Cäsar Flaischlen Jost Seyfried. Erster Band Sprüche eines Steinklopfers · Sturmbruch · Lieder eines Schwertschmieds · Herzblut · Tor auf!   Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1926 Die hundertste Auflage wurde auf handgeschöpftem Büttenpapier gedruckt und numeriert   *   Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1921 by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. Druck der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart     Frau Emmy Rotth in alter herzlicher Freundschaft und Waffentreue     Vorvermerk Dieses Buch will einen Menschen auf seinem Wege begleiten, der da auszog: ›Dichter zu werden‹, und will eine Zeitlang mit ihm gehen durch seinen Kampf mit sich und mit der Außenwelt um Durchsetzung seines Lebensglaubens und durch seine Wandlungen in der für jeden Schaffenden so kritischen Zeit zwischen Dreißig und Vierzig.   Der erste Entwurf stammt aus dem Jahre 1892. Die Ausführung war für die Bühne gedacht und sollte den Gedankenkreis schließen, aus dem ›Toni Stürmer‹ und ›Martin Lehnhardt‹ entstanden waren. Alle drei Stücke zusammen sollten eine Art gedanklicher Trilogie geben, unter dem Gesamttitel: ›Zwischen Charfreitag und Ostern. Die Not unserer Jugend‹. Ihren gemeinsamen inneren Kern bildete der Zwiespalt, in den man sich geworfen sieht, wenn man aus der Heimat in das Leben kommt ... und der schließliche Niederbruch unserer Jugendwelt mit ihren allzu idealisierenden Anschauungen im Ringen mit den entgegengesetzten der Wirklichkeit. Jedes der drei Stücke sollte, in sich selbständig und unabhängig, jeweils eine der drei Seiten dieses Kampfes auslösen, die mir besonders entscheidend schienen ... alle drei zusammen jedoch, in ihrem Schlußpunkt, sozusagen nur ein und denselben Menschen zeigen: den Menschen unserer Jugend, nur in getrennten Gestalten ... wie auch im wirklichen Leben sich ja wohl jeder, sei es früher oder später, in dieser oder jener Weise durch alle diese Kämpfe mit der Großstadt: Welt durchzukämpfen hat, und ob er nun Gelehrter, Pfarrer, Dichter oder anderes werden wollte oder geworden ist. Die Seele lebt im letzten Grunde immer und in jedem das gleiche Leben, wenn auch auf verschiedener Höhe.   Es kam damals aber nicht dazu, den begonnenen Entwurf weiterzuführen. Um jedoch, was ich wollte, festzuhalten und den Boden vorzupflügen, entstand 1895 die novellistische Studie ›Flügelmüde‹.   Man hängt an liebgewordenen Gedanken, und sie selbst hängen einem ihrerseits an. Neue Gewichtspunkte verbinden sich mit ihnen, sie gestalten sich um, klären sich durch und drängen mit lösenderen Worten, mit bestimmteren Formen, mit weiter auslegenden Linien immer aufs neue in den Weg, und so nahm ich eine Reihe von Jahren später den Plan wieder auf.   Das Ganze war inzwischen freilich mehr und mehr über den ursprünglich szenisch gedachten Rahmen hinausgewachsen. Auch schien es mir schöner, für das, was nun daraus geworden war, eine eigene Form zu schaffen, zumal ich Dinge, die ich für wertvoll und notwendig erachtete, nicht den Forderungen opfern mochte, die man heute als unanfechtbar feste Gesetze für die Bühne ansieht. ›Jost Seyfried‹ führt auf seine Art nun weiter, was meine beiden Gedichtsammlungen ›Von Alltag und Sonne‹ und ›Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens‹ anstreben. Er ergänzt sie in seinem Zielpunkt, wie er in seinem Ausgangspunkt auf die erwähnten dramatischen Werke zurückgreift.   Es wäre mein Wunsch gewesen, den Druck so zu sehen, wie das ganze gedacht und entstanden ist, und zwar: daß jedes Stück mit einer besonderen Seite begonnen hätte, da der fortlaufende Druck einzelnes mitunter zu nahe zusammenbringt, seine Selbständigkeit verschiebt und Beziehungen in den Vordergrund spinnt, die mehr im Hintergrund liegen sollten ... um den äußeren Umfang jedoch nicht übermäßig auszudehnen, schien es ratsamer, hiervon abzusehen. Berlin, 12. Mai 1904. Cäsar Flaischlen. Ich möchte nicht bloß gelesen sein und dann vergessen wo im Schranke gleichgültig zwischen Fremdem stehn! ich möchte euch im Herzen klingen, ich möchte immer mit euch gehn und um euch sein, tagaus, tagein! ich möcht euch trösten, seid ihr traurig, und seid ihr froh, mich mit euch freun! Aus einem alten Familienbuch Jost Seyfried. Erstes Buch »Sprüche eines Steinklopfers« Ja, was willst du denn?! wie denkst du dir die Welt?! Allein, auf die eigene Kraft nur gestellt dein eigener Zähler, dein eigener Nenner, ohne Freunde, die den Rücken dir decken, bei ärmlichstem Neid an allen Ecken, ohne Vettern, ohne Gönner, ohne Namen, ohne Geld ... allein, auf die eigene Kraft nur gestellt ... ja, wie denkst du dir die Welt!? »Doch ... nur Groll nicht und Hassen Herr werden lassen! Es ist so wenig, was das Leben gibt, es ist so viel, was jeden Tag zerstiebt ... such lieber zu fassen, wo es dich liebt!« [I] O nur ein paar Tage nun, Liebste, so köstliche Sonne, so strahlenden Himmel, so lockende Luft ... und alle Brunnen beginnen zu springen, und alle Gärten beginnen zu singen, alle Farben beginnen zu glühn, und alle Harfen fangen an zu klingen, und alle Herzen fangen an zu blühn ... Frühlingsverse ... mitten im Winter! ... aber es ist vielleicht das Beste, das man hat, gleich so töricht werden zu können, wenn einmal ein bißchen Sonne durchkommt! Wenn ich gewußt, wo dich finden, hätt ich dir sogar ein paar Veilchen gebracht. Sonst war nichts. Eine kurze Karte von der Mutter: auch dieser Winter müsse ja wohl einmal ein Ende nehmen! Wie es gehe? und viele Grüße! auch von Helmut!   Seit die Sonne wieder weg, ist alles freilich wie immer: man fühlt Armeen in der Faust und steht wie ein Betteljunge vor dem Leben ... selig ein paar elende Abfälle zu erwischen!   Dieses ewige Zersplittern und Zerreiben mit Artikelschreiben! und dieses Feilschen-müssen um halbe Pfennige!   Und seit du die Abendstunden bei Dreiwegs angenommen hast, hat man vollends nichts mehr! Fünfzig Mark monatlich! Gewiß! gewiß! ... aber ... unsere ganze Freude! alles, was wir hatten! unsere Quellen! unsere Kraft, den ganzen Sinn unseres Daseins ... für fünfzig Mark!! Wir haben lange genug darüber geredet, ich weiß, ich weiß! wir vertrösteten uns: es sei ja nur für den Winter und wir hätten Frühling und Sommer dafür dann um so schöner! wir wollten vernünftig sein ... und stark! ja ja! vernünftig!! vernünftig!!! O wenn ich doch einmal so vernünftig sein dürfte: nicht mehr so ›vernünftig‹ zu sein! wenn ich doch einmal den Mut fände, alle Einwände und Bedenken über den Haufen zu lachen und keine Brücken mehr zu suchen, um über den Bach zu kommen ... sondern dich auf den Arm zu nehmen und durchzuwaten! Es gibt ja doch Menschen, die in ihrem gesamten Dasein nicht ein Mal so ›vernünftig‹ sind, wie wir tagaus tagein ... und denen alles trotzdem dreimal besser glückt als uns! wie machen sies? wie fangen sie das an?! Es ist besser, sagen wir, erst aufzuräumen und sauberen Tisch zu machen ... und die Hände frei zu kriegen ... wir haben dann den Frühling dafür und den Sommer! gewiß! doch wenn es Frühling und Sommer wird, räumen wir immer noch auf ... immer neuen Kram! und vertrösten uns auf den Herbst! und vom Herbst wieder auf den Frühling ... und so betrügen wir uns das ganze Leben entlang!   Es ist die Schwere unserer eigenen Seele, Hannie, die uns so zu Boden bindet! II Von Hannie Aber Jost! Liebster! Herzliebster! wozu das alles wieder! du machst dir nur das Herz schwer und mir mit! Wir müssen unser Leben nun doch einmal nehmen, wie es ist! und wenn wir weiter wollen, müssen wir nun einmal erst das Geröll bei Seite schaffen, das uns den Weg verschüttet! sind wir auf der Höhe, ist die Bahn frei! Lach lieber! es dankt es dir kein Mensch, wenn du nicht lachst! du selber nicht!   Und ... weißt du: ich glaube, die andern haben auch nicht mehr! man vergleicht zu viel von der Straße aus! ich glaube, es ist alles nur, wie du immer sagst: der eine wohnt im ersten, der zweite im zweiten, der dritte im dritten Stock und der vierte im vierten. Aber was in den Zimmern steht und was die Menschen darin leben, ist im Grund immer das gleiche. Tisch bleibt Tisch, und Stuhl Stuhl! und ob es sich in dem einen ein bißchen bequemer sitzt als in dem andern, ist am Ende Nebensache! man kann doch nicht den ganzen Tag darin sitzen! und die Ersten-Stock-Menschen haben ebenso ihr Geröll bei Seite zu schaffen und müssen ebenso ›vernünftig‹ sein wie wir!   Sei nicht so mutlos! Ein großes Ziel ergeht sich nur, erstürzen kannst dus nicht! Und wir sind ja noch so jung! Man fängt ja doch eigentlich erst an mit Dreißig! Vorher ist alles nur ein Hin- und Hersuchen und Probieren und Punkte-abstecken!   Lach, Liebster, lach! du hast es mich gelehrt, ich wills dich wieder lehren! III Ja ja! es ist ein ewiges über Gestrüpp und Zaun und Hecken Klettern-müssen und ... Glauben haben an das, was über den Bergen liegt, ist alles! ... aber:   Man muß es jung zu was bringen, sonst bringt mans überhaupt zu nichts! man muß im Frühling siegen, wenn man siegen will! so lange man noch Glauben hat! Später ... siegt man nicht mehr! später ... läßt man den Dingen ihren Lauf und sagt: es geht auch so!   Nur ... jung auf den Thron kommen, ist schön! IV Es ist wieder wunderherrlich! die Sonne flittert auf meinem Schreibtisch hin und her, neugierig wie ein kleines Mädchen ... und deine Schwarzwälderuhr tickt: Hab Mut! hab Mut! 's wird gut! 's wird gut! und ich sitze und freue mich und lerne lachen und denke an meine Liebste und grüße dich! Bloß wollen, was man kann, ist Handwerkerei! Können, was man will! da liegts! Aber die Sonne muß scheinen! Das Klingeln draußen hört heute wieder kaum auf! doch immer Leute, denen man helfen soll! niemand, der einem selber einmal hülfe! Und du stehst nie da! und ich hätte so Sehnsucht, dir über das Haar zu streichen ... und dir in die Augen zu kucken und dich zu küssen! Nicht auf den Mund: nein, nein! nur auf die Stirne! nur auf die Hände! und ganz still mich zu deinen Füßen zu legen, wie dein alter Bernhardiner und dir zuzusehen ... wie man als Junge auf der Wiese oder im Wald lag und einer Quelle oder einem Bach zusah: wie es aufperlte und rann und rieselte ... oder den Baumwipfeln, wie sie im Sommerwind sich hin und herbogen ... oder den Wolken, wie sie über das Tal hinzogen, still und weiß! Eine Frage, Liebste ... so klein, daß man darüber lachen kann, und doch so groß, daß man ganze Bücher darüber schreiben könnte: was ist klüger: wie ein Kind die besten Bissen bis zuletzt aufzuheben? oder: sie zu nehmen, wie sie kommen? Ich weiß es nicht! V Gestern war der junge Dichter da ... der vorige Woche die Manuskripte geschickt hatte. Einundzwanzig ganze Jahre! Ob ich Zeit gehabt? obs was sei? mein Urteil entscheide sein Schicksal! Seine Familie sei natürlich dagegen, und er selber könne vorläufig auch noch nichts Greifbares aufweisen, aber ... wie man selber einmal redete! Wort für Wort!   Weiß Gott, ich möchte gerne helfen, wenn jemand so kommt und Rat möchte ... ich weiß, wie froh ich selber an einem freundlichen Wort gewesen wäre! und wie dankbar, selbst für den kleinsten Fingerzeig! Ich hab alles immer selber finden müssen und mir überall immer erst den Kopf einrennen ... und bis auf dich und Helmut hat mir eigentlich kein Mensch auch nur einen Buchstaben weit geholfen ... und gerade in Zeiten der Entscheidung. Aber es war vielleicht ganz gut! ... die Leute raten immer rückwärts, anstatt vorwärts, auch wo sie selber sagen müßten, daß ein Rückwärts kaum mehr möglich! Sie raten immer von ihrem Standpunkt aus, anstatt von dem Punkt aus, auf dem man selber steht.   Doch ... was soll man sagen?! Was heißt Talent? was ist aus einer Handvoll Papier mit Versen oder Novellen viel zu sehen?! Was er geschickt hatte, war, wie dergleichen immer ist. Es war gut, wenn er in einem Jahr was Besseres macht! es war schlecht, wenn er in einem Jahr nichts Besseres macht! Es war, wie man eben anfängt! wie vielleicht auch Goethe angefangen! wie ein Kind anfängt, Mensch zu werden, mit bruchstückhaftem Wiedergeben irgendwo gehörter Dinge.   Aber so ein junger Mensch will eine Antwort, an die er sich halten kann. Was soll man da sagen? Soll man sagen: Sieh mal: Verse, wie der und der und der sie macht ... das muß man nachgerade können! das ist heute einfach Voraussetzung! und was du gemacht hast, ist ganz viel für den Anfang, aber ... aber ... was denkst du dir? wo willst du hin? willst du ... Schriftsteller werden oder Dichter? Du meinst, das sei dasselbe! und Schriftsteller nur allgemeine Bezeichnung für Adreßbuch und Steuererklärung, ein harmloserer Ausdruck für etwas, das ... na ja! aber das ist falsch! ich habe Jahre gebraucht, bis ich es auseinander halten lernte, und ich kann es stellenweise heute noch nicht ... und dabei ist Schriftsteller und Dichter so zweierlei wie Maurermeister und Baumeister oder Marmor und Marmorstuck! Oder soll man brutal sein: wie steht es denn? Hast du so viel Geld, daß du zur Not davon leben kannst, sind alle andern Fragen zunächst Nebensache! Hast du das nicht ... dann ... ja, dann laß es lieber bleiben! dann werde lieber überhaupt nichts! wer heute den Ehrgeiz hat, etwas Besonderes werden zu wollen, einerlei was, muß zuerst den Ehrgeiz haben, über so viel Geld verfügen zu können, daß er tun und lassen kann, was er will, und warten bis man zu ihm kommt! Ob ers erbt, erjobbert oder pumpt, ist gleichgültig! nur haben muß ers! Die Hauptfrage ist fast selbstverständlich immer: ob man mehr Talent für Lyrisches oder für Dramatisches oder Novellistisches habe? Schon als Junge aber schien mir eine solche Frage sinnlos ... und diese Scheidung ist immer noch sakrosanktes Dogma!   Ich glaube nicht an spezialisiertes Dichtertum! ich glaube nicht an verschiedenartig angeborene Begabungen! ich glaube nicht an naturgetrennte Talente! Der liebe Gott ist kein Apotheker! der liebe Gott ist Künstler! und macht aus dem Vollen, was er macht! Ich glaube an gar nichts als an die Kinderstube, in der einer aufwächst, und an den Willen, den man als Gehirn mitbekommt! Und wenn hundert und tausend Sach-und Fachverständige kommen und es hundert- und tausendmal besser wissen ... es ist doch so! der liebe Gott stammt aus einer Zeit, in der es noch keine Spezialisten gab! und ist Künstler und nicht Sachverständiger und Fachmann, Gott sei Dank! und das ist das Ur-Göttliche an ihm!   ›Man hat es oder hat es nicht!‹   Entweder: es kann einer reiten, und dann kann er es ebenso gut auf einem Rappen als auf einem Schimmel und lernt es auch auf einem Maultier ... oder: es kann einer nicht reiten, und dann bricht er sich auf einem Schaukelpferd das Genick! Und wenn einer wissen will: ob er Talent habe? ob er was könne? quäl ihn nicht mit Zweifeln und Bedenklichkeiten, sondern frag ihn einfach: was er damit mache, wenn er auf der Straße einen Bierflaschenverschluß finde? ob er sich zutraue, eine Dampfmaschine daraus zu machen?! Sieht er dich dumm an, so nimm ihm das nicht übel! aber er soll dann auch sein Dichten- oder Musikmachen- oder Malen-wollen bleiben lassen! Sagt er ja, mag er versuchen, obs ihm glückt!   Goethe konnt es! und konnt es ... obschon es damals noch gar keine Dampfmaschinen gab! VI Von Hannie Heute Nachmittag war Hella bei mir zum Kaffee. Mit drei prachtvollen Marschall-Niel-Rosen und mit einer kleinen Vase von ihrer Mutter! Sie wollte gerne meine Wohnung sehen ... und war begeistert. So möchte sies auch haben! das sei schon lange ihr Traum! ... und dabei hat sie es dreimal schöner und besser! Sie staunte über meine vielen Bücher ... und wollte gar nicht mehr von unserem Fensterplatz weg. Es ist ein prächtiges Mädel ... so gar nicht Berlin. Du solltest sie wirklich kennen lernen. Du hättest Freude an ihr! Es ist was Köstliches, um solch aufwachende Menschenseele! dieses durstige Wissen-wollen und dieses selige Sich-Blenden-lassen-können von jedem schönen Schein! Das Bild von dir, das du damals für den Vater eingerahmt, hab ich ruhig hängen lassen! die anderen habe ich weggetan! Wir spielten dann noch eine Zeitlang vierhändig, bis ich wieder weg mußte. Ob sie wiederkommen dürfe? Es sei zu schön und zu gemütlich hier! so ganz anders, als bei ihren Freundinnen: das sei alles nur Flitterkram! und sie habe mich so gerne! ich sei so klug! Übrigens ... Recht gegeben hab ich dir ja immer! ... aber empfunden hab ichs heute sozusagen zum ersten Mal, Hella gegenüber: was du meinst, wenn du sagst: Hauptsache bei einer Frau sei: daß sie gutes Wachs wäre! nicht zu weich und nicht zu hart! Es ist vielleicht überhaupt Hauptsache! Und dann kam noch ein Brief von deiner Mutter. Ich hab ihn in meiner Schulschublade liegen lassen! Verzeih! Wir hätten so lange nichts von uns hören lassen! sie würde sich so freuen, wenn es dir endlich mit etwas glückte! und ob du nicht kommen könntest dieses Jahr? die Menschen dort nähmen alles so ernst und schwer und niemand wolle mit ihr lachen! und ob wir wieder Backwerk haben möchten?   Mir ist immer, als ob es meine eigene Mutter wäre. Ich habe die meine ja kaum gekannt. Auch wenn sie nicht mehr so kann, wie sie wohl möchte. Es ist ein stiller, fester Punkt in all dem Geschiebe. Ich sehe sie immer noch, wie wir damals ankamen, in dem großen Stuhl, am Fenster mit den Blumen, und wie sie mir die Hand gab: So also siehst du aus?! und wie sie mich dann küßte ... daß all die Angst weg war, die mir das Herz zugeschnürt hatte.   Wir müssen wieder einmal hin ... im Sommer! was meinst du? all die Tage war eine Sehnsucht nach ihr um mich herum. Ich schreibe ihr gleich heute Nacht noch: Du seiest vergnügt und ich auch! und es gehe gut und aufwärts! Und dahin müssen wir es bringen, Liebster, daß sie deiner Mutter einmal ein Denkmal setzen wie in Frankfurt der Frau Rat! du brauchst keines! Tausend Grüße und Küsse. VII Ich hätte Lust, mich einmal an einen Roman zu versuchen! Was meinst du? Mit der Übersetzung für Imhof bin ich allmählich zur Hälfte durch. Es ist eine Pferdearbeit. Und ob mit ›Herzblut‹ noch viel zu wollen ist, wird mir immer zweifelhafter. Ich fürchte nur: ich komme nicht darüber weg und es bleibt mir wie ein wüstes Bergsturzfeld im Leben liegen.   Bloß ein Buch zu machen freilich, wie es alle können, ist ein kümmerliches Vergnügen. Unser ganzer Roman von heute ist überhaupt kaum mehr ernst zu nehmen. Er ist längst bloßes Handwerk geworden und hat so wenig mehr mit Kunst zu tun, wie ein modernes Mietshaus. Man hat sich daran gewöhnt und denkt, es müsse so sein. Gewiß, aber ... seine ganze Form und Technik, seine ganze Art hat sich innerlich längst so überlebt und erledigt, wie die alte Landpost von Thurn und Taxis! Mumie! Ins Museum damit! und in die Leihbibliotheken! Hundertfünfzig Jahre sind ja auch ein aller Ehren wertes Alter! aber nur Lebendiges schafft Leben!   Du hast immer Angst, wenn ich so etwas sage! Doch, was soll diese uferlose Breimacherei um die willkürlichsten, äußerlichsten und nebensächlichsten Dinge?! was sollen all diese ... ausführlichen Schilderungen seltener Landschaften und merkwürdiger Begebenheiten! und ... als ob alles für kleine Kinder wäre, denen Punkt für Punkt immer erst erklärt werden müsse! Weiß der Himmel, wer in seinem Leben niemals einen grünen Esel mit roten Flügeln gesehen hat, wird sich trotz spannendster Darstellung kein Bild von ihm machen können! Der Mensch ist die Hauptsache und am Menschen wieder seine Seele! nicht der Kram um ihn herum!   Doch es kommt eben ganz darauf an: was einem wertvoller scheint: Einer oder Auch-einer zu sein?! und was einem mehr Spaß macht: in ausgetretenem Mietshaus zu wohnen und mit Hinz und Kunz und Hans und Gans zusammen Feste zu feiern oder auszuziehen und sich eigenen Grund und Boden wo zu schaffen und zu versuchen: selbst zu bauen! VIII Schwarzer Schnee wieder auf den Dächern ... graugrauer Himmel von früh bis Abend ... nirgendwo ein Tropfen Sonne ... nirgendwo ein froher Klang ... und die Tage so kurz und die Nächte so lang! und der Frühling so weit ... und nirgends ein Ende und nichts, drauf man sich freuen könnte! Schwarzer Schnee auf allen Dächern ... graugrauer Himmel von früh bis Abend ... nirgendwo ein Tropfen Sonne ... nirgendwo ein froher Klang! IX Von Hannie Himmele grau! . ach ja! . und wenn es noch lange so bleibt, kann ich auch nicht mehr! und ich hätte mich so freuen können, wenn es wieder ein bißchen hell gewesen. Ich war eingeschlafen gestern, so als ob beim Aufwachen heute die Sonne scheinen müsse oder als ob irgend etwas Schönes auf dem Tisch läge, wenn ich ins Zimmer käme ... aber deine Verse waren das einzige und ein Guten-Morgen-Triller-Liedchen unseres Dompfaffs!   Himmele grau! ... beim Frühstück fiel mir ein, wie du mir einmal erzähltest, du habest nie im Dunkeln einschlafen wollen als Kind, es hätte immer Licht sein müssen! oder es hätte jemand da sein müssen und ... eines Abends einmal hättest du durchaus aufstehen wollen und Adda gehen und so lange gequält, bis man dich ans Fenster getragen. Du hättest dann hinausgeguckt, aber höchst enttäuscht den Kopf geschüttelt: ›Himmele grau!‹ und zu weinen angefangen ... ›Baba gehen!‹ Addio! Schule gehen! X Himmele grau! ja ja! ja ja! ich muß Sonne haben! ich hab immer Sonne haben müssen! trotz aller Sehnsucht aber geht es mir eigentlich heute noch so ... jeden Tag! so oft ... ich wo ein Fenster aufmache: Himmele grau!!   Man ist im Grunde freilich bloß selber daran schuld! Man kommt immer und ewig mit Voraussetzungen und Forderungen und will Dinge und Menschen, wie sie gar nicht sein können und wie sie nie gewesen sind, so lange die Welt steht ... und ist dann ... enttäuscht!! Warum lernt man nicht endlich, sich auf das Wirkliche einzustellen! und sich an dem, was möglich ist, zu freuen! alt genug wäre man wahrhaftig dazu! Wer bei Nacht Sonne will, ist ein Kind! Wir könnten das allmählich wiesen und lassen dennoch immer und überall wieder den Kopf hängen und jammern! wozu? Es kann nicht immer gut Wetter sein, es muß auch regnen zwischenhinein!   Man verklärt zu viel! und belügt sich damit und läßt sich belügen! unsere Wünsche belügen uns! unsere Bücher! unsere Kunst! Wir müssen realer werden! wirklichkeitsmöglicher! von Uranfang an! Seifenblasen sind Seifenblasen und können nur Sekunden dauern! warum sind wir unglücklich, wenn sie zerplatzen? anstatt uns zu freuen, so lange sie leuchten! Die Welt ist , wie sie ist! die Menschen sind keine Engel! Könige liegen nicht mit der Krone im Bett! Warum begreifen wir das noch immer nicht?! Es ist kein Verzicht: Grenzen zu erkennen und sich auf das, was möglich ist, zu beschränken! Im Gegenteil! Luftschlösser bauen ist keine Kunst! aber ein Haus, das auf der Erde steht, fest und froh! und war es noch so klein und bescheiden! Darin ... werde Meister! XI Ich glaube, das ist die ganze Not: wir messen unsere Träume an dem zu kurzen Maßstab der Wirklichkeit und die Wirklichkeit an dem zu großen unserer Träume! XII Meine Streichholzzeit fiel mir heute ein, ich weiß nicht, wie so! das halbe Jahr bei Erdmannsdörfer! Eine arge Dummheit! wie alles, das man nicht durchführt! aber ... Was hat man seiner Kunst nicht alles schon zu Liebe getan! mein Gott! und du mit! und vielleicht noch mehr, als ich selber! was haben wir ihr nicht schon für Opfer gebracht! jahraus, jahrein! bei hundert und tausend unscheinbaren kleinen Dingen! Alles, wonach man sich sehnte, hat man vertagt und immer wieder vertagt! noch nicht! später! auf alles, was einem Freude gemacht, verzichtet und immer wieder verzichtet! noch nicht! später! Das ganze Leben hat man sich verpfuscht! und was hat man dafür gehabt?! und was wird man dafür haben?!   ›Ein berühmter Mann zu werden‹! Vielleicht! wenn man lange genug Geduld hat! Doch: ob das am Ende nicht das allertörichteste aller Truggebilde ist?! Imhof will seine Übersetzung zum 1. Juli. Er soll sie am 1. Juni haben. Ich bin selber froh, wenn ich damit fertig. XIII Große Gesellschaft bei Försters. Merkwürdig ... es sind drei ganz verschiedene Welten, in denen ich hier lebe. Drei große Kreise. In dem einen kennt man mich gewissermaßen nur als Freund ... in dem andern gelte ich als Dichter ... im dritten als einstiger Schriftleiter! Juppe, Gehrock, Frack! Manchmal lach ich darüber, manchmal stimmt es mich auch traurig!   Im Grunde sitz ich überall immer zwischen allen Stühlen! und wenn man frägt: was ich sei? welchen Beruf ich hätte? ... ja, was bin ich eigentlich?! ich weiß es nicht! ... Nichts!! nichts bin ich! Ich war ... Pfarrer, wenn man so will, und bins nicht mehr! ich war Buchhändler und bins nicht mehr! ich war Philologe und bins nicht mehr! ich war Schriftleiter und bins nicht mehr! Streichholzkorrespondent! Theaterbesprecher! ich war, was ihr wollt, und bins nicht mehr! ... ich ... ich bin ... Mensch und ... heiße Jost und ... Seyfried ... und lebe von meinen ... Renten! und in stillen Stunden habe ich mitunter den verwegenen Wunsch, ganz am Ende: es unserem Herrgott nachzutun und mir eine Welt zu schaffen im Kleinen, nach meinem Herzen, und mit Menschen darin, die alles waren, was man sein kann, und nichts mehr sind, als eben Menschen. XIV Es wird nun doch Frühling! es wird nun doch Frühling! Warm und die Luft so wunderbar weich und weiß, und der ganze Himmel so licht, so tief, so weit, und die Sonne zwischen großen und kleinen balligen Wolken so treu, so gut und gütig, wie ein altes liebes Großmütterchen, das alles erlebt hat, was zu erleben ist ... mit stillen heiteren Augen heruntergrüßend zu ihrer Erde ...   Ich sitze am Fenster und lasse sie mir ins Gesicht scheinen und über die Hände ... weder Mensch noch Schriftsteller noch Dichter noch sonst was ... nur ein Blumenkern in der Erde, der den Frühling spürt und zu quellen und zu schwellen anfängt und Luft und Licht und Sonne entgegen will!   Und draußen überall heimliches Lachen und Seligkeit, und Jung und Alt in blitzblank weißen Kleidern mit bunten Bändern und lustig hellen Hüten auf dem Kopf ... Woher haben sie das alles so schnell? haben sie alle auch nur gewartet wie wir?!   O wie froh es macht, diese Frühlingsfröhlichkeit und diese weißen Kleider überall!   Und nun ist sie plötzlich wieder weg und verschwunden ... hinter Wolken ... wie die Mutter zu Hause ... wenn junges Volk da war ... wenn sie ein Stündchen mit uns geplaudert hatte, nahm sie mich in eine Ecke: es wird mir zu viel, weißt du! ich gehe jetzt! ich wollte ja bloß sehen, ob ihr vergnügt seid! XV Wann werden wir wohl einmal unsere weißen Kleider antun dürfen, Hannie?   Wozu lebt man?! Hundert Jahre habe ich dich nicht gesehen! hundert Jahre habe ich deine Stimme nicht gehört! hundert Jahre habe ich deine Hand nicht in der meinen gehabt! wozu lebt man ... wenn man immer und immer auf alles und alles verzichten soll?! Wenn wir Könige wären, die da sonst hätten, was ihr Herz begehrt ... Könige können auf viel verzichten! aber wir? es ist unser alles! unsere Krone!   Ich weiß kaum mehr, wie du aussiehst! wie geht es dir? was treibst du? was machst du? lachst du? oder bist du traurig? ich möchte deine Stimme wieder einmal hören! ich möchte deine Hand wieder einmal in der meinen haben! mir ist, als wärest du bloß ein Traum! Ich habe Sehnsucht zu dir, wie ein müdes Kind zu seiner Mutter, und Heimweh, wie man in der Fremde Heimweh nach der Heimat hat! Es ist ja alles Fremde! wo ich gehe und wo ich stehe und wohin ich sehe! was soll ich mit meinem Herz voll Sonnenfreude zwischen allen diesen kalten Menschen?! was soll ich mit ihrer Welt voll Sorge, Not und Zweifel und Bedenken und Kleinlichkeiten?!   Ich möchte fröhlich sein und singen und lachen, und sie drohen mit der Faust: wie kannst du lachen, wo so viel Jammer um dich her! ich möchte trösten, und sie schreien: nimm uns unsere Not, und wir wollen fröhlich sein! ich möchte sagen: wollt und versuchts und ihr werdets! und sie höhnen: schaff uns Brot und Vergnügen! und wir sinds!   Nicht einer weiß, wer ich bin! nicht einer weiß, woher ich komme! nicht einer weiß, wohin ich gehe! Ich möchte Schild und Schwert bei Seite stellen, und sie zwingen mich zum Kampf und nennen mich Träumer und Bettler und sehen die Krone nicht, die ich ihnen bringen möchte!   Doch sie haben Recht: ich bin Träumer! ich bin Bettler! und du bist es mit, Hannie, und alle, die an die Sonne glauben! und ... wir werden immer Bettler bleiben in dieser Welt! XVI Warum sind wir nicht beisammen? warum ... warum ... heiraten wir nicht wie andere ehrenhafte Bürgersleute?! warum haben wir nicht längst geheiratet?!   Weil wir alles immer zu schwer nehmen ... und keinen Mut haben! weil wir jeder Forderung von außen mehr Berechtigung zuerkennen als uns selbst und dem, das uns heilig, und glauben: das sei stark! weil wir zum Leben aufsehen, wie zu etwas Großem! wie zu etwas, das über uns steht! und auf den Knieen vor ihm liegen, wie Hörige vor ihrem Herrn! Anstatt ... anstatt: Warten und Karten über Bord zu werfen und die Anker zu lichten und frisch und fröhlich unserm Glück und unserer guten Sache zu vertrauen! anstatt ... zu nehmen, was wir wollen! verdient oder unverdient! was man erzwingt, entscheidet! anstatt ... aufzustehn und zu brechen, was sich nicht biegen lassen will! entweder ... oder! und selbst Herr zu sein: ich habe Recht, nicht du! und ... so will ich und so geschieht! XVII Von Hannie Liebster, herzliebster Jostel! du sollst dir doch nicht diese Sorgen machen. Du hast es mir so oft nun doch versprochen! Auch unsere Gärten werden blühn! auch unsere Felder werden noch reifen! Glaubs doch endlich!   Natürlich wär es schön und niemand wäre seliger als ich! aber, mein Gott, es kann nun doch einmal nicht sein fürs Erste! und so ins Blaue hinein wie Kinder fröhlichen Herzens fröhliche Dummheiten zu machen ... dazu sind wir allgemach zu alt geworden, Liebster, da hilft nichts! das ist so! Sobald fünftausend Mark in der Sparkasse sind, werf ich alles weg und komm und komm!   Wenn wir zehn Jahre jünger wären, ja! Mit zwanzig-fünfundzwanzig kann man alles wagen! und es glückt auch meist! man ist eben jünger und anspruchsloser! Mit dreißig-fünfunddreißig trägt alles gleich ein ganz anderes Gesicht: man ist überlegsamer geworden! hat sich mehr verzweigt und verwurzelt! und nimmt es schwerer, in der Tat! weil man eben ... weniger leicht wurde! man hat mehr zu hüten und vergeudet sich weniger! man greift nicht mehr so nach den Sternen, wie als Kind! man weiß, es reicht nicht! man übersieht mehr! sich, seine Wünsche, die Welt! und ist haushälterischer! Nicht, weil man weniger möchte! nein, nein! man will sogar mehr! man ist zehnmal anspruchsvoller und wählerischer ... eben weil man reicher, freier und gesammelter wurde ... sieh: so, wie wir uns ja auch immer nur lieber haben, von Jahr zu Jahr ... nicht mehr so waghalsig, nicht mehr so blind stürmisch wie zuerst und doch ... viel froher, viel stolzer, viel tiefer und verwurzelter! Also! ... tausend Küsse! und ... mehr Selbstvertrauen! mehr Herr-Bewußtsein! XVIII Ja, ja! wenn wir zehn Jahre jünger wären! da liegts! Zehn Jahre jünger sein, ist alles! ....................... Du bist ein liebes kluges tapferes Mädel, Hannie! ich küsse dich und hab dich lieb! Mehr Herr-Bewußtsein! ja ja! ja ja! das ist ein gutes Wort! mehr Herr-Bewußtsein! der Hausknecht in uns ist unser ganzes Elend!   Diesen Hausknecht tot schlagen können, wäre zehn Jahre jünger werden! XIX Hast du vielleicht Verdruß gehabt irgendwo? Meine Barometer und Seismographen sind so sonderbar unruhig seit ein paar Tagen! Oder sollte mit der Mutter etwas los sein? oder mit Helmut? oder mit Hiesel Heinz? Du schüttelst immer den Kopf, wenn ich dergleichen sage, aber ich glaube nachgerade doch immer mehr, daß die Menschen viel enger zusammenhängen und weit unmittelbarer miteinander leben, durch jede Ferne hindurch, als unser armseliger Verstand uns erkennen und begreifen läßt ... ganz stofflich! All die Rätsel und Wunder sind ja Rätsel und Wunder nur in Folge unserer Unzulänglichkeit, und alles wäre höchst einfach und natürlich, und trotzdem noch viel wunderbarer, wenn wir die Lösung hätten!   Aber: es ist zu laut geworden in der Welt, und es wird immer lauter, und man verliert sich immer mehr an all dem Lärm ob Äußerlichkeiten und findet immer weniger Ruhe: den stillen Strömen zu lauschen, die in der Tiefe unseres Lebens gehen, und auf die Wunderwelt, durch die sie führen, jenseit des groben Scheins der Dinge, mit dem wir uns genügen müssen!   Vielleicht aber findet der Mensch doch eines Tages noch das Wort, das die verschlossenen Türen öffnet ... in einer Zeit, in der er aus dem Lärm der Täler sich hinausgerungen endlich auf die Berge! XX Ich küsse dich und sag dir guten Morgen! Wie hast du geschlafen? was hast du geträumt? Wie ferne Musik klingt es noch um mich her und mir ist, als säßen wir immer noch am ›großen Fenster‹ in den Dünen und du lachtest: guck, die vielen Schwalben! und wie herrlich grün schon alles wieder! und als horchten wir auf das breite Rauschen der Wipfel über uns und schritten am Waldsaum hin ... die Havel zu Füßen, mit ihren Kähnen, weit und offen ... und der ganze Himmel ein einziges flammendes Abendrot ... und hinter uns, schwarz und brausend der Wald, durch den wir uns durchgesucht ... ans ... Meer! und hinter dem Wald die Stadt ... der wir entronnen! ... Tausend Grüße! tausend Küsse! und hat man auch nur alle vier Wochen einmal ein paar solche Stunden ... man fühlt wieder Leben! Liebe! Freude! man ist wieder jung und hat wieder Flügel! Wer nichts hineinfühlen kann freilich in diese stillen märkischen Landschaften, wird auch nichts herausfühlen! wie bei allem! Wer Stein ist, dem wird ewig alles Stein sein! wer nicht klingt, wird nie was klingen machen! es liegt an dir, an mir, nicht an der Welt! wer nicht Gott ist, wird Gott nie begreifen! An Dichtern fehlts nicht ... weder an alten noch an jungen! Es ist wie ein weiter Frühling über der Erde ... aber an Menschen! an Menschen, die sich mit ihnen freuen wollen, die mitdichten und mitleben, was sie machen, und ... darüber hinausschaffen! an Menschen, die sich losfinden können aus ihren dunkeln Häusern und hinausgehen und sagen zu sich und denen, die um sie sind: Seht einmal: lauter junges köstliches Leben an allen Enden, frisches Grün und Keime und Knospen! und wie das drängt und treibt und singt und klingt! Kommt und freut euch dran und singt und klingt mit! es ist alles ja nur für euch! ... und viel wichtiger und nützlicher, als all der Staub und Kram, mit dem ihr tagelang zu Haus euch Mühe macht! Hier ist das Leben! O es wäre so viel, so viel Freude, so viel Liebe in der Welt, so viel siegende Kraft, daß gar kein Leid aufkäme ... wenn man den Mut hätte, sie offen zu zeigen! wenn man sie nicht immer scheu und ängstlich in dunkle Winkel verstecken müßte, vor Neid und Mißgunst, bis sie schließlich versinkt und erstickt wie Glut unter Asche! O diese ewig schwarzen und grauen Kleider überall!! XXI Laß sie reden, Liebste, so viel sie wollen! Ibsen ... nein, keine Million Schattenmännlein wird seine Sonne in die Tiefe zwingen! Laß dich nicht irre machen! Ibsen ... ist Hochgebirge! Es glückt freilich nur dem, der Glauben hat und ihm entgegengeht und Mühe und Geduld nicht scheut, zu warten und wochen- ja vielleicht monatelang: seine Firnen nebelfrei und wolkenlos in ihrer Pracht und Klarheit zu erfassen.   Blutlose Schemen! ... mag sein! Aber diese blutlosen Schemen werden noch leben, wenn die ganze Traraherrlichkeit von heute längst wie ein dorrer Kehrichthaufen hinter den großen Zaun gefegt sein wird!   Ich grüße dich, einsamer König in Thule du! XXII Kunst! Kunst! ... mein Gott, was meinen sie, wenn sie so von ... Kunst reden! Was ist Kunst? was sie auf den Theatern spielen? was in Ausstellungen, Museen, Galerien an Bildern hängt? was auf Plätzen und in Gärten und Palästen an Denkmälern steht? was in Opernhäusern und Konzertsälen an Musik gemacht wird? oder was die Tausende von Büchern bringen, die jedes Jahr durch die Buchläden wandern? Ist es das, was sie meinen? und wenn ... wozu macht sich der Mensch das alles? wozu erfand er es? was will er damit?   Sie sagen: Kunst müsse sich Selbstzweck sein? Was heißt: sich Selbstzweck sein? Entweder ist alles sich Selbstzweck oder nichts! Aber sie ereifern sich darüber: Kunst solle nichts sollen! Kunst solle nur sein? Ja, kann denn Etwas sein, ohne etwas zu wollen? und ist ein Wollen ohne Sollen denkbar? Was ist , trägt einem Ziele zu! bewußt oder unbewußt! und was einem Ziele zuträgt, wird die Beziehungen und Bedingungen dieses Zieles in sich haben und diese Beziehungen und Bedingungen sind der Zweck und das Soll, das jeder Sinn sich selber setzt. Es ist ein ewiger Streit, ob ein Hecht lebendig oder tot mehr wiegt. Kunst sei Leben, nicht Kunst! Kunst für das Volk! Kunst für das Haus! Kunst für die Schule! Kunst für den Alltag! mein Gott! wollt lieber doch den Alltag endlich für die Kunst! ... Herauf, statt hinunter! XXIII Einmal ist Jeder ... Dichter! aber er bleibt es nicht, wenn nicht jedes neue Buch eine Sprosse höher greift und weiter sieht oder tiefer lotet! Stehen-bleiben ist Handwerk! Wir grübeln zu viel und vergrübeln uns immer tiefer in Graben und Gruben! wir begreifen bloß noch Bäume und keinen Wald mehr! wir sehen bloß noch Lichtspielflecken und keine Sonne! Was soll das? was schafft das? was schafft das an dem, das so not täte?! XXIV Ich weiß nicht: sollte es wirklich das Höchste und Letzte sein: eine Handvoll Menschen mit irgendwelchem Schicksal möglichst wirklichkeitsmöglich auf die Bühne zu stellen? Wär es nicht auch ein Ziel: zu versuchen: diese Menschen über ihre Wirklichkeit hinauszutragen zu Höherem? Wär es nicht auch ein Ziel, und vor dem allem noch: zuerst sich selbst zu einem Menschen zu machen, der der Wirklichkeit gewachsen und über sie hinaus weiß?! und sich erst dann das Wort zu erlauben? nicht bloß nachzugestalten, sondern voranzugehen?   Aber ... Mensch und Dichter ist ja ... zweierlei!! ich vergesse das immer wieder! XXV Bleib fest! es eilt mit nichts: gut Ding will Weile! nur sei dir klar, wohin du zielst und wisse, ob du Wohnhaus oder Wirtshaus oder Kirche bauen willst! Dann aber weg- und wag-gemut ans Werk von Berg zu Berg! Und wenn sie kommen und ... sie kommen immer und wissen immer besser, was du sollst, als je du selbst: baust du ein Wohnhaus, wollen sie ein Wirtshaus! baust du ein Wirtshaus, wollen sie eine Kirche! und ihre Gründe o! sind immer gut: für sie ists ein Geschäft, das du bezweckst! für dich ein Teil von dir! Laß sie und lach! und bau und mach getrost, was du für gut hältst, weiter! nur hüte dich vor Schnörkelei'n! Die großen Linien sind es, die entscheiden! die halte rein! XXVI Der liebe Gott ist immer mit den großen Bataillonen! ist das nicht ein prachtvolles Wort?! ob du wohl herausfindest, von wem es ist! Der . liebe . Gott . ist . immer . mit . den . großen . Bataillonen!   Aber das eben ist das Trübe! das man alles immer mit so ganz unzulänglichen Mitteln bewältigen muß ... und unwilligen Menschen gegenüber! Großes wie Kleines! Doch es wird wohl immer so gewesen sein und wohl immer auch so bleiben: man wird immer nur Sträflinge haben, um Amerika zu entdecken! XXVII Nein, nein, Hannie! sprich nicht von ›selbstverständlich siegender Überlegenheit des Höheren‹! ... wir lassen uns nur immer wieder Sand in die Augen streuen und täuschen, weil wir ... eben gerne glauben möchten, es sei, wie du sagst: selbstverständlich siegende Überlegenheit eines Höheren ... nein! nein:   Es kann einer zehn Marschallstäbe im Tornister tragen ... wenn er es nicht versteht, sich hochzuvettern, oder wenn er nicht zu Boden tritt, was ihm im Weg steht, und sich durchtrommelt, bleibt er sein Lebtag Hintermann! Auf Grund bloß ehrlichen Genies bringt es keiner weiter als zum Feldwebel! Man ... man müßte nur ... allmählich ... damit rechnen lernen!   Nein! es kann einer können, so viel er will ... er bleibt Nebenherläufer, wenn er sich zu gut dazu ist, sich mit Mitteln in die Höhe zu bringen, die ... die ... einem eben um so niedriger scheinen, je höher man möchte! XXVIII Überleg dir einmal: Man ist ja doch eigentlich ... Hanswurst, wenn man denkt, wie man denkt! und ... herumsieht: wie billig es am Ende ist: ein ›bedeutendes Talent‹, ein ›geistreicher Kopf‹, ein ›großer Künstler‹ genannt zu werden! überleg dir das einmal! aber durch! und mit allem, was damit zusammenhängt!   Man braucht nur eine Zeitung in die Hand zu nehmen: es ist ja beinahe Narrenhaus und kaum zu glauben trostlos: was da gut und schlecht und groß und klein genannt wird und was da alles eine Rolle spielt, und was für Leute mir nichts dir nichts in den Adelstand erhoben und zu Prinzen und Fürsten aus Genieland ausgerufen werden! auf allen Gebieten! und mit welcher Unverfrorenheit der durchsichtigsten Geschäftsmacherei Vorschub geleistet und mit welcher Gewandtheit aus einem ehrlichen Menschen ein Känguruh und aus einem alten Strohbündel ein Lorbeerkranz gemacht wird, wenns darauf ankommt ... und mit welcher Anmaßung der kleinste Kellnerlehrling als Kulturmacher auftritt!   Noch mehr als Narrenhaus freilich ist es, wenn man liest: mit welchen Einnahmen da mitunter Leute in der Welt stehen ... jeder Zoll ein Lump! aber mit Einnahmen, von denen unser einer zwei, drei Leben lang in sorglosem Überfluß leben könnte! wenn man liest: wie ganze Vermögen ... Menschen in die Hand gegeben, die ein hinkebeiniger Zufall von heut auf morgen vom Erhabenen ins Zuchthaus bringt ... und wenn man liest: wie dabei dann noch auf mildernde Umstände oder auf Unzurechnungsfähigkeit erkannt wird ...   Flöte hat ganz Recht: Es ist ein melancholisches Dasein: Nur Kipper und Wipper bringen es noch zu was! und das Mindeste ist, einmal gesessen zu haben! Vermag einer aber erst eine geschickte Wechselfälschung nachzuweisen ... alle Achtung! das ist so gut wie ein Patent! das ist ein Vertrauensmann! Zwei, drei Jahre ... und er verfügt über Millionen!   Herrgott im Himmel, warum nimmt man diesen ganzen Schwindel eigentlich noch ernst?! XXIX Wer schreibt endlich einmal die ungeheure Komödie all dieses großen und kleinen Trebertrocknertums unserer Zeit?! und hat den Mut, die Folgerungen zu ziehen? rückwärts und vorwärts! wer wagt sich endlich an die große Nachrechnung der Bücher der Menschheit, die so lang schon not täte, um Soll und Haben einmal klar zu stellen?! rücksichtslos und unerbittlich bis aufs Letzte?! wer wagt ihn, diesen Riesenkrach?! kommen muß er ja doch eines Tages! Nietzsche! ja, er hat es versucht! Läutet die Glocken, wenn sein Name genannt wird! Er hat es versucht ... er dachte königlicher als Jahrhunderte! Aber was er fand, war Schande! und Zorn darüber brach ihm das Herz! Läutet die Glocken, wenn sein Name genannt wird! Und ... es bricht uns allen das Herz, Klein und Groß: zu diesem ewigen Kampf und Zwiespalt verdammt zu sein zwischen dem, das wir leben müssen und das wir leben möchten! Wozu erzieht man uns, wie wir erzogen werden und lehrt uns eine Welt, wie sie sein soll, anstatt die Welt, wie sie ist und immer war und ewig bleiben wird? Wozu stellt man uns in ein Leben, in dem die Faust entscheidet, mit gebundenen Händen und predigt uns von Kindesbeinen an, was man uns predigt: Sei wahr und gerecht und treu! Tu deine Pflicht! Ein ehrlich Können findet immer Anerkennung! Recht geht vor Macht! Der Bessere siegt, werde ein Besserer! ... Warum sagt man nicht: der Stärkere siegt, werde ein Stärkerer! Es bricht uns allen das Herz! Allen, die sich nicht genügen: Zufall eines Zufalls zu sein, Nichts eines Nichts! allen, die Sehnsucht haben zur Sonne und Leben eines Lebens, Sinn eines Sinns sein wollen und in Einklang mit den Menschen ihrer Erde und in Fröhlichkeit mit ihnen wandern möchten Hand in Hand von Höhe zu Höhe! XXX Über Bord mit deinen Träumen! es sind Lügen! sie machen dich nur schwach! Die Welt war immer wie sie ist: es war alles immer nur Kauf und Handwerk und Mache! Richte dich darnach! XXXI Es ist leicht, Gegensätzlichem aus dem Weg zu gehen! und abzulehnen, was einem nicht paßt, und zu sagen, man sei Sieger! Beweis' , was du kannst, und zwing , was dir zuwider ist! Die moderne Großstadt schafft keinen Dichter im alten Vollsinn des Wortes ... aber wer es werden will, muß durch ihre Schule gehen! Und nicht bloß der Künstler! Jeder, der den Blick über die Berge frei haben will! XXXII So bin ich nach Berlin gekommen! So bin ich hier! ... und so will ich hier aushalten! ... und siegen oder fallen! Nicht: zum Vergnügen! wie gute Freunde behaupten! weiß Gott nicht! es ist kein Vergnügen, Tag für Tag verhöhnen zu lassen, was man für sein Bestes hält, und Nacht für Nacht sich herumzuquälen: bist du der Narr, der du hier scheinst! Sondern klar zu werden über mich und über die Dinge der Welt und zu erproben, was ich kann und will und Hand und Herz und Hirn zu härten und hart zu werden und Herr zu werden ... im Kampf und ... wo er am lautesten tobt! Ich hätte in Schwaben bleiben können, ich hätte es leichter und ruhiger und freundlicher gehabt ... hier: wohin ich sah, nirgends ein Weg! wohin ich fühlte, alles fremd und feind! wohin ich horchte, auch nicht ein verwandter Klang! auf Schritt und Tritt nur Argwohn, Abwehr, Achselzucken! Dinge und Menschen gell und grell und schrill und schroff ... mich bis ins Innerste verletzend, ahnungslos, durch ihre bloße Art! mit Füßen tretend, was mir heilig war!   Und doch: Berlin ist die Welt! Berlin ist das ... Leben! und ich will Herr drüber werden und mit seinen eigenen Waffen will ichs zwingen! und ... ich werd es! XXXIII Mag sein, daß ich, was ich will, vom Vater habe und daß es Soldatenblut ist ... er war so! ›Menschen gibts genug, aber keine Kerle und viel zu viel Weibsleut!‹ Er sollte Schreiber werden, wie er es nannte, Aktenmensch! weil kein Geld da war, ihn durch eine Kadettenanstalt gehen und Offizier werden zu lassen, wie er gerne wollte! Zwei, drei Jahre hat er es ausgehalten ... eines Tags dann aber nahm er Feder und Tintenfaß und warfs durchs Fenster und ging unter die Soldaten: ›Man wird immer, was man ist!‹   Ich war kaum zwanzig, als er starb, und meinte, daß ich ihm nur wenig zu danken habe! doch je älter ich werde, um so mehr erkenn ich, wie viel er mir gab ... es war nur eben Eichensaat! ... und um so öfter seh ich ihn auf meinem Wege mir entgegenkommen: rechts halten, Junge! dort drüben kommst du nicht durch!   Früher, so lange es ebener ging, im Tal, war es mehr die Mutter ... Worte und Ermahnungen machen es nicht! Vorbild und Beispiel ist alles! Ich hatte mich beim Basteln eines Tags geschnitten. Es blutete, und ich weinte und kam zu ihm. Er sah sichs an und verband es dann. Ob es weh täte? und als ich jammerte, lachte er: recht so! es soll weh tun! warum bist du so ungeschickt! ...   Ich glaube, ich wurde dreißig, bis ich verstehen lernte, daß er mir auf diese Weise mehr gegeben, als wenn er mich bedauert hätte ... und so bitter ich diese lachende Härte damals auch empfunden ... heute danke ich sie ihm ... und sein Bild überm Schreibtisch ... lacht! XXXIV Nein, Liebste, nein! so ›berühmt‹ werden wir niemals werden! Kuck, ich habe zwar eine Zeitlang Pfarrer werden wollen ... aber ... ich habe mir niemals aus einer schwarzen Schürze meiner Mutter einen Talar gemacht! ich bin nie weder auf einen Stuhl noch auf einen Tisch geklettert, um Predigten zu halten oder Gedichte zu deklamieren! und das ist erste Vorbedingung, wenn man berühmt werden will, zumal für einen Schwaben. Du kannst alle Literaturbücher und Lebensläufe darüber nachschlagen. Ich habe das damals versäumt, und nachholen läßt es sich nun nicht mehr! Ob ich dann als Knabe das träumerisch in mich gekehrte Wesen zur Schau trug, das man zur Schau getragen haben muß, oder ob ich besonders aufgeweckt war, wie andere wieder von später berühmt gewordenen Leuten verlangen ... weiß ich wirklich nicht mehr recht. Ich werde wohl wie jedes Kind gewesen sein, einmal so und einmal so! Doch ... wenn ich noch einmal auf die Welt komme, werde ich vorausdenkender zu Werke gehen und mich von vornherein mehr nach den Forderungen unserer Literatologen richten.   Einen gewissen Ersatz dafür jedoch Hab ich darin, daß die Mutter schon Verse machte, ja sogar ganze Gedichte! und das beruhigt mich einigermaßen! denn daß die Mutter schon ›poetisch veranlagt‹, ist eigentlich eine noch notwendigere Vorbedingung für jeden, der später als Dichter berühmt werden will. Du weißt ja doch: es ist nicht der Gesamtcharakter, sondern es sind die einzelnen Sonderbefähigungen der Eltern, die sich weitererben ... schächtelchenweise ... in Pillenform vielleicht ... als feste Bestandteile ... wie ... wie etwa Geldpapiere oder Bilder oder Bücher oder Töpfe und dergleichen. Du kannst das gar nicht wörtlich und buchstäblich genug verstehen! Sieh: wenn zum Beispiel deine Mutter eine Frau war mit reichem quellendem Gemüt, in dem, was sich ihr entgegentrug, wie in sattem samenoffenem Boden Nahrung fand ... eine Frau, die alles gleichsam mit den Wurzeln lebte, voll selbstlos unermüdlich ausgleichender Güte und Sorge und Sorglichkeit ... eine Frau, bei der das Herz das stille Tor zur Welt bildete ... so vererbt sich von all dem zunächst ... nichts! aber wenn sie sich geübt hatte, weil sie eben war, wie sie war , diesem ihrem inneren Leben dann und wann in ... Versen, Zeichnungen oder auf dem Klavier sichtbare Form zu geben ... diese Geschicklichkeiten sind das Wesentliche! und es ist klar: woher du dein ›dichterisches‹, ›zeichnerisches‹ oder ›musikalisches‹ ›Talent‹ hast! Geerbt, wie man einen Weißzeugschrank, eine Ziehharmonika oder silberne Salatgabeln erbt!   Oder wenn dein Vater vielleicht, im Gegensatz dazu, ein Mann war, dem es vor allem Freude machte: etwas entstehen und werden und wachsen zu sehen und zuzugreifen und sich zu regen und zu betätigen ... der aus diesem Grunde vielleicht nicht Schreiber, sondern Soldat wurde; der aus diesem Grunde vielleicht in Mußestunden mit Vorliebe gärtnerte und Rosen zog; der aus diesem Grunde vielleicht, was um ihn herum, lieber selber machte, als daß er in den Laden ging und es kaufte ... der da sagte: ein bißchen denken und du kannst es auch! und ein bißchen mehr denken und du kannst es besser! und sich aus einem alten Spinnrad eine Laubsägemaschine erfand ... so vererbt sich nicht etwa dieser Kern seines Wesens, aus dem alles hervorgeht: seine Spannkraft und Schaffensfreude, sondern: das einzelne Talent! Wenn nun also eines solchen Vaters Junge Dichter wird ... so sage nicht etwa: Gedichte machen und ein guter Soldat sein, oder: Gedichte machen und Rosen ziehen, oder: Gedichte machen und Laubsägemaschinen erfinden sei im Grunde ganz dasselbe! ... um Gottes willen, sag so was nicht! du blamierst dich rettungslos! Sämtliche Professoren würden sich auf den Kopf stellen! sämtliche Literaturgeschichten müßten umgeschrieben werden! sondern sage: das sei in der Tat unbegreiflich! unsere Erkenntnis habe eben doch ... Grenzen! Wenn einer einen Vater hatte, der trank und er wird selber Trinker ... so wird er das lediglich, weil sein Vater eben trank! Daß der Herr Papa mehr für Kümmel, der Herr Sohn mehr für Cognac, beweist höchstens ein Aufsteigen der Linie. Wenn du nun sagtest: der Sohn trinkt, aber nicht, weil der Vater trank, sondern weil der Vater ein Lump war, der keinen Halt hatte, und der Sohn dasselbe ist und schließlich auch nichts Besseres zu tun weiß, als eben zu trinken ... so lacht man dich bloß aus!   Nur die äußere, sichtbare Begabung vererbt sich! nicht die Bodenart, der sie entwächst! nur Folge, nicht Ursache! In Wirklichkeit, weißt du, wird es wohl immer so gewesen sein und auch so bleiben: Ob Herr oder Knecht, Genie oder Tropf: von der Mutter das Herz, vom Vater den Kopf! Gute Nacht! Es ist wieder spät und ich will ins Bett. Einen ordentlichen Schlaf zu erben, ist ebenso notwendig, und überhaupt noch viel, noch recht viel, das weit wichtiger als bloßes Versemachen-können, und zumal für einen Dichter. XXXV Einmal werden wir ja so weit kommen! ... aber wenn wir so weit sind, Liebste, einen Jungen zu haben ... Hellmut soll er heißen, mit zwei l, und im Frühling soll er auf die Welt kommen! und gut soll er es haben, o so gut! so gut, als ich es selber hatte, und noch besser: er soll sich nicht all den überflüssigen Kummer machen müssen, den ich mir machte! Wir wollen ihn bei Zeiten lachen lehren und froh zu sein! die Menschen meinen immer, man lerne das von selbst! und Augen und Ohren aufmachen und begreifen, was um ihn herum vorgeht, sobald er nur kann, und nicht bloß von Eins zu Eins, durch Wände durch und über Berge weg! und frei sprechen soll er lernen! aufstehen, ohne verlegen zu werden, und losreden! eine Kunst notwendiger fast als bares Geld! Frei-sprechen ist Frei-denken und Frei-denken ist: an jedem Punkt in jedem Augenblick marschfähig und gefechtsklar seine Truppen in der Hand zu haben! Und werden soll er, was er Lust hat: Gährer, Klärer, Wehrer, Währer! Schichter, Sichter! Vorwärts! Rückwärts! Bismarck! Richter! bloß nicht Dichter! Ich möchte ein Buch für ihn anlegen ... ›Spruchbuch für Klein-Hellmut‹. Was meinst du? Groß-Hannie und Groß-Jost lernen am Ende auch noch etwas daraus. XXXVI Sonntag. Ich wollte arbeiten, aber es ging nicht! und dann fingen ... die Glocken draußen an zu läuten ... und Glockenläuten ist so furchtbar, wenn man allein ist und nichts hat, auf das man sich freuen kann ... und ich rannte weg!   Und draußen dann: alles Arm in Arm, in hellen Kleidern, vergnügt und lustig, lachend und lärmend ...   Ich weiß, es ist auch nicht so! ich weiß, ich weiß, es ist auch mehr Sorge und Verdruß und Unfriede als Fröhlichkeit, sobald man ein paar Schritte näher tritt ... überall! aber es sieht so aus und ... man glaubt es, weil man es selbst nicht hat ... und weil es so schön zu glauben wäre! man ist eben ein Kind! und steht und beneidet all das junge Volk umher, das nichts als plaudern und lachen und tanzen und küssen will! Wie nett das ist! und wie sich das freuen kann an ein paar Rosen, die's geschenkt bekommt! an einer bunten Lächerlichkeit, die es in einer Würfelbude gewinnt! an einem warmen Abendessen! Man möcht es auch einmal ... man möchte auch einmal ...   Nein, lach nicht, Liebste! ich weiß ja, ich weiß: ich hielte es keine halbe Stunde aus und liefe davon, ich weiß ... und du hast Recht ... von Montag früh an alle Tage, die ganze Woche, Tag und Nacht ... ich kann keine Frau brauchen, die nicht Mithelferin sein kann bei meiner Arbeit! ... nur Sonntag Abend hast du Unrecht, Hannie! Sonntag Abend soll sie nichts als lachen helfen und ... vergnügt sein!   Und kommt man heim, ist alles schweigsam, müd und nacht ... und man verkriecht sich in sein Bett und ... es ist wieder einmal ein Tag vorbei! wie so viele! wie so viele! XXXVII Es lebe das Leben! es lebe die Liebe! es lebe der Rebe goldsonniger Wein! es lebe alles, was singt und lacht, was fröhlich ist und fröhlich macht! aber der Teufel hole die Kunst, die einem Leben und Liebe verhunzt! XXXVIII Ich sinke wieder ... und nirgends eine Hand! Tausend Freunde und nicht einen! Nicht einen, der sich einmal die Mühe nähme, den eigenen Kram auszuschalten und in meine Welt zu denken! nicht einen, der ein paar verlorene Stunden übrig hätte, was ich möchte, von meinen Wegen aus zu sehen! Anstatt ein helfendes Wort zu suchen, bleiben sie an Kleinlichkeiten hängen und ereifern sich ob Dingen, die ganz Nebensache und die man alle längst sich selbst schon vorgehalten und erledigt!   Nicht einen, Hannie, zu dem man sagen könnte: Sieh, dort in der Ferne, über den Waldrücken und Felskuppen, das weiße Schloß dort, mit den blitzenden Zinnen ... dort möcht ich hin! dort, denk ich mir ... was ich mir eben denke! ... Glaubst du, daß sichs lohnt? glaubst du, daß ichs kann?   Anstatt aufs Ziel zu halten, schütteln sie den Kopf und reden: Ja, da bist du falsch! da hättest du von allem Anfang an gleich anders gehen müssen! über das Tal zu kommen, gibt es keinen Weg! und sieh dich vor: es stehen Wetter am Himmel! kehr lieber um! Mein Gott! Weg oder Nichtweg ist ganz einerlei! es handelt sich ums Ziel! und über Täler kommt man allemal! und blitzt und wetterts, blitzt und wetterts eben! Tausend Freunde und nicht einen, Hannie! dems der Mühe wert wär, zu verstehen, um was ich kämpfe! Sie sehen nur Hemmungen und Hindernisse und lahmen überall an ihrem eigenen ewigen Nein! anstatt ... mein Gott! anstatt ... was soll denn solch Geschwätz! ich muß und will doch von dem Punkt aus weiter, auf dem ich einmal stehe, ob er falsch ist oder nicht! ich steh doch da und will doch weiter und ... Weg oder Nichtweg ist ganz einerlei! es handelt sich ums Ziel!   Ich weiß nicht: vielleicht können sie nicht anders?! ... aber ... ich kanns doch, wenn man zu mir kommt: So und so ... siehst du vielleicht noch Licht?! weißt du vielleicht noch, wie ein Weiter möglich? ich kann es doch und weiß daher doch, daß mans kann! man muß nur wollen freilich! Doch ich will ... nicht bitter werden!   Aber immer bloß geben! immer bloß geben!! Ich bin ja reich genug! ... noch immer, ja! ich habe immer noch den alten Jugendmut und meine alte Siegeszuversicht und hab noch immer mir das Herz nicht gallig machen lassen ... Doch hie und da kommts eben auch und ... packt einen und wirft einen zu Boden und wenn von allen auch nicht einer dann ein ermutigendes Wort hat und begreift, was einem wieder Glauben geben könnte ... und wenn man sieht: wie's jedem immer nur um sich und seinen Eigenkram zu tun ist, und wie ganze Welten zwischen einem liegen, so nahe man sich steht ... und wenn der Vater über dem Schreibtisch auch mit dem Kopf schüttelt oder stumm bleibt ... weißt du, dann ... dann springt man auf, und das sind die Augenblicke dann, in denen ... ein Zufall einem die Zügel aus der Hand nimmt und die ganze Karre in den Abgrund jagt ... oder ... in denen etwas untergeht in einem ... ungesehen und ... lautlos, wie ein leck gewordenes Schiff im Sturm des Ozeans in die Tiefe sinkt.   Wenn du dann wenigstens da wärest, meine alte Mitwanderin, wenn man sich einmal verlaufen hat und meint, es gehe nicht mehr weiter! und wenn du bloß lachtest: Durch, Jost! irgendwo! Was andere können, das kannst du auch! Aber deine Schule ist ja wichtiger als meine Seele und ich muß mich beugen! Es ist ja auch so: deine Schule ist wichtiger als meine Seele! XXXIX Du bist die Welt, Hannie ... und dir, der Welt, sag ich: Es lohnt sich nicht! es lohnt sich nicht, Hannie! Es sind unsere Träume, an die wir uns verbluten und von denen wir nicht loskommen! Unsere Träume sind unser ›Schicksal‹! Wir wollen sie zum Leben zwingen und es sind ... Träume! XXXX O daß du gerade jetzt nicht da sein kannst ... in meiner tiefsten Not! Vielleicht aber ist das immer so?! daß man immer allein ist in seiner tiefsten Not! Vielleicht ... vielleicht muß das so sein! vielleicht ... ich weiß nicht! ich will auch nichts wissen! ... Schlafen! schlafen! schlafen! und in einem neuen Leben erwachen! XXXXI An was ich schriebe? und ob ich einen guten Stoff hätte? ein guter Stoff sei alles! ... Und sie reden darüber, weißt du, wie ... wie Gevatter Schuster von gutem oder schlechtem Leder redet ... so ganz Handwerker! bis in die Seele! und wenn du einwirfst: der Stoff sei dir eigentlich Nebensache! so sehen sie dich an, als ob du vom Mond herunterkämest: an einem ungeeigneten Stoff scheitere selbst das größte Talent! und macht man weiter: das eben sei doch der ganze Jammer: unsere gesamte Literaturwissenschaft begriffe Kunst und Künstler überhaupt bloß vom Stoff- und Handwerkerstandpunkt aus! so entrüsten sie sich: wie man so was sagen könne?! und wenn man antwortet: verzeiht! ich komme doch auch nicht gerade aus einem Mustopf! ich habe das alles auch einmal geglaubt! ich bin selber aufgewachsen in einer Welt, für die da unverbrüchlich feststand: Stoff und Handlung sei ... sei Hauptsache! und wer was machen wolle, müsse nach einem brauchbaren Stoff suchen! hier schon zeige sich seine Begabung und sein Genie! und ... wenn ich trotzdem nun sage: diese Dinge seien eigentlich Nebensache, so werde ich mir doch wohl irgend etwas dabei denken! Aber man hört gar nicht zu, man rückt sich auf seinem Stuhl zurecht und erklärt: dann sei überhaupt nicht zu reden! Schluß! Und so bei allem! Wenn ich sage: Lyrik, Epos und Drama sind nicht gesonderte Künste und Dinge für sich! nur eben für den Handwerker! oder wenn ich sage: wer was kann, zwingt ein und denselben ›Stoff‹ ebenso zu Lyrik, wie zu Roman oder Drama! oder wenn ich mich vollends versteige: wer was kann, der könnte, was er kann, ebenso gut wie als Dichter auch als Tonkünstler oder als Maler oder als Bildhauer, wenn er nicht ›zufällig‹ aufs Dichten verfallen wäre ... Beethoven hätte ebenso gut Böcklin und Böcklin Beethoven werden können! ›man hat es oder hat es nicht‹! ... dann fühlen sie sich beleidigt und werden grob und sagen: man sei ein verworrener Gesell und habe sein Einmaleins nicht gelernt!   Früher, als ich noch dachte, wenn einer einen Kopf und zwei Augen habe, so müsse er damit auch sehen und denken können, nahm ich mir dergleichen zu Herzen und lief jedes Mal alle die Wege zurück, die ich gegangen: ob ich nicht doch was übersehen und seitab geraten wäre?! Jetzt denke ich bescheidener: Ob sie oder ich ... wozu Beweis?! wer durchaus Esel sein will, seis! und glaube ruhig weiter, was ich glaube! Und Maler sind noch schlimmer. Öl ist dicker als Tinte! XXXXII Recht haben?! nein! ich will nicht ›Recht haben‹! ich habe nie Recht haben wollen! mein Lebtag nicht! bei Nichts! Widerlegt mich und es ist gut! Ich will nichts ›besser wissen‹! ich streite nicht, wer dickere Waden hat? habt sie! so dick ihr mögt! Ich will bloß den Kopf hoch kriegen über all den Wirrwarr ... für mich und, wenn ihr wollt, auch für euch! weiter nichts! Ich will bloß, daß man nicht immer und immer alles nur verneint und brüchig macht, sondern mit vorwärts schafft! Es ist ja zum Verzweifeln, dieses ewige Gezerre: in dieser Richtung läge kein Weg! Ich weiß auch nicht, wo er liegt! ich suche, wie ihr! also laßt uns zusammen suchen! und finden wir nach rechts nicht weiter, muß es nach links glücken! nur vom Fleck kommen müssen wir und heraus endlich aus dieser gottverlassenen Zerfahrenheit! XXXXIII Ja, ja! die guten Freunde! es ist ein trauriges Lied, Hannie! Es ist ein trauriges Lied, das Lied von den guten Freunden!   Anstatt zu sagen: glückt einem was, so wollen wir uns darüber freun ... es kann nicht Jeder Goethe oder Tizian oder Michelangelo sein! Anstatt zu sehen, wie es andere machen und allem die Hand zu bieten, was auf gleichem Weg marschiert, wenn nicht aus Freundschaft, wenigstens aus Klugheit: Einer allein zwingts nicht! es heißt zusammenhalten! wer die Fahne trägt, ist einerlei! es gilt die Sache durchzubringen ... verreden und verfehden sie sich gegenseitig, biertischgeistreich, ihren Witz zu üben, weil jeder klüger sein will als der andere ... und seine Kravatte für die genialste hält! und während dessen geht es, wie es eben geht!   Ja, ja! es ist ein trauriges Lied, das Lied von den guten Freunden! XXXXIV O nein, es ist nicht die ›Gleichgültigkeit des großen Publikums‹, wie es immer heißt, an der so vieles scheitert und zu Grund geht und vielleicht gerade das Beste!   Wir wollen einmal ehrlich sein: die Gleichgültigkeit des großen Publikums ist jedem ganz gleichgültig, so lang er zu den Strebenden gehört ... es ist die Gleichgültigkeit und innere Unfreude der guten Freunde ... es ist der versteckte Widerwille so und so viel verfahrener Ritter und Zaunkönige, die zu einem gleichen Ziele träumen ... es ist die lautlos heimliche Gegnerschaft all der hundert kleinen Duodezgenies männlichen, weiblichen und sächlichen Geschlechts, die von den täglichen und wöchentlichen Lokalanzeigern allerorten in die Welt gesetzt und großgepäppelt werden!   Unsichtbar und unfaßbar steht es an allen Ecken und sperrt den Weg: was ich nicht selbst kann, sollst auch du nicht können! XXXXV Aber ... anstatt sich Mühe zu geben, anstatt sich vor sich selbst eine Berechtigung zu erwerben, mitzureden ... anstatt sich erst als Mensch durchzuklären durch all den Wust und Wirrwarr und sich ein festes Bild der Welt zu schaffen, und wär es nur in Umrissen ... setzt es sich hin und schmiert darauf los ... Gedichte, Novellen, Romane, Theaterstücke und nennt sich Künstler, Dichter! und läßt sich von andern so nennen und feiern und mit Kränzen begrüßen ... ohne ... ohne auch nur eine Sekunde lang dabei rot zu werden!   Wie kommt das dazu? wer erlaubt ihm das?! wer gibt so was ein Recht: mit ungewaschenen Händen nach der höchsten Krone zu greifen, die der Mensch zu vergeben hat?! Finger weg! Himmeldonnerwetter: ein Buch ist keine Spielerei! ein Buch ist eine Verantwortung!! und wie kommen unsere Zeitungen dazu, von all diesem Schund und Plunder wie von Kunst zu reden!!   Mein Gott, ich habe doch auch schon allerlei gemacht, aber ich maße mir noch lange nicht an, mich deshalb Dichter zu nennen! Dichter-sein ist schwerer, als Gedichte und Novellen und Theaterstücke schreiben! und hat vielleicht gar nichts damit zu tun! Aber freilich: Mensch und Dichter ist ja zweierlei! und man kann ein sehr kleiner Mensch und doch ein genialer Dichter sein!   Woher kommen all solch sonderbare Sätze ... die gar nicht in die Zeit gehören, die in ganz entgegengesetzter Richtung laufen, nach denen trotzdem aber jeder wie nach festen Maßstäben mißt und urteilt? ... und es ließe sich ein ganzes Buch solcher Kuckuckseierlinge zusammenfinden! Wie entsteht dergleichen? wie gewinnt so etwas Boden und Ausbreitung? und wie hält es sich? mitten unter völlig anderen Lebensbedingungen? Es ist wie falsches Geld: wer nachprüft, erkennt es! aber niemand will daran verlieren, und so wandert es schweigend von Hand zu Hand! Warum aber wird es nicht von Staats wegen eingezogen und umgeprägt?! wenn ein Finanzminister in seinem Lande eine solche Wirtschaft litte, würde er gehenkt! XXXXVI Von Hannie Du bist ein furchtbarer Mensch! die halbe Nacht hast du mich gekostet! und rot geworden bin ich deinetwegen wie in meinem ganzen Leben noch nicht: Denke dir, gestern Abend, wir hatten eben Leuthold vor, und ich plauderte darüber mit Frau von Dreiweg ... kommt Hella: ob ich ›Sprüche eines Steinklopfers‹ kenne, von Jost Seyfried? und hält mir einen weiß gebundenen Band entgegen. Bei Sägefelds seien sie alle begeistert. Lise habe es von ihrem Bräutigam geschenkt bekommen! Das ganze Herz stand mir still und das Blut schoß mir ins Gesicht wie einem Schulmädchen, das man auf einer Dummheit ertappt hat!   Nach dem Essen mußte ich dann vorlesen! ich verhaspelte mich aber derart, daß ich mich schließlich mit Kopfweh herauslügen mußte! Zu dumm! Ob ich was von dir wüßte! und wo du lebtest? Ich sagte: ja! hier! ich kennte dich sogar! du wärest vor Jahren einmal bei meinem Vater gewesen! Was du sonst geschrieben? und warum ich noch nie etwas von dir gesagt hätte? Dann las Hella noch und dreimal besser als ich! und ich saß und hätte am liebsten laut aufgeweint! so stolz ich auch darüber war! Gemerkt hat niemand was! aber ich ärgere mich trotzdem, daß ich mich so überraschen ließ und daß man es sich immer mit irgend einer Angst verderben muß, wenn einmal was Schönes wäre! Zu Haus, im Bett kam es dann. Ich weiß nicht, warum! Zank nicht! ich glaube, es war bloße Freude! Hast du gegen sechs Zeit, dann komm in unsere kleine Konditorei, und ich erzähl weiter! Ich schicke mit Rohrpost, dann kriegst du alles noch zum Frühstück. Es war sehr schön! sehr! irgendwo freilich steht eine leise Traurigkeit! aber eine helle Stunde so ist eben doch höheres Leben und ... ich danke dir dafür! und küsse dich und ... wir wollen uns nicht unterkriegen lassen, Liebster, gelt?! von nichts! XXXXVII Von Hannie Hast du noch was tun können? Hast du noch ein paar Gedanken gehabt? Den Aufsatz, von dem du sagtest, laß lieber! gerade wenn dir an der Sache selber liegt. Dank hättest du doch nicht davon und es hat keinen Zweck, immer für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, laß sie sich selber die Finger verbrennen. Dir hilft auch keiner!   Ich malte mir unterwegs noch aus, wie es gewesen wäre, wenn ich Frau von Dreiweg gesagt hätte: Ja, ich kenne ihn! er ist auch als Mensch soweit ganz vernünftig und auch liebenswürdig, wenn er gerade bei guter Laune. In der letzten Zeit freilich haperte es damit. Er ist ein bißchen verdrießlich und zappelig geworden und meint immer: jeder andere wisse und könne dreimal mehr als er, und jedes dumme Buch, das in einem Schaufenster liege, sei wichtiger, als was er selber mache! und so quält er an sich herum und wer sich selber quält, quält auch andere! Aber im ganzen gehört er dennoch zu den ›besseren Menschen‹, wenn man ihn zu nehmen weiß und machen läßt und Vertrauen hat!   Er ist ein bißchen Sonderling, und es dauert lange, bis man ihm näher kommt. Er ist wie ein altes Schloß, in dem alles sorglich verdeckt und zugehängt ist, und Fremde bekommen überhaupt nichts zu sehen als die äußeren Vor- und Veranda-Zimmer ... höchstens daß er für den einen oder andern einmal eine ... Kuriosität herbeiholt! Erst, wenn er fühlt und weiß, daß er es nicht mit bloßer Neugier zu tun hat, schließt er ein paar Türen auf und schlägt da oder dort einen Fensterladen zurück!   Aber ich ... ich kriege jeden Morgen Blumen, so schön als es gibt! und darf durch alle Säle gehen, wann und wie ich will, und alle Vorhänge abnehmen und mich freuen an all den stillen Schätzen und Köstlichkeiten überall und darf auf die Türme klettern und im Park sitzen und Blumen pflücken ... ich darf nur sagen, was ich will, und alle Diener stehen mir zur Verfügung ... Ich ... ich bin die Königin, der da gehört, was er hat! und all das Schöne, das er findet und zusammenträgt, ich weiß es immer lange schon voraus! ich ... bins, die mithelfen darf und für die er macht, was er macht! ich ... bin seine Liebste! und im Sommer, wenn der Park ums Schloß voll Rosen steht ... wird Hochzeit gefeiert! Was meinst du, wie sie alle staunen würden: wenn ich plötzlich mit einer Krone in der Hand vor ihnen stünde!? ich glaube: sie glaubtens gar nicht! XXXXVIII Ein Hoch auf die Königin! und auf den Sommer, da die Rosen blühn             und Tal und Wald und Welt entlang Jubellieder und Glockenklang und tief in stillen Mitternächten tief im Park ums alte Schloß tausend Nachtigallen schlagen und die alten goldenen Sagen aus verschollenen Kindertagen leben-jauchzend auferstehn! Ein Hoch ... auf die Königin! ...       und auf den Sommer,       da die Rosen blühn! XXXXIX Von Hannie Vielleicht aber wär es doch schön! Sie würden dich einladen, und man hätte dann und wann eine Art Heimat und brauchte sich nicht immer hintenherum zu drücken und in Wirtshäusern zu sitzen, unter tausend fremden Menschen ... irgendeiner und irgendeine ... Null unter Nullen ... man wäre der und der und die und die und hätte sein Gesicht! und dürfte stolz aufeinander sein! und vielleicht käme auch sonst etwas für dich dabei heraus! Sie haben nach allen Seiten hin Beziehungen durch ihre Kunstanstalt und eine Menge Freunde und Menschen, die einem vielleicht von Wert sein könnten. Nein, es ist doch besser: nichts zu sagen! ich habs mir heute Nacht noch überlegt. So gern ich sie habe, und so freundlich sie sind ... wir wollen unsere Liebe lieber für uns behalten ... in aller Stille! Ich fürchte, weißt du ... von Dreiwegs würden natürlich so und so viel andere davon hören, und wenn die Leute so was wissen, so reden sie darüber und fragen und fragen, wie sie eben fragen und wie man vielleicht selber früge! und ... und trotz aller Vorsicht ist auf einmal ein Sprung da, und niemand weiß woher!   Man soll sein Allerheiligstes verschließen! du hast Recht! man soll Kindern keine Kostbarkeiten zum Spielen geben! Kinder sind Kinder und müssen zerbrechen, was ihnen Freude macht!   Und dann ... nein! nein! Sie wollen Taten sehen und begreifen dies und jenes nicht und wundern sich: warum wir nicht heiraten! warum ... ja warum du nicht einmal einen Roman oder ein Stück schreibest wie der oder der! Sie würden uns als höchstes Ziel hinstellen, worüber wir längst hinaus sind ... was längst hinter uns liegt ... mit Herzblut bezahlt! ... sie würden uns zurückzerren wollen in überwundene Kämpfe ... und ... nein! nein, Liebster! wir wollen unsere Liebe für uns behalten! Im Gegenteil! wir wollen sie lieber noch mehr verstecken! wir wollen sie vergraben ... ganz tief ... draußen im Park ... und Rosen darüber pflanzen ... Und wenn sie dann kommen und stehen bleiben und staunen über ihre Pracht ... niemand soll wissen, was darunter vergraben liegt! Es ist besser so! es ist besser so! XXXXX Ja ja, Hannie! du bist immer wieder doch mein altes, liebes, kluges, tapferes, wachsames Mädel! du hast Recht! Hüt vor dem Alltag, was du Heiliges hast! er verstaubt es dir! er macht dirs zu Leid mit seinem Neid! er macht dirs zu Last! Hüt vor dem Alltag, was du Heiliges hast! Aber ... aber ... das alles sind nur immer neue Mauern! und man kommt immer weniger heraus aus all der Schwere ... o mein Gott! und ich hab es so satt, dieses ewige: mich und dich Versteckenmüssen! dieses ewige: Duck dich! duck dich! duck dich! Anstatt dreinhauen zu dürfen! einmal nur! Ich möchte ... ich sein ... endlich! und du sollst du sein dürfen!   Aber ... es ist schon unser ›Schicksal‹: alles immer vergraben zu müssen und gerade unser Bestes! wir kommen nicht los davon! Und ich fürchte bloß, Hannie: wenn es dennoch eines Tags wird, daß wir endlich Kranz und Schmuck anlegen dürfen ... dann haben wir ihn so tief vergraben und sind so weit weg davon, Hannie, und die Rosen, die wir darüber pflanzten, sind so verwelkt, daß wir gar nicht mehr zurückfinden! oder ... wenn ... dann hat die alte Diebin, die alle betrügt, uns darum bestohlen, und Rost und Würmer haben seinen Glanz gebrochen!   Aber ... seis drum! seis drum! ... Es soll uns niemand weinen sehen, Hannie, gelt?!   Wir wollen lachen ... und mit Lachen uns aus Eisen eine noch viel stolzere Krone schmieden! Eisen ist ... ehrlicher als Gold! ... und: ›Lieder eines Schwertschmieds‹ soll das nächste Bändchen heißen ... und dann: ›Tor auf‹! Jost Seyfried. Zweites Buch »Sturmbruch« A uch das, sieh, darfst du dir nicht nehmen lassen vom Kampf des Tages und von seinen Sorgen: dann und wann ein stilles Säumen-, stilles Traumenkönnen an blühenden Hecken hin und Feld und Wald entlang ... und wärs auch nur für eine kurze halbe Stunde am Abend, eh die Sonne untergeht ... hoch auf der Haide draußen ... Hand in Hand mit einem Menschen, den du lieb hast und zu dem du nichts zu reden weiter brauchst, als sieh, da drüben! oder: dort! und hier! und der dich doch versteht und alles weiß und mit dir froh ist ohne viele Worte! ... am Abend, eh die Sonne untergeht! I Wir sind zu alt geworden, wir müssen wieder jung werden, Liebste! dieses ewige Warten-müssen hat uns ängstlich gemacht! und ängstlich-werden ist alt-werden! dieses Warten- und Zurückhalten-müssen, dieses: nie sein dürfen, wie man möchte! wie man ist! wir waren fröhlicher früher und ... es ging uns viel schlechter! und wenn es einmal geht, wie wir immer möchten, Hannie? ich weiß nicht ... ich weiß nicht ... Es sind unsere Wünsche, die uns elend machen und undankbar gegen das Erreichte! und unsere Angst um sie untergräbt uns die Zuversicht! und Zuversicht haben sie leben!   Wir waren fröhlicher früher ... und freudiger! trotz allen Sorgen! wir lachten über sie, wie man über Dinge lacht, die da sind, aber gar nicht in Frage weiter kommen! wie Kinder, denen man ab und zu ein gutes Wort gibt, die aber im Kinderzimmer zu bleiben haben, bis man ruft ... und nun ... nun sind sie plötzlich groß geworden und wollen mit am Tisch sitzen, mitreden, mitentscheiden! und wollen, daß man Rücksicht auf sie nimmt, daß man sich nach ihnen richtet und das und das ihretwegen tue: sie seien die Hauptsache! nicht wir! und es sei unsere Pflicht ... es sei unsere Pflicht! ...... Pflicht!! .........   Wir sind zu alt geworden! wir müssen wieder jünger werden, Liebste! II Ich möchte wieder einmal lachen ... ich hab so lange nicht gelacht! ... und fröhliche Menschen sehn und fröhlich sein! und aus dem ewigen Papier heraus, in dem man sitzt! leben! leben! eine Stunde Fröhlichkeit ist mehr als dieser ganze Plunder! Hast du Zeit? hast du Lust? einmal leichtsinnig zu sein und mithinauszufahren ins Grüne ... und Wein zu trinken und zu lachen?!   Sag ja! sag ja, Liebste! und komm! und red nicht von vernünftig sein und sparen! Wir sind immer vernünftig gewesen! wir haben immer gespart ... und nichts dabei gewonnen! ich will es einmal haben, wie es andre haben! und sein, wie andre sind! ich will nicht an morgen denken! morgen soll für sich selber sorgen! ich will lustig sein und Wein trinken und lachen und aus dem ewigen Papier heraus, in dem man erstickt! leben! ein Mal, ein Mal, Hannie?! III Geld!? Geld!? und immer, immer wieder: Geld! Geld! mein Gott! ist Geld denn wirklich alles ?! und wenn ... was nutzen fünfzig Mark im Monat mehr, wenn der innere Mensch zerrieben und kaputt ist, bis er dieser ... fünfzig Mark sich freuen darf!   Wir haben auf so viel schon verzichtet, Hannie ... freiwillig! weil wir zu stolz waren, uns schenken zu lassen oder zu nehmen, was uns nicht zustand vor uns selber ... weil wir es sauber um uns haben wollten ... wir haben so viel Rosen ungebrochen verblühen, so viel schöne Tage ungenossen verrinnen lassen ... um sagen zu können: seht, man kann auch das! ... aber ... ich mag nicht mehr! ich will auch mein Teil vom Leben haben endlich! verdient oder unverdient! sauber oder nichtsauber! Ich habe alles immer allen anderen gelassen: Freude, Liebe, Ehre, Anerkennung, Geld! und habe dabeigestanden ... ohne Murren und ... ohne Neid ... ohne Neid, Hannie! und das ist das Schwerste! Ja, ich habe mit geholfen, wenn ich konnte, und mich gefreut, wenns einem glückte! ... ich will nun endlich aber auch mein Teil! ich will auch endlich an den Tisch! ich habe auch Hunger allmählich! ich bin nicht weniger als andre! ich mag nicht mehr warten und am Boden liegen ... ich will auf und ... fliegen! und du, Liebste, flieg mit! ... und laß es werden, wie es früher war ...   Sieh ... es verkrüppelt alles in mir, wenn du immer wieder mit Dingen kommst, gegen die ich so machtlos bin, weil der Hausknecht in mir sagt: du habest recht! du hast ja recht! ich weiß! ich sag es selber! aber ... komm lieber doch einmal mit Dingen, bei denen dir ... der in mir zustimmt, der eben doch Herr ist, trotz allem! und eines Tags doch eben Sieger sein wird! er dankt dirs mehr und königlicher, als er heut den Mut hat, dir zu sagen!   Und wenn du's Leichtsinn nennen willst, dann nenn es so! doch lach dazu! denn sieh: das bißchen ›Leichtsinn‹, das ich habe dann ... es ist mein Bestes ... meine ganze Kunst vielleicht! es sind meine Flügel, und ich lasse sie schon selbst nicht übermütig werden! ich stutze sie schon selbst mir oft genug! aber sie wachsen immer wieder nach! und ... Gott sei Dank, daß sie es tun! Sie müssen mich tragen und dich mit! und ich hoff: ein bißchen weiter, als wohin Herr Hinz und Kunz und Hans und Gans an ihrem Nachmittagspaziergang kommen! IV Nun läßt du mich auch Sonntags noch allein! und so ein einsamer Sonntag ist so entsetzlich! Ich stand lange auf dem Lützowplatz ... alle Fenster hell erleuchtet ... und dachte mir aus, wie du da oben säßest, neben irgend einem Frack, der dich mit Schmeicheleien unterhielte und dir seine Ansichten über Kunst und Literatur vortrüge ... es muß aber langweilig gewesen sein dann wurde gespielt ... Beethoven ... mir war als müssest du es sein! ... bis ich wie ein kleiner Junge zu weinen anfing und in die Nacht hineinlief.   Weißt du, laß dich Sonntags nicht mehr einladen! Wochentags, so oft es sein muß, den Sonntag aber, Liebste, laß uns gehören! So ein einsamer Sonntag bricht einem jeden Glauben, ob man will oder nicht!   Ich war zu Hause und arbeitete. Mit einem Ruck aber war plötzlich alles wie abgeschnitten, und die Stille des Zimmers fing an zu singen, wie Grillen singen, immer lauter und lauter ... und ich rannte weg ... dem bißchen Sonne nach, das noch über die Dächer flimmerte!   Doch wohin man sieht: der armseligste Kerl hat Weib und Kind, die mit ihm Sonntag machen und vergnügt sind, einerlei: wie! und betrachtet es, als sein allererstes selbstverständlichstes Recht: Weib und Kind zu haben ... und unsereiner steht da ... eine Welt von Seligkeit in der Brust ... und das Herz voll Sehnsucht und ... hat es nicht und kann es nicht! und breitet die Arme aus und greift ins Leere!! O Kunst! o Kunst!! V Sieh, meine Seele ist ein töricht Kind! sie ist so einsam und allein inmitten des Gewühls, das um sie her, und sehnt nach Ausruhn sich mitunter und nach einem Menschen, o! vor dem sie sein darf, wie sie ist, waffenlos und ohne Arg und Aber ... nach einem Menschen, dem sie plaudern darf, was sie bewegt, ohne Angst, verlacht zu werden ... töricht froh und töricht traurig ... wie ein Kind zu seiner Mutter tausend dumme Dinge plaudert ... und will zu dir! du sollst es sein und niemand anders!   O komm und geh auf ihr Geplauder ein und hör ihr zu und hab sie lieb, auch wenn sie noch so kleinlaut manchmal und verzagt ... sie ist es ja nur deinetwegen ... und sag ihr ein paar gute Worte und sei freundlich! ein sorgenvoll Gesicht geht wochenlang ihr nach und macht sie nur noch ängstlicher und scheuer und entfremdet dich ihr! Kinder haben kein Verständnis für Sorgen! und ... sie ist doch unser Kind ... ein Stück von mir, ein Stück von dir! und will doch keine Freude haben ohne dich! VI War es nicht wunderschön wieder, sag! in unserem alten Grunewald? und ist es nicht immer wieder wunderschön, so oft wir nun schon da waren?! Weißt du noch, das allererste Mal? mit deinem Vater, eines Samstag nachmittags? und wie unverbaut und frei und offen damals alles noch? und ... wie wir am See entlang gingen, über die Brücke, und wie dein Vater sagte, wie schön es wäre, hier ein Häuschen zu haben! und wie wir aussuchten, wo es stehen müsse und wo es die meiste Sonne hätte ... Ich glaube, es war wirklich mehr als bloßer Wunsch, ich glaube es war eine Lebenswurzel wie bei meinem eigenen Vater auch: irgendwo auf einer Höhe ein Häuschen zu haben ... nicht groß! nicht köstlich! nicht aus Besitzsucht! nur um einen festen Punkt zu wissen und von ihm aus dann Wege zu schaffen. Doch dann kam die Bürgschaftsgeschichte und er starb. Und mit einem Mal dann wurden Straßen und Grundstücke abgesteckt und man begann zu bauen, und Villa um Villa schoß empor, und wir ... wir standen und ... freuten uns, wie prächtig es wurde ... ohne Neid! und ... träumten vielleicht auch, was er träumte! ... doch nun ... nun ist alles abgegittert und abgezäunt und gesperrt und gehört andern, und man kann nirgends mehr hinein und muß auf der Straße für alle bleiben oder eben weitergehen und suchen, ob man anderswo ein Fleckchen findet ... VII Ach ja, es muß schön sein, Hannie: in silberner oder goldener Wiege auf diese Welt geboren zu werden und von vornherein so hinausgehoben zu sein über den ganzen Jammer: jeden Tag von vorn anzufangen! jeden Tag aufs neue sich immer erst das Eisen graben zu müssen, um das Schwert zu schmieden, mit dem man siegen möchte!   O es muß schön sein: mit unverbrauchter Kraft in Morgenfrühe in den Kampf reiten zu können! VIII Du hast ganz recht, gewiß: Man braucht nur die Frau anzusehn, die einer hat, um zu wissen, wie weit er es bringt! der Mann kommt immer auf die Höhe der Frau! Du hast ganz recht! obgleich ... obgleich ... es sind natürlich immer hundert wechselnde Momente, die in Frage kommen, und jedem Fall seine besondere Farbe geben ... doch im allgemeinen wird es stimmen: der Mann hebt die Frau zunächst auf seine Höhe und sinkt dann auf die ihre!   Aber merk dir deinen Satz ebenfalls, Liebste! Es ist eine ungeheure Verantwortung, die du der Frau damit zuwirfst! hast du das erwogen? und ... du weißt doch: die Verantwortung haben heißt: Herr sein! Herr sein aber heißt nicht: sich bedienen lassen und befehlen können und sich schön anziehen und spazieren gehen! Herr sein heißt: hart sein können gegen sich selbst und Tag und Nacht wach sein und nie müde werden! Herr sein heißt: am Steuer stehen und jede Tiefe und Untiefe erkennen und jeden Zufall blitzschnell in die Zügel zwingen und schuld sein an allem, das geschieht, ob Glück, ob Unglück, bis aufs kleinste! hast du das erwogen?! und ... will die Frau eine solche Verantwortung? und wenn sie will ... ist sie reif dazu? und ist ihr Auge allezeit so ruhig, unbeirrt und klar, daß es weiter sieht als von heute auf morgen und übermorgen? Um bloßes Wissen handelt es sich nicht, das lernt sich schnell! und kann sie sich auf ihr Herz, kann sie auf ihre Hand sich so verlassen in jedem Augenblick, daß sie nicht zittert, wenn es zu entscheiden gilt?! und zu entscheiden über Leben und Tod vielleicht?!   Und wenn das alles ... weiß sie, daß sie damit verzichtet dann auf das, was bisher vielleicht ihre schönste Krone war! Du hast mich falsch verstanden. Die Frau soll nicht Dienerin sein, sondern Helferin werden. Und man sollte alle Tore und Türen für sie aufmachen! Sie selber aber sollte, was sie voraus hat, nicht so willkürlich preisgeben und nie vergessen, daß auch der Mann nicht ernten kann, bevor er gepflügt und gesät und geeggt hat und ... bevor es gewachsen ist! IX Ich möchte ›Herzblut‹ wieder aufnehmen ... vielleicht läßt sich doch noch etwas herausarbeiten ... ein paar Szenen wenigstens! Es liegt mir überall im Weg und ich komme nicht weiter und bin so wie so im Rückstand! kaum mehr einzuholen weit! Man hatte eben immer alle Hände voll zu tun, nur um sich die notwendigsten Vorbedingungen zu schaffen und das bißchen äußere Leben in Ordnung zu bringen!   So, wie es ist, kann es allerdings kaum mehr bleiben! es ist zu laut! ich habe keine Freude mehr an all dem Lärm! Unser ganzes Schauspiel freilich ist ja immer noch bloß Kasperletheater! Was die Menschen tun, ist einerlei! Empfindungen und Gedanken wiegen schwerer als Taten und tragen weiter! Taten sind nur äußere Erledigungen! Des Menschen Seele muß endlich die Bühne werden. Markt- und Straßen- und Wirtshausereignisse und Ehegebrechen und Kleine-Leute-Begebenheiten haben wir wahrhaftig nun genug! X Aber Hannie! Liebste! Mädel! Kind! Kind! dich von Zeitungsbesprechungen verdrießlich machen zu lassen! schäm dich! Was tut es denn, wenn sie das und das und das schlecht finden?! ich mache doch, was mir gefällt! was mir Bedürfnis ist! ich dichte doch nicht für die Bedürfnisse meiner Rezensenten! Und wenn sie von ›didaktisch‹ reden, so belegt das ja doch nur, wie wenig sich die Leute von ihren Schulbegriffen losdenken können und wie wenig sie auf den Grund empfinden! und wenn sie mich ›Schulmeister‹ nennen ... ich will mich gerne so nennen lassen! Zu einem rechten Schulmeister gehört nämlich ganz viel und vor allem, daß man drüber steht und weiß: was man will ! und wenn sie sagen: das ganze Buch enthalte kaum einen neuen Gedanken ... ein bißchen Sehnsucht, ein bißchen Sonne, ein bißchen Leid, ein bißchen Freud und recht ... einfach und bescheiden! ja, du lieber Gott, Hannie, dann ... lacht man und lacht noch einmal und legts bei Seite und nimmt ein Stückchen Kreide und schreibt so groß, als es irgend geht, an die Tafel: Es ist ein wahres Glück, daß man nicht auch noch für seine Rezensenten verantwortlich zu sein braucht! ›Neue Gedanken‹! was heißt ›neue Gedanken‹?! was wäre denn neu?! und ... sind die Menschen mit dem Alten denn so durch, wirklich so durch, daß sie die Berechtigung hätten, derart immer nach ›Neuem‹ zu schreien, wie es geschieht?! Was ist denn Kunst? ... und ist der Künstler denn für das Publikum da oder das Publikum für ihn? zum Donnerwetter! Handwerker gibt es doch genug!   Ich habe bisher gemacht, was mir Freude machte, und gedenke, es auch weiter so zu halten! Außerdem aber: ich glaube, man muß, um sich den Boden vorzuschaffen: wirklich erst eine Zeitlang Schulmeister gewesen sein! still oder laut! ich glaube, man muß es sogar auch zwischenhinein immer wieder einmal sein, wenn man immer wieder Dichter sein will! die Füße sinds, die Kopf und Herz den Berg hinaufbringen müssen! XI Was war denn heute? so zwischen vier und fünf? Eine Unruhe ... daß ich schließlich aufsprang und in die Stadt fuhr ... Nicht, nach dir zu suchen ... man findet dann nie! bloß: Leben um mich zu haben, und zu denken, irgendwo bist du vielleicht dabei! Und richtig, um halb sechs etwa, zuckte es, und ich entdeckte vom Omnibus herunter deinen Hut, mit den gräßlichen roten Kirschen ... und ging dann die ganze Potsdamerstraße lang hinter dir her ... und du hast nichts gemerkt, Liebste! so nah ich mitunter war! Beichte einmal, an wen und was du den ganzen Weg gedacht hast! Ich wollte dir zuerst Guten-Tag sagen, aber es war so nett, so hinter dir drein zu gehen und mitten in all dem Menschengetriebe jemand zu wissen, der mir gehörte und so aufrecht und leicht und schlank und jung und fröhlich dahinschritt ... An der Brücke bliebest du plötzlich stehen, und sahest dich um, wie man sich umsieht, wenn man meint, seinen Namen gehört zu haben und nicht weiß woher ... und ich lauerte hinter der Litfaßsäule und lachte ... und ... am Kanal dann kam ein junges Mädel auf dich zu, in weißem Kleid und mit Rosen in der Hand ... war das Hella? ... und ihr bogt nach der Potsdamerstraße zurück ... Bis ich aber nachkam, hatten mir die vielen Menschen euch genommen. XII Es ist wieder, als ob ein Falke in den Wolken stünde. Ich seh ihn nicht, aber alles ist unruhig und flattert auseinander und duckt sich ins Gebüsch!   Es war nur der schöne Gewittersturm der letzten Tage, der mir die Seele hob! Es ist immer nur die Sonne ... es ist immer nur Sturm, der einen trägt ... und man vermeint ... Flügel zu haben!   Man kann eben doch nichts! Nicht mehr wenigstens, als andere auch ... und vor allem nicht so viel, als man möchte! und es wäre auch noch einerlei, wenn man den alten Kinderglauben hätte: daß man nichts dazu kann, wenn man nichts kann! daß alles eben Sache angeborener Begabung! Aber ich habe diesen Glauben nicht an dies Gottesgnadentum des Genies ... und hab ihn nie gehabt!   Es mag schöner sein und höher stimmen, es mag einen selbst mehr heiligen: sich göttlicher Herkunft und von Gott gesandt zu nennen ... es gab ja Zeiten, da Prophet wie König sich darauf berufen mußten , wenn sie sich Gehör und Geltung schaffen wollten ... die Menschen verlangten es von ihnen: von Gott gesandt zu sein! und ihre Unselbständigkeit gab ihnen ein gewisses gutes Recht dazu! und wems genügt, an solche Dinge so zu glauben, der mag dran glauben ... wie an hundert andere Symbole und mag so wörtlich alles nehmen, wie ein Kind die Märchen, die wir ihm erzählen ... Aber: entweder ... oder: gibt es keinen König mehr von Gottes Gnaden, gibt es auch kein Genie von Gottes Gnaden mehr! Wörtlich oder symbolisch! Es mag ja höher stimmen, sich vor allen andern als berufen und als auserwählt zu fühlen, noch höher aber, mein ich, trüge es, zu sagen: Was ich bin, ich bins von meines eigenen Willens Gnaden! und was ich kann, kann jeder, wenn er will und wenn er sich die Mühe nimmt, die ich mir nahm! Selbstverständlich nicht von heut auf morgen! Ein jeglich Ding braucht seine Zeit, zu werden, und wo sich niemand je die Arbeit machte, vorzusorgen, wo niemand säte, wird auch niemals niemand ernten! Vorsorge allein freilich tuts nicht! Es sorgen viele vor und doch vergeblich ... zum letzten Gipfel trägt nur eigene Mühe! XIII Von Hannie Man kann wohl was! man kann wohl was! man sollte es sich nur nicht so mutwillig schwer machen! aber man sitzt und grübelt wieder einmal alle Wände durch, wie mir scheint, und denkt alles auseinander, anstatt zusammen. Du hast mir selbst gesagt: es gäbe nichts Gefährlicheres! und ich solle sofort Lärm machen, wenn ich dich bei dergleichen ertappe! Weniger denken, mehr dichten! Man kann so viel wie andere und ein Erkleckliches mehr, wenns darauf ankommt! Man ist von Gottes Gnaden! In allem Ernst: Jost, sei lieb und versprich mir endlich, dich nicht so zu zerreiben! Es kann doch so nicht weitergehen! ich will am Ende auch nicht bloß ein Häufchen abgehaspelter Nerven! ich möchte auch noch was vom Leben haben und mit dir zusammen, nicht allein! Allein hab ich genug von ihm gehabt, weiß Gott! Also! Man kann schon was! Denk doch nur an all die schönen Briefe, die du schon bekommen! und wenn man schreibt ... wildfremde Menschen: jedes deiner Gedichte sei ihm ein guter lieber Freund geworden und du seiest immer mitten unter ihnen! Was willst du mehr? sei stolz! man ist von Gottes Gnaden!   Frau von Dreiweg hat sich nun alle deine Bücher kommen lassen. Sie sagte gestern Abend: deine Gedichte müßten eigentlich auf jedem Tische liegen oder, noch besser, man müßte sie wie Bilder einrahmen und an die Wand hängen, um sie jeden Augenblick wie stille Wegweiser vor sich zu haben! Man kann schon was! XIV Hannie! Liebste! eine Stunde, in der wir zusammen sein könnten! wo hast du deinen Kopf, Mädel?   Ein Brief ist überhaupt erst geschrieben, wenn er im Schalter liegt! merk dir das! ... wie ... ein Buch erst, wenn es gedruckt ist! ein Rafael ohne Arme ist kein Rafael, mag er ein noch so großer Künstler sein! ...   Im letzten Grunde freilich sind wir alle Rafaele ohne Arme ... und nicht bloß unserer Kunst, dem ganzen Leben gegenüber! Alle und immer und überall! Woller und Möchter! anstatt Könner! Mir selbst aber will ich über den Schreibtisch hängen:   Es kommt nicht darauf an, was man will ... es kommt nicht darauf an, was man kann ... es kommt darauf an, was man durchzusetzen, was man zu Tat umzuschaffen vermag! und wie und zu welchem Ziel! Was man will, wollen hundert andere auch! was man kann, können hundert andere vielleicht noch besser! was man möglich macht, entscheidet! Richte dich darnach! dein Leben! deine Kunst! Trotz alledem doch ... und wenn man könnte, was Goethe konnte: Der Dichter kann nur Kompaß sein und weiter nicht! was er vermag, ist immer nur: einen Klang anklingen, eine Richtung nennen, einen Weg sagen, er kann auch noch ein Stückchen mitgehen allenfalls, durchtragen aber, erfüllen, wahr machen ... muß alles jeder für sich selbst im Rahmen seines eigenen Lebens! XV Wenn ich sage: der Schaffende schafft nur sich und kann gar nicht anders! so werden Fünfzig von Fünfzig ohne weiteres zustimmen! Wenn ich aber weiter sage: es sei sinnlos, den Menschen vom Künstler trennen zu wollen! so werden Fünfundzwanzig von den Fünfzig den Kopf schütteln: man müsse das auseinanderhalten! das sei zweierlei! Wenn ich dann noch weiter sage: wer als Mensch nichts wert, sei auch als Künstler nichts wert! so werden die Fünfzig brüllen wie hundert: man könne ein großer Dichter sein und ein ganz kleiner Mensch! ... das habe nichts miteinander zu tun! also jede Literaturgeschichte auf jeder Seite zur Genüge beweise! und dann ... bin ich wieder einmal ›derjenige, welcher‹ ... und schweige! XVI Es ist bloß Technik, was die Kunst vermag, die sich ›Naturalismus‹ nennt, so wenigstens, wie sie sich gibt und liebt! darüber hinaus hat sie nichts geleistet und wird es auch nicht. Beschränkte Mittel schaffen nichts Unbeschränktes. Und wenn sie sich weniger diktatorisch geberdete und sich nicht als Alleinkunst ausriefe, könnte man sich dessen, das sie gab, nur freuen! Aber sie ist nicht der Anfang eines Neuen. Sie ist nicht entwicklungsfähig, sie ist nur variierbar. Und der Weg, den sie auf der Bühne nahm, ist nur das folgeklare Ende der großen Linie vom alten Königsdrama über das bürgerliche Schauspiel zu dem der Vorstadt und der Bauernstube. Schloß, Stadt, Vorstadt, Dorf ... hier hört es auf! und darüber hinaus kommt bloß noch Wiese, Feld, Wald, Wolken, Sonne ... das alte Urreich unseres Herrgotts! und unser Herrgott mag noch immer nicht gern mit sich und seinen Sachen Theater spielen lassen! wer sich daran freuen will, muß zu ihm kommen und sich so daran freuen können!   Und wenn sie immer und überall von ›Technik‹ reden und sie das Höchste nennen ... und wenn jeder auch etwas anderes darunter versteht ... was sie damit bewundern, gilt nie dem großen, sondern immer nur dem kleinen Wie! Daß dergleichen aber überschätzt wird, ist natürlich! die Gegenwart gehört immer der Technik ... seit sie den Turm zu Babel bauten! ... Äußerlich Mühevolleres scheint immer verdienstvoller! und vielleicht mit Recht! Spätere Jahre freilich fragen nicht nach Müh und Arbeit und ehren immer nur das höhere Ziel!   Es gab ja ganze Perioden so, in denen bloß Mühsam-Handwerkhaftes sogar als Höchstes galt: sorgfältig-saubere, zierlich-feine engumgrenzte Kleinarbeit ... und Jeder hat in seinem eigenen Leben solche Zeiten! ... doch es ist kein Schaffen aus dem Vollen! es sind Zeiten der Ermüdung, Zeiten, da man die Zuversicht verloren, das Große, das man träumte, zu erreichen.   Technik allein war nie Kunst! weder so, noch so! Technik ist kein Ziel! Technik ist etwas: das man können muß! und das dazu gehört! es mag noch so schwer sein! Und in ein paar Jahren schon wird man von dieser Zeit als von einer Sackgassenperiode reden und über den Lärm, den man schlug, und über die Kurzsichtigkeit, mit der man das eigene wirkliche Verdienst durch maßlose Übertreibung um seinen Wert brachte, lachen, wie man über Kinder lacht, die ihre Schule für Selbstzweck und Lesen und Schreibenlernen für eine weltumstürzende Sache halten! Freilich, gelernt haben muß man es auch einmal!   Und was die Zeitungen ›Symbolismus‹ nennen, das ist auch nur etwas, das man eben können muß und das dazu gehört ... wenn man sich überhaupt etwas darunter denken soll! XVII Wenn du mit diesen Dingen nun an den richtigen Mann gerätst, dann wird er einfallen: Gewiß! gewiß! aber die Begriffe sind in dieser Weise denn doch zu eng und äußerlich gefaßt. Die Theorien des ›Naturalismus‹ und des ›Symbolismus‹ spannen wesentlich weiter. Sie bilden sozusagen zwei Pole, zwei große einander berührende und vollendende Bogen, das eine ist gewissermaßen der atlantische, das andere der stille Ozean, und so weiter! dann sag ihm: Das sei sehr richtig! das wüßten wir auch! je kleiner die Tat, desto größer die Theorie! und wir hätten nichts dagegen einzuwenden! Theorieen seien uns in jeder Fassung heilig, denn wir seien gute Deutsche und sogar Schwaben! aber um die Theorieen handle es sich zunächst nicht, sondern um das, was als Tat vorliege! Er wird dann antworten: die Theorie aber sei das Entscheidende! sie habe das Ziel zu legen und die Gleichungen zu machen! ... dann laß ihn reden, denn mit einem Theoretiker ist in parlamentarischer Form selten fertig zu werden! oder sag ihm allenfalls noch: alle große Kunst sei immer naturalistisch gewesen! alle große Kunst sei aber auch immer symbolistisch gewesen! Genau wie der Mensch zwei Hände habe, eine rechte und eine linke. Über diesen zwei Händen aber habe er auch einen Kopf, und dieser Kopf eben sei ... die große Kunst! XVIII Zerfahren ... müde ... Fieber! wohin ich will, wohin ich denke, wohin ich fühle ... Bretterwände! und dahinter: Theorieen!   Ich grübelte am Roman herum ... ich möchte alles in einzelne Licht- und Schatten- und Farb- und Gedankenflecken auflösen ... es müßte dennoch aber als Ganzes wieder zusammengehen, wie sich Eichen, Buchen, Birken, Tannen zu einem Wald zusammenschließen ... aber ich finde keine Form, die Sache zu fassen!   Es müßte werden wie eine Landschaft, wie eine Stadt, von irgend einer Höhe her gesehen: im Hintergrund am Berg hinauf ein Schloßbau, Kirchtürme, Straßen und etliche hundert Häuser, so oder so, da oder dort, ab und zu ein paar grüne Bäume dazwischen ... jedes mit eigenem Leben, mit eigenen Fenstern, mit eigenem Giebel, wie es gerade gebaut wurde ... und doch nur ein hellerer oder dunklerer Punkt im Ganzen ...   und das Städtchen selbst wieder nur ein Stück der ganzen Landschaft, wenn man weiter oder höher geht ... denk an Heidelberg, wenn du willst, von überm Neckar drüben her gesehen ... aber ... ich finde keine Form! keine Form wenigstens, die weitertrüge! die aus sich selbst heraus immer neue, wechselnde Möglichkeiten zuließe, immer neue, andere und vielleicht größere und stolzere Städte zu bauen! Ich fühle, es gibt eine Lösung! doch wohinaus und wie? Alle Wünschelruten zucken, auf Schritt und Tritt ... aber wo ich suche und grabe, es ist immer umsonst! Klein-Däumlings Siebenmeilenstiefel wären am Ende besser!   Und ... es wird wieder nur ein Buch voll Unruhe und Sorge, und Kampf und Anklage ... ob man je einmal darüber hinauskommt? ich möchte so gerne immer nur lachen! aber ich darf nicht! das Leben will es nicht, noch immer nicht!   Was meinst du zu einem Titel: Sturmbruch? XIX Sieh, Liebste, das ist meine größte Angst: mich über mich selbst zu täuschen!   Vielleicht kann ich gar nicht, was du hoffst?! vielleicht kann ich gar nicht, was ich möchte?! vielleicht ist, was ich möchte, schon an sich verfehlt?! vielleicht ist alles, was ich bin und will und träume, was ich lache, was ich weine, nichts als Selbstbetrug und Überhebung?!   Die Welt umher lebt ein so anderes Leben!   Und wenn das kommt so und mir in die Seele greift ... sieh: Tag für Tag dann stehe ich auf meinem Söller, Nacht für Nacht, und luge, spähe und belaure, was geschieht, rundum, vom Kleinsten bis zum Größten, und hol es her und wäg es durch und zerquäle mich und messe mich ab an seinem Maße rücksichtslos: wo liegt, was aufwärts trägt? auf meinem Wege oder draußen auf den Wegen, die die andern gehn, mit Kling und Klang und wehenden Standarten?!   Man hat ja niemand, der einem die Wahrheit sagt! nicht einmal so weit, als er sie selbst vielleicht zu wissen meint! Tausend Freunde und nicht einen! ... Es sind alles Täuschungen, zwischen denen man lebt! Täuschungen mit freundlich lieben Augen, mit freundlich lieben Worten ... und doch nur eben Täuschungen!   O Hannie ... halte du wenigstens Wache, wenn ich müde werden sollte! XX So hatte ich mirs ausgedacht, als Schnee lag:   Wir führen, wenn es wieder Sommer wäre, dann und wann hinaus ins Grüne, nach Mittag oder gegen Abend ... ich nähme ein paar Verse mit, ein paar Gedanken oder ... Träume, und ... wir plauderten darüber, wie andere über ihre Dinge plaudern, und du nicktest und du lachtest und du sagtest: ja, das wäre schön! und so und so wär es vielleicht noch besser, noch einfacher und klarer und doch klingender ... und alle Türen sprängen auf und alle meine Quellen fingen an zu strömen, immer voller! und all die Berge um uns wichen auseinander und wir schritten wie in Maientagen Hand in Hand durch eine weite sonnenfrohe Welt ... und Kinder stünden an den Wegen in weißen Kleidern und mit Blumenkränzen und überall von allen Türmen wehten Fahnen! ...   Und solche Stunden wären wie ein sicherer Wall! sie wären wie ein Stückchen eigener Grund und Boden! ein fester Punkt! ein unverlierbar Glück!   Auch dieser Sommer aber geht zu Ende wieder und färbt sein Laub und läßt so arm uns wie wir immer waren ... vielleicht nur ärmer noch! ...   Doch ... ich will dir nicht das Herz schwer machen, Liebste! ich sag das alles nicht als Vorwurf! ich weiß ja selbst: es kann nicht sein ... und ... füge mich drein! es kommt nur eben dann und wann und packt mich ... wie mitten im August mitunter ein früher Herbststurm in die Wälder fällt, und was nicht feststeht, bricht und niederreißt!   Es hat nichts auf sich, mach dir keine Sorge! was fällt, fällt wohl! was Wurzelkraft hat, hält es durch! XXI So oft es klingelt ... so oft es klingelt ... du ... stehst ... nie ... draußen! so oft es klingelt! du nie! du nie!! immer nur andre! immer nur Fremde, die geholfen haben wollen! niemand, der auch mir einmal hülfe!   Und ich bin so mutterallein! wochaus, wochein! tagher, taghin! und all die Rosen in meinen Gärten müssen ungebrochen verblühn!   Ich hab es nie wie andere haben dürfen! es waren immer Peitschen hinter mir! und man sehnt sich auch einmal nach einem guten Wort! und möchte Schild und Schwert bei Seite legen ... ich habe immer aufrecht stehen müssen und nie ausruhn dürfen einmal oder Rast machen und glücklich sein! es waren immer Peitschen hinter mir!   Und ... mitunter ... ist es ... wie ein heimlich Weinen irgendwo: als wärest auch du, Hannie, nur ein Traum ......... wie meine Jugend, immer leiser werdend und immer ferner in die Ferne sinkend ... und ich habe nichts, ihn zurückzuzwingen und zu halten trotz allem Bemühn ... und all die Rosen in meinen Gärten müssen ungebrochen verblühn! XXII Nacht ... Mitternacht ... Vollmond ... Straßen, Gärten, Höfe ... in silberweichem Licht und tiefen blauen Schatten ... wie auf vergessenen Kinderbildern ... schlafend und träumend! ...   Lautlos trete ich ins Zimmer, um nichts zu wecken, und bleibe stehn ... inmitten seiner schweigenden Dinge und setze mich in eine Ecke ... und sehe zu, wie alles träumt ... und ... träume mit ...   Das ist mein Leben: dieses stille monddurchdämmerte Zimmer ... verblichene Bilder an der Wand, und Bücher ... ein kleines Sofa in der Ecke ... Zinnkrüge und Leuchter ... am Fenster ein Schreibtisch ... Vater und Mutter darüber ... und die Wand hin ... Bücher und Bilder! ...   Das ist alles, was ich mir erwarb! Bücher ... und Bilder! ...   Leise spielt der Mond durch die Gardinen ... und bleibt an einem welken Rosenkranze hängen über einem Blatt in weißem Rahmen ... ja, ich weiß es noch, so lang es her ist! ... so lang es her ist ... ich weiß es noch ... es ist ja auch mein Leben! ......... Meer und Strand, auf dunkler Mole Hand in Hand zwei Kinder, hoch überm Meer die Sterne suchend ...   Da will ich hinauf, Liebste! ›Ja, ich weiß! und ich weiß ... daß ich dich nicht halten kann‹! Aber du darfst nicht weinen, wenn ich gehen muß! und versprich mir: fröhlich zu sein und fleißig und brav! ›Ja, ich weiß, daß ich dich nicht halten kann, und daß der Weg da hinauf zu steil und steinig für mich wäre ... und ich will nicht weinen! Aber wenn du oben bist, mußt du ein paar Sterne herunter werfen und einen kleinen für mich ganz allein und wenn die andern stehn und sagen: o wie wunderschön! dann will ich glücklich sein, Liebster, und denken: den hab ich auch gekannt und besser als alle! und fröhlich und fleißig sein und brav ... und wenn sie fort sind, will ich ans Fenster gehen und hinaufsehen und dich grüßen, wo du auch seist ... wo du auch seist‹! XXIII Grunewald ... ich bin herausgefahren! ... ich mußte Menschen sehen! Annemariechen bringt dir gegen Abend Rosen, drei Hände voll ... du sollst dich freuen, wenn du heimkommst, und einen Gruß haben! Unterwegs ... in der Bahn ... ich glaube: die Menschen sind gar nicht so fröhlich und vergnügt, wie es immer aussieht! Wenn man hört, wovon sie mit einander reden und was ihnen wichtig und unwichtig ist ... mögen sie noch so gut angezogen sein: es ist lauter Alltag und Kleinlichkeit und Klatsch! und dieser schläfrig-langweilige müde Ton: ›Ja, das ist das Beste! wir haben als Kinder alle Lebertran bekommen‹! weiß der Kuckuck, man merkt es heute noch! An der Kirche stieg eine alte Dame ein ... und wollte ein Fenster geschlossen haben ... Die Leute lachten und machten Witze ... bis der Schaffner es endlich hochzog. Ich hörte dann, wie sie sich bei ihrer Nachbarin entschuldigte: sie hätte Sorge, sich etwas zu holen. Nicht ihrer selbst wegen. Sie sei schon fünfundsiebzig, aber ihre einzige Tochter hätte einen Sohn, der auf ihre Kosten studiere, und wenn sie sterbe, sei es damit vorbei, und drei Jahre müsse sie deshalb noch dableiben!   Ich brachte sie an der Brücke oben durch die Wagen über den Damm. Sankt Hubertus. Weißt du noch, wie oft wir hier gesessen haben, früher! und Manuskripte gelesen oder Verse korrigiert oder Schach gespielt oder in den Sommer hinausgesehen!   Warum sitzen wir nie mehr so?!   Dann fiel mir ein, was Hiesel Heinz über ›Faun und Totenkopf‹ geschrieben: ›Geld wirst du nie verdienen! mit so was verdient man kein Geld! aber du wirst einmal im Buch der Dichter dafür stehen‹!   Und ... dann ... kam ... Wolf Walter ... die Treppe herunter ... und ich ging!   Er wird wohl längst vollends verkommen sein! Ja ja: ... ›Fata . Morgana . Lügen‹! In den Villen überall erleuchtete Balkone und Veranden ... rot und grün verhängte Lampen ... alte Herren, Zeitung lesend, und Frauen und lachende Kinderstimmen und über allem dann und wann vertragene Takte der Musik in den Tanzgärten vorn am Brückenkopf ...   Ob man es auch noch einmal so haben wird: so auf einer Veranda zu sitzen, in grüne Gärten zu sehen, und alles sommerabendruhig, still und klar und wunschlos?! vielleicht! wenn man fleißig war und ... recht viel gedichtet hat und ... wenn man genügend Geduld gehabt und möglichst weit weg ist von den Tanzgärten der Jugend ... vorn am Brückenkopf!! Warum nicht?! An einem Gittertor im Dunkeln ein Liebespaar. Sie erschraken und fuhren auseinander, als ich vorbei kam ... Dumme Kinder! ich tu euch nichts! seid ohne Sorge! ich verrat euch an niemand! o ich will eher Wache für euch halten, wenn ihr wollt! habt euch lieb und küßt euch und umarmt euch und seid glücklich!   Guckt, so zu zweit am Zaun zu stehen in der Nacht, das kleine Leid des Tages sich zu klagen und sich zu trösten und sich zu küssen zwischendurch und den Kopf des andern an die Brust zu drücken und sich wieder zu küssen und den ganzen Tag auf dieses Viertelstündchen sich zu freuen und bei der Arbeit sich zu sagen: schaffs! damit du fertig wirst! heut Abend kommt dein Schatz, dann mußt du Zeit haben! ... guckt, ich glaube: es ist das Beste, das der Mensch im Leben hat! verderbts euch nicht mit dummer Angst! ihr braucht euch nicht zu schämen! vor niemand! und vor mir schon gar nicht! nein, vor mir nicht! seht: ich bin ein alter Mann gegen euch ... ich ... muß allein herumlaufen ... den ganzen schönen Sommer wieder ... und ... ich bin sogar ein deutscher Dichter!!   Mein Gott, wie lange stand ich nicht mehr so!! In den Tanzsälen vorn, überall Musik ... und lauter kleine Mädchen ... jung und lieb und so lustig und nichts wollend, als tanzen und lachen und lustig sein! Doch ich saß wie ein Störenfried dazwischen und schämte mich und ging ... sie aber tanzten und lachten und sangen weiter: So klein wir kleine Mädchen, o nein, wir werden nicht müd! lachen und tanzen und lustig sein und küssen macht nicht müd! Und wenn wo wer sich wundert, und wenn wo wer was fräg: und wieso am hellichten Morgen wir schon oder noch auf dem Weg, in hellem Kleidchen, mit Kreuzbandschuhchen, mit Federfächer und mit Schal? ... Wir fragen und sagen nichts weiter, wir sagen nur: sag einmal: Als du ein kleines Mädchen warst, hast du nicht auch gelacht? und hast dus nicht ganz ebenso, ganz ebenso gemacht?! Und die Rosen am Weg und die Sonne am Himmel freun sich und grüßen und nicken uns zu, nur vom Zaun her macht ein alter gichtbeiniger Spatz: Du, du! Du, du! Doch auch das hat nichts zu sagen! der soll ganz still und friedlich sein, er hat ja doch sein Zipperlein und keinen Grund zu klagen: als er ein kleiner Junge war, hat er sehr viel gelacht und hat es nur viel toller noch als wir kleinen Mädchen gemacht! Drum sag er lieber nicht: Du, du! drum halt er lieber den Schnabel und freu sich seines Zipperleins! wenns nicht so wär, so hätt er keins! und lasse uns in Ruh! Du, du! Du, du! XXIV Lügen wir uns am Ende nicht bloß etwas vor, Hannie?! Ist all unser Stolz und unser Überlegen-sein-wollen am Ende nicht bloß ... Furcht?! vor uns selbst und vor ... dem andern Morgen?! sind wir am Ende nicht bloß ... dumm?! glattweg: dumm?! Die nichts wollen, haben alles! und wir, die so viel wollen, haben nichts! und vergeuden unsere beste Kraft in leerer Sehnsucht?! sind . wir . am Ende . nicht . bloß . dumm?!   Auf allen Straßen, in allen Gärten alles Arm in Arm und so nett und so jung und so fröhlich und vergnügt! das ganze liebe Leben lachend für ein Glas Wein hinwerfend ... für zwei, drei kurze Stunden Seligkeit! Es läßt sich mit Füßen treten und ›ehrlos‹ nennen ... und lacht und ist vergnügt!   So sein können! ein Mal nur! dem ganzen Plunder die Faust zeigen und einem Augenblick die Zügel geben! ohne lang an morgen und übermorgen zu denken! vielleicht ist das stolzer als alles, was wir können! vielleicht ... vielleicht ... siegt man überhaupt nur so, Hannie?! XXV Ich sitze beim Wein ... ich sitze allein und trink meinen Wein in mich hinein ... und denke an dies, und denke an das, vor und zurück ... an Leben, Liebe, an Glauben, an Glück ... das eine wird Stein, das andere Staub! ... und ein Windstoß wirbelt über den Garten draußen das erste welke Laub! XXVI Und dann ... zu Hause! Alles immer ernst und einsam, nacht und schwer und schwarz und schweigsam ... Lampen und Lichter müßten brennen, und es müßte hell und lieb und leicht und heiter sein!   Rosen müßten auf den Tischen stehen! Rosen und Wein! und im Lehnstuhl in der Fensternische müßte ein kleines Mädchen sitzen ... wie auf alten Bildern ... mit großen hellen Augen und braunem Haar und feinen kleinen Händen und Mandoline spielen ... und es würde das Köpfchen drehen, wenn die Türe ginge, und nicken und wie silberne Glöckchen kläng es durch die Zimmer ... und ich würde mich zu ihren Füßen setzen und auf ihr Spiel hören und auf die Glöckchen, die durch die Zimmer läuten ... lieb und lockend wie ein altes seligsüßes Liebeslied, wenn beim Frühlingsfest der Zug der Mädchen vor den König zieht ... ........... Warum so ernst, warum so schwer?! küß uns und lach, sieh, wir wollen nicht mehr! Gib uns die Hand! wir sind das Glück! küß uns und lach und pflück und schmück       dich mit unseren Rosen! Wir sind, was du selber so gern möchtest sein: Schmetterlingsseelchen im Sonnenschein!       Spiel, Tand und Tanz,       Zier, Klang und Glanz!                   Wir sind             wie im Wind       verflirrender Flaum! wir kennen nicht Leid und nicht Sorgen! wir sind zwischen Abend und Morgen ein kurzer, glück-seliger Traum! Wir fragen nichts, wir klagen nichts,       wir wollen nichts wissen,       nicht Ja und nicht Nein!       wir wollen nur       lachen und küssen       und singen und selig sein!       Bring Wein und schenk ein!       wir wollen nur       lachen und küssen und singen und selig sein! XXVII Ist es nicht auch vielleicht nur ein Deckwort ... was wir Kunst nennen?! ist es nicht auch am Ende bloß ein großer Selbstbetrug, dem wir das Mäntelchen eines Daseins an sich umhängen?!   Es ist gar nicht: Kunst, wonach wir uns verglühen und verzehren! es ist ... Sehnsucht nach ... Leben! Sehnsucht von ... Wurzeln, aus ... Nacht und aus der Schwere der Erde heraus, nach ... Luft und Licht und Leichtigkeit! Sehnsucht nach einem Leben über dem, das wir so hinschleppen! nach einem Leben in Reinheit und Frohsein und Verklärung! wir wollen gar nicht Kunst! wir wollen ... Leben!! und was wir so schaffen, ist nur Verzweiflung und Stümperei, dieser Sehnsucht mit Gewalt Gestalt zu geben! was wir wollen, ist: Rausch! Herr sein! König sein! und was wir können, ist nur: Durst! Durst nach jauchzendem Verflammen und Einssein mit allen und allem ... in lohender nackter Menschenseligkeit!   Schlagt ihn tot, wer die Stirne runzelt! denn er ist ein Lügner vor sich selbst!   Wie schwarze Panther liegt es im Gebüsch und lauert und stürzt los und schlägt uns die Pranken in die Brust und reißt uns die Seele aus dem Leibe und ... wir würden jauchzen: so verbluten zu dürfen! und ... leben und ... weinen!! Was willst du mit einem so zerbrochenen Menschen, Hannie?! laß ihn lieber laufen! es ist nichts und wird nie was werden! XXVIII Von Hannie Aber Jostel, lieber, herzallerliebster Jostel!! hol mich heute Abend um halb sieben ab, in Moabit, an der Brücke, ich schreibe Dreiwegs, ich käme erst nach dem Abendessen, und habe dann bis acht Uhr Zeit! und bring mir ein paar Rosen mit und sei gut! Meinst du denn, ich säße nicht auch lieber irgendwo mit dir zusammen und wir kuckten in den Abend hinaus und wüßten, daß wir klaren Weg hätten!? meinst du denn, meine Schule und meine Stundengeberei mache mir Vergnügen!? ich lache dazu, sonst wär es vollends trostlos! Aber meinst du denn, ich sähe nicht auch, wie das Laub schon wieder gelb wird und ... und ... meinst du denn, es sei bei mir nicht ebenso nacht und einsam, wenn ich heimkomme!? und du stehst auch nie draußen, so oft es klingelt! und wenn ich zu denken anfange ... meinst du denn ... aber es ist besser, nicht zu denken! ... ich komme mir dann immer wie eine verpuppte Raupe vor, die daliegt und wartet, still und stumm, bis die Sonne kommt und bis sie endlich Schmetterling werden darf, und ... Aufsatzhefte korrigiert und ... Spürst du nicht, daß du vielleicht auch ruhiger wärest, wenn ich selber ruhiger wäre und ... weniger Sehnsucht hätte?! soll ich keine mehr haben? Grüß dein kleines Mandolinchen und gib ihr einen Kuß von mir und sag ihr, sie solle dir mehr so hübsche Lieder singen! und komme lieber schon um Viertel!   Hella hat übrigens in der Zeitung ausgegraben, daß du im ›Literarischen Verein‹ Gedichte vortrügest. Warum weiß ich das nicht?! Sie kam deswegen heute an die Schule: ob ich nicht mit ihr hingehen wolle? sie möchte dich so gern einmal sehen, und da du mich kennest, so würdest du mir doch wohl guten Abend sagen, und dann müsse ich sie vorstellen. Ich fürchte schon lang dergleichen! Was soll ich tun? wenn ich es abschlage ... hingehen tut sie doch! XXIX Von Hannie Wir kommen also! Hella läßt sich nicht davon abbringen, und ihre Mutter kann nicht! Wenn es nur schon vorüber wäre! Ich werde ja nicht aus der Rolle fallen, und du mußt dich auch in acht nehmen, so Mädel haben schärfere Augen, als man denkt ... aber ... ich weiß nicht ... es kommt mir vor, als ob wir ein Unrecht begingen! an uns! an ihr! ... Es zerbricht etwas dabei!   War es nicht schön gestern? die zwei Stunden? wir wollen es nun auch weiterhalten so und fröhlich bleiben, gelt?   Eigentlich haben wir es ja unendlich gut, im Verhältnis! denk einmal an all die Tausende, die selig wären, wenn sie es nur halb so hätten! Wir sind gesund, alle beide, unberufen! wir haben unser Auskommen! mühsam, aber wer hätts nicht mühsam! und trotz allem ›von der Hand in den Mund leben‹ beinahe dreitausend Mark auf der Sparkasse!! Überleg dir einmal, was das heißt, Liebster! Wir brauchen uns um niemand zu kümmern! und können tun und lassen, was uns Spaß macht! Du vor allem bist völlig Herr deiner Zeit und kannst dir jede Arbeit legen, wie du willst! Ist das nicht auch was, um das dich zehnmal Reichere vielleicht beneiden würden?! Du hast Freunde, die es wirklich gut meinen, und wohin du kommst, hat man dich gern! und du hast eine Liebste, die dich so lieb hat, Liebster, daß sie dich nicht quält, auf Gelderwerb auszugehen, um geheiratet zu werden! die da weiß, daß es auch noch Höheres gibt, und lieber wartet und auf ihre Weise mithilft, den Weg frei zu machen! und du hast deine Kunst! und ich glaube: Kunst ist immer Kampf! und so ein ganz klein, klein bißchen, so ein ganz lüttjes bißchen berühmt bist du am Ende auch schon! ist das alles denn so gar nichts! Also, Liebster, sei nicht immer so unzufrieden! du zerreibst dir deine beste Kraft damit und strafst deine eigenen Worte Lügen, denn ich verdank es doch nur dir, was ich da predige! und ... im Grund deiner Seele bist du ja gar nicht so, ich weiß das besser! im Grund deiner Seele ...   Aber ich muß aufhören, ich habe noch nicht gefrühstückt! vergiß unsern ersten Oktober nicht! ich habe schon alle Stunden abgesagt und bin um zwei Uhr bei dir, und dann gehts hinaus, und wir sind so vergnügt und glücklich, wie damals! XXX Da sitz ich nun vor deinem Brief, Hannie, wie ein dummer Junge ... und freue mich, so schön ausgezankt zu werden! und möchte dich dahaben, um ... um ... ich weiß nicht! Du bist so lieb! und so gut! und wenn ich ab und zu dich sehe, bin ich ja auch wieder ruhig! Es ist vielleicht nur das Herbstwerden draußen, das mir in den Gliedern liegt! ich möchte noch ein bißchen Sommer haben! wenn das Laub fällt, ist immer wieder schon ein Jahr vorbei und ... man ist noch so weit von jedem Ziel! und steckt immer noch in lauter Vorarbeiten! und wird nicht fertig und wird nicht fertig! und jede Stunde, die man dann nicht wenigstens gelebt, jeder Kuß, den man nicht geküßt, jedes Lied, das man nicht gesungen ... steht dann auf und schreit: Narr, der du wieder warst! Gewiß, man hat es gut! man hat es, rückwärts gesehen, besser vielleicht, als Tausende! vorwärts aber ... und darauf kommt es an: was hat man denn? was hat man denn? und wen hat man denn, wenn du nicht wärst? die Mutter, Helmut, ja! aber hier? wen hat man denn? mit dem man einmal reden könnte, wie es einem ums Herz ist oder um den Kopf, ohne Furcht: daß man faule Redensarten zur Antwort bekommt oder Gegenfragen über Dinge, um die sichs gar nicht handelt! wen hat man denn? sag doch selber! Tausend Freunde, gewiß! und ›Gleichgesinnte‹! aber ... anstatt daß einer käme, wenn er merkt, daß man herunter ist, daß irgend wo etwas nicht klappt: was ist mit dir? warum machst du nichts mehr? wo fehlts? was ist los? ... sitzen sie in ihren Kneipen und klatschen und zucken die Achseln: man sei mürrisch und verdrießlich und schroff geworden! und könne nichts mehr!!   Oh nein, vielliebe Freunde, man kann immer noch was! man hat sich nur Zeit gelassen! man wollte nur einmal Ordnung schaffen und seine Waffen nachsehen und ... doch nein! es lohnt sich nicht! ... Flöte erzählte neulich dergleichen! ich weiß es jedoch auch so! schon lang! Mürrisch! verdrießlich! schroff! Nein, nein! ich bin immer noch ein dreimal froherer Mensch im Grunde, als sie alle! aber ... wo darf man denn? wo darf man denn froh und fröhlich sein, ohne daß nicht jeder es als persönliche Kränkung nimmt! oder als Nichtachtung, wenn man über den Plunder, ob dem er so feierlich tut, lacht?! und wenn es einen selber einmal umwirft ... wo darf man denn? wo darf man denn sagen: daß man auch einmal Sehnsucht hätte nach ... nach ... nach einer Hand, die einem über das Haar striche! nach ein bißchen Zärtlichkeit! ... ohne daß sie sofort mit den blödesten Witzen kämen! oder ... wo darf man denn davon reden: wie man sitzt und mit seinen Gedanken herumringt! Schon das käme ihnen lächerlich vor! mit Gedanken ringen! ... und wie es ist: wenn man mühsam Schale um Schale gesprengt hat und einen tauben Kern findet! und ... wenn einen dann Angst faßt und an den Grundmauern rüttelt: ob die Wege, um die man sich abmüht, am Ende doch nicht aus all der Verwirrung hinausfinden und zusammenlaufen?! Nein, Hannie, nein! es ist ein trauriges Lied, das Lied von den guten Freunden! Aber ich glaube, es geht nicht bloß mir so! ich leide nur das Leid der Zeit! Und es ist immer noch die große tote Zeit: zwischen Charfreitag und Ostern, in die wir hineingeboren sind und die wir nun einmal durchhalten müssen, und die als toter Punkt sich in jedem Einzelleben zwischen Dreißig und Vierzig wiederholt! Wohin ich sehe, es ist überall ein Müdewerden, ein Wankendgewordensein an dem, wofür man bisher gekämpft ... es ist wie ein großes Waffenstrecken vor der eigenen Kritik ...   Ich wußte sonst immer, wohinaus und in welcher Richtung etwa die Gesamtstimmung sich weitertragen und wie sie sich umbiegen und ändern würde ... wir haben ja oft gelacht, wenn ich so ›prophezeite‹: gib acht, in einem Jahr kommt das und das und so und so: Rot, Blau, Grün, Gelb, Grau! und es traf immer zu! ... wohin ich fühle aber: ein Zögern und Langsamertun, ein Stillstehen und Halten, wie vor einem Ziel, zu dem die Einfahrt nicht frei ist! ob sie überhaupt frei wird?! Es liegen Christusstimmungen in der Luft, als ob sich endlich etwas klären wolle ... aber es ist noch lange nicht so weit! XXXI Man muß dann und wann einmal in alten Büchern blättern ... Gellert, Claudius, Bürger, Uhland, Hölderlin ... ganz unvermittelt zwischen all den Kram von heute hinein!   Es ist, als ob man plötzlich aus der Stadt aufs Land käme: kleine friedlich stille Giebelhäuser mit grünen Fensterladen und Gärtchen davor, beim Pfarrhause auf dem Postplatz ein Spielmann mit einem Leierkasten und Jung und Alt in trauter Feierabendfröhlichkeit und hinter der Mauer am Graben entlang uralte knorrige Linden, weite grüne Obstgärten, Wiesen, Felder, ein Mühlbach und am Wald droben ein alter Marmorbruch und ein einsames Kapellchen auf der Höhe.   Es ist als ob man in die eigene Jugend zurückläse, als ob man jeder einzelne von ihnen selbst gewesen ... als ob man in der Heimat seiner Kindheit: festen Boden unter den Füßen, festen Himmel zu Häupten klar und einig mit sich selbst und mit der Welt und das Herz voll ungebrochener Liebe!   Man muß dann und wann einmal in alten Büchern blättern! XXXII Es ist so fröhlich alles heute, so frei, so leicht! als ob irgend etwas Schweres überstanden wäre! Kleine weiße Wölkchen ziehen am Himmel und ich sitze und denke über die Dächer drüben hinüber ... es ist wie ein großes grauschillerndes Meer!   Wir müssen wieder einmal an die See! ... Wie schön das wäre: mitten in blitzendem Sonnenschein in der Düne zu sitzen und Sand zu spielen wie kleine Kinder und töricht zu sein ... oder im Wald zu gehen und den Rehen zuzusehen oder uns zu verstecken und zu suchen ... oder auf den Wiesen oder im Heidekraut zu liegen ... weißt du noch? und uns zu küssen ... Mund und Augen und Stirn und Haar und Hände! o ich hab dich so lieb! ich hab dich so lieb, Hannie! so lieb, so lieb! XXXIII So hätte es nun schon oft sein können, den ganzen Sommer über!   Und wie vergnügt Hannie selber dabei war! wie sie wieder lachen konnte, so jung, so hell und siegend, o! ich weiß nicht ... wie das Glück lacht, im Märchenwald! und wie leichtfüßig flink und schlank es dahinging ... und ›Schokolädchen‹ hatte sie sogar mitgebracht!   Und still und klar an stillem klarem Himmel die Sonne ... über dem Wald ... wie auf Rügen! und die Havel vor uns ... wie das große Meer! ... nur daß es eben doch Herbst ist, wenn es einmal erster Oktober!   Und wie es plötzlich über uns zu klingen begann, wie ein Lied von Millionen feiner Kinderstimmen irgendwo in weiter Ferne, und gleich großen fallen wollenden Wolken daherwogte ... Schwalbenschwärme, auf der Wanderung ... immer dichter und dichter ... und in die Waldwipfel niedersank ... und das hat man sein Lebtag nicht gesehen! so lange man schon auf der Welt herumläuft! du nicht! ich nicht! wo lebt man denn? und wonach sieht man eigentlich immer!? ... und wir standen ... wie man vor etwas Großem und Heiligem steht! wie man steht ... in Kinderjahren und auch später, wenn man etwas erlebt, von dem man immer schon gehört hat, das man aber nahm, wie man so nimmt, was man so hört ... Gedanken, Dinge, Bücher ... unbetroffen weiter, nur mit dem Verstand ... und plötzlich ... ein Wort, ein Klang, eine Farbe und es wird eigenes Leben und irgendwo, irgendwie geht eine Türe und es ist, als zögen sich auf einen Ruck lange Gänge auf, als rissen links und rechts hundert und hundert nebelfarbene Vorhänge auseinander und als sähe man in ungeheure uferlose Tiefen ... einen Augenblick, ein paar Sekunden und es braut wieder zusammen, und das Getriebe des Tages schiebt seine Kulissen vor! Und nachher, die Havel entlang, im Wald ... die großen Strecken, in die der Sturm gebrochen war ... wie ein weites, wehes Schlachtfeld! Ich möchte wohl einmal dabei sein ... wenn es so kommt und mit der Faust des Herrgotts drein fährt und die dicksten Stämme knickt, als ob es Streichhölzer wären, wenn sie eine schade Stelle haben im Innern oder mit dem ganzen Wurzelwerk heraushebt und umlegt, wenn es nicht fest und tief und weit genug greift! XXXIV Von Hannie Auf dem Heimweg, unter der Laterne vor deinem Haus: Eine ganze halbe Stunde steh ich schon und warte! wenn du oben wärest, hättest du doch Licht! wo steckst du denn, Liebster? warum kommst du nicht? Denke dir ... denke dir, Frau von Dreiweg fragte mich vorhin, aus blauem Himmel herunter: Ob es möglich zu machen wär? und wie? und wenn, ob ich Lust hätte, mit Hella im Januar für ein Vierteljahr an die Riviera zu gehen? Liebster, Herzliebster, deine Hannie an die Riviera! ich bin noch glühheiß! Hella ist ja kerngesund, aber ich glaube, sie haben Angst in Folge des plötzlichen Todes ihres Jungen im vorigen Jahr. Sie selber könne nicht mit, ihres Fußes wegen, und Hella hätte auch nichts davon, wenn sie immer zu Hause bleiben müsse, und ich wäre die einzige, der sie sie anvertrauen würde! Ob es möglich wäre, daß ich von der Schule aus Urlaub bekäme? Gern tut mans wahrscheinlich nicht! aber ich muß eben einmal horchen! Sie würde mir, was ich hier aufgäbe, mit 250 Mark monatlich ersetzen; sie hätte sich das so ausgerechnet! ob es genug sei? ich solle nichts verlieren! Sonst natürlich alles frei! Jostel! Jostel! Liebster! denk doch! wovon wir so oft geträumt! wie von Unmöglichem! wo steckst du denn? warum merkst du nicht, daß ich hier stehe! warum kommst du nicht, wenn man eine Freude hätte! ich könnte die ganze Nacht mit dir wach sein! Wenn du nicht kommst, bis es halb zwölf schlägt, muß ich eben so heimgehen! und ich hätte mich so gefreut! Ich schicke Rohrpost. Dann wirst du morgen früh damit geweckt und vielleicht reicht es noch, das du dann um halb acht an der Brücke bist, mich ein Stückchen zu begleiten. Aber Punkt! Frühstücken kannst du Frau von Dreiweg zu Ehren auch nachher noch. Eben wird der Briefkasten geleert! also gute Nacht! Schade! XXXV Wie ich mich freue, dich noch erwischt zu haben heute Nacht! und wie ich mich über das Ganze freue, jetzt bei Tag fast noch mehr! Gönnen wird es dir von der Schule aus niemand, darauf mußt du dich gefaßt machen! so gern sie dich mögen! gerade deshalb! Was ich nicht habe, sollst auch du nicht haben! Gegebenen Falles muß dir eben dein alter Sanitätsrat irgend eine Herzkrankheit verschreiben, oder sonst was Zweckentsprechendes. Haben tut man schließlich alles, wenn man einen Doktor an seinen Leib läßt! und in solchen Fällen ist das eine höchst brauchbare Einrichtung der Natur! denn sieben Jahre lang tagaus tagein im Schulzimmer stehen und dreißig oder vierzig höheren Töchtern Bildung beibringen und in den Ferien sitzen und sich auf weitere Prüfungen vorbereiten, um ein bißchen vom Fleck zu kommen ... ist kein Grund zu nichts und keine Krankheit! man muß immer erst wirklich kaputt sein und nicht mehr können, bevor man sich einmal erholen darf! Aber es wird schon werden! Meine Hannie an die Riviera! mir nichts, dir nichts! und für ein ganzes Vierteljahr! Mädel! Mädel! Wie kamst du dir vor heute beim Aufwachen?! Wahrscheinlich ... bloß recht verschlafen und müde vom späten Heimkommen! Aber tu mir nun die Liebe, Liebste, und verdirb dir deine Freude nicht mit dem Gedanken: daß ich nun nichts hätte! Wir kommen schon noch einmal zusammen nach Italien, hab keine Sorge! Ich küsse dir die lieben Hände und weiß nur eines: bleib mir gut! XXXVI Ich saß im Café gestern und las Zeitungen. Mit einem Mal jedoch rissen alle Drähte durch und was ich so las ... dieses ganze Hin und Her und Hist und Hott, mit dem die Menschen sich ihren Tag und ihr Leben wichtig und wertvoll zu machen glauben, es kam mir plötzlich wie eine endlose Händelhaberei um Nebensächlichkeiten vor und läppisch wie Kleinkindergezänk ... und mir war, als trüg es mich auf einen hohen Berg und als säh ich alles klein wie Puppenspielkram unter mir und lauter Verse klangen um mich her ... Sommer, Sonne, Wald, Wasser, weiße Wolken und zwitschernde Schwalbenschwärme ... alles in flimmerndem blaugoldenem Glanze und mitten drin zwei Menschen ... eins mit Sommer, Sonne, Wald und Wasser und Wolken und Schwalben ... ein Klang, eine Welle, ein einziger großer schwingender, klingender Rhythmus ... und doch so fremd, so steinfremd allem wieder, so fern, wie aus einer andern Welt!   Adam und Eva vor den Toren des verlorenen Paradieses ... die Arme breitend in unendlicher Sehnsucht ... ............ Wir können wohl über die Hecken sehen, wir können uns auch zurückträumen, wenn wir die Augen schließen ... vor dem Eingang aber hält der Cherub mit dem hauenden Schwert:   Du bist nicht mehr, wie alle andere Kreatur! du hast dich selber ausgeschlossen aus ihrem Kreis! dein Wille, selbstverantwortlich zu sein für dein Geschick, stieß dich aus und scheidet dich für immer! Und wenn ich dir auch die Tore öffnete ... du kannst doch nicht zurück! denn deine Seele hat ihre Kindheit verloren! Darum vorwärts! geh! trag deinen Kampf! Und werde, was du gewollt hast, werde: Gott gleich! und schaff aus eigener Kraft ein neues . Paradies . dir . selbst! XXXVII Von Hannie Du, es war schön, gestern Abend! sehr schön! du hast ganz prachtvoll gelesen, und ich geb dir einen lieben langen Kuß dafür. Es war wirklich schön! und ich freue mich jetzt noch, wie die Zuhörer mitgingen. Und der Saal war gedrückt voll. Und mitunter war es wie in einer Kirche! Und ich saß in meiner Ecke und sagte mir immerzu: der da oben steht und diese schönen Dinge liest, ist mein Liebster! mein Jost! und gehört mir, bis auf seinen letzten Gedanken! und kein Mensch weiß davon, und das ist das Allerschönste! Und die Verse, die er sagt, hat er alle bloß für mich gemacht! aber wir schenken sie euch! wir haben noch viel und noch viel schönere! Und als sie dann dich riefen und klatschten und wieder klatschten, kam ich mir vor wie ... wie die ... Fürstinnen ... die auf dem Balkon stehen und Konfetti und Blumen und Geldstücke unter die Menge werfen! Wenn du aber wieder liest, mußt du doch das vorletzte Gedicht als letztes nehmen, es ist stärker und wirksamer!   Und mit unserer Siezerei ist auch alles glücklich abgelaufen. Hella war selig, daß ich sie vorstellte und daß du mit ihr gesprochen und ihr die Hand gegeben! alles hätte nach ihr hingesehen! und was ihr ganz besonders gefallen, das sei: daß du eigentlich nur gesprochen hättest, wie man im gewöhnlichen Leben spreche, ganz ruhig und natürlich, nur eben lauter ... und nicht wie Schauspieler, die überhaupt keine Gedichte lesen könnten! und daß du die Reime hättest durchhören lassen, über die man sonst immer weggehe! Sie meinte, wenn ein Dichter Reime mache, dann wolle er doch auch, daß sie mitwirkten und daß man sie mitanklingen lasse, und wenn man darüber wegspräche, so sei das, wie wenn man bei einem Musikstück wiederholende Figuren ungleich spiele. Ist das nicht sehr klug gesagt, von einem zweiundzwanzigjährigen Mädel! ohne Einblaserei! Ich läse übrigens ähnlich! ob ich dich schon öfters gehört hätte? und braune Augen hättest du, und überhaupt: Dichter sein, denke sie sich doch am schönsten! so da oben stehen und den Menschen geben, was sie sich selbst nicht schaffen könnten! Hand in Hand mit den Großen der Vergangenheit! Ich hab dich lieb, Liebster! XXXVIII Hand in Hand mit den Großen der Vergangenheit! das ist aber nicht von Hella, das hast du dazu gesetzt! Hand in Hand mit den Großen der Vergangenheit! ... nein, so weit ist es noch lange nicht! noch lange nicht, Liebste! und wenn man noch so viel könnte! Sieh: wer später kommt, muß immer den ganzen Weg durchlaufen, den, was vor ihm war und mit ihm ist, gegangen ist ... wer Lessing werden will, muß Gottsched und Gellert und Gleim und Klopstock nicht bloß gelesen haben, sondern wirklich auch gewesen sein! und je später einer kommt, desto länger und desto schwerer ist sein Weg! und je älter man wird, desto mehr erkennt man, wie weit voraus die Großen der Vergangenheit uns heute noch sind!   Freilich: wer nicht irgend einmal sich das Zeug zugetraut hat, es Schiller oder Goethe gleichtun zu können ... bringt es überhaupt zu nichts! Aber: sie alle hatten eine feste Welt um sich und festen Boden unter den Füßen ... und wir ... wir treiben in schwankem Schiff auf wogenden Wassern und haben nichts als den Glauben: es muß Land kommen! und was wir sagen können, ist nichts als: es muß Land kommen! Haltet aus und helft lieber mit, anstatt mit Wenn und Aber euch und uns den Mut zu brechen! ein Rückwärts gibt es nicht! also vorwärts! es muß Land kommen! XXXIX O daß es so weit wäre endlich: daß man die Waffen abgürten dürfte und Friede sagen! doch es ist noch immer nicht Zeit! das Leben will es nicht! noch immer nicht!! und was ich kann ... ist immer noch voll Einsamkeit und Groll und Schwere! und was ich möchte . . was ich möchte, o! es wäre voll Glück, voll Jubel und Seligkeit, voll Frieden, Fröhlichkeit und Freude ... wie Frühlingshimmel, hell und klar und frei und leicht! und reich und reif und warm und weit wie die Erde in Hochsommerzeit voll Sonne, Liederklang und Liebe!   Ein Buch ... ›von den Erfüllungen des Lebens‹ ... ein Buch ... ›an einem einsamen Sonntag zu lesen‹! und jedem, der den Mut verloren hätte zu sich selber, zu sagen: was weinst du?! laß dein Leid! und komm auf meine Berge mit: das ist die Welt! das ist das Leben und das der Mensch! und nicht dies Zweifeln und Verzweifeln unten in den Tälern, zwischen Mauern und Gehegen ... in ewiger Müh und Not und Sorge um Kleinlichkeiten! o mein Gott!   Hier oben, sieh: das ist die Welt! das ist das Leben! hier oben bist du, der du bist und der du längst sein könntest! ... wenn du nicht immer selbst die Wege dir verstelltest! auf freier Höhe ... Sonne nur und Wolken über dir und Sommersegen um dich her und über Nähe hin und Ferne frei. den. Blick. auf. freies. Meer! XXXX Doch dann ... dann kämen die Verleger: warum schreiben Sie uns nicht einmal einen richtigen Roman oder einen Band guter Novellen, wie der und der?! man hat sein Geschäft doch auch nicht bloß zum Vergnügen!   Und wenn es trotzdem gedruckt würde ... dann ... dann läsen es die Leute! Sie läsen es, wie sie Zeitungsgeschichten lesen ... wie sie alles lesen! und sagen: es sei ein unterhaltsames oder langweiliges Buch! ... unterhaltsam oder langweilig!! und dies und das sehr ... hübsch! sehr wahr! und offenbar aus dem Herzen heraus geschrieben! dies und das aber ganz unmöglich und verfehlt! Sie reden darüber, wie sie über einen Schrank oder über einen Teppich reden, den sie wo gekauft ... sie reden darüber, wie sie über ein neues Kleid reden: dies und das hätte geschickter gemacht werden müssen und hier sei es zu weit und da zu eng! und der Stoff sei zu dünn! und ... Und die zur Zunft gehören, sie machen es ebenso! sie schreiben, wie sie über ein neues Tingeltangel -Kunststückchen schreiben und finden es leidlich oder mäßig, wie man ein Mittagessen leidlich oder mäßig findet. Nach dem Kaffee ist es vorüber und abgetan, und morgen gibt es etwas anderes!   Und selbst die Wenigen, von denen man vielleicht dachte: sie freuen sich darüber! selbst diese Wenigen, sie sagen sich beim Lesen allenfalls: o ja! wie schön, wenn es so sein könnte, wie da steht! ... aber sie nehmen es nicht für ihr eigenes Leben! es ist Dichtung! ... und bleibt Buch! sie stehen tagsdarauf den gleichen Fragen gegenüber und vielleicht vor ganz denselben Dingen, aber sie haben längst vergessen, was sie gestern gelesen! und wenn es ihnen einfällt ... ach nein, es fällt ihnen gar nicht ein! und ... Kunst hat ja auch keinen andern Zweck, als den, zu sein! O warum ist man nicht Handwerker geworden! XXXXI Wer seine Kunst nicht zum Geschäft zu machen versteht, wer sie nicht betreiben will, wie ein ehrsamer Bäckermeister sein Kuchen- und Nudelnbacken betreibt ... täte, weiß Gott, besser, es zu lassen!   Kunst ist nicht, wie ich immer meinte: was ein höherer Mensch für sich und andere an höheren Lebenswerten schafft in schöner Form ... Kunst ist nicht: ›was große Künstler machen‹! sondern Kunst ist: was irgend ein Klüngel auf den Markt bringt und mit freiwilligen oder unfreiwilligen Helfershelfern als Kunst ausruft und hochklatscht, um ein Geschäft zu machen!   Und wer unter Händlern und Wechslern Prophet sein will, ist ein Narr! XXXXII Und ... man ist ein Narr! ja, man ist ein Narr, Hannie! Man hat dies eine kurze Leben und zerplagt und zerbricht es sich in törichtem Übermut, wie ein Kind sein Spielzeug! Wozu alles mit dem Herzen schaffen!? es lohnt sich wirklich nicht! nimm die Hände, wie alle andern auch! sie machen es leichter und sind geschickter und ... lassen sich waschen, wenn sie schmutzig werden!   Es ist am End ja doch ganz einerlei! ob man mit einem Gesangbuchslied oder mit Tingeltangelwitzen berühmt wird ... ob man als Siegfried im Buch der Geschichte steht oder als Hagen! Es ist ja doch bloß Papier! XXXXIII Ich danke dir, Liebste! Ja ja, es ist so! du hast recht, wie immer: Man denkt viel zu viel an all den Kleinkram von heute und all den Markttrödel umher, anstatt an das Große, das durch die Jahrhunderte herüberdauert!   Aber das ewige Halloh und Trara all der Meßbuden an allen Ecken verzerrt sämtliche Maßstäbe. Kein Mensch weiß mehr, worauf es eigentlich ankommt, und selbst, wer ehrlich sein will, findet kaum zurecht! Wer am lautesten trommeln und trompeten kann, nimmt das meiste Geld ein, und wer das meiste Geld einnimmt, glaubt allen Ernstes auch das meiste geleistet zu haben! Die Leute glaubens erst recht! Volle Geldbeutel überzeugen immer! und man wird müde und glaubts allmählich selber ... und . vielleicht . leistet . er . wirklich . auch . das meiste?! Ein guter Kunstreiter, ein geschickter Purzelbaummacher, der jeden Abend so und so viel tausend Menschen Kurzweil schafft, leistet in der Tat etwas!   Und trotzdem ... nein: diese Moritaten- und Ballett- und Schlangenbändiger-Buden sind es nicht! Vor den Toren auf den Hügeln draußen die stillen weißen Tempel sind die Welt! und wehe jedem, der diese Zuversicht verliert! sie muß der Kompaß bleiben, der ihn seinem Ziel entgegenträgt, der stille Gleichgewichtspunkt seines Lebens unverrückbar ... und ging es noch so toll um ihn herum!   Ich danke dir, Liebste! XXXXIV Weißt du, Hannie ... ich glaube: dein Glaube an mich ist alles, was ich kann! Siegt er, sieg ich! bricht er, brech ich! Bleib mir gut! bleib mir gut! stille Hüterin du meiner stillen Tempel! XXXXV Vor drei Wochen hätten wir ein Jubiläum feiern können: es waren fünfzehn Jahre, daß ›Glück und Glaube‹ erschienen.   Ich kam nach Hause, abends, und das Paket mit meinen Freiexemplaren lag auf dem Tisch. Das erste eigene Buch. Sauber und nett. Da lag es. Die Erfüllung eines langen Wunsches und doch wie etwas Fremdes, nicht mehr mir Gehöriges. Mir war ... mir war: wie wenn man aus der Heimat geht und am Berg oben stehen bleibt und zurücksieht: warum geht man eigentlich? man möchte gar nicht! man hängt mit allen Fasern an dem kleinen Tal, kennt jedes Haus, jeden Weg, jeden Stein ... und vorauf in blauem Schleierdunst die Ferne, ungewiß, unbekannt, stockfremd! man möchte gar nicht! wozu! was soll man da draußen! wie ein leises Grauen kriechts im Grund! und doch ... gehs, wies geh! ich steh ... und wags! ... und wies auch fällt, ich trags! und schlags! Gott grüß die Welt!   Ich nahm ein Exemplar und lief in die Stadt und meinte, jeder, der mir begegne, müsse die Empfindung haben, daß etwas Besonderes geschehen und daß ... ich derjenige! dumm ... kinddumm! und so schön! dann setzte ich mich in ein Café, holte mein Buch heraus und schnitt es auf: was eigentlich darin stehe, und ob ichs gut fände, wenn es von einem andern wäre?! und lebte Seite um Seite noch einmal durch! und am nächsten Morgen, dachte ich, müßten alle Zeitungen was darüber bringen, und eine Menge Briefe müßte kommen und ... und man wäre ›berühmt‹! und ... und ... und vor fünf Jahren wurde es ›verwurstet‹ und du gabst noch fünfzig Mark, um zu retten, was zu retten war. Mit den ›Sprüchen eines Steinklopfers‹ sind es nun gerade zwölf Bücher, die in den fünfzehn Jahren von mir gedruckt wurden, und eingebracht haben sie mir brutto-brutto: drei Mark! und auch das ist wahrscheinlich bloß ein Versehen! Ich habe diesen lieben Taler noch. Ich habe ihn bei Seite gelegt damals, weil es ein Frauentaler war ... und ... ich bin es noch nicht müde und glaube immer noch!   Gestern freilich war ich traurig darüber, heute lach ich! gestern sagte ich: was so tot liegt, kann nichts Lebendiges sein! und altes Eisen und tote Bücher hat die Welt genug! wozu also!? heute sag ich: es kann ja gar nicht anders sein! doch ... es ist nicht tot, es schläft nur! und eines Tages bin ich hoffentlich noch weiter und bin stolz auf meinen Taler und sage: Gott sei Dank, daß es so war, wies war! was verloren ging, ging wohl verloren! es war eine harte Schule, aber sie war gut! Zeit, umzukehren, wär es vielleicht immer noch! und wenn ich liege und nicht schlafen kann, kommt es mitunter: wozu die Qual all eines eigenen Wegs!? Die Straßen des Lebens sind so schön und eben und tragen ganz von selbst von Punkt zu Punkt, und wer da will, kann ruhig einmal Rast machen, wo es ihm behagt, ohne Sorge, sich zu verlaufen und kein Unterkommen mehr zu finden, eh es Abend wird! und anstatt wie jetzt hilflos allein herumzusuchen, säßen wir in einem kleinen Garten, Rosen um uns her, und hätten, was wir träumen! Doch wenn ich andere dann wieder sehe und sehe, was sie haben ... und gewollt haben alle das Höchste ... und wenn ich sehe, wie ein Pfund Wurst der Inbegriff aller Glückseligkeit für sie geworden ... dann sage ich mir: Philister über dir! du bist aus anderem Holz! und wozu hat man sein Leben? Ob man so es wegwirft oder so, wen gehts was an? Sie verschlafen es! du ... verkämpfs! Durch! und festbleiben! und aushalten! XXXXVI Helmut läßt grüßen! was wir zu Weihnachten möchten?! es sei Zeit! es gehe sonst aber gut! mal so, mal so! man zerbreche sich zur Abwechslung nur wieder den Kopf, was ich täte und warum ich immer noch in Berlin säße und noch immer nicht an ... Heiraten dächte? Eine der ältesten und glaubwürdigsten alten Jungfern habe dabei erklärt: ich sei längst ja sozusagen verheiratet und hätte sogar ein Kind. Einen Jungen. Sie wisse das seit Jahren ... Er sei dabei gestanden und habe ein Gesicht gemacht wie Berthold Schwarz, als er das Pulver erfunden ... und wenn so was wieder vorkäme, so möchte ich es ihn doch auch wissen lassen. Im übrigen sähe ich daraus wohl, daß alles noch auf demselben Fleck wie immer. Die Mutter habe auch davon gehört. Sie habe jedoch gelacht und gesagt: sie würde sich nur freuen, wenn es so wäre. Aber ... in allem Ernst, Hannie ... überleg dir einmal: sie haben recht! wir könnten einen fünf-sechsjährigen Jungen haben, wie Hiesel Heinz und ... haben ihn nicht! wir . haben . ihn . nicht . Hannie! und warum haben wir ihn nicht? weil wir nie ... Geld gehabt, ihn so zu haben, wie wir ihn eben haben wollten! und wir wollen ihn nur so, weil wir sein möchten, wie man auch sein kann, wenn man will! und weil wir uns zu gut sind, das Beste, das wir träumen, dem Achselzucken jedes hergelaufenen Philisters preiszugeben und in Gesindestuben von uns sagen zu lassen: na ja! natürlich! auch nicht besser als alle! Doch was haben wir dafür? was haben wir dafür? Nichts! nichts! nichts ... als ... gehässig dämliches Gerede! und ganz denselben Klatsch, wie wenn es nicht so wäre! Man ist verdammt, so oder so! man sei wie man sei! und dabei weiß erst noch kein Mensch etwas von dir!   Ich lache schließlich darüber, es bleibt einem ja kaum was anderes übrig ... aber: diese alten Jungfern und Jungferiche dort und hier ... ja, zum Teufel auch! versteht das denn, was es besagt: einen fünf-sechsjährigen Jungen haben zu können und ihn nicht zu haben! freiwillig nicht zu haben! Hat das auch nur eine Sekunde lang bedacht, bevor es solch Geschwätz zusammenlügt: was das einen vielleicht gekostet haben könnte? weiß das denn, was dazu gehört, Dinge, die man vielleicht auch möchte, Dinge, die es seinerseits mit zwanzig-fünfundzwanzig Jahren schon als etwas Selbstverständliches für sich in Anspruch nimmt, Dinge, die jeder Lump als ein ihm zustehendes Urrecht fordert ... sich zu versagen?! aus eigener Selbstzucht!? hat das überhaupt eine Ahnung davon, was es heißt: Hans und Gans und Dumm und Dämlich an gedeckter Tafel sitzen zu sehen und zu stehen und die Zähne zusammenzubeißen und sich zu sagen: still! du hast keinen Hunger zu haben!   Es ist für sich selbst empfindlich wie ein rohes Ei, kommt aber und verbreitet zwischen Kaffee und Kuchen, ohne mit der Wimper zu zucken, als ob es nichts wäre, harmlos schamlos das Schlechteste, das es von seinem Armenleutestandpunkt aus über jemand zu sagen weiß!!! und man hat keine Waffe dagegen! nichts! man kann nicht hingehen: Sie trostlose alte Jungfer Sie! schämen Sie sich denn gar nicht, so aus blauem Himmel herunter einem Menschen, der Ihnen nie etwas getan hat, den Sie gar nicht kennen, derart an die Ehre zu gehen?! wie wär es denn, wenn man zum Zeitvertreib einmal dergleichen über Ihren Herrn Sohn oder über Ihr Fräulein Tochter in Umlauf brächte? was meinen Sie dazu?   Doch so sind sie alle, dort und hier und überall! und dieser Gesellschaft wegen versagt man sich etwas! O, es ist vielleicht das einzige, das ich bereue: nicht so gewesen zu sein, wie man durchaus gewesen sein soll!   Doch nein! nein! und noch mal: nein! uns selbst zu Stolz, uns selbst zu Liebe sind wir gewesen, wie wir waren, und uns selbst zu Liebe wollen wir auch weiterhin so bleiben!   Hüt vor dem Alltag, was du Heiliges hast! XXXXVII Von Hannie Urlaub! Ich hab ihn, Jostel! ich hab ihn! Liebster, Herzallerliebster! Ein bißchen säuerlich ... aber ich hab ihn! schwarz auf weiß! vom ersten Januar bis zum ersten April! in Anbetracht guter Führung und so weiter und weil ich auch schon vier Jahre da sei! Es kommt mir jetzt fast wie eine Art Kraftprobe vor. Ich hatte das gar nicht so bedacht. Ich sehe auf einmal: sie wissen, wie gern mich meine Mädels haben, und daß sie am Ende mehr verlieren würden, wenn ... wenn ... Ich meine, ich sehe auf einmal, daß ich eigentlich die Situation in der Hand habe, und daß das vielleicht überall so ist, sobald man festen Boden unter den Füßen hat und wärs auch nur ein einziger Quadratmeter! Und Rapallo soll es werden, ganz in der Nähe von Genua, von dem der Vater immer so viel erzählte! Du mußt mir eine brauchbare Karte davon beschaffen! Hella wird selig sein. Sie war bereits ängstlich, es würde nichts daraus.   Und Jostel? was machen wir mit Jostel? Er muß mir unter allen Umständen in die Hand versprechen: nicht auf mißmutige Wege zu geraten, wenn ich fort bin, sonst hab ich keine Ruhe und bleibe, weiß Gott, lieber da. Er muß vergnügt sein und sich etwas ganz Wunderschönes ausdenken zu meiner Rückkehr! und mit Schreiben halten wir es, wie wir neulich besprachen: über hier, denn es wird schwer sein, direkte Briefe auf die Dauer vor Hella zu hüten, obschon ich auf jeden Fall ein eigenes Zimmer haben will.   Vielleicht hat Imhof einen nicht gar zu langweiligen Roman zum Übersetzen. Denn wochen- und monatelang so gar nichts zu tun zu haben, ist am Ende auch kein Vergnügen. Übermorgen Mittag in der kleinen Konditorei! Wir gehen dann noch deine Sachen für die Mutter kaufen. Meine Decke ist fertig, ein Sofakissen auch, und das Paket kann abgehen. XXXXVIII So, nun hab ich auch meine Riviera! Gerlach war eben da. Er wolle ein Album mit Lichtdrucken herausgeben: Rügen, in Wort und Bild. Doch nicht bloß den üblichen Reklamekram und die landläufigen Schreibsereien dazu. Ein kleines Prachtwerk, auf das er und die ganze Firma stolz sein könne. Was ich davon hielte und ob ich den Text schreiben würde? Fünf, sechs, sieben Bogen. Hundert Mark für den Bogen; wenn ich meinen Namen dazu gäbe: hundertfünfzig! und für jede neue Auflage die Hälfte. Er fahre im Frühsommer hin und photographiere.   Gerlach! so ändern sich die Zeiten! Aber ich freu mich darüber und vor allem über seine Anhänglichkeit, zumal ich ihn eigentlich immer schlecht behandelt habe.   Vielleicht kommt Hannie dann auch für ein paar Tage und ... wir säßen wieder einmal am Meer und hätten unsern Wald und unsere Wiesen wieder und unsere alte selige Sonne!   Halte dir zu Weihnachten einen Abend frei. Welchen ist einerlei. Sylvester auf jeden Fall. Dreiwegs werden dich wahrscheinlich haben wollen. Aber das geht nicht. Sag ihnen, du seiest da immer bei einem alten Freunde deines Vaters. Meinetwegen ... bei Professor Hardtmut. Er ist ja tot, doch das tut nichts. Sag was du willst, nur laß dich nicht einladen. Ich möchte auch noch was von dir haben. XXXXIX Schenken wollen wir uns nichts, so viel ich auch wüßte! aber wir wollen uns wie immer einen Baum anzünden. Weihnachten bei dir, Sylvester bei mir ...   Und das kleine Wachsengelchen aus deiner Kinderzeit muß wieder oben auf ... und unter den Baum kommt das Bild deines Vaters und das des meinen und der Mutter und Helmuts und deins und meins, damit alle beisammen sind ... und dann bauen wir meine Bücher auf. Sie sollen auch dabei sein. Es sind ja unsere Kinder. Wir haben ja nicht bloß eins, wir haben ein ganzes Dutzend. Und wir plaudern von ihnen: das haben sie von dir und das von mir! das bist du und das bin ich! und was aus ihnen wohl noch wird?! ...   Und wenn die Lichter brennen, wollen wir uns still aufs Sofa sehen und den Arm um uns legen und ihnen zusehen und dem Baum und Mandolinchen singt uns ein kleines Lied, und wir singen mit.                 Himmele grau!         Aber guck: es wird blau! und ists auch nur ein kurzer Schein, wir wollen uns darüber freun und wollen ihn uns zum Glauben machen,                 und fröhlich sein! und wollen in Novembertagen die Hand uns geben und uns sagen: Laß wettern und wehn, es kann nichts geschehn! und was auch Herz und Stirn uns furch, halt aus! halt aus! die Sonne kommt doch immer wieder durch! Und wenn die Lichter tiefer brennen, wollen wir uns einen Kuß geben und sagen: Wir sind zu alt geworden! wir müssen wieder jung werden! nur Jung-sein ist Leben! wir dürfen unsere Sorgen nicht weiter Herr werden lassen ... sie haben uns so viel schon genommen ... wir können ihnen nicht die Türe weisen, aber sie dürfen nicht Hauptsache werden, sonst sind wir verloren! Hüt vor dem Alltag, was du Heiliges hast!   Und ... wir wollen sagen: Wir wollen wie bisher feste Punkte für einander bleiben ... du für mich, ich für dich. Feste Punkte muß haben in all dem Geschiebe und Getriebe, wer nicht mitgerissen werden soll ins Uferlose! sie mögen noch so klein sein! feste Punkte, die einem den Rücken decken und auf die man immer wieder zurück kann ... es ist ja alles Feindesland, das ganze Leben ... so wie die Mutter einer ist und Helmut!   Unsere Liebe soll der dritte sein! und wir wollen sie rein halten vor den Menschen und heilig vor uns selbst und sie nicht zu Arbeitsorge und Grünkramhandel erniedrigen!   Und . sie . soll . feststehen, und wenn die ganze Welt ins Wanken käme! und alle Stürme überragen ... wandelbar äußerlich vielleicht, aber immer fest und groß und stolz ... wie Rom im Wandel der Jahrhunderte ... und wenn auch eines Tags einmal die Hunnen kommen ... sie kommen immer! sie kamen auch über Rom! ... und Tempel und Altäre brechen und verwüsten ... sie soll auch in ihren Trümmern groß sein noch und stolz und unvergänglich dann in Trümmern eben weiter dauern durch die Zeit! XXXXX Und zu Sylvester zünden wir uns wieder den Baum an und alle Lampen und Kerzen ... Es soll hell und froh und festlich sein und Wein und Blumen sollen auf den Tischen stehen   Und wir wollen nicht traurig sein: daß wieder ein Jahr vorbei, und wie törichte Kinder klagen: es habe nicht gehalten und erfüllt, was es versprochen. Das Jahr verspricht nichts. Das Jahr ist nichts. Wir sind das Jahr und wir müssen erfüllen, was wir wünschen!   Und wir wollen Geduld haben und Kämpfer bleiben und uns nicht vortäuschen: was unseren Wünschen entgegensteht, es habe keine Berechtigung! wir wollen nicht blind sein!   Wir sind zwei von Millionen und Abermillionen und müssen sehen, wie wir zurechtkommen und durchfinden. Wir müssen das Leben nehmen, wie es ist, so weh es uns tut, und nicht bloß, wie wir es möchten. Wir wollen seinen Forderungen und Nüchternheiten Rechnung tragen, so weit wir können, freilich ohne daß es uns die Quellen verschüttet, aus denen wir schöpfen. Sonst finden wir überhaupt nicht mehr durch! Wir wollen uns stählen damit und hart machen, bis wir so stahl und hart geworden, daß wir es sind, die befehlen!   Aber wie es uns die Quellen nicht verschütten darf, so soll es auch das Ziel uns nicht verwerfen, nach dem wir wandern, und unser Glaube daran soll am Himmel stehen, wie jener Stern, der die drei Weisen aus dem Morgenlande ihren Weg finden ließ. Wir wollen sagen, ganz klar und ruhig: Geld? gewiß! ... es ist die Vorbedingung für alles, wie die Welt nun einmal geworden ist! aber: Geld allein machts nicht und ist weniger als nichts! Es gibt auch noch anderes. Es gibt noch Wertvolleres. Es gibt Dinge, die das Leben dreimal reicher und kostbarer machen, als alles Geld der Welt vermag! Freudigkeit in der Seele und Vertrauen und Zuversicht im Herzen ist freiere Höhe und auf die Dauer vielleicht siegendere Macht. Und wenn es uns mitunter überfällt: auf was wir alles schon verzichtet haben ... wir wollen uns nicht trübe damit stimmen! wir wollen uns aufraffen: Verzichtet? Nein, wir haben noch auf nichts verzichtet, wir wollen alles einmal noch haben, was wir träumen an Liebe, Glück und Glanz und Köstlichkeit! wir haben nur gewartet, nicht verzichtet! wir haben nur gewartet, weil wir es schlackenloser, reiner, freier, froher, stolzer haben möchten, auf der Höhe, nicht im Tal! Und wir werden es haben! und alles! .......................... wie Verschwender aber wollen wir dann die errungenen Kostbarkeiten ausbreiten um uns her und wer da kommt, soll nehmen dürfen, so viel und was er immer nehmen kann und irgend mag! Und wenn Kuckuckchen Kuckuck ruft, wollen wir sagen:   Kunst soll sein, was das Leben nicht sein kann! Sie soll gut machen, was die Menschen an sich versündigen! Sie soll uns das Herz hell halten und soll als Siegerin uns durch den Kampf helfen gegen alles, was uns binden will und unfrei machen! gegen alles, was uns nicht sein läßt, wer und was und wie wir sind und sein möchten! Eine Kunst, die das nicht kann, ist keine Kunst! Sie soll uns eine Waffe sein gegen den Alltag und Ziel und Erfüllung über ihn hinaus! Und wenn die Glocken aufklingen, wollen wir ans Fenster gehen und sie grüßen und das junge Jahr, das sie segnen und beläuten, und uns die Hand geben:   Nicht erlahmen und nicht müde werden ist das einzige! Und so frei und stark und stolz sein und so fest: dem, das einmal sein muß, sich zu fügen, so gut es geht, und zu genügen! und zurückzudrängen, was wir träumen ... bis die Zeit kommt, die es reifen läßt!   Wir müssen mit uns selbst es und mit unserer Sehnsucht machen können, wie man es mit Blumen macht, die man vom Fensterbrett hereinnimmt, wenn der Winter kommt, und ins Dunkle stellt ... was abstirbt, würde doch nicht leben können!   Und treiben, wenn es Frühling wird, auch nur ganz wenige wieder frische Keime ... ein starkes Herz hegt längst schon tausend neue noch viel schönere Träume!   Ende des ersten Bandes