James Fenimore Cooper Satanstoe, oder die Familie Littlepage Die einzige Erdenblume, die nie welkt, Ist Tugend; Wahrheit ist der einz'ge Schatz. Spenser. Vorrede. Jede Geschichte von Sitten und Lebensgewohnheiten hat einen gewissen Werth. Wenn die Sitten und Gebräuche mit Grundsätzen zusammenhängen, in ihrer Entstehung, in ihrer Entwicklung oder in ihrem Ausgangspunkt, so bekommen solche Schilderungen eine doppelte Wichtigkeit; und weil wir einen solchen Zusammenhang zwischen den Thatsachen und Vorfällen der Handschriften der Familie Littlepage und gewissen wichtigen Theorien unserer Zeit zu entdecken glauben, übergeben wir hiemit erstere der Welt. Es ist vielleicht ein Fehler unseres hier vorgeführten Geschichtschreibers, daß er zu Viel auf philosophische und zu Wenig auf bescheidnere und niedrigere Kräfte und Mächte zurückführt. Die Keime großer Ereignisse liegen oft fern in sehr launenhaften und unberechenbaren Leidenschaften, Beweggründen oder Impulsen. Der Zufall wirkt gewöhnlich ebenso sehr auf das Geschick von Staaten als auf das von Individuen ein; oder wenn dabei überhaupt Berechnungen und Absichten wirksam sind, so sind es die Berechnungen und Absichten einer Macht, welche höher ist als jede menschliche. Wir finden uns bewogen, diese Handschriften der Welt mitzutheilen, theils durch die obigen Erwägungen, theils auch in Betracht der Beziehung, in welcher die zwei Werke, die wir Satanstoe und Kettenträger nennen, unmittelbar zu der großen Tagesfrage von New-York, dem Antirentismus , stehen, welche Frage man ziemlich vollständig und gründlich in dem dritten und letzten Werke des Cyklus erörtert finden wird. Diese drei Werke, welche die sämmtlichen Handschriften der Familie Littlepage enthalten, bilden keine strenge Fortsetzung von einander als Erzählungen von zusammengehörigen Begebenheiten oder vom Schicksale von Personen, wohl aber in dem Sinne, daß die Grundsätze in einem innern Verhältniß zu einander stehen. Der Leser wird z. B. finden, daß die frühere Laufbahn, die Neigung, die Heirath von Mr. Cornelius Littlepage in dem vorliegenden Buche vollständig berichtet werden, während die Erlebnisse seines Sohnes, Mr. Mordaunt Littlepage, ebenso vollständig in dem folgenden Werke, dem Kettenträger, gegeben werden sollen. Man hofft, daß der Zusammenhang, welcher allerdings zwischen diesen drei Werken besteht, eher dazu beitragen wird, den Werth jedes einzelnen zu erhöhen, als daß er die gewöhnliche Folge der Fortsetzungen im eigentlichen, strengen Sinn hätte, welche, wie man weiß, darin besteht, das Interesse zu schwächen, welches eine Erzählung sonst wohl dem Leser hätte einflößen mögen. Jedes dieser drei Bücher hat seinen eigenen Helden, seine eigene Heldin, und seine eigenthümliche Sittenschilderung vollständig für sich, obgleich letztere durch ihre Seiten- und Gegenstücke mehr oder weniger gehoben werden mag und es wirklich wird. Wir glauben, es bedarf keiner Entschuldigung, wenn die Frage des Antirentismus mit der größten Freimüthigkeit behandelt wird. Nach unserer Ansicht von der Sache ist das Bestehen wahrer Freiheit in Amerika, die Fortdauer der Institutionen und die Sicherstellung der öffentlichen Moral ganz davon abhängig, daß gänzlich, gründlich und unbedingt den falschen und unehrlichen Theorieen und Behauptungen ein Ende gemacht werde, welche in Beziehung auf diesen Gegenstand so keck vorgetragen worden sind. Nach unserer Ansicht ist New-York in diesem Augenblick der bei weitem am schmählichsten dastehende Staat in der Union, trotzdem daß er nie ermangelt hat, die Zinsen aus seiner Staatsschuld zu bezahlen; und seine Schmach hat ihren Grund in diesem Umstande, daß die Gesetze daselbst mit Füßen getreten werden, ohne daß irgend eine der Wichtigkeit der Sache entsprechende Anstrengung gemacht würde, sie aufrecht und in Kraft zu erhalten. Wenn Worte und Versicherungen den Ruf und Charakter eines Gemeinwesens retten und sichern können, so mag Alles noch gut stehen; aber wenn Staaten, wie Individuen, nach ihren Handlungen zu beurtheilen sind, und der Baum aus seinen Früchten erkannt werden muß, so möge uns Gott helfen! Wir unsers Theils sind der Ueberzeugung, daß der ächte Patriotismus darin besteht, jedes öffentliche Gebrechen oder Laster offen darzulegen und dergleichen Dinge mit ihrem wahren Namen zu nennen. Der große Feind unsers Geschlechts hat binnen der letzten zehn oder zwölf Jahre unter uns mächtig um sich gegriffen, unter dem Schein und Vorwand eines verwerflichen, falschen Zartgefühls, wo es gilt, nationale Uebel und Fehler aufzudecken; und es ist an der Zeit, daß Solche, die sich nicht scheuten zu loben, wo das Lob verdient war, auch nicht zurücktreten vor der Pflicht zu tadeln, wo das Unterlassen rechtzeitiger Warnung eine Quelle der verhängnißvollsten Uebel werden kann. Der große praktische Mangel von Institutionen wie die unsrige ist der Umstand, daß um das, worum sich Jedermann kümmert, kein Einzelner sich besonders kümmert – eine Nachläßigkeit und Gleichgültigkeit welche der Thätigkeit des Schurken ein sehr gefährliches Übergewicht gibt über die langsameren Besserungsversuche des ehrlichen Mannes. Juni 1845. Erstes Kapitel. Seht Ihr, wer kommt da? Ein junger Mann, ein Alter, ernsthaft schwatzend. Wie es Euch gefällt. Es ist leicht vorauszusehen, daß Amerika bestimmt ist, große und rasche Veränderungen durchzumachen. Die der Geschichte im eigentlichen Sinne angehörigen wird ohne Zweifel die Geschichte sich angelegen seyn lassen aufzuzeichnen, und zwar vermutlich mit der bestreitbaren Wahrhaftigkeit und dem Vorurtheil, welche gar leicht Einfluß üben auf die Leistungen gerade dieser Muse; aber wenig Hoffnung ist, daß die Züge der amerikanischen Gesellschaft in ihrem mehr innerlichen und häuslichen Charakter, unter uns werden erhalten bleiben durch irgend eines der Mittel, welche sonst gewöhnlich hiezu sich darbieten. Ohne eine Bühne – im nationalen Sinne wenigstens, – im Besitze von kaum irgend einem Memoirenbuche, das sich mit einem innerhalb unserer Landesgrenzen hingebrachten Leben beschäftigte, und gänzlich entblößt von einer eigenen leichten Literatur, die uns treu nachgeahmte Bilder unserer Sitten und Gebräuche und der Tagesmeinungen gäbe, – sehe ich kaum eine Art und Weise ab, wie die nächste Generation das Gedächtniß und die Anschauung der unterscheidenden Denkweise, der Sitten und Gebräuche der jetzigen sich bewahren sollte. Zwar wird sie Traditionen von gewissen hervorstechenden Zügen des gesellschaftlichen Zustands der Colonie haben, aber kaum irgend urkundliche Berichte; und sollten die nächsten zwanzig Jahre in eben dem Grade wie die zwanzig letztverflossenen darauf hinwirken, an die Stelle der Abkömmlinge unsrer nächsten unmittelbaren Väter ein ganz neues Geschlecht zu setzen: so wäre die Prophezeiung wohl kaum allzu gewagt, daß auch diese Traditionen in dem Wirbel und der Aufregung der Masse und des Gewühls von Fremden verloren gehen werden. In Erwägung all dieser Umstände habe ich daher den Entschluß gefaßt, einen Versuch zu machen, wie schwach er auch ausfallen möge, wenigstens einige Züge von dem häuslichen Leben in New-York aufzubehalten, und habe zugleich auch einige Freunde in New-Jersey und im ferneren Süden anzuspornen gesucht, daß sie in jenen Gegenden des Landes sich dieselben Aufgaben setzen möchten. Welchen Erfolg diese meine Aufforderungen und Ermahnungen haben werden, vermag ich nicht zu sagen; aber damit das Wenige, was ich selbst zu leisten vermag, nicht verloren gehe aus Mangel an Unterstützung, habe ich in meinem Testament meinen ernsten Wunsch ausgesprochen, daß diejenigen, welche nach mir kommen, sich dazu verstehen möchten, diese Erzählung fortzusetzen und ihre Erfahrungen, so wie ich die meinigen, dem Papiere zu überliefern, wenigstens bis auf meinen Enkel herab, falls ich je einen habe. Vielleicht fängt man bis zum Ende der Laufbahn des Letztern in Amerika an, Bücher herauszugeben, und erscheinen dann die Früchte unsrer vereinigten Familienbemühungen gereift genug, um der Welt vorgelegt zu werden. Es ist möglich, daß, was ich jetzt zu schreiben im Begriff stehe, als zu einfach und geringfügig erscheint; daß es sich zu sehr auf persönliche und Privat-Angelegenheiten bezieht, als daß es hinlängliches Interesse in den Augen des Publikums habe; aber man darf nicht vergessen, daß die höchsten und erhabensten Interessen des Menschen aus einer Sammlung von an sich niedriger stehenden und geringeren bestehen; und daß, wer ein getreues Bild gibt von nur Einer wichtigen Scene aus dem Verlauf eines einzelnen Lebens, schon einen Schritt dazu thut, das größte historische Bild seiner Zeit zu malen. Wie ich schon gesagt, die wichtigsten Begebenheiten meiner Zeit werden ihren Weg finden auf die Blätter von viel bedeutenderen Werken als das meinige, in der einen oder der andern Form, mit mehr oder weniger Treue gegen die Wahrheit, gegen die Wirklichkeit der Ereignisse und gegen die eigentlichen Motive; während die untergeordneten Dinge, welche zu berichten und zu schildern meine Aufgabe seyn soll, gänzlich werden übersehen werden von Schriftstellern, erfüllt von dem Bestreben, ihre Namen denen der Tacitusse früherer Jahrhunderte anzureihen. Es mag jedoch passend seyn, gleich hier zu bemerken, daß ich gar nicht den historischen Griffel zu führen mir beigehen lasse, sondern mich damit begnüge, die Gefühle, Gesinnungen, Ereignisse und Interessen des bloßen Privatlebens zu schildern, und sie nicht mehr mit Dingen von allgemeinerer Bedeutung in Verbindung setzen werde, als dieß unerläßlich ist, um die Erzählung verständlich und genau zu machen. Nach diesen Erläuterungen, welche hier gegeben werden, um die Person, die zufällig zuerst die Lektüre dieser Handschrift beginnt, abzuhalten, sie in's Feuer zu werfen als einen einfältigen Versuch, einen noch einfältigeren Roman zu schreiben, gehe ich sofort zum Anfang meiner Aufgabe über. Ich bin geboren am dritten Mai 1737 auf einem »Landhals,« genannt Satanstoe Satanszehe. , in der Grafschaft West-Chester, in der Colonie New-York; einem Theil des weitgedehnten Reiches, welches damals unter dem Scepter Seiner geheiligten Majestät, Gregors II., stand, Königs von Großbritannien, Irland und Frankreich, Vertheidiger des Glaubens, der, wie ich wohl hinzufügen darf, zugleich Schild und Wehr der protestantischen Thronfolge war, Gott segne ihn! Ehe ich Etwas von meiner Abstammung sage, will ich dem Leser zuerst einen Begriff geben von der Gegend und eine genauere Vorstellung von dem Ort, wo ich das Licht der Sonne erblickte. Ein »Landhals« bedeutet nach dem Sprachgebrauch von West-Chester und Long Island Etwas, das man besser »Kopf und Schultern« nennen würde, wenn man bloß die Gestalt und die Ausdehnung im Auge hätte. Halbinsel würde das passende Wort seyn, wenn wir uns geographischer Kunstausdrücke bedienen wollten; aber so wie die Sachen stehen, finde ich es nothwendig, bei dem landesüblichen Ausdruck zu bleiben, welcher beiläufig bemerkt, auch nicht bloß unsrer Grafschaft eigen ist. Der »Landhals« oder die Halbinsel Satanstoe enthält genau vierhundert und dreiundsechszig und einen halben Acre vortrefflichen West-Chester Landes; und damit ist, wenn die Steine herbeigeschleppt und zu Mauern gefügt sind, so viel zu seinen Gunsten gesagt, als von irgend einem Boden der Erde gesagt zu werden braucht. Satanstoe hat zwei Meilen Ufer und kann eine entsprechende Masse Seegras zur Düngung sammeln, nebendem, daß es beinahe hundert Acres Salzgras- und Schilfwiesen besitzt, welche bei dem guten Boden des eigentlichen »Landhalses« nicht eingerechnet sind. Da mein Vater, Major Evans Littlepage, dieß Gut von seinem Vater, Kapitän Hugh Littlepage erben sollte, konnte es schon zur Zeit meiner Geburt als ein altes Familienbesitzthum gelten, weil es wirklich schon von meinem Großvater erworben worden war, durch seine Frau, etwa dreißig Jahre nach der endlichen Abtretung der Colonie von Seiten der ursprünglichen Besitzer, der Holländer, an die Engländer. Hier hatten wir also schon beinahe ein halbes Jahrhundert in gerader Linie gehaust, als ich geboren wurde, und um ein Beträchtliches länger, wenn man die Ahnen von mütterlicher Seite einrechnet; hier wohne ich jetzt im Augenblick wo ich diese Zeilen schreibe, und hier hoffe ich soll mein Sohn nach mir wohnen. Ehe ich auf eine genauere Schilderung von Satanstoe eingehe, ist es vielleicht passend, ein Wort zu sagen über seinen etwas sonderbaren Namen. Der »Landhals« liegt in der Nähe eines wohlbekannten Passes, welcher sich findet in dem schmalen Meeresarm, welcher die Insel Manhattan von ihrer Nachbarin, Long Island, trennt, und Hell Gate (Höllenthor) genannt wird. Nun gibt es eine Tradition, freilich, ich muß es gestehen, so ziemlich nur auf die Schwarzen der Umgegend sich beschränkend, welche besagt: der Vater der Lügen habe bei einer besondern Gelegenheit, als er gewaltsam ausgetrieben ward, aus gewissen tumultuarischen Gasthäusern in den Neuen Niederlanden, seinen Abzug bewerkstelligt durch diesen bekannten, gefährlichen Paß; er habe seinen Fuß etwas hastig weggezogen zwischen den Hummerlöchern, deren es in diesen Gewässern eine Menge gibt, als Spuren und Fußtapfen seines Durchzuges auf dieser Straße den Schweinsrücken, den Topf und all die Strudel und Klippen zurückgelassen, welche die Schifffahrt durch diese berühmte Meerenge so schwierig machen, und seinen Fuß dann eilig auf den Fleck gesetzt, wo jetzt eine große Bucht südlich und östlich von dem »Landhals« sich ausdehnt, letztern aber mit dem Ballen seiner großen Zehe berührt, wie er sich nach Osten wandte, aus welcher Gegend des Landes er nach der Behauptung eines Theils unsrer Leute ursprünglich gekommen seyn sollte. Manche glaubten, die Gestalt und die Linien unseres väterlichen Gutes hatten eine Aehnlichkeit zu haben geschienen mit einer umgekehrten Zehe (denn man setzte voraus, daß der Teufel Alles, was er berühre oberst zu unterst verkehre), ein Umstand, welcher vermutlich auch dazu beitrug, dem Namen bleibende Geltung zu verschaffen. Daher wurde der Platz seit unvordenklichen Zeiten Satanstoe genannt; denn unvordenklich ist leicht die Zeit in einem Lande, in welchem die civilisirte Zeit vor noch nicht anderthalb Jahrhunderten begann; und Satanstoe heißt er noch jetzt. Ich gestehe, ich bin kein Freund von unnöthigen Veränderungen, und ich hoffe von ganzem Herzen, dieser »Landhals« wird seine alte Benennung behalten, so lange das Haus Hannover auf dem Throne dieser Königreiche sitzen, oder so lange das Wasser fließen und das Gras wachsen wird. Man hat in ganz neuen Zeiten einen Versuch gemacht, die Leute in der Nachbarschaft zu bereden, der Name sey irreligiös und eines erleuchteten Volkes, wie das von West-Chester, unwürdig; aber der Versuch hat keinen großen Erfolg gehabt. Er ging aus von einem Mann aus Connektikut, dessen Vater, heißt es, ein Geistlicher ist von der » stehenden Klasse;« so genannt, glaube ich, weil sie beim Beten stehen; und welcher selbst in der Eigenschaft eines Schulmeisters zu uns kam. Dieser junge Mann suchte, wie ich erfahren habe, die Nachbarschaft zu bereden, Satanstoe sey eine durch die Holländer eingeführte Verfälschung von Devils Town (Teufelsstadt), und dieß wieder eine Entstellung von Dibbleston; die Familie nämlich, von welcher es meines Großvaters Schwiegervater gekauft, habe, sagte er, Dibblee geheißen. Er brachte ein halb Dutzend von dem sentimentalen Theil der Bewohner dazu, den »Landhals« Dibbleton zu nennen; aber der Versuch hat keine Wahrscheinlichkeit eines größern Erfolgs auf die Länge, da wir Leute sind, die keine große Geneigtheit haben, die Sprache so wenig als die Gebräuche unsrer Vorfahren zu ändern. Zudem haben meine holländischen Vorfahren das Land von keinem Dibblee gekauft, und hat dasselbe nie einer solchen Familie gehört, sondern es ist dieß ein keckes Vorgeben des Yankee um seine Behauptung dadurch wahrscheinlicher zu machen. So wie Satanstoe seiner Ausdehnung nach wenig mehr als ein guter Pacht- oder Bauernhof ist, so ist es auch seiner Bebauung und den Verschönerungen nach nicht viel mehr als ein vorzüglich gutes Bauerngut. Alle Gebäude sind von Stein, bis auf die Schweinekoben und die Schuppen hinaus, sehr gut behauen und gefugt, und mit Feldmauern, welche einem befestigten Platze Ehre machen würden. Das Haus gilt allgemein als eines der besten in der Colonie, mit Ausnahme einiger wenigen von der neuen Schule. Es ist zwar, wie ich gestehen muß, nur anderthalb Stockwerke hoch, aber die Zimmer unter dem Dache sind so gut als irgend welche dieser Art, die mir bekannt sind, und ihre innere Einrichtung ist von der Art, dass sie selbst den obern Zimmern eines Hauses in New-York keine Unehre machen würden. Das Gebäude hat die Form eines L oder von zwei Seiten eines Parallelogrammes, wovon die eine eine Fronte von fünfundsiebzig Fuß hat, die andere fünfzig Fuß lang ist. Die Tiefe beträgt, von einem Ende der Mauer bis zum andern, sechsundzwanzig Fuß. Das beste Zimmer hatte schon in den Zeiten meiner Knabenjahre einen Teppich, welcher zwei Drittheile des gesammten Fußbodens bedeckte, und in den meisten der bessern Gänge fand sich Wachstuch. Der Schenktisch im Speisezimmer, oder dem kleinsten Gesellschaftszimmer, wurde ganz besonders bewundert, und ich zweifle, ob es bis zu dieser Stunde einen schönern in der Grafschaft gibt. Die Zimmer waren wohl geformt und von hübscher Größe; die größern Gesellschaftszimmer nahmen, bei verhältnißmäßiger Länge, die ganze Tiefe des Hauses ein, und das Getäfel war höher als gewöhnlich, nämlich, elf Fuß, mit Ausnahme derjenigen Räume, wo die größern Balken und Sparren der obern Schlafzimmer sichtbar wurden. Da die Familie außer dem »Landhals« auch Geld besaß, und die Littlepage's Offiziere des Königs, mein Vater in seinen frühern Jahren Fähnrich und mein Großvater ebenso Kapitän in der Linie gewesen waren, zählten wir immer zu der Gentry der Grafschaft. Wir hausten in einem Theile von West-Chester, wo es keine sehr große Güter gab, und Satanstoe galt als ein Besitzthum von einer gewissen Bedeutung. Es ist wahr, die Morrises war auf Mornsania und die Felipses oder Philipses, wie diese böhmischen Grafen damals genannt wurden, hatten einen Sitz am Hudson, der sich bis auf zwölf Meilen vor uns erstreckte, und ein jüngerer Zweig von den de Lanceys hatte sich selbst noch näher bei uns niedergelassen, so wie auch die Van Cortlandts, oder ein Zweig von ihnen, in der Nähe von Kingsbridge hausten; aber das waren lauter Leute, welche an der Spitze der Colonie standen, und mit welchen zu wetteifern Niemanden von der kleineren Gentry sich einfallen ließ. So behaupteten denn die Littlepages eine sehr achtbare Stellung zwischen der höhern Klasse der Neomanry und denjenigen, welche, vermöge ihrer Güter, Erziehung, Verwandtschaften und Verbindungen, ihres amtlichen Ranges und ererbten Ansehens, die Aristokratie der Colonie, – so darf man sich wohl ausdrücken, – bildeten. Mein Vater sowohl als mein Großvater hatte seiner Zeit in der Assembly gesessen, und Beide, wie ich sagen gehört, mit Ehren. Was meinen Vater betrifft, so hielt er einmal eine Rede, deren Vortrag elf Minuten ausfüllte, – ein Beweis, daß er Etwas zu sagen hatte; und es war dieß eine Quelle großen, aber wie ich hoffe, bescheidenen Jubels in der Familie bis auf den Tag seines Todes und noch später. Dann hoben uns auch gar sehr die Militärdienste der Familie. In jener Zeit hieß es Etwas, Fähnrich selbst in der Miliz zu seyn, und noch weit mehr, diesen Posten bei einem regulären Regiment zu bekleiden. Zwar diente keiner meiner Vorfahren sehr lange unter den Truppen des Königs, und namentlich mein Vater verkaufte seine Stelle schon nach dem Ende seines zweiten Feldzuges; aber die militärische Erfahrung, und ich darf hinzufügen, der kriegerische Ruhm, welche Beide in der Jugend sich erwarben, leisteten ihnen ihr ganzes übriges Leben hindurch gute Dienste. Beide erhielten Offiziersstellen bei der Miliz, und mein Vater stieg wirklich bis zum Major in diesem Corps, und diesen Rang besaß, diesen Titel trug er während der letzten fünfzehn Jahre seines Lebens. Meine Mutter war eine Holländerin von beiden Eltern her; ihr Vater war ein Blauvelt, ihre Mutter eine Van Busser gewesen. Ich habe sagen hören, es habe sogar eine Verwandtschaft zwischen den Stuyvesants und den Van Cortlandts und den Van Bussers bestanden; aber ich vermag nicht den Grad und die Art der Verwandtschaft oder Verschwägerung genau anzugeben. Ich vermuthe, daß sie nicht sehr nahe gewesen, sonst würde ich wohl Genaueres darüber erfahren haben. Ich habe immer dafür angenommen, daß meine Mutter meinem Vater dreizehnhundert Pfund (in Papieren, nicht in Baarem) als Heirathsgut zubrachte, was, man muß gestehen, für eine junge Frau im Jahr 1733 ein ganz anständiges Vermögen war. Nun weiß ich recht gut, daß sechs-, acht-, zehntausend Pfund in dieser Weise oft zugebracht werden, und selbst noch viel mehr bei den vornehmen Familien, aber es braucht sich Keiner zu schämen, der fünfzig Jahre rückwärts blickt, und findet, daß seine Mutter ihrem Gatten tausend Pfund beibrachte. Ich war weder das einzige Kind noch der Erstgeborene. Ein Bruder ging mir voran und zwei Schwestern folgten mir, aber sie starben Alle in der Kindheit, und so blieb ich als einziger Sprößling für die zärtliche Pflege und Erziehung meiner Eltern übrig. Mein kleiner Bruder hatte den Namen Evans vorweggenommen, und da er einige Zeit noch nach meiner Taufe lebte, bekam ich den holländischen Namen von meinem Großvater mütterlicher Seits zu meinem Antheil an der Familien-Nomenclatur, welcher Cornelius war, und Corny war demgemäß der Diminutivname, mit welchem ich von sämmtlichen Weißen meiner Bekanntschaft während der ersten sechszehn oder siebenzehn Jahre meines Lebens, und von meinen Eltern so lange sie am Leben blieben, genannt wurde. Corny Littlepage ist an sich kein übler Name, und ich hege das Vertrauen, diejenigen, welche mir die Gunst erzeigen, diese Handschrift zu lesen, werden sie weglegen mit dem Eindruck, daß der Name nicht schlimmer geworden ist durch die Art und Weise, wie ich ihn geführt habe. Ich habe schon gesagt, mein Vater und mein Großvater seyen Beide zu ihrer Zeit in der Assembly gesessen; mein Vater zweimal, mein Großvater nur einmal. Obgleich wir dem Flecken West-Chester so nahe wohnten, saßen sie doch nicht für diesen Ort darin, sondern für die Grafschaft, denn die de Lancey's und die Morrises stritten um die Beherrschung des Fleckens in einer Art, welche den kleinen Fischen wenig Aussicht ließ, in dem trüben Wasser, das sie nothwendig aufrühren mußten, zu schwimmen. Doch stellte diese politische Auszeichnung, wie man sich denken kann, meinen Vater der Welt vor Augen, und war das Mittel, ihm ein persönliches Ansehen zu verschaffen, das ihm sonst vielleicht nicht zu Theil geworden wäre. Die Vortheile und vielleicht auch einige der Nachtheile davon, in solcher Weise aus dem regelmäßigeren Verlauf unsers gewöhnlich so friedlichen Lebens hinausgerückt zu werden, dürften sich im Fortgang unsrer Erzählung darstellen. Ich habe mich immer deßhalb glücklich gepriesen, daß ich nicht in den frühern Kindertagen der Colonie geboren wurde, wo die auf dem Spiele stehenden Interessen, und die Ereignisse, welche auf sie Einfluß übten, nicht groß und wichtig genug waren, um dem Geist und den Hoffnungen den Schwung und die Ausdehnung zu verleihen, wie sie Perioden der vorgeschrittenen Gesittung und wichtigerer Begebenheiten eigen sind. In dieser Beziehung trat meine Erscheinung in dieser Welt in einem sehr glücklichen Zeitpunkt ein, wie Jeder einsehen muß, Wer den Zustand und die Wichtigkeit der Colonie in der Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts erwägen will. New-York kann zur Zeit meiner Geburt nicht viel weniger als siebzigtausend Seelen enthalten haben, beiderlei Farben gerechnet; denn man nimmt an, daß heute, wo ich dieß schreibe, volle hunderttausend darin leben. In einem solchen Gemeinwesen hat ein Mann nicht nur den Raum, sondern auch Stoff und Gelegenheit um aufzutreten und eine Figur zu machen; während mein Vater, als er geboren wurde, wie ich ihn oft habe sagen hören, einer nicht die Hälfte der kleineren genannten Zahl betragenden Bevölkerung angehörte. Ich bin für diesen Vortheil dankbar gewesen, und ich hoffe, es wird sich durch die hier beizubringenden Beweise und Zeugnisse herausstellen, daß ich weder an einem Orte der Welt, noch zu einer Zeit gelebt habe, welchen große Ereignisse ganz fremd geblieben wären. Meine frühesten Erinnerungen beziehen sich natürlich auf Satanstoe und auf den häuslichen Familienherd. In meiner Kindheit und Jugend hörte ich gar viel reden von der protestantischen Erbfolge, vom Hause Hannover und König George II.; immer untermischt mit solchen Namen wie George Clinton, General Monkton, Sir Charles Hardy, James de Lancey und Sir Danvers Osborne, die offiziellen Repräsentanten des Königs in der Colonie. Jedes Zeitalter hat seine alten und seine neuen Kriege, und ich kann mich noch recht gut dessen erinnern, welcher zwischen den Franzosen und uns in den beiden Canada's 1744 geführt wurde. Ich war damals sieben Jahre alt, und es war ein Ereigniß, das auf ein Kind von diesem zarten Alter wohl einen Eindruck machen konnte. Mein geehrter Großvater lebte damals noch, und noch lange Zeit später, und er nahm an den militärischen Bewegungen jener Zeit lebhaften Antheil, wie dieß bei einem Soldaten ganz natürlich war. New-York hatte keinen Antheil an der berühmten Expedition, welche Louisbourg, damals das Gibraltar von Amerika, im Jahr 1745 einnahm; aber das konnte einen alten Soldaten wie Kapitän Littlepage nicht abhalten, mit ganzer Seele auf die Sache einzugehen, wenn ihm auch verwehrt war, dabei mit der Faust thätig zu seyn. Da dem Leser vielleicht nicht all die verborgenen Triebfedern bekannt sind, welche die offenkundigen Begebenheiten herbeiführten und in Bewegung setzten, ist es wohl nicht unangemessen, hier einige Worte zur Erläuterung einzuschalten. Es bestand und besteht noch jetzt wenig Sympathie, was die nationale Gefühlsweise betrifft, zwischen den Colonien von Neu-England und denen welche weiter südlich liegen. Wir sind Alle loyal, die im Osten sowohl als die im Südwesten und im Süden; aber es besteht, und bestand von jeher ein so großer Unterschied in unsern Sitten und Gebräuchen, unserer Herkunft, in religiösen Ansichten und in der Geschichte, daß dadurch eine breite geistige Scheidelinie, was die Gefühls- und Anschauungsweise betrifft, zwischen der Colonie New-York und den östlich vom Fluß Byram gelegenen gezogen wird. Ich habe sagen hören, die meisten Auswanderer nach den Staaten von Neu-England seien von dem Westen Englands gekommen, wo noch manche ihrer gesellschaftlichen Eigenthümlichkeiten und Viel von ihrer Sprache zu finden seyn sollen; während die weiter südlich gelegenen Colonien ihre Bevölkerung aus den mehr im Mittelpunkt gelegenen Grafschaften und aus den Gegenden und Bezirken der britischen Insel erhielten, welche nur weniger provinzielles und eigenthümliches Gepräge haben sollen. Ich will nicht behaupten, daß es sich buchstäblich so verhält, obgleich allbekannt ist, daß wir in New-York lange her gewohnt sind unsere Nachbarn in Neu-England als ganz von uns verschiedene Leute anzusehen, während ich fast glaube, daß unsere Nachbarn in Neu-England uns als nicht minder verschieden von sich, und in sofern eben so weit entfernt von der Vollkommenheit betrachtet haben. Sei dem wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß Neu-England ein von dem übrigen Reiche gewissermaßen getrennter Theil ist, zu seinem Vortheil und zu seinem Nachtheil. Es bekam seinen Namen von dem Umstande, daß die englischen Besitzungen auf der westlichen Grenze an die der Holländer stießen, welche so von den andern Colonien von rein Anglo-Sächsischem Ursprung getrennt wurden durch ein weites Gebiet von weit größerer Ausdehnung als das Mutterland selbst. Ich fürchte, es liegt etwas im Charakter dieser Anglo-Sachsen, was sie geneigt macht, andere Raçen zu verlachen und die Nase über sie zu rümpfen; denn ich habe bemerkt, daß die Eingebornen des Mutterlandes selbst, welche zu uns kommen, diese Neigung blicken lassen in Bezug auf uns Bewohner von New-York selbst, so wie auf die von Neu-England; während die Leute in dem letztern Lande eine Gesinnung gegen uns, ihre Nachbarn, an den Tag legen, welche nichts weniger als jene Demuth verräth, die doch als eine Zierde der christlichen Denkungsart betrachtet wird, auf welche sie so gerne ganz besondere Ansprüche machen. Mein Großvater jedoch war ein Eingeborner des Mutter-Landes und ging nur wenig auf die Eifersüchteleien der Colonien ein. Er hatte von seinen Knabenjahren an in New-York gewohnt und daselbst geheirathet, und war nicht der Mann irgend jene übertriebenen Begriffe von Ueberlegenheit an den Tag zu legen, die uns manchmal bei eingebornen Engländern vorkommen; obwohl ich mich erinnere, daß er einige Male auf Mängel und Gebrechen in unsrer Civilisation hinwies, so wie auch, daß er gelegentlich mit Wohlgefallen bei der Größe und Macht seiner Heimathinsel verweilte. Ich glaube auch, hierin hatte er ganz Recht, denn Wenige unter uns haben je Lust gehabt, die Ueberlegenheit und den gerechten Vorzug Englands zu bestreiten in allen Dingen die nur wünschenswerth sind und die Grundlage menschlicher Trefflichkeit bilden. Ich erinnere mich noch wohl einer Reise, welche Capitän Hugh Littlepage im Jahr 1745 nach Boston machte, um sich die Vorkehrungen zu besehen, welche man zu der großen Expedition traf. Obgleich seine eigene Colonie bei diesem Kriegszuge in militärischer Hinsicht nicht betheiligt war, machten ihn doch seine frühern Kriegsdienste für die damals an der Küste von Neu-England versammelten Männer zu einem Gegenstand des Interesses. Man hat gesagt, die Expedition gegen Louisbourg, damals der stärkste Platz in Amerika, sei von einem Rechtsgelehrten entworfen, von einem Kaufmann geführt und geleitet, und von Bauern und Handwerkern ausgeführt worden; aber wenn dieß auch im Ganzen seine Richtigkeit hatte, so erlitt doch die Regel manche Ausnahmen. Es waren viele alte Soldaten, welche bei frühern Kriegen auf diesem Continent gedient hatten, und unter ihnen befanden sich einige alte Bekannte meines Großvaters. Mit diesen verbrachte er manche fröhliche Stunde vor dem Tage der Abfahrt, und ich habe seither oft gedacht: nur meine Anwesenheit habe ihn abgehalten, sich auch auf der Flotte einzuschiffen. Der Leser wird vielleicht denken, ich sei gar jung gewesen, um bei einer solchen Gelegenheit auf eine so weite Reise mitgenommen zu werden, aber es kam so: Meine treffliche Mutter meinte, es seien mir nach überstandenen Blattern einige Krankheitssymptome geblieben, für welche eine Reise wohlthätig seyn möchte, und sie vermochte ihren Schwiegervater mich mit sich zu nehmen, als er im Winter 1744 – 45 seine Heimath verließ um Boston zu besuchen. In jener frühen Zeit war es in diesen Colonien nicht immer eine so leichte und bequeme Sache, eine Ortsveränderung zu machen, und da mein Großvater in einem Schlitten reiste, welcher nach Osten fuhr mit einigen Privatvorräthen, die für die Expedition gesammelt worden waren, bot sich eine günstige Gelegenheit dar, mich mit meinem ehrwürdigen Ahnen fortzuschicken, welcher sehr gutmüthig sich dazu verstand, mich meine Reisen unter seiner eigenen unmittelbaren Obhut und Leitung anfangen zu lassen. Die Dinge, die ich bei dieser Gelegenheit sah, haben einen wesentlichen Einfluß auf mein künftiges Leben gehabt. Ich habe eine Neigung zu Abenteuern gefaßt, und besonders zu kriegerischem Gepränge und Glanz, welche mich nachher mehr als einmal in schwierige Lagen brachte. Capitän Hugh Littlepage, mein Großvater, war entzückt über Alles was er sah, bis die Expedition unter Segel gegangen war, wo er zu brummen und zu schelten anfing über die religiösen Ceremonien und Gebräuche, welche die Frömmigkeit der Puritaner mit ihrem meisten sonstigen Thun und Treiben verband. Gewiß betrachtete uns das Volk von Neu-England als nicht viel besser denn Heiden, und thut es vielleicht noch; während wir von New-York sie als frömmelnde Schwätzer und Salbader, und in notwendiger Folgerung als Heuchler ansahen, und nach Allem, was mir bekannt ist, auch wohl noch jetzt diese Ansicht haben mögen. Ich maße mir nicht an zu entscheiden, welche Partei Recht hat; doch hat sich mir oft der Gedanke aufgedrängt, es wäre besser, wenn Neu-England etwas weniger Selbstgerechtigkeit besäße, und New-York etwas mehr Gerechtigkeit ohne das Selbst . Jedoch was Pfunde, Schillinge und Pence betrifft, werden wir ihnen niemals den Rücken kehren, da wir im Ganzen in Geldsachen wohl eher das zuverläßigere Volk unter beiden seyn dürften, zumal in allen solchen Fällen, wo man sich Habe und Gut des Nachbars zueignen kann, ohne gerade zu absolut gewaltthätigen Mitteln zu greifen. Dieß ist jedenfalls die Ansicht in New-York, mögen sie auf dem andern Ufer des Byram von der Sache denken wie sie wollen. Mein Vater traf zu Boston einen alten Feldzugskameraden mit Namen Hight; Major Hight, wie er genannt wurde, welcher auch her gekommen war, um die Rüstungen zu sehen, und die alten Soldaten brachten die meiste Zeit mit einander zu. Der Major war von Jersey, hatte zu seiner Zeit etwas ungebunden gelebt und noch manche seiner Jugendneigungen im Alter beibehalten, wie es gar leicht geschieht bei Solchen, die ein Laster hegen und pflegen wie eine Treibhauspflanze. Der Major liebte die Flaschen und trank gewaltig viel Madeira, dessen damals in Boston ein guter Vorrath war, denn er brachte selbst einigen dahin; und ich kann mich unterschiedlicher Scenen erinnern, welche zwischen ihm und meinem Großvater nach dem Mittagsmahl vorfielen, wenn sie im Gasthause saßen und sich über den Verlauf der Dinge und über die Aussichten für die Zukunft besprachen. Hätten die beiden alten Soldaten zu den Truppen der Provinz gehört, in welcher sie sich befanden, so hätte man in jedem Athem einen »Capitän« und »Major« zu hören bekommen; denn in keinem Theile der Erde ist man titelsüchtiger als bei unsern östlichen Brüdern; Man wird sich erinnern, daß Mr. Littlepage vor mehr als siebenzig Jahren schrieb, wo dieser Charakterzug dem Osten ausschließlich gehören mochte; aber der Westen hat jetzt auch Ansprüche darauf. während ich doch glauben muß, daß wir Ansprüche hatten auf ächtere Einfachheit des Charakters und der Sitten, trotzdem daß New-York immer für die aristokratischste unter allen nördlichen Colonien gegolten hatte. Da meine beiden alten Soldaten von früher Jugend an genau befreundet gewesen, nannten sie einander Joey und Hodge, – letzteres nämlich war die Abkürzung von einem der Namen meines Großvaters, Roger, – wenn nicht einfach der Name Hugh zwischen ihnen gebraucht wurde, wie auch bisweilen geschah. Hugh Roger Littlepage, dieß hätte ich früher sagen sollen, war der vollständige Name meines Großvaters. »Mir würden diese Yankees besser gefallen, wenn sie weniger beteten, mein alter Freund,« sagte eines Tages der Major, nachdem sie sich über die An- und Aussichten der Dinge besprochen hatten, unter die Rauchzüge hinein, die er aus seiner Pfeife that. »Ich kann keinen rechten Nutzen davon absehen, wenn man so viel Zeit verliert, indem man diese Aufenthalte macht um zu beten, wenn der Feldzug einmal ordentlich eröffnet ist.« »Es war immer so ihre Art, Joey,« versetzte mein Großvater, seine Zeit ersehend, wie dieß bei Rauchern gewöhnlich ist. »Ich erinnere mich noch, wie wir mit einander im Felde standen, im Jahr 17, daß die Truppen von Neu-England immer ihre Pfarrer hatten, welche gleichsam die Rolle von zweiten Obersten spielten. Man sagt mir, Seine Excellenz habe ein wöchentliches Fasten, zum Behuf öffentlicher Gebete, während der ganzen Dauer des Feldzugs befohlen.« »Ja, Master Hodge, beten und plündern – so machen sie es immer,« versetzte der Major, die Asche aus seiner Pfeife klopfend um sie dann von Neuem zu füllen; eine Beschäftigung, welche ihm Gelegenheit gab, seine Gefühle auszusprechen, ohne doch einen Zug aus der Pfeife zu versäumen. – »Ja, Master Hodge, beten und plündern, – so machen sie es immer. Nun, erinnert Ihr Euch noch des alten Watson der unter dem Aufgebot von Massachusetts war, im Jahr 12? – des alten Tom Watson, der Unterlieutenant war unter Barnwell bei unserem Zuge gegen Tuscarora?« Mein Großvater nickte bejahend mit dem Kopf, und dieß war die einzige Antwort, die ihm das Geschäft des Rauchens in diesem Augenblicke bequemer Weise zuließ, wenn man nicht eine Art von zustimmendem Brummen als eine Bekräftigung deuten wollte. »Nun, er hat einen Sohn, der diese Affaire mitmacht; und der alte Tom, oder Oberst Watson, wie er sich jetzt gar gerne nennen hört, ist mit seinem Weib und zwei Töchtern hier, um den Fähndrich absegeln zu sehen. Ich ging hin um dem alten Cameraden einen Besuch zu machen; und ich traf ihn und die Mutter und die Schwestern Alle so geschäftig wie die Bienen, des jungen Tom's Gepäck zum Abmarsch fertig zu machen. Vor meinen Augen lag seine ganze Equipirung, und die günstigste Gelegenheit, sie ganz mit Muße zu besichtigen.« »Was Ihr auch nach all Eurem Vermögen thatet, sonst wäret Ihr nicht mehr der Jore Hight vom Jahr 10,« sagte mein Großvater, seiner Seits jetzt die Asche ausklopfend und wieder zur Tabacksbüchse greifend. Der alte Hight dampfte und pustete jetzt wie ein Grobschmid, welcher das Eisen weißglühend zu machen sucht, und es dauerte einige Zeit, bis er die geeignete Antwort vorbrachte auf die halb behauptende halb fragende Bemerkung seines Freundes. »Dessen dürft ihr gewiß seyn,« sprudelte er endlich hervor; und dann, als seine Pfeife recht brannte, erzählte er die ganze Geschichte, gelegentlich inne haltend, um eine Rauchwolke auszustoßen, um den errungenen Vortheil nicht zu verlieren. »Was sagt Ihr zu einem Halbdutzend Schnüre rother Zwiebeln, als Artikel unter der Ausrüstung eines Subalternoffiziers?« Mein Großvater brummte wieder in einer Art, die wohl für ein Lachen gelten mochte: »Und Ihr seyd gewiß, sie waren roth, Joey?« fragte er endlich. »So roth wie seine Uniform. Dann war da ein Krug, mit Sirup gefüllt, so groß als die Matrosenflasche dort,« und der alte Hight warf einen Blick auf das Gefäß, welches sein Getränke enthielt. »Aber ich achtete darauf kaum, denn ein großer leerer Sack zog gar sehr meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich konnte mir nicht einbilden, wozu der junge Tom einen solchen Sack brauchen könne; aber wie ich die Sache dem Major vortrug, gab er mir sehr offenherzig zu verstehen, daß Louisbourg für eine sehr reiche Stadt gelte, und man könne nicht wissen, was das gute Glück oder die Vorsehung – ja bei George, er sagte, die Vorsehung – seinem Sohn Tommy in den Weg führen möge. Da nun der Sack leer war und er vor der Hand Nichts zu thun hatte, wollten die Mädchen seine Bibel und sein Gesangbuch hineinschieben, als an einen Ort, wo der junge Mann wahrscheinlich darnach sehen würde. Ich glaube fast, Hodge, Ihr habt nie auf irgend einem Eurer zahlreichen Feldzüge weder Bibel noch Gesangbuch bei Euch gehabt?« »Nein, auch keinen Sack zum Plündern, keinen Sirupkrug, und keine Schnüre rother Zwiebeln,« brummte mein Großvater zur Antwort. Wie gut erinnere ich mich noch dieses Abends. Eine Fülle von Colonialvorurtheilen und Nachbarsantipathieen kam zu Tage in dem Gespräche der zwei Veteranen, welche eine seltsame Art von geringschätziger Achtung für ihre Mitunterthanen von Neu-England zu hegen schienen; und diese ihrer Seits, davon bin ich überzeugt, bezahlten sie in gleicher Münze, – mit reichlich eben so viel Hochmuth und Tadel und mit manchem Gran Achtung weniger. An diesem Abend wurden Major Hight und Capitän Hugh Roger Littlepage Beide ein wenig benebelt, indem sie große Pokale auf das Gelingen der »Yankee-Expedition,« wie sie sie nannten leerten, gerade während sie beständige Seitenhiebe auf die Mängel, Schwächen und Gewohnheiten des Volkes führten. Diese Zeichen nachbarlicher Schwäche beschränken sich nicht ausschließlich auf die Bevölkerung der an einander grenzenden Provinzen New-York und Neu-England. Ich habe oft bemerkt, daß die Engländer ziemlich so von den Franzosen denken und sprechen, wie die Yankees von uns sprechen; während die Franzosen, so weit ich im Stande gewesen, ihre etwas schwer verständliche Sprache zu verstehen, – die nie einen Anfang und nie ein Ende zu haben scheint, – die Engländer als die Puritaner der alten Welt behandeln. Wie ich bisher schon zu verstehen gegeben, wir in New-York waren in meinen jüngern Tagen nicht sehr ausgezeichnet durch Religiosität, während ich mich ganz richtig so ausdrücken darf, die Religion sey bei unsern östlichen Nachbarn etwas sehr in die Augen Fallendes gewesen. Ich erinnere mich von meinem Großvater gehört zu haben, er sey bekannt gewesen mit einem Oberst Heathcote, einem Engländer von Geburt, wie er selbst, dem Bruder eines gewissen Sir Gilbert Heathecote, welcher früher einen hohen Posten bei der Bank von England bekleidete. Dieser Oberst Heathcote kam noch jung unter uns, heirathete hier, und ließ Nachkommenschaft zurück; er war Besitzer des Gutes Scarsdale und Mamaroneck in unserer Grafschaft Westchester. Nun, dieser Oberst Heathcote erzählte meinem Großvater, wie sie über die Religion sich besprachen, daß er bei seiner Ankunft in der Colonie sich sehr entsetzt, als er den verwahrlosten Zustand der Religion in diesem Lande entdeckt habe; ganz besonders auf Long Island, wo die Leute in einer Art von Heidenthum lebten. Da er ein Mann von Auszeichnung war und in Verbindung mit der Regierung stand, wandte sich die Gesellschaft für Ausbreitung des Evangeliums in fremden Ländern an ihn, damit er ihr Beistand leiste, die Wahrheiten der Bibel in der Colonie zu verbreiten. Der Oberst willigte sehr gern ein; und ich erinnere mich von meinem Großvater gehört zu haben, sein Freund habe ihm von der Antwort erzählt, die er jenen guten Männern in England gegeben. »Ich war so betroffen über den heidnischen Zustand des Volkes bei meiner Ankunft hier,« schrieb er ihnen, »daß ich als Befehlshaber der Miliz der Colonie, die Capitäne der verschiedenen Compagnien anwies, ihre Leute jeden Sonntag mit Sonnenaufgang zusammen zu berufen und sie einzuüben bis Sonnenuntergang; wenn sie sich nicht dazu verständen, sich an einem geeigneten Ort einzufinden und das Morgen- und Abendgebet anzuhören, so wie auch zwei erbauliche Predigten, vorgetragen von einer dazu geeigneten Person, in welchem Falle die Leute entschuldigt seyn sollten, beim Exerciren zu erscheinen.« In Beziehung auf diese Erzählung kann der Herausgeber versichern, daß er einen veröffentlichten Brief gelesen vom Oberst Heatchcote, welcher vor mehr als hundert Jahren zu Mamaroneck, in der Grafschaft West Chester gestorben, worin dieser Gentleman der Gesellschaft für die Ausbreitung des Evangeliums Rechenschaft ablegt von seinem Verfahren, welche beinahe wörtlich übereinstimmt mit der Erzählung des Hergangs, wie sie Mr. Cornelius Littlepage hier gibt. Das Haus, in welchem Oberst Heatchcote wohnte, wurde kurz vor der Revolution vom Feuer verzehrt; aber das Gut, auf welchem es stand, und das jetzige Gebäude gehören noch in diesem Augenblick seinem Urenkel, dem hochwürdigen William Heatchcote de Lancey, dem Bischof vom westlichen New-York. Was das Plündern anbelangt, so will der Herausgeber hier nur bemerken, daß ein naher Verwandter, dessen Großvater bei der Einnahme von Louisbourg Major war, und nachmals einer der ersten Brigadiers, welche 1775 ernannt wurden, ihm neulich einen Brief gezeigt hat, welcher an jenen Offizier während der Expedition von seinem Vater geschrieben wurde; worin sich, neben vielen frommen Räthen und wirklich trefflichen religiösen Ermahnungen, auch eine sehr lebhafte Erkundigung nach den Ergebnissen der Plünderung findet. Der Herausgeber. Ich glaube, daß man dieß in Neu-England wenigstens nicht nöthig finden würde, wo viele Leute vermuthlich das Exerciren dem Predigen vorziehen würden. Aber all dieß Geplauder von dem moralischen Zustand der benachbarten Colonien New-York und Neu-England führt mich von meiner Erzählung ab, und erregt geringe Hoffnungen für den Zusammenhang und das Interesse des übrigen Manuscripts. Zweites Kapitel. Ich wollte es gäbe kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig Jahren; oder die Jugend könnte das Uebrige verschlafen. Wintermährchen. Es ist nicht nöthig. daß ich von den vierzehn ersten Jahren meines Lebens Viel sage. Sie verflossen, wie die Kindheit und Jugend der Söhne der meisten Gentlemen in unserer Colonie zu damaliger Zeit verfloß, nur mit Einem Unterschiede. Es gab eine Classe unter uns, welche ihre Knaben in der Heimath erziehen ließ. Diese Classe war allerdings nicht sehr zahlreich, auch war es nicht immer die hinsichtlich des Vermögens und Ranges am höchsten stehende. Viele von den großen Grundeigenthümern waren natürlich von holländischer Abkunft; und diese sandten zur Zeit meiner Kindheit selten oder nie ihre Kinder nach England um dort Etwas zu lernen. Ich höre, daß jetzt einige Wenige ihre alten Vorurtheile in diesem Punkte überwinden, und sich allgemach überzeugen, daß Cambridge oder Oxford ganz eben so gelehrte Schulen seyn mögen, wie die zu Leyden; aber während meiner Knabenjahre hätte man keinem Van diesen Glauben beibringen können. Manche von den holländischen Grundbesitzern geben ihren Kindern überhaupt nur sehr wenig Bildung und Erziehung irgend welcher Art, obwohl die Meisten ihnen Lehren der Rechtschaffenheit einprägten, welche eben so nützlich waren als das Wissen, wenn Beides wirklich unzertrennlich gewesen wäre. Ich für meinen Theil, während ich gerne zugebe, daß im Lande viel Kenntniß und Wissen im Umlauf ist, das gerade hinreicht um Einen in Stand zu setzen, ein Mitgeschöpf um seine Rechte zu bringen und zu überlisten, werde doch nie der Meinung beitreten, welche unter dem holländischen Theil unsrer Bevölkerung so vorherrschend ist und die Behauptung aufstellt: daß die Schulen der Provinzen von Neu-England der Grund seyen, warum die Abkömmlinge der Puritaner in dieser Beziehung sich nicht des besten Rufes erfreuen. Ich glaube, ein Knabe kann tüchtig unterrichtet werden und dadurch nur um so rechtschaffener werden; obgleich ich zugebe, daß man freilich wohl einen jungen Menschen eben so gut in falschen Grundsätzen und Begriffen heranziehen und schulen kann, als in wahren und gesunden. Aber wir hatten eine Klasse, hauptsächlich von englischer Abstammung, welche ihre Söhne gut erziehen ließ, indem sie sie gewöhnlich in das Heimathland auf die großen englischen Schulen sandte, und zuletzt auf den Universitäten ihre Bildung beendigen ließ. Diese Leute jedoch lebten vorzugsweise in der Stadt, oder, wenn sie Güter am Hudson hatten, brachten sie hier ihren Winter zu. Zu dieser Klasse gehörten die Littlepages nicht; denn weder ihr Vermögen noch ihre Lebensgewohnheiten versuchten sie, einen so hohen Flug zu nehmen. Was mich betrifft, so lernte ich hinreichend Latein und Griechisch um in das Kollegium treten zu können, bei dem hochwürdigen Thomas Worden, einem englischen Geistlichen, welcher Rektor von St. Jude war, dem Kirchspiel, welchem unsre Familie angehörte. Dieser Gentleman galt für einen guten Gelehrten und war sehr beliebt bei der Gentry der Grafschaft; er besuchte alle Gastmahle, Clubs, Wettrennen, Bälle im Umkreis von seinem Wohnsitz. Seine Predigten waren dürftig und kurz, und er sprach immer von den halbstündigen Predigern als von ungebildeten, unwissenschaftlichen Schwätzern, welche es nicht verstünden, ihre Gedanken zusammen zu drängen. Zwanzig Minuten war sein Maß, obwohl ich mich erinnere, von meinem Vater gehört zu haben, er wisse Fälle, wo er zweiundzwanzig Minuten lang gesprochen. Wenn er sie auf vierzehn Minuten zusammen drängte, betheuerte jedesmal mein Großvater, wie entzückt er sey. Ich blieb bei Mr. Worden, bis ich die zwei ersten Bücher der Aeneis und das ganze Evangelium Matthäi ziemlich geläufig übersetzen konnte; und dann begannen mein Vater und mein Großvater – der Letztere ganz besonders, denn der alte Herr hielt gar große Stücke auf Gelehrsamkeit, – in ihrem Gemüthe zu überlegen, in welches Collegium ich gesandt werden solle. Wir hatten die Wahl unter zweien, in welchen beiden die gelehrten Sprachen und die Wissenschaften in einem Grade und in einer Vollkommenheit gelehrt werden, welche für ein so junges Land wirklich überraschend ist. Diese Collegia sind Yale, zu New-Haven, in Connektikut, und Nassau-Hall, welches sich damals zu Newark in New-Jersey befand, nachdem es eine kurze Zeit in Elizabethtown gewesen, das aber seitdem nach Princeton verlegt worden ist. Mr. Worden lachte über beide; sagte, in keinem finde sich so viel Gelehrsamkeit als in einer englischen Grammatikschule zweiten Ranges; und einer der geringern Knaben von Elton oder Westminster könnte auf beiden den Magistergrad erwerben, und obenein noch für ein Wunder von Kenntnissen gelten. Mein Vater, der, in der Colonie geboren, ein gut Theil ächter Colonialgesinnung besaß, war hierüber, wie ich mich erinnere, ärgerlich; während mein Großvater, im alten Lande geboren, aber in den Colonien erzogen, in Verlegenheit war, wie er die Sache ansehen sollte. Der Capitän hatte große Achtung vor seinem Heimathlande, und betrachtete es unverkennbar als das Paradies auf Erden, obgleich er keine sehr deutliche Erinnerungen mehr davon hatte; aber zugleich liebte er Old-York, und West-Chester insbesondere, wo er geheirathet und sich in Satans-Toe niedergelassen hatte; oder, wie er es buchstabirte und schrieb, und wir Alle jetzt schon manchen Tag her: Satanstoe. Ich war anwesend bei der Unterredung, wo die Frage entschieden wurde, welche meine fernere Bildung betraf, und welche statt fand in dem gewöhnlichen Gesellschaftszimmer, um ein loderndes Feuer herum, etwa acht Tage vor Weihnachten, in dem Jahre wo ich Vierzehn alt wurde. Zugegen waren Capitän Hugh Roger, Major Evans, meine Mutter, der hochwürdige Mr. Worden und ein alter Gentleman von holländischem Namen und Abkunft, genannt Abraham Van Valkenburgh, von seinen Freunden vertraulich 'Bram Follock, oder Oberst Follock oder Volleck genannt, je nachdem diese mehr oder weniger ceremoniös, oder mehr oder weniger holländisch waren. Follock jedoch glaube ich war die Lieblingsbenennung. Dieser Oberst Van Valkenburgh war ein alter Waffenbruder meines Vaters und überdieß ein Verwandter, eine Art von Vetter, von meiner Urgroßmutter her, neben dem daß er ein Mann von vielem Ansehen und von Gediegenheit war. Er wohnte im Rockland, gerade über dem Hudson drüben, verfehlte aber nie um diese Jahreszeit einen Besuch in Satanstoe zu machen. Dießmal war er begleitet von seinem Sohne, Dirck, welcher mein Freund war, und gerade ein Jahr jünger als ich. »Nun denn,« begann der Oberst, in holländischem Accent, das Gespräch, indem er die Asche aus seiner Pfeife zum zweiten Mal diesen Abend ausklopfte, nachdem er erst einen Schluck heißen Flip, – ein damals wie noch jetzt sehr beliebtes Getränke Von Zucker, Bier und Branntwein. , – genommen hatte – »nun denn, Evans, was ist Euer Vorhaben mit dem Knaben? Soll er ein Collegiumsgelehrter werden, wie sein Großvater, oder nur ein in der Schule Unterrichteter, wie sein Vater?« Die Anspielung auf den Großvater war ein Scherz des Obersts, welcher behauptete, alle im alten Mutterlande Gebornen seyen durch Instinkt schon Collegiumsgelehrte. »Die Wahrheit zu gestehen, Bram,« versetzte mein Vater, »das ist ein noch nicht ganz fest ausgemachter Punkt, denn es sind verschiedene Meinungen über den Ort, wohin er geschickt werden sollte, vorausgesetzt auch, daß er überhaupt hingehen soll.« Der Oberst heftete seine großen, vorstehenden blauen Augen auf meinen Vater, in einer Art und Weise, welche sehr sprechend seine Ueberraschung zu erkennen gab. »Wie denn, gibt es hier so viele Collegien, daß es schwer ist zu wählen?« fragte er. »Es sind nur zwei, welche für uns zweckdienlich seyn können, denn Cambridge ist viel zu weit entfernt, als daß man daran denken könnte, den Knaben dahin zu schicken. Wir hatten einmal Cambridge im Sinne, aber der Gedanke ist aufgegeben.« »Wo ist denn Cambridge?« fragte der Holländer, die Pfeife aus dem Munde nehmend, um eine so wichtige Frage zu thun, – eine Ceremonie die er für gewöhnlich nicht nöthig fand. »Es ist ein Collegium in Neu-England, in der Nähe von Boston, keine halbe Tagereise davon entfernt, glaube ich.« »Schickt den Cornelius nicht dahin!« sprudelte der Oberst heraus, indem er diese Worte neben der Mundspitze der Pfeife heraus zu bringen wußte. »Ihr meint nicht, Oberst Follock?« mischte sich die ängstlich besorgte Mutter ein; »darf ich Euch nach dem Grund dieser Eurer Meinung fragen?« »Zu viel Sonntag, Matam Littlepage – der Knabe wird verderbt werden durch die Pfaffen. Er wird hingehen als ein ehrlicher Junge, und zurückkommen als ein Schelm. Er wird beten und betrügen lernen.« »Ei pfui! mein edler Oberst!« rief der hochwürdige Mr. Worden, größere Entrüstung heuchelnd, als er in Wahrheit empfand. »Also bildet Ihr Euch ein, die Geistlichkeit und zu viel Sonntag seyen im Stande einen ehrlichen Jungen in einen Schurken zu verwandeln!« Der Oberst gab keine Antwort und rauchte nur philosophisch fort, obgleich er die Gelegenheit ergriff, während er die Pfeife in einer der periodisch wiederkehrenden Fristen aus dem Munde nahm, eine bedeutungsvolle Geberde damit gegen Sonnenaufgang zu machen, deren Sinn von allen Anwesenden verstanden wurde, und so viel hieß als: nach Osten zu, wie man sagt, um die Colonien von Neu-England zu bezeichnen. Daß er von dem hochwürdigen Mr. Worden verstanden wurde, ist höchst wahrscheinlich, denn dieser Gentleman fuhr fort, den Flip aus einem Gefäß in ein anderes zu gießen, damit die Bestandtheile der Mischung sich noch inniger vermischten, mit einer Kaltblütigkeit, als wäre gar keine Bemerkung über seinen Beruf gefallen. »Was haltet Ihr von Yale, Freund 'Bram?« fragte mein Vater, welcher jene Geberde so gut als Einer der Anwesenden verstand. »Ist kein Unterschied, Evans; sie Alle predigen und beten zu viel. Rechtschaffene Leute haben nicht so viele Religion nöthig. Wenn ein Mensch wirklich gut ist, so thut ihm die Religion nur Schaden. Ich meine die Yankee-Religion.« »Ich habe eine andere Einwendung gegen Yale,« bemerkte Capitän Hugh Roger, »und das ist ihr Englisch.« »Oh!« rief der Oberst – »Ihr Englisch ist entsetzlich! Aerger als irgend Etwas für unser holländisch Ohr!« »Ha, das wußte ich nicht,« sagte mein Vater. »Sie sind Engländer, Sir, so gut wie wir, und warum sollten sie die Sprache nicht so gut wie wir sprechen?« »Warum spricht ein Mann von Yorkshire oder von Cornwall nicht so gut wie ein Londoner? Ich will Euch Etwas sagen, Evans, ich will den besten Kampfhahn auf dem Landhals gegen den geringsten Düngerhaufenhahn setzen, den der Pfarrer hat, der Präsident von Yale spricht peen aus wie pen und roof wie ruff u. s. f.« »Meine Vögel sind alle von der Gattung der Kämpfer,« bemerkte der Geistliche dazwischen; »ich halte keine andere Zucht.« »Wahrhaftig Mr. Worden, Ihr ermuntert und billigt doch wohl nicht Hahnenkämpfe durch Eure Gegenwart?« sagte meine Mutter, mit einem so vorwurfsvollen Ton und Wesen, als sich nur irgend mit dem heiligen Amt des Angeredeten und mit ihrer eigenen sanften Gemüthsart vertrug. Der Oberst blinzelte meinem Vater zu und lachte durch seine Pfeife, ein Kunststück, das er, wie man sagen konnte, beinahe stündlich machte. Mein Vater lächelte ebenfalls; denn, die Wahrheit zu gestehen, er war wirklich ein paar Male zugegen gewesen, wo die Neugier des Pfarrers diesen verlockt hatte, ein wenig zuzuschauen; mein Großvater aber machte ein sehr ernstes und würdevolles Gesicht. Mr. Worden selbst begegnete dem Verdacht wie ein Mann. Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: wenn er kein Ascetiker war, so war er auch kein seufzender und weinender Heuchler, wie es nur zu häufig der Fall ist bei Solchen, welche Schüler und Diener unseres heiligen Herrn seyn wollen. »Warum nicht, Madame Littlepage?« fragte Mr. Worden mannhaft. »Es gibt schlimmere Plätze als die der Hahnenkämpfe; denn, bemerkt das wohl, ich wette nie, nein! auch nicht bei Pferderennen; und das ist eine Gelegenheit, wo jeder Gentleman ein paar Guineen ganz ehrenhafter und anständiger Weise daran wagen darf. Es gibt in diesem Lande so wenige Unterhaltungen für Personen von Erziehung, Madame Littlepage, daß man nicht allzu wählerisch seyn darf. Freilich wenn es hier Hunde und Jagd gäbe, wie im Heimathland, solltet Ihr nie von meiner Anwesenheit bei einem Hahnenkampf hören, das versichere ich Euch.« »Ich muß sagen, ich billige die Hahnenkämpfe nicht,« versetzte meine Mutter sanft, »und ich hoffe, Corny wird man nie bei einem sehen. Nein – nie – nie!« »Darin habt Ihr Unrecht, Madame Littlepage,« bemerkte der Oberst, »denn der Anblick des Muthes der Hähne wird dem Knaben selbst Muth geben. Mein Tirck hier, geht zu allen in der Nachbarschaft, und er ist selbst ein Kampfhahn, laßt mich Euch sagen. Komm, Tirck, – komm mein Hähnchen, zeig' dich!« Dieß war völlig wahr, wie ich recht gut wußte, so jung ich war. Dirck, der dem Anschein nach ein so schwerfälliger, träger und unbeweglicher Knabe war, wie man unter Tausenden kaum Einen finden konnte, war im Grunde seines Wesens durchaus kampflustig, und er war, wie er mir selbst erzählt hatte, schon bei manchem Strauß gewesen. Wie viel von seinem Muth und seiner Kampflust die Folge davon war, daß er solchen Schauspielen angewohnt hatte, will ich mir nicht anmaßen zu entscheiden; denn ich habe in den neuern Zeiten bezweifeln hören, ob solche Schauspiele den Muth der Zuschauer wirklich erhöhen oder nicht. Aber Dirck hatte Feuer, und zwar im Ueberfluß, und in diesem Punkte wenigstens täuschte sich sein Vater nicht. Des Obersts Meinung hatte immer Gewicht bei meiner Mutter, sowohl wegen seiner holländischen Abkunft als wegen seiner anerkannten Rechtschaffenheit; und die Wahrheit zu gestehen, ein Grundsatz oder ein Wort von ihm hatte bei ihr viel mehr Geltung und Gewicht als dieselben im Munde des Geistlichen gehabt hätten. Sie schwieg daher für den Augenblick von den Hahnenkämpfen, was dem Capitän Hugh Roger Gelegenheit gab, den Gegenstand der englischen Sprache weiter zu erörtern. Der Großvater, ein eingefleischter Liebhaber jener Art von Unterhaltung, würde sich hier gern in das Gespräch eingemischt haben, aber er hatte eine große Zärtlichkeit für meine Mutter, welche beiläufig bemerkt von Jedermann geliebt wurde, und er bezwang sich, froh darüber, daß ein so wichtiges Interesse in so gute Hände wie die des Obersts, gefallen war. Er wäre eben so leicht von der Kirche als von einem Hahnenkampf weggeblieben, und doch hielt er sehr streng auf Beobachtung der religiösen Pflichten. »Ich würde Evans nach Yale geschickt haben, wäre nicht die erbärmliche Art, das Englische zu sprechen, die sie in Neu-England haben,« begann mein Großvater wieder; »und ich wünschte nicht, einen Sohn zu haben, der für einen Cornwalliser gelten könnte. Wir werden diesen Knaben nach Newark, in New-Jersey, schicken müssen. Die Entfernung ist nicht so groß, und wir werden dann auch die Gewißheit haben, daß er keine solche rundköpfische Begriffe von der Religion einsaugt. Oberst 'Bram, Ihr Holländer seyd auch nicht ganz frei von diesen leidigen Thorheiten!« »Zum Henker damit!« brummte der Oberst durch seine Pfeife; denn kein Anhänger des Liberalismus und Latitudinarismus in der Religion konnte ein größerer Feind der Extra-Frömmigkeit seyn als er. Der Oberst gehörte jedoch nicht der holländischen reformirten Kirche an, er war ein Episkopale, wie wir auch, seine Mutter hatte diesen Zweig der Follocks in die Kirche gebracht; und daher theilte er mit Herz und Hand alle unsre Gesinnungen in Betreff der Religion. Vielleicht stand Mr. Worden bei keinem Mitglied der vier Kirchspiels in größerer Gunst als bei Oberst Abraham Van Valkenburgh. »Ich würde mich weniger bedenken, Corny nach Newark zu schicken,« sagte meine Mutter, »wäre es nicht, daß er übers Wasser muß!« »Ueber's Wasser muß!« wiederholte Mr. Worden. »Das Newark das wir meinen, Madame Littlepage, ist nicht in dem Heimathland; das Jersey, von dem wir sprechen ist die nahe gelegene Colonie dieses Namens.« »Ich weiß das wohl, Mr. Worden; aber es ist nicht möglich, nach Newark zu kommen, ohne die fürchterliche Reise zwischen New-York und Powles' Hook zu machen. Nein, Sir, es ist unmöglich; und jedesmal, wenn das Kind heim kommt, ist diese Gefahr zu bestehen. Es würde mir manche schlaflose Nacht verursachen!« »Er kann auf Dobb's Fähre hinüber kommen, Madam Littlepage,« bemerkte der Oberst ruhig. »Dobb's Fähre kann nur sehr wenig besser seyn als die bei Powles' Hook,« versetzte die zärtliche Mutter. »Eine Fähre ist eine Fähre; und der Hudson bleibt der Hudson, von Albany bis New-York. Wasser ist eben Wasser.« Da dieß Alles unbestreitbare Sätze waren, so führten sie eine Pause im Gespräch herbei; denn die Menschen gebahren mit neuen Ideen nicht so leicht und frei wie mit den alten. »Es gibt ein Mittel, Evans, wie Ihr und ich aus Erfahrung wissen,« begann der Oberst, wieder meinem Vater zublinzelnd, »nämlich ganz um den Hudson herumzugehen. Allerdings ist es ein langer Weg und geht ein Bischen durch die Wälder; aber besser man unternimmt das, als man läßt den Knaben seine Kenntnisse wieder verlieren. Die Reise läßt sich wohl in zwei Monaten machen, und die Bewegung und Anstrengung wird ihm gut thun. Der Major und ich waren nie frischer, als wie wir an den Quellen des Hudson operirten. Ich will Corny den Weg beschreiben.« Meine Mutter sah daß man über ihre Besorgnisse spottete, und sie war klug genug, um zu schweigen. Die Erörterung aber hatte nichtsdestoweniger ihren Fortgang, bis nach einer stundenlangen weitern Erwägung der Gründe für und wider, entschieden war, daß ich nach Nassau-Hall in Newark, in New-Jersey, geschickt, und mit dem Collegium jenen Ort verlassen sollte, wenn immer dieß Ereigniß eintrete. »Ihr werdet Dirck auch dahin schicken,« sagte mein Vater, sobald die Sache in Betreff meiner ganz entschieden war. »Es wäre Schade die Knaben zu trennen, nachdem sie so lange bei einander gewesen und sich so sehr an einander gewöhnt haben. Ihre Charaktere sind sich auch so verwandt, daß sie mehr wie Brüder als sehr entfernte Verwandte sind.« »Sie werden einander nur um so lieber haben, wenn sie ein wenig verschieden werden« antwortete der Oberst trocken. Dirck und ich waren einander so unähnlich als ein Pferd und ein Maulthier. »Ja, aber Dirck ist ein Junge, der einer Erziehung Ehre machen wird – er ist solid und ernst, und bei einem solchen Jüngling wird die Gelehrsamkeit nicht verloren seyn. Wäre er in England, dieser gesetzte Knabe könnte es wohl zum Bischof bringen.« »Ich brauche keine Bischöfe in meiner Familie, Major Evans; auch brauche ich keine große Gelehrsamkeit. Keiner von uns hat je ein Collegium gesehen, und wir haben uns Alle ganz gut durch die Welt gebracht. Ich den Oberst und Mitglied der Assembly; mein Vater war auch Oberst und Mitglied der Assembly; und mein Großvater wäre auch Oberst und Mitglied der Assembly geworden, aber es gab zu seiner Zeit keine Obersten und Mitglieder der Assembly; Tirck aber dort kann wohl Oberst und Mitglied der Assembly werden, ohne über das Wasser zu gehen auf der entsetzlichen Fähre, welche der Matam Littlepage so große Angst macht.« Es lag meist etwas Humor in Allem, was Oberst Follock sagte und that; obwohl man gestehen muß, es war Humor nach holländischem Zuschnitt; Niederländerspaß, wie Mr. Worden es zu nennen pflegte. Dennoch war es Humor; und all die jüngern Generationen der Familie Littlepage hatten holländisches Blut genug in sich, um sich daran zu erfreuen. Mein Vater verstand ihn, und meine Mutter hörte noch manchesmal von der entsetzlichen Fähre sprechen, bis nicht nur ich, sondern das Collegium selbst Newark verlassen hatten; denn die Anstalt wurde, einige Zeit ehe ich meinen Grad erwarb, nach Princeton verlegt, wo sie sich noch jetzt befindet. »Ihr habt Euch ganz gut in der Welt fortgebracht ohne eine Collegiums-Erziehung, wie Jedermann zugeben muß, Oberst,« antwortete Mr. Worden; aber Niemand weiß, wie viel besser es Euch noch ergangen wäre, wenn Ihr ein Artium Magister geworden. Ihr hättet im letztern Falle General und Mitglied des Geheimenrathes werden können.« »Es gibt keinen General in der Colonie; den Oberbefehlshaber und Statthalter Seiner Majestät ausgenommen,« erwiederte der Oberst. »Wir sind keine Yankee's, daß wir aus Bauern Generale machten.« Hierauf klopften der Oberst und mein Vater in demselben Augenblick die Asche aus ihren Pfeifen und Beide lachten, – eine Heiterkeit, in welche der Pfarrer, mein Großvater, meine gute Mutter und ich selbst einstimmten. Selbst ein Negerknabe, etwa von meinem Alter, dessen Name Jakob, oder Jaap war, aber gewöhnlich Yaap genannt wurde, grinste bei dieser Bemerkung, denn er hegte eine gründliche Verachtung gegen das Yankee-Land und alle seine Bewohner; eine beinahe so gründliche Verachtung, als die war, welche das Yankee-Land gegen New-York und seine holländische Bevölkerung hegte. Dirck war der Einzige von allen Anwesenden, der ein ernsthaftes Gesicht behielt; aber Dirck war seinem ganzen Wesen nach so ernst und gesetzt, als wäre er dazu geboren, ein Bürgermeister zu werden. »Ganz recht, 'Bram,« rief mein Vater; » Oberste sind gut genug für uns; und selbst wenn wir Einen dazu machen, sehen wir ein Bischen darauf, daß er achtbar und für den Posten tüchtig ist. Dennoch wird Gelehrsamkeit dem Corny nicht schaden, und in's Collegium soll er, mögt Ihr auch mit Dirck thun, was Euch beliebt. So ist also diese Sache abgemacht, und braucht nicht weiter davon gesprochen zu werden.« Und abgemacht war die Sache, und in's Collegium ging ich ab, und zwar obendrein auf der grauenvollen Fähre von Powle's-Hook. So nahe der Stadt wir wohnten, machte ich doch auf der Insel Manhattan meinen ersten Besuch an dem Tage, wo mein Vater und ich nach Newark uns auf den Weg machten. Ich hatte eine Tante, welche in Queen-Street wohnte, nicht sehr weit entfernt vom Fort, und sie hatte mich und meinen Vater freundlich eingeladen einen Tag bei ihr, auf unserm Wege nach New-Jersey, zuzubringen, und diese Einladung ward angenommen. In meiner Jugendzeit war die Welt überhaupt nicht darauf aus, herumzufegen, wie es jetzt der Brauch wird, und weder mein Großvater noch mein Vater reisten mehr als zweimal im Jahr in die Stadt, außer wenn ihr Beruf bei der Legislatur sie dahin rief. Meiner Mutter Besuche daselbst waren noch seltener, obwohl Mrs. Legge, meine Tante, ihre leibliche Schwester war. Mr. Legge war ein Advokat von vielem Ruf, aber er hatte Neigung, Opposition zu machen, oder er stellte sich in der Politik auf die volksthümliche Seite; und zwischen einem Manne von dieser Gesinnung und unsrer Familie konnte keine sehr große Herzlichkeit bestehen. Ich erinnere mich noch, – wir waren keine Stunde im Hause, als schon eine sehr warme Erörterung zwischen meinem Vater und meinem Oheim sich entspann über die Frage, ob der Unterthan das Recht habe, die Regierungshandlungen zu prüfen und zu tadeln. Wir waren von Hause abgereist unmittelbar nach einem zu guter Zeit eingenommenen Frühstück, um vor Dunkel die Stadt zu erreichen; aber ein langer Aufenthalt bei der Fähre zu Harlem nöthigte uns, in diesem Ort zu Mittag zu essen, und es war ganz Nacht, bis wir in Queen-Street ankamen. Meine Tante bestellte das Nachtessen recht frühe, damit wir bald in's Bett kämen, uns von unsern Strapazen erholten und am nächsten Tage frisch wären, um Alles zu sehen. Wir setzten uns deßhalb binnen weniger als einer Stunde nach unsrer Ankunft zum Nachtessen; und während wir zu Tische saßen, fand die oben erwähnte Erörterung Statt. Wie es scheint, hatte sich in der Stadt unter den Unloyalen, und ich möchte fast sagen, den Mißvergnügten eine Partei aufgethan, welche für den Unterthan das Recht in Anspruch nahm, zu erfahren, auf welche Art jeder Shilling des durch Steuern aufgebrachten Geldes verausgabt werde. Dieser ganz offenbar ungeeigneten Einmischung von Seiten der Regierten in Sachen, die sie nichts angingen, ward von Seiten der Regierenden entgegengetreten, und zwar mit Nachdruck; insofern solche Erkundigungen und Nachforschungen ganz natürlich zu Ergebnissen führen konnten, welche die Autorität der Regierung in Mißachtung bringen, die Regierten anmaßend und vorlaut in ihren Gesinnungen machen, und viele Unordnung und Ungelegenheit für den regelmäßigen und wohlthätigen Gang der Regierung herbeiführen würden. Mein Vater verneinte die Frage, während mein Oheim sie bejahte. Ich erinnere mich wohl noch, wie meine arme Tante so ängstlich und mißbehaglich aussah, und dem Gespräch eine andere Wendung zu geben bemüht war, indem sie unsre Neugier auf einen neuen Gegenstand zu lenken suchte. »Corny hat ganz besonderes Glück gehabt, daß er gerade jetzt in die Stadt gekommen ist, da wir morgen eine Art Galatag für die Schwarzen und die Kinder haben werden.« Ich fühlte mich nicht im Mindesten beleidigt, so in Einer Reihe mit den Negern aufgezählt zu werden, denn sie nahmen an den meisten Ergötzlichkeiten von uns jungen Leuten Theil; aber es gefiel mir nicht so ganz, unter die Kinder gezählt zu werden, da ich jetzt vierzehn Jahre alt und auf dem Wege in das Collegium war. Trotzdem ermangelte ich nicht, in meinem Gesicht Interesse zu verrathen, was nun kommen würde. Mein Vater zögerte nicht, sich Aufklärung zu erbitten. »Diesen Morgen ist durch eine schnellsegelnde Schaluppe die Nachricht eingelaufen, daß der Patroon von Albany sich auf dem Wege nach New-York befindet, in seiner Kutsche mit vier Pferden und mit zwei Vorreitern, und daß zu erwarten sey, er werde im Laufe des morgenden Tages die Stadt erreichen. Einige meiner Bekannten haben eingewilligt, ihre Kinder eine Strecke weit auf's Land hinaus zu schicken, um ihn kommen zu sehen; und was die Schwarzen betrifft, so wißt Ihr, es ist das Beste, ihnen Erlaubniß zu geben, mitzugehen, da sonst doch die Hälfte von ihnen ungefragt hinausziehen würde.« »Das wird eine treffliche Gelegenheit seyn, Corny Etwas von der Welt sehen zu lassen,« rief mein Vater, »und ich möchte sie ihn unter keiner Bedingung versäumen lassen. Ueberdieß ist es auch nützlich, jungen Leute frühe schon die zuträgliche Lehre einzuprägen, die Höhern und Aelteren zu ehren.« »In diesem Sinne mag es schon recht seyn,« brummte mein Oheim, der, obwohl in seinen politischen Ansichten ein starker Latitudinarier, doch nie ermangelte, alle für's Privatleben nützlichen und nothwendigen Grundsätze anzuempfehlen, »da der Patroon von Albany Einer der Achtbarsten und Reichsten unter unsrer gesammten Gentry ist. Ich habe nichts dagegen, daß Corny zu diesem Schauspiel gehe, und ich hoffe, meine Liebe, Ihr werdet Pompejus und Cäsar auch daran Theil nehmen lassen. Es wird den Burschen Nichts schaden, wenn sie sehen, in welcher Art und Weise der Patroon sein Fuhrwerk und seine Pferde hält.« Pompejus und Cäsar waren demzufolge auch von der Partie, doch gesellte sich der Letztere erst zu uns, nachdem Pompejus mich durch die ganze Stadt geführt und mir die Hauptsehenswürdigkeiten gezeigt hatte, da man annahm, der Patroon habe zu Kingsbridge geschlafen und werde wahrscheinlich erst gegen Mittag die Stadt erreichen. New-York war freilich im Jahr 1751 nicht die Stadt wie jetzt; aber doch war es schon zu der Zeit, als ich in das Collegium reiste, eine große und wichtige Stadt, von nicht weniger als zwölftausend Seelen, die Schwarzen mit eingeschlossen. Das Stadthaus ist ein prächtiges Gebäude, das oben in der Broad-Street steht; und dahin führte mich Pompejus, noch ehe meine Tante zum Frühstück herabgekommen war. Ich konnte dieses schöne Gebäude kaum genug bewundern, das hinsichtlich der Größe, Architektur und Lage kaum jetzt in allen Colonien seines Gleichen hat. Es ist wahr, die Stadt hat sich in den letzten zwanzig Jahren sehr vergrößert und verschönert; aber York war selbst schon in der Mitte dieses Jahrhunderts ein stattlicher Ort! Nach dem Frühstück begaben Pompejus und ich uns nach Broadway, in der Nähe des Forts, am Bowling-Green, und wanderten eine Strecke über den Anfang von Wall-Street hinaus, wohl eine Viertelmeile. Und hier war noch nicht das Ende der Stadt; obgleich ihre vornehmste Ausdehnung am Ufer des East-River hin sich erstreckt oder damals erstreckte. Trinity-Church konnte ich auch kaum genug bewundern; denn es schien mir, diese Kirche sey geräumig genug, um sämmtliche Kirchengenossen in der ganzen Colonie zu fassen. Der einsichtsvolle Leser wird natürlich die provinziale Bewunderung des Mr. Littlepage gehörig zu würdigen wissen, welcher, wie man leicht begreift, sich einbildete, was ihm als das Höchste erscheine, sey auch für Andere das Höchste. Die Trinitätskirche jener Zeit brannte ab bei der großen Feuersbrunst von 1776. Das Gebäude, welches beim Frieden von 1783 an ihre Stelle trat, hat auch schon einer Nachfolgerin Platz gemacht, welche mehr Ansprüche hat, mit moderner englischer Kirchenarchitektur in Städten in Eine Reihe gestellt zu werden, als irgend ein anderes Gebäude in der Union. Wenn wieder eine andere Kirche an die Stelle von dieser treten wird, um so Vieles größer und ausgearbeiteter denn ihre Vorgängerin, als diese die ihrige übertraf, und dann noch eine neue erstehen, welche dasselbe Verhältnis zu ihr hat, dann wird das Land ein Bauwerk haben, das Europa's ersten gothischen Kathedralen und Domen gleich steht. Es wäre eine nichtige Behauptung, daß die neue Trinitätskirche ohne Fehler sey, von welchen einige vermuthlich die Folgen von besondern Umständen und der Nothwendigkeit sind; aber wenn der achtbare Baumeister, der sie gebaut, auch kein anderes Verdienst hätte, so würde er doch schon den Dank jedes Mannes von Geschmack im Lande dadurch verdienen, daß er seiner Bevölkerung Kirchtürme von verhältnismäßiger Größe, Breite und Würde vor Augen stellte. Die spöttliche Kleinheit der amerikanischen Kirchthürme ist jedem einsichtsvollen, gereisten Amerikaner ein Dorn im Auge gewesen, seitdem das Land kolonisirt wurde. Der Herausgeber. Es war ein ehrwürdiger Bau, der damals die Sommerhitze und den Winterschnee beinahe ein halbes Jahrhundert auf seinen Dächern und an seinen Mauern, empfunden und ertragen hatte, und noch steht er da, ein Denkmal frommen Eifers und gebildeten Geschmacks. Auch andere Kirchen waren natürlich da, andern Glaubensweisen angehörig, die des Sehens wohl werth waren; um Nichts zu sagen von den Märkten. Ich glaubte niemals müde zu werden, die Pracht der Buden und Läden zu betrachten, besonders die der Silberarbeiter, von welchen einige einen Werth von tausend Dollars in Silbergeschirr hinter ihren Fenstern, oder sonst dem Auge des Beschauers ausgesetzt, liegen haben mußten. Aehnliches könnte ich auch von den andern Läden sagen, welche mit vollem Recht einen Theil meiner Bewunderung in Anspruch nahmen. Gegen eilf Uhr zeigte uns die Masse von Kindern und von Schwarzen, die man gegen Bowery-Road hin sich bewegen sah, daß es Zeit war, jene Richtung einzuschlagen. Wir befanden uns gerade in dem oberen Theile von Broadway, und Pompejus schritt mit mir vor, um sich dem Strome anzuschließen, wobei er sich so sehr beeilte, als er konnte, da man dachte, der Reisende könnte gegen den East-River herabkommen und Queen-Street erreichen, ehe wir an dem Punkt ankämen, wo er die Wahl zwischen zwei Straßen hatte. Zwar war die alte Stadtresidenz Stephan de Lancey's, welche oben im Broadway, gerade über Trinity-Church stand, Die Lage des jetzigen Stadthofes ( City-Hotel .) Der Herausgeber. in ein Gasthaus verwandelt worden, und wir wußten nicht anders, als der Patroon werde wohl hier absteigen, da dieß das vornehmste Gasthaus der Stadt war; aber doch zogen die meisten Leute Queen-Street vor, und die neue City-Tavern war so vom Wege ab, daß Fremde besonders nicht gerne dort einsprachen. Cäsar kam ganz außer Athem daher gerannt, gerade als wir auf's freie Feld kamen. Broadway verlassend gingen wir auf der Landstraße fort, welche damals östlich sich abbog, welche aber jetzt allmälig eine Art von Vorstadt ansetzt, und die nach Queen-Street führende Straße passirend, zweifelten wir jetzt nicht mehr, dem Reisenden zu begegnen, dessen Wagen, wie wir bald erfuhren, noch nicht vorbeigekommen war. Da in diesem Stadttheil verschiedene Gasthäuser für Landleute waren und noch sind, gingen die Meisten von uns ganz auf's freie Feld hinaus, und wanderten zu bis zu den Landhäusern der Bayard's, de Lancey's und anderer vornehmer Leute, deren einige entlang von Bowery-Road stehen. Unsere Gesellschaft machte Halt unter einigen Kirschenbäumen, nicht über eine Meile von der Stadt entfernt, fast gegenüber dem Landhause des Lieutenant-Gouverneurs de Lancey; Jetzt die Lancey-Street. Der Herausgeber. viele Knaben aber u. s. w. gingen noch eine weite Strecke auf's Land hinaus und beschlossen den Tag damit, daß sie Nüsse und Aepfel sammelten in den Besitzungen Petersfield und Rosehill, den Landresidenzen der Familien Stuyvesant und Watt, oder wie letztere jetzt genannt wird, Watts. Ich hatte Lust, selbst auch so weit vorzugehen, denn ich hatte viel gehört von diesen beiden großen Gütern; aber Pompejus sagte mir, es sey nothwendig, daß wir bis halb zwei Uhr zum Mittagsessen zurück seyen, da seine Gebieterin sich dazu verstanden, die Stunde ein Wenig hinauszuschieben, um meinem natürlichen Wunsche, so viel als möglich während meines Aufenthalts in der Stadt zu sehen, Genüge zu leisten. Es waren nicht lauter Kinder und Schwarze, welche an diesem Tage nach Bowery-Road zogen; viele Handwerker waren auch unter uns, deren lederne Schürzen bei der Gelegenheit stattlich paradirten. Ich sah ein paar Personen, welche Degen trugen, in den Gäßchen und Gehölzen herumschlendern, Beweis, daß selbst Gentlemen ein Verlangen trugen, eine so vornehme Person wie den Patroon von Albany vorbeiziehen zu sehen. Ich werde mich nicht lange bei dem Vorüberzuge des Patroons aufhalten. Er kam an uns vorbei gegen Mittag, wie man erwartete, in seiner Kutsche mit vier Pferden, mit zwei Vorreitern und einem Kutscher u. s. w. in Livereien, wie es bei den Familien der Gentry gewöhnlich ist, und mit einem Zug schwerer, schwarzer, holländisch aussehender Rosse, welche Cäsar, wie ich mich erinnere, für Thiere von der ächten flämischen Zucht erklärte. Der Patroon selbst war ein stattlicher, gutgekleideter Gentleman, trug einen Scharlachrock, eine fliegende Perrücke und einen Stülphut; und ich bemerkte, daß der Griff seines Degens von massivem Silber war. Dieser Patroon muß Jermiah Van Rensselaer gewesen seyn, welcher ein Junggesell von vierzig Jahren war, ehe er heirathete. Wenn kein Anachronismus obwaltet, so heirathete dieser Gentleman Miß Van Cortlandt, eine der sieben Töchter des Stephanus Van Cortlandt, Besitzers des großen Gutes Cortlandt, in der Grafschaft West-Chester, welcher seiner Zeit die wichtigste Person in der Colonie war. Die sieben Töchter dieses Obersts Van Cortlandt begründeten dadurch, daß sie in die Familien de Lancey, Bahard, Van Rensselaer, Beekmann, M'Gregor, Skinner u. s. w. heiratheten, eine Verwandtschaft, deren Gewicht man in den politischen Angelegenheiten von New-York lange Zeit empfand. Die Schuyler's waren durch eine frühere Heirath mit ihnen verschwägert, und ebenso viele andere gewichtige Familien, namentlich von Long Island, durch frühere Heirathen, Diese Verwandtschaft bildete die Hofpartei, welcher eine Opposition sich entgegenstellte, an deren Spitze die Livingstons, Morris und andere Namen von ihrer Verwandtschaft standen. Dieser alte Junggeselle Jeremiah Van Rensselaer entäußerte sich, weil er glaubte, er werde nie mehr heirathen, zu Gunsten seines nächstältesten Bruders und muthmaßlichen Erben der Besitzungen Greenbush und Claverack, – Theile jener gewaltigen Besitzungen, welche in unsern Tagen hauptsächlich in Folge der strafbaren Gleichgültigkeit oder des erbärmlichen Demagogismus derjenigen, welche mit der Sorge für die öffentliche Wohlfahrt beauftragt sind, der Vorwand geworden sind, einige der einfachsten Gesetze der Moral zu verletzen, welche Gott den Menschen mitgetheilt hat Der Herausgeber. Aber mein Vater trug auch einen Degen mit Griff von massivem Silber, ein Geschenk von meinem Großvater, als Ersterer in die Armee trat. Er verbeugte sich im Vorbeifahren zum Danke für die Begrüßungen, womit man ihn empfing, und ich dachte, alle Zuschauer müßten vergnügt seyn über das herrliche Schauspiel, eine solche Equipage in die Stadt einfahren zu sehen. Ein solcher Anblick kommt nicht jeden Tag in den Colonien vor, und ich fühlte mich ausnehmend glücklich, daß mein guter Stern mir beschieden hatte, Zeuge davon zu seyn. Ein kleiner Zufall begegnete mir, der mir diesen Tag noch lange merkwürdig machte. Unter den bei dieser Gelegenheit an der Straße versammelten Zuschauern befanden sich auch einige Gruppen von Mädchen, welche den bessern Klassen angehörten, und welche auf das freie Feld hinausgekommen waren, entweder durch Neugier verlockt, oder durch Veranstaltung der verschiedenen schwarzen Wärterinnen, welche sie unter ihrer Obhut hatten. Unter einer dieser Gruppe befand sich ein Mädchen von etwa zehn, vielleicht auch von elf Jahren, deren Anzug, Haltung und Miene alsbald meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre großen, glänzenden, vollen, blauen Augen erschienen mir ganz besonders einnehmend; und Knaben von vierzehn Jahren sind nicht ganz unempfindlich gegen die Schönheit beim andern Geschlecht, obwohl sie vielleicht öfter im Falle sind, sie bei älteren Mädchen, als sie selbst sind, als bei jüngern zu beachten. Pompejus war zufällig bekannt mit Silvia, der Negerin, welche die Aufsicht über meine kleine Schönheit hatte, gegen welche, er sich verbeugte und sie als Miß Anneke (abgekürzt von Anna Cornelia) anredete. Anneke schien mir auch ein sehr hübscher Name, und einige kleine Schritte zu einer Bekanntschaft wurden dadurch gemacht, daß ich ihr einige Früchte anbot, welche ich am Wege gepflückt hatte. Die Sache gerieth schnell in den besten Gang, und ich hatte schon verschiedene Fragen an sie gerichtet, z. B. »ob Miß Anneke je schon einen Patroon gesehen?« – »ob ein Edelmann, der vor kurzer Zeit als Offizier in der Colonie gewesen, oder der Patroon, wohl die schönere Kutsche habe?« als ein Fleischersjunge, welcher vorbeiging, roher Weise Anneken einen Apfel aus der Hand schlug, so daß sie eine Thräne vergoß. Bei dieser muthwilligen Beleidigung fing ich Feuer, und versetzte dem Burschen einen Stoß in die Rippen, der ihm bemerklich machte, daß das junge Frauenzimmer einen Beschützer habe. Der Junge war etwa von meinem Alter und meiner Größe, und er betrachtete mich eine Minute lang mit einer Art von Verachtung, dann aber winkte er mir, ihm in einen Obstgarten ganz in der Nähe zu folgen, der aber dem Auge von der Straße aus entzogen war. Trotz Anneken's dringenden Bitten ging ich mit ihm, und Pompejus und Cäsar folgten. Wir hatten Beide schon uns kampffertig gemacht, ehe die Neger herbeikamen, denn sie waren in einem lebhaften Streite, ob man mir den Kampf gestatten solle oder nicht. Pompejus behauptete, das Mittagessen würde dadurch verzögert werden; Cäsar aber, der, wie seinem Namen geziemte, mehr Herz hatte, bestand darauf, da ich Jenem einen Schlag versetzt, sey ich verpflichtet, Genugthuung zu geben. Zum Glück war Mr. Worden geschickt im Boxen, und er hatte mir und Dirck vielfache Unterweisung darin gegeben, so daß ich bald fand, daß ich der Ueberlegene war. Ich zeichnete den Fleischersjungen mit einer blutigen Nase und einem blauen Auge, worauf er den Kampf aufgab und ich als Sieger abtrat; jedoch nicht ohne auch ein paar Faustschläge in's Gesicht erhalten zu haben, welche mir bei meiner Ankunft im Collegium einen Ruf verschafften, den ich kaum verdiente; nämlich den eines regelrechten Faustkämpfers. Als ich nach diesem Strauß wieder auf die Straße zurückkehrte, war Anneke verschwunden, und ich war so schüchtern und einfältig, daß ich mich nicht einmal nach ihrem Familien-Namen erkundigte bei Cäsar dem Großen oder Pompejus dem Kleinen. Drittes Kapitel. »Glaube mir, du schwatzest von einem bewundernswerth einge-     bildeten Gesellen. Hat er irgend welche glatte Waaren?« »Ich bitte dich, bring ihn herein; und laß ihn singend sich     nähern.« Wintermährchen. Ich habe nicht die Absicht, mich vom Leser durch das Collegium begleiten zu lassen, wo ich die gewöhnliche Zeit von vier Jahren blieb. Diese vier Jahre wurden nicht im Müssiggang vertändelt, wie dieß manchmal geschieht, sondern zu wirklichem Fortschreiten benützt. Ich las das ganze Neue Testament im Griechischen; einige von Cicero's Reden, jede Zeile von Horaz's Satiren und Oden; vier Bücher von der Ilias; den ganzen Tullius de Oratore; und außerdem widmete ich die gebührende Aufmerksamkeit der Geographie, der Mathematik und andern gewöhnlichen Fächern. Besonders die Moral-Philosophie studirte ich fleißig in meinem letzten Jahre, so wie auch Astronomie. Wir hatten ein Teleskop, welches uns alle vier Monde des Jupiter zeigte. In andern Beziehungen konnte Nassau der Sitz der Gelehrsamkeit heißen. Einer von unserer Klasse kaufte in der Hauptstadt ein Exemplar des Euripides aus zweiter Hand, und wir hatten es ganze sechs Monate im Collegium, obgleich mir nie das Glück zu Theil ward, es zu sehen, da der junge Mann, dem es gehörte, nicht sehr geneigt war, seinen Schatz von profanen Augen beschauen zu lassen. Dennoch bin ich überzeugt, daß das Exemplar jenes Werkes wirklich im Kollegium sich befand; und wir trugen Sorge, die Leute zu Yale mehr als einmal davon hören zu lassen. Ich glaube, sie haben nie einen Euripides auch nur von außen gesehen. Was das Teleskop betrifft, so kann ich von diesem aus eigener Anschauung und Kenntniß zeugen; denn ich habe mit meinen eigenen Augen, mittelst seiner Vergrößerungsgläser, die Monde des Jupiter wohl zehnmal gesehen. Wir hatten einen Lehrer, der in der Sternkunde sehr bewandert war, und der, wie man allgemein glaubte, im Stande gewesen seyn würde, den Ring des Saturn zu sehen, wenn er nur den Planeten selbst gefunden hätte; aber das gelang ihm eben nicht. Meine vier Jahre im Collegium waren glückliche Jahre. Die Ferien kamen oft, und ich ging jedesmal in meine Heimath, und auf dem Hin- oder Herweg brachte ich einen oder zwei Tage bei meiner Tante Legge zu. Die Erwerbung von Kenntnissen war mir jederzeit angenehm; und ich darf es jetzt, hoffe ich, ohne Eitelkeit sagen, ich errang den dritten Ehrengrad in meiner Klasse. Wir würden unserer Viere graduirt worden seyn, aber Einer von unsrer Klasse war gegen das Ende des ersten Cursus genöthigt, uns wegen leidender Gesundheit zu verlassen. Er studirte mit ungewöhnlichem Eifer und Fleiß, und man anerkannte allgemein, daß er, wäre er geblieben, den ersten Platz behauptet haben würde. Es herrschte anfänglich die Ansicht, daß wir unsere Sachen recht löblich gemacht hätten; doch hörte ich nachher meinen Großvater gegen Mr. Worden äußern, er sey der Ansicht: die Vorträge würden männlicher und preiswürdiger gewesen seyn, wenn weniger von dem erstaunlichen Wachsthum, dem Gedeihen und der Macht der Colonieen gesprochen worden wäre. Er habe Nichts einzuwenden gegen die Ermunterung einer tüchtigen, gesunden patriotischen Gesinnung; aber ihm scheine, etwas mehr Neues würde den Zuhörern besser gefallen haben. Das mochte wahr seyn, da wir drei Alle Etwas über diesen Gegenstand zu sagen hatten, und es ist ein Beweis, wie gleich unsre Denkweise war, daß unsre Sprache sich beinahe ebenso glich wie unsre Ideen. Was die Fähre von Powles' Hook betrifft, so war das eine unangenehme Sache, wie ich zugeben muß; aber so lang ich jünger war, dachte ich nicht daran. Meine Mutter jedoch war froh, als ich sie zum letzten Male hinter mir hatte. Ich erinnere mich noch der allerersten Worte, die ihr entschlüpften, als sie mich nach meiner endlichen Rückkehr vom Collegium geküßt hatte: »Nun, Gott sey gedankt, Corny, jetzt wirst Du nicht mehr in den Fall kommen, auf dieser entsetzlichen Fähre übersetzen zu müssen, nachdem du mit dem Collegium fertig bist!« Meine arme Mutter ahnte nicht, wie viel größeren Gefahren ich mich später in einer anderen Richtung aussetzen sollte. Auch hatte sie mit ihren Erwartungen in diesem bestimmten Punkte nicht einmal Recht, da ich im spätern Leben noch verschiedene Male auf der fraglichen Fähre übergesetzt bin; aber in den spätern Jahren erschienen auch die Entfernungen nicht mehr so groß, als sie allerdings in meiner Jugend zu seyn schienen. Es war gleichsam eine Feder auf der Mütze eines jungen Mannes, durch das Collegium gegangen zu seyn, im Jahr 1755, in welchem ich promovirte. Es ist wahr, die Universitäts-Männer, welche ihre Bildung und Gelehrsamkeit im Mutterlande geholt hatten, waren mehr oder minder zahlreich vorhanden; aber sie gehörten einer Classe an, welche sich von der niedern Gentry entfernt hielt, und die meisten von ihnen wurden bald in ein Amt eingesetzt, wodurch dann die Würde eines öffentlichen Charakters zu ihren geistigen Erwerbnissen kam, und zwar wurden letztere von jenem so ziemlich in Schatten gestellt. Ich aber stand dem Gemeinwesen näher, und meine Stellung machte ganz natürlich möglich, Vorzüge zu unterscheiden und zu vergleichen. Niemand denkt viel an gewisse Gewohnheiten und Ansichten, an gewisse Eigenthümlichkeiten des Benehmens und des Geschmacks in dem Kreise, wo man sie als von sich selbst verstehend voraussetzt; etwas ganz anderes aber ist es da, wo alle solche Eigenthümlichkeiten oder diese und jene die Ausnahme bilden. Ich fürchte, man versprach sich mehr von meiner Bildung im Collegium, als je in Erfüllung ging; aber das will ich doch zu Gunsten meiner Alma mater sagen, daß ich mir nicht bewußt bin, meine im Collegium erworbenen Kenntnisse seyen mir je nachtheilig gewesen, und ich glaube vielmehr, sie haben einigermaßen wenigstens zu dem kleinen Erfolg beigetragen, der mich auf meiner bescheidnen Laufbahn begleitet hat. Ich hielt fortwährend Freundschaft mit Dirck Follock so lange ich im Collegium blieb. Er setzte die Lektüre der Classiker unter Anleitung Mr. Worden's fort, zwei Jahre nachdem ich die Schule verlassen hatte; aber ich konnte keine irgend der Erwähnung werthen Fortschritte bei ihm entdecken. Sein Lehrer pflegte dem Oberst zu sagen: »Dircks Fortschritte seyen langsam aber sicher«; und dieß befriedigte immer einen Mann, der von Haus aus eine Abneigung hatte gegen die Alles überstürzende Art und Weise, die Sachen zu betreiben, welche unter der englischen Bevölkerung herrschte. Oberst Follock, wie wir ihn immer nannten, außer wenn mein Vater oder Großvater ihn aufforderten, ein Glas Wein mit ihnen zu trinken, oder seine Gesundheit in dem ersten Glase tranken, nachdem das Tischtuch weggenommen war, wo er unabänderlich Oberst Van Valkenburgh, in ganzer Länge seines Namens, betitelt wurde – Oberst Follock war ganz zufrieden damit, daß sein Sohn und Erbe nicht Mehr wissen sollte, als er wußte, den Unterschied an Jahren und an Erfahrung gebührend in Rechnung genommen. Bis zu der Zeit jedoch, wo ich nach Hause zurückkehrte, war eine wesentliche Veränderung in der Schule eingetreten. Mr. Worden ward Erbe eines mäßigen Vermögens in seinem Heimathlande, und in Folge hievon gab er das Unterrichten auf, als eine Beschäftigung, woran er nie Freude gehabt hatte. Man wollte sogar finden, er sey um einen Grad minder eifrig in Erfüllung seiner seelsorgerlichen Pflichten, als er es früher gewesen, seitdem er diese fünfzig Pfund Sterling jährlich besaß; doch bin ich weit entfernt, dieß als entschiedene Thatsache behaupten zu wollen. Jedenfalls vermochten fünfzig Pfund jährlich den Mr. Worden nicht gleichgültig zu machen in Betreff der Kirche, denn er blieb fortwährend ein höchst eifriger Kirchenmann bis auf die Stunde seines Todes; und dieß war schon Etwas, selbst zugegeben, daß er nicht ganz ebenso eifrig gewesen wäre als Christ. Da die Kirche die Inhaberin und Trägerin des Glaubens ist, wenn auch nicht der Glaube selbst, so folgt daraus, daß ihre Freunde der Religion nahe stehen, wenn sie auch nicht eigentlich religiös sind. Ich habe immer einen Mann um so mehr leiden mögen, wenn er war, was ich einen tüchtigen, warmen Kirchenmann nenne, mochten auch seine Lebensgewohnheiten etwas frei seyn. Es war nöthig, die Stelle wieder zu besetzen, welche durch den Rücktritt Mr. Worden's erledigt worden war, oder eine Schule aufzugeben, welche der Kern der gelehrten Kenntnisse in West Chester geworden war. Zuerst machte sich der natürliche Wunsch geltend, wieder einen Gelehrten aus dem alten Heimathlande dafür zu gewinnen; aber da sich kein geeigneter Mann darbot, wurde ein Graduirter aus dem Collegium von Yale angenommen, jedoch nicht ohne vielfaches Widerstreben und großes Mißtrauen. Im Augenblick, wo er erschien, zogen Oberst Follock und Major Nicholas Oothout, ein anderer achtbarer, holländischer Nachbar, ihre Söhne aus der Schule zurück; und von dieser Stunde an besuchte Dirck die Schule nicht mehr. Es ist wahr, West Chester war nicht eigentlich eine holländische Grafschaft, wie Rockland, Albany und Orange, und einige andere dem Fluß entlang, aber es enthielt manche achtbare, von Holland her kommende Familien, ohne solcher gewichtigen Leute zu gedenken, wie die Van Cortlandts, Felipses, Beekmanns und zwei oder drei andere Familien dieses Schlages. Die meisten unsrer angesehenen Familien auf dem Lande hatten eine andere Abkunft, wie dieß der Fall war bei den Morrises von Morrisania und von dem Herrenhause Fredham, den Pells von Pelham, den Heathcotes von Mamaroneck, dem Zweige der de Lanceys zu Westfarms, den Jays von Rye u. s. w. Alle diese waren von englischer oder hugenottischer Abstammung. Unter den Letztern jedoch fand sich mehr oder weniger holländisch Blut; obgleich die holländischen Vorurtheile bei ihnen nicht wenig erschüttert und vermindert waren. Obgleich Wenige von diesen Familien ihre Knaben in die Schule schickten, wurden sie doch bei der Wahl eines Lehrers zu Rathe gezogen; und ich bin immer der Meinung gewesen, daß ihre Gleichgültigkeit die Schuld davon getragen habe, daß die Grafschaft am Ende mit den Diensten eines Yankee von Yale sich begnügen mußte. Der Name des neuen Pädagogen war Jason Newcome, oder wie er selbst ihn aussprach Noocome. Da er sich einer pedantischen Art befliß, die letzte Sylbe lang auszusprechen, so wie sie der Schrift nach ausgesprochen werden mußte, nannte er sich Noo-comb, statt Newcum, wie nach englischer Aussprache das Wort gesprochen werden müßte, woher er bald den Spottnamen Jason Old-Comb Comb heißt Kamm; New neu, Old alt. unter den Knaben bekam; und seine glattgestrichenen, kohlschwarzen und etwas fett und schmierig aussehenden langen Haare trugen auch Etwas dazu bei, ihm dieß sobriquet zu verschaffen, wie die Franzosen, glaube ich, den Spitznamen bezeichnen. Da dieser Mr. Newcome in der folgenden Erzählung eine wesentliche Rolle spielen wird, so ist es wohl passend, etwas näher auf die Schilderung desselben einzugehen. Ich fand bei meiner Rückkehr vom Collegium Jason schon ganz festgesessen in der Schule. Ich erinnere mich, unsere Begegnung war ganz wie die zweier fremden Vögel, welche sich zum ersten Mal auf demselben Düngerhaufen sehen; oder wie die zweier Thiere bei ihrem ersten Zusammentreffen in derselben Herde. Es war der Gegensatz von New Haven gegen Newark; obgleich die Anstalt, nachdem sie so viele Wanderungen gemacht, wie das Haus von Loretto, endlich eine feste Stätte im Princeton gewann, kurze Zeit ehe ich meinen Grad davontrug. Ich war demzufolge berechtigt, mich einen Graduirten von Newark zu nennen, und ein solcher Gelehrter ist auf dem Lande eine ebenso große Merkwürdigkeit, als ein Heller aus der Königin Anna Zeit, oder ein Druck aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ich erinnere mich des ersten Abends, den wir mit einander in Gesellschaft zubrachten, so gut, als wenn es erst gestern Nacht gewesen wäre. Es war zu Satanstoe, und Mr. Worden war auch anwesend. Jason hatte einen reichlichen Schatz von puritanischen Begriffen, mit welchen sein moralisches, und ich hätte beinahe gesagt, sein physisches System ganz getränkt war; doch war er auch im Stande aufzuthauen; und ich bemerkte wirklich gleich an diesem Abend einen Schimmer von halbverdeckter Freude in seinem düstern Gesicht, als ein paar Stunden vor dem Abendessen – welche Mahlzeit wir immer warm und recht behaglich einnahmen, – das warme Getränke, die Karten und die Pfeifen gebracht wurden. Diese halb verdeckte Zufriedenheit gab sich jedoch nicht ohne gewisse mißtrauische Mienen kund, wie wenn der Neophyte bei diesen unschuldigen Genüssen immer an seinem Rechte zweifelte, sich seinen Theil davon zuzueignen. Ich erinnere mich, namentlich als meine Mutter zwei oder drei neue saubere Spiele Karten auf den Tisch legte, daß Jason einen verstohlenen Blick über die Achsel warf, als wollte er sich vergewissern, daß die Sache nicht von dem Geistlichen oder von den Nachbarn bemerkt worden sey. – Den Nachbarn! – Welch ein verächtliches Wesen wird doch der Mensch, der in beständiger Furcht vor den Glossen und Urtheilen dieser gesellschaftlichen Beobachter und Spione lebt! und zu welchem Elenden hat die Gewohnheit, nach keinem bessern Prinzip, als nach ihrer Entscheidung sich zu richten, Manchen gemacht, der ursprünglich den Stoff zu etwas Besserem in sich hatte, als was durch die Beaufsichtigung und Bevormundung der Unwissenheit, des Neides, der Gemeinheit, der Klatscherei und Lüge entwickelt worden ist! In den Fällen, wo Erziehung, gesellschaftliche Stellung, Gelegenheit und Erfahrung einen wesentlichen Unterschied bei den Parteien begründet haben, gibt Derjenige, welcher einer solchen Beherrschung sich unterwirft, das Bild eines Riesen, der von einem Zwerg in Banden gehalten wird. Ich habe auch immer bemerkt, daß diejenigen, welche am meisten berechtigt wären, in diesem Nachbarschaftstribunal zu sitzen, sich am entferntesten davon halten, weil es ihrem Geschmack und ihren Lebensgewohnheiten widerstrebt, und so die Fällung der Entscheidungen dem Theile des Gemeinwesens überlassen, welcher am wenigsten geeignet ist, ein gerechtes oder aufgeklärtes Urtheil zu fällen. Ich fühlte eine Neigung überlaut zu lachen über die Art und Weise, wie Jason das ängstliche Bewußtsein eines halben Verbrechens verrieth, als er meine sanfte, unschuldige, harmlose, gerechte und warmfühlende Mutter an diesem Abend die Karten auf den Tisch legen sah. Sein Schuldbewußtsein war rein konventionell, während meiner Mutter Unschuldbewußtsein auf dem Nichtvorhandensein falscher Ansichten und beigebrachter Vorurtheile und auf der Reinheit ihrer Gesinnung beruhte. Man hatte ihr keine überspannten und falschen Begriffe von der Sünde beigebracht, – Begriffe, die sogar gottlos sind, da es offenbar gottlos vom Menschen ist, Handlungen, die an sich betrachtet, vollkommen unschuldig sind, zu förmlichen Uebertretungen des Gesetzes Gottes zu stempeln und zu verdrehen, – während er erzogen worden war in den engen und übertriebenen Begriffen einer provinziellen Sekte, und eine Art von Gewissen sich angeeignet hatte, welches ganz abhängig war von seiner erbärmlichen Unterweisung. Ich habe meinen Großvater sagen hören, Jason habe wirklich die Augen aufgerissen, daß man das Weiße daran gesehen, als er das erste Mal den Mr. Worden die Karten ausgeben gesehen, und er machte auch die ganze Zeit, so lange wir beim Whist saßen, ein Gesicht, als wenn er erwartete, es werde Jemand eintreten und aller Welt seine Sünde verkündigen. Ich entdeckte bald, daß Jason weit größere Scheue davor hatte, wegen solcher Dinge in's Geschrei zu kommen, als sie wirklich zu thun, wie ein Spielchen Whist oder das Trinken eines Glases Punsch sind; und daraus folgerte ich, daß sein eigentliches und wahres Gewissen einen deutlichen Unterschied machte zwischen den Handlungen und den Strafen, welche er gewohnt gewesen, darauf folgen zu sehen. Er hatte eine große Neigung zu einer gewissen Art von Schwachheit; aber es blieb bis an's Ende eine feige und schüchtern sich verkriechende Neigung. Das Belustigendste aber an diesem ersten Abend unserer Bekanntschaft war die Art und Weise, wie Mr. Worden die vertraute Bekanntschaft seines Nachfolgers mit den Classikern bemerklich zu machen wußte. Jason hatte nicht den mindesten Begriff von der Quantität der Sylben; und er sprach das Lateinische ungefähr so aus, wie Einer die Mohawk-Sprache lesen würde nach einem Wörterbuch, das ein Jäger gefertigt, oder ein Gelehrter von der französischen Akademie. Da ich Mr. Worden's eignen Unterricht genossen, verstand ich mich besser darauf, und überhaupt übertraf meine Bekanntschaft mit den Classikern die Jason's weit. Auch des Letztern Englisch war lange für uns Alle eine Quelle der Ergötzlichkeit, obgleich mein Großvater oft lebhaften Verdruß darüber kund gab. Selbst Oberst Follock trug kein Bedenken, über Newcome's Englisch zu lachen, das, wie er häufig zu bemerken Gelegenheit nahm, ihm gar wunderbarlich laute. Da diese Eigenthümlichkeit Jason's sich ziemlich tief in die Anglo-Sächsische Raçe hinein erstreckte, in der Gegend des Landes, wo er geboren war, ist es vielleicht am Platze, das, was ich meine, etwas ausführlicher zu entwickeln. Jason war der Sohn eines gemeinen Landwirthes von Konnektikut, aus der ganz alltäglichen Sphäre, mit seinen weitern Ansprüchen auf Erziehung und Bildung, als sofern er deren in einer gewöhnlichen Schule theilhaft geworden war, und ohne weitere Lektüre, außer der Schrift, einem Halbdutzend Bände Predigten und polemischer Werke, welche Letztere insgesammt so kräftig und derb als einseitig waren, und einigen wenigen Büchern, die ausdrücklich in der Absicht geschrieben waren, Neu-England zu verherrlichen, und die ganze übrige Erde herabzusetzen. Da die Familie Nichts von der Welt jenseits der Grenzmarken ihrer Stadtgenossenschaft wußte, einen gelegentlichen Besuch in Hartford ausgenommen, an einem sogenannten Wahltag, war Jason's früheres Leben nothwendig sehr arm an Erfahrung. Sein Englisch war, wie natürlich, eben das seiner Nachbarschaft und der Classe, der er im Leben angehörte, und daher keineswegs weder sehr elegant noch sehr dorisch. Aber auf der ländlichen, provinzialen oder vielmehr dörflichen Unterlage hatte Jason einen Oberbau von New Havener Verhältnissen und Zierlichkeit aufgeführt. Da er Unterricht gab, ehe er ins Collegium kam, während er im Collegium verweilte, und nachdem er es verließ, richtete sich die ganze Energie seiner Natur in seltsamer Weise gerade auf solche Reformen in der Sprache, wie sie die Einbildungskraft eines Pädagogen von seinem Schrot und Korn reizen konnten. Erstlich hatte er von Haus eine große Menge von Lauten mitgebracht, welche entschieden gemein und fehlerhaft waren; und während diese bei ihm selbst in kräftigster Blüthe standen, begann er sein Reformsystem an andern Leuten. Wie es bei allen Anfängern und Dilettanten der Fall zu seyn pflegt, er glaubte, sehr wenige Kenntnisse geben schon eine genügende Berechtigung zu sehr großartigen Theorieen. Sein erster Schritt war, die Sprache dadurch zu verbessern, daß er den Laut in Uebereinstimmung brachte mit der Art wie man buchstabirt und schreibt; und so sprach er beharrlich an-gel , weil a-n , buchstabirt, an geben, chamber , cham-ber , aus demselben Grunde; und so durch ein langes Verzeichniß ähnlicher Wörter hindurch. English sprach er nicht aus wie Inglish , sondern wie English ; und nothing (im Englischen nuthing lautend) wie noth-ing ; oder vielleicht würde ich richtiger sagen nawthin' . Während er so gezierterweise none (nun) aussprach wie known , trug er kein Bedenken stone wie stun und home wie hum auszusprechen. Der Gedanke clerk auszusprechen, wie es sich gehört, clark , war ihm sehr anstößig und ebenso hearth wie h'arth ; obwohl er sich nicht besann, statt earth zu sagen 'arth , been sprach er natürlich wie ben aus, und roof – ruff , trotz all seines Purismus. Aus diesen Proben, einem Halbdutzend unter tausend, kann sich der Leser eine genaue Vorstellung machen von dieser Schwäche in Jason's Charakter. Sie ward noch gesteigert durch den Umstand, daß der junge Mann den Anfang mit seiner Bildung – wie sie nun war – erst ziemlich spät machte, und es ist in der That selten, daß Kenntnisse oder Geschmack, in solcher Art angeeignet, ganz frei von Uebertreibungen bleiben. Obgleich Jason mehrere Jahre älter war als ich, hatte er doch auch wie ich erst jüngst promovirt, und man wird sich sehr leicht die zahllosen Erörterungen vorstellen können, welche zwischen uns stattfanden, über unsre beiderseitigen erworbenen Kenntnisse. Ich dürfte nicht sagen, unsre gemeinsamen Kenntnisse, denn es war daran in der That gar nichts Gemeinsames. Weder unsre classischen Kenntnisse, unsre Philosophie, noch auch unsre Mathematik schienen Eines und dasselbe zu seyn, sondern Jeder hatte, dem Anschein nach, seine eigene besondere Wissenschaft und Sprache, die er aus der Anstalt geschöpft, worin er gebildet worden war. In der klassischen Bildung war ich weit der Stärkere, namentlich in der Quantität (Prosodie), aber Jason war in der Mathematik weiter voran. Trotz seiner Einbildung, seiner Gemeinheit, seinem Englisch, seinen Provinzialismen, und dem linkischen Wesen, womit er sein mühsam erworbenes Wissen an Mann brachte, hatte dieser Mensch doch auch seine starken Seiten, und besaß eine natürliche Schlauheit, die aber mehr zu seinen Gunsten gesprochen haben würde, wäre sie nicht gepaart gewesen mit einem gewissen ausweichenden Wesen, das Einem beständiges Mißtrauen gegen seine Aufrichtigkeit einflößte, und oft diejenigen, welche viel mit ihm verkehrten, auf den Glauben brachte, er habe einen geheimen, sündhaften Hang, der ihn zum Heuchler mache. Jason hegte eine große Verachtung gegen New York; ein Gefühl, das er nicht immer geneigt war, zu verhehlen, und natürlich stellte er gewöhnlich Vergleichungen an mit dem Zustand der Dinge in Connektikut, und zwar sehr zum Vortheil von diesem. Vor Einem jedoch hatte er die größte Achtung, vor dem Gelde New Yorks nämlich. Connektikut hatte damals und hat auch wohl jetzt nicht Einen Mann, der in New York reich genannt würde, und Jason, trotz seiner Provinzialeinbildung, trotz seiner überschwänglichen Begriffe von moralischer und intellektueller Überlegenheit, konnte so wenig seines tiefen Respekts vor dem Gelde sich entschlagen, als er an die Stelle einer in Gemeinheit und Verwahrlosung verlebten Kindheit die Feinheit, den Wohlanstand und die Kenntnisse setzen konnte, welche die Knaben von den glücklicheren Classen im Leben sich gleichsam, ohne es zu wissen, aneignen. Ja, Jason beugte sich vor dem goldenen Kalbe, trotz seines Puritanismus, trotz seiner Freiheitsliebe, seiner Ansprüche auf allgemeine Gleichheit und trotz seines ganzen gespreizten und hoffärtigen Wesens und Benehmens. Dieß ist die Skizze des Charakters und der Eigenschaften eines Mannes, den ich bei meiner Rückkehr vom Collegium an der Spitze von Mr. Worden's Schule fand. Wir wurden bald bekannt, und ich weiß nicht, Wer im Laufe der ersten vierzehn Tage vom Andern die meisten Ideen überkam. Unsere Unterhaltung und unsere Argumente waren ungezwungen und frei, beinahe bis zur Grobheit, und gegenseitig zeigten wir wenig Schonung gegen unsere beiderseitigen Vorurtheile. Jason war ultra-gleichmacherisch gesinnt in seinen Ansichten von der Gesellschaft, während ich die Ansichten meiner Colonie hegte, in welchen die Unterschiede der Classen weit stärker bezeichnet sind, als es in Neu-England, über die Grenze von Boston und der nächsten Umgegend hinaus, gewöhnlich ist. Dennoch hatte Jason Respekt auch vor Namen, ebenso wie vor dem Geld, obwohl in einer ganz andern Art und Weise als ich. Neu-England war und ist loyal gegen die Krone; aber da es das Recht hat, viele von seinen Gouverneurs zu ernennen, und manche andere politische Vorrechte besitzt in Kraft der seinem Volke bewilligten Freibriefe, um es zu vermögen, auf diesem Theil des Continents sich niederzulassen; zeigt es diese seine Gesinnungen nicht immer in einer Art, welche denen behagt, die eine eigentlich geziemende Ehrfurcht vor der Krone haben. Jason und ich hatten verschiedene Erörterungen über das Thema der Professionen, Gewerbe und Berufsarten. Es war unverkennbar, daß er den Beruf eines Schulmeisters der Ehre nach zunächst an den eines Geistlichen anreihte. Die Geistlichkeit bildete nach seinen Begriffen eine Art Aristokratie; aber kein Mensch konnte das Leben unter günstigeren Auspicien anfangen, als indem er Schulunterricht ertheilte. Folgendes Gespräch hatten wir einmal über diesen Gegenstand; und ich war so betroffen von der Neuheit der Begriffe meines Genossen, daß ich es aufzeichnete, sobald wir uns getrennt hatten. »Ich muß mich wundern, daß Eure Leute nicht daran denken, Euch Etwas zu thun zu geben, Corny«, begann Jason eines Tages, nachdem unsere Bekanntschaft zu einer Art kriegführender Vertraulichkeit herangereift war. »Ihr seid nahezu neunzehn Jahre alt jetzt, und solltet nachgerade darauf denken, Etwas einzubringen, zum Ersatz für all die Auslagen.« Unter »Eure Leute« verstand Jason die Familie Littlepage; und das Blut dieser Familie empörte sich ein wenig in mir bei dem Gedanken, in der von ihm angedeuteten Weise nutzbar verwendet zu werden, weil ich das reife und nutzbare Alter von neunzehn Jahren erreicht hätte. »Ich verstehe Euch nicht recht, Mr. Newcome, was das Einbringen heißen soll,« antwortete ich mit hinlänglichem, würdevollem Ernst, um einen Menschen von gewöhnlichem Zartgefühl vorsichtig zu machen in seinen Aeußerungen. »Etwas einzubringen ist doch wohl ein verständlicher, guter Ausdruck, hoffe ich, Mr. Littlepage. Ich meine, Eure Erziehung hat Eure Leute genug gekostet, um sie zu berechtigen, von Euch nunmehr auch ein kleines Interesse zu fordern. Wie Viel meint Ihr denn wohl, daß auf Eure Erziehung verwendet worden sey, von der Zeit an, wo Ihr zuerst zu Mr. Worden kamet, bis zu dem Tage, wo Ihr Newark verließet?« »In der That, ich habe davon nicht den mindesten Begriff; ich habe an die Sache gar nie gedacht.« »Haben die alten Leute nie mit Euch darüber gesprochen? nie die Totalsumme zusammen addirt?« »Gewiß, ich sehe gar nicht ein, wie dieß hätte geschehen können, denn ich konnte ihnen nicht im Mindesten dabei helfen.« »Aber Eures Vaters Bücher müßten darüber Aufschluß geben, da ohne Zweifel Alles Euch zu Lasten eingetragen darin steht.« »Mir zu Lasten eingetragen darin steht! – Wie, Sir, meint Ihr denn, mein Vater führe in einem Buch eine Rechnung zu meinen Lasten, und trage es ein, so oft er ein paar Pfund für meine Erziehung bezahlt?« »Gewiß! wie könnte er sonst wissen, wie Viel Ihr empfangen habt? – Jedoch, wenn ich es näher überlege, da Ihr ein einziges Kind seid, macht es keinen so großen Unterschied. Wahrscheinlich bekommt Ihr doch am Ende Alles.« »Und wenn ich einen Bruder oder eine Schwester hätte, Mr. Newcome, meint Ihr dann, es würde jeder Shilling, den wir ausgäben, in ein Buch eingetragen werden, zu unsern Lasten?« »Wie denn sonst, um's Himmels willen, könnte man wissen, Welches Mehr gehabt hat; oder wie könnte irgend Gerechtigkeit zwischen Euch beobachtet werden?« »Gerechtigkeit würde geübt und beobachtet werden dadurch, daß unser gemeinschaftlicher Vater Jedem gerade so Viel von seinem Gelde gäbe, als ihm angemessen schiene. Was ginge es mich an, wenn ihm beliebte, meinem Bruder ein paar hundert Pfund mehr zu geben, als er mir geben wollte? das Geld ist sein, und er kann damit thun, was ihm gefällt.« »Hundert Pfund ist ein entsetzliches Geld!« rief Jason, und sein Gesicht verrieth, wie tief er von dieser Wahrheit durchdrungen war. »Wenn Ihr das Geld in solchen großen Summen bekommen habt, so habt Ihr um so mehr Grund und Aufforderung, Etwas zu ergreifen, um es dem alten Gentleman wieder hereinzubringen. Warum nicht eine Schule aufthun?« »Sir?« »Warum nicht eine Schule aufthun, sage ich? Ihr hättet meine Stelle bekommen können, wenn Ihr etwas älter wäret; aber einmal darin, fest darin, ist mein Spruch. Aber es fehlt immer noch an Schulen, und Ihr könntet eine ganz erträgliche Empfehlung bekommen. Ich glaube gewiß, Euer Lehrer würde Euch ein Certifikat ausstellen.« »Und meint Ihr wirklich, daß Einer, der Satanstoe erben soll, klug daran thäte, Schullehrer zu werden? Erinnert Euch, Mr. Newcome, daß mein Vater und mein Großvater Beide Offiziere des Königs gewesen sind, und daß der letztere es in diesem Augenblick noch ist, durch seinen Stellvertreter, den Gouverneur.« »Was soll das Alles? Was gibt es für eine bessere Beschäftigung als eine Schule halten? Wenn Ihr in Euren Begriffen und Wünschen hoch hinauf wollt, so bemüht Euch, Tutor an dem Collegium zu New Jersey zu werden. Bedenkt, daß ein Tutor in einem Collegium doch Etwas heißen will. Ich hoffte für mich auf eine solche Stelle, aber da ich den Sohn eines Gouverneurs als Candidaten gegen mich hatte, blieb mir keine Aussicht.« »Eines Gouverneurs Sohn Candidat um die Stelle eines Tutors bei einem Collegium! Es beliebt Euch, mit mir zu spaßen, Mr. Newcome!« »Es ist so wahr wie das Evangelium. Ihr meint, ein kleinerer Fisch habe mich ausgestochen, aber es war der Sohn des Gouverneurs. Aber warum gebt ihr dem Bauernhof Eures Vaters diesen gemeinen Namen? – Satanstoe ist nicht anständig, und doch, Corny, habe ich Euch vor Eurer eigenen Mutter diesen Namen aussprechen hören.« »Das könnt Ihr jeden Tag hören, und meine Mutter selbst gebraucht ihn auch vor ihrem eigenen Sohn. Was findet Ihr für Fehler an dem Namen Satanstoe?« »Fehler! – erstlich ist er irreligiös und profan; sodann ist er unnobel und gemein, und nur geeignet in schlechter Gesellschaft gebraucht zu werden. Ueberdieß ist er auch der Geschichte und der Offenbarung entgegen, da der Böse einen Huf hat, wenn Ihr wollt, aber keine Zehen. Ein solcher Name könnte sich nicht vierzehn Tage vor der öffentlichen Meinung in Neu-England behaupten.« »Ja, das mag ganz wahr seyn, aber wir kümmern uns hier in der Colonie New York nicht so viel um Seine Satanische Majestät, daß wir ihn mit so viel Respekt behandelten. Was dann die Hufe betrifft –« und hier führte die Verschiedenheit in der Art, wie wir dies Wort aussprachen, zu einer kleinen abschweifenden Erörterung über die Sprache von New York und Neu England, in deren Verlauf Jason sagte: »Ich kümmere mich Nichts um die Aussprache von York, von welcher Jedermann weiß, daß sie ganz holländisch und voll Entartungen ist. Ihr werdet in dieser Colonie niemals etwas der Rede Werthes leisten, Corny, als bis Ihr auf Eure Schulen mehr Aufmerksamkeit verwendet.« »Ich weiß nicht, was Ihr Aufmerksamkeit nennt, Mr. Jason, wenn wir sie nicht schon in vollem Maße bewiesen haben. Hier habe ich die Einleitung zu einem Gesetz gerade über diesen Gegenstand, die ich aus dem Statutenbuch abgeschrieben, um sie Euch zu zeigen, und die ich Euch jetzt vorlesen will, zum Beweise, wie die Sachen in der Colonie in Wahrheit stehen.« »Lest nur,« versetzte Jason, mit der Miene selbstgefälliger Verachtung. Und ich las folgende bündige und inhaltsreiche Worte: »Da die Jugend in dieser Colonie, nach vielfältigen Erfahrungen, bewiesen hat, daß sie in ihren natürlichen Anlagen der Jugend keines andern Landes auf der Welt nachsteht, deßwegen wird verfügt und verordnet Diese Anführung scheint ganz genau zu seyn, und es ist wohl von Interesse, den Gründen nachzugehen, warum dem Gesetz ein so eigenthümlicher Eingang voran geschickt ist. Sollte es nicht herrühren von den oft vorgebrachten, kecken Behauptungen der Europäer, daß der Mensch in dieser Hemisphäre ausarte? Jeder Amerikaner, welcher die Ansichten von Europa in der Nähe betrachtet und kennen gelernt bat, selbst noch in unsern Tagen, muß nicht selten belustigt worden seyn durch die Kundgebung von Ueberraschung und Zweifel, welche den Bewohnern der alten Welt so oft entschlüpft, wenn sie etwas entdecken, was von einem besondern, der neuen Welt entstammenden Talente zeugt. Ich zweifle kaum daran, daß dieser außergewöhnliche Eingang eine Art von indirekter Antwort seyn soll auf eine Anschuldigung, von der man in jener Zeit wußte, daß sie ebenso allgemein war, als man ihre Ungerechtigkeit fühlte. Meine eigene Erfahrung würde mich zu der Annahme führen, daß angeborenes Talent in Amerika häufiger vorkomme, als in den mittlern Ländern Europa's, und ganz ebenso häufig als selbst in Italien; und ich habe oft englische und französische Lehrer anerkennen hören, daß ihre Schüler aus Amerika und Westindien im Durchschnitt die willigsten und gescheutesten in ihren Schulen seien. Das große Uebel, unter welchem unser Land in dieser Hinsicht leidet, ist die Herrschaft der Zahl und Masse, welche immer die Mittelmäßigkeit und das unächte Talent zu hohen Stellen emporhebt. In Amerika haben wir einen höhern Durchschnitt des Talents, während wir weit weniger Talent von der höhern Gattung besitzen; und ich schreibe diesen letztern Umstand dem überwiegenden Einfluß solcher Leute zu, welche nie im Besitz der Mittel gewesen sind, die Trefflichkeit zu würdigen. Der Herausgeber. u. s. w.« »Da, Sir,« sagte ich im Triumph, »habt Ihr Capitel und Vers zum Zeugniß für den wahren Charakter der heranwachsenden Generation in der Colonie New York.« »Und wozu führt diese Einleitung?« fragte Jason, etwas betroffen darüber, daß er die Gleichheit unserer New Yorker Köpfe mit andern so klar und deutlich in einer legislativen Akte ausgesprochen fand. »Es ist die Einleitung zu einer Akte, welche die Freischulen von New York organisirt, in welchen die gelehrten Sprachen jetzt schon seit zwanzig Jahren gelehrt werden; und Ihr werdet Euch gefälligst erinnern, daß vor nicht langer Zeit ein Gesetz erlassen worden ist, welches in der Hauptstadt ein Collegium organisirt.« »Nun, es kommen manchmal seltsame Gesetze in das Statutenbuch, und man muß sie dann eben nehmen, wie man sie findet. Ich glaube gewiß, Connektikut hätte wohl auch ein Wort zu sagen über denselben Gegenstand, wenn man ihm Gelegenheit gäbe. Habt Ihr die wundervollen Neuigkeiten aus Philadelphia gehört, Corny, welche vor Kurzem eingelaufen sind?« »Ich habe neuerlich Nichts gehört; denn Ihr wißt ja, ich bin drüben gewesen in Rockland, mit Dirck Follock, während der letzten vierzehn Tage, und Neuigkeiten kommen nie in jene Familie, ja nicht einmal in jene Grafschaft.« »Nein, das ist ganz wahr,« antwortete Jason trocken. »Neuigkeiten und ein Holländer haben keine Verwandtschaft, oder Anziehungskraft, wie wir in der Philosophie sagen würden; obwohl auf einer Seite Gravitation genug ist, he, Junge?« Hier lachte Jason überlaut, denn er hatte immer eine große Freude, so oft er den Kindern Hollands einen Seitenhieb versetzen konnte, welche er als eine Raçe zu betrachten schien, die den Platz zwischen der menschlichen Gattung und der höchsten Classe der vernunftlosen Thiere einnehme. Aber es ist unnöthig, länger bei diesem Gespräch zu verweilen, da meine Absicht nur war, im Allgemeinen die Gesinnung und Denkweise Jasons zu zeigen, um besser verstanden zu werden, wenn ich dazu komme, seine Ansichten in Verbindung zu setzen mit seinen Handlungen. Dirck und ich waren nach meiner Rückkehr vom Collegium viel zusammen. Ich brachte ganze Wochen bei ihm zu, und er erwiederte meine Besuche mit der größten Bereitwilligkeit und Freiheit. Wir Beide waren jetzt vollkommen erwachsen, und es hätte das Herz Friedrichs von Preußen erfreuen müssen, meinen jungen Freund zu sehen, nachdem er sein neunzehntes Jahr vollendet hatte. Seiner Größe nach maß er genau sechs Fuß drei Zoll und er versprach vollkommen eine damit im Verhältniß stehende Breite und Stärke zu erreichen. Dirck war keiner von den zierlich gerundeten Apollo-mäßig gewachsenen Burschen, sondern er hatte Schultern, die seine kleine, kurze, solide aber etwas trüb aussehende Mutter, die von der ächten Raçe war, kaum umspannen konnte, wenn sie seinen Kopf zu sich niederzog, um ihm einen Kuß zu geben, was sie, wie Dirck selbst mir sagte, jedes Jahr regelmäßig zwei Mal that, an Weihnachten nämlich und zu Neujahr. Seine Gesichtsfarbe war hell, seine Glieder groß und wohl proportionirt, seine Haare blond, seine Augen blau, und die meisten Leute würden sein Gesicht für hübsch erklärt haben. Ich will jedoch nicht läugnen, daß mein Freund eine gewisse Schwerfälligkeit von Körper und Geist an sich hatte, welche sich mit den gewöhnlichen Begriffen von Anmuth und Lebendigkeit nicht vertrug. Dennoch war Dirck ein gediegener Bursch, so treu wie Stahl, so muthig wie ein Kampfhahn und so ehrlich wie das Mittagslicht. Jason war in vielen wesentlichen Punkten eine ganz andre Art Mensch. Von Wuchs war auch er groß, aber er war eckig und seine Gliedmaßen hingen locker zusammen und waren schlenkerig oder schlotterig. Doch war er nicht ohne Leibesstärke, da er bis beinahe in sein zwanzigstes Jahr auf einem Bauernhofe gearbeitet hatte, und er war so beweglich wie eine Katze, was den, der ihn nicht kannte, einigermaßen überraschte, wenn man nur seinen schlottrigen Körperbau ins Auge faßte. Was das Denken betrifft, so machte Jason hierin wohl zwei Schritte, bis Dirck einen machte, aber ich bin ganz und gar nicht überzeugt, ob immer auch so richtig und sicher. Ließ man dem Holländer Zeit, so war er ganz der Mann dazu, am Ende das Rechte zu finden, während Jason, wie ich bald entdeckte, sehr dem ausgesetzt war, auf falsche Ergebnisse und Schlüsse zu kommen, und dieß ganz besonders in allen Dingen, welche ihm ein wenig gegen den Mann gingen und welche seine eigenen offenbaren Interessen berührten. Dirck war überdieß einer der gutmüthigsten Menschen, welche es auf der Welt gab, und es war beinahe unmöglich, ihn zum Zorn zu reizen; wenn es jedoch dazu kam, so konnte kaum ein Erdbeben fürchterlicher seyn. Ich habe ihn in Wuth gesehen, und ich wollte eben so gerne einem wilden Eber auf offnem Feld begegnen, als mich ihm in einem solchen Ausbruch gegenüber stellen. Die Bescheidenheit erlaubt mir nicht wohl, Viel von mir selbst zu sagen. Ich war gut gewachsen, thätig, rüstig und stark für meine Jahre, und, so bin ich geneigt zu glauben, sah erträglich gut aus, obgleich mir lieber wäre, wenn dieß von irgend einem Andern und nicht von mir selbst gesagt und bezeugt würde. Dirck und ich versuchten oft als Knaben unsre Mannhaftigkeit gegen einander, und ich war der Stärkere, bis mein Freund sein achtzehntes Jahr erreichte, wo das schwere Metall des jungen holländischen Riesen bei unsern Kämpfen sich geltend machte. Nach dieser Periode fand ich Dirck zu stark für mich im Ringkampf von Mann gegen Mann, obgleich meine außerordentliche Behendigkeit die Ungleichheit weniger augenfällig machte, als sie sonst wohl gewesen wäre. Ich hätte den Ausdruck außerordentlich in keiner Beziehung von mir selbst gebrauchen sollen, aber das Wort entschlüpfte mir unbewußt, und ich will es stehen lassen. Eines jedoch will ich doch noch bemerken, mag der Leser davon denken, was er will: ich war gutmüthig und wohlwollend gegen meine Mitgeschöpfe, und hatte keine größere Liebe zum Geld, als nöthig war, um mich zu einem in solchen Dingen vernünftigen Menschen zu machen. Dieß ist der Umriß des Charakters und des äußern Wesens von dreien der Hauptpersonen bei den nun zu erzählenden Scenen, welche einiges Interesse für Solche haben werden, die gerne die Erzählung von Begebenheiten und Abenteuern in einem neuen Lande lesen, wie wenig sie auch die Theilnahme Anderer in Anspruch nehmen mögen, wenn ich von dem Zustand und den Begebnissen des civilisirteren Zustands der Gesellschaft spreche, dessen man selbst schon in meiner Jugend in solchen alten Grafschaften, wie West Chester, und in solchen Städten wie York, sich erfreute. Viertes Kapitel. Lasset uns denn rüstig handeln,     Stark das Herz, frei jeder Schuld, Unsre Bahn uns mannhaft wandeln,     Lernet Arbeit und Geduld. Longfellow. Im Frühling des Jahres, wo ich zwanzig alt wurde, machten Dirck und ich unsern ersten Besuch in der Stadt in der Eigenschaft von jungen Männern. Obgleich Satanstoe nicht über fünfundzwanzig Meilen von New York entfernt war, auf dem Wege über Kings-Bridge, die Straße, welche wir immer einschlugen, um die Fähre zu vermeiden, war es doch damals keineswegs so gewöhnlich, die Hauptstadt zu besuchen, wie es jetzt geworden ist. Ich weiß Gentlemen in unsrer Nachbarschaft, die jetzt wohl alle vierzehn Tage hin und zurück reisen, oder wohl gar alle acht Tage; aber vor dreißig Jahren war das Etwas, was man selten that. Meine liebe Mutter reiste immer zweimal jährlich hin, im Frühjahr, um die Osterwoche dort zuzubringen, und im Herbst, um ihre Wintereinkäufe zu machen. Mein Vater reiste gewöhnlich viermal hin im Verlauf von zwölf Monaten; aber er stand im Rufe eines Herumrutschers, und viele Leute meinten, er gehe so oft von Hause weg, als er kaum sollte. Mein Großvater ging, da bei ihm das Alter heranrückte, selten mehr von Hause weg, wenn nicht etwa, um verabredete Besuche bei gewissen alten Kriegskameraden zu machen, welche in mäßigen Entfernungen wohnten, und bei welchen er unwandelbar jeden Sommer einige Wochen zubrachte. Der von mir erwähnte Besuch fiel einige Zeit nach Ostern, einer Zeit des Jahres, welche viele von unsern Landfamilien in der Stadt zuzubringen pflegten, um den Vortheil zuhaben, täglich dem Gottesdienst in der alten Trinity-Kirche anwohnen zu können, wie die Hebräer sich nach Jerusalem begaben, um das Passahfest zu feiern. Meine Mutter reiste in diesem Jahre nicht hin, wegen meines Vaters Podagra, und ich ward, um ihren Platz auszufüllen, zu meiner Tante Legge geschickt, welche so lange schon gewohnt war, um diese Zeit Eines von der Familie bei sich zu sehen, daß ich dießmal substituirt wurde. Dirck hatte selbst auch Verwandte, bei welchen er sich aufhielt, und so war Alles glatt und eben gemacht. Um nach Bequemlichkeit aufbrechen zu können, kam mein Freund in der Woche zuvor über den Hudson herüber, und nachdem er in Satanstoe drei Tage sich verschnaubt hatte, verließen wir den Landhals, um nach der Hauptstadt zu reisen, auf einem Paar so guter Rosse, als in der Grafschaft zu finden waren, und das will viel heißen; denn die Morrises und de Lancey's und die Van Cortlandts hielten Alle Rennpferde und gaben uns manchmal im Herbste eine treffliche Kurzweil mit Jagen und Rennen. West Chester, und damit ist nicht Mehr gesagt als billig, war eine Grafschaft mit einer aufgeweckten Gentry, deren keine Colonie sich hätte zu schämen gebraucht. Meine Mutter hatte ein höchst zärtliches Herz und war voll ängstlicher Besorgniß um ihr einziges Kind. Sie wußte, daß das Reisen immer mit mehr oder weniger Gefahr verknüpft ist, und wünschte deßhalb, daß wir uns bei Zeiten aufmachen sollten, um gewiß zu seyn, daß wir die Stadt vor Anbruch der Nacht erreichen würden. Landstraßenräuber waren, Gott sey gepriesen! und sind noch jetzt etwas in den Colonieen Unbekanntes; aber es gab andere Gefahren, welche meiner trefflichen Mutter große Sorgen machten. Nicht alle Brücken galten als zuverlässig; die Straßen waren, wie noch jetzt, nicht in gerader Linie gezogen und es war sehr leicht sich zu verirren; und man sagte, es seien Fälle vorgekommen, daß Leute die Nacht auf Harlem-Common zugebracht, einer unbewohnten Oede, welche etwa sieben oder acht Meilen von der Stadt, gegen uns zu, entfernt liegt. Meiner Mutter erste Sorge war daher, daß Dirck und ich früh am Morgen aufbrächen; deßhalb stand sie bei Licht schon auf, gab uns unverweilt unser Frühstück, und setzte uns so in Stand, Satanstoe zu verlassen, gerade als die Sonne den östlichen Himmel mit ihren Flammenfarben entzündet hatte. Dirck war an diesem Morgen in allerbester Laune, und, die Wahrheit zu gestehen, Corny empfand Nichts von jener Niedergeschlagenheit, welche, nach den Gesetzen der Schicklichkeit, vielleicht den ersten wahrhaft freien Ausflug eines so jungen Abenteurers aus dem Schatten des väterlichen Daches hätte begleiten sollen. Wir zogen unseres Weges dahin, lachend und plaudernd wie zwei Mädchen, die so eben der Pension entflogen sind. Ich hatte Dirck nie mittheilsamer gesehen, und ich gewann ganz neue Blicke in seine Gefühle, Gesinnungen, Hoffnungen und Aussichten, wie wir an jenem Morgen die Heerstraße der Colonie entlang ritten, welche nachmals für uns Beide Gegenstände von sehr großem Interesse werden sollten. Wir waren noch nicht eine Meile von den Kaminen von Satanstoe entfernt, als mein Freund sich also vernehmen ließ: »Ich vermuthe, Ihr habt gehört, Corny womit die beiden alten Gentlemen die letzte Zeit beschäftigt gewesen sind?« »Euer und mein Vater? – Ich habe nicht eine Sylbe Neues gehört.« »Sie haben von dem Gouverneur und dem Rath ein gemeinsames Patent ausgewirkt für den Strich Land, den sie von den Mohawks gekauft, als sie das letzte Mal mit einander bei der Colonie-Miliz Dienste thaten.« Ich muß hier erwähnen, daß, obgleich meine Väter nur wenige Feldzüge im regulären Heere gemacht hatten, doch Jeder mehrere in der bescheidenen Eigenschaft eines Milizoffiziers mitgemacht hatte. »Das ist mir etwas Neues, Dirck,« antwortete ich. »Warum mögen wohl die alten Gentlemen so heimlich in der Sache zu Werke gegangen seyn?« »Das kann ich Euch nicht sagen, wenn es nicht das war, daß sie dachten: Schweigen sey das Beste, um die Yankees fern zu halten. Ihr wißt, mein Vater hat eine große Scheue davor, daß ein Yankee bei irgend einem Handel von ihm die Hand ins Spiel bringe. Er sagt, die Yankees seyen die Heuschrecken des Westens.« »Aber wie erfuhret denn Ihr Etwas von der Sache, Dirck?« »Ich bin kein Yankee, Corny.« »Und Euer Vater hat es Euch anvertraut, auf den Grund dieser Empfehlung hin?« »Er sagte es mir, wie er mir die meisten Dinge sagt, von welchen er für gut hält, daß ich sie wisse. Wir rauchen zusammen und dann schwatzen wir mit einander.« »Ich würde das Rauchen auch lernen, wenn ich glauben könnte, dadurch auch zum Besitz so nützlicher Kenntnisse und Mittheilungen zu gelangen.« »Es läßt sich Viel lernen bei der Pfeife!« sagte Dirck, und hier nahm er einen leisen holländischen Accent an, wie es bei ihm manchmal der Fall war, wenn sein Geist eine geheime Richtung gegen Holland annahm, obwohl er für gewöhnlich ein so gutes Englisch sprach wie ich, und ein unendlich besseres, als das Wunder von Geschmack, Gelehrsamkeit und Tugend, Mr. Jason Newcome, A. B. (Artium Baccalaureus) von Yale, und muthmaßlicher Vorsteher dieses oder irgend eines andern Institutes. »So scheint es wirklich, wenn Euer Vater Euch in den Stunden, wo Ihr mit einander raucht, Geheimnisse mittheilt. Aber wo ist dieß Land, Dirck?« »Es ist im Mohawk-Lande, oder vielmehr es liegt in der Gegend nahe bei den Hampshire-Grants, und nicht weit entfernt vom Mohawk-Lande.« »Und wie viel mag es seyn?« »Vierzigtausend Acres; und zum Theil gute fruchtbare Ebenen, heißt es; so wie sie ein Holländer liebt.« »Und Euer und mein Vater haben all dieß Land gemeinschaftlich gekauft, sagt Ihr, zu gleichen Theilen, halbpart, wie man zu sagen pflegt?« »So ist es.« »Ei, und sagt mir doch auch, wie viel sie für einen so großen Strich Land bezahlen!« Dirck nahm sich Zeit, diese Frage zu beantworten. Zuerst zog er aus seinem Busen ein Taschenbuch, welches er öffnete, so gut er es bei der Bewegung des Reitens konnte, denn Keiner von uns mäßigte den raschen Schritt seines Pferdes, da es unerläßlich war, vor Nacht die Stadt zu erreichen. Endlich gelang es meinem Freunde, des Papiers das er suchte, habhaft zu werden, worauf er es mir reichte. »Da,« sagte er, »dieß ist das Verzeichniß der Artikel, welche den Indianern bezahlt worden sind, die ich mir abgeschrieben habe, und dann sind dem Gouverneur und seinen Beamten einige hundert Pfund Sporteln und Gebühren bezahlt worden.« Ich las das Verzeichniß wie folgt, und die Worte kamen nur stoßweise hervor, so wie das Traben meines Pferdes mir das Lesen gestattete: »Fünfzig Decken, jede mit gelben Schnüren und gelbem Besatz; zehn eiserne Töpfe, jeder vier Gallonen haltend; vierzig Pfund Schießpulver; sieben Musketen; zwölf Pfund kleine Perlen; zehn Schnüre Wampuim; fünfzig Gallonen Rum, reiner Jamaika von bester Sorte; zwanzig Maultrommeln, und drei Dutzend Tomahawks von bester englischer Arbeit.« »Nun, Dirck!« rief ich, so bald ich mit dem Lesen fertig war, »das ist nicht Viel für vierzigtausend Acres Land in der Colonie New-York. Ich glaube fast, um hundert Pfund Courant (250 Dollars) kann man das Alles kaufen, selbst den Rum und die Tomahawks von bester englischer Arbeit.« »Neunundsechszig Pfund, dreizehn Schilling, sieben Pence, drei Heller war die Totalsumme der ganzen Berechnung,« antwortete Dirck bedächtlich, indem er sich anschickte, seine Pfeife anzuzünden; denn er konnte ganz behaglich rauchen, so lange er nicht rascher trabte als um sechs Meilen in einer Stunde zurück zu legen. »Ich finde das nicht Viel für vierzig tausend Acres; ich vermuthe, die Musketen, der Rum und andre Dinge wurden ausdrücklich für den Handel mit den Indianern gefertigt.« »Gar nicht, Corny; Ihr wißt wie es mit den alten Gentlemen ist – so ehrlich wie der Tag.« »Desto besser für sie, und desto besser für uns! Aber was soll mit dem Land geschehen, nachdem sie es nun einmal haben?« Dirck antwortete nicht, bis wir etwa zwanzig Ruthen weiter geritten waren; denn während dieser Zeit hatte er mit seiner Pfeife zu schaffen, und von dem Augenblick an, wo der Rauch sichtbar wurde, hielt er sein Auge darauf geheftet bis er eine helle Gluth vor seiner Nase sah. »Das Erste, Corny, wird seyn, daß man es findet. Wenn ein Patent unterzeichnet und förmlich ausgestellt und übergeben ist, dann müßt Ihr eine geeignete Person abschicken, um das Land ausfindig zu machen, über welches darin verfügt ist. Ich habe von einem Gentleman gehört, welchem vor fünf Jahren zehntausend Acres bewilligt wurden; und obgleich er seither jeden Sommer Jagd darauf macht, hat er das Stück Land doch noch nicht finden können. Zehntausend Acres sind freilich ein kleiner Fleck Land, wenn man ihn in den Wäldern suchen soll.« »Und unsre Väter beabsichtigen dieß Land zu suchen, so bald die gute Jahreszeit eintritt?« »Nicht so schnell, Corny, nicht so schnell! das war der Plan von Euers Vaters welschem Blut, aber der meinige geht mit mehr Bedachtsamkeit zu Werke. Laßt uns warten bis zum nächsten Jahr, sagte er, und dann können wir die Knaben hinschicken. Bis dahin wird auch der Krieg eine Art Gestalt annehmen, und wir werden besser wissen, wie wir für die Kinder sorgen sollen. Der Gegenstand ist reiflich besprochen worden zwischen den beiden Patentirten, und wir sollen im nächsten Frühjahr bei guter Zeit hingehen, aber dieß Jahr noch nicht.« Die Idee, Jagd auf ein Stück Land zu machen, war mir ganz und gar nicht zuwider; auch war es mir kein unangenehmer Gedanke, daß ich Anwartschaft haben sollte, als Erbe, auf zwanzigtausend Acres Land, neben den Besitzungen von Satanstoe. Dirck und ich besprachen im Weiterreiten die Sache, bis wir Beide anfingen zu bedauern, daß die Expedition noch in so weiter Ferne liege. Der Krieg, dessen Dirck erwähnte, war wenige Monate vor unserem Besuch in der Stadt ausgebrochen; ein Mr. Washington von Virginien, – derselbe welcher seither so berühmt geworden ist als Oberst Washington durch den Sieg über Braddock und andere Ereignisse im Süden, war mit einer Abtheilung seiner Leute gefangen worden in einem kleinen Fort, welches in der Nachbarschaft der Franzosen, an den den Ohio verstärkenden Flüssen errichtet worden war: und dieser Fluß ergießt sich bekanntlich in den Mississippi, in sehr großer Entfernung westlich. Ich wußte damals, wie auch jetzt noch, sehr wenig von diesen entfernten Gegenden, außer daß es solche Orte gibt, und daß sie manchmal von Detachements, Streifparteien, Jägern und andern Abenteurern von den Colonien heimgesucht werden. Mir scheint es kaum der Mühe werth, um solche entfernte und wüste Gebiete zu kämpfen; denn Jahrhunderte müssen ja verstreichen, ehe sie irgend für die Zwecke der Civilisation brauchbar sind. Dirck und ich, wir Beide bedauerten, daß der Sommer wahrscheinlich verstreichen werde, ohne daß wir den Feind zu sehen bekommen würden; denn wir gehörten Familien an, welche gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten verwendet wurden. Wir dachten, unsre beiden Väter dürften ausziehen; obgleich auch das noch ein Punkt war, der noch unentschieden blieb. Wir aßen zu Mittag und rasteten zu Kingsbridge, und hatten im Sinne in der Hauptstadt zu Nacht zu essen. Während das Essen gekocht wurde, machten Dirck und ich einen Spaziergang auf die Höhen, welche die Aussicht auf den Hudson haben; denn ich kannte diesen herrlichen Fluß weniger, als ich ihn zu kennen wünschte. Wir unterhielten uns unterwegs mit Gesprächen; und mein Gefährte, welcher den Fluß weit besser kannte als ich, da er häufig Gelegenheit gehabt, ihn auf- und abwärts zu passiren, zwischen dem Dorf Haverstraw und der Hauptstadt, auf seinen häufigen Besuchen bei seinen Verwandten weiter unten, gab mir manche nützliche Aufschlüsse. »Schaut hier, Corny,« sagte Dirck, nachdem er sich offenbar viele Mühe gegeben, um eines Gegenstandes in der Ferne, den Fluß hinab, ansichtig zu werden, »schaut hier hinaus, Corny.' seht Ihr das Haus dort, in der kleinen Bucht unter uns mit dem Rasen, der sich bis ans Wasser erstreckt, und den herrlichen Obstgarten dahinter?« Ich sah, auf was Dirck hindeutete. Es war ein nahe am Fluß stehendes, aber geschirmtes und abgeschlossenes Haus, mit dem genannten Rasenplatz und Obstgarten, obwohl in einer Entfernung von zwei oder drei Meilen nicht alle Schönheiten des Platzes erblickt werden konnten, und ich viele derselben meinem von Bewunderung derselben erfüllten Begleiter aufs Wort glauben mußte. Doch sah ich ziemlich deutlich die genannten Hauptgegenstände, und unter andern das Haus, den Obstgarten und den Rasenplatz. Das Gebäude war von Stein – wie überhaupt die meisten besseren Häuser in der Gegend, – lang, unregelmäßig, und hatte jenes Aussehen solider Behaglichkeit, welches man gewöhnlich an solchen Gebäuden findet. Die Mauern waren nicht geweißt, gemäß dem lebhaften Geschmack unserer holländischen Mit-Colonisten, welche alle ihre Lebhaftigkeit in der Pfeife und in der Bürste zu erschöpfen scheinen, sondern sie hatten ihre natürliche, graue Farbe; ein Umstand, welcher die Gestalt und die Dimensionen des Gebäudes auf den ersten Blick etwas weniger deutlich hervortreten ließ, als wohl sonst der Fall gewesen wäre. Wie ich jedoch eine Weile hinschaute, wollte es mich nachgerade reizend bedünken, das Bild auf diese Weise etwas gedämpft zu finden, und ich hatte mein Vergnügen daran, durch einige Anstrengung des Sehorgans die verschiedenen Winkel, Mauern, Dächer und Kamine aus dem Hintergrund hervorzuziehen. Im Ganzen kam mir vor, die kleine abgeschlossene Bucht, die bewaldeten und felsigen Küsten, der kleine aber gut angelegte Rasenplatz, der Obstgarten und all die übrigen Bestandtheile bildeten mit einander eines der hübschesten Besitzthümer der Art, die ich je gesehen. Da ich so dachte, säumte ich auch nicht, meinem Gefährten meine Gedanken mitzutheilen. Ich galt dafür, einigen Geschmack in solchen Dingen zu besitzen, und war von ein paar Nachbarn in der Grafschaft zu Rathe gezogen worden bei der Anlage von Grundstücken. »Wessen Haus ist dieß, Dirck?« erkundigte ich mich; »und wie kommet Ihr dazu, Etwas davon zu wissen?« »Das ist Lilaksbusch,« antwortete mein Freund, »und es gehört dem Vetter meiner Mutter, Herman Mordaunt.« Ich hatte schon von Herman, oder wie man den Namen aussprach Harman Mordaunt gehört. Er war ein Mann von nicht geringem Ansehen in der Colonie, da er der Sohn eines Major Mordaunt war, von der britischen Armee, welcher die Erbin eines reichen holländischen Kaufmanns geheirathet hatte, woher der Name Herman stammte, welcher mit dem Geld auf den Sohn übergegangen war. Die Holländer hatten eine solche Vorliebe für ihr Blut, und einen solchen Stolz darauf, daß sie nie verfehlten, diesem Mr. Mordaunt seinen Taufnamen zu geben; und so war er in der Colonie gemeinhin unter dem Namen Herman Mordaunt bekannt. Weiteres wußte ich Wenig von dem Gentleman, wenn nicht etwa das, daß er für reich galt und daß er der Annahme nach zu der besten Gesellschaft gehörte, obgleich er nicht eigentlich ein Mitglied der begüterten oder politischen Aristokratie der Colonie war. »Da Herman Mordaunt Eurer Mutter Vetter ist, Dirck,« versetzte ich, »so vermuthe ich, daß Ihr schon in Lilaksbusch gewesen seyd, und Euch vergewissert habt, ob das Innere des Hauses eben so angenehm und stattlich ist wie das Aeußere.« »Oft, Corny; so lange Madame Mordaunt lebte, pflegte meine Mutter und ich jeden Sommer hin zu gehen. Jetzt ist die arme Dame todt, aber ich gehe doch noch hin.« »Warum rittet Ihr nicht bis nach Lilaksbusch, und requirirtet ein Mittagessen bei Euren Verwandten? Ich sollte meinen, Herman Mordaunt könnte es empfindlich nehmen, wenn er erfährt, daß ein Bekannter, oder ein Verwandter in einem Gasthause nur ein paar Meilen von seinem Hause entfernt, eingekehrt sey. Ich glaube fast, er kennt den Major und den Capitän Littlepage, und ich versichere, ich finde es notwendig, ihm ein Billet mit einer Entschuldigung zu schicken, daß wir nicht bei ihm einsprachen. Dergleichen, Dirck, sollte nicht vorkommen unter Personen von einem gewissen Schlag, von welchen man voraussetzen darf, sie wissen, was sich schickt.« »Das wäre Alles ganz recht, Corny, wäre Herman Mordaunt oder seine Tochter in Lilaksbusch; aber sie wohnen im Winter in Crown-Street in der Hauptstadt und kommen nie früher heraus als nach den Pinkster-Feiertagen, mögen diese nun einfallen, wann sie wollen.« »Oh! ist er ein so vornehmer Mann, wirklich? – hat ein Haus in der Stadt und auf dem Lande? Aber am Ende weiß ich doch nicht, ob es anginge, bei einem Manne von seiner Stellung in der Welt sich die Freiheit zu nehmen, nur so ohne Weiteres, ohne vorhergegangene Benachrichtigung, zum Mittagessen zu kommen?« »Unsinn, Corny! Wer nimmt Anstand vor irgend eines Gentleman's Thüre Halt zu machen, wenn man auf der Reise ist? Herman Mordaunt würde uns aufs herzlichste willkommen geheißen haben, und ich wäre nach Lilaksbusch geritten, wüßte ich nicht gewiß, daß die Familie zu dieser Jahrszeit in der Stadt sich aufhält. Ostern ist dieß Jahr frühe gefallen, und morgen ist der erste Tag der Pinkster-Feiertage. So bald sie vorüber sind, werden Herman Mordaunt und Anneke herauskommen, um sich ihres Lilaks und ihrer Rosen zu erfreuen.« »Ah, ah! ist also auch eine Anneke da, neben dem alten Gentleman? Bitte, wie alt mag Miß Anneke seyn, Master Dirck?« Wie ich diese Frage that, wandte ich mich um, meinem Freund ins Gesicht zu sehen, und ich sah, daß sein ganzes schönes, glattes, helles, holländisches Antlitz von einer rothen Glut bedeckt war, welche sich gewöhnlich von seinen derbröthlichen Wangen nicht so weit erstreckte. Dirck war jedoch zu sehr ein Mann, um sich abzuwenden, oder sich zu bemühen, solche verräterische Röthen zu verhehlen; sondern er versetzte standhaft: »Meine Base, Anneke Mordaunt, hat gerade ihr siebzehntes Jahr angetreten; und ich will Euch etwas sagen. Corny« – »Wohl – ich höre mit beiden Ohren um Euer Etwas zu vernehmen. – Heraus damit, Freund! meine beiden Ohren sind offen.« »Nun, Anneke ist eines der allerhübschesten Mädchen in der Colonie! – Und was noch mehr ist, sie ist so hold und gut als sie hübsch ist!« und wie Dirck dieß mit Lebhaftigkeit sagte, verfiel er in den holländischen Accent. Ich war ganz erstaunt über die Energie und das Gefühl, womit er dieß sagte, Dirck war ein so realistischer Camerad, daß ich nie geträumt hätte, er könnte der Leidenschaft der Liebe zugänglich seyn; auch hatte ich mir nie die Mühe genommen, die Natur unserer Freundschaft genauer zu zergliedern. Wir hatten fürs Erste einander gern vermuthlich aus Gewohnheit: sodann hatten wir so wesentlich verschiedene Charaktere, daß unsre Anhänglichkeit an einander verstärkt wurde durch jene Art von Reiz und Aufregung, welche das Kind des Gegensatzes und Widerspruches ist. Als wir älter wurden, erwarben Dirck's gute Eigenschaften ihm nachgerade meine Achtung, und die Vernunft hatte nun mehr Antheil an meiner Neigung für ihn. Ich war ganz überzeugt, daß mein Gespiele ein warmer Freund seyn könne und werde; aber die Möglichkeit, daß er je ein Liebhaber werden könnte, war mir nie in den Sinn gekommen. Auch jetzt war der Eindruck, welchen das oben Erzählte auf mich machte, nicht sehr tief noch bleibend, obgleich ich mich wohl noch der Verwunderung und des Staunens erinnere, womit ich seine flammende Wange, sein belebtes Auge und sein begeistertes Wesen betrachtete. In diesem Augenblick besaß Dirck in der That ein belebtes und Achtung gebietendes, einnehmendes Wesen und Benehmen. »Nun, Anneke ist eines der allerhübschesten Mädchen in der Colonie!« hatte mein Freund ausgerufen. »Und Eure Base?« »Meine Base im zweiten Grade. Ihrer Mutter Vater und meiner Mutter Mutter waren Bruder und Schwester.« »In diesem Falle hoffe ich die Ehre zu haben, binnen Kurzem der Miß Anneke Mordaunt vorgestellt zu werden, welche gerade ihr siebzehntes Jahr angetreten hat, eines der hübschesten Mädchen in der Colonie, und eben so gut als hübsch ist« »Ich wünschte, Ihr sähet sie, Corny, und das ehe wir wieder heim kommen,« versetzte Dirck, und alle seine Philosophie oder sein Phlegma – welche Bezeichnung immer die Philosophie andrer Leute passender finden mag – kehrte ihm zurück. »Kommt, laßt uns in das Gasthaus zurückkehren; unser Mittagessen wird sonst kalt werden.« Ich sann, während wir nach dem Gasthause zurückwanderten, über meines Freundes ungewohntes Wesen und Benehmen nach; aber dieß war bald vergessen über der Genugthuung, ein gutes tüchtiges Mahl zu verzehren, bestehend in geröstetem Schinken mit heißen Kartoffeln, gesottenen Eiern, Beefsteak aufs Feinste zurecht gemacht, nebst den Zuthaten von gepöckeltem Fleisch, kalter Küche, Apfelpastetchen und Cider. Dieß ist ein gewöhnliches New-Yorker Gasthausmittagessen für Reisende; und ich muß sagen, ich habe mich damit ganz befreundet. Oft habe ich es mir behagen lassen nach einem tüchtigen Morgenritt; ja und besser hat mir ein solches Mahl geschmeckt als Gastereien, bei welchen welsche Hahnen, Austern, Schinken, Hachee's und andere Schüsseln figurirten, welche in viel höherem Ansehen stehen. Selbst Schildkrötensuppe, wegen welcher wir in New-York doch einigermaßen berühmt sind, hat mir nicht in dem Maße geschmeckt. Dirck, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aß herzhaft; denn es hielt schwer, ihm den guten Appetit zu benehmen. Wie gewöhnlich trug ich die Kosten des Gesprächs, und es wurde dieses geführt mit unsrer Wirthin, die, sobald sie vernahm, daß ich der Sohn ihres vielgeschätzten und treuen Gastes, Major Littlepage, sey, sich einfand, um den Nachtisch und den Käse zu präsentiren und mir die Ehre erwies, ein Gespräch mit mir zu beginnen. Ihr Name war Light (Licht) und allerdings warf sie ein Licht auf Alles, was sie besprach; das heißt: ein Gastwirthslicht, welches einigermaßen theilnimmt an der Finsterniß, die so gerne einen nicht geringen Theil des Geistes ihrer vielen Gäste und Kunden beschattet. »Bitte, Mrs. Light,« fragte ich, als eine günstige Pause eintrat, was nicht eher geschah, als bis die gute Frau ihren Athem zu Ehren der Familie Littlepage erschöpft hatte, – »wißt Ihr wohl zufällig Etwas von einer Familie hier herum mit Namen Mordaunt?« »Ob ich zufällig Etwas von ihr weiß, Sir? – Ha, Mr. Littlepage, beinahe eben so gut hättet Ihr mich fragen können, ob ich je schon von einer Familie Van Cortlandt, oder Philipse, oder Morris, oder irgend sonst einer von der Gentry hier herum gehört habe. Mr. Mordaunt hat ein Landgut, und dazu ein sehr hübsches, nur zwei und eine halbe Meile weit von uns, und er und Madame Mordaunt kamen nie an unsrer Thüre vorbei, wenn sie auf das Land gingen, um Madame Van Cortlandt zu besuchen, ohne anzuhalten, um ein Wort mit mir zu sprechen und einen Shilling zu verzehren. Die arme Lady ist todt; aber es lebt ein junges Ebenbild ihrer Tugenden, das nach ihr kommt, welches gewiß einiges Unheil in der Colonie anrichten wird. Sie ist die Bescheidenheit selbst, Sir, so glaubte ich denn, ich würde ihr nichts Leides thun, wenn ich ihr sagte, als sie das letztemal hier war: man sollte sie einsperren wegen der Diebstähle, die sie wahrscheinlich noch begehen werde, wo nicht wegen derjenigen, die sie schon begangen. Sie erröthete, Sir, und sah wahrlich auf und nieder aus wie die Schaale des zartesten gesottenen Krebses, der Euch je vor Augen gekommen. Sie ist wahrlich eine entzückende junge Lady.« »Herzensdiebstähle meint Ihr natürlich, meine gute Mrs. Light?« »Nichts Anderes, Sir; junge Ladies sind gar geneigt, Herzen zu stehlen, wißt Ihr. Mein Wort darauf, Miß Anneke wird eine große Räuberin werden; auf ihre eigene Art, wißt Ihr, Sir.« »Und bitte, mit Wessen Herzen wird sie denn vermuthlich davon laufen? Es würde mich freuen, die Namen einiger ihrer Opfer zu hören.« »Guter Himmel, Sir! sie ist noch zu jung, als daß sie schon Viel könnte gethan haben, aber wartet nur zwölf Monate, dann will ich Eure Frage beantworten.« Ich bemerkte während der ganzen Zeit wohl, daß Dirck sich etwas unbehaglich fühlte, und es belustigte mich, das Arbeiten seines Gesichts zu beobachten. Meine boshaften Absichten jedoch erlitten eine plötzliche Unterbrechung. Wie um weitere Gespräche und zugleich auch weiteres Ausspioniren abzuschneiden, stand mein junger Freund vom Tische auf und bestellte die Pferde und die Rechnung. Während unseres Rittes nach der Stadt war nicht mehr die Rede von Lilaksbusch, von Hermann Mordaunt und von seiner Tochter Anneke. Dirck war schweigsam, aber das war seine Gewohnheit so nach dem Mittagessen, und ich war hinlänglich in Athem erhalten durch die Aufgabe, die Straße zu finden, welche durch den Gemeindeanger führte, da wir in dieser Richtung zu reiten wünschten. Zwar hätten wir in die Stadt kommen können auf dem Wege über Bloomingdale, Greenwich, die Wiesen und Collekt, und so hinabwärts an dem Gemeindeanger vorbei nach dem Anfang von Broadway; aber meine Mutter hatte ausdrücklich gewünscht, daß wir durch Bowery-Lane kommen, an den Häusern, die sich in diesem Viertel befinden, vorbei passiren und so bald als möglich in die Queen-Street gelangen möchten. Wenn wir diesen Weg einschlügen, dachte sie. würden wir um so weniger leicht unsern Weg in der Stadt selbst verfehlen können, welche freilich voll enger und verwickelter Gassen und Gänge ist. Mein Oheim Legge war nach Duke-Street gezogen, in der Nähe von Hanover-Square; und ich wußte wohl, daß wir durch die Queen-Street gerade vor seine Thüre hin geführt werden würden. Queen-Street ist in der That die große Pulsader von New-York, durch welche sein meistes Blut cirkulirt. Es war gegen die Abenddämmerung, als wir dem Stalle zu trotteten, wo wir unsere Pferde stehen ließen, und nachdem wir einen Schwarzen bekommen, der unsere Mantelsäcke auf die Schultern nahm, begannen wir das Labyrinth der Hauptstadt zu Fuße zu durchwandern. New-York war ohne Frage schon im Jahr 1757 ein wegen seines Handels bewundernswerther Platz! Schiffe begannen sichtbar zu werden schon in einiger Entfernung östlich von Fly-Market, und es lagen sicherlich nicht weniger als zwanzig Schiffe, Briggs und Schoner in dem East-River, als wir die Queen-Street hinab wandelten. Natürlich schließe ich bei dieser Schätzung alle Schiffe ein, welche in der See gehen. Im gegenwärtigen Augenblick wäre natürlich eine doppelt so große Zahl zu sehen. Hier blieben Dirck und ich mehr als einmal unwillkührlich stehen, um das Schauspiel von Reichthum und Handel zu betrachten, das sich uns darbot, je tiefer wir in das Innere der Stadt gelangten. Meine Mutter hatte mich ganz besonders davor gewarnt, daß ich nicht auf diese Art meine ländliche Abkunft verrathen solle, und ich fühlte mich sehr beschämt, so oft ich zu dieser Schwäche mich wieder verleiten ließ; aber ich fand die Versuchung unwiderstehlich. Endlich trennten wir uns, ich und mein Freund, und Jeder begab sich nach dem Hause seiner Tante. Ehe wir jedoch von einander gingen, verabredeten wir, am folgenden Morgen auf den Feldern oben bei Broadway uns zu treffen, auf dem Gemeindeanger, der, wie wir gehört, der Schauplatz der Pinksterbelustigungen seyn sollte. In Duke-Street wurde mir ein herzlicher Empfang zu Theil, sowohl von Seiten meines Oheims als meiner Tante; der Erstere war ein gutherziger Mann, obwohl ein wenig zu geneigt in Ueberschwänglichkeiten zu verfallen, wo es sich von den Rechten des Pöbels handelte. Ich war vergnügt über den Willkomm der mir wurde und genoß ein vortrefflich warmes Nachtessen, zu welchem wir uns um halb neun zu Tische setzten, denn meine Tante hielt gar sehr auf die in der Stadt üblichen Stunden, sowohl des Mittag- als des Nachtessens, und ließ beide Mahlzeiten etwas später bereiten als meine Mutter, weil sie es für vornehmer und fashionabler hielt. Das Mittagessen ( dinner ) des letzten halben Jahrhunderts ist, in gewissem Sinne, nur ein Ersatz und anderer Name für die petits soupers der paar vorangegangenen Jahrhunderte. Es ist so ganz vernünftig und naturgemäß, daß gebildete Leute von verfeinerten Bedürfnissen und Geschmack sich zusammenfinden, um der Genüsse der Geselligkeit sich zu erfreuen, wenn die Geschäfte des Tages vorüber sind, daß das Souper nur demselben Mahl unter einem andern Namen Platz gemacht hat, und zu Stunden, welche von den früher üblichen wenig abweichen. Der Pariser dinirt um halb sieben Uhr und bleibt bis acht Uhr am Tische sitzen. Der Engländer, später in allen seinen Stunden und schwerfälliger in seinen Gewohnheiten, setzt sich zum Essen zu der Zeit wo der Franzose aufsteht, und verläßt den Tisch zwischen neun und zehn Uhr. Der Italiener bezahlt seinem Klima seinen Tribut und hat sein frühes Mittagessen und sein leichtes Abendbrod, die er beide gewöhnlich allein einnimmt, da die Sitten des Landes ihm zur geselligen Unterhaltung die Oper und die Conversazione anweisen. Aber was ist der Amerikaner? Ein Mischmasch aus denselben sinnlosen Widersprüchen in seinen geselligen Gewohnheiten, wie er es in seinen politischen Meinungen und Politischen Sitten und Bräuchen immer mehr zu werden droht; ein im Uebergang begriffenes Wesen, durch die Umstände auf der einen und von der Nachahmungssucht auf der andern Seite gedrängt, abgeneigt, beinahe unfähig selbst zu denken und zu handeln. Der einzige Amerikaner, der zur Zeit in solchen Dingen unabhängig ist, ist der noch nicht flügge, ungehobelte Provinziale, in der ganzen Frische seiner Dorfeinbildung und seiner Dorfgewohnheiten, der, bis er durch Verkehr mit der Welt belehrt und gesittig wird, sich einbildet, die Südwestecke des nordwestlichen Kirchspiels in der Stadt Hebron, in der Grafschaft Jericho, Staat Konnektikut, sey der einzige Punkt auf der ganzen Erdkugel, wo die Vollkommenheit zu Hause sey. Wenn es sich trifft, daß er eine Schule hält oder eine Zeitung herausgibt, so wird das Gemeinwesen, in einem geringeren Grade wenigstens, seiner seltenen Vorzüge und seiner unermeßlichen Erfahrung theilhaft! Der Herausgeber. Da ich nicht umhin konnte, zu bekennen, daß ich von dem langen Ritte etwas erschöpft war, zog ich mich sogleich nach dem Essen auf mein Zimmer zurück. Der nächste Tag war der erste von den Dreien, welche den Pinkstervergnügungen, den großen Saturnalien der Schwarzen in New-York, gewidmet sind. Obgleich dieß Fest immer mit mehr Lebhaftigkeit in Albany als in New-York gefeiert zu werden pflegt, wird es doch auch in letzterem durchaus nicht vernachläßigt. Ich hatte meiner Tante, ehe ich sie verließ, gesagt, ich würde nicht auf das Frühstück warten, sondern mit der Sonne aufstehen und Dirck aufsuchen, damit wir einen Gang an den Werften hin machen könnten, ehe es Zeit wäre uns auf den Platz zu begeben, wo die Kurzweil zu sehen war. Demgemäß verließ ich bei guter Zeit das Haus, obwohl eine Stunde später, als ich beabsichtigt hatte; denn ich hörte das Klirren von Tassen in dem kleinen Gesellschaftszimmer, – das Zeichen, daß man auf dem Tische die gewöhnlichen Vorbereitungen zum Frühstück machte. Da fiel mir nun ein, daß die Meisten von der Dienerschaft, wo nicht Alle, sieben an der Zahl, Erlaubnis erhalten würden, sich den Feiertag zu Nutze zu machen, und daß ich gut thun würde, alle meine Mahlzeiten draußen auf dem Feld einzunehmen. Ich eilte in das Zimmer zurück, setzte Juno, das Mädchen, welches ich die Geschäfte von Pompejus verrichten fand, von dieser meiner Absicht in Kenntniß und verließ mit einem Sprunge das Haus. Ich dachte, in einer so großen, mit Lebensmitteln so reich versehenen Stadt wie New-York, sey die Gefahr, Hungers zu sterben, nicht groß; und der Erfolg rechtfertigte vollkommen diese wohlbegründete Meinung. Gerade als ich Hanover-Square betrat, sah ich einen grauköpfigen Neger, welcher sich einen Penny verdienen wollte, ehe er an den Ergötzlichkeiten des Tages Antheil nahm, zwei Eimer tragend, mit holländischer Reinlichkeit und Sauberkeit gescheuert, welche er an einem Joch, über Hals und Schultern gelegt, hängen hatte. Er schrie: »Weißer Wein – Weißer Wein!« mit klarer und sonorer Stimme, und ich war in einem Nu bei ihm. »Weißer Wein« war, und ist noch, mein Lieblingstrunk Morgens; und ich kaufte einen köstlichen Trunk des reinsten und besten Communivaw-Gewächses, wozu ich einen Kuchen verspeiste. So erquickt begab ich mich in das Square, dessen Schönheit mir aufgefallen war, als ich es am Abend zuvor durchwandert hatte. Zu meiner Ueberraschung – Wen mußte ich ganz im Mittelpunkt von Queen-Street finden, mit dem unaustilgbarsten Wesen eines Connektikuts-Mannes um sich gaffend – Wen anders, als Jason Newcome. Eine kurze Erläuterung erklärte mir das Geheimniß seiner Anwesenheit. Seine Knaben waren Alle heimgegangen, um sich der Pinksterfeiertage zu erfreuen mit den schwarzen Dienern ihrer Familien; und Jason hatte diese Gelegenheit ergriffen, um der großen Hauptstadt der Colonie seinen ersten Besuch abzustatten. Er war auf Reisen, wie ich selbst auch. »Und was hat Euch hieher geführt?« fragte ich, nachdem mir der Pädagog schon gesagt, daß er seine Wohnung in einer Schenke der Vorstädte genommen, wo man Unterkunft für Pferde und Menschen zu räsonablem Preise fand. »Die Pinksterpläze sind über dem Anfang von Broadway, auf dem Gemeindeanger.« »So höre ich,« antwortete Jason, »aber ich möchte zuerst ein Schiff sehen und Alles was dahin gekört. Es wird in zwei oder drei Stunden noch Zeit genug für Pinkster seyn, wenn anders ein Christ solche Eitelkeiten mitansehen darf. Könnt Ihr mir sagen, wo ich Hanover-Square finde, Corny?« »Ihr seyd eben jetzt darin, Mr. Newcome; und nach meiner Ansicht ist es ein sehr stattlicher Platz!« » Dieß Hanover-Square!« wiederholte Jason; »ha, es hat ja gar nicht die Gestalt von einem Square Square heißt Quadrat, Viereck. ; es gleicht eher einem Triangel.« »Nun, was trägt das aus, Sir? Unter einem Square in einer Stadt versteht man nicht nothwendig einen Platz mit vier gleichen Seiten und eben so viel rechten Winkeln, sondern nur einen offenen Platz, der der Luft und der Schönheit wegen frei gelassen worden ist. Hier findet man Luft und Schönheit genug, um jeden vernünftigen Menschen zu befriedigen. Ein Square kann ein Parallelogramm oder ein Dreieck seyn oder jede andere beliebige Gestalt haben.« »Das ist also Hanover-Square! – ein New-York-Square, oder ein Nassau-Hall-Square, Corny; aber kein Yale-College-Square, darauf gebe ich Euch mein Wort! Es ist überdieß auch so klein!« »Klein! – Die Weite der Straße am weitesten Ende muß beinahe hundert Fuß betragen; ich stehe Euch dafür, am andern Ende beträgt sie nicht halb so viel, aber das kommt von der Nähe der Häuser her.« »Ja, es kommt Alles von der Nähe der Häuser her, wie Ihr es nennt. Nach meinen Begriffen nun sollte Hanover-Square, von welchem man auf dem Lande so viel schwatzen hört, fünfzig bis sechszig Acres Raum umschließen, und Statuen vom ganzen Hause Braunschweig sollten überdieß darin aufgestellt seyn. Warum hat man denn das Nest von Häusern, mitten in Eurem Square stehen lassen?« »Sie sind nicht darin, Sir. Das Square hört auf, wo es an die Häuser kommt. Sie sind zu kostbar, um niedergerissen zu werden, obgleich davon die Rede gewesen ist. Mein Oheim Legge hat mir gestern Abend gesagt, diese Häuser seyen zu wenigstens zwölftausend Dollars geschätzt; und manche Leute schlagen sie gar zu sechstausend Pfund an.« Dieß söhnte Jason mit den Häusern aus; denn er ermangelte nie, vor dem Gelde Respekt zu haben, in welcher Gestalt es ihm auch begegnen mochte. Es war die einzige Quelle menschlicher Auszeichnung, die er klar fassen und begreifen konnte, obwohl er eine leise Ahnung und Vorstellung hatte von der Würde der Krone, und von der Achtung, welche ihren Stellvertretern gebühre. »Corny,« sagte Jason in leisem Tone, und zugleich ergriff er mich am Arme, um mich bei Seite zu führen, obgleich kein Mensch in der Nähe war, wie Einer, der sich nach einem wichtigen Geheimniß erkundigen, oder ein solches eröffnen will, »was habt Ihr denn, wie ich gesehen, für einen Bittern genommen, vor einer kleinen Weile?« »Bittern? Ich verstehe Euch nicht, Jason. Nichts Bitteres habe ich heute noch gekostet; auch kann ich nicht sagen, daß ich irgend Lust hätte, etwas Bitteres über den Mund zu bringen.« »Ha, ich meine das Getränke, das Ihr von dem Neger kauftet, der jetzt durch das Square, wie Ihr es nennt, zurück kommt, und das Euch so herrlich zu schmecken schien. Ich bin selbst auch ganz trocken, und es würde mir ein Trunk wundervoll behagen.« »Oh, der Bursche verkauft weißen Wein, und Ihr werdet ihn köstlich finden. Wenn Ihr Euern ›Bittern‹ haben wollt, wie Ihr Euch ausdrückt, so könnt Ihr nichts Besseres thun, als ihn anhalten und ihm einen Penny geben.« »Wird er es so entsetzlich wohlfeil geben?« fragte Jason, und seine Augen zwinkerten in der freudigen Erwartung von einem »Bittern.« »Das ist der stehende Preis. Haltet ihn kecklich an; hier ist all Eure Connektikut – Bescheidenheit nicht am Platz. He, Freund, dieser Gentleman wünscht einen Becher von Euerm weißen Weine.« Jason wandte sich voll Angst um, zu spähen, wer ihn etwa sehen könnte, und als er den Becher in der Hand hatte, schloß er die Augen, entschlossen, dessen Inhalt auf Einen Zug zu leeren, in der erprobtesten Art, den »Bittern« zu trinken. Etwa die Hälfte der Flüssigkeit floß ihm in die Kehle hinab, das Uebrige sprudelte er in einem kleinen weißen Strome zurück. »Buttermilch, beim Jingo!« rief der getäuschte Pädagog, welcher sich auf irgend eine köstliche Mischung von Gewürzen und Rum gefaßt gemacht hatte. St. Jingo war der einzige Heilige, und ein darnation, oder darn you Statt: damnation, damn you – Verdammniß! seyd verflucht. die einzigen Flüche, deren seine puritanische Erziehung ihm gestattete sich je zu bedienen. Fünftes Kapitel. Austern, schöne Austern! So weiß wie Schnee. Die Austern wachsen auf Rockaway's Höh'! New-Yorker Ausrufer. Es stand einige Zeit an, bis Jason's beleidigte Würde und sein Verdruß über die Täuschung ihm gestatteten, über das Mißverständniß zu lächeln; und wir waren eine ziemliche Strecke weit gegen Old-Slip zu gewandert, wo ich Dirck treffen sollte, ehe der Pädagog auch nur den Mund öffnete. Und dann war die einzige Aeußerung, die er über den weißen Wein that, die, daß er es einen »verdammten holländischen Betrug« nannte; denn Jason hatte unbedingt darauf gerechnet, jenes eiqenthümliche Getränke seiner Kaste zu bekommen, das unter dem Namen des »Bittern« bekannt ist. Was er mit holländischem Betrug sagen wollte, weiß ich nicht; wenn er nicht anders glaubte, Buttermilch sey etwas eigenthümlich Holländisches, und diese Buttermilch eine Täuschung. Dirck erwartete mich bei Old-Slip; und auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß er seinen Trunk weißen Wein ebenso wie ich zu sich genommen hatte, und sofort zu jeder Wanderung bereit war. Wir wanderten nun mit einander die Werften entlang, und bewunderten die verschiednen Schiffe, welche dort lagen. Gegen neun Uhr gingen wir alle Drei Wall-Street hinauf, wo auf den Stufen der Häuser schon ein nicht geringer Theil der Bewohner saß, an dem Anblick der Neger sich ergötzend, wie sie mit glücklich glänzenden Gesichtern die Häuser verließen, um nach dem »Pinkster-Feld« zu eilen. Unser Zug durch die Straße erregte nicht geringe Aufmerksamkeit; denn da wir alle Drei Fremde waren, war nicht zu erwarten, daß wir so in einem Haufen beisammen erblickt werden könnten, ohne Bemerkungen hervorzurufen. So Etwas wäre kaum in London selbst zu erwarten gewesen. Nachdem wir Jason City-Hall, Trinity-Church und City-Taverne gezeigt hatten, gingen wir zur Stadt hinaus und schlugen die Richtung ein nach einer großen Heide, welche von den Offizieren des Königs lange als Paradeplatz benützt worden war, und seither der Park genannt worden ist, obwohl schwer zu sagen wäre, warum? da der Umfang kaum der eines kleinen Geheges ist, und gewiß niemals wildere Geschöpfe darin gehalten und gesehen wurden, als die Knaben der Stadt. Ich vermuthe, es wird dereinst noch ein Park werden, obgleich der Platz für jetzt noch wenig hat, was mit meinen Vorstellungen von einem solchen übereinstimmt. Auf dieser Heide war der Pinkster-Platz, jetzt ganz angefüllt mit Menschen und voll von Leben. Eine Pinkster-Lustbarkeit hatte nichts Neues weder für mich noch für Dirck, während Jason den ganzen Vorgang mit Staunen angaffte. Er war nur siebzig Meilen von diesem Orte entfernt geboren, hatte aber zuvor nicht den mindesten Begriff von einem solchen Fest- und Feiertag wie Pinkster. Es gibt, glaube ich, wenig Schwarze in Connektikut, und diese sind in der puritanischen Mühle so zermalmt und zerrieben, daß sie weder Fisch, noch Fleisch, noch Häring sind, wie wir von etwas ganz Abnormem zu sagen pflegen. Niemand hat in Neu-England von einem Fest gehört, das nicht in unmittelbarer Beziehung zu den Heiligen oder zur Politik stünde. Jason war Anfangs wie betäubt von dem Getöse, dem Tanzen, der Musik und den Spielen, welche da im Gange waren. Es waren jetzt neun Zehntheile von den Schwarzen der Stadt, ja von dem ganzen Lande auf dreißig bis vierzig Meilen im Umkreise, zu Tausenden auf den Feldern versammelt, Schellentrommeln schlagend, afrikanische Lieder singend, trinkend, was das Aergste war, lachend in einer Weise, daß ihr Herz an die Rippen zu rasseln schien. Alles hatte den Anstrich von guter Laune, obgleich es gute Laune in den derbsten und rohesten Gestalten war. Alle Arten Spiele waren aufgeboten, während auch das Trinken keineswegs vernachläßigt wurde. Dennoch war kein Mensch betrunken. Ein betrunkener Neger ist in der That etwas Ungewöhnliches. Die Züge, welche eine Pinkster-Lustbarkeit von den gewöhnlichen Scenen auf Jahrmärkten und bei ähnlichen Gelegenheiten unterscheiden, sind jedoch von afrikanischem Ursprung. Es ist wahr, es waren schon damals nicht viele in Afrika geborene Schwarze unter uns, und jetzt sind deren noch weniger; aber die Traditionen und Gebräuche ihrer ursprünglichen Heimath hatten sich so weit bei ihnen erhalten, daß dadurch ein auffallender Unterschied zwischen diesem Feste und einem von europäischem Ursprung bewirkt wurde. Unter Anderem machten Einige Musik dadurch, daß sie auf Felle schlugen, welche über die Enden hohler Scheiter gespannt waren, während Andere dazu tanzten in einer Weise, die von ihrem unendlichen Entzücken zeugte. Dieß namentlich soll eine Sitte ihrer afrikanischen Eltern gewesen seyn. Hunderte von Weißen wandelten als vergnügte Zuschauer durch die Felder. Unter diesen waren sehr viele Kinder von den bessern Klassen, welche gekommen waren, um der Kurzweil derjenigen zuzusehen, welche ihnen bei ihren gewöhnlichen Unterhaltungen Gesellschaft leisteten. Manche kohlschwarze Wärterin sah ich an diesem Tage, welche ihren jungen Master, oder ihre junge Mistreß, oder Beide zugleich, durch die verschiedenen Gruppen geleitete, von Allen den Respekt heischend und empfangend, welchen Jedes von dieser Klasse der andern zu zollen gewohnt war. Sehr viele junge Fräulein im Alter zwischen fünfzehn und zwanzig Jahren befanden sich auch auf dem Felde, theils von männlichen Begleitern eskortirt, theils, was ebenso gewiß ihnen von allen Seiten Aufmerksamkeit und Artigkeit sicherte, unter der Obhut alter Wärterinnen, welche eben der Raçe angehörten, von welcher das Fest gefeiert wurde. Wir selbst waren zwei Stunden auf dem Feld gewesen, und selbst Jason geruhte nachgerade belustigt zu werden, als ich unversehens und unbewußt von meinen Begleitern getrennt wurde und allein die Gruppen durchwanderte, wobei ich auf eine Gesellschaft junger Mädchen stieß, welche unter der Obhut zweier oder dreier runzliger und grauköpfiger Negerinnen standen, so gut gekleidet, daß man sogleich in ihnen die vertrauten Dienerinnen von vornehmeren Familien erkannte. Was die jungen Ladie's selbst betrifft, so standen die meisten noch im Alter von Schulmädchen: doch waren auch Einige davon jenem zweideutigen Alter, wo die Knospe gerade zur aufbrechenden Blüthe sich gestaltet, und ein paar noch um Etwas Aeltere, junge Damen nach Gestalt und Haltung, obwohl kaum den Jahren nach. Eine unter Zweien der letztern Art schien mir alle Anmuth einer gereiften Jungfrau zu besitzen, strahlend gehoben durch das harmlose Lachen, die leichtherzige Schalkhaftigkeit und die mädchenhafte Unschuld von siebzehn Jahren. Sie war einfach aber sehr hübsch gekleidet, und Alles in ihrem Anzug, ihrem Wesen, ihrer Haltung und ihrem Benehmen bezeichnete eine junge Lady der höhern Klasse, gerade alt genug, um zu fühlen, welche Rücksichten der Schicklichkeit ihre Lage ihr vorschreibt, und zugleich doch noch jung genug, um an all der Kurzweil und den Possen Freude zu finden. Als sie mir nahe kam, war mir, als ob ich sie kennte; aber erst als ich ihre süße, fröhliche Stimme hörte, erkannte ich wieder das hübsche kleine Geschöpf, für welches ich beinahe sechs Jahre zuvor auf Bowery-Road mit dem Fleischersknaben einen Gang gemacht hatte. Als ihre Gesellschaft der Stelle, wo ich stand, ganz nahe war, wurde, was Anfangs nur Vermuthung war, zur Gewißheit erhoben. In der Ueberraschung des Augenblicks war ich, als ich zufällig so glücklich war, dem Blicke des jungen Geschöpfs zu begegnen, so kühn, ihr einen tiefen Bückling zu machen. Zuerst lächelte sie, wie wenn sie glaubte einen Bekannten zu erkennen; dann wurde ihr Gesicht scharlachroth, und sie erwiederte meinen Bückling mit einer sehr ladymäßigen, aber zugleich auch sehr fremden Verbeugung; worauf sie, ihre blaue Augen auf den Boden heftend, sich wegwandte, anscheinend um mit ihrer Begleiterin zu sprechen. Auf dieß hin konnte ich nicht so weit gehen, sie anzureden, obgleich ich starke Hoffnung hegte, die alte schwarze Wärterin, die bei ihr war, werde mich wieder erkennen; denn sie hatte bei Gelegenheit meines Zwistes mit dem jungen Fleischer mir viele Theilnahme bezeigt. Dieß geschah aber nicht, und die alte Katrinke, wie ich die Negerin nennen hörte, watschelte weg, und erklärte einem Haufen sehr achtsamer Zuhörerinnen die Bedeutung der verschiedenen Ceremonien ihrer Raçe, ohne mir irgend Aufmerksamkeit zu widmen. Die Zungen der hübschen kleinen Geschöpfe gingen, wie eben die Zungen von Mädchen zu gehen pflegen, während jedoch meine unbekannte Schöne all die Zurückhaltung und das gesetzte Benehmen beibehielt, welches sich für ihre gereiftere Jungfräulichkeit und ihre anscheinende Stellung im Leben ziemte. »Da, Miß Anneke!« rief plötzlich Katrinke; »da kommt ein Gentlemen, der Euch Vergnügen bringen wird, das weiß ich.« » Anneke ,« wiederholte ich bei mir selbst, »und ein Gentleman, der durch seine Erscheinung Vergnügen verursachen wird! Kann es wohl Dirck seyn?« dachte ich. Und wirklich war es auch Dirck, welcher rasch auf die Gruppe zu schritt, im Allgemeinen grüßte, zuletzt mit meiner schönen jungen Unbekannten die Hände schüttelte und sie mit dem Namen: »Cousine Anneke« anredete. Das war also Annie Mordaunt, wie sie in den englischen Cirkeln gewöhnlich genannt wurde, das einzige Kind und die Erbin von Hermann Mordaunt von Crown-Street und Lilaksbusch! Nun, Dirck besaß mehr Geschmack, als ich ihm zugetraut hatte! Gerade als dieser Gedanke mir durch die Seele zuckte, wurde mein Freund meiner ansichtig, und mit einer Miene des stolzen, freudigen Triumphs winkte er mir, näher zu kommen, obgleich ich schon jetzt mich ziemlich in die Nähe zu machen gewußt hatte. »Cousine Anneke,« sagte Dirck, welcher sich nie umschreibender Redewendungen bediente, wenn er überhaupt auf direktem Wege zu seinem Zweck kommen konnte, »dieß ist Corny Littlepage, von welchem Ihr mich so oft habt sprechen hören, und für welchen ich Euern besten Knix und Euer holdestes Lächeln in Anspruch nehme.« Miß Mordaunt war freundlich genug, sein Verlangen buchstäblich zu erfüllen; sie knixte und lächelte genau so wie er sie gebeten hatte, obwohl ich bemerkte, daß sie auch eine leise Neigung verspürte zu lachen. Ich machte noch meinen Bückling, und murmelte ein unverständliches Compliment, als Katrinke einen kurzen Ausruf ausstieß, und der Freiheit, die einer alten, vertrauten Dienerin zustand, sich bedienend, ihre junge Gebieterin lebhaft am Aermel zupfte und ihr hastig etwas ins Ohr flüsterte. Anneke erröthete, wandte sich schnell gegen mich, heftete ihr Auge kühner und steter auf mein Gesicht – und da bildete ich mir ein, daß das süßeste Lächeln, welches je einem Sterblichen zu Theil geworden, oder auch das, welches ich so eben von ihr empfangen, von ihrem jetzigen Lächeln weit überstrahlt werde. »Mr. Littlepage ist mir, glaube ich, nicht völlig fremd, Cousin Dirck,« sagte sie. »Katrinke erinnert sich seiner noch als eines jungen Gentleman, der mir einmal einen wichtigen Dienst leistete; und jetzt glaube ich selbst die Aehnlichkeit wieder zu finden. Ich meine den Vorfall mit dem Knaben, der mich auf Bowery Road beleidigte, Mr. Littlepage, und Eure ritterliche Einmischung zu meinen Gunsten.« »Wären es zwanzig Knaben gewesen, Miß Mordaunt, eine Beleidigung gegen Euch wäre von jedem Manne von gewöhnlichem Geist und Herz geahndet worden.« Ich weiß nicht, ob irgend ein Jüngling, der plötzlich seinen Witz aufzubieten gehabt, um höflich, oder sentimental, oder gefühlvoll zu seyn, etwas viel Besseres vorgebracht haben würde, als Dieß . Anneke war, wie ich glaube, auch dieser Meinung, denn ihr Erröthen stieg, und machte sie zum Entzücken liebenswürdig, und sie sah ganz erstaunlich vergnügt aus. »Ja,« fiel Dirck mit Energie ein, »laßt Zwanzig, oder Hundert es versuchen, wenn sie Lust haben, Anneke, Männer oder Knaben – sie werden jederzeit Leute finden, bereit Euch zu beschützen!« »Euch zum Beispiel, natürlich Vetter Dirck,« versetzte das reizende Mädchen, die Hand meinem Freunde hinbietend mit einer Offenheit, die ich ihr in diesem Falle gerne erlassen hätte; »aber ihr werdet Euch erinnern, Mr. Littlepage, oder Master Littlepage, was er damals war, war ein mir Unbekannter, und ich hatte an ihn keine solche Ansprüche zu machen, wie allerdings an Euch !« »Nun, Corny, es ist aber seltsam von Euch, daß Ihr mir davon kein Wort gesagt habt! Als ich ihm Lilaksbusch zeigte und von Euch und Eurem Vater schwatzte, da sagte er nicht ein Wort von der Sache!« »Damals wußte ich nicht, daß es Miß Mordaunt gewesen, der ich zu dienen das Glück gehabt hatte; aber da steht Mr. Newcome ganz in Eurer Nähe, Follock, und stirbt vor Verlangen vorgestellt zu werden, da er sieht, daß ich vorgestellt worden bin.« Anneke wandte sich und lächelte und kniete gegen Jason, welcher seinen Bückling in sehr schulmeisterlicher Art machte, während ich bemerkte, wie der Umstand, daß ich mit meiner Heldenthat nicht geprahlt hatte, ihr in den Augen des süßen Geschöpfes einen neuen Werth verlieh. Was Jason betrifft sobald seine Vorstellung vorüber war, die erste, bilde ich mir ein, die er in regelmäßiger Form durchgemacht hatte, so benützte er einige Fragen, welche Miß Mordaunt an Dirck richtete, seine Mutter und die übrige Familie betreffend, kam zu mir herum, zog mich mittelst eines Rucks am Aermel bei Seite, und gab mir zu verstehen, daß er mir etwas heimlich mitzutheilen habe. »Ich wußte bisher nicht, daß Ihr je Schule gehalten, Corny,« flüsterte er mir halb ins Ohr und zwar sehr angelegentlich. »Wie wißt Ihr es denn jetzt, Mr. Newcome, da dieß gar nie der Fall gewesen ist?« »Wie kommt es denn aber, daß diese junge Dame Euch Master Littlepage nannte?« »Pah! Jason, wartet nur ein Jahr oder zwei, dann werdet Ihr schon anfangen, richtigere Vorstellungen von uns New-Yorkern zu bekommen.« »Aber ich habe es mit eigenen Ohren gehört – Master Littlepage; so deutlich, als nur je Worte gesprochen wurden.« »Nun, so muß also wohl Miß Mordaunt Recht haben, und ich habe die Sache vergessen. Ich muß einmal eine Frauenschule irgendwo in meinen jüngern Jahren gehalten, es aber ganz vergessen haben.« »Nun das ist Nichts als Euer verzweifelter Yorkscher Stolz, Corny; aber ich denke deßhalb nur um so besser von Euch. Ha, da es nicht kann gewesen seyn, nachdem Ihr ins Collegium kamet, müßt Ihr sogar mir vorangeeilt seyn! Aber der Hochwürdige Mr. Worden ist auch der Mann, um einen Jüngling mit einem guten Kapital auszusteuern, wenn er dazu Lust hat. Ich gestehe, er versteht sich auf die todten Sprachen. Es ist Schade, daß er so gar todt ist in religiösen Dingen.« »Wohl – wohl – ich will Euch Alles ein ander Mal erzählen; Ihr begreift jetzt, daß Miß Mordaunt weiter zu gehen wünscht, und uns nicht gern allzu rasch verläßt. Laßt uns ihr folgen.« Jason bequemte sich dazu, und ein paar Stunden hatten wir das Vergnügen, die jungen Frauenzimmer zu begleiten, wie sie unter den Buden und den verschiedenen Gruppen dieser eigenthümlichen Versammlung herumschlenderten. Wie schon gesagt, die meisten von den Schwarzen waren in der Colonie geboren, doch befanden sich auch einige geborene Afrikaner darunter. New-York hat nie Sklaven gehabt nach dem System der südlichen Pflanzer, oder in Schaaren von Hunderten, um unter Aufsehern auf den Feldern zu arbeiten, in eigenen Hütten abgesondert wohnend; vielmehr war unser Sklavensystem ein streng häusliches, indem der Neger beinahe ohne Ausnahme unter demselben Dache mit dem Herrn lebte, oder wenn seine Wohnung abgesondert war, was allerdings in manchen Fällen vorkam, so war sie doch ganz in der Nähe, so daß beide Raçen doch als Theile einer zusammenhängenden Familie erschienen. Auf dem Lande arbeiteten die Neger, nicht anders auf dem Feld, denn als gewöhnliche Feldarbeiter; und bei denjenigen, welche ihre Güter als Eigenthümer, oder als Pächter eines großen Grundbesitzers bewirthschafteten, verrichtete der Schwarze seine Arbeit an der Seite seines Gebieters. Sodann waren alle, oder fast alle unsre Diener und Dienerinnen im Hauswesen Schwarze und sind es noch, und hatten das Departement der häuslichen Oekonomie beinahe ausschließlich in Händen, mit Ausnahme der Fälle, wo weiße Weiber auch zu solchen Geschäften sich herbeiließen, nebst der gewohnten Oberaufsicht der Hausfrauen. Bei den Holländern namentlich war die Behandlung des Negers die allermildeste, ein zuverlässiger Feldsklave hatte da oft in Betreff der Feldbestellung und der Ernte so viel zu sagen, als Derjenige, welchem das von ihm bearbeitete Feld und er selbst gehörte. Eine Gruppe eingeborener Afrikaner hielt uns eine halbe Stunde gefesselt. Die Scene schien ihre frühen Erinnerungen und Gemahnungen neu belebt zu haben und sie wurden von ihrer eigenen Aufführung halbwilder Spiele und Kurzweil hingerissen. Die in Amerika geborenen Schwarzen gafften ebenfalls mit lebhaftem Interesse diese Gruppe an, und betrachteten sie als eben so viele Gesandte aus dem Lande ihrer Vorfahren, die sie unterweisen konnten in Gebräuchen und abergläubischem Wissen, wie es ihrer Raçe ganz besonders eigen war. Die Letztern bestrebten sich sogar, das Thun und Treiben der Ersten nachzuahmen, und so spaßhaft oft die Versuche ausfielen, so fehlte es doch gewiß nie am Ernste des Wollens und der Absicht. Nichts war als Karikatur gemeint, sondern Alles geschah aus Achtung und Neigung. Damit die Sitten und Gewohnheiten dieser Generation nicht dahinschwinden und vergessen werden, wovon ich schon drohende Spuren sehe, will ich eines Gebrauches erwähnen, welcher ganz gewöhnlich war bei den Holländern, und der einigermaßen auch in die englischen Familien überging, die mit den Abkömmlingen Hollands Verbindungen schlossen. Zwei solche Verschwägerungen hatten die Littlepages so sehr Jenen genähert, daß der in Rede stehende Gebrauch auch bei mir in Anwendung kam. Der Brauch war dieser: wenn ein Kind von der Familie das Alter von sechs oder acht Jahren erreichte, so wurde ihm, ein junger Sklave dem Knaben, eine junge Sklavin dem Mädchen, von gleichem Alter mit einiger Förmlichkeit und Feierlichkeit zugegeben, und von diesem Augenblick an wurde das Schicksal beider gewissermaßen, so weit es die Verschiedenheit der Stellung und des Lebensberufes gestattete, wie das von Mann und Frau, betrachtet. Es ist wahr, es kommen Scheidungen vor, aber nur in Fällen von sehr schlimmer Aufführung und völlig ebenso oft fällt das schlechte Benehmen dem Herrn als dem Sklaven zur Last. Ein Trunkenbold mag in Schulden gerathen und genöthigt werden, sich von seinen Schwarzen zu trennen, und mit den Uebrigen auch von diesem Einen; aber dieser Neger bleibt bei ihm, so lange ihm nur irgend Etwas bleibt. Sklaven, welche sich fortgesetzt schlecht halten, werden gewöhnlich auf die Inseln geschickt, wo die Arbeit auf den Zuckerpflanzungen sich als eine ganz genügende Strafe erweist. Am Tage, wo ich sechs Jahre alt wurde, ward mir in der erwähnten Weise ein Knabe zugegeben, und er ist bis auf diesen Augenblick nicht nur mein Eigenthum, sondern mein Factotum geblieben. Dieser Knabe war Yaap, oder Jakob, der Neger, dessen ich schon zu erwähnen Gelegenheit gehabt. Anneke Mordaunt, deren Großmutter, wie man sich erinnern wird, von einer holländischen Familie war, hatte hier, auf dem Pinkster-Feld, eine Negerin ganz von ihrem Alter bei sich; welche Mari genannt wurde; nicht Mary oder Maria, sondern so wie der letztere Name mit Weglassung des a am Schlusse ausgesprochen werden würde. Diese Mari war eine kecke, glänzende; glatte, lachende, schmucke, schwarze Hexe, mit rothen Lippen, Perlenzähnen und schwarzen Augen, die ganz zu Possen und Kurzweil geboren schien, und es kostete oft ihre gesetztere, wohlgezogene Gebieterin nicht geringe Mühe sie in Ordnung zu halten. Mein Geselle trieb sich auch auf dem Felde herum, denn ich hatte ihm Erlaubniß gegeben, in die Stadt zu gehen, um Pinkster zu halten: und er sollte Satanstoe in einer Schaluppe verlassen, eine Stunde nach meiner Abreise. Der Wind war günstig gewesen und ich hatte mich noch gar nicht erkundigt, ob er angekommen sey, obwohl ich ihn bis jetzt noch nicht gesehen hatte. Ich hätte Anneke und ihre Gesellschaft den ganzen Tag auf diesem Schauplatz unverfälschter Fröhlichkeit herum begleiten können, ohne einen Mangel an Interesse zu empfinden. Ihre bloße Gegenwart machte unmittelbar einen Eindruck; selbst die geborenen Afrikaner mäßigten ihr ausgelassenes Benehmen und dämpften, so gut es gehen wollte, ihr gellendes Freudengeschrei, um ihrem verfeinerten Geschmack desto besser zuzusagen. Niemand in unsrer Gesellschaft dünkte sich zu gut und zu vornehm um zu lachen, als Jason. Der Pädagog, es ist wahr, gab oft seinen Widerwillen gegen die Lustbarkeiten und Possen der Neger zu erkennen, erklärte, sie seien widerliche menschliche Geschöpfe, und legte noch sonst jene Neigung zur Hyperkritik an den Tag, woran man so häufig Denjenigen erkennt, der in seinem eigenen Fach ein ungeübter Neuling und Anfänger ist. Dieß war der Stand der Dinge, als Mari auf ihre junge Gebieterin her gestürzt kam. und mit weit aufgerissenen Augen und erhobenen Händen rief, mit einem so gellenden Tone daß wir nothwendig Alle ihre Mittheilung auch hörten: »Oh! Miß Anneke! – Was glaubt Ihr wohl, Miß Anneke! Hättet Ihr Euch je so etwas träumen lassen, Miß Anneke?« »Sagt mir doch sogleich, was Ihr gesehen oder gehört habt, Mari, und laße diese einfältigen Ausrufungen weg,« sagte die gütige Gebieterin, mit einem Erröthen, welches zeigte, daß selbst ihr das Benehmen ihres Mädchens ungewohnt war. »Wer hatte auch das denken können, Miß Anneke! Diese Neger da haben in ihr so weit entferntes Land geschickt und haben einen Löwen fangen lassen für Pinkster!« Das war freilich eine wichtige Neuigkeit, wenn es sich wirklich so verhielt. Keiner von uns Allen hatte je einen Löwen gesehen; denn wilde Thiere waren damals ausnehmend selten in den Colonien, mit Ausnahme derjenigen, die man in unsern eigenen Wäldern fing. Ich hatte bis jetzt einige kleine braune Bären, und manchen Wolf, auch einen ausgestopften Panther gesehen; aber ich hatte es nie für eine Möglichkeit gehalten, daß ich einem lebendigen Löwen sollte so nahe kommen können. Nähere Erkundigungen zeigten indessen, daß Mari Recht hatte, mit Ausnahme des Umstandes, daß das Thier nicht ausdrücklich für diese Gelegenheit gefangen worden war. Das wilde Thier gehörte einem herumziehenden Manne, welcher auch der Besitzer eines sehr beweglichen und ergötzlichen Affen war. Der Einlaßpreis war ein Viertelsdollar für einen erwachsenen Weißen; Kinder und Neger bezahlten die Hälfte. Nachdem man über diese Präliminarien im Reinen war, wurde sofort verabredet, daß Alle, welchen hinlänglich Geld und Muth zu Gebote stand, in Einem Haufen hingehen und den König der Thiere beschauen sollten. Ich sage Muth , denn es war dessen nicht wenig erforderlich für ein an so Etwas nicht gewöhntes weibliches Wesen, um sich einem lebendigen Löwen so nahe zu wagen. Der Löwe war natürlich in einem Käfig, welcher in einem für kurze Zeit aufgeschlagenen Brettergebäude auf dem Pinkster-Felde sich befand. Als wir uns der Thüre näherten, sah ich die Wangen einiger von den hübschen jungen Geschöpfen, welche zu der Gesellschaft Anneke'ns gehörten, bleich werden; ein Zeichen von Schwäche, das, so seltsam es scheinen mag, sehr merklich auch auf die meisten der sie begleitenden Negerinnen sich erstreckte, Mari jedoch blieb unerschüttert; und als es zur Entscheidung und Probe für das weibliche Geschlecht kam, waren sie und ihre Gebieterin die Einzigen, welche bei dem ursprünglichen Beschlusse beharrten, hineinzugehen. Einige Zeit verlor man über der Bemühung, zwei oder drei von ihren älteren Begleiterinnen zu bereden, auch mit hineinzugehen; aber als sich Alles fruchtlos zeigte, sagte Miß Mordaunt ruhig mit einem schwachen Lächeln: »Nun, Gentlemen, so müssen eben Mari und ich den weiblichen Bestandtheil der Gesellschaft ausmachen. Ich habe noch nie einen Löwen gesehen, und möchte um Alles nicht diese Gelegenheit versäumen. Wir werden bei unserer Zurückkunft unsere Freundinnen finden, wie sie auf die Stücke von uns warten, welche nicht gefressen worden sind.« Wir waren jetzt der Thüre nahe, wo der Mann stand, welcher das Geld einnahm und die Karten ausgab. Zufälligerweise war Dirck aufgehalten worden von einem Gentleman von seiner Bekanntschaft, der gerade die Bude verlassen hatte, und lachend einen Vorfall erzählte, welcher sich drinnen ereignet hatte. Ich stand auf der einen Seite von Anneke, Jason auf der andern, und dicht hinter uns folgte Mari. »Einen Vierteldollar für jeden Gentleman und die Lady«, sagte der Thürsteher, »und einen Shilling für die Schwarze.« Auf diesen Wink zog Jason, zu meiner großen Ueberraschung (denn gewöhnlich war er bei solchen Gelegenheiten sehr rückhältig,) eine Börse heraus, schüttete einiges Silbergeld auf die Hand, und sagte mit stattlichem Tone: »Erlaubt mir, Miß – es ist eine Ehre, die ich mir sehr ausbitte; einen Viertel für Euch und einen Shilling für Mari.« Ich sah Anneke erröthen und ihren Blick hastig auf Dirck werfen. Ehe ich Zeit hatte, Etwas zu sagen, oder Etwas zu thun, antwortete sie mit Festigkeit: »Macht Euch keine Mühe, Mr. Newcome; Mr. Littlepage wird mir den Gefallen thun, Karten für mich zu lösen.« Jason hatte das Geld zwischen den Fingern, und ich ging an ihm vorbei und kaufte die Karten, während er betheuerte: »Es mache ihm eine Freude – er sey stolz auf die Gelegenheit; ein ander Mal könne ihr Bruder seinen Schwestern denselben Dienst leisten, und er habe deren sechs«, und andere solche Redensarten. Ich händigte einfach die Karten Anneke'n ein, welche sie mit einer Aeußerung des Dankes empfing, und wir gingen Alle weiter; und Dirck, als er herbeikam, erkundigte sich bei seiner Base, ob er ihr Karten holen solle. Ich erwähne dieses kleinen Vorfalls, weil er den weiblichen Takt beweist, und will Alles, was sich darauf bezieht, erzählen, ehe ich zu Weiterem übergehe. Anneke sagte Nichts über diese Sache mit den Karten, bis wir die Bude verlassen hatten, wo sie sich mir näherte, und mit der Einfachheit und Anmuth, welche einem wohlerzogenen weiblichen Wesen bei solcher Gelegenheit zu Gebote stehen, ganz ruhig sagte: »Ich bin Eure Schuldnerin, Mr. Littlepage; Ihr habt meine Karten bezahlt; – sie kosten drei Schillinge, glaube ich.« Ich verbeugte mich und hatte die Freude, der Miß Mordaunt schöne kleine Hand beinahe zu berühren, als sie mir das Geld gab. In diesem Augenblick wurde ich am Ellbogen angestoßen, daß ich beinahe die Silbermünzen fallen ließ. Es war Jason, der sich diese Freiheit genommen hatte, und mich jetzt bei Seite führte, mit einem Ernst in seinem Wesen, den man für gewöhnlich nicht leicht an ihm bemerkte. Ich sah an dem geheimnißvollen Ausdruck von des Pädagogen Gesicht und an seinem wichtigthuenden Wesen, daß etwas Außerordentliches seinen Geist beschäftigte, und erwartete mit einer kleinen Neugier zu erfahren, was es wohl seyn möchte. »Ei, was, ums Himmels willen, Corny, was denkt ihr doch?« rief er, beinahe zornig. »Hat je ein Sterblicher davon gehört, daß ein Gentleman eine Lady eine Zeche bezahlen ließ? Wißt Ihr wohl, Ihr habt Miß Anneke eine Zecke bezahlen lassen.« »Eine Zeche, Mr. Newcome?« »Ja, eine Zeche, Mr. Corny Littlepage! Wie oft glaubt Ihr, daß junge Lady's Euch zu Schaustellungen und Bällen und andern Spektakeln begleiten werden, wenn Ihr sie bezahlen laßt?« Dann gab ein höhnisches Lachen Jasons Worten noch mehr Nachdruck. »Bezahlen! – konnte ich denn mir herausnehmen, zu glauben, Miß Mordaunt werde zugeben, daß ich für sie oder ihre Dienerin Geld bezahle?« »Ihr bringt mich beinahe auf die Meinung, Ihr seyet ein Dummkopf! Junge Männer bezahlen immer für junge Damen und da braucht es gar keine Fragen. Habt Ihr nicht bemerkt, wie flott ich mich erbot, diese Miß freizuhalten, und wie gut sie es aufnahm, bis Ihr vortratet und mich ausstachet? – Ich ließ es mir gefallen, denn es ersparte mir drei Neunpencestücke.« Ich bemerkte, wie Miß Mordaunt zurückbebte vor der Vertraulichkeit, mit der Ihr sie schlechthin Miß nanntet, und wie abgeneigt sie war, Euch die Karten kaufen zu lassen; und ich vermuthe, das war nur deßhalb, weil sie sah, Ihr hattet die Absicht, sie frei zu halten, nach Eurem Ausdruck.« Ich kann nicht auf die Philosophie der Sache eingehen, aber sicherlich ist im Englischen Nichts gemeiner, als eine junge Lady mit Miß anzureden, ohne einen Namen hinzuzusetzen, während ich weiß, daß es im Französischen die höchste Feinheit ist, Mademoiselle zu sagen: und ich habe mir sagen lassen, daß die Spanier, Italiener und Deutschen des gleichbedeutenden Wortes sich ganz ebenso bedienen. Ich hatte mich erzürnt über Jason's Vertraulichkeit, als er Anneke, – die liebliche Anneke! Miß anredete; und ich freute mich der Gelegenheit, ihm zu verstehen zu geben, wie ich über die Sache dachte. »Welch ein Kind seyd Ihr aber doch, Corny!« rief der Pädagog, welcher viel zu gutmüthig war, um über eine Kleinigkeit beleidigt zu werden. »Ihr ein Baccalaureus artium! Aber diese Sache muß ins Reine gebracht werden, wäre es auch nur um der Ehre meiner Schule willen. Die Leute könnten glauben, Ihr seyet in der Schule gewesen, seit sie unter meiner Leitung steht, und ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß man sagte, ein Jüngling aus meiner Schule habe unter solchen Umständen versäumt, eine Dame zechfrei zu halten.« Ueberzeugt, daß es nutzlos sey, mit mir weiter zu streiten, begab sich Jason sofort zu Anneke, von welcher er sich Erlaubniß erbat, ihr ein Wort unter vier Augen zu sagen. So begierig war mein Genosse, den Flecken auszutilgen, und so überrascht war die junge Lady, welche mild es ablehnte, sich mehr als einen Schritt von den Uebrigen zu entfernen, daß das Gespräch in meiner unmittelbaren Nähe Statt fand, ohne daß Eines oder das Andere wußte, daß ich nothwendig Alles, was vorging, sehen und hören mußte. »Ihr müßt Corny entschuldigen, Miß,« begann Jason, seine Börse wieder ziehend, in welcher er sofort nach einem Vierteldollar und einem Shilling zu fahnden anfing, »er ist noch so ganz jung und versteht so wenig, daß es nicht der Rede werth ist, von dem, was unter den Menschen Sitte ist. Ha! da ist gerade das Geld; drei Neunpencestücke oder drei Yorker Shillinge. Da, Miß, entschuldigt Corny, und überseht Alles; wenn er älter ist, wird er keine solche Böcke mehr machen.« »Ich weiß nicht gewiß, ob ich Euch recht verstehe, Sir.'« rief Anneke, welche schon ein wenig zurückgescheut hatte bei dem »Miß!« und jetzt den Jason ihr die Silbermünzen hinbieten sah, mit einem Staunen, welches zu verhehlen sie sich keine Mühe gab. »Das ist der Preis der Karten – ja das ist Alles. Nichts weiter, auf Ehre; Corny, Ihr erinnert euch, war so entsetzlich dumm und blöde, daß er Euch bezahlen ließ, gerade als wenn Ihr ein Gentleman wäret.« Anneke lächelte jetzt und da sie in demselben Moment einen Blick auf mich warf, übergoß ein leuchtendes Erröthen ihr Angesicht, obgleich der Ausdruck meines Blickes sie, wie ich leicht bemerken konnte, stark zum Lachen reizte. »Es ist ganz gut so, wie es ist, Mr. Newcome, obgleich ich mich Euch sehr verpflichtet fühle, für Eure freigebigen Gesinnungen und Absichten,« sagte sie, und zugleich wandte sie sich, um wieder an ihre Gesellschaft sich anzuschließen; »in New-York ist es gebräuchlich, daß Ladies für Alles dergleichen selbst bezahlen. Wenn ich nach Connektikut komme, werde ich Euch unendlichen Dank wissen für ein solches Anerbieten.« Jason wußte nicht, was daraus machen. Er blieb noch lange nachher fest dabei, die junge Lady sey eigensinnig gewesen, und sie habe sich geweigert, das Geld zu nehmen, blos weil sie so beleidigt worden sey. »Es gibt eine Art, Corny, wißt Ihr,« sagte er, »etwas Genteeles zu thun – nämlich auch auf eine genteele Weise. Ich bezweifle sehr, ob etwas Genteeles auf eine ungenteele Weise gethan werden kann. Für Eines bin ich dankbar, und das ist: daß sie nicht weiß, daß Ihr je in Eurem Leben in dem Seminar-Institut gewesen«; diesen Namen nämlich hatte Jason aufgebracht für das, was Mr. Worden einfach eine Knabenschule genannt hatte. Kehren wir aber jetzt zu der Bude zurück. Der Löwe hatte starken Besuch und wir hatten einige Mühe, Plätze zu finden. Natürlich stand Anneke vorn, denn die meisten Männer in der Bude machten ihr mit achtungsvoller Aufmerksamkeit Platz. Zum Unglück trug die junge Lady einen ausnehmend hübschen Shawl, in welchem Scharlach die vorherrschende Farbe war; und diesem Umstände wurde zugeschrieben, was nun sich begab, obwohl ich weit entfernt bin, zu behaupten, daß es sich eigentlich so verhalten habe. Anneke zeigte anfänglich durchaus keine Furcht; aber da der Kreis der Zuschauer von hinten auf sie drückte, kam sie dem Käfig so nahe, daß das Thier eine Pfote herausstreckte, den Shawl förmlich packte und das erschrockene Mädchen ganz an das Gitter hinzog. Ich war an Anneke'ns Seite, und mit einer Geistesgegenwart, über die ich mich jetzt wundern muß, gelang es mir, den Shawl von den Schultern des köstlichen Geschöpfs loszumachen, sie rasch vom Boden aufzuheben und sie in sicherer Entfernung von der wilden Bestie niederzusetzen. Alles dieß ging so schnell, daß die Hälfte der anwesenden Personen von dem Vorgefallenen gar Nichts wußten, bis er ganz vorüber war; und was mich am meisten verwundert, ist, daß ich nicht die mindeste Erinnerung mehr habe von dem Vergnügen, das ich empfinden mußte, als mein Arm den schlanken Leib von Anneke Mordaunt umspannte, und während sie ganz von mir emporgehoben ward. Der Wärter legte sich sogleich ins Mittel, und der Löwe ließ den Shawl fahren und sah sehr mißvergnügt und ärgerlich aus, als er fand, daß die schöne Eignerin nicht mehr darin war. Anneke ward befreit, ehe sie Zeit gehabt, die ganze Größe der Gefahr, in welcher sie geschwebt hatte, zu fassen. Selbst Dirck konnte nicht ihr zu Hülfe herbeieilen, obgleich er die drohende Gefahr sah und begriff, welcher das Wesen ausgesetzt war, das er am innigsten auf der Welt liebte; aber Dirck war immer so langsam. Jason muß ich die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zu bezeugen, daß er sich gut benahm, obgleich er in einer Lage war, daß er keine wirkliche Hülfe leisten konnte. Er rannte herzu, um Anneke'n beizustehen, und blieb, um den Shawl wegzuziehen, sobald es dem Wärter gelungen war, den Löwen dahin zu bringen, daß er ihn fahren ließ. Aber das Alles ging so rasch, daß Einem wenig Gelegenheit blieb, die einzelnen Vorfälle sich zu merken. Anneke war allerdings nicht wenig erschrocken über dieses Abenteuer mit dem Löwen, wie aus ihrer wechselnden Farbe und einigen Thränen, welche ihr ins Auge traten, deutlich erhellte. Dennoch genügte ein Glas Wasser und ein Paar Minuten Ruhe, während sie in einem Sessel saß, ihre Fassung gänzlich wieder herzustellen, und sie blieb mit uns noch eine halbe Stunde, ihren furchtbaren Feind betrachtend und bewundernd. Und hier sey mir erlaubt hinzuzusetzen, für diejenigen, welche nie Gelegenheit gehabt, den König der Thiere zu sehen, daß er ein Anblick ist, wohl werth, daß man ihn aufsucht! Ich habe nie einen Elephanten gesehen, von welchem gereiste Gentlemen mir sagen, daß es ein noch ausserordentlicheres Thier sey, obgleich es mir schwer ist, mir etwas in seiner Art Schöneres zu denken, als der Löwe war, welcher um ein Kleines an der holden Anneke Mordaunt sich vergriffen hätte. Ich bezweifle, ob irgend Eines von uns den ganzen Umfang der Gefahr, der sie ausgesetzt war, erkannte, bis wir anfingen, kühler darüber nachzudenken, als sich nun Zeit und Muße dazu ergab. Sobald die erste, natürlich dadurch verursachte Erschütterung des Gemüths sich gelegt hatte, schien der Vorfall vergessen; und wir verließen nach einem langen Aufenthalt die Bude und besprachen uns weitläufig über das Thier und seinen Charakter, anscheinend ganz vergessend, daß der Löwe durch Einen Schlag mit seiner gewaltigen Tatze Einem der holdesten, glücklichsten und unschuldigsten Wesen in der ganzen Provinz, ohne das rechtzeitige und barmherzige Dazwischentreten der gütigen Vorsehung, hätte verderblich werden können. Nach dem kleinen Vorfall mit den Karten schritt ich mit Anneke weiter, welche ihren Vorsatz aussprach, das Feld zu verlassen, da die glücklich beseitigte Gefahr jetzt doch ihre Lebensgeister angriff, und sie besorgte, ein besonders theilnehmender Freund oder eine Freundin möchte ihrem Vater eine übertriebene Nachricht von dem Vorgefallenen überbringen. Dirck erbot sich, sie heim zu begleiten, denn Mr. Mordaunt hielt keinen Wagen, oder wenigstens keinen, der gewöhnlich als Equipage in der Stadt benützt worden wäre. Wir waren Alle bis an die Grenze des Feldes mit Anneke gegangen, als das holde Mädchen stehen blieb, mich ernst und innig ansah, und während sie die Farbe wechselte und die Thränen ihr ins Auge traten, sagte: »Mr. Littlepage, es kommt mir jetzt erst recht zum Bewußtseyn, was ich Euch schuldig bin. Die Sache ging so plötzlich vor sich, und ich war so erschrocken, daß ich im Augenblick nicht wußte, wie ich mich ausdrücken sollte, auch weiß ich noch jetzt nicht, ob ich es recht zu thun vermag. Glaubt mir jedoch, daß ich diesen Morgen niemals vergessen kann, und ich bitte Euch, wenn Ihr eine Schwester habt, ihr das Anerbieten der Freundschaft von Anneke Mordaunt zu überbringen und ihr zu sagen, daß ihr Gebet für ihren Bruder nicht aufrichtiger seyn kann, als das meinige.« Ehe ich mich so weit sammeln konnte, um eine passende Antwort zu geben, hatte Anneke einen Knix gemacht und sich, das Taschentuch vor den Augen, entfernt. Sechstes Kapitel.                               Nein, seyd kurz! Ich seh' das Ende schon, und bin beinah Ein Mann. Cymbeline. Da Dirck Miß Mordaunt nach ihres Vaters Haus in Crown-Street Jetzt Liberty-Street. Kronen straße – Freiheits straße. begleitete, ergriff ich eine Gelegenheit, mich Jason's zu entledigen, da ich nicht in der Stimmung war, seine Vorlesungen über das, was im Leben schicklich sey, anzuhören, und verließ das Pinkster-Feld so schnell ich konnte. Trotz der Größe und Bedeutung von New-York mußte doch ein solcher Fest- und Feiertag nothwendig große Menschenmassen herbeilocken, welche Zuschauer der Spiele und Kurzweil abgaben. Im Jahr 1757 stand James de Lancey an der Spitze der Regierung der Provinz, so wie überhaupt, thatsächlich, während eines großen Theils seines Lebens; und ich erinnere mich auf meinem Weg in die Stadt, seinem Wagen begegnet zu seyn, welcher die jüngern Kinder der Familie auf das Feld hinaus führte. Da der Tag vorrückte, sah man Wagen von verschiedner Art im Broadway erscheinen, hauptsächlich mit den Kindern ihrer Eigenthümer besetzt. Alle diese gehörten Leuten vom höchsten Range; Und ich sah das Schiff, das Wappenabzeichen der Livingstons, die Lanze der de Lancey's, das brennende Schloß der Morrises, und andere in der Provinz wohlbekannte heraldische Abzeichen. Allerdings waren Wagen im Jahr 1757 nicht so allgemein, wie sie es seitdem geworden sind; aber die meisten unserer vornehmen Leute fuhren in ihren Kutschen, Chaisen oder Phaetons, oder welche Namen ihre Fuhrwerke sonst haben mochten, wenn es eine Gelegenheit gab zu einem so weiten Ausflug aus der Stadt wie der Gemeindeanger, da wo jetzt der Park ist. Die Straßen auf der Insel Manhattan waren recht hübsch und malerisch, zogen sich zwischen Felsen und durch Thäler hin, und waren mit Hainen und Gehölzen eingefaßt, so daß die Fahrt dann etwas ganz Ländliches und Heimliches hatte. Da und dort kam man an ein Landhaus, den Wohnsitz irgend einer bedeutenden Person, welches durch Behaglichkeit und Zierlichkeit genügendes Zeugniß von Reichthum und gutem Geschmack ablegte. Mr. Speaker Nicoll Die hier gemeinte Person war William Nicoll, Esquire, Patentirter von Islip, einem großen Gut auf Long-Island, welches noch der Familie gehört, in Folge eines im Jahr 1683 bewilligten Patents. Dieser Gentleman war ein Sohn des Staatssekretärs Nicoll, welcher, wie man glaubt, ein Verwandter von Oberst Nicoll war, dem ersten englischen Gouverneur. Mr. Speaker (Sprecher) Nicoll, wie der Sohn genannt wurde, weil er dieß Amt beinahe ein Menschenalter hindurch bekleidete, war der direkte Stammvater der Nicolls von Islip und Shelter-Island, so wie von einem Zweige, der längst in Stratford, in Connektikut, sich angesiedelt hat. Das von Mr. Littlepage als eine Reliquie aus der alten Zeit – der amerikanischen alten Zeit, darf man nicht vergessen! – erwähnte Haus stand vor wenigen Jahren, wenn es nicht noch steht, auf dem Punkt, wo die alte Bostoner Straße und die Neue-Straße sich vereinigen, fast gerade gegenüber dem Schluß der langen Allee, welche nach Rosehill, ursprünglich einem Landsitze der Watt's, führte. Das Haus stand in kleiner Entfernung über dem jetzigen Union-Square, und nicht weit von dem jetzigen Gramerey. Es war, oder ist ein backsteinernes, einstockiges Haus, mit einem kleinen Hofplatz vorn; das Zufluchthaus stand in geringer Entfernung rechts davon. Wenn es noch steht, muß es eines der ältesten Gebäude überhaupt in einer Stadt von 400,000 Seelen seyn! Da Mr. Speaker Nicoll im Jahr 1718 auf den Stuhl verzichtete, muß dieß Haus wenigstens 130 oder 140 Jahre alt seyn; und es dürfte sich fragen, ob ein Dutzend so alte öffentliche oder Privat-Häuser auf der ganzen Insel zu finden wären. Da die gewöhnlichen Familienwohnsitze der Nicoll's in Suffolk waren, oder auf ihren Gütern, so ist wahrscheinlich, daß der erwähnte Sitz gewissermaßen von einer Verschwägerung mit den Watt's herrühren mochte, ebensowohl als von dem Umstande, daß der Sprecher nothwendig viele Zeit am Sitze der Regierung zubringen mußte. Der Herausgeber. hatte seit einer langen Reihe von Jahren eine Wohnung dieser Art inne, welche etwa eine Stunde von der Stadt entfernt lag und welche noch jetzt steht, denn ich komme auf meinen Reisen zwischen Satanstoe und York immer daran vorbei. Ich habe den Patentirten nie selbst gesehen, da er lange vor meiner Geburt starb; aber sein Haus in der Nähe der Stadt steht noch, wie ich gesagt, zum Andenken an vergangene Zeiten! Die ganze Stadt schien auf den Beinen zu seyn, und Jedermann trug ein Verlangen, auch einen Blick auf die Kurzweil auf dem Pinkster-Feld zu werfen; obwohl die Gesetzteren und Gebildeteren Selbstverläugnung genug besaßen, sich davon entfernt zu halten, da es sich mit ihren Jahren und mit ihrer Stellung nicht vertragen haben würde, daß man sie an einem solchen Ort gesehen hätte. Der Krieg hatte jedoch viele Regimenter in die Provinz geführt, und ich begegnete wenigstens zwanzig jungen Offizieren, welche zu der Scene der Unterhaltung hinausschlenderten, während ich in die Stadt zurückkehrte. Ich will gestehen, ich gaffte diese Jünglinge mit Bewunderung und nicht ganz ohne Neid an, wie sie paarweise an mir vorüberkamen, lachend und sich belustigend an den grotesken Gruppen von Schwarzen, denen sie gelegentlich begegneten, wie sie von ihrer Kurzweil zurückkehrten. Diese jungen Männer hatten, das wußte ich, das Glück gehabt, in der Heimath gebildet zu werden, ein Theil von ihnen wahrscheinlich auf den Universitäten, und Alle inmitten der hohen Civilisation und des Geschmackes von England. Doch es ist übereilt, wenn ich sage, Alle; denn es waren auch junge Männer von den Colonien darunter, welche vermutlich dieser Vortheile sich nicht zu erfreuen gehabt haben. Das bequeme Wesen, die Zuversicht, und der ruhige – wie soll ich es nennen? – Uebermuth wäre ein zu starkes Wort, und ein Ausdruck, den ich, der Sohn und Enkel ehemaliger Offiziere des Königs, nicht gern gebrauchen möchte, und doch kommt er dem am nächsten, was ich meine, um das Tieferliegende im Benehmen dieser jungen Männer zu bezeichnen – aber, was es auch war, dieser eigenthümliche Ton und Anstrich hauptstädtischer Ueberlegenheit gegenüber von provinzialer Unwissenheit und provinzialer Abhängigkeit, welcher ganz gewiß alle die jüngeren Männer dieser Classe auszeichnete, machte einen Eindruck auf mich, welchen ich schwer finde, zu beschreiben. Ich war ein loyaler Unterthan – liebte den König – und zwar ganz besonders, seitdem er so mit der protestantischen Erbfolge identificirt wurde – liebte Alle vom königlichen Geblüte, und hegte für Nichts heißere Wünsche, als für die Ehre und den Glanz der englischen Krone. Ein junger Mann von solchen Gesinnungen mußte wohl nothwendig die Offiziere des Königs mit wohlwollenden und freundschaftlichen Gefühlen betrachten; und doch, ich will es gestehen, gab es Momente, wo dieser Ton übelverhehlter Ueberlegenheit, dieß Benehmen, welches so sehr dem des Herrn gegen den Diener, des Vornehmen gegen den von ihm Abhängigen, des Patrons gegen den Clienten glich, mich tief kränkte, und mich mit so bittern Gefühlen erfüllte, daß ich ernstlich kämpfen mußte, sie zu unterdrücken. Aber damit greife ich der Zeit vor und unterbreche den ordentlichen Verlauf meiner Erzählung. Ich bin geneigt, zu glauben, es müsse immer viel von diesem Gefühl da vorhanden seyn, wo das Verhältnis von Oberherrlichkeit und Abhängigkeit besteht, wie zwischen verschiednen Territorien. Ich war ziemlich aufgeregt und auch etwas erschöpft durch den Spaziergang und die Vorfälle des Morgens, und beschloß, mich sofort nach Duke-Street zu begeben, und an dem kalten Mittagessen meiner Tante Theil zu nehmen; denn wenige Privatfamilien in New-York, deren Essen ihren regelmäßigen Köchen oder Köchinnen übertragen war, bekamen an diesem und an den zwei folgenden Tagen etwas Warmes auf ihren Tisch. Hier und dort fanden sich jedoch weiße Stellvertreter, und wir hatten um halb zwei Uhr das Glück, einen solchen Beistand zu bekommen. Es war dieß der englische Diener eines Obersts Mosely, eines Offiziers der Armee, welcher mit dem Hause meines Oheims genau bekannt war, und die Artigkeit hatte, bei dieser Gelegenheit seinen Koch anzubieten. Ich erfuhr nachmals, daß viele Offiziere dasselbe Wohlwollen gegen mehrere andere Familien an den Tag legten, mit welchen sie auf vertrauterem Fuße standen. Heirathen zwischen jungen englischen Offizieren und unsern lieblichen, zarten Yorker Schönheiten kamen sehr häufig vor, und ich hatte ein paarmal an diesem Morgen eine Herzbeklemmung verspürt, wegen Anneke'ns, als ich an jungen Männern vom 55sten Regiment, vom 60sten, den Loyalen Amerikanern, dem 17ten und andern vorbeikam, welche damals in der Provinz standen. Meine Tante kam eben vom Gesellschaftszimmer herab, in förmlichem Anzug zum Essen, – denn das unterläßt eine Lady nie, wenn sie auch nur einen kalten Pudding zum Essen bekommt. Als ich die auf die Straße gehende Thüre aufmachte, kam Mrs. Legge nicht bloß herunter, um ihren Sitz am Tisch einzunehmen, sondern da sie, in Folge der Abwesenheit des größten Theils ihres Gesindes einige ausserordentliche Obliegenheiten zu besorgen hatte, war sie eben hiemit beschäftigt. Als sie jedoch mich erblickte, blieb sie auf dem Treppenabsatz stehen und winkte mir zu sich. »Corny,« sagte sie, »was habt Ihr denn gethan, mein Sohn, das Euch eine solche Ehre eingebracht hat?« »Ehre! – Ich wüßte nicht, daß mir irgend eine zu Theil geworden wäre! Was meint Ihr denn wohl, meine liebe Tante?« »Da ist Herman Mordaunt gekommen und wartet, um Euch zu sehen, im Gesellschaftszimmer. Er hat ganz besonders angelegentlich nach Euch gefragt; wünscht Euch zu sehen; drückt sein Bedauern aus, daß Ihr nicht zu Hause seyet, und schwatzt nur von Euch!« »In diesem Fall muß ich wohl so schnell als möglich die Treppen hinauf eilen, um ihn zu begrüßen. Ich will Euch Alles über Tisch erzählen, Tante; – für jetzt entschuldigt mich.« Fort eilte ich mit pochendem Herzen, um einen Besuch von Anneke'ns Vater anzunehmen. Ich vermag kaum einen Grund anzugeben, warum dieser Gentleman gewöhnlich, wenn man von ihm sprach, und manchmal auch, wenn man mit ihm sprach, Herman Mordaunt genannt wurde, wenn es nicht anders daher rührte, daß, weil er zum Theil von holländischer Abkunft war, der Name, welcher dieß andeutete – (Hermanus, von den Holländern Hermaanus ausgesprochen), – von einem Theil der Leute zur Bezeichnung dieses Umstandes gebraucht wurde, und daß dann Andere dieser Gewohnheit sich bequemten. Aber Herman Mordaunt wurde er gewöhnlich genannt; und zwar in achtungsvoller Weise, und nicht so, wie gemeine Personen von Vorgesetzten und Höheren zu reden sich oft herausnehmen, um sich gleichsam ihrer vertrauten Bekanntschaft mit denselben zu rühmen. Ich hätte es zu jeder Zeit meines Lebens zur Ehre geschätzt, einen Besuch von Herman Mordaunt zu empfangen; aber mein Herz pochte förmlich, wie schon gesagt, als ich die Treppen hinauf sprang, um Anneke'ns Vater zu begrüßen. Mein Oheim war nicht zu Hause und ich fand meinen Besuch allein mich im Gesellschaftszimmer erwartend. Wohl bekannt mit dem Zustand unserer, so wie in der That aller Familien während der Pinkster-Zeit, hatte er darauf bestanden, daß meine Tante ihn verlassen sollte, während er einige neue Bücher durchsah, welche vor Kurzem vom Mutterlande angekommen waren; und unter diesen befand sich eine neue und sehr schöne Ausgabe vom Spectator, einem Werke, welches sich in allen Colonien einer verdienten Berühmtheit erfreut. Mr. Mordaunt trat mir, so bald ich mich näherte, zur Begrüßung entgegen mit kunstgerechter Artigkeit, aber mit einer Wärme, welche nicht wohl erheuchelt seyn konnte. Bei alledem war sein Betragen bequem und natürlich; und mir erschien er als der feinstgebildete Mann, den ich je gesehen. »Ich bin dem Himmel dankbar, daß ich die Verpflichtung, in der ich Euch stehe, mein junger Freund,« sagte er sogleich und ohne irgend eine Einleitung, wenn man nicht sein Benehmen dafür gelten lassen wollte, »dem Sohne eines Gentleman schulde, welchen ich so hoch achte, wie Evans Littlepage. Ein loyaler Unterthan, ein rechtlicher Mann und ein Gentleman von guter Herkunft und guten Verbindungen wie er, mag wohl der Vater eines muthigen Jünglings seyn, welcher sich nicht bedenkt, selbst Löwen entgegen zu treten, wenn es die Verteidigung des schwächern Geschlechts gilt.« »Ich will mir nicht die Miene geben, als verstände ich Euch nicht, Sir,« antwortete ich, »und ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück, daß die Sache nicht schlimmer ablief, obwohl Ihr die Gefahr gar sehr überschätzt. Ich zweifle, ob selbst ein Löwe das Herz hätte, Miß Mordaunt ein Leid zu thun, wenn sie in seiner Gewalt wäre.« Ich denke, das war eine ganz hübsche Rede für einen zwanzigjährigen Jüngling; und ich gestehe, ich erinnere mich derselben noch jetzt mit Wohlgefallen. Wenn ich gelegentlich Schwächen dieser Art blicken lasse, so bitte ich den Leser zu bedenken, daß ich die Rolle eines ehrlichen Geschichtschreibers spiele, und daß mein Bestreben dahin geht, nichts zu verhehlen, was man wissen sollte. Herman Mordaunt setzte sich nicht wieder, weil es schon so spät, halb zwei Uhr, war; aber er versicherte mich vielfach seiner Freundschaft, und lud mich auf Freitag zum Mittagessen ein – als die früheste Zeit, wo er wieder über die Dienste seines Gesindes gebieten könne. Die Armee hatte spätere Stunden eingeführt, als früher üblich war, die Einladung lautete auf drei Uhr; und es wurde damals, wie ich mich wohl erinnere, gesagt, daß die Leute nach der Mode und vom guten Ton in London sogar noch später sich zu Tische setzten. Nachdem er noch fünf Minuten bei mir geblieben, verabschiedete sich Herman Mordaunt. Natürlich begleitete ich ihn bis unter die Thüre, wo wir unter vielen Bücklingen uns trennten. Beim Mittagessen erzählte ich meinem Oheim und meiner Tante Alles, was vorgefallen war, und freute mich, Beide so günstig von meinen neuen Bekannten sprechen zu hören. »Herman Mordaunt könnte ein noch viel angesehenerer Mann seyn, als er ist,« bemerkte mein Oheim, »wenn er Lust hätte, ins öffentliche Leben einzutreten. Er hat Talente, eine gute Erziehung und Bildung, ein sehr schönes Besitzthum, und gewiß recht gute Verbindungen in der Colonie; Manche behaupten, auch im Mutterlande.« »Und Anneke ist ein holdes junges Geschöpf,« setzte meine Tante hinzu; »und wenn Corny einmal einer jungen Lady beispringen sollte, so bin ich herzlich froh, daß es Anneke war. Sie ist ein treffliches Wesen, und ihre Mutter war eine meiner vertrautesten Freundinnen, und ebenso von meiner Schwester Littlepage. Ihr müßt heute Abend hingehen und Euch nach ihrem Befinden erkundigen, Corny. Eine solche Aufmerksamkeit ist unerläßlich, nach Allem was vorgefallen ist.« Ob ich wünschte, diesem Rathe zu folgen? Ohne alle Frage; doch aber war ich zu jung und zu wenig frei und unbefangen, als daß ich ohne mancherlei Bedenklichkeiten zu dieser Ceremonie mich hätte entschließen sollen. Zum Glück kam Abends Dirck in unser Haus; und als meine Tante ihre Meinung vor meinem Freunde wiederholte, erklärte er sogleich, er finde dieß ganz schicklich, und er glaube, Anneke habe wohl das Recht, es zu erwarten. Da er sich mir zum Begleiter anbot, befanden wir uns bald auf dem Wege nach Crown-Street, wo Mr. Mordaunt ein treffliches Haus besaß und bewohnte. Wir wurden von Mr. Mordaunt selbst eingelassen, da noch keiner von seinen Schwarzen vom Pinkster-Feld zurückgekommen war. Dirck schien nicht nur mit Herman Mordaunt, sondern auch mit seiner reizenden Tochter auf dem besten Fuße zu stehen. Ich hatte bemerkt, daß die Letztere ihn immer: »Cousin Dirck« nannte, und ich wußte selbst nicht recht, ob ich dieß als ein Zeichen von besonderer, persönlicher, oder von Familien-Vertraulichkeit ansehen sollte. Daß Dirck Anneke Mordaunt lieber hatte als irgend ein menschliches Wesen, konnte ich leicht erkennen; und ich gestehe, daß diese Entdeckung mir schon einiges Mißbehagen zu verursachen anfing. Ich liebte Dirck, und ich wünschte, daß er eher jedes andere Wesen geliebt hätte, als gerade dasjenige, auf welches sich, wie ich fürchtete, seine Neigung geworfen hatte. Herman Mordaunt führte mich die stattliche, breite, mit Mahagoniholz bekleidete Treppe seines Hauses hinauf und in ein sehr hübsches, obwohl nicht sehr großes, aber wohlerleuchtetes Gesellschaftszimmer. Hier saß Anneke, seine Tochter, in der Lieblichkeit ihrer jungfräulichen Reize, etwas sorgfältiger vielleicht gekleidet als gewöhnlich, denn sie hatte drei oder vier junge liebenswürdige Mädchen bei sich und fünf oder sechs junge Männer; und unter diesen befanden sich nicht weniger als drei Scharlachröcke. Ich will nicht versuchen meine Schwäche zu verhehlen. Erst zwanzig Jahre alt, unerfahren und nicht an städtische Gesellschaften gewöhnt, fühlte ich mich befangen und unbehaglich, sobald ich in das Zimmer trat; auch verlor sich während der ersten halben Stunde diese Empfindung nicht. Anneke trat mir ein paar Schritte entgegen zur Begrüßung; und ich konnte bemerken, daß sie beinahe ebenso verwirrt und verlegen war, wie ich. Sie erröthete, wie sie mir für den Dienst dankte, den ich ihr geleistet, und drückte ihre Freude darüber aus, daß ihr Vater so glücklich gewesen, mich zu Hause zu treffen, und Gelegenheit gehabt habe, einem Theil seiner Gefühle über diesen Vorfall Worte zu geben. Dann lud sie mich ein, Platz zu nehmen, nannte der Gesellschaft meinen Namen und sagte mir von zweien oder dreien der jungen Damen, wer sie seyen. Von diesen Letztern wurde mir manches beifällige Lächeln zu Theil, was ich als Danksagung für den ihrer Freundin geleisteten Dienst nahm, während ich nicht umhin konnte zu bemerken, daß ich für die Meisten der anwesenden Männer ein Gegenstand der genauen Beobachtung und Prüfung war. Die drei Offiziere insbesondere betrachteten mich am schärfsten und am längsten. »Ich hoffe, Euer kleiner Unfall, der an sich von keiner großen Bedeutung seyn konnte, da Ihr so leicht davon kamet, hat Euch doch nicht verhindert, den kostbaren Spaß dieser Pinkster-Geschichte zu genießen?« sagte Einer der Scharlachröcke, sobald die Bewegung, welche mein Empfang verursacht hatte, vorüber war. »Ihr nennt es einen kleinen Unfall, Mr. Bulstrode,« erwiederte Anneke mit einem vorwurfsvollen Schütteln ihres Köpfchens, »aber ich kann Euch versichern, es ist keine Kleinigkeit für eine junge Lady, sich in den Tatzen eines Löwen zu sehen.« »Also ein ernster Unfall; denn ich sehe, Ihr seyd entschlossen, Euch als ein Opfer zu betrachten,« versetzte der Andere; »aber ich hoffe doch, nicht ernsthaft genug, um Euch um den Spaß zu bringen?« »Das Pinkster-Feld und die Pinkster-Lustbarkeiten sind für uns nichts Neues, Sir, da wir sie jedes Jahr haben; und ich bin alt genug, daß ich sie in den letzten zwölf Jahren nie versäumt habe.« »Wir hörten, Ihr seyet draußen gewesen,« bemerkte ein anderer Rothrock, welchen ich hatte Billings nennen hören, »begleitet von einer kleinen Armee Leichter Infanterie , wie Bulstrode sie nannte.« Hier mischten sich drei oder vier von den andern jungen Frauenzimmern in das Gespräch und legten sofort Einsprache dagegen ein, daß Mr. Bulstrode ihre jüngern Schwestern so cavalierement unter die Armee stecke; eine Anklage, welche Mr. Bulstrode zu pariren suchte, indem er seine Hoffnung aussprach, sie Alle über kurz oder lang nicht nur in der Armee, sondern sogar in seinem eigenen Regiment zu sehen. Auf dieß entstand eine gewisse Heiterkeit, und wurden mehrfache Protestationen laut, die Abgeneigtheit aussprechend, sich anwerben zu lassen, woran jedoch, wie ich zu meiner Freude bemerkte, weder Anneke, noch ihre vertrauteste Freundin, Mary Wallace, Theil zu nehmen für passend fanden. Mir gefiel ihr zurückhaltendes Benehmen weit besser, als die kindische Schwatzhaftigkeit ihrer Freundinnen; und ich bemerkte wohl, daß die Männer sie nur um so mehr deßhalb achteten. Es folgten nun mancherlei allgemeine unzusammenhängende Gespräche, welche ich nicht weiter verfolgen und berichten will, sondern mich auf solche Beobachtungen beschränke, welche Bezug hatten auf Dinge, die mich persönlich berührten. Da keiner von den jungen Soldaten mit seinem militärischen Titel angeredet wurde, – denn dergleichen geschah, wie ich jetzt entdeckte, nie in den bessern Kreisen, und am wenigsten in denjenigen, welche Beziehungen mit dem Heere hatten, konnte ich damals den Rang der drei Rothröcke nicht erfahren; jedoch erfuhr ich später, daß der Jüngste ein Fähnrich war, mit Namen Harris, fast noch ein Knabe, und der jüngere Sohn eines Parlamentsgliedes. Der im Alter auf ihn Folgende, Billings, war Kapitän und es hieß, er sey der natürliche Sohn eines Edelmannes; während Bulstrode wirklich der älteste Sohn eines Baronets war, von drei bis viertausend Pfund jährlicher Einkünfte, und, obgleich erst vierundzwanzig Jahre alt, durch Stellenkauf sich schon zum Major hinaufgeschwungen hatte. Dieser Letztere war wirklich ein hübscher Bursch; und ich hatte kaum eine Stunde in seiner Gesellschaft zugebracht, als ich schon deutlich genug erkannte, daß er ein eifriger Bewunderer von Anneke Mordaunt war. Die zwei Andern bewunderten offenbar zu sehr sich selbst, als daß sie sehr lebhafte Gefühle für andere Personen hätten haben können. Was Dirck betrifft, so hielt er, jünger noch als ich, und schüchtern so wie langsam von Natur, sich ganz im Hintergrund, und unterhielt sich die meiste Zeit mit Herman Mordaunt über Landwirthschaft. Wir waren eine Stunde beisammen gewesen, und ich hatte hinlängliche Unbefangenheit erlangt, daß ich von meinem Sitz aufstand und ein paar Gemälde betrachtete, welche die Wände zierten und Originale aus der alten Welt seyn sollten; denn, die Wahrheit zu gestehen, die Malerkunst hat in den Colonien noch keine großen Fortschritte gemacht. Wir haben zwar Maler, und man behauptet, ein paar derselben seyen Männer von seltenem Verdienst, und die Damen sitzen ihnen sehr gern zu Portraits; aber das sind Ausnahmen. In künftigen Tagen, wenn Kritiker die Namen Smybert, Watson und Blackburn werden unsterblich gemacht haben, werden die Leute dieser Provinzen die Talente kennen lernen, welche sie einst in ihrer Mitte besaßen; und, die Enkel derjenigen, welche diese genialen Männer zu ihren Lebzeiten vernachläßigt haben, – ja, ihre entferntesten Nachkommen werden die dem Verdienst und Talent widerfahrenen Unbilden bis ans Ende der civilisirten Zeit rächen. Es ist ein Fehler der Colonien, daß sie mißtrauisch sind gegen ihre eigenen Meinungen; aber ich habe Gentlemen, welche in der Heimath erzogen wurden, und einen gebildeten, feinen Geschmack besaßen, versichern hören, daß die Maler Europa's, wenn sie diese Hemisphäre besuchten, all ihre Vorzüge behalten und eben so frei und gut unter der amerikanischen wie unter der europäischen Sonne gemalt haben. Was eine Schwesterkunst betrifft – die Thespische Muse war wirklich fünf Jahre vor meinem Besuch in der Stadt im Jahr 1757, also im Jahr 1752, unter uns erschienen, und ein Theater war im Jahr 1753 erbaut und eröffnet worden in Nassau-Street, worauf eine Gesellschaft unter der Leitung des gefeierten Hallam und seiner Familie spielte. Dieß Theater zu besuchen hatte ich, seit es stand, vor Begierde gebrannt, denn ich hatte noch nie eine theatralische Darstellung gesehen; aber meiner Mutter dringende Vorstellungen hielten mich ab, hinzugehen, so lang ich im Collegium war. »Wenn du alt genug bist, Corny,« pflegte sie zu sagen, »sollst du meine Erlaubniß haben, so oft hinzugehen, als schicklich ist; aber jetzt bist du noch in einem Alter, wo Shakspeare und Rowe dein Latein und Griechisch über den Haufen werfen könnten.« Der Gehorsam war mir nicht allzu schwer gefallen, sintemal das Gebäude in Nassau-Street, das zweite regelmäßige Theater, welches im britischen Amerika erbaut worden, niedergerissen und an der Stelle desselben eine Kirche aufgeführt wurde. Diese Kirche wird jetzt in ein Postgebäude verwandelt. Die Schauspieler gingen nach den Inseln, und waren bis zu dem Zeitpunkt, von welchem ich hier erzähle, noch nicht wieder auf dem Continent erschienen; auch fand ihre Rückkehr erst im folgenden Jahre statt. Daß sie jedoch erwartet wurden, und ein neues Haus, in einer andern Gegend der Stadt, für sie gebaut worden war, wußte ich, obgleich Monat um Monat verstrich und die heißersehnte Truppe nicht kam. Ich hatte jedoch vernommen, daß die große militärische Macht, welche sich in der Colonie zusammenzog, sie vermuthlich bald zurückführen werde, und das Gespräch nahm bald eine Wendung, welche zeigte, wie lebhaftes Interesse die jungen, muntern und schönen Herren und Damen an der Sache nahmen. Ich betrachtete noch immer ein Gemälde, als Mr. Bulstrode sich mir näherte und ein Gespräch mit mir anknüpfte. Man wird sich erinnern, daß dieser Gentleman vier Jahre älter war als ich; daß er eine Universität besucht hatte; der Erbe einer Baronetschaft war; die Welt kannte; sich zum Major in der Armee aufgeschwungen hatte, und von Natur wie in Folge seiner Erziehung und Bildung angenehm und fein war, wenn er dazu Lust hatte. Diese Umstände gaben ihm, wie ich nicht umhin konnte zu fühlen, einen ungeheuren Vortheil über mich; und ich wünschte von ganzem Herzen, wir möchten lieber an jedem andern Orte stehen, als vor dem Auge von Anneke Mordaunt, als ihm so beliebte, mich durch eine Art von tête-à-tête, oder ein abgesondertes Gespräch zum Behuf einer nachtheiligen Vergleichung zu isoliren. Doch konnte ich mich nicht beklagen über sein Benehmen, welches artig sowohl als achtungsvoll war; obgleich ich mich kaum des Gedankens erwehren konnte, daß er sich insgeheim die ganze Zeit über mich lustig machte. »Ihr seyd ein glücklicher Mann,« begann er, »Mr. Littlepage, daß Ihr im Falle gewesen, der Miß Mordaunt einen so wichtigen Dienst zu leisten. Wir Alle beneiden Euer gutes Glück, während wir Euren entschlossenen Muth bewundern, und ich bin überzeugt, die Männer unseres Regiments werden gebührende Kunde davon nehmen. Miß Anneke ist im Besitz der Hälfte unserer Herzen, und wir müßten noch herzloser seyn, wenn wir einen solchen Dienst übersehen könnten.« Ich murmelte eine halb verständliche Antwort auf sein Kompliment, und mein neuer Bekannter fuhr fort: »Ich bin beinahe erstaunt, Mr. Littlepage,« sagte er, »daß ein Mann von Eurem lebhaften Geist in so lebhaften und bewegten Zeiten wie die jetzigen nicht auch zu uns kommt. Man sagt mir, Euer Vater und Großvater haben gedient, und Ihr seyet ganz Euer eigener Herr. Ihr werdet gar viele Männer von Verdienst und von gutem Ton unter uns finden, und ich hege keinen Zweifel, sie würden dazu beitragen, Euch die Zeit recht angenehm vertreiben zu helfen. Es werden große Verstärkungen erwartet, und wenn Ihr Lust zu einer Fahne hättet, so weiß ich, glaube ich, ein Bataillon, in welchem ein paar erledigte Stellen sind, und welches gewiß in den Colonien dienen wird. Es würde mir großes Vergnügen machen, Euch behülflich seyn zu können in Erreichung Eurer Absichten und Wünsche, falls Ihr geneigt seyn solltet, sie auf die Armee zu richten.« Nun sagte er das Alles mit anscheinend sehr offenem und aufrichtigem Wesen, welches, wie mir schien, um so sichtbarer hervortrat in Folge des Umstandes, daß Anneke so saß, daß sie nothwendig jedes Wort hören mußte, das gesprochen wurde. Ich bemerkte sogar, daß sie ihr Auge auf mich heftete, als ich antwortete, obwohl ich mir nicht getraute, sie meinerseits so scharf zu beobachten, daß ich den Ausdruck ihres Gesichts gesehen hätte. »Ich bin Euch sehr verbunden, Mr. Bulstrode, für Eure großmüthigen und wohlwollenden Gesinnungen,« antwortete ich, ziemlich förmlich, denn mein Stolz kam mir zu Hülfe; »aber ich fürchte, es steht nicht in meiner Macht, sofort oder auch überhaupt je, mir dieselben zu Nutze zu machen. Mein Großvater lebt noch, und er übt einen großen Einfluß über mich und mein Schicksal, und ich weiß, es ist sein Wunsch, daß ich in Satanstoe bleibe.« »Wo?« fragte Bulstrode, mit mehr Lebhaftigkeit und Neugier, als sich vielleicht mit guter Lebensart im strengen Sinne vertrug. »In Satanstoe; ich wundere mich nicht, daß Ihr lächelt, denn es klingt gar seltsam, aber es ist der Name, den mein Großvater dem Familienbesitzthum in West-Chester gegeben hat. Gegeben, sage ich, obwohl ich vielleicht richtiger sagen würde: übersetzt, da, wie ich gehört habe, die jetzige Benennung eine ziemlich buchstäbliche Uebertragung aus dem Holländischen ins Englische ist.« »Mir gefällt der Name ausnehmend, Mr. Littlepage, und ich bin überzeugt, mir würde auch Euer guter, alter, ehrlicher, angelsächsischer Großvater gefallen. Aber, verzeiht, ist es wirklich sein Wunsch, daß Ihr zu Satansfoot Würde Satans fuß heißen. bleibt?« »Satans toe , Sir; wir machen nicht Anspruch auf den ganzen Fuß. Es ist meines Großvaters Wunsch, daß ich zu Hause bleibe bis zu meiner Volljährigkeit, das heißt jetzt noch einige Monate.« »Um Euch fern zu halten von den Fußtapfen des Satans, vermuthe ich. Nun, diese alten Gentlemen haben oft Recht. Solltet Ihr jedoch Eure Absichten ändern, mein lieber Littlepage, so vergeßt mich nicht, sondern erinnert Euch, daß Ihr zählen könnt auf einen Mann, der einigen geringen Einfluß besitzt, und immer bereit seyn wird, ihn geltend zu machen zu Gunsten dessen, welcher der Miß Mordaunt einen so wichtigen Dienst geleistet. Sir Harry ist ein Märtyrer des Podagras und spricht davon, mich bei der Auflösung des Parlaments an seine Stelle treten zu lassen. In diesem Falle werden natürlich meine Wünsche ein noch stärkeres Gewicht haben. Der Name Satanstoe gefällt mir ganz rasend.« »Ich bin Euch unendlich verbunden, Mr. Bulstrode, obgleich ich gestehen will, daß ich nie daran gedacht habe, dadurch in der Welt vorwärts zu kommen, daß ich meine Freunde in Anspruch nehme. Es mag Einer gestehen, daß er Hoffnungen hat, gegründet auf Verdienst und Rechtschaffenheit –« »Pah! pah! – mein lieber Littlepage, Rechtschaffenheit ist etwas ganz Artiges, um davon zu schwatzen, aber ich denke, Ihr erinnert Euch, was Juvenal über diesen interessanten Gegenstand sagt: Probitas laudatur et alget . Ich glaube fast, Ihr seyd noch so frisch vom Collegium her, daß Ihr des bündigen Satzes Euch noch erinnert.« »Ich habe den Juvenal nie gelesen, Mr. Bulstrode, und trage auch gar kein Verlangen darnach, wenn Dieß die Tendenz dessen ist, was er lehrt –« »Juvenal war ein Satiriker, wißt Ihr,« unterbrach mich Bulstrode etwas hastig, denn mittlerweile hatte auch er bemerkt, daß Anneke uns zuhörte, und er verrieth einige Ungeduld, von einem so ruchlosen Satz loszukommen, »und Satiriker reden von den Dingen so wie sie sind, und nicht wie sie seyn sollten. Ich glaube, Rom verdiente Alles, was es abbekam, denn die Moralisten entwerfen ein sehr trauriges Bild von seinem Zustand. Unter allen großen Hauptstädten, von welchen wir Kunde haben, ist London die einzige Stadt von einigermaßen leidlicher Sittlichkeit.« Was der junge Bulstrode weiter vorzubringen sich erkühnt haben würde, vermag ich nicht zu errathen; aber eine gewisse Miß Warren, welche sich in der Gesellschaft befand und vorzugsweise die Jugendliche spielte, rief in diesem kritischen Augenblick glücklicher Weise aus: »Ich bitte Euch nur um einen Augenblick Gehör, wenn es Euch gefällig ist, Mr. Bulstrode; ist es wahr, daß die Gentlemen von der Armee das neue Theater haben in Bereitschaft setzen lassen, und uns mit einigen Vorstellungen zu beglücken beabsichtigen? Ein Geheimniß dieser Art ist so eben verlautet von Mr. Harris, welcher sogar hinzufügt, daß Ihr uns Alles sagen könntet.« »Mr. Harris muß dafür Arrest bekommen, obgleich ich höre, der Oberst habe schon in der vorigen Woche, an der Tafel des Lieutenant-Gouverneurs, die Katze aus dem Sack gelassen.« »Ich kann Euch versichern, Mr. Bulstrode.« bemerkte Anneke ruhig, »daß ich solche Gerüchte schon seit vollen vierzehn Tagen gehört habe. Ihr müßt nicht den Mr. Harris allein tadeln, denn Euer ganzes Regiment hat allerorten dahin gehende Andeutungen fallen lassen.« »Dann wird der Delinquent dieß Mal frei ausgehen. Ich gestehe die Anschuldigung zu; wir haben das neue Theater gemiethet, und beabsichtigen uns um die Ehre zu bewerben, daß die Ladies kommen und hören, wie ich Cato und Scrub ermorde; ein hübscher Klimax von Charakteren, das werdet Ihr zugeben, Miß Mordaunt!« »Ich weiß Nichts von Scrub, obgleich ich Mr. Addisons Trauerspiel gelesen habe, und glaube, Ihr habt Euch der Rolle Cato's nicht zu schämen. Wann soll das Theater eröffnet werden?« »Wir lassen nur den schwarzen Herrschaften den Vortritt. Sobald St. Pinkster seinen gebührenden Theil Aufmerksamkeit empfangen hat, werden wir Dom Cato und Mr. Scrub Euch vorzuführen und bekannt zu machen die Ehre haben.« Alle die jungen Damen, mit Ausnahme von Anneke und ihrer Freundin Mary Wallace, lachten, und wiederholten zwei oder dreimal die Worte: »St. Pinkster«, als ob sie etwas viel Witzigeres enthielten, als man für gewöhnlich zu hören bekam. Eine allgemeine Fluth von Ausrufungen, von Kundgebungen der Freude, von Fragen und Antworten folgte, wobei man immer zwei oder drei Stimmen zu gleicher Zeit hörte, und während dem wandte sich Anneke zu mir, der ich in ihrer Nähe stand, da wo Bulstrode eine Minute vorher gestanden war, und schien sehr verlangend, mir Etwas zu sagen. »Denkt Ihr wirklich im Ernst an die Armee, Mr. Littlepage?« fragte sie und erröthete selbst über die Kühnheit ihrer Frage. »Bei einem Kriege wie dieser, kann Keiner wissen, wann er berufen werden mag, auszuziehen,« antwortete ich. »Aber, wenn, überhaupt, doch nur als Vertheidiger des heimischen Bodens.« Anneke Mordaunt schien mir mit dieser Antwort wohl zufrieden zu seyn. Nach einer kurzen Pause nahm sie das Gespräch wieder auf. »Natürlich versteht Ihr Latein, Mr. Littlepage, obgleich Ihr die Universitäten nicht besucht habt?« »So wie es auf unsern Collegien gelehrt wird, Miß Mordaunt.« »Und das genügt um mir zu sagen, was der Sinn von Mr. Bulstrode's Citat ist – falls es sich für mich schickt, es zu hören.« »Er würde sich schwerlich erkühnen, selbst in lateinischer Sprache Etwas in Eurer Gegenwart zu sagen, was Euer Ohr verletzen könnte. Der Satz, welchen Mr. Bulstrode dem Juvenal zuschreibt, heißt einfach so viel: die Rechtschaffenheit wird gepriesen und darbt.« Es schien mir, ein gewisses Mißfallen lagere sich auf die schöne, glatte Stirne der Miß Mordaunt, welche, wie ich bald erkannte, für ein so junges Wesen viel Charakter und hochsinnige Grundsätze besaß. Sie sagte jedoch Nichts, obgleich sie einen sehr bedeutungsvollen Blick mit ihrer Freundin Mary Wallace wechselte. Ihre Lippen bewegten sich, und ich glaubte zu sehen, wie sie, doch unhörbar, die Worte lispelten: »die Rechtschaffenheit wird gepriesen und darbt!« »Und ihr sollt den Cato geben, höre ich, Mr. Bulstrode,« rief eines der jungen Frauenzimmer, welches mehr an Scharlachröcke dachte, als ihr zuträglich war. »Wie entzückend! Werdet Ihr die Rolle in Uniform oder in Bibertuch – in altem oder modernem Kostüm spielen?« »In meiner robe de chambre , etwas verändert für die Gelegenheit, wenn nicht St. Pinkster und seine Kurzweil ein passenderes Kostüm an die Hand geben,« antwortete der junge Mann leichthin. »Wißt Ihr genauer, was für ein Fest Pinkster ist?« fragte Anneke etwas ernst. Bulstrode erröthete wirklich, denn es war ihm nie eingefallen, sich näher nach der Natur dieses Festes zu erkundigen; und die Wahrheit zu gestehen, die Art, wie es von den Negern in New-York begangen wurde, konnte ihn hierüber auch sehr wenig aufklären. »Das ist ein Punkt, über welchem ich der Miß Mordaunt für Belehrung verbunden seyn werde, wie ich merke.« »Ich werde Eure Erwartung nicht täuschen, Mr. Bulstrode; Pinkster ist nicht Mehr und nicht Weniger als das Fest des Weißen Sonntags oder das Pfingstfest. Ich hoffe, wir werden jetzt Nichts mehr von Eurem Heiligen hören.« Bulstrode nahm diese kleine Zurechtweisung, welche sehr mild aber mit Festigkeit ertheilt wurde, mit vollkommen guter Laune auf; und mit so ehrerbietigem Wesen, daß man wohl sah, welch eine Macht Anneke über ihn besaß. Er verbeugte sich unterwürfig, und sie lächelte so freundlich, daß ich wünschte, die Gelegenheit zu dieser kleinen Pantomime hätte sich nicht ergeben. » Unsere Vorfahren, Miß Mordaunt, haben nie Etwas von Pinkster gehört, wie Ihr bedenken müßt, und das muß meine Unwissenheit entschuldigen,« sagte er bescheiden. »Aber von den meinigen haben die Einen und die Andern es längst verstanden und das Fest begangen,« versetzte Anneke. »Ja, von holländischer Seite, aber wenn ich mir erlaube, von unseren Vorfahren zu sprechen, so meine ich diejenigen, in Bezug auf welche ich mich der Ehre rühmen darf, sie als Euch und mir gemeinsame zu bezeichnen.« »So seyd also Ihr und Mr. Bulstrode verwandt?« fragte ich, gleichsam unwillkürlich und beinahe zu hastig. Anneke jedoch antwortetet in einer Weise, welche zeigte, daß sie unter den gegebenen Umständen die Frage natürlich und gar nicht unpassend finde. »Meines Großvaters Mutter und Mr. Bulstrode's Großvater waren Geschwister,« war ihre ruhige Antwort. »Diese macht uns gewissermaßen zu Verwandten, nach den holländischen Begriffen, die er so sehr verachtet, obwohl ich glaube, daß es im Heimathlande nicht Viel gelten würde.« Bulstrode betheuerte das Gegentheil und erklärte, er wisse aus der nachdrücklichen und ernsten Weise, womit sein Vater ihm empfohlen, die Bekanntschaft mit der Familie zu kultiviren, sobald er in New-York ankomme, welchen Werth derselbe auf die Verwandtschaft mit Mr. Mordaunt lege. Ich sah hieraus, auf welchem Fuße der furchtbare Major mit der Familie stand, und Jedermann, außer mir, schien mit Anneke Mordaunt verwandt zu seyn. Ich ergriff noch an demselben Abend eine Gelegenheit das liebe Mädchen über ihre holländischen Verwandten auszufragen, und gab ihr zugleich Nachweisungen über die meinigen; aber mit all unserm Bemühen und trotz des Beistandes von Herman Mordaunt, welcher an dergleichen Gegenständen ein Interesse fand, gleichsam ex officio, konnten wir doch keine Verwandtschaft herausbringen, welche der Rede werth gewesen wäre. Siebentes Kapitel. »Sir Valentin, ich frage Nichts nach ihr.« »Ich acht' ihn einen Narren, der sein Leben Wagt um ein Mädchen, welches ihn nicht liebt.« »Nicht ich begehre sie, drum ist sie dein.« Zwei Edelleute von Verona. Ich sah Anneke Mordaunt mehrere Male, theils auf der Straße, theils in ihrem Hause, zwischen jenem Abend und dem Tage, wo ich bei ihrem Vater speisen sollte. Am Morgen dieses letztern Tages beehrte mich Mr. Bulstrode mit einem Besuche, und verkündigte mir, er werde auch von der Gesellschaft in Crown-Street seyn; und die ganze Gesellschaft werde sich dann ins Theater begeben, um am Abend seinen Cato und Scrub zu sehen. »Wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, in der Krone und Bibel, ganz hier in der Nähe, vorzusprechen, in Hanover Square, oder Queen Street, dem Hause des ehrlichen Hugh Gaine, so werdet Ihr dort eine Anzahl Billete finden für Euch, für Mr. und Mrs. Legge, und Euren Verwandten Mr. Dirck Follock, wie, glaube ich, der Gentleman genannt wird. Diese Holländer haben ganz außergewöhnliche Namen, das müßt Ihr zugeben, Mr. Littlepage.« »So mag es einem Engländer erscheinen, obgleich unsre Namen für Fremde ebenso seltsam lauten. Aber Dirck Van Valkenburgh ist kein Verwandter von mir, wohl aber von den Mordaunt's, Euren Verwandten.« »Nun, es ist Alles einerlei! Ich wußte, daß er verwandt sey mit Jemand den ich kenne, und so bildete ich mir ein, mit Euch. Gewiß, ich sehe ihn nie, ohne zu wünschen, daß er in unserer Grenadierkompagnie wäre.« »Dirck würde jedem Corps Ehre machen, aber Ihr wißt, wie es mit den holländischen Familien ist, Mr. Bulstrode; sie behalten immer viel von ihrer Anhänglichkeit an Holland und nehmen nicht so häufig Dienste in der Armee oder Flotte, wie wir von englischer Abkunft.« »Ich hätte geglaubt, ein Jahrhundert könnte sie etwas abgekühlt haben in ihrer Verehrung für die Wiesen von Holland. Im Heimathlande ist man der Meinung, daß New-York eine ganz besonders wohlgesinnte Colonie sey.« »Das ist es auch, wie ich von allen Seiten höre. Was die Holländer unter uns betrifft, so habe ich meinen Großvater sagen hören, die Regierung König Wilhelms habe einen mächtigen Einfluß geübt, sie mit dem neuen Gouvernement auszusöhnen, aber seit seiner Zeit seyen sie weniger loyal als früher. Dennoch gelten die Van Valkenburghs für so gute Unterthanen, als das Haus Hannover nur irgend welche hat. Unter keiner Bedingung möchte ich ihnen in Eurer Meinung Schaden thun.« »Gut oder schlecht, wir hoffen Euren Freund zu sehen, der irgendwie, nach Eurer Angabe, ein Verwandter Mordaunt's ist. Ihr werdet nur eine schwache Vorstellung von Dem bekommen, was eines der königlichen Theater ist, Littlepage, wenn Ihr dieser unserer Vorstellung anwohnt, obgleich es schon gut seyn mag, die Zeit zu tödten. Aber ich muß jetzt zur Probe; wir sehen uns wieder um drei Uhr.« Hier machte mir mein munterer und tapferer Major seinen Bückling und verabschiedete sich. Ich begab mich nach dem Hause mit dem Schild der Krone und Bibel, wo ich eine Menge Leute versammelt fand, welche kamen um Karten zu holen. Da die Elite der Stadt für sich allein noch kein hinlängliches Publikum bildete, um den hochstrebenden Ehrgeiz der Schauspieler zu befriedigen, wurden mehr als die Hälfte der Billete verkauft, und das Geld für die kranken Familien von Soldaten bestimmt, welche keine Ansprüche ans Unterstützung von der Regierung hatten. Es wurde als eine sehr schmeichelhafte Auszeichnung angesehen, wenn man Freibillete bekam, obgleich Alle, welche so glücklich waren, sichs zur Pflicht machten, bei Mr. Gaine ein Geschenk für den Fond zurückzulassen. Nachdem ich meine Karten in Empfang genommen, verließ ich den Laden, und da es die Stunde zum Morgenspaziergang war, ging ich Wall-Street hinauf, nach dem Wall, wie Trinity Church Walk damals schon genannt wurde. Hier erwartete ich Dirck zu treffen und hoffte Anneke zu sehen, denn der Platz wurde Morgens und Abends von den muntern jungen Leuten sehr fleißig besucht. Die Musikbanden verschiedener Regimenter waren auf dem Kirchhof aufgestellt und die sich einfindende Gesellschaft wurde oft mit reichlicher, schöner, kriegerischer Musik regalirt. Einige Wenige von den Skrupulösen hielten sich auf über diese Entweihung des Kirchhofs, aber die Armee hatte so ziemlich in Allem ihren eignen Willen. Da man voraussetzte, daß sie nichts thue, als was auch in der Heimath gestattet und gebilligt werde, achtete man wenig auf die abweichende Meinung, und ich glaube, die Armee würde sich nicht viel darum gekümmert haben, wären auch die Beschwerdeführer zahlreicher gewesen. Ich glaube wohl fünfzig junge Damen spazierten auf dem Kirchhofweg, als ich ihn erreichte, und beinahe ebenso viele junge Männer, die ihnen das Geleite gaben; nicht Wenige von den Letztern waren Scharlachröcke, obgleich auch die Biberröcke hier ihre Vertreter zählten. Auch einige Blaujacken waren unter uns, denn es lagen zwei oder drei königliche Kreuzer im Hafen. Da Niemand sich zur Promenade auf den Wall heranwagte, wer nicht ein gewisses Gepräge von Achtbarkeit hatte, war die ganze anwesende Gesellschaft hübsch gekleidet; und ich will gestehen, daß ich das erste Mal, als ich mich unter dieser bunten, müssiggängerischen Welt zeigte, von dem Schauspiel, das der Platz gewährte, sehr überrascht wurde. Der Eindruck jenes Morgens auf mich war so lebhaft, daß ich versuchen will, die Scene zu schildern, wie sie mir jetzt vor der Seele steht. Erstlich war da die stattliche Straße, völlig achtzig Fuß breit, wo sie am engsten ist, und allmälig sich erweiternd, wenn man gegen die Bucht hinsah, bis sie sich auf dem Platz, welcher Bowling-Green heißt, zu mehr als der doppelten Breite ausdehnt. Dann kam das Fort, eine scharfe Höhe krönend, und Alles in diesem Stadttheil überschauend. Hinter dem Fort oder vor demselben, wenn man den Standpunkt auf dem Wasser nahm, lagen die Batterien, auf den Felsen erbaut, welche das südwestliche Ende der Insel bilden. Ueber diesen Felsen, welche schwarz und malerisch waren und den Batterien, welche sie trugen, hatte man die Ansicht auf die herrliche Bucht, da und dort besät mit Segeln oder Wohl auch mit einem Fahrzeug, das in ihrem friedlichen Schooße vor Anker lag. Von den zwei Reihen eleganter Häuser, meist von Backstein, und mit sehr wenigen Ausnahmen durchweg zwei Stockwerke hoch, ist kaum nöthig, zu sprechen, da es wohl nur Wenige gibt, die nicht von Broadway sprechen gehört und sich eine Vorstellung davon gebildet haben, – von dieser Straße, welche nach allgemeiner Übereinstimmung dereinst der Stolz der Westwelt seyn wird. In der andern Richtung war, wie ich gern zugebe, die Ansicht nicht ebenso ausgezeichnet, da die Häuser meist aus Holz bestanden und ein minder vornehmes Aussehen hatten. Dennoch behauptete man, daß die Armee diese Häuser ebenso fleißig besuchte, als irgend welche in der Stadt. Nachdem man den Common, jetzt Park genannt, erreicht hatte, wo die große Bostoner Straße auf das freie Feld hinausführte, war die Ansicht gerade das Gegentheil von derjenigen auf der entgegengesetzten Seite. Hier war Alles binnenländisch und ländlich. Zwar stand hier das neue Bridewell aufgeführt und auch ein neues Gefängniß, beide gegenüber dem Common; und hinten hatten die königlichen Truppen Baracken; aber hohe, scharf abgeschnittene, kegelförmige Hügel, mit tiefem Marschland, Obstbäumen und Wiesen verliehen diesem ganzen Theile der Insel einen eigenthümlich neuen und ziemlich malerischen Charakter. Viele der Hügel in dieser Gegend und in der That über den größten Theil der Insel hin, sind jetzt geziert mit Landhäusern, wie deren auch schon damals einige vorhanden waren, namentlich Petersfield, der alte Sitz der Stuyvesant's, und das Landgut, das nach dem Rücktritt des alten holländischen Gouverneurs genannt, der dahin führenden Straße den Namen Bowery oder Bouerie gegeben hat, und Bowery-Hause, wie es hieß, der Landsitz des damaligen Lieutenant-Gouverneurs, James de Lancey: Mount Bayard, der achtbaren Familie dieses Namens angehörend; Mount Pitt, das Eigenthum der Mrs. Jones, der Gattin von Mr. Justin Jones, einer Tochter von James de Lancey, und verschiedene andere Berge, Häuser, Hügel und Landsitze, welche der Gentry und dem Volke von New-York wohl bekannt sind. Aber der Leser kann sich selbst den Eindruck vorstellen, welchen eine solche Straße wie Broadway macht, beinahe eine halbe Meile lang, auf der einen Seite sich schließend mit einem hohen, weithin herrschenden Fort, mit dem Hintergrund von Batterien, Felsen und der Bucht, und auf der andern mit dem Common, worauf jetzt fortwährend Soldaten paradirten, mit Bridewell und dem Gefängniß und der so eben beschriebenen neuen Scenerie. Auch ist die Trinity-Kirche selbst nicht zu vergessen. Dieß Gebäude, immerhin eines der edelsten, wo nicht das edelste seiner Art in allen Colonien, mit seiner gothischen Architektur, seinen in Stein gemeißelten Statuen und seinen Seitenmauern gehörte noch ganz mit zu der Ansicht und verlieh dem Ganzen moralische Großartigkeit und Weihe. Wie gesagt, ich fand die Mall wimmelnd von jungen Leuten von Stand und gutem Ton. Diese Mall hatte eine Länge von beinahe hundert Schritten, und daraus erhellt, daß eine ansehnliche Masse von Jugend und Schönheit da zu schauen seyn mochte. Das schöne Wetter hatte angefangen; der Lenz war förmlich gekommen; Pinkster-Blumen (das wilde Geißblatt) hatte man schon die ganze Woche im Ueberfluß gesehen, und Alles, Menschen und Dinge, schien fröhlich und glücklich. Ich konnte bemerken, daß meine Person in diesem Menschengewühl die Aufmerksamkeit auf sich zog – als ein Fremder. Ich sage als ein Fremder; denn ich möchte nicht gern so viel Eitelkeit verrathen, daß ich die Art und Weise, wie viele Augen mich verfolgten, eingebildeter Weise dem Umstand zuschreiben möchte, daß ich gekannt oder bewundert worden wäre. Doch will ich die mir von einer gütigen Vorsehung verliehenen Gaben auch nicht so verläugnen und herabsetzen, daß ich behaupten oder vermuthen lassen sollte, mein Gesicht, meine Person, mein äußeres Wesen überhaupt sey besonders unangenehm. Das wäre unrichtig; und ich habe jetzt ein Lebensalter erreicht, wo man die Wahrheit sagen darf, ohne der Einbildung beschuldigt zu werden. Meine Mutter rühmte oft gegen ihre nächsten Bekannten: »Corny sey einer der bestgewachsenen, hübschesten, rüstigsten und artigsten Jünglinge in der Colonie.« Das weiß ich; denn dergleichen Dinge kommen aus; aber man weiß, daß die Mütter in Bezug auf ihre Kinder ganz besondere Schwächen haben. Da ich das einzige am Leben gebliebene Kind meiner theuren Mutter, und sie eine der wohlwollendsten, liebevollsten Frauen war, die je gelebt haben, ist es sehr wahrscheinlich, daß die Meinung, die sie von ihrem Sohn hegte, gar sehr gefärbt war von ihrer Liebe zu mir. Es ist wahr, man hat meine Tante Legge mehr als Einmal eine ziemlich gleichlautende Ansicht aussprechen hören; aber es ist wohl Nichts natürlicher, als daß Schwestern, in einer Familiensache dieser Art gerade, gleichen Sinnes sind; zumal da meine Tante Legge nie ein eignes Kind hatte, welches sie hätte lieben und preisen können. Mag alle dem seyn wie ihm will, tüchtig angegafft wurde ich, als ich mich an dem bezeichneten Tage unter die Müssiggänger von Trinity Church Walk mischte. Was mich selbst betrifft, so heftete sich mein Auge begierig auf das Angesicht eines jeden hübschen, zarten, jungen Geschöpfes, das an mir vorbeikam, in der Hoffnung, Anneke zu sehen. Ich wünschte und fürchtete zugleich, ihr zu begegnen; denn die Wahrheit zu gestehen, mein Gemüth war wohl mehr als die halbe Zeit mit ihrer Schönheit, ihrem Gespräch, ihren gefühlvollen Reden, ihrer Anmuth und Sanftheit, und besonders mit ihrem Geiste beschäftigt. Ich empfand einige Beklemmungen, ich will es gestehen, wegen Dirck's; aber Dirck war so jung, daß am Ende doch seine Gefühle nicht sehr tief betheiligt seyn konnten; und dann war Anneke seine Base im zweiten Glied, und das war offenbar eine zu nahe Verwandtschaft, um einander zu heirathen. Mein Großvater hatte sich immer aufs entschiedenste gegen jede Verbindung zwischen näher als im dritten Gliede Verwandten erklärt; und ich erkannte jetzt, wie triftig seine Gründe waren. Wenn sie noch entfernter verwandt seyen, sagte er, nur um so besser; und um so besser war es auch! Wenn mich der Leser fragen sollte, warum ich unter diesen Umständen fürchtete, Anneke Mordaunt zu begegnen, so dürfte ich in Verlegenheit seyn, ihm eine ganz verständliche Antwort geben zu können. Ich fürchtete mich selbst, das holde Antlitz zu sehen, das ich suchte; und oh! wie sanft, mild und engelhaft war es in dem Knospenalter von siebzehn Jahren! – aber obgleich ich beinahe bange davor war, es zu sehen: als ich endlich sie, welche ich so ängstlich und begierig gesucht hatte, sich mir nähern sah, Arm in Arm mit Mary Wallace, Bulstrode an ihrer Seite und Harris an der Seite ihrer Freundin, da wandte ich plötzlich mein Auge weg, als wäre es ganz unerwartet auf etwas Widerliches gefallen. Ich wäre an ihnen vorbeigegangen, ohne sie auch nur mit einem Bückling zu begrüßen, wären nicht meine Bekannten unbefangen und mehr an die freie Art und Weise des Stadtlebens gewohnt gewesen, als dieß bei mir der Fall war. »Was ist denn das, Cornelius Coeur de Lion !« rief Bulstrode, indem er stehen blieb, und so die ganze Gesellschaft veranlaßte, auch stehen zu bleiben, wenn sie nicht das Ansehen haben wollten, als wünschten sie mir auszuweichen; »wollt Ihr uns nicht wieder erkennen, obgleich es noch keine Stunde ist, seit wir beide uns trennten? Ich hoffe, Ihr habt die Karten bekommen: und wenn Ihr: Ja! geantwortet habt, hoffe ich, Ihr werdet umkehren und mir die Ehre erweisen, diesen Ladies eine Verbeugung zu machen.« Ich entschuldigte mich, und ich fürchtete, daß ich erröthete; denn ich bemerkte, daß Anneke mich, wie mir schien, mit einiger Theilnahme betrachtete, als ob sie Mitleid empfände mit meiner linkischen, unstädtischen Verlegenheit. Was Bulstrode betrifft, so verstand ich ihn damals nicht; denn es gieng über meine Beobachtungsgabe hinaus, mit Sicherheit auszumachen, ob er mich für wichtig genug ansah oder nicht, um bei seiner sehr augenfälligen Bewerbung um Anneke meinetwegen wirkliche Unruhe zu empfinden. Dennoch hatte ich keine Veranlassung, mich beleidigt zu glauben, da er mir mit Herzlichkeit und Achtung begegnete, während er eine so freimüthige Sprache gegen mich führte. Natürlich kehrte ich um und wandelte mit der Gesellschaft weiter, nachdem ich die Damen und Mr. Harris gehörig begrüßt hatte. » Coeur de Lion ist ein besserer Name für einen Soldaten als für einen Civilisten,« sagte Anneke während wir weiter schritten; »und wie sehr auch Mr. Littlepage den Titel verdienen mag, weiß ich doch nicht so gewiß, Mr. Bulstrode, ob er ihn nicht lieber Euch Gentlemen überlassen würde, die Ihr dem Könige dient.« »Ich freue mich der Gelegenheit, Mr. Littlepage, Euch für meine Partei anzuwerben, in einem Kriege, den ich mit Miß Anneke Mordaunt zu führen gezwungen bin,« sagte der Major munter. »Er betrifft das große Verdienst von uns armen Burschen, die wir das weite atlantische Meer durchschifft haben, um die Colonien zu schützen – New-York unter andern, und seine Bewohner, Miß Mordaunt und Miß Wallace eingeschlossen, gegen die Krallen und Klauen ihrer verruchten Feinde, der Franzosen. Erstgenannte junge Lady hat eine Art, die Sache anzusehen und darzustellen, der ich nicht beipflichten kann, und ich bin geneigt, Euch zum Schiedsrichter zwischen uns zu wählen.« »Ehe Mr. Littlepage dieß Amt annimmt, ist es passend, daß er dessen Obliegenheiten und Verantwortlichkeiten kennen lerne,« sagte Anneke lächelnd. »Erstlich wird er finden, daß Mr. Bulstrode, trotz der lauten Betheuerungen seiner Anhänglichkeit an die Colonien, sehr geneigt ist, sie für Provinzen zu halten, welche ihre Existenz selbst England verdanken; während ich behaupte, Engländer sind es, aber nicht England, die so Viel in Amerika geleistet haben. Was New-York betrifft, Mr. Littlepage, und insbesondere Euch und mich, so können wir auch zu Gunsten von Holland ein Wörtchen sagen. Ich bin sehr stolz auf meine holländischen Verwandten und meine holländische Abkunft.« Ich war sehr erfreut und geschmeichelt durch das »was Euch und mich betrifft«; obwohl ich mich, glaube ich, weniger um Holland kümmerte als sie. Ich gab eine Antwort, wie sie mir der Augenblick und seine Aufregung eingab; das Gespräch wandte sich bald auf das militärische Theater, welches eröffnet werden sollte. »Ich fürchte Euch sehr als Kritikerin, Cousine Annie,« so nannte Bulstrode öfters Anneke, wie ich bald bemerkte; »ich finde, Ihr seyd gegen uns Leute von der Cokarde nicht allzufreundlich gesinnt, und ich glaube, Ihr habt auf unser Regiment einen ganz besondern Zahn. Ich weiß, daß auch Billings und Harris die größtmögliche Angst vor Euch haben.« »Dann fürchten sie sich vor einer sehr unwissenden Kritikerin; denn ich war in meinem Leben noch nie bei einer theatralischen Vorstellung zugegen,« antwortete Anneke mit vollkommenster Aufrichtigkeit. »So viel ich weiß, ist nur Einmal eine regelmäßige Truppe in dieser Colonie gewesen; und das war zu einer Zeit, wo ich noch ein sehr kleines und sehr junges Mädchen war – wie ich denn auch jetzt noch weder eine sehr große noch sehr alte Jungfrau bin.« »Ihr seht, Littlepage, mit welcher Gewandtheit und Einsicht meine Cousine vermeidet hinzuzusetzen ›noch auch sehr uninteressant, sehr häßlich, sehr unangenehm und sehr ungesucht‹ und fünfzig andere Eigenschaften, welche sie auch mit vollkommenster Wahrheit und Bescheidenheit hinzusetzen dürfte. Aber ist es wahr, daß das Theater nur Einmal eine Zeitlang hier eröffnet war?« »So sagt mir mein Vater, aber ich weiß sehr wenig von der Sache selbst. Heute Abend werde ich mich zum ersten Mal einer Bühne gegenüber befinden, während Ihr, Mr. Bulstrode, wie ich voraussetze, zum ersten Mal auf einer Bühne auftretet.« »In einem Sinne ist Letzteres wahr, in einem andern aber nicht ganz. Als Schulknabe habe ich oft gespielt in Schultheaterstücken; aber dieß ist etwas ganz Neues für uns, in einem Liebhaber-Theater aufzutreten.« »Es mag undankbar erscheinen, da Ihr Euch so viele Mühe gebt, hauptsächlich, wie ich überzeugt bin, um uns jungen Damen eine Unterhaltung zu verschaffen, wenn ich frage, ob dieß eben so klug gethan, als neu ist. Ich muß dieß als Cousine fragen, wißt Ihr, Henry Bulstrode, um ganz dem Vorwurf der ungehörigen Zudringlichkeit zu entgehen.« »In der That, Anneke Mordaunt, ich bin nicht so ganz fest überzeugt, ob es klug ist. Unsere Sitten fangen jedoch an sich zu ändern, und ich kann Euch versichern, daß verschiedene Edelleute Unterhaltungen dieser Art auf ihren Landsitzen gestattet haben. Die Sitte ist französisch, wie Ihr vermuthlich wißt, und alles Französische findet bei uns in Friedenszeiten ungeheuern Beifall. Sir Henry billigt es nicht ganz, und was die Lady, meine Mutter, betrifft, so hat sie wirklich über diesen Gegenstand mehr als ein abmahnendes Wort in ihren Briefen fallen lassen.« »Ein unumstößlicher Beweis, daß Ihr ein höchst pflichtgetreuer Sohn seyd. Vielleicht jedoch, wenn Sir Henry und Lady Bulstrode von Euern großen Erfolgen hören, werden sie das Feld übersehen, auf welchem Ihr Eure Lorbeeren gewonnen habt. Aber unsere Stunde ist gekommen, Mary; wir haben gerade nur noch Zeit, diesen Gentlemen für ihre Höflichkeit zu danken und dann nach Hause zurückzukehren, um uns zum Essen anzukleiden. Ich habe selbst eine Rolle beim Diner zu spielen, wie Ihr, hoffe ich, Alle Euch erinnern werdet.« Mit diesen Worten machte Anneke ihre Knixe in einer Art, welche jedes Anerbieten, sie nach Hause zu begleiten, ausschloß, und ging ihres Weges mit ihrer schweigsamen aber verständig aussehenden und hübschen Freundin. Bulstrode nahm meinen Arm mit einer Miene der unbefangenen, zuversichtlichen Ueberlegenheit und schritt mit mir seiner Wohnung zu, welche in Duke-Street sich befand. Harris schloß sich einer andern Gesellschaft an, denn er that es nicht anders, als daß er immer spät zum Essen kam. »Das ist nicht nur eines der hübschesten, sondern auch eines der bezauberndsten Mädchen in den Colonien, Littlepage!« rief mein Begleiter, sobald wir uns von ihnen getrennt hatten, und dabei sprach er mit einem Ernst und einem Gefühl, wie ich es bei ihm gar nicht erwartete. »Wäre sie in England, sie würde mit Hülfe von etwas Ton und Schule eine der ersten Frauen dort vorstellen; und nur ganz wenig wäre erforderlich, denn es liegt ein Reiz in ihrer Naivetät, der mehr werth ist als die Kunst von fünfzig Frauen von gutem Ton und Fashion.« »Fashion ist Etwas, das Jede entbehren kann, die nicht zufällig eine angebetete und gefeierte Dame ist.« versetzte ich, trotz der großen Ueberraschung, die ich fühlte. »Was die Schule betrifft, so kann ich an Miß Mordaunt, so wie sie ist, Nichts als Vollkommenheit entdecken, und würde alle Lehre und Bildung mir verbitten, die Etwas daran änderte.« Ich glaube, es war jetzt die Reihe an Bulstrode, überrascht zu seyn, denn ich fühlte, daß er mich mit scharfspähendem Blicke betrachtete, obwohl ich ihn nicht erwiedern mochte. Mein Begleiter schwieg eine Minute; dann, ohne weiter Anneke'ns zu erwähnen, fing er an sehr verständig vom Theater und von Schauspielen zu sprechen. Ich fühlte mich unterhalten und belehrt; denn Mr. Bulstrode war ein gebildeter und gescheuter Mann, und ein seltsames Gefühl kam jetzt über den Geist meines Traumes, wie ich seinem Gespräche zuhörte. Dieser Mann, dachte ich, bewundert Anneke Mordaunt, und wahrscheinlich wird er sie mit sich nach England führen und ihr die Schule und Fashion angedeihen lassen, wovon er so eben gesprochen hat. Bei seinen Vorzügen und Vortheilen in Geburt, Persönlichkeit, Vermögen, Bildung und militärischem Rang kann ihm seine Bewerbung schwerlich fehlschlagen, wenn er einen ernstlichen Versuch macht; und es wird nicht mehr als der Klugheit gemäß seyn, meine eigenen Gefühle zu beherrschen, damit ich nicht das hoffnungslose Opfer einer ernsten Leidenschaft werde. So jung ich war, sah ich doch dieß Alles ein und faßte diese Vorsätze; und als ich von meinem Begleiter schied, dünkte ich mich ein viel weiserer Mann zu seyn, als da wir zusammentrafen. Wir trennten uns in Duke-Street mit dem Versprechen von meiner Seite, eine halbe Stunde später in der Wohnung des Majors vorzusprechen und mit ihm nach dem Hause Herman Mordaunt's mich zu begeben. »Es ist ein Glück, daß es in New-York Mode ist, zu Fuß zu einem Diner zu gehen,« sagte Bulstrode, als er wieder meinen Arm ergriff auf unserm Wege nach Crown-Street; »denn diese engen Straßen müssen äußerst unbequem seyn für Wägen, obgleich ich gelegentlich einen darin sehe. Was Sänften betrifft, so verabscheue ich sie, weil es mir eines Mannes unwürdig scheint, sich darin tragen zu lassen.« »Viele von unseren vornehmsten Familien halten Wagen, und sie scheinen damit ganz gut fortzukommen,« anwortete ich. »Dennoch ist es ganz üblich, auch für die Ladies, zu Fuße zu gehen. Ich vermuthe, daß ein großer, vielleicht der größte Theil Eures Publikums heute Abend zu Fuß nach dem Schauspielhause sich begeben wird.« »Man sagt mir das auch,« versetzte Bulstrode, und verzog dabei die Lippe einwenig in einer Art, die mir nicht ganz gefiel. »Demungeachtet werden viele reizende Geschöpfe darunter seyn und wir werden sie willkommen heißen. Nun, Littlepage, ich verzweifle nicht daran, Euch noch unter uns zu sehen; denn, um aufrichtig zu seyn, ohne daß ich doch den Prahler machen möchte, ich glaube, Ihr werdet an dem ––sten Regiment eine so freigesinnte Schaar junger Männer finden als nur irgend im Dienst ist. Es herrscht der Wunsch, die Biberröcke unter uns zu haben, anstatt uns Scharlachröcke gänzlich abzuschließen. Dann haben auch Euer Vater und Großvater Beide gedient, und das wird eine famose Empfehlung und Vorstellung geben.« Ich versicherte, daß ich dazu ganz ungeschickt seyn würde, da ich in meinem Leben nie dergleichen gesehen und mitgemacht hätte; aber mein Begleiter wollte davon Nichts hören; und wir suchten unseren Weg, so gut wir konnten, durch William-Street, den Wall hinauf; und dann durch Nassau nach Crown-Street; denn Herman Mordaunt besaß ein neues Haus, nicht weit von Broadway entfernt, in der letztern Straße. Es war dieß ein ziemlich entlegener Stadttheil; aber die Lage hatte den Vortheil einer guten Luft, und wenn eine Stadt sich ausdehnt, müssen immer auch Leute auf den äußersten Punkten wohnen. »Ich wünschte mein guter Vetter wohnte nicht so ganz in der Vorstadt,« sagte Bulstrode, als er in sehr patricischer Weise anpochte; »es ist nicht sehr bequem, wenn man so weit von seinen gewöhnlichen Revieren weg muß, um Besuche zu machen. Mich wundert, wie Mr. Mordaunt dazu kam, so weit aus der Welt hinaus zu bauen.« »Aber die Entfernungen in London müssen noch viel größer seyn; doch freilich, dort habt Ihr Kutschen.« »Wahr! aber kein Wort mehr von dieser Sache; ich möchte nicht, daß Anneke glaubte, ich fände je den Weg weit, ihr Besuche zu machen.« Wir waren die Letzten, mit Ausnahme des einzigen verzögerlichen Mr. Harris, welcher darauf hielt, immer der Letzte zu seyn. Wir fanden Anneke Mordaunt umgeben von zwei oder drei Ladies von ihrer Verwandtschaft, und eine versammelte Gesellschaft von einem vollen Dutzend Personen. Da die meisten Anwesenden einander täglich, und oft zwei- oder dreimal jeden Tag sahen, waren die Begrüßungen und Complimente bald vorüber, und Herman Mordaunt begann sich umzuschauen, Wer denn noch fehle. »Ich glaube Alle sind da, außer Mr. Harris,« bemerkte der Vater gegen seine Tochter, und unterbrach ein Gespräch von Mr. Bulstrode, um diese Thatsache kund zu thun. »Sollen wir auf ihn warten, meine Liebe? Er ist gewöhnlich so unzuverläßig und kommt so spät.« »Aber er ist doch ein sehr wichtiger Mann,« bemerkte Bulstrode, »da er berechtigt ist, in Kraft seiner Geburt, die Dame des Hauses zu Tische zu führen; das hat es zu bedeuten, wenn man der vierte Sohn eines irischen Barons ist! Wißt Ihr, daß Harris' Vater ganz neuerlich geadelt worden ist?« Dieß war eine Neuigkeit für die Gesellschaft, und sichtlich wurde dadurch der Zweifel sehr gesteigert, ob es schicklich sey, sich in Abwesenheit des fraglichen jungen Mannes zu Tische zu setzen. »In Ermanglung dieses Sohnes eines neuen irischen Barons bildet Ihr Euch vermutlich ein, ich werde genöthigt seyn, meine Hand dem ältesten Sohn eines englischen Baronets zugeben,« sagte Anneke lächelnd, so daß sie dadurch einer kleinen Ironie, welche ich in ihrem Benehmen leise durchschimmern sah, die Spitze abbrach. »Ich wünschte zum Himmel, Ihr thätet es, Anneke Mordaunt,« flüsterte Bulstrode, laut genug, daß ich es hörte, »und so, daß das Herz die Hand begleitete!« Mir kam dieß keck und entschieden gesprochen vor; und ich sah Anneke mit gespannter Aufmerksamkeit an, um zu sehen, welchen Eindruck es auf sie mache; aber sie nahm es sichtlich nur als eine Redensart auf, denn gewiß ist, daß sie durchaus keine Gemüthsbewegung verrieth bei einer Rede, die mir so bedeutsam erschien. Ich wünschte, sie hätte ein wenig Unmuth blicken lassen; und dann war sie noch so jung, um so mit verfänglichen Reden gedrängt zu werden! »Es wäre das Beste, das Diner auftragen zu lassen, Sir,« bemerkte sie ruhig gegen ihren Vater. »Mr. Harris würde es fast übel nehmen, wenn er nicht schon Alle bei Tische findet. Es würde ein Beweis seyn, daß seine Uhr falsch ginge, und daß er um eine halbe Stunde zu früh gekommen wäre.« Herman Mordaunt nickte zustimmend, und verließ seine Tochter, um die nöthigen Befehle zu ertheilen. »Ich glaube, Harris wird dieß beklagen,« sagte Bulstrode. »Ich wünschte wiederholen zu dürfen, was er erst gestern über diesen Gegenstand mir zu sagen die Verwegenheit hatte.« »Ueber die Schicklichkeit eines solchen Verfahrens muß Mr. Bulstrode für sich selbst entscheiden; doch vermeidet man in der Regel am besten Wiederholungen dieser Art.« »Nein, der Bursche verdient es: so will ich es nur Euch und Mr. Littlepage im Vertrauen sagen. Ihr müßt wissen, als der Aeltere an Jahren und als ihm vorgesetzter Offizier überdieß, deutete ich dem Mr. Harris an, daß es unschicklich sey, wenn er immer so spät zum Essen komme; und hier habt Ihr die Antwort, die mir mein Ehrenmann gab: ›Ihr wißt,‹ sagte er, ›daß, mit Ausnahme von Lord London, dem Oberbefehlshaber, dem Gouverneur und einigen Staatsbeamten, ich jetzt den Vortritt vor beinahe allen Männern hier habe; und ich finde, wenn ich frühe zum Diner mich einfinde, so werde ich alle die ältlichen Damen zu Tische führen, und meinen Platz neben ihnen einnehmen müssen, während ich, wenn ich etwas später komme, mich neben ihren Töchtern einschleichen kann.‹ In dem vorliegenden Falle nun wird er freilich gar sehr zu Schaden kommen, da die Lady des Hauses noch nicht ganz fünfzig Jahre zählt.« »Ich hatte dem Mr. Harris nicht so viel kecke Aufrichtigkeit zugetraut,« sagte Annecke ruhig. »Aber hier ist er, um seine Rechte in Anspruch zu nehmen.« »Ha, der Bursche hat an Euer Alter und wahrscheinlich auch an Eure Anziehungskraft gedacht!« In diesem Augenblick wurde das Diner angekündigt, und aller Augen richteten sich auf Harris, in Erwartung, er werde vortreten, um Anneke die Treppen hinab zu führen. Der junge Mann, noch jünger als ich, hatte nicht wenig mauvaise honte; denn obgleich er der Sohn eines vor zwei Monaten geschaffenen irischen Peers war, war doch die Familie eigentlich nicht irisch, und er besaß ganz und gar kein ehrgeiziges Verlangen, in dieser Weise zu figuriren. Nach Allem, was ich später von ihm sah, glaube ich, daß nur das Gefühl der Pflicht gegenüber seinem Stande ihn vermochte, diese Vorrechte des Rangs überhaupt zu beachten, und daß er in der That eben so gern als der Letzte zu einem Diner gegangen wäre, wie als der Erste. Im jetzigen Falle jedoch ward er bald aus der Verlegenheit gezogen durch Herman Mordaunt, welcher im Heimathland erzogen worden war und sich auf die Gebräuche der Welt trefflich verstand. »Gentlemen,« sagte er, »ich muß Euch bitten, die Vorrechte des Ranges für heute aufzugeben zu Gunsten von Mr. Cornelius Littlepage. Diese geehrte Gesellschaft ist hauptsächlich versammelt zu Ehren seines Muthes und seiner Hingebung für seine Mitmenschen, und er wird mir die Gunst erweisen, Miß Mordaunt die Treppe hinunter zu führen.« Dann bezeichnete Herman Mordaunt dem ehrenwerthen Mr. Harris die der Dame des Hauses zunächst stehende Lady, und dem Mr. Bulstrode eine dritte; worauf die übrigen Alle für sich selbst sorgten. Was mich betrifft, so fühlte ich mein Angesicht von einer Glut übergossen bei dieser unerwarteten Aufforderung, und getraute mir kaum, Anneke anzusehen, als wir den Uebrigen voran nach dem Speisesaal schritten. So beschämt und schüchtern war ich, daß ich kaum die Spitzen ihrer schmalen zarten Finger berührte, und meine Hand während der ganzen Zeit, wo sie diese Obliegenheit zu erfüllen hatte, beständig zitterte. Natürlich hatte ich bei diesem Bankett meinen Sitz neben dem der jungen und liebenswürdigen Herrin des Hauses. Was soll ich von dem Diner sagen? Es war das allererste Gastmahl dieser Art, bei dem ich zugegen war, obgleich ich mir am Tische meiner Tante Legge einige Begriffe von den städtischen Gewohnheiten bei solchen Gelegenheiten erworben hatte. Zu meinem Erstaunen kam hier Suppe, – eine Schüssel, die Satanstoe nie gesehen hatte, außer wenn es ganz familiär zuging; hier aber nahmen alle Anwesenden davon, als Etwas das sich von selbst verstehe. Alles war elegant und vortrefflich gekocht. Ueberfluß jedoch war ein Hauptzug des Essens; was, wie ich sagen gehört, bei allen Gastgeboten in New-York der Fall zu seyn pflegt. Dennoch bin ich immer der Meinung gewesen, daß, was Essen und Trinken betrifft, die amerikanischen Colonien wenig Grund haben, sich zu schämen. »Hätte ich dieß Diner voraussehen können, Miß Mordaunt,« sagte ich, als Alle beschäftigt waren, und ich eine passende Gelegenheit zu haben glaubte, meiner schönen Nachbarin Etwas zu sagen, »so würde sich mein Vater sehr glücklich geschätzt haben, einen Hammelskopf in die Stadt zu schicken für diese Gelegenheit.« Anneke dankte mir, und dann begannen wir vom Wildpret zu sprechen. West-Chester war und ist noch berühmt wegen seiner Rebhühner, Schnepfen, Wachteln, Enten und Lerchen, und ich verstand mich trotz Einem darauf, über solche Gegenstände mich zu verbreiten. Alle Littlepage's waren Schützen; und ich weiß Fälle, daß mein Vater zehn Paar Schnepfen an einem Morgen in den feuchten Dickichten von Satanstoe in seine Jagdtasche schob; und das mit einem Hühnerhunde zweiten Ranges, und zwar nur mit einem einzigen. Bulstrode und Harris hörten, was ich hierüber sagte, mit großer Aufmerksamkeit an, und es würde bald das Alles verschlingende Gesprächsthema geworden seyn, hätte nicht Anneke scherzend gesagt: »Alles ganz gut, Gentlemen; aber Ihr werdet Euch erinnern, daß weder Miß Wallace noch ich Schützinnen sind.« »Außer mit den Pfeilen Cupido's,« versetzte Bulstrode munter; »mit diesen richtet Ihr so viel Schaden an zwischen Euch ,« und er legte besondern Nachdruck auf die Worte, so daß ich, der ich zwischen ihnen saß, ein gar verblüfftes Gesicht machte, »daß Ihr dazu verurtheilt werden solltet, ein ganzes Jahr Nichts zu hören als Gespräche vom Schießen von Vögeln.« Dieß veranlaßte ein Gelächter, ein wenig auf meine Kosten, glaube ich; obgleich ich sah, daß Anneke erröthete, während Mary Wallace nur schwach lächelte; aber als jetzt die Gesundheiten begannen, hatten die Possen ein Ende. Und ein Ernst ist es, Jedermann mit Namen zuzutrinken an einer großen Tafel; ein Ernst, meine ich, für einen jungen Anfänger. Herman Mordaunt jedoch entledigte sich dieser Obliegenheit mit einer Anmuth und Würde, welche, wie ich glaube, selbst bei einem königlichen Bankett sich bemerklich gemacht haben würde. Die Ladies machten ihre Sache bewundernswerth, und vergaßen Keinen; und selbst Harris fühlte die Nothwendigkeit, es mit diesem unerläßlichen Punkte der guten Lebensart genau zu nehmen. So gut ging diese Ceremonie von Statten, daß ich glaube, versichern zu können, Jedes hatte mit Jedem getrunken, fünf Minuten nachdem Herman Mordaunt den Anfang gemacht hatte; und es war augenscheinlich, daß, nachdem Alles abgemacht war, mehr Unbefangenheit und wahre Heiterkeit an der Tafel herrschte, als vorher. Aber die glückliche Zeit jedes Gastmahles ist, wenn das Tischtuch weggenommen worden. Wenn auf dem Grunde des dunkeln, polirten Mahagoniholzes die funkelnden Flaschen, die Obst- und Kuchen-Körbe die Runde machen, dann scheint dieser Anblick schon Einem das Verlangen nach heiterer Fröhlichkeit einzuflößen. Herman Mordaunt forderte zu Toasten auf, nachdem das Tischtuch verschwunden war, in der Absicht glaube ich, Alle in eine recht unbefangene Stimmung zu versetzen und das Gespräch allgemeiner zu machen. Man bat ihn mit gutem Beispiel voranzugehen, und er brachte sogleich einen Toast aus auf »Miß Markham«, die, wie man mir sagte, eine unverheirathete Lady von vierzig Jahren war, mit welcher er eine kleine Liebeständelei gehabt hatte. Dann kam die Reihe an Anneke, und sie brachte einen Toast aus in Form eines Spruches, trotz aller Gegenvorstellungen von Bulstrode, welcher durchaus auf einen Gentleman drang. Es gelang ihm nicht, sie dazu zu bringen, Anneke blieb fest bei ihrem Spruch: »das Thespische Corps vom ––ten Regiment; möge es eben so glücklich seyn in den Künsten des Friedens, wie es sich oft in seiner militärischen Eigenschaft in denen des Krieges bewährt hat.« Großer Beifall begleitete diesen Toast, und Harris ließ sich von Bulstrode bereden aufzustehen, und einige Worte im Namen und zur Ehre des Regiments zu sprechen. Welch eine Rede! – Sie erinnerte mich an ein Pferd, welches um diese Zeit in London als eine Merkwürdigkeit gezeigt und ausposaunt wurde, und von welchem es hieß: es habe den Schwanz da wo der Kopf seyn sollte. Bulstrode aber klatschte in die Hände und rief bei jedem dritten Wort: »Hört!« unter Betheuerungen, das Regiment werde durch die Danksagung ebenso geehrt wie durch den Trinkspruch. Harris schien nicht unzufrieden mit seiner Leistung, und, in Kraft seines Ranges, trank er, ohne auf eine Aufforderung zu warten: »Auf die Schönen von New-York; hervorragend ebenso durch Schönheit als durch Geist, – mögen sie nur ebenso gnädig und huldvoll werden, als sie siegreich sind!« »Bravo!« rief wieder Bulstrode. »Harris ist förmlich inspirirt und bringt es immer weiter. Hätte er noch hinzugesetzt: Furcht einjagend, so hätte er noch wahrer gesprochen, denn ihr Stirnrunzeln ist ebenso drohend, als ihr Lächeln bezaubernd.« »Soll das als Euer Trinkspruch gelten, Mr. Bulstrode, und sollen wir darauf trinken?« fragte Herman Mordaunt. »Keineswegs, Sir; ich habe die Ehre, Lady Dolly Merton zu nennen.« Wer Lady Dolly war, wußte, glaube ich, Niemand, obgleich wir in den Colonien immer auf eine betitelte Person im Heimathlande, welche einen bekannten Namen hatte, mit sehr viel achtungsvoller Aufmerksamkeit, um nicht zu sagen, Verehrung, tranken. Andere Toaste folgten, und dann wurden die Damen gebeten zu singen. Anneke erfüllte diesen Wunsch ohne vieles Zureden, wie dieß ihrer Stellung geziemte, und nie vernahm ich süßere Laute, als die ihren Lippen entströmten! Das Lied war einfach, aber ganz Melodie und der Text hatte gerade genug vom innigsten Gefühle des Weibes, um ansprechend zu seyn, ohne daß es das Mindeste enthalten hätte, was für die jungfräulichen Lippen der Sängerin unpassend gewesen wäre. Bulstrode war, wie ich wohl sah, beinahe verzückt: und ich hörte ihn murmeln: »Ein Engel, beim Himmel!« Er selbst sang ein Liebeslied voll Zartheit und in einer Art, daß man sah, er hatte der Kunst der Musik sich mit großem Eifer gewidmet. Auch Harris sang und ebenso Mary Wallace; der Erstere so wie er sprach; die Letztere wehmüthig, aber entschieden gut. Selbst Herman Mordaunt gab eine Strophe zum Besten und dann kam die Reihe an mich. Singen war gewissermaßen eine starke Seite bei mir, und ich habe Grund zu glauben, ich machte meine Sache so gut als Einer. Ich weiß, daß Anneke zufrieden schien und ich sah Thränen in ihren Augen, als ich mein Lied beendigte, welches ganz auf eine solche Wirkung berechnet war. Endlich stand die jugendliche Dame des Hauses auf, ihren Vater vorsorglich erinnernd, daß er den vornehmsten Schauspieler des Abends an seinem Tische habe, als drei oder vier von uns die Damen nach dem Gesellschaftszimmer geleiteten. Statt an den Tisch zurückzukehren trat ich auch in dieß Zimmer und Bulstrode that dasselbe, unter dem Vorwand, er dürfe durchaus nicht Mehr trinken in Betracht der ihm noch bevorstehenden Aufgabe. Achtes Kapitel. »Poz Wetter, Mann! viel besser. Behandelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und Wer ist vor Schlägen sicher? Behandelt sie nach eurer eigenen Ehre und Würdigkeit; je weniger sie verdienen, desto mehr Verdienst hat eure Güte.« Hamlet. »Harris wird in Kampfunfähigkeit gesetzt werden,« bemerkte bald Bulstrode, »wenn ich es nicht dahin bringe, ihn vom Tische zu entfernen. – Ihr wißt, er soll diesen Abend die Marcia spielen, und wenn gleich ein wenig Wein ihm Feuer und Muth zu der Rolle geben mag, dürfte doch zu viel ihren weiblichen Schönheiten Eintrag thun. Addison war nicht gemeint, daß die tugendhafte Marcia, während sie über ihr Geschlecht emporragt, aus einer Gosse oder unter dem Tische hervorgezogen werden solle. Harris ist ein ächter irischer Peer, wo Claret ins Spiel kommt.« Alle Ladies hielten die Hände empor und protestirten dagegen, daß man dem Mr. Harris gestatte, eine Travestie auf ihr Geschlecht auf die Bühne zu bringen. Bis jetzt hatte noch Niemand gewußt, wie die Rollen ausgetheilt waren, außer daß Bulstrode den Cato geben sollte, denn man hatte sehr sorgfältig darauf gehalten, daß Niemand die Theaterzettel zu sehen bekomme, damit die Zuschauer die Genugthuung hätten, selbst ausfindig zu machen, Wer jeder der Auftretenden sey. Nach dem Schluß jedes Stückes sollte unter den wenigen Begünstigten ein Theaterzettel herum geschickt werden, welcher die Wahrheit enthüllte. Da Anneke erklärte, daß ihr Vater seine Gäste nie einschließe und mit Zuverlässigkeit versprochen habe, binnen einer halben Stunde Alle zum Kaffee heraufzubringen, ward beschlossen, der Sache eben den Lauf zu lassen. Wirklich erschien nach Ablauf der genannten Frist Herman Mordaunt mit allen männlichen Gästen vom Tische. Harris war nicht benebelt, was bei ihm, wie ich erfuhr, nach dem Essen gar leicht der Fall war, aber er war auch nicht nüchtern. Nach Bulstrode's Begriffen mag er gerade Feuer genug gehabt haben, um die tugendhafte Marcia zu spielen. Nach wenigen Minuten eilte der Fähnrich weg, und erklärte, wie Hamlet's Geist, ihre Stunde sey gekommen. Um sieben Uhr verließ die ganze Gesellschaft mit einander das Haus, um sich in das Theater zu begeben. Herman Mordaunt hielt keine angemessene städtische Equipage und wäre dieß auch der Fall gewesen, so hätte sie nicht den vierten Theil unserer Gesellschaft gefaßt. Hierin jedoch zeichneten wir uns nicht vor Andern aus, denn neun unter zehn von dem Publikum jenes Abends, d. h. neun unter zehn von dem schönen Geschlecht, gingen zu Fuß ins Theater. Statt geradezu Crown-Street hinab zu gehen, nach Maiden-Lane, was der nächste Weg zum Theater gewesen wäre, schlugen wir die Richtung nach Broadway ein und über Wall-Street, da dort besser zu gehen und die Gossen entfernter von den Damen waren; denn in den engern Passagen der Stadt war die Mitte der Straße nicht weit von den Häusern entfernt. Wir fanden eine große Menge wohlgekleideter Leute in derselben Richtung wie wir unterwegs. Herman Mordaunt bemerkte, er habe noch nie sonst so viele Reifröcke, Cardinäle, aufgekrämpte Hüte und Degen auf einmal auf der Straße gesehen, wie an diesem Abend. Alle Wagen, die in der Stadt rollten, fuhren an uns in Wall-Street vorbei, und bis wir William-Street erreichten, bot das Pflaster ganz eigentlich das Schauspiel einer Procession dar. Da Alle in vollem Putz waren, war der Eindruck gefällig, und da der Abend schön war, trugen die meisten Gentlemen die Hüte in der Hand, um ihre gekräuselten Locken nicht zu verwüsten, was dem Ganzen den Anstrich einer großen Aufwartungsscene gab. Nie sah ich ein liebenswürdigeres Geschöpf als Anneke Mordaunt mir bei dieser Gelegenheit an der Spitze unserer Gesellschaft erschien. Der Puder hatte sich ein Wenig aus ihren schönen braunen Haaren verloren, und auf dem Theile des Kopfes, der nicht versteckt war von einem Hut, welcher halb ihr schönes Antlitz beschattete, war es, als ob die reiche natürliche Hauptbedeckung alle Fesseln durchbrechen und mit ihrer Fülle ihre ganze Büste beschatten wolle. Ihr Negligée bestand aus reicher Seide, vorn mit einer Falbel besetzt, während die Spitzen, welche an ihren Ellbogen herabhingen, aussahen, wie von Feen gewoben, und bestimmt, von einer Fee getragen zu werden. An den Schuhen trug sie Schnallen mit Pasten, und ich glaubte, nie einen solchen Fuß gesehen zu haben, wie er gelegentlich unter ihren Gewändern hervorlugte, als sie zierlich, aber mit der Anmuth einer Königin an meiner Seite dahin schritt. Ich beschreibe Anneke nicht so, in der Absicht dem Leser die Vorstellung beizubringen, als sey sie vornehm und abstoßend gewesen; im Gegentheil, gewinnende Freundlichkeit und natürliche Grazie waren in ihrem Wesen ebenso unverkennbar und auffallend, als Schönheit, Verstand und Gefühl in ihrem Angesicht. Mehr als einmal, wie wir so neben einander schritten, drängte sich mir peinlich das Bewußtseyn auf, wie unwürdig ich sey, die mir zu Theil gewordene Stelle auszufüllen. Ich glaube, diese Bescheidenheit und Demuth ist eines der sichersten Zeichen ächter, aufrichtiger Liebe. Endlich erreichten wir das Theater und es wurde uns der Eintritt gestattet. Alle vordern Sitze waren von Schwarzen besetzt, hauptsächlich in New-Yorker Livreen; das heißt mit Aufschlägen, Kragen und Taschenklappen von anderem Tuch als der Rock; doch hatten einige Wenige auch Tressen. Diese Letzteren gehörten den vornehmsten Familien an, von welchen einige beinahe so kostbare Farben und Zierrathen ihrer Dienerschaft gaben, als man, wie ich höre, im Heimathland immer zu geben pflegt. Ich erinnere mich wohl noch, daß zwei ganze Logen besetzt waren von Dienern mit Schulterngehängen und viel reicheren Kleidern als gewöhnlich, von welchen eine dem Lieutenant-Gouverneur, die andere dem Lord London, damaligem Oberbefehlshaber, gehörte. Wie die Gesellschaft eintrat, verschwanden diese Diener, wie es gebräuchlich ist, und wir nahmen unsere Sitze ein auf den uns so vorbehaltenen Bänken. Bulstrode's Aufmerksamkeit war unverkennbar in der Art, wie er für Anneke und ihre Gesellschaft gesorgt hatte, welche, ich wage kühn es zu behaupten, eine der ausgezeichnetsten war, was Jugend und hübsches Aussehen betraf, welche das Haus an diesem Abend besuchte. Groß war die Neugier und tief das Interesse, welches besonders unter dem jüngern Theil der Anwesenden an jenem wichtigen Abend herrschte, als eine Gesellschaft nach der andern sich setzte. Das Haus war wie ein Theater verziert und es kam mir ungeheuer geräumig vor, obgleich Herman Mordaunt mich versicherte, es sey, nach seiner Größe betrachtet, eben nichts Sonderliches, verglichen mit den Schauspielhäusern im Heimathland. Aber die Ornamente, und die Lichter, und der Vorhang, das Parterre, die Logen, die Gallerie – das Alles waren ebenso viele Gegenstände des lebhaften Interesses. Wenige von uns sprachen Etwas; aber unsere Blicke schweiften über Alles hin mit einem Entzücken, wie es nach meiner Ueberzeugung nur einmal in einem Theater empfunden werden kann. Anneke'ns süßes Angesicht war ein Bild der jugendlichen Erwartung, – einer Erwartung jedoch, bei welcher Verstand und Besonnenheit keineswegs ausgeschlossen waren. Es wurde behauptet, das Orchester habe eine ungebührlich große Menge von Blasinstrumenten enthalten; aber ich bemerkte Damen im ganzen Hause, solche in unserer Loge mit eingeschlossen, wie sie die Verbeugungen von vielen der Musiker erwiederten, welche, wie man mir sagte, Dilettanten von der Armee und von den Salon's der Stadt waren. Endlich traten der Oberbefehlshaber und der Lieutenant-Gouverneur mit einander ein und traten in Eine und dieselbe Loge, obgleich man zwei ihnen vorbehalten hatte; und ihre Begleitung nahm die zweite in Besitz. Kaum hatte sich die Bewegung, welche die Ankunft dieser Personen verursacht hatte, gelegt, als der Vorhang sich hob, und eine neue Welt sich unsern Augen darstellte. Von dem Spiel will ich mir nicht erlauben Viel zu sagen, obgleich es mir als die höchste Vollendung erschien. Bulstrode gewann an jenem Abend großen Beifall; und ich hörte, daß verschiedene Gentlemen, welche entweder in England gebildet worden waren, oder doch längere Zeit dort zugebracht hatten, erklärten: sein Cato würde jedem der königlichen Theater Ehre gemacht haben. Sein Anzug schien mir ganz so, wie er seyn mußte, obgleich ich ihn nicht zu beschreiben vermag. Ich erinnere mich, daß Syphar die Uniform eines Dragonerobersten und Juba die eines Generals trug; und daß sehr viel Kritik aufgewendet und Anstoß daran genommen wurde, daß die Gentlemen, welche diese Rollen spielten, mit Wollenhaaren und mit geschwärzten Gesichtern auftraten. Man machte gegen diese Ansichten geltend, diese Personen der Tragödie seyen Afrikaner; und man könne, wenn man nur einen Blick auf die Gallerie werfe, sehen, daß die Afrikaner gewöhnlich schwarz seyen und wollige Haare haben; eine Beweisführung, die, wie ich mir einbildete, das Aergerniß nur noch erschwerte. Abgesehen von diesem kleinen Mißgriff ging Alles ganz gut von Statten, bis auf Harris' Marcia hinaus. Es ist wahr, einige mißwollende Leute flüsterten, die »tugendhafte Marcia« sey ein wenig exaltirt gewesen; aber Bulstrode versicherte mich nachmals, sein Zustand habe ihm zum Verwundern durchgeholfen, und habe seinem Auge einen feuchten Glanz gegeben, welchen man sonst würde vermißt haben. Die Schuhe mit hohen Absätzen schienen ihm lästig und störsam zu seyn; aber einige Personen meinten, es gebe ihm Dieß etwas angenehm Schwankendes im Gange, was sehr viel zur Illusion beitrage. Im Ganzen wurde das Stück zum Erstaunen gut durchgespielt, wie ich an Lord London und dem Lieutenant-Gouverneur bemerken konnte, welche Beide unendlich vergnügt zu seyn schienen. Herman Mordaunt lächelte ein oder zwei Mal, wenn er hätte ein ernstes Gesicht machen sollen; aber dieses schrieb ich dem Umstand zu, daß er in neuern Zeiten außer Uebung gekommen war, Bühnendarstellungen anzuwohnen. Gewiß war er ein Mann von Urtheil und Einsicht, und mußte wohl wissen, was die geeigneten Momente sind, diese oder jene innere Bewegung oder Empfindung kund zu geben. Während der Zwischenzeit zwischen der Tragödie und der Farce kamen die Schauspieler zu uns heraus, um die wohlverdiente Huldigung entgegenzunehmen, und laute Beifallsbezeugungen wurden ihnen gespendet. Anneke'ns glänzendes Auge leuchtete von Vergnügen, als sie ohne Rückhalt Bulstrode gestand, welches Wohlgefallen sie empfunden, und bekannte, sie habe bisher noch keinen Begriff gehabt von der Schönheit und Macht der theatralischen Darstellung, unterstützt, wie diese es war, von den Hülfsmitteln der Beleuchtung, des Anzugs und der Scenerie. Zwar die Frauen seyen ein wenig abgeschmackt gewesen, und ganz besonders die tugendhafte Marcia, aber die schönen Sentiments Addisons, obgleich sie, wie Herman Mordaunt bemerkte, all die Zierlichkeit und Steifheit eines pedantischen Zeitalters hatten, seyen doch schön und treffend genug gewesen, um die Mängel des ehrenwerthen Mr. Harris zuzudecken. Anneke sprach ihre Hoffnung aus, das Nachstück werde ebenso allgemein verständlich seyn, so daß sie sich Alle ebenso wie an dem Hauptstück selbst daran erfreuen könnten. Die andern jungen Damen sprachen ebenso entschieden ihr Lob und ihren Beifall aus, obwohl mir auffiel, daß Anneke bei dieser Gelegenheit am meisten fühlte . Daß der Major durch seine Bemühungen und Leistungen einen großen Vortheil gewonnen hatte, konnte ich mir nicht verhehlen; und die Thorheit, meinerseits Ansprüche erheben zu wollen bei einem Wesen, welches von einem solchen Nebenbuhler bewundert und gesucht wurde, begann sich meiner Einbildungskraft mit schmerzlicher Gewalt aufzudrängen. Aber bald rief die Glocke die tapfern Schauspieler wieder ab, um sich für die Farce anzukleiden. Die lange Zwischenzeit zwischen den beiden Stücken gab Einem Muße und Gelegenheit genug, seine Bekannten zu besuchen und die Meinungen zu vergleichen. Ich ging in die Loge meiner Tante, und fand sie ganz wohl befriedigt, obwohl minder lebhaft als die jüngern Damen im Ausdruck ihres Wohlgefallens. Mein Oheim war ganz wie er immer war; gutmüthig, aber nicht geneigt, irgend ein übermäßiges Lob zu spenden oder gelten zu lassen. »Ganz hübsch für Knaben, Corny,« sagte er, »obgleich der Junge, welcher die Marcia spielte, besser gethan hätte, noch in der Schule zu bleiben. Ich weiß seinen Namen nicht, aber er hat aus der Marcia alle Tugend herausgezogen. Er muß ihren Charakter an einem der Frauenzimmer studirt haben, welche dem Lager folgen.« »Mein lieber Oheim, wie ganz anders urtheilt Ihr, als Alle in unserer Loge! Dieser Gentleman ist der ehrenwerthe Mr. Harris, der erst achtzehn Jahre alt ist, Fähnrich im – –ten Regiment, Sohn von Lord Ballybannon, oder Bally – so und soweiter, und er gilt dafür, die weichste Stimme in der Armee zu haben.« »Ja und den weichsten Kopf dazu, dafür will ich stehen. Ich sage Euch, Corny, der ehrenwerthe Mr. Ballybilly, der erst achtzehn Jahre alt und Fähnrich im –ten Regiment ist, und die weichste Stimme in der Armee hat, wäre besser in der Schule geblieben, statt die Tugend der ›tugendhaften Marcia‹ zu untergraben, wie er so offenbar gethan hat; Bulstrode machte seine Sache gut genug, vortrefflich für einen Dilettanten, und muß ein kapitaler Kamerade seyn. Beiläufig gesagt, Jane« – das war der Name meiner Tante, – »man sagt mir, er werde wahrscheinlich die ausnehmend hübsche Tochter Herman Mordaunts binnen Kurzem heirathen und sie zur Lady Bulstrode machen.« »Warum denn das nicht, Mr. Legge? – Anne Mordaunt ist ein so liebenswürdiges Mädchen als es nur irgend in der Colonie gibt und hat eine sehr achtbare Familie und Verwandtschaft. Man sagt sogar, die Mordaunts seyen von einer hohen Familie im Mutterlande. Mary Wallace hat mir gesagt, Herman Mordaunt und Sir Henry Bulstrode selbst seyen verwandt; und Ihr wißt, mein Lieber, wie vertraut die Mordaunts und die Wallaces miteinander stehen.« »Ich nicht! ich weiß Nichts von ihrer vertrauten Bekanntschaft, obwohl ich gern glaube, daß Alles wahr seyn mag. Mordaunt's Vater war, wie ich immer gehört habe, ein englischer Gentleman von ziemlich guter Familie, obwohl so arm wie eine Kirchenmaus, als er eine unserer holländischen Erbinnen heirathete; und was Herman Mordaunt selbst betrifft, so bewies er dadurch, daß er auch wieder eine Erbin, obwohl nicht eben eine Holländerin, heirathete, daß er den Instinkt nicht verloren. Da ist nun Anneke, die das Alles erbt, und ich will dafür stehen, daß man dafür Sorge getragen, sie wieder mit einem Erben zu vermählen.« »Nun, Mr. Bulstrode ist ein Erbe, und der älteste Sohn eines Baronets. Ich freue mich immer, wenn eines unserer Mädchen eine gute Partie im Mutterlande macht, denn das bringt der Colonie Ehre. Es ist etwas Treffliches darum, Corny, daß unsere Interessen im Mutterlande gut vertreten werden – zumal vor dem Geheimen-Rathe, wie man mir sagt.« »Nun, aber mich freut es nicht,« versetzte mein Oheim. »Ich glaube, es ist ehrenvoller für die Colonie, wenn ihre Jungfrauen mit ihren jungen Männern, und ihre jungen Männer mit ihren Jungfrauen sich verheirathen. Ich wünschte, Anne Mordaunt wäre diesen Abend an der Stelle des ehrenwerthen Ballyshannon gewesen. Gewiß hätte sie tausendmal besser die ›tugendhafte Marcia‹ dargestellt.« »Ihr wollt doch hoffentlich nicht, daß eine achtbare junge Lady in solcher Weise vor dem Publikum auftreten sollte, Mr. Legge?« Mein Oheim sagte Etwas hierauf, denn er war nicht leicht um eine Antwort verlegen, um »Jane« niederzudisputiren; aber da ich die Loge verließ, hörte ich seine Antwort nicht. So schien es also nach der Ansicht der Meisten eine ausgemachte Sache, daß Bulstrode Anneke heirathen sollte! Ich kann nicht beschreiben, wie mich diese so geäußerte Meinung auf's Neue erschütterte; aber ich kam dadurch gleichsam erst recht zum Bewußtseyn, welchen tiefen Eindruck der Verkehr einer Woche auf mich gemacht hatte. Die Wirkung auf mich war so stark, daß ich nicht zu der Gesellschaft zurückkehrte, welche ich verlassen hatte, sondern mir einen Platz in einem entfernteren Theile des Theaters suchte, jedoch einen solchen, von welchem aus ich diejenigen deutlich sehen konnte; welche ich verlassen hatte. Bald begann die »Schöne Kriegslist«, und Bulstrode trat wieder auf in der Rolle Scrub's. Diejenigen, welche sich auf die Bühne am besten verstanden, erklärten sein Spiel für vortrefflich – für viel besser in der Rolle des Bedienten als in der des römischen Senators. Das Stück selbst fiel mir auf als so plump und derb, daß es kaum zu ertragen war; aber da es einen Namen und bedeutenden Ruf im Mutterland hatte, wagten unsere Matronen Nichts dagegen einzuwenden. Ich bemerkte jedoch mit Freuden, daß das Lächeln bald aus Anneke'ns Angesicht verschwand, und entdeckte, daß sie kein Wohlgefallen fand an Scenen, welche so wenig für ihre Jahre und ihr Geschlecht paßten. Die raschen, kurzen Blicke, welche zwischen Anneke und Mary Wallace gewechselt wurden, entgingen mir nicht, und die Art, wie sie Beide aufstanden, sobald der Vorhang fiel, verrieth deutlich genug die Hast, mit welcher sie das Theater zu verlassen suchten. Ich erreichte die Thüre ihrer Loge gerade zu rechter Zeit, um ihnen durch das Gedränge durchzuhelfen. Keiner von uns sprach ein Wort, bis wir die Straße erreichten, wo zwei oder drei von der Miß Mordaunt Freundinnen ihre Zufriedenheit laut aussprachen. Weder Anneke noch Mary Wallace sagte Etwas, und ich verstand ihre Gefühle so gut, daß auch ich mit keiner Sylbe der Farce gedachte. Die Uebrigen stimmten nur in das ein, was die allgemeine Meinung zu seyn schien, und sie waren mehr zu bemitleiden, als zu verdammen. Es war vielleicht um so entschuldbarer, wenn sie ein solches Stück ganz in der Ordnung fanden, weil sie gehört haben mußten, es werde im Mutterlande sehr gelobt und erhoben, – ein Umstand, welcher jeder Sitte und jedem Brauch ein gewisses Privilegium in den Colonien verlieh. Ein Mutterland hat viel von der Verantwortlichkeit einer natürlichen Mutter, weil seine Ansicht und sein Beispiel ebenso gern von der von ihm abstammenden Colonie zur Rechtfertigung ihrer Ansichten und ihrer Handlungsweise angeführt zu werden pflegen, wie dieß bei einer Tochter in Beziehung auf die Mutter der Fall ist. Ich glaube aber trotzdem, diese Verantwortlichkeit macht den Ministern oder dem Volke von England wenig Sorge, weil ich nie irgend ein lebhaftes Gefühl ihrer Pflichten hinsichtlich dieses Punktes habe entdecken können. Wir traten Alle in Herman Mordaunts Haus, nachdem wir den Weg zurück ebenso wie den Herweg gemacht hatten, und nahmen ein leichtes Souper ein, nebst köstlicher Chokolade. Gerade als wir uns zu Tische setzten, fand sich Bulstrode bei uns ein, um die Lobsprüche, die er verdient hatte, in Empfang zu nehmen, und sich seines Triumphes zu erfreuen. Er kam gerade mir gegenüber zu sitzen, auf Anneke'ns linke Seite, und begann bald ein Gespräch. »Vor Allem,« rief er, »müßt Ihr Alle zugestehen, daß Tom Harris diesen Abend Wunder that als Miß Marcia Cato. Ich hatte meine ganz eigene Noth mit dem Schelmen, denn man hat kein Beispiel von einer benebelten Marcia; aber wir erhielten ihn doch gerade und aufrecht, und das war der schwierigste Theil meiner Leistungen, das kann ich Euch versichern.« »Ja,« bemerkte Herman Mordaunt trocken, »ich glaube selbst, daß, Tom Harris nach dem Diner gerade und aufrecht zu halten, eine sehr schwierige Aufgabe ist – eine solche, die in der That eine sehr einsichtsvolle Behandlung erheischt.« »Ihr wäret so gütig, Eure Zufriedenheit mit der Darstellung des Cato auszusprechen, Miß Mordaunt,« sagte Bulstrode in sehr unterwürfiger und besorgter Weise; »aber ich bezweifle, ob die ganze Vorstellung Euch ebenso Freude machte.« »Gewiß nicht. Hätte die Vorstellung mit dem ersten Stücke geschlossen, so würde ich, muß ich fürchten, allzu lebhaft bedauert haben, daß uns eine regelmäßige Bühne fehlt; aber die Farce wird dieß Bedauern gar sehr schwächen.« »Ich fürchte, ich verstehe Euch, Cousine Anne, und ich bedaure sehr, daß wir nicht eine andere Wahl trafen,« erwiederte Bulstrode mit einer Demuth, welche ihm gar nicht gewöhnlich war, selbst im Gespräche mit Anneke Mordaunt; »aber ich kann Euch versichern, das Stück steht in ungeheurer Gunst im Mutterlande, und der Charakter des Scrub insbesondere ist gewöhnlich ein großer Liebling. Ich sehe jedoch aus Eurer Miene, daß genug davon gesprochen ist; nachdem ich aber diesen Abend so Viel gethan habe, diese verehrte Gesellschaft zu unterhalten, schmeichle ich mir, das Recht erworben zu haben, jede der hier anwesenden Ladies zu einem Gesange aufzufordern, sobald die geeignete Zeit dazu kommt. Vielleicht dürfte ich auch die Bitte um einen Spruch und einen Toast hinzufügen.« Und Gesang, Toaste und Sprüche bekamen wir auch, wie gewöhnlich, im Augenblick wo das Essen zu Ende war. Es war, und ist noch, in der That bei uns sogar gewöhnlicher, dieser unschuldigen Fröhlichkeit nach dem Souper als nach dem Diner sich zu überlassen; und diesen Abend überließen sich Alle mit Lebhaftigkeit und bester Laune dem Gefühl des Augenblicks. Herman Mordaunt nannte »Miß Markham,« wie er beim Diner gethan hatte, und dieß mit einem so bestimmten Wesen, daß man wohl sah, er würde nie einen andern Toast preisgeben. »Es besteht ein Vertrag zwischen Miß Markham und mir, während unsers übrigen Lebens aufeinander Toaste auszubringen,« rief der Herr des Hauses lachend; »und wir sind Beide zu ehrlich ihn zu verletzen.« »Aber Miß Mordaunt hat keine solche Verpflichtung,« bemerkte ein gewisser Mr. Benson, welcher im Laufe des Tages ein lebhaftes Interesse für die schöne junge Herrin des Hauses an den Tag gelegt hatte; »und ich hoffe, wir werden von ihr nicht mit einer solchen Entschuldigung abgewiesen werden.« »Es ist nicht in der Regel, von Zweien desselben Stammes nach einander Toaste zu verlangen,« versetzte Herman Mordaunt. »Mr. Bulstrode hier stirbt vor Verlangen, uns eine andere englische Schöne zu nennen.« »Von Herzen gern,« sagte Bulstrode lustig. »Dießmal soll es Lady Betty Baddington seyn.« »Vermählt oder ledig, Bulstrode?« fragte Billings, wie ich zu bemerken glaubte, mit einiger Schalkheit. »Das ist einerlei, wenn sie nur eine Schönheit ist und ein Toast. Ich glaube, es ist jetzt mein Recht, eine Lady aufzufordern: und ich erbitte mir einen Gentleman von Miß Wallace.« Ein Ausdruck von unangenehmer Ueberraschung war in Anneke'ns holden Zügen sichtbar geworden bei der Neckerei zwischen Billings und Bulstrode; denn wir, in der Einfachheit unserer Provinzhütten, hielten es für nicht ganz schicklich, daß Unverheirathete Toaste auf Verheirathete ausbrachten, und umgekehrt; aber im Augenblick, wo ihre Freundin so aufgefordert ward, zeigte sich darin der Ausdruck freundlicher Theilnahme. Mary Wallace jedoch zeigte gar keine Aufregung und nannte: »Mr. Francis Fredham.« »Ja, Frank Fredham, von ganzem Herzen,« rief Herman Mordaunt. »Ich hoffe, er wird in sein Heimathland so geradsinnig, ehrlich und gut zurückkehren, als er es verlassen hat.« »Mr. Fredham ist also im Ausland?« fragte Bulstrode. »Der Name klang mir neu.« »Wenn man das Mutterland Ausland nennen darf. Er studirt das Recht im Tempel.« Diese Antwort gab Mary Wallace, welche dabei aussah, als ob sie nur ein freundschaftliches Interesse für den jungen Templer fühlte, und Nichts weiter. Sie forderte jetzt Dirck auf, seine Dame zu nennen. Während dieses ganzen Tages hatte man Dirck's Stimme kaum gehört; eine Schweigsamkeit, welche mit seiner Jugend und anerkannten Schüchternheit ganz wohl sich vertrug. Diese Aufforderung jedoch schien plötzlich Alles, was von Mannhaftigkeit in ihm war, zu wecken; und dessen war, wie ich den Leser versichern kann, nicht wenig, sobald eine Gelegenheit kam, es zu zeigen. Dirck's Wesen war die Ehrlichkeit selbst; und er fühlte, daß die Aufforderung zu offen, die Gelegenheit zu ernst war, um sich zweideutig auszusprechen. Er liebte nur Eine, achtete nur Eine, fühlte nur für Eine; und es lag nicht in seiner Natur, seine Neigung durch den Versuch einer Täuschung zu verschleiern. Er erröthete bis an die Ohren, schien in Verlegenheit und Noth, ermannte sich dann und sprach den Namen: »Anneke Mordaunt« aus. Ein allgemeines Gelächter war der Lohn für diesen Bock, – allgemein, mit Ausnahme des schönen Wesens, welches diesen unwillkürlichen Tribut der Huldigung erhoben hatte, und meiner, der ich Dirck's Charakter zu gut kannte, um nicht zu begreifen, wie ernst es ihm seyn mußte, daß er so das theuerste Geheimniß seines Herzens enthüllte. Die Heiterkeit währte eine Zeitlang fort, und Herman Mordaunt schien eine ganz besondere Freude zu haben und applaudirte der Aufrichtigkeit seines Verwandten mit einigen sehr vernehmlichen Bravo's. Was Anneke betrifft, so bemerkte ich, daß sie gerührt war, während sie etwas betroffen schien, als wünschte sie, die Sache wäre ungeschehen geblieben. »Aber, Dirck, so sehr ich Euren Muth und Eure Offenheit bewundere, lieber Junge,« rief Herman Mordaunt, »Miß Wallace kann doch eigentlich einen solchen Toast nicht passiren lassen. Sie wird darauf bestehen einen andern zu haben.« »Ich? – Ich betheure, ich bin ganz erfreut darüber und wünsche mir keinen andern!« rief die in Rede stehende Lady. »Kein Toast kann mir angenehmer seyn, als Anneke Mordaunt, und ich muß denjenigen höchlich achten, von welchem er herrührt.« »Wenn man Freundinnen in Dingen dieser Art trauen darf,« bemerkte Bulstrode, etwas empfindlich, »so hat Mr. Follock alle Ursache zufrieden zu seyn. Hätte ich jedoch gewußt, daß die Gebräuche in New-York gestatten, einen Toast auf eine anwesende Dame auszubringen, so wäre dieser Gentleman nicht der Erste gewesen, der das Verdienst gehabt, diese Entdeckung zu machen.« »Auch ist es nicht gebräuchlich,« sagte Herman Mordaunt; »und Dirck muß eine andere Dame aufstöbern, um meine Tochter zu ersetzen.« Aber in der Seele Dirck Follock's wollte sich keine andere auftreiben lassen. Hätte er auch ein Dutzend Namen in Reserve gehabt, nicht Einen würde er doch zum Besten gegeben haben unter Umständen, welche den Schein auf ihn laden konnten, als verlängre er die dem einmal genannten Mädchen gewidmete Huldigung; aber er vermochte wirklich kein anderes Frauenzimmer zu nennen. So gab denn die Gesellschaft, nach einigen Neckereien, indem sie Dirck's Zögern auf Rechnung seiner Jugend und seiner Unbekanntschaft mit der Welt schrieb, den Versuch auf, und verlangte von ihm, er solle nun seinerseits Anneke selbst zu einem Toast auffordern. » Cousin Dirck Van Valkenburgh,« sagte Anneke, mit der ihrem Geschlecht eigenen größern Geistesgegenwart und Gewandtheit, obgleich sie um volle zwei Jahre jünger war, als mein Freund; und sie legte dabei einigen Nachdruck auf das Wort Cousin . »So!« rief Dirck, mit einem triumphirenden Blick auf Bulstrode; »seht Ihr nun, Gentlemen und Ladies, daß es gestattet ist, einen Toast auf eine anwesende Person auszubringen, wenn man gerade diese Person achtet und hochschätzt.« »Woraus wir erkennen sollen, Sir, wie sehr Miß Mordaunt Mr. Dirck Van Valkenburgh achtet und hochschätzt,« versetzte Bulstrode ernst. »Ich fürchte, es liegt nur zu viel Richtigkeit in einer Meinung, die, beim ersten Erröthen, nach Eigenliebe zu schmecken scheinen könnte.« »Eine Anschuldigung und Vermuthung, die ich weit entfernt bin, zu läugnen,« erwiederte Anneke mit einer sichern Haltung, welche eine wundervolle Selbstbeherrschung verrieth, falls sie wirklich Dirck's Neigung irgend erwiederte. »Mein Vetter nennt mich in seinem Toast und ich ihn in dem meinigen. Ist denn daran etwas Unnatürliches?« Hier begann ein Ausbruch von Neckereien auf Kosten Anneke'ns, welche die junge Lady mit einer Kaltblütigkeit und Fassung ertrug, die mich anfänglich ganz in Erstaunen setzte. Aber als ich mich besann, daß sie in der That schon einige Jahre an der Spitze ihres Vaters Hauswesen stand, und immer viel mit älteren Personen, als sie, umgegangen war, schien es mir doch begreiflicher; denn es ist gewiß, man kann die Entwicklung des Charakters entweder verfrühen oder aufhalten, dadurch, daß man eine Person in genauen Verkehr mit Solchen bringt, welche durch ihr Gespräch, ihr Benehmen und ihre Talente und Kenntnisse vorzugsweise geeignet sind, das Eine oder das Andere zu bewirken. In wenigen Minuten war die Episode von denjenigen vergessen, welche nicht besonders dabei beteiligt waren, und das Singen nahm seinen Anfang. Ich hatte durch meine Leistung beim Diner mich so empfohlen, daß mir die große Freude wurde, von Anneke selbst zum Singen noch eines Liedes aufgefordert zu werden. Natürlich willigte ich ein, und die Gesellschaft schien mir wohl zufrieden zu seyn. Was meine junge Wirthin betrifft, so sah ich, daß sie über meinen Gesang erfreuter schien, als über das Nachstück, und darauf durfte ich mir wohl etwas zu Gute thun. Dirck hatte Gelegenheit, wieder einigermaßen gut zu machen, was er durch den Verstoß beim Toast eingebüßt hatte, denn er sang ein treffliches komisches Lied in holländischem Volksdialekt. Es ist wahr, nicht die Hälfte der Gesellschaft verstand es, aber die andere Hälfte lachte, daß ihnen die Thränen über die Wangen rollten, und es lag etwas so Drolliges in meines Freundes Vortrag, daß Alle entzückt waren. Die Glocken schlugen Zwölf, ehe wir aufbrachen. Ich blieb nur noch ein paar Tage in der Stadt, begegnete jedoch meinen neuen Bekannten jeden Tag, und wohl auch zweimal, auf Trinity-Church-Walk. Ich machte Abschiedsbesuche mit schwerem Herzen, zumal bei Anneke und ihrem Vater. »Ich erfuhr von Follock,« sagte Herman Mordaunt, als ich ihm die Absicht meines Besuchs nannte, »daß Ihr morgen die Stadt verlassen wollt. Miß Mordaunt und ihre Freundin, Miß Wallace, gehen diesen Nachmittag nach Lilaksbush, denn es ist hohe Zeit, nach dem Garten und den Blumen zu sehen, von welchen viele jetzt in voller Blüthe stehen. Ich werde mich am Abend auch dahin begeben, und ich mache Euch jungen Männern den Vorschlag, auf Eurem Wege nach West-Chester ein spätes Frühstück bei uns einzunehmen. Eine Tasse Kaffe, ehe Ihr aufbrecht und Euch in den Sattel schwingt, um sechs Uhr wird Alles ins Gleichgewicht bringen. Ich verspreche Euch, daß Ihr bis ein Uhr wieder unterwegs seyn sollt, so daß Euch Zeit genug bleibt, vor Einbruch der Nacht Satanstoe zu erreichen.« Ich sah Anneke an und glaubte zu bemerken, daß der Ausdruck ihres Gesichts günstig und ermunternd war. Dirck überließ mir Alles, und ich nahm die Einladung an. Diese Verabredung kürzte meinen Besuch in Crown-Street ab, und ich verließ das Haus mit leichterem Herzen, als ich es betreten hatte. Es ist immer so angenehm, eine unangenehme Pflicht verschoben zu sehen! Am nächsten Tage waren wir, Dirck und ich, mit dem Glockenschlag Sechs im Sattel, und wir ritten durch die Straßen, gerade als die Schwarzen ihre Treppen und Trottoir's abwuschen, obwohl die letztern in meiner Jugend noch selten waren. Es ist dieß ein sehr bequemer Fortschritt, der jetzt ziemlich allgemein angenommen und bei welchem schwer zu begreifen ist, wie die Damen denselben missen könnten; alle neuen Straßen sind, wie ich sehe, in dieser Art verschönert. Es war ein schöner Maimorgen und die Luft war voll süßer Gerüche, besonders vom Lilak, als wir auf's Land hinausritten. Gerade als wir nach Bowery-Lane kamen, sahen wir einen Reiter aus einer der Nebenstraßen heraus und unseres Weges reiten. Sobald er der zwei Reisenden ansichtig wurde, welche die gleiche Richtung wie er verfolgten, spornte er sein Pferd, um uns einzuholen, da er allein war und vermutlich Gesellschaft zu haben wünschte. Da es unfreundlich gewesen wäre, die Gesellschaft eines Reisenden unter diesen Umständen abzulehnen, zogen wir die Zügel an und ließen unsere Pferde im Schritt gehen, bis der Fremde uns erreichte; wo es sich zu unserer Ueberraschung zeigte, daß es Jason Newcome war. Der Pädagog war nicht minder erstaunt, als er uns erkannte, und ich glaube, er war mit der Entdeckung nicht ganz zufrieden; denn Jason war ein solcher Liebhaber von neuen Bekanntschaften, daß es ihm immer Freude machte, wenn er dazu Gelegenheit fand. Er war, so schien es, auf der Insel gewesen, um einen Verwandten zu besuchen, welcher sich verheirathet und daselbst niedergelassen hatte; und das war der Grund, warum wir ihn seit dem Morgen des Löwenabenteuers nicht mehr getroffen hatten. Natürlich trabten wir mit einander weiter, und es war uns weder lieb noch leid, diesen weitern Begleiter zu haben. Ich habe mir nie das Verfahren erklären können, mittelst dessen Jason sich in die Geheimnisse von Jedermann einzudrängen wußte. Es ist wahr, er trug kein Bedenken, Fragen zu machen, und erlaubte sich solche, welche die Meisten als durch die Sitten und Gebräuche des geselligen Lebens ausgeschlossen und untersagt betrachten würden, mit so wenig Bedenken, als solche, welche Jedermann für zulässig hält. Die Bewohner von Neu-England sind überhaupt dafür berühmt, und ich erinnere mich, folgende Erklärung dieser Eigenthümlichkeit von Mr. Worden gehört zu haben: Alles und Jedermann wurde bei den Puritanern unter strenges und starres Kirchenregiment gestellt, und wenn ein ganzes Gemeinwesen auf den Glauben kommt, es habe über jede Handlung eines seiner Glieder zu Gericht zu sitzen, so ist es ganz natürlich, daß es dieß Recht darauf ausdehnt, auch nach allen ihren Angelegenheiten zu fragen. Eines ist gewiß: unsre Nachbarn in Connektikut nehmen sich eine Bevormundung der Handlungen und Meinungen der Individuen heraus, wovon man in New-York sich nicht träumen läßt; und es scheint mir sehr wahrscheinlich, daß die Gewohnheit, mit Fragen in Privatangelegenheiten sich einzudrängen, unter dem Einfluß jener Praxis sich ausgebildet hat. Wie man sich leicht denken kann, suchte Jason, wenn ihm ein Versuch fehlschlug, mittelst mehr oder minder offener Fragen sich Aufschluß über gewisse Sachen zu verschaffen, seinem Zweck durch Vermutungen näher zu kommen; indem er die plausibelsten aufstellte, wenn solche aufzufinden waren, aber, wenn sich nichts Besseres darbot, auch mit solchen verlieb nahm, welchen nicht einmal diese zweideutige Empfehlung zukam. Er verfiel in Folge hievon natürlich immer in die gröbsten Irrthümer und Mißgriffe; denn da er nothwendigerweise seine Schlüsse auf Voraussetzungen baute, wie sie seine Unwissenheit und Unerfahrenheit ihm an die Hand gab, beging er gleich von vorn herein die gröbsten Fehlschlüsse. Und dieß war noch nicht das Schlimmste; da die menschliche Natur eben nicht immer gerade die größte Neigung zum Wohlwollen zeigt, vermischten sich oft in seinem Geiste die lieblosesten Deutungen mit den abgeschmacktesten Fehlschlüssen, und ich habe es oft erlebt, daß er sich Behauptungen zu Schulden kommen ließ, welche keine bessere Grundlage hatten, als jene Hypothesen, und die ihm schwere gerichtliche Strafen hätten eintragen können. Bei der jetzigen Gelegenheit säumte Jason nicht lange, sich zu vergewissern, wohin unsere Reise ging. Dieß geschah in so charakteristischer und sinnreicher Weise, daß ich es doch erzählen muß. »Ei, Ihr seyd heute früh auf der Bahn, Gentlemen!« rief Jason, sich ganz erstaunt stellend. »Was, um aller Welt willen, veranlaßte Euch, vor dem Frühstück aufzubrechen?« »Der Wunsch, heute Abend ja nicht unser Nachtessen in Satanstoe zu versäumen,« antwortete ich. »Nachtessen? Ha, Ihr werdet ja fast bis Mittagsessenszeit heim kommen; das heißt zu Eurer Yorker Mittagsessenzeit. Vielleicht gedenkt Ihr unterwegs einen Besuch zu machen?« »Vielleicht, Mr. Newcome; es sind manche angenehme Familien zwischen hier und Satanstoe.« »Daß weiß ich. Da ist der vornehme Mr. Van Cortlandts auf Yonkers; vielleicht gedenkt Ihr dort Halt zu machen.« »Nein, Sir; wir haben das nicht im Sinne.« »Dann ist da der reiche Count Philips, am Fluß; das läge nicht viel vom Wege ab?« »Es ist weiter, als wir von der Straße abzugehen gedenken.« »Oh, also habt Ihr wirklich die Absicht, einen kleinen Abstecher zu machen! Nun, da ist der Mr. Mordaunt, dessen Tochter Ihr aus den Tatzen des Löwen gerissen habt – er hat ein Haus in der Nähe von Kings-Bridge, genannt Lilaksbush.« »Und wie habt Ihr das erfahren, Jason?« »Durch Fragen. Meint Ihr, ich sey der Mann, der, wenn so etwas sich zutragt, sich nicht ein wenig nach der jungen Lady erkundigte? Es schadet nie etwas, wenn man sich ein Bischen auf's Fragen legt und Nachrichten einzieht; und ich habe diese Regel in Beziehung auf sie nicht vergessen.« »Und Ihr habt erfahren, daß der Vater der jungen Lady ein Besitzthum, Lilaksbush genannt, in dieser Gegend hat?« »Ja wohl; und eine kuriose Yorker Mode ist es, einem Hause einen Namen zu geben, gerade als wenn es ein christliches Wesen wäre; das muß ein römisch-katholischer Brauch seyn, und irgendwie mit Abgötterei und Bilderdienst zusammenhängen.« »Ohne allen Zweifel. Es ist zum Beispiel weit besser, zu sagen, wir wollen bei Mr. Mordaunt frühstücken, als zu sagen, wir beabsichtigen in Lilaksbush Halt zu machen.« »Oh, ist es so, wirklich? Nun, ich dachte mir doch gleich, ein solches Haus unterwegs müsse Euch so frühe aus den Federn gejagt haben. Aber es wird ein verzweifelt spätes Frühstück seyn, Corny!« »Es wird zehn Uhr werden, Jason, und das ist freilich ziemlich später als gewöhnlich; aber unser Appetit wird um so besser seyn.« Dem stimmte Jason bei und begann dann eine Reihe von Manöuvres, um auch in unsre Gesellschaft beim Frühstück aufgenommen zu werden. Dieß jedoch wagten wir nicht zu thun, und alle Winke und Anspielungen Jason's blieben unbeachtet, bis endlich, durch unsre ausweichenden Antworten zur Verzweiflung getrieben, er plump heraus den Vorschlag machte, mit uns zu gehen, und wir ihm eben so rund heraus erklärten, daß wir uns keine solche Freiheit herausnehmen dürften bei einem Manne von Herman Mordaunt's Jahren, Stellung und Charakter. Ich weiß nicht, ob wir so großes Bedenken getragen haben würden, hätten wir Jason als einen Gentleman betrachtet, aber das war unmöglich. Der Brauch in der Colonie gestattete in dieser Hinsicht große Freiheit, und weicht in diesen Punkten von dem im Mutterlande, nach allen Berichten, bedeutend ab; dabei war aber immer vorausgesetzt, daß die Personen, die man mitbrachte, eine gewisse Bildung und Stellung im Leben hatten, – Eigenschaften, auf welche Jason sicherlich keinen Anspruch machen konnte. Der Fall wurde etwas verwickelt und wir waren verlegen, als das Erscheinen von Mordaunt selbst zum Glück die Schwierigkeit beseitigte. Jason war nicht der Mann, der sich so leicht abschütteln ließ; aber hier war ein Mann, welcher die Kraft hatte, und auch die Neigung zeigte, die Dinge ins rechte Geleise zu bringen. Herman Mordaunt war ein paar Meilen weit die Straße herab uns entgegen geritten, in der Absicht, uns auf einem wenig bekannten kürzern Weg, von welchem wir Nichts wußten, nach seinem Sitze zu führen. Sobald er sah, daß Jason zu unsrer Gesellschaft gehöre, erbat er sich als eine Gunst, was unser Begleiter sehr gern als eine Wohlthat angenommen hätte. Neuntes Kapitel. Der Lieb' mißtraut' ich, deren Strahl     Aus Himmelsglorien bricht; Die Liebe schien zu sagen d'rauf:     Es dämpften Thränen ihr Licht. Heber. Es war nicht lange, nachdem die Erklärung in Betreff Jason's stattgefunden hatte, und die Einladung erfolgt war, welche ihn auch in unsre Gesellschaft einschloß, als Herman Mordaunt ein Thor öffnete und uns auf die Felder führte. Eine ganz ordentliche Straße führte uns durch einige Wälder nach den Höhen, und wir befanden uns bald auf einem erhöhten Terrain, welches die Aussicht auf eine weite Strecke des Hudson hatte, von Haverstraw nördlich bis Staten-Island südlich, – eine Strecke von beinahe vierzig Meilen. Auf dem andern Ufer erhob sich die mauerähnliche Schranke und Scheidewand der Palisaden, das Tafelland auf ihren Spitzen einige hundert Fuß sich emporhebend. Der stattliche Fluß selbst, volle dreiviertel Meilen breit, war von keinem Lufthauch gekräuselt und lag wie eine weitgedehnte friedliche Spiegelfläche da, unter den Strahlen der glänzenden Sonne, geschmolzenem Silber ähnlich. Ich erinnere mich kaum eines lieblicheren Morgens; Alles schien im Einklang mit der herrlichen aber ruhigen Großartigkeit der Aussicht und mit den reichen Verheißungen einer verschwenderischen Natur. Die Bäume waren meist mit dem schönen Gewande des jungen grünen Laubes bedeckt; die Vögel hatten sich gepaart und bauten ihre Nester beinahe auf jedem Baum; die wilden Blumen schoßen unter den Hufen unsrer Pferde empor; und jeder Gegenstand in der Nähe und in der Ferne schien meinem jungen Auge im Bunde mit Liebe und Harmonie. »Das ist ein Lieblingsweg von mir zum Reiten, wobei mir Anneke oft Gesellschaft leistet,« sagte Herman Mordaunt, als wir auf der Höhe mit der weiten Aussicht anlangten, von welcher ich oben gesprochen habe. »Meine Tochter ist eine muthige Reiterin, und begleitet mich oft auf meinen Morgenritten. Sie und Mary Wallace sollten in diesem Augenblick irgendwo auf den Bergen hier herum seyn, denn sie versprachen mir zu folgen, sobald sie mit dem Reitanzug fertig geworden wären.« Ein Schrei, der ein Ausbruch des wilden Entzückens zu seyn schien, entfuhr Dirck's Munde, und im nächsten Augenblick galoppirte er fort nach einem nahen Bergrücken, auf dessen Scheitel die schönen Gestalten der zwei Mädchen eben jetzt sichtbar wurden, gehoben noch durch knappanschließende Gewänder und Hüte mit schwankenden Federn. Ich deutete Herman Mordaunt auf diese reizenden Gegenstände hin und folgte meinem Freunde in etwas mäßigerem Schritte meines Pferdes. Nach ein paar Minuten war die ganze Gesellschaft beisammen. Nie hatte ich Anneke Mordaunt so vollendet liebenswürdig gesehen, wie sie an diesem Morgen mir erschien. Die Bewegung und die frische Luft hatten ihre Farbe noch erhöht, welche immer schön und blühend war; und ihre Augen bekamen einen neuen Glanz durch die Glut ihrer Wangen. Obgleich wir erwartet wurden, wollte mich doch bedünken, sie empfange uns als ganz besonders willkommne Gäste; während Mary Wallace in ihrer Begrüßung eine ungewohnte Lebhaftigkeit zeigte. Jason war nicht vergessen, sondern als alter Bekannter anerkannt und gebührend der Freundin vorgestellt. »Ihr macht häufig solche Ritte, erzählt mir Mr. Mordaunt,« sagte ich, mein Pferd neben das von Anneke drängend, als die ganze Gesellschaft sich in Bewegung setzte; »und ich bedaure, daß Satanstoe so entfernt ist, daß wir uns nicht öfters an einem schönen Morgen treffen können. Wir haben manche ausgezeichnete Reiterin in West-Chester, welche stolz seyn würde auf eine solche Bekanntschaft.« »Ich kenne verschiedene Ladies auf Eurer Seite des Harlem-Flusses,« antwortete Anneke, »und reite häufig in ihrer Gesellschaft; aber keine, die so weit entfernt wohnte, wie Euer Wohnsitz und seine nächsten Umgebungen. Mein Vater sagt mir, er habe als Jüngling oft auf den Feldern von Satanstoe geschossen; und er spricht noch immer mit großen Lobeserhebungen von Euern Vögeln.« »Ich glaube, unsere Väter waren früher Jagd- und Waidgenossen. Mr. Bulstrode hat versprochen zu kommen, und ihr gutes Beispiel nachzuahmen. Jetzt, nachdem Ihr Zeit gehabt, über die Schauspiele, die Ihr gesehen, Euch zu bedenken, empfindet Ihr noch das gleiche Interesse an dergleichen Darstellungen wie Anfangs?« »Ich wünschte nur, daß ich nicht so Viel daran zu tadeln und zu verdammen hätte. Ich glaube, Mr. Bulstrode hätte es zu etwas Ausgezeichnetem bringen können als Schauspieler, hätte nicht das Schicksal es ihm in gewissem Sinne unmöglich gemacht, als einem ältesten Sohne und einem Mann von Familie.« »Mr. Bulstrode, so sagt man mir, ist nicht nur der Erbe einer alten Baronetschaft, sondern auch eines großen Vermögens?« »So ist es wirklich, glaube ich. Findet Ihr es nicht löblich, Mr. Littlepage, daß ein Mann in einer solchen Lage wie er, sich entschloß, seinem König und seinem Vaterlande in einem so beschwerlichen Kriege, wie der in unsern Colonien, zu dienen?« Ich konnte nicht umhin, beizustimmen, obwohl ich herzlich gewünscht hätte, daß Anneke'ns Sprache weniger lebhaft und aufrichtig theilnehmend gewesen wäre, als sie diese Frage an mich richtete. Dennoch wußte ich noch immer nicht recht, was ich von ihren Gesinnungen gegen diesen Gentleman denken sollte; denn sonst hörte sie immer seinen Namen nennen mit einer Ruhe und Unbefangenheit, die, wie ich beobachtet hatte, nicht allen ihren jungen Freundinnen eignete, wenn sich eine Gelegenheit ergab, von dem lustigen und einschmeichelnden Soldaten zu sprechen. Ich brauche kaum zu sagen, daß es für Mr. Bulstrode in einer englischen Colonie keine üble Empfehlung war, daß er der Erbe einer Baronetschaft war. In der Entfernung vom Mutterlande sind wir, wie dieß nun kommen mag, ein wenig zu sehr geneigt, solche zufällige Vorzüge zu überschätzen: und ich habe Engländer selbst anerkennen hören, daß ein Baronet in New-York ein angesehenerer Mann sey, als ein Herzog in London. Diese Dinge gingen mir durch den Kopf, wie ich an Anneke'ns Seite hin ritt; obwohl ich so klug und vorsichtig war, meine Gedanken nicht laut werden zu lassen. Herman Mordaunt ritt mit Jason voraus; und er führte die Gesellschaft auf reizenden Reitpfaden beinahe zwei Meilen weit auf den Höhen hin, gelegentlich ein Thor öffnend, ohne abzusteigen, bis er einen Punkt erreichte, welcher Lilaksbush überschaute, welches wir kaum eine halbe Meile von uns entfernt sahen. »Da sind wir jetzt auf meinem Grund und Boden,« sagte er, indem er den Zügel anzog, um uns zu erwarten; »dieß letzte Thor scheidet mein Besitzthum von dem meines nächsten Nachbars gegen Süden. Diese Berge nützen nicht viel, außer als frühe Waiden, aber sie bieten manche schöne Aussicht dar.« »Ich habe eine Weissagung gehört,« bemerkte ich, »es werde einmal eine Zeit kommen, wo die Ufer des Hudson viele solche Landsitze, enthalten würden, wie der der Familie Philips, zu Yonker's, und ein paar andere ähnliche, die, wie man mir sagt, jetzt auf den Hochlanden stehen.« »Ganz wohl möglich; es ist nicht leicht vorherzusagen, was in einem solchen Lande geschehen mag. Ich glaube fast, daß man mit der Zeit Städte und Landsitze an den Ufern des Hudson sehen, und daß ein mächtiger und zahlreicher Adel die letztern inne haben wird. Beiläufig bemerkt, Mr. Littlepage, Euer Vater und mein Freund Oberst Follock haben eine werthvolle Erwerbung von Ländereien gemacht, indem sie ein Patent ausgewirkt für eine ausgedehnte Strecke Landes in der Gegend von Albany.« »Es ist nicht so sehr ausgedehnt, Sir, denn das Ganze beträgt nur etwa vierzig tausend Acres; auch ist es nicht so in der Nähe von Albany, nach dem was ich höre, denn es muß etwa vierzig Meilen oder mehr von dieser Stadt entfernt seyn. Nächsten Winter jedoch sollen wir, Dirck und ich, das Land aufsuchen, wo wir dann alle nähern Umstände erfahren werden.« »Dann treffen wir uns vielleicht in jener Gegend. Ich habe wichtige Angelegenheiten in Albany zu besorgen, welche allzulang vernachlässigt worden sind; und es war meine Absicht, einige Monate in der nächsten guten Jahreszeit und zwar recht früh, im Norden zuzubringen. Vielleicht treffen wir uns in den Wäldern.« »Ihr seyd schon in Albany gewesen, vermuthe ich, Mr. Mordaunt.« »Schon oft, Sir; die Entfernung jedoch ist so groß, daß die Versuchung nicht so stark ist, dahin zu reisen, wenn man nicht durch Geschäfte dahin gerufen wird, wie dieß bei mir der Fall war. Ich war in Albany vor meiner Verheirathung, und habe seither verschiedne Male Veranlassung gehabt, es zu besuchen.« »Mein Vater war als Soldat dort; und er sagt mir, es sey ein Theil der Provinz, welchen es sich wohl verlohne, zu sehen. Jeden Falls werde ich im nächsten Jahre die Anstrengung und Gefahr daran wagen; denn es ist für junge Leute nützlich, die Welt zu sehen. Dirck und ich können auch den Feldzug mitmachen, sollte einer in dieser Richtung statthaben.« Mir schien, Anneke lege einiges Interesse an diesem Gespräch an den Tag; aber wir ritten weiter, und stiegen bald vor der Thüre von Lilaksbush ab. Bulstrode war nicht um den Weg, und so hatte ich die ausnehmende Freude, der Miß Mordaunt beim Absteigen behülflich zu seyn, als wir einen Augenblick, ehe wir das Haus erreichten, Halt machten, um die Aussicht recht zu genießen. Ich habe dem Leser schon im Allgemeinen eine Vorstellung vom Aussehen des Hauses gegeben; aber man mußte ihm näher kommen, um sich einen rechten Begriff von seinen Schönheiten zu machen. Wie schon der Name andeutete, waren der Rasenplatz, das Haus und die Nebengebäude ganz umkränzt von oder begraben in Lilaks, welche sämmtlich jetzt in voller Blüthe standen. Die Blumen erfüllten die Luft mit einer Art von Purpurlicht, welches einen warmen, milden Schimmer selbst auf das rosige Antlitz Anneke'ns warf, als sie mir diesen zauberischen Lichteffekt zeigte. Ich kenne keine Blume, welche in so hohem Grade eine Landschaft verschönerte, wie der Lilak in großen Massen, so gewöhnlich er auch ist, und so alltäglich uns seine Farben und sein Duft geworden sind. »Wir lieben den Monat, wo unsere Lilaks blühen, mehr als jeden andern Monat im Jahr,« sagte Anneke, lächelnd über meine Ueberraschung und mein Entzücken, »und wir halten darauf, den größten Theil desselben hier zuzubringen. Ihr werdet wenigstens gestehen, Mr. Littlepage, daß Lilaksbush seinen Namen mit Recht führt.« »Der Eindruck ist ganz und gar wie eine Bezauberung!« rief ich: »Ich wußte nicht, daß der einfache, bescheidene Lilak Etwas so schön machen könne!« »Einfachheit und Bescheidenheit sind an und für sich solche Reize, Sir, daß sie mächtige Verbündete sind,« bemerkte die tieffühlende aber schweigsame Mary Wallace. Dem stimmte ich natürlich bei, und wir Alle folgten Mr. Mordaunt in das Haus. Ich war ebenso entzückt von dem Innern von Lilaksbush, wie es sich mir darstellte, als ich es vom Aeußern gewesen war. Ueberall, so schien es mir, sah ich die Spuren von Anneke'ns Geschmack und Einsicht. Ich wünsche nicht den Leser auf den Glauben zu bringen, daß das Haus selbst eines vom höchsten Rang in seiner Art war, denn darauf konnte es keinen Anspruch machen. Aber es war ein festes, einundeinhalbstockiges Gebäude, in dergleichen die meisten unsrer ersten Familien auf dem Lande zu wohnen sich gerne begnügten und noch begnügen; und es glich in diesen Punkten gar sehr dem guten alten Hause in Satanstoe. Die Einrichtung und Meublirung war in größerem, städtisch-zierlicherem Style, als wir bei uns für nöthig erachteten; und das kleine Zimmer, in welchem wir frühstückten, war das Muster eines Speisezimmers. Die Tische in den Ecken waren so glänzend polirt, daß man sich darin spiegeln konnte; die kleinen Schränke waren mit versilberten Bändern und Schlössern geziert, und die Tafel selbst glänzte wie ein Spiegel. Ich weiß nicht wie es kam, aber das Porzellan schien mir sauberer und kostbarer als gewöhnlich, unter Anneke'ns zierlicher kleiner Hand; während das massive und zierlich gearbeitete Silbergeschirr zum Frühstück von der Art war, daß es nur in England verfertigt seyn konnte. Mit Einem Wort, während Alles solid und reich erschien, hatte das Ganze einen gewissen unbeschreiblichen Anstrich von Behagen, Sauberkeit und Anspruchlosigkeit, was einen ganz ungewohnten Eindruck auf mich machte. »Mr. Littlepage sagt mir,« bemerkte Herman Mordaunt, während wir beim Frühstück saßen, »er beabsichtige im nächsten Winter eine Reise in den Norden zu machen, und vielleicht fügt es unser gutes Glück so, daß wir ihn dort treffen. Das ––ste Regiment erwartet diesen Sommer auch bis nach Albany beordert zu werden; und vielleicht können wir unter den Holländern alle unsere Gesänge und Scherze mit Bulstrode und seinen Genossen erneuern.« Ich war entzückt über diese Aussicht, Anneke Mordaunt im Norden wieder zu sehen, und verfehlte nicht, dieß auch auszusprechen, obwohl vielleicht, fürchte ich, in einer etwas linkischen Art und mit einiger Verlegenheit. »Ich habe es gehört, Sir, während des Rittes,« antwortete die Tochter. »Ich hoffe, Cousin Dirck wird auch von der Gesellschaft seyn?« Cousin Dirck versicherte sie dessen, und wir besprachen im Voraus das Vergnügen, welches alte Bekannte fühlen müßten, so fern von der Heimath sich wieder zu sehen. Keiner von uns, Herman Mordaunt ausgenommen, war je hundert Meilen weit von seinem Geburtsort weggekommen, wie sich ergab, als man die Angaben verglich. Ich war der am weitesten Gereiste; denn Princeton ist der Straße nach gerechnet, achtzig bis neunzig Meilen von Satanstoe entfernt. »Vielleicht bin ich noch der Allernächste daran,« sagte Jason, »denn meine jüngste Reise nach der Insel muß, von Danbury aus gerechnet, beinahe diese Entfernung betragen. Aber Ladies, ich kann Euch versichern, ein Reisender hat viele Gelegenheit, nützliche Dinge zu lernen, wie ich weiß aus dem Unterschied, welcher zwischen York und Connektikut besteht.« »Und welchem von beiden gebt Ihr den Vorzug, Mr. Newcome,« fragte Anneke, mit einem etwas komischen Ausdruck um ihre lächelnden Augen. »Das ist eigentlich kaum eine erlaubte Frage, Miß«; (keine Zurechtweisung konnte Jason seiner gemeinen Ausdrucksweise entwöhnen;) »denn es kann Einem Feinde machen, wenn man in solchen Dingen ausspricht, wie es Einem ums Herz ist. Es gibt Vergleichungen, die man nie anstellen sollte, in Betracht von Umständen, welche mächtiger sind als alle Regeln der Höflichkeit. New-York ist eine große Colonie – eine sehr große Colonie, Miß; aber es war einmal holländisch, wie Jedermann weiß – ich bitte Mr. Follock um Verzeihung! – und man muß gestehen, Connektikut hat von Anfang an beinahe unerhörter Vortheile und Vorzüge sich zu erfreuen gehabt in dem moralischen und religiösen Charakter seiner Bewohner, in der Trefflichkeit seines Landes, und in der Reinheit seines Volkes und seiner Kirche.« Herman Mordaunt schaute voll Ueberraschung und Erstaunen auf bei dieser Rede; Dirck aber und ich hatten schon so viele ähnliche gehört, daß uns diese als nichts Ungewöhnliches auffiel. Was die Ladies betrifft, so hatten sie zu viel gute Lebensart, um Blicke zu tauschen, wie Mädchen manchmal thun; aber ich sah wohl, daß Beide den, der so gesprochen, für einen sehr sonderbaren Menschen hielten. »Ihr findet also einen Unterschied zwischen den Sitten und Gebräuchen der beiden Colonien, Sir?« fragte Herman Mordaunt. »Wahrlich, einen ungeheuren Unterschied, Sir. Es fiel da eine Kleinigkeit vor mit Eurer Tochter, 'Squire Mordaunt, gleich das erste Mal, da ich sie sah,« – er sah sie jetzt zum zweiten Mal,– »Etwas was so wenig in Connektikut hätte vorfallen können, als man die ganze Provinz in diese Theetasse schieben kann.« »Mit meiner Tochter, Mr. Newcome!« »Ja, Sir, mit Eurer Tochter, mit der Miß, die hier dasitzt und so unschuldig aussieht, als wäre nie Etwas dergleichen geschehen.« »Das ist so außerordentlich, Sir, daß ich Euch um eine Erklärung bitten muß.« »Ihr dürft es wohl außerordentlich nennen, denn außerordentlich würde man es in ganz Connektikut finden; und ich wenigstens werde nie zugeben, daß, wenn dieß wirklich Yorker Sitte ist, York Recht hat oder haben kann.« »Ich bitte dringend, Euch deutlicher zu erklären, Mr. Newcome.« »Nun, Sir, Ihr müßt wissen, Corny hier, und ich und Dirck dort gingen hinein um den Löwen zu sehen, von welchem Ihr ohne Zweifel so Viel gehört haben müßt, und Corny bezahlte das Billet der Miß. Nun, das war Alles ganz recht, aber –« »Hoffentlich, Anneke, hast Du doch nicht vergessen, Mr. Littlepage das Geld zu ersetzen?« »Hört nur geduldig zu, mein lieber Sir, so werdet Ihr die ganze Geschichte erfahren, meine Sünden und Schuld mit eingeschlossen, wenn mir solche zur Last fallen.« »Das gerade hat sie gethan, 'Squire Mordaunt, und ich behaupte, es ist kein Mann in ganz Connektikut, der es angenommen hätte. Wenn nicht Ladies sollen freigehalten werden können bei Schauspielen und andern Ergötzlichkeiten, so möchte ich doch wissen, wer denn sonst es soll?« Herman Mordaunt sah zuerst den Redenden ernst an, aber nachdem er den Ausdruck unsrer Augen bemerkt hatte, antwortete er mit dem Takt eines Mannes von der besten Lebensart, wie er sich auch gewiß bei jeder Gelegenheit zeigte, wo er in den Fall kam: »Ihr müßt es der Miß Mordaunt nachsehen, daß sie an ihren eigenen Gewohnheiten und Bräuchen festhält, Mr. Newcome, in Betracht ihrer Jugend und ihrer geringen Bekanntschaft mit der Welt, sofern diese über ihren nächsten kleinen Kreis hinaus geht. Wenn sie einmal Gelegenheit gehabt hat, Danbury zu besuchen, so wird sie ohne Zweifel diese Gelegenheit sich zu Nutze machen.« »Aber Corny, Sir – bedenkt nur, daß Corny einen solchen Mißgriff begehen konnte!« »Was Mr. Littlepage betrifft, so muß ich vermuthen, er leidet unter derselben Ungunst der Verhältnisse. Wir sind hier weniger galant, als Ihr in Connektikut wohl seyd; daher Eure Ueberlegenheit. In künftigen Tagen vielleicht, wenn die gesellschaftliche Bildung größere Fortschritte unter uns gemacht haben wird, werden unsere jungen Männer auch die Unschicklichkeit einsehen, das schöne Geschlecht für sich selbst bezahlen zu lassen für irgend Etwas, wären es auch ihre Bänder. Ich weiß schon lange, Sir, daß Ihr in Neu-England darauf Anspruch macht, Eure Frauen besser zu behandeln, als sie in irgend einem Theile der bewohnten Welt behandelt werden, und diesem Umstand ist es wohl zuzuschreiben, daß sie sich des Vortheils erfreuen, freigehalten zu werden.« Mit diesem Zugeständniß war Jason dem Anschein nach zufrieden. Wie oft und viel habe ich seit der Zeit die Kundgebungen dieser provinzialen Gesinnungen, entsprungen aus provinzialer Unwissenheit, beobachtet! Es ist gewiß, daß unsere Mitunterthanen von den östlichen Provinzen es nicht lieben, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, sondern alle ihre Vorzüge und Vortheile bestens benützen. Daß sie uns in New-York in einigen Hinsichten überlegen sind, will ich ganz gerne zugeben; aber gewiß gibt es auch Punkte, in welchen diese Überlegenheit weit weniger augenfällig ist. Was Jason betrifft, so war er gänzlich befriedigt von Herman Mordaunt's Antwort, und erinnerte später wieder oftmals daran, zu meiner Beschämung, wie er glaubte, und mit nicht geringer Selbstgefälligkeit. Gewiß ist es eine schwere Aufgabe, einem selbstgefälligen, eigenliebigen Colonisten es in den Kopf zu bringen, daß sein kleiner Winkel der Erde nicht der Inbegriff alles dessen seyn soll, was billig, gerecht, gut und geschmackvoll heißt! Ich verließ an jenem Tage Lilakbush mit gewaltiger Liebe im Herzen. Ich würde es für unmännlich halten, wenn ich dieß zu verhehlen suchen wollte. Anneke hatte von Anfang an einen lebhaften Eindruck auf mich gemacht, aber dieser Eindruck war jetzt tiefer eingedrungen als nur in die Phantasie und hatte das Herz fühlbar ergriffen. Vielleicht mußte man sie in der Zurückgezogenheit des rein häuslichen Kreises sehen, um alle ihre Reize in ihrem ganzen Zauber zu würdigen und zu empfinden. In der Stadt hatte ich sie gewöhnlich unter vielen Menschen gesehen, umgeben von Bewunderern oder von andern jungen Leuten ihres Geschlechts, und da war weniger Gelegenheit, den Einfluß zu beobachten, welchen die Natur oder die Gefühle des Herzens auf ihr Wesen und Benehmen übten. Aber hier, wo sie Mary Wallace an ihrer Seite hatte, fehlte ihr nie die Genossin, gegen welche sie diese Gefühle hinlänglich äußern konnte, so daß die ganze Liebenswürdigkeit ihres Wesens, ohne Anstrengung und ohne Ziererei sich offenbarte. Anne Mordaunt sprach nie zu ihrer Freundin, ohne daß in ihrem Wesen eine Veränderung sichtbar wurde. Innige Liebe tönte in ihrer süßen Stimme, Vertrauen strahlte in ihrem Auge, und Achtung und Hochschätzung malten sich in der erwartungsvollen Hingebung ihres Antlitzes. Mary Wallace war zwei Jahre älter als sie, und diese zwei Jahre, in Verbindung mit ihrem Charakter, berechtigten sie, diesen Tribut von ihrer vertrautesten Freundin zu empfangen; aber alle diese Gefühle stoßen ganz freiwillig und ungesucht aus dem Herzen, denn nie war der Umgang von zwei Angehörigen des schönen Geschlechts freier von allem Gemachten. Ein Beweis davon, daß die Leidenschaft mich überwältigte, war, daß ich jetzt Dirck, seine offenbare Neigung, seine älteren Ansprüche, die Möglichkeit seines Erfolges ganz vergaß. Ich weiß nicht woher oder warum, aber gewiß war es, daß Herman Mordaunt große Freundschaft und Achtung für Dirck Van Valkenburgh zeigte. Die Verwandtschaft mochte dieß theilweise erklären, und es war möglich, daß der Vater schon die Vortheile erwog, die aus einer solchen Verbindung erwachsen würden. Oberst Follock galt für einen reichen Mann, nach unserem damaligen Maßstabe für Reichthum; und der junge Mensch selbst besaß neben einer schönen männlichen Gestalt, welche sich rasch zu der eines jugendlichen Herkules entwickelte, eine vortreffliche Gemüthsart und einen guten Ruf. Dennoch beunruhigte mich dieser Gedanke nie. Von Dirck befürchtete ich Nichts, während Bulstrode mir von Anfang an sehr bange machte. Ich sah alle seine Vorzüge und Vortheile, und mag sie sogar vergrößert haben, während die meines nächsten und vertrautesten Freundes mir gar keine Besorgniß machten. Es ist möglich, wenn Dirck sich öfter oder deutlicher meinem Geiste dargestellt hätte, daß ein Gefühl der Großmuth mich hätte veranlassen können, mich bei Zeiten zurückzuziehen, und ihm ein Feld einzuräumen, auf welches er die früheren Ansprüche hatte. Aber nach dem Morgen in Lilaksbush war es zu spät zu einem solchen Opfer von meiner Seite, und ich ritt an der Seite meines Freundes von dem Hause weg, so wenig an seine Neigung zu Anneke denkend, als wenn er nie eine solche empfunden hätte. Was meine Hoffnungen und Ansprüche in Bezug auf Anneke Mordaunt betraf, so hatte hier von jetzt an die Großmuth keine Stimme mehr. »Nun,« begann Jason, sobald wir nur erst recht im Sattel saßen, »diese Mordaunt's stehen doch eine Sprosse selbst über Euren Leuten, Corny! Es war mehr Silbergeschirr in dem Zimmer, worin wir aßen, als sich in diesem Augenblick in ganz Danbury findet! Der Aufwand geht bis zur Verschwendung. Der alte Gentleman muß verzweifelt reich seyn, Dirck?« »Herman Mordaunt hat ein schönes Besitzthum, und sehr wenig davon ist für Silbergeschirr hinausgegangen, Jason; was Ihr gesehen habt, ist alt und entweder von Holland oder von England, dem einen oder dem andern Mutterland gekommen.« »Oh! Holland ist für mich kein Mutterland, mein Junge. Verlaßt Euch darauf, all dieß Silber ist da nicht umsonst aufgestellt. Wenn man der Wahrheit auf den Grund kommen könnte, so führt dieser Herman Mordaunt, wie Ihr ihn nennt, obgleich ich nicht einsehe, warum Ihr ihn nicht Squire Mordaunt nennen könntet, wie andere Leute, nun dieser Mr. Mordaunt führt, vermuthe ich, die Absicht im Schilde, seine Tochter an einen dieser englischen Offiziere los zu werden, deren gerade jetzt so viele in der Provinz sind. Ich habe zwar den Gentleman nicht selbst gesehen, aber es wurde gar oft ein gewisser Bulstrode genannt diesen Vormittag« – Jason's Morgen ging immer mit seiner gewöhnlichen Frühstückstunde zu Ende,– »und ich vermuthe fast, er wird bei dem Rennen den Preis davon tragen, das ist meine Berechnung, und meine Berechnungen sind selten falsch.« »Habt Ihr einen besondern Grund, Mr. Newcome, daß Ihr eine solche Meinung auszusprechen Euch erlaubt?« fragte ich etwas finster. »Ei, fangen wir doch nicht hier, auf der Landstraße, an ›Mister‹ zu einander zu sagen. Ihr seyd Corny, Dirck ist Dirck, und ich bin Jason. Der kürzeste Weg ist gewöhnlich der beste, und ich liebe es, wenn Freunde einander mit ihrem Namen kurzweg nennen. Ob ich einen besondern Grund habe? – Ja, Gründe genug, und zwar sehr gute. Erstlich hat kein Mann eine Tochter, der nicht nachgerade darauf dächte, nach seinen Kräften und Vermögen sie in der Welt anzubringen; sodann, wie ich schon gesagt habe, diese Leute vom Mutterlande sind entsetzlich reich, und reiche Männer sind immer den Eltern angenehm, wie sie auch den Kindern selbst gefallen mögen. Ueberdieß werden auch einige dieser Offiziere Erbe von Titeln werden, und das ist eine verzweifelte Versuchung für ein Weib in der ganzen Welt. Ich glaube, es ist kein junges Frauenzimmer in Danbury, das einem wirklichen, ächten Titel widerstehen könnte.« Es ist mir immer als etwas Besonderes aufgefallen, daß die Leute aus der Gegend der Provinzen, wo Jason herstammte, einen so gewaltigen Respekt vor Titeln hatten. In keinem Theile der Welt herrschen einfachere Sitten und Gewohnheiten, und nicht leicht ist es, ein civilisirtes Volk zu finden, unter welchem größere Gleichheit der wirklichen Lebensverhältnisse herrschte, die, so sollte man glauben, nothwendig auch Gleichheit in der Gesinnung erzeugen müßte, als in Connektikut noch in diesem Augenblick. Ungeachtet dieser Umstände ist die Titelsucht so groß, daß sogar der Titel Sergeant oft dem Namen eines Mannes auf seinem Grabstein, oder bei Heiraths- oder Todes-Anzeigen vorgesetzt wird; und der Lieutenants und Fähnriche von der Miliz ist kein Ende. Diacon ist ein wichtiger Titel, der selten weggelassen wird; und Wehe demjenigen, der vergäße, einen Magistrat ›Esquire‹ anzureden. Bei uns herrschten diese Gebräuche nicht; oder wenn auch, doch nur unter dem Theile der Bevölkerung unserer Colonie, welcher aus Neu-England stammt und noch einen Theil der dortigen Bräuche und Sitten beibehalten hat. Sodann wird in keinem Theil der Colonie englischem Range größere Ehrfurcht gezollt, als in Neu-England durchgängig, obgleich die meisten dieser Provinzen das Recht haben, beinahe alle ihre Beamten selbst zu wählen. Ich gebe zu, daß auch wir in New-York Männern von Rang und Geburt aus dem Mutterlande viele Ehre bezeigen, und daran thun wir wohl recht; aber ich glaube nicht, daß unsere Huldigung und Ehrerbietung so groß oder irgend so allgemein ist, wie in Neu-England. Es ist möglich, daß der Einfluß der Holländer seine Wirkungen auf den geselligen Zustand noch fortwährend äußert, obwohl man mir gesagt hat, daß die Colonien weiter südlich in diesem Punkte so ziemlich denselben Charakter bethätigen, wie wir. Wir erreichten Satanstoe etwas spät, in Folge des Aufenthalts zu Lilaksbush, und wurden mit Wärme und Zärtlichkeit bewillkommnet. Meine treffliche Mutter war hoch erfreut, mich wieder nach Hause zurückgekehrt zu sehen nach einer so langen Abwesenheit, und zwar einer Abwesenheit, die ihr nicht ganz gefahrlos erschien, in Betracht, daß ich ganze vierzehn Tage unter den Versuchungen und Vezauberungen der Hauptstadt verlebt hatte. Ich sah ihr Thränen in den Augen stehen, als sie mich zu wiederholten Malen küßte, und fühlte ihre sanfte, warme Umarmung, als sie mich voll mütterlichen Dankes gegen Gott an ihre Brust drückte. Natürlich hatte ich nun Bericht zu erstatten von Allem, was ich gesehen und gethan hatte, Pinkster, das Theater und den Löwen mit eingeschlossen. Ich sagte jedoch Nichts von den Mordaunt's, bis ich von meiner Mutter über sie gefragt wurde, volle vierzehn Tage, nachdem Dirck nach Rockland hinüber gegangen war. Eines Morgens, als ich in meinem Zimmer dasaß, bemüht ein Sonett zu dichten, trat diese treffliche Mutter herein und setzte sich an meinen Tisch mit der Vertraulichkeit, welche bei dem Verhältniß der Mutter zum Sohn so natürlich und gerecht ist. Sie strickte zugleich, denn nie war sie müßig als im Schlafe. Ich sah aus dem freundlichen Lächeln ihres Gesichts, das, der Himmel segne sie! noch ganz glatt und schön war, daß sie Etwas auf dem Herzen hatte, was ihr durchaus nicht unangenehm war; und ich erwartete mit einiger Neugier, was sie mir eröffnen würde. Diese treffliche Mutter! Wie ganz handelte sie nach ihren eigensten Antrieben in Allem, was den entferntesten Bezug auf meine Hoffnungen und auf mein Glück hatte! »Beendige deine Schreiberei, mein Sohn,« begann meine Mutter, denn ich hatte instinktmäßig das Sonett zu verbergen gesucht: »beendige deine Schreiberei; bis du fertig bist, will ich ganz still seyn.« »Ich bin jetzt fertig, Mutter, es war nur eine Copie von Versen, welche ich vollends ins Reine schreiben wollte – wißt Ihr, – das heißt – ins Reine schreiben, wißt Ihr.« »Ich wußte nicht, daß Du ein Dichter seyest, Corny,« versetzte meine Mutter, noch vergnügter lächelnd, denn es will Etwas heißen, die Mutter eines Dichters zu seyn. »Ich! – Ich ein Dichter, Mutter? – Eher wollte ich Schulmeister werden als Dichter. Ja, lieber wollte ich Jason Newcome selbst seyn, als es auch nur für möglich halten, daß ich ein Poet seyn könnte.« »Nun, laß es gut seyn; die Leute werden, glaube ich, nie Poeten mit offenen, sehenden Augen. Aber was ist denn das, was ich höre, daß Du eine schöne junge Lady aus dem Rachen eines Löwen gerettet habest, während Deines Aufenthalts in der Stadt? und warum mußte ich alle diese Nachrichten erst von Mr. Newcome erfahren?« Ich glaube mein Gesicht wurde scharlachroth, aber mein Gefühl war, wie wenn es in Feuer stände, und meine Mutter lächelte noch entschiedener als je zuvor. Sprechen! ich hätte nicht sprechen können, und wenn mich Anneke so angelächelt hätte. »Es ist gar nichts daran, dessen Du dich zu schämen hättest, Corny, wenn Du eine junge Lady aus dem Rachen eines Löwen rettetest, oder in das Haus ihres Vaters gingst, um den Dank der Familie zu empfangen. Die Mordaunt's sind eine Familie, welche Jedermann mit Vergnügen besuchen kann. War die Schlacht zwischen dir und dem Thier ein sehr verzweifelter Kampf, mein Kind?« »Pah, Mutter! – Jason ist ein Neuigkeits- und Wunder-Krämer und macht Berge aus Maulwurfshäufen. Erstlich statt Rachen müßt Ihr sagen Tatzen , und statt eine junge Lady ihren Shawl !« »Ja, ich hörte, es sey der Shawl gewesen; aber sie hatte ihn um die Schultern, und sie hätte nicht rechtzeitig sich desselben entledigen können, um sich zu retten, hättest Du nicht so viel Geistesgegenwart und Muth bewiesen. Was den Rachen betrifft, so war das, glaube ich, mein Mißverständnis, denn Mr. Newcome hat allerdings von Tatzen gesprochen.« »Nun, Mutter, es soll seyn, wie Ihr wollt. Ich leistete einen kleinen Dienst einer sehr reizenden jungen Dame und sie und ihr Vater waren artig gegen mich, wie es ganz natürlich war. Herman Mordaunt ist ein uns Allen bekannter Name, und wie Ihr sagt, es ist eine Familie, welche besuchen zu dürfen Jedermann stolz und gewiß auch erfreut seyn mag!« »Wie sonderbar das ist, Corny!« sagte meine Mutter, halb nachdenklich und mit sich selbst sprechend – »Du bist ein einziges Kind, und Anneke Mordaunt ist auch ein einziges Kind, wie mir Dirck Follock oft gesagt hat.« »Also hat Dirck früher schon öfters von Anneke mit Euch gesprochen, Mutter?« »Oft und viel; sie sind verwandt, wie Du gehört haben mußt; und das bist Du eigentlich auch, wenn Du es nur gewußt hättest.« »Ich? – verwandt mit Anneke Mordaunt? – aber doch nicht zu nahe?« Meine gute Mutter lächelte wieder, während ich mich im nächsten Augenblick arg schämte wegen meiner Frage. Ich glaube, daß von diesem Augenblick an die Ahnung der Wahrheit, in Betreff meiner jugendlichen Leidenschaft, in der Seele dieser zärtlichen Mutter auflebte. »Allerdings verwandt, Corny, und ich will Dir sagen, wie? Meine Ururgroßmutter, Alida van der Heyden, war eine Base im ersten Glied von Herman Mordaunt's Ururgroßmutter von mütterlicher Seite, welche eine Van Kleeck war. So, siehst Du, bist Du mit Anneke wirklich verwandt.« »Gerade nahe genug, Mutter, um sich in ihrem Hause heimisch zu fühlen, und nicht so nahe, daß die Verwandtschaft lästig würde.« »Man sagt mir, mein Kind, Anneke sey ein holdseliges Geschöpf!« »Wenn Schönheit, Sittsamkeit, Anmuth, Sanftmuth, Geist, Verstand, Zartgefühl, Tugend und Frömmigkeit eine Jungfrau von siebzehn Jahren zu einem holdseligen Geschöpf machen können, Mutter, so verdient Anneke diesen Namen.« Meine gute Mutter schien überrascht über die Wärme, womit ich sprach, aber sie lächelte noch zufriedener und freundlicher als vorher. Statt jedoch den Gegenstand weiter zu verfolgen, erachtete sie für passend, ihn mit einem andern zu vertauschen und sie begann von den Aussichten des Jahres zu sprechen, und von den vielen Gründen, die wir zur Dankbarkeit gegen Gott hätten. Ich vermuthe, sie hatte mit dem Instinkt des Weibes für den Augenblick genug erfahren, um damit zufrieden zu sehn. Bald folgte der Sommer auf den Mai, welcher für mich so wichtig geworden war, und ich suchte Beschäftigung auf dem Felde. Aber es wollte mit der Beschäftigung nicht recht gehen. Anneke stand vor meiner Seele, wohin ich gehen mochte; und froh war ich, als Dirck, gegen Mitte des Sommers, bei einem seiner periodischen Besuche in Satanstoe den Vorschlag machte, wir wollten wieder nach Lilaksbush reiten und dort einen Besuch machen. Er hatte ein Billet geschrieben, des Inhalts, daß wir uns gerne für einen der nächsten Tage ein Diner und Betten erbäten, falls es nicht unbequem wäre; und er wartete die Antwort auf dem Landhals ab; diese Antwort kam zur gehörigen Zeit mit der Post, und sie lautete, wie wir es nur wünschen konnten. Herman Mordaunt hieß uns herzlich willkommen, und gab uns die erfreuliche Nachricht, seine Tochter und Mary Wallace würden Beide anwesend seyn, uns zu empfangen. Ich beneidete Dirck um die mannhafte Gesinnung, welche ihn diesen einfachen und ehrenhaften Weg zu seinem Zweck hatte einschlagen machen. Wir ritten also demgemäß über Feld und kamen einige Stunden vor dem Mittagessen in Lilaksbush an. Anneke empfing uns mit glänzender Röthe im Antlitz und freundlichem Lächeln, doch konnte ich nicht den leisesten Unterschied in ihrem Benehmen gegen den Einen oder den Andern entdecken. Gegen Beide war sie anmuthig, verbindlich, wie es einem Mädchen von Bildung ziemt. Keine Erwähnung früherer Vorfälle fand statt, ausgenommen einige Bemerkungen, welche über das Theater gemacht wurden. Die Offiziere hatten fortgefahren, Vorstellungen zu geben, bis das –te Regiment den Strom hinauf beordert wurde, worauf sich denn Bulstrode, Billings, Harris, die tugendhafte Marcia; und Alle mit einander nach Albany begaben. Anneke war der Meinung, es sey an diesen Vorstellungen ungefähr ebenso Viel zu tadeln, als zu loben, eben so viel Mißfälliges als Erfreuliches, obgleich ihr Aufbruch aufs Land sie verhindert hatte; überhaupt mehr als drei zu sehen. Allgemein jedoch wurde zugestanden, daß Bulstrode bewunderswürdig spiele; und es wurde sogar von gewissen Personen bedauert, daß er sich nicht ganz dem Theater gewidmet habe. Wir blieben über Nacht in Lilaksbush und verweilten am nächsten Morgen noch ein paar Stunden nach dem Frühstück daselbst. Ich hatte eine herzliche Einladung von meinen beiden Eltern an Herman Mordaunt mitgebracht, mit den jungen Ladies hinüberzureiten und die Fische des Sound zu kosten; und wirklich wurde unser Besuch im Laufe des Monats September erwiedert. Meine Mutter empfing Anneke wie eine Verwandte; obwohl, glaube ich, Herman Mordaunt und seine Tochter überrascht waren, als sie erfuhren, daß sie in den Kreis der doch so weit ausgedehnten, holländischen Verwandtschaft fielen. Es schien ihnen jedoch gar nicht zu mißfallen, denn der Familienname meiner Mutter war gut, und mit ihr selbst persönlich verwandt zu seyn, dessen hätte sich kein Mensch schämen dürfen. Unsere Gäste blieben nicht über Nacht, sondern verließen uns etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang in einer Art Chaise, welche Herman Mordaunt zum Behuf von Reisen über Land hielt. Ich bestieg mein Pferd, begleitete die Gesellschaft etwa fünf Meilen weit auf dem Rückweg, und verabschiedete mich dann von Anneke, – und zwar, so wie es sich fügte, für viele, viele traurige Monate. Das Jahr 1757 war denkwürdig für die Colonien wegen der Fortschritte, welche der Krieg machte, und zwar in New-York nicht weniger als in andern Provinzen. Montcalm war bis an den Lake George vorgerückt, hatte das Fort William Henry genommen, und ein fürchterliches Blutbad unter der Besatzung hatte stattgefunden. Diese kühne Operation sicherte dem Feind den Besitz von Champlain; und der starke Posten Tikonderoga ward angemessen besetzt von einer furchtbaren Macht. Die politischen Angelegenheiten der Colonie bekamen durchaus ein trübes Ansehen; und es war allgemeine Meinung, daß im nächsten Feldzug eine gewaltige Anstrengung gemacht werden müsse, um den Verlust wieder gut zu machen. Das Gerücht sprach von großen Verstärkungen aus dem Mutterlande und von noch stärkern Aushebungen und Aufgeboten in den Colonien selbst, als man bisher versucht hatte. Lord London sollte zurückgerufen werden, und ein Veteran mit Namen Abercrombie ihm im Commando sämmtlicher Streitkräfte des Königs folgen. Regimenter langten nach und nach von Westindien an, und im Verlauf des Winters von 1757 auf 58 hörten wir in Satanstoe von den Lustbarkeiten, welche diese neuen Streitkräfte in der Stadt veranlaßt hatten. Unter andern war eine regelmäßige Schauspielertruppe aus Westindien angekommen. Zehntes Kapitel. Mein Hasty-Pudding, so ganz ohn' Verhoffen Hab' ich, welch Glück! dich in Savoien getroffen! Verurtheilt, unstet durch die Welt zu wandern, Von einem Haus und Klima fort zum andern, Fühl' ich getrost jetzt alle Sorgen schwinden, Weil ich den langverlornen Freund durft' finden. Barlow. Der Winter neigte sich bald zum Ende und mein einundzwanzigster Geburtstag war vorüber. Mein Vater und Oberst Follock, der in diesem Winter häufiger als gewöhnlich herüber kam, um mit meinem Vater eine Pfeife zu schmauchen, begannen von der Reise zu sprechen, welche Dirck und ich unternehmen sollten, um das patentirte Land zu suchen. Karten wurden angeschafft, Berechnungen angestellt, und von den Familiengliedern verschiedene Arten des Verfahrens beantragt. Ich will gestehen, daß der Anblick der großen groben Pergamentkarte von Mooseridge-Patent, wie die neue Erwerbung genannt wurde, weil die Vermesser ein Elendthier auf einem Hügelrücken inmitten desselben geschossen hatten, in meiner Seele gewisse habgierige Gefühle rege machte. Da waren Flüßchen, die sich zwischen Bergen und Thälern hinschlängelten, kleine Seen oder Teiche zeigten sich auf der Ebene; und es fehlten nicht all die künstlichen Anzeichen und Beweise eines werthvollen Besitzthums, die nur ein guter Landkartenzeichner ersinnen konnte, um dem Ganzen einen gefälligen und vielversprechenden Anstrich zu geben. Vor vierzig Jahren kaufte ein Gentleman in New-York eine ansehnliche Masse unkultivirten Landes auf das Zeugniß der Landkarte hin. Als er sein neues Besitzthum besah, fand sich, daß es demselben sehr an fließendem Wasser fehlte. Der Vermesser ward aufgesucht und es wurden ihm Vorwürfe gemacht, daß ja die Karte zahlreiche Bäche u. s. w. enthalte. »Warum habt Ihr denn all diese Wasser hingezeichnet, da sich doch keine finden?« fragte der erzürnte Käufer, auf die Karte deutend. »Warum? – Ei, wo Teufels habt Ihr denn je eine Landkarte ohne Flüsse gesehen?« war die Antwort. Der Herausgeber. Wenn es nicht übel war, der Erbe von Satanstoe zu seyn, so war es noch viel besser, mit meinem Freund Dirck gemeinschaftlicher Besitzer all dieser weiten Ebenen, lachenden Gründe, der lustigen Flüßchen, der malerischen See'n zu werden. Mit einem Wort, zum erstenmal in der Geschichte der Colonien waren die Littlepages Besitzer eines Landgutes geworden, was man mit Recht so nennen konnte. Nach unserm New-Yorker Sprachgebrauch sind sechs oder achthundert Acres noch kein Gut ( estate ); auch zwei oder dreitausend kaum; aber zehn oder zwanzigtausend, und wie viel mehr gar vierzigtausend konnten wohl den Ehrennamen eines Gutes ansprechen! Der erste häklige Punkt, welcher erörtert wurde, war: die Art und Weise zu bestimmen, wie Dirck und ich nach Mooseridge kommen sollten. Bis Albany boten sich zwei Arten zu reisen dar, und uns für die eine oder die andere zu entscheiden, war die erste Sorge. Wir konnten warten, bis der Fluß aufging und bis Albany in einer Schaluppe reisen, dergleichen jede Woche ein paar von der Stadt abgingen, wenn die Geschäfte lebhaft in Gang waren, wie dieß für das Frühjahr mit Sicherheit zu erwarten stand. Man glaubte jedoch, die Armee werde die meisten Transportmittel dieser Art, welche sich darbieten würden, in Anspruch nehmen, und wir würden uns manchen Unbequemlichkeiten und Verzögerungen aussetzen, wenn wir die langsamen Bewegungen und Verhandlungen von Quartiermeistern und Vermiethern abwarten sollten. Mein Großvater schüttelte den Kopf, als man der Sache erwähnte, und rieth uns, uns so unabhängig als möglich zu erhalten. »Habt so wenig als möglich mit solchen Leuten zu schaffen, Corny,« sagte mein Großvater, jetzt ein grauer, ehrwürdig aussehender alter Gentleman, der nicht die halbe Zeit seine Perrücke trug, sondern sich begnügte, zu jeder Stunde in einer spitzigen Nachthaube und im Schlafrock zu erscheinen, bis unmittelbar ehe das Essen angekündigt wurde, wo er jedesmal ohne Ausnahme als Gentleman gekleidet erschien, »habt so wenig als möglich mit diesen Leuten zu thun, Corny. Geld und nicht Ehre ist ihr Augenmerk; und Ihr werdet wie ein Faß Rindfleisch oder wie ein Kartoffelnsack behandelt werden, wenn Ihr in ihre Hände fallt. Wenn ihr überhaupt mit der Armee reist, so haltet Euch zu den wirklichen Soldaten, mein Junge; und vor Allem geht den Lieferanten und Akkordanten aus dem Wege!« Demgemäß entschied man sich dahin, daß es zu unsicher und zeitraubend sey, abzuwarten, bis sich eine Gelegenheit zur Reise nach Albany zu Wasser zeige; denn man wußte, daß die Reise selbst oft zehn bis vierzehn Tage währte, und es konnte so spät werden, bis wir absegelten, daß diese Verzögerung sehr unbequem werden mußte. Die andere Art zu reisen, war, uns auf den Weg zu machen, ehe der Schnee auf den Straßen geschmolzen war, mittelst dessen es möglich war, die Strecke zwischen Satanstoe und Albany in drei Tagen zurückzulegen. Gewisse ökonomische Rücksichten kamen auch in Betracht, und wir entschieden uns für folgenden Plan, der, wie mich däucht, selbst jetzt noch verdient erwähnt zu werden wegen seiner Klugheit und Umsicht. Es war bekannt, daß große Nachfrage nach Pferden für die Armee stattfinden würde, sowie auch nach Vorräthen, Lebensmitteln verschiedener Art. Nun hatten wir auf dem Landhals mehrere starke Pferde, welche nachgerade alt wurden, jedoch noch diensttüchtig und gut zu einem Feldzug. Oberst Follock hatte eben solche Pferde, und als man die Kavallerie der beiden Höfe sämmtlich zu Satanstoe versammelte, fand es sich, daß es nicht weniger als vierzehn dieser achtbaren Thiere waren. Diese machten gerade drei vierspännige Züge, und es blieb noch ein Paar für eine leichtere Last übrig. Alte, schwere Rumpelschlitten wurden gekauft, oder hervorgesucht und ausgebessert, und Yaap nebst zwei andern Schwarzen wurden an der Spitze der Brigade von Rumpelschlitten, wie mein Vater sie nannte, abgeschickt und die Schlitten waren sämmtlich mit dem entbehrlichen Schweinefleisch und dem Mehl der beiden Familien beladen. Der Krieg hatte diese Artikel sehr im Preise steigen gemacht; aber die um Weihnachten geschlachteten Schweine waren noch nicht verkauft; und es wurde entschieden, daß Dirck und ich, als Leute, welche auf den betreffenden Höfen und Gütern zu kaufen und zu verkaufen hätten, unsere Laufbahn auf keine für uns und unsere Eltern muthmaßlich nützlichere Weise beginnen könnten. Da Yaap's Bewegungen nicht anders als langsam seyn konnten, wurde ihm gestattet, zwei ganze Tage früher als Dirck und ich abzureisen, und so hatte er Zeit, aus den Hochlanden wegzukommen, ehe wir Satanstoe verließen. Die Neger schleppten das Futter für ihre Pferde, einen großen Theil ihrer eigenen Nahrungsmittel, und sämmtlichen Cider, dessen sie auf der Reise bedurften. Niemand schämte sich, in solcher Weise seine Sklaven nutzbar zu machen, denn das gesetzlich erlaubte Institut der Sklaverei selbst existirte hauptsächlich als ein Mittel zum Gelderwerb. Ich erwähne dieser geringfügigen Dinge, damit die Nachwelt die in der Colonie gang und gäbe gewordene Denkweise über solche Punkte begreifen lerne. Als Alles bereit war, hatten wir eine Menge guter Räthe von unsern Verwandten anzuhören, ehe sie uns in die Welt hinausziehen ließen. Was Oberst Follock zu Dirck sagte, hat mir der Letztere nie erzählt; aber Nachfolgendes war nach Form und Inhalt das Wesentliche dessen, was mir mein Vater von guten Räthen mit auf den Weg gab – und das Gespräch fand statt in einem kleinen Gemach, welches er sein Geschäftszimmer, Jason aber sein Studierzimmer nannte. »Hier Corny, sind all die Rechnungen oder Fakturen, gehörig ausgefertigt,« begann mein Vater, indem er mir ein kleines Bündel Papiere einhändigte, »und Du wirst gut thun, sie zu Rathe zu ziehen, ehe Du irgend einen Verkauf abschließst. Hier sind Empfehlungsbriefe an einige Gentlemen im Heere, deren Bekanntschaft du nach meinem Wunsche kultiviren solltest. Dieser insbesondere ist an meinen alten Kapitän, Charles Merrewerther, der jetzt Oberstlieutenant ist und ein Bataillon von den Königlichen Amerikanern kommandirt. Du wirst, wie ich nicht zweifle, finden, daß er Dir große Dienste leisten kann, so lange Du beim Heere bleibst. Schweinefleisch, so sagt man mir, von der Qualität wie Du es bringst, soll drei halbe Josephsstücke das Fäßchen gelten – und so viel darfst Du wohl fordern. Sollte Dir der Zufall eine Einladung an den Tisch des Oberbefehlshabers verschaffen, wie das wohl möglich ist mittelst der Freundschaft Oberst Merrewerther's, so hoffe ich, Du werdest der Loyalität der Littlepage's Ehre machen. Ha, und dann ist auch das Mehl; es sollte in Zeiten wie die jetzigen auch zwei halbe Josephsstücke werth seyn. Ich habe ein paar Briefe an einige von den Schuyler's beigelegt, mit welchen ich, als ich in Deinem Alter stand, diente. Es sind Leute von der ersten Sorte, merke Dir das, und zählen zu den höchsten Familien in den Colonien; voll von gutem altem Van Cortlandt-Blut, und trefflich gekreuzt mit den Rensselaer's. Sollte Dich Einer von ihnen fragen wegen des Fäßchens mit Zungen, welches Du mit einem Z. bezeichnet finden wirst –« »Einer von welchen, Sir? von den Schuyler's, den Cortland's, oder den Rensselaer's?« »Pah, Einer von den Marketendern oder Lieferanten, meine ich natürlich – so kannst Du ihnen sagen, daß sie zu Hause besorgt worden, und daß Du sie Wohl empfehlen dürfest als passend für die Tafel des Oberbefehlshabers selbst.« So lauteten die Weisungen und Ermahnungen meines Vaters beim Abschied. Meine Mutter führte eine andere Sprache. »Corny, mein liebes Kind,« sagte sie, »das wird eine Reise von entscheidender Wichtigkeit für Dich werden. Nicht nur gehst Du weit weg von der Heimath, sondern auch in eine Gegend des Landes, wo es gar Viel zu sehen gibt. Ich hoffe, Du wirst Dich erinnern, was Deine Pathen für Dich bei der Taufe versprochen haben, und auch was Du Deinem eigenen guten Namen und dem Deiner Familie schuldig bist. Die Briefe, die Du mitnimmst, werden Dich vermuthlich in gute Gesellschaft einführen, und das ist ein wichtiger Anfang für einen jungen Mann. Ich wünsche, daß Du die Gesellschaft achtbarer Frauen fleißig aufsuchst, Corny. Mein Geschlecht übt einen großen Einfluß auf das Benehmen und die Aufführung des Deinigen in Deinem Lebensalter, und sowohl Dein äußeres Benehmen als Deine Grundsätze werden gewinnen, wenn Du so viel als möglich mit Frauen von erprobtem Ruf umgehst.« »Aber, Mutter, wenn wir eine ziemliche Strecke weit mit der Armee ziehen, wie mein Vater und Oberst Follock wünschen, wird es auch in unsrer Macht stehen, häufig in Gesellschaft von Damen zu seyn?« »Ich spreche von der Zeit, die Ihr in Albany und in der Nähe zubringen werdet. Ich erwarte nicht, daß Ihr gebildete Frauen in Mooseridge finden werdet, und auch wenn Ihr eine Strecke weit mit den Truppen reist, obwohl ich keine Veranlassung sehe, daß Ihr auch nur einen Schritt weit mit ihnen ziehen solltet, vermuthe ich nicht, daß Ihr viele respektable Frauen im Lager treffen werdet; aber benutze jede günstige Gelegenheit in gute Gesellschaft zu gehen. Ich habe Dir einen Brief verschafft von einer Lady aus einer der großen Familien dieser Grafschaft, an Madame Schuyler, welche, wie man mir sagt, über allen Frauen steht, in und um Albany. Sie mußt Du sehen, und ich empfehle Dir bei Deiner Pflicht, diesen Brief abzugeben. Es ist auch möglich, daß Herman Mordaunt –« »Was ist es mit Herman Mordaunt und Anneke, Mutter?« »Ich habe nur von Herman Mordaunt selbst gesprochen, und Anneke'ns gar nicht erwähnt, mein Sohn,« versetzte meine Mutter lächelnd, »obwohl ich nicht zweifle, daß die Tochter bei dem Vater ist. Sie haben die Stadt vor zwei Monaten verlassen, um nach Albany zu reisen, schreibt mir meine Schwester Legge, und beabsichtigen, den Sommer im Norden zuzubringen. Ich will Dich nicht täuschen, Corny, und so sollst Du Alles hören, was Deine Tante über diesen Gegenstand geschrieben hat. Erstlich schreibt sie, Herman Mordaunt sey dahin gereist im Dienste der Regierung und habe einen wichtigen, geheimen Auftrag auszuführen, der ihn, wie man wisse, in der Nähe von Albany und der nördlichen Posten bis zum Schlusse der guten Jahreszeit zurückhalten wird, obgleich er vor der Welt vorgibt, er mache die Reise wegen Ländereien, die er in der Grafschaft Albany besitzt. Seine Tochter und Mary Wallace begleiten ihn, nebst einigen Dienern, und sie haben eine Schlittenlast von Sachen, die sie bedürfen, mitgenommen; das deutet auf einen längern Aufenthalt. Nun sollst Du auch das Uebrige hören, mein Kind, obwohl ich durchaus keine Besorgniß hege, wenn ein solcher Jüngling wie Du mit irgend einem andern Mann in der Colonie in die Schranken tritt. Ja, obgleich ich Deine Mutter bin, glaube ich doch das sagen zu dürfen!« »Was ist es, Mutter? – Seyd meinetwegen unbesorgt; es wird mir schon gut gehen, verlaßt Euch darauf – das heißt – aber was ist es, liebe Mutter?« »Nun, Deine Tante schreibt, man flüstere in einem kleinen, einem sehr kleinen Kreise, in der Stadt, aber man flüstere doch, Herman Mordaunt habe den erwähnten Auftrag nur darum übernommen, um einen Vorwand zu haben, Anneke in die Nähe des –ten Regiments zu bringen, in welchem, wie es scheint, der Sohn eines Baronets stehe, eine Art Verwandter von ihm, mit welchem er Anneke zu vermählen wünsche.« »Dann thut es mir leid, daß meine Tante Legge nur auf solch elendes Geklatsche hört!« rief ich entrüstet. »Ich will mein Leben zum Pfande setzen, daß Anneke Mordaunt nie an etwas so Unzartes dachte!« »Niemand glaubt, daß Anneke daran gedacht habe oder denke. Aber die Väter sind nicht die Töchter, Corny; ja, und auch die Mütter nicht, das darf ich frei heraussagen, sintemal Du mein einziges Kind bist. Herman Mordaunt kann das Alles in seinem Herzen beabsichtigen, und Anneke doch so unschuldig und feinfühlend als möglich seyn.« »Und, wie können die Zuträger meiner Tante Legge wissen, was in Herman Mordaunt's Herzen vorgeht?« »Wie? – Ich vermuthe, sie schließen aus dem, was sie in ihrem Herzen finden, mein Sohn; ein gewöhnliches Mittel, die Fehler des Nächsten zu errathen, obwohl, glaube ich, die Tugenden selten auf diesem Wege entdeckt werden.« »Ja, und sie beurtheilen Andere nach sich selbst. Das Mittel mag sehr gewöhnlich seyn, Mutter, aber es ist nicht unfehlbar.« »Gewiß nicht, Corny; und Das ist ein Grund zur Hoffnung für Dich. Merke dieß, mein Kind, Du kannst mir keine Tochter bringen, die ich halb so lieb haben könnte, als ich, das fühle ich, Anneke Mordaunt lieb haben kann. Wir sind auch verwandt; ihres Vaters Ururgroßmutter –« »Laßt die Ururgroßmutter beruhen, meine liebe, gute, treffliche Mutter. Von nun an will ich nicht mehr versuchen ein Geheimniß vor Euch zu haben. Wenn nicht Anneke Mordaunt einwilligt, Eure Tochter zu werden, so werdet ihr nie eine bekommen.« »Sage das nicht, Corny, ich bitte Dich!« rief meine Mutter, nicht wenig erschrocken. »Bedenke, man kann den Geschmack nicht erklären und nicht dafür stehen; die Armee ist eine furchtbare Nebenbuhlerin, und am Ende kann dieser Mr. Bulstrode – so hast Du ihn, glaube ich, genannt, – Anneke'n eben so annehmlich erscheinen als ihrem Vater. Sage nichts so Grausames, ich bitte Dich, liebster, bester Corny!« »Es ist noch nicht eine Minute, Mutter, daß Ihr gesagt habt, wie wenig Ihr wegen meiner besorgt seyet, wenn man mich irgend einem andern Manne in der Provinz gegenüber stelle.« »Ja, mein Kind, aber Das ist etwas ganz Anderes, als Dich Dein ganzes Leben als herzloser, unbehaglicher alter Junggesell hinbringen sehen. Es sind wohl fünfzig junge Frauenzimmer in dieser Grafschaft, mit welchen ich Dich lieber vermählt sehen möchte, als daß ich ein solches Unglück erleben sollte!« »Nun, Mutter, wir wollen nicht weiter davon sprechen. Aber ist es wahr, daß Mr. Worden wirklich beabsichtigt, sich unsrer Gesellschaft anzuschließen?« »Mr. Worden und auch Mr. Newcome, glaube ich. Wir werden uns kaum darein finden können, den Erstern zu entbehren, aber er meint, es sey sein Beruf, die Armee zu begleiten, bei welcher so wenige Feldprediger sind; und im Krieg werden die Seelen so plötzlich zu ihrer letzten, furchtbaren Rechenschaft abgerufen, daß man ihm nicht verweigern kann, ihn ziehen zu lassen.« Meine arme, vertrauensvolle Mutter! Wenn ich auf die Vergangenheit zurückblicke, und mich erinnere, in welcher Art und Weise Mr. Worden sich der Pflichten seines heiligen Amtes entledigte während des folgenden Feldzuges, so kann ich nicht umhin zu lächeln über die Art, wie das Vertrauen sich beim Weibe kund gibt. Dieß Geschlecht hat eine natürliche Geneigtheit, sein Vertrauen Priestern zu schenken, in Folge eines sehr einfachen Prozesses, daß sie nämlich ihre eignen Gefühle und Gesinnungen in die Herzen derjenigen übertragen, von welchen sie glauben, daß sie sich ausschließlich heiligen Dingen gewidmet haben. Nun, wir leben und lernen. Ich glaube gerne, daß Viele sind, was sie zu seyn behaupten, aber ich habe jetzt lange genug gelebt, um zu wissen, daß nicht Alle das sind. Was den Mr. Worden betrifft, so hatte er jeden Falls Eine gute Eigenschaft. Seine Freunde und seine Feinde sahen das Schlimmste an ihm. Er war kein Heuchler, sondern seine Umgebungen und Bekannten sahen den Mann ziemlich so wie er war. Dennoch bin ich weit entfernt davon, diesen aus England herübergekommenen Geistlichen als ein Muster christlicher Gesinnung und Art der Bewunderung meiner Nachkommen darstellen zu wollen. Niemand kann fester überzeugt seyn als ich, daß sehr oft Sektirer geneigt sind, ihre eigenen eingeschränkten Begriffe von Recht und Unrecht an die Stelle des göttlichen Gesetzes zu setzen und an sich völlig unschuldige Handlungen für Sünde zu erklären; aber zugleich weiß ich auch recht gut, daß man in Sachen der Moral immer auf den äußern Schein achten und wachen muß, und daß in Sachen des äußern Benehmens anständig zu seyn, eine untergeordnetere Tugend ist. Der Hochwürdige Mr. Worden trieb allerdings, was auch seine Gesinnung und Handlungsweise ihrem innern Wesen nach seyn mochte, die Ungezwungenheit und Freiheit des äußern Benehmens bis an die Grenze der Unvorsichtigkeit. Ein paar Tage nach der erzählten Unterredung verließ die Gesellschaft Satanstoe mit einigem éclat. Das Gespann gehörte gleichmäßig der Familie Follock und der Familie Littlepage, denn das eine Pferd war das Eigenthum meines Vaters, das andere des Obersts Follock. Der Schlitten, alt, aber für diese Gelegenheit neu angestrichen, war ausschließliches Eigenthum des letztern Gentleman, und war Dirck überantwortet, um ihn zu verkaufen, sobald wir das Ziel unserer Reise erreicht hätten. Außen war er hell himmelblau angestrichen, innen aber karmoisinroth, eine Farbe, welche für diese Art von Fuhrwerk sehr beliebt war und noch ist, weil sie sich mit der Vorstellung von Wärme verbindet; so sagen wenigstens die alten Leute, obwohl ich gestehen muß, daß es mich nie weniger in meine Zehen fror in einem solchen, als in einem blau angestrichenen Schlitten, welche letztere Farbe man gewöhnlich als besonders erkältend für die Füße ansieht. Wir hatten drei Büffelhäute, oder vielmehr zwei Büffel- (Bison-) Häute und eine Bärenhaut. Die letztere mit scharlachrothem Tuch besetzt, hatte ein ganz besonders warmes und behagliches Aussehen. Die größte Haut ward auf den hintern Sitz gebreitet, und über die Rückwand des Schlittens geschlagen, wie sich von selbst versteht; und obgleich diese Rückwand hoch genug war, um den Wind von Kopf und Hals abzuhalten, bedeckte nicht nur die Haut dieselbe, sondern hing auch noch zwei oder drei Fuß hinten hinab, wie es sich beim Schlitten eines Gentleman gebührt; die andere Büffelhaut war auf dem Boden des Schlittens ausgebreitet, als Fußteppich für alle Vier, wobei noch ein Stück übrig blieb als Schürze, womit Dirck und ich unsern Schooß bedeckten, um uns gegen die Kälte zu schützen. Die Bärenhaut diente uns beiden vorn Sitzenden als Polster, und Mr. Worden und Jason, welche hinten saßen, als Schürze. Unsere Koffer waren auf dem Rumpelschlitten abgegangen, das heißt, der meinige und Dirck's Koffer waren so vorausgeschickt worden, während unsere beiden Begleiter für die ihrigen Raum fanden in dem Fuhrwerk, in welchem wir selbst reisten. Der Morgen, an welchem wir Satanstoe verließen, diese denkwürdige Reise anzutreten, war der erste März 1758. Der Winter war so, wie er in unserer Breite gewöhnlich zu seyn pflegt, obgleich an der Küste ungewöhnlich viel Schnee gefallen war. Salzwasser und Schnee vertragen sich nicht gut mit einander; aber ich war den größten Theil des Monats Februar hindurch in meinem Schlitten auf dem Landhals herumgefahren, obgleich am Tage, ehe wir abreisten, Symptome von Thauwetter und von Südwind sich einstellen. Mein Vater bemerkte dieß, und er rieth mir die Straße mitten durch die Grafschaft einzuschlagen und sobald als möglich mich nach den Bergen zu wenden. Nicht nur war in jener Gegend immer mehr Schnee, sondern er widerstand auch dem Einfluß des Thauwetters viel länger, als derjenige, welcher mehr in der Nähe des Meeres oder der Meerenge gefallen war. Ich empfing meiner Mutter letzten Kuß, meines Vaters letzten Händedruck, meines Großvaters Segen, stieg in den Schlitten, nahm die Zügel aus Dirck's Händen und fuhr ab. Eine Gesellschaft in einem Schlitten muß aus sehr trübsinnigen Leuten bestehen, wenn sie nicht lustig wird. Bei uns waren Alle zur Heiterkeit aufgelegt; obgleich Jason in der Colonie New-York nicht auf der Straße reisen konnte, ohne seiner provinzialen konnektikutischen Hyperkritik Luft zu machen. Alles war holländisch, nach seiner Art die Dinge anzusehen! und wenn es nun doch nicht holländisch war, nun so hatte es das Gepräge der Colonie New-York. Die Thüren waren nicht am rechten Orte, die Fenster waren zu groß, wenn sie nicht zu klein waren; die Dinge sahen aus wie Kohlköpfe; die Menschen rochen nach Taback, und das Hasty-Pudding hieß ihm eine Suppe. Aber das waren Kleinigkeiten; und da wir daran gewohnt waren, so achtete Niemand sonderlich auf das, was unser puritanischer Reisegefährte in der Demuth und Bescheidenheit seiner Seele auszukramen beliebte. Mr. Worden lachte in sich hinein, und trieb Jason immer weiter, in der Hoffnung, Dirck zu reizen; aber Dirck rauchte zu Allem fort, mit einer Gleichgültigkeit, welche bewies, wie sehr er in der That den Kritiker verachtete. Ich war der Einzige, der diese übermüthige Unwissenheit übel empfand, aber auch ich fühlte mich oft mehr versucht zu lachen, als zornig zu seyn. Die Symptome von Thauwetter nahmen zu, als wir einige Meilen von Hause entfernt waren, und bis wir die Weißen Ebnen erreichten, wehte der Südwind nicht mehr gelind, sondern stark, und der Schnee auf den Straßen wurde schmutzig, und man sah Wasserbäche an den Bergen herunterströmen, in einer Art, welche der Schlittenbahn Verderben drohte. Wir fuhren jedoch weiter, und tiefer und tiefer kamen wir in die Berge hinein, bis wir nicht nur mehr Schnee antrafen, sondern auch weniger Symptome, ihn zu verlieren. Unsre erste Tagfahrt brachte uns wohlbehalten nach dem Sitze der Van Cortlandt's, wo wir die Nacht zubrachten. Am nächsten Morgen wehte noch immer der Südwind, und brauste über die Schneefelder hin, geschwängert von der Salzluft des Meeres; und entblößte Stellen begannen sich zu zeigen an allen Abhängen und Höhen – eine Mahnung für uns zur Eile. Wir frühstückten in den Hochlanden und zwar in einer wilden, abgelegenen Gegend, wo sich jedoch noch Schnee und fahrbare Bahnen fanden. Wir waren dem Thauwetter entkommen und hegten jetzt keine Besorgniß mehr, ob wir auch das Ziel unsrer Reise im Schlitten erreichen könnten. Am zweiten Tage kamen wir ganz aus den Bergen hinaus zu den Ebenen von Dutcheß, so daß wir zu Fishkill zu Mittag essen konnten. Dieß war eine sehr gedeihliche Ansiedlung, und die Leute schienen mir im Ueberfluß zu leben, wenigstens lebten sie gewiß in Frieden und Ruhe. Sie machten wenig aus dem Kriege und richteten viele Fragen an uns, das Heer, seine Befehlshaber, seine Stärke und seine Absichten betreffend. Es waren einfache, und dem Anschein nach zu urtheilen, ehrliche Leute, welche sich das, was in der Welt vorging, sehr wenig kümmern ließen. Nachdem wir Fishkill verlassen hatten, fiel uns eine große Veränderung auf, nicht nur in der Gegend, sondern auch im Wetter. Erstere war im Ganzen eben, und weit mehr mit Ansiedlungen bedeckt, als ich so weit im Innern des Landes für möglich gehalten hätte. Was das Wetter betrifft, so kamen wir in ein ganz anderes Klima, als dasjenige war, welches wir jenseits der Hochlande verlassen hatten. Nicht nur war der Morgen kalt, so kalt als es einen Monat früher bei uns gewesen war, sondern der Schnee lag auch zwei oder drei Fuß tief in gleicher Höhe, und die Schlittenbahn war so gut, als man sich nur wünschen mochte. Diesen Nachmittag holten wir Yaap und die Brigade der Rumpelschlitten ein. Alles war gut gegangen, und nachdem ich dem Burschen einige neue Weisungen ertheilt hatte, fuhr ich an ihm vorbei und wir setzten unsre Fahrt fort. Ehe wir uns jedoch wieder trennten, wurden folgende Worte zwischen uns gewechselt: »Nun, Yaap,« erkundigte ich mich, um so das vorangegangene Gespräch abzuschließen, »wie gefallen Euch die obern Grafschaften?« Ein lautes Negergelächter folgte, und eine Wiederholung der Frage war nöthig, um eine Antwort von ihm herauszubekommen. »Ach Gott, Masser Corny, wie glaubt Ihr denn, ich wisse das, wenn man doch nichts als Schnee sieht?« »Es lag auch Schnee genug in West-Chester; und doch glaube ich gewiß, würdet Ihr über Eure Heimath wohl eine Meinung aussprechen können.« »Weil ich sie kenne, Herr, von innen und außen und von allen Seiten, Masser Corny.« »Wohl; aber Ihr seht doch die Häuser und die Obstgärten und Scheunen und Zäune und andere Dinge der Art.« »Die sind alle so ziemlich wie die unsrigen, Masser Corny; warum setzt Ihr Nigger mit solchen Fragen zu?« Hier folgte wieder ein Ausbruch von lautem, herzlichem »yah – yah – yah!« und Yaap ließ seinem Gelächter den Lauf, ehe ein weiteres Wort aus ihm herauszubringen war, worauf ich ihm die Frage zum dritten Mal vorlegte. »Nun denn, Masser Corny, weil Ihr es durchaus wissen wollt, dieß ist meine Meinung. Diese Gegend ist gar nicht zu vergleichen mit unserem ganzen Lande, Sah. Die Häuser scheinen armselig, die Scheunen sehen leer aus, die Gehege und Zäune sind niedrig, und die Nigger, Einer wie der Andere, sehen kalt aus, Sah! – ja, Sah! – sie sehen sehr kalt und erfroren aus!« Da ein »kalter Neger« etwas höchst Jammervolles und Klägliches war in den Augen eines Negers, sah ich aus diesem summarischen Urtheil, daß Yaap seine Reisen so ziemlich mit derselben hochmüthigen Gesinnung begonnen hatte, wie Jason Newcome. Es fiel mir damals als seltsam auf; aber seit jener Zeit habe ich mich überzeugt, daß diese Gesinnung ziemlich allgemein die Leute begleitet, welche ihre erste Reise antreten. Unsere dritte Nacht brachten wir in einem kleinen Weiler zu, Rhinebeck genannt, auf einer Ansiedlung, wo sich mehrere deutsche Namen fanden. Hier reisten wir durch die gewaltigen Güter der Livingston's, – ein in unsrer Colonialgeschichte wohlbekannter Name. Wir frühstückten in Claverack, und kamen durch einen Ort Kinderhook genannt, – ein Dorf von niederdeutschem Ursprung und ziemlich alt. An diesem Abend gelang es uns, in die Nähe von Albany zu kommen, indem wir eine sehr starke Fahrt machten. Da wo wir übernachteten, war kein Dorf; aber es war ein behagliches Haus und ein ausnehmend sauberer holländischer Gasthof. Seitdem wir Fishkill verlassen, hatten wir bald mehr, bald weniger vom Fluß gesehen, bis wir durch Claverack kamen, wo wir von ihm Abschied nahmen. Er war mit Eis bedeckt und Schlitten bewegten sich, anscheinend mit großer Sicherheit, auf ihm; aber wir mochten es nicht versuchen. Unsere ganze Gesellschaft zog eine solide Landstraße vor, wo keine Gefahr war, daß der Boden unter uns brechen konnte. Da wir jetzt im Begriff standen, in Albany einzuziehen, der zweitgrößten Stadt in der Colonie, und einer der größten Binnenlandstädte des ganzen Landes, wenn dieser Name mit Recht einer Stadt gegeben werden kann, welche an einem schiffbaren Strom liegt, hielten wir für nöthig, einige Vorkehrungen zu treffen, um es auf eine anständige Weise zu thun. Statt daher das Gasthaus mit Tagesanbruch zu verlassen, wie wir früher zu thun gewohnt gewesen, blieben wir daselbst bis nach dem Frühstück und zogen inzwischen unsre Koffer zu Rathe. Duck, Jason und ich hatten uns für die Reise mit Pelzmützen, mit Ohr-Lappen und andern dergleichen Hülfsmitteln, um sich warm zu halten, versehen. Dirck's Kappe und die meinige waren von sehr feinem Marderpelz, und da sie rund und hoch waren, und beide oben einen schönen Schweif hatten, welcher hinten herabfiel, nahmen sie sich ganz flott und militärisch aus. Ich meinte, ich hätte Dirck nie so stattlich und gut aussehend gefunden, wie in dieser Kappe, und ich nahm auch einige Complimente ein wegen meines Aussehens in der meinigen, obwohl nur von meiner Mutter, die, glaube ich, geneigt war, mich zu rühmen und zu preisen, wenn ich auch erbärmlich aussah. Die Mütze Jason's stand mehr im Verhältnis zu seinem Beutel; sie war niederer und von Fuchspelz, obgleich sie auch einen Schweif hatte. Mr. Worden hatte es abgelehnt, in einer Kappe zu reisen, als nicht passend zu seinem heiligen Amt. Daher trug er seinen geistlichen Biberhut, der ein wenig abwich von den gewöhnlichen aufgekrämpten Hüten, welche wir Alle trugen, als etwas, das sich von selbst verstand, doch nicht so sehr, daß es besonders auffiel. Wir Alle hatten Oberröcke, wohl mit Pelz besetzt, und der meinige und Dirck's seiner waren wirklich schön, mit Marderpelz verbrämt, während die unsrer Begleiter weniger glänzend und kostbar waren. Nach einiger Berathung entschieden Dirck und ich uns dahin, daß es dem guten Geschmack mehr entspreche, in Reisekleidern als in andern in der Stadt einzuziehen, und wir putzten und stutzten uns nur ein wenig auf, um als Gentlemen zu erscheinen. Bei Jason war es ein ganz anderer Fall. Nach seinen Ideen mußte Einer auf Reisen seine besten Kleider tragen, und ich war überrascht, ihn beim Frühstück erscheinen zu sehen in schwarzen Beinkleidern, gestreiften wollenen Strümpfen, große versilberte Schnallen an den Schuhen, und in einem Rock, den er, wie ich wohl wußte, gewissenhaft nur für hohe Fest- und Feiertage aufsparte. Dieser Rock war von heller erbsengrüner Farbe und für die Jahreszeit wenig passend; aber Jason wußte überhaupt in Geschmackssachen sehr wenig, was passend und schicklich war; Dirck und ich trugen unsre gewöhnlichen schnupftabacksfarbenen Röcke unter unsern Pelzen; Jason aber zog alle Ueberkleider aus, als wir uns Albany näherten, um in seinem besten Staat seinen Einzug zu halten. Zum Glück für ihn war der Tag mild und eine glänzende Sonne sandte ihre warmen Strahlen auf das erbsengrüne Gewand, so daß sein Blut doch nicht ganz erstarrte. Mr. Worden trug einen Mantel von schwarzem Tuch und legte alles Pelzwerk bei Seite, bis auf einen Pelzkragen und Muff, welche er bei kaltem Wetter gewöhnlich zu tragen pflegte. In diesem Aufzug also verließen wir das Gasthaus etwa um neun Uhr Morgens und gedachten gegen zehn Uhr die Ufer des Flusses zu erreichen. Auch ward unsre Erwartung nicht getäuscht, denn die Straßen waren vortrefflich und ein leichter Schneefall während der Nacht hatte die Bahn wieder in besten Stand gesetzt. Es war für uns Alle ein interessanter Augenblick, als die Spitzen und Dächer dieser alten Stadt, Albany, zuerst sichtbar wurden! Wir waren von beinahe der südlichen Grenze der Colonie bis zu einem Punkt gereist, welcher nicht sehr entfernt war von den nördlichen Grenzniederlassungen. Die Stadt selbst nahm sich hübsch aus, wie wir uns ihr von der entgegengesetzten Seite des Hudson näherten. Da lag sie, die Niederung am Rande des Flusses entlang aus dem westlichen Ufer hin sich dehnend, geschützt von hohen Bergen, an deren Seite die Hauptstraße eine volle Viertelmeile lang sich hinzog. In der Nähe des obern Endes dieser Straße stand das Fort, und wir sahen auf dem freien Platz in der Nähe davon eine Brigade paradiren, sich schwenken und marschiren. Die Thurmspitzen von zwei Kirchen waren sichtbar; eine, die ältere, stand auf der Niederung, mitten in der Stadt, die andere auf der Höhe, nicht sehr weit entfernt vom Fort, oder etwa halbwegs die Anhöhe hinauf, welche auf dieser Seite des Flusses die Grenze gegen das innere Land hin bildet. Diese beiden Gebäude waren natürlich von Stein, denn hölzerne Gebäude traf man sehr selten in der Colonie New-York, obwohl sie weiter westlich etwas sehr Gewöhnliches waren. Ich will gestehen, daß Keinem von unserer Gesellschaft der Gedanke sonderlich behagte, mit einem beladenen Schlitten, auf dem Eise und dazu im Monat März den Hudson zu passiren. Wir hatten in unserer Nähe keine Flüsse, die man in solcher Weise passirte, auch war die Kälte eigentlich nicht groß genug, um einen solchen Uebergang ganz sicher zu machen, und es war uns zu Muthe wie es eben unerfahrenen Menschen unter solchen Umständen zu Muthe seyn kann. Ich muß Jason die Gerechtigkeit widerfahren lassen und zugeben, daß er mehr einfachen, praktischen, gesunden Menschenverstand an den Tag legte, als wir Alle, und am Ende durch seine Ansicht von der Sache unser Verfahren bestimmte. Den Mr. Worden jedoch konnte Nichts bewegen, sich auf das Eis zu wagen in einem Schlitten oder in der Nähe eines Schlittens, obgleich Jason ihm Vorstellungen machte in folgenden Ausdrücken: »Nun, so schaut doch einmal her, Hochwürdiger Mr. Worden« – Jason vergaß selten Jemanden seinen Titel zu geben, – »Ihr dürft ja nur einen Blick auf den Fluß werfen, um zu sehen, daß er weit und breit mit Schlitten übersät ist. Es sind da Landstraßen nach Norden und Süden, und wenn das die Stelle ist, wo die Ueberfahrt nach der Stadt zu geschehen pflegt, so ist es eher eine Art Straße als ein gefährlicher Platz. Nach meiner Ansicht müssen die Leute, die hier herum wohnen, wissen, ob es gefährlich ist oder nicht.« So einleuchtend diese Wahrheit war, ließ uns doch der »Hochwürdige Mr. Worden« auf festem Lande halten, und verließ den Schlitten, um zu Fuß den Strom zu passiren. Jason erlaubte sich ein paar Anspielungen auf den Glauben und seine Tugenden, während er sich bis auf sein erbsengrünes Gewand entpuppte, um in anständigem Aufzug in der Stadt einzuziehen, und Alles bei Seite warf, was seinen Staat verhüllte. Dirck und ich, wir behaupteten mannhaft unsere Sitze und trabten über den Fluß hinüber auf dem Punkte, wo wir Fußgänger und Schlitten ziemlich zahlreich hin und her sich bewegen sahen. Der Hochwürdige Mr. Worden jedoch begnügte sich nicht damit, den betretenen Pfad einzuschlagen, denn er wußte, daß es so wenig sicher sey, auf dem Eise neben einem Schlitten her zu gehen, als in einem zu sitzen, und daher bog er von der Bahn ab, welche in der Richtung der Fähre und in einer Diagonale flußabwärts nach den Werften der Stadt hin lief. Es schien mir eine Art, Feiertag für die jungen und müssigen Leute zu seyn, da ein Schlitten um den andern an uns vorbei kam, gefüllt mit jungen Männern und Frauenzimmern, Alle strahlend von der Aufregung des Augenblicks und voll jugendlicher Munterkeit und Laune. Wir kamen an nicht weniger als vier solchen Schlitten auf dem Fluß vorbei, und das Geläute der Glocken, die rasche Bewegung, das Gelächter und die Fröhlichkeit und das Belebte der ganzen Scene übertraf weit Alles der Art, was ich früher gesehen hatte. Wir hatten beinahe den Fluß passirt, als ein Schlitten schöner equipirt als irgend einer, den wir bisher gesehen, vom Ufer herab flog und wie ein Komet an uns vorbei brauste. Er war mit Ladies angefüllt, mit Ausnahme eines Gentleman, welcher kutschirend vorn aufgerichtet stand. Ich erkannte Bulstrode, in Pelzwerk wie wir Alle gehüllt, mit einer Kappe und Schweif, wo nicht mit Federn, während ich unter dem Halbdutzen Paaren glänzender Augen, welche sich mit den lächelnden Gesichtern ihrer Inhaberinnen gegen uns wandten, eines erkannte, welches ich nicht vergessen konnte, und welches Anneke Mordaunt gehörte. Ich zweifle, ob wir erkannt wurden, denn der Vorüberflug war wie der eines Meteors; aber ich konnte mich nicht enthalten mich umzuwenden und der muntern Gesellschaft nachzuschauen. Diese meine veränderte Stellung setzte mich in Stand, Zeuge zu seyn von einer sehr belustigenden Folge von Mr. Worden's Versuch. Ein Schlitten kam in derselben Richtung wie der unsrige, und als die Gesellschaft darin einen Mann, der als Geistlicher leicht erkennbar war, auf dem Eise zu Fuß gehen sah, bog sie auf die Seite und näherte sich ihm im Galopp, um einem Manne von seinem heiligen Beruf höflicherweise einen Sitz anzubieten. Unser Geistlicher hörte das Glockengeläute und voll Angst einen Schlitten so ganz in seiner Nähe zu haben, begann er stracks zu fliehen; von den Leuten im Schlitten verfolgt, so schnell nur ihre Pferde laufen konnten. Jedermann auf dem Eise machte Halt, um verwundert diesem seltsamen Schauspiel zuzusehen, bis die ganze Gesellschaft das Ufer erreichte, der Hochwürdige Mr. Worden nicht wenig erhitzt und außer Athem, wie sich der Leser leicht vorstellen kann. Elftes Kapitel. Laßt Aerzte unser Blut zur Ruh besprechen, Mit Gründen laßt sie stimmen unsern Puls: Dann sucht mit Worten beizukommen der Liebe! Young. Da die Straße von der Fähre nach der Stadt am Ufer des Flusses hinlief, erreichten wir den Punkt, wo der Hochwürdige Mr. Worden gelandet, gerade in demselben Augenblick mit seinen Verfolgern, welche genöthigt gewesen waren, einen kleinen Umweg zu machen, um vom Eise wegzukommen. Ich weiß nicht, Wer von beiden Theilen den anderen mit größerem Erstaunen ansah – der Gejagte oder die Jagenden. Der Schlitten enthielt zwei gut aussehende junge Männer, welche das Englische mit einem leisen holländischen Accent sprachen, und drei junge Frauenzimmer, deren glänzende, kohlschwarze Augen Erstaunen verriethen, etwas gemäßigt durch den Drang zu lachen. Sehend, vermuthlich, daß wir Alle Fremde seyen, und daß wir den Flüchtigen als zu unserer Gesellschaft gehörend, in Anspruch nahmen, lüftete Einer der jungen Männer sehr achtungsvoll seine Mütze und eröffnete das Gespräch damit, daß er in sehr höflichem Tone fragte: »Was fehlt denn dem Hochwürdigen Gentleman, daß er so schnell gelaufen ist?« »Gelaufen?« rief Mr. Worden, dessen Lungen wie Blasebälge eines Grobschmids gearbeitet hatten, »gelaufen! und Wer wäre nicht gelaufen, um sich vor dem Ertrinken zu retten!« »Ertrinken!« wiederholte der junge Holländer, rings auf dem Fluß sich umsehend, als wollte er sich überzeugen, ob das Eis wirklich in Bewegung gerathe – »warum glaubt denn der Dominie, es drohe irgend eine solche Gefahr?« Da Mr. Worden's Lungenblasebälge noch immer heftig arbeiteten, erläuterte ich den jungen Albaniern, wir seyen Fremde, eben erst aus der Nachbarschaft von New-York angekommen; wir seyen der überfrorenen Flüsse nicht gewohnt, und hätten nie früher einen solchen auf dem Eise passirt; unser hochwürdiger Begleiter habe vorgezogen in einiger Entfernung von der Bahn zu Fuß hinüberzugehen, um weniger in Gefahr zu seyn, falls ein Gespann einbräche, und so sey er auch natürlich davon gerannt, um ihrem Schlitten auszuweichen, als er ihn sich nahekommen gesehen. Die Albanier hörten diese Erklärung mit achtungsvollem Schweigen an, obwohl ich bemerken konnte, daß die beiden jungen Männer einander schlaue Blicke zuwarfen, und daß selbst die Ladies einige Mühe hatten, ihr Lächeln ganz zu unterdrücken. Als ich fertig war, bat der ältere Holländer, – ein hübscher, verwegen und renommistisch aussehender Bursch von vier oder fünfundzwanzig Jahren, dessen Anzug und Haltung jedoch einen Angehörigen der höhern Klassen verrieth, tausendmal um Verzeihung wegen seines Mißgriffs, stieg von seinem Schlitten, und bestand darauf, die Ehre zu haben mit uns Allen die Hände zu schütteln. Sein Name sey Ten Eyck, sagte er, ›Guert Ten Eyck‹, und er erbot sich, da wir Fremde seyen, uns die Honneurs von Albany zu machen. Jedermann in der Stadt kenne ihn, versicherte er, was auch, wie wir nachher fanden, ganz der Wahrheit gemäß war, denn er stand wegen seiner Possen und lustigen Streiche in einem solchen Rufe, wie es sich gerade noch zur Noth mit der Respektabilität vertrug; er stand, gleichsam, auf der äußersten Grenzlinie der anständigen Leute, ohne doch völlig dieselbe überschritten zu haben. Die jungen Damen bei ihm standen um eine Nuance unter ihm in ihrer gesellschaftlichen Stellung und ertrugen und duldeten seine ausgelassenen Possen in Betracht dieses Umstands, zumal da ihm auch ein ganz ausnehmend männliches Gesicht, und eine ebensolche Persönlichkeit, ein herzliches, offenes Lachen, eine volle Börse und vielleicht auch die geheime Hoffnung zu Statten kam, das glückliche Wesen zu seyn, welches von der Vorsehung dazu erkoren sey, einen gebesserten Taugenichts zum besten Gatten umzuwandeln. Mit Einem Wort, er war jederzeit willkommen bei ihnen, wenn die ein wenig über ihnen Stehenden sich vielleicht versucht fühlten, ihm ein finsteres Gesicht zu machen. Natürlich war dieß Alles uns damals unbekannt, und wir nahmen Guert Ten Eyck's höfliche Anerbietungen in dem Geiste an, in welchem sie uns gemacht wurden. Er erkundigte sich, in welchem Gasthause wir einzukehren beabsichtigten und versprach, uns bald zu besuchen. Dann schüttelte er uns Allen wieder mit großer Herzlichkeit in der Runde die Hand und nahm Abschied. Sein Begleiter zog eine sehr flotte, hohe Mütze von Wolfspelz vor uns ab, und das schwarzäugige Trio auf dem hintern Sitze lächelte huldvoll, und davon fuhren sie in rasendem Jagen, alle Echo's von Albany mit ihrem Schellengeklingel wachrufend. Mittlerweile hatte Mr. Worden seinen Sitz wieder eingenommen, und wir folgten ihnen in gemäßigterem Schritte, da unser Gespann Nichts von dem holländischen Feuer der zwei Pferde hatte, welche frisch aus dem Stalle kamen. Das waren die Umstände, unter welchen wir unsern Einzug hielten in der alten Stadt Albany. Wir hofften Alle, die kleine Geschichte mit der Jagd werde bald vergessen seyn; denn Niemand sieht sich gern in irgend eine Verbindung gesetzt mit einem lächerlichen Vorfall; aber wir machten die Rechnung ohne den Wirth, Guert Ten Eyck war nicht von solcher Gemüthsart, daß er einen solchen Vorfall hätte schlafen lassen, sondern, wie ich nachher erfuhr, er erzählte ihn mit den lustigen Ausschmückungen, wie sie seinem ausgelassenen Charakter gemäß waren, so emsig, bis zuletzt der hochwürdige Mr. Worden in dieser ganzen Gegend unter dem Spitznamen des »springenden Dominie« bekannt wurde. Der Leser darf versichert seyn, daß wir unsre Augen aufthaten, als wir durch die Straßen der zweiten Stadt in der Colonie fuhren. Wir waren schon an Häuser, in holländischem Styl gebaut, in New-York gewöhnt worden, obwohl daselbst seit einem halben Jahrhundert die englische Bauart am beliebtesten geworden war. Nicht so verhielt es sich in Albany, das im Jahr 1758 im Wesentlichen noch ganz eine holländische Stadt war. Wir hörten im Durchfahren wenig außer Holländisch. Die Weiber schalten ihre Kinder auf niederländisch, beiläufig bemerkt ein Gebrauch, für welchen sich die Sprache ganz besonders gut zu eignen scheint; die Neger sangen holländische Lieder. Die Männer riefen einander auf Holländisch zu, und überall klang uns Hollandisch in die Ohren, wie wir unsre Pferde im Schritt durch die Straßen nach dem Gasthaus gehen ließen. Es waren viele Soldaten um den Weg, und es fehlte nicht an sonstigen Anzeichen von der Anwesenheit einer bedeutenden Militärmacht; dennoch fiel mir die Stadt, nach New-York, als sehr provinzmäßig und eigenthümlich auf. Beinahe alle Häuser hatten die Giebel gegen die Straße zu gebaut und jedes hatte schwerfällige, hölzerne holländische Treppen, mit Sitzen an der Thüre. Nur wenige hatten vorn kleine Hofräume, und da und dort fand sich ein Gebäude, welches etwas mehr vorstellte als die übrigen. Ich glaube jedoch nicht, daß sich fünfzig Häuser in der Stadt fanden, deren Giebel in gleicher Linie mit den Straßen gebaut waren. Sobald wir nur ein Unterkommen gefunden, machten Dirck und ich uns auf den Weg, um uns die Stadt zu betrachten. Da waren wir jetzt in einer der ältesten Städte Amerikas, in einem Ort, der sich eines mehr als hundertjährigen Daseyns rühmen konnte, und es war natürlich, daß wir uns neugierig umschauten. Unsre Herberge war in der Hauptstraße, in derjenigen, welche den Berg hinauf zum Fort führte. Diese Straße war eine weite Allee, welche Broadway ganz verdunkelte, sofern es sich nur um die Breite handelte. Die Straßen jedoch, welche davon ausliefen, waren meist wenig besser als Gäßchen, wie wenn der Raum, welcher zwei oder drei Hauptstraßen eingeräumt worden war, den übrigen abgezogen worden wäre. Die »hohe Straße«, wie sie nach englischem Sprachgebrauch heißen würde, war angefüllt mit Schlitten mit Holz zum Verkauf, Schlitten beladen mit Gänsen, zahmen und wilden Putern und Geflügel aller Art; Schlitten mit Wildpret noch in der Haut, in Haufen aufgethürmt u. s. w., und alle diese Nahrungsmittel waren, wie man uns sagte, in ungewöhnlicher Menge zusammengebracht, um die außerordentliche Nachfrage zu befriedigen, die durch die Bedürfnisse der verschiednen Militärtische entstanden war. Hirsche waren uns nichts Fremdes, denn Long-Island war voll von allen Arten Wildpret, so wie auch die obern Gegenden von New-Jersey. Selbst West-Chester, obgleich es jetzt so lange Zeit schon so stark von Ansiedlungen besetzt war, entbehrte doch des Wildes nicht ganz, und nichts war leichter, als in den Hochlanden einen Rehbock zu schießen; doch hatte ich noch nie Wildpret, wilde Puter und Störe in solcher Masse gesehen, als sie an jenem Tage in den Hauptstraßen von Albany zu schauen waren. Die in der Straße versammelte Menschenmenge, die vorbei sausenden Schlitten mit jungen Männern und Mädchen angefüllt, das unaufhörliche Geklingel der Schlittengeläute, das Schnarren und Geifern auf Niederländisch, die herzhaften englischen Flüche von Sergeanten und Marketendern und Offiziersköchen, das laute Gelächter der Schwarzen und die Schönheit des kalten, hellen Tages – das Alles zusammen machte einen ähnlichen Eindruck auf mich, wie ich empfunden, als ich ins Theater ging. Das nicht am wenigsten auffallende Bild dieser Scene war Jason, mitten in der Straße nach allen Seiten hin gaffend, in dem aufgekrämpten Hut, dem erbsengrünen Rock und den gestreiften wollenen Strümpfen. Dirck und ich besichtigten natürlich die Kirchen. Es waren ihrer zwei, wie schon oben erwähnt wurde, eine für die Holländer, die andere für die Engländer. Jene war die ältere. Sie stand auf dem Punkte, wo die zwei Hauptstraßen einander kreuzten, in der Mitte der Straße, so jedoch, daß rings um sie herum die Gänge hinlänglich breit waren. Das Gebäude war ein Quadrat, mit einem hohen spitzen Dache, und hatte oben einen Glockenthurm und einen Wetterhahn, Fenster mit Spiegelscheiben und gemaltem Glas, und ein Portal, wie es für das Klima und für den Styl des Ganzen paßte. Wir besichtigten eben dieß Gebäude, als Guert Ten Eyck uns in seiner freimüthigen kecken Art anredete: »Euer Diener, Mr. Littlepage; Euer Diener, Mr. Follock!« rief er, wieder Jedem herzhaft die Hand schüttelnd. »Ich war auf dem Wege nach dem Gasthaus, um nach Euch zu sehen, als ich Euch zufällig hier erblickte. Einige wenige Gentlemen von meiner Bekanntschaft, welche des Winters mit einander zu Nacht zu essen pflegen, kommen heute zusammen, um sich für heuer zum letzten Male einen vergnügten Abend zu machen, und sie haben Alle den Wunsch ausgesprochen, das Vergnügen Eurer Gesellschaft zu haben. Ich hoffe, Ihr erlaubt mir, ihnen zu sagen, daß Ihr kommen werdet? Wir kommen zusammen um neun, essen zu Nacht um zehn und brechen auf um zwölf Uhr, ganz regelmäßig, Alles in der gesetztesten und vernünftigsten Weise.« Es lag etwas so Offenes und Herzliches, so Einfaches und Zutrauliches in dieser Einladung, daß wir nicht wußten, wie sie ablehnen. Wir wußten Beide, daß der Name Ten Eyck in der Colonie geachtet war; unser neuer Bekannter war gut gekleidet, er schien in guter Gesellschaft, als wir ihn zuerst sahen, sein Schlitten und seine Pferde waren in der That flotter gewesen, als man sie gewöhnlich sah, und sein eigner Aufzug hatte all die Eigenthümlichkeiten, welche den Gentleman bezeichnen, neben einem entschiedeneren und feineren Geschmack als bei den Meisten sich fand. Es ist wahr, der Styl dieser Eigenthümlichkeiten war nicht gerade derjenige, welchen ich in dem Benehmen, Wesen und Anzug von Billings und Harris beobachtet hatte; aber deßhalb waren sie nicht minder augenfällig und nicht minder anziehend; denn die beiden Engländer waren Makaroni's Stutzer. « von London, und Ten Eyck ein Bock Wildfang. « von Albany. »Ich danke Euch recht herzlich, Mr. Ten Eyck,« antwortete ich, »für mich sowohl als für meinen Freund –« »Und ich darf also um halb neun Uhr kommen, Euch abzuholen und den Weg zu zeigen?« »Nun ja, Sir, das wollte ich ungefähr sagen, wenn es Euch nicht zu viel Mühe macht.«. »Sprecht nicht von Mühe,« versetzte er, »und sagt nicht mein Freund, sondern meine Freunde.« »Was die Zwei betrifft, welche nicht zugegen sind, so kann ich für sie keine bestimmte Zusage geben; dort jedoch steht der Eine, welcher für sich selbst sprechen mag.« »Ich sehe ihn, Mr. Littlepage, und ich selbst will, auf meine Verantwortung, für ihn gut sprechen. Verlaßt Euch darauf, der wird kommen. Aber der Dominie – er hat ein herzhaftes Aussehen und kann wohl einen Puter essen und ein Glas guten Madeira ausschlürfen helfen – ich glaube, auf den kann man sich auch verlassen. Ein Mensch kann sich doch nicht solche gewaltige Bewegung machen ohne Nahrung.« »Mr. Worden ist ein sehr umgänglicher Mann und ein trefflicher Gesellschafter bei einem Nachtessen. Ich will ihm Eure Einladung mittheilen, und hoffe ihn vermögen zu können, von der Gesellschaft zu seyn.« »Das ist genug, Sir,« versetzte Ten Eyck, oder Guert, wie ich ihn hinfort gewöhnlich nennen werde, »wo der Wille da ist, da läßt sich auch Alles machen. So segne Euch denn Gott, mein lieber Mr. Littlepage und mache uns zu bleibenden Freunden. Euer Gesicht gefällt mir und mein Auge täuscht mich in solchen Dingen nie.« (Guert sagte dieß in einem stark holländisch gefärbten, fast gebrochnen Englisch, wie er nicht selten sprach, während er sonst wieder es fast so gut sprach wie Einer von uns.) Noch einmal schüttelte uns jetzt Guert sehr herzlich die Hand und verließ uns dann. Dirck und ich schlenderten nun den Berg hinauf bis zur englischen Kirche, welche auch mitten in der Hauptstraße stand, ein achtunggebietendes, massives Gebäude von Stein. Mit Ausnahme der Trinity-Church in New-York war dieß das größte und unbedingt das stattlichste Gebäude, das ich je gesehen, unter den dem Cultus meiner Kirche gewidmeten. In West-Chester waren einige Kirchen aus den Zeiten der Königin Anna, aber keine in einem Maßstab gebaut, daß sie sich mit dieser hätten vergleichen lassen. Unsre kleinen Gebäude waren gewöhnlich ohne Gallerien, ohne hohe Spitzen, Thürme und Glocken; während die St. Peterskirche in Albany, zwar nicht mit der St. Peterskirche in Rom vergleichbar, aber doch ein Gebäude war, auf das Einer stolz seyn dürfte. Einigermaßen zu unsrem Erstaunen fanden wir, daß der Hochwürdige Mr. Worden und Mr. Jason Newcome unter der Thüre dieses Tempels sich getroffen und einen Knaben an den Küster geschickt hatten, um den Schlüssel zu holen. Nach ein paar Minuten kam der Bube wieder und brachte nicht nur den Schlüssel zur Kirche, sondern auch die Entschuldigungen des Küsters, daß er nicht selbst komme. Die Thüre wurde geöffnet und wir traten ein. Ich habe immer die anständige und geistliche Art bewundert, wie der hochwürdige Mr. Worden in ein Gebäude trat, welches der Anbetung und Verehrung der Gottheit geweiht war. Ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll; aber man sah daraus, wie vollkommen er in den Gesetzen des Anstands, wie sie sein Beruf vorschrieb, eingeschult und eingeübt war. Natürlich nahm er den Hut ab; und sein Wesen, wie lustig und scherzhaft es den Augenblick zuvor gewesen seyn mochte, wurde in einem Nu ganz Ernst und Anstand. Anders war es bei Jason. Er trat in die St. Peterskirche zu Albany ganz mit demselben gleichgültigen und cynischen Wesen, mit welchem er, seitdem er die Colonie York betreten, Alles außer dem Geld zu betrachten schien. Gewöhnlich trug er seinen aufgekrämpten Hut auf dem Hinterkopf, wodurch er sich ein nachlässigbequemes und zugleich doch herausforderndes Ansehen gab; aber ich bemerkte, daß, während wir Alle unbedeckt waren, er sich seinen Biberhut bis über die Augbrauen ins Gesicht drückte, mit einer Art von militärischem, herausforderndem Trotze. Den Hut in einer Kirche abnehmen, war, nach seiner Art die Sache anzusehen, eine Art Abgötterei; es konnten Bilder um den Weg seyn, wenigstens war er vom Gegentheil nicht überzeugt; »und es konnte Einer nie genug auf der Hut seyn, um nicht von solchen bösen Täuschungen fortgerissen zu werden,« wie er mir früher einmal geantwortet hatte auf meine Vorstellungen, als er in unserer eigenen Kirche den Hut auf dem Kopfe behielt. Ich fand das Innere der St. Peterskirche ebenso imposant wie das Aeußere. Drei Kirchenstühle hatten Baldachine, auf welchen sich Wappen befanden. Diese gehörten, wie uns der Knabe sagte, den Familien Van Rensselaer und Schuyler. Alle waren mit schwarzem Tuch bedeckt, in Folge der Trauer um einen Todesfall in diesen alten Familien, welche eng unter sich verschwägert waren. Ich war sehr betroffen von dem würdigen Aussehen, welches diese patricischen Sitze dem Hause Gottes verliehen. Auch waren einige Wappen von Verstorbenen an den Wänden aufgehangen, die einen zum Andenken an Offiziere von Rang aus dem Heimathlande, welche im Dienste des Königs in der Colonie gefallen waren, andere um den Tod von ausgezeichneten Personen unseres Volkes anzuzeigen. Mr. Worden sprach seine Zufriedenheit aus über den Eindruck, welchen das Gebäude von außen und von innen machte; Jason aber betrachtete Alles mit wenig verhehlter Abneigung. »Was bedeuten denn die Kirchstühle mit den Dächern daran, Corny?« flüsterte mir der Pädagog zu, fürchtend durch seine Kritik die Bemerkungen des Geistlichen herauszufordern. »Es sind die Kirchstühle von vornehmen Familien in dieser Stadt, Mr. Newcome; und die Baldachine, oder Dächer, wie Ihr sie nennt, sind ehrende Zeichen vom Stande ihrer Inhaber.« »Meint Ihr, die Inhaber derselben werden im Paradiese unter solchen Decken sitzen, Corny?« fuhr Jason fort mit höhnischem Lächeln. »Das kann ich Euch unmöglich sagen, Sir; es ist jedoch wahrscheinlich, daß die Gerechten keiner solcher Zeichen bedürfen werden, sie von den Ungerechten zu unterscheiden.« »Laßt mich sehen,« sagte Jason sich umschauend und sich anstellend als zähle er sie; »es sind gerade drei – Bischof, Priester und Diakon, vermuthe ich. Nun, da kommt ein Sitz auf jeden, und sie haben es dann hier ganz behaglich, was auch drüben kommen mag.« Ich wandte mich weg, nicht geneigt, über diesen Gegenstand zu disputiren, denn ich wußte wohl, daß sich ebenso wenig erwarten ließ, ein Mann von Danbury werde je über einen solchen Gegenstand denken und fühlen, wie ein New-Yorker, als umgekehrt, ein New-Yorker werde sich je zu der Gesinnung und Denkweise eines Danburyers bekehren lassen. Was jedoch die Argumentation betrifft, so habe ich oft Gründe ungefähr von demselben Kaliber gegen die drei Stufen des geistlichen Standes geltend machen gehört. Als wir die Kirche St. Peters verließen, theilte ich die Einladung Guert Ten Eyck's dem Mr. Worden mit, und redete ihm zu, sich der Gesellschaft anzuschließen. Ich bemerkte wohl, daß die Vorstellung eines guten Nachtessens dem Missionär nichts weniger als zuwider war. Doch hatte er seine Bedenklichkeiten, sofern er seinen hochwürdigen Amtsbruder, den Geistlichen von St. Peter noch nicht gesehen hatte, seine Gemüthsart und Denkweise nicht genau kannte, und ein besonderes Verlangen trug, am nächstbevorstehenden Sonntag in Gegenwart der angesehensten Personen der Stadt für ihn zu funktioniren. Er hatte ein Billet an den Kaplan geschrieben, denn der Geistliche, welcher die Seelsorge für die Genossen der Episkopalkirche hatte, besaß diesen Rang in der Armee, und St. Peter war ebenso eine der Regierung gehörende Kapelle wie eine Gemeindekirche; und er mußte sich erst mit diesem Manne besprechen; ehe er sich entscheiden konnte. Zum Glück begegneten wir, als wir die Straße hinab nach unserer Herberge gingen, gerade dem in Rede stehenden Manne. Die Abzeichen des gemeinsamen Berufes, welche diese beiden Geistlichen in ihrer Kleidung an sich trugen, waren hinreichend, sie einander auf den ersten Blick erkennen zu machen. In fünf Minuten hatten sie sich die Hände geschüttelt, hatte Jeder des Andern Angaben über seine persönlichen Verhältnisse gehört, hatten sie die Einladung zum Predigen ergehen lassen und angenommen und standen überhaupt schon auf einem ganz ungezwungenen bequemen Fuße. Mr. Worden sollte im Fort mit dem Kaplan zu Mittag speisen. Dann schritten wir weiter, der Herberge zu. »Beiläufig bemerkt, Mr. – –,« sagte Mr. Worden in einer Parenthese des Gesprächs, »die Familie Ten Eyck ist vollkommen respektabel hier in Albany?« »Ganz gewiß, Sir, – eine Familie, die in hoher Achtung steht. Ich zähle darauf, daß Ihr mir Morgens und Abends Beistand leistet, mein lieber Mr. Worden.« Es ist erstaunlich wie die Geistlichkeit auf gegenseitigen »Beistand« sich verläßt! »Trefft Eure Einrichtungen ganz dieser Voraussetzung gemäß, mein lieber Collega – ich bin ganz frisch und habe einen guten Vorrath Predigten mitgebracht, da ich nicht wußte, wie Viel es sonst bei der Armee zu thun geben könnte. Corny,« fuhr er in halb flüsterndem Tone fort, »Ihr könnt unsern neuen Bekannten zu wissen thun, daß ich mit ihnen zu Nacht essen will; und merkt es wohl! – laßt auch einen Wink gegen sie fallen, daß ich ganz und gar keiner von den Puritanern sey.« So fanden wir denn Alles auf dem besten Wege, gleich in den ersten zwei Stunden nach unserer Ankunft, ganz in die Gesellschaft in Albany eingeführt zu werden. Mr. Worden war eingeladen am übernächsten Tage zu predigen, und war gleich für diesen Tag zum Nachtessen gebeten. Alles sah glückversprechend aus, und ich eilte voraus, um nachzusehen, ob Guert Ten Eyck seinen verheißenen Besuch abgestattet habe. Wie zuvor begegnete ich ihm auch jetzt wieder auf der Straße, und setzte ihn gebührend in Kenntniß, daß der Dominie die Aufforderung angenommen. Guert schien über diesen Erfolg sehr erfreut, und er verließ mich mit dem Versprechen, pünktlich zu der genannten Stunde sich einzufinden. Mittlerweile lag uns ob, zu Mittag zu essen. Das Mittagessen war gut; und, wie Mr. Worden bemerkte, es war ein rechtes Glück, daß das Hauptgericht Wildpret war, eine so leicht zu verdauende Speise, daß sie dem vollen Genuß des Nachtessens sehr wenig Eintrag zu thun drohte. Er wolle sich deßwegen für das Mittagessen an das Wildpret halten, erklärte er, und rieth uns allen Dreien, seinem Beispiel zu folgen. Aber gewisse holländische Gerichte zogen das Auge und den Gaumen Dirck's an, während Jason sich an eine Schüssel gehacktes Fleisch von dieser oder jener Gattung machte, von welcher er nicht abließ, bis er sie so ziemlich versorgt hatte. Was mich betrifft, ich gestehe, das Wildpret war so nach meinem Geschmack, daß ich mich ganz zu dem Pfarrer hielt. Wir tranken auch unsern Wein, und verließen den Tisch zu guter Zeit, um nicht mit der Aufgabe des Abends in Collision zu kommen. Nach dem Mittagessen wurde der Vorschlag gemacht, mit einander einen Gang zu machen, um die Stadt weiter in Augenschein zu nehmen und zu sehen, ob wir nicht vielleicht einem Armeelieferanten begegneten, welcher Lust hätte, Dirck und mir einen Theil unserer Güter abzunehmen. Das Glück führte uns wieder Guert Ten Eyck in den Weg, welcher auf der öffentlichen Straße zu wohnen schien. Im Verlauf einer kurzen Unterredung, welche sich entspann, um nicht ohne einen Gruß und ein Wort an einander vorbeizugehen, sprach ich zufällig den Wunsch aus zu erfahren, wo man wohl einige Pferde und zwei bis drei Schlittenlasten Mehl, Schweinefleisch u. s. w. absetzen könnte. »Mein lieber Mr. Littlepage,« sagte Guert mit offenem Lächeln und freundschaftlichem Händeschütteln, »ich bin hoch erfreut, daß Ihr dieser Dinge gegen mich Erwähnung gethan habt; ich kann Euch gerade zu dem Mann führen, den Ihr zu sprechen wünscht; zu einem gewichtigen Armeelieferanten, der Alles der Art aufkauft, wozu er nur gelangen kann.« Natürlich war ich so sehr erfreut als Guert es nur immer seyn konnte, und verließ meine Gesellschaft mit der größten Eilfertigkeit, um mich sogleich nach dem Bureau des Lieferanten zu begeben und Dirck begleitete mich. Unterwegs rieth uns unser neuer Freund, nicht rückhaltig zu seyn in der Forderung des Preises, da ihn ja doch am Ende der König bezahle. »Reiche Käufer müssen gut bezahlen,« fügte er hinzu; »und ich kann Euch sagen, was Euch vielleicht nützlich seyn dürfte zu wissen, daß erst gestern Befehle angekommen sind, Alles der Art, was angeboten wird, zu kaufen. Bietet Schlitten und Geschirr und Alles in Einem Haufen den Dienern des Königs an!« Die Idee schien mir nicht übel und ich versprach, sie mir zu Nutze zu machen. Guert hielt vollkommen, was er versprochen, und ich wurde bei dem Lieferanten in bester Form eingeführt. Sobald ich meines Anliegens Erwähnung gethan, wurde ich aufgefordert, einen Boten in die Ställe zu schicken, damit mein Fuhrwerk, Gespann und Alles sofort sich zeigten. Was die Artikel betraf, die noch unterwegs waren, so machten mir diese sehr wenig Sorge. Der Lieferant kannte meinen Vater, und sobald er hörte, daß Mr. Littlepage von Satanstoe der Eigenthümer der Mundvorräthe sey, so kaufte er das Ganze auf die Garantie seines Namens hin. Für das Schweinefleisch sollte ich zwei halbe Josephsstücke für das Fäßchen bekommen und für das Mehl einen. Das war ein guter Handel. Die Pferde sollten auch genommen werden, wenn sie diensttüchtig seyen, woran der Lieferant nicht zweifelte, so wie auch die Rumpelschlitten, obwohl die Preise nicht eher bestimmt werden konnten, als bis man alle die Thiere und sonstigen Gegenstände gesehen und geprüft hatte. Es ist zum Erstaunen, wie der Krieg den Handel begünstigt, so wie er andererseits ihm nachtheilig ist! Die Nachfrage nach Allem, was die Einsicht meines Vaters als verkäuflich vorausgesehen hatte, war so groß, daß der Lieferant mir ganz offenherzig erklärte, die Schlitten würden in Albany gar nicht abgeladen, sondern weiter nördlich geschickt werden auf der Linie, wo man erwartete, daß die Armee vorrücken würde, um dem Verschwinden des Schnee's und dem Aufgehen der Straße zuvorzukommen. »Ihr sollt reichlich für Eure Gespanne, Geschirre und Schlitten bezahlt werden,« fuhr er fort, »obgleich, ehe ich sie gesehen, sich keine Summe nennen läßt. Es sind dieß keine Zeiten, wo die Operationen wegen einiger Thaler mehr oder weniger verzögert werden dürfen, denn der Dienst des Königs muß seinen Fortgang haben. Ich weiß recht gut, daß Major Littlepage und Oberst Follock Beide verstehen, was sie vorhaben, und daß sie uns die rechte Art Sachen geschickt haben. Die Pferde sind höchst wahrscheinlich etwas alt, aber schon gut für Einen Feldzug; besser vielleicht als wenn sie jünger wären; und wären es die muntersten Hengstfüllen, wir können doch weiter nichts mit ihnen anfangen. Diese Züge in den Wäldern ruiniren Menschen und Thiere und kosten ganze Schätze von Geld. Ha! da kommt Euer Gespann!« Wirklich kam auch der Schlitten vom Gasthaus herum gefahren und wir gingen Alle hinaus, um die Pferde u. s. w. zu besehen. Jetzt wurde Guert eine wichtige Person. Im Kapitel der Pferde galt er als ein Orakel, und er schwatzte, bewegte sich und geberdete sich in jeder Hinsicht wie ein solches. Das Erste, was er that, war, daß er vorn zu den Thieren hin trat und beiden nach einander ins Maul sah. Die sachverständige Art, wie er dieß that, die Kaltblütigkeit womit er sich der Sache annahm, und die stattliche, männliche Person und Gestalt des auf eigene Faust bei dem Handel Mitsprechenden würden ihm sofort eine gewisse Wichtigkeit und Einfluß auf das was hier vorging gegeben haben, wenn auch nicht sein Ruf als Pferdekenner in dieser Gegend des Landes weit und breit fest gegründet gewesen wäre. »Auf mein Wort, zum Verwundern gute Mäuler!« rief Guert, als er fertig war. »Ihr müßt Euer Korn schroten lassen, Mr. Littlepage, sonst hätten ihre Zähne dabei nicht so gut bleiben können!« »Welches Alter gebt Ihr den Thieren, Guert?« fragte der Lieferant. »Das läßt sich nicht so leicht sagen, Sir. Ich gebe zu, daß es alte Pferde sind: aber sie mögen acht, oder neun, oder auch zehn Jahre alt seyn, nach dem was sich aus den Zähnen abnehmen läßt. Nach dem Aussehen der Glieder sollte ich denken, sie möchten nächstes Frühjahr neun Jahre alt seyn.« »Das Sattelpferd ist elf Jahre alt,« sagte ich, »und das Handpferd, glaubt man, ist –« »Pah, pah! Littlepage,« unterbrach mich Guert, indem er mir zuwinkte, still zu seyn, »Ihr mögt glauben, das Handpferd sey zehn Jahre alt, aber ich würde es zu neun taxiren. – Seine Zähne sind vortrefflich und es hat nicht einmal Windgallen an den Füßen. Dieß Thier hat flämisches Blut in den Adern.« »Nun, und was sagt Ihr, daß das Thier werth sey, Master Guert?« fragte der Lieferant, welcher ein gewisses Vertrauen zu seines Bekannten Urtheil zu haben schien, trotz seines freien und rücksichtslosen Wesens. »Zwölf halbe Josephsstücke für Beide?« »Das reicht nicht, Mr. Contraktor,« versetzte Guert den Kopf schüttelnd. »In Zeiten wie diese müssen solche starke Thiere, die noch dazu in so gesundem, stattlichem Zustand sind, fünfzehn gelten.« »Seyen es denn fünfzehn, wenn Mr. Littlepage einwilligt. Jetzt zu den Schlitten, Geschirr und Häuten. Ich denke, Mr. Littlepage wird auch die Häute ablassen, da sie ihm ohne den Schlitten doch nichts nützen können?« »Aber Euch etwa, Mr. Contraktor?« fragte Guert etwas rasch. »Diese Bärenhaut sticht mir gewaltig ins Auge, und wenn Mr. Littlepage eine Guinee dafür nehmen will, so ist hier das Geld.« Da dieß ein annehmlicher Preis war, so wurde er angenommen, obwohl ich Guert die Bärenhaut als Geschenk aufdrängen wollte, zum Andenken an unsere so zufällige Bekanntschaft. Diesem Anerbieten jedoch widerstand er mit Achtung, aber mit Festigkeit. Und hier will ich die Gelegenheit ergreifen, damit nicht der Leser irre geführt werde durch das, was man in fingirten, romanhaften Geschichten und andern leichten und müßigen Produktionen findet, zu erklären, daß bei all meinem Verkehr und meinen spätern Verbindungen mit Guert ich ihn in Geldsachen streng ehrenhaft gefunden habe. Es ist wahr, ich würde kein Pferd auf seine Empfehlung hin gekauft haben, wenn er der Eigenthümer des Thieres gewesen wäre; aber wir wissen ja Alle, die besten Männer wanken in ihrer Moral, wenn sie sich auf den Pferdehandel einlassen. Ich hätte kaum von Mr. Worden erwartet, daß er bei solchen Käufen orthodox geblieben wäre. Aber in allen sonstigen Geldangelegenheiten war Guert Ten Eyck einer der ehrlichsten Kameraden, mit welchen ich je zu thun gehabt habe. Der Lieferant nahm den Schlitten, Geschirr und Häute um weitere sieben halbe Josephsstücke, so daß der ganze Betrag dreiundzwanzig ausmachte. So hatte ich in der That zwei halbe Josephsstücke mehr erlöst, als mein Vater erwartet hatte; und ich verdankte den Gewinn von sechszehn Dollars Guert's freundschaftlicher und kecker Einmischung. Sobald die Preise bestimmt waren, wurde mir das Geld in gutem spanischem Golde bezahlt; und ich händigte Dirck den Antheil ein, welcher seinen Vater traf. Da ausgemacht war, daß die übrigen Pferde, Schlitten, Geschirr, Lebensmittel u. s. w. im Augenblick wo sie ankämen, nach einer billigen Schätzung gekauft werden sollten, enthob das Geschäft dieser Einen Stunde meinen Freund und mich jeder weitern Mühe und Sorge, die uns anvertrauten Güter und Vorräthe betreffend. Und ein Trost war es, so leichten Kaufs einer Verantwortlichkeit entledigt zu werden, welche uns Beiden eben so neu war, als sie schwer auf uns lastete. Der Leser wird sich einen Begriff machen von dem Drang der Umstände, und davon, wie sehr man die Nothwendigkeit fühlte rasch zu Werke zu gehen im Monat März – einer Jahrszeit, wo vierundzwanzig Stunden eine Veränderung der Jahrszeit herbeiführen konnten – aus dem Umstande, daß der Lieferant sein neu angekauftes Fuhrwerk von der Thüre seines Bureau's weg fortschickte, um es beladen zu lassen, mit dem Befehl sich nach Norden zu begeben mit Vorräthen für ein Depot, welches er so nahe dem See George anlegte, als die Vorsicht dieß zu gestatten schien, da die Franzosen mit bedeutender Macht bei Ticonderoga und Crown-Point standen; zwei Posten oben am Champlain, in einer Entfernung von weit nicht hundert Meilen von Albany. Was, so lange der Schnee liegen blieb, bis an den See George gebracht wurde, konnte dann mit der Armee weiter gebracht werden bei den zu erwartenden Operationen des bevorstehenden Sommers, mittelst der zwei Seen und ihrer nördlichen Oeffnungen. »Nun Mr. Littlepage,« rief Guert herzhaft, » diese Angelegenheit ist gut ins Reine gebracht. Ihr habt gute Preise bekommen, und der König, hoffe ich, gute Pferde. Sie sind vielleicht ein wenig ehrwürdig; aber was thut das? Die Armee würde das beste und jüngste Thier in der Colonie auf Einem Feldzug in den Wäldern aufreiben; und Schlimmeres kann dem ältesten und schlechtesten auch nicht widerfahren. Wollen wir auf die Hauptstraße hinaus spazieren, Gentlemen? Dieß ist ungefähr die Stunde, wo die jungen Damen ihre Nachmittagsschlittenfahrt zu machen pflegen.« »Ich vermuthe, die Ladies von Albany sind ausgezeichnet durch ihre Schönheit, Mr. Ten Eyck,« versetzte ich, da ich einem Mann etwas Angenehmes zu sagen wünschte, der so beflissen schien mir zu dienen. »Die Muster die ich diesen Morgen sah, als ich den Fluß passirte, müssen einen Fremden auf diesen Glauben bringen.« »Sir,« versetzte Guert, auf die große Allee der Stadt zu schreitend, »wir sind mit unsern Ladies zufrieden, – im Allgemeinen, denn sie sind reizend, von warmem Gefühl und liebenswürdig; aber es sind diesen Winter von Eurer Gegend her Gäste bei uns angekommen, welche beinahe das Eis auf dem Hudson schmelzen gemacht haben.« Mein Herz pochte schneller, denn ich konnte mir nur Ein Wesen des schönen Geschlechts denken, welches möglicherweise einen solchen Eindruck hervorbringen konnte. Dennoch konnte ich mich nicht enthalten, geradezu eine weitere Frage deßhalb an ihn zu richten. »Aus unserem Theile der Colonie, Mr. Ten Eyck! – Ihr meint vermuthlich aus New-York?« »Ja, Sir, natürlich. Es sind mehrere schöne englische Frauen mit der Armee hieher gekommen; aber kein Oberst, Major oder Kapitän hat solche Wunder von Schönheit mit sich gebracht, als Herman Mordaunt, ein Gentleman, der Euch vielleicht dem Namen nach bekannt ist?« »Auch persönlich, Sir. Herman Mordaunt ist sogar ein Verwandter von Dirck Follock, meinem Freunde hier.« »Dann ist Mr. Follock zu beneiden, daß er mit einer so reizenden jungen Lady, wie Anneke Mordaunt auf dem Fuß von Cousin und Cousine verkehren kann.« »Wahr, Sir, sehr wahr!« unterbrach ich ihn lebhaft; »Anneke Mordaunt gilt für das reizendste Mädchen in York!« »Ich weiß nicht, ob ich ganz so weit gehen würde, Mr. Littlepage,« versetzte Guert, seine Wärme in einer Weise mäßigend, die mich ein wenig überraschte, obgleich sein schönes Gesicht noch glühte von aufrichtiger, natürlicher Bewunderung, »denn es ist eine Miß Mary Wallace in ihrer Gesellschaft, von welcher man hier in Albany ebenso große Stücke hält, als von ihrer Freundin Miß Mordaunt!« Mary Wallace! der Gedanke, die schweigsame, nachdenkliche, obwohl vortreffliche Mary Wallace mit Anneke zu vergleichen, wäre mir nie in den Sinn gekommen! Und doch war Mary Wallace gewiß ein sehr reizendes Mädchen. Sie war sogar schön; sie hatte einen friedlichen, heiligenartigen Gesichtsausdruck, der mir oft aufgefallen war, eine eigentümliche schön entwickelte Gestalt, und hätte wohl in jeder andern Gesellschaft als in der Anneke'ns die ernsteste Aufmerksamkeit selbst des wähligsten Beschauers auf sich ziehen müssen. Und Guert Ten Eyck bewunderte – liebte vielleicht – Mary Wallace! Das war also ein neuer Beweis, wie geneigt wir Alle sind, die uns gerade Entgegengesetzten zu lieben; enge Freundschaften zu schließen mit Solchen die uns am wenigsten ähnlich sind, ausgenommen die Grundsätze, denn die Tugend kann sich nie an das Laster anschließen, und wie viel mehr Interesse die Neuheit in der menschlichen Brust erregt, als die Wiederholung dessen, woran man gewohnt ist. Nie konnten zwei Wesen einander weniger ähnlich seyn als Mary Wallace und Guert Ten Eyck; und doch bewunderte der Letztere die Erstgenannte! »Miß Wallace ist eine sehr reizende junge Lady, Mr. Ten Eyck,« antwortete ich, sobald mein Erstaunen mich zum Worte kommen ließ, »und es überrascht mich nicht, Euch von ihr in Ausdrücken so großer Bewunderung reden zu hören.« Guert blieb mitten in der Straße plötzlich stehen, schaute mir voll in's Gesicht mit einem Ausdruck von Wahrheit, der unmöglich erheuchelt seyn konnte, preßte mir mit Heftigkeit und Wärme die Hand, und versetzte mit einer wunderbaren Offenherzigkeit, die ich nicht hätte nachzuahmen vermocht, wenn man mir die ganze Welt geboten hätte: »Bewunderung, Mr. Littlepage, ist kein hinlänglich starkes Wort zur Bezeichnung dessen, was ich für Mary fühle! Ich würde sie in der nächsten Stunde heirathen, und sie mein ganzes übriges Leben hindurch lieben und hegen. Ich bete sie an und möchte die Erde küssen, die sie betreten.« »Und Ihr habt ihr dieß gesagt, Mr. Ten Eyck?« »Wohl fünfzig Mal, Sir. Sie ist jetzt seit zwei Monaten in Albany und meine Liebe stand binnen der ersten Woche unerschütterlich fest. Ich fürchte nur, ich legte mich ihr zu bald zu Füßen; denn Mary ist ein vorsichtiges, verständiges junges Frauenzimmer, und Mädchen von diesem Charakter mißtrauen gern dem jungen Manne, welcher ihnen zu rasch entgegen kommt. Sie haben es gerne, Sir, wenn man ihnen sieben Jahre dient, und wieder sieben Jahre, wie Joseph diente um Potiphar.« »Ihr meint wahrscheinlich, Mr. Ten Eyck, wie Jakob um Rahel diente.« »Wohl, Sir, es mag so seyn wie Ihr sagt, obgleich ich glaube, in unsern holländischen Bibeln stehe, daß Joseph so um Potiphar gedient habe, – aber Ihr wißt schon was ich meine, Mr. Littlepage. Wenn Ihr die Ladies zu sehen wünscht und mit mir kommen wollt, so will ich Euch an einen Ort führen, wo Herman Mordaunt's Schlitten unfehlbar um diese Stunde vorbei kommt, denn die Ladies leben beinahe ganz in der freien Luft. Ich versäume nie die Gelegenheit, sie zu sehen.« Jetzt hatte ich den Schlüssel zur Erklärung des Umstandes, daß Guert sich so viel auf der Straße umtrieb. Er hielt jedoch Wort, denn er stellte sich mit mir in der Nähe der holländischen Kirche auf, wo ich bald das Glück hatte, Anneke und ihre Freundin auf ihrer Abendschlittenfahrt vorbeikommen zu sehen. Wie blühend und lieblich sah die Erstere aus! Der Mary Wallace Auge wandte sich, und zwar mit Bewußtseyn und Absicht, wie mich bedünken wollte, nach dem Punkte, wo Guert sich aufgestellt hatte, und sie erröthete als sie seine Verbeugung erwiederte. Aber das überraschte Auffahren, das Lächeln und das aufleuchtende Auge Anneke'ns, wie sie mich so unerwarteter Weise sah, füllte meine Seele mit einer Wonne, fast zu mächtig um sie zu ertragen. Zwölftes Kapitel. In die Köpfe steigt ihnen dann der Wein, Und hinaus drängt den Witz er zum Schwärmen, Und statt seiner zieht nun der Unsinn ein, Und die Späße ersticken im Lärmen. Die spaßhafte Gesellschaft. Guert Ten Eyck sah mich bedeutungsvoll an, als der Schlitten um eine Ecke des Gebäudes wirbelte und verschwand. Dann schlug er vor, wir wollten weiter gehen. Als wir die Hauptstraße hinauf schritten, war ich nicht wenig überrascht über die Unterhaltung und Kurzweil, welche ich hier im Gange sah, und an welcher mir alle jungen Leute der Stadt Theil zu nehmen schienen. Unter jungen Leuten verstehe ich hier nicht Bursche von zwölf bis vierzehn Jahren, sondern Jünglinge von achtzehn bis zwanzig Jahren, und die Kurzweil bestand darin, in Schlitten die Anhöhe herunter zu rutschen. Die Anhöhe war sehr steil, und lang genug, um den Schlitten recht in Schuß zu bringen, welcher eine kleine Strecke unter der englischen Kirche in Bewegung gesetzt wurde, – in einen Schuß, der ihn bis über die holländische Kirche hinab trieb, eine Entfernung von etwas mehr als eine Viertelmeile. Die dazu benützten Handschlitten waren nach Gestalt und Bau den Körperverhältnissen der darauf Fahrenden angemessen; und natürlich war kein New-Yorker, der nicht gelernt hätte, die Bewegung dieser Fuhrwerke zu lenken, und zwar mit der pünktlichsten Feinheit und größten Leichtigkeit selbst wenn sie die steilste Höhe hinunter glitten. Als Kinder, oder als Knaben bis zum vierzehnten Jahre, hatten alle Mannspersonen in der Colonie, und nicht wenige Frauenzimmer, sich diese Kunst zu eigen gemacht; aber dieß war der erste Ort, wo ich je Erwachsene diese Kurzweil treiben sah. Der zufällige Umstand, daß ein Berg von der Hauptstraße eingenommen wurde, verbunden mit der Strenge des Winters, hatte erwachsenen Leuten ein Vergnügen annehmlich gemacht, welches sonst ausschließlich nur von Kindern genossen wurde. Bis wir zur Höhe der englischen Kirche hinaufgestiegen waren, kam eine Gesellschaft junger Offiziere vom Fort herab, lustig von den Bechern und dem Gesang des Regimentstisches. Sobald sie den Abfahrtsplatz der Schlitten erreichten, bemächtigten sich drei oder vier der Jüngeren eben so vieler Schlitten, und herab fuhren sie, wie die Kugel aus dem Rohr. Niemand schien dieß sonderbar zu finden; im Gegentheil, ich bemerkte, daß die älteren Leute mit einem wohlgefälligen und beifälligen Ernst zusahen, welcher anzudeuten schien, wie lebhaft ihnen dieß Schauspiel die Tage ihrer eignen Jugend in die Erinnerung zurückrufe. Ich kann jedoch nicht sagen, daß die Fremden sonderlich glücklich gewesen wären in Handhabung und Leitung ihrer Schlitten, denn meist blieben sie damit sitzen, ehe sie den Fuß des Berges erreicht hatten. »Wollt Ihr auch einen Schlitten nehmen, Mr. Littlepage?« fragte mich Guert mit höflichem Ernst, welcher zeigte, wie ernsthaft er diese Kurzweil nahm. »Hier ist ein großer und starker Schlitten, der eine doppelte Last tragen kann, und Ihr dürft Euch mir sicher anvertrauen, wenn auch ein Regiment Cavallerie unten in Parade da stände.« »Aber sind wir nicht ein wenig zu alt für eine solche Unterhaltung in den Straßen einer großen Stadt, Mr. Ten Eyck?« antwortete ich in zweifelndem Tone, indem ich mich mit unsicherm Wesen umsah, wie Einer, der sich Etwas nicht recht getraut, und doch Bedenken trägt, eine ablehnende Antwort zu geben. »Die königlichen Offiziere, wißt Ihr, sind privilegirte Leute.« »Niemand hat ein höheres Privilegium, sich der Straßen von Albany zu bedienen, als Mr. Cornelius Littlepage, Sir, das kann ich Euch versichern. Die jungen Ladies beehren mich oft mit ihrer Gesellschaft und noch nie hat sich ein Unfall ereignet.« »Und wagen die jungen Ladies diese Straße hinab zufahren, Mr. Ten Eyck?« »Nicht oft, Sir, das gebe ich Euch zu; aber doch ist es auch schon geschehen in Mondscheinnächten. Es gibt jedoch einen abgelegeneren Ort, nicht weit von dieser Straße entfernt, welchen die Frauenzimmer vorziehen. Seht, Mr. Littlepage! – da gleitet der ehrenwerthe Kapitän Monson, vom – –ten Regiment, herab, und er wird den Berg drunten und wieder oben seyn, ehe wir abfahren, wenn Ihr Euch nicht beeilt. Nehmt Euren Sitz ein, nach Damenart, und überlaßt mir die Führung des Schlittens.« Was konnte ich machen? Guert war so gar höflich gewesen, es war ihm jetzt so sehr Ernst, Jedermann schien es von mir zu erwarten, und der ehrenwerthe Kapitän Monson war schon hundert Schritte weit auf seiner Fahrt den Berg hinab, mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles dahin schießend. So nahm ich denn meinen Sitz ein und stellte meine Füße zusammen auf den vordern Bogen nach Damenart, wie ich angewiesen war. In einem Augenblick war Guert's männliche Gestalt hinter mir, ein Bein auf jeder Seite des Schlittens ausgestreckt, dessen Lenkung, wie jeder nördlich vom Potomak geborene Amerikaner wohl weiß, durch leichte Berührungen des Bodens mit den Fersen geschieht. Guert rief den Knaben zu ihm Bahn zu machen, und hinab schoßen wir wie das Schiff vom Stapel in sein ihm bestimmtes Element, nach dem Ausdruck der Dichter. Wir stießen glücklich ab und verließen den Platz wie der Pfeil vom Bogen stiegt. Soll ich die Wahrheit sagen, und bekennen, daß ich einen Augenblick Vergnügen fand an der Aufregung, welche die schnelle Bewegung verursachte, das Wettrennen, das wir mit einem andern Schlitten anstellten, und die Geschicklichkeit und Sicherheit, womit Guert, beinahe ohne den Boden zu berühren, uns unverletzt durch verschiedene enge Passagen und an der Reihe von mit Holz und Wildpret beladenen Schlitten vorbei steuerte, so daß wir fast die Nasen ihrer Pferde streiften. Ich vergaß, daß ich diese seltsame Schaustellung meiner eignen Person an einem fremden Ort und in der Gesellschaft eines beinahe Fremden zum Besten gab. So schnell jedoch war die Bewegung des Schlittens, daß die Gefahr, erkannt zu werden, nicht sehr groß war, und so Viele waren da, welche die Aufmerksamkeit der Anwesenden theilten, daß der tolle Streich ganz übersehen worden seyn würde, ohne einen höchst unerwarteten und unerwünschten Zufall. Wir hatten mit bestem Glück den ganzen Raum zwischen den beiden Kirchen durchflogen, – unter dem lauten und gellenden Zuruf einiger gesetzten, ernsten, respektabel aussehenden alten Bürger: »Bravo Guert!« – denn Guert schien der allgemeine Liebling zu seyn, wenigstens im Punkte der Kurzweil und lustigen Streiche, – als wir, um eine Ecke des alten holländischen Tempels biegend, in der ehrgeizigen Absicht daran vorbei zu fliegen und noch weiter hinab und den Uferdamm hinauf zu fahren, uns in drohendster Gefahr sahen, unter die Vorderfüße zweier schäumenden Rosse zu gerathen, welche mit einem Schlitten um eben diese Ecke der Kirche herum brausten. Nichts rettete uns als Guert's Geistesgegenwart und physische Stärke. Indem er eine Ferse in den Schnee hineinstieß, bewirkte er, daß der Schlitten in einem rechten Winkel von seiner frühern Bahnlinie weg, und wir herunter flogen, kopfüber kopfunter, ohne viele Rücksicht auf Anstand in Stellung und Lage; der Neger, welcher den Schlitten kutschirte, zog in demselben Augenblick den Zügel so heftig an, daß seine Pferde sich auf die Hanken setzten. Das Ergebniß dieser Bewegungen zusammen war, daß Guert und ich dergestalt hinunterrollten, daß wir gerade neben dem Schlitten wieder auf unsere Füße zu stehen kamen. Wirklich legte ich, als ich aufstehen wollte, eine Hand auf die Seite des Fuhrwerks, um mir so einen Halt zu geben bei meinem Bestreben. Welch ein Anblick bot sich meinen Augen dar! Vorn stand der Neger, von einem Ohr bis zum andern grinsend; denn ihm schien jeder Unstern, welcher den Schlittenrutschern zustieß, ein ganz natürlicher Anlaß zur Lustigkeit. Wer hätte nicht gelacht, so oft er einen Schlitten umstürzen gesehen? – und es war demgemäß ganz in der Ordnung, zu lachen bei einem Schauspiel, wo zwei erwachsene Knaben von einem Handschlitten herunter purzelten. Ich hätte den Schuft von Herzen gern zu Boden schlagen mögen, aber es wäre nicht angegangen eine Lustigkeit zu ahnden, welche einen so vollgültigen Grund hatte. Wäre ich aber auch geneigt gewesen anders zu handeln, so wäre die erforderliche Kraft und der Muth, um so Etwas zu thun, ganz in mir vernichtet gewesen durch den Umstand, daß ich mich, nur drei Fuß entfernt, gerade Anneke Mordaunt und Mary Wallace gegenüber sah! Die Beschämung, so ertappt und entdeckt zu werden bei dem unglücklichen Ausgang eines so knabenhaften Schlittenfluges überwältigte mich Anfangs beinahe. Was Guert's Empfindungen waren, weiß ich nicht, aber einen Augenblick wünschte ich ihn in die tiefste Tiefe des Hudson, und ganz Albany, seine holländische Kirche, Schlitten, Berg und schmauchende Bürger mit eingeschlossen, hinter ihm drein. »Mr. Littlepage!« entfuhr den rosigen Lippen Anneke'ns, in einem Tone, der nicht zu mißdeuten war. »Mr. Guert Ten Eyck!« rief Mary Wallace, in einem Ton und mit einem Wesen, welche Unmuth verriethen. »Zu Euren Diensten, Miß Mary!« versetzte Guert, der etwas verdutzt aussah über den Ausgang seines Unternehmens, obwohl aus einem Grunde, den ich zuerst nicht begriff, indem er sich zugleich den Schnee von der Mütze wischte; »zu Euren Diensten jetzt und immerdar, Miß Mary. Aber glaubt ja nicht, es sey Ungeschicklichkeit gewesen, was diesen Zufall verursacht hat, ich bitte Euch darum. Es war ganz und gar die Schuld des Knaben, welcher aufgestellt ist, um ein Zeichen zu geben, wenn Schlitten unter der Kirche herankommen, und der seinen Posten verlassen haben muß. Wenn irgend einmal Eine von Euch jungen Ladies mir die Ehre erzeigen will, einen Sitz auf meinem Schlitten einzunehmen, so will ich meinen guten Namen als ein Albanier verpfänden, sie an den Fuß des höchsten und steilsten Berges in der Stadt herunterzusteuern, ohne daß ihr ein Band verrückt werden soll.« Mary Wallace antwortete Nichts, und es wollte mich bedünken, sie sehe etwas traurig aus. Es ist möglich, daß Anneke ihre Empfindung bemerkte und verstand, denn sie antwortete mit einer Lebhaftigkeit, die ich früher nie an ihr bemerkt hatte: »Nein, nein, Mr. Ten Eyck,« sagte sie, »wenn Miß Wallace oder ich den Wunsch haben sollten, auf dem Schlitten den Berg herab zu rutschen und wieder kleine Kinder zu werden, so werden wir uns Knaben anvertrauen, welche vermöge beständiger Uebung vermuthlich erfahrener seyn werden, als Männer es seyn können, welche die Zeit gehabt haben, die Gewohnheiten ihrer Kinderjahre zu vergessen. Pompejus, wir wollen nach Haus zurückfahren.« Die kalte Verbeugung des Hauptes, welche auf diese Worte folgte, und die doch noch artig genug war, um die Gesetze der Höflichkeit nicht zu verletzen, zeigte nur zu deutlich, daß weder Guert noch ich durch diese knabenhafte Schaustellung seiner Geschicklichkeit mit dem Handschlitten in der Achtung unsrer Angebeteten gestiegen waren. Wären die beiden jungen Ladies Albanerinnen gewesen, so hätten sie vermuthlich über unser Mißgeschick gelacht; aber da kein hoher Berg gerade nach New-York sich hineinzog, herrschte der in Albany übliche Brauch in der Hauptstadt nicht. Nur kleine Knaben bedienten sich in jener Gegend der Colonie des Handschlittens, während bei den stabileren und beharrlicheren Holländern der Geschmack daran sich länger erhielt. Natürlich blieb uns Nichts weiter zu thun übrig, als tiefe Bücklinge zu machen und den Neger fortfahren zu lassen. »Da haben wir's, Littlepage,« rief Guert mit einer Art von Seufzer; »jetzt werde ich die ganze nächste Woche nur eiskalte Blicke bekommen, und das Alles nur darum, weil ich den Berg vier oder fünf Jahre älter, als die Regel ist, hinabgefahren bin. Jedermann hier herum belustigt sich mit dem Handschlitten bis ins achtzehnte Jahr oder so, und ich bin erst fünfundzwanzig alt. Bitte, wie alt seyd denn auch Ihr, mein lieber Kamerad?« »Einundzwanzig, erst seit etwa einem Monat. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich wäre erst zehn.« »Also um die Ecke herum! – nun, das ist unglücklich; aber wir müssen die Sache so gut drehen und wenden, als wir können. Mein Geschmack sind Possen , und das habe ich der Miß Wallace öfters gestanden; aber sie erklärt mir, nach einer gewissen Altersperiode sollten Männer ihre Blicke auf ernstere Dinge richten und an ihr Vaterland denken. Sie hat mir schon einmal eine Vorlesung gehalten über den Gegenstand des Schlittenrutschens, obwohl sie zugibt, daß Schlittschuhlaufen eine männliche Uebung ist.« »Wenn eine Lady sich die Mühe nimmt, Einem eine Vorlesung zu halten, so ist das ein sicheres Zeichen, daß sie einiges Interesse für ihn hat.« »Bei St. Nicolas! daran habe ich nicht gedacht, Littlepage!« schrie Guert, der trotz der großen Vortheile, die ihm sein Gesicht und seine Gestalt gaben, dennoch, wie sich zeigte, weniger Eitelkeit auf seine Person hatte, als fast jeder andere Mann, der mir vorgekommen. »Eine Vorlesung hat sie mir gehalten, und das mehr als Einmal!« »Die Lady, die mir eine Vorlesung hält, Sir, wird meiner gewiß am Ende derselben nicht los!« »Das ist männlich gedacht! Das gefällt mir, Littlepage; und Ihr gefallt mir auch. Ich sehe voraus, wir werden vertraute Freunde werden; und wir wollen ein ander Mal mehr von dieser Sache sprechen. Nun, Mary hat mir vom Krieg gesprochen und darauf hingedeutet, daß ein unverheirateter Mann wie ich, dem die ganze Welt offen steht, wohl etwas thun könnte, seinen Namen in ihr bekannt zu machen. Mir gefiel das nicht; denn ein Mädchen, das einen jungen Burschen liebte, würde nicht wünschen, daß er todt geschossen würde.« »Ein Mädchen, das kein Interesse für ihren Anbeter hätte, Mr. Ten Eyck, würde nicht darnach fragen, ob er Etwas thue oder nicht. Aber ich muß Euch jetzt verlassen, da ich mich verpflichtet habe, um sechs Uhr bei Mr. Worden in dem Gasthause zu seyn.« Guert und ich schüttelten uns jetzt, zum zehnten oder zwölften Mal an diesem Tage, die Hände, und trennten uns mit der Verabredung, daß er bei uns vorsprechen solle, um unsere Gesellschaft zu dem Nachtessen zu begleiten, um die früher schon festgesetzte Stunde. Als ich dem Gasthaus zuschritt, sann ich in höchst ärgerlicher und mißmuthiger Stimmung über das so eben Vorgefallene nach. Daß Anneke Mißfallen an der Sache empfunden, war nur allzu sichtbar; und ich fürchtete sehr, ihr Mißfallen sey nicht ganz ohne eine Beimischung von Verachtung. Was Guert betraf, so schien mir sein Fall nicht halb so verzweifelt zu stehen als der meinige; denn es war gar nichts Unnatürliches, sondern gewissermaßen gerade das Gegentheil, wenn Frauen von Verstand und gesetztem Wesen, falls sie einen jungen Mann von entgegengesetzter Gemüthsart gerne sehen – und ich erinnerte mich, von meinem Großvater gehört zu haben, daß dieß nicht selten der Fall sey, – ihre Anbeter in ihren Lebensbestrebungen und ihrem Charakter zu heben suchten. Hätte Anneke sich die Mühe genommen, mir Vorstellungen zu machen über die Thorheit dessen, was ich gethan, so hätte ich wieder Muth gefaßt; aber die kalte Gleichgültigkeit ihres Benehmens, um nicht zu sagen: Verachtung, schnitt mir tief und bitter ins Herz. Es ist wahr, Anneke schien mehr für ihre Freundin zu fühlen; aber ich konnte die Miene der erstaunten Ueberraschung nicht mißdeuten, womit sie mich, Cornelius Littlepage, unter ihrem Schlitten aufstehen, und mich den Schnee von meinen Kleidern wegbürsten sah, mich großes Kalb, das ich war! Kein Mann kann es ertragen, lächerlich zu werden in Gegenwart der Geliebten! In der Nähe des Gasthauses begegnete ich Dirck, sein ganzes Gesicht leuchtend im Ausdruck der Freude. »Ich bin so eben Anneke und Mary Wallace begegnet!« sagte er, »und sie ließen ihren Schlitten halten, um mit mir zu sprechen. Herman Mordaunt ist schon den halben Winter hier und er gedenkt den größten Theil des Sommers zu bleiben. Es wird dieß Jahr kein Lilaksbush geben, sagten mir die Mädchen, aber Herman Mordaunt hat ein Haus gemiethet, wo er mit seinen eigenen Dienern wohnt, und sich sein Fleisch im eigenen Topfe siedet, wie er es nennt. Wir werden da natürlich ganz zu Hause seyn, denn Ihr steht in so hohen Gunsten, Corny, seit jener Geschichte mit dem Löwen! Anneke habe ich nie so schön gesehen, wie heute.« »Hat Miß Mordaunt gesagt, sie werde sich freuen, uns auf dem alten Fuß wieder zu sehen, Dirck?« »Ob sie das gesagt? – Ich denke wohl. Sie sagte: ich werde mich freuen, Euch zu sehen, Cousin Dirck, so oft Ihr kommen könnt, und ich hoffe, Ihr werdet manchmal den Geistlichen mitbringen, von welchem Ihr gesprochen habt.« »Aber Nichts von Jason Newcome oder Corny Littlepage? Sagt mir die Wahrheit gerade heraus, Dirck; mein Name ward nicht genannt?« »Doch genannt wurde er; ich nannte ihn mehrere Male, und erzählte ihnen, wie lange wir unterwegs gewesen, und wie Ihr kutschirtet, und wie Ihr den Schlitten sammt den Pferden schon verkauft habet, und ein Dutzend andre Sachen. Oh! wir sprachen gar Viel von Euch, Corny; das heißt, ich, und die Mädchen hörten zu.« »Ward mein Name ausdrücklich genannt, Dirck, von einer oder der andern der jungen Ladies?« »Ganz gewiß; Anneke hatte Etwas über Euch zu sagen, obgleich es so gar nicht in den Gang des Gesprächs hereingehörte, daß ich Euch im Augenblick kaum sagen kann, was es war. Oh, jetzt erinnere ich mich; sie sagte: ›Ich habe Mr. Littlepage gesehen und ich meine, er sey gewachsen seit wir zuletzt zusammen waren; er verspricht über kurz oder lang ein Mann zu werden.‹ Was konnte das meinen, Corny?« »Daß ich ein Narr bin, ein großer, vollausgewachsener Knabe und wünsche, daß ich Albany nie gesehen hätte; das meint es. Kommt, laßt uns hineingehen; Mr. Worden wird uns erwarten. Ha, Wer Teufels ist das, Dirck?« Ein lauter holländischer Ausruf entfuhr Dirck, ohne daß er beachtete, daß er sich auf der Straße befand, und sein ganzes Gesicht strahlte auf in hellem, teilnehmenden Lächeln. Ich war eines Schlittens ansichtig geworden, welcher die Anhöhe hinunterglitt, die wir langsam hinauf stiegen, und welcher an uns vorbeiflog gerade als jene Worte aus meinem Munde gingen. Es saß Niemand darauf als Jason, welcher ebenso entzückt schien von der Unterhaltung als irgend ein anderer großgewachsener Knabe auf dem Berge. Dahin flog er, den Stülphut hoch auf dem Haupte, darunter den erbsengrünen Rock und die gestreiften wollenen Strümpfe und die schweren versilberten Schnallen auf beiden Seiten hinausgestreckt, die Bewegungen des Schlittens lenkend mit der Sicherheit eines mit der Sache ganz vertrauten Jungen. »Das muß ein kapitaler Spaß seyn, Corny!« sagte mein Begleiter, der sich kaum zu halten wußte in der Freude, die er empfand. »Ich habe große Lust selbst auch einen Schlitten zu entlehnen und eine Fahrt zu machen.« »Aber ja nicht, wenn Ihr die Absicht habt, die Miß Mordaunt zu besuchen, Dirck. Nehmt mein Wort darauf, sie sieht es nicht gern, wenn Männer die Kurzweil von Knaben nachmachen.« Dirck starrte mich an, aber da er von Natur schweigsam war, sagte er Nichts, und wir traten in das Haus. Dort fanden wir Mr. Worden, eine alte Predigt überlesend, die er für den nächsten Sonntag bereit hielt; und sich hinsetzend, begann er über die Stadt und ihre Vortheile vergleichende Betrachtungen anzustellen. Der Geistliche war ganz in Entzücken. Was die Holländer betraf, so kümmerte er sich nicht viel um sie und hatte nur Wenige derselben gesehen, ganz in der Art eines Hauptstadtbewohners sie übersehend; aber er hatte so viele englische Offiziere getroffen, hatte so viel vom Mutterlande gehört und so viele Einladungen erhalten, daß sein Feldzug Nichts als Annehmlichkeiten versprach. Wir saßen da, über diese Dinge plaudernd, bis der Thee gebracht wurde, und nachher noch ein paar Stunden. Meine Verkäufe wurden gerühmt, meine rasche Gewandtheit – die rasche Gewandtheit Guert's wäre richtiger gewesen – wurde gepriesen, und man sagte mir, meine Eltern sollten den ganzen Verlauf der Sache getreulich erfahren. Kurz, unser Mentor, weil er für seine Person in guter Laune und Stimmung war, war geneigt, auch gegen jeden Andern die freundlichste Stimmung und Gesinnung zu zeigen. Zu der verabredeten Stunde kam Guert, um uns an den Ort der Zusammenkunft zu begleiten. Er war höflich, aufmerksam und so frisch und frei wie die Luft, die er athmete, in seinem Benehmen. Mr. Worden fand ausnehmend Geschmack an ihm, und man sah bald, daß er und der junge Ten Eyck leicht die besten Freunde werden dürften. »Ihr müßt wissen, Gentlemen, daß die Gesellschaft, zu welcher ich Euch einzuladen die Ehre gehabt habe, aus einigen der tüchtigsten, herzhaftesten jungen Männern in Albany, wo nicht in der Colonie, bestehen wird. Wir kommen jeden Monat einmal zusammen im Hause eines alten Junggesellen, welcher zu uns gehört, und hoch erfreut seyn wird, mit Euch, Mr. Worden, über die Religion sich unterhalten zu können. Mr. Van Brunt ist sehr bewandert in der Religion und wir machen ihn zum Schiedsrichter in allen unsern Streitigkeiten und Wetten auf diesem Gebiete.« Dieß klang etwas ominös, wie mir schien; aber Mr. Worden war nicht der Mann, der sich durch ein halb Dutzend unüberlegte Worte von einem guten warmen Nachtessen wegschrecken ließ. Er konnte selbst eine religiöse Erörterung ertragen, wenn er eine solche Aussicht vor sich hatte. Er schritt Seite an Seite mit Guert weiter, und bald befanden wir uns an der Thüre des Hauses Mr. Van Brunt's, des Baccalaureus Bachelor heißt Junggeselle und zugleich Baccalaureus, – ein akademischer Grad. der Theologie, wie ich ihn witziger Weise nannte. Guert trat hinein ohne anzupochen, und führte uns zu unserm quasi-Wirth. Wir fanden in dem Zimmer eine Gesellschaft von gerade zwölf Personen, Guert mit eingeschlossen; denn dieß war die Zahl des Clubs. Es fuhr mir, auf den ersten Blick, der Gedanke durch den Kopf, daß die sämmtliche Gesellschaft das Aussehen von Bergherabrutschern habe, und daß wir vermuthlich die ganze Nacht opfern würden. Meine Bekanntschaft mit Dirck und überhaupt meine Verwandtschaft und Verbindung mit dem alten Stamme hatten mich mit einer gewissen Eigenthümlichkeit im holländischen Charakter hinlänglich vertraut gemacht. Nüchtern, gesetzt, ja phlegmatisch, wie sie gewöhnlich zu seyn schienen, trieben sie es in ihren lustigen lärmenden Gelagen ziemlich hoch und toll, wenn einmal ein rechter Anfang gemacht war. Wir waren der Meinung, daß ein junger Bursch von dem alten Stamme in West-Chester drunten Zweien vom Anglo-Sächsischen Stamme vollkommen gewachsen sey, wenn es zu einem harten Strauß bei Tische kam; denn keine gewöhnliche Kurzweil und Tollheit befriedigte die kecken Phantasien eines einmal aufgeregten, in Zug gekommnen Holländers. Die Tradition hatte mich in eine Menge Geheimnisse, ihre Excesse betreffend, eingeweiht, und ich hatte oft von den jungen Albaniern reden gehört, als Solchen, welche es zu dem höchsten Punkte, zur höchsten Meisterschaft gebracht. Nichts konnte jedoch anständiger und rücksichtsvoller seyn, als unsre Einführung und unser Empfang. Die jungen Männer schienen ganz besonders vergnügt darüber, einen Geistlichen in ihrer Gesellschaft zu sehen, und ich zweifle nicht, die Absicht war, daß der Abend in ungewöhnlicher Nüchternheit und Mäßigkeit hingebracht werden sollte. Ich hörte das Wort »Dominie« von Mund zu Mund flüstern, und es war leicht zu sehen, welchen Eindruck es machte. Die meisten Augen hefteten sich auf Van Brunt, einen etwas dissolut aussehenden, vierschrötigen Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, mit einem rothen Gesicht, welcher die Entschuldigung für seinen Umgang mit so viel jüngeren Männern in seinen Lebensgewohnheiten und vielleicht in der Notwendigkeit des Falles zu finden schien, da Männer von seinen Jahren wohl schwerlich an seiner Gesellschaft Geschmack fanden. »Aber Gentlemen, es ist ein trockenes Geschäft, so dazustehen und einander anzusehen,« bemerkte Mr. Van Brunt; »und wir wollen etwas Punsch trinken, um unsre Herzen ebenso wie unsre Kehlen anzufeuchten. Guert, dort ist der Krug.« Guert war nicht faul mit dem Kruge, und Jeder bekam sein Glas Punsch, – ein Getränke, das damals, wie auch noch jetzt, in der Colonie sehr gebräuchlich war. Ich muß gestehen, daß die Mischung mit großer Sachkunde zusammengebraut war, obwohl ich, sobald ich nur mein Glas geleert hatte, bemerkte, daß der Punsch verdammt stark war. Anders verhielt es sich mit Guert. Nicht nur Ein Glas leerte er, sondern er schüttete, rasch auf einander, zwei hinunter, wie Einer, der argen Durst hat; und dabei stand er in schöner, männlicher, aufrechter Stellung da, wie ein Mann, der mit Etwas tändelt, was seine Kraft nicht halb in Anspruch nimmt. Der Krug, obwohl sehr groß, ward auf diesen Einen Angriff geleert, und zum Beweis hievon ward er von Guert selbst umgestürzt. Nun folgten Gespräche, meist in englischer Sprache geführt, aus Rücksicht für den Dominie, von welchem man nicht voraussetzte, daß er Holländisch verstehe. Dieß jedoch war ein Irrthum, denn Mr. Worden kam ganz ordentlich in dieser Sprache fort, wenn er es versuchte. Ich ward beglückwünscht wegen der Verkäufe, die ich mit dem Contraktor abgeschlossen, und viele freundliche und gastliche Versuche wurden gemacht, mich in herzlicher und zutraulicher Weise unter Fremden willkommen zu heißen. Ich gestehe, ich ward gerührt durch diese ehrlichen und aufrichtigen Bemühungen, es mir recht heimisch zu machen, und als ein zweiter Krug mit Punsch herbeigebracht wurde, nahm ich recht gerne noch ein Glas, während Guert, wie gewöhnlich, zwei trank; aber das Getränke, das er zu sich nahm, brachte, wie ich später bei vielen Gelegenheiten mich überzeugte, bei ihm so wenig irgend welche sichtbare physische Wirkungen und Folgen hervor, als wenn er Nichts geschluckt hätte. Guert war kein Trunkenbold, keineswegs; er konnte nur Alle um ihn herum unter den Tisch trinken und selbst fest auf seinem Stuhl sitzen bleiben. Solche Leute entgehen gewöhnlich der Beschuldigung, Säufer zu seyn, obwohl sie sehr häufig am Schluß ihrer Laufbahn ihre frühem Erfolge und Großthaten zu büßen haben. Es sind dieß die Männer, die mit Sechzig, wo nicht noch früher, zusammenbrechen, und an Gicht, Lähmungen und Unverdaulichkeit und andern ähnlichen Uebeln zu leiden haben. Dieß war der Stand der Dinge, und die Gesellschaft kam allmählig in eine sehr vergnügte Stimmung, als Guert aus dem Zimmer gerufen wurde von einem der Schwarzen, der, während er sich seines Auftrags entledigte, ein höchst ominöses Gesicht machte. Er war kaum einen Augenblick weg, als er wieder zurückkam mit einem gewissen Ausdruck von Bestürzung in seinem schönen Gesicht. Mr. Van Brunt ward in eine Ecke gerufen, wo noch zwei oder drei der Hauptpersonen sich bald in lebhaftem Gespräche, in halb flüsterndem Tone geführt, sammelten. Ich saß dieser Gruppe so nahe, daß ich gelegentlich ein paar Worte hörte, ohne jedoch den Schlüssel zum Ganzen finden zu können. Die Worte, die ich vernahm, waren: »der alte Cuyler,« – »kapitales Nachtessen,« – »Wildpret und Enten,« – »Rebhühner und Wachteln,« – »kennt uns Alle,« – »geht nimmermehr an,« – »der Dominie der Mann,« – »Fremde,« – »Wie es machen?« und verschiedne andere Ausdrücke, welche mir den unbestimmten Eindruck machten, daß unser Nachtessen aus irgend einem Grunde in großer Gefahr schwebe; aber was der Grund seyn möge, konnte ich nicht errathen. Guert war offenbar die Hauptperson bei dieser Berathung, und Alle schienen seinen Vorschlägen mit Aufmerksamkeit und Achtung zu lauschen. Endlich trat unser Freund aus dem Kreise heraus, und theilte uns die obwaltende Schwierigkeit in höflicher, gefaßter Weise mit folgenden Worten mit: »Ihr müßt wissen, Hochwürdiger Mr. Worden und Mr. Littlepage und Mr. Follock, und Mr. Newcome, daß wir jungen Leute in Albany gewisse eigenthümliche Bräuche unter uns haben, welche Euch Gentlemen in der Nähe der Hauptstadt vielleicht nicht bekannt sind. Die Wahrheit ist, daß wir nicht immer so weise und so nüchtern sind wie unsre Eltern und Großeltern besonders es wohl wünschen möchten. Wir halten es manchmal für einen guten Spaß, die Hühnerhäuser und Geflügelhöfe der Bürger heimzusuchen, und von den Früchten einer solchen Fouragierung ein Nachtessen zu halten. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, Gentlemen; aber ich will gestehen, daß mir Enten und Gänse, welche auf solche unschuldige, an die Jagd erinnernde Weise gewonnen sind, weit besser munden, als die auf den Markthallen gekauften; unser eignes heutiges Nachtessen war ein gekauftes , aber es ist das Opfer einer kleinen Ausdehnung des eben erwähnten Brauches geworden.« »Wie! – wie ist das, Freund Ten Eyck?« rief Mr. Worden mit ungeheuchelter Bestürzung. »Das Nachtessen ein Opfer geworden, sagt Ihr?« »Ja, Sir; um frei und offen mit der Sprache herauszugehen, es ist fort! fort bis auf das letzte Huhn, Beefsteak und die letzte Kartoffel. Sie haben uns nicht eine Schüssel übrig gelassen.« »Sie!« wiederholte der Pfarrer. »Und Wer sind denn wohl die sie ?« »Das ist ein erst noch zu ermittelnder Punkt, denn das Manöuvre ist auf eine so feine und gewandte Art ausgeführt worden, daß keiner unsrer Schwarzen Etwas von der Sache merkte. Es scheint, es brach eben ein Feuerlärm aus und zog alle Neger auf die Straße hinaus; und während dieser Zeit wurden alle unsre Speisevorräthe zusammengepackt und unsichtbar.« »Gnädiger Himmel! gnädiger Himmel, welch ein Unfall! welch ein schurkischer Diebstahl! Habt Ihr noch keine Spuren davon?« »Nein, Sir, es thut mir leid sagen zu müssen, daß wir noch keine haben; aber wir geben auch einem lustigen Streich keine so harte Namen, selbst wenn wir unser Nachtessen dadurch verlieren. Es ist ein Streich von Genossen und Freunden von uns, welche heute Nacht auf unsere Kosten zu schmausen gedenken, und ohne Zweifel auch ihre Absicht erreichen werden, wenn Ihr, Gentlemen, nicht Euch dazu versteht, uns behülflich zu seyn, um unsere verlorenen Gerichte wieder zu erlangen.« »Euch behülflich seyn, meine lieben Sir – ich will Alles thun, was Ihr nur wünschen könnt, – was wollt Ihr daß ich thue? Soll ich auf das Fort gehen und Beistand von der Armee herbei holen?« »Nein, Sir; unser Zweck kann auch ohne dieß erreicht werden. Ich bin fest überzeugt, wir können, was uns fehlt, nur zwei oder drei Häuser von hier finden, wenn Ihr uns ein wenig, ein ganz klein wenig Beistand leisten wollt.« »Sprecht nur, sprecht nur sogleich, ums Himmels willen, Mr. Guert. Die Schüsseln müssen ja mittlerweile kalt werden!« rief Mr. Worden, mit Lebhaftigkeit aufspringend und sich nach seinem Hut und Mantel umsehend. »Der Dienst, um den wir Euch bitten, Gentlemen, ist einfach dieser,« versetzte Guert mit einer Kaltblütigkeit, die, als ich die Begebenheiten jener Nacht überlegte, mir immer als ganz staunenswerth erschienen ist. »Unser Nachtessen, und zwar ein ganz vortreffliches, befindet sich, wie ich gesagt, ganz in der Nähe. Nichts wird leichter seyn, als es auf unsern eigenen Tisch im nächsten Zimmer zu bringen, könnten wir es nur möglich machen, die alte Doortje von ihrer Küchenpflicht abzurufen und sie etwa fünf Minuten auf dem Thorplatz ihres Hauses hinzuhalten. Uns kennt sie Alle, und würde den Lunten im Augenblick riechen, wenn wir uns zeigten; aber Mr. Worden und Mr. Littlepage hier könnten sie wohl die erforderliche Zeit täuschen und hinhalten, ohne alle Mühe. Sie ist eine außerordentliche Freundin von Dominies, und würde nicht im Stande seyn, Eure Spur in dieses Haus zu verfolgen, so daß wir das Nachtessen im Frieden verzehren könnten. Und wenn es so weit ist, so fragt Niemand nach dem Uebrigen.« »Ich will es thun! – Ich will es thun!« rief Mr. Worden, auf den Gang hinaus eilend, um seinen Hut und Mantel zu suchen. »Es ist nicht mehr als billig, daß Ihr das Eurige wieder bekommt, und die Mahlzeit würde entweder verzehrt oder verkocht und versotten seyn, wenn wir erst Constables herbeiholen wollten.« »Seyd ganz ruhig wegen der Constables, Mr. Worden, wir bedienen uns ihrer nie bei unsern Geflügelkriegen. Alles was wir, die wir gern unser Nachtessen wieder hätten, erwarten können, ist nur: ein Wenig heißes Wasser oder ein Scharmützel mit unsern Bekannten.« Die näheren Umstände der Operation wurden jetzt deutlich und klar festgesetzt. Guert sollte sich an die Spitze einer Schaar stellen, mit großen Körben versehen, welche in die Küche, während Doortje's Abwesenheit, eindringen und die Gerichte wegnehmen sollten, welche noch nicht aufgetragen seyn konnten, da alle Leute in Albany, welche einer gewissen Klasse angehörten, sich pünktlich um neun Uhr zum Nachtessen niedersetzten. Was Doortje betraf, so sollte ein Neger, der im Hause war, um einem der Gäste, seinem Herrn, aufzuwarten, sie heraus locken auf den Platz vor die Hausthüre, da das Haus eine Kellerküche hatte, wo es dann Mr. Worden's Obliegenheit seyn sollte, sie drei oder vier Minuten hinzuhalten. Zu meinem Erstaunen ging der Pfarrer auf die Ausführung des tollen Streiches mit knabenhaftem Eifer ein, versichernd, daß er das Weib wohl eine halbe Stunde hinhalten könnte, wenn es nöthig wäre, indem er ihr eine Vorlesung halten würde über die wichtige Pflicht, das achte Gebot zu beobachten. Sobald die Präliminarien so in's Reine gebracht waren, machten sich die beiden Parthieen auf, um das ihnen Obliegende zu besorgen, da die Stunde an die Nothwendigkeit mahnte, keine Zeit unnöthig zu versäumen. Mir gefiel dieser ganze Handel von Anfang an nicht, denn das Experiment mit dem Bergherunterrutschen hatte mein Vertrauen zu Guert Ten Eyck's Urtheil und Einsicht etwas geschwächt. Dennoch schickte es sich für mich nicht recht, zurückzubleiben, wenn Mr. Worden sich an die Spitze stellte, und am Ende war ja auch eben nichts sonderlich Unrechtes daran, wenn wir ein Nachtessen wieder zu gewinnen suchten, welches man uns aus unserem Hause geraubt hatte. Guert schlug nicht wie wir, den Weg über die Straße ein, sondern er ging mit seinen Genossen zu einer Hinterthür hinaus auf ein Gäßchen und wollte in den Hof des mit einem Angriff bedrohten Hauses mittelst eines ähnlichen Hinterthores gelangen. Einmal in diesem Hofe angekommen, war das Eindringen in die Küche und der Rückzug ziemlich leicht, vorausgesetzt, daß die Köchin in einem so wichtigen Augenblick von ihrer Pflichterfüllung sich abziehen ließ. Alles hing daher von der Geschicklichkeit des im Hause befindlichen jungen Negers, so wie von der unserigen ab. Als wir das Thor des Hauptplatzes erreichten, blieben wir stehen, während unser Neger hinabstieg, um Doortje heraus zu holen. Dieß ließ uns einen Augenblick Zeit, das Gebäude zu besichtigen. Das Haus war groß, viel größer als die meisten in der Nähe, und was mir als ungewöhnlich auffiel: es war eine angezündete Lampe über der Thüre. Dieß sah so aus, als ob es eine Art von Schenke oder Speisehaus wäre, und machte mir die ganze Sache begreiflicher. Unsere kecken und ausgelassenen Plünderer hatten ohne Zweifel die Absicht, ihre Beute in dieser Schenke zu verzehren. Der Neger war kaum eine Minute weg gewesen, als er mit einem jungen Schwarzen wieder heraus kam, einem Diener, den er unter einem selbstersonnenen Vorwand von seinem Posten weggelockt hatte, und die Köchin folgte ihm fast auf dem Fuß. Doortje machte viele Knixe, sobald sie den Stülphut und den schwarzen Mantel des Dominie sah, bat ihn um Verzeihung und erkundigte sich nach seinen Befehlen. Jetzt begann Mr. Worden eine ernste und nachdrückliche Vorlesung über die Sünde des Stehlens und hielt die verblüffte Doortje volle drei Minuten mit seiner Rede hin. Umsonst betheuerte die Köchin, sie habe Nichts genommen; ihres Herrn Eigenthum sey heilig in ihren Augen; sie habe nie ohne Befehl auch nur alte Speisen weggegeben, und sie könne sich nicht denken, warum man mit ihr in solcher Weise spreche. Mr. Worden, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, spielte seine Rolle bewundernswerth, obwohl er allerdings nur mit einem unwissenden Weibsbild es zu thun hatte, welchem sein Beruf den tiefsten Respekt einflößte. Endlich hörten wir ein schrillendes Pfeifen von dem Gäßchen her, das Signal eines glücklichen Erfolges, worauf Mr. Worden Doortje feierlich gute Nacht wünschte und mit all der ernsten Würde eines Priesters weg schritt. Nach ein paar Minuten waren wir wieder in dem Hause und wurden von Guert mit herzlichem Händeschütteln, mit Dank für unsern willkommenen Dienst und mit der Aufforderung zum Nachtessen begrüßt. Es scheint, daß Doortje in der That Alles angerichtet hatte, denn alle Schüsseln standen an einem heißen Feuer und erwarteten nur den Glockenschlag Neun, um aufgetragen zu werden. Bei diesem Stand der Dinge nun war die einzige Veränderung, welche das Nachtessen erfuhr, die, daß es eine kurze Strecke weit durch das Gäßchen getragen und auf unsern Tisch gestellt werden mußte, statt auf denjenigen, für welchen es unmittelbar zuvor bestimmt gewesen. Trotz der Schnelligkeit, womit dieser Austausch von Statten gegangen, wäre es doch für einen Fremden nicht ganz leicht gewesen, irgend eine auffallende Unregelmäßigkeit bei unserem Mahl zu entdecken. Es ist wahr, es standen zwei Gänge von Gerichten auf unserem Tisch, oder vielmehr Gerichte von zwei verschiedenen Gängen; aber die Enten, das Wildpret u. s. w. waren nicht nur gehörig gekocht, sondern auch warm und gut. Daher machten sich Alle mit gutem Appetit ans Werk, und fünf Minuten lang hörte man Wenig außer dem Klirren und Rasseln von Messern und Gabeln. Dann kam das Trinken von Gesundheiten, und endlich die Toaste, die Gesänge und die Geschichten. Guert sang superb, mit einer schönen, klaren, weichen, männlichen Stimme, und er gab einige Melodien mit englischem und holländischem Tert zum Besten. Eben hatte er eines dieser Lieder geendigt, und noch dauerte das laute und lebhafte Händeklatschen, als der junge Mann von Mr. Worden eine Dame oder einen Trinkspruch verlangte. »Kommt, Dominie,« rief er, denn mittlerweile hatte das Gastmahl schon einen ziemlichen Grad von Vertraulichkeit bewirkt – »Kommt, Dominie, Ihr habt Euch so trefflich gehalten als ermahnender Zusprecher, daß wir Alle vor Begierde sterben, Euch predigen zu hören.« »Eine Dame, sagt Ihr, Sir?« fragte der Pfarrer, der so lustig war als wir Alle. »Eine Dame, – eine Dame!« brüllten sechs oder sieben Stimmen auf einmal; »des Dominie's Dame – des Dominie's Dame!« »Nun, Gentlemen, wenn Ihr es durchaus verlangt, so sollt Ihr eine haben. Ihr müßt Euch nicht beklagen; wenn sie etwas ehrwürdig ist, – aber ich gebe Euch: die Mutter Kirche!« Dieß veranlaßte ein unsinniges Gelächter, wie bei dergleichen Fällen gewöhnlich ist, und dann kam die Reihe an mich. Mr. Van Brunt verlangte in aller Form eine Dame von mir. Nachdem ich mich einen Augenblick besonnen, sagte ich, mit Geist, wie ich mir schmeichle: »Gentlemen, ich will Euch eine beinahe ebenso himmlische geben – Miß Anneke Mordaunt!« »Miß Anneke Mordaunt!« wiederhallte es rings um den Tisch, und ich entdeckte bald, daß Anneke der allgemeine Liebling und bereits ein sehr gewöhnlicher Toast in Albany war. »Jetzt werde ich Mr. Guert Ten Eyck bitten, seine Lady zu nennen,« sagte ich, sobald die Stille wieder hergestellt war, denn es folgten in dieser Nacht die Becher in sehr kurzen Pausen auf einander. Diese Aufforderung verwandelte den ganzen Ausdruck von Guert's Gesicht. Es wurde in einem Augenblick ernst, wie wenn die Erinnerung an Diejenige, deren Namen er auszusprechen im Begriffe stand, seiner beinahe wilden Lustigkeit Zaum und Zügel anlegte. Er erröthete, erhob dann die Augen, schaute sich finster rings um, wie wenn er herausfordernd fragen wollte, Wer ihm zu widersprechen wage, und gab: »Miß Mary Wallace!« »Ja, Guert, wir sind jetzt an diesen Namen gewöhnt,« sagte Van Brunt etwas trocken. »Dieß ist das zehnte Mal, daß ich ihn binnen zwei Monaten von Euch höre.« »Ihr werdet ihn wahrscheinlich noch zwanzigmal hören, Sir; denn ich werde Mary Wallace und keine Andere als Mary Wallace geben, so lange die Lady Mary Wallace bleibt. Ei wie, Mr. Constable! Was mag denn die Veranlassung seyn, daß uns zu dieser Nachtzeit die Ehre eines Besuchs von Euch zu Theil wird?« Dreizehntes Kapitel. Ihr Herrn, es ist bewiesen schon, daß Ihr Viel mehr nicht seyd als lügenhafte Schelme, Und binnen Kurzem wird man's nah' zu glauben. Dagberry. Die plötzliche Erscheinung des Stadt-Constable's, eines Beamten, dessen Person den Meisten von der Gesellschaft nicht unbekannt war, brachte alle am Tisch Anwesenden auf die Beine, den Hochwürdigen Mr. Worden, Dirck und mich miteingeschlossen. Ich für meinen Theil sah keinen sonderlichen Anlaß zur Besorgniß, obwohl mir sogleich einfiel, dieser Besuch dürfte wohl Bezug haben auf das erbeutete Nachtessen, da das Gesetz nicht in allen Fällen Einem erlaubt, sogar sein Eigenthum durch Täuschung und Gewalt wieder an sich zu bringen. Was den Constable selbst betrifft, einen kleinen, gedrungenen, stumpfnasigen, ächt holländisch gebauten Mann, der das Englische sprach, wie wenn es ihm in der Natur zuwider wäre, so war er der Kaltblütigste von der ganzen Gesellschaft. »Nun, Mr. Guert,« sagte er mit einer Art von gutmüthig gebieterischem Brummen, »da muß ich schon wieder kommen! Mr. Mayor würde sich glücklich schätzen, Euch zu sehen, und den Dominie, der in Eurer Gesellschaft ist, und den Gentleman, der die Rolle des Küsters spielte, als er der alten Doortje, Mr. Mayors Köchin, die Ermahnung ertheilte.« Mr. Mayors Köchin! da kam also das Geheimniß heraus, wie es mit der Rache und Vergeltung stand! Guert hatte nicht sein eigenes geraubtes Nachtessen wieder in Besitz genommen, das, einmal in die Hände der Philister gefallen, hoffnungslos dahin war; sondern er hatte in der That gestohlen und verzehrt das Nachtessen, welches zubereitet war für den Mayor von Albany, Peter Cuyler, einen Mann von Ansehen und Geltung in jeder Beziehung; einen Beamten, welcher seit unvordenklicher Zeit diesen Posten bekleidete; – die Lampe war das Symbol der Autorität, und nicht das Zeichen einer Schenke oder eines Speisehauses; – das Nachtessen war überdieß nicht für Einen Mann, oder Eine Familie zubereitet, sondern ganz gewiß zur anständigen Bewirthung einer trefflichen Gesellschaft bestimmt gewesen; fünfzehn kräftige Männer hatten zuerst ihren Hunger daran gestillt, und die Ueberbleibsel wurden in diesem Augenblick bearbeitet von einem Halbdutzend großmäuliger, glänzender Negergesichter in der Küche! Unter solchen Umständen sah ich den Hochwürdigen Mr. Worden forschend an – und ebenso bedenklich sah der Hochwürdige Mr. Worden mich an. Dem Anschein nach gab es jedoch hier keine Abhülfe; aber nach einer kurzen Berathung mit Guert nahmen wir, die Vorgeladenen, unsere Hüte, und folgten Dogberry nach der Residenz des Mr. Mayors. »Ihr dürft Euch keine Sorge machen, Gentlemen, wegen dieser kleinen Unterbrechung unserer Lustbarkeit,« sagte Guert, zwischen Mr. Worden und mich sich eindrängend, während wir unseres Weges gingen, »denn dergleichen Dinge kommen bei uns sehr häufig vor. Ihr seyd, wißt Ihr, unter allen Umständen unschuldig, da Ihr glaubtet, das Nachtessen sey unser eigenes – durch unmittelbare Selbsthülfe wieder erobert, statt zu der schäbigen Saumseligkeit des Gesetzes unsere Zuflucht zu nehmen.« »Und Wessen Nachtessen, Sir, mag denn das gewesen seyn, das wir so eben verzehrt haben?« fragte Mr. Worden. »Nun, es kann jetzt Nichts schaden, wenn ich die Wahrheit sage, Dominie; und ich will daher bekennen, es gehörte rechtlicher Weise dem Mr. Mayor Cuyler. Es hat jedoch keine große Gefahr damit, wie Ihr sehen werdet, wenn ich Euch die Sache erkläre. Ihr müßt wissen, daß des Mayors Frau eine Schuyler war und daß meine Mutter etwas von diesem Blut in ihren Adern hat, und daß wir in Albany die Vettern zählen so weit man sehen kann. Es heißt daher nur, auf eine von dem Gewöhnlichen etwas abweichende Art mit seinen Verwandten zu Nacht essen, wie Ihr einsehen werdet, Gentlemen!« »Habt Ihr in dieser Sache redlich gegen mich und Mr. Littlepage gehandelt, Sir?« fragte Mr. Worden etwas finster. »Ich konnte ganz schicklicher Weise einer Köchin eine Ermahnung halten über das achte Gebot, wenn diese Köchin zu einer Gesellschaft gehörte, welche Euch Euer Nachtessen geraubt hatte; aber wie soll ich Sr. Ehren, dem Mr. Mayor antworten auf die Anschuldigung, welche jetzt gegen mich wird erhoben werden? Nicht sowohl wegen meiner selbst, Mr. Guert, bin ich so sehr angefochten und in Sorgen, als um den Ruf und Leumund meines heiligen Amtes, und das dazu noch unter Schülern von den Leydener Schulen!« »Ueberlaßt Alles mir, überlaßt Alles mir,« antwortete Guert, immer bereit, lieber sich aufzuopfern, als einen Freund in Verlegenheit kommen zu lassen. »Ich bin an solche kleine Vorfälle gewöhnt und will schon für Euch sorgen.« »Dafür will ich stehen,« bemerkte hiezu der Constable, über seine Schulter einen Blick werfend. »Kein junger Springinsfeld in Albany ist in diesen Dingen besser bewandert als Mr. Guert hier. Wenn irgend Einer seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann, so ist es Mr. Guert. Ja, ja, er versteht sich gewiß vortrefflich auf diese kleinen Sachen.« Das war in Wahrheit sehr ermuthigend! Unser Genosse war so bekannt wegen seiner tollen und lustigen Streiche, daß selbst der Constable, der ihn gefaßt hatte, ganz zuversichtlich auf seine Gewandtheit zählte, sich aus Verlegenheiten hinauszuhelfen! Ich befürchtete nicht, daß irgend Einer von uns geradezu wegen förmlicher Räuberei würde prozessirt und verurtheilt werden; denn ich wußte, wie weit die Holländer ihre Spässe in dieser Gattung trieben, und wie nachsichtig die Aeltern gegen die Jüngern waren, besonders aber, wie sehr geneigt alle Menschen sind, ein Unternehmen von der Art, wie das, in welches wir verwickelt waren, gelind zu beurtheilen, wenn es mit Gewandtheit und auf eine Lachen erregende Weise durchgeführt worden ist. Dennoch war es kein Spaß, einem Mayor sein Nachtessen zu rauben, da diese Beamten gewöhnlich zu ihrer Würde durch den Probegrad eines Alderman emporsteigen. Guert war nicht frei von unbehaglicher Besorgniß, wie dieß aus einer Frage erhellte, die er auf den Treppen von Mr. Cuyler's Hause und gerade unter dem Licht der amtlichen Lampe an den Constable richtete. »Wie ist der alte Gentleman diesen Abend, Hans?« fragte der Erstere, mit einiger Unruhe in seinem Wesen. »Ich hoffe, er und seine Gesellschaft haben zu Nacht gegessen?« »Ha, das ist mehr gefragt, als ich Euch sagen kann, Mr. Guert. Er sah fast so aus, wie damals, als er die Roßdiebe von New-York in seine Hände bekommen, und wie ich ihn sonst nicht leicht gesehen. Es war aber auch gar zu arg, Mr. Guert, mit des Mr. Mayors eignem Nachtessen davon zu laufen! Ich hätte Euch sagen können, Wer Eure Enten und Euer Wildpret hatte.« »Ich wünsche von ganzem Herzen, Ihr hättet das gethan, Hans! aber wir waren hart im Gedränge und sollten einen fremden Dominie traktiren. Ihr wißt, eine Gesellschaft muß für Gäste gut sorgen.« »Ja, ja, das begreife ich, und ich kann mir denken, in welchem Gedränge Ihr müßt gewesen seyn, um so Etwas zu thun; aber es war doch gar zu arg. Nun, wir sind Alle jung, ehe wir alt werden – das weiß ja Jedermann.« Mittlerweile war die Thüre geöffnet worden und wir traten ein. Der Mr. Mayor hatte Befehle ertheilt, wir sollten Alle in das Gesellschaftszimmer geführt werden, wo er, wie ich aus dem, was später erfolgte, schloß, die Absicht hatte, Guert etwas mehr als gewöhnlich zu züchtigen, indem er ihn vor den Augen einer gewissen Person blos stellte. Jeden Falls kann der Leser sich mein Entsetzen vorstellen, als ich fand, daß die Gesellschaft, deren Nachtessen ich so eben hatte verzehren helfen, außer drei oder vier Söhnen und Töchtern des Hauses, aus Herman Mordaunt, Mary Wallace und Anneke bestand! Natürlich wußten Alle, was verübt worden war; aber bis zu unserm Eintritt in das Zimmer wußten nur der Mayor, Wer es gethan hatte. Von Mr. Worden und von mir wußte er selbst auch noch nicht mehr, als was er aus Doortje's Erzählung vom Hergang der Sache erfahren; und die Köchin hatte uns, wie ganz natürlich, als Spitzbuben geschildert, welche sich fälschlich für Geistliche ausgegeben. Guert war ein durchaus mannhafter Bursche, und er war großmüthig und gerecht genug gegen uns, zuerst in das Gesellschaftszimmer hinein zu treten. Der arme Kerl! ich kann mich selbst jetzt noch nach so langer Zeit ganz in seine Gefühle hinein denken, als sein Auge zuerst auf der Mary Wallace blasses und verstörtes Angesicht fiel. Sie konnten nicht viel weniger peinlich seyn, als die meinigen, wie ich zuerst Anneke'ns flammendes Antlitz erblickte, und den Ausdruck von beleidigtem Schicklichkeitsgefühl, welchen ich im Leuchten ihres befremdeten Auges zu entdecken glaubte! Mr. Mayor betrachtete sichtlich den Mr. Worden mit Ueberraschung und ebenso auch mich; denn statt Fremder erwartete er vermuthlich zwei jener Missethäter zu finden, deren Gesichter ihm durch verschiedentliche ähnliche spaßhafte Räubereien, im Bereich seiner Jurisdiktion verübt, bekannt waren. Und dann konnte der Umstand, daß Mr. Worden ein wirklicher Dominie war, nicht bezweifelt werden von denjenigen, die ihn so Angesicht gegen Angesicht vor sich stehen sahen, mit allen Zeichen seines heiligen Berufes in Tracht und Wesen. »Ich glaube, hier muß ein Irrthum obwalten, Constable!« rief Mr. Mayor. »Warum habt Ihr diese zwei fremden Gentlemen zugleich mit Guert Ten Eyck hieher gebracht?« »Mein Auftrag, Mr. Mayor, lautete: Doortje'ns spitzbübischen Dominie und seinen spitzbübischen Freund hieher zu bringen; und das ist der Eine und dieß ist der Andere.« »Dieser Gentlemen hat das Aussehen eines wirklichen Geistlichen, und zwar überdieß eines Geistlichen von der Kirche von England.« »Ja, Mr. Mayor, das ist ganz richtig so. Er wird Euch fünfzehn Minuten fortpredigen, ohne aufzuhören, wenn Ihr ihm einen schwarzen Kirchenrock gebt, und eine Stunde lang beten in einem weißen Hemde.« »Wollt Ihr mir die Gunst erweisen, Guert Ten Eyck, und mich die Namen der Fremden wissen lassen, welche ich zu empfangen das Vergnügen habe,« sagte der Mayor in etwas gebieterischem Tone. »Gewiß, Mr. Mayor, gewiß, und mit dem größten Vergnügen. Ich würde das sogleich gethan haben, wären wir von einem Andern, als von dem Stadt-Constable in Euer Haus eingeführt worden. So oft ich diesen Herrn irgendwohin begleite, warte ich immer, um erst meiner Bewillkommnung gewiß zu seyn.« Guert lachte ziemlich herzhaft bei dieser Anspielung auf seine bekannten Missethaten, während Mr. Cuyler nur lächelte. Ich bemerkte aber, trotz der strengen Maßregeln, zu welchen der Letztere in diesem besondern Falle gegriffen hatte, daß er gegen den Andern nicht unfreundlich gesinnt, und daß unser Freund Guert nicht im buchstäblichen Sinne zu den Räubern gerechnet war, wenn er auch mit uns hieher geführt worden war. »Dieser hochwürdige Dominie,« fuhr Guert fort, nachdem er ausgelacht, und einen raschen, forschenden Blick auf Mary Wallace zu werfen gewagt hatte, »ist ein Gentleman aus England, welcher übermorgen in der St. Peterskirche predigen soll, Mr. Mayor, auf besondere Einladung des Kaplans; wo wir Alle, wie ich nicht zweifle, sehr erbaut seyn werden; Miß Mary Wallace unter den Uebrigen auch, falls sie ihm die Ehre erweist, dem Gottesdienst anzuwohnen – gut, engelhaft und verzeihend , wie sie, das weiß ich, von Natur ist.« Diese Rede machte, daß Aller Augen sich auf die junge Lady richteten, deren Antlitz scharlachroth wurde, obwohl sie Nichts darauf erwiederte. Ich war jetzt ganz überzeugt, daß Guert's männliche, offene, zugestandene und aufrichtige Bewunderung das Herz der Mary Wallace gerührt hatte, während ihre Vernunft verdammte, was ihr natürliches Gefühl und ihr Herz ermuthigte, und der Kampf in ihrer Seele war damals und noch lange nachher für mich ein Gegenstand des ernstlichen Studiums und Nachdenkens. Was Anneke betrifft, so schien mir, sie mißbillige dieß etwas unvorsichtige, um nicht zu sagen, unzarte, obwohl indirekte Geständniß seiner Gefühle für seine Geliebte, und sie sehe Guert sogar noch mit größerer Kälte an, als zuvor. Keine von den beiden Ladies jedoch sprach ein Wort. Während dieses Schweigens hatte Mr. Cuyler Muße, sich von seinem Erstaunen zu erholen, über die Entdeckung, daß der Eine seiner Gefangenen wirklich ein Geistlicher war, und zu fragen, Wer denn der Andere sey. »Dieser Gentleman ist also wirklich ein Geistlicher!« versetzte er. »Ihr habt vergessen, mir den Andern zu nennen, Guert.« »Das ist Mr. Corny Littlepage, Mr. Mayor – der einzige Sohn des Major Littlepage, von Satanstoe, in West-Chester.« Der Mayor schien ein wenig verblüfft und war, glaube ich, in einiger Verlegenheit, in welcher Weise er weiter verfahren solle. Der Einfall Guert's in sein Haus übertraf an Keckheit weit Alles der Art, was je früher in Albany vorgekommen war. Es war bei jungen Männern seines Schlages etwas ganz Gewöhnliches, Hühner, Ferkel u. dgl. wegzuschleppen und die Beute zu verzehren; und es waren Fälle vorgekommen, wie ich später erfuhr, wo rivalisirende Parteien dieser Freibeuter von einander zehrten, – so daß man Fälle wußte, wo dieselben Bestandtheile eines Nachtessens zwei oder dreimal den Herrn gewechselt hatten, ehe sie wirklich verspeist wurden, – aber kein Mensch hatte sich, vor diesem Abend, beigehen lassen, einen Einbruch auch nur in dem Hühnerstall des Mayors zu machen, vielweniger die Domänen seiner Köchin anzugreifen. In der ersten Aufwallung seines Zornes hatte Mr. Cuyler den Constable rufen lassen; und da Guert's Club und dessen Zusammenkunftsort wohl bekannt war, weil dieser Beamte schon oft Gelegenheit gehabt hatte, ihn zu besuchen, so begab er sich auch jetzt sogleich dahin. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß einige Ueberlegung den Mayor auf die Ansicht führte, ein lustiger Streich dürfe doch nicht wie eine Missethat behandelt werden; und in den Adern Guert's fließe Etwas vom Blute seiner eignen Gattin. Als er fand, daß zwei respektable Fremde auch in die Sache verwickelt waren, wovon Einer ein wirklicher Geistlicher, ward dieß menschenfreundliche Gefühl in ihm bestärkt, und er änderte jetzt die Art und Weise seines Verfahrens. »Ihr könnt jetzt wieder nach Hause gehen, Hans,« sagte Mr. Mayor, merklich milder geworden in seinem Ton und Benehmen. »Sollte die Gelegenheit Eure weitern Dienste erheischen, so will ich Euch holen lassen. Jetzt, Gentleman,« fuhr er fort, sobald sich die Thüre hinter dem Constable geschlossen hatte, »will ich Euch überzeugen, daß der alte Peter Cuyler einen Tisch besetzen und seine Freunde sättigen kann, selbst wenn er Guert Ten Eyck zu seinem so nahen Nachbar hat. Miß Wallace, wollt Ihr mir die Ehre gönnen, Euch von mir zu Tische führen zu lassen? Mr. Worden wird Mrs. Cuyler wohlbehalten ebendahin begleiten.« Auf diesen Wink trat der Missionär mit rascher Lebhaftigkeit vor und führte mit der äußersten Höflichkeit die Mrs. Mayoreß, hinter Mary Wallace, zu Tische. Guert that dasselbe mit einer der jungen Ladies des Hauses; Anneke ward von einem der jungen Männer geführt, und ich nahm die noch übrige junge Lady, die, wie ich vermuthete, auch zur Familie gehörte. Es war ganz offenbar, daß wir eine Gnadenfrist, wo nicht gänzliche Begnadigung erlangt hatten; und wir Alle hielten für das Klügste, so unbefangen als möglich zu scheinen, um nicht die gute Laune des ersten Magistrats der alten Stadt Albany zu stören. Um dem Mr. Mayor Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die verlorene Zeit war von Doortje so gut benützt worden, daß, wie ich einen Blick auf den Tisch warf, mich bedünkte, das Nachtessen, zu welchem ich auf so sonderbare Weise eingeladen worden, sey das bessere von den beiden, welche ich an diesem Abend zu Gesichte bekam. Zum Glück gab es Wildpret in Menge; und mittelst Wachteln, Rebhühnern, Austern, Wildpretpasteten und andern Gerichten der Art hatte die Köchin es möglich gemacht, um zehn Uhr ein ebenso gutes Nachtessen heraufzuschicken, als ursprünglich eines auf neun Uhr in Bereitschaft gehalten worden war. Ich will nicht behaupten, daß ich mich ganz behaglich gefühlt, als ich, zum zweiten Mal diesen Abend, meinen Sitz am Tische einnahm. Alle jüngern Mitglieder der Gesellschaft machten ausnehmend ernste Gesichter, wie wenn sie unsere Anwesenheit recht gerne entbehren würden; nur die Alten schienen mit einiger Laune auf die seltsame Scene einzugehen. Anneke sah mich nicht einmal an, nach dem ersten staunenden Blick, welchen sie mir bei meinem Eintreten zugeworfen; auch erhob Mary Wallace nicht Einmal ihre Augen gegen Guert, nachdem wir im Speisezimmer angekommen. Aber Mr. Mayor hatte nun einmal beschlossen, die Geschichte wegzulachen; und er und Mr. Worden wurden bald die dicksten Freunde und begannen frei und ungezwungen sich mit einander zu unterhalten. »Kommt, Vetter Guert,« rief Mr. Mayor, nachdem zwei oder drei Gläser Madeira sein Herz noch mehr erwärmt hatten, »schenkt Euch ein und thut mir Bescheid – wenn Ihr uns nicht lieber eine Dame nennt. Im letzteren Falle werden Alle von Herzen gern auf ihre Gesundheit trinken. Ihr eßt Nichts und müßt desto mehr trinken.« »Ach, Mr. Mayor, ich habe heute Abend schon eine Dame toastet, und kann keine Andre toasten.« »Auch nicht, wenn die anwesende Gesellschaft ausgenommen seyn soll, mein Junge?« »Nein, Sir, auch nicht einmal mit dieser Vergünstigung. Ich thue Euch von ganzem Herzen Bescheid, und danke Euch von ganzem Herzen für diese großmüthige Bewirthung, nach meinem eignen tollen Streich; – aber Ihr wißt, Mr. Mayor, wie es bei uns jungen Leuten in Albany ist; wenn unser Stolz betheiligt ist und ein Nachtessen durchaus angeschafft werden muß –« »Nein, Guert, ich weiß gar Nichts von der Sache, aber ich würde sehr gern Alles erfahren. Erstlich, wie kämet Ihr zu einem solchen Gelüsten, nach dem Nachtessen meiner Köchin? Bildet Ihr Euch ein, es sey besser, als Van Brunt's Köchin es Euch geben könnte?« »Das Nachtessen von Arent Van Brunt's Köchin war verschwunden – den Berg hinauf gewandert, bilde ich mir ein, unter die Rothröcke; und die Wahrheit zu gestehen, wir mußten Eures haben oder keines. Ich hatte diese Gentlemen eingeladen, den Abend mit uns zuzubringen. Einer unsrer Schwarzen erwähnte zufällig, was hier vorgehe, und die Gastlichkeit verleitete uns zu einem solchen Fehltritt. Weiter war es Nichts, das kann ich Euch versichern, Mr. Mayor.« »Und so waren Eure gastfreundlichen Gesinnungen Schuld daran, daß Ihr Eure Gäste um ihr Nachtessen arbeiten ließet und sie hinschicket, um der alten Doortje zu predigen, während Ihr meine Enten und mein Wildpret anrichtetet?« »Verzeihung, Mr. Mayor; Doortje hatte schon angerichtet, ehe sie zu der Predigt ging. Eure Köchin ist zu gut geschult, um ihre Pflicht zu vernachlässigen, gälte es selbst eine Rede des Hochwürdigen Mr. Worden zu hören. Aber diese Gentlemen wurden selbst nicht minder betrogen als das alte Weib; denn sie standen im Wahne, wir jagten unserm eignen verlorenen Gute nach, und wußten nicht, daß Ihr hier wohnet, und sie ließen sich ebenso von mir hinter's Licht führen, wie die alte Doortje selbst. Die Wahrheit verpflichtet mich dieß zu ihrer Rechtfertigung zu bekennen.« Bei diesem offenherzigen Geständniß klärten sich alle Gesichter am Tische auf; und ich bemerkte, daß Anneke selbst ihre Blicke forschend und fragend auf den Redenden richtete, und daß ein Lächeln den ausnehmenden Ernst ihrer holden Züge milderte. Von diesem Augenblick an trat eine sehr merkliche Veränderung in den Gefühlen und in dem Benehmen des jüngern Theils der Gesellschaft ein und die Unterhaltung wurde natürlicher und freier. Gewiß kam es uns sehr zu Statten, daß bekannt wurde, daß wir nicht absichtlich und in knabenhaftem Leichtsinn Antheil genommen hatten an einem frechen, muthwilligen Unternehmen, gerade diese ganz harmlose Familie zu berauben und zu verhöhnen, sondern daß Mr. Worden und ich der Meinung waren, wir seyen nur behülflich, die Sachen wieder zu erlangen, welche von Rechtswegen unsern Wirthen gehörten, und das auf eine Art und Weise, worüber die Gesellschaft, gegen welche wir zu manöuvriren wähnten, sich durchaus nicht zu beklagen das Recht hatte, sofern sie selbst mit ihrem Beispiel vorangegangen. Guert ward ermuthigt, mit weiteren Erläuterungen herauszurücken, was er in der ihm eignen aufrichtigen und ehrlichen Weise that, und in der That dadurch uns von jeder Schuld freisprach, außer von der, daß wir etwas zu sehr aufgelegt zu schalkhaften Streichen waren, für einen Diener der Kirche, und seinen Zögling, der eben seine Reisen angetreten hatte. Anneke'ns Antlitz erheiterte sich mehr und mehr im Verlaufe der gegebenen Erklärungen; und bald nachdem sie zu Ende waren, wandte sie sich zu mir mit höchst huldvollem und freundlichem Wesen und erkundigte sich nach meiner Mutter. Da ich ihr gerade gegenüber saß, und der Tisch schmal war, konnten wir mit einander sprechen, ohne sonderliche Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen; denn Mr. Mayor und seine andern Gäste weiter unten am Tisch machten fortwährend anständig laute und geräuschvolle Scherze über die Vorfälle des Abends. »Ihr findet manche Bräuche in Albany, Mr. Littlepage, die uns in New-York nicht bekannt sind,« bemerkte Anneke, nachdem einige einleitende Worte den Weg zu weiterem Gespräche gebahnt hatten. »Ich weiß nicht recht, Miß Anneke, ob Ihr auf das anspielt, was diesen Abend, oder auf das, was heute Nachmittag vorgefallen ist?« versetzte ich. »Auf beides, glaube ich,« antwortete Anneke lächelnd, obwohl sie erröthete, wie mir schien, in einer Art von weiblicher Verlegenheit; »denn sicherlich ist das Eine bei uns so wenig der Brauch als das Andere.« »Ich bin höchst unglücklich gewesen, Miß Mordaunt, in der Art mich zu produziren binnen der wenigen Stunden, welche ich an diesem mir fremden Ort zugebracht habe. Ich fürchte, Ihr seht in mir etwas wenig Besseres als einen großaufgeschossenen Knaben, dem seine Eltern erlaubt haben, die Heimath früher zu verlassen, als er hätte sollen.« »Das ist Eure Deutung der Sache, nicht die meinige, Mr. Littlepage. Ich vermuthe, Ihr wißt – aber davon wollen wir im andern Zimmer oder zu einer andern Zeit sprechen.« Ich verstand den Wink und sprach über Tisch nicht mehr von der Sache. Mr. Mayor, vermuthlich in Betracht, daß wir schon den Anforderungen einer andern Mahlzeit an diesem Abend genügt hatten, gestattete uns das Speisezimmer viel früher zu verlassen, als gewöhnlich, und da es schon eine späte Stunde war, brach die ganze Gesellschaft alsbald auf. Ehe wir uns trennten jedoch, näherte sich mir Herman Mordaunt in freundschaftlicher, offener Art, lud mich ein, am andern Tag um acht Uhr zum Frühstück zu ihm in sein Haus zu kommen, und bat sich zugleich das Vergnügen der Begleitung Dirck's aus; die Einladung an Letztern sollte ich überbringen. Ich brauchte kaum zu sagen, mit welcher Freude ich zusagte, und welchen Trost es mir gewährte, auf diese Weise ein Abenteuer ausgehen zu sehen, welches mich eine Weile mit arger Schmach bedroht hatte. Hätte dem Mr. Mayor beliebt, den Handel mit der Entwendung seines ersten Nachtessens in ernster Weise zu verfolgen, so hätten die Folgen davon, obwohl die gesetzliche Ahndung mich schwerlich sehr hart hätte treffen können, doch leicht sehr beschämend für mich werden können; und ich zweifle nicht, sie würden meinem Besuch im Norden ein sehr rasches Ende gemacht haben. So nun fühlte ich mich in meinem Gemüth unsäglich erleichtert, und ich glaube derselbe Fall war es auch mit dem Hochwürdigen Mr. Worden. »Corny,« sagte dieser Gentleman, nachdem wir Guert gute Nacht gewünscht hatten, und uns unterwegs nach unserm Gasthause befanden, »dieß zweite Nachtessen hat erstaunlich dazu geholfen, das erste zu verdauen. Ich zweifle, ob unser neuer Bekannter hier uns wirklich sehr nützlich werden dürfte.« »Und doch, Sir, scheint Ihr ausnehmend Geschmack an ihm zu finden, und ich glaubte, Ihr seyet die besten Freunde.« »Der Bursch gefällt mir auch ganz gut; denn er ist herzlich, offen und gutmüthig; aber es war auch einige Politik dabei im Spiele, daß ich mich auf guten Fuß mit ihm zu stellen suchte. Ich fürchte, Corny, ich habe heute Morgen auf dem Eis die Würde meines heiligen Amtes nicht ganz gewahrt; es ist ausnehmend unpassend für einen Geistlichen, daß man ihn an einem öffentlichen Orte laufen und rennen sieht, wie einen Schulbuben, oder wie einen jungen Laffen in einem Wettlauf. Ich meinte überdieß einen dieser jungen Holländer mich den »Springenden Dominie« nennen zu hören; und so, Alles zusammengenommen, dachte ich, es werde das Klügste seyn, mich mit diesem Guert Ten Eyck auf einen guten Fuß zu stellen.« »Ich verstehe Eure Politik, Sir, und es kommt mir nicht zu, sie zu bestreiten. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß ich ungemeines Wohlgefallen an Guert finde und ihn nicht leicht aufgeben werde, obgleich er mich in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft schon in zwei ernste Verlegenheiten verwickelt hat. Es ist ein herzhafter, gutmüthiger, unbesonnener junger Gesell, der, wie ein ächter Holländer, wenn er einen Anlauf nimmt, das Leben zu genießen, es auch mit ganzem Herzen thut.« Dann erzählte ich dem Mr. Worden die Geschichte mit dem Handschlitten, und er gab mir jene Art von Trost, dessen man so viel einnimmt, wenn man sich mit dem Ellbogen den Weg bahnt durch diese geschäftige, selbstsüchtige Welt. »Nun, Corny,« sagte mein alter Lehrer, »ich weiß wahrlich nicht, ob Ihr nicht noch närrischer Euch ausnahmet, wie Ihr von jenem Schlitten herabfloget, als ich, wie ich vor unsern Freunden im Schlitten davonsprang!« Wir Beide lachten, als wir in das Gasthaus traten; ich um den Aerger zu verhehlen, den ich wirklich empfand, und Mr. Worden, wie ich vermuthe, weil er sich mit der Annahme schmeichelte, ich müsse mich in ebenso lächerlichem Lichte dargestellt haben, wie er. Am nächsten Morgen begab ich mich zu der frühesten Stunde, welche die Regeln der Gesellschaft gestatteten, nach Herman Mordaunt's Wohnung. Ich fand die Familie im Besitz eines jener holländischen Gebäude, aus welchen Albany zum größten Theile besteht, und welche etwas von der Straße zurückstanden, mit einem winzigen Hofe vorn, dem offenen Sitzplatz am schrägen Dach und den Giebel dem Hofe zugekehrt. Die Hauptmauern dieses Hauses verjüngten sich gegen die hohe Spitze eines sehr steilen Daches zu durch Stufen, wie wir Alle so gewohnt sind, sie zu sehen, und über dem Ganzen schwebte ein eiserner Wetterhahn, der sich auf einer ziemlich hohen eisernen Stange wiegte. Es war immer für die Holländer etwas sehr Wichtiges, zu wissen, woher der Wind wehte; auch vertrug es sich nicht mit ihrer ängstlichen Pünktlichkeit und Genauigkeit, sich auf die gewöhnlichen Anzeichen zu verlassen, die unmittelbare Empfindung an der Haut, die Biegung der Aeste an den Bäumen, die Richtung der Wolken und das Aufsteigen des Rauches; sondern sie mußten und wollten die sichere Gewährleistung einer Maschine haben, welche ausdrücklich zu dem Zweck eingerichtet war, ihnen dieß anzuzeigen. Der Rauch konnte irren, aber ein Wetterhahn nicht! Niemand war in dem kleinen Gesellschaftszimmer, in welches ich von dem Diener gewiesen wurde, der mir das Haus öffnete, und in welchem ich Herman Mordaunt's ersten Diener, von seinem Gesinde in New-York, erkannte. Wie reizend erschien mir dieß kleine Zimmer in den paar Minuten, welche ich allein darin blieb! Da lag eben der Shawl, welchen Anneke an dem Tage angehabt, wo ich sie auf dem Pinksterfelde traf; und ein Paar Handschuhe, welche zu tragen keine andern Hände als die ihrigen mir klein genug schienen, waren auf den Shawl nachlässig hingeworfen, wie man Dinge der Art in der Eile von sich wirft. Eine Anzahl anderer Artikel lagen da und dort herum, welche die Lebensgewohnheiten und die Gegenwart feingebildeter Frauen verriethen. Aber die Handschuhe zogen am meisten meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich mußte durchaus aufstehen, und sie genauer besichtigen. Es ist wahr, diese Handschuhe konnten auch der Mary Wallace gehören, denn auch sie hatte eine gar hübsche kleine Hand; aber ich bildete mir nun einmal ein, sie gehörten Anneken. In dieser Ueberzeugung hob ich sie auf und führte sie an meinen Mund, und war eben im Begriff, mit überschwänglichem romantischem Gefühle meine Lippen darauf zu pressen, als leichte Schritte im Zimmer mir sagten, daß ich nicht allein war. Ich ließ die Handschuhe fallen, wandte mich um, und erblickte Anneke'n selbst. Sie sah mich mit einem Ausdruck in ihrem Antlitz an, welchen ich mir damals nicht zu deuten wußte, und welchen ich noch jetzt kaum zu beschreiben weiß. Erstlich war ihr holdseliges Gesicht von Erröthen übergossen, während ihr Auge erfüllt war vom Ausdruck sanft gedämpfter Theilnahme, der mein Herz so gewaltig schlagen machte, daß ich nicht anders vermuthete, als es werde durch die Kehle herauf sich drängen. Wie nahe war ich daran, in diesem Augenblick alle meine Gefühle kund zu geben, mich dem lieben, theuern Geschöpf zu Füßen zu werfen, zu gestehen, wie sehr und wie überwältigend sie während des letzten Jahres meine Gedanken im Schlafen wie im Wachen erfüllt und beschäftigt hatte, und sie anzuflehen, meine übrigen Tage dadurch zu segnen, daß sie meine Gattin würde! Nichts verhinderte diese Kühnheit, als die Bemerkung, welche Anneke machte, sobald sie sich in Erwiederung meines verlegenen und linkischen Bücklings verneigt hatte, und welche so lautete: »Was findet Ihr denn so sehr zu bewundern an der Miß Wallace Handschuhen?« fragte das schalkhafte Mädchen, wie mir schien, sich in die Lippe beißend, um ein Lächeln zu unterdrücken, obgleich ihre Wangen noch immer mit Purpur übergossen waren, und ihr Auge noch immer jenen unbeschreiblichen Ausdruck bezaubernder Sanftheit hatte. »Es ist ein Paar, das mein Vater ihr schenkte, und sie trug sie gestern Abend ihm zu Ehren.« »Ich bitte um Verzeihung, Miß Mordaunt – Miß Anneke – das heißt – ich bitte um Verzeihung. Haben diese Handschuhe nicht einen ganz köstlichen Geruch an sich – das heißt, ich meinte so, und suchte mich durch Riechen zu vergewissern, was es wohl seyn könnte.« »Es muß der Lavendel seyn, womit wir jungen Ladies koketter Weise unsere Handschuhe und Taschentücher würzen – oder auch Moschus. Mary ist eine große Freundin von Moschus, während ich Lavendel vorziehe. Aber was wir gestern für einen Abend gehabt haben, Mr. Littlepage! und was für eine Einführung Ihr gehabt habt in Albany! und hauptsächlich, welch einen Ceremonienmeister!« »Mißfällt Euch denn Guert Ten Eyck als Bekannter, Miß Anneke?« »Keineswegs. Es ist ganz unmöglich, daß Einem Guert mißfalle; er ist so männlich, so bereit seine Schwächen zu gestehen; so aufrichtig in Allem, was er sagt und thut; so gutmüthig! kurz, er hat so viele Eigenschaften, wie man sie sich, als seine Schwester, nur wünschen möchte, und doch auch so viele, die eine Schwester an ihm bedauern müßte.« »Ich glaubte gestern Abend zu bemerken, daß alle Ladies Interesse für ihn empfanden, trotz der zahllosen Ausgelassenheiten und Unbesonnenheiten, die er begeht. Ist er nicht in hohen Gunsten bei Miß Wallace?« Der rasche, ein etwas verletztes Gefühl verrathende Blick, welchen Anneke mir zuwarf, sagte deutlich genug, daß meine Frage unbescheiden war, und sie war nicht sobald über meinen Mund, als ich sie auch schon bereute. Ein Schatten flog über das holdselige Antlitz meiner Gesellschafterin, und es folgte ein Augenblick tiefen, und wie mich bedünken wollte, schmerzlichen Nachsinnens. Dann verbreitete sich aber ein Licht über Alles, ein Lächeln erhellte ihre Züge, worauf ein leichtmüthiges, mädchenhaftes Lachen zeigte, wie lebhaft die in ihrem Innern sich bewegenden Kräfte waren, und wie stark ihre natürliche Hinneigung zu guter Laune und Zufriedenheit. »Am Ende, Corny Littlepage,« sagte Anneke, ihr Angesicht gegen mich wendend, mit einem unbeschreiblichen Ausdruck, in welchem Schalkhaftigkeit und Gefühl so vermischt waren, daß ich ganz verdutzt darüber war, »müßt Ihr doch zugeben, daß Euer Abenteuer mit dem Handschlitten lächerlich genug war, um einem jungen Manne einige Zeit nachgetragen zu werden.« »Ich gebe Alles zu, Anneke, und werde mich wohl hüten, an einem fremden Ort mich wieder wie ein Knabe zu benehmen. Es freut mich jedoch zu finden, daß Ihr die närrische Geschichte mit dem Schlitten ernster nehmt, als die mit dem Nachtessen, von welcher ich befürchtete, sie möchte mich in ernste, beschämende Folgen verwickeln.« »Keine von beiden ist sonderlich ernsthaft, Mr. Littlepage, obwohl die letztere hätte recht verdrießlich werden können, wenn nicht der Mayor die Art und Weise der jungen Männer in der Stadt kennte. Man versichert jedoch, es sey nichts so Keckes in dieser Art je früher in Albany gewagt worden, so groß auch die Freiheiten sind, welche man sich häufig mit des Nachbars Hühnerställen nimmt.« Und sie lachte, und zwar dießmal ganz natürlich, ohne den mindesten Zwang. »Ich hoffe, Ihr werdet es nicht schimpflich an mir finden, wenn ich alle Schuld auf den Wildfang und Tollkopf Guert Ten Eyck schieben zu wollen scheine. Er zog mich in die beiden Geschichten hinein, und zwar in die Letztere auf eine Art, daß ich ganz unschuldig und unwissend war.« »So wurde es angesehen und so mußte es angesehen werden, sobald man erfuhr, daß Guert Ten Eyck in einer Beziehung zu der Sache überhaupt stand.« »So darf ich denn auf Verzeihung hoffen, Anneke?« sagte ich, eine Hand ihr hinbietend, sie auffordernd sie anzunehmen, als Pfand der Verzeihung. Anneke war nicht so spröde, daß sie sich geweigert hätte, ihre kleine Hand in die meinige zu legen, obwohl ich nur die äußersten Spitzen von zwei oder drei schlanken, feinen Fingern zu fassen bekam; und ihr Erröthen stieg noch, als sie mir diese Huld gewährte. »Ihr müßt um Verzeihung bitten, Corny,« versetzte sie, – ich glaube, sie bediente sich jetzt dieses vertraulichen Namens nur um zu zeigen, wie gänzlich sie den kleinen Verdruß vergessen, den sie ganz gewiß über meine ungeschickte Heldenthat auf der Straße empfunden hatte, – »Ihr müßt um Verzeihung bitten bei Denjenigen, die das Recht haben sie zu gewähren. Wenn Corny Littlepage Lust hat, auf einem Schlitten den Berg herunter zu rutschen, welches Recht hat Anneke Mordaunt, es ihm zu wehren?« »Das beste Recht von der Welt – das Recht der Freundschaft – das Recht eines überlegenen Geistes, einer überlegenen Bildung, das Recht, das meine –« »Still! das ist der Schritt Mr. Bulstrode's auf dem Gange, und er wird diese Erörterung über meine mannigfachen Rechte nicht verstehen. Es kostet ihm jedoch einige Zeit seine Oberröcke und Pelze und seinen Degen abzulegen, und ich will Euch nur noch sagen, daß Guert Ten Eyck ein gefährlicher Ceremonienmeister für Corny Littlepage ist.« »Und doch hat er Verstand genug, Gefühl genug, Herz genug, Mary Wallace zu bewundern und zu lieben.« »Hat er Euch das gesagt, so bald schon? Aber ich brauche das nicht zu fragen, da er ja von seiner Liebe Jedem vorschwatzt, der ihm zuhören mag.« »Und der Miß Wallace selbst, unter Andern, glaubte ich gewiß. Der Mann, der liebt, und wahrhaft und innig liebt, sollte den Gegenstand seiner Liebe nicht lang irgend in Ungewißheit lassen über seine Gefühle und Absichten. Es ist mir immer, Miß Mordaunt, als eine ganz niedrige und gemeine Gesinnung von einem Mann erschienen, zu wünschen, der Erwiederung seiner Liebe von Seiten einer Frau gewiß zu seyn, ehe er den mannhaften Muth gehabt hat, seiner Angebeteten seine eignen Wünsche zu entdecken. Wie soll ein zartfühlendes, weibliches Geschöpf wissen, wann sie zuversichtlich ihren Gefühlen sich hingeben darf, ohne daß ihr Anbeter zu dieser Offenherzigkeit sich entschlossen hat? Ich will dafür stehen, daß Guert Ten Eyck sich so offen und ehrlich gegen Mary Wallace benommen hat.« »Das ist ein Verdienst, das ihm nicht bestritten werden kann,« antwortete Anneke in leisem, nachdenklich ernstem Tone. »Mary hat das zu wiederholten Malen aus seinem eignen Munde vernommen. Selbst meine Gegenwart ist kein Hinderniß für seine Erklärungen gewesen, denn dreimal habe ich ihn Mary bitten gehört, ihn als einen Bewerber um ihre Hand zu betrachten, und sie beschwören, über seinen Antrag sich nicht zu entscheiden, bis er längere Zeit Gelegenheit gehabt, sich ihre Achtung zu erwerben.« »Und, das, Miß Mordaunt, werdet Ihr zugestehen, gereicht ihm zur Ehre, ist männlich und sieht ihm ganz gleich?« »Allerdings ist es offen und ehrenhaft gehandelt, Mr. Littlepage, weil es die Miß Wallace in Stand setzt, den Zweck und die Absicht seiner Aufmerksamkeiten zu verstehen, und keinen Zweifel, keine Ungewißheit in dieser Hinsicht übrig läßt.« »Es freut mich, daß Ihr ein solches ehrliches und offenes Benehmen billigt; – obgleich nur noch ein Augenblick mir übrig bleibt, um zu sagen, was ich wünsche, wird es doch genügen, wenn ich hinzusetze, daß die Handlungsweise, welche Guert Ten Eyck gegenüber von Mary Wallace befolgt, Cornelius Littlepage wünschte, gegenüber von Anneke Mordaunt zu befolgen.« Anneke schrack zusammen, wurde blaß; dann wurden ihre Wangen von Purpur übergossen, und sie sah mich mit scheuer Ueberraschung an. Sie gab keine Antwort; aber der ernste, innige dabei jedoch schüchterne Blick blieb lange Zeit, ja ich darf sagen, er ist mir noch jetzt meiner Erinnerung lebhaft eingeprägt. Er schien Erstaunen, die Betroffenheit eines empfindlichen Gemüths, weibliche Verschämtheit und mädchenhafte Scheue auszudrücken; aber mich bedünkte nicht, daß er Mißfallen zu erkennen gebe. Es war jedoch keine Zeit, um Erklärung zu bitten, denn man hörte jetzt die Stimmen Herman Mordaunt's und Bulstrode's unmittelbar vor der Thüre, und im nächsten Augenblick traten Beide in das Zimmer. Vierzehntes Kapitel. Mein schönes Roß! mein schönes Thier, steht da so fromm gemuth, Mit glänzend dunklem Schwanenhals, das dunkle Aug' voll Glut; Auf deinen Rücken spring' ich so, durch's Feld dahin wir rennen, – Dahin, dahin, wer mich holt ein, soll sein dich dürfen nennen! Der Araber zu seinem Pferd. Bulstrode schien sehr erfreut, mich zu treffen, und beklagte sich, daß ich ganz vergessen zu haben schiene, mit welcher Genugthuung alle New-Yorker, nach seiner Darstellung der Sache, mich im vorigen Frühjahr aufgenommen. Natürlich dankte ich ihm für seine Artigkeit, und wir wurden bald so gute Freunde, wie wir früher gewesen waren. Nach ein paar Minuten gesellte sich Mary Wallace zu uns, und wir begaben uns Alle an den Frühstücktisch, wo sich bald auch Dirck einfand, welcher durch Privatangelegenheiten etwas aufgehalten worden war. Herman Mordaunt und Bulstrode führten während der ersten Minuten das Gespräch hauptsächlich und ausschließlich. Mary Wallace war ihrem Wesen und ihrer Art nach schweigsam, Anneke dagegen, ohne geschwätzig zu seyn, war zum Sprechen hinlänglich aufgelegt. An diesem Morgen jedoch sprach sie wenig, außer was die Artigkeit bei Tische der Herrin des Hauses zur Pflicht machte, und dieß Wenige in so wenigen Worten als möglich. Ein paar Male konnte ich nicht umhin zu bemerken, daß ihre Hand auf der Handhabe eines köstlich gearbeiteten Theekruges ruhen blieb, nachdem diese Hand ihre Obliegenheit schon erfüllt hatte, und daß ihr süßes, tiefes, blaues Auge ins Leere hinaus, oder auf einen Gegenstand vor ihr mit leerem Blick hinstarrte, wie Einem geschieht, wenn man in tiefen Gedanken ist. Jedesmal wenn sie aus diesen kleinen Träumereien erwachte, zeigte sich ein leichtes Erröthen auf ihrem Antlitz, und sie schien beflissen, die unwillkürliche Zerstreutheit zu verhehlen. Diese Art von Abwesenheit dauerte fort, bis Bulstrode, welcher mit unserem Wirth über die Bewegungen der Armee sich unterhalten hatte, plötzlich das Wort an mich richtete. »Ich hoffe,« sagte er, »wir verdanken diesen Euren Besuch in Albany Euerer Absicht, Mr. Littlepage, auf dem nächsten Feldzug Euch uns anzuschließen. Ich höre von mehreren Gentlemen von den Colonien, welche uns auf unserm Marsch nach Quebec zu begleiten gedenken.« »Das ist etwas weiter, als ich zu gehen im Sinne hatte, Mr. Bulstrode,« war meine Antwort, »sofern ich nie glaubte, daß die Streitkräfte des Königs einen so weiten Marsch beabsichtigten. Mein und Mr. Follock's Vorhaben ist, uns Erlaubniß zu erbitten, an ein Regiment uns anzuschließen, und wenigstens bis Ticonderoga mitzuziehen, denn der Gedanke, daß die Franzosen einen solchen Posten, so weit in den Grenzen unserer eigenen Provinz gelegen, inne haben, behagt uns gar nicht.« »Wacker gesprochen, Sir; und ich hoffe, es wird mir erlaubt seyn, einigen Beistand zu leisten, wenn die Zeit kommt, das Einzelne in Ordnung zu bringen. Unsere Tischgesellschaft würde sich immer glücklich schätzen, Euch unter sich zu sehen; und Ihr wißt, daß ich an ihrer Spitze stehe, seit der Oberstlieutenant uns verlassen hat.« Ich sagte ihm meinen Dank und das Gespräch nahm eine andere Richtung. »Ich begegnete Harris heute Morgen auf dem Wege hieher.« fuhr Bulstrode fort, »und er erstattete mir auf seine konfuse irische Weise, – denn ich bleibe dabei, er ist ein Irländer, obwohl in London geboren, – nun, er erstattete mir einen etwas verworrenen Bericht von einem Nachtessen, dem er gestern Abend angewohnt, welches, wie er sagte, von einer fouragirenden Bande junger Albanier weggeschleppt und in die Lagerzelte gebracht worden, um einige unserer Gentlemen damit zu traktiren. Das war arg genug, obgleich man mir sagt, ein Holländer verzeihe immer einen solchen lustigen Streich; aber Harris stellt die Sache noch ärger dar, indem er weiter berichtet, die ihres Nachtessens beraubte Gesellschaft habe sich schadlos gehalten durch einen Angriff auf die Küche Mr. Mayors, dem sie seine Enten und Rebhühner weggetragen, und nicht eine Kartoffel übrig gelassen habe.« Ich fühlte, daß ich im Gesicht roth wurde wie Scharlach, und ich bildete mir ein, Jedermann sehe auf mich, während Herman Mordaunt es auf sich nahm, zu antworten. »Die Geschichte verliert natürlich nichts dadurch, daß sie von Mund zu Mund geht,« versetzte unser Wirth, »obwohl sie in der Hauptsache wahr ist. Wir Alle haben gestern Abend bei Mr. Cuyler gespeist, und wissen, daß er viel mehr als eine Kartoffel auf seinem Tische hatte.« »Alle! –. Was, auch die Ladies?« »Auch die Ladies – und Mr. Littlepage obendrein,« antwortete Herman Mordaunt, mir einen Blick zuwerfend und lächelnd. »Wir Alle sammt und sonders wollen bezeugen, daß er nicht nur ein reichliches Nachtessen hatte, sondern auch ein sehr gutes.« »Ich merke aus dem allgemeinen Lächeln,« rief Bulstrode, »daß hier ein sous-entendu waltet, und ich bestehe darauf, auch in das Geheimniß eingeweiht zu werden.« Herman Mordaunt erzählte jetzt die ganze Geschichte, wobei er nicht eben sehr beflissen war, die komischeren Partieen zu verhehlen, verweilte mit einigem Nachdruck bei der Vorlesung, welche Mr. Worden Doortje gehalten, und forderte mich auf, zu bezeugen, ob ich sie nicht vortrefflich gefunden. Bulstrode lachte natürlich; aber mich wollte bedünken, die jungen Ladies hätten gewünscht, daß nicht von der Sache die Rede gewesen wäre. Anneke versuchte sogar ein paar Mal ihren Vater von gewissen Bemerkungen, die er machte, und worin er von dergleichen Streichen und Kurzweil überhaupt etwas leicht sprach, abzuziehen. »Dieser Guert Ten Eyck ist ein Charakter!« rief Bulstrode, »und zwar einer, den ich manchmal in Verlegenheit bin zu begreifen. Einen männlicher aussehenden, hübscheren, keckeren, jungen Gesellen kenne ich nicht; und oft ist er in seinen Ansichten und Urtheilen ebenso männlich und achtbar, als er dem Auge erscheint; während er zu Zeiten in seinem Geschmack und seinen Neigungen kindisch ist. Wie erklärt Ihr dieß. Miß Anneke?« »Einfach so, daß die Natur Guert Ten Eyck zu etwas Besserem bestimmte, als Zufall und Erziehung, oder der Mangel an Erziehung ihn haben werden lassen. Wäre Guert Ten Eyck in Oxford gebildet worden, es wäre ein ganz andrer Mensch aus ihm geworden, als er jetzt ist. Wenn Einer nur die Erziehung und Bildung eines Knaben empfängt, so wird er lange ein Knabe bleiben.« Ich war überrascht durch die Keckheit und Entschiedenheit dieser Ansicht, denn es war nicht Anneke'ns Art, ihre Urtheile über Andere so offen auszusprechen; aber es stand nicht lange an, so machte ich die Entdeckung, daß sie Guert in Gegenwart ihrer Freundin nicht schonte, in Folge einer tiefen Ueberzeugung, daß er der Macht über die Gefühle von Mary Wallace, die er sichtlich gewann, nicht würdig sey. Herman Mordaunt theilte und unterstützte, wie mich bedünken wollte, die Ansichten seiner Tochter in dieser Hinsicht; und es ergab sich bald Gelegenheit zu bemerken, daß der arme Guert in dieser Familie keine andere Verbündete hatte, als den Einen, welchen ihm seine schöne, männliche Person, sein offenes Wesen und Gemüth und seine seltene Treuherzigkeit und Freimüthigkeit in der Brust seiner Angebeteten gewonnen hatte. Gewiß lag etwas sehr Gewinnendes und Einnehmendes in Guert's Art und Gewohnheit, sich selbst zu unterschätzen, was ihm Alle geneigt machte, die ihn reden hörten; und ich für meine Person will gestehen, ich wurde bald sein Freund in dieser ganzen Sache und blieb es bis ans Ende. Bulstrode und ich verließen miteinander das Haus, und begaben uns Arm in Arm nach seinem Quartier, während Dirck bei den Ladies blieb. »Das ist eine bezaubernde Familie,« sagte mein Begleiter, als wir zur Thüre hinaus waren, »und ich bin stolz darauf, daß ich im Stande bin, mich einiger Verwandtschaft mit ihr zu rühmen, obwohl diese nicht so nahe ist, als sie, hoffe ich, dereinst werden mag.« Ich fuhr zusammen, riß meinen Arm beinahe aus dem des Majors heraus, und drehte mich zugleich halb um, ihm ins Gesicht zu schauen. Bulstrode lächelte, behielt aber seine ganze Selbstbeherrschung, und setzte in der stoischen Art, welche Männern von vornehmem Tun und sicherm Benehmen eigen ist, sein Gespräch fort. »Ich sehe, daß meine Offenheit Euch eine kleine Ueberraschung bereitet hat,« sprach er weiter; »aber die Wahrheit ist die Wahrheit; und ich halte es für unmännlich an einem Gentleman, der den Entschluß gefaßt, als Bewerber um eine Lady aufzutreten, aus seinen Absichten ein Geheimniß zu machen; – ist das nicht auch Eure Gesinnung, Mr. Littlepage?« »Gewiß, was die Dame betrifft, und vielleicht auch, was die Familie betrifft; aber nicht ebenso auch in Beziehung auf alle Welt.« »Ich verstehe Eure Unterscheidung, welche in gewöhnlichen Fällen ganz gut seyn mag; aber in dem Falle von Anneke Mordaunt dürfte es doch der Menschenliebe gemäß seyn, durch die Welt ziehende junge Männer, wie Ihr seyd, Corny, den wahren und wirklichen Stand der Dinge wissen zu lassen. Ich verstehe Euer besonderes Verhältniß zu der Familie Mordaunt recht gut; aber Andere dürften sich ihr mit ganz verschiednen und interessirteren Absichten nähern.« »Soll ich das so verstehen, Mr. Bulstrode, daß Miß Mordaunt Eure Verlobte sey?« »Oh, keineswegs; denn sie hat sich noch nicht entschlossen, mich zu erhören. Aber das sollt Ihr wissen, daß ich Herman Mordaunt, mit Vorwissen und Zustimmung meines Vaters, meinen Antrag gemacht habe, und die Sache in petto ist. Ihr könnt selbst entscheiden über den muthmaßlichen Ausgang, da Ihr, als Zuschauer, ein besseres Urtheil habt, als ich, der zunächst Betheiligte, in welcher Weise Anneke meine Bewerbung ansieht und aufnimmt.« »Ihr müßt bedenken, ich habe Euch seit zehn Monaten nicht mehr beisammen gesehen bis diesen Morgen; und ich setze voraus, Ihr wünscht nicht, daß ich glaube, sie habe Euch diese ganze Zeit auf eine Antwort warten lassen.« »Da ich Euch als einen ami de famille betrachte, Corny, sehe ich keinen Grund, warum ich Euch nicht den ganzen Stand der Dinge offen darlegen sollte, denn jene Geschichte mit dem Löwen wird Euch immer zu einem halben Mordaunt machen. Ich hatte Anneken meinen Antrag gemacht, als Ihr mich zuerst saht, und den gewöhnlichen Bescheid, wie es bei den Ladies üblich ist, erhalten: das liebe Geschöpf sey zu jung, um daran zu denken, sich durch ihr Wort zu binden, was allerdings damals wahrer war, als jetzt; daß ich Verwandte im Mutterland hätte, die ich befragen müßte; daß ihr Zeit gelassen werden müsse, oder die Antwort würde nothwendig verneinend ausfallen, und was dergleichen herkömmliche Antworten mehr sind, solange die Unterhandlung in dem einleitenden Stadium steht.« »Und so steht die Sache seither?« »Keineswegs, mein lieber Kamerade, nichts weniger als das. Ich hörte Herman Mordaunt, – denn er hauptsächlich brachte dergleichen Reden vor, – mit der Geduld eines Heiligen an, bemerkte, wie schicklich ich das Alles fände, und erklärte meine Absicht, Alles meinem Vater vorzulegen, und dann, verstärkt durch seine Zustimmung und Ermächtigung die nähern Bedingungen anzubieten, von neuem zum Sturme vorzurücken.« »Und das Alles bekamt Ihr mit umgehendem Schiffe, nachdem Ihr heim geschrieben?« fuhr ich fort; denn ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ein Mensch sich sollte besinnen können, Anneke Mordaunt zur Schwiegertochter anzunehmen. »Ha, nicht gerade mit umgehendem Schiffe, obgleich Sir Harry viel zu viel gute Sitte hat, als daß er die Beantwortung eines Briefes vernachlässigte. Ich habe nicht gehört, daß er in seinem Leben je das gethan hätte; nein, selbst dann nicht, wenn ich ihn etwas hart drängte, wenn mein ausgesetztes Geld zu Ende war vor dem Schluß des Vierteljahrs, wie Einem im Collegium wohl geschehen kann, wißt Ihr, Corny. Euch die Wahrheit zu gestehen, mein lieber Junge, Sir Harry's Einwilligung kam nicht mit umgehendem Schiffe, wohl aber eine Antwort. Es ist eine verwünschte Entfernung über das atlantische Meer hinüber, und es braucht Zeit, eine Frage zu erörtern und mit den gehörigen Gründen zu unterstützen, wenn beide Theile tausend Meilen von einander getrennt sind.« »Erörtern! – Welche Gründe mochten denn erforderlich seyn, um den Sir Harry Bulstrode zu überzeugen, wie angemessen es wäre, daß Ihr Anneke Mordaunt zur Gattin nähmet, wenn Ihr könntet ?« »Das ist aufrichtig und gerade heraus gesprochen, bei meiner Ehre. – Aber ich liebe Euch um der einfachen Ehrlichkeit Eures Characters willen, Corny, und werde daher Alles günstig ansehen. Wenn ich könnte ! Nun, das werden wir erfahren am Ende des bevorstehenden Feldzugs, wenn Ihr und ich zurückkommen von unserm Ausfluge nach Quebec.« »Ihr habt aber meine Frage noch nicht beantwortet, in Betreff Sir Harry Bulstrode's?« »Ich bitte Sir Harry und Euch um Verzeihung. Welche Gründe erforderlich gewesen, um meinen Vater zu überzeugen? – Nun, Ihr seyd nie im Mutterlande gewesen, Littlepage, und könnt deßwegen auch nicht vollkommen verstehen, welche Gesinnungen man dort eigentlich gegenüber von den Colonien hegt – und davon hängt Viel ab, müßt Ihr wissen.« »Ich hoffe, die Mutter liebt ihre Kinder, so wie die Kinder, das weiß ich gewiß, ihre Mutter lieben.« »Ja, Ihr seyd ganz loyal; – ich will das vollkommen gelten lassen von Euch, obwohl Albany nicht gerade Bath ist, und New-York nicht Westminster. Ich denke Ihr wißt, Littlepage, daß die Kirche auf dem Berge dort, welche St. Peterskirche genannt wird, obgleich eine sehr gute Kirche und eine sehr respektable Kirche, mit einer sehr respektabeln Gemeinde, doch eben nicht Westminster-Abtey, noch auch nur St. James ist?« »Ich glaube Euch zu verstehen, Sir; und so blieb also Sir Harry hartnäckig auf seinem Kopfe?« »Wie der Teufel! – Es brauchte nicht weniger als drei Briefe, und der letzte war ziemlich keck, um ihn herumzubringen, was mir am Ende doch gelang; und so ist nun seine Einwilligung in bester Form Herman Mordaunt eingehändigt worden. Ich kämpfte in der Sache mit einigem Vortheil auf meiner Seite, sonst wäre ich wohl nimmermehr Meister geworden. Aber Ihr werdet bald sehen, wie es war. Sir Harry ist gichtisch und asthmatisch und steckt überhaupt in keiner guten Haut, und jede Hufe Landes, die er besitzt, ist Familien-Fideicommiß, und so handelte es sich bei der ganzen Sache nur um einen Unterschied in der Zeit.« »Das Alles habt Ihr natürlich Anneke'n und Herman Mordaunt mitgetheilt?« »Wenn ich das gethan, will ich mich hängen lassen! Nein, nein, Master Corny, ein solcher Gelbschnabel bin ich nicht; daß ich so handelte! Ihr Provinzialen seyd so dünnhäutig wie raisin de Fontainebleau , und man darf Euch nicht so grob anfassen. Ich glaube, Anneke würde den Herzog von Norfolk selbst nicht heirathen, wenn die Familie das mindeste Bedenken blicken ließe, sie aufzunehmen.« »Und hätte Anneke nicht Recht, einem so achtungswerthen Gefühle zu folgen?« »Ha, Ihr wißt, sie würde ja nur den Herzog heirathen, und nicht seine Mutter und Tanten und Oheime. Ich kann die Nothwendigkeit nicht einsehen; daß eine junge Dame sich deßhalb sollte Sorgen und Bedenken machen. Aber wir sind noch nicht daran, denn ich muß Euch erklären, Littlepage, daß ich noch nicht erhört bin. Nein, nein! Die Gerechtigkeit gegen Anneke verlangt, daß ich das sage. Sie weiß jedoch von Harry's Einwilligung, und das ist sehr zu meinen Gunsten, wie Ihr zugeben müßt. Ich vermuthe, ihre Haupteinwendung wird seyn, daß sie ihren Vater nicht verlassen wolle, der kein anderes Kind hat, und bei ihm wird es wirklich etwas hart gehen; und dann wird sie vermuthlich Etwas vorbringen vom Tausche des Vaterlandes, denn Ihr Amerikaner seyd Alle gewaltig darauf versessen, in Euerem Lande zu leben und zu bleiben.« »Ich sehe nicht, wie Ihr uns das billiger Weise zum Vorwurf machen könnt, da doch allgemein unter uns zugestanden wird, daß im Mutterlande Alles besser ist als in den Colonien.« »Ich glaube in der That, Corny,« erwiederte Bulstrode, gutmütig lächelnd, »wenn Ihr jetzt der alten Insel einen Besuch abstattetet, Ihr würdet selbst gestehen, daß manche Dinge es wirklich sind.« »Ich England besuchen! – Ich gestehe, mir gar nicht vorstellen zu können, wie ich dazu komme, als ein Solcher genannt zu werden, der es könnte läugnen wollen. Handelte es sich um Guert Ten Eyck oder auch um Dirck Follock, so ließe es sich eher begreifen; aber ich, der ich aus englischem Blut abstamme und einen in England gebornen Großvater habe, welcher in diesem Augenblick wohl und gesund zu Satanstoe lebt, darf nicht unter die gezählt werden, welche England mit Abneigung betrachten.« Bulstrode drückte meinen Arm, und sein Gespräch nahm im weitern Verlauf einen vertraulicheren Ton an. »Ich glaube, Ihr habt Recht, Corny,« sagte er; »die Colonie ist, der Himmel weiß, royalistisch genug; aber ich finde, diese Holländer sehen uns Rothröcke kälter an, als die Leute aus englischem Blut, weiter unten. Sollte es dem Phlegma ihres Wesens zuzuschreiben seyn, oder einem alten Groll und Verdruß, der noch von der Eroberung ihrer Colonie herrührt?« »Wohl schwerlich ist Letzteres der Fall, sollte ich meinen, da ja die Colonie beim endlichen Friedensschlusse gegen eine Besitzung ausgetauscht wurde, welche die Holländer jetzt in Südamerika haben. Es hat jedoch nichts Auffallendes, wenn die Abkömmlinge vom Volke der Holländer Diese den Engländern vorziehe.« »Ich versichere Euch, Littlepage, man hat unter uns gesprochen von der Kälte, womit wir von den Albaniern angesehen werden, obgleich die meisten der angesehensten Familien uns gut behandeln und uns in Allem beistehen, wo sie nur können. Sie sollten bedenken, daß wir hier sind, um ihre Schlachten zu fechten, und die Franzosen abzuhalten, sie zu überfallen.« »Darauf würden sie wahrscheinlich antworten: die Franzosen würden sie nicht belästigen, ohne ihren Streit mit den Engländern. Hier müssen wir uns trennen, Mr. Bulstrode, da ich Geschäfte zu besorgen habe. Noch ein Wort jedoch will ich hinzufügen, ehe wir auseinander gehen, und das ist: daß König George II. keine loyalere Unterthanen in allen seinen Ländern hat, als die in seinen amerikanischen Provinzen wohnen.« Bulstrode lächelte, nickte beistimmend, schwenkte die Hand, und wir trennten uns. Ich hatte für den Rest dieses Tages Beschäftigung genug. Yaap kam gegen Mittag mit seiner »Schlitten-Brigade« an, und ich ging, Guert aufzusuchen, in dessen Gesellschaft ich mich wieder nach dem Bureau des Lieferanten begab. Pferde, Geschirr, Schlitten, Mundvorräthe und Alles wurde mir zu hohen Preisen abgenommen und ich wurde für Alles in spanischem Golde bezahlt; denn Josephs – und halbe Josephsstücke waren damals bei uns wenigstens eben so sehr im Umlauf als das Geld des Königreichs. Spanisches Silber hat immer unsere kleinere Münze ausgemacht, und ein englischer Shilling oder ein Sixpencestück ist etwas ganz Fremdes unter uns. Achtelstücke, oder Dollars sind zwar unser gewöhnliches Geld, aber bei allen größern Handelsgeschäften bedienen wir uns gerne des halben Josephsstücks. Ich habe in meinem Leben zwei oder drei Noten der englischen Bank gesehen, aber sie kommen sehr selten in den Colonien vor. Es gibt Colonie-Wechsel unter uns, aber sie sind nicht beliebt, und unsere meisten Geldgeschäfte werden mittelst spanischen Goldes und spanischen Silbers abgemacht, welche von den Inseln und von den spanischen Besitzungen ihren Weg zu uns finden. Der Krieg jedoch, von welchem ich hier berichte, hat eine Menge Guineen unter uns in Umlauf gebracht, da die meisten Truppen in dieser Geldmünze bezahlt wurden; aber die Lieferanten fanden es in der Regel leichter, Josephsstücke als Guineen anzuschaffen. Von ersteren hatten Dirck und ich, nachdem alle unsere Verkäufe beendigt waren, mit einander nicht weniger als hundert und elf, oder achthundert und achtundachtzig Dollars dem Werthe nach in Händen. Ich fand Guert bei dieser Gelegenheit ebenso bereitwillig und ebenso freundschaftlich, als er sich am Tage zuvor gezeigt hatte. Nicht nur wurden unsere Güter verwerthet, sondern auch alle unsere Neger, mit Ausnahme Yaap's, wurden für die Armee auf die Dauer des Feldzuges gemiethet. Die Bursche, welche die Schlitten kutschirten, gingen noch an demselben Nachmittag mit ihren Gespannen in bester Laune nach dem Norden ab, ebenso bereit zu lustiger Kurzweil, als irgend welche weiße Jünglinge in der Colonie. Ich erlaubte Yaap auch mit seinem Schlitten weiter zu gehen und ein paar Tage auszubleiben, aber er sollte umkehren und wieder bei uns eintreffen, ehe wir uns, nachdem der Winter gebrochen wäre, aufmachten, das »Patentland« zu suchen. Es wurde spät Nachmittags bis Alles ins Reine gebracht war, worauf Guert mich einlud, mit ihm in seinem Schlitten eine Spazierfahrt auf dem Fluß zu machen. Ich hatte mittlerweile erfahren, daß mein neuer Freund ein junger Mann von sehr hübschem Vermögen war, ohne Vater und Mutter, und daß er auf einem so großen Fuß lebte, als es nur irgend die einfachen Lebensgewohnheiten seiner Umgebung gestatteten. Unsere vornehmsten Familien in New-York zeichneten sich einigermaßen aus durch ihren Ueberfluß an Silber, Tischweißzeug und anderen Haushaltungssachen der Art, während sich auch dann und wann Einer fand, welcher gute Gemälde besaß. Die Letztern jedoch waren selten, wie ich guten Grund habe zu glauben, obwohl gelegentlich das Werk eines Meisters den Weg nach Amerika fand, hauptsächlich von Holland und Flandern. Guert hatte eine Junggesellenwirthschaft in einem hübschen und guten Hause, mit dem Giebel gegen die Straße, wie dort gewöhnlich, jedoch nicht groß; aber Alles daselbst zeigte, daß seine alte schwarze Haushälterin unter einem régime gebildet worden, wo man auf strengste Sauberkeit hielt; denn was diesen Punkt betrifft, so sah Alles in Albany aus, als ob es von Zeit zu Zeit gescheuert würde. An den Straßen selbst konnte man, so lange Schnee lag, diese Operationen nicht vornehmen; aber sobald man einmal unter ein Dach trat, so war Alles verbannt, was an Koth und Schmutz mahnte. In diesem Punkte war Guert's Junggesellen-Residenz so tadellos, als wenn derselben eine Hausfrau vorgestanden hätte, und diese Hausfrau Mary Wallace gewesen wäre. »Wenn sie je einwilligt, mich zu nehmen,« sagte Guert, und er seufzte förmlich bei diesen Worten, und ließ seine Augen in dem sehr hübschen kleinen Gesellschaftszimmer herumlaufen, welches ich so eben sehr gerühmt hatte aus Gelegenheit des Besuchs, den ich ihm diesen Nachmittag in seiner Wohnung machte; »wenn sie je einwilligt, mich zu nehmen, Corny, so werde ich mir ein neues Haus bauen müssen. Dieses ist jetzt hundert Jahre alt, und obgleich es zu seiner Zeit als sehr stattlich galt, ist es doch für Mary Wallace nicht halb gut genug. Mein lieber Kamerad, wie beneide ich Euch um die Einladung zum Frühstück heute Morgen! in welcher Gunst müßt Ihr bei Herman Mordaunt stehen!« »Wir sind recht gute Freunde, Guert,« – denn vermöge der in unsern Colonien geltenden Freiheit des Benehmens hatten wir schon die vertrauliche Art angenommen, einander »Corny« und »Guert« zu nennen; – »wir sind recht gute Freunde, Guert,« antwortete ich, »und ich habe Grund zu vermuthen, daß ich Herman Mordaunt nicht zuwider bin. Es wurde mir das Glück voriges Frühjahr der Miß Anneke einen kleinen Dienst leisten zu können, und die ganze Familie war so gütig, dieß in freundlichem Andenken zu bewahren.« »Das konnte ich auf den ersten Blick merken; auch Anneke ist dessen eingedenk. Ich habe die ganze Geschichte von Mary Wallace gehört; es war mit einem Löwen. Ich wollte die Hälfte meines Vermögens darum geben, Mary Wallace in den Tatzen eines Löwen oder irgend einer andern wilden Bestie zu sehen, nur um ihr beweisen zu können, daß Guert Ten Eyck auch Herz im Leibe hat, so gut wie Corny Littlepage. Aber Corny, mein Junge, Etwas müßt Ihr mir jetzt thun; Ihr steht in solch hoher Gunst, daß es für Euch ganz leicht ist, es zu Stande zu bringen, obwohl ich vielleicht in Ewigkeit umsonst es versuchen würde.« »Ich will Alles, was schicklich ist, Euch zu Gefallen thun, Guert; denn Ihr habt Ansprüche an mich wegen der Dienste, die Ihr mir geleistet habt.« »Pah! sagt Nichts von dergleichen Sachen; ich bin nie glücklicher, als wenn ich ein Pferd kaufe oder verkaufe; und wenn ich Euch half, Eure alten Thiere los zu werden, so fügte ich dem Könige keinen Schaden zu und verschaffte Euch einen Vortheil. Aber ich dachte eben an die Pferde. Ihr müßt wissen, Littlepage, es ist kein junger Mann, und auch kein alter in einem Umkreis von zwanzig Meilen um Albany, der ein solches Paar Thiere lenkte wie ich.« »Ihr verlangt doch hoffentlich nicht, daß ich diese Pferde an Mary Wallace verkaufe, Guert?« versetzte ich lachend. »Ja, mein Junge; und dieß Haus, und den alten Bauernhof, und zwei oder drei Magazine am Fluß hin, und Alles was ich habe, vorausgesetzt, Ihr könnt mich auch mit verkaufen. Da jedoch die Ladies für jetzt keiner Pferde benöthigt sind, indem Herman Mordaunt selbst ein sehr gutes Gespann mitgebracht hat, welche Euch und mich, Corny, beinahe überfuhren, so bedarf es für jetzt keines Verkaufes; aber gern würde ich Mary und Anneke einige Meilen weit spazieren führen mit meinem Gespann und meinem eigenen Schlitten.« »Das kann kein so schwieriger Handel seyn; denn junge Ladies willigen gewöhnlich ganz gerne ein, sich durch eine Schlittenfahrt unterhalten zu lassen.« »Das Handpferd nimmt sich mehr wie ein Oberst an der Spitze seines Regiments aus, als wie ein unvernünftiges Thier!« »Ich will die Sache Herman Mordaunt vortragen, oder Anneke selbst, wenn Ihr es wünscht.« »Und das Sattelpferd hat die Bewegung einer Lady in einer Menuet, wenn man ihm die Zügel etwas anzieht. Ich fuhr mit diesen Thieren, Corny, über die Fichtenebenen nach Schenektady in einer Stunde und sechsundzwanzig Minuten, sechszehn Meilen im geradesten Zuge, – und nahe an sechszig, wenn man all den Windungen der fünfzig Straßen folgt.« »Nun, was soll ich thun? dieß den Ladies sagen, oder sie bitten, einen Tag zu bestimmen?« »Einen Tag zu bestimmen! – Ich wünschte von ganzer Seele, es wäre schon so weit. Es sind zwei Schönheiten.« »Ja, das wird, glaube ich, Jedermann zugeben;« antwortete ich unschuldig, »und doch so sehr verschieden in ihren Reizen.« »Ha, kein Bischen mehr sich gleich, als für ein gutes Paar nothwendig ist. Ich nenne den einen Jack, den andern Moses. Ich habe nie ein Thier gesehen, welches Jack hieß, das nicht seine Schuldigkeit, gethan hätte. Ich gäbe Viel darum, Corny, wenn Mary Wallace dieß Thier laufen sähe!« Ich versprach Guert allen meinen Einfluß bei den Ladies aufzubieten, um sie zu vermögen, sich seinem Gespann anzuvertrauen; und damit ich aus eigener Anschauung und Erfahrung sprechen könne, wurde sofort der Schlitten vor die Thüre bestellt, in der Absicht, vor der Hand mit mir eine Fahrt zu machen. Die Winterequipage Guert Van Eyck's war in der That sehr geschmackvoll und zeugte von großer Kennerschaft. Ich hatte oft schönere Schlitten gesehen, was Anstrich, Firniß, Vordergestell und Simse betrifft; denn darauf schien er sehr wenig Aufmerksamkeit zu wenden. Die Eigenschaften, wegen welcher der Eigenthümer seinen Schlitten am meisten schätzte, waren erstlich die vortreffliche Art, wie er auf den Läufen ruhte, und hinten und vorn ganz leicht auflag; sodann waren die Zugriemen mehr in gleicher Höhe mit den Pferden, doch nicht so hoch, daß sie dem Ziehen Eintrag thaten. Die Farbe außen war himmelblau, eine Lieblingsfarbe der Holländer; innen feuerroth. Die Pelze waren sehr groß und alle vom grauen Wolf. Da sie mit scharlachrothem Tuche gefüttert waren, so erregte das Ganze eine Vorstellung von behaglicher Wärme. Nicht vergessen darf ich die Glocken. Außer den vier Reihen, welche am Geschirr befestigt waren, das gewöhnliche Erforderniß jeder Art von Schlittengeschirr, hatte Guert auch zwei ungeheuere Riemen, lederne Streifen, angeschafft, welche von den Sätteln bis unter den Leib von Jack und Moses hinabreichten; und noch ein Glockenriemen lief um den Hals eines jeden Pferdes; so daß das Geklingel beim Laufen um wenigstens das Vierfache gegen die sonst übliche Menge von Glocken verstärkt war. So also fuhren wir ab von der Thüre des alten Ten Eyck'schen Hauses, und alle Schwarzen auf der Straße gafften uns voll Entzücken an und lachten, daß ihnen die Seiten schütterten – denn ein Neger drückt seine Bewunderung von irgend welcher Sache, und wäre es auch eine Predigt, immer auf diese Weise aus. Ich erinnere mich, einen Reisenden, der bis an den Niagara gekommen war, erzählen gehört zu haben, sein Schwarzer habe die ganze erste halbe Stunde, wo er diesem gewaltigen Katarakt gegenüber gestanden, nur ein schallendes, wieherndes Gelächter ausgestoßen. Auch blieben nicht allein die Schwarzen stehen, um Guert Ten Eyck, seinen Schlitten und seine Pferde zu bewundern. Alle jungen Männer in der Stadt zollten Guert diese Huldigung, denn er galt einstimmig als der beste Kutscher und als der erste Pferdekenner in Albany, – das heißt als der beste Kenner für seine Jahre. Einige junge Frauenzimmer, welche in Schlitten saßen, schauten sich um, als wir an ihnen vorbeifuhren, ein Beweis, daß die Bewunderung sich auch auf das andere Geschlecht erstreckte. Das Alles sah und fühlte Guert, und die Wirkung hievon war sehr leicht zu bemerken in seinem ganzen Wesen, wie er da stand und sein feuriges Paar durch die Holzschlitten hin lenkte, welche noch immer in der Hauptstraße gedrängt standen. Unser Weg ging den großen Flächen zu, welche sich nördlich von Albany Meilen weit an der westlichen Küste des Hudson hin erstrecken. Dieß war die Bahn, welche von den jungen Leuten der Stadt bei ihren Abendschlittenfahrten gewöhnlich gewählt wurde; und nicht Wenige von der höhern Klasse hielten an, um der Madame Schuyler ihre Achtung zu bezeugen, eine Wittwe aus derselben Familie, in welche sie auch geheirathet hatte, die vermöge ihres Charakters, ihrer Verwandtschaft und ihres Vermögens in dem gesellschaftlichen Kreis der Nachbarschaft eine hohe Stelle einnahm. Guert kannte diese Dame und schlug vor, daß ich ihr einen Besuch machen und ihr meine Achtung bezeugen solle – ein Tribut, den sie von den meisten Fremden von gutem Hause zu empfangen gewohnt war. Dahin fuhren wir also, so schnell die Rappen meines Begleiters uns ziehen konnten. Die Entfernung betrug nur wenige Meilen, und bald flogen wir durch das offene Thor vor dem Hause vor, wo im Sommer ein sehr hübscher, obwohl kunstloser, Rasenplatz seyn mußte. »Beim Jupiter, wir haben Glück!« rief Guert, im Augenblick, wo er der Ställe ansichtig wurde; »dort ist Herman Mordaunt's Schlitten, und wir werden die Ladies hier finden.« Alles dieß fand sich wirklich so, wie Guert verkündigt hatte. Anneke und Mary Wallace hatten bei Madame Schuyler zu Mittag gespeist, und ihre Mäntel und Shawls waren ihnen gerade gebracht worden, um sich zur Rückfahrt bereit zu machen, als wir eintraten. Ich hatte so viel von Madame Schuyler gehört, daß ich dieser achtbaren Dame mich nicht ohne scheue Ehrfurcht nähern konnte, und zuerst hatte ich keine Augen für ihre Gesellschafterinnen. Ich ward gut aufgenommen von der Herrin des Hauses, einer Frau von so bedeutendem Umfang, daß sie mit großer Schwierigkeit von ihrem Stuhl aufstand, aber deren Angesicht gleichmäßig Verstand, Grundsätze, freie Bildung und Wohlwollen ausdrückte. Sobald sie den Namen Littlepage hörte, warf sie den jungen Freundinnen einen bedeutsamen Blick zu; mein Auge folgte dem ihrigen, und sah, daß Anneke hoch erröthete und etwas beklommen aussah. Was Mary Wallace betrifft, so schien sie mir, wie nach meinem Dafürhalten jedesmal der Fall war, so oft Guert Ten Eyck sich ihr näherte, mit einer Art schwermüthiger Freude zu ringen. »Ich brauche nicht erst Eurer Mutter Namen zu hören, Mr. Littlepage,« sagte Madame Schuyler, mir die Hand bietend, »da ich sie als junge Frau kannte. Um ihret willen seyd Ihr willkommen; so wie Ihr es in Wahrheit auch um Eurer selbst willen seyn würdet, nach dem hochwichtigen Dienst, den Ihr, wie ich höre, meiner holden jungen Freundin hier geleistet habt.« Ich konnte mich nur verbeugen und meinen Dank aussprechen; aber es ist überflüssig, zu sagen, wie angenehm mir Lob dieser Art war, das, wie ich wohl wußte, ursprünglich von Anneke selbst herrühren mußte; dennoch konnte ich mich kaum enthalten, über Guert zu lachen, welcher die Achseln zuckte und sich gegen mich wandte mit einer Miene, die sein komisches Bedauern wiederholte, daß er nicht Mary Wallace in den Tatzen eines Löwen sehen konnte! Das Gespräch nahm dann die gewöhnliche Wendung, und ich bekam Gelegenheit, mit den jungen Damen zu sprechen. Nach dem, was ich von dem Charakter der Madame Schuyler gehört, war ich nicht wenig überrascht, zu finden, daß Guert in gewisser Art ein Liebling von ihr war. Aber selbst die verständigsten und feingebildetsten Frauen sind häufig geneigt – das habe ich seither Gelegenheit gehabt zu lernen – schöne, männliche, freimüthige, leichtsinnige Gesellen, wie mein neuer Bekannter war, mit ziemlicher Nachsicht zu beurtheilen. Bei all seinem Leichtsinn und seiner Neigung, sich in Excesse und tolle Streiche einzulassen, hatte Guert Etwas an sich, was es schwer machte, ihn zu verachten. Der Muth eines Löwen funkelte in seinem Auge, und seine Stirne und seine Haltung waren gerade von der Art, wie sie für Frauen am anziehendsten sind. Zu diesen Vorzügen kam noch eine anscheinende Unbewußtheit seiner Ueberlegenheit gegenüber den Meisten in seiner Umgebung, was die äußere Persönlichkeit betraf, und eine Bescheidenheit des Gemüths, die ihn oft seine Mängel in den Talenten und Kenntnissen beklagen ließ, welche den Mann von ernsten Studien und geistiger Regsamkeit auszeichnen. Nur unter robusten, rührigen, wilden Kameraden ließ Guert irgend den Ehrgeiz blicken, der Erste zu seyn und sich an die Spitze zu stellen. »Fahrt Ihr noch immer mit den feurigen Rappen, Guert?« fragte Madame Schuyler in milder, leutseliger Art, die sie fähig und geneigt machte, ihr Gespräch dem Geschmack derjenigen anzupassen, mit welchen sie zu verkehren Luft hatte; »diejenigen meine ich, welche Ihr im Herbst gekauft habt!« »Dessen dürft Ihr gewiß seyn. Tante,« – Jeder, der sich nur der entferntesten Verwandtschaft mit dieser liebenswürdigen Frau rühmen konnte, und Wessen Jahre die Benennung nicht als unehrerbietig erscheinen ließen, nannte sie ›Tante‹, – »dessen dürft Ihr gewiß seyn, Tante, denn ihres Gleichen sind nicht in dieser Colonie zu finden. Die Gentlemen von der Armee behaupten, kein Pferd könne gut seyn, das nicht, was sie Blut nennen, habe; aber Jack und Moses sind Beide von der holländischen Zucht, und die Schuyler's und Ten Eyck's werden nimmermehr zugeben, daß in dieser Raçe kein Blut sey. Ich habe jedem dieser Thiere meinen eigenen Namen gegeben und nenne sie Jack Ten Eyck und Moses Ten Eyck.« »Ich hoffe, Ihr werdet die Littlepage's und die Mordaunt's nicht von Eurer Liste von Dissenters ausschließen, Mr. Ten Eyck,« bemerkte Anneke lachend, »denn Beide haben ja auch holländisches Blut in ihren Adern.« »Sehr wahr, Miß Anneke, und Miß Wallace ist die einzige ächte und ganze Engländerin hier. Aber, da Tante Schuyler von meinem Gespann gesprochen hat, ich wünschte, ich könnte Euch und Miß Mary bereden, daß Ihr Euch gleich heute Abend damit von mir nach Albany zurückführen ließet. Euer eigner Schlitten kann nachfahren; und da Eures Vaters Pferde englischer Abkunft sind, so werden wir Gelegenheit haben, die beiden Raçen zu vergleichen. Die Anglo-Sachsen werden keine Last haben, wohl aber die Flamänder; dennoch will ich Thier gegen Thier wetten, daß die letztern ihre Sache am besten machen und in der kürzesten Zeit.« Auf diesen Vorschlag wollte jedoch Anneke nicht eingehen; ohne Zweifel vergegenwärtigte ihr natürliches, instinktartiges Zartgefühl sogleich ihrem Geiste das Unpassende, wenn sie ihren Schlitten verließe, um eine Abendfahrt zu machen im Schlitten eines jungen Mannes, der, wie Guert, anerkannt im Rufe tollen Leichtsinns und ausgelassener Lustigkeit stand, und nicht immer so glücklich war, junge Damen der ersten Klassen zu bereden, seine Begleiterinnen zu werden. Doch hatte die Wendung, welche das Gespräch genommen, die Folge, so viele dringende Aufforderungen zu veranlassen, welche von mir unterstützt wurden, eine Probe mit den Pferden anzustellen, daß Mary Wallace versprach, die Sache Herman Mordaunt vorzulegen, und, falls er es gut hieße, Guert, Anneke und mich auf einer Spazierfahrt in der nächsten Woche zu begleiten. Diese bedingte Zusage wurde von dem armen Guert mit tiefgefühlter Dankbarkeit aufgenommen; und er versicherte mich, als wir nach der Stadt zurückfuhren, er habe sich in den letzten zwei Monaten nie so glücklich gefühlt. »Es steht in der Macht eines solchen jungen Weibes – jungen Engels, würde ich richtiger sagen,« setzte Guert hinzu, »aus mir zu machen, was sie will! Ich weiß, ich bin ein Tagdieb und unsern holländischen Ergötzlichkeiten allzu ergeben, und habe den Büchern nicht die Aufmerksamkeit gewidmet, die ich hätte sollen; aber laßt mich nur dieß köstliche Wesen bei der Hand nehmen, so werde ich in einem Monat ein ganz verwandelter Mann seyn. Junge Frauen können mit uns machen, was sie wollen, Mr. Littlepage, wenn sie es sich ernstlich vornehmen. Ich wollte, ich wäre ein Pferd, um das Vergnügen zu haben, Mary Wallace auf jener Spazierfahrt zu ziehen!« Fünfzehntes Kapitel. Da macht des Lärmrufs Stimme ihm     Die innerste Seel' erschauern: Hallo, Lord William! rasch steh auf,     Die Fluth unterwühlt deine Mauern! Lord William. Der Besuch bei Madame Schuyler fand an einem Samstag Abend statt; und das Abenteuer der gemeinschaftlichen Fahrt mit Jack und Moses sollte am nächstfolgenden Montag entschieden werden. Als ich jedoch am Sonntag Morgen aufstand und zu meinem Fenster hinaussah, da war wenig Aussicht vorhanden, daß die Sache noch in diesem Frühjahr zur Ausführung kommen könne, denn es regnete heftig und wehte ein starker Südwind. Wir hatten jetzt den 21. März, einen Zeitpunkt des Jahres, wo ein entschiedenes Thauwetter nicht nur für das Schlittenfahren unheilverkündend war, sondern wirklich auch ein bleibendes Brechen und Aufhören der Winterkälte weissagte. Der Winter hatte lang angehalten und man glaubte, ein Witterungswechsel dürfte nicht ferne seyn. Regen und Südwind dauerten den ganzen Tag fort, Ströme von Wasser stürzten die kurzen steilen Straßen herab und schwemmten nachdrücklich allen Schnee fort. Mr. Worden predigte demungeachtet und zwar vor einer sehr achtbaren Versammlung. Dirck und ich wohnten der Predigt bei; Jason aber zog es vor, lieber während einer Predigt ein doppeltes Halbstundenglas lang in der holländischen Kirche dazusitzen, obwohl sie in einer Sprache gehalten wurde, von der er sehr Wenig verstand, als daß er den Ritus des englischen Gottesdienstes mit seiner Gegenwart beehrt hätte. Anneke und Mary Wallace wagten sich auf den Berg hinauf, in einem Wagen; ich bemerkte jedoch, daß Herman Mordaunt fehlte. Guert war auf der Gallerie, wo wir auch saßen; aber ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß keine der beiden Ladies während des ganzen Gottesdienstes auch nur Einmal die Augen bis zu unsern Stühlen erhob. Guert flüsterte Etwas herüber, indem er die Treppen hinab eilte, um ihnen beim Einsteigen in den Wagen die Hand zu bieten, als die Gemeinde entlassen wurde, und bat mich zugleich, in Betreff der Verabredung für den nächsten Tag pünktlich die Zeit einzuhalten. Was er mit dieser letzteren Erinnerung meinte, begriff ich nicht; denn die Berge begannen schon ihre nackte Brust zu zeigen, und es war in der That zum Erstaunen, mit welcher Schnelligkeit eine ziemlich ungewöhnliche Masse Schnee verschwunden war Ich hatte keine Zeit, mir eine Erklärung auszubitten, da Guert zu beschäftigt war, den Damen in den Wagen zu helfen, das Wetter aber von der Art, daß ich keinen Augenblick länger auf der Straße verweilen mochte, als unerläßlich nothwendig war. Während der Nacht trat eine Wetterveränderung ein; der Regen hatte aufgehört, obgleich die Luft noch mild blieb und der Wind noch immer von Süden wehte. Es war der Anfang des Frühjahrs; und wie ich nach Guert Ten Eyck's Hause spazierte, um ihn beim Frühstück zu treffen, bemerkte ich, daß schon verschiedene Fuhrwerke mit Rädern in den Straßen in Bewegung waren, und mehrere Personen Miene machten, ihre Schlitten von allerlei Art, als jetzt nicht mehr anwendbar, für den nächsten Winter zurückzustellen. Allerdings tritt bei uns das Frühjahr nicht so plötzlich ein, als in einigen Ländern der alten Welt, wovon ich gelesen habe; aber wenn der Schnee und der Winter bis in den März hinein währen, wie dieß im Jahr 1758 der Fall gewesen war, so ist der Wechsel oft beinahe wie durch Zauber bewirkt. »So geht nun also das Frühjahr auf,« sagte ich zu Dirck, als wir durch die reichlich von Wasser bespülten Straßen schritten; »und in wenigen Wochen müssen wir fort in den Bush. Unser Geschäft mit dem Patentland müssen wir abgemacht haben, ehe die Truppen sich in Bewegung gesetzt, sonst verlieren wir die Gelegenheit einen Feldzug zu sehen.« Mit solchen Erwartungen und Gedanken betrat ich Guert's Junggesellenresidenz; und meine ersten Worte sprachen meine Theilnahme wegen seines, wie ich annahm, vereitelten Planes aus. »Es ist Jammerschade,« begann ich, »daß Ihr den Ladies nicht für Samstag eine Fahrt vorgeschlagen habt; denn das war nicht blos ein milder Tag, sondern die Schlittenbahn war auch vortrefflich. So aber werdet Ihr Euren Triumph wohl bis zum nächsten Winter verschieben müssen.« »Ich verstehe Euch nicht,« rief Guert. »Jack und Moses waren nie munterer und nie in besserem Stande. Ich glaube, sie leisten es, in zwei Stunden nach Kinderhook zu laufen!« »Aber Wer wird uns die Wege mit Schnee füllen? Wenn Ihr zum Fenster hinausschaut, werdet Ihr sehen, daß die Straßen beinahe von Schnee entblößt sind.« »Straßen und Wege! Wer fragt darnach, so lange wir den Fluß haben? Wir benützen hier oft Wochenlang an Einem fort den Fluß, nachdem der Schnee uns verlassen hat. Das Eis ist diesen ganzen Winter über ausgezeichnet gewesen, und jetzt, nachdem der Schnee weg ist, hat es auch keine Gefahr mehr wegen der Luftlöcher.« Ich gestehe, der Gedanke, zwanzig Meilen weit auf dem Eis zu reisen, behagte mir nicht sonderlich, aber ich war viel zu sehr ein Mann, um Einwendungen zu machen. Wir frühstückten, und begaben uns dann miteinander nach der Wohnung Herman Mordaunt's. Anfangs, als die Ladies hörten, daß wir gekommen seyen, um die Erfüllung des halben Versprechens zu verlangen, das sie bei Madame Schuyler gegeben, war ihre Ueberraschung nicht geringer, als die meinige eine halbe Stunde zuvor gewesen war, ihr Unbehagen aber vermutlich viel größer. »Gewiß können Jack und Moses nicht alle ihre edeln Eigenschaften bewähren ohne Schnee!« rief Anneke lachend, »obgleich sie beide Ten Eyck's sind.« »Wir Albanier haben den Vortheil, auf dem Eis reisen zu können, wenn uns der Schnee im Stich läßt,« antwortete Guert. »Der Fluß ist ganz in der Nähe, und nie war die Schlittenbahn darauf besser als in diesem Augenblick.« »Aber wohl oft sicherer, sollte ich meinen. Es sieht jetzt ganz so aus, als ob der Winter sich brechen und Abschied nehmen wollte.« »Das ist ganz wahrscheinlich und um so mehr ein Grund, es nicht aufzuschieben, wenn Ihr und Miß Mary überhaupt Euch überzeugen wollt, was die Rappen leisten können. Um der Ehre Hollands willen wünsche ich es, sonst würde ich nicht so kühn seyn. Ich fühle jede herablassende Güte der Art, welche mir von Euch zwei Ladies zu Theil wird, in einer Art, die ich gar nicht beschreiben kann; denn Niemand weiß besser als ich, wie wenig ich der mindesten Beachtung von Eurer Seite werth bin.« Auf diese Worte zeigte sich sofort in dem milden Angesicht von Mary Wallace die Geneigtheit nachzugeben. Guert's Selbsterniedrigung verfehlte nie diese Wirkung hervorzubringen. Es lag so viele offenbare Wahrhaftigkeit in seinem Zugeständniß, eine so aufrichtige Bereitwilligkeit, die Stelle einzunehmen, welche ihm Natur und Bildung oder richtiger der Mangel an Bildung anwies, und besonders eine so innige, sich unterordnende Anerkennung der geistigen Überlegenheit Mary's selbst, daß das weibliche Herz unmöglich widerstehen konnte. Zu meiner Ueberraschung war die Geliebte Guert's, ganz entgegen ihrer Gewohnheit in solchen Dingen, die Erste, welche ihm beitrat und seinen Vorschlag unterstützte. Da Herman Mordaunt in diesem Augenblick in das Zimmer trat, wurde die ganze Sache an ihn verwiesen, wie dieß billiger Weise geschehen mußte. »Ich erinnere mich vor wenigen Jahren auf dem Hudson gereist zu seyn,« versetzte Herman Mordaunt, »die ganze Strecke von Albany bis Sing-Sing, und es war eine treffliche Fahrt; eine viel bessere, als wenn wir zu Lande gereist wären, denn es lag wenig oder gar kein Schnee.« »Gerade wie es jetzt der Fall ist, Miß Anneke!« rief Guert. »Eine gute Schlittenbahn auf dem Fluß, aber keine auf dem Land.« »War es damals auch gegen Ende März, lieber Papa?« fragte Anneke etwas ängstlich. »Nein, allerdings nicht, es war zu Anfang Februars. Aber das Eis muß im jetzigen Augenblick beinahe achtzehn Zoll dick seyn, und stark genug. um einen beladenen Heuwagen zu tragen.« »Ja, Masser Herman,« bemerkte Cato, ein grauköpfiger Schwarzer, der seinen Herrn nie mit einem andern Namen genannt hatte, da er ihn von Kind an kannte; »ja, Masser Herman, eine Last Heu kommt herüber in dieser Minute.« Es schien unvernünftig, der Stärke des Eises zu mißtrauen, nach diesem Beweise für die entgegengesetzte Meinung, und Anneke ergab sich darein. Die Partie wurde sofort verabredet und zwar in folgender Weise: die zwei Ladies, Guert und ich sollten von den Rappen gezogen werden, während Herman Mordaunt, Dirck und Wen sie sonst noch anwerben möchten, in dem New-Yorker Schlitten folgen sollten. Man hoffte, eine ältliche Verwandte, Mrs. Bogart, welche in Albany wohnte, würde sich dazu verstehen von der Gesellschaft zu seyn, und der Plan war, eine den Mordaunt's verwandte Familie zu Kinderhook zu besuchen und miteinander zu Mittag zu speisen. Während die Schlitten in Bereitschaft gesetzt wurden, begab sich Herman Mordaunt nach dem Hause der Mrs. Bogart, trug seine Bitte vor, und erreichte seine Absicht. Die Glocke auf dem Thurm der englischen Kirche schlug Zehn, als beide Schlitten von Herman Mordaunt's Hausthüre wegfuhren. Es lag im buchstäblichen Sinne kein Schnee mehr in der Mitte der Straßen; in der Nähe der Häuser jedoch fand sich, mit Eis untermischt, dessen noch genug, um bis zur Fähre hinab gelangen zu können, dem Punkt, wo die Schlitten gewöhnlich auf den Strom hineinfuhren. Hier hielt Herman Mordaunt, welcher voranfuhr, seine Pferde an und wandte sich um, mit Guert sich zu besprechen, ob es passend und gerathen sey, weiter zu fahren. Das Eis in der Nähe des Ufers war offenbar in Bewegung gesetzt worden, denn der Fluß war um einen oder zwei Fuß gestiegen, in Folge des Windes und Thauwetters, und eine Art Eiswelle war am Land aufgeworfen, über welche man durchaus hinüber mußte, um auf den eigentlichen Fluß zu gelangen. Da die Spitze dieses Eisrückens oder dieser Eiswelle gebrochen war, so kam ein Riß zum Vorschein, welcher uns möglich machte, die Dicke des Eises zu sehen, und darauf wies Guert hin, als einen Beweis seiner Stärke. Es war auch nichts Ungewöhnliches an einer kleinen Bewegung der Eisdecke des Flusses, wie sie die Strömung öfters verursacht; und wenn nicht die ungeheuern Eisflächen weiter unten sich in Bewegung setzten, so war es für die obern in der That unmöglich, ihre Lage wesentlich zu verändern. Auch passirten noch immer Schlitten, welche Heu von den Ebenen des westlichen Ufers nach der Stadt führten, und so besann man sich nicht länger. Herman Mordaunt's Schlitten fuhr langsam über den Eishügel, weil man Sorge tragen mußte für die Füße der Pferde, und der unsrige folgte ebenso vorsichtig, obgleich die Rappen über den Spalt sprangen, trotz der Bemühungen ihres Herrn. Sobald wir jedoch auf dem Fluß uns befanden, gab Guert seinen Rappen die Peitsche, ließ ihnen die Zügel schießen, und dahin flogen wir wie der Wind. Der glatte Eisspiegel des Hudson war unsere Straße, denn das Thauwetter hatte sehr wenige Spuren übrig gelassen. Das Wasser war alles durch Risse und Spalten irgend einer Art unter das Eis abgeflossen, und so hatten wir eine ebene, trockene Fläche, auf der wir dahinfuhren. Der Wind wehte noch von Süden, doch nicht eigentlich mehr warm, während eine glänzende, unumwölkte Sonne dazu beitrug, die Fahrt so lustig für das Auge zu machen, als sie unserer Empfindung angenehm war. In wenigen Minuten war jede Spur von Mißbehagen verschwunden, dahin flogen wir, und die Rappen rechtfertigten vollkommen ihres Herrn Lobsprüche und Rühmen; sie schienen kaum das Eis zu berühren, von welchem ihre Füße, wie von einer geheimen Federkraft getrieben, emporzuschnellen schienen. Herman Mordaunt's Rothbraunen folgten uns auf dem Fuß, und die Schlitten hatten binnen zwanzig Minuten, seit sie den Fluß berührt, schon die bekannte Untiefe von Overslaugh passirt. Jeder Amerikaner aus dem Norden ist wohl bekannt mit der Wirkung, welche die Bewegung eines Schlittens unter begünstigenden Umständen auf die Stimmung und Laune hervorbringt. Hätte unsere Gesellschaft ganz aus Albaniern bestanden, so wäre wahrscheinlich der Genuß und die Freude ganz ungetrübt gewesen, denn die Gewohnheit würde alle Besorgniß ausgeschlossen haben; aber es bedurfte der oben genannten Frist, um Anneke'n und Mary Wallace volles Vertrauen zu dem Eis einzuflößen. Bis wir jedoch Overslaugh erreichten, war ihre Angst verschwunden; und Guert bestärkte sie in ihrem Sicherheitsgefühl dadurch, daß er sie auf die Töne von den Hufschlägen seiner Pferde aufmerksam machte, welche allerdings den Eindruck machten, daß man sich auf einem festen Grund bewege. Mary Wallace war nie früher in meiner Gegenwart so munter gewesen, wie sie an diesem Morgen erschien. Ein oder zweimal däuchten mir ihre Augen fast so glänzend wie die Anneke'ns, und gewiß war ihr Lachen ebenso süß und musikalisch. Beide Mädchen waren von glänzendster Laune, und ein paar Kleinigkeiten fielen vor, welche in mir die Hoffnung erweckten, Bulstrode habe keinen Grund, sich seiner Sache so gewiß zu glauben, als dieß manchmal bei ihm der Fall zu seyn schien. Eine zufällige Bemerkung Guert's entlockte Anneke'n einige Herzensmeinungen in Bezug auf diesen Punkt – oder wenigstens schienen sie mir das zu seyn. »Ich bin erstaunt, daß Mr. Mordaunt vergaß, den Mr. Bulstrode einzuladen, an unsrer heutigen Partie Theil zu nehmen,« rief Guert, als wir über Overslaugh hinaus waren. »Der Major ist ein Freund vom Schlittenfahren, und er würde ganz angenehm den vierten Sitz im andern Schlitten ausgefüllt haben. Aber ein Platz in diesem – der wäre ihm verweigert worden, und wenn er selbst ein General wäre!« »Mr. Bulstrode ist ein Engländer,« versetzte Anneke lebhaft, »und bildet sich ein, amerikanische Ergötzlichkeiten stünden unter dem Geschmack eines Mannes, der am Hofe von St. James präsentirt worden ist.« »Nun, Miß Anneke, ich kann nicht sagen, daß ich in dieser Eurer Ansicht von Mr. Bulstrode ganz mit Euch übereinstimme,« erwiederte Guert unschuldig. »Es ist wahr, er ist ein Engländer; er hält es für einen Vorzug, wie auch Corny Littlepage hier; aber wir müssen der Liebe zum Heimathland und dem Mißtrauen gegen Ausländisches doch immer Etwas nachsehen.« »Corny Littlepage hier ist nur halbenglisch, und diese Hälfte ist in der Colonie geboren und erzogen,« versetzte das lachende Mädchen, »und er hat die Schlitten geliebt von der Zeit an, wo er zuerst einen Berg herunter glitt –« »Ach, Miß Anneke, laßt mich Euch bitten –« »Oh, ich beabsichtige gar keine Anspielung auf die holländische Kirche und deren Umgebungen; – aber die Spiele der Kindheit sind uns immer theuer, sowie manchmal auch deren Leiden. Gewohnheit und Vorurtheil sind innig verschwistert; und ich sehe nie einen dieser Gentlemen aus dem Mutterlande ein ungewöhnliches Interesse an einem der eigenthümlichen Bräuche unsrer Colonie an den Tag legen, ohne daß ich gegen ein ungewöhnliches Maß von Gefälligkeit einiges Mißtrauen fühle, oder eine Art von Genuß bei ihm vermuthe, die wir eigentlich nicht theilen können.« »Ist das ganz billig gegen Bulstrode, Miß Anneke?« wagte ich zu fragen. »Er scheint Gefallen an uns zu finden, und ich bin gewiß, er hat allen Grund dazu. Daß er an Einigen von uns Wohlgefallen findet, ist zu augenfällig, als daß es sich verhehlen oder abläugnen ließe.« »Mr. Bulstrode ist ein geschickter Schauspieler, wie Allen bekannt seyn muß, die seinen Cato gesehen haben,« entgegnete das reizende Mädchen, ihre schmollenden Lippen in einer Art zusammenziehend, die mir unaussprechlich lieblich erschien; »und Wer seinen Cerub gesehen, muß auch von der Biegsamkeit seiner Talente überzeugt seyn. Nein, nein; Major Bulstrode ist besser da wo er ist, oder heute um vier seyn wird, – oben am Tische der Offiziersgesellschaft des ––ten Regiments, als daß er in einem hübschen holländischen Gesellschaftszimmer speiste bei meiner Cousine, der würdigen Mrs. Van der Heyden, bei einem Mittagessen, mit einer Gastlichkeit, einer Herzlichkeit und einer Einfachheit bereitet und geboten, wie sie nun einmal in der Colonie zu Hause sind. Die Bewirthung, die uns heute zu Theil werden wird, versüßt durch einen vom Herzen gebenden Willkomm, kann nicht ihres gleichen haben und keine Gunst finden in Ländern, wo man zwei Tage vor einem Besuch einen Boten schicken muß, sich die Erlaubniß auszubitten, zu kommen, wenn man nicht kalten Blicken und einer erkünstelten Ueberraschung sich aussetzen will. Ich würde immer vorziehen, lieber das Herz meiner Freunde als ihren Kopf zu überraschen.« Guert drückte sein Erstaunen aus, daß irgend ein Mensch nicht jederzeit erfreut und willig seyn sollte, seine Freunde bei sich zu empfangen, und blieb dabei, daß keine so ungastliche Sitten existiren könnten . Ich jedoch wußte, daß die Gesellschaft in alten und in neuen Ländern nicht auf dem gleichen Fuß bestehen könne, – bei einem Volke, auf welches seine große Zahl drückte, und bei einem solchen, welches die Uebel und Leiden der Uebervölkerung noch nicht empfunden hatte. Die Amerikaner sind Leute, die auf dem Land wohnen und sich immer freuen, ihre Freunde bei sich zu sehen; und ich erlaubte mir einige Bemerkungen über die Ursachen dieser abweichenden Sitten und Gewohnheiten. Nichts der Erwähnung Werthes fiel vor auf unsrer Fahrt nach Kinderhook, Mrs. Van der Heyden hatte ihre Wohnung in einer kleinen Entfernung vom Strom, und die Rappen und die Rothbraunen hatten einige Mühe, uns durch den Koth vor ihre Hausthüre zu schleppen. Aber sobald wir uns dort befanden, rechtfertigte und bestätigte der Empfang, der uns daselbst wurde, vollkommen die Theorie von den Gewohnheiten und Sitten der Colonie, welche während unsrer Herfahrt besprochen worden war. Anneke'ns würdige Verwandte freute sich nicht nur, sie zu sehen, was wohl die Empfindung eines Jeden gewesen seyn würde, sondern sie hätte auch mit Freuden so Viele aufgenommen, als ihr Haus nur immer fassen konnte. Wenige Entschuldigungen waren nöthig, denn wir Alle waren willkommen. Daß der Besuch ihr Mittagessen um eine Stunde hinausschieben würde, gestand sie offen, – aber das hatte Nichts zu bedeuten; und Kuchen und Wein wurden uns einstweilen vorgesetzt, falls wir in Folge der zweistündigen Fahrt Hunger verspürten. Guert ward gebeten, sich alle Freiheit zu nehmen und in die Ställe zu gehen, um seine Befehle zu ertheilen. Mit Einem Wort, unser Empfang war gerade so, wie wohl jeder Colonist ihn gefunden hat, wenn er unerwarteter Weise einen Freund oder den Freund eines Freundes besuchte. Unser Mittagessen war vortrefflich, obwohl ohne viele Förmlichkeiten. Der Wein war gut; denn der Mrs. Van der Heyden verstorbener Gatte war ein Kenner dessen, was in dieser Hinsicht wünschenswert war, gewesen. Alle waren in guter Laune; und unsre Wirthin bestand darauf, uns vor unsrer Abfahrt auch noch den Kaffee zu reichen. »Der Mond wird am Himmel stehen, Cousin Herman,« sagte sie, »und die Nacht wird hell und angenehm werden. Guert kennt den Weg, welcher nicht wohl verfehlt werden kann, da er auf dem Fluß hin geht; und wenn Ihr mich um acht Uhr verlaßt, so werdet Ihr Eure Heimath gerade zu rechter Zeit erreichen, um Euch zur Ruhe zu begeben. Ich sehe Euch so gar selten, daß ich das Recht habe, jede Minute in Anspruch zu nehmen, die Ihr erübrigen könnt. Wir haben uns noch so Viel zu sagen von unsern alten Freunden und beiderseitigen Verwandten.« Wenn solche Worte begleitet sind von Mienen und Werken, welche ihre Aufrichtigkeit beweisen, so ist es nicht leicht, sich von einem angenehmen Hause loszureißen. Wir plauderten darauf los, lachten, lauschten auf Geschichten und Colonie-Anekdoten, welche uns auf den letzten Krieg zurückführten, und hörten eine Menge Lobsprüche auf schöne Männer und Frauen, die wir jungen Leute unser ganzes Leben lang als achtbare, ältliche, ganz alltägliche Personen betrachtet hatten. Endlich kam die Stunde heran, wo Mrs. Bogart selbst zugab, daß wir abreisen müßten. Anneke und Mary wurden geküßt, in ihre Pelze eingewickelt und noch einmal geküßt, und dann nahmen wir unsern Abschied. Als wir das Haus verließen, bemerkte ich, daß die Uhr auf dem Gang Acht schlug. In wenigen Minuten hatten Alle ihre Plätze eingenommen, und die Läufe der Schlitten schlugen Feuer aus den Steinen des von Schnee entblößten Bodens. Es war weniger schwierig, das Ufer des Stroms hinunter als hinaufzufahren, obwohl kein Schnee mehr dort lag. Es war nicht eigentliche Frierkälte, auch hatte es seit dem Beginn des Thauwetters nicht mehr eigentlich gefroren, aber der Grund war doch seit dem Verschwinden der Sonne etwas starr geworden. Ich war sehr erfreut, als die Rappen auf das Eis sprangen und uns auf unsrem Heimwege fast mit noch größerer Geschwindigkeit dahin wirbelten, als sie am Morgen auf dem Herweg bewährt hatten. Ich dachte, es sey hohe Zeit, daß wir uns zur Heimkehr in Bewegung setzten; und in Bewegung waren wir jetzt, wenn man ein Dahinfliegen zu elf Meilen in der Stunde so nennen durfte. Das Licht des Mondes war nicht klar und glänzend, denn es war ein Dunst in der Atmosphäre, wie es leicht der Fall ist bei mildem Wetter im März; aber es war doch hell genug, daß Guert mit so großer Geschwindigkeit als nur wünschenswerth war, zufahren konnte. Wir waren Alle in bester Laune; wir zwei jungen Männer um so mehr, als Jeder von uns sich einbildete, an diesem Tage Anzeichen bemerkt zu haben, daß ein zärtliches Interesse für ihn in der Brust seiner Geliebten vorhanden sey. Mary Wallace hatte mit ächt weiblichem Takt es so zu lenken gewußt, daß ihr Anbeter selbst in weiblicher Gesellschaft als ein ganz anständiger und achtbarer Mann erschien, und ihn zur Aeußerung von manchen Ansichten und Gefühlen veranlaßt, welche ein edles Gemüth und ein männliches Herz, wenn auch nicht einen gebildeten Geist beurkundeten; und Guert hatte Zuversicht und Selbstvertrauen gewonnen und dadurch auch die Mittel, seine Gaben in ein günstiges Licht zu stellen. Was Anneke betrifft, so kannte sie jetzt meinen Zweck, und ich hatte einiges Recht, gewisse kleine Symptome von Gefühl, welche sie im Verlaufe des Tages kund gab, zu meinen Gunsten zu deuten. Ich bildete mir ein, ihre Stimme, so sanft sie immer war, werde noch sanfter, und ihr Lächeln noch süßer und gewinnender, wenn sie mich anredete oder gegen mich lächelte; und sie that beides gerade in genügendem Maße, so daß sie nicht fremd, und doch gerade so wenig, daß etwas Bewußtes dabei zu Grunde zu liegen schien; wenigstens waren dieß die Vermuthungen und Deutungen eines Menschen, der, wie ich glaube, nicht mit Recht eines zu starken Selbstvertrauens beschuldigt werden konnte, und dessen natürliche Schüchternheit noch gesteigert wurde durch die sich selbst mißtrauende Verzagtheit der reinsten Liebe. Dahin fuhren wir, und Guerts verwickeltes Glockengeläute machte mit seinem lustigen Geklingel eine solche Musik, daß man es eine Meile weit hören mußte; die Pferde knirschten an den Gebissen, denn sie wußten, daß ihr eigner Stall am Endpunkt ihrer Tagereise lag, und Herman Mordaunt's Rothbraunen waren uns immer so nahe, daß, trotz des Lärmens, welchen wir mit unsern Glocken machten, der Schall der seinigen uns doch beständig im Ohre klang. Eine Stunde verstrich rasch, und wir waren schon an Coejeman's vorbei, und hatten einen Weiler, der sich am Strand hin erstreckte und unmittelbar unter der hohen Hügeleinfassung des Stromes lag, in trüber, dämmernder Ferne im Gesicht. Dieser Ort ist seitdem unter dem Namen Monkey-Town bekannt geworden, und ist insofern nicht unbedeutend, als es die erste Häusergruppe an den Ufern des Hudson ist, wenn man Albany verlassen hat. Ich glaube fast, es hat einen andern offiziellen Namen, aber Guert gab ihm die erwähnte Benennung. Ich habe gesagt, die Nacht habe ein trübes, nebliges Licht gehabt, indem der Mond am Himmel hinschiffte durch einen tiefen, aber dünnen Ocean von Duft. Wir sahen die Ufer deutlich genug, und wir sahen die Häuser und Bäume, aber es war schwer, kleinere Gegenstände in einiger Entfernung zu unterscheiden. Im Verlaufe des Tages waren etwa zwanzig Schlitten uns begegnet oder an uns vorbeigekommen, aber zu dieser Stunde schien Jedermann außer uns den Fluß verlassen zu haben. Es wurde spät, nach den einfachen Lebensgewohnheiten derjenigen, welche an seinen Ufern wohnten. Als wir uns halbwegs zwischen den Inseln gegenüber von Coejeman's und dem eben erwähnten Flecken befanden, benachrichtigte uns Guert, welcher aufrecht dastand, um zu kutschiren, daß Leute, die auch spät auf der Bahn seyen, wie wir, herabkamen. Die Pferde der Fremden liefen in sehr starkem Trott und der Schlitten schlug sichtlich die Richtung nach dem westlichen Ufer ein, wie wenn dessen Insaßen in nicht großer Entfernung ans Land zu gehen beabsichtigten. Wie er an uns vorbeikam, mit großer Schnelligkeit, rief uns eine männliche Stimme Etwas in sehr hohem und lautem Tone zu, aber unsre Glocken machten ein solches Getöse, daß es nicht leicht war, ihn zu verstehen. Auch sprach er holländisch, und das Ohr von Keinem von uns, Guert ausgenommen, war mit dieser Sprache vertraut genug, um sonderlich schnell zu fassen, was er sagte. So blieb denn sein Zuruf unbeachtet; und dergleichen Dinge kamen gar häufig vor bei den Holländern, welche selten auf der Landstraße an einander vorbeifuhren, ohne sich auf die eine oder die andere Art zu grüßen. Ich dachte über diesen Brauch nach und über die Punkte, welche unsre Art und Weise von denen der Leute in diesem Theil der Colonie unterschieden, als Schlittenglocken ganz in meiner Nahe ertönten, und als ich den Kopf umwandte, sah ich Herman Mordaunt's Rothbraunen ganz dicht hinter uns galoppirend, als wünschte er uns gleich zu kommen. Im nächsten Augenblicke hatte er seinen Zweck erreicht und Guert hielt seine Pferde an. »Habt Ihr den Mann verstanden, welcher flußabwärts fuhr, Guert?« fragte Herman Mordaunt, sobald alles Getöse verstummt war. »Er rief uns zu, so laut er konnte, und hätte das schwerlich ohne einen bestimmten Zweck gethan.« »Diese Leute gehen nach einem Besuch in Albany selten heim, ohne ihre Krüge zu füllen,« versetzte Guert trocken; »was konnte er uns weiter zu sagen haben, als uns gute Nacht zu wünschen?« »Ich weiß es nicht; aber Mrs. Bogart meinte, sie habe Etwas vernommen von Albany und vom Fluß.« »Die Ladies bilden sich immer ein, Albany versinke nach einem starken Thauwetter in den Fluß,« antwortete Guert launig; »aber ich kann ihnen Beiden zeigen, daß das Eis sechszehn Zoll dick ist hier, wo wir uns befinden.« Dann gab mir Guert die Zügel, sprang aus dem Schlitten, ging eine kleine Strecke weit zu einem großen Spalt, den er gesehen, während er sprach, und kam zurück, einen Daumen an den Griff der Peitsche haltend, als Maßstab um zu zeigen, daß seine Behauptung richtig war. Wirklich betrug die Dicke des Eises an dieser Stelle wohl näher an achtzehn als an sechszehn Zoll. Herman Mordaunt zeigte der Mrs. Bogart das Maß, deren Besorgniß durch diesen triftigen Beweis beschwichtigt ward. Weder Anneke noch Mary zeigten irgend Furcht; sondern im Gegentheil, als die Schlitten sich wieder trennten, hatte Jede eine scherzhafte, aber ächt weibliche Bemerkung zu machen, auf Kosten der Einbildungskraft der armen Mrs. Bogart. Ich war, glaube ich, die einzige Person in unserm Schlitten, welche nach diesem kleinen Vorfall Unruhe empfand. Warum gerade mich Besorgniß anwandelte, vermag ich nicht genau anzugeben. Es muß ganz um Anneke'ns willen und nicht im Mindesten um meiner selbst willen gewesen seyn. Solche Unfälle, wie das Einbrechen von Schlitten kamen auf unsern Seen und Flüssen in New-York beinahe jeden Winter vor, und oft ertranken Pferde, obgleich die Folgen selten auch für deren Eigenthümer so ernsthaft wurden. Ich vergegenwärtigte mir die Zerbrechlichkeit des Eises, die nothwendigen Wirkungen des starken Thauwetters und des heftigen Regens, und bedachte, daß gefrorenes Wasser noch so ziemlich seine anscheinende Dichtigkeit behalten könne, nachdem seine Festigkeit schon gewaltigen Abbruch erlitten. Aber ich konnte Nichts thun! Wenn wir landeten, so wären die Straßen nicht fahrbar für Schlittenläufe, kaum für Räder gewesen, und binnen noch einer Stunde konnten die Ladies, mittelst des Flusses, in ihrer behaglichen Heimath sich befinden. Der Tag jedoch, der, bis zu dem Augenblick, wo wir dem unbekannten Schlitten begegneten, der allerglücklichste meines Lebens gewesen war, hatte plötzlich in meinen Augen ein ganz verändertes Ansehen bekommen und ich betrachtete ihn nicht mehr mit Freude und Wohlgefallen. Wäre Anneke zu Hause gewesen, so hätte ich mit Freuden einen Vertrag eingegangen, als Bedingung ihrer Sicherheit selbst eine ganze Woche auf dem Eise zuzubringen. An die Andern dachte ich nur wenig, zu meiner Schande sey es gesagt, obwohl ich nicht so ungerecht gegen mich selbst seyn kann, zu glauben, daß ich, wenn Anneke weg gewesen wäre, auch nur ein Pferd verlassen haben würde, so lange noch Hoffnung war, es zu retten. Dahin fuhren wir! Guert fuhr rasch, aber mit Einsicht, und es schien, als wüßten seine Rappen, was man von ihnen erwartete. Es dauerte nicht lange, so trabten wir an dem erwähnten Flecken vorbei. Es schien, daß die Glocken der beiden Schlitten die Aufmerksamkeit der Leute an der Küste auf sich zogen, welche insgesammt noch nicht zu Bette gegangen waren; denn die Thüre eines Hauses ging auf, und zwei Männer traten heraus, uns anstarrend, als wir vorbeifuhren in einem Schritt, der es Jedem schwer gemacht hätte, uns einzuholen. Auch diese Männer schrieen uns auf Holländisch zu, und wieder galoppirte Herman Mordaunt an unsern Schlitten heran, um mit uns zu sprechen. »Habt Ihr diese Männer verstanden?« rief er, denn dießmal beliebte es Guert nicht, seine Pferde anzuhalten: »auch sie hatten uns Etwas zu sagen.« »Diese Leute haben einem Schlitten von Albany immer Etwas zu sagen, Mr. Mordaunt,« antwortete Guert, »obwohl nicht oft Etwas, worauf zu hören gut und gerathen ist.« »Aber Mrs. Bogart meint, sie haben auch wieder Etwas von Albany und von dem Fluß uns zugerufen.« »Ich verstehe so gut Holländisch als die treffliche Mrs. Bogart,« sagte Guert etwas trocken, »und ich habe Nichts gehört, während ich mir einbilde, mich etwas besser auf den Fluß zu verstehen. Dieß Eis würde ein Dutzend Lasten Heu in Einer Linie tragen.« Dieß stellte wieder Herman Mordaunt und die Ladies zufrieden, aber mich nicht. Unsre Glocken machten ein vierfach so starkes Getöse als die von Herman Mordaunt's Schlitten; und es war sehr wohl möglich, daß eine Person, welche vollkommen gut Holländisch verstand, einen Anruf in dieser Sprache deutlich vernahm, wenn sie in seinem Schlitten saß, während derselbe Zuruf von derselben Person nicht verstanden worden wäre, wäre sie in Guert's Schlitten gesessen. Wir hielten aber nicht an, sondern ließen die Pferde weiter traben, und eine weitere Meile ward zurückgelegt, ehe ein neues Vorkommniß unsre Aufmerksamkeit erregte. Fröhliches Lachen erschallte wieder unter uns, denn Mary Wallace verstand sich dazu, ein Lied zu singen, welches einen etwas komischen Anstrich bekam durch die Begleitung der Schlittenglocken. Dieses Lied, oder vielmehr die paar Verse dieses Liedes, denn die Sängerin kam nicht weiter wegen der sogleich zu erwähnenden Unterbrechung, hatte meine und Guert's Aufmerksamkeit nach hinten und von den Pferden abgezogen, als ein sausender Ton gehört ward, worauf sogleich ein lauter Ruf folgte. Ein Schlitten fuhr, nur zehn Schritte von uns entfernt, stromabwärts an uns vorbei, und der sausende Ton rührte von dem dahin schnurrenden Schlitten her, der Ruf aber von einem einzigen Mann darin, welcher aufrecht dastand, die Peitsche schwang und uns mit lauter Stimme Etwas zurief, so lange man ihn hören konnte. Dieß dauerte jedoch nur einen Augenblick, da seine Pferde in vollem Rennen waren; und das Letzte, was wir von dem Manne bei dem dürftigen Mondschein sehen konnten, war, daß er die Peitsche gegen sein Gespann gewendet hatte, um es zu noch rascherem Lauf anzutreiben. In einem Augenblick war Herman Mordaunt wieder an unserer Seite, zum dritten Mal diesen Abend, und rief uns etwas gebieterisch zu, anzuhalten. »Was mag das Alles zu bedeuten haben, Guert?« fragte er. »Dreimal sind uns Warnungen in Betreff Albany's und des Flusses zugerufen worden. Ich habe diesen Mann selbst diese beiden Worte aussprechen hören und kann mich nicht getäuscht haben.« »Ich glaube gern, Sir, daß Ihr Etwas der Art gehört haben mögt,« antwortete der noch immer ungläubige Guert; »denn diese Burschen haben gewöhnlich eine Unverschämtheit in Bereitschaft, wenn sie an einem Gespann vorbeifahren, welches besser ist als das ihrige. Meine Rappen da, Herman Mordaunt, erregen nicht geringen Neid, wohin ich mit ihnen komme; und ein Holländer wird Euch eher jeden andern Vorzug verzeihen, als sich gefallen lassen, daß Ihr ein besseres Gespann habt als er. Dieser letzte Mann hatte überdieß einen Sparren im Kopf und treibt in diesem Augenblick sein Vieh an mehr wie ein Narr als wie ein menschliches vernünftiges Wesen. Ich glaube fast, er fragte uns, ob uns Albany und der Fluß gehöre.« Guert's Hinweisung auf seine Pferde erregte allgemeines Lachen, und das Lachen ist der kalten Ueberlegung nicht eben günstig. Wir Alle schauten in die feierliche, schweigende Nacht hinaus, warfen unsere Blicke auf die weite und lange Linie des Stromes, auf welchem wir uns befanden, und sahen Nichts als den Frieden und die Ruhe der Natur, weiche bei der Einsamkeit und Stille der Stunde einen mächtigen, ehrfurchtgebietenden Eindruck machte. Guert wiederholte lächelnd seine Versicherungen, daß Alles in Ordnung sey, und fuhr weiter. Dahin flogen wir wieder! Guert trieb sichtlich seine Pferde an, als wünsche er doch sehnlich, dieser Angst sobald als möglich enthoben zu seyn. Die Rappen flogen mehr als sie liefen , und wir begannen eben uns Alle der Heiterkeit zu überlassen, welche eine so schnelle und leichte Bewegung hervorruft, als ein Laut, den man etwa dem des gleichzeitigen Knalles von tausend abgefeuerten Büchsen vergleichen mochte, sich vernehmen ließ, und beide Schlittenlenker veranlaßte, Halt zu machen; die Schlitten hielten beide ganz nahe bei einander und beinahe in demselben Augenblick; ein leiser Ausruf entfuhr der alten Mrs. Bogart, Anneke aber und Mary blieben stumm wie der Tod. »Was bedeutet dieser Laut?« fragte Herman Mordaunt; und die Unruhe, die er empfand, verrieth sich sogar im Tone seiner Stimme. »Es scheint Etwas nicht richtig zu seyn.« »Es ist Etwas nicht richtig,« versetzte Guert kaltblütig aber mit großer Bestimmtheit; »und es ist Etwas, wornach man sehen muß.« Wie er dieß sagte, sprang Guert auf das Eis, auf welches er mit der Ferse nachdrücklich stampfte, um sich von seiner Festigkeit zu versichern. Ein zweites Krachen ward vernommen, und zwar offenbar hinter uns. Guert schaute mit angestrengtem Blicke flußabwärts; dann legte er den Kopf ganz nahe an den Spiegel des Eises und schaute wieder hinab. Zu derselben Zeit folgten drei oder vier jener erschreckenden Laute in sehr kurzen Pausen auf einander. Guert sprang augenblicklich wieder auf. »Jetzt verstehe ich es,« sagte er, »und finde, daß ich doch zu zuversichtlich gewesen bin. Das Eis jedoch ist stark und sicher, und wir haben von seiner Schwäche Nichts zu fürchten. Vielleicht wäre es aber doch besser den Fluß zu verlassen, obwohl ich keineswegs überzeugt bin, ob nicht das Gerathenste wäre, weiter zu fahren.« »Laßt uns auf einmal die ganze Gefahr wissen, Mr. Ten Eyck,« sagte Herman Mordaunt, »damit wir uns entscheiden, was zu thun das Beste sey« »Ha, Sir, ich fürchte, das Thauwetter und der Regen zusammen haben eine solche Masse Wasser in den Fluß geworfen, und so zu sagen ganz auf einmal, daß das Eis emporgehoben und von den Ufern stückweise losgebrochen wurde. Wenn dieß oben geschieht, ehe das Eis unten verschwunden ist, so werden dadurch manchmal Dämme gebildet, welche eine solche Wucht aufhäufen, daß die ganze Eisebene weit hinunter zu gebrochen wird, und Mauern von Eisschollen bis zu zwanzig Fuß hoch sich bilden. Dieß ist noch nicht geschehen, und deßwegen auch keine unmittelbare Gefahr vorhanden, aber wenn Ihr die Köpfe senkt, könnt Ihr sehen, daß ein solcher Bruch etwa eine halbe Meile abwärts von uns statt gefunden hat.« Wir thaten, wie Guert uns anwies, und sahen, daß ein Damm über den Fluß herüber sich gebildet hatte in einer kleineren als der von ihm bezeichneten Entfernung, welcher uns den Rückzug auf dem Wege, welchen wir herkamen; vollkommen abschnitt. Das Ufer auf der westlichen Seite des Hudson war dem Punkte gegenüber, wo wir uns befanden, hoch, und wie ich gespannt darauf hinschaute, erkannte ich aus der Art, wie die Bäume verschwanden, die entfernteren hinter den näheren, daß wir uns wirklich bewegten. Ein unwillkürlicher Ausruf machte, daß die ganze Gesellschaft in demselben Augenblick dieses erschreckenden Umstandes inne wurde. Wir bewegten uns wirklich, obwohl sehr langsam, auf dem Eise des geschwellten Flusses, in der Stille und Einsamkeit einer Nacht, in welcher der Mond mehr nur dazu beitrug, uns die Gefahr sichtbar und anschaulich zu machen, als daß er uns geholfen hätte, ihr zu entgehen! Was war zu thun? Es war nothwendig, sich zu entscheiden, und das schnell und mit Umsicht. Wir erwarteten, daß Herman Mordaunt einen Rath geben werde, aber er stellte die Sache sofort Guert's größerer Erfahrung anheim. »Wir können hier nicht landen,« versetzte der junge Mann, »so lange das Eis in Bewegung ist, und ich halte für besser, weiter zu fahren. Jeder Fußbreit bringt uns doch Albany um so viel näher, und wir werden eine oder ein paar Meilen weiter flußaufwärts unter die Inseln kommen, wo die Möglichkeit, landen zu können, sich um ein Bedeutendes steigert. Zudem habe ich auch oft den Fluß auf einer Scholle passirt, denn sie bleiben häufig stehen, und ich weiß Fälle, daß selbst beladene Schlitten sie benützten, um über den Fluß zu setzen. Bis jetzt ist noch gar kein Anlaß zu großer Besorgniß; – laßt uns weiter fahren und uns den Inseln zu nähern suchen!« Dieß geschah denn auch, obwohl man von Lachen und Gesang Nichts mehr bei uns hörte. Ich bemerkte wohl, daß Herman Mordaunt in Unruhe war um Anneke, obwohl er sie nicht in seinen Schlitten nehmen und Mary Wallace allein bei uns lassen konnte; auch konnte er seine achtbare Verwandte, Mrs. Bogart, nicht verlassen. Ehe wir wieder in die Schlitten stiegen, ergriff ich eine Gelegenheit ihn zu versichern, Anneke solle der Gegenstand meiner ganz besondern Sorge seyn. »Gott segne Euch, Corny, mein lieber Junge.« erwiederte Herman Mordaunt, mir mit Wärme die Hand drückend. »Gott segne Euch, und setze Euch in Stand, sie zu beschützen. Ich war im Begriff, Euch zu bitten, den Platz mit mir zu tauschen; aber Alles erwogen, glaube ich, mein Kind wird sicherer seyn bei Euch als sie es bei mir seyn könnte. Wir wollen Gottes Willen und Rathschluß erwarten in der Lage, in welche uns der Zufall versetzt hat!« »Ich werde sie nur mit dem Leben verlassen, Mr. Mordaunt. Seyd deßhalb ohne Sorgen.« »Ich weiß, Ihr werdet das nicht – ich bin gewiß, Ihr werdet das nicht thun, Littlepage; die Geschichte mit dem Löwen ist mir ein Pfand, daß Ihr es nicht thun werdet. Wäre Bulstrode mit gegangen, so wären wir stark genug gewesen, um –, aber Guert ist ungeduldig weiter zu kommen. Gott segne Euch, mein Junge. Versäumt mir mein Kind nicht!« Guert war ungeduldig, und sobald ich wieder im Schlitten saß, ging es wieder in reißender Eile fort. Ich sagte einige Worte, den Mädchen Muth einzusprechen, und dann ertönte kein Laut einer menschlichen Stimme mehr in der düstern, unheimlichen Scene. Sechszehntes Kapitel. Von Todesangst an jedem Glied     Gezerrt, fuhr er empor; Er hörte nur den Sturm der Nacht,     Musik war's seinem Ohr. Lord William. Dahin fuhren wir! Guert's Ziel waren die Inseln, welche ihn der Heimath näher brachten und zugleich einen Zufluchtsort boten, falls die Gefahr ernstlicher werden sollte. Die ungestüme Schnelligkeit unserer jetzigen Fahrt schloß alles Gespräch und sogar beinahe die Ueberlegung aus. Das Krachen des berstenden Eises jedoch wiederholte sich immer häufiger, und ertönte zuerst von oben und dann auch von unten. Mehr als einmal schien es, als wenn die ungeheure Wucht, die sich offenbar irgendwo in der Nähe von Albany angesammelt hatte, im Begriff stände in Einer wilden Fluth gegen uns herabzustürmen, wo dann der Fluß von einer unwiderstehlichen Strömung Meilen weit von Eis rein gefegt worden wäre. Dennoch setzte Guert seinen Weg fort; erstens weil er wußte, daß es in der Nähe des Punktes, wo wir uns befanden, unmöglich seyn würde, an einem der Hauptufer ans Land zu gelangen, und zweitens weil er, der oft ähnliche Andämmungen des Wassers gesehen, sich einbildete, wir seyen noch nicht ernstlich bedroht. Damit der entfernt wohnende Leser von der Gefahr, in welcher wir schwebten, eine genauere Vorstellung bekomme, dürfte es angemessen seyn, die Oertlichkeit etwas näher zu beschreiben. Die Ufer des Hudson sind im Allgemeinen hoch und steil und an einigen Stellen sind sie wirklich bergig. Keine der Rede werthen Ebenen erscheinen, bis man sich Albany nähert; und die südlich von dieser Stadt liegenden sind, mit der Größe des Stromes verglichen, auch nicht von großer Ausdehnung. In dieser Hinsicht ist der Mohawk ein ganz anderer Fluß, denn er hat ausgebreitete Ebenen, die, wie man mir gesagt hat, im Kleinen denen des Rheins gleichen. Was den Hudson betrifft, so gilt er allgemein in der Colonie für einen sehr reizenden Fluß; und ich erinnere mich, von sehr verständigen Leuten vom Mutterland zugeben gehört zu haben, daß selbst die majestätische Themse kaum in höherem Grade besucht zu werden verdiene, kaum mehr die Mühe und Neugier des gebildeten Reisenden belohne und befriedige. Diese Bemerkung von Mr. Cornelius Littlepage entlockt vielleicht dem Leser ein Lächeln. Aber wenige Personen von fünfzig Jahren dürften sich finden, welche sich der Zeit nicht mehr erinnern könnten, wo es eine Seltenheit war, irgend etwas Amerikanisches für so gut zu halten als Dasselbe oder etwas Aehnliches in England. Der Amerikaner, der ein Buch schreiben konnte, – ein wirkliches, lebendiges Buch, war eine Art Wunderthier. Ebenso war es mit dem, der ein Bild malen konnte, das über dem alltäglichen Portrait stand. Sogar die Früchte, das Obst, die Naturprodukte der Heimath wurden mit Mißtrauen gewürdigt. Heutzutage tritt in dieser Denkweise ein rascher, gründlicher Wechsel ein. Jetzt ist es Mode und guter Ton, alles Amerikanische zu erheben, und statt wie früher dem Gefühle der Colonial-Abhängigkeit sich beinahe bis zur Selbstwegwerfung hinzugeben, ist heutzutage das Land von der tiefsten provinzialen Selbstbewunderung erfüllt. Es ist zu hoffen, daß die nächste Wandlung uns einigermaßen das Wahre und Rechte bringen werde. Der Herausgeber. Während in der Nähe von Albany sich Ebenen von einiger Ausdehnung an den Ufern des Hudson finden, bleibt doch die Formation der Umgegend im Ganzen dieselbe, – hoch, kühn, und an einigen Punkten, besonders gegen Norden und Westen, gebirgig. Zwischen diesen Bergen windet sich der Fluß in mäandrischen Krümmungen, sechszig bis achtzig Meilen nördlich über der Stadt hin, und nimmt, während er nach dem Meere hinbraust, tributbare Flüsse auf. Eine kurze Strecke oberhalb Albany verändert sich der Charakter des Flusses gänzlich; bis zu diesem Punkte erstreckt sich die Fluth, macht ihn schiffbar, und die ganze Strecke von der See aufwärts im Sommer leicht zu befahren. Von den tributbaren Flüssen ist der wichtigste der Mohawk, welcher eine große Strecke weit westlich fließt, – wie man mir sagt, denn ich selbst habe diese entlegenen Theile der Colonie nie besucht, – zwischen fruchtbaren Ebenen hin, welche nördlich und südlich von schroffen Hochlanden begrenzt sind. Im Frühjahr nun, wenn die ungeheuern Massen Schnee, welche häufig vier Fuß tief in den Wäldern und in den Gebirgen und Thälern des Innern liegen, plötzlich in Folge der Regen und Südwinde schmelzen, treten nothwendig Ueberschwemmungen ein, welche oft, wie man erfahren hat, großen Schaden angerichtet haben. Die Niederungen am Mohawk werden, so habe ich mir sagen lassen, jährlich unter Wasser gesetzt, und eine mäßige Überschwemmung gilt für segensreich; zuweilen aber verursacht ein Zusammenwirken der genannten Ursachen eine Art Sündfluth, welche einen gerade zu entgegengesetzten Charakter hat. Da werden denn Häuser fortgerissen, und Brücken über die kleineren Bergbäche sind schon, wie man gesehen hat, an den Werften von Albany vorbei geschwommen, ins Meer hinunter. Zu solchen Zeiten bewirkt die Fluth des Meeres keine der des Flusses entgegengesetzte Strömung; denn es ist etwas ganz Gewöhnliches in den ersten Monaten des Frühjahrs, daß der Fluß ganze Wochen lang seiner ganzen Ausdehnung nach, in beständiger Bewegung dem Meere zu ist und man das Wasser bis New-York hinab süß findet. Dieß war im Allgemeinen die Art und Weise der Drangsal und Gefahr, mit welcher wir so unerwartet in Berührung kamen. Der Winter war streng und der Schnee ungewöhnlich tief gewesen; und während wir wüthend dahinfuhren, fiel mir ein, von meinem Großvater die Prophezeiung außerordentlicher Ueberschwemmungen im Frühjahr gehört zu haben, in Folge des Charakters des Winters, wie wir ihn auch schon vor meiner Abreise von Hause gefunden hatten. Das starke Thauwetter und die heftigen Regengüsse des neulichen Sturmes hatten die gewöhnliche Wirkung herbeigeführt, und die hiedurch sowohl auf den ferneren als auf den nähern Bergen frei gewordenen Gewässer stürzten jetzt in gesammter Macht gegen uns herab. In solchen Fällen ist das Erste, daß das Eis an den Küsten abgelöst wird; und da lokale Ursachen es zwingen, an bestimmten Punkten zu weichen, tritt ein Aufbrechen seines Spiegels ein, und Dämme werden gebildet, welche den Strom in Fluthen auf all das umliegende niedere Land zurückdrängen, dergleichen die Niederungen in der Nähe von Albany waren. Damals wußten wir das noch nicht; aber in dem Augenblick, wo Guert seine Rappen so zu übernatürlicher Anstrengung antrieb – er jagte sie förmlich wie bei einem Wettrennen, – da war schon eine große Strecke des Hudson gegenüber der Stadt, eine kleine Strecke weit oberhalb, und in beträchtlicher Ausdehnung unterhalb derselben von feststehendem Eise ganz frei. Ungeheure Schollen zwar trieben fortwährend herunter und verstärkten den Damm, der sich unten in der Nähe von Overslaugh und daran gebildet hatte, wo ihm die Inseln als Strebepfeiler dienten und unten aufstand; aber die ganze feste Eisfläche, von wo wir am Morgen ausgefahren waren, war verschwunden! Dieß wußten wir damals noch nicht, sonst hätte sich Guert zu andern Maßregeln entschlossen; aber ich erfuhr es nachher, als ich mich in der Lage befand, mich nach den Ursachen dessen, was vorgegangen war, zu erkundigen. Herman Mordaunt's Glocken und das Stampfen seiner Pferde ließen sich dicht hinter uns vernehmen, während unser Schlitten auf dem Fluß dahinflog mit einer Schnelligkeit, die, wie ich fest überzeugt bin, nicht viel weniger als zwanzig Meilen in der Stunde betragen konnte. Wie wir weiter nördlich kamen, nahmen die Laute vom Krachen des Eises an Stärke zu, und wiederholten sich immer häufiger. Sie wurden in der That entsetzlich! Immer noch blieben die Mädchen ganz still und behaupteten aufs bewundernswerteste ihre Fassung und Selbstbeherrschung, obwohl sie, wie ich nicht bezweifle, die wahre Beschaffenheit der schauerlichen Lage, worein wir versetzt waren, ihrem vollsten Umfange nach begriffen und fühlten. Dieß war der Stand der Dinge, als Guert's Rappen, weil ihnen nachgerade der Athem ausging, sehr merklich in ihrer Schnelligkeit nachzulassen begannen. Sie galoppirten noch immer fort, aber nicht mehr mit der Schnelligkeit des Windes; und ihr Herr sah die Thorheit ein, zu hoffen, er würde die Stadt noch vor dem Eintreten der Katastrophe erreichen. Er zog daher seinen keuchenden Rossen die Zügel an und setzte sie eben in einen mäßigeren Trab, als ein heftiges Krachen gerade vor uns sich vernehmen ließ. Im nächsten Augenblick hob sich das Eis, im buchstäblichen Sinne unter den Hufen unserer Pferde, einige Fuß hoch empor, in der Gestalt vom Dach eines Hauses. Es war zu spät, umzukehren, und Guert schwang, unter dem Rufe: »Jack!« – »Moses!« die Peitsche, und die muthigen Thiere kamen wirklich über den Eisberg hinüber, sprangen über einen drei Fuß breiten Spalt, und erreichten das ebene Eis auf der andern Seite. Das Alles geschah so zu sagen in einem Nu. Während der Schlitten über diese Erhöhung flog, konnte ich nur mit Mühe die Mädchen auf ihren Sitzen erhalten, während Guert mannhaft und aufrecht stehen blieb, wie die Fichte, die zu tief gewurzelt ist, als daß sie dem Sturm erläge. Sobald jedoch die Gefahr vorbei war, zog er den Pferden die Zügel an und machte urplötzlich Halt. Wir hörten die Glocken von Herman Mordaunt's Schlitten auf der andern Seite der Scheidewand, konnten aber Nichts sehen. Die zerbrochnen Schollen, gedrängt von Millionen Tonnen Wucht von oben, hatten sich volle zehn Fuß hoch emporgehoben, in beinahe scheitelrechter Senkung, so daß selbst zu Fuß darüber hinüberzukommen, beinahe eine Unmöglichkeit war. Dann ertönte Herman Mordaunt's Stimme, voll väterlicher Todesangst und menschlichen Jammers, und steigerte noch das Entsetzliche dieses fürchterlichen Augenblicks. »Ans Land! Ans Land!« schrie er mit brüllender oder vielmehr gellender Stimme. »Im Namen der gnädigen Vorsehung, Guert, ans Land!« Die Glocken mit ihrem Klingeln entfernten sich dem westlichen Ufer zu und das Schnurren der Schlittenläufe begleitete diesen Ton. Es war ein athemloser Moment für uns Vier. Wir hörten das Krachen und Knirschen des Eises rings auf allen Seiten um uns herum; wir sahen die zerrissenen Wände von Eis hinter und vor uns; wir hörten das Geläute von Herman Mordaunt's Glocken, wie es immer mehr sich entfernte, und endlich ganz aufhörte, und es ward uns zu Muthe, als wären wir von allen übrigen Wesen unserer Gattung abgeschnitten. Ich glaube nicht, daß Eines unter uns die Besorgniß hegte, mit dem Eis einzubrechen; denn die Gewohnheit hatte uns mit dem Eisfeld des Flusses so vertraut gemacht, während die entsetzlichen Gründe zur Angst so offen zu Tage lagen, daß Keines an die von dieser Seite her drohende Gefahr dachte. Auch hatten wir in Wahrheit daher nicht Viel zu besorgen. Das Thauwetter hatte nicht lange genug angedauert, um die Dicke oder die Festigkeit des gewöhnlichen Flußeises wesentlich zu vermindern, obwohl es sich zu schwach erwies, dem ungeheuern Drucke zu widerstehen, welcher von oben her darauf einbrach. Vermuthlich hätte eine Scholle von der Größe eines Acre's nicht nur uns, sondern auch unsern Schlitten und unsere Pferde getragen und uns wie ein Floß den Fluß hinunter geführt, wäre eine solche Scholle, frei von allen Hemmungen und Anstößen, vorhanden gewesen. Selbst die Mädchen begriffen jetzt die Gefahr, welche in einer Weise über unsern Häuptern schwebte, wie die halbgelöste Schneekrone der Berge mit dem Sturz der Lavine droht. Aber es war kein Augenblick, wo Unentschlossenheit oder Unthätigkeit gestattet war. Durch eine nicht zu überschreitende Scheidewand von Eis abgeschnitten von dem Wege, welchen Herman Mordaunt eingeschlagen, mußten wir nothwendig einen Entschluß über das von uns selbst einzuschlagende Verfahren fassen. Wir hatten die Wahl zwischen einem Versuch, nach der westlichen Küste hinüberzufahren, oberhalb der Eiswand, oder der nächsten von mehreren niedern Inseln zuzustreben, welche in der entgegengesetzten Richtung lagen. Guert entschied sich für letzteres und ließ seine Pferde im Schritt nach dieser Landspitze hin gehen, da keine Notwendigkeit der Eile vorzuliegen schien, während die Thiere des Verschnaufens sehr benöthigt waren. Während dieser Fahrt erklärte er uns, daß der Riß unten uns von dem einzigen Punkte abschnitt, wo eine Landung auf dem westlichen Ufer thunlich wäre. Zugleich bediente er sich auch eines frommen Betrugs, welcher eine vortreffliche Wirkung auf die Gefühle und das Benehmen der beiden Mädchen während der übrigen bangen und angstvollen Auftritte und Ereignisse dieser fürchterlichen Nacht hervorbrachte, besonders was Anneke betraf. Er ließ sich über das gute Glück Herman Mordaunt's, daß er auf der rechten Seite der Eiswand geblieben, welche die Schlitten trennte, in einer solchen Weise aus, daß diejenigen, welche seinen Beweggrund dabei nicht merkten, sich einbilden mußten, die übrige Gesellschaft befinde sich, in Folge dieses zufälligen Umstandes, in vollkommener Sicherheit. So glaubte Anneke ihren Vater gerettet, und dadurch ward sie einer tödtlich peinigenden Angst größtentheils enthoben. Sobald der Schlitten der Spitze der Insel sich näherte, gab Guert mir die Zügel in die Hand, und ging voraus, um zu untersuchen, ob es möglich sey zu landen. Er blieb fünfzehn Minuten aus, und kehrte erst zu uns zurück, nachdem er den Zustand der Insel untersucht hatte. Es waren fünfzehn entsetzliche Minuten; denn das Bersten der Eismassen oben und das knirschende Sichreiben der Schollen an einander machte ein Getöse wie das Toben und Brausen des Meeres in einem Sturm. Trotz aller der unheimlichen Vorfälle und Eindrücke dieser entsetzlichen Nacht konnte ich nicht umhin, Guert's Kaltblütigkeit und sein vortreffliches Benehmen zu bewundern. Er war mehr als entschlossen; denn er war kaltblütig, gefaßt und behielt die vollkommenste Herrschaft über alle seine Geisteskräfte. So Vieles der Versuch, nach der westlichen Küste hin zu entkommen, in den Augen eines minder klaren und umsichtigen Beobachters für sich haben mochte, hatte doch Guert Recht gehabt, wenn er sich dafür entschied, nach der Insel zu sich zu wenden. Das Krachen und Knirschen des Eises in einer andern Richtung hin hatte ihn überzeugt, daß das Wasser in der Nähe des festen Landes sich den Durchbruch erzwinge, und daß beinahe keine Hoffnung sey, nach dieser Seite hin zu entkommen. Als er sich wieder bei uns einfand, rief er mich zu sich vor die Pferde, um mit mir Rath zu halten, nachdem er zuvor unsern kostbaren Begleiterinnen die feierliche Versicherung gegeben, daß keine Gründe zu unmittelbarer Besorgniß vorhanden seyen. Mary Wallace verlangte mit Aengstlichkeit, daß er ihr die Versicherung wiederhole, bei der Wahrheit, welche der Mann dem Weibe schuldig sey; er that es, und dann gestatteten sie mir ohne weitere Widerrede, mich zu ihm zu begeben. »Corny,« sagte Guert mit leiser Stimme, »die Vorsehung hat mich gezüchtigt für meinen sündhaften Wunsch, Mary Wallace in den Tatzen eines Löwen zu sehen; denn alle wilden Bestien der alten Welt könnten uns kaum in eine verzweifeltere Lage bringen, als diejenige ist, in der wir jetzt sind. Wir müssen jedoch kaltblütig seyn und die Mädchen retten, oder sterben wie Männer.« »Unser Schicksal ist und muß das gleiche seyn. Widmet Ihr Euch ganz Mary und überlaßt Anneke mir. Aber warum diese Sprache? Unsere Lage ist doch gewiß nicht so ganz verzweifelt.« »Es möchte für zwei rüstige, kraftvolle junge Männer nicht so schwer seyn, ans Land zu kommen; aber ganz anders ist es mit Frauen. Das Eis ist rings um uns her in Bewegung; und die Schollen schieben und thürmen sich auf einander aufs furchtbarste empor. Wäre es hell genug, um zu sehen, so wären wir weit besser daran; so aber wie es ist, wage ich vor der Hand nicht, mit Mary Wallace weit von dieser Insel mich zu entfernen. Wir können genöthigt werden, die Nacht hier zuzubringen, und müssen demgemäß unsere Vorkehrungen treffen. Ihr hört, wie das Eis an der Küste knirscht, ein Zeichen, daß Alles stromabwärts treibt. Gott gebe, daß das Wasser bald durchbreche; obwohl es Alles mit sich fortreißen kann, wenn es kommt. Ich fürchte, Corny, daß Herman Mordaunt und seine Gesellschaft verloren sind!« »Barmherziger Himmel!« rief ich, »sollte es so schlimm stehen? Ich hoffe vielmehr, sie haben das Land erreicht.« »Das ist unmöglich, bei der Richtung die sie eingeschlagen. Selbst ein Mann würde betäubt und fortgerissen werden von dem Strome, welcher unter dem westlichen Ufer dahin braust. Diese Oeffnung, die das Wasser bekommen hat, ist es was uns rettet. Aber keine weitere Worte. Ihr begreift jetzt den Umfang der Gefahr, und werdet verstehen, was Ihr zu thun haben werdet. Wir müssen unsere kostbaren Schutzbefohlenen wo möglich ohne weitern Verzug auf die Insel zu schaffen suchen. Eine halbe Stunde, – ja, eine halbe Minute, kann uns den Strom auf den Hals bringen.« Guert übernahm die Anordnung von Allem. Selbst während er sprach, hatte sich das Eis von der Stelle bewegt, und wir befanden uns fünfzig Fuß weiter von der Insel entfernt als zuvor. Dadurch, daß wir die Pferde vorgehen ließen, ward dieser Unterschied bald wieder ausgeglichen; aber wir fanden es unmöglich, sie über die zerbrochenen Schollen zu führen oder zu treiben, von welchen die Küste der Insel nachgerade eingefaßt wurde. Nach ein paar lebhaften und entschlossenen Versuchen gab Guert die Sache auf, und bat mich, den Ladies aus dem Schlitten zu helfen. Nie benahmen sich Frauen besser, als diese zarten und lieblichen Mädchen, in einem so entsetzlich ängstlichen Falle. Ohne Gegenvorstellungen, Thränen, Ausrufungen oder Fragen thaten Beide, wozu sie aufgefordert wurden; und ich kann das Gefühl von Zuversicht und Sicherheit nicht beschreiben, das ich empfand, nachdem ich Beiden über den zerborstenen und knirschenden Saum von weißem Eis, das uns vom Ufer trennte, hinüber geholfen hatte. Die Nacht war keineswegs kalt, aber der Boden war jetzt hinlänglich gefroren, so daß wir keine Unannehmlichkeiten davon hatten, daß wir auf einem sonst schlammigen und kothigen angeschwemmten Grund hinschritten; denn die Insel war so nieder, daß sie oft unter Wasser stand, wenn der Fluß eine ungewöhnliche Höhe erreichte. Darin bestand auch in der That unsere Gefahr, nachdem wir sie erreicht hatten. Als ich zu Guert zurückkehrte, fand ich ihn schon eine Strecke weit hinabgetrieben; und dießmal brachten wir den Schlitten so weit über die Landspitze hinauf, daß die Gefahr geringer war, unsere kostbaren Schutzbefohlenen wieder aus dem Auge zu verlieren. Zu meinem Erstaunen war Guert damit beschäftigt, den Pferden, das Geschirr abzustreifen; und Jack stand schon ganz los und ledig da, Moses war bald auch in demselben Zustande. Ich wartete erstaunt ab, was nun geschehen würde, als Guert den Thieren die Zäume abnahm und mit seiner Peitsche kräftig knallte. Die befreiten Pferde sprangen scheu zurück, – schnoberten, bäumten sich, und sich umkehrend jagten sie den Fluß abwärts, frei wie der Wind und beinahe auch eben so schnell; und das unaufhörliche laute Klatschen der Peitsche ihres Herrn diente keineswegs, ihre Eile zu vermindern. Ich fragte, was dieß zu bedeuten habe. »Es wäre grausam, den armen Thieren nicht zu gestatten, von der Kraft und dem scharfsinnigen Instinkt, womit die Natur sie begabt hat, Gebrauch zu machen, um ihr Leben zu retten,« antwortete Guert, mit angestrengten Blicken Moses nachschauend, welcher weiter dahinten war, so lange seine schwarze Gestalt sich noch unterscheiden ließ, und sich vorbeugend, um auf ihre Hufschläge zu lauschen, so lange das Getöse um uns her sie noch vernehmen ließ. »Für uns würden sie nur eine hindernde Last seyn, da sie über die Risse und Schollen im Geschirr sich doch nimmermehr hinüberzwingen ließen; auch wäre es gar nicht sicher und gerathen für sie, diese Richtung einzuschlagen, wenn sie auch könnten. Der Schlitten ist leicht, und wir sind stark genug, ihn ans Land zu schieben, wenn sich dazu Gelegenheit zeigt; oder können wir ihn auch auf der Insel stehen lassen.« Nichts hätte mich nachdrücklicher überzeugen können, in welchem Lichte Guert unsere Lage betrachtete, als daß ich ihn diese Thiere los lassen sah, von welchen ich wußte, wie hoch er sie schätzte. Ich äußerte dieß gegen ihn, und er antwortete mit schwermüthigem Ernst, welcher einen um so stärkern Eindruck auf mich machte: »Es ist möglich, daß sie das Land erreichen, denn die Natur hat dem Pferde einen scharfen, lebhaften Instinkt gegeben. Sie können auch schwimmen, wo Ihr und ich ertrinken würden. Jedenfalls sind sie nicht vom Geschirr gehemmt und gefesselt, sondern sie haben jede Möglichkeit, sich zu retten, welche ihnen zu verschaffen in meiner Macht steht. Sollten sie ans Land kommen, so würde irgend ein Hofbesitzer sie in seinen Stall stellen, und ich würde bald hören, wo sie zu finden sind; falls ich anders morgen früh noch lebe und diese Erkundigung anstellen kann.« »Was ist nun zunächst zu thun, Guert?« fragte ich, seine Gefühle und seine Art zu folgern und zu berechnen jetzt wohl verstehend. »Wir müssen jetzt den Schlitten auf die Insel schieben, worauf wir uns dann werden umsehen müssen, ob es möglich ist, die Ladies auf das feste Land zu schaffen.« Demgemäß machten wir, Guert und ich, uns an die Aufgabe und zogen ohne große Schwierigkeit den Schlitten über die Eisschollen, obgleich sie in Bewegung waren und sich an einander rieben. Wir schleppten ihn bis an den Baum, unter welchem Anneke und Mary standen; worauf die Ladies hineinstiegen, und in die Pelze gehüllt ihre Sitze einnahmen. Die Nacht war für die Jahreszeit nicht kalt und unsere Begleiterinnen waren warm angekleidet und hatten Halspelze und Muffe, und die Wolfshäute von Guert dienten, es ihnen behaglicher zu machen. Alle Besorgnisse wegen unmittelbar drohender Gefahr hörten jetzt für einige Zeit auf. und ich glaube, keine von den beiden Mädchen ließ sich einfallen, daß sie irgend eine weitere Fährlichkeit zu bestehen haben könnten, so lange sie auf terra firma blieben, außer daß sie der Nachtluft ausgesetzt seyen. Dieß war jedoch nicht der Fall, wie eine ganz einfache Erläuterung dem Leser darthun wird. Alle Inseln in dieser Gegend des Hudson sind nieder und bestehen aus fruchtbaren Wiesen von angeschwemmtem Boden, eingefaßt von Bäumen und Gebüschen; die meisten Bäume sind Weiden, Sykomoren und Nußbäume. Die Fruchtbarkeit des Bodens hatte diese Bäume schnell wachsen gemacht, und sie waren meist von ziemlicher Größe, aber nicht Einer darunter hatte jenen gewaltigen Umfang, wodurch sich Stamm und Aeste eines ehrwürdigen Waldbaumes auszeichnen. Dieser einzige Umstand schon bewies, daß keiner von all diesen Bäumen sehr alt war; was ganz gewiß aus den Verwüstungen der jährlichen Überschwemmungen erklärt werden mußte. Ich sage den jährlichen; denn obgleich die Ueberschwemmung, welche uns jetzt bedrängte, weit ernsthafter war als gewöhnlich, brachte doch jedes Jahr Etwas der Art; und die Inseln wuchsen beständig an oder verminderten sich in Folge der Wirkung derselben. Um letzteres zu verhindern, war ein Dickicht von Bäumen oben an jeder Insel übrig gelassen, um eine Art Barrikade zu bilden gegen den Andrang des Eises im Frühjahr. So niedrig jedoch war die Fläche des Landes oder der Wiesen, daß ein Steigen des Flusses um wenige Fuß sie gänzlich unter Wasser setzen mußte. Dieß Alles wird noch augenscheinlicher werden durch unser Vornehmen, nachdem wir die Damen in den Schlitten gesetzt hatten; und besonders aus den gelegentlichen, flüchtigen Bemerkungen Guert's während seiner weitern Maßregeln und Bemühungen. Sobald Guert Ten Eyck die Damen für den Augenblick gesichert glaubte, schlug er mir vor, den Zustand des Flusses genauer mit einander in Augenschein zu nehmen, um zu sehen, welches die thunlichsten, anwendbarsten Mittel wären, um auf das feste Uferland zu gelangen. Er sagte dieß laut und in ganz heiterem Tone, wie wenn er jetzt keine Besorgnisse mehr hegte, wie mir nicht entging, um unsere Begleiterinnen zu ermuthigen. Anneke verlangte, daß wir gehen sollten, und erklärte, da sie sich auf trockenem Land wisse, sey alle ihre Furcht verschwunden. Demgemäß gingen wir und richteten unsere Schritte zunächst nach dem obern Ende der Insel. Ganz wenige Minuten reichten hin, um die Grenzen unseres kleinen Reiches zu erreichen; und als wir uns ihnen näherten, deutete mir Guert auf einen Damm von Eis hin, welcher sich dahinter aufthürmte, als auf ein sehr drohendes Symptom. » Darin liegt die Gefahr für uns,« sagte er mit Nachdruck, »und wir dürfen uns auf die Bäume nicht verlassen. Diese Ueberschwemmung übersteigt jede, die ich jemals auf dem Fluß erlebt habe; und kein Frühjahr vergeht, daß wir nicht eine stärkere oder geringere haben. Seht Ihr nicht, Corny, was uns jetzt retten kann?« »Wir sind auf einer Insel, und können, so lange wir hier bleiben, vom Fluß wohl nicht so sehr bedroht werden.« »Dem ist nicht so, mein lieber Freund, dem ist gar nicht so. Aber kommt mit mir und nehmt Euch wohl in Acht.« Ich folgte Guert und nahm mich wohl in Acht. Wir sprangen auf die Eisschollen, welche wohl dreißig Schuh hoch am obern Ende der Insel aufgetürmt lagen und sich rechts und links so weit erstreckten, als unsere Augen bei diesem nebligen Licht sehen konnten. Es war eben nicht schwer auf diesem massiven Eisdamm herumzugehen, da die Bewegung der Schollen jetzt langsam war und häufig unterbrochen wurde; aber die eigentliche Beschaffenheit und Größe der Gefahr konnte man sich unmöglich verhehlen. Hätte nicht die Insel und das unten anliegende Festland ihre Hindernisse in den Weg gelegt, so würde das Eis fortwährend gewaltsam den Strom hinunter getrieben haben, Scholle sich über Scholle schiebend, bis das Ganze in dem breiteren Raum unten Luft bekommen und an den Ocean hinaus sich ergossen hätte. Aber nicht nur unsere Insel war hier, sondern auch noch andere Inseln lagen in der Nähe, welche die verschiedenen Arme oder Kanäle dergestalt einengten, daß dadurch die Bildung eines Dammes von Eis herbeigeführt wurde; und von der Stärke dieses Dammes hing unsere ganze Sicherheit ab. Wurde er irgendwo in unserer Nähe durchbrochen, so mußten wir unausbleiblich Alle miteinander fortgeschwemmt werden. Guert glaubte jedoch, wie schon gesagt, die Wasser hätten schmale Abflußwege dicht am Festland hin, östlich und westlich von uns, gefunden; und wenn sich dieß als wahr erwies, so wäre Hoffnung, daß das große Unglück abgewendet werden würde. Mit andern Worten, wenn diese Schleusen genügten, so konnten wir gerettet werden; im andern Falle war die Katastrophe gewiß. »Ich kann es vor mir selbst nicht rechtfertigen, wenn ich hier bleibe, ohne einen Versuch zu machen, zu sehen, was der Stand der Dinge in der Nähe des Ufers ist,« sagte Guert, nachdem wir die rasch anwachsende Masse zertrümmerten Eises vor uns, so gut es das Licht gestattete, in Augenschein genommen, und die Möglichkeit der Rettung, so wie die Art und Größe der Gefahr besprochen hatten. »Kehrt Ihr zu den Ladies zurück, Corny, und sucht ihren Muth aufrecht zu erhalten, während ich über diesen Kanal rechts von uns auf die nächste Insel hinübergehe, und sehe, was sich in dieser Richtung zeigt.« »Mir gefällt der Gedanke nicht, daß Ihr alle Gefahr allein bestehen sollt; zudem kann Etwas vorkommen, was die Kraft von Zweien statt von Einem in Anspruch nehmen mag, um überwunden zu werden.« »Ihr könnt bis zur nächsten Insel mit mir gehen, wenn Ihr Lust habt, wo wir dann sogleich im Stande seyn werden zu erkennen, ob es Eis oder Wasser ist, was uns von dem östlichen Ufer scheidet. Im erstern Falle könnt Ihr so schnell als möglich zu den Ladies zurückkehren, während ich eine Stelle zum Uebersetzen suche. Mir gefällt das Aussehen dieses Dammes gar nicht, wenn ich ehrlich mit Euch sprechen soll; und ich bin in großer Besorgniß wegen derjenigen, die jetzt im Schlitten sitzen.« Wir waren eben im Begriff uns wegzubegeben, als ein lautes, krachendes Getöse, wenige Schritte von uns entfernt, uns Beide erschreckte; und nach dem Platz hinlaufend, woher es kam, sahen wir, daß eine Weide entzwei geknickt war, wie ein Pfeifenstiel, und die ganze Eiswand langsam, aber majestätisch, vorrückte über den Stumpf hin, den gestürzten Stamm und die Zweige unter ihrer Wucht zermalmend, wie das langsam gehende Rad des schwerbeladenen Wagens ein Reis knickt und zerquetscht. Guert packte mich am Arm und seine Finger drangen mir beinahe ins Fleisch, so eisern war der Griff seiner Faust. »Wir müssen diese Stelle verlassen,« sagte er mit fester Stimme, »und das sogleich. Laßt uns zu dem Schlitten zurück.« Ich kannte Guert's Absichten nicht; aber ich sah, es war Zeit, mit Entschiedenheit zu handeln. Wir eilten schnell nach der Stelle, wo wir den Schlitten gelassen hatten; und der Leser mag sich unser Entsetzen vorstellen, als wir den Schlitten – nicht mehr dort fanden! Der ganze niedere Vorsprung der Insel, wo wir ihn gelassen, war schon mit Eisschollen bedeckt, welche in Bewegung waren, und ohne Zweifel während der wenigen Minuten unseres Wegseyns den Schlitten fortgerissen hatten! Als wir uns jedoch umschauten, sahen wir einen Gegenstand auf dem Fluß etwas weiter unten, der mir der Schlitten zu seyn schien, und ich war im Begriff, darauf loszustürzen, als eine angst- und jammervolle Stimme uns nach einer andern Richtung hin zog. Mary Wallace kam hinter einem Baume hervor, hinter welchem sie Rettung gesucht hatte, und Guert's Arm fassend, flehte sie ihn an, sie nicht mehr zu verlassen. »Wohin hat sich Anneke gewendet?« fragte ich in unbeschreiblicher Todesangst. »Ich sehe Nichts von Anneke!« »Sie wollte den Schlitten nicht verlassen,« antwortete Mary Wallace, beinahe nach Athem keuchend – »Ich flehte, – ich beschwor sie, mir zu folgen, sagte, Ihr müßtet bald zurückkommen; aber sie weigerte sich den Schlitten zu verlassen. Anneke ist im Schlitten, wenn der jetzt aufgefunden werden kann.« Ich hörte Nichts mehr; sondern auf die noch immer sich bewegenden Eisschollen springend, eilte ich hüpfend von Scholle zu Scholle, bis mir mein Auge zeigte, daß der Schlitten schon ganz auf dem Flußbett sich befand, auf welchem er in langsamer Bewegung hinabglitt, hinabgedrängt und geschoben von der neuen Decke von Eis, welche rasch über dem ursprünglichen Eisspiegel sich lagerte. Anfänglich konnte ich Niemand in dem Schlitten sehen; aber als ich ihn erreichte, fand ich Anneke in den Pelzen begraben. Sie lag auf den Knieen; das köstliche Wesen flehte um Hülfe und Beistand zu Gott. Ich fand einen halb phantastischen, aber süßen Trost darin, mich so gleichsam abgeschnitten von allen Uebrigen meines Geschlechts, inmitten dieser schauerlich einsamen Scene der Verwüstung, allein zu sehen mit Anneke Mordaunt. Im Augenblick, wo ich ihr meine Gegenwart kund thun konnte, fragte sie nach Mary Wallace, und fühlte ihr Herz sehr erleichtert, als sie erfuhr, daß sie bei Guert sey, und von ihm in dieser Nacht keinen Augenblick mehr werde verlassen werden. Wirklich erblickte ich dämmernd ihre Gestalten, als sie rasch über den Kanal schritten, welcher die beiden Inseln trennte, und in dieser Richtung unter den Büschen verschwanden, welche den Platz umsäumten, wohin sie gegangen waren. »Laßt uns ihnen folgen,« sagte ich lebhaft. »Der Uebergang ist noch offen und leicht; und auch wir können an das Ufer entkommen.« »Geht Ihr!« sagte Anneke, deren sich eine augenblickliche physische Starrsucht bemächtigt zu haben schien. »Geht Ihr, Corny,« sagte sie; ein Mann kann sich leicht retten; und Ihr seyd ein einziges Kind, – die einzige Hoffnung Eurer Eltern.« »Theure, geliebte Anneke! – warum diese Gleichgültigkeit – diese Apathie in Beziehung auf Eure eigne Person? Seyd Ihr nicht auch ein einziges Kind, die einzige Hoffnung eines verwittweten Vaters? – Vergeßt Ihr ihn ?« »Nein, nein, nein!« rief das liebe Mädchen hastig. »Helft mir aus dem Schlitten, Corny; so, ich will mit Euch überall hin gehen – überall hin – bis ans Ende der Welt, um meinem Vater einen solchen Jammer zu ersparen!« Von diesem Augenblick an verschwand die augenblickliche Schwäche und der Kleinmuth Anneke's, und ich fand sie die wenige Zeit hindurch, wo wir noch in Gefahr unsers Lebens schwebten, schnell im Begreifen, und bereit, alle meine Bemühungen zu unterstützen. Es war diese vorübergehende Ergebung in ein eingebildetes unabwendbares Verhängniß einerseits, und die betäubende, verwirrende Wirkung plötzlichen Schreckens andrerseits, was die beiden Mädchen getrennt hatte, und die Veranlassung zu der geschilderten Trennung der ganzen Gesellschaft gab. Ich weiß kaum, wie ich beschreiben soll, was nun folgte. So innig und tief war meine Angst für Anneke, daß ich keck sagen darf, ich dachte nicht im Mindesten an mein eigenes Schicksal, getrennt von dem ihrigen. Das hingebende Vertrauen, womit das liebe Mädchen alle ihre Hoffnung in mich zu setzen schien, würde für sich schon diese Wirkung gehabt haben, wenn sie nicht schon mein ganzes Herz besessen hätte, wie mir dieß jetzt so ganz zum Bewußtseyn kam. Augenblicke wie diese machen Einen für alle Gefühle des Herzens erst recht empfänglich, und streifen alle Hüllen ab, welche Gewohnheit, oder die konventionelle Verstellung des Benehmens so leicht über unsre Empfindungen wirft. Ich glaube, ich sprach mit Anneke während der nächsten paar Minuten, ich benahm mich gegen sie so, wie man sich wohl an das Wesen, das Einem das Theuerste auf der Welt ist, vertrauensvoll anschließt, an es Worte der Zärtlichkeit richtet; aber ich kann mir denken, daß der Leser natürlich lieber erfahren wird, was wir unter solchen Umständen thaten, als was wir sprachen oder empfanden. Ich wiederhole, es wird mir nicht leicht, zu beschreiben, was nun folgte. Ich weiß, wir rannten zuerst mehr als daß wir gingen über den Kanal, auf welchem ich zuletzt die dämmernden Gestalten von Guert und Mary erblickt hatte, und durchwanderten sogar die Insel nach der östlichen Seite hin, in der Hoffnung, im Stande zu seyn, in dieser Richtung das Ufer zu erreichen. Der Versuch war jedoch fruchtlos, denn wir fanden, daß das Wasser in wilden Wogen sich über das Eis herstürzte. Nichts war von unsern bisherigen Begleitern zu sehen; und mein lautes, wiederholtes Rufen nach ihnen blieb unbeantwortet. »Unsere Lage ist hoffnungslos, Cornelius,« sagte Anneke, und sie sprach dieß mit erzwungener Ruhe, als sie die Flucht in dieser Richtung unmöglich fand. »Laßt uns nach dem Schlitten zurückkehren und uns dem Willen Gottes unterwerfen.« »Geliebte Anneke, gedenkt an Euern Vater und bietet Eure ganze Kraft auf. Das Bett des Flusses ist noch fest; wir wollen hinüber und es auf dem andern Ufer versuchen.« So schritten wir denn hinüber, und meine zarte Begleiterin wurde ebensosehr von meinem unterstützenden Arm, als durch ihre eigne Entschlossenheit aufrecht erhalten; aber wir fanden, daß auch hier dasselbe Hemmniß unserm Entkommen sich in den Weg stellte. Die Insel oben hatte die Gewässer nach den Seiten gedrängt, bis sie an den beiden Ufern sich Oeffnung und freie Bahn verschafften und an den mit Weiden besetzten Küsten mit der Schnelligkeit des Pfeiles dahinschossen. Mittlerweile war, wie ich bemerkte, in Folge unseres hastigen Schrittes, Anneke so erschöpft worden, daß es unerläßlich nothwendig war, eine Minute stehen zu bleiben, um Athem zu schöpfen. Diese Pause war auch nöthig, um uns umzusehen und einen überlegten, bedächtigen Beschluß zu fassen über das von uns einzuschlagende Verfahren. Und so kurz diese Pause war, trug sie doch noch Vieles bei zu dem in die Augen fallenden Entsetzlichen und Grauenhaften unsrer Lage. Das Knarren oder Knirschen des über uns Scholle an Scholle sich drängenden und reibenden Eises tönte jetzt wie das Brausen heftiger Winde oder wie das unaufhörliche Toben der Brandung am Meeresufer. Die aufgethürmten Schichten wurden vermöge ihrer Höhe und Nähe sichtbar, so wie die zerrissenen Wände von Eis langsam aber stetig sich gegen uns herabbewegten; und der ganze Fluß schien mir in einer abwärts gehenden Bewegung begriffen. In diesem schauerlichen Augenblick, wo ich anfing zu glauben, es sey der Wille der Vorsehung, daß Anneke und ich mit einander umkommen sollten, unterbrach ein fremdartiger Laut die fürchterliche Eintönigkeit dieser entsetzlichen, einsamen Scene. Ich hörte, wie ich nicht bezweifeln konnte, die Glocken eines Schlittens; zuerst nur fern und in Zwischenräumen, dann aber näher und in Einem fort, begleitet von dem Getöse der Schlittenläufe auf dem Eis. Ich nahm meine Mütze ab und preßte die Hände an den Kopf, denn ich fürchtete, meine Sinne seyen gestört. Aber es kam heran, deutlicher und immer deutlicher, bis das Stampfen der Hufschläge sich zu dem andern Getöse gesellte. »Können noch Andere auch so unglücklich seyn, wie wir?« rief Anneke, ihre eigne Angst in großherzigem Mitgefühl vergessend. »Seht, Littlepage – seht, lieber Cornelius, dort kommt wahrhaftig noch ein Schlitten!« Wirklich kam er, wie ein Sturm, oder wie die Windsbraut, fünfzig Fuß an uns vorübergebraust. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick. Es war der Schlitten Herman Mordaunt's, aber leer; und die Pferde, toll vor Angst, rannten wohin ihre Furcht sie trieb. Wie der Schlitten an uns vorbeikam, ward er auf eine Seite umgeworfen; dann wurde er wieder emporgerissen, und kam uns aus dem Gesicht, während der dumpfe Ton der Schlittenläufe auf dem Eis mit dem Geklingel der Glocken und dem Stampfen der Hufe sich mischte. In diesem Augenblick ließ sich ein lauter, ferner Schrei von einer Menschenstimme unverkennbar hören. Es schien mir, als ob Jemand meinen Namen riefe; und Anneke sagte, sie habe es auch so verstanden. Der Ruf, wenn es ein Ruf war, kam von Süden unter dem westlichen Ufer her. Im nächsten Augenblick ertönte ein schauerliches Krachen von der obern Eiswand; und einen Arm um den schlanken Leib meiner holden Begleiterin schlingend, um sie zu unterstützen, begann ich so schnell ich konnte in der Richtung dieses Rufes mit ihr fortzueilen. Während des Versuchs, das westliche Ufer zu gewinnen, hatte ich einen hohen Berg von zertrümmertem Eis bemerkt, welcher hinabschwamm, oder vielmehr, welcher auf dem glatten Spiegel des gefrorenen Stromes hinabgeschoben wurde, voraus vor den kleineren Eisschollen, welche in der Strömung hinunter trieben. Er nahm an Umfang zu durch Anlagerung dieser schwimmenden Schollen, und drohte, sobald er die gehörige Größe erreichte, in einem engern Paß unten einen neuen Damm zu bilden. Es drängte sich mir der Gedanke auf, wir würden für den Augenblick gesichert seyn, wenn wir diesen Berg erreichen könnten, denn er erhob sich so hoch, daß vom Wasser keine Gefahr drohte. Dorthin eilte ich denn, Anneke beinahe im Arme tragend; und unsere hastigen Schritte wurden beschleunigt durch die schrecklichen Laute von dem obern Damme. Wir erreichten den Eisberg und fanden die Schollen so aufgeschichtet, daß man, obwohl nicht ohne Anstrengung, hinauf steigen konnte. Nachdem wir ein paar Schichten erstiegen hatten, wurde die zerbrochene Masse so unregelmäßig und zerrissen, daß ich nothwendig zuerst hinaufsteigen und Anneke mir nach hinaufziehen mußte. Dieß that ich, bis ich erschöpft war, und dann setzten wir uns Beide auf die Kante einer Scholle, um wieder zu Athem zu kommen. Während dem machten mich neue, vom Fluß her kommende Töne aufmerksam; und wie ich mich vorbeugte, um genauer hinzusehen, entdeckte ich, daß das Wasser sich durch den obern Damm Bahn gebrochen hatte und in wildem Strome gegen uns kam. Siebzehntes Kapitel. Mein Herz jauchzt auf, so oft ich schau'     Den Regenbogen entglommen! So war es als mein Leben begann, So ist es jetzt, wo ich ein Mann, So sey es, wenn ich werde grau, –     Sonst – sey mir der Tod willkommen! Das Kind ist der Vater von dem Mann;     Und mir sey immer Tag an Tag gereiht     Durch stetes Band urkräft'ger Frömmigkeit. Wordsworth. Nur noch fünf Minuten auf dem Eise des Hauptkanals, und wir wären fortgeschwemmt worden. Während wir da saßen und die furchtbare Gewalt der raschen Strömung betrachteten, sah ich, so gut das Dämmerlicht dieser wolkigen Nacht es erlaubte, Guert Ten Eyck's Schlitten an uns vorbei gerissen; und nur eine Minute später folgte Herman Mordaunt's Schlitten; und die armen erschöpften Thiere kämpften sich von ihrem Geschirr zu befreien, um durch Schwimmen ihr Leben zu retten. Anneke hörte das Schnauben dieser unglücklichen Thiere; aber ihr ungeübtes Auge entdeckte sie, die in der Strömung tief eingesunken waren, nicht; auch hatte sie in dem an uns vorbeibrausenden Schlitten nicht den Schlitten ihres Vaters erkannt. Etwas später ertönte ein kläglicher Schrei von einem der gefesselten Pferde – ein herzzerreißender Schrei, wie ihn bekanntlich das Pferd öfters ausstößt. Ich sagte Nichts darüber, da ich wußte, daß die Liebe zu ihrem Vater ein Hauptsporn war, welcher meine Begleiterin zur äußersten Kraftanstrengung angetrieben hatte, und ich nicht Befürchtungen rege machen wollte, die im Augenblick schlummerten. Zwei oder drei Minuten Rast waren Alles, was uns die Umstände gestatteten. Ich bemerkte, daß Alles, was auf dem Fluß sichtbar war, in Bewegung abwärts begriffen war; die Schichten von Eis, auf welchen wir uns befanden, ebenso wie die Schollen, welche in ihrem rascheren Zuge an uns vorbei blinkten. Unsere Bewegung war langsam, in Folge der gewaltigen Masse, welche ohne Zweifel auf die Untiefen der westlichen Seite des Stromes drückte, so wie auch in Folge der Reibung an den Eisfeldern auf den Seiten und manchmal auch an der Küste. Aber doch waren wir in Bewegung; und ich erkannte die Notwendigkeit, jedenfalls so bald als möglich auf den westlichen Saum unserer schwimmenden Insel zu kommen, um irgend ein günstiges Vorkommniß, welches einträte, uns zu Nutze zu machen. Die liebe Anneke! – Wie bewundernswürdig sie sich benahm, in jener entsetzlichen Nacht! Von dem Augenblick an, wo sie wieder ihr völliges Bewußtseyn gewann, nachdem ich sie auf dem Boden des Schlittens betend gefunden, bis zu dem jetzigen Zeitpunkt hatte sie mich bei meinen Versuchen und Anstrengungen so wenig gehemmt und beschwert, als dieß nur irgend möglich und denkbar war. Vernünftig, entschlossen, sich Allem fügend, und ganz frei von aller unzeitigen Aeußerung weiblicher Aengstlichkeit hatte sie Alles, was ich sie zu thun anwies, ohne Besinnen und mit einsichtiger Klugheit gethan. Beim Ersteigen des Eishügels – unter allen Umständen ein nicht leichtes Unternehmen, – waren wir im vollkommenen Einklang zu Werke gegangen; jede meiner Anstrengungen war durch eine entsprechende von ihrer Seite unterstützt worden, wobei mein Rath und meine größere Erfahrung sie leitete. »Gott hat uns bisher nicht verlassen, theuerste Anneke,« sagte ich jetzt, nachdem die Kraft meiner Begleiterin wieder einigermaßen zurückgekehrt schien, »und wir dürfen wohl noch auf Rettung hoffen. Ich kann mir schon ganz die Freude denken, womit wir das Herz Eures Vaters beglücken werden, wenn er Euch wieder unverletzt und in Sicherheit in seine Arme schließt!« »Mein lieber, guter Vater! Welche Todesangst muß er jetzt meinetwegen ausstehen! Kommt, Corny, laßt uns sofort zu ihm uns auf den Weg machen, wenn es möglich ist!« Mit diesen Worten stand das köstliche Mädchen auf und legte ihren Halspelz in einer Weise zurecht, daß er sie nicht hindern sollte, – wie Jemand, der bereit ist, mit Aufbietung aller Kräfte zur Ausführung einer ernsten Aufgabe zu schreiten. Den Muff hatte sie auf dem Fluß fallen gelassen, denn Keines von uns hatte irgend Empfindlichkeit für die Kälte. Jedoch war die Nacht für diese Jahreszeit ganz mild, und wir hätten wahrscheinlich auch bei weniger gewaltsamen Anstrengungen nicht vom Froste gelitten. Anneke erklärte sich bereit, weiter zu gehen; und ich machte mich sofort an die schwierige und bedenkliche Aufgabe, ihr über eine Insel aus Eisstücken hinüber zu helfen, um deren westlichen Rand zu erreichen. Wir standen volle dreißig Fuß hoch in der Luft, und ein Fall in eine der zahlreichen Höhlen und Vertiefungen, zwischen welchen unser Weg hinging, wäre wohl tödtlich gewesen, hätte wenigstens die schlimmsten Verletzungen zur Folge gehabt. Dann war auch die Oberfläche des Eises so glatt, daß darauf zu gehen eine sehr kitzliche Aufgabe war, zumal da die Schollen in jeder Art von schiefen Senkungen da lagen. Zum Glück trug ich hirschlederne Moccasins über meinen Stiefeln: und dieß rauhe Leder half mir gar sehr, fest auf den Füßen mich zu halten. Auch Anneke hatte Uebersocken von Tuch; ohne diese hätte sie, glaube ich, unmöglich vorwärts kommen können. Mittelst dieser Fußbekleidungen jedoch, und indem wir mit der äußersten Vorsicht dahin schritten, war es uns wirklich gelungen, unsern Zweck zu erreichen, als die schwimmende Masse in einen Wirbel hineinschoß, und in Folge dieser neuen Einwirkung sich langsam umdrehend, uns wieder auf die äußere Seite der Insel versetzte! Kein Laut des Murrens entfuhr Anneke bei dieser Vereitlung unserer Hoffnung; sondern mit einer Sanftmuth, welche bündiger als alle Worte es vermocht hätten, von der natürlichen Trefflichkeit ihrer Gemüthsart zeugte, erklärte sie sich bereit, ihre Anstrengungen zu erneuern. Darein wollte ich jedoch nicht willigen; denn ich sah, daß der Strudel uns beständig umtrieb; und ich hielt für das Beste, uns seinem Einfluß wo möglich ganz zu entziehen, statt unsere Kräfte nutzlos zu verschwenden. Statt daher wieder über den Eisberg zurück zu klimmen, sagte ich meiner holden Begleiterin, wir wollten auf eine Scholle herabzusteigen suchen, welche eben auf dem Wasser lag, und gegen die übrige Masse so vorsprang, daß sie das Ufer berühren mußte, falls wir demselben wieder näher kamen. Dieß Herabsteigen ward mit nicht geringer Mühe und Angst bewerkstelligt, aber ich war genöthigt, Anneke gänzlich in meine Arme zu nehmen, um es zu vollführen. Wirklich vollführte ich es auch; und ich setzte das süße Mädchen unverletzt an meiner Seite nieder auf der äußersten und niedersten Scholle unserer wirren Eisschichte. In einigen Beziehungen war dieß eine günstige Veränderung; in anderer verbesserte sie unsere Lage eben nicht. Anneke und ich kamen dadurch hinter einen Schutz und Schirm gegen den Wind zu stehen, der, obwohl weder sehr stark noch sehr kalt, doch märzenhaft genug war, um uns diesen Wechsel angenehm finden zu lassen. Auch wurde meine Begleiterin einer Stellung enthoben, wo die Bewegung schwierig und oft gefährlich war, und auf ein ebenes, gleichmäßiges Terrain versetzt, wo sie sicher und leicht hinschreiten und sich durch Bewegung das Blut im Umlauf erhalten konnte. Auch befanden wir uns nunmehr in der möglichst besten Lage, jede Berührung des Ufers, in dessen Nähe jetzt unsere Insel langsam dahintrieb, uns zu Nutze zu machen. Ueber den Zustand des Flusses überhaupt konnte kein Zweifel mehr seyn. Er war aufgebrochen; der Frühling war gekommen, wie ein Dieb in der Nacht; und da das Eis unten gewichen war, während die Masse oben zu viel Gewalt gewonnen hatte, als daß ihr Etwas hätte widerstehen können, war Alles in Bewegung gekommen; und, wie beim Tode eines starken Mannes, hatte die Losreissung und Zertrümmerung von an sich so dicken und festen Eisfeldern einen Kampf herbeigeführt, welcher den gewöhnlichen Kampf der Jahreszeiten weit hinter sich ließ. Dennoch hatte die Bewegung abwärts ernstlich begonnen, und die Mitte des Stromes war wie eine geöffnete Schleuse, in ihrer Strömung die Massen fortreißend, welche so eben noch oben ein so drohendes Hinderniß gebildet hatten. Zum Glück war unser Eishügel etwas seitwärts von dem großen Zug und Strom abwärts. Ich habe seither gedacht, er habe Wohl den Grund berührt, was seine Bewegung hemmte, und auch bewirkte, daß er sich drehte. Wie dem auch seyn mochte, wir blieben in einer kleinen Bucht, langsam uns im Kreise herum drehend; und mit Freuden sah ich, daß unsere niedere Scholle durch die Drehung wieder dem westlichen Ufer ganz nahe gerückt wurde. Jetzt erheischte der Augenblick Entschlossenheit; und ich bereitete Anneke darauf vor, zu Allem gefaßt zu seyn. Eine große, niedere, glatte Scholle hatte an das Ufer hingetrieben, und ragte so weit vor, daß wir uns versprechen durften, unsere Scholle werde sie in ihrer kreisenden Bewegung berühren. Ich wußte, daß das Eis im Ganzen durchaus nicht in Folge seiner eigenen Schwäche gebrochen war, sondern rein nur in Folge der Wucht eines ungeheuern Drucks von oben und der gewaltigen Macht der Strömung; und daß wir wenig oder keine Gefahr liefen, wenn wir uns auch dem äußersten Rande eines irgend beträchtlichen Stückes anvertrauten. Daher nahmen wir unsere Stellung in der Nähe eines Vorsprungs der Scholle, auf welcher wir standen, worauf wir die gehoffte Berührung erwarteten. In solchen Augenblicken wirkt das mindeste Fehlschlagen der Hoffnung mit der Gewalt der wichtigsten Ereignisse. Mehrere Male schien uns unsere Insel auf dem Punkte zu seyn, die feststehende Eisscholle zu berühren, und ebenso oft neigte sie sich auf die Seite; und nie kamen wir derselben näher, als auf sechs bis acht Fuß. Diese Entfernung zu überspringen wäre für mich leicht genug, gewesen; für Anneke aber war es eine so unübersteigliche Kluft als der grenzenlose Abgrund. Das holde Mädchen erkannte dieß; und sie benahm sich unter diesen Umständen ganz so, wie es von ihr zu erwarten war. Sie ergriff meine Hand, drückte sie, und sagte ernst und mit süßer Ergebung und Geduld: »Ihr seht, wie es steht, Corny; es ist mir nicht bestimmt, mich zu retten; aber Ihr könnt leicht das Ufer erreichen. Geht denn, und laßt mich in der Hand der Vorsehung. Geht! ich werde nie vergessen, was Ihr schon für mich gethan habt; aber es hilft Nichts, wenn wir miteinander umkommen.« Ich habe nie gezweifelt, daß es Anneke'n vollkommen Ernst war mit ihrem Wunsche, ich wenigstens solle mein Leben retten. Das Gefühl, womit sie sprach, die Verzweiflung, die sich ihrer bemächtigte, und die Bewegung unserer Eisinsel, welche in diesem Augenblick Miene machte, ganz vom Ufer wegschießen zu wollen, machte in mir den Gedanken eines allerdings sehr gewagten und kühnen Versuchs rege. Ich zittere selbst noch nach so langer Zeit, indem ich die nähern Umstände niederschreibe. Eine kleine Eisscholle schwamm eben zwischen uns und derjenigen, welche fest am Ufer lag. Ihre Größe war so, daß sie zwischen beiden durchpassiren konnte, doch nicht ohne ihnen nahe und wenigstens mit einer, wo nicht mit beiden in Berührung zu kommen. Ich bemerkte das Alles; und Anneke'n ein Wort der Ermuthigung zurufend, schlang ich einen Arm um ihren Leib – wartete den geeigneten Augenblick ab und sprang vorwärts. Ich mußte, mit meiner kostbaren Bürde im Arm, einen kurzen Satz machen, um diese schwimmende Brücke zu gewinnen; aber er war geschehen und war gelungen. Kaum Anneke'n Zeit lassend, mit dem Fuß diesen zerbrechlichen Haltpunkt zu berühren, der unter unserer beiderseitigen Last schon zu sinken begann, passirte ich mit zwei oder drei Schritten die Scholle und raffte all meine Kraft zu einer letzten, verzweifelten Anstrengung zusammen. Auch dießmal gelang es; und ich erreichte die festere Scholle mit einem Herzen ganz erfüllt von Dank gegen Gott; die Empfindung beim Auftreten sagte mir sogleich, daß wir gerettet waren; und im nächsten Augenblick erreichten wir die feste Erde. Unter solchen Umständen schaut man sich gewöhnlich um, die eben überstandene Gefahr noch einmal recht ins Auge zu fassen. Das that auch ich; und ich sah, daß die schwimmende Eisscholle schon hinabgetrieben, und außer unserm Bereich war; während die Masse, welche das Mittel unserer Rettung gewesen, ihr langsam folgte, von der wüthenden Strömung des Flusses aufs Neue ergriffen und fortgedrängt. Aber wir waren gerettet; und aufs inbrünstigste dankte ich meinem Gotte, der uns so gnädig aus so drohenden Gefahren durch seinen Beistand gerettet hatte. Ich war genöthigt, auf Anneke zu warten, welche auf ihre Kniee fiel und eine volle Minute im Gebete liegen blieb, ehe ich ihr den steilen Abhang hinauf helfen konnte, welcher an dieser Stelle das westliche Ufer des Hudson bildete. Wir erreichten jedoch binnen kurzer Frist die Uferhöhe, nachdem wir ein paar Male stehen geblieben, um Athem zu schöpfen; und jetzt erst übersahen wir ganz die wahre Beschaffenheit der Scene, der wir nunmehr glücklich entronnen waren. So trüb das Licht war, so reichte es doch hin, um von diesem höhern Standpunkte aus eine beträchtliche Strecke des Flusses zu übersehen. Der Hudson glich einem Chaos, das zwischen den hohen Ufern hin in wildem sich Ueberstürzen dahin brauste. Mit Eisschollen, welche zum Theil einzeln vorbeischoßen, zum Theil haushoch emporgethürmt waren, war natürlich der Strom gefüllt; aber einen großen, dunkeln Gegenstand sah man eben den Kanal herabkommen, auf welchem Anneke und ich vor nicht einer Stunde gestanden hatten, der sich in der Strömung mit entsetzlicher Schnelligkeit bewegte. Es war ein Haus; ein nicht sehr bedeutendes zwar, aber doch groß genug, um dem Auge auf dem Fluß aufzufallen. Eine ziemlich ansehnliche Brücke folgte; und eine Schaluppe, welche auf den Werften von Albany weggerissen worden war, wurde bald darauf sichtbar in dieser seltsamen Gesellschaft, welche sich so plötzlich auf dieser großen Pulsader der Colonie zusammen fand. Aber es war spät Abends; ich hatte noch für Anneke zu sorgen; es war nothwendig ein Obdach zu suchen. Fortwährend meine holde Begleiterin unterstützend, welche jetzt ihre Besorgnisse wegen ihres Vaters und der andern Freunde zu äußern begann, schlug ich den Weg landeinwärts ein, da ich wußte, daß eine Landstraße dem Fluß parallel und nicht weit entfernt von ihm hinlief. Wir erreichten binnen zehn Minuten diese Straße und wandten uns dann nördlich, weil diese Richtung nach Albany führte. Wir waren noch nicht weit gekommen, als ich die Stimme von Männern hörte, die gegen uns kamen, und hoch erfreut war ich, darunter die Stimme Dirck Follock's unterscheiden zu können. Ich rief ihnen laut zu, und die Antwort darauf war ein Jubelgeschrei, der, wie ich nachher vernahm, ihm unwillkürlich entfuhr, als er die Gestalt Anneke'ns erblickte und erkannte. Dirck war entsetzlich aufgeregt und erschüttert, als wir mit ihm zusammentrafen; ich hatte nie früher einen ähnlichen Gefühlsausbruch an ihm gesehen, und einige Zeit stand es an, bis ich mit ihm sprechen konnte. »Natürlich ist Eure ganze Gesellschaft in Sicherheit?« fragte ich in etwas zweifelndem Tone; denn ich hatte in der That Alle, die in Herman Mordaunt's Schlitten gewesen, verloren gegeben. »Ja, Gott sey Dank, Alle, bis auf den Schlitten und die Pferde. Aber wo sind Guert Ten Eyck und Miß Wallace?« »Ans Ufer gegangen auf der andern Seite des Flusses; wir trennten uns und sie schlugen jene Richtung ein, während wir uns hieher wandten.« Ich sagte das, um Anneke'ns Besorgnisse zu beschwichtigen, aber ich war in Angst, ob sie wirklich überhaupt das Land erreicht hätten. »Aber laßt mich nun hören, auf welche Weise Ihr der Gefahr entkommen seyd.« Dirck erzählte uns nun was vorgegangen war; und die ganze Gesellschaft kehrte mit uns um, sobald ich ihnen sagte, daß ihr Zweck – die Pferde aufzusuchen, – ein nicht mehr zu erreichender sey. Folgendes war das Wesentliche dessen, was wir vernahmen: bei dem ersten Versuch, das westliche Ufer zu gewinnen, war Herman Mordaunt wirklich auf das von Guert vorausgesehene Hinderniß gestoßen, und er wandte sich südlich in der Hoffnung, wenn er weiter von dem oben entstandenen Damm sich entfernte, einen Platz zu finden, wo er ans Land kommen könnte. Nach wiederholten Versuchen, bei welchen nahezu der Schlitten und die ganze Gesellschaft untergegangen wären, erreichten sie einen Punkt, wo Herman Mordaunt beschloß, auf jede Gefahr hin seine Begleiterin ans Ufer zu bringen. Dieß sollte geschehen durch Uebersetzen über schwimmende Eisschollen, in einer Strömung, welche schon die Geschwindigkeit von vier oder fünf Meilen auf die Stunde hatte. Dirck blieb zurück, um über die Pferde zu wachen, während der Versuch angestellt wurde; als er aber die Abenteurer in großer Gefahr sah, eilte er zu ihrem Beistand herbei, worauf die ganze Gesellschaft, wiewohl nicht tief, im Wasser einsank. Sich selbst überlassen und erschreckt durch das Plätschern im Fluß und das Knirschen der Eisschollen, gingen Herman Mordaunt's Rothbraune in der Verwirrung des Augenblicks durch. Der Mrs. Bogart wurde der nöthige Beistand geleistet um ans Land zu kommen, und die nächste Wohnung zu erreichen, – ein behagliches Pächterhaus, etwa eine Viertelmeile von dem Punkt entfernt, wo wir die Gesellschaft getroffen hatten. Dort war Mrs. Bogart in ein warmes Bett gebracht und die Gentlemen mit trockenen Kleidern versehen worden, so gut die ländliche Garderobe dieser einfachen Leute sie zu liefern vermochte. Nachdem der Kleiderwechsel vorgenommen war, machte sich Dirck wieder auf den Weg, um, wie schon erwähnt, zu erkunden, was aus dem Schlitten und den Pferden geworden sey. Auf meine Erkundigungen erfuhr ich, daß die Stelle, wo Anneke und ich ans Land gestiegen waren, volle drei Meilen unter der Insel sich befand, auf welche Guert und ich den Schlitten gezogen hatten. Beinahe diese ganze Strecke waren wir mit dem Berg von zertrümmertem Eis, während der kurzen Zeit, die wir darauf gewesen, hinabgeschwommen; ein Beweis von der rasenden Eile, womit die Strömung dahinbrauste. Niemand hatte Etwas von Guert und Mary gehört; aber ich ermuthigte meine Begleiter zu dem Glauben, sie müßten ganz gewiß wohlbehalten auf dem andern Ufer des Flusses seyn. Allerdings hielt ich dieß selbst für sehr zweifelhaft, aber es nützte ja Nichts, sich im Voraus das Schlimmste vorzustellen. Als wir das Pächterhaus erreichten, da kann man sich Herman Mordaunt's Entzücken und Dankbarkeit leichter vorstellen, als schildern. Er schloß Anneke an sein Hetz und sie weinte wie ein Kind an seiner Brust. Auch ich ward nicht vergessen bei dieser rührenden Scene, sondern wurde zu meiner vollen Befriedigung berücksichtigt. »Ich brauche Nichts von den nähern Umständen zu hören, edler junger Mann,« – ich habe mir zur Aufgabe gemacht, die Wahrheit zu schreiben, und man muß es mir verzeihen, wenn ich derlei Dinge berichte, aber – »Ich brauche Nichts von den nähern Umständen zu hören, edler junger Mann,« sagte Herman Mordaunt, meine Hand pressend, »um überzeugt zu seyn, daß ich, nächst Gott, das Leben meines Kindes zum zweiten Mal Euch verdanke. Ich wünschte zu Gott! – aber lassen wir das – es ist jetzt zu spät– eine andere Art und Weise kann und muß sich darbieten. Ich weiß kaum, was ich sage, Littlepage, aber was ich meine, ist: ich möchte nur, wenn auch schwach, einen kleinen Theil der Dankbarkeit an den Tag legen, die ich fühle, und Euch zu erkennen geben, wie tief und aufrichtig Eure Dienste empfunden und gewürdigt werden.« Der Leser mag es sonderbar finden, daß diese unzusammenhängende, aber inhaltsschwere Rede für den Augenblick wenig Eindruck auf mich machte, abgesehen von der wohlthuenden Ueberzeugung, Anneke'n und ihrem Vater wirklich den größten möglichen Dienst geleistet zu haben; aber später hatte ich bessere Gelegenheit, mich derselben zu erinnern. Es ist unnöthig bei den Vorfällen in dem Pächterhause ausführlicher zu verweilen. Die guten Leute thaten, was sie konnten, es uns behaglich zu machen, und binnen einer halben Stunde waren wir Alle warm im Bette. Am folgenden Morgen ward ein Wagen bespannt, und wir verließen diese einfachen Landleute, Männer und Frauen, – welche jede Art Belohnung oder Ersatz ablehnten, als Etwas, das sich von selbst verstehe, – und begaben uns nach Hause. Ich habe behaupten hören, wir Amerikaner seyen lohnsüchtig; das mag seyn; aber wahrscheinlich gibt es keinen Menschen in den Colonien, der sich für eine solche Hülfeleistung Geld bezahlen ließe! Wir brauchten zwei Stunden, bis wir mit diesem Fuhrwerk Albany erreichten und fuhren gegen zehn Uhr in der Stadt ein, in ganz anderm Aufzug, als wir sie am Tage zuvor verlassen hatten. Im Hinfahren führte uns die Heerstraße häufig auf Punkte, wo man die Aussicht auf den Fluß hatte, und wir bekamen somit oft Gelegenheit, uns von den Folgen der Ueberschwemmung zu überzeugen. Eis war sehr wenig mehr da. Da und dort sah man noch eine Scholle oder einen Haufen am Ufer haften und gelegentlich schwammen einzelne Stücke hinab; aber im Ganzen hatte der Strom alles rein vor sich her fortgeschwemmt. Ich richtete mein Augenmerk besonders auf die Insel, wo wir Zuflucht gesucht hatten. Sie stand gänzlich unter Wasser, aber ihre Umrisse waren erkennbar an den Gebüschen, welche ihre niedern Ufer einfaßten. Die meisten Bäume am obern Ende waren abgeknickt, und alle; die darauf wuchsen, wären ohne Zweifel hin gewesen, wenn nicht der Damm so bald nachgegeben hätte. Eine große Zahl von Bäumen war auf allen Inseln umgerissen; und große Wipfel und schwere Stämme trieben noch im Strome dahin, welche kürzlich noch im Walde geprangt hatten und gewaltsam entwurzelt und weggeführt worden waren. Wir fanden auch den ganzen untern Theil von Albany unter Wasser. Boote fuhren förmlich durch die Straßen, und ein beträchtlicher Theil der Einwohner hatte kein anderes Mittel, mit den Nachbarn zu verkehren. Eine Schaluppe von einiger Größe saß auf einem der niedrigstgelegenen Punkte auf, und da das Wasser schon sank, hieß es, sie würde hier bleiben, bis sie von den Schiffsbauern weggeschafft werde. Niemand in der Stadt war ertrunken, denn es ist bei den Leuten in diesen Colonien nicht der Brauch, zu solchen Zeiten im Bett liegen zu bleiben und abzuwarten, bis der Feind vor den Fenstern sich zeigt. Wir lesen oft von solchen Unglücksfällen, welche in der alten Welt Hunderten den Tod bringen; aber in der neuen Welt ist das menschliche Leben zu hoch geschätzt, zu viel werth, als daß man es unnöthig wegwürfe, und daher lassen wir es uns auch Anstrengung kosten, es zu erhalten. Wie wir in die Straße fuhren, worin Herman Mordaunt wohnte, hörten wir einen jauchzenden Schrei, und als wir uns umwandten, sahen wir Guert Ten Eyck seine Mütze gegen uns schwenken, und Freude malte sich in jedem Zuge seines schönen Gesichts. Im nächsten Augenblick war er an unserer Seite. »Mr. Herman Mordaunt,« rief er, diesem Gentleman mit der größten Herzlichkeit die Hand schüttelnd, »ich betrachte Euch wie Einen von den Todten wieder Auferstandenen – Euch und meine vortreffliche Nachbarin Mrs. Bogart, und Mr. Follock hier! Wie Ihr vom Fluß heraus kamt, ist mir ein Geheimniß, denn ich weiß sehr gut, daß das Wasser gewöhnlich zuerst unter der westlichen Küste durchbricht. Corny und Miß Anneke – Gott segne Euch Beide! Mary Wallace ist in Angst, es möchten von irgend Einem von Euch schlimme Neuigkeiten einlaufen; aber ich will voraneilen und ihr diese Botschaften mittheilen.« Guert hielt sich nicht mit weiteren Reden auf. In einer Minute war er in Herman Mordaunt's Hause – noch nach einer Minute hielten sich Anneke und Mary Wallace einander in die Arme geschlossen. Nachdem man sich gegenseitig begrüßt, wurde Mrs. Bogart nach ihrer Wohnung geführt, und hiemit hatte diese denkwürdige Expedition ein Ende. Guert hatte Weniger von Gefahren und Wundern mitzutheilen als ich vermuthet hatte. Aus seiner Erzählung ging hervor, daß, als er und Miß Wallace den innern Rand der letzten Insel erreichten, eine große Eisscholle in den schmalen Paß eingedrungen war und sich eingeklemmt hatte; oder vielmehr daß sie durchpassirte, gedrängt von dem ungeheuren Druck von oben, obwohl nicht ohne große Stücke zu verlieren, wie sie mit den Ufern in Berührung kam, und in Folge der Reibung einen großen Theil ihrer Masse zu Staub zu zermalmen. Guert's Geistesgegenwart und Entschlossenheit leisteten ihm hier vortreffliche Dienste. Ohne einen Augenblick zu zögern, führte er, sobald es ihm nur möglich war, Mary auf diese Scholle und schritt über den schmalen Arm des Flusses, der ihn allein noch von dem festen Lande daneben trennte, trocknen Fußes. Das Wasser begann über diese Scholle hereinzudringen, wie dieß bei den meisten der Fall war, welche nieder lagen und in ihrem Fortrücken aufgehalten wurden, aber dieß legte so raschentschlossenen Personen keine ernsten Hindernisse in den Weg. Selbst gerettet und in Sicherheit, verweilten unsere Freunde noch, um zu sehen, ob wir nicht dahin gebracht werden könnten, ihnen nachzufolgen; und der Zuruf, den wir hörten, war von Guert, welcher wirklich noch einmal auf die Insel hinüber gegangen war, in der Hoffnung uns zu treffen und uns an eine sichere Stätte zu geleiten. Guert selbst sagte nie Etwas zu mir von der Sache, aber ich entnahm nachmals aus der Erzählung von Mary Wallace, daß der junge Mann nicht ohne sehr viele Gefahren und Schwierigkeiten, und nach langen vergeblichen Nachforschungen nach seinen Begleitern, sich wieder zu ihr fand. Als sie keinen Zweck mehr dabei sahen, noch länger am Ufer zu bleiben, schlugen Guert und seine Begleiterin den Weg nach Albany ein. Gegen Mitternacht erreichten sie die Fähre gegenüber der Stadt, nachdem sie volle sechs Meilen zu Fuß zurückgelegt, voll Sorge und Unruhe um die Zurückgebliebenen. Guert war ein Mann von Entschlossenheit, und er entschied sich klüglich dafür, es werde besser seyn, selbst für die Ueberfahrt zu sorgen, als den Versuch zu machen, Insaßen eines der Häuser zu wecken, an welchen sie vorbei kamen. Der Fluß war jetzt der Hauptsache nach von Eis frei, obwohl er noch mit großer Schnelligkeit dahin strömte. Aber Guert war ein erfahrener Ruderer, und als er ein Schiff fand, beredete er Mary Wallace hineinzusteigen, und es gelang ihm wirklich, mittelst der Strudel, sie kaum zehn Schritte von dem Platze ans Land zu setzen, wo nur wenige Tage zuvor der Handschlitten ihn und mich abgesetzt hatte. Von diesem Punkt aus war es nicht schwer, nach Hause zu Fuß zu gelangen; und Miß Wallace schlief wirklich in dieser ereignißreichen Nacht in ihrem eigenen Bette – falls sie schlafen konnte! Dieß war der Ausgang unseres Abenteuers, – eines Abenteuers, das ich wohl mit Recht denkwürdig genannt habe. Zuletzt kamen Jack und Moses gesund und wohlbehalten an, welche vermuthlich ans Land geschwommen waren. Sie wurden auf der öffentlichen Straße getroffen, in geringer Entfernung von der Stadt, und an demselben Tage noch ihrem Herrn gebracht. Jeder, der einiges Interesse für Pferde hatte – und welcher Holländer hätte das nicht? – kannte Jack und Moses; und so hielt es nicht schwer, auszumitteln, wem sie gehörten. Bemerkenswerth aber ist: beide Schlitten bekam man wieder, obwohl zu verschiedener Zeit und unter sehr verschiedenen Umständen. Der Schlitten Guert's ging mit Wolfspelzen und Allem die ganze Länge des Flusses auf dem Eis hinab und kam durch die Engpässe aufs Meer hinaus. Bei New-York muß er Nachts vorbeigekommen seyn, sonst hätte man ihn ohne Zweifel aufgegriffen; während die Schwierigkeit, ihn zu erreichen, oberhalb der Stadt sein Schutz war. Nachdem er einmal die Engpässe passirt hatte, ward er von der Fluth und den Winden an die Küste von Staaten Island geworfen, wo er ans Land gezogen und unter Dach gebracht wurde. Er wurde in unserer New-Yorker Zeitung gehörig angezeigt, und so erhielt Guert wirklich zu rechter Zeit Kunde davon, um ihn, mit Pelzen und Allem, in Empfang nehmen zu lassen durch eine der ersten Schaluppen, welche in diesem Jahre den Hudson herauf fuhren, etwa vierzehn Tage nachdem der Fluß aufgegangen war. Das Jahr 1758 war ein sehr unruhiges, wegen der Bewegungen der Armee, und man verlor damals keine Zeit unnöthigerweise. Ganz anders war die Geschichte von Herman Mordaunt's Schlitten. Die armen Rothbraunen müssen bald nachdem wir sie in der Strömung an uns vorbeischwimmen sahen, ertrunken seyn. Natürlich sanken sie, sobald das Leben sie verlassen hatte, auf den Grund des Stromes, und zogen den Schlitten mit sich hinab, an welchen sie noch gespannt waren. Nach einigen Tagen kamen die Thiere wieder auf die Oberfläche des Wassers, wie dieß bei allen geschwollenen Leichnamen der Fall zu seyn pflegt, und brachten auch den Schlitten wieder zum Vorschein. In diesem Zustand wurde das Wrack von einer abwärts segelnden Schaluppe eingeholt, deren Mannschaft den Schlitten, das Geschirr, die Pelze, die Fußsäcke und Alles rettete, was nicht hatte fortschwimmen können. Unser Abenteuer machte viel zu sprechen in den Kreisen von Albany; und ich habe Grund zu glauben, daß mein persönliches Benehmen Beifall fand bei denjenigen, welche davon hörten. Bulstrode machte mir gleich am Tage meiner Zurückkunft eigens einen Danksagungsbesuch, wobei folgendes Gespräch zwischen uns sich entspann: »Ihr scheint vom Schicksal bestimmt, mein lieber Corny,« sagte der Major, nachdem er mir die herkömmlichen Complimente gemacht hatte, »mir immer die größten, wesentlichsten Dienste zu leisten, und ich weiß kaum, wie ich Euch alle meine Gefühle hierüber aussprechen soll. Erst der Löwe, und dann diese Geschichte mit dem Fluß, – aber dieser Guert wird ertrinken oder davongehen mit der ganzen Familie, ehe der Sommer vorüber ist, wenn nicht Mr. Mordaunt seiner Aufdringlichkeit ein Ziel setzt.« »Dieser Zufall war ein solcher, wie er den ältesten und vorsichtigsten Mann in Albany hätte betreffen können. Der Fluß schien so fest und zuverläßig wie die Straße, als wir ihn betraten; und in einer Stunde wären wir so noch ganz sicher und wohlbehalten zu Hause gewesen.« »Ja, aber diese Stunde hat nun beinahe Tod und Verderben über die entzückendste Familie der Colonie gebracht; und Ihr seyd das Werkzeug gewesen, den schwersten Theil des Schlages abzuwenden. Ich wünsche zu Gott, Littlepage, daß Ihr einwilligtet, in die Armee zu treten! Geht als Freiwilliger mit uns, sobald wir aufbrechen, und ich will an Sir Harry schreiben, daß er Euch ein Fähnlein verschaffe. Sobald er hört, daß wir Eurem Muth und Eurer Kaltblütigkeit das Leben der Miß Mordaunt zu verdanken haben, wird er Himmel und Erde bewegen, um seine Dankbarkeit zu bethätigen. Im Augenblick, wo dieser gute Vater sich entschloß, Miß Mordaunt als Tochter anzunehmen, begann er auch sie ganz als sein Kind zu betrachten.« »Und Anneke – Miß Mordaunt selbst, Mr. Bulstrode, – betrachtet sie Sir Harry als einen Vater?« »Ha, das muß natürlich allmälig kommen, wißt Ihr. Die Frauen finden sich langsamer als die Männer in solche gänzlich neue Eindrücke und Anschauungsweisen; und ich glaube fast, Anneke denkt für jetzt sey Ein Vater gerade genug für sie; obgleich sie dem Sir Harry artige Botschaften sendet, kann ich Euch versichern, wenn sie gerade in der Laune ist. Aber was macht Euch so ernst; mein guter Corny?« »Mr. Bulstrode, es ist nicht mehr als billig, daß ich in dieser Sache so ehrlich bin wie Ihr. Ihr habt mir gesagt, daß Ihr ein Bewerber seyd um der Miß Mordaunt Hand; ich will Euch jetzt gestehen, daß ich Euer Nebenbuhler bin.« Mein Gesellschafter hörte diese Erklärung mit ruhigem Lächeln und vollkommenster Gemüthsruhe an. »Also wünscht Ihr selbst der Gatte von Anneke Mordaunt zu werden, mein lieber Corny, wirklich?« sagte er, so kaltblütig, daß ich mir gar nicht erklären konnte, aus welchem Stoffe doch dieser Mann gemacht seyn möchte. »Ja wohl, Major Bulstrode; es ist der erste und letzte Wunsch meines Herzens.« »Da Ihr geneigt scheint, mein Vertrauen zu erwiedern, werdet Ihr es nicht übel nehmen, wenn ich ein paar Fragen an Euch richte?« »Gewiß nicht, Sir; Euere Offenherzigkeit soll mir als Regel meines Benehmens dienen.« »Habt Ihr schon Miß Mordaunt errathen lassen, daß dieß Euere Wünsche sind?« »Ja, Sir, und das in den einfachsten Ausdrücken, die gar nicht wohl zu mißverstehen waren.« »Wie! gestern Nacht? Auf dem verfluchten Eis? Während sie glaubte, ihr Leben sey in Eueren Händen?« »Gestern Nacht war davon gar nicht die Rede, denn wir hatten andere Gedanken, mit welchen sich unsere Seele beschäftigte.« »Es wäre höchst ungroßmüthig gewesen, die Angst einer Lady zu benutzen –« »Major Bulstrode! – Ich kann nicht dulden –« »Still, mein lieber Corny,« unterbrach mich der Andere, mir aufs ruhigste und freundschaftlichste die Hand hinbietend; »es darf kein Mißverständnis zwischen Euch und mir obwalten. Die Männer sind nie größere Einfaltspinsel, als wenn sie von dem geheimen Bewußtseyn ihrer Liebe zum Leben sich zum Großthun und Pochen auf ihre Ehre hinreissen lassen, während doch ihre Ehre in der That mit der gerade vorliegenden Sache gar Nichts zu thun hat. Ich werde nicht mit Euch Händel anfangen; und muß Euch im Voraus bitten, Euch meine Entschuldigung gefallen zu lassen wegen etwaiger kleiner Verletzungen der Schicklichkeit, wozu mich die Ueberraschung hinreißen könnte; schwere Verletzungen der Schicklichkeit aber werde ich zu vermeiden wissen.« »Es sind der Worte genug, Mr. Bulstrode; ich bin kein Händelsucher, daß ich mit einem Schatten Streit anfinge, und, so hoffe ich, nicht im mindesten jenes allerverächtlichste der menschlichen Geschöpfe, ein Raufbold in der Gesellschaft, der bei jeder Gelegenheit mit dem Degen oder der Pistole droht. Solche Männer thun gewöhnlich Nichts, wenn die Sachen zu einer Entscheidung kommen; selbst wenn sie fechten, fechten sie stümperhaft und unschädlich.« »Ihr habt Recht, Littlepage, und ich ehre Euere Gesinnungen. Ich habe bemerkt, daß der erfahrenste Fechter mit der Zunge und der tödtlichste Schütze auf die Holzscheibe, gewöhnlich so schuldlos wie Lämmer sind, was wirkliches Blutvergießen anbelangt. Sie erhitzen sich wohl bisweilen bis zu einer Begegnung mit einem Gegner, aber es geht über ihr Vermögen, ihre Waffen recht zu gebrauchen, wenn es zum Ernst kommt. Der Renommist ist immer im Grund des Herzens eine Memme, wie gut er auch eine Zeit lang seine Maske trage. Aber genug hievon. Wir verstehen einander, und werden unter allen Umständen Freunde bleiben. Darf ich weiter fragen?« » Fragt was Euch beliebt, Bulstrode – Ich werde antworten oder nicht, nach meinem Gutdünken.« »Dann erlaubt mir, mich zu erkundigen, ob Major Littlepage Euch ermächtigt hat, anständige Anerbietungen in Betreff des Ehekontrakts zu machen?« »Ich bin zu keinerlei Anerbietungen ermächtigt. Auch ist es nicht der Brauch in diesen Colonien, daß der Gatte für seine Gattin besondere Zusicherungen macht, außer dem was das Gesetz, zu Gunsten ihres eigenen Vermögens, für sie festsetzt und vorsorgt. Ich sollte erwarten, Herman Mordaunt werde seine Besitzungen seiner Tochter und ihren rechtmäßigen Erben zusichern und hinterlassen, mag sie heirathen Wen sie will.« »Ja, das ist eine ächt amerikanische Denkweise; aber eine solche, welche Herman Mordaunt, der seiner Abstammung eingedenk ist, in seiner Handlungsweise schwerlich befolgen wird. Nun, Corny, wir sind Nebenbuhler, wie es den Anschein hat; aber das ist kein Grund, daß wir nicht Freunde bleiben sollten. Wir verstehen einander, – und doch sollte ich Euch vielleicht Alles sagen.« »Es würde mich freuen, Alles zu erfahren, Mr. Bulstrode; und ich kann, hoffe ich, mein Schicksal ertragen wie ein Mann. Was es mich auch koste – wenn Anneke einen Andern vorzieht, wird mir ihr Glück theurer seyn als das meinige.« »Ja, mein lieber Kamerad, so sagen und denken wir Alle mit einundzwanzig Jahren, was ungefähr Euer Alter ist, glaube ich. Mit zweiundzwanzig fangen wir an einzusehen, daß unser eigenes Glück die gleichen Ansprüche an uns zu machen hat; und mit dreiundzwanzig räumen wir ihm sogar den Vorzug ein. Indessen, ich will gerecht seyn, wenn ich auch selbstsüchtig bin. Ich habe keinen Grund zu glauben, daß Anneke Mordaunt mich vorzieht; obwohl mein Vielleicht doch auch nicht ganz ohne Bedeutung ist.« »In diesem Falle darf ich vielleicht fragen, auf was es sich bezieht und gründet?« »Es bezieht sich auf den Vater; und ich kann Euch sagen, mein trauter Geselle, daß die Väter bei dem Arrangement von Heirathen zwischen Parthien von einigem Stande nicht ohne Einfluß und Bedeutung sind. Hätte nicht Sir Harry meinen Antrag gut geheißen und bestätigt, was hätte ich angefangen? Nicht einen Pfennig Witthum hätte ich anbieten können, so lange er Sir Harry blieb; trotzdem daß ich den ungeheuern Vortheil des gebundenen, erblichen Besitztums hatte. Ich kann Euch sagen, was es ist, Corny; die bestehende Gewalt ist immer eine wichtige Gewalt, weil wir Alle mehr an die Gegenwart als an die Zukunft denken. Das ist der Grund, warum so Wenige von uns in den Himmel kommen. Was Herman Mordaunt betrifft, so halte ich mich für verpflichtet, Euch zu sagen, daß er mit Herz und Hand auf meiner Seite ist. Ihm gefallen meine Anerbietungen in Betreff des Witthums, ihm gefällt meine Familie, ihm gefällt mein bürgerlicher und militärischer Rang; und ich bin nicht ganz ohne Hoffnung, daß ich selbst ihm gefalle.« Ich gab darauf keine direkte Antwort, und das Gespräch nahm bald eine andere Wendung. Bulstrode's Erklärung erinnerte mich jedoch an die Rede, so wie an das ganze Benehmen Herman Mordaunt's, als er mir für die Rettung des Lebens seiner Tochter dankte. Ich begann jetzt darüber nachzudenken, und dachte während der nächsten paar Monate viel darüber nach. Am Ende wird der Leser erfahren, welchen Einfluß dieß auf mein Glück hatte. Achtzehntes Kapitel. »Was schreckst du Mann? erregt dir Furcht, was doch So lieblich lautet? – In der Wahrheit Namen, Seyd Wahngebild Ihr, oder wirklich das, Was körperlich Ihr scheint?« Banquo. Wie ich schon gesagt, das Abenteuer auf dem Fluß machte viel Aufsehen und Gerede in diesem einfachen Gemeinwesen, und hatte die Wirkung, Guert und mich zu einer Art von Helden im Kleinen zu machen; ich wurde weit mehr bekannt, als sonst der Fall gewesen seyn würde. Ich glaubte, Guert insbesondere würde davon großen Vortheil ernten; denn verschiedne ältere Personen, welche sonst die Stirne zu runzeln pflegten, so oft sein Name genannt wurde, konnten jetzt, wie ich zu bemerken die Gelegenheit hatte, lächeln; und man hörte zwei oder drei der herbsten Moralisten von Albany sagen: »Eigentlich habe dieser Guert Ten Eyck viel Gutes an sich.« Ich werde dem Leser kaum zu sagen brauchen, daß ein Moralist von der ersten Klasse an einem so abgelegenen und isolirten Ort wie Albany, nothwendig ein Wesen seyn mußte, welches sich an den allerstrengsten Codex hielt. Bei der Moral, wie ich die Sache verstehe, läuft gar viel Conventionelles mit unter. Es ist in der ganzen Welt, wie ich mir habe sagen lassen, eine Stadtmoral und eine Landmoral. Aber in Amerika war unsre Moral, und zwar schon seit langer Zeit, in drei große und sehr scharf getrennte Gattungen geschieden, nämlich in Neu-England- oder Puritaner-Moral; mittlere Colonien- oder liberale Moral, und südliche Colonien- oder latitudinarische Moral. Ich will mir nicht herausnehmen, alle Schattirungen von Unterschieden in diesen verschiednen Schulen zu bezeichnen; obwohl diejenige, in welcher ich selbst unterwiesen worden war, nothwendigerweise meinem Geschmack am besten zusagte. Es fanden sich untergeordnete Schattirungen in Einer und derselben Schule; und Guert und ich gehörten verschiednen Klassen an. Seine Moral war holländisch, die meinige dagegen im eigentlichen Sinne englisch. Der hauptsächliche charakteristische Zug der holländischen Schule war die vorherrschende Neigung zum Uebermaß, zu Excessen in physischen Genüssen und Freuden. Bei ihnen regnete es nicht oft; aber wenn es regnete, so goß es auch gewiß in Strömen. Der alte Oberst Follock war in diesem Punkt ein wahres Musterbild; und auch sein Sohn Dirck, so jung und schüchtern er war, war doch auch nicht ganz eine Ausnahme von der Regel. Es gab im Ganzen keinen achtbareren Mann in der ganzen Colonie, als Oberst Van Valkenburgh. Er hatte eine angesehene Verwandtschaft, besaß ein schönes, schuldenfreies Besitzthum und Geld auf Zinsen angelegt; er war eine der Hauptstützen der Kirche in seiner Gegend; war geachtet als guter Gatte, guter Vater, treuer Freund, wohlwollender Nachbar, trefflicher und loyaler Unterthan und durchaus ehrlicher Mann. Dennoch hatte Oberst Van Valkenburgh seine schwachen Stunden und Zeiten. Er mußte manchmal seine Lustbarkeiten haben, und der Dominie war genöthigt, hinsichtlich dieses Hanges ein Auge zuzudrücken. Mr. Worden nannte ihn oft im Scherz: Oberst Frolic. Seine Lustbarkeiten konnten in zwei Klassen getheilt werden; in mäßige nämlich und in ungemäßigte. Von ersteren kamen jährlich zwei oder drei Anwandlungen; und das waren die Gelegenheiten, wo er gewöhnlich Satanstoe besuchte, oder meinen Vater bei sich zu Rockrockarock sah, wie sein Gut in Rockland hieß. Bei diesen Besuchen, hüben oder drüben, fand ein starker Verbrauch von Taback, Bier, Cider, Wein, Rum, Citronen, Zucker und andern Ingredienzien zu Punsch, Toddy und Flip statt; aber keine nach Zeit und Wirkungen zu weit gehenden Excesse. Es gab da viel Gelächter und viele gute Einfälle und Gedanken, manche Geschichten und regelmäßige Wiederholungen alter Abenteuer, in dem Styl traditioneller Mähren und Erzählungen; aber Nichts, was man im eigentlichen Sinne Excesse nennen konnte. Es ist wahr, mein Großvater, mein Vater, der hochwürdige Mr. Worden und Oberst Follock pflegten sich nicht selten mit etwas umnebeltem Gehirn zu Bette zu legen, – die Folge des starken Tabackrauchens, wie Mr. Worden immer behauptete; aber Alles blieb doch anständig und in Ordnung. Der Pfarrer zum Beispiel zog sich unabänderlich am Freitag zurück, und nahm seinen Platz im Kreise erst am folgenden Montag wieder ein; so daß er volle vierundzwanzig Stunden hatte, sich abzukühlen, ehe er die Kanzel bestieg. Ich will dieß anführen, zum Beweise, daß Mr. Worden sehr systematisch und methodisch in Beobachtung aller seiner Pflichten sich benahm; und ich habe es erlebt, daß er, wenn er später beim Mittagessen erschien, und entdeckte, daß mein Vater versäumt hatte, das Tischgebet zu sprechen, darauf drang, daß Alle Messer und Gabeln hinlegten, während er den himmlischen Segen wünschte, selbst wenn der Fisch schon verzehrt war. Nein, nein, Mr. Worden war in allen solchen Dingen ein gar pünktlicher Mann; und man anerkannte allgemein, daß er es gewesen, durch welchen das Tischgebet bei verschiedenen Familien in West-Chester eingeführt worden, in welchen es gar nicht im Brauche gewesen war, ehe sein Beispiel und seine Lehren sie damit bekannt machten. Ich war keine vierzehn Tage mit Guert Ten Eyck bekannt, als ich schon sah, daß auch er einen starken Hang zu der Art von Lustbarkeiten hatte, wovon Oberst Van Valkenburgh ein Freund war. Es wohnte in der Nähe von Satanstoe ein alter französischer Hugenotte, – oder vielmehr der Sohn eines solchen, welcher noch die Sprache seines Vaters sprach, – und welcher die Lustbarkeiten des Oberst Follock seine »grands couchers« und seine »petits couchers« Großes und kleines Zubettegehen; der Gegensatz von »grand lever« und »petit lever« – Empfang bei Hofe. nannte; sofern er gewöhnlich bei den letztern ohne Hülfe zu Bette ging, während er bei den erstern unerläßlich war, daß ihm einiger Beistand geleistet wurde. Diese grands couchers machte mein Vater niemals mit. Bei diesen Gelegenheiten hielt der Oberst seine Orgien ohne Ausnahme in Rockland drüben, in Gesellschaft von Männern von rein holländischer Abkunft, und es hatte diese Art von Genuß einen etwas ausschließenden Charakter. Ich habe gehört, die Lustbarkeiten dieser letztern Art hätten manchmal bei wirklich wichtigen Veranlassungen eine ganze Woche fortgedauert, während welcher ganzen Zeit der Oberst und alle seine Freunde so vergnügt gewesen, wie Lords. Diese grands couchers jedoch kamen nur selten vor – und traten gleichsam nur wie die Schaltjahre ein, um den Kalender zu reguliren und die Zeitrechnung ins ordentliche Geleise zu bringen. Was meinen Freund Guert betrifft, so machte er während der Zeit meines Aufenthalts zu Albany keine Anstalten zu einem grands coucher , – dieß verbot ihm seine Neigung zu Mary Wallace; aber ich errieth aus verschiednen Winken und Anspielungen, daß er wohl schon bei ein paar solchen Affairen betheiligt gewesen war, und daß er noch jetzt in allen Gliedern ein Verlangen darnach spürte. Ich bin fest überzeugt, die Kunde von dem Vorhandenseyn solcher Schwächen, und ihr lebhafter Widerwillen gegen Alles der Art allein machte, daß Mary Wallace noch zögerte, Guert's wöchentlich wiederholten Antrag anzunehmen. Die zärtliche Neigung, welche sie unverkennbar für ihn empfand, leuchtete jetzt zu sichtlich aus ihren Augen, als daß in meiner Seele noch ein Zweifel an Guert's endlichem Erfolge Raum fand; denn welche Frau hätte sich noch lange geweigert, sich zu ergeben, wenn das Bild des Belagerers schon in der Citadelle ihres Herzens seinen Platz eingenommen hatte? Selbst Anneke empfing Guert mit großer Gunst und Freundlichkeit nach seinem trefflichen Benehmen auf dem Fluß; und ich bildete mir ein, es gehe Alles aufs Erwünschteste für meinen Freund, während mich däuchte, daß ich in meiner eignen Bewerbung keine Fortschritte machte. Dieß wenigstens war meine Ansicht vom Stand der Dinge gerade in dem Zeitpunkt, wo mein neuer Freund, wie es schien, beinahe zur Verzweiflung getrieben war. Es war gegen Ende Aprils, ungefähr einen Monat nach unserem gefahrvollen Abenteuer auf dem Eis, als Guert mich an einem schönen Frühlingsmorgen aufsuchte; halbe Verzweiflung malte sich in seinem schönen männlichen Gesicht. Während dieses ganzen Monats, dieß muß ich vorausschicken, hatte ich Anneke'n nie von Liebe zu sprechen gewagt! Meine Aufmerksamkeiten und Besuche hatten mit lebhafter Beflissenheit fortgedauert, aber mein Mund war stumm geblieben. Die Schüchternheit der aufrichtig bewundernden Liebe hatte meine Zunge gebunden gehalten; und ich bildete mir närrischer Weise ein, es würde scheinen, als wenn ich mir auf die neulich geleisteten Dienste hier Etwas herausnähme und darauf pochte, wenn ich so bald nach den oben beschriebenen Vorfällen meine Bewerbung lebhafter verfolgte. Ich war sogar so romanhaft gesinnt, zu meinen, es hieße mich eines ungebührlichen unredlichen Vortheils gegenüber von Bulstrode bedienen, wenn ich meine Ansprüche in einem Augenblick geltend machen wollte, wo der Gegenstand unserer beiderseitigen Wünsche und Bewerbung muthmaßlich von den Einflüssen einer lebhaften Dankbarkeit beherrscht würde. Das waren, man muß es gestehen, die Vorstellungen und Gefühle eines sehr jungen Mannes; aber ich wüßte nicht, daß ich mich derselben zu schämen hätte. Jedenfalls waren sie so in meiner Seele vorhanden; und sie hatten die genannte Wirkung gehabt, indem sie mich jeden Tag in verzweifeltere Liebe fallen machten, während ich in Förderung meiner Bewerbung nicht merklich weiter kam. Guert war so ziemlich in derselben Lage; mit dem Unterschied jedoch: er machte sichs zur Pflicht, jeden Montag früh ausdrücklich seinen Antrag zu machen, worauf er unabänderlich die Antwort erhielt: »Nein!« falls er die Lady zu einer entscheidenden Antwort zu drängen gedenke; wobei ihm aber doch ein Strahl von Hoffnung gelassen wurde, falls er ihr Zeit zu einem Entschluß gönne. Der erwähnte Besuch Guert's bei mir fand statt nach einem dieser allwöchentlichen Anträge, nebst der gewöhnlichen Antwort; der Antrag ganz offen und bestimmt, und das »Nein« gemildert durch die zweifelnde nachdenkliche Stirne, das zärtliche Lächeln und das thränenfeuchte Auge. »Corny,« sagte mein Freund, indem er mit höchst jämmerlicher Miene seinen Hut hinwarf; denn nachdem der Winter Abschied genommen, hatten wir Alle unsre Pelzmützen bei Seite gelegt – »Corny! ich bin so eben wieder abgewiesen worden! Das Wort: › Nein !‹ ist nachgerade Mary Wallace so geläufig geworden, daß ich fürchte, ihre Zunge wird gar nicht mehr lernen, ein ›Ja!‹ auszusprechen. Wißt Ihr wohl, Corny, ich habe große Lust, Mutter Doortje zu befragen?« »Mutter Wen? Ihr meint doch hoffentlich nicht Mr. Mayor's Köchin?« »Nein; Mutter Doortje. Sie gilt für die beste Wahrsagerin, die je in Albany gelebt hat. Aber vielleicht glaubt Ihr nicht an Wahrsagerinnen; manche Personen von meiner Bekanntschaft glauben nicht daran.« »Ich kann nicht sagen, daß ich sonderlichen Glauben oder Unglauben in dieser Hinsicht habe, da ich noch nie etwas der Art gesehen habe.« »Hat man also keine Wahrsager oder Wahrsagerinnen, keine Personen, welche sich auf die schwarze Kunst verstehen, in New-York?« »Ich habe von solchen Leuten schon gehört, aber nie Gelegenheit gefunden, sie selbst zu sehen oder zu hören. Wenn Ihr hingeht und diese Mutter Dorrichy, oder wie Ihr sie nennt, besucht, so würde es mich erstaunlich interessiren, auch von der Gesellschaft zu seyn.« Guert war hocherfreut, dieß zu hören und ergriff mit Begierde mein Anerbieten. Wenn ich ihm den Freundschaftsdienst leisten wolle, so wolle er sogleich hingehen; aber er gestand, daß er sich nicht gern allein in die Nähe des alten Weibes getrauen möchte. »Ich bin vielleicht der einzige Mann meines Alters in ganz Albany, der nicht irgend einmal schon Mutter Doortje befragt hätte«; setzte er hinzu. »Ich weiß nicht, wie es ist, aber woher es nun rühren mag, ich habe nie das Schicksal versuchen mögen, indem ich zu ihr gegangen wäre, sie zu befragen. Man kann nie wissen, was ein solches Wesen Einem sagen mag; und wenn es etwas Schlimmes ist, ha, so könnte es einen Mann höchst elend machen. Wahrhaftig, ich brauche so schon nicht mehr Sorge und Jammer, als mir der Umstand macht, daß ich Mary Wallace so unentschlossen sehe, ob sie mich haben will!« »Also habt Ihr am Ende doch nicht im Sinne hinzugehen! Ich wäre nicht nur bereit, sondern sehr begierig, Euch zu begleiten.« »Ihr mißversteht mich, Corny. Hingehen will ich jetzt, mag sie mir auch Dinge wahrsagen, daß ich mir darüber den Hals abschneide – aber wir dürfen nicht hingehen so wie wir sind; wir müssen uns verkleiden, damit sie uns nicht kennt. Jedermann geht verkleidet hin, und dann hat man Gelegenheit zu merken, ob sie in guter Verfassung und Stimmung zum Wahrsagen ist, oder nicht, indem man dann gleich darauf achtet, ob sie Einem sagen kann, was man im Leben treibt und was man für ein Anliegen hat. Wenn sie es darin nicht trifft, so achte ich alles Uebrige nicht einen Strohhalm werth. So geht denn ans Werk, Corny, und kleidet Euch an für diesen Gang – entlehnt Kleider von den Leuten im Hause hier, und kommt dann zu mir hinüber, sobald Ihr Lust habt; ich werde bereit seyn, denn ich gehe oft verkleidet zu Lustbarkeiten – ja, ich unglücklicher armer Teufel, der ich bin, und komme auch verkleidet und vermummt zurück!« Alles das geschah, wie er es verlangte. Mit Hülfe eines Dieners in der Herberge ward ich auf eine, wie ich fest überzeugt war, sehr glückliche Weise herausstaffirt; denn wie ich das Haus verließ, ging ich an Dirck vorbei und mein alter, vertrauter Freund erkannte mich nicht. Guert war ebenso glücklich, denn in Wahrheit fragte ich ihn selbst nach ihm, als er mir die Thüre öffnete. Sein Lachen jedoch und sein schönes Gesicht weihten mich bald in das Geheimniß ein, und wir schlenderten in bester Laune fort, beinahe unsre Besorgnisse wegen der Zukunft vergessend über dem Spaß, an unsern Bekannten auf der Straße vorbeizugehen, ohne von ihnen erkannt zu werden. Guert war mit weit mehr Kunst und Geschick verkleidet als ich. Wir hatten Beide die Kleider von Handwerkern angezogen; Guert trug einen Kittel, den er sich als Liebhaber vom Fischen für diese Beschäftigung im Sommer angeschafft hatte – ich aber trug mein gewöhnliches Weißzeug, so daß man es sah, und ebenso auch die sonstigen untergeordneten Stücke meines täglichen Anzugs. Mein Freund deutete mir unterwegs auf einige dieser Mängel hin, und es ward ein Versuch gemacht, ihnen abzuhelfen. Da wir Mr. Worden's ansichtig wurden, beschloß ich, ihn zu stellen, und mit veränderter Stimme anzureden, um zu sehen, ob es möglich wäre, ihn zu täuschen. »Euer Tiener, Tominie,« sagte ich mit einem linkischen Bückling, sobald wir dem Pfarrer nahe genug waren, um ihn anzureden, »seyd Ihr der Tominie, welcher die Leute kopulirt um eine Kleinigkeit?« »Ja, oder um eine Handvoll, und das letztere ist mir lieber. – Ey, Corny, du Schelm, was soll das Alles bedeuten?« Es war nothwendig, Mr. Worden in das Geheimniß einzuweihen; und sobald er vernahm, was wir vor hatten, so drückte er den Wunsch aus, auch von der Gesellschaft zu seyn. Da wir es ihm nicht abschlagen konnten, kehrten wir um nach dem Gasthaus, und ließen ihm Zeit, eine passende Verkleidung anzulegen. Da der Geistliche das Costüm seines Berufes streng beobachtete, und aufs ängstlichste auf sein kirchliches Aeußere hielt, war es für ihn sehr leicht, in seinem Anzug eine solche Veränderung zu bewirken, daß er ein gänzliches Inkognito behaupten konnte. Nachdem Alles fertig war, machten wir uns von Neuem auf den Weg. »Ich gehe mit Euch, Corny, auf diesem närrischen Gang,« sagte der Hochwürdige Mr. Worden, sobald wir recht unterwegs waren, »um einem Versprechen nachzukommen, das ich Eurer trefflichen Mutter gegeben, Euch nicht unter verdächtige Gesellschaft gehen zu lassen, ohne ein väterliches Auge auf Euch zu haben. Nun betrachte ich eine Wahrsagerin als eine sehr zweideutige Person und Gesellschaft, und daher mache ich es mir zur Pflicht, Euch zu begleiten.« Ich weiß nicht, ob es dem Hochwürdigen Mr. Worden gelang, sich selbst zu täuschen, aber gewiß weiß ich, daß ihm nicht gelang, mich zu täuschen. Die Wahrheit war: er liebte einen lustigen Streich, und Nichts machte ihn glücklicher, als wenn er Gelegenheit fand, gerade an einem solchen Abenteuer, wie wir eines vor hatten, Theil zu nehmen. Nach der Lage ihres Hauses zu urtheilen und nach dem Aussehen der Dinge darin und seiner Umgebung mußte das Geschäft von Mutter Doortje eben nicht sehr gewinnreicher Art seyn. Schmutz und Armuth waren zwei Dinge, denen man in Albany nicht leicht begegnete; und ich behaupte nicht, daß wir die entscheidenden Spuren des einen oder der andern hier fanden; wohl aber weniger Sauberkeit, als sonst in diesem überreinlichen Gemeinwesen gewöhnlich war; und großer Ueberfluß fiel sicherlich auch in keiner Weise ins Auge. Wir wurden eingelassen von einer jungen Frauensperson, welche uns zu verstehen gab, Mutter Doortje habe schon ein paar Kunden bei sich; aber sie lud uns ein, in einem äußern Zimmer uns zu setzen, und versprach uns, die Reihe solle zunächst an uns kommen. Demgemäß nahmen wir Platz und lauschten, da die Thüre etwas geöffnet war, mit nicht geringer Neugier auf das, was drinnen vorging. Ich kam zufällig auf einen Platz zu sitzen, von wo aus ich im Stande war, die Beine von einem Kunden der Wahrsagerin zu sehen, und ich dachte sogleich, die gestreiften Strümpfe müßten mir doch bekannt seyn, als der näselnde und überhaupt ganz eigentümliche Ton Jason's die Sache zur zweifellosen Gewißheit erhob. Er sprach sehr angelegentlich und eifrig, was ihn etwas unvorsichtig machte; während das Weib in sehr leisem, murmelndem Tone sprach. Trotzdem hörten wir doch Alle folgendes Gespräch: »Nun gut, Mutter Dorrichay,« sagte Jason mit sehr zuversichtlichem Wesen, »ich habe Euch für diesen Handel hier gut bezahlt, und ich möchte nun gerne wissen, ob eine Aussicht ist für einen armen Mann in dieser Colonie, dem es nicht an Freunden, und man darf wohl sagen, auch nicht an Verdienst fehlt?« »Der Mann seyd Ihr! « flüsterte das Weib in der Art, wie man eine Entdeckung ankündigt. »Ja, ich sehe aus den Karten, daß Eure Frage sich auf Euch selbst bezieht. Ihr seyd ein junger Mann, dem es nicht an Freunden fehlt; und Ihr habt Verdienst! Ihr habt Freunde, die Ihr verdient; das sagen mir die Karten!« »Nun, ich will die Wahrheit dessen, was Ihr behauptet, nicht läugnen; und ich muß sagen, Dirck, es ist in der That nicht wenig seltsam, daß diese Frau, die mich früher nie gesehen, mich so gut, gleichsam in meiner innersten Natur, kennt. Aber glaubt Ihr, ich werde gut daran thun, die Sache mit der ich jetzt beschäftigt bin, zu verfolgen, oder würde ich besser daran thun, sie aufzugeben?« »Gebt Nichts auf!« antwortete das Orakel in sehr orakelmäßiger Art, zugleich die Karten mischend; »nein, gebt Nichts auf, sondern behaltet und behauptet, was Ihr nur könnt. Das ist der Weg, es in der Welt zu Etwas zu bringen.« »Beim Henker, Dirck, sie gibt guten Rath, und ich denke, ich werde ihn befolgen. Aber wie ist es mit dem Land und dem Mühlsitz? oder vielmehr, wie ist es mit den Dingen, an die ich eben jetzt denke?« »Ihr denkt daran, zu kaufen – ja, die Karten sagen zu kaufen; oder vielleicht zu disponiren über –« »Ha, da ich Nichts zu verkaufen habe, so kann ich nicht wohl disponiren, Mutter!« »Ja, ich habe Recht, dieser Eichelbube entscheidet die Sache klärlich – Ihr denkt daran, etwas Land zu kaufen. Ha; da fließt Wasser bergabwärts und hier sehe ich einen Teich. Ha, Ihr gedenkt einen Mühlsitz zu kaufen.« »Beim Henker! Wer hätte das geglaubt, Dirck!« »Keine Mühle ; nein, es ist noch keine Mühle gebaut; aber ein Mühlsitz . Sechs, König, Drei und Aß; ja ich sehe, wie es ist – und Ihr wünscht diesen Mühlsitz weit wohlfeiler als zum wahren Werth zu bekommen. Weit wohlfeiler: nicht um Wenig, sondern um Vieles wohlfeiler!« »Nun, das ist doch wunderbar! Ich will mich nie wieder über das Wahrsagen aufhalten,« rief Jason aus. »Dirck, Ihr müßt Nichts hievon sagen und nicht weiter daran denken, da Alles im Vertrauen ist, wißt Ihr. Nun gebt mir nur noch ein letztes Wort über das Lebensende, Mutter, und ich bin zufrieden gestellt. Was Ihr mir von meinem Vermögen und Erwerb geweissagt habt, muß wohl wahr seyn, glaube ich, denn mein ganzes Herz ist dabei; aber ich möchte gar gern auch wissen, was mir, nachdem ich so viel Reichthum und Glück genossen, als Ihr mir verheißen habt, für ein Lebensende bevorsteht?« »Ein vortreffliches Ende – voll Gnade, Hoffnung und christlichen Glaubens. Ich sehe hier Etwas, das aussieht wie der Rock eines Geistlichen – weiße Ermel, – Buch unterm Arm.« »Das kann mich nicht bedeuten, Mutter, da ich kein Liebhaber von Formen bin, sondern zu der Platform Bezeichnung von einer Kirchenordnung in Nordamerika. gehöre.« »Oh, jetzt sehe ich, wie es ist; Ihr könnt die Leute von der Kirche von England nicht leiden, und wäret im Stande, sie mit Koth zu bewerfen. Ja, ja – hier seyd Ihr – ein presbyterianischer Diakon, – Einer, der bei einer Privatversammlung im geeigneten Fall den Ton angeben kann.« »Kommt, Dirck, ich bin zufrieden gestellt; laßt uns gehen; wir haben Mutter Doorichaise lang genug aufgehalten, und ich habe so eben Besuche herein kommen gehört. Dank Euch, Mutter, Dank Euch von ganzem Herzen; ich glaube, am Ende muß doch an dieser Wahrsagerei etwas Wahres seyn!« Jetzt stand Jason auf und schritt zum Hause hinaus, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen, und somit ohne daß wir von ihm erkannt wurden. Dirck aber zögerte noch eine Minute, noch nicht befriedigt mit Dem, was ihm gewahrsagt worden war. »Ihr glaubt also wirklich, ich werde mich nie verheiraten, Mutter?« fragte er in einem Ton, welcher zur Genüge bewies, welche Wichtigkeit er der Antwort beilegte. »Ich wünsche dringend, dieß bestimmt zu wissen, ehe ich von hier weggehe!« »Junger Mann,« antwortete die Wahrsagerin in orakelhaftem Tone, »was ich gesagt habe, das habe ich gesagt. Ich kann nicht ein Schicksal machen , sondern nur es offenbaren und enthüllen. Ihr habt gehört, daß holländisches Blut in Euern Adern ist: aber Ihr wohnt in einer englischen Colonie. Euer König ist auch ihr König, während sie Eure Königin ist, aber Ihr nicht der Gebieter ihres Herzens. Wenn Ihr eine Frau von englischem Blute finden könnet, welche ein holländisches Herz hat, und keine englischen Werber, so geht kühn auf Euer Ziel los und es wird Euch glücken; aber wo nicht, so bleibt wie Ihr seyd, bis ans Ende der Tage. Das sind meine Worte und das sind meine Gedanken. Mehr kann ich nicht sagen.« Ich hörte Dirck seufzen. Der arme Kerl! er dachte an Anneke; und er schritt durch das äußere Zimmer, ohne nur einmal die Augen vom Boden aufzuschlagen. Er verließ Mutter Doortje ebenso niedergeschlagenen Geistes, als Jason sie mit stolz gehobenem Muthe verlassen hatte; der Eine sah der Zukunft mit selbstsüchtiger, gieriger Hoffnung entgegen, während der Andere sie mit einem so trostlosen Gefühle betrachtete, als die Zerstörung aller seiner Jugend-Wünsche und Phantasien es ihm eingeben konnte beim Hinblick auf sein künftiges Leben. Der Leser fühlt sich vielleicht versucht zu lächeln über die Idee, daß Dirck Van Valkenburgh Jugendphantasien gehabt habe, – wenn er sich den jungen Mann vergegenwärtigt mit dem ruhigen, anspruchslosen Wesen, wie er bisher von mir geschildert worden ist; – aber man würde seinem Herzen und seinen Gefühlen arges Unrecht thun, wenn man sich ihn als einen Mann ohne tiefe Empfindungen dächte. Ich bin immer der Ansicht gewesen, daß diese Besprechung mit Mutter Doortje einen bleibenden Einfluß auf das Schicksal des armen Dirck gehabt habe, auch bin ich nicht überzeugt, ob nicht der Eindruck davon lange im Gemüth und in der Stimmung anderer Personen haftete, die ich nennen könnte. Da jetzt die Reihe an uns gekommen war, wurden wir zu der Wahrsagerin berufen. Es ist nicht nöthig, das Gemach zu beschreiben, in welchem wir Mutter Doortje trafen. Es hatte nichts Ungewöhnliches, mit Ausnahme eines Raben, welcher auf dem Boden herumhüpfte und auf dem vertraulichsten Fuß mit seiner Herrin zu stehen schien. Doortje selbst war eine Frau von vollen sechszig Jahren, runzlig, mager und hexenhaft, und es schien mir, bei ihrer Kleidung sey darauf Bedacht genommen worden, den Eindruck dieses ihres gewiß natürlichen Aussehens noch zu steigern und zu verstärken. Ihre Haube bestand ganz aus schwarzer Mousseline, während ihr übriger Anzug grau war. Das Auge dieses Weibes hatte die Farbe ihres Rockes, und es war durchdringend, rastlos und tiefliegend. Im Ganzen sah sie völlig ihrer Rolle und ihrem Charakter entsprechend aus. Bei unserm Eintritt legte Jeder von uns, nachdem wir die Wahrsagerin begrüßt, eine französische Krone auf den Tisch, an welchem sie saß. Diese Münze war stark in Umlauf unter uns gekommen, seit die französischen Truppen in unsere Colonie eingedrungen waren, und es wurde sogar behauptet, sie hätten damit von Einigen aus unserm Volke Unterstützung erkauft. Da wir den höchsten Preis, der je für diese Blicke in die Zukunft entrichtet wurde, bezahlt hatten, glaubten wir uns berechtigt, die Blätter des versiegelten Buches ganz offen vor uns aufgeschlagen zu sehen. »Wünscht Ihr Alle miteinander mich zu sprechen, oder soll ich mit Jedem besonders verkehren?« fragte Doortje, mit ihrer heisern, dumpfen Grabesstimme, die, wie mich däuchte, ihren eigentümlichen Ton theils von der Natur, theils von der Kunst hatte. Es wurde festgesetzt, daß sie mit Mr. Worden den Anfang machen, daß aber Alle die ganze Zeit im Zimmer bleiben sollten; während wir diesen Punkt besprachen, blieben Doortje's Augen keineswegs auf Einem Gegenstand ruhen, sondern ich bemerkte, daß sie von einer Person zur andern schweiften, wie wenn sie Aufschlüsse zu erhaschen suchten. Viele Leute glauben gar nicht an die Wahrsagekunst, sondern behaupten, es sey lediglich Nichts daran, als List, Geschicklichkeit und Schlauheit; und in diesem Falle wurde behauptet, das Weib habe die Schwarzen der Stadt im Sold, daß sie ihr Nachrichten zutrügen; und daß sie nie etwas Wahres von der Vergangenheit aussage, was ihr nicht zuvor auf solche Weise mitgetheilt worden. Ich mag nicht behaupten, die Kunst gehe so weit als Manche sich einbilden, aber es kommt mir doch sehr anmaßend vor, läugnen zu wollen, daß irgend etwas Wahres an diesen Sachen sey. Ich möchte nicht gern als leichtgläubig erscheinen, aber daneben halte ich es doch für unrecht, wenn wir unser Zeugniß Thatsachen verweigern, von deren Wahrheit wir überzeugt sind. Es ist ganz unverkennbar, daß Mr. Cornelius Littlepage bis auf einen gewissen Grad an die Wahrsagekunst glaubte. Das war aber auch vor einem Jahrhundert etwas ganz Gewöhnliches. Ich kann es mir noch ganz gut erinnern, denn es war in den Tagen meiner Schulzeit, daß die Albanier eine berühmte Meisterin der schwarzen Kunst hatten, welche von den guten Hausfrauen der Stadt regelmäßig wegen aller abhanden gekommenen Löffel und wegen der Diebstähle von Dienstboten befragt wurde. Die Holländer, wie die Deutschen, scheinen zu dieser Art von Aberglauben große Neigung gehabt zu haben, von welchem auch die Personen von englischer Erziehung und Bildung vor hundert Jahren keineswegs frei waren. Mademoiselle Lenormant trieb ja noch im gegenwärtigen Jahrhundert ihr Wesen sogar in der skeptischen Hauptstadt von Frankreich. Aber in unsern Tagen tritt die Sonnambule an die Stelle der alten Wahrsagerin. Der Herausgeber. Doortje fing damit an, ein äußerst schmutziges Kartenspiel zu mischen, welches vermuthlich schon tausendmal denselben Dienst geleistet hatte. Dann ließ sie Mr. Worden diese Karten abheben; worauf eine scharfe, nachdenkliche Besichtigung und Prüfung folgte. Während dieser ganzen Zeit ward keine Sylbe gesprochen, wohl aber überraschte uns ein leises Pfeifen des Weibes, welches den Raben auf ihre Schultern fliegen machte. »Nun, Mutter!« rief Mr. Worden mit einiger Ungeduld über die Mummerei, was das Ganze nach seiner Ansicht war, »ich sterbe vor Verlangen zu hören, was geschehen ist , damit ich um so mehr dem Glauben schenke, was geschehen soll . Sagt mir Etwas von der Waizeneinsaat, die ich im letzten Herbst machte; wie viele Bushels ich gesät habe und auf wie viele Acres; ob auf altes oder auf Neubruch-Land?« »Ja, ja, Ihr habt gesät! – und Ihr habt gesät!« antwortete das Weib in einem, für ihre Stimme, lauten Ton, »aber Euer Samen ist unter die Dornen gefallen, und auf steinigen Grund und Ihr werdet nie eine Seele unter ihnen Allen ernten! Reichlich mögt Ihr aussäen, aber klein wird Euer Ernteertrag seyn!« Der Hochwürdige Mr. Worden stieß ein lautes Hm! aus, stemmte die Arme in die Seiten, und schien entschlossen, mit eherner Stirne Stand zu halten, obwohl ich leicht bemerkte, daß es ihm ausnehmend schwül zu Muthe war. »Wie steht es mit meinem Vieh? und werde ich dieß Jahr viele Schafe auf den Markt schicken?« »Ein Wolf in Schafskleidern?« murmelte Doortje. »Nein, nein, – Ihr seyd ein Freund von warmen Nachtessen und Enten, und von Lektionen, vor Köchinnen gehalten, mehr als davon, in der Ernte des Herrn zu arbeiten und zu sammeln.« »Kommt, Weib, das ist lauter Thorheit!« rief der Pfarrer zornig. »Gebt mir vernünftige Red' und Antwort für meine gute französische Krone. Was seht Ihr in diesem Ecksteinbuben, daß Ihr sein Gesicht so scharf studirt?« »Einen springenden Dominie!« kreischte die Hexe mehrmals, mehr als daß sie nur laut sprach. »Seht, er läuft um sein Leben, aber Beelzebub wird ihn doch einholen!« Hier trat plötzlich eine Pause ein, still wie das Grab, denn der Hochwürdige Mr. Worden hatte seinen Hut aufgerafft und stürzte aus dem Zimmer; er verließ das Haus mit einer Eilfertigkeit, wie wenn er schon förmlich in dem angedeuteten Wettlauf begriffen wäre. Guert schüttelte den Kopf und machte ein sehr ernstes Gesicht; da er aber sah, daß das Weib schon wieder ganz gefaßt und ruhig war, und wirklich schon für ihn die Karten mischte, trat er vor, um sein Schicksal zu vernehmen. Ich sah Doortje's Augen scharf auf ihm haften, als er sich nahe an den Tisch hinstellte, und die Winkel ihres Mundes zogen sich in einem bedeutungsvollen Lächeln zusammen. Was dieß eigentlich bedeutete, habe ich nie ermitteln können. »Ich vermuthe, Ihr wünscht Etwas von der Vergangenheit zu erfahren, wie alle Uebrigen,« murmelte das Weib, »damit Ihr um so mehr Vertrauen haben könnt zu Dem, was Ihr von der Zukunft hören werdet?« »Ha, Mutter,« antwortete Guert, mit der Hand über seinen schönen Kopf mit natürlichen Locken fahrend, und etwas rasch sprechend, »ich weiß nicht, ob es mit der Vergangenheit so Viel auf sich hat. Was geschehen ist, das ist geschehen, und damit hat die Sache ein Ende. Ein junger Mann mag wohl keine große Lust haben, von solchen Dingen zu hören in dem Augenblick gerade, wo er vielleicht ernstlich darauf bedacht ist, es besser zu machen. Wir sind Alle einmal in unserm Leben jung, und wir können nur alt werden, nachdem wir jenes gewesen sind.« »Ja – ja, ich sehe, wie es ist!« murmelte Doortje. »So, so – Puter, Puter – Enten, Enten, quaak, quaak, gobble, gobble –« Hier begann die alte Hexe eine solche Nachahmung des Geschreis von Enten, Gänsen, welschen Hahnen, Kampfhähnen und andern Vögeln, daß Jemand, der im äußern Zimmer gewesen wäre, sich Wohl hätte einbilden können, das Geschnatter und Gekrähe eines förmlichen Geflügelhofs zu hören. Ich selbst war verblüfft, denn die Nachahmung war wirklich bewundernswürdig; Guert aber mußte sich den Schweiß vom Gesicht wischen. »Das genügt, – das genügt schon, Mutter!« rief der junge Mann. »Ich sehe, Ihr wißt das Alles, und es nützt Nichts, gegen Euch sich verstellen zu wollen. Jetzt sagt mir nur, ob ich je heirathen werde oder nicht. Mein Zweck hier ist, über diesen Umstand belehrt zu werden, und ich kann das wohl gerade heraus gestehen.« »Die Welt hat gar viele Frauen – und schöne Gesichter gibt es in Albany genug,« murmelte das Weib wieder, und besichtigte zugleich die Karten mit großer Aufmerksamkeit. »Ein junger Mann wie Ihr, könnte sogar zweimal heirathen.« »Nein, das ist unmöglich; wenn ich nicht eine bestimmte Lady heirathe, so heirathe ich gar nicht.« »Ja – ja; ich sehe, wie es ist! Ihr seyd verliebt, junger Mann!« »Hört Ihr das, Corny! Ist es nicht zum Verwundern, wie diese Kreaturen Alles errathen? Ich gebe die Wahrheit Eurer Worte zu; aber beschreibt mir die Lady, die ich liebe.« Guert hatte ganz vergessen, daß der Gebrauch des Wortes Lady den Umstand, daß er in Verkleidung war, vollständig verrieth, da kein Mann von der Klasse, der er anzugehören sich in seinem Wesen und seiner Tracht die Miene gab, seinen Schatz so zu nennen sich einfallen lassen würde. Dieß mochte wahr seyn im Jahre 1758, aber es ist nicht wahr im Jahre 1845. Der Herausgeber. Ich konnte jedoch diese kleinen Selbstverräthereien nicht hindern; denn mein Begleiter war schon zu aufgeregt, um Vernunft anzunehmen. »Die Lady, die Ihr liebt,« antwortete die Wahrsagerin bedächtlich, und mit dem Wesen einer Person, die mit großer Zuversicht zu Werke geht, »ist sehr schön, fürs Erste.« »Wahr wie die Sonne am Himmel, Mutter!« »Sodann ist sie tugendhaft, leutselig, witzig und gut.« »Das Evangelium kann nicht wahrer seyn! Corny, das übersteigt allen Glauben!« »Sodann ist sie jung . Ja, sie ist jung und schön und gut; drei Eigenschaften, die sie sehr gesucht machen.« »Warum bedenkt sie sich so lange über meinen Antrag, Mutter? Sagt mir das, ich bitte Euch; aber wird sie einwilligen, mich zu nehmen?« »Ich sehe es – ich sehe es; es ist Alles hier auf den Karten. Die Lady kann sich nicht entschließen.« »Hört nur das, Corny; und sagt mir jetzt nicht mehr, es sey Nichts an dieser Kunst. Warum entschließt sie sich denn nicht? Um's Himmels willen laßt mich das wissen? Ein Mann mag es müde werden, den Antrag zu machen, einen Engel zu heiraten und keine Antwort zu bekommen. Ich wünschte den Grund ihrer Bedenklichkeiten zu erfahren.« »Die Seele einer Frau ist nicht leicht zu ergründen. Die Einen sind hastig, Andere sind es nicht. Ich bin der Meinung, Ihr wünscht eine Antwort zu bekommen, ehe die Lady gefaßt ist, eine zu geben. Die Männer müssen warten lernen!« »Sie scheint in der That Alles zu wissen, Corny! So viel ich auch schon von dieser Frau gehört hatte, so übertrifft sie doch alle meine Erwartungen! Gute Mutter, könnt Ihr mir sagen, wie ich die Einwilligung meiner Geliebten gewinnen kann?« »Die ist nur zu erlangen durch Bitten. Bittet einmal, bittet zweimal, bittet dreimal.« »Bei St. Nicholas! Ich habe sie schon zwanzig Mal gebeten! Wenn das Bitten und Fragen es thäte, so wäre sie schon seit einem Monat meine Gattin. Was meint Ihr, Corny? – nein, ich will es nicht thun! – es ist nicht mannhaft, durch solche Mittel die Geheimnisse eines weiblichen Herzens herauszukriegen – Ich will sie nicht fragen!« »Die Krone ist bezahlt und die Wahrheit muß gesagt werden. Die Lady, die Ihr liebt, liebt Euch und sie liebt Euch nicht; sie möchte Euch haben und möchte Euch auch nicht haben, sie denkt Ja , und sagt Nein !« Guert zitterte jetzt am ganzen Leibe wie ein Espenblatt. »Ich glaube, es ist nicht unrecht und kann Nichts schaden, Corny, wenn ich frage, ob ich durch die Affaire mit dem Fluß gewonnen oder verloren habe. Ja gewiß, darnach will ich sie fragen. Sagt mir Mutter, bin ich besser oder schlimmer daran in Folge eines Vorfalls, der sich vor etwa einem Monat zutrug, – um die Zeit, wo das Eis ging und wir eine große Ueberschwemmung hatten?« »Guert Ten Eyck, warum versucht Ihr mich so?« fragte die Wahrsagerin feierlich. »Ich kannte Euren Vater und ich kannte Eure Mutter. Ich kannte Eure Vorfahren in Holland und ihre Kinder in Amerika. Generationen auf Generationen habe ich Eure Familie gekannt, und Ihr seyd der Erste, den ich so schlecht gekleidet sehe! Meint Ihr, Knabe, der alten Doortje Augen würden trübe und sie erkenne die Leute von ihrer eigenen Nation nicht mehr? Ich habe Euch auf dem Flusse gesehen – ha! ha! es war ein lustiges Schauspiel – Jack und Moses auch; wie sie schnaubten und wie sie galoppirten! Krack! krack! Das ist das Eis! da kommt das Wasser! Seht, diese Brücke kann Euch an den Kopf treffen! Tragt Ihr Sorge für diesen Vogel, und Ihr für jenen – und Alles wird mit der Jahreszeit sich machen. Antwortet mir Eines, Guert Ten Eyck, und antwortet mir wahrhaft. Kennt Ihr wohl einen jungen Mann, der bald in das Buschland geht?« »Ja, Mutter. Dieser junge Mann, mein Freund, beabsichtigt in wenigen Tagen abzureisen, oder sobald wir beständige Witterung haben.« »Gut; geht mit ihm – die Abwesenheit des Freiers macht ein junges Frauenzimmer ihr eigenes Herz kennen, wenn Bitten und Fragen Nichts fruchten. Geht mit ihm, sage ich; und wenn Ihr Musketen abfeuern hört, so nähert Euch denselben; die Furcht löst manchmal einer jungen Dame die Zunge. Ihr habt Eure Antwort, und Mehr werde ich Euch nicht sagen. Kommt her, junger Besitzer von vielen halben Josephsstücken, und berührt diese Karten.« Ich that, wie sie mir gebot; worauf das Weib anfing, vor sich hin zu murmeln, und das Kartenspiel, so schnell sie konnte, zu durchlaufen. Könige, Asse und Buben wurden nacheinander besichtigt, bis sie die Herzkönigin in die Hand bekam, die sie mir im Triumph entgegen hielt. »Das ist Euere Lady. Sie ist eine Königin von nur zu vielen Herzen! Der Hudson hat Euch den Dienst geleistet, den er früher schon manchem armen Manne geleistet hat. Ja, ja, der Fluß hat Euch genützt; aber das Wasser macht ertrinken, so wie es Thränen verursacht. Hütet Ihr Euch vor Knights Barrownights!« D. h. Rittern und Baronets. In der Colonie lebte längere Zeit nur Ein betitelter Mann. Es war der berühmte Sir William Johnson, Baronet, von Johnson Hall, Johnstown, Albany, jetzt Fulton County. Der Sohn Sir William Johnson's wurde zu seines Vaters Lebzeiten zum Ritter erhoben, und war Sir John, während Sir William noch lebte. Nach dem Tode seines Vater wurde er Sir John Johnson, Knight (Ritter) und Baronet, und die gemeinen Leute nannten ihn gewöhnlich: »Knight, oder Barrow night « Der Herausgeber. Hier brach Mutter Doortje plötzlich ganz in ihren Enthüllungen und Mittheilungen ab, und Keiner von uns vermochte ihr auch nur noch eine Sylbe über irgend einen Gegenstand abzugewinnen; obgleich, unter uns gesagt, wohl zwanzig Fragen noch an sie gerichtet wurden. Es wurde uns mit Zeichen bedeutet, daß wir gehen sollten; und als das Weib unsere Abneigung, dieß zu thun, sah, legte sie mit würdevollem Wesen für Jeden von uns eine Krone auf den Tisch, ging in eine Ecke, setzte sich, und begann sich zu dehnen und zu strecken, als fiele ihr unsere Gegenwart zur Last. Nach einem so unzweideutigen Zeichen, daß sie ihr Werk als beendigt betrachtete, blieb uns wohl nichts Anders übrig, als heimzukehren; wobei wir natürlich das Geld liegen ließen. Neunzehntes Kapitel. Freundschaft – welch seltner Tausch!     Tugend – wie schwach! Bald folgt der Liebe Rausch     Verzweiflung nach! 's Herz wohl erheben sie – Flüchtig entschweben sie – Wir überleben sie. Shelley. Auf Guert Ten Eyck hatte, was er bei dem Besuch im Hause der Wahrsagerin gehört hatte, einen tiefen Eindruck gemacht. Es übte Einfluß auf seine Stimmung, und, wie man sehen wird, auf seine ganze nachmalige Handlungsweise. Was mich betrifft, so will ich nicht behaupten, daß ich das Vorgefallene ganz unbeachtet gelassen; aber die Wirkung davon war bei mir weit geringer als bei meinem Freunde. Der Hochwürdige Mr. Worden jedoch behandelte die Sache ganz verächtlich. Er erklärte, er sey in seinem Leben nie früher so beschimpft worden. Die alte Hexe habe uns Alle früher schon gesehen und ihn wieder erkannt. Eine Kenntniß dieser Art sich zu Nutze machend – die an einem Ort von dem Umfang von Albany sehr leicht zu erlangen war, – habe sie die Gelegenheit ergriffen, aus einem elenden Geklatsche, das man auf seine Kosten in Umlauf gesetzt, Vortheil zu ziehen. »Der springende Dominie, wahrhaftig!« fuhr er fort, »als ob nicht jeder Mensch laufen würde, um sein Leben zu retten! Ihr habt gesehen, wie es mit dem Fluß war, als er einmal anfing aufzugehen, und wißt, daß mein Entkommen ein halbes Wunder war. Ich verdiene so viel Ruhm und Lob wegen dieses Rückzugs, Knabe, als Xenophon wegen seines Rückzugs mit den Zehntausenden. Es ist wahr, ich hatte keinen Rückzug von vierunddreißigtausend sechshundert und fünfzig Stadien auszuführen; aber man muß die Thaten mehr nach der Qualität als nach der Quantität schätzen. Die besten Sachen geschehen meist so zu sagen aus dem Stegreif; und in der Regel auf einem beschränkteren Feld und in kleinerem Maßstab. Dann was All das betrifft, was Ihr mir von Guert erzählt, – ha, das Mensch kannte ihn, – mußte ihn kennen in einer Stadt wie Albany, wo der Bursche in einem Rufe steht, daß alle Arten von Possen und Schelmenstreichen auf seinen Namen kommen. Und dann gar Jack und Moses! Meint Ihr, selbst die Eingebung eines bösen Geistes oder von vierzigtausend Teufeln würde eine Wahrsagerin auf den Gedanken bringen, ein Pferd Moses zu nennen? Jack möchte vielleicht noch angehen; aber Moses würde nie selbst einem Kobold in Kopf kommen! Bedenkt, Junge, Moses war der große Gesetzgeber der Juden; und eine solche Kreatur könnte sich ebenso leicht einfallen lassen, ein Pferd heiße Confucius, als daß sie auf den Gedanken kommen könnte, es heiße Moses!« »Ich meine, die Eingebung oder Inspiration, wie Ihr es nennt, Sir, würde eine geschickte Wahrsagerin befähigen, die Dinge so zu geben und zu nennen, wie sie sind und wie sie heißen; und die Pferde mit ihren wirklichen Namen zu nennen, welcher Art immer diese seyn mögen.« »Ja, eine solche Inspiration, wie sie dieser erbärmlichen, alten, runzligen, unverschämten Teufelin zu Theil wird! Sprecht mir nicht weiter davon, Corny; es gibt Nichts dergleichen, wie Wahrsagerkunst; wenigstens Nichts, auf das man sich in allen Fällen verlassen kann, – und diese hier ist eben der helle, baare Betrug. ›Der springende Dominie!‹ ei wahrhaftig!« Dieß waren des Hochwürdigen Mr. Worden's Ansichten und Empfindungen über die Offenbarungen der Mutter Doortje. Er verlangte von uns Allen eine feierliche Zusage, Nichts von der Sache kund werden zu lassen, auch waren wir von selbst schon nicht eben geneigt, Etwas auszuplaudern. Was jedoch Guert, Dirck, Jason und mich betraf, so trugen wir kein Bedenken, unter uns über die nähern Umstände unserer Besuche uns zu besprechen, und wir sahen insgesammt die Sache in einem etwas andern Lichte an als unser Mentor. Ich gewann die Ueberzeugung, daß Jason vergnügt war über das, was ihm geweissagt worden; denn ihm war Reichthum, nach seinen Begriffen und seinem Maßstab, als sein Loos geweissagt worden, und mit dem Glück, sey es nur ein in Aussicht stehendes oder in Wirklichkeit, ist der Mensch selten unzufrieden. Dirck, obwohl erst zwanzig Jahre alt, begann von dieser Zeit an davon zu sprechen, daß er ledig bleiben werde; und kein Auslachen von meiner Seite konnte den armen Jungen dahin bringen, seine Ansichten zu ändern oder bessere Hoffnungen zu fassen. Auf Guert hatte der Vorfall, wie gesagt, tiefen Eindruck gemacht; und da er in dieser Sache, was ihn selbst betraf, sich keinen Zwang glaubte auferlegen zu müssen, ergriff er die Gelegenheit, von seinem Besuche bei dem Weibe zu sprechen an einem Morgen, als Herman Mordaunt, die beiden Ladies, Bulstrode und ich bei einander saßen, und in der Ungezwungenheit eines jetzt ganz vertraulichen und täglichen Verkehrs zusammen plauderten. »Sind derlei Dinge wie Wahrsagereien in England auch bekannt; Mr. Bulstrode?« fragte Guert auf einmal, und heftete zugleich, wie er diese Frage that, sein Auge auf Mary Wallace, denn mit ihr waren zu der Zeit seine Gedanken beschäftigt. »Alle Arten von einfältigen Dingen finden sich in Alt-England, Mr. Ten Eyck, ebenso wie auch manches Kluge und Vernünftige. Ich glaube London hat eine oder ein paar Wahrsagerinnen; und ich meine von älteren Leuten gehört zu haben, die Mode sich bei ihnen Raths zu erholen habe etwas zugenommen, seit der Hof so deutsch geworden ist.« »Ja,« versetzte Guert unschuldig, »ich finde das auch leicht glaublich; denn es ist eine allgemeine Annahme unter unserem Volke, daß die deutschen und niederländischen Wahrsagerinnen die bekanntesten seyen. Man hat in Neu-England Hexen gehabt oder zu haben behauptet; aber Niemand hier herum glaubt diesem Vorgeben. Es ist wie all das Aufschneiden dieser prahlerischen Yankees!« Ich bemerkte; daß der Mary Wallace Antlitz dunkelroth wurde, und daß sie, einen Faden abbeißend, die Gelegenheit benützte, ihr Angesicht so wegzuwenden, daß Bulstrode namentlich es nicht sehen konnte. »Der Sinn von all dem ist,« versetzte Major Bulstrode, »daß unser Freund Guert der Mutter Doortje einen Besuch abgestattet hat, einer Frau von einiger Bedeutung, welche auf dem Berg wohnt, und unter diesen guten Albaniern in der genannten Beziehung einiges Ansehen genießt. Einige von unserer Regimentstischgesellschaft haben das alte Weib auch aufgesucht.« »So ist es, Mr. Bulstrode,« versetzte Guert in seiner männlichen Art, und mit einem Ernst, welcher zeigte, wie hoch er die Sache nahm. »Ich habe Mutter Doortje besucht, zum ersten Mal in meinem Leben, und Corny Littlepage hier begleitete mich. So lang ich auch schon das Weib dem Namen nach kenne, habe ich doch nie ein neugieriges Verlangen empfunden, ihr einen Besuch zu machen, bis dieses Frühjahr. Wir sind nun dort gewesen; und ich muß sagen, ich bin höchlich erstaunt über den Umfang der Kenntnisse und des Wissens dieser ganz ausserordentlichen Person.« »Hat sie Euch gesagt, Ihr sollet in dem Topf für das Eingemachte den verlornen Löffel suchen, Mr. Ten Eyck?« erkundigte sich Anneke mit einer boshaften Schalkhaftigkeit im Auge und Stimme, welche mir selbst das Blut vor Verwirrung ins Gesicht trieb. »Man sagt, die Wahrsagerinnen schicken alle vorsichtigen aber vergeßlichen Hausfrauen an den Topf für das Eingemachte, um dort die verlornen Löffel zu suchen! Viele, höre ich, sind schon gefunden worden in Folge dieser wunderbaren Hellsicht.« »Nun, Miß Anneke, ich sehe Ihr habt keinen Glauben,« versetzte Guert, unruhig auf seinem Stuhle herumrückend, »und Leute die keinen Glauben haben, sind nicht zu überzeugen. Trotzdem setze ich so viel Vertrauen in das, was Doortje mir gesagt hat, daß ich im Sinn habe, ihrem Rathe zu folgen, mag dabei herauskommen, was da will.« Hier hob Mary Wallace ihre ernsten, vollen, blauen Augen empor gegen das Angesicht des jungen Mannes, und sie drückte eine lebhafte Theilnahme mehr als nur oberflächliche Neugier aus, welche zu verbergen sie bei all ihrem weiblichen Takt und ihrem weiblichen Zartgefühl nicht stark genug war. Dennoch sprach Mary Wallace Nichts, sondern überließ den andern Anwesenden die Weiterführung des Gesprächs. »Natürlich werdet Ihr uns doch Alles gerne erzählen, Ten Eyck,« rief der Major; »nichts macht leicht so großes Glück bei einer Zuhörerschaft wie eine gute Geschichte von Hexen oder irgend etwas so Wunderbarem, daß wir, ehe wir ihm Glauben schenken, unserem gesunden Verstande Gewalt anthun müssen.« »Entschuldigt mich, Mr. Bulstrode, das sind Dinge, die ich nicht wohl berühren kann, obwohl Corny Littlepage mir bezeugen wird, daß Alles sehr wunderbar ist. Jedenfalls werde ich dieß Frühjahr ins Buschland gehen, und da Littlepage und Follock vortreffliche Genossen sind, gedenke ich mich ihnen anzuschließen. Es wird spät werden, bis die Armee zum Aufbruch bereit ist, und bis dahin gedenken wir Alle drei uns an Euch anzuschließen vor Ticonderoga, wenn Ihr anders wirklich so weit kommt.« »Sagt vielmehr vor Montreal; denn ich hoffe, dieser neue Oberbefehlshaber wird Mehr für uns zu thun finden als der vorige. Soll ich eine Schildwache vor Doortje's Haus stellen während Eurer Abwesenheit, Guert?« Das Lächeln, welches auf diese Frage folgte, war allgemein, denn auch Guert selbst entzog sich bei seiner unbegränzten Gutmüthigkeit demselben nicht. Wenn ich jedoch sagte, das Lächeln sey allgemein gewesen, so hätte ich Mary Wallace ausnehmen sollen, welche an diesem Morgen wenig lächelte. »So werden wir also Nachbarn werden,« bemerkte Herman Mordaunt ruhig; »das heißt, wenn Ihr damit, daß Ihr Corny und Dirck in das Buschland zu begleiten gedenkt, soviel sagen wollt, als Ihr beabsichtigt, sie nach dem vor Kurzem von den Messrs. Littlepage und Van Valkenburgh erworbnen Patentland zu begleiten. Ich habe ein Besitzthum in jener Gegend, das jetzt zehn Jahre alt ist; und diese Ladies haben sich dazu verstanden, mit mir dorthin zu reisen, sobald die Witterung etwas beständiger ist, und ich versichert seyn kann, daß unsre Armee stark genug seyn werde, uns gegen die Franzosen und Indianer zu schützen.« Ich brauche nicht erst zu sagen, mit welchem Entzücken Guert und ich diese Erklärung vernahmen. Auf Bulstrode jedoch machte sie einen gerade entgegengesetzten Eindruck. Er schien mir nicht überrascht über eine Ankündigung, die uns so neu war, aber einige Ausdrücke entfielen ihm, welche zeigten, daß er keine Ahnung davon hatte, daß die beiden Besitzungen, die Herman Mordaunt's und die uns gehörende so nahe bei einander lagen. Wirklich erfuhr ich erst mittelst seiner Fragen die nähern Umstände des Falles. Es schien hiernach, Herman Mordaunt's Geschäft in Albany bestand darin, einige Vorkehrungen zu treffen hinsichtlich dieses Besitzthums, auf welchem er vor zwei oder drei Jahren Mühlen bauen und einige andere Verbesserungen, wie sie bei neuen Ansiedlungen üblich sind, hatte vornehmen lassen, und welches durch die Fortschritte und Ereignisse des Krieges in größere Nähe von dem Feinde zu kommen schien, als wünschenswerth war. Selbst bei der jetzigen Stellung der Franzosen in Ticonderoga schon konnten seine Mühlen namentlich einigermaßen gefährdet erscheinen, obgleich vierzig oder mehr Meilen davon entfernt, denn Abtheilungen von Wilden, angeführt von Weißen, marschirten oft so weit durch die Wälder, um eine Ansiedlung zu zerstören und einen Beutezug zu machen. Aber der Feind war im vorigen Sommer über den George-See gegangen, und hatte sogar das Fort William Henry, an dessen südlichem Ende, durch Belagerung genommen. Es ist wahr, dieß war die Grenze ihres Einfalles gewesen und man wußte jetzt, daß sie diese kecke Eroberung wieder aufgegeben und sich auf Ty und Crown-Point, zwei der stärksten militärischen Positionen in den britischen Colonien, zurückgezogen hatten. Dennoch war Ravensnest, so hieß Herman Mordaunt's Besitzthum, noch keineswegs ausser dem Bereich von feindlichen Einfällen; und er hatte seinen Aufenthalt in Albany nur deßhalb genommen, um den Gang der Ereignisse in jener Gegend zu beobachten, und dem Schauplatz derselben nahe zu seyn. Wenn er daneben einen Staatsauftrag hatte, so blieb dieser ein tiefes Geheimniß. Eine neue Quelle von Verlegenheiten jedoch hatte sich hervorgethan, und diese war es, die den Besitzer bestimmte, seine Güter persönlich zu besuchen. Die fünfzehn oder zwanzig Familien, welche auf seinem Besitzthum anzusiedeln, ihm mit vieler Mühe und großen Kosten gelungen war, waren ängstlich geworden bei der Aussicht eines in ihrer Nähe stattfindenden Feldzuges, und hatten ihre Absicht kund gegeben, ihre Hütten und Lichtungen zu verlassen, als die den Zeitverhältnissen gemäßeste Handlungsweise. Zwei oder drei waren schon auf und davon gegangen nach den Hampshire Grants, woher sie ursprünglich gekommen, den letzten Schnee benützend; und es stand zu fürchten, daß Andere das Beispiel dieser Vorsicht nachahmen würden. Herman Mordaunt konnte sich nicht von der Nothwendigkeit überzeugen, die mit so viel Mühe und Kosten errungenen Vortheile über die Wildniß aufzugeben. Die Mühe und Arbeit eines Wegzugs und einer Rückkehr reichte an sich schon hin, den Bewegungen und dem Zuge seiner Ansiedler eine veränderte Richtung zu geben; und da ihre Uebersiedlung in das Land durch seine Thätigkeit bewirkt und durch seine Mittel gefördert und unterstützt worden war, wünschte er natürlich die Leute, welche er mit so großen Schwierigkeiten und Kostenaufwand für sein Gut gewonnen hatte, an ihrem Aufenthaltsorte so lang wenigstens zurückzuhalten, als er es mit der Vorsicht vereinbar hielt. Unter diesen Umständen hatte er daher beschlossen, Ravensnest in Person zu besuchen, und wo nicht den ganzen Sommer, doch einen Theil desselben unter seinen Leuten zuzubringen. Dieß, hoffte er, würde ihnen Vertrauen einflößen, und ihn in Stand setzen, ihre Thätigkeit neu zu beleben. Anneke und Mary Wallace hatten, so schien es, sich geweigert, Mr. Mordaunt allein dahin reisen zu lassen, und im Glauben, es sey keine Gefahr bei seinem Vorhaben, so wie er es beabsichtigte, hatte der Vater und Vormund – denn Mary Wallace war Herman Mordaunt's Mündel, – den dringenden Bitten und Bestürmungen der beiden Mädchen nachgegeben; und es war förmlich festgesetzt worden, daß sie Alle mit einander dahin reisen wollten, sobald die Jahreszeit etwas weiter vorgerückt wäre. Von diesem Vorhaben hatte man die Ansiedler im Voraus benachrichtigt, und die Folge davon war, daß ihre Angst beschwichtigt wurde und sie sich bewogen fanden, auf ihrem Posten zu bleiben. Ich kann hier wohl auch hinzusetzen, was ich erst später im Verlauf der Ereignisse erfuhr. Bulstrode war mit Herman Mordaunt's Plänen bekannt gemacht worden, da sie geschworene Freunde waren, und der Letztere die Bewerbung des Ersteren lebhaft begünstigte; und er hatte sich diese Nachricht wohl zu Nutze zu machen gewußt. Es war jetzt Zeit, die Truppen in Bewegung zu setzen, und verschiedne Abtheilungen waren schon nach dem Norden marschirt und hatten an verschiednen Punkten Posto gefaßt, welche vor dem Beginn des Feldzugs zu besetzen wünschenswerth schien. Unter andern Corps, welche Aufträge dieser Art zu erfüllen hatten, befand sich auch das von Bulstrode befehligte; und er besaß Einfluß genug beim Hauptquartier, um durchzusetzen, daß es nach dem Ravensnest zunächst gelegenen Punkte gesandt wurde, wodurch er den doppelten Vortheil erlangte, es in seiner Gewalt zu haben, die Ladies bei Gelegenheit zu besuchen, während er ihnen zugleich gewissermaßen im Lichte eines Beschützers erscheinen mußte. Meine und Dirck's Absicht, einen Besuch im Norden zu machen, war kein Geheimniß; und man wußte allgemein, daß wir nach Mooseridge gehen wollten, aber wir selbst wußten nicht, daß Herman Mordaunt so ganz in der Nähe von uns eine Besitzung hatte. Und diese Kunde war, wie gesagt, Bulstrode ebenso neu wie mir selbst, wovon ich mich jetzt überzeugte. Die Kenntniß mancher kleinen Umstände, deren ich so eben erwähnte, erlangte ich erst später zu verschiedenen Zeiten durch Beobachtung und Gespräche. Dennoch wurden die Hauptpunkte schon festgesetzt an dem Morgen, wo Guert von seinem Besuche bei der Wahrsagerin sprach, und zwar auf die genannte Weise. Die Unterredung dauerte eine Stunde und hörte nicht eher auf, als bis alle Anwesenden im Allgemeinen einen Begriff von dem hatten, was die verschiednen Partien während des folgenden Sommers zu unternehmen beabsichtigten. Es traf sich an diesem Morgen zufällig, daß Bulstrode, Dirck und Guert mit einander weggingen, weil die zwei Letztern ein Pferd ansehen wollten, welches der Erstere eben gekauft hatte, und mich bei den jungen Ladies allein ließen. Sobald die Thüre sich hinter den weggehenden Gliedern unsrer Gesellschaft geschlossen hatte, sah ich ein Lächeln um den schönen Mund Anneke'ns kämpfen, während Mary Wallace fortwährend nachdenklich und ernst, wo nicht traurig blieb. »Und Ihr waret auch von der Gesellschaft bei der Wahrsagerin, wie es scheint, Mr. Littlepage,« bemerkte Anneke, nachdem sie, wie mich däuchte, mit sich selbst zu Rathe gegangen, ob es schicklich sey, noch weiter auf den Gegenstand einzugehen. »Ich wußte, daß es eine solche Person in Albany gebe, und daß sparsame Haushälterinnen sie manchmal befragten; aber es war mir unbekannt, daß Männer, Männer von Bildung, ihr diese Ehre erwiesen.« »Ich glaube, Geschlecht und Gelehrsamkeit begründet keine Ausnahme hinsichtlich ihres Ansehens und Einflusses. Man sagt mir, daß die meisten jüngern Offiziere sie während ihres Aufenthalts hier besuchen.« »Ich möchte sehr gern wissen, ob Mr. Bulstrode auch einer davon ist? Er ist noch jung genug an Jahren, obwohl er schon einen so hohen Rang hat. Ein Major kann so neugierig seyn als ein Fähnrich, oder, möchte man eigentlich sagen, liebe Mary, als eine Frau, welche ihrer Großmutter Lieblingsdessertlöffel verloren hat.« Mary Wallace stieß einen leisen Seufzer aus und erhob sogar ihr Auge von ihrer Arbeit; aber sie gab noch immer keine Antwort. »Ihr seyd streng gegen uns, Anneke,« – denn seit dem Vorfall auf dem Fluß behandelte mich die ganze Familie mit einer Vertraulichkeit, als wäre ich ein Sohn oder ein Bruder – »Ich bilde mir ein, wir haben nicht mehr gethan, als was Mr. Mordaunt in seinen jungen Jahren auch gethan hat.« »Das mag ganz wahr seyn, Corny, ohne daß deßwegen die Befragung des Weibes etwas sonderlich Kluges und Weises würde. Ich hoffe jedoch, Ihr macht aus Eurem Schicksal kein Geheimniß, sondern laßt Eure Freunde an den Euch gemachten Offenbarungen Theil nehmen.« »Gegen mich war das Weib keineswegs sehr mittheilsam, aber Guert Ten Eyck behandelte sie besser. In Wahrheit sagte sie ihm viele außerordentliche Dinge, sogar von der Vergangenheit, wenn sie nicht anders schon wußte, Wer er sey.« »Ist es wahrscheinlich, Mr. Littlepage,« sagte Mary Wallace, »daß irgend eine Person in Albany Guert Ten Eyck, und einen guten Theil seiner frühern Geschichte nicht kennen sollte? Der arme Guert macht sich überall bekannt, wo er ist!« »Ja, und das oft sehr zu seinem Vortheil!« setzte ich hinzu; eine Bemerkung, die mich Nichts kostete, die aber Mary's Antlitz aufleuchten machte und selbst ihren Lippen ein schwaches Lächeln abgewann. »Das Alles ist wahr; aber doch hatte das Weib etwas Wildes und Unnatürliches in ihrem Wesen, wie sie diese Dinge aussprach!« »Die Ihr alle für Euch zu behalten gesonnen scheint?« bemerkte Anneke im Ton einer Frage. »Es ginge kaum an, die Geheimnisse eines Freundes zu verrathen. Laßt Guert selbst für sich antworten; er ist so offen wie der helle Tag, und wird kein Bedenken tragen, Euch Alles wissen zu lassen.« »Ich wünschte, Corny Littlepage wäre nur so offen wie die Dämmerung.« »Ich habe Nichts zu verhehlen – und am wenigsten vor Euch, Anneke. Die Wahrsagerin sagte mir, die Königin meines Herzens sey die Königin von nur zu vielen Herzen; der Fluß habe mir nicht geschadet; und ich müsse mich hauptsächlich vor den ›Knights-Barrownights‹, wie sie sich ausdrückte, hüten.« Ich betrachtete Anneke scharf, während ich ihr diese Warnung von Mutter Doortje berichtete, konnte aber den Ausdruck ihres holden und nachdenklichen Angesichts nicht deuten. Sie lächelte weder, noch runzelte sie die Stirne; wohl aber erröthete sie. Natürlich sah sie mich nicht an, – denn dadurch hätte sie mich zur Beobachtung herausgefordert. Mary Wallace dagegen lächelte, und sie sah mich an. »Ihr glaubt Alles, was die Hexe Euch gesagt hat, Corny?« sagte Anneke nach einer kurzen Pause. »Ich glaubte, daß die Königin meines Herzens die Königin vieler Herzen sey; daß der Fluß mir nicht geschadet habe – obgleich ich nicht behaupten, noch sehen konnte, daß er mir viel genützt hätte und daß ich viel zu fürchten habe von Knights-Barrownights. Ich glaubte jedoch das Alles, ehe ich überhaupt die Wahrsagerin gesehen hatte.« Die nächste Bemerkung, welche gemacht wurde, rührte von Anneke her, und betraf – das Wetter. Die gute Jahrszeit kam rasch und erwünscht heran; und es konnte nicht mehr lange anstehen, bis die großen kriegerischen Bewegungen dieses Jahres beginnen mußten. Einige Regimenter waren in den Colonien angekommen; und verschiedne Offiziere von Auszeichnung und Rang hatten sie begleitet. Unter Andern, welche so zum ersten Mal über das atlantische Meer herüber kamen, befand sich mein Lord Howe, ein junger Soldat, von welchem das Gerücht sehr günstig sprach, und von welchem man in dem zu erwartenden Feldzuge des Jahres Großes erwartete. Während wir über diese Dinge schwatzten, trat Herman Mordaunt nach kurzer Abwesenheit wieder ins Zimmer und nahm mich mit sich, um seine Vorkehrungen zum Transport der Ladies nach Ravensnest zu besichtigen. Unterwegs ward das Gespräch fortgesetzt, und ich erfuhr von meinem ältern und einsichtsvollen Begleiter viele Dinge, die mir neu waren. »Neue Herrn, neue Gesetze, sagt man, Corny,« fuhr Herman Mordaunt fort; »und dieser Mr. Pitt, der große Gemeine, wie ihn manche Leute nennen, ist darauf bedacht, das britische Reich die Wahrheit dieses Grundsatzes fühlen zu lassen. Alles ist in rüstiger Bewegung in den Colonien, und die schläferige Periode von Lord London's Kommando ist vorbei. General Abercrombie, ein Offizier, von welchem man sich Viel verspricht, steht jetzt an der Spitze der Truppen des Königs, und es ist alle Aussicht zu einem lebhaften und höchst wichtigen Feldzug vorhanden. Die schmählichen Unfälle der letzten paar Jahre müssen ausgelöscht und der englische Name auf diesem Continent wieder zu Ehre gebracht und gefürchtet werden. Der Lord Howe, von welchem Anneke sprach, soll ein junger Mann von Verdienst seyn, und das Blut unsrer hannöverschen Monarchen in seinen Adern haben, indem seine Mutter eine natürliche Halbschwester seiner jetzt regierenden Majestät seyn soll.« Herman Mordaunt sprach jetzt ausführlicher von seinen eignen Plänen für den Sommer, – sprach seine Freude aus, zu vernehmen, daß Dirck und ich seine Nachbarn, wie er sich ausdrückte, werden sollten, – obgleich bei genauerer Berechnung ermittelt wurde, daß die nächsten Grenzen der beiden Patentlande Ravensnest und Mooseridge volle vierzehn Meilen, mit einem dichten, ungelichteten Wald dazwischen, von einander entfernt lagen. Dennoch wurden wir dadurch in einem gewissen Sinne Nachbarn; wie denn Gentlemen immer Leute von ihrer Classe Nachbarn nennen, wenn sie in einer Entfernung wohnen, bei der man sich besuchen oder doch ein oder zwei Mal im Jahre sehen kann. Und solche Menschen sind Nachbarn in dem wesentlichsten und wichtigsten Sinne des Wortes; sie kennen einander besser, verstehen einander besser, sympathisiren besser miteinander und leben zwanzigfach inniger in dem Verkehr miteinander, welcher Einen über Beweggründe, Grundsätze und Charakter richtig urtheilen läßt, als derjenige, der zunächst an der Pforte des Hauses wohnt, aber den Eigenthümer von Haus und Gütern nur in seinen täglichen Geschäften ein- und ausgehen sieht. Es gibt und kann keine größere Abgeschmacktheit geben, als sich einzubilden, die bloße einfache Nachbarschaft, das nahe bei einander Stehen der Wohnungen und Häuser mache die Menschen mit einander bekannt. Das war eine von Jason Newcome's konnektikut'schen Vorstellungen. Weil er in einer Gesellschaft aufgewachsen war, wo Alle auf einem gewissen Fuße von Vertraulichkeit mit einander verkehrten, und wo die Hälfte der Mißstände, welche eintraten, der Kirche angezeigt wurden, bildete er sich immer ein, er kenne die ganze Gentry von Westchester, weil er ein paar Jahre in der Grafschaft gelebt hatte, während er in der That nicht mit Einem unter Zwölfen ein Wort gesprochen hatte. Ich konnte ihm jedoch diese Vorstellung nie aus dem Kopf treiben; denn er blieb dabei, daß, einen Mann oft ansehen oder gelegentlich auf der Straße eine Verbeugung mit ihm tauschen, ihn kennen heiße, oder wie er zu sagen pflegte: »wohl bekannt seyn,« – ein Lieblingsausdruck des Mannes von Danbury; obgleich die beiderseitigen Sympathien, Gewohnheiten, Ansichten und Gefühle eine so ungeheure Kluft zwischen beiden Theilen bildeten, daß sie kaum Einer des Andern Ausdrücke und gewöhnliche Sprache verstanden, wenn sie anfingen mit einander sich zu unterhalten, wie dieß manchmal geschah. Trotz alledem blieb Jason standhaft dabei, er kenne jeden Gentleman in der Grafschaft, von welchem er im Gespräch oft hatte reden gehört, wenn er ihn nur ein oder zwei Mal, auch nur etwa in der Kirche, gesehen hatte. Aber Jason hatte überhaupt sehr schmeichelhafte Vorstellungen von seiner Wichtigkeit und Tüchtigkeit, seinen Kenntnissen und Befähigungen in jeder Hinsicht. Herman Mordaunt hatte umsichtige Vorkehrungen getroffen für die beabsichtigte Reise; er hatte ein bedecktes Fuhrwerk bauen lassen, welches nicht nur ihn und die Ladies, sondern auch vieles Hausgeräthe und Meubles, deren sie während ihres Aufenthaltes im Waldlande benöthigt seyn würden, transportiren konnte. Ein zweites Fuhrwerk, stark, geräumig und bedeckt, wurde auch für die Schwarzen und weitern Effekten gefertigt. Er zeigte mir alle diese Vorbereitungen mit großer Genugthuung und verweilte bei der Zärtlichkeit und dem Muth der Mädchen mit einem Vergnügen, welches er nicht zu verbergen sich bemühte. Was mich betrifft, so bin ich immer der Meinung gewesen, Anneke sey bei Fassung ihres kecken Entschlusses einzig und allein durch ihre reine, natürliche kindliche Liebe geleitet worden; während ihr Vater von der geheimen Hoffnung beherrscht war, die Reise würde Gelegenheit geben, während des größten Theils des Sommers Besuche und Mittheilungen von Bulstrode zu empfangen. Ich lobte die getroffenen Vorkehrungen, machte selbst auch ein paar Vorschläge in Betreff Anneke'ns und Mary's, und dann begaben wir uns Jeder nach Hause. Ein paar Tage nach diesem Besuch in den Werkstätten und nach dem berichteten Gespräche trat das –te Regiment seinen Marsch nach dem Norden an. Die Truppen defilirten durch die engen Straßen in der Nähe der Lagerbaracken eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang, und ein langer Zug von Bagagewagen ging voraus und folgte ihnen. Sie marschirten jedoch ohne Zelte, da Jedermann wußte, daß sie in eine Gegend zogen, wo das Beil jederzeit Tausenden von Männern ein Obdach schaffen konnte in ungefähr derselben Zeit, in welcher ein Lager ausgesteckt und die Leinwandzelte ausgespannt werden konnten. Hütten zimmern war die gewöhnliche Art und Weise, ein Heer in einem Wald unter Dach zu bringen, und mit etwa zwölf Märschen konnte das Bataillon den Punkt erreichen, wo es stehen bleiben sollte, zur Unterstützung von zwei oder drei andern noch weiter vorgerückten Corps, und um die Verbindungslinien offen zu erhalten. Bulstrode jedoch verließ Albany nicht zugleich mit seinem Regiment. Ich war mit Guert und Dirck eingeladen worden, an diesem Morgen bei Herman Mordaunt zu frühstücken; und als wir uns der Thüre näherten, sah ich den Reitknecht des Majors sein eigenes und seines Gebieters Pferd in der Straße nahebei auf und ab führen. Dieß war ein Zeichen, daß wir beim Frühstück das Vergnügen von Bulstrode's Gesellschaft haben würden. Wirklich trafen wir ihn auch, als wir in das Zimmer traten, in der Uniform eines Offiziers seines Ranges, im Begriff einen Marsch in die Wälder von Amerika anzutreten. Er schien mir schwermüthig, als stimmte ihn der Abschied traurig; aber meine eifersüchtigste Beobachtung vermochte kein Anzeichen eines ähnlichen Gefühls auf Seiten Anneke'ns zu entdecken. Sie war nicht ganz so munter wie gewöhnlich, aber sie war weit entfernt von Traurigkeit. »Ich verlasse Euch Ladies mit dem tiefsten Bedauern,« sagte Bulstrode am Frühstücktisch, »denn Ihr habt mir dieß Land zu mehr als einer Heimath –Ihr habt es mir lieb und theuer gemacht.« Er sagte dieß mit Gefühl; mit mehr Gefühl als ich je früher Bulstrode hatte an den Tag legen sehen, und mehr als ich ihm überhaupt zugetraut hätte. Anneke erröthete ein wenig, aber kein Zittern war an der kleinen Hand bemerkbar, welche gerade in diesem Augenblick einen zierlich gearbeiteten kleinen Theekrug über eine Tasse eingießend hielt.\<7p\> »Wir werden uns bald wieder treffen, Harry,« bemerkte Herman Mordaunt im Tone warmer Freundschaft und Neigung; »denn unsere Gesellschaft wird Euch in weniger als acht Tagen folgen. Vergeßt nicht, wir werden gute Nachbarn, nicht bloß Nachbarn, seyn; und wenn der Berg nicht zu Mahomed kommen will, so muß Mahomed zum Berge gehen.« »Das heißt, Mr. Bulstrode,« sagte Mary Wallace mit dem ihr eigenen süßen Lächeln, so offen und natürlich wie die Kindheit selbst, »daß Ihr Mahomed seyd, und wir der Berg. Ladies können in einer Wildniß nie mit Behaglichkeit reisen, noch auch schicklicherweise ein Lager besuchen, wenn sie auch wollten.« »Man sagt mir, ich werde gar nicht in ein Zeltlager kommen,« antwortete der Soldat, »sondern in gute, bequeme, hölzerne Baracken, welche für uns gebaut worden sind von dem Bataillon, das wir ablösen. Ich bin nicht ohne Hoffnung, sie seyen so, daß selbst Damen im vorkommenden Fall nicht verschmähen dürften, sich ihrer zu bedienen. Es sollte kein Mahomed seyn und kein Berg zwischen so alten und vertrauten Freunden.« Die Unterhaltung ging jetzt über auf die Pläne und Erwartungen der verschiedenen Partien, und die gewöhnlichen Versprechungen wurden gemacht, fleißigen Umgang und gute Nachbarschaft zu halten, gemäß den erhaltenen Einladungen und Aufforderungen. Herman Mordaunt's Wunsch, Bulstrode als zu seiner Familie gehörig zu betrachten, war unverkennbar, – und diese Gesinnung mochte sich vor der Welt auf die zwischen ihnen bestehende Blutsverwandtschaft berufen; für mich aber war es leicht einzusehen, daß sie ihren Grund in etwas ganz Anderem hatte. Als Bulstrode aufstand, um Abschied zu nehmen, wünschte ich mich weg, um nicht Zeuge der bekümmerten Theilnahme seyn zu müssen, die ihn begleitete; während der Wunsch, den Eindruck des Abschieds auf Anneke zu beobachten, mich gleichsam im Boden hätte wurzeln machen, wenn es auch schicklich gewesen wäre, daß ich mich entfernt hätte. Bulstrode war gerührter, als ich mir möglich gedacht hätte. Er nahm eine Hand Herman Mordaunt's in die seinige und preßte sie mit Wärme einige Zeit, ehe er überhaupt sprechen konnte. »Nur Gott weiß, was dieser Sommer bringen wird, und ob wir uns je wiedersehen werden oder nicht,« sagte er dann; »aber komme, was da will, die Vergangenheit, die glückliche Vergangenheit ist und bleibt denn doch der schaalen Alltäglichkeit abgewonnen. Wenn Ihr nichts mehr von mir hört, mein lieber Verwandter, so werden meine Briefe nach England Euch einen bessern Beweis meiner Dankbarkeit an die Hand geben, als irgend Etwas, das ich mit Worten aussprechen könnte. Sie sind geschrieben worden, so wie mir Eure Güte und Freundlichkeit zu Theil wurde; und sie schildern treu die Gefühle, welche Eure Gastlichkeit und Freundschaft in mir erweckte. Für einen möglichen und denkbaren Fall habe ich gebeten, daß sie alle nach Amerika geschickt werden, um von Euch insbesondere gelesen zu werden –« »Nein, mein lieber Harry, das heißt das Allerschlimmste vermuthen,« unterbrach ihn Herman Mordaunt, eine Thräne aus dem Auge blinzelnd, »und es heißt dieß, eine sehr kurze Trennung als ernsthaftere Sache nehmen, als billig –« »Nein, Sir, ein Soldat, der im Begriff steht einen Posten einzunehmen, wo es leicht zum Kampf mit dem Feinde kommen mag, kann nie mit Zuversicht von Trennungen sprechen, die nur kurz seyn werden. Dieser Feldzug wird für mich entscheidend seyn,« – hier warf er einen Blick auf Anneke – »ich muß als Sieger in Einem Sinne zurückkommen, oder ich wünsche mir gar nicht zurück zu kehren. Aber Gott segne Euch, Herman Mordaunt, wie Eure eignen Landsleute Euch nennen; tausend Jahre könnten nicht aus meinem Herzen die Erinnerung an alle Eure Güte auslöschen.« Dieß war gut ausgedrückt, und die Art, wie es vorgetragen wurde, war ebenso gut als die Sprache. Bulstrode zögerte einen Augenblick – sah die beiden Mädchen zweifelhaft an, – und näherte sich zuerst Mary Wallace. »Adieu, meine vortreffliche Mary Wallace,« sagte er, ihre dargebotene Hand ergreifend, und sie küssend, aber ohne tiefere Gemüthsbewegung, so daß man wohl sah, daß nur Freundschaft und Achtung ihn dabei leiteten. »Ich glaube Ihr seyd eine strenge Kritikerin über Cato's und Scrub's; aber ich verzeihe Euch alle Eure kleinen Ausstellungen und Verlästerungen in Betracht Eurer Milde und Rechtschaffenheit im Ganzen. Ihr könnt tausend bloßen Bekannten begegnen, ehe Ihr wieder Einen findet, der dieselbe tiefe Verehrung für Eure viele Tugenden hegt, wie ich.« Auch dieß war gut gesagt; und es hatte zur Folge, daß Mary Wallace ihr Taschentuch vom Auge wegnahm und ihm mit einiger Bewegung ein herzliches Lebewohl sagte. Die Fremden sagen, unsre Frauen seyen ohne Gefühl, ohne Leidenschaft; oder wenn sie auch beides besitzen, so sey es verschleiert durch eine Maske von Kälte, welche alle Liebenswürdigkeit und Wärme wegnehme; sie seyen kindisch und vertraulich, wo sie lieber zurückhaltend seyn sollten; und fremd und gezwungen, wo Gefühl und Natur ihr Recht behaupten sollten. Daß sie weniger Benehmen und Manier haben in jeder Hinsicht, in der Selbstbeherrschung und vielleicht auch in der Selbstachtung, in ihrem gewöhnlichen Umgang und Verkehr, und bei ihrem Repräsentiren und Rollenspielen, wo es einmal nöthig scheinen mag, das ist, glaube ich, wahr; aber Wer einem amerikanischen Mädchen das Herz abspricht, der kennt sie eben ganz und gar nicht. Sie ist ganz Herz, und die anscheinende Kälte ist öfter die Folge davon, daß sie ihren Gefühlen mißtraut, sie nicht zu äußern wagt, und von ihrer Abneigung gegen alles Gemachte und Erkünstelte überhaupt, als von einem Mangel an zarter und tiefer Empfindung. Zwei Mädchen jedoch von einer Bildung, wie sie Anneke und Mary Wallace genossen, mußten sich natürlich bei einer solchen Scene besser benehmen, als solche, welche weniger an die Bräuche des verfeinerten Lebens, die immer mehr oder weniger konventionell sind, gewohnt gewesen wären. Im gegenwärtigen Fall war Mary Wallace lebhaft ergriffen; es wäre bei einem so weichen und warmfühlenden Wesen wie sie nicht anders denkbar gewesen, wenn ein angenehmer Gesellschafter, ein Mann, mit dem sie seit etwa zwei Jahren genau bekannt war, von ihr Abschied nahm, um einen Zug anzutreten, der wie er selbst glaubte, oder wenigstens zu glauben so glücklich die Miene annahm, den traurigsten Ausgang haben konnte. Sie schüttelte mit Bulstrode aufs wärmste die Hände, wünschte ihm gutes Glück und alles mögliche Gute und Angenehme; dankte ihm für seine gute Meinung, und sprach ihre Hoffnung und ihren festen Glauben aus, sie würden Alle wieder zusammenkommen vor Ablauf des Sommers, und wieder Eins in des Andern Gesellschaft vergnügt seyn. – Nun kam die Reihe an Anneke. Sie hatte ihr Taschentuch vor den Augen, und als sie es wegnahm, war das Angesicht blaß und die Wangen mit Thränen bedeckt. Das Lächeln, welches folgte, war die Holdseligkeit selbst; und ich will es gestehen, es verursachte mir arge Herzstiche. Zu meinem Erstaunen sagte Bulstrode Nichts. Er ergriff Anneke'ns Hand, drückte sie an sein Herz, küßte sie, ließ ein Billet darin zurück, verbeugte sich und trat weg. Ich schämte mich, das Gesicht der Miß Mordaunt unter solchen Umständen zu beobachten, und wandte mich beiseite, damit nicht lauernde Blicke die Verlegenheit und Beklemmung noch steigerten, welche sie sichtlich empfand. Dennoch sah ich genug, um mich ungewisser und zweifelhafter als je zu machen hinsichtlich des Erfolgs meiner eigenen Bewerbung. Anneke hatte die Farbe mehr als einmal gewechselt, als Bulstrode neben ihr stand und seine stumme Rolle des Abschiednehmens durchspielte, und mir schien sie noch weit bewegter, als Mary Wallace gewesen war; dennoch waren ihre Gefühle immer lebhafter und schärfer als die ihrer Freundin; und was meine eifersüchtige Aengstlichkeit, die Rührung der zärtlichen Neigung nahm, konnte auch wohl Nichts weiter seyn, als gewöhnliches weibliches Gefühl und Freundschaft. Zudem war Bulstrode wirklich ihr Verwandter. Wir Männer begleiteten Alle Bulstrode hinaus, wo er sein Pferd bestieg. Er schüttelte uns herzlich die Hand; und nachdem er im Sattel saß, sagte er: »Dieser Sommer wird heißer werden als gewöhnlich, selbst in Eurem gemäßigten Klima. Meine Briefe von Haus geben mir Grund zu glauben, daß endlich ein Mann von Talenten an der Spitze der Geschäfte steht und daß das britische Reich bis an seine äußersten Enden den von ihm ausgehenden belebenden Anstoß ohne Zweifel fühlen wird. Ich erwarte, daß Ihr drei jungen Männer als Freiwillige Euch dem –ten Regiment anschließen werdet, sobald Ihr von unserm weitern Vorrücken hört. Ich wünschte, ich hätte tausend Solche wie Ihr seyd; denn die Geschichte auf dem Fluß zeigt, wo für den Fall der Noth Männer zu finden sind. Gott segne Euch, Corny!« und dabei lehnte er sich im Sattel vor, um mir noch einmal die Hand zu schütteln; »wir müssen Freunde bleiben, coûte que coûte !« Dieser Offenherzigkeit und solcher Gutmüthigkeit ließ sich nicht widerstehen. Wir schüttelten uns aufs herzlichste die Hände, Bulstrode lüftete seinen Hut und verbeugte sich, und dann ritt er fort, wie mir schien in sehr langsamem Schritt, nachdenklich und mit innerm Widerstreben. Trotz seiner Freundlichkeit und Herzlichkeit beim Abschied hatte ich doch mehr Grund als je, zu beklagen, daß Bulstrode unter uns erschienen war; und die Scenen dieses Morgens bestärkten mich nur in einem schon früher gefaßten Entschlusse, Anneke'n zu keiner Entscheidung meines Schicksals in einem Augenblicke zu drängen, wo, meinem Gefühl nach, die Gefahr so groß war, sie möchte ungünstig ausfallen. Zwanzigstes Kapitel Ein Text, gewählt wohl mit Bedacht,     Euch recht in's Herz sich präg' er: Wie seinen Vater Ham verlacht,     Drob Canaan ward ein Neger. Burns. Zehn Tage nach dem Abmarsch des –ten Regiments verließ Herman Mordaunt und seine Familie nebst unsrer Gesellschaft Albany, um das für den Sommer Beabsichtigte in Ausführung zu bringen. In dieser Zwischenzeit jedoch hatte sich im Aussehen der kriegerischen und militärischen Verhältnisse Vieles geändert. Verschiedene Regimenter königlicher Truppen rückten den Hudson hinauf, und die meisten Schaluppen auf dem Fluß, deren nicht weniger als dreißig oder vierzig seyn konnten, waren dazu benützt worden, sie und ihre Vorräthe zu transportiren. Zwei oder drei Corps kamen durch die Gegend, von den östlichen Colonien her, während verschiedene Provinz-Regimenter erschienen; denn Alles strebte sich auf diesem Punkt, da wo die Schiffahrt auf dem Hudson anfing, zu koncentriren. Unter andern angesehenen Männern, welche die Truppen begleiteten, war Lord Viscount Howe, der Edelmann, von welchem Herman Mordaunt gesprochen. Er hatte für den Feldzug den Rang eines Brigadier Der gewöhnliche amerikanische Leser weiß vielleicht nicht, daß der Rang eines Brigadier bei der englischen Armee nicht, wie bei uns, eine Stufe in der regelmäßigen Linie der Beförderung bezeichnet. In England sind die regelmäßigen militärischen Rangstufen: Oberst, Generalmajor, Generallieutenant, General, Feldmarschall. Der Rang eines Brigadier, wie der eines Commodore bei der Flotte, wird nur in besondern vorkommenden Fällen verliehen, meist als lokaler Rang, um der Regierung möglich zu machen, tüchtige Oberste zu verwenden, wo es nöthig ist. und schien eigentlich die Seele des Heeres zu seyn. Es war nicht sein persönliches Ansehen allein, was ihn in der Schätzung des Publikums und der Armee so hoch stellte, sondern auch sein Ruf und seine geleisteten Dienste als Soldat. Es waren viele junge Männer von Rang im Heer anwesend; und was jüngere Söhne von Peers anlangte, so waren ihrer so viele, daß es zu Albany beinahe so viel Ehrenwerthe gab als zu Boston. Die meisten angesehenen Familien der Colonien hatten auch Söhne im Dienst; die von den mittlern und südlichen Colonien bekleideten Offiziersstellen in regelmäßigen Regimentern; während die Provinzial-Truppen von Osten größtentheils, wie dieß in dieser Gegend des Landes sehr gewöhnlich war, von Männern aus der Klasse der Yeomen geführt wurden; denn die Gewohnheiten der Gleichheit, welche in diesen Provinzen herrschten, ließen wenig Unterschiede gelten in Betracht von Geburt und Vermögen. Doch wurde, wie ich mich erinnere, gesagt, der Gehorsam unter den Provinzialen von Massachusetts und Connektikut sey ebenso musterhaft, wie unter denjenigen, welche weiter von Süden her kamen, indem die Leute sich der Autorität ihrer Vorgesetzten als vom Gesetz ausgehend, willig unterwarfen. Es waren auch hübsche Truppen, besser als unsere Colonial-Regimenter, wie ich gestehen muß, und sie schienen einer höhern Klasse von Handwerkern oder Landleuten anzugehören; während zugegeben werden muß, daß ihre meisten Offiziere eben nicht sehr glänzende Repräsentanten von solchen Eigenschaften, Talenten, Sitten und Lebensgewohnheiten waren, die sie zum Commando sonderlich befähigen konnten. Es müssen aber Offiziere und Soldaten gut zusammengetaugt haben, denn man hörte von allen Seiten, daß sie gut angeführt wurden, was eben nicht immer der Fall war. Blos physisch, als eine Heerschaar von Männern betrachtet, wurde von Jedermann eingeräumt, daß es das schönste Corps in der Armee war, reguläre Truppen und alle eingeschlossen. Ich sah Lord Howe zwei oder drei Mal, namentlich, im Hause der Madame Schuyler, der Lady, welcher ich schon Erwähnung zu thun Gelegenheit gehabt und der ich den mir von meiner Mutter verschafften Empfehlungsbrief übergeben hatte; denn die Mordaunt's besuchten sie sehr fleißig und nahmen mich häufig mit sich. Lord Howe selbst befand sich fast immer im Hause der trefflichen Madame Schuyler, bei welcher in der That zu Zeiten Alles zu sehen war, was von guter Gesellschaft sich in Albany versammelt hatte. Unsere Gesellschaft war groß, und hätte können für ein kleines Corps der Armee selbst gelten, welches vorrückte, wie dieß jetzt beinahe täglich bei einzelnen Corps oder Theilen von solchen der Fall war. In der That hatte Herman Mordaunt unsern Aufbruch absichtlich deßhalb verzögert, um die Gegend zur Reise sicherer werden zu lassen, indem sie sich mit Detaschements vom Heere bedeckte; und unsere Reise, nachdem wir uns einmal in Bewegung gesetzt hatten, ging im buchstäblichen Sinne von Posten zu Posten, von Lager zu Lager. Es ist vielleicht passend, unsere Stärke aufzuzählen und die Ordnung unseres Marsches zu berichten, damit der Leser sich eine deutlichere Vorstellung von der Art unserer Reise machen kann. Herman Mordaunt nahm, außer den Ladies, eine schwarze Köchin und ein schwarzes Dienstmädchen mit sich; einen Neger, um für seine Pferde zu sorgen und einen zweiten als Diener im Hause. Ferner hatte er drei weiße Arbeiter bei sich – Männer, die mit den Gespannen zu thun hatten und das Beil zu führen wußten, um in den Wäldern Bahn zu hauen, Brücken über die Flüsse zu machen, und andere ähnliche Arbeiten zu verrichten, wo es nöthig war. Was uns betrifft, so waren wir drei Gentlemen, Yaap, mein treuer Neger, Mr. Traverse, der Landvermesser, zwei Meßkettenträger und zwei Arbeiter mit Aexten und Beilen. Guert Ten Eyck führte auch einen Neger mit sich, welcher Pete genannt wurde, da es gegen die boni mores war, ihn Peter oder Petrus zu nennen; letzteres war sein eigentlicher Name. Somit waren wir zehn Mann stark, worunter acht Weiße und zwei Schwarze. Herman Mordaunt hatte im Ganzen eben dieselbe Zahl, darunter aber vier Frauen. Unsere Gesellschaften zusammengenommen bildeten wir im Ganzen eine Truppe von zwanzig Köpfen. Unter dieser Zahl waren die Männer, Schwarze und Weiße, Alle gut bewaffnet; Jeder hatte eine tüchtige Büchse und jeder Gentleman noch überdieß ein Paar Pistolen. Diese letztern trugen wir an einem Gürtel um den Leib, und die Waffen, klein und für den Dienst berechnet, waren so nach hinten gerichtet, daß sie von unsern Ueberkleidern versteckt wurden. Auch die Gürtel wurden von den Klappen unserer Kleider versteckt. Somit waren wir gut bewaffnet, ohne daß man es uns doch ansah; eine Vorsicht, die manchmal in den Wäldern nützlich ist. Es ist kaum nöthig zu sagen, daß wir nicht in dem Anzug, in welchem wir gewohnt gewesen in den Straßen von New-York und Albany zu erscheinen, uns in die Wälder hineinwarfen. Stülphüte wurden ganz bei Seite gelegt; und dafür wurden Waldmützen, von ähnlicher Gestalt wie die im Winter von uns getragenen, nur daß der Pelz wegblieb, aufgesetzt. Die Ladies trugen leichte Biberhüte, wie sie sich für ihr Geschlecht schickten; und unter dem dichten Baldachin des Waldes bedurfte es wenig Schatten für ihr Gesicht. Doch wurden grüne Schleier hinzugefügt, mit welchen sich die amerikanischen Damen gewöhnlich zu schützen pflegen. Anneke und Mary reisten in Kleidern aus leichtem Frauentuch, so gemacht, daß sie ihren herrlichen Gestalten wie Handschuhe paßten. Die Säume waren kurz, so daß sie bequem gehen konnten, falls sie genöthigt wären zu Fuße zu gehen. Ein paar Federn auf jedem Hute waren nicht vergessen – ein Tribut, dem natürlichen Hange ihres Geschlechts, den Augen der Männer zu gefallen, dargebracht. Bei uns Männern bildete Wildleder den Hauptstoff unseres Anzugs. Wir Alle trugen wildlederne Hosen, Kamaschen und Mokkasins. Die letztern hatten Sohlen, wie sie die Weißen zu tragen pflegen; Guert jedoch nahm ein oder zwei Paare mit von rein indianischer Beschaffenheit. Jeder von uns hatte einen Oberrock aus grobem Tuche; Alle aber führten wir Jagdhemden mit uns, die wir anlegen wollten, sobald wir die Wälder betraten; diese Jagdhemden, grün von Farbe, mit Franzen und Zierrathen besetzte Gewänder, in der Form von Hemden, um über Allem getragen zu werden, nahmen sich ausnehmend schmuck und flott aus und paßten vortrefflich für die Wälder. Man war der Meinung, Franzen, Gestalt und Farbe machten sie dem Laubwerk so homogen und ähnlich, daß sie in einiger Entfernung so zu sagen unsichtbar, oder wenigstens nicht leicht zu unterscheiden wären. Sie standen in hoher Gunst bei allen Wald-Corps von Amerika und bildeten die gewöhnliche Uniform der Schützen in den Wäldern, ob sie nun gegen Menschen oder nur gegen die wilden Thiere auszogen. Weder Mr. Worden noch Jason zogen mit der Haupttruppe, und zwar gerade wegen dieser ungewöhnlichen, auffallenden Anzüge. Was den Geistlichen betrifft, so hielt er gewissenhaft auf das Aeußere und die Formen, so daß er den Kirchenrock und das Chorhemd selbst auf einer Mission zu den Indianern getragen haben würde; was, beiläufig bemerkt, auch jetzt sein ostensibler Zweck war; und in den verschiedentlichen Fällen, wo ich ihn bei Hahnenkämpfen sah, behielt er den priesterlichen Rock und aufgekrämpten Hut bei. Mit Einem Wort, Mr. Worden vernachläßigte das Aeußere nie, was die Kleidung betraf, und ich bezweifle stark, ob er sich dazu verstanden haben würde, ein Gebet zu lesen ohne das Chorhemd, oder zu predigen ohne den Kirchenrock, hätte die Sehnsucht nach geistlicher Stärkung auch noch so lebhaft seyn mögen. Ich erinnere mich noch recht gut, von meinem Vater gehört zu haben, wie der Pfarrer einmal auf einer Reise sich geweigert, an einem Sonntag die kirchlichen Funktionen zu verrichten, um nur der Kirche nicht dadurch Etwas zu vergeben, daß er bei Erfüllung seiner geistlichen Obliegenheiten ohne all die äußern Erfordernisse seines klerikalischen Charakters aufgetreten wäre. »Mehr Schaden als Nutzen wird der Religion bereitet, Mr. Littlepage,« sagte der Hochwürdige Mr. Worden bei dieser Gelegenheit, »wenn man so den Ritus in gemeinen Augen mindert und schwächt. Das Allererste, mein lieber Sir, ist, daß man die Menschen heilige Dinge achten und ehren lehrt; und ein Geistlicher in seinem Kirchenrock und Chorhemd flößt dreifach so viel Respekt ein als ohne dieselbe. Ich sehe es deßwegen als eine heilige Pflicht an, die Würde meines Amtes bei jeder Gelegenheit aufrecht zu erhalten und zu wahren.« In Kraft dieser Ansichten reiste der Geistliche in seinem geistlichen Hut und Rock, schwarzen Hosen und Priesterkragen, selbst wenn er Jagd machte auf die Seelen rother Menschen unter den Wilden von Nordamerika! Ich will mir nicht anmaßen zu behaupten, dieses Haften an solchen Gebräuchen habe nicht auch sein Gutes gehabt; aber das weiß ich gewiß, daß es den hochwürdigen Gentleman in große Unbequemlichkeiten verwickelte. Was Jason betrifft, so gab er einen Danbury-Grund dafür an, daß er in seinen besten Kleidern reiste. Jedermann mache es so in seiner Gegend; und er für seinen Theil betrachte es als respektwidrig gegen Fremde, wenn man in alten Kleidern unter ihnen erscheine. Aber die Sache hatte auch noch einen andern, wahren Grund, und dieser war – Sparsamkeit; denn die Soldaten hatten die Preise von Allem so gesteigert, daß Jason keinen Anstand nahm Albany für den theuersten Ort zu erklären, wo er je gewesen. Diese Behauptung hatte etwas Wahres; und da die Entfernung von New-York nicht weniger als hundert und sechszig Meilen betrug – nach offizieller Messung – so sieht der Leser leicht ein, daß es einen vollen Monat oder mehr Zeit erforderte, die geleerten Fächer der Läden wieder zu füllen. Die Holländer bewegten sich nicht nur langsam, sondern sie waren auch methodisch; und der Krämer, dessen Vorräthe im April erschöpft waren, dachte nicht leicht daran, sie wieder zu ergänzen, bis die regelmäßige Frist und Jahreszeit wiederkehrte. In Folge dieser Ansichten und Beweggründe verließen der Hochwürdige Mr. Worden und Mr. Jason Newcome Albany vierundzwanzig Stunden vor der übrigen Gesellschaft, mit der Verabredung, daß sie sich mit uns vereinigen sollten an einem Punkte, wo der Weg in die Wälder führte, und wo man glaubte, daß der aufgekrämpte Hut und die Lederkappe in guter Harmonie miteinander reisen könnten. Noch ein Grund aber, der noch nicht genannt worden, zur Trennung lag in dem Umstand, daß Alle von meiner Schaar zu Fuß reisten, wobei drei oder vier Packpferde unsere Bedürfnisse trugen. Nun war dem Mr. Worden ein Platz in einem Regierungsfuhrwerk angeboten worden, und Jason wußte sich auch, auf eine mir unerklärliche Weise, einzuschmuggeln und einzudrängen. Ich bin indessen Mr. Newcome das Zeugniß schuldig, daß sein Talent, Gunstbezeugungen und Gefälligkeiten jeder Art für sich herauszuschlagen, ganz außerordentlich war; und gewiß ist, daß er nie eine Gelegenheit, sich einen Vorzug vor Andern zu verschaffen, durch Saumseligkeit im Bitten und Fragen versäumte. In dieser Hinsicht war mir Jason immer ein moralisches Räthsel, denn in seiner Seele war lediglich Nichts zu finden von dem Gefühl für das Passende und Schickliche, sofern es sich von Ansprüchen und Rechten von Personen handelte, die sich auf Rang, Bildung, Geburt und Erfahrung gründeten. Den Rang in amtlicher Bedeutung verstand er und respektirte er an dem, der ihn besaß; aber von den Ansprüchen, zu welchen er den Inhaber, als einem daraus folgenden Genuß, berechtigte, schien er gar keinen Begriff zu haben. Für Eigenthum und Vermögen hegte er tiefe Achtung, so weit es sich um Anerkennung von dessen Wichtigkeit und Einfluß handelte; aber es würde weder seinem Gewissen noch seinem Gefühl den mindesten Skrupel gemacht haben, wenn er sich plötzlich in den Besitz der stattlichen Häuser der Patrone z. B. und ihrer Güter eingesetzt gesehen hätte, vorausgesetzt immer, daß er hätte glauben können, er vermöge seine Stellung zu behaupten. Der Umstand z. B. daß er unter dem Dach wohne, das von den Vorfahren eines Andern aufgerichtet worden, und daß Andere lebten, die ein besseres moralisches Recht darauf hätten, würde ihm nicht die mindeste Unruhe gemacht haben, so lange nur irgend ein Kniff oder eine Chikane des Gesetzes ihn im Besitz hielt. Mit Einem Wort, Alles was in Sachen dieser Art mit Zartgefühl zusammenhing, war für Jason Newcome so gut wie nicht da, welcher von der ersten Stunde an, wo er unter uns kam, lebte und handelte, als ob das Spiel des Lebens nur wie jenes Kinderspiel wäre: »Frau Mutter leih mir die Scheer;« wo Dasjenige, das unbedachtsam seinen Platz verläßt, ohne ihn sich zu sichern, denselben gewiß so bald als möglich von einem Andern eingenommen findet. Ich habe diesen Hang Jason's etwas ausführlicher besprochen, weil ich überzeugt bin, daß, sollte diese Geschichte von meinen Nachkommen weiter geführt werden, wie ich hoffe und wünsche, man sehen wird, daß diese Geneigtheit, das ganze menschliche Geschlecht als ebenso viele gemeinsame, gleichberechtigte Besitzer des von Adam hinterlassenen Gutes zu betrachten, am Ende zu etwas Außerordentlichem führen wird. Aber ich muß jetzt den Hochwürdigen Mr. Worden und Mr. Jason ihre Reise in ihrem Regierungsfuhrwerk antreten lassen und selbst zu unserer Gesellschaft zurückkehren. Wir Männer Alle, mit Ausnahme derjenigen, welche die zwei Wägen Herman Mordaunt's führten, gingen zu Fuß. Jeder von uns trug, außer seiner Büchse und Munition, einen Schnappsack; und man wird sich leicht vorstellen, daß unser Tagewerk nicht sehr lang war. Am ersten Tage machten wir bei der Madame Schuyler, auf ihre Einladung, Halt und speisten daselbst Alle zu Mittag, den Feldmesser mit eingeschlossen. Lord Howe war an diesem Tag auch unter den Gästen; und er schien den Muth von Anneke und Mary Wallace höchlich zu bewundern, daß sie zu einer solchen Zeit eine solche Reise unternehmen wollten. »Ihr braucht jedoch keine Besorgnisse zu hegen, Ladies, da wir immer starke Detaschements zwischen Euch und den Franzosen postirt haben werden,« sagte er am Ende ernster, nach einigen scherzhaften Reden über den Gegenstand. »Die Vorfälle des letzten Sommers, und die schmachvolle Art, wie der arme Munro seinem Schicksal preisgegeben wurde, haben uns Alle mit dem lebhaftesten Gefühl von der Notwendigkeit und Wichtigkeit erfüllt, den Feind zu zwingen, am nördlichen Ende des George-See's stehen zu bleiben, da schon zu viele Schlachten diesseits geschlagen worden sind, mehr als für den Ruhm der britischen Waffen zuträglich ist. Wir verbürgen uns für Euere Sicherheit.« Anneke dankte ihm für diese Bürgschaft und das Gespräch ging auf andere Gegenstände über. Es war ein junger Mann anwesend, welcher auch den Namen Schuyler trug, ein naher Verwandter von der Frau des Hauses, dessen Miene, Benehmen, Haltung und Erscheinung mir sehr auffiel. Seine Tante nannte ihn Philipp; und da er ungefähr von meinem Alter war, kam ich während dieses Besuchs in ein Gespräch mit ihm. Er sagte mir, er sey dem Commissariat unter General Bradstreet beigegeben, und er werde mit der Armee vorrücken, sobald die Vorbereitungen zum Marsch derselben vervollständigt seyn würden. Dann ging er auf eine klare, einfache Erläuterung des muthmaßlichen Planes für den bevorstehenden Feldzug ein. »Wir werden also, hoffe ich, Euch und Euere Freunde auch unter uns sehen?« sagte er am Ende, wie wir miteinander vor der Ladung zum Mittagessen auf dem Rasen lustwandelten; »denn, Euch die Wahrheit zu gestehen, Mr. Littlepage, es gefällt mir nur halb, daß wir so viele Truppen aus dem Osten bei uns haben müssen, um diese Colonie von ihren Feinden zu säubern. Es ist wahr, eine Nation muß ihre Feinde bekämpfen, wo immer sie sich finden; aber wir und die Yankees haben so wenig Gemeinsames, daß ich wünschen muß, wir wären stark genug, um die Franzosen allein zurückzuschlagen.« »Wir haben den gleichen Souverän und die gleiche Unterthanenpflicht,« antwortete ich, »was Ihr doch vielleicht als etwas Gemeinsames anerkennen werdet.« »Das ist wahr; doch denke ich, müßt Ihr genug holländisches Blut in Euch haben, um mich zu verstehen. Meine Pflicht ruft mich vielfach unter die verschiedenen Regimenter; und ich muß gestehen, ich habe viel mehr Mühe und Last mit Einem Regiment von Neu-England, als mit einer ganzen Brigade von den andern Truppen. Sie haben Generale und Oberste und Majore genug für die ganze Armee des Herzogs von Marlborough.« »Gewiß, es ist kein Mangel an militärischen hohen Graden bei ihnen – und sie haben eine ganz besondere Freude daran, diese Titel zur Schau zu tragen.« »Ganz richtig,« versetzte der junge Schuyler lächelnd. »Ihr werdet die Worte: General, oder Oberst, in einer ihrer Cantonnirungen an Einem Tage öfter aussprechen hören, als im Hauptquartier in einem ganzen Monat. Sie haben auch gewiß treffliche Eigenschaften; aber, woher dieß nun rühre, wir mögen einander nicht.« Zwanzig Jahre später im Leben hatte ich Veranlassung, mich dieser Bemerkung wieder zu erinnern, so wie auch Betrachtungen anzustellen über den Charakter des Mannes, der sie geäußert. Ich, oder meine Nachfolger werden vermuthlich Gelegenheit haben, Dinge zu berühren, in den spätern Berichten über die Vorfälle der Zeiten, welche mit dieser Gesinnung in Verbindung stehen. Ich hatte auch ein kurzes Gespräch mit Lord Howe, welcher mir ein Compliment machte über das, was auf dem Fluß vorgefallen war. Er hatte offenbar eine Darstellung dieser Begebenheit aus einem mir sehr befreundeten Munde gehört, und beliebte die Sache in einer für mich sehr schmeichelhaften Weise zu erwähnen. Dieß kurze Gespräch verlohnt sich der Wiedererzählung nicht, aber es bahnte den Weg zu einer Bekanntschaft, welche später mit interessanten und wichtigen Begebenheiten zusammenhing. Etwa eine Stunde nach dem Mittagessen verabschiedete sich unsere Gesellschaft von Madame Schuyler und zog weiter. Der Tagmarsch sollte nur kurz seyn, obgleich die Straßen mittlerweile hergestellt und ziemlich gut waren. Aber nicht lange hatten wir uns der Vortheile von Straßen zu erfreuen, denn sie erstreckten sich in der von uns verfolgten Richtung nur etwa dreißig Meilen nördlich von Albany. Mit Ausnahme der militärischen Route, welche gerade nach den Quellgewässern des Champlain-See's führte, war dieß ungefähr die Ausdehnung sämmtlicher Wege, die, in dieser Gegend des Landes, in das Innere eindrangen. Unsere Richtung ging nördlich und östlich, denn Mooseridge und Ravensnest lagen so ziemlich in der Richtung der Hampshire Grants. Sobald wir den Scheidepunkt an der Great Northern Road, welche nach Skeenesborough führte, erreicht hatten, sah sich Herman Mordaunt genöthigt, seine Wagen zu verlassen und alle Frauenzimmer auf Pferde zu setzen. Die nothwendigsten Vorräthe wurden auf Packpferde geladen, und nach dem Verzug eines halben Tages, welche Zeit wir über diesen Vorkehrungen verloren, setzten wir unsern Marsch fort. Die Wagen sollten folgen, aber in langsamem Schritte, und die Ladies hatten aussteigen müssen, wegen der holperigen Wege, auf welchen die schüttelnde und rüttelnde Bewegung unerträglich gewesen wäre. Unsere Cavalkade und die Fußgänger zusammen bildeten einen ansehnlichen, imposanten Zug auf der unebenen Straße, welche bald nichts Besseres mehr war als eine durch den Wald gehauene Linie, gelegentlich mit Spuren von Rädern, wo aber nicht der mindeste Versuch gemacht worden war, durch irgend welche künstliche Mittel die Oberfläche des Bodens auszugleichen. Dieß war der Ort, wo wir Mr. Worden und Jason einholen sollten, und wo wir auch wirklich ihre Effekten trafen; die Besitzer selbst waren weiter gegangen und hatten zurückgelassen, wir würden unterwegs auf sie stoßen. Guert und ich marschirten voran, da unsre Kraft und Jugend uns in Stand setzte, dieß mit größter Bequemlichkeit zu thun. Da wir wußten, daß für die Ladies zu Pferde hinlänglich gesorgt war, eilten wir voran, um für ihre Aufnahme in einem Hause, einige Meilen weit entfernt, wo wir die Nacht zubringen wollten, Vorkehrung zu treffen. Dieß Gebäude bestand natürlich aus Holzblöcken und stand ganz allein in der Wildniß, jedoch inmitten einer kleinen Lichtung von dreißig oder vierzig Acres Land; und es ging nicht wohl an, so wie der Tag stand, daran vorbeizugehen. Die Entfernung von dieser einsamen Behausung bis zur ersten Wohnung auf Herman Mordaunt's Besitzthum betrug achtzehn Meilen; und das war eine Strecke Wegs, welche zurückzulegen bei unsern Umständen einen ganzen langen Maitag erforderte. Guert und ich mochten etwa eine Meile der übrigen Gesellschaft voraus seyn, als wir eine Art von Halblichtung vor uns sahen, die wir zuerst irrig für unsern Rastort hielten. Wenige Acres waren ausgerodet worden, und ließen das Licht des Tages hereinfallen in die Düsterheit des Waldes, aber der Nachwuchs von Bäumen schoß schon auf und bedeckte den Boden mit hohen Büschen. Wie wir näher kamen, sahen wir, daß es eine kleine aufgegebene Lichtung war. Wie wir hineinkamen, hörten wir in nicht großer Entfernung Stimmen, und blieben stehen; denn an einem solchen Platz hört man keine menschlichen Stimmen, ohne daß der Reisende stille steht und nach seinen Waffen greift. Dieß thaten wir auch; und dann lauschten wir mit einiger Neugier und Vorsicht. »Ober!« rief Jemand ganz deutlich auf Englisch. »Jack!« sagte eine andere Stimme in einer Art von antwortendem Second, welche nicht wohl zu verkennen war. »Hier drei untere; – ist das gut?« versetzte die erste Stimme. »Schon gut, Sir; aber hier sind Zehn und ein Aß. Zehn und drei und vier und zwei machen neunzehn; – ich bin kaput.« »Obere, untere, Jack und kaput!« flüsterte Guert; »da sind Leute in der Nähe, welche Karten spielen; laßt uns weiter gehen und ihnen die Quartiere aufschlagen.« Dieß thaten wir und einige Büsche bei Seite schiebend, überfielen wir ganz unerwarteter Weise für alle Theile den Hochwürdigen Mr. Worden und Jason Newcome, wie sie das Spiel: »Alle Vier auf einem Stumpen,« spielten; oder, wenn nicht im buchstäblichen Sinne in der klassischen Lage, sich des Stumpen bedienen zu können, den Stamm eines gefällten Baumes zu ihrem Tische machend. Wie wir so plötzlich die Kartenspieler überfielen, verrieth Jason durch unzweideutige Zeichen seine Geneigtheit, seine Beschäftigung zu verheimlichen, indem er die Karten, die er in der Hand hatte, in seinen Busen steckte, das übrige Spiel aber hastig unter den Schenkel schob, und es so zudeckte, daß man gar nichts davon sah. Diese plötzliche Bewegung war rein nur die Folge einer puritanischen Erziehung, die ihn gewöhnt hatte, als Sünde anzusehen, was an sich ganz und gar nicht nothwendig eine Sünde war, und von ihm die Heuchelei forderte, welche der Tribut ist, den das Laster der Tugend bezahlt! Ganz anders war das Benehmen des Hochwürdigen Mr. Worden. Gewohnt, richtiger zu unterscheiden, und nicht so beschränkt, daß er willkürliche, selbstersonnene Regeln für göttliche Gebote gehalten hätte, machte dieser, in andern Dingen ziemlich weitherzige Befolger und Erfüller seiner Berufsobliegenheiten, hierin eine ganz passende und vernünftige Unterscheidung. Er gab nicht durch das mindeste Zeichen Verwirrung oder Verlegenheit zu erkennen; und der Holzblock, worauf er saß, blieb nicht unbeweglicher, als er erschien, wie wir so plötzlich vor ihm standen. »Ich hoffe, Corny, mein lieber Junge,« rief Mr. Worden, »daß Ihr nicht vergessen habt, einige Spiele Karten zu kaufen, was, wie ich klar einsehe, für uns in diesen wilden Wäldern eine große Quelle der Unterhaltung seyn wird. Diese Karten von Jason sind so verbogen und zerknittert, daß es sich für einen Gentleman kaum schickt, sie anzurühren, wie ich Euch gleich zeigen will. – Ei, wo ist denn das Kartenspiel hingekommen, Master Newcome? – Sie lagen ja noch vor einer Minute auf dem Block!« Jason erröthete wirklich! Ja, zum Wunder, die Beschämung brachte Jason Newcome dazu, die Farbe zu wechseln. Mit Widerstreben brachte er die Karten unter seinem Bein hervor, und da saß der Schulmeister, gleichsam in Anwesenheit seiner Schule, förmlich überwiesen der Begehung der verdammlichen Sünde, gewisse gefärbte und gefleckte Stücke Papier in Händen gehabt zu haben, erfunden und gebraucht zum Behuf der Combinationen eines Spiels, das zur Kurzweil gespielt wird. »Wäre es Kegelschieben gewesen,« flüsterte Guert, »so würde es dem Mr. Newcome gar keine Unruhe machen; aber der Gedanke behagt ihm gar nicht über einem Spiel: »Alle Vier auf einem Stumpen,« betroffen zu werden. Wir müssen ein Wörtchen sagen, um den armen Sünder in seiner Beklemmung aufzurichten. Ich habe Karten, Mr. Worden, und sie sollen mit Freuden zu Euren Diensten stehen, sobald wir zu unsern Effekten kommen können. Ich habe auch ein Spiel in meinem Schnappsack, aber es ist vom Gebrauch etwas beschmutzt, obwohl immer noch sauberer, als diese hier. Wenn Ihr es wünscht, will ich es Euch einhändigen. Ich reise nie, ohne ein paar saubere Spiele mit mir zu führen.« »Nicht jetzt im Augenblick, Sir, ich danke Euch. Ich liebe sehr ein Spielchen Whist oder Piquet, kann aber nicht sagen, daß ich ein großer Bewunderer von Alle Vier bin. Da Mr. Newcome hier kein andres Spiel versteht, schlugen wir nur eine halbe Stunde damit todt; aber ich habe für den ganzen Sommer daran genug. Ich bin jedoch froh, daß die Karten nicht vergessen worden sind; denn ich glaube gewiß, wir können eine sehr respektable Partie zum Whist zusammenbringen, wenn wir Alle bei einander sind.« »Das können wir, Sir, und eine Partie, bei welcher gut gespielt werden wird. Miß Mary Wallace spielt ihr Whist so gut als es einer Dame ansteht, Mr. Worden; und es ist das ein sehr hübsches Talent, wenn eine Lady es besitzt; nützlich, Sir, sowie unterhaltend; denn Alles ist besser als Whist mit einem Blinden oder Strohmann. Ich meine nicht, daß eine Frau so gut spielen soll wie ein Mann, da unser Geschlecht die natürliche Befugniß hat, in allen solchen Dingen voranzugehen und den Ton anzugeben; aber es ist manchmal sehr erwünscht, eine Lady zu finden, welche mit Kaltblütigkeit und Geschick die Karten zu halten und auszuspielen weiß.« »Ich würde keine Frau heirathen, die nicht Piquet verstünde,« rief der Hochwürdige Mr. Worden aus, »nichts zu sagen von Whist und ein paar andern Spielen. Aber laßt uns weiter ziehen, da es nachgerade spät wird.« So zogen wir denn weiter, und zur gebührenden Zeit erreichten wir den Ort, wo wir für die Nacht Halt machen wollten. Allerdings hatte es den Anschein, als ob wir damit auf einmal in die Wildniß hinein geriethen, denn das Haus hatte nur zwei Gemächer, von welchen eines für die Frauen eingerichtet wurde, während die meisten von uns Männern ihr Quartier in der Scheune nahmen. Anneke und Mary Wallace jedoch zeigten vollkommen gute Laune; und unser Diner, oder Souper wäre der richtigere Name, bestand aus köstlich fetten und zarten gebratenen Tauben. Es war die Jahreszeit der Tauben; die Wälder waren voll von diesen Vögeln; und man sagte uns, wir dürften uns gefaßt machen, uns an den jungen bis zur Sättigung zu erlaben. Gegen Mittag am folgenden Tage erreichten wir die erste Lichtung auf dem Besitzthum Ravensnest. Die Gegend, durch welche wir reisten, war mehr abwechselnd, als kühn und wildromantisch; aber sie hatte etwas Großartiges und Erhabenes an ihren grenzenlosen Wäldern. Unser Weg an diesem Tage lief unter hohen Bogen von jungem Laub hin; die Knospen erschloßen sich gerade zu dem ersten Grün der Blätter; hohe, gerade Säulen, sechszig, achtzig, zuweilen hundert Fuß hoch, stiegen die Baumstämme beinahe ohne einen Ast hinan. Die Fichten insbesondere waren wahrhaft majestätisch; die meisten hatten eine Höhe von hundert und fünfzig, und einige; wie ich glaube, beinahe wo nicht volle zweihundert Fuß. Da im Wald Alles dem äußern Licht zu wächst, darf dieß diejenigen nicht befremden, welche gewohnt sind, die Vegetation ihre Kräfte in weitausgebreiteten Wipfeln und in niedern, gekrümmten Aesten entfalten zu sehen, die beinahe den Boden berühren, wie dieß auf offenen Feldern und auf den Rasenplätzen älterer Gegenden der Fall ist. Wie gewöhnlich in dem amerikanischen Urwald, war nur wenig Unterholz vorhanden, und wir konnten häufig eine beträchtliche Strecke weit durch diese langen Säulenreihen von Bäumen vor uns hin sehen; oder eigentlich so weit, bis die Masse der Stämme die Aussicht verstellte. Die Lichtungen von Ravensnest waren weder sehr groß, noch sehr einladend. Zu jener Zeit war die Urbarmachung neuer Ländereien ein langsames und mühseliges Geschäft, und verursachte gewöhnlich dem Besitzer große Auslagen. Verschiedne Mittel wurden versucht, den Boden von seiner Last von Bäumen zu befreien; Der jüngst verstorbene ehrwürdige Hendreyck Fery war ein allen Bewohnern des Mohawkthales wohlbekannter Mann. Er war Freund, Zeitgenosse und, wie man glaubt, ein Testamentsvollstrecker des berühmten Sir William Johnson, Bart. gewesen. Vor dreißig Jahren erzählte er dem Schreiber dieses folgende Anekdote: Der junge Johnson erschien in dem Thale zuerst als der Verwalter eines Gutes, das seinem Verwandten, Admiral, Sir Peter Warren, K. B. gehörte, welcher durch eine Heirath in der Colonie mehrere Besitzungen darin erworben hatte. Unter andern Grundstücken war eines, Warrensbush genannt, am Mohawk, wo der junge Johnson zuerst seinen Sitz aufschlug. Da er es schwierig fand, der Bäume um seine Wohnung herum los zu werden, schickte Johnson zu dem Admiral in New-York hinunter, und ließ einige Spillen oder Winden holen, um damit die Bäume auf den Boden herunter zu ziehen, nachdem man die Wurzeln auf einer Seite aufgegraben und abgehauen. Ein Acre Wald war auf diese Weise niedergelegt, und natürlich lag immer ein Baum in einem etwas größern Winkel am Boden als der zunächst unter ihm liegende. Eines Nachts kam ein Ostwind, und zu seinem Erstaunen fand Johnson, als er am Morgen aufstand, die Hälfte seiner Bäume wieder aufrecht dastehen. Nun gab man die Methode des Lichtens durch Spillen und Winden auf. Der Herausgeber. denn damals belohnte der Handel der Colonie die Mühen des Ansiedlers noch nicht so reichlich, wie man es seitdem erlebt hat. Herman Mordaunt erzählte mir im Gehen von den Kosten und Mühen die er schon gehabt, um die zehn oder fünfzehn Familien, die sich jetzt auf seinem Gute befanden, zuerst an Ort und Stelle zu bringen, und dann sie zu bewegen, daselbst zu bleiben. Nicht nur war er genöthigt, Pachtungen auf drei Generationen, oder, in einigen Fällen, auf dreißig oder vierzig Jahre zu Pachtzinsen zu verwilligen, welche eigentlich nur nominell waren, sondern durchgängig durften auch die ersten sechs oder acht Jahre die Pächter gar keine Rente bezahlen. Im Gegentheil mußte er ihnen viele Vergünstigungen verschiedner Art einräumen, welche im Laufe eines Jahres eine nicht unbeträchtliche Summe betrugen. Unter andern hielt sein Agent und Bevollmächtigter einen kleinen Laden, die gewöhnlichsten Dinge und Werkzeuge enthaltend, deren Familien von der Klasse der Ansiedler bedürftig sind, und diese verkaufte er ihnen zu einem wenig höhern Preis, als sie ihn kosteten, ihrer Bequemlichkeit willen, und empfing die Bezahlung in Artikeln, die sie von ihren halbbestellten Feldern, oder ihren Zuckerpflanzen ernteten, die er dann wieder erst, nachdem sie nach Albany transportirt worden, nach Ablauf einer ziemlich langen Zeit, in Geld umsetzte. Mit Einem Wort, der Anfang einer solchen Niederlassung war ein schweres und saures Unternehmen, und der Versuch gelang nicht leicht, wenn nicht der Besitzer des Landes Kapital und Geduld besaß. Derjenige, welcher sich auf Nationalökonomie versteht, entdeckt ohne alle Mühe die Ursachen dieser so eben berührten Umstände. Sie lagen darin, daß die Bevölkerung dünn, das Land aber im Ueberfluß vorhanden war. Bei einem solchen Stand der Gesellschaft hatte der Pächter die Wahl der Pachtgüter, statt daß der Eigenthümer des Landes seine Pächter hätte wählen können; und die Letztern mußten eben zu Bedingungen erkauft werden, wie sie ihnen selbst zusagten. »Ihr seht,« fuhr Herman Mordaunt fort, als wir im Gehen weiter über den Gegenstand uns besprachen, »daß meine zwanzigtausend Acres mir nicht sehr großen Nutzen versprechen, wenn sie ihn auch allenfalls meiner Tochter bringen können. Allerdings in hundert Jahren mögen meine Nachkommen von all diesem Aufwand von Geld und Mühe Vortheil ziehen; aber es ist nicht wahrscheinlich, daß ich oder Anneke je Kapital und Zins der Summe wieder sehen und zu genießen haben dürften, welche für Straßen, Brücken, Mühlen und andere Dinge der Art werden aufgewendet werden. Jahre müssen vergehen, bis die ärmlichen Renten, die erst in ein paar Jahren anfangen werden bezahlt zu werden, und dann erst von ganz wenigen Pächtern, eine hinlängliche Summe betragen, um die Kosten für die Unterhaltung der Ansiedlung zu bestreiten, um Nichts zu sagen von dem an die Krone zu entrichtenden Erbzins.« »Das ist nicht sehr ermuthigend für einen jungen Anfänger im Geschäft eines Landeigentümers,« antwortete ich; »und wenn ich mir diese Umstände betrachte, so muß ich gestehen, wundere ich mich, daß so viele Gentlemen in der Colonie geneigt sind, solche große Summen jährlich in wilde Ländereien zu stecken.« »Jeder Mann, der in seinen Geldangelegenheiten nicht beengt ist, Corny, fühlt den Wunsch und die Geneigtheit, für seine Nachkommen Sorge zu tragen. Dieß Besitzthum, zusammengehalten und in der Hand eines Einzelnen, kann einen meiner Nachkommen einmal zu einem Mann von großem Vermögen machen. Ein halbes Jahrhundert wird eine große Veränderung in dieser Colonie herbeiführen, und nach Ablauf dieser Frist mag ein Kind Anneke'ns es mit Dank erkennen, daß seine Mutter einen Vater gehabt, welcher bereit war, einige Tausende aufzuopfern, – den Ueberschuß eines Vermögens, welches sonst schon für seine Bedürfnisse hinreichte, damit sein Enkel dafür Zehntausende oder Hunderttausende sein nenne.« »Die Nachkommenschaft wenigstens wird zu einer Schuld der Dankbarkeit gegen uns sich bekennen müssen, Mr. Mordaunt; denn ich sehe jetzt ein, daß Mooseridge weder mich noch Dirck wahrscheinlich zu sehr reichen Patroons machen wird.« »Darauf dürft Ihr Euch verlassen. Satanstoe wird Euch mehr eintragen, als die großen Landstrecken, die Ihr in dieser Gegend besitzt.« »Besorgt Ihr nicht mehr, Sir, daß der Krieg und die Furcht vor verheerenden Einfällen der Indianer Eure Leute wegtreiben werde?« »Für jetzt nicht sonderlich, obwohl früher die Gefahr groß war. Der Krieg kann mir Nutzen ebensowohl, als Schaden bringen. Die Armeen verzehren Alles, was sie bekommen können – und die Soldaten gleichen in dieser Hinsicht den Heuschrecken. Meine Pächter haben die Commissare bei sich gehabt; und man sagt mir, jeder Grashalm, den sie entbehren können, all ihr überflüssiges Korn, Kartoffeln, Butter, Käse, und mit Einem Wort, alles Eßbare, was sie abgeben können und wollen, ist ihnen durch Contrakte zu den höchsten Preisen abgekauft worden. Der König bezahlt in Gold, und der Anblick der edeln Metalle hält selbst einen Yankee an eine Stelle gebannt.« Ungefähr als dieß gesprochen ward, wurden wir des Punktes ansichtig, welchen Herman Mordaunt Ravensnest getauft hatte, ein Name, der seither dem ganzen Besitzthum beigelegt wurde. Es war ein Gebäude aus Holzblöcken, das am Rand eines niedern Riffes von Felsen stand, an einem Punkt, wo ursprünglich ein Rabe auf den höchsten Aesten einer abgestorbenen Schierlingstanne sein Nest gehabt hatte. Das Gebäude war gerade an diesem Platz errichtet, um besser vertheidigt werden zu können, worauf auch der Bau berechnet war, und hatte eine Zeitlang den Familien der Pächter als Versammlungspunkt gedient, wenn wegen Einfällen der Indianer Lärm entstand. Zu Anfang des gegenwärtigen Krieges hatte Herman Mordaunt, in Betracht der ausgesetzten Lage seiner Besitzungen an dieser Grenze – Grenze, was die Anstellungen, nicht was die Territorialabmarkung betrifft – auf seine Vertheidigungswerke einige Aufmerksamkeit verwenden lassen; und obgleich sie einen Vauban nicht würden befriedigt haben, waren sie doch nicht ganz ohne Verdienst, sofern sie bei einem Ueberfall sehr nützlich werden konnten. Das Haus bildete drei Seiten eines Parallelogramms; und der offene Theil des Hofes in der Mitte stand dem Felsen gegenüber. Ein starkes Pfahlwerk diente hier als Schutzwehr gegen Kugeln, während die Wände von gewaltigen Holzblöcken gegen jeden Angriff, wie er bei den Kriegen in den Wäldern vorkam, den Angriff des Feuers ausgenommen, ganz fest und unzugänglich waren. Alle Fenster gingen auf den Hof hinaus, während die einzige Thüre nach aussen mit Pfahlwerk und mit starken Dielen verwahrt war. Ich war froh, aus der Ausdehnung dieses rohen Gebäudes, welches hundert Schuh lang und fünfzig tief war, mich zu überzeugen, daß Anneke und Mary Wallace im Raume wohl nicht beengt seyn würden. Dieß war auch so; denn Herman Mordaunt's Bevollmächtigter hatte vier oder fünf Gemächer für die Familie in den Stand setzen lassen, in welchen sie es so behaglich fanden, als man es in einer solchen Lage nur immer erwarten konnte. Alles war einfach und Vieles war roh; aber schirmendes Obdach, Wärme und Sicherheit waren nicht ausser Acht gelassen und vernachlässigt. Einundzwanzigstes Kapitel. Noch lang wird den gezückten Speer     Des Häuptlings, scheue Angst hier schau'n, Wird's der Vernunft vor einem Heer     Von Schatten und Wahnbildern grau'n. Freneau. Es ist nicht nöthig bei der Art und Weise zu verweilen, wie Herman Mordaunt und seine Gesellschaft sich in Ravensnest einrichteten. Zwei oder drei Tage genügten ihnen, um es sich so behaglich zu machen, als die Umstände es irgend gestatteten; dann gedachten Dirck und ich weiter zu ziehen, um die Ländereien von Mooseridge aufzusuchen. Mr. Worden und Jason lehnten Beide ab, weiter zu reisen; der Mühlsitz, welchen der Letztere aufsuchte, befand sich, wie ich jetzt erfuhr, auf dem Gute Herman Mordaunt's, und war einige Zeit der Gegenstand einer Negotiation zwischen dem Pädagogen und dem Landeigenthümer gewesen. Was den Geistlichen betraf, so erklärte er, er sehe da, wo er sey, ein geeignetes »Feld« für seine Missionsbestrebung; während leicht zu sehen war, daß er stark bezweifelte, ob es da, wohin wir gehen wollten, Felder irgend einer Art gebe. Unsere Gesellschaft, als wir Ravensnest verließen, bestand aus Dirck und mir, Guert, Mr. Traverse, dem Landvermesser, drei Meßkettenträgern, Jaap oder Yaap, Guert's Diener, Pete, und einem Waldmann oder Jäger. Hiemit hätte unsere ganze Macht aus zehn rüstigen und wohlbewaffneten Männern bestanden. Man hielt jedoch für angemessen, noch zwei Indianer mitzunehmen, in der doppelten Eigenschaft als Jäger und als Läufer oder Boten. Einer von diesen Rothhäuten wurde Jumper (Springer) genannt in der Sprache der Niederlassung, wo wir sie trafen; und der zweite Trackleß (Spurlos); dieser Spitznamen war ihm gegeben worden wegen der Eigenschaft, die er besaß, auf seinen Wanderungen und Märschen wenige oder gar keine Spuren zurückzulassen. Dieser Indianer war etwa sechsundzwanzig Jahre alt und hieß ein Mohawk, da er mit dem Volke dieses Stammes zusammen lebte, obgleich er in der That, wie ich später erfuhr, der Geburt nach ein Onondago war. Sein eigentlicher Name war Susquesus, was »krumme Wendungen« bedeutet; ein Name, der zu seinem Vortheil oder Nachtheil gedeutet werden konnte, je nachdem man ihn als Bezeichnung seiner moralischen oder physischen Eigenschaften ansah. »Nehmt diesen Mann in alle Wege mit Euch, Mr. Littlepage,« sagte Herman Mordaunt's Geschäftsführer, als die Sache der Erörterung unterlag. »Ihr werdet ihn in den Wäldern so nützlich finden wie Euren Taschenkompaß, außerdem daß er ein ziemlich guter Jäger ist. Er ging von hier aus ab als Läufer, während des stärksten Schnee's, im vorigen Winter, und es wurde ein Versuch gemacht, seine Spur zu finden, nur eine halbe Stunde nachdem er die Lichtung verlassen hatte, aber ohne Erfolg. Er war noch nicht eine Meile weit in den Wäldern, als schon alle Spuren von ihm so vollständig verschwunden waren, wie wenn er die Reise durch die Luft gemacht hätte.« Da Susquesus im Rufe der Nüchternheit stand, wie dieß bei den Onondago's nicht selten der Fall war, wurde der Mann in Dienste genommen, obwohl Ein Indianer für unsere Zwecke hinreichend gewesen wäre. Aber der Springer war früher schon gemiethet worden; und es wäre, in unsrer Lage, gefährlich gewesen, einen rothen Mann dadurch zu beleidigen, daß man ihn gegen einen Andern aufgab, selbst wenn man ihn für seine vereitelte Erwartung vollständig entschädigt hätte. Daher nahmen wir auf Mr. Traverse's Rath Beide. Der indianische oder mohawk'sche Name Jumpers war Quißquiß, ein Ausdruck, der, wie ich glaube, nichts sehr Ehrenvolles oder Berühmtes bedeutete. Die Mädchen legten die innigste Theilnahme für uns an den Tag, als wir Abschied nahmen; mehr, kam mir vor, als Beide je zuvor hatten blicken lassen. Guert hatte mir im Vertrauen von seinem Vorsatz gesagt, Mary Wallace wieder einen Heirathsantrag zu machen; und ich bemerkte die Spuren davon in den thränenvollen Augen und den flammenden Wangen seiner Geliebten. Aber in einem solchen Augenblick hält man sich nicht lange damit auf, viel an solche Sachen zu denken; denn es standen Thränen in Anneke'ns Augen so gut wie in denen ihrer Freundin. Wir tauschten tausend gute und freundliche Wünsche und versprachen den Verkehr zwischen den beiden Partien mittelst unserer Läufer wöchentlich zwei Mal zu unterhalten. Die Entfernung, wechselnd zwischen fünfzehn und dreißig Meilen, gestattete dieß wohl, da jeder der beiden Läufer sie zu dieser Jahreszeit in einem Tage mit größter Leichtigkeit zurücklegen konnte. Am Ende sollte ja auch die Trennung nur kurz seyn, denn wir hatten versprochen, an Herman Mordaunt's fünfzigstem Geburtstag, welcher in drei Wochen einfiel, herüber zu kommen und bei ihm zu Mittag zu essen. Diese Verabredung machte uns jungen Männern den Abschied erträglich, und unsere natürliche Munterkeit that das Uebrige. Eine halbe Stunde nach dem letzten Frühstück in Ravensnest waren wir Alle auf unserm Wege, getrost, wo nicht eigentlich vergnügt. Herman Mordaunt begleitete uns drei Meilen weit, bis an das Ende seiner Ansiedlungen und bis an den Saum des Urwaldes. Hier verabschiedete er sich von uns und wir verfolgten mit der größten Emsigkeit und Aufmerksamkeit Stunden lang unsern Weg, der Compaß unser Führer, bis wir die Ufer eines kleinen Flusses erreichten, welcher unserer Voraussetzung nach etwa drei oder vier Meilen von den südlichen Grenzen des von uns gesuchten Patents lag. Ich sage unserer Voraussetzung nach; denn es herrschte und herrscht, glaube ich, noch große Unsicherheit in Betreff der Grenzen der verschiedenen Güter und Besitzungen in den Wäldern. Am Ufer dieses Flusses, welcher tief aber nicht breit war, rief uns der Landvermesser ein Halt! zu, und wir trafen unsere Vorkehrungen zum Mittagsmahl. Leute, die so weit und so rasch gegangen waren, wie wir, machten nur wenig Umstände; und zwanzig Minuten lang waren Alle lediglich mit Stillung ihres Hungers beschäftigt. Sobald jedoch dieß abgethan war, so berief Mr. Traverse die Indianer zu dem gefallenen Baum, auf welchen wir uns gesetzt hatten, und es ergab sich jetzt die erste Gelegenheit, das Maß der Intelligenz der beiden Läufer auf eine Probe zu stellen. Zugleich wurde auch der erste Meßkettenträger, ein Mann, der sein ganzes Leben in seinem dermaligen Berufe hingebracht hatte, in folgender Weise mit in die Berathschlagung verflochten: »Wir sind jetzt an den Ufern dieses Flusses, und ungefähr an dieser Krümmung desselben,« begann der Landvermesser, auf die Krümmung des Flusses auf einer vor ihm ausgebreiteten Karte deutend, an welcher wir, nach seiner Voraussetzung, eben jetzt standen; »und das Nächste ist nun, daß wir den Hügelrücken auffinden, auf welchem das Elenu getödtet wurde, und über welchen, wie wir wissen, die Linie des von uns gesuchten Patents hinläuft. Diese Urkunde über das Patent weist uns an, einen Punkt aufzusuchen, etwa eine oder anderthalb Meilen aufwärts von dieser Krümmung des Flusses – eine schwarze Eiche, deren Wipfel vom Winde abgeknickt ist, die inmitten eines Dreiecks stehe, gebildet durch drei Kastanienbäume. Ich meine, Ihr habt mir gesagt, David, daß Ihr nie eine Meßkette auf einem dieser Hügel getragen habt?« »Nein, Sir, niemals,« antwortete David, der schon erwähnte alte Meßkettenträger, »mein Geschäft hat mich nie so weit östlich geführt. – Eine schwarze Eiche, besonders kenntlich gemacht, der Wipfel vom Wind gebrochen und zwischen drei Kastanienbäumen stehend, – nun die kann doch gewiß nicht so gar schwer zu finden seyn für Jemand, der nur ein wenig mit der Gegend bekannt ist. Diese Indianer werden wohl am ehesten den Baum kennen, wenn sie überhaupt von Haus aus mit der Gegend bekannt sind.« Einen Baum kennen! Wir waren jetzt, und schon seit vielen Stunden, im Herzen des Waldes, und Bäume zu Tausenden standen um uns herum: Bäume hatten sich während unseres Marsches erhoben, wie Horizont um Horizont sich auf dem Meere erhebt, und dieser Meßkettenträger bildete sich ein, es müsse für Einen, der oft diese dunkeln, unbewohnten Labyrinthe durchwandert habe, möglich seyn, einzelne von diesen zahllosen Eichen, Buchen und Fichten wieder zu erkennen! Dennoch schien Mr. Traverse die Aeußerung David's gar nicht so ungeheuerlich zu finden, denn er wandte sich zu den Indianern und redete sie an. »Wie ist's?« fragte er; »Springer, wißt Ihr Etwas von einem solchen Baum, wie ich ihn beschrieben habe?« »Nein!« war die kurze, bündige Antwort. »Dann, fürchte ich, ist wenig Hoffnung vorhanden, daß Spurlos Mehr weiß, da Ihr ein geborener Mohawk seyd, und er, wie man mir sagt, eigentlich ein Onondago. Was sagt Ihr, Spurlos? könnt Ihr uns den Baum auffinden helfen?« Mein Auge war auf Susquesus geheftet, von dem Augenblick an, wo der Indianer Erwähnung geschah. Da stand er, aufrecht und grade wie der Stamm einer Tanne, leicht und gelenkig von Person, ohne andere Kleider als seine Hosen, Mokkasins, und ein blaues Calikohemd um die Lenden gegürtet mit einem Scharlachband, durch welches die Handhabe seines Tomahawk geschoben, und an welchem seine Jagdtasche sammt Pulverhorn befestigt war, während er die Büchse, den Kolben abwärts, an sich gelehnt hatte. Trackleß (Spurlos) war ein ausgezeichnet schöner Indianer, und die unangenehmen Eigenthümlichkeiten seines Volkes waren nur schwach in seinem Gesicht und seiner Gestalt angedeutet; während die edlern und schönern Eigenschaften sehr stark hervortraten. Seine Nase war beinahe adlerartig, sein Auge, dunkel wie die Nacht, war beweglich und durchdringend, seine Glieder Apollo-mäßig, und seine Stirne und Miene hatten ganz die furchtlose Würde eines Kriegers, verbunden mit natürlicher Grazie. Der einzige auffallende Mangel war in seinem Gang bemerklich; denn, nach Art der Indianer, ging er mit einwärts gekehrten Zehen und mit nicht gestreckten Knien; aber dagegen waren seine Bewegungen leicht, springend und behende. Seiner Gestalt nach erschien er mir als das wahre Ideal eines Läufers. Während der Landvermesser gesprochen, hatte das Auge des Susquesus dem Anschein nach ins Leere hinausgestarrt, und ich hätte den schärfsten Beobachter herausfordern mögen, in den Gesichtszügen dieses Stoikers der Wälder eine Spur davon zu entdecken, daß er die mindeste Kunde von dem nehme, was eben verhandelt wurde. Es war nicht seine Sache zu sprechen, wenn ein älterer Läufer und älterer Krieger – beides war nämlich der Springer – anwesend war, und er wartete ab, ob Andere, die Mehr wissen konnten, mit ihrem Wissen herausrückten, ehe er das seinige preisgab. Aber als er so unmittelbar aufgefordert wurde, verschwand alle Zurückhaltung und er trat zwei oder drei Schritte vor, warf einen neugierigen Blick auf die Landkarte und legte sogar einen Finger auf den Fluß, dessen unregelmäßigen Lauf er auf der Karte verfolgte, ganz wie ein Kind einem solchen Gegenstand nachgehen würde, der seine Aufmerksamkeit auf sich zöge. Susquesus wußte Wenig von Karten, das war ganz klar; aber die Folge zeigte, daß er sehr Viel von den Wäldern, dem natürlichen Felde seiner Thätigkeit, wußte. »Nun, was haltet Ihr von meiner Karte, Trackleß?« wiederholte der Landvermesser. »Ist sie nicht nach Eurem Geschmacke entworfen?« »Gut!« erwiederte der Onondago mit Nachdruck. »Jetzt zeigt dem Susquesus Eure Eiche.« »Hier ist sie, Trackleß. Ihr seht, es ist ein Baum, mit Tinte gezeichnet, mit abgebrochenem Wipfel, und hier sind die drei Kastanienbäume, eine Art Dreieck um ihn herum bildend.« Der Indianer besah den gezeichneten Baum mit einigem Interesse und ein leises Lächeln erhellte sein schönes obwohl dunkles Gesicht. Offenbar gefiel ihm dieser Beweis von Genauigkeit bei den Landvermessern der Colonie, und ohne Zweifel flößte ihm die Treue ihres Werkes einen um so bessern Begriff von ihnen ein. »Gut!« wiederholte er mit seiner leisen, gutturalen, beinahe weiblichen Stimme, die einen so sanften und milden Ton hatte. »Sehr gut. Die Bleichgesichter wissen Alles! Nun möge mein Bruder auch den Baum selbst finden!« »Das ist leichter gesagt als gethan, Susquesus,« antwortete Traverse lachend. »Etwas Anderes ist, einen Baum auf eine Landkarte zeichnen, und etwas Anderes, seine Wurzel auffinden, so wie er im Walde steht, umgeben von Tausenden andrer Bäume.« »Das Bleichgesicht muß ihn zuerst sehen, wie denn sonst ihn malen? Wo der Maler?« »Ja, der Landvermesser hat den Baum einmal gesehen und ihn einmal sich gemerkt, aber damit ist er noch nicht wiedergefunden. Könnt Ihr mir sagen, wo die Eiche steht? Mr. Littlepage wird dem Mann, der den Punkt findet, eine französische Krone geben. Stellt mich nur irgendwo auf die Linie der alten Vermessung, so will ich Niemand weiter nach Etwas fragen.« »Gemalter Baum da,« sagte Susquesus, etwas höhnisch, wie mich dünkte, auf die Karte deutend. »Bleichgesicht kann ihn nicht im Walde finden. Lebendiger Baum dort! Indianer weiß.« Trackleß deutete mit großer Würde gegen Nordosten, und stand während der Zeit bewegungslos wie eine Bildsäule, als wollte er die allerschärfste Prüfung herausfordern zur Untersuchung der Richtigkeit seiner Behauptung. »Könnt Ihr uns zu dem Baum hinführen?« fragte Traverse lebhaft. »Thut es, und das Geld ist Euer!« Susquesus machte eine zustimmende Geberde; dann machte er sich daran, die spärlichen Ueberbleibsel seines Mittagsmahls zu sammeln, eine Vorsicht, die wir ihm nachmachten, da ein Nachtessen in einigen Stunden ebenso erwünscht seyn mußte, als das so eben eingenommene Mahl. Nachdem Alles weggeräumt und die Päcke auf unsern Schultern waren – nicht auf den Schultern der Indianer, denn sie ließen sich selten herab, Lasten zu tragen, was ein Geschäft für Weiber war – stellte sich Trackleß an unsere Spitze und führte uns in der bezeichneten Richtung. Wohl verdiente, wie mir schien, der Onondago seinen Namen, wie er durch den dunklen, düstern Wald hin, ohne Pfad, ohne Merkzeichen, ohne irgend eine für ein anderes Auge erkennbare Spur seinen Weg fand. Sein Gang hielt die Mitte zwischen eigentlichem Schritt und gelindem Trab, und wir mußten alle Kraft unserer Muskeln aufbieten, um nicht hinter ihm zurückzubleiben. Er schaute weder rechts noch links, sondern schien seinen Weg zu verfolgen, geleitet von einem Instinkt, oder so wie der Hund mit der scharfen Spürkraft den unsichtbaren Spuren des Wildes folgt. Dieß dauerte etwa zehn Minuten, wo Traverse wieder Halt! rief, und wir uns zur Berathung zusammen thaten. »Wie weit glaubt Ihr, daß es noch bis zu dem Baum sey, Onondago?« fragte der Landvermesser, sobald die ganze Gesellschaft in einem Kreise versammelt war. »Ich habe einen Grund, dieß zu fragen.« »So viele Minuten,« antwortete der Indianer, fünf Finger, oder den Daumen und die vier Finger seiner rechten Hand emporstreckend. »Eiche mit gebrochenem Wipfel und Merkzeichen von Bleichgesichtern dort !« Die Genauigkeit und Zuversicht, womit Spurlos den Punkt bezeichnete, überraschte mich nicht wenig, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein menschliches Wesen es dahin bringen konnte, eines solchen Umstandes so ganz zweifellos gewiß zu seyn unter den Umständen, worin wir uns befanden. Aber so war es, und so wies es sich am Ende aus. Inzwischen fuhr Traverse fort, seine eigenen Plane zu verfolgen. »Da wir dem Baume so nahe sind,« sagte der Landvermesser, denn er setzte nicht den mindesten Zweifel in die Genauigkeit der Angabe des rothen Mannes, »müssen wir auch der Linie nahe seyn. Die letztere läuft auf dieser Seite des Patents nördlich und südlich, und wir werden sie bald durchkreuzen. Zerstreut Euch daher, Meßkettenträger, und seht Euch um nach Bäumen mit Brandzeichen; denn man mag mich, wo man will, auf die Grenzen hinstellen, ich stehe dafür, daß ich jede Eiche, Buche und jeden Ahornbaum finden will, der angegeben ist.« Sobald dieser Befehl gegeben war, gehorchten sämmtliche Untergebene des Landvermessers, erweiterten ihre Marschlinie, und breiteten sich dergestalt aus, daß sie in der That viel besser im Stande waren, in größerem Umkreis Beobachtungen anzustellen. Als Alles bereit war, wurde dem Indianer ein Zeichen gegeben, weiter zu gehen. Susquesus gehorchte, und bald waren wir wieder Alle in rascher Bewegung. Guert bei seiner Rüstigkeit und Kraft war im Stande dem Onondago zunächst zu folgen, und ein freudiger Schrei aus einer kräftigen, volltönenden Kehle verkündete zuerst das vollständige Gelingen der Nachforschung. In einem Augenblick drangen wir Uebrigen vor und hatten bald das Ziel unserer Reise erreicht. Da stand Susquesus, ruhig an den Stamm der gebrochenen Eiche sich lehnend, ohne den leisesten Ausdruck von Triumph in seiner Miene oder in seinem ganzen Wesen. Was er gethan hatte, das hatte er ganz als das Allernatürlichste gethan, ohne daß eine Anstrengung, oder eine Unsicherheit sichtbar geworden wäre. Für ihn hatte der Wald seine Zeichen und Abschnitte und Merkmale – so wie der Bewohner der ungeheuern Hauptstadt seine Mittel besitzt, in ihrem Labyrinth mit der Leichtigkeit sich zurecht zu finden, welche die Folge vertrauter, altgewohnter Bekanntschaft ist. Was Traverse betrifft, so besichtigte er zuerst den Wipfel des Baumes, wo er den angemerkten Bruch und Riß fand; dann sah er sich um nach den drei Kastanienbäumen, von welchen jeder an seinem Platze war; und dann trat er näher, um nach den bestimmten Zeichen zu sehen, die für den Mann vom Fach berechnet waren und sie fanden sich auch; drei Seiten der Eiche, nach innen gewendet, waren geschält, zum Zeichen, daß es ein Grenzbaum und Winkelbaum war; und die vierte, welche keine solche Spur an sich trug, ging nach Außen, abgewendet von dem Patent Mooseridge. Gerade als alle diese erwünschten Umstände ermittelt wurden, verkündeten die freudigen Rufe der Meßkettenträger südlich von uns, daß sie die Linie entdeckt hatten – denn Männer ihrer Art waren ebenso scharfsichtig in Auffindung ihrer eigenthümlichen Merkzeichen, wie der Eingeborne des Waldes es ist, wenn es gilt, den Weg zu finden an einem Ort wo er einmal gewesen, und den er etwa wieder besuchen will. Der Linie folgend, trafen die Männer bald bei uns ein, worauf sie uns die weitere Nachricht brachten, daß sie wirklich das Skelett des Glennthieres gefunden, welches dem Besitzthum seinen Namen gegeben hatte. So weit war Alles gut, und unser Erfolg übertraf weit unsre Hoffnungen. Die Jäger wurden ausgesandt um eine Quelle zu suchen; und nachdem sie in geringer Entfernung eine gefunden, begaben wir uns Alle dahin und bereiteten uns für die Nacht eine Lagerstätte. Nichts konnte einfacher seyn als unser Lager, denn es bestand aus Zelten von Baumzweigen gemacht, und zu Betten hatten wir Laub und Häute. Am nächsten Tage jedoch, wo Traverse die Lage für seine Arbeit günstig fand, beschloß er die Stelle zu seinem Hauptquartier zu wählen; und wir Alle machten uns an die Errichtung eines Blockhauses, worin wir eine Zuflucht im Fall eines Gewitters finden, und wo wir unsere Werkzeuge, Geräthschaften, entbehrliche Munition und die Vorräthe, die wir auf dem Rücken tragend mit uns gebracht hatten, niederlegen könnten. Da Alle mit bestem Eifer und Fleiß an der Errichtung dieses rohen Gebäudes arbeiteten, und die Arbeiter im Gebrauch der Axt sehr bewandert waren, hatten wir es bis zum nächsten Sonnenuntergang beinahe fertig. Traverse wählte diesen Platz, weil er gutes Wasser im Ueberfluß hatte, und ein kleiner Bühl in der Nähe der Quelle war, bedeckt mit jungen Fichten, die etwa vierzehn oder fünfzehn Zoll im Durchmesser hielten, während sie beinahe hundert Fuß hoch empor wuchsen, mit wenigen Aesten, und so gerade wie der Onondago. Diese Bäume wurden gefällt, in Stücke von zwanzig und dreißig Fuß Länge zerhauen, an den Enden gekerbt und abwechselnd in einander geschoben und geschichtet, so daß sie einen Raum einschlossen, der um ein Guttheil länger war als breit. Die Kerben waren tief, so daß die Holzblöcke nur zwei oder drei Zoll von einander abstanden; und die Zwischenräume wurden mit Stücken gespaltenen Kastanienbaumholzes ausgefüllt; eine Holzart welche leicht und in geraden Linien splittert; und diese Stücke wurden fest in die Lücken hineingetrieben, so daß sie weder Wind noch Regen einließen. Da das Wetter warm und das Gebäude jedenfalls ziemlich luftig war, ließen wir die Fenstereinschnitte weg, hatten aber eine schmale Thüre in der Mitte einer der längeren Seiten. Zum Dach bedienten wir uns der Rinde der Schierlingstanne, welche in dieser Jahrszeit in großen Stücken absprang, und welche auf Pfähle gelegt wurde, die man mittelst eines Querbalkens so hoch als man wollte, ansteigen ließ. Auf diese Art entstand eines der gewöhnlichen Blockhäuser der neuen Ansiedlungen, jedoch in kunstloserer Weise und mit größerer Eilfertigkeit als gewöhnlich der Fall war. Wir hatten keinen Kamin, denn unser Kochen konnten wir im Freien besorgen; und auf das Werk überhaupt und dessen zierliche Vollendung ward weniger Aufmerksamkeit verwendet, als wohl geschehen seyn würde, wenn wir die Absicht gehabt hätten, den Winter hier zuzubringen. Der Fußboden war ziemlich grob, aber er erhob uns etwas über die Erde und machte unser Quartier vollkommen trocken; ein Vortheil, den man in den Wäldern nicht immer hatte. Er bestand aus auf drei Seiten roh behauenen Holzblöcken auf Unterhölzern ruhend. Zu meiner Ueberraschung gab Traverse die Weisung, eine Thüre von gespaltenen Scheitern zu machen, welche mittelst Querhölzer an einander genagelt wurden und die in den gewöhnlichen hölzernen Angeln hing. Als ich von diesem als einer unnöthigen Arbeit sprach, deren Vollendung zwei Männer einen ganzen Tag in Anspruch nehme, erinnerte er mich daran, daß wir weit über die Ansiedlungen vorgedrungen sehen; daß ein lebhaft geführter Krieg rings um uns im Gange sey, und daß die Agenten der Franzosen sehr geschäftig gewesen unter unsern Stämmen, während die in Canada oft ihre Streifparteien bis weit in unsere Grenzen hinein vorschoben. Er habe immer ein Gefühl ebensowohl von Genugthuung als von Sicherheit empfunden, wenn er eine Art Citadelle gehabt, in die er sich habe zurückziehen können, wenn er Vermessungen an so ausgesetzten Punkten angestellt; und er vernachläßige daher nie die nöthige Vorsicht, wenn er sich auch nur der mindesten Gefahr ausgesetzt glaube. Wir brauchten eine ganze Woche zur vollständigen Herstellung unseres Hauses; aber nach dem ersten Tage befaßten sich auch der Landvermesser und seine Meßkettenträger nicht mehr weiter mit dieser Arbeit, als daß sie gelegentlich einen Rath gaben. Traverse und seine Männer gingen ihrem besondern Geschäft nach, die Linien zu ziehen, um das Patent in die großen Loostheile zu vertheilen, von welchen jedes tausend Acres enthalten sollte. Es muß erwähnt werden, daß die Vermessungen zu jener Zeit in der liberalsten Weise statt fanden, so daß unsere vierzigtausend Acres, wie sich am Ende ergab, auf volle dreitausend mehr sich beliefen. So war es auch mit der Untereintheilung des Patents, von welchem jedes Stück auch mehr als die nominelle Fläche enthielt. Angebrannte Bäume und in die Rinde gehauene Merkzeichen dienten, die Linien anzuzeigen, während eine Karte gleichen Schritt mit der Arbeit hielt, und das Feldbuch eine Beschreibung jedes Loostheils enthielt, damit der Eigenthümer des Gutes einige nähere Begriffe von der Beschaffenheit des Bodens und der Oberfläche, so wie von der Beschaffenheit und Größe der darauf stehenden Bäume erhalte. Die ursprünglichen Landvermesser, diejenigen, deren Arbeiten dem von dem König bewilligten Patent zu Grunde lagen, hatten eine vergleichungsweise geringfügige Aufgabe zu erfüllen. So lang sie nur einen erträglich richtigen Umriß von einem Areal gaben, welches vierzigtausend Acres Land, etwas mehr oder weniger, enthalten sollte, und keinen Uebergriff auf schon vergebenes Land sich zu Schulden kommen ließen, konnte kein sehr bedeutender Fehler und Schaden vorkommen, da in der Colonie kein Mangel an Bodenfläche war; aber Mr. Traverse mußte etwas mehr ins Einzelne herabsteigen. Es ist wahr, er vermaß seine hundert Acres täglich, indem er die Winkel bezeichnete und die auf der Linie stehenden Bäume anschälte oder anbrannte, wie es der Brauch ist; aber er hatte doch nahezu die Arbeit eines Sommers vor sich; dieß begriff er sehr gut, und sein Verfahren war so methodisch und überlegt, wie die Beschaffenheit seiner Lage und Aufgabe es erheischte. In sehr wenigen Tagen waren die Dinge in ordentlichen Gang gekommen und Jeder auf irgend eine nutzenbringende Weise beschäftigt. Die landvermessende Gesellschaft machte sehr befriedigende Fortschritte und theilte und maß ihre größern Loose von einem Tage zum andern ab, während Dirck und ich die Bemerkungen über ihre Beschaffenheit aufsetzten, welche Mr. Traverse uns diktirte. Guert that Wenig außer Schießen und Fischen, und hielt unsere Vorrathskammer gut versehen mit Forellen, Tauben, Eichhörnern und dergleichen, so gut die Jahreszeit es gestattete, wo man doch manchmal auf ein freilich mageres Stück Wildpret stieß. Die Jäger lieferten auch ihren Theil Nahrungsmittel; und es ging uns in diesem Punkte ganz gut, zumal da es Forellen im Ueberfluß gab. Yaap, oder Jaap, wie ich ihn in Zukunft nennen will, und Pete verrichteten die häuslichen Geschäfte und übernahmen die Rolle von Köchen und Aufwärtern, obgleich der Erstere viel besser geeignet war den Dienst eines Waldmanns zu versehen. Die zwei Indianer thaten die ersten vierzehn Tage nicht viel, als zwischen Ravensnest und Mooseridge hin und her laufen, wobei sie Briefe und Botschaften hin und her trugen und den Jägern als Führer dienten, welche während dieser Frist auch zweimal hin und her gingen, um uns Vorräthe von Mehl, Gewürzen und sonstigen Bedürfnissen zu holen; denn kein Versprechen vermochte die Indianer dazu, Etwas zu tragen, was entweder dem Gewicht oder dem Aussehen nach sich einer Last näherte. Die landvermessende Gesellschaft kehrte nicht immer des Nachts in die Hütte zurück, sondern kampirte auswärts, wie sie es nannten, so oft ihr Geschäft sie weit auf die entgegengesetzte Seite des Landstrichs führte. Mr. Traverse hatte den Punkt für sein Hauptquartier mehr im Hinblick auf die Nähe der Ansiedlung zu Ravensnest gewählt, als mit Berücksichtigung der Lage des Patents im Ganzen. Es lag so ziemlich in der Mitte des Patents, was die nördliche und südliche Grenze betraf, aber ganz auf der westlichen Seite des Besitzthums. Wie sich daher die Vermessungen nach Osten hin zogen, war er oft zu weit von dem Gebäude entfernt, als daß er jede Nacht zurückkommen konnte, obgleich sein Ausbleiben nie über den Abend des dritten Tages hinaus sich erstreckte. In Folge dieser Einrichtung waren seine Leute im Stande, die Nahrungsmittel, deren sie für die Zeit ihres Wegseyns bedurften, ohne Unbequemlichkeit mit sich zu führen, und sie kamen zurück, um frische Vorräthe zu holen, wenn die gezogenen Linien sie wieder nach Westen führten. Die Sonntage wurden von uns Allen streng als Ruhetage gehalten; eine Achtung des geheiligten Tages, an die man sich in den Wäldern nicht immer bindet; denn Wer in der Einsamkeit der Wälder lebt, wie derjenige, der über die Wüsten des Oceans dahinschweift, vergißt oft, daß der Geist des Schöpfers uns gleichmäßig auf dem Land und auf dem Meer nahe ist, bereit die Huldigung von seinen Geschöpfen zu empfangen, welche ein Tribut ist, den sich gebührt zu zollen einer unbegrenzten Güte, einer fleckenlosen Heiligkeit, einer wesenhaften, unveränderlichen Wahrhaftigkeit. Wenn Jumper oder Trackleß von ihren beständig erneuten Besuchen bei unsern Nachbarn zurückkamen, erwarteten wir jungen Leute mit Ungeduld den Brief, welchen der Bote gewiß mitbringen mußte; dieser Brief war manchmal von Herman Mordaunt selbst geschrieben, öfter aber von Anneke oder von Mary Wallace. Er war an Keinen namentlich adressirt, sondern hatte immer die gleiche Überschrift: »An die Einsiedler von Mooseridge;« auch lag in der Sprache Nichts, was eine besondere Aufmerksamkeit für den Einen oder den Andern von der Gesellschaft verrathen hätte. Vielleicht hätte es uns besser gefallen, wenn wir hätten Briefe bekommen können, welche in diesem Punkte ein etwas schärferes Gepräge gehabt hätten; aber die uns wirklich zukommenden waren viel zu köstlich, als daß sie wirklich ernsten Grund zu Klagen hätten geben können. Einer von Herman Mordaunt erreichte uns am Abend des zweiten Samstags, wo unsere ganze Gesellschaft zu Hause und ums Nachtessen versammelt war. Er wurde überbracht von dem »Spurlosen« und enthielt unter Anderem Folgendes: »Wir erfahren, daß bei den Armeen die Sachen jede Stunde ein ernsthafteres Aussehen bekommen. Unsere Truppen rücken in großen Schaaren nach Norden vor, und man sagt, daß die Franzosen Verstärkungen an sich ziehen. Da wir außer der geraden Marschlinie und volle dreißig Meilen hinter den alten Schlachtfeldern uns befinden, würde ich gar keine Besorgnisse empfinden, wäre nicht ein Gerücht, das mir zu Ohren kommt, daß die Wälder voll von Indianern seyen. Ich weiß recht gut, daß ein solches Gerücht unausbleiblich das Herannahen von Feindseligkeiten an den Grenzansiedlungen begleitet, und nur mit großen Einschränkungen geglaubt werden darf, aber es ist so wahrscheinlich, daß die Franzosen ihre Wilden auf dieser Flanke unserer Armee vorschieben werden, um sie im Vorrücken zu belästigen, daß ich gestehen muß, das Gerücht macht einigen Eindruck auf mich. Wir haben uns noch stärker befestigt, und ich möchte Euch rathen, eine solche Vorsicht nicht ganz zu vernachläßigen. Die kanadischen Indianer sollen schlauer und feiner seyn als die unserigen, auch ist die Regierung nicht ganz ohne Besorgniß, es möchten auch die unserigen gegen uns aufgestiftet worden seyn. Es hieß schon in Albany, man habe viel französisches Silbergeld in den Händen der Leute von den Sechs Nationen gesehen; und selbst französische Decken, Messer und Tomahawks fänden sich in größerer Menge bei ihnen, als sich aus den gewöhnlich bei ihrer Kriegführung vorkommenden Plünderungen erklären lasse. Einer von Euren Läufern, der Mann, den man Trackleß nennt, soll ausserhalb seines eignen Stammes leben, und solche Indianer sind immer verdächtig. Ihre Trennung von den Ihrigen rührt manchmal von Ursachen her, die ihnen zur Ehre gereichen, weit öfter aber von Ursachen entgegengesetzter Art. Es dürfte gerathen seyn, ein wachsames Auge auf das Benehmen dieses Menschen zu haben. Am Ende stehen wir aber in den Händen eines gütigen und gnädigen Gottes, und wir wissen, wie oft seine Barmherzigkeit uns in schwereren Fällen und Gefahren als diese gerettet hat.« Dieser Brief ward mehrere Male von uns, Mr. Traverse eingeschlossen, gelesen. Da die Meisten von unsrer Gesellschaft so weit von uns weg, daß sie uns nicht hören konnten, mit Essen beschäftigt waren, und die Indianer uns verlassen hatten, veranlaßte der Brief natürlich ein Gespräch, welches sich mit den Gefahren beschäftigte, denen wir ausgesetzt waren, und mit der Wahrscheinlichkeit, daß der Susquesus falsch seyn könnte. »Was das Gerücht anlangt, daß die Wälder voll von Indianern seyen,« bemerkte der Landvermesser ruhig, »so verhält es sich damit ganz so, wie Herman Mordaunt schreibt – man sieht nie eine Decke, ohne daß die Sage einen ganzen Ballen daraus macht. Es steht Gefahr zu besorgen von den Wilden, das will ich zugeben, aber nicht halb so viel als die Ansiedler sich gewöhnlich einbilden. Was die Franzosen betrifft, so werden sie aller ihrer Wilden bei Ty benöthigt seyn; denn man hat mir gesagt, General Abercrombie rücke mit dreifach stärkerer Mannschaft gegen sie an.« »Wenigstens mit so großer Ueberlegenheit,« versetzte ich; »aber ist es nicht am Ende doch wahrscheinlich, daß ein scharfblickender Offizier in der hier angegebenen Weise seine Flanke zu beunruhigen suchen sollte?« »Wir befinden uns volle vierzig Meilen östlich von der Marschlinie; und wie sollten sich einzelne Parteien so fern vom Feinde weg ziehen?« »Selbst bei dieser Voraussetzung würden die Feinde gerade zwischen uns und unsre Freunde zu stehen kommen; an sich eine nicht sehr tröstliche Aussicht. Aber was haltet Ihr von der Warnung den Onondago betreffend?« » Daran mag etwas Wahres seyn – mehr als an dem Gerücht, daß die Wälder voll von Wilden seyen. Es ist gewöhnlich ein schlimmes Zeichen, wenn ein Indianer seinen Stamm verläßt; und dieser unser Läufer ist ganz gewiß ein Onondago; das weiß ich, denn der Bursche hat zweimal Rum ausgeschlagen. Brod nimmt er, so oft man es ihm anbietet; aber Rum hat seine Lippen nicht benetzt, seit ich ihn gesehen habe, mochte man ihm denselben bei schönem oder schlechtem Wetter anbieten.« »Das ist ein schlimmes Zeichen,« bemerkte Guert, in einem für ihn etwas zuversichtlich behauptenden Tone. »Der Mann, der in guter Gesellschaft sein Glas ausschlägt, hat gewöhnlich etwas Fehlerhaftes in seinem moralischen Charakter. – Ich halte mich immer entfernt von solchen Burschen.« Der gute Guert! Wie wahr war dieß, und welch einen Einfluß hatte die Meinung auf seinen Charakter und seine Lebensgewohnheiten. Ich selbst konnte den Indianer nicht so hart beurtheilen. In seinem Gesicht lag Etwas, das mich geneigt machte, Vertrauen in ihn zu setzen, in dem Augenblick, wo sein kaltes, abwesendes Benehmen – kalt und abwesend selbst für eine Rothhaut in Gesellschaft von Bleichgesichtern – Zweifel und Mißtrauen erregte. »Gewiß, Nichts ist für einen Mann in seiner Lage leichter, als uns zu verkaufen,« versetzte ich nach einer kurzen Pause, »wenn er dazu Lust hat. Aber was könnten die Franzosen damit gewinnen, wenn sie eine so friedlich beschäftigte Gesellschaft wie diese abschnitten? Es kann für sie von keiner Bedeutung seyn, ob Mooseridge dieß Jahr oder das nächste in Loostheile vermessen wird.« »Ganz wahr; und ich bin der Meinung, daß es Monsieur Montcalm sehr gleichgültig ist, ob es überhaupt vermessen wird oder nicht,« erwiederte Traverse, der ein gescheidter und leidlich gebildeter Mann war. »Ihr vergeßt jedoch, Mr. Littlepage, daß beide Parteien dergleichen Dinge ausbieten, wie Preise für Skalpe! Ein Hurone kümmert sich wohl wenig um unsre Linien, Winkel und Markbäume; aber er kümmert sich viel darum, ob er mit leerer Schnur wieder heim kommt, oder mit einem Halbdutzend menschlicher Skalpe an seinem Gürtel.« Ich bemerkte, daß Dirck mit der Hand durch sein buschiges Haar fuhr und sein für gewöhnlich so gleichmüthiges Gesicht einen entrüsteten und halb wilden Ausdruck annahm. Etwas belustigt dadurch schritt ich nach dem Holzblock hin, auf welchem Susquesus, nachdem er seine Mahlzeit beendigt hatte, in ernstem Schweigen saß. »Was bringt Ihr uns Neues von den Rothröcken, Trackleß?« fragte ich mit so vieler Unbefangenheit, als ich annehmen konnte. »Sind sie in hinlänglicher Anzahl auf den Beinen, die Franzosen aufzufressen?« » Seht die Blätter an; zählt sie,« antwortete der Indianer. »Ja, ich weiß, es ist ihrer eine große Menge; aber was haben die Rothhäute im Sinne? Ist die Streitaxt begraben bei den sechs Nationen, daß Ihr Euch damit begnügt, ein Läufer zu seyn, während um Tikonderoga herum Skalpe zu holen seyn dürften?« »Susquesus ist ein Onondago ,« versetzte der rothe Mann, einen starken Nachdruck auf den Namen seines Stammes legend. »Kein Mohawk-Blut fließt in seinen Adern. Sein Volk gräbt diesen Sommer die Streitaxt nicht heraus.« »Warum nicht, Trackleß? Ihr seyd Verbündete der Yengeese, und solltet uns Euren Beistand leihen, wenn wir ihn bedürfen.« »Zählt das Laub, zählt die Yengeese. Zu viel für Ein Heer. Brauchen keine Onondago's.« »Das mag vielleicht wahr seyn, denn wir sind sehr stark. Aber wie ist es mit den Wäldern? Sind sie ganz frei von Rothhäuten in so unruhigen Zeiten wie diese?« Susquesus machte ein ernstes Gesicht, gab aber keine Antwort. Doch suchte er nicht dem scharfen Blick auszuweichen, den ich auf sein Angesicht heftete, sondern saß gefaßt, ernst, starr vor sich hinschauend, da. Wohl wissend, wie vergeblich es ist, aus einem Indianer Etwas herausbringen zu wollen, wenn er einmal nicht geneigt ist, sich mitzutheilen, hielt ich für das Klügste, das Gespräch zu ändern. Dieß that ich, indem ich einige allgemeine Fragen über den Zustand der Flüsse an ihn richtete, die er mir alle beantwortete, worauf ich ihn verließ. Zweiundzwanzigstes Kapitel.         Seyd ohne Furcht, bis Birnam-Wald Her rückt auf Dunsinan. Macbeth. Ich kann nicht sagen, daß ich mit dem Benehmen des Susquesus ganz zufrieden gewesen wäre; aber auf der andern Seite war ich doch auch nicht gerade sehr beunruhigt darüber. Es konnte Alles gut stehen; und wenn nicht, so konnte die Macht dieses Menschen, uns zu schaden, nicht sehr groß seyn. Ein neuer Vorfall jedoch erregte sehr unangenehme Zweifel in Betreff seiner Ehrlichkeit. Da Jumper auf der Jagd aus war, wurde der Onondago das nächste Mal wieder, ausser seiner Reihe, nach Ravensnest hinüber geschickt; aber statt, wie Beide bisher gethan hatten, am nächsten Tage zurückzukommen, blieb er beinahe vierzehn Tage lang ganz aus. Wie wir dieß plötzliche und unerwartete Verschwinden besprachen, kamen wir zu dem Schluß, daß der Bursche, weil er bemerkt, daß man ihm mißtraute, entlaufen sey und sich nicht mehr werde blicken lassen. Während seiner Abwesenheit machten wir einen Besuch zu Ravensnest und brachten zwei oder drei glückliche Tage bei den Mädchen zu, welche wir ganz entzückt fanden von den wilden Reizen ihres Aufenthaltsortes, und so vergnügt, als Unschuld, Gesundheit und stetiges Interesse an dem Waldleben und seinen Bräuchen sie nur machen konnte. Herman Mordaunt, der sein Haus, wie er glaubte, hinlänglich befestigt hatte, um gegen jede Gefahr eines Angriffs gesichert zu seyn, begleitete uns nach Mooseridge hinüber, und brachte zwei oder drei Tage bei uns zu, beschäftigt das Patent zu durchwandern und die Beschaffenheit des Bodens, sowie die Vortheile, welche die Gewässer darboten, in Augenschein zu nehmen. Was Mr. Worden und Jason betrifft, so war der Erstere zur Armee abgegangen, da er sich von der einfachen Kost der Wälder hinweg nach den Fleischtöpfen eines Regimentstisches sehnte; Jason aber war in langem Handel gestanden mit Herman Mordaunt über den Besitz eines Mühlsitzes, welcher Gegenstand häufiger Erörterungen zwischen den Betheiligten gewesen war, und worüber der Pädagog es angemessen gefunden hatte, bei der Weisheit von Mutter Doortje sich Raths zu erholen. Da der Leser vielleicht neugierig ist zu erfahren, wie solche Dinge im Jahr 1758 in der Colonie betrieben wurden, will ich die Bedingungen des Kaufs berichten, wie er am Ende beiden genehm war, unterzeichnet und besiegelt wurde. Herman Mordaunt erwartete für sich selbst keinen Vortheil und Gewinn von Ravensnest, sondern versprach sich erst für seine Nachkommen Einkünfte davon. Demgemäß wollte er Nichts davon verkaufen, sondern verpachtete nur Theile davon unter solchen Bedingungen, welche Landwirthe anlocken konnten, sich zu ihm zu wenden, in einem Lande, wo es viel mehr Grund und Boden gab als Menschen. Aus Gründen, die mir nie recht klar geworden sind, war ihm ganz besonders viel daran gelegen, Jason Newcome für sein Besitzthum zu gewinnen, und keine irgend erträglichen Bedingungen schienen ihm zu viel, um diesen Zweck zu erreichen. Es darf daher nicht überraschen, daß unser Müller in spe bei dem Handel sehr gut zukam, wie man aus den Bedingungen sehen kann. Der Pacht wurde auf drei Generationen und einundzwanzig Jahre geschlossen. Dieß wäre etwa damals einem zweiundvierzigjährigen Pachtvertrag in Europa gleich gewesen; aber die Erfahrung zeigt, daß in Amerika in der That eine weit längere Zeit herauskommt. Man hat gefunden, daß eine Verleihung auf drei Generationen (eigentlich drei Leben, three lives ) im Staate New-York einer Frist von mehr als dreißig Jahren gleichkommt. Der Herausgeber. Die ersten zehn Jahre hatte er gar keine Rente zu bezahlen. In den nächsten zehn Jahren hatte das Land, fünfhundert Acres, für jeden Acres sechs Pence Courant zu entrichten, der Pächter aber hatte das Recht, nach Belieben Holz zu schlagen. Dieß war ein wichtiges Zugeständnis da der Mühlsitz viele Tannen und Fichten enthielt. Für den Rest der Pachtzeit, mochte sie länger oder kürzer seyn, sollte ein Shilling für den Acre, oder etwa sechs Pence Sterling für die Ländereien und vierzig Pfund Courant, oder hundert Dollars jährlich für den Mühlsitz bezahlt werden. Die Mühlen sollte der Herr des Landes nach Ablauf des Pachts übernehmen nach einer Schätzung von Sachverständigen; der Pächter hatte die Steuern zu bezahlen. Dem Pächter stand das Recht zu, aller Materialien zu seinen Dämmen, Bauten u. s. w. sich zu bedienen, die er auf dem Land fand. Die Politik der Eigenthümer von Mooseridge war eine andere. Wir beabsichtigten zuerst zu niedern Preisen zu verkaufen, und zum spätern Verleihen solche Grundstücke aufzubehalten, über welche nicht sogleich verfügt werden konnte, oder für welche die Käufer den Kaufschilling nicht bezahlten. Auf diese Art glaubten wir bälder zum Ersatz unserer Auslagen zu kommen und bälder »eine Ansiedlung auferbauen zu können,« wie man zu sagen pflegte. In Amerika nämlich, muß der Leser wissen, wird Alles »gebaut.« Der Priester »erbaut sich« eine Heerde, der Speculant ein Vermögen; der Advokat einen Ruf; und der Landbesitzer eine Ansiedlung; manchmal baut er sogar, und hier ist dann der Ausdruck leidlich genau und richtig, eine Stadt. Jason war ein ganz glücklicher Mensch, sobald er seinen Pachtvertrag, unterschrieben und besiegelt, in Händen hatte. Er wurde dadurch eine Art von Landbesitzer auf der Stelle, und zwar ein Solcher, der zehn Jahre lang Nichts zu bezahlen hatte. Gott verzeihe es mir, wenn ich dem Manne Unrecht thue; aber von Anfang an hegte ich den Verdacht, Jason vertraue seinem guten Glücke, es werde es so fügen, daß der Tag des Bezahlens gar nie komme. Herman Mordaunt seiner Seits schien befriedigt, denn er glaubte einen Mann von einiger Bildung auf sein Gut bekommen zu haben, welcher seinen Absichten dadurch entspreche, daß er das Gut civilisire und sonst auch dessen Interessen befördere. Gerade als die Strahlen der aufgehenden Sonne durch die Spalten unsers Blockhauses hereinschimmerten, und ehe Einer von uns Dreien von seinem harten Lager sich erhoben hatte, hörte ich in meiner Nähe einen Fuß im Mokkasin mit dem fast geräuschlosen Tritte eines Indianers sich bewegen. Ich sprang auf und sah den vermißten Onondago vor mir stehen. »Ihr hier, Susquesus!« rief ich. »Wir glaubten, Ihr habet uns verlassen. Was hat Euch zurückgeführt?« »Zeit jetzt zu gehen,« antwortete der Indianer ruhig. »Yengeese und Canada-Krieger bald fechten!« »Ist das wahr? – Und wißt Ihr, könnt Ihr wissen, daß das wahr ist? Wo seyd Ihr die letzten vierzehn Tage gewesen?« »Fortgewesen zu sehen – gesehen – weiß es jetzt ganz gut. Kommt – ruft die jungen Männer – gehen auf den Kriegspfad!« So war also das Räthsel und Geheimniß von des Onondago's Ausbleiben gelöst! Er hatte uns von unserm Vorhaben sprechen gehört, im letzten Augenblick mit den Truppen zu ziehen, und er war gegangen um zu rekognosciren, damit wir zuverlässige Nachrichten hätten, wann es nöthig wäre, den »Ridge« zu verlassen, wie wir im vertraulichen Gespräche das Patentland nannten. Ich fand hierin nichts Verrätherisches, sondern erblickte darin vielmehr den Beweis freundschaftlicher Theilnahme für uns; obgleich er allerdings viel weiter »gelaufen« war, als der Indianer Auftrag gehabt, und etwas von der Spur weggelaufen. Man konnte jedoch bei einem Wilden eine solche Unregelmäßigkeit übersehen, zumal da ich der Eintönigkeit unsrer dermaligen Lebensweise überdrüssig zu werden begann; und es mir nicht leid that, einen plausibeln Grund zu einer Veränderung zu bekommen. Der Leser kann überzeugt seyn, daß ich nicht lange es anstehen ließ, die, von Trackleß gebrachte Nachricht meinen Genossen mitzutheilen, welche sie aufnahmen, wie eine Neuigkeit von so lebhaftem Interesse von jungen Männern aufgenommen werden mußte. Der Onondago ward in unsere Rathsversammlung beschieden, und widerholte seine Versicherungen, es sey Zeit für uns, uns in Bewegung zu setzen. »Nicht aufhalten,« antwortete er, als er wieder über den Gegenstand befragt wurde. »Zeit zu gehen. Canoe bereit – Gewehr geladen – Krieger gezählt – Häuptling aufgewacht – Rathsfeuer erloschen. Zeit zu gehen.« »Nun gut, Corny,« sagte Guert, aufstehend und seine stattliche Gestalt streckend wie ein Löwe, der von seinem Lager aufgescheucht ist, »brechen wir auf. Heute können wir nach Ravensnest gehen und dort schlafen; und morgen wollen wir bis zur Heerstraße wandern und auf die Marschlinie des Heeres zu gelangen suchen. Ich werde wieder eine Gelegenheit haben, Mary Wallace zu sehen, ihr zu sagen wie sehr ich sie liebe. Das ist in jedem Falle Viel gewonnen.« »Nicht sehen die Squaw – nicht gehen zu Nest!« sagte der Indianer mit Nachdruck. »Kriegspfad dahin !« und er deutete in einer Richtung hin, welche um ein Viertel eines Kreises von Herman Mordaunt's Ansiedlung abweichen machte. »Schlimm für Krieger, Squaw zu sehen, wenn er die Streitaxt ausgräbt – nur macht ein Weib aus ihm. Nein! dahin gehen – hier Pfad – nicht dort – hier Skalp – dort Squaw.« Da die Geberden des Onondago vollkommen ebenso verständlich waren, wie seine Sprache, war es uns nicht schwer, seine Meinung zu fassen. Guert jedoch fuhr in seinen Fragen fort, während er sich ankleidete, und wir überzeugten uns bald Alle aus den Worten des Onondago, so kurz und abgebrochen sie waren, daß Abercrombie auf dem Punkte stand, mit seinem Heere auf dem George-See sich einzuschiffen, und daß wir uns sehr beeilen müßten, wenn wir bei den zu erwartenden kriegerischen Operationen vor Tikonderoga anwesend seyn wollten. Unser Entschluß war bald gefaßt und unsere Vorbereitungen getroffen. Wir wären Alle zum Aufbruch bereit gewesen, sobald Jeder seinen Schnappsack gepackt und auf die Schultern genommen und sich bewaffnet hätte, aber ein kleiner Verzug wurde durch die Abwesenheit von Traverse und den Meßkettenträgern veranlaßt. Wir schrieben jedoch einen Brief, erklärten darin den Grund unseres beabsichtigten Aufbruchs und versprachen zurück zu kommen, sobald die Operationen vor Ty beendigt wären. Diesen Brief ließen wir dem Pete zurück, welcher als Koch dableiben sollte; während Jaap sehr geschäftig war, einige für den Marsch unentbehrliche Bedürfnisse auf seine breiten Schultern packte, seine Büchse, Tasche und Pulverhorn nahm und so rasch als Einer von uns zum Aufbruch fertig war. Ueberdieß that der Bursche das Alles ohne ausdrücklichen Befehl; denn er hielt es für einen Theil seiner Pflicht, seinem jungen Gebieter zu folgen, ihm, wenn auch zum Schlimmen, zu folgen. In Wahrheit, kein Hund konnte in diesem Punkte treuer sein als Jaap oder Jakob Satanstoe; denn er hatte den Namen des Landhalses als seinen Familiennamen, wenn man so will, angenommen, ganz wie die Edelleute anderer Länder sich nach ihren Besitzungen nennen. Nachdem Alles bereit war, und wir im Begriffe standen, die Hütte zu verlassen, entstand ernstlich die Frage, ob wir über Ravensnest oder auf dem uns von dem Onondago bezeichneten andern Wege gehen sollten. Ein Pfad fand sich in keiner von beiden Richtungen, aber auf dem ersten hatten wir Landmarken, Quellen und andere bekannte Zeichen, während wir bei Einschlagung der zweiten Richtung im buchstäblichen Sinne Nichts wußten und kannten. Sodann sprachen Anneke und Mary Wallace mit ihren strahlenden, blühenden, sonnigen Gesichtern – strahlend und glücklich, ganz gewiß, neuester Zeit so oft wir uns zeigten, – für die erstere Richtung, und sogar Dirck rief aus: »Ueber Ravensnest!« Aber auf dieser Route weigerte sich der Onondago auch nur einen Schritt weit zu gehen. Er stand wie ein Wegweiser da, nach Nordwesten deutend mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit, welche die Ordnung unseres Marsches in einige Verwirrung zu bringen drohte. »Wir wissen Nichts von dieser Route, Trackleß,« bemerkte, oder vielleicht dürfte ich sagen, antwortete Guert, denn des Indianers Benehmen war so ausdrucksvoll, daß es beinahe wie eine förmliche Bemerkung war, »und wir möchten lieber auf einem Pfade reisen, mit dem wir ein wenig bekannt sind. Zudem wünschen wir auch den Ladies zum Abschied unser Compliment zu machen.« »Squaw nicht gut, jetzt – Kriegspfad nicht führt zur Squaw. Hurone – französischer Krieger hier!« »Ja, und dort sind sie auch. Wir werden ihnen bald genug auf den Fersen seyn, wenn wir über Ravensnest gehen.« »Nicht bald genug – geht nicht an. Pfad lang, Zeit kurz. Bleichgesicht-Krieger in großer Eile.« »Die Freunde der Bleichgesicht-Krieger sind auch in großer Eile – und so werdet Ihr wohl daran thun, uns zu folgen, da wir nicht die Absicht haben Euch zu folgen. Kommt, Gentlemen, wir wollen den Indianer führen, da der Indianer nicht geneigt scheint uns zu führen. Nach einer Meile oder zwei wird er es ehrenhafter finden, voranzugehen; und soweit, glaube ich, kann ich Euch den Weg zeigen.« »Dieser Weg gut für junge Männer, welche den Feind nicht zu sehen begehren,« sagte Susquesus mit ironischem Nachdruck. »Bei St. Nicholas, Indianer! was meinst du?« schrie Guert, sich rasch auf den Fersen umdrehend und hastig auf den Onondago losgehend, welcher nicht auf den ihm drohenden Schlag wartete, sondern sich auf dem Absatz umdrehte und in raschem Schritte die Richtung gerade nach Nordwesten einschlug. Ich glaube, Guert folgte ihm während der ersten Minute mit keiner andern Absicht, als die Schulter des Missethäters seinen gewaltigen Arm fühlen zu lassen; aber ich trat so rasch in seine Fußtapfen und Dirck folgte mir und Jaap Dirck, daß wir Alle, fast ehe wir es selbst recht wußten, in indianischer Reihe, oder in der Reiseart der Wälder, im Maßstab von vier Meilen auf die Stunde, in Bewegung waren. Ein so gewaltsam wirkender Anstoß ist nicht in einer Minute vorüber, und ehe Einer von uns sich so weit abgekühlt hatte, um vollkommen vernünftig zu seyn, hatte die ganze Gesellschaft das Blockhaus schon völlig aus dem Gesichte verloren. Und hinfort schien keiner mehr an die Notwendigkeit oder Räthlichkeit zu denken, zu dem ursprünglichen Vorhaben zurückzukehren. Es war allerdings unvorsichtig, unbedingt auf die Treue eines Wilden oder wenigstens eines Halbwilden zu vertrauen, den wir kaum kannten, und welchem wir entschieden mißtraut hatten; aber wir thaten es, und genau in der Art und Weise und mit den Gesinnungen und Empfindungen, wie ich es beschrieben habe. Ich weiß, daß wir Alle nach der ersten Meile die Unbesonnenheit bedachten, deren wir uns schuldig gemacht hatten; aber Jeder war zu stolz, dem Andern seine Besorgnisse mitzutheilen. Ich sage Alle , hätte aber Jaap ausnehmen sollen, denn Nichts, was einer Gefahr gleich sah, machte dem Neger je Unruhe, wenn es nicht ein »Spuck« war. Vor Spuck fürchtete er sich, aber vor Menschen nicht. Susquesus verrieth dieselbe Zuversicht zu seiner Kenntniß der Wälder, wie er uns Meile um Meile durch den dunkeln Forst hin führte, wie zuvor, als er uns zu der Eiche mit dem gebrochenen Wipfel geführt hatte. Im gegenwärtigen Falle führte er uns mehr nach der Sonne und der Richtung im Allgemeinen als nach vorgängiger Bekanntschaft mit den Gegenständen, an welchen wir vorbei kamen; obwohl er dreimal an diesem Tage uns auf bestimmte Dinge aufmerksam machte, die wir früher gesehen, als wir die Wälder in Richtungen durchwandert hatten, welche in mehr oder minder schrägen Winkeln die Linie unserer jetzigen Route durchkreuzten. Was uns betraf, so war es, wie wenn ein Matrose Einem einen Pfad auf dem pfadlosen Ocean zeigt. Wir hatten zwar unsere Taschenkompasse und begriffen recht gut, daß ein nordwestlich gehaltener Marsch uns ungefähr am untern Theil des George-See's herausführen werde; aber ich zweifle sehr, ob wir mit Hülfe desselben auch nur entfernt eine so gerade Linie hätten festhalten können, als mit Hülfe des Indianers. Wir hatten, wie ich mich noch wohl erinnere, über diesen Umstand eine Erörterung unter uns, als wir etwas nach Mittag Halt machten um zu essen. Fünf Stunden lang waren wir rasch zu gewandert, so ziemlich wie der Vogel fliegt, was die Richtung betrifft; nie seitwärts ablenkend, als etwa um einem nicht zu übersteigenden Hinderniß auszuweichen; und unserer Berechnung nach mußten wir volle zwanzig von den vierzig Meilen gemacht haben, von den vierzig, die wir nach der Angabe des Onondago über die muthmaßliche Länge unseres Marsches zurückzulegen hatten. Wir hatten unsere Sehnen und Muskeln dergestalt gehärtet und gestählt, daß gewöhnliche Anstrengungen und Strapazen nicht viel Einfluß auf uns übten; dennoch muß man gestehen, daß der Indianer bei weitem der Frischeste von uns Fünfen war, als wir die Quelle erreichten, wo wir unser Mittagsmahl einnahmen. »Ein Indianer scheint eine Nase zu haben fast wie ein Hund,« sagte Guert, als unser Hunger anfing gestillt zu werden, »das muß man gestehen. Dennoch glaube ich, Corny, ein Compaß würde einen Mann weit sicherer durch die Wälder führen, als alle Zeichen an der Rinde der Bäume und alles Schauen nach der Sonne.« »Ein Compaß kann natürlich nicht irren; aber es wäre gar lästig, alle zwei Minuten stehen zu bleiben um nach dem Compaß zu sehen, der, wie Ihr wohl wißt, Zeit haben muß, um stet zu werden, denn sonst würde er ein Führer seyn, schlimmer als gar keiner.« »Alle paar Minuten! Sagt einmal in der Stunde, oder höchstens jede halbe Stunde. Ich wollte mich anheischig machen, in so gerader Linie zu reisen wie der allerbeste Indianer, indem ich jede halbe Stunde einmal nach meinem Compaß sähe.« Susquesus saß uns Dreien nahe genug, um unser Gespräch zu hören, und er verstand das Englische vollkommen, obgleich er es in der gewöhnlichen, abgekappten Art eines Indianers sprach. Ich meinte ein geheimes Zucken der Verachtung in seinem dunkeln Gesichte blitzen zu sehen, als Guert sich so berühmte; aber er äußerte Nichts. Wir beendigten unsere Mahlzeit, ruhten unsere Beine aus, und als unsere Uhren sagten, daß es ein Uhr sey, erhoben wir uns allesammt, unsern Marsch wieder anzutreten. Wir erneuerten das Pulver auf der Pfanne unserer Büchsen, eine Vorsichtsmaßregel, welche Jeder täglich zweimal beobachtete, um die Folgen der Feuchtigkeit in den Wäldern zu verhüten; als der Onondago in aller Stille hinter Guert sich hinstellte, geduldig abwartend, was diesem belieben würde zu thun. »Wir sind alle bereit, Trackleß,« schrie der Albanier; »gebt uns wieder Richtung und Schritt an, wie zuvor.« »Nein!« antwortete der Indianer, »der Compaß führen, jetzt. Susquesus nicht mehr sehen – blind wie ein junger Hund.« »Oh, wollt Ihr da hinaus, wirklich? Nun, so sey es so. Jetzt, Corny, sollt Ihr sehen, welche Tugend in einem Compaß ist!« Hierauf zog Guert seinen Compaß aus einer Tasche seines Jagdhemdes, stellte ihn auf einen Stamm; um beim Ausgangspunkt es recht scharf mit der Richtung nehmen zu können, und wartete ab, bis die zitternde Nadel ganz ruhig geworden war. Dann machte er seine Beobachtung und nahm eine große Schierlingstanne, welche etwa zwanzig Ruthen weit entfernt stand, – eine bedeutende Entfernung für das Auge in einem dichten Wald! – zu seinem Merkpunkt, stieß einen jauchzenden Ruf aus, raffte seinen Compaß auf und schritt uns voran. Wir folgten ihm natürlich und erreichten bald den Baum. Da Guert sich einbildete, jetzt ganz die rechte Richtung eingeschlagen zu haben, verschmähte er es, seine Beobachtung prüfend zu erneuen, sondern rief uns zu, weiter ihm nach zu kommen, da er schon einen andern Baum zum Führer habe und ganz in der rechten Richtung. In dieser Art mögen wir eine halbe Meile weit zugewandert seyn, und ich dachte schon, Guert dürfte am Ende triumphiren – denn mir, für meine Person, schien es in der That, unsere Marschlinie sey so gerade, als sie es nur je heute gewesen. Guert begann jetzt schon seines Erfolges sich zu rühmen und schwatzte an mich hin, über den Indianer, der zwischen uns ging, über die Schulter wegsehend. »Ihr seht, Corny, ich bin doch auch an den Busch gewohnt, und bin oft bei den Mohawks und bei ihren Jagden gewesen. Die Hauptsache ist, recht anzufangen; darnach hat man keine große Mühe mehr. Seyd nur der ersten zehn Ruthen ganz sicher, so dürft Ihr unbesorgt seyn wegen der folgenden zehntausend. So ist es im Leben, Corny, mein Junge; recht angefangen! so darf ein junger Mann ziemlich darauf bauen, daß er es auch recht hinaus führt. Ich machte beim Anfang der Bahn einen Mißgriff, und Ihr seht, welche Unlust es mir gemacht hat. Aber ich wurde mit zehn Jahren eine Waise, Littlepage; und der Knabe, der weder Vater noch Mutter hat, muß ein ungewöhnlicher Knabe seyn, um nicht, ehe er zwanzig alt wird, aus dem rechten Geleise herauszugerathen. Nun, Onondago, was sagt Ihr jetzt dazu, wenn man dem Compaß folgt?« »Am besten, darnach zu sehen – er angeben,« antwortete Susquesus, und unsre ganze Reihe machte Halt, um Guert dieser Ermahnung nachkommen zu lassen. »Dieser verfluchte Compaß will gar nicht herum kommen!« rief Guert, das kleine Instrument schüttelnd, um der Nadel auf den Punkt herum zu helfen, auf welchem er wünschte, sie stehen bleiben zu sehen. »Diese kleinen Teufel kommen am Ende doch gar zu gern aus der Ordnung, Corny!« »Versucht mehrere – habt drei,« sagte der Indianer, so viel Finger, als er genannt hatte, emporhaltend, wie seine Gewohnheit war, so oft er Zahlen aussprach. Auf diesen Wink zogen Dirck und ich auch unsre Compasse heraus, und alle drei wurden auf einen Holzblock gestellt, bei welchem wir Halt gemacht hatten. Das Resultat war, daß die drei »kleinen Teufel« aufs genaueste zusammenstimmten, und daß wir gerade in südwestlicher, statt in nordwestlicher Richtung marschirten! Guert machte bei dieser Gelegenheit beinahe eben das Gesicht, wie damals, als er vom Schnee aufstand, nachdem der Handschlitten mit uns umgestürzt war. Der Wahrheit konnte man sich nicht widersetzen; wir hatten gänzlich die Richtung verloren, ohne es zu wissen und zu merken. Der Umstand, daß die Sonne dem Zenith so nahe stand, trug vermuthlich zu unserm Mißgriff bei; aber Jeder, der das Experiment machen will, wird sich leicht überzeugen, wie leicht es ist, in der Dunkelheit und bei den Ungleichheiten eines unbetretenen Waldes die Richtung zu verlieren. Guert gab die Führerschaft auf, als ein rechter Mann, der er war, und der Indianer stellte sich wieder an die Spitze, ohne durch das leiseste Zeichen Triumph oder Mißvergnügen an den Tag zu legen. Nichts Geringeres als einen Donnerkeil bedurfte es, um die gleichmüthige Fassung dieses Onondago zu erschüttern! Von diesem Augenblick an ging unser Marsch wieder so schnell von Statten, als er vor dem Halt gewesen war, während unsre Richtung dem Anschein nach so sicher war wie der Flug der Taube. Susquesus steuerte jedoch nicht gerade nordwestlich, wie zuvor, sondern er neigte sich mehr nördlich. Endlich, gerade als die Sonne sich den Gipfeln der westlichen Berge näherte, wurde eine Oeffnung vor uns unter den Bogen der Wälder sichtbar, und wir erkannten, daß ein See in der Nähe war und wir uns auf dem Gipfel des Hochlandes befanden, obwohl sich noch nicht genau sagen ließ, in welcher Höhe. Unser Weg hatte über Berge und durch Thäler und an kleinen Flüssen hin geführt; obwohl, wie ich nachmals erfuhr, der Hudson nicht so weit nördlich floß, daß er unsern Marsch hätte unterbrechen können; oder vielmehr, in Folge einer plötzlichen Biegung nach Westen ließ er unsre Bahn frei und offen. Hätten wir uns westlich gewendet, so hätten wir beinahe das wirklich thun können, was Oberst Follock einmal lachend meiner Mutter angerathen hatte, um die Gefahren der Powles Hook Fähre zu vermeiden – den Fluß umgangen nämlich. Jetzt zeigte sich eine Lichtung, ein wenig rechts von uns; und darauf steuerte der Indianer zu. Diese Lichtung war nicht das Werk menschlicher Arbeit, sondern die Folge von einem jener Waldzufälle, welche zuweilen dem Licht der Sonne Zugang verschaffen zu den Mysterien der Wälder. Diese Lichtung befand sich auf dem kahlen Scheitel eines felsigen Gebirges, wo ohne Zweifel Indianer oft kampirt hatten; und die Spuren ihrer Feuer bewiesen, daß die Winde von dem verschwisterten Element unterstützt worden waren, die wenigen krüppelhaften Bäume wegzuschaffen, welche einst zwischen den Felsenspalten emporgewachsen waren. Es mochte früher hier ein offner Platz, zwei oder drei Acres groß, gewesen seyn, der jetzt so nackt und kahl war, als hätte er nie eine anspruchsvollere Vegetation gekannt, als den Heidelbeerbusch oder das Geißblatt. Köstliches Wasser sprudelte von einem hohem Felsrücken herab, welcher sich nach Norden zog und in dieser Richtung den Gipfel eines ausgedehnten Gebirges bildete. Bei dieser Quelle bückte sich Susquesus um zu trinken; dann kündigte er uns an, daß unser Tagewerk vollbracht sey. Bis zu dieser Verkündigung hatte, glaube ich, nicht einer von uns Allen sich Zeit genommen, sich umzuschauen, so ernst und schnell war unser Marsch gewesen. Jetzt aber warf jeder seinen Bündel von sich, legte seine Büchse ab, und so entlastet wandten wir uns, um uns an einer der überraschend schönsten Scenen zu ergötzen, die mir je vor Augen gekommen sind. Nach dem, was ich gehört und gelesen habe, bin ich jetzt vollkommen überzeugt, daß die großartigsten unsrer amerikanischen Scenerien weit zurückbleiben hinter denjenigen, welche sich zwischen den Seen und Bergen der Alpen und an der beinahe wunderhaften Küste des mittelländischen Meeres finden; und ich will nicht behaupten, daß die Ansicht, die ich jetzt vor mir hatte, sich an Pracht mit manchen messen durfte, welche in jenen zauberischen Gegenden sich dem Auge darbieten. Aber doch war sie großartig und zugleich freundlich; und sie hatte einen Zug von Größe, an dem grünen Mantel von endlosen Wäldern, den man nicht oft in Ländern antrifft, welche schon lang der menschlichen Herrschaft unterworfen sind. So wie sie war, will ich versuchen, sie zu schildern. Unter uns, in einer Entfernung von beinahe tausend Fuß, lag ein See vom durchsichtigsten und friedlichsten Gewässer, der eine schöne Mannigfaltigkeit der Gestalt zeigte in Folge von Vorsprüngen, Buchten und Krümmungen der Küsten, und einen Umfang von beinahe vierzig Meilen hatte. Wir befanden uns an seinem östlichen Rande, ungefähr doppelt so weit vom einen als vom andern der nördlichen und südlichen Endpunkte desselben entfernt. Zahllose Inseln lagen zu unsern Füßen, welche die Mischung von Land und Wasser gerade auf diesem Punkte so reizend und mannigfaltig machten, als die menschliche Einbildungskraft es nur wünschen mochte. Nach Norden dehnte sich der ruhige Wasserspiegel in weiter Ferne aus, begrenzt von felsigen Höhen, durch einen schmalen Schlund mit einer weitern und größern Seebucht zusammenhängend. Gegen Süden schloß sich der See in ovaler Gestalt ab und da und dort trat eine Insel über seinen Spiegel hervor. Nur in dieser Richtung waren Spuren menschlicher Thätigkeit und Fleißes sichtbar. Ueberall sonst boten die Schlünde, die zurücktretenden Thäler, die langen Bergketten und die kahlen Granitscheitel dem Auge Nichts dar, als die nie schwindenden und nie sättigenden Reize der Natur. So weit der Blick reichte, Berg über Berg geschichtet, war die Erde mit ihrem grünen Mantel von üppigem Laub bedeckt, so wie die Vegetation nur auf einem jungfräulichen Boden unter einer wohlthätigen Sonne es erzeugen kann. Der wellenförmige, in Schattierungen wechselnde Teppich der Erde glich einem umgekehrten Firmament, mit Wolken von Laub. Am südlichen Ende des Sees jedoch zeigte sich eine Oeffnung von ansehnlichem Umfang in den Wald hinein, und zwar eine so vollständig, bewerkstelligte, daß wenige oder keine Bäume mehr zu sehen waren. Von diesem Punkt waren wir einige Meilen entfernt, und bei dieser Entfernung waren natürlich die Gegenstände nicht deutlich zu unterscheiden; doch gewahrten wir ohne große Mühe die Ruinen von ausgedehnten Befestigungen. Tausend weiße Flecke waren sichtbar, von welchen wir uns bald überzeugten, daß es Zelte waren, denn die Außenwerke waren Alles, was vom Fort William noch übrig war, und hier war das Heer Abercrombie's gelagert; weit die größte Streitmacht, die je in Amerika unter den Fahnen Englands versammelt gewesen war. Die Geschichte hat uns seither belehrt, daß dieß Heer die furchtbare Zahl von sechszehntausend Mann enthielt. Hunderte von Booten, große Fahrzeuge, welche vierzig bis fünfzig Mann zu fassen vermochten, bewegten sich vor dem Lager hin und her, und so entfernt wir davon waren, vermochten wir doch die Zeichen von Vorbereitungen und von nahe bevorstehenden Bewegungen zu entdecken. Der Indianer hatte uns wenigstens insoweit nicht getäuscht, sondern sich ebenso als einsichtsvoller Beurtheiler dessen was vorging, wie als treuer und zuverlässiger Führer bewährt. Wir hatten die Nacht auf dem Berge zuzubringen. Unsere Betten waren nicht von den besten, wie der Leser sich denken kann, und unser Dach sehr leicht und luftig; doch erinnere ich mich nicht, daß ich die Augen geöffnet hätte von dem Moment an, wo ich sie schloß, bis ich am Morgen wieder erwachte. Die Anstrengung eines gewaltsam beschleunigten Marsches gewährte uns, was kein Daunenlager dem Lüstling gewähren kann, und wir schliefen Alle so tief und gesund wie Kinder. Das Bewußtsein kehrte mir zurück in Folge eines leisen Rüttelns an der Schulter, welches von Susquesus herrührte. Wie ich mich erhob, sah ich den Indianer noch neben mir stehen und sein Gesicht drückte, zum ersten Mal seit ich ihn kannte, lebhafte Freude aus. Er hatte keinen von den Andern geweckt, und er bedeutete mir, ihm zu folgen, ohne Einen meiner Begleiter aus dem Schlafe wach zu rufen. Warum gerade ich, und ich allein, so erkoren worden zum Genuß des mir bevorstehenden Schauspiels, kann ich nicht sagen, wenn nicht anders den Onondago sein natürlicher Scharfblick in Stand gesetzt hatte, die Bildungsart und die Gefühlsweise von uns drei jungen Männern zu unterscheiden und zu würdigen. Aber es war nun einmal so, und ich verließ allein das rohe Obdach, welches wir uns für die Nacht zurecht gemacht hatten. Ein prachtvolles Schauspiel erwartete mich; die Sonne hatte eben die Berggipfel mit Gold gekrönt, während der See und die Thäler, sogar die Bergabhänge und die ganze Welt unten noch im Schatten ruhten. Es schien mir wie das Erwachen der geschaffenen Dinge aus dem Schlafe der Natur. Einen Augenblick oder länger konnte ich nur das wundervolle Gemälde anstarren, welches aus dem starken Contrast zwischen den goldnen Berggipfeln und den schattigen Abhängen derselben entsprang – den Verheißungen des Tages und den Spuren der Nacht. Der Onondago aber war zu sehr mit seinen eignen Empfindungen beschäftigt, als daß er mich nicht bald auf das hätte aufmerksam machen sollen, was ihm als der anziehendste und wichtigste Gegenstand erschien. Von seinem Finger und seinem Auge geleitet – denn er sprach nicht – richtete ich meinen Blick nach der fernen Küste von William Henry, und entdeckte sofort den Grund seiner ungewöhnlichen Aufregung. Sobald der Indianer gewiß war, daß ich die Gegenstände erblickte, die ihn so sehr anzogen, rief er mit starkem, gutturalem, emphatischem Tone: »Gut!« Abercrombie's Heer war wirklich in Bewegung. Sechszehntausend Mann hatten sich in Booten eingeschifft und steuerten dem nördlichen Ende des See's zu, mit achtunggebietender Macht und in schönster Ordnung. Der von keinem Windhauch bewegte Spiegel des See's war ganz gefleckt und übersät von der Flotille; hunderte von Booten durchkreuzten ihn in langen, dunkeln Linien, dem Punkt ihrer Bestimmung zustrebend mit der sichern Übereinstimmung einer Armee, die ihre Flügel entfaltet hat. Die letzte Brigade von Booten hatte gerade das Ufer verlassen, als ich zuerst dieß hinreißende Schauspiel sah und das ganze Bild lag auf einen einzigen Blick vor mir ausgebreitet da. Amerika hatte nie früher ein solches Schauspiel erlebt; und es kann lang anstehen, bis unser Welttheil wieder Zeuge eines ähnlichen wird. Einige Minuten stand ich wie verzückt; und ich sprach nicht eher, als bis die Strahlen der Sonne das dämmernde Licht, das auf der untern Welt lag, bis zu dem Fuß der westlichen Berge durchdrungen hatten. »Was sollen wir thun, Susquesus?« fragte ich dann, wohl fühlend, wie sehr der Indianer jetzt das Recht ansprechen durfte, unsere Bewegungen zu leiten. »Zuerst Frühstück einnehmen,« antwortete der Onondago ruhig. »Dann Berg hinab gehen.« »Keines von Beiden aber wird uns zu dieser stattlichen Armee bringen, welcher uns anzuschließen jetzt unser Wunsch ist.« »Sehen, gemach thun. Indianer weiß – keine Eile jetzt. Eile kommt, wenn Franzosen schießen.« Mir gefiel weder diese Rede noch die Art wie sie gesprochen ward; aber es waren jetzt gerade zu vielerlei Dinge zu bedenken, als daß ich mich lange mit schwankenden Vermuthungen über die ausweichenden Antworten und Andeutungen des Onondago hätte beschäftigen können. Guert und Dirck wurden gerufen, um Theil zu nehmen an dem Vergnügen, welches ein solches Schauspiel Jedem nothwendig gewähren mußte. Und jetzt erst bekam ich eine rechte Vorstellung von dem wahrhaft kriegerischen Charakter Ten Eyck's – denn so muß ich ihn bezeichnen. Seine schöne, männliche Gestalt schien sich zu dehnen, sein Gesicht verklärte sich förmlich, und der Ausdruck seines Auges, gewöhnlich so voll Gutherzigkeit und muntrer Laune, schien seinen Charakter gänzlich zu verwandeln, so wild, streng und feurig wurde er jetzt. »Das ist ein herrliches, stolzes Schauspiel, Mr. Littlepage,« bemerkte Guert, nachdem er eine Zeitlang schweigend die abgemessene, aber rasche Bewegung der Flotille betrachtet hatte, – »ein wahrhaft herrliches und stolzes Schauspiel! und es gereicht uns Dreien zum Vorwurf, daß wir so viel Zeit in den Wäldern verloren haben, wo wir hätten dort seyn sollen, bereit die Franzosen aus der Provinz zu jagen.« »Wir kommen noch nicht zu spät, mein guter Freund, da ja noch der erste Streich geführt werden muß.« »Ihr habt Recht, und ich werde mich diesem Heer anschließen, wenn ich auch zu den Booten hinüber schwimmen muß. Es wird für uns nicht schwer seyn, von einer dieser Inseln zur andern zu schwimmen, und die Truppen müssen mitten durch dieselben hindurch kommen um in den untern See zu gelangen. Jeder vernünftige Mann würde dann anhalten, um uns aufzunehmen.« »Nicht nöthig,« sagte der Onondago, in seiner ruhigen Weise. »Eßt Frühstück; dann geht. Canoe angeschafft, das ist genug.« »Ein Canoe? Bei St. Nicholas! Mr. Susquesus, ich will Euch Etwas sagen – es soll Euch nie an einem Freund fehlen, so lange Guert Ten Eyck lebt, und im Stande ist Euch beizustehen. Diese Idee mit dem Canoe ist höchst verständig und wohlüberlegt, und beweist, daß ein vernünftiger Mann für uns Sorge getragen hat. Wir können jetzt den Truppen uns anschließen, unsere Büchsen in der Hand, wie es Gentlemen und Freiwilligen ansteht.« Mittlerweile war auch Jaap aufgestanden und gaffte mit allen Augen nach der Scene. Es ist kaum nöthig, den Eindruck derselben auf einen Neger zu schildern. Er lachte stoßweise, schüttelte den Kopf wie die Porzellanfigur eines Mandarinen, wälzte sich auf den Felsen herum, sprang auf, schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, lachte wieder, und jauchzte zuletzt laut auf. Da wir Alle an diese Ausbrüche von Negerfreude gewohnt waren, erregten sie bei uns nur ein Lächeln und bei Dirck nicht einmal das. Der Indianer nahm von diesen natürlichen, aber nicht sehr würdevollen Zeichen des Entzückens von Seiten Jaap's so wenig Kunde, als wenn dieser ein Hund oder sonst ein unvernünftiges Thier gewesen wäre. Keine Schwäche vielleicht hätte in dem Grad seine Verachtung sich zugezogen, wie diese, wo er Zeuge war von einem so gänzlichen Mangel an Selbstbeherrschung, wie der rohe, ungezogene Neger bei dieser Gelegenheit kund gab. Sobald unsre erste Neugier und Aufregung sich etwas gelegt hatten, machten wir uns an die nothwendige Pflicht, unser Frühstück zu uns zu nehmen. Das Mahl war bald beendigt; und die Wahrheit zu gestehen, es war nicht von der Art, daß es uns lang hätte von etwas Interessantem abziehen können. Sobald wir fertig waren, verließ die ganze Gesellschaft den Bergscheitel und folgte unserm Führer wie gewöhnlich. Der Onondago hatte uns absichtlich an diesen ihm wohlbekannten Punkt, diesen Luginsland, geführt, damit wir die Ansicht von dessen Panorama genössen. Es war jedoch unmöglich, hier gerade an das Ufer des See's hinabzusteigen, und wir mußten einen Umweg von drei oder vier Meilen machen, um eine Schlucht zu erreichen, mit deren Hülfe wir, jedoch auch nicht ohne Schwierigkeit, unser Vorhaben ausführten. Hier fanden wir ein Rindencanoe, groß genug, um uns alle Fünf zu fassen, und wir schifften uns ohne einen Augenblick zu zögern, ein. Der Wind war nach Süden umgesprungen, als der Tag vorrückte, und die Flotille von Booten kam mit sehr beschleunigter Schnelligkeit heran. Bis wir uns durch die Inseln hindurchgewunden und den Hauptkanal erreicht hatten, falls anders ein Paß unter so vielen diesen Namen verdiente, war das erste Boot der Armee so nahe gekommen, daß man es anrufen konnte. Der Indianer ruderte tüchtig drauf los, und die Hand schwenkend, zum Zeichen der Freundschaft, brachte er uns bald in die Nähe des Fahrzeugs. Wie wir uns jedoch demselben näherten, gewahrte ich die schöne große Gestalt Viscount Howe's, welcher aufrecht im Vordertheil stand, gekleidet in die Walduniform der leichten Infanterie, wie wenn er begierig wäre, im buchstäblichen Sinne der Vorderste bei einer Bewegung zu seyn, bei deren Gelingen die Ehre des britischen Reichs selbst, wie man wohl fühlte, betheiligt war. Dreiundzwanzigstes Kapitel.                         Meine Söhne? Entmannen könnt' es mir das Herz; es würden Die armen Kinder weinen; und was hab' ich Zu ihrem Trost? nur hohle Hoffnungen Und ein erzwungnes Lächeln! Sardanapalus. Mein Lord Howe erkannte uns zuerst nicht in unsern Jagdhemden. Mit Guert Ten Eyck jedoch war er während seines Aufenthalts in Albany so genau bekannt worden, daß er ihn an der Stimme wieder erkannte, und unsre Bewillkommnung war offen und herzlich. Wir erkundigten uns nach dem – ten Regiment, indem wir unsre Absicht aussprachen, diesem Corps uns anzuschließen, von dessen Commandanten wir Alle drei wiederholte und dringende Einladungen erhalten hatten, an seiner Tischgesellschaft Theil zu nehmen. Unser Vorhaben jedoch, unsern Freund unverzüglich aufzusuchen, erlitt eine Veränderung durch die Bemerkung unseres jetzigen Gastfreunds und Wirthes – wenn man eines solchen Ausdrucks sich anders bedienen darf von dem Commandeur einer Brigade von Booten. »Bulstrode's Regiment ist in der Mitte und wird bald zum Schlagen kommen,« sagte er, »doch nicht sobald als die Vorhut. Wenn Ihr gutes Eßen wünscht, Gentlemen, so bin ich weit entfernt Euch abrathen zu wollen, die Fleischtöpfe des – ten Regiments aufzusuchen; denn es ist ein gewisser Mr. Villings bei jenem Corps, welcher ein außerordentliches Talent besitzt, wie man mir sagt, ein gutes Mittageßen aus fast Nichts zu machen; aber wenn es Euch um das Fechten zu thun ist, so sind wir gewiß die erste Brigade, die zum Schlagen kommt; und bei einer Kost, wie sie mir zu Gebote steht, seyd Ihr höchst willkommene Gäste. Alles Uebrige muß erst die Zeit lehren.« Nach diesem war nicht mehr die Rede davon, Bulstrode aufzusuchen; doch gaben wir unserm edeln Commandanten zu verstehen, daß wir seine Gastlichkeit nicht länger in Anspruch zu nehmen gedächten, als bis wir ihn recht ins Feld rücken gesehen, nachdem die feindliche Abtheilung zurückgetrieben wäre, die, wie man erwartete, abgeschickt werden würde, um sich unsrer Landung zu widersetzen. Sobald Susquesus unsern Entschluß erfahren, nahm er seinen Abschied und ruderte ruhig der östlichen Küste zu; und Niemand suchte ein Canoe aufzuhalten, welches man von dem Fahrzeug abstoßen sah, das, wie Jedermann wußte, den Befehlshaber der ersten Brigade trug. Der Wind wurde frischer, sowie die Sonne an Himmel stieg, und da die meisten Boote irgend etwas Segelähnliches hatten, ging unsre Fahrt mit großer Schnelligkeit von Statten. Um neun Uhr befanden wir uns schon ganz im untern See und wir hatten alle Aussicht, unsern Bestimmungsort bis Mittag zu erreichen. Ich gestehe, die Expedition, auf welcher wir begriffen waren, die Neuheit meiner Lage, und die Gewißheit, daß wir an Montcalm einen erfahrenen und höchst tapfern Feind treffen würden, das Alles zusammen machte mich während der wenigen Stunden, die wir in dem Fahrzeug zubrachten, nachdenklich, doch, hoffe ich, nicht ängstlich. Es ist nicht zu verwundern, wenn bei völliger Unthätigkeit ein so junger Soldat sich etwas ernüchtert fühlte durch die ernsten Gedanken, welche sich so gerne des Gemüths bemächtigen bei dem möglichen Herannahen des Todes – wo nicht meines eignen, doch dessen von Vielen, die mich umgaben. Es lag auch gar nichts Prahlerisches oder Aufgeblasenes in dem Wesen oder im Gespräch unsers ausgezeichneten Führers, welcher, so jung er war, doch in den Kriegen seines angeblichen Großvaters und seines Oheims in Deutschland schon warme Kämpfe mitgefochten hatte. Im Gegentheil war mein Lord Howe an diesem Tage ernst und nachdenklich, wie einem Manne geziemte, welcher für das Leben von so Vielen verantwortlich war, obwohl er weder niedergeschlagen noch unzuversichtlich erschien. Es waren zwar Augenblicke, wo er heiter mit den ihn Umgebenden sprach; im Ganzen aber war seine Haltung, wie gesagt, ernst und nachdenklich. Einmal bemerkte ich, daß sein Auge mit einem trüben Ausdruck auf mir ruhte; und ich vermuthe, daß eine Frage, die er bald darauf an mich richtete, mit dem Gegenstande seiner Gedanken in jenem Augenblick zusammenhing. »Was würde unsre treffliche, verehrungswürdige Freundin, Madame Schuyler, empfinden, wenn sie unsre Lage in diesem Augenblick ganz genau wüßte, Mr. Littlepage? Ich glaube diese treffliche Frau fühlt oft mehr Sorge und Unruhe um diejenigen, an welchen sie Antheil nimmt, als diese selbst für sich empfinden.« »Ich glaube, mein Lord, daß uns in einem solchen Augenblick gewiß ihr Gebet zu Hülfe käme.« »Ihr seyd ein einziges Kind, hat sie mir, glaube ich, gesagt, Littlepage?« »So ist es, mein Lord, und ich danke dem Himmel, daß meine Mutter von dieser Szene keine Ahnung haben kann.« »Auch ich habe Solche, die mich lieben, obwohl sie gewohnt sind, sich mich als Soldaten zu denken, und den Gefahren des Soldaten ausgesetzt. Glücklich ist der Militär, der im Augenblick der Gefahr die volle Heiterkeit des Geistes und Gemüths sich bewahren kann, frei von den ängstigenden, obwohl angenehmen und sonst so süßen Banden der Zärtlichkeit und Liebe. Aber wir nähern uns der Küste und müssen an die Pflicht des Dienstes denken.« Das ist das letzte Gespräch, das ich mit diesem braven Soldaten gehabt; und dieß waren die letzten Worte nicht amtlicher Art, die ich ihn überhaupt sprechen hörte. Von diesem Augenblick an schien seine ganze Seele beschäftigt mit der Erfüllung seiner Pflicht, mit dem Erfolg unsrer Waffen und dem Wunsch, die Feinde zu schlagen. Ich bin nicht Soldat genug um das, was nun folgte, in militärischer oder überhaupt in recht verständlicher und anschaulicher Weise zu schildern. Als die Brigade sich dem Ende des See's näherte, wo eine ziemliche Strecke niederen Landes, jedoch hauptsächlich Waldung sich hinzog, wurden einige Fahrzeuge voran gestellt, worauf sich eine Anzahl schwerer Geschütze befand. Die Franzosen hatten eine ziemlich ansehnliche Streitmacht, um sich unsrer Landung zu widersetzen; aber wie es schien hatten sie ihrer Seits nicht hinlänglich mit Geschütz sich versehen, um mit Erfolg zu kämpfen; und als unsre Kartäschen den Wald bestrichen, trafen wir auf wenig wirklichen Widerstand. Auch griffen wir sie nicht gerade an dem Punkt an, wo wir erwartet wurden, sondern etwas mehr rechts von ihrer Stellung. Auf das gegebne Signal steuerte die vorgerückte Brigade, von unserem tapferen Befehlshaber geführt, eilends auf das Ufer zu, und bald befanden wir uns Alle auf festem Grund und Boden, ohne einen nennenswerten Verlust zu erleiden. Wir Vier, das heißt Guert, Dirck, ich selbst und Jaap hielten uns dem edeln Brigadier so nahe als möglich, welcher alsbald vorzurücken befahl, um den sich zurückziehenden Feind zu drängen. Das Gefecht war jedoch nicht sehr hitzig, und wir gewannen rasch einigen Grund, indem sich der Feind in der Richtung von Tikonderoga zurückzog und wir seine Nachhut so rasch verfolgten, als die Vorsicht und unsre Vorbereitungen es gestatteten. Ich bemerkte, daß eine ganze Wolke von Indianern sich uns gegenüber befand und ich will gestehen, daß ich wegen eines Hinterhalts besorgt ward; denn die listige Kriegführung, welche bei diesen Geschöpfen der Wälder im Brauche war, mußte nothwendig, wenigstens durch Ueberlieferung, einem in den Colonien Geborenen und Aufgewachsenen wohlbekannt seyn. Wir hatten in einer Bucht gelandet, nicht eigentlich am Fuß oder Ausgang des See's, sondern etwas mehr westlich, und sobald genug Raum gewonnen war, so setzte General Abercrombie den größten Theil seiner Streitmacht ans Land und formirte sie so rasch als möglich in Colonnen. Dieser Colonnen hatten wir vier; die zwei in der Mitte bestanden ganz aus königlichen Truppen, sechs Regimentern im Ganzen, welche mehr als sechs tausend Mann zählten; während fünftausend Provinzialen auf den Flanken sich befanden, und volle viertausend der letztern bei den Booten zurückblieben, deren diese ungeheure Flottille in der That die große Zahl von eintausend und fünfundzwanzig in sich begriff. Jedoch hatten nicht alle unsre Boote den Landungsplatz erreicht; sondern die mit den Vorräthen, der Artillerie u. s. w. waren noch eine Strecke weit zurückgeblieben. Unsere Gesellschaft befand sich jetzt bei der Colonne des rechten Centrums, an deren Spitze unser edler Bekannter marschirte. Der Feind hatte ein einziges Bataillon in einem Barackenlager in der Nähe des gewöhnlichen Landungsplatzes postirt; aber als dessen Befehlshaber erkannte, von welcher Streitmacht er angegriffen werden sollte, steckte er seine Hütten in Brand und zog sich zurück. Das Gefecht war jetzt sogar noch unbedeutender als es bei der Landung gewesen war, und wir Alle rückten mit freudigstem Muthe vor, obgleich der Mangel an Wegweisern, die Dichtigkeit der Wälder und die Schwierigkeiten des Terrains bald einige Verwirrung in unserm Marsch verursachten. Die Colonnen verwickelten sich in einander, und keine schien im Stande zu seyn, sich schnell aus dieser widrigen Klemme und Verlegenheit herauszuziehen. Der Mangel an Wegweisern war das Hauptübel, das uns zu schaffen machte, – ein Uebelstand, welchem abzuhelfen es jetzt zu spät war. Trotzdem rückte unsre Colonne, oder vielmehr ihre Spitze fortwährend vor, und ihr tapferer Befehlshaber hielt gleichen Schritt mit ihrem vordersten Peloton. Wir vier Freiwillige leisteten Dienste als Plänkler und Späher, etwas seitwärts; und ich hoffe, es wird nicht als Prahlerei erscheinen, wenn ich sage, wir waren immer etwas voraus vor den ersten Gliedern. Während dieses Stands der Dinge wurden vor uns französische Uniformen sichtbar und wir stießen auf eine ziemlich starke feindliche Abtheilung, welche, wie wir, in einiger Unsicherheit der Route, die sie einschlagen sollte, um in kürzester Zeit ihre Verschanzungen zu erreichen, sich bewegte. Natürlich konnte diese Abtheilung nicht an der Spitze unserer Colonne vorbeiziehen, ohne daß es zu einem, obwohl nur augenblicklichen Zusammenstoß gekommen wäre. Welche Partei zuerst Feuer gab, kann ich nicht sagen, glaube aber, es waren die Franzosen. Die Salve war jedoch nicht sehr bedeutend und wurde beinahe im selben Augenblick erwiedert. Ich weiß, daß wir Alle vier unsere Büchsen abfeuerten, und unter einer Deckung Halt machten um wieder zu laden. Ich hatte eben die Kugel hinabgestoßen, als ich der Anzeichen von einiger Verwirrung an der Spitze der Colonne ansichtig wurde, und ich den Leichnam eines Offiziers zurücktragen sah. Es war der Leichnam Lord Howe's! Er war gefallen bei der ersten feindlichen Salve dieses Feldzuges! Der Fall ihres Führers, so unmittelbar vor ihren Augen schien in der Colonne das Gefühl von der Notwendigkeit zu beleben, etwas Nachdrückliches zu thun; sie griff die ihr gegenüber stehende Abtheilung mit der Wuth von Tigern an und zerstreute den Feind wie Spreu; es wurde eine ansehnliche Zahl von Gefangenen gemacht, und nicht Wenige getödtet und verwundet. Nie habe ich einen Menschen heftiger aufgebracht gesehen, als Guert Ten Eyck es bei diesem kleinen Gefecht war. Er war von Lord Howe, während des Aufenthalts dieses unglücklichen Edelmannes in Albany, sehr ausgezeichnet worden; und der Verlust desselben schien Alles zu wecken, was in der Natur meines sonst so milden und sanftmüthigen albanischen Freundes Heftiges und Wildes lag. Er übernahm die Rolle unseres unmittelbaren Befehlshabers, und führte uns, den zurückziehenden Franzosen auf der Ferse, vorwärts, bis wir ihrer Verschanzungen ansichtig wurden. Jetzt sahen wir freilich Alle die Nothwendigkeit für uns ein, uns zurückzuziehen; und Guert verstand sich auch zur Umkehr, obwohl mit finsterem Unmuth, und wie ein gehetzter Löwe. Eine Abtheilung Indianer drängte uns hart bei diesem Rückzug, und wir schwebten in drohender Gefahr, unsere Skalpe zu verlieren; und ich bin immer überzeugt gewesen, sie wären alle verloren gewesen ohne Jaap's Entschlossenheit und herkulische Stärke. Der Zufall wollte, daß, während wir uns von Baum zu Baum drückten, unsere vier Büchsen alle zu gleicher Zeit abgeschossen waren, ein Umstand, den sich unsere Verfolger zu Nutze machten, um einen Angriff auf uns zu wagen. Zum Glück fiel die Wucht dieses Anfalls auf Jaap, welcher seine Büchse wie eine Keule schwang und die drei Indianer, die sich ihm zuerst näherten, im buchstäblichen Sinne der Reihe nach zu Boden schlug. Diese Unerschrockenheit und dieser Erfolg gab uns Zeit wieder zu laden; und Dirck, immer ein kaltblütiger, trefflicher Schütze, streckte den vierten Huronen, mittelst einer Kugel durchs Herz, zu Boden. Jetzt hielt Guert mit Feuern inne und rief Jaap zu, sich zurückzuziehen. Dieser gehorchte; und unter dem Schutz unserer zwei Büchsen kam unsere ganze Gesellschaft davon; denn die Rothhäute waren, nach der so eben empfangenen Probe, aus welchem Zeuge wir gemacht waren, zu sehr eingeschüchtert, als daß sie uns sehr scharf gedrängt hätten. Wir verdankten jedoch unsere Rettung ebenso sehr einem andern Umstande, als dieser Entschlossenheit Jaap's und der Klugheit Guert's. Unter den Provinzialen befand sich ein sehr angesehener Soldat, mit Namen Rogers. Dieser Offizier führte eine Abtheilung Schützen auf unsere rechte Flanke und trieb rasch die Plänkler des Feindes zurück, wobei er ihnen beträchtlichen Verlust zufügte. Hiedurch wurden die Indianer vor uns im Schach gehalten, da zu besorgen war, Major Rogers Abtheilung könnte ihnen in den Rücken fallen, wenn sie den Versuch machten, uns zu verfolgen, und sie so von ihren Verbündeten abschneiden. Es war gut, daß es so ging; denn wir mußten uns über eine Meile zurückziehen, bis wir den Platz erreichten, wo Abercrombie seine Colonne Halt machen ließ und sich für die Nacht lagerte. Diese Stellung war etwa zwei Meilen von den Werken vor Tikonderoga, und demzufolge nicht sehr weit von der Ausmündung des George-See's entfernt. Hier wurde die Armee in gute Ordnung gebracht und nahm für eine kurze Zeit eine Stellung ein. Es war nöthig die Ankunft der Vorräthe, der Munition und Artillerie zu erwarten. Da das Herbeischaffen dieses Materials in einer Gegend, welche nicht viel mehr als jungfräulicher Urwald war, eine nicht leichte Aufgabe darbot, beschäftigte es uns volle zwei Tage. Und melancholische Tage waren es; denn der Tod von Lord Howe wirkte auf das ganze Heer fast wie eine Niederlage. Er war der Abgott der königlichen Truppen, und er hatte sich bei uns Amerikanern ebenso beliebt gemacht, wie bei seinen Landsleuten. Eine Art unheilverkündender Traurigkeit herrschte unter uns; und jeder Gemeine schien seinen Verlust wie den eines Bruders zu empfinden. Wir suchten das – te Regiment auf und begaben uns zu Bulstrode, sobald wir den Platz erreicht hatten, der für das neue Lager gewählt worden war. Der Empfang, den wir bei ihm fanden, war freundschaftlich und gütig, und er wurde noch wärmer, sobald er vernommen hatte, daß wir die kleine Truppe bildeten, welche so keck auf der Flanke der rechten Centrums-Colonne geplänkelt und scharmuzirt hatte, und von welcher man wußte, daß sie in dieser Gegend des Schlachtfeldes weiter vorgerückt war, als irgend sonst Jemand. So schloßen wir uns gleich beim Anfang mit einigem éclat an unser Corps an, und Alle bewillkommneten uns herzlich und mit anscheinender Aufrichtigkeit. Dennoch herrschte auch beim – ten Regiment so gut wie bei allen andern Corps die allgemeine Niedergeschlagenheit. Lord Howe war bei diesem Regiment so beliebt wie bei irgend einem andern; und unsere Begrüßung und unser nachheriger Verkehr konnte nicht freudig heißen. Bulstrode hatte ein für seinen Rang und seine Jahre ausgedehntes und wichtiges Commando, und er war allerdings stolz auf seine Stellung; aber ich bemerkte wohl, daß selbst sein elastisches und gewöhnlich so munteres Gemüth von dem Vorgefallenen sehr ergriffen und erschüttert war. Wir machten in dieser Nacht miteinander, getrennt von unsern Genossen einen Gang, wo er denn von unserem Verlust zu reden anfing. »Es mag Euch sonderbar scheinen, Corny,« sagte er, »solche Niedergeschlagenheit im Lager zu finden nach einer Landung, die doch gewiß glücklich gelang, und nach einem Gefecht, das uns, wie man versichert, ein paar hundert Gefangene eingebracht hat. Aber ich sage Euch, mein Freund, es wäre besser für dieß Heer, wenn es sein bestes Corps aufgerieben sehen müßte, als daß es diesen Mann gerade verlieren mußte. Howe war im buchstäblichen Sinne die Seele der ganzen Streitmacht. Er war ein geborner Soldat und machte Alle um ihn her zu Soldaten. Was den Oberbefehlshaber betrifft, so versteht er Euch Amerikaner nicht, und wird Euch nicht so behandeln und gebrauchen, wie er sollte; dann versteht er auch die Art und Weise des Kriegführens auf diesem Continent nicht und wird höchst wahrscheinlich Böcke schießen. Ich will Euch sagen, wie es ist, Corny. Howe hat so viel Einfluß auf Abercrombie gehabt wie auf jeden Andern; und es wird ein Versuch gemacht werden, seine Art den Krieg zu führen und zu fechten zu befolgen und in Anwendung zu bringen; aber um die Ideen eines solchen Mannes, wie Lord Howe war, in Ausführung zu bringen, braucht es eben wieder einen Lord Howe. Das ist der Punkt, an dem wir, fürchte ich, scheitern werden.« All dieß klang mir sehr vernünftig, obwohl sehr wenig ermuthigend; ich fand jedoch, daß nicht Bulstrode allein diese Gesinnungen und Ansichten hegte, sondern daß die Meisten um mich herum ebenso dachten. Inzwischen gingen die Vorbereitungen ihren Gang fort; und man vernahm, daß der 8te der Tag seyn sollte, der über das Schicksal von Tikonderoga entscheiden würde. Das eigentliche Fort auf dieser berühmten Station steht auf einer Halbinsel und kann nur von Einer Seite angegriffen werden. Die Außenwerke waren auf dieser Seite sehr ausgedehnt und man wußte, daß die Garnison sehr stark war. Da jedoch diese Außenwerke hauptsächlich aus hölzernen Brustwehren bestanden und man sich ihnen durch offene Wälder nähern konnte, welche für sich schon einigen Schutz darboten, ward beschlossen, einen Sturm darauf zu unternehmen, und wo möglich mit dem zurückweichenden Feind in die Hauptwerke einzudringen. Hätten wir auf unsere Artillerie gewartet und Batterien aufgeführt, so wäre ein günstiger Erfolg wohl gewiß gewesen; aber der Ingenieur erstattete einen günstigen Bericht über den andern Plan; und vielleicht sagte es der Stimmung und Ungeduld des ganzen Heeres besser zu, rasch vorzudringen, als zu den langsamen Operationen einer regelmäßigen Belagerung zu schreiten. Am Morgen des 8ten also wurden die Truppen gemustert und zum Sturm geordnet, und unsere Gesellschaft wurde, als Freiwillige, auf die Flanke des – ten Regiments gestellt. Das Terrain gestattete nicht, sich vieler Pferde zu bedienen, und Bulstrode marschirte mit uns zu Fuß. Ich kann nur Wenig von den Operationen und Bewegungen dieses denkwürdigen Tages im Allgemeinen berichten, da die Wälder so Vieles, was auf beiden Seiten geleistet wurde, dem Auge entzogen. Das jedoch weiß ich, daß der Kern Unserer Armee in die Kampflinie gezogen wurde und beim Sturme voran war, reguläre Soldaten und Provinzialen mit inbegriffen. Das 42ste Regiment, ein Hochländercorps, das in Amerika großes Interesse erregt hatte, sowohl durch die äußere Erscheinung als durch den Charakter seiner Leute, wurde auf einen Punkt gestellt, wo man glaubte, daß der Kampf am härtesten, die Gefahr am größten seyn werde. Das 55ste Regiment, ebenfalls ein Corps, zu welchem man großes Vertrauen hatte, wurde an die Spitze einer zweiten Colonne gestellt. Da sich ein Morast eine Strecke weit auf der allein einem Angriff ausgesetzten Vorderseite der Halbinsel hinzog, wurden diese beiden Corps dazu bestimmt, die hölzerne Brustwehr wegzunehmen, welche da anfing, wo der Morast aufhörte; bei weitem die schwierigste Aufgabe des zu erwartenden Kampfes, da dieß der einzige zugängliche Punkt zu der Feste selbst war. Um ihre Stellung noch mehr zu sichern, hatten die Franzosen in der Linie dieser Brustwehr mehrere Stücke Artillerie zu einer Batterie aufgestellt, während wir kein Stück Geschütz vorn hatten, um unser Vorrücken zu decken. Man sagte, Abercrombie habe keinen der amerikanischen Offiziere in seiner Umgebung um Rath gefragt, ehe er den Angriff vom 8ten Juli beschloß. Er hatte seinen ersten Ingenieur beauftragt, Recognoscirungen anzustellen; und auf den Bericht dieses Gentleman hin, daß die Vertheidigungswerke nach wissenschaftlichen Grundsätzen keine ernsten Hindernisse darböten, wurde der Sturm beschlossen. Dieser Bericht war ohne Zweifel nach den Grundsätzen und Erfahrungen europäischer Kriegführung richtig; aber er stand nicht im Einklang mit der Kampfesweise auf diesem Kontinent. Zu bedauern jedoch war, daß die Erfahrung von 1755 und das Schicksal Braddock's den königlichen Befehlshabern die Pflicht der umfassendsten Vorsicht und Besonnenheit nicht nachdrücklicher eingeprägt hatte, als dieß der Fall war nach den Vorfällen dieses Tages zu urtheilen. Das – ste Regiment war in Colonne aufgestellt unmittelbar hinter den Hochländern, welche bei dieser Gelegenheit angeführt wurden von Oberst Gordon Graham, einem altgedienten Offizier von großer Erfahrung und vom unerschrockensten Muthe. Die Annalen von Holmes besagen, Sir John Murray habe an diesem Tage das 42ste Regiment befehligt. Ich denke, da Mr. Littlepage dabei war und dem fraglichen Corps so nahe stand, konnte er sich nicht wohl irren. Mrs. Grant, von Laggan, welche damals in Albany verweilte und deren Vater die Schlacht mitmachte, stimmt mit Mr. Littlepage darin überein, daß Gordon Graham das 42ste Regiment anführte. Der Herausgeber. Natürlich sah ich diesen Offizier und dieß Regiment, da sie unmittelbar vor mir standen, aber sonst sah ich Wenig; zumal nachdem der Pulverrauch der ersten Salve zu den andern Hindernissen des Sehens hinzukam. Eine ziemliche Zeit verstrich über den Vorbereitungen; aber sobald man Alles in Ordnung glaubte, setzten sich die Colonnen in Bewegung. Die allgemeine Voraussetzung war, daß die Truppen das feindliche Feuer aushalten, dann auf die Brustwehr sich stürzen, sie, wenn es nöthig wäre, mit dem Bajonett erstürmen, und in nächster Entfernung erst, oder auf die zurückziehenden Feinde feuern sollten. Uns Freiwilligen und verschiednen leichten Abtheilungen irregulärer Truppen wurde Erlaubniß ertheilt, auf die Franzosen ein Feuer zu eröffnen, wo wir ihrer ansichtig würden, da man von uns beim stürmenden Angriff wenig sich versprach. Beinahe eine Stunde brauchte man dazu, sich dem Punkte des Angriffs zu nähern, wegen der Schwierigkeiten des Terrains und der Nothwendigkeit, häufig Halt zu machen, um die Ordnung wieder herzustellen. Endlich kam der wichtige Augenblick, wo die Spitze der Colonne im Begriff stand, sich zu demaskiren und folglich auch sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Ein kurzes Haltmachen genügte hier für die nöthigen Anordnungen, worauf die Sackpfeifen ihre aufregende Musik begannen, und wir aus unserm Versteck hervorbrachen, mit lautem Jauchzen einander ermuthigend. Wir müssen damals zweihundert Schritte von der Brustwehr entfernt gewesen seyn, und das erste Gewehr, welches abgefeuert wurde, war das Jaap's, der, in das Dickicht des Morastes vordringend, uns eine Strecke vorangeeilt war und jetzt in der That einen französischen Offizier niederschoß, welcher auf das Holzwerk seiner Schanzen gestiegen war, um zu recognosciren. Dieser tödtliche Schuß jedoch ward furchtbar gerächt! Die Hochländer rückten wie ein Wirbelwind heran, ernst, schweigend und fest, nur von ihrer Musik angefeuert, als ein flammender Blitz auf der feindlichen Linie hin zuckte, und die eisernen und bleiernen Boten des Todes wie ein Sturm auf uns herein sausten und pfiffen. Die Schotten wankten bei diesem entsetzlichen Gruß; aber sie faßten sich sogleich wieder und drangen vor. Das – ste Regiment kam keineswegs mit heiler Haut davon; während der wilde Lärm uns verrieth, daß der Kampf auf der ganzen Linie der Brustwehr gegen das Seeufer hin sich entsponnen hatte. Wie viele von unsrer Colonne bei dieser ersten Salve fielen, habe ich nie erfahren; aber das Blutbad war fürchterlich, und unter den Gefallenen war der Veteran Graham selbst. Mit Sicherheit jedoch kann ich sagen, daß der Angriffsplan von diesem ersten Feuern an vollkommen vereitelt war, indem die Colonnen sich ausbreiteten und sobald als möglich selbst auch zu feuern anfingen. Es war nicht möglich, sich besser zu halten, als Alle, die ich sehen konnte, thaten; wir Alle drangen vor nach den Brustwehren, bis wir auf gefällte Bäume stießen, welche als spanische Reiter gebraucht wurden. Diese Bäume waren, die Fronte der Brustwehre entlang, gefällt, ihre Zweige abgehauen und wie Pfähle gespitzt worden. Es war unmöglich, in einiger Ordnung vorzudringen, und die Truppen machten Halt, als sie sie erreichten, und feuerten fortwährend pelotonweise mit solcher Regelmäßigkeit wie bei einer Parade. Wenige Minuten dieses Gefechts jedoch nöthigten mehrere Corps zum Rückzug, und der unnütze Kampf ward vier Stunden lang fortgesetzt, von unserer Seite fast ganz mit einem stattlichen, aber wirkungslosen Musketenfeuer, während die Franzosen ihre Kartätschen in unsre Reihen schleuderten, beinahe so sicher und ungestraft, wie auf einer Parade. Es wäre weit besser für unsre Mannschaft gewesen, wenn sie weniger gut disciplinirt und dem Commando ihrer Offiziere gehorsam gewesen wäre; denn unter solchen Umständen ist die einzige Folge des festen Standhaltens die, daß tapfere und hingebungsvolle Truppen, welche nicht zurückweichen wollen, während sie außer Stand sind, vorzudringen, nur um so länger der Gefahr preisgegeben bleiben. Guert hatte auch mit den Uebrigen gejauchzt; und ich merkte bald, daß wir, ihm als unserm Führer folgend, uns unverweilt mitten im Gefechte befinden würden. Wirklich führte er uns auch bis zu den gefällten Bäumen vor; und hier eine Art von Schirm findend, setzten wir uns zwischen ihnen als Schützen und Plänkler fest und thaten unsre volle Schuldigkeit. Als jedoch die Truppen zurückwichen, sahen wir uns so ziemlich alleingelassen, und es war eine gefährliche Sache, uns zurückzuziehen; und da wir uns ausserhalb der Linie des Feuers von unsren eignen Leuten sahen – ein nicht unwesentlicher Punkt bei einem solchen Gefecht! – behaupteten wir unsern Posten bis aufs Aeußerste. Nach langer Zeit endlich an die Notwendigkeit des Rückzugs gemahnt durch das Nachlassen des Feuerns von unsrer Linie her, kamen wir mit heiler Haut davon, obwohl Guert die ganze Strecke das Angesicht dem Feinde zugekehrt, und immer dazwischen feuernd, sich zurückzog. Letzteres thaten wir in der That Alle, indem wir uns zu einigem Schutz der Bäume bedienten. Gegen das Ende zogen wir die besondere Aufmerksamkeit des Feindes auf uns; und zwei oder drei Minuten lang konnten wirklich die um uns herumfliegenden Kugeln ohne sonderliche Uebertreibung mit einem Hagelsturm verglichen werden! Jaap war nicht bei uns bei diesem Gefecht und Rückzug, und ich ging in den Morast hinein, um nach ihm zu sehen. Ich brauchte nicht lange zu suchen, denn ich fand den Burschen auch auf dem Rückzug begriffen, und er brachte einen stämmigen kanadischen Indianer als Gefangenen mit zurück. Er ließ seinen Gefangenen drei abgeschossene Büchsen und Decken schleppen, welche zuvor theils ihm selbst, theils zwei Männern seines Stammes gehört hatten, welche der Neger als blutige Trophäen seiner Thaten im Morast hatte liegen lassen. Ich kann mich auf die Philosophie der Sache nicht tiefer einlassen, aber es schien mir immer, dieser Neger kämpfe und fechte, wie wenn ihm dieß Geschäft Kurzweil und Freude machte. Kaum hatte ich diese Thatsache erfahren, als wir die wichtige Nachricht erhielten, es sey Befehl zum allgemeinen Rückzug gegeben. Unsre stolze und gewaltige Armee war geschlagen, und das von einer um zwei Drittheile schwächern Streitmacht! Es ist nicht leicht, die jetzt folgende klägliche Scene zu schildern. Der Transport der Verwundeten hinter das Heer zurück hatte immer fortgedauert; und wie dieß gewöhnlich der Fall, wo es gestattet ist, hatte es stark dazu beigetragen, die Reihen dünner zu machen! Diese Unglücklichen wurden zu Hunderten in die Fahrzeuge gebracht, während man die meisten Todten auf dem Platze liegen ließ. So vollständig waren unsre Hoffnungen vereitelt und unser Muth niedergeschlagen, daß die meisten Boote noch in dieser Nacht abfuhren, und alle Uebrigen das Ufer des Sees früh am nächsten Tage verließen. So endete die traurige Expedition von 1758 gegen Tikonderoga, und damit unsre Erwartungen, diesen Sommer Monteral oder Quebec zu sehen. Ich glaube gewiß, wir hatten an diesem blutigen Tage volle zehntausend Bajonette im Feld, und wenigstens fünftausend Mann kamen ins hitzige Gefecht. Der Fehler war, daß man versuchte, einen beinahe unzugänglichen Posten mit Sturm wegzunehmen, und dieß dazu noch ohne den Schutz und die Deckung von Artillerie. Der Feind, wurde behauptet, habe vier bis fünftausend Mann auf dem Platz gehabt; und dieß mag wahr seyn, wenn man Alle dazu rechnet, welche innerhalb der Festungswerke sich befanden; aber ich bezweifle, ob mehr als halb so Viele in diesem unglücklichen Gefecht den Hahnen gegen uns abdrückten. Es ist immer viele Übertreibung sowohl in den Prahlereien als in den Entschuldigungen im Kriege. Unser Verlust bei diesem traurigen Gefecht ward zu 548 Todten und 4356 Verwundeten angegeben. Vermuthlich entsprachen diese Zahlen der Wahrheit; die Vermißten aber wurden zu einer erstaunlich kleinen Zahl, dreißig oder vierzig im Ganzen, angegeben, da die Leute nirgends sonst hin als nach den Booten sich flüchten konnten. Von den Hochländern wurde behauptet, beinahe die Hälfte der Gemeinen, und fünfundzwanzig, d. h. beinahe alle Offiziere seyen getödtet oder verwundet worden. Ein Bericht behauptete sogar sämmtliche Offiziere dieses Corps, welche auf dem Platz waren, seyen unter den Einen oder unter den Andern gewesen. Auch das 55ste Regiment war fürchterlich zugerichtet. Zehn seiner Offiziere lagen todt auf dem Platze und viele waren verwundet. Dem – sten war es etwas besser ergangen, weil es nicht an der Spitze einer Colonne gestanden, doch war auch sein Verlust furchtbar. Bulstrode wurde gleich zu Anfang des Gefechts ernstlich verwundet, obgleich man seine Verletzung nie für gefährlich hielt. Billings blieb todt auf dem Platze, und Harris bekam einen Kratz, der ihm im spätern Leben Anlaß zum Schwatzen gab. Die Verwirrung war entsetzlich nach einem solchen Kampf und einer solchen Niederlage. Die Truppen schifften sich wieder ein, ohne viel auf die Corps und auf die Regelmäßigkeit der Bewegungen zu achten, und die Boote entfernten sich, sobald sie nur ihre traurigen Ladungen aufgenommen hatten. Ungeheuer viel Hab' und Gut ging verloren, obwohl die gewöhnlichen militärischen Trophäen, wie ich glaube, gerettet wurden. Da die Provinzialen am wenigsten am Kampf Theil genommen und im Verhältniß zur Zahl bei weitem am wenigsten gelitten hatten, so mußte eine große Masse von ihnen die Nachhut bilden, während die regulären Corps ihre Verwundeten und ihr Kriegsmaterial fortschafften. Was uns drei, oder vier, Jaap mit eingerechnet, welcher seinen Gefangenen nicht fahren ließ, betrifft, so wußten wir kaum, was jetzt anfangen. Alle, die sich für uns interessirten, waren getödtet oder verwundet. Bulstrode konnten wir nicht zu Gesicht bekommen; nicht einmal das Regiment konnten wir auffinden. Wenn uns Letzteres auch am Ende gelang, so waren nur noch sehr Wenige übrig, welche lebhafte oder nur irgend einige Theilnahme für uns empfanden. Unter diesen Umständen hielten wir daher am Ufer des See's eine Berathung, ungewiß, ob wir um Aufnahme in eines der abfahrenden Boote bitten, oder bis zum andern Morgen bleiben sollten, damit unser Rückzug doch ein mannhafteres Ansehen habe. »Ich will Euch sagen, wie es ist, Corny,« sagte Guert Ten Eyck in etwas nachdrücklichem Tone, »je weniger wir von diesem Feldzug und von unserm Antheil daran sprechen, um so besser. Wir sind keine reguläre Soldaten, und wenn wir uns still verhalten, wird kein Mensch erfahren, was für Schläge wir drei insbesondere bekommen haben. Mein Rath ist, daß wir von dieser Armee uns wegmachen, wie wir dazu gekommen sind, das heißt, mittelst einer Seitenbewegung, und in Zukunft immerdar reinen Mund darüber halten, daß wir irgend Etwas mit der Sache zu thun gehabt haben. Ich habe nie gesehen, daß Einer, dem es übel ergangen, wegen seines Mißgeschicks wäre höher geachtet worden; und ich will gestehen, daß ich, Schläge bekommen, als einen sehr widrigen Theil eines Kampfes betrachte.« »Ganz gewiß, Guert, bin ich so wenig geneigt, mich meines Antheils an dieser Affaire zu rühmen, als Ihr oder irgend Jemand es seyn mag; aber es ist viel leichter davon zu schwatzen, aus diesem verworrenen Gewühl wegzukommen, als es wirklich auszuführen. Ich zweifle, ob eines dieser Boote uns aufnehmen wird; denn ein geschlagener Engländer ist in der Regel nicht sehr gutmüthig; und alle unsre Freunde sind, scheint es, getödtet oder verwundet.« »Wollt gehen?« fragte eine leise indianische Stimme hart neben mir. »Genug bekommen, he?« Ich wandte mich um und sah Susquesus nur einen Schritt von mir entfernt da stehen. Wir hielten notwendiger Weise unsre Berathung mitten unter einer sich drängenden Menschenmenge; und der Onondago mußte sich uns unbemerkt beim Beginn unserer Besprechung, genähert haben. Da stand er wirklich, obgleich ich damals nicht vermochte, mir zu erklären, woher er gekommen und wie er uns auffand, und es auch später nie habe erfahren können. »Könnt Ihr uns helfen, von hier wegzukommen, Susquesus?« versetzte ich. »Wißt Ihr ein Mittel über den See zu kommen?« »Canoe gebracht. Das gut. Canoe gehn, wenn auch Yengeese laufen.« »Das, in welchem wir uns der Armee angeschlossen, meint Ihr?« Der Indianer nickte mit dem Kopf und gab uns ein Zeichen, ihm zu folgen. Es bedurfte wenig Ueberredung und wir folgten ihm sämmtlich auf der Ferse in der Richtung, in welcher er uns führte. Ich will gestehen, daß, als ich unsern Führer östlich am Seeufer hin sich wenden sah, ich einiges Mißtrauen hegte hinsichtlich seiner Treue. Das war die Richtung, die uns dem Feind entgegen, statt von ihm weg, führen mußte; und es lag etwas so Geheimnißvolles in dem Benehmen dieses Mannes, daß es mich unruhig machte. Da stand er jetzt mitten unter der englischen Armee, als die Verwirrung derselben den höchsten Grad erreicht hatte, während er sich vor der Schlacht derselben nicht hatte anschließen wollen. Nichts war leichter, als sich unter die Menschenmasse, in ihrer gegenwärtigen Verwirrung zu mischen, und stundenlang unentdeckt sich unter ihr umzutreiben, wenn man die nöthigen Nerven zu dem Wagstück hatte; und an dieser Eigenschaft fehlte es, davon war ich überzeugt, dem Onondago nicht. Es lag eine Kaltblütigkeit in dem Wesen dieses Mannes, eine ruhige Beobachtung, vermischt mit der anscheinenden Gefühllosigkeit einer Rothhaut, welche jede Bürgschaft darboten, daß er einer solchen Aufgabe vollkommen gewachsen war. Dennoch blieb uns keine andere Wahl, als unserm Führer zu folgen, oder auf der Stelle mit ihm zu brechen. Zum Letztern hatten wir keine Lust, obwohl wir uns mit einander darüber besprachen, sondern wir folgten ihm, die Hand am Schloß unserer Büchsen, bereit zum Kampfe, falls wir in Gefahr hineingeführt würden. Susquesus hatte jedoch keine solche verrätherische Absichten, und er hatte sein Canoe an einem Ort untergebracht, welcher von seiner Einsicht und Klugheit zeugte. Wir hatten eine volle Meile zu gehen, bis wir die kleine mit Buschwerk bewachsene Bucht erreichten, in welcher er es versteckt hatte. Ich habe immer gedacht, wir haben in großer Gefahr geschwebt, daß wir so weit in dieser Richtung vor gingen, da die feindlichen Indianer gewiß unsre Armee umschwärmten, um Skalpe zu gewinnen; aber ich erfuhr nachher das Geheimniß von der Zuversicht des Onondago, welcher erst von der Sache sprach, nachdem wir von der Küste abgestoßen hatten, und auch dann erst in Beantwortung einer Bemerkung Guert's. »Keine Gefahr,« sagte er, »der rothe Mann Yengeese-Skalpe bekommt auf dem Kriegspfad. Zu Viele getödtet, jetzt, braucht keine mehr.« Da beide Regierungen die schändliche Politik befolgten, Preise für menschliche Skalpe zu bezahlen, enthielt diese Andeutung vermuthlich die ganze Wahrheit. Ehe wir jedoch die Bucht verließen, war noch eine Schwierigkeit zu beseitigen. Jaap hatte seinen Gefangenen, den Huronen, mit sich gebracht; und der Onondago erklärte jetzt, das Canoe könne nicht Sechs tragen. Dieß wußten wir in der That aus Erfahrung, obgleich Fünf ganz bequem hineingingen. »Kein Platz,« sagte Susquesus, »für rothen Mann. Fünf gut – sechs schlecht.« »Was sollen wir mit dem Burschen anfangen, Corny?« fragte Guert mit einiger Lebhaftigkeit. »Jaap sagt, es sey ein schlauer Teufelskerl beim Lichte besehen, und er habe mächtig viel Mühe gehabt ihn zu fangen und einzubringen. Fünf Minuten lang sey es auf der Wage gestanden, Wer unterliegen würde, und der Neger gewann nach seinem eignen Schlachtbericht nur dadurch die Oberhand, daß die Rothhaut die unbegreifliche Tollheit beging, Jaap das Hirn einschlagen zu wollen. Er hätte ebensogut den Felsen von Gibraltar zerschmettern können, wißt Ihr, als einen Negerschädel zerschlagen, und so trug Euer Bursche den Sieg davon. Was sollen wir mit dem Schurken anfangen?« »Skalp nehmen!« sagte der Onondago kurz und bündig – »hat guten Skalp – Kriegslocke fertig – kriegerisch bemalt – kapitaler Skalp.« »Ja, das mag sich besser für Euch schicken, Master Succetusch,« – so nannte Guert immer unsern Führer, »als es sich für uns Christen geziemt. Ich fürchte, wir werden den raubgierigen Teufel laufen lassen müssen, nachdem wir ihn entwaffnet.« »Entwaffnet ist er schon; aber auf diesem Schlachtfeld kann es ihm nicht lang an einer Muskete fehlen. Ich bin Eurer Meinung, Guert; so laß denn sofort deinen Gefangnen los, Jaap, damit wir so schnell als möglich nach Ravensnest zurückkehren können.« »Das sehr schlimm, Masser Corny, Sah!« rief Jaap, welchem der erhaltne Befehl ganz und gar nicht behagte. »Kein Wort weiter, Bursche, sondern schneide seine Bande los,« – Jaap hatte dem Indianer die Arme auf den Rücken gebunden, als die bequemste Manier ihn zu transportiren. »Kennst du des Mannes Namen?« »Ja, Sah – er sagen sein Name Muß,« – vermutlich ein indianisches Wort, das Jaap in seiner verstümmelten Weise aussprach, »und in ein schlimmes Muß er gerathen, Masser Corny, wie er versucht, Jaap bei der Wolle zu packen.« Hier war ich genöthigt, mit der Hand plötzlich dem Schwarzen das Maul zuzuklappen, denn der Bursche war so entzückt in der Erinnerung an die Art und Weise, wie er seinen rothen Gegner überwältigt hatte, daß er in jenes unbezähmbare, schallende und wiehernde Gelächter ausbrach, welches seiner Raçe so gewöhnlich ist. Ich wiederholte meinen Befehl etwas finster, daß Jaap die Stricke durchschneiden und uns dann in das Canoe folgen solle, in welchem der Onondago und meine zwei Freunde schon ihre Plätze eingenommen hatten. Ich selbst hatte den Fuß aufgehoben um in das Canoe zu treten, als ich gewaltige Streiche auf einen Rücken, so schien es mir, fallen hörte. Ich eilte zurück nach dem Orte, wo ich Jaap und seinen Gefangnen, Muß, verlassen hatte, und fand den Erstern, wie er mit dem Ende des Seils, womit der Indianer noch an den Armen gebunden war, ihm auf den nackten Rücken grausame Streiche versetzte. Muß, wie Jaap ihn nannte, zuckte nicht und schrie nicht. Die Fichte steht nicht aufrechter und regungsloser da an einem Sommermittag, als er dastand unter dieser Marter. Entrüstet stieß ich den Neger weg, durchschnitt mit eigner Hand die Bande des Indianers, und trieb meinen Sklaven vor mir her nach dem Canoe. Vierundzwanzigstes Kapitel. Bleich sank die Sonn', – trüb sank der Abend nieder, Der traur'ge Nachtwind heulte Grabeslieder; Ein Tag sah ihre Krieger todt – ihr Haupt Gefangen – ihres Ruhmes Kranz entlaubt! Mrs. Hemans. Nie werde ich diese entsetzliche Nachtreise vergessen. Susquesus ruderte allein, ohne unsern Beistand, das Canoe, denn wir waren von den Mühsalen des Tages zu erschöpft, um noch viel zu arbeiten, nachdem wir uns geborgen und in Sicherheit sahen. Selbst Jaap legte sich nieder und schlief einige Stunden – den Schlaf der Ermattung. Ich glaube jedoch, Keiner von uns schlief während der ersten paar Stunden, denn die Scenen, welche wir so eben erlebt hatten, und in der That auch diejenigen, die wir eben jetzt erlebten, wirkten diesem Erholungsmittel und Genuß entgegen. Es muß etwa neun Uhr Abends gewesen seyn, als unser Canoe die unselige Küste am Südende des George-See's verließ und stet und schweigend am östlichen Rande des Wasserspiegels dahinglitt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren wenigstens fünfhundert Boote abgesegelt, um dem obern Ende des See's zuzusteuern, da der Rückzug lange vor Sonnenuntergang angefangen hatte. Bei diesem traurigen Zuge wurde keine Ordnung beobachtet, sondern jedes Fahrzeug stieß ab, sobald es seine volle Ladung hatte. Alle Verwundeten befanden sich auf den friedlichen Gewässern des »Heiligen See's,« wie einige Schriftsteller diesen durchsichtigen klaren Wasserspiegel genannt haben, als wir uns in Bewegung setzten; und die Laute von abfahrenden Booten zeigten uns an, daß die Unverletzten ihnen so schnell folgten als die Umstände es gestatten wollten. Welch eine Nacht war das! Kein Mond stand am Himmel, und ein Schleier von dunklen Dünsten war über das Himmelsgewölbe gezogen, die meisten der milden Sommersterne verhüllend, welche man zu ihres Schöpfers Ehre und Preis hätte funkeln sehen sollen. In der Tiefe, zwischen den Grenzen der Berge, rührte sich kein Lüftchen, obgleich wir manchmal das Säuseln gelinder Luftströmungen in den Wipfeln der Bäume über uns vernahmen. Da die östliche Küste weniger Krümmungen hatte als die westliche, folgten die meisten Boote ihrer dunkelemporragenden Masse, weil dieß die nächste Route war, und wir befanden uns bald in der Linie der sich zurückziehenden Fahrzeuge. Ich nenne es eine Linie, denn obgleich keine Ordnung beobachtet wurde, und Alle nur so schnell sie konnten dem gemeinschaftlichen Bestimmungsort zueilten, waren doch so viele Boote zu gleicher Zeit in Bewegung, daß, so weit das Auge bei dem trüben, dämmernden Lichte reichte, eine ununterbrochene Folge derselben sichtbar war. Die Bewegung unsres Canoe's war rascher als die der schwerbeladenen und schwach mit Ruderern besetzten Fahrzeuge; denn die Soldaten waren nach dem Tag, den sie durchgemacht hatten, zu erschöpft, um an den Rudern zu arbeiten. Daher überholten wir fast alle und kamen bald in parallelen Curs mit den Booten, indem wir einige Ruthen näher dem Ufer hinfuhren als sie. Dirck jedoch bemerkte, daß zwei oder drei kleine Fahrzeuge selbst uns überholten. Sie fuhren in der That so nahe am Berge hin, ganz unter seinem Schatten, daß es schwer war zu sagen, was sie eigentlich waren; man vermuthete jedoch es seyen Walfischboote, deren mehr als hundert bei der Flotille waren und Offiziere von Rang trugen. Niemand sprach. Es schien mir, keine menschliche Stimme erhebe sich unter diesen gedemüthigten und geschlagenen Tausenden; das Plätschern der Ruder allein unterbrach, so lange wir in einiger Entfernung von der Linie waren, das Schweigen der Nacht; aber dieß dauerte auch unaufhörlich fort. Als jedoch unser Canoe weiter vorwärts kam, etwa ein paar Stunden, nachdem wir das Ufer verlassen hatten und wir die Boote einholten, welche zuerst abgestoßen waren, vermischte sich das Stöhnen und Wimmern der Verwundeten mit den einförmigen Tönen der Ruder. In zwei Hinsichten jedoch hatten diese Unglücklichen, trotz ihrer Leiden, Ursache sich noch glücklich zu preisen. Keine Armee hätte ihre Verwundeten mit weniger Schmerzen für die Verletzten transportiren können; und der fieberhafte Durst, welcher immer die Folge von Blutverlust ist, konnte mittelst des durchsichtigen Elements gestillt werden, auf welchem wir Alle schwammen. Nachdem Susquesus mehrere Stunden gerudert, wurde er von Jaap abgelöst; und Dirck, Guert und ich leisteten auch gelegentlich einigen Beistand. Jeder hatte ein Ruder und bediente sich desselben, wie es ihm passend schien, während der Onondago schlief. Gelegentlich nickte ich ein, wie auch meine Genossen; und wir Alle fühlten uns erquickt durch die Nacht und den Schlaf. Endlich erreichten wir den engen Paß, welcher den obern vom untern See trennte, und kamen jetzt auf den letztern. Dieß ist in der Nähe des Platzes, wo die Inseln so zahlreich sind, und wir mußten unausweichlich ganz dicht an einigen der Fahrzeuge passiren. Ich sage an einigen, denn die Linie wurde an diesem Punkt unterbrochen, da jedes Boot durch die Wasserstraße fuhr, die ihm die bequemste war. »Kommt näher mit diesem Rindencanoe,« rief uns ein Offizier von einem Fahrzeug an; »ich wünschte zu erfahren, Wer darin ist.« »Wir sind Freiwillige, welche sich dem – sten Regiment anschloßen, an dem Tage, wo die Armee aufbrach, und waren Gäste von Major Bulstrode. Bitte, Sir, könnt Ihr uns wohl sagen, wo dieser Offizier zu finden ist?« »Der arme Bulstrode! er erhielt eine sehr verdrießliche Wunde, schon frühe am Tag, und ward an mir vorbei getragen. Er wird einige Monate weder gehen noch reiten können, wenn auch sein Bein gerettet wird. Ich hörte den Oberbefehlshaber Befehl ertheilen, ihn auf dem ersten Boot mit Verwundeten über den See zu befördern; und Jemand hat mir gesagt, Bulstrode selbst habe die Absicht ausgesprochen, sich nach dem in einiger Entfernung befindlichen Hause eines Freundes tragen zu lassen, um den Greueln eines Armeen-Hospitals zu entgehen. Der Bursche hat Pferde genug, um sich in einer Pferdesänfte bis Kap Horn transportiren zu lassen, wenn er Lust hat. Ich will Euch dafür stehen, Bulstrode findet den Weg in ein gutes Quartier, wenn immer ein solches in Amerika zu finden ist. Ich vermuthe, dieser mein Arm wird herunter müssen, sobald wir das Fort William Henry erreichen; und wenn der Spaß vorüber ist, würde ich, muß ich gestehen, ihm erstaunlich gern Gesellschaft leisten. Fahrt zu, Gentlemen. Ich hoffe; ich habe Euch nicht aufgehalten, aber da ich ein Rinden-Canoe sah, hielt ich für meine Pflicht, mich zu vergewissern, ob uns keine Spione folgten.« Dieß also war auch wieder ein Opfer des Krieges! Er sprach zwar von dem Verlust eines Arms mit einer Kaltblütigkeit, als hätte es sich nur um den Verlust eines Zahnes gehandelt; aber dennoch zweifle ich nicht daran, daß er insgeheim in Bitterkeit des Herzens über dieß Unglück trauerte. Nie tragen die Menschen mit größerer Geschicklichkeit die Maske, als wenn sie durch den Ehrgeiz der Waffen aufgeregt und aufgestachelt sind. Und also Bulstrode nach Ravensnest! Er konnte sich nirgendshin sonst so leicht tragen lassen; und falls seine Wunde nicht von solcher Beschaffenheit war, daß sie beständige ärztliche Behandlung erheischte, wo konnte er besser untergebracht werden, als unter dem Dache Herman Mordaunt's? Soll ich gestehen, daß dieser Gedanke mich sehr quälte, und daß ich Thor genug war, zu wünschen; auch ich möchte im Falle seyn, zu Anneke zurückkehren und ihr Mitgefühl in Anspruch nehmen zu können, indem ich ein verwundetes Glied mit mir schleppte? Unser Canoe kam jetzt ganz nahe an einem andern Fahrzeug vorbei, dessen kommandirender Offizier aufrecht dastand, und, wie es schien, unsre Bewegungen beobachtete. Er schien unverletzt zu seyn, war aber vermuthlich mit einem besondern Auftrage betraut. Wie wir vorbeiruderten, fand folgende sonderbare Besprechung statt: »Ihr rudert schnell zurück, meine Freunde,« bemerkte der Fremde. »Ich bitte Euch, mäßigt Euren Eifer. Andere sind Euch schon vorangeeilt mit der schlimmen Zeitung.« »Ihr müßt eine schlimme Meinung haben, Sir, von unserm Patriotismus und unsrer Loyalität, daß Ihr meint, wir eilten so sehr mit der Nachricht, daß den britischen Waffen Schach geboten worden,« antwortete ich mit so trockenem Tone und in beinahe ebenso zweideutiger Art, wie der Andere gesprochen hatte. »Schach geboten! – Ich bitte tausendmal um Verzeihung – Ich sehe, Ihr seyd Patrioten, und zwar vom reinsten Wasser! Schach geboten, das ist das rechte Wort; obwohl schach matt noch anschaulicher und bezeichnender wäre; ein reizendes Spiel haben wir gehabt, Gentlemen! Was sagt Ihr? – der Zug ist jetzt an Euch!« »Die Truppen haben viele Festigkeit und Tapferkeit an den Tag gelegt,« antwortete ich, »was wir, die wir nur Freiwillige waren, jederzeit bereitwillig bezeugen werden.« »Ich bitte Euch wiederholt um Verzeihung,« erwiederte der Offizier, den Hut lüftend und sich tief verbeugend – »ich wußte nicht, daß ich die Ehre habe, mit Freiwilligen zu reden. Ihr habt Anspruch auf die allerhöchste Achtung, Gentlemen, daß Ihr als Freiwillige zu einem solchen Kampf gekommen seyd. Ich für meinen Theil finde die Ehre ganz erdrückend, obgleich ich mich keiner solchen überverdienstlichen Tugend zu rühmen habe. Freiwillige! Auf mein Wort, Gentlemen, Ihr werdet viele Wunder zu erzählen haben, wenn Ihr in den Familienkreis zurückkommt?« »Wir werden zu erzählen haben von der Tapferkeit der Hochländer, denn wir sahen Alles, was sie thaten und was sie litten.« »Ha! So waret Ihr also in der Nähe dieses tapfern Corps!« rief der Andere; und jetzt zum ersten Mal schien seine Stimme und der Sinn seiner Worte wirklich ein ehrliches, natürliches Gefühl zu verrathen; »ich ehre Männer, welche auch nur Zeugen und Zuschauer von so viel Muth waren, zumal wenn sie ihn in einiger Nähe in Augenschein nahmen. Darf ich Euch um Eure Namen fragen, Gentlemen?« Ich antwortete, nannte ihm unsre Namen, und erwähnte des Umstandes, daß wir Bulstrode's Gäste gewesen, und wie verdrießlich und leid es uns sey, nicht blos unsern Freund, sondern auch sein Corps verfehlt zu haben. »Gentlemen, ich ehre den Muth, mag er kommen, woher er will,« sagte der Unbekannte, mit lebhaftem, unverstelltem Gefühl, »und bewundere ihn am meisten, wenn ich ihn bei Eingeborenen dieser Kolonien in ihren eignen Händeln und Fehden finde. Ich habe gehört, daß Ihr in der Nähe des armen Howe gewesen, als er fiel, und ich hoffe mehr von Euch zu erfahren. Was den Mr. Bulstrode betrifft, so ist er jetzt vor einigen Stunden nach Süden zu abgegangen und beabsichtigt, sich bei Verwandten, die er in dieser Provinz hat, heilen zu lassen. Laßt dieß nicht unsre letzte Unterredung seyn, ich bitte Euch darum, sondern erinnert Euch des Kapitäns Charles Lee, vom – sten Regiment, der sich freuen wird, Euch Allen insgesammt die Hand zu bieten, wenn wir wieder ins Feld rücken.« Wir sprachen unsern Dank aus; aber da Susquesus dem Canoe plötzlich eine andere Richtung gegen das Ufer hin gab, ward die Unterredung auf einmal unterbrochen. Der Indianer war mittlerweile erwacht, und übte wieder sein gebietendes Ansehen auf dem Canoe. Zwischen den Inseln durchsteuernd, setzte er uns bald ans Land, genau an demselben Punkte, wo wir uns vor nur fünf Tagen eingeschifft hatten. Nachdem der Onondago seine kleine Barke in Sicherheit gebracht und befestigt hatte, führte er uns in die Schlucht hinauf, und nach einer stundenlangen, mühseligen Anstrengung gelangten wir wieder auf den kahlen Bergscheitel, wo wir früher geschlafen hatten. Wenn die Nacht so denkwürdig gewesen, so war es das Bild nicht minder, welches sich unsern Augen mit Anbruch des Tages darbot! Wir erreichten den hohen Luginsland etwa um dieselbe Zeit am Morgen, zu welcher mich einige Tage vorher der Indianer geweckt hatte, und hatten, was die Natur und Landschaft betrifft, dieselbe Aussicht. In einem gewissen Sinne waren auch die künstlichen oder zufälligen Bestandtheile derselben die nämlichen, obwohl sie sich in einem ganz andern Lichte darboten. Ich glaube die Wahrheit um Weniges oder gar nicht zu überschreiten, wenn ich sage, auch jetzt seyen, wie früher, tausend Boote sichtbar gewesen. Wenige, zwölf etwa zum Höchsten, schienen das obere Ende des See's erreicht zu haben; alle übrigen von der ungeheuren Flotille waren über die ruhige Fläche des reizenden Wasserspiegels hin zerstreut und bildeten eine lange Zickzacklinie dunkler Flecke, welche sich auf der einen Seite bis an den Strand unter Fort William Henry erstreckte, und auf der andern, so weit nur das Auge reichte. Aber wie ganz anders nahm sich der traurige, unterbrochene Zug von Booten aus, als die stattliche Ordnung, die kriegerischen Musikbanden, die freudigen Truppen und die Menge von feurigen jungen Männern, welche vor noch nicht einer Woche, erfüllt von Hoffnungen und triumphirend im Gefühl ihrer Kraft, in schimmernden Brigaden sich vorwärts drängten! Wie ich auf das Schauspiel hinstarrte, konnte ich nicht umhin, mir die ungeheure Summe von physischen Schmerzen, das bittre, geistige Leiden, und die tiefe Kränkung und Bekümmerniß auszumalen, welche unter dieser Schaar zurückkehrender Abenteurer sich finden mußte! Wir kamen so eben mitten von dieser Scene menschlichen Jammers und Elends her, und unsre Einbildungskraft vermochte sich Einzelheiten zu vergegenwärtigen, welche auf dem hohen Standpunkt, den wir jetzt inne hatten, ausser dem Bereich unsrer Sinne lagen. Eine Woche früher war der Name Abercrombie in Amerika in jedem Munde gewesen; die Erwartung hatte seinen Ruf auf jene schwindelnde Höhe gestellt, wo die wirkliche Leistung selbst sich kaum sicher fühlen darf. In der kurzen dazwischen liegenden Frist war er vernichtet. Die geneigt gewesen waren, ihn zu segnen, häuften jetzt Flüche auf sein verfehmtes Haupt, und Keiner war leicht so kühn, Etwas zu seinen Gunsten geltend zu machen. Die Menschen in Masse sind, wenn getäuschte Erwartung sie reizt und erbittert, nie gerecht. In der That ist es für das Individuum schon schwer, es dahin zu bringen, dieß zu lernen; aber frei von der engeren, persönlichen Verantwortlichkeit folgt der Einzelne dem großen Haufen und beschwichtigt seine eigne Beschämung und seinen verletzten Stolz dadurch, daß er in das Geschrei mit einstimmt, welches ein Opfer bezeichnet und fordert. Und doch war Abercrombie nicht der thörichte und eigensinnige Trotzkopf, als welchen Braddock sich erwiesen hatte. Sein Unglück war, daß er der Kriegführung des Landes unkundig war, wo er Dienste leisten sollte, und vielleicht daß er die eingebildete Unüberwindlichkeit der von ihm angeführten Veteranen überschätzte. In ganz kurzer Zeit ward er zurückberufen, und Amerika hörte Nichts mehr von ihm. Einige Vergütung für die Schmach, welche aufs Neue die britischen Waffen betroffen, war es, daß Bradstreet, ein Soldat welcher das Land kannte, und welcher viel Vertrauen in den jungen Mann setzte, den ich, einen Angehörigen ihrer Familie und ihres Hauses, bei Madame Schuyler getroffen hatte, an der Spitze einer starken Schaar von Provinzialen gegen Frontenac in Canada marschirte; ein Unternehmen, das mit Talent geleitet und durchgeführt, mit einem Triumph endete. Aber mit all diesem steht meine Geschichte nicht eigentlich in Verbindung. Sobald wir den kahlen Berggipfel erreicht hatten, hieß der Onondago Jaap ein Feuer anzünden, während er aus einem früher hier zurückgelassenen Vorrathe einige nothwendige Bestandtheile einer Mahlzeit hervorholte. Da Keiner von uns seit dem Morgen des vorigen Tages eine Speise gekostet hatte, war dieser Imbiß sehr willkommen, und wir Alle ließen es uns wie Halbverhungerte schmecken. Der Neger bekam natürlich auch seinen Theil; und dann traten wir zu einem Rath über unser weiteres Verfahren zusammen. »Die Frage ist, ob wir stracks nach Ravensnest uns auf den Weg machen sollen,« bemerkte Guert, »oder ob zuerst zu dem Landvermesser uns begeben, und sehen, wie die Dinge dort gehen.« »Da die Gefahr einer Verfolgung von Seiten der Franzosen nicht sehr groß seyn kann, weil ja alle ihre Boote auf dem andern See sind,« bemerkte ich, »so ist der Zustand des Landes so ziemlich derselbe wie vor dem Aufbruch der Armee.« »Befragt darüber den Indianer,« sagte Dirck in bedeutungsvollem Tone. Wir sahen Susquesus fragend an, denn eine Miene genügte immer, uns ihm verständlich zu machen, wenn nur zuvor eine irgend deutliche Bemerkung geäußert worden war. »Schwarzer Mann närrische Sachen machen,« bemerkte der Onondago. »Was ich gethan, Ihr Rothhautteufel?« fragte Jaap, der eine Art natürlicher Antipathie empfand gegen alle Indianer, gute oder schlechte, treffliche oder mittelmäßige; ein Gefühl das der Indianer mit wenig verhehlter Verachtung erwiederte. »Was ich thun, rother Teufel, he? daß Ihr das Masser Corny zu sagen wagt?« Susquesus zeigte keine Erbitterung über diese heftige und ziemlich grobe Frage, sondern er blieb unbewegt sitzen, als hätte er sie nicht gehört. Dieß verdroß Jaap nur noch mehr; und da mein Bursche bei allen Veranlassungen, wo sein Stolz gereizt wurde, sehr kampflustig war, hätte es unverweilt zu einem Kriege zwischen den Beiden kommen können, hätte ich nicht einen Finger aufgehoben, um auf einmal dem Ausbruch von Jakob Satanstoe's Zorn wirksam zu wehren. »Ihr solltet keine solche Beschuldigung gegen meinen Sklaven vorbringen, Onondago« sagte ich, »wenn Ihr sie nicht zu beweisen im Stande seyd.« »Er geschlagen rothen Krieger wie Hund.« »Was das thun?« brummte Jaap, durch meinen warnenden Wink nur halb beschwichtigt. »Wer je gehört, Rothhaut verletzt, wenn mit Seilstumpen geschlagen?« »Kriegers Rücken wie Squaw's Rücken. Schläge verletzen ihn. Nie vergessen.« »Gut, er daran denken;« grinste der Neger, seine Elfenbeinzähne von einem Ohr bis zum andern zeigend. »Muß mein Gefangener gewesen; und was mich nützen, wenn er laufen gelassen ohne Züchtigung? Ich wünschen, Ihr das sagen Masser Corny, statt Unsinn zu schwatzen ihm. Wenn er mich peitschen, Wer mich je gehört murren?« »Ihr habt nicht halb genug Schläge bekommen, Jaap, oder Euere Sitten müßten besser seyn,« dieß hielt ich für nöthig ihm zu sagen, denn der Bursche hatte nie früher in meiner Gegenwart eine solche Streit- und Händelsucht an den Tag gelegt; höchst wahrscheinlich, weil ich ihn nie früher im Hader mit einem Indianer gesehen. »Laßt mich davon Nichts weiter hören, oder ich werde genöthigt seyn, Euch die Rückstände auf der Stelle auszuzahlen.« »Ein wenig Gerben thut einem Neger gut, manchmal,« bemerkte Guert bedeutungsvoll. Ich bemerkte, daß Dirck, der selbst meinen Neger liebte, hauptsächlich weil er mein war, den Widerspenstigen vorwurfsvoll anschaute; und durch diese vereinigten Demonstrationen gelang es uns, des Burschen Zunge zu bändigen. »Nun, Susquesus,« fuhr ich fort, »wir Alle lauschen, zu hören was Ihr meint.« »Musquerusque Häuptling – Huronenhäuptling – hat sehr empfindlichen Rücken; nie vergessen den Strick.« »Ihr wollt uns zu verstehen geben, daß meines Schwarzen Gefangener Wohl einen Versuch machen dürfte sich zu rächen für die Schläge, die er von Jenem erhalten?« »Richtig. Indianer gutes Gedächtniß – nicht vergessen Freund, – nicht vergessen Feind.« »Aber Euer Hurone wird in Verlegenheit seyn, uns zu finden, Onondago. Er wird uns bei der Armee vermuthen; und sollte er auch wagen, uns hier aufzusuchen, so seht Ihr wohl, er wird sich getäuscht sehen.« »Nicht wissen das. Wald voll Pfade – Indianer voll Listen. Warum sprechen von Ravensnest?« »Wurde der Name Ravensnest in Gegenwart des Huronen genannt?« fragte ich, mehr beunruhigt durch einen so geringfügigen Gegenstand, als ich wohl hätte gestehen mögen. »Ja, es wurde etwas davon gesprochen, aber nicht so, daß der Kerl es verstehen konnte,« antwortete Guert gleichgültig. »Möge er nur kommen, wenn er noch nicht genug von uns hat.« Das war jedoch nicht meine Art, die Sache anzusehen; denn die Erwähnung von Ravensnest ließ Anneke vor meine Seele treten, umringt von den Schrecknissen indianischer Rache. »Ich will Euch zu dem Huronen zurückschicken, Susquesus,« fuhr ich fort, »wenn Ihr mir den Preis nennen könnt, mit welchem sich sein Vergessen des Vorgefallenen erkaufen läßt.« Der Onondago schaute mich einen Augenblick bedeutungsvoll an; dann beugte er sich vor, fuhr mit dem Zeigefinger seiner Hand um den Kopf Jaap's herum, in der Linie, welche gewöhnlich von dem Messer des Kriegers beschrieben wird, wenn er seinem Opfer die Siegestrophäe abschneidet. Jaap verstand den Sinn dieser sehr anschaulichen Geberde so gut als Einer von uns, und die Art, wie er mit den Fäusten in sein Wollenhaar griff, gleich als wolle er den Skalp an seinem Platze festhalten, machte uns Alle lachen. Der Neger theilte unsere Heiterkeit nicht; sondern ich sah wie er den Indianer anstarrte, ungefähr wie der Bullenbeißer die Zähne weist, ehe er seinen Sprung macht. Ein wiederholtes Aufheben meines Fingers jedoch erstickte seinen Ungestüm. Es war nothwendig, dieser Sache ein Ende zu machen, und Jaap erhielt Befehl, unsere Bündel für den bevorstehenden Marsch in Bereitschaft zu setzen. Seiner Gegenwart entledigt baten wir Susquesus, sich deutlicher zu erklären. »Ihr kennt Indianer,« versetzte der Onondago. »Jetzt, er denkt Rothröcke verjagt und weggekehrt, er aussehen nach Skalpen. Liebt alle Arten Skalpe – alten Skalp, jungen Skalp – Mannes Skalp, Weibes Skalp – Knaben Skalp, Mädchen Skalp – für alle bekommt Geld, bekommt Ehre. Kein Unterschied für ihn.« »Ja!« rief Guert, mit gewaltigem Aufathmen, wie es wohl bei einem Manne vorkommt, der lebhaft empfindet; »er ist ein eingefleischter Teufel, wenn er einmal recht die Witterung vom Blut hat! Also erwartet Ihr, diese französischen Indianer werden einen Einfall machen unter den Ansiedlern hier im Südwesten?« »Gehn zu den Nächsten – fragen nicht Wer es sey. Der Nächste Euer Freund; würde Euch nicht lieb seyn, vermuthlich.« »Ihr habt ganz Recht, Onondago, wenn Ihr das sagt. Es würde mir nicht lieb seyn, und auch meinen Begleitern hier würde es nicht lieb seyn; und das Nächste, was Ihr zu thun haben werdet, wird seyn, uns in geradester Richtung wie der Vogel fliegt, nach Ravensnest zu führen; das verbarrikadirte Haus; wißt Ihr, wo wir unsere Schätzchen gelassen haben.« Susquesus verstand ohne Schwierigkeit Alles, was gesprochen wurde, und zum Beweise hievon lächelte er bei der Anspielung darauf, welchen kostbaren Werth die Bewohnerinnen des Hauses für uns hätten, welches aufzusuchen ihm Guert gebot. »Squaw hübsch genug,« antwortete er schmunzelnd. »Kein Wunder, junger Mann an ihr Gefallen haben. Aber kann jetzt nicht dahin gehen. Erst finden Freunde, das Land messen. Alles einmal indianisches Land!« Diese letzte Bemerkung wurde in einer Art ausgesprochen, die mir nicht gefiel; denn der Gedanke schien dem Onondago so plötzlich durch den Kopf zu fahren, daß ihm die reine Erbitterung des Gemüthes diesen kurzen Satz abpreßte. »Es würde mir sehr leid thun, wenn das nicht der Fall wäre, Susquesus,« bemerkte ich, »denn unser Rechtsanspruch darauf ist deßhalb nur um so besser, wie die Urkunde unseres Kaufvertrags mit den Indianern darthun wird. Ihr wißt natürlich, daß mein Vater und sein Freund, Oberst Follock, dieß Land von den Mohawks gekauft und ihnen den von ihnen geforderten Preis dafür bezahlt haben.« »Rother Mann nie messen Land so. Er mit dem Finger deuten, Busch abbrechen, und sagen: Da, nehmt von diesem Wasser bis zu jenem Wasser.« »Alles ganz richtig mein Freund; aber da diese Art von Vermessung nicht dem Zweck entspricht, abgesonderte Güter zu bilden, sind wir genöthigt, das Ganze wieder in kleinere Loose vermessen zu lassen. Die Mohawks gaben zuerst meinem Vater und seinem Freunde so viel Land, als sie in zwei Tagen umgehen könnten, die Nacht zum Rasten darein gerechnet.« » Das guter Handel!« rief der Indianer mit lebhaftem Nachdruck. »Fuß kann nicht betrügen – Feder arger Schelm!« »Nun, wir haben den Vortheil doppelter Bewilligung; denn die Eigenthümer umschritten wirklich das Besitzthum, und eine Abtheilung Indianer begleitete sie, um zu sehen, daß Alles redlich zugehe. Darnach unterzeichneten die Häuptlinge eine schriftlich ausgefertigte Urkunde, damit kein Mißverständniß obwalte, und dann erhielten wir die Billigung des Königs.« »Wer gibt denn dem König Land, Wer? – Alles Land hier rothen Mannes Land; Wer es geben dem König?« »Wer machte die Delawaren zu Weibern? – Die Krieger der Sechs Nationen; nicht so, Susquesus?« »Ja, mein Volk geholfen. Sechs Nationen große Krieger, und Unterröcke angezogen den Delawaren, – so können sie nicht mehr betreten Kriegspfad. Was hat zu thun das mit Königs Land?« »Nun, des Königs Krieger, wißt Ihr, mein Freund, haben von diesem Lande Besitz genommen, gerade wie die Sechs Nationen Besitz nahmen von dem der Delawaren, ehe sie sie zu Weibern machten.« »Was geworden aus Königs Krieger jetzt?« fragte der Indianer mit Blitzesschnelle. »Wohin er entlaufen? Wo jetzt Land Tikonderoga? Wessen Land jetzt das am andern Ende des See's?« »Nun, des Königs Truppen haben allerdings einen Unfall erlitten; und für den Augenblick sind ihre Rechte und Ansprüche geschwächt, das muß man zugeben. Aber über kurz oder lang kann dieß Alles sich ändern, und der König wird sein Land wieder bekommen. Ihr werdet Euch erinnern, er hat nicht Tikonderoga an die Franzosen verkauft, wie die Mohawks Mooseridge an uns; und das macht, wie Ihr gestehen müßt, einen großen Unterschied. Ein Kauf ist ein Kauf, Onondago.« »Ja, Kauf, Kauf – das gut. Gut für rothen Mann, gut für Bleichgesicht – kein Unterschied – was Mohawk verkauft, er nicht wieder nehmen, sondern es Bleichgesicht lassen – aber wie Mohawk und König dazu kommen, zu verkaufen? Eignes Land von Beiden , he?« Das war eine Frage, die einem Indianer zu beantworten seine großen Schwierigkeiten hatte. Wir Weißen begreifen es ganz gut, daß eine humane Regierung, welche nach den unter civilisirten Nationen anerkannten Grundsätzen Ansprüche hat auf die Jurisdiktion über ausgedehnte, in den Urwäldern liegende Territorien, die nur, und zwar nur gelegentlich, von gewissen wilden Stämmen als Jagdgründe benützt werden, es für recht und billig hält, diese Stämme durch Kauf zufrieden zu stellen, ehe sie ihre Ländereien zum Behuf und für die Zwecke des civilisirten Lebens vertheilt; aber nicht so leicht ist es wohl, einem einfältig natürlichen Sinne begreiflich zu machen, daß ein und dasselbe Gut zwei Eigenthümer haben soll. Das Verfahren ist einfach und einleuchtend genug für uns und zeugt für unsre guten Gesinnungen, denn wir hätten die Macht, diese Ländereien zu verwilligen, ohne den indianischen Rechtstitel auszulöschen, wie der Ausdruck lautet; aber es hat Schwierigkeiten für den Verstand von Solchen, die nicht daran gewöhnt sind, die Gesellschaft von den vielfachen Interessen der Civilisation umsponnen zu sehen. In der That gewährt der Abkauf von den Indianern, nach unsern Gesetzen, keinen weitern Rechtstitel, als die Befugniß, bei dem Rathe einen Anspruch auszuwirken, durch die Bewilligung der Krone zu erwerben, wofür letzterer eine solche Erkenntlichkeit zu entrichten ist, als sie in ihrer Weisheit zu verlangen für gut findet. Doch war es nothwendig, dem Onondago eine Antwort auf seine Frage zu geben, damit er nicht das irrige Vorurtheil mit sich nähme, als besäßen wir unser Eigenthum nicht mit Recht. »Gesetzt Ihr findet eine Büchse nach Eurem Geschmack, Susquesus,« sagte ich, nachdem ich einen Augenblick über die Sache nachgedacht, »und es finden sich zwei Indianer, welche Beide behaupten, sie gehöre ihnen; wenn Ihr nun jedem Krieger den von ihm geforderten Preis bezahlt, ist dann Euer Besitzrecht deßwegen schlechter, weil Ihr dieß gethan habt? Ist es nicht vielmehr besser?« Der Indianer war über diese Antwort betroffen, welche seiner Denkweise zusagte. Er streckte seine Hand aus, faßte die meinige und schüttelte sie herzlich, als wollte er damit sagen, daß er zufrieden gestellt sey. Nachdem diese Episode so befriedigend abgemacht war, wandten wir uns zu der wichtigeren Frage, was wir zunächst beginnen, wohin unsre Schritte richten sollten? »Es scheint fast, der Onondago erwartet, daß die französischen Indianer jetzt einen Schlag gegen die Ansiedlungen führen werden,« bemerkte ich meinen Begleitern, »und daß unsre Freunde zu Ravensnest unsrer Hülfe bedürfen könnten; aber zugleich ist er der Meinung, wir sollten zuerst nach Mooseridge zurückkehren und die Landvermesser aufsuchen. Welche Handlungsweise leuchtet Euch als die beste ein, meine Freunde?« »Laßt uns zuerst die Gründe des Indianers hören, warum wir die Landvermesser aufsuchen sollen,« versetzte Guert. – »Wenn er triftige Gründe für seinen Vorschlag hat, so bin ich bereit ihm zu folgen.« »Landvermesser hat Skalp, so gut wie Squaw,« sagte Susquesus in seiner kurzen, bündigen Art. »Das muß die Sache ins Reine bringen!« rief Guert. »Jetzt verstehe ich Alles. Der Onondago meint, die Gesellschaft in Mooseridge könne, allein und ohne Unterstützung, abgeschnitten werden, und wir sollten sie von dieser Gefahr in Kenntniß setzen.« »Alles ganz richtig,« versetzte ich; »und als unsre Leute haben sie auch das Recht, dieß von uns zu erwarten. Dennoch, Guert, sollte ich meinen, die Landvermesser seyen da, wo sie jetzt sind, mitten im Herzen des Waldes, wohl noch ein ganzes Jahr sicher. Ihr Geschäft ist gewiß nicht bekannt, und Wer sollte sie denn verrathen?« »Sehen!« sagte Susquesus mit Ernst. »Tödtet Hirsch, laßt ihn im Wald. Würde nicht Rabe das Aas finden?« »Das mag ganz wahr seyn; aber der Rabe hat einen Instinkt, den ihm die Natur gegeben, um ihm seine Nahrung zu verschaffen. Er fliegt hoch in der Luft, überdieß, und kann weiter sehen als ein Indianer.« »Nichts weiter sehen als Indianer! Rothmann auch hoch fliegt. Sieht vom Salzsee bis zum süßen Wasser. Kennt jedes Ding in den Wäldern. Kann ihm nichts sagen, das er nicht kennt.« »Ihr glaubt doch nicht, Susquesus, daß die Huronenkrieger unsre Vermesser in Mooseridge finden könnten?« »Warum nicht sie finden? Finden Glenn; warum nicht auch finden den Hügelrücken? Finden Mooseridge, gewiß; finden Landvermesser.« »Alles erwogen, Corny,« bemerkte Guert nach einigem Nachsinnen, »würden wir wohl daran thun, dem Rathe des Indianers zu folgen. Ich habe von so vielem Unglück gehört, welches Leute im Busch betroffen hat, in Folge davon, daß sie den Rath von Indianern verschmäht haben, daß ich mich zu einigem Aberglauben in diesem Punkt bekenne. Bedenkt nur, was gestern sich ereignet hat! Hätte man die Ansicht der Rothhäute beachtet, so möchte Abercrombie jetzt ein Sieger seyn, statt ein elender, geschlagener Mann!« Susquesus hob einen Finger auf und sein dunkles Angesicht wurde von einem Ausdruck erleuchtet, der noch beredter war als seine Zunge. »Warum nicht öffnen das Ohr der Rede des rothen Mannes?« fragte er mit Würde. »Mancher Vogel singt ein Lied, das gut – mancher singt schlechtes Lied – aber alle Vögel kennen ihren eignen Gesang. Mohawk Krieger an den Wald gewohnt und verfolgen einen krummen Kriegspfad, wenn er begegnet vielen Feinden. Großer Yengeese-Häuptling denkt, sein Krieger hat zwei Leben, daß er ihn hinstellt vor Kanone und Büchse, daß er steht und erschossen wird. Kein Indianer so Thörichtes thun – nein nie!« Da sich gegen die Wahrheit dieser Behauptungen Nichts einwenden ließ, so ward die Sache nicht weiter erörtert; und nachdem wir unter uns beschlossen, uns von dem Onondago auf dem Weg, welchen wir gekommen, zurück führen zu lassen, erklärten wir ihm unsre Bereitwilligkeit aufzubrechen, sobald es ihm beliebe. Da er genugsam ausgeruht war, stand Susquesus, der Alles ganz systematisch that, und nie weder Ungeduld noch Verdrossenheit blicken ließ, auf und führte uns von dannen. Unsre Richtung war jetzt gerade die entgegengesetzte von derjenigen, die wir verfolgt, als wir von Mooseridge auszogen; und ich ermangelte nicht zu bemerken, daß, so genau war die Ortskenntniß unsres Führers, wir an vielen Gegenständen vorbei kamen, an welchen uns früher unser Weg vorbei geführt hatte. Da war Nichts von einem Weg oder einer Fährte, außer hin und wieder Fußtapfen von unsrem frühern Marsche her; aber es war unverkennbar, daß der Onondago diesen nicht die mindeste Aufmerksamkeit zuwandte, da er andere, sichrere Merkmale für seine Führung besitzen mußte. Guert schritt zunächst hinter dem Indianer und ich war der Dritte in der Linie. Wie oft, an diesem mühevollen Tage, betrachtete ich meinen Vorgänger, voll Bewunderung seiner Gestalt und Haltung! Die Natur schien ihn zum Soldaten bestimmt zu haben. Obwohl so stark, war doch sein Körper gelenkig, ein Punkt worin er von Dirck verschieden war; denn an diesem, so jung noch, waren doch schon Symptome einer nicht allzu fern bevorstehenden Schwerfälligkeit zu bemerken. Sodann war Guert's Haltung eben so schön als seine Gestalt. Den Kopf hielt er aufrecht; das Auge hatte einen ebenso steten als feurigen Blick; und der Tritt war elastisch und fest dabei. Bis zur letzten Stunde auf diesem langen und ermüdenden Marsch, sprang Guert über Holzblöcke, und über Spalten und Schluchten auf dem Wege und beurkundete noch sonst, daß seine stählernen Sehnen und gehärteten Muskeln noch ihre volle Kraft besaßen. Wie er vor mir her schritt, sah ich erst, daß ein Theil des Besatzes seines Jagdhemdes im Gefecht abgerissen worden und eine Musketenkugel durch seine Mütze gegangen war. Ich erfuhr nachher, daß Guert wohl wußte, wie er so drohenden Gefahren entgangen, aber seine Natur war so mannhaft, daß er nicht daran dachte, es zu erwähnen. Wir machten wie früher nur ein einziges Mal halt, um zu Mittag zu essen; aber wenig ward bei diesem Imbiß gesprochen und keine Abänderung unseres Planes wurde beantragt. Wir befanden uns jetzt auf dem Punkt, wo wir von unserer bisherigen Richtung abgehen mußten, wenn wir zuerst nach Ravensnest uns wenden wollten, aber obgleich Alle das wußten, wurde doch kein Wort über den Gegenstand gesprochen. »Wir werden dem Mr. Traverse und seinen Leuten unwillkommene Zeitungen bringen,« bemerkte Guert ein paar Minuten ehe wir wieder aufbrachen; »denn ich nehme als ausgemachte Sache an, daß die Neuigkeit uns nicht vorausgeeilt seyn kann.« »Wir die Ersten,« versetzte der Onondago. »Noch zu bald für Huronen. Denke so – Niemand weiß.« »Ich wünschte, Corny,« fuhr der Albanier fort, »wir hätten daran gedacht, ein Wort wegen dieser verwünschten Expedition zu Doortje zu sagen. Es taugt Nichts, wenn Einer sich über seine Angelegenheiten hinweg setzt, und Wer sich dem Schicksal in den Weg stellt, dürfte wohl dann und wann Nutzen davon ziehen, wenn er eine Schicksalsverkündigerin befragte.« »Hätten wir das auch gethan, und es wäre uns Alles so geweissagt worden, wie es geschehen, meint Ihr es würde an den Ergebnissen Etwas geändert haben?« »Vielleicht nicht, da wir wohl die Leute gewesen wären, die das Vernommene wieder erzählt hätten. Aber Abercrombie selbst hätte kein Bedenken tragen sollen, dieß merkwürdige alte Weib zu besuchen. Sie ist ein wunderbares Geschöpf, Corny, wie wir Alle gestehen müssen, und ein kluger General würde nicht ermangeln zu beachten was sie ihm sagte. Es ist tausendmal Schade, daß nicht entweder der Oberbefehlshaber oder der Generaladjutant bei Doortje einen Besuch gemacht, ehe sie Albany verließen. Meines Lord Howe kostbares Leben wäre dann vielleicht erhalten worden.« »Wie so, Guert? Ich vermag nicht recht einzusehen, in welcher Weise etwas Gutes dabei herauskommen sollte?« »In welcher Weise? nun, in der allereinfachsten Weise. Setzt nur den Fall, Doortje hätte diese Niederlage geweissagt, so ist klar, Abercrombie, wenn er irgend Glauben an das alte Weib gehabt, hätte den Angriff nicht gemacht.« »Und so der Niederlage eine Niederlage beigebracht. Seht Ihr nicht, Guert, daß die Wahrsagerin im besten Fall nur weissagen kann, was geschehen wird , und daß, was kommen muß , auch kommt ? Es wäre etwas Leichtes für Jeden von uns, einen großen Namen als Wahrsager uns zu erwerben, wenn wir weiter Nichts zu thun hätten, als Mißgeschicke zu weissagen, damit unsre Freunde sie vermeiden könnten. Da in Folge der getroffenen Vorsichtsmaßregeln, um die Uebel abzuwenden, diese nie eintreten würden, würde ein solcher Ruf leicht und wohlfeil zu behaupten seyn.« »Bei St. Nicholas! Corny, an das habe ich nie gedacht! Aber Ihr seyd in einem Collegium gebildet worden, und in einem Collegium gabelt man tausenderlei Dinge auf, von welchen man sich in einer Akademie nicht träumen läßt. Ich finde jeden Tag Grund, meinen Müssiggang als Knabe zu beklagen, und es wird ein Glück seyn, wenn ich ihn nicht mein ganzes Leben lang zu beklagen habe!« Der arme Guert! Er war immer so bescheiden und demüthig, wenn das Gespräch, auch noch so zufällig und unabsichtlich von meiner Seite, auf Erziehung und Bildung kam, daß nie dergleichen erörtert wurde, ohne daß es mir wehe that, und den Wunsch in mir erregte, es zu vermeiden. Da die Frist der Rast nunmehr verstrichen, war es leicht für jetzt dieser Erörterung ein Ende zu machen durch Erinnerung an jenen Umstand, und durch Fortsetzung unseres Marsches. Wir hatten für den Nachmittag einen harten Marsch, obgleich keiner von allen Fünfen die mindeste Geneigtheit zeigte, in unserer Eile nachzulassen. Susquesus schien mir gar nie Erschöpfung oder Hunger zu fühlen. Ohne Zweifel kannte er beide Empfindungen wohl; aber so sehr war er an strenge Selbstbeherrschung gewohnt, daß er, was er in dieser sowie in den meisten andern Beziehungen etwa litt, vollkommen zu verbergen im Stande war. Die Sonne war dem Untergange nahe, als wir die Grenzen des Gutes Mooseridge betraten. Wir überzeugten uns von diesem Umstande, als wir an den Grenzbäumen vorbei kamen, von welchen manche Figuren in die Rinde gehauen hatten, um die Nummern der großen Abteilungen des Besitztums zu bezeichnen. Guert deutete auf diese Merkzeichen hin, denn er war mit den Wäldern viel vertrauter als Dirck und ich. Von diesen Anhaltspunkten unterstützt, fiel es uns eben nicht schwer, in ziemlich gerader Richtung auf die Hütte zuzusteuern. Susquesus erachtete einige Vorsicht nöthig, als wir uns dem Endziel unserer Reise näherten. Er hieß uns zurückbleiben, während er selbst vorausging, um zu rekognosciren. Ein Signal von ihm führte uns jedoch bald auf den Punkt, wo er stand, wo wir dann die Hütte gerade so trafen, wie wir sie verlassen hatten, aber keine Seele in der Nähe. Dieß mochte bloßer Zufall seyn, da die landvermessende Gesellschaft häufig lieber auswärts kampirte, als nach einem anstrengenden Tagewerk noch einen langen Marsch machte; und Pete mochte es leicht vorgezogen haben, mit den andern Männern zu gehen, statt allein in der Hütte zu bleiben. Wir schritten daher zuversichtlich auf das Gebäude zu. Als wir es erreichten, fanden wir das Haus leer, wie wir vermuthet hatten, aber alle Anzeichen sprachen dafür, daß seine Inhaber es vor ganz kurzer Zeit, spätestens am Morgen, verlassen hätten. Jaap machte sich sofort daran ein Nachtessen zu bereiten aus den regelmäßigen Vorräthen der Gesellschaft, welche man sämmtlich am rechten Orte und im Ueberfluß vorfand. Als ich den Burschen genauer ausfragte, erfuhr ich, daß er der Meinung war, Mr. Traverse sey an diesem Tage gerade weggegangen, höchst wahrscheinlich nach einem entfernten Punkte des Patents, und habe Pete mit sich genommen, da Alles mit einer Sorgfalt zugedeckt und aufgeräumt sey, welche auf eine Abwesenheit für eine kurze Zeit hindeutet. Der Indianer hörte die dahin gehende Bemerkungen des Negers, und bedeutungsvoll den Kopf emporwerfend sagte er: »Nicht nöthig vermuthen – gehen und sehen – hell genug – Zeit genug. Indianer es bald sagen.« Er verließ auf der Stelle die Hütte und eilte sofort, diese freiwillig übernommene Pflicht zu erfüllen. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Du zitterst, und die Blässe deiner Wange Zeugt klarer als dein Mund, was du uns bringst. Shakespeare. Die Neugier trieb mich, dem Indianer zu folgen, um seine Bewegungen zu beobachten. Susquesus entfernte sich eine kleine Strecke von der Hütte und verließ den Hügel ganz, bis er niederes Land erreichte, wo Fußtapfen am ehesten sichtbar seyn mußten, worauf er langsam den Platz zu umkreisen begann, die Augen auf den Boden geheftet, wie die Nase des Hundes der Witterung folgt. Das Vornehmen des Onondago interessirte mich so sehr, daß ich mich zu ihm gesellte, mich jedoch hinter ihm hielt, um ihn in seinem Thun nicht zu stören. Fußtapfen waren da in Menge, zumal auf dem tiefliegenden feuchten Grund, wo wir uns befanden; aber mir schienen sie alle dem Indianer für seinen Zweck durchaus keinen Aufschluß geben zu können. Die meisten von unserer Gesellschaft trugen Mokkasins; und es war nicht leicht abzusehen, wie unter diesen Umständen und bei einem solchen Gewirre von Fußtapfen es möglich seyn sollte, daß Einer feindliche von befreundeten Fußtapfen unterschied. Daß Susquesus aber die Sache doch für möglich hielt, ging deutlich hervor aus der Emsigkeit und Beharrlichkeit, womit er die Sache betrieb. Anfänglich hatten die Bemühungen meines Begleiters keinen Erfolg, oder wenigstens kein ihn befriedigendes Ergebniß; aber nachdem er die Hütte zur Hälfte umkreist hatte, immer in einem Abstand von etwa hundert Schritten davon sich haltend, blieb er plötzlich stehen, bückte sich ganz auf die Erde nieder, stand dann wieder auf, und einen zerbrochenen Ast in den Boden steckend, als Merkzeichen, winkte er mir, mich ein wenig seitwärts zu halten, während er einen rechten Winkel mit seiner früher verfolgten Richtung beschrieb und hineinwärts nach unsrer Hütte zu sich wandte. Ich folgte ihm langsam, Schritt für Schritt, seine Bewegungen beobachtend. In dieser Weise erreichten wir die Hütte, wobei wir von der graden Linie etwas abwichen. An der Hütte selbst nahm Susquesus eine lange und genaue Prüfung und Untersuchung vor; aber selbst ich bemerkte, daß die Fußspuren hier so zahlreich waren, daß sie ihn verwirren mußten. Nachdem er hier seine Nachforschung beendigt, wandte sich der Indianer und ging nach der Stelle zurück, wo er den Ast in den Boden gesteckt hatte. Hiebei jedoch folgte er seinen eigenen Fußtapfen, und kehrte genau auf demselben Umweg zurück, auf welchem er sich genähert hatte. Dieß allein schon würde mich überzeugt haben, daß er mehr sah als ich; denn, die Wahrheit zu gestehen, ich hätte ihm dieß nicht gleichthun können. Als wir den Ast erreichten, verfolgte Susquesus die (für mich unsichtbare) Spur über den Kreis hinaus, in den Wald hinein, in gerader Linie von der Hütte und der Quelle. Ich blieb fortwährend in seiner Nähe, obgleich Keiner von uns während dieser ganzen Untersuchung, die jetzt eine volle halbe Stunde dauerte, ein Wort gesprochen hatte. Da es nunmehr dunkel wurde, und Jaap das Signal gab, daß unser Nachtessen fertig sey, dachte ich, es möchte gut seyn endlich das Schweigen zu brechen. »Was macht Ihr aus all diesem, Trackleß?« fragte ich ihn. »Findet Ihr Zeichen von Fußtapfen?« »Gute Spuren,« antwortete Susquesus. »Und frische Spuren. Sehen aus wie von Huronen.« Das war freilich erschreckende Nachricht; jedoch, so sehr ich geneigt war, im Allgemeinen der Einsicht meines Begleiters in solchen Dingen zu vertrauen, glaubte ich, er müsse sich in diesem Falle irren. Erstlich konnte ich, obwohl ich viele Fußtapfen in der Nähe der Hütte und auf dem niedern Grund hin gesehen hatte, wo der Indianer seinen Kreis beschrieben, da wo wir jetzt standen, keine entdecken. Ich bemerkte dieß dem Indianer und bat ihn, mir eigens eines der Anzeichen bemerklich zu machen, die ihn auf seine Vermuthung führten. »Seht,« sagte Susquesus, sich so tief bückend, daß er mit einem Finger das todte Laub berührte, welches immer im Wald eine Art Fußteppich bildet, »hier Mokkasin gewesen – dieß Ferse, dieß Zehen.« Mit solcher Nachhülfe vermochte ich eine schwache Fußtapfe zu entdecken, welche mit Hülfe der Einbildungskraft so gedeutet werden konnte; obwohl der sehr leise Eindruck auf dem Boden, der sich entdecken ließ, wie mir schien beinahe ebensowohl für irgend etwas Anderes angesprochen werden mochte. »Ich sehe, was Ihr meint, Susquesus; und ich gebe zu, es kann eine Fußtapfe seyn,« antwortete ich; »aber es kann auch ebenso gut von irgend etwas Anderem herrühren, was gerade hier die Erde berührt hat. Es kann durch den herabgefallenen Zweig eines Baumes verursacht worden seyn.« »Wo Zweig?« fragte der Indianer mit Blitzesschnelle. »Wahrhaftig, das ist mehr als ich sagen kann. Aber ich kann das nicht für Huronenfußtapfen halten ohne triftigere Beweise als Ihr mir bis jetzt gegeben.« »Wie nennt Ihr das hier, dieß dort und jenes?« fuhr der Indianer fort, rasch zurücktretend und auf vier ähnliche aber sehr schwache Eindrücke auf dem Laub deutend; »es nicht sehen, he? Und dazu die Schritte ganz auseinander!« Dieß war allerdings wahr; und jetzt, nachdem meine Aufmerksamkeit diese Richtung, meine Sinne diese Nachhülfe erhalten hatten, entdeckte ich, muß ich gestehen, verschiedene Spuren von Fußtritten, welche sonst meiner ernstlichen Nachforschung entgangen seyn würden. »Ich sehe, was Ihr meint, Susquesus,« sagte ich, »und ich will zugeben, daß diese Linie von Eindrücken oder Spuren dazu beiträgt, sie als Fußtritte erscheinen zu lassen. Aber jedenfalls tragen die Meisten von unserer Gesellschaft Mokkasins ebenso wie die rothen Männer, und wie wißt Ihr, ob nicht einer oder der andere von den Landvermessern diesen Weg gemacht haben?« »Landvermesser keine solche Eindrücke machen. Zehen einwärts gekehrt.« Auch dieß war wahr. Aber es folgte noch nicht daraus, daß Fußtapfen von Huronen herrühren, weil sie indianische waren. Denn, woher sollten die feindlichen Krieger kommen in so kurzer Zeit, wie die zwischen der vorgefallenen Schlacht und dem jetzigen Augenblick liegende war? Es waltete kein Zweifel darüber ob, daß alle Streitkräfte der Franzosen, Bleichgesichter und Rothhäute, bei Tikonderoga zusammengezogen waren, um den Engländern Widerstand zu leisten; und die Entfernung war so groß, daß es für eine Truppe beinahe unmöglich war, diese Stelle so bald zu erreichen, wenn sie nach dem Eintritt der jüngsten Ereignisse aus der Umgegend der Feste aufgebrochen war. Hätte nicht der See ein Hinderniß in den Weg gelegt, so hätte ich auf die Vermuthung kommen können, daß Abtheilungen von Plänklern der vorrückenden Armee in die Flanken geschickt worden seyn möchten, wodurch uns Feinde allerdings näher gekommen wären; aber der See war nun einmal da, welcher auf mehr als dreißig Meilen das Anrücken sicher stellte, und den Gebrauch solcher Plänkler unnütz machte. Alles dieß drängte sich mir im Augenblick auf, und ich sprach es gegen meinen Begleiter aus, als ein Argument gegen seine Vermuthung. »Nicht wahr,« antwortete Susquesus, den Kopf schüttelnd. »Diese Spur – auch Huronenspur. Kennt nicht rothe Männer, daß Ihr so sprecht.« »Aber rothe Männer sind menschliche Wesen so gut wie Bleichgesichter. Es müssen siebzig Meilen seyn von hier bis an das untere Ende des George-See's, und nach Eurer Vermuthung müßte eine Schaar Indianer diese Entfernung in weniger als vierundzwanzig Stunden zurückgelegt haben, um einige Zeit vor uns hier einzutreffen.« »Wir doch auch so gereist, he?« »Ich gebe Euch das zu, Trackleß; aber wir machten einen großen Theil der Reise in einem Canoe, wo wir Alle abwechselnd schliefen und ruhten. Diese Huronen aber müßen die ganze Strecke zu Land zurückgelegt haben.« »Nicht so, Hurone Canoe rudern so gut wie Onondago. See dort, Canoe's genug. Warum nicht kommen?« »Glaubt Ihr, Trackleß, daß von den französischen Indianern sich welche auf den See gewagt haben würden, während er von unsern Booten bedeckt gewesen, wie dieß vorige Nacht der Fall war?« »Wozu unsere Boote gut, he? Verwundete Krieger führen – flüchtige Krieger führen – um was sich kümmern? Glaubt Ihr, Huronen fürchten Boot? Hat Boot Augen, he? Boot sehen, Boot hören, Boot schießen, he?« »Vielleicht nicht; aber diejenigen, die in den Booten sind, können das Alles, und würden wenigstens ein fremdes Canoe anrufen.« »Boot anrufen mein Canoe; he? Onondago Canoe auch fremdes Canoe.« Alles dieß war klar genug, als ich darüber nachzudenken anfing. Allerdings war es für ein Canoe mit zwei oder drei Rudern wohl möglich, die ganze Länge des See's in weniger Zeit zu durchmessen, als wir gebraucht hatten zu zwei Drittheilen dieser Entfernung; und eine Abtheilung, welche in der Nähe von William-Henry landete, konnte allerdings den Ort, wo wir uns jetzt befanden, noch einige Stunden vor uns erreichen. Dennoch blieben noch alle die andern für meine Ansicht von der Sache sprechenden Unwahrscheinlichkeiten. Es war unwahrscheinlich, daß eine Truppe gerade in dieser Weise diesen Weg gemacht haben sollte; es war noch unwahrscheinlicher, daß eine solche Truppe, auf dem Kriegspfad kommend aus einer fernen Gegend des Landes, genau wissen sollte, wo unsere Hütte zu finden war. Nach augenblicklichem Bedenken, während wir Beide langsam uns zu unsern Genossen begaben, legte ich dem Onondago diese Einwürfe vor. »Kennt nicht Indianer,« versetzte er mit ernsterer Lebhaftigkeit in seinem Benehmen, als bei ihm gewöhnlich war, wenn er sich herabließ, mit einem Bleichgesicht die Bräuche und Gewohnheiten der Stämme zu erörtern. »Er zuerst fechten; dann Skalpe suchen. Schon todtes Pferd im Walde gesehen – nun, keine Krähen um es her, he? Krähen genug, nicht so? Gerade so Indianer. Verwundete Krieger fortschleppen und Indianer im Walde auflauern, hinter der Armee. Skalp zu bekommen. Skalp gut nach Schlacht. Ihm sehr daran gelegen. Wald voll von Huronen, Pfad nach Albany entlang. Yengeese der Muth gesunken, den Huronen gestiegen. Skalp so gut, denkt an nichts Anderes.« Mittlerweile erreichten wir die Hütte, wo wir Guert und Dirck schon an ihrem Nachtessen trafen. Ich will gestehen, daß mein Appetit nicht so gut war, als er ohne des Onondago Vermuthungen und Entdeckungen gewesen seyn würde; obwohl ich Platz nahm und mit meinen Freunden zu essen anfing. Während des Mahles theilte ich meinen Genossen Alles mit, was vorgefallen war, und fragte insbesondere Guert, welcher mit dem Busch ganz ordentlich bekannt war, was er von der Wahrscheinlichkeit des Falles halte. »Wenn feindliche Rothhäute wirklich in jüngster Zeit hier gewesen sind,« antwortete der Albanier, »so sind es durchtrieben schlaue Teufel gewesen; denn kein Gegenstand in oder ausser der Hütte ist auch nur verrückt worden. Ich habe selbst darauf geachtet, sobald wir ankamen; denn ich habe es für gar nicht unwahrscheinlich gehalten, daß die Huronen ausziehen würden auf der Straße zwischen William-Henry und den Ansiedlungen, und versuchen, Skalpe zu erbeuten von den Abtheilungen, welche mit verwundeten Offizieren zurückgeschickt werden würden.« »In welchem Falle auch unser Freund Bulstrode in Gefahr käme.« »Er muß sich auf Alles gefaßt machen, so wie wir Alle. Aber er wird vermuthlich nach Ravensnest transportirt werden, als das nächste Nest, wo er ein Unterkommen finden kann. Mir gefällt aber diese Spur gar nicht, Corny, denn eine Rothhaut vom Charakter des Onondago irrt sich selten in solchen Dingen.« »Es ist jetzt zu spät, um heute Nacht noch Etwas anzufangen,« bemerkte Dirck. »Zudem glaube ich auch nicht, daß irgend ein großes Unglück Einem von uns zustoßen wird, sonst würde Doortje doch einen Wink deßhalb fallen gelassen haben. Solche Wahrsagerinnen lassen selten eine ernste Begebenheit hinaus, ohne davon auf die eine oder die andere Art Kunde zu nehmen. Ihr seht, Corny, wir sind bei dem ganzen Handel bei Ty, ohne daß uns die Haut geritzt worden wäre, durchgekommen, was sehr stark dafür spricht, daß das alte Weib Recht hatte.« Der arme Dirck! jene Weissagung hatte einen tiefen Eindruck auf sein Gemüth gemacht und war von großem Einfluß für sein ganzes künftiges Leben. Es mußte Einer einen starken Glauben haben, um sich einbilden zu können, ein Uebergehen, ein Nichterwähnen dieser Art schließe irgendwie die Bedeutung einer positiven, bejahenden Weissagung in sich. Aber doch hatte Dirck in Einer Beziehung die Wahrheit gesprochen. Es war zu spät, um an diesem Abend noch Etwas anzufangen, und es blieb uns Nichts übrig, als Vorkehrungen zu treffen, um so sicher als möglich der Ruhe zu genießen. Wir beriethen uns über diesen Gegenstand und beriefen auch den Indianer, um uns mit seinem Rathe an die Hand zu gehen. Nachdem wir die Sache besprochen, ward beschlossen, zu bleiben wo wir waren, die Thüre zu schließen und zu verrammeln, und Alle in dem Gebäude zu versammeln; denn die Neger und die Indianer hatten es stark in der Gewohnheit gehabt, draußen herum irgendwo zu schlafen, unter einem leichten Dach von Gehölz und Buschwerk, das sie sich aufgeschlagen. Man dachte, der Feind, falls er ein Feind war, werde, nachdem er einmal die Hütte besucht und sie leer gefunden, wohl schwerlich alsbald wieder dahin zurückkommen, und wir durften uns schon in Folge dieses Einen Umstandes verhältnißmäßig sicher glauben. Dann war aber auch ganz wohl möglich, daß die Fußspuren von befreundeten, und nicht von feindlichen Indianern herrühren mochten, obgleich Susquesus verneinend den Kopf schüttelte, so oft dieß erwähnt wurde. In jedem Fall hatten wir nur die Wahl zwischen drei Dingen: entweder das Patent zu verlassen, und in der Flucht Sicherheit zu suchen; oder auswärts zu kampiren, oder uns in unsre Feste einzuschließen. An das Erste dachte für den Augenblick Niemand; und von den beiden andern Verfahrungsweisen entschieden wir uns für die letztere, als die bequemste und, Alles erwogen, die sicherste. Ich zweifle, ob eine Stunde, nachdem wir zu diesem Entschluß gekommen, noch Einer von uns fünfen Allen Etwas davon wußte. Ich habe in meinem Leben nie fester geschlafen und meine Genossen versicherten nachmals dasselbe von sich und der Art, wie sie die Nacht zugebracht. Erschöpfung, Jugend und Gesundheit verhalfen uns Allen zu einem erquickenden Schlaf; um neun Uhr legten wir uns nieder, und die Zeit bis zwei Uhr schwand uns in völliger Bewußtlosigkeit dahin. Ich sage zwei Uhr, denn auf diese Stunde wies meine Uhr genau, als der Indianer mich weckte, indem er mich bei der Schulter schüttelte. Man gewöhnt sich an die Wachsamkeit in den Wäldern, und ich stand in einem Augenblick auf den Füßen. So dunkel es war, denn es war stickfinstre Nacht, konnte ich doch unterscheiden, daß Susquesus allein auf den Beinen war und daß er die Thüre unserer Hütte aufgeriegelt hatte. Wirklich schritt er durch die Oeffnung in die frische Luft des Waldes hinaus, sobald er bemerkte, daß ich wach und munter sey. Ohne mich zu besinnen, folgte ich ihm, und stand bald an seiner Seite, etwa fünfzehn oder zwanzig Fuß von der Hütte. »Das guter Platz zum Hören,« sagte der Indianer in leisem, gedämpftem Tone. »Jetzt öffnen Ohren!« Welch eine Scene war es, die sich jetzt meinen Sinnen darbot. Sie steht vor meiner Seele nach so langer Zeitferne, nach Jahren des friedlichen Glückes und Jahren der Mühsale und Abenteuer. Der Morgen, oder besser würde ich sagen, die Nacht, war an sich nicht sehr finster; aber die zu der Dunkelheit der Stunde hinzutretende Düsterheit des Waldes lieh den Baumstämmen eine tiefe Schwärze, in welcher sie sich alle ganz feierlich und leichenhaft ausnahmen. Es war unmöglich, auf einige Entfernung Etwas zu sehen, und die Gegenstände, welche sichtbar wurden, waren nur die allernächsten, fast greifbaren. Trotzdem konnte man sich den Himmelsbaldachin über den Wipfeln der Bäume vorstellen und ihn mit dem Auge der Phantasie erschauen in der Majestät seiner schauerlichen Unermeßlichkeit. Töne und Laute waren im buchstäblichen Sinne keine zu vernehmen, als mich der Indianer zuerst lauschen hieß, die Stille war so tief, daß ich glaubte das Seufzen der Nachtluft zwischen den obern Aesten der höheren Bäume zu hören. Dieß mochte bloße Einbildung seyn; aber dennoch bildeten all die Wipfel der riesenhaften Eichen, Ahornbäume und Fichten im Verhältniß zu uns eine Art von oberer Welt; eine Welt, mit welcher wir während unsers Aufenthalts in den Wäldern unten wenig Verkehr und Gemeinschaft hatten. Der Rabe, der Adler und der Falke segelten in dieser Region, über den Wolken des Laubes unter ihnen, und senkten sich vielleicht gelegentlich herab, um auf ihre Beute zu stoßen; aber für alle übrigen Geschöpfe war sie unzugänglich und bis auf einen gewissen Grad unsichtbar. Aber für jetzt habe ich es mit der Welt zu thun, in welcher ich mich befand; und wie war diese Welt? Feierlich, schweigend, dunkel, unermeßlich und geheimnißvoll. Ich lauschte vergebens, um die Schritte eines beweglichen Eichhorns zu hören, denn der Wald war bei Nacht ebensosehr wie bei Tag von kleinern Thieren belebt; aber in diesem Augenblick war es, als ob Alles in das Schweigen des Todes versunken wäre. »Ich kann Nichts hören, Trackleß,« flüsterte ich – »Warum seyd Ihr hier herausgegangen?« »Ihr hören bald – mich aufgeweckt und ich hören zweimal. Bald wieder kommen!« Und bald kam es wieder. Es war ein menschlicher Schrei, menschlichen Lippen in der Angst und Qual des Todes entfahrend. Ich hörte den Schrei nur einmal; aber sollte ich hundert Jahre alt werden, so würde ich ihn nicht vergessen. Ich höre ihn noch oft in meinem Schlaf, und wohl zwanzigmal bin ich seither aufgewacht, und habe mir eingebildet, jener Schrei der Todesangst töne in mein Ohr. Er war langgedehnt, laut, durchdringend, und das Wort: Hülfe! war so deutlich, als eine Zunge es aussprechen konnte. »Großer Gott!« rief ich aus – »es ist Jemand angegriffen und schreit in seiner Noth um Hülfe! Laßt uns unsre Freunde wecken und ihm Beistand bringen. Ich kann nicht hier bleiben, Susquesus, wenn mir ein solcher Schrei in den Ohren gellt.« »Am besten, gehen, das auch glauben,« antwortete der Onondago. »Aber nicht nöthig, zu rufen; Zwei besser als Vier. Wartet eine Minute.« Ich blieb diese kurze Frist unverrückt stehen, und lauschte mit peinlicher Ungewißheit, während der Indianer in die Hütte trat und daraus seine und meine Büchse mitbrachte. Wir bewaffneten uns und machten die Thüre der Hütte zu, um wenigstens die Nachtluft nicht hinein zu lassen, und dann schritt Susquesus mir voran mit seinem geräuschlosen Schritt, in südwestlicher Richtung, derjenigen, in welcher wir den Schrei vernommen hatten. Unser Marsch war zu rasch und unser Herz zu beklommen, als daß wir viel hätten sprechen können. Der Onondago hatte mich ermahnt, so wenig Geräusch als möglich zu machen; und bei der Bangigkeit, die ich empfand, und bei meiner Beflissenheit, jener Ermahnung Folge zu leisten, war die Gelegenheit und Versuchung zu Gesprächen in der That nicht groß. Meine Empfindungen waren stürmisch erregt; aber da mein Vertrauen zu meinem Begleiter groß war, folgte ich ihm in seinen Fußtapfen, so gut ich es bei aller Beflissenheit vermochte. Susquesus schritt fast mehr in der Luft als auf dem Boden dahin, doch folgte ich ihm dicht auf der Ferse, bis wir, meiner Berechnung nach, eine volle halbe Meile in der Richtung gegangen waren, von woher jener grauenvolle Schrei gekommen. Hier machte Susquesus Halt, und sagte mit leiser Stimme: »Nicht fern von hier – am besten, stehen bleiben.« Ich unterwarf mich in Allem den Weisungen meines indianischen Führers. Dieser hatte die dunkeln Schatten von zwei oder drei jungen Fichten zu unserm Versteck gewählt, wo wir, unter ihre niedern Aeste uns stellend, jedem Auge verborgen seyn mußten, das nur acht oder zehn Fuß von uns entfernt war. Sobald wir uns so postirt hatten, deutete der Onondago auf den Stamm eines gefallenen Baumes, und wir setzten uns schweigend darauf. Ich bemerkte, daß mein Begleiter den Daumen an dem Hahn seiner Büchse und den Zeigefinger am Drücker hatte. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich dieselbe Vorsicht beobachtete. »Das gut,« sagte Susquesus mit so leiser und weicher Stimme, daß sie nicht mehr Aufmerksamkeit erregen konnte als ein Flüstern; »das sehr gut; bald es wieder hören – dann es wissen.« Ein ersticktes Stöhnen ließ sich wirklich hören, und zwar fast im Augenblick, wo mein Begleiter aufgehört hatte, zu sprechen. Ich fühlte mein Blut kochen – bei diesen entsetzlichen Anzeichen von menschlichem Leiden; und eine Aufwallung der Menschlichkeit machte, daß ich mich bewegte, um aufzustehen. Die Hand des Trackleß hinderte diese Unklugheit. »Nicht gut,« sagte er finster. »Sitzt still. Krieger weiß still zu sitzen.« »Aber, himmlische Vorsehung! es muß ja Jemand ganz in unsrer Nähe in Todesqualen schmachten, Mann! Habt Ihr nicht ein Stöhnen gehört, Trackleß?« »Ganz gewiß, ihn gehört – Was weiter? Schmerz macht immer Stöhnen kommen bei Bleichgesicht.« »Ihr glaubt also, der Leidende sey ein Weißer? Wenn dieß, so muß er von unsrer Gesellschaft seyn, da sonst Niemand in unsrer Nähe ist. Wenn ich es noch einmal höre, so muß ich ihm zu Hülfe eilen, Onondago!« »Warum Ihr Euch benehmen wie Squaw? Was ein Bischen Stöhnen? Gewiß, das ein Bleichgesicht; Indianer nie stöhnen auf Kriegspfad. Warum er stöhnen, glaubt Ihr? Weil Hurone ihm begegnet. Das Grund, daß er stöhnt. Ihr auch stöhnen, nicht still sitzen. Indianer weiß Zeit zu schießen – Zeit nicht zu schießen.« Ich spürte den heftigsten Drang in mir, laut zu rufen und zu fragen: Wer der Hülfe benöthigt sey? aber die Ermahnungen meines Begleiters, unterstützt nicht wenig durch das düstre Geheimniß dieses unermeßlichen Waldes, in der Stunde der tiefsten Nacht, bewirkten, daß ich diesen Drang bemeisterte. Drei Mal jedoch wiederholte sich noch das Stöhnen, und wie es mir schien, mit jedem Mal schwächer und schwächer. Es kam mir auch vor, als Alles im Walde still war, und wir in athemloser Erwartung da saßen, was uns nun zunächst zu Ohren kommen würde, lauschend auf jedes Seufzen der Nachtluft, und zusammenschreckend bei dem Rascheln jedes Blattes – als ob das letzte Stöhnen, sicherlich das schwächste von allen, die wir gehört, bei weitem das nächste bei uns wäre. Einmal hörte ich, oder bildete mir ein zu hören, das Wort Wasser mit leiser, erstickter Stimme beinahe unmittelbar an meinem Ohr gemurmelt. Ich meinte auch die Stimme zu kennen; ich meinte, sie sey mir gewohnt und vertraut; doch konnte ich bei dem augenblicklichen Zustande meiner Gefühle mich nicht besinnen, Wem sie denn eigentlich angehöre. In dieser Art brachten wir zwei Stunden zu, – für mich die zwei peinlichsten meines Lebens, – die langsame Rückkehr des Tageslichts erwartend. Meine Ungeduld war beinahe unbezähmbar; während der Indianer diese ganze Zeit über dem Anschein nach so fühllos dasaß, wie der Klotz, welcher seinen Sitz bildete, und beinahe ebenso regungslos. Zuletzt näherte sich diese gespannte, ängstliche und auch körperlich peinliche und schmerzhafte Wache ihrem Ende. Die Zeichen des Tages schimmerten durch den Blätterbaldachin, und Strahlen trüben Lichts schienen sich herabzukämpfen, so daß die Gegenstände in der Dämmerung allmählig erkennbar wurden. Es stand nicht lange an, so überzeugten wir uns, daß wir uns so vollständig gedeckt und geschirmt hatten, daß wir in unsrer Stellung unter den Zweigen der Fichten der Gegenstände um uns her gar nicht ansichtig werden konnten. Dieß war jedoch erwünscht und günstig, um zu rekognosciren, ehe wir unsern Versteck verließen, und setzte uns in Stand, für unsre eigne Sicherheit Sorge zu tragen, während wir die Pflichten der Menschlichkeit erfüllten. Susquesus verfuhr mit der größten Vorsicht, indem er sich überall umschaute, ehe er den Versteck verließ. Ich war hart an seiner Seite und lugte durch die Oeffnungen hinaus, welche sich darboten; denn meine Neugier war so heftig, daß ich beinahe des Anlasses zur Besorgniß vergaß. Es stand nicht lang an, so hörte ich von meinem Begleiter den so gewöhnlichen indianischen Ausruf: »hugh!« ein Beweis daß ihm etwas Ungewöhnliches, Auffallendes zu Gesicht gekommen. Er deutete mir dahin, wohin ich blicken sollte, und da sah ich wirklich eines jener entsetzlichen Beispiele barbarischer Grausamkeit, welche durch die Gebräuche der Kriegführung bei den Wilden, unter den Waldkriegern dieses Continents sanktionirt worden ist, so weit unsre Geschichte zurück reicht. Die Gipfel von zwei jungen Bäumen waren gegen einander mit Gewalt herabgebogen, die Hände des Opfers fest an die obern Aeste von beiden angebunden worden, und dann hatte man die Bäume zurückschnellen lassen in ihre natürliche Stellung, so weit das empörende Bindemittel ihnen dieß gestattete. Ich konnte kaum meinen Sinnen trauen, als mir mein Auge zuerst die Wahrheit enthüllte. Aber da hing wirklich das Opfer, an den Armen schwebend, wenigstens zehn bis fünfzehn Fuß über den Boden erhaben. Ich gestehe, ich hoffte aufrichtig, er sey todt, und die Regungslosigkeit des Körpers gab mir Grund, dieß wirklich zu vermuthen. Aber doch mußten die wilden, hoffnungslosen Rufe um Hülfe in Mitten eines unermeßlichen, unbewohnten Forstes, das durch Qualen ausgepreßte Stöhnen, von ihm gekommen seyn. Wahrscheinlich war er lebend so aufgehangen und verlassen worden. Selbst der Onondago vermochte mich nicht zurückzuhalten, als ich die ganze Grausamkeit recht sah und begriff, die an dem unglücklichen Opfer verübt worden war, welches so gerade vor meinen Augen da hing, und ich stürmte aus meinem Versteck hervor, bereit, wie ich gestehen muß, auf den ersten feindlichen rothen Mann, den ich sehen würde, meine Büchse loszudrücken. Höchst wahrscheinlich zum Glück für mich hatten sie den Platz längst verlassen. Da der Unglückliche mit dem Rücken gegen mich hing, konnte ich nicht erkennen, Wer er war; aber sein Anzug war grob, und von der Art, wie die niedersten Classen sie tragen. Vieles Blut war von seinem Kopf herabgeflossen, und ich zweifelte nicht, daß er skalpirt worden war; obwohl die Höhe, in welcher er hing, und die Art und Weise, wie sein Kopf auf die Brust vorwärts gesunken war, mich für den Augenblick über diesen Umstand mittelst des Auges nichts Sicheres erkennen ließ. Nur so Viel, als ich angegeben, nahm ich wahr, ehe der Indianer zu mir trat. »Seht!« sagte Susquesus, dessen rasches Auge sich nie lange irgend Etwas entgehen ließ; »Euch das gesagt! Hurone hier gewesen!« Wie er dieß sagte, wies der Indianer bedeutungsvoll auf die nackte Haut, welche sichtbar war zwischen den schweren, plumpen Schuhen des unglücklichen Opfers und den Pumphosen die er trug, worauf ich entdeckte, daß sie schwarz war. Rasch vor ihn hin tretend, so daß ich ihm ins Gesicht sehen konnte, erkannte ich die verzerrten Züge von Petrus, oder Pete, Guert Ten Gyck's Neger. Dieser war, wie man sich erinnern wird, bei den Landvermessern zurückgeblieben, und war entweder in die Hände seiner Mörder gefallen, während er in der Hütte mit seinen gewöhnlichen Obliegenheiten beschäftigt gewesen war, oder sie hatten ihn im Walde getroffen, wie er zu den Männern, die er bediente, ging oder von ihnen her kam; und hatten ihn dann so mißhandelt. Wir vermochten die nähern Umstände nie auszumitteln, welche bis zu dieser Stunde noch im Zweifel geblieben sind. »Gebt mir Euern Tomahawk, Trackleß,« rief ich, sobald mich das Entsetzen wieder Worte finden ließ, »damit ich diesen jungen Baum umhaue und das unglückliche Geschöpf befreie.« »Nicht gut – besser so,« antwortete der Indianer. »Bär – Wolf kann ihn so nicht fassen. Laßt Schwarzhaut hangen – gut wie begraben – nicht sicher, hier lang verweilen. Umschauen und Huronen zählen, dann gehen.« »Umschauen und die Huronen zählen!« dachte ich bei mir selbst, »und auf welche Weise soll das geschehen?« Inzwischen jedoch war es hell genug geworden, um Fußtapfen zu sehen, falls solche vorhanden waren, und der Onondago machte sich daran, die Spuren von dem, was an diesem entsetzlichen Orte vorgefallen war, zu besichtigen, soweit sie einem Manne von seiner Erfahrung verständlich waren und Etwas sagten. Am Fuß einer gewaltigen Eiche, einige Schritte von den zwei jungen Bäumen entfernt, fanden wir die zwei hölzernen, bedeckten Eimer, in welchen, wie wir wußten, Pete gewohnt gewesen, dem Mr. Traverse und seinen Gehülfen das Essen zu bringen. Sie waren leer; aber ob die Mundvorräthe, die sie ohne Zweifel enthalten hatten, denjenigen zu Theil geworden, für welche sie bestimmt gewesen, oder den Peinigern und Mördern des Schwarzen, das erfuhren wir nie. Keine Spuren von Knochen, Kartoffelschalen oder andere Speisereste waren zu entdecken; und wenn die Huronen die Speisen weggenommen, so hatten sie sie ohne Zweifel mit sich weggetragen, wo sie ihre Vorräthe hatten, und sich nicht damit aufgehalten, sie zu verzehren. Susquesus entdeckte aus Anzeichen, daß der Unglückliche am Fuß der Eiche gesessen, und an dieser Stelle ergriffen worden war. Es waren daselbst viele Fußtapfen und einige Spuren eines leichten Kampfes. Auch waren auf den Blättern Blutspuren, vom Fuß der Eiche bis zu dem Platz, wo der arme Pete hing; ein Beweis, daß er vorher schon Verletzungen erhalten, ehe er seinem grausamen Schicksal überlassen worden war. Der wichtigste Punkt aber, welcher Trackleß anlag, war: die Zahl unsrer Feinde auszumitteln! Dieses konnte, nach seiner Ansicht von der Sache, bis auf einen gewissen Grad geschehen mittelst der Fußtapfen. An solchen Zeichen fehlte es nicht, da die Blätter an manchen Stellen sehr aufgestört waren; jedoch hielt es mein Begleiter nach einer kurzen aber genauen Nachsuchung für das Klügste, sich nach der Hütte zu begeben, damit nicht die darin Befindlichen im Schlaf überfallen werden möchten. Er gab mir zu verstehen, der Feind scheine auf dieser Stelle nicht zahlreich gewesen zu seyn, drei oder vier Mann höchstens, obwohl es ganz möglich, ja höchst wahrscheinlich sey, daß sie sich getrennt hätten und nicht ihre ganze Stärke bei dieser entsetzlichen Scene zugegen gewesen. Es war heller Tag, als wir der Hütte wieder ansichtig wurden, und ich bemerkte, daß Jaap auf und mit seinen Töpfen und Kesseln bei der Quelle beschäftigt war. Niemand sonst war sichtbar, und wir vermutheten, daß Guert und Dirck noch auf ihren Pritschen liegen würden. Wir nahmen von der Höhe aus, auf welcher wir standen, den Wald um das Blockhaus herum lange und mit ängstlicher Sorgfalt in Augenschein, ehe wir näher heran zu treten wagten. Da wir keine Anzeichen von Gefahr entdeckten, und der Wald in einem ziemlichen Umkreis um die Hütte herum ganz frei von Unterholz und Buschwerk war, und nur große Bäume enthielt, näherten wir uns hierauf ohne Besorgniß. Wir empfanden diese lichte und offene Beschaffenheit des Forstes um unsern Wohnsitz als einen sehr günstigen Umstand, da es hiedurch einem Feinde unmöglich wurde, uns bei Tage sehr nahe zu kommen, ohne gesehen zu werden. Es rührte dieß daher, daß wir zu unserm Bauwesen so viel von dem kleinern Holze gebraucht, und daß die Neger das meiste Buschholz als Brennstoff verbraucht hatten. Wirklich fand ich auch meine beiden Freunde in tiefem Schlaf und nichts weniger als gegen etwaige Ueberfälle geschützt. Als sie geweckt wurden, und Alles erfuhren, was mir und dem Indianer begegnet, war ihr Erstaunen groß und ihr Entsetzen nicht geringer. Jaap, der, als er uns beim Aufstehen vermißte, vermuthete, wir seyen auf die Jagd gegangen, war uns in die Hütte gefolgt und hatte meine Erzählung mit angehört. Seine Entrüstung war groß bei dem Gedanken, daß Einer von seiner Farbe so grausam behandelt worden, und ich hörte ihn mit fest über einander gebissenen Zähnen Rache geloben in nicht sehr gemäßigten Ausdrücken. »Bei St. Nicholas!« rief Guert, der sich jetzt ganz angekleidet hatte, und mich ins Freie hinaus begleitete, »mein armer Bursche soll gerächt werden, wenn meine Büchse mir nicht den Dienst versagt. Und auch skalpirt, sagt Ihr, Corny?« »So viel wir sehen konnten, da er an den Bäumen hing. Aber gewiß muß er skalpirt worden seyn, da ein Indianer einem todten Gefangenen diese Verstümmlung nie erläßt.« »Und Ihr seyd drei Stunden im Wald draußen gewesen, sagt Ihr mir, Corny? – Ihr und Trackleß?« »Etwa so lange, wie mich dünkt. Das Herz müßte von Stein gewesen seyn, welches solchen Schreien hätte widerstehen können.« »Ich tadle Euch nicht, Littlepage, obgleich es freundlicher und klüger gewesen wäre, hättet Ihr Eure Freunde mit Euch genommen. Wir müssen in Zukunft fest an einander halten, mag kommen was da will. Der arme Petrus! Mich wundert, daß Doortje keinen Wink hat fallen lassen über das Schicksal dieses Negers!« Dann hielten wir eine lange Berathung über unsere weitere Verfahrungsweise. Es ist unnöthig bei dieser Besprechung zu verweilen, da man die Ergebnisse derselben aus dem weitern Verlaufe dieser Erzählung ersehen wird; aber sie ward zu einem Ende gebracht durch eine ganz plötzliche Unterbrechung – durch die Laute von Axthieben im Walde. Die Schläge ertönten in der Richtung des Platzes her, wo Pete ermordet worden war, und wir hatten unsere Büchsen aufgerafft und wollten uns eben anschicken, nach dem verdächtigen Punkte uns zu begeben, als wir Jaap auf die Hütte zu kommen sahen, schwankend unter der Last von seines Freundes Leichnam. Der Bursche hatte sich ungesehen weggestohlen, um diese fromme Pflicht zu erfüllen, und sein Vorhaben glücklich ausgeführt. Nach ein paar Minuten hatte er die Quelle erreicht, und begann die empörenden Spuren der Abschlachtung von dem Kopfe des Opfers der Huronen abzuwaschen. Wir überzeugten uns jetzt, daß der arme Pete nicht nur skalpirt, sondern auch mit Messern übel zugerichtet, und in der berichteten Weise aufgehangen worden war. Beide Arme schienen ausgerenkt, und die einzige theilweise Beruhigung für unser empörtes Gefühl lag in der Hoffnung, daß das Bestreben, so gräßliche Leiden zuzufügen, bald sich selbst vereitelt und aufgehoben haben müsse. Guert insbesondere sprach seine Hoffnung aus, daß dieß der Fall gewesen, während mir die grauenvollen Töne der vergangenen Nacht noch zu frisch im Ohr gellten, als daß ich im Stande gewesen wäre, Alles zu glauben, was ich wohl in dieser Beziehung gerne hätte glauben mögen. Ein Grab wurde gegraben und wir versenkten sofort den Leichnam, und wälzten ein paar große Holzklötze auf den Platz, um die wilden Thiere zu hindern, ihn auszuscharren; Jaap arbeitete gewaltig um dem Todten diese letzten Dienste zu erweisen, und Guert Ten Eyck sprach in der That das Gebet des Herrn und das Credo über dem Grabe, nachdem der Leichnam hineingelegt war, mit einer Wärme und Inbrunst, die mich einigermaßen überraschte. »Es war nur ein Neger, Corny, es ist wahr,« sagte der Albanier, nachdem Alles vorüber war, in halb sich entschuldigendem Tone vielleicht, »aber er war ein sehr guter Neger fürs Erste; sodann hatte er eine Seele, so gut wie ein weißer Mann; – Pete hatte seine Verdienste, so gut wie ein Dominie, und ich hoffe, sie werden nicht vergessen werden bei der letzten, großen Rechenschaft. Er war ein trefflicher Koch, wie Ihr gefunden haben müßt, und ich kannte nie einen Neger, der mehr von der Treue des Hundes gegen seinen Herrn an sich gehabt hätte. Der Bursche ging nie zu einer Lustbarkeit, ohne ordentlich zu mir zu kommen und mich um Urlaub zu bitten; obgleich ich wahrhaftig in diesen Dingen kein harter Herr war bei vernünftigen Gelegenheiten.« Sodann nahmen wir unser Frühstück ein mit so viel Appetit als uns möglich war. Hierauf packten wir unsre Bündel auf die Schultern, stellten Alles in der Hütte und um sie herum so viel als möglich in derselben Ordnung hin, wie wir es getroffen hatten, und traten, Susquesus voran wie gewöhnlich, wieder unsern Marsch an. Wir gingen zuerst, die Landvermesser aufzusuchen, welche wir im südöstlichen Theile des Patents vermutheten, beschäftigt wie gewöhnlich, und Nichts ahnend von allem Vorgefallenen. Zuerst hatten wir daran gedacht, unsre Büchsen abzufeuern, als Signale, um sie herbeizurufen; aber diese Signale konnten leicht ebenso gut unsre Feinde als unsre Freunde von unsrer Anwesenheit in Kenntniß setzen; und die Entfernung war überdieß zu groß, als daß es wahrscheinlich war, der Knall der Schüsse werde von denjenigen vernommen werden, für welche allein dieß Signal bestimmt gewesen wäre. Der Weg, den wir einschlugen, ward bestimmt durch unsere Vermuthung hinsichtlich des Bezirkes des Patents überhaupt, in welchem die Landvermesser sich jetzt befinden mußten, so wie auch durch die Richtung, in welcher der Leichnam Pete's gefunden worden war. Der arme Kerl war gewiß entweder zu jener Gesellschaft gegangen oder von ihr her gekommen, und da er in beständigem Verkehr mit ihr stand, wußte er ohne Zweifel genau, wo sie beschäftigt war. Dann wurden auch die verschiedenen Fußtapfen der Landvermesser von Trackleß ganz leicht aufgefunden, und er sagte uns, daß die frischesten in der bezeichneten Richtung hinführten. Gegen Südosten nahmen wir daher unsern Weg und marschirten, wie früher, im indianischen Reihen; der Onondago schritt voran, und der Neger schloß den Zug. Sechsundzwanzigstes Kapitel.                                   Es ist zu grausenhaft! Das traurigste, mühsamste ird'sche Leben, Das Alter, Armuth, Siechthum und Gefängniß Aufbürden der Natur, ein Paradies ist's Mit dem verglichen, was der Tod uns droht! Maß für Maß. Es dauerte nicht lange, bis wir den Punkt auf dem Patent erreichten, wo die Landvermesser thätig gewesen waren, wo es dann keine große Schwierigkeit haben konnte, ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort aufzufinden. Die bezeichneten, angehauenen Bäume waren uns Führer, welche uns von dem ganzen Verlauf ihrer Arbeiten in Kenntniß setzten. Anderthalb Stunden jedoch schritten wir rasch voran, Susquesus an unsrer Spitze, schweigend, ernst, wachsam, und ich fürchte, ich muß hinzusetzen: rachegierig. Keine Sylbe war während dieser ganzen Zeit gesprochen worden, aber wir hatten alle unsre Sinne offen und gespannt, und wir vermieden jedes stärkere Gebüsch, welches etwa einen Hinterhalt verstecken konnte; plötzlich machte der Indianer Halt; im nächsten Augenblick war er hinter einem Baum. Wir Alle thaten es ihm, schnell wie ein Gedanke, nach; denn dazu waren wir zuvor angewiesen worden für den Fall, daß wir einem Feinde begegneten; und wir Alle begriffen wohl, wie wichtig es beim Waldkrieg war, einen deckenden Schirm zu haben. Dennoch war kein Feind sichtbar. Nachdem wir ein paar Minuten lang den Wald in jeder Richtung durchspäht, und ihn so leer und still wie nur je gefunden, verließen Guert und ich unsere Bäume und begaben uns zu Trackleß, der am Fuß einer ungeheuern Fichte stand. »Wozu das, Susquesus?« fragte der Albanier etwas scharf; denn er begann zu argwöhnen, es sey dieß ein wenig Komödie gespielt, um die Wichtigkeit und Nützlichkeit des Indianers in ein um so glänzenderes Licht zu stellen; »hier ist weder Bleichgesicht noch Rothhaut. Laßt diese Thorheit fahren und führt uns weiter!« »Nicht gut – Krieger hier gewesen; vielleicht fort, vielleicht nicht; bald sehen. Auge aufthun und sehen.« Da eine Geberde diese Rede begleitete, schauten wir noch einmal uns um, und dießmal in der rechten Richtung, Hundert Schritte von uns entfernt, stand ein Kastanienbaum, welchen man von den Wurzeln bis zu den Aesten sah. Auf dem Boden, zum Theil versteckt von dem Baume, zum Theil frei, sah man das Bein eines Mannes, in einer Lage, wie sie dieß Glied haben mußte, vorausgesetzt daß der Mann schlafend auf dem Rücken dalag. Man sah daran einen Mokkasin und die gewöhnliche Fußbekleidung eines Indianers, der Schenkel aber und der ganze übrige Körper war versteckt. Das scharfe Auge des Onondago war auf diesen kleinen Gegenstand schon in solcher Entfernung gefallen, hatte auf Einen Blick Alles gefaßt, und dann hatte er, wie erzählt, den schirmenden Versteck gesucht. Guert und ich hatten einige Mühe diesen Gegenstand zu erkennen, selbst nachdem wir darauf hingewiesen worden waren; aber bald unterschieden wir ihn und verstanden Alles. »Ist das das Bein einer Rothhaut?« fragte Guert, die Mündung seiner Büchse senkend, wie wenn er im Begriff stände, seine Geschicklichkeit daran zu versuchen. »Weiß nicht,« antwortete der Indianer; »hat Indianerstrumpf, hat Mokkasin; kann nicht Farbe sehen. Sieht sehr aus wie Bleichgesicht; dickes Bein.« Was Einem möglich machen konnte, auf eine solche Entfernung zwischen dem Bein eines Weißen und dem Bein eines Indianers zu unterscheiden, das überstieg zuerst alle unsre Begriffe und Muthmaßungen weit; aber der Onondago erklärte es uns, auf unser Befragen, in seiner gewohnten bündigen Weise, indem er sagte: »Zehen auswärts gekehrt – Indianer einwärts – gar nicht gleich sehen. Bleichgesicht dick; Indianer nicht sehr dick.« Das Erstere war ganz richtig beim Gehen, und es erschien wahrscheinlich, daß der Unterschied auch beim Schlafen stattfinden möge. Guert erklärte jetzt, es nütze Nichts, noch länger zu zögern; sey es ein Schlafender, so wolle er sich dem Kastanienbaum vorsichtig nähern, und den Unbekannten gefangen nehmen, falls er ein Indianer sey, ehe er aufstehen könne; sey er ein Weißer, so müsse es ein Angehöriger unserer Gesellschaft seyn, der vermuthlich nach einem anstrengenden Marsch ein Schläfchen mache. Susquesus mußte sich inzwischen überzeugt haben, daß keine unmittelbare Gefahr in der Nähe sey; denn mit den Worten: »Alle zusammen gehen,« verließ er seinen Versteck und ging auf den Kastanienbaum zu mit hastigen aber geräuschlosen Schritten. Da wir in Einem Haufen vorwärts gingen, erreichten wir alle Fünf den Baum in demselben Augenblicke, und fanden dort Sam, einen von unsern Jägern, den wir bei Mr. Traverse glaubten, auf dem Rücken liegend, todt, mit einer Wunde von einem Messer in der Brust. Auch er war skalpirt worden! Die Blicke, die wir mit einander wechselten, sagten Alles, was sich über diese wichtige und traurige neue Entdeckung sagen ließ. Susquesus allein ward nicht aus der Fassung gebracht; ich glaube fast, er hatte das vermuthet, was wir fanden. Nachdem er den Leichnam besichtigt, schien er seiner Sache gewiß, und sagte blos: »Getödtet, letzte Nacht.« Daß der arme Sam schon einige Stunden todt war, ließ sich nicht bezweifeln, und dieser Umstand beseitigte jede Besorgniß von einer unmittelbaren Gefahr von Seiten seiner Mörder. Die erbarmungslosen Krieger der Wälder verweilten selten lang in der Nähe des Ortes, wo sie Verwüstung und Gemetzel angerichtet, sondern zogen vorüber wie ein Gewitter oder wie eine Windsbraut. Guert, der immer rüstig und bereit war, wenn es Etwas zu thun gab, deutete auf eine natürliche Höhle in der Erde; eine jener Höhlen, welche im Wald so häufig vorkommen und gewöhnlich der Entwurzlung von Bäumen in unvordenklicher Zeit zugeschrieben werden, und schlug vor, wir sollten uns ihrer als eines Grabes bedienen. Demgemäß ward der Leichnahm in die Höhle gelegt, und wir bedeckten ihn so gut wir konnten; es gelang uns etwa einen Fuß tief leichten Lehm nebst einigen flachen Steinen darauf zu schichten; und dann wälzten wir Holzklötze darauf, wie wir bei dem Grabe Pete's gethan hatten. Inzwischen waren Guert's Gefühle so mächtig aufgeregt, daß er, außer dem Vaterunser und dem Credo, welche er wieder in sehr anständiger und andächtiger Weise sprach, die ganze Ceremonie noch mit einer kurzen Rede schloß. Und bei Allem, was Guert bei diesen beiden feierlich ernsten Gelegenheiten sagte und that, war es ihm voller, heiliger Ernst; seine Worte, wie seine Handlungen, waren rein nur die Ergüsse und Aeußerungen eines einfachen Gemüths, welches ein Verlangen nach Frömmigkeit und Schriftwahrheit empfand, ohne zu wissen, wie dieß Verlangen, diese Sehnsucht aussprechen; und dieß Alles trotz der sinnlichen Neigungen und der muntern Lebensgewohnheiten, welche die Folge seiner physischen Organisation und seiner Temperamentsanlagen waren. »Der Tod, meine Freunde,« sagte Guert mit großem Ernst, und mit stark holländischem Accent, wie gewöhnlich, wenn er warm wurde, »der Tod ist ein plötzlicher Gast. Er kommt wie ein Dieb in der Nacht, wie Ihr Alle oft den Dominie habt sagen hören, und glücklich ist, Wessen Lenden gegürtet und Wessen Lampe angezündet ist. Das ist, hoffe ich, bei Euch Allen der Fall; denn es läßt sich nicht verhehlen, daß wir ernste Arbeit höchst wahrscheinlich vor uns haben. Hier sind ohne alle Frage Indianer gewesen, und zwar Indianer, welche aus sind auf dem Kriegspfad, um englische Skalpe zu holen; oder, was für Mr. Follock und mich ebensowichtig ist, auch holländische Skalpe in den Kauf; und dieß macht es um so mehr Jedem zur unerläßlichen Pflicht, auf seiner Hut zu seyn, und gewärtig seines Werkes, wann es kommen mag, wie der Bullenbeißer gewärtig und gefaßt ist, den Stier zu packen. Gott verhüte, daß ich sollte Rache predigen über dem Grabe eines Freundes; aber der Soldat ficht nicht schlechter, wenn er weiß, daß er in seinen Gefühlen schwer verletzt worden, wie dieß ganz gewiß bei uns der Fall gewesen ist. Vielleicht sollte ich ein Wort über den Todten sagen, da dieß das letzte und einzige Mal ist, wo ein Mitgeschöpf Anlaß hat, von ihm zu sprechen. Sam war ein trefflicher Jäger, wie ihm sein ärgster Feind zugestehen muß; und nun er dahin ist, sind wenige Bessere übrig. Er hatte Eine Schwachheit, welche ein ehrlicher Mann, an seinem Grabe stehend, nicht zu verhehlen suchen muß; er liebte gebrannte Flüssigkeiten; aber darin stand er nicht allein da. Aber doch war er ehrlich und redlich; und sein Wort galt, wo manchen Mannes Schein und Bürgschaft nichtig waren; und ich empfehle ihn hiemit den gnädigen Händen seines Schöpfers. Meine Freunde, ich habe nur noch Weniges zu sagen, und das ist: dieses Leben ist ungewiß und der Tod ist sicher. Samuel ist uns nur eine kleine Frist vorangegangen; und mögen wir Alle ebenso gefaßt und bereit seyn, zu unserer großen Rechenschaft uns zu stellen. Amen!« Lächelte Einer von den Anwesenden bei dieser Rede? Keineswegs. So seltsam, unzusammenhängend und einfältig sie Manchen erscheinen mag, – sie hatte ein großes Verdienst, welches nicht immer in den Reden derer zu entdecken ist, welche bei den kunstgerechtesten Leichenbegängnissen funktioniren. Es war Guert aufrichtiger Ernst, obwohl er weder sehr logisch noch sehr klar seyn mochte. Das zeigte sich in seinem Gesicht, in seiner Stimme, in seinem ganzen Wesen. Ich für meine Person will gestehen, daß ich damals an dieser Rede nichts besonders Unpassendes fand, und auch jetzt noch scheint sie mir weder unfromm noch sonst ungeeignet und unzeitig gewesen zu seyn. Wir verließen das Grab des Jägers in der Tiefe dieses endlosen Waldes, wie das Schiff von der Stelle im Ocean weiter steuert, wo es seinen Todten versenkt hat. In künftigen Tagen vielleicht einmal wird die Pflugschaar die Gebeine aufwühlen, und der Landmann grübeln und sinnen über das muthmaßliche Schicksal des so einsam verscharrten Mannes, dessen Ueberreste dann wieder an das Licht des Tages kommen werden. Als wir den Platz verließen, hielt uns der Indianer noch einen Augenblick zurück, um uns zur Wachsamkeit zu ermahnen. »Huronen das gethan,« sagte er bedeutungsvoll. – »Keinen Unterschied sehen, he? Ihr nicht sehen hangen wie Pete!« »Das ist ganz wahr, Susquesus,« versetzte Guert; denn Guert hatte jetzt, vermöge seines Alters, seiner größern Vertrautheit mit den Wäldern, seines hohen Muthes und seiner persönlichen Entschlossenheit und Kühnheit ohne Widerstreben von unsrer Seite eine Art Hauptmannschaft über uns angenommen. »Könnt Ihr uns aber den Grund sagen?« »Muß, so Ihr nennt Ihn, wunden Rücken – das Alles. Kenne ihn wohl, liebt nicht Schläge; kein Indianer liebt Schläge.« »Und Ihr glaubt also, Jaap's Gefangener habe hier die Hand im Spiel, und der Kriegspfad stehe der Rache offen ebenso wie dem öffentlichen Dienst – wir werden gejagt und verfolgt, weniger um unsrer Skalpe willen, als damit ein Pflaster auf den Rücken des Huronen gelegt werde?« »Gewiß. Drei Canoes an uns vorbei auf See – das Muß, wie Ihr ihn nennt. Kenne ihn wohl. Er will nicht schlafen, bis Rücken heil ist. Seht wie er behandelt Neger! Ihn hängen an Baum – Bleichgesicht nur tödten und nehmen Skalp!« »Glaubt Ihr, er habe diesen Unterschied in der Behandlung seiner beiden Gefangenen wegen der Farbe gemacht? Er sey so grausam mit Petrus verfahren, weil Jaap, auch ein Neger, ihn gepeitscht?« »Gewiß! ganz so. Rücken weniger schmerzen nach diesem. Gut für Rücken, Neger zu hängen. Jaap sehen, in einiger Zeit.« Ich will meinem Burschen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, und ihm bezeugen, daß, was den Muth betrifft, er Wenige seines Gleichen hatte. Wie ich früher gesagt, er fürchtete sich nur vor dem Spuck, oder vor holländischen Gespenstern; denn die Scheue, die er vor mir hatte, war so gemischt mit Liebe, daß sie den Namen Furcht nicht verdiente. Gewöhnlich wenn das Wetter nicht sehr kalt war, hatte sein Gesicht eine dunkele, schwarze, glänzende Farbe, Sargfarbe, wie die Knaben es manchmal nannten; aber jetzt bemerkte ich, daß seine Haut, trotz seiner starken Nerven und seines lebhaften Verlangens nach Rache wegen der grausamen Mißhandlung seines Genossen und Bruders, eine gräuliche Farbe annahm, wie man es in der Regel bei den Menschen seiner Raçe nur bei starkem Frost sieht. Es war unverkennbar, daß die Art, wie Trackleß gesprochen, nicht ohne Wirkung geblieben war; und ich bin immer der Ansicht gewesen, daß der Eindruck, den seine Worte auf Jaap machten, für uns von unendlichem Nutzen gewesen, sofern dadurch alle Kräfte und Vermögen seines Leibes und Geistes in Bewegung gesetzt und in lebendiger Thätigkeit erhalten wurden. Ich überzeugte mich hievon während wir weiter zogen, indem Jaap eine Strecke weit mir dicht auf den Fersen folgte, um seine Bekümmerniß und Besorgniß in meiner Seele niederzulegen. »Ich hoffen, Masser Corny, Sah,« begann der Neger, »Ihr Nichts halten von allem Dem, was Indianer hier sagen?« »Ich halte dafür, Jaap, daß es nöthig seyn wird, daß Du deine Augen aufthust, um ja nicht in die Hände deines Freundes Muß, wie Du ihn nennst, zu fallen, sonst möchte er dich sogar noch schlimmer bedienen, als er den armen Pete bedient hat. Ich hoffe auch, es wird dir dieß eine Warnung seyn, und dir die Notwendigkeit einprägen, deine Gefangene menschlich zu behandeln, solltest du je wieder einen machen.« »Ich nicht glauben, Masser Corny, Ihr die Sache recht erwägen, Sah. Was es nützen, ein Neger gefangen nehmen Indianer, wenn er ihn wieder laufen läßt und ihn nicht gerbt ein Bischen. Nur ein Bischen, Masser Corny. Alles so einladend, Sah – Strick ganz bereit, Rücken nackt und Herz wild, natürlich, weil so lange Zeit gebraucht, das Gezücht zu packen, Sah!« »Nun, Jaap, was geschehen ist, ist geschehen, und es hilft jetzt Nichts mehr, es mit Worten zu bedauern. Eines jedoch darfst du gewiß glauben: dir wird keine Gnade zu Theil werden, falls dieser Bursche, Muß, wirklich hier herum, uns auf den Fersen ist, und du so unglücklich seyn solltest, ihm in die Hände zu fallen!« Der Neger gab brummend und halb heulend sein Mißvergnügen kund, und ich bemerkte deutlich, daß er entschlossen war, sich mannhaft zu wehren, ehe er seine Wolle von dem Messer eines Wilden sich würde in Unordnung bringen lassen. Einen Augenblick trat er beiseite, und ließ ehrerbietig Dirck den ihm gebührenden Platz in der Marschlinie zunächst hinter mir, einnehmen. Wir mochten zwei Meilen weit von dem Platze entfernt seyn, wo wir den Jäger begraben hatten, als der Indianer auf einem kleinen Bühl den Arm emporstreckte, zum Zeichen daß er wieder eine Entdeckung gemacht. Dießmal jedoch schien die Geberde mehr Triumph als Entsetzen anzudeuten. Da er im selben Augenblick jählings Halt machte, drängten wir Alle uns plötzlich an ihn heran und gewahrten bald, was die Ursache seines plötzlich veränderten Benehmens war. Der Grund fiel eine Strecke weit vor uns in einer Art Wellenlinie ab; und da die Bäume alle von der größten Art und ohne Unterholz und Gebüsch waren, hatte der Platz Etwas vom Aussehen eines mächtigen Waldgebäudes, bei welchem der Blätterbaldachin oben das Dach und die Stämme von Eichen, Linden, Buchen und Ahornbäumen die tragenden und stützenden Säulen zu bilden scheinen konnten. In dieser weiten, düstern doch nicht ungefälligen Halle war ein trübdämmerndes Licht, wie das, welches durch die Fenster eines Gebäudes vom alten Baustyl fällt, und Alles ernst und weich erscheinen läßt. Eine Quelle süßen Wassers sprudelte aus einem Felsen, und daneben saßen im Kreise Mr. Traverse und seine beiden Meßkettenträger, dem Anschein nach ihre Morgenmahlzeit einnehmend, oder vielmehr nach derselben sich zur Ruhe legend, Eimer, Teller und Speisereste vor sich; wie Männer die nach Stillung des Hungers noch ein Wenig rasten und einige Minuten müssig mit Geplauder hinbringen. Tom, der zweite Jäger und Zimmermann lag etwas entfernt schlafend da. »Hier hat, Gott sey Dank! noch nicht einmal ein Allarm stattgefunden,« sagte Guert getrost und heiter, »und wir kommen noch zu rechter Zeit, um sie von ihrer Gefahr in Kenntniß zu setzen. Ich will sie anrufen; es wird ihrem Ohr süß lauten.« »Nicht Anruf,« sagte Trackleß rasch; »nicht gut jetzt, hallo zu rufen. Bald dort seyn und es ihnen sagen mit leiser Stimme.« Da dieß offenbar der Klugheit gemäß war, wollten wir Alle mit einander vorwärts, ohne uns jedoch Mühe zu geben, unser Herannahen zu verhehlen, sondern in ziemlich lauten taktmäßigen Schritten auf sie zu gehend. Ein seltsames Gefühl beschlich mich, als wir uns näherten, und keiner von den Landvermessern sich rührte! Eine Ahnung der entsetzlichen Wahrheit drängte sich meiner Seele auf; aber ich kann kaum behaupten, daß deßwegen mein Entsetzen geringer gewesen, als wir, nahe kommend, an den fahlen Gesichtern, den starren gläsernen Augen und dem herabhängenden Kinn sahen, daß alle unsere Freunde todt waren. Mit wilder erfinderischer Spaßhaftigkeit hatten die Indianer die Leichname in eine zurückgebeugte Stellung gebracht, und ihnen eine solche Lage gegeben, daß sie eine entsetzliche Aehnlichkeit mit dem Zustande von Schlafenden oder Bequemausruhenden hatten. »Heiliger Himmel!« rief Guert, den Kolben seiner Büchse auf den Boden stoßend; »wir kommen zu spät!« Niemand sonst sprach ein Wort. Als die Mützen weggenommen wurden, fand sich, daß Alle skalpirt worden, und daß die Männer insgesammt, die wir vor wenigen Tagen verlassen, stolz in ihrer Kraft und in der Fülle des frohen Lebens, dahin waren und von uns nicht mehr lebendig wieder gesehen werden sollten. Nur das Schicksal Jumper's, des andern Indianers, war noch nicht erkundet. Büchsenkugeln hatten hier das Todeswerk vollbracht; Alle vier waren von Schüssen durchbohrt, und Mr. Traverse hatte nicht weniger als drei Kugeln erhalten. Ich will gestehen, daß ein Verdacht gegen den Oneida, jetzt zum ersten Mal, durch meine Seele zuckte; und ich trug kein Bedenken, dieß meinen Begleitern auszusprechen, sobald wir nur wieder im Stande waren zu reden und zu hören. »Nicht wahr!« sagte Trackleß mit nachdrücklicher Bestimmtheit. »Jumper armer Indianer – das so – liebt Rum – kein Schelm, Freunde zu tödten. Musohoeenah ein Krieger das zu thun. Sieht ihm ganz gleich. Nein; Jumper Thor – liebt Rum – kein schlechter Indianer!« Wo blieb aber Jumper? Er allein von Allen, die wir hier zurückgelassen, blieb uns noch zu finden übrig. Wir suchten lange nach seinem Leichnam, aber ohne Erfolg. Susquesus untersuchte die Fußtapfen und die Leichname, und gab seine Meinung dahin ab, daß der Landvermesser und seine Gehülfen vor etwa drei oder vier Stunden getödtet worden seyn möchten; und daß die Mörder – denn als Solche erschienen in unsern Augen diejenigen, welche die schnöde That verübt hatten – kaum zwanzig Minuten vor unserer Ankunft den Platz verlassen hätten. Es konnte ganz wohl vorgefallen seyn, ohne daß wir den Knall der Büchsen hörten, da die Entfernung von der Hütte einige Meilen betrug, und wir vor zwei Stunden noch nicht weit von dem Ort entfernt gewesen seyn konnten, wo wir die Nacht zugebracht hatten. Daß der Angriff nach Tagesanbruch erfolgte, war ziemlich gewiß; und da Pete ganz gewiß lebendig ergriffen worden war, konnten die Wilden von ihm Aufschlüsse erhalten haben, welche sie auf den Platz führten, wo die auswärts kampierende Gesellschaft ihn vermuthlich erwartete. Dennoch blieb dieß immer eigentlich eine bloße Vermuthung, und wir erfuhren nie mit Sicherheit, welches Opfer zuerst fiel, oder ob der Neger überhaupt nahe an dem Platz gefangen worden war, wo sie ihn aufhingen. Die teuflische Grausamkeit seiner Peiniger mochte ihn eine Zeit lang als Gefangenen aufbewahren vor der endlichen Katastrophe, und sie konnten ihn so mit sich herum führen, um dem Elenden möglichst große Qualen zuzufügen, denn wie Susquesus sagte: »Muß's Rücken sehr wund!« Wir begruben den armen Traverse und seine Meßkettenträger in der Nahe der Quelle, und bedienten uns dazu derselben natürlichen Höhlen in der Erde, in deren einer wir den Jäger begraben hatten. Als wir nachsuchten, fanden wir, daß ihre Waffen sammt Munition weg und die Taschen der Todten ausgeleert waren. Der amerikanische Indianer ist selten ein Dieb im gewöhnlichen Sinne des Wortes; aber er betrachtet das Eigenthum derer, die er tödtet, als das seinige. In diesem Punkt unterscheidet er sich nicht wesentlich vom civilisirten Soldaten, bei dem, glaube ich, die Plünderung der Todten als rechtmäßiger Vortheil und Gewinn des Kriegers betrachtet wird. Die Huronen hatten sich des Compasses und der Meßgeräthe bemächtigt, denn davon fanden wir Nichts, aber sie hatten das Feldbuch und die Notizen von Traverse liegen gelassen, als Dinge die ihnen unnütz waren. In andern Beziehungen schien aus manchen Zeichen zu erhellen, daß der Aufenthalt der Wilden auf diesem unheilvollen Platze nur kurz und hastig gewesen war. Dießmal machte Guert keinen Versuch in Moral oder Beredtsamkeit. Das Entsetzen hatte uns Alle für so Etwas untüchtig gemacht, und wir entledigten uns unserer Pflichten mit der ernsten Emsigkeit und Nachdenklichkeit von Menschen, die nicht wußten, ob nicht der nächste Augenblick sie in einen tödtlichen Kampf verwickeln würde. Wir begaben uns eifrig und etwas hastig an die Arbeit, und waren bald bereit, uns wieder auf den Weg zu machen. Nach einer eilfertigen Berathung wurde beschlossen, den Spuren der Huronen zu folgen, als das sicherste Verfahren, um einerseits sie zu überraschen, andrerseits sie zu hindern, uns zu überfallen. Dem Indianer konnte es nicht schwer fallen, die sehr ins Auge fallenden Fußtapfen zu verfolgen, welche dem Anschein nach von wohl einem Dutzend Männern herrühren mußten. Der Leser, sofern er mit den Gebräuchen der amerikanischen Wilden nicht bekannt ist, darf nicht glauben, diese Bande habe den Wald in einer ungeordneten Gruppe durchzogen; gleichgültig, welche Spuren ihre Wanderung zurücklasse. Der eingeborne Krieger thut das nie; gewöhnlich marschirt er in einer Linie von nur Einem Reihen, welche bei uns den Namen der indianischen Reihe erhalten hat; und wenn sie dringende Gründe haben, ihre Zahl zu verheimlichen, so haben sie den Brauch, daß jeder Folgende so genau als möglich in den Fußtapfen des ihm vorangehenden Kriegers tritt, wodurch die Berechnung ihrer Zahl schwer, wo nicht unmöglich wird. Auf diese Art waren offenbar unsere Feinde marschirt; Susquesus aber, welcher die Merkmale um die Quelle herum genau untersucht hatte, so lange wir mit Beerdigung der Todten beschäftigt gewesen waren, sprach seine Meinung dahin aus, daß unsere Feinde nicht weniger als zwölf Krieger zählen könnten; dieß war keine sehr tröstliche Nachricht, da der Sieg in einem etwaigen Kampf nahezu hoffnungslos erschien. So wenigstens kam mir die Sache vor, obwohl Guert sie in einem ganz andern Licht ansah. Dieser im höchsten Grad unerschrockene Mann konnte es nicht über's Herz bringen, die Idee aufzugeben, so grausame Feinde aus dem Lande zu jagen; und ich glaube, er würde ohne Bedenken hundert Wilden die Spitze geboten haben, als wir die Quelle verließen. Es fiel dem Onondago nicht schwer, die Spuren zu verfolgen, welche uns zuerst eine Strecke weit in gerader Richtung nach Ravensnest zu führten, dann aber plötzlich gegen die Hütte hin sich seitwärts wandten. Dieser Bogen, und der Mangel an einem festen Plan und Zweck auf Seiten der Huronen war vermuthlich Schuld daran, daß wir ihnen nicht begegneten auf unserm Marsche nach der »blutigen Quelle,« wie die Stelle, wo Traverse getödtet worden war, später genannt wurde. Es stand nicht lange an, so befanden wir uns ganz in der Nähe unsrer eignen Fährte, obgleich wir, zum Glück für uns vielleicht, sie nicht wirklich berührten. Wäre unsre Bewegung entdeckt worden, so wäre uns der Feind vermuthlich in den Rücken gekommen, eine Stellung, in welcher die Indianer höchst furchtbar sind. So jedoch hatten wir diesen großen Vortheil auf unsrer Seite und verfolgten unsern Weg mit um so größerer Zuversicht, als wir gewiß wußten, daß nur von vorn Gefahr für uns zu besorgen stehe, wohin wir Alle mit angestrengtesten Blicken spähten. Obgleich unser rückwärts gehender Marsch rasch war, war er doch so still wie ein Zug von Leidtragenden. Leidtragende waren wir auch in der That, denn unmöglich konnten menschliche Herzen so verhärtet seyn, daß sie gefühllos geblieben waren bei der Masse von Leiden, welche über unsere Genossen, die wir vor so kurzer Zeit noch frisch und gesund gesehen, ergangen seyn mußten und bei ihrem plötzlichen, jämmerlichen Tode. Keiner sprach, und nie waren wir Susquesus so dicht auf den Fersen gefolgt, wie er uns an diesem Morgen hinter sich fand. Der Fuß des Zugführers hatte kaum seinen Platz verlassen, als auch schon der seines Nachtreters die geräumte Stelle einnahm. Die Fährte führte uns ganz nahe an die Blockhütte, die wir fast um Mittag erreichten. Als wir uns derselben näherten, gebrauchten wir die äußerste Vorsicht, für den Fall, daß unsre Feinde im Hinterhalt darin lauerten. Die Fußtapfen reichten jedoch nicht ganz an das Gebäude hin, sondern bogen in westlicher Richtung davon ab, auf einem Punkte, der etwa hundert Schritte von unsrer Wohnung entfernt seyn mochte, wo man sie aber ganz vor Augen hatte. Hier fanden wir Spuren davon, daß sich die Truppe zu einem Haufen versammelt, und wir vermutheten hieraus, daß ein Rath gehalten worden darüber, ob man noch einmal in die Hütte gehen, oder sich seitwärts wenden solle, um einen andern Zweck zu verfolgen, Susquesus stellte auf diesem Punkte eine genaue Untersuchung an, und gab wieder seine Meinung dahin ab, daß die Feinde wenigstens ein Dutzend, wie er schon behauptet hatte, stark seyn müßten. Er überließ es uns, etwaige Zeichen um unsre Wohnung herum zu beobachten, von Verstecken aus, die wir zu diesem Behuf aufsuchten, und er selbst verfolgte die Fährte noch eine halbe Meile, um sich zu versichern, ob sie sich dem Blockhause nicht in der entgegengesetzten Richtung nähere. So wenig jedoch war dieß der Fall, daß er vielmehr sich überzeugte, sie führe in geradester Linie nach Ravensnest. Dieß war wo möglich eine noch leidigere Nachricht für Guert und mich, als wenn der Onondago die Bestätigung seiner ersten Vermuthung zurückgebracht hätte, daß die Huronen uns vermuthlich in unserm eignen, für einige Zeit uns zum Aufenthalt dienenden Hause auflauerten. Aber Klagen waren vergebens, und wir unterdrückten unsre Besorgnisse, so gut wir eben konnten. Susquesus war nicht der Krieger, der in die Zeichen und Spuren eines offen zu Tage liegenden Marsches ein unbedingtes Vertrauen gesetzt hätte. Erfahrene Waldmänner ließen häufig leicht sichtbare Fährten zurück, ausdrücklich in der Absicht, zu täuschen; und der Onondago, welcher Muß, wie Jaap ihn nannte, persönlich kannte, wußte recht gut, daß er es mit einem gründlich listigen und schlauen Feind zu thun hatte. Selbst durch das, was er gesehen, noch nicht ganz überzeugt und befriedigt, warnte er uns, unsern Versteck anders als unter seiner Anführung zu verlassen; und dann fing er an, sich der Hütte in einer Art zu nähern, welche rein indianisch war, und welche in ihrer Art viel von dem Kunstmäßigen der Approchen civilisirterer Belagerer, mittelst ihrer Schanzgräben und Zickzacks, an sich hatte. Unser Vorrücken ward folgendermaßen geregelt: Jeder wurde angewiesen, je den nächsten Baum auszuwählen, der ihn dem Blockhaus näher brachte, und von dem alten Versteck nach dem neuen so rasch und plötzlich vorzuspringen, als ihm seine Behendigkeit nur immer möglich mache. Unter Beobachtung dieser Vorsicht und mittelst großer Eilfertigkeit hatten wir uns binnen zehn Minuten der Thüre der Hütte bis auf zwanzig Schritte genähert. Länger konnte sich aber Guert zu diesem langsamen, und wie er es nannte, unmännlichen Verfahren nicht bequemen; sondern er verließ jetzt seinen Versteck, schritt strack und gerade auf die Thüre des Blockhauses zu, riß sie auf, und verkündete uns, daß es leer sey. Susquesus untersuchte noch einmal genau Alles um das Gebäude herum und sagte uns, er sey fest überzeugt, das Haus sey von Niemand besucht worden, seit wir es am Morgen verlassen hätten. Das war uns allen eine angenehme Nachricht, da dieß die einzig denkbare Art gewesen wäre, wie unsre Feinde überhaupt unsre Rückkehr nach dem Patent hätten erfahren können. Jetzt erhob sich die Frage, was wir weiter beginnen sollten. Nichts stand zu gewinnen durch längeres Verweilen auf unserm Grundstück, während die Klugheit und die Gefahr unsrer Freunde gleichermaßen uns hinwegriefen. Wir erkannten, daß der Versuch, Ravensnest zu erreichen, etwas sehr Gewagtes seyn würde; aber wir fühlten auch, daß dieß eine Gefahr sey, welcher uns auszusetzen wir die Verpflichtung hätten. Während die Sache besprochen wurde, bemühten diejenigen unter uns, welche Appetit hatten, den Aufenthalt, um zu Mittag zu essen. Ein Indianer auf dem Kriegspfad ist gleich bereit zu essen, wie zu fasten; und was er in beiderlei Hinsicht aushalten und leisten kann, ganz besonders wenn die Speise in Wildpret besteht, grenzt ans Wunderbare. Während Susquesus und Jaap insonderheit mit großer Emsigkeit ihre Rolle in dieser Weise spielten und wir Uebrigen einige wenige Bissen flüchtig einnahmen, mehr in der Art von Solchen, deren geistige und gemüthliche Empfindungen die physischen Bedürfnisse und Triebe unterdrückten und entkräfteten, wurde ich ganz in der Ferne der Gestalt eines Mannes ansichtig, wie sie in ziemlichem Abstand von uns durch die Bäume dahinschlüpfte. Überraschung und Grausen waren so mächtig in mir, daß ich nicht reden konnte, sondern nur mit dem Finger lebhaft in der geeigneten Richtung hinausdeutete, um dem Onondago denselben Gegenstand auch bemerklich zu machen. Susquesus jedoch entdeckte sehr bald den Fremden; denn ich glaube, er muß ihn gesehen haben, sogar noch ehe ich ihn gewahr wurde. Statt jedoch irgend eine Gemüthsbewegung blicken zu lassen, hörte der Onondago nicht einmal auf zu essen; sondern er nickte nur mit dem Kopf und sagte: »Gut – jetzt Neuigkeiten hören – Jumper kommen.« Und wirklich war es Jumper; und seine leibhaftige Erscheinung nicht nur lebend, sondern unverletzt, erregte einen allgemeinen lauten Jubel unter uns, als er hereintrat, mit solchen langgedehnten, hüpfenden Schritten, wie sie dem Gang eines Läufers eigentümlich zu seyn pflegen. In einem Augenblick war er unter uns, – ruhig, gefaßt, regungslos. Er begrüßte uns nicht, sondern setzte sich ruhig auf einen Block; er wartete, bis er befragt wurde, ehe er redete; denn Ungeduld gilt als eine weibische Schwäche. »Jumper, mein ehrlicher Gesell!« rief Guert, nicht ohne Gemüthsbewegung, denn die Freude kämpfte mächtig mit seinen Sprachorganen, »Ihr seyd herzlich willkommen! Diese eingefleischten Teufel, die Huronen, haben Euch wenigstens kein Leid gethan!« Geistige Getränke hatten Jumper's Geisteskräfte im Ganzen etwas stumpf gemacht, obwohl er jetzt vollkommen nüchtern war. Er warf eine Art trägen und matten Erkennungsblicks dem Redenden zu, und murmelte seine Antwort in leisem, schläfrigem Tone her: »Huronen genug,« sagte er; »Lichtung voll; Bleichgesichter im Fort senden Jumper mit Botschaft.« Wir würden den Burschen mit Fragen überschüttet haben, hätte er nicht einen Zipfel seines Caliko-Hemdes entfaltet und mehrere Briefe zum Vorschein gebracht, deren jeder bald in den Händen desjenigen sich befand, an den er adressirt war. Guert, Dirck und ich, Jeder bekam seine Epistel; und noch ein vierter Brief, von der Hand Herman Mordaunt's, hatte den Namen des armen Traverse als Überschrift. Spätere Ereignisse haben es mir möglich gemacht, Abschriften von allen Briefen zu geben, die wir so erhielten. Mein eigner lautete also: »Mein lieber Vater ist so beschäftigt, daß er wünscht, ich möchte Euch dieß Billet schreiben. Mr. Bulstrode hat gestern einen Expressen geschickt, welcher Ueberbringer der traurigen Zeitungen von Tikonderoga war. Er meldete uns auch seine bevorstehende Ankunft, und wir erwarten ihn diesen Abend in einer Pferdesänfte. Gerüchte sind in der Ansiedlung verbreitet, man habe in unsern Wäldern Wilde gesehen. Ich bestrebe mich zu hoffen, daß dieß nur eines jener eiteln Gerüchte sey, dergleichen in neuesten Zeiten so viele umgelaufen sind. Mein Vater jedoch ergreift alle Vorsichtsmaßregeln und er trägt mir auf, Euch dringend die Nothwendigkeit vorzustellen, Eure ganze Gesellschaft zu sammeln, falls Ihr wieder in Mooseridge seyd, und Euch ohne Verzug zu uns zu begeben. Wir haben durch den von Mr. Bulstrode vorausgeschickten Mann gehört, daß Ihr wohlbehalten seyd, und wie tapfer Ihr Euch benommen; sein Gebieter hatte von Euch Allen gehört, daß Ihr wohlbehalten in einem Canoe über den See gefahren, in der Nacht nach der Schlacht, von einem Mr. Lee, einem Gentleman von sehr excentrischem Charakter, jedoch, wie es heißt, von großen Talenten, mit welchem Papa zufällig bekannt ist. Ich hoffe, dieß Billet wird Euch in Eurer Hütte treffen, und wir werden Euch Alle in möglichst kurzer Frist bei uns sehen. Anneke .« Dieß war freilich kein Brief, der die Sehnsucht eines Liebenden befriedigen konnte, doch empfand ich schon unendliches Vergnügen darüber, die zierlichen Schriftzüge, von der Hand Anneke'ns gezeichnet, zu sehen, und das Blatt küssen zu dürfen, auf welchem diese Hand geruht haben mußte. Aber es fand sich auch eine Nachschrift – derjenige Theil eines Briefes, in welchem, wie behauptet wird, die Frauen immer am meisten ihre wahren Gedanken zu erkennen geben. Sie lautete also: »Ich sehe, daß ich das mir unterstrichen habe, wo ich von Papa's Wunsch geschrieben, daß ich gerade und kein Anderes an Euch schreiben solle. Wir haben mit einander eine schreckliche Scene durchgemacht, und ich gestehe, Corny, ich würde mich viel ruhiger fühlen, wenn, im Falle daß uns eine zweite bevorstände, Ihr und die Eurigen bei uns hier, hinter den Vertheidigungswerken dieses Hauses, als im Walde, wie dieß nicht anders seyn könnte, allen Gefahren ausgesetzt wäret. Kommt daher zu uns, ich wiederhole es, in möglichst kurzer Frist und ohne Verzug.« Diese Nachschrift gewährte mir weit größere Zufriedenheit als der eigentliche Brief; und ich war ganz ebenso bereit, Anneke'ns Wunsch zu erfüllen, als sie selbst, das theure Mädchen, nur immer mir denselben ans Herz legen konnte. Guert's Brief lautete wie folgt: »Mr. Mordaunt hat Anneke'n und mir befohlen, an Diejenigen von Eurer Gesellschaft zu schreiben, auf welche, wie er meint, Jede von uns den größten Einfluß habe, und Euch dringend aufzufordern, so schleunig als möglich nach Ravensnest zu kommen. Wir haben höchst traurige Nachrichten erhalten, und ein panischer Schrecken herrscht unter den armen Leuten auf dieser Ansiedlung. Wir erfahren, daß Mr. Bulstrode, begleitet von Mr. Worden nur noch einige Stunden von uns entfernt ist, und die Familien der Nachbarschaft kommen angstvoll und weinend zu uns. Ich wüßte nicht, daß ich für meine Person große Angst empfände; mein großes Vertrauen beruht auf einer gnädigen Vorsehung; aber das hehre Wesen, auf welchem meine Hoffnung steht, wirkt durch menschliche Werkzeuge; und ich wüßte Keinen, auf den ich mit größerer Zuversicht vertrauen würde, als Guert Ten Eyck. Mary Wallace .« »Bei St. Nicholas, Corny! Das sind Aufforderungen, welchen Folge zu leisten sich nie ein Mann besinnen kann,« rief Guert, indem er aufstand, und anfing seinen Bündel wieder auf die Schultern zu nehmen. »Wenn wir uns tüchtig anstrengen, können wir das Nest doch noch erreichen, ehe die Familie zu Bette geht, und so nicht nur ihnen, sondern auch uns mehr Sicherheit und Behagen verschaffen.« Guert fand an mir einen willigen Zuhörer, und auch Dirck war gar nicht saumselig und abgeneigt, darein zu willigen. Die Briefe spornten allerdings unsern Eifer sehr; obgleich in der That uns nichts Anderes zu thun übrig blieb, falls wir nicht etwa Lust hatten, auswärts zu kampiren, allen Gefahren einer rachgierigen und wilden Kriegsweise preisgegeben. Dirck's Brief war von Herman Mordaunt; und er sprach die Wahrheit in einfacherer Sprache aus, als sie von den beiden Ladies berichtet worden war. Hier ist er: »Lieber Dirck! – Es ist gewiß, daß sich die Wilden uns nähern, mein guter Vetter! und es wird uns Allen zum Vortheil gereichen, wenn wir unsre Streitkräfte vereinigen. Kommt, um Gottes willen, mit Eurer ganzen Gesellschaft so eilig als möglich zu uns herein. Ich habe Späher ausgeschickt und sie sind Alle mit dem Bericht zurückgekommen, daß die Zeichen von Fußtapfen in den Wäldern in Menge sich finden. Ich erwarte, daß bis morgen wenigstens hundert Krieger uns über den Hals kommen, und ich treffe dem gemäß meine Vorbereitungen. Wenn Ihr Euch dem Nest nähert, möchte ich Euch rathen, die Schlucht nördlich vom Hause einzuschlagen und Euch darin geschirmt zu halten bis ihr den südlichen Ausgang derselben erreicht. So nähert Ihr Euch dem Thore bis auf hundert Ruthen und habt weit größere Aussicht, herein kommen zu können, falls wir etwa bis zu Eurer Ankunft schon eingeschlossen seyn sollten. Gott segne Euch, lieber Dirck, und führe Euch Alle wohlbehalten zu Euren Freunden. Ravensnest 11. Julius 1758. Herman Mordaunt.« Guert und ich lasen noch in Hast diesen Brief, ehe wir unsern Marsch antraten. Dann die Hütte sammt Allem was sie enthielt, dem Belieben eines Jeden preisgebend, der des Weges kommen mochte, eilten wir mit raschen Schritten unserm Bestimmungsort zu, Wenig mit uns nehmend außer unsern Waffen, Munition und die Nahrungsmittel, welche nöthig waren, um uns bei Kräften zu erhalten. Wie früher ging Trackleß voran, und behielt Jumper ein wenig an seiner Seite, da man die Gefahr, auf Feinde zu stoßen, jetzt als um Vieles gesteigert ansehen mußte. Zwar, befanden wir uns noch im Rücken der Truppe, welche die Frevel auf Mooseridge verübt hatte; aber der Onondago folgte nicht mehr ihren Fährten; er schlug eine andere Richtung ein, eine solche welche gerade auf den von uns angestrebten Punkt hin führte. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Mein Vater hatte eine Tochter; die Liebt' einen Mann – wie ich vielleicht, wär' ich Ein Weib, Euch lieben würde, Herr. Viola. Da der Leser nunmehr eine ziemlich deutliche Vorstellung von unsrer Art, in der Wildniß zu marschiren, haben wird, will ich mich bei der Beschreibung unsrer Reise nicht lange aufhalten. Wir marschirten in raschem Schritte vorwärts und unser Führer hatte die gewöhnliche Route verlassen, welche nachgerade eine ziemlich leicht zu erkennende Fährte geworden war, und schlug eine andre ein, auf welcher er, wie mir schien, keinen andern Leiter und Wegweiser hatte als seinen Instinkt. Guert hatte dem Susquesus von der Schlucht gesagt, und wie wünschenswerth es wäre, sie zu erreichen, und zur Antwort nur ein stilles Nicken mit dem Kopf und einen leisen Ausruf erhalten. Indessen betrachteten wir es als ausgemacht, daß wir uns der Feste Herman Mordaunt's auf diesem Zugang nähern würden. Mittag war vorüber, als wir Mooseridge verließen, und Keiner von uns hoffte, Ravensnest vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Es kam, wie wir erwartet hatten; die Nacht zog ihren Schleier über die Landschaft etwa eine halbe Stunde, ehe Trackleß in das nördliche, gegen den Wald zu gelegene Ende der Schlucht eindrang. Bis dahin hatten wir durchaus keine Anzeichen von der Nähe von Feinden bemerkt. Unser Marsch war still, rasch und wachsam gewesen, war aber völlig ungestört geblieben. Wir wußten jedoch, daß der kritischste Theil uns noch bevorstand; und gerade als die Sonne unterging, hatten wir Halt gemacht, um nach unsern Waffen zu sehen. Es dürfte jetzt angemessen seyn, auch ein paar Worte über die Lage von Herman Mordaunt's »Garnison« zu sagen, so wie über die umliegende Ansiedlung. Ich nenne Ravensnest die »Garnison,« denn dieß Wort ist vom New-Yorker Sprachgebrauch schon längst auf die Feste selbst angewendet worden, nicht blos auf ihre Verteidiger. Einige Kritiker behaupten, es fehle nicht an Autoritäten zur Rechtfertigung dieser Praxis, und ich sehe aus den Wörterbüchern, daß sie nicht ganz Unrecht haben. Das Nest stand eine volle halbe Meile von dem Wald, wo er am nächsten war, entfernt, ausgenommen einen Gürtel von Bäumen, welcher den Rand der Schlucht säumte und ihre Vertiefung füllte. Nahe dabei und dem Auge ganz offen befand sich der Kern und Mittelpunkt der Ansiedlung selbst, welche sich in östlicher und westlicher Richtung volle vier Meilen weit erstreckte. Diese Bodenfläche war jedoch nur in der Weise der Ansiedlungen gelichtet, und es standen ganze Strecken Urwaldes noch reichlich da und dort darauf unangerührt. Das Mühlloos, wie Jason's Pachtstück genannt war, lag auf dem entferntesten von dort aus sichtbaren Punkte, aber bis jetzt war dort noch keine Axt angelegt worden. Ich hatte bei meinem vorigen Besuch auf dem Grundstück bemerkt, daß, wenn man vor Herman Mordaunt's Thüre stand, etwa ein Dutzend Blockhäuser zugleich in verschiednen Theilen der Ansiedlung zu sehen waren, und daß diese Zahl bis auf zwanzig sich erhöhen mochte, wenn der Beobachter seine Stellung veränderte. Natürlich war der ganze offene Platz mehr oder weniger entstellt durch Stumpen, todte und geringelte Bäume, verkohlte Klötze, Haufen von Scheitern, Reisig und Buschwerk und all die übrigen unlieblichen Erscheinungen, welche in den ersten acht bis zehn Jahren der Existenz von einer neuen Ansiedlung unzertrennlich sind. Man kann diese Periode in der Geschichte eines Landes mit unsern Tölpel- oder Flegeljahren vergleichen, wenn wir das Anmuthige der Kindheit verloren und die vollendeten Formen der männlichen Gestalt noch nicht erreicht haben. Herman Mordaunt's Ansiedlung hätte in einer Hinsicht als ein starker und günstiger Punkt zu einem Gefecht gelten können, wäre genug Mannschaft da gewesen, um einer feindlichen Partei von einiger Stärke Widerstand zu leisten. Aber ich hatte ihn sagen hören, er habe nur etwa siebzehn Büchsen oder Musketen, auf welche man sich verlassen könne, da einige seiner Leute Europäer und mit dem Gebrauch und der Handhabung von Feuerwaffen unbekannt waren, während die Erfahrung gezeigt hatte, daß Andere, wenn ein Lärmruf sich erhob, jedesmal mit ihren Familien in die Wälder sich flüchteten, statt sich um das Banner der Ansiedlung zu schaaren. Solche feige Pflichtverletzungen kommen, glaube ich, unter allen Umständen und bei allen Fällen vor, indem die Liebe des Lebens ein noch stärkerer Trieb und Instinkt ist als die Liebe zu Hab' und Gut. Dann und wann jedoch verbarrikadirte sich ein handfester, entschlossener Bursch unter seinem Rindendache, mit dem Entschluß, es aufs Aeußerste ankommen zu lassen und sich zu wehren; und manchmal kamen Verteidigungen vor, welche einem Helden Ehre gemacht hätten. Es mußte Solchen, welche mit der Kriegführung der Wilden vertrauter waren, einleuchten, daß die Schlucht, als der einzige bewaldete Punkt in der Nähe von Herman Mordaunt's Feste, derjenige Punkt sey, in welchem am wahrscheinlichsten ein Feind zu treffen seyn mußte, welcher ausschließlich mittelst natürlicher, begünstigender Hülfsmittel der Garnison sich zu nähern suchte. Wir erkannten dieß wohl; und Guert, welcher mit Eifer das Commando bei uns übernahm, als wir dem gefährlichen Punkte näher rückten, ertheilte seine Befehle, daß Jeder von uns wachsam und gerüstet seyn solle, damit keine Verwirrung stattfinde. Wir hatten unsere Weisungen über die Art, wie wir uns benehmen sollten, sobald der Allarmruf erschalle; und Guert, der ein vortrefflicher Mimiker war, hatte uns zuvor einige Anrufe und Vereinigungssignale gelehrt, welche insgesammt Nachahmungen des Geschreis von verschiedenen Waldbewohnern, hauptsächlich von Vögeln waren. Diese Signale rührten ursprünglich von den rothen Männern her, welche sich ihrer oft bedienten; aber man behauptete, sie würden mit noch mehr Erfolg von unsern Jägern und Schützen angewendet, als selbst von denjenigen, welchen sie ihre Entstehung verdankten. Als wir die Schlucht betraten, wurde unsere Marschordnung geändert. Während Susquesus und Jumper noch immer voran schritten, rückten Guert, Dirck, Jaap und ich in Einer Linie, eng an einander geschlossen, vor. Das dichte Laub und das tiefe Dunkel, welches im Innern dieser höhlenartigen Schlucht herrschte, machte diese Vorsicht nothwendig. Es wurde in der That so dunkel, daß unser einziger Wegweiser der Bach war, welcher in der Tiefe der Schlucht mit gurgelndem Geplätscher dahinfloß und der, wie wir wußten, am Ende derselben auf den offenen Grund herauskam, um sich in ein Flüßchen zu ergießen, welches in mäandrischen Krümmungen natürliche Wiesen westlich von dem Nest durchströmte, und in der Sprache des Landes creek Heißt eigentlich: Bucht. genannt wurde. Dieser Mißbrauch guter alter englischer Worte wird, mit Leidwesen muß ich es sagen, nur allzu gewöhnlich bei uns; und doch habe ich Amerikaner prahlen gehört, daß wir die Sprache besser sprechen als das Mutterland! Daß wir unter uns keine Klasse haben, welche einen unverständlichen Dialekt spricht, wie der von Lancashire oder Yorkshire, ist allerdings wahr; und daß bei uns weniger Personen sind, welche entschieden gegen die Gesetze der Grammatik sündigen, als in England, mag auch wahr seyn; aber gewiß wäre uns zu rathen, erst gar viele Fehler zu verbessern, in welche wir ohne Frage verfallen sind, ehe wir so zuversichtlich der Reinheit unseres Englisch uns rühmen. Doch zurück zu unserer Schlucht! Wir waren in der dunkeln, tiefen Schlucht so weit vorgedrungen, daß wir einen Punkt erreicht hatten, wo das schwache Licht des offenen Feldes und die Sterne am Firmament sichtbar wurden, als wir uns plötzlich neben Trackleß und Jumper stehend fanden. Diese Indianer hatten Halt gemacht, denn ihre scharfen, adlerartigen Blicke hatten die Anzeichen von Feinden entdeckt. Auch war diese Entdeckung nicht sehr schwer zu machen gewesen, obgleich einige Vorkehrungen getroffen waren, um zu verbergen, was vor uns vorging. Eine Gruppe von etwa vierzig Wilden, Jeder in seiner Kriegsbemalung, hatten unter einem überhängenden Felsen ein Feuer angezündet und waren um dasselbe herum mit ihrem Nachtessen beschäftigt. Das Feuer hatte schon seine Schuldigkeit gethan, und glostete jetzt nur noch fort, wobei es ein schwaches, flackerndes Licht auf die dunkeln, wilden Züge der um dasselbe versammelten Gruppe warf. Wir hätten uns in jeder andern Richtung dem Platze nähern können, ohne der Gefahr zu rechter Zeit inne zu werden, um ihr noch auszuweichen, aber die gütige Vorsehung hatte die beiden Indianer gerade auf einen Punkt geführt, wo die ersterbende Glut ihnen unmittelbar ins Auge fiel, und wo sie, wie gesagt, Halt machten. Ich glaube nicht, daß wir über vierzig Schritte von dieser furchtbaren Bande von Wilden entfernt waren, als ich ihrer zuerst ansichtig wurde; und so sehr ich bis auf einen gewissen Grad abgehärtet worden war durch den Kriegszug und die Scenen, von welchen ich so eben herkam, will ich doch gestehen, daß mir das Blut bei diesem Anblick fast erstarren wollte. Nur in flüsterndem Tone konnten wir uns besprechen. Da standen wir, zusammengeschmiegt unter einer riesigen Eiche, deren Schatten das Dunkel, jetzt unsern einzigen Schutz, noch tiefer und schwärzer machte. So aufeinander gedrängt standen wir da, daß sogar Jaap mit mir in unmittelbare körperliche Berührung kam. Susquesus schlug vor, auf einem Umweg den Feind zu umgehen, indem wir den Bach überschritten, welcher zum Glück an diesem Punkte über einige Felsen herabstürzend ein uns sehr zu Statten kommendes Getöse machte, und so an unsren Feinden vorbei kämen, welche wahrscheinlich mit ihrer Mahlzeit nicht zu Ende seyn würden, ehe wir die »Garnison« erreicht hätten. Dagegen aber legte Guert sein Veto ein. Er war der Meinung – und ich habe es immer so angesehen, daß dieß die Entscheidung eines Mannes gewesen, der zum Soldaten geboren war, – daß wir uns in einer Lage und Stellung befänden, wie wir sie uns nicht besser wünschen könnten, um der Familie einen großen Dienst zu leisten und dem Feind einen panischen Schrecken einzujagen. Durch einen Angriff würden wir ganz gewiß die Schaar vor uns überraschen und dieß würde einen solchen Eindruck auf sie machen, daß sie sich entschließen dürften, die Ansiedlung zu verlassen. Dirck und ich traten dieser Ansicht bei, welche auch durch Jaap's Stimme unterstützt ward. »Ja, Sah! – ja, Masser Corny, jetzt Zeit zu rächen armen Pete!« murmelte er, und zwar etwas lauter, als der Vorsicht gemäß schien. Sobald Trackleß sah, welchen Gang die Sache nehmen würde, so schickten auch er und Jumper sich so kaltblütig als nur Einer von uns zum Kampfe an. Unsere Anordnungen waren sehr einfach und bald getroffen. Wir wollten nur Eine Salve geben von dem Punkt aus, wo wir standen, laut jauchzen und dann mit Messer und Tomahawk angreifen. Es sollte jedoch keine Zeit versäumt werden; und statt in der Nähe des Feuers, so schwach und trüb es war, zu verweilen, wollten wir nach der Mündung der Schlucht vordringen und von dort aus einzeln oder in Einem Haufen, wie es sich gerade schicken würde, so schnell wir könnten nach dem Thore von Ravensnest eilen. In einem Augenblick standen wir in schußfertiger Stellung und erwarteten die Befehlsworte. »Denkt an Traverse!« sagte Guert finster, »denkt an Sam und alle unsere ermordeten Freunde!« Dieß sprach er mit ganz holländischem Accent, wie er gewöhnlich in großer Aufregung zu thun pflegte. Und wir dachten an die Todten; und ich habe oft gedacht, obwohl nie mit völliger Gewißheit erfahren, es habe bei dieser blutigen Gelegenheit Jeder von uns den Manen unserer verlorenen Genossen ein Opfer dargebracht. Unsere Büchsen knallten, oder krachten , wäre der richtige Ausdruck, beinahe in Einem Augenblick; ein gellender Schrei erhob sich unter den Wilden um das Feuer; unser wildes Jauchzen mischte sich in dieß Geschrei, und wir stürzten uns vor, bemüht unsere Zahl wie die von Hunderten erscheinen zu lassen. Man behält von einem solchen in der Dunkelheit gemachten Angriff außer dem Allgemeinsten nur sehr unbestimmte Züge und Bilder in der Erinnerung. Wir stürmten gerade unter die Getödteten und Verwundeten hinein und ich hörte, wie Jaap ein paar fürchterliche Streiche auf die Leichname führte; aber Niemand leistete uns Widerstand. Einen Augenblick, nachdem wir an dem erlöschenden Feuer vorbei waren, wurden drei oder vier Schüsse auf uns abgefeuert, aber kein Zeichen verrieth, daß sie Einen von unsrer Gesellschaft getroffen. Die Entfernung vom Feuer bis zur Mündung der Schlucht mochte hundert Schritte betragen; und das Licht von außen; oder die verminderte Dunkelheit würde der richtigere Ausdruck seyn, diente uns den Weg zu weisen. Dorthin drängten wir uns, so schnell wir konnten, jedoch keineswegs in geschlossener Ordnung. Von hier an kann ich, was diese Affaire betrifft, nur von mir allein berichten. Ich sah Männer rasch zwischen den Bäumen sich bewegen, und ich vermuthete, daß es meine Genossen seyen; aber wir hatten uns getrennt, da verabredet war, daß jetzt Jeder für sich selbst sorgen solle. Da unsre Büchsen abgefeuert waren, und wir keine Zeit hatten, sie wieder zu laden, hätte es in der That wenig genützt, Halt zu machen. Dieß einsehend, trat ich aus der Schlucht nicht unmittelbar am Bache heraus, sondern hielt mich mehr seitwärts und kam hervor etwas höher als die daran stoßende Ebene lag. Hier machte ich Halt, um zu laden, da der Versteck gut und meine Stellung in jeder Hinsicht günstig war. Während ich so beschäftigt war, hatte ich Zeit, mich umzusehen, und mich vom Stand der Dinge auf der Ansiedlung durch eigne Anschauung zu überzeugen, soweit die Stunde und die Finsterniß es gestatteten. Die Ebene flimmerte und glostete von den Ueberbleibseln zwölf gewaltiger Feuer, den Ruinen ebenso vieler Blockhäuser und Scheunen. Das Licht derselben diente nur eben, die Dunkelheit der Nacht noch augenfälliger zu machen, und einen schwachen Begriff zu geben von dem Umfang der bereits verübten Verwüstungen. Das Haus Ravensnest jedoch war unberührt. Da stand es, und dunkel und düster nahm es sich aus; denn da es keine Fenster nach aussen hatte, sah man kein anders Licht, als eine einzige Kerze, die vermuthlich in einer Lucke als Signal aufgesteckt war. Tiefe Stille herrschte in dem Gebäude und ringsumher, und machte den Eindruck von etwas Geheimnißvollem, was unter solchen Umständen an sich schon als ein mächtiger Beistand gelten konnte. Das Licht war nicht hinreichend, um die Gegenstände in einiger Entfernung unterscheiden zu können und nachdem ich meine Büchse wieder geladen hatte, hielt ich fürs Klügste, so schnell als möglich nach dem Thore zu eilen. In diesem Augenblick hatte für mein Gefühl die Stille hinter mir etwas förmlich Grausenerregendes an sich. Allerdings war es ziemlich gewagt, in einem solchen Augenblick und unter solchen Verhältnissen einen Versteck zu verlassen; aber es war unumgänglich nothwendig, diesen Gefahren mich auszusetzen. Mein erster Sprung brachte mich den halben Abhang hinunter, und bald befand ich mich auf ebenem Grund. Vor mir waren zwei Männer, wovon mir der Eine den Andern gepackt zu haben schien. Da sie sich zwar langsam, in der Richtung nach dem Hause hin bewegten, wagte ich zu fragen: »Wer da?« »Oh, Corny, mein Junge, seyd Ihr es?« antwortete Guert. »Gott sey gepriesen! Ihr scheint unverletzt, und kommt gerade zu rechter Zeit, um mir diesen Huronen weiter schleppen zu helfen, auf den ich in der Dunkelheit stieß und den ich entwaffnet und gefangen habe. Gebt ihm einen Tritt oder Puff, wenn Ihr so gut seyn wollt; denn der Kerl sträubt sich und bleibt zurück wie ein widerspenstiges Schwein.« Ich kannte jedoch die indianische Rachsucht zu gut, als daß ich zu dem angerathenen Mittel gegriffen hätte; sondern ich packte den Gefangenen am einen Arm, während Guert den andern hielt, und so schleppten wir ihn in raschem Lauf mit geringer Schwierigkeit hinauf zu dem Verhau, welcher dem Thor der Garnison zum Schutz diente. Hier fanden wir Herman Mordaunt und ein Dutzend seiner Leute, Alle bewaffnet, bereit uns aufzunehmen. Sie erwarteten unsre Ankunft, sowohl in Betracht der Stunde, als auch in Folge des Geschreis in der Schlucht, welches man im Hause ganz deutlich gehört hatte. In weniger als einer Minute befanden sich Alle sicher und unverletzt drinnen. In der That war unser Angriff so plötzlich erfolgt, daß wir Alles vor uns niedergeworfen oder verjagt und die Feinde nicht Zeit gehabt hatten, von ihrem panischen Schrecken sich zu erholen, als bis wir Alle sicher unter Dach gekommen waren. Einmal in den Thoren von Ravensnest liefen wir keine weitere Gefahren, als diejenigen, welchen solche hölzerne Festen bei den Kriegen der Wildniß überhaupt ausgesetzt sind. Es wäre für eine so ungeübte Feder, wie die meinige, nicht leicht, den Uebergang zu schildern von der Düsterheit der Schlucht, dem kurzen, aber blutigen Angriff, dem Jauchzen, dem Stürmen und dem Rückzug draußen in der nächtlichen Welt, zu der Scene häuslicher Sicherheit, die wir in dem Nest fanden, verschönert durch weibliche Anmuth und Lieblichkeit, und in mancher Hinsicht auch durch weibliche Eleganz. Anneke und ihre Freundin empfingen uns in einem hellen, freundlichen, behaglichen Gemach, das uns noch viel anziehender wurde durch ihre Thränen und ihr Lächeln; und an beidem ließen es die Mädchen nicht fehlen. Ich bemerkte, daß Beide in entsetzlicher Unruhe und Gemüthsbewegung gewesen waren; aber die Freude gab ihren holdseligen Gesichtern die Farbe wieder und führte das Lächeln zurück. Die Lage des Platzes war vielleicht von der Art, daß die Freude weder sehr anhaltend, noch sehr lebhaft seyn konnte; aber das zärtlichste Weib kann ihr Herz plötzlich so seiner Bürde von Besorgnissen entlastet fühlen, daß sie für den Augenblick vergnügt und glücklich scheinen mag mitten unter den sie umgebenden Schrecknissen des Krieges. Dieß ungefähr war der Charakter des Empfanges, der uns jetzt zu Theil wurde, neben tausend Danksagungen dafür, daß wir ihre Briefe so rasch in eigner Person und mündlich beantwortet. Die köstlichen Geschöpfe waren so freundlich und zartsinnig, daß sie die rasche Willfährigkeit gegen ihre Wünsche, die wir an den Tag gelegt, gar nicht unsrer Besorgniß um unsre eigne Sicherheit, sondern einzig unserm Wunsche, ihnen gefällig zu seyn und sie zu beschützen, zuzuschreiben schienen. Der Leser begreift wohl, daß alle Erklärungen von beiden Seiten nicht im ersten Augenblick gegeben werden konnten. Dazu kam es jedoch bald; denn die thatsächlichen Umstände drängen sich in solchen Augenblicken mit unwiderstehlicher Gewalt und Schwere der Aufmerksamkeit auf. Das Eis ward gebrochen dadurch, daß Herman Mordaunt in das Gemach trat, und uns mit der Miene eines Mannes anredete, welcher merkt, daß eine große Versäumniß begangen worden. »Wir hatten das Thor geschlossen und die Späher an die Lucken gestellt,« sagte er, »ehe ich erfahren, daß noch nicht Eure ganze Gesellschaft hier ist. Ich sehe Nichts von Traverse und seinen Meßgehülfen, noch von Sam und Tom, Euern Jägern. Sie sind doch hoffentlich nicht im Walde zurückgeblieben?« Keiner von uns Dreien sprach. Aber unsre Mienen müssen die traurige Geschichte verkündet haben, denn Herman Mordaunt schien uns im Augenblick zu verstehen. »Nein!« rief er aus – »Ist es möglich? Doch hoffentlich nicht Alle?« »Alle, Mr. Mordaunt, und auch sogar mein armer Sklave, Petrus,« antwortete Guert mit feierlichem Ernst. »Sie wurden zerstreut, so vermuthe ich, angegriffen, und ermordet, während wir noch auf unserm Kriegszuge abwesend waren.« Die lieben Mädchen rangen die Hände, und mir schienen Anneke'ns blasse Lippen wie im Gebet sich zu bewegen. Ihr Vater schüttelte den Kopf, und schritt eine Zeitlang schweigend im Zimmer auf und ab. Dann ermannte er sich, wie Einer, der sich der Notwendigkeit bewußt ist, kaltblütig und zur That bereit zu seyn, und setzte das Gespräch fort. »Gott sey Dank, daß Mr. Bulstrode wohlbehalten bei uns eingetroffen, gestern Abend, gerade nachdem wir den Läufer abgeschickt hatten; er ist nun doch für den Augenblick den Krallen dieser Teufel entgangen!« Nach diesem waren wir im Stande, uns zusammenhängender zu besprechen, und wir tauschten Erzählungen und Erklärungen aus, welche jede der beiden Parteien in Stand setzten, sich eine genaue Vorstellung von dem Zustand und den Verhältnissen der andern zu bilden. Dann wurden wir nach Bulstrode's Gemach geführt, denn er hatte den Wunsch ausgesprochen, uns zu sehen, sobald man uns entbehren könne. Unser Feldzugsgenosse empfing uns in guter Laune, für einen Mann in seiner Lage; er sprach von den Ereignissen vor Tikonderoga verständig, und ohne daß er das Leidwesen und die Beschämung, die er, sammt dem ganzen britischen Reiche, empfand, zu verbergen suchte. Seine Verletzung war durchaus nicht schlimmer Art; sie mochte ihn wohl für einige Wochen zum Gehen untüchtig machen, aber das Bein war in keiner Gefahr. »Ich habe die Entschlossenheit und das Geschick gehabt, Corny, mir ein gutes Quartier zu verschaffen – abgesehen von dieser unerwarteten Belagerung,« bemerkte er gegen mich, als die Andern sich zurückzogen und uns allein ließen. »Diese unsre Nebenbuhlerschaft hat einen ganz großmüthigen Charakter und wir haben wohl jetzt den freiesten und besten Spielraum dafür. Wenn wir dieß Nest Herman Mordaunt's verlassen, ohne die eigentliche Beschaffenheit von Anneke'ns Gesinnungen und Gefühlen auszumitteln, so verdienen wir wohl, für unsre übrige Lebenszeit zum Cölibat verurtheilt zu werden. Nie gab es zwei solche Gelegenheiten, mit Vortheil zu werben!« »Ich gestehe, unsre Lage leuchtet mir nicht als so ganz besonders günstig ein, Mr. Bulstrode,« versetzte ich. »Anneke muß zu viel Besorgniß für sich selbst und um Andere empfinden, als daß sie für die zarten Gefühle der Liebe so empfänglich wäre, wie dieß in der friedlichen Sicherheit von Lilaksbush der Fall seyn möchte.« »Ha, aus dieser Bemerkung erhellt ganz deutlich, daß Ihr das weibliche Geschlecht nicht versteht, Corny. Ich will Euch zugeben, daß, ohne vorangegangene Werbung, und ohne daß zuvor schon ein Grund gelegt wäre, wenn ich mich so unehrerbietig ausdrücken darf, Eure Theorie Recht behalten möchte, aber nicht unter den hier obwaltenden Umständen. Hier ist eine junge neunzehnjährige Lady, welche weiß, daß sie nicht nur gesucht wird, sondern schon lange gesucht worden ist, ja mit Wärme und glühender Leidenschaft gesucht worden ist von zwei jungen Männern, gegen welche sich vernünftiger Weise Nichts einwenden läßt, in eine Lage versetzt, wo alle ihre Gefühle von dem Einen oder dem Andern müssen aufgeregt und in Anspruch genommen werden; und glaubt mir nur, die Sache wird entschieden werden, noch vor Ablauf dieser gesegneten Woche. Sollte ich der Glückliche seyn, so hoffe ich im Stande zu seyn, ein großmüthiges Mitleid an den Tag zu legen; und vice versa werde ich von Euch dasselbe erwarten. Aber freilich ist dieser traurige, traurige Handel vor Ty eine gute Vorbereitung zur Demuth gewesen.« Ich konnte nicht umhin, zu lächeln über Bulstrode's eigentümliche Art, unsre Werbung anzusehen; aber da Anneke für mich immer der anziehendste Gegenstand eines Gesprächs war, fühlte ich mich, trotz unserer Lage, die gewiß nicht sonderlich geeignet und günstig für die Liebe war, nicht fähig, dieß Thema so plötzlich zu verlassen. So wurde denn der Gegenstand weiter verfolgt. Als ich Bulstrode bat, sich weiter zu erklären, gab er mir folgende Erläuterung seiner Theorie. »Nun, ich argumentire so, Corny. Anneke liebt Einen von uns Beiden, das ist keine Frage. Daß sie liebt , darauf will ich schwören; ihr Erröthen, ihre strahlenden Augen, ihre Schönheit selbst, – Alles ist erfüllt von dem Liebreiz dieses Gefühls. Nun ist es nicht möglich, daß sie einen Andern, als Einen von uns, lieben sollte, aus dem einfachen Grunde, weil sie keinen andern Anbeter hat. Ich will offen gegen Euch seyn, und Euch gestehen, daß ich glaube der Begünstigte zu seyn, während Ihr, glaube ich fast, eben so sanguinisch seyd und Euch für den Bevorzugten haltet.« »Ich gebe Euch mein Ehrenwort, Major Bulstrode, ein so anmaßender, ungeziemender Gedanke hat nie –« »Ja, ja, ich verstehe das Alles. Ihr seyd der Liebe von Anneke Mordaunt nicht würdig, und habt deßwegen nie den vermessenen Traum gehegt, sie könnte dieselbe einem so armen, elenden, werthlosen Taugenichts wie Ihr, schenken. Ich hege großentheils auch dieß sehr geziemende Gefühl, aber daneben hofft Jeder von uns, voll Zuversicht, auf einen Erfolg und Triumph, sonst würde er die Bewerbung längst aufgegeben haben.« »Ich versichere Euch, Bulstrode, Nichts weniger als Zuversicht mischt sich mit meinen Gefühlen in Betreff dieses Gegenstandes. Ihr mögt Gründe haben, Euch Eurer Sache so gewiß zu glauben; aber ich kann mich dessen in keiner Weise rühmen!« »Ich habe keine andern Gründe, als Eigenliebe, deren jeder Mensch ein zu seinem Behagen und seinem Seelenfrieden genügendes Maß besitzt. Ich behaupte, Hoffnung ist zur Liebe unerläßlich nothwendig, und die Hoffnung geht mit der Zuversicht Hand in Hand. Meine Argumentation über diese Punkte ist sehr einfach. Und nun zu den besondern Vortheilen, die uns jetzt zu statten kommen, um die Sache zu einer Entscheidung zu bringen. Erstlich bin ich verwundet, wie Ihr bedenken müßt, – leidend an einer ehrenvollen Blessur, in offener Schlacht erhalten, im Kampf für König und Vaterland. Sodann bin ich frisch vom Schlachtfeld in meiner Sänfte zu meiner Geliebten gebracht worden, an meiner Person das Zeugniß tragend meiner bestandenen Gefahren, und, hoffe ich, meines guten Benehmens. Es ist nicht Ein Weib unter Tausenden, die, wenn sie zwischen uns schwankte, sich nicht allein auf diese Gründe hin zu meinen Gunsten entschiede. Ihr habt keinen Begriff davon, Corny, wie die Herzen dieser süßen, zarten, hingebungsvollen, großmüthigen, kleinen amerikanischen Mädchen in Sympathie hinschmelzen bei dem Leiden eines armen Elenden, von dem sie sich angebetet wissen! Macht ein weibliches Wesen zu Eurer Krankenwärterin – sie wird neunmal unter zehn die Eurige! Das ist ein Meisterstreich von mir, aber ich hoffe, Ihr werdet ihn verzeihen. Stratageme sind entschuldbar in der Liebe wie im Krieg.« »Es fällt mir nicht schwer Eure Politik zu begreifen, Bulstrode, wohl aber einigermaßen, ich gestehe es, Euere Offenherzigkeit. Aber nun es einmal so ist, hoffe ich, Ihr werdet überzeugt seyn, daß ich sie nicht mißbrauche. Jetzt aber, was meine Lage betrifft, welche besondere, den Eurigen das Gegengewicht haltende Vortheile kommen mir zu Gute?« »Die eines Verteidigers! Oh, das ist an und für sich schon ein Sturmbock! Dieser verwünschte Angriff auf die Ansiedlung, der, wie man mir sagt, ziemlich ernsthaft ist, und noch einige Tage lebhafte Besorgnisse rege erhalten kann, ist für mich etwas sehr Unglückliches, höchst vortheilhaft dagegen für Euch. Ein Verwundeter kann nicht halb so viel Interesse und Theilnahme erregen, als unter andern Umständen möglich wäre, wenn Andere jede Minute ganz leicht getödtet werden können. Sodann ist die Rolle eines Vertheidigers eine sehr wichtige und dankbare; und da ich ein großherziger Rival bin, Corny, wie ich Euch immer erklärt habe, rathe ich Euch, sie Euch aufs beste zu Nutze zu machen. Ich verhehle Nichts, und beabsichtige allen möglichen Vortheil aus meiner Wunde zu ziehen.« Es war kaum möglich nicht zu lachen über diese seltsam offenherzige, und doch, wie ich fest glaube, seltsam aufrichtige Erklärung; denn Bulstrode war ein Humorist trotz all seinem konventionellen Wesen und seinen Londoner Begriffen, und war mehr gewohnt, genau das zu sagen was er dachte, als man es gewöhnlich bei Männern seiner Klasse findet. Nachdem ich noch eine halbe Stunde bei ihm gesessen, und mit ihm über die letzten militärischen Operationen geplaudert hatte, über welche er mit Gefühl und mit Verstand sich aussprach, verabschiedete ich mich für die Nacht. »Gott segne Euch, Corny,« sagte er, mir die Hand drückend, als ich ihn verließ; »benützt die Gelegenheit auf Euere Weise, denn ich versichere Euch, ich werde es auf die meinige thun. Es ist gegenwärtige Tapferkeit gegen vergangene Tapferkeit. Wäre ich selbst nicht der eine Betheiligte, – es lebt kein Mensch auf der Welt, dem ich mehr von ganzem Herzen den Sieg wünschte als Euch!« Und ich glaube, Bulstrode überschritt bei diesen seinen Versicherungen die Grenze der Wahrheit nicht. Daß ich bei Anneke'n den Sieg davon tragen würde, glaubte er nicht, wie mir dieß ganz klar war aus seinem Wesen und Benehmen überhaupt, bei dem Bewußtseyn, das er von seinen Vortheilen und Vorzügen, Rang und Vermögen betreffend, so wie in Folge davon haben mußte, daß Herman Mordaunt so sehr ihm geneigt war und seine Wünsche begünstigte. Seltsam genug! als ich meinen Nebenbuhler unter so ganz eigenthümlichen Verhältnissen verließ, ward ich zufällig mit meiner Geliebten zusammengeführt, und zwar allein! Anneke befand sich allein in dem kleinen Zimmer, in welchem die Mädchen sich gewöhnlich aufhielten, als ich dahin zurückkehrte, da Guert Mary Wallace dazu gebracht hatte, im Hof mit ihm einen Gang zu machen – dem einzigen Ort, welcher jetzt den Ladies zu Gebote stand, um sich in freier Luft zu ergehen: während Herman Mordaunt, Mr. Worden und Dirck mit einander in dem allgemeinen Gesellschaftszimmer waren, und einige Verabredungen mit dem bestürzten Haufen der Ansiedler, welche sich in das Nest geflüchtet hatten, wegen der Nachtwache trafen. Ich will mich nicht damit aufhalten, mein Entzücken zu schildern, als ich Anneke hier traf; auch ward es keineswegs vermindert, als ich den sanften Ausdruck ihres mir begegnenden süßen Auges bemerkte, und das Erröthen sah, welches ihre Wangen bedeckte. Ohne Zweifel hatte das Gespräch, das ich so eben gehabt, seine Wirkung auf mich; denn ich beschloß sofort bei mir, daß eine so günstige Gelegenheit, meine Bewerbung zu verfolgen, nicht versäumt werden solle; ich ward, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, gestachelt durch die Furcht vor Bulstrode's Wunde. Was ich zu Anfang dieser Unterredung sagte, das vermöchte ich nicht mehr ganz genau zu berichten, wenn ich auch glaubte, es würde mich in vorteilhaftem Licht erscheinen lassen, während ich freilich vielmehr das Gegentheil fürchte; aber ich machte mich wenigstens verständlich, was, wie ich mir einbilde, nicht einmal allen Liebhabern bei solchen Scenen gelingt. Zuerst sprach ich, wie ich besorgen muß, verwirrt und etwas unzusammenhängend; aber mein Gefühl siegte in so weit über diese Mängel, daß ich im Stande war, vorzubringen, was ich zu sagen wünschte. Gegen das Ende muß, wenn ich nur entfernt mit der Wärme und Klarheit sprach, wie ich fühlte, meine Sprache und mein ganzes Wesen einen leisen Anflug von Beredtheit an sich gehabt haben. Da dieß zudem das erste Mal war, daß ich überhaupt Gelegenheit hatte, meine Bewerbung in ganz offener und entschiedener Weise zu verfolgen, so war da so Viel zu sagen, so Viel aufzuklären, und die Versäumniß so vieler scheinbar günstiger Gelegenheit zu entschuldigen, daß Anneke während der ersten zehn Minuten fast Nichts zu thun hatte als nur mir zuzuhören. Ich habe immer die Fassung und Selbstbeherrschung, welche meine Gesellschafterin während der übrigen Unterredung an den Tag zu legen im Stande war, dem Umstand zugeschrieben, daß ihr so einige Zeit vergönnt war, ihre Gedanken zu sammeln. Die liebe köstliche Anneke! wie bewundernswerth benahm sie sich in jener denkwürdigen Nacht! Gewiß war es eine ganz außerordentliche Lage, um von Liebe zu sprechen; dennoch zweifle ich sehr, ob die Gefühle in solchen Augenblicken nicht eher wahrer und natürlicher seyn dürften, als wenn die Umstände erlauben, mehr nach den Auskunftsmitteln des Alltagslebens zu greifen. Ich bemerkte wohl, daß meine holde Zuhörerin gerührt war vom ersten Augenblick an, wo ich anfing, und daß ihr Angesicht ein zärtliches Interesse an meinen Worten verrieth. Hierauf vertrauend, oder ermuthigt durch ihr Erröthen und ihre niedergeschlagenen Augen, wagte ich eine Hand zu fassen, und sah, daß ich nicht zurückgewiesen wurde. Da fand ich denn Worte, welche wirklich meiner Gesellschafterin Thränen ins Auge lockten, und Anneke war im Stande mir zu antworten. »Das ist eine so ungewöhnliche – eine so außerordentliche Zeit, von solchen Dingen zu sprechen, Corny,« sagte sie, »daß ich kaum recht weiß, was ich antworten soll. Eines jedoch fühle ich, aufs bestimmteste und lebhafteste: Personen, so wie wir, umringt von Gefahren, die jeden Augenblick unsern Untergang herbeiführen können, haben eine sonst nicht gewöhnliche Verpflichtung und Berechtigung zur Aufrichtigkeit. Der Ziererei war ich, hoffe ich, nie ergeben, und Prüderie, das weiß ich, würdet Ihr verdammen. In meiner Seele herrscht in diesem Augenblick ein Gefühl vor, das ich auszusprechen wünsche, aber ich weiß kaum, wie –« »Unterdrückt es nicht, geliebte Anneke; seyd so großmüthig als Ihr, das weiß ich, aufrichtig seyd.« »Corny, es ist dieß. Ich weiß, wir sind in Gefahr – in sehr drohender Gefahr, überwältigt zu werden; gefangen, vielleicht getödtet zu werden von den grausamen Wesen, welche um unsere Wohnung herum streichen, und ich weiß, daß Keiner in diesem Hause auf noch einen Tag Leben rechnen kann, auch nur mit der gewöhnlichen eiteln Sicherheit der Menschen. Sollte nun jetzt Euch Etwas zustoßen, und ich Euch überleben, so würde ich den Rest meiner Tage hindurch fortwährend um Euern Verlust trauern und die lebhafteste Reue empfinden, daß ich Bedenken getragen hätte, Euch zu gestehen, welchen Antheil ich lange schon an Euch genommen, und wie glücklich mich das Bewußtseyn des Vorzugs gemacht hat, den Ihr mir, Euerem offenen und ehrlichen Geständniß vor Monaten zufolge, in Euerem Innern gegeben habt.« Da Erröthen und Thränen diese Geständnisse Anneke'ns begleiteten, war es mir nicht möglich, die Wahrheit dessen was ich hörte zu bezweifeln. Von diesem Augenblick an knüpfte eine Welt von Vertrauen und ein Strom reinen, süßen, starken natürlichen Gefühls uns immer enger und enger an einander. Guert war in einer glücklichen Stimmung, um Mary Wallace bei sich zurückzuhalten; und der Drang der Umstände kam mir in Bezug auf die Uebrigen sehr zu Statten. Ueber eine Stunde hatte ich Anne Mordaunt ganz für mich allein; und wenn das Herz offen ist, wie viel kann da über einen Gegenstand wie die Liebe gesagt und verstanden werden in einer Stunde des rückhaltlosen Vertrauens und des übermächtigen Gefühles! Anneke gestand mir, ehe wir uns trennten, daß sie oft an den ritterlichen Knaben gedacht, der freiwillig sich zum Kämpfer für sie aufgeworfen, als sie selbst noch kaum mehr als ein Kind war, und an ihn gedacht habe, wie ein großherziges Mädchen unter solchen Umständen an einen tüchtigen Jungen denken mag. Diese aus so frühen Jahren stammende Gunst war bedeutend gesteigert und gekräftigt worden durch den Vorfall mit dem Löwen und unsern darauf folgenden Verkehr. Bulstrode, dieser furchtbare ermuthigte Rival, ermuthigt von ihrem Vater, wenn auch nicht von ihr selbst, hatte sie nie im Mindesten interessirt, über die Grenze eines aus der Blutsverwandtschaft natürlich folgenden Gefühls hinaus; und ich hätte mir manche Stunde banger Angst seinethalben ersparen können, wenn ich nur hätte sehen können, was mir jetzt so ohne Rückhalt bekannt wurde. Der arme Bulstrode! ein Gefühl von Mitleid beschlich mich, als ich die Versicherungen meiner Gesellschafterin anhörte, daß er nie im Mindesten ihr Herz gerührt habe, während sie zu derselben Zeit, hoch erröthend, zugestand, daß ich diese Macht besaß. Ein dahin gehender Ausdruck entschlüpfte sogar ihren Lippen: »Bekümmert Euch nicht wegen Mr. Bulstrode's, Corny,« sagte Anneke, schalkhaft lächelnd, so daß man vermuthen konnte, sie habe sämmtliche Für und Wider bei dieser Sache in ihrer Seele reiflich erwogen; »er mag sich ein wenig gekränkt fühlen, aber er wird diese Phantasie bald vergessen in der Freude darüber, daß er nicht einer flüchtigen Neigung nachgegeben und sich nicht mit einem jungen, unerfahrnen amerikanischen Mädchen verbunden habe, das Wohl kaum dazu taugte, sich in den Kreisen zu bewegen, in welchen seine Gattin leben muß. – Ich glaube, Mr. Bulstrode zieht mich jetzt gerade allen andern Frauen vor, die er eben kennen mag; aber seine Neigung, wenn sie den Namen verdient, hat nicht das Gemüth in sich, lieber Corny, das, wie ich weiß, in der Eurigen lebt. Man sagt, wir Frauen entdecken es schnell, wenn wir wirklich geliebt werden, und ich gestehe, daß meine eigne kleine Erfahrung mich geneigt macht zu glauben, daß diese Behauptung uns nur Gerechtigkeit widerfahren lasse.« Darauf sprach ich von Guert, und drückte die Hoffnung aus, daß seine aufrichtige, offenkundige, männliche Ergebenheit am Ende das Herz seiner Geliebten rühren, und daß mein neuer Freund, für welchen ich schon ein Gefühl wie für einen alten Freund zu haben anfing, am Ende durch Erwiederung einer Leidenschaft werde beglückt werden, die nach meiner vollen Ueberzeugung so tief und aufrichtig sey wie meine eigene; eine Vergleichung die, wie ich wohl fühlte, so stark war, als ich nur irgend eine zu Gunsten Guert's machen konnte. »Ueber diesen Gegenstand dürft Ihr nicht erwarten, daß ich Viel sage, Corny,« antwortete Anneke lächelnd. »Jede Frau ist Herrin ihrer eignen Geheimnisse hinsichtlich eines solchen Gegenstandes, und wenn ich der Mary Wallace Gesinnung oder Wünsche in Bezug auf Mr. Ten Eyck vollständig kennte, wessen ich mich jedoch keineswegs rühmen darf, so würde ich mich doch nicht berechtigt glauben, sie zu verrathen, selbst nicht gegen Euch. Ich habe vor Corny Littlepage kein, meine Person betreffendes Geheimniß mehr, aber man darf nicht erwarten, daß ich so schwach mich zeigen werde, indem ich mein ganzes Geschlecht verriethe, als ich mich gezeigt, indem ich mich selbst verrathen habe.« Ich war genöthigt, mit diesem süßen Geständniß, und mit der Ueberzeugung, daß ich schon lange geliebt gewesen, mich zu begnügen. Als Anneke mich verließ, was sie nach Verfluß von mehr als einer Stunde sich nicht mehr wehren ließ, hatte ich, schwelgend in dem Bewußtseyn alles dessen, was zwischen uns vorgegangen, Mühe mich zu überzeugen, daß ich nicht träumte. Diese Aufklärung war so plötzlich gekommen, so gänzlich unerwartet für Beide, glaube ich, daß sie uns wohl wie ein Traum erscheinen konnte; aber doch, bin ich überzeugt, wir trennten uns nicht ohne das tiefe innige Bewußtseyn, daß wir Beide glücklicher waren, als wie wir uns hier zusammen fanden. Dennoch betheure ich feierlich, daß ich Sorge, beinahe Bekümmerniß, um Bulstrode empfand. Der arme Bursche hatte offenbar erst noch vor einer oder zwei Stunden so zuversichtlich auf seinen Erfolg gerechnet, daß ich es nicht über mich vermocht hätte, ihn von meinem Triumph in Kenntniß zu setzen, wenn er auch auf und im Stande gewesen wäre, seine Bewerbung zu betreiben; in seiner gegenwärtigen Lage aber wäre mir ein solches Verfahren roh und brutal erschienen. Was Guert Ten Eyck betrifft, so war er, als er sich wieder bei mir einfand, trauriger und verzweiflungsvoller als je. »Es fiel mir ein, Corny, daß wenn Mary Wallace die mindeste Zuneigung für mich hege, sie sie wohl in einem Zeitpunkt kund geben würde, wo man von uns Allen sagen kann, daß wir zwischen Leben und Tod schweben. Ich habe oft sagen gehört, daß das Weib, das mit einem jungen Burschen ihr Spiel triebe auf einem Ball oder auf einer Schlittenfahrt, und ihn wie einen Hund behandelte, während Alles lachte und sich belustigte, sich umdrehe wie ein Wetterhahn auf unsern holländischen Scheunen, wenn der Wind umschlägt, im Augenblick wo Noth oder Unglück ihren Anbeter treffe. Mit andern Worten, daß dasselbe Mädchen, welches im Glück und Wohlergehen launenhaft und unzuverläßig sey, plötzlich ganz zärtlich und treuhingebend werde, sobald Sorge und Kummer bei dem Mann einkehren, der sie zu haben wünsche. Im Vertrauen auf dieß nun nahm ich mir vor, in Mary zu dringen nach meinem besten, obwohl geringen Vermögen, – und Ihr wißt, Corny, daß es gar schwach ist, – mir nur einen Schimmer von Hoffnung zu gewähren; aber ohne Erfolg. Nicht eine Sylbe mehr konnte ich aus ihr herausbringen, als daß die Zeit nicht geeignet sey, von solchen Dingen zu schwatzen; und ich glaube, ich wäre bereit, hinaus zu gehen und diesen Teufeln von Huronen im Handgemenge entgegenzutreten, wäre nicht doch der Umstand, daß das Mädchen, das sich so unerbittlich zeigte, volle zwei Stunden bei mir blieb und anhörte, was ich ihr zu sagen hatte, obwohl ich von nichts Anderem sprach. Darin lag ein Körnchen Trost, mein Junge, oder ich verstehe Nichts von der menschlichen Natur.« So war es allerdings. Dennoch konnte ich nicht umhin, meiner Anne Mordaunt großherzige, unter denselben obwaltenden Umständen bewiesene Offenheit damit zu vergleichen, und ich meinte, die Aussichten des einfachen, warmherzigen, mannhaften jungen Albaniers seyen doch weit minder schmeichelhaft als die meinigen. Achtundzwanzigstes Kapitel. Zwischen zwei Welten schwankt, gleich einem Stern Das Leben, an des Morgenhimmels Saume; Ach, was wir sind, wie wüßten wir's so gern, Und was wir werden seyn! Im ew'gen Raume Braust hin die ew'ge Zeitfluth; – fort trägt fern Uns Blasen sie; in stets verjüngtem Schaume Gehn auf und platzen sie; von einem Reich Das Grab hebt sich, der flücht'gen Woge gleich. Byron. Von Herman Mordaunt selbst wurde jetzt angekündigt, daß die Wachen für die Nacht festgesetzt seyen, und daß sich Jeder nunmehr zur Ruhe begeben möchte. Die Ueberfüllung des Nestes mit Menschen war so groß, daß es nicht leicht war, einen Platz zum Schlafen zu finden; und unsre Betten bestanden nur aus Stroh. Endlich fanden wir unsre Lagerstätten, freilich von sehr ärmlicher Beschaffenheit; und die Wahrheit gebietet mir zu gestehen, daß trotz Allem, was an diesem Abend vorgefallen war, ich bald in tiefem Schlafe lag. Keiner von der Gesellschaft von Mooseridge machte, glaube ich, eine Ausnahme, und die Erschöpfung zeigte sich mächtiger als glückliche Liebe, als unglückliche Liebe und als persönliche Besorgniß. Es war etwa drei Uhr Morgens, als ich einen bedeutungsvollen Druck am Arm spürte, wie man Einen faßt, wenn man etwas besonders Wichtiges zu sagen hat. Es war Jason Newcome, beschäftigt die Männer im Hause zu wecken, ohne doch einen Lärm zu machen, der den draußen Befindlichen zu Ohren kommen könnte. In wenigen Minuten waren Alle auf und bewaffnet. Da der Morgen, gerade vor dem Anbruch des Lichts, wo der Schlaf am festesten zu sein pflegt, die Stunde ist, wo die Wilden gewöhnlich angreifen, war Niemand überrascht über diese Vorkehrungen, die, wie man vernahm, von Herman Mordaunt selbst angeordnet waren, der auch auf den Beinen und an einem zur Beobachtung günstigen Ort auf der Spähe war. Mittlerweile versammelten wir Männer, drei oder vierundzwanzig im Ganzen, uns im Hofe, des Befehls gewärtig, uns an das Thor oder an die Schießscharte zu begeben. Jason hatte seinen Auftrag so geschickt ausgeführt, daß weder Frauen noch Kinder Etwas von unserm Aufbruch erfuhren; Alle schliefen oder schienen zu schlafen in der Sicherheit einer friedlichen Heimath. Ich benützte eine Gelegenheit, dem Expädagogen und neuen Müller ein Compliment zu machen über die Gewandtheit, die er bewährt hatte; und dieß verwickelte uns in ein in leisem Tone geführtes Gespräch. »Ich habe schon gedacht, dieser Krieg könnte diesen Ansiedlungen ein ganz anderes Gesicht geben, Corny,« fuhr Jason fort, nachdem wir eine kurze Zeit uns besprochen hatten; »ganz besonders in Bezug auf die Besitztitel.« »Ich kann nicht einsehen, wie diese davon sollten berührt werden, Mr. Newcome, falls nicht etwa die Franzosen die Colonie erobern, – eine nicht sehr wahrscheinliche Sache.« »Das ist es gerade; genau das was ich meine, den Grundsatz betreffend. Haben nicht diese Huronen diese bestimmte Ansiedlung erobert? Ich behaupte, ja! Sie sind im Besitz von dem Ganzen, dies Haus ausgenommen; und es scheint mir, wenn wir je wieder davon Besitz nehmen, so geschieht es durch eine zweite Eroberung. Nun ist, was ich wissen möchte, dieß: gibt nicht die Eroberung den Eroberern das Recht auf das eroberte Territorium? Ich habe noch keine Bücher hier: aber ich müßte fürchterlich vergeßlich seyn, wenn ich nicht gelesen habe, daß dieß wirklich Rechtens ist.« Ich glaube, dieß war die erste offene Demonstration, welche Jason gegen das Eigenthumsrecht Herman Mordaunt's machte. Seit jener Zeit hat er noch manche weitere gemacht, und einen Theil derselben werde ich, oder wird derjenige, welchem es zufällt, diese Erzählung fortzusetzen, wahrscheinlich berichten; aber ich wollte hier diese nicht übergehen, als die erste einer langen Reihe von Machinationen, welche Jason Newcome versucht und ausgeübt hat, um das Lehngut, das Mühlloos zu Ravensnest, aus einem Eigenthum derjenigen, welchen es gesetzlich zugehörte, zum Eigenthum seiner eignen bescheidnen aber höchst verdienstlichen Person zu machen. Ich hatte wenig Zeit eine Antwort zu geben auf diese ganz absonderliche Art zu argumentiren; denn gerade jetzt erschien Herman Mordaunt unter uns, und trug uns sehr ernste Obliegenheiten zu erfüllen auf. Die Erläuterungen, welche er seinen Befehlen voranschickte, waren folgende. Wie man vermuthete, hatten die Indianer das einzige Mittel ergriffen, welches sich, ohne den Beistand von Geschütz, gegen eine solche Feste wie das Nest wirksam erweisen konnte. Sie machten Anstalten, das Gebäude in Brand zu stecken, und waren die ganze Nacht beschäftigt gewesen, eine große Masse von Fichtenzweigen, Wurzeln u. s. w. zu sammeln, welche ihnen gelungen war gegen die äußern Blöcke und Scheiter emporzuthürmen, auf dem Punkt, wo der eine Flügel den Fels berührte, und wo die Formation des Terrains ihnen gestattete, sich dem Gebäude ohne große Gefahr zu nähern. Ihr Verfahren verdient berichtet zu werden. Einer der Kühnsten und Gewandtesten von ihnen war an die Stelle hingekrochen und hatte sich so dicht an das Holzwerk hin postirt, daß er nicht beobachtet werden konnte, und auch vor Kugeln so ziemlich sicher war. Dann hatten seine Genossen ihm das eine Ende eines langen Pfahles hinaufgeboten, während sie unten standen, die Einen auf einem Vorsprung des Felsen, die Uebrigen auf ebenem Boden; und Alle waren vor Kugeln geschützt, so lange sie, Jeder seinen vorsichtig gewählten Posten inne hatten. In solcher Stellung brachten die Söhne des Waldes Stunden in geduldiger Arbeit hin, mittelst eines Korbes die Kienstücke und andere brennbare Stoffe dem Krieger hinaufreichend, welcher seinen Posten dicht unter dem Gebäude nicht verließ, und Alles auf die Weise aufschichtete, welche zu Erreichung seines Zweckes die günstigste schien. Susquesus hatte das Verdienst, den Anschlag zu entdecken, dessen Vorbereitungen der Aufmerksamkeit der Schildwachen ganz entgangen waren. Es scheint, der Onondago, wohl bekannt mit den Listen der rothen Männer, und insbesondere vertraut mit dem Charakter von Jaap's Freund, Muß, hatte nicht geglaubt, die Nacht werde ohne einen ernstlichen Angriff auf das Haus vorübergehen. Die Seite gegen den Felsen hin war bei weitem der schwächste Punkt der Feste, denn sie hatte keinen andern Schutz, als die natürlichen Hindernisse der Felsen selbst, welche nicht unzugänglich, obwohl etwas schwierig zu ersteigen waren, und das schon erwähnte niedere Pfahlwerk. Unter diesen Umständen war der Indianer fest überzeugt, der Sturm würde von dieser Seite her erfolgen. Er stellte sich daher auf die Lauer und entdeckte die ersten Vorbereitungen der Huronen, that aber Herman Mordaunt Nichts davon zu wissen, bis sie beinahe vollendet waren; und sein Grund, die Mittheilung so zu verzögern, war die Ungeduld der Bleichgesichter, die, wie er dachte, den Feind sein Vorhaben nicht würden ganz ausführen lassen, was die Zurüstungen betraf; und dieß gerade schien ihm das Allerwünschenswertheste. Wenn man die Huronen ihre Zeit und Kraft verschwenden ließ mit den Vorkehrungen zu einem Angriff, den man voraussah, und welchen man durch kräftigen Widerstand vereiteln konnte, so war damit ein großer Vortheil gewonnen; während sich voraussehen ließ, daß, wenn man sie zu früh in einer Kriegslist störte, womit man sie beschäftigt wußte, sie dann nur einen neuen Anschlag ersinnen und ins Werk zu setzen suchen würden, wo dann die Schwierigkeit, denselben zu entdecken, zu unsern übrigen Nachtheilen hinzukam. So argumentirte Susquesus, wie man damals angab; und gewiß ist wenigstens, daß er so handelte. Aber die Zeit war gekommen, diesen verdeckten Vorbereitungen zu begegnen, und Herman Mordaunt hielt jetzt eine Berathung über die Art, wie wir zu Werke gehen sollten. Die vorgelegte Frage war: ob wir die Huronen noch fortmachen lassen sollten; ob wir den verwegenen Wilden, der, wie man wußte, noch unter den Blöcken des Hauses postirt war, mittelst eines Ausfalls niederschießen und sein Gerüste von brennbarem Holz zerstreuen sollte; oder ob es klüger wäre, den Feind sein Feuer wirklich anzünden zu lassen, ehe wir die Maske abnähmen. Zu Gunsten eines jeden dieser Plane ließ sich Etwas sagen. Wenn wir den Wilden, der unter unsern Wänden ein Logement angelegt hatte, niederschoßen, und das Gerüste von Holz und brennbaren Sachen zerstörten, vereitelten wir ohne Frage den gegenwärtigen Angriff; aber aller Wahrscheinlichkeit nach hatten wir dann in der folgenden Nacht einen neuen zu erwarten, während, wenn wir bis zum letzten Augenblick warteten, unsere Feinde so nachdrücklich zurückgeworfen werden mochten, daß dadurch ihrem ganzen Kriegszug auf einmal ein Ende gemacht werden konnte. Wie bei der Berathung alle sich darbietenden Punkte erwogen wurden, entschied man sich, den letztern Plan vorzuziehen. Nur von Einer Stelle aus hatte man die Aussicht auf das Gerüste, und diese Stelle war eine Lucke, welche erst am Tage zuvor in das Haus gehauen worden war, und welche gerade auf den Platz hinunter sah, von einem Vorsprung aus, welcher am zweiten Stockwerk angebracht war und um das ganze Gebäude herum lief. Diese Vorsprünge waren in der Architektur der Provinzen in jener Zeit etwas ganz Gewöhnliches, und wurden oft bei ausgesetzter Lage und Stellung der Gebäude ausdrücklich deßwegen angebracht, um Mittel darzubieten, die untern und äußern Theile der Häuser zu schützen. Auch das Nest besaß diesen Vorteil, obgleich die Lucken, welche erforderlich, um diese Einrichtung zu vervollständigen, erst ganz neuerlich hineingehauen worden waren. An diese Lucke nun stellte ich mich einige Zeit und beobachtete, was unten vorging. Die Nacht war finster, doch hielt es nicht schwer, das Gerüste von brennbaren Stoffen zu unterscheiden, welches mir einige Fuß hoch zu seyn schien, und eine ziemliche Länge hatte, so wie auch die Bewegungen des Wilden zu bemerken, der es erbaut hatte. In dem Augenblick, wo ich meine Stellung an der Lucke einnahm, war der Indianer wirklich beschäftigt, die brennbaren Sachen anzuzünden. Einige Minuten lang beobachteten Guert und ich unsern Feind, während er so beschäftigt war, denn der Hurone mußte mit der äußersten Vorsicht zu Werke geben, damit nicht ein zu frühe ausstrahlendes Licht ihn verriethe. Vorsichtig zündete er seine Kienhölzer ganz im Innern des Gerüstes an, und hatte zu diesem Behufe einen Raum frei gelassen, und seine Brennmaterialien standen schon recht in Flammen, ehe das Feuer anfing, seine Helle in einiger Entfernung zu verbreiten. Wir hatten in dem Gemach, von welchem aus wir alle diese Bewegungen beobachteten, eine ziemliche Masse Wasser in Vorrath, und konnten jeden Augenblick das Feuer löschen, indem wir durch unsre Lucke einen Guß hinabschütteten, vorausgesetzt daß wir nicht zu lange warteten. Aber Guert setzte sich dagegen, »das Spiel zu verderben,« wie er es nannte, indem er standhaft behauptete, die Holzblöcke, woraus das Haus bestand, würden nur langsam und schwer Feuer fangen, und wir könnten jeden Augenblick mittelst eines raschen Ausfalls die dürren Zweige und Büschel zerstreuen. Sein Wunsch war, den Feind in seinem Beginnen so weit als nur irgend sicher und gerathen war, fortfahren zu lassen, um dann seine Niederlage desto zerschmetternder zu machen. Vermöge unsrer Stellung gerade über seinem Haupte war es nicht möglich, das Gesicht des Brandstifters zu sehen, während er mit seinem Werke beschäftigt war. Endlich warf er einen Blick aufwärts, als wollte er die Wirkung der Flamme beobachten, welche mit ihren gespaltenen Zungen über das Gerüst heraufzulecken anfing, wo wir dann Beide Jaap's Gefangnen, Muß, erkannten. Dieser Anblick war zu Viel für Guert's Philosophie, und die Mündung seiner Büchse zu der Lücke hinaus streckend, drückte er auf ihn ab, ohne sorgfältig zu zielen. Der Knall war eine Art Signal zum Kampf, denn das ganze Haus und die ganze Welt draußen schien in einem Augenblick voll Lärm und Geschrei zu seyn. Ich konnte Muß nicht sehen, aber Einer unsrer Späher, welcher ihn am längsten im Gesicht hatte, erzählte mir, nachdem Alles vorüber war, der Bursche habe sehr erschrocken geschienen über diesen so plötzlichen Angriff; er habe einen Augenblick nach der Lucke hinaufgeschaut, einen gellenden Ausruf gethan, dann so laut er konnte das Kriegsgeheul angestimmt, und in Sprüngen in die Dunkelheit hinaus geeilt, wie ein unerwartet von seinem Lager aufgescheuchter Rehbock. Die Felder rings herum um das Nest schienen zu wimmeln von wild heulenden Dämonen. Herman Mordaunt hatte für die Verschönerung seines Sitzes wenig gethan, und Baumstumpen standen zu hunderten herum, viele nicht über zwanzig Schritte von dem Gebäude entfernt. Es schien jetzt, als habe jeder dieser Baumstumpen einen indianischen Krieger hinter sich beherbergt, während Schaaren derselben in der Finsterniß, zwischen den Felsen herumhüpfend, sichtbar waren. Einmal bildete ich mir ein, wir müßten von Hunderten dieser grausamen Feinde eingeschlossen seyn, während ich jetzt glaube, daß ihre Anzahl nur durch ihre Beweglichkeit und ihr höllisches Geschrei so groß erschien. Dennoch zeigten sie keine Lust anzugreifen, sondern streiften fortwährend in allen Richtungen mit wildem Kreischen um uns herum, gelegentlich eine Büchse abfeuernd, aber der größten Zahl nach den Augenblick erwartend, wo das Feuer seine Wirkung gethan haben würde. Für die entsetzliche Lage, in welche Herman Mordaunt versetzt war, zeigte er eine bewunderungswürdige Fassung. Was mich betrifft, so war mir, als hätte ich fünfzig Leben zu verlieren, da Anneke immer meiner Seele gegenwärtig war. Die Frauen hielten sich indessen außerordentlich gut; sie machten durchaus keinen Lärmen und boten all ihre Selbstbeherrschung auf, um ihre Gatten und Freunde in ihren Anstrengungen nicht zu stören und sie davon abzuziehen. Einige der Frauen der stämmigen, derben Ansiedler legten in der That eine Art von trotzigem Muth an den Tag, wie er Soldaten Ehre gemacht haben würde; sie erschienen bewaffnet im Hofe, und zeigten sich sonst nützlich. Es geschah oft, daß Weiber, dieser Art, welche sich im Schießen auf Hirsche, Wölfe und Bären geübt hatten, ziemlich gut mit Feuerwaffen umgehen lernten, und bei Angriffen auf ihre Wohnungen gute Dienste leisteten. Ich bemerkte bei der ganzen gemeinen Classe von Frauen in dieser Nacht eine Art trotziger Feindseligkeit gegen ihre wilden Feinde, in welchen sie ohne Zweifel nur die Mörder von Kindern sahen, Elende, die keinen Unterschied von Geschlecht und Alter berücksichtigten, wenn sie ihrer herzlosen Kriegführung nachgingen. Viele von ihnen schienen mir den Weibchen mancher Thiere zu gleichen, wenn ihre Jungen in Gefahr sind. Eine Pause von zehn bis fünfzehn Minuten muß eingetreten seyn zwischen dem Augenblick, wo Guert seine Büchse abfeuerte, und dem, wo der Kampf förmlich begann. Während dieser ganzen Zeit stieg das Feuer höher hinan, und unsere späten Versuche, es zu löschen, blieben ganz vergeblich. Man hegte jedoch deßhalb wenig Besorgniß, vielmehr war die Flamme ein Vortheil für uns, indem sie ihr Licht weit auf das Feld hinaus und selbst unter die Felsen warf, während in den Hof gar seine Helle fiel, und so einen Theil des Feindes, im Fall eines Angriffs, einem hellen Licht aussetzte, während wir im Dunkeln blieben. Der einzige Punkt jedoch, wo wir einen ernstlichen Angriff fürchten konnten, war bei den Felsen, wo der Hof keinen andern Schutz hatte, als dichtes und ziemlich starkes Pfahlwerk. Zum Glück gestattete auf dieser Seite die Formation des Terrains Einem, der auf den Wiesen unten stand, nicht, innerhalb der Tragweite einer Büchse in den Hof zu feuern. Dieser Umstand war auch bei der Anlegung der Garnison in Betracht gekommen. Dieß war der Stand der Dinge, als Anneke'ns Mädchen kam, mich zu bitten, falls es mir möglich wäre, meinen Posten zu verlassen, wenn auch nur auf eine Minute zu ihrer Gebieterin zu kommen. Da ich keine besondere Obliegenheit zu erfüllen hatte, so war es nicht ungeeignet, einem Wunsche zu entsprechen, der an sich in jeder Weise für mein Gefühl so wohlthuend war. Guert war gerade in meiner Nähe und hörte den Auftrag der jungen Negerin an mich; dieß veranlaßte ihn, zu fragen, ob sie keine Botschaft an ihn zu bestellen habe, aber selbst in diesem ernsten Augenblick ließ sich Mary Wallace nicht erweichen. Sie war, wie der Albanier zugab, in ihrem Benehmen am vorigen Abend freundlicher als gewöhnlich gewesen; aber zugleich hatte sie auch ihrer Entschlossenheit so zu mißtrauen geschienen, daß sie ihm sogar noch weniger Aufmunterung zu Theil werden ließ, als sie bei frühern Gelegenheiten unwillkürlich ihm gegeben hatte. Ich fand Anneke mich erwartend in dem kleinen Gesellschaftszimmer, wo ich erst vor so kurzer Zeit, am Abend zuvor, die süßen Geständnisse ihrer Zärtlichkeit vernommen hatte. Sie war allein, denn der Instinkt ihres Geschlechts sagte ihr, daß es unter so schweren und ängstlichen Verhältnissen passend sey, keine Zeugen von den Gefühlen und Worten zu haben, welche zwei so wie die unsrigen verbundnen Herzen entströmen mochten. Das liebe Mädchen war bei meinem Eintreten blaß wie der Tod; sie hatte ohne Zweifel an den herannahenden Kampf gedacht, und an seine möglichen, entsetzlichen Folgen; aber mein Erscheinen bewirkte im Augenblick, daß ihr Antlitz von hohem Erröthen übergossen wurde, da ihr so sein fühlendes Gemüth nothwendig zu dem zurückkehren mußte, was so kurz erst zwischen uns vorgefallen war. Dieß treue Festhalten an dem instinktmäßigen Prinzip ihrer Natur könnte im Weibe kaum je erstickt werden; selbst in der höchsten Gefahr und Noth. Trotz der Lebhaftigkeit und dem raschen Wechsel ihrer verschiedenartigen Gefühle sprach doch Anneke zuerst. »Ich habe nach Euch geschickt, Corny,« sagte sie, eine Hand auf ihr Herz legend, als wollte sie dessen Pochen beruhigen, »um Euch ein Wort der Warnung zu sagen – ich hoffe es ist nicht unrecht.« »Ihr könnt nichts Unrechtes thun, geliebte Anneke,« versetzte ich, »oder Nichts, was in meinen Augen als unrecht erschiene. Seyd nicht so ängstlich. Eure Furcht hat die Gefahr vergrößert, die wir als eine Kleinigkeit betrachten. Die Gefahren, in welchen Guert, Dirck und ich schon geschwebt, waren zehnfach größer als die, welche uns jetzt bedrohen.« Das liebe Mädchen ließ mich einen Arm um ihren Leib schlingen, worauf sie ihr Haupt an meine Brust sinken ließ und in Thränen ausbrach. Diese Erleichterung setzte sie in Stand, ihrer Gefühle wieder ein wenig Meister zu werden, und es währte nicht lange, so raffte sich Anneke auf aus meiner zärtlichen Umarmung, zu der mich der Augenblick unwiderstehlich drängte, obwohl sie mir noch ihre beiden Hände ließ, und sie schaute auf in mein Gesicht mit dem vollen Vertrauen der Liebe, indem sie das Gespräch wieder anknüpfte. »Ich konnte Euch nicht in diese schreckliche Kampfesscene hinaus entlassen, Corny,« sagte sie, »ohne ein Wort, einen Blick, ein Zeichen, die Theilnahme aussprechend, die ich für Euch fühlte. Mein guter lieber Vater hat Alles gehört, und obgleich es gegen seine Wünsche und Hoffnungen geht, mißbilligt er es doch nicht. Ihr wißt, mit welcher Wärme er sich den Mr. Bulstrode zum Sohne gewünscht hat, und werdet den diesem Manne gegebenen Vorzug wohl entschuldigen; aber er verlangte vor noch nicht zehn Minuten, als er mich verließ, nachdem er mir einen Kuß und seinen Segen gegeben, ich solle nach Euch schicken und Euch sagen, daß er Euch hinfort als den von mir und ihm Gewählten ansehen werde. Der Himmel allein weiß, ob wir uns wieder sehen werden, oder nicht, lieber Corny; aber sollte uns dieß auch nicht vergönnt seyn, so wird es, das fühle ich, Euch auch ein Trost seyn und eine Freude, zu wissen, daß wir uns wieder treffen werden als Glieder Einer Familie.« »Wir sind die einzigen Kinder unsrer Eltern, Anneke, unsre Verbindung wird ihre Herzen beinahe ebenso sehr erfreuen, als dieß bei uns selbst der Fall ist.« »Ich habe daran auch schon gedacht. Ich werde jetzt eine Mutter haben; ein Segen, den ich kaum je empfunden!« »Und eine Mutter, die Euch innig, innig lieben wird, wie ich aus ihren eignen Aeußerungen über Euch weiß, die sie hin und wieder in meiner Gegenwart fallen ließ.« »Dank Euch, Corny, und Dank auch dieser verehrten Mutter. Jetzt geht, Corny, ich fürchte, diese selbstsüchtige Befriedigung unsrer Herzen vermehrt nur die Gefahr des Hauses; geht! ich will für Euer Leben beten!« »Noch ein Wort, Theuerste! Der arme Guert! – Ihr könnt Euch nicht denken, wie schmerzlich betrübt er ist darüber, daß ich allein hieher entboten werde in einem solchen Augenblick!« Anneke schien nachdenklich, und es fiel mir auf, daß sie ein wenig bekümmert war. »Was kann ich thun, um dieß zu ändern?« sagte sie nach einer kurzen Pause. »Das Urtheil einer Frau und ihre Gefühle können sie in entgegengesetzter Richtung bewegen; und dann ist Mary Wallace ein Mädchen, welches die Schicklichkeit so hoch anschlägt!« »Ich verstehe Euch, Anneke. Aber Guert hat eine so edle Gemüthsart, und anerkennt alle seine Mängel mit so viel Demuth und Aufrichtigkeit! Ein Mann kann ein Weib nicht inniger lieben, als er Mary Wallace liebt. Ihre ausnehmende Vorsicht selbst ist eine Tugend in seinen Augen, trotzdem daß er so darunter leidet!« »Ich kann der Mary Wallace Natur nicht ändern, Corny,« sagte Anneke, traurig lächelnd, und in einer Weise, die, wie ich glaubte, sagte: ›Wäre ich es, so sollten Guert's Tugenden bald seine Fehler überwiegen!‹ »aber Mary bleibt Mary und wir müssen uns darein ergeben. Vielleicht der morgende Tag bringt ihr schwankendes Gemüth zu einer Art Entscheidung; denn diese jüngsten Ereignisse haben sehr zu Gunsten Mr. Ten Eyck's gewirkt. Aber Mary ist eine Waise, und die Vorsicht hat sich ihr als ihr Hauptschutz empfohlen. Jetzt geht, Corny, damit man Euch nicht vermißt.« Gerade als ich den Hof erreichte, hörte ich ein gellendes Geschrei draußen, das, wie meine Erfahrung von Ty mich belehrt hatte, der Schlachtruf war, den die Huronen beim Angriff erhoben. Ein knatterndes Feuer folgte, und im Nu waren wir in einen heißen Kampf verwickelt. Unsre Leute hatten beim Gefecht einen Vortheil auf ihrer Seite, welcher den Nachtheil ihrer geringern Zahl mehr als aufwog. Während zwei Seiten des Gebäudes, mit Einschluß der nach den Wiesen zu liegenden, oder derjenigen, von welcher her allein ein Sturm gelingen konnte, in hellem Lichte standen, blieb der Hof noch dunkel genug, um den Zwecken der Vertheidigung sehr zu entsprechen. Wir konnten einander wohl sehen, aber in einiger Entfernung nicht gesehen werden. Auch müssen unsre Gestalten, von Außen gesehen, sich mit den wallenden Schatten des Pfahlwerks vermischt haben. Als ich mich den Pfählen näherte, durch deren Lücken unsre Leute schon ein abwechselndes Feuern auf die dunkeln Dämonengestalten unterhielten, welche auf den Wiesen unten herumsprangen, erfuhr ich von Herman Mordaunt selbst, welcher mich mit einem warmen Händedruck empfing, daß eine große Schaar von Feinden unmittelbar unter dem Felsen versammelt sey, und Guert es auf sich genommen habe, sie zu verjagen. Er hatte, um dieß auszuführen, Dirck, Jaap und drei oder vier der besten Männer, die Indianer eingeschlossen, mit sich genommen. Die Art, wie er seinen Zweck erreichen wollte, war kühn und ganz im Charakter des Anführers der Truppe. Da so viel davon und von dem glücklichen Erfolge abhing, will ich das Wesentlichste davon etwas näher erläutern. Die Fronte des Hauses zog sich von Norden nach Süden, und lag selbst gegen Westen. Die beiden Flügel dehnten sich mithin gegen Osten und Westen. Das Feuer war angelegt worden am Rande des Felsens und an der nordöstlichen Ecke des Gebäudes. Dadurch wurde die nördliche und östliche Seite des Quadrats beleuchtet, während die westliche und südliche in tiefes Dunkel gehüllt blieben. Da das Thor sich nach Westen hin öffnete, erschien es nicht eben hoffnungslos und unausführbar, eine kleine Truppe um die südwestliche Ecke des Hauses herum an den Rand des Felsen zu führen, wo die Formation des Terrains es gestattete, eine Salve auf diejenigen Wilden zu geben, die, wie wir glaubten, gerade unter unserm Pfahlwerk ein Logement machten, in der Absicht, einen günstigen Augenblick zu Ersteigung desselben zu benützen. Auf dieß Unternehmen war, wie mich Herman Mordaunt jetzt in Kenntniß setzte, mein Freund ausgezogen. »Wer bewacht inzwischen das Thor?« fragte ich, beinahe instinktmäßig. »Mr. Worden, und Euer alter Bekannter und mein neuer Pächter, Newcome. Sie sind Beide bewaffnet, denn ein Pfarrer kämpft nicht nur die Schlachten des Geistes, sondern auch die des blutigen Feldes, wenn Noth an Mann geht. Mr. Worden hat sich in diesem ganzen Handel als Mann gezeigt.« Ohne zu antworten, verließ ich Herman Mordaunt und begab mich selbst nach dem Thore, da es im Hofe wenig zu thun gab. Da waren wir stark genug, stärker vielleicht als nöthig war; aber ich war voll Sorge wegen Guert's Plane, wegen der Wache am Thor, und am meisten wegen des Feuers. Bald war ich an Mr. Worden's Seite. Da befand sich wirklich der hochwürdige Gentleman, und dicht neben ihm Jason Newcome. Ihre Obliegenheit war, das Thor genau in dem Zustande zu halten, in welchem es in der kürzesten Frist verriegelt oder aufgeschlossen werden konnte, je nachdem Feinde oder Freunde herein wollten. Die beiden Wächter schienen das volle Bewußtseyn von der Wichtigkeit der ihnen anvertrauten Pflicht zu haben, und ich erbat mir Erlaubniß, durchzupassiren. Mein erster Zweck war das Feuer, denn es dünkte mich, Herman Mordaunt baue zu Viel auf die ihm zu Gebote stehenden Mittel, es zu löschen, und unsre Sicherheit sey nach jener Seite hin bloß gestellt. Kaum war ich daher ausserhalb des Gebäudes, so wandte ich mich, um an der Mauer hin nach der nordwestlichen Ecke zu schleichen, wo allein ich das gefährliche Gerüste übersehen konnte. Die Helle der Gluth, welche sich über die Felder und die Stumpen ergoß, die in den Bereich des Lichts von dem Feuer fielen, erhöhte meine Sicherheit durch den Contrast mit der Finsterniß, obgleich dieser Umstand die Gefahr selbst um so bedenklicher und drohender erscheinen ließ. Die dunkeln Baumstumpen, von welchen viele durch die Feuer beim Lichten verkohlt und ganz schwarz waren, schienen bei dem flackernden Licht auf den Feldern herumzutanzen, und zweimal blieb ich stehen, bereit, Wilden, die nur Gebilde einer Augentäuschung waren, die Spitze zu bieten, ehe ich die Ecke des Hauses erreicht hatte. Beidemal jedoch war meine Besorgniß eitel und es gelang mir, die gewünschte Ansicht zu gewinnen. Nicht nur brannten da die Kienbüschel lebhaft, sondern eine ausgedehnte Flamme leckte an den Holzklötzen des Hauses und bedrohte uns mit einem bald Alles verzehrenden Brande. Die Gefahr wäre noch größer gewesen, aber ein Gewitterschauer war nur eine Stunde, ehe wir aufgeweckt wurden, über die Ansiedlung hingezogen, und da er von Norden kam, war diese ganze Seite des Hauses vom Regen tüchtig geneßt worden. Dieß geschah, nachdem »Muß« sein Gerüst schon angefangen, sonst hätte er wohl eine andere Seite des Hauses gewählt. Die tiefe Dunkelheit jedoch, welche diesen Regenguß begleitete, hatte vermuthlich auch zum Gelingen seines Werkes beigetragen. Er mußte während der ganzen Dauer des Sturmes mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen seyn. Ich war nicht zwei Minuten ausgewesen, als ich wieder das Thor erreichte. Diese kurze Zeit hatte zu Erreichung meines ersten Zweckes genügt. Jetzt bat ich Jason, in den Hof zu gehen und Herman Mordaunt zu sagen, er möchte doch keinen Augenblick säumen, die Mittel zur Löschung der Flammen in Anwendung zu bringen. Es drohe von ihnen größere Gefahr als denkbarer Weise von irgend einem andern Angriff auf das Pfahlwerk, in der Dunkelheit des Morgens gemacht, zu besorgen stehe. Jason war kaltblütig seinem Temperament nach und er war gut zu gebrauchen zu solchen Aufträgen. Mit dem Versprechen sich zu beeilen, verließ er uns, und ich lenkte jetzt meine Schritte Guert und seiner Truppe zu. Bis jetzt hatte man von den Letztern noch Nichts gehört. Diese Stille selbst war eine Quelle der Besorgniß, obgleich man kaum glauben konnte, der kühne Abenteurer sey auf einen Feind gestoßen; da ein solches Zusammentreffen doch einigen Lärm hätte machen müssen. Ein paar vereinzelte Schüsse, alle von der westlichen Seite der Gebäude her fallend, und das flackernde Licht des Feuers – das waren die einzigen Unterbrechungen der im Uebrigen grabesähnlichen Stille der Stunde. Ich erreichte ebenso glücklich die südwestliche Ecke des Hauses, als ich die nordwestliche erreicht hatte. Es kam mir vor, als hätten die Wilden die Felder in meiner Nähe ganz verlassen. Als ich mich an dieser Ecke des Gebäudes aufstellte, fand ich dessen südliche Seite ganz in Dunkel gehüllt, während über die Wiesen hin sich so viel Licht ergoß, daß die zackigen Ränder des Felsen in dieser Richtung ganz deutlich sichtbar wurden. Ich schaute die Blockmauern entlang nach diesem Lichtstreifen hinüber, konnte aber Nichts von meinen Freunden erblicken. Ich wußte gewiß, daß sie nicht unter dem Hause waren, und begann eine gefährliche Unbesonnenheit von Seiten des kecken Albaniers zu besorgen. Während ich mich bestrebte, einen Schlüssel zu Guert's Bewegungen und Manöuvers zu gewinnen, indem ich mit den Augen jeden in meinen Bereich fallenden dunkeln Gegenstand so zu sagen verschlang, fühlte ich eine leise Berührung am Ellenbogen und sah einen Wilden in seinem halbnackten Kampfaufzug an meiner Seite. So viel sah ich wohl, aber Gesichter konnte ich nicht unterscheiden. Ich suchte nach meinem Jagdmesser, als die Stimme von Trackleß meiner Hand Einhalt that. »Er Unrecht,« sagte der Onondago mit lebhaftem Nachdruck. »Kopf zu jung – Hand gut – Herz gut – Kopf sehr schlecht. Zu viel Feuer – dunkel hier – viel besser.« Diese charakteristische Kritik über des armen Guert's Benehmen erklärte auf einmal die ganze Geschichte. Guert hatte eine Stellung eingenommen, in welcher zu bleiben der Onondago sich geweigert hatte; mit andern Worten, er war bis an den Rand des Felsen gegangen, wo er dem Licht des Feuers ausgesetzt und nothwendiger Weise in Gefahr war; gesehen zu werden. Dennoch war noch keine Spur von ihm zu sehen, und ich stand auf dem Punkt, an der Südseite des Gebäudes hin nach dem Rand der Felsen mich zu begeben, als Trackleß wieder meinen Arm berührte und sagte: »Da!« Und wirklich war da unsre Gesellschaft! Sie hatten den Rand des Felsen an einem vorspringenden Punkt zu erreichen gewußt, so daß sie sich in einer trefflichen Stellung befanden, den Feind zu bestreichen, der, wie man voraussetzte, an dem Pfahlwerk hinaufklimmen wollte mit der Absicht, dasselbe plötzlich zu überspringen, aber in gefährlicher Entfernung von den Gebäuden. Die Dunkelheit war ihnen behülflich gewesen, diesen Punkt zu erreichen, welcher etwa hundert Schritte von der Stelle entfernt war, wo ich sie zu finden erwartet hatte, und vortrefflich gelegen für den beabsichtigten Zweck. Das ganze Beginnen war so sehr in Guert's Art und Charakter, daß ich nicht umhin konnte, seine Kühnheit zu bewundern, während ich seine Unvorsichtigkeit tadelte. Es war jedoch keine Zeit, mich mit der Truppe zu vereinigen, oder ihren Anführer zu warnen, welchen Gefahren er sich aussetzte. Wir, die wir so weit hinter ihm standen, konnten die ganze Gefahr recht sehen und vollkommen würdigen, welche vermuthlich seinem Auge sich entzog. Da standen sie alle, deutlich, obwohl dunkel gegen den lichten Hintergrund sich abhebende kräftige Gestalten, Jeder seine Büchse anlegend und sich schußfertig machend. Guert war der Nächste am Rande des Felsen und beugte sich förmlich darüber hinaus; dicht neben ihm war Dirck; unmittelbar hinter Dirck Jaap; Jumper hart neben Jaap, und vier von den Ansiedlern, kühne und abgehärtete Männer, hinter dem Oneida. Ich konnte vor peinlicher Spannung und Erwartung kaum athmen, als ich Guert und seine Begleiter so von der ebenen Erde hinaufsteigen und mit ihrer ganzen Gestalt vor den lichten Hintergrund kommen sah. Ich hätte ihnen zurufen und sie warnen können, welcher Gefahr sie sich aussetzten; aber es würde Nichts gefruchtet haben, und es war auch keine Zeit zu Vorstellungen. Guert mußte schon gefühlt haben, daß er eine gefährliche Stellung eingenommen hatte, und was er thun wollte, das that er sehr rasch. Zehn Sekunden, nachdem ich die dunkeln Gestalten gesehen, wurden alle ihre Büchsen abgefeuert, gleichsam mit Einem Knall. Einen Augenblick herrschte dann Todesstille auf allen Feldern und im Hofe; dann erfolgte eine Salve hinter den Baumstumpen hervor in geringer Entfernung von unsrer Seite des Gebäudes, und die Wagehälse auf den Felsen, oder so Viele von ihnen es vermochten, stürzten auf das Thor zu. Zwei jedoch von den Ansiedlern und den Oneida-Indianer sah ich selbst fallen. Der Letztere sprang förmlich in die Luft hinauf und stürzte dann den Fels hinab. Aber Guert, Dirck, Jaap und die zwei andern Ansiedler waren entronnen. In diesem Augenblick wurden meine Ohren erfüllt von gellendem Gebrülle, wie ich nicht für möglich gehalten hätte, daß es aus menschlichen Kehlen kommen könne, und alle Felder auf unserer Seite des Hauses schienen von Wilden zu wimmeln. Die Scene noch schauerlicher zu machen, war dieß gerade der Augenblick, wo das früher von Herman Mordaunt herbeigeschaffte Wasser auf die Flammen herabstürzte, und das Licht verschwand, beinahe wie man eine Kerze auslöscht. Ohne dieß von der Vorsehung so gefügte Zusammentreffen der Umstände blieb wohl kaum für Einen der Wagehälse eine Möglichkeit zu entkommen. Auch so knallte eine Büchse nach der andern unter den Baumstumpen hervor, obwohl nicht mehr möglich war, genau zu zielen. Das Treffen war jetzt ein Handgemenge geworden. Die Wilden rannten springend und wild heulend in der Finsterniß vor und harte Streiche wurden ausgetheilt und empfangen. Man hörte Guert's klare, männliche Stimme das Geschrei übertönen, wie er voll Zuversicht seine Genossen ermuthigte, sich durch den Haufen ihrer Angreifer Bahn zu brechen. Wir Beide, Trackleß und ich, feuerten unsere Büchsen ab auf die Vordersten der Huronen, und gewiß streckte Jeder seinen Mann zu Boden; aber es war nicht leicht abzusehen, was wir zunächst thun könnten. In der Ferne stehen bleiben war unmöglich, und Susquesus und ich fielen dem Feind in den Rücken. Dieser unser Angriff hatte das Ansehen eines Ausfalls und that eine entschiedene Wirkung, indem er eine freie Bahn öffnete, mittelst welcher Dirck und die zwei Ansiedler aus dem Gedränge sich herauszogen und sich mit uns vereinigten. Sobald dieß geschehen, befanden wir uns wieder in großer Bedrängniß und mußten uns, so gut wir konnten, ganz allmälig zurückziehen. Das Ergebniß würde noch immer zweifelhaft gewesen seyn, selbst nachdem es uns gelungen war, die südwestliche Ecke des Gebäudes zu erreichen, hätte nicht Herman Mordaunt an der Spitze eines Halbdutzend seiner Ansiedler eine Bewegung vorwärts gemacht. Diese Verstärkung rückte mit geladenen Büchsen zum Kampfe vor, und eine einzige Salve, abgefeuert, als sich unsere Freunde in gleicher Linie mit uns befanden, machte unsere Angreifer verschwinden, so plötzlich als sie erschienen waren. Beim Nachdenken über die Umstände und Begebenheiten dieser entsetzlichen Nacht im spätern Leben bin ich auf die Ansicht gekommen, daß die Streitkräfte der Huronen gegen hinten sich aufzulösen und zu zerstreuen begannen, selbst noch ehe wir von Herman Mordaunt Beistand erhielten, und daß die Vorderen schwächer wurden und ohne Unterstützung blieben. Jedenfalls floh, wie so eben gesagt wurde, der Feind seinen Verstecken zu, und wir zogen Alle mit einander durchs Thor hinein und schloßen und verriegelten es so rasch als möglich. Ich vermag kaum die Veränderung zu schildern, welche in dem Aussehen der Dinge in jener ereignißvollen Nacht eingetreten war. Das Feuer war erloschen selbst bis auf die Kohlen, und tiefes Dunkel war auf das flimmernde, wallende rothe Licht der Flammen gefolgt. Das gellende Geschrei und Gebrüll, das Kreischen und Jauchzen, – denn unsere Leute hatten häufig, dem Feinde zum Trotz, seinen Kriegsruf laut jauchzend erwiedert, – war vorbei: eine Grabesstille herrschte über dem ganzen Platze. Die Verwundeten schienen sich zu schämen, auch nur zu stöhnen; und unsere Verletzten, deren es Vier waren, begaben sich finster und schweigend in das Haus, um sich ärztlich behandeln zu lassen. Kein Feind war mehr unter den Schanzpfählen zu besorgen, denn die Gräue des Morgens wurde so eben über dem Walde sichtbar im Osten, und Indianer greifen selten beim Licht des Tages an. Mit Einem Wort, diese Nacht wenigstens war vorüber, und noch hatte uns die Vorsehung beschützt. Herman Mordaunt war jetzt darauf bedacht, seine Lage genauer auszumitteln, den Umfang seines eigenen Verlustes, und so weit als möglich des Verlustes, den wir dem Feinde beigebracht. Man rief nach Guert, um bei dieser Untersuchung behülflich zu seyn, aber kein Guert war zu finden! Auch Jaap fehlte. Musterung ward gehalten, und da zeigte sich, daß Guert Ten Eyck, Jaap Satanstoe, Gilbert Davis und Moses Mudge Alle vermißt wurden! Auch Jumper erschien nicht; aber ich erklärte sein und der beiden genannten Ansiedler Ausbleiben, indem ich sie Alle mit eigenen Augen hatte fallen sehen. Der Tag brach uns langsam an, während wir über diese Entdeckungen bekümmert und unruhig waren; aber er brachte uns keinen Trost. Wir wagten bald die Thore wieder zu öffnen, da wir wußten, daß kein Indianer bei Tage sehr nahe bei dem Gebäude verweilen würde; und nachdem wir all die gefährlichen Verstecke durchsucht, gingen wir zuversichtlich vor den Hof hinaus, um die Leichname unserer Freunde zu suchen. Kein Indianer war zu sehen, ausgenommen Jumper. Der Oneida lag am Fuß der Felsen, todt und skalpirt: ebenso Davis und Mudge oben auf demselben. Sonst war jede Spur von Menschen verschwunden. Dirck war überzeugt, daß sechs bis sieben Huronen in Folge der Salve von dem Felsen gefallen seyen; aber ihre Leichname waren weggeschleppt worden. Von Guert und Jaap, mochten sie todt oder am Leben seyn, war keine Spur zu finden. Neunundzwanzigstes Kapitel. Sie schaut mit leerem Blick in manch Gesicht, Auf manch Erzeigen, ohne daß sie's schätzt; Warum man bei ihr wache, fragt sie nicht, Nicht kümmert sie's, wer an ihr Bett sich setzt. Zwar sprachlos nicht, doch auch kein Seufzer spricht Aus, was sie denkt; umsonst schweigt oder schwätzt Man zum Versuch bei ihr; kund immer gab Ihr Athmen nur, daß sie verließ das Grab. Byron. Es war ein höchst peinlicher Augenblick für mich, als Herman Mordaunt, eine Stunde nachdem diese Thatsachen sich herausgestellt hatten, kam, um mich zu Anneke und Mary Wallace zu rufen. Ein Schimmer von Freude, Ein Strahl vom Sonnenschein des Herzens flog über Anneke'ns süßes Antlitz, als sie mich unverletzt ins Zimmer treten sah; aber rasch verschwand er in dem lebhaften Mitgefühl, das sie mit den Schmerzen ihrer Freundin empfand. Was Mary Wallace betraf, so hätte der Tod selbst sie kaum farbloser machen, ihren Zügen kaum ein finstreres Gepräge geistigen Leidens aufdrücken können. Anneke war es, die zuerst sprach. »Gott sey gepriesen dafür, daß diese fürchterliche Nacht vorüber ist, und Ihr und mein Vater mir gerettet seyd!« sagte das köstliche Mädchen mit Inbrunst, meine Hand, welche eine Hand von ihr ergriffen hatte, mit beiden drückend. »Dafür wenigstens haben wir Grund dankbar zu seyn; wollte Gott, ich dürfte hinzusetzen, für die Rettung von uns Allen!« »Sagt mir auf einmal das Schlimmste, Mr. Littlepage,« begann Mary Wallace; »ich kann Alles eher ertragen als die Ungewißheit. Mr. Mordaunt sagt, Ihr kennet die Umstände besser als irgend Einer, und Ihr müßt sie mir erzählen. Sprecht also, und wenn mir auch das Herz darüber brechen sollte, es zu hören! – ist er getödtet?« »Ich hoffe zur Barmherzigkeit des Himmels, nein! In Wahrheit, ich glaube nicht; obwohl ich fürchte, er wird wohl ein Gefangener seyn.« »Dank Euch für das, lieber, lieber Mr. Littlepage! Oh, Dank Euch für das, von Grund meines Herzens. Aber können sie ihn nicht martern? Martern nicht diese Huronen ihre Gefangene? Verhehlt mir Nichts, Corny! Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viel Selbstbeherrschung ich habe, und wie gut ich mich benehmen und fassen kann! Oh, verhehlt mir Nichts!« Das arme Mädchen! In dem Augenblick, wo sie sich ihrer Seelenstärke und ihrer Kraft, Alles ertragen zu können, rühmte, zitterte sie am ganzen Leib, vom Kopf bis zum Fuß; ihr Antlitz hatte die Farbe des Todes und das Lächeln, mit welchem sie sprach, war entsetzlich hohläugig. Die zurückgedrängte Leidenschaft, welche so lang mit ihrer Klugheit gekämpft hatte, ließ sich jetzt nicht mehr unterdrücken; daß sie Guert wirklich liebte, und daß ihre Liebe stärker seyn würde als ihre ängstliche Besonnenheit, daran hatte ich seit einigen Monaten nicht mehr gezweifelt; aber da ich früher nie Gelegenheit gehabt, die Stärke eines so lang und so schmerzlich unterdrückten Gefühles zu beobachten, muß ich gestehen, daß dieser Anblick eines so tiefen, heftigen Leidens bei einem so zarten, so trefflichen und so lieblichen Wesen mich beinahe überwältigte und übermannte. Ich ergriff Mary Wallace bei der Hand und führte sie zu einem Sessel, kaum wissend was ich sagen sollte, um sie zu beruhigen, zu trösten. Diese ganze Zeit über verwandte sie ihr Auge nicht von dem meinigen, wie wenn sie hoffte, nur mittelst des Gesichtssinnes die Wahrheit erfahren zu können. Wie angstvoll, eifersüchtig, mißtrauisch und doch so flehend war dieser Blick! »Wird er gemartert werden?« flüsterte sie mehr in dumpfheiserem Tone, als daß sie laut fragte. »Ich hoffe, zu Gottes Barmherzigkeit, nicht. Sie haben auch meinen Sklaven Jaap gefangen; und es ist weit wahrscheinlicher, daß in einem solchen Fall er das Opfer werden würde, als Mr. Ten Eyck.« »Warum nennt Ihr ihn Mr. Ten Eyck? Ihr habt ihn neuerlich immer Guert genannt – Ihr seyd sein Freund – Ihr denkt gut von ihm – Ihr könnt nicht weniger sein Freund seyn jetzt, wo er elend ist, als da er glücklich, und in seiner Kraft und männlicher Schönheit die stolze Lust aller menschlichen Augen war!« »Theure Miß Wallace, faßt Euch, ich bitte Euch – Niemand kann treuer an Guert halten als ich.« »Ja, das habe ich immer gedacht – immer gefühlt . Guert kann nicht gemein, nicht niedrig in seinen Gesinnungen seyn, so lange ein gebildeter Gentleman, wie Corny Littlepage, sein Freund ist. Ich habe an meine Tante geschrieben, und wir müssen nicht zu hastig seyn in unsern Urtheilen. Der wilde Geist und die Thorheiten der Jugend werden bald vorüber seyn, und dann werden wir an Guert Ten Eyck einen glänzenden Charakter finden. Ist es nicht wahr, Anneke?« Anneke kniete neben ihrer Freundin, schloß sie in ihre Arme, zog das bebende Haupt an ihren mitfühlenden Busen, und hielt sie so einen Augenblick in der ergreifendsten Haltung der schützenden, tröstenden Liebe. Nach einer kleinen Pause brach Mary Wallace in Thränen aus, und ich habe immer geglaubt, daß diese Erleichterung, unter Gottes gnädiger Fügung, ihren Verstand gerettet habe. Nach wenigen Minuten wurde die Leidende ruhiger, wo sie denn, wie ihre Gewohnheit war, sich in sich selbst zurückzog, und Anneke'n und mir die weitere Erörterung des Gegenstandes überließ. Nachdem wir alle Wahrscheinlichkeiten und denkbaren Fälle in unserm Gemüthe hin und her erwogen, versprach ich meinen Gesellschafterinnen, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, alle Mittel zu ergreifen, um jeden nur möglichen Aufschluß über Guert's Schicksal einzuziehen und alles Mögliche zu thun, um ihn zu retten. »Ihr werdet mich nicht täuschen, Corny,« flüsterte Mary Wallace, beim Abschiednehmen mir die Hand mit ihren beiden Händen drückend. »Ich weiß, ich kann mich auf Euch verlassen, denn er rühmt sich, Euer Freund zu seyn!« Anneke'ns schmerzliches Lächeln verstärkte noch diese Bitte, und ich riß mich los, ungern eine so Leidende verlassend, aber außer Stand, zu bleiben. Ich sah Herman Mordaunt im Hofe mit Susquesus sich besprechen, und eilte sogleich zu ihm, entschlossen keine Zeit zu verlieren. »Ich sprach so eben mit dem Trackleß über denselben Gegenstand,« erwiederte mir Herman Mordaunt, sobald ich ihm mein Vorhaben erklärt hatte, »und erwarte jetzt seine Antwort. Haltet Ihr es denn für sicher, einen Boten an die Huronen hinauszusenden, um uns nach unsern Freunden zu erkundigen und mit ihnen zu unterhandeln?« »Nicht schicken? – warum nicht?« versetzte der Indianer. »Rother Mann froh, einen Boten zu sehen. Gehen, wann er will; zurückkommen wann er will. Wie machen einen Handel, wenn Boten skalpiren?« Ich hatte gehört, daß selbst die wildesten Stämme einen Abgesandten respektirten; und in der That lag in der Nothwendigkeit hievon selbst schon eine Art Bürgschaft, daß dieß so seyn müsse. Allerdings mochte der Träger einer Flagge in größerer Gefahr seyn bei einer solchen Sendung, als er im Lager von civilisirten Kriegern gewesen wäre; aber diese Canada-Indianer hatten lange bei den Franzosen als Krieger gedient, und ihre Häuptlinge mußten ohne alle Frage einige Begriffe von der Art der Kriegführung bei den Bleichgesichtern sich angeeignet haben. Ohne viel Bedenken daher und voll besorgter Theilnahme für meinen Freund und meinen Sklaven, – denn auch Jaap's Schicksal lag mir sehr am Herzen – erbot ich mich freiwillig, selbst mit der Friedensflagge zu den Huronen zu gehen. Herman Mordaunt schüttelte den Kopf und schien sich zur Einwilligung nicht entschließen zu können. »Anneke würde es mir schwerlich verzeihen, wenn ich darein willigte,« erwiederte er. »Ihr müßt jetzt bedenken, Corny, daß ein sehr zärtliches und empfindliches Herz an Euer Schicksal geknüpft ist, und nicht mehr handeln wie ein unbesonnener lediger Mann. Es wäre weit besser, diesen Onondago zu schicken, wenn er sich dazu bereit zeigt. Er versteht die rothen Männer und wird im Stande seyn, die Aspekten mit mehr Zuverläßigkeit zu deuten, als Einer von uns. Was sagt Ihr, Susquesus; wollt Ihr als Abgesandter zu den Huronen gehen?« »Gewiß! – warum nicht gehen, wenn er will? Gut, Abgesandter zu seyn manchmal. Wo Wampum? – Was ihm sagen?« So ermuthigt beriethen wir uns zusammen, und bald war Susquesus bereit abzugehen. Der Indianer legte alle seine Waffen ab, wusch sich die Kriegsbemalung vom Gesicht, legte ein Calikohemd um seine Schultern und nahm ganz die Friedenstracht an. Wir gaben ihm eine kleine weiße Fahne zu tragen, überzeugt, daß die Häuptlinge der Huronen ihre Bedeutung verstehen müßten, und weil wir für besser hielten, daß bei Ueberbringung einer Botschaft von Bleichgesichtern, der Ueberbringer selbst ein bei den Bleichgesichtern übliches Symbol seiner Sendung habe. Susquesus fand auch einen Wampum vor; – und auf diesen setzte er vermuthlich so viel Vertrauen als auf sonst Etwas. Dann machte er sich auf den Weg, mit dem Auftrag den Huronen ein reichliches Lösegeld anzubieten für die lebenden, unverletzten Personen Guert Ten Eyck's und Jaap Satanstoe's. Wir hegten keinen Zweifel, daß der Feind in der Schlucht zu finden seyn werde, denn dieß war in jeder Hinsicht der für die Belagerungsoperationen günstigste Punkt, da er in der Nähe des Hauses und vollkommen gedeckt war, Wasser, Holz und andre Bequemlichkeiten enthielt. Von diesem Punkt aus konnte das Nest beobachtet und jede günstige Gelegenheit benützt werden. Dahin also wiesen wir Susquesus an sich zu begeben, obwohl wir nicht für räthlich erachteten, einen so schlauen Mann durch zu viele Instruktionen zu binden. Einige von uns begleiteten den Onondago an das Thor, und sahen ihm nach, wie er durch die Felder dem Walde zu eilte in seinem gewöhnlichen hüpfenden Trabe. Ein Vogel konnte kaum in geraderer Richtung auf sein Ziel zufliegen als er. Die halbe Stunde, welche auf das Verschwinden des Susquesus in der Mündung der Schlucht folgte, war eine Zeit der ängstlichsten, peinlichsten Spannung. Wir blieben Alle vor dem Thore stehen, das Ergebniß abzuwarten, Dirck, Mr. Worden, Jason und ein Halbdutzend Ansiedler miteingeschlossen. Endlich erschien der Onondago wieder; und zu unsrer unbeschreiblichen Freude folgte ihm eine Gruppe, in welcher sich die beiden Gefangenen befanden. Diese waren gebunden, konnten aber gehen. Diese Gruppe mochte aus etwa zwölf Feinden bestehen, Alle bewaffnet. Sie bewegten sich langsam aus der Schlucht hervor und stiegen auf die Felder herauf, welche in gleicher Linie mit dem Hause lagen, und etwa vierhundert Schritte von uns entfernt machten sie Halt. Als wir diese Bewegung sahen, lasen wir genau dieselbe Zahl von Männern aus und gingen den Indianern entgegen, machten aber in einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten von ihnen Halt. Hier erwarteten wir unsern Abgesandten, welcher weiter schritt, nachdem die Huronen stehen geblieben. So weit sah Alles günstig aus. »Bringt Ihr uns gute Neuigkeiten?« fragte Herman Mordaunt lebhaft. »Sind unsre Freunde unverletzt?« »Haben Skalp – nicht verletzt – gefangen genommen – auf sie losgesprungen zehn, zwei, sechs, sie gepackt dann. Thut auf Augen; seht sie.« »Und die Huronen? Scheinen sie geneigt, das Lösegeld anzunehmen? Rum, Büchsen, Decken, Pulver; Ihr habt Alles angeboten, hoffe ich, Susquesus?« »Gewiß. Nicht vergessen; das schlecht. Alles das gesagt; noch mehr dazu.« »Und sie sind gekommen, mit uns zu unterhandeln? Was haben wir jetzt zu thun, Susquesus?« »Setzt nieder Büchsen – geht hin und sprecht. Ihr gehen, – Priester gehen – junger Häuptling gehen – das Drei. Dann drei Krieger Büchsen niederlegen, auch kommen, zu sprechen. Gefangene warten. Alles gut.« Dieß war hinreichend verständlich, und da wir dachten, jede Zögerung und Bedenklichkeit könnte die Lage Guert's hoffnungslos machen, schickten wir uns an, so zu thun. Ich bemerkte wohl, daß der Hochwürdige Mr. Worden keinen sonderlichen Geschmack an dem Handel hatte, aber sich schämte zurückzubleiben, da er Herman Mordaunt ganz getrost zu der Besprechung vortreten sah. Uns Dreien kamen ebenso viele Huronen entgegen, worunter Jaap's Freund, Muß, welcher sichtlich die vornehmste Person unter ihnen war. Guert und Jaap wurden gebunden gehalten, etwa hundert Schritte weiter zurück, doch nahe genug, daß man mit erhobner Stimme zu ihnen sprechen konnte. Guert war im Hemd und Beinkleidern, den Kopf unbedeckt, sein schönes lockiges Haar im Winde flatternd, und ich glaubte einige Blutspuren an seinem Weißzeug zu bemerken. Dieß konnte sein eignes seyn, oder auch von einem Feinde herrühren. Ich rief ihm daher zu und fragte ihn, wie es ihm gehe und ob er verletzt sey. »Nichts der Rede Werthes, Corny, ich danke Euch,« war die muntere Antwort; »diese rothen Gentlemen haben mich an einen Baum gebunden gehabt, und probirt, wie nahe sie ihre Tomahawks schleudern könnten ohne mich doch zu treffen. Das ist eine ihrer gewöhnlichen Belustigungen und ich habe bei der Kurzweil ein paar Schmarren abgekriegt. Ich hoffe, die Ladies sind guten Muthes, und lassen sich die Geschichte von der vorigen Nacht nicht bekümmern und niederschlagen?« »Ich habe kostbare Nachrichten für Euch, Guert. Susquesus, fragt diese Häuptlinge, ob ich mich meinem Freunde nähern dürfe, um ihm ein Wort des Trostes zu sagen. Bei meiner Ehre, ich werde keinen Versuch zu seiner Befreiung machen, bis ich wieder hieher zurückgekehrt bin.« Ich sprach mit großem, angelegentlichem Ernst und der Onondago dollmetschte, was ich gesagt hatte, in der Sprache der Huronen. Ich hatte dieß etwas kühne Verlangen ausgesprochen in Folge eines unwiderstehlichen innern Dranges; und war ebenso überrascht als erfreut, mir meinen Wunsch gewährt zu sehen. Diese Wilden trauten meinem Wort und verließen sich auf meine Ehre mit einem mannhaften Zartgefühl, welches dem Benehmen civilisirter Könige Ehre gemacht haben würde, und bekümmerten sich dem Anschein nach gar nicht um mein Thun und Treiben, obgleich es in ihrem Rücken vorging. Es war zu spät, um die Sache rückgängig zu machen; so überließ ich es denn Herman Mordaunt, den Versuch zum Abschluß eines Uebereinkommens mit Muß und seinen beiden Begleitern zu machen, und schritt keck, ein argloses Wesen annehmend, auf die bewaffneten Männer zu, welche Guert und Jaap als Gefangene bewachten. Es schien mir, meine Annäherung verursachte wirklich eine leichte Bewegung unter diesen Wilden; und es wurden Fragen und Antworten zwischen ihnen und ihrem Anführer getauscht. Der Letztere sagte nur ein paar Worte, aber diese mit herrischem, nachdrücklichem Tone und mit einer gebieterischen Geberde mit der Hand. So kurz diese Worte waren, erreichten sie doch ihren Zweck, und ich ward während meiner kurzen Besprechung mit meinem Freunde weder belästigt noch angeredet. »Gott segne Euch, Corny, für dieß!« rief Guert mit lebhaftem Gefühl, als ich ihm mit Wärme die Hand schüttelte. »Es erfordert ein warmes Herz, und ein kühnes dazu, daß ein Mann in die Höhle des Löwen sich wagt. Bleibt nur einen Augenblick, damit Euch nicht ein Unheil begegnet, ich bitte Euch. Dieser Händedruck ist für einen Mann in meinem Zustand so viel werth als ein ganzes Gut; aber denkt an Anneke. Ach, Corny, mein lieber Freund, ich würde selbst jetzt noch glücklich seyn, wenn ich wüßte, daß Mary Wallace um mich Leid trüge.« »Dann seid nur glücklich, Guert! Mein einziger Zweck, warum ich mich hieher wagte, war, Euch zu sagen, daß Ihr in dieser Hinsicht Alles hoffen dürft. Es wird keine Sprödigkeit, kein scheues Bedenken, kein Mißtrauen mehr sich zeigen, wenn Ihr nur einmal uns wieder geschenkt seyd.« »Mr. Littlepage, Ihr würdet doch gewiß nicht spielen mit den Gefühlen eines elenden Gefangenen, der zwischen Marter und Tod schwebt, wie jetzt mein Schicksal ist? Ich kann kaum meinen Sinnen trauen; und doch würdet Ihr gewiß meiner nicht spotten!« »Glaubt Alles, was ich Euch sage – ja, Alles, was Ihr wünscht , Corny. Selten liebt ein Weib, so wie sie liebt, und das kann ich Euch beschwören. Ich gehe jetzt nur um Herman Mordaunt behülflich zu seyn, Euch die Freiheit zu verschaffen, zurückzukehren an den Ort, wo Ihr mit eignen Ohren hören sollt, wie wahr das ist, was ich Euch, selbst ein Ohrenzeuge, mitgetheilt habe.« Guert antwortete nicht, aber er war, wie ich wohl sah, tief erschüttert. Ich preßte seine Hand und wir trennten uns, in bester Hoffnung von meiner Seite wenigstens, daß die Trennung nur kurz seyn werde. Ich habe Grund zu glauben, daß Guert Thränen vergoß; denn wie ich zurückschaute, bemerkte ich, daß er sein Angesicht von den ihm zunächst Stehenden weg wandte. Auf Jaap konnte ich nur Einen Blick werfen. Mein Bursche stand etwas rückwärts, wie es seiner Farbe geziemte; aber er beobachtete mein Gesicht mit der Wachsamkeit einer Katze. Ich hielt für's Beste, nicht mit ihm zu sprechen, obwohl ich ihm heimlich einen aufmunternden Blick zuwarf. »Diese Häuptlinge sind nicht sehr friedlich und freundlich gestimmt, Corny,« sagte Herman Mordaunt, sobald ich wieder bei ihm war. »Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß Jaap unter keiner Bedingung werde frei gegeben werden. Sie müßten seinen Skalp haben, wie mir Susquesus sagt, wegen einer harten Behandlung, die er selbst sich gegen einen dieser Häuptlinge erlaubt habe. Um mich ihrer Ausdrücke zu bedienen, sie wollten ihn haben als Pflaster auf ihres Kriegers Rücken. Sein Schicksal, scheint es, ist besiegelt, und er ist nur dorthin vorgeführt worden, um Hoffnungen in ihm zu erregen, welche getäuscht werden sollen. Die Elenden tragen kein Bedenken dieß geradezu in ihrer kurzen, bündigen Weise zu gestehen. Was Guert betrifft, so sagen sie, er habe zwei ihrer Krieger erschlagen, und deren Weiber würden ihre Gatten vermissen und sich nicht leicht beruhigen, wenn sie nicht auch seinen Skalp sähen. Sie erbieten sich jedoch ihn frei zu geben unter zweierlei Bedingungen. Sie wollen Guert frei geben gegen zwei Häuptlinge, wie sie sich ausdrücken, oder gegen vier gemeine Männer. Wenn uns diese Bedingung nicht gefällt, so wollen sie ihn auswechseln unter der Bedingung, daß wir zwei gemeine Männer für ihn geben und ihnen das Nest überlassen, indem wir mit allen meinen Leuten ausziehen, ehe die Sonne über unsern Häuptern steht.« »Bedingungen, Sir, die Ihr, fürchte ich, unter keinen Umständen annehmen könnt?« »Gewiß nicht; die Auslieferung von zwei Männern kann gar nicht in Frage kommen – könnte es nicht, wenn es auch die Rettung meines eigenen Lebens gälte. Was das Nest betrifft und was darin ist, so würde ich herzlich gern Alles preisgeben, einige Papiere ausgenommen, wenn ich nur im Mindesten das Vertrauen hätte, daß die Häuptlinge im Stande wären, ihre Leute im Zaum zu halten; aber das fürchterliche Gemetzel von William-Henry ist mir noch in zu frischer Erinnerung, als daß ich ein solches Vertrauen haben könnte. Meine Antwort habe ich ihnen schon gegeben und wir stehen im Begriff uns zu trennen. Vielleicht, wenn sie uns entschlossen sehen, stimmen sie ihre Forderungen etwas herab.« Muß, der sich bei dieser Besprechung mit großer Würde benommen hatte, schwenkte ernst die Hand zum Abschied, und die drei Huronen begaben sich mit einander weg. »Am besten, gehen!« sagte Susquesus bedeutungsvoll. »Vielleicht Büchsen brauchen, den Huronen Ernst seyn.« Auf diesen Wink kehrten wir zu unsern Freunden zurück und nahmen unsre Waffen wieder auf. Was nun folgte, erfuhr ich theils durch die Erzählung von Andern, theils bin ich selbst Augenzeuge davon gewesen. Es scheint daß Jaap vom ersten Augenblick an das Verzweifelte seiner Lage begriff. Die Erinnerung an die Mißhandlung, die er Muß zugefügt, dessen specieller Gefangener er war, vermehrte höchst wahrscheinlich noch seine Besorgnisse, und seine Gedanken waren beständig darauf gerichtet, sich die Freiheit durch Mittel zu verschaffen, welche ganz unabhängig waren von aller Unterhandlung. Von dem Augenblick an, wo er aus der Schlucht herausgeführt wurde, hatte er alle Augen offen und lauerte auf jede, wenn auch noch so kleine günstige Gelegenheit, sein Vorhaben auszuführen. Es traf sich, daß Einer der Wilden sich so vor den Neger, der ganz nahe hinter ihm stand, hinstellte, daß Jaap im Stande war, dem Huronen das Messer unbemerkt aus der Scheide zu ziehen. Er that dieß, während ich mich bei der Truppe befand, und alle Augen auf mich geheftet waren. Guert und er selbst waren gefesselt, indem ihnen die Arme über dem Ellbogen auf den Rücken gebunden waren; und als Guert sich auf die Seite wandte, um Thränen zu vergießen, wie ich schon erzählt, gelang es Jaap, dessen Bande zu zerschneiden. Dieß konnte nur geschehen, während die Wilden meine sich entfernende Gestalt mit den Augen verfolgten. Zugleich gab Jaap das Messer Guert, welcher ihm denselben Dienst leistete. Da die Indianer nicht aufmerksam wurden, blieben die beiden Gefangenen noch einen Augenblick stehen, indem sie die Arme so hielten, als wenn sie noch gebunden wären, um sich umzusehen. Der Indianer zunächst bei Guert hatte zwei Büchsen, seine eigne und die von Muß, nachlässig an seine Schulter gelehnt, die Kolben auf der Erde. Auf diese Waffen deutete Guert; und als die drei Häuptlinge auf dem Punkte waren, wieder zu ihren Freunden zu treten, welche aufmerksam allen ihren Bewegungen folgten, um das Ergebniß zu erfahren, packte Guert diesen Wilden am Arm, drehte ihm denselben herum, bis der Indianer vor Schmerz schrie, und ergriff dann die eine Büchse, während Jaap sich der andern bemächtigte. Beide feuerten und Jeder streckte seinen Mann nieder; dann machten sie mit den Kolben ihrer Gewehre einen Anfall auf die Uebrigen. Dieser kühne Angriff, so verzweifelt er erscheinen mußte, war doch das Klügste, was sie thun konnten; denn unmittelbare Flucht würde ihren Feinden Gelegenheit gegeben haben, ihnen die geflügelten Verfolger aus ihren Büchsen nachzuschicken. Die erste Kunde, die uns von einem Beginnen solcher Art wurde, bestand in dem Knall der Büchsen. Dann sah ich nicht nur, sondern hörte auch den fürchterlichen Schlag, welchen Jaap auf Muß's Kopf führte, einen Schlag, welcher das Opfer und das Werkzeug seines Todes zugleich zerschmetterte. Obgleich der Kolben der Büchse zerbrochen war, blieb doch noch der schwere Lauf, und der Neger schwang ihn mit einer Macht, die Alles vor ihm niederschlug. Es ist kaum nöthig zu sagen, daß Guert bei einem solchen Kampfe nicht müßig blieb. Er kämpfte für Mary Wallace ebenso wie um sein eignes Leben, und er streckte zwei weitere Indianer in einem Nu, so zu sagen, nieder. Hier leistete Dirck unsern Freunden einen guten Dienst. Er hatte seine Büchse in der Hand, und kaltblütig anlegend schoß er einen gewaltigen Wilden nieder, der auf dem Punkt stand, Guert von hinten zu packen. Dieß war der Anfang eines allgemeinen Kampfes, indem jetzt Salven von beiden Seiten erfolgten; von uns und von dem Feind, der im Versteck des Waldes lag. Eingeschüchtert durch die Wuth des persönlichen Angriffs, der sie bedrohte, sprangen die übrigen Indianer in der Nähe Guert's und des Negers mit gellendem Geschrei davon, zu ihren Genossen, und ließen ihre bisherigen Gefangenen befreit zurück, aber dem Feuer mehr ausgesetzt, als da sie noch von Feinden umringt gewesen waren. Alles ging mit furchtbarer Schnelligkeit vor sich. Guert ergriff die Büchse eines gefallnen Indianers und Jaap bemächtigte sich ebenfalls einer, worauf sie sich auf uns zurück zogen, wie zwei verfolgte Löwen, auf jedem Schritte von Büchsenkugeln umsaust. Natürlich feuerten wir auch und rückten ihnen entgegen vor; ein unkluger Schritt, da die Hauptmasse der Huronen sich in gutem Versteck befand, was den Kampf ungleich machte. Aber man konnte dem sympathetischen Drang eines solchen Augenblickes nicht widerstehen, noch dem Triumphgefühl über die vor unsern Augen verrichteten Thaten Guert's und Jaap's, das wir Alle empfanden. Wie wir uns einander näherten, jauchzte der Erstere und schrie: »Hurrah, Corny, mein edler Camerad! – laßt uns den Wald angreifen – es soll in fünf Minuten keine Rothhaut mehr darin seyn. Vorwärts, meine Freunde! Alle vorwärts!« Gewiß war es ein aufregender Augenblick! Wir Alle jauchzten ebenfalls, und schrieen Alle zusammen: Vorwärts! Selbst Mr. Worden stimmte in das Jauchzen mit ein und drängte vorwärts. Auch Jason kämpfte muthig; und wir gingen auf den Wald los wie eben so viele Bullenbeißer. Ich bilde mir ein, der Pädagog dachte, das freie Eigenthum seiner Mühlen hänge von dem Ausgang des Kampfes ab. Vorwärts drangen wir, in offner Reihe, unser Feuer sparend bis zum letzten Augenblick, während einzelne Schüsse auf uns fielen, die uns keinen Schaden thaten, bis wir das Dickicht erreichten. Die Huronen waren entmuthigt und sie flohen. Obgleich ein panischer Schrecken nicht häufig vorkommt bei diesen wilden Kriegern, sammeln sie sich doch selten auf dem Schlachtfeld wieder. Wenn sie einmal mit Gewalt zum Weichen gebracht sind, so zerstreut eine scharfe Verfolgung sie gewöhnlich auf längere Zeit; und das war auch jetzt der Fall. Bis ich recht in die Schlucht hineinkam, sah und hörte ich Nichts mehr von einem Feind. Meine Freunde waren rechts und links um mich, jauchzend und vorwärts drängend; aber kein Feind war sichtbar. Guert und Jaap waren voran, denn wir konnten sie nicht einholen; und sie hatten gefeuert, denn sie hatten die letzten Feinde fliehen gesehen. Nur noch Ein Schuß von den Huronen fiel in die Schlucht. Er ward abgefeuert von Einem der zurückweichenden Bande, welcher hinter den Uebrigen mußte zurückgeblieben seyn. Der Knall tönte weit die Schlucht herauf, und es war wie ein End- und Abschiedsschuß. Aber so entfernt er war – doch war es der unheilvollste Schuß für uns, der bei diesem ganzen Gefecht abgefeuert wurde. Ich wurde Guert's durch die Bäume hindurch ansichtig, und sah ihn fallen. In einem Augenblick war ich an seiner Seite. Welch ein Wechsel und Uebergang ist es doch vom Triumph des Sieges zu dem plötzlichen Herannahen des Todes! Ich erkannte an dem Ausdruck von Guert's Gesicht, wie ich ihn in meinen Armen aufhob, daß die Wunde tödtlich war. In der That war die Kugel gerade durch den Leib gegangen, hatte keinen Knochen getroffen, aber die edelsten Theile verletzt. Man kann sich nicht täuschen in dem Ausdruck des Gesichts bei einer tödtlichen Wunde – wenn diese eine augenblickliche, nicht eine entfernte Wirkung hat. Die Natur scheint das Opfer an sein Ende zu mahnen. So war es bei Guert. »Dieser Schuß hat mir den Garaus gemacht, Corny,« sagte er, »und es scheint der allerletzte zu seyn, den sie abzufeuern gedenken. Ich hoffe jetzt beinahe, was Ihr mir von Mary Wallace gesagt habt, kann nicht wahr seyn!« Es war weder die Zeit noch der Ort von so etwas zu reden, und ich antwortete Nichts. Von dem Augenblick an, wo man erfuhr, daß Guert gefallen, hörte die Verfolgung auf, und unsre ganze Gesellschaft sammelte sich um den Verwundeten. Der Indianer allein schien noch nicht vergessen zu haben, wie wichtig es für uns sey, zu wissen was der Feind beginne, denn seine Philosophie ließ sich nicht lange aus der Fassung bringen durch das plötzliche Auftreten des Todes in unsrer Mitte. Dennoch liebte er Guert, so wie Jeder, der über die Schwächen seines mehr äußerlichen Charakters weg sah und die edeln Grundzüge seiner durchaus männlichen Natur erkannte. Susquesus sah einen Augenblick den Leidenden ernst und nicht ohne Theilnahme an; dann wandte er sich zu Herman Mordaunt und sagte: »Das schlimm – aber Skalp gerettet, das doch gut. Ihn tragen in das Haus. Susquesus folgen der Fährte und sehen was Indianer im Sinn haben.« Da dieß der Klugheit gemäß war, trug man ihm auf, den Feind zu beobachten, während wir unsern Freund in das Nest trugen. Dirck verstand sich dazu, uns vorauszugehen und die traurige Nachricht zu verkündigen, während ich bei Guert blieb, welcher auf dem ganzen Weg meine Hand in der seinigen hielt. Wir bildeten einen höchst trübseligen Zug, für Sieger. Keiner von unsrer Schaar hatte bei diesem letzten Gefecht eine ernste Verletzung davongetragen, mit Ausnahme von Guert's Wunde; aber ich zweifle, ob der Tod von zwei oder drei Andern mehr wirkliche Betrübniß und Kummer verursacht hätte. Wir waren unsere Lage gewohnt geworden – es ist zum Verwundern, wie bald das beim Soldaten der Fall ist; der Tod wird Einem da vertrauter und der Hälfte seiner Schrecken entkleidet; aber Unfälle können eintreten, und treten wirklich ein, welche in einem Heere das Bewußtseyn von seiner wahren Natur, und da er von der Vorsehung verhängt werde, wieder erwecken. Dieß war die Wirkung des Falles von Lord Howe auf die Truppen vor Ticonderoga gewesen, und dieß war jetzt die Wirkung des Falles von Guert Ten Eyck auf die kleine Schaar, welche hier versammelt war, um die Besitzungen und die Herde von Ravensnest zu vertheidigen. Wir traten durch das Thor des Hauses und fanden dessen meiste Insaßen schon im Hofe, versammelt wie eine Brüderschaft in einer Kirche, welche das Hereintragen des Todten erwartet. Herman Mordaunt hatte Befehl geschickt, sein eignes Zimmer für den Leidenden bereit zu halten, und dahin trugen wir Guert. Er ward auf das Bett gelegt; dann entfernten sich schweigend die Meisten. Ich bemerkte, daß Guert ängstlich und suchend die Augen herumlaufen ließ, und ich sagte ihm mit leiser Stimme, ich wolle selbst die Ladies holen. Ein Lächeln und ein Händedruck sagte mir, wie richtig ich seine Gedanken errathen hatte. Ich war etwas überrascht, als ich Mary Wallace blaß zwar, aber vergleichungsweise gefaßt und Herrin ihrer selbst traf. Jener Instinkt der Schicklichkeit, welcher ein Element der Natur eines gebildeten Weibes ausmacht, hatte sie von der Notwendigkeit der Selbstbeherrschung überzeugt, damit kein Ausbruch ihrer Gefühle den Leidenden erschüttere. Anneke war ganz so, wie es sich von ihr erwarten ließ, weich, trauernd und voll Mitgefühl für ihre Freundin. Sobald sie vom Zweck meines Kommens unterrichtet waren, legten die beiden Mädchen ihre Bereitwilligkeit an den Tag, zu Guert zu gehen. Da sie den Weg wußten, begleitete ich sie nicht, sondern schlug absichtlich eine andere Richtung ein, um nicht Zeuge der Zusammenkunft zu seyn, Anneke hat mir jedoch seither erzählt, daß Mary's Selbstbeherrschung sie nicht gänzlich verlassen habe, während Guert's dankbare Freude sie vermuthlich insoweit täuschte, daß in ihr eine kurz andauernde Hoffnung auflebte, die Wunde sey nicht tödtlich. Ich für meine Person brachte eine Stunde damit zu, den Stand der Dinge im Hause und um das Haus zu untersuchen, um mich zu überzeugen, daß keine Versäumniß und Nachläßigkeit noch jetzt unsre Sicherheit gefährde. Nach Verfluß dieser Zeit kehrte ich zu Guert zurück und begegnete Herman Mordaunt nahe bei der Thüre seines Zimmers. »Die wenige Hoffnung, die wir hatten, ist verschwunden,« sagte der Letztere in kummervollem Tone. »Der arme Ten Eyck hat ohne Zweifel seine Todeswunde empfangen und nur noch wenige Stunden zu leben. Wären meine Leute in Sicherheit, ich wollte, daß lieber Alles in Ravensnest, Häuser und Güter, zu Grunde gegangen wären, als daß uns dieß getroffen hätte!« Durch diese Erklärung vorbereitet, war ich nicht so sehr überrascht, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre, über die große Veränderung, die mit meinem Freunde, seit ich sein Zimmer verlassen, vorgegangen war. Es war unverkennbar, daß er den Ausgang voraussah. Dennoch war er ruhig, ja, dem Anschein nach vergnügt und glücklich. Auch war er nicht so schwach, daß er nicht hätte vernehmlich und ohne große Mühe sprechen können. Wenn die Maschine des Lebens stille steht in Folge des plötzlichen Zerreißens eines das Leben zusammenhaltenden und bedingenden Bandes, ist das Herannahen des Todes, obgleich rascher als bei Krankheiten, doch selten so augenfällig. Die ersten Anzeichen eines tödtlichen Ausgangs werden hier mehr durch die Beschaffenheit der gewaltsamen Verletzung an die Hand gegeben, als daß sie in den sichtbaren Wirkungen hervortreten. Ich habe gesagt, Guert habe vergnügt und glücklich geschienen, obwohl so nahe dem Tode. Anneke erzählte mir später, Mary Wallace habe ihm ihre Liebe gestanden, auf eine ernste und dringende Anfrage und Bitte von ihm, und von diesem Augenblick an habe er sich ausgesprochen wie Einer der seinem nahen Tode zufrieden entgegen steht. Der arme Guert! Er dachte wenig an die ernste Zukunft oder an die Kirche auf Erden, außer sofern letztere ein Recht auf seine äußere Achtung und Huldigung besaß, die er ihr auch bei jeder Gelegenheit spendete. Es schien, daß Mary Wallace, gewöhnlich so zurückhaltend und schweigsam unter ihren Freunden, gewohnt gewesen, mit Guert ganz ungezwungen zu sprechen, und daß sie es sich während ihres Aufenthalts zu Albany zur ernstlichen Aufgabe gemacht hatte, seinen Geist aufzuklären, oder vielmehr seine Gefühle zu erwecken in Bezug auf diesen hochwichtigen Gegenstand, und daß Guert, empfänglich für den Genuß, aus einer solchen Quelle Belehrung zu empfangen, ihr immer mit Aufmerksamkeit zuhörte. Als ich in das Zimmer trat, war eben eine dahin zielende Rede gefallen. »Ohne Euch, Mary, würde ich wenig besser seyn als ein Heide,« sagte Guert, die Hand seiner Geliebten in der seinigen haltend, und kaum einen Augenblick seine Augen von ihrem Idol wegwendend. »Wenn Gott mir gnädig ist, so ist es um Euertwillen und durch Euch!« »Oh! nein – nein – nein, Guert, sagt das, glaubt das nicht?« rief Mary Wallace, erschrocken über dieß Uebermaß von leidenschaftlicher Anhänglichkeit, obwohl ihr selbst geltend, in einem solchen Augenblick. »Uns Allen wird Gnade und Vergeltung zu Theil durch den Tod und die Mittlerschaft seines gepriesenen Sohnes. Nichts sonst kann Euch, oder Eines von uns retten und selig machen, mein theurer, theurer Guert; und ich beschwöre Euch, nichts Anderes zu glauben!« Guert sah etwas erstaunt aus, aber dennoch vergnügt. Der erste Ausdruck seines Angesichts war vermuthlich die Folge davon, daß er die Art dieser geheimnißvollen Versöhnung nicht recht begriff, welche den unerleuchteten Geist des Menschen übersteigt, und in der That mehr gefühlt als verstanden seyn will. Der vergnügte Ausdruck hatte seinen Grund in dem »theuern, theuern Guert,« und mehr noch in dem Bewußtseyn, beinahe gegen sein Hoffen die ganze Liebe des Weibes zu besitzen, das er so lange geliebt hatte. Guert Ten Eyck war ein Mann von kühnem und rücksichtslosem Charakter in Allem was Gefahren, Lustbarkeiten und jugendliche Abenteuer betraf; aber der sanfteste und bescheidenste Christ konnte kaum ein demüthigeres Bewußtseyn von seinen Schwachheiten und Sünden haben, als dieser feurige und wilde junge Mann es hegte, in Betreff seiner Ansprüche auf die Achtung und Anerkennung eines solchen Wesens wie Mary Wallace. Ich habe mich oft gewundert, daß er sich überhaupt nur erkühnte, sie zu lieben, aber ich glaube, diese anscheinende Eitelkeit muß erklärt werden aus der unwiderstehlichen Macht einer Leidenschaft, welche bekanntlich die stärkste in der menschlichen Natur ist. Es war auch eine Art von moralischer Anomalie, daß zwei Personen von so entgegengesetztem Charakter – das Eine dem Extrem der Rücksichtslosigkeit sich nähernd, das Andere die vorsichtige Klugheit beinahe bis zur Prüderie treibend; er so heiter, daß er nur für Lustbarkeiten zu leben schien, sie so still und verschlossen – diese lebhafte Neigung zu einander fassen konnten; aber so war es. Ich habe jedoch behaupten hören, daß diese Verschiedenheiten des Temperaments Interesse erwecken, und daß Solche, welche mit solchen Unähnlichkeiten angefangen, aber durch Verkehr, Anhänglichkeit und Gewöhnung sich einander angeähnlicht haben, am Ende die glücklichsten Paare geben. Mary Wallace verlor alle ihre Zurückhaltung in dem Erguß von Zärtlichkeit und Mitgefühl, der jetzt Alles mit sich fort riß. Diesen ganzen Morgen wich sie nicht von Guert, wie eine Mutter, die über ihrem kranken Kinde wacht. Wenn sein Durst Stillung verlangte, so reichte ihre Hand ihm den Becher; wenn sein Kissen anders gelegt werden sollte, so entdeckte ihre Sorgfalt, daß eine solche Veränderung nöthig sey; wenn seine Stirne abgetrocknet werden mußte, so leistete sie ihm diesen Dienst, und ließ Niemand sonst zwischen sich und den Gegenstand ihrer zärtlichen, bekümmerten Sorge treten. Es gab Augenblicke, wo die Art, wie Mary Wallace sich über Guert beugte, unendlich rührend war. Anneke und ich wußten, daß sie in innerster Seele darnach verlangte, seinen Gedanken eine bleibendere Richtung zu geben auf den großen, ihm so nahe bevorstehenden Wechsel. Dennoch überwog die Zärtlichkeit des Weibes so sehr selbst die ängstliche Besorgniß der Christin, daß wir wohl bemerkten, sie fürchtete einen nachtheiligen Einfluß auf seine Wunde. Endlich – und es war ein Glück, denn ihre Angst wurde nachgerade zu peinlich, als daß sie es noch lang hatte ertragen können, – sprach Guert selbst davon. Ob seine Seele aus eigener Regung auf diesen Gegenstand sich richtete, oder ob er die Bekümmerniß seiner zärtlichen Wärterin wahrnahm und errieth, vermag ich nicht zu sagen. »Ich kann nicht mehr lange bei Euch bleiben, Mary,« sagte er, »und es wäre mir lieb, wenn Mr. Worden, in Gemeinschaft mit Euch, seine Gebete für mich dem Himmel darbringen wollte. Corny wird wohl den Dominie holen für einen alten Freund?« Ich eilte aus dem Zimmer und blieb zehn Minuten aus. Nach Verfluß dieser Zeit war Mr. Worden in seinem Chorhemd bereit, und wir gingen in das Krankenzimmer. Allerdings hatte unser alter Pastor nicht die Art und Weise, den Einfluß der Religion zu bethätigen, wie man es gewöhnlich in den Colonien findet, besonders in dem nördlichen und östlichen Theile des Landes; aber doch hatte er zu Zeiten eine Herzlichkeit in seiner Art zu beten, die mich beinahe überzeugte, daß er ein guter Mensch war. Ich will jedoch gestehen, daß Mr. Worden zu denjenigen Geistlichen gehörte, welche weit inniger und aufrichtiger für gewisse Personen beten können, als für andere. Er hatte eine Vorliebe für den armen Guert; und ich glaube in der That, dieß zeigte sich in seinem Tone bei dieser traurigen Gelegenheit. Der Sterbende fühlte sich gestärkt und erbaut durch diese Erfüllung der Gebräuche der Kirche. Guert war kein Metaphysiker; und zu keiner Zeit seines Lebens, glaube ich, ließ er sich sehr tief ein auf die Erwägung jener großen und hehren Fragen, welche sein Daseyn, seinen Ursprung, seine Bestimmung und seinen Platz auf der großen Stufenleiter der lebendigen Wesen betrafen. Er hatte über diese Gegenstände die allgemeinen Vorstellungen und Begriffe, welche alle civilisirte Menschen durch die Erziehung und den Verkehr mit ihren Mitmenschen einsaugen, aber Mehr nicht. Er glaubte, daß es eine Pflicht sey, zu beten, und ich zweifle nicht, er dachte, es gebe Zeiten und Tage, wo diese Pflicht dringender und gebieterischer sey, als sonst; und wieder Zeiten und Tage, wo man sich davon freisprechen dürfe. Wie zärtlich und ängstlich wachte Mary Wallace über ihrem Kranken während dieses ganzen traurigen Tages! Sie schien keine Müdigkeit und Erschöpfung zu fühlen. Gegen Abend, gerade als die Sonne die Wipfel der Bäume mit ihrem scheidenden Licht röthete, kam sie auf Anneke und mich zu, mit einem Angesicht schwach erleuchtet wie von einem Schimmer von Freude, und flüsterte uns zu, Guert sey besser. Zehn Minuten nach diesem näherte ich mich dem Bette, und sah den Kranken eine leichte Bewegung mit der Hand machen, wie wenn er wünschte, daß ich ihm näher trete. »Corny,« sagte Guert mit leiser, matter Stimme, – »es ist bald ganz vorüber. Ich wünschte Mary Wallace noch einmal zu sehen, ehe ich sterbe.« Mary war nicht weit entfernt – konnte es nicht seyn. Sie fiel auf ihre Kniee und schloß ihren immer schwächer werdenden Geliebten an ihr Herz. Kein Wort wurde gesprochen auf beiden Seiten; oder wenn sie etwas sprachen, so war es nur in leise flüsterndem Tone, und von zu heiliger Art und Beschaffenheit, als daß es Andern mitgetheilt werden dürfte. In dieser Stellung blieb diese Jungfrau, lange so scheu, spröde und unentschlossen, beinahe eine Stunde, und in dieser ruhigen, liebevollen, weiblichen Umarmung hauchte Guert Ten Eyck seinen letzten Athemzug aus. Ich ließ den Leidenden so viel allein mit dem Weibe seines Herzens, als sich mit der Klugheit und der gebührenden Aufmerksamkeit von meiner Seite vertrug; aber es war meine traurige Pflicht, ihm die Augen zuzudrücken. So früh und vor der Zeit endete die irdische Laufbahn eines so männlichen Geistes, als nur je einer in einem menschlichen Leibe wohnte. Daß er Unvollkommenheiten hatte, hat meine Feder nicht verschwiegen; aber die langen, seither verflossenen Jahre haben die Freundschaft und Liebe nicht ausgelöscht, welche eine so edle Gemüthsart nothwendig erwecken mußte. Dreißigstes Kapitel. Wie schleicht der Tag so träg hin! Wünschen wir, Die Zeit möcht' eilen – kriecht sie Austern gleich; Und wünschen wir, sie stehe still, so säumt Sie ihre Flügel mit Gedankenfedern. Albamazar. Es ist nicht nöthig, bei der Beschreibung der tiefen Betrübniß zu verweilen, welche wir Alle empfanden über unsern Verlust. Natürlich mußten wir in dieser Nacht wachsam seyn; aber nur Wenige hatten auch Lust und Neigung zu schlafen. Der zurückkehrende Tag fand uns jedoch unangefochten; und ein paar Stunden später kam Susquesus in das Haus und berichtete, der Feind habe sich zurückgezogen gegen Tikonderoga. Von dieser Seite her war Nichts mehr zu fürchten, und die Ansiedler begannen jetzt zu ihren Wohnungen, oder was noch davon übrig war, zurückzukehren. Im Verlauf einer Woche erscholl wieder der Schlag der Axt im Wald, und kunstlose, rohe Wohnungen begannen wieder an der Stelle der zerstörten sich zu erheben. Da Bulstrode nicht gut transportirt werden konnte, beschloß Herman Mordaunt, den Rest der guten Jahreszeit in Ravensnest zu bleiben, in der doppelten Absicht, seinen Gast bequem und angenehm zu beherbergen und seinen Ansiedlern Muth zu machen. Man wußte, daß die Gefahr für diesen Sommer wenigstens vorüber war; und vor dem Herannahen des nächsten hoffte man, werde der gedemüthigte Stolz Großbritanniens so erwachen und sich ermannen, daß der Feind aus der Provinz vertrieben werde, wie dieß auch mit Nachdruck und Erfolg geschah. Nach einiger Berathung wurde entschieden, daß Guert's Leichnam nach Albany gebracht werden müsse, um unter seinen Verwandten beerdigt zu werden. Dirck und ich begleiteten ihn als Hauptleidtragende, und Alle die von unsrer Gesellschaft noch übrig waren, gingen mit uns. Herman Mordaunt hielt für nöthig, in Ravensnest zu bleiben, und Anneke wollte ihren Vater nicht verlassen. Des Hochwürdigen Mr. Worden's Missions-Eifer war in Folge dieser Feuerprobe so ziemlich verflogen, und er benützte eine so günstige Gelegenheit, sich in die sicherern und bevölkerteren Distrikte zurückzuziehen. Ich erinnere mich noch, daß, wie wir hinter der Pferdetragbahre her schritten, welche die sterblichen Reste des armen Guert enthielt, der Geistliche folgende kluge Bemerkungen machte: »Ihr seht, wie es auf dieser Grenze ist, Corny,« sagte er; »es ist noch zu früh, um daran zu denken, das Christenthum einzuführen. Das Christenthum ist wesentlich eine civilisirte Religion und kann nur unter civilisirten Wesen von Nutzen seyn. Es ist wahr, mein junger Freund, daß viele von den ersten Aposteln nicht nach der Mode dieser Welt gelehrt waren, aber sie waren alle durchaus civilisirt. Palästina war ein civilisirtes Land und die Hebräer waren ein großes Volk; und ich halte dafür, daß das von unserm heiligen Herrn gegebene Beispiel ein zu allen Zeiten zu befolgendes Gebot enthält, und daß sein Auftreten in Judäa so viel heißt, als wenn er zu seinen Aposteln gesagt hätte: »geht hin und predigt das Evangelium allen civilisirten Völkern.«« Ich wagte die Bemerkung, daß sich in der Bibel doch so Etwas finde, wie ein entschiednes Gebot, es allen Völkern zu predigen. »Ja, das ist ganz wahr,« antwortete Mr. Worden, »aber es bedeutet offenbar so viel als allen civilisirten Nationen. Sodann war das vor der Entdeckung von Amerika, und es ist ganz billig, vorauszusetzen, daß sich das Gebot nur auf bekannte Nationen bezog. Dem Text der Schrift soll keine Gewalt angethan, sondern er soll natürlich erklärt werden, Corny, und dieß scheint mir der natürliche Sinn der Stelle zu seyn. Nein, es war unbesonnen und unvorsichtig von mir, meine Pflicht in solcher Uebertreibung zu fassen, und ich werde während des Rests meiner Tage meine Arbeit und Mühe auf die angemessene Sphäre beschränken. Die Civilisation ist ganz ebenso gut ein Mittel der Vorsehung als die Religion selbst; und es ist die klare Absicht des Himmels, daß die eine auf die Grundlage der andern erbaut werde. Ein Kirchenmann entfernt sich vollkommen weit genug von dem Mittelpunkt der feinsten Lebensbildung, wenn er das Mutterland verläßt, und in diese Colonie geht, um das Evangelium zu predigen, und diese skalpirenden Teufel, die Indianer, laufen läßt, die, ich fürchte sehr, gar nicht dazu bestimmt sind, selig zu werden. Es mag schon gut seyn, Gesellschaften zu haben, um sie im Auge zu behalten, aber ein Verein in London ist vollkommen nahe genug, um sich mit ihnen in Verbindung zu setzen.« Und dieß schien mir in der spätern Zeit immer die Ansicht des Hochwürdigen Mr. Worden zu bleiben, und ich gab mir keine Mühe, ihn auf eine andere zu bringen. Ich hätte jedoch auch von dem Abschied von Anneke erzählen sollen, ehe ich den obigen Auszug aus der Betrachtung des Pfarrers gab. Die Umstände verhinderten mich, vor meiner Abreise von dem Nest viel Verkehr und Zwiesprach unter vier Augen mit meiner Verlobten zu haben; denn Anneke'ns Antheil an der Mary Wallace Kummer war so innig, daß ihr gerade damals nicht möglich war, an etwas Anderes zu denken, als an ihre Freundin und deren Schmerz. Was Mary Wallace selbst betrifft, so ward die Größe und Tiefe ihrer Liebe und ihres Schmerzes nie ganz gewürdigt, als bis die Länge der Zeit deren Umfang und Innigkeit bewährte. Sie gewann bald ihre scheinbare Ruhe wieder; denn nur in einem Sturme von Gefühlen verlor Mary Wallace ihre Selbstbeherrschung; und bei ihrem geordneten Gemüth und ihren hohen Grundsätzen rang sie mit Erfolg darnach, die unabänderliche und nicht zu vergütende Heimsuchung mit christlicher Ergebung zu ertragen. Erst im späteren Leben erkannte ich, wie tief und allgewaltig in Wahrheit ihre Leidenschaft für den muntern, lebenslustigen, schlechterzogenen und ungestümen jungen Albanier gewesen war. Anneke weinte, eine Viertelstunde ehe unser trauriger Zug das Nest verließ, einige Minuten in meinen Armen. Das liebe Mädchen beobachtete keine ungehörige Zurückhaltung gegen mich, doch fand ich sie nicht sehr geneigt, über unsere Liebe zu sprechen, so bald nach den schrecklichen Scenen, die wir so eben durchgemacht hatten. Doch ließ sie mich nicht im Zweifel über den Punkt, daß ich nämlich ihr ganzes und ungetheiltes Herz mit mir nahm. Bulstrode hatte sie nie geliebt, hätte ihn nie lieben können, das versicherte sie mir zu wiederholten Malen. Er unterhielt sie gut, und sie empfand für ihn verwandtschaftliche Theilnahme und Zuneigung, aber nicht im Mindesten ein Interesse anderer Art. Der arme Bulstrode! jetzt da ich meines Triumphs gewiß war, hegte ich sehr großmüthige Gefühle in Betreff seiner, und vermochte ihn wegen verschiedener guter Eigenschaften zu rühmen, welche vorher in meinen Augen ganz verdunkelt gewesen waren. Herman Mordaunt hatte gebeten, es möchte dem Major Nichts von der mir gegebenen Zusage gesagt werden; er selbst aber wolle die nächste Gelegenheit ergreifen, dem Freier zu verstehen zu geben, daß Anneke die Ehre seiner Hand ausschlage. Man glaubte, die Nachricht werde am schicklichsten von Mordaunt ihm mitgetheilt werden. »Ich will offen gegen Euch seyn, Littlepage, und Euch gestehen, daß ich die Verbindung meiner Tochter mit Mr. Bulstrode sehnlich gewünscht habe,« sagte mir Herman Mordaunt bei der Unterredung, die wir vor meinem Abgang von dem Nest hatten; »und ich habe das Vertrauen zu Eurer Billigkeit und Einsicht daß Ihr es Euch wohl werdet erklären können. Ich kannte Bulstrode, ehe ich Etwas von Euch wußte, und es bestand schon eine Verwandtschaft zwischen uns, gerade von solcher Art, daß eine noch nähere und engere wünschenswerth erschien. Ich will nicht läugnen, daß ich Anneke'n geeignet glaubte, den Rang und die Kreise zu zieren, welchen Bulstrode sie entgegen geführt hätte; und vielleicht ist es eine natürliche, elterliche Schwäche, daß Einer wünscht, sein Kind eine höhere Stufe im Leben ersteigen zu sehen. Wir schwatzen von Demuth und Zufriedenheit, Corny, aber am Ende ist dabei doch immer Viel von dem nolo episcopari. Aber Ihr seht, die bevorzugende Wahl des Kindes ist so viel stärker als die des Vaters, daß sie den Sieg davontragen muß. Und ich glaube fast am Ende wollt Ihr doch lieber der Mann von Anneke'ns als der meiner Wahl sein?« »Ich kann das ohne Bedenken zugeben, Sir,« antwortete ich, »und ich empfinde mit dem innigsten Danke die Großmuth, womit Ihr Eure eigenen Wünsche unserer Neigung unterordnet. Allerdings habe ich, was Rang und Vermögen betrifft, Wenig anzubieten, Mr. Mordaunt, gegenüber von Mr. Bulstrode's Ansprüchen; aber in der Liebe zu Eurer Tochter, und im inbrünstigen Verlangen und Bestreben, sie glücklich zu machen, werde ich ihm nicht nachstehen, noch sonst irgend einem Manne und wäre er ein König.« »Was das Vermögen betrifft, Littlepage, so kümmert mich das wenig. Da Ihr in diesem Lande wohnen und leben werdet, wird das vereinigte Vermögen beider Familien, welches dereinst ganz Euch und Anneke'n zufallen muß, mehr als genügend seyn; und für die Nachkommenschaft werden Ravensnest und Mooseridge reichliche Mittel des Unterhalts liefern. So wie die Colonie wächst, werden Eure Abkömmlinge zunehmen, und mit Beiden Euer Vermögen. Nein, nein: ich mag in meinen Ansichten etwas durchkreuzt worden seyn, das will ich zugeben; aber nie war ich deßhalb unzufrieden. So segne Euch denn Gott, mein lieber Junge; schreibt uns von Albany aus und kommt im September zu uns nach Lilaksbush. Ihr werdet dort aufgenommen werden wie ein Sohn.« Es ist überflüssig, bei unserm schwermüthigen Zug durch die Wälder lange zu verweilen. Dirck und ich folgten zu Fuß, ganz nahe dem Leichnam, bis wir die Heerstraße erreichten, wo Fuhrwerke angeschafft wurden, um denselben und uns Alle weiter zu führen. Als wir Albany erreichten, überlieferten wir die sterblichen Ueberreste Guert's seinen Verwandten und es fand ein angemessenes Leichenbegängniß statt. Der mit Backsteinen gemauerte Schrank hinter dem Kamin ward, wie dieß gewöhnlich war, geöffnet, und die sechs Dutzend Madeira, welche dort vor vierundzwanzig Jahren niedergelegt worden waren, an dem Tauftage des armen Burschen, wurden trefflich befunden. Ich erinnere mich, daß es allgemein hieß, man habe beim Begräbniß Guert Ten Eyck's bessern Wein getrunken als seit Menschengedenken bei der Bestattung irgend einer andern Person, die nicht aus den Familien Van Rensselaer, Schuyler oder Ten Broeck gewesen. Ich spreche hier von Leichenbegängnissen in Albany; denn ich glaube, die Bemerkung würde kaum auf viele andere Leichenbegängnisse, weiter abwärts vom Fluß, passen. In der Regel jedoch wurde bei allen unsern Leichenbegängnissen sehr guter Wein gegeben. Der Hochwürdige Mr. Worden funktionirte als Geistlicher und ward allgemein mit großem Interesse betrachtet als ein frommer Diener des Evangeliums, welcher selbst nur mit Noth dem Schicksal dessen entgangen war, den er jetzt als »Staub dem Staub« übergab, während er mit aufopferndem, hingebendem Eifer bestrebt gewesen, die Seelen eben der Wilden, die nach seinem Leben getrachtet, aus der Verdammniß der Heiden zu retten. Ich erinnere mich noch, es stand ein sehr gut geschriebener Artikel dieses Inhalts in der New-Yorker Gazette und ich habe gehört, erinnere mich aber nicht, es selbst gelesen zu haben, daß in einem Bericht der Gesellschaft für Ausbreitung des Evangeliums in fremden Ländern diese Umstände in sehr rührender und erbaulicher Weise erwähnt wurden. Der arme Guert! Ich brachte einige Minuten an seinem Grabe zu, ehe wir weiter nach Süden zogen. Dieß war Alles, was übrig war von seiner stattlichen Person, seinem lebhaften Geist, seinem löwenherzigen Muth, seiner sprudelnden Laune und seiner unauslöschlichen Neigung zu Lustbarkeiten. Einen körperlich schönen Mann, einen der in jeder Hinsicht das Auge mehr angesprochen und erfreut hätte, habe ich nie gesehen. Daß diese edle Gestalt nicht einen geistigern Menschen beherbergte, war rein nur die Folge des Mangels an Erziehung und Bildung. Und doch hätten alle Bücher der Welt nimmermehr Guert Ten Eyck in einen Jason Newcome, oder Jason Newcome in einen Guert Ten Eyck verwandeln können. Jeder hatte ohne Zweifel viele seiner Eigenthümlichkeiten von der Provinz, in welcher er geboren und aufgewachsen war; aber auch die Natur hatte scharfe Unterscheidungslinien zwischen ihnen gezogen. All der Ungestüm in Guert's Temperament und Neigungen konnte ihm nicht ganz die Gefühle, den Ton und den Takt eines Gentleman entziehen; während all die hochfahrenden Bestrebungen und Ansprüche Jason's ihn nie zur Höhe dieses Charakters erheben konnten. Ach, der arme Guert! Ich betrauerte Jahre lang aufrichtig seinen Verlust, und auch noch jetzt hat sein Andenken nicht aufgehört, mir wichtig und theuer zu seyn. Dirck Follock und ich würden bei unsrer Rückkehr nach Albany sehr viele Aufmerksamkeit und Freundlichkeit genossen haben, sowohl wegen der Vorfälle, die wir mit erlebt hatten, als auch wegen unsrer holländischen Verwandtschaften, wären wir in der Stimmung gewesen, uns diese Gesinnungen der Leute gegen uns zu Nutze zu machen. Aber das waren wir nicht. Die traurigen Ereignisse, bei welchen wir so nahe betheiligt gewesen, waren uns noch zu frisch in der Erinnerung, als daß wir an Lustbarkeiten und Gesellschaften hätten Freude finden können; und sobald als möglich nach dem Leichenbegängniß ergriffen wir die Gelegenheit uns an Bord einer nach New-York bestimmten Schaluppe einzuschiffen. Unsere Reise ward im Ganzen als eine glückliche betrachtet, da sie in der That nur sechs Tage währte. Zwar fuhren wir dreimal auf dem Grund auf; aber daraus machte man Nichts, da dergleichen Begegnisse häufig vorkamen. Einer dieser Zufälle betraf uns bei Overslaugh und ich brachte daselbst einige Stunden sehr angenehm zu, weil es so ganz in der Nähe des Schauplatzes unsers Abenteuers auf dem Fluß war. Anneke beschäftigte immer vielfach meine Gedanken, aber angenehme Bilder von ihrer sanften Entschlossenheit, ihrem unbedingten Vertrauen zu mir, ihrer Ergebung, ihrem Muth und ihrem Geist gingen jetzt ohne alle störenden Elemente vor meiner Seele vorüber. Das liebe Mädchen hatte mir gestanden, daß sie mich selbst in jener entsetzlichen Nacht geliebt, denn ihr Interesse für mich reichte in eine viel frühere Zeit zurück. Dieß erhöhte noch um ein Großes die Zufriedenheit, womit ich in der Erinnerung jeden Vorfall und jedes Gespräch mir vergegenwärtigte und mir den geringsten Ausdruck und Ton wieder zurückzurufen suchte, um zu sehen, ob ich sie jetzt mit Anzeichen jener Leidenschaft in Verbindung zu bringen vermöchte, die, so durfte ich nunmehr glauben; damals schon vorhanden war. So unterstützt von Anneke'ns zarten, erröthenden Geständnissen, so wie von meinen eigenen Wünschen, fand ich es nicht schwer, mir Bilder zurückzurufen, welche mir unendlich wohl thaten, obwohl sie vielleicht nicht bis ins Kleinste hinaus treu waren. Auf dem Tappaan-See verließ uns Dirck, und begab sich nach Rockland zu seiner Familie. Ich blieb auf der Schaluppe und erreichte am folgenden Tag den Hafen. Mein Oheim und meine Tante Legge waren hocherfreut, mich zu sehen, und ich merkte bald, daß ich ein »Löwe« werden würde, wenn ich Zeit und Muße hätte, in der Hauptstadt zu verweilen, um des Rufes und Ansehens zu genießen, die mir meine Theilnahme an dem Kriegszug nach Norden verschafft hatte. Ich fand, daß tiefe Gekränktheit und Betrübniß in der Hauptstadt herrschte, in Folge unsrer Niederlage, gemischt mit hoher Entschlossenheit, unsere befleckte Ehre wieder herzustellen, Satanstoe jedoch mit allen seinen theuern Banden rief mich weg; ich reiste zu Pferde von der Stadt, indem ich meine Effekten mir nachschicken ließ durch die erste gute Gelegenheit, am zweiten Tage nach meiner Ankunft am Morgen ab. Ich will nicht versuchen, Eine Schwäche von mir zu verhehlen. Wie gewöhnlich hielt ich zu Kingsbridge an, um zu Mittag zu essen und zu rasten; und während die treffliche Wirthin mein Mahl bereitete, erstieg ich die Anhöhen, um mich von fern an dem Anblick von Lilaksbush zu weiden. Da lag der hübsche ländliche Wohnsitz, unter seinem Berge, mitten in einer Wildniß von Busch- und Strauchwerk; aber seine liebliche junge Gebieterin war fern, und die Freude, womit ich hinschaute, war mit wehmüthiger Sehnsucht gemischt. »Ihr seyd im Norden gewesen, höre ich, Mr. Littlepage,« bemerkte meine Wirthin, während ich ihrem Hammelsbraten, Erbsen und Spargeln zusprach, »bitte, Sir, habt Ihr Nichts gehört oder gesehen von unsern geehrten Nachbarn, Herman Mordaunt und seiner reizenden Tochter?« »Oh, gar Viel von Beiden, Mrs. Light; und das unter sehr gefahrvollen, schwierigen Umständen. Mooseridge, meines Vaters Besitzthum in jener Gegend des Landes, ist ganz in der Nähe von Ravensnest, Herman Mordaunt's Gut, und ich habe einige Zeit dort zugebracht. Sind Euch neuestens keine Zeitungen der Familie zugekommen?« »Keine, ausser einem Gerücht, daß Miß Anneke nicht mehr zu uns zurückkehren werde.« »Anneke nicht mehr zurückkehren! Um aller Wunder willen, wie habt Ihr das gehört?« »Nicht als Miß Anneke. sondern als Lady Anneke oder so Etwas. Gibt es nicht einen General Bulstrom oder so einen vornehmen Offizier, der sich um ihre Hand bewirbt und dem sie zulächelt, Sir?« »Jetzt glaube ich Euch zu verstehen. Nun, was hört Ihr von ihm?« »Nur das, daß sie nächsten Monat vermählt werden sollen – Einige sagen, sie seyen schon verheirathet und der alte Gentleman gebe Lilaksbush her, und viertausend Pfund Courant, um eine so hohe Ehre für sein Kind zu erkaufen. Ich sage den Nachbarn, es ist zu viel, denn Miß Anneke ist um ihrer selbst willen schon jedes Lords in England würdig.« Diese Nachricht beunruhigte mich natürlich nicht, denn es war Wirthshausgeschwätz und Nachbars-Neuigkeiten. Nachbarn! wie sehr wird doch dieß heilige Wort entweiht und geschändet! Man findet Leute, welche ihr Ohr begierig dem Geschwätz der Nachbarschaft öffnen, wenn es auch neunzehnmal unter zwanzig weniger glaubwürdig ist, als eine aus weiterer Ferne kommende Nachricht, im Falle, daß die letztere von Personen herrührt, welche der gleichen Klasse im Leben angehören, wie die in Frage Stehenden, oder mit ihnen bekannt sind. Welche Mittel hatte dieß Weib z. B., die Geheimnisse der Familie Mordaunt zu erfahren, die nur halb so zuverlässig gewesen wären, als die ihren Freunden in Albany zu Gebote stehenden? Diese Nachbarschafts -Angaben, wie man sie nennt, richten eine Menge Unheil an in der Provinz, und ganz besonders in denjenigen Gegenden, wo unsere Leute in Berührung kommen mit ihren Mitunterthanen von den östlicheren Colonien. In meinen Augen wären Jason Newcomes Ansichten von Herman Mordaunt und seinen Handlungen beinahe werthlos gewesen, obwohl ich den Mann für sehr schlau mußte gelten lassen; denn Beide hatten nicht Eine bezeichnende Meinung, nicht Einen Brauch, und ich hätte fast gesagt, nicht Einen Grundsatz gemein. Richtige Würdigung von Handlungen und Beweggründen kann nur bei Solchen sich finden, welche gleich fühlen und denken; und dieß ist moralisch unmöglich, wo die Klassen in gesellschaftlicher Beziehung durch breite Grenzlinien geschieden sind. Gerade aus diesem Grunde legen wir den gewöhnlichen Aussagen und selbst den beschwornen Zeugnissen von Gesinde, von Dienstboten so wenig Gewicht bei. Unser Empfang zu Satanstoe war ganz so, wie sich erwarten ließ. Meine gute Mutter drückte mich zu wiederholten Malen an ihr Herz und schien gar nicht genug ihr Auge an mir weiden und ersättigen zu können. Auch mein Vater war gerührt, mich wieder zu sehen, und ich glaube, sein Auge wurde ganz entschieden feucht. Was den alten Kapitän Hugh Roger betraf, so hatten siebzig Jahre sein Auge so ziemlich trocken gemacht; aber er schüttelte mir herzlich die Hand, und hörte meiner Erzählung von den Bewegungen vor Tikonderoga mit allem Interesse eines Soldaten zu, und auch wohl mit dem Feuer eines solchen, der selbst in glücklicheren Zeiten gedient hatte. Ich mußte natürlich meine Kämpfe noch einmal durchfechten, und die Hergänge von Ravensnest in allen Einzelnheiten erzählen. Wir waren am Nachtessen, als ich meine höchst ausführliche Erzählung schloß, und ich zu hoffen anfing, meine Aufgabe in dieser Hinsicht sey endlich erfüllt. Aber meine gute Mutter hatte noch gewichtigere Dinge auf dem Herzen; und ich mußte mich durchaus noch in ihrem eignen kleinen Zimmer zu einer vertraulichen Besprechung einfinden. »Corny, mein geliebtes Kind.« begann die zärtlichste und besorgteste Mutter, »Du hast mir noch nichts Ausdrückliches und Besonderes von den Mordaunt's erzählt. Es ist jetzt Zeit, von dieser Familie zu sprechen.« »Habe ich Euch nicht gesagt, Mutter, daß wir in Albany uns trafen, und was auf dem Fluß uns begegnete? Ich hatte von diesem Abenteuer in meinen Briefen Nichts geschrieben, weil ich ungewiß war in Betreff des wirklichen Standes der Gefühle und Gesinnungen Anneke'ns, und keine Erwartungen rege machen mochte, die vielleicht unerfüllt bleiben mußten; – und davon, daß wir mit einander nach Ravensnest gingen, und von Allem, was uns in Ravensnest begegnete nach unserer Rückkehr von Ty?« »Was gilt mir das Alles? Ich wünsche Dich von Anneke sprechen zu hören, mein Kind – ist es wahr, daß sie sich vermählen wird?« »Es ist wahr. Ich kann es bestätigen aus Ihrem eigenen Munde.« Meiner guten Mutter Gesicht verzog sich arg, und ich vermochte kaum, meine zweideutige Sprache noch weiter fortzuführen. »Und sie hat die Frechheit gehabt, das Dir zu sagen, Corny?« »Ja, in der That; aber die Wahrheit gebietet mir hinzuzusetzen, daß sie heftig erröthete, als sie es gestand, und nur halb geneigt schien, so offen zu seyn; das heißt, im Anfang; denn am Ende lächelte sie mehr, als daß sie erröthete,« »Nun, das befremdet mich! Es ist aber nur ein Beweis, daß Eitelkeit und weltlicher Rang und weltlicher Reichthum in den Augen und in der Schätzung von Anneke Mordaunt höher stehen, als Trefflichkeit und bescheidnes Verdienst.« »Welchen Reichthum und weltlichen Rang besitze denn ich, Mutter, die ein weibliches Wesen verlocken könnten, die von Euch genannten Vorzüge zu übersehen?« »Ich dachte in diesem Sinne gar nicht an dich, mein Sohn. Natürlich meinte ich Mr. Bulstrode.« »Was hat Mr. Bulstrode zu thun mit meiner Vermählung mit Anneke Mordaunt, oder was irgend ein andrer Mensch, als sie, die Holde selbst, welche eingewilligt hat, mein Weib zu werden, – ihr Vater, der mich als Sohn annimmt, mein Vater, welcher wohl bald seinem Beispiel folgen wird, indem er Anneke als Tochter an sein Herz schließt, und Ihr, meine liebste, theuerste Mutter, die einzige Person, welche irgend Einwendungen dagegen erheben dürfte, wie Ihr es jetzt thut!« Dieß war, wie ich sehr gern anerkenne, eine höchst knabenhafte Art, eine höchst freudige Ueberraschung zu bereiten; und sobald ich meine Mutter in Thränen ausbrechen sah, fühlte ich Reue und Schaam, mir dieß erlaubt zu haben. Aber die Jugend ist die Zeit der Thorheit, und glücklich der Mann, der sich sagen kann, er habe nie ein bedenklicheres Spiel mit den elterlichen Gefühlen getrieben! Ich erhielt bald Verzeihung, – welchen Frevel hätte nicht diese hingebende Mutter ihrem einzigen Kinde verziehen! – worauf ich Alles, so weit es sich erzählen ließ, erzählen mußte, was zwischen Anneke und mir vorgegangen war. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich die Versicherung von der freudigen Zustimmung meiner ganzen Familie zu meinen Wünschen erhielt, von Kapitän Hugh Roger bis herab zu derjenigen, die jetzt so voll entzückter Liebe mit mir sprach. Sie hatten Alle sich in den Kopf gesetzt, ich müsse der Gatte gerade dieser jungen Lady werden; und ich hätte unmöglich eine Mittheilung machen können, welche erwünschter gewesen wäre, wie mir Alle und Jede noch in dieser Nacht zu erkennen gaben. Meine Rückkehr nach Satanstoe erfolgte in der zweiten Hälfte des Monats Juli und die Familie Mordaunt wollte erst bis Mitte Septembers in Lilaksbush eintreffen, und so hatte ich fast noch zwei Monate auf diesen glücklichen Augenblick zu warten. Diese Zeit brachten wir herum so gut es eben gehen wollte. Ich suchte mich für den alten Landhals zu interessiren und Pläne zu künftigem Glück daselbst zu entwerfen, welche sich in der Gemeinschaft mit Anneke erfüllen sollten. Es war und ist ein stattlicher Bauernhof; fruchtbar, schön gelegen, mit Wasser auf mehr als drei Seiten, in vortrefflicher Ordnung und tüchtig bestockt mit Aepfel-, Pfirsich-, Aprikosen-, Pflaumen- und andern Obstbäumen, wie man in der ganzen Welt kaum bessere trifft. Es ist wahr, die Provinzen etwas mehr südlich, wie Jersey, Pennsylvania, Maryland und Virginia behaupten, in Pfirsichen es uns zuvor zu thun; aber ich habe nie eine solche Frucht gekostet, die sich nach meinem Geschmack mit denen von Satanstoe vergleichen ließe. Ich liebe alle Bäume, Mauern, Bühle, Anhöhen, Triften und Hügel um das Haus herum. Nur Eines betrübt mich. Ich liebe alte Namen – solche, unter welchen mein Vater die Orte kannte, und ich spreche gerne ein Wort unrichtig aus, wenn Gebrauch, Herkommen und alte Erinnerungen es so eingeführt haben. Ich möchte um Vieles nicht meinen Freund Dirck Follock anders nennen als Follock, außer etwa bei einer förmlichen Veranlassung, oder wenn ich ihn auffordere, ein Glas Wein mit mir zu trinken. So geht es mir auch mit Satanstoe; der Name ist unedel, das will ich zugeben; aber er ist kräftig und enthält eine bestimmte Vorstellung. Er bezieht sich auch auf die Begriffe und Bräuche des Landes; und Namen sollten immer beibehalten werden, außer in den wenigen Fällen, wo triftige Gründe vorliegen, sie zu ändern. Mit Leidwesen muß ich sagen, daß seit dem Erscheinen von Jason Newcome unter uns bei den Unwissenden und Ungebildeten sich die Geneigtheit geäußert hat, den Landhals Dibbleton zu nennen, unter dem früher erwähnten Vorgeben, er habe einst der Familie Dibbles gehört; oder, wie Einige glauben, als ein frommes Diminutivum von Devils-Town. Ich weise diese Voraussetzung mit Entrüstung zurück; obwohl ich glaube, daß Dibbleton nur eine bequeme Art ist, Devilton auszusprechen, wie ich, das gebe ich zu, die alten Leute lachend den Landhals habe nennen hören. Das gehört für die Gaul darn ye -Schule und ist nicht nach meinem Geschmack. Ich sage: bei den Unwissenden und Ungebildeten, denn das ist gerade die Klasse, die in solchen Dingen ekel zu seyn pflegt. Man hat mir gesagt – selbst habe ich es allerdings nicht gehört, aber man hat mir gesagt, es seyen in den neuesten Zeiten Leute aus den östlichen Gegenden bei uns gewesen, welche gezierter Weise das Gut »Hellgate,« »Hurlgate,« »Whirlgate Höllenthor, Strudelthor, Wirbelthor. « oder mit sonst einem sentimentalen, wirbeligen Namen genannt hätten; und das sind die Herrschaften, welche »Satanstoe« in »Dibbleton« umändern möchten! Seit freilich die Truppen aus dem Osten anfangen zu uns zu kommen, haben sie begonnen, verzweifelte Eingriffe in manche unserer alten, ehrwürdigen, holländischen Namen zu thun; Namen, welche die unmittelbar vom Mutterland kommenden Engländer in der Regel respektirt haben. In der That, Veränderung und Wechsel in allen Dingen scheint die mächtige Leidenschaft dieses Volkes zu seyn. Wir New-Yorker begnügen uns, zu thun und zu treiben, was unsere Vorfahren gethan und getrieben haben; und darüber spotten sie und erheben deßwegen Klagen und Anschuldigungen gegen uns, daß wir den Begriffen unserer Väter treu bleiben. Ich werde mich nie darüber beklagen, daß sie so viele ihrer Gebräuche aufgeben; denn ich betrachte diese Veränderungen als Verbesserungen; aber ich bitte, daß sie uns die unserigen lassen. Daß es einen Fortschritt gibt, das gebe ich ganz gerne zu, so wie auch, daß er nicht nur zu Aenderungen zwingt, sondern sie auch rechtfertigt, aber das müßte ich erst noch lernen, daß es ein Grund zu gerechten Vorwürfen seyn soll, wenn Einer in die Fußtapfen derer tritt, die vor ihm gewesen sind. Die Sprüche Davids und die Weisheit Salomo's sind gerade ebenso Sprüche und Weisheit in unserer Zeit, wie sie es waren zu der Zeit wo sie geschrieben wurden, und zwar aus demselben Grunde, – wegen ihrer Wahrheit. Wo etwas so Beständiges und Sichbleibendes existirt, wie in der Moral, da müssen auch sich bleibende Grundsätze möglich seyn, und gewiß ist Etwas, das verdient gerettet zu werden aus den Trümmern der Vergangenheit. Ich bin im Zweifel, ob nicht all dieß Trachten und Haschen nach Veränderung mehr Selbstsucht in sich schließt, als wirklichen Nutzen und Philosophie; und ich muß wenigstens wünschen, daß Satanstoe niemals zu einem so lahmen Ersatzwort, wie Dibbleton, verstümmelt und verkümmert werde. Das war ein fröhlicher Tag, als ein Diener in Herman Mordaunt's Livree auf unsern Rasenplatz daher geritten kam und mir einen Brief seines Gebieters einhändigte, der mich von der glücklichen Ankunft der Familie in Kenntniß setzte und mich einlud, am folgenden Tage bei guter Zeit hinüber zu reiten, um ein spätes Frühstück in Lilaksbush einzunehmen. Anneke hatte mir früher schon zweimal geschrieben, zwei schöne, gutstylisirte, weibliche, aber doch geistvolle, liebevolle Briefe, in welcher die Zärtlichkeit und tiefe Gemüthlichkeit ihres Wesens sich nur einigermaßen eingeengt zeigte durch ihr eigenthümlich zartes Verhältniß zu mir, als Braut, und ihr Geschlecht. Auf den Empfang dieser willkommenen Einladung hin machte ich mich des einzigen romantischen Streiches schuldig, den ich im Verlauf meines Lebens begangen zu haben mich erinnern kann. Herman Mordaunt's Schwarzer wurde gut bewirthet und mit einem zusagenden Billet entlassen. Eine Stunde nachher verließ ich Satanstoe – ich liebe diesen ehrwürdigen Namen, und hoffe, alle Yankee's der Christenheit werden nicht vermögen ihn in Dibbleton zu verketzern – also, eine Stunde nachdem der Neger weg geritten war, folgte ich ihm selbst, mit der Absicht in dem wohlbekannten Gasthaus zu Kingsbridge zu schlafen, und erst zur geeigneten Stunde am andern Morgen in Lilaksbush mich zu präsentieren. Ich war zwei Stunden vor Sonnenuntergang am Hause der redseligen Wirthin angekommen, stellte mein Pferd ein, bestellte mir ein Zimmer, und genoß selbst einen Bissen, als die gute Frau vom Hause eintrat. »Euere Dienerin, Mr. Littlepage,« begann die geschwätzige Person; »wie befindet sich der ehrwürdige Kapitän Hugh Roger und der Major, Euer geehrter Vater? Nun, ich sehe es aus Eurem Lächeln. Ja, es ist gar ein Trost, wenn die Unserigen sich einer guten Gesundheit erfreuen – mein armer Mann hat sich den ganzen vorigen Winter sehr übel befunden und der bevorstehende wird wahrscheinlich nicht viel besser seyn. Ich würde fast glauben, Ihr geht zur Hochzeit nach Lilaksbush, Mr. Corny, hättet Ihr nicht vor meiner Thüre Halt gemacht, statt geradezu nach Herman Mordaunt's Hause zu reiten.« Ich war verblüfft, vermuthete aber, die Kunde von dem was bevorstand, sey ausgekommen, und diese gute Frau, deren Ohr immer offen stand, habe doch auch einmal in ihrem Leben eine Nachbarschafts- Wahrheit gehört. »Ich bin auf keiner derartigen Reise begriffen, Mrs. Light, hoffe aber über kurz oder lang mich zu verheirathen mit dieser oder jener Person.« »Ich dachte nicht an Euere Verheirathung, Sir, sondern an die der Miß Anneke drüben im Bush, mit dem Lord Bulstrom. Es ist eigentlich doch eine recht vornehme Verbindung für die Mordaunt's, obwohl Herman Mordaunt selbst aus gutem Blut ist, wie man mir sagt. Des Ritters Diener kommt oft hieher, um neuen Cider zu versuchen, der, wie er zugibt so gut ist als englischer Cider, und ich glaube, sonst hat er in den Kolonien Nichts gefunden, was er nur für halb so gut hielte; nun, Thomas sagt mir, Alles sey abgemacht und die Hochzeit müsse recht bald stattfinden. Sie ist nur aufgeschoben worden wegen der Miß Wallace, welche in tiefer Trauer ist um ihren Gatten, den sie in den Honigwochen verloren hat, was der Grund ist, warum sie noch ihren eigenen Namen trägt. Man sagt mir, eine Wittwe, die ihren Gatten im Honigmonat verliere, müsse ihren Familiennamen behalten: sonst würde Miß Mary Mrs. Van Goort oder so ungefähr heißen.« Da hieraus klar erhellte, daß die Nachbarschaft wenig von dem wahren Stand der Dinge in Herman Mordaunt's Familie wußte, nahm ich meinen Hut, und machte mich sofort an die Ausführung des Vorhabens, womit ich von Haus weggeritten war. Es war mir unlieb zu hören, daß Bulstrode in Lilaksbush sey, ich fürchtete aber nicht, er werde je Anneke'n heirathen. Ich schlug den Weg nach den Anhöhen ein und erreichte bald das Feld, wo ich früher einmal den Ladies begegnet war. Hier sah ich Bulstrode, allein unter einem Baume sitzend, wie es schien in tiefe Gedanken versunken. Es gehörte nicht zu meinem Plane gesehen oder meine Anwesenheit bekannt werden zu lassen, und ich wollte mich eben zurückziehen, als ich meinen Namen rufen hörte, sah ich daß ich entdeckt war, und mich ihm nun näherte. Der erste Blick auf Bulstrode überzeugte mich, daß er die ganze Wahrheit wußte. Er erröthete, biß sich in die Lippe, erzwang ein Lächeln, trat mir entgegen, nur gerade so viel hinkend, daß sein Gang dadurch etwas Interessantes bekam, und bot mir die Hand hin mit einer männlichen offenen Treuherzigkeit, die ich ihm sehr hoch anrechnete. Es war keine Kleinigkeit, Anneke Mordaunt zu verlieren, und ich fürchte, ich hätte nicht halb so viel Großmuth an den Tag legen können. Aber Bulstrode war ein Mann von Welt, und er wußte wenigstens die Aeußerung seiner Gefühle, wo nicht seine Gefühle selbst, zu beherrschen. »Ich habe Euch einmal gesagt, Corny, wir müßten Freunde bleiben, coûte que coûte« sagte er, mir die Hand reichend; – »Ihr seyd glücklich gewesen und ich bin unterlegen. Herman Mordaunt hat mir die traurige Nachricht mitgetheilt, ehe wir Albany verließen; und ich kann Euch sagen, sein Bedauern war nicht so gar schmeichelhaft für Euch. Dennoch gibt er zu, daß Ihr ein kapitaler Kerl seyd, und daß, wenn nicht Alexander wäre, er wünschen könnte, daß Diogenes der Mann sey. So habt Ihr Euch also nur mit einer Laterne und einer Tonne zu versehen, Anneke'n zu heirathen und eine Haushaltung anzufangen. Was den ehelichen Mann betrifft, so beabsichtige ich, Euch einige Mühe zu ersparen, indem ich mich erbiete, diese Rolle zu übernehmen, noch ehe Ihr Euern Docht anzündet. Kommt, setzt Euch auf diese Bank und laßt uns plaudern.« Es lag in all diesem etwas ein wenig Erzwungenes, aber doch war es männlich. Ich setzte mich und Bulstrode fuhr fort: »Es war der Fluß, Corny, der Euer Glück gemacht und mir den Stein gestoßen hat.« Ich lächelte, sagte aber Nichts, obwohl ich es besser wußte. »Es waltet ein Schicksal in der Liebe wie im Krieg. Nun, ich bin nicht übler daran als Abercrombie; wir Beide hofften auf Sieg, während wir Beide besiegt wurden. In der That bin ich noch glücklicher; denn er kann nicht erwarten, je wieder ein Heer zu bekommen, während ich wohl eine andre Frau bekommen kann. Ich wünschte, Ihr wäret offen gegen mich und gestündet mir, welchem Umstand insbesondere Ihr Euern Triumph zuschreibt.« »Es ist natürlich, Mr. Bulstrode, daß ein junges Mädchen es vorzieht, lieber in ihrem Vaterlande zu wohnen, als in einem fremden Land und unter Fremden zu leben.« »Ja, Corny, das ist sowohl patriotisch als bescheiden gesprochen; aber es ist nicht der wahre Grund. Nein, Sir; es war Scrub und die Theatergeschichte, was mir den Stein gestoßen hat. Bei den meisten Leuten in der Provinz, Mr. Littlepage, ist es eine hinlängliche Entschuldigung für Alles, daß es von der Hauptstadt gebilligt werde. So ist es mit Euch Colonisten im Allgemeinen; sagt England Ja, so wagt Ihr nicht Nein! zu sagen. Eines ist, was Personen, die so fern vom Mutterlande wohnen, selten lernen, und das ist: Es gibt zwei Arten von großer Welt; die große gemeine Welt, welche Alle in sich begreift bis auf die wenigen Besten und Ausgezeichnetsten nach Geschmack, Grundsätzen und Benehmen, sey es in einer Hauptstadt oder in einem Lande; und die große respektable Welt, welche, unendlich weniger zahlreich, die Einsichtsvollen, die Unterrichteten, die Intelligenten, und in Betreff gewisser Fragen, die Rechtschaffenen in sich schließt. Die Ersten nun machen die Mode und Fashion, während die Letztern etwas weit Besseres und Dauernderes hervorbringen als die Mode. Die Mode oder Fashion steht oft beschämt da vor der letztern Classe, so klein sie auch immer der Zahl nach ist. Sehr hoher Rang, sehr verfeinerter Geschmack, sehr scharfes und kräftiges Urtheil und sehr gediegene Grundsätze – das Alles, in höherem oder minderem Maße, vereinigt sich diese Classe zu bilden. Eine oder die andere dieser Eigenschaften mag vielleicht fehlen, aber die Verbindung von allen bildet die Vollkommenheit des Charakters. Wir haben im Mutterland so wie anderswo täglich Beispiele hievon; obwohl es bei unserm künstlichen Zustand der Gesellschaft entschiedenere Eigenschaften erfordert um dem Einfluß der Fashion zu widerstehen, wenn nicht wirklicher Rang in der Gesellschaft zu Hülfe kommt, als bei einem natürlicheren Zustand der Fall wäre. Was mir, so wie den meisten jungen Männern, zuerst an Anneke'n auffiel, war die Zartheit ihrer Erscheinung und ihre Schönheit. Das will ich nicht läugnen. In dieser Hinsicht haben Eure Amerikanerinnen mich ganz überrascht. In England sind wir so gewohnt, eine gewisse Zartheit der Person und Haltung in Verbindung mit hohem Rang zu denken, daß ich, ich will es gestehen, in New-York nicht mit der Erwartung landete, auch nur eine einzige Frau im ganzen Lande zu finden, welche nicht ihrem äußern Wesen nach verhältnißmäßig plump, und was wir zu sagen pflegen gemein wäre; aber jetzt muß ich sagen, daß, abgesehen von rein konventioneller Feinheit und Schliff ich ebenso viel aristokratisch aussehende Frauen unter Euch finde, als wenn ihr eine ganze Menge Herzoginnen hättet. Am allerletzten würde ich mir einfallen lassen, die amerikanischen Frauen als plump zu bezeichnen. Es mag ihnen das Benehmen fehlen, in Einem Sinne; es mag ihnen der feine Schliff fehlen in hundert Dingen; es mag ihnen an der Gabe zu sprechen fehlen, in dem Sinne, den man damit verbindet bei hochgebildeten Personen; aber selten sind sie in der That plump oder gemein, nach unsrem europäischen Begriffe dieser Ausdrücke.« »Und auf was zielt dieß Alles, Mr. Bulstrode?« »Ha, auf Euren Triumph und meine Niederlage, Corny, natürlich,« versetzte der Major lächelnd. »Was ich meine, ist dieß: Anneke gehört zu der zweiten Klasse, oder, sie ist etwas Besseres, als wozu Mode und Fashion Einen machen können; und Scrub ist das Mittel gewesen, mich zu ruiniren. Sie kümmert sich nicht um Fashion, um den herrschenden Ton, bei einem Schauspiel, bei einem Roman und selbst bei einem Anzug, sondern sie sieht auf die Schicklichkeit. Ja, Scrub hat mich ruinirt!« Ich glaubte dieß nun nicht eigentlich; aber da ich Bulstrode so geneigt sah, seiner Abweisung diese Wendung zu geben, so lag es mir nicht ob, ihm zu widersprechen. Wir plauderten noch eine halbe Stunde aufs freundschaftlichste mit einander, worauf wir uns trennten; und Bulstrode versprach, das Geheimniß meiner Anwesenheit nicht zu verrathen. Ich verweilte im Angesicht des Hauses bis zum Abend, wo ich mich näher wagte, in der Hoffnung, mit einem Blick Anneke'ns ansichtig zu werden, wenn sie an einem Fenster vorbei gehe, oder bei dem milden Licht des Mondes auf der Piazza erscheine, welche die südliche Fronte des Hauses umschloß. Lilaksbush verdiente seinen Namen, denn es war eine förmliche Wildniß von Busch- und Strauchwerk; und unter dem begünstigenden Schutz von diesem war ich dem Hause ganz nahe gekommen, als ich leichte Schritte auf dem Kies eines nahen Ganges vernahm. Im nächsten Augenblick tönten mir weiche, sanfte, leise Stimmen ins Ohr und ich ward gewissermaßen gezwungener Ohrenzeuge von Folgendem: »Nein, Anne, mein Schicksal ist für diese Welt besiegelt,« sagte Mary Wallace, »und ich werde als Guert's Wittwe so treu und ergeben leben, als wenn das Gelübde wirklich ausgesprochen worden wäre. Das bin ich seinem Andenken schuldig wegen der herzlosen Zweifel, von welchen ich mich einnehmen ließ, und welche ihn in jene schrecklichen Scenen trieben, wo er den Tod fand. Wenn ein Weib wirklich liebt, Anneke, so ist es, fürchte ich, vergeblich gegen irgend etwas Anderes anzukämpfen als gegen entschiedene Unwürdigkeit. Der arme Guert war in keiner Hinsicht unwürdig; er war ungestüm und Verirrungen ausgesetzt, aber nicht unwürdig. Nein – nein – nicht unwürdig! Ich hätte ihm meine Hand geben sollen, so wäre er uns wohl erhalten worden. So aber kann ich nur als seine Wittwe leben, in verborgener, stiller Liebe seines Andenkens. Du hast gut daran gethan, liebste Anneke, so offen gegen Corny Littlepage zu seyn, und ihm die Neigung zu gestehen, die du beinahe vom ersten Tag Eurer Bekanntschaft an für ihn gefühlt hast.« Obgleich dieß Musik für mein Ohr war, gestattete mir doch die Ehre nicht, Mehr zu hören, und ich eilte rasch fort, machte aber in den Gebüschen ein Geräusch, welches der Sprechenden die Nähe eines Fremden verrieth. Es war jetzt eine Notwendigkeit mich zu zeigen, und ich bemühte mich es zu thun, ohne sie zu erschrecken. »Es muß Mr. Bulstrode seyn,« sagte die sanfte Stimme Anneke'ns, »welcher uns wahrscheinlich sucht – sieh, da kommt er und wir begegnen –« Der holden Sprecherin versagte plötzlich die Zunge den Dienst; denn mittlerweile war ich nahe genug gekommen, um von ihr erkannt zu werden. Im nächsten Augenblick hielt ich sie in meinen Armen. Mary Wallace verschwand, – wie oder wann, vermag ich nicht zu sagen. Ich ziehe einen Schleier über die nun folgende glückliche Stunde, indem ich es den Alten überlasse, das Bild derselben aus ihrer Erfahrung sich zu veranschaulichen und zusammen zu setzen, und den Jungen, der Hoffnung eines ähnlichen Glückes zu leben. Nach Verfluß dieser Zeit trat ich auf Anneke'ns Zureden in das Haus, und hatte von Herman Mordaunt's Geneigtheit, mich zu verspotten, einen kleinen Sturm auszuhalten und abzuschlagen. Ich ward jedoch nicht blos gnädig, sondern auch gastlich behandelt, und Anneke'ns Vater lachte blos über mein kleines Abenteuer und sagte, er sehe es ganz günstig, und als ein Zeichen an, daß ich ein Junge von Geist und Entschlossenheit sey. Früh im Oktober wurden wir vermählt und der Hochwürdige Mr. Worden verrichtete die Trauung. Unser Wohnsitz sollte Lilaksbush seyn, welches mir Herman Mordaunt an demselben Tage abtrat, und es ganz so, wie es eingerichtet war, übergab. Er gab mir auch das mütterliche Vermögen meiner Frau, was uns ein anständiges Auskommen sicherte, und bald darauf vermehrte der Tod von Kapitän Hugh Roger meine Mittel noch um ein Ansehnliches. Wir in Lilaksbush und die in der Stadt und auf Satanstoe bildeten nur Eine Familie, und Anneke und meine Mutter insbesondere faßten eine innige Zuneigung für einander. Was Bulstrode betrifft, so ging er vor der Hochzeit ins Mutterland ab, unterhält aber bis auf diese Stunde einen Briefwechsel mit uns. Er ist noch immer unverheirathet und ein erklärter alter Junggeselle. Seine Briefe jedoch sind zu leichtmüthig, als daß wir uns darüber große Sorgen machen dürften, – aber das sind Sachen, die meinem Sohn Mordaunt zufallen, falls er die Gefälligkeit hat, diese Familienerzählung fortzusetzen.