den Beinen stand und woraus nachher die Zeche berechnet ward. Wie großartig war der Augenblick, wenn der Wirth hereintrat, um mit lauter Stimme zu verkünden, es sei wieder ein Faß geleert. Dann erhob sich Alles mit einem Male, und ein alter, ehrwürdiger Weltgeistlicher hielt mit kurzen, aber kräftigen Worten dem abgeschiedenen Weine ein Seelenamt. Das Lokal bestand aus einem großen Gewölbe, dessen Wände ursprünglich weiß gewesen waren, aber durch Zeit und Rauch eine dunkle Farbe angenommen hatten. Ein gutes Billard war das einzige anständige Möbel; die übrigen Gerätschaften bestanden in schlecht gehobelten Tischen und Bänken, in welche die Gäste allerhand schlechte und gute Bemerkungen schnitten. Doch war eben dieses Billard den ältern derselben ein Dorn im Auge; denn sie behaupteten, und vielleicht nicht mit Unrecht, seit seiner Anschaffung sei der Wein schlechter geworden. Abends um sieben oder acht Uhr kamen die ersten Gäste, und es traf sich nicht selten, daß die letzten am andern Morgen die Schatten der Morgendämmerung benutzen mußten, um unerkannt nach Hause zu kommen. Die Gesellschaft war gewöhnlich ziemlich gemischt. Es kamen Welt- und andere Geistliche, um sich verborgen vor der lauschenden, neugierigen Welt ein stilles Vergnügen zu machen, Studenten, Militärs, Literaten, alte Bürger; aber im Ganzen nur solche Leute, die ein gutes Glas Wein zu würdigen verstanden. Zuweilen erschienen auch einige Fremde, deren Wohnung und Beschäftigung Niemand wußte, und man raunte sich über dieselben manch Sonderbares in die Ohren. Den aufmerksamen Beobachtern war es unter Anderm aufgefallen – es wollten's wenigstens einige bemerkt haben – daß die Unbekannten auch beim trockensten Wetter nasse Fußstapfen zurückließen; Andere behaupteten, sie haben grüne Zähne, und das mußte selbst der Wirth eingestehen, daß es ihm geschienen, als habe beim Bezahlen Einer derselben statt Geld Schilfgras herausgezogen; jedoch wie er's ihm in die Hand gegeben, sei's ein funkelndes Goldstück geworden. Doch, wie gesagt; die Leute waren in ihrer stillen Seligkeit viel zu vergnügt, um sich viel um Andere zu bekümmern, auch zu gebildet, als daß sie einem Fremden mit unbescheidenen Fragen zu Leibe gegangen wären; und die Unbekannten betrugen sich sehr anständig, tranken, wenn sie kamen, viel vom besten Wein, machten dabei wenig Scandal, und sangen nur zuweilen ein unbekanntes Lied, dessen Refrain so hieß: Auf den Rhein Beim Mondenschein, In den Rhein, Wenn's regnet. Und auch dagegen war nichts einzuwenden, denn ein Censor, welcher sich auch zuweilen hier still vergnügte, hatte erklärt, es seien in diesem Liede durchaus keine bösartigen Ausfälle gegen den Staat. In dem Punkte nämlich war der Wirth sehr strenge. Eine andere originelle Figur unter den täglichen Gästen war ein junger Mann, von dem auch Niemand wußte, wer er war, was er that, und womit er sich beschäftigte. Er kam beinahe jeden Abend, sprach sehr wenig und blieb sitzen, bis die Letzten gingen, denen er sich anschloß und sie jedesmal bis zu einer gewissen Stelle der Straße begleitete, wo man den Rhein sehen konnte. Da entfernte er sich schweigend und setzte sich an die Mauer auf einen großen Eckstein, welchen er, so sagten die Leute, die hier herum wohnten, im Laufe des Tages selten verließ. Deswegen, und weil man seinen wirklichen Namen nicht wußte, nannte man ihn nur den Herrn von Eckstein, eine Benennung, die ihm zu gefallen schien; denn er erwiederte diese Begrüßung bei seinem Eintritt stets mit freundlichem Lächeln. Daß seine sonderbare Kleidung, von den seltsamsten Farben und ganz barok im Schnitt, jemals Mode gewesen, erinnerten sich auch die ältesten Gäste nicht. Anfangs war diese schweigsame Erscheinung den guten Cölnern verdächtig gewesen; nach und nach aber hatten sie sich an den Herrn von Eckstein so gewöhnt, daß ihnen etwas fehlte, wenn er, was übrigens höchst selten geschah, einen Abend ausblieb. Ferner war in diesem Kreise froher, kluger Zecher oben genannter Weltgeistliche, der Herr Barbatus, zu bemerken. Derselbe versah alle Funktionen eines öffentlichen Ministeriums. Er pflegte die Reden zu halten, welche allenfalls nöthig waren, und war bei kleinen Streitigkeiten die höchste Instanz; ein sehr freundlicher Mann, wenn er einmal den zwölften Schoppen geleert hatte; vor diesem Zeitpunkte aber war er einsylbig, warf viel mit Brocken schlechten Lateins um sich und behielt den Hut auf dem Kopfe. So lange dieser Zustand dauerte, war es sehr still »Im Kreise rings«; aber wenn der Herr Barbatus sein dreizehntes Fläschchen nahm und sein Dreieck lüftete, so summte und krabbelte es vergnüglich in dem Zimmer, als habe man von einer Schachtel voll Maikäfer den Deckel abgenommen. Im Ganzen wurde der Ton sehr anständig gehalten. Zotenlieder waren ganz und gar verboten; überhaupt hörte der Herr Barbatus nicht gern, wenn gesungen wurde, und pflegte häufig beim Anfang eines Liedes, das ihm nicht behagte, seinen Hut wieder aufzusetzen, was dann als Beweis seiner höchsten Unzufriedenheit vom singenden Publikum durch Aufgeben des Gesanges respektirt wurde. Eines Abends hatte Herr Barbatus seinen Hut abgenommen, und es herrschte im stillen Vergnügen laute Fröhlichkeit. Fleißiger als sonst war den Schoppen zugesprochen, und bald strotzten die Himmelreiche von Seligen. Draußen fegte ein rauher Wind und rasselte zuweilen an den Fenstern hin, als beneide er die in der Stube Sitzenden und wolle auch herein; doch abgehalten durch die fest verschlossenen Fenster, flog er unter das Unkraut vor der Thür und koste mit demselben. Ein Nachtwächter, welcher sich heute Abend in diese Gegend verirrt hatte, erzählte später seinen Bekannten, er habe unter dem Gras und Kraut auf dem Platz vor dem stillen Vergnügen in jener Nacht deutlich lachen und menschlich flüstern hören. Auch einer der Gäste in der Stube, welcher am Fenster gesessen, wollte etwas bemerkt haben: wenn der Wind zuweilen eine der Schilfpflanzen, deren am Hause viele wucherten, in die Höhe gejagt, so sei dieselbe an's Fenster gefahren und habe mit einem verzerrten menschlichen Gesichte in die Stube geschaut. Dem sei nun, wie ihm wolle, es ging in der Schenke heute besonders lustig zu. Oben am Tisch saß Herr Barbatus in stiller Majestät und sprach emsig mit dem Herrn von Eckstein, der ihm nur ein kurzes Lächeln und zuweilen ein paar abgebrochene Sätze zur Antwort gab. Neben ihm hatten sich ein paar Studenten gelagert und unterhielten sich mit einigen Freiwilligen über Subordination; jedoch schienen sich ihre Ansichten hierüber nicht recht vereinigen zu können Weiter unten saßen einige Bürger mit weinseligen Gesichtern, und das Ende des Tisches hatten vier der Fremden eingenommen, von denen oben die Rede war. Das waren aber in der That seltsame Gestalten. Der eine hatte eine stolze, schlanke Figur und feine Manieren, zu welchen das zartbleiche Gesicht mit interessanten Zügen sehr gut paßte; ein zweiter, von starkem, untersetztem Körperbau, hatte dazu einen Kopf, der sich auch nur auf diesem Körper gut ausnehmen konnte, ein scharf markirtes rothes Gesicht, in welchem ein paar funkelnde Augen einen absoluten Willen aussprachen. Beide schienen des Befehlens gewohnt zu sein; nur, glaube ich, gebot der erste, indem er ruhig auseinandersetzte, das, was er wolle, sei unumgänglich nothwendig; er überzeugte, wogegen der andere kurz sprach: ich will! und wehe, wer sich ihm widersetzte! Ein dritter der Fremden sah aus wie der etwas leichtfertige Sohn einer anerkannt großen und mächtigen Familie, etwa wie ein Erbprinz, dem es mehr darum zu thun ist, tolle Streiche zu treiben, als durch gesetzliches Betragen seinem künftigen hohen Stande Ehre zu machen, ein Shakespeare'scher Prinz Heinz. Die vierte Person schien eine untergeordnete Stellung einzunehmen und hatte dabei ganz das Air eines Magisters der schönen Künste. »Theuerster,« sprach oben am Tisch zum Herrn von Eckstein der Herr Barbatus, »lassen Sie mich doch endlich einmal etwas über Ihre früheren Schicksale vernehmen. Bezeichnen Sie mir doch Ihre Wohnung; ich möchte Sie gar gern einmal besuchen;« worauf der andere entgegnete: »Weiß ich doch selbst nichts von meinem frühern Leben, habe mich nur so gekannt, wie ich jetzt bin, nicht kleiner, nicht größer, nicht jünger, nicht älter.« – »Sie waren aber doch einmal gewiß,« sagte Herr Barbatus, »ein charmantes Kind. Erinnern Sie sich denn der fröhlichen Zeit nicht mehr, wo Sie Fenster einschmissen und die Schule schwänzten? –»Nein, Herr Barbatus.« – »Von Ihrer ersten Liebe, Herr von Eckstein, müssen Sie mir erzählen. Und was haben Sie gelernt? was studirt? oder in welchem Geschäfte haben Sie gearbeitet?« – »Ich habe nie gelernt, nie studirt, auch nie gearbeitet,« sagte Eckstein. »So, so,« entgegnete Herr Barbatus; »aber was sind Sie denn eigentlich? Was stellen Sie in der Welt vor? – »Ich?« sagte Eckstein, »eigentlich gar nichts.« »Sehr sonderbar,« meinte Herr Barbatus; »aber Sie müssen doch irgend eine Erinnerung haben, z. B. wo fühlten Sie zuerst, daß Sie da waren, daß Sie lebten? Wann tranken Sie den ersten Schoppen?« – »Eines Morgens,« erzählte Eckstein sehr gleichgültig, »muß mich der Wind in den Hof eines Hauses hineingeweht haben; denn von einem sehr harten Falle auf den Boden erwachte ich und fühlte, daß ich da sei. Ich bin bald aus dem Hause geworfen worden, indem die Leute meinten, ich sei ein Dieb. Darauf, weil ich sehr müde war, habe ich mich nicht weit von dort auf einen Eckstein gesetzt, wo ich noch jetzt regelmäßig jeden Tag sitze, weil es mir da gefällt und ich sonst nicht weiß, was ich machen soll. Eine einzige, aber sehr dunkle Erinnerung habe ich von einem frühern Dasein; ich glaube nämlich, daß ich vor langer Zeit irgend ein König gewesen bin.« – – »Aber die Subordination,« schrie einer der Studenten »ist eine höllische Erfindung. Also wenn so ein Lieutenant zu Ihnen sagt: »Herr, Sie sind ein Esel!« so antworten Sie mit der größten Unterwürfigkeit: »Sehr wohl, Herr Lieutenant?« – »Freilich,« sagte der Unteroffizier. – »Und wenn Sie dagegen sprächen: »das sind Sie selbst, Herr Lieutenant«, so –« – »Käm' ich in Arrest.« – »Und wenn Sie nun, denn das könnte doch auch vorkommen, einmal unschuldig in Arrest kämen, wie revanchirten Sie sich denn?« – »Ich bedanke mich für die gnädige Strafe,« entgegnete der Unteroffizier. »O weh, die Welt geht unter, Es sprang dem Faß ein Reif!« jauchzte der Student, so daß der Herr Barbatus bestürzt nach seinem Hute griff. Mittlerweile fing der Wein im ganzen Kreis an zu wirken. Eckstein schüttelte vergnüglich seinen Kopf und schnitt dazu allerhand seltsame Grimassen, welche Barbatus stets mit unmäßigem Gelächter begleitete. »Ei, Herr König,« lachte er, »soll ich Ew. Majestät nicht eine Krone anfertigen? He, einen Bogen Goldpapier, wenn er zu haben ist!« Der Wirth hatte von der letzten Weihnachtbescheerung zum Glück einen erübrigt, welchen er diensteifrig nebst einer Scheere herbeibrachte. Schnell machte sich Barbatus darüber her und hatte in kurzer Zeit eine saubere Krone fertig, die er dem Herrn von Eckstein vermittelst einiger Stecknadeln um den Kopf befestigte. Der nahm sich aber sehr sonderbar unter dem Schmucke aus. Das Gesicht, welches er demselben zu Gefallen machte, war steif und hölzern, wie das eines Kartenkönigs aus der Stralsunder Fabrik. Diese Aehnlichkeit mußte einem der Studenten auffallen, denn er schlich zum Zimmer hinaus und kehrte bald mit einem alten Kegel und einer Kegelkugel zurück, mittelst deren der Herr von Eckstein sogleich mit Reichsapfel und Scepter ausstaffirt wurde, so daß die ganze Versammlung in ein schallendes Gelächter ausbrach. Nur dem Könige selbst schien die Sache nicht lächerlich. Mit ernster Miene wandte er sich zu dem Herrn Barbatus und sagte ihm leise: »Es werden mit der Zeit alle Erinnerungen in mir deutlicher. Ich war früher gewiß und wahrhaftig der Ecksteinkönig.« – »Ja früher,« entgegnete Barbatus mit weinschwerer Zunge, »ich glaube das selbst, und ich müßte mich sehr irren, wenn ich mit dero Majestät nicht einmal Solo gespielt hätte.« Auch unten am Tisch trieben die sonst so stillen Fremden allerlei wunderliche Possen. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und gaben ganz eigene Töne von sich, Gesang war's nicht zu nennen. Bald glaubte man mitten unter Wasservögeln zu sein, dann schien man sich wieder in einem Teiche unter jungen Fröschen zu befinden; jetzt hörte man scharfe Klänge, wie wenn man mit dem nassen Finger auf dem Rand eines Glases schleift, gellend und markdurchbohrend. Auch die Unteroffiziere und die Studenten waren sehr laut in ihrer Weise. – Selbst der Herr Barbatus hatte seine Scheu vor dem Gesang abgelegt und brummte halblaut vor sich hin: Lieber Mond, du gehst so stille Durch die Abendwolken hin. Kurz, das stille Vergnügen hatte sich in ein sehr lärmendes umgewandelt. »Ist es denn wahr,« sprach da auf einmal einer der Studenten zu dem ihm zunächst sitzenden Fremden, »daß Sie grüne Zähne haben? Machen Sie doch gefälligst Ihren geehrten Mund etwas auf, damit ich sehen kann.« Der Fremde aber brach in ein gellendes Lachen aus und hielt dem Studenten zur Antwort seine Hände entgegen, aus welchen klare Wasserstrahlen über den Tisch und die sämmtlichen Gäste hinfuhren. Zugleich traten seine Augen aus dem Kopf, und das ganze Gesicht verzog sich zu einem Fischhaupte. Im nüchternen Zustande würden sämmtliche Anwesende über diesen Anblick sich nicht wenig entsetzt haben, aber der Dunst des Weines hatte ihre Augen mit so vielen bunten Ranken umsponnen, daß sie bei sich selbst nicht recht einig waren, ob das wirklich geschehen, was sie da sahen. Nur der Student war entsetzt zurückgefahren und hatte dem Unbekannten eine Flasche an dem Kopf geschleudert, welche in tausend Scherben zersprang, die derselbe ruhig abschüttelte und sich durch einige Fische, Eidechsen und anderes Gewürm rächte, welches er aus seinen Fingerspitzen dem Musensohn in's Gesicht springen ließ. Dieser erhob ein gräßliches Geschrei und brüllte Mord und Zauberei, daß alle Anwesenden erschrocken von ihren Sitzen auffuhren. Nur der Ecksteinkönig blieb ruhig auf seinem Platz sitzen und lächelte vor sich hin. Der Herr Barbatus, dem auch einige Wasserstrahlen das Gesicht etwas abgekühlt hatten, setzte seinen Hut auf, und es war komisch anzusehen, wie seine vergnügt zuckenden Mundwinkel wie Blitze rechts und links in die Backen fuhren und da einige ernste Züge hervorsuchten, mit welchen er folgende Worte würdig begleitete: »Unüberlegter Unbekannter,« so sprach er mühsam, »junge Fontäne, daß Sie kein menschliches Wesen sind, obgleich Sie einigermaßen so aussehen, ist mir jetzt auf entsetzliche Weise klar geworden. Lassen Sie ab von Ihrem dämonischen Treiben. Haben Sie vielleicht früher auf irgend einem Brunnen gestanden und sind hinabgestiegen, weil Ihnen das Wasser nicht mehr mundete, so ist diese That zu loben. Ist aber die Zeit Ihres gespenstischen Wandels verflossen und Sie glauben wieder auf Ihrem Platz zu stehen, da Sie anfangen, Ihre Strahlen springen zu lassen, so erlaube ich mir, Ihnen unterthänig zu bemerken, daß das nicht der Fall ist, und Sie haben nur ungefähr die Gegend zu bestimmen, wohin Sie gehören, so werden wir uns ein Vergnügen daraus machen, Sie nach der Richtung zu einem Fenster oder der Thür hinauszuwerfen.« Das Wort Hinauswerfen schlug, wie die Feuerglocke zur Nacht an das Ohr der Schlafenden, an die taumelnden Sinne der Unteroffiziere und Studenten. Im Nu drängten sie sich an die Fremden und suchten dieselben zu fassen. Aber es bedurfte nur einer Handbewegung, und die Angreifer prallten drei Schritte zurück. Der große bleiche Mann öffnete den Mund und sprach zum erstenmal, aber mit donnernder Stimme: »Sind das die Regeln eurer Gastfreundschaft, unredliches Menschenvolk? Machen wir es eben so, wenn ihr in unser Reich eindringt? Sind wir euch hinderlich und necken euch, wenn eure unbeholfenen Leiber sich in unser klares, reines Wasser wagen? Freilich sind wir nicht eures Gleichen, wir sind Prinzen des Wasserreichs. Seht in mir den Fürsten von der Mosel. Ich war es, der im Keller des Hauses hier meine Unterthanen rein erhielt und sie vor der Wasserpumpe des Wirths bewahrte.« »Und ich,« rief der zweite der Fremden mit dem rothen Gesicht, »bin der Graf von Walportsheim. Oft bin ich dem Küfer als Gespenst in den Weg getreten, oder hab' ihm ein unheimliches Wort in die Ohren geflüstert, wenn er das Blut meines edlen Volkes mit schlechtem Drachenfelser mischen wollte. – »Und daß ihr undankbaren Geschöpfe,« rief der Dritte, »in diesem geringen Hause ein Glas guten Rheinwein trankt, habt ihr mir zu danken. Ich bin der Prinz Pips, Vetter Seiner Majestät vom Rhein, und für eure Unhöflichkeit will ich euch jetzt mit Wasser regaliren.« Und stärker und stärker schossen die Wasserstrahlen aus den Fingerspitzen des Prinzen. »Nixen und Wassermänner!« stöhnte Barbatus und sank in seinen Stuhl zurück. »Hebt euch von hinnen, ihr Gespenster, im Namen – –« – »Alberner Mensch!« unterbrach ihn der Fürst von der Mosel, »glaubst du uns durch deine ohnmächtigen Formeln hinwegschrecken zu können? Glaubst du, ihr seid höhere Wesen, die einzigen vom Schöpfer anerkannten, und ein Wort von euch reiche hin, uns verschwinden zu machen? Dankt es unserer friedfertigen Natur, daß wir nicht längst von unserem Grunde aufgestiegen sind und uns auf dem Lande die Macht angemaßt haben, welche wir unbeschränkt im Wasserreiche üben. Fasse meine Hand und fühle, ob dein Fleisch fester ist, als das meinige!« – »Greift sie, greift sie!« stöhnte Barbatus und schlug in der gräßlichsten Angst mit beiden Händen auf den Bauch. »O stilles Vergnügen, dein werd' ich gedenken!« »Holla ho!« schrie Prinz Pips, wir wollen unsere Unterthanen aus dem Keller abrufen und das Gezücht hier im klaren Wein ersäufen. Heraus ihr Gesellen, und herein ihr draußen!« Er riß das Fenster auf, zu welchem der Wind, der noch immer heftig tobte, Schilfpflanzen und Wasserblumen, auch sonderbar geballte Nebel hereinjagte, die sich in der Stube zu seltsamen Gestalten umwandelten. Hier sprang ein ungeheurer Frosch, da eine riesige Eidechse. Große Fische schlüpften zwischen den vor Entsetzen angefesselten Menschen herum und schnappten ihnen nach den Beinen. Unten im Keller begann es zu klingen und zu klappern; es rutschte und rollte die Treppe herauf, es klirrte und drängte gegen die Stubenthür, welche aufspringend ein unermeßliches Flaschenheer in die Stube ließ. Rhein-, Mosel- und Aarweinflaschen rollten herein, sogar einige Champagnerflaschen hatten sich im allgemeinen Strudel mit fortreißen lassen. Es war ein gräßlicher Anblick, ein betäubender Spektakel: das Knirschen der Flaschen, indem sie sich an einander drückten und drängten, dazwischen das Quicken und Grunzen der Wasserthiere, wozu der Prinz immer gräßlicher lachte und sich bald lang, gleich einem Aal ausreckte, bald wie eine Schildkröte zusammenkroch. Auch hatte er schon so viel Wasser von sich gegeben, daß der Fußboden über einen Schuh hoch damit bedeckt war. »Wollt ihr meine grünen Zähne sehen, ihr Menschenvolk?« lachte der Fürst von der Mosel, und der Graf von Walportsheim schüttelte sein Haupt, um welches statt Haare große lange Wasserpflanzen flatterten, mit welchen er den Anwesenden im Gesicht herumfuhr. Er rief: »Auch habe ich grüne Haare! seht meine grünen Haare! Jawohl, ich bin ein Wassermann!« – »Auch ihr,« jauchzte der Prinz dazwischen, »sollt Wasser-, nein Weinmänner werden! Holla, Gesellen! kommt, liebenswürdige Weine, rächt euch an diesen Gestalten, die schon so vielen der eurigen in ihrem Magen ein schlechtes Ende bereitet haben. Steigt heraus und ersäuft sie! Heraus, heraus!« Hui, wie flogen die Pfropfen der Flaschen, wie zerborsten die, denen er zu fest auf dem Halse saß. Roth und weiß floß der Strom durcheinander und von Minute zu Minute stieg die Fluth. Wollten die unglücklichen Menschen zur Thür oder zum Fenster hinaus, so traten ihnen die greulichen Wasserscheusale entgegen oder sonst eine der wüsten Gestalten, welche das Haus umliefen, es bewachten und Niemand hinausließen. In halber Ohnmacht lag Barbatus in seinem Stuhl und schaute mit gebrochenem Auge in die Verwüstung. Ecksteinkönig dagegen saß so gravitätisch wie früher, Scepter und Kugel in der Hand haltend, und lächelte. Um sich vor dem sichern Wassertode wenigstens eine Zeit lang zu retten, warfen sich die Studenten, Unteroffiziere und Bürger gegen das Billard und versuchten es von allen Seiten zu erklettern. Aber es schwankte wie ein Boot im Rhein, und manche fielen mehrmals in's Wasser, ehe sie den rettenden Bord erreichten. Unvermögend, sich zu rühren, war Barbatus sitzen geblieben; jetzt wehrte er sich mit aller Kraft der Verzweiflung gegen einen ungeheuren Krebs, welcher sich bemühte, ihm mit seiner Scheere den dreieckigen Hut vom Kopf zu ziehen. Mit einer Hand schüttelte er den Eckstein und versuchte, ihn aus seinem phlegmatischen Ruhe zu zerren. »Rette mich, Majestät!« stöhnte er. »König, hilf! schlag mit deinem Scepter das Unthier zu Boden! Hülfe. Hülfe!« Ruhig ließ dieser das Stück Holz, welches er in der Hand trug, auf den Kopf des Thiers fallen, das sogleich vom Geistlichen abließ und in die Fluth tauchte. Da stürzte der Prinz hinzu. »Wie, du Kartenkönig,« rief er, »du wagst es, meine Freunde zu schlagen? Herbei, herbei, lieben Thiere! Kneipt ihn, erwürgt diesen König!« Eine Masse der häßlichsten Thiere kam herangeschwommen; doch kaum hatten sie sich dem König genähert, so prallten sie zurück und umkreisten ihn scheu in einiger Entfernung, und selbst der Prinz wich vor dem todten, bleifarbenen Auge zurück und wagte nicht, ihn anzusehen. »Wer bist du?« fragte der Prinz. – »Der Ecksteinkönig hochseligen Andenkens.« – »So geh' in dein Grab, wenn du selig bist,« rief der Graf von Walportsheim, »und stör' uns nicht in unserem Vergnügen, du Gespenst!« – »Wenn ich schlafen könnte, gern, denn ich bin sehr müde,« entgegnete der Eckstein. – »O du Kartenkönig!« rief der Prinz; »ich will dich zur Ruhe bringen, Gespenst. Ein Aß her! ein Ecksteinaß. ich will den König stechen!« Da brach plötzlich ein freundlicher Strahl der aufsteigenden Morgensonne in das Zimmer der Schenke zum stillen Vergnügen. Im Stuhle lag ausgestreckt der Herr Barbatus und war todt. Vor ihm stand der Wirth und wischte ihm das Blut ab, welches an seinem Munde geronnen war. Wahrscheinlich hatte ein Schlaganfall sein Herz gebrochen. – Auf dem Tische lag ein alter Ecksteinkönig, der zu keinem vorhandenen Spiele passen wollte und den der Wirth deßhalb zum Fenster hinauswarf. Von den Gästen, welche vergangenen Abend hier gewesen waren, ist ferner keiner gekommen, denn der Wein soll ihnen so entsetzliche Träume verursacht haben, daß Einige im Ernste behaupteten, es seien hier Sachen vorgefallen, die sie nicht zum zweiten Mal mit ansehen wollten. – Den größten Schaden aber hatte der Wirth. Der Herr Barbatus war todt, der Herr von Eckstein ließ sich nie mehr sehen, und was noch schlimmer war, in dieser Nacht waren im Keller die vielleicht morschen Weingerüste gebrochen und fast sämmtliche Flaschen herabgefallen, zertrümmert und ausgelaufen. Eine Meßbude. Eine Wohnung, deren Fenster die Aussicht auf einen schönen Garten haben, um die das saftige Rebenlaub mit seinen Ranken natürliche Jalousien bildet, die keinem neugierigen Auge in die stille Klause zu dringen gestatten, dagegen so viel runde und eckige Oeffnungen haben, daß man im Geheim die ganze Nachbarschaft dadurch belauschen kann, ist eine schöne Sache im Sommer. Ich hatte eine solche Stube, und es war mein größtes Vergnügen, zuzulauschen, wie die Natur aus ihrem Schlummer erwachte, wenn die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne auf Gras und Blätter Tausende von Diamanten warfen, die Vögel ihre Morgenlieder sangen, und die Goldkäfer und Ameisen über die weißen Sandwege emsig ihren Geschäften nachliefen. Und dann erst am Abend, wenn es allmählig stiller ward in den Büschen und Gräsern, wenn die schöne Nacht empor stieg und der müde Tag an ihrem Herzen entschlummerte! Wie gut und sanft war die Nacht, wie ruhig und still, bis er wirklich fest eingeschlafen war! Dann warf sie einen Blick auf den ruhenden Geliebten, bewegte geräuschlos ihren Zauberstab, rief ihre Genien und Fantome hervor, ermunterte sie zu Tänzen und Gesängen, und hieß sie die Seele des entschlafenen Tages mit bunten Träumen umgeben. O sie war schön die Nacht und freundlich! Wie oft bin ich an ihrer Brust entschlummert, und auch um mich flatterten die bunten Gestalten, welche aus den Blumen empor stiegen, und die kleinen zierlichen Elfen, die hervorkamen aus dem silberhellen Bach. Wie oft legte sich eine kleine Nixe an mein Herz, und ließ das ihre leise gegen das meine schlagen, und preßte mir einen glühenden Kuß auf die Lippen, daß ich oft im Traume geglaubt habe, es sei die schöne Emma, deren Herz aber nie an dem meinigen schlug und die mich nie geküßt hat. So schaute mein Geist in das dunkle Laubgewölbe des Gartens, welcher vor meinem Fenster lag. Gewöhnlich aber spähte auch mein leibliches Auge hinein, ob sich nicht irgend eine liebenswürdige Nachbarin sehen lasse, die da in den schattigen Gängen herumspazierte; denn eine solche Erscheinung gehört zu der Wohnung, die an einem Garten liegt. Ich wußte, daß der vor meinem Fenster einem reichen Kaufmann gehörte, welcher eine einzige, allerliebste Tochter hatte, die ungefähr sechzehn Jahre alt sein mochte. Ich hätte mich sehr gefreut, das liebliche Kind zuweilen zu sehen; doch waren die Anlagen groß, und meine Wohnung lag ganz am Ende derselben, deßhalb wurde mir dieses Glück nie zu Theil. Ich hatte nicht im Sinn, irgend ein Verhältniß anzuknüpfen oder auch nur den Versuch zu machen; es hätte mich nur aufgeheitert und meine Phantasie erfrischt, so ein niedliches Wesen unter den Rosen umherflattern zu sehen. Endlich, nachdem ich schon alle Hoffnung aufgegeben, ward mein Wunsch erfüllt. Eines Abends lag ich im Fenster; da sprang über eine der Grasflächen, deren es viele im Garten gab, ein niedliches Reh, das ich schon oft bemerkt hatte, gerade auf meine Wohnung zu, blieb zuweilen stehen, und wandte den Kopf zurück, als necke es Jemand, der ihm nachkäme. So war es auch; fast athemlos, doch laut lachend lief hinter ihm die Tochter des Kaufmanns, dem Thiere: Fritz! Fritz! nachrufend. Nahe vor meinem Fenster warf sich das Mädchen auf eine Rasenbank, und lockte das Reh so lange, bis es kam, und sich zu seinen Füßen lagerte. Es war eine allerliebste Gruppe. Seit der Zeit kamen Beide oft in diese Gegend der Anlagen. Wenn meine Eitelkeit auch noch größer gewesen wäre, als sie wirklich war, so hätte ich doch unmöglich auf den Gedanken kommen können, als sei ich ein Magnet geworden, welcher das liebliche Kind anzöge, weil mich Niemand sehen konnte, da, wie schon gesagt, dichtes Rebenlaub meine Fenster umrankte. Eines Tages hatte sich das Mädchen aus die Bank gelagert und las emsig in einem Buch, da ward ein kleines Thor, welches neben meiner Wohnung von der Straße in den Garten führte, hastig eröffnet, und ein bildhübscher junger Mensch trat herein. Derselbe war phantastisch gekleidet, und da es gerade in der Meßzeit war, so muthmaßte ich, er gehöre zu irgend einer der Gaukler- oder Künstler-Gesellschaften, die gerade ihr Wesen in der Stadt trieben. Er war im höchsten Grade aufgeregt. Rasch um sich blickend, strahlte sein Auge vor Vergnügen, alle seine Bewegungen waren wild und heftig, er kam mir in diesem Augenblicke wie ein junges Pferd vor, das, dem dunklen Stalle entlaufen, die frische Luft einathmet und sich der gewonnenen Freiheit freut. So sah er mit erhobenem Haupte um sich, holte aus tiefer Brust Athem und sprang mit wilden Sätzen über Bouskets, Grasplätze und Wege. Jede Blume, bei der er vorbei kam, betrachtete er neugierig und freudig, legte sein Gesicht darauf oder drückte sie an die Brust. Plötzlich blieb er erstaunt stehen, denn er war durch eine Wendung des Weges gerade vor das Mädchen getreten, welches, das Geräusch des Kommenden hörend, aufgesprungen war, und die seltsame Erscheinung überrascht ansah. Das Reh ging in weitem Kreise um Beide herum, eine dunkle Röthe überzog die Züge des jungen Mannes, er ließ sich auf ein Knie nieder und sprach zu dem Mädchen: »O sage mir, wer bist du?« Sie trat einen Schritt zurück und entgegnete mit nicht geringer Verlegenheit: »Ich heiße Louise und mir gehört dieser Garten.« »Alles, das Alles gehört Dein?« sagte der Unbekannte. »Alle diese lebenden Bäume, diese wirklichen Blumen und der blaue Himmel, der tausendmal schöner ist, als ein gemalter? O laß mich deine Hand küssen, du bist so freundlich, laß mich etwas bei dir in diesem schönen Garten bleiben.« Dem Mädchen schien das sonderbare Benehmen des jungen hübschen Mannes zu gefallen. »Aber,« antwortete sie, während er ihre Hände ergriff und sie mit heißen Küssen bedeckte, »aber wer sind – wer bist Du denn?« – das Du sprach sie ganz leise. »Ja,« entgegnete der junge Mann, »das ist eine traurige Geschichte. Wenn ich das nur selbst wüßte. Der alte Mann, der mich mit sich herum führt, der mich immer in die hölzerne Bude oder in den Wagen sperrt, ruft mich nur mit dem Namen Pique!« »Aber was thust Du denn in der hölzernen Bude?« fragte das Mädchen. »Ich mache Kunststücke, und darnach werde ich jedesmal eingeschlossen; denn der alte Mann sagt, draußen laure etwas auf mich, und wenn mich das träfe, sei ich verloren. Heute bin ich entsprungen und hieher gelaufen, wo es so schön ist. O laß' mich einige Augenblicke hier diese lebendigen Bäume ansehen, die so frisch sind, und die natürlichen Blumen, die so süß duften. Laß' mich etwas bei Dir bleiben, die Du noch schöner bist, als das Alles.« Er legte sich in's Gras und zog das Mädchen neben sich, das sich von seinem Erstaunen nicht erholen konnte und willenlos zu ihm hinabsank, erst auf die Knie, dann neben ihn auf den weichen Rasen. Es war für mich ein seltsamer, ein holder Anblick! – sie mit dem reichen Gewand, mit dem blühenden Gesicht, in welchem Erstaunen, Scham und Wohlgefallen an dem schönen Jüngling wechselten; er in dem sonderbaren phantastischen Aufputze, mit dem schönen, freudestrahlenden Blick, tausenderlei Fragen, tausenderlei Bemerkungen machend, mit einer ewigen Verwunderung; dazwischen das Reh, welches bald dem Einen, bald dem Andern zutraulich über die Schulter sah. Ich muß gestehen, ich ward mit den Unschuldigen zum Kinde, ich habe eine Thräne geweint, eine Sehnsuchtsthräne nach einem Glück, wie das der Beiden, nach einem Herzen, das mich liebevoll anhöre, wenn ich ihm von den wirklichen lebendigen Blumen und Bäumen erzählen wollte, von den Gesprächen der Rosen und den Poesien der Goldkäfer – aber kein Herz, kein Herz für mich, das mich verstünde! Eine gute Stunde brachten die Beiden unter Lachen und Plaudern hin; dann erhob sich das Mädchen, reichte dem jungen Manne ihre beiden Hände hin und sprang blitzschnell dem Hause zu. Er sah ihr nur einige Minuten nach, und lief dann mit derselben Hast, mit welcher er gekommen, durch das Gartenthor, wahrscheinlich nach seiner Bude zurück. Mich interessirte es übrigens sehr, zu wissen, wer er sei. Ich hatte eine dunkle Ahnung, in ihm auf einen Gegenstand zu stoßen, mit dem ich früher in näherer Beziehung gestanden und den ich gekannt hatte; er war mir zu unerwartet schnell entschwunden, als daß ich ihm hätte folgen können, um zu sehen, wo er geblieben. Darum mußte ich mich, wollte ich meinen Zweck erreichen, zu einer Wanderung durch die sämmtlichen Buden und Merkwürdigkeiten der Messe entschließen. Eine Zimmerreise durch Amerika, Asien und Afrika war bald abgemacht, ohne daß ich etwas gefunden; das große Skelett eines Wallfisches, welches ich besehen, hatte mich meinem Zwecke nicht näher gebracht; ich durchstöberte zwei Menagerien und wohnte den Vorstellungen einer Kunstreiter-Gesellschaft bei, besah hier außer dem sich heute Abend producirenden Personale in den Ställen und Garderoben die sämmtlichen andern Mitglieder, ohne eine Spur von meinem Unbekannten zu finden. Unterdessen war es spät geworden, und ich mußte die Untersuchung der noch übrigen Buden auf den andern Tag verschieben. Ich schlenderte nach Hause und kam ganz am Ende des Marktplatzes noch an einem Bretterhause vorüber, das ein alter kleiner Mann, wahrscheinlich nach eben beendigter Vorstellung, verschloß. Sonderbar nahm sich das Costüm und die grell geschminkten Wangen im Halbdunkel des Abends aus; der bleiche Kopf mit den zirkelrunden rothen Flecken, auf dem ein goldbordirter, dreieckiger Hut saß, dazu ein rother Frack, gelbe Hosen und weiße Strümpfe; und welch ein Gesicht! hart, wie aus Stein geformt, veränderte sich kein Zug darin. Die tiefen Furchen konnte kein Lächeln mehr ausgleichen, sie schienen mit dem Meißel hineingearbeitet; sicher waren Zeit und Lebensstürme die Bildhauer gewesen. Dabei liefen die Augen unheimlich von einer Seite zur andern, während der kleine Mann das Schließen der Bude mit der größten Schnelligkeit betrieb. Entweder hatte er dringende Geschäfte, oder es mußte ihm auf der Straße nicht behaglich sein, denn kaum hatte er Läden und Thüren verschlossen, so schlüpfte er rasch zu einem Nebenthürchen hinein, und auch das hörte ich ihn von Innen mit zwei Riegeln verschließen. Ich stand lange nachdenkend und sah der Erscheinung nach; dies Gesicht? die ganze Figur – es stiegen dunkle Erinnerungen in mir auf; ich hatte ihn früher gesehen, doch wo? ich konnte mich nicht im Augenblick darauf besinnen; je mehr ich indeß über die seltsamen Züge nachsann, um so mehr stiegen üppige, sonderbare Gedanken in mir auf. Er erinnerte mich an eine Nacht, in der ich viel geträumt und viel gesehen hatte, der alte gebeugte Mann mit der tiefen Melancholie, der rothe Rock – richtig, es war das Gespenst jener Nacht auf dem Rathhausplatze in Cöln, ja, ja, er war es! Und der junge Mensch, der mir so plötzlich wieder ins Gedächtniß kam! Sollte ich hier zugleich bei meinem Alten auch einen neuen räthselhaften Bekannten finden, den Gegenstand meiner Forschungen von heute? Pique, dieser Name, und jener kleine Mann, und die Nacht mit den wüsten Träumen, wo er die vier Könige verfluchte, sie sollten wandeln auf der Erde! Damals, bei ruhiger Ueberlegung, hatte ich die ganze Geschichte belächelt, sie niedergeschrieben und mich gezwungen, dieselbe, ungeachtet ich Alles so deutlich gesehen und gehört hatte, ihrer Unmöglichkeit halber für Traum zu halten, und hatte sie allmählig vergessen. Aber nun, da ich in der Person des alten Mannes, den ich zu deutlich erkannte, den Kreis jener Zaubergestalten wieder tangirte, erstanden sie zu lebendig in meiner Brust. Ich wußte wieder jedes Wort, das die todten Soldaten gesprochen, mir kam der ganze Eindruck jenes Augenblicks wieder, wo der unglückliche Spieler Alles verlor und den Fluch über die Karten aussprach. Aber konnte dieser Fluch gewirkt haben? Hatte eine böse, unergründliche Macht dem Alten die Kraft eines Zauberers gegeben, daß er lebende Wesen erschaffen konnte? Tausende von Zweifeln, Vermuthungen und Hoffnungen zogen um mein Gehirn ein Gewebe von dunkeln und glänzenden Farben, das mich sehr ängstigte: ich mußte es durchbrechen. Rasch klopft' ich an die Thür der Bude. Nachdem ich lange vergeblich gewartet hatte, hörte ich endlich die Riegel klirren, und der alte Mann streckte seinen Kopf heraus. »Was wünschen Sie?« sprach er, »meine Vorstellungen sind für heute beendigt; doch stehe ich morgen um sechs Uhr wieder zu Diensten.« Es war dieselbe heisere Stimme; er mußte es sein. »Lassen Sie mich einen Augenblick eintreten,« bat ich ihn, »ich bin einer Ihrer Bekannten.« Ueber seine Züge flog ein eigenes Lächeln. »Sie, einer meiner Bekannten!« sagte er leise: »Das muß ein Irrthum sein. Die können mich selten besuchen und nie so früh; zuweilen zwischen Zwölf und Eins in der Nacht; sind auch nicht so jung und sauber anzusehen, wie Sie mein Herr.« Er wollte die Thür schließen. »So sieh mich genau an, alter Soldat,« entgegnete ich halb lachend. »Denke an Cöln, denke an die vier Könige.« Er trat einen Schritt zurück und sein Gesicht nahm einen ängstlichen, aber unheimlichen Ausdruck an, so daß ich trotz der nun ganz geöffneten Thür nicht einzutreten wagte. »Wer bist du denn, daß du auch bei Tage umgehst. Was hat dir dein Grab verschlossen?« »Ich habe Gottlob noch keins besessen,« sagte ich, »erinnere dich des Menschen an jenem Morgen, der dir seinen Mantel umwarf, als du vor Frost zitternd allein zurückgeblieben warst?« »So, du bist's?« sprach der Alte freundlicher. »Das ist etwas Anderes. Du hast mir Gutes gethan, darum tritt ein.« Ich ließ mich nun nicht nöthigen, und er verschloß hinter uns die Thür sorgfältig. Im Anfang wollte mich ein kleiner Schauer beschleichen, als ich mit dem Alten in dem halbdunkeln Hause ganz allein stand, so schien es wenigstens, denn man hörte kein Geräusch, als das unserer Bewegungen, oder das Picken eines Holzwurms in den Bretterwänden. Dazu kam noch der Anblick allerlei seltsamer Mobilien, die umher standen, unter Andern ein Sarg, der ihm wohl zum Bette diente. Jetzt setzte er sich darauf, und ich nahm ihm gegenüber in einem alten Stuhle Platz. Eine Zeit lang saßen wir stumm einander gegenüber; ein Jeder hing seinen Betrachtungen nach. Seit jener Nacht waren einige Jahre vergangen; ich hatte den Militärdienst und die alte Stadt Cöln längst verlassen, und wie ich nun diesen Alten wieder sah, fiel nur, wie schon gesagt, jene Nacht ein, und mit ihr all' die wilden, vergnügten Nächte, die ich bald allein, bald mit gleichgesinnten Freunden auf den stillen Straßen genossen hatte, in denen ich mit dem Geisterreich Bekanntschaft anknüpfen wollte. Aber jene Zeit lag weit hinter mir. Ich wandelte in einer Sandwüste, lebte so ruhig bürgerlich, Schritt für Schritt dahin; da stieß ich plötzlich auf diesen Alten, meinem fast verschmachteten Geiste eine frische Oase. Mein Gegenüber seufzte tief auf. »Ich wandle noch immer,« sprach er, »einsam, allein unter den fühlenden, fröhlichen Geschöpfen, den Menschen, und werde wohl noch lange wandeln müssen.« »Darf ich Sie,« sagte ich, »auf die Vorfälle jener unglücklichen Nacht zurückführen? Mich hat doch nun einmal das Schicksal in Ihre Begebnisse eingeweiht. Darum bitte ich, lassen Sie mich erfahren, wie es Ihnen später ergangen ist, wie Ihr jetziges Leben mit jenen Vorfällen zusammenhängt, und was aus den vier Königen geworden? Mein Glaube schwankt hin und her, in wie fern Ihr ausgesprochener Fluch auf die leblosen Blätter gewirkt hat.« »Es erleichtert meine gepreßte Brust,« antwortete das Gespenst, »wenn ich nach Jahren einem Wesen, das mich versteht, mein Herz ausschütten kann.« Darauf erzählte er mir Folgendes: »Nachdem ich die Ruhe meines Grabes verspielt hatte, sprach ich in der Verzweiflung, die sich meiner bemächtigte, den schrecklichen Fluch über jene vier Könige aus. Es ward Morgen, der erste, den ich nach ungefähr hundert Jahren wieder erlebte. Ich stand unter den Menschen, sah ihr Getreibe, das mir gänzlich fremd geworden war und mich unheimlich umtoste. Ich schritt durch die Stadt, fand kaum die Straßen und Gäßchen wieder, welche mir früher so bekannt waren, sah freie Plätze, wo sonst stattliche Gebäude standen, und neue Häuser auf Stellen, wo zu meiner Zeit Gras gewachsen war. Ich ging auch dahin, wo vordem meine Hütte gestanden; sie war nicht mehr. Mein wildes, sinnloses Leben hatte der Boden nicht tragen können, er war eingesunken, und wo ich früher gewohnt, stand jetzt ein grüner trüber Wasserpfuhl. Ich bin über mein Grab hinweggegangen, über mein stilles enges Grab; ich hätte den Boden aufgewühlt, aber es war kein ruhiger Friedhof mehr wie ehedem. Lustige Menschen liefen hier auf und ab und muntere Spiele wurden auf dem Platz gehalten, der doch eigentlich uns gehörte. Ich aber ward erstaunt betrachtet und verspottet. Darum verließ ich die Stadt und wandelte den Rhein hinauf, bis es Abend wurde. Da legte ich mich nieder unter einer einsamen Weide; zu meinen Füßen floß der gewaltige Strom; es war derselbe, an welchem ich als Kind gespielt, er hatte sich nicht geändert, war nicht alt geworden. Mein Kopf ruhte auf einem Stein; ich schlief nicht, doch versank ich in einen Zustand, den man waches Träumen nennt. Da schwebten rechts und links Gestalten auf mich zu, die ich zu gut kannte – die vier Könige, und der Eine fing an zu sprechen: ›Dein Fluch hat uns gebannt: wir werden wandeln und des Menschenlebens Jammer genießen, doch zu deiner Strafe werden wir fünf verschiedene Wesen bilden und doch eins sein. Jeder von uns belebt sich aus dir, indem er dir eine süße Erinnerung oder eine Tugend nimmt, welche du besessen und deren Andenken bisher noch einiges Licht in das schwarze schaurige Labyrinth deines Lebens brachte. Wir werden umher schweben, bis unsere Zeit kommt, doch auch du. Fortan wirst du deine Verzweiflung vergebens dadurch zu lindern suchen, daß du dich erinnerst, du seist einst gut gewesen, und schöne frohe Stunden deines verflossenen Lebens heraufrufst; du hast keine mehr, in deiner Brust bleibt nur das Andenken der Sünden, die du begangen.‹ Ich fuhr empor, und o Jammer! es ward plötzlich in meinem Herzen so, wie sie gesagt, Nacht, nur Nacht! Sie hatten mein Herz geplündert, und mit sich geführt das Gold, was noch darin lag, was in jeder, auch der schlechtesten Brust ruht, die süßen Erinnerungsstrahlen, welche das Böse dämpfen und den Menschen vor der gräßlichsten Verzweiflung und dem Selbstmorde bewahren! Und in mir ward es nun öde und leer, und ich kann mir nicht einmal das Leben nehmen. Was sie mir geraubt, waren freilich nur Andenken an eine glückliche Jugendzeit gewesen; aber aus diesem frischen Brunnen schöpfte ich ja stündlich, wenn mich der Staub meines spätern schwarz versengten Lebensweges ersticken wollte. Der Eine der Viere hatte meine frohen Träume mitgenommen, bunte Gestalten, die mich umschwebten, wenn ich mich in das hohe Gras legte, und mir durch Zuflüsterungen einer frohen Zukunft Hoffnungen, wenn auch falsche, vorspiegelten, über die ich meine traurige Gegenwart vergaß. »Ein Anderer hatte mir die Ruhe der Ermattung genommen, welche uns befällt, wenn man stundenlang gegen finstere Gedanken gekämpft hat; ein phlegmatisches Hinsinken, worin uns, weil wir nicht mehr denken und fühlen, jene unerquickliche Ruhe dennoch angenehm ist. »Ein Dritter entwand mir das Vergnügen, das jedes Geschöpf empfindet beim Anblick der großen herrlichen Natur. Mich freute nicht mehr der Glanz der Sonne, nicht das sanfte Licht des Mondes, nicht das frische Grün der Bäume und die schönen Blumen, nichts mehr, nichts mehr! die ganze Schöpfung schien mir grau bezogen und ekelte mich an. »Der Vierte endlich leerte mein Herz ganz aus und nahm mir die letzte süße Erinnerung, ein kleines Bild, welches ich zuweilen ansah, das mir Trost und Beruhigung, sogar Hoffnung gab; das Andenken an eine Jugendliebe, an ein reines Geschöpf, welches dort oben ist, und für mich am Thron des Höchsten beten sollte. So fühlte ich, als die Gestalten verschwunden waren und ich wieder empor sprang, mich namenlos elend. Ich irrte ohne Ruhe umher, habe mich in das Leben des ersten dieser Könige geworfen, hab' es vergiftet, indem ich hoffte, meine frohen Träume wieder zu erhalten; umsonst! ich bekam sie nicht. Dem zweiten folgte ich; ich sah sein armseliges Dasein verlöschen; aber er gab mir meine Ruhe nicht wieder. Da stand ich schaudernd still, und begann zu ahnen, daß Alles für mich auf ewig verloren sei. So hatte mein Fluch gewirkt, auf mich gewirkt; aus meinem Blut hatte ich die edelsten Theile in die Welt gejagt, mir blieb der faulende Grund, ich war wieder als Mensch mit menschlichen Bedürfnissen in den ganzen Jammer des Lebens getreten. Sterben kann ich nicht und muß so betteln, um mir mein Dasein zu erhalten. Nur die Karten, das unglückselige Spiel liebe ich noch immer.« Er schwieg still und schaute lange nachdenkend vor sich hin. Dann erzählte er mir auf meine Bitte die Geschichte der beiden Könige, wie ich sie im zweiten und dritten Capitel wieder gegeben habe. Doch befriedigte mich das noch Alles nicht. »Und von den beiden Andere haben Sie nichts mehr gehört? Sie wissen nicht, ob sie noch wandeln, oder wo sie geendet?« fragte ich. »Nein, nein!« entgegnete er hastig. »Ich weiß nichts Genaueres von ihnen, als daß sie noch in der Welt herumschweben.« Bei diesen Worten sah er mich forschend an. »Aber ich weiß, wo der Eine ist,« sprach ich mit erhöheter Stimme; »und auch Sie wissen es. Er ist hier, hier in dieser Bude.« Ich war nämlich überzeugt, daß meine Erscheinung von heute Nachmittag mit dem sonderbaren Benehmen und dem Namen Pique, mir seinen Erzählungen von der Bude und dem alten Manne, nur hier zu finden sei. »Warum mir das verheimlichen?« fuhr ich fort. »Ich weiß es: der Pique-König ist hier bei Ihnen. Wo ist er? Sie halten ihn gefangen.« Der Alte war aufgesprungen und sah mich entsetzt an. »Woher wissen Sie das?« schrie er laut, und setzte mit gedämpfter Stimme hinzu: »Und doch wissen Sie nichts. Er ist nicht da.« – »Und doch ist er hier,« sprach ich ganz gelassen und erzählte ihm von dem jungen Manne, den ich heute gesehen, von seiner Freude über die Natur, seinen Ausrufungen und seinem Namen, den er genannt, sagte ihm, daß ich gleich eine Ahnung gehabt habe, diese Erscheinung müsse mit jener Nacht in Verbindung stehen, daß ich hauptsächlich deßhalb hieher gekommen sei, um mir über diese unerklärliche Sache, in die ich seltsamer Weise verwickelt worden, eine genügende Aufklärung zu verschaffen. Er hörte mich ruhig an, setzte sich wieder auf seinen Sarg, und sprach dann mit leiser Stimme: »Sie hat das Schicksal in einen Kreis geworfen, von dem gewöhnlich die Menschen wegtreten und ihn scheu umgehen. Doch weichen Sie zurück, fürchten Sie die unsichtbaren Fäden zu berühren, denen Sie vielleicht nicht zu Ihrem Glücke nahe gekommen sind. Vergessen Sie das Geschehene und meine Mittheilungen, verbannen Sie es aus Ihrem Kopfe, damit es sich dort nicht festsetze, und denken Sie, es seien verworrene Träume gewesen, die Ihnen etwas von den vier Königen erzählten. Glauben Sie mir, die Gewißheit, Sachen erlebt, gesehen zu haben, denen Ihr Verstand und die natürliche Ordnung der Dinge geradezu widerspricht, könnte Ihnen auf die Länge der Zeit sehr traurig werden.« »Und doch«, entgegnete ich ihm, »ist es gerade das Umhüllen des Geheimnißvollen, was uns lüstern macht, immer tiefer hineinzudringen, und was unsern Verstand zu tausend Vermuthungen abmartert. Darum bitt' ich nochmals, geben Sie mir einen Zusammenhang, eine einfache Kette an die Hand, durch die ich die heutige Erscheinung des jungen Mannes an jenen Pique-König reihen kann, und ich will Ihnen danken. Rufen Sie ihn, daß sein Mund zu mir spricht.« Es flog wieder ein düsterer Schatten über die Züge des Alten. »Und wenn ich ihn auch hervorrufen könnte und wollte, so würde er doch nicht sprechen,« sagte er. »Verlangen Sie nicht, ihn zu sehen. Es würde Ihnen sicher kein Licht in das Dunkel bringen, was wohlweislich für Sie um mich und jenen liegt, und was sich Ihnen in Diesem Leben nie aufklären wird. Glauben Sie, was Sie gesehen, seinetwegen, aber lassen Sie Ihre Forschungen; die Gräber sind stumm. Was ich Ihnen aus Dankbarkeit für Ihre Wohlthat damals zur Befriedigung Ihrer Neugierde über das Wesentliche jener vier Könige sagen konnte, habe ich gethan. Ich bin getheilt und wandle in fünf Gestalten, das ist meine Strafe. Darum denken Sie bei jedem unnöthigen Worte, das Sie aussprechen, an eine unsichtbar waltende Macht, welche es zu Ihrem Schaden zu wenden sucht.« Er öffnete die Thür und sah in die Nacht hinaus. »Es ist Mitternacht; darum verlassen Sie mich. Zu meiner Vorstellung morgen bitte ich um die Ehre Ihres Besuchs.« Wie ich ihm antworten und ihn nochmals befragen wollte um den jungen Mann, der mich so sehr interessirte, stand ich vor der Bude und hörte von Innen die Riegel vorschieben. Am andern Tage lenkte ich in einer Gesellschaft von Freunden das Gespräch auf die kleine Bude am Ende des Marktplatzes und fragte, ob keiner dort einer Vorstellung beigewohnt? Ein Einziger, der unter uns dafür bekannt war, daß er stets alle Merkwürdigkeiten der Messe untersuchte, war dort gewesen und erzählte: der alte Mann, welcher sie hielt, mache eine Menge oft gesehener und ganz gewöhnlicher Kartenkunststücke, doch rathe er jedem, einmal hinzugehen, indem die letzte Pièce, welche er producire, für all' das andere Mittelmäßige reichlich entschädige. Er bringe nämlich am Ende jeder Vorstellung ein kleines Figürchen, einen Kartenkönig, auf die Bühne, welcher – es sei beinahe unglaublich – an ihn gemachte Fragen selbst beantworte; auch wandle er herum, öffne die Augen, bewege Hände und Füße, kurz das Figürchen sei ganz merkwürdig und sehenswerth. Einige meiner Bekannten lachten. Ein Kartenkönig, welcher spräche! – »Nun, da muß der Alte ein sehr guter Bauchredner sein,« meinte Einer. »Und er öffnet die Augen und geht herum?« sagte ein Zweiter. »Also ein schönes Automat! das müssen wir sehen.« »In der That,« fuhr der Erzähler fort, »weiß ich nicht, was ich von dem kleinen Kerl halten soll. Der alte Mann reicht ihn in einem Kästchen von Mahagoniholz herum, und dann kann ihm jeder eine Frage vorlegen, die er beantwortet. Das hab' ich auch gethan, und ich muß gestehen, als er nachläßig seine kleine Aeuglein und den Mund öffnete, und mit einem ganz eigenen Stimmchen sprach, da, weiß Gott! ich wußte nicht, wie mir geschah. Das ganze Publikum war aber auch entzückt und zugleich bestürzt, besonders die Damen, welche den Kleinen nicht aus den Händen lassen wollten. Ein Automat kann's nicht sein, ein menschliches Wesen ist es auch nicht; denn das Figürchen ist nicht größer, als gewöhnlich das Bild auf einer Karte.« »Nun, was soll es denn sein?« riefen die Andern lachend und neugierig. – »Hexerei!« entgegnete jener ziemlich ernsthaft. »Mir wenigstens, der Alles im Leben sehr nüchtern und ruhig betrachtet und bei etwas Sonderbarem und Unerklärlichem, wenn's möglich ist, gleich hinter den Coulissen nachforscht, mir hat gestern Abend der Verstand im eigentlichen Sinne des Worts still gestanden, und mehren Andern erging es auch so.« »Aber,« rief einer von uns, »warum kann es denn kein Automat sein?« – »Weil das Geschöpfchen lebt,« entgegnete jener. »Es reißt seinen Mund nicht auf, wie gewöhnlich diese Puppen – ruck! sondern öffnet ihn fein und zierlich, so daß man ihm im Gesichte die Muskeln spielen sieht.« – »Das ist ernsthaft«, sagte ein junger Arzt, »und wir müssen auf jeden Fall heute Abend hingehen.« – »Ja wohl, ja wohl!« riefen Alle, und wir verabredeten, in welchem Hause wir uns vor 6 Uhr, wo die Vorstellung begann, treffen wollten. Meine Gedanken kann jeder leicht errathen. Ich war den ganzen Tag in einer seltsamen Spannung. Nachmittags legte ich mich in mein Fenster und sah in den Garten; da saß das junge Mädchen, die hübsche Louise, auf derselben Stelle, wo sie gestern jener räthselhafte junge Mensch überrascht hatte. Mehrmals glaubte ich zu bemerken, daß sie erwartungsvoll nach dem Gartenthor sah; aber es kam Niemand. Sie erhob sich nach Verlauf einer Stunde und ging sichtlich mißstimmt dem Hause zu. Am Abend traf ich meine Freunde an dem bezeichneten Ort, und nachdem noch viel über den Kartenkönig gewitzelt und gelacht war, gingen wir, da es Zeit wurde, nach der kleinen Bude. Schon war Dieselbe ziemlich besetzt; besonders die ersten Sitze, auf denen das Automat circulirte, hatte ein Kranz von eleganten Damen eingenommen, welche die Neugierde, den unbegreiflichen König zu sehen und ihn zu befragen, hieher geführt hatte. Wir bekamen hinter ihnen noch einige Plätze, und ich hatte das Glück, gerade hinter meiner niedlichen Garten-Bekanntschaft zu sitzen. Das war mir, wie sich jeder denken kann, in doppelter Hinsicht äußerst angenehm. Mein alter Bekannter, angethan mit dem rothen Rock und den gelben Beinkleidern, erschien endlich auf der etwas erhöhten Bühne, war aber nicht im Stande, durch die gewöhnlichen Kunststücke, welche er zeigte, einige Aufmerksamkeit zu erregen. Er schien das auch bald zu fühlen, kürzte bedeutend ab, wie mir mein Freund sagte, und trat mit einer steifen Verbeugung zurück; durch das Auditorium lief ein Gemurmel: »Nun kommt der kleine König!« dann trat eine allgemeine Stille ein. Der Alte erschien wieder, und trug in seiner Hand ein kleines Gebäude, ähnlich einem Schloß mit vielen Spitzthürmchen, doch da es keine Fenster hatte, konnte man es auch für ein Grabmal halten. Mir kam es wenigstens so vor; aber die meisten hielten es für die hübsche, lustige Residenz des Wunderkönigs. Der Alte setzte es auf die Mitte der Bühne und sprach mit seiner heisern Stimme in ungemein schlecht gesetzten Worten von der außerordentlichen Erscheinung, welche wir jetzt genießen würden; alsdann öffnete er ein kleines Thörchen, und sagte mit einem tiefen Bückling: »Gnädigster König, erscheinen Sie gefälligst, diese sehr anständige Versammlung zu begrüßen,« und heraustrat – ja, bei Gott! er war es! jener hübsche junge Mann, den ich in dem Garten gesehen, aber en miniature ! Auch meine Nachbarin, die, wie schon gesagt, vor mir saß, mußte ähnliche Gedanken haben, denn sie zuckte fast unmerklich zusammen und unterdrückte mit Mühe einen leisen Schrei. Leicht und gewandt ging das kleine Figürchen die Treppe seines Palastes herunter, in derselben Kleidung, wie gestern, aber heute mit Krone, Reichsapfel und Scepter, ein lebendiger Kartenkönig. Er trat vor und nickte leicht mit dem Kopfe, und ein allgemeines freudiges Händeklatschen empfing ihn. Meine Freunde sahen bestürzt, und ich möchte sagen halb erschrocken, auf den kleinen, ungefähr vier Zoll hohen Menschen, der da oben auf und ab spazierte. Der Arzt sagte mir ganz leise: »Du, ich muß dir gestehen, daß mir die Sache hier ganz unheimlich vorkommt. Es ist kein Automat, das Wesen lebt, und kann doch den Gesetzen der Natur gemäß nicht leben. Was denkst du?« – »»Ich denke mancherlei,«« antwortete ich ihm, »»was ich dir jedoch hier nicht mittheilen kann. Nachher geh' mit mir, dann wollen wir unsere Gedanken austauschen.«« – »Auch der Alte,« fuhr der Arzt fort, »ist mir eine sonderbare Erscheinung. Sieh' das stiere Auge und die halb traurige, halb lächelnde Miene, womit er dem Kleinen nachsieht, das ganz regungslose Gesicht; er kommt mir beinahe wie ein Automat vor, oder wie ein Wesen, das nur halbes Leben hat, zu wenig, um den ganzen Körper auszufüllen, zu viel, um zu sterben. Er schleppt seine Beine über den Boden nach und bewegt die Arme wie ein Gängelmann.« »Und sieht aus, wie eine große Kirche bei Nacht, in welcher statt der tausend Kerzen, welche sie erhellen, nur die ewige Lampe brennt,« meinte ein junger Dichter, der neben dem Arzte saß. »Meine Herren und Damen,« sagte jetzt der Alte im Marktschreiertone, »Seine Majestät der König wird die Ehre haben, dem verehrungswürdigen Publikum einige an ihn gerichtete Fragen zu beantworten.« Das Geschöpfchen nickte und stieg in ein kleines Kästchen, das der Alte hingestellt hatte, und hierauf dem Nächstsitzenden mit der Bitte gab, es auf dem ersten Platze circuliren zu lassen. Nun war der große Augenblick gekommen, auf den sich Alles, besonders die Damen gefreut hatten. Da wurde gefragt, und was Alles gefragt, doch war ich zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, um etwas davon zu hören oder zu behalten. Auch meine Nachbarin schien nicht sehr auf ihre Umgebung zu achten, sondern sah vor sich hin, als ob sie die ganze Sache nicht interessire. Bei den Personen, an welchen der kleine König schon vorübergezogen, ward gelacht und gespottet, sich gewundert und das Ganze hie und da für pure Hexerei erklärt. Jetzt kam auch die Reihe an die hübsche Louise, die das Kästchen mit sichtbarem Zittern der Hände ihrer Nachbarin abnahm. Ich beugte mich hinüber, um zu sehen, was der Kleine jetzt für Mienen mache, und zu hören, was sie ihn fragte. Nun hatte ich sein feines Gesichtchen ganz in der Nähe und sah deutlich, daß ein freudiges Lächeln um seine Züge spielte, so wie er in die Hand der jungen Dame gelangte. Sie beugte sich auf ihn nieder und fragte ganz leise, so daß ich es kaum verstehen konnte: »Wer war der junge Mann, der gestern in meinem Garten war und mit mir sprach?« Der König antwortete: »Ach, das war ich ja selber; ich hatte einen schönen Traum!« Krampfhaft gab sie das Kästchen weiter, und beachtete nicht den bittenden Blick des Kleinen, welcher zu sagen schien: »O behalte mich, laß' mich nicht von dir ziehen.« Sie sah vor sich hin und drückte ihr Sacktuch vor's Gesicht. Wohl bemerkte ich, daß mich der Alte mit besonderer Aufmerksamkeit ansah, besonders in dem Augenblick, wo ich das Kästchen mit dem König in die Hand nahm, denn er beugte sich ängstlich vorn über und schien auf meine Frage zu lauschen. Mich beschlich ein eigenes Gefühl, als ich nun denselben Menschen, welchen ich gestern in meiner Größe gesehen, heute in meiner Hand hielt, nur ein paar Zoll hoch. Ich sah rechts und links in die Bude und dachte darüber nach, ob mich nicht wieder ein neckischer Traum befangen hielt; doch hörte ich meine Freunde deutlich plaudern und lachen, sah unter der Damenwelt viele Bekannte; ich fühlte, ich dachte nach, Alles um mich war so wahr, so reell, und nur in meiner Hand hielt ich ein dunkles Traumbild. »Wer bist du?« frug ich endlich den Kleinen. »»Ich bin der Pique-König, wie du siehst,«« antwortete er. »Warst du nicht gestern,« forschte ich weiter, »in einem Garten?« – »»Ja, ich war.«« – »Aber größer, so groß wie ich, und hast da mit einem Mädchen gesprochen; denke an die Bäume, an die schönen Blumen.« Der König seufzte tief auf. »»Ach ja!«« entgegnete er, »»ich war aus der Bude gesprungen, und wie ich die frische Lebensluft einathmete, den Duft der Bäume, da wuchs ich und ward groß. Aber«« – doch weiter kam ich nicht. – »Mein Herr,« schrie mir der Alte mit ängstlicher Stimme zu, »Sie fragen zu viel; ich darf nur eine einzige Frage zulassen; sonst läuft das Uhrwerk in dem Automaten zu früh ab, und ich kann es doch während der Circulation nicht auf's Neue aufdrehen.« – – Schon hatte ihn der Arzt mir aus der Hand genommen; der frug ihn nichts, sondern legte ihm den Finger auf die linke Seite, fühlte ihm an den Puls und schüttelte heftig den Kopf, indem er ihn weiter gab. »Mich soll der Teufel holen!« sprach er dann leise zu mir, »das Wesen lebt.« – »»Ja wohl,«« entgegnete ich ihm bekümmert und sehr mißstimmt, »»komm nachher nur mit mir, ich will dir Manches erzählen.«« Unterdessen war der Pique-König wieder auf die Bühne gelangt, der Alte rückte einen Tisch in die Mitte, auf den er noch einen andern, sehr kleinen und oben hinauf den König stellte. Dann nahm er ein Spiel Karten in die Hand, trat zwischen die Reihe der Sitzenden und sprach: »Aus diesem vollständigen Kartenspiel von zweiundfünfzig Blättern bitte ich eins zu ziehen, dasselbe in diese Pistole zu laden, und damit auf Seine Majestät den König zu feuern.« Einer meiner Bekannten zog eine Karte; ich glaube, es war Eckstein Sieben, lud sie in das Gewehr und drückte ab. Ein allgemeiner Schrei der Damen, etwas Pulverdampf, der sich langsam verzog, – da stand der Kleine auf seinem Tischchen und sagte mit lächelnder Miene: »Eckstein Sieben.« Das war recht artig und wirklich wunderbar. Auch krönte ein solcher allgemeiner Beifall diese Pièce, daß der Alte sie wiederholen mußte. Von Neuem gab er das Kartenspiel aus seinen Händen und mein Freund, welcher uns hergeführt hatte, nahm es, um eine Karte zu wählen. Er sagte mir leise: »Ich habe früher und auch heute das Kartenspiel rasch durchlaufen und gefunden, daß in demselben das Pique-Aß fehlt. Deswegen habe ich hier von derselben Form wie diese Blätter eins mitgebracht und will jetzt gleich sehen, ob dieser Manco unwillkührlich oder absichtlich ist. Und im letzten Fall muß es einen Zweck haben, den wir vielleicht auf diese Art ergründen.« Ich erschrack heftig und mir schwebte, ich weiß nicht welch' unheimliche Ahnung vor. »Um Gotteswillen,« sagt ich ihm, »thu das nicht!« Doch war es zu spät. Ohne Aufsehen zu erregen, konnte ich seinen tollen Entschluß nicht mehr ändern. Schon war die Pistole mit Pique-Aß geladen. Der kleine hübsche König stand ruhig und erwartend da. – Der Schuß knallte; doch wie sich der Pulverdampf an die Decke hob und die Aussicht frei gab, sprang Alles unruhig und entsetzt von den Sitzen auf. Auf seinem Tischchen war der Kleine in die Kniee gesunken, Leichenblässe bedeckte sein vorhin so blühendes Gesicht und er sprach mit schwacher Stimme: »Es war Pique-Aß!« Er seufzte tief und sank dann nieder. Mit einem gellenden Schrei stürzte der Alte über ihn, und der Arzt und ich waren mit einem Sprung auf der Bühne. Doch wo war das Figürchen, das Automat? In seiner Hand hielt uns der Alte ein halb verbranntes, zusammengewickeltes Pique-Aß entgegen, nebst einer andern vergilbten Karte, Pique-König, welche in der Mitte halb von einander gerissen war. Es ward mir unheimlich, wie er mich mit dem Gespensterauge starr ansah und leise sprach: »Er ist todt und ich muß wandeln!« Ich ergriff den Arzt beim Arm und zog ihn aus dem Gewühl in der Bude. Auf dem Heimweg erzählte ich ihm, was ich von dem Alten wußte; aber kaum hatte ich geredet, so rief ihm ein Bedienter, welcher hinter uns herlief, fast athemlos bei Namen und bat ihn, gleich zu seinem Herrn: dem Vater Louisens, zu kommen, die, in Folge der Schüsse oder des sonderbaren Vorfalls heute Abend in der kleinen Bude am Markt, einen schlimmen Zufall bekommen hätte. Die Lurley. Wenn man den Rhein befährt, so kommt man zwischen Coblenz und Mainz zuweilen an Stellen, wo man glaubt, hier ende der Lauf des Stromes, oder irgend ein neckischer Zauber habe den Steuermann geblendet und das Schiff durch eine Seitenstraße in einen stillen, rings von Felsen eingeschlossenen See geführt, wo es festgebannt manch Jahrhundert liegen müsse. Wenige Fuß vor dem Kiel heben sich gewaltige Steinmassen, zwischen denen kein Fisch einen Ausgang fände, und während man dennoch mit großer Tollkühnheit auf diese Riesenmauern losstürmt, schließt sich allmählig die Straße, zu der man hereingefahren; man ist gefangen, von allen Seiten mit steilen Bergen umgeben, in einer großen steinernen Falle. Doch hat diese momentane Gefangenschaft nichts Unheimliches, abgesehen davon, daß man weiß, die Berge sind nur wie Coulissen vor einander geschoben und lassen genugsam Platz zum Entkommen; man fühlt sich nicht beengt, man ist gerührt von der Theilnahme der Berge, die sich die Hände reichen und lachend um den gefangenen Menschen einen Reihentanz bilden, ihn eine kurze Zeit in ihrer Mitte zu halten. Sie geben auf freundliches Anrufen mit tiefer, wohlklingender Stimme Antwort, und die grünlichen Wellen, welche die triefenden Steinzacken umspielen, rufen mit leiser Stimme: »Da bleiben! da bleiben!« Der schönste, aber auch zugleich gefährlichste dieser Punkte ist unterhalb Bingen, wo der dunkelgrüne, steil emporstrebende Lurleyfelsen die eine Seite eines solchen stillen Sees bildet. Hier scheinen von einer Seite des Rheins zur andern unsichtbare Ketten zu hangen, welche Mann und Schiff zurückzuhalten streben. Hier arbeitet selbst die Maschine des Dampfbootes mit ängstlicher Anstrengung, um nur recht bald aus diesem zauberischen Bergkessel zu kommen. Hier springen die Wellen zutraulich an's Schiff und erzählen laut und öffentlich von den wunderschönen Tänzen, welche die Elfen im Mondschein ausführen, von der Schönheit der Königin Lilio und ihren Jungfrauen, wie sie die Menschen lieben, besonders die Jünglinge mit blonden Haaren und blauen Augen. O es sind gefährliche Wesen, diese Wellen! Man möchte so gern, durch ihr Flüstern verführt, aus dem Boot in das Wasser springen und an die dunkeln Felsen schwimmen, in die Arme einer schönen Nymphe, die auf dem grünen Rasen ruht, den Kopf mit geschlossenen Augen zurückgebogen, und ihren rothen Mund küssen, der schelmisch lachend die weißen Perlenzähne zeigt. Hier schlägt zuweilen ein seltsamer, wundervoller Gesang an das Ohr manches Reisenden, und lärmte der Dampf noch so stark, und bemühte man sich noch so sehr, die Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu richten, vergebens! in's Innerste des Herzens dringen die Klänge, welche man vernimmt und von denen man nicht weiß, woher sie kommen. Wehe besonders dem, der traurig ist, dem vielleicht eine unglückliche Liebe die Brust zerreißt. Hier hört er verwandte Töne anschlagen, dort in dem Felsen kennt man sein Leid und will ihn trösten. Tief ist der Rhein, Doch tiefer die Pein In meinem Herzen. So singt es, und das thut die Lurley, die hoch auf dem Felsen sitzt und ihr schönes goldenes Haar kämmt. Darum fasse den Mast, wer diesen Gesang hört und versteht, daß er ihn nicht hinabziehe in die Fluthen des Rheins und verderbe! Nicht jeder, der den Strom befährt, sieht die Lurley und hört ihr Klagen. Ich habe viele reisende Kaufleute gesprochen, welche mehr wie hundertmal diesen Weg gemacht hatten, und die ganze Sache für eine Fabel erklärten. Aber sie ist doch wahr. Auf ihrem Felsen sitzt die Jungfrau und singt, daß das Menschenherz, welches sie hört, in die Höhe sieht und plötzlich von inniger Liebe zur Sängerin befangen, sie zu erreichen strebt. Steil ragen die Felsen empor und bieten fast unüberwindliche Hindernisse. Hinan, liebendes Herz! je größer die Mühe, je schöner der Lohn. Der Jüngling, welcher für die Lurley entbrannt, klettert an der Felsenwand empor und je mehr er sich abmühen muß, um so heftiger lodert seine Glut, stets lockender wird der Gesang, stets süßer, Liebe fordernd und versprechend. Er erreicht den Gipfel – – und die Lurley verschwindet mit einem schallenden Hohngelächter. Dann verläßt den Unglücklichen der sichere Tritt, er stürzt den Felsen herab, zerschmettert, todt. Und doch liebt dieß entsetzliche Weib, aber sie ist eine Kokette. – Es ist noch nicht lange her, da trieb sich in dieser Gegend ein junger Mann herum, von dem Niemand wußte, woher er gekommen, noch was ihn hier fessele. Er hatte sich bei einem Fischer eingemietet, wohnte aber mehr in den Felsen am Rhein und auf dem Strome selbst, als in seiner Stube. Selten sprach er mit Jemand und nur zuweilen mit seinem alten Hauswirth, neben den er sich am Abend dann und wann setzte, wenn derselbe seine Fischernetze stickte. Der hatte ihn nun einst gefragt, was er denn eigentlich in der Welt treibe, und der junge Mensch gab ihm zur Antwort: er suche ein Herz. Das kam dem Alten närrisch vor, und er meinte, um ein Herz zu finden, brauche man nicht lange zu suchen, und in der Absicht thäte er besser, in eine große Stadt zu gehen. Da gäbe es deren von jeder Façon und Caliber, hier in der Einsamkeit würde er vielleicht nicht sobald eins finden; worauf ihm jener entgegnete: diese Stelle des Rheins habe ihn besonders angezogen, und es ahne ihm, er würde hier seinen Zweck erreichen. Doch sei das nicht zu seinem Glücke, denn wenn er ein Herz gefunden, das heiß liebend an seiner Brust schlüge, wäre er verloren. Der alte Fischer glaubte aber, es sei seinem Miethsmann nicht richtig unter der Stirne und verließ ihn kopfschüttelnd. Dergleichen Unterredungen hielten die Beiden zuweilen; der Fischer saß auf einem alten Baumstamm, der Andere lag schaukelnd im Boot auf dem Rücken und sah in den vergoldeten abendlichen Himmel. So saßen sie auch eines Abends, da frug der Fischer: »Nun, noch kein Herz gefunden?« – »»Nein, nein,«« antwortete der junge Mann mit einem tiefen Seufzer. »Wenn ich Ihnen rathen soll,« entgegnete der Fischer gutmüthig, »lassen Sie das Suchen darnach sein. Was man sucht, findet man gewöhnlich nicht. Denken Sie einmal nicht mehr an das Herz, und ich bin überzeugt, Sie werden es bald antreffen. Und wie müßte denn das Mädchen zu dem Herzen ungefähr aussehen? denn darauf wird's doch hauptsächlich ankommen.« – »»Ach, das weiß ich nicht,«« sprach Jener, »»so lange ich denken kann, ziehe ich herum, mit öder leerer Brust und suche. Steh' ich einen Augenblick still, so zieht sich dunkel und drückend die Luft um mich zusammen, läßt mich nicht rasten und beängstigt mich, bis über meinem Haupte ein Blitz glüht und mit langem, zackigem Strahle weit hinfährt, mir den Weg zeigend, da sei, was ich suche, und ich stürze ihm nach, und finde doch nichts. Ich liebe allgewaltig und weiß nicht, was ich liebe. Oft möchte ich Berg und Strom, Feld, Wald und alle Menschen an meine Brust drücken. Aber sie sind wohl recht freundlich und schön anzusehen, haben aber doch kein Herz für mich. An die Brust der großen herrlichen Erde habe ich mich geworfen; doch ihr Busen ist kalt, und ihr Herz schlägt nicht liebend gegen meines.«« »Sie suchen,« meinte der Fischer, »und wenn Sie gefunden, sind Sie verloren? Wie verstehe ich das?« »»Das Finden ist mein Ziel, und das Ziel ist das Ende meiner Laufbahn,«« entgegnete Jener. »»Ich sehne mich aber nach dem Ende. Es ist mir fremd und unheimlich in der Welt, in dem hellen Sonnenlichte, welches Alles so einfach und trocken beweist, die Brust ausdörrt und mit dem brennenden Durst erfüllt, den euch Menschen ein Mund voll kühler Erde am Ende eurer Laufbahn stillt. Das ist euch schrecklich, ihr wehrt euch dagegen und ertragt lieber die Pein des Durstes, als daß ihr jene moderige Sättigung herbeiwünscht. – Ich aber suche ein Herz, und wenn ich das gefunden, kühlt sich mein Leben ab und erlöscht in einem langen, langen Kusse.«« Darauf wußte ihm nun der Fischer nichts zu antworten, indem er ihn nicht verstand, und er mochte auch wohl sicher glauben, es sei seinem Gaste nicht hell im Geiste. Genug, er stieß schweigend die Asche in seiner kurzen Pfeife zusammen und summte ein altes Lied vor sich hin. Plötzlich hielt er inne und blickte nach dem Gipfel des gegenüber liegenden Lurleyfelsen. »Hört Ihr nichts!« rief er dem jungen Manne zu. »Horcht! sie singt!« »»Wer singt!«« rief dieser und saß wie fest gebannt, von den zauberisch schönen Tönen, welche gleich goldenen Strahlen durch das Felsthal zitterten und tief in die Brust drangen. »»Wo ist sie, die da singt?«« – »Das ist die Lurley,« sprach der alte Fischer und schlug ein Kreuz. »Meine Augen sind zu schwach, sie zu erkennen, doch schauen Sie scharf nach dem Gipfel jenes Felsens, sehen Sie denn nichts?« Hastig entgegnete der Jüngling, welcher aufgesprungen war: »Auf der höchsten Kuppe des Berges, einem Felszacken, der fast über dem Rheine hängt, seh ich eine weiße Gestalt; sie hat das Gesicht von uns abgewendet und schaut den Strom hinab. Ein seegrüner Schleier umhüllt die ganze Figur und weht um ihre Füße. Ihr reiches, blondes Haar flattert im Winde; ein herrlich gewachsenes Weib! O sie muß schön sein, diese Lurley! – Ob sie wohl ein Herz hat, Fischer?« Der schaute entsetzt empor und antwortete: »Nein, nein, die hat kein Herz. Stopfen Sie Ihre Ohren zu und kommen Sie hinweg, sehen Sie ihr nicht in's Gesicht und fliehen Sie, eh' sie den Kopf herumwendet. Ja freilich, sollte die Sie in dies Thal gezogen haben und Sie wollten die kalte Nixe an Ihr Herz drücken, so sind Sie gewiß verloren.« Vorn übergebeugt stand der junge Mann, und die Strahlen der Abendsonne, welche sich durch einen Felsspalt stahlen, beleuchteten ein freudig verklärtes Gesicht. Er hielt seine Hände emporgestreckt und sagte in gebrochenen Sätzen zum Alten, der ihn bei der Hand ergriffen hatte: »Laßt mich, o laßt mich! seht dies reine fromme Gesicht! Sie hat ein Herz, sie muß eins haben! Und sollte ich dort von dem Felsen herabstürzen, nachdem ich sie an meine Brust gedrückt, ich muß hin zu ihr – führt mich hinüber!« Der Fischer trat einen Schritt zurück. »Plagt Euch der Teufel?« rief er, »Ihr wollt den Felsen hinauf zu der Zauberin, der verdammten Hexe! Seht einmal die Höhe an. Ob ein Theil Eures hübschen Körpers wohl zusammenhält, wenn Ihr da kopfüber herunterkommt? Ich bitte Euch, geht mit!« »Tief ist der Rhein, Doch tiefer die Pein In meinem Herzen,« sang die Fee auf ihrem Felsen in lang gehaltenen, schmerzlichen Tönen, so daß das Laub aufzitterte und die Wellen des Stromes ihr Beifall plätscherten. »Hört Ihr!« rief der junge Mann; »sie hat ein Herz und fühlt in ihrem Herzen; sie ist traurig. Schifft mich über, Fischer, ich muß hinauf. Es ist das Herz, welches ich lange gesucht, ich fühle es durch diese Töne, welche meine Brust erwärmen und mit unendlicher Glut erfüllen. Schifft mich über, oder ich springe in den Fluß und versuche an's andere Ufer zu schwimmen.« – »Gott im Himmel!« sprach der Fischer, »soll denn die Hexe wieder ein Opfer haben! Laßt doch ab, junger Herr, bleibt hier. – So haltet doch in Teufels Namen! ich will Euch fahren!« Er riß jenen am Arm zurück, der sich eben anschickte, in den Rhein zu stürzen. Unter stetem Fluchen, aber behende, machte der Fischer das Boot los, warf Ruder und Stange hinein, und die Beiden stießen in den Strom. »Wenn Ihr denn nun einmal in Euer Verderben rennen wollt, so hört wenigstens von mir altem Mann einige Rathschläge, die Euch vielleicht nützen können. Klettert vorsichtig die Felsen hinauf und bereitet Euch, oben angekommen, darauf vor, von der Fee mit lautem Lachen und abwehrender Geberde empfangen zu werden, nicht mit liebenden Worten, wie ihr jetziger Lockgesang; verliert dann in der Bestürzung über solchen Willkomm nicht das Gleichgewicht, sondern tretet auf sie zu und sprecht sie im Namen Gottes an, dann sollt Ihr auch gleich die Teufelin erkennen.« Jetzt fuhr das Boot in das Schilf am jenseitigen Ufer, das sonderbar an den Wänden hinaufflüsterte. Der junge Mann sprang heraus und wollte in die Felsen, aber der Fischer hielt ihn noch einen Augenblick zurück. »So denkt daran, was ich Euch eben gesagt. Wollt Ihr? ich will indeß zu Haus für Euch beten.« – »»Ja, ja, ich werde so thun,«« entgegnete Jener und eilte davon. »»Warte nicht auf mich!«« rief er noch von Weitem zurück. »»Ich rufe Holüber! wenn ich wieder herunterkomme.«« – »Darauf werde ich lange warten,« seufzte der Fischer wehmüthig und arbeitete sich wieder an's andere Ufer; doch oft hielt er mit Rudern inne, und sah an dem immer dunkler werdenden Lurley-Felsen empor. Er hörte die Wasserjungfrau singen, doch der Jüngling war zwischen dem Gesträuch und den Zacken verschwunden. Mehre Stunden lag der Fischer auf seinem Lager in dem kleinen Häuschen und konnte nicht schlafen. Stets hatte er sein Ohr nach einem Fenster gerichtet, welches auf den Rhein ging, und immer fürchtete er, einen schweren Fall in's Wasser zu hören. Jedes Rauschen des Windes jagte ihn geschreckt empor. Da glaubte er plötzlich am jenseitigen Ufer ein lautes Rufen zu vernehmen. Rasch sprang er auf und trat vor die Thüre der Hütte, und wirklich: »Holüber!« erscholl es klar und deutlich durch die stille Nacht. Das Echo in den Felsen sprach es vernehmlich nach. Dem Fischer rollte ein Stein vom Herzen, als er die Stimme seines jungen Gastes erkannte. Er eilte in's Boot und ruderte mit aller Kraft hinüber. Eh' er jedoch an's Land sprang und den jungen Mann einnahm, reichte er ihm die Hand, und nachdem er gefühlt, dieselbe sei weich und warm wie früher, bewillkommte er ihn mit einem lauten: »Nun, gelobt sei Gott!« denn der Fischer war ein vorsichtiger Mann; und dachte, wer weiß: ob ihn die Fee nicht erwürgt hat, und mir einen Todten über den Hals schickt. In seiner Hütte angekommen, bestürmte er den jungen Mann mit tausend Fragen; ob er die Lurley gesehen, und wie es komme, daß sie ihm nichts zu leide gethan? Der erzählte: »Nachdem ich Euch verlassen, kletterte ich die Felsen hinauf, welche entsetzlich steil und glatt sind. Oft war mir, als sei es keinem Menschen möglich, den Gipfel zu erreichen, und ich stand stille. Dann aber schien mir's wieder, als erfasse mich der Gesang der Jungfrau und hebe mich willenlos empor. So erreichte ich allmählig die Spitze des Felsens und mich Eures Rathes erinnernd, drückte ich meinen rechten Fuß zwischen eine Spalte, klammerte die Hände an einem Dornstrauch fest und sah mich um. Da schlug ein gellendes Lachen an mein Ohr und schüttelte krampfhaft meinen Körper, so daß wenig fehlte, und ich wär' trotz meiner Stellung die Felsen hinabgestürzt; aber ich stand fest und sah der Fee, welche kaum zwei Schritte vor mir saß, ruhig in's Auge. O Fischer! sie ist schön, diese Lurley! Hättest Du ihr Gesicht gesehen, weiß und fein wie Marmor! Ihr frischer, rother Mund und das Auge, das schöne blaue Auge! Wie sie mich entsetzt und erstaunt betrachtete, mich, der ich nun mit einem Sprunge an ihrer Seite war, hättest Du da die majestätische Gestalt gesehen, so edel und voll, wie sie emporsprang und davon schwebte, eh' ich es hindern konnte, und nur eine Ahnung davon hatte! Ich wollte den grünen Schleier fassen, welcher lang hinter ihr drein flatterte, doch ich griff in die Luft und sie war verschwunden.« – »Das ist ein seltsames Abenteuer,« sagte der Fischer, »und Ihr könnt Gott danken, daß Ihr noch so glücklich zurückgekommen seid. Aber ich hoffe, Euch ist die Lust vergangen, nochmals da hinauf zu klettern. Glaubt mir, die Fee ist voller Ränke. Da Euch heute ihr Lachen nicht hinabgestürzt,. wird sie schon zu Eurem Verderben auf etwas Anderes sinnen, wenn Ihr es noch einmal wagt, drum bleibt nur davon, sie hat doch kein Herz.« – »Sie hat ein Herz,« entgegnete der junge Mann, »sie muß ein liebendes Herz haben, und eh' sie mir entschwand, warf sie mir einen Blick zu, nicht zornig, aber ernst und unruhig. Sie soll mir Rede stehen, denn ich will die nächste Nacht wieder hinauf.« – »Nun,« sagte der Fischer, »Gott helfe Euch! Ihr rennt in Euer Verderben, legt Euch wenigstens jetzt ein paar Stunden hin; es ist noch früh in der Nacht.« – – Kaum war am andern Abend die Sonne hinter den Felsen am Rhein verschwunden und das Stromthal füllte sich mit blauem Nebel, den Vorboten der Nacht, da schlug der Fischer, welcher sich mit seinem Boot am jenseitigen Ufer befand, ein Kreuz auf seiner Brust und seufzte dabei tief. Denn die Lurley sang auf ihrem Felsen gar zu schön. Er hatte seinen jungen Freund hinübergefahren, der schon eine große Strecke emporgeklettert war. Bald stand dieser still und athmete den Gesang der Fee ein, dann stieg er wieder rasch vorwärts. Aber ungefähr in der Mitte des Berges setzte er sich einen Augenblick auf einen großen Stein und schaute rückwärts in den grünen Rheinstrom. Ihm war die Brust so wonnig voll und doch beengt. Da unten fuhr der Fischer, sein alter Wirth, langsam nach Hause, und hinter ihm bildete das durchschnittene Wasser einen langen Silberstreif. Wie der junge Mann sich wieder erhob, grüßte er mit der Hand hinunter und sagte unwillkührlich leise: »Leb' wohl, auf ewig!« darauf klimmte er wieder rüstig zu und erreichte bald den Gipfel. Hier saß Lurley, die schöne Wasserjungfrau, und flocht zu ihrem Gesang aus Wasserrosen und Schilfblumen einen Kranz; kein wildes Lachen scholl dem Jüngling entgegen, sondern sie sah ihn halb freundlich mit den großen blauen Augen an und hörte auf zu singen, als er sich mit glühendem Blicke neben sie setzte und ihren Schleier an die Lippen drückte. »Was störst du mich hier oben?« sagte die Fee nach einer langen Pause. »Was erklimmst du meinen Sitz und wagst dein Leben dabei?« – »Hast du mich nicht angezogen?« entgegnete schüchtern der Jüngling. »Hat dein Gesang nicht nach einem Herzen gerufen, das dich verstünde? Und wage ich auch mein Leben, was ist es mir, wenn ich damit deinen Anblick erkaufen kann?« – »Das ist eure Thorheit, ihr Menschen,« sprach die Jungfrau, »daß ihr Alles auf euch bezieht. Ich singe zu meiner Lust, ihr glaubt, es gelte euch, klettert empor, und wenn ich dann über euch lache, stürzt ihr hinab und seid todt. Das soll dann Alles die arme Lurley gethan haben.« – »O sage nicht,« antwortete der Jüngling, »daß du ohne Absicht deine Lieder erschallen ließest, sage das nicht, es ist eine Leere in deiner Brust, welche dich dazu antreibt, und mein ödes Herz hat dich verstanden, es hat dich darum aufgesucht. Ich irre schon lange in der Welt herum und verlange nach dir, ohne dich zu kennen, und jetzt wo ich dich gefunden, lasse ich dich nimmer. Sieh mich nicht so kalt an. Lieber jenes entsetzliche Lachen von gestern, stürzt es mich auf die Felsen hinab, dann wäre ich vielleicht todt und ruhig!« – »Wer bist du denn?« fragte die Jungfrau mit sehr weicher Stimme und beugte sich zu ihm, daß ihre Goldhaare sein weiches berührten. – »Erlaß mir die Antwort dieser Frage, sie könnte dich doch nicht befriedigen. Weiß ich denn, wer du bist? Mir bist du ein holdes, ja ich sage es laut, ein geliebtes Wesen. O kann ich dir das nicht auch sein?« – »Vielleicht ja,« antwortete leise die Lurley, und drückte ihm ihren Schilfkranz auf die Locken. »Ich könnte dir gut sein, wie nie Jemand, ich möchte mit dir kosen, aber ehe sage mir, was zog dich zur Wasserjungfrau? warum kommst du wieder zu mir herauf, nachdem ich dich gestern mit meinem lauten Lachen abgeschreckt? Warum wagtest du es, dich neben mich zu setzen. Fürchtetest du nicht die Lurley?« – »Nein, Jungfrau,« entgegnete der junge Mann, »schon geraume Zeit streife ich in der Welt umher, und eine Stimme in meiner Brust flüstert mir zu: ich solle ein Herz suchen, welches für mich schlüge, und nie hat die Stimme geschwiegen, bis ich gestern Abend deinen wundervollen Gesang hörte und mir durch ein seliges Gefühl bei deinem Anblick kund ward, daß du es seiest, welche ich gesucht. O du hast auch ein Herz; nicht wahr, Lurley?« – »Ja,« lispelte die Wasserfee und ein eigener Glanz belebte ihr blaues Auge, »eines, welches heftig pocht und für dich, du seltsames Menschenkind. Ich weiß nicht, wie mir ist; aber ich liebe dich plötzlich mit der ganzen Kraft meiner Seele. Fühle, wie mein Herz schlägt.« Sie legte ihm ihren weißen Arm um den Hals, und wollte ihn an die wildathmende Brust ziehen. Mit glühender Zärtlichkeit in dem Blick starrte sie der Jüngling selig an, und entzog sich doch sanft ihrer Umarmung. »Höre mich, Lurley,« sprach er, »dein Blut flammt, deine Hand zittert, aus deinem Wesen weht ein sprühendes Feuer, in das ich mich entzückt hineinwerfe und da verbrenne. Mich, die Mücke, muß das strahlende Licht verzehren. Doch ehe ich in deinen Armen sterbe, sage mir Lebewohl, versprich mir, mich nicht zu vergessen, gedenke zuweilen meiner.« »Was sagst du da,« entgegnete die Jungfrau, und ihrem Auge entrollten ein paar Thränen, die aber nicht wie die der Menschen zu Boden fielen, sondern gleich von den Lüften gierig eingesogen wurden. »Fürchtest du mich? Glaubst du, ich sei ein treuloses Weib und erdrosselte dich in meinen Armen? Was haben wir armen Nixen euch gethan, daß ihr Menschen uns verläumdet, und so bösartig und falsch darstellt?« »Ach nein, Lurley,« sagte er, »nicht dich fürchte ich, sondern mein Schicksal; die Stimme in meiner Brust, von der ich vorhin sprach, sagt mir bestimmt, sobald das Herz, welches ich gefunden, also deins, Geliebte, an meiner Brust schlüge, würde ich sterben; doch welch seliger Tod!« Er faßte sie um den schlanken Leib und preßte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen. »O du wirst leben,« flüsterte sanft die Fee, und schmiegte sich fester an ihn, »leben ein seliges Leben.« – »Nein, Mädchen, Geliebte,« entgegnete er sehr leise, »ich habe dein Herz gefunden; es schlägt laut und stürmisch gegen meine Brust; darum sterbe ich. O Lurley! wie ist deine Brust so weiß, so leichenbleich! Wie blutet dein Herz, welches ich sehe. Wo ist dein liebes Auge, dein süßer Mund? Ich sehe nichts als das rothe blendende Herz!« – – Das war ein schrecklich schöner Augenblick. Die Wasserjungfrau sank in die blauen Glockenblumen, welche ihren Sitz umstanden. Ohnmacht umfing ihre zerrissenen Sinne; denn der Jüngling in ihren Armen war verschwunden. Wie sie schaudernd die Augen aufschlug, saß sie allein auf der Klippe des Felsens. Leicht strich der Wind durch das Stromthal und spielte mit ihrem Haar. Aber zu ihren Füßen lag ein sonderbares Blatt, welches sie ahnungsvoll emporriß und betrachtete. Ja, es schienen seine Züge zu sein, wenn auch veraltet und entstellt, oben und unten stand ein rothes Herz, seins und das ihrige. »Ein Zauber waltet hier,« sprach schmerzvoll die Jungfrau, »ein böser Zauber, aber ich will ihn lösen. Bin ich nicht Lurley, eine Fürstin des Wasserreiches?« – – Sie schwebte dahin, die schöne Fee mit gebrochenem Herzen. – Drei Tage waren seitdem vergangen und der alte Fischer hatte seinen Freund vergebens erwartet. Als er auch am vierten nicht erschien, setzte er an die Stelle, wo jener den Felsen erstiegen, ein einfaches Kreuz, an welchem er Abends ein Vaterunser betete und Jedem, der über den Rhein fuhr, erzählte er die Geschichte von dem Jüngling, welcher bei der Lurley ein Herz gesucht und nicht zurückgekommen war. – – – – – – – – – – – – – – – – – Unter den vielen Sagen, welche am Ufer des Rheines im Munde des Volkes leben, ist eine, welche mir immer besonders gut gefallen hat. Es ist die von einem todten Menschen, der verdammt war, mit den Lebenden herumzuwandeln und nicht ruhen zu können. Das muß aber ein schreckliches Elend sein. Was der Todte auch fühlte und auf alle mögliche Weise die unerträgliche Bürde des Lebens abzuschütteln versuchte; er ging unversehrt aus Flammen, stürzte von himmelhohen Felsen herunter und that sich kein Leid. Da sprang er eines Tages in den Rhein und ward auf der Erde nicht wieder gesehen. Er sank nämlich unter und fiel vor dem Crystallpalaste nieder, in welchem die Beherrscherin des Rheinstroms, die Königin Lilio, residirt. Diese saß gerade unter ihren Jungfrauen und freute sich bei Spiel und Gesang. Weil nun die Königin ein so unschuldvolles freundliches Aussehen hatte, faßte sich der todte Mensch ein Herz, umschlang ihre Füße, indem er seine traurige Geschichte erzählte. Lilio ward gerührt und berieth sich mit ihrem Geheimerath, einem Doctor vom Laacher See, der sehr gelehrt war, wie dem Unglücklichen zu helfen sei, wie man ihm Ruhe geben könne, ohne der höheren Bestimmung, die ihn zum Umherwandern verdammt, entgegen zu wirken. Der Doctor, so viel er auch studirt hatte, wußte hier nicht zu helfen, bis die Königin, welche ein Frauenzimmer war, etwas erdachte, wodurch sie sogar das Schicksal überlistete. Der Duft der Wasserrosen senkte den Armen in einen tiefen erquickenden Schlaf. Er lag so weich auf kühlem Moose in einem Gewölbe von grünem Crystall und die Königin sprach zum Doctor von Laach: Doctor, steigen Sie auf die Erde und suchen Sie da irgend einen Schriftsteller, dem es augenblicklich an Stoff zu einem Phantasiestücke mangelt und der doch gern etwas schreiben möchte. Flüstern Sie ihm, wenn er schläft oder träumt die Geschichte des todten Menschen in's Ohr und treiben ihn beständig an, dieselbe niederzuschreiben. Sie verstehen mich. Alsdann wandert jener, wenn auch nur auf Druckpapier, über die Erde und kann doch hier unten ruhig schlafen.« Die Königin hatte ein so schönes mitleidiges Herz. Aber der Doctor von Laach tauchte aus dem Rheine und legte sich an mein Ohr, und flüsterte mir, was ich hier mitgetheilt, Tag und Nacht zu. Wollt' ich an etwas Anderem arbeiten, mein Wille half nichts. Ich war von einem Wassergeiste besessen und mußte schreiben, was er befahl. Deßwegen wasche ich über die etwaigen Fehler in meiner Geschichte vom todten Menschen und den vier Königen meine Hände in Unschuld und schiebe Alles auf den Geheimen Rath der Königin Lilio. In der vergangenen Nacht, nachdem ich noch spät die letzten Seiten geschrieben, erschien er mir wieder und bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. »Aber Theuerster,« sprach ich im Schlaf, »was ist denn aus den vier Königen geworden?« Er antwortete lächelnd: »Ihre Majestät, unsere lustige Königin, hat sie in ihren Hofstaat aufgenommen. Sie verlangen nicht zurück auf die Erde, der Herr von Eckstein hat dem Prinzen Pips den Spaß in der Kneipe zum stillen Vergnügen vergeben und trinkt entweder mit ihm und dem Fürsten von der Mosel und dem Grafen von Walportheim in einer Laube von Crystall und Lotusblumen, oder sie gehen zusammen auf die Jagd.« – »Und was macht Treff-König?« fragte ich. »Der kost mit seiner Tänzerin, die nach ihrem Tode eine blaue Libelle ward, und auf den Flächen des Rheins umher schwebte; jetzt ist sie Hofdame bei ihrer Majestät.« »Und Pique-König?« »Der steigt jeden Abend auf die Erde und wandelt in einem Garten, welcher nahe an Ihre Wohnung stößt, und plaudert hier mit einer weißen Lilie. Sie war, ehe sie starb, ein hübsches Mädchen und liebte ihn. Ist sie als Blume verblüht, so folgt sie dem König nach unserem schönen Reiche.« »Aber Herz-König?« »Der ruht in dem Arme der schönen Lurley. Sie küßt ihn und singt: Der Rhein ist tief und weit, Doch größer die Seligkeit In meinem Herzen.« Kriegsspiele. Einberufung der Landwehr. Marsch der Linie. Bei den großen Manövern, welche in Preußen alle drei bis vier Jahre gehalten werden, wie überhaupt in der ganzen Bewaffnung dieses Militärstaates, spielt die Landwehr eine sehr große Rolle. Jeder Staatsbürger wird in seinem einundzwanzigsten Jahre vor eine Aushebungscommission gestellt, die ihn auf das Gutachten von Aerzten zum Militärdienste körperlich tauglich oder untauglich erklärt. Letzteres kommt viel seltener vor, als man glauben könnte; wer befreit werden will, muß für jede Waffenart, selbst für den Train, untauglich sein. Mit einem fehlenden Auge oder einer verkrüppelten Hand ist es nicht gethan. So erinnere ich mich sehr gut, unter den »Fahrern« der Geschütze schöne starke Leute gekannt zu haben, die an der linken Hand verwachsene unbrauchbare Finger hatten, und doch nach einiger Uebung ihren Zügel ganz gut zu führen wußten und den Dienst auf's Beste versahen. Die Dauer der Dienstzeit für jede Waffenart ist gesetzlich auf drei nach einander folgende Jahre festgesetzt; sie wird jedoch bei der Infanterie auf ein und ein halbes Jahr, bei der Reiterei und Artillerie auf zwei und ein halbes Jahr ermäßigt, nach welcher Zeit die Leute zur Kriegsreserve entlassen werden, von der sie zur Landwehr übergehen, um in diesem Verbande bis zum vierzigsten Lebensjahr zu verbleiben. Dies klingt hart; eine solche Fessel, welche alle Lebensverhältnisse einzuzwängen scheint, kommt dem Ungewohnten unerträglich vor. Der Preuße macht sich auch im Allgemeinen keineswegs ein Vergnügen daraus, nach der Dienstzeit in der Linie noch eine Reihe von Jahren Landwehrmann zu bleiben; aber jeder erkennt die Nothwendigkeit des großartigen Instituts und bringt gern dem allgemeinen Besten alle drei bis vier Jahre einige mühevolle Wochen zum Opfer. Denn vom Appell, der jährlich zweimal die Landwehr zusammenruft, ist gar nicht zu reden; diese Versammlungen werden von den Leuten meist als Lustpartieen angesehen. Der Appell wird in der Nähe selbst jedes größern Dorfes Compagnienweise abgehalten. Man wählt hiezu gewöhnlich den Sonntag, um keine Arbeitszeit zu verderben. Außer den Landwehrmännern selbst findet sich eine Menge von Zuschauern aller Classen ein, und ein buntes Gewühl bedeckt den Platz. Schenkwirthe und Marketender haben sich ebenfalls eingefunden, und wenn nicht der lustige Ton der Fidel fehlte, könnte das Ganze für ein Volksfest gelten; es wird dabei gelacht, gejubelt und zuweilen etwas geprügelt, gerade wie bei den Kirchweihfesten. Die Soldaten, die hier manchen alten Bekannten treffen, den sie vielleicht im ganzen Jahre nicht gesehen, und sich dabei mancher Streiche aus dem Garnisonsleben erinnern, necken einander, und selbst gesetzte Familienväter gedenken mit Lust der Zeit ihres Rekrutenstandes und lachen und scherzen, als habe ihnen so eben erst der Capitän d'Armes die Exerzierjacke angezogen. Natürlich erscheinen dabei Alle in ihren Civilkleidern, und nur die Lieutenants, die gestern noch mit der Feder hinter'm Ohr ihren heutigen Soldaten die Rechnungen ausgestellt oder fertige Waaren abgenommen, brüsten sich in ihren Uniformen, ohne sich heimisch darin zu fühlen. Bald zwängt sie der steife Kragen, bald kommt ihnen der Degen zwischen die Beine, und so sehr sie sich bemühen, recht militärisch auszusehen, so blickt doch beständig ihr friedliches Gewerbe störend aus dem Waffenschmucke hervor. Endlich kommt etwas Ruhe in den bewegten Haufen; man gewahrt den Landwehrmajor, der mit seinem Adjutanten zu Pferde auf dem Appellplatze erscheint. Ihm folgt der Feldwebel, der sich vor seinen Kameraden in der Linie durch ein noch würdevolleres, gemesseneres Benehmen und eine weit stärkere Brieftasche unterscheidet, die zwischen dem zweiten und fünften Knopfe seiner Uniform wie ein Vorgebirge hervorsteht. Daß sich der Feldwebel der Landwehr an solchen Tagen ein großes Ansehen zu geben sucht, ist sehr natürlich; er ist ein entlaubter Stamm, dem innen im Marke die schaffende Gewalt wohnt, die schaffende Gewalt der Landwehrliste, die ihm am Appelltage wie mit einem Zauberschlage eine dreimal größere Anzahl Untergebener zuwirft, als seine Collegen in der Linie commandiren. – Beim Erscheinen des Majors und des Feldwebels ordnet sich der Haufen der alten Soldaten von selbst in drei Glieder und bildet eine Fronte; der Feldwebel liest darauf die Namen Aller ab, die zu seiner Compagnie gehören und demnach auf dem Platze sein müssen. Jeder Gerufene tritt aus dem Gliede und stellt sich einige Schritte abwärts, so eine neue Linie bildend, damit keine Unterschleife vorkommen und etwa einer für drei, vier Bekannte, die es nicht für gut gefunden hätten, beim Appell zu erscheinen, auf ihre Namen mit »Hier« antwortet. Nachdem die Compagnie verlesen und die Fehlenden notirt sind, läßt der Major einen Kreis schließen, theilt der Compagnie mit, was im Laufe des halben Jahrs im Bataillon vorgefallen ist, als da sind Urlaubsbewilligungen, Arrestverleihungen, kurz Alles, was die Soldaten angeht, und entläßt darauf die Mannschaft mit einer Rede voll Salbung. Etwas ganz Anderes als diese jährlichen Musterungen sind die kleinern und größern Manöver. Schon bei den erstern wird die Landwehr in Regimenter und Brigaden zusammenberufen, erhält Waffen und Montirungsstücke und exerziert vierzehn Tage bis drei Wochen in verschiedenen Bezirken. Alle vier bis sechs Jahre wird nun aber ein sogenanntes großes Manöver abgehalten, an welchem ein oder, wie in diesem Jahre, zwei Armeecorps Theil nehmen. Wenn es schon bei den gewöhnlichen Appells und kleinen Manövern schwer hält, Urlaub zu erhalten, so ist es dem Landwehrmann fast unmöglich, sich vom Dienst bei den großen Manövern zu befreien. Wer nicht die in's Kleinste eingreifende Pünktlichkeit des Landwehrinstituts kennt, begreift freilich schwer, daß es dem Einzelnen nicht möglich sein sollte, in der Masse zu verschwinden. Aber wie der Herr der himmlischen Heerschaaren die Haare auf unserem Haupte zählt, so weiß der Landwehrfeldwebel genau, wie es um jeden seiner Untergebenen steht. Er hat ihn vielleicht nie gesehen und weiß dennoch von der Farbe seiner Haare bis zum Untergestell des Körpers, die besondern Kennzeichen mit eingeschlossen, ganz genau, wie der Mann aussieht; ja seine Laster und Untugenden sind in den Annalen der Regimenter für ewige Zeiten niederlegt, und diese Zeugen der Vergangenheit können oft recht unangenehm in die Gegenwart hinüber spielen. Die Landwehr kann unglaublich schnell zusammengezogen werden. Alle Vorräthe sind da; Uniformen, Waffen, Geschirre hängen, Nummerweise geordnet, in den Zeughäusern und sind rasch ausgegeben. Auf dem Bureau des Landwehrmajors liegen gedruckte Einberufungszettel unterschrieben bereit, in denen nur das Datum ausgefüllt zu werden braucht. So kommt denn an einem schönen Morgen mittelst Telegraphen von Berlin der Befehl, die Landwehr dieses oder jenes Armeecorps in kürzester Zeit zusammenzuziehen. Eine halbe Stunde darauf gehen Estafetten an die betreffenden Bataillonscommandanten, welche die Einberufungszettel augenblicklich ausfüllen und den verschiedenen Landräthen übersenden. Diese wissen innerhalb vierundzwanzig Stunden jedem Manne diese geschriebene Ordre zuzustellen und haben außerdem die Verpflichtung, alsbald eine Bekanntmachung zu erlassen, nach welcher alle Pferde des Kreises an einem bestimmten Tage in die Kreisstadt gebracht werden müssen, damit dort die zum Dienst der Reiterei und des Fuhrwesens nöthigen und tauglichen ausgewählt werden. Zugleich sind vom Commando des Armeecorps die Linienoffiziere bezeichnet worden, welche als Hauptleute und Regimentscommandanten bei der Landwehr den Dienst versehen sollen. So kommt denn der Tag, der Alles in der Provinz in die größte Bewegung versetzt. Die Landwehrmänner ziehen von ihren Dörfern oder Städten in großen Haufen nach dem Versammlungsort, und wer nicht weiß, von was es sich handelt, könnte an eine Völkerwanderung glauben. Da fährt nun dem ehrsamen Schmied- und Webermeister der alte muntere Handwerksbursche in die Knochen. Die bestaubten und längst vergessenen Attribute dieses lustigen Standes, das schwere Felleisen und der knotige Wanderstab werden hervorgesucht, hinter dem Ofen hervor langt er eine alte Regimentsmütze, die er während seiner Dienstzeit getragen, und ist der Einberufene ein Reiter, so werden die Stiefeln schon zu Hause mit großen Sporen besetzt, damit man gleich auf dem Marsche sieht, er gehöre zu dem bei den Mädchen weit renommirteren Pferdevolke. Die Zeit vor dem Ausmarsch zu den Manövern ist eine Zeit der Thränen und der Noth, und man könnte wirklich glauben, es gehe gegen den Feind und der Abschied sei auf Nimmerwiedersehen. Da werden alle zarten Verhältnisse noch einmal genau durchgemustert, die schadhaften entweder ausgebessert und für die Ewigkeit prolongirt, oder zerrissen. Wenn sich der Landwehrmann freut, wieder einmal eine Weile mit seinen alten Kameraden lustig zu verleben und ein Glas über den Durst trinken zu dürfen, ohne daß er dafür zu Hause eine Gardinenpredigt erwartet, so sehen die Zurückbleibenden dem Auszug der Soldaten mit weit minder behaglichem Gefühle zu. Weib und Kinder haben daheim nicht selten mit Nahrungssorgen zu kämpfen, und die Geliebte entläßt ihren Jüngling fast mit denselben Gefühlen, als sähe sie ihn den Kugeln des Feindes entgegen ziehen. Ach! und sie hat nicht Unrecht. In was für neue Verhältnisse kann er kommen! und die Angriffe schöner Augen, denen sich sein Herz bloß stellt, sind für ihre Liebe wohl gefährlicher, als das Kleingewehrfeuer. Die Comptoirchefs und die alten Handwerksmeister sind in diesen Tagen verdrießlicher als je; denn Feder, Elle und Nadel werden nicht mehr gehandhabt wie sonst; die jungen Leute erzählen einander von den Heldenthaten, die sie auszuführen gedenken, singen Kriegs- und Schelmenlieder, und auf mancher Oberlippe erscheint vorwitzig ein, besonders bei den alten Kaufherren hoch verpönter Schnurrbart. Endlich gerathen die Kreisstädte in die lebhafteste Bewegung. Die Landwehrmänner sind angelangt und umstehen das Rathhaus in allerlei Kostümen. Ein geübtes Auge unterscheidet leicht die verschiedenen Handwerke und Waffenarten. Der Schuster trägt einen kurzen Rock, der Schmied einen langen, der ihm bis auf die Füße reicht, und der Schneider ist nach der neuesten Mode gekleidet. Die Artillerie und Reiterei halten sich gesetzt, so wie sie pflegen, und die Infanterie sucht sich ein Ansehen zu geben, indem sie am meisten lärmt und sich vor den Wirthshausthüren herumtreibt. Von hier aus zieht jede Compagnie nach der Stadt, wo sich der Major aufhält und wo sich die Kammer befindet, von der der Landwehr die Uniformen und Waffen abgegeben werden. Auch die Pferde sind hier versammelt, und von den dazu commandirten Reiterofficieren der Linie werden von den tauglichen so viele ausgesucht, als für die Escadron nöthig sind. Jeder Eigenthümer erhält sodann für sein Pferd einen Empfangschein, worauf die Summe bezeichnet ist, die er während der Dauer der Manöver täglich für sein Pferd erhält. In einigen Kreisen beträgt die tägliche Miethe einen preußischen Thaler, in andern sogar einen Thaler und zehn Groschen, und außerdem versteht es sich von selbst, daß jeder Schaden, der dem Pferde zustößt, sei es, daß das Thier bei der Zurückkunft lahmt oder gedrückt ist, dem Eigenthümer besonders vergütet wird. Welch große Kosten dem Staate schon hieraus erwachsen, ermißt sich leicht, wenn man bedenkt, daß oft die Escadronen und Regimenter, die sehr weit zum Sammelplatz haben, mit Einschluß der Manöverzeit, zwei Monate im Dienst sind. – Die Mannschaft wird sofort equipirt und vom Gewehr bis zum Ueberzug des Kochgeschirrs mit allem Nöthigen versehen. Alle Landwehrmänner erhalten nun ihre Quartierbillets und haben für morgen Stunde und Ort erfahren, wann und wo das Exerzieren beginnen soll. Am Einzug und dem Zusammentreten der Landwehr nimmt Alles in den Kreisstädten, von dem Alten, der das eiserne Kreuz auf der Brust trägt, bis zum kleinsten Schulknaben, den lebhaftesten Antheil. Die Hauseigentümer haben lieber Landwehr im Quartier als Liniensoldaten und die Buben laufen den ankommenden Soldaten entgegen, um ihnen Tschako und Waffen nachzutragen, was äußerst possierlich aussieht. Jetzt beginnen die Exerzitien, und nachdem sich die Leute erst wieder in der entwöhnten Kleidung etwas zurecht gefunden haben, erlangen sie in kurzer Zeit ihre frühere Fertigkeit im Gebrauch der Waffen. Da die Landwehr meistens aus ältern, kräftigern Leuten besteht und gewissermaßen mit der Linie rivalisirt, so bemüht sich Alles, die Handgriffe und Bewegungen auf's Pünktlichste auszuführen. Gewöhnlich weiß es auch die Militärbehörde so einzurichten, daß auf demselben Platze ein Linienregiment neben der Landwehr exerziert, wo dann letztere ihr Möglichstes thut, um nicht hinter den Rekruten zurückzubleiben. Beide Theile schielen eifersüchtig zu einander hin und jeder sucht den andern an Genauigkeit zu überbieten. Der Haufe der Zuschauer, die sich immer sehr zahlreich einfinden, ist in gleicher Erregung und tritt bald zu diesem, bald zu jenem Corps, je nachdem da oder dort das Exerzitium exacter und prompter ausgeführt wird. Wie bei einem Wettrennen feuert der Volkshaufe beide Parteien durch lautes Geschrei zu immer größerer Anstrengung an, und das Regiment, das nach der Ansicht des Demos am besten exerziert hat, wird mit lautem Jubel nach der Stadt zurückbegleitet. Die Menge, in der die Meisten selbst Soldaten waren, irrt sich selten, und wenn der Sieg gewöhnlich der Landwehr zuerkannt wird, so ist dies nicht Parteilichkeit; man muß im Allgemeinen wirklich anerkennen, daß die gesetzten ruhigen Männer der Landwehr nach wenigen Tagen besser exerzieren, als die jungen Leute der Linie. Mit der Reiterei hält es freilich etwas schwerer wegen der fehlerhaften, kaum gerittenen Pferde. Diese Thiere kommen vom Wagen des Fiakers, vom Pfluge des Bauern, aus den Ställen der Vermiether und haben alle möglichen Untugenden an sich, hauptsächlich die, daß sie neben fremden Pferden nie ruhig gehen und einander vorauseilen wollen, wodurch ein beständiges Anprellen, Vorspringen und so ein Zerreißen der Fronte entsteht. Doch schon während der Vorübungen, welche etwa vierzehn Tage dauern, gewöhnen sich die Pferde, mit einigen Ausnahmen, an einander, und es wird bald möglich, selbst in schnellerer Gangart mit dem Regimente vorzugehen. In diesem Zeitpunkte ist, was die Haltung und das militärische Aussehen betrifft, der Landwehrmann von dem Liniensoldaten nur dadurch zu unterscheiden, daß ersterer viel kräftiger und energischer auftritt und einen größern Bart trägt als dieser, der kaum erst in das Alter getreten ist, wo uns die Natur diesen Gesichtsschmuck bewilligt. Nach den Vorübungen wird die Landwehr in Brigaden und Divisionen zusammengezogen. Jedes Infanterieregiment besteht aus drei Bataillonen und einem Reservebataillon und wird von einem Major der Linie commandirt. Auch jedes Reiterregiment zu drei Escadronen hat eine Reserveescadron. Die Bataillone und Escadronen werden von dem betreffenden Landwehrmajor, der auch den jährlichen Appell abhält, befehligt; aber die Compagnieführer sind meist Offiziere aus der Linie, zuweilen aber auch avancirte Landwehrlieutenants. Für und wider dieses Einschieben der Subalternoffiziere der Linie in die Landwehr ist besonders in neuerer Zeit viel gesprochen und geschrieben worden. So viel ist gewiß, daß der Landwehrmann eine kameradschaftlichere Behandlung von seinen Offizieren verlangt, als sie die Subalternoffiziere den Soldaten der Linie meistens angedeihen lassen. Die Landwehrreiterei besteht nur aus Lanzenreitern, zu welchen Alle übergehen, die in der Linie als Husaren, Dragoner und Kürassiere gedient. Ihre Bewaffnung besteht in der Lanze, dem Säbel, der Pistole, und außerdem ist der vierte Zug jeder Schwadron, die Flankeurs, mit Karabinern versehen. Die Landwehrartillerie hält nur ihre jährlichen Schießübungen, zu welchen ihr Geschütze und Pferde von der Linie gestellt werden. Da die Artilleriebrigaden der Linie stark genug sind, um bei den großen Manövern zu markiren, und da es dem Staate zu große Kosten machen würde, der Landwehrartillerie ebenfalls die nöthigen Pferde zu stellen, so wird diese nicht herangezogen, sondern von ihren besondern Schießübungen nach Hause entlassen. Das gleichzeitige Zusammenziehen der Linie zu Brigaden, Divisionen und Armeecorps ist natürlich mit weit weniger Schwierigkeiten verbunden und kann rascher bewerkstelligt werden; doch werden auch hiezu große Vorbereitungen gemacht. Auf den Kammern wird Alles revidirt, bei der Reiterei und Artillerie Pferde und Geschirre sorgfältig gemustert und überall fleißiger als je exerziert. Beim Appell, wo früher nach fehlenden Knöpfen oder zerrissener Uniform gespäht wurde, müssen jetzt Mantelsäcke und Tornister, kriegsmäßig gepackt, vorgezeigt werden, und dies geschieht oft, ehe der Soldat im Stande ist, die vielerlei vorgeschriebenen und nöthigen Sachen in das enge Behältniß hinein zu zwängen. Bei Tag und bei Nacht werden Marschübungen gehalten, wobei Alles mit vollständigem Gepäck und Waffen ausrückt, damit sich die Mannschaft vorläufig etwas daran gewöhne, die schwere Rüstung halbe Tage lang, oft in brennender Sonnenhitze, mit sich herumzuschleppen. Auch die Soldaten ordnen ihre kleinen Privatangelegenheiten, als ginge es in Krieg und Tod, das heißt, sie rechnen mit den Marketendern und Commisweibern ab und bezahlen ihre Schulden, um auf dem Marsche und im Lager neue machen zu können. Endlich werden aus den Unteroffizieren und Gemeinen ein paar tüchtige Leute ausgesucht und zum Quartiermachen vorausgeschickt. Sie erhalten eine Marschroute, worin die Dörfer verzeichnet sind, durch welche das Regiment kommt, so wie einen Etat der Stärke desselben, welchen sie den betreffenden Ortsbehörden vorzuzeigen haben. Das Quartiermachen hat, wie Alles im Leben, seine Licht- und Schattenseite. Der Infanterist darf gewöhnlich hiebei nicht den schweren Tornister schleppen; er wird ihm auf dem Wagen der Compagnie nachgeführt; er, wie der Reiter, braucht nicht im unerträglichen Staube, den das Regiment beim Marsche emporwirbelt, dahin zu ziehen; er kann sich beim Ausruhen den schattigsten Platz auf der Bank vor einem Wirthshause aussuchen und braucht sich nicht, wie seine Kameraden, in voller Sonnenhitze auf den Rand der Landstraße zu setzen, und endlich verwehrt ihm Niemand, sich in das beste Quartier zu legen. So weit ginge Alles gut; aber jetzt, statt sich, müde vom Marsch, auf sein Lager hinzustrecken, muß er Stunden lang auf dem Rathhause stehen, bis die Quartierbillets ausgefertigt und ihm zugestellt sind; dann hat er Brod und Fourage für die ganze Batterie oder Compagnie zu empfangen, hat die Quartierbillets für die Corporalschaften, Beritte oder Geschütze zu ordnen, und muß die Quartiere des Capitäns, der Lieutenants und des Feldwebels besichtigen, damit nicht einmal einer dieser gestrengen Herren zufälliger und entsetzlicher Weise ein Unterkommen findet, das nicht besser ist, als das jedes seiner Untergebenen. Dabei hat der Quartiermacher noch allerlei Privataufträge zu besorgen. Der Capitän wünscht nicht zu weit vom Feldwebel und seinem Lieblinge, dem Lieutenant X., zu liegen, der Lieutenant Y. hofft einen guten Trunk in der Nähe zu finden, und der Lieutenant Z. besteht auf einem Quartier, in dem sich wenigstens ein hübsches Mädchen befindet. Wehe dem Quartiermacher, wenn es ihm nicht gelingt, diese Forderungen einigermaßen zu befriedigen. Man mag sich noch so große Mühe gegeben haben, man geht am andern Morgen immer mit Zittern und Zagen der anrückenden Truppe entgegen; denn man kann sicher darauf rechnen, daß man es Niemanden recht gemacht hat. So erinnere ich mich, daß ich eines Tages, weil auf meinem Zettel stand, die Fourage für die Pferde der Herren Offiziere werde auf einem Wagen nachgeführt, in die Quartiere derselben keine hinlegen ließ, worauf mir mein Herr Hauptmann, mit dem ich ohnehin nicht im besten Vernehmen stand, die Bemerkung machte, ich müsse auf dem Marsche sehr stark gefrühstückt haben, und mir allergnädigst einen Arrest von vierundzwanzig Stunden zukommen ließ. – Der Quartiermacher empfängt das einrückende Regiment, übergibt seine Zettel, nimmt, wie gesagt, seine Verweise in Empfang, und bricht alsbald nach dem nächsten Orte auf, wo dieselbe Geschichte mit andern Variationen wiederkehrt. Da die Infanterie nur vier bis fünf, die Cavallerie nur sechs bis sieben Stunden täglich zurücklegt, so dauern die Märsche zum Lager, bei etwas entfernter Garnison, sehr lange. Trotz dieser kleinen Etappen leidet die Mannschaft auf dem Marsche häufig sehr bedeutend. Die Manöver werden meist im August oder September gehalten, wo die Hitze und noch mehr der Staub die Leute quält. Offiziere und Unteroffiziere haben an solchen Tagen genug zu thun, um die erhitzten Menschen vom voreiligen Wassertrinken abzuhalten. Arrestverheißungen helfen da nicht mehr, und wir haben oft unsere Säbel, wenn auch nur zur Drohung, brauchen müssen. Wegen dieser Mühseligkeiten sieht der Soldat sehnsüchtig dem letzten Marschtage entgegen und betritt freudig die Zeltstadt, die sich vor seinen Blicken ausbreitet. Reiterei und Geschütze beziehen, so wie die Landwehr, die umliegenden Dörfer, und ein allgemeiner Ruhetag, der auf den Einzug in's Lager folgt, wird dazu benutzt, um Waffen und Kleider wieder in gehörigen Stand zu setzen. Das Lager bei Grimlinghausen. Wenn einer vor Kurzem die Ortschaften an beiden Ufern des Unterrheins noch so genau kannte, so wußte er vielleicht doch nicht, wo Grimlinghausen liegt, ein Dörfchen, aus wenigen schlechten Häusern bestehend, das durch das Lager des preußischen siebenten Armeecorps auf einmal eine, wenn auch rasch vorübergehende Bedeutung erlangt hat. Früher war hier kaum eine Nachenstation, wo die Dampfboote die allenfallsigen Passagiere ein- und ausluden, und wenn nicht zufällig hinter dem Dorfe die große Chaussee von Cöln nach Holland vorbeiführte, wäre der Weg zum Ort zu Lande nicht praktikabel gewesen. Das Alles hat sich seit Kurzem bedeutend geändert. Am Rhein erhebt sich eine Landungsbrücke, wo Dampfboote vier- bis sechsmal im Tage anlegen; denn Grimlinghausen ist ein Punkt geworden, nach welchem aus dem ganzen Gebiet des Rheins Tausende von Zuschauern strömen, um das große Lager anzuschauen. Oberhalb der Landungsbrücke der Dampfschiffe haben die Pioniere eine Schiffbrücke über den Rhein geschlagen, um die Communikation mit dem andern Ufer zu erleichtern. Dort halten zahlreiche Omnibus, die den Reisenden nach Düsseldorf bringen, von wo er zu Wasser, zu Land und zu Eisen in alle Welt gehen kann. Eine Viertelstunde vom Rhein, wo die großen Flächen des Jülicher Landes beginnen, ist das Lager aufgeschlagen. Ich sah es zum erstenmal am 31. August 1842. Am Morgen war Manöver des ganzen Armeecorps mit markirtem Feinde, und schon in Düsseldorf hörte man deutlich das Knattern des Gewehrfeuers und das Rollen der Geschützsalven. Ohne sehr ausführlich, ja für manchen Leser langweilig zu werden, ist es nicht möglich, den Verlauf eines Manövers zu erzählen, auch war ich keineswegs zu strategischen Studien aufgelegt. Ich ergötzte mich naiv am massenhaften Auftreten der einzelnen Truppentheile und am weißlichen Pulverdampf, der in dicken Wolken über die Ebene hinzog. Auf den Höhen war das Geschütz in Thätigkeit und lange Infanterielinien schienen die feuerspeienden Bastionen gleich glänzenden Courtinen zu vereinigen. Der Generalstab sah wie ein blitzender Stern aus; man sah da nichts als Goldstickereien und weiße Federbüsche. Das Manöver beschloß ein großer Cavallerieangriff, und es war wirklich ein großartiger Anblick, wie acht Reiterregimenter mit donnerähnlichem Getöse über die Ebene hinjagten. Als Alles vorbei war, zogen einige Reiterregimenter und reitende Batterien über die Schiffbrücke auf das jenseitige Ufer des Rheins, wo sie ihre Quartiere hatten. Der schmale glänzende Streif über dem grünen Flusse nahm sich sehr gut aus; an beiden Ufern standen zahlreiche Zuschauer, unterhalb harrte ein Dampfboot auf die Oeffnung der Brücke und von obenher kam ein großes Floß mit einförmigem, taktmäßigem Ruderschlag. Die Stadt der Zelte war heute nicht so belebt wie an den vorhergehenden Tagen; die dunkeln Regenwolken, die den Himmel bedeckten, schreckten Manchen zurück. Indessen hatte ich so besser Gelegenheit, Alles in der Nähe zu besehen. Das Lager bildet ein großes, längliches Viereck, dessen Fronte vom Rheine abgekehrt ist. Die Zelte der Soldaten stehen in gleichen Reihen nebeneinander, und jede solche Reihe der schmalen Seite ist von einer Compagnie bewohnt. Die Zelte sind von grauer Leinwand und mit einer grünlichen Spitze versehen. Zwischen den Zelten und in derselben Reihe befinden sich kleinere, worin die Gewehre der Soldaten aufbewahrt werden, die sogenannten Gewehrmäntel. Die Zelte der Offiziere zeichnen sich durch eine kleine weiße Flagge aus, welche je nach ihrem Range mit schwarzen Streifen versehen ist; die des Capitäns hat zwei Streifen, die des Oberlieutenants nur einen. An der hintern Seite des Lagers befinden sich die Kochöfen, aus einem großen Schornstein bestehend, der an jeder Seite einen Heerd hat, worin drei große Kessel eingemauert sind. Jedes Bataillon hat seinen Kochheerd und jedes Regiment seinen Pumpbrunnen, die ein überaus gutes und klares Wasser liefern. Diese Anstalten sind von Backsteinen auf's Sorgfältigste aufgeführt und werden stehen bleiben, um später bei einer ähnlichen Gelegenheit wieder zu dienen. Auch die große Commisbrodbäckerei des Lagers befindet sich mit vielen Oefen einige hundert Schritte hinter dem Lager und ist ebenfalls massiv aus Steinen und wohl auf länger als die Dauer des Manövers errichtet. Vor der Fronte der Lagerseite stehen die Zelte der Stabsoffiziere, vor welchen die Fahnen des Regiments aufgepflanzt sind. Da ich das Lager in der Mittagsstunde sah, wo die Soldaten gerade beschäftigt waren, ihre Suppe zu verzehren, und die fallenden Regentropfen fast alle Zuschauer verjagt hatten, war der Anblick desselben sehr einförmig, ohne alle Poesie. Nur hie und da standen einige Nachzügler um die Kochheerde und ließen sich in ihre blechernen Kochgeschirre die Suppenportionen einmessen. Die Soldaten hatten ihre Zelte verschlossen, um sich vor dem hereindringenden Regen zu schützen. Die weißen Zelte auf dem gelben Sandgrunde unter dem trüben Himmel blickten mich sehr melancholisch an, weßhalb ich meinen Rückzug antrat, um die Stadt der Buden in der Nähe zu besehen. Diese umgibt die hintere Seite des Lagers in einem Dreieck und bietet alle möglichen Genüsse des Geistes und des Herzens. Was mich bei dergleichen Anstalten am meisten interessirt, sind die Aushängeschilder, in deren Epigrammen die Eigentümer gewöhnlich all ihren Witz verschleudern. Die Wirthe des Grimlinghauser Lagers hatten aber vorzugsweise auf das Gefühl für die süße Heimath, das in der Brust eines jeden lebt, speculirt; die Buden führten gewöhnlich als Aufschrift den Namen irgend eines Ortes, von dem sich Landwehrmänner hier befanden, als: Schützenzelt aus Mettmann , oder noch bündiger und anziehender, zur Schwelmer oder Gott weiß welcher Landwehr. Man sieht da unzählige Schenkbuden neben kleinen Boutiken, wo die Soldaten allerlei Nothdurft einkaufen können. Die erstern theilen sich von selbst in gewisse Classen. Hier findet man guten Branntwein und ein Glas schlechten Biers; dort ist das Bier besser und man kann schon eine Flasche sauern Wein haben; höher hinauf findet man Speise- und Weinkarten, doch ist besonders den letztern nicht zu trauen. Um die Oberherrschaft der Schenkbuden streiten sich zwei Anstalten, von denen es jedoch schwer zu entscheiden ist, wo man am schlechtesten und theuersten bedient wird. Ich begab mich in eine dieser Buden, um zu Mittag zu speisen; ich setzte mich auch mit diesem Vorsatz an eine der Tafeln, wo vielleicht schon vierhundert Personen saßen, und that mein Möglichstes, konnte aber meinen Zweck nicht erreichen. Von den Dingen, die da servirt wurden, war das Meiste für die Meisten nur Schaugericht. Das einzige Genießbare war die Musik eines Militärchors, das mit guter Auswahl und vieler Präzision spielte. Während wir so bei Tische saßen, verfinsterte sich der Himmel noch mehr und sandte endlich solche Regenschauer hernieder, daß sie das schlechtgebaute Zelt nicht mehr abhalten konnte. An den Wänden herab lief das Wasser zuerst, Und dann und wann ein schwerer Tropfen Fiel in den Messineser Wein. Bald entstand allgemeine Verwirrung im Saal. Büffet und Küche wurden von den Regenfluthen zuerst überschwemmt, und wir mußten es geduldig mit ansehen, wie die ohnehin genug gewässerten Saucen und Gemüse noch mehr verdünnt wurden. Obendrein spielte die Musik, wie zum Hohne: »O welche Lust, Soldat zu sein!« Feierlich ist der Zapfenstreich, wie er jeden Abend im großen Lager abgehalten wird. Durch die Zeltgassen hindurch wirbeln die Trommeln auf und ab und rufen jeden in den Bezirk des Lagers. Vor den Zelten der Stabsoffiziere spielen die verschiedenen Musikchöre, worauf die Soldaten compagnieweise zusammentreten. Das Signal zum Gebet erschallt, und während dieser Ceremonie sang heute Abend das Sängerchor: »O Sanctissima.« Ich verließ bei einbrechender Nacht das Lager und sah noch lange den Schein der erhellten Buden durch die Nacht glänzen und hörte noch fernhin den schreienden Ton der Violinen und Clarinetten. – Noch drei Tage, und das ganze bunte Getümmel ist gleich einem Zauberspuke verschwunden. Der Herbstwind streift über die öde Fläche und irgend ein vagabundirender Marder erkiest sich einen der Kochheerde ohne obrigkeitliche Erlaubniß zum Schlupfwinkel.