Dmitri Mereschkowski Peter und Alexej Roman   Übersetzt von Alexander Eliasberg   Erstes bis fünftes Tausend R. Piper \& Co. / Verlag / München 1924 Gedruckt bei Oscar Brandstetter in Leipzig Erstes Buch Die Venus von Petersburg   I. »Der Antichrist will kommen. Er selbst, der letzte Teufel, ist noch nicht erschienen, aber die ganze Welt ist voll von seiner Brut. Die Kinder bahnen ihrem Vater den Weg. Sie bereiten alles zu seinem Empfang vor. Und wenn sie alles vorbereitet und alle Winkel sauber gekehrt haben, so wird er zu seiner Zeit erscheinen. Er steht schon vor der Schwelle, – bald wird er da sein!« Dies sagte ein alter Mann von etwa fünfzig Jahren in einem zerlumpten Schreiberkaftan zu einem jungen Mann, der in einem Nankingschlafrock und Pantoffeln an den bloßen Füßen an einem Tische saß. »Woher wißt ihr dies alles?« sagte der junge Mann. »Es steht doch geschrieben: Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht. Und ihr wißt es ...« Er schwieg eine Weile, gähnte und fragte: »Bist du ein Raskolnik?« »Nein, ein Rechtgläubiger.« »Wozu bist du nach Petersburg gekommen?« »Ich bin aus Moskau, aus meinem Häuschen mit allen Einnahme- und Ausgabebüchern geholt worden, auf die Anzeige eines Fiskals, der mich der Annahme von Bestechungen beschuldigt.« »Hast du welche angenommen?« »Ja. Doch nicht mit Gewalt und auch nicht aus Dieberei: ich habe nur das angenommen, was mir ein jeder aus Liebe und nach Ehr und Gewissen für meine Bemühung auf der Kanzlei gab.« Er sagte das ganz einfach, und es war klar, daß er die Annahme von Bestechungen für keine Sünde hielt. »Um mich meiner Schuld zu überführen, konnte der Fiskal nichts vorbringen; aber aus den Zetteln der Bauunternehmer, die mir im Laufe der Jahre kleine Geschenke gemacht hatten, rechnete man mir an solchen Gaben im ganzen 215 Rubel nach, und ich habe nichts, um dieses Geld zurückzuzahlen. Ich bin arm, alt, dürftig, gebrechlich, krank und elend und kann mein Amt nicht länger versehen; ich bitte untertänigst um meinen Abschied. Eure allergnädigste Hoheit, wende mir deine Barmherzigkeit und Gnade zu, schütze den schutzlosen Greis, daß ihm diese ungerechte Zahlung erlassen werde. Erbarme dich meiner, Zarewitsch Alexej Petrowitsch!« Der Zarewitsch Alexej hatte diesen Greis vor einigen Monaten in Petersburg, in der Kirche des heiligen Simeon und der Prophetin Hanna, die in der Nähe des Fontanka-Flusses und des Scheremetjewschen Palais in der Litejnajastraße gelegen ist, kennengelernt. Der Mann war ihm durch seinen für einen Beamten ungewöhnlichen, seit langer Zeit nicht geschorenen grauen Bart und durch den Eifer, mit dem er die Psalmen las, aufgefallen; er fragte ihn, woher er sei, wie er heiße und welches Amt er bekleide. Der Alte nannte sich Larion Dokukin, Schreiber an der Moskauer Artilleriekanzlei; er sagte, daß er aus Moskau gekommen und im Hause der Hostienbäckerin an der Simeonskirche wohne; er hatte seine Armut und die Anzeige des Fiskals erwähnt und war gleich bei den ersten Worten auch auf den Antichrist zu sprechen gekommen. Der Alte machte auf den Zarewitsch einen recht unglücklichen Eindruck. Er befahl ihm, zu ihm ins Haus zu kommen, da er ihm mit Rat und Geld beistehen wolle. Nun stand dieser Dokukin in seinem zerlumpten Kaftan, einem Bettler gleich, vor ihm. Er war ein ganz gewöhnlicher Schreiber, einer von denen, die man Tintenseelen und Federfuchser zu nennen pflegt. Sein Gesicht war von harten, gleichsam versteinerten Furchen durchzogen; die kleinen trüben Augen blickten hart und kalt, das graue Gesicht mit den harten grauen Bartstoppeln war ebenso langweilig wie die Papiere, die er abzuschreiben hatte; und dieser Mensch, der wohl an die dreißig Jahre über den Papieren in seiner Kanzlei geschwitzt, von den Bauunternehmern kleine Gaben »aus Liebe und nach Ehre und Gewissen« angenommen und vielleicht auch manche Ränke geschmiedet hatte, war nun bei der Überzeugung angelangt: Der Antichrist will kommen. »Ist er vielleicht doch ein Gauner?« fragte sich der Zarewitsch zweifelnd, indem er ihn genauer betrachtete. Das Gesicht des Alten drückte aber nichts Gaunerhaftes oder Listiges aus; es war eher einfältig und zugleich mürrisch und eigensinnig wie das Gesicht eines Menschen, der von einem einzigen festeingewurzelten Gedanken besessen ist. »Ich bin auch noch in einer anderen Angelegenheit aus Moskau hergekommen,« fügte der Alte etwas verlegen hinzu. Der fest eingewurzelte Gedanke kam langsam, mit sichtlicher Mühe in seinen harten Zügen zum Ausdruck. Er schlug die Augen nieder, suchte im Busen seines Kaftans, zog einen Pack Papiere heraus, die durch ein Loch in der Tasche unter das Futter gerutscht waren, und reichte sie dem Zarewitsch. Es waren zwei dünne fettige Hefte in Quartformat, die mit großer und deutlicher Kanzleischrift vollgeschrieben waren. Alexej las sie zuerst zerstreut, dann aber mit immer wachsendem Interesse. Anfangs kamen Texte aus den Kirchenvätern, den Propheten und der Apokalypse über den Antichrist und das Weltende. Dann folgte ein Aufruf »An die Erzbischöfe des großen Rußlands und der ganzen Welt« mit der Bitte, ihm seine Freiheit und Frechheit zu verzeihen, daß er ohne ihre väterliche Erlaubnis diese Dinge aus großem Gram und Trauer, vom Eifer für die Kirche beseelt, geschrieben habe; ferner flehte er sie an, für ihn ein Wort beim Zaren einzulegen, daß er ihn in Gnaden anhöre. Nun kam etwas, was wohl der Hauptgedanke Dokukins war: »Gott gebot dem Menschen, daß er frei sei.« Den Schluß bildete eine Anklage gegen den Kaiser Peter Alexejewitsch. »Nun werden wir aber alle von jenem göttlichen Geschenk – dem unabhängigen und freien Leben abgeschnitten, sowie auch von unseren Häusern und Geschäften, dem Ackerbau und Handwerk und allen unseren früheren Gewerben und seit alten Zeiten bestehenden Gesetzen, vor allen Dingen aber jeder christlichen Frömmigkeit beraubt. Wir werden von Haus zu Haus, von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt gejagt und immer verspottet und beleidigt. Man hat unsere Sitten und Sprache und auch unsere Kleidung geändert, uns Kopf und Bart geschoren und unsere ganze Erscheinung entehrt. Es ist keine Gottesfurcht mehr in uns, unser Aussehen unterscheidet sich nicht mehr von dem der Andersgläubigen: wir haben uns gänzlich mit ihnen vermengt, haben uns ihre Sitten angewöhnt, unsere eigenen christlichen Gelübde aber umgestoßen und die heilige Kirche verwüstet, wir haben unsere Blicke vom Osten abgewendet und unsere Schritte gen Westen gerichtet; wir wandeln seltsame und unbekannte Wege und gehen im Lande des Vergessens zugrunde, wir haben für die Fremden einen festen Grund errichtet und mästen sie mit allem Guten, unsere leiblichen Kinder aber haben wir verhungern lassen; wir haben sie bei Gericht gefoltert und durch erdrückende Steuern zugrunde gerichtet. Mehr zu sagen ist nicht klug, klüger ist, seine Zunge im Zaum zu halten. Doch das Herz vergeht vor Leid, wenn es die Verwüstung des Neuen Jerusalems und die unerträglichen Martern des armen Volkes sieht!« »So handelt man an uns,« hieß es zum Schluß, »im Namen unseres Herrn und Heilands Jesu Christi. Oh ihr geheimen Märtyrer, erschreckt nicht und verzweifelt nicht, seid stark und wappnet euch mit der Waffe des Kreuzes gegen die Gewalt des Antichrist! Duldet um des Herrn willen, duldet noch eine Zeitlang! Christus wird uns nicht verlassen, ihm sei die Ehre jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.« »Wozu hast du dies geschrieben?« fragte der Zarewitsch, als er beide Hefte durchgelesen hatte. »Einen Brief mit dem gleichen Inhalte habe ich kürzlich vor dem Portal der Simeonskirche niedergelegt,« erwiderte Dokukin. »Sie fanden den Brief und verbrannten ihn, dem Kaiser meldeten sie aber nichts und stellten auch keine Untersuchung an. Nun will ich dieses Gebet an der Dreifaltigkeitskirche neben dem Kaiserpalast anschlagen, damit alle, die es lesen, alles erfahren und es Seiner Zarischen Majestät melden. Geschrieben habe ich es aber zwecks Bekehrung, damit seine Zarische Majestät sich bekehre und bessere.« »Ein Gauner!« ging es Alexej wieder durch den Kopf. »Vielleicht auch ein Spion! Was mußte ich mich auch mit ihm einlassen?« »Weißt du, Larion,« sagte er, ihm gerade in die Augen blickend, »weißt du, daß es meine Bürger- und Sohnespflicht ist, von diesem deinem aufrührerischen und empörenden schreiben meinem Herrn Vater Meldung zu erstatten? Im zwanzigsten Artikel des Militärstatuts heißt es aber: wer sich an seiner Majestät durch Schimpfreden versündigt, wird mit Enthauptung bestraft.« »Tu deinen willen, Zarewitsch. Ich habe auch selbst daran gedacht, mit diesen Dingen zu kommen, um für das Wort Christi den Märtyrertod zu empfangen.« Er sagte dies ebenso einfach, wie er vorhin von den Bestechungen gesprochen hatte. Der Zarewitsch faßte ihn schärfer ins Auge. Vor ihm stand noch immer der gewöhnliche Schreiber, der Federfuchser mit dem kalten und trüben Blick und dem langweiligen Gesicht. Nur in der Tiefe seiner Augen regte sich wieder etwas, langsam und angestrengt. »Bist du bei Sinnen, Alter? Bedenke doch, was du tust. Du kommst in die Garnisonsfolterkammer, dort wird man nicht mit dir spaßen: man wird dich an einer Rippe aufhängen und vielleicht auch noch räuchern, wie man es mit eurem Grischka Talitzkij gemacht hat.« Talitzkij war einer der Verkünder des Weltenendes und der Wiederkunft Christi; für die Behauptung, der Zar Peter Alexejewitsch sei der Antichrist, mußte er einen schrecklichen Tod erdulden: er wurde vor einigen Jahren auf kleinem Feuer langsam zu Tode geröstet. »Ich bin mit Gottes Hilfe bereit, mein Leben zu opfern,« entgegnete der Alte. »Sterbe ich nicht heute, so werde ich doch einmal sterben müssen. Man muß etwas Gutes tun, damit man etwas hat, womit man vor den Herrn treten kann; sterben muß aber ein jeder.« Er sagte auch das ebenso einfach wie alles andere; in seinem ruhigen Gesicht und in seiner leisen Stimme lag aber etwas, was die Überzeugung einflößte, daß dieser verabschiedete Artillerieschreiber, den man der Bestechlichkeit beschuldigte, tatsächlich bereit sei, in den Tod zu gehen, wie jene heimlichen Märtyrer, von denen er in seinem Gebete sprach. »Nein,« sagte sich plötzlich der Zarewitsch, »er ist kein Gauner und kein Spion, sondern entweder ein Besessener oder wirklich ein Märtyrer!« Der Alte senkte den Kopf auf die Brust und fügte noch leiser, wie für sich selbst, hinzu, gleich als ob er den Zarewitsch vergessen hätte: »Gott gebot dem Menschen, daß er frei sei.« Alexej stand schweigend auf, riß ein Blatt aus einem der Hefte heraus, zündete es an der in der Ecke vor den Heiligenbildern brennenden ewigen Lampe an, öffnete das Zugloch und die Türe des Ofens, steckte die Papiere hinein, mischte alles mit dem Schürhaken durch und wartete, bis es zu Asche verbrannt war. Dann ging er auf Dokukin, der sich währenddessen nicht gerührt und ihn nur mit den Blicken verfolgt hatte, zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Höre, Alter. Ich werde dich nicht anzeigen. Ich sehe, daß du ein aufrechter Mann bist. Ich vertraue dir. Sag: willst du mir Gutes?« Dokukin antwortete nicht, sah ihn aber mit solchen Augen an, daß jede Antwort überflüssig war. »Und wenn du mir Gutes willst, so schlage dir diesen Unsinn aus dem Kopf! Unterstehe dich nicht, an deine aufwieglerischen Briefe auch nur zu denken: jetzt ist nicht die Zeit dazu, wenn du damit erwischt wirst und es herauskommt, daß du bei mir warst, so wird es auch mir schlecht ergehen. Geh mit Gott und komme nie wieder, sprich mit niemand von mir. Wenn man dich fragt, so schweige. Reise sofort aus Petersburg ab. Paß auf, Larion, wirst du meinen Willen tun?« »Wie könnte ich etwas gegen deinen Willen tun?« versetzte Dokukin. »Gott sei mein Zeuge, daß ich bis an den Tod dein getreuer Diener bin.« »Und wegen der Anzeige des Fiskals brauchst du dir keine Sorgen zu machen,« fuhr Alexej fort. »Ich werde für dich, wenn es nötig ist, ein Wort einlegen. Kannst ganz ruhig sein, dir wird jede Zahlung erlassen werden. Jetzt geh ... oder nein, warte, gib mir dein Tuch.« Dokukin reichte ihm sein großes blaukariertes verschossenes und durchlöchertes Taschentuch, das ebenso armselig aussah wie sein Besitzer. Der Zarewitsch zog die Schublade eines kleinen Nußbaumpultes heraus, das neben seinem Tische stand, nahm ohne zu zählen etwa zwanzig Rubel in Silber und Kupfer heraus – ein Vermögen für den bettelarmen Dokukin –, wickelte das Geld in das Tuch und reichte es ihm mit freundlichem Lächeln. »Nimm das für die Reise, wenn du wieder in Moskau bist, bestelle in der Erzengel-Kathedrale eine Messe für das Wohlergehen des Knechtes Gottes Alexej. Sage aber ja nicht, daß es für den Zarewitsch ist.« Der Alte nahm das Geld, dankte aber nicht und ging auch nicht fort. Er stand noch immer mit gesenktem Kopfe da. Endlich hob er die Augen und begann feierlich eine Rede, die er sich offenbar vorher zurechtgelegt hatte: »Wie der Herr einst den Durst Simsons aus der Eselskinnbacke löschte, so wird vielleicht derselbe Herr auch heute aus meiner Unvernunft für dich etwas Nützliches und Heilsames erstehen lassen ...« Plötzlich hielt er es nicht mehr aus und blieb in seiner feierlichen Ansprache stecken; seine Stimme versagte, die Lippen zitterten, er bebte am ganzen Leibe und fiel dem Zarewitsch zu Füßen: »Erbarme dich, Väterchen! Erhöre uns, deine armen, klagenden, letzten Knechte! Nimm dich des christlichen Glaubens an, richte ihn wieder auf und beschütze ihn, schenke der Kirche Frieden und Eintracht. Herr, Zarewitsch, leuchtendes Kind der Kirche, unsere Sonne und die Hoffnung Rußlands! Die ganze Welt will durch dich erleuchtet werden! Deiner freuen sich die zerstreuten Kinder Gottes! wenn nicht du mit Hilfe des Herrn, wer soll uns helfen? Ohne dich sind wir alle verloren, vielgeliebter! Erbarme dich!« Er umarmte und küßte schluchzend seine Knie. Der Zarewitsch hörte ihm zu, und es war ihm, als hörte er in diesem verzweifelten Flehen das Flehen aller Zugrundegehenden, aller Beleidigten und Gekränkten, den Schrei des ganzen Volkes um Hilfe. »Genug, genug, Alter,« sagte er, sich über ihn beugend, um ihm auf die Beine zu helfen, »Weiß ich es denn nicht? Sehe ich es nicht? Tut mir das Herz nicht weh um euretwillen? Wir haben das gleiche Leid, wo ihr seid, da bin auch ich. Wenn ich mit Gottes Hilfe auf den Thron komme, so werde ich alles tun, um dem Volke sein Joch zu erleichtern. Dann werde ich auch an dich denken: ich brauche getreue Diener. Jetzt aber duldet und betet, daß Gott es bald vollende. – Sein heiliger Wille geschehe in allen Dingen!« Er half ihm aufstehen. Der Alte schien jetzt noch schwächer, gebrechlicher und elender. Aber in seinen Augen leuchtete solche Freude, als sähe er schon die Rettung Rußlands. Alexej umarmte und küßte ihn auf die Stirn. »Leb wohl, Larion. So Gott will, sehen wir uns wieder. Christus sei mit dir!« Als Dokukin gegangen war, setzte sich der Zarewitsch wieder in seinen alten zerfetzten Ledersessel, aus dessen Löchern das Roßhaar heraussah, der aber sehr bequem und weich war, und versank halb in Träumerei und halb in Erstarrung. Er war fünfundzwanzig Jahre alt, groß gewachsen, hager, mit schmalen Schultern und eingefallener Brust; sein Gesicht war gleichfalls auffallend schmal, mit spitzem Kinn, greisenhaft, kränklich und von der gelben Farbe, wie sie die Leberkranken haben; der kleine, kindliche Mund hatte einen klagenden Ausdruck; die unverhältnismäßig große, kahle, steile und runde Stirn war von dünnen Strähnen langer, gerade herabfallender schwarzer Haare umrahmt. Solche Gesichter sieht man oft bei Klosterdienern und Dorfküstern. Wenn er aber lächelte, so strahlten seine Augen klug und gutmütig. Das Gesicht schien sofort jünger und schöner, wie von einem stillen inneren Licht durchleuchtet. In solchen Augenblicken erinnerte er an seinen Großvater, den sanftesten Zaren Alexej Michailowitsch, wie dieser in seiner Jugend war. Wie er jetzt in seinem schmutzigen Schlafrock, mit den ausgetretenen Pantoffeln an den bloßen Füßen, verschlafen, unrasiert, mit Federn in den Haaren dasaß, sah er gar nicht wie ein Sohn des Kaisers Peter aus. Nach dem gestrigen Rausch hatte er den ganzen Tag geschlafen und war eben, also erst kurz vor Abend aufgestanden. Durch die offene Türe sah man im Nebenzimmer das noch nicht aufgeräumte Bett mit zerwühlten großen Kissen und schmutziger Wäsche. Auf dem Arbeitstische, vor dem er saß, lagen in Unordnung verrostete und verstaubte mathematische Instrumente, ein zerbrochenes altertümliches Räucherfaß mit Weihrauch, ein Tabaksmörser, Meerschaumpfeifen, eine leere Haarpuderschachtel, die ihm als Aschenschale diente; Stöße von Papieren und Büchern lagen ebenso bunt durcheinander: Blätter mit handschriftlichen Notizen zu den Annalen des Baronius waren von einem Haufen Pfeifentabak bedeckt; auf der aufgeschlagenen Seite eines zerfetzten und aus dem Leim gegangenen »Buches, genannt Geometrie, das ist die Wissenschaft der Erdmessung mittels Radix und Zirkel für eifrige Weisheitsucher« lag eine angebissene Salzgurke; auf einem Zinnteller – ein abgenagter Knochen und ein vom Pomeranzengeist klebriges Glas, in dem eine Fliege summte. An den mit grüngemustertem, zerfetztem und schmierigem Wachstuch bekleideten Wänden, an der verräucherten Decke und an den trüben Scheiben der Winterfenster, die trotz der heißen Witterung – es war Ende Juni – noch nicht herausgenommen waren, überall wimmelten, summten und krochen dichte schwarze Schwärme von Fliegen umher. Über ihm summten Fliegen. Und auch in seinem Kopfe schwärmten schläfrige Gedanken wie die Fliegen. Er dachte an die Schlägerei, mit der das gestrige Trinkgelage geendet hatte. Shibanda hatte den Sassypka geschlagen, Sassypka den Sachljustka, und Vater Ad, Gratsch und Moloch waren unter den Tisch gefallen; diese Spitznamen hatte der Zarewitsch seinen Trinkgenossen »zum häuslichen Spaß« gegeben. Und auch er selbst, Alexej der Sünder – das war sein Spitzname – hatte jemand geschlagen und an den Haaren gezerrt; wer es war, kann er sich nicht mehr erinnern. Gestern abend kam es ihm so komisch vor, aber jetzt erschien es ihm so häßlich und beschämend. Seine Kopfschmerzen wurden immer stärker. Wenn er doch ein Glas Pomeranzenschnaps trinken könnte, um den Katzenjammer zu vertreiben! Aber er war zu faul, um aufzustehen, den Diener zu rufen und sich zu rühren. Und doch mußte er sich gleich ankleiden, den engen Uniformrock anziehen, den Degen umschnallen, die schwere Perücke, unter deren Last ihm der Kopf noch ärger schmerzen wird, aufsetzen und nach dem Sommergarten zu einer Maskerade fahren, zu der alle »unter Androhung harter Strafen« befohlen waren. Vom Hofe klangen Stimmen spielender Kinder herauf. Ein kranker zerzauster Zeisig piepste jammervoll in seinem Bauer über dem Fenster. Der Pendel der hohen englischen Standuhr mit Glockenspiel – ein altes Geschenk des Vaters – tickte gleichförmig. Aus den Zimmern des Obergeschosses klangen langweilige endlose Tonleitern, die Alexejs Gemahlin, die Kronprinzessin Sophie Charlotte, Tochter des Herzogs von Wolfenbüttel, auf einem alten klirrenden deutschen Klavier spielte. Ihm fiel plötzlich ein, wie er gestern in seinem Rausche zu Shibanda und Sachljustka über sie gesprochen hatte: »So eine Teufelin hat man mir als Frau aufgehängt: so oft ich zu ihr komme, ist sie böse und will gar nicht mit mir reden. So eine hochnasige Deutsche!« – »Es war nicht gut,« sagte er sich. »Wenn ich betrunken bin, rede ich zu viel und mache mir nachher Vorwürfe...« Was kann sie auch dafür, daß man sie, als sie noch fast ein Kind war, gegen ihren Willen mit ihm verheiratet hat? Ist sie denn überhaupt hochnasig? Krank, einsam, von allen in der Fremde verlassen, ist sie ebenso unglücklich wie er. Und sie liebt ihn doch, – sie ist vielleicht das einzige Wesen, das ihn liebt. Er muß an den Streit denken, den er neulich mit ihr gehabt hat. Sie hatte ihm zugerufen: »Der gemeinste Schuster in Deutschland behandelt seine Frau besser als Sie!« Er zuckte verächtlich die Achseln und sagte: »Kehren Sie also mit Gott nach Deutschland zurück! ...« – »Ja, wäre ich nicht ...« Sie sprach den Satz nicht zu Ende, begann zu weinen und zeigte auf ihren Leib: sie war in gesegneten Umständen. Er sieht noch jetzt ihre angeschwollenen blaßblauen Augen vor sich und die Tränen, die, den Puder wegwischend – die Arme hatte sich eben eigens für ihn gepudert –, über ihr unschönes, pockennarbiges, etwas hölzernes Gesicht herablaufen, das durch die Schwangerschaft noch häßlicher und magerer geworden ist und einen so unglücklichen, kindlich-hilflosen Ausdruck hat. Er liebt sie ja auch selbst; jedenfalls überkommt ihn zuweilen ein plötzliches hoffnungsloses Mitleid, das ihm schmerzhaft, beinahe unerträglich ins Herz sticht. Warum quält er sie denn so? Schämt er sich denn gar nicht, sieht er nicht, daß es eine Sünde ist? Er wird sich doch ihretwegen vor Gott zu verantworten haben. Die Fliegen setzten ihm furchtbar zu. Ein schräger, heißer, roter Strahl der sinkenden Sonne, der gerade durchs Fenster drang, stach ihm in die Augen. Endlich rückte er den Sessel weg, drehte ihn mit dem Rücken zum Fenster und richtete seinen Blick auf den Ofen. Es war ein riesengroßer holländischer Ofen mit gedrehten Säulen und gemusterten Vertiefungen und Vorsprüngen: ein Ofen aus russischen Kacheln, die an den Ecken durch Kupfernägel verbunden waren, Auf weißem Hintergrunde waren mit satten roten, grünen und dunkelvioletten Farben allerlei phantastische Tiere, Vögel, Menschen und Pflanzen gemalt, – unter jeder Darstellung stand eine Inschrift in altslawischen Buchstaben. In den roten Sonnenstrahlen leuchteten die Farben zauberhaft-grell. Der Zarewitsch sah sich zum tausendsten Male mit stumpfem Interesse diese Bildchen an und studierte die Inschriften; ein Bauer mit einer Balalaika: »Ich vermehre die Musik«; ein Mann in einem Sessel, mit einem Buch in der Hand: »Ich nähre meinen Geist«; eine erblühende Tulpe: »Ihr Duft ist süß«; ein Greis auf den Knien vor einer jungen Schönen: »Ich will keinen Alten lieben«; ein Liebespaar unter Büschen: »Wir verstehen uns gut«; eine Bauerndirne, französische Komödianten, ein chinesischer und ein japanischer Pope, die Göttin Diana und der sagenhafte Vogel Malkofeja. Die Fliegen hören aber nicht auf zu summen; der Pendel tickt; der Zeisig piepst jammervoll; von oben erklingen die Tonleitern, und vom Hofe die Kinderstimmen. Der scharfe, rote Sonnenstrahl wird immer stumpfer und dunkler. Die bunten Figuren beginnen sich zu bewegen. Die französischen Komödianten spielen Huckepack mit der Bauerndirne; der japanische Pope blinzelt dem Vogel Malkofeja zu. Alles kommt durcheinander, die Augen fallen ihm zu. Und gäbe es diese große klebrige, schwarze Fliege nicht, die nicht mehr im Schnapsglase sondern in seinem Kopfe summt und kitzelt, so wäre alles so schön und ruhig, und er könnte ganz in diesen stillen, dunklen, roten Nebel versinken. Plötzlich fuhr er zusammen und kam zur Besinnung. »Erbarme dich, Väterchen, du Hoffnung Rußlands!« Diese Worte des Alten klangen ihm mit erschütternder Kraft in den Ohren. Er warf einen Blick auf das nicht aufgeräumte Zimmer und auf sich selbst, und die Scham übergoß ihm das Gesicht und versengte ihn wie ein blendender roter Sonnenstrahl. Eine nette »Hoffnung Rußlands«! Schnaps, Schlaf, Nichtstun, Lüge, Schmutz und diese ewige gemeine Furcht vor dem Vater. Ist es denn wirklich zu spät? Ist denn alles vorbei? Wenn er doch alles von sich abschütteln und entfliehen könnte! »Für das Wort Christi den Märtyrertod empfangen...« klangen in ihm wieder die Worte Dokukins: »Gott gebot dem Menschen, daß er frei sei.« Oh ja, schnell zu ihnen eilen, solange es nicht zu spät ist. Die »heimlichen Märtyrer« rufen ihn und warten auf ihn. Er sprang auf, als ob er tatsächlich entfliehen, oder einen Entschluß fassen und etwas, was sich nicht wieder rückgängig machen ließe, vollbringen wollte; – da horchte er auf und erstarrte in Erwartung. In die Stille dröhnten langsam und melodisch die Messingglocken der Uhr. Es schlug neun, und als der erste Schlag verhallt war, knarrte leise die Türe, und der alte Kammerdiener Iwan Afanassiewitsch Bolschoj steckte seinen Kopf hinein. »Es ist Zeit zu fahren, soll ich Euch beim Ankleiden helfen?« brummte er in seinem gewöhnlichen mürrischen und boshaften Ton; es klang so, als ob er schimpfte. »Nein. Ich fahre nicht hin,« sagte Alexej. »Ganz wie es Euch beliebt. Es ist aber befohlen, daß alle erscheinen. Der Herr Vater werden wieder böse sein.« »Geh, laß mich!« der Zarewitsch wollte ihn hinausjagen; als er aber seinen zerzausten Kopf mit den Federn im Haar und das Gesicht, das ebenso unrasiert und übernächtig wie das seinige war, sah, fiel ihm ein, daß er doch diesen Afanassiewitsch gestern Abend an den Haaren gezerrt hatte. Der Zarewitsch betrachtete lange stumpf und verständnislos den Alten, als ob er erst eben endgültig erwacht wäre. Der letzte rote Schein erlosch im Fenster, und alles wurde auf einmal so grau, als ob aus allen verräucherten Ecken Spinngewebe herabgesunken wären und das Zimmer in ein graues Netz gehüllt hätten. Doch der Kopf steckte noch immer in der Türe wie festgeklebt, ohne sich vorwärts oder rückwärts zu bewegen. »Soll ich Euch also die Kleider geben?« wiederholte Afanassiewitsch noch mürrischer. Alexej fuhr hoffnungslos mit der Hand durch die Luft. »Es ist ganz gleich, gib her!« Und als er sah, daß der Kopf sich noch immer nicht zurückzog und auf etwas wartete, fügte er hinzu: »Wenn ich doch etwas Pomeranzenschnaps haben könnte, um mich zu erholen! Der Kopf tut mir noch von gestern abend so fürchterlich weh ...« Der Alte sagte nichts, blickte aber den Zarewitsch so an, als ob er sagen wollte: »Wie sollte dir der Kopf auch nicht weh tun!« Als der Zarewitsch allein geblieben war, faltete er langsam die Hände im Nacken, so daß alle Gelenke knackten, reckte sich und gähnte. Scham, Furcht, Trauer, Reue, Sehnsucht nach einer großen Tat, nach einer plötzlichen Handlung, – alles kam in diesem langsamen, schmerzlichen, krampfhaften Gähnen zum Ausdruck, das viel hoffnungsloser und schrecklicher war, als jenes Stöhnen und Schluchzen. Nach einer Stunde saß er gewaschen, rasiert, vollkommen nüchtern, in den engen Uniformrock eines Sergeanten des Preobrashenskij-Leibgarderegiments aus deutschem grünen Tuch mit roten Aufschlägen und goldenen Tressen eingeschnürt in seinem sechsruderigen Boote und fuhr hinunter nach dem Sommergarten. II. An diesem Tage, dem 26. Juni 1715, sollte im Sommergarten ein Venusfest zu Ehren einer antiken Statue stattfinden, die soeben aus Rom eingetroffen war und in einer Galerie über der Newa aufgestellt werden sollte. »Ich werde einen schöneren Garten haben, als ihn der König von Frankreich in Versailles hat,« prahlte Peter. wenn er im Felde, auf dem Meere oder in der Fremde weilte, schickte ihm die Kaiserin Berichte über sein Lieblingswerk: »Unser Garten wächst recht schön und viel besser als im vergangenen Jahre: der weg, der zum Palais führt, ist schon fast ganz von den Eichen und Ahornen überdeckt. Sooft ich in den Garten trete, tut es mir leid, mein geliebter Freund, daß ich nicht mit Ihnen darin spaziere.« – »Unser Garten ist schon ganz grün und beginnt nach Harz zu duften,« d. h. nach den harzigen jungen Knospen. Der Sommergarten war in der Tat »regulär nach dem Plan« angelegt wie der »berühmte Garten von Versailles«. Die wie über einen Kamm geschorenen Bäume, die geometrisch regelmäßigen Formen der Blumenbeete, die schnurgeraden Kanäle, die viereckigen Weiher mit Schwänen, kleinen Inseln und Lauben, die komplizierten Wasserkünste, die endlosen Alleen, die man »Perspektiven« nannte, die hohen Hecken und Spaliere, die den Wänden von Empfangssälen glichen, – all das »lud die Menschen zum Lustwandeln ein, – und wenn jemand ermüdete, so konnte er genug Bänke, Theater, Labyrinthe und grüne Rasenteppiche finden, um sich gleichsam in eine süße Einsamkeit zurückzuziehen«. Der Garten des Zaren reichte aber doch nicht an den Park von Versailles heran. Die bleiche Petersburger Sonne trieb aus den fetten Rotterdamer Zwiebeln recht kümmerliche Tulpen. Nur die anspruchslosen nordischen Blumen – der von Peter geschätzte wohlriechende Rainfarn, die gefüllten Pfingstrosen und die eintönig grellen Georginen konnten sich etwas besser entwickeln. Die jungen Bäume, die man mit ungeheurer Mühe zu Schiff und zu Wagen aus der Entfernung von vielen Tausenden Werst – aus Polen, Preußen, Pommern, Dänemark und Holland brachte, gingen allmählich zugrunde. Die fremde Erde gab ihren schwachen Wurzeln eine viel zu karge Nahrung. Dafür standen »ganz wie in Versailles« an allen Hauptalleen Marmorbüsten – »Bruststücke« – und Statuen. Die römischen Imperatoren, die griechischen Philosophen, die olympischen Götter und Göttinnen schienen einander verdutzt anzuschauen und sich zu fragen, auf welche Weise sie in dieses wilde Land der hyperboreischen Barbaren geraten waren. Es waren übrigens keine antiken Originale, sondern schlechte Nachbildungen italienischer und deutscher Meister. Die Götter sahen so aus, als ob sie soeben ihre Perücken und gestickten Röcke, die Göttinnen, als ob sie ihre Spitzenmieder und Reifröcke abgelegt hätten und sich ihrer etwas unanständigen Blöße schämten. So sehr erinnerten sie an die gezierten Kavaliere und Damen, die am Hofe Ludwigs XIV. oder des Herzogs von Orleans »französische Politesse« erlernt hatten. Der Zarewitsch Alexej ging durch eine der Seitenalleen in der Richtung vom großen Teich zur Newa. An seiner Seite humpelte eine komische Gestalt auf krummen Beinchen, in einem schäbigen deutschen Rock, mit riesengroßer Perücke, mit dem verdutzten und erschrockenen Gesichtsausdruck eines Menschen, den man plötzlich aus dem Schlafe geweckt hat. Es war der Zeugdirektor der Armierungskanzlei und der neuen Druckerei, der erste Meister der Buchdruckerkunst in Petersburg, Michailo Petrowitsch Awramow. Der Sohn eines Küsters war als siebzehnjähriger Schüler direkt von Gebetbuch und Psalter weg auf eine Handelsbarke gekommen, die mit einer Ladung von Teer, Juchten und Leder und einem Dutzend russischer Knaben von Kronslot nach Amsterdam segelte; die Knaben, die man »unter den scharfsinnigsten« ausgewählt hatte, wurden auf Befehl Peters zwecks Ausbildung ins Ausland geschickt. Awramow hatte in Holland etwas Geometrie und viel Mythologie studiert und wurde »von den dortigen Einwohnern belobt und in den gedruckten Zeitungen publiziert«. Der von Haus aus gar nicht dumme, sogar »scharfsinnige« Bursche war durch den plötzlichen Übergang von Psalter und Gebetbuch zu den Dichtungen Ovids und Virgils so bestürzt gewesen, daß er überhaupt nie mehr zu sich kommen konnte. Er erlebte in seiner Gefühls- und Gedankenwelt etwas, was der Epilepsie entspricht, die manchmal aus dem Schlafe geschreckte kleine Kinder bekommen. In seinem Gesicht blieb seitdem der Ausdruck ewiger Verblüffung und Verwirrung. »Zarewitsch, Eure Hoheit, ich beichte vor dir wie vor Gott selbst,« sprach Awramow mit eintöniger weinerlicher Stimme, die wie das Summen einer Mücke klang. »Mich quält das Gewissen, daß wir, die wir doch Christen sind, die heidnischen Götzen anbeten ...« »Was für Götzen?« fragte der Zarewitsch erstaunt. Awramow zeigte auf die Marmorstatuen, die zu beiden Seiten der Allee standen. »Unsere Väter und Großväter stellten in ihren Wohnungen und auf den Kreuzwegen heilige Ikonen auf; wir schämen uns aber dessen und stellen überall schamlose Götzenbilder hin. Die göttlichen Ikonen haben göttliche Kraft in sich; ebenso wohnt in den Götzen, die Ikonen des Satans sind, die Macht des Satans. Wir verehrten bisher nur den Gott des Trunkes, Bacchus, den wir bei den Narrenkonzilen, die wir mit dem Fürst-Papst abhalten, Iwaschka Chmelnizkij zu nennen pflegen; heute sind wir aber im Begriff, die unsaubere Venus, die Göttin der Hurerei anzubeten, sie nennen diese Gottesdienste Maskeraden und sehen keine Sünde darin: sie sagen, daß es diese Götter in Wirklichkeit gar nicht gäbe und daß ihre leblosen Bilder in den Häusern und Gärten nur als Verzierung aufgestellt seien. Sie irren sich aber darin und bringen damit ihr Seelenheil in Gefahr: denn diese alten Götter haben noch immer ein natürliches und wirkliches Sein ...« »Glaubst du an die Götter?« fragte der Zarewitsch mit wachsendem Erstaunen. »Ich glaube, Eure Hoheit, an das Zeugnis der heiligen Väter, daß diese Götter Teufel sind, die, im Namen des Gekreuzigten aus ihren Götzentempeln vertrieben, in öde Stätten und finstere Abgründe geflohen sind, wo sie sich eingenistet haben und sich für eine Zeitlang tot und nichtexistierend stellten. Als aber das alte Christentum geschwächt wurde und eine neue Gottlosigkeit emporblühte, erwachten auch diese Götter zu neuem Leben und kamen aus ihren Löchern gekrochen. Ebenso wie das Otterngezücht und die Insekten und jedes giftige Gewürm, wenn es aus seinen Eiern hervorkriecht, die Menschen sticht, so stechen und vergiften auch die Teufel, wenn sie aus diesen alten Götzenbildern, ihren Larven, herauskommen, die Christenseelen. Erinnerst du dich noch, Zarewitsch, an das Gesicht, das der heilige Kirchenvater Isaak hatte? Schöngestaltete Jungfrauen und Jünglinge, deren Antlitze wie die Sonne strahlten, erfaßten den Heiligen bei den Händen und begannen mit ihm zu den Klängen einer süßen Musik zu springen und zu tanzen; als er müde geworden war, ließen sie den so verhöhnten halbtot liegen und verschwanden. Und der heilige Vater erkannte in ihnen die alten hellenisch-römischen Götter: Jupiter, Merkur, Apollo, Venus und Bacchus. Heute erscheinen auch uns Sündern die Teufel in gleicher Gestalt. Wir empfangen sie aber freundlich auf den gräßlichen Maskeraden, wir vermischen uns mit ihnen, springen und tanzen, und werden schließlich in den tiefsten Tartarus stürzen, wie die Herde Säue in den See; und wir Unwissenden denken gar nicht daran, um wieviel scheußlicher diese neuen, wohlgestalteten, sonnengleichen, weißen Teufel sind als die schrecklichsten schwarzen Mohrenfratzen!« Im Garten war es trotz der Juninacht recht dunkel, schwarze, schwüle Gewitterwolken schwebten niedrig dahin und verdeckten den Himmel. Die Illumination war noch nicht angezündet, das Fest hatte noch nicht begonnen. Die Luft war so unbeweglich wie in einem Zimmer. Wetterleuchten oder sehr ferne Blitze, denen kein Donner folgte, leuchteten ab und zu auf: und bei jedem Aufleuchten wurden Zu beiden Seiten der Allee in blendendem bläulichem Scheine die weißen Marmorstatuen auf dem schwarzgrünen Hintergründe der Spaliere sichtbar wie weiße Gespenster, die plötzlich erscheinen und verschwinden. Der Zarewitsch betrachtete sie nach allem, was er von Awramow gehört hatte, mit einem neuen Gefühl. »Sie sind wirklich wie weiße Teufel!« sagte er sich. Er hörte Stimmen. An der einen von ihnen, die nicht sehr laut und etwas heiser klang, sowie auch an dem rötlichen Glimmen einer holländischen Tonpfeife – der glimmende Punkt befand sich so hoch über der Erde, daß man auf den Riesenwuchs des Rauchenden schließen mußte, – erkannte der Zarewitsch seinen Vater. Er bog rasch um die Ecke der Allee in einen Seitenweg des »Labyrinths«, das aus Flieder und Buchsbaum bestand, »wie ein Hase habe ich mich in die Büsche geschlagen!« sagte er sich sofort: er schämte sich dieser mechanischen erniedrigend feigen Bewegung. »Weiß der Teufel, was du da sagst, Awramka,« fuhr er mit geheucheltem Ärger fort, um seine Scham zu verbergen, »vom vielen Lesen bist du wohl nicht ganz bei Trost.« »Ich spreche die reine Wahrheit, Eure Hoheit,« entgegnete Awramow, der sich anscheinend gar nicht verletzt fühlte. »Ich habe die unreine Gewalt der Götter am eigenen Leibe erfahren. Der Satan überredete mich, deinen Vater, den Zaren, um Erlaubnis zu bitten, die Bücher des Ovid und Virgil drucken zu dürfen. Eines dieser Bücher mit den Abrissen der unsauberen Götter und ihrer verrückten Handlungen habe ich bereits fertig gedruckt. Und von jener Zeit an bin ich wie besessen. Ich bin in unersättliche Hurerei verfallen, die göttliche Kraft hat mich verlassen, und mir erscheinen in meinen Traumgesichten allerlei Götter, besonders aber Bacchus und Venus ...« »In welcher Gestalt?« fragte der Zarewitsch nicht ohne Neugierde. »Bacchus erinnert an die Gestalt, in der man den Ketzer Martin Luther darstellt: ein Deutscher mit rotem Gesicht und einem Bauche wie ein Bierfaß. Die Venus erschien mir anfangs in Gestalt der Dirne, mit der ich bei meinem Aufenthalt in Amsterdam Unzucht getrieben habe: der Körper ist nackt und weiß wie Schaum, die Lippen rot, die Augen schamlos. Als ich aber später im Vorzimmer der Badestube, wo ich dieses abscheuliche Erlebnis hatte, zu mir kam, verwandelte sich die verdammte Hexe in Akuljka, die leibeigene Magd des Protopopen; sie schimpfte, daß ich sie nicht in Ruhe ließe, während sie badete, schlug mich mit dem nassen Badequast ins Gesicht, lief dann auf den Hof hinaus, sprang in einen Schneehaufen – die Sache spielte im Winter – und war plötzlich als Schnee im Winde verweht.« »Vielleicht war es aber auch wirklich Akuljka! ...« sagte lachend der Zarewitsch. Awramow wollte etwas einwenden, wurde aber plötzlich still. Wieder erklangen die Stimmen, wieder leuchtete im Dunkeln der rote, blutige Punkt. Der schmale Pfad des Labyrinths brachte wieder Sohn und Vater zusammen; diesmal an einer Stelle, wo ein Ausweichen unmöglich war. Dem Zarewitsch ging wieder der verzweifelte Gedanke durch den Kopf: sich zu verstecken, am Vater vorbeizuschleichen oder sich wie ein Hase in die Büsche zu schlagen. Es war aber zu spät. Peter sah ihn aus der Ferne und rief ihm zu: »Zoon!« Zoon heißt auf Holländisch Sohn. So pflegte er ihn nur in seltenen Augenblicken, wenn er besonders gnädig aufgelegt war, zu nennen. Der Zarewitsch war darüber um so mehr erstaunt, als der Vater mit ihm in der letzten Zeit fast gar nicht, weder holländisch noch russisch gesprochen hatte. Er ging auf den Vater zu, nahm den Hut ab, machte eine tiefe Verbeugung und küßte zuerst den Saum seines Rockes; Peter hatte, eine stark abgetragene dunkelgrüne Oberstenuniform des Preobrashenskij-Leibgarderegiments mit roten Aufschlägen und Messingknöpfen an: dann küßte er seine harte, schwielige Hand. »Ich danke dir, Aljoscha!« sagte Peter; als Alexej diese schon seit langem nicht gehörte Anrede »Aljoscha« hörte, ging ihm ein Zittern durchs Herz. »Ich danke dir für dein Geschenk. Es ist just zur richtigen Zeit gekommen. Mein Eichenholz, das ich aus Kasan flößen ließ, ist im Ladogasee bei einem Sturm verlorengegangen, wenn ich jetzt dein Geschenk nicht hätte, so wäre die neue Fregatte wohl erst im Herbst fertig geworden. Es ist ein ganz ausgezeichnetes Holz, stark wie Eisen. Schon lange habe ich kein so gutes Eichenholz gesehen!« Der Zarewitsch wußte, daß man seinem Vater keine größere Freude machen konnte, als wenn man ihm gutes Schiffsbauholz schenkte. Er hatte schon seit langem auf seinem Erbgute im Poretzkijschen Kreise der Nishnij-Nowgoroder Provinz ganz im geheimen ein schönes Eichengehölz gehegt, für den Fall, daß er einst das Wohlwollen seines Vaters brauchen sollte. Als er erfahren hatte, daß die Admiralität bald Eichenholz benötigen würde, ließ er das Gehölz fällen und das Holz in Flößen nach der Newa bringen; nun schenkte er es gerade zur rechten Zeit seinem Vater. Das war eine der kleinen schüchternen, manchmal etwas unbeholfenen Aufmerksamkeiten, die er ihm vor Jahren recht oft, doch jetzt immer seltener und seltener erwies. Er betrog sich übrigens nicht: er wußte, daß auch diese Aufmerksamkeit ebenso schnell wie alle früheren vergessen sein und daß der Vater sich an ihm für die flüchtige Freundlichkeit des Augenblicks mit um so größerer Härte rächen würde. Und doch errötete sein Gesicht vor schamhafter Freude, und sein Herz schlug in einer wahnsinnigen Hoffnung. Er stammelte irgend etwas Zusammenhangloses, beinahe Unverständliches, wie »bin immer froh, wenn ich dem Vater einen Dienst erweisen kann«, und wollte noch einmal seine Hand küssen, Peter ergriff aber seinen Kopf mit beiden Händen. Einen Augenblick lang sah der Zarewitsch das vertraute, schreckliche und liebe Gesicht mit den vollen, wie geschwollenen Wangen, mit dem hochgezwirbelten kleinen Schnurrbart – »wie beim Kater Kotabrys«, sagten die Spötter – mit dem reizenden Lächeln auf den schöngeschwungenen, beinahe weiblich zarten Lippen; er sah seine großen, dunklen, klaren Augen, die so schrecklich und zugleich so lieb waren, daß er einst von ihnen träumte, wie ein verliebter Jüngling von den Augen eines schönen Mädchens; er spürte den ihm von Kind auf vertrauten Geruch – ein Gemisch von starkem Knaster, Schnaps, Schweiß und noch einem anderen gar nicht widerlichen, doch scharfen Kasernengeruch, der immer im Arbeitszimmer – im »Kontor« seines Vaters herrschte; er fühlte auch die ihm ebenfalls von Kind auf bekannte rauhe Berührung des nicht ganz glatt rasierten Kinns mit dem kleinen Grübchen in der Mitte, das sich so merkwürdig, beinahe komisch auf diesem strengen Gesichte ausnahm; es schien ihm, vielleicht war es aber auch nur ein Traum, daß wenn ihn der Vater in seiner Kindheit auf dem Schoße gehalten hatte, er dieses komische Grübchen geküßt und dabei gesagt habe: »Ganz wie bei der Großmutter!« Peter küßte den Lohn auf die Stirn und sagte in seinem gebrochenen Holländisch: »Good beware ù!« – »Gott behüte Euch!« Auch dieses etwas gezierte holländische »Euch« statt »du« er? schien dem Zarewitsch ungemein freundlich und bezaubernd. Er sah und fühlte das alles wie im plötzlichen Lichtscheine eines Wetterleuchtens. Das Wetterleuchten erlosch, und alles war vorüber. Peter entfernte sich von ihm – wie immer krampfhaft mit einer Schulter zuckend, den Kopf in den Nacken geworfen, wie ein Soldat mit dem rechten Arm schlenkernd, in seinem gewohnten Schritt, der so schnell war, daß die Begleiter fast laufen mußten, um nicht zurückzubleiben. Alexej schlug eine andere Richtung ein, immer auf dem schmalen Pfade des finsteren Labyrinths bleibend. Awramow war noch immer an seiner Seite. Er sprach jetzt vom Archimandriten des Alexander-Newskij-Klosters, dem Beichtvater des Zaren, Feodossij Janowskij, den Peter zum »Administrator der geistlichen Angelegenheiten« ernannt und somit über den ersten Würdenträger der Kirche, den bejahrten Verweser des Patriarchenstuhles Stefan Jaworskij, gesetzt hatte; viele verdächtigten den Archimandriten des »Luthertums« und der geheimen Absicht, die Verehrung der Ikonen und Reliquien, die Fasten, das Mönchtum, das Patriarchat und auch die übrigen Institutionen der griechisch-orthodoxen Kirche abzuschaffen. Andere meinten, daß Feodossij, oder Fedoska, wie man ihn verächtlich nannte, die Absicht habe, selbst Patriarch zu werden. »Dieser Fedoska ist der reinste Atheist und obendrein ein frecher und unflätiger Mensch,« sagte Awramow. »Er hat sich in die von vieler Arbeit müde, heilige Seele des Monarchen eingeschlichen und ihn verführt; er zerstört nun alle christlichen Überlieferungen und Satzungen und führt ein wollüstiges epikuräisches Leben ein, das eigentlich ein Schweineleben ist. Dieser selbe besessene Erzketzer hat einmal von der wundertätigen Ikone der Kasanschen Muttergottes die Krone weggenommen, hat ›Meßner, gib mir ein Messer her!‹ gerufen und den Draht zerschnitten, den Heiligenschein aus getriebenem Goldblech heruntergerissen und ihn sich ganz frech vor aller Augen in die Tasche gesteckt. Alle, die das sahen, weinten über seine Unflätigkeit. Er, das Gefäß des Satans, sagte sich von Gott los, verschrieb sich den Teufeln und wollte das Bild des Erlösers und das lebenspendende Kreuz wie ein toller Bock zertreten und bespeien ...« Der Zarewitsch hörte Awramow gar nicht zu. Er dachte nur an seine Freude und bemühte sich, diese unvernünftige, und, wie es ihm jetzt schien, allzu kindische Freude durch Vernunftgründe zu dämpfen. Vorauf wartete er? Worauf hoffte er? Auf eine Versöhnung mit dem Vater? War eine solche Versöhnung überhaupt möglich, und strebte er auch nach einer solchen? War nicht Zwischen ihm und dem Vater etwas vorgefallen, was nie vergessen und vergeben werden konnte? Er erinnerte sich, wie er eben so feige wie ein Hase vor dem Vater geflüchtet war; er dachte auch an Dokukin, an sein Gebet und seine Anklage gegen Peter und an eine Menge anderer, viel schrecklicherer, unumstößlicher Anklagen. Nicht um ihretwillen allein hatte er sich gegen den Vater empört. Und doch hatten eben ein paar freundliche Worte, ein Lächeln genügt, um sein Herz zu erweichen und es überfließen zu lassen; er war schon bereit, dem Vater zu Füßen zu fallen, alles zu vergessen und zu vergeben, selbst um Vergebung zu flehen, als ob er der Schuldige wäre: und er war bereit, für eine einzige Liebkosung, für ein einziges Lächeln ihm wieder seine Seele hinzugeben. »Ist's denn möglich,« dachte Alexej beinahe entsetzt, »ist's denn möglich, daß ich ihn so liebe?« Awramow sprach noch immer und summte ihm wie eine unruhige Mücke ins Ohr. Der Zarewitsch hörte seine letzten Worte: »Als der ehrwürdige Mitrofanij von Woronesh auf dem Dache des Zarenpalastes den Bacchus, die Venus und die anderen Götzenbilder sah, sagte er: ›Solange der Zar nicht den Befehl gibt, diese Götzenbilder, die das Volk ärgern, herabzuwerfen, kann ich sein Haus nicht betreten.‹ Und der Zar ehrte den Bischof und ließ die Götzenbilder entfernen. So war es früher, wer wird aber heute dem Zaren die Wahrheit sagen? Vielleicht der ruchlose Fedoska, der die Ikonen Götzen nennt und die Götzen zu Ikonen erhebt? Wehe, wehe uns! Es ist so weit gekommen, daß er an diesem Tage und zu dieser Stunde, nachdem er das Bild der Muttergottes gestürzt hat, an seiner Stelle die dem Satan wohlgefällige, unzüchtige Ikone der Venus errichtet. Und der Zar, dein Vater ...« »Laß mich in Ruhe, Narr!« rief der Zarewitsch plötzlich erzürnt aus. »Laßt mich alle in Ruhe! Was jammert ihr, was kommt ihr alle zu mir? Daß euch alle ...« Er gebrauchte ein unflätiges Schimpfwort. »Was kümmere ich mich um euch? Ich weiß von nichts und will von nichts wissen! Geht doch' mit euren Anklagen zum Vater: er wird entscheiden! ...« Sie näherten sich der Steuermannsterrasse an der Fontäne in der Mittelallee. Hier waren viele Leute versammelt. Alle blickten auf den Zarewitsch und seinen Begleiter und spitzten die Ohren. Awramow erbleichte und schien plötzlich zusammengeschrumpft; er sah auf den Zarewitsch mit irren Blicken, mit den Augen eines im Schlafe erschreckten Kindes, das gleich einen epileptischen Anfall bekommen wird. Alexej fühlte mit ihm Mitleid. »Nun, fürchte dich nicht, Petrowitsch,« sagte er mit jenem freundlichen Lächeln, das nicht an das Lächeln des Vaters, sondern an das seines Großvaters, des sanftesten Zaren Alexej Michailowitsch erinnerte. »Fürchte nichts, ich verrate dich nicht! Ich weiß, daß du mich ... und den Vater liebst. Aber halte in Zukunft deine Zunge im Zaume ...« Plötzlich huschte ein dunkler Schatten über sein Gesicht, und er fügte leise hinzu: »Und wenn du auch recht hast, was kann das nützen? Wer braucht heute die Wahrheit? Man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen. Auf dich ... und auch auf mich wird doch niemand hören.« Zwischen den Bäumen leuchteten die ersten Flammen der Illumination auf: bunte Lampions, Talglämpchen und Pyramiden aus Talgkerzen in den Fenstern und zwischen den gedrechselten Säulen der durchbrochenen gedeckten Galerie über der Newa. Alles war bereits, wie es später im offiziellen Bericht über das Fest hieß, »höchst zeremoniell, mit großem Reichtum geschmückt.« Die Galerie bestand aus drei schmalen langen Lauben. In der Hauptlaube, die sich in der Mitte befand, war schon unter einer eigens zu diesem Zweck vom französischen Architekten Leblond erbauten Glaskuppel ein Ehrenplatz bereitet – der Marmorsockel für die Venus von Petersburg. III. »Ich habe eine Venus gekauft,« meldete Beklemischew aus Italien dem Zaren. »In Rom wird sie sehr hoch geschätzt. Sie steht der berühmten Florentinischen (Mediceischen) in nichts nach, ist eher schöner als diese. Man fand sie bei einfachen Leuten. Sie wurde beim Ausheben des Grundes zu einem neuen Hause ausgegraben. Zweitausend Jahre hat sie in der Erde gelegen. Lange Zeit hatte sie der Papst in seinem vatikanischen Garten stehen. Ich verheimlichte sie vor Liebhabern. Ich fürchte, daß die Ausfuhr Schwierigkeiten machen wird. Sie gehört aber schon Eurer Majestät.« Peter unterhandelte durch seinen Bevollmächtigten Sawwa Ragusinskij und durch den Kardinal Ottobani mit dem Papste Clemens XI. wegen der Erlaubnis, die von ihm erworbene Statue nach Rußland ausführen zu dürfen. Der Papst wollte lange keine Genehmigung erteilen. Endlich erhielt man sie nach langen diplomatischen Kunstgriffen und Listen. »Herr Kapitän,« schrieb Peter an seinen Wiener Gesandten Jagushinskij, »die schönste Statue der Venus soll aus Livorno zu Wagen nach Innsbruck gebracht werden, und von da mit einem eigenen Begleiter die Donau abwärts nach Wien, an deine Adresse. Und da die Statue, wie es dir bekannt ist, auch dort sehr hochgeschätzt wird, sollst du in Wien ein Wagengestell auf Federn machen lassen, auf dem man sie unbeschädigt nach Krakau bringen kann; von Krakau kann man sie aber wieder zu Wasser weiterschicken.« Auf Meeren und Flüssen, über Berge und Täler, Städte und Steppen und schließlich auch durch armselige russische Dörfer, Urwälder und Sümpfe, überall durch den willen des Zaren sorgsam behütet, bald auf Wasserwellen und bald im federnden Wagen schaukelnd, machte die Göttin in ihrem dunklen Kasten wie in einer Wiege oder einem Sarge ihre lange Reise aus der Ewigen Stadt nach der neugegründeten Siedlung Petersburg. Endlich war sie glücklich angelangt. So sehr auch der Zar wünschte, die Statue, von der er so viel gehört und die er so lange erwartet hatte, so bald wie möglich zu sehen, überwand er doch seine Ungeduld und beschloß, den Kasten nicht vor dem ersten feierlichen Erscheinen der Venus beim Feste im Sommergarten zu öffnen. Schaluppen, Ruder- und Segelboote, Ewer und andere »neumodische Schiffe« landeten vor der hölzernen Treppe, die direkt ins Wasser hinabführte, und hielten an den am Ufer eingerammten Pfosten mit den Eisenringen. Die Ankommenden stiegen aus den Booten und gingen die Treppe zur mittleren Galerie hinauf, wo im Lichte der Illumination bereits eine geputzte Menge wogte, rauschte und sich hin und her bewegte: Kavaliere in bunten seidenen und samtenen Röcken, Dreimastern, mit Degen an der Seite, in Strümpfen und Schnallenschuhen mit hohen Absätzen, in üppigen pyramidalen schwarzen, blonden, seltener gepuderten Perücken mit unnatürlich reichen Locken; die Damen in ungemein weiten runden mit Fischbein versteiften Reifröcken »nach der neuesten Mode von Versailles«, mit langen Schleppen, mit Schönheitspflästerchen auf den geschminkten Gesichtern, mit Spitzenhauben, Federn und Perlen im Haar. In dieser glänzenden Menge sah man aber auch gewöhnliche Militäruniformen aus grobem Soldatentuch und sogar Matrosen- und Schifferjoppen, nach Teer riechende Stiefel und lederne Südwester der holländischen Seeleute. Die Menge machte einem seltsamen Zuge Platz: kräftige Heiducken und Grenadiere des Zaren trugen auf ihren Schultern mit sichtbarer Mühe, unter der schweren Last gebückt, einen langen, schmalen, schwarzen Kasten, der wie ein Sarg aussah. Nach der Länge des Sarges zu urteilen, mußte die Leiche von übermenschlichem Wuchs sein. Der Kasten wurde auf den Boden gesetzt. Der Zar begann ganz allein, ohne fremde Hilfe, ihn zu öffnen. Die Zimmermanns- und Schreinerwerkzeuge flogen in den geübten Händen Peters nur so hin und her. Er hatte große Eile und zog die Nägel mit solcher Ungeduld heraus, daß er sich an einem von ihnen die Hand blutig ritzte. Alle drängten sich ringsherum, stellten sich auf die Fußspitzen und blickten neugierig einander über die Schultern und Köpfe. Der Geheime Rat Pjotr Andrejitsch Tolstoi, der viele Jahre in Italien gelebt hatte, ein gelehrter Mann und obendrein ein Dichter – er war der erste russische Übersetzer der Metamorphosen Ovids – erzählte den Damen und jungen Mädchen, die sich um ihn drängten, von den Ruinen eines alten Venustempels: »Als ich einmal auf der Durchreise in Castello di Bajä bei Neapel war, sah ich dort einen Tempel dieser Göttin Venus. Die Stadt ist ganz zerstört, und die Stelle, wo sie einst gestanden, mit Wald bewachsen. Der Tempel ist aus Backsteinen erbaut; er ist mit hohen Säulen geschmückt und von schöner Architektur. An den Gewölben sind zahllose unsaubere Götter dargestellt. Ich sah dort auch andere Tempel – der Diana, des Merkur und des Bacchus, denen der verdammte Tyrann Nero Opfer darbrachte; für diese seine Liebe zu ihnen befindet er sich jetzt mit ihnen zusammen in der Hölle ...« Pjotr Andrejitsch öffnete eine Perlmuttertabatiere, auf deren Deckel drei Schäfchen und ein Schäfer, der einer schlafenden Schäferin den Gürtel löst, dargestellt waren, reichte sie der niedlichen jungen Fürstin Tscherkasskaja, nahm selbst eine Prise und fügte schmachtend hinzu: »Bei meinem Aufenthalt in Neapel war ich, wie ich mich noch ganz genau entsinne, in eine gewisse schöne Cittadina Franceska inamoriert. Sie kostete mich über zweitausend Dukaten. Auch heute noch wohnt jenes Amore in meinem Herzen ...« Er sprach so gut italienisch, daß seine russische Rede immer mit lateinischen Brocken durchsetzt war; er sagte inamoriert statt verliebt und Cittadina statt Bürgermädchen. Tolstoi war ein Siebziger, war aber noch so kräftig, rüstig und frisch, daß er wie ein Fünfziger aussah. Was die Galanterie gegen Damen betraf, so konnte er darin, nach einem Ausspruche des Zaren, »alle jungen Venusjäger in den Sack stecken«. Er fiel durch die samtene Weichheit seiner Bewegungen auf, durch seine samtweiche Stimme, sein samtzartes Lächeln und seine samtnen, ungewöhnlich dichten und schwarzen, wahrscheinlich gefärbten Brauen. »Er ist ganz wie Samt, hat aber doch einen Stachel!« pflegte man von ihm zu sagen. Auch Peter selbst, der seine »Paladine« mit viel zu wenig Vorsicht behandelte, sagte: »Wenn man mit Tolstoi zu tun hat, soll man im Busen einen Stein bereit halten.« Dieser »elegante und exzellente Herr« hatte manche dunkle, böse und sogar blutige Tat auf dem Gewissen. Aber er verstand es, alle Spuren zu verwischen. Nun krümmten sich die letzten Nägel, das Holz knarrte, der Deckel ging in die Höhe, und der Kasten war geöffnet. Zuerst sah man etwas Graues und Gelbes, das wie der Staub vermoderter Gebeine aussah. Es waren Hobel- und Sägespäne von Fichtenholz, Filz- und Wollabfälle, in die man die Statue gebettet hatte, damit sie es weicher habe. Peter wühlte mit beiden Händen herum, tastete endlich den Marmorleib und rief voller Freude aus: »Da ist sie, da ist sie!« Das Zinn zum Verlöten der Eisenklammern, die den Sockel mit der Statue verbinden sollten, wurde bereits geschmolzen. Der Architekt Leblond machte sich mit großem Eifer an einer Art Aufzugsmaschine mit kleinen Leitern, Tauen und Flaschenzügen zu schaffen. Zuerst mußte man aber die Statue mit den Händen aus dem Kasten heben. Diener halfen Peter bei dieser Arbeit. Als aber einer von ihnen mit einem unziemlichen Scherzwort die »nackte Dirne« an einer unpassenden Stelle berührte, gab ihm der Zar eine solche Ohrfeige, daß alle sofort einen großen Respekt vor der Göttin bekamen. Die wollenen Flocken fielen wie Klumpen grauer Erde vom glatten Marmor herab. Und nun entstieg die Göttin, wieder zu neuem Leben erwacht, wie vor zweihundert Jahren in Florenz, ihrem Sarg. Die Stricke wurden angezogen, die Flaschenzüge knirschten. Sie stieg immer höher empor. Peter stand auf einer Leiter, um die Statue auf dem Sockel zu befestigen, und hielt sie dabei mit beiden Armen umfangen. Leblond, der eine klassische Bildung genossen hatte, sagte unwillkürlich: »Die Venus in den Armen des Mars!« »So hübsch sind sie beide,« rief ein junges Hoffräulein der Kronprinzessin Charlotte, »daß ich an Stelle der Zarin eifersüchtig werden würde!« Peter war beinahe ebenso übermenschlich groß wie die Statue. Und sein Menschengesicht bewahrte seinen Adel auch neben dem göttlichen Antlitz: der Mensch war der Göttin würdig. Sie schwankte noch zum letztenmal, erzitterte und blieb plötzlich regungslos aufrecht auf dem Sockel stehen. Es war ein Werk des Praxiteles: Aphrodite Anadyomene, die Schaumgeborene, die himmlische Urania, die alte phönizische Astarte, die babylonische Militta, die Urmutter des Seins, die große Allernährerin, die den Himmel mit Sternen wie mit Samen erfüllt und aus ihren Brüsten die Milchstraße hatte fließen lassen. Sie war hier die gleiche wie auf den Hügeln von Florenz, wo sie der Schüler Leonardo da Vincis in abergläubischer Angst anstaunte; die gleiche, wie in der Tiefe Kappadociens, in der Nähe der alten Feste Macellum, im verlassenen Tempel, wo sie ihr letzter Verehrer, ein blasser schmächtiger Knabe in dunkler Kleidung, der spätere Kaiser Julian Apostata anbetete. Sie war noch immer ebenso keusch und wollüstig, nackt, doch sich ihrer Nacktheit nicht schämend. Von jenem Tage an, als sie dort in Florenz ihrem tausendjährigen Grabe entstiegen, war sie immer weiter und weiter, von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Volk zu Volk gewandert, ohne irgendwo stehen zu bleiben, bis sie endlich auf ihrem Triumphzuge die äußerste Grenze der Erde – das hyperbolische Skythien erreicht hatte, hinter dem es nichts mehr gibt als Nacht und Chaos. Von ihrem Sockel herab blickte sie nun zum erstenmal mit gleichsam erstaunten und neugierigen Augen auf dieses fremde, neue Land, auf diese moosbewachsenen Sümpfe, auf diese seltsame Stadt, die den Siedlungen nomadisierender Barbaren glich, auf diesen Himmel, der weder in der Gewalt des Tages noch der Nacht war, und auf diese schwarzen, langsamen, schrecklichen Wellen, die an die des unterirdischen Styx gemahnten. Dieses Land war ihrer olympischen, sonnendurchleuchteten Heimat so unähnlich; es war hoffnungslos, wie das Land des Vergessens, wie der dunkle Hades. Und doch lächelte die Göttin mit ihrem ewigen Lächeln, wie die Sonne lächeln würde, wenn sie in den dunklen Hades hineinschiene. Pjotr Andrejitsch Tolstoi rezitierte auf Wunsch der Damen das Gedicht »Vom Cupido«, die von ihm verfaßte Übersetzung der alten anakreontischen Hymne an Eros: Eingeschlummert in der Rose Kelch war eine müde Biene; Sieh! da naht sich leise, lose, Eros mit verschlagner Miene! Arme Menschen zu berücken Soll der Rose Duft und Schein Seinen kleinen Köcher schmücken, Drin die Liebespfeil' voll Pein. Doch die Biene jäh erwachet, Sticht ihn in das Fingerlein, Daß, der sonst der Schmerzen lachet, Plötzlich selbst hob an zu schrein. Weinend lief er zu Kytheren, Seiner holden Mutter hin; Um dem bittern Schmerz zu wehren, Hält er ihr den Finger hin. »Mutter,« schluchzt er, »eine Schlange Stach mich in dem Kelch der Rose, Klein, beflügelt ... ach, wie bange Ist mir vor des Todes Lose!« Drauf die Holde ihm erwidert: »Wenn der Biene Stachel schon Dir das Leben so verbittert, So bedenke, lieber Sohn: Wieviel Schmerzen sonder Weilen Du den armen Menschen schaffst, Die mit deinen spitzen Pfeilen Mitten in das Herz du trafst!« Den Damen, die außer Kirchenkantaten und Psalmen keinerlei russische Verse kannten, erschien das Liedchen ganz wundervoll. Tolstoi hatte es auch im passendsten Moment vorgetragen: Peter entzündete gerade mit eigener Hand statt der ersten Rakete des Feuerwerks eine kleine Flugmaschine in Gestalt eines Cupido, der eine brennende Fackel in der Hand hielt. Cupido glitt an einem unsichtbaren Draht von der Galerie zu einem Floße auf der Newa hin, wo Feuerwerksgerüste »zur feurigen Ergötzung nach einem aus Lunten angefertigten Plane« aufgestellt waren, und entzündete mit seiner Fackel das erste allegorische Bild – einen Altar aus Brillantfeuer mit zwei flammenden rubinroten Herzen. In dem einen der Kerzen leuchtete ein smaragdgrünes lateinisches P , und im anderen – ein C : das bedeutete Petrus und Catarina. Die beiden Herzen verschmolzen, und es wurde die Inschrift sichtbar: »Aus zweien bilde ich eins.« Das bedeutete, daß die Göttin Venus und Cupido den Ehebund Peters mit Katharina segneten. Nun erschien eine andere Figur – ein leuchtendes Transparentbild mit zwei Darstellungen: auf der einen Seite blickt Neptun auf die eben im Meere erbaute Festung Kronschlot; darunter die Inschrift: »Videt et stupescit!« – »Er schaut und staunt.« Auf der andern Seite – Petersburg, die zwischen Wäldern und Sümpfen neuerbaute Stadt, mit der Inschrift: »Urbs ubi silva fuit« – »Eine Stadt, wo früher Wald war.« Peter, der ein großer Liebhaber von Feuerwerk war und ähnliche Veranstaltungen immer selbst leitete, erklärte den Zuschauern die Allegorie. Mit ohrenbetäubendem Sausen und Pfeifen stiegen in den Himmel feurige Garben zahlloser Raketen, die in der dunklen Höhe zu einem Regen langsam fallender, schmelzender, roter, blauer, grüner und violetter Sterne zerstieben. Die Newa verdoppelte sie in ihrem schwarzen Spiegel. Feuerräder drehten sich, Feuerfontänen stiegen empor, Schwärmer zischten und sprangen umher: Wasser- und Luftballons explodierten wie Bomben mit ohrenbetäubendem Krachen. Es erschienen flammende Paläste mit feurigen Säulen, Gewölben und Treppen, und auf dem wie die Sonne blendenden Hintergrunde leuchtete das letzte Bild auf: ein Bildhauer, dem Titanen Prometheus ähnlich, steht vor einer unvollendeten Statue, die er aus einem Marmorblock herausmeißelt; darüber ein von Strahlen umgebenes allsehendes Auge mit der Inschrift: »Deo adjuvante« – »Mit Gottes Hilfe.« Der Marmorblock bedeutete das alte Rußland, die unvollendete, aber schon der Venus gleichende Statue – das neue Rußland; der Bildhauer war Peter selbst. Das letzte Bild mißlang; die Statue war zu schnell abgebrannt und dem Bildhauer vor die Füße gefallen. Nun schien er mit seinem Meißel ins Leere zu schlagen. Auch der Hammer löste sich auf, und der Arm fiel herunter. Das Allsehende Auge wurde trüb und schien mißtrauisch und unheildrohend zu blinzeln. Niemand schenkte dem übrigens Beachtung: alle waren von einem neuen Schauspiel hingerissen. Mitten in von bengalischem Feuer in allen Farben erleuchteten Rauchwolken erschien ein riesiges Ungetüm, das halb an ein Pferd, halb an einen Drachen erinnerte, mit einem Schuppenschwanz, stachelbesetzten Flossen und Flügeln. es schwamm auf der Newa von der Festung zum Sommergarten. Zahllose mit Ruderern vollbesetzte Boote schleppten es an einem Seil. Auf dem Rücken des Ungetüms thronte in einer Riesenmuschel Neptun mit langem weißem Bart, mit dem Dreizack in der Hand; zu seinen Füßen kauerten Sirenen und Tritonen, die in Hörner bliesen. »Die Tritonen des nordischen Neptuns posaunen, über die Meere wandernd, den Ruhm des russischen Zaren,« erklärte einer der Zuschauer, der Erzpriester der Flotte, Gawriïl Bushinskij. Das Ungeheuer schleppte sechs Paar leere, fest verspundete Fässer nach sich, auf denen die Kardinale des Narrenkonzils saßen; ein jeder war an seine Tonne festgebunden, damit er nicht ins Wasser rutsche. So schwammen sie im Gänsemarsch hintereinander her, laut in Kuhhörner blasend, weiter kam ein ganzes aus gleichen Fässern bestehendes Floß mit einem riesigen Bottich voll Bier; im Biere schwamm eine hölzerne Schöpfkelle, und in dieser saß wie in einem Boote der Fürst-Papst, der Bischof des Gottes Bacchus. Bacchus selbst saß am flachen Rande des Bottichs. Zu den Klangen einer feierlichen Musik näherte sich diese ganze Wasserprozession langsam dem Sommergarten und landete vor der Mittelgalerie, und die Götter stiegen die Treppe hinauf. Neptun entpuppte sich als der Hofnarr des Zaren, der alte Bojare Ssemjon Turgenjew: die Sirenen mit den langen Fischschwänzen, die sie wie Schleppen nachschleiften, so daß man von ihren Füßen fast nichts sehen konnte, als leibeigene Mägde; die Tritonen als Stallknechte des Generaladmirals Apraxin; der Satyr oder Pan, der Gefährte des Bacchus, als der französische Tanzmeister des Fürsten Menschikow. Der geschickte Franzose vollführte solche Sprünge, daß man meinen konnte, er habe Bocksbeine wie ein wirklicher Faun. Gott Bacchus mit dem Tigerfell auf den Schultern, dem Kranz aus gläsernen Weintrauben auf dem Kopf, einer Wurst in der einen und einer Schnapsflasche in der andern Hand, war der Dirigent des Hofsängerchors, Konon Karpow, ein ungewöhnlich dicker Kerl mit roter Fratze. Damit er dem Bacchus noch ähnlicher sähe, wurde er drei Tage zuvor erbarmungslos mit Schnaps vollgepumpt, so daß Konon, nach Ansicht seiner Trinkgenossen, rot wurde wie eine Moosbeere und sich in den leibhaftigen Iwaschka Chmelnizkij verwandelte. Die Götter scharten sich um die Venusstatue. Bacchus, den die Kardinale und der Fürst-Papst ehrerbietig stützten, kniete vor ihr nieder, berührte mit der Stirn die Erde und sprach mit seiner dröhnenden Baßstimme, die eines Protodiakons würdig war: »Hochehrwürdige Mutter Venus, der demütige Knecht Iwaschka-Bacchus, Sohn der verbrannten Semele, Kelterer der Weinesfreude, erhebt Anklage gegen dein Söhnchen Jerjomka-Eros. Gestatte diesem ausgelassenen Jerjomka nicht, uns, deine Leibeigenen zu kranken, unsere Herzen zu verwunden und unsere Seelen zu verderben. Herrin, erbarme dich unser!« Die Kardinale riefen im Chor: »Amen!« Karpow begann in seiner Betrunkenheit ein richtiges Kirchenlied zu singen, wurde aber noch zur rechten Zeit unterbrochen. Der Fürst-Papst, der ehemalige Erzieher Peters, der alte Bojare und Kämmerer des Zaren Alexej, Nikita Moissejewitsch Sotow, in einem Narrenmantel aus rotem Samt mit Hermelinbesatz, mit einer blechenen dreifachen, von einer unanständigen Darstellung des nackten Eros bekrönten Tiara auf dem Kopf, stellte auf einen aus Bratspießen zusammengesetzten Dreifuß vor dem Jockel der Göttin eine runde Messingschüssel, in der gewöhnlich Punsch gebraut wurde, hin, goß Schnaps hinein und zündete ihn an. Indessen schleppten die Grenadiere des Zaren an langen, unter der schweren Last sich biegenden Stangen Riesenbottiche Pfefferbranntwein herbei. Außer den geistlichen Herren, die auch bei dieser Veranstaltung wie bei allen ähnlichen Narrenfesten anwesend waren, mußten alle Gäste, und zwar nicht nur die Herren, sondern auch die Damen und sogar die jungen Mädchen der Reihe nach an den Bottich herantreten, aus den Händen des Fürst-Papstes eine große hölzerne Kelle mit Pfefferbranntwein nehmen, fast alles austrinken und die wenigen in der Kelle übrig gebliebenen Tropfen ins Feuer des Altars schütten; dann mußten die Kavaliere, je nach ihrem Alter, die Jungen die Hand und die Alten den Fuß der Venus küssen; die Damen hatten sich vor ihr »mit zeremoniellem Kompliment« zu verbeugen. Das alles war bis ins kleinste vom Zaren selbst erdacht und vorgeschrieben: alles mußte »unter Androhung einer harten Strafe«, ja selbst der Knute genau nach der Vorschrift ausgeführt werden. Die alte Zarin Praskowja Fjodorowna, Peters Schwägerin, die Witwe seines Bruders, des Zaren Iwan Alexejewitsch, trank wie die andern Schnaps aus dem Bottich und verneigte sich vor der Venus. Sie war immer bemüht, Peter gefällig zu sein und schickte sich demütig in alle Neuerungen: gegen die Strömung kann man doch nicht schwimmen! Aber diesmal war es der ehrwürdigen Alten im dunklen Witwenkleide – Peter hatte ihr erlaubt, die altmodische Tracht zu behalten – doch sehr bitter zumute, als sie vor der »schamlosen nackten Dirne« nach »deutscher Manier« knixen mußte. »Ich würde lieber ins Grab steigen, als das alles mitansehen müssen,« dachte sie sich. Auch der Zarewitsch küßte demütig die Hand der Venus. Michailo Petrowitsch Awramow wollte sich verstecken, man schleppte ihn aber mit Gewalt herbei; obwohl er zitterte, totenblaß wurde, sich in Krämpfen wand, schwitzte und fast in Ohnmacht fiel, als er, die teuflische Ikone küssend, die Berührung des kalten Marmors auf seinen Lippen spürte, führte er doch die Zeremonie mit peinlicher Genauigkeit unter dem strengen Blick des Zaren aus, vor dem er noch größere Angst hatte, als vor den weißen Teufeln. Die Göttin schien ohne Zorn auf die gotteslästerlichen Masken der Götter und auf die Späße der Barbaren herabzuschauen. Selbst in dieser Blasphemie lag eine unwillkürliche Verehrung. Der närrische Dreifuß verwandelte sich in einen wirklichen Altar, auf dem in der zuckenden und wie ein Schlangenstachel seinen bläulichen Flamme die Seele des Dionysos, des ihr verwandten Gottes, loderte, von dieser Flamme beleuchtet, lächelte die Göttin weise. Das Trinkgelage nahm seinen Anfang. Am oberen Ende der Tafel saß unter einem Dach aus Hopfen und Preiselbeerblättern, die von den heimatlichen Sümpfen stammten und die klassische Myrte ersetzen sollten, Bacchus rittlings auf einem Faß, aus dem der Fürst-Papst den Wein in die Becher schenkte. Tolstoi wandte sich an Bacchus und rezitierte ein anderes Gedicht, das er selbst aus dem Anakreon übersetzt hatte: Wenn der Sorgenbrecher Bacchos, Kind des Zeus, des Leidens Wender, Herrscht als Sieger mir im Herzen, Lehret er, der Weinesspender, Schweben mich im Tanzesreigen. Oh, – und welche Lust beim Wein, Wenn, bewegt von heitrem Rausche, Ich auf Tanz und Lieder lausche Und, lud Aphrodite ein, schwebe hin im Tanzesreigen. »Aus diesen Versen kann man schließen,« bemerkte Peter, »daß Anakreon ein ordentlicher Säufer und ein Mensch, der sich nichts abgehen ließ, war.« Nach den üblichen Trinksprüchen auf das Blühen der russischen Flotte, auf den Zaren und die Zarin erhob sich der Archimandrit Feodossij Janowskij mit feierlicher Miene, das Weinglas in der Hand. Trotz des Ausdrucks polnischen Hochmuts im Gesicht – er stammte aus dem niederen polnischen Adel – trotz des blauen Bandes des Andreasordens und des mit Diamanten besetzten Brustbildes mit der Darstellung des Zaren auf der einen und dem Kruzifix auf der andern Seite – die erstere war reicher und mit größeren Diamanten besetzt als die andere – trotz alledem sah Feodossij, nach einem Ausspruche Awramows, wie eine Frühgeburt aus. Kleingewachsen, mager, mit spitzem Gesicht, in einer riesengroßen Mönchskappe aus schwarzem Krepp, der in langen Falten herabhing, in einer ungemein weiten Kutte mit flatterndem schwarzen Saume erinnerte er an eine große Fledermaus. Wenn er aber scherzte und besonders wenn er gotteslästerliche Reden führte, was er im Rausche immer zu tun pflegte, so funkelten seine listigen Äuglein mit so stechendem Witz, so frecher Fröhlichkeit, daß das jämmerliche Gesicht der Fledermaus oder der Frühgeburt beinahe anziehend erschien. »Ich spreche keine Schmeichelworte,« wandte sich Feodossij an den Zaren, »ich rede aus der Tiefe meines Herzens. Durch die Taten Eurer Zarischen Majestät sind wir aus der Finsternis der Unwissenheit auf die Bühne des Ruhms, aus dem Nichtsein ins Sein gehoben worden und in die Gemeinschaft der politischen Völker eingetreten. Du hast uns in allen Dingen erneuert und deine Untertanen zu einem neuen Leben wiedergeboren, was war Rußland früher, und was ist es jetzt? Betrachten wir die Gebäude: statt roh gezimmerter Hütten sind leuchtende Paläste erstanden, statt dürren Reisigs ein blühender Garten. Betrachten wir die städtischen Befestigungen: auch hier besitzen wir Dinge, die man früher nicht einmal auf Bildern gesehen hat ...« Lange noch sprach er über die neuen Gesetzbücher, über die freien Wissenschaften und Künste, über die Flotte der »waffentragenden Archen« und über die Läuterung und Erneuerung der Kirche. »Und du,« rief er zum Schlusse aus, in seiner Begeisterung die weiten Ärmel seiner Kutte wie schwarze Flügel emporwerfend und dabei einer Fledermaus noch ähnlicher sehend, »und du, du neue, neuregierende Stadt Peters, bist du nicht der größte Ruhm deines Gründers? Dort, wo niemand an die Möglichkeit einer menschlichen Siedlung glaubte, entstand eine Stätte, die des Zarenthrones würdig ist. Urbs ubi silva fuit – eine Stadt, wo früher Wald war. Wer wird die Lage der Stadt nicht loben? Der Platz übertrifft an Schönheit nicht nur das ganze russische Reich, man kann auch in den andern Ländern Europas nichts Ähnliches finden! Auf einer anmutig lustigen Stätte ist die Stadt gegründet! Du hast, Majestät, aus Rußland eine Metamorphose gedichtet!« Alexej hörte zu und betrachtete Fedoska mit großer Aufmerksamkeit. Als jener von der »anmutig lustigen Lage« Petersburgs sprach, trafen sich seine Augen für einen Augenblick wie zufällig mit denen des Zarewitschs. Alexej glaubte, in der Tiefe dieser Augen einen Funken von Hohn zu sehen. Und er mußte daran denken, wie oft Fedoska in seiner Gegenwart, natürlich hinter dem Rücken des Vaters, auf diese »lustige Stätte« geschimpft und sie »Teufelssumpf« und »Teufelsloch« genannt hatte. Der Zarewitsch hatte übrigens schon seit langem den Eindruck, daß Fedoska sich über den Vater fast offen lustig machte, doch so geschickt und fein, daß es niemand merkte, außer ihm, Alexej, dem Fedoska in solchen Fällen einen schnellen, hinterlistigen Blick, den Blick eines Mitwissers, zuwarf. Peter beantwortete die Ansprache wie alle zeremonielle Reden mit kurzen Worten: »Es ist mein Wunsch, daß das ganze Volk erfahre, was der Herr an uns getan hat. Man soll auch in Zukunft nicht erlahmen, sondern sich um den Nutzen und die allgemeinen Vorteile bemühen, die uns der Herr vor Augen hält.« Er fuhr nun in der allgemeinen Unterhaltung fort und gab auf Holländisch, damit es auch die anwesenden Ausländer verstehen konnten, den Gedanken »vom Kreislauf der Wissenschaften« wieder, den er neulich vom Philosophen Leibniz gehört und der ihm so gut gefallen hatte: alle Wissenschaften und Künste wurden im Orient und in Griechenland geboren; sie kamen von dort nach Italien, dann nach Frankreich und Deutschland und schließlich über Polen nach Rußland; jetzt sind wir an der Reihe. Über Rußland werden sie wieder nach Griechenland und dem Orient, ihrer ursprünglichen Heimat zurückkehren und so ihren Kreis vollenden. »Diese Venus,« schloß, auf die Statue weisend, Peter mit dem ihm eigenen etwas naiven Pathos auf russisch, »diese Venus kam zu uns aus Griechenland. Bei uns ist schon alles mit dem Pfluge des Mars durchfurcht und bestellt. Und nun warten wir auf die gute Ernte, die uns der Herr bescheren möge! Unsere Frucht möge nicht so träge sein wie die der Dattel, die der Säende niemals zu Gesicht bekommt. Und nun möge sich Venus, die Göttin jeglicher Anmut, häuslicher und politischer Eintracht zum Ruhme des russischen Namens mit Mars vereinigen!« »Vivat! Vivat! Vivat, Peter der Große, Vater des Vaterlands, der Kaiser Allrußlands!« riefen alle, die Gläser mit dem Ungarwein erhebend. Der kaiserliche Titel, der noch weder in Europa noch in Rußland selbst bekanntgegeben worden war, wurde hier, im Kreise der Paladine Peters allgemein gebraucht. Im linken, für die Damen bestimmten Flügel der Galerie wurden die Tische weggerückt, und man begann zu tanzen. Die Trompeten, Oboen und Pauken der Militärkapellen des Ssemjonowschen und des Preobrashenskijschen Leibgarderegiments schallten unter den Bäumen des Sommergartens, durch die Entfernung, vielleicht auch durch den Zauber der Göttin gedämpft; sie klangen hier zu ihren Füßen wie die zarten Flöten und Bratschen im Reiche Cupidos, wo auf weichen Matten Schäfchen grasen und die Schäfer den Schäferinnen den Gürtel lösen. Pjotr Andrejitsch Tolstoi, der im Menuett an der seite der Fürstin Tscherkasskaja schritt, sang ihr zu den Klängen der Musik mit seiner samtweichen Stimme ins Ohr: Cupido, laß den Pfeil, Wir sind ja nicht mehr heil! Wir sind so süß versehret Durch deinen Pfeil von Golde, Die Liebe, ach, die holde, An unsren Herzen zehret ... Die niedliche Fürstin knickste geziert nach den Regeln des Menuetts vor den Kavalieren und erwiderte mit dem schmachtenden Lächeln der Schäferin Chloë die Komplimente des siebzigjährigen Schäfers Daphnis. Und in den dunklen Alleen, Lauben und in allen heimlichen Winkeln des Sommergartens hörte man ein Flüstern, Tuscheln, Rascheln, Küsse und Liebesseufzer. Göttin Venus herrschte bereits im hyperboreischen Skythien. Die Diener und Kammerpagen des Zaren saßen in einem Kreise, in einiger Entfernung von den andern, in einem Eichenwäldchen am Rande des Sommergartens, wo sie niemand hören konnte, und sprachen wie echte Skythen und Barbaren über die Liebesstreiche ihrer Basen, der Hoffräulein, Kammerjungfrauen und selbst der »Dirnen«. In Gegenwart von Frauen waren sie bescheiden und schüchtern; doch unter sich sprachen sie von den »Weibern« und »Dirnen« mit tierischer Schamlosigkeit. »Die Dirne Hamentowa hat eine Nacht mit dem Herrn geschlafen,« berichtete einer von ihnen in gleichgültigem Tone. »Hamentowa« nannten sie das Hoffräulein der Zarin, Maria Williamowna Hamilton. »Der Herr ist ein Galan und kann nicht ohne Maitressen leben,« bemerkte ein anderer. »Er ist nicht ihr erster Geliebter,« entgegnete ein Kammerpage, ein fünfzehnjähriger Bengel, indem er mit wichtiger Miene auf die Seite spuckte und einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife tat, vor der es ihm übelte. »Wassjucha hat ihr noch vor dem Herrn einen dicken Bauch gemacht.« »Wo tun sie bloß alle die Kinder hin?« wunderte sich der erste. »Der Mann weiß nicht, wo die Frau überall herumbummelt!« sagte grinsend der Bengel. »Brüder, ich habe neulich selbst aus dem Busche gesehen, wie Wilka Monsow mit der Hausfrau liebelte...« William Mons war der Kammerjunker der Zarin, ein Ausländer »gemeiner Abstammung«, doch ein gewandter und hübscher Kerl. Sie rückten näher zusammen und begannen einander ganz leise ins Ohr noch viel interessantere Geschichten zu erzählen; daß man z.B. vor kurzem in diesem selben Zarengarten beim Ausputzen einer verstopften Springbrunnenleitung eine Kindesleiche gefunden habe, die in eine Serviette aus dem Schlosse eingewickelt gewesen sei. Im Sommergarten gab es auch die für jeden nach französischem Geschmack angelegten Garten obligatorische »Grotte«; es war ein mittelgroßes viereckiges recht unschönes Gebäude am Ufer des Fontankaflusses, das von außen wie eine holländische Kirche aussah, aber innen mit großen Muscheln, Perlmutter, Korallen, Tuffsteinen und einer Menge Springbrunnen, die eine für das feuchte Petersburger Klima übermäßige, von Peter so sehr geliebte Fülle von Wasser in ihr Marmorbecken ergossen, geschmückt war und tatsächlich an eine Unterwassergrotte erinnerte. In dieser Grotte unterhielten sich einige ehrwürdige alte Herren – Senatoren und Würdenträger; auch sie sprachen über die Liebe und die Frauen. »In alten Zeiten war ein gutes Eheleben so keusch wie das Mönchsleben; heute aber gilt der Ehebruch als eine Art Galanterie, selbst bei den Ehemännern, die ganz ruhig zusehen, wie ihre Frauen mit andern liebeln und uns Narren nennen, weil wir auch in diesem schwachen Punkte auf Ehre sehen. Man hat den Weibern die Freiheit gegeben – bald werden sie uns im Nacken sitzen!« brummte der älteste der alten Herren. Ein anderer, der etwas jünger war, bemerkte, daß »allen jüngeren und in den alten Gebräuchen nicht ganz verstockten Männern der freiere Verkehr mit dem weiblichen Geschlechte recht angenehm sei«; daß »die Liebesleidenschaft, die bei rohen Sitten ganz unbekannt sei, nun begonnen habe, sich der empfindsamen Herzen zu bemächtigen«; daß »die Ehe an einem einzigen Tage alle Blumen knicke, die Gott Amor jahrelang gepflegt habe«, und daß »die Eifersucht das Hitzfieber der Liebe sei«. »Schöne Frauen waren immer zur Unzucht geneigt,« erklärte einer, der in den mittleren Jahren stand. »Aber bei den jetzigen koketten Frauen haben natürlich die Teufel Wohnungen in den Rippen gebaut. Sie haben schon einmal so eine Politik, daß sie von nichts anderem als von Liebe hören wollen. Auch die kleinen Mädchen machen es ihnen nach und denken nur daran, ob sie nicht auch liebeln können, was ihnen aber nicht recht gelingen will; und dazu gebrauchen sie ihre kindlichen Mienen! Oh, wie sind doch die Gefühle der Frauen vom Wunsche zu gefallen beherrscht!« Nun kam die Zarin Jekaterina Alexejewna in die Grotte in Begleitung des Kammerjunkers Mons und der Hofdame Hamilton, einer stolzen Schottländerin mit dem Gesichte einer Diana. Als der jüngste der alten Herren merkte, daß die Zarin ihren Gesprächen lauschte, nahm er die Damen galant in Schutz. »Daß das weibliche Geschlecht jede Achtung verdient, wird schon durch die Tatsache allein bewiesen, daß Gott Adams Weib am letzten Tage der Schöpfung erschaffen hat, als ob die Welt ohne sie unvollständig wäre. Man behauptet, daß der weibliche Körper in sich alles vereinigt, was es in der ganzen Natur an Gutem und Schönem gibt. Wenn wir uns zu allen diesen Vorzügen auch noch die Anmut ihres Geistes hinzudenken, wie können wir dann noch an der Vortrefflichkeit der Frau zweifeln? Und womit kann sich ein Kavalier, der den Frauen die schuldige Ehrfurcht versagt, rechtfertigen? Wenn wir aber auch an ihnen gewisse zarte Schwächen sehen, so dürften wir nicht vergessen, wie zart die Materie ist, aus der sie erschaffen sind ...« Der älteste Herr schüttelte nur den Kopf. In seinem Gesicht konnte man aber lesen, daß er nach wie vor der Ansicht war: »Der Krebs ist kein Fisch, und das Weib ist kein Mensch; das Weib und der Teufel haben dasselbe Gewicht.« Am unendlichen tiefen, traurigen, goldgrünen Himmel erstrahlte in der Lücke zwischen den zerfetzten Wolken die feine silberne Sichel des Neumondes. Sie warf einen zarten Strahl in die Tiefe einer einsamen Allee, wo auf einer Rasenbank, vor einem Springbrunnen, im Halbkreise hoher geschorener Spaliere unter einer marmornen Pomona ein etwa siebzehnjähriges Mädchen saß. Sie trug einen Reifrock aus rosa Taft mit gelben chinesischen Blümchen, eine weinglasförmig zusammengeschnürte Taille und die neueste Frisur »Erblühende Anmut«; in ihrem einfachen, echt russischen Gesicht war aber geschrieben, daß sie erst vor kurzem aus der ländlichen Stille, wo sie von Tanten und Kinderfrauen bemuttert, unter dem Strohdach eines alten Gutshauses gelebt hatte, angekommen war. Scheu um sich blickend, knöpfte sie zwei oder drei Knöpfe ihres Mieders auf und holte hastig ein im Busen verstecktes, zu einer Röhre zusammengerolltes, von der Berührung mit ihrem Körper noch warmes Papier heraus. Es war ein Liebesbillett von ihrem neunzehnjährigen Cousin, der auf Befehl des Zaren aus derselben ländlichen Stille direkt nach Petersburg auf die Navigationsschule der Admiralität gebracht worden war und vor einigen Tagen auf einer Kriegsfregatte zusammen mit anderen Seekadetten entweder nach Kadix oder nach Lissabon, jedenfalls aber, wie er sich selbst ausdrückte, »dorthin, wo der Teufel Ostern feiert«, abgereist war. Im Scheine der Weißen Nacht und des Mondes las das Mädchen das Billett, das auf Linien mit großen, runden, unbeholfenen Buchstaben gekritzelt war: »Mein Herzensschatz und Engel Nastenjka! Ich möchte gerne wissen, warum du mir keinen Abschiedskuß geschickt hast. Cupido, der verdammte Dieb, hat mir das Herz mit seinem Pfeile durchbohrt. Ich habe großen Kummer, und in meinem wunden Herzen ist das Blut geronnen.« An dieser Stelle war zwischen den Zeilen mit Blut statt mit Tinte ein von zwei Pfeilen durchbohrtes Herz gemalt; einige rote Punkte sollten die Blutstropfen darstellen. Weiter folgte ein Gedicht, das er wohl irgendwo abgeschrieben hatte: Denke, meine liebe Wonne, wie wir uns erfreuten Und mit angenehmen süßen Reden uns zerstreuten. Ach so viele lange Tage muß ich dich entbehren! Fliege zu mir, teures Täubchen, trockne meine Zähren! Wenn ich dich vor mir erblicke, ruf ich: »Meine Sonne, Bist du's wirklich, meine Holde, meine einz'ge Wonne?« Nachdem Nastenjka das Billett zu Ende gelesen hatte, rollte sie es wieder sorgfältig zusammen, versteckte es am Busen unter dem Kleide, senkte den Kopf und bedeckte das Gesicht mit ihrem Tüchlein, das nach dem Parfüm »Amors Seufzer« duftete. Als sie das Tuch wieder vom Gesicht nahm und zum Himmel emporblickte, sah sie, daß eine schwarze Wolke, die einem Ungetüm mit offenem Rachen glich, die feine Mondsichel beinahe verschlungen hatte. Der letzte Strahl spielte im Tränentropfen, der an der Wimper des Mädchens hing. Sie beobachtete, wie der Mond allmählich verschwand, und sang ganz leise das einzige ihr bekannte Liebchen, das einst Gott weiß auf welchen Wegen zu ihr gedrungen war: Wenn ich auch im schönsten Garten bin, Kann doch nichts erheitern meinen Sinn. Wie die Taube ohne Flügel leidet, Leid' ich, wenn der liebe Freund mich meidet. Ich vergieße Tränen und vergehe, Wenn ich meinen liebsten Freund nicht sehe. Alles um sie her war ihr fremd, gekünstelt und »nach Versailler Mode« zugestutzt: die Fontäne, die Pomona, die Spaliere, das Fischbeinmieder, der Reifrock aus rosa Taft mit den gelben chinesischen Blümchen, die Frisur »Erblühende Anmut« und das Parfüm »Amors Seufzer«. Nur sie allein mit ihrem stillen Gram und stillem Lied war noch ebenso natürlich, einfach und russisch, wie sie es unter dem Strohdache des großväterlichen Gutshauses gewesen war. Und in der Nähe, in den dunklen Alleen und Lauben, in allen heimlichen Winkeln des Sommergartens hörte man noch immer ein Flüstern, Tuscheln, Rascheln, Küsse und Liebesseufzer. Und zugleich mit den Klängen des Menuetts, die wie Musik von Hirtenflöten und Liebesgeigen im Reiche der Venus anzuhören waren, tönte die schmachtende Weise: Cupido, laß den Pfeil, Wir sind ja nicht mehr heil, Wir sind so süß versehret Durch deinen Pfeil von Golde, Die Liebe, ach, die holde, An unsren Herzen zehret ... Am Zarentische in der Galerie herrschte eine lebhafte Unterhaltung. Peter sprach mit den Mönchen über die Entstehung der hellenischen Vielgötterei und äußerte sein Erstaunen darüber, daß die alten Griechen, »die ein ziemliches Verständnis für die Naturgesetze und die mathematischen Prinzipien gehabt hätten, ihre seelenlosen Götzen Götter nannten und an sie glaubten«. Michailo Petrowitsch Awramow konnte sich nicht länger beherrschen; er fühlte sich in seinem Element und begann zu beweisen, daß die Götter tatsächlich existierten und daß die vermeintlichen Götter in Wirklichkeit Teufel seien. »Du sprichst von ihnen so,« sagte Peter erstaunt, »als ob du sie gesehen hättest.« »Ich nicht, aber andere Leute haben sie mit eigenen Augen gesehen, Majestät,« rief Awramow aus. Er holte aus der Tasche ein dickes ledernes Portefeuille, wühlte darin herum, suchte zwei vergilbte Ausschnitte aus holländischen Zeitungen heraus und übersetzte sie ins Russische: »Aus Spanien wird gemeldet: ein gewisser Ausländer hat in die Stadt Barcelona einen Satyr, einen mit Wolle wie mit Fichtenrinde bewachsenen Mann mit Bockshörnern und Hufen gebracht. Er lebt von Brot und Milch, spricht nicht, sondern meckert wie ein Bock. Diese mißgestaltete Erscheinung zieht viele Zuschauer an.« Im zweiten Bericht hieß es: »In Jütland fingen die Fischer eine Sirene oder ein Meerweib. Dieses Meerwunder gleicht oben einem Menschen und unten einem Fische; die Hautfarbe ist blaßgelb; die Augen sind geschlossen; auf dem Kopfe hat die Sirene schwarze Haare und zwischen den Fingern Schwimmhäute wie eine Gans. Die Fischer zogen das Netz mit großer Mühe heraus, wobei es stark beschädigt wurde. Die Einwohner bauten ein sehr großes Faß, füllten es mit Salzwasser und setzten das Meerweib hinein; sie hoffen, es auf diese Weise vor Fäulnis zu bewahren. Obwohl schon viele Fabeln über Meerwunder im Umlaufe sind, setzen wir obiges in diese Zeitung, weil es wirklich feststeht, daß das erstaunliche Meerwunder tatsächlich gefangen worden ist. Aus Rotterdam, den 27. April 1714.« Man glaubte jedem gedruckten Wort, besonders aber, wenn es in einer ausländischen Zeitung stand: Wenn man auch im Auslande lügt, wo kann man dann überhaupt noch Wahrheit finden? Viele der Anwesenden glaubten an Seejungfrauen, an Wassergeister, Waldteufel, Kobolde, Hausgeister und Werwölfe; sie glaubten nicht nur daran, sie behaupteten auch, diese Geister mit eigenen Augen gesehen zu haben. Und wenn es Waldteufel gibt, warum soll es keine Satyre geben? Und wenn es Seejungfrauen gibt, warum nicht auch Meerweiber mit Fischschwänzen? Und in diesem Falle können ja auch die übrigen Götter und sogar diese selbe Venus tatsächlich existieren! Alle hielten inne und schwiegen – durch die Stille zog etwas Unheimliches – alle hatten das unklare Gefühl, als ob sie etwas täten, was man nicht tun durfte. Immer tiefer und schwärzer senkte sich der mit Wolken bedeckte Himmel herab. Immer greller zuckten die bläulichen Wetterleuchten oder die donnerlosen Blitze. Und es war, als ob dieses Aufleuchten am dunklen Himmel eine Spiegelung der zuckenden bläulichen Flamme wäre, die immer noch im Dreifuß zu Füßen der Statue brannte, oder als ob in der Tiefe des dunklen Himmels wie in der umgekehrten Opferschale eines Riesenaltars, in den dunklen Wolken wie in schwarzen Kohlen verborgen, eine blaue Flamme lodere und ab und zu als ein Wetterleuchten hervorbreche. Und das Feuer des Himmels und das Feuer des Altars, die in gleichen Zuckungen loderten, schienen ein Zwiegespräch über ein drohendes, den Menschen noch unbekanntes, doch schon auf Erden und im Himmel in Erfüllung gehendes Geheimnis zu führen. Der Zarewitsch, der in der Nähe der Statue saß, sah sie nach der Vorlesung der Zeitungsausschnitte zum erstenmal aufmerksam an. Und der weiße nackte Leib der Göttin erschien ihm plötzlich so bekannt, als ob er ihn schon einmal irgendwo gesehen hätte, ja noch mehr als das: als ob ihm dieser Leib mit der jungfräulichen Rückenlinie, diesen Grübchen an den Schultern schon einmal in seinen sündhaftesten, leidenschaftlichsten, heimlichsten Träumen, deren er sich selbst schämte, erschienen wäre. Und plötzlich fiel es ihm ein, daß er diese selbe Rückenlinie und diese Grübchen bei seiner Geliebten, der leibeigenen Magd Jewfrossinja gesehen hatte. Es schwindelte ihm, wahrscheinlich vom Weine, von der Hitze, von der Schwüle, von diesem ganzen ungeheuerlichen Feste, das wie ein Fieberdelirium war. Er blickte die Statue noch einmal an, und der weiße nackte Leib erschien ihm in der doppelten Beleuchtung der rötlich glimmenden Talgnäpfchen der Illumination und der blauen Flamme im Dreifuße so lebendig, schrecklich und verführerisch, daß er den Blick senken mußte. Wird denn auch ihm wie dem Awramow die Göttin Venus einst als ein schrecklicher, abstoßender Werwolf, als die Magd Afrosjka erscheinen? Er schlug in Gedanken ein Kreuz. »Es ist kein Wunder, daß die Hellenen, die von den christlichen Satzungen nichts wußten, die seelenlosen Götzenbilder anbeteten,« sagte Fedoska, das Gespräch, das durch die Vorlesung unterbrochen war, wieder aufnehmend. »Aber ein Wunder ist es, daß wir Christen die wahre Ikonenverehrung nicht kennen und die Ikonen wie die Götzenbilder anbeten.« Nun begann eines der Gespräche, die Peter so sehr liebte: von allerlei falschen Wundern und Zeichen, von den Schwindeleien der Mönche, der Besessenen und der Narren in Christo, von den »Ammenmärchen und dem Geschwätz der langbärtigen Bauern«, d.h. von dem Aberglauben der russischen Popen. Alexej mußte noch einmal die ihm längst bis zum Überdruß bekannten Geschichten mit anhören: vom angeblich unverbrennbaren Hemde der Muttergottes, das der Zarin Jekaterina Alexejewna von den Jerusalemer Mönchen zum Geschenk gemacht worden war, und das sich bei näherer Untersuchung als ein Gewebe von unverbrennbaren Asbestfasern herausstellte; von den »natürlichen Reliquien« des livländischen Fräulein von Groot, deren Haut »gegerbtem, aufgespanntem Schweinsleder glich und, wenn man einen Finger hineindrückte, sich als sehr elastisch erwies«; von anderen gefälschten Reliquien, die aus Elfenbein gemacht waren und die Peter der neuerrichteten Petersburger »Kunstkammer« als Denkmal »des Aberglaubens, der heute durch die Bemühungen der Geistlichkeit allmählich ausgerottet wird«, überweisen ließ. »Ja, genug ist in der russischen Kirche mit den Wundern geschwindelt worden!« schloß Fedoska scheinbar bekümmert, in Wirklichkeit aber mit Schadenfreude. Dann erzählte er vom letzten falschen Wunder: in einer armen Kirche der Petersburger Seite war ein Muttergottesbild aufgetaucht, das Tränen vergoß und der neuen Stadt unsägliches Elend und sogar den Untergang prophezeite. Als Peter durch Fedoska von diesem Wunder erfahren hatte, war er sofort in die Kirche gefahren, hatte das Bild untersucht und den Schwindel aufgedeckt. Das war erst vor kurzem geschehen; man hatte noch nicht Zeit gehabt, die Ikone in die Kunstkammer zu bringen, und sie befand sich im Sommerpalais des Zaren, einem kleinen holländischen Häuschen, das im Sommergarten, wenige Schritte von der Galerie, an der Ecke der Newa und der Fontanka stand. Der Zar wollte die Ikone den Anwesenden zeigen und schickte einen der Diener, sie zu holen. Als der Diener wiederkam, stand Peter von seinem Platze auf, trat vor die Venusstatue, wo es etwas geräumiger war, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Marmorsockel und begann, die Ikone mit beiden Händen haltend, den »Schwindelmechanismus« zu erklären. Alle drängten sich um ihn, stellten sich auf die Fußspitzen und blickten einander ebenso neugierig über die Köpfe und Schultern hinweg, wie vorhin, als die Kiste mit der Statue geöffnet wurde. Fedoska leuchtete mit einer Kerze. Die Ikone war uralt, das Antlitz dunkel, fast schwarz. Aber die großen, traurigen, wie vom Weinen angeschwollenen Augen blickten wie lebendig. Der Zarewitsch hatte dieses Bild der »Muttergottes aller Leidenden Freude« von Kindheit auf verehrt und geliebt. Peter nahm das mit Edelsteinen besetzte Silberblech herunter, das nur ganz lose auf dem Bilde lag: man hatte es schon bei der ersten Besichtigung heruntergerissen. Dann löste er zwei neue Messingschrauben, mit denen an der Rückseite des Bildes ein ebenfalls neues Brettchen aus Lindenholz befestigt war; in dieses Brettchen war ein anderes kleineres eingesetzt, das sich leicht auf einer Sprungfeder bewegte und dem leisesten Fingerdruck nachgab. Er nahm beide Brettchen herunter und zeigte zwei kleine Vertiefungen, die im Holze gerade unter den Augen der Muttergottes ausgehöhlt waren; zwei kleine mit Wasser getränkte Schwämme wurden in diese Öffnungen gelegt, und das Wasser sickerte durch die beiden kaum sichtbaren in die Augen gebohrten Löcher hindurch und bildete Tropfen, die wie Tränen aussahen. Um die Sache besser zu erklären, machte Peter gleich den Versuch: er feuchtete die Schwämmchen an, legte sie in die Vertiefungen, drückte auf das Brettchen, und in den Augen des Bildes zeigten sich Tränen. »Das ist die Quelle der wundertätigen Tränen,« sagte Peter. »Die Mechanik ist ja recht einfach!« Sein Gesicht blieb dabei so ruhig, wie wenn er irgendein interessantes Naturspiel oder ein anderes Wunder in seiner Kunstkammer erklärte. »Ja, es ist viel geschwindelt worden!« wiederholte Fedoska mit leisem Lächeln. Alle schwiegen. Jemand, wohl ein Betrunkener, stöhnte dumpf im Schlafe; jemand anderer kicherte so seltsam und unerwartet, daß sich alle fast entsetzt nach ihm umsahen. Alexej wollte schon lange fortgehen. Über ihn war aber eine Erstarrung gekommen wie im Fiebertraume, wenn man fliehen will, und seine Füße nicht bewegen kann, wenn man schreien will, und keine Stimme hat. So stand er in dieser Erstarrung da und sah, wie Fedoska die Kerze hielt, wie die gewandten Finger Peters mit der Ikone hantierten, wie über das traurige Antlitz Tränen herabliefen und wie über allem der nackte, schreckliche und verführerische Leib der Venus leuchtete. Er sah zu, und ein Gram, eine Übelkeit, wie man sie in der Sterbestunde spürt, drang ihm in das Herz und würgte ihn an der Kehle. Und es war ihm, als ob es niemals enden würde, als ob es immer so gewesen sei und in alle Ewigkeit so bleiben werde. Plötzlich zuckte ein blendender Blitz auf; es war, als ob sich über ihren Köpfen ein flammender Abgrund aufgetan hätte. Ein unerträglich greller, weißer Schein, viel weißer als die Sonne, drang durch die Glaskuppel und übergoß die Marmorstatue. Fast im gleichen Augenblick erdröhnte ein kurzer doch so betäubender Donnerschlag, als ob das ganze Firmament in Stücke geborsten wäre. Die Finsternis, die nun eintrat, erschien nach dem Blitze so undurchdringlich schwarz wie das Dunkel eines Kellers. Und in dieser Schwärze begann fast augenblicklich ein Sturm zu heulen, zu pfeifen und zu dröhnen, ein Orkan mit peitschendem Regen und Hagel. In der Galerie entstand eine große Verwirrung. Man hörte die gellen Aufschreie der Frauen; die eine von ihnen bekam einen hysterischen Anfall und weinte und lachte zugleich. Die Menschen waren wie verrückt, sie rannten hin und her, ohne zu wissen wohin, stießen miteinander zusammen und fielen übereinander her. Jemand schrie mit verzweifelter Stimme: »Heiliger Wundertäter Nikola! ... Heilige Muttergottes! ... Erbarmet Euch unser! ...« Peter ließ die Ikone fallen und eilte fort, um die Zarin aufzusuchen. Die Flamme des umgeworfenen Dreifußes zuckte vor dem Erlöschen zum letztenmal als eine zwiegespaltene riesengroße bläuliche Schlangenzunge auf und erleuchtete das Antlitz der Göttin. Mitten im Sturm und Dunkel und dem Entsetzen, das alle ergriffen hatte, war es allein ruhig geblieben. Jemand trat auf die Ikone, Alexej, der sich gebeugt hatte, um sie aufzunehmen, hörte das Holz bersten. Die Ikone war mitten entzweigespalten. Zweites Buch. Der Antichrist.   I.   Sarg von Fichtenbrettern Ist für mich gezimmert, Werde darin liegen Bis Posaunen schallen ...   Das war das Lied der Raskolniki von der Grablegersekte. »Im siebentausendsten Jahre nach Erschaffung der Welt,« sagten sie, »wird die Wiederkunft Christi sein. Und wenn er nicht wiederkommt, werden wir sein Evangelium verbrennen; den anderen Büchern ist aber nicht zu glauben.« Und sie verließen ihre Häuser, Felder, Vieh und Besitzungen, gingen Nacht für Nacht in die Felder und Wälder, zogen sich reine weiße Leichenhemden an, legten sich in Särge, die aus ganzen Baumstämmen ausgehöhlt waren, sangen sich selbst die Totenmessen und erwarteten jeden Augenblick die Posaune des Jüngsten Gerichts; das nannten sie »Christus empfangen.« Der Landzunge gegenüber, die durch die Große und die Kleine Newa gebildet wird, an der breitesten Stelle des Stromes, vor den Gagarinschen Hanfspeichern waren mitten unter den anderen Flößen, Barken und Strusen die Eichenflöße des Zarewitsch Alexej verankert, die aus dem Nishnij-Nowgoroder Gebiet für die Admiralitätswerft nach Petersburg gekommen waren. In der Nacht, in der das Venusfest im Sommergarten stattfand, saß am Steuer eines dieser Flöße ein alter Barkenzieher, in einem zerfetzten Schafpelz, den er auch bei der heißen Witterung anbehielt, und in Bastschuhen. Man nannte ihn »Iwanuschka der Narr« und hielt ihn für einfältig oder verrückt. Seit dreißig Jahren schon wachte er von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr jede Nacht bis zum Hahnenschrei, um Christus zu empfangen, und sang immer dasselbe Lied der Grableger. Er saß auf dem nassen Balken dicht über dem Wasser zusammengekauert, die Knie hochgezogen und mit den Armen umschlungen, und blickte voller Erwartung auf den zwischen den schwarzen Wolkenfetzen durchschimmernden goldgrünen Himmel. Der starre Blick seiner Augen, die unter den zerzausten Haaren fast verschwanden, und sein unbewegliches Gesicht waren von Schrecken und Hoffnung erfüllt; er wiegte sich langsam hin und her und sang mit gedehnter klagender Stimme: Sarg von Fichtenbrettern Ist für mich gezimmert. Werde darin liegen Bis Posaunen schallen. Engel werden blasen, Aus den Särgen wecken, vors Gericht mich laden, vors Gericht des Herrn. Doch zwei breite Straßen Führen hin zum Herrn: Und die eine Straße Führt ins Reich des Himmels, Und die andere Straße In die finstre Hölle. »Iwanuschka, komm zum Abendbrot,« rief man ihm vom anderen Ende des Floßes zu, wo auf Stecken, die zu einem Herde zusammengefügt waren, ein Feuer brannte, über dem an drei Stangen ein eiserner Kessel mit einer Fischsuppe hing. Iwanuschka hörte nicht und sang weiter. Im Kreise um das Feuer herum saßen außer den Barkenziehern und Bootsleuten: der alte Raskolnik Kornilij, Prediger der Selbstverbrennung, der von den Ufern des Weißen Meeres in die Kershenezschen Wälder jenseits der Wolga zog; sein Jünger, der entlaufene Moskauer Scholar Tichon Sapolskij; der desertierte Astrachaner Kanonier Alexej Ssemissashennyj; der entlaufene Matrose der Admiralität, der Kalfaterer Iwan, Iwans Sohn Budlow; der Schreiber Larion Dokukin; die Nonne Vitalia von der Sekte der Läuflinge, die, wie sie selbst sagte, ein Vogelleben führte und ewig wanderte, ohne sich irgendwo aufzuhalten; ihre unzertrennliche Gefährtin Kilikeja die Barfüßige, eine Besessene, die »den Teufel im Leibe hatte«, und noch viele andere geheimnisvolle Menschen von jedem Stande und Berufe, die vor den drückenden Steuern, dem Militärdienst, den Spießruten, der Katorga, den grausamen Strafen, dem Bartscheren, dem Zwange, sich mit zwei Fingern zu bekreuzigen, und den übrigen Schrecken des Antichrist geflohen waren. »Ein großer Gram ist über mich gekommen!« sagte Vitalia, eine noch rüstige und lebhafte Alte, mit einem runzligen, doch wie ein Herbstapfel rötlichen Gesicht, mit einem dunklen Kopftuche, dessen Enden tief herabhingen, »woher aber dieser Gram kommt, das weiß ich nicht. Die Tage sind so trüb, und die Sonne scheint nicht mehr so wie früher.« »Es sind die letzten Zeiten, die Zeiten des Jammers: der Schrecken des Antichrist weht über die ganze Welt, – daher kommt der Gram,« erklärte Kornilij, ein hageres altes Männchen mit gewöhnlichem Bauerngesicht, pockennarbig, mit Augen, die halbblind zu sein schienen, in Wirklichkeit aber durchdringend und scharf waren; er trug eine Art Mönchskappe, eine schwarze, stellenweise rostfleckige Kutte und einen Ledergurt mit einem Rosenkranz aus Riemen; bei jeder seiner Bewegungen klirrte leise die drei Zentner schwere, aus eisernen Kreuzen bestehende Kette, die er zur Kasteiung am bloßen Körper trug und die sich in seinen Leib hineingefressen hatte. »Auch mich dünkt, Vater Kornilij,« fuhr die Wanderin fort, »daß die letzten Zeiten angebrochen sind. Die Welt wird nicht lange mehr stehen? es heißt, daß in der Mitte des achten Jahrtausends das Ende kommt.« »Nein,« entgegnete der Alte mit tiefer Überzeugung, »es wird noch schneller kommen ...« »Gott sei uns gnädig!« sagte jemand schwer stöhnend. »Gott allein weiß es, und wir wissen nichts als das Gebet: Gott sei uns gnädig!« Alle schwiegen. Die Wolkenlücken zwischen den Wolken schlossen sich, der Himmel und die Newa wurden finster. Immer heller zuckte das Wetterleuchten; in seinem bläulichen Scheine funkelte die blaßgoldene feine Nadel der Peter-Pauls-Festung und spiegelte sich in der Newa. Die steinernen Bastionen und die flachen, gleichsam eingedrückten Ufer mit den gleichfalls flachen, aus Lehm erbauten Warenschuppen, Hanfspeichern und Garnisonzeughäusern standen als schwarze Massen da. In der Ferne, am anderen Ufer, unter den Bäumen des Sommergartens flimmerten die Flämmchen der Illumination, von der Insel Kaiwusari, der »Birkeninsel«, kam der letzte Hauch des späten Frühjahrs mit dem Duft von Tannen, Birken und Espen. Das kleine Häuflein Menschen auf dem flachen, in der Finsternis verschwindenden Floße, zwischen den schwarzen Gewitterwolken und dem schwarzen Wasserspiegel von der roten Flamme beleuchtet, schien einsam und verloren in der Luft zwischen zwei Himmeln, zwischen zwei Abgründen zu hängen. Alle schwiegen, und es wurde so still, daß man das schläfrige Rieseln des Wassers unter dem Floße und vom anderen Ende des Floßes das auf dem Wasser deutlich hörbare eintönige, traurige vanuschkas hören konnte: Sarg von Fichtenbrettern Ist für mich gezimmert, werde darin liegen, Bis Posaunen schallen ... »Was meint ihr, meine Falken,« begann Kilikeja die Besessene, eine noch junge Frau mit zart durchsichtigem, gleichsam wächsernem Gesicht und erfrorenen – sie ging selbst beim größten Froste barfuß – schwarzen, schrecklichen Füßen, die wie die wurzeln eines alten Baumes aussahen. »Ist es wahr, was ich neulich hier in Petersburg auf dem Obshornyj-Markte gehört habe: daß es jetzt in Rußland gar keinen Zaren gibt und daß der, der sich für einen Zaren ausgibt, nicht der richtige und nicht von russischer Abstammung und auch nicht vom Zarengeblüt ist, sondern entweder ein Deutscher, der Sohn eines Deutschen, oder ein vertauschter Schwede?« »Weder ein Schwede, noch ein Deutscher, sondern ein verruchter Jude aus dem Geschlechte Dans,« erklärte der alte Kornilij. »Oh Gott, Gott!« seufzte wieder jemand schwer auf. »Nun haben wir ein verruchtes Zarengeschlecht!« Man begann zu streiten, was Peter sei: ein Deutscher, ein Schwede oder ein Jude. »Der Teufel weiß, was er ist! Ob ihn eine Hexe in einem Mörser ausgebrütet hat, oder ob er aus der Feuchtigkeit einer Badestube gezeugt worden ist, – jedenfalls ist er ein Werwolf,« entschied der desertierte Matrose Budlow, ein Bursche von etwa dreißig Jahren mit nüchternem und ernstem Ausdruck in seinem klugen Gesicht, das wohl früher einmal hübsch gewesen sein mochte, aber durch das schwarze, auf die Stirne eingebrannte Katorgamal und die vom Henker zerrissenen Nasenflügel entstellt war. »Ich weiß, meine lieben Väter, ganz genau, wie es sich mit dem Zaren verhält,« fiel Vitalia ein. »Ich hörte es in Kershenez von einer alten, irrenden Bettelnonne; auch die Chornonnen des Mariä-Himmelfahrt-Klosters zu Moskau berichteten es ebenso: als unser frommer Zar Peter Alexejewitsch jenseits des Meeres bei den Deutschen war und durch die deutschen Lande wanderte, kam er auch nach Stekolnoje; Stekolnoje – »die Gläserne« – wurde im alten Rußland Stockholm genannt. ; und in den deutschen Landen herrscht über Stekolnoje eine Jungfrau; und diese Jungfrau verspottete unsern Zaren, zwang ihn auf einer glühenden Pfanne zu stehen, sperrte ihn dann in ein Faß mit spitzen Nägeln und ließ das Faß ins Meer werfen.« »Nein, nicht in ein Faß,« berichtigte jemand, »sie ließ ihn in eine Säule einmauern.« »Ob in eine Säule oder in ein Faß, jedenfalls ist er spurlos verschwunden. Und an seiner Stelle erschien von jenseits des Meeres ein verruchter Jude aus dem Geschlechte Dans, der Sohn einer unreinen Dirne. Zuerst hatte es niemand erkannt; als er aber nach Moskau kam, begann er alles nach jüdischer Sitte zu machen; er nahm vom Patriarchen den Segen nicht an; besuchte die Reliquien der Moskauer Wundertäter nicht, denn er wußte, daß der Allmächtige ihn, den Verruchten, zu der heiligen Stätte nicht zulassen würde; auch verneigte er sich nicht vor den Gräbern der früheren frommen Zaren: so fremd und verhaßt waren sie ihm. Und er besuchte niemand von der Zarensippe, weder die Zarin, noch den Zarewitsch, noch die Zarewnas, denn er fürchtete, sie würden den Betrug aufdecken und zu ihm, dem Verruchten, sagen: ›Du bist nicht von unsrem Geschlecht, du bist kein Zar, sondern ein verruchter Jude.‹ Am Neujahrstage erschien er nicht vor dem Volke, weil er fürchtete, entlarvt zu werden, wie einst der davongelaufene Mönch Grischka, der sich für den Zaren Dimitrij ausgab, entlarvt worden war. Und er treibt es auch wie Grischka: er beobachtet die heiligen Fasten nicht, kommt niemals in die Kirche, geht nicht jeden Sonnabend ins Bad, führt mit den unsauberen Deutschen ein liederliches Leben, und die Deutschen sind heute im Moskauer Reiche obenan: der jämmerlichste Deutsche steht jetzt über allen Bojaren und selbst über dem Patriarchen. Der verruchte Jude tanzt öffentlich mit deutschen Huren und trinkt Wein nicht zum Ruhme Gottes, sondern sinnlos und häßlich, wie ein Säufer in der Schenke; in seiner Trunkenheit wälzt er sich und verspottet alles: von seinen Zechkumpanen hat er den einen zum allerheiligsten Patriarchen, und andere zu Metropoliten und Erzbischöfen ernannt. Er selbst spielt den Protodiakon, vermengt jede Unflätigkeit mit heiligen Worten und lästert mit lauter Stimme Gott, seinen deutschen Freunden zum Vergnügen und dem christlichen Glauben zur Schmach.« »Und siehe, das sind die vom Propheten Daniel geweissagten Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte!« schloß der alte Kornilij. Nun erhoben sich in der Menge verschiedene Stimmen: »Auch die Zarin Awdotja Fjodorowna, die in Susdal eingekerkert ist, sagt: ›Seid stark, haltet am christlichen Glauben fest – es ist nicht mein Zar, sondern ein Fremder.‹« »Er will auch den Zarewitsch in den gleichen Stand bringen, aber der Zarewitsch hört nicht auf ihn. Und der Zar will ihn umbringen, damit er nicht auf den Zarenthron komme.« »Oh Gott, Gott! Einen bösen Stern hat der Herr gesandt, daß der Vater sich wider den Lohn und der Lohn sich wider den Vater erhebt.« »Er ist ihm gar kein Vater! Der Zarewitsch selbst sagt, daß er weder sein Vater noch der Zar sei.« »Der Zar liebt die Deutschen, und der Zarewitsch liebt sie nicht. Er sagt: ›Laßt mir nur Zeit, ich werde sie schon alle ausrotten.‹ Irgendein Deutscher kam einmal zu ihm und redete, niemand weiß was; der Zarewitsch verbrannte ihm die Kleider und fügte ihm Brandwunden zu. Der Deutsche beklagte sich beim Zaren, und dieser sagte zu ihm: ›Warum geht ihr zu ihm? solange ich am Leben bin, werdet auch ihr hier sein.‹« »So ist es! Alle im Volke sagen: sobald nur unser Zarewitsch Alexej Petrowitsch auf den Zarenthron kommt, wird sich unser Zar Peter Alexejewitsch trollen müssen und alle anderen mit ihm!« »Es ist wahrlich so!« bestätigten viele freudige Stimmen. »Er, der Zarewitsch, glüht vor Liebe für alles Alte.« »Ein gottsuchender Mensch!« »Die Hoffnung Rußlands!...« »Man erzählt sich auch verschiedene Ammenmärchen im Volke, man soll aber nicht allem trauen,« begann Iwan Budlow. Alle wurden unwillkürlich auf seine ruhigen, sachlichen Worte aufmerksam. »Und ich sage es immer wieder: ob er Deutscher, Schwede oder Jude ist – der Teufel weiß, was er ist –, seitdem ihn aber Gott auf den Thron gebracht hat, haben wir keinen einzigen lichten Tag erlebt, eine Last liegt auf der Welt, man kann nicht aufatmen, schauen wir uns nur unsere Brüder, die Soldaten an: seit fünfzehn Jahren kämpfen wir mit den Schweden, lassen uns nichts zuschulden kommen und vergießen unser Blut ohne zu murren; und doch haben wir noch keine Ruhe: wir sind den ganzen Sommer und Herbst auf dem Meere, leiden mehr, als wir aushalten können, überwintern auf Steinen und sterben vor Hunger und Kälte. Sein Reich hat er aber so verwüstet, daß in manchen Gegenden der Bauer kein einziges Schaf mehr hat. Alle sagen: ein kluger Kopf! Wenn er ein kluger Kopf wäre, müßte er doch das Elend des Volkes sehen. Worin äußert sich seine Weisheit? Er hat ein Buch von den Bürgerrechten herausgegeben und den Senat eingesetzt. Was haben wir davon? Die neuen Beamten kosten viel Geld. Man soll nur die Bittsteller befragen, ob auch nur eine einzige Sache schon ohne Verschleppung und gerecht entschieden worden ist. Was soll ich noch viel darüber reden?... Dem ganzen Volke geschieht ein großes Unrecht. Er strebt danach, daß aus unseren Seelen die letzten Spuren des Christentums verschwinden, er nimmt uns unsere letzten Kräfte. Wie kann nur Gott solche Grausamkeit dulden! Das kann aber nicht ungesühnt bleiben, alles muß sich wenden; über kurz oder lang wird das Blut auf ihre Köpfe kommen!« Eine der Zuhörerinnen, Alena Jefimowna, eine Frau mit einfachem, gutmütigem Gesicht, die bisher geschwiegen hatte, trat ganz unerwartet für den Zaren ein. »Wir wissen nicht, wie wir es richtig sagen sollen,« sagte sie leise, wie für sich selbst, »wir beten nur: Bekehre, Herr, den Zaren zu unserm christlichen Glauben!« Empörte Stimmen fielen ein: »Was ist er für ein Zar? Ein Spott auf einen Zaren! Er ist wie verrückt, weiß nicht mehr, was er tut!« »Er ist ganz verjudet und kann nicht mehr leben, ohne Blut zu saugen. Wenn er Blut zu trinken bekommt, so ist er lustig, aber wenn er keines bekommt, so schmeckt ihm auch das Brot nicht!« »Ein Blutsauger! Die ganze Welt hat er gefressen, nur für ihn, den Säufer, gibt es keinen Untergang.« »Daß ihn die Erde verschlinge!« »Narren seid ihr, Hundesöhne!« schrie plötzlich voller Wut der Kanonier Alexej Ssemissashennyj, ein riesengroßer rothaariger Kerl mit halb tierischem und halb kindlichem Gesichtsausdruck. »Ihr seid Narren, daß ihr euch nicht wehren könnt! Ihr seid mit Seele und Leib verloren: man wird euch in Stücke schneiden, wie die Krautwürmer. Ich würde ihn mit eigenen Händen zerstückeln und zerfleischen!« Alena Jefimowna seufzte leise auf und bekreuzigte sich; diese Worte hatten sie, wie sie später gestand, wie mit Feuer versengt. Auch die andern blickten den Kanonier entsetzt an. Er hatte aber seine blutunterlaufenen Augen starr auf einen Punkt gerichtet, die Fäuste geballt und fuhr ruhig und nachdenklich fort. Diese Ruhe war aber noch schrecklicher als seine Wut. »Ich wundere mich nur, daß man ihm bisher noch nicht den Garaus gemacht hat. Er fährt ja oft früh und spät ohne Begleitung aus. Man könnte ihn ja gut mit fünf Messern zerstückeln.« Alena erbleichte, wollte etwas sagen, bewegte aber nur lautlos die Lippen. »Dreimal wollte man den Zaren schon ermorden,« sagte kopfschüttelnd der alte Kornilij. »Es wird aber niemals gelingen: Teufel begleiten ihn auf Schritt und Tritt und wachen über ihn.« Ein kleiner Soldat mit weißen Augenbrauen und Wimpern, mit einfältigem, versoffenem, kränklichem Gesicht, fast noch ein Knabe, der desertierte Rekrut Petjka Shisla begann, sich überstürzend, stotternd und wie ein Kind schluchzend, zu sprechen. Er teilte mit, daß man von jenseits des Meeres auf drei Schiffen Siegel gebracht hätte, um die Menschen zu versiegeln; sie werden niemandem gezeigt und unter strenger Bewachung auf der Insel Kotlin aufbewahrt. Er meinte die auf Befehl Peters eingeführten Rekrutenmarken, über die der Zar im Jahre 1712 dem General-Plenipotentiarius, dem Fürsten Jakow Dolgorukow schrieb: »Die Rekruten sind aber zu zeichnen – auf der linken Hand ist ihnen mit der Nadel ein Kreuz einzustechen und mit Pulver einzureiben.« »Wer versiegelt ist, der bekommt Brot zu essen, und wer kein Siegel hat, bekommt nichts und muß Hungers sterben. Ach, Brüder, Brüder! ... schrecklich ist die Sache ...« »Alle von Nahrungssorgen Bedrückten werden vor den Sohn der Finsternis treten und ihn anbeten,« bestätigte der alte Kornilij. »Viele sind schon versiegelt worden,« fuhr Petjka fort. »Auch ich, Brüder, auch ich bin verdammt ...« Er hob mit großer Mühe mit der rechten Hand den linken Arm, der schlaff herabhing, führte ihn ans Licht und zeigte das Rekrutenzeichen, das zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen eingestochen war. »Als man mich versiegelt hatte, fing meine Hand zu dorren an. Und so ist sie ganz verdorrt. Erst die linke, dann die rechte. Und wenn ich mich bekreuzigen will, kann ich sie nicht heben ...« Alle betrachteten erschrocken das kleine dunkle Mal auf der gelblich-weißen Haut der trockenen, gleichsam abgestorbenen Hand, das wie eine Pockennarbe aussah. Das war das Menschensiegel, das von der Regierung angeordnete schwarze Kreuz. »Das ist das Siegel des Antichrist!« erklärte der alte Kornilij. »Es steht geschrieben: Er wird ihnen ein Siegel auf die Hände tun, und wer das Malzeichen annimmt, der hat nicht mehr die Kraft, das Zeichen des Kreuzes zu machen, und seine Hand wird nicht mit einer Fessel, sondern mit einem Schwur gebunden sein, und für solche gibt es keine Gnade.« »Ach Brüder, Brüder! was haben sie mit mir gemacht! ... Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich mich nicht lebend ihren Händen überliefert. Einen Menschen haben sie wie ein Stück Vieh verdorben und mit einem Brandmal gezeichnet! ...« jammerte Petjka, und Tränen liefen ihm über das kindliche, beleidigte Gesicht herab. »Väterchen!« rief Kilikeja die Besessene aus und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen, als ob ihr plötzlich ein Gedanke gekommen wäre. »Alles läuft auf dasselbe hinaus: Zar Peter ist ja der ...« Sie sprach den Satz nicht zu Ende: das schreckliche Wort erstarb ihr auf den Lippen. »Was hast du dir sonst gedacht?« sagte Kornilij, sie mit seinen scharfen Augen durchbohrend. »Gewiß ist er es ...« »Nein, habt keine Angst: er selbst ist noch nicht erschienen. Vielleicht nur sein Vorläufer ...« versuchte Dokukin einzuwenden. Nun erhob sich Kornilij in seiner ganzen Größe, die Kette aus gußeisernen Kreuzen erklirrte, er hob die Hand, legte zwei Finger zum Zeichen des Kreuzes zusammen und rief feierlich aus: »Vernehmt, ihr Rechtgläubigen, wer über euch regiert und herrscht seit dem Jahre 1666, das die Zahl des Tieres ist. Zuerst fiel der Zar Alexej Michailowitsch mit dem Patriarchen Nikon vom Glauben ab und war Vorläufer des Tieres. Nach ihm kam aber Peter; er rottete den Glauben mit der Wurzel aus, schaffte den Patriarchen ab, raubte die ganze kirchliche und göttliche Gewalt für sich und erhob sich gegen unsern Herrn und Heiland Jesus Christus als das einzige hauptlose Haupt der Kirche und als selbstherrlicher Hirte. Er stellte sich damit über Christus, von dem es gesagt ist: ›Ich bin der Erste und der Letzte‹ und nannte sich ›Peter der Erste‹. Und im Jahre 1700, am ersten Tage des Monats Januarius, dem Feste des altrömischen Gottes Janus verkündete er auf einem flammenden Schilde: ›Siehe, meine Stunde ist gekommen.‹ Und im kirchlichen Kanon, der zur Verherrlichung seines Sieges über die Schweden bei Poltawa gesungen wird, nannte er sich Christus. Bei allen feierlichen Empfängen und Aufzügen, bei seinen Besuchen in Moskau ließ er sich vor den Triumphpforten von kleinen in weiße Chorhemden gekleideten Knaben ansingen: ›Gelobt sei der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Unser Herr und Gott ist uns erschienen!‹ Er ließ sie dasselbe singen, was die Kinder Israels nach dem Willen Gottes beim Einzuge unseres Heilands Jesu Christi in Jerusalem sangen. Mit den Titeln, die er angenommen, hat er sich über jeden Gott, dessen Namen man nur aussprechen kann, erhöht. Bei Ephräm dem Syrer findet sich aber die Prophezeiung: ›Im Namen des Simon Petrus wird in Rom der stolze Fürst dieser Welt, der Antichrist erscheinen.‹ In Rußland, das das Dritte Rom ist, ist er schon als Peter, Sohn des Verderbens, Gottes Lästerer und Feind erschienen, und er ist der Antichrist. Und wie es geschrieben steht: ›Der Verführer will dem Sohne Gottes in allen Dingen gleichen‹, so spricht auch dieser Verführer prahlend: ›Ich bin der Vater der Armen, die Zuflucht der Verirrten, die Hilfe der Darbenden, die Rettung der Beleidigten; ich habe für die Siechen und Altersschwachen Spitäler errichtet und für die Kinder Schulen; das unpolitische russische Volk habe ich in kurzer Zeit zu einem politischen gemacht und in Ansehung der Wissenschaften allen europäischen Völkern gleichgestellt; ich habe den Staat vergrößert, das Geraubte zurückerobert, das Zerstreute wiederhergestellt, das Erniedrigte erhöht, das Veraltete erneut, die in Unwissenheit Schlafenden geweckt und, was noch nicht war, geschaffen. Ich bin gütig, ich bin mild, ich bin barmherzig. Kommt zu mir und verneigt euch vor mir, dem lebendigen und starken Gott, denn ich bin Gott, und es gibt keinen anderen Gott neben mir!‹ So heuchelte und prahlte mit seiner Güte das Tier, von dem es geschrieben steht: ›Wer ist dem Tier gleich? Und wer kann mit ihm kriegen?‹ So versteckte sich unter dem Schafpelze der reißende Wolf, auf daß er alle einfange und auffresse. Vernehmt denn, ihr Rechtgläubigen, das Wort des Propheten: ›Flieh, flieh, mein Volk aus Babylon! Rettet euch, denn es gibt für die in den Städten Wohnenden keine Rettung, flieht, ihr Verfolgten, ihr Treuen, die ihr keine bleibende Stadt habt und die zukünftige sucht, flieht in die Wälder und Wüsten, verberget eure Häupter im Staube, in den Bergen, Höhlen und Abgründen der Erde‹, denn ihr seht es selbst, Brüder, daß wir auf dem Felsen aller Bosheit stehen, – der wirkliche Antichrist ist gekommen, und mit ihm das Ende dieser Zeit. Amen!« Er schwieg. Ein blendendes Wetterleuchten oder ein Blitz beleuchtete ihn plötzlich vom Kopf bis zu den Füßen; und der kleine Greis erschien in diesem Glanze als ein Riese; und der Widerhall des dumpfen, wie von unter der Erde kommenden Donners war wie das Echo seiner Worte, die Himmel und Erde erfüllten. Er schwieg, und auch alle andern schwiegen. Und es trat wieder solche Stille ein, daß man nur das schläfrige Rieseln des Wassers unter den Balken und das gedehnte traurige Lied Iwanuschkas am andern Ende des Floßes hörte: Särge, ihr Särge aus Eichenklötzen, Ewige Wohnungen seid ihr für alle. Neigt sich der Tag dem Abend entgegen, Liegt schon die Axt an den Wurzeln des Baumes, Nah, ach so nah sind die letzten Zeiten! Dieses Lied ließ die Stille noch tiefer und drohender erscheinen. Plötzlich stieg mit durchdringendem Pfeifen eine Rakete auf und zerstob in der dunklen Höhe zu einem Regen bunter Sterne; die Newa verdoppelte sie in ihrem schwarzen Spiegel: das Feuerwerk hatte begonnen. Es leuchteten die Schilder mit den durchsichtigen Bildern, Feuerräder drehten sich, Flammenfontänen stiegen empor, und tempelartige Paläste erstrahlten in sonnenhellem Glanze. Von der Galerie über der Newa, wo die Venus bereits aufgestellt war, hörte man über die Wasserfläche hinweg deutlich wahrnehmbar die Rufe der Zechenden: »Vivat! Vivat! Vivat! Peter der Große, Vater des Vaterlandes, Kaiser Allrußlands!« Und die Musik fiel ein. »Seht, Brüder, die letzten Zeichen geschehen!« rief der alte Kornilij aus, mit der Hand aufs Feuerwerk weisend. »Der heilige Hippolyt bezeugt: ›Man wird den Antichrist mit unaussprechlichen Gesängen und vielen Stimmen und lauten Schreien lobpreisen. Und ein Licht, heller als jedes andere Licht, wird den Fürsten der Finsternis umstrahlen. Er wird den Tag in Nacht verwandeln, die Nacht in Tag und Mond und Sonne in Blut, und er wird Feuer vom Himmel herabbringen ...« Plötzlich erschien mitten in einer leuchtenden Tempelhalle das Bild Peters, des »Bildners Rußlands«, in Gestalt des Titanen Prometheus. »Und alle werden sich vor ihm verneigen,« schloß der Alte, »und rufen: Vivat! Vivat! Vivat! Wer ist dem Tier gleich? Und wer kann mit ihm kriegen? Er brachte uns Feuer vom Himmel!« Alle blickten vor Entsetzen erstarrt auf das Feuerwerk. Als aber in den von bunten bengalischen Feuern beleuchteten Rauchwolken das Meerungetüm mit dem Schuppenschwanz und den stachelbesetzten Flossen und Flügeln auf der Newa erschien und von der Peter-Pauls-Festung zum Sommergarten zog, glaubten sie alle, daß es das in der Offenbarung prophezeite Tier aus dem Abgrunde sei. Von Augenblick zu Augenblick warteten sie, daß nun auch der über das Wasser trocknen Fußes schreitende, oder durch die Luft unter Donner und Blitz auf Feuerflügeln fliegende, von einem unzählbaren Heere von Teufeln umgebene Antichrist erscheinen werde. »Ach Brüder, Brüder!« jammerte Petjka, wie ein Espenblatt zitternd und mit den Zähnen klappernd. »Es ist so schrecklich ... wir sprechen alle von ihm, und ist er nicht hier in unserer Nähe? Ihr seht doch, welche Unruhe auch über uns gekommen ist ...« »Ich verstehe gar nicht, woher über euch diese weibische Angst kommt. Man soll ihm einen Espenpfahl in die Gurgel jagen und fertig! ...« fing Ssemissashennyj prahlerisch an; plötzlich erbleichte er aber und begann zu zittern, als die neben ihm sitzende Kilikeja, die Besessene, einen durchdringenden Schrei ausstieß, auf den Rücken fiel und sich winselnd in Krämpfen wand. Kilikeja war in ihrer Kindheit behext worden. Einmal hatte ihr die Stiefmutter, so erzählte sie selbst, Kohlsuppe zu essen gegeben und dabei geflucht: »Friß, daß dich der Teufel!« Und in der dritten Woche nach diesem Tage wurde sie, Kilikeja, krank und hörte etwas in ihrem Leibe wie einen jungen Hund knurren; auch alle anderen hatten dieses Knurren gehört; in ihrem Leibe wohnte nun der Teufel, der laut und vernehmlich mit menschlicher und tierischer Stimme redete. Sie wurde im Sinne des Zarischen Gesetzes »Von den Besessenen« in Haft genommen, verhört und mit Stöcken und Knuten geschlagen. Sie mußte sich mit Handschlag und Unterschrift, unter Androhung strenger Strafe mit der Knute und lebenslänglicher Einkerkerung ins Spinnhaus verpflichten, »in Zukunft nicht mehr besessen zu sein«. Doch die Knute vermochte nicht den Teufel auszutreiben, und sie war nach wie vor besessen. Kilikeja rief: »Ach, so übel ist mir, so übel!« und sie lachte und weinte, und bellte wie ein Hund, blökte wie ein Schaf, quakte wie ein Frosch, grunzte wie ein Schwein und schrie mit allen möglichen anderen Stimmen. Der Wachhund, der auf dem Floße wohnte, wurde von diesen ungewöhnlichen Lauten geweckt und kroch aus seiner Hütte heraus. Es war eine immer hungrige magere Hündin mit eingefallenen Seiten und hervorstehenden Rippen. Sie stellte sich neben Iwanuschka hin, der noch immer weiter sang, als ob er nichts hörte und sähe, hob die Schnauze in die Luft, zog den Schwanz ein und begann zu dem Zischen und Krachen des Feuerwerks zu heulen. Das Heulen der Hündin vermischte sich mit dem Heulen der Besessenen zu einer schrecklichen Musik. Man versuchte, Kilikeja durch Begießen mit Wasser zur Besinnung zu bringen. Der alte Kornilij beugte sich über sie, sprach Gebete zur Austreibung des Teufels, blies und spie sie an und schlug sie mit seinem aus Kiemen geflochtenen Rosenkranz aufs Gesicht. Endlich wurde sie still und verfiel in einen tiefen Schlaf, der wie eine Ohnmacht war. Das Feuerwerk war abgebrannt. Die Kohlen auf dem Floße glimmten kaum. Alles verschwand im Dunkel. Es war aber nichts geschehen. Der Antichrist war nicht gekommen. Es gab auch keinen Schrecken. Aber sie waren alle von einem Gram befallen, der schrecklicher war, als alle Schrecken. Sie saßen wie früher auf dem flachen Floße, das sich zwischen dem schwarzen Himmel und dem schwarzen Wasser kaum abhob, zu einem kleinen einsamen, verlorenen Häuflein zusammengedrängt, das in der Luft zwischen zwei Himmeln zu hängen schien. Alles war still. Das Floß rührte sich nicht. Doch es war ihnen, als ob sie mit rasender Eile dem letzten Ende aller Dinge zuflögen und in die Finsternis, wie in einen schwarzen Abgrund – den Rachen des Tieres – hinabstürzten. Und in dieser schwarzen schwülen Finsternis, die vom bläulichen Zucken des Wetterleuchtens erfüllt war, tönte aus dem Sommergarten zugleich mit den Klängen des Menuetts, die wie Musik von Hirtenflöten und Liebesgeigen im Reiche der Venus, wo der Schäfer Daphnis der Schäferin Chloë den Gürtel löst, anzuhören waren, die schmachtende Weise: Cupido, laß den Pfeil, Wir sind ja nicht mehr heil, Wir sind so süß versehret Durch deinen Pfeil von Golde – Die Liebe, ach, die holde, An unsren Herzen zehret ... II. Auf der Newa lag neben den Flößen des Zarewitsch eine große Barke aus Archangelsk mit einer Ladung Cholmogorer Töpferwaren. Der Besitzer dieser Barke, der reiche Kaufmann Puschnikow, ein Angehöriger der Pomoren-Richtung der Raskolniki-Sekte, pflegte bei sich flüchtige Anhänger des alten Glaubens zu verbergen. Im Hinterteile der Barke befanden sich unter dem Verdeck winzige Kammern. In einer dieser Kammern wohnte Alena Jefimowna. Alena war Bäuerin, die Frau des Moskauer Münzmeisters Maxim Jeremejew, eines geheimen Bilderstürmers. Nachdem man Fomka den Barbier, den Hauptlehrer der Bilderstürmer, verbrannt hatte, war Jeremejew nach dem unteren Wolgagebiet geflohen und hatte seine Frau verlassen. Sie selbst war halb Sektiererin und halb Rechtgläubige; sie bekreuzigte sich mit zwei Fingern, nachdem ihr ein geheimnisvoller Greis erschienen war und gesagt hatte, daß das mit drei Fingern gemachte Zeichen des Kreuzes von Gott nicht beachtet werde; aber sie besuchte rechtgläubige Kirchen und ging bei rechtgläubigen Priestern zur Beichte. Trotz der schrecklichen Gerüchte, die über Peter verbreitet wurden, glaubte sie doch, daß er ein wahrhaft russischer Zar sei, und sie liebte ihn. Sie flehte immer Gott an, daß er ihr vergönnen möchte, das Antlitz der zarischen Majestät zu schauen. Sie war auch nur zu diesem Zwecke nach Petersburg gekommen. Sie war ständig von dem einen Gedanken erfüllt: Gott um Gnade für den Zaren Peter Alexejewitsch anzuflehen, daß er Buße tue, sich zum Glauben seiner Väter bekehre und die Leute des alten Glaubens nicht mehr verfolge und daß auch diese ihrerseits sich mit der rechtgläubigen Kirche vereinigten. Alena verfaßte ein eigenes Gebet um die Vereinigung der beiden Kirchen, das sie sogar ihrem Beichtvater vorlegen wollte. Sie wagte es aber nicht zu tun, weil es »gar zu schlecht geschrieben war«. Sie zog von einem Kloster zum andern; sie mietete im Himmelfahrtskloster eine Nonne, daß sie sechs Wochen lang in der Kirche der Kasanschen Muttergottes Gebete für den Zaren lese; sie selbst verbeugte sich für ihn Tag für Tag zwei- bis dreitausendmal. Das alles schien ihr aber noch zu wenig, und sie erfand ein letztes verzweifeltes Mittel: sie ließ das von ihr verfaßte Gebet für den Zaren Peter Alexejewitsch und um die Vereinigung der beiden Kirchen von ihrem Neffen, dem vierzehnjährigen Knaben Wassja abschreiben, fertigte eine Decke für ein Heiligenbild an, nähte das Gebet in das Futter ein und übergab die Decke einem Popen der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale, ohne ihm etwas von dem verborgenen Schriftstück zu sagen. Nach dem Gespräch auf dem Floße kehrte Alena in ihre Zelle auf der Puschnikowschen Barke zurück. Und als sie sich erinnerte, was sie in dieser Nacht über den Zaren gehört hatte, überfielen sie zum erstenmal in ihrem Leben Zweifel: ob das, was man sich über den Zaren erzählte, nicht doch wahr sei, und ob man für einen solchen Zaren von Gott Gnade erflehen könne. Lange lag sie mit weit geöffneten Augen, in kaltem Schweiß gebadet, unbeweglich im schwülen Dunkel ihrer Kammer, schließlich stand sie auf, zündete einen kleinen Wachslichtstumpf an, stellte ihn vor das Bild der Muttergottes »Aller Leidenden Freude«, das an der Bretterwand in der Ecke ihrer Kammer hing und dem Bilde glich, das Zar Peter am Sockel der Venusstatue seinen Gästen gezeigt hatte; sie kniete nieder, machte dreihundert Verbeugungen und begann unter Tränen und Seufzern zu beten; es war dasselbe verzweifelte Gebet, das sie in die Decke für die Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale eingenäht hatte: »Erhöre mich, heilige Weltkirche, mit allen Cherubim und Seraphim, mit allen Propheten und Erzvätern, mit allen heiligen und Märtyrern, mit dem Evangelium und allen heiligen Worten des Evangeliums – gedenket alle unseres Zaren Peter Alexejewitsch! Höre mich, heilige apostolische Kirche mit den allerorten verehrten Ikonen und allen kleineren Heiligenbildern, mit allen apostolischen Büchern und Lampen, und Weihrauchfässern, und Kerzen, und heiligen Decken, und geweihten Meßgewändern, und steinernen Mauern, und eisernen Grabplatten, mit allen fruchttragenden Bäumen und Blüten! Auch zu dir bete ich, du herrliche Sonne: bete zum himmlischen Zaren für den Zaren Peter Alexejewitsch! Oh du junger Mond mit den Sternen! Oh du Himmel mit den Wolken! Oh ihr Gewitterwolken mit den wilden Winden und Stürmen! Oh ihr Vögel des Himmels! Oh du blaues Meer mit den großen Strömen und den seichten Bächen und den kleinen Seen! Betet alle zum himmlischen Zaren für den Zaren Peter Alexejewitsch! Auch ihr Fische des Meeres, Vieh des Feldes, Tiere des Waldes, ihr Felder, Wälder, Berge und alles Erdgeschaffene, betet alle zum himmlischen Zaren für den Zaren Peter Alexejewitsch!« Eine Bretterwand trennte die Kammer Alenas von einer geräumigeren Zelle, in der der alte Kornilij mit seinem Jünger Tichon lebte. Tichon hatte während des Gesprächs auf dem Floße kein einziges Wort fallen lassen, hatte aber in größerer Erregung als irgend jemand zugehört. Als alle auseinandergegangen waren, ließ sich der Alte auf einem Nachen ans Land setzen, wo er eine Besprechung mit anderen Raskolniki hatte; es handelte sich um die beabsichtigte große Selbstverbrennung vieler Tausender verfolgter Anhänger des alten Glaubens in den Wäldern von Kershenez jenseits der Wolga. Tichon kehrte allein in seine schwimmende Zelle zurück, legte sich hin, konnte aber, ebenso wie Alena in der benachbarten Kammer, nicht einschlafen und dachte über die Dinge nach, die er diese Nacht gehört hatte. Er fühlte, daß von diesen Gedanken seine Zukunft abhinge, daß ein Augenblick bevorstehe, der sein ganzes Leben wie mit einem Messer in zwei Teile trennen werde. »Ich stehe jetzt auf des Messers Schneide,« sagte er sich, »auf welche Seite ich falle, auf der bleibe ich.« Zugleich mit der Zukunft trat vor ihn auch die Vergangenheit. Tichon war der einzige Sohn, der letzte Sproß des einst berühmten, aber längst in Ungnade gefallenen und heruntergekommenen Geschlechtes der Fürsten Sapolskij. seine Mutter war an seiner Geburt gestorben, sein Vater, ein Hauptmann der Strelitzen, hatte am Aufstand dieser letzteren teilgenommen und war für die Miloslawskijs, für das alte Rußland und den alten Glauben gegen Peter eingetreten. Bei dem Prozeß im Jahre 1698 war er verurteilt, in den Folterkammern des Dorfes Preobrashenskoje gefoltert und auf dem Roten Platze im Kreml hingerichtet worden. Auch alle seine Verwandten und Freunde wurden zum Teil hingerichtet und zum Teil verbrannt. Der achtjährige Tichon blieb als Waisenknabe unter der Obhut seines alten Erziehers Jemeljan Pachomytsch zurück. Der Knabe war schwach und kränklich; er litt an Anfällen, die denen der Fallsucht glichen; am Vater hing er mit leidenschaftlicher, zarter Liebe. Der Erzieher war um die Gesundheit des Knaben besorgt und verheimlichte vor ihm daher den Tod des Vaters; er sagte ihm, der Vater sei geschäftlich auf sein fernes Erbgut im Ssaratowschen verreist. Aber der Knabe weinte und grämte sich, schlich wie ein Schatten in dem großen öden Hause umher und witterte Unheil. Endlich hielt er es nicht aus. Als er sah, daß alle seine Fragen vergebens waren, floh er eines Tages aus dem Hause, um in dem Kreml, wo ein Onkel von ihm lebte, zu gelangen und ihn über den Vater zu befragen. Der Onkel war aber nicht mehr am Leben: er war zugleich mit Tichons Vater hingerichtet worden. Am Spasskij-Tore des Kremls begegnete der Knabe einem Zuge großer Leiterwagen, die mit den halbnackten Leichen der Hingerichteten Strelitzen vollbeladen waren. Gleich geschlachtetem Vieh, das man vom Schlachthause führt, wurden sie zu einem Massengrab, einer Schindergrube gefahren, wo man sie zusammen mit allerlei Aas und Unflat ablud: so hatte es der Zar befohlen. Aus den Schießscharten der Kremlmauern ragten Balken hervor, an denen zahllose Leichen hingen, »wie die Polti«: so heißt ein gesalzener Astrachaner Fisch, den man bündelweise in der Sonne dörrt. Das Volk stand tagelang stumm auf dem Roten Platze und wagte es nicht, der Hinrichtungsstätte nahezukommen; es sah nur von weitem zu. Tichon drängte sich durch die Menge und sah auf der Richtstätte in Blutlachen lange dicke Balken liegen, die als Richtblöcke dienten. Die verurteilten knieten, eng aneinander gedrängt, manchmal dreißig Mann auf einmal, nieder und legten die Köpfe auf die Balken. Während der Zar in den Gemächern zechte, aus deren Fenster er das blutige Schauspiel sehen konnte, waren seine vertrauten Bojaren, Hofnarren und Günstlinge damit beschäftigt, die Strelitzen zu köpfen. Mit ihrer Arbeit unzufrieden – die Hände der ungeübten Henker zitterten allzu sehr –, ließ der Zar einmal an den Tisch, an dem er zechte, zwanzig Verurteilte bringen und köpfte sie mit eigener Hand unter den Hochrufen der Zechgenossen und zu den Klängen der Musik: er leerte ein Glas und hieb einen Kopf ab; Glas auf Glas, Hieb auf Hieb; der Wein und das Blut flossen zusammen, der Wein vermengte sich mit dem Blute. Tichon sah auch den in Form eines Kreuzes erbauten Galgen, der für die aufrührerischen Strelitzen-Popen bestimmt war; mit ihrer Hinrichtung war der Narrenpatriarch Nikita Sotow in eigener Person beschäftigt. Er sah eine Menge Folterräder mit den an sie gebundenen zerfetzten Gliedern der Geräderten; eiserne Spieße und Pfähle, an denen halbverweste Köpfe steckten: Peter hatte befohlen, sie nicht eher zu entfernen, als bis sie ganz verwest waren. Ein fürchterlicher Gestank füllte die Luft. Raben kreisten in Schwärmen über dem Platz. Der Knabe sah sich genauer einen der Köpfe an. Er hob sich dunkel und deutlich vom durchsichtigen blauen Himmel mit den zarten goldenen und rosa Wolken ab; im Hintergründe leuchteten blendend die Kuppeln der Kathedralen des Kremls; man hörte die Abendglocken. Und plötzlich war es Tichon, als ob alles – der Himmel, die Kuppeln der Kathedralen und selbst die Erde unter ihm wankte und als ob er selbst versänke. In dem Totenkopf mit den schwarzen Löchern an Stelle der ausgelaufenen Augen, der an einem der spieße Steckte, erkannte er den Kopf seines Vaters. In diesem Augenblick erklang Trommelwirbel. Um die Ecke zog eine Kompagnie des Preobrashenskij-Regiments, die Leiterwagen mit neuen Opfern eskortierte. Die Verurteilten saßen in weißen Hemden, brennende Kerzen in der Hand, mit ruhigen Gesichtern da. An der Spitze ritt ein Mann von Riesenwuchs. Auch sein Gesicht war ruhig, aber erschreckend. Es war Peter. Tichon hatte ihn vorher niemals gesehen: jetzt erkannte er ihn aber sofort. Und dem Knaben kam es vor, als ob der tote Kopf seines Vaters mit den leeren Augenhöhlen dem Zaren gerade in die Augen blickte. Im gleichen Augenblick verlor er die Besinnung. Die vom Schreck ergriffene, zurückflutende Menschenmenge hätte den Knaben erdrückt, wenn ihn nicht ein Greis, ein gewisser Grigorij Talitzkij, ein alter Freund Pachomytschs, bemerkt hätte. Er hob ihn auf und trug ihn nach Hause. In dieser Nacht hatte Tichon einen so heftigen Anfall von Fallsucht, wie nie zuvor. Es war noch ein Wunder, daß er am Leben blieb. Grigorij Talitzkij, ein unbekannter und armer Mensch, verdiente sich sein Brot durch Abschreiben alter Bücher und Handschriften; er war einer der ersten, die die Ansicht vertraten, daß Zar Peter der Antichrist sei. Er wurde später beim Prozeß angeklagt, »in seinem großen Eifer gegen den Antichrist und in seiner wahnsinnigen Angst dem Volke böse Worte zur Beschimpfung und Schmähung des Zaren zugerufen« zu haben. Er verfaßte eine Schrift »von der Ankunft des Antichrist in die Welt und vom Jüngsten Tag« und hatte die Absicht, sie drucken zu lassen und »unentgeltlich ins Volk zu werfen«, um es gegen den Zaren aufzuwiegeln. Grigorij besuchte häufig Pachomytsch und sprach mit ihm über den Zar-Antichrist und über die letzten Zeiten. Auch der alte Kornilij, der damals in Moskau lebte, nahm an diesen Gesprächen teil. Der kleine Tichon lauschte den Gesprächen der drei Greise, die in der Dämmerung im verödeten Hause zusammenkamen und wie drei unheildrohende Raben krächzten: »Es naht das Ende, böse Zeiten sind angebrochen, schwere Jahre haben begonnen; es gibt keinen wahren Glauben mehr, es gibt keine steinerne Mauern, keine festen Säulen mehr, der christliche Glaube ist zugrunde gerichtet. Und am letzten Tage wird der Antichrist kommen, die Erde wird sich entzünden und unserer großen Sünden wegen sechzig Ellen tief ausbrennen.« Sie sprachen von der Erscheinung »eines gewissen gräßlichen und schrecklichen roten Drachens, der während des Gottesdienstes in den nikonianischen Kirchen kriechend und zischend auf den Schultern der Bischöfe statt des heiligen Omophoriums hinge; oder des Nachts sich um die Mauern des Zarengemachs winde, den Kopf mit dem Rüssel in das Gemach hineinstecke und dem Zaren ins Ohr flüstere«. Und die traurigen Gespräche gingen in Gesänge über, die noch trauriger waren: Also spricht der Himmelskönig Christus: Oh, ihr Menschen, meine lieben Kinder, Flieht in Wüsten und in dunkle Wälder, Flieht in Höhlen und in öde Schatten, Und verscharrt euch, meine lieben Kinder, Tief in gelben Sand und graue Asche. Doch ihr sterbet nicht: ihr werdet leben Ewig und das Himmelreich gewinnen! Mit besonderer Gier lauschte Tichon den Erzählungen von den geheimen Klöstern in den Urwäldern und Sümpfen jenseits der Wolga, von der unsichtbaren Stadt Kitesh am See Swetlojar. Dieser Ort erscheint als öder Wald. Es gibt dort aber Kirchen, Wohnhäuser, Klöster und viele Leute. In Sommernächten hört man auf dem See Glockengeläute und sieht die goldenen Kirchenkuppeln sich in seinem klaren Wasser spiegeln. Dort ist in Wirklichkeit das Himmelreich auf Erden: Ruhe, Stille und ewige Freude; die heiligen Väter blühen dort wie die Lilien, wie Zypressen und Dattelpalmen, wie kostbare Perlen und wie die Sterne des Himmels; ihren Lippen entströmt unaufhörlich ein Gebet zu Gott, wie süßer Wohlgeruch und wie auserlesener Weihrauch: und wenn die Nacht anbricht, kann man ihr Gebet sehen; es erscheint als eine flammende Säule mit Funken; und das Licht ist so stark, daß man dabei ohne Kerze lesen und schreiben kann. Der Herr hat sie lieb und bewacht sie wie seinen Augapfel, indem er sie unsichtbar mit seiner Hand bis an das Ende der Zeiten bedeckt. Sie werden von der Traurigkeit und dem Gram der Zeit, wo das Tier erscheinen wird, nichts zu spüren haben; Tag und Nacht trauern sie nur über uns Sünder – über unsern Abfall und den Abfall des ganzen russischen Reiches, das vom Antichrist beherrscht wird. Ein einziger, von allen möglichen Wundern und Schrecken umgebener Pfad führt durch das Waldesdickicht zu der unsichtbaren Stadt; es ist der Pfad des Tatarenchans Batyj, und niemand kann diesen Pfad finden, wenn ihn nicht Gott selbst zu der stillen Zufluchtsstätte geleitet. Tichon lauschte diesen Erzählungen und sehnte sich nach den Urwäldern und Wüsten. Mit unsagbar süßer Trauer sprach er dem Pachomytsch das alte Gedicht vom jungen Einsiedler, dem Zarewitsch Jossafij nach: Oh, liebliches Mütterchen Wüste! Will gehen durch Wälder und Sümpfe, Will ziehen durch Berge und Höhlen Und mir eine Hütte erbauen. Ich will mich ergehen, ich junger Zarewitsch Jossafij, im Freien, Im Schatten der grünenden Eichen. Der Kuckuck im Walde wird rufen, Mit lieblicher Stimme mich lehren. In dir sind, oh, Mütterchen Wüste, Die faulenden Wurzeln der Bäume Mir süß wie die Speise des Himmels; Des Baches kaltrieselndes Wasser – So labend wie süßester Honig. Tichon hatte von seiner frühesten Kindheit an, von Zeit zu Zeit, besonders aber vor seinen Anfällen ein seltsames Gefühl, das keinem anderen glich, unerträglich drückend und zugleich ungewöhnlich süß und immer neu und zugleich längst vertraut war. In diesem Gefühl lag eine Angst, ein Erstaunen und eine Erinnerung an irgendeine andere Welt; aber mehr noch Neugierde und der Wunsch, daß das, was geschehen mußte, bald eintreffe. Er sprach niemals und mit keinem Menschen über dieses Gefühl; er hätte es auch gar nicht mit Worten ausdrücken können. Als er älter wurde und bewußt zu denken anfing, floß dieses Gefühl in ihm mit dem Gedanken an das Weltende und an die Wiederkunft Christi zusammen. Es kam vor, daß ihn das unheildrohendste Krächzen der drei Greise ganz kalt ließ, während etwas Zufälliges und Flüchtiges – eine Farbe, ein Laut, ein Geruch – in ihm dieses Gefühl mit plötzlicher Kraft weckte. Sein Haus befand sich in dem jenseits der Moskwa gelegenen Stadtteile, am Abhänge der Sperlingsberge; der Garten endete über einem Abgrunde, von wo aus man ganz Moskau überblicken konnte: die Masse der schwarzen, niederen Hütten und aus roh behauenen Balken gezimmerten Häuser, die an ein Dorf erinnerten, und über ihnen die weißen Mauern des Kreml und die zahllosen goldenen Kirchenkuppeln, von diesem Abhange aus betrachtete der Knabe oft jene wunderbaren und grauenerregenden Sonnenuntergänge, wie sie zuweilen im stürmischen Spätherbst vorkommen. In den mattblauen, lila, schwarzen, oder lodernd roten wie blutenden Wolken sah er bald den Riesendrachen, der sich um Moskau wand; bald das Tier mit den sieben Häuptern, auf dem die große Buhlerin mit dem Becher voll Greuel und Unsauberkeit saß; bald die Heere der Engel, die die Teufel verfolgten und sie mit flammenden Pfeilen verwundeten, so daß Ströme von Blut über den Himmel flössen; bald das strahlende Zion, die unsichtbare Stadt, die in Herrlichkeit des kommenden Heilands auf die Erde herabsteigt. Es war, als ob am Himmel in geheimnisvollen Zeichen schon das in Erfüllung ginge, was sich dereinst auf Erden erfüllen sollte. Und den Knaben ergriff die ihm so vertraute Vorahnung des Endes. Auch einige alltägliche Dinge weckten in ihm das gleiche Gefühl; der Geruch des Tabaks, der Anblick des ersten russischen Buches, das auf Befehl Peters in Amsterdam mit den neuerfundenen »bürgerlichen Lettern« gedruckt war; der Anblick gewisser Aushängeschilder an den neuen Kaufläden in der Deutschen Vorstadt; eine eigentümliche Art von Perücken mit komischen langen Locken, die an die Schläfenlocken der Juden oder an Hundeohren erinnerten; der eigentümliche Ausdruck der altrussischen Gesichter, die bisher bärtig, seit kurzem aber rasiert waren. Die Beamten ergriffen eines Tages an der Stadtgrenze den achtzigjährigen Jeremejitsch, der bei ihnen im Garten als Imker lebte, rasierten ihm gewaltsam den Bart weg und stutzten nach vorgeschriebenem Maße, bis an die Knie die Schöße seines Kaftans. Als der Greis heimkehrte, weinte er wie ein Kind; bald darauf erkrankte er und starb vor Kummer. Tichon liebte den Alten und hatte mit ihm Mitleid. Als er aber den weinenden Greis lautlos und in zugestutztem Kaftan sah, konnte er sich des Lachens nicht enthalten; sein Lachen klang aber so seltsam und unnatürlich, daß Pachomytsch fürchtete, er werde einen Anfall bekommen. In diesem Lachen lag das Grauen des Endes. Einmal im Winter erschien am Himmel ein Komet – ein Schweifstern, wie ihn Pachomytsch nannte. Der Knabe hatte großes Verlangen, den Stern zu sehen, wagte aber nicht, ihn anzublicken; er wandte sich weg und schloß die Augen, um ihn nicht zu sehen. Er erblickte ihn aber doch einmal zufällig, als sein Erzieher ihn eines Abends auf den Armen durch ein schneeverwehtes Gäßchen zur Badestube trug. Am Ende des Gäßchens, zwischen den schwarzen Hütten, die aus dem weißen Schnee ragten, leuchtete tief unten am Rande des schwarzblauen Himmels ein großer, durchsichtiger, zarter Stern, der etwas schief stand, als wollte er in die grenzenlosen Weltenräume entfliehen. Der Stern war gar nicht schrecklich; er kam ihm so verwandt, vertraut und lieb vor, daß er sich an ihm gar nicht satt sehen konnte. Das vertraute Gefühl ließ sein Herz sich stärker als je vor unerträglichem Entzücken und Grauen zusammenkrampfen. Er strebte mit allen seinen Gliedern dem Stern zu, als ob er mit einem zarten verschlafenen Lächeln aus dem Schlafe erwachte. Im gleichen Augenblick spürte Pachomytsch ein schreckliches Zucken im Körper des Kindes. Der Knabe stieß einen gellenden Schrei aus. Das war sein zweiter epileptischer Anfall. Als er sechzehn Jahre alt geworden war, wurde er, wie die anderen Löhne adliger Familien, in die »Schule der mathematischen und Navigations-, d. h. Seefahrerwissenschaften und Künste« gesteckt. Die Schule befand sich im Ssucharew-Turm, in dem der General Jakob Bruce, den man allgemein für einen Zauberer und Magier hielt, seine astronomischen Studien trieb; eine scheeläugige Alte, die an der Zweiten Mjestschanskaja-Straße Äpfel verkaufte, wollte gesehen haben, wie Bruce in einer Winternacht von seinem Turm aus, auf dem Fernrohr reitend, zum Mond emporgeflogen war. Pachomytsch hätte das Kind um nichts in der Welt in eine so verruchte Schule gegeben, wenn man die Kinder nicht mit Gewalt den Eltern und Erziehern entrissen hätte. Die widerspenstigen Landjunker, die man unter militärischer Bewachung von ihren Gütern, wo sie sich verborgen hielten, brachte, und die zuweilen schon verheiratet waren, die dreißig- und oft sogar vierzigjährigen Schüler saßen auf der gleichen Bank mit den wirklichen Kindern und lernten aus einem und demselben Buche mit einem Titelbilde, das einen Lehrer mit einem großen Rutenbündel darstellte, der einen über die Bank gelegten Schüler strafte, und der Unterschrift: »Jeder Mensch lerne in der Stille.« Alle Fibeln waren mit Versen über Ruten geschmückt: Segne, Gott, des Waldes Herrlichkeit, Weil er Ruten zeugt für allezeit. Für die Jungen sind die Birkenruten nütze, Für die Alten – Eichenstecken eine Stütze. Ein Befehl des Zaren schrieb vor: »Aus der Garde sind gute ausgediente Soldaten zu wählen, die in jedem Klassenzimmer während des Unterrichts mit einer Gerte in der Hand anwesend sein müssen. Und wenn einer der Schüler sich ungebührlich benimmt, so ist er mit der genannten Gerte zu bestrafen, ganz gleich, aus welcher Familie er stammt.« Aber wie sehr man sich auch bemühte, die Köpfe der Zöglinge mit Wissenschaften vollzustopfen, – bei den Jungen mittelst Ruten und Gerten, bei den Erwachsenen mittelst Peitschen und Stöcken, lernten doch alle gleich schlecht. In Augenblicken der Verzweiflung sangen die Zöglinge das »babylonische Klagelied«. Die Älteren begannen mit ihren vom Trinken heiseren Stimmen: In der Schule ist das Leben eine Qual, Denn man prügelt uns am Tage siebenmal. Die Kleinsten fielen mit hohen Diskantstimmen ein: Oh weh, alleweile, – Immer gibt's Keile! Und die Diskanten und die Bässe vereinigten sich zu einem Chor: Mit den Ruten auf die Hände, Mit dem Stocke auf die Lende, Hiebe, Hiebe ohne Zahl, Nimmer endet diese Qual. Lernt dabei Geometrie, Doch zu essen gibt es nie. Oh weh, alleweile, Immer gibt's Keile! Auch die Tinte macht uns Schmerzen, Sie vergiftet uns die Herzen. Gänsefeder und Papier Können uns ermorden schier. Selbst den Kräftigsten der Recken Bringt die Schule zum Verrecken. Oh weh, alleweile, Immer gibt's Keile! Tichon hätte in dieser Schule wohl nichts gelernt, wenn nicht einer der Lehrer, der Königsberger Pastor Glück, auf ihn aufmerksam geworden wäre. Nachdem er die russische Sprache von einem entlaufenen polnischen Mönch einigermaßen erlernt hatte, ging Glück nach Rußland, um »die Moskauer Jünglinge als einen weichen und sich zu jeder Gestalt formen lassenden Ton« zu bilden. Bald verzweifelte er aber weniger an den Jünglingen selbst als an der russischen Methode, »sie wie Zigeunerpferde zu dressieren«, und ihnen die Wissenschaft mittels Peitschen einzupauken. Glück war ein kluger und guter Mensch, aber ein Trinker. Er trank eigentlich nur aus Kummer darüber, daß ihn nicht nur die Russen, sondern auch seine deutschen Landsleute für verrückt hielten. Er arbeitete an einem wahnsinnigen Werke, an einem Kommentar über die Kommentare Newtons zu der Apokalypse, in denen alle christlichen Offenbarungen vom Weltende durch die genauesten astronomischen Berechnungen auf Grund der Gravitationsgesetze bestätigt wurden, die in den kürzlich erschienenen Newtonschen »Philosophiae Naturalis Principia Mathematica« dargelegt waren. Glück entdeckte in seinem Schüler Tichon eine ungewöhnliche Begabung für die Mathematik und gewann ihn lieb wie einen eigenen Sohn. Der alte Glück war in der Tiefe seiner Seele noch ein Kind. Mit Tichon sprach er, besonders wenn er etwas angeheitert war, wie mit einem Erwachsenen und seinem einzigen Freund. Er erzählte ihm von den neuesten philosophischen Lehren und Hypothesen, von der »Magna Instauratio« Bacons, von der geometrischen Ethik Spinozas, von den »Wirbeln« Descartes, von den Monaden Leibnizens, mit der größten Begeisterung aber von den großen astronomischen Entdeckungen des Kopernikus, Kepler und Newton. Der Knabe konnte vieles nicht verstehen, lauschte aber diesen Erzählungen von den Wundern der Wissenschaft mit der gleichen Neugierde wie den Gesprächen der drei Greise von der unsichtbaren Stadt Kitesh. Pachomytsch hielt die ganze Wissenschaft der Deutschen, besonders aber die »Sterndeuterei« für gottlos. »Der verruchte Kopernikus«, pflegte er zu sagen, »will es mit dem Herrn aufnehmen: er will die schwere Erde aus dem Zentrum des Weltalls in die Luft heben. Er allein lebt in dem närrischen Wahn, daß die Sonne und die Gestirne stille stehen und die Erde sich drehe, was der Heiligen Schrift widerspricht. Die Theologen lachen darüber.« »Die wahre Philosophie«, sagte dagegen Pastor Glück, »ist für den Glauben nicht nur nützlich, sondern auch notwendig. Viele Kirchenväter haben in den philosophischen Wissenschaften sehr schöne Leistungen gezeigt. Die Kenntnis der Natur steht mit den christlichen Leistungen nicht im Widerspruch; wer sich um die Erkenntnis der Natur bemüht, der kennt auch Gott und hat vor ihm Ehrfurcht; physikalische Erörterungen über die Schöpfung dienen zur Verherrlichung des Schöpfers, wie es auch in der Schrift heißt: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.« Tichon hatte aber das dunkle Gefühl, daß diese angebliche Übereinstimmung zwischen Wissenschaft und Glauben auch für Glück selbst durchaus nicht so einfach und klar sei, wie er glaube oder sich zu glauben bemühe. Nicht umsonst kam es manchmal vor, daß der angeheiterte Alte nach einem gelehrten Selbstgespräch über die Unzahl der Welten und über die Unergründlichkeit der kosmischen Räume die Anwesenheit des Schülers vergaß, seinen kahlen Kopf mit der auf die Seite gerutschten Perücke, der weniger vom Wein als von schwindelnden metaphysischen Gedanken schwer war, wie erschöpft auf den Tischrand legte und stöhnend den berühmten Ausspruch Newtons wiederholte: »Oh Physik, rette mich vor der Metaphysik!« Einmal fand Tichon – er war schon neunzehn Jahre alt, stand vor der Beendigung der Schule und konnte gut lateinisch lesen – zufällig auf dem Arbeitstische seines Lehrers die von diesem aus Holland mitgebrachte handschriftliche Sammlung der Briefe Spinozas und las die ersten Zeilen, die ihm in die Augen fielen: »Die Eigenschaften des Menschen und Gottes haben ebensowenig miteinander zu tun, wie das Sternbild des Hundes mit dem bellenden Tiere, das wir Hund nennen. Wenn das Dreieck zu reden verstünde, so würde es auch sagen, daß Gott nichts anderes sei als ein höchst vollkommenes Dreieck; und der Kreis würde meinen, daß die göttliche Natur im höchsten Maße kreisrund sei.« In einem andern Briefe – von der Eucharistie – hieß es: »Oh törichter Jüngling! Wer hat Euch so verblendet, daß Ihr Euch einbildet, etwas Heiliges und Ewiges könne sich in Euren Eingeweiden befinden? Entsetzlich sind die Sakramente Eurer Kirche: sie widersprechen dem gesunden Menschenverstand.« Tichon schlug das Buch zu und las nicht weiter. Zum ersten Male wurde in ihm das Gefühl des Grauens vor dem Ende, das er sonst nur unter dem Einflusse äußerer Eindrücke empfand, durch einen Gedanken geweckt. General Jakob Williamowitsch Bruce hatte im Sucharewturm eine reichhaltige Bibliothek und »ein Kabinett mathematischer, mechanischer und anderer Instrumente und Naturalien – Tiere, Insekten, Kräuter, allerlei Erze und Mineralien, ebenso Antiquitäten, alter Münzen, Medaillen, Kameen, Larven und sonstiger in- und ausländischer Kuriositäten«. Bruce beauftragte Pastor Glück mit der Anfertigung eines Kataloges und Inventars aller Gegenstände und Bücher. Tichon, der ihm dabei half, verbrachte nun ganze Tage in der Bibliothek. An einem heiteren Sommerabend saß er ganz oben auf einer zusammenlegbaren, auf Rädern beweglichen Bibliotheksleiter vor einer Wand, die von oben bis unten mit Büchern bestellt war; er klebte Nummern auf die Buchrücken und verglich den neuen Katalog mit dem alten, unorthographischen, in dem die Titel der ausländischen Bücher mit russischen Buchstaben transkribiert waren. Durch die hohen Fenster mit in Blei gefaßten Butzenscheiben, wie man sie in alten holländischen Häusern findet, fielen Sonnenstrahlen als schräge staubige Lichtsäulen auf die funkelnden Maschinen aus Messing, auf die Himmelssphären, Astrolabien, Kompasse, Winkelmaße, Zirkel, Maßstäbe, Wasserwagen, Fernrohre, »Mikroskopien«, auf die ausgestopften Bälge verschiedener seltener Tiere und Vögel, auf einen riesigen Schädelknochen eines Mammuths, auf grauenerregende chinesische Götzen, auf herrliche Marmorantlitze hellenischer Götter, und auf die unendlichen Bücherreihen in einförmigen Leder- und Pergamenteinbänden. Diese Arbeit machte Tichon Freude. Hier, im Reiche der Bücher herrschte die gleiche anheimelnde Stille wie in einem Walde oder auf einem alten, von den Menschen verlassenen und nur von der Sonne besuchten Friedhofe. Von der Straße drang nur das Geläute der Vesperglocken, das an das Läuten der Glocken von Kitesh gemahnte, herein, und aus dem Nebenzimmer, zu dem die Türe offen stand, waren die Stimmen des Pastors Glück und Bruces zu hören. Sie saßen nach dem Abendessen rauchend und trinkend am Tische und unterhielten sich. Tichon hatte soeben neue Nummern auf die Quart- und Oktavbände geklebt, die im alten Katalog unter Nummer 473 als »Philosophie des Franziskus Bacon in englischer Sprache in drei Bänden«, unter Nummer 308 als »Meditatio de prima Philosopha von Descartes in holländischer Sprache« und unter Nummer 532 als Mathematical Elements der Philosophie naturalis von Isaak Newton« verzeichnet waren. Als er diese Bände auf das Brett zurückstellte, fand er in der Tiefe des Faches einen alten, von Mäusen zerfressenen Oktavband unter Nummer 461: »Leonardo da Vinci, Traktat von der Malerei, in deutscher Sprache«. Es war die erste, zu Amsterdam im Jähre 1582 erschienene deutsche Übersetzung des »Trattato della pittura«. Dem Buche war ein Holzschnittbildnis Leonardos beigelegt. Tichon betrachtete das seltsame und fremde Gesicht, das ihm aber zugleich so bekannt vorkam, als ob er es schon einmal im Traum gesehen hätte, und dachte sich, daß auch Simon der Zauberer, der in der Luft fliegen konnte, ein ebensolches Gesicht gehabt haben müsse. Die Stimmen im Nebenzimmer wurden lauter. Bruce stritt über etwas mit Glück; sie sprachen deutsch. Tichon hatte diese Sprache vom Pastor erlernt. Einzelne Worte ihres Gesprächs setzten ihn in Erstaunen; er begann neugierig zu lauschen, immer noch das Buch Leonardos in der Hand haltend. »Warum wollen sie es, Verehrtester, nicht einsehen, daß Newton nicht bei voller Vernunft war, als er seine Kommentare zur Apokalypse schrieb?« sagte Bruce. »Er gesteht es übrigens auch selbst in seinem Briefe an Bentley vom 13. September 1693 ein: ›Ich habe den Zusammenhang meiner Gedanken verloren und vermisse die frühere Kraft meines Geistes.‹ Mit einem Wort, er war von Sinnen.« »Exzellenz, ich würde es vorziehen, mit Newton verrückt, als mit der ganzen übrigen zweibeinigen Kreatur vernünftig zu sein!« rief Glück aus und leerte sein Glas auf einen Zug. »Über den Geschmack soll man nicht streiten, lieber Pastor,« fuhr Jakob Williamowitsch fort und lachte trocken, scharf, gleichsam hölzern. »Das Merkwürdigste aber ist: zu derselben Zeit, als Sir Isaak Newton an seinen Kommentaren schrieb, haben an einem anderen Ende der Welt, nämlich hier in diesem Moskowien, wilde Fanatiker, die sich Raskolniki nennen, ebenfalls Kommentare zur Apokalypse verfaßt und sind dabei zu den gleichen Ergebnissen gelangt wie Newton. Von Tag zu Tag das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi erwartend, legen sich die einen von ihnen in Särge und singen sich selbst die Totenmesse, und andere verbrennen sich. Sie werden dafür gehetzt und verfolgt; ich würde aber auf diese Unglücklichen die Worte des Philosophen Leibniz anwenden: ›Ich liebe keine tragischen Ereignisse und wünsche, daß alle Menschen auf Erden ein gutes Leben haben; was aber die Verirrungen derjenigen betrifft, die in aller Ruhe das Ende der Welt erwarten, so scheinen sie mir durchaus harmlos zu sein.‹ Ich wollte aber folgendes sagen: das Merkwürdigste ist, daß sich in diesen apokalyptischen Phantasien der äußerste Westen mit dem äußersten Osten berührt und die größte Aufklärung mit der größten Unwissenheit; woraus man vielleicht wirklich schließen könnte, daß das Ende der Welt nahe sei und wir alle bald zum Teufel gehen!« Er lachte wieder mit seinem scharfen und trockenen Lachen und fügte etwas hinzu, was Tichon nicht hören konnte, was aber etwas sehr Freidenkerisches gewesen sein mußte, da Pastor Glück, bei dem, wie immer nach dem Abendessen, die Perücke auf die Seite gerutscht war und dem es im Kopfe rauschte, plötzlich voller Wut aufsprang, seinen Stuhl beiseite schob und aus dem Zimmer laufen wollte. Jakob Williamowitsch hielt ihn aber zurück und beruhigte ihn mit einigen gütigen Worten. Bruce war der einzige Beschützer Glücks. Er achtete und liebte ihn wegen seiner selbstlosen Liebe zur Wissenschaft. Da er aber großer Skeptiker und, wie viele behaupteten, absoluter Atheist war, konnte er den armen Pastor, diesen »Don Quichotte der Astronomie«, niemals sehen, ohne ihn zu necken und über seine unglückseligen Kommentare zur Apokalypse und seine Versuche, die Wissenschaft mit dem Glauben zu versöhnen, zu spotten. Bruce war der Ansicht, daß man sich für eines von beiden entscheiden müsse: entweder für den Glauben ohne Wissenschaft oder für die Wissenschaft ohne Glauben. Jakob Williamowitsch schenkte Glück ein neues Glas ein und fragte ihn, um ihn zu trösten, nach den Einzelheiten der Newtonschen Apokalypse. Der Alte gab zuerst nur widerwillig Antwort, ließ sich aber nach und nach hinreißen und teilte das Gespräch Newtons mit seinen Freunden über den Kometen des Jahres 1680 mit. Als man ihn einst über diesen Kometen befragte, schlug er seine »Principia« auf und zeigte auf die Stelle, wo es hieß: »Stellae fixae refici possunt« – »Fixsterne können wieder hergestellt werden, wenn Kometen auf sie stürzen.« – »Warum haben sie dann über die Sonne nicht ebenso aufrichtig geschrieben wie über die Sterne?« – »Weil die Sonne uns näher angeht,« antwortete Newton und fügte lachend hinzu: »Für diejenigen, die mich verstehen wollen, habe ich genug gesagt!« »Wie ein Falter, der ins Feuer fliegt, stürzt der Komet auf die Sonne,« rief Glück aus, »und von diesem Sturze wird die Sonnenhitze so sehr anwachsen, daß alles auf Erden vom Feuer vernichtet werden wird! In der Schrift heißt es: ›Die Himmel werden mit großem Krachen zergehen, die Elemente aber werden vor Hitze zerschmelzen, und die Erde und die Werke, die darinnen sind, werden verbrennen.‹ Dann werden beide Prophezeiungen in Erfüllung gehen: die des Glaubenden und die des Wissenden.« » Hypotheses non fingo – Ich erfinde keine Hypothesen!« schloß er begeistert mit dem berühmten Ausspruche Newtons. Tichon hörte zu, und das unheildrohende Krächzen der drei Greise, der drei Raben von einst, verband sich jetzt für ihn mit den exaktesten Ergebnissen des Wissens. Er schloß die Augen und sah vor sich das schneeverwehte enge Gäßchen, und an seinem Ende über dem weißen Schnee, zwischen den schwarzen Hütten, unten am Rande des schwarzblauen Himmels den großen, durchsichtigen, zarten Stern. Und das bekannte Gefühl ließ sein Herz sich ebenso wie in seiner Kindheit vor unerträglichem Entzücken und Grauen zusammenkrampfen. Das Buch Leonardos entglitt seiner Hand; es fiel auf das Sehrohr eines Astrolabiums, das mit großem Lärm zu Boden fiel. Glück kam hereingestürzt. Er wußte, daß Tichon manchmal Anfälle hatte. Als er ihn oben auf der Leiter zitternd und blaß sitzen sah, lief er auf ihn zu, nahm ihn in die Arme und half ihm heruntersteigen. Auch Bruce kam herbei. Mit großer Teilnahme befragten sie Tichon. Er schwieg aber: er fühlte, daß er von diesen Dingen mit niemand sprechen durfte. »Der arme Junge!« sagte Bruce zu Glück, ihn auf die Seite nehmend. »Unser Gespräch machte ihm Angst. Sie sind hier alle so: sie denken an nichts anderes als an das Ende der Welt. Ich habe bemerkt, daß sich unter ihnen in der letzten Zeit eine besondere Art Wahnsinn wie eine ansteckende Krankheit verbreitet. Gott allein weiß, wie dieses unglückliche Volk enden wird!« Nachdem Tichon die Schule beendet hatte, sollte er, wie alle jungen Leute aus dem Adel, in den Militärdienst treten. Pachomytsch war gestorben. Glück wollte gerade nach Schweden und England reisen, um in Bruces Auftrage neue mathematische Instrumente zu kaufen. Er machte Tichon den Vorschlag, ihn zu begleiten: Tichon. der inzwischen alle Ängste seiner Kindheit und die Warnungen Pachomytschs vergessen hatte, studierte mit immer größerer Liebe die Mathematik. Seine Gesundheit hatte sich gekräftigt, und seine Anfälle wiederholten sich nicht mehr. Eine alte Neugierde trieb ihn in fremde Länder, in das »Steckolnoje-Reich«, das für ihn fast ebenso geheimnisvoll war wie die unsichtbare Stadt Kitesh. Dank der Verwendung Bruces wurde der Navigationsschüler Sapolskij mit den andern »Russischen Kindern« auf einen Befehl des Zaren zwecks Beendigung der Studien ins Ausland kommandiert. Er kam Anfang Juni 1715 mit Glück nach Petersburg. Tichon war eben fünfundzwanzig Jahre alt geworden; er war Altersgenosse des Zarewitsch Alexej, sah aber noch fast wie ein Kind aus. In einigen Tagen sollte aus Kronschlot ein Handelsschiff abgehen, mit dem sie nach Stockholm-Stekolnoje zu fahren beabsichtigten. Plötzlich wurde alles anders. Petersburg, das äußerlich so sehr von Moskau verschieden war, machte auf Tichon einen starken Eindruck. Tagelang irrte er in den Straßen umher, glotzte und staunte: die endlosen Kanäle und Prospekte, die auf Pfählen, die in den schwankenden sumpfigen Boden eingerammt waren, errichteten Häuser, die auf Befehl des Zaren in einer Linie stehen mußten, »so daß kein Gebäude vor oder hinter der Linie errichtet werde«, die elenden Lehmhütten in Wäldern und Einöden, nach finnischer Sitte mit Rasenstücken und Birkenrinde gedeckt, die »auf preußische Manier« erbauten Paläste von komplizierter Architektur, die langweiligen Garnisonsmagazine, Zeughäuser, Schuppen und Kirchen mit holländischen, spitz zulaufenden Türmen und Glockenspielen – alles war flach, gemein, alltäglich, zugleich aber phantastisch wie ein Traum. In den trüben frühen Morgenstunden, wenn alles in einem schmutziggelben Nebel lag, hatte er zuweilen das Gefühl, daß diese ganze Stadt zugleich mit dem Nebel emporsteigen und wie ein Traum zerrinnen würde. In der Stadt Kitesh war alles wirkliche unsichtbar; und hier in Petersburg war im Gegenteil alles Unwirkliche sichtbar; aber beide Städte waren gleich gespensterhaft. Und wieder überkam ihn das unheimliche Gefühl, das er schon seit langer Zeit nicht empfunden hatte, das Gefühl des Grauens vor dem Ende. Es löste sich aber nicht mehr so wie früher in Wonne und Entsetzen auf, sondern bedrückte ihm die Seele mit stumpfem, endlosem Unlustgefühl. Eines Tages traf er auf dem Troitzkijplatze vor dem Kaffeehause »Zu den vier Fregatten« einen großgewachsenen Mann in der Lederjoppe eines holländischen Steuermanns. Und Tichon erkannte ihn sofort, wie damals in Moskau auf dem Roten Platze vor der Richtstätte, wo der auf dem Pfahle steckende tote Kopf seines Vaters mit leeren Augenhöhlen diesem selben Menschen gerade in die Augen blickte; es war Peter. Das schreckliche Gesicht erklärte ihm sofort auch diese schreckliche Stadt: auf beiden lag das gleiche Siegel. Am gleichen Tage traf er den alten Kornilij; er freute sich, als ob er einen Bruder getroffen hätte, und wich nicht mehr von seiner Leite. Er nächtigte in der Zelle des Alten und verbrachte die Tage auf den Flößen und Barken in Gesellschaft der flüchtigen und sich verbergenden Leute. Er lauschte den Erzählungen vom Leben der großen Einsiedler im hohen Norden, in den Pomorischen, Onjegischen und Olonetzschen Wäldern, wo Kornilij, nachdem er Moskau verlassen, viele Jahre zugebracht hatte, und von den schrecklichen Selbstverbrennungen, bei denen oft Tausende auf einmal den Tod fanden. Kornilij zog jetzt von dort nach Kershenez jenseits der Wolga, um den »Roten Tod« zu predigen. Tichon hatte nicht umsonst gelernt. An vieles, woran diese Menschen glaubten, glaubte er nicht mehr; und er dachte über vieles anders als sie. Doch er fühlte ebenso wie sie. Die Hauptsache, das Gefühl des Endes, hatte er mit ihnen gemein. Dinge, über die er niemals und mit niemandem gesprochen hatte, die niemand von den gelehrten Leuten verstanden haben würde, waren ihnen verständlich, und sie lebten nur für diese Dinge. Alles, was er in seiner frühesten Kindheit von Pachomytsch gehört hatte, lebte jetzt in seiner Seele mit neuer Kraft auf. Es zog ihn wieder in die Wälder und Wüsten, in die geheimen Klöster, in die »stillen Zufluchtsstätten«. Im Lichte der weißen Nächte über dem Wasserspiegel der Newa, durch das holländische Glockenspiel hindurch, glaubte er wieder das Läuten der Kirchenglocken von Kitesh zu hören. Und wieder sprach er mit quälender Trauer und Wonne den Vers über den Zarewitsch Jossafij: Oh, liebliches Mütterchen Wüste! Will gehen durch Wälder und Sümpfe, Will Ziehen durch Berge und Höhlen ... Nun mußte er sich entscheiden, eines von beiden wählen: entweder für immer in die Welt zurückkehren, um so zu leben, wie alle lebten, und dem Manne, der seinen Vater zugrunde gerichtet hatte und vielleicht auch Rußland zugrunde richten würde, zu dienen: oder die Welt für immer verlassen und Bettler, Landstreicher, einer der flüchtigen und sich verbergenden Menschen werden, »die keine bleibende Stadt haben und die zukünftige Stadt suchen«. Sollte er mit dem Pastor Glück nach Westen, nach der Stadt Stekolnoje ziehen oder mit dem alten Kornilij nach Osten, nach der unsichtbaren Stadt Kitesh? Wohin sollte er sich wenden, was sollte er wählen? Das wußte er selbst noch nicht; er schwankte und zögerte mit der letzten Entscheidung, als ob er noch immer auf etwas wartete. Aber in der letzten Nacht nach dem Gespräch vom Peter-Antichrist, das er auf dem Flosse gehört hatte, fühlte er, daß er nicht länger zögern durfte. Morgen sollte das Schiff nach Stockholm abgehen, und morgen wollte der alte Kornilij, der eine Anzeige befürchtete, aus Petersburg fliehen. Er redete Tichon zu, mit ihm zu kommen. »Ich stehe jetzt auf des Messers Schneide,« sagte er sich wieder, »auf welche Seite ich falle, auf der bleibe ich. Man lebt und man stirbt nur einmal. Irrt man sich einmal, so kann man es nicht wieder gut machen.« Zu gleicher Zeit hatte er aber auch das Gefühl, daß ihm die Kraft fehlte, sich zu entscheiden, und daß zwei Schicksale wie die beiden Enden einer Schlinge sich zusammenzögen, um ihn zu erdrosseln. Er stand auf und holte vom Wandbrett das handgeschriebene Buch: »Das Wort des heiligen Hyppolit von der Wiederkunft Christi« herunter. Um sich etwas zu zerstreuen, begann er beim Lichte des Lämpchens, das vor dem Heiligenbilde brannte, die Miniaturen der Handschrift zu betrachten. Auf einem dieser Bildchen saß links auf einem Throne der Antichrist in grüner Uniform des Preobrashenskijregiments mit roten Aufschlägen und Messingknöpfen, mit Dreimaster und Degen und einem Gesicht, das dem des Zaren Peter Alexejewitsch glich, und zeigte mit der Hand nach vorn. Rechts vor ihm war eine Abteilung der Preobrashenskij- und der Ssemjonawschen Garde dargestellt, die zu einem Kloster in einem dunklen Walde marschierte. Oben auf einem Berge mit drei Höhlen beteten Mönche, von blauen Teufeln angeführte Soldaten stiegen den Abhang des Berges hinauf. Unten stand geschrieben: »Dann wird er seine teuflischen Regimenter in die Berge und Höhlen und die Abgründe der Erde schicken, um die, die sich vor seinen Augen verborgen halten, zu suchen und zu ihm zu bringen, damit sie ihn anbeten.« Ein anderes Bild stellte Soldaten dar, die einige gefesselte Greise erschossen; die Unterschrift lautete: »Sie werden durch die Waffen des Satans umkommen.« Hinter dem Bretterverschlag in der benachbarten Kammer seufzte und weinte noch immer Alena, die zum himmlischen Zaren für den Zaren Peter Alexejewitsch betete. Tichon legte das Buch weg und kniete vor dem Heiligenbilde nieder. Er konnte aber nicht beten. Ihn hatte ein Gram befallen so schwer, wie er ihn noch niemals empfunden. Die Lampe brannte aus, ihre Flamme flackerte zum letztenmal auf und erlosch. Es wurde finster. Und in der Finsternis schlich etwas zu ihm heran und griff mit einer warmen, dunklen, weichen, zottigen Tatze nach seiner Kehle. Ihm stockte der Atem. Er war ganz in kalten Schweiß gebadet. Und wieder war es ihm, als ob er flöge und in die schwarze Finsternis wie in einen gähnenden Abgrund – in den Rachen des Tieres stürzte. »Jetzt ist mir alles gleich,« sagte er sich. Und plötzlich leuchtete in seinem Bewußtsein blendend hell der Gedanke auf: es sei ganz gleich, welchen der beiden Wege er wähle, ob er nach Osten oder Westen ginge: hier wie dort, an der äußersten Grenze des Westens wie an der äußersten Grenze des Ostens gäbe es ja nur den einen Gedanken und das eine Gefühl: bald ist das Ende. »Denn gleich wie der Blitz ausgehet vom Anfang und scheinet bis zum Niedergang, also wird auch sein die Zukunft des Menschensohnes.« Und es war ihm, als ob in ihm dieser letzte verbindende Blitz schon aufzuckte, »Komm Herr Jesu!« rief er aus, und im gleichen Augenblick leuchtete am andern Ende der Zelle ein schreckliches weißes Licht auf. Dann erklang ein betäubendes Dröhnen, als ob der Himmel in Stücke ginge und zusammenstürze. Es war derselbe Blitz, der Peter so erschreckt hatte, daß er die Ikone vor dem Sockel der Venus fallen ließ. Alena hörte durch das Heulen, Pfeifen und Tosen des Sturmes hindurch einen schrecklichen unmenschlichen Schrei: Tichon hatte wieder einen epileptischen Anfall. Er kam zu sich auf dem Hinterdeck der Barke, wohin man ihn während seines Unfalls aus der dumpfen Zelle getragen hatte. Es war am frühen Morgen. Oben leuchtete der blaue Himmel, unten schwebte ein weißer Nebel. Im Osten leuchtete durch den Nebel hindurch ein Stern, der Stern der Venus. Auf der Insel Kaiwusari, der sogenannten Petersburger Seite, auf der Großen Dworjanskaja-Straße leuchtete über der Kuppel des Hauses, in dem Buturlin, der »allertrunkenste Narrenmetropolit« wohnte, eine vergoldete Bacchusstatue in den ersten Morgenstrahlen wie ein feuerroter, blutiger Stern im Nebel; es war, als ob der irdische Stern mit dem himmlischen geheimnisvolle Blicke wechselte. Der Nebel rötete sich, wie wenn lebendiges Blut in die Körper der bleichen Gespenster gekommen wäre. Auch der marmorne Leib der Göttin Venus in der mittleren Galerie über der Newa wurde warm und rosig, wie lebendig. Die lächelte mit ihrem ewigen Lächeln der Sonne zu, als ob sie sich freute, daß die Sonne auch hier, im hyperboreischen Norden aufginge. Der Leib der Göttin war luftig und rosig wie eine Nebelwolke, und der Nebel lebendig und warm wie der Leib der Göttin. Der Nebel war ihr Leib, und alles war in ihr, und sie war in allem. Tichon erinnerte sich seiner nächtlichen Gedanken und fühlte in seiner Seele eine ruhige Entschlossenheit: zu Pastor Glück nicht mehr zurückzukehren und mit Kornilij zu fliehen. Die Barke, auf der er lag, war vom Sturme von ihrem Platz gerückt und stieß mit ihrem hinteren Teil an das Floß, auf dem nachts das Gespräch über den Antichrist stattgefunden hatte. Iwanuschka hatte inzwischen ausgeschlafen. Nun saß er wieder auf derselben Stelle wie in der Nacht und sang immer dasselbe Lied. Und die Musik, oder nur ein Gespenst der Musik, die vom Nebel gedämpften Töne des Menuetts: Cupido laß den Pfeil, Wir sind ja nicht mehr heil – verschmolzen mit dem traurigen, gedehnten Liede Iwanuschkas, der, den Blick nach Osten, dem Anfang des Tages gerichtet, vom Westen, dem Ende aller Tage, sang: Särge, ihr Särge aus Eichenklötzen, Ewige Wohnungen seid ihr für alle. Neigt sich der Tag dem Abend entgegen, Liegt schon die Art an der Wurzel des Baumes. Nah, ach so nah sind die letzten Zeiten. III. Am Ufer der Newa, in der Nähe der Kirche der Muttergottes »Aller Leidenden Freude« neben dem Hause des Zarewitsch Alexej befand sich das Haus der Zarin Marfa Matwejewna, der Witwe des Stiefbruders von Peter, des Zaren Fjodor Alexejewitsch. Fjodor starb, als Peter zehn Jahr alt war. Die achtzehnjährige Zarin hatte mit ihm nur vier Jahre zusammengelebt. Nach seinem Tode wurde sie vor Kummer irrsinnig und lebte nun seit dreiunddreißig Jahren in völliger Abgeschlossenheit. Sie verließ niemals ihre Gemächer und erkannte niemand, An den ausländischen Höfen hielt man sie für längst gestorben. Petersburg, das sie manchmal flüchtig aus ihren Fenstern sah, die auf »holländische und preußische Manier« aus Lehm errichteten Gebäude, die Kirchen mit den spitzen Türmen, die Newa mit den Booten und Barken – alles erschien ihr als ein schrecklicher und sinnloser Traum. Und ihre Träume erschienen ihr als die Wirklichkeit. Sie bildete sich ein, daß sie in Moskau, in den alten Gemächern des Kreml lebte und aus dem Fenster den großen Iwanglockenturm erblicken könnte. Sie fürchtete aber das Tageslicht und sah niemals zum Fenster hinaus. In ihren Gemächern waren die Fenster immer verhängt, und es herrschte darin ewige Dunkelheit. Sie lebte bei Kerzenlicht. Jahrhundertealte Vorhänge und Decken verbargen die letzte Moskauer Zarin von allen Menschenblicken. In den »oberen Gemächern« herrschten noch die feierlichen und prunkvollen alt-moskowitischen Hofsitten. Die Diener durften nicht ungerufen über die Schwelle des Hausflurs treten. Die Zeit war hier stehen geblieben und stand ewig still wie in den Tagen des Sanftesten Zaren Alexej Michailowitsch. In ihrem kranken Hirn lebte das unsinnige Märchen, daß ihr Mann, Zar Fjodor Alexejewitsch, in Jerusalem am Heiligen Grabe lebe und für das russische Land bete, gegen das der Antichrist mit einem unzähligen Heere von Polen und Deutschen gezogen käme; in Rußland gäbe es keinen Zaren, und der, der sich für einen Zaren ausgäbe, sei kein richtiger Zar, sondern ein Thronräuber, ein Werwolf, ein zweiter Grischka Otrepjew, ein entlaufener Kanonier, ein Deutscher aus der Kukujewschen Vorstadt; der Zorn des Herrn gegen die Rechtgläubigen werde aber nicht ewig währen; wenn alle Zeiten und Fristen sich erfüllt haben würden, werde der frommste, einzige Zar Allrußlands in sein Land in Kraft und Herrlichkeit zurückkehren, und die heidnischen Heere werden vor ihm fliehen wie die Nacht vor der Sonne; und er werde mit der Zarin den Thron seiner Väter besteigen und in seinem Lande Recht und Wahrheit wiederherstellen; das ganze Volk werde zu ihm kommen und ihn anbeten; und der Antichrist mit allen seinen Deutschen werde gestürzt werden. Dann werde auch bald das Ende der Welt anbrechen und die schreckliche Wiederkunft Christi eintreten. Das alles sei nahe und stehe vor der Türe. Etwa vierzehn Tage nach dem Venusfeste im Sommergarten lud Zarewna Marja ihren Vetter Alexej ins Haus der Zarin Marfa ein. Sie hatten hier schon öfters geheime Zusammenkünfte gehabt. Die Tante übergab ihm Nachrichten und Briefe von seiner Mutter, der verstoßenen Zarin Jewdokija Fjodorowna, der ersten Gemahlin Peters, die mit Gewalt ins Nonnenkloster zu »Maria Schutz und Fürbitte« in Susdal gesteckt worden war, wo sie unter dem Klosternamen Jelena lebte. Als Alexej das Haus der Zarin Marfa betreten hatte, mußte er zuerst eine Reihe finsterer, aus runden Balken gezimmerter Korridore, Flure, Vorzimmer, Kammern und Treppen passieren. Es roch überall nach Baumöl und altem Zeug, wie nach dem Staube und der Fäulnis der Jahrhunderte. Überall waren kleine Zellen, Zimmerchen, Kämmerchen, Seitenkammern und Hinterstübchen. In allen diesen Räumen hausten uralte Ober- und Kammerbojarinnen, Zimmerfrauen, Kinderfrauen, Schatzmeisterinnen, Wäscherinnen, Pelzbewahrerinnen, Bettwäschebeschließerinnen, Narren in Christo, Bettler, Pilgerinnen, Beterinnen, Narren und Närrinnen, Waisenmädchen, hundertjährige Märchenerzähler und Domraspieler, die zu den Klängen ihres eintönigen Saiteninstruments uralte Heldengesänge rezitierten. Alte, grauhaarige, zottige, wie mit Moos bewachsene Diener in verschossenen grünsamtenen Kaftans faßten den Zarewitsch an den Rockschößen und küßten ihm die Hand und die Schulter. Blinde, stumme, lahme, vor Alter graue und fahle Gestalten, die gleichsam keine Gesichter hatten, schlichen ihm nach, glitten wie Gespenster an den Wänden entlang, krochen, wiebelten und wabelten in den dunklen Korridoren wie Kellerasseln in nassen Löchern. Er stieß unterwegs auf den Narren Schamyra, der immer die Närrin Manjka zwickte und kicherte. Die älteste der Hofbojarinnen, die von der Zarin besonders geschätzte, gleich ihr irrsinnige, dicke, in gelbem Fett schwimmende und wie Gallerte zitternde Sfunduleja Wachramejewna fiel ihm zu Füßen und begann zu heulen und zu jammern, wie vor einer Leiche. Dem Zarewitsch wurde es unheimlich zumute. Er mußte an die Worte des Vaters denken: »Der Hof der Zarin Marfa ist durch ihre Frömmigkeit ein Hospital für allerlei Mißgeburten, Verrückte, Heuchler und Narren geworden.« Er atmete erleichtert auf, als er in ein helleres und saubereres Eckzimmer trat, wo ihn seine Tante, die Zarewna Marja Alexejewna erwartete. Aus den Fenstern konnte man die blaue, sonnenlichtüberflutete Fläche der Newa mit den vielen Schiffen und Barken sehen. Die Wände dieses Zimmers waren wie die einer Bauernstube aus runden Balken gezimmert. In der östlichen Ecke des Zimmers hing ein Heiligenschrein mit Heiligenbildern, vor denen ein trübes Öllämpchen brannte. An den Wänden entlang standen Bänke. Die Tante, die am Tisch gesessen hatte, stand auf und umarmte den Zarewitsch mit großer Herzlichkeit. Marja Alexejewna war nach alter Sitte gekleidet; sie trug ein um den Kopf geflochtenes Tuch und ein wollenes Wams von »stiller«, d.h. dunkler, einer Witwe geziemender Farbe mit braunen Punkten. Ihr Gesicht war unschön, blaß und gedunsen, wie man es bei alten Nonnen findet. Doch auf ihren bösen feinen Lippen und in ihren klugen, scharfen, stechenden Augen lag etwas Herrschsüchtiges und Festes, das an die Zarewna Ssofja, »den bösen Samen der Miloslawskijs« erinnerte. Ebenso wie Ssofja haßte sie ihren Bruder und all sein Beginnen und verzehrte sich in Sehnsucht nach dem Alten. Peter schonte sie, nannte sie aber eine alte Krähe, weil sie immer krächzte. Die Zarewna übergab Alexej einen Brief seiner Mutter aus Susdal. Es war die Antwort auf die wenigen allzu trockenen Zeilen ihres Sohnes, die sie vor kurzem erhalten hatte; der Brief des Sohnes hatte gelautet: »Mütterchen, guten Tag! Vergiß mich, bitte, nicht in deinen Gebeten.« Alexej begann mit Herzklopfen die unorthographischen, mit plumpen kindlichen Buchstaben hingekritzelten Zeilen der ihm wohlbekannten Handschrift zu entziffern. »Zarewitsch Alexej Petrowitsch, guten Tag! Ich Arme lebe kaum noch vor Gram, daß Du, mein Väterchen, mich in solchem Kummer verlassen und mich, die Dich geboren, vergessen hast. Und ich hatte Dich wie eine leibeigene Magd gepflegt. Und Du hast mich so schnell vergessen. Und ich lebe bis auf das heutige Datum nur noch für Dich. Und wenn ich nicht für Dich lebte, so wäre ich nicht mehr auf dieser Welt des Kummers, der Leiden und der Armut. Bitter, ach so bitter ist mein Leben! wäre ich doch besser gar nicht geboren. Ich weiß selbst nicht, warum ich mich so quäle. Und Dich habe ich nicht vergessen, ich bete immer für Dein Wohl zu der heiligen Muttergottes, daß sie Dich behüte und rein erhalte. Es gibt hier ein Bild der heiligen Muttergottes von Kasan; an der Stelle, wo sie einst erschien, wurde die Kirche erbaut. Und ich habe für Deine Gesundheit ein Gelübde getan; ich ließ mir das Heiligenbild ins Haus bringen, habe es nachts selbst zurückbegleitet, habe es auf eigenen Schultern getragen. Und am dreiundzwanzigsten Tage des Monats Mai hatte ich ein Gesicht. Es erschien mir die erlauchteste und reinste Himmelskönigin und versprach mir, sich beim Herrn, ihrem Sohne, für mich zu verwenden, daß mein Kummer sich in Freude wende. Und ich Unwürdige hörte von der erlauchtesten Jungfrau diese Worte: ›Du hast mein Bild mehr als die anderen geehrt und es zu meinem Tempel zurückbegleitet; ich werde Dich dafür erhöhen und Deinen Sohn erhalten.‹ Und Du, meine einzige Freude, mein Kind, habe Gottesfurcht in Deinem Herzen, schreibe mir, mein Freund Aljoschenka, wenigstens eine Zeile, stille meine Tränenflut, gib mir eine kurze Erholung in meinen Leiden, sei barmherzig zu Deiner Mutter und Magd, schreibe mir bitte! Ich verbeuge mich vor Dir wie eine Magd.« Als Alexej den Brief zu Ende gelesen hatte, übergab ihm Zarewna Marja die Geschenke, die ihm die Mutter aus dem Kloster geschickt hatte: ein kleines Heiligenbild, ein Tüchlein, von der eigenen Hand der demütigen Nonne Jelena mit Seide gestickt, und zwei kleine Schalen aus Lindenholz, »aus denen man Branntwein trinkt«. Diese bescheidenen Geschenke rührten ihn noch mehr als der Brief. »Du hast sie vergessen,« sagte Marja, ihm gerade in die Augen blickend. »Du schreibst ihr nicht und schickst ihr nichts.« »Ich fürchte mich, es zu tun,« sagte der Zarewitsch. »Warum?« entgegnete sie sehr lebhaft und durchbohrte ihn mit ihren stechenden Augen. »Kannst du denn nicht auch Leiden auf dich nehmen? Das macht doch nichts! Es ist ja für deine Mutter und für niemand andern ...« Er schwieg. Nun begann sie ihm ins Ohr zu flüstern, was sie von dem Einfältigen Michailo Bossoj, der aus dem Susdaler Kloster gekommen war, gehört hatte: es herrsche dort große Freude; wunderbare Erscheinungen, Gesichter, Prophezeiungen und Stimmen von Heiligenbildern hörten gar nicht auf; der Bischof von Nowgorod, Hiob, habe gesagt: »Aus Petersburg hast du Böses zu erwarten; nur Gott allein kann dich, glaube ich, retten; du wirst sehen, was bei euch geschehen wird.« Und der heilige Greis Wissarion, der in der Klostermauer von Jaroslawl eingemauert lebt, habe ein Gesicht gehabt, daß bald eine Veränderung kommen müsse: »Entweder wird der Zar sterben oder Petersburg wird zugrunde gehen.« Und dem Bischof Dossifej von Rostow sei der heilige Zarewitsch Dmitrij erschienen und habe prophezeit, daß große Unruhen bevorstünden und daß alles »bald in Erfüllung gehen werde«. »Bald! Bald!« schloß die Zarewna. »Gar zu viele Leute wehklagen und rufen: Räche dich, Herr, mache der Sache ein Ende, führe sie zur Vollendung!« Alexej wußte, daß das Wort »Vollendung« den Tod seines Vaters bedeutete. »Denke an meine Worte!« rief Marja wie eine Prophetin aus. »Petersburg wird nicht mehr lange bestehen. Diese Stätte wird leer sein!« Sie sah zum Fenster auf die Newa und auf die weißen Häuschen zwischen den grünen Sümpfen hinaus und wiederholte mit Schadenfreude: »Diese Stätte wird leer sein, sie wird leer sein! Die Stadt wird zum Teufel in den Sumpf versinken! Der verdammte Pilz wird ebenso schnell zugrunde gehen, wie er emporgewachsen ist. Nicht einmal die Stelle, wo er gestanden, wird man wiederfinden!« Die alte Krähe war ins Krächzen gekommen. »Es sind nur Ammenmärchen,« sagte Alexej und winkte hoffnungslos mit der Hand. »Haben wir denn wenig Prophezeiungen gehört? Alles ist Unsinn!« Sie wollte etwas erwidern, bohrte aber plötzlich wieder ihren stechenden Blick in ihn. »Zarewitsch, wie siehst du aus? Fehlt dir etwas? Oder trinkst du?« »Ja, ich trinke. Man zwingt mich zu trinken, vorgestern beim Stapellauf mußte ich so trinken, daß man mich später wie eine Leiche hinaustrug, säße ich doch lieber im Kerker oder hätte ich ein Hitzfieber, als daß ich dort gewesen wäre!« »Du hättest doch Arzneien einnehmen und einen Kranken spielen sollen, um bei diesem Stapellauf nicht dabei sein zu müssen, wenn du die Art deines Vaters kennst.« Alexej schwieg eine Weile und seufzte schwer auf. »Ach so bitter ist es mir, Marjuschka! ... vor Gram bin ich fast von Sinnen, wenn mir nicht Gott der Allmächtige beistünde, so wäre ich wohl längst irrsinnig geworden; ich wäre froh, wenn ich mich irgendwo verstecken könnte ... Ach, wenn ich weglaufen könnte!« »Wohin kannst du vom Vater weglaufen? Er hat einen langen Arm. Er wird dich überall finden können.« »Es tut mir leid,« fuhr Alexej fort, »daß ich den Rat Kikins nicht befolgt habe und nicht nach Frankreich oder zum Kaiser nach Wien entflohen bin. Dort könnte ich ruhiger leben als hier, solange es mir von Gott beschieden wäre. Viele von den Unsrigen haben ihre Rettung in der Flucht gefunden. Aber es gibt für mich gar keine Möglichkeit, zu entfliehen. Ich weiß nicht, was mit mir sein wird, liebes Tantchen! ... Ich will ja nichts als die Freiheit und daß man mich in Ruhe lasse. Daß man mich wenigstens ins Kloster gehen lasse! Ich würde auch auf die Erbschaft verzichten, würde ferne von allem in Ruhe leben, würde auf mein Erbgut ziehen, um da zu sterben!« »Genug, Petrowitsch! Der Zar ist ja nicht unsterblich: sobald es Gott will, wird er sterben. Man sagt ja, er habe die Fallsucht, und solche Leute leben nicht lange. Gott wird die Vollendung geben ... Ich hoffe, daß es bald geschehen wird ... Warte nur, sage ich dir, es wird auch für uns die Zeit kommen, unser Lied zu singen. Das Volk liebt dich, es trinkt auf dein Wohl und nennt dich die Hoffnung Rußlands. Dein Erbe wird dir nicht entgehen!« »Was sprichst du vom Erbe, Marjuschka! Ich werde dem Kloster nicht entrinnen; und wenn mich mein Vater nicht ins Kloster steckt, so habe ich auch nach seinem Tode nichts anderes zu erwarten: man wird mich wie den Zaren Wassilij Schujskij zu einem Mönch machen und einsperren. Traurig ist mein Leben ...« »Was sollen wir nun tun, mein Falke? Eine Stunde hat man zu leiden und hundert Jahre zu leben. Warte noch eine Weile, Aljoschenka!« »Lange genug habe ich gewartet, ich kann nicht mehr!« rief er leidenschaftlich aus, und sein Gesicht erbleichte. »Wenn doch schon das Ende käme! Die Qual ist ärger als der Tod ...« Er wollte noch etwas hinzufügen, aber seine Stimme versagte. Er stöhnte dumpf auf: »Oh Gott, Gott!« ließ den Kopf in die Hände sinken und preßte die Schläfen mit den Fingern zusammen. Er weinte nicht, aber krümmte sich wie vor unerträglichem Schmerz. Sein ganzer Körper erbebte im Krampfe des tränenlosen Schluchzens. Zarewna Marja beugte sich über ihn und legte ihre kleine, feste und gebieterische Hand auf seine Schulter; die gleichen Hände hatte auch Zarewna Ssofja gehabt. »Sei nicht kleinmütig, Zarewitsch,« sprach sie langsam, mit stiller und freundlicher Eindringlichkeit. »Erzürne Gott nicht, murre nicht. Denke an Hiob: gut ist es, auf den Herrn zu hoffen, denn unser ganzes Leben und jede unsere Regung ist in seiner Hand. Er kann auch das Widrige zum Nutzen für uns wenden. Wenn Gott mit mir ist, was kann mir ein Mensch tun? Und wenn ein ganzes Heer gegen mich zieht, wird mein Herz nicht verzagen. Gott wird mich retten! Verlasse dich ganz auf Christus, Aljoschenka, mein Herzensfreund: Er wird keine Versuchung zulassen, die über deine Kraft ginge.« Sie schwieg. Unter diesen ihm von Kind auf vertrauten frommen Worten, unter dieser freundlichen und festen Hand wurde auch er still. Jemand klopfte an der Türe. Es war Ssunduleja Wachramejewna, die sie zu der Zarin Marfa rufen kam. Alexej hob den Kopf. Sein Gesicht war noch immer bleich, aber fast ganz ruhig. Er blickte auf die Heiligenbilder und das Lämpchen, bekreuzigte sich und sagte: »Du hast recht, Marjuschka! Gottes Wille geschehe in allen Dingen. Auf das Gebet der Muttergottes und aller Heiligen wird er über uns nach seinem Willen beschließen. Darauf setze ich meine Hoffnung und werde auch weiter darauf hoffen.« »Amen!« sagte die Zarewna. Sie standen auf und gingen in die Schlafgemächer der Zarin Marfa. IV. Obwohl draußen sonniger Tag war, herrschte im Zimmer eine Dunkelheit wie bei Nacht, und es brannten Kerzen. Kein einziger Strahl drang durch die dicht mit Filz abgeschlossenen und mit Teppichen verhangenen Fenster. In der stickigen Luft roch es nach Weihrauch und Rosenwasser, dem Räucherwerk, das man des Duftes wegen in die Ofenlöcher zu legen pflegte. Zahllose Truhen, kleine und große Schränke, Koffer, Schatullen, Kisten, eisenbeschlagene Laden, von Bändern aus verzinntem Eisenblech umspannte Köfferchen mit schrägen Deckeln und Kasten aus Zypressenholz verstellten das Zimmer. Alle diese Kisten und Kasten waren mit Pelzen, Kleidern und »weißem Gute« – Wäsche – vollgepfropft. In der Mitte des Zimmers stand das Bett der Zarin unter einem zeltförmigen Betthimmel aus ponceaurotem Atlas mit grüngoldenem Blumenmuster; die Bettdecke war aus türkischem Goldbrokat mit Zobelfutter und Hermelinbesatz. Alles war sehr prunkvoll, aber alt, abgerieben, halb vermodert, so daß man den Eindruck hatte, es müsse alles bei einer Berührung mit der frischen Luft wie der Moder des Grabes zu Staub zerfallen. Durch die offene Türe konnte man in das Nebenzimmer sehen: es war das Kreuzzimmer, ganz vom Lichte der Lampen übergossen, die vor den mit Gold und Silber verzierten, edelsteinbesetzten Ikonen brannten. Allerlei Heiligtümer wurden in diesem Zimmer aufbewahrt: Kreuze, Panagien, zusammenlegbare Heiligenbilder, Kästchen, Schächtelchen und Schreine mit Reliquien; Myrrhen, Weihrauch, wundertätiger Honig und Weihwasser in Wachsgefäßen; Kassia auf flachen Schalen; vom Patriarchen geweihtes Chrisam in Bleigefäßen; vom Himmelsfeuer entzündete Kerzen; Sand vom Jordan; Teilchen vom brennenden Dornbusch Mosis und von der Eiche von Mamre; Milch der allerreinsten Muttergottes; der blaue Stein, »auf dem Christus in der Luft gestanden hatte«; ein anderer Stein in einem tuchenen Futteral »von großem Wohlgeruch, aber woher der Stein ist, weiß niemand«; Fußlappen des heiligen Pafnutij von Borow; ein Zahn des heiligen Antipius des Großen, der gegen Zahnschmerzen hilft und den Iwan der Grausame aus der Hinterlassenschaft des von ihm ermordeten Sohnes geraubt hatte. Vor dem Bette saß auf einem vergoldeten Sessel, der wie ein Zarenthron aussah und an der Rückenlehne mit einem geschnitzten Doppeladler und einer Krone geschmückt war, die Zarin Marfa Matwejewna. Obwohl der grüne Kachelofen mit verzierten Vorsprüngen und Gesimsen stark geheizt war, hüllte sich die beständig frierende kranke Alte in ein mit Blaufuchs gefüttertes Wams aus roter Baumwolle. Vom goldenen Stirnblech fielen Perlengehänge auf die Stirn herab. Das Gesicht war nicht alt, aber steinern und wie tot; es war nach der alten Sitte der Moskauer Zarinnen stark gepudert und geschminkt, wodurch sie noch mehr Ähnlichkeit mit einer Leiche hatte. Etwas Leben zeigten nur ihre durchsichtig grauen Augen, obwohl der Blick unbeweglich wie bei einer Blinden war: so blicken Nachtvögel bei Tag. Zu ihren Füßen saß auf dem Boden ein Mönch und erzählte. Als der Zarewitsch mit seiner Tante ins Gemach trat, begrüßte sie Marfa Matwejewna freundlich und lud sie ein, der Erzählung des frommen Pilgers zuzuhören. Der Pilger war ein kleiner Greis mit kindlichem, sehr vergnügtem Gesichtsausdruck; auch seine hohe Stimme war freudig, singend und angenehm. Er erzählte von seinen Wallfahrten und vom Klosterleben auf dem Berge Athos und auf der Ssolowetzkijinsel, wobei er dem griechischen Kloster vor dem russischen den Vorzug gab. »Jenes Kloster auf dem Berge Athos heißt ›Garten der allerheiligsten Muttergottes‹. Die allerreinste Mutter schaut auf ihn immer vom Himmel herab, sie sorgt für ihn und behütet ihn. Und durch ihre Hilfe besteht der Garten und blüht und bringt seine Frucht, eine äußere und eine innere Frucht; die äußere ist schön von Aussehen und die innere rettet die Menschenseelen. Und niemand, wer in diesem Garten wie in die Vorhalle des Paradieses kommt und seine Güte und Schönheit erblickt, wird ihn je wieder verlassen wollen. Die Luft ist dort leicht, und die Höhe der Hügel und Berge, die Wärme und das Licht der Sonne, die Mannigfaltigkeit der Bäume und Früchte und die Nähe des ersehnten Landes, Jerusalems, erzeugt eine ewige Freude. Doch auf der Ssolowetzkij-Insel herrscht Trauer und Angst, Erbitterung und Finsternis und eine Kälte wie in der Hölle. Es gibt auf jener Insel etwas, was der Seele Schaden tut: es leben auf ihr zahllose weiße Vögel, die man Möwen nennt. Sie vermehren sich den ganzen Sommer über, sie brüten ihre Jungen und bauen sich ihre Nester an den Wegen, auf denen die Mönche zur Kirche gehen. Und diese Vögel sind für die Mönche ein großes Ärgernis. Erstens kommen sie um ihre Ruhe. Und zweitens verlieren sie, wenn sie die sich zankenden, spielenden und sich paarenden Vögel sehen, die Keuschheit ihrer Gedanken und verfallen in Leidenschaft. Und drittens wird dieses Kloster oft von Frauen, Mädchen und Nonnen besucht. Auf dem Berge Athos gibt es aber diese Versuchung nicht: weder fliegen dort Möwen herum, noch kommen Weiber hinein. Als einziges Weib wohnt in jener süßesten Öde die auf zwei Adlerflügeln schwebende heilige Kirche, solange es der Herr will und bis die Zeiten sich erfüllen, die er in seiner Allmacht festgesetzt hat. Ihm allein sei Ehre in alle Ewigkeit. Amen.« Als er mit seiner Erzählung fertig war, bat die Zarin alle, selbst Marja, aus dem Zimmer zu gehen und blieb mit dem Zarewitsch allein. Sie kannte ihn fast gar nicht, sie wußte nicht mehr, wer er sei und wie er mit ihr verwandt sei; selbst seinen Namen hatte sie vergessen und nannte ihn einfach Enkel; sie liebte ihn aber, hatte mit ihm ein seltsames, ahnungsvolles Mitleid, als ob sie bereits sein Schicksal kennte, das ihm selbst noch unbekannt war. Sie sah ihn lange mit dem hellen, unbeweglichen Blick ihrer wie bei einem Nachtvogel verschleierten Augen an. Dann lächelte sie plötzlich traurig und begann ihm mit der Hand Wange und Haar zu streicheln. »Mein armer Junge! Hast weder Vater noch Mutter. Und niemand kann dich in Schutz nehmen. Die wütenden Wölfe werden das Lämmchen zerreißen, die schwarzen Raben werden das weiße Täubchen mit den Schnäbeln erschlagen. Solches Mitleid habe ich mit dir, mein Kind. Du hast nicht mehr lange auf dieser Welt zu leben ...« Diese wahnsinnigen Worte der letzten Zarin, die hier in Petersburg als ein jämmerliches Gespenst des alten Moskau erschien, der modernde Prunk, das stille warme Zimmer, in dem die Zeit still zu stehen schien, – all das hauchte den Zarewitsch mit der Kälte des Todes an und gemahnte ihn zugleich an die Liebkosungen seiner frühesten Kindheit. Ein trauriges und eigentümlich-süßes Gefühl bedrückte ihm das Herz. Er küßte die leichenblasse, abgemagerte Hand mit den seinen Fingern, von denen die schweren altertümlichen Zarenringe herabfielen. Sie ließ den Kopf sinken und saß wie in Gedanken da, mit den Korallenperlen ihres Rosenkranzes spielend – vor den Korallen flieht der böse Geist, »da die Korallen in Form des Kreuzes wachsen«. »Alles kommt durcheinander, es wird von Tag zu Tag schlimmer!« begann sie wieder wie im Traume mit wachsender Unruhe. »Hast du es in der Schrift gelesen, Enkel: ›Kinder, es ist die letzte Stunde; und wie ihr gehöret habt, daß er kommt, daher erkennen wir, daß die letzte Stunde ist‹? Das ist von ihm, dem Sohn des Verderbens, gesagt. Schon steht er vor der Tür. Bald erscheint er. Ich weiß nicht, ob ich es noch erlebe, ob ich meinen Herzensfreund, meine herrliche Sonne, den frommen Zaren Fjodor Alexejewitsch wiedersehen werde, wenn ich doch wenigstens mit einem Auge sehen könnte, wie er in Kraft und Herrlichkeit kommt und die Ungläubigen besiegt, und sich auf den Thron der Majestät setzt, und alle Völker der Erde sich vor ihm verneigen und rufen: ›Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!‹« Ihre Augen leuchteten; bald darauf überzogen sie sich wieder mit dem früheren trüben Schleier, wie glühende Kohlen mit Asche. »Nein, ich erlebe es nicht, ich werde ihn nicht mehr sehen! Ich habe mich vor Gott versündigt ... Mein Herz ahnt Unheil. So übel ist es mir, Enkel, so furchtbar übel ... Ich habe auch immer so böse, unheildrohende Träume ...« Sie sah sich ängstlich um, brachte ihre Lippen ganz nahe an sein Ohr und flüsterte: »Weißt du, Enkel, was mir neulich geträumt hat? Er selbst erschien mir, ob im Traume oder in einem Gesicht, das weiß ich nicht. Er kam aber zu mir, es war niemand anderes als er !« »Wer denn, Zarin?« »Verstehst du mich nicht? Höre also, was für einen Traum ich neulich hatte; vielleicht wirst du es dann verstehen. Es träumte mir, als läge ich auf diesem selben Bett und wartete auf etwas. Und plötzlich ging die Türe auf, und er trat herein. Ich erkannte ihn sofort. Groß gewachsen war er, kräftig, aber mit einem kurzen deutschen Röckchen bekleidet; im Munde hielt er eine Pfeife und qualmte; das Gesicht rasiert, der Schnurrbart wie bei einer Katze. Er ging auf mich zu, sah mich an und schwieg. Auch ich schwieg und dachte mir, was wohl kommen sollte. Und es war mir so übel, so traurig zumute wie in der Sterbestunde ... Ich wollte mich bekreuzigen, konnte aber die Hand nicht heben; wollte ein Gebet sprechen, aber die Zunge versagte. So lag ich wie tot da. Er nahm meine Hand und befühlte sie. Wie Feuer und Frost überlief es mir den Rücken. Ich blickte auf das Heiligenbild, doch das Heiligenbild erschien mir in verschiedenen Gestalten: als ob es nicht das reine Antlitz des Heilands wäre, sondern ein gottloser Deutscher mit blauer, geschwollener Fratze wie bei einer Wasserleiche. Er sagt mir aber: ›Du bist krank, Marfa Matwejewna, schwer krank. Willst du, daß ich dir meinen Arzt schicke? Und warum starrst du mich so an? Erkennst du mich denn nicht?‹ – ›Wie soll ich dich nicht erkennen,‹ sage ich ihm. ›Ich kenne dich gut. Habe ich denn wenig deinesgleichen gesehen?!‹ – ›Wer bin ich denn?‹ sagt er. ›Sag, wenn du es weißt.‹ – ›Es ist bekannt, wer du bist,‹ sage ich. ›Ein Deutscher bist du, der Sohn eines Deutschen, ein Soldat, ein Trommler bist du.‹ – Er grinst und faucht mich an wie ein besessener Kater. ›Du bist verrückt, Alte,‹ sagt er mir, ›ganz verrückt! Ich bin kein Deutscher und kein Trommler, sondern der gottgesalbte Zar Allrußlands, deines eigenen verstorbenen Mannes Fjodor Stiefbruder.‹ – Da wurde ich aber böse. Ich konnte ihm ins Gesicht spucken und ihm sagen: ›Ein Hund bist du und eines Hundes Sohn, ein Betrüger wie Grischka Otrepjew, ein Anathema bist du!‹ – Aber was soll ich mich mit ihm herumzanken? Mag er zum Teufel gehen. Es ist nicht der Mühe wert, auf ihn zu spucken. Das Ganze ist ja nur ein Traum, ein böses Gesicht, das mir Gott gesandt hat. Wenn ich ihn anblase, verschwindet er ja auf der Stelle. ›Und wenn du der Zar bist,‹ sage ich ihm, ›wie heißt du dann mit deinem Namen?‹ – ›Mein Name ist Peter,‹ sagt er mir. – Wie er den Namen ›Peter‹ nannte, ging mir ein Licht auf. Ach so, denke ich mir, der bist du also! Warte nur. So dumm bin ich nicht: wenn ich mit der Zunge nichts sagen kann, so will ich in Gedanken eine heilige Beschwörung sprechen: ›Feind und Satan! Fliehe von mir in öde Stätten, in finstere Wälder, in die Abgründe der Erde, in die tiefsten Meere, in wilde, unbewohnte, menschenleere Gebirge, wohin das Licht vom Antlitze Gottes niemals dringt! verruchte Fratze! Entweiche vor mir in den Tartarus, in die finsterste Hölle, ins tiefste Fegefeuer. Amen! Amen! Amen! Zerfalle! Ich blase und spucke dich an.‹ Kaum hatte ich diese Beschwörung gesprochen, als er auch wirklich verschwand, wie in die Erde war er versunken, – nichts blieb von ihm zurück, als der Gestank von Tabak. Ich erwachte, und Wachramejewna kam herbeigelaufen. Sie besprengte mich mit Weihwasser und beräucherte mich mit Weihrauch. Ich stand auf, ging ins Betzimmer, fiel vor dem Bilde der allerreinsten Muttergottes von Blachtosnä nieder; und als ich mich an alles erinnerte, begriff ich erst, wer es gewesen war.« Der Zarewitsch hatte längst begriffen, daß sein Vater sie besucht hatte, und zwar gar nicht im Traume, sondern in Wirklichkeit. Zugleich fühlte er, wie das Delirium der Irrsinnigen auf ihn überging und ihn ansteckte. »Wer war es denn, Zarin?« fragte er mit ängstlicher Neugierde. »Begreifst du es nicht? hast du vergessen, wie es im Buche Ephräm des Syrers ›Von der Wiederkunft Christi‹ heißt? ›Im Namen des Simon Petrus wird der hochmütige Fürst dieser Welt erscheinen, der Antichrist.‹ Hast du es gehört? Sein Name ist Peter. Er ist es!« Sie richtete auf ihn ihre vor Schreck weit geöffneten Augen und wiederholte keuchend: »Er ist es. Peter – Antichrist ... der Antichrist!« Drittes Buch. Das Tagebuch des Zarewitsch Alexej. I. Tagebuch der Hofdame Arnheim.   1. Mai 1714. Verfluchtes Land, verfluchtes Volk! Schnaps, Blut und Schmutz. Es ist schwer zu sagen, was am meisten in die Augen fällt. Ich glaube, der Schmutz. Der König von Dänemark hat einmal sehr schön gesagt: »Wenn zu mir wieder moskowitische Gesandte kommen, werde ich für sie einen Schweinestall erbauen lassen, denn wo sie einmal gewohnt haben, stinkt es so, daß da nachher ein halbes Jahr lang kein Mensch atmen kann.« Ein Franzose sagte einmal: »Der Moskowiter ist ein Mensch Platos, ein Tier ohne Federn, das alles besitzt, was der Menschennatur eigen ist, mit Ausnahme der Reinlichkeit und der Vernunft.« Und diese stinkenden Wilden, diese getauften Bären, die nicht mehr schrecklich, sondern nur jämmerlich sind, wenn sie sich in europäische Affen verwandeln, halten sich allein für Menschen und alle andern für Vieh. Gegen uns Deutsche haben sie einen angeborenen, unbezwingbaren Haß. Sie halten sich für verunreinigt, wenn sie mit uns in Berührung gekommen sind. Die Lutheraner sind für sie kaum besser als der Teufel. Ich wäre keinen Augenblick länger in Rußland geblieben, wenn nicht die Pflicht der Liebe und Treue zu Ihrer Hoheit, meiner gnädigsten Herrin und herzliebsten Freundin, der Kronprinzessin Sophie Charlotte mich hier festhielte. Was auch kommen mag, ich verlasse sie nie! Ich werde dieses Tagebuch, wie ich gewöhnlich spreche, deutsch und zum Teil französisch schreiben. Aber gewisse Scherze, Sprüchwörter, Lieder, Texte der zarischen Ukase und Bruchstücke von Gesprächen werde ich neben der Übersetzung auch im russischen Original wiedergeben. Mein Vater ist reiner Deutscher aus altem sächsischem Rittergeschlecht; meine Mutter eine Polin. Sie war in ihrer ersten Ehe mit einem polnischen Edelmann verheiratet, lebte lange Zeit in Rußland in der Gegend von Smolensk und erlernte die russische Sprache recht gut. Ich wurde in Torgau am Hofe der Königin von Polen erzogen, wo auch viele Moskowiter lebten. Von Kind auf hörte ich die russische Sprache. Ich spreche sie schlecht, liebe sie nicht, verstehe sie aber vollkommen. Um mein Herz in schweren Stunden wenigstens etwas zu erleichtern, habe ich mich entschlossen, diese Aufzeichnungen zu schreiben, ich mache es wie der Schwätzer in der alten Fabel, der seine Geheimnisse dem Schilfe des Sumpfes zuflüsterte, weil er es nicht wagte, sie den Menschen anzuvertrauen. Ich möchte nicht, daß diese Zeilen jemals das Licht erblicken; aber angenehm ist mir der Gedanke, daß sie einmal dem einzigen Menschen, dessen Meinung ich über alles in der Welt setze, zu Gesicht kommen können; ich spreche von meinem großen Lehrer – Gottfried Leibniz. * In dem gleichen Augenblick, als ich an ihn dachte, erhielt ich einen Brief von ihm. Er bittet mich, Erkundigungen einzuziehen wegen des Gehaltes, das er als in russischen Diensten stehender Geheimer Justizrat zu bekommen hat. Ich fürchte, er wird dieses Gehalt niemals zu sehen bekommen. Ich weinte beinahe vor Trauer und Freude, als ich seine Zeilen las. Ich erinnerte mich an unsere stillen Spaziergänge und Unterhaltungen in den Galerien des Schlosses von Salzdahlen, in den Lindenalleen von Herrenhausen, wo das Rauschen des Windes im Laube und das Nieseln der Springbrunnen ewig unser Lieblingslied aus dem »Mercure Galant« zu singen schienen: Chantons, dansons, tout est tranquille Dans cet agréable séjour. Ah, le charmant asile! N'y parlons que de jeux, de plaisirs et d'amours. Mir kamen wieder die Worte meines Lehrers in den Sinn, an die ich damals beinahe glaubte: »Ich bin Slawe wie Sie. wir beide sollten uns freuen, daß in unsern Adern slawisches Blut fließt. Diesem Stamme steht eine große Zukunft bevor. Rußland wird Europa mit Asien verbinden und den Orient mit dem Okzident versöhnen. Dieses Land ist wie ein neuer Topf, dem noch kein fremder Geschmack anhaftet; wie ein Blatt weißes Papier, auf dem man alles, was man will, schreiben kann; wie ein unbebautes Feld, das mit neuer Saat bestellt werden kann. Rußland könnte später einmal ganz Europa erleuchten, wenn es die Fehler vermiede, die sich bei uns allzu sehr eingewurzelt haben.« Und er schloß mit begeistertem Lächeln: »Das Schicksal hat mich wohl berufen, der russische Solon, der Gesetzgeber einer neuen Welt zu sein. Über den verstand eines Mannes, wie es der Zar ist, zu herrschen und ihn zum Wohle der Menschheit zu leiten, ist mehr, als hundert Schlachten zu gewinnen!« Ach mein armer großer Träumer, wenn sie wüßten und sähen, was ich in Rußland erfahren und gesehen habe! Auch jetzt, während ich dies schreibe, erinnert mich die traurige Wirklichkeit daran, daß ich nicht mehr in der süßesten Zufluchtstätte von Herrenhausen, diesem deutschen Versailles bin, sondern in der Tiefe der moskowitischen Tatarei. Vor den Fenstern gibt's Geschrei, Geheul und Geschimpfe: die Leibeigenen unserer Nachbarin, der Zarewna Natalja Alexejewna schlagen sich mit unseren Leuten herum. Die Russen verprügeln die Deutschen. Nun sehe ich in der Tat die Vereinigung Asiens mit Europa, des Orients mit dem Okzident! Unser Sekretär kam bleich, zitternd, in zerrissenen Kleidern, mit blutendem Gesicht herbeigelaufen. Als die Kronprinzessin ihn sah, fiel sie in Ohnmacht. Man schickte nach dem Zarewitsch. Er hatte aber einen Anfall seiner gewöhnlichen Krankheit: er war betrunken.   2. Mai. Wir wohnen im Schlosse des Kronprinzen Alexej, einem aus Lehm erbauten zweistöckigen Häuschen mit Ziegeldach, am Ufer der Newa. Die Räume sind so klein, daß fast der ganze Hofstaat Ihrer Hoheit in drei Nachbarhäusern wohnen muß, die der Senat für uns gemietet hat. In einem dieser Häuser gab es weder Türen noch Fenster, noch Öfen, noch irgendwelche Möbel. Ihre Hoheit mußte das Haus auf eigene Kosten einrichten und einen Pferdestall anbauen lassen. Gestern kehrte der Besitzer dieses Hauses, ein gewisser Gideonow, der in Diensten der Zarewna Natalja steht, zurück und befahl, alle unsere Leute hinauszujagen und ihre Sachen auf den Hof hinauszuwerfen. Darauf begann er, die Pferde Ihrer Hoheit aus dem stalle zu führen und seine eigenen Pferde einzustellen. Die Kronprinzessin gab den Befehl, den Stall niederzureißen, um ihn später an einer anderen Stelle aufzubauen. Als aber unser Stallmeister mit den Arbeitern hinkam, schickte Gideonow seine Leute, die die unsrigen verprügelten und verjagten. Der Stallmeister drohte mit einer Beschwerde beim Zaren. Gideonow antwortete lachend: »Beschweren Sie sich soviel Sie wollen; ich werde mich noch vorher beschweren!« Das Schlimmste ist, daß er alles angeblich auf Befehl der Zarewna tut. Diese Zarewna ist eine alte Jungfer und das bösartigste Geschöpf auf der Welt. Sie scharwenzelt vor der Kronprinzessin; aber hinter ihrem Rücken spuckt sie jedesmal aus, wenn sie den Namen Ihrer Hoheit ausspricht. Sie sagt: »Diese Deutsche! Die aufgeblasene Gans! Was bildet sie sich nur ein? Sie wird schon noch den Schwanz einziehen müssen!« Unsere armen Stallknechte leben also unter freiem Himmel. In der ganzen Stadt könnte man auch für hundert Dukaten keine Wohnung für sie finden: so eng ist es hier. Wenn man mit dem Zaren darüber spricht, so sagt er immer, daß es im nächsten Jahr genug Häuser geben wird. Sie werden dann aber nicht mehr vonnöten sein; jedenfalls nicht für unsere Leute, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß die Mehrzahl von ihnen bereits im Jenseits sein wird. * Wenn man in Europa von der Armut, in der wir leben, erzählen würde, so würde es kein Mensch glauben. Die Gelder, die für die Hofhaltung der Kronprinzessin festgesetzt sind, werden so unregelmäßig und karg gezahlt, daß sie niemals reichen. Und dabei herrscht hier eine furchtbare Teuerung, was in Deutschland einen Pfennig kostet, kostet hier vier. Wir sind bei allen Kaufleuten verschuldet, und sie werden wohl bald aufhören, uns Kredit zu geben. Nicht nur unsere Leute, auch wir selbst leiden oft Mangel an Kerzen, Brennholz und Lebensmitteln. Beim Zaren kann man nichts erreichen, da er niemals Zeit hat. Und der Zarewitsch ist meistens betrunken. »Die Welt ist voller Bitternis,« sagte mir heute Ihre Hoheit. »Von meiner Kindheit, d.h. von meinem sechsten Lebensjahre an, weiß ich nicht, was Freude ist, und ich zweifle nicht, daß das Schicksal für mich in der Zukunft noch mehr Widerwärtigkeiten bereithält ...« Ihren Blick in die Ferne gerichtet, als ob sie diese Zukunft schon sähe, wiederholte sie die Worte: »Ich werde dem Unglück nicht entgehen«, mit so hoffnungsloser Ruhe, daß ich keine Worte des Trostes finden konnte und nur stumm ihre Hände küßte. Da erdröhnte ein Kanonenschuß, und wir mußten sofort zu einer Luftfahrt auf der Newa, einer »Wasserassemblee«, aufbrechen. Hier ist es eingeführt, daß auf einen Kanonenschuß und die Flaggensignale, die an allen Enden der Stadt gegeben werden, alle Barken, Ruderboote, Yachten, Segelboote und sonstige Schiffe sich vor der Festung versammeln müssen. Das Nichterscheinen wird bestraft. Wir begaben uns sofort mit unserm zehnrudrigen Boot hin und fuhren lange Zeit mit den übrigen Booten die Newa auf und ab, beständig dem Admiral folgend, den wir weder überholen noch aus den Augen verlieren durften; auch für dieses Vergehen ist eine Strafe angesetzt. Für alles gibt es hier Strafen. Es spielte Musik – Trompeten und Waldhörner. Die Töne widerhallten an den Festungsbastionen. Uns war auch ohnehin so traurig zumute. Und der kalte, blaßblaue Fluß mit den flachen Ufern, der blaßblaue, wie Eis durchsichtige Himmel, das Funkeln der vergoldeten Spitze der hölzernen, gelb marmorierten Peter-Pauls-Kirche, das eintönige Glockenspiel – alles vergrößerte noch die eigenartige traurige Stimmung, die ich noch nirgends außer in dieser Stadt empfunden habe. Ihr Anblick ist übrigens recht hübsch. Längs des niedern Uferdammes, der von schwarzen geteerten Pfählen zusammengehalten wird, stehen blaßrote Backsteinhäuser von phantastischer Architektur, in der Art holländischer Kirchen, mit spitzen Türmen, mit Luken in den Dächern und riesengroßen vergitterten Fluren. Es sieht beinahe wie eine richtige Stadt aus. Daneben stehen aber ärmliche, mit Rasen und Birkenrinde gedeckte Hütten; und weiter kommt Sumpf und Wald, wo es noch Rentiere und Wölfe gibt. Am Meeresufer stehen Windmühlen. Genau wie in Holland. Mies ist blendend hell, blaß und traurig. Es sieht aus, als ob es nur hingemalt oder aus Laune geschaffen worden wäre. Man glaubt zu schlafen und eine ganz unwirkliche Stadt im Traume zu sehen. Der Zar befand sich mit seiner ganzen Familie auf einem eigenen Einmaster. Er führte selbst das Steuer. Die Zarinnen und Prinzessinnen trugen Leinenjäckchen, rote Röcke und runde Wachstuchhüte – alles »auf holländische Manier«; sie sahen wie echte Schifferflauen aus Zaandam aus. »Ich gewöhne meine Familie an das Wasser,« pflegte der Zar zu sagen. »Wer mit mir leben will, muß oft auf der See sein.« Er nimmt seine Angehörigen fast auf jede seiner Seefahrten mit, besonders bei stürmischem Wetter, sperrt sie in eine Kajüte ein und kreuzt immer gegen den Wind, bis sie ordentlich seekrank werden und, salvo honore , sich übergeben müssen. Dann ist er erst zufrieden! Wir fürchteten schon, daß man nach Kronschlot fahren würde. Die Teilnehmer einer ähnlichen Spazierfahrt im vorigen Jahre denken noch heute mit Schrecken an sie: von einem Sturm überrascht, waren sie beinahe ertrunken, gerieten auf eine Sandbank, saßen einige Stunden bis zum Gürtel im Wasser, erreichten schließlich irgendeine Insel und machten Feuer. Da sie ganz nackt waren – sie mußten die nassen Kleider ausziehen –, wickelten sie sich in rauhe Schlittendecken, die sie sich bei den Bauern verschafften. So verbrachten sie wie neue Robinsons die ganze Nacht am Feuer, ohne Speise und ohne Trank. Das Schicksal war uns aber diesmal gnädig; auf dem Einmaster des Admirals wurde die rote Flagge heruntergeholt, was das Ende der Lustfahrt bedeutete. Wir fuhren heim durch die Kanäle und besichtigten unterwegs die Stadt. Es gibt hier eine Menge Kanäle. »Wenn Gott mir Leben und Gesundheit gibt, wird Petersburg ein zweites Amsterdam werden!« prahlt der Zar. »Alles soll so eingerichtet werden, wie es in Holland Sitte ist,« diese Worte kehren in jedem seiner Ukase von der Erbauung der Stadt wieder. Der Zar hat eine Vorliebe für gerade Linien. Alles, was geradlinig und regelmäßig ist, erscheint ihm schön, wenn es möglich wäre, würde er die Stadt mit Lineal und Zirkel erbauen. Den Einwohnern ist befohlen, »die Häuser in einer Linie zu bauen, so daß kein Gebäude vor oder hinter der Linie zu stehen komme, damit alle Straßen und Gassen gleichmäßig und schön werden«. Jedes Haus, das aus der Linie hinausragt, wird erbarmungslos niedergerissen. Der Stolz des Zaren ist die unendlich lange, gerade, die ganze Stadt durchschneidende »Newa-Perspektive«. Sie liegt ganz einsam mitten im ödesten Sumpfe, ist aber bereits mit drei und vier Reihen verkümmerter Linden bepflanzt und sieht wie eine Allee aus. Sie wird außerordentlich rein gehalten. Jeden Sonnabend wird sie von schwedischen Gefangenen gekehrt. Auf vielen dieser geometrisch geraden Linien der projektierten Straßen gibt es noch fast keine Häuser. Nur die Absteckpfähle ragen hervor. Auf anderen Straßen, die bereits bebaut sind, kann man noch die Spuren alter Ackerfurchen sehen. Die Häuser werden zwar aus Ziegelsteinen, die »nach der Vorschrift des Vitruvius« hergestellt sind; gebaut, aber so nachlässig und eilig, daß sie einzustürzen drohen, wenn man durch eine Straße fährt, erzittern alle Häuser: der sumpfige Grund schwankt allzu sehr. Die Feinde des Zaren prophezeien, daß einst die ganze Stadt in den Sumpf versinken wird. Einer unserer Begleiter, der alte Baron Löwenvold, der Generalkommissar für Livland, ein freundlicher und kluger Mann, erzählte uns manches Interessante über die Gründung der Stadt. Zur Errichtung der ersten Erdwälle der Peter-Pauls-Festung brauchte man trockene Erde; in der Nähe gab es aber nichts als Schlamm und Moos. Man beschloß daher, Erde von entfernteren Plätzen in alten Lacken, Bastmatten und selbst in Kleiderschößen zu den Bastionen herbeischleppen zu lassen. Bei dieser Sisyphusarbeit gingen zwei Drittel der Unglücklichen zugrunde, hauptsächlich infolge der gottlosen Gaunerei und Dieberei derjenigen, die für den Unterhalt der Arbeiter zu sorgen hatten. Monatelang bekamen sie kein Brot zu sehen, das übrigens in dieser öden Gegend oft um kein Geld aufzutreiben ist. Sie lebten von Kohl und Rüben, litten an Ruhr und Skorbut, schwollen vor Hunger, froren in Erdlöchern, die Tierhöhlen glichen, und starben wie die Fliegen. Die Errichtung der Festung auf dem »Lusteiland« (eine nette Bezeichnung!) kostete allein hunderttausend Ansiedlern das Leben, die man wie Vieh von allen Enden Rußlands hierher zusammengetrieben hatte. Diese naturwidrige Stadt, dieses entsetzliche »Paradies«, wie der Zar sie zu nennen pflegt, steht wahrlich auf Menschengebeinen! Hier macht man weder mit Lebenden noch mit Toten irgendwelche Umstände. Ich sah schon mit eigenen Augen am Lebensmittelmarkt oder am Großen Kaufhaus, wie die in Bastmatten gewickelte, mit Stricken an eine Stange gebundene Leiche eines Arbeiters von zwei Männern fortgeschafft wurde; und viele andere werden ganz nackt auf elenden Schlitten nach dem Friedhof gefahren und ohne irgendwelche Zeremonien verscharrt. Es sterben täglich so viel Bettler, daß man keine Zeit hat, sie nach christlicher Sitte zu bestatten. Als wir einmal an einem heißen Sommertage auf der Newa fuhren, sahen wir auf dem blauen Wasser graue Flecken: es waren Haufen toter Mücken, von denen es in den hiesigen Sümpfen eine Unmenge gibt. Sie schwammen aus dem Ladogasee. Einer unserer Ruderer schöpfte einen ganzen Hut voll ihrer Leichen. Während ich mit geschlossenen Augen den Erzählungen Löwenvolds von der Erbauung Petersburgs zuhörte, sah ich im Geiste auf der Newa einen endlosen Zug grauer, winziger, wie diese Mücken zahlloser Menschenleichen schwimmen; und niemand kennt sie, niemand gedenkt ihrer. Nach Hause zurückgekehrt, setzte ich mich in meinem winzigen Zimmerchen, einem echten Vogelbauer, das im Mezzanin, dicht unter dem Dache liegt, an mein Tagebuch. Es war schwül, und ich öffnete das Fenster. Es duftete nach Frühlingswasser, Teer und nach Hobelspänen von Tannenholz. Am Ufer der Newa waren zwei Zimmerleute, ein alter und ein junger, mit dem Ausbessern eines Bootes beschäftigt. Ich hörte das Klopfen ihrer Hämmer und das gedehnte, traurige Lied, das der Jüngere, sehr langsam und immer dasselbe wiederholend, sang, hier sind einige Worte dieses Liedes, soweit ich sie verstehen konnte: In der großen Stadt Sankt Petersburg, Auf dem Newastrom, dem Mütterchen, Auf der Insel der Wassiljewskij Takelte ein junger Maat sein Schiff. Ich sah auf den blaßgrünen, wie Eis durchsichtigen und kalten Abendhimmel des »Paradieses« und lauschte dem traurigen Liede, das wie Weinen klang; und auch ich hatte Lust zu weinen.   3. Mai. Heute war Ihre Hoheit bei der Zarin und beschwerte sich über Gideonow; sie bat auch um eine regelmäßigere Auszahlung der Gelder. Ich wohnte dieser Zusammenkunft bei. Die Zarin war wie immer sehr liebenswürdig. »Zarische Majestät Euch sehr lieb,« sagte sie unter anderem zur Kronprinzessin in ihrem gebrochenen Deutsch. »Seine zarische Majestät hat Euch sehr lieb. Er sagt mir immer: Katharina, deine Schwiegertochter ist schön wie von Statur so auch von Charakter. – Eure Majestät, sage ich ihm, du liebst deine Schwiegertochter mehr als mich. – Nein, sagt er und lacht dabei, – ich liebe sie nicht mehr als dich, werde sie aber bald ebenso wie dich lieben. Mein Sohn, sagt er, verdient gar nicht, eine solche Frau zu haben.« Aus diesen Worten konnten wir schließen, daß der Zar seinen Sohn nicht sehr liebt. Als Ihre Hoheit fast unter Tränen für ihren Mann eintrat, versprach ihr die Zarin, sich für ihn zu verwenden; sie versicherte dabei mit der gleichen Freundlichkeit, daß »sie sie wie ein eigen Kind liebe und daß sie sie nicht lieber haben würde, selbst wenn sie sie unter dem Herzen getragen hätte«. Mir gefällt diese russische Süßlichkeit nicht; ich fürchte, daß sie wie Honig an der Spitze eines Dolches ist. Ihre Hoheit scheint übrigens genau zu wissen, woran sie ist. Einmal sagte sie in meiner Gegenwart, daß die Zarin ärger sei als alle andern: Pire que tout le reste . Nach der Heimkehr von der Zarin sagte sie mir heute: »Sie wird mir niemals verzeihen, wenn ich einen Sohn bekomme.« Als ich einmal mit einer einfachen Frau aus dem Volke über die Zarin sprach, flüsterte sie mir ins Ohr: »Es steht ihr gar nicht an, auf dem Zarenthrone zu sitzen – sie ist ja nicht vom Zarischen Geblüt und auch keine Russin, wir wissen ja sehr gut, wie sie in Gefangenschaft geraten war: man brachte sie im bloßen Hemde auf die Wache; ein Wachoffizier von den Unsrigen gab ihr seinen Rock. Gott weiß, von welchem Stande sie ist. Man sagt, sie hätte einst Hemden mit den Finnenweibern gewaschen.« Ich mußte heute daran denken, als Ihre Hoheit bei der Begrüßung mit der Zarin ihr nach der Hofetikette das Kleid küssen wollte. Jene ließ es allerdings nicht zu: sie umarmte und küßte sie. Es ist aber immerhin ein Hohn des Schicksals, daß eine Prinzessin von Wolfenbüttel, eine Erbin der großen Welfen, die den deutschen Kaisern zu einer Zeit, wo man noch nichts von den Hohenzollern und Habsburgern wußte, die Krone streitig machten – das Kleid einer Frau küßt, die zusammen mit Finnenweibern Hemden gewaschen hat!   4. Mai. Nach einigen warmen, beinahe sommerlichen Tagen ist wieder der Winter angebrochen. Es ist kalt und windig, es schneit nasse Flocken und regnet zugleich. Auf der Newa schwimmt das Eis vom Ladogasee. Man sagt übrigens, daß es hier manchmal auch im Juni schneit. Unser »Palais« ist so furchtbar verwahrlost, daß es heute nachts durch das durchlöcherte Dach in das Schlafzimmer Ihrer Hoheit hineinregnete; glücklicherweise nicht auf das Bett; auf dem Fußboden bildete sich eine Pfütze. Die Decke ist mit allegorischen Bildern geschmückt: ein flammender, mit Rosen umwundener Altar; zu beiden Seiten Liebesgötter mit den beiden Wappen: dem russischen Adler und dem Braunschweiger Roß; zwischen ihnen zwei verschlungene Hände mit dem Wahlspruch: »Non unquam junxit nobiliora, fides« – »Noch niemals verband die Treue Edlere.« Genau auf dem Altar ist ein schwarzer feuchter Fleck entstanden, und von der Flamme Hymens tropft schmutziges kaltes Wasser herunter. Ich mußte an die Hochzeitsrede des Archäologen Eckhard denken, der zu beweisen suchte, daß Bräutigam und Braut vom byzantinischen Kaiser Konstantin Porphyrogennetos abstammten. Ein nettes Land, wo es beinahe auf das Ehebett der Erbin eines Porphyrogennetos regnet!   5. Mai. Endlich kam der Kronprinz aus dem anderen Teile des Hauses zu uns herüber, wo er von uns getrennt lebt, so daß wir ihn oft wochenlang nicht sehen. Es kam zu einer Aussprache zwischen den beiden. Ich hörte alles aus dem Nebenzimmer, wo ich auf Wunsch Ihrer Hoheit bleiben mußte. Auf alle ihre Bitten und Klagen über Gideonow und über die Nichtauszahlung der Gelder antwortete er achselzuckend: »Mich nichts angehen. Bekümmere mich nicht an Sie!« Dann machte er ihr Vorwürfe, daß sie ihn beim Vater schlechtmache. »Sie sollten sich doch schämen!« sagte weinend Ihre Hoheit. »Denken sie doch wenigstens an Ihre eigene Ehre! In Deutschland wird sich kein Schuster oder Schneider erlauben, seine Frau so zu behandeln ...« »Sie sind in Rußland und nicht in Deutschland.« »Ich fühle das allzusehr, wenn aber alles, was mir versprochen wurde, erfüllt worden wäre ...« »Wer hat Ihnen versprochen?« »Sie selbst, als Sie mit dem Zaren den Ehekontrakt unterschrieben.« »Halten Maul! Ich Sie nichts versprochen. Sie sehr gut wissen, daß man Sie mir mit Gewalt angehängt!« Er sprang auf und warf den Sessel um, auf dem er gesessen hatte. Ich war bereit, Ihrer Hoheit zur Hilfe zu eilen. Ich glaubte, er würde sie schlagen. In diesem Augenblick haßte ich ihn so sehr, daß ich imstande wäre, ihn zu ermorden. »Das danke Ihnen der Henker!« rief die Kronprinzessin aus, außer sich vor Zorn und Schmerz. Er verließ mit einem unflätigen Schimpfwort das Zimmer und schlug die Türe hinter sich zu. Dieser Mensch erscheint mir als die Verkörperung alles wilden und Gemeinen, was es in diesem wilden und gemeinen Lande nur gibt. Eines weiß ich noch nicht sicher, was er in größerem Maße ist: ein Dummkopf oder ein Schuft? Die arme Charlotte! Ihre Hoheit, die mir von Tag zu Tag neue Beweise ihrer Freundschaft, die ich gar nicht verdiene, zeigt, bat mich selbst, sie so zu nennen. Die arme Charlotte! Als ich zu ihr hereinkam, fiel sie in meine Arme und konnte lange kein Wort sprechen; sie zitterte nur am ganzen Körper. Endlich sagte sie schluchzend: »Wenn ich nicht in anderen Umständen wäre und auf eine gütliche Weise nach Deutschland zurückkehren könnte, wollte ich dort mit Freuden von trockenem Brot und Wasser leben! Vor Kummer verliere ich den Verstand, und ich weiß gar nicht, was ich sage und was ich tue. Ich bete zu Gott, daß er mir die Kraft gäbe und daß die Verzweiflung mich nicht zu etwas Fürchterlichem führe!« Dann fügte sie unter stillen Tränen und mit der ihr eigenen Demut, die mir manchmal mehr Angst macht als jede Verzweiflung, hinzu: »Ich bin das unglückliche Opfer der Familie, der ich nicht den geringsten Nutzen gebracht habe, und ich sterbe vor Kummer einen langsamen Tod...« * Wir weinten noch beide, als man uns sagen kam, daß es Zeit sei, zu einer Maskerade aufzubrechen, wir schluckten unsere Tränen herunter und begannen uns für den Maskenball anzukleiden. So ist es hier Sitte: ob du willst oder nicht, du mußt dich amüsieren, wenn es befohlen ist. Die Maskerade fand auf dem Troitzkij-Platz beim Kaffeehause, der »Osteria«, unter freiem Himmel statt. Da der Platz so tief gelegen und sumpfig ist, daß er niemals austrocknet, hat man über einen Teil desselben Balken gelegt und darauf einen Bretterboden gebaut; so entstand ein Podium, auf dem sich die Masken drängten. Glücklicherweise hatte das Wetter wieder umgeschlagen: der Abend war windstill und warm. Doch gegen Abend stieg vom Flusse ein dichter milchweißer Nebel auf, der den ganzen Platz einhüllte, viele, besonders Damen in allzu leichter Kleidung, erkälteten sich in der feuchten Luft, niesten und husteten, statt Arznei bekamen sie Schnaps zu trinken, den die Grenadiere wie immer in großen Kübeln herumtrugen. In der weißen, vom grünlichen Schimmer des gar nicht erlöschen wollenden Abendscheins erleuchteten Nebelwolke – zu einer späteren Jahreszeit, im Juni bleibt hier der Abendschein die ganze Nacht am Himmel– erschienen alle diese Masken – Harlekine, Scaramouches, Bajazzi, Schäferinnen, Nymphen, Chinesen, Mohren, Bären, Kraniche und Drachen – als lächerliche und schreckliche Gespenster. Neben dem Podium, auf dem wir tanzten, ragten schwarze Pfähle mit eisernen Spitzen, auf denen die halbverwesten Köpfe von Hingerichteten staken. Im harzigen Dufte der jungen Tannentriebe und der Birkenknospen, von dem jetzt die ganze Stadt erfüllt ist, glaubte ich immer den Gestank der verwesenden Köpfe zu riechen. Und wieder erschien mir alles, wie es hier immer ist, als ein Traum.   6. Mai. Eine unerwartete Versöhnung. Als ich heute an die halbgeöffnete Türe des Zimmers Ihrer Hoheit trat, sah ich zufällig im Spiegel, daß sie im Sessel saß, während der Kronprinz sich über sie beugte, ihren Kopf mit beiden Händen umfaßt hielt und sie mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit auf die Stirne küßte. Ich wollte mich schon zurückziehen; sie sah mich aber ebenfalls im Spiegel und winkte mir mit der Hand. Die Ärmste wollte sich wohl mit ihrem Glück brüsten. »Der Mensch, der sagen, ich Sie nicht lieb habe, lügt wie Teufel!« sagte der Zarewitsch. Ich erriet sofort, daß er eine jener abscheulichen Klatschereien meinte, die hier in großer Anzahl über Ihre Hoheit verbreitet werden (man beschuldigt sie sogar der ehelichen Untreue). – »Ich Ihnen glauben, ich wissen, daß Sie gut sind und daß Menschen, was schlecht von Ihnen sprechen, nicht wert sind Ihren kleinen Finger...« Er befragte sie wegen aller ihrer Angelegenheiten und Unannehmlichkeiten und erkundigte sich nach ihrem Gesundheitszustand und ihrer Schwangerschaft mit solcher Teilnahme, und seine Worte und Gesichtszüge zeugten von soviel Güte und verstand, daß ich den Eindruck hatte, als ob ein ganz anderer Mensch vor mir stünde. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, als ich mich dessen erinnerte, was sich gestern in diesem selben Zimmer abgespielt hatte. Als er fort war und wir allein geblieben waren, sagte Charlotte zu mir: »Ein merkwürdiger Mensch! Er ist gar nicht das, was er zu sein scheint. Niemand kennt ihn. Er liebt mich so sehr! Ach, meine liebe Juliane, wenn ich nur die Liebe hätte, so wäre alles gut, und ich könnte alles ertragen ... wenn ich ein Kind bekomme – ich bete zu Gott, daß es ein Sohn wird –, so werde ich ganz glücklich sein!« Ich entgegnete nichts; ich hatte nicht den Mut, ihr den Glauben zu nehmen. Sie war auch jetzt schon so glücklich. Ob für lange? Die Ärmste! * Vielleicht bin ich in meinem Urteile über den Zarewitsch ungerecht? vielleicht ist er tatsächlich ganz anders, als er scheint? Er ist der verschlossenste aller Menschen, wenn er nicht betrunken ist, sperrt er sich in seinem Zimmer ein und sitzt über alten Büchern und Handschriften. Man sagt, er studiere die Weltgeschichte und die Theologie, und Zwar nicht nur die russische, sondern auch die katholische und protestantische; die deutsche Bibel soll er an die acht Mal gelesen haben; oder er unterhält sich mit Mönchen, Pilgern, heiligen Greisen, lauter Menschen aus dem niedrigsten Stande. Einer seiner Diener, Fjodor Ewarlakow, ein sehr aufgeweckter Bursche und großer Bücherfreund – er läßt sich von mir verschiedene Bücher, sogar lateinische leihen – sagte mir einmal über den Kronprinzen einige Worte, die ich mir sofort russisch in das Notizbuch aufschrieb, das mir Leibniz einmal geschenkt hatte und das ich immer bei mir trage: »Der Zarewitsch hat eine heiße Liebe zu den Popen, und die Popen zu ihm. Und er verehrt sie wie den Herrn. Sie nennen ihn aber einen heiligen und erzählen im Volke viel von seiner Heiligkeit.« Ich kann mich noch erinnern, wie Leibniz mir erzählte, daß er mit dem Zarewitsch, als er ihm im Sommer 1711 im herzoglichen Schlosse zu Wolfenbüttel vorgestellt morden war, lange über seinen Lieblingsgegenstand – die Vereinigung des Orients mit dem Okzident, Chinas und Rußlands mit Europa gesprochen und ihm dann durch dessen Erzieher, Baron Huissen, einen Auszug aus seinen Briefen über chinesische Angelegenheiten geschickt hätte. Leibniz behauptete, daß der Zarewitsch, im Gegensatz zu allem, was über ihn verbreitet wurde, sehr gescheit sei: sein Verstand sei aber ganz anders als der des Vaters. »Er ist wohl dem Großvater nachgeraten,« bemerkte Leibniz. Ihre Hoheit zeigte mir die Abschrift eines Briefes der Königlichen Berliner Akademie der Wissenschaften an den Herzog Ludwig Rudolf von Wolfenbüttel, den Vater Charlottens. In diesem Briefe ist die Rede von der sich bietenden Gelegenheit, das Licht des wahren christlichen Glaubens in Rußland zu verbreiten »infolge der eigenen und außerordentlichen Neigung des Kronprinzen zu den Wissenschaften und Büchern«. Ich sah auch den Bericht über eine Sitzung derselben Berliner Akademie vom Jahre 1711, bei der einer der Mitglieder, der Konrektor Frisch, erklärt hatte: » Der Nachfolger des Zaren liebt die Wissenschaften noch mehr als der Zar selbst und wird sie zu seiner Zeit nicht minder begünstigen .« Seltsam! Als ich sie heute beide im Spiegel, – wie in einem die Zukunft enthüllenden Zauberspiegel – sah, glaubte ich in diesen beiden so sehr voneinander verschiedenen Gesichtern einen gemeinsamen Zug zu sehen – den Schatten einer nicht voll ins Bewußtsein getretenen Trauer, als wären sie schon abgeurteilte Opfer und als stünde beiden großes Leid bevor. Oder kam es mir in dem dunklen Spiegel nur so vor?   8. Mai. Wir wohnten heute in der Admiralität dem Stapellauf eines großen Schiffes mit siebzig Kanonen bei. Der Zar, wie ein einfacher Zimmermann in eine rote gestrickte, mit Teer beschmierte Jacke gekleidet, kroch mit der Axt in der Hand zwischen den Stützpfeilern umher, um sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung sei; er achtete dabei gar nicht auf die Gefahr: denn der letzte Stapellauf kostete zwei Menschen das Leben. »Ich mühe mich ab mit der Arche Rußlands wie Noah.« An diese Worte des Zaren mußte ich heute denken. Er zog vor dem Großadmiral wie ein Untergebener vor dem Vorgesetzten den Hut und fragte, ob man beginnen dürfe; nachdem er den Befehl dazu erhalten, holte er mit der Axt zum ersten Hiebe aus. Hunderte anderer Äxte begannen die Stützpfeiler abzuhauen; gleichzeitig wurden unten die Balken weggezogen, die das Schiff zu beiden Seiten auf dem Stapel hielten. Es glitt auf den mit Talg eingefetteten Kufen zuerst langsam, dann so schnell wie ein Pfeil, so daß die Kufen in Splitter gingen. Dann schwamm es schaukelnd auf dem Wasser und durchschnitt beim Donner der Geschütze, dem Dröhnen der Musik und den Freudenrufen des Volkes zum ersten Male die Wellen. Wir setzten uns in Schaluppen und fuhren zum neuen Schiff. Der Zar befand sich bereits darauf. Er hatte sich inzwischen die Uniform eines Schout-bij-nacht, des Ranges, den er augenblicklich inne hat, mit dem Ordensstern und dem blauen Andreasband über die Schulter angelegt und begrüßte die Gäste. Das neugeborene Schiff wurde auf dem Verdeck mit einem Becher Wein getauft. Der Zar hielt eine Rede, hier sind einzelne Worte seiner Rede, die ich mir gemerkt habe: »Unser Volk gleicht den Kindern, die das ABC-Buch nicht eher in die Hand nehmen, als sie dazu gezwungen werden, und denen das Lernen zuerst viel Kummer bereitet; die aber dankbar sind, sobald sie etwas gelernt haben. Das Zeigen uns auch die letzten Taten: ist denn nicht alles unter Zwang geschaffen? Und schon hören wir Dankesworte für vieles, was seine Früchte gezeitigt hat. Wenn man das Bittere nicht nehmen will, so bekommt man auch nichts Süßes zu kosten...« »Ich verzichte auf deine gebratenen Kücken, aber schlage mich nicht mit dem Ziegelstein in den Nacken!« raunte einer der Hofnarren, ein alter Bojare, der wohl schon betrunken war, gerade hinter mir seinem Nachbar zu. »Wir haben auch Beispiele anderer aufgeklärter Völker Europas vor Augen,« fuhr der Zar fort, »die mit Kleinem begonnen haben. Es ist Zeit, daß auch wir ans Werk gehen und zunächst mit dem Kleinen beginnen; später werden Menschen kommen, die auch Großes vollbringen. Ich weiß, daß ich es nicht vollende und auch den Erfolg meines Werkes nicht sehen werde, denn auf die Länge des Lebens ist kein Verlaß; dennoch will ich es beginnen, damit die, die nach mir kommen, es leichter haben. Uns genügt aber schon der Ruhm allein, daß wir den Anfang gemacht haben ...« Ich bewunderte den Zaren. Er war herrlich. Man stieg in die Kajüten hinab. Die Damen nahmen getrennt von den Kavalieren in einer eigenen Kajüte Platz, die während des Festes kein Mann außer dem Zaren betreten durfte. In der Wand, die die beiden Säle trennte, befand sich eine kleine runde, mit rotem Taffet verhangene Lucke. Ich saß neben ihr und konnte, wenn ich den Vorhang hob, alles sehen und zum Teil auch hören, was in der Männerabteilung vor sich ging. Wie gewöhnlich schrieb ich mir manches in mein Notizbuch auf. Die langen, schmalen, in Hufeisenform angeordneten Tische waren mit kaltem Imbiß, scharf gesalzenen und geräucherten Speisen. die Durst erzeugen, vollgestellt. Das Essen war einfach und billig, der Wein aber teuer. Für solche Feste zahlt der Zar aus eigener Tasche der Admiralität je tausend Rubel, was für die hiesigen Verhältnisse eine Riesensumme bedeutet. Man setzte sich ohne auf den Rang zu achten, wie es sich gerade traf; einfache Schiffer kamen neben die höchsten Würdenträger zu sitzen. An dem einen Ende der Tafel thronte der närrische Fürstpapst, von den Kardinälen umgeben. Er verkündete feierlich: »Friede und Segen der ganzen verehrten Kumpanei! Im Namen des Vaters Bacchus, des Sohnes Iwaschka Chmelnitzkij und des Geistes des Weines empfanget das Abendmahl! Die Trunkenheit des Bacchus sei mit euch!« »Amen!« antwortete der Zar, der beim Papst als Protodiakon fungierte. Alle traten nun der Reihe nach an Seine Heiligkeit heran, knieten vor ihm nieder, küßten ihm die Hand und empfingen von ihm einen großen Löffel Pfefferschnaps, den sie sofort austranken: es war reinster, auf rotem indischen Pfeffer aufgesetzter Spiritus. Ich glaube, daß man mit diesem furchtbaren Pfefferschnaps jeden Verbrecher zum Geständnis bringen könnte. Hier müssen ihn aber alle trinken, sogar die Damen. Man trank auf das Wohl aller Mitglieder der Zarenfamilie mit Ausnahme des Zarewitsch und seiner Gemahlin, obwohl sie beide anwesend waren. Jeder Trinkspruch wurde von Kanonensalven begleitet. Es wurde so geschossen, daß die Scheiben an einem Fenster entzweigingen. Man wurde um so schneller betrunken, als in den Wein heimlich Schnaps gemischt wurde. In den niederen, von Menschen vollgepfropften Kajüten war es fürchterlich schwül. Die Männer zogen die Röcke aus und rissen sich gegenseitig gewaltsam die Perücken von den Köpfen. Die einen umarmten und küßten einander, die andern zankten sich, besonders die ersten Minister und Senatoren, die einander der Bestechlichkeit und aller möglichen Gaunereien und Diebereien beschuldigten. »Du hast eine Mätresse, die dich doppelt soviel kostet, als du an Gehalt beziehst!« schrie der eine. »Hast du aber die kleinen Reizker im Fäßchen vergessen?« entgegnete der andere. Mit den Reizkern waren die Dukaten gemeint, die ein geschickter Bittsteller in einem Fäßchen als gesalzene Schwämme gespendet hatte. »Und wieviel hast du an der Hanflieferung für die Admiralität verdient?« »Ach, Brüder, was sollen wir einander Vorwürfe machen! Jede Seele, die da atmet, strebt nach einer warmen Semmel. Ob der Sünder ehrlich, ob er ein Betrüger ist, immer lebt er von der Sünde!« »Bestechungsgelder sind doch nichts anderes als Akzidenzien.« »Von einem Bittsteller nichts zu nehmen, ist eine widernatürliche Sache.« »Aber nach dem Wortlaut des Gesetzes ...« »Was ist das Gesetz? Eine Deichsel. Man kann sie drehen, wohin man will.« Der Zar hörte aufmerksam zu. Er hat folgende Angewohnheit: sobald alle betrunken sind, läßt er an der Türe Doppelposten aufstellen, die niemand hinauslassen dürfen; der Zar, der, soviel er auch trinken mag, niemals betrunken wird, stiftet absichtlich Zank unter seinen Höflingen und hetzt sie aufeinander; aus den Zänkereien der Betrunkenen erfährt er auf diese weise Dinge, die er sonst niemals erfahren würde. Er verfährt nach dem Sprichwort: Wenn die Diebe streiten, bekommt der Bauer das Gestohlene zurück. So ein Trinkgelage ist wie eine gerichtliche Untersuchung. Der erlauchte Fürst Menschikow und der Vizekanzler Schafirow gerieten sich in die Haare. Der Fürst nannte den Vizekanzler einen Juden. »Wenn ich Jude bin, so bist du Pastetenbäcker!« entgegnete Schafirow. »Dein Vater löffelte seine Kohlsuppe mit dem Bastschuh. Unter einem Fasse bist du zur Welt gekommen. Ein feiner Fürst: aus dem Schmutze hat man dich herausgezogen und zu einem Fürsten gemacht! ...« »Und du bist ein kratziger Jude! Ich kann dich mit einem Fingernagel zerdrücken, so daß von dir nur ein nasser Fleck zurückbleibt ...« Lange schimpften sie hin und her. Die Russen sind überhaupt Meister im Schimpfen. Solche unflätige Flüche wie hier bekommt man, glaube ich, sonst nirgends zu hören. Die ganze Luft ist mit ihnen verpestet. In einem besonders gemeinen Schimpfworte, das aber alle, jung und alt, ständig im Munde führen, wird das Wort »Mutter« im Zusammenhang mit den unflätigsten Worten gebraucht. Dieses Schimpfwort wird auch allgemein das »Mutterwort« genannt. Und dieses Volk hält sich für das allerchristlichste! Nachdem sie alle Schimpfworte erschöpft hatten, begannen die Würdenträger einander ins Gesicht zu spucken. Alle standen im Kreise herum, sahen zu und lachten. Solche Auftritte kommen hier jeden Augenblick vor und haben für die Beteiligten keinerlei Folgen. Fürst Jakob Dolgorukij war mit dem Fürstzäsar Romodanowskij in Streit geraten. Diese beiden ehrwürdigen grauköpfigen Greise fuhren einander in die Haare und begannen einander zu würgen und mit Fäusten und dem Mutterschimpfwort zu traktieren, Als man sie auseinander zu bringen versuchte, zogen sie die Degen. »Ei, dat ist nitt parmitted!« rief der Zar auf Holländisch, indem er auf sie zuging und sich zwischen sie stellte. Der Protodiakon Peter Michailow hat vom Papste den Auftrag, »bei jeder Schlägerei mit Wort und Tat einzuschreiten«. »Ich verlange Satisfaktion!« brüllte Fürst Jakob. »Es ist mir eine schwere Beleidigung zugefügt worden ...« »Kamerad,« sagte ihm der Zar, »wer hat über den Fürstzäsar Gewalt und wer kann ihn zur Rechenschaft ziehen, außer Gott? Auch ich bin sein Untergebener und stehe unter dem Kommando seiner Majestät. Und wie kann man auch von einer schweren Beleidigung sprechen? Die ganze Kumpanei von Bacchus ist durchaus nicht beleidigt, saufen – raufen, ausschlafen – sich wieder vertragen.« Die Gegner mußten zur Strafe je einen Becher Pfefferschnaps trinken und fielen gemeinsam unter den Tisch. Die Narren lärmten, krakeelten, übergaben sich und spuckten nicht nur einander, sondern auch anständigen Menschen ins Gesicht. Ein eigener Chor, der sogenannte »Frühling«, stellte den Gesang der Waldvögel von der Nachtigall bis zur Grasmücke dar; es wurde dabei so laut gepfiffen, daß die Töne als ein gellendes Echo von den Wänden widerhallten. Es erklang ein wildes Tanzlied mit fast sinnlosen Worten, die an die Schreie auf einem Hexensabbat erinnerten: Brenne, haue, Schlag auf Schlag, Tanz bis an den hellen Tag! Tanz den Trepak immerzu, Schone weder Fuß noch Schuh! In unserer Damenabteilung begann die betrunkene greise Hofnärrin, die Fürstin-Äbtissin Rhewskaja, eine echte alte Hexe, zu tanzen; sie raffte ihre Kleider hoch und sang mit ihrer vom Trinken heiseren Stimme: Tanze, tanz, mein Eichenknüppel, Spiele, spiele Dudelsack! Fiel mein Schwäher heut vom Ofen, Fiel vom Ofen auf die Bank. Wußt ich, daß er fällt herab, Hätt' ich höher ihn gebettet, Hätt' ich höher ihn gebettet, Und dann wär' er schon im Grab. Die Zarin, mit auf die Seite gerutschter Frisur, in Schweiß gebadet, über und über rot und betrunken, klatschte in die Hände, stampfte mit den Füßen, schrie: »Brenne, haue!« und lachte wie wahnsinnig. Zu Beginn des Festes ließ sie Ihrer Hoheit keine Ruhe und ermunterte sie mit verschiedenen seltsamen Sprichwörtern, an denen die russische Sprache ungemein reich ist, zum trinken: »Glas auf Glas ist nicht Stock auf Stock. Ohne Begießen trocknet auch der Kohl ein. Auch die Henne trinkt.« Als sie aber merkte, daß es der Kronprinzessin beinahe übel wurde, hatte sie Mitleid mit ihr und ließ von ihr ab; sie goß ihr sogar, ebenso auch uns Hofdamen, heimlich Wasser in den Wein, was bei solchen Trinkgelagen als ein großes Verbrechen gilt. Als die Nacht zu Ende ging – wir hatten von sechs Uhr abends bis vier Uhr morgens am Tische gesessen – trat die Zarin einige Mal an die Tür, rief den Zaren heraus und fragte: »Ist noch nicht Zeit aufzubrechen, Väterchen?« »Es macht nichts, Kathenka, morgen ist ein arbeitsfreier Tag,« antwortete der Zar. Ab und zu hob ich den Vorhang und blickte in die Männerabteilung hinein: jedesmal sah ich etwas Neues. Jemand ging über den Tisch und trat mit dem Stiefel in eine Platte mit Fischgallerte. Diese selbe Gallerte hatte der Zar soeben dem Reichskanzler Golowkin, der keine Fische leiden mochte, gewaltsam in den Mund gestopft; die Kammerjunker hielten ihn an Händen und Füßen fest, er suchte sich loszureißen, keuchte und war ganz blau und rot. Der Zar ließ Golowkin endlich in Ruhe und machte sich an den Residenten von Hannover, Weber, heran; er liebkoste und küßte ihn, umschlang mit der einen Hand seinen Kopf, hielt ihm mit der andern ein Glas vor den Mund und beschwor ihn, das Glas zu leeren. Dann nahm er ihm die Perücke ab, küßte ihn bald auf den Nacken und bald auf den Scheitel, zog ihm die Lippen auseinander und küßte ihn auf das Zahnfleisch. Man sagt, der Grund aller dieser Liebkosungen sei der Wunsch des Zaren, dem Residenten irgendein diplomatisches Geheimnis zu entlocken. Mussin-Puschkin, den man am Halse kitzelte – er kann das Kitzeln nicht vertragen, und der Zar will ihn durchaus daran gewöhnen – quietschte wie ein Ferkel unter dem Schlachtmesser. Der Großadmiral Apraxin schluchzte laut. Der Geheime Rat Tolstoi kroch auf allen Vieren umher; wie es sich später zeigte, war er gar nicht so sehr betrunken; er stellte sich nur so, um nicht mehr trinken zu müssen. Dem Vizeadmiral Cruys hatte man mit einer Flasche beinahe den Schädel zertrümmert. Fürst Menschikow lag mit blau angelaufenem Gesicht wie tot da; man rieb ihm Arme und Beine und suchte ihn ins Bewußtsein zurückzubringen, damit er nicht sterbe; bei solchen Trinkgelagen sind Todesfälle gar nicht selten. Der Beichtvater des Zaren, der Archimandrit Fedoß hatte furchtbares Erbrechen. »Es ist mein Tod! Heilige Mutter Gottes!« stöhnte er fortwährend. Der Fürst-Papst lag mit dem ganzen Körper auf dem Tisch, das Gesicht in einer Weinlache, und schnarchte. Das Pfeifen und Heulen, das Klirren der zerbrochenen Gläser und Teller, die Mutterschimpfworte und Maulschellen, denen niemand mehr Beachtung schenkte, hingen nur so in der Luft. Es stank wie in der schmutzigsten Branntweinschenke. Wenn man jemand aus der frischen Luft hergebracht hätte, so wäre ihm, glaube ich, schlecht geworden. Mir wurde es ganz dunkel vor den Augen; zuweilen verlor ich die Besinnung. Die Menschengesichter erschienen mir als Tierfratzen; am schrecklichsten war aber das Gesicht des Zaren: breit, rund, mit etwas schräg stehenden, großen, glotzenden Augen und mit dem nach oben gezwirbelten spitzen Schnurrbart erinnerte es an das Gesicht einer großen raubgierigen Katze oder eines Tigers. Es bewahrte einen ruhigen und spöttischen Ausdruck. Der Blick war klar und durchdringend. Er allein war nüchtern und blickte neugierig in die schändlichsten Geheimnisse, in die bloßgelegten Eingeweide der Menschenseelen hinein, die sich vor ihm in dieser Folterkammer, wo der Wein das Folterwerkzeug war, auftaten. Man weckte den Fürst-Papst und hob ihn vom Tische. Der Fürstzäsar hatte inzwischen unter dem Tische ausgeschlafen. Nun mußten sie beide, der eine dem andern gegenüber, tanzen, wobei man sie unter den Armen hielt, da keiner von ihnen auf den Füßen stehen konnte. Der Papst hatte eine mit einem nackten Bacchus geschmückte Narrentiara auf dem Kopfe und ein Kreuz aus Pfeifenrohren in der Hand. Der Zäsar – eine Narrenkappe und ein Zepter. Der Zarewitsch lag sinnlos betrunken, wie tot auf dem Fußboden zwischen diesen beiden Narren, den beiden Gespenstern der alten Herrlichkeit – des russischen Zaren und des russischen Patriarchen. Was weiter kam, weiß ich nicht mehr; ich will mich auch gar nicht mehr daran erinnern, denn es war zu ekelhaft. Auf den Nachbarschiffen wurde Reveille geschlagen. Auch auf unserm Schiffe erklang die Trommel: der Zar selbst – er ist ein vorzüglicher Trommler – schlug Appell. Das bedeutete: »Wir haben heute eine schwere Bataille gegen Iwaschka Chmelnitzkij (den russischen Bacchus) ausgefochten, und er hat alle geschlagen.« Die Grenadiere schafften die betrunkenen Würdenträger fort, wie die Leichen von Gefallenen vom Schlachtfelde. Als wir endlich den Himmel über uns sahen, war es uns, als ob wir, poetisch gesprochen, aus der Hölle, und prosaisch, aus der Mistgrube herauskämen.   9. Mai. Der Zar verließ heute mit einer großen Flotte Petersburg, um gegen die Schweden zu ziehen.   20. Mai. Lange habe ich nichts in mein Tagebuch eingetragen. Ihre Hoheit war nach dem letzten Trinkgelage krank. Ich wich nicht von ihrem Bett. Was soll ich auch schreiben? Alles ist so traurig, daß ich gar keine Lust habe, zu sprechen oder zu denken. Mag kommen, was kommen mag.   25. Mai. Ich hatte mich nicht getäuscht. Der Frieden war von kurzer Dauer. Zwischen dem Zarewitsch und Ihrer Hoheit ist wieder eine schwarze Katze gelaufen; nun sehen sie sich wieder wochenlang nicht. Auch er ist krank. Die Ärzte meinen, es sei die Schwindsucht. Ich glaube, es kommt einfach vom Trinken.   4. Juni. Heute kam der Zarewitsch in einem grauen deutschen Reiseanzug zu uns, sprach über gleichgültige Dinge und erklärte dann unvermittelt: »Adieu. Ich gehe nach Karlsbad.« Die Kronprinzessin war so erstaunt, daß sie gar nicht wußte, was sie dazu sagen sollte; sie fragte ihn nicht einmal, für wie lange er fortreise. Ich glaubte, er mache nur Spaß. Es stellte sich aber heraus, daß er sofort, nachdem er uns verlassen, sich in den Postwagen setzte und davonfuhr. Man sagt, daß er zur Kur in ein Bad gereist sei. So sind wir jetzt allein, ohne den Zaren und ohne den Zarewitsch. Die Eltern Ihrer Hoheit haben wohl dem hiesigen dummen Klatsch Glauben geschenkt, sind ihr böse und schreiben ihr deswegen nicht mehr. Nun sind wir von allen verlassen.   7. Juni. Ein Brief des Zaren an Ihre Hoheit: »Ich möchte Ihnen nicht gern Ungelegenheiten machen, auch nicht gegen mein Gewissen handeln; doch die Abwesenheit Ihres Gemahls, meines Sohnes, zwingt mich dazu, um den Verleumdungen der bösen Zungen, die gewohnt sind, die Wahrheit in Lüge zu verwandeln, zuvorzukommen. Und da sich überall das Gerücht verbreitet hat, daß Sie über ein Jahr lang schwanger sind, so muß ich für den Fall, daß sie mit Gottes Hilfe glücklich niederkommen, gewisse Anstalten treffen, über die sie der Herr Kanzler Graf Golowkin näher unterrichten wird. Wollen sie meine Anordnungen befolgen, damit allen, die die Lüge lieben, der Mund verstopft werde.« Die »Anstalten« wurden getroffen; man stellte bei Ihrer Hoheit drei ihr völlig unbekannte Weiber an: die Kanzlerin Golowkina, die Generalin Bruce und die alte Hofnärrin, die Fürstinäbtissin Rshewskaja, dieselbe, die beim letzten Trinkgelage getanzt hatte. Diese drei Megären lassen sie nicht aus dem Auge; sie »behüten« sie oder spionieren. Was hat das ganze zu bedeuten? Was wird befürchtet? Was für einem Betrug will man zuvorkommen? Vielleicht der Unterschiebung eines Knaben an Stelle eines Mädchens, durch diejenigen, die die Thronfolge der Nachkommenschaft des Zarewitsch sichern wollen? Oder ist es nur eine übertriebene Liebenswürdigkeit der Zarin? Jetzt erst begriffen wir, wie man uns verdächtigt und haßt. Die ganze Schuld Charlottens besteht nur darin, daß sie die Frau ihres Mannes ist. Der Vater ist gegen den Sohn, und wir stehen zwischen ihnen wie zwischen zwei Feuern. »Ich werde mich gehorsam dem Willen Eurer Majestät, drei Damen zu meiner Bewachung anzustellen, fügen,« antwortete Charlotte dem Zaren. »Um so mehr als es mir auch im Traume niemals einfiel, Eure Majestät oder den Kronprinzen betrügen zu wollen; diese seltsame und von mir unverschuldete Anordnung ist für mich daher besonders kränkend. Ich hatte angenommen, daß die mir so oft versprochene Gnade und Liebe Eurer Majestät mir dafür bürgen müßten, daß niemand es wagen würde, mich durch Verleumdungen zu beleidigen, und daß die Schuldigen wie Verbrecher bestraft werden würden. Es ist wahrlich traurig, daß meine Neider und Gegner genügend Macht haben, um eine solche Intrige gegen mich anzuzetteln. Gott ist meine einzige Hoffnung hier in der Fremde. Und da ich jetzt von allen verlassen bin, wird Er meine Herzensseufzer erhören und meine Leiden abkürzen!«   12. Juli. Heute um 7 Uhr früh kam Ihre Hoheit glücklich mit einer Tochter nieder. Vom Zarewitsch hören wir nichts.   1. August. Es kam die Nachricht vom Siege der Russen über die Schweden bei Hangöudd am 27. Juli; es heißt, daß man ein ganzes Geschwader mit dem Schout-bij-nacht Ehrenskiöld gefangen genommen habe. Den ganzen Tag läuteten die Glocken und donnerten die Kanonen. Man spart hier übrigens mit dem Pulver nicht: anläßlich des unbedeutendsten Sieges, wenn man drei oder vier durchfaulte Galeeren erobert hat, schießt man so, als ob man die ganze Welt besiegt hätte.   9. September. Der Zar ist nach Petersburg zurückgekehrt. Es wird wieder geschossen wie in einer belagerten Stadt. Wir sind schon fast taub geworden. Es gibt unendliche Triumphprozessionen und Feuerwerke mit prahlerischen Allegorien: der Zar wird gefeiert wie ein Eroberer der Welt, wie ein Cäsar oder ein Alexander. Es fand ein Gelage statt, an dem wir Gott sei Dank nicht teilnahmen. Man sagt, daß sie sich wie die Schweine betrunken haben.   13. September. Regen und Schmutz. In den Fenstern ein niedriger, dunkler, gleichsam steinerner Himmel. Auf den nackten Ästen krächzen nasse Raben. Gram und Langeweile!   19. September. Ich traf heute die Kronprinzessin weinend über den alten Briefen des Zarewitsch sitzen, die er ihr als Bräutigam geschrieben hatte. Schiefe, unzusammenhängende Buchstaben auf Bleistiftlinien. Hohle Komplimente, diplomatische Artigkeiten. Und darüber weint die Arme! Wir erfuhren auf Umwegen, daß der Zarewitsch in Karlsbad inkognito lebt und daß er vor dem Winter nicht zurückkehrt.   20. September. Um mich abzulenken und nicht immerfort an unsere Angelegenheiten zu denken, habe ich heute beschlossen, mir alles aufzuschreiben, was ich vom Zaren höre und sehe. Leibniz hat recht: » Quanto magis hujus Principis indolem prospicio, tanto eam magis admiror . – Je mehr ich den Charakter dieses Fürsten beobachte, um so mehr muß ich ihn bewundern.«   1. Oktober. Ich sah, wie der Zar in der Admiralitätsschmiede Eisen schmiedete. Die Höflinge halfen ihm dabei: sie machten Feuer, betätigten den Blasebalg, trugen Kohle und beschmutzten ihre seidenen und samtenen goldgestickten Röcke. »Das ist mir ein richtiger Zar! Er will nicht umsonst sein Brot essen. Er arbeitet fleißiger als jeder Barkenzieher!« sagte einer der einfachsten Arbeiter, die dabei standen. Der Zar hatte sich einen Lederschurz vorgebunden, das Haar mit einem Bindfaden festgemacht und die Ärmel über die nackten Arme mit den hervorstehenden Muskeln gestreift. Sein Gesicht war mit Ruß beschmutzt. Der riesengroße Schmied glich, vom roten Widerschein der Kohlenglut beleuchtet, einem unterirdischen Titanen. Er schlug mit dem Hammer auf das weißglühende Eisen mit solcher Kraft, daß die Funken wie ein Regen stoben, und der Amboß zitterte und dröhnte, als ob er in Stücke zerspringen wollte. »Zar, du willst aus dem Eisen des Mars ein neues Rußland schmieden; der Hammer und auch der Amboß werden es aber kaum aushalten können!« An diese Worte eines alten Bojaren mußte ich heute denken. * »Die Zeit gleicht dem glühenden Eisen, welches, wenn es erkaltet, zum Schmieden nicht mehr taugt,« pflegt der Zar zu sagen. Und er, der Schmied Rußlands, schmiedet es, solange das Eisen heiß ist. Er kennt keine Ruhe, sein ganzes Leben lang ist er in großer Eile. Es scheint, daß er, selbst wenn er wollte, gar nicht ausruhen und innehalten könnte. Er bringt sich durch seine fieberhafte Tätigkeit um, durch die ungeheure Anspannung aller Kräfte, die wie ein ewiger Krampf ist. Die Ärzte meinen, daß es mit seiner Kraft abwärts gehe und daß er nicht mehr lange zu leben habe. Er kuriert sich immer mit dem Eisenwasser von Olonetzk, trinkt aber dabei Schnaps, so daß die Brunnenkur nur schädlich ist. Der erste Eindruck, den er macht, ist Ungestüm. Er ist ganz Bewegung; er geht nicht, er läuft immer. Der Wiener Gesandte, Graf Kinski, ein ziemlich dicker Mann, behauptet, daß er es vorziehen würde, einige Schlachten mitzumachen, als zwei Stunden in Audienz beim Zaren zu sein; denn er müsse trotz seiner Wohlbeleibtheit die ganze Zeit hinter ihm herlaufen, so daß er selbst beim starken russischen Frost in Schweiß gebadet sei. »Die Zeit ist wie der Tod,« sagt immer der Zar. »Jede Versäumnis gleicht dem Tod, von dem es keine Auferstehung gibt.« * Seine Elemente sind Feuer und Wasser. Er liebt sie wie ein Geschöpf, das in ihnen geboren ist: das Wasser wie ein Fisch, das Feuer wie ein Salamander. Er liebt das Kanonenschießen und allerlei Experimente mit Feuer und Feuerwerk leidenschaftlich. Er zündet es immer selbst an und geht buchstäblich ins Feuer; einmal versengte er sich in meiner Gegenwart die Haare. Er sagt, er wolle seine Untertanen an das Feuer der Schlachten gewöhnen. Es ist aber nur eine Ausrede: er liebt ganz einfach das Feuer. Mit gleicher Leidenschaft liebt er das Wasser. Der Nachkomme der Moskauer Zaren, die niemals das Meer gesehen haben, sehnte sich schon als Kind in den dumpfen Kammern des Kremls nach dem Meere, wie ein wildes Gänschen im Hühnerhofe sich nach dem Wasser sehnt. Er schwamm in kleinen Schiffchen, die mehr Spielzeuge waren, auf den künstlichen Teichen. Und als er endlich einmal das Meer erblickte, trennte er sich nicht mehr von ihm. Den größten Teil seines Lebens verbringt er auf dem Wasser. Jeden Tag nach dem Essen schläft er auf einer Fregatte, wenn er krank ist, siedelt er ganz auf ein Schiff über, und die Seeluft hilft ihm in fast allen Fällen. Im Sommer ist es ihm in den großen Gärten von Peterhof zu schwül. Er richtete sich ein Schlafzimmer in Monplaisir ein, einem kleinen Häuschen, das auf einer Seite vom Wasser des Finnischen Meerbusens bespült wird. Eines seiner Schlösser in Petersburg steht mitten im Wasser auf einer Sandbank in der Newamündung. Auch das Palais im Sommergarten ist auf zwei Seiten von Wasser umgeben; die Stufen führen direkt ins Wasser wie in Amsterdam oder in Venedig. Einmal im Winter, als die Newa bereits zugefroren war und nur noch vor dem Schlosse ein eisfreies Loch, kaum hundert Schritte im Umfange, geblieben war, schwamm er darin in einem winzigen Schiffchen wie eine Ente in einer Pfütze umher. Und als auch dieses Loch zugefroren war, ließ er vor dem Quai eine Fläche, etwa dreißig Schritt breit und hundert lang, vom Schnee säubern und täglich fegen; ich sah selbst, wie er auf dieser Eisfläche in einem kleinen netten Boot, das auf stählerne Kufen gesetzt war, spazieren fuhr. »Wir schwimmen auf dem Eise, um im Winter unsere Navigationsübungen nicht zu vergessen,« pflegte er zu sagen. Auch in Moskau fuhr er einmal um die Fastnachtszeit in einem großen Schlitten, der mit Segeln ausgerüstet war und an ein wirkliches Schiff erinnerte, durch die Straßen. Er liebt es, junge Wildenten und Wildgänse, die ihm die Zarin schenkt, ins Wasser zu setzen. Und wie freut er sich über ihre Freude! Ganz als ob er selbst ein Wasservogel wäre. * Er sagt, daß er sich damals fürs Meer zu interessieren anfing, als er den Bericht des Chronisten Nestor über die Seefahrt des Kijewer Fürsten Oleg nach Konstantinopel gelesen hatte. Wenn das wahr ist, so läßt er im Neuen das Alte wiedererstehen, und im Fremden das Verwandte, vom Meere über Land zum Meere – das ist der Weg Rußlands. * Zuweilen scheint es mir, daß sich in ihm die Gegensätze seiner beiden Elemente, des Wassers und des Feuers, zu einem einzigen seltsamen und fremden, ich weiß nicht, ob zu einem guten oder bösen, göttlichen oder teuflischen, jedenfalls aber übermenschlichen Wesen vereinen. * Er ist von einer ganz wilden Menschenscheu. Ich, sah mit eigenen Augen, wie er beim feierlichen Empfang von Gesandten, auf dem Throne sitzend, verlegen war, errötete, schwitzte, jeden Augenblick, um sich Mut zu machen, Tabak schnupfte, gar nicht wußte, wohin er seine Blicke richten sollte und sogar den Blicken der Zarin auswich. Als aber die Zeremonie zu Ende war und er vom Throne aufstehen durfte, freute er sich wie ein Schuljunge. Die Markgräfin von Brandenburg erzählte mir, daß der Zar bei seiner ersten Begegnung mit ihr – er war damals allerdings noch sehr jung – sich von ihr abgewandt, das Gesicht wie ein junges Mädchen mit den Händen bedeckt und immer wiederholt hätte: »Je ne sais pas m'exprimer.« Bald gab er aber seine Schüchternheit auf und wurde sogar etwas gar zu ungezwungen: er versuchte, durch Betasten festzustellen, ob die harten Taillen der deutschen Damen, über die die Russen immer staunten, von angeborener Körperstruktur oder von den Fischbeineinlagen in den Miedern herrührten. »Il pourrait être un peu, plus poli!« bemerkte die Markgräfin. Baron Manteuffel erzählte mir von der Zusammenkunft des Zaren mit der Königin von Preußen: »Er war so ungemein liebenswürdig, daß er ihr sogar die Hand reichte, nachdem er zuvor einen ziemlich schmutzigen Handschuh angezogen hatte. Beim Abendessen übertraf er sich selbst: er stocherte nicht in den Zähnen, stieß nicht auf und brachte auch keine anderen unanständigen Töne hervor (il n'a ni roté, ni peté) .« Wenn er in Europa reiste, verlangte er immer, daß niemand ihn anschauen dürfe, daß die Straßen und Gassen, über die er fuhr, vollkommen leer seien. Er betrat und verließ die Häuser durch geheime Ausgänge. Die Museen besuchte er nur nachts. Als er einmal in Holland durch einen Saal gehen mußte, in dem die Generalstaaten ihre Sitzung hatten, bat er, der Präsident möchte die Abgeordneten veranlassen, ihm den Rücken zu kehren; und als sie aus Achtung vor dem Zaren sich weigerten, dies zu tun, zog er sich die Perücke über die Nase, ging schnell durch den Saal und den Vorraum und lief die Treppe hinunter. Als er in Amsterdam auf einem Kanale spazieren fuhr und sah, daß ein Boot mit Neugierigen sich dem seinigen nähern wollte, geriet er in solche Raserei, daß er dem Steuermann zwei leere Flaschen an den Kopf warf und ihm beinahe den Schädel zertrümmert hätte. Ein echter Wilder und Kannibale. Im aufgeklärten Europäer steckt noch der russische Waldteufel. Ein Wilder und ein Kind. Alle Russen sind, übrigens, Kinder. Der Zar allein spielt unter ihnen den Erwachsenen. Ich werde niemals vergessen, wie der Held von Poltawa auf einem Dorfjahrmarkt bei Wolfenbüttel auf dem hölzernen Pferdchen eines armseligen Karussells herumritt, Messingringe mit einem Stocke auffing und sich wie ein kleiner Junge amüsierte. Die Kinder sind grausam. Sein Lieblingsvergnügen ist, die Menschen zu etwas zu zwingen, was ihrer Natur widerstrebt: Leuten, die keinen Wein, Öl, Käse, Austern oder Essig vertragen können, stopft er diese Dinge bei jeder Gelegenheit gewaltsam in den Mund. Er kitzelt diejenigen, die sich vor dem Kitzeln fürchten. Viele, die ihm einen Gefallen erweisen wollen, heucheln eine Abneigung gegen das, womit er sie zu necken liebt. Seine Späße sind zuweilen fürchterlich, besonders zur Fastnachtszeit. »Seine Vergnügungen,« sagte mir einmal ein alter Bojare, »sind so entsetzlich, daß viele sich auf diese Tage wie auf den Tod vorbereiten.« Er läßt Menschen an einem Seil unter dem Eise von einem Loch zum anderen ziehen. Andere läßt er mit dem nackten Hinteren auf das Eis setzen. Oder er zwingt einen so viel zu trinken, bis er den Geist aufgibt. So spielt ein Wesen aus einer anderen Welt, ein Faun oder ein Zentaur mit den Menschen und verstümmelt und tötet sie ohne böse Absicht. Als er einmal in der Anatomie von Leyden sah, wie die Muskeln einer Leiche mit Terpentin durchtränkt wurden, und wie einer seiner russischen Begleiter den größten Abscheu davor zeigte, packte er ihn am Kragen, drückte ihn mit dem Gesicht gegen den Tisch und zwang ihn, mit den Zähnen eine Muskel von der Leiche abzubeißen. Manchmal ist es schwer zu sagen, wo in solchen Späßen die kindliche Ausgelassenheit aufhört und die tierische Grausamkeit anfängt. * Neben der wilden Menschenscheu zeigt er auch eine wilde Schamlosigkeit, besonders Frauen gegenüber. » Il faut que Sa majesté ait dans le corps une légion de démons de luxure. – Ich glaube, daß im Körper Seiner Majestät eine ganze Legion von Teufeln der Wollust wohnt,« sagt sein Leibarzt Blumentrost. Er glaubt, daß der »Skorbut« des Zaren von einer anderen veralteten Krankheit herrühre, die er sich noch in seiner frühesten Jugend geholt haben soll. Nach dem Ausspruche eines Russen aus der neuen Generation hat der Zar »eine politische Nachsicht gegen die Sünden des Fleisches«. Je mehr fleischliche Sünden es gibt, um so mehr Rekruten kommen zur Welt, und diese braucht er. Für ihn selbst ist die Liebe nur »ein Erwachen der Natur«. Als einmal in England eine Kurtisane mit einem Geschenk von fünfhundert Guineen, die sie vom Zaren erhalten hatte, unzufrieden war, sagte Peter zu Menschikow: »Du glaubst, ich sei ebenso verschwenderisch wie du? Für fünfhundert Guineen dienen mir alte Männer mit Eifer und Verstand; diese da hat mich aber schlecht bedient, du weißt selbst womit!« Die Zarin ist nicht im geringsten eifersüchtig. Er weiht sie in alle seine Abenteuer ein, schließt aber jedesmal mit dem gleichen Kompliment: »Und doch bist du besser als alle die andern, Kathenka!« Über die Kammerjunker des Zaren sind seltsame Gerüchte im Umlauf. Der eine von ihnen, General Jagushinskij, soll die Gnade des Zaren durch Mittel erworben haben, über die man nicht sprechen kann. Der schöne Lefort genoß nach den Worten eines gewissen alten Schwerenöters eine solche »Konfidenz des Zaren in amoureusen Dingen«, daß sie sogar eine gemeinsame Geliebte hatten. Man sagt, daß die Zarin, bevor sie die Geliebte des Zaren geworden, eine Geliebte Menschikows gewesen sei, der wiederum nur an die Stelle Leforts getreten war. Menschikow, dieser »aus Gemeinheit hervorgegangene Mann«, der, nach einem Ausspruche des Zaren, »in Freveln empfangen, in Sünden von seiner Mutter geboren, dereinst als Schelm sein Leben beschließen wird«, hat eine ganz unerklärliche Macht über ihn. Der Zar mißhandelt ihn zuweilen wie einen Hund; er wirft ihn zu Boden und tritt ihn mit den Füßen; man glaubt, alles sei zwischen ihnen zu Ende; im nächsten Augenblick sind sie aber wieder versöhnt und küssen sich. Ich hörte mit meinen eigenen Ohren, wie der Zar ihn seinen »liebsten Alexascha« und sein »Herzenskind« nannte und wie dieser mit ähnlichen Worten antwortete. Dieser ehemalige Pastetenbäcker ist so unverschämt geworden, daß er einmal, allerdings im Rausche, zum Zarewitsch sagte: »Du bekommst die Krone ebensowenig zu sehen wie deine Ohren. Sie gehört mir!«   8. Oktober. Heute wurde die Frau eines holländischen Kaufherrn beerdigt, die an der Wassersucht gestorben war. Der Zar hatte sie eigenhändig operiert und ihr das Wasser abgelassen. Man sagt, sie sei weniger an ihrer Krankheit, als an der Operation gestorben. Der Zar nahm wie an der Beerdigung so auch am Leichenschmaus teil. Er trank und war guter Dinge. Er hält sich für einen großen Chirurgen. Immer trägt er ein Besteck mit Lanzetten bei sich. Alle, die irgendein Geschwür oder eine Geschwulst haben, verbergen sie sorgfältig vor dem Zaren, damit er sie ihnen nicht öffnet. Er hat eine krankhafte anatomische Neugierde. Er kann keine Leiche sehen ohne sie zu sezieren. Er anatomisiert selbst die Leichen seiner nächsten Angehörigen. Er liebt es auch Zähne zu ziehen. Er hat diese Kunst in Holland bei umherziehenden Zahnreißern erlernt. In der hiesigen Kunstkammer wird ein ganzer Sack mit den von ihm gezogenen faulen Zähnen aufbewahrt. Er hat eine zynische Neugierde für alle Leiden und zynisches Mitleid. Einem seiner Pagen, einem Negerjungen, hat er einmal eigenhändig einen Bandwurm herausgezogen. * Sein ganzes Wesen ist eine Verbindung von Kraft und Schwäche. Das kommt auch in seinem Gesicht Zum Ausdruck: er hat so schreckliche Augen, daß viele Menschen vor seinem Blick in Ohnmacht fallen; es sind viel zu aufrichtige Augen; seine Lippen sind aber zart, sein, Lächelnd, beinahe weiblich. Sein Kinn weich, etwas aufgedunsen, rund, mit einem Grübchen in der Mitte. Von seinem in der Schlacht bei Poltawa durchschossenen Hute wird genug gesprochen. Ich zweifle auch nicht, daß er zuweilen tapfer sein kann, besonders bei einem Siege. Alle Sieger sind sehr tapfer. Ist er aber auch sonst so tapfer, wie man annimmt? Der sächsische Ingenieur Hallart, der am Feldzuge von Narwa im Jahre 1700 teilgenommen hat, erzählte mir, daß der Zar, als er vom heranrücken Karls XII. erfahren hatte, den Oberbefehl dem Herzog von Croy mit einer in größter Eile abgefaßten Instruktion ohne Datum und Siegel, die »nicht gehauen, nicht gestochen« gewesen sei, übergeben und selbst »in größter Verwirrung« das Schlachtfeld verlassen habe. Ein gefangener Schwede, der Graf Piper, zeigte mir einmal eine von den Schweden geprägte Medaille. Auf der einen Seite ist der Zar dargestellt, wie er sich am Feuer seiner Geschütze wärmt, aus denen Bomben auf das belagerte Narwa fliegen; die Aufschrift lautet: »Petrus aber wärmte sich« – eine Andeutung auf den Apostel Petrus im Hofe des Kaiphas. Auf der andern Seite sieht man die aus Narwa fliehenden Russen mit Peter an der Spitze; die Zarenkrone fällt ihm vom Kopfe, er hat den Degen weggeworfen und wischt sich die Tränen mit einem Tuche. Darüber die Inschrift: »Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich«. Vielleicht ist es auch eine Lüge; warum würde es aber niemand wagen, über Alexander oder Cäsar ähnliche Lügen zu erfinden? Auch im Pruther Feldzuge geschah etwas sehr Merkwürdiges: im gefährlichsten Augenblicke hatte der Zar die Absicht, das Heer zu verlassen, um mit frischen Regimentern zurückzukehren. Er tat es nur aus dem Grunde nicht, weil der Rückzug abgeschnitten war. »Noch niemals,« schrieb er an den Senat, »seit ich diene, befanden wir uns in solcher Desperation.« Das hat ja auch den gleichen Sinn: »Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.« Blumentrost sagt – und die Ärzte wissen von den Helden Dinge, die die Nachkommen niemals erfahren werden –, daß der Zar keinerlei körperlichen Schmerz ertragen könne. Bei einer schweren Krankheit, die man für tödlich hielt, hätte er sich gar nicht wie ein Held benommen. »Es ist kaum zu glauben,« rief in meiner Gegenwart ein Russe, der eine Lobrede auf den Zaren hielt, »daß dieser große und unerschrockene Held sich vor einem so winzigen Ungeziefer wie die Küchenschabe fürchtet!« wenn der Zar über Land reist, so baut man für seine Nachtquartiere neue Häuser, weil man in den russischen Dörfern unmöglich ein Haus ohne Küchenschaben finden kann. Ebensolche Angst hat er vor Spinnen und alten anderen Insekten. Ich habe einmal selbst beobachtet, wie er beim Anblick einer Küchenschabe erblaßte, erzitterte und solche Grimassen schnitt, als ob er ein Gespenst oder ein übernatürliches Ungeheuer erblickt hätte; es hätte nur ein weniges gefehlt, und er wäre wie ein feiges Weib in Ohnmacht gefallen, oder hätte einen Anfall bekommen, wenn man sich mit ihm einen Scherz erlauben dürfte, wie er sie mit anderen treibt, und ihm auf den nackten Körper ein halbes Dutzend Küchenschaben oder Spinnen setzte, so würde er vielleicht auf der Stelle sterben; die Historiker würden es aber natürlich nicht glauben wollen, daß der Besieger Karls XII. an der Berührung von Küchenschaben gestorben sei. Es ist etwas Erstaunliches in dieser Angst des riesengroßen Zaren, vor dem alle zittern, vor der winzigen, harmlosen Kreatur. Ich mußte an die Leibnizsche Lehre von dem Monaden denken: nicht die physische, sondern die metaphysische, urgeschaffene Natur der Insekten scheint der Natur des Zaren feindlich zu sein. Seine Furcht erschien mir nicht nur komisch, sondern auch fürchterlich: als ob ich plötzlich in ein uraltes Geheimnis hineingeblickt hätte. * Als einmal in der hiesigen Kunstkammer ein deutscher Gelehrter der Zarin Experimente mit der Luftpumpe zeigte und unter die Glasglocke eine Schwalbe setzte, sagte der Zar, als er den erstickenden Vogel zittern und die Flügel schlagen sah: »Genug, nimm dem unschuldigen Geschöpf nicht das Leben; die Schwalbe ist kein Räuber.« »Ich glaube, ihre Kinder werden im Nest nach ihr weinen!« fügte die Zarin hinzu. Dann nahm sie die Schwalbe in die Hand, trug sie zum Fenster und ließ sie fliegen. Der empfindsame Peter! Wie seltsam das klingt. Und doch liegt auf seinen feinen, zarten, fast weiblichen Lippen, auf seinem runden Kinn mit dem Grübchen etwas wie Empfindsamkeit; so erschien er mir wenigstens in dem Augenblick, als die Zarin von den im Neste weinenden Schwalbenjungen sprach. Und doch hatte er am selben Tage jenen schrecklichen Ukas erlassen: »Seine Zarische Majestät geruhte zu bemerken, daß bei den zur lebenslänglichen Zwangsarbeit verurteilten Verbrechern die Nasenflügel viel zu nachlässig herausgerissen werden; seine Zarische Majestät haben daher befohlen, die Nasenflügel in der Zukunft bis auf den Knochen zu zerreißen, damit ein solcher Verbrecher, falls es ihm gelingt, zu fliehen, sich nirgends verbergen könne und leicht einzufangen wäre.« Oder ein anderer Ukas im Admiralitätsreglement: »Falls jemand selbst Hand an sich legt, so ist er auch als Leiche an den Beinen aufzuhängen.« * Ob er grausam ist? Das ist eine Frage. »Wer grausam ist, ist kein Held,« lautet einer der Aussprüche des Zaren, denen ich nicht zu viel Glauben schenke: solche Aussprüche sind allzusehr für die Nachkommen berechnet. Die Nachkommen werden aber erfahren, daß er, der gegen die Schwalbe Mitleid zeigte, seine Schwester zu Tode gemartert hat, seine Frau martert und wahrscheinlich auch den Sohn zu Tode martern wird. * Ist er wirklich so einfältig, wie er aussieht? Auch das ist eine Frage. Ich weiß, wieviel Anekdoten heute über den Zar-Zimmermann von Zaandam im Umlauf sind. Ich muß gestehen, daß diese Anekdoten mir immer höchst langweilig vorkamen: sie sind allzu moralisch und erinnern an Bildchen in Schreibvorlagen. »Verstellte Einfalt,« sagte von ihm einmal ein kluger Deutscher. Ein russisches Sprichwort lautet: »Einfalt ist schlimmer als Gaunerei.« In den kommenden Jahrhunderten werden natürlich alle Pedanten und Schuljungen wissen, daß Zar Peter sich aus Sparsamkeit selbst die Strümpfe gestopft und die Schuhe geflickt hat. Was mir aber neulich ein russischer Kaufmann, ein Holzlieferant, erzählte, werden sie wohl nie erfahren: »Es liegen zahllose Eichenstämme am Ladogasee, vom Sande verschüttet, und faulen. Wenn aber jemand einen Baum fällt, so wird er mit der Knute bestraft und gehängt. Menschenblut und Menschenfleisch sind billiger als Eichenholz!« Ich hätte hinzufügen können: billiger als zerrissene Strümpfe. »C'est un grand poseur!« sagte jemand von ihm. Man muß gesehen haben, wie er, wenn er gegen irgendeinen Punkt des Narrenkomments verstoßen hat, dem Fürst-Cäsar die Hand küßt: »Herr, verzeihe mir, bitte! Wir Schiffersleute kennen alle diese Regeln nicht gut.« Man traut seinen Augen nicht: man kann unmöglich unterscheiden, wo der Zar aufhört und der Narr anfängt. Er hat sich mit Masken umgeben. Ist nicht auch der »Zar-Zimmermann« eine Maske, »eine Maskerade nach holländischer Manier?« Und steht nicht dieser als Zimmermann verkleidete Zar in seiner künstlichen Einfalt dem einfachen Volke ferner als die alten Moskauer Zaren in ihren goldgewebten Gewändern? »Heut geht es viel grausamer zu als je,« klagte mir derselbe Kaufmann. »Niemand wagt es, dem Zaren etwas zu melden, der Zar erfährt niemals die Wahrheit. In alten Zeiten ging es viel einfacher zu!« Der Beichtvater des Zaren, der Archimandrit Fedoß, lobte einmal in meiner Gegenwart den Zaren für seine »Dissimulation«, die »die Meister in politischen Dingen zu den ersten Regeln für einen Herrschenden zahlen«. * Ich will ihn nicht richten. Ich sage nur, was ich selbst sehe und höre. Den Helden sehen alle, den Menschen – nur wenige. Und wenn ich auch irgendeinen Klatsch mitteile, so wird mir das verziehen werden: ich bin ja nur eine Frau. »Er ist ein sehr guter und zugleich auch ein sehr schlechter Mensch,« sagte von ihm jemand. Und ich wiederhole es: ob er besser oder schlechter ist, als die anderen, weiß ich nicht; zuweilen will es mir aber scheinen, daß er überhaupt kein Mensch ist. * Der Zar ist religiös. Er liest selbst die Apostelgeschichte in der Kirche und singt mit solcher Sicherheit vor wie die Popen; er kennt die ganze Liturgie auswendig. Für die Soldaten verfaßt er selbst Gebete. Manchmal hebt er während eines Gesprächs über Kriegs- oder Staatsgeschäfte die Augen zum Himmel, bekreuzigt sich und spricht inbrünstig aus der Tiefe des Herzens das kurze Gebet: »Herr, entziehe uns auch in Zukunft deine Gnade nicht!« Oder: »Sende uns, Herr, deine Gnade, weil wir auf dich hoffen!« Es ist keine Heuchelei. Natürlich glaubt er an Gott; er pflegt zu sagen, »daß er auf den Herrn der Schlachten baut.« Zuweilen scheint es aber, als ob sein Gott gar nicht der christliche Gott wäre, sondern der alte heidnische Mars oder die Nemesis, die Göttin des Schicksals. Wenn es je einen Menschen gegeben hat, der am allerwenigsten einem Christen gleicht, so ist es Peter. Was geht ihn Christus an? Was für eine Vereinigung kann es zwischen den Eisen des Mars und den Lilien des Evangeliums geben? Und bei all der Frömmigkeit zeigt er oft eine fürchterliche Blasphemie. Der Fürst-Papst, der Narrenpatriarch, trägt statt der Panagien Tonflaschen mit Glöckchen; statt des Evangeliums – eine Buchattrappe mit Branntweinflaschen und ein Kreuz aus Pfeifenrohren. Bei der närrischen Hochzeit eines Zwergenpaares, die der Zar vor fünf Jahren veranstaltete, ging die Trauung unter allgemeinem Gelächter in der Kirche vor sich; auch der Priester konnte vor Lachen kaum ein Wort hervorbringen. Das Sakrament war wie eine Narrenposse. Diese Blasphemie ist übrigens ebenso unbewußt, kindisch und wild wie alle seine andern Scherze. * Ich las ein sehr interessantes Buch, das in Deutschland erschienen ist. Sein Titel lautet: »Curieuse Nachricht von der itzigen Religion I.K.M. in Rußland Petri Alexieviz und seines großen Reiches, daß dieselbe itzo fast nach evangelisch-lutherischen Grundsätzen eingerichtet sei.« Hier einige Auszüge daraus: »Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir sagen, daß seine Majestät sich die wahre Religion als die lutherische vorstellt.« »Der Zar hat das Patriarchat abgeschafft und sich nach dem Beispiele der protestantischen Fürsten zum Summus Episcopus und dem Patriarchen der russischen Kirche gemacht. Von seiner Reise durch die fremden Länder zurückgekehrt, begann er mit seinen Popen zu disputieren. Und als er sich überzeugt hatte, daß sie in Glaubenssachen nichts verstehen, gründete er für sie Schulen, wo sie fleißig lernen sollten; vorher verstanden sie aber kaum zu lesen.« »Und jetzt, wo die Russen in den Schulen vernünftig unterrichtet und erzogen werden, müssen alle ihre abergläubischen Meinungen und Sitten ganz von selbst verschwinden; denn an diese Dinge kann doch niemand außer den einfältigsten und unwissendsten Menschen glauben. Das Unterrichtssystem in diesen Schulen ist durchaus lutherisch, und die Jugend wird in den Regeln der wahren evangelischen Religion erzogen. Die Klöster sind bedeutend eingeschränkt, so daß sie nicht mehr wie früher als Unterschlupf für eine Menge Müßiggänger, die für den Staat eine schwere Last und die Gefahr einer Empörung bilden, dienen können. Alle Mönche sind jetzt verpflichtet, irgend etwas Nützliches zu lernen, und alles ist auf die lobenswerteste Weise eingerichtet. Die Wunder und Reliquien genießen nicht mehr die gleiche Verehrung wie früher: in Rußland ist man bereits wie in Deutschland bei der Überzeugung angelangt, daß in diesen Dingen viel geschwindelt worden ist.« Ich weiß, daß der Zarewitsch dieses Buch gelesen hat. Mit welchen Gefühlen mag er es wohl gelesen haben? * Einmal war ich dabei, wie der Zar mit seiner Geistlichkeit im Eichenwäldchen nahe bei dem Schlosse im Sommergarten bei einem Glase Wein saß, und der Administrator der geistlichen Angelegenheiten, der Archimandrit Fedoß, über das Thema sprach: »Aus welchem Grunde und in welchem Sinne wurden die römischen Kaiser, die heidnischen wie die christlichen, als Pontifices oder Erzbischöfe der polytheistischen Religion genannt und hielten sich auch selbst für solche.« Aus seiner Rede folgte, daß der Zar zugleich der oberste Bischof, Hohepriester und Patriarch sei. Dieser russische Mönch folgerte sehr geschickt aus dem »Leviathan« des englischen Atheisten Hobbes, » civitatem et ecclesiam eandem rem esse «, d. h. »daß der Staat und die Kirche ein und dasselbe seien,« natürlich nicht, um den Staat in die Kirche, sondern umgekehrt: um die Kirche in den Staat umzuwandeln. Die ungeheuerliche Maschine, das Tier Leviathan, verschlang die Kirche Gottes, so daß von ihr nichts übrig blieb. Diese Betrachtungen können als höchst interessantes Beispiel für die mönchische Anpassungsfähigkeit an den Willen des Zaren und die Kriecherei vor ihm dienen. * Man sagt, daß der Zar bereits Ende des vergangenen Jahres, 1714, die geistlichen und weltlichen Würdenträger zusammengerufen und ihnen feierlich erklärt hätte, daß »er allein das Oberhaupt der russischen Kirche sein wolle und den Vorschlag mache, ein geistliches Kollegium unter dem Namen ›Heiligster Synod‹ zu gründen«. * Der Zar trägt sich mit dem Plan, nach dem Beispiele Alexanders des Großen gegen Indien zu ziehen. Das Bestreben, Alexander und Cäsar nachzuahmen, den Orient mit dem Okzident zu verbinden und eine neue Weltmonarchie zu begründen, das ist der tiefste und heimlichste Gedanke des russischen Zaren. * Fedoß sagt dem Zaren ins Gesicht: »Du bist ein irdischer Gott.« Das hat ja denselben Sinn wie » Divus Caesar « – göttlicher Cäsar, Gott Cäsar. * Bei der Triumphfeier des Sieges bei Poltawa wurde der russische Zar auf einem der allegorischen Bilder in Gestalt des alten Sonnengottes Apollo dargestellt. * Ich habe erfahren, daß die Totenköpfe, die auf den Pfählen bei der Troitzkij-Kirche, dem Senat gegenüber, stecken, die Köpfe von den Raskolniki sind, die dafür hingerichtet wurden, daß sie den Zaren den Antichrist genannt hatten.   20. Oktober Zu uns kommt manchmal in die Küche ein alter Invalide, der als Wärter an einem Zeughause angestellt ist. Ein elendes, wie von Motten zerfressenes Wesen mit zittrigem Kopfe, einer roten Nase und einem Stelzbeine. Er nennt sich selbst eine »Magazinratte«. Ich schenke ihm zuweilen etwas Tabak und Schnaps. Wir sprechen über russische Militärangelegenheiten. Er lacht immer und gebraucht schnurrige Sprichwörter wie: »Der Soldat hat hundert Jahre gedient, hat aber noch keine hundert Steckrüben verdient; er ist satt von einem Graupenkorn, betrunken von Wasser; er rasiert sich mit einer Ahle und wärmt sich am Rauche; drei Ärzte hat er: Schnaps, Knoblauch und den Tod.« Er war fast als Kind in die »Trommlerlehre« eingetreten und hat alle Feldzüge von Asow bis Poltawa mitgemacht; zum Lohne dafür bekam er vom Zaren eine Handvoll Nüsse und einen Kuß auf den Scheitel. Aber wenn er vom Zaren spricht, ist er plötzlich ganz verändert. Heute erzählte er mir von der Schlacht am Roten Hof. »Tapfer verteidigten wir das Haus der heiligsten Muttergottes für seine Zarische Majestät und für den christlichen Glauben; der eine starb für den andern. Mit lauter Stimme riefen wir: ›Herr und Gott, hilf uns!‹ und dank der Fürbitte der Moskauer Wundertäter wurden die schwedischen Regimenter, sowohl Fußvolk als Reiterei, niedergemetzelt.« Er versuchte auch, mir die Ansprache des Zaren an seine Truppen wiederzugeben: »Kinderchen, ich habe euch aus dem Schweiße meiner Arbeit geboren. Der Staat kann ohne euch wie ein Körper ohne Seele nicht auskommen. Ihr habt immer Liebe zu Gott, zu mir und zum Vaterlande gezeigt, – ihr habt euer Leben nicht geschont...« Plötzlich sprang er mit seinem Stelzbein auf; seine Nase war noch röter geworden; an ihrer Spitze hing eine Träne wie ein Tautropfen an einer reifen Pflaume; er schwenkte sein altes Hütchen und rief: »Vivat! Vivat! Peter der Große, der Kaiser Allrußlands!« Noch niemand hatte in meiner Gegenwart den Zaren Kaiser genannt. Ich war aber nicht erstaunt. In den trüben Äuglein der Magazinratte brannte ein solches Feuer, daß es mich kalt überlief, als ob vor mir die Vision des alten Roms aufgetaucht wäre: das Rauschen der Siegesfahnen, das Stampfen der ehernen Kohorten und der Gruß der Soldaten an den göttlichen Cäsar: » Divus Caesar Imperator !«   23. Oktober. Wir fuhren heute nach dem Kaufhause auf dem Troitzkij-Platze. Es ist ein längliches, vom italienischen Architekten Trezzini aus Lehm erbautes Gebäude mit Ziegeldach und Arkaden wie irgendwo in Verona oder Padua. Wir besuchten den ersten und einzigen Buchladen von Petersburg, der auf Befehl des Zaren gegründet ist. Er wird vom Buchdrucker Wassilij Jewdokimow verwaltet. Man bekommt hier außer altslawischen und übersetzten Büchern, Kalender, Ukase, Schlachtenberichte, Abcbücher, Schlachtenpläne, »Zarische Personen«, d. h. Bildnisse und Darstellungen feierlicher Umzüge zu kaufen. Die Bücher gehen schlecht. Von einzelnen Werken ist im Laufe von zwei oder drei Jahren kein einziges Exemplar abgesetzt worden. Am besten gehen die Kalender und die Ukase gegen bestechliche Beamte. Der Zeugdirektor der ersten Petersburger Druckerei, ein gewisser Awramow, der zufällig im Laden war, ein sehr sonderbarer doch gar nicht dummer Mensch, erzählte uns, welche Mühe es koste, ausländische Bücher ins Russische zu übersetzen. Der Zar treibe beständig zur Eile an und verlange unter Androhung schwerer Strafen, d. h. der Knute, daß »das Buch nicht irgendwie, sondern verständlich und in gutem Stil übersetzt werde«. Und die Übersetzer klagen, daß »es wegen des furchtbar verwickelten deutschen Stils ganz unmöglich sei, die Sache schnell zu machen; die Werke seien oft ganz unverständlich und schwierig, und es käme vor, daß man an einem Tage nicht mehr als zehn Zeilen fertig bringe«. Boris Wolkow, ein Dolmetscher am Kollegium des Äußern, sei bei der Übersetzung des Gartenhandbuches » Le jardinage de Quintiny « in solche Verzweiflung geraten, daß er sich aus Furcht vor dem Zorn des Zaren die Adern durchschnitt. Die Wissenschaft kommt den Russen nicht billig zu stehen. Die meisten dieser Übersetzungen, die so ungeheure Arbeit, Schweiß und, man kann wohl auch sagen, Blut kosten, sind gänzlich unnütz und werden von keinem Menschen gelesen, vor einiger Zeit wurden eine Menge Bücher, die unverkauft geblieben waren und im Buchladen keinen Platz fanden, in einem Schuppen am Arsenal eingelagert, während der Überschwemmung gerieten sie unter Wasser. Ein Teil wurde durch das Wasser, der andere durch Hanföl, das aus unbekanntem Grunde zusammen mit den Büchern lagerte, verdorben, und der Nest von Mäusen zerfressen.   14. November. Wir waren im Theater. Die »Komödienscheune« ist ein großes hölzernes Gebäude in der Nähe des Litejnyj-PIatzes. Die Vorstellung beginnt um 6 Uhr abends. Die Eintrittskarten auf dickem Papier werden in einer besonderen Bude verkauft. Der letzte Platz kostet 40 Kopeken. Es gibt nur wenig Zuschauer, wenn der Hof nicht ab und zu das Theater besuchte, müßten die Schauspieler Hungers sterben. Obwohl die Wände mit Filz ausgeschlagen sind, ist es im Zuschauerraum kalt und feucht, und es zieht von allen Seiten. Die Talglichter qualmen entsetzlich. Das elende Orchester spielt in einemfort falsch. Im Parterre knackt man während der Vorstellung laut Nüsse und schimpft. Gespielt wurde die »Komödie von Don Pedro und Don Juan«, eine russische Übersetzung der deutschen Bearbeitung des französischen »Don Juan«. Nach jedem Akt wurde der Vorhang, das »Spalier«, herabgelassen, und wir blieben im Dunkeln; das sollte den Wechsel des Ortes der Handlung andeuten. Mein Nachbar, der Kammerherr Brandenstein, war ganz außer sich. Er flüsterte mir ins Ohr: »Welch ein Hund von Komödie ist das!« Ich konnte mich vor Lachen kaum halten. Don Juan spricht im Garten zu dem von ihm verführten Weibe: »Komme zu mir, meine Liebe! Gedenke der Zeit voller Vergnügungen, als wir die Lust des Frühlings ohne Hindernisse und die Früchte der Liebe ohne Gewissensbisse genießen durften. Laß uns mit dem Anblick der Blumen unsere Augen und mit deren außerordentlichem Duft unsere Gefühle erfüllen.« Mir gefiel das Liedchen: Wer keine Liebe kennt, Kennt auch keinen Betrug. Man nennt die Liebe Gott, Doch sie quält wie der Tod. Nach jedem Aufzug kam ein Intermezzo, das stets mit einer Rauferei endete. Dem Kammerherrn Brandenstein, der eingeschlafen war, wurde aus der Tasche ein seidenes Tuch, und dem jungen Löwenwolde eine silberne Tabatiere gestohlen. Es wurde noch folgendes Stück aufgeführt: »Daphne, durch die Verfolgung des verliebten Apollo in einen Lorbeerbaum verwandelt.« Apollo droht einer Nymphe: Ich werde dich zwingen in meine Gewalt, Auf daß ich nicht leide dergestalt. Und die Nymphe antwortet: Wenn du handelst auf so gemeine Weise, Ziehst du mich niemals in deine Kreise. In diesem Augenblick begann am Theatereingang eine Schlägerei unter den betrunkenen Stallknechten. Man eilte hinaus, um sie zur Ruhe zu bringen und verabreichte ihnen an Ort und Stelle eine Tracht Prügel. Die Worte des Gottes und der Nymphe wurden vom Heulen und dem unflätigen Geschimpfe der Gezüchtigten übertönt. Im Epilog traten »Maschinen und Flugvorrichtungen« in Aktion. Endlich verkündete der Morgenstern Phosphorus: Wir sind zu Ende. Das Stück war nett, Wir danken bestens. Jetzt geht zu Bett. Man gab uns eine handgeschriebene Affiche über ein Schauspiel, das in einer anderen Bude aufgeführt werden sollte: »Gegen Zahlung von je einem halben Rubel pro Person werden italienische Marionetten oder Puppen, je zwei Ellen lang, sich frei auf der Bühne bewegen und so kunstvoll, als ob sie lebendig wären, die ›Komödie von Doktor Faust‹ spielen. Ebenso wird auch ein gelehrtes Pferd gezeigt werden.« Offen gestanden hätte ich es nicht erwartet, den Faust in Petersburg und dazu in Gesellschaft eines gelehrten Pferdes zu finden! Unlängst wurden in diesem selben Theater die » Précieuses ridicules « von Molière aufgeführt. Ich verschaffte mir den Text. Die Übersetzung ist auf Befehl des Zaren von einem seiner Hofnarren, dem »König der Samojeden«, besorgt worden; höchstwahrscheinlich war er betrunken, als er sie machte, denn man kann kein einziges Wort verstehen. Der arme Molière! In den ungeheuerlichen samojedischen »Galanterien« liegt die Grazie eines tanzenden Eisbären.   23. November. Ein fürchterlicher Frost mit durchdringendem Wind; ein wahrer Eissturm. Die Leute auf den Straßen merken gar nicht, wie ihnen die Nasen und Ohren erfrieren. Man sagt, daß in einer einzigen Nacht zwischen Petersburg und Kronschlot 700 Arbeiter erfroren seien. Auf den Straßen, selbst im Stadtinnern, zeigen sich manchmal Wölfe. Dieser Tage haben sie nachts am Litejnyi-Platz, also in der Nähe des Theaters, wo »Daphne und Apollo« gespielt wurde, einen Wachtposten überfallen und umgeworfen; ein anderer Soldat, der zu Hilfe kam, wurde sofort von ihnen zerrissen und aufgefressen. Auf dem Wassiliewskij-Ostrow, in der Nähe des Palais des Fürsten Menschikow, haben neulich die Wölfe am hellen Tage eine Frau mit ihrem Kinde totgebissen. Nicht weniger schrecklich als die Wölfe sind die Räuber. Die Schilderhäuschen, Schlagbäume, Barrieren, Wachtposten mit dicken »kantigen« Knüppeln und die nach dem Hamburger Muster organisierten Nachtwachen machen auf das Gesindel nicht den geringsten Eindruck. Jede Nacht gibt es entweder einen Einbruchsdiebstahl oder einen Raubmord.   30. November. Heute war ein feuchter Wind, und alles zerschmolz im Nu. Es ist so schmutzig, daß man unmöglich über eine Straße gehen kann. Es stinkt nach Sumpf, Düngerjauche und faulen Fischen. Es herrschen epidemische Krankheiten: Halsgeschwüre, Fleck- und Bauchtyphus.   4. Dezember. Wieder Frost. Glatteis. Es ist so glatt, daß man keinen Schritt gehen kann, ohne sich das Genick zu brechen. Aus solchen plötzlichen Veränderungen besteht hier der ganze Winter. Die Natur ist hier nicht nur grausam, sondern auch wahnsinnig. Eine widernatürliche Stadt. Wie können hier Wissenschaften und Künste blühen! Ein hiesiges Sprichwort sagt: man denkt gar nicht an Fett, man denkt nur, wie man mit dem nackten Leben davonkommt.   10. Dezember. Eine Assemblee bei Tolstoi. Spiegel, Kristallgeschirr, Puder, Schönheitspflästerchen, Fischbeinmieder, Spitzentücher, Knickse – alles ganz wie in Europa, wie in Paris oder London. Der Hausherr ist ein außerordentlich höflicher und gelehrter Mann. Er übersetzt die »Metamorphosen, d. i. Verwandlungen Ovids« und »Des edlen florentinischen Bürgers Nichola Machiavelli politische Ermahnungen«. Er tanzte mit mir ein Menuett. Er gebrauchte Komplimente aus dem Ovid und verglich mich mit der Galathea wegen meiner marmorweißen Haut und meiner Haare, die so schwarz seien, wie »die Farbe des Hyazinths«. Ein komischer Alter. Sehr klug, aber ein großer Gauner. Hier sind einige Aussprüche dieses neuen Machiavellis: »Wenn das Glück kommt, soll man es nicht nur mit den Händen auffangen, sondern auch mit dem Munde schlucken.« »In großem Reichtum leben ist wie auf gläsernem Fußboden gehen.« »Eine zu stark gepreßte Zitrone gibt statt Wohlgeschmack nur Bitterkeit.« »Sich im Verstand und in den Sitten der Menschen auszukennen, ist eine große Philosophie; es ist viel schwieriger, die Menschen zu kennen, als viele Bücher auswendig zu wissen.« Während ich den klugen Reden Tolstois – er sprach mit mir bald russisch und bald italienisch – und den zarten Tönen eines französischen Menuetts lauschte und die elegante Gesellschaft der Kavaliere und Damen, die wirklich an Paris oder London erinnerten, betrachtete, mußte ich in einemfort an etwas denken, was ich soeben unterwegs gesehen hatte: an die Pfähle vor dem Zenat auf dem Troitzkij-Platze mit den gleichen Köpfen der Hingerichteten, die schon im Mai während des Maskenfestes auf ihnen gesteckt hatten. Sie trockneten aus, wurden naß, froren ein, tauten auf und froren wieder ein und waren doch nicht ganz verwest. Ein riesengroßer Mond ging hinter der Troitzkij-Kirche auf, und in seinem roten Scheine traten die schwarzen Köpfe unheimlich deutlich hervor. Auf einem von ihnen saß ein Rabe, riß Hautfetzen herunter und krächzte. Diese Vision verfolgte mich während des ganzen Balles. Europa war von Asien verdeckt. Der Zar kam auf den Ball. Er war schlechter Laune: er schüttelte den Kopf und zuckte mit der Achsel, so daß es allen ängstlich zumute wurde. Als er in den Saal trat, wo getanzt wurde, fand er, daß es da zu heiß sei. Er wollte ein Fenster aufmachen, aber alle Fenster waren von außen zugenagelt. Der Zar ließ sich eine Axt geben und machte sich mit zwei Kammerjunkern an die Arbeit. Er lief einigemal auf die Straße hinaus, um nachzusehen, wie und mit welchen Nägeln das Fenster vernagelt sei. Endlich erreichte er, was er wollte, und nahm einen Fensterrahmen heraus. Das Fenster blieb nur kurze Zeit offen; es begann wieder Tauwetter, und der Wind kam gerade von Westen. Und trotzdem entstand in allen Zimmern ein solcher Zug, daß die leichtgekleideten Damen und die immer frierenden alten Herren gar nicht wußten, wo sie Schutz suchen sollten. Der Zar war müde geworden und schwitzte von der Arbeit; er war aber zufrieden und sogar lustig. Der österreichische Resident Pleyer, ein großer Schmeichler, sagte: »Majestät haben soeben ein Fenster nach Europa durchgebrochen.« * Auf dem Siegel, mit dem während der ersten Auslandsreise des Zaren seine nach Rußland gerichteten Briefe gesiegelt wurden, war ein junger, von Schifferwerkzeugen und Geschützen umgebener Zimmermann dargestellt mit der Inschrift: »Ich gehöre dem Schülerstande an und suche Lehrer.« * Ein anderes Emblem des Zaren ist: Prometheus, wie er mit der entzündeten Fackel zu den Menschen von den Göttern zurückkehrt. * Der Zar pflegt zu sagen: »Ich will ein neues Menschengeschlecht schaffen.« * Etwas aus den Erzählungen der »Magazinratte«: Der Zar hatte den Wunsch, daß überall Eichen wachsen, und legte eines Tages eigenhändig an der von Petersburg nach Peterhof führenden Landstraße Eicheln in den Boden. Als er merkte, daß einer der dabeistehenden Würdenträger über seine Mühe lächelte, rief er zornig aus: »Ich verstehe dich. Du glaubst, ich werde die ausgewachsenen Eichen nicht mehr erleben. Du hast recht. Aber du bist ein Narr. Ich gebe den anderen ein Beispiel, damit die Nachkommen mit der Zeit Eichenstämme für Schiffsbauten haben. Nicht für mich mühe ich mich ab. Das Wohl des Staates geht voran.« * Hier noch eine von den Erzählungen der »Magazinratte«: »Durch einen Ukas seiner Majestät wurde befohlen, alle Adelskinder aufzuschreiben und in den Ssucharew-Turm zu Moskau zwecks Erlernung der Navigationswissenschaft zu schicken. Der Adel aber ließ seine Kinder in das Spasskij-Kloster, das sich in Moskau hinter der Ikonenzeile befindet, einschreiben, damit sie dort Latein lernen. Als der Zar das hörte, wurde er sehr zornig und gab dem Moskauer Statthalter Romodanowskij den Befehl, die erwähnten Adelskinder aus dem Spasskij-Kloster nach Petersburg zu schicken, um sie dort mit dem Einrammen der Pfähle für die neuen Hanfspeicher am Moikaflusse zu beschäftigen. Der General-Admiral Graf Fjodor Matwejewitsch Apraxin, der erlauchte Fürst Menschikow, Fürst Jakob Dolgorukij und die übrigen Senatoren wollten sich für diese Kinder verwenden; da sie aber Seine Majestät damit nicht zu behelligen wagten, baten sie kniefällig und unter Tränen seine allergnädigste Gehilfin, die Zarin Jekaterina Alexejewna. Doch es ist niemandem möglich, Seine Majestät den Zaren zu besänftigen, wenn er zornig ist. Und der erwähnte Graf und General-Admiral Apraxin übernahm es, auf den Zaren einzuwirken; er ließ aufpassen, wann Seine Majestät an den Hanfspeichern, an jenen dort arbeitenden Adelskindern vorbeifahren würde. Und als er hörte, daß der Zar sich zu jenen Speichern begeben hatte, legte er seinen Rock mit allen Orden ab, hing ihn an einen Pfahl und begann zusammen mit den Kindern die Pfähle einzurammen. Als der Zar sah, wie sich der Admiral mit den Kindern abmühte, ließ er den Wagen halten und sagte zum Grafen: ›Fjodor Matwejewitsch, du bist General-Admiral und hoher Orden Ritter, – warum rammst du die Pfähle ein?‹ Und der Admiral antwortete dem Zaren: ›Meine Neffen und Enkelsöhne sind mit dieser Arbeit beschäftigt. Und was bin ich für ein Mensch? Was habe ich für Vorrechte gegen meine Verwandten? Was aber die mir von Eurer Majestät verliehenen Orden betrifft, so hängen sie hier am Pfahl, – ich tue ihnen keine Unehre an.‹ Nachdem der Zar diese Worte gehört hatte, kehrte er in sein Palais zurück und erließ schon nach 24 Stunden einen Ukas, laut welchem die Adelskinder von der Arbeit befreit und nach den fremden Ländern zur Erlernung verschiedener Künste und Wissenschaften geschickt werden sollten: sein Zorn war also noch immer so groß, daß die Kinder, selbst nachdem sie die Strafe des Einrammens überstanden hatten, doch noch zur Erlernung der Künste und Wissenschaften verurteilt wurden.« * Einer der wenigen Russen, die mit den neuen Zuständen zufrieden sind, sagte mir vom Zaren: »Alles, was es in Rußland gibt, hat seinen Ursprung in ihm; und was auch in Zukunft geschaffen werden wird, wird immer aus dieser selben Quelle kommen. Er hat Rußland erneuert oder vielmehr wiedergeboren.«   28. Dezember. Der Zarewitsch ist ebenso plötzlich zurückgekehrt, wie er abgereist war.   6. Januar 1715. Heute hatten wir Besuch: Baron Löwenwolde, den österreichischen Resident Pleyer, den hannoverschen Sekretär Weber und den Leibmedikus des Zaren Blumentrost. Nach dem Abendessen sprach man bei einem Glase Rheinwein von den Neueinführungen des Zaren. Da kein Fremder und auch niemand von den Russen zugegen war, konnte man ganz ungezwungen sprechen. »Die Moskowiten«, sagte Pleyer, »tun alles unter Zwang; wenn der Zar stirbt, so ist es mit allen Wissenschaften zu Ende. Rußland ist ein Land, wo man alles beginnt und nichts zu Ende führt. Der Zar wirkt auf das Land ebenso wie Königswasser auf Eisen. Er treibt die Wissenschaft seinen Untertanen mit Stöcken und Knüppeln ein, genau wie es in ihrem Sprichwort heißt: Der Stock ist stumm, gibt aber Verstand; mit der Faust in dem Nacken kann man am meisten erreichen. Durchaus richtig ist das Urteil Puffendorfs über dieses Volk: ›Das sklavische Volk hat sklavische Demut, und kann nur durch grausame Zucht in Gehorsam erhalten werden.‹ Man kann von ihnen auch dasselbe sagen, was Aristoteles von den Barbaren im allgemeinen gesagt hat: › Quod in libertate mali, in servitute boni sunt. – In Freiheit bösartig, in Knechtschaft gutmütig.‹ Die wahre Aufklärung erzeugt Haß gegen jede Sklaverei. Und der russische Zar ist von Natur aus Despot und braucht Sklaven. Darum bringt er seinen Untertanen mit solchem Eifer die Mathematik, Navigationslehre, Fortifikation und die übrigen niederen angewandten Wissenschaften bei; niemals wird er aber seinen Untertanen die wahre Aufklärung, die die Freiheit erheischt, beibringen wollen. Auch hat er selbst weder Verständnis noch Liebe für die wahre Aufklärung. In der Wissenschaft sucht er nur das Nützliche. Das Perpetuum mobile des Scharlatans Orphyreus zieht er der ganzen Leibnizschen Philosophie vor. Den Äsop hält er für den größten Philosophen. Er verbot, den Juvenal zu übersetzen. Er versprach, ›jeden Verfasser einer Satire mit den härtesten Foltern zu bestrafen‹. Die Aufklärung ist für die Gewalt der russischen Zaren dasselbe, was die Sonne für den Schnee ist: solange sie schwach ist, glänzt und funkelt der Schnee; wenn sie aber stark scheint, schmilzt er.« »Wer weiß,« bemerkte Weber mit seinem Lächeln, »vielleicht tun die Russen, wenn sie Europa zum Beispiel nehmen, ihm mehr Ehre an, als es verdient? Die Nachahmung ist immer gefährlich: man eignet sich viel leichter die Laster an als die Tugenden. Recht gut hat einmal ein Russe gesagt: ›Die ansteckende Fäulnis der Ausländer verzehrt die ehemalige Gesundheit der russischen Seelen und Leiber; die Roheit der Sitten hat zwar abgenommen, doch an ihre Stelle ist nur Schmeichelei und Kriecherei getreten; sie haben den alten Verstand eingebüßt, aber keinen neuen gewonnen; als Dummköpfe werden wir alle sterben!‹« »Der Zar,« meinte Baron Löwenwolde, »ist gar nicht der demütige Schüler Europas, für den man ihn immer hält. Als man einmal in seiner Gegenwart mit Anerkennung von den französischen Sitten und Gebräuchen sprach, sagte er: ›Es ist gut, von den Franzosen Künste und Wissenschaften zu übernehmen; im übrigen stinkt aber die Stadt Paris.‹ Und er fügte wie prophetisch hinzu: ›Es tut mir leid, daß diese Stadt vor Gestank aussterben wird.‹ Ich habe es zwar selbst nicht gehört, aber man teilte mir zuverlässig einen anderen Ausspruch von ihm mit, den sich alle Freunde des russischen Volkes in Europa merken sollten: › L'Europe nous est nécessaire pour quelques dizaines d'années; après cela nous lui tournerons le dos . – wir brauchen Europa einige Jahrzehnte; nachher kehren wir ihm den Rücken.‹« Graf Piper zitierte einige Stellen aus dem kürzlich erschienenen Buche vom russisch-schwedischen Kriege: » La Crise du Nord «; es wird darin bewiesen, daß »die Siege der Russen Vorboten eines nahen Weltendes seien«, und daß »die Schwäche Rußlands eine Bedingung für das Wohl Europas sei«. Der Graf erinnerte auch an einen Ausspruch Leibnizens, den er noch vor der Schlacht bei Poltawa, also als er noch für die Schweden Partei nahm, gemacht hatte: »Moskowien wird eine zweite Türkei werden und einer neuen Barbarei den Weg bahnen, die die ganze europäische Zivilisation vernichten wird.« Blumentrost beruhigte uns damit, daß der Branntwein und die venerische Seuche, die sich in den letzten Jahren mit erstaunlicher Schnelligkeit von den Grenzen Polens bis ans Weiße Meer verbreitet hätte, Rußland in weniger als hundert Jahren verwüsten würden. Der Branntwein und die Syphilis seien zwei Geißeln, die die göttliche Vorsehung selbst gesandt habe, um Europa von einem neuen Einfall der Barbaren zu retten. »Rußland,« sagte zum Schluß Pleyer, »ist ein eherner Koloß auf tönernen Füßen. Er wird zusammenstürzen, zerbrechen, und nichts wird von ihm zurückbleiben!« Ich selbst habe keine sonderliche Liebe für die Russen; und doch hätte ich es nicht erwartet, daß meine Landsleute sie so sehr hassen. Zuweilen scheint es mir, daß in diesem Haß eine geheime Angst liegt; als ob wir Deutsche ahnten, daß der eine den andern einmal auffressen wird: entweder wir sie, oder sie uns.   17. Januar. »Also was glauben sie, Fräulein Juliane, bin ich ein Narr oder ein Schuft?« fragte mich der Zarewitsch, als er heute früh auf der Treppe mit mir zusammenstieß. Ich verstand ihn im ersten Augenblick nicht und glaubte, er sei betrunken. Ich wollte schweigend an ihm vorübergehen. Er verstellte mir aber den Weg und fuhr fort, mir gerade in die Augen blickend: »Es wäre auch recht interessant, zu wissen, wer wen auffressen wird – wir euch, oder ihr uns?« Nun begriff ich erst, daß er in meinem Tagebuche gelesen hatte. Ihre Hoheit hatte es für kurze Zeit geliehen, um darin zu lesen; der Zarewitsch war wohl zu ihr ins Zimmer gekommen, als niemand da war, hatte das Buch liegen sehen und darin geblättert. Ich war so sehr verwirrt, daß ich gerne in die Erde versunken wäre. Ich errötete bis an die Haarwurzeln und war nahe daran, wie ein bei einem dummen Streich ertapptes Schulmädchen in Tränen auszubrechen. Er sah mich aber immer an und schwieg, als ob er sich an meiner Verlegenheit ergötzte. Endlich machte ich eine verzweifelte Anstrengung und versuchte wieder fortzulaufen. Er ergriff aber meine Hand. Ich war halbtot vor Angst. »Nun haben Sie sich erwischen lassen, Fräulein,« sagte er mit fröhlichem und gutmütigem Lachen. »Seien sie aber in Zukunft vorsichtiger. Es ist noch gut, daß ich es gelesen habe und niemand anderes. Ein scharfes Zünglein haben aber Euer Gnaden – wie ein Rasiermesser ist es! Alle haben von Ihnen etwas abbekommen. Ich muß aber gestehen: es ist viel Wahres darin, was Sie über uns sagen, bei Gott! Sie streicheln uns zwar gegen das Fell, aber für die Wahrheit muß ich Ihnen doch danken!« Er hörte zu lachen auf und drückte mir mit heiterem Lächeln wie ein guter Kamerad die Hand, als ob er mir tatsächlich für die Wahrheit dankbar wäre. Ein sonderbarer Mensch! Alle diese Russen sind übrigens sonderbare Menschen. Man weiß niemals im voraus, was sie sagen oder tun werden. Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr habe ich den Eindruck, daß sie etwas an sich haben, was wir Europäer nicht verstehen und auch niemals begreifen werden: sie sind für uns wie die Bewohner eines anderen Planeten.   2. Februar. Als ich heute abend durch die untere Galerie ging, rief mich der Zarewitsch, der wohl meine Schritte gehört hatte, und bat mich, ins Speisezimmer zu kommen, wo er ganz allein in der Dämmerung vor dem Kamin saß. Ich mußte mich in einem Sessel ihm gegenüber niedersetzen, und er begann mit mir zuerst deutsch, dann russisch so freundlich zu sprechen, als ob wir in der Tat alte Freunde wären. Ich bekam von ihm manches Interessante zu hören. Ich will aber doch nicht alles aufschreiben: solange ich in Rußland bin, könnte es für mich und auch für ihn gefährlich sein. Hier nur einige einzelne Gedanken. Am meisten mußte ich darüber staunen, daß er durchaus nicht der eifrige Verteidiger des Alten und Gegner des Neuen ist, für den ihn alle halten. »Alles, was alt ist, prahlt mit seiner Glatze,« führte er mir ein russisches Sprichwort an. »Doch das Unrecht ist bei uns in Rußland so tief eingewurzelt, daß man den alten Bau von dieser Fäulnis unmöglich säubern kann, wenn man nicht alle Balken auseinander nimmt und jeden einzelnen genau untersucht ...« Der größte Fehler des Zaren bestehe darin, daß er sich zu sehr übereile: »Der Vater muß alles so schnell als möglich haben: eins, zwei, drei – fertig ist das Schiff. Er kann aber gar nicht begreifen, daß etwas, was schnell gemacht wird, unmöglich gut werden kann. Zwei Axthiebe, und das Rad ist fertig; er setzt sich in den Wagen und fährt. Ach wie schön! Ehe er sich aber umsieht, sind schon alle Speichen herausgefallen.«   18. Februar. Der Zarewitsch hat ein Heft, in das er Auszüge aus den Annalen des Baronius einträgt; wie er selbst sagt, Stellen, die auf ihn und auf seinen Vater Bezug haben und beweisen sollen, daß es früher anders war, als jetzt. Er gab mir dieses Heft zum Lesen. Bei einigen allzu wunderlichen Legenden, allerdings katholischen Ursprungs, steht in Klammern die Anmerkung: »Mit der griechischen Darstellung zu vergleichen«, oder: »Eine zweifelhafte Sache«, oder: »Das kann nicht ganz stimmen.« Am meisten interessierten mich einige Notizen, in denen Altes und Fremdes mit Gegenwärtigem und Russischem verglichen wurde. »Anno 395. Kaiser Arkadius befahl, alle, die auch nur durch etwas ganz Geringfügiges von der Rechtgläubigkeit abweichen, Ketzer zu nennen.« Es ist eine Anspielung auf die Nichtrechtgläubkeit des russischen Zaren. »Anno 455. Kaiser Valentinianus wurde wegen Verunstaltung der kirchlichen Satzungen und Ehebruchs ermordet.« Eine Anspielung auf die Abschaffung des Patriarchats in Rußland und auf die Ehe des Zaren mit Katharina bei Lebzeiten seiner ersten Gemahlin Awdotja Lopuchina. »Anno 514. In Frankreich trug man lange Kleider. Karl der Große verbot, kurze Kleider zu tragen; ein Lob auf die langen und eine Verurteilung der kurzen Kleider.« Eine Anspielung auf die Veränderung der russischen Tracht. »Anno 814. Ein Mönch verführte den Kaiser Leo zum Kampfe gegen die Bilder. Dasselbe ist heute bei uns.« Eine Anspielung auf den Beichtvater des Zaren, den Mönch Fedoß, der angeblich den Zaren zu überreden sucht, die Verehrung der Heiligenbilder zu verbieten. »Anno 854. Kaiser Michael spielte mit den kirchlichen Sakramenten.« Eine Anspielung auf die Gründung des Narrenkonzils auf die Hochzeit des Narrenpatriarchen und auf die anderen Späße des Zaren. Hier sind noch einige seiner Gedanken: Von der päpstlichen Gewalt: »Christus hat alle Apostel gleichgestellt. Und wenn sie sagen, daß man außerhalb ihrer Kirche nicht selig werden könne, so ist auch das eine offenkundige Lüge; denn Christus hat selbst gesagt: ›Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben‹; an mich , und nicht an die römische Kirche, die es um jene Zeit gar nicht gab; bevor die Predigt der Apostel nach Rom gelangt war, sind schon viele Menschen selig geworden.« »Der mohammedanische Irrglauben ist durch die Weiber verbreitet worden. Alle Weiber haben eine Schwäche für die falschen Propheten.« In vielen gelehrten Abhandlungen über Mohammed ist weniger enthalten als in diesen wenigen Worten, die des großen Skeptikers Rayle würdig sind. * Tolstoi sagte mir neulich, als die Rede vom Zarewitsch war, mit seinem fuchsschlauen Lächeln: »Um sich beliebt zu machen, ist dies das beste Mittel: man muß verstehen, sich im Notfalle in die Haut des einfältigsten Viehs zu hüllen.« Damals verstand ich es nicht. Jetzt fange ich an, es zu verstehen. Im Werke eines alten englischen Schriftstellers, dessen Name mir entfallen ist: »Tragödie von Hamlet, Prinz von Dänemark«, stellt sich dieser unglückliche, von Feinden verfolgte Prinz halb dumm und halb verrückt. Folgt nicht der russische Prinz dem Beispiele Hamlets? Hüllt er sich nicht in die Haut des einfältigsten Viehs? * Man sagt, der Zarewitsch hätte einmal den Mut gehabt, dem Zaren aufrichtig über all die unerträglichen Leiden des Volkes zu berichten. Seit jener Zeit sei er in Ungnade gefallen.   23. Februar. An seinem Töchterchen Natascha hängt er mit zärtlicher Liebe. Heute saß er den ganzen Morgen mit ihr auf dem Fußboden und baute für sie aus Holzklötzchen Buden und Häuser; er kroch auf allen Vieren umher und stellte einen Hund, ein Pferd oder einen Wolf dar. Er warf den Ball, und wenn dieser unter das Bett oder hinter den Schrank rollte, kroch er ihm nach und beschmutzte sich mit Staub und Spinngeweben. Er trug die Kleine auf den Armen in sein Zimmer, zeigte sie allen und fragte: »Ist doch ein hübsches Mädel? Wo findet man ein zweites, das so hübsch wäre?« Er selbst benahm sich dabei wie ein kleiner Junge. Natascha ist viel zu klug für ihr Alter. Wenn sie etwas haben will, was sie nicht haben darf, und man ihr droht, daß man es der Mutter sagen werde, so wird sie gleich still; wenn man ihr aber einfach befiehlt, aufzuhören, so macht sie noch größeren Lärm als zuvor. Wenn sie sieht, daß der Zarewitsch schlechter Laune ist, wird sie ganz still und wendet keinen Blick von ihm; und wenn er sie nur anschaut, beginnt sie laut zu lachen und mit den Händchen zu fuchteln. Sie liebkost ihn wie eine Erwachsene. Ich habe immer ein eigentümliches Gefühl, wenn ich diese Liebkosungen sehe: es ist, als ob die Kleine den Zarewitsch nicht nur liebte, sondern auch bemitleidete; als ob sie etwas sehe oder wisse, was noch niemand weiß. Es ist ein seltsames, unheimliches Gefühl, wie damals, als ich im dunklen Spiegel wie in einem Zauberspiegel ihre beiden Eltern sah. »Daß sie mich liebt, weiß ich: sie hat ja meinetwegen alles verlassen,« sagte er mir eines Tages von seiner Gemahlin. Jetzt, wo ich den Zarewitsch besser verstehe, mache ich ihn nicht mehr allein dafür verantwortlich, daß ihr Zusammenleben so unerträglich ist. Beide sind schuldig und beide sind unschuldig. Sie sind zu verschieden und zu unglücklich, ein jeder auf seine Art. Ein kleines und ein mittelmäßiges Leid vereint die Menschen; ein großes Leid trennt sie. Sie sind wie zwei Schwerkranke oder Verwundete im gleichen Bett. Sie können einander nicht helfen; jede Bewegung des einen macht dem anderen Schmerzen. Es gibt Menschen, die so sehr ans Leid gewohnt sind, daß ihre Seele sich in den Tränen wie der Fisch im Wasser fühlt, und ohne Tränen – wie der Fisch auf dem Trockenen. Ihre Gedanken und Gefühle sind schon einmal abwärts gerichtet und können sich, wie die Zweige der Trauerweide, niemals erheben. Ihre Hoheit gehört zu solchen Menschen. Der Zarewitsch hat auch am eigenen Kummer genug; und jedesmal, wenn er zu ihr kommt, sieht er einen fremden Kummer, dem er nicht abhelfen kann. Er hat Mitleid mit ihr, aber Liebe und Mitleid ist nicht ein und dasselbe, wer geliebt sein will, soll sich vor Mitleid in acht nehmen. Ach, ich weiß es aus eigener Erfahrung, wie qualvoll es ist, jemand zu bemitleiden, wenn man ihm nicht helfen kann! schließlich beginnt man denjenigen zu fürchten, mit dem man zuviel Mitleid gehabt hat. Ja, beide sind unschuldig, beide sind unglücklich, und niemand kann ihnen helfen außer Gott. Die Armen, Armen! Es ist schrecklich, daran zu denken, womit das enden soll; so schrecklich ist es, und doch wäre es besser, wenn das Ende schon käme.   7. März. Ihre Hoheit ist wieder schwanger.   12. Mai. Wir befinden uns in Roshdestwenno, dem Landgute des Zarewitsch, im Koporschen Kreise, siebzig Werst von Petersburg. Ich war lange Zeit krank. Man glaubte, ich würde sterben. Noch schrecklicher als der Tod war mir der Gedanke, in Rußland sterben zu müssen. Ihre Hoheit nahm mich hierher nach Roshdestwenno mit, um mir die Möglichkeit zu geben, auszuruhen und mich in der reinen Luft zu erholen. Rings umher ist Wald. Es ist ganz still. Ich höre nur das Rauschen der Räume und das Zwitschern der Vögel. Das Flüßchen Oredesh fließt so schnell wie ein Bergstrom unten zwischen den steilen roten Lehmufern, auf denen das erste Grün der Birken wie Rauch liegt und das Grün der Tannen wie schwarze Kohlen schimmert. Die aus Holz erbauten Häuser gleichen einfachen Bauernhütten. Das zweistöckige Hauptgebäude mit einem hohen Turmgeschoß, wie auf den alten Moskauer Zarenschlössern, ist noch nicht fertig. In der Nähe befindet sich eine kleine Kapelle mit einem Glockenturm und zwei kleinen Glocken, die der Zarewitsch selbst gerne läutet, vor dem Tore steht eine alte schwedische Kanone und eine Pyramide verrosteter, von grünem Gras und Frühlingsblumen überwucherter Kanonenkugeln. Alles zusammen sieht wie ein Kloster im Walde aus. Die Innenwände sind aus runden Balken gezimmert und noch kühl. Es riecht nach Harz; überall hängen bernsteingelbe Harztropfen wie Tränen, vor den Heiligenbildern brennen Lämpchen. Alles ist so heiter, frisch, rein, unschuldig und jung. Der Zarewitsch liebt diesen Fleck Erde. Er sagt, daß er gerne immer hier leben würde und nichts anderes wünsche, wenn man ihn nur in Ruhe ließe. Er liest und schreibt im Bibliothekszimmer, betet in der Kapelle, arbeitet im Garten und Gemüsegarten, angelt und irrt durch die Wälder. Ich sehe ihn auch jetzt, während ich dies schreibe, aus dem Fenster meines Zimmers. Er hat soeben in den Blumenbeeten gegraben und Harlemer Tulpenzwiebeln gesetzt. Nun ruht er stehend, auf den Spaten gestützt, aus; er steht ganz still und scheint auf etwas zu lauschen. Es ist eine unendliche Stille. Nur ganz in der Ferne klingt die Axt des Holzhauers im Walde, und ein Kuckuck ruft. Alexejs Gesicht ist so ruhig und heiter. Er flüstert etwas vor sich hin oder singt, wahrscheinlich eines seiner Lieblingsgebete, den Lobgesang auf seinen heiligen Alexej, den Mann Gottes, oder den Psalm: »Ich will den Herrn loben, so lange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, weil ich hier bin.« Noch nirgends habe ich solche Sonnenuntergänge gesehen wie hier, heute war ein besonders seltsames Abendrot. Der ganze Himmel war wie in Blut getaucht. Die roten Wolken waren über den ganzen Himmel zerstreut wie Fetzen blutbesudelter Kleider, als ob im Himmel ein Mord oder irgendeine furchtbare Opferung geschehen wäre. Und vom Himmel tropfte Blut auf die Erde herab. Der rote Lehm sah zwischen den kohlschwarzen spitzen Borsten der Tannenbäume wie Blutflecken aus. Während ich dieses Bild betrachtete, erklang von oben, wie von diesem schrecklichen Himmel herab, eine Stimme: »Fräulein Juliane! Fräulein Juliane!« Es war der Zarewitsch, der oben auf dem Taubenschlag mit einer langen Stange in der Hand, mit der man hier die Tauben zum Fliegen antreibt, stand. Er ist ein großer Liebhaber von Tauben. Ich stieg auf einer schwankenden Leiter zu ihm hinauf, und als ich oben auf der Plattform stand, flatterten die weißen Tauben wie Schneeflocken, vom Abendrot rosa gefärbt, empor, und von ihren rauschenden Flügeln erhob sich ein leiser Wind. Wir setzten uns auf eine Bank und begannen, wie so oft in der letzten Zeit, vom Glauben zu sprechen. »Euer Martin Luther hat alle seine Satzungen auf der Weisheit dieser Welt und auf seinem eigenen Geschmack und nicht auf der Kraft des Geistes aufgebaut. Und ihr Armen habt euch über dieses leichte Leben gefreut und den leichtsinnigen Worten des Verführers Glauben geschenkt; aber den schmalen und beschwerlichen Pfad, den Christus selbst gewiesen, habt ihr verlassen. Dieser Martin hat sich als der größte Tor dieser Welt gezeigt, und in seinen Satzungen ist das gefährliche Gift der höllischen Schlange enthalten ...« Ich bin an derartige russische Liebenswürdigkeiten gewöhnt und überhöre sie gewöhnlich. Mit Vernunftgründen dagegen zu streiten, ist dasselbe wie mit einem Degen gegen einen Eichenknüppel zu kämpfen. Diesmal wurde ich aber zornig und sagte ihm alles, was ich auf dem Herzen hatte. Ich bewies ihm, daß die Russen, die sich für besser als die anderen christlichen Völker hielten, schlimmer als alle Heiden lebten; sie behaupteten, sich zum Gesetz der Liebe zu bekennen und verübten dabei Grausamkeiten, wie man sie sonst nirgends in der Welt finde; sie hielten alle Fasten und betränken sich während der Fasten wie die Schweine; sie besuchten die Kirche und beschimpften einander im Gotteshause mit dem Mutterschimpfwort. Sie seien so unwissend, daß bei uns Deutschen ein fünfjähriges Kind mehr vom Glauben wisse als bei ihnen die Erwachsenen und selbst die Priester; von einem halben Dutzend Russen könne kaum einer das Vaterunser aufsagen. Auf meine Frage, wer die dritte Person der heiligen Dreifaltigkeit sei, hätte mir eine fromme alte Frau Nikola den Wundertäter genannt. Dieser Nikola sei der wahre russische Gott, und man könnte glauben, daß sie keinen anderen Gott hätten. Nicht umsonst hätte im Jahre 1620 der schwedische Theologe Johannes Botwid an der Akademie von Upsala eine Dissertation verteidigt: »Sind die Moskowiter Christen?« Ich weiß nicht, was ich ihm noch alles gesagt hätte, wenn der Zarewitsch, der die ganze Zeit über ruhig zugehört hatte – und diese Ruhe ärgerte mich am meisten –, mich nicht unterbrochen hätte. »Ich wollte Sie schon längst fragen, Fräulein: glauben Sie an Christus?« »Ob ich an Christus glaube? Wissen denn Eure Hoheit nicht, daß wir alle Lutheraner sind?« »Ich spreche nicht von allen, sondern nur von Euer Gnaden. Ich fragte einmal darüber Ihren Lehrer Leibniz; er machte Ausflüchte und führte mich an der Nase herum; ich dachte mir aber gleich, daß er keinen richtigen Glauben an Christus hat. Und wie verhält es sich mit Ihnen?« Er blickte mich unverwandt an. Ich schlug die Augen nieder und mußte unwillkürlich an alle meine Zweifel, an meine Dispute mit Leibniz und an die unlösbaren Widersprüche zwischen der Metaphysik und der Theologie denken. »Ich denke,« begann ich, statt ihm direkt auf seine Frage zu antworten, »daß Christus der gerechteste und weiseste Mensch gewesen ist ...« »Und kein Sohn Gottes?« »Wir sind alle Kinder Gottes ...« »Und er war wie alle?« Ich wollte nicht lügen und schwieg. »Nun habe ich also doch recht!« sagte er mit einem Gesichtsausdruck, den ich bei ihm noch niemals wahrgenommen hatte. »Ihr seid weise, stark, ehrlich und lobenswert. Ihr habt alle Tugenden. Aber den Heiland habt Ihr nicht. Was braucht Ihr ihn auch? Ihr rettet euer Seelenheil selbst, wir sind aber dumme, elende, nackte, betrunkene, stinkende Barbaren, ärger als das Vieh und gehen immer zugrunde. Und doch ist Väterchen Christus mit uns und wird ewig mit uns bleiben. Durch ihn und durch sein Licht werden wir erlöst werden!« Er sprach von Christus ebenso, wie hier die einfachsten Leute und Bauern über ihn sprechen: ich habe bemerkt, daß sie von ihm so sprechen, als ob er ihr verwandter, Hausgenosse und ein Bauer wie sie wäre. Ich weiß nicht, was es ist: der höchste Hochmut und Blasphemie, oder die größte Demut und Heiligkeit. Nun schwiegen wir beide. Die Tauben flogen wieder zurück, und ihre weißen Flügel zitterten zwischen uns beiden, uns gleichsam verbindend. Ihre Hoheit schickte nach mir. Als ich vom Taubenschlag herabgestiegen war, blickte ich zum letztenmal auf den Zarewitsch zurück. Er fütterte die Tauben. Sie umkreisten ihn und setzten sich ihm auf die Arme, Schultern und auf den Kopf. Er stand hoch oben über dem schwarzen, wie verkohlten Walde, im roten, blutigen Himmel, ganz in weiße Flügel wie in ein Kleid eingehüllt.   31. Oktober 1715. Jetzt, wo alles zu Ende ist, schließe ich auch dieses Tagebuch. Mitte August (wir waren Ende Mai aus Roshdestwenno nach Petersburg zurückgekehrt), ungefähr zehn Wochen vor der Niederkunft fiel Ihre Hoheit auf der Treppe hin und schlug mit der linken Hüfte an die oberste Stufe an. Man sagt, sie sei gestolpert, weil an ihrem Schuh der Absatz gebrochen wäre. In Wirklichkeit war sie aber ohnmächtig geworden, als sie sah, wie der betrunkene Zarewitsch unten vor der Treppe seine Geliebte, die leibeigene Dirne Afrossinja, umarmte und küßte. Er lebt mit ihr seit langer Zeit ganz öffentlich zusammen. Als er aus Karlsbad zurückgekehrt war, nahm er sie zu sich ins Haus. Ich habe es in meinem Tagebuch nicht erwähnt, weil ich fürchtete, Ihre Hoheit könnte es lesen. Ob sie es wußte? Wenn sie es auch wußte, so wollte sie es jedenfalls nicht wissen; sie glaubte nicht daran, bis sie es mit eigenen Augen sah. Eine leibeigene Magd – die Nebenbuhlerin der Herzogin von Wolfenbüttel, der Schwiegertochter des Kaisers! »In Rußland ist auch das Unmögliche möglich,« sagte mir einmal ein Russe. Der Vater lebt mit einer Wäscherin, der Sohn – mit einer Magd. Die einen sagen, sie sei eine Finnin, die ebenso wie die Zarin von Soldaten gefangengenommen worden wäre; die andern behaupten, sie sei eine leibeigene Magd des Erziehers des Zarewitsch, Nikifor Wjasemskij. Das letztere erscheint mir wahrscheinlicher. Sie ist recht hübsch, aber man sieht ihr gleich die gemeine Abstammung an. Sie ist groß, rothaarig und weiß. Sie hat eine Stulpnase und große, helle Augen mit einem schrägen, länglichen Schlitz wie eine Kalmückin; der Blick ist wild und erinnert an den Blick einer Ziege; sie hat überhaupt etwas von einer Ziege, wie das Satyrweibchen auf Rubens Bacchanal. Es ist eines jener Gesichter, die uns Frauen empören und den Männern fast immer gefallen. Der Zarewitsch soll in sie sterblich verliebt sein. Als er sie kennenlernte, war sie angeblich unschuldig gewesen und hatte sich lange seinen Nachstellungen widersetzt. Er gefiel ihr nicht im geringsten und konnte weder mit Versprechungen noch mit Drohungen etwas erreichen. Aber einmal nach einem Trinkgelage fiel er betrunken, in einem Anfall von Raserei, wie er sie manchmal genau wie sein Vater hat, über sie her, schlug sie halb tot, bedrohte sie mit einem Messer und nahm von ihr gewaltsam Besitz. Russische Grausamkeit, russischer Schmutz! Und das ist derselbe Mensch, der ganz wie ein Heiliger aussah, als er im Walde von Roshdestwenno den Lobgesang auf Alexej, den Mann Gottes, sang und, von den Tauben umgeben, vom »Väterchen Christus« sprach! Es ist übrigens ein besonderes russisches Talent, solche äußersten Gegensätze zu vereinen; uns dummen Deutschen ist Gott sei Dank das Verständnis dafür nicht gegeben. »Wir Russen,« sagte mir einmal der Zarewitsch, »verstehen in keinem Dinge Maß zu halten; wir irren immer am äußersten Rande und an den Abgründen umher.« Ihre Hoheit fühlte nach dem Sturze auf der Treppe Schmerzen in der linken Hüfte. »Es ist mir, als ob man mich am ganzen Körper mit Nadeln steche,« sagte sie. Sie war aber ganz ruhig, als ob sie irgendeinen Entschluß gefaßt hätte und wüßte, daß nichts in der Welt diesen Entschluß ändern könne. Über den Zarewitsch sprach sie mit mir nicht mehr und klagte auch nicht mehr über ihr Los. Nur einmal sagte sie mir: »Ich halte mein Ende für unvermeidlich. Ich hoffe, daß meine Leiden bald ein Ende nehmen werden. Nichts in der Welt wünsche ich mir sehnlicher, als den Tod. In ihm ist meine einzige Rettung.« Am 12. Oktober kam sie glücklich mit einem Knaben nieder, mit dem zukünftigen Thronerben Peter Alexejewitsch. In den ersten Tagen nach der Niederkunft fühlte sie sich recht wohl, wenn man ihr aber gratulierte und Genesung wünschte, wurde sie böse und bat alle, zu beten, daß Gott ihr den Tod schicke. »Ich will sterben und werde sterben,« sagte sie mit jener schrecklichen ruhigen Entschlossenheit, die sie bis zu ihrem Ende nicht mehr verließ. Sie hörte nicht auf die Ärzte und die Hebammen und tat wie absichtlich alles, was man ihr verbot. Am vierten Tag setzte sie sich in einen Sessel, ließ sich in ein anderes Zimmer tragen und stillte selbst ihr Kind. In der folgenden Nacht trat eine Verschlimmerung in ihrem Zustand ein; sie bekam Fieber, Erbrechen, Krämpfe und solche Leibschmerzen, daß sie lauter als bei der Geburt schrie. Als der Zar, der in jenen Tagen selbst krank war, davon erfuhr, schickte er den Fürsten Menschikow mit den vier Leibärzten – Areskin, Polikola und den beiden Blumentrost –, um ein Konsilium abzuhalten. Sie fanden sie in den letzten Zügen – in mortis limine . Als man sie bat, Arznei einzunehmen, warf sie das Glas zu Boden und sagte: »Quält mich nicht. Laßt mich ruhig sterben. Ich will nicht leben.« Am Tage vor ihrem Tode ließ sie den Baron Löwenwolde kommen und teilte ihm ihren letzten Willen mit: daß niemand von ihren Nächsten, sowohl hier als in Deutschland, es wagen solle, auch nur ein böses Wort über den Zarewitsch zu reden; sie sterbe in jungen Jahren, viel früher, als sie gedacht hätte, sie wäre aber mit ihrem Los zufrieden und habe niemandem etwas vorzuwerfen. Dann nahm sie von allen Abschied. Mich segnete sie wie eine Mutter. Am letzten Tag wich der Zarewitsch nicht von ihrer Seite. Er sah ganz schrecklich aus. Dreimal fiel er in Ohnmacht. Sie sprach nicht mit ihm, als ob sie ihn gar nicht sehe. Nur kurz vor dem Ende, als er ihre Hand küßte, sah sie ihn mit einem langen Blick an und flüsterte ihm etwas zu; ich verstand nur die Worte: »Bald ... bald ... sehen wir uns wieder...« Sie starb so leicht, als ob sie einschliefe. Die Tote hatte ein so glückliches Gesicht, wie es die Lebende niemals gehabt hatte. Auf Befehl des Zaren wurde die Leiche seziert. Er selbst wohnte der Sektion bei. Die Beerdigung fand am 27. Oktober statt. Es wurde lange herumgestritten, ob nach der Hofetikette bei der Beerdigung einer Kronprinzessin mit Kanonen geschossen werden müsse; und wenn ja, wievielmal. Man befragte auch die fremden Gesandten darüber. Der Zar war wegen dieser Schießerei mehr besorgt als wegen des ganzen Schicksals Ihrer Hoheit. Es wurde beschlossen, nicht zu schießen. Der Sarg wurde auf einem eigens zu diesem Zwecke errichteten Bretterstege von der Haustüre bis an die Newa getragen. Dem Sarge folgten der Zar und der Zarewitsch. Die Zarin wohnte der Beerdigung nicht bei. Sie erwartete von Stunde zu Stunde ihre eigene Niederkunft. Auf der Newa stand eine Trauerfregatte, mit schwarzer Flagge und ganz mit schwarzem Tuch ausgeschlagen. Ganz langsam, zu den Tönen der Trauermusik fuhr man zu der noch nicht fertigen Peter-Pauls-Kathedrale, wo das Grab der Kronprinzessin bis zur Vollendung des Baues unter freiem Himmel stehen mußte. Nun wird es auf die Tote regnen, wie es auf die Lebende geregnet hatte. Der Abend war grau und still. Der Himmel sah wie ein Grabgewölbe aus, die Newa – wie ein dunkler Spiegel; die ganze Stadt im Nebel – wie ein Gespenst oder ein Traumgesicht. Und alles, was ich in dieser schrecklichen Stadt erfahren, gesehen und gehört hatte, erschien mir in diesem Augenblick noch mehr als je wie ein Traum. Aus der Kathedrale kehrte man nachts ins Palais des Zarewitsch zum Leichenschmause zurück. Hier übergab der Zar seinem Sohn einen Brief, in dem er ihm, wie ich später erfuhr, drohte, ihn zu enterben und zu verstoßen, wenn er sich nicht besserte. Am nächsten Tag kam die Zarin mit einem Sohn nieder. Zwischen diesen beiden Kindern – dem Sohne und dem Enkel des Zaren – schwanken die Geschicke Rußlands.   1. November. Gestern abend begab ich mich' zum Zarewitsch, um mich mit ihm über meine Rückkehr nach Deutschland zu besprechen. Er saß vor einem Ofen und verbrannte Papiere, Briefe und Handschriften. Er befürchtete wohl eine Haussuchung. Er hielt in der Hand ein kleines Büchlein in abgeriebenem Ledereinband und war eben im Begriff, es ins Feuer zu werfen, als ich ihn mit plötzlicher Unbescheidenheit, über die ich selbst erstaunt war, fragte, was es sei. Er reichte mir das Buch. Ich blickte hinein und sah, daß es ein Notizbuch oder ein Tagebuch des Zarewitsch war. Die stärkste Leidenschaft aller Frauen, und meine insbesondere, die Neugierde, bewog mich zu einer noch größeren Unbescheidenheit: ich bat den Zarewitsch, mir dieses Tagebuch zum Lesen zu geben. Er überlegte es sich einen Augenblick, blickte mir scharf ins Gesicht und lächelte plötzlich mit seinem lieben, kindlichen Lächeln, das mir an ihm so gefällt. »Vertrauen gegen Vertrauen. Ich las Ihr Tagebuch, lesen sie das meine.« Er nahm mir aber das Wort ab, daß ich niemals und mit niemand über seine Aufzeichnungen sprechen werde und daß ich ihm das Buch morgen zur Verbrennung zurückgebe. Ich saß die ganze Nacht über diesem Buche. Es ist eigentlich ein alter russischer, in Kijew gedruckter Kalender. Der verstorbene Metropolit Dimitrij von Rostow, den man im Volke für einen Heiligen hält, hatte ihn im Jahre 1708 dem Zarewitsch geschenkt. Der Zarewitsch hatte seine Gedanken und Erlebnisse teilweise an den Seitenrändern und den weißen Stellen im Buche und teilweise auf einzelnen lose eingelegten und auch eingeklebten Blättern eingetragen. Ich entschloß mich, dieses Tagebuch abzuschreiben. Ich werde mein Wort halten: solange ich lebe, und solange der Zarewitsch lebt, wird niemand von seinen Aufzeichnungen erfahren. Sie dürfen aber nicht spurlos untergehen. Über den Sohn und den Vater wird Gott zu Gericht sitzen. Die Menschen haben aber den Zarewitsch verleumdet. Möge nun dieses Tagebuch, falls es zu den Nachkommen gelangt, ihn anklagen oder freisprechen, jedenfalls aber die Wahrheit enthüllen. II. Tagebuch des Zarewitsch Alexej. Segne, oh Herr, den Beginn in deiner Güte. * Als ich mich auf Befehl dessen, der mich geboren ( Anmerkung der Arnheim : so nennt der Zarewitsch seinen Vater), in Pommern zwecks Aufkaufs von Proviant aufhielt, hörte ich, daß der Metropolit von Rjasan Stephan in der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale zu Moskau den zarischen Ukas über die Fiskalen, d. h. die Angeber in weltlichen und geistlichen Angelegenheiten, und auch die übrigen der Kirche feindlichen Ukase des Zaren verurteilte und dem Volke zurief: »Wundert euch nicht, daß unser sturmreiches Rußland immer noch blutigen Stürmen ausgesetzt ist. So unendlich entfernt sind die menschlichen Satzungen von den Gesetzen Gottes.« Und die Herren Senatoren kamen zum Metropoliten und machten ihm Vorwürfe, daß er das Volk aufwiegele und die Ehre des Zaren verletze. Und man hinterbrachte das auch dem Zaren. Und ich riet dem von Rjasan, sich mit dem Vater zu versöhnen, was habe es für einen Vorteil, wenn sie einander befehdeten? Er möchte doch mit aller Kraft nach einer Versöhnung streben; denn wenn man ihn fallen ließe, werde es keinen andern wie er geben. Noch vor jener Predigt schrieben wir einander Briefe, wenn auch nicht oft und nur, wenn es sich um wichtige Angelegenheiten handelte. Als ich aber von jener Predigt hörte, gab ich die Korrespondenz mit ihm auf, besuchte ihn nicht mehr und ließ ihn nicht mehr vor, weil der, der mich geboren, ihn haßt, und der Umgang mit ihm mir gefährlich werden könnte. Man sagt, daß er das Amt, das er jetzt innehat, verlieren werde. Und jene Predigt schloß der von Rjasan mit einem Gebet zum heiligen Alexej, dem Manne Gottes, um meinetwillen: »Oh Heiliger Gottes! Vergiß nicht den, der mit deinem Namen getauft ist, den eifrigen Hüter der göttlichen Gebote und deinen fleißigen Nacheiferer, den Zarewitsch Alexej Petrowitsch. Du hast dein Haus verlassen; auch er irrt obdachlos umher. Dir wurden deine Diener und Untertanen, deine Freunde und Verwandten genommen: desgleichen ihm. Du bist ein Mann Gottes, auch er ist ein aufrechter Knecht Christi. Wir beten zu dir, du Heiliger, beschütze den, der mit deinem Namen getauft ist, unsere einzige Hoffnung, bedecke ihn mit deinen Fittichen wie deinen liebsten Nestling, wie einen Augapfel, daß ihm nichts Böses geschehe!« * Als ich mich auf Befehl dessen, der mich geboren, in fremden Landen zwecks Erlernung der Navigation, Fortifikation, Geometrie und der übrigen Wissenschaften aufhielt, hatte ich immer große Angst, ohne Beichte sterben zu können. Und ich schrieb darüber nach Moskau meinem Beichtvater Jakob folgendes: »Wir haben keinen Geistlichen mit uns genommen und können uns keinen verschaffen. Ich bitte also deine Ehrwürden, mir einen Popen in Moskau auszuwählen, der heimlich zu mir reist, nachdem er zuvor alle äußeren Abzeichen seiner Priesterwürde abgelegt hat: er muß Bart und Schnurrbart abrasieren, die Tonsur verwachsen lassen, oder den ganzen Kopf abrasieren, oder auch eine Perücke aufsetzen; auch muß er deutsche Kleidung anlegen und sich für meinen Diener ausgeben. Ich bitte dich sehr darum, Vater! Habe Erbarmen mit meiner Seele, laß mich nicht ohne Beichte sterben! Ich brauche den Priester nur für den Fall meines Todes, sowie auch, solange ich gesund bin, für die Beichte. Es wäre gut, wenn du dazu einen heimatlosen und unverheirateten jungen Priester bewegen könntest, der sich leicht von seinen Bekannten aus Moskau entfernen und wie spurlos verschwinden könnte. Über das Abrasieren des Bartes soll er sich keine Sorgen machen, denn in der Not ist es erlaubt, auch gegen das Gesetz zu handeln: es ist besser, die kleine Sünde auf sich zu nehmen, als eine Menschenseele ohne Beichte sterben zu lassen. Tue das ohne Aufschub; wenn du aber nicht die Gnade hast, dies zu tun, so wird Gott von dir Rechenschaft für meine Seele fordern.« * Als ich aus den fremden Landen zu dem, der mich geboren, nach Sankt Petersburg zurückkehrte, nahm er mich höchst gnädig auf und fragte mich, ob ich das, was ich gelernt, noch nicht vergessen hätte. Worauf ich ihm die Antwort gab, daß ich noch nichts vergessen hätte. Er befahl mir, ihm Zeichnungen von meiner Hand vorzulegen. Ich fürchtete aber, daß er mich zwingen könnte, vor seinen Augen zu zeichnen, was mir vielleicht nicht gelingen würde; daher beschloß ich, mir die rechte Hand ZU verstümmeln, damit ich mit ihr nichts tun könnte. Ich lud eine Pistole, nahm sie in die linke Hand und schoß sie gegen meine rechte Handfläche ab, um sie mit einer Kugel zu durchlöchern. Obwohl die Kugel an der Hand vorbeiflog, versengte ich sie mir doch recht schmerzhaft mit dem Pulver, die Kugel aber durchbohrte die Wand meiner Kammer, wo noch heute ein Loch zu sehen ist. Und der, der mich geboren, sah meine versengte Hand und fragte mich, wie das geschehen sei. Und ich sagte ihm etwas anderes, aber nicht die Wahrheit. * Kapitel VII, Artikel 63 des Kriegsstatuts lautet: »Wer sich selbst krank macht oder seine Glieder verstümmelt und zum Militärdienst untauglich macht, dem sollen die Nasenflügel aufgerissen werden und er selbst soll zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt werden.« * Kapitel XXII, Paragraph 6 des Gesetzbuches des Zaren Alexej Michailowitsch lautet: »Und wenn ein Sohn gegen seinen Vater Klage erhebt, so soll das Gericht seine Klage gar nicht untersuchen, sondern ihn mit der Knute bestrafen und dem Vater übergeben.« Ich finde dies nicht sehr gerecht: obwohl die Kinder dem Willen der Eltern unterliegen, sind sie doch kein stummes Vieh. Nicht nur das Natürliche allein – die Fähigkeit, ein Kind zu zeugen –, sondern auch die Tugend macht den Menschen zum Vater. * Ich hörte, daß der, der mich geboren, es nicht gerne sieht, wenn in Moskau neue Häuser errichtet werden, denn sein Wille ist, in Petersburg zu leben. * Es geht nicht, daß man an den Volkssitten etwas ändert. Wenn ein Land seine Sitten abändert, bleibt es nicht lange bestehen. Die russischen Leute haben das Wasser in ihren eigenen Gefäßen vergessen und fangen an, sich an fremdem, aufgerührtem Wasser zu berauschen. * Der Erzbischof von Nowgorod, Hiob, sagte mir: »Es wird für dich in Petersburg etwas Böses vorbereitet. Nur Gott allein kann dich erretten. Du wirst sehen, wie weit es bei euch noch kommen wird.« * Gott hat uns Sünder in die Gewalt der Ausländer gegeben; es fehlt nur noch, daß sie auf unsern Köpfen herumreiten. Wir sind dem Teufel der Ausländerei verfallen. Diese todbringende Krankheit – die tolle Liebe zu allen fremden Dingen und Völkern hat unser ganzes Volk durchseucht. Ganz richtig sagt der Prophet Baruch: »wenn du einen Fremden aufnimmst, richtet er dich zugrunde.« Die Deutschen prahlen damit und haben bereits ein Sprichwort: Wer sein Brot ohne Mühe essen will, der gehe nach Rußland. Sie nennen uns Barbaren und zählen uns mehr zum Vieh als zu den Menschen. Sie geben sich Mühe, uns in den Augen aller anderen Völker schlechter zu machen, als tote Hunde. Manche ihrer deutschen Einfälle könnte man ja auch abstellen. Obwohl sie sich um uns gar nicht bekümmern, halten wir es doch für unsere Pflicht, immer hinter ihnen herzulaufen. Und wir übersetzen alles aus dem Deutschen in unsere eigene Narrensprache. Wir erniedrigen uns selbst, unsere Sprache und unser Volk und machen uns zum Gespött aller Völker. * Die Reinheit der slawischen Sprache ist durch die fremden Sprachen mit Asche verschüttet. Ich weiß gar nicht, warum wir unbedingt Fremdworte gebrauchen müssen. Um zu prahlen? Das bringt aber wenig Ehre ein. Zuweilen sprechen wir so, daß weder wir selbst noch andere ein Wort davon verstehen können. * Setz dich nicht unter einen fremden Zaun; setz dich lieber in Brennesseln, aber unter deinen eigenen Zaun. Fremder Verstand reicht nur bis zur Schwelle. Wir müssen nach unserm eigenen Verstand leben. Was weit herkommt, scheint immer schön und gut; wenn man es aber in der Nähe besieht, so ist es nichts wert. * Die Deutschen sind in den Wissenschaften viel klüger als wir; im Scharfsinn stehen wir ihnen aber durch Gottes Gnade gar nicht nach, und sie beschimpfen uns ohne jeden Grund. Ich fühle, daß Gott uns gar nicht schlechter erschaffen hat als sie. * Ich zweifle sehr, ob das Wohl des Menschen wirklich auf der Wissenschaft beruht. In alten Zeiten hat man doch weniger gelernt, war aber glücklicher, als man es jetzt mit den vielen Wissenschaften ist. Trotz der größten Gelehrsamkeit kann man ein großer Geizhals sein. In einem verderbten Herzen ist die Wissenschaft eine gefährliche Waffe, um Böses zu tun. Man schont bei uns die Menschen nicht. Von den armen Untertanen werden die Tränen- und Blutsteuern auf eine tyrannische Art eingetrieben. Man hat Boden-, Seelen-, Kummet-, Bart-, Brücken-, Bienen-, Lade-, Leder- und zahllose andere Abgaben erdacht. Von einem einzigen Ochsen ziehen sie zwei und drei Felle ab und können doch kein einziges ganzes Fell abziehen; so sehr sie sich auch bemühen, reißen sie nur Fetzen ab. Aus diesem Grunde bringen alle diese Steuern nichts ein, die Menschen gehen aber zugrunde. Man sagt: laß dem Bauern das Fell nicht wachsen, sondern schere ihn kahl. Und auf diese Weise verwüstet man das ganze Reich. Die Verarmung des Bauernstandes ist die Verarmung des ganzen Landes. Unsere Regierenden sind imstande, sich wegen des Ausfalles von einem Groschen totzuärgern; wenn aber Tausende von Rubeln verlorengehen, regen sie sich gar nicht auf. Beim Gastmahle des Herodes verzehrt man Menschen und trinkt ihr Blut und ihre Tränen. Die Herren haben von allem genug, aber den armen Bauern fehlt oft eine Brotkrume. Die einen überessen sich, und die andern hungern. Das russische Volk ist bei der größten Armut angelangt. Und niemand sagt dem Zaren die Wahrheit, verloren ist unser Land! * Wir Russen brauchen kein Brot: wir fressen einander auf und werden satt. * Die Bojaren sind ein abgestorbener, vom Frost getöteter Baum. Die dicke Schicht der Bojaren verdeckt das Volk vor dem Zaren. Väterchen ist ja ein kluger Mensch, aber Menschikow betrügt ihn doch immer. * Die Regierenden sind vom Kleinsten bis zum Größten böswillig. Die alten Gesetze sind in Verfall geraten, und die neuen werden nicht befolgt. Wieviele neue Gesetze sind erlassen worden und welche Wirkung haben sie? Darum ist doch alles beim alten geblieben. Auch für die Zukunft erwarte ich nichts Gutes von den neuen Gesetzen. Als ich mich auf Befehl dessen, der mich geboren, im Nowgoroder Kreise aufhielt, um Schiffbauholz zu besorgen, sprach ich mit einem Bauern aus dem Dorfe Pokrowskoje, Iwan Possoschkow, über die Frage einer Reichsversammlung und eines Volksrates: man müßte Menschen aus allen Ständen und auch Bauern wählen, lauter verständige Männer, damit sie ein neues Gesetzbuch verfassen und es mit freier Stimme allen Völkern verkünden. Denn Gott hat den Menschen den Verstand in kleinen Brocken zugeteilt, einem jeden nach seiner Kraft. Auch durch den Mund der Unverständigen verkündet Er oft Seinen Willen und Seine Wahrheit. Es ist sündhaft, solche Leute herabzusetzen. Der Zar kann ohne den Rat von Vielen und ohne die Freiheit des Wortes gar nicht bestehen. * Vom Amte des Zaren. Der Zar soll sich nicht auf seinen Verstand verlassen, er soll sich um das Land und um das Volk, um die Provinzen und Dörfer bekümmern; mit Liebe, Einsicht, Sorgfalt und Schutz soll er seine geringsten Brüder in Christo behandeln, denn vor dem Jüngsten Gericht werden auch die Großen und Mächtigen gerichtet werden. Dem Geringen wird verziehen werden; den Mächtigen erwartet aber eine mächtige Strafe. Das alles muß ich immer vor Augen haben, wenn mich Gott zur Regierung kommen läßt. * Am Tage des Märtyrers Jewstafij feierten wir in großer Gesellschaft und tranken furchtbar viel. Sänger und Zymbelspieler waren auch dabei. Dem Shibanda wurde ein Auge verletzt, dem Sachljustka ein Zahn ausgebrochen. Ich kann mich an nichts mehr erinnern; bin mit großer Mühe von dort heimgekommen. Von den Gaben des Bacchus war ich sehr befriedigt. * In Roshdestwenno blieb ich allein zu Hause. Die Tage flossen wie Wasser dahin. Nichts als Stille. * Die Zeit vergeht, jeder Tag bringt mich dem Tode näher. Ich erkenne meiner Zeit Nichtigkeit und Fäule, Warte nur noch auf den Tod ohne Furcht und Eile. * War etwas betrunken. * Die mir verbundene ( Anmerkung der Arnheim : so nennt der Zarewitsch seine Gemahlin, die Kronprinzessin Charlotte) ist gesegneten Leibes. Jerjomka-Eros, du verdammter Gott! Von Jugend an bedrängen mich viele Leidenschaften. Ich beschuldige andere der Verruchtheit und bin dabei verruchter als alle. Afrossinja. Ich habe meine Freveltaten erkannt und meine Sünde nicht bedeckt, schwer lastet auf mir Deine Hand, oh Herr! Wie werde ich vor Dein Antlitz treten? Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, meine Seele sehnt sich nach dem Hause des Herrn. Mit dem Priester der Verkündigungskathedrale, meinem Beichtvater Jakob, zechte ich bis tief in die Nacht hinein, wir tranken nicht nach deutscher, sondern nach russischer Art. Wir waren zuletzt ordentlich betrunken. Afrossjka! Afrossjka! ( Anmerkung der Arnheim : es folgt ein unflätiges Schimpfwort). * Den Vers: »Feind des Kreuzes des Herrn« aus der Litanei zu Ehren des Sieges bei Poltawa sangen wir ganz öffentlich bei einem Trinkgelage in Gegenwart des Archimandriten des Alexander-Newskij-Klosters, Feodossij. * Ich kann den Vater nicht verstehen: warum liebt er diesen Fedoßka so sehr? Vielleicht, weil er lutherische Gebräuche einführt und dem Volke alles gestattet? Er ist ein wahrer Atheist, ein Feind des Kreuzes des Herrn! * Einen solchen Gauner habe ich noch niemals gesehen! Ein politischer Kopf, tut offen nichts Böses? man muß ihn mit der größten Vorsicht behandeln und ihn niemals offen bekämpfen, sondern heucheln, wenn man schon einmal das Unglück hat, unter seinem Kommando zu stehen. * Das Mitleid mit Deinem Haus verzehrt mich, oh Herr! Ich fürchte und zittere, daß das Christentum aus Rußland gänzlich verschwinden kann! * Der Erzketzer Fedoßka und andere seinesgleichen bekämpfen ganz offen die Kirche, schaffen die Fasten ab, stellen die Beichte und die Abtötung des Fleisches als ein Märchen hin, verspotten die Ehelosigkeit und freiwillige geistige Armut und verwandeln die beschwerlichen engen Pfade des strengen christlichen Lebens in breite und glatte Straßen. Sie predigen dreist ein ausschweifendes und zügelloses Leben, sehen nichts als Sünde an, halten alles für heilig und verführen mit ihrem Gebell die Liebhaber dieser Welt zu einem so furchtlosen und wollüstigen Leben, daß viele bereits den epikureischen Ansichten huldigen: iß, trink, freue dich, denn nach dem Tode gibt es keine Vergeltung. Sie nennen die frommen Ikonen – Götzenbilder und den Kirchengesang – ein Gebrüll von Ochsen. Sie vernichten die Kapellen; wo aber noch die Wände stehengeblieben sind, gestatten sie, Tabakbuden und Rasierstuben aufzumachen. Sie fahren die wundertätigen Ikonen auf schmutzigen Wagen unter stinkenden Bastmatten fort und beschimpfen sie vor dem ganzen Volke, sie erklären jeder Gottesfurcht und dem rechten Glauben den Krieg, doch auf die Weise und unter dem Vormunde, als ob sie nicht den Glauben, sondern nur den gottlosen und dem Christentum schädlichen Aberglauben ausrotten wollten, wieviele geistliche Männer sind schon unter diesem Vorwande zugrunde gerichtet, der geistlichen Würde entkleidet und zu Tode gemartert worden! Und wenn man sie fragt, wofür, bekommt man nur die eine Antwort zu hören: ein Irrgläubiger, ein Heuchler, ein Scheinheiliger. Wer die Fasten hält, ist ein Heuchler, wer betet – ein Scheinheiliger, wer die Ikonen verehrt – ein Frömmler. Sie tun das alles mit der Absicht, die rechtgläubige Geistlichkeit in Rußland gänzlich auszurotten und die neumodische lutherische und calvinistische priesterlose Religion einzuführen. Bei Gott, wer da den atheistischen Geist nicht riecht, der ist ganz gefühllos! * Wenn diese noch unbedeutende Wunde des Luthertums größer wird und den ganzen Körper ergreift, – wer kann sich vorstellen, was dann kommt! Wenn wir nur die Maische haben, werden wir auch das Bier erleben. * Sie haben das Kirchengeläute abgeändert. Sie läuten mit elenden Glocken, es klingt wie Feueralarm oder Sturmläuten. Und auch alles andere ist verändert. Sie malen die Ikonen nicht mehr auf Bretter, sondern auf Leinwand nach deutschen Modellen. Man sehe sich nur das neue Heilandbild »Emanuel« an: ganz wie ein feister, dicker Deutscher, in fleischlichem Sinne gemalt. Sie haben das feiste Fleisch liebgewonnen und das geistige verworfen. Sie bauen die Kirchen nicht mehr nach alter Sitte, sondern mit spitzen Türmen wie die ausländischen Kirchen, und es ist befohlen, auf den Glockentürmen Glockenspiele nach Art der lutherischen Orgeln einzurichten. Ach, mein armes Rußland! Warum strebst du nach deutschen Sitten und Taten? * Sie wollen auch das Mönchtum abschaffen. Man bereitet einen Ukas vor, daß in Zukunft niemand Mönch werden dürfe; die freien Stellen in den Klöstern sollen aber mit verabschiedeten Soldaten besetzt werden. Im Evangelium heißt es aber: »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.« Aber die Heilige Schrift gilt ihnen nichts. * Der Glaube ist zu einem Geistlichen Statut geworden, wie es ein Militärstatut gibt. Wie mag ein Gebet ausfallen, wenn man es auf Befehl und unter Androhung einer Strafe verrichtet? * »Bettler sind zu verhaften, grausam mit Ruten zu züchtigen und nach Sibirien zur Zwangsarbeit zu schicken, damit sie ihr Brot nicht unnütz essen.« So lautet ein Ukas des Zaren. Der Ukas Christi beim Jüngsten Gericht lautet aber: »Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Wahrlich, ich sage euch, was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.« So lehrt man durch die treffliche polizeiliche Verordnung, den Heiland zu beschimpfen; man züchtigt den himmlischen König in Gestalt der Bettler mit Ruten und schickt ihn auf die Zwangsarbeit. Das ganze russische Volk stirbt vor geistigem Hunger. Der Säemann sät nicht, und die Erde nimmt die Saat nicht auf; die Hirten hüten ihre Schafe nicht, und die Gemeinde kommt auf Abwege. Die Dorfpopen unterscheiden sich durch nichts von den Bauern: wenn der Bauer nach dem Pfluge greift, so tut auch der Pope dasselbe. Und die Christen sterben wie das Vieh. Die betrunkenen Popen führen vor dem Altare unflätige Reden und schimpfen mit dem Mutterschimpfwort. Um die Schultern tragen sie ein goldgesticktes Meßgewand und an den Füßen schmutzige Bastschuhe; die Hostien backen sie aus schwarzem Mehl; das allerheiligste Sakrament des Herrn bewahren sie in schmutzigen Gefäßen mit Wanzen, Grillen und Küchenschaben auf. Die Mönche sind der Trunksucht und dem Diebstahl verfallen. Der ganze Mönch- und Priesterstand verlangt nach einer gründlichen Besserung; vom wahren Mönchtum und Priestertum ist keine Spur mehr zu finden. Wir nehmen die Schande auf uns, daß wir weder unsern Glauben, wie er sein soll, noch die geistlichen Satzungen verstehen und beinahe wie das stumme Vieh dahinleben. Ich glaube, daß in Moskau kaum ein Mensch von hundert weiß, was der wahre christliche Glauben ist, oder wer Gott ist, wie man zu ihm beten und wie man seinen Willen tun soll. Kein einziges christliches Merkmal ist an uns zu finden, außer daß wir uns Christen nennen. * Alle sind Narren geworden. In Glaubenssachen schwanken wir wie ein Blatt des Baumes hin und her. Wir neigen verschiedenen seltsamen Lehren zu: die einen dem römischen, die andern dem lutherischen Glauben; wir sind auf beiden Knien lahm, wir sind getaufte Götzenanbeter. Wir haben die Brüste unserer Mutterkirche verschmäht und suchen nach andern – ägyptischen, ausländischen, ketzerischen Brüsten. Wie neugeborene junge Hunde, die man auf den Boden geworfen hat, irren wir nach verschiedenen Richtungen, und niemand weiß, wohin. * Im Tschudowkloster hat der Bilderstürmer, Barbier Fomka, die Ikone des wundertätigen Metropoliten Alexej mit einer eisernen Sichel in Stücke geschnitten, weil er, Fomka, die heiligen Ikonen, das lebenspendende Kreuz und die Reliquien der heiligen nicht anerkenne; die heiligen Ikonen und das lebenspendende Kreuz seien Werke von Menschenhand, und die Reliquien der Heiligen hätten ihm ihre Gnade noch niemals erwiesen; auch die Dogmen und Überlieferungen der Kirche könne er nicht hinnehmen; auch glaube er nicht, daß im heiligen Abendmahl der wahre Leib Christi enthalten sei: das Abendmahl bestünde einfach aus einer Hostie und Kirchenwein. Und der Metropolit von Rjasan, Stephan, tat diesen Fomka in den großen Kirchenbann und überlieferte ihn dem bürgerlichen Strafgericht: er ließ ihn auf dem Roten Platz in einem Holzverschlag verbrennen. Und die Herren Senatoren laden den Metropoliten nach Petersburg vor und zogen ihn zur Verantwortung. Den Ketzern gaben sie aber nach: den Lehrer Fomkas, den Bilderstürmer und Arzt, Mitjka Tweretinow, sprachen sie frei, den Metropoliten jagten sie aber mit Schimpf und Schande aus dem Gerichtssaale hinaus. Und er ging weinend fort und sprach: »Christus, unser Herr und Heiland! Du sagtest selbst: ›Wenn man Mich austreibt, wird man auch euch austreiben.‹ Nun treiben sie mich hinaus, doch nicht mich – Dich selbst treiben sie hinaus! Du siehst selbst, Allsehender, daß ihr Gericht ungerecht ist. Richte Du sie selbst.« Und als der Metropolit aus dem Staatsgebäude auf den Platz hinaustrat, hatte das ganze Volk Mitleid mit ihm und weinte. Und der, der mich geboren, zürnt nun dem Metropoliten noch mehr. * Die Kirche ist über das irdische Reich erhaben, heute herrscht aber das irdische Reich über die Kirche. Vorzeiten verbeugten sich die Zaren vor dem Patriarchen bis zur Erde. Heute unterschreibt aber der Verweser des Patriarchenstuhles seine Briefe an den Zaren: »Eurer Majestät Knecht und Fußschemel, der demütige Stephan, unwürdiger Hirte von Rjasan.« Das Haupt der Kirche ist zum Fußschemel für den Zaren geworden, die ganze Kirche ist versklavt. Dimitrij, der Metropolit von Rostow, war doch wahrlich ein heiliger Mann; als ihn aber der, der mich geboren, mit Ungarwein betrunken gemacht hatte und über die geistliche Politik auszufragen begann, konnte der heilige Greis ihm nichts entgegnen; er schwieg nur und bekreuzte immer den Zaren. So hielt er ihn sich nur durch das Zeichen des Kreuzes vom Leibe! * Gegen die Strömung des Flusses kann man nicht schwimmen, sagen die Väter; man kann nicht mit einer Peitsche gegen eine Axt ankämpfen. Wie haben aber die heiligen Märtyrer ihr Blut für die Kirche verspritzen können? * Die Erzbischöfe essen das Brot des Zaren; aber wes Brot ich esse, des Lied ich singe. * Die Bischöfe von einst waren die Fürbitter für das ganze russische Land; doch die heutigen Bischöfe verwenden sich niemals vor dem Zaren; im Gegenteil: sie sehen ihm alles nach und schänden so das fromme Amt des Zaren. * Wenn das Volk sündigt, kann der Zar Fürbitte im Himmel einlegen; aber wenn der Zar sündigt, kann das Volk ihn nicht losbeten. Für die Sünde des Zaren straft Gott das ganze Land. * Neulich sagte der Hirt von Rjasan im Rausche zu dem, der mich geboren: »Ihr Zaren, irdische Götter, gleicht dem Zaren des Himmels.« Und der Fürst-Papst, der betrunkene Narr, höhnte den Metropoliten: »Ich bin zwar nur unter den Narren Patriarch, würde aber ein solches Wort dem Zaren niemals sagen. Das Göttliche ist über das Zarische erhaben.« Und der Zar lobte den Narren. * Beim gleichen Trinkgelage, als die Bischöfe vom Witwenstande der Kirche und von der Not des Patriarchats sprachen, zog der, der mich geboren, im großen Zorne seinen Hirschfänger aus der Scheide, so daß alle erzitterten und meinten, er würde sie erdolchen, schlug mit der flachen Klinge auf den Tisch und schrie: »Da habt ihr den Patriarchen! Beides Zusammen – den Patriarchen und den Zaren!« * Fedoßka redet dem, der mich geboren, zu, daß die russischen Zaren von nun an den kaiserlichen Titel, d.h. den Titel der altrömischen Cäsaren annehmen sollen. * Beim Triumph von Poltawa im Jahre 1709 errichteten Männer geistlichen Standes auf dem Roten Platz zu Moskau eine Art altrömischen Tempel mit einem Opferaltar, den Tugenden des russischen Gottes Apollo und Mars, d. h. dessen, der mich geboren, gewidmet. Und auf jenem althellenischen Götzentempel stand die Inschrift: » Basis et fundamentum reipudlicae religio . – Die Grundlage und das Fundament des Staates ist der Glaube.« Welcher Glaube? Der Glaube an welchen Gott oder an welche Götter? Bei der gleichen Triumphfeier wurde auch die »Politische Apotheose des Allrussischen Herkules«, d.h. dessen, der mich geboren, dargestellt, wie er viele Tiere und Menschen erschlägt und nach Vollbringung dieser Heldentaten in dem von Adlern gezogenen Wagen des Jupiter die Milchstraße hinauf in den Himmel fliegt. Darunter die Inschrift: »Viamque effectat Olympo.« »Er erstrebt den Weg zum Olymp.« Und in einem vom Hieromonach Joseph, dem Präfekten der Akademie, über diese Apotheose verfaßten Büchlein heißt es: »Man beachte, daß dies weder ein Tempel noch eine zu Ehren irgendeines Heiligen erbaute Kirche, sondern ein politisches, d. h. bürgerliches Lob ist.« * Fedoßka redet dem, der mich geboren, zu, er möge im Ukas über die Gründung des neuen geistlichen Kollegiums, des heiligen Synods, vielleicht auch in der Eidesformel selbst dem ganzen Volke erklären: »Der Name des Selbstherrschers als der des Oberhauptes und des Vaters des Vaterlandes ist, wie der Name Christi in Ehren zu halten.« * Die Menschen wollen Gott den Ruhm und Christo, dem ewigen und einzigen Könige aller Könige, die Ehre rauben. Auch in der Sammlung der römischen Gesetze kann man die frevelhaften und lästerlichen Worte lesen: »Der römische Herrscher ist der Herr der ganzen Welt.« * Wir bekennen und glauben, daß Christus allein der König aller Könige und der Herr aller Herren ist und daß es keinen Menschen gibt, der Herr über die ganze Welt wäre. * Der Stein, der ohne Hände vom Berge herabgerissen ward, Jesus Christus, hat das Römische Reich geschlagen und zerstört und seine tönernen Füße zu Staub zermalmt. Wir wollen aber das, was Gott zerstört hat, neu errichten und wieder aufbauen, heißt das nicht, gegen Gott kämpfen? * Siehe die römische Geschichte. Kaiser Kaligula sagte: »Dem Kaiser ist alles erlaubt. Omnia licent.« Nicht nur den römischen Cäsaren, sondern auch allen Schelmen und Knechten und auch dem vierfüßigen Vieh ist alles erlaubt. * Nebukadnezar, der König von Babylon, sprach: »Ich bin Gott.« Er wurde aber nicht zu Gott, sondern zu einem Vieh. * Auf dem Wassiljewskij-Ostrow wohnt im Hause der Zarin Praskowja Matwejewna der heilige Greis Timofej Archipytsch, die Zuflucht der Verzweifelten, die Hoffnung der Enttäuschten, ein Narr für die Welt, aber nicht für sich selbst. Ihm ist jedes menschliche Gewissen offenbar. Neulich fuhr ich nachts zu ihm hin und sprach mit ihm. Archipytsch sagte mir, der Antichrist sei ein falscher Zar und ein wahrer Knecht. Und dieser Knecht nahe schon. * Ich las des Metropoliten von Rjasan »Vorzeichen der Ankunft des Antichrist« und erzitterte vor diesem nahenden Knechte. Zu Moskau verbrannte man den Grigorij Talitzkij, weil er zum Volke von der Ankunft des Antichrist gesprochen hatte. Talitzkij war ein Mann von großem Verstand. Auch der Hauptmann der Dragoner, mein Reisegenosse im Jahre 1711 von Lemberg nach Kijew, Wassilij Lewin, und des durchlauchtigsten Fürsten Menschikow Beichtvater, der Pope Lebedka und der Schreiber Larion Dokukin und auch viele andere denken ebenso über den Antichrist. In den Wäldern und Wüsten verbrennen sich die Menschen selbst aus Furcht vor dem Antichrist. * Von außen sind wir kampfbereit; innerlich sind wir voller Angst. Ich sehe, daß wir an allen Ecken und Enden zugrunde gehen und von keiner Seite Hilfe und Rettung erwarten können. Wir beten und fürchten uns. Soviele Sünden, soviele Gewalttaten schreien zum Himmel und rufen nach dem Zorn und der Rache Gottes! * Das Geheimnis der Gottlosigkeit geht in Erfüllung. Die Zeit ist gekommen. Wir stehen auf dem Berge der Frevel und haben nicht den geringsten Glauben. * Irgendein Raskolnik hat das heilige Sakrament Christi auf den Boden gespuckt und mit Füßen getreten. * Bei der Stadt Ljubetsch zogen vom Mittag zur Mitternacht Heuschrecken vorbei, und auf ihren Flügeln stand geschrieben: »Zorn Gottes.« * Die Tage sind kurz und trüb. Die alten Leute sagen, daß auch die Sonne nicht mehr so wie früher scheine. * Wir tranken heute viel Schnaps. Gott sei unser Zeuge, daß wir nur aus Angst trinken, um uns selbst zu vergessen. * Eine tödliche Angst hat mich befallen. Das Ende steht vor der Türe, die Axt liegt an der Wurzel, die Hippe des Todes hängt über dem Haupte. * Errette, Herr, das russische Land! Stehe uns bei und erbarme dich unser, Allerreinste Muttergottes! * Gut, sagte der heilige Simeon, der Narr in Christo, vor seinem Tode zu seinem Freunde, dem Diakon Johannes: »Unter den einfachen Menschen und Bauern, die in der Unschuld und Einfalt ihrer Herzen leben, niemanden beleidigen, von ihrer Hände Arbeit und im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot essen, – unter diesen gibt es viele große Heilige; denn ich sah sie oft, wie sie in die Stadt kamen, um das Abendmahl zu empfangen, und sie waren lauter wie Gold.« * Oh Menschen, ihr Märtyrer dieser letzten Zeiten, in euch wohnt Christus wie in seinen Gliedern. Der Herr liebt die Weinenden, – ihr aber seid immer in Tränen. Der Herr liebt die Hungernden und Dürstenden, – ihr aber habt fast nichts zu essen und zu trinken, und mancher von euch hat nicht einmal die Hälfte des Brotes, das er braucht. Der Herr liebt die schuldlos Leidenden, – eure Leiden kann man aber gar nicht aufzählen, und bei manchen von euch hängt die Seele nur noch ganz locker am Körper. Ermattet nicht vor Leiden, sondern danket eurem Heiland, denn er wird nach seiner Auferstehung zu euch als Gast kommen: und nicht nur als Gast, sondern um für alle Ewigkeit bei euch zu bleiben. Christus ist in euch und wird ewig in euch bleiben, ihr aber sprecht: Amen! III. Tagebuch der Hofdame Arnheim. Mit diesen Worten schließt das Tagebuch des Zarewitsch Alexej. Er warf es vor meinen Augen ins Feuer. 31. Dezember 1715. Heute starb die letzte russische Zarin, Marfa Matwejewna, die Witwe des Zaren Fjodor Alexejewitsch, Peters Stiefbruders. An den fremden Höfen hielt man sie längst für tot; seit dem Tode ihres Gemahls lebte sie zweiunddreißig Jahre lang in geistiger Umnachtung, wie eine Gefangene in ihren Gemächern und zeigte sich keinem Menschen. Sie wurde in der Abenddämmerung unter großem Prunk beigesetzt. Der Trauerzug ging zwischen zwei Reihen von Fackeln, die auf dem ganzen Wege vom Hause der Entschlafenen – sie hatte neben uns, bei der Kirche der Muttergottes »aller Leidenden Freude« gewohnt – bis zur Peter-Pauls-Kathedrale, über die zugefrorene Newa aufgestellt waren. Auf dem gleichen Wege wurde vor mehr als zwei Monaten die Leiche Ihrer Hoheit auf einer Trauerfregatte überführt. Damals wurde die erste ausländische Zarewna beerdigt; heute aber die letzte russische Zarin. An der Spitze des Zuges ging die Geistlichkeit in reichen Ornaten mit Kerzen und Weihrauchfässern, Trauerlitaneien singend. Der Sarg stand auf einem Schlitten. Hinter dem Schlitten trug der Geheime Rat Tolstoi die edelsteinbesetzte Krone. Bei dieser Beerdigung wurde auf Befehl des Zaren zum erstenmal mit der altrussischen Sitte der Totenklagen gebrochen: es war allen strengstens verboten, während der Beerdigung laut zu weinen. Alle gingen schweigend. Der Abend war still. Man hörte nur das Knistern der Pechfackeln, das Knirschen des Schnees unter den Füßen und den Gesang der Priester. Diese stumme Prozession flößte ein stilles Grauen ein. Es war uns, als ob wir selbst als Tote, auf dem Eise gleitend, der Entschlafenen in die ewige schwarze Finsternis folgten. Es war uns auch, als ob in der Person der letzten russischen Zarin das neue Rußland das alte, Petersburg – Moskau, zu Grabe trüge. Der Zarewitsch, der die Verstorbene wie eine Mutter geliebt hatte, war von ihrem Tode schwer erschüttert. Er sah diesen Tod als ein übles Vorzeichen für sich und sein ganzes Schicksal an. Während der Trauerfeier flüsterte er mir einigemal ins Ohr: »Jetzt ist alles zu Ende!«   1. Januar 1716. Morgen früh reise ich mit den beiden Baronen Löwenwolde aus Petersburg über Riga und Danzig nach Deutschland. Ich verlasse Rußland für immer. Es ist meine letzte Nacht unter dem Dache des Zarewitsch. Gegen Abend besuchte ich ihn, um von ihm Abschied zu nehmen. Beim Abschied gewann ich die Überzeugung, daß ich ihn liebgewonnen hatte und ihn niemals vergessen würde. »Wer weiß,« sagte er mir, »vielleicht sehen wir uns doch wieder. Ich wünschte gerne wieder einmal als Gast zu Ihnen nach Europa zu kommen. Ich liebe die dortige Landschaft. So schön ist es bei Ihnen, so frei und lustig.« »Warum fahren Sie nicht hin, Hoheit?« Er seufzte schwer auf: »Ich käme gerne ins Paradies, aber meine Sünden lassen mich nicht hinein.« Mit seinem gutmütigen Lächeln fügte er noch hinzu: »Der Herr sei mit Ihnen, Fräulein Juliane! Denken Sie nicht schlecht von mir, grüßen Sie von mir die europäischen Länder und Ihren alten Leibniz. Vielleicht hat er auch recht: so Gott will, werden wir einander nicht auffressen, sondern einander dienen!« Er umarmte und küßte mich zärtlich wie ein Bruder. Ich mußte weinen, vor dem Weggehen wandte ich mich noch einmal nach ihm um und sah ihn zum letztenmal an; und wieder krampfte sich mein herz in einer bangen Vorahnung zusammen, wie an jenem Tage, als ich im dunklen prophetischen Spiegel die vereinigten Antlitze Charlottens und Alexejs sah und das Gefühl hatte, daß sie beide zu einem großen Leid verurteilte Opfer seien. Sie war zugrunde gegangen. Nun war die Reihe an ihm. Und ich dachte auch daran, wie er am letzten Abend in Roshdestwenno oben auf dem Taubenschlage über dem schwarzen, gleichsam verkohlten Walde, sich gegen den blutroten Himmel abhebend, gestanden hatte, ganz in weiße Taubenflügel wie in ein Kleid gehüllt. So bleibt er für immer in meinem Gedächtnisse. Ich hörte sagen, daß Gefangene, die man freigelassen hat, sich manchmal nach ihrem Kerker zurücksehnen. Etwas Ähnliches empfinde ich jetzt Rußland gegenüber. Ich begann dieses Tagebuch mit einem Fluch. Ich will es aber mit einem Segenswunsche beschließen. Ich sage nur das, was vielleicht viele Europäer gesagt hätten, wenn sie Rußland besser kennten: ein geheimnisvolles Land, ein geheimnisvolles Volk. Viertes Buch. Die Überschwemmung.   I. Bei der Gründung Petersburgs warnte man den Zaren, daß der Ort wegen der sich ständig wiederholenden Überschwemmungen unbewohnbar sei, daß vor zwölf Jahren das ganze Land bis Nienschanz überschwemmt gewesen sei und daß ähnliche Katastrophen fast alle fünf Jahre wiederkehrten; die Urbewohner der Newa-Mündung hätten sich niemals dauerhafte Häuser, sondern nur kleine Hütten gebaut; und wenn sie aus verschiedenen Anzeichen eine Überschwemmung erwarteten, hätten sie ihre Hütten niedergerissen, die Balken und Bretter zu Flößen verbunden, diese an die Bäume befestigt und sich selbst auf den Berg von Puderhof gerettet. Peter hielt aber die neue Stadt eben wegen dieses Überflusses an Wasser für ein »Paradies«. Er selbst liebte das Wasser wie ein Wasservogel und hoffte, auch seine Untertanen hier schneller als anderswo ans Wasser gewöhnen zu können. Ende Oktober 1715 begann das Eis sich zu stellen, es bildete sich ein Schlittenweg, und man erwartete einen frühen und ordentlichen Winter. Aber plötzlich begann es zu tauen. In einer einzigen Nacht war alles wieder geschmolzen. Der Wind brachte vom Meer einen feuchten, dumpfen, gelben Nebel, von dem die Menschen krank wurden. »Ich bete zu Gott, daß er mich aus diesem dem Untergänge geweihten Orte herausbringe,« schrieb ein alter Bojare nach Moskau. »Ich fürchte ernstlich, hier zu erkranken seitdem es taut, ist die Luft von einem so durchdringenden Geruch und einem so dichten Nebel erfüllt, daß man unmöglich sein Haus verlassen kann? viele Leute sterben in diesem Paradiese von der schlechten Luft.« Der Südwestwind hielt ununterbrochen neun Tage an. Das Wasser der Newa stieg. Einigemal schien eine Überschwemmung zu beginnen. Peter erließ Ukase, in denen den Bewohnern befohlen wurde, ihre habe aus den Kellerwohnungen zu schaffen, Boote bereitzuhalten und das Vieh auf höher gelegene Plätze zu treiben. Aber jedesmal fiel das Wasser wieder. Der Zar merkte, daß seine Ukase das Volk beunruhigten, und da er aus nur ihm allein bekannten Anzeichen schloß, daß keine allzu große Überschwemmung kommen würde, schenkte er dem Steigen des Wassers keine Beachtung mehr. Am 6. November sollte die erste Assemblee dieses Winters im Hause des Präsidenten des Admiralitätskollegiums, Fjodor Matwejewitsch Apraxin, auf dem Kai, der Admiralität gegenüber, neben dem Winterpalais stattfinden. Am Tage vorher war das Wasser wieder gestiegen. Erfahrene Leute prophezeiten, daß diesmal ein ernsthaftes Unglück kommen werde. Man teilte auch die Anzeichen mit: die Küchenschaben wären im Schlosse aus dem Keller auf den Dachboden gekrochen; die Mäuse hätten die Mehlspeicher verlassen; die Zarin hätte im Traume Petersburg von einer Feuersbrunst ergriffen gesehen: eine Feuersbrunst bedeute aber im Traume immer eine Überschwemmung. Sie hatte sich nach ihrer Entbindung noch nicht vollkommen erholt und konnte daher ihren Gemahl zur Assemblee nicht begleiten; sie flehte ihn aber an, er möchte nicht hinfahren. Peter las in allen Blicken jene alte Furcht vor dem Wasser, gegen die er sein Leben lang vergeblich gekämpft hatte: »Das Unglück kommt vom Meere, das Ungemach vom Wasser; wo Wasser ist, da ist auch die schwere Not; auch der Zar kann dem Wasser nicht Halt gebieten.« Man warnte ihn von allen Seiten, man ließ ihm keine Ruhe und setzte ihm so zu, daß er schließlich verbot, auch nur ein Wort von der Überschwemmungsgefahr zu sprechen. Den Oberpolizeimeister Devier hätte er beinahe mit seinem Stocke durchgeprügelt. Irgendein Bauer brachte die ganze Stadt in Aufruhr, indem er prophezeite, daß das Wasser die hohe Erle, die am Newaufer bei der Dreifaltigkeitskirche stand, bedecken würde. Peter befahl die Erle zu fällen und den Bauer an derselben Stelle unter Trommelwirbel und »eindringlicher Verwarnung« an das Volk mit der Knute zu bestrafen. Kurz vor der Assemblee kam Apraxin zum Zaren und bat ihn um Erlaubnis, das Fest in seinem großen Hause und nicht, wie es früher üblich war, im kleinen Nebengebäude veranstalten zu dürfen, das sich im Hofe befand und mit dem Hauptgebäude durch eine schmale Glasgalerie verbunden war; im Falle eines plötzlichen Steigens des Wassers konnte diese Galerie gefährlich werden, weil die Gäste von der Treppe, die ins obere Geschoß führte, abgeschnitten sein würden. Peter wurde für einen Augenblick nachdenklich, bestand aber doch auf seinem Willen und befahl, die Assemblee wie sonst im Seitenflügel abzuhalten. »Die Assemblee,« hieß es im Ukas des Zaren, »ist eine ungezwungene Versammlung und dient nicht nur zum Zeitvertreib, sondern auch zur Erledigung ernster Angelegenheiten.« »Der Gastgeber ist weder verpflichtet, die Gäste zu empfangen, noch sie hinauszubegleiten oder zu bewirten.« »Die Besucher einer Assemblee dürfen nach Belieben sitzen, herumgehen oder spielen; es ist bei Strafe des Großen Adlers verboten, irgendwem Zwang anzutun oder etwas zu verbieten, oder durch Aufstehen, Hinausbegleiten oder ähnliche Zeremonien Ehre zu erweisen.« Die beiden Räume – in dem einen wurde gegessen und getrunken, in dem andern getanzt – waren sehr geräumig, hatten aber außerordentlich niedrige Decken. Im ersten Zimmer waren die Wände wie in einer holländischen Küche mit blauen Kacheln bekleidet; auf den Wandborten stand Zinngeschirr; der Backsteinfußboden war mit Sand bestreut, und der riesengroße Kachelofen tüchtig eingeheizt. Auf einem der drei langen Tische stand der Imbiß: die von Peter bevorzugten Flensburger Austern, gesalzene Zitronen und Sprotten; auf einem zweiten – Dame- und Schachbretter; auf dem dritten – Tabakspäckchen, Körbe voller Tonpfeifen und Berge von Holzspänen zum Anzünden. Die Talgkerzen brannten trübe in den Rauchwolken. Das niedrige überfüllte Zimmer erinnerte an einen Schifferkeller irgendwo in Plymouth oder Rotterdam. Die Ähnlichkeit wurde durch die Menge englischer und holländischer Schiffermeister noch vervollständigt. Ihre rotbackigen, dicken, glatten, gleichsam lackierten Frauen saßen mit Wärmflaschen unter den Füßen, strickten Strümpfe, plauderten und fühlten sich offenbar wie zu Hause. Peter rauchte aus einer kurzen Tonpfeife Knaster, trank ein Gemisch aus warmem Bier, Kognak, Kandiszucker und Zitronensaft und spielte Dame mit dem Archimandriten Fedoß. Ängstlich gekrümmt und wie ein schuldbewußter Hund schleichend, näherte sich dem Zaren der Oberpolizeimeister Anton Manuilowitsch Devier, ein Portugiese oder, wie andere meinten, ein Jude, mit weibischem Gesicht und jenem süßlichen und schwächlichen Gesichtsausdruck, den zuweilen die Südländer haben. »Das Wasser steigt, Majestät.« »Wieviel?« »Zwei Fuß neun Zoll.« »Und der Wind?« »Westsüdwest.« »Du lügst! Soeben habe ich selbst nachgesehen: es ist Südwestsüd.« »Der Wind ist umgeschlagen,« entgegnete Devier mit einem solchen Ausdruck, als ob er für die Windrichtung verantwortlich wäre. »Macht nichts,« sagte Peter entschlossen, »das Wasser wird bald wieder fallen. Das Barometer deutet auf Abnahme des Luftdruckes. Das Barometer betrügt mich nicht!« Er glaubte an die Unfehlbarkeit des Barometers ebenso unerschütterlich wie an jede Mechanik. »Geruhen Majestät nichts zu befehlen?« flehte Devier. »Ich weiß gar nicht, was ich anfangen soll. Man hat große Angst. Erfahrene Leute meinen...« Der Zar sah ihn scharf an. »Einen von diesen Erfahrenen habe ich bei der Dreifaltigkeitskirche durchprügeln lassen; auch dir steht dasselbe bevor, wenn du mich nicht in Ruhe lässest. Mach, daß du fortkommst, Dummkopf!« Devier krümmte sich zusammen wie die freundliche Hündin Lisette, wenn man ihr mit einem Stock drohte, und verschwand. »Was sagst du also, heiliger Vater, zu diesem ungewöhnlichen Glockengeläute?« wandte sich Peter an Fedoß, indem er das Gespräch wieder aufnahm; die Rede war von dem kürzlich eingelaufenen Bericht, daß in Nowgorod die Kirchenglocken nachts auf eine unerklärliche Weise ganz von selbst dröhnten; der Volksmund behauptete, daß dieses Dröhnen auf ein nahendes Unglück hinweise. Fedoßka strich sich seinen schütteren Bart, spielte mit dem Brustmedaillon, das auf der einen Seite ein Kruzifix und auf der anderen ein Bildnis des Zaren trug, schielte nach dem Zarewitsch Alexej, der in seiner Nähe saß, und kniff gleichsam zielend ein Auge zu; plötzlich nahm sein winziges Gesichtchen, das Gesicht einer Fledermaus, einen ungemein schlauen Ausdruck an. »Was jenes stumme Dröhnen die Menschen lehren soll, kann ein jeder, der Verstand hat, selbst begreifen: es ist klar, daß es vom Bösen kommt; der Satan weint, daß sein Zauber aus den russischen Völkern, aus den Besessenen, den Raskolniki und den scheinheiligen Greisen, um deren Besserung Eure Majestät so sehr besorgt sind, ausgetrieben wird.« Fedoßka brachte die Rede auf sein Lieblingsthema und begann von der Schädlichkeit des Mönchtums zu sprechen. »Die Mönche sind Tagediebe. Sie fliehen vor den Steuern, um ihr Brot umsonst zu essen, welchen Nutzen hat die Gemeinschaft davon? Sie verachten ihren früheren bürgerlichen Stand und schieben ihn der Eitelkeit dieser Welt zu? Sie sagen auch immer: Wer ins Kloster geht, hat vorher dem irdischen Zaren gedient und will nun dem himmlischen Zaren dienen. In ihren Einöden leben sie wie das Vieh. Sie überlegen sich gar nicht, daß ein wirkliches Einsiedlerleben in Rußland des kalten Klimas wegen unmöglich ist.« Alexej merkte, daß Fedoß mit den »Scheinheiligen« auf ihn anspielte. Er erhob sich. Peter warf ihm einen Blick zu und sagte: »Bleib sitzen.« Der Zarewitsch setzte sich demütig hin und schlug, wie er selbst fühlte, mit einem hippokratischen Gesicht die Augen nieder. Fedoßka war im Schwunge; durch die Aufmerksamkeit des Zaren, der sein Notizbuch zur Hand genommen hatte und Notizen für geplante Ukase machte, ermutigt, schlug er immer neue Maßregeln vor, die scheinbar die Besserung, tatsächlich aber, wie es dem Zarewitsch schien, die gänzliche Ausrottung des Mönchtums in Rußland bezweckten. »In den Mönchsklöstern soll man nach dem Reglement Hospitäler für gediente Dragoner errichten, auch Schulen für Rechnen und Geometrie: in den Nonnenklöstern – Bewahranstalten für uneheliche Kinder; die Nonnen sollen sich durch Spinnen für die Manufakturen ernähren ...« Der Zarewitsch gab sich Mühe, nichts zu hören; einzelne Worte klangen ihm aber wie gebieterische Zurufe in den Ohren: »Der Verkauf von Honig und Öl in den Kirchen ist strengstens zu verbieten. Das Lichtanzünden vor Ikonen, die außerhalb der Kirchen stehen, ist zu untersagen. Die Kapellen sind niederzureißen. Neue Reliquien sind nicht zu kanonisieren. Bettler sind zu verhaften und grausam mit der Knute zu züchtigen ...« Die Fensterläden erbebten unter dem Anprall des Windes. Ein Lufthauch flog durchs Zimmer und ließ die Flammen der Kerzen erzittern. Es war, als ob eine riesige feindliche Macht das Haus stürmen wollte. Alexej fühlte in Fedoßkas Worten die gleiche böse Macht, den gleichen Sturmwind vom Westen. Im zweiten, als Tanzsaal dienenden Zimmer waren die Wände mit gewebten Tapeten überzogen; in den Zwischenräumen zwischen den Fenstern hingen Spiegel; in Messingleuchtern brannten Wachskerzen. Auf einem kleinen Podium saßen die Spielleute mit ihren ohrenbetäubenden Blasinstrumenten. Die mit dem allegorischen Bild »Die Fahrt nach der Insel der Cythere« geschmückte Decke war so niedrig, daß die nackten Amoretten mit den dicken Waden und Schenkeln beinahe die Perücken der Tanzenden berührten. Die Damen saßen während der Tanzpausen stumm und starr da; wenn sie tanzten, hüpften sie wie aufgezogene Puppen; auf alle Fragen antworteten sie mit einem »Ja« oder »Nein«; wenn man ihnen Komplimente machte, warfen sie wilde Blicke um sich. Die Töchter schienen an die Röcke der Mütter angenäht zu sein; und auf den Gesichtern der Mütter stand geschrieben: »Lieber würden wir unsere Töchter ins Wasser werfen, als sie zu diesen Assembleen bringen!« William Iwanowitsch Mons sagte zu derselben Nastenjka, die in einen Gardemarin verliebt war und während des Venusfestes im Sommergarten über seinen Brief geweint hatte, Komplimente, die er aus einem deutschen Buche übersetzte: »Durch den häufigen Anblick Ihrer an einen reizenden Engel gemahnenden Gestalt ist in mir ein so heißes Verlangen, ihre Bekanntschaft zu machen, entbrannt, daß ich dasselbe nicht länger verheimlichen kann und es Ihnen mit der Ihrer würdigen Ehrfurcht enthüllen muß. Ich wünschte von Herzen, daß sie in mir eine gewandte Person finden möchten, die imstande wäre, Ihnen, meine Dame, durch ihre Sitten und angenehme Konversation volle Befriedigung zu verschaffen; da aber meine Natur zu solchem Zeitvertreib wenig geeignet ist, haben Sie die Gnade, sich mit meiner ergebensten Treue und Dienstfertigkeit zu begnügen ...« Nastenjka hörte gar nicht zu; seine eintönig summenden Worte schläferten sie ein. Später klagte sie ihrer Tante über ihren Kavalier: »Manches von dem, was er sagt, klingt wie Russisch; aber man kann mich ermorden, wenn ich auch nur ein Wort von ihm verstehe.« Der Sekretär des französischen Gesandten, der Sohn eines Moskauer Kanzleibeamten, Juschka Proskurow, der lange Zeit in Paris gelebt und sich dort in Monsieur Georges und einen vollkommenen Petitmaitre und Galanthomme verwandelt hatte, sang den Damen das neueste Pariser Couplet vom Perückenmacher und der Straßendirne Dodun: La Dodun dit à Frison: Coiffez-moi avec adresse. Je prétends avec raison Inspirer de la tendresse. Tignonnez, tignonnez, bichonnez-moi! Er rezitierte auch russische Verse über die Vorzüge des Pariser Lebens: Oh, herrliche Stadt am Seinestrande, Wo Bauernsitten gelten als Schande, Wo Götter und Göttinnen frei sich bewegen, Wo feine Sitte herrscht allerwegen – Niemals, solange ich lebe auf Erden, Wird die Stadt von mir vergessen werden! Die alten Moskauer Bojaren, Feinde der neuen Sitte, saßen in einiger Entfernung, wärmten sich am Ofen und unterhielten sich in halben Andeutungen und Rätseln: »Wie gefällt dir, mein Herr, das Petersburger Leben?« »Daß euch und euer Leben der Teufel hole! Die verfluchten deutschen Kunststücke! Von den hiesigen Komplimenten und Knicksen und den ausländischen Speisen ist mir ganz schwarz vor den Augen.« »Was soll man machen, Bruder? Man kann doch nicht auf den Himmel hinaufspringen oder sich in die Erde vergraben.« »Man plagt sich eben ab, bis man ins Grab kommt.« »Zerbrich nicht, sondern biege dich.« »Ach weh, mir schmerzen so die Seiten, ich darf mich aber nicht hinlegen.« Mons flüsterte Nastenjka ein eben verfaßtes Gedichtchen ins Ohr: Ohne die Freuden der Liebe Sind düster und bitter die Tage. Wir seufzen, daß ewig sie bliebe Und goldene Flüchte trage. Wozu soll man leben, Wenn nicht, um nach Liebe zu streben? Plötzlich kam es Nastenjka vor, als ob die Zimmerdecke wie bei einem Erdbeben schwankte und die nackten Amoretten ihr auf den Kopf fielen. Sie schrie laut auf. William Iwanowitsch suchte sie zu beruhigen: es wäre der Wind; die an die Decke angenagelte Leinwand mit dem Bilde war vom Wind wie ein Segel aufgeblasen und zitterte. Wieder dröhnten die Fensterläden, diesmal aber so laut, daß sich alle erschrocken umsahen. Nun erklang aber die Polonaise, die Paare wirbelten dahin, und die Musik übertönte den Sturm. Nur die fröstelnden alten Herren am Ofen hörten noch den Wind im Schornstein heulen; sie tuschelten, seufzten und schüttelten die Köpfe; in den Tönen des Sturmes, der durch die Tanzmusik hindurch noch unheimlicher klang, hörten sie die Worte: »Das Unglück kommt vom Meere, das Ungemach vom Wasser.« Peter setzte sein Gespräch mit Fedoßka fort und fragte ihn wegen der Ketzerei der Moskauer Bilderstürmer, Fomkas, des Barbiers und Mitjkas, des Arztes. Die beiden Ketzer stützten sich bei der Verbreitung ihrer Irrlehren auf die Ukase des Zaren: »Heute ist es bei uns in Moskau einem jeden freigestellt,« sagten sie, »sich zu dem Glauben zu bekennen, den er sich erwählt hat.« »Aus der Lehre Fomkas und Mitjkas folgt,« sagte Fedoß mit einem so zweideutigen Lächeln, daß man im Zweifel war, ob er die Ketzerei verurteilte oder billigte, »daß der wahre Glaube aus den heiligen Schriften und guten Werken und nicht aus Wundern und menschlichen Überlieferungen erkannt wird. Man kann bei jedem Glauben selig werden, wie auch der Apostel sagt: Der Gerechte in jedem Volke ist Gott gefällig.« »Sehr richtig,« bemerkte Peter, und das Lächeln des Mönches spiegelte sich im gleichen Lächeln des Zaren wider: sie verstanden einander auch ohne Worte. »Von den Ikonen sagen sie aber, daß es Werke von Menschenhand und Götzenbilder seien,« fuhr Fedoß fort. »Wie könnten angestrichene Bretter Wunder tun? Wenn man eine solche Ikone ins Feuer werfe, verbrenne sie wie jedes andere Holz. Nicht vor den Ikonen, sondern vor Gott solle man sich bis zur Erde verneigen. Und wer hätte ihnen, den Heiligen Gottes, so lange Ohren gegeben, daß sie vom Himmel herab die Gebete der Erdenbewohner hören könnten? Und wenn man jemandes Sohn mit einem Messer oder Stock ermordet, sagen sie, wie kann dann der Vater des Ermordeten dieses Messer oder diesen Stock lieben? Wie kann auch Gott das Holz, auf dem sein Sohn gekreuzigt wurde, lieben? Auch fragen sie, warum die Gottesmutter so verehrt werde. Sie gleiche einem gewöhnlichen Sack, der mit Edelsteinen und Perlen angefüllt gewesen sei; und wenn diese Edelsteine aus dem Sacke herausgeschüttet sind, welche Wertschätzung und Ehre verdient dann noch der Sack? Und vom Sakrament des heiligen Abendmahls sagen sie: wie kann Christus bei allen Gottesdiensten, die auf der Welt zu jeder Stunde abgehalten werden, zerbröckelt, verteilt und verzehrt werden? Wie kann das Brot durch die Gebete der Popen in den heiligen Leib des Herrn verwandelt werden? Unter den Popen gäbe es doch allerhand Leute: Säufer, Lüstlinge und wahre Bösewichte. Das könne unmöglich stimmen: wenn wir daran riechen, so riecht es nach Brot; und auch das Blut erscheint uns nach dem Zeugnisse der uns verliehenen fünf Sinne als gewöhnlicher Rotwein ...« »Uns Rechtgläubigen ziemt es nicht, solche ketzerische Schmähreden zu hören!« unterbrach der Zar Fedoßka. Jener verstummte, lächelte aber immer frecher, immer schadenfroher. Der Zarewitsch hob die Augen und streifte den Vater mit einem verstohlenen Blick. Es schien ihm, als ob Peter etwas verwirrt wäre: er lächelte nicht mehr, seine Miene war ernst, beinahe zornig, zugleich aber hilflos und verlegen. Hatte er denn nicht selbst soeben die Gründe der Irrlehre als vernünftig anerkannt? Wie könnte er aber die Folgerungen nicht anerkennen, wenn er einmal die Begründung anerkannte? Es ist leicht, eine Lehre zu verbieten; sie widerlegen ist etwas anderes. Klug ist der Zar; aber ist der Mönch nicht noch klüger und führt er nicht den Zaren, wie ein böser Blindenführer den Blinden zu einem Abgrund? So glaubte Alexej, und das schlaue Lächeln Fedoßkas spiegelte sich im gleichen Lächeln nicht mehr auf dem Gesicht des Vaters, sondern auf dem des Sohnes wieder: nun verstanden auch der Zarewitsch und Fedoßka einander ohne Worte. »Über Fomka oder Mitjka soll man sich nicht wundern,« sagte plötzlich inmitten des peinlichen Schweigens Michailo Petrowitsch Awramow. »Wie man einem vorflötet, so tanzt er auch; wohin sich der Hirte wendet, dorthin gehen auch die Schafe ...« Er blickte Fedoßka scharf an. Dieser verstand die Anspielung und schäumte vor Wut. In diesem Augenblick erdröhnten die Fensterläden so, als ob Tausende von Händen an ihnen pochten; dann winselte, heulte und weinte es und verstummte irgendwo in der Ferne. Die feindlichen Mächte schienen immer wütender gegen das Haus anzurennen. Devier lief jede Viertelstunde auf den Hof hinaus, um zu erfahren, wie hoch das Wasser gestiegen sei. Die Meldungen klangen wenig erfreulich. Die Flüsse Mia und Fontanka waren aus den Ufern getreten. Die ganze Stadt war von Entsetzen ergriffen. Anton Manuilowitsch verlor den Kopf. Er ging einigemal auf den Zaren zu und blickte ihm in die Augen, um sich ihm bemerkbar zu machen. Peter war aber von der Unterhaltung so sehr hingerissen, daß er ihm gar keine Beachtung schenkte. Devier konnte es schließlich nicht mehr aushalten: er neigte sich ganz tief zum Ohre des Zaren und flüsterte: »Majestät! Das Wasser! ...« Peter wandte sich schweigend nach ihm um und schlug ihn mit einer schnellen, wie unwillkürlichen Handbewegung auf die Backe. Devier fühlte nichts außer dem heftigen Schmerz: er war eine solche Behandlung gewöhnt. Peters Paladine pflegten zu sagen: Es ist eine Ehre, von einem solchen Herrscher geschlagen zu werden, der im gleichen Augenblick schlägt und seine Gnade erweist. Peter wandte sich aber mit so ruhigem Gesichtsausdruck, als ob nichts vorgefallen wäre, zu Awramow und fragte ihn, warum das Werk des Astronomen Huygens, »Weltbetrachtung oder Betrachtung über die himmlisch-irdischen Globen«, noch immer nicht gedruckt sei. Michailo Petrowitsch wurde verlegen, gewann aber gleich seine Fassung wieder und sagte, dem Zaren fest in die Augen blickend: »Dieses gotteslästerliche und mit höllischer Kohle statt mit Tinte geschriebene Buch verdient nur auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden ...« »Was ist an dem Buch gotteslästerlich?« »Es wird darin die Drehung der Erde um die Sonne und eine Vielheit der Welten angenommen; auch daß alle diese Welten ebenso wie unsere Erde mit Menschen, Wiesen, Feldern, Wäldern und allen übrigen Dingen, die es auf unserer Erde gibt, versehen seien. Und nachdem er dieses recht geschickt vorgegaukelt hat, sucht er die Natur, das ist das ursprüngliche Leben, zu verherrlichen und als die Grundlage allen Seins hinzustellen. Und die Existenz des Schöpfers und Herrn leugnet er ...« Nun entwickelte sich ein Streit. Der Zar suchte zu beweisen, daß »der kopernikanische Entwurf des Weltalls alle Bewegungen der Planeten leicht und bequem erkläre«. Unter dem Schutze des Zaren und des Kopernikus wurden nun noch kühnere Gedanken ausgesprochen. »Die ganze Philosophie ist heute Mechanik geworden,« erklärte plötzlich der Admiralitätsrat Alexander Wassiljewitsch Klein. »Es wird angenommen, daß die Welt in ihrer ganzen Größe ebenso eingerichtet ist wie eine Uhr im kleinen und daß alles, was in ihr geschieht, auf einer gewissen gesetzmäßigen Bewegung beruht, die von einer geordneten Einrichtung der Atome abhängt. Überall herrscht die gleiche Mechanik ...« »Wahnsinnige atheistische Irrlehre! Eine faule und morsche Begründung der Vernunft!« entsetzte sich Awramow; aber niemand hörte auf ihn. Alle suchten sich durch Freigeistigkeit zu übertrumpfen. »Ein sehr alter Philosoph, Dicaearchos, lehrte, daß das Wesen des Menschen der Körper sei, die Seele aber etwas Nebensächliches, ein leerer Begriff, der nichts besagt,« teilte der Vizekanzler Schafirow mit. »Durch das Mikroskopium entdeckte man im männlichen Samen Tierchen in der Art von Fröschen oder Kaulquappen,« grinste Juschka Proskurow so schadenfroh, daß die Schlußfolgerung ganz klar war: es gibt keine Seele. Wie alle Pariser Gecken, hatte er seine eigene kleine Philosophie »une petite philosophie«, die er mit dem gleichen galanten Leichtsinn dozierte, mit dem er das Perückenmacherliedchen: »Tignonnez, tignonnez, bichonnez-moi!« gesungen hatte. »Nach Leibnizens Ansicht sind wir nur denkende hydraulische Maschinen. Die Auster ist dümmer als wir ...« »Du lügst, sie ist nicht dümmer als du!« bemerkte jemand, aber Juschka fuhr unentwegt fort: »Die Auster ist dümmer als wir, weil ihre Seele an die Muschel angewachsen ist und sie deshalb die fünf Sinne nicht braucht. Vielleicht gibt es aber in anderen Welten Geschöpfe mit zehn und mehr Sinnen, die so viel vollkommener sind als wir, daß sie sich über Newton und Leibniz ebensowenig wundern, wie wir über die Handlungen eines Affen oder einer Spinne ...« Der Zarewitsch hörte zu und hatte den Eindruck, daß bei diesem Gespräch mit den Gedanken dasselbe geschähe wie mit dem Schnee beim Petersburger Tauwetter: alles fällt auseinander, schmilzt, fault und verwandelt sich unter dem Einflüsse des feuchten Westwindes in Schmutz und Pfützen. Der Zweifel an allem, die Verneinung aller Dinge wuchs unaufhaltsam und ungehemmt – wie das vom Winde zurückgetriebene und mit einer Überschwemmung drohende Wasser der Newa. »Nun, genug geschwatzt!« schloß Peter das Gespräch, indem er sich erhob, »wer nicht an Gott glaubt, ist entweder verrückt oder ein geborener Dummkopf. Jeder Sehende muß den Schöpfer an seiner Schöpfung erkennen. Die Gottlosen sind für den Staat eine Schande und dürfen nicht gelitten werden, da sie die Grundlage aller Gesetze, auf denen jeder Schwur und Treueid ruht, untergraben ...« »Die Ursache liegt wohl mehr im hippokratischen Eifer, als in der Gottlosigkeit: denn die Atheisten lehren ja selbst, daß man dem Volke Gott predigen müsse; sonst würde das Volk die Obrigkeiten mißachten ...« Nun bebte schon das ganze Haus ununterbrochen unter dem Anpralle des Sturmes. Man hatte sich aber an diese Töne schon so gewöhnt, daß niemand mehr auf sie achtete. Das Gesicht des Zaren blieb ruhig, was wiederum auch auf die anderen beruhigend wirkte. Irgend jemand brachte das Gerücht auf, daß die Richtung des Windes sich wieder verändert hätte und man auf baldiges Sinken des Wassers hoffen dürfe. »Seht ihr es?« sagte Peter, von neuer Freude ergriffen. »Es war kein Grund, sich zu fürchten. Das Barometer betrügt niemals!« Er ging in den anderen Saal hinüber und nahm an den Tänzen teil. Wenn der Zar guter Laune war, so riß er alle andern mit und steckte sie mit seiner Fröhlichkeit an. Beim Tanzen hopste er, stampfte mit den Absätzen und machte Kapriolen mit solcher Begeisterung, daß auch die Trägsten Lust zum Tanzen verspürten. Im englischen Kontertanz mußte die Dame eines jeden ersten Paares eine neue Figur erfinden. Die junge Fürstin Tscherkasskaja küßte ihren Kavalier Peter Andrejewitsch Tolstoi und zog ihm die Perücke auf die Nase herunter, was alle folgenden Paare nachmachen mußten, wobei die Kavaliere unbeweglich wie Säulen dastanden. Nun kamen allerlei lustige Streiche und ausgelassene Späße. Man lachte und vergnügte sich wie die Schulkinder. Und lustiger als alle war Peter. Nur die alten Herren saßen wie früher in ihrer Ecke, lauschten dem Heulen des Windes, tuschelten miteinander, seufzten und schüttelten die Köpfe. »Das ausgelassene Tanzen der Frauen,« zitierte einer von ihnen eine das Tanzen verurteilende Stelle aus den Werken der Kirchenväter, »trennt die Menschen von Gott und zieht sie in den Abgrund der Hölle hinein. Die Lachenden werden ewig weinen müssen, die Tanzenden an den Nabeln aufgehängt werden ...« Der Zar ging auf die alten Herren zu und forderte sie auf, am Tanze teilzunehmen, vergebens weigerten sie sich und entschuldigten sich mit Unfähigkeit und allerlei Krankheiten – Gliederreißen, Kurzatmigkeit und Podagra –, der Zar wollte seinen Willen durchsetzen und hörte auf keine Ausreden. Die Musik stimmte einen grotesk-feierlichen Großvatertanz an. Die alten Herren, denen man absichtlich die ausgelassensten jungen Damen angehängt hatte, konnten sich anfangs kaum bewegen; sie stolperten, brachten die Figuren durcheinander und verwirrten auch die andern; als aber der Zar ihnen mit einem Glase des fürchterlichen Pfefferschnapses drohte, begannen sie so flink wie die Jungen zu hüpfen. Nach Beendigung des Tanzes fielen sie, halbtot vor Müdigkeit, stöhnend, seufzend und ächzend in ihre Sessel. Man hatte noch nicht Zeit gehabt, ordentlich auszuruhen, als der Zar einen neuen, komplizierten Tanz, den »Kettentanz«, begann. Dreißig mit Taschentüchern aneinander gebundene Paare folgten einem kleinen buckligen Musikanten, der mit der Geige in der Hand an der Spitze des Zuges hüpfte. Zuerst tanzte man durch beide Säle des Nebengebäudes. Dann ging man durch die Glasgalerie in das Hauptgebäude hinüber und tanzte schreiend, pfeifend und lachend durch das ganze Haus von Zimmer zu Zimmer, von Treppe zu Treppe, von Stockwerk zu Stockwerk. Der Bucklige spielte auf der Geige, sprang wie wahnsinnig und schnitt solche Gesichter, als ob er vom Teufel besessen wäre. Ihm folgte im ersten Paare der Zar und nach ihm alle anderen Gäste, so daß man den Eindruck hatte, als ob er sie wie gefesselte Gefangene nach sich zöge, und als ob den riesenhaften Zaren selbst ein kleiner Teufel herumführte. Als man in das Nebengebäude zurückkehren wollte, begegnete man in der Galerie mehreren laufenden Menschen. Sie winkten mit den Händen und schrien entsetzt: »Das Wasser! Das Wasser! Das Wasser!« Die vorderen Paare blieben stehen, die folgenden rannten sie im Anlaufe um. Alles geriet durcheinander. Man stieß zusammen, fiel zu Boden und zerrte und riß an den Tüchern, mit denen man zusammengebunden war. Die Männer fluchten, die Damen winselten. Die Kette riß entzwei. Der größere Teil des Zuges mit dem Zaren stürzte durch die Galerie ins Hauptgebäude zurück. Der andere, kleinere Teil, der sich vorne am entgegengesetzten Ende der Galerie befand, wollte anfangs gleichfalls ins Hauptgebäude zurückkehren; ehe man aber die Mitte der Galerie erreicht hatte, begann einer der Fensterladen zu krachen und zu wanken; er stürzte zu Boden, die Fensterscheibe zersprang in tausend Scherben, und das Wasser stürzte als brausender Strom zum Fenster herein. Im gleichen Augenblick begann die unten im Keller zusammengepreßte Luft unter Dröhnen und Krachen, das wie Kanonenschüsse klang, den Fußboden zu heben, zu brechen und emporzureißen. Peter rief vom anderen Ende der Galerie den Zurückgebliebenen zu: »Zurück, zurück in das Nebengebäude! Fürchtet Euch nicht, ich schicke Boote!« Man hörte seine Worte nicht, verstand aber die Zeichen und blieb stehen. Nur zwei Menschen liefen noch über den überschwemmten Fußboden. Der eine von ihnen war Fedoßka. Er hatte schon beinahe den Ausgang, wo Peter wartete, erreicht, als sich unter ihm ein Dielenbrett senkte: Fedoßka fiel hinein und begann zu ertrinken. Ein dickes Weib, die Frau eines holländischen Steuermanns, sprang mit hochgerafftem Rock über den Kopf des Mönches; und über der schwarzen Mönchskappe erschienen für einen Augenblick ihre dicken Waden in roten Strümpfen. Der Zar eilte dem Archimandriten zur Hilfe; er packte ihn an den Schultern, zog ihn heraus und trug ihn wie ein kleines Kind fort. Der zitternde Mönch mit den wehenden schwarzen Flügeln der Kutte, von der das Wasser herabtriefte, erinnerte an eine große nasse Fledermaus. Der bucklige Musiker mit der Geige hatte die Mitte der Galerie erreicht und brach gleichfalls ein: er verschwand im Wasser, tauchte wieder auf und begann zu schwimmen. In diesem Augenblick stürzte aber der mittlere Teil der Decke ein und begrub ihn unter den Trümmern. Als das Häuflein der Zurückgebliebenen – es waren etwa zehn Personen – merkte, daß es durch das Wasser endgültig vom Hauptgebäude abgeschnitten war, stürzte es in das Nebengebäude als letzten Zufluchtsort zurück. Aber auch hier erreichte sie das Wasser. Man hörte die Wellen dicht unter den Fenstern brausen. Die Fensterläden knarrten und krachten und drohten jeden Augenblick von den Angeln gerissen zu werden. Das Wasser drang durch die zerbrochenen Fensterscheiben und alle Ritzen herein, es sickerte überall durch, schäumte, rieselte, lief an den Wänden hinab, bildete Pfützen und überschwemmte die Dielen. Fast alle verloren die Fassung. Nur Peter Andrejewitsch Tolstoi und William Iwanowitsch Mons hatten ihre Geistesgegenwart bewahrt. Sie fanden eine kleine verborgene Tapetentüre, hinter der sich eine schmale Stiege, die auf den Dachboden hinaufführte, befand. Sie stürzten dahin, selbst die galantesten Herren kümmerten sich jetzt, wo sie den Tod vor Augen sahen, nicht mehr um die Damen; sie schimpften auf sie und stießen sie zur Seite; ein jeder dachte nur an sich selbst. Auf dem Dachboden war es finster. Man tastete sich durch Haufen von Balken, Brettern, leeren Fässern und Kisten durch und verkroch sich in den entferntesten Winkel, der durch den Vorsprung des Schornsteines etwas vom Winde geschützt war; man drückte sich an den noch warmen Schornstein und saß einige Zeit wie niedergeschmettert und verblödet vor Angst im Finstern. Die Damen in ihren leichten Balltoiletten klapperten vor Kälte mit den Zähnen. Endlich entschloß sich Mons, hinunterzugehen und nachzuschauen, ob nicht Hilfe zu finden wäre. Unten führten Stallknechte, denen das Wasser schon bis an die Knie reichte, die Pferde des Hausherrn, die in ihren Stallungen beinahe ertrunken wären, in den Saal. Der Assembleesaal verwandelte sich in einen Pferdestall. In den Spiegeln spiegelten sich Pferdemäuler. Von der Decke hingen flatternd die Fetzen der losgerissenen Leinwand mit der »Fahrt nach der Insel der Cythere« herab. Die nackten Amoretten warfen sich wie in Todesangst hin und her. Mons gab den Stallknechten Geld. Sie verschafften ihm eine Laterne, eine Flasche ganz gemeinen Schnaps und mehrere Schafspelze. Sie sagten ihm, daß man das Nebengebäude nicht mehr verlassen könne: die Galerie sei zerstört und der Hof überschwemmt; die Stallknechte selbst wollten sich ebenfalls auf den Dachboden retten. Sie erwarteten die Boote, aber es war sehr zweifelhaft, ob welche kommen würden. Nachträglich stellte es sich heraus, daß die vom Zaren geschickten Boote an das Nebengebäude nicht hatten herankommen können: der Hof war von einem hohen Zaun umgeben, und das einzige Tor war unter den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes begraben. Mons kehrte zu den auf dem Boden Sitzenden zurück. Das Licht der Laterne machte ihnen einigen Mut. Die Männer tranken von dem Schnaps, die Damen hüllten sich in die Schafspelze. Die Nacht schien ewig zu währen. Das ganze Haus unter ihnen zitterte, von den Wellen umbrandet, wie ein leckes Schiff vor dem Untergang. Über ihnen riß der Orkan die Ziegel vom Dache und brauste bald mit wildem Heulen und Stampfen wie eine Tierherde, bald mit gellendem Pfeifen und Rauschen wie ein Zug riesenhafter Vögel. Zuweilen schien es, als ob er sofort das ganze Dach herunterreißen und alles mit sich forttragen würde. Man glaubte, im Heulen des Sturmes Schreie von Ertrinkenden zu hören. Von Augenblick zu Augenblick erwartete man den Untergang der ganzen Stadt. Eine der Damen, die Gattin des dänischen Residenten, die guter Hoffnung war, bekam vor Angst so entsetzliche Schmerzen im Leibe, daß sie wie unter dem Schlachtmesser schrie und man eine Fehlgeburt befürchtete. Juschka Proskurow betete: »Väterchen, heiliger Wundertäter Nikola, heiliger Sergius, erbarmt euch unser!« Man konnte kaum glauben, daß es derselbe Freigeist sei, der soeben hatte beweisen wollen, daß es keine Seele gäbe. Michailo Petrowitsch Awramow war ebenso wie die andern erschrocken, zeigte aber dabei Schadenfreude. »Gegen Gott kann man nicht kämpfen! Sein Zorn ist gerecht. Diese Stadt wird vom Angesicht der Erde verschwinden wie Sodom und Gomorra. Da sah Gott auf Erden, und siehe, sie war verderbet; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbet auf Erden. Da sprach Gott: Alles Fleisches Ende ist vor mich gekommen, denn die Erde ist voll Frevels von ihnen. Ich will eine Sündflut mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch ...« Und alle, die diese Prophezeiung hörten, empfanden ein ihnen noch unbekanntes Grauen, als ob das Ende der Welt und das Jüngste Gericht angebrochen wären. Durch die Dachluke sah man am schwarzen Himmel einen Feuerschein. Im Brausen des Orkans hörte man Glockengeläute. Es war die Sturmglocke. Die Stallknechte, die von unten heraufgekommen waren, erzählten, daß die Arbeiterhütten und Tauniederlagen in der nahen Admiralitätsvorstadt in Feuer ständen. Trotz der Nähe des Wassers war die Feuersbrunst bei dem starken Wind besonders gefährlich: brennende Scheite flogen über die ganze Stadt, und sie konnte jeden Augenblick an allen Enden Feuer fangen. Sie schien zwischen zwei Elementen zugrunde zu gehen: sie brannte und ertrank zu gleicher Zeit. Die Prophezeiung: »Die Stätte, wo Petersburg steht, wird wüst und leer sein,« ging in Erfüllung. Beim Morgengrauen hatte sich der Sturm gelegt. Im durchsichtigen Dämmergrau des trüben Tages kamen die Kavaliere in ihren mit Staub und Spinngeweben bedeckten Perücken und die Damen in ihren Reifröcken und steifen Miedern »nach Versailler Manier« unter den Schafspelzen, mit vor Kälte blau angelaufenen Gesichtern einander wie Gespenster vor. Mons blickte zur Bodenluke hinaus und sah an der Stelle, wo die Stadt gestanden hatte, einen uferlosen See. Er schien nicht nur auf der Oberfläche zu branden, sondern auch bis auf den Grund zu kochen, zu schäumen und zu wallen wie das Wasser in einem Kessel über starkem Feuer. Dieser See war die Newa – bunt wie der Bauch einer Schlange, gelb, braun, schwarz, mit weißen Kämmen, ermattet, aber immer noch wütend und furchtbar unter dem furchtbaren, wie die Erde grauen, niedrigen Himmel. In den Wellen trieben zerschmetterte Barken, gekenterte Boote, Balken, Bretter, Dächer, ganze Gerüste von Häusern, entwurzelte Bäume und Tierkadaver umher. So elend erschienen mitten im siegreichen Element die Spuren des menschlichen Lebens, die hier und da aus dem Wasser ragenden Türme, Spitzen, Kuppeln und Dächer der überschwemmten Häuser. Mons sah in der Ferne auf der Newa, der Peter-Pauls-Festung gegenüber, einige Rudergaleeren und Einmaster. Er hob vom Boden eine lange Stange auf, wie sie zum Taubenscheuchen gebraucht wird, band an sie das rote seidene Halstuch Nastenjkas an, steckte die Stange zum Fenster hinaus, schwenkte sie hin und her und machte Zeichen, um Hilfe herbeizurufen. Eines der Boote trennte sich von den übrigen und näherte sich, die Newa durchkreuzend, dem Assembleehäuschen. Die Boote begleiteten den Einmaster des Zaren. Peter hatte die ganze Nacht durchgearbeitet, die Menschen vor dem Wasser und dem Feuer rettend und wie ein einfacher Feuerwehrmann auf die brennenden Gebäude kletternd. Das Feuer hatte ihm das Haar versengt; ein herabgestürzter Balken hätte ihn beinahe erschlagen, während er die armselige Habe der Ärmsten aus den Kellerwohnungen herauszuholen half, hatte er bis an die Brust im Wasser gestanden und war bis auf die Knochen vom Froste durchschüttelt. Er machte alles mit und ermutigte alle. Überall, wo der Zar erschien, arbeitete man mit doppeltem Eifer, so daß Wasser und Feuer der Arbeit weichen mußten. Der Zarewitsch befand sich im Boote seines Vaters; aber jedesmal, wenn er ihm irgendwie behilflich sein wollte, wies Peter die Hilfe, wie angeekelt, zurück. Als das Feuer gelöscht war und das Wasser abzunehmen begann, erinnerte sich der Zar, daß es Zeit sei, nach Hause zurückzukehren, wo ihn seine Frau während der ganzen Nacht in tödlicher Angst erwartet hatte. Auf dem Heimwege machte er einen Abstecher zum Sommergarten, um nachzusehen, was da das Wasser verwüstet hatte. Die Galerie über der Newa war halb zerstört, die Venus war aber unversehrt. Der Sockel befand sich unter Wasser, so daß die Göttin auf der Oberfläche des Wassers zu stehen schien. Die Schaumgeborene trat aus den Wellen, doch nicht aus den blauen und kosenden Wellen wie einst, sondern aus den drohenden, dunklen, schweren, eisernen Wellen des Styx. Unten zu Füßen der Göttin hob sich ein schwarzer Fleck vom weißen Marmor ab. Peter blickte durch sein Fernrohr hin und sah, daß es ein Mensch war. Auf Befehl des Zaren mußte die wertvolle Statue Tag und Nacht von einem Soldaten bewacht werden. Der vom Wasser überraschte Mann wagte nicht, seinen Posten zu verlassen; er war auf den Sockel der Venus hinaufgeklettert, hatte sich an ihre Füße geschmiegt, sie umarmt und wahrscheinlich die ganze Nacht, vor Kälte erstarrt und vor Müdigkeit halbtot dagesessen. Der Zar eilte ihm zur Hilfe. Am Steuer stehend, durchschnitt er mit seinem Einmaster die Wellen und den Wind. Eine mächtige Woge schlug plötzlich heran, flutete über den Bord, überschüttete das Schiff mit Wasser und neigte es so stark auf eine Seite, daß es zu kentern drohte. Peter war aber ein erfahrener Steuermann. Sich mit den Füßen gegen das Heck stemmend und mit der ganzen Schwere seines Körpers aufs Steuer legend, besiegte er die Wut der Wellen und lenkte das Schiff mit sicherer Hand ans Ziel. Der Zarewitsch blickte seinen Vater an und erinnerte sich plötzlich der Worte, die er einmal bei einem Trinkgelage von seinem Lehrer Wjasemskii gehört hatte: »Fedoß singt manchmal mit den Chorsängern vor deinem Vater: ›Wo Gott will, wird die Ordnung der Natur besiegt,‹ und ähnliche Verse; sie singen es, um deinem Vater zu schmeicheln: es ist ihm angenehm, wenn man ihn mit Gott vergleicht; sie überlegen sich aber dabei gar nicht, daß die Ordnung der Natur nicht nur von Gott, sondern auch von den Teufeln besiegt werden kann; es gibt auch teuflische Wunder!« In einer einfachen Steuermannsjacke, in ledernen Schaftstiefeln, mit wehenden Haaren – der Wind hatte ihm soeben den Hut vom Kopfe gerissen – blickte der riesenhafte Steuermann auf die überschwemmte Stadt; sein ruhiges, festes, gleichsam aus Stein gehauenes Gesicht drückte weder Verlegenheit, noch Angst, noch Mitleid aus, – als ob in diesem Menschen wirklich etwas Übermenschliches, über die Menschen herrschendes und wie das Schicksal Starkes wäre. Die Menschen werden sich beruhigen, die Winde sich legen, die Wellen zurückfluten, – die Stadt aber wird an dem Orte stehen, den er für die Stadt bestimmt hat: denn die Ordnung der Natur wird besiegt, wenn es der ... »Wenn wer es will?« fragte sich der Zarewitsch, wagte aber nicht, den Satz zu Ende zu sprechen: »Gott oder der Teufel?« * Einige Tage später, als Petersburg sein gewöhnliches Gesicht wieder angenommen und die Spuren der Überschwemmung fast gänzlich verdeckt hatte, schrieb Peter in einer scherzhaften Epistel an einen seiner Paladine: »In der vorigen Woche hatte der Westsüdwestwind eine solche Menge Wasser hergetrieben, wie noch niemals dagewesen sein soll. In meiner Wohnung stand das Wasser 21 Zoll über dem Fußboden; aber im Garten und auf der Straße an der anderen Seite des Hauses konnte man frei im Boote fahren. Es war recht belustigend, zu sehen, wie die Menschen auf den Dächern und Bäumen wie in der Zeit der Sündflut saßen; und zwar nicht nur Männer, sondern auch Weiber. Das Wasser stand zwar sehr hoch, richtete aber nur wenig Schaden an.« Die Epistel war datiert: »Aus dem Paradiese«. II. Peter wurde krank. Er hatte sich während der Überschwemmung, als er, bis zum Gürtel im Wasser stehend, die Habe der Armen aus den Kellern rettete, erkältet. Anfangs schenkte er der Krankheit keine Beachtung und blieb auf. Am 15. November legte er sich aber ins Bett, und der Leibarzt Blumentrost erklärte, daß das Leben des Zaren in Gefahr sei. In diesen selben Tagen entschied sich das Schicksal Alexejs. Als Peter am Tage der Beerdigung der Kronprinzessin, dem 28. Oktober, aus der Peter-Pauls-Kathedrale ins Haus seines Sohnes zum Leichenschmaus gekommen war, übergab er diesem einen »Mitteilung an meinen Sohn« überschriebenen Brief, in dem er von ihm unter Androhung seines Zornes und der Enterbung sofortige Besserung forderte. »Ich weiß gar nicht, was ich tun soll,« sagte der Zarewitsch zu seinen Nächsten. »Ob ich die Armut auf mich nehmen und mich, bis die Zeit kommt, unter Bettlern verstecken soll, oder in ein Kloster gehen und unter den Mönchen leben, oder in ein anderes Land ziehen, wo man die Fremdlinge aufnimmt und sie niemandem ausliefert?« »Geh ins Kloster,« riet der Admiralitätsrat Alexander Kikin, der langjährige Gesinnungsgenosse und Vertraute Alexejs. »Die Mönchskappe ist am Kopfe nicht angenagelt: man kann sie auch wieder ablegen. Du wirst Ruhe haben, wenn du allen diesen Dingen den Rücken kehrst ...« »Ich habe dich vom Blutgerüst gerettet, auf das dich dein Vater bringen wollte,« sagte Fürst Wassilij Dolgorukij. »Jetzt kannst du dich freuen, denn du hast keine Sorgen mehr. Du kannst ruhig tausend Absagebriefe schreiben. Bis die Frist kommt, kann sich noch manches ändern. Ein altes Sprichwort sagt: Die Schnecke reist, aber man weiß nicht, ob sie überhaupt je ankommt. Ein solcher Absagebrief ist kein Vertrag mit Konventionalstrafe ...« »Es ist gut, daß du auf die Erbschaft verzichtest,« tröstete ihn Fürst Jurij Trubetzkoj. »Bedenke doch: fließen denn wegen des Goldes wenig Tränen?« Der Zarewitsch sprach mit Kikin viel über die Möglichkeit einer Flucht ins Ausland, »um da zu bleiben, ohne irgendwelche Pläne, nur um in Ruhe von allem entfernt zu leben.« »Wenn sich eine Gelegenheit bietet,« riet Kikin, »so reise nach Wien zum Kaiser. Der wird dich niemandem ausliefern. Der Kaiser sagte, daß er dich wie einen Sohn aufnehmen wird. Oder auch zum Papst oder an den französischen Hof. Dort gewährt man auch Königen Schutz; und einen solchen wie dich aufzunehmen, wäre ihnen ein Leichtes...« Der Zarewitsch hörte alle die Ratschläge an, konnte sich aber zu nichts entschließen und lebte von Tag zu Tag in Erwartung »des göttlichen Ratschlusses«. Plötzlich wurde alles anders. Peters Tod drohte nicht nur die Geschicke Rußlands, sondern auch die der ganzen Welt umzustürzen. Der, der sich gestern unter Bettlern verstecken wollte, konnte morgen den Thron besteigen. Der Zarewitsch sah sich plötzlich von neuen Freunden umgeben; sie versammelten sich um ihn, flüsterten und tuschelten. »Wir wollen warten, etwas muß doch kommen.« »Wenn der Würfel fällt, ist das Schicksal entschieden, und wenn es entschieden ist, kann man ihm nicht entrinnen.« »Auch für uns wird die Zeit kommen, daß wir unser Liedchen singen.« »Es kommt auch vor, daß die Mäuse den Kater auf den Friedhof schleppen.« In der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember fühlte sich der Zar so schlecht, daß er seinen Beichtvater, den Archimandriten Fedoß, kommen ließ, um zu beichten und zu kommunizieren. Jekaterina und Menschikow blieben ständig im Krankenzimmer. Die Residenten der fremden Höfe, die russischen Minister und Senatsmitglieder nächtigten in den Gemächern des Winterpalais. Als der Zarewitsch am Morgen ins Palais kam, um sich nach dem Befinden des Zaren zu erkundigen, wollte ihn der Vater nicht empfangen. Aber am plötzlichen Schweigen der vor ihm ausweichenden Menge, an den sklavischen Verbeugungen, suchenden Blicken und bleichen Gesichtern, besonders der Stiefmutter und des Fürsten Menschikow konnte Alexej erkennen, daß das, was ihm immer so fern und beinahe unmöglich erschienen, bald in Erfüllung gehen konnte. Sein Herz stand still, sein Atem stockte, er wußte selbst nicht warum: vor Freude oder vor Entsetzen. Am Abend desselben Tages besuchte er Kikin und unterhielt sich mit ihm lange unter vier Augen. Kikin wohnte am Ende der Stadt, in der Nähe des Smoljnyjhofes, der Ochtavorstadt gegenüber, von Kikin kehrte er nach Hause zurück. Der Schlitten glitt schnell durch den leeren Wald und durch die an Walddurchhaue gemahnenden, ebenso leeren breiten Straßen mit den kaum sichtbaren dunklen Reihen vom Schnee verwehter Holzhütten. Der Mond war nicht zu sehen, aber die Luft war von grellen Mondlichtfunken, wie von blendenden Nadeln erfüllt. Der Schnee fiel nicht von oben herab, sondern wirbelte wie Rauch vom Winde getrieben von unten in die Höhe. Das mondlichtdurchflutete Schneegestöber spielte und schäumte im bläulich-trüben Himmel wie der Wein in einer Schale. Alexej atmete mit Genuß die frostige Luft ein. Es war ihm so lustig zumute, als ob auch in seiner Seele ein lichtdurchfluteter, wilder, trunkener und berauschender Schneesturm spielte. Und ebenso wie hinter dem Schneegestöber der Mond schien, so schwebte hinter seiner Lustigkeit ein Gedanke, den er selbst noch nicht sah, den zu erkennen er fürchtete, der ihn aber berauschte und sein Herz mit Entsetzen und Lust erfüllte. Durch den bläulichen Mondnebel hindurch flimmerten in den vereisten Fenstern der Hütten unter den von den Dächern herabhängenden Eiszapfen trübe Flämmchen wie trunkene Augen unter grauen Brauen. »Vielleicht«, dachte sich Alexej, auf die erleuchteten Fenster blickend, »lassen sie jetzt dort mich, die Hoffnung Rußlands, hochleben!« Und es wurde ihm noch lustiger zumute. Nach Hause zurückgekehrt, setzte er sich vor den Kamin mit der glimmenden Kohlenglut und befahl seinem Kammerdiener Afanaßjewitsch, einen Punsch zu bereiten. Im Zimmer war es dunkel, und es wurde kein Licht gemacht, denn Alexej liebte es, in der Dämmerung zu sitzen. Im rosigen Widerschein der Kohlenglut flackerte plötzlich die blaue Weingeistflamme empor. Der monddurchschienene Schneesturm blickte mit blauen Augen durch die durchsichtigen Eisblumen herein, und es schien, als ob auch dort hinter den Fensterscheiben eine lebende, riesige, trunkene blaue Flamme flackerte. Alexej weihte Afanaßjitsch in sein Gespräch mit Kikin ein: es war ein richtiger Verschwörungsplan für den Fall einer Flucht und einer Rückkehr aus dem Auslande nach dem Tode des Vaters, der doch bald kommen mußte: – der Zar litt an Epilepsie, und solche Menschen leben nicht lange. Die Minister und Senatoren – Tolstoi, Golowkin, Schafirow, Apraxin, Streschnjow, die Dolgorukijs – alle seien sie seine Freunde und würden sich ihm sofort anschließen; ebenso Bauer in Polen, der Archimandrit des Petscherskij-Klosters in der Ukraine und Scheremetjew bei der Hauptarmee. »Die ganze europäische Grenze würde mir gehören!« Afanassjitsch hörte ihm mit seiner gewöhnlichen trotzigen und finsteren Miene zu, als ob er sagen wollte: das klingt ja alles recht schön, ob es aber gelingt? »Und Menschikow?« fragte er, als Alexej zu Ende war. »Menschikow kommt auf den Pfahl!« Der Alte schüttelte den Kopf. »Warum redest du so kühn, Zarewitsch? Wenn es jemand hört und dem Vater hinterbringt? Fluche dem Könige nicht in deinem Herzen und fluche dem Reichen nicht in deiner Schlafkammer; denn die Vögel des Himmels führen die Stimme, und die Fittiche haben, sagen es nach.« »Nun fängst du schon wieder zu brummen an!« sagte der Zarewitsch mit abwehrender Handbewegung, geärgert, doch voller unbändiger Freude. Afanassjitsch wurde böse. »Ich brumme nicht, sondern rede zur Sache. Man soll einen Traum nur rühmen, wenn er in Erfüllung gegangen ist. Du geruhst, Hoheit, spanische Luftschlösser zu bauen. Auf mich Niedrigen willst du nicht hören. Du vertraust den andern, die dich betrügen. Der Judas Tolstoi und der gottlose Kikin sind Verräter! Nimm dich vor ihnen in acht, Zarewitsch: du wärest nicht der erste, den sie auffressen ...« »Ich spucke auf sie alle, wenn nur die Geistlichkeit auf meiner Seite ist!« rief der Zarewitsch aus. »Wenn die Zeit kommt, wo der Vater nicht mehr ist, sage ich den Bischöfen nur ein einziges Wort, die Bischöfe geben es den Pfarrern weiter, und die Pfarrer der Gemeinde. Dann werde ich Zar, auch wenn sie es nicht wollen!« Der Alte schwieg mit demselben trotzigen und finsteren Ausdruck: das klingt ja alles recht schön; ob es aber gelingt? »Was schweigst du?« fragte Alexej. »Was soll ich sagen, Zarewitsch? Tue was du willst, aber wenn es vor dem Vater zu fliehen gilt, will ich nicht dein Ratgeber sein.« »Warum?« »Darum: wenn es gelingt, so ist es gut; und wenn nicht, so wirst du deinen ganzen Zorn an mir auslassen. Ich habe auch so genug von dir ausstehen müssen. Wir sind kleine Leute, und unser Fell ist dünn ...« »Paß auf, Afanaßjitsch, daß du es niemandem erzählst! Nur du und Kikin wissen etwas davon, wenn du es verrätst, wird dir niemand glauben; ich werde alles leugnen, und dich wird man foltern...« Von der Folter sprach der Zarewitsch nur zum Scherz, um den Alten zu necken. »Was wirst du erst tun und sprechen, wenn du Zar wirst, wenn du schon jetzt deinen treuen Dienern mit der Folter drohst?« »Fürchte nichts, Afanaßjitsch! Wenn ich Zar werde, werdet ihr alle belohnt und geehrt werden ... Aber ich werde niemals Zar,« fügte er traurig hinzu. »Du wirst es! Du wirst es!« entgegnete der Alte so überzeugt, daß Klexej vor Freude wieder der Atem stockte. Schlittenschellen, das Knirschen von Kufen, das Schnauben von Pferden und Menschenstimmen erklangen unter dem Fenster. Alexej wechselte mit Afanaßjitsch einen schnellen Blick: wer konnte zu einer so späten Stunde kommen? Vielleicht jemand aus dem Palais, vom Vater? Iwan lief auf den Flur hinaus. Es war der Archimandrit Fedoß. Als der Zarewitsch ihn erblickte, glaubte er, sein Vater sei schon gestorben. Er wurde so furchtbar blaß, daß der Mönch es trotz der Dunkelheit sah und bei der Segenserteilung leise lächelte. Als sie unter vier Augen geblieben waren, setzte sich Fedoska vor dem Kamine dem Zarewitsch gegenüber und blickte ihn schweigend mit kaum wahrnehmbarem Lächeln an; er wärmte sich die erfrorenen Hände über den Kohlen, wobei er seine krummen, an Vogelkrallen gemahnenden Finger bald zusammenballte und bald ausstreckte. »Nun, was gibt es, Ehrwürden?« fragte endlich Alexej, seinen ganzen Mut zusammennehmend. »Schlecht steht es,« sagte der Mönch mit einem schweren Seufzer, »sehr schlecht, und wir hoffen nicht mehr, daß er am Leben bleibt ...« Der Zarewitsch bekreuzigte sich und sagte: »Es ist Gottes Wille ...« »Ich sah einen Mann, mächtig wie eine Zeder vom Libanon,« sagte Fedoß im singenden Kirchentone. »Ich ging vorbei, und da war er nicht mehr. Denn des Menschen Geist muß davon, und er muß wieder zur Erde werden, alsdann sind verloren alle seine Anschläge ...« Er brach plötzlich ab, brachte sein kleines zusammengeschrumpftes Gesichtchen dem Gesicht Alexejs ganz nahe und flüsterte schnell und einschmeichelnd: »Der Herr wartet lange und straft hart. Die tödliche Krankheit des Zaren kommt von maßlosem Trinken, von Unzucht mit Weibern und ist Gottes Rache für seine Angriffe auf die Geistlichkeit und das Mönchtum, die er abschaffen will. Solange die Kirche solcher Tyrannei ausgesetzt ist, kann man nichts Gutes erwarten. Wie kann da das Christentum gedeihen?! Es ist, als ob wir den türkischen Glauben annehmen sollten, aber auch bei den Türken geschieht so etwas nicht. Verloren ist unser Land! ...« Der Zarewitsch hörte zu und traute seinen Ohren nicht. Alles hatte er von der Frechheit Fedoßkas erwartet, nur das nicht. »Und ihr, Bischöfe und Hirten der russischen Kirche, was tut ihr dagegen? Wer soll für die Kirche eintreten, wenn nicht ihr?« fragte er, Fedoßka gerade in die Augen blickend. »Was sprichst du, Zarewitsch? Was sind wir für Hirten? Unsere Bischöfe sind so aufgezäumt, daß du sie lenken kannst, wohin du willst. Wie die kleinen Beamten werden sie eingesetzt. Von wem sie einen Bissen Brot erhalten, den rühmen sie. Zu jeder Stunde sind sie bereit, sich nach dem Winde zu richten. Sie sind keine Bischöfe, sondern ein Gesindel ...« Er senkte den Kopf und fügte leise, wie für sich, hinzu – Alexej glaubte in den leisen Worten des Mönches die Stimme der Jahrhunderte zu hören: »Wir waren Adler und sind nächtliche Fledermäuse geworden!« In seiner schwarzen Mönchskappe, mit den schwarzen Flügeln der Kutte, mit dem häßlichen spitzigen Gesichtchen, von unten durch den rötlichen Schein der verglimmenden Kohlenglut beleuchtet, erinnerte er in der Tat an eine riesige Fledermaus. Nur in seinen klugen Augen glimmte ein Fünklein, das eines Adlerblickes würdig war. »Dir geziemt es nicht, das zu sagen, und mir geziemt es nicht, das zu hören, Ehrwürden!« sagte endlich der Zarewitsch, der sich nicht länger beherrschen konnte. »Wer hat die Kirche der Zarengewalt unterworfen? Wer redet dem Zaren zu, lutherische Bräuche im Volke einzuführen, die Kapellen niederzureißen, die Ikonen zu beschimpfen und den Mönchsstand abzuschaffen? Wer gibt ihm die Absolution?« Plötzlich hielt er inne. Der Mönch starrte ihn so durchdringend und scharf an, daß es ihm ganz unheimlich zumute wurde, war nicht das Ganze eine List, eine Falle? Hatte nicht Menschikow oder der Vater selbst diesen Fedoßka zu ihm als Spion geschickt? »Kennst du, Hoheit,« begann Fedoßka, mit unendlich verschlagenem Lächeln ein Auge zusammenkneifend, »kennst du die Figur, die man in der Logik ›reductio ad absurdum‹ – Zurückführung auf das Sinnlose nennt? Dieses ist es, was ich tue. Der Zar hat seinen Fuß auf die Kirche gesetzt, hat aber nicht den Mut, sie offen zu bekämpfen; darum verwüstet er sie heimlich und läßt sie langsam verfaulen. Ich meine aber: wenn man etwas zerstören will, so soll man es gründlich tun! Was du tust, das tue bald. Besser ist ein unverhülltes Luthertum, als eine krumme Rechtgläubigkeit; und besser auch unverhüllter Atheismus, als ein krummes Luthertum. Je schlimmer, um so besser. Das strebe ich an. Was der Zar beginnt, das bringe ich zur Vollendung; was er mir ins Ohr flüstert, das schreie ich hinaus, daß mich das ganze Volk hört. Ich gebrauche ihn als Zeugen gegen ihn selbst: sollen nur alle wissen, wie die Kirche Gottes beschimpft wird. Geduld bringt Huld, und wenn sie keine Huld bringt, so werden wir im richtigen Augenblick aus unserem Versteck hervortreten. Die Katze wird für die Tränen der Maus zu büßen haben!« »Ausgezeichnet!« sagte der Zarewitsch lachend. Er bewunderte beinahe Fedoßka, glaubte ihm aber kein Wort. »Schlau bist du, Ehrwürden, wie der Teufel ...« »Verachte nicht den Teufel, Zarewitsch. Manchmal dient der Teufel gegen seinen Willen dem Herrn ...« »Willst du dich mit dem Teufel vergleichen, Ehrwürden?« »Ich bin Politiker,« erwiderte der Mönch bescheiden. »Mit den Wölfen muß man heulen. Nicht nur die Lehrer der Politik zählen die Dissimulation zu den ersten Regeln der Regierungskunst, auch Gott selbst lehrt uns die Politik: wie ein Fischer auf seinen Angelhaken einen Wurm steckt, so hat auch der Herr seinen heiligen Geist mit dem Fleische seines Sohnes verkleidet, die Angel in die Tiefe des Weltalls versenkt und so den bösen Feind, den Teufel überlistet und gefangen. Das ist die List der göttlichen Weisheit! Das ist himmlische Politik!« »Glaubst du an Gott, heiliger Vater?« fragte der Zarewitsch, ihn wieder scharf anblickend. »Ist denn die Politik ohne die Kirche denkbar, und die Kirche ohne Gott? Es ist keine Obrigkeit ohne von Gott...« Mit einem seltsamen halb frechen und halb scheuen Kichern fügte er hinzu: »Du bist klug, Alexej Petrowitsch! Klüger als der Vater! Der Vater ist zwar klug, kennt aber die Menschen nicht; gar oft führen wir ihn an der Nase herum. Du kannst aber den klugen Menschen leichter erkennen ... Du Lieber! ...« Er beugte sich plötzlich herab und küßte dem Zarewitsch die Hand so schnell und geschickt, daß dieser sie nicht mehr zurückziehen konnte und nur am ganzen Leibe erzitterte. Obwohl er fühlte, daß die Schmeichelei des Mönches wie Honig an der Spitze eines Dolches war, so war der Honig doch süß. Er errötete und begann, um seine Verlegenheit zu verbergen, mit geheuchelter Strenge zu sprechen: »Paß auf, Bruder Fedoß, daß du nicht hereinfällst! Der Krug geht solange zu Wasser, bis er bricht. Du neckst den Zaren wie eine Katze den Bären mit der Pfote; wenn sich aber dieser Bär umdreht und über dich herfällt, so ist's um dich geschehen.« Fedoßkas Gesichtchen schrumpfte wie vor Schmerz zusammen, die Augen erweiterten sich, er sah sich um, als ob jemand hinter seinem Rücken stünde, und begann wie früher in fieberhafter Hast zusammenhanglose Worte zu flüstern: »Ach, mein Lieber, so schrecklich ist es! Ich glaubte immer, daß ich von seiner Hand den Tod empfangen würde. Als ich in jungen Jahren mit dem übrigen Adel nach Moskau kam, und man uns ins Schloß führte und zum Handkuß zuließ, verbeugte ich mich zuerst vor deinem Onkel, dem Zaren Iwan Alexejewitsch; als, ich aber die Hand des Zaren Peter Alexejewitsch küssen sollte, befiel mich eine solche Angst, eine so schreckliche Angst, daß meine Knie zitterten und ich mich kaum auf den Beinen halten konnte, von jenem Tage an sagte ich mir immer, daß ich von seiner Hand den Tod empfangen werde!« Er zitterte auch jetzt vor Schreck. Der Haß war aber mächtiger als die Angst. Er sprach von Peter in solchem Tone, daß es Alexej vorkam, als ob Fedoska nicht lüge oder nicht ganz lüge. In den Gedanken des Mönches erkannte er seine eigenen heimlichen bösen Gedanken über den Vater. »Man sagt, er sei ein großer Herrscher. Worin liegt aber seine Größe? Nach Tyrannenart herrscht er über das Land. Mit dem Beil und der Knute bringt er Aufklärung ins Volk. Mit der Knute kann man aber nicht weit kommen. Das Beil ist nur ein eisernes Werkzeug und höchstens zwanzig Kopeken wert. Überall wittert er Verschwörungen und Aufstände. Und er sieht nicht, daß die ganze Verschwörung von ihm kommt. Er selbst ist der größte Aufwiegler. Er bricht und stürzt alles, haut mit dem Beil nach rechts und links, ganz ohne Sinn. Wieviel Menschen hat er hingerichtet, wieviel Blut vergossen! Die Verbrechen hören aber nicht auf. Das Gewissen der Menschen läßt sich nicht fesseln. Und Blut ist kein Wasser: es schreit nach Rache. Bald, bald wird der Zorn Gottes das russische Land treffen, und wenn eine Zwietracht im Staate ausbricht, dann werden es alle vom Größten bis zum Geringsten sehen: dann wird ein solches Beben ins Land kommen, ein solches Morden beginnen, daß die Köpfe nur so fliegen werden ...« Er fuhr mit der Hand über die Gurgel und ahmte mit der Zunge das Klopfen des Richtbeiles nach. »Und aus diesem Blute wird die Kirche Gottes rein gewaschen, weißer als Schnee erstehen, wie ein mit der Sonne bekleidetes Weib, wie eine über alles herrschende Königin ...« Alexej blickte auf sein vor Wut verzerrtes Gesicht und seine wild brennenden Augen und meinte, einen Verrückten vor sich zu sehen. Ihm fielen die Worte eines der Klosterdiener ein: »Vater Feodossij hat manchmal Anfälle von Melancholie: wie vom Teufel besessen, fällt er zu Boden und weiß später selbst nicht, was mit ihm gewesen.« »Dieses erhoffte ich und nach diesem Ziele strebte ich,« schloß der Mönch. »Der Herr hat sich wohl Rußlands erbarmt: er hat den Zaren gestraft und das Volk begnadigt. Dich hat er uns gesandt, dich, unsern Retter, dich, strahlendes Kind der Kirche, unsere Freude, den allerfrömmsten Selbstherrscher Allrußlands, deine Majestät!« Der Zarewitsch sprang entsetzt auf. Auch Fedoska erhob sich, stürzte ihm zu Füßen, umschlang seine Knie und flehte mit lauter Stimme wild und inständig, beinahe drohend: »Schaue auf deinen Knecht herab und erbarme dich seiner! Alles, alles will ich dir geben! Deinem Vater wollte ich es nicht geben, wollte es für mich behalten, wollte selbst Patriarch werden. Jetzt will ich es nicht, jetzt brauche ich gar nichts!... Alles für dich, mein Liebster, meine Freude, mein Herzensfreund Aljoschenjka! So lieb habe ich dich!... Du wirst Zar und Patriarch zugleich sein! Du wirst das Irdische mit dem Himmlischen vereinen, die Krone des heiligen Konstantins, die weiße Mönchskappe mit der Zarenkrone des Wladimir Monomachos! Du wirst größer als alle Zaren der Erde sein! Du bist der Erste, und du bist der Einzige! Du – und Gott! ... Und ich bin dein Knecht, dein Hund, ein Wurm vor deinen Füßen, der armselige Fedoska! Ja, Majestät, ich verbeuge mich vor dir und umschlinge deine Beine wie meinem Heiland!« Er verneigte sich vor ihm bis zur Erde, und die schwarzen Flügel der Kutte breiteten sich aus wie die Flügel einer Riesenfledermaus. Das edelsteingeschmückte Brustmedaillon mit dem Bildnisse des Zaren und dem Kruzifix schlug gegen den Boden und erklirrte. Ekel erfüllte die Seele des Zarewitsch, und es überlief ihn kalt wie bei der Berührung mit einem Reptil. Er wollte ihn wegstoßen, schlagen, anspucken, konnte sich aber nicht rühren, gleich als ob er im Banne eines schweren Traumes wäre. Und es schien ihm, als ob er nicht mehr den Gauner, den »armseligen Fedoßka«, vor sich hätte, sondern als ob ein Mächtiger, schrecklicher, Königlicher zu seinen Füßen läge – derjenige, der ein Adler gewesen und zu einer Fledermaus geworden war –, vielleicht gar die der Zarengewalt unterworfene und entehrte Kirche selbst? Und bei all dem Ekel und Entsetzen schwindelte es ihn vor wahnsinnigem Entzücken und dem Rausche des Machtbewußtseins. Es war ihm, als ob ihn jemand auf schwarzen Riesenfittichen in die Höhe höbe, ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigte und zu ihm spräche: »Dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest.« Die Kohlen im Kamin glimmten unter der Asche. Das blaue Herz der Weingeistflamme flackerte kaum sichtbar. Auch das blaue Licht des monddurchschienenen Schneegestöbers hinter dem Fenster war erloschen. Jemand blickte mit blassen Augen zum Fenster herein. Und die Eisblumen an den Fensterscheiben schimmerten matt und weiß wie die Gespenster gestorbener Blumen. Als der Zarewitsch wieder zu sich kam, war er wieder allein im Zimmer. Fedoska war verschwunden, wie in die Erde versunken oder als hätte er sich in der Luft aufgelöst. »Was redete er da? Was phantasierte er?« fragte sich Alexej, wie aus dem Schlafe erwachend. »Die weiße Mönchskappe ... Die Zarenkrone des Monomachen ... Wahnsinn, Melancholie! ... Und woher weiß er, woher weiß er, daß der Vater sterben wird? Wo hat er das her? Jo oft war er schon aufgegeben, und jedesmal hat sich Gott seiner erbarmt ...« Plötzlich erinnerte er sich an die Worte, die er an diesem Tage von Kikin gehört hatte: »Dein Vater ist nicht ernstlich krank. Er hat absichtlich gebeichtet und kommuniziert, damit die Leute glauben, daß er schwer krank sei. Aber es ist nur Verstellung: er will dich und die anderen prüfen, wie ihr euch verhalten werdet, wenn er nicht mehr ist. Du kennst doch die Fabel: die Mäuse machen sich auf, den Kater zu begraben; sie hüpfen und tanzen, er springt aber auf und schlägt mit der Tatze hinein, – sofort hört der Tanz auf ... Er hat kommuniziert, weil er seine eigenen Absichten hat und sich nicht nach den Bräuchen der Mäuse richtet ...« Diese Worte machten auf ihn damals einen beschämenden, häßlichen Eindruck und stachen ihn ins Herz. Er stellte sich aber so, als ob er sie überhört hätte: es war ihm gar zu heiter zumute, und er wollte an nichts denken. »Kikin hat recht!« sagte er sich jetzt, und er hatte plötzlich ein Gefühl, als ob ihm eine Totenhand das Herz zusammenpreßte. »Ja, alles ist Verstellung, Betrug, Dissimulation, teuflische Politik, das Spiel der Katze mit der Maus, wenn er aufspringt und dreinschlägt ... Es ist nichts und es war nichts. All meine Hoffnungen, all mein Entzücken, die Gedanken an Freiheit und Macht waren nur ein Traum, ein Fieberwahn, ein Wahnsinn ...« Die blaue Flamme zuckte zum letztenmal empor und erlosch. Es wurde ganz finster. Eine einzige glimmende Kohle blickte noch unter der Asche hervor und blinzelte ihm wie ein listiges Auge zu. Dem Zarewitsch wurde es unheimlich zumute; es war ihm, als ob Fedoska nicht fortgegangen wäre, als ob er sich irgendwo in einem Winkel verborgen hielte; plötzlich würde er auf seinen schwarzen Flügeln raschelnd emporfliegen, über seinem Kopfe wie eine Fledermaus flattern und ihm ins Ohr flüstern: »Diese Macht will ich dir alle geben und ihre Herrlichkeit; denn sie ist mir übergeben, und ich gebe sie, wem ich will ...« »Afanaßjitsch!« schrie der Zarewitsch. »Mach Licht! Schnell Licht!« Der Alte stieg hustend und brummend von seiner warmen Ofenbank herab. »Worüber habe ich mich so gefreut?« fragte sich der Zarewitsch, zum ersten Male in diesen Tagen bei vollem Bewußtsein. »Ist es denn möglich? ...« Afanaßjitsch kam barfuß herbei und brachte ein angebranntes Talglicht. Der nach der Finsternis blendende und stechende Lichtschein fiel dem Zarewitsch gerade in die Augen. Auch in seiner Seele leuchtete etwas wie ein blendendes Licht auf: er sah plötzlich das, was er nicht sehen wollte, was zu sehen er nicht wagte, – was ihn so lustig machte: die Hoffnung, daß sein Vater sterben würde. III. »Erinnerst du dich noch, Zarewitsch, wie ich dich im Dorfe Preobrashenskoje, in deiner Schlafkammer vor dem heiligen Evangelium fragte, ob du mich, deinen geistlichen Vater, als einen Engel Gottes und Apostel und den Richter über alle deine Handlungen anerkennen würdest, und ob du glaubtest, daß auch ich Sünder die gleiche Priestergewalt, zu lösen und zu binden habe, die Christus den Aposteln verliehen hat. Und du antwortetest mir: Ich glaube es.« Dies sagte dem Zarewitsch sein Beichtvater, der Protopop der Oberen Heilandskathedrale im Kreml, P. Jakow Ignatjew, der drei Wochen nach der Zusammenkunft Alexejs mit Fedoß aus Moskau nach Petersburg gekommen war. Vor zehn Jahren war P. Jakow für den Zarewitsch dasselbe, was der Patriarch Nikon für seinen Großvater, den Sanftesten Zaren Alexej Michailowitsch, gewesen war. Der Enkel befolgte das Vermächtnis des Großvaters: »Die Geistlichkeit sollt ihr stets in Ehren halten und sich vor ihr ohne Widerspruch demütigen; denn die Priesterwürde steht über der Zarenwürde.« Bei der allgemeinen Beschimpfung und Knechtung der Kirche war es für den Zarewitsch ein süßes Gefühl, sich vor dem bescheidenen Popen Jakow bis zur Erde zu verneigen. In der Person des Priesters sah er die Person des Herrn und glaubte, daß der Herr das Haupt über alle Häupter und der König über alle Könige sei. Je gebieterischer P. Jakow auftrat, um so demütiger war der Zarewitsch und um so süßer war ihm diese Demut. Er gab seinem geistlichen Vater die ganze Liebe, die er seinem Vater im Fleische nicht zu geben vermochte. Es war eine eifersüchtige, zärtliche, leidenschaftliche Freundschaft; er war in ihn beinahe verliebt. »Ich bezeuge vor dem wahrhaftigen Gotte, daß ich im ganzen russischen Staate keinen solchen Freund wie Eure Heiligkeit habe,« schrieb der Zarewitsch dem P. Jakow aus dem Auslande. »Ich wollte eigentlich davon nicht sprechen, aber nun spreche ich es doch aus: Gott gebe Euch langes Leben; wenn es aber doch bestimmt sein sollte, daß Ihr aus dieser Welt ins Jenseits übersiedelt, so würde ich gar nicht wünschen, aus dem Auslande ins russische Reich zurückzukehren.« Plötzlich wurde es ganz anders. P. Jakow hatte einen Schwiegersohn, den Schreiber Peter Anfimow. Auf Fürbitte seines Beichtvaters nahm der Zarewitsch den Anfimow in seine Dienste und betraute ihn mit der Verwaltung seines Poretzkijschen Erbgutes im Alatyrschen Kreise des Nishnij-Nowgoroder Gouvernements. Der Schreiber richtete durch seine Willkür die Bauern zugrunde und brachte sie beinahe zu einer Empörung. Sie beklagten sich mehrere Male beim Zarewitsch über Petjka, den Dieb. Dieser verstand es aber immer, mit heiler Haut davonzukommen, da P. Jakow seinem Schwiegersohn jedesmal aus der Klemme half. Endlich kamen die Bauern auf den Gedanken, einen Abgesandten an ihren Landsmann und alten Freund, den Kammerdiener des Zarewitsch, Iwan Afanaßjitsch, zu schicken. Iwan reiste selbst nach dem Poretzkijschen Erbgute, untersuchte die Sache und erstattete nach seiner Heimkehr dem Zarewitsch einen solchen Bericht, daß kein Zweifel mehr an den Schwindeleien und sogar Verbrechen Petjkas und, was die Hauptsache war, darüber, daß P. Jakow von allen diesen Dingen wußte, bestehen konnte. Das war ein harter Schlag für Alexej. Der Zarewitsch empörte sich nicht um seiner selbst und seiner Bauern willen, sondern um der Kirche willen, die, wie er glaubte, in der Person des unwürdigen Hirten entehrt war. Lange Zeit wollte er P. Jakow nicht sehen, verheimlichte seinen Groll und schwieg; plötzlich hielt er es doch nicht aus. Der Protopop nahm unter dem Spitznamen »Pater Ad« zusammen mit Shibanda, Sassypka, Sachljustka und den andern Zechgenossen an der »Kumpanei«, »dem allertrunkensten Konzil« des Zarewitsch, das eine Nachbildung des Konzils des Vaters im kleinen war, teil. Bei einem der Zechgelage begann Alexej die russischen Geistlichen anzuklagen und sie »Judasse, die Verräter« und »Christusverkäufer« zu nennen. »Wann wird sich endlich ein neuer Prophet Elias erheben, um euch Baalspriestern das Rückgrat zu zerschmettern?!« rief er aus, P. Jalow gerade in die Augen blickend. »Zuchtlos ist deine Rede, Zarewitsch,« begann der Protopop mit strenger Miene. »Es geziemt dir nicht, uns Demütige, die wir für dich beten, so zu kränken und anzuklagen ...« »Wir kennen eure Gebete,« unterbrach ihn Alexej. »›Herr, erhöre meinen Jammer, laß mich in die Vorratskammer, laß mich viel zusammenraffen und es dann nach Hause schaffen!‹ – Mein Vater, Zar Peter Alexejewitsch – Gott gebe ihm Gesundheit – hat wohlgetan, als er euch den Flaum rupfte und die langen Bärte stutzte. Ich würde euch Pharisäer, Heuchler, Natterngezücht, ungetünchte Gräber noch ganz anders behandeln! ...« P. Jakow stand vom Tische auf, ging auf den Zarewitsch zu und fragte ihn feierlich: »Wen meinst du, Zarewitsch? Etwa mich Demütigen?« In diesem Augenblick glich der ehrwürdige Pater, Protopop der Oberen Heilandskathedrale, dem Patriarchen Nikon? aber der Sohn Peters glich nicht mehr dem sanftesten Zaren Alexej Michailowitsch. »Auch dich meine ich,« erwiderte der Zarewitsch, sich gleichfalls erhebend und P. Jakow noch immer in die Augen blickend. »Auch dich, Vater, kann man nicht aus dem Dutzend streichen! Auch du hast deine Seele dem Teufel verschrieben, hast Christum nicht Christi wegen, sondern eines Stückes Brotes wegen gesucht, was tust du so stolz? Hast wohl Lust, Patriarch zu werden? Für dich ist die Zeit noch nicht gekommen. Die Schnepfe hat es noch weit zum Peter-Pauls-Tag! Warte nur, der Herr wird dich vom Goldenen Gitter der Oberen Heilandskathedrale mit den Fersen nach oben und der Fratze nach unten in den Schmutz, hinunterwerfen! Ja, in den Schmutz, in den Schmutz!« Er fügte ein unflätiges Schimpfwort hinzu: Alle begannen zu lachen. Dem P. Jakow wurde es finster vor den Augen; auch er war berauscht, doch weniger vom Wein, als vor Wut. »Schweig, Aljoschka!« rief er ihm zu. »Schweig, du junger Hund!« »Wenn ich ein junger Hund bin, so bist du ein alter, heiliger Vater!« P. Jakow wurde blaurot vor Zorn; er bebte am ganzen Körper, erhob seine beiden Hände über dem Kopfe des Zarewitsch und rief mit derselben Stimme, mit der er einst als Protodiakon in der Maria-Verkündigungs-Kathedrale zu Moskau von der Empore herab das Anathema über alle Ketzer und Abtrünnigen geschleudert hatte: »Ich werde dich verfluchen! Ich werde dich verfluchen! Kraft der Gewalt, die mir der Herr selbst durch den Apostel Petrus verliehen hat ...« »Was schreist du so, Pope?« erwiderte der Zarewitsch mit bösem lächeln. »Rede nicht vom Apostel Petrus, sondern von Peter Anfimow, dem schreibet und Dieb, deinem herzlichsten Schwiegersohn! Er steckt in dir, er spricht aus dir, Petjka, der Schuft, Petjka, der Teufel!« P. Jakow ließ seine Hand sinken und versetzte Alexej eine Ohrfeige: er »versperrte dem Gottlosen den Mund«. Der Zarewitsch stürzte auf ihn zu, packte ihn mit der einen Hand am Bart und suchte mit der anderen nach einem Messer auf dem Tische. Das im Krämpfe verzerrte bleiche Gesicht Alexejs mit den brennenden Augen bekam plötzlich eine furchtbare, gleichsam überirdische, gespenstische Ähnlichkeit mit dem Gesicht Peters. Es war einer jener Wutanfälle, die der Zarewitsch manchmal hatte und bei denen er imstande war, einen Mord zu begehen. Die Zechgenossen sprangen auf, fielen über die streitenden her, packten sie an Armen und Leinen und brachten sie nach langen Bemühungen auseinander. Dieser Streit hatte wie alle ähnlichen keine weiteren Folgen: wer betrunken ist, zählt nicht mit; eine gewohnte Sache: gesoffen – gerauft, ausgeschlafen – sich wieder vertragen. Und sie vertrugen sich wieder. Doch die frühere Liebe kehrte nicht mehr zurück. Nikon war in der Achtung des Enkels ebenso gesunken wie in der des Großvaters. P. Jakow war der Vermittler Zwischen dem Zarewitsch und einem Geheimbunde der Gegner Peters und Petersburgs, die »die Einsiedlerin«, die geächtete, im Kloster von Susdal eingekerkerte Zarin Awdotja umgaben, Als die Kunde von der angeblich tödlichen Krankheit des Zaren sich verbreitet hatte, eilte P. Jakow gemäß einem aus Susdal, wo man von der Thronbesteigung Alexejs große Dinge erwartete, erhaltenen Auftrage nach Petersburg. Doch bei der Ankunft des Protopopen stand die Sache schon ganz anders. Der Zar genas so schnell, daß man die Genesung für ein Wunder, oder die Krankheit für eine Verstellung halten mußte. Die Prophezeiung Kikins war in Erfüllung gegangen: der Kater Kotabrys sprang auf, und der Mäusetanz nahm ein Ende: alle flohen auseinander und verkrochen sich in ihre Löcher. Peter hatte sein Ziel erreicht: nun wußte er, welche Macht der Zarewitsch haben würde, wenn er wirklich sterben sollte. Dem Zarewitsch wurde hinterbracht, daß der Zar einen heftigen Zorn gegen ihn hege. Einer der Spione – vielleicht war es Fedoß? – hatte dem Vater zugeflüstert, daß der Zarewitsch sich über den Tod des Vaters gefreut und daß sein Gesicht so gestrahlt habe, als ob er seinen Namenstag hätte. Wieder sah er sich von allen verlassen; alle mieden ihn wie einen Pestkranken. Wieder war er vom Throne auf das Blutgerüst gekommen. Und er wußte, daß es für ihn diesmal keine Gnade geben würde. Von Tag zu Tag wartete er auf die für ihn so schreckliche Zusammenkunft mit dem Vater. Doch Haß und Empörung betäubten die Angst. Ekelhaft erschien ihm dieser Betrug, die Dissimulation, diese Katzenschlauheit, dieses gotteslästerliche Spiel mit dem Tode. Und er mußte an eine andere Dissimulation seines Vaters denken: der Brief, in dem die Enterbung angedroht wurde, die »Mitteilung an meinen Sohn«, die der Zarewitsch am Todestage der Kronprinzessin Charlotte, am 22. Oktober 1715, erhalten hatte, war mit dem 11. Oktober, d. h. dem Tage vor dem Geburtstage seines Sohnes Peter Alexejewitsch datiert. Damals hatte er auf das Datum gar nicht geachtet. Jetzt begriff er aber die List: nachdem ihm ein Sohn geboren worden war, mußte sein Vater dieses Ereignis in seiner »Mitteilung« erwähnen und konnte ihm im Augenblick, wo es einen neuen Thronerben gab, nicht mehr mit bedingungsloser Enterbung drohen. Durch die Fälschung des Datums bekam die Gesetzwidrigkeit den Anschein des Gesetzlichen. Der Zarewitsch mußte bitter lächeln, als er daran dachte, wie sein Vater sich stets bemühte, als gerechter Mann zu erscheinen. Alles hätte er dem Vater verziehen, alle seine großen Lügen und Verbrechen, nur diese kleine List nicht. P. Jakow traf den Zarewitsch in dieser Stimmung an. Alexej freute sich in seiner Einsamkeit über seinen Besuch, wie er sich über jede lebende Seele gefreut hätte. Doch im Protopopen lebte der trotzige Geist Nikons: als er merkte, daß der Zarewitsch mehr als je seines Beistandes bedurfte, entschloß er sich, ihn an die alte Kränkung zu erinnern. »Zarewitsch,« sagte P. Jakow, »du hast dein Versprechen, das du uns einst in Preobrashenskoje vor dem heiligen Evangelium gegeben hast, mißachtet und in Scherz und Spott verwandelt. Du hältst uns nicht für einen Engel Gottes, nicht für einen Apostel Christi und nicht für den Richter über alle deine Taten; du richtest uns selbst und verletzest uns mit schimpflichen Reden. In der Sache unseres Schwiegersohnes Peter Anfimow mit den Poretzkijschen Bauern hast du viele Tränen in unser armes Haus gebracht; du hast mich, deinen geistlichen Vater, am Barte gezerrt, was deine Gnaden aus Furcht vor dem lebendigen Gott nicht hätte tun sollen. Obwohl ich ein unwürdiger Sünder bin, so bin ich doch Diener des allerreinsten Leibes und Blutes des Herrn. Unser Streit, mein Sohn, wird vor dem Richterstuhle des Königs aller Könige, wo es kein Ansehen der Person gibt, am Tage der Wiederkunft Christi entschieden werden, wenn die irdische Gewalt erloschen ist, so steht auch ein Zar wie einer der Ärmsten da ...« Der Zarewitsch blickte ihn schweigend mit einem Ausdrucke an, der nicht von Gram und Verzweiflung, sondern von gefühlloser, toter Leere zeugte, sodaß P. Jakow plötzlich verstummte. Er begriff, daß es nicht der Augenblick war, um alte Abrechnungen auszugraben. Er war ein guter Mensch und liebte Alexej wie ein eigen Kind. »Nun, Gott wird es dir verzeihen,« schloß er seine Rede. »Auch du, Freund, verzeihe mir ...« Dann fügte er mit zärtlicher Sorge hinzu, dem Zarewitsch in die Augen blickend: »Warum bist du so traurig, Aljoschenjka?« Der Zarewitsch ließ den Kopf sinken und sagte nichts. »Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht,« sagte P. Jakow lächelnd mit lustiger und geheimnisvoller Miene. »Einen Brief von deinem Mütterchen. Ich war bei der ›Einsiedlerin‹. Große Freude herrscht dort: man hat wieder Gesichte gehabt und Stimmen gehört, daß es bald in Erfüllung gehen werde ...« Er steckte die Hand in die Tasche, um den Brief hervorzuholen. »Ich will nicht,« sagte der Zarewitsch abweisend. »Ich will nicht, Ignatjitsch! Zeige ihn mir lieber nicht, was habe ich davon? Auch so ist es mir schwer genug. Man wird es noch dem Vater hinterbringen. Viele Spione passen auf uns auf. Reise nicht mehr zu der Einsiedlerin und bringe mir keine Briefe. Ich will nicht ...« P. Jakow blickte ihn wieder lange und unverwandt an. – So weit ist's mit ihm gekommen, – dachte er sich, – daß der Sohn sich von seiner Mutter, das Blut sich vom Blute lossagt! »Hast du es denn schlecht beim Vater?« fragte er im Flüsterton. Alexej winkte abwehrend mit der Hand und ließ den Kopf noch tiefer sinken. P. Jakow verstand nun alles. Tränen traten dem Alten in die Augen. Er beugte sich zum Zarewitsch, legte eine Hand auf seine Hand und begann, ihm mit der andern das Haar so zärtlich wie einem kranken Kinde zu streicheln. Er sprach: »Was hast du, mein Lieber? Was fehlt dir, mein Kind? Der Herr sei mit dir! Wenn du etwas auf dem Herzen hast, so sag es mir, verheimliche es nicht, es wird dir leichter ums Herz werden, wenn wir es zusammen besprechen. Ich bin ja dein Beichtvater. Ich bin zwar ein großer Sünder, vielleicht wird mich aber der Herr doch mit seiner Weisheit erleuchten ...« Der Zarewitsch schwieg noch immer und wandte sich von ihm weg. Plötzlich verzerrte sich sein Gesicht, und seine Lippen erbebten. Mit dumpfem, tränenlosem Schluchzen fiel er P. Jakow zu Füßen. »Es ist mir so schwer, Vater, so schwer! ... Ich weiß gar nicht, was ich tun soll ... Ich habe keine Kräfte mehr ... Ich habe ja meinem Vater ...« Er sprach nicht zu Ende, als ob er selbst über das, was er sagen wollte, erschrocken wäre. »Komm, gehen wir in das Kreuzzimmer! Gehen wir schnell hin! Dort will ich dir alles sagen. Ich will beichten. Sei du der Richter vor Gott zwischen mir und meinem Vater! ...« Im kleinen Kreuzzimmer, das sich neben dem Schlafzimmer befand, waren die Wände von oben bis unten mit alten Ikonen in goldenen und silbernen edelsteinbesäten Fassungen – einem Erbe des Zaren Alexej Michailowitsch – bedeckt. Kein einziger Sonnenstrahl drang herein; im ewigen Dunkel brannten ewige Lampen. Der Zarewitsch kniete vor dem Betpulte nieder, auf dem das Evangelium lag. P. Jakow stand vor ihm im Priesterornat feierlich und wie verändert da: sein Gesicht war, in der Nähe betrachtet, ein einfaches, etwas unbewegliches, vor Alter aufgedunsenes Bauerngesicht; doch in der Ferne erschien es noch immer wohlgestaltet und gemahnte an das Antlitz Christi auf den alten Ikonen. Er hielt das Kreuz in der Hand und sprach: »Siehe, Kind, Christus steht unsichtbar da und hört deine Beichte an. Schäme dich nicht, fürchte nichts und verheimliche vor mir nichts. Sage mir alles ohne Scheu, was du getan hast, auf daß du Verzeihung findest bei unserm Herrn Jesus Christus.« Und während der Beichtvater alle Sünden in der vorgeschriebenen Ordnung aufzählte und der Beichtende die Fragen beantwortete, wurde es ihm immer leichter und leichter ums Herz, als ob jemand Starker ihm eine Last nach der andern von der Seele nähme, als ob jemand Leichter mit leichten Fingern die Wunden seines Gewissens berühre und sie heile. Es war ihm so süß und zugleich so schrecklich zumute: sein Herz brannte, als ob vor ihm nicht P. Jakow, sondern Christus selbst stünde. »Sage mir, mein Kind, ob du einen Menschen mit Absicht oder ohne Absicht getötet hast?« Das war die Frage, die der Zarewitsch erwartete und fürchtete. »Ich habe diese Sünde begangen, Vater,« flüsterte er kaum hörbar, »nicht mit der Tat und nicht mit dem Wort, sondern mit dem Gedanken. Ich habe meinem Vater ...« Und er stockte wie früher, als ob er selbst vor dem, was er sagen wollte, zurückschreckte. Doch der allsehende Blick drang in die heimlichsten Tiefen seiner Seele ein. Vor diesem Blick konnte er nichts verbergen. Mit Anstrengung, zitternd und erblassend, in kalten Schweiß gebadet, sprach er weiter: »Als Väterchen krank war, wünschte ich ihm den Tod.« Er krümmte sich ganz zusammen, senkte den Kopf und schloß die Augen, um den nicht zu sehen, der vor ihm stand; er erstarrte vor Schreck; wie auf ein donnerndes Wort wartend – auf die letzte Verurteilung oder Freisprechung beim Jüngsten Gericht. Plötzlich sprach aber die ihm vertraute, gewöhnliche, menschliche Stimme des P. Jakow: »Gott wird dir vergeben, mein Kind, wir wünschen ihm alle den Tod.« Der Zarewitsch hob den Kopf, schlug die Augen auf und erblickte vor sich das bekannte, gewöhnliche, menschliche, durchaus nicht schreckliche Gesicht – die seinen Runzeln um die gutmütigen, ein wenig listigen braunen Augen, die Warze mit den drei Härchen auf der runden vollen Wange, den rötlichen, mit grauen Haaren untermengten Bart, denselben Bart, an dem er einst im Rausche seinen Beichtvater gezerrt hatte. Er hatte einen ganz gewöhnlichen Popen vor sich, und niemand stand hinter ihm. Klier wenn über den Zarewitsch wirklich ein Donnerschlag erdröhnt wäre, wäre er wohl weniger bestürzt gewesen, als über diese einfachen Worte: »Gott wird dir vergeben, mein Kind. Wir wünschen ihm alle den Tod.« Der Priester fuhr aber so ruhig, als ob nichts vorgefallen wäre, in der vorgeschriebenen Ordnung fort: »Sage mir, mein Kind, ob du etwas vom Aas, oder von Blut, oder von Erwürgtem, oder von Wölfen Zerrissenem, oder von Raubvögeln Getötetem gegessen hast? Oder ob du dich mit irgend etwas anderm, was vom heiligen Gesetz verboten ist, verunreinigt hast? Oder ob du in den heiligen vierzigtägigen Fasten, oder am Mittwoch, oder am Freitag Butter oder Käse genossen hast?« »Vater!« rief der Zarewitsch. »Groß ist meine Sünde. Gott sieht, wie groß sie ist ...« »Hast du die Fasten verletzt?« fragte P. Jakow beunruhigt. »Nicht davon rede ich, Vater! Ich rede vom Zaren. Wie ist es nun? Ich bin ja sein leiblicher Lohn, ein Blut von seinem Blute. Der Lohn wünschte dem Vater den Tod. Und wer jemand den Tod wünscht, der ist sein Mörder. Ich bin in meinen Gedanken der Mörder meines Vaters. Es ist so schrecklich, Ignatjitsch, so schrecklich. Bei Gott, Vater, ich beichte dir wie Christo selbst. Richte mich, hilf mir, erbarme dich meiner, Herr! ...« P. Jakow sah ihn zuerst erstaunt, dann zornig an. »Daß du dich gegen deinen Vater im Fleische erhoben hast, das beichtest du; und daß du dich gegen deinen Vater im Geiste empört hast, daran denkst du nicht mehr? Ebenso wie der Geist mehr ist als das Fleisch, so ist auch der geistliche Vater mehr als der leibliche...« Und er hielt wieder eine lange, wie aus den Büchern geschöpfte, hohle Rede über ein und dasselbe Thema: »Ihr sollt die Geistlichkeit über alles ehren.« »Du hast das Gebot verletzt, mein Kind, und eigenmächtig gehandelt, wie ein rasender oder toller Bock hast du mich angeschrien. Der Herr möge es dir nicht anrechnen, denn es kommt nicht von dir selbst: es ist der Satan, der mich durch deinen Mund beschimpft, – er hat dich wie eine Schindmähre aufgezäumt, er reitet auf dir so stolz wie auf einem Schweine – so sagen die heiligen Väter –, er lenkt dich wohin er will, bis er dich gänzlich ins Verderben stürzt...« Er brachte die Rede allmählich auf die Poretzkijschen Bauern und seinen Schwiegersohn Peter Anfimow. Etwas wie ein graues Spinngewebe, etwas Einschläferndes und Klebriges schwebte dem Zarewitsch vor den Augen, und das Gesicht dessen, der vor ihm stand, zerfloß und verdoppelte sich wie im Nebel, als ob aus diesem Gesicht ein anderes, ebenso bekanntes, mit roter, spitzer, immer schnüffelnder Nase und kurzsichtigen, tränenden, listigen, raubgierigen Augen – das Gesicht Petjkas, des Schreibers, hervorträte; als ob im Gesicht »seiner Exzellenz, des hochwürdigen Protopopen der Oberen Heilandskathedrale«, das so wohlgestaltet war und an das Antlitz Christi auf alten Ikonen erinnerte, sich auf eine schreckliche und blasphemische Weise die abscheuliche Fratze Petjkas des Diebs, Petjkas des Teufels mit dem Antlitze des Herrn vermengte. »Unser Herr und Heiland Jesus Christus vergebe dir, mein Sohn Alexius, durch die Gnade und den Segen seiner Barmherzigkeit alle deine Sünden,« sagte P. Jakow, den Kopf des Zarewitsch mit dem Beichttuch verhüllend. »Und ich unwürdiger Priester vergebe dir durch seine mir verliehene Gewalt alle deine Vergehen und spreche dich von ihnen los, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.« Im Herzen Alexejs gähnte eine Leere, und die Worte des Priesters klangen für ihn hohl, ohne Kraft, ohne Geheimnis, ohne Schrecken. Er fühlte, daß ihm hier unten, aber nicht dort oben verziehen wurde; daß er auf Erden, doch nicht im Himmel freigesprochen worden war. P. Jakow ging am Abend desselben Tages ins Dampfbad. Nach dem Bade setzte er sich dem Zarewitsch gegenüber vor den Kamin und trank einen heißen Aufguß aus Honig und Lorbeerblättern, der in einem glänzend roten Kupferkessel dampfte, in dem sich das kupferrote Gesicht des Protopopen spiegelte. Er trank ohne Übereilung eine Tasse nach der andern und wischte sich fortwährend mit einem großen karierten Tuche den Schweiß von der Stirn. Das Schwitzen im Dampfbade und das Trinken des heißen Aufgusses waren für ihn wie kirchliche Handlungen. Auch in der Art, wie er die heiße Flüssigkeit schlürfte und dazu eine knusprige Buttersemmel aß, zeigte er die gleiche schöne Würde und Wichtigkeit wie bei einem Gottesdienst; man sah ihm den Hüter der altväterlichen Gebräuche an, man hörte in seiner Stimme das Vermächtnis der alten rechtgläubigen Kirche: »Sei unbeweglich wie eine Marmorsäule und neige dich weder nach rechts noch nach links.« Der Zarewitsch hörte seine Erörterungen, welche Badequasten die weichsten seien; welches Kraut, Minze oder Rainfarn, im Dampfbade angenehmer dufte; und die Geschichte, wie die Frau des Protopopen sich am Tage des heiligen Nikola, am 6. Dezember, im Dampfbade beinahe zu Tode verbrüht hatte. Nebenbei auch belehrende und erbauende Worte aus den heiligen Vätern: »Der Wurm ist demütig und bescheiden, du aber bist hochmütig und stolz; wenn du vernünftig bist, so vermindere deinen stolz und denke daran, daß deine stärke und Kraft dereinst den Würmern als speise dienen wird, hüte dich vor Hochmut, nimm dich vor Zorn in acht ...« Und er brachte die Rede wieder auf die Poretzkijschen Bauern und auf den unvermeidlichen Schwiegersohn Peter Antimow. Der Zarewitsch hatte Lust einzuschlafen, und zuweilen schien es ihm, als ob da kein Mensch vor ihm redete, sondern ein Ochse wiederkäue und aufstoße und immer von neuem wiederkäue. Eine traurige Dämmerung füllte allmählich das Zimmer; draußen war Tauwetter mit einem trüben gelben Nebel. Die bleichen Eisblumen am Fenster schmolzen und flössen in Tränen herab. Zum Fenster blickte der Himmel herein, so trüb, blind und tränend wie die listigen, gemeinen Augen Petjkas, des Schreibers. P. Jakow saß dem Zarewitsch gegenüber auf dem gleichen Platz, wo vor drei Wochen der Archimanorit Fedoß gesessen hatte. Und Alexej verglich unwillkürlich die beiden Hirten, den der alten und den der neuen Kirche, miteinander. »Es sind keine Bischöfe, sondern ein Gesindel! Wir waren Adler und sind nächtliche Fledermäuse geworden,« hatte der Pope Fedoß gesagt, »wir waren Adler und sind Ochsen unter dem Joch geworden,« hätte der Pope Jakow sagen können. Hinter Fedoßka stand der ewige Politiker, der alte Fürst dieser Welt; auch hinter P. Jakow stand derselbe Politiker, der neue Fürst dieser Welt, Petjka, der Dieb. Der eine war des andern wert; das Alte war des Neuen würdig, steckte denn wirklich zwischen diesen beiden Antlitzen, dem der Vergangenheit und dem der Zukunft, als einziges drittes Antlitz das Antlitz der ganzen Kirche? Bald blickte er auf den trüben Himmel, bald auf das rote Gesicht des Protopopen. Hier wie dort war etwas ungemein Flaches Abgeschmacktes und in seiner Abgeschmacktheit Ewiges, etwas, was immer besteht und doch gespenstischer ist als der wildeste Fiebertraum. Eine Leere gähnte in seinem Herzen und eine Langeweile so schrecklich wie der Tod. Und genau wie damals erklang wieder ein Schellengeläute, anfangs dumpf, in der Ferne, dann aber immer lauter und näher. Der Zarewitsch horchte auf und wurde plötzlich unruhig. »Da fährt jemand,« sagte P. Jakow. »Vielleicht zu dir?« Schon hörte man das Aufschlagen der Pferdehufe im geschmolzenen Schnee, das Knirschen der Kufen auf den vom Schnee entblößten Steinen, dann Stimmen im Flur und Schritte im Gang. Die Türe ging auf, und ein Riese mit hübschem und dummem Gesicht, ein sonderbares Gemisch eines römischen Legionärs mit Iwanuschka, dem Narren aus dem russischen Märchen, trat ein. Es war der Kammerherr des Zaren, Hauptmann im Preobrashenskij-Garderegiment, Alexander Iwanowitsch Rumjanzew. Er reichte dem Zarewitsch einen Brief. Dieser öffnete ihn und las: »Sohn. Komme morgen zu uns ins Winterpalais. – Peter.« Alexej erschrak nicht und wunderte sich nicht, wie wenn er diese Zusammenkunft schon früher vorausgewußt hätte. Es war ihm alles gleich. * In der folgenden Nacht hatte der Zarewitsch einen Traum, den er schon früher oft gehabt hatte. Dieser Traum beruhte auf einer Erzählung, die er in seiner Kindheit gehört hatte. Während des Strelitzen-Prozesses hatte Zar Peter befohlen, die in der Vorhalle der Kirche »Nikola-auf-den-Säulen« in Moskau beigesetzte Leiche seines Feindes, des Freundes Sofjas und Hauptaufrührers, des Bojaren Iwan Miloslawskijs, die siebzehn Jahre in der Erde gelegen hatte, auszugraben; den offenen Sarg auf einem mit Schweinen bespannten Fuhrwerk nach Preobrashenskoje zu bringen und dort in der Folterkammer unter das Gerüst, wo man die Verräter köpfte, zu stellen, so daß ihr Blut in den Sarg strömte; die Leiche nachher in Stücke zu hauen und in der gleichen Folterkammer unter den Galgen und Richtblöcken einzuscharren, »damit«, wie es im Ukas hieß, »die schändlichen Überreste des Spitzbuben Miloslawskij ewig mit dem beständig fließenden Blute der Verbrecher begossen werden nach dem Worte des Psalmisten: ›Der Herr hat Greuel an den Blutgierigen und Falschen.‹« In diesem Traume sah Alexej anfangs nichts; er hörte nur das leise schreckliche Liedchen aus dem Märchen vom Schwesterlein Alenuschka und Brüderlein Iwanuschka, das er als Kind von seiner Großmutter, der alten Zarin Natalja Kirilowna Naryschkina, der Mutter Peters, oft gehört hatte; im Traume hörte er aber statt des Namens »Alenuschka« den Namen »Aljoschenjka«; schrecklich und unheildrohend erschien ihm der Gleichklang der Namen. Aljoschenjka, Aljoschenjka, Das Feuer brennt, Das Wasser kocht, Man schleift das Messer, Um dich zu schlachten ... Dann sah er eine leere einsame Straße, weichen, schmelzenden Schnee, eine Reihe schwarzer Holzhütten und die bleiernen Kuppeln der alten Kirche »Nikola-auf-den-Säulen«. Es ist ein früher Morgen, so dunkel wie ein Abend. Am Rande des Himmels schwebt ein riesengroßer Schweifstern, ein blutroter Komet. Fette, nackte, schwarze Tschudowsche Schweine mit rosa Flecken schleppen einen Narrenschlitten. Auf dem Schlitten steht ein offener Sarg. Im Sarge liegt etwas Schwarzes und Schlüpfriges, das wie ein Haufen fauler Blätter in einer Baumhöhlung aussieht. Die blassen Kirchenkuppeln schimmern im Lichte des Kometen rötlich wie Blut. Die dünne Eisdecke der Frühlingspfützen kracht unter den Schlittenkufen, und der schwarze Schmutz spritzt wie Blut. Es ist so still wie vor dem Weltuntergang, wie vor der Posaune des Erzengels. Man hört nur das Grunzen der Schweine. Und eine Stimme, die an die Stimme des kleinen alten Männchens im grünen verblichenen Priestergewande, an die Stimme des heiligen Dmitrij von Rostow, den Aljoscha in seiner Kindheit gesehen hatte, erinnert, flüstert ihm ins Ohr: »Der Herr hat Greuel an den Blutgierigen und Falschen.« Und der Zarewitsch weiß, daß der Blutgierige – Peter selbst ist. Er erwachte, wie jedesmal nach diesem Traum, außer sich vor Angst. Zum Fenster blickte ein früher, dunkler Morgen herein, der wie ein Abend war. Es war so still wie vor dem Weltuntergang. Plötzlich hörte er ein Klopfen an der Türe und die verschlafene, mürrische Stimme des Afanaßjitsch: »Steh auf, steh auf, Zarewitsch! Es ist Zeit, zum Vater zu gehen!« Alexej wollte aufschreien und aufspringen, konnte es aber nicht. Alle seine Glieder waren wie gelähmt. sein ganzer Leib kam ihm wie der eines Fremden vor. Er lag wie tot da, und es schien ihm, daß er noch weiterschliefe, daß er nur im Traume erwacht sei. Zugleich hörte er aber das Klopfen und die stimme des Afanaßjitsch: »Es ist Zeit, es ist Zeit, zum Vater zu gehen!« Und die gebrechliche, wie das Meckern eines Zickleins zitternde stimme der Großmutter sang über ihm leise das schreckliche Liedchen: Aljoschenjka, Aljoschenjka, Das Feuer brennt, Das Wasser kocht, Man schleift das Messer, Um dich zu schlachten ... IV. Peter sprach zu Alexej: »Als der Krieg mit den Schweden ausbrach, wie groß war da die Niederlage, die wir wegen unserer Unwissenheit erlitten; mit wieviel Geduld und Leid sind wir in diese Schule gegangen, bis uns die Gnade zuteil wurde, zu sehen, daß dieser Feind, vor dem wir so zitterten, vor uns womöglich noch mehr zittert! Und alles das wurde durch meine Mühe und die Mühe der übrigen wahren Söhne Rußlands erreicht. Auch heute noch essen wir nach dem Worte des Herrn an unsern Urahnen Adam unser Brot im Schweiße unseres Angesichts. Wir mühten uns, soweit es in unsern Kräften lag, wie Noah mit der Arche Rußlands ab und hatten nur den einen Gedanken, daß der Ruhm Rußlands über die ganze Welt strahle. Und wenn ich dieses Glück, das der Herr auf unser Vaterland herabgesandt hat, überblicke und die Linie der Erbfolge betrachte, so verzehrt mich ein Kummer, der beinahe ebenso groß ist wie jenes Glück; denn ich sehe deine Unfähigkeit, die Staatsgeschäfte zu leiten ...« Während Alexej die Treppe im Winterpalais emporstieg und am Grenadier, der vor der Tür des »Kontors« – des Arbeitszimmers des Zaren Posten stand, vorbeiging, empfand er, wie vor jeder Zusammenkunft mit seinem Vater, eine sinnlose, tierische Angst. Es war ihm schwarz vor den Augen, seine Zähne klapperten, er hielt sich kaum auf den Beinen und fürchtete umzufallen. Während aber der Vater mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme die lange, offenbar vorher zurechtgelegte und vielleicht auswendig gelernte Rede hielt, wurde Alexej allmählich ruhig. Alles war in ihm zu Stein erstarrt, und es war ihm wieder alles gleich, als ob der Vater gar nicht zu ihm und über ihn spräche. Der Zarewitsch stand in strammer Haltung, wie ein Soldat, die Hand an der Hosennaht. Er hörte nur halb zu und ließ seine Blicke verstohlen mit zerstreuter und gleichgültiger Neugier über das Zimmer schweifen. Drehbänke, Zimmermannswerkzeuge, Astrolabien, Wasserwagen, Kompasse, Globen und andere mathematische, artilleristische und fortifikatorische Instrumente füllten das enge Kontor und verliehen ihm eine Ähnlichkeit mit einer Kajüte. An den mit dunklem Eichenholz verkleideten Wänden hingen Marinebilder des von Peter bevorzugten holländischen Meisters Adam Silo, »nützlich zur Erfassung der Schiffsbaukunst. Der Zarewitsch sah lauter Gegenstände, die er von Kind auf kannte und die in ihm eine Reihe von Erinnerungen weckten: auf einem holländischen Zeitungsblatt lag die große eiserne Brille, deren Steg mit blauer Seide umwickelt war, damit er den Nasenrücken nicht wundreibe; daneben eine Nachtmütze aus gestreiftem weißem Baumwollzeug mit grüner Quaste, die Aljoscha einst im Spiele abgerissen und die der Vater, darüber gar nicht in Zorn geraten, eigenhändig wieder angenäht hatte, das Schreiben eines Ukases, mit dem er gerade beschäftigt war, unterbrechend. Peter saß in einem alten, mit Leder überzogenen Sessel mit hoher Rücklehne, an einem mit Papieren überhäuften Tisch, den Rücken dem glühend heißen Ofen zugekehrt. Er trug einen verblichenen und abgetragenen blauen Schlafrock, den der Zarewitsch noch aus der Zeit vor der Schlacht bei Poltawa kannte, mit dem Flicken von grellerem Blau an der Stelle, wo er sich einmal mit der Pfeife ein Loch hineingebrannt hatte; eine rote wollene Jacke mit weißen Beinknöpfen, von denen der eine zur Hälfte abgebrochen war. Der Zarewitsch erkannte diesen Knopf wieder und zählte ihn, wie er es immer während der langen Predigten seines Vaters, er wußte selbst nicht warum, tat, – es war der sechste von unten; ein Unterkleid aus grobem blauen Wollstoff; graue, oft gestopfte Strümpfe aus Kamelgarn und alte, schiefgetretene Pantoffel. Der Zarewitsch betrachtete alle diese Einzelheiten, die ihm zugleich vertraut und fremd vorkamen. Aber das Gesicht des Vaters konnte er kaum sehen. Durchs Fenster, hinter dem die weiße Schneedecke der Newa schimmerte, fiel zwischen sie beide ein schräger Strahl der gelben Wintersonne, lang, spitz und scharf wie ein Schwert. Der Strahl trennte sie und verdeckte sie voreinander. Im viereckigen Sonnenfleck, den der Fensterrahmen am Fußboden zeichnete, schlief zusammengekauert Peters Liebling, die rothaarige Hündin Lisette. Und der Zar sprach mit gleichmäßiger, von Husten etwas heiserer stimme, so eintönig, als ob er einen geschriebenen Ukas ablese: »Gott ist an deiner Unfähigkeit nicht schuld, denn er hat dir weder den Verstand genommen noch Körperkraft versagt; du bist zwar nicht von besonders kräftiger, aber auch nicht von schwacher Konstitution; vor allen Dingen willst du aber von den militärischen Angelegenheiten nichts wissen, dank denen wir aus der Finsternis ins Licht getreten sind und für die man uns, die man in der Welt bisher gar nicht kannte, jetzt überall ehrt. Ich verlange von dir nicht, daß du ohne jeden rechtlichen Grund Kriege führst; ich verlange nur, daß du die Kriegswissenschaft liebst, dich um sie kümmerst und sie studierst: denn sie ist die eine der beiden Grundlagen, die für die Regierung notwendig sind und die Ordnung und Landesverteidigung heißen. Die Verachtung des Krieges muß einen allgemeinen Verfall des Staates nach sich ziehen, wie es uns der Niedergang der griechischen Monarchie beweist: sind die Griechen nicht darum zugrunde gegangen, weil sie ihre Waffen niedergelegt haben und, vom Wunsche, in Frieden zu leben, beseelt, in allen Dingen den Feinden nachgaben, bis die letzteren den friedlichen griechischen Staat den Tyrannen zur ewigen Sklaverei überlieferten? Wenn du aber meinst, daß diese Angelegenheiten von Generälen auf Befehl erledigt werden können, so ist diese Ansicht falsch. Ein jeder blickt zum Oberbefehlshaber empor, um nach seinen Wünschen zu handeln: was der Oberbefehlshaber wünscht, das wünschen alle, und wovon er sich abkehrt, darum kümmern sich auch die andern nicht. Du hast aber kein Interesse, lernst nichts und weißt daher nichts von militärischen Dingen. Und wenn du selbst nichts von ihnen verstehst, wie kannst du dann die andern befehligen? Wenn du keine Ahnung von den Handlungen und Fähigkeiten deiner Untergebenen hast, wie kannst du den Guten mit Gutem belohnen und den Nachlässigen bestrafen? Wie ein junger Vogel wirst du ihnen ins Maul schauen müssen. Oder willst du dich mit deiner schwachen Gesundheit entschuldigen, daß du kriegerische Strapazen nicht ertragen kannst? Auch diese Ausrede ist nicht stichhaltig. Denn ich verlange von dir keine Strapazen, sondern ein Interesse, welches von keiner Krankheit geschwächt werden kann. Wirst du vielleicht darauf einwenden, daß viele Herrscher niemals in eigener Person in den Krieg ziehen und dennoch die Staatsgeschäfte besorgen? Manche gehen allerdings nicht in den Krieg, haben aber das nötige Interesse; der verstorbene König Ludwig von Frankreich war nur wenig im Felde, hat aber ein solches Interesse für kriegerische Handlungen gehabt und so wunderbare Taten vollführt, daß man seine Kriegführung ein Theater und eine Schule für die ganze Welt zu nennen pflegte; und nicht allein durch Kriegführung, sondern auch durch Staatskunst und Industrie verschaffte er seinem Lande den größten Ruhm. Nachdem ich dir dies alles dargelegt habe, komme ich wieder darauf zurück, womit ich begonnen habe. Denn ich bin nur ein Mensch und dem Tode Untertan...« Der Sonnenstrahl, der sie trennte, war etwas weggerückt, und Alexej blickte Peter ins Gesicht. Das Gesicht war so verändert, als ob nicht ein Monat, sondern Jahre vergangen wären, seit er den Vater zum letztenmal gesehen hatte. Damals war Peter ein Mann in der Blüte seiner Kraft und Männlichkeit gewesen, und jetzt sah er beinahe wie ein Greis aus. Und der Zarewitsch begriff, daß die Krankheit des Vaters keine Verstellung gewesen war und daß er dem Tode vielleicht näher gewesen war, als alle glaubten. Im kahlen Schädel – die Haare waren vorne ausgefallen –, in den Backen unter den Augen, im hervortretenden Unterkiefer, im ganzen gelblich-blassen, aufgedunsenen, geschwollenen Gesicht lag etwas schweres, Unbewegliches, starres wie auf einer Totenmaske. Nur in den unnatürlich glänzenden, gleichsam entzündeten großen, weitgeöffneten und wie bei einem gefangenen Raubvogel hervorstehenden Augen lag noch der frühere jugendliche, jetzt aber unendlich müde, schwache, fast elende Ausdruck. Alexej begriff auch, daß er, obwohl er viel an den Tod des Vaters gedacht und ihn herbeigewünscht hatte, ihn eigentlich niemals vollkommen erfaßt habe, als ob er niemals ernsthaft geglaubt hätte, daß der Vater wirklich sterben könne. Erst jetzt glaubte er zum erstenmal an diese Möglichkeit. In diesem Gefühl lag ein tiefes Erstaunen und eine neue, von ihm niemals empfundene Angst; er war nicht mehr um sich selbst, sondern um ihn besorgt; was würde der Tod für einen solchen Menschen sein? Wie würde er sterben? »Denn ich bin nur ein Mensch und dem Tode Untertan,« fuhr Peter fort. »Wem soll ich diese mit Hilfe des höchsten begonnene, zu einiger Blüte großgezogene Pflanzung hinterlassen? Etwa dem, der wie der faule Knecht im Evangelium sein Talent in die Erde vergraben und das, was Gott ihm gegeben, verworfen hat? Ich will noch erwähnen, von welch böser und trotziger Gemütsart du bist. Wie oft habe ich dich dafür gescholten, und nicht nur gescholten, sondern auch geschlagen; außerdem habe ich mit dir viele Jahre fast gar nichts gesprochen. Doch es half und nutzte nichts; alles war vergebens. Du willst nichts tun, willst nur ruhig zu Hause leben und deinen Vergnügungen nachgehen, ganz gleich, was draußen geschieht. Einerseits fließt Zarenblut edler Abstammung in deinen Adern, andererseits hast du eine gemeine Gesinnung wie der niedrigste unter den niederen Sklaven, denn du pflegst Umgang mit verwerflichen Leuten, von denen du nichts als Böses und Gemeines lernen kannst. Womit willst du deinen Vater für deine Geburt lohnen? Hilfst du denn mir, nachdem du ein so reifes Alter erreicht hast, in meinen vielen schier unerträglichen Sorgen und Mühen? Nein, daran denkst du gar nicht. Noch mehr, du hassest meine Taten, die ich zum Nutzen meines Volkes, ohne meine Gesundheit zu schonen, vollbringe und die du nach meinem Tode sicherlich zerstören wirst! Nachdem ich dies alles mit Schmerz erwogen habe und zur Überzeugung gelangt bin, daß ich dich durch nichts zum Guten bekehren kann, habe ich es für gut befunden, dir mein Testament mitzuteilen und noch ein wenig zu warten, ob du dich nicht aufrichtig besserst. Geschieht das nicht, so tue ich dir kund ...« Bei diesem Worte wurde er von einem langen quälenden Hustenanfall, der von seiner Krankheit zurückgeblieben war, unterbrochen. Sein Gesicht lief blaurot an, seine Augen quollen hervor. Schweiß trat ihm auf die Stirn, und die Adern schwollen an. Er rang nach Atem und würgte bei den vergeblichen Versuchen, den Schleim auszuhusten, wie ein kleines Kind, das mit einem Hustenanfall nicht fertig zu werden versteht. In diesem kindlich-greisenhaften Gebaren lag etwas Komisches und zugleich Grauenhaftes. Lisette erwachte, hob die Schnauze und richtete ihren klugen, gleichsam mitleidsvollen Blick auf ihren Herrn. Auch der Zarewitsch sah den Vater an, – und plötzlich durchbohrte etwas unerträglich scharfes sein Herz: »Der Hund hat mit ihm Mitleid, und ich ...« Peter gelang es schließlich, den Schleim auszuspucken; er ließ sein gewohntes unflätiges Schimpfwort fallen, wischte sich mit dem Tuche Schweiß und Tränen aus dem Gesicht und fuhr an derselben Stelle fort, wo er stehengeblieben war; seine Stimme klang zwar heiserer, aber noch immer ebenso leidenschaftslos und eintönig, wie früher, als ob er einen geschriebenen Ukas ablese: »Ich tue dir also dieses kund ...« Er ließ das Tuch versehentlich fallen und wollte sich beugen, um es aufzuheben. Alexej aber kam ihm zuvor, hob das Tuch auf und reichte es dem Vater. Diese kleine Dienstleistung rief in ihm plötzlich jenes scheue, zärtliche, beinahe verliebte Gefühl wach, das er einst gegen den Vater empfunden hatte. »Väterchen!« rief er mit einem solchen Ausdruck in Gesicht und Stimme, daß Peter ihn aufmerksam musterte und dann sofort die Augen senkte. »Gott sei mein Zeuge, daß ich nichts Arglistiges gegen dich verbrochen habe. Und was die Enterbung betrifft, so wünsche ich sie wegen meiner Schwäche selbst; warum soll man etwas auf sich nehmen, was man gar nicht tragen kann? wie komme ich dazu! Bin ich denn, Väterchen ... für dich, für dich ... oh mein Gott! ...« Seine Stimme versagte. Er hob in seiner Verzweiflung beide Hände krampfartig in die Höhe, als ob er sich an den Kopf fassen wollte, und erstarrte in dieser Stellung mit einem seltsamen zerstreuten Lächeln auf den Lippen, blaß und am ganzen Leibe bebend. Er wußte selbst nicht, was er hatte, – er fühlte nur, wie in seiner Brust etwas anschwoll und sich mit erschütternder Kraft hinausdrängte. Nur ein einziges Wort, ein Blick, ein Zeichen des Vaters hätte genügt, und der John wäre ihm zu Füßen gefallen, hätte sie umklammert und hätte solche Tränen geweint, daß die schreckliche trennende Mauer zwischen ihnen eingestürzt und wie Eis in der Sonne geschmolzen wäre. Er hätte ihm alles erklärt, er hätte solche Worte gefunden, daß der Vater ihm verziehen und begriffen hätte, wie sehr er ihn sein Leben lang geliebt habe, nur ihn allein, und ihn auch jetzt noch liebte, sogar noch mehr als je; daß er gar nichts wolle, als ihn allein lieben und für ihn sterben zu dürfen; er sollte nur ein einzigesmal mit ihm Mitleid haben, ihn wie so oft in der Kindheit an sein Herz drücken und sagen: »Aljoscha, mein liebes Kind!« »Laß, bitte, diese Kindereien!« sprach die rauhe, anscheinend mit Absicht rauhe, in der Tat aber verlegene und diese Verlegenheit zu bemeistern suchende Stimme Peters. »Laß alle Ausflüchte. Nur durch Taten kannst du in uns den Glauben an dich wecken? deinen Worten traue ich nicht. Auch in der Schrift heißt es: Ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen ...« Peter sah zur Seite, um dem Blick Alexejs auszuweichen; in seinen Zügen flimmerte und zitterte es, als ob durch die Totenmaske das lebendige Gesicht, das dem Zarewitsch allzu vertraut und lieb war, hervorschaute. Aber Peter hatte seine Verwirrung bald bemeistert. Je länger er sprach, um so starrer wurde sein Gesicht, um so härter und erbarmungsloser klang seine Stimme. »Heutzutage werden die Nichtstuer nicht geschätzt, wer sein Brot ißt und seinem Gott, dem Zaren und dem Vaterlande keinen Vorteil bringt, gleicht dem Wurme, der alles in Moder verwandelt und von dem die Menschen keinerlei Nutzen, sondern nur Schaden sehen. Auch der Apostel sagt: ›So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen ...‹ Du bist aber einer von denen, die ihr Brot ohne zu arbeiten essen wollen ...« Alexej hörte kaum seine Worte. Aber jeder Ton verwundete seine Seele und bohrte sich in sie mit unerträglichem Schmerz wie ein Messer, das in lebendiges Fleisch dringt. Es war wie ein Mord. Er wollte aufschreien, den Vater unterbrechen, er fühlte aber, daß der Vater nichts verstehen und ihn gar nicht hören würde, wieder stand die Mauer, wieder gähnte der Abgrund zwischen ihnen. Und der Vater rückte mit jedem Worte immer weiter von ihm weg, immer unwiederbringlicher, so wie ein Toter von den Lebenden wegrückt. Endlich ließ auch der schmerz nach. Alles war in ihm wieder zu Stein erstarrt. Es war ihm wieder alles gleich. Ihn quälte nur noch die einschläfernde Langeweile der leblosen Stimme, die ihn nicht mehr verwundete, sondern nur wie eine stumpfe Säge kratzte. Um dem Gespräch ein Ende zu machen und schneller fortgehen zu können, wählte er einen Augenblick, wo Peter innehielt, und brachte die lange vorher zurechtgelegte Antwort vor. Sein Gesicht und seine Stimme waren dabei ebenso leblos wie die des Vaters. »Gnädigster Herr Vater! Ich habe dir nichts anderes zu sagen, als daß dein Wille geschehen möge, wenn du mir wegen meiner Unfähigkeit das Erbe der russischen Krone nehmen willst. Ich bitte dich sogar, Herr, ergebenst darum, denn ich sehe selbst meine Unbrauchbarkeit und Unfähigkeit ein. Ich habe ein schwaches Gedächtnis, das mich zu jedem Werk untauglich macht, und bin auch sonst infolge verschiedener Krankheiten an Körper und Geist geschwächt und unfähig, ein so großes Volk zu regieren, welches Amt einen Menschen erfordert, der nicht so durchfault ist, wie ich es bin. Aus diesem Grunde erhebe ich, wenn ich auch keinen Bruder hätte – aber ich habe jetzt Gott sei Dank einen Bruder, dem Gott ein langes Leben schenken möge! –, keinerlei Ansprüche auf den russischen Thron und werde auch in Zukunft keine erheben, wofür ich Gott zum Zeugen anrufe und was ich zur wahren Bestätigung mit eigener Hand schriftlich zu geben bereit bin. Meine Kinder überlasse ich Eurem Willen, und für mich selbst bitte ich um lebenslänglichen Unterhalt.« Beide schwiegen. In der Stille des winterlichen Mittags hörte man das gleichmäßige Ticken des Messingpendels der Wanduhr. »Deine Entsagung ist nur ein Versuch, die Sache zu verschleppen, aber nicht die Wahrheit!« sagte schließlich Peter. »Denn wenn du schon jetzt keine Scheu hast und dich um den Willen des Vaters wenig bekümmerst, wie wirst du mein Vermächtnis nach meinem Tode befolgen? Auch auf deinen Eid kann ich wegen deiner Hartherzigkeit nicht viel geben. Ich denke auch an den Ausspruch Davids: ›Alle Menschen sind Lügner.‹ Und selbst wenn du das Versprechen halten wolltest, so können dich die langen Bärte, die Popen und heiligen Greise, die heutzutage wegen ihres Nichtstuns wenig beliebt sind und zu denen du stark hinneigst, noch immer umstimmen. Es ist daher unmöglich, daß du, wie du es willst, weder Fisch noch Fleisch bleibst. Du mußt daher entweder deine Sitten ändern und dich ohne Heuchelei als ein würdiger Thronerbe zeigen – anders kann meine Seele keine Ruhe finden, besonders jetzt, wo meine Gesundheit erschüttert ist –, oder Mönch werden...« Alexej hielt die Augen gesenkt und schwieg. Sein Gesicht glich jetzt ebenso einer Totenmaske wie das des Vaters. Maske stand gegen Maske, – und in beiden fiel eine unerwartete, seltsame, gleichsam gespenstische Ähnlichkeit auf, – eine Gleichheit in den Gegensätzen. Es war, als ob das breite, runde, weiche Gesicht Peters, sich im langen und mageren Gesicht Alexejs wie in einem Hohlspiegel spiegelnd, sich ungeheuerlich verändert und in die Länge gezogen hätte. Auch Peter schwieg. Aber auf seiner rechten Backe lief vom Mundwinkel zum Auge über die ganze rechte Gesichtshälfte ein schnelles Zucken und Beben; es wurde immer stärker und verwandelte sich in einen Krampf, der das Gesicht, den Hals, die Schulter, den Arm und das Bein erschütterte. Wegen dieser Krämpfe, die jedem seiner Tobsuchtsanfälle vorangingen, hielten ihn viele für epileptisch und sogar für besessen. Alexej konnte seinen Vater in solchen Augenblicken nicht ohne Entsetzen ansehen. Jetzt blieb er aber ruhig, wie von einem unsichtbaren, undurchdringlichen Panzer umgeben, was hätte ihm der Vater noch tun können? Ihn töten? Sollte er es nur tun! War denn das, was er eben getan hatte, nicht schlimmer als ein Mord? »Was schweigst du?« schrie Peter plötzlich auf und schlug bei einer der krampfhaften Zuckungen, die seinen ganzen Körper erbeben machten, mit der Hand auf den Tisch. »Aljoschka, nimm dich in acht! Glaubst du, daß ich dich nicht kenne? Ich kenne dich durch und durch! Gegen dein eigenes Blut hast du dich empört, du junger Hund, deinem Vater wünschst du den Tod! ... Ein stilles Wasser bist du, ein verdammter Scheinheiliger! Du hast wohl von den Popen und Mönchen diese Politik gelernt? Nicht umsonst lehrte der Heiland die Apostel, daß sie sich vor nichts fürchten sollten außer vor dem pharisäischen Sauerteige, d. h. vor der mönchischen Heuchelei und Dissimulation ...« Ein seines böses Lächeln funkelte in dem zu Boden gesenkten Blicke des Zarewitsch. Beinahe hätte er seinen Vater gefragt, was die Fälschung des Datums – der 11. Oktober statt des 22. Oktober – in der »Mitteilung an meinen Sohn« zu bedeuten habe, von wem der Vater diese Dissimulation, diese Gaunerei, die eines Petjka, des Schreibers, oder eines Fedoßkas, des »Fürsten dieser Welt« mit seiner »göttlichen List« und »himmlischen Politik« würdig wäre, gelernt hätte? »Das ist meine letzte Ermahnung,« begann Peter in seinem früheren gleichmäßigen, beinahe leidenschaftslosen Tone, mit großer Willensanspannung seinen Krampf unterdrückend. Überlege dir das alles, fasse einen Entschluß und gib mir sofort Antwort, wenn nicht, so tue ich dir kund, daß ich dich gänzlich enterben werde. Denn wenn mein Finger brandig ist, muß ich ihn abhauen, obwohl er ein Teil meines Körpers ist! So werde ich auch dich wie ein brandiges Glied abhauen! Glaube nur nicht, daß ich so spreche, um dir Angst zu machen: ich schwöre bei Gott, daß ich es auch ausführen werde. Denn für mein Volk und für mein Vaterland habe ich mein Leben niemals geschont und schone es auch jetzt nicht; warum sollte ich dich Taugenichts schonen? Ich ziehe einen guten Fremden einem untauglichen eigenen Sohn vor. Und ich sage es dir noch einmal, damit du ganz bestimmt eines von beiden tust: entweder deine Sitten änderst oder ins Kloster gehst. Und wenn du es nicht tust ...« Der Zar erhob sich in seiner ganzen Riesengröße. Wieder durchschüttelte ihn der Krampf; sein Kopf zitterte, seine Arme und Beine zuckten. Die Totenmaske mit dem unbeweglichen Blick der entzündeten Augen schien Fratzen zu schneiden und war grauenerregend. Seine Stimme klang wie das Röcheln eines Raubtiers: »Und wenn du das nicht tust, so werde ich mit dir wie mit einem Verbrecher verfahren!...« »Ich möchte Mönch werden und bitte um allergnädigste Erlaubnis dazu,« sagte der Zarewitsch ruhig, aber bestimmt. Er log. Peter wußte, daß er log. Und Alexej wußte, daß sein Vater es wußte. Böse Rachlust erfüllte die Seele des Zarewitsch. In seiner unendlichen Demut lag unendlicher Starrsinn. Der Sohn war jetzt stärker als der Vater, der Schwache stärker als der Starke. Was würde es Peter nützen, wenn sein Sohn wirklich ins Kloster ginge? »Die Mönchskappe ist an den Kopf nicht angenagelt, man kann sie auch wieder ablegen.« Gestern Mönch, morgen Zar. Die Gebeine des Vaters werden sich im Grabe umdrehen, wenn der Sohn ihn verhöhnen wird, wenn er alles vernichten und verwüsten, keinen Stein auf dem andern lassen und Rußland zugrunde richten wird. Nicht ins Kloster stecken müßte man ihn, sondern ermorden, vom Angesicht der Erde vertilgen. »Hinaus«! stöhnte Peter in ohnmächtiger Wut. Der Zarewitsch hob die Augen und blickte den Vater scharf und finster an; so blickt der junge Wolf zähnefletschend und mit gesträubtem Fell auf einen alten. Ihre Blicke kreuzten sich wie die Degen im Zweikampf, – und der Blick des Vaters senkte sich, als ob er zerbrochen wäre wie ein Messer an einem harten Stein. Und wieder brüllte er wie ein verwundetes Tier und hob plötzlich mit einem Mutterschimpfwort seine Fäuste über den Kopf des Sohnes, bereit, sich auf ihn zu stürzen, ihn zu schlagen und zu töten. Da berührte eine kleine, zarte, doch kräftige Hand Peters Schulter. Die Zarin Jekaterina Alexejewna hatte schon lange an der Türe des Arbeitszimmers gelauscht und versucht, durchs Schlüsselloch hineinzuschauen. Katenjka war neugierig. Sie erschien wie immer im gefährlichsten Augenblick, um ihrem Mann Beistand zu leisten. Sie öffnete unhörbar die Türe und schlich sich auf den Fußspitzen an ihn heran. »Petenjka! Väterchen!« sagte sie in demutsvollem, etwas scherzendem, verstelltem Tone, wie gute Kinderfrauen zu trotzigen Kindern oder Krankenwärterinnen zu Kranken sprechen, »Rege dich nicht auf, Petenjka, verwunde nicht, mein Liebster, dein Herz, wenn du dich überanstrengst, wirst du dich wieder ins Bett legen müssen und krank werden ... Und du, Zarewitsch, geh hinaus, Gott sei mit dir, mein Lieber! Du siehst doch, der Zar ist unwohl ...« Peter wandte sich um, erblickte das ruhige, beinahe lustige Gesicht Katenjkas und kam sofort wieder zu sich. Die erhobenen Arme fielen kraftlos herab, und der ganze riesenhafte, schwere Körper ließ sich mit Wucht in den Sessel fallen, wie ein alter an der Wurzel angehauener Baum. Alexej starrte seinen Vater noch immer mürrisch an und wich, zusammengekrümmt, wie mit gesträubtem Fell und mit dem wilden Blick, mit dem ein Raubtier das andere ansieht, langsam zur Tür zurück. Erst auf der Schwelle wandte er sich um, öffnete die Tür und ging hinaus. Katenjka aber setzte sich seitwärts auf die Armlehne des Sessels, umarmte Peters Kopf und drückte ihn an ihre volle, wie ein Kissen weiche Brust, eine echte Ammenbrust. Noch ganz jugendlich erschien neben seinem gelben, kränklichen, fast greisenhaften Gesichte Katenjkas rosiges Gesicht mit den vielen kleinen, mit weichen Haaren bewachsenen, wie Schönheitspflästerchen aussehenden Muttermalen und den lieblichen Grübchen und Beulchen, den hochgezogenen, an Zobelpelz gemahnenden dunklen Augenbrauen, den sorgfältig gekräuselten gefärbten Locken auf der niedrigen Stirn, den hervorquellenden großen Augen und dem ewigen Lächeln aller Zarenbildnisse. Sie glich übrigens viel weniger einer Zarin als einer deutschen Wirtshausmagd oder einer russischen Soldatenfrau, einer Wäscherin, wie sie der Zar manchmal selbst nannte; sie begleitete auch ihren »Alten« auf allen Feldzügen, wusch und flickte mit eigenen Händen seine Wäsche, und bereitete ihm warme Umschläge, rieb ihm den Leib mit der Blumentrostschen Salbe ein und gab ihm Abführmittel, wenn er Leibschmerzen hatte. Niemand außer Katenjka verstand es, die rasenden Wutanfälle des Zaren zu besänftigen, vor denen seine Nächsten solche Angst hatten. Mit der einen Hand seinen Kopf umfassend und mit der anderen seine Haare streichelnd, wiederholte sie immer wieder die gleichen Worte: »Petenjka, Väterchen, Liebster, Herzensfreund!...« Sie war wie eine Mutter, die ein krankes Kind einlullt, wie eine Tierbändigerin, die einen Löwen liebkost. Unter ihrer gleichmäßigen, stillen Liebkosung beruhigte sich der Zar allmählich und schlief gleichsam ein. Die Krämpfe im Körper ließen nach. Nur noch die schon ganz erstarrte Totenmaske seines Gesichts, mit den geschlossenen Augen, zuckte ab und zu, als ob sie Grimassen schnitte. Zugleich mit Katenjka war ins Zimmer ein kleines Äffchen gekommen, das ein holländischer Steuermann einmal der jüngsten Zarewna, Lisanjka zum Geschenk mitgebracht hatte. Der mutwillige Affe folgte der Zarin wie ein Page und haschte nach dem Saum ihres Kleides, als ob er ihn frech und schamlos in die Höhe heben wollte. Als er aber die Hündin Lisette sah, erschrak er, sprang auf den Tisch und vom Tisch auf den Globus, der das kopernikanische Weltsystem darstellte, – die feinen Messingbögen verbogen sich unter der Last des Tierchens, und das Weltall erklirrte leise; – dann sprang er noch höher, auf die englische Standuhr aus Mahagoniholz hinauf. Der letzte Sonnenstrahl fiel auf die Uhr, und das Pendel erglänzte bei jeder Bewegung wie ein Blitz. Der Affe hatte schon lange keine Sonne gesehen. Als ob er sich auf etwas besinnen wollte, starrte er traurig und erstaunt auf die fremde bleiche Wintersonne, kniff die Augen zusammen und schnitt Fratzen, als ob er den Krampf im Gesichte Peters nachäffen wollte. So schrecklich war die Ähnlichkeit der Grimassen in diesen beiden Gesichtern – dem des kleinen Tieres und dem des großen Zaren. Alexej befand sich unterdessen schon auf dem Heimwege. Er empfand dasselbe, was die Menschen empfinden, denen man einen Arm oder ein Bein amputiert hat: wenn sie erwachen, suchen sie die Stelle zu betasten, wo das Glied war, und sehen, daß es fehlt. Ebenso fühlte auch der Zarewitsch in seinem Herzen die Stelle, wo die Liebe zum Vater gewesen war, und sah, daß sie fehlte. Er erinnerte sich an die Worte des Vaters: »Wie ein brandiges Glied werde ich dich abhauen.« Es war ihm, als ob man aus seinem Innern zugleich mit der Liebe auch alles andere entfernt hätte. Eine Leere gähnte in ihm, ohne Hoffnung, ohne Angst, ohne Trauer, ohne Freude – alles in ihm war leer, leicht und furchtbar. Und er wunderte sich, wie schnell und wie einfach sein Wunsch in Erfüllung gegangen war: sein Vater war ja schon tot. Fünftes Buch. Greuel der Verwüstung   I. »Als der Zar im Jahre 1701 nach Woronesh reiste, um Schiffe zu bauen, brach in Moskau nach dem Willen Gottes eine Feuersbrunst aus. Der Zarenpalast im Kreml brannte nieder; es verbrannten alle Holzbauten, das Innere der Steinbauten, die heiligen Kirchen, die Kreuze, die Kirchenkuppeln, die Heiligenschreine und die Ikonen. Die große Glocke auf dem Turm ›Iwan der Große‹, die 8 000 Pud wog, stürzte herunter und zersprang, auch die Glocke der Mariä Himmelfahrts-Kathedrale zersprang, und viele andere Glocken fielen herab. Es war so, als ob die ganze Erde brannte ...« Das erzählte dem Zarewitsch der siebzigjährige Bewahrer der Kirchengewänder an der Moskauer Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, P. Iwan. Der Zar reiste, bald nachdem er von seiner Krankheit genesen, am 27. Januar 1716 ins Ausland. Der Zarewitsch blieb allein in Petersburg zurück. Da er vom Vater keinerlei Nachrichten erhielt, verschob er seine Entscheidung – entweder sich zu bessern und sich der Thronfolge würdig zu zeigen, oder Mönch zu werden, – auf unbestimmte Zeit und lebte wie früher in den Tag hinein, in Erwartung der göttlichen Ratschlüsse. Den Winter verbrachte er in Petersburg, den Frühling und den Sommer in Roshdestwenno. Im Herbste reiste er nach Moskau, um seine Verwandten zu besuchen. Am 10. September, am Vorabend vor seiner Abreise aus Moskau, besuchte er seinen alten Freund, den Mann seiner Amme, den Bewahrer der Kirchengewänder an der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, und besichtigte in seiner Begleitung den von der Feuersbrunst verwüsteten alten Kremlpalast. Sie gingen lange von Saal zu Saal, von Turmgemach zu Turmgemach. Alles lag in Trümmern, was das Feuer verschont hatte, war von der Zeit zerstört. In vielen Sälen gab es weder Türen noch Fenster, noch Dielen, so daß man gar nicht hineingelangen konnte. In den Wänden gähnten bereits Risse. Die Gewölbe und Dächer waren eingestürzt. Alexej konnte die Zimmer, in denen er als Kind gelebt hatte, nicht wiederfinden oder wiedererkennen. Ohne daß es ihm P. Iwan erst zu sagen brauchte, erriet er seinen Gedanken, daß die Feuersbrunst, die in demselben Jahr, als der Zar das Alte zu zerstören begann, ausgebrochen war, ein Zeichen des göttlichen Zornes sei. Sie betraten eine kleine alte Hauskapelle, in der einst Zar Iwan der Grausame für das Seelenheil seines Sohnes, den er ermordet, gebetet hatte. Durch einen Riß im Deckengewölbe blickte ein so tiefer und blauer Himmel herein, wie man ihn nur über Ruinen sieht. Das Spinngewebe, das die Ränder des Risses überspannte, schimmerte in allen Farben des Regenbogens; ein vom Sturme zerbrochenes Kreuz hing noch kaum an losgerissenen Ketten und drohte herabzustürzen. Die Glimmerscheiben der Fenster waren sämtlich vom Winde eingedrückt. Durch die Löcher flogen Dohlen aus und ein; sie nisteten unter den Gewölben und verunreinigten die Heiligenschreine. Weiße Streifen von Vogelkot lagen auf den dunklen Antlitzen der Heiligen. Die eine Hälfte der Altarpforte war herabgerissen, vor dem Altar war eine große Schmutzlache. P. Iwan erzählte dem Zarewitsch, wie der Priester dieser Kirche, ein fast hundertjähriger Greis, sich lange Zeit bei allen Kanzleien und Kollegien beschwert und sich sogar an den Zaren selbst mit der Bitte um Ausbesserung und Wiederherstellung der Kirche gewandt habe, »da durch die baufälligen Gewölbe soviel Wasser hineinsickere, daß die Gefahr bestehe, die heilige Eucharistie könnte entweiht werden«. Aber niemand hätte auf ihn hören wollen. Er sei vor Kummer gestorben, und das Gotteshaus eingefallen. Die aufgescheuchten Dohlen flatterten mit unheildrohenden Schreien empor; der Wind drang heulend und weinend zum Fenster herein. Im Spinngewebe machte sich die Spinne zu schaffen. Aus dem Altar flatterte etwas heraus – wahrscheinlich eine Fledermaus – und begann über dem Kopfe des Zarewitsch zu kreisen. Es wurde ihm ganz unheimlich zumute. Die entweihte Kirche tat ihm leid. Er mußte an das Wort des Propheten vom Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte denken. Sie gingen am Goldenen Gitter und an der Roten Treppe vorbei und stiegen zum Fazettenpalast, der besser als die anderen erhalten war, hinab. Doch im Prunksaale, in dem früher die Empfänge von Gesandten und die feierlichen Aufzüge des Zaren stattgefunden hatten, wurden jetzt nur noch neue Komödien – »Dialoge« aufgeführt und Hochzeiten von Hofnarren gefeiert. Damit aber die Erinnerung an das Alte dem Neuen nicht im Wege stünde, hatte man die alten Wandmalereien mit Kalk übertüncht, mit Ocker übermalt und mit einem lustigen Muster »auf deutsche Manier« verziert. In einer der Vorratskammern zeigte P. Iwan dem Zarewitsch zwei ausgestopfte Löwen. Er erkannte sie sofort wieder, denn er hatte sie oft in seiner Kindheit gesehen. Sie standen zur Zeit des Zaren Alexej Michailowitsch zu beiden Zeiten des Thrones im Schlosse von Kolomenskoje und konnten wie lebendige Löwen brüllen, die Augen rollen und die Rachen aufreißen. Sie waren aus Messing gegossen und mit Schafsfellen, die Löwenfelle vortäuschen sollten, überzogen. Die Mechanik, die das Löwengebrüll hervorbrachte und die Rachen und Augen bewegte, befand sich in einer besonderen Kammer, in der ein Gerüst mit Blasebälgen und Federn aufgestellt war. Man hatte diese Löwen wohl zwecks Ausbesserung nach dem Kremlpalast gebracht und sie dann in der Rumpelkammer vergessen. Die Federn waren gesprungen, die Blasebälge zerrissen, die Felle kahl geworden; aus den Bäuchen hing verfaultes Werg heraus; so elend erschienen jetzt die einst so drohenden Löwen der russischen Selbstherrscher. Auf den Löwenleibern saßen die Köpfe dummer Schafe. In den verödeten, aber unversehrt gebliebenen Sälen befanden sich die neuen Kollegien. So im Gerichts- und Totenmeßsaale, die nach dem Flusse zu lagen, das Kammerkollegium; unter den Turmgemächern – die Senatsdepartements; im Vorrats- und Getreidegebäude – das Salzkontor, das Kriegskollegium und die Bekleidungs- und Feldzugskanzlei; im Marstallgebäude – die Tuch- und Ausrüstungsmagazine. Ein jedes Kollegium war nicht nur mit seinen Archiven, Beamten, Dienern und Bittstellern in den Kreml übergesiedelt, sondern hatte auch alle seine Arrestanten, die jahrelang in den Schloßkammern eingesperrt waren, mitgebracht. Alle diese neuen Menschen wohnten im alten Schloß eng zusammengedrängt wie Würmer in einem Aas und machten viel Schmutz. »Der Mist und der Kot der Pferdeställe, der Abtritte und der Gefangenen setzen das Zarische Eigentum und all die Kostbarkeiten, die seit alter Zeit im Palaste aufgespeichert sind, keiner geringen Gefahr aus,« sagte P. Iwan dem Zarewitsch. »Denn daraus entsteht ein unerträglicher Gestank, der das goldene und silberne Geschirr und alle Kostbarkeiten des Zaren leicht schwarz machen kann. Man sollte alles vom Schmutz säubern und die Gefangenen anderswo einsperren, wir haben schon oft darum gebeten und uns viel beschwert, aber niemand will auf uns hören...« schloß der Greis mit trauriger Miene. Es war ein Sonntag, und die Kollegien standen leer. Aber die Luft war in allen Räumen unerträglich. An allen Wänden sah man Spuren der speckigen Rücken der Bittsteller, die sich hier gerieben hatten, Tintenflecke, unanständige Zeichnungen und Inschriften. Aber aus der matten Vergoldung der alten Fresken schauten noch immer die strengen Antlitze der Propheten, Erzväter und russischen Heiligen hervor. Im Kreml selbst befand sich mitten unter den Palästen und Kathedralen am Tainitzkijtore eine Branntweinschenke für die Beamten und Schreiber; sie hieß »Rutschbahn«, weil sie dicht über dem steilen Abhang des Kremlhügels stand. Sie war wie ein Giftpilz emporgewachsen und hatte viele Jahre im geheimen in Blüte gestanden, trotz der Ukase: »diese Branntweinschenke unverzüglich aus dem Kreml zu entfernen und, damit kein Ausfall an der Schnapssteuer entstehe, statt ihrer eine oder mehrere neue Schenken an geziemenden Plätzen zu errichten«. In einem der Kanzleisäle war ein solcher Gestank, daß der Zarewitsch sofort ein Fenster öffnete, von unten her drang aus der überfüllten »Rutschbahn« ein wildes, tierisches Geheul, das Stampfen der Tanzenden, das Klimpern einer Balalaika und ein trunkenes Lied herauf: Mutter hat mich mal im Tanz geboren, In der Schenke hat man mich getauft, Und im Branntwein wurde ich gebadet ... Der Zarewitsch kannte das Lied: die Fürstin-Äbtissin Rshewskaja hatte es oft bei den Trinkgelagen seines Vaters gesungen. Dem Zarewitsch kam es vor, daß aus der Rutschbahn wie aus einem gähnenden Schlunde zugleich mit diesem Lied, den Mutterschimpfworten und dem Geruch gemeinen Schnapses ein erstickender Gestank zu den Zarenpalästen emporsteige, von dem es ihm übelte, schwarz vor den Augen wurde und sein Herz sich wie in Todesangst zusammenkrampfte. Er hob die Augen zu der Decke des Saales. Das Deckengemälde stellte den Lauf der Gestirne dar, den Sonnen- und Mondkreis, Engel, die den Gestirnen dienen, und allerlei andere göttliche Kreaturen; auf einem Thron aus Regenbogen, der auf vieläugigen Rädern ruhte, saß Christus-Immanuel; in seiner Linken hielt er einen goldenen Kelch, in der Rechten ein Szepter, auf dem Haupte hatte er eine siebenzackige Krone; auf grüngoldenem Grunde stand die Inschrift: »Urewiges Wort des Vaters, das du die Gestalt des Herrn angenommen und die Kreatur vom Nichtsein ins Sein geführt hast, schenke deinen Kirchen den Frieden und dem gläubigen Zaren den Sieg.« Von unten klang aber das Lied herauf: Mutter hat mich mal im Tanz geboren, In der Schenke hat man mich getauft ... Der Zarewitsch las die Inschrift im Sonnenkreise: »Die Sonne erkannte ihren Untergang, und es wurde Nacht.« Diese Worte klangen in seiner Seele wie eine Prophezeiung: die alte Sonne des Moskauer Zarentums hatte ihren Untergang im schwarzen finnischen Sumpfe, im fauligen herbstlichen Schmutze erkannt, – »und es wurde Nacht« – keine schwarze, sondern die schreckliche weiße Nacht von Petersburg. Die alte Sonne war erloschen. Das alte Gold, die Krone und die Geschmeide des Monomachen waren in der stinkenden Luft der neuen Zeit schwarz geworden. Und es war der Greuel der Verwüstung in die heilige Stätte gekommen. Wie auf der Flucht vor unsichtbaren Verfolgern eilte er, ohne sich umzublicken, über die Gänge, Korridore und Treppen aus dem Schlosse, so daß P. Iwan auf seinen alten Beinen kaum mitkommen konnte. Erst auf dem Platze unter freiem Himmel blieb der Zarewitsch stehen und holte tief Atem. Die Herbstluft war hier rein und kühl. Und die alten weißen Steine der Kathedralen erschienen ihm rein und neu. In einem Winkel neben der Mauer der Verkündigungskathedrale und der Kapelle des heiligen Georg stand unter der Zelle, die P. Iwan bewohnte, eine niedrige Bank, eine Art Rasenbank; hier pflegte er oft zu sitzen und seine alten Knochen in der Sonne zu wärmen. Der Zarewitsch ließ sich ganz erschöpft auf diese Bank nieder. Der Alte ging nach Hause, um sich sein Nachtlager zu bereiten. Der Zarewitsch blieb allein. Er fühlte sich so müde und zerschlagen, als ob er einen Weg von tausend Werst zurückgelegt hätte. Er wollte weinen, hatte aber keine Tränen; sein Herz brannte, und die Tränen verdampften darauf wie Wassertropfen auf einem heißen Stein. Die weißen Mauern schimmerten im stillen Abendscheine wie im Lichte einer ewigen Lampe. Die goldenen Kuppeln der Kathedralen glühten wie Feuer. Der Himmel wurde erst lila, dann dunkel; seine Farbe glich der eines verwelkenden Veilchens. Und die weißen Türme erschienen als Riesenblüten mit flammenden Kronen. Die Uhren begannen zu schlagen, zuerst am Spasskij-, Tainitzkij- und Rispoloshenskij-Tore, dann auf allen anderen nahen und fernen Toren und Türmen. Die langsamen, gedehnten Wellen rollten zitternd durch die empfindliche Luft: die Uhren schienen einander etwas zuzurufen und miteinander über die Geheimnisse der Vergangenheit und der Zukunft zu sprechen. In den älteren Uhren begleitete eine Menge kleinerer Glocken eine große Stundenglocke mit heiserer, aber immer noch feierlicher Kirchenmusik; die neueren holländischen Spieluhren antworteten ihnen mit geschwätzigem Glockenspiel und neumodischen Tänzen »nach Amsterdamer Manier«. Und alle diese alten und neuen Töne riefen im Zarewitsch ferne Erinnerungen an seine ferne Kindheit wach. Er schloß die Augen, und seine Seele versank in einen Halbschlummer, in den dunklen Abgrund zwischen Schlaf und Wachen, wo die Schatten der Vergangenheit wohnen. So wie bunte Schatten über eine weiße Wand gleiten, wenn ein Sonnenstrahl durch eine Ritze in ein dunkles Zimmer fällt, so zogen vor ihm Erinnerungen und Visionen vorbei. Und alle diese Erinnerungen wurden von einem einzigen erschreckenden Bilde beherrscht, vom Bilde des Vaters, wie ein Wanderer, der nachts von einer Anhöhe herabblickt und im plötzlichen Aufzucken eines Blitzes den ganzen zurückgelegten Weg sieht, so sah auch er im schrecklichen Lichte dieses Bildes sein ganzes Leben. II. Er ist sechs Jahre alt. Er sitzt in einer alten vergoldeten, aber plumpen und wie ein Bauernwagen rüttelnden, innen mit nelkenfarbigem Samt ausgeschlagenen Hofkutsche mit Glimmerfenstern und Taffetvorhängen auf dem Schoße seiner Großmutter mitten unter Daunenkissen von Ammen und Wärterinnen umgeben, die ebenso dick und weich sind wie die Kissen. Auch seine Mutter, die Zarin Awdotja, ist dabei. Unter dem perlengestickten Stirnbande schaut ihr rundes, weißes, immer erstauntes Gesicht hervor, das an das Gesicht eines kleinen Mädchens erinnert. Er blickt durch das offene Fenster der Kutsche auf den feierlichen Aufzug des Heeres anläßlich der Siegesfeier von Asow. Er hat Gefallen an den gleichmäßigen Linien der Regimenter, den in der Sonne funkelnden Bronzegeschützen und den roh gemalten allegorischen Darstellungen; auf einem Schilde sind zwei gefesselte Türken dargestellt mit der Inschrift: Ach, Asow ist uns genommen, Drum ist unser Herz beklommen. Auf einem wie waschblau leuchtend blauen Meere reitet ein nackter roter Mann, »der berühmte Meeresgott Neptunus«, auf dem grünen, mit Schuppen bedeckten Fabeltiere Kitowras, mit einer Fischgabel in der Hand; darüber befindet sich die Inschrift: »Auch ich gratuliere zur Eroberung von Asow und unterwerfe mich euch.« Ganz großartig erscheint ihm der gelehrte Deutsche Vinius, der von einer Triumphpforte herab durch ein sechs Ellen langes Sprachrohr russische Verse herunterschreit. Neben den einfachen Soldaten schreitet in der Front ein Bombardier der Preobrashenskij-Kompagnie, in dunkelgrünem Rock mit roten Aufschlägen und dreieckigem Hute. Er ist viel größer als alle andern, so daß man ihn schon von weitem sieht. Aljoscha weiß, daß es sein Vater ist. Er hat aber ein so jugendliches, beinahe kindliches Gesicht, daß er dem Knaben nicht als Vater, sondern als älterer Bruder, als lieber Spielkamerad und ein ebensolcher Knabe wie er selbst erscheint. In der alten Kutsche unter den Daunenkissen und ebenso wie diese Kissen weichen und dicken Wärterinnen ist es dumpf und schwül. Er sehnt sich ins Freie hinaus, in die Sonne, zu diesem lustigen Knaben mit dem Lockenhaar und den lebhaften Augen. Der Vater hat seinen Sohn bemerkt. Sie lächeln einander zu, und Aljoschas Herz beginnt vor Freude schneller zu schlagen. Der Zar tritt vor den Schlag der Kutsche, öffnet ihn, reißt fast gewaltsam seinen Sohn aus den Armen der Großmutter – die Wärterinnen stöhnen vor Schreck – umarmt ihn zärtlich, zärtlicher als eine Mutter und küßt ihn; dann hebt er ihn auf den Armen hoch empor, zeigt ihn dem Heere und dem Volke, setzt ihn auf seine Schulter und trägt ihn über den Regimentern. Zuerst in der Nähe, dann immer weiter und weiter erschallt über dem Meere von Köpfen der tausendstimmige Ruf wie ein fröhlicher Frühlingsdonner: »Vivat! Vivat! Vivat! Es lebe der Zar und der Zarewitsch!« Aljoscha fühlt, daß alle auf ihn blicken und daß alle ihn lieben. Es ist ihm ängstlich und zugleich lustig zumute. Er hält sich am Halse des Vaters fest, schmiegt sich vertraulich an ihn an, und der Vater trägt ihn ganz vorsichtig und wird ihn ganz gewiß nicht fallen lassen. Und es ist ihm, als ob alle Bewegungen des Vaters seine eigenen Bewegungen seien, als ob die Kraft des Vaters seine eigene Kraft, als ob er und der Vater eins seien. Er will zugleich lachen und weinen: so fröhlich sind die Rufe des Volkes, das Dröhnen der Kanonen, das Läuten der Glocken, der goldene Glanz der Kirchenkuppeln, der heitere blaue Himmel, der freie Wind und die Sonne. Ihm schwindelt es im Kopfe, ihm stockt der Atem, und er fliegt, fliegt dem Himmel und der Sonne entgegen. Großmutter schaut jetzt zum Fenster der Kutsche heraus. Ihr altes, gutmütiges, runzliges Gesicht kommt Aljoscha so komisch und lieb vor. Sie winkt mit der Hand und ruft; sie fleht ihren Sohn fast unter Tränen an: »Petenjka, Petenjka, Väterchen! Laß Aljoscha nur nicht fallen!« Und wieder betten ihn die Wärterinnen und Ammen in sein Daunenbettchen, unter die weiche Decke aus Goldbrokat mit Besatz aus Zobelbäuchen; sie lullen ihn in den Schlaf, liebkosen ihn, kitzeln ihm die Fersen, damit er süßer schlafe und packen und wickeln ihn sorgfältig ein, damit ihn ja kein Luftzug berühre. Sie behüten das Zarenkind wie ihren Augapfel, sie halten es wie ein junges Mädchen stets hinter alten Vorhängen und Gardinen verborgen. Wenn er zur Kirche geht, trägt man von allen Seiten Decken, damit kein Blick den Zarewitsch treffe, solange er nicht nach alter Sitte offiziell zum Zarewitsch erklärt ist; und wenn er einmal »erklärt« ist, so werden die Leute aus den fernen Ländern gefahren kommen, um ihn wie ein Wunder anzustaunen. In den niedern kleinen Turmzimmern ist es schwül. Alle Türen, Fenster und Luftlöcher sind sorgfältig mit Filz beschlagen, damit von keiner Seite Zugluft komme. Auch der Fußboden ist mit Filz belegt, »der Wärme und des weichen Gehens wegen«. Die Kachelöfen sind tüchtig geheizt. Es riecht nach Rosenwasser und Weihrauch, den man des Duftes wegen in die Ofenröhren legt. Das durch die Glimmerscheiben dringende Tageslicht erscheint gelb wie Bernstein. In allen Ecken brennen Lämpchen vor Heiligenbildern, Aljoscha fühlt sich matt, aber es ist ihm so gemütlich und ruhig zumute. Er ist wie von einem ewigen Schlummer umfangen und kann gar nicht aufwachen. Im Halbschlummer lauscht er den eintönigen Belehrungen darüber, wie »man sein Haus im Einklang mit den göttlichen Gesetzen einrichten soll: alles muß ordentlich verwahrt, geputzt, ausgefegt und vor jeder Verunreinigung geschützt sein, damit nichts faulig oder schimmelig werde; daß alles immer gut verschlossen sei, dem Guten zur Ehre, dem Bösen zur Warnung, damit nichts gestohlen oder vergeudet werde«; daß man alle Tuchreste sorgfältig aufheben müsse, wie man einen Fisch in Bastmatten einwickele, wie man eingemachte Reizker und Pfefferschwämme in Fässern verwahre und wie man mit heißer Inbrunst an die heilige unteilbare Dreieinigkeit glaube. Er schlummert unter den traurigen Klängen der Leier, zu denen blinde Rhapsoden uralte Heldengesänge singen; auch wenn hundertjährige Märchenerzähler, die schon seinen Großvater, den sanftesten Zaren Alexej Michailowitsch belustigt haben, ihre Märchen erzählen; er schlummert und träumt im Wachen, wenn Wallfahrer und Bettelmönche vom Berge Athos berichten, der so spitz wie ein Tannenzapfen sei und auf dessen Gipfel über den Wolken die allerheiligste Muttergottes stehe, mit dem Saume ihres Gewandes den Berg beschattend; von Simeon, dem Styliten, der, auf der Säule stehend, seinen Leib verfaulen lasse, so daß er von Würmern wimmele; vom Orte, wo das irdische Paradies gestanden hatte, den der Nowgoroder Seefahrer Moislaw von seinem Schiffe gesehen habe; und von jedem Wunder Gottes und jedem Blendwerk des Teufels. Wenn sich aber Aljoscha zu langweilen anfängt, läßt Großmutter alle Narren und Närrinnen, Besessene, Waisenkinder, Kalmückinnen und Mohrinnen kommen, die vor ihm tanzen, sich herumbalgen, sich auf dem Boden wälzen, raufen und einander blutig kratzen. Oder die Alte nimmt ihn zu sich auf den Schoß, zählt ihm die Finger vom Daumen bis zum kleinen Finger ab und spricht dabei den Vers: »Die Elster, die Diebin, kochte mal Grütze, sprang auf die Schwelle, ließ Gäste laden: der erste, der kriegt was; der zweite, der kriegt was; der dritte, der kriegt was; der vierte, der kriegt was; der fünfte kriegt nichts!« Die Großmutter kitzelt ihn, und er lacht und wehrt sich. Sie füttert ihn mit Kuchen, Fladen und Pasteten mit Beeren und Zwiebeln, mit Nußöl, Mohnöl und Butter, mit eingemachten Birnen und Feigen. »Iß nur, Aljoschenka, laß dir's gut bekommen, mein Herzenskind!« Und wenn Aljoscha Leibschmerzen hat, so erscheint eine alte Frau, die die kleinen Kinder durch Besprechen und mit Kräutern von allen Krankheiten und auch von Fallsucht heilt: sie setzt Schröpfköpfe und bespricht mit Donnerkeilen und Bärenklauen, »wodurch den Kranken Erleichterung kommt«, wenn er nur einmal niest oder hüstelt, gibt man ihm gleich Himbeertee zu trinken, reibt ihn mit Kampferspiritus ein oder setzt ihn in ein heißes Bad mit Eibischkraut. Nur an den heißesten Tagen führt man ihn in den Roten Garten am Abhange des Kremlhügels spazieren. Dieser hängende Garten ist eine Fortsetzung der Turmgemächer, hier ist alles künstlich: Treibhausblumen in Kästen, winzige Teiche in Holzbassins, abgerichtete Vögel in Käfigen. Er blickt auf das sich zu seinen Füßen ausbreitende Moskau, auf die Straßen, in denen er noch niemals gewesen war, auf die Dächer, Türme, Glockentürme, auf den jenseits der Moskwa gelegenen Stadtteil, auf die in der Ferne blauenden Sperlingsberge und auf die flüchtigen goldigen Wolken. Und es ist ihm so langweilig, er möchte aus seinen Turmgemächern und aus diesem Garten, der wie ein Spielzeug ist, in einen wirklichen Wald fortlaufen, aufs Feld, zum Fluß, in die rätselhafte Ferne; er will weglaufen, wegfliegen, und er beneidet die Schwalben. Es ist so heiß, so schwül. Die Treibhausblumen und Heilkräuter – Majoran, Thymian, Quendel, Rainfarn und Ysop – duften süßlich und betäubend. Eine dunkelblaue Wolke kommt über den Himmel gekrochen, plötzlich ist alles im Schatten, ein kühler Hauch zieht durch die Luft, und es beginnt zu regnen. Er hält Gesicht und Hände dem Regen entgegen und fängt gierig die kalten Tropfen auf. Aber die Wärterinnen und Ammen suchen ihn schon überall und rufen: Aljoschenjka! Aljoschenjka! Geh doch nach Haus, Kind! Sonst machst du dir die Füßchen naß!« Aber Aljoscha hört nicht auf sie und versteckt sich hinter dem Hagebuttenstrauch. Hier duftet es nach Minze, Dill und feuchter Gartenerde; das nasse Grün ist ungewöhnlich grell und dunkel, die gefüllten Pfingstrosen leuchten wie Flammen. Der letzte Strahl schießt durch die Regenwolke, und die Sonne fließt mit dem Regen zu einem einzigen goldenen zitternden Netz zusammen. Seine Füße und seine Kleider sind bereits naß. Er sieht mit Freude, wie die schweren Regentropfen in die Pfützen fallen und diamantenen Staub erzeugen; er hüpft, tanzt, klatscht mit den Händen und singt, im Rauschen des Regens, das am schallenden Gewölbe des Wasserturms widerhallt, ein lustiges Liedchen: Hör schon auf, du Regenguß, Ich will gehn zum Jordanfluß, Um vor den Herrn zu treten, Den Heiland anzubeten. Plötzlich zerreißt die Regenwolke gerade über seinem Kopfe: ein blendender Blitz zuckt auf, ein Donnerschlag erschallt, und ein Wirbelwind beginnt sich zu drehen. Er ist vor Freude und Schreck erstarrt, wie damals, auf den Schultern des Vaters bei der Siegesfeier von Asow. Er erinnert sich an den lustigen Knaben mit dem lockigen Haar und den lebhaften Augen und fühlt, daß er ihn ebenso liebt wie diesen schrecklichen Blitz. Es schwindelt ihm, ihm stockt der Atem. Er fällt auf die Knie, hebt seine Arme zum schwarzen Himmel empor, von der Furcht und zugleich vom Wunsche erfüllt, daß wieder ein Blitz aufleuchte, aber noch drohender, noch blendender. Schon fassen ihn aber zitternde, alte Hände; sie tragen ihn fort, ziehen ihn aus, legen ihn ins Bett, reiben ihn mit Kampferspiritus ein, geben ihm Schnaps, lassen ihn Lindenblütentee trinken, bis er in Schweiß gebadet ist, und wickeln ihn in unzählige Decken. Und er schlummert wieder ein. Er träumt vom Fabeltiere Aspid, das in den Steingebirgen haust, das Gesicht einer Jungfrau, den Stachel einer Schlange und die Füße eines Basilisken hat, mit denen es Eisen zersägen kann; man fängt es mit den Tönen einer Posaune, die das Tier nicht vertragen kann; wenn es sie hört, durchbohrt es sich die Ohren und stirbt, sein blaues Blut auf die Steine vergießend. Er träumt auch vom Paradiesvogel Sirin, der Zarenlieder singt und im Morgenlande, im Garten Eden wohnt; er verkündet den Gerechten die Freude, die ihnen der Herr versprochen hat; kein Mensch, der im Fleische lebt, kann seine Stimme hören, und wenn er sie hört, so ist er bezaubert und geht dem Vogel, seinem Gesange lauschend, so lange nach, bis er stirbt. Und es scheint Aljoscha, als ob auch er dem singenden Sirin nachginge, seinem süßen Gesang lausche, in ewigen Schlaf versinke und sterbe. Plötzlich ist es ihm, als ob ein Sturmwind ins Zimmer gedrungen wäre, alle Türen und Vorhänge aufgerissen, die Bettdecke heruntergezogen und Aljoscha mit kaltem Hauche angeweht hätte. Er schlägt die Augen auf und erblickt das Gesicht des Vaters. Aber er erschrickt nicht und staunt nicht; es ist ihm, als ob er ihn erwartet hätte. Während ihm noch der paradiesische Gesang des Sirin in den Ohren tönt, streckt er mit zärtlichem, verschlafenem Lächeln seine Hände dem Vater entgegen und ruft: »Vater! Vater! Lieber Vater!« Er springt auf und fällt dem Vater an die Brust. Der Vater umarmt ihn so fest, daß es fast weh tut, drückt ihn an sich, bedeckt sein Gesicht, seinen Hals, seine nackten Beinchen und seinen unter dem Nachthemde noch warmen, verschlafenen kleinen Körper mit Küssen. Der Vater hat ihm von jenseits des Meeres ein wunderbares Spielzeug mitgebracht: einen Kasten aus Holz, in dem sich unter Glas drei wächserne deutsche Frauen und ein Kind befinden; hinter ihnen ist ein kleiner Spiegel und unten am Kasten ein beinerner Griff angebracht; wenn man diesen Griff dreht, so beginnen die beiden Frauen mit dem Kinde zu den Tönen einer Musik zu tanzen. Das Spielzeug gefällt Aljoscha. Er hat es aber kaum eines Blickes gewürdigt; er kann den Blick nicht von seinem Vater wenden, er kann sich an ihm gar nicht satt sehen. Sein Gesicht ist magerer geworden und eingefallen; er sieht männlicher aus, scheint noch größer geworden zu sein. Und doch kommt es Aljoscha vor, als ob er, trotz seiner Größe, noch immer der frühere lustige Knabe mit den lockigen Haaren und den lebhaften Augen wäre. Er riecht nach Schnaps und frischer Luft. »Dem Vater ist ja ein Schnurrbart gewachsen. So klein ist er noch! Kaum zu sehen ...« Neugierig berührt er mit seinem kleinen Finger die Oberlippe des Vaters mit dem weichen, dunklen Flaum. »Und am Kinne ist ein Grübchen. Ganz wie bei der Großmutter!« Und er küßt das Grübchen. »Warum hat der Vater an den Händen Schwielen?« »Das kommt vom Beil, Aljoschenjka: jenseits des Meeres habe ich Schiffe gebaut, warte nur, wenn du groß bist, nehme ich dich einmal mit. Willst du übers Meer?« »Ich will, wohin der Vater geht, da will ich auch hin. Ich will immer bei dem Vater sein ...« »Tut dir denn die Großmutter nicht leid?« Aljoscha sieht plötzlich in der halbgeöffneten Türe das erschrockene Gesicht der Alten und das furchtbar bleiche, fast leblose Gesicht seiner Mutter. Beide Frauen betrachten ihn von ferne und wagen nicht, näher zu kommen; sie bekreuzigen ihn und bekreuzigen sich selbst. »Ja, die Großmutter tut mir leid!« sagt Aljoscha und staunt selbst darüber, warum ihn der Vater nicht auch nach der Mutter fragt. »Wen liebst du mehr, mich oder die Großmutter?« Aljoscha schweigt. Er weiß nicht, was er antworten soll, plötzlich schmiegt er sich noch fester an den Vater heran, zittert am ganzen Leibe und flüstert ihm ins Ohr, wie vor Scham und Zärtlichkeit ersterbend: »Ich liebe den Vater, ich liebe ihn mehr als alle!« Und plötzlich ist alles verschwunden: die Turmgemächer, die Daunenbetten, die Mutter, die Großmutter und alle Wärterinnen. Es ist ihm, als ob er in ein schwarzes Loch gestürzt, oder wie ein Vogeljunges aus dem Neste auf die hartgefrorene, rauhe Erde gefallen wäre. Ein großes kaltes Zimmer mit kahlen, grauen Wänden und eisernen Gittern vor den Fenstern. Er schläft nicht mehr, will aber immer schlafen und kann sich nicht ausschlafen, denn man weckt ihn zu früh. Durch den Nebel, der ihm die Augen beißt, sieht er lange Kasernen, gelbe Zeughäuser, gestreifte Schilderhäuschen, Erdwälle mit Kanonen und Pyramiden von Kanonenkugeln; er sieht das mit grauem schmelzenden Schnee bedeckte Ssokolnikifeld bei Moskau unter einem grauen Himmel mit nassen Krähen und Dohlen. Er hört Trommelwirbel und Exerzierkommandos: »Ins Gewehr! schultert die Muskete! Präsentiert das Gewehr! Rechts um, kehrt!« Er hört das trockene Geknatter des Gewehrfeuers und wieder Trommelwirbel. Bei ihm ist seine Tante, die Zarewna Natalja Alexejewna, eine alte Jungfer mit gelbem Gesicht, knochigen Fingern, die schmerzhaft kneifen, und bösen stechenden Augen, die ihn so ansehen, als ob sie ihn auffressen wollten: »Du grindiger junger Hund, Awdotjas Brut! ...« Erst viel später erfuhr er, was eigentlich geschehen war. Als der Zar aus Holland zurückgekehrt war, verbannte er seine Gemahlin, die Zarin Awdotja, ins Susdaler Kloster, wo sie gewaltsam unter dem Namen Helene eingekleidet wurde; den Sohn nahm er aber aus den Turmgemächern des Kremls zu sich in das neue Lustschloß im Dorfe Preobrashenskoje. Neben dem Schlosse befanden sich die Folterkammern der Geheimen Kanzlei, wo die Untersuchung über den Strelitzenaufstand geführt wurde. Tagtäglich brannten dort mehr als dreißig Scheiterhaufen, auf denen die Aufrührer gefoltert wurden. Er weiß selbst nicht mehr, ob er das, was ihm jetzt einfiel, im Traume oder im Wachen gesehen hatte. Er schleicht nachts am Zaune mit den nach oben zugespitzten Balken vorbei, der den Gefängnishof umgibt. Er hört ein Stöhnen und Röcheln. Durch eine Spalte zwischen den Balken dringt ein Lichtschein. Er blickt durch den Spalt hinein und sieht eine Hölle. Das Feuer brennt, Das Wasser kocht, Man wetzt das Messer, Um dich zu schlachten ... Man röstet Menschen bei lebendigem Leibe; man hebt sie auf die Wippe und zieht sie auseinander, so daß die Gelenke knacken; man bricht ihnen mit rotglühenden eisernen Zangen die Rippen; »man putzt die Nägel«, indem man mit glühenden Nadeln unter sie sticht. Unter den Henkern steht auch der Zar selbst. Sein Gesicht ist so schrecklich, daß Aljoscha den Vater gar nicht erkennt; er ist es und ist es nicht; es ist wohl sein Doppelgänger, ein Werwolf. Er foltert eigenhändig einen der Hauptaufwiegler. Dieser läßt alles über sich ergehen und schweigt. Sein Körper gleicht schon dem blutigen Rumpf eines geschlachteten Tieres, dem die Metzger die Haut abgezogen haben. Er schweigt aber immer und blickt dem Zaren unverwandt in die Augen, als ob er ihn verhöhnen wollte. Der Sterbende hebt plötzlich den Kopf und spuckt dem Zaren ins Gesicht: »Da hast du, du Hundesohn, du Antichrist! ...« Peter zieht seinen Dolch aus der Scheide und bohrt ihn dem Unglücklichen in die Kehle. Der Blutstrom spritzt dem Zaren ins Gesicht. Aljoscha fällt in Ohnmacht. Am Morgen fanden ihn die Soldaten am Zaune, am Rande des Grabens. Lange Zeit lag er nachher bewußtlos auf seinem Lager. Als er kaum genesen war, mußte er auf Geheiß des Vaters der feierlichen Einweihung des Lefortschen Palastes, der dem Gotte Bacchus geweiht wurde, beiwohnen. Aljoscha trägt einen neumodischen deutschen Rock, dessen Falten mit Draht versteift sind, und eine riesige Perücke, die ihm den Kopf drückt. Die Tante trägt einen üppigen Reifrock. Sie befinden sich beide in einem eigenen Zimmer neben dem Saale, in dem das Trinkgelage stattfindet. Taftvorhänge, die letzten Reste der früheren Hofsitte, verbergen sie vor den Blicken der Gäste. Aljoscha kann aber alles sehen: die Mitglieder des Allertrunkensten Konzils, die statt heiliger Gefäße Weinkrüge und Flaschen mit Met und Bier in den Händen haben; statt des Evangeliums eine Buchattrappe, die Fläschchen mit Schnäpsen aller Sorten enthält; in den Kohlenbecken brennt statt Weihrauch Tabak. Der Oberpriester, Fürst-Papst, in einem Narrengewande, das dem Patriarchenornat nachgebildet und mit aufgenähten Würfeln und Karten geschmückt ist, mit einer, mit einem nackten Bacchus gekrönten blechernen Patriarchenkrone auf dem Kopfe und einem mit einer nackten Venus verzierten Hirtenstab in der Hand – segnet die Gäste mit einem Kreuz, das aus Pfeifenrohren zusammengesetzt ist. Nun beginnt das Trinkgelage. Die Narren beschimpfen die alten Bojaren, sie schlagen sie, spucken ihnen ins Gesicht, begießen sie mit Schnaps, zerren sie an den Haaren, schneiden ihnen gewaltsam die Bärte ab und reißen die Barthaare mit Hautfetzen und Blut heraus. Das Trinkgelage wird zu einer Tortur. Aljoscha glaubt, alles in einem Fiebertraume zu sehen. Und wieder kann er seinen Vater nicht erkennen: es ist sein Doppelgänger, ein Werwolf. »Der purpurstrahlende Großfürst, Zarewitsch Alexej Petrowitsch, lernt jetzt das Gebetbuch lesen, nachdem er die Lehre mit dem Uranfang aller Buchstaben, dem Alpha, begonnen und in kurzer Zeit darauf das ganze Alphabet und die Zusammensetzung der Buchstaben und der Silben erfaßt hat,« meldete dem Zaren sein »niedrigster Sklave«, Nikischka Wjasemskij, der Erzieher des Zarewitsch. Er unterrichtete Aljoscha nach dem alten Sittenspiegel »Domostroj«, »wie man mit Heiligtümern umgehen müsse; wundertätige Ikonen und heilbringende Reliquien sind mit größter Vorsicht zu küssen, wobei man mit den Lippen nicht schmatzen darf; auch soll man dabei den Atem anhalten, denn übler Geruch ist dem Herrn ein Greuel; die heilige Hostie soll man so behutsam genießen, daß kein Bröckchen davon auf die Erde fällt; man soll sie nicht wie anderes Brot mit den Zähnen zerbeißen, sondern kleine Stücke davon abbrechen, sie in den Mund legen und mit Glauben und Gottesfurcht verzehren«. Während Aljoscha diesen Belehrungen lauschte, mußte er daran denken, wie dieser selbe Nikischka neulich im Rausche, während der Einweihung des Lefortschen Palais vor der schamlosen Frau des Deutschen Monce mit dem Fürst-Papst und den übrigen Narren zu den Pfiffen des »Frühlings« und den Tönen des Trinkliedes: Auf der Wiese des Popen, ach, ach! verlor ich die Flöte, ach! ach! einen ausgelassenen Tanz getanzt hatte. Der gelehrte Deutsche, Baron Huyssen, legte dem Zaren den »Methodus insructionis« vor, eine Instruktion, nach der derjenige, der mit der Erziehung seiner Hoheit des Zarewitsch betraut werden soll, zu handeln hat. »In seinem Gemüte und Herzen die Liebe zu den Tugenden zu pflanzen und zu stärken; ebenso sich darum zu bemühen, daß ihm Abscheu und Ekel vor allem, was vor Gott als Sünde gilt, eingeflößt werde und daß die schweren Folgen der bösen Handlungen gründlich dargelegt und mit Beispielen aus der Heiligen Schrift und der weltlichen Geschichte bezeugt werden. Ihn in der französischen Sprache zu unterrichten, die auf keine andere Weise besser erlernt werden kann, als durch täglichen Gebrauch. Ihm illuminierte geographische Karten zu zeigen. Ihn allmählich an den Gebrauch des Zirkels zu gewöhnen und ihm den hohen Wert und den Nutzen der Geometrie klarzumachen. Ihn in den Anfangsgründen der militärischen Exerzitien, des Sturmlaufens, der Tanzkunst und der Reitkunst zu unterrichten. Ihn einen guten russischen Stil zu lehren. An allen Posttagen die französischen Zeitungen und den ›Historischen Merkur‹ mit ihm zu lesen und im Zusammenhange mit dieser Lektüre politische und moralische Fragen zu erörtern. Den ›Telemaque‹ zur Belehrung seiner Hoheit als einen Spiegel und eine Regel für seine zukünftige Regierung unablässig zu lesen. Damit ihn aber das ständige Lernen und Arbeiten nicht abschrecke, mit ihm in mäßigem Umfange das Spiel Ducktafel zu spielen. Alle diese Arbeiten sind innerhalb zweier Jahre bequem zu erledigen,; dann soll der Zarewitsch ohne Versäumnis beginnen, sich in den Wissenschaften zu vervollkommnen, damit er gründliche Kenntnisse von allen Dingen erhalte: von allen politischen Angelegenheiten in der Welt; vom wirklichen Werte dieses Staates; von allen notwendigen Künsten, wie der Fortifikation, Artillerie, bürgerlichen Architektur, Navigation und dergleichen, zur Freude seiner Majestät und zum unsterblichen Ruhme seiner Hoheit.« Zur Ausführung dieses Planes wählte man den ersten besten Deutschen, einen gewissen Martin Martinowitsch Neubauer. Er unterrichtete Aljoscha in den Regeln »der europäischen Komplimente und Höflichkeiten« nach dem Büchlein »Der wahrhafte Jugendspiegel«. »Die Kinder müssen vor allen Dingen den Vater in Ehren halten. Und wenn ihnen die Eltern irgendeinen Auftrag erteilen, müssen sie mit dem Hute in der Hand nicht neben ihnen, sondern einige Schritte zurück an der Seite stehen, wie ein Page oder ein Diener, wenn sie jemand begegnen, müssen sie ihn grüßen und drei Schritte vor ihm höflichst den Hut ziehen. Denn es ist besser, wenn man von jemandem sagt: ›Er ist ein höflicher und bescheidener Kavalier und ein gewandter Bursche‹, als wenn man sagt: ›Er ist ein hochmütiger Tölpel.‹ Sie sollen sich niemals an einen Tisch oder eine Bank oder einen anderen Gegenstand anlehnen, was nur Bauernburschen geziemt, die sich in der Sonne wälzen. Junge Leute dürfen weder mit der Nase schnarchen noch mit den Augen blinzeln. Es ist höchst widerwärtig, wenn sich jemand so laut schnäuzt, daß es wie eine Posaune klingt, oder laut niest und damit die andern Leute und die kleinen Kinder in der Kirche erschreckt, schneide dir deine Nägel, damit sie nicht wie mit Samt besetzt aussehen. Sitze am Tische anständig und gerade, stochere nicht mit dem Messer in den Zähnen, sondern tue es mit einem Zahnstocher, wobei du dir die Hand vor den Mund halten sollst, während des Essens schmatze nicht wie ein Schwein und kratze dir nicht den Kopf, denn das tun nur Bauern. Junge Leute sollen miteinander nur in fremden Sprachen sprechen, damit sie sich an den Gebrauch derselben gewöhnen und damit man sie von unwissenden Tölpeln unterscheiden kann.« So sang dem Zarewitsch ins eine Ohr der Deutsche; ins andere flüsterte ihm aber der Russe: »Spucke nicht, Aljoschenjka, nach rechts, denn zu deiner Rechten steht der Schutzengel; spucke nach links, dort steht der Teufel. Ziehe, mein Kind, nicht den linken Schuh vor dem rechten an: das ist eine Sünde. Wenn du dir die Nägel schneidest, so sammle die Schnitzel und verwahre sie in einem Papier, damit du einst Nägel hast, um auf den Berg Zion ins Himmelreich hinaufzuklettern.« Der Deutsche spottete immer über den Russen, und der Russe über den Deutschen; und Aljoscha wußte nicht, wem er trauen sollte. »Der hochmütige Student, der Kleinbürgerssohn aus Danzig« haßte Rußland. »Was ist das für eine Sprache?« pflegte er zu sagen. »In dieser Sprache ist eine Rhetorik oder Grammatik undenkbar. Die russischen Popen können selbst nicht erklären, was sie in der Kirche lesen. Die ganze Unbildung und Unwissenheit der Russen kommt von ihrer Sprache!« Er war meist betrunken und schimpfte im Rausche noch mehr: »Ihr wißt nichts, ihr seid alle Barbaren! Hunde! Hundsfotte!« Die Russen nannten den Deutschen »Martin, der Affe« und meldeten dem Zaren, daß er, statt den Zarewitsch zu unterrichten, ihm ein böses Beispiel gebe und ihm Abscheu vor den Wissenschaften und dem Umgang mit den Ausländern einflöße. Aljoscha hielt aber seine beiden Erzieher, den Russen wie den Deutschen, für gleiche Sklavenseelen. Martin Martinowitsch setzte ihm zuweilen im Laufe des Tages so zu, daß Aljoscha ihn nachts im Traume als einen gelehrten Affen sah, der nach allen Regeln der »europäischen Komplimente und Höflichkeiten« vor dem Wahrhaften Jugendspiegel Fratzen schnitt. Ringsherum standen wie auf den Wandmalereien in der Goldenen Kammer alte Moskauer Zaren, Patriarchen und Bischöfe mit strengen Gesichtern. Der Affe Martin lachte aber über sie und schimpfte: »Hunde! Hundsfotte, ihr wißt alle nichts, ihr seid alle Barbaren!« Aljoscha glaubte, eine Ähnlichkeit dieser Affenschnauze mit dem im Krampfe verzerrten Gesicht des Werwolfs und des Doppelgängers seines Vaters, des Zaren, zu sehen. Eine zottige Pfote streckte sich Aljoscha entgegen, packte ihn bei der Hand und schleppte ihn mit sich fort. Nun stürzt er wieder, diesmal ans äußerste Ende der Welt, an ein flaches Meeresufer mit faulenden Sümpfen, aus denen hier und da moosbewachsene Erdhügel ragen, mit einer blassen, toten Sonne an einem niedrigen, gleichsam unterirdischen Himmel. Hier ist alles neblig und gespenstisch. Und auch er selbst kommt sich wie ein Gespenst vor, als ob er längst gestorben und ins Reich der Schatten hinabgestiegen wäre. Mit dreizehn Jahren wird der Zarewitsch als Rekrut in die Bombardierkompagnie eingeschrieben und mit in den Feldzug gegen Nöteborg genommen. Von Nöteborg nach Ladoga, von Ladoga nach Jamburg, nach Kaporje, nach Narwa, überallhin schleppt man den Knaben im Train hinter dem Heere mit, um ihn an die militärischen Exerzitien zu gewöhnen. Er ist noch fast ein Kind, muß aber zugleich mit den Erwachsenen die Gefahren, Entbehrungen, Kälte, Hunger und ungeheure Anstrengungen ertragen. Er sieht Blut und Schmutz, alle Schrecken und Widerwärtigkeiten des Krieges. Er sieht zuweilen den Vater, aber nur selten und aus der Ferne. Und sooft er ihn sieht, erstickt sein Herz in wahnsinniger Hoffnung: gleich wird der Vater auf ihn zugehen, oder ihn zu sich heranrufen und ihn liebkosen. Wenn ihm der Vater nur ein einziges Wort oder nur einen freundlichen Blick schenkte, würde Aljoscha aufleben und begreifen, was man von ihm wolle. Der Vater hat aber keine Zeit: bald hat er den Degen, bald die Feder, bald den Zirkel oder die Axt in der Hand. Er kämpft gegen die Schweden und rammt die ersten Pfähle ein, auf denen er die ersten Häuschen von Sankt Petersburg errichtet. »Mein allergnädigster Herr Vater, ich bitte dich, meinen Herrn, um die Gnade, mich schriftlich über dein Wohlergehen benachrichtigen zu lassen, damit ich erfreut werde, wenn du bei Wohlsein bist, worüber zu hören mein sehnlichster Wunsch ist. Dein Sohn Aljoscha, der dich um deinen Segen bittet und dich grüßt. Aus Petersburg, den 25. August 1703.«   Er schreibt seine Briefe unter dem Diktat des Lehrers und wagt kein einziges herzliches Wort, keine zärtliche Redewendung und keine Klage hinzuzufügen. Er wächst einsam, verwildert, eingeschüchtert auf wie ein Unkraut in einem Straßengraben oder am Zaune eines Regimentszeughauses. Narwa ist im Sturme erobert worden. Der Zar feiert den Sieg und besichtigt unter Kanonendonner und Musik seine Regimenter. Der Zarewitsch steht vor der Front und sieht aus der Ferne, wie ihm ein junger Riese mit freudigem und zugleich drohendem Gesicht naht. Das ist er, er selbst, nicht der Doppelgänger, nicht der Werwolf, sondern sein echter lieber Vater von einst! Dem Knaben klopft das Herz, es erstirbt in wahnsinniger Hoffnung. Ihre Blicke sind sich begegnet, – Aljoscha ist es, als ob ihn ein Blitz geblendet hätte. Ach, wenn er zum Vater laufen, ihm um den Hals fallen, ihn umarmen und küssen und vor Freude weinen könnte! Aber scharf und artikuliert wie Trommelwirbel erschallen Worte, die wie die Worte der Ukase und Paragraphen klingen: »Sohn! Ich habe dich in den Feldzug mitgenommen, damit du siehst, daß ich keine Mühen und Gefahren scheue. Da ich aber nur ein Mensch bin und heute oder morgen sterben kann, sollst du dir merken, daß du wenig Freude erleben wirst, wenn du meinem Beispiele nicht folgst. Wenn es das allgemeine Wohl gilt, darfst du keine Mühen scheuen, wenn du aber auf meine Ratschläge nicht hörst und dich weigerst, nach meinen Wünschen zu handeln, so will ich dich nicht als meinen Sohn anerkennen und werde Gott bitten, daß er dich wie in diesem so auch in jenem Leben bestraft ...« Der Vater faßt Aljoscha mit zwei Fingern am Kinn und blickt ihm scharf in die Augen. Ein Schatten huscht über Peters Gesicht, Es ist ihm, als ob er seinen Sohn zum erstenmal sähe: ist dieser schwächliche Knabe mit den schmalen schultern, der eingefallenen Brust, dem trotzigen und finsteren Blick wirklich sein einziger Sohn, der Erbe des Thrones, der Vollender aller seiner Arbeiten und Taten? Kann das stimmen? wie kommt diese elende Mißgeburt, dieses Dohlenjunge in das Adlernest? Wie konnte er einen solchen Sohn gebären? Aljoscha schrumpft zusammen, als ob er den Gedanken seines Vaters erriete und sich einer ihm unbekannten, doch schweren Schuld bewußt wäre. Er fühlt solche Scham und solche Angst, daß er bereit ist, wie ein kleiner Knabe angesichts des ganzen Heeres in Tränen auszubrechen. Er beherrscht sich aber und stottert mit bebender Stimme die Begrüßung, die man ihn gelehrt hat: »Allergnädigster Herr Vater! Ich bin noch zu jung und tue, was ich kann. Aber ich versichere Eure Majestät, daß ich gewillt bin, als gehorsamer Sohn nach meinen Kräften Euren Taten und Eurem Beispiele zu folgen. Gott erhalte Euch noch viele Jahre in ständigem Wohlbefinden, damit ich noch lange Freude an einem so berühmten Vater habe ...« Er zieht nach Anweisung des Martin Martinowitsch »auf angenehme Art, wie es einem bescheidenen Kavalier geziemt«, den Hut und spricht das deutsche »Kompliment«: »Meines gnädigsten Papas gehorsamster Diener und Sohn.« Und er kommt sich vor diesem Riesen, der so schön wie ein junger Gott ist, wie eine Mißgeburt, wie ein dummer Affe vor. Der Vater streckte ihm die Hand entgegen. Er küßte sie. Tränen traten ihm in die Augen, und es schien ihm, als ob der Vater, als er die warmen Tränen auf seiner Hand spürte, sie angeekelt wieder fortzöge. Während des feierlichen Einzuges des Heeres in Moskau anläßlich des Sieges von Narwa, am 17. Dezember 1704, marschierte der Zarewitsch in der Uniform des Preobrashenskij-Regiments als gemeiner Soldat mit in der Front. Es war grimmig kalt. Er war beinahe erfroren, während des üblichen Trinkgelages im Schlosse nach der Feier trank er, um sich zu erwärmen: Zum erstenmal in seinem Leben ein Glas Schnaps aus und wurde sofort betrunken. Es schwindelte ihm, und es wurde ihm dunkel vor den Augen. In der Finsternis mit den sich schnell drehenden und miteinander verflechtenden mattgrünen und roten Kreisen konnte er nur das Gesicht des Vaters deutlich erkennen, das ihn mit verächtlichem Lächeln ansah. Aljoscha empfand einen Schmerz wie über eine unerträgliche Kränkung. Er stand schwankend auf, ging auf den Vater zu, blickte ihn finster wie ein gehetzter junger Wolf an, wollte etwas sagen, etwas tun, wurde aber plötzlich blaß, stieß einen schwachen Schrei aus, taumelte zurück und fiel wie tot dem Vater Zu Füßen. III. »Mein zeitliches Leben endet damit, daß ich vor Alter stumm, taub und blind werde. Daher bitte ich um die Gnade, mich vom Amte eines Beschließers der Kirchengewänder zu entbinden und mir zu gestatten, mich in ein Kloster zurückziehen zu dürfen ...« Der in seine Erinnerungen versunkene Zarewitsch hörte gar nicht das eintönige summen des P. Iwan, der aus seiner Zelle gekommen war und sich wieder auf die Bank neben ihn gesetzt hatte. »Ich möchte mein Häuschen und mein Hausgerät sowie auch die überflüssigen Kleider verkaufen und die beiden Waisen, die bei mir leben, meine Nichten, in irgendein Kloster tun. Und was ich nach an Heiratsgut habe, das möchte ich dem Kloster spenden, damit ich Sünder nicht umsonst das Klosterbrot esse und von mir wie von der Witwe im Evangelium zwei Scherflein angenommen werden. Dann möchte ich noch kurze Zeit ruhig und in Buße leben, bis ich nach dem willen Gottes aus diesem Leben in das Zukünftige genommen werde. Ich glaube, daß ich das Sterbealter erreicht habe, denn auch mein Vater ist in diesen Jahren gestorben ...« Der Zarewitsch kam zu sich – ihm war es, als ob er aus einem tiefen Schlaf erwachte, und er sah, daß die Nacht schon längst angebrochen war. Die weißen Türme der Kathedralen schimmerten in einem durchsichtigen Blau und glichen noch mehr riesigen Blüten, den Lilien des Paradieses. Die goldenen Kuppeln glänzten matt am schwarzblauen, sternübersäten Himmel. Die Milchstraße flimmerte ganz schwach. Und im Hauche der himmlischen Frische, der so gleichmäßig war wie der Mein eines Schlafenden, senkte sich auf die Erde eine unendliche Stille, das Vorgefühl des ewigen Schlafes, herab. Und mit dieser Stille verschmolzen die leise rieselnden Worte des P. Iwan: »Wenn man mir nur erlaubte, mich in ein Kloster zurückzuziehen, damit ich da in Ruhe lebe, bis ich aus diesem Leben in das zukünftige genommen werde ...« Er sprach noch lange, hielt inne, und sprach wieder) er ging einige Male fort, kam wieder und rief den Zarewitsch zum Abendessen. Aber dieser sah und hörte nichts. Er hatte seine Augen wieder geschlossen und war in Halbschlummer versunken, in den dunklen Abgrund zwischen Schlaf und Wachen, wo die Schatten der Vergangenheit wohnen, wieder zogen vor ihm Erinnerungen und Visionen vorbei, ein Bild nach dem andern, wie die Glieder einer langen Kette; und alles wurde von einem einzigen erschreckenden Bilde beherrscht, vom Bilde des Vaters, wie ein Wanderer, der nachts von einer Anhöhe herabblickt und im plötzlichen Aufzucken eines Blitzes den ganzen zurückgelegten Weg sieht, so sah auch er im schrecklichen Lichte dieses Bildes sein ganzes Leben ... Er ist schon siebzehn Jahre alt, steht also in dem Alter, wo man einst die Moskauer Zarensöhne zu »erklären« pflegte und die Leute aus fremden Ländern herbeiströmten, um einen neuerklärten Zarewitsch anzustaunen. Aljoscha hat aber schon eine beinahe unerträgliche Last zu tragen: er muß von Stadt zu Stadt reisen, Proviant für das Heer einkaufen, Holz für die Flotte fällen und flößen lassen, Festungen bauen, Bücher drucken, Geschütze gießen, Ukase verfassen, Regimenter anwerben und auf die sich dem Staatsdienste entziehenden Söhne von Adligen unter Androhung der Todesstrafe Jagd machen; er, der noch selbst ein Kind ist, muß die Exekution über ebensolche Kinder wie er »ohne Pardon« leiten, ein wachsames Auge haben, damit nichts gefälscht werde, und über alles dem Vater genauen Bericht erstatten, von den deutschen Deklinationen zum Bau von Bollwerken, von den Bollwerken zu Trinkgelagen, von den Trinkgelagen zu der Fahndung auf Deserteure, – von allen diesen Dingen schwindelt es ihm im Kopfe. Je größere Mühe er sich gibt, um so mehr wird von ihm verlangt. Er hat weder Ruhe noch Schonzeit. Er fürchtet, wie ein abgehetztes Pferd zu verenden. Und er weiß, daß alles vergeblich ist: »niemand kann den Vater zufriedenstellen.« Zur gleichen Zeit lernt er wie ein Schuljunge. »Zwei Wochen lang werden wir ausschließlich die deutsche Sprache treiben, um uns die Deklination vollkommen anzueignen. Dann werden wir Französisch und Arithmetik lernen. Der Unterricht wird täglich erteilt.« Schließlich wurde es ihm doch zu viel. Im Januar 1710, als er bei heftigem Frost fünf Regimenter, die er selbst angeworben hatte und die später an der Schlacht von Poltawa teilnahmen, aus Moskau zu seinem Vater nach der Stadt Ssumy in der Ukraine führte, erkältete er sich, lag mehrere Wochen bewußtlos danieder und war beinahe aufgegeben. Er kam zu sich an einem sonnigen Vorfrühlingstage. Das ganze Zimmer ist voller schräger gelber Sonnenstrahlen. Draußen liegen noch Schneehaufen. Doch von den Eiszapfen tropft es schon. Die Frühlingswasser rauschen, und am Himmel klingt der Lerchensang so hell wie ein Glöckchen. Aljoscha sieht über sich das Gesicht des Vaters, der sich über ihn beugt; es ist das frühere, liebe Gesicht voller Zärtlichkeit. »Mein Lieber, mein Sonnenlicht, fühlst du dich schon besser?« Aljoscha ist noch zu schwach, um zu antworten; er lächelt dem Vater nur zu. »Gott sei Dank! Gott sei Dank!« sagt der Vater, indem er sich andächtig bekreuzigt. »Der Herr hat dir seine Gnade erwiesen, er hat mein Gebet erhört. Nun wirst du sicher gesund werden!« Der Zarewitsch erfuhr später, daß der Vater während der ganzen Zeit für keinen Augenblick von seinem Lager gewichen war, daß er alle seine Geschäfte vernachlässigt und auch fast alle Nächte durchwacht hatte. Als es Aljoscha schlechter ging, bestellte er Bittgottesdienste und leistete das Gelübde, dem heiligen Alexius, dem Manne Gottes, eine Kirche zu stiften. Dann kamen die freudevollen, langsam dahinschleichenden Tage der Genesung, Aljoscha schien es, daß die Liebkosungen des Vaters ihn wie die Wärme und das Licht der Sonne heilten. Er lag tagelang in seliger Ermattung mit einem wonnevollen Gefühl von Schwäche am ganzen Körper unbeweglich da und konnte sich an dem einfachen, doch majestätischen Gesicht des Vaters, an seinen strahlenden, schrecklichen, lieben Augen und dem reizenden, etwas spöttischen Lächeln seiner seinen, frauenhaft geschwungenen Lippen gar nicht satt sehen. Der Vater wußte nicht, wie er Aljoscha seine Liebe beweisen, womit er ihm einen Gefallen tun könnte. Einmal schenkte er ihm eine Tabaksdose, die er eigenhändig aus Elfenbein geschnitzt hatte, mit der Inschrift: »Wenig, aber von Herzen.« Der Zarewitsch bewahrte die Dose lange Jahre auf, und sooft er sie ansah, durchbohrte etwas Scharfes, Brennendes, ein Gefühl wie grenzenloses Mitleid mit dem Vater sein Herz. Ein andermal streichelte Peter dem Sohne zärtlich die Haare und sagte dabei verlegen und scheu, als ob er sich vor ihm entschuldigte: »Wenn ich dir etwas gesagt oder getan habe, was dich kränkt, so mache dir deswegen, um Gottes willen, keinen Kummer, vergib mir, Aljoscha. Wenn man ein so schweres Leben hat, gerät man oft wegen der kleinsten Widerwärtigkeit in Zorn. Mein Leben ist aber wirklich schwer: ich habe niemanden, mit dem ich meine Gedanken teilen könnte. Keinen einzigen Helfer! ...« Aljoscha umschlang, wie er es oft als Kind getan hatte, den Hals des Vaters mit den Armen und flüsterte ihm, vor verschämter Zärtlichkeit bebend und ersterbend, ins Ohr: »Mein liebes, teures Väterchen, ich liebe dich, ich liebe dich!« Doch während er allmählich ins Leben zurückkehrte, entfernte sich der Vater ebenso allmählich wieder von ihm. Es war, als ob auf ihnen ein erbarmungsloser Fluch des Schicksals lastete: einander ewig nahe und zugleich fremd zu sein, einander heimlich zu lieben und offen zu hassen. Und alles ging wieder seinen alten Gang: der Einkauf von Proviant, die Jagd nach den Deserteuren, das Gießen von Geschützen, das Fällen von Wäldern, das Bauen von Bollwerken, das Wandern von Stadt zu Stadt. Er muß wieder wie ein Galeerensklave arbeiten. Und der Vater ist immer unzufrieden und glaubt, daß sein Sohn nichts tue, seine Arbeiten vernachlässige und sich müßig herumtreibe. Manchmal möchte ihn Aljoscha an die Tage in Ssumy erinnern. Aber er bringt es nicht über seine Lippen. »Zoon! Wir bestimmen, daß Ihr nach Dresden reisen sollt. Und wir befehlen Euch zugleich, während Eures dortigen Aufenthaltes ein anständiges Leben zu führen und sich mit dem größten Fleiß den Wissenschaften hinzugeben, und zwar den Sprachen, der Geometrie, der Fortifikation und zum Teil auch der Lehre von der Politik. Und wenn Du mit der Geometrie und Fortifikation fertig bist, so melde es uns.« Im Auslande lebte er als ein von allen verlassener Verbannter. Der Vater hatte ihn wieder vergessen. Er erinnerte sich seiner nur, um ihn zu verheiraten. Die Braut, die Tochter des Herzogs von Wolfenbüttel, Charlotte, gefiel dem Zarewitsch nicht. Er wollte keine Ausländerin heiraten. »Eine Teufelin hat man mir angehängt!« schimpfte er, wenn er betrunken war. Vor der Trauung mußte er schändlich um die Mitgift feilschen. Der Zar wollte den Deutschen auch keinen Groschen nachlassen. Nachdem er mit der Frau ein halbes Jahr zusammengelebt hatte, mußte er sie verlassen und wieder auf die Wanderung gehen: von Stettin nach Mecklenburg, von Mecklenburg nach Abo, von Abo nach Nowgorod, von Nowgorod nach Ladoga; und wieder kam eine unendliche Müdigkeit und eine unendliche Furcht über ihn. Diese Furcht wuchs vor jeder Begegnung mit dem Vater zu einem wahnsinnigen Grauen an. Sooft er sich der Türe des väterlichen Arbeitszimmers näherte, bekreuzigte er sich und flüsterte das Gebet: »Gedenke, Herr, des Königs David und seiner Milde!« Er wiederholte ganz ohne Verständnis die Sektionen in der Navigationslehre und konnte sich die barbarischen Worte wie Krupkammern, Balkwäger, Geigenblöcke, Ankerstöcke gar nicht merken; er betastete auf seiner Brust die ihm einst von seiner Kinderfrau geschenkte Kapsel mit besprochenem Gras, das in ein Stück Wachs geknetet war, und einem Zettel, auf dem eine uralte Beschwörungsformel zur Erweichung des Vaterherzens geschrieben stand: »Am hohen Feiertag bin ich geboren, mit einer eisernen Mauer habe ich mich umgeben und bin vor mein Väterchen getreten. Da erzürnte mein Erzeuger, er brach mir die Knochen, kniff meinen Körper, trat mich mit den Füßen und trank mein Blut. Strahlende Sonne, helle Sterne, stilles Meer, gelbe Felder, – steht alle still. Ebenso still soll mein Vater sein zu allen Tagen, zu allen Stunden, in der Nacht und in der Mitternacht.« »Die Festung ist gar nicht übel, mein Lieber, das muß ich schon sagen!« äußerte der Vater achselzuckend, eine Zeichnung betrachtend, die ihm der Sohn überreicht hatte. »Du hast wohl viel im Auslande gelernt?« Aljoscha wurde nun ganz verwirrt und verlor die Fassung wie ein Schuljunge, der die Rute bekommen soll. Um diese Tortur nicht über sich ergehen lassen zu müssen, stellte er sich krank und nahm Arzneien ein. Das Grauen ging in Haß über. Vor dem Pruth-Feldzug wurde der Zar gefährlich krank und glaubte schon sterben zu müssen. Als der Zarewitsch davon erfuhr, ging ihm zum erstenmal der Gedanke an den möglichen Tod seines Vaters durch den Kopf, und er spürte etwas wie Freude. Er erschrak vor dieser Freude, er verdrängte sie, konnte sie aber nicht vernichten. Sie lauerte irgendwo in der heimlichsten Tiefe seiner Seele wie ein Tier im Hinterhalte. Einmal, während eines Trinkgelages, als der Zar seiner Gewohnheit gemäß die Betrunkenen gegeneinander aufhetzte, um aus ihrem Wortwechsel ihre geheimen Gedanken auszuspionieren, brachte der Zarewitsch, der auch betrunken war, die Rede auf die Staatsangelegenheiten und auf die Unterdrückung des Volkes. Alle wurden still, selbst die Narren hörten auf zu schreien. Der Zar lauschte aufmerksam seinen Worten. Aljoscha stand vor Freude das Herz still: vielleicht wird ihn der Vater verstehen und auf seine Stimme hören? »Schon genug geschwatzt!« unterbrach ihn plötzlich der Zar mit jenem Lächeln, das Aljoscha so gut kannte und so sehr haßte. »Ich seh, mein Lieber, daß du von politischen und bürgerlichen Dingen ebensoviel verstehst wie ein Bär vom Orgelspiel ...« Er wandte sich ab und gab den Narren ein Zeichen. Sie begannen wieder zu brüllen. Der betrunkene Fürst Menschikow fing mit anderen Würdenträgern zu tanzen an. Der Zarewitsch sprach aber noch immer weiter und schrie mit hoher Stimme, die ihm oft versagte. Der Vater schenkte ihm aber keine Beachtung, stampfte mit den Füßen, klatschte in die Hände und pfiff und sang den Tanzenden zu: Tary-bary-rastabary, Frischer Schnee ist heut gefallen, Hasen rennen, Hörner schallen, Brenne, haue, stich! Er hatte dabei den rohen Gesichtsausdruck eines Soldaten, den Gesichtsausdruck dessen, der einst geschrieben hatte: »Wir haben heute den Feind ordentlich traktiert; es sind nur wenige Säuglinge am Leben geblieben.« Fürst Menschikow, ganz außer Atem vom Tanzen, blieb plötzlich vor dem Zarewitsch stehen, stemmte sich die Arme in die Seiten und sagte mit frechem Lächeln, in dem sich das Lächeln des Zaren spiegelte: »Du, Zarewitsch!« rief der Erlauchte, wobei er das Wort Zarewitsch wie immer so aussprach, daß es wie »Psarewitsch« (Hundesohn) klang. »Du, Zarewitsch, was bläst du Trübsal? Komm, tanz mit uns!« Aljoscha erblaßte, griff nach dem Degen, beherrschte sich aber gleich wieder und sagte, ohne ihn anzublicken, durch die Zähne: »Lakai!« »Was? Was hast du gesagt, du junger Hund?« Der Zarewitsch wandte sich um, blickte ihm gerade in die Augen und sagte laut: »Ich sage: Lakai! Der Blick eines Lakaien ist schlimmer als Schimpf ...« Im gleichen Augenblick tauchte vor Aljoscha das wie von einem Krampf verzerrte Gesicht des Vaters auf. Er schlug den Sohn ins Gesicht, daß er aus Mund und Nase blutete; dann packte er ihn an der Kehle, warf ihn zu Boden und begann ihn zu würgen. Die alten Würdenträger Romodanowskij, Scheremetjew und die Dolgorukijs, denen der Zar selbst den Befehl gegeben hatte, ihn bei seinen Wutanfällen zu bändigen, stürzten auf ihn zu, faßten ihn an den Armen und schleppten ihn vom Sohne weg: sie fürchteten, daß er ihn ermorden könnte. Um dem Erlauchten eine Satisfaktion zu geben, jagte man den Zarewitsch aus dem Hause und stellte ihn als Wachtposten draußen vor der Türe auf, wie man einen Schuljungen in die Ecke stellt. Es war eine Winternacht mit Frost und Schneesturm. Er hatte nur einen Rock ohne Pelzmantel an. Die Tränen und das Blut auf seinem Gesichte froren ein. Der Schneesturm heulte, wirbelte, tanzte und sang wie betrunken. Und hinter den erleuchteten Fenstern tanzte und sang die betrunkene alte Närrin, die Fürstin-Äbtissin Rsjewskaja. Mit dem wilden Heulen des Schneesturmes vermischte sich ihr wildes Lied: Mutter hat mich mal im Rausch geboren, In der Schenke hat man mich getauft, Und im Branntwein wurde ich gebadet. Aljoscha fühlte solchen Gram, daß er imstande war, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Plötzlich schlich sich aber jemand von hinten an ihn heran, warf ihm einen Pelz über die Schultern, kniete vor ihm nieder und begann, ihm die Hände zu küssen; es schien Aljoscha, als ob ein freundlicher Hund sie ihm leckte. Es war ein alter Soldat vom Preobrashenskij-Garderegiment, ein zufälliger Genosse Aljoschas im Wachtpostenstehen, ein heimlicher Raskolnik. Der Alte blickte ihm mit unendlicher Liebe in die Augen, und es wurde Aljoscha klar, daß er bereit war, seine Seele für ihn zu opfern. Er weinte und flüsterte, ihn gleichsam anbetend: »Herr Zarewitsch, Väterchen, unser Augenlicht, unsere strahlende Sonne! Armes Waisenkind, hast weder Vater noch Mutter. Der himmlische Vater und die Allerreinste Muttergottes mögen dich schützen! ...« Der Vater verprügelte Aljoscha mehr als einmal, sowohl unvorschriftsmäßig – mit den Fäusten, wie auch vorschriftsmäßig – mit dem Stock. Der Zar tat alles nach neuen Sitten, den Lohn prügelte er aber nach alter Sitte, nach den Vorschriften des »Domostroj«, des vom Priester Sylvester, dem Ratgeber Iwans des Grausamen, des Sohnesmörders, verfaßten Sittenspiegels: »Gib deinem Sohne keine Freiheit in seiner Jugend, sondern zerbrich ihm die Rippen, solange er wächst; denn wenn du ihn mit dem Stocke schlägst, wird er nicht sterben, sondern gesünder werden.« Aljoscha fühlte eine tierische Angst vor den Schlägen: »Er wird mich noch zum Krüppel schlagen!« Aber er gewöhnte sich an den seelischen Schmerz und an die Schande. Zuweilen regte sich in ihm etwas wie Schadenfreude. »Gut, schlage mich nur! Du tust dir und nicht mir Schimpf an!« schien er dem Vater zu sagen, wenn er ihn mit einem unendlich demütigen und unendlich frechen Blicke ansah. Der Vater hatte aber wohl diesen Gedanken erraten; er schlug ihn nicht mehr, er fand aber eine noch grausamere Strafe: er hörte mit ihm zu sprechen auf. Wenn Aljoscha zu reden anfing, so schwieg er, als ob er ihn nicht hörte, und behandelte ihn wie Luft. Dieses Schweigen währte Wochen, Monate, Jahre. Aljoscha fühlte es immer und überall, und es wurde ihm immer unerträglicher. Es war kränkender als jedes Schimpfen, schrecklicher als jedes Schlagen. Es erschien ihm wie ein langsamer Mord, wie eine Grausamkeit, die weder von Gott noch von Menschen verziehen werden kann. Dieses Schweigen war das Ende von allem, weiter kam nichts, als eine Finsternis, und in der Finsternis das tote, unbewegliche, zu einer Steinmaske erstarrte Gesicht des Vaters, mit dem Ausdruck, mit dem er es zum letztenmal gesehen hatte. Und von den toten Lippen klangen die toten Worte: »Wie ein brandiges Glied werde ich dich abhauen, wie mit einem Verbrecher werde ich mit dir verfahren!« * Der Faden der Erinnerungen war zerrissen. Er kam zu sich und schlug die Augen auf. Die Nacht war noch ebenso still wie vorher; die weißen Türme der Kathedralen schimmerten bläulich; die goldenen Kuppeln glänzten matt am schwarzen, sternübersäten Himmel; die Milchstraße flimmerte ganz schwach. Und im Rauche der himmlischen Frische, der so gleichmäßig war wie der Atem eines Schlafenden, senkte sich auf die Erde eine unendliche Stille, das Vorgefühl des ewigen Schlafes herab. Der Zarewitsch fühlte sich in diesem Augenblick mit der Müdigkeit seines ganzen Lebens beladen: der Rücken, die Arme und Beine und alle Glieder taten ihm weh; die Knochen schmerzten vor Mattigkeit. Er wollte aufstehen, hatte aber nicht die Kraft dazu. Er hob nur die Arme zum Himmel und stöhnte, als ob er den anriefe, der ihm allein hätte antworten können: »Mein Gott! Mein Gott! ...« Aber niemand gab ihm Antwort. Auf Erden und im Himmel herrschte ein Schweigen, als ob ihn der himmlische Vater ebenso verlassen hätte wie der irdische. Er bedeckte sich das Gesicht mit den Händen, beugte den Kopf tief auf die Steinbank hinab und weinte erst leise und klagend wie ein verlassenes Kind, dann immer lauter und wahnsinniger. Er schluchzte und schlug mit der Stirne gegen den Stein und schrie vor Kränkung, Empörung und Grauen. Er weinte, daß er keinen Vater mehr habe, und in diesem Weinen war der Schrei von Golgatha, der ewige Schrei des Sohnes an den Vater: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Plötzlich merkte er, wie in jener Winternacht auf Posten, daß jemand im Finstern auf ihn zugekommen war, sich über ihn gebeugt und ihn umarmt hatte. Es war P. Iwan, der Bewahrer der Kirchengewänder an der Verkündigungskathedrale. »Was hast du, mein Teurer? Der Herr sei mit dir! Wer hat dich gekränkt, mein Liebster?« »Der Vater! ... Der Vater! ...« stöhnte Ajoscha. Der Alte begriff alles. Er seufzte schwer auf, schwieg eine Weile und begann dann mit hoffnungsloser Demut zu flüstern, und es schien, daß die uralte Weisheit der Jahrhunderte aus seinem Munde spräche: »Was kann man tun, Aljoschenjka? Demütige dich, demütige dich, mein Kind! Mit einer Peitsche kann man eine Axt nicht entzweihauen. Mit dem Zaren kann man nicht streiten. Im Himmel ist Gott, und auf der Erde ist der Zar. Den Zaren kann niemand richten. Der Zar ist nur vor Gott allein verantwortlich. Er ist aber nicht nur dein Zar, sondern auch dein Vater, den Gott dir gegeben ...« »Er ist nicht mein Vater, er ist ein Peiniger, ein Mörder!« rief Aljoscha aus. »Er sei verflucht, verflucht, der Unmensch! ...« »Herr Zarewitsch, Eure Hoheit, erzürne Gott nicht, rede keine so frechen Worte! Groß ist die Gewalt des Vaters. In der Schrift heißt es: Ehre deinen Vater ...« Der Zarewitsch hörte plötzlich zu weinen auf, wandte sich schnell um und blickte den Alten lange unverwandt an. Schließlich sagte er: »Aber es steht auch etwas anderes in der Schrift, Väterchen: ›Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater.‹ Hörst du, Alter? Der Herr hat mich wider meinen Vater erregt! Ich bin das Schwert, das der Herr für das Herz dessen, der mich geboren, herabgesandt hat, ich bin sein Gericht und seine Strafe, die ihm der Herr bestimmt hat! Nicht um meinetwillen habe ich mich gegen ihn erhoben, sondern um der Kirche, des Landes und des ganzen Christenvolkes willen! Ich eifere für den Herrn! Ich werde mich nicht demütigen, ich werde ihm nicht untertan sein, und wenn ich auch sterben müßte! Die Welt ist zu eng für uns beide. Entweder er oder ich! ...« In dem vom Krampfe verzerrten Gesicht, dem zitternden Kinn, den unheimlich brennenden Augen erschien plötzlich eine gespenstische Ähnlichkeit mit dem Vater. Der Alte sah ihn erschrocken, wie einen Besessenen, an; er bekreuzigte ihn, bekreuzigte sich selbst, schüttelte den Kopf und lallte mit seinen alten Lippen die Worte der uralten Weisheit: »Demütige dich, demütige dich, mein Kind! Unterwirf dich dem Vater! ...« Auch die alten Mauern des Kreml, die Paläste, die Kathedralen, und selbst die Erde, in der die Asche seiner Väter ruhte, alles schien zu sagen: »Demütige dich, demütige dich!« Als der Zarewitsch das Haus P. Iwans betrat, und dessen Frau, Aljoschas Amme, die alte Marfa Afanasjewna, sein Gesicht sah, glaubte sie, daß er krank sei. Sie erschrak noch mehr, als er sich weigerte, das Abendbrot mit ihnen zu essen, und sich in die Schlafkammer begab. Die Alte wollte ihm Lindenblütentee zu trinken geben und ihn mit Kampferspiritus einreiben. Um sie zu beruhigen, nahm er schließlich doch ein Glas Branntwein zu sich. Sie legte ihn mit eigenen Händen ins Bett, das ungewöhnlich weich war und auf dem sich ein ganzer Berg von Daunenkissen und Federbetten türmte; in einem solchen Bett hatte er schon lange nicht geschlafen. So friedlich brennt das Lämpchen vor dem Heiligenbilde, so angenehm duften die ihm bekannten trockenen Heilkräuter, Zypressenzweige und Weihrauch: so einschläfernd wirkt auf ihn das Flüstern der Alten, die ihm alte Kindermärchen erzählte von Iwan dem Zarewitsch und dem grauen Wolf, vom Hähnchen mit dem goldenen Kamm, vom Bastschuh, der Blase und dem Strohhalm, die gemeinsam über einen Fluß gehen wollten: der Strohhalm zerbrach, der Bastschuh ertrank, und die Blase blies sich so auf, daß sie zerplatzte; all dies ist so anheimelnd, friedlich und beruhigend, daß Aljoscha sich im Halbschlummer wie ein kleiner Knabe fühlt, der in seinem Bettchen, im Turmgemach bei Großmutter liegt: als ob alles, was er erlebt, gar nicht geschehen wäre; als ob sich über ihn nicht Marfa Afanasjewna, sondern seine Großmutter beuge, ihn zudecke, einwickle, bekreuzige und ihm zuflüstere: »Schlaf, mein Schätzchen Aljoschenjka, schlaf mit Gott, Kindchen.« Und alles ist so still, so wunderbar still. Und der Paradiesvogel Sirin singt ihm zarische Lieder. Dem süßen Gesange lauschend, glaubt er zu sterben und schläft einen ewigen Schlaf ohne Traumgesichte. Gegen Morgen träumte ihm aber, daß er im Kreml auf dem Roten Platz, mitten unter dem Volke in der Palmsonntagsprozession mitgehe. Im großen zarischen Prunkgewande, im goldgestickten Mantel, mit der goldenen Krone und dem goldenen Geschmeide des Monomachen auf dem Kopfe führt er am Zaume die Eselin, auf der der alte Patriarch mit silberweißen Haaren sitzt. Wie er aber genauer hinblickt, sieht er, daß es kein Greis ist, sondern ein Jüngling in schneeweißem Gewande mit einem Antlitze, das wie die Sonne strahlt, daß es Christus selbst ist. Das Volk sieht oder erkennt ihn nicht. Alle haben so schreckliche, fahle, aschgraue Gesichter wie Verstorbene. Alle schweigen, und es ist so still, daß Aljoscha sein eigenes Herz schlagen hört. Auch der Himmel ist so schrecklich und leichenfahl wie vor einer Sonnenfinsternis. Vor seinen Füßen dreht sich aber unablässig ein kleines buckliges Männchen mit einem Dreispitz auf dem Kopfe und einer Tonpfeife zwischen den Zähnen; er bläst ihm den Rauch des stinkenden holländischen Knasters in die Nase, flüstert ihm etwas zu, grinst frech und zeigt mit dem Finger nach der Richtung, von der ein immer anwachsendes und immer näher kommendes Dröhnen wie ein Orkan erschallt. Und Aljoscha sieht, daß eine andere Prozession der seinigen entgegenkommt: der Protodiakon des Allertrunkensten Konzils, der Zar Peter Alexejewitsch führt am Zaume statt einer Eselin irgendein Fabeltier, auf dem eine Gestalt mit dunklem Antlitz sitzt; Aljoscha kann sie nicht erkennen, es kommt ihm aber vor, daß die Gestalt zugleich dem Gauner Fedoska und Petjka, dem Dieb, ähnelt, aber noch schrecklicher und abstoßender ist als diese beiden; vor ihnen schreitet eine schamlose nackte Dirne; es ist entweder Afrosjka oder die Petersburger Venus. Zur Begrüßung der Prozession läuten alle Kirchenglocken, auch die große Glocke am Glockenturme »Iwan der Große«. Und das Volk ruft wie bei der Hochzeit des Fürst-Papstes Nikita Sotow: »Der Patriarch heiratet! Der Patriarch heiratet! Der Patriarch und die Patriarchin sie leben hoch!« Und sie sinken in die Kniee und beten das Tier, die Buhlerin und die nahende Herrschaft des Pöbels an: »Hosianna! Hosianna! Gesegnet sei, der da kommt!« Aljoscha steht, von allen verlassen, mit Christus allein, unter dem wahnsinnig gewordenen Pöbel. Der wilde Zug jagt ihnen entgegen mit Geschrei und Gejohle, mit Finsternis und Gestank, von dem das Gold der Zarengewänder und selbst die Sonne des Antlitzes Christi schwarz werden. Gleich werden sie von den Nahenden zertreten, zerstampft, hinweggefegt werden, und über die heilige Stätte wird der Greuel der Verwüstung kommen. Plötzlich ist alles verschwunden. Es träumt ihm weiter, daß er am Ufer eines großen Flusses, wohl an der Landstraße, die aus Polen nach der Ukraine führt, stehe. Es ist ein Abend im Spätherbste. Nasser Schnee, schwarzer Schmutz. Der Wind reißt die letzten Blätter von den zitternden Espen ab. Ein in Lumpen gehüllter blaugefrorener Bettler fleht ihn an: »Um Christi willen, eine Kopeke!« – Es ist ein Gebrandmarkter, – denkt sich Aljoscha, indem er die blutigen Male an den Händen und Füßen des Bettlers betrachtet. – Wohl ein entlaufener Rekrut ... – Und der halberfrorene Bursche tut ihm so leid, daß er ihm statt der einen Kopeke sieben Gulden geben will. Er erinnert sich im Traume, daß er in sein Reisetagebuch unter den andern Ausgaben folgendes eingetragen hat: »22. November. Für die Überfahrt über den Fluß 3 Gulden; für das Nachtquartier in der jüdischen Schenke 5 Gulden; einem halberfrorenen Burschen 7 Gulden.« Er streckt schon seine Hand dem Bettler entgegen, als plötzlich eine rauhe Hand sich auf seine Schulter legt und eine rauhe Stimme, wohl die eines Wachsoldaten am Schlagbaum, spricht: »Das Geben von Almosen kostet fünf Rubel Strafe; die Bettler sind aber mit der Knute und dem Aufreißen der Nasenlöcher zu bestrafen und nach Roggerwiek zu verschicken.« »Hab Erbarmen mit ihm,« fleht Aljoscha. »Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber dieser da hat nicht, da er sein Haupt hinlege ...« Und wie er den »halberfrorenen Burschen« genauer ansieht, gewahrt er, daß sein Antlitz wie die Sonne ist, daß es Christus selbst ist. IV. »Mein Sohn! »Als ich von Euch das letztemal Abschied genommen/und dabey eine Resolution auf die bewußte Sache verlanget; so seid Ihr dabey geblieben/daß Ihr Eurer Schwachheit halber/ein Erbe nach mir nicht seyn könnet/und daß Ihr lieber ins Kloster verlanget. Darauff habe ich Euch gesaget/daß Ihr Euch wohl bedencken/und hernach an mich schreiben möchtet/worzu Ihr Euch resolviret / worauff ich 7. Monathe gewartet/und dennoch kein Schreiben davon gesehen: Derohalben denn nun/weil Ihr zum Bedencken Zeit genug gehabt/so resolviret Euch alsbald nach Erhaltung dieses Schreibens/ entweder zum Ersten oder zum Andern; Bleibet Ihr bey dem Ersten/ so stellet Eure Reise innerhalb 7. Tage hieher an/denn Ihr habt noch Zeit/denen Operationen mit beyzuwohnen/bleibt Ihr aber bey dem Andern/so schreibet an uns den Ort/die Zeit/und den Tag/damit mein Gewissen ruhig bleibe, welches ich von Euch erwarten werde. Überbringern dieses aber/sendet zurück nach Vollführung des ersten/nemlich bey der Abreise aus St. Petersburg, oder des andern/nemlich wenn Ihr es errichtet habt. Ich wiederhole solches nochmals/daß es gänzlich geschehe/oder ich werde gewahr/ daß Ihr nur die Zeit in Eurem gewöhnlichen Müßiggänge zubringet.« Zitiert nach dem: »Manifest wegen der Gerichtlichen Inquisition und Urtheils/so auf hohe Ordre Sr. Zarischen Majestät über den Zarewitsch Alexium Petrowitsch zu St. Petersburg gehalten/auch daselbst dem Publico zur Nachricht im Druck herausgegeben worden/den 25ten Junii st. v. 1718. Nach dem Rußischen Original übersetzet. Frankfurt und Leipzig / Bey Johann Andreas Rüdigern, Buchhändlern. 1719,« aus dem Besitze der Münchner Staatsbibliothek. Diesen Brief brachte der Kurier Ssafonow aus Kopenhagen auf das Gut Roshdestwenno, wohin der Zarewitsch aus Moskau zurückgekehrt war. Er antwortete dem Vater, daß er sofort zu ihm kommen werde. Aber er faßte keinerlei »Resolution«. Er glaubte, daß er gar nicht die Wahl – entweder ins Kloster zu gehen oder sich der Thronfolge würdig zu zeigen – vor sich habe, sondern nur eine doppelte Falle: wenn er Mönch werden würde mit dem Hintergedanken, daß die Mönchskappe an den Schädel nicht angenagelt sei, so würde er vor Gott einen Meineid geleistet und seine Seele der ewigen Verdammnis ausgeliefert haben; um sich aber der Thronfolge würdig zu zeigen, wie es sein Vater von ihm verlangte, müßte er in den Mutterleib zurückkehren und wieder auf die Welt kommen. Der Brief des Vaters machte dem Zarewitsch weder Kummer noch Angst. Er war von der gefühllosen und bewußtlosen Erstarrung befallen, in der er sich in der letzten Zeit so oft befand. In solchem Zustande redete er und machte alles wie im Schlafe, ohne selbst zu wissen, was er im nächsten Augenblick sagen oder tun würde. In seinem Herzen war eine schreckliche Leichtigkeit und Leere; es war entweder die Feigheit oder die Verwegenheit der Verzweiflung. Er fuhr nach Petersburg, stieg in seinem Hause an der Kirche »Aller Leidenden Freude« ab und befahl seinem Kammerdiener, Iwan Afanßjewitsch Bolschoi, »alles für die Reise herzurichten, was er bei seinen früheren Reisen nach Deutschland mitzunehmen pflegte.« »Fährst du zum Vater?« »Gott weiß, wohin ich fahre: vielleicht zu ihm und vielleicht anders wohin,« sagte Alexej gleichgültig. »Herr Zarewitsch, wo willst du denn hin?« fragte Afanaßjewitsch erschrocken oder sich erschrocken stellend. »Ich will mir Venedig ansehen ...« sagte der Zarewitsch lächelnd, fügte aber gleich darauf traurig und leise wie vor sich hin hinzu: »Ich habe nichts anderes im Sinn, als mich zu retten ... Du sollst aber schweigen. Außer Kikin weißt nur du allein etwas davon ...« »Ich will dein Geheimnis wahren,« erwiderte der Alte mit seiner gewohnten mürrischen Miene; aber aus seinen Augen leuchtete grenzenlose Ergebenheit. »Uns droht aber ein großes Unglück, wenn du fortgehst. Überlege dir, was du tust ...« »Ich erwartete gar nicht, daß der Vater mich zu sich berufen würde,« fuhr der Zarewitsch noch immer verschlafen und teilnahmslos fort. »Ich habe es gar nicht im Sinn gehabt. Und jetzt sehe ich, daß Gott mir den weg weist. Auch träumte ich heute nacht, daß ich Kirchen baue, und das bedeutet, daß ich meinen weg vollenden werde ...« Er gähnte. »Viele euresgleichen haben sich durch die Flucht gerettet,« bemerkte Afanaßjewitsch. »was du vorhast, ist aber in Rußland noch nie vorgekommen, niemand kann sich an so was erinnern ...« Der Zarewitsch fuhr von sich zu Menschikow und teilte ihm mit, daß er zum Vater reise. Der Fürst war sehr freundlich zu ihm. Zum Schluß fragte er ihn: »Wo willst du Afrossinja zurücklassen?« »Ich nehme sie bis Riga mit und lasse sie dann nach Petersburg zurückkehren,« sagte der Zarewitsch aufs Geratewohl, fast ohne zu überlegen; später mußte er selbst über diese unbewußte List staunen. »Warum sollst du sie zurückschicken?« sagte der Fürst, ihm gerade in die Augen blickend. »Nimm sie doch noch weiter mit ...« Wäre der Zarewitsch aufmerksamer gewesen, so hätte er sich über den Vorschlag Menschikows wundern müssen: Menschikow sollte doch wissen, daß ein Sohn, der sich der Thronfolge würdig zeigen soll, unmöglich in Begleitung der liederlichen Dirne Afroßjka zum Vater ins Feldlager, um militärischen Aktionen beizuwohnen, kommen könne, was hatten also diese Worte zu bedeuten? Als Kikin davon später erfuhr, riet er dem Zarewitsch, sich beim Fürsten Menschikow für seinen Vorschlag brieflich zu bedanken: »Es ist ja möglich, daß dein Vater deinen Brief beim Fürsten findet und ihn verdächtigt, daß er dir bei der Flucht geholfen habe.« Beim Abschied sagte Menschikow zu ihm, er solle in den Senat gehen, um sich einen Paß und Reisegeld geben zu lassen. Alle Senatsmitglieder gaben sich die größte Mühe, dem Zarewitsch gefällig zu sein, als wollten sie ihm im geheimen ihre Sympathie zeigen, die sie offen nicht zeigen durften. Menschikow gab ihm für die Reise tausend Dukaten. Die Herren Senatoren bewilligten ihm ihrerseits noch tausend Dukaten und akkreditierten ihn beim Oberkommissar in Riga für fünftausend Dukaten in Gold und zweitausend in kleiner Münze. Niemand fragte danach, wozu der Zarewitsch so viel Geld brauchte; sie schwiegen alle wie auf Verabredung. Nach der Sitzung nahm ihn Fürst Wassilij Dolgorukij beiseite und fragte: »Fährst du zum Vater?« »Was soll ich denn anderes tun, Fürst?« Dolgorukij sah sich vorsichtig um, näherte seine dicken, weichen Lippen, die ihm einige Ähnlichkeit mit einem alten Weibe verliehen, dem Ohre Alexejs und flüsterte: »Was du tun sollst? Durchbrennen. Spurlos verschwinden. Und auf den leeren Platz kann man nachher auch mit Äxten schlagen!« Er schwieg eine Weile und flüsterte ihm wieder zu: »Wenn ich nicht den grausamen Charakter des Zaren kennen und nicht so an der Zarin hängen würde, würde ich als erster nach Stettin durchbrennen!« Er drückte dem Zarewitsch die Hand, und Tränen traten ihm in seine schlauen und gutmütigen Augen. »Wenn ich dir noch irgendwie nützlich sein kann, so bin ich gerne bereit, mein Leben für dich zu lassen ...« »Bitte, verlaß mich nicht, lieber Fürst!« sagte Klexej ganz gefühl- und gedankenlos, lediglich aus alter Gewohnheit. Am Abend erfuhr er, daß der ergebenste Diener des Zaren, Fürst Jakow Dolgarukij ihm auf Umwegen mitteilen ließ, er solle nicht zum Vater reisen, da ihn dort nichts Gutes erwarte. Am nächsten Morgen, dem 26. September 1716, verließ der Zarewitsch in einer Postkutsche Petersburg. Afrossinja und ihr Bruder, der ehemalige Leibeigene Iwan Fjodorow, begleiteten ihn. Er hatte noch immer keinen Entschluß über das Reiseziel gefaßt, von Riga nahm er aber Afrossinja noch weiter mit und erklärte, daß er »den heimlichen Auftrag habe, nach Wien zu gehen, um dort eine Allianz gegen den Türken abzuschließen; in Wien solle er sich ganz heimlich aufhalten, damit der Türke davon nichts erfahre.« In Libau traf er mit Kikin zusammen, der aus Wien zurückkehrte. »Hast du für mich einen passenden Ort gefunden?« fragte der Zarewitsch. »Ja, ich habe einen für dich gefunden: reise zum Kaiser, er wird dich niemandem ausliefern. Der Kaiser hat selbst dem Vizekanzler Schönborn gesagt, daß er dich wie einen Sohn aufnehmen wolle.« »Was soll ich tun, wenn ich in Danzig die Abgesandten des Vaters treffe?« fragte der Zarewitsch. »Entkomme bei Nacht,« antwortete Kikin, »und nimm nur einen deiner Diener mit. Wenn dich aber zwei Abgesandte erwarten, so stelle dich krank, schicke den einen zum Vater zurück, und dem andern kannst du dann leicht entkommen.« Als Kikin seine Unentschlossenheit sah, fügte er hinzu: »Merke es dir, Zarewitsch: der Vater wird dich jetzt nicht ins Kloster sperren, selbst wenn du es wolltest. Deine Freunde, die Senatoren, gaben ihm den Rat, dich beständig bei sich zu haben und überallhin mitzunehmen, damit du an den Strapazen stirbst, weil du solche Anstrengungen nicht ertragen kannst. Und dein Vater sagte dazu: so ist es gut. Fürst Menschikow hat ihm klargemacht, daß du im Klosterleben Ruhe finden würdest und lange leben könntest. Darum wundere ich mich, daß man dich nicht schon früher geholt hat. vielleicht hat man aber auch etwas anderes vor: wenn du in Dänemark bist, wird dich dein Vater, unter dem Vorwande, dich in der Navigation auszubilden, auf eines seiner Kriegsschiffe setzen und dem Kapitän Befehl geben, mit einem in der Nähe befindlichen schwedischen Schiffe einen Kampf zu beginnen, damit du dabei umkommst. Das wird mir aus Kopenhagen gemeldet. Zu diesem Zweck hat man dich jetzt gerufen, und du kannst dich nur durch die Flucht retten, wer aber selbst den Kopf in die Schlinge steckt, handelt dümmer als ein dummes Tier!« schloß Kikin und blickte dem Zarewitsch scharf in die Augen. »Du siehst so verschlafen aus, Hoheit, als ob du nicht ganz wohl wärest. Fehlt dir etwas?« »Ich bin sehr müde,« antwortete der Zarewitsch. Als sie schon Abschied genommen und sich getrennt hatten, kehrte Kikin plötzlich noch einmal um, holte ihn ein und sagte langsam, jedes Wort betonend und mit so tiefer Überzeugung, daß es den Zarewitsch bei all seiner Gleichgültigkeit kalt überlief: »Wenn der Vater jemand zu dir schickt, um dich zur Rückkehr zu überreden, und dir Vergebung verspricht, so fahre doch nicht zu ihm: er wird dich öffentlich köpfen.« Als Alexej Libau verließ, war er noch ebenso unentschlossen wie bei seiner Abreise aus Petersburg. Er hoffte übrigens, daß er gar keinen Entschluß zu fassen brauchen werde, weil ihn in Danzig die abgesandten des Vaters erwarteten, von Danzig teilte sich der Weg: der eine ging nach Kopenhagen, und der andere über Breslau nach Wien. In Danzig fand er aber keine Abgesandten vor. Nun durfte er den Entschluß nicht länger hinausschieben. Als der Wirt des Gasthauses, in dem der Zarewitsch sein Nachtquartier genommen hatte, ihn am Abend fragte, wohin er für morgen früh die Pferde bestellen solle, sah er ihn eine Weile zerstreut an, als denke er an etwas anderes, und sagte schließlich fast ohne nachzudenken: »Nach Breslau.« Im gleichen Augenblick erschrak er vor diesem Wort, das sein Schicksal entschied. Aber er sagte sich, daß er am anderen Morgen den Entschluß noch immer ändern könne. Am Morgen stand die Postkutsche bereit, und er brauchte nur einzusteigen und abzufahren. Er schob die Entscheidung bis zur nächsten Station auf; auf der nächsten Station bis nach Frankfurt an der Oder, in Frankfurt an der Oder bis Ziebingen, in Ziebingen bis Crossen, und so fort ohne Ende. Er fuhr immer weiter und konnte sich nirgends mehr aufhalten, als ob er einen steilen, schlüpfrigen Abhang hinunterrollte. Die gleiche Macht der Angst, die ihn früher zurückgehalten hatte, jagte ihn jetzt vorwärts. Und je weiter er fuhr, um so größer wurde die Angst. Er mußte sich zwar sagen, daß er nichts zu befürchten habe, da sein Vater noch nichts von seiner Flucht wissen könne, seine Angst war aber blind und sinnlos. Kikin hatte ihn mit falschen Pässen versehen. Der Zarewitsch gab sich bald für den polnischen Kavalier Kremenecki, bald für den Obersten Kochanskij, bald für den Leutnant Balk, bald für einen russischen Heereslieferanten aus. Es war ihm aber zumute, als ob alle Gastwirte, Landkutscher, Fuhrleute und Postmeister wüßten, daß er der russische Zarewitsch sei und vor seinem Vater fliehe. In den Nachtquartieren wachte er oft auf und fuhr beim leisesten Geräusch, beim Knarren von Tritten oder Dielenbrettern entsetzt zusammen. Als einmal in das halbdunkle Eßzimmer, in dem er zu Abend speiste, ein Mann eintrat, der einen grauen Rock, der dem Reiseanzug seines Vaters ähnlich sah, trug und auch ungefähr die Größe seines Vaters hatte, fiel der Zarewitsch beinahe in Ohnmacht. Überall witterte er Spione. Die Freigebigkeit, mit der er mit dem Gelde um sich warf, flößte den sparsamen Deutschen wirklich den Verdacht ein, daß sie es mit einer Person von fürstlichem Geblüt zu tun hätten. Zu den Extraposten gab man ihm die besten Pferde, und die Fuhrleute hetzten die Pferde wie besessen. Einmal sah er in der Abenddämmerung eine Kutsche hinter der seinigen fahren und bildete sich sofort ein, daß es die Verfolgung sei. Er versprach seinem Fuhrmann zehn Gulden Trinkgeld. Der Fuhrmann ließ die Pferde rennen, was sie nur konnten. An einer Straßenbiegung schlug eine Achse an einem Steine an, und das Rad flog herunter. Die Reisenden mußten aussteigen. Die andere Kutsche kam immer näher heran. Der Zarewitsch bekam solche Angst, daß er schon im Begriff war, alle im Stiche zu lassen und mit Afrossinja zu Fuß in den Wald zu gehen, um sich da zu verstecken. Er hatte sie schon bei der Hand gepackt, um sie mit sich fortzuziehen, sie hielt ihn mit großer Mühe von diesem vorhaben zurück. Von Breslau ab hielt er sich fast nirgends mehr auf. Er jagte Tag und Nacht ohne Unterbrechung vorwärts. Er schlief nicht und aß nicht. Wenn er einen Bissen herunterschlingen wollte, preßte ihm ein Krampf die Kehle zusammen, wenn er nur einnickte, erwachte er sofort wieder, am ganzen Leibe zitternd und in Schweiß gebadet. Er hätte vorgezogen, zu sterben oder sofort abgefaßt zu werden, als diese Folter noch länger ertragen zu müssen. Nach fünf schlaflosen Nächten fiel er schließlich in tiefen Schlaf. Er erwachte in der Kutsche am frühen Morgen, als es noch dunkel war. Der Schlaf hatte ihn erquickt. Er fühlte sich fast ganz rüstig. An seiner Seite schlief Afrossinja. Es war recht kalt. Er wickelte die Schlafende wärmer ein und küßte sie. Sie fuhren eben durch eine ihm unbekannte kleine Stadt mit hohen, schmalen Häusern und engen Gassen, in denen das Rasseln der Räder laut widerhallte. Die Fensterläden waren geschlossen; alle schienen noch zu schlafen. In der Mitte des Marktplatzes vor dem Rathause plätscherte das Wasser eines Brunnens, vom Rande einer mit grünem Moos bewachsenen Steinmuschel herabfallend, die von gebeugten Schultern und Tritonen gehalten wurde. In einer Mauernische brannte ein Lämpchen vor einer Madonna. Nachdem sie diese Stadt passiert hatten, fuhren sie eine Anhöhe hinauf, von der Anhöhe senkte sich der Weg in eine breite, sanft abfallende Ebene. Die mit einem Sechserzuge bespannte Kutsche flog wie ein Pfeil. Die Räder rollten mit leisem Knirschen über den feuchten Straßenstaub. Unten lag noch nächtlicher Nebel. Doch oben wurde es bereits hell, und der Nebel hob sich wie ein Vorhang in die Höhe, an den trockenen Halmen Fäden von Spinngeweben zurücklassend, die mit Tautropfen wie mit Perlen besetzt waren. Der blaue Himmel kam zum Vorschein, hoch oben flog ein herbstlicher Kranichzug, vom ersten Strahle der auf der Erde noch unsichtbaren Sonne beleuchtet, mit frohen Schreien vorbei. Am Rande der Ebene blauten Berge; es waren die Berge Böhmens. Plötzlich schoß zwischen ihnen ein blendender Strahl hervor und fiel dem Zarewitsch gerade in die Augen. Die Sonne ging auf, und eine Freude erfüllte sein Herz, ebenso blendend wie die Sonne. Gott hatte ihn errettet, niemand anderer als Gott! Er lachte und weinte vor Freude, als ob er zum erstenmal in seinem Leben die Erde und den Himmel, die Sonne und die Berge sähe. Er sah auf den Zug der Kraniche, und es war ihm zumute, als ob er selbst Flügel hätte und fliegen könnte. Freiheit! Freiheit! V. Der Kurier Ssafonow, der aus Petersburg zum Zaren gefahren war, meldete ihm, daß der Zarewitsch ihm folge. Es vergingen aber zwei Monate, und der Zarewitsch erschien noch immer nicht. Der Zar konnte lange nicht glauben, daß sein Sohn geflohen sei: »wie kommt er dazu? Er wird sich doch nicht unterstehen!« Schließlich glaubte er doch daran; er sandte nach allen Städten seine Agenten aus und schickte dem Residenten in Wien, Awram Wesselowskij, ein Handschreiben: »Du sollst in Wien, Rom, Neapel, Mailand, Sardinien und auch in den Schweizer Landen nachforschen, wenn du den Aufenthalt unseres Sohnes aufspürst und dich dessen vergewissert hast, sollst du ihm sofort nachfahren und zugleich mich durch Estafetten und Extrakuriere auf dem Laufenden halten; du sollst dabei die größte Diskretion beobachten.« Wesselowskij kam nach langem Suchen auf die richtige Spur, »Seine Spuren führen bis hierher,« meldete er dem Zaren aus Wien. »Im Wirtshause zum schwarzen Adler außerhalb der Stadt war ein gewisser Oberstleutnant Kochanskij abgestiegen. Der Kellner sagte, er hätte ihn für einen sehr vornehmen Mann gehalten, weil er das Geld mit großer Generosität um sich geworfen habe; auch hätte er eine Ähnlichkeit mit dem Moskauer Zaren gehabt, den der Kellner einmal hier in Wien gesehen habe.« Peter war erstaunt. Etwas seltsames, beinahe Unheimliches enthielten für ihn die Worte: »Ähnlichkeit mit dem Zaren.« Noch niemals hatte er daran gedacht, daß Alexej ihm ähnlich sehen könne. »Nachdem er aber einen Tag und eine Nacht in dieser Stadt verbracht hatte,« fuhr Wesselowskij fort, »ließ er sein Gepäck mit einem gemieteten Fuhrwerk fortbringen; dann verbrachte er noch einen Tag im Wirtshause, bezahlte die Zeche und ging zu Fuß fort, so daß niemand weiß, ob er abgereist ist oder nicht. Und als er noch im Gasthause wohnte, kaufte er einen fertigen Männeranzug von kaffeebrauner Farbe für seine Frau, und sie zog diesen Anzug an.« Weiter verlor sich die Spur. »Ich fragte in allen hiesigen Wirtshäusern, Posthöfen, privaten und öffentlichen Häusern nach, konnte aber nichts erfahren; auch durch Geheimagenten ließ ich ihn suchen; ich bin auf den beiden Poststraßen, die von hier nach Italien gehen – der Tiroler und der Kärntner –, eine Strecke gefahren, aber niemand konnte mir Auskunft geben.« Der Zar schöpfte verdacht, daß der Kaiser den Zarewitsch aufgenommen habe und ihn irgendwo in seinen Ländern verborgen halte; er schrieb ihm aus Amsterdam folgenden Brief: »Durchlauchtigster, Großmächtigster Kayser! »Ew. Kayserl. Mayt. finde ich mich zu meinem hertzlichen Leydwesen von einem mir unverhofft geschehenen accident in freundbrüderlichem vertrauen zu eröffnen gemüßiget: welcher gestalt Mein Sohn Alexius zu meinem höchsten Mißvergnügen sich jederzeit Meiner vätterlichen Disciplin zu seiner education zuwider gezeuget, auch eine ziemlich unordentliche Ehe mit Ew. Mayt. alß Anverwandtin geführet, welches außer allen Zweifel Ew. Mayt. alß einem Anverwandten nicht unbekannt seyn wirbt. Und nachdem derselbige vor einiger Zeit vor Mich, um Ihn von seiner derangirten Lebensart und bösem Umbgang mit den liderlichen Leuthen abzubringen, beruffen worden, so hat Er an statt die von Mich Ihnen zugeordnete seine Bediente mit sich zu nehmen, einige junge Leuthe auserlesen, mit welchen Er einen ganz andern Weg genommen, und sich an einem unbekannten Orthe verborgen, so Ich auch bißher nicht habe erfahren können; Und weilen Ich der Meinung bin, daß er von einigen indignen Leuthen zu einem so widrigen Vorhaben verleuthet worden, auch deren Rat angenommen, Ich aber aus vätterlicher Vorsorge das Mitleyden mit Ihme habe, Er möchte durch seine liederliche Conduite sich einen unersätzlichen ruin auf den Halß ziehen, fürnemlich aber durch einen Zufall in die feindliche Hände gerathen: Als habe Ich Meinen an Ew. Mayst. Hofe subsistirenden Residenten dem von Wesselowsky die Commission gegeben denselben aufzusuchen, und Ihn anhero zu mir zuführen. Ersuche demnach Ew. Mayt. freundbrüderlich, Sie gelieben, falß gedachter Mein Sohn in Ew. Mayst. Landen und Gebiethen es sey heimlich oder öffentlich sich befindet, denselben mit erwähntem Residenten nebst einigen von dero officiren wegen seiner sicheren Begleitung zu mir anhero zu überschicken, damit Ich aus vätterlicher Vorsorge seinen üblen Zustandt verbeßern und corrigiren möge; wodurch Ew. Mayt. Mich ewig zu dero Diensten und affection verbinden, Ich auch verbleiben werde Ew. Kayserlichen Majestät treuer Bruder Peter« Gleichzeitig ließ er dem Kaiser unter der Hand mitteilen, daß falls er den Zarewitsch nicht gutwillig ausliefere, der Zar genötigt sein werde, ihn als einen Verräter »mit bewaffneter Hand« zu suchen. Eine jede neue Nachricht über den Zarewitsch war eine tiefe Beleidigung für den Zaren. In der heuchlerischen Teilnahme witterte er die Schadenfreude von ganz Europa. »Ein Generalmajor, der hierher aus Hannover zurückgekehrt ist,« meldete Wesselowskij, »drückte mir bei Hofe ganz offen in Gegenwart des Mecklenburger Gesandten sein Bedauern über die Krankheit Eurer Majestät aus, die von manchen Widerwärtigkeiten herrühre, von denen die wichtigste die sei, daß unser Kronprinz ›sich unsichtbar gemacht‹ habe; er gebrauchte den französischen Ausdruck: ›Il est éclipsé‹. Ich fragte ihn, woher er diese falsche Nachricht habe. Er antwortete, daß die Nachricht echt und wahr sei; er hätte sie von den hannoverschen Ministern gehört. Ich entgegnete, daß es eine Verleumdung sei, die der Hof von Hannover aus Bosheit verbreite.« »Der Kaiser hat genügend Raison, dem Kronprinzen zu sekundieren,« teilte Wesselowskij dem Zaren die Ansicht mit, die an den fremden Höfen offen ausgesprochen wurde, »da der Kronprinz angeblich im Rechte sei und Raison gehabt hätte, aus den Ländern seines Vaters zu fliehen. Eure Majestät hätten ihn gleich nach der Geburt des Zarewitsch Peter Petrowitsch gezwungen, einen Revers zu unterschreiben, kraft dessen er auf die Krone verzichtete und sich verpflichtete, für sein ganzes Leben in ein Kloster zu gehen. Und als Eure Majestät nach Pommern gereist waren und gesehen hatten, daß er trotz des Reverses sich nicht ins Kloster zurückgezogen habe, so hätten Eure Majestät ein anderes Mittel erfunden, nämlich: ihn unter dem Vormunde der Ausbildung nach Dänemark zu berufen, auf eines der Kriegsschiffe zu setzen und dem Kapitän Befehl zu geben, mit einem in der Nähe befindlichen schwedischen Schiffe einen Kampf zu beginnen, damit der Zarewitsch dabei umkomme. Aus welchem Grunde er genötigt gewesen sei, vor dieser Gefahr zu entfliehen.« Man meldete dem Zaren auch von den geheimen Verhandlungen des Kaisers mit dem Könige Georg I. von England: »Der Kaiser, der dem Zarewitsch, gegen den er verwandtschaftliche Pflichten hat, aus Teilnahme mit seinen Leiden und aus Großmut gegen alle unschuldig verfolgten, die dem ganzen kaiserlichen Hause eigen ist, Schutz und Protektion gewährt hatte,« fragte den König von England, ob er nicht auch die Absicht habe, »als Kurfürst und Verwandter des Braunschweiger Hofes den Zarewitsch in Schutz zu nehmen,« wobei er auf »die traurige Lage – miseranda conditio – des guten Zarewitsch« und auf »die offenkundige und ununterbrochene Tyrannei des Vaters – clara et continua paterna tyrannidis« hinwies. Der Sohn wurde zum Richter über den Vater. Was konnte noch alles kommen? Der Zarewitsch konnte leicht zu einem Werkzeug in Feindeshänden werden, in Rußland einen Aufruhr entfachen und ganz Europa zu einem Kriege aufreizen. Gott weiß, womit das alles noch enden konnte! »Ihn töten, ihn töten, wäre noch zu wenig!« dachte sich der Zar in seiner Wut. Die Wut wurde aber von einem andern Gefühl, das der Zar bisher nicht gekannt hatte, übertönt: der Sohn war dem Vater schrecklich geworden. Sechstes Buch. Der Zarewitsch auf der Flucht.   I. Der Zarewitsch und Afrossinja fuhren in einer Mondnacht auf dem Golfe von Neapel in einem Boote spazieren. Er hatte ein Gefühl, wie es die Musik erzeugt: Musik im Beben des goldenen Mondlichtstreifens, der auf dem Wasser lag wie eine Feuerstraße von Posilipo bis zum Rande des Himmels; Musik war im Rauschen des Meeres und in dem kaum wahrnehmbaren Atmen des Windes, der zugleich mit der salzigen Frische der See den Duft der Orangen- und Zitronenhaine von den Ufern Sorrents brachte; in den silberblauen Umrissen des Vesuvs, der durch den Mondnebel hindurchschimmerte und weißen Rauch und rotes Feuer in die Höhe steigen ließ, wie der erlöschende Altar der toten, wiedererstandenen und wieder gestorbenen Götter. »Mütterchen, Herzensfreundin, wie schön es hier doch ist!« flüsterte der Zarewitsch. Afrossinja betrachtete alles mit den gleichen gleichgültigen Blicken, mit denen sie einst die Newa und die Peter-Pauls-Festung zu betrachten pflegte. »Ja, es ist warm. Man ist auf dem Wasser, und doch ist's nicht feucht,« erwiderte sie, das Gähnen unterdrückend. Er schloß die Augen und sah vor sich ein Zimmer im Hause der Wjasemskijs an der kleinen Ochta zu Petersburg; schräge Strahlen der Frühlingsabendsonne fallen ins Zimmer; die leibeigene Dirne Afroßjka mit hochaufgeschürztem Rock und nackten Beinen scheuert, tief gebückt, mit einem Bastwisch den Fußboden. Es ist eine ganz gewöhnliche Bauerndirne, eine, von denen die Bauernburschen sagen: »Die ist stramm, rund und weiß wie eine gewaschene Rübe.« Wenn er sie aber anblickte, mußte er zuweilen an ein altes holländisches Bild »Die Versuchung des heiligen Antonius« denken, das er beim Vater in Peterhof gesehen hatte: vor dem Einsiedler steht eine nackte rothaarige Teufelin mit gespalteten Ziegenhufen an den behaarten Beinen wie bei einem Faunsweibchen. Im Gesichte Afrossinjas – in den etwas zu vollen Lippen, der Stülpnase, den großen hellen verschleierten, länglich und schief geschlitzten Augen lag etwas Ziegenhaftes, wildes und Unschuldig-Schamloses. Er mußte auch an die Aussprüche der alten Weisen über die teuflische Macht der Frauen denken: das Weib sei der Ursprung der Sünde, an der wir alle zugrunde gehen; es sei ein und dasselbe, in die Gewalt des Weibes und die des Feuers zu fallen. Wie das gekommen war, wußte er selbst nicht mehr; er war aber fast auf den ersten Blick in einer rohen, zarten Liebe zu ihr entbrannt, einer Liebe, so stark wie der Tod. Sie war hier am Golf von Neapel dieselbe Afroßjka wie einst im Häuschen auf der Kleinen Ochta; auch hier knabberte sie wie einst, als sie mit dem Hausgesinde an einem Feiertage auf einer Bank saß, in Ermangelung von russischen Sonnenblumenkernen – Zedernüsse, deren Schalen sie in die vom Monde vergoldeten Wellen hinausspuckte; nach der neuesten französischen Mode gekleidet, mit Reifrock, Mieder und Schönheitspflästerchen erschien sie noch verführerischer und unschuldig-schamloser. Nicht umsonst starrten sie die beiden kaiserlichen Trabanten und selbst der elegante junge Graf Esterhazy, der den Zarewitsch bei allen seinen Ausfahrten aus der Festung San-Elmo begleitete, ständig an. Alexej waren aber alle diese Männerblicke, die an ihr klebten wie die Fliegen am Honig, widerlich. »Du bist also das hiesige Leben satt, Jesopka, und willst nach Hause?« fragte sie mit träger, singender Stimme den neben ihr im Boote sitzenden kleinen, unansehnlichen Menschen, den Schiffbauschüler Aljoschka Jurow. Man nannte ihn Jesopka (Äsop) wegen seiner Vorliebe für Narrenpossen. »Bei Gott, Mütterchen Afrossinja Fjodorowna, wir führen hier das jämmerlichste Leben. Die Wissenschaft, zu deren Erlernung man uns hergeschickt hat, ist so schwierig, daß wir sie uns niemals aneignen werden, selbst wenn wir uns alle Tage mit ihr befassen; wir wissen auch nicht, was wir lernen sollen: die Wissenschaft oder die Sprache. Die Unsrigen sterben in Venedig beinahe vor Hunger, denn man gibt uns nur drei Kopeken täglich. Es ist schon so weit gekommen, daß sie nichts zu essen und zu trinken haben und in Ermangelung von Kleidern halbnackt herumlaufen. Man läßt uns Arme verenden wie das Vieh. Am meisten bekümmert mich aber, daß mir der Aufenthalt auf der See unmöglich ist, da ich jedesmal krank werde. Ich bin eben kein Seemann! Es wird mein Tod sein, wenn man sich meiner nicht erbarmt. Ich wäre froh, wenn ich nach Petersburg zu Fuß zurückkehren könnte und nicht auf dem Meere fahren müßte. Ich will unterwegs von Almosen leben, aber auf dem Meere fahre ich nicht. Seine Majestät soll nur befehlen!« »Mein Lieber, du kommst aus dem Regen in die Traufe: in Petersburg bekommst du die Knute, weil du aus der Lehre entlaufen bist,« bemerkte der Zarewitsch. »Schlecht steht deine Sache, Jesopka! Was wird aus dir, du Ärmster werden? Wohin wirst du dich wenden?« sagte Afrossinja. »Wohin soll ich mich wenden, Mütterchen? Entweder erhänge ich mich oder gehe auf den Berg Athos und werde Mönch ...« Alexej blickte ihn mitleidsvoll an und verglich unwillkürlich das Schicksal des entlaufenen Seefahrers mit dem des entlaufenen Zarewitschs. »Mach dir keine Sorgen, mein Lieber! So Gott will, werden wir beide glücklich in die Heimat zurückkehren,« sagte er zu ihm mit gutmütigem Lächeln. Sie hatten den goldenen Mondlichtstreifen verlassen und fuhren zum dunklen Ufer zurück. Am Fuße des Berges stand eine verlassene Villa, die in der Zeit der Renaissance auf den Trümmern eines alten Venustempels erbaut worden war. Zu beiden Seiten der zum Meere herabführenden Freitreppe drängten sich wie die Fackelträger in einem Leichenzuge riesenhafte Zypressen; ihre zerzausten, spitzen Wipfel, die ewig vom Seewinde umgebogen wurden, hatten diese Biegung behalten und erinnerten an traurig gesenkte Köpfe. Im schwarzen Schatten schimmerten die weißen Götterbilder wie Gespenster. Auch der Strahl des Springbrunnens sah wie ein bleiches Gespenst aus. Unter dem Laube der Lorbeerbüsche verbreiteten Leuchtkäfer einen schwachen Schein wie die Flammen von Beerdigungskerzen. Der schwere Duft der Magnolien erinnerte an die Wohlgerüche, mit denen Leichen einbalsamiert werden. Einer der Pfaue, die in der Villa lebten, kam, von den Menschenstimmen und Ruderschlägen geweckt, auf die Freitreppe heraus und entfaltete seinen Schweif, der im Mondlichte wie ein edelsteinbesetzter Fächer in allen Farben des Regenbogens funkelte. Die klagenden stimmen der Pfaue gemahnten an die durchdringenden Schreie von Klageweibern. Das Wasser des Springbrunnens lief vom Rande des überhängenden Felsens an den langen haarfeinen Gräsern herab und fiel Tropfen für Tropfen wie eine stille Tränenflut ins Meer, – als ob dort in der Grotte eine Nymphe ihre zugrundegegangenen Schwestern beweinte. Die ganze traurige Villa gemahnte an das dunkle Elysium, den unterirdischen Hain der Schatten, an einen Friedhof der gestorbenen, auferstandenen und wieder gestorbenen Götter. »Würdest du es für möglich halten, gnädigste Herrin? – Es ist schon das dritte Jahr, daß ich in keinem Dampfbade gewesen bin!« fuhr Jesopka in seinen Klagen fort. »Ach ja, ein Dampfbad mit frischen birkenen Badebesen, und nach dem Bade ein Schluck Kirschenmet!« seufzte Afrossinja auf. »Wenn man das hiesige saure Zeug trinkt und an den russischen Schnaps denkt, möchte man weinen!« stöhnte Jesopka. »Und Preßkaviar ...« fiel Afrossinja ein. »Geräucherten Stör!« »Und Stinte aus dem Weißen See!« So überboten sie einander in Erinnerungen, mit denen sie sich gegenseitig ihre Herzenswunden aufrissen. Der Zarewitsch hörte ihrem Zwiegespräch zu, sah die Villa an und mußte unwillkürlich lächeln: so seltsam war der Widerspruch zwischen diesen alltäglichen Dingen, von denen sie träumten, und der traumhaften Wirklichkeit. Längs der im Mondlichte flammenden Straße im Meere bewegte sich ein anderes Boot, eine schwarze Spur im zitternden Golde hinterlassend. Die Klänge einer Mandoline wurden vernehmbar und das Lied, das eine junge Frauenstimme sang: Quant è bella giovinezza, Che si fugge tuttavia. Chi vuol esser lieto, sia – Di doman non c'è certezza. Dieses Liebeslied hatte einst Lorenzo Medici der Prächtige für den Triumphzug des Bacchus und der Ariadne bei einem Florentiner Feste verfaßt. Es lag darin die kurze Fröhlichkeit der Renaissance und die ewige Trauer um diese Fröhlichkeit. Der Zarewitsch lauschte dem Liede, ohne die Worte zu verstehen; aber die Musik erfüllte sein Herz mit süßer Wehmut. Schön und herrlich ist die Jugend, Doch so flüchtig. Laß die Sorgen: Willst du glücklich sein, so sei es Und verschieb es nicht auf morgen! »Nun singe uns, Mütterchen, ein russisches Lied!« flehte Jesopka. Er wollte sogar vor ihr niederknien, verlor aber das Gleichgewicht und wäre um ein Haar aus dem Boote gefallen: er stand nämlich nicht ganz fest auf den Beinen, denn er hatte während der ganzen Zeit aus einer umflochtenen Flasche, die er verschämt unter dem Rockschoße versteckt hielt, von dem »sauren Zeug« genippt. Einer der Ruderer, ein halbnackter, brauner, hübscher Bursche verstand aber, was er wollte: er lächelte Afrossinja zu, blinzelte Jesopka an und reichte ihm seine Guitarre. Dieser begann auf ihr wie auf einer dreisaitigen Balalaika zu klimpern. Afrossinja lächelte, warf dem Zarewitsch einen Blick zu und begann plötzlich mit ihrer lauten, etwas kreischenden Dorfweiberstimme zu singen, wie sie einst beim Frühlingsabendrot im Birkenwäldchen über dem Flusse im Reigen zu singen pflegte. Und an den Gestaden Neapels, der alten Parthenope, erklang ein noch nie gehörtes Lied: Ach du Hausflur, schöner Hausflur, du mein Hausflur weiß und neu, Bist aus Ahornholz gezimmert und mit Gittern schön verziert! Eine grenzenlose Trauer um das Vergangene lag im fremden Liede: Qui vuol esser lieto, sia, – Di doman nun c'è certezza. Eine grenzenlose Trauer um das Kommende lag im heimatlichen Liede: Fliege du, mein lieber Falke, in die Ferne, in die Höh', In die Höhe, in die Ferne, in das liebe Heimatland. In der fernen lieben Heimat der gestrenge Vater wohnt. Ach, so streng ist der Herr Vater, ohne Gnade ist sein Sinn. Die beiden Lieder, das eigene und das fremde flossen in eins zusammen. Der Zarewitsch konnte nur mit Mühe seine Tränen zurückhalten. Er glaubte Rußland noch niemals so geliebt zu haben wie jetzt. Er liebte es jetzt aber mit einer neuen, weltumfassenden Liebe zugleich mit ganz Europa; er liebte das fremde Land wie das eigene. Die Liebe zum fremden Land floß mit der Liebe zum eigenen Land in eins zusammen, wie die beiden Lieder. II. Nachdem der Kaiser den Zarewitsch in seinen schütz genommen hatte, wies er ihm, um ihn sicherer vor dem Vater verborgen zu halten, das einsame, unzugängliche schloß Ehrenberg, das wie ein echter Adlerhorst auf dem Gipfel eines hohen Felsens in den Bergen Hochtirols, an der Straße von Füssen nach Innsbruck gelegen war, als Wohnsitz an. Hier wohnte er als ein ungarischer Graf, oder, wie er sich selbst ausdrückte, als Gefangener. »Laß sofort nach Erhalt dieses,« hieß es in der kaiserlichen Instruktion für den Festungskommandanten, »für die gewisse Person zwei Zimmer mit festen Türen und eisernen Fenstergittern vorbereiten. Den Soldaten wie auch ihren Frauen ist es bei strenger Strafe, sogar bei Todesstrafe verboten, die Festung zu verlassen, wenn der Hauptarrestant dich zu sprechen wünscht, so sollst du seinem Wunsche willfahren, ebenso auch, wenn er Bücher oder etwas anderes zu seiner Zerstreuung verlangt oder dich zu Tisch oder zu einem Spiele einlädt. Du darfst ihm auch das Spazierengehen in den Räumen oder dem Hofe der Festung, damit er etwas an die Luft kommt, erlauben, doch immer mit der größten Vorsicht, daß er nicht entkomme.« In Ehrenberg blieb Alexej fünf Monate – vom Dezember bis April. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln gelang es den Spionen des Zaren, dem Gardehauptmann Rumjanzew und den drei Offizieren, die den geheimen Befehl hatten, die »gewisse Person«, koste es was es wolle, zu ergreifen und nach Mecklenburg zu bringen, auszukundschaften, daß Alexej sich auf Schloß Ehrenberg aufhielt, sie kamen heimlich nach Tirol und hielten sich einige Zeit im Dorfe Reutte, am Fuße des Ehrenberger Felsens auf. Der Resident Wesselowskij erklärte, daß es seinem Herrn »sehr weh getan habe, die ihm im Namen des Kaisers von den Ministern erteilte Antwort zu hören, daß die gewisse Person sich in den kaiserlichen Staaten nicht befinde, während ein vom Zaren gesandter Kurier ihre Dienerschaft in Ehrenberg gesehen habe, woselbst diese Person auf Kosten des Kaisers lebe. Es sei nicht nur dem Hauptmann Rumjanzew sondern auch wohl ganz Europa bekannt, daß der Zarewitsch sich auf kaiserlichem Gebiete aufhalte. Wenn der Erzherzog seinen Vater verlassen und in den Ländern des russischen Herrschers Zuflucht gesucht hätte und diese ihm heimlich gewährt worden wäre, wie schmerzlich hätte das den Kaiser berührt!« »Eure Majestät,« schrieb Peter dem Kaiser, »können wohl selbst urteilen, wie verletzend es für Uns als den Vater ist, daß Unser Sohn, der Uns gegen unsern Willen verlassen hat, sich unter fremdem Schutze oder in fremder Haft aufhält, was wir genau nicht wissen und worüber wir von Eurer Majestät Aufklärungen erbitten.« Dem Zarewitsch wurde eröffnet, daß der Kaiser es ihm freistelle, nach Rußland zurückzukehren oder unter seinem Schutze zu bleiben; im letzteren Falle halte er es aber für notwendig, ihn an einen entfernteren Ort, und zwar nach Neapel zu bringen. Man gab ihm zugleich den Wunsch des Kaisers zu verstehen, er möge seine Begleiter, über die sein Vater sich in seinem Briefe so abfällig geäußert hatte, entweder in Ehrenberg zurücklassen oder gänzlich verabschieden, um dem Zaren jeden Grund zu Vorwürfen zu nehmen, daß der Kaiser liederliche Personen unter seinen Schutz genommen habe. Das war eine Anspielung auf Afrossinja. Es war in der Tat unpassend, daß der Zarewitsch, der den Kaiser im Namen der verstorbenen Charlotte, der Schwester der Kaiserin um Schutz anflehte, bei sich eine »liederliche Dirne« behielt, mit der er, wie man behauptete, schon bei Lebzeiten seiner Frau ein Verhältnis gehabt hatte. Der Zarewitsch erklärte sich bereit, zu reisen, wohin der Kaiser befehle, und ein Leben zu führen, wie es der Kaiser wünsche, wenn man ihn nur seinem Vater nicht auslieferte. Am 15. April um drei Uhr nachts verließ der Zarewitsch, ohne sich um die Spione zu kümmern, unter dem Namen eines kaiserlichen Offiziers die Festung Ehrenberg. Er hatte bei sich nur einen einzigen Begleiter – die als Page verkleidete Afrossinja. »Unsere neapolitanischen Pilger sind glücklich angelangt,« meldete Graf Schönborn. »Bei der nächsten Gelegenheit will ich meinen Sekretär mit einem genauen Bericht über diese Reise, die ungemein belustigend war, schicken. Unter anderm wurde unser kleiner Page als ein weibliches Wesen erkannt, doch als eines ohne eheliche Bande und vermutlich auch ohne Jungfernschaft; denn es wurde als eine Konkubine und für die Gesundheit notwendig erklärt.« – »Ich wende alle möglichen Mittel an, um unsere Gesellschaft von ständigem und maßlosem Trinken abzuhalten, doch vergebens,« berichtete Schönborns Sekretär, der den Zarewitsch begleitete. Er reiste über Innsbruck, Mantua, Florenz und Rom. Am 6. Mai 1717 langte er um Mitternacht in Neapel an und stieg im Gasthofe »Zu den drei Königen« ab. Am Abend des nächsten Tages wurde er in einer Mietskutsche aus der Stadt zum Meere gebracht, von dort aus durch einen geheimen Gang ins königliche Schloß und nach zwei Tagen, nachdem für ihn eigene Gemächer eingerichtet worden waren, nach der Festung San Elmo, die auf einem hohen Berge über Neapel gelegen war. Obwohl er auch hier als Gefangener lebte, langweilte er sich nicht und fühlte sich nicht wie in einem Gefängnis; je höher die Mauern und je tiefer die Gräben der Festung waren, um so sichereren Schutz gewährten sie ihm vor dem Vater. Die Fenster der Gemächer mit dem vor ihnen gelegenen gedeckten Gange gingen gerade aufs Meer hinaus. Hier verbrachte er ganze Tage, fütterte wie einst in Roshdestwenno die Tauben, die von allen Seiten zu ihm zusammenflogen und die er in kurzer Zeit zutraulich gemacht hatte, las historische und philosophische Bücher, sang Psalmen und Kirchenlieder und sah auf Neapel, den Vesuv und auf die in saphirblauem Lichte schimmernden Inseln Ischia, Procida und Capri hinaus; am meisten aber doch aufs Meer, an dem er sich gar nicht satt sehen konnte. Es war ihm, als ob er es zum ersten Male in seinem Leben sähe. Das nordische, graue, Handels- und Kriegszwecken dienende Meer des »Schiffsreglements« und der Petersburger Admiralität, das Meer, das sein Vater liebte, war von diesem südlichen, blauen, freien Meere so sehr verschieden. Er hatte seine Afrossinja bei sich. Wenn er an den Vater nicht dachte, war er fast glücklich. Es gelang ihm, wenn auch mit großer Mühe, trotz der strengen Absperrung, Einlaß für Alexej Jurow nach San-Elmo zu erwirken. Jesopka verstand, sich unentbehrlich zu machen: er unterhielt Afrossinja, die sich hier langweilte, spielte mit ihr Karten und Dame und amüsierte sie mit Scherzen, Märchen und Fabeln, wie ein echter Äsop. Besonders gern erzählte er ihr von seinen Reisen durch Italien. Der Zarewitsch hörte ihm interessiert zu und durchlebte seine eigenen Eindrücke aufs neue. Wie sehr Jesopka sich auch nach Rußland zurücksehnte, wie sehr er um das russische Dampfbad und den russischen Branntwein trauerte, hatte er doch offenbar, gleich dem Zarewitsch, das fremde Land wie seine Heimat lieb gewonnen; auch er liebte nun Rußland samt ganz Europa mit einer neuen weltumfassenden Liebe. »Der Weg über das Alpengebirge ist sehr mühselig und schwer,« beschrieb er den Übergang über die Alpen. »Die Straße ist außerordentlich schmal. Auf der einen Seite ragen Berge, die so hoch wie die Wolken sind, auf der anderen Seite gähnen aber sehr tiefe Abgründe, in denen reißende Gewässer rauschen und ein ständiger Lärm wie von einer Mühle herrscht. Und wenn ein Mensch in einen solchen Abgrund hineinblickt, befällt ihn großer Schrecken. Auf jenen Bergen liegt immer viel Schnee, denn die Strahlen der Sonne können niemals zwischen den Gipfeln hindurchdringen ...« »Wenn man aber von den Bergen, wo noch der Winter herrscht, ins Tal hinuntersteigt, so sieht man unten den schönsten Sommer. Zu beiden Seiten der Straße wächst eine Menge Weinreben, Zitronen, Pomeranzen und anderer Obstbäume; die Reben winden sich um die Bäume in schönen Figuren. Fast ganz Italien ist ein einziger Garten, ein Ebenbild des Paradieses Gottes! Am 7. März sahen wir Zitronen und Pomeranzen, reife, fast reife und ganz grüne; an einem Baume konnte man zugleich den Fruchtansatz und die Blüte sehen ...« »An der Sohle des Berges steht an anmutiger Stelle ein Haus, das man hier eine Villa nennt, von herrschaftlicher, schöner Architektur. Das Haus ist von wunderbaren Gärten und Pflanzungen umgeben, in denen man sich zum Vergnügen ergeht. In diesen Gärten sind die Bäume in einer bestimmten Proportion beschnitten, auch das Laub ist in einer bestimmten Proportion geschoren. Die Blumen und Kräuter sind in Töpfe gesetzt und in regelmäßigen Linien aufgestellt. Die Perspektive ist außerordentlich schön. In diesen selben Gärten sind zahlreiche wunderbare Springbrunnen eingerichtet, deren Wasser in allerlei kunstvollen Figuren herabfließen. Statt Säulen stehen an den Gartenwegen marmorne Mannsbilder und Dirnen: Jupiter, Bacchus, Venus und verschiedene andere heidnische Götzen, von kunstvoller Arbeit, wie lebendig. Diese Bildwerke stammen aus alten Zeiten und sind in der Erde gefunden worden ...« Von Venedig erzählte er solche Wunderdinge, daß Afrossinja ihm lange Zeit nicht glauben wollte und Venedig mit der Kandiszuckerstadt, die in russischen Märchen vorkommt, verwechselte. »Du lügst, Jesopka!« sagte sie lachend, hörte aber mit großem Interesse seinen Erzählungen zu. »Venedig steht auf dem Meere, in allen Straßen und Gassen fließt Meereswasser, und man fährt auf ihnen in Booten. Es gibt dort weder Pferde noch Vieh; auch gibt es keine Kutschen, Kaleschen und sonstige Fuhrwerke; von Schlitten hat man dort aber überhaupt keine Ahnung. Die Luft ist im Sommer sehr dumpf, und es riecht nach fauligem Wasser wie bei uns in Petersburg an der Fontanka, wenn sich in ihr das Wasser staut. In der Stadt gibt es eine Menge Mietsboote, die man Gondeln nennt und die nach eigener Mode gebaut sind: sie sind lang und schmal wie die Einbäume; der Vorder- und Hinterteil sind zugespitzt, am Bug ist ein eiserner Kamm angebracht, und mitten auf dem Boote steht eine Kammer mit kristallenen Fenstern und Damastvorhängen; diese Gondeln sind ganz schwarz mit schwarzem Tuch ausgeschlagen und gemahnen an Särge; ein Ruderer steht am Bug und ein zweiter am Hinterteil des Bootes; sie rudern und steuern mit dem gleichen Ruder; ein Steuer gibt es nicht, und doch lenken sie das Boot mit großer Geschicklichkeit...« »In Venedig werden wunderbare Opern und Komödien gegeben, deren Vollkommenheit niemand beschreiben kann; nirgends in der Welt kann man so wunderbare Opern und Komödien sehen. Diese Opern werden in großen runden Sälen gespielt, die die Italiener Theater nennen. In diesen Sälen sind viele kunstvoll verzierte und vergoldete Verschläge in fünf Reihen übereinander angebracht. Die Handlung der Opern ist den alten Historien von berühmten Männern und griechischen und römischen Göttern nachgebildet; wenn jemand eine Geschichte besonders liebt, so führt er sie in seinem Theater auf. In diese Opern kommen viele Menschen in Larven, damit keiner den andern erkennt. Auch während des Karnevals, – so nennen sie unsere Butterwoche – gehen die Leute in Larven und seltsamen Kleidern umher; sie vergnügen sich unbehindert ein jeder auf seine Weise, fahren in Gondeln mit Musik spazieren, tanzen, essen Zuckerwerk und trinken allerlei wohlschmeckende Limonaden und Schokoladen. So vergnügen sich die Leute in Venedig zu jeder Zeit und wollen keinen Tag ohne Vergnügungen leben; bei diesen Vergnügungen wird aber auch viel gesündigt. Wenn man in Larven zusammenkommt, fassen viele Frauen und Mädchen Fremde bei der Hand und ergötzen sich mit ihnen ganz ohne Scham. Das Weibervolk ist in Venedig schön von Angesicht, groß gewachsen und schlank; sie haben gute Manieren, kleiden sich reinlich, haben aber wenig Lust zu arbeiten. Sie verbringen die Zeit meistens mit Vergnügungen, lieben Unterhaltungen jeder Art und sind zu fleischlichen Sünden sehr geneigt. Sie tun es nur der Bereicherung wegen und erwerben auf diese Weise große Vermögen, ohne irgendein anderes Gewerbe auszuüben. Viele Dirnen leben in eigenen Häusern und schämen sich ihrer Sünde nicht; sie halten sie für ein Gewerbe wie jedes andere. Andere, die keine eigenen Häuser besitzen, wohnen in besonderen Straßen in kleinen Kammern zur ebenen Erde; eine jede Kammer hat eine Tür nach der Straße zu, und wenn jemand vorübergeht, sucht ihn jede Dirne mit großem Eifer zu sich zu locken; und wenn eine an einem Tage mehr Besucher als die anderen hat, hält sie das für ein großes Glück; sie leiden daher alle an der französischen Krankheit und teilen von diesem Reichtum ausgiebig und schnell ihren Besuchern mit. Die geistlichen Personen wehren es ihnen nur durch Belehrung und niemals durch Zwang. Man versteht sich in Venedig übrigens sehr gut auf die Behandlung der französischen Krankheit ...« Mit der gleichen Begeisterung wie die venezianischen Vergnügungen beschrieb er auch allerlei kirchliche Heiligtümer, Reliquien und Wunder. »Es wurde mir die Gnade zuteil, ein Kreuz zu sehen, in dem sich unter Glas ein Stück von der Nabelschnur und von der Vorhaut Christi befindet. In einem andern Kreuze sah ich ein Teilchen der Nase Johannis des Täufers. In der Stadt Bari sah ich die Gebeine des heiligen Wundertäters Nikola, aus denen beständig heiliges Chrisam fließt: man kann einen Teil des Fußknochens sehen, und über dem Knochen steht immer heiliges Chrisam, das wie durchsichtiges Öl anzuschauen ist und niemals versiegt; die Pilger nehmen täglich eine Menge davon mit, und doch wird es niemals erschöpft und fließt wie Wasser aus einer Quelle; die ganze Welt wird von diesem Chrisam erfüllt und geheiligt. Auch sah ich das sieden des Blutes des heiligen Januarius und einen Knochen des heiligen Märtyrers Laurentius; der Knochen liegt unter Glas, und wenn man das Glas küßt, so spürt man Wärme, was sehr verwunderlich ist ...« Mit nicht geringerem Erstaunen schilderte er auch die Wunder der Wissenschaft: »Zu Padua in der ärztlichen Akademie sah ich einbalsamierte Kinderleichen, zum Teil Fehlgeburten, zum Teil solche, die man verstorbenen Frauen aus dem Leibe geschnitten hat, in mit Spiritus gefüllten Gläsern schwimmen; so können sie ohne zu verwesen auch tausend Jahre aufbewahrt werden. Ebendort sah ich in der Bibliothek sehr große irdische und himmlische, mit außerordentlicher mathematischer Kunst eingerichtete Globen ...« Jesopka war Klassiker. Das Mittelalter hielt er für barbarisch. Dafür entzückte ihn jede Nachahmung der klassischen Architektur, jede Regelmäßigkeit, Geradlinigkeit, jede schöne Proportion, lauter Dinge, an die sich sein Auge schon im jungen Petersburg gewöhnt hatte. Florenz gefiel ihm nicht. »Es gibt dort nur wenige hübsche, in guten Proportionen erbaute Häuser; alle Häuser von Florenz sind alt; es gibt auch große Paläste mit drei und vier Stockwerken, sie sind aber alle einfach und ohne jede Architektur erbaut ...« Den größten Eindruck hatte auf ihn Rom gemacht. Er sprach davon mit jenem ehrfurchtsvollen, beinahe abergläubischem Gefühl, das die Ewige Stadt zu allen Zeiten den Barbaren einflößte. »Rom ist eine große Stadt. Man kann noch heute die Stadtgrenzen des alten Rom erkennen und man sieht, daß es eine Stadt von unsagbarer Majestät war; an Stellen, die sich einst in der Mitte der Stadt befanden, breiten sich jetzt weite Felder und Äcker aus, wo man Weizen und Wein baut und Herden von Büffeln, Ochsen und anderem Vieh weiden; auf diesen Feldern sieht man noch viele steinerne, ungemein große Bauten, die vor Alter eingefallen sind; sie sind alle mit großer Kunst und in außerordentlich schönen Proportionen erbaut, wie heute niemand mehr zu bauen versteht. Von den Bergen bis nach Rom sieht man alte Steinsäulen, auf denen oben Steintröge liegen, und in diesen Trögen floß aus den Bergen reinstes Quellwasser. Diese Säulen heißen Aquädukte, und die Felder heißen Campagna di Roma ...« Der Zarewitsch hatte Rom nur ganz flüchtig gesehen; als er aber jetzt der Erzählung lauschte und sich an das Gesehene wieder erinnerte, war es ihm, als ob ein drohender Schatten der »unsagbaren Majestät« über ihm schwebte. »Auf diesen Feldern befindet sich unter den römischen Ruinen der Eingang zu den Höhlen. In den Höhlen versteckten sich die Christen in der Zeit der Verfolgungen, und viele erlitten dort den Märtyrertod; auch heute noch befinden sich in den Höhlen die Gebeine jener heiligen Märtyrer. Diese Höhlen, die man Katakomben nennt, sind so groß, daß sie sich unter der Erde angeblich bis ans Meer hinziehen. Es gibt auch noch viele andere undurchforschbare unterirdische Gänge. In der Nähe dieser Katakomben steht in einer kleinen Kirche der Sarg des Bacchus; er ist aus Porphyr gemeißelt und sehr groß; in diesem Sarge liegt niemand, er ist leer. In alten Zeiten lag aber darin, wie man sagt, ein unverweslicher Körper von unbeschreiblicher Schönheit, der durch die Kraft des Teufels eine Ähnlichkeit mit dem unsaubern Gotte Bacchus hatte, heilige Männer hatten den Unflat herausgeworfen, den Ort geweiht und eine Kirche errichtet ...« »Dann kam ich an einen andern Ort, den man Kolosseum nennt, wo unter den altrömischen Cäsaren, die den christlichen Glauben verfolgten und die Bekenner des Namens Christi peinigten, die heiligen Märtyrer wilden Tieren zum Fraße vorgeworfen wurden. Diese Stätte ist groß und rundlich; der Bau ist an die fünfzehn Klafter hoch, und oben auf der steinernen Mauer gingen die alten Peiniger herum und sahen zu, wie die Tiere die heiligen Märtyrer zerfleischten. An den Mauern befinden sich in der Erde Verließe, in denen die Raubtiere wohnten. In diesem Kolosseum wurde von den Tieren der heilige Ignatius der Gottragende gefressen; die ganze Erde ist an jenem Orte mit dem Blute der Märtyrer gefärbt ...« Der Zarewitsch erinnerte sich noch, wie man ihm in seiner Kindheit immer erzählte, daß nur Rußland allein ein heiliger Boden sei und daß alle anderen Völker unrein wären. Er erinnerte sich auch an die Worte, die er einst zu der Hofdame Arnheim auf dem Taubenschlage zu Roshdestwenno gesprochen hatte: »Christus ist nur mit uns.« – Ist es auch wirklich so? – fragte er sich jetzt. – Vielleicht haben auch sie den Heiland, vielleicht ist nicht nur Rußland allein sondern ganz Europa ein heiliger Boden? Die Erde ist an jener Stätte mit dem Blute der Märtyrer gefärbt. Kann denn solcher Boden unrein sein? – Daß das Dritte Rom, wie Moskau von den Alten genannt wurde, ebenso wenig Ähnlichkeit mit dem ersten, echten Rom hatte, wie das Petersburger Europa mit dem echten Europa, konnte er jetzt mit eigenen Augen sehen. Als von Moskau noch keine Spur war,« behauptete Jesopka, »gab es im Westen schon viele andere Reiche, die älter und ehrwürdiger als Moskau waren ...« Die Beschreibung des Karnevals von Venedig schloß er mit Worten, die sich tief in das Gedächtnis des Zarewitsch einprägten: »So vergnügen sie sich alle Zeit, machen einander keine Vorwürfe, und kein Mensch hat den andern zu fürchten: ein jeder tut alles nach seinem Geschmack, was er gerade will. Diese Freiheit herrscht in Venedig alle Zeit, und die Bürger leben in voller Ruhe, ohne Angst, oder Unterdrückung und ohne Steuerlast ...« Der unausgesprochene Gedanke war klar: da ist es doch ganz anders als bei uns in Rußland, wo man die Freiheit nicht einmal beim Namen nennen darf! »Besonders lobenswert ist bei allen europäischen Völkern die Sitte,« bemerkte einmal Jesopka, »daß die Kinder keinerlei Vorurteile oder Grausamkeiten von ihren Eltern und Lehrern zu erdulden haben und nur mit guten und strengen Worten, nicht aber mit Schlägen in Selbständigkeit und Kühnheit erzogen werden. Die alten Moskowiter wußten es und schickten ihre Kinder niemals zur Ausbildung ins Ausland: sie fürchteten, daß die Kinder den Glauben, die Sitten und die gesegnete Freiheit der fremden Länder kennenlernen, von ihrem Glauben abfallen, einen anderen annehmen würden und an die Rückkehr ins Vaterhaus gar nicht mehr würden denken wollen. Heute schickt man zwar die Kinder ins Ausland, hat aber davon keinen großen Nutzen: ebenso wie der Vogel ohne Luft nicht leben kann, so können auch die Wissenschaften ohne Freiheit unmöglich bestehen; selbst die neuen Wissenschaften werden bei uns auf alte Art gelehrt, mit Stöcken und mit Fäusten ...« So fühlten sie beide, der entlaufene Seefahrer und der entlaufene Zarewitsch, daß das Europa, das Peter nach Rußland verpflanzte, – die Mathematik, Navigations- und Fortifikationslehre, – noch nicht das ganze Europa und selbst nicht das Wichtigste von ihm sei; daß das echte Europa eine höhere Wahrheit enthalte, die der Zar nicht kenne. Ohne diese Wahrheit würden alle diese Wissenschaften an Stelle der alten moskowitischen Barbarei nur das neue Petersburger Lakaientum setzen. Wandte sich nicht auch der Zarewitsch selbst an diese gesegnete Freiheit, als er Europa zum Schiedsrichter zwischen sich und dem Vater anrief? Einmal erzählte ihnen Jesopka die »Historie von dem russischen Matrosen Wassilij Koriotskij und der schönen Prinzessin Heraklea von Florenz.« Der Sinn dieser Geschichte war den Zuhörern wohl ebenso dunkel wie dem Erzähler selbst, zugleich aber geheimnisvoll-verständlich: die Trauung des russischen Matrosen mit der Prinzessin von Florenz, dem Frühlingsboten der Renaissance, der herrlichsten Blüte der europäischen Freiheit als das Symbol der noch unbekannten, doch kommenden Verbindung Rußlands mit Europa. Als der Zarewitsch die Historie zu Ende gehört hatte, fiel ihm ein Bild ein, das sein Vater einst aus Holland mitgebracht hatte und das den Zaren selbst in Matrosenanzug darstellte, wie er ein üppiges holländisches Mädel umarmte. Alexej mußte lächeln, als er sich an dieses rotbackige Mädel erinnerte, das der »wie die unverhüllte Sonne strahlenden« Prinzessin von Florenz ebenso unähnlich war, wie das russische Europa dem echten. »Dein Matrose ist doch niemals nach Rußland zurückgekehrt?« fragte er Jesopka. »Was hatte er dort noch zu suchen?« brummte Jesopka mit einer plötzlichen Gleichgiltigkeit gegen Rußland, wohin er sich eben so sehr gesehnt hatte. »In Petersburg hätte man ihn wohl laut dem Ukas von den Deserteuren mit Tauenden durchgepeitscht und nach Rogerwick verschickt; die Prinzessin von Florenz wäre aber als eine liederliche Dirne in ein Spinnhaus gekommen! ...« Ganz unerwartet fiel ihm aber Afrossinja ins Wort: »Nun siehst du es selbst, Jesopka, welch hohe Stellung der Matrose dank der Wissenschaft erlangt hat; wäre er aber aus der Lehre entlaufen wie du, so hätte er die Prinzessin von Florenz ebensowenig zu sehen bekommen wie seine Ohren. Und was die hiesige Freiheit betrifft, die du rühmst, so will ich darauf sagen, daß die Ebereschenbeeren nicht für Rabenschnäbel geschaffen sind: wenn man euch die Freiheit gibt, verliert ihr jeden Halt und kommt ganz herunter. Euch Dummköpfe kann man ja mit dem Stocke lehren, wenn ihr im guten nichts lernen wollt! Man muß dem Väterchen Zaren dankbar sein! Ganz richtig behandelt er euch!« III.   Lieber Vater Don, Trauter stiller Strom, Wasche meinen Leib; Feuchte Erde du, Liebes Mütterchen, Du bedecke mich.   Afrossinja sang dieses Lied, am Tische vor dem Fenster im Zimmer des Zarewitsch in der Festung San-Elmo sitzend und das rote Taftfutter von dem sandfarbigen Wams ihres Männeranzugs abtrennend. Sie erklärte, daß sie um nichts in der Welt mehr diese Narrenkleidung tragen würde. Sie hatte einen schmutzigen seidenen Schlafrock an, an dem alle Knöpfe fehlten, und silberne ausgetretene Pantoffeln an den bloßen Füßen, vor ihr stand eine kleine Truhe, ein Handarbeitskasten aus Blech, in dem allerlei bunte Fetzen und Bänder in Unordnung durcheinanderlagen; dazwischen ein Fächer, Glacehandschuhe, Liebesbriefe des Zarewitsch und Päckchen mit Räucherpulver; Weihrauch, den sie von einem heiligen Mönch hatte, und Poudre-Maréchal vom berühmten Pariser Perückenmacher Frison in der Rue Saint-Honoré ; ein Rosenkranz vom Athoskloster und Schönheitspflästerchen und Büchsen mit Pomade aus Paris. Sie war stundenlang damit beschäftigt, sich das Gesicht mit allen möglichen Schönheitsmitteln und Schminke einzureiben, was sie gar nicht brauchte, denn ihr Teint war ohnehin wunderschön. Der Zarewitsch saß an demselben Tische und schrieb Briefe, die er in Petersburg heimlich zu verbreiten, sowie auch den Bischöfen und Senatsmitgliedern einzuschicken, gedachte. Hochwohlgebohrne Herren Senatores . »Ich vermeine / daß sowohl sie / als auch das gantze Volck / wegen meiner Absent irung / und bis auff diese Zeit unbekandten Auffenthalt außer Rußland in einer Ungewißheit leben werden. Zu dieser Verlassung aber meines lieben Vaterlandes / hat mich nichts anders / als die tägliche Erbitterung und Verdruß (wie ihnen bekant) gezwungen. Insonderheit aber hat es im Anfange des vergangenen Jahres wenig gefehlet / daß mir nicht der Minchs-Habit / ohne eintziges Verbrechen (wie sie selbst wissen) angelegt worden / der gütige Gott aber hat mich davon befreyet, und verwichenen Herbst eine Gelegenheit verliehen / das ich mich so wol von Euch / als dem lieben Vaterlande entfernen kunte / welche ich / wenn dieses nicht gewesen / nimmermehr verlassen wolte. Nun befinde ich mich bey allem Wohlergehen / und guter Gesundheit unter dem Schutz eines hohen Hauptes / so lange bis mich Gott heißen wird in meinem Vaterlande zu erscheinen / bey welcher Gelegenheit mich nicht zu verlassen bitte / vorjetzo aber glauben sie nicht / wofern sie die Zeitungen hören / das ich nicht mehr am Leben, oder sonsten etwas / wodurch mein Gedächtnis bey dem Volck auszutilgen gesucht wird; Gott wird mich ferner behüten / und meine Wohltäter mich nicht verlassen / welche mir auch ins künfftige in Fall der Noth beizustehen versprochen / ich bin noch am Leben / und verbleibe so wohl Ew. Hochwohlgebohrnen / als dem gantzen Vaterlands wohl wollend Alexej.« Er blickte durch die offene Tür der Galerie aufs Meer hinaus. Unter dem frischen Nordwinde lag es dunkelblau, nebelig, gleichsam rauchend, stürmisch, mit weißen Wellenkämmen da; weiße, vom Winde geblähte Segel gemahnten an Schwäne. Der Zarewitsch glaubte jenes dunkelblaue Meer vor sich zu sehen, das in den russischen Liedern besungen wird und auf dem einst Fürst Oleg mit seiner Schar gegen Konstantinopel zog. Er holte einige zusammengelegte Blätter hervor, die mit seiner eigenen Hand mit großen, beinahe kindlichen Buchstaben auf deutsch beschrieben waren. Am Rande stand die Nachschrift: »Nehmen sie nich Übel, das ich so schlecht geschrieben, weil ich kan nicht besser.« Es war ein langer Brief an den Kaiser, eine richtige Anklageschrift gegen den Vater. Er hatte den Brief schon seit längerer Zeit begonnen, korrigierte immer daran herum, strich verschiedenes aus, schrieb ihn immer von neuem und konnte ihn unmöglich zu Ende schreiben: was ihm in Gedanken als richtig erschien, klang, in Worte gekleidet, falsch: zwischen dem Wort und dem Gedanken lag eine unüberwindliche Mauer, und das wichtigste ließ sich durch keinerlei Worte ausdrücken. »Der Kaiser muß mich retten,« lautete eine Stelle, die er jetzt überlas. »Ich bin vor meinem Vater unschuldig; ich war ihm stets gehorsam und liebte und ehrte ihn nach Gottes Gebot. Ich weiß, daß ich ein schwacher Mensch bin. So hat mich aber Menschikow erzogen: er ließ mich nichts lernen, hielt mich immer vom Vater ferne und behandelte mich wie einen leibeigenen Sklaven oder einen Hund. Man ließ mich absichtlich viel trinken, vom übermäßigen Trinken und infolge der schlechten Behandlung ist mein Geist geschwächt. Mein Vater war übrigens früher gut zu mir. Er betraute mich mit der Leitung der Regierungsgeschäfte, alles ging gut, und er war mit mir zufrieden. Doch von der Zeit an, als meine Frau Kinder bekam und die neue Zarin gleichfalls einen Sohn gebar, fing man an, die Kronprinzessin schlecht zu behandeln? sie mußte der Zarin wie eine Magd dienen, und sie starb vor Kummer. Die Zarin und Menschikow hetzen den Vater gegen mich auf. Sie beide sind von Bosheit erfüllt, sie haben weder einen Gott, noch ein Gewissen. Der Zar hat ein gutes und gerechtes Herz, solange er sich selbst überlassen ist; er ist aber von bösen Menschen umgeben, zudem sehr jähzornig und in seinem Zorne grausam; er glaubt, wie Gott das Recht über Leben und Tod der Menschen zu haben. Er hat schon viel unschuldiges Blut vergossen und hat sogar oft mit eigenen Händen die Verurteilten gefoltert und hingerichtet, wenn der Kaiser mich meinem Vater auslieferte, wäre es dasselbe, wie wenn er mich tötete. Und selbst wenn mich der Vater begnadigte, würden meine Stiefmutter und Menschikow sich nicht eher beruhigen, bis sie mich durch Schnaps oder Gift umgebracht hätten. Der Thronverzicht ist mir mit Gewalt erpreßt worden; ich will gar nicht ins Kloster; ich habe genügend Vernunft, um regieren zu können. Aber ich schwöre bei Gott, daß ich niemals daran gedacht habe, das Volk aufzuwiegeln, wenn es auch gar nicht schwer zu machen wäre: denn das Volk liebt mich; meinen Vater haßt es aber wegen seiner unwürdigen Zarin, der bösen und verderbten Günstlinge, wegen der Beschimpfung der Kirche und der guten alten Sitten, sowie auch dafür, daß er, ohne Geld und Blut zu schonen, ein Tyrann und der Feind seines Volkes ist ...« »Ein Feind seines Volkes?« wiederholte der Zarewitsch vor sich hin und strich diese Worte aus: sie erschienen ihm unwahr. Er wußte ja, daß sein Vater das Volk liebte, obwohl diese Liebe erbarmungsloser als jede Feindschaft war: wen ich liebe, den schlage ich, wie es in einem russischen Sprichworte heißt. Es wäre wohl besser, wenn er es weniger liebte. Auch ihn, seinen Sohn, liebt er. Wenn er ihn nicht liebte, würde er ihn doch nicht so quälen. Auch jetzt, wie jedesmal, wenn er den Brief durchlas, hatte er das dunkle Gefühl, daß er gegen seinen Vater im Rechte war, doch nicht ganz im Rechte: ein einziger Strich, ein Haar trennte dieses »nicht ganz im Rechte« von: »ganz und gar nicht im Rechte«, und er überschritt in seinen Anklagen immer, wenn auch unbewußt diesen Strich. Es war, als ob ein jeder von ihnen seine eigene Wahrheit besäße, und diese beiden Wahrheiten ewig unvereinbar, ewig unversöhnlich wären. Und die eine müßte die andere vernichten, wer aber auch siegen würde, der Sieger bliebe immer der Schuldige, und der Besiegte wäre immer im Rechte. Dies alles hätte er nicht einmal für sich selbst in Worte kleiden um so weniger einem andern erklären können. Wer würde ihn auch verstehen, wer würde ihm glauben? Wer außer Gott hätte zwischen Vater und Sohn richten können? Er legte den Brief mit einem schweren Gefühl und dem geheimen Wunsche, ihn zu vernichten, weg und lauschte eine Weile dem Gesänge Afrossinjas, die mit dem Abtrennen des Kleiderfutters zu Ende war und nun vor dem Spiegel neue französische Schönheitspflästerchen probierte. Dieses ewige leise Singen in der Langweile des Gefängnisses war bei ihr ebenso unwillkürlich wie der Gesang eines Vogels in einem Bauer: das Singen war ihr wie das Atmen ein Lebensbedürfnis, und sie wußte selbst kaum, daß sie sang. Dem Zarewitsch erschien aber der Widerspruch zwischen dem probieren der französischen Schönheitspflästerchen und dem traurigen russischen Volksliede sehr sonderbar: Feuchte Erde du, Liebes Mütterchen, Du bedecke mich. Nachtigall im Busch, Liebes Schwesterlein, Sing mein Sterbelied. Kuckuck, du im Wald, Tief im Eichenwald, Liebes Brüderlein, – Sprich die Litanei. Weiße Birke du, Meine junge Frau, Du beweine mich ... In den jeden Ton widerhallenden Festungskorridoren wurden Schritte vernehmbar, Werdarufe der Posten und das Klirren der Schlösser und Riegel. Der Wachoffizier klopfte an die Türe und meldete den Kriegs-Feld-Konzipisten Weingarten, den Sekretär des Vizekönigs, – des Vize-Roj, wie ihn die Russen nannten, – des kaiserlichen Statthalters in Neapel. Mit tiefer Verbeugung trat ein kurzarmiger, dicker Mensch mit einem Gesicht so rot wie rohes Fleisch, hängender Unterlippe und verschwommenen Schweinsaugen ins Zimmer, wie die meisten Gauner sah er recht einfältig aus. »Dieser dicke Deutsche ist eine feine Bestie,« pflegte Jesopka von ihm zu sagen. Weingarten brachte eine Kiste alten Falerner und Moselwein als Geschenk für den Zarewitsch, den er, um das Inkognito in Gegenwart von Fremden zu wahren, hochgeborener Graf nannte; Afrossinja aber, der er die Hand küßte – er war ein großer Courschneider – einen Korb Früchte und Blumen. Er überbrachte auch einige Briefe aus Rußland und mündliche Aufträge aus Wien. »Man war in Wien sehr erfreut zu hören, daß der hochgeborene Herr Graf sich bei guter Gesundheit und bestem Wohlergehen befindet. Augenblicklich ist noch Geduld erforderlich, und zwar mehr als bisher. Als letzte Neuigkeit kann ich mitteilen, daß man schon in der ganzen Welt darüber spricht, der Zarewitsch sei verschwunden. Die einen meinen, er sei vor der Grausamkeit seines Vaters entflohen; andere glauben, er sei auf Befehl des Vaters ermordet worden; andere wiederum sagen, er sei auf der Reise Mördern zum Opfer gefallen. Doch niemand weiß genau, wo er sich aufhält, hier ist eine Abschrift von dem Bericht des kaiserlichen Residenten Pleyer; es wird vielleicht den hochgeborenen Herrn Grafen interessieren, was man über ihn aus Petersburg schreibt. Das sind die eigenen Worte seiner Majestät des Kaisers: Ich möchte dem lieben Zarewitsch zu seinem eigenen Nutzen raten, sich verborgen zu halten und die größte Vorsicht zu beobachten, denn nach Rückkehr seines Vaters des Zaren nach Petersburg wird eine peinliche Untersuchung beginnen.« Er neigte sich zum Ohre des Zarewitsch und fügte flüsternd hinzu: »Hoheit können ganz ruhig sein! Ich habe die zuverlässigsten Nachrichten: der Kaiser wird Eure Hoheit niemals im Stiche lassen und ist bereit, Eurer Hoheit nach dem Tode des Vaters unter Umständen mit bewaffneter Hand zum Throne zu verhelfen.« »Ach nein, was fällt Euch ein! Ich will nicht ...« unterbrach ihn der Zarewitsch mit demselben schweren Gefühl, mit dem er vorhin den Brief an den Kaiser weggelegt hatte. »So Gott will, wird es doch nicht so weit kommen, daß um meinetwegen ein Krieg ausbricht. Ich bitte Euch nicht darum, sondern nur, daß Ihr mir Euren Schutz nicht versagt! Das andere will ich aber nicht ... Ich bin übrigens dankbar. Der Herr lohne dem Kaiser die Gnade, die er mir zuwendet!« Er ließ eine Flasche Moselwein aus der ihm geschenkten Kiste entkorken, um auf das Wohl des Kaisers zu trinken. Als er aus dem Nebenzimmer, wohin er sich für einen Augenblick begeben hatte, um irgendeinen wichtigen Brief zu holen, zurückkehrte, traf er Weingarten, wie er Mademoiselle Eufrosyne mit galanter Liebenswürdigkeit – weniger mit Worten als mit Gebärden – zu erklären suchte, wie schade es sei, daß sie nicht mehr Männerkleider, die ihr so gut stünden, trage. »L'amour même ne saurait se présenter avec plus de grâces!« schloß er französisch, indem er seine Schweinsaugen mit jenem besonderen Ausdruck, der dem Zarewitsch so widerlich war, auf sie richtete. Als Weingarten ins Zimmer getreten, hatte Afrossinja in aller Eile ein neues elegantes Kleid aus zweifarbig schillerndem Taft über ihren schmutzigen Schlafrock geworfen, eine Haube aus teuren Brabanter Spitzen über ihre ungekämmten Haare gestülpt, Puder aufgelegt und sogar ein Schönheitspflästerchen über ihre linke Braue geklebt, wie sie es auf dem Korso zu Rom bei einer aus Paris zugereisten Dirne gesehen hatte. Der Ausdruck von Langweile war von ihrem Gesichte verschwunden, und sie wurde auf einmal lebhaft; obwohl sie weder deutsch noch französisch verstand, begriff sie auch ohne Worte, was der Deutsche von ihrer Männerkleidung gesagt hatte; sie lächelte schelmisch, heuchelte Erröten und verdeckte das Gesicht schamhaft mit dem Ärmel wie ein Bauernmädchen. »So ein Schlachtschwein! Daß Gott mir verzeihe! Nun hat sie wirklich einen gefunden, von dem sie sich die Cour schneiden lassen kann!« dachte sich der Zarewitsch, die beiden geärgert anblickend. »Ihr ist es ja ganz gleich, wer es ist, nur daß es einmal Abwechslung gibt. Ach, diese Töchter Evas! Das Weib und der Teufel haben den gleichen Wert ...« Als Weingarten gegangen war, machte sich der Zarewitsch an die Lektüre der Briefe. Am wichtigsten war der Bericht Pleyers. »Die Garderegimenter, die zum größten Teil aus Angehörigen des Adels bestehen, haben im Einverständnis mit der übrigen Armee in Mecklenburg ein Komplott gemacht, um den Zaren zu ermorden, die Zarin mit dem jüngsten Zarewitsch und den beiden Töchtern herzubringen und in dasselbe Kloster zu stecken, wo die alte Zarin eingekerkert ist; die letztere zu befreien und ihrem Sohne, dem rechtmäßigen Thronerben, die Regierung zu übergeben!« Der Zarewitsch stürzte mit einem Zuge zwei Glas Moselwein hinunter und begann mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen; er murmelte etwas vor sich hin und fuchtelte mit den Armen. Afrossinja verfolgte ihn schweigend und unverwandt, aber gleichgültig mit ihren Blicken. Nachdem Weingarten gegangen war, hatte ihr Gesicht wieder den gewohnten Ausdruck von Langeweile angenommen. Endlich blieb er vor ihr stehen und sagte: »Nun, Mütterchen, bald wirst du deine Stinte aus dem Weißen See zu essen bekommen! Ich habe gute Nachrichten erhalten, vielleicht wird uns Gott bald die Möglichkeit geben, in Freuden heimzukehren ...« Er erzählte ihr ausführlich alles, was im Berichte Pleyers stand; die letzten Worte, die ihn offenbar am meisten freuten, las er deutsch: »Alles ist allhier zum Aufstand sehr geneigt. Alle beklagen sich, daß die Adligen und die Bürgerlichen gleich behandelt werden, daß alle gleich unter die Soldaten und Matrosen gesteckt werden und daß infolge des Bauens von Städten und Schiffen die Dörfer zugrunde gerichtet sind.« Afrossinja hörte ihm schweigend, mit demselben Ausdruck von Langweile zu; erst als er fertig war, fragte sie ihn mit gedehnter, träger Stimme: »Und wenn man den Zaren umbringt und nach dir schickt, wirst du dann zu den Verschwörern gehen, Alexej Petrowitsch?« Sie blickte ihn von der Seite so an, daß er, wenn er weniger von seinen Gedanken in Anspruch genommen wäre, sich hätte wundern müssen und vielleicht sogar in dieser Frage einen geheimen Stachel bemerkt hätte. Aber er merkte nichts. »Ich weiß nicht,« antwortete er nach einigem Nachdenken, »wenn die Boten nach dem Tode des Vaters zu mir kommen, so werde ich mich vielleicht ihnen anschließen ... warum soll ich schon jetzt daran denken? Gottes Wille geschehe!« rief er plötzlich aus, den Gedankengang gleichsam abbrechend. »Ich spreche nur von dem, was Gott tut: der Vater tut das Seinige, und auch Gott tut das Seinige! ...« Vor Freude ganz erschöpft, ließ er sich in einen Sessel fallen und begann weiter zu sprechen, ohne auf Afrossinja zu blicken, wie vor sich hin: »Es ist eine gedruckte Meldung eingetroffen, daß die schwedische Flotte nach der livländischen Küste abgesegelt sei, um Truppen ans Land zu setzen. Wenn es wahr ist, wird es ein großes Unglück geben: Bei uns in Petersburg wird sich Fürst Menschikow mit den Senatoren nicht einigen können. Unser Hauptheer ist aber in weiter Ferne. Die Senatoren sind untereinander entzweit und werden einander nicht helfen; die Schweden können viel Unheil anrichten. Petersburg liegt ja so nahe an der Grenze. Wenn sie schon bis Kopenhagen gekommen sind, können wir Petersburg ebenso leicht verlieren wie Asow. Nicht lange werden wir diese Stadt besitzen: entweder wird sie von den Schweden genommen werden, oder sie wird von selbst zugrunde gehen. Petersburg wird leer und verwüstet sein!« wiederholte er wie eine Beschwörungsformel die Prophezeihung seiner Tante, der Zarewna Marfa Alexejewna. »Und wenn es dort jetzt ruhig ist, so hat auch diese Ruhe ihren Grund. Da schreibt mir Onkel Awram Lopuchin: die Menschen aller Stände reden nur von mir, fragen nach mir, bemitleiden mich und sind immer bereit, für mich einzustehen; in der Gegend von Moskau gärt es schon im Volke. Auch an der unteren Wolga ist das Volk unruhig. Das ist auch gar nicht verwunderlich: wie haben sie es bisher leiden können? Sie werden es nicht so gehen lassen. Ich glaube, daß ihnen bald die Geduld reißt, und dann geht es los! Und dann die Verschwörung in Mecklenburg, die Schweden, der Kaiser und ich! Von allen Seiten droht Gefahr! Alles zittert und wankt. Und wenn es kracht und einstürzt, so wird großer Staub aufsteigen. Alles wird drüber und drunter gehen! Auch der Vater wird kaum mit heiler Haut davonkommen! ...« Zum ersten Male in seinem Leben fühlte er sich stark und für den Vater gefährlich. Wie in jener unvergeßlichen Nacht während Peters Krankheit, als hinter dem vereisten Fenster der monddurchleuchtete, blaue, wie mit blauer Flamme brennende, berauschende Schneesturm tanzte, stockte ihm vor Freude der Atem. Die Freude berauschte ihn mehr als der Wein, den er fortwährend, ohne es selbst zu merken Glas auf Glas trank; dabei blickte er auf das Meer hinaus, das ebenfalls blau, wie mit blauer Flamme brennend und eben so trunken und berauschend war wie jene Nacht. »In den deutschen Zeitungen steht, daß mein jüngster Bruder Petinjka in diesem Sommer in Peterhof um ein Haar vom Blitz erschlagen worden wäre; die Amme, die ihn auf dem Arm getragen, sei mit knapper Not dem Tode entronnen; ein Wachtposten, der in der Nähe stand, sei aber erschlagen worden. Seit jener Zeit ist das Kind immer krank; es ist ihm wohl nicht beschieden, am Leben zu bleiben. Und man hatte es doch so ängstlich behütet! Schade um Petinjka! Die kindliche Seele ist ja vor Gott unschuldig. Der Arme hat für fremde Sünden, für die Sünden seiner Eltern zu büßen. Der Herr errette ihn und erbarme sich seiner! Ich sage aber, es ist immerhin Gottes Wille, ein Wunder, ein Wink des Himmels! Daß der Vater noch nicht zur Vernunft gekommen ist! Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!« »Wer von den Senatoren wird für dich eintreten?« fragte plötzlich Afrossinja, und ein seltsamer Funke leuchtete für eine Sekunde in ihren Augen auf, als ob man hinter einem dunklen Vorhang ein Licht vorbeigetragen hätte. »Was brauchst du das zu wissen?« Der Zarewitsch blickte sie erstaunt an, als ob er sie vergessen und sich erst jetzt daran erinnert hätte, daß sie ihm zuhörte. Afrossinja fragte nicht mehr. Aber ein kaum wahrnehmbarer fremder Schatten war plötzlich zwischen ihnen vorbeigehuscht. »Wenn sie auch nicht alle meine Feinde sind, so verfolgen sie mich dach, um meinem Vater gefällig zu sein, denn sie sind alle feig,« fuhr der Zarewitsch fort. »Ich brauche aber niemand. Ich spucke auf sie alle, wenn mir nur das gemeine Volk erhalten bleibt!« wiederholte er sein Lieblingswort. »Wenn ich einmal Zar bin, werde ich die Alten abschaffen, und mir neue Menschen nach meinem Willen wählen. Ich werde das Volk von allen Lasten befreien, damit es sich ausruhen kann. Den Bojaren werde ich ihr Fett nehmen; sie haben sich genug am Volke gemästet; um die Bauern werde ich mich bekümmern, um die Schwachen und Armen, um die geringsten Brüder in Christo. Ich werde eine kirchliche und eine weltliche Reichsversammlung aus Erwählten des Volkes einberufen: sollen doch alle Menschen dem Zaren die Wahrheit sagen dürfen, ohne Furcht und mit freier Stimme, damit der Staat und die Kirche durch die Beratung vieler und durch die Gnade des heiligen Geistes für alle Ewigkeit geläutert werden! ...« Es war ein Traum im Wachen, und die Traumgesichter wurden immer nebelhafter, immer unwahrscheinlicher. Ein böser spitziger Gedanke stach ihm plötzlich ins Herz wie eine Bremse: Nichts wird davon in Erfüllung gehen; alles ist Lüge! »Die Meise rühmte sich, daß sie das Meer anzünden werde, aber sie brachte es nicht fertig,« wie es im Sprichwort heißt. Und er erschien sich neben seinem Vater, dem Riesen, der aus Eisen ein neues Rußland schmiedete, wie ein kleiner Junge, der Seifenblasen steigen ließ. Wie konnte er sich nur mit dem Vater messen? Aber er verscheuchte sofort diesen Gedanken wie eine zudringliche Fliege: Gottes Wille geschehe in allen Dingen; soll nur der Vater sein Eisen schmieden; er tut das Seinige, und Gott tut das Seinige. Wenn Gott will, wird das Eisen wie eine Seifenblase zerspringen. Und nun gab er sich ganz dem süßen Traume hin. Er fühlte sich nicht mehr stark, sondern schwach – aber es war eine angenehme Schwäche; mit einem milden, trunkenen Lächeln auf den Lippen lauschte er dem Rauschen des Meeres und glaubte in diesem Rauschen etwas Vertrautes, aus alter Zeit Bekanntes zu hören: war es die Großmutter, die ihn einlullte, war es der Paradiesvogel Sirin, der ihm seine königlichen Lieder sang? »Und dann, wenn ich das Reich in Ordnung gebracht und das Volk von seinen Lasten befreit habe, werde ich mit großem Heere und mächtiger Flotte gegen Konstantinopel ziehen. Die Türken werde ich vertreiben, die Sklaven vom Joche der Heiden befreien und auf der Hagia Sophia das Kreuz wieder aufrichten. Und ich werde ein Konzil zur Wiedervereinigung der Kirchen einberufen. Ich werde der ganzen Welt Frieden schenken, damit alle Völker von den vier Enden der Welt unter den Schatten der Sophia, der Weisheit Gottes in das heilige Reich zusammenströmen, um den kommenden Heiland zu empfangen! ...« Afrossinja hörte ihm schon lange nicht mehr zu; sie gähnte fortwährend und bekreuzigte sich den Mund; schließlich stand sie auf, reckte sich und kratzte sich den Kopf. »Ich bin so müde ... Am Nachmittag kam der Deutsche, und ich habe darum nicht ausschlafen können. Ich will mich hinlegen, was meinst du, Petrowitsch?« »Geh nur, Mütterchen, schlafe mit Gott, vielleicht komme ich auch bald. Ich will nur noch den Tauben das Futter geben.« Sie zog sich ins anstoßende Schlafzimmer zurück, und der Zarewitsch ging auf die Galerie hinaus, wo die Tauben, die um diese Stunde immer ihr Futter bekamen, bereits zusammenflogen. Er warf ihnen Brosamen und Körner hin und lockte sie mit dem leisen, freundlichen Rufe zu sich heran: »Gulj! Gulj! Gulj!« Wie in Roshdestwenno flogen die Tauben girrend zu seinen Füßen zusammen, flatterten über seinem Kopfe, setzten sich auf seine Hände und Schultern und bedeckten ihn mit ihren Flügeln wie mit einem Gewande. Er blickte von der Höhe aufs Meer hinab, und es schien ihm, als ob er selbst auf den zitternden Flügeln in die endlose Ferne fortfliege, übers blaue Meer, zu dem wie die Sonne strahlenden Tempel der heiligen Sophia, der Weisheit Gottes. Die Empfindung des Fluges war so stark, daß ihm der Herzschlag stockte und der Kopf schwindelte. Ein Grauen befiel ihn. Er schloß die Augen und hielt sich krampfhaft an einem Vorsprung der Mauer fest: er hatte nicht mehr das Gefühl des Fliegens, sondern das des Stürzens. Mit schwankenden Schritten kehrte er ins Zimmer zurück. Im gleichen Augenblick kam auch Afrossinja, völlig entkleidet, im bloßen Hemd und barfuß aus dem Schlafzimmer; sie stieg auf einen Stuhl, um das Lämpchen vor dem Heiligenbilde nachzufüllen. Es war die vom Zarewitsch besonders verehrte altertümliche Ikone der Muttergottes aller Leidenden, die er auf allen Reisen mit sich führte und von der er sich niemals trennte. »Diese Sünde! Morgen ist Mariä Himmelfahrt, und ich hatte das Lämpchen vergessen. Die Himmelskönigin wäre beinahe ohne Lämpchen geblieben. Wirst du die Stundengebete lesen? Soll ich das Betpult hinstellen?« Am Vorabend aller großen Feiertage pflegte der Zarewitsch in Ermangelung eines Popen selbst den Gottesdienst abzuhalten, die Stundengebete zu lesen und die Psalmen zu singen. »Nein, Mütterchen, vielleicht später in der Nacht. Auch ich bin so müde und habe Kopfweh.« »Du hättest weniger Wein trinken sollen, Väterchen.« »Ich glaube, es kommt nicht vom Wein, sondern von meinen Gedanken: gar zu freudig sind die Nachrichten, die ich bekommen habe! ...« Nachdem sie das Lämpchen angezündet hatte, blieb sie noch vor dem Tische stehen, um aus dem von dem Deutschen geschenkten Körbchen den reifsten Pfirsich auszuwählen: sie aß gern im Bett vor dem Einschlafen etwas Süßes. Der Zarewitsch ging auf sie zu und umarmte sie. »Afrossjuschka, meine Herzensfreundin, freust du dich denn nicht? Du wirst ja Zarin, und der Silbelne ...« Der »Silberne,« oder der »Silbelne«, wie er das Wort auf Kinderart aussprach, war der Beiname des Kindes, wie er fest überzeugt war eines Knaben, den Afrossinja gebären sollte: sie war im dritten Monat schwanger. »Du bist die Goldene, und unser Söhnchen wird der Silberne sein,« pflegte er ihr in zärtlichen Augenblicken zu sagen. »Du wirst Zarin, und der Silberne wird Thronfolger!« fuhr der Zarewitsch fort, »wir wollen ihn Wanja nennen: der frömmste Selbstherrscher und Zar aller Reußen, Iwan Alexejewitsch!« Sie befreite sich vorsichtig aus seinen Armen, blickte über die Schulter weg, ob das Lämpchen ordentlich brenne, biß ein Stück vom Pfirsich ab und antwortete ihm schließlich vollkommen ruhig: »Du beliebst zu scherzen, Väterchen, wie komme ich leibeigene Magd dazu, Zarin zu werden?« »Wenn ich dich heirate, so wirst du es. Auch der Vater hat es ebenso gemacht. Meine Stiefmutter, Katerina Alexejewna ist ja auch nicht Gott weiß welch nobler Abstammung: sie hat einst mit den Finnenweibern zusammen Wäsche gewaschen, wurde im bloßen Hemde gefangen genommen, und doch ist sie Zarin. Auch du, Afrossinja Fjodorowna, wirst Zarin werden, denn du bist nicht schlechter als die andern.« Er wollte ihr alles sagen, was er fühlte, konnte es aber nicht in Worte kleiden: daß er sie vielleicht eben deswegen lieb gewonnen habe, weil sie eine einfache Magd sei; er sei zwar vom zarischen Geblüte, doch ebenso einfach wie sie; er liebe nicht die hochmütigen Bojaren, sondern nur das gemeine Volk; aus den Händen des gemeinen Volkes werde er auch die Krone empfangen; er werde das Gute mit Gutem vergelten: das gemeine Volk werde ihn zum Zaren machen, und er werde Afrossinja, die Magd aus dem gemeinen Volke zur Zarin erheben. Sie schwieg mit gesenkten Augen, und in ihrem Gesichte konnte man nur lesen, daß sie sehr schläfrig sei. Er umarmte sie aber immer fester und ungestümer und fühlte durch das dünne Gewebe die Frische ihres elastischen nackten Körpers. Sie wehrte sich und stieß seine Hände zurück. Plötzlich zog er durch eine unbeabsichtigte Bewegung an ihrem halb aufgeknöpften Hemd, das nur noch an einer Schulter hing. Das Hemd ging ganz auf, glitt herunter und fiel ihr vor die Füße. Ganz nackt, vom matten Golde ihrer roten Haare wie von einer Glorie umgeben, stand sie vor ihm. So seltsam und verführerisch erschien das schwarze Schönheitspflästerchen über ihrer linken Augenbraue. In ihren länglich und schief geschlitzten Augen lag etwas Ziegenhaftes, Fremdartiges und Wildes. »Laß mich, Aljoschka! Ich schäme mich!« Wenn sie sich auch schämte, so doch nicht allzusehr: sie wandte sich nur ein wenig mit ihrem gewohnten, trägen, gleichsam verächtlichen Lächeln von ihm weg und blieb unter seinen Liebkosungen wie immer kalt, unschuldig, beinahe jungfräulich, trotz der kaum wahrnehmbaren Rundung ihres Leibes, die die Schwangerschaft kaum andeutete. In solchen Augenblicken schien es ihm, als ob ihr Körper seinen Armen entglitte, zerschmelze, sich wie ein Gespenst in der Luft auflöse. »Afrossja! Afrossja!« flüsterte er, indem er sich bemühte, das Gespenst einzufangen und festzuhalten. Und plötzlich sank er vor ihr in die Kniee. »Schäme dich,« wiederholte sie. »Vor einem Feiertag! Da brennt ja auch das Lämpchen ... Diese Sünde, diese Sünde ...« Aber gleich darauf führte sie mit gleichgültiger und sorgloser Gebärde den angebissenen Pfirsich an ihren halb geöffneten Mund, der ebenso rot und frisch war wie die Frucht. »Ja, es ist eine Sünde,« ging es ihm durch den Kopf. »Vom Weibe kommt jede Sünde, an der wir zugrundegehen ...« Auch er blickte unwillkürlich auf das Heiligenbild zurück, und plötzlich fiel es ihm ein, daß ein ganz gleiches Bild nachts während des Gewitters im Sommergarten den Händen seines Vaters entglitten und am Sockel der Venus von Petersburg, der weißen Teufelin, in Stücke gegangen war. Im Viereck der offenen Türe, die nach dem dunkelblauen Meere hinausging, zeichnete sich ihr goldig-weißer Körper gegen das glühende Meeresblau wie der Schaum der Wellen ab. In der einen Hand hielt sie die Frucht und hatte die andere gesenkt, um mit einer keuschen Gebärde wie die Schaumgeborene selbst ihre Blöße zu bedecken. Hinter ihr schäumte aber und funkelte das blaue Meer wie eine schale Ambrosia, und sein Rauschen klang wie das ewige Lachen der Olympier. Das war dieselbe leibeigene Magd Afroßjka, die an einem Frühlingsabend im Hause der Wjasemskij's auf der Kleinen Ochta zu Petersburg tief gebeugt, den Rock hoch gerafft, mit einem Bastwische den Fußboden gescheuert hatte. Es war die Magd Afroßjka und die Göttin Aphrodite in der gleichen Person. »Venus, Venus, weiße Teufelin!« ging es dem Zarewitsch durch den Kopf. In seiner abergläubischen Angst war er bereit, aufzuspringen und wegzulaufen. Aber der sündhafte und doch unschuldige Körper hauchte ihn wie eine eben aufgegangene Blüte mit dem ihm wohlvertrauten, berauschenden, schrecklichen Dufte an, und ohne selbst zu wissen, was er tat, verneigte er sich vor ihr noch tiefer, küßte ihre Füße, blickte ihr in die Augen und flüsterte wie ein Betender: »Zarin! Du meine Zarin!« Und die trübe Flamme des Lämpchens flackerte vor dem heiligen, wehmütigen Antlitze der Ikone. IV. Der kaiserliche Statthalter in Neapel, Graf Daun, berief den Zarewitsch zu sich ins königliche Schloß für den Abend des 26. September. In den letzten Tagen lag in der Luft die Vorahnung des Sirokko, des afrikanischen Windes, der aus der Tiefe der Sahara Wolken glühenden Staubes bringt. Oben, in den höheren Luftschichten hatte der Orkan wohl schon begonnen, aber unten herrschte noch eine lautlose Stille. Die Blätter der Palmen und die Zweige der Mimosen hingen unbeweglich herab. Nur das Meer war bewegt, und die riesengroßen schaumlosen Wogen zerschellten am Ufer mit erschütterndem Brausen. Der Horizont verschwand hinter einem trüben Nebelschleier, und die Sonne schien am wolkenlosen Himmel so bleich wie durch einen Rauchtopas. Die ganze Luft war mit feinstem Staub durchsetzt. Der Staub drang überall hinein, selbst in die dicht abgeschlossenen Zimmer; er bedeckte mit grauer Schicht jeden weißen Papierbogen und jede aufgeschlagene Buchseite, er knirschte zwischen den Zähnen und entzündete Augen und Hals. Es war furchtbar schwül, und die Schwüle wurde von Stunde zu Stunde unerträglicher. Die Natur empfand wohl dasselbe, was der Körper empfindet, wenn in ihm ein Geschwür reift. Menschen und Tiere fanden keine Ruhe und irrten traurig umher. Das Volk erwartete irgendein Unglück – Krieg, Pest oder den Ausbruch des Vesuv. Die Einwohner von Torre del Greco, Resina und Portici verspürten in der Nacht vom 23. zum 24. September die ersten unterirdischen Stöße. Es zeigte sich auch Lava. Der feurige Strom näherte sich bereits den oben am Abhange des Berges gelegenen Weingärten. Zur Besänftigung des göttlichen Zornes wurden Bußprozessionen mit brennenden Kerzen, leisem Gesang und lautem Schreien der Geißler veranstaltet. Der göttliche Zorn ließ sich aber nicht besänftigen. Aus dem Vesuvkrater stieg während des Tages wie aus einem Schmelzofen schwarzer Rauch auf, der sich als lange Wolke von Castellamare bis Posilipo verbreitete; nachts schlug eine rote Flamme wie der Widerschein einer unterirdischen Feuersbrunst empor. Der friedliche Altar der Götter war in eine schreckliche Fackel der Eumeniden verwandelt. Schließlich hörte man auch in Neapel selbst die ersten, einem unterirdischen Donner gleichenden, Stöße des Erdbebens; es war als ob die alten Titanen wieder auferstünden. Die Stadt war von Grauen befallen. Man dachte an die Tage von Sodom und Gomorra. In der Totenstille der Nacht ließ sich aber in den Fensterritzen, unter den Türen und in den Kaminen ein feines, gleichsam ersticktes Winseln vernehmen, das wie das Summen einer gefangenen Mücke klang: es war das Lied des Sirokko. Die Töne schwollen an, wurden stärker, und man glaubte schon, daß sie in ein wildes Geheul übergehen würden, als plötzlich alles wieder still wurde, und eine Totenstille, noch drückender als zuvor eintrat. Es war, als ob die bösen Geister von oben und von unten einander etwas zuriefen und über den Jüngsten Tag beratschlagten, der das Ende der Welt bringen müßte. Alle diese Tage fühlte sich der Zarewitsch ganz krank. Der Arzt beruhigte ihn aber mit der Erklärung, daß sein Zustand von dem ihm ungewohnten Sirokko herrühre, und verschrieb eine erfrischende säuerliche Mixtur, die ihm tatsächlich einige Erleichterung brachte. Am festgesetzten Tage und zur bestimmten Stunde begab er sich in das königliche Schloß zum Statthalter. Im Vorzimmer empfing ihn ein wachthabender Offizier und übermittelte ihm die ehrerbietige Entschuldigung des Grafen Daun, der seine Hoheit einige Augenblicke im Audienzsaale zu warten bitte, da der Statthalter in einer wichtigen und unaufschiebbaren Angelegenheit abwesend sei. Der Zarewitsch betrat einen großen, öden Audienzsaal, der mit düsterem, beinahe unheimlichem spanischen Prunk ausgestattet war: blutrote seidene Tapeten, ein Überfluß an schweren Vergoldungen, geschnitzte Schränke aus Ebenholz, die an Särge erinnerten, und trübe Spiegel, die anscheinend nur die Gesichter von Gespenstern zurückzuwerfen vermochten. An den Wänden hingen große dunkle Bilder alter Meister, lauter religiöse Darstellungen: Metzgern gleichende römische Soldaten brannten, peitschten, zerschnitten, zersägten und peinigten auf jede andere Weise christliche Märtyrer; das Ganze erinnerte an ein Schlachthaus oder an die Folterkammer der heiligsten Inquisition. Oben aber an der Decke war zwischen vergoldeten Schnörkeln und Muscheln der Triumph der olympischen Götter dargestellt; in dieser elenden Mißgeburt einer Kunst, die von Tizian und Rubens abstammte, war schon das Ende der Renaissance zu sehen; in der raffinierten Verzärtelung – die barbarische Verwilderung und Verrohung der Kunst. Man sah auf den Bildern Haufen nackter Körper, nackten Fleisches, feiste Rücken, aufgedunsene, Falten bildende Bäuche, gespreizte Beine und ungeheuerliche weibliche Hängebrüste. Man hatte den Eindruck, als ob alle diese wie Schweine gemästeten Götter und Göttinnen und die kleinen, an rosige Ferkel erinnernden Amoretten, dieser ganze viehische Olymp für ein christliches Schlachten, für die Folterwerkzeuge der Heiligsten Inquisition bestimmt wäre. Der Zarewitsch ging in diesem Saale lange auf und ab, wurde schließlich müde und setzte sich hin. Durchs Fenster kam die Dämmerung hereingeschlichen, und graue Schatten woben in allen Ecken ihr Spinngewebe. Hier und da traten eine vergoldete Löwentatze und ein spitzbrüstiger Greif, die eine runde Tischplatte aus Jaspis oder Malachit stützten, aus der Dämmerung hervor; die in Gaze gehüllten Lüster mit den Kristallprismen funkelten matt wie mit Tautropfen übersäte Riesenkokons. Dem Zarewitsch schien es, als ob die Schwüle des Sirokko durch diese Anhäufung nackter Körper, nackten Fleisches, des gemästeten, heidnischen an der Decke und des gemarterten, christlichen an den Wänden, – immer zunähme. Sein zerstreuter Blick irrte an den Wänden umher und wurde plötzlich von einem Bilde gefesselt, das den andern gar nicht ähnlich sah und unter ihnen wie ein heller Fleck hervorleuchtete: ein bis zum Gürtel entblößtes rothaariges Mädchen, mit fast kindlichem, keuschem Busen und durchsichtig gelben Augen lächelte gedankenlos vor sich hin; in den hochgezogenen Mundwinkeln und den länglich und schief geschlitzten Augen lag etwas Ziegenhaftes, Wildes, Fremdartiges, beinahe Unheimliches, das an die Dirne Afroßjka erinnerte. Er spürte plötzlich halb unbewußt einen Zusammenhang zwischen diesem Lächeln und der heranreifenden Schwüle des Sirokko. Es war ein ganz schlechtes Bild, eine Kopie nach einem alten Werke der lombardischen Schule, eines Schülers der Schüler Leonardos. In diesem sinnlos gewordenen, doch immer noch rätselhaften Lächeln spiegelte sich der letzte Schatten der edlen Bürgerin von Neapel, Mona Lisa Gioconda. Der Zarewitsch wunderte sich, daß der sonst so ausgesucht höfliche Statthalter ihn so lange warten ließ. Wo steckte auch Weingarten, und warum herrschte hier eine solche Stille, als ob das ganze Schloß ausgestorben wäre? Er wollte aufstehen, jemand rufen, Licht machen lassen, aber er befand sich in einer seltsamen Erstarrung, als ob auch er selbst in das graue Spinngewebe, das die Schatten in allen Ecken woben, eingesponnen wäre. Er war zu träge, um sich zu rühren. Die Augen fielen ihm zu. Er mußte sie mit großer Anstrengung offenhalten, um nicht einzuschlafen. Und doch schlief er für einige Augenblicke ein. Als er aber erwachte, schien es ihm, als ob er lange Zeit geschlafen hätte. Er hatte im Traume etwas Schreckliches gesehen, woran er sich nicht mehr erinnern konnte. In seiner Seele blieb nur das Gefühl von etwas unsagbar Schwerem zurück, und er spürte wieder den Zusammenhang zwischen dem sinnlosen Lächeln des rothaarigen Mädchens und der heranreifenden Schwüle des Sirokko. Als er die Augen aufschlug, sah er gerade vor sich ein furchtbar bleiches, beinahe gespenstisches Gesicht. Er konnte lange Zeit nicht begreifen, was es sei. Schließlich begriff er, daß es sein eigenes Gesicht war, das er im trüben Spiegel, vor dem er eingeschlummert war, sah. Im gleichen Spiegel war hinter seinem Rücken eine verschlossene Türe zu sehen. Und es war ihm, als ob der Traum noch weiter dauerte, ob die Türe gleich aufgehen müßte und jenes Schreckliche, das er eben im Traume gesehen hatte und woran er sich nicht erinnern konnte, erscheinen würde. Die Türe ging geräuschlos auf. In ihr erschienen einige von Wachskerzen erleuchtete Gesichter. Er wandte sich nicht um, blickte immer in den Spiegel und erkannte ein Gesicht, zwei, drei Gesichter. Er sprang auf, wandte sich um und streckte die Arme vor sich aus, in der verzweifelten Hoffnung, daß er im Spiegel nur ein Traumgesicht gesehen hätte; in der Wirklichkeit sah er aber dasselbe, was ihn im Spiegel so sehr erschreckt hatte, seiner Brust entwand sich ein Schrei grenzenlosen Grauens. »Er! Er! Er!« Der Zarewitsch wäre umgefallen, wenn ihn der Sekretär Weingarten nicht gestützt hätte. »Wasser! Wasser! Dem Zarewitsch ist unwohl!« Weingarten setzte ihn behutsam in einen Sessel, und Alexej sah das über ihn gebeugte gutmütige Gesicht des alten Grafen Daun. Der Graf streichelte ihm die Schulter und gab ihm Spiritus zu riechen. »Beruhigt Euch, Hoheit! Beruhigt Euch um Gotteswillen! Es ist nichts Schlimmes geschehen. Die Nachrichten lauten sehr günstig ...« Der Zarewitsch trank Wasser, und seine Zähne klapperten am Rande des Glases. Er zitterte am ganzen Körper wie im Fieber und starrte unverwandt auf die Türe. »Wie viele sind ihrer?« fragte er flüsternd den Grafen Daun. »Zwei, Hoheit, nur zwei.« »Und der Dritte? Ich habe einen Dritten gesehen ...« »Es ist Euch wohl nur so vorgekommen.« »Nein, ich sah ihn! wo ist er?« »Wer ist er?« »Der Vater!« Der Alte sah ihn erstaunt an. »Das kommt vom Sirokko,« erklärte Weingarten. »Ein Blutandrang im Kopfe. Das kommt oft vor. Auch mir tanzen seit heute morgen lauter blaue Hasen vor den Augen. Wenn man ihn zur Ader läßt, geht es gleich vorbei.« »Ich habe ihn gesehen!« wiederholte der Zarewitsch. »Ich schwöre bei Gott, daß es kein Traum war! Ich habe ihn gesehen, wie ich Euch jetzt sehe, Graf ...« »Ach, mein Gott, mein Gott!« rief der Alte aufrichtig bekümmert aus. »Wenn ich gewußt hätte, daß Eure Hoheit sich nicht ganz wohl fühlen, hätte ich es nicht zugelassen ... Vielleicht kann man die Zusammenkunft verschieben? ...« »Nein, nein, es ist mir gleich. Ich will alles wissen,« sagte der Zarewitsch. »Soll nur der Alte allein bei mir bleiben. Und ihn, den andern, laßt nicht zu mir heran ...« Er erfaßte krampfhaft seine Hand. »Um Gotteswillen, Graf, laßt den andern nicht zu mir heran! ... Er ist ein Mörder! ... seht nur, wie er schaut ... Ich weiß, der Zar hat ihn hergeschickt, um mich abzuschlachten! ...« Sein Gesicht drückte solchen Schrecken aus, daß es dem Statthalter durch den Kopf ging: »Wer kann sich bei diesen Barbaren auskennen? Vielleicht ist es wirklich so ...« Und ihm fielen die Worte der kaiserlichen Instruktion ein: »Bei der Zusammenkunft sind Anstalten zu treffen, um zu verhüten, daß die Moskowiter (verzweifelte und zu allem fähige Leute) etwa den Zarewitsch überfallen und Hand an ihn legen, was übrigens nicht zu erwarten ist.« »Eure Hoheit können ganz ruhig sein: ich bürge mit meinem Leben und meinem Gewissen, daß sie Euch nichts Böses antun werden.« Der Statthalter flüsterte Weingarten zu, daß er die Wachtposten verstärken lassen solle. Indessen näherte sich schon dem Zarewitsch mit kaum hörbaren, schleichenden Schritten, den Rücken ehrfurchtsvoll gekrümmt und sich fortwährend verbeugend, Peter Andrejewitsch Tolstoi. Sein Begleiter, der Gardehauptmann und Kammerherr des Zaren Alexander Iwanowitsch Rumjanzew, ein Riese mit gutmütigem und hübschem Gesicht, das halb an einen römischen Legionär und halb an Iwan den Narren aus dem russischen Volksmärchen erinnerte, mußte auf einen Wink des Statthalters an der Türe bleiben. »Allergnädigster Herr Zarewitsch, Eure Hoheit! Ein Schreiben vom Vater,« sagte Tolstoi, sich noch tiefer verbeugend, so daß die linke Hand beinahe den Boden berührte, während er mit der Rechten das Schreiben übergab. Der Zarewitsch erkannte in den Worten: »Meinem Sohn«, die auf dem Umschlage standen, die Handschrift des Vaters, öffnete mit zitternden Händen den Brief und las: »Mein Sohn! Es wird nunmehro wohl jedermann bekant seyn, was Ihr für Ungehorsam und Verachtung meines Willens erzeiget / Ihr habt Euch weder an Worte noch an Schläge gekehret / meinen Ermahnungen nicht gefolget / und zuletzt habt Ihr mich mit List hintergangen; ja was habt Ihr nun gethan / wider den großen Eyd / den Ihr bey meinem Abschiede vor Gott abgeleget? Ihr seyd entwichen / und habt Euch in fremde Protection als ein Verräther begeben / solches ist nicht allein unter Kindern Unsers Standes, sondern auch nicht einmal unter andern vornehmen Unterthanen Kindern / nie erhöret worden, womit Ihr Eurem Vater großes Leid und Verdruß / und dem Vaterlande Schande zugefüget. Ich sende dahero an Euch diesen meinen letzten Brieff / damit Ihr dem / was Euch der Herr Tolstoi und Rumianzow vorstellen werden / nachlebet, ist es etwann / daß Euch vor mir bange ist; so versichere ich Euch / und verspreche vor Gott / Euch auf keine Weise zu straffen / sondern viel größere Liebe zu Euch zu tragen / wofern Ihr Euch meinem Willen unterwerffet und zu mir kommt / thut Ihr aber solches nicht; so verfluche ich Euch als ein Vater / dem von Gott die Gewalt gegeben ist / und als Euer Souverain erkenne ich Euch vor einen Verräther / dabey werde alle Mittel ergreiffen / Euch als einen Verräther und Vater-Schänder, zur Straffe zu ziehen / Gott wird meiner gerechten Sache schon beystehen / gedenket / daß ich Euch keine Gewalt angethan habe, wenn ich aber gewolt hätte / warum solte ich Euch den Willen gelassen haben? Was ich gewolt wäre geschehen. Peter.« Als der Zarewitsch den Brief zu Ende gelesen hatte, blickte er wieder Rumjanzew an. Dieser verbeugte sich und wollte näher herantreten. Aber der Zarewitsch erblaßte, begann zu zittern, erhob sich vom Sessel und sagte: »Peter Andrejewitsch... Peter Andrejewitsch... erlaube ihm nicht, sich mir zu nähern!... Sonst gehe ich weg... ich gehe gleich weg!... Auch der Graf sagt, er solle sich nicht unterstehen...« Auf einen Wink Tolstois blieb Rumjanzew wieder stehen. Sein hübsches doch dummes Gesicht drückte höchstes Erstaunen aus. Weingarten brachte einen Stuhl. Tolstoi rückte ihn zum Sessel des Zarewitsch heran, setzte sich ehrerbietig auf die Kante, beugte sich vor, blickte den Zarewitsch einfältig und zutraulich gerade in die Augen und begann so zu sprechen, als ob nichts besonderes vorgefallen wäre und als ob sie zu einer angenehmen Unterhaltung zusammengekommen wären. Er war immer noch derselbe elegante Herr Geheime Rat, Exzellenz und hoher Orden Ritter Peter Andrejewitsch Tolstoi: samtschwarze Brauen, ein samtweicher Blick, ein samtenes freundliches Lächeln und eine samtene einschmeichelnde Stimme; er war ganz aus Samt, und doch steckte in diesem Samt ein Giftstachel. Obwohl sich der Zarewitsch an den Ausdruck seines Vaters erinnerte: »Tolstoi ist ein kluger Mensch, aber wenn man mit ihm spricht, muß man einen Stein im Busen bereit halten«, – hörte er ihm doch mit Vergnügen zu. Seine kluge sachliche Rede wirkte auf ihn beruhigend, verscheuchte die schrecklichen Gesichte und führte ihn in die Wirklichkeit zurück. In dieser Rede wurde alles weich und glatt. Man hatte den Eindruck, als ob sich alles so einrichten ließe, daß die Wölfe satt würden und die Schafe heil blieben. Er sprach wie ein erfahrener alter Chirurg, der den Kranken von der beinahe angenehmen Leichtigkeit einer sehr schwierigen Operation zu überzeugen sucht. »Es sind freundliche Worte und auch Drohungen anzuwenden, wobei auch gut ersonnene Beweise und Argumente anzuführen sind,« hieß es in der Instruktion des Zaren; wenn der Zar ihm jetzt zugehört hätte, so wäre er wohl zufrieden gewesen. Tolstoi bestätigte mündlich das, was im Briefe stand: völlige Begnadigung und Vergebung, wenn der Zarewitsch zurückkehrte. Dann führte er die eigenen Worte des Zaren aus der ihm, Tolstoi, für die Verhandlungen mit dem Kaiser erteilten Instruktion an, wobei in seiner Stimme neben der früheren einschmeichelnden Freundlichkeit auch eine gewisse Festigkeit klang. »Sollte der Kaiser sagen, daß Unser Sohn sich in seine Protektion gegeben habe und daß er ihn gegen seinen Willen nicht ausliefern könne, oder wenn er andere Ausreden und erdachte Befürchtungen vorbringen sollte, sollst du ihm vorstellen, daß es für Uns mehr als verletzend ist, wenn er zwischen Mir und Meinem Sohne richten will; umsomehr als nach den natürlichen Gesetzen, insbesondere aber denen Unseres Staates, auch unter privaten Untertanen sich niemand zum Richter zwischen Vater und Sohn aufwerfen darf: der Sohn muß sich dem Willen des Vaters fügen. Und wir, der wir ein Souverain und ein Selbstherrscher sind, sind dem Kaiser in keiner Weise untertänig; er soll sich daher nicht einmischen, sondern den Sohn zurückschicken. Und wir werden ihn als Vater und Herr laut Unserer Elternpflicht gnädigst aufnehmen und ihm sein Vergehen verzeihen? Wir werden ihn belehren, daß er seine bisherigen schamlosen Handlungen einstelle, den Pfad der Tugend betrete und Unsern Absichten entsprechend handle; auf diese Weise kann er die Gewogenheit Unseres Vaterherzens wiedergewinnen; wodurch Seine Kaiserliche Majestät sowohl ihm Gnade erweisen, wie auch Lohn vom Himmel und Unsern Dank erwerben würde; auch Unser Sohn wird ihm dafür ewigen Dank wissen und dankbarer sein als dafür, daß man ihn jetzt wie einen Gefangenen oder Verbrecher unter dem Namen eines aufrührerischen ungarischen Grafen hinter Schloß und Riegel hält, wodurch Unsere Ehre und Unser Namen geschändet wird. Zollte aber der Kaiser wider Erwarten Unsere Bitte nicht erfüllen wollen; sollst du ihm erklären, daß Wir dies als einen offenkundigen Bruch auffassen, den Kaiser vor der ganzen Welt anklagen und Gelegenheit suchen werden, den Uns und Unserer Ehre angetanen unerhörten Schimpf zu rächen.« »Unsinn!« unterbrach ihn der Zarewitsch. »Der Vater wird niemals meinetwegen einen Krieg mit dem Kaiser beginnen.« »Auch ich glaube nicht, daß es zu einem Kriege kommen wird,« sagte Tolstoi zustimmend. »Aber der Kaiser wird dich auch ohne Krieg ausliefern. Er hat gar keinen Nutzen, sondern nur Schwierigkeiten davon, daß du dich in seinen Staaten aufhältst. Das dir gegebene Versprechen, dir Schutz zu gewähren, bis dir dein Vater verzeihen würde, hat er aber schon erfüllt. Und jetzt, wo dein Vater dir bereits vergeben hat, hat der Kaiser gar keine Pflicht, dich gegen jedes Recht zurückzuhalten und einen Krieg mit dem Zaren zu beginnen, umsomehr als er in zwei Kriege – mit den Türken und Spaniern – verwickelt ist; du weißt wohl auch selbst, daß die spanische Flotte augenblicklich zwischen Neapel und Sardinien steht und die Absicht hat, Neapel zu überfallen, da der dortige Adel ein Komplott gemacht hat und lieber unter spanischer als unter kaiserlicher Herrschaft sein will, wenn du mir nicht glaubst, kannst du den Vizekönig fragen: er hat soeben ein Handschreiben vom Kaiser erhalten mit dem Auftrag, dich mit allen Mitteln zu bewegen, zum Vater zurückzukehren oder zumindest seine Staaten zu verlassen, wenn man dich aber nicht im Guten ausliefert, so beabsichtigt der Zar, sich deiner mit bewaffneter Hand zu bemächtigen. Natürlich hat er nur zu diesem Zweck seine Truppen in Polen stehen, um sie bald nach Schlesien in die Winterquartiere zu bringen; von da ist es aber gar nicht weit zu den Besitzungen des Kaisers ...« Tolstoi blickte ihm noch freundlicher in die Augen und berührte ganz leise seine Hand. »Herr Zarewitsch, Väterchen, höre doch auf die väterliche Ermahnung und kehre zum Vater zurück; wir aber – das sind die eigenen Worte des Zaren, – werden ihm verzeihen und ihn wieder in Gnaden aufnehmen; und wir versprechen, ihn väterlich in aller Freiheit und seinem Range gemäß zu unterhalten, ohne Zorn und ohne Zwang.« Der Zarewitsch schwieg. »Sollte er sich aber, – sagt der Zar, – dazu nicht überreden lassen,« fuhr Tolstoi mit einem schweren Seufzer fort, »so ist ihm in Unserm Namen zu verkünden, daß ihn für solchen Ungehorsam der väterliche und der kirchliche Fluch treffen wird und daß wir ihn vor unserm ganzen Reiche als Verräter erklären werden? er soll sich selbst überlegen, was er dann für ein Leben haben wird. Ich glaube nicht, daß er sich irgendwo sicher fühlen können wird, es sei denn, in ewiger Gefangenschaft und unter strengster Bewachung. So wird er auf seine Seele die zukünftige und auf seinen Leib die irdische Strafe laden, wir aber werden nicht unterlassen, nach Mitteln zu suchen, um seinen Ungehorsam zu bestrafen; Wir wollen sogar mit bewaffneter Hand den Kaiser zwingen, ihn Uns auszuliefern. Er soll selbst urteilen, was dann kommen kann!« Tolstoi schwieg und wartete auf antwort, aber der Zarewitsch schwieg gleichfalls. Endlich hob er die Augen und sah Tolstoi durchdringend an. »Wie alt bist du eigentlich, Peter Andrejewitsch?« »Nicht vor Damen sei es gesagt, – über siebzig,« erwiderte der Alte mit verbindlichem Lächeln. »Ich glaube, in der Schrift steht, daß siebzig Jahre die Grenze des menschlichen Lebens sind. Wie hast du dich nur entschließen können, wo du mit einem Fuße im Grabe stehst, dich in eine solche Sache einzulassen? Und ich glaubte gar, du liebtest mich ...« »Ich liebe dich auch wirklich, mein Teurer, Gott sei mein Zeuge! Bei Gott, ich bin bereit, dir bis zu meinem letzten Atemzuge zu dienen. Nur das eine habe ich im Sinn: dich mit deinem Vater zu versöhnen. Es ist eine heilige Sache. Es steht geschrieben: Selig sind die Friedfertigen...« »Genug gelogen, Alter! Glaubst du vielleicht, daß ich nicht weiß, wozu man dich und Rumjanzew hergeschickt hat? Über ihn, den Räuber wundere ich mich auch gar nicht. Aber du, du, Andrejitsch! Gegen deinen zukünftigen Herrn und Selbstherrscher hast du die Hand erhoben! Ihr seid beide Mörder! Der Vater hat euch hergeschickt, um mich zu ermorden!« Tolstoi schlug entsetzt die Hände über dem Kopfe zusammen. »Gott sei dein Richter, Zarewitsch!« Sein Gesichtsausdruck und seine Stimme schienen so aufrichtig, daß der Zarewitsch, so gut er ihn auch kannte, doch zu zweifeln anfing: ob er sich nicht geirrt, ob er den Alten nicht ohne Grund gekränkt hätte? Er mußte aber über diese Zweifel selbst lachen; selbst sein Zorn verflüchtigte sich: in dieser Lüge lag etwas Einfältiges, Unschuldiges, sogar Bezauberndes, wie in der List einer Frau oder im Spiele eines großen Komödianten. »Du bist aber wirklich schlau, Peter Andrejewitsch! Und doch wird es dir nicht gelingen, mein Bester, das Schaf in den Wolfsrachen zu locken.« »Meinst du mit dem Wolfe deinen Vater?« »Ob er ein Wolf ist oder nicht, aber von mir bleiben nicht einmal die Knochen zurück, wenn ich ihm in die Hände falle! Warum sollen wir vor einander Theater spielen? Du weißt doch wohl auch selbst...« »Ach, Alexej Petrowitsch, Väterchen! wenn du meinen Worten nicht traust, so steht doch hier im Brief mit der eigenen Hand Seiner Majestät geschrieben: ›Ich gelobe bei Gott und seinem Gericht.‹ Hörst du es? Er schwört es bei Gott! Kann denn der Zar vor ganz Europa seinen Eid brechen?« »Was bedeutet ihm der Eid!« unterbrach ihn der Zarewitsch. »Wenn er sich nicht selbst von ihm entbindet, so wird es Fedoßka tun. Und auch die Bischöfe werden keine Schwierigkeiten machen. Sie werden ihn einstimmig vom Eide entbinden. Dazu ist er ja auch der Selbstherrscher aller Reußen! Zwei Menschen auf der Welt sind wie Götter: der moskowitische Zar und der römische Papst; sie können alles tun, was sie wollen. Nein, Andrejewitsch, verschwende keine Worte. Lebend lasse ich mich nicht fangen!« Tolstoi zog aus der Tasche seine goldene Schnupftabaksdose mit dem Schäfer, der einer schlafenden Schäferin den Gürtel löst, zerrieb langsam, mit gewohnter Bewegung die Prise zwischen den Fingern, senkte den Kopf und sagte wie vor sich hin: »Anscheinend muß es doch so kommen, wie du es willst. tue, was dir beliebt, Auf mich Alten willst du nicht hören, vielleicht hörst du auf den Vater. Ich meine, daß er bald selbst hier sein wird...« »Wo hier? Was lügst du, Alter?« sagte der Zarewitsch erbleichend und auf die ihm so schreckliche Türe zurückblickend. Tolstoi schnupfte ohne Übereilung erst mit dem einen, dann mit dem andern Nasenloch, zog die Prise ein, wischte mit dem Taschentuch den Tabaksstaub von seinem Spitzenjabot ab und sagte: »Obwohl ich nicht beauftragt bin, es dir mitzuteilen, habe ich mich schon verraten. Nun will ich es dir doch sagen. Dieser Tage erhielt ich von seiner Zarischen Majestät ein Handschreiben, in dem er mir mitteilt, daß er in Bälde nach Italien zu kommen gedenke. Und wenn er einmal hier ist, wer kann es dem Vater verwehren, dich zu sehen? Glaube nicht, daß dies unmöglich sei; nicht die geringste Schwierigkeit liegt dem im Wege, und es hängt nur vom Belieben Seiner Zarischen Majestät ab. Du wirst wohl auch selbst wissen, daß der Zar schon längst die Absicht hatte, nach Italien zu kommen? bei diesem Anlasse wird er aber sein Vorhaben ganz bestimmt ausführen.« Er senkte den Kopf noch tiefer, und plötzlich wurde sein Gesicht runzlig und nahm einen greisenhaften Ausdruck an, es schien, als ob er gleich zu weinen anfangen würde; er tat sogar so, als ob er sich eine Träne aus dem Auge wischte. Und der Zarewitsch bekam noch einmal die Worte zu hören, die er schon so oft gehört hatte: »Wohin könntest du vor dem Vater fliehen? höchstens ins Grab. Der Zar hat einen langen Arm. Du tust mir leid, Alexej Petrowitsch, du tust mir leid, mein Teurer...« Der Zarewitsch erhob sich von seinem Platz, wie in den ersten Augenblicken der Zusammenkunft zitterte er am ganzen Körper. »Warte einen Augenblick, Peter Andrejewitsch, ich will erst einige Worte mit dem Grafen reden.« Er ging auf den Statthalter zu und nahm ihn bei der Hand. Sie begaben sich ins Nebenzimmer. Der Zarewitsch vergewisserte sich erst, ob die Türe versperrt sei, und erzählte dann dem Grafen, was ihm Tolstoi gesagt hatte. schließlich ergriff er mit seinen kaltgewordenen Händen die Hände des Alten und fragte: »Wenn der Vater mich mit bewaffneter Hand zurückfordern würde, kann ich mich auch dann auf die Protektion des Kaisers verlassen?« »Eure Hoheit kann ganz unbesorgt sein! Der Kaiser ist mächtig genug, um denjenigen, den er unter seinen Schutz genommen hat, unter allen Umständen zu verteidigen...« »Ich weiß es, Graf. Ich spreche jetzt aber mit Euch nicht als mit dem kaiserlichen Statthalter, sondern als mit einem edlen Kavalier und einem guten Menschen. Ihr wart immer so gütig zu mir. Sagt mir die ganze Wahrheit, Graf, und verheimlicht mir um Gotteswillen nichts! Ich will nichts von Politik hören! Sagt mir nur die Wahrheit! Ihr seht doch selbst, wie schwer ich es habe!« Er begann zu weinen und sah den Statthalter mit dem Blicke eines halb zu Tode gehetzten Tieres an. Der Alte schlug unwillkürlich die Augen nieder. Der große, hagere Graf Daun, mit dem blassen feinen Gesicht, das an das Gesicht Don-Quichotes erinnerte, der gute, doch unentschlossene und schwache Mensch mit zwiefachen Gedanken, der Ritter und Politiker, schwankte ewig zwischen dem alten unpolitischen Rittertum und der neuen unritterlichen Politik. Er empfand Mitleid mit dem Zarewitsch, zugleich aber auch ein Widerstreben, sich in eine so verantwortungsvolle Sache einzulassen; es war die Furcht des Schwimmers, an den sich ein Ertrinkender anzuklammern sucht. Der Zarewitsch sank vor ihm in die Knie. »Ich beschwöre den Kaiser im Namen Gottes und aller Heiligen, mich nicht im Stiche zu lassen! Es ist mir schrecklich, auch nur daran zu denken, was mich erwartet, wenn ich dem Vater in die Hände falle. Niemand weiß, was er für ein Mensch ist. Aber ich weiß es... Es ist so schrecklich, so schrecklich!« Der Alte beugte sich über ihn und sagte mit Tränen in den Augen: »Steht doch auf, steht auf, Hoheit! Ich schwöre bei Gott, daß ich Euch die reine Wahrheit sage, ganz ohne politische Nebengedanken: soweit ich den Kaiser kenne, wird er Euch um nichts in der Welt dem Vater ausliefern; das würde die Ehre Seiner Majestät beflecken und den in der ganzen Welt geltenden Gesetzen widersprechen, denn es wäre ein Zeichen der Barbarei!« Er umarmte den Zarewitsch und küßte ihn mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Stirn. Als sie in den Audienzsaal zurückkehrten, sah der Zarewitsch zwar noch immer blaß, aber ruhig und entschlossen aus. Er ging auf Tolstoi zu und sagte zu ihm, ohne sich zu setzen und ohne Tolstoi zum Sitzen aufzufordern, womit er ihm zu verstehen gab, daß die Unterredung zu Ende sei: »Es ist gefährlich, zum Vater zurückzukehren, und schrecklich, vor sein erzürntes Antlitz zu treten; den Grund, warum ich nicht zurückzukehren wage, werde ich meinem Protektor, Seiner Kaiserlichen Majestät schriftlich mitteilen, vielleicht werde ich auch meinem Vater auf seinen Brief antworten und ihm meinen endgültigen Entschluß mitteilen. Im Augenblick habe ich nichts mehr zu sagen. Ich brauche noch einige Zeit, um mir die Sache zu überlegen.« »Wenn Eure Hoheit irgendwelche Bedingungen stellen will,« begann Tolstoi von neuem mit einschmeichelnder Stimme, »so könnt Ihr sie auch mir mitteilen. Ich meine, daß der Vater auf jede Bedingung eingehen wird. Er wird Euch wohl auch erlauben, Afrossinja zu heiraten. Überlege es dir, mein Teurer. Der Morgen ist klüger als der Abend. Wir werden ja noch darüber sprechen. Es ist nicht das letztemal, das wir uns sehen...« »Wir haben nichts mehr zu besprechen, Peter Andrejewitsch, und brauchen uns auch nicht mehr zu sehen. Bleibst du denn noch lange hier?« »Ich habe den Befehl,« entgegnete Tolstoi leise und blickte den Zarewitsch so an, daß es diesem schien, als ob aus seinen Äugen die Augen des Vaters hervorlugten; »ich habe den Befehl, diesen Ort nicht eher zu verlassen, bis ich dich in Händen habe. Und wenn man dich an einen andern Ort bringen sollte, so muß ich dir auch dorthin folgen.« Dann fügte er noch leiser hinzu: »Der Vater wird nicht eher von dir lassen, bis er dich lebend oder tot in die Hände bekommt.« Aus der samtenen Pfote kamen die Krallen zum Vorschein, die sich aber sofort wieder zurückzogen. Tolstoi verbeugte sich ebenso tief und ehrerbietig wie bei der Begrüßung und wollte dem Zarewitsch sogar die Hand küssen; aber dieser zog sie schnell zurück. »Der allergnädigsten Person Eurer Hoheit ergebenster Diener!« Und er ging mit Rumjanzew durch dieselbe Türe hinaus, durch die sie gekommen waren. Der Zarewitsch begleitete sie mit den Augen und blickte lange starr und unverwandt auf diese Türe, als ob vor ihm wieder das schreckliche Gesicht vorbeigehuscht wäre. Endlich ließ er sich in einen Sessel sinken, bedeckte das Gesicht mit den Händen und krümmte sich wie unter einer unerträglichen Last zusammen. Graf Daun legte ihm die Hand auf die Schulter und wollte ihm etwas Beruhigendes sagen; er fühlte aber, daß er ihm doch nichts sagen könne und ging schweigend auf Weingarten zu. »Der Kaiser besteht darauf,« flüsterte er ihm zu, »daß der Zarewitsch das Frauenzimmer, mit dem er lebt, von sich entferne. Ich hatte nicht den Mut, es ihm heute zu sagen. sagt Ihr es ihm bei Gelegenheit.« V. »Meine Aufgabe hat sich zu einer ungemein schwierigen gestaltet,« schrieb Tolstoi an den Residenten Wesselowskij nach Wien, »solange unser Kind an die Protektion, unter der es lebt, glaubt, wird es niemals daran denken, von hier fortzugehen. Euer Gnaden müssen sich daher an allen Orten bemühen, man möchte ihm unzweideutig zu verstehen geben, daß man nicht die Absicht habe, ihn mit bewaffneter Hand zu verteidigen. Er setzt aber seine ganze Hoffnung darauf, wir müssen dem hiesigen Vizekönig für seine eifrigen Bemühungen in unserer Sache dankbar sein, können aber nicht den verstockten Eigensinn des Zarewitsch brechen. Augenblicklich kann ich nicht mehr schreiben, denn ich reise gleich zu unserm ›Tiere‹, und die Post geht gleich ab.« Tolstoi hatte sich in seinem Leben schon mehr als einmal in schwierigen Situationen befunden, war aber immer mit heiler Haut davongekommen. In seiner Jugend hatte er am Strelitzenaufstande teilgenommen; alle wurden hingerichtet, nur er allein blieb am Leben. Als er schon fünfzig Jahre alt und Familienvater war und den Posten eines Wojewoden von Ustjug innehatte, meldete er sich freiwillig, um mit den andern »russischen Kindern« ins Ausland zum Studium der Navigation zu fahren; und er erlernte sie auch tatsächlich. Als er Botschafter in Konstantinopel war, wurde er dreimal in das unterirdische Gefängnis des Schlosses der sieben Türme gesperrt und wurde dreimal auf allergnädigste Verwendung des Zaren herausgelassen. Sein eigner Sekretär, der eine Anzeige gegen ihn wegen Veruntreuung von Staatsgeldern verfaßte, starb eines plötzlichen Todes, ehe er seine Anzeige abgeschickt hatte. Tolstoi schilderte den Sachverhalt auf folgende Weise: »Der Schreiber Timoschka hatte die Absicht, zum muselmännischen Glauben überzutreten und verkehrte viel mit den Türken; mit Gottes Hilfe erfuhr ich von dieser Absicht, ließ ihn im geheimen zu mir kommen und sprach mit ihm; dann schloß ich ihn bis zum Abend in meine Schlafkammer ein; gegen Abend trank er aber ein Glas Wein und starb bald darauf: so hatte ihn Gott vor der Sünde bewahrt.« Nicht umsonst studierte er »Niccolo Machiavellis, des edlen Florentiners politische Ermahnungen« und übersetzte dieses Werk ins Russische. Tolstoi selbst galt als der russische Machiavelli. »Kopf, Kopf, wenn du nicht so klug wärest, hätte ich dich schon längst, abhauen lassen,« pflegte der Zar von ihm zu sagen. Jetzt fürchtete aber Tolstoi, daß sein kluger Kopf sich in der Angelegenheit des Zarewitsch als dumm erweisen könnte und daß der russische Machiavelli plötzlich als Narr dastehen würde. Und doch tat er alles, was nur möglich war: er umgarnte den Zarewitsch mit einem feinen und festen Netz; er brachte jedem einzelnen die Überzeugung bei, daß alle andern im geheimen die Auslieferung des Zarewitsch wünschten, aber das gegebene Versprechen zu brechen scheuten und daher diese Aufgabe auf die andern abzuwälzen suchten: die Kaiserin auf den Kaiser, der Kaiser auf den Kanzler, der Kanzler auf den Statthalter und der Statthalter auf den Sekretär. Diesen letztern bestach Tolstoi mit 160 Dukaten und versprach ihm noch mehr, wenn es ihm gelänge, den Zarewitsch davon zu überzeugen, daß der Kaiser ihm nicht länger Protektion gewähren werde. Aber alle Anstrengungen scheiterten an dem »verstockten Eigensinn« des Zarewitsch. Am unangenehmsten war für Tolstoi, daß er sich zu diesem Auftrage freiwillig gemeldet hatte. »Man muß seinen Glücksstern kennen,« pflegte er zu sagen. Und es schien ihm, daß dieser Glücksstern ihm in der Gefangennahme des Zarewitsch blinke, daß er damit seiner ganzen Karriere die Krone aufsetzen, das Andreasband und den Grafentitel bekommen und der Stammvater eines neuen Geschlechts der Grafen Tolstoi werden würde, was immer sein sehnlichster Traum gewesen war. Was wird aber nun der Zar sagen, wenn er mit leeren Händen zurückkehrt? Jetzt dachte er aber weder an den Verlust der Gnade des Zaren, noch an das Andreasband und den Grafentitel; wie ein echter Jäger dachte er jetzt nur daran, daß ihm das »Tier« entkommen könnte. Einige Tage nach der ersten Begegnung mit dem Zarewitsch saß Tolstoi bei seiner Morgenschokolade auf dem Balkone seiner Prunkgemächer im Gasthofe »Zu den drei Königen«, in der belebtesten Straße von Neapel, der Via Toledo. Im Schlafrock, ohne Perücke, mit nacktem Schädel und nur einigen Resten grauer Haare im Nacken erschien er sehr alt, beinahe gebrechlich. Seine Jugend lag zugleich mit dem Buche »Metamorphosen oder die Verwandlungen des Ovid«, das er ins Russische übersetzte, und seiner eigenen Metamorphose, – all den Näpfchen, Schminkgeräten und der prächtigen Allongeperücke mit jugendlichen pechschwarzen Haaren – auf dem Spiegeltischchen im Ankleidezimmer. Es war ihm recht bange zumute. Aber wie immer in Augenblicken tiefen Nachsinnens über politische Angelegenheiten, bewahrte er ein sorgloses, beinahe leichtsinniges Aussehen; er liebäugelte mit einer niedlichen Nachbarin, die auf dem Balkone des gegenüberliegenden Hauses saß, einer Spanierin mit gebräunter Haut und schwarzen Augen, einer von denen, die, nach dem Ausspruche Jesopkas, »wenig Lust zu arbeiten haben und ihre Zeit meistens mit Vergnügungen verbringen.« Er lächelte ihr liebenswürdig und galant zu, obwohl sein Lächeln an das Grinsen eines Totenschädels erinnerte, und trällerte ein Liebeslied »An ein Mädchen«, das er selbst aus dem Anakreon übersetzt hatte: Flieh mich nicht, gewähr mir Güte, wenn mein Grauhaar streift dein Blick! weil du prangst in Jugendblüte, weis' nicht meine Gab' zurück. Sieh dort, Liebchen, an den Kränzen, wie die Lilien silberweiß Unter roten Rosen glänzen. Rose, nimm den Silbergreis! Der Hauptmann Rumjanzew erzählte ihm von seinen Liebesabenteuern in Neapel. Nach dem Urteile Tolstois war Rumjanzero »ein Mann von heiterer Veranlagung, allen Menschen angenehm, besonders angenehm in Gesellschaft; in ernsthaften Angelegenheiten hatte er mehr Glück als Verstand, besaß aber den Mut eines guten Soldaten«; mit anderen Worten hielt er ihn einfach für einen Narren. Deswegen verachtete er ihn aber nicht, sondern hörte ihm gerne zu und befolgte zuweilen seine Ratschläge, »Die Welt beruht auf den Dummköpfen,« pflegte Peter Andrejewitsch zu sagen. »Cato, der römische Rat, meinte, daß die Klugen der Dummen mehr bedürften, als die Dummen der Klugen.« Rumjanzew schimpfte auf irgendeine Dirne Namens Camilla, die ihm im Lauf einer Woche mehr als hundert Taler herausgelockt hatte. »Die hiesigen Dirnen sind wahre Räuberinnen!« Peter Andrejewitsch erinnerte sich noch an die Liebesaffaire, die er einmal vor Jahren hier in Neapel gehabt hatte und über die er immer mit denselben Worten berichtete: »Ich war inamoriert in eine Signora Franceska, und sie war während meines ganzen dortigen Aufenthaltes meine Maitresse. Ich war so sehr verliebt, daß ich keine Stunde ohne sie verbrachte, Sie kostete mich in zwei Monaten tausend Dukaten. Ich trennte mich von ihr schweren Herzens, und jene Liebe will auch heute nicht aus meinem Herzen weichen ...« Er seufzte schmachtend und lächelte der niedlichen Nachbarin zu. »Was macht unser Tier?« fragte er unvermittelt mit zerstreuter Miene, als ob diese Frage ihm höchst unwichtig wäre. Rumjanzew berichtete ihm über die Unterredung, die er gestern mit dem Navigationsschüler Aljoschka Jurow, den man auch Jesopka nannte, gehabt hatte. Durch die Drohung Tolstois, ihn zu verhaften und als einen Deserteur nach Petersburg zurückzuschicken eingeschüchtert, hatte Jurow, so sehr er auch dem Zarewitsch ergeben war, eingewilligt, Spionendienste zu leisten und alles, was er im Hause des Zarewitsch sah und hörte, zu hinterbringen. Rumjanzew hatte von Jesopka vieles über die große Liebe des Zarewitsch zu Afrossinja erfahren, was für die weiteren Pläne Tolstois von großer Wichtigkeit war. »Diese Dirne profitiert sehr viel von seiner Liebe und hat in der Konfidenz der nächtlichen Ergötzungen eine solche Macht über ihn gewonnen, daß er vor ihr nicht zu mucksen wagt. Sie hält ihn unter dem Pantoffel. Was sie will, das tut er. Er will sie heiraten, kann aber keinen Popen finden; sonst ließe er sich schon längst mit ihr trauen.« Er erzählte auch von seiner Zusammenkunft mit Afrossinja, die ihm Jesopka und Weingarten hinter dem Rücken des Zarewitsch vermittelt hatten. »Sie ist eine wirklich hübsche Person, wenn auch rothaarig. Sie macht den Eindruck als wenn sie ganz still wäre und kein Wässerchen trüben könnte; aber in Wirklichkeit ist sie wohl eine Hexe; stille Wasser sind tief!« »Glaubst du nicht,« fragte Tolstoi, dem ein plötzlicher Gedanke durch den Kopf schoß, »glaubst du nicht, daß sie Neigung zu Liebesaffairen hat?« »Ob sie fähig ist, unserm Tiere Hörner aufzusetzen?« rief Rumjanzew lächelnd. »Ich glaube, daß sie wie jedes andere Weib dazu fähig ist. Aber es ist ja niemand da, mit dem sie es tun könnten ...« »Warum nicht mit dir, Alexander Iwanowitsch?! Ich meine, daß jedes Frauenzimmer es für eine Ehre halten würde, sich mit einem so stattlichen Kerl wie du einzulassen!« bemerkte Tolstoi, indem er ihm listig zublinzelte. Der Hauptmann lachte und strich sich selbstzufrieden den dünnen Katerschnurrbart, der wie beim Zaren nach oben gedreht war. »Ich habe auch an der Camilla genug! Was brauche ich zwei?« »Kennst du, Herr Hauptmann, das Liedchen: »Versuch nicht der doppelten Liebe zu widerstehen, Zwei Mädchen können im Herzen nebeneinander bestehen. Traure nicht, daß du nicht könntest zwei mit Liebe speisen: Leicht kannst du der einen und der andern deine Dienste erweisen. Kannst auch der einen wie der andern den Laufpaß geben Und im ewigen Wechsel auch mit zehn Mädchen leben.« »Exzellenz sind doch wirklich ein Teufelskerl!« sagte Rumjanzew lachend, wobei er wie ein einfacher Soldat salutierte und seine weißen, schönen Zähne zeigte. »Graue Haare im Barte und der Teufel in den Rippen!« Tolstoi erwiderte ihm mit einem anderen Liedchen: Es sagen mir die Weiber: »Du greifest, Anakreon! Guck nur in deinen Spiegel: Fort sind die Haare schon, Und leer ist deine Glatze.« Nun weiß ich nicht gewiß, Ob ich Haar hab oder keines; Doch sicher weiß ich dies: Je mehr der Greis entgegen Der Abschiedsstunde geht, Daß ihm ein heitres Scherzen Nur um so besser steht. »Hör einmal, Alexander Iwanowitsch,« fuhr er in ernstem Tone fort, »statt so ganz ohne Sinn der Camilla nachzulaufen, solltest du dich doch mit jener hübschen Person einlassen. Dies könnte unserer Sache mehr nützen, wir würden unser Kind so sehr mit Eifersucht umgarnen, daß es uns nicht mehr entrinnen, sondern sich uns gutwillig ergeben würde. Für unsereinen, für einen richtigen Kavalier, gibt es kein besseres Lockmittel als ein Frauenzimmer!« »Was fällt dir ein, Peter Andrejewitsch? Ich verstehe dich nicht! Ich glaubte, du scherztest, du meinst es aber ernsthaft. Das ist eine heikle Sache, wenn er einmal Zar wird und von dieser Liebesgeschichte erfährt, so wird mein Hals viel zu schmal für alle die Beile sein, mit denen er mich hinrichten lassen wird ...« »Unsinn! Ob Alexej Petrowitsch jemals Zar werden wird, ist noch sehr zweifelhaft, aber daß Peter Alexejewitsch dich belohnen wird, ist sicher. Und wie er dich belohnen wird! Alexander Iwanowitsch, erweise mir den Freundschaftsdienst, mein Teurer, ich werde es dir niemals vergessen!« »Ich weiß wirklich nicht, Exzellenz, wie ich eine solche Sache einfädeln soll ...« »Wir wollen die Sache gemeinsam in die Hand nehmen! Sie ist gar nicht so schwierig. Ich will dir die Anweisung geben, und du, folge mir ...« Rumjanzew weigerte sich noch lange Zeit, willigte jedoch schließlich ein, und Tolstoi setzte ihm seinen Plan auseinander. Als Rumjanzew gegangen war, vertiefte sich Tolstoi in Gedanken, die des russischen Machiavelli würdig waren. Er hatte schon längst vorher das dunkle Gefühl gehabt, daß nur Afrossinja allein, wenn sie es wollte, den Zarewitsch zur Heimkehr bewegen könnte: der Nachtkuckuck überschreit den Tageskuckuck, – und daß auf ihr die letzte Hoffnung ruhe. Er hatte schon dem Zaren geschrieben: »Es ist unmöglich zu schildern, wie der Zarewitsch diese Dirne liebt und wie er um sie besorgt ist.« Er erinnerte sich auch der Worte Weingartens: »Er fürchtet zum Vater zu reisen, damit er ihn nicht von dieser Dirne trenne. Ich will ihm aber heute damit drohen, daß man sie ihm sofort nehmen wird, wenn er nicht zum Vater zurückkehrt; obwohl ich dies ohne besonderen Befehl nicht tun darf, will ich doch sehen, was daraus werden wird.« Tolstoi beschloß, sich sofort zum Vizekönig zu begeben und ihn aufzufordern, er solle, dem Willen des Kaisers gemäß, dem Zarewitsch befehlen, Afrossinja sofort zu entlassen. – »Und nun kommt auch noch Rumjanzew mit seiner Liebe hinzu,« sagte er sich, und sein Herz fing, von Hoffnung beseelt, schneller zu schlagen an. »Hilf mir, Mutter Venus! Was die Klugen mit ihrer Politik nicht fertig bringen, das wird vielleicht der Narr mit seiner Liebelei erreichen.« Nun war er ganz lustig geworden. Er warf der Nachbarin verliebte Blicke zu und sang mit ungeheuchelter Sorglosigkeit: Zieh dort, Liebchen, an den Kränzen, wie die Lilien silberweiß Unter roten Rosen glänzen. Rose, nimm den Silbergreis! Die Kokette verbarg ihr Gesicht hinter dem Fächer, zeigte unter den schwarzen Spitzen ihres Rockes ein niedliches Füßchen in silbernem Pantoffel und einen rosa, mit goldenen Pfeilen bestickten Strumpf, erwiderte seine verliebten Blicke und lachte ihm schelmisch zu; es war ihm, als ob ihm in Gestalt dieses Mädchens die Göttin Fortuna selbst, wie schon so oft in seinem Leben, zulächelte und das Andreasband und den Grafentitel verhieße. Er stand auf, um ins Ankleidezimmer zu gehen, und warf ihr über die Straße mit dem galantesten lächeln eine Kußhand zu; das wirkte aber beinahe so, als ob ein Totenschädel die Buhlerin Fortuna schamlos angrinste. * Der Zarewitsch verdächtigte Jesopka der Spionage und des heimlichen Umgangs mit Tolstoi und Rumjanzew. Er jagte ihn aus dem Hause und verbot ihm, wiederzukommen. Einmal kam er aber unerwartet nach Hause und stieß mit ihm auf der Treppe zusammen. Als Jesopka ihn erblickte, erbleichte er und begann zu zittern wie ein ertappter Dieb. Der Zarewitsch begriff sofort, daß er mit irgendeinem geheimen Auftrag Afrossinja besuchen wollte; er packte ihn am Kragen und warf ihn die Treppe hinunter. Bei dieser Gelegenheit ließ Jesopka eine runde Blechdose fallen, die er sorgfältig in der Tasche zu verbergen suchte. Der Zarewitsch hob sie auf. Die Dose enthielt französische Schokoladeplätzchen und ein Billet, das mit folgenden Worten begann: »Meine gnädigste Dame, Afrossinja Fjodorowna! »Da mein Herz nicht aus rohem Holze gehauen, sondern von den allerzartesten Gefühlen beseelt ist ...« Und mit den Knüttelversen endete: Mein Herz ist durchbohrt von Liebespfeilen, Doch womit soll ich seine Wunden heilen? Fern von deinem Herzen vergehe ich vor Schmerzen. Hätt' ich dich nie gesehen, hätt' ich nicht diese Wehen. Wenn ich dich nicht bezwinge, in den Vesuv ich springe. Statt einer Unterschrift standen die beiden Buchstaben: »A. R.« Der Zarewitsch riet sofort auf Alexander Rumjanzew. Er hatte Geistesgegenwart genug, um Afrossinja nichts von diesem Funde zu erzählen. Am gleichen Tage teilte ihm Weingarten den angeblich vom Kaiser erteilten Befehl mit, Afrossinja sofort wegzuschicken, falls er auf seine weitere Protektion rechnen wolle. Ein solcher Befehl lag in Wirklichkeit gar nicht vor; Weingarten löste nur das Versprechen ein, das er Tolstoi gegeben hatte: »Ich will ihm damit drohen, daß man sie ihm sofort nehmen wird; obwohl ich dies ohne besonderen Befehl nicht tun darf, will ich doch sehen, was daraus werden wird.« VI. In der Nacht vom ersten auf den zweiten Oktober kam der Sirocco endlich zur Entladung. Besonders heftig wütete der Orkan auf der Höhe von San-Elmo. Im Innern des Kastells, selbst in den dicht verschlossenen Räumen, heulte der Wind so laut wie in einer Schiffskajüte während des stärksten Sturmes. Durch die Stimmen des Orkans, die bald an das Heulen von Wölfen, bald an das Weinen eines Kindes, bald an das wilde Stampfen einer fliehenden Herde, bald an das Pfeifen und Schwirren von Riesenvögeln mit eisernen Schwingen gemahnten, klang die Brandung des Meeres wie ferner Kanonendonner. Man hatte den Eindruck, als ob jenseits der Mauern alles zusammenstürze, als ob das Ende der Welt eingetreten sei und das grenzenlose Chaos tobe. In den Gemächern des Zarewitsch war es feucht und kalt. Es war aber unmöglich, im Kamin Feuer zu machen, weil der Wind den Rauch aus dem Schornstein in das Zimmer zurücktrieb. Der, Wind drang durch die Wände, so daß es aus allen Ecken zog, die Flammen der Kerzen bebten und die Wachstropfen an ihnen zu langen hängenden Nadeln erstarrten. Der Zarewitsch ging mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab. Sein eckiger schwarzer Schatten huschte über die weißen Wände, bald verkürzt, bald in die Länge gezogen, hier an die Decke stoßend, dort sich brechend. Afrossinja saß mit untergeschlagenen Beinen im Sessel, hüllte sich in ihren Pelz und verfolgte ihn schweigend mit den Augen. Ihr Gesicht schien gleichgültig. Nur in einem Mundwinkel schien es kaum wahrnehmbar zu zittern, und ihre Finger flochten die vom Pelze abgerissene goldene Schnur mit mechanischer Bewegung auseinander und wieder zusammen. Alles schien genau so wie vor anderthalb Monaten, wie an jenem Tage, an dem der Zarewitsch die erfreulichen Nachrichten erhalten hatte. Endlich blieb er vor ihr stehen und sagte dumpf: »Es ist nichts zu machen, Mamachen! Rüste dich zur Abreise. Morgen fahren wir zum Papst nach Rom. Der hiesige Kardinal sagte mir, daß der Papst uns seinen Schutz gewähren wird ...« Afrossinja zuckte die Achseln. »Das ist Unsinn, Zarewitsch! wenn der Kaiser keine liederliche Dirne unter seinem Schutze haben will, wie sollte es der Papst tun? Schon sein geistlicher Stand verbietet es ihm. Auch hat er keine Truppen, um dich zu schützen, wenn der Vater dich mit bewaffneter Hand von ihm fordern würde.« »Was sollen wir nun tun, Afroßjuschka? ...« sagte er, die Hände verzweifelt zusammenschlagend, »vom Kaiser ist der Befehl gekommen, daß ich dich unverzüglich entlasse. Mit großer Mühe habe ich erreicht, daß sie noch bis zum Morgen warten. Ich muß darauf gefaßt sein, daß sie dich mit Gewalt von mir nehmen, wir müssen sobald als möglich fliehen! ...« »Wohin sollen wir fliehen? Überall werden sie uns erwischen. Es kommt ja auf dasselbe hinaus: Kehre lieber gleich zum Vater zurück.« »Auch du, auch du, Afroßja! Tolstoi und Rumjanzew haben dir ihr Liedchen gesungen, und du spitztest die Ohren!« »Peter Andrejewitsch will dir nur Gutes.« »Gutes! ... Was verstehst du davon? Schweige lieber, du Weib mit langem Haar und kurzem Verstand! Glaubst du vielleicht, daß sie sich scheuen werden, auch dich zu foltern? Das sollst du dir nicht einbilden. Auch auf deinen schwangern Leib werden sie nicht achten: es ist bei uns schon vorgekommen, daß Mädchen während der Folter geboren haben ...« »Der Vater hat dir ja seine Gnade versprochen.« »Diese väterliche Gnade kenne ich gut! Hier habe ich sie zu erwarten,« sagte er, auf seinen Nacken zeigend. »Wenn mich der Papst nicht aufnimmt, gehe ich nach Frankreich, nach England, zum Schweden, zum Türken, zum Teufel, nur nicht zum Vater! Unterstehe dich nicht, Afrossinja, mir auch nur ein Wort davon zu sagen! Hörst du? Unterstehe dich nicht!« »Tue was du willst, Zarewitsch. Aber zum Papst fahre ich nicht,« sagte sie leise. »Du fährst nicht? Was fällt dir ein?« »Nein, ich fahre nicht,« wiederholte sie immer noch ruhig, ihm gerade in die Augen blickend. »Ich habe es auch schon dem Peter Andrejewitsch gesagt: Ich fahre mit dem Zarewitsch nirgends hin als zum Vater; soll er nur allein fahren, wohin er will, ich fahre nicht mit.« »Was hast du, was hast du, Afroßjuschka?« begann er mit veränderter Stimme und erblaßte. »Christus sei mit dir, Mamachen! Kann ich denn ... Oh mein Gott! ... kann ich denn ohne dich sein?« »Tu was du willst, Zarewitsch. Ich fahre aber nicht mit. Bitte mich auch gar nicht darum.« Sie riß die Schnur vom Pelze ab und schleuderte sie zur Erde. »Bist du närrisch geworden, Mädel, oder was ist mit dir los?« schrie er in plötzlicher Wut auf, die Fäuste ballend. »Wenn ich dich nehme, so kommst du mit! Du erlaubst dir zuviel! Hast du denn schon vergessen, was du gewesen bist?« »Was ich gewesen, das bin ich auch geblieben: Seiner Zarischen Majestät, meines Herrschers Peter Alexejewitsch treue Magd. Wohin der Zar befiehlt, da fahre ich auch hin. Gegen seinen Willen werde ich nicht handeln. Ich will nicht mit dir gegen deinen Vater gehen.« »So redest du auf einmal! ... Hast du dich mit Tolstoi und mit Rumjanzew, mit meinen Feinden und Mördern verschworen! Und das für all das Gute, das ich dir erwiesen, für alle meine Liebe! ... Du Schlange! Niedrige Magd ...« »Du brauchst gar nicht so zu schimpfen, Zarewitsch! Was soll das nützen? Was ich gesagt habe, das tue ich auch.« Es wurde ihm ganz ängstlich zumute. Selbst seine Wut verflüchtigte sich. Er wurde ganz schwach und matt, ließ sich in einen Sessel neben ihr fallen, ergriff ihre Hand und bemühte sich, ihr in die Augen zu blicken. »Afroßjuschka, Mamachen, meine Herzensfreundin, was hast du denn? Mein Gott! Ist denn jetzt die Zeit uns zu zanken? Warum sprichst du so? Ich weiß ja, daß du es nicht tun wirst, daß du mich in meinem Unglück nicht im Stich läßt ... Wenn nicht mit mir, so wirst du doch mit dem ›Silbelnen‹ Mitleid haben ...« Sie antwortete nicht, sah ihn nicht an und blieb regungslos, wie wenn sie tot wäre. »Oder liebst du mich nicht?« fuhr er mit wahnsinnigem Flehen, mit der mitleiderregenden Schlauheit eines Verliebten fort. »Was soll ich nun tun? Wenn es so steht, kannst du gehen, Gott schütze dich. Mit Gewalt will ich dich nicht zurückhalten. Sage mir aber, daß du mich nicht liebst ...« Sie stand plötzlich auf, sah ihn an und lächelte so, daß ihm sein Herz vor Schrecken stille stand. »Du glaubtest wohl, daß ich dich liebe? Damals, als du das dumme Mädel beschimpftest, vergewaltigtest, mit dem Messer bedrohtest, hättest du fragen sollen, ob ich dich liebe oder nicht! ...« »Afroßja, Afroßja, was hast du? Oder glaubst du meinen Worten nicht? Ich will dich ja heiraten, will jene Sünde mit der Brautkrone zudecken. Du bist für mich auch schon jetzt wie mein Eheweib!« »Ich danke dir, mein Herr, für diese Gnade! Die Gnade ist wirklich groß! Der Zarewitsch geruht, eine Leibeigene zu heiraten! Und sie ist doch so dumm, daß sie sich über diese Ehre gar nicht freut! Lange genug habe ich gelitten, nun kann ich's nicht mehr! Für mich ist es dasselbe, ob ich mich erhänge, oder ertränke, oder dich, den ich hasse, heirate! ›Du wirst Zarin!‹ hat er gesagt. Mit solchen Worten glaubt er mich zu ködern, vielleicht ist mir aber meine Mädchenehre und meine Freiheit mehr wert als die Zarenkrone? Ich habe genug von Eurer Zarenfamilie gesehen: unverschämte, schmutzige Kerle seid ihr alle! An eurem Hof geht es ebenso zu wie in einer Wolfsgrube: ein jeder denkt nur daran, wie er dem andern die Kehle durchbeißen kann. Dein Vater ist das große Tier, und du bist das kleine Tier: das Tier wird das Tierchen auffressen. Wie kannst du auch gegen ihn streiten? Das war vernünftig vom Zaren, daß er dich von der Thronfolge ausgeschlossen hat. Wie kann ein solcher Mensch wie du regieren? Küster sollst du werden, du Scheinheiliger, und deine Sünden büßen! Deine Frau hast du zu Tode gepeinigt, hast deine Kinder verlassen, bist einer liederlichen Dirne nachgelaufen und kannst dich von ihr nicht mehr losreißen! Bist ganz schwach geworden, heruntergekommen, verbummelt! Auch jetzt, wo dich ein Frauenzimmer mit solchen Worten beschimpft, schweigst du und wagst nicht zu mucksen. Hast keine Scham im Leibe! wenn ich dich wie einen Hund windelweich prügeln und dir dann winken oder pfeifen würde, so würdest du mir wieder mit ausgestreckter Zunge nachlaufen wie ein Hund einer Hündin! Und so ein Kerl verlangt Liebe! Kann man denn einen solchen Menschen wie dich lieb haben? ...« Er sah sie an und erkannte sie nicht wieder. Ihr bleiches, wie von einem blendenden Lichtscheine übergossenes Gesicht in der Glorie der feuerroten Haare war so schrecklich und zugleich so schön, wie noch nie. »Hexe!« dachte er, und plötzlich schien es ihm, als ob der hinter Mauern tobende Orkan von ihr herrührte, und als ob das wilde Heulen des Sturmes ihre wilden Worte wiederholte: »Warte nur, du wirst schon erfahren, wie ich dich liebe! Alles, alles werde ich dir heimzahlen! Ich will selbst aufs Schaffot steigen, werde dich aber nicht in Schutz nehmen! Alles werde ich deinem Vater erzählen: daß du den Kaiser um Waffen gebeten, um gegen den Zaren in den Krieg zu ziehen, daß du dich über die Empörung im Heere freutest, daß du dich den Aufständischen anschließen wolltest, daß du deinem Vater den Tod wünschtest, du Bösewicht! Alles werde ich hinterbringen, du wirst dich gar nicht rechtfertigen können! Der Zar wird dich foltern lassen, mit der Knute wird er dich totpeitschen, ich werde aber zuschauen und sprechen: ›Lieber Aljoschenjka, mein Herzensfreund, weißt du noch, wie dich deine Afroßja geliebt hat? ...‹ Und deine Brut, den ›Silbernen‹, werde ich, sobald er geboren ist, mit eigenen Händen ...« Er schloß die Augen und verstopfte sich die Ohren, um nichts zu sehen und nichts zu hören. Es war ihm, als ob die Welt unterginge und auch er selbst in den Abgrund stürzte. Er begriff so klar wie noch nie, daß es für ihn keine Rettung mehr gab; wie er auch kämpfte, was er auch unternähme, er war unrettbar verloren. Als der Zarewitsch die Augen wieder aufschlug, war Afrossinja nicht mehr im Zimmer. Doch durch die Ritze in der nicht ganz dicht verschlossenen Schlafzimmertüre drang ein Lichtschein. Er begriff, daß sie im Schlafzimmer war, ging zur Tür und blickte hinein. Sie packte mit großer Hast ihre Sachen und band sie in ein Bündel zusammen, als wollte sie ihn sofort verlassen. Das Bündel war nicht groß: es enthielt nur etwas Wäsche, zwei oder drei einfache Kleider, die sie sich selbst genäht hatte, und die ihm gar zu gut bekannte alte Schatulle aus ihrer Mädchenzeit mit dem zerbrochenen Schloß und dem halb abgeriebenen, an einer Weintraube pickenden Vogel auf dem Deckel; es war dieselbe Schatulle, in der sie, als sie noch leibeigene Magd im Hause der Wjasemskij's war, ihre Aussteuer zusammensparte. Die wertvollen Kleider und andere Sachen, die er ihr geschenkt hatte, legte sie sorgfältig beiseite: offenbar wollte sie seine Geschenke nicht mitnehmen. Das beleidigte ihn noch mehr als alle ihre bösen Worte. Als sie mit dem Packen fertig war, setzte sie sich ans Nachttischchen, spitzte eine Feder und begann zu schreiben; sie schrieb langsam und malte mit großer Mühe Buchstaben auf Buchstaben. Er ging auf den Zehen leise an sie heran, beugte sich über ihre Schulter und las die ersten unorthographischen Zeilen: »Alexander Iwanowitsch.« »Da der Zarewitsch zum Papst fahren will, und ich ihm davon abrate, und er auf mich nicht hören will und sehr böse ist, bitte ich Euer Gnaden, sofort nach mir zu schicken, am besten aber selbst herzukommen, damit er mich nicht mit Gewalt mitnimmt. Ohne mich wird er aber, denke ich, nirgends hinfahren.« Ein Dielenbrett knarrte unter seinen Füßen. Afrossinja wandte sich rasch um, stieß einen Schrei aus und sprang auf. Sie standen sich beide schweigend und unbeweglich gegenüber und blickten einander in die Augen mit unverwandten Blicken, genau wie damals, als er sich mit dem Messer in der Hand auf sie gestürzt hatte. »Willst du also wirklich zu ihm?« flüsterte er mit heiserer Stimme. Sie verzog ihre etwas bleich gewordenen Lippen zu einem leisen Lächeln. »Ich will zu ihm, ich will zu dem andern. Dich werde ich gar nicht um Erlaubnis fragen.« Sein Gesicht verzerrte sich wie in einem Krampfe. Mit der einen Hand packte er sie an der Kehle, mit der andern an den Haaren, warf sie zu Boden und begann sie zu schlagen, herumzuzerren und mit den Füßen zu treten. »Kreatur! Kreatur! Kreatur!« Die feine Klinge des Dolches, den sie als Page getragen und mit dem sie soeben vom großen Bogen ein Blatt Papier für ihren Brief abgeschnitten hatte, funkelte auf dem Tische. Der Zarewitsch ergriff den Dolch und holte zu einem Schlage aus. Er empfand eine wahnsinnige Wollust, wie damals, als er sich mit Gewalt ihrer bemächtigt hatte; er sah plötzlich ein, daß sie ihn immer betrogen hatte, daß er sie selbst in den leidenschaftlichsten Umarmungen niemals besessen hatte, und daß er nur dann sie ganz besitzen und seine ungeheure Wollust stillen würde, wenn er sie jetzt tötete. Sie schrie nicht und rief nicht um Hilfe; sie rang mit ihm schweigend, geschickt und geschmeidig wie eine Katze, während des Ringens stieß er den Tisch um, auf dem das Licht stand. Das, Licht erlosch. Es wurde stockfinster, vor seinen Augen drehten sich flammende Räder. Die Stimmen des Orkans heulten irgendwo dicht in seiner Nähe, beinahe an seinem Ohre und gingen plötzlich in ein schallendes Gelächter über. Er fuhr zusammen, wie wenn er aus einem tiefen Schlafe erwachte, und fühlte im gleichen Augenblick, daß sie unbeweglich wie eine Tote in seinen Händen hing. Er öffnete die Hand, mit der er sie noch immer an den Haaren hielt. Ihr Körper schlug wie leblos am Boden auf. Ihn erfaßte solches Grauen, daß seine Haare sich sträubten. Er warf den Dolch weit von sich fort, lief ins Nebenzimmer, ergriff den Leuchter mit den heruntergebrannten Kerzen, kam ins Schlafzimmer zurück und sah sie hingestreckt, bleich, mit Blut an der Stirn und geschlossenen Augen auf dem Boden liegen. Er wollte schon wieder hinauslaufen, schreien, um Hilfe rufen. Es kam ihm aber vor, daß sie noch atmete. Er fiel in die Knie, beugte sich über sie, umarmte sie, hob sie behutsam auf und trug sie ins Bett. Dann begann er wie wild hin und her zu rennen, ohne selbst zu wissen, was er tat: bald gab er ihr Spiritus zu riechen, bald suchte er nach einer Feder; – es war ihm eingefallen, daß man mit dem Geruch einer brennenden Feder einen Ohnmächtigen zur Besinnung bringen kann, – bald benetzte er ihren Kopf mit Wasser. Bald beugte er sich über sie, küßte schluchzend ihre Hände, ihre Füße, ihr Kleid, rief ihren Namen, schlug sich mit dem Kopf an den Bettpfosten und raufte sich die Haare. »Ich habe sie ermordet, ermordet, ich verdammter! ...« Bald betete er: »Herr Jesu, allerreinste Muttergottes, nimm meine Seele statt der ihrigen! ...« Sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, und er glaubte, daß er sofort sterben würde. Plötzlich merkte er, daß sie die Augen aufschlug und ihn mit einem seltsamen Lächeln ansah. »Afroßja, Afroßja ... was ist mit dir, Mamachen? ... Soll ich den Doktor kommen lassen? ...« Sie blickte ihn noch immer schweigend, mit dem gleichen unverständlichen Lächeln an. Dann machte sie Anstalten, aufzustehen. Er half ihr und fühlte plötzlich, daß sie seinen Hals mit den Armen umschlang und ihre Wange mit einer so stillen, kindlich zutraulichen Zärtlichkeit wie noch nie an die seinige schmiegte. »Du bist wohl erschrocken? Glaubtest, daß du mich erschlagen hast? Es ist nicht der Rede wert! Es ist nicht so leicht, ein Weib umzubringen, wir sind so zählebig wie die Katzen, wenn uns der Geliebte schlägt, so ist es uns nur von Nutzen!« »Verzeihe mir, Mamachen, verzeihe mir, Teure! ...« Sie blickte ihm in die Augen, lächelte und streichelte ihm das Haar so zärtlich wie eine Mutter. »Ach, du kleiner, dummer Junge! Wenn ich dich so anschaue, kommst du mir wirklich wie ein kleines Kindchen vor. Du verstehst nichts, du kennst unsere Weibersitten nicht, warst du wirklich so dumm und glaubtest, daß ich dich nicht liebe? Komm her, komm, ich will dir ein Wörtchen ins Ohr sagen.« Sie näherte ihre Lippen seinem Ohr und flüsterte ihm leidenschaftlich zu: »Ich liebe dich, ich liebe dich wie meine Seele! Du bist mein Leben, meine Freude! Wie könnte ich ohne dich leben? Es wäre besser für mich, wenn meine Seele den Körper verließe. Oder glaubst du es nicht?« »Ich glaube dir, ich glaube! ...« rief er, vor Glück lachend und weinend. Sie schmiegte sich immer fester an ihn. »Mein Väterchen, Aljoschenjka, mein Sonnenlicht, warum habe ich dich so lieb? ... Wo dein Verstand ist, da ist auch der meinige, wo dein Wort ist, da ist auch mein Wort und mein Kopf! Ich bin dir immer ganz zu Willen ... Mein Unglück ist, daß wir Weiber so dumm und schlecht sind, und ich noch ärger bin als alle andern, was soll ich tun, wenn Gott mich so unglücklich geschaffen hat? Er gab mir ein unersättliches, gieriges Herz. Ich sehe ja, daß du mich liebst, aber es ist mir immer zu wenig, und ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich frage mich immer: warum ist mein Junge so still und sanft, warum widerspricht er mir niemals, warum wird er nicht böse und prügelt mich niemals ordentlich durch? Ich fühle niemals deine Hand über mir, höre niemals eine Drohung. Vielleicht stimmt das Sprichwort: ›Wen ich liebe, den schlage ich‹ nicht? Vielleicht liebt er mich nicht? Nun will ich einmal versuchen, ihn zu erzürnen, um zu sehen, was daraus wird... Und nun bist du gar so einer! Um ein Haar hättest du mich erschlagen! Ganz wie der Vater, aus Angst war ich ohnmächtig geworden. Für die Zukunft wird es mir eine Lehre sein, ich werde es mir merken und dich noch mehr lieben als bisher! ...« Es war ihm, als ob er zum erstenmal in seinem Leben diese in unheimlichem, trübem Glanze brennenden Augen, diese halbgeöffneten heißen Lippen sähe, diesen wie eine Schlange glatten, zitternden Leib umfinge. »So eine ist sie!« dachte er sich in seligem Erstaunen. »Glaubst du, ich verstünde nicht zu liebkosen?« sagte sie, seinen Gedanken gleichsam erratend, mit leisem Lachen, das sein ganzes Blut zum Sieden brachte. »Warte nur, ich will dir zeigen, wie ich zu liebkosen verstehe ... Stille nur, stille die Sehnsucht meines dummen Herzens, erfülle meine Bitte, damit ich weiß, daß du mich ebenso liebst, wie ich dich, bis an den Tod! ... Mein Leben, mein Lieb, mein Schatz! ... Wirst du es tun? Wirst du es tun?« »Alles werde ich tun! Gott sei mein Zeuge, daß es nichts in der Welt gibt, was ich für dich nicht tun würde. Ich will in den Tod gehen, sage nur, was du verlangst ...« Sie flüsterte nicht, sondern hauchte nur ganz leise: »Kehre zum Vater zurück! ...« Und sein Herz erstarrte wie vorher vor Entsetzen. Es war ihm, als ob sich unter der zarten Hand Afrossinjas die eiserne Hand seines Vaters hervorstreckte und nach seinem Herzen griffe, »Sie lügt!« zuckte es durch sein Hirn wie ein Blitz. »Mag sie nur lügen, wenn sie nur liebt!« fügte er sorglos hinzu. »Es ist mir so schwer ums Herz,« fuhr sie fort, »es ist mein Tod. Es bedrückt mich so schwer, daß ich mit dir in Sünde, ungetraut lebe! Ich will keine liederliche Dirne sein, ich will vor Gott und den Menschen als deine ehrliche Ehefrau dastehen! Du sagst, ich sei für dich schon jetzt wie ein Eheweib. Bin ich es, denn wirklich? Unter der Tanne wurden wir getraut, und die Teufel haben die Gebete miaut. Unser Junge, der Silberne wird als Bastard geboren werden. Wenn du aber zum Vater zurückkehrst, wirst du mich heiraten können. Tolstoi hat es auch gesagt: soll der Zarewitsch dem Zaren vorschlagen, daß er zurückkehrt, wenn er die Erlaubnis zu heiraten bekommt; und der Vater, hat Tolstoi gesagt, wird sich darüber freuen, nur wenn der Zarewitsch auf die Krone verzichtet und friedlich auf seinen Gütern lebt. Es sei ja ganz gleich, ob er eine Leibeigene heiratet oder ob er die Mönchskappe aufsetzt: so oder so, er könne nicht mehr Zar werden ... Und ich Aljoschenjka, mein Sonnenlicht, will ja gar nichts anderes. Ich fürchte ja die Zarenkrone über alles, mein Teurer, wenn du Zar bist, wirst du dich um mich gar nicht mehr kümmern wollen, wirst ganz andere Sorgen im Kopfe haben. Die Zaren haben keine Zeit für die Liebe. Ich will nicht als vernachlässigte Zarin leben, ich will ewig dein Herzliebchen sein! Meine Liebe ist meine Zarenkrone! Wir werden uns auf ein Gut zurückziehen, nach Poretzkoje oder nach Roshdestwenno, werden in Stille und in Frieden leben, ich, du und der Silberne. Um nichts in der Welt werden wir uns zu kümmern brauchen ... Ach, mein Herz, mein Leben, meine Freude! ... willst du es nicht? Wirst es nicht tun? ... Tut dir die Zarenkrone leid? ...« »Was fragst du noch, Mamachen? Du weißt ja selbst, daß ich es tun werde ...« »Wirst du zum Vater zurückkehren?« »Ja, das werde ich.« Es war ihm, als ob sich jetzt das Gegenteil von dem, was einst zwischen ihnen geschehen war, abspielte: jetzt vergewaltigte sie ihn, wie er sie einmal vergewaltigt hatte; ihre Küsse waren wie Dolchstiche, ihre Liebkosungen wie ein Mord. Plötzlich wurde sie ganz still, stieß ihn vorsichtig zurück und hauchte wieder kaum hörbar: »Schwöre es!« Er schwankte noch wie ein Selbstmörder im letzten Augenblick, wenn er schon das Messer gezückt hat. Und doch sagte er: »Ich schwöre bei Gott!« Sie blies die Kerze aus und umarmte ihn mit endloser Leidenschaft, die so tief und schrecklich war wie der Tod. Und es war ihr, als flöge er mit ihr, der Hexe, der weißen Teufelin auf den Flügeln des Orkans in den finstersten Abgrund. Er wußte, daß es sein Verderben war, das Ende von allem, und er freute sich über das Ende. VII. Am nächsten Tage, dem 3. Oktober, schrieb Tolstoi an den Zaren nach Petersburg: »Allergnädigster Herr! Durch dieses unser alleruntertänigstes Schreiben teilen wir mit, daß der Sohn Eurer Majestät, seine Hoheit der Zarewitsch Alexej Petrowitsch uns unter heutigem Datum seinen Entschluß mitzuteilen geruhte: er gibt seinen bisherigen Widerstand auf, leistet dem Ukas Eurer Majestät Folge und fährt mit uns ohne Widerspruch nach Sankt Petersburg, worüber er auch selbst in einem eigenhändigen Briefe Eurer Majestät berichtet. Diesen Brief geruhte er uns unversiegelt zu übergeben, damit wir ihn unter unserm Umschlage Eurer Majestät übersenden; wir fügen aber nur die Abschrift bei und behalten das Original hier, denn wir haben Bedenken, es bei dieser Gelegenheit mitzuschicken. Seine Hoheit geruht nur zwei Bedingungen zu stellen: erstens, daß er auf seinen Gütern in der Nähe von Sankt Petersburg leben dürfe, und zweitens, daß ihm gestattet werde, die Dirne, die er jetzt bei sich hat, zu heiraten. Und als wir ihn zu überreden suchten, daß er zu Eurer Majestät zurückkehre, wollte er gleich von vornherein davon nichts wissen, wenn die oben erwähnten Bedingungen ihm nicht zugebilligt werden würden. Er setzt uns sehr mit seiner Bitte zu, daß wir ihm von Eurer Majestät die Erlaubnis erwirken, jene Dirne noch vor seiner Ankunft in Sankt Petersburg heiraten zu dürfen. Obwohl mir diese das Ansehen des Staates berührenden Bedingungen sehr schwerwiegend erscheinen, habe ich mir doch erlaubt, ohne einen Befehl dazu zu haben, sie ihm mündlich zuzugestehen. Ich teile Eurer Majestät meine unmaßgebliche Ansicht darüber mit: wenn keine besonderen Gründe dagegen sprechen, sollte man ihm die Erlaubnis erteilen, damit die ganze Welt sieht, was er für ein Mensch ist und daß er nicht wegen irgend einer Beleidigung sondern nur dieser Dirne wegen entlaufen ist; zweitens würde er dadurch den Kaiser sehr kränken und sein Vertrauen für immer verlieren; drittens würde ihm die jetzt noch bestehende Möglichkeit, eine standesgemäße Ehe einzugehen, genommen werden. Wenn Ihr darauf eingeht, so geruht dies in einem Briefe unter anderen Angelegenheiten mitzuteilen, damit ich ihm den Brief zeigen kann, aber nicht einzuhändigen brauche. Sollte aber Eure Majestät den Vorschlag für unannehmbar halten, so geruht doch, dem Zarewitsch in Eurem Briefe einige Hoffnung zu machen, daß die Trauung vielleicht in unserm Reiche, aber keinesfalls im Auslande vollzogen werden könne, damit er, von dieser Hoffnung beseelt, seine Absichten nicht ändere und ohne jedes Mißtrauen zu Euch zurückkehre. Und geruht ferner die Rückkehr Eures Sohnes eine Zeitlang geheimzuhalten; denn wenn die Sache ruchbar wird, könnte ihm jemand, dem es nicht passen sollte, schreiben und ihm solche Angst machen, daß er seine Absicht (wovor uns Gott behüten möchte!) aufgibt. Geruht ferner, mir einen Befehl an die Kommandeure der Truppen, denen ich unterwegs vielleicht begegnen werde, zu schicken, daß sie mir im Notfalle bewaffnete Begleitmannschaften mitgeben. »Wir hoffen Neapel am 6. oder endgültig am 7. Oktober zu verlassen. Der Zarewitsch wird aber zuvor nach Bari zu den Reliquien des heiligen Nikolai fahren, wohin wir ihn begleiten werden. Die Straßen im Gebirge sind sehr schlecht, und wir können daher, selbst wenn wir uns sehr beeilen, unmöglich so schnell vorwärts kommen, wie es erwünscht wäre. Die erwähnte Dirne ist aber im vierten oder fünften Monat schwanger, welcher Umstand unsere Reise verzögern kann, weil er ihretwegen nicht rasch fahren wollen wird: es ist unmöglich zu schildern, wie sehr er sie liebt und wie er um sie sorgt. So verbleibe ich mit sklavischer Ergebenheit und hohem Respekt alleruntertänigst Peter Tolstoi. P.S. Wenn Gott mir die Gnade schenkt, daß ich nach Sankt Petersburg heimkehre, werde ich vor Eurer Majestät Italien loben dürfen, ohne dafür einen Strafbecher trinken zu müssen; denn es bedurfte nicht einmal einer wirklichen Reise, sondern schon Eure Absicht allein, nach Italien zu gehen, hat genügt, um einen für Eure Majestät und das ganze russische Reich nützlichen Effekt zu erzielen.« Am gleichen Tage schrieb er auch an den Residenten Wesselowskij nach Wien: »Haltet alles ganz geheim, damit nicht irgend ein Teufel dem Zarewitsch schreibt und ihn von dieser Reise abschreckt. Gott allein weiß, welch große Schwierigkeiten wir in dieser Sache zu überwinden hatten! Welch große Wunder uns geschehen, kann ich in Wahrheit gar nicht schildern.« Peter Andrejewitsch saß nachts allein in seinen Gemächern im Gasthofe »Zu den drei Königen« am Schreibtisch vor einer Kerze. Nachdem er den Brief an den Zaren beendigt und vom Schreiben des Zarewitsch eine Kopie gemacht hatte, nahm er den Siegellack zur Hand, um beide Briefe in einem Umschlage zu versiegeln. Aber er legte den Siegellack wieder weg, las noch einmal den Originalbrief des Zarewitsch durch, holte tief und mit Wonne Atem, zog seine goldene Tabaksdose aus der Tasche, zerrieb die Prise zwischen den Fingern und versank mit stillem Lächeln in seine Gedanken. Er traute kaum seinem Glück. Erst heute morgen war er so verzweifelt, daß als vom Zarewitsch das Billet kam: »Ich muß dich dringend sprechen, was nicht ohne Nutzen sein wird«, er zu ihm gar nicht hinfahren wollte: »Durch alle diese Gespräche verliere ich nur Zeit.« Und plötzlich war der »verstockte Starrsinn« wie weggeblasen, und der Zarewitsch willigte in alles ein. »Es ist ein Wunder, ein wahres Wunder! Niemand als Gott und der heilige Nikolai hat es vollbracht! ...« Nicht umsonst hatte Peter Andrejewitsch den heiligen Nikolai immer besonders verehrt und sich stets auf die »heilige Protektion« des Wundertäters verlassen. Er freute sich auch jetzt, mit dem Zarewitsch nach Bari reisen zu können. »Der Heilige hat es wahrlich verdient, daß ich ihm eine Kerze weihe!« Den Erfolg hatte er natürlich außer dem heiligen Nikolai auch der Göttin Venus zu verdanken, die er gleichfalls mit großem Eifer verehrte: Mütterchen Venus hatte ihn doch wirklich nicht zu Schanden werden lassen und ihm aus der Klemme geholfen! Heute hatte er der Dirne Afroßjka beim Abschied die Hand geküßt. Er hätte sich vor ihr auch gern bis zur Erde verneigt wie vor der Göttin Venus. Eine tüchtige Dirne! Wie geschickt sie doch den Zarewitsch umgarnt hat! Er ist wohl doch nicht so dumm, um nicht zu sehen, was ihn erwartet. Das ist eben die Sache, daß er zu klug ist. »Es ist die Hauptregel,« lautete einer von Tolstois Aussprüchen, »daß man einen Klugen recht leicht betrügen kann: die Klugen wissen zwar sehr viel, kennen sich aber in den alltäglichsten Dingen, die man im Leben am meisten braucht, gar nicht aus? die Vernunft und den Charakter eines Menschen zu ergründen, ist eine große Philosophie, und es ist viel schwieriger, die Menschen zu kennen, als viele Bücher auswendig zu wissen.« Mit welcher Sorglosigkeit, mit welch freudigem Gesicht hatte ihm der Zarewitsch heute erklärt, daß er zum Vater reisen wolle! Er war wie schlaftrunken oder berauscht; er lachte die ganze Zeit so unheimlich und mitleiderregend. »Ach, der Ärmste, der Ärmste!« sagte sich Tolstoi, bekümmert den Kopf schüttelnd. Dann nahm er die Prise und wischte sich eine Träne aus den Augen; ob die Träne vom Tabak oder von seinem Mitleid mit dem Zarewitsch herrührte, war nicht klar, »wie ein stummes Lamm läßt er sich zur Schlachtbank führen. Gott stehe ihm bei!« Peter Andrejewitsch hatte ein gutes, sogar empfindsames Herz. »Ja, er tut mir leid, aber ich konnte nichts anderes tun,« tröstete er sich sogleich. »Dazu gibt es ja auch den Hecht im See, damit die Karausche nicht zuviel schläft! Freundschaft ist Freundschaft, und Dienst ist Dienst.« Nun hatte Tolstoi dem Zaren und dem Vaterlande einen wirklich großen Dienst erwiesen, hatte sich nicht blamiert, stand als ebenbürtiger Schüler Niccolo Machiavellis da und hatte seiner Karriere die Krone aufgesetzt: sein Glücksstern wird sich nun als ein Andreasstern auf seine Brust herabsenken, die Tolstois werden Grafen sein, und wenn sie in den kommenden Jahrhunderten berühmt sein werden und sich die höchsten Titel erwerben, so werden sie auch des Peter Andrejewitsch gedenken! Herr, nun lassest du deinen Diener in Frieden fahren! Diese Gedanken erfüllten sein Herz mit fast ausgelassener Freude. Er fühlte sich plötzlich so jung, als ob ihm vierzig Jahre vom Buckel genommen worden wären. Er wäre imstande gewesen, vor Freude zu tanzen, als ob ihm an Händen und Füßen kleine Flügel wie beim Gotte Merkur gewachsen wären. Er hielt den Siegellack über die Kerzenflamme. Die Flamme zitterte, und der riesengroße Schatten seines kahlen Schädels – er hatte zur Nacht die Perücke abgenommen – tanzte auf der Wand, hüpfte, schnitt Grimassen und grinste wie ein Totenschädel. Die dicken blutroten Tropfen des Siegellacks fielen siedend herab. Und er summte leise sein Lieblingslied vor sich hin: Cupido, laß den Pfeil, Wir sind ja nicht mehr heil, Wir sind so süß versehret Durch deinen Pfeil vom Golde, Die Liebe, ach, die holde, An unsren Herzen zehret! ... Der Brief des Zarewitsch, den Tolstoi dem Zaren schickte, lautete: Allergnädigster Herr Vater! »Eurer Majestät allergnädigstes Schreiben habe durch die Herren Tolstoi und Rumianzow zu recht erhalten / aus welchen so wohl als aus der mündlichen Vorstellung derer Herren Abgeschickten / Eurer Majestät allergnädigsten Zusage / so sie mir Unwürdigen thun / vernommen habe / und daß Eure Majestät diese meine muthwillige Flucht sofern ich zurück komme / pardonieren wollen / davor sage ich Ihnen allerunterthänigsten Dank / und bitte nochmahls mit Thränen zu den Füßen Eurer Majestät fallend / um Vergebung meiner Fehler / der ich mich aller Straffe würdig gemachet. Ich verlasse mich auf Eurer Majestät allergnädigstes Versprechen / und nach dem ich mich Dero Willen unterworffen / werde mit denen von Eurer Majestät Abgeschickten / dieser Tage aus Neapolis nach St. Petersburg abreisen Dero Allerunterthänigster und unnützer Knecht / der nicht würdig sich zu nennen Dero Sohn Alexius.« Siebentes Buch. Peter der Große.   I. Peter war früh aufgestanden, »selbst die Teufel sind noch nicht erwacht,« brummte der verschlafene Kammerlakai, der den Ofen einheizte. Ein schwarzer Novembermorgen blickte durchs Fenster herein. Der Zar saß beim Scheine eines Talglichtstummels mit Nachtmütze, Schlafrock und einem vorgebundenen Lederschurz bekleidet vor der Drehbank und drechselte aus Bein einen Kronleuchter für die Peter-Pauls-Kathedrale als Dank für die Heilung, die durch den Gebrauch von Stahlwasser bewirkt worden war; dann schnitzte er aus finnländischem Birkenholze einen kleinen Bacchus mit einer Traube, der den Deckel eines Pokals zieren sollte. Er arbeitete mit solchem Eifer, als ob er sich damit sein tägliches Brot verdienen müßte. Um halb fünf erschien der Kabinettssekretär Alexej Wassiljewitsch Makarow. Der Zar stellte sich an das ›Betpult‹ – es war eigentlich ein sehr hohes Schreibpult aus Nußbaumholz, das einem Manne von mittlerem Wuchse bis an den Hals reichte, und begann ihm einen Ukas über die Kollegien zu diktieren, die in Rußland auf den Rat von Leibniz ›nach dem Muster und Beispiel andrer politischer Staaten‹ eingerichtet werden sollten. »Ebenso wie in einer Uhr ein Rad durch das andere bewegt wird,« hatte der Philosoph dem Zaren gesagt, »so muß auch in der großen Staatsmaschine ein Kollegium das andere in Bewegung setzen; und wenn alles in richtigem harmonischen Verhältnisse eingerichtet ist, so wird der Lebenszeiger dem Lande lauter glückliche Stunden zeigen.« Peter liebte die Mechanik, und der Gedanke, den Staat in eine Maschine zu verwandeln, reizte ihn. Aber was im Geiste leicht erschien, erwies sich in der Tat als recht schwierig. Die Russen verstanden und liebten die neuen Kollegien nicht. Der Zar ließ sich aus dem Auslands Gelehrte und ›in der Rechtswissenschaft erfahrene Männer‹ kommen. Diese erledigten die Geschäfte durch Vermittlung von Dolmetschern. Dies war sehr unbequem. Nun schickte man junge russische Kanzleischreiber nach Königsberg ›zur Erlernung der deutschen Sprache, damit sie später in den Kollegien Verwendung finden könnten‹; ihnen wurden auch eigene Aufseher beigegeben, die aufzupassen hatten, ›daß sie nicht bummelten‹. Aber die Aufseher bummelten samt den Beaufsichtigten. Der Zar erließ den Ukas: ›Die Kollegien haben nach dem Muster des schwedischen Statuts ein in Paragraphen angeordnetes Reglement für die Führung sämtlicher Angelegenheiten zu verfassen; sollten sich aber einzelne Paragraphen des schwedischen Reglements als unbequem oder der Situation unseres Staates nicht entsprechend erweisen, so sind solche nach eigenem Ermessen fortzulassen.‹ Dieses eigene Ermessen war aber nicht vorhanden, und der Zar ahnte, daß in den neuen Kollegien die Geschäfte auf die gleiche Weise besorgt werden würden wie in den alten Kanzleien. ›Alles ist vergebens‹, dachte er, ›solange man bei uns nicht den direkten Nutzen der Krone erkennt, was auch in hundert Jahren kaum zu erhoffen ist.‹ Der Kammerlakai meldete den Übersetzer des Kollegiums für auswärtige Angelegenheiten, Wassilij Koslowskij, an. Ein blasser junger Mann von schwindsüchtigem Aussehen trat ins Zimmer. Peter suchte unter seinen Papieren und übergab ihm ein durchstrichenes, mit vielen Bleistiftnotizen am Rande versehenes Manuskript, – ein Traktat über die Mechanik. »Es ist schlecht übersetzt, korrigiere es.« »Eure Majestät!« stammelte Koslowskij, stotternd vor Angst, »der Verfasser des Buches gebraucht einen solchen Stil, daß man ihn schwer verstehen kann, denn er schreibt mit vielen Abkürzungen und Symbolen, indem er weniger auf den Nutzen für die Menschheit, als auf die Subtilität seines philosophischen Stils bedacht ist. Bei der Unzulänglichkeit meines Verstands ist es mir unmöglich, ihn zu verstehen.« Der Zar belehrte ihn mit großer Geduld: »Du brauchst nicht auf die Erhaltung eines jeden Wortes des Originals in deiner Übersetzung bedacht zu sein, sondern sollst erst den Sinn des Ganzen erfassen und ihn dann mit eigenen Worten verständlich wiedergeben. Dabei sollst du nur darauf achten, daß bei der Übersetzung nichts Wesentliches verloren geht; um den Stil hast du dich aber nicht zu bekümmern, damit das Ganze nicht müßiger Schönheit diene, sondern wirtlich nützlich sei. Du sollst auch alle überflüssigen Abschweifungen fortlassen, die nur zeitraubend sind und dem Leser jede Lust zum Lesen nehmen. Auch sollst du nicht im geschraubten kirchenslawischen Stile schreiben, sondern in einfacher russischer Sprache. Wende keine hochtrabenden Ausdrücke an, sondern bediene dich der Worte, die in der Kanzlei für auswärtige Angelegenheiten üblich sind. Schreibe ebenso einfach wie du sprichst, hast du mich verstanden?« »Zu Befehl, Eure Majestät!« antwortete der Dolmetscher wie ein Soldat auf ein Kommando und ließ den Kopf traurig hängen; ihm war wohl das Schicksal seines Vorgängers im Amte am Kollegium für auswärtige Angelegenheiten, Boris Wolkow, eingefallen, der beim Übersetzen des französischen Buches über Gärtnerei › Le jardinage de Quintiny ‹ dermaßen verzweifelte, daß er sich aus Furcht vor dem Zorn des Zaren die Adern öffnete. »Nun geh mit Gott. Zeige deinen ganzen Eifer. Und sage Awramow, daß der Druck in den neueren Büchern viel dicker und unsauberer sei als in den älteren. Die Buchstaben B und P soll er ändern lassen; sie sind zu fett geschnitten. Auch sind die Einbände schlecht: er heftet die Bände viel zu fest, und darum stehen die Deckel auseinander. Man muß die Bände ganz locker heften.« Als Koslowskij gegangen war, fiel Peter der Traum Leibnizens von einer allgemeinen russischen Enzyklopädie ein, ›einer Quintessenz des Wissens, wie sie noch nicht dagewesen ist‹, von der Petersburger Akademie, dem ›höchsten Kollegium gelehrter Staatsmänner mit dem Zaren an der Spitze‹ und vom zukünftigen Rußland, das Europa in den Wissenschaften zuerst überholen und dann führen würde. »Die Schnepfe hat es noch weit zum Petritag!« sagte sich der Zar mit bitterem Lächeln. »Bevor man Europa das Licht der Aufklärung bringen kann, muß man erst selbst lernen, russisch zu sprechen und zu schreiben, Bücher zu drucken und zu binden und Papier zu machen.« Er diktierte folgenden Ukas: ›In allen Städten und Kreisstädten sind auf den Straßen die Leinwandlumpen und Fetzen zu sammeln und in die Petersburger Kanzlei zu schicken; den Einsendern sind acht Groschen für das Pud auszubezahlen.‹ Diese Lumpen waren für die Papierfabriken bestimmt. Nun folgten Ukase über das Schmelzen des Talges, über Verbesserungen in der Herstellung von Bastschuhen und über die Zurichtung des Juchtens zu Stiefeln: »da das zu Schuhwerk bestimmte Juchtenleder, welches mit Teer zugerichtet ist, leicht rissig wird und bei Nässe Wasser durchläßt, ist statt des Teeres Tran zu benützen.« Er warf einen Blick auf die Schiefertafel, die er nachts am Kopfende seines Bettes hängen hatte, um beim Erwachen die ihm während der Nacht in den Sinn gekommenen neuen Verordnungen aufzuzeichnen. In der letzten Nacht hatte er darauf folgendes aufgeschrieben: »Wo ist der Dünger zu lagern? – Persien nicht vergessen. – Von den Bastgeflechten.« Er befahl Makarow, den Brief des Gesandten Wolynskij über Persien vorzulesen. »Hier hat man einen solchen Dummkopf zum Staatsoberhaupt, wie man einen zweiten nicht nur unter den gekrönten Häuptern, sondern auch unter einfachen Leuten kaum finden kann. Gott hat diesen Thron dem Untergange geweiht. Obwohl es uns unser jetziger Krieg mit den Schweden verbietet, muß ich doch, wenn ich die Schwäche dieses Staates sehe, sagen, daß wir ohne große Armee, mit einem einzigen kleinen Corps den größten Teil Persiens annektieren können, wozu der jetzige Zeitpunkt besonders geeignet erscheint.« Peter diktierte eine Antwort an Wolynskij und befahl ihm, einen Kaufmann den Fluß Amu-Darja hinauf zu schicken, damit er den Wasserweg nach Indien erforsche, alles beschreibe und eine Karte anfertige; ferner befahl er, ein Schreiben an den Großmogul und an den Dalai-Lama von Tibet zu verfassen. Der Weg nach Indien, die Verbindung Asiens mit Europa, war der alte Traum Peters. Schon vor zwanzig Jahren wurde in Peking eine griechisch-orthodoxe Kirche der heiligen Sophia, der Allweisheit Gottes, errichtet. »Le czar peut unir la Chine avec l'Europe – Der Zar kann China mit Europa verbinden«, hatte Leibniz prophezeit. »Durch die Eroberungen des Zaren in Persien wird ein viel mächtigeres Reich geschaffen werden, als es das Römische war«, warnten die auswärtigen Diplomaten ihre Souveraine. »Der Zar trachtet wie ein zweiter Alexander nach der Eroberung der ganzen Welt«, sagte der Sultan. Peter entfaltete die Karte des Erdballs, die er einmal, als er über die zukünftigen Geschicke Rußlands nachdachte, eigenhändig entworfen hatte; die westliche Hälfte war mit »Europa« bezeichnet, die südliche mit »Asien«, und der ganze Raum vom Kap Tschukotskoj bis zum Njemen und von Archangelsk bis zum Ararat trug die Inschrift »Rußland« in ebenso großen Buchstaben wie »Europa« und »Asien«. »Man irrt,« pflegte er zu sagen, »wenn man Rußland ein Reich nennt; es ist ein Weltteil.« Mit gewohnter Willensanstrengung kehrte er aber sofort wieder vom Traume zur Wirklichkeit, vom Großen zum Kleinen zurück. Er begann neue Ukase zu diktieren: über die geeigneten Ablageplätze für Dünger; über den Ersatz der Säcke aus Bastgeflecht für den Schiffszwieback durch Säcke aus Pferdehaaren und für Graupen und Salz durch Fässer oder Leinensäcke (»Säcke aus Bastgeflecht dürfen aber nirgends mehr verwendet werden«); über die Ersparung von Bleikugeln beim Schießunterricht der Soldaten; über die Erhaltung der Wälder; über das Verbot, Särge aus ausgehöhlten Baumstämmen anzufertigen (»Särge dürfen nur aus Brettern zusammengenagelt werden«); daß man sich einen englischen Sarg als Muster kommen lassen soll. Er blätterte in seinem Notizbuche, um nachzusehen, ob er nicht etwas Wichtiges vergessen hätte. Die erste Seite des Notizbuches trug die Inschrift: »In Gottes Namen«. Dann folgten die verschiedenartigsten Notizen; zuweilen waren lange Gedankengänge mit nur zwei oder drei Worten angedeutet: »Von einer Erfindung, durch die man viele Geheimnisse der Natur aufdecken kann. »Einige schlau erdachte Versuche. Wie man brennendes Naphta mit Vitriol auslöschen kann. Wie man Hanf in Salpetersäure kocht. Das Rezept der Herstellung von Schläuchen zu Feuerspritzen ist zu kaufen. »Für die Bauern ein kleines Kompendium über die Religion zu verfassen und es in den Kirchen zur Belehrung vorlesen zu lassen. »Von den Findelkindern und ihrer Erziehung. »Von der Einführung des Walfischfanges. »Vom Verfall der griechischen Monarchie infolge Mißachtung des Krieges. »Französische Zeitungen kommen zu lassen. »Von der Anwerbung guter Komödianten in Deutschland gegen hohen Lohn. »Von den russischen Sprichwörtern. Vom russischen Lexikon. »Von Geheimnissen der Chemie und der Untersuchung der Erze. »Wenn man die Naturgesetze für vernünftig hält, wie soll man dann erklären, daß die einen Tiere die andern auffressen und daß wir ihnen so viel Leid zufügen? »Von den neueren und älteren Prozessen gegen die Atheisten. »Ein Gebet für die Soldaten zu verfassen: Großer, ewiger, heiliger Gott usw.« Das Tagebuch Peters erinnerte an die Tagebücher Leonardo da Vincis. Um sechs Uhr morgens begann er sich anzukleiden. Beim Anziehen eines Strumpfes bemerkte er ein Loch. Er setzte sich hin, nahm eine Nadel und einen Knäuel Wolle zur Hand und machte sich an die Arbeit. Während er über den Weg nach Indien auf den Spuren Alexanders des Großen nachdachte, stopfte er seine Strümpfe. Dann trank er Anisschnaps, aß eine Bretzel dazu, steckte sich die Pfeife an, verließ das Palais, setzte sich ins Kabriolet, an dem, da es nach finster war, eine Laterne brannte, und fuhr nach der Admiralität. II. Die Turmspitze der Admiralität, die sogenannte »Nadel« leuchtete im Nebel, von den Flammen der fünfzehn Schmelzöfen beschienen. Ein noch unfertiges Schiff mit schwarzen nackten Rippen ragte wie das Skelett eines Ungeheuers. Die Ankertaue erinnerten an riesige Schlangen. Die Flaschenzüge knirschten, die Hämmer pochten, das Eisen dröhnte, das Pech siedete. Im blutroten Widerscheine des Feuers huschten die Menschen wie Schatten hin und her. Die Admiralität glich einer Höllenschmiede. Peter ging umher und besichtigte alles. In der Waffenkammer prüfte er nach, ob das Kaliber der gußeisernen Kanonenkugeln und Granaten, die zu Pyramiden unter Schutzdächern aufgestapelt waren, »damit der Rost Sie nicht auffresse«, richtig aufgezeichnet sei; ob die Läufe der Flinten und Musketen mit Talg ausgegossen seien; ob Sein Ukas über die Kanonen ausgeführt wurde: »Es ist mittels eines Spiegels zu untersuchen, ob die Geschützrohre glatt gebohrt sind und ob sich in ihnen keine Unebenheiten oder Abschuppungen in der Richtung vom Bodenstück zur Mündung befinden; und wenn sich solche Ausbuchtungen zeigen, so ist ihre Tiefe mit dem Kanonenräumer zu untersuchen.« Am Geruche unterschied er die verschiedenen Sorten des Walroßtalges; durch Betasten, ob das leichte Gewicht der Segelleinwand auf der Feinheit der Fäden oder auf der Undichtheit des Gewebes beruhte. Mit jedem Fachmanne unterhielt er sich wie ein Fachmann. »Die Bretter sind an den Fugen peinlich genau zu hobeln. Man soll Bretter nehmen, die mindestens zwei Jahre gelagert haben, und je länger, desto besser: denn wenn man nicht völlig ausgetrocknete Bretter nimmt, so werfen sie sich hinterher, quellen im Wasser auf und drücken das Werg hinaus ...« »Die Planken sind mit durchgehenden Nägeln an den Bord zu befestigen. An den Enden sind Bugbänder anzubringen und mit den Barkhölzern zu vernieten.« »Nur das beste Eichenholz ist zu verwenden, das bläulich und nicht rot sein soll. Ein aus solchem Eichenholz erbautes Schiff ist wie aus Eisen, und keine Flintenkugel kann die Wandungen durchbohren; sie kann höchstens zwei Zoll tief eindringen ...« In den Hanfspeichern nahm er aus den Ballen Proben von Hanf, tat sie zwischen die Kniee und untersuchte sie sorgfältig, indem er die Fasern wie ein Fachmann auseinander zupfte und durchschüttelte. »Das Anfertigen der starken Schiffstaue ist eine schwierige und verantwortungsvolle Sache: man soll dazu nur den besten und gesündesten Hanf verwenden. Ein zuverlässiges Tau bedeutet für das Schiff Rettung, ist aber das Tau schlecht, so gehen Schiff und Mannschaft zugrunde.« Man hörte den Zaren in einem fort auf die Lieferanten und Bauunternehmer schimpfen: »Wie ich sehe, ist während meiner Abwesenheit alles den Krebsgang gegangen!« »Ich werde genötigt sein, euch mit großer Mühe und erbarmungslosen Körperstrafen wieder zur Vernunft zu bringen!« »Wartet nur, ich werde euch so einheizen, daß ihr bis zu den neuen Besen daran denken werdet!« Lange Auseinandersetzungen konnte er nicht leiden. Als ein vornehmer Ausländer ihn einmal lange mit seinem Geschwätz aufhielt, spuckte ihm Peter ins Gesicht, beschimpfte ihn mit dem Mutterschimpfwort und ließ ihn stehen. Einem betrügerischen Schreiber sagte er einmal: »Was bei dir auf dem Papier fehlen wird, das werde ich dir auf den Rücken schreiben!« Auf das Gesuch der Herren Admiralitätsräte um Erhöhung ihrer Jahresgehälter gab er den Bescheid: »Dem Gesuch ist nicht stattzugeben, denn es handelt sich hier nur um einen Nutzen für ihre Taschen und nicht für den Dienst.« Als er erfahren hatte, daß einzelne Schiffe der Galeerenflotte mit faulem Pökelfleisch verproviantiert waren und die Soldaten fünf Wochen lang nur von verdorbenen Stinten und Wasser leben mußten, aus welchem Grunde tausend Mann erkrankt und dienstuntauglich geworden waren, wurde er ernsthaft böse. Den alten ehrwürdigen Kapitän, der sich bei der Schlacht von Hangöudd ausgezeichnet hatte, hätte er beinahe ins Gesicht geschlagen. »Wenn du dich in Zukunft wieder so dumm benimmst, so darfst du dich nicht beklagen, wenn du auf deine alten Tage entehrt wirst! Warum vernachlässigst du eine so wichtige Sache, die tausendmal mehr wert ist als dein Kopf? Du liest wohl selten das Militärstatut! Die Offiziere der betreffenden Galeeren werden gehängt, und ich glaube, daß auch dir wegen deines schwachen Regiments dasselbe Schicksal droht!« Aber er ließ die bereits erhobene Hand sinken und beherrschte seinen Zorn. »Niemals hätte ich es von dir erwartet,« fügte er leise, doch so vorwurfsvoll hinzu, daß es dem Schuldigen lieber gewesen wäre, wenn der Zar ihn geschlagen hätte. »Passe auf,« sagte Peter, »daß solche Unmenschlichkeit nicht wieder vorkommt, denn dies ist vor Gott die schwerste Sünde, wie ich neulich hörte, wurden hier in Petersburg letzten Sommer die Arbeiter im Hafen, besonders die kranken, so schlecht versorgt, daß die Leichen auf den Straßen umherlagen, was dem Gewissen und den Sitten nicht nur der Christen, sondern auch der Barbaren widerspricht, wie könnt ihr nur so herzlos sein? Ihr seid doch keine Tiere, sondern Christenmenschen. Gott wird die Seelen von euch fordern!« III. Peter fuhr in seinem Kabriolet über den Quai nach dem Sommerpalais, wo er in diesem Jahre bis in den Spätherbst hinein wohnen blieb, weil das Winterpalais umgebaut wurde. Er dachte darüber nach, warum er früher immer so freudig nach Hause zum Mittagessen und zu seiner Katenjka zurückgekehrt und es ihm jetzt beinahe lästig war. Er erinnerte sich an die anonymen Briefe mit den Anspielungen auf seine Frau und den jungen hübschen Deutschen, den Kammerjunker Mons. Katenjka war stets seine treue Lebensgefährtin und gute Gehilfin gewesen. Sie hatte mit ihm stets alle Mühen und Gefahren geteilt und ihn wie eine gewöhnliche Soldatenfrau bei allen Feldzügen begleitet. Im Feldzuge beim Pruth hatte sie, indem sie sich »als Mann und nicht als Frau benahm«, die ganze Armee gerettet. Er nannte sie »Mutter«, wenn er sie nicht bei sich hatte, fühlte er sich hilflos und jammerte wie ein Kind: »Mutter! Ich habe niemanden, der meine Sachen instandhält und mir die Wäsche wäscht.« Sie waren eifersüchtig aufeinander, doch nur im Scherz. »Dein Brief machte mich nachdenklich. Du schreibst mir, ich möchte noch länger ausbleiben, angeblich wegen meiner Gesundheit; ich nehme aber an, daß du inzwischen einen Jüngeren gefunden hast; schreibe mir, bitte, ob es einer von den unsrigen oder ein Deutscher ist. So behandelt ihr Evastöchter uns Greise!« – »Ich halte dich nicht für einen Greis,« antwortete sie, »und du hast gar keinen Grund, dich einen Greis zu nennen. Ich hoffe, daß sich auch heute noch viele finden werden, die sich mit einem so lieben Greise einlassen. Solches habe ich von Euch auszustehen! Ich habe Nachrichten bekommen, daß die Königin von Schweden mit Euch ein Liebesverhältnis beginnen will; das erscheint mir auch recht glaubwürdig.« Während der Trennung tauschten sie wie Verlobte Geschenke aus. Katenjka schickte ihm, selbst wenn er mehrere tausend Werst von ihr entfernt war, Ungarwein, starken Schnaps, neue Salzgurken, Zitronen und Apfelsinen, – »da die hiesigen wohl besser schmecken. Gott lasse sie Euch wohl bekommen.« Doch die teuersten Geschenke waren die Kinder. Außer den beiden ältesten Töchtern Lisanjka und Annuschka kamen sie kränklich zur Welt und starben im zartesten Alter. Am meisten liebte er das letztgeborene Kind, Petenjka, »das Tannenzäpfchen«, den »Herrn von Petersburg«, der an Stelle Alexejs zum Thronerben erklärt worden war. Petenjka kam auch schwächlich zur Welt, war ständig krank und lebte nur von Arzneien. Der Zar zitterte um ihn und fürchtete, daß er sterben werde. Katenjka tröstete den Zaren: »Ich glaube, daß wenn unser teurer Greis hier wäre, wir im nächsten Jahr ein neues Zäpfchen haben würden.« In dieser Zärtlichkeit der Ehegatten zueinander lag eine gewisse Süßlichkeit, eine galante Empfindsamkeit, die zu dem strengen Zaren so wenig paßte. »Ich habe mir hier die Haare schneiden lassen; obwohl du dich darüber kaum freuen wirst, schicke ich dir meine abgeschnittenen Haare.« – »Die teuren Härchen habe ich richtig erhalten und die Nachricht von Eurem Wohlergehen mit Freude vernommen.« – »Ich schicke dir, meine Herzensfreundin, eine Blüte von jener Minze, die du selbst gepflanzt hast. Hier ist es, Gottlob, sehr lustig; aber so oft ich in unser Landschlößchen komme und dich nicht vorfinde, spüre ich Langeweile,« schrieb er ihr aus Reval, aus ihrem Lieblingsparke Katharinental. Dem Briefe waren eine getrocknete blaue Blume und eine Abschrift aus einer englischen Zeitung beigelegt: »Am elften Oktober des vorigen Jahres kamen aus der Provinz Monmouth zwei Ehegatten nach England, die 110 Jahre miteinander verlebt hatten, der Mann war 126 und die Frau 125 Jahre alt.« Das sollte bedeuten: gebe Gott, daß auch wir ebensolange in glücklicher Ehe zusammenleben. Und als er jetzt, wo sein Leben zur Neige ging, an diesem, traurigen Herbstmorgen an alle mit Katenjka verlebten Jahre zurückdachte und sich sagte, daß sie ihm untreu werden und ihren »Greis« mit dem ersten besten hübschen Jungen, einem Deutschen niedriger Abstammung vertauschen könnte, empfand er keine Eifersucht, auch nicht Haß oder Empörung, sondern nur die Hilflosigkeit eines Kindes, das von seiner »Mutter« verlassen ist. Er übergab die Zügel dem Kammerlakaien, krümmte sich zusammen, und senkte den Kopf, der bei jedem Stoße des Kabriolets auf dem schlechten Steinpflaster wie vor Altersschwäche wackelte. Auch er selbst schien auf einmal ganz alt und gebrechlich. Das Glockenspiel auf der andern Newaseite schlug elf. Das Morgenlicht war so trüb wie der Blick eines Sterbenden. Es schien, daß der Tag niemals anbrechen würde. Es schneite und regnete zugleich. Die Pferdehufe klatschten in den Pfützen. Die Räder ließen den Schmutz emporspritzen. Die grauen, langsam dahinschleichenden, wie Spinnenleiber aufgedunsenen Wolken zogen so niedrig, daß sie die Nadel der Peter-Paulfestung verdeckten. Das graue Wasser, die grauen Häuser, Bäume und Menschen zerflossen im Nebel wie Gespenster. Als das Kabriolet die hölzerne Zugbrücke des Schwanengrabens erreichte, schlug aus dem Sommergarten der an Grabesodem gemahnende Geruch feuchter Erde und faulenden Laubes entgegen; die Gärtner kehrten in den Alleen das welke Laub zu Haufen zusammen. Auf den kahlen Linden krächzten die Raben. Man hörte Hammerschläge: die Marmorstatuen wurden für den Winter zum Schutze gegen Frost und Schnee in schmale lange Bretterkisten eingesargt. Es war, als ob man die auferstandenen Götter wieder in Särge legte, um sie aufs neue zu begraben. Zwischen den lila-schwarzen, nassen Stämmen zeigte sich ein in holländischem Geschmack erbautes Häuschen mit hellgelben Mauern, gewürfeltem Dach aus Eisenblech, einer blechernen Wetterfahne in Form eines heiligen Georg, weißen Stuckreliefs, die allerlei Seeungeheuer, Tritone und Nereïden darstellten, enggegitterten Fenstern und einer Glastüre, die direkt in den Garten führte. Es war das Sommerpalais. IV. Im Palais roch es nach saurer Kohlsuppe. Zum Mittagessen wurde eine Kohlsuppe gekocht. Peter liebte sie wie alle einfachen Soldatengerichte. Das Speisezimmer war durch ein Fenster mit der außerordentlich sauberen Küche verbunden, die wie die altholländischen Küchen mit Kacheln ausgelegt war und deren Wände glänzendes Kupfergeschirr schmückte; die Speisen wurden durch dieses Fenster in rascher Folge hineingereicht: der Zar liebte es nicht, lange bei Tisch zu sitzen. Außer Kohlsuppe und Grütze gab es Flensburger Austern, Sülze, Sprotten, Rindsbraten mit Gurken und gesalzenen Zitronen und Entenfüßchen in saurer Sauce. Er bevorzugte überhaupt alles Saure und Gesalzene; Süßes konnte er nicht leiden. Zum Nachtisch gab es Nüsse, Äpfel und Limburger Käse. Zum Trinken – Kwas und französischen Rotwein »Eremitage«. Nur ein einziger Kammerlakai wartete bei Tafel auf. Es waren wie immer einige Gäste zu Tisch geladen: Jakob Bruce, der Leibarzt Blumentrost, irgendein englischer Steuermann, der Kammerjunker Mons und die Hofdame Hamilton. Peter hatte Mons ganz unerwartet für Katenjka eingeladen. Als sie davon erfuhr, lud sie ihrerseits die Hofdame Hamilton ein, vielleicht um ihrem Mann verstehen zu geben, daß ihr manches von seinen Liebesaffairen bekannt war. Es war dieselbe Schottländerin Hamilton, die »Dirne Hamentow«, die so stolz, keusch und kalt wie eine marmorne Diana schien und über die getuschelt wurde, als man in der Wasserröhre der Fontäne im Sommergarten eine Kinderleiche gefunden hatte, die in eine aus dem Palais stammende Serviette eingewickelt war. Sie saß ganz blaß, ohne einen einzigen Blutstropfen im Gesicht bei Tisch und sprach während der ganzen Zeit kein Wort. Trotz aller Bemühungen Katenjkas wollte kein ordentliches Gespräch zustande kommen. Sie erzählte den Traum, den sie letzte Nacht gehabt hatte: ein böses Tier mit weißem Fell und einer Krone auf dem Kopfe, auf der drei Kerzen brannten, habe mehreremale das unverständliche Wort »Saldoreth!« geschrieen. Peter liebte die Träume und schrieb sie sich oft nachts auf seiner Schiefertafel auf. Nun erzählte er auch seinen Traum: nichts als Wasser, Seemanöver, Schiffe und Galeonen; er hatte im Traume bemerkt, daß »die Segel und Masten in der Größe nicht zueinander stimmten«. »Ach, Väterchen!« sagte Katenjka gerührt. »Selbst im Schlafe hast du keine Ruhe und denkst immer an deine Schiffe!« Als er wieder in finsteres Schweigen versank, brachte sie die Rede auf die neuen Schiffe. »Der ›Neptun‹ ist ein vortreffliches, schnelles Schiff und wohl das beste in der ganzen Flotte. Auch der ›Hangöudd‹ ist ein schnelles Schiff und gehorcht leicht dem Steuer; für seine Höhe ist er aber nicht genügend steif: beim leisesten Wind legt er sich mehr auf die Seite als alle andern; wie wird er sich erst bei einem richtigen Sturme verhalten? Die große Kanonenschaluppe, die der Baas van Rehn erbaut hat, wollte ich vor Eurer Rückkehr nicht vom Stapel laufen lassen; damit sie nicht eintrocknet, ließ ich sie mit Brettern bedecken.« Sie sprach von den Schiffen wie von ihren leiblichen Kindern: »Der ›Hangöudd‹ und der ›Leßnoj‹ sind wie zwei Brüder: der eine kann ohne den andern gar nicht leben. Jetzt, wo sie nebeneinander liegen, ist es eine Freude, sie anzusehen. Die fertig gekauften Schiffe können im Vergleich mit den von uns erbauten als ›Pflegekinder‹ bezeichnet werden, denn sie unterscheiden sich von den unsrigen ebenso sehr, wie in den Augen des Vaters der Pflegesohn vom leiblichen Sohn.« Peter antwortete einsilbig und schien an etwas anderes zu denken. Er blickte verstohlen bald Katenjka, bald Mons an. Mit dem festen, glatten, wie aus einem rosafarbigen Stein gemeißelten Gesicht und den türkisblauen Augen glich der elegante Kammerjunker einer Porzellanpuppe. Katenjka fühlte, daß ihr »Greis« sie beobachtete. Sie beherrschte sich aber meisterhaft, wenn sie auch etwas von der Denunziation wußte, so verriet sie doch nicht die geringste Unruhe. Es konnte höchstens auffallen, daß ihre Augen, wenn sie ihren Mann anblickte, noch etwas mehr einschmeichelnde Freundlichkeit ausdrückten als sonst; vielleicht sprach sie auch etwas zu viel, immer von einem Thema auf das andere überspringend, als ob sie nach einem Gegenstand suchte, der die Aufmerksamkeit ihres Mannes fesseln könnte. »Sie bespricht mir die Zähne«, hätte er sich sagen können. Sie war noch nicht mit den Schiffen zu Ende, als sie die Rede auf die Kinder Lisanjka und Annuschka brachte, denen im Sommer »die Blattern beinahe die Gesichtchen verdorben hätten«, und auf das »Tannenzäpfchen«, dessen Gesundheit nach dem letzten Zahnen etwas gelitten hätte. »Mit Gottes Hilfe kehrt nun sein gewöhnlicher Zustand wieder zurück. Jetzt ist schon der fünfte Zahn glücklich durchgebrochen. Gebe Gott, daß es auch bei den folgenden Zähnen ebenso gut abläuft! Er hat nur noch Schmerzen im rechten Auge.« Peter wurde für einen Augenblick lebhaft und erkundigte sich beim Leibarzt nach dem Gesundheitszustande des »Zäpfchens.« »Seiner Hoheit geht es mit dem Auge besser«, teilte Blumentrost mit. »Es hat sich auch schon ein Zähnchen auf der anderen Seite unten gezeigt. Er geruht jetzt mit den Fingerchen etwas tiefer hineinzutasten: offenbar wollen auch die Backenzähnchen durchbrechen.« »Er wird einmal ein tapferer General werden!« mischte sich Katenjka ein. »Er will nur mit Soldaten spielen und sich immer mit dem Abrichten der Rekruten und dem Kanonenschießen ergötzen. Er kann jetzt nur diese drei Worte sprechen: Papa, Mama, Soldat! Ja, ich muß Euch bitten, Väterchen, mich in Schutz zu nehmen, denn er beginnt mit mir immer zu zanken, wenn Ihr fortreist. Wenn ich ihm sage, daß der Papa verreist ist, mag er es gar nicht hören. Aber er ist außer sich vor Freude, wenn ich sage, daß der Papa wieder hier ist,« sagte Katenjka in singendem Tone und blickte ihrem Mann mit süßlichem Lächeln gerade in die Augen. Peter erwiderte nichts, warf aber plötzlich auf sie und auf Mons einen solchen Blick, daß es allen ganz bange wurde. Katenjka schlug die Augen nieder und erbleichte. Die Hamilton hob die Augen und lächelte leise. Schweigen trat ein. Es wurde allen ganz unheimlich zumute. Peter wandte sich aber, als ob nichts vorgefallen wäre, an Jakob Bruce und begann mit ihm über Astronomie zu sprechen, über das Newtonsche System, die Sonnenflecke, die man durch ein Fernrohr mit geschwärztem Okular sehen kann und über die bevorstehende Sonnenfinsternis. Er war vom Gespräch so hingerissen, daß er bis zum Schluß der Tafel auf nichts anderes achtete. Noch bei Tische sitzend, zog er sein Notizbuch aus der Tasche und notierte: »Das Volk von der Sonnenfinsternis zu unterrichten, damit sie es nicht für ein Wunder halten können; denn was die Menschen vorher wissen, ist kein Wunder mehr. Daß niemand sich untersteht, Fabeln über falsche Wunder zu erfinden und zum Ärgernis des Volkes zu verbreiten.« Alle atmeten erleichtert auf, als Peter von der Tafel aufstand und sich ins anstoßende Zimmer begab. Er ließ sich in einen Sessel vor dem brennenden Kamin nieder, setzte sich seine große eiserne Brille mit den runden Gläsern auf, zündete sich die Pfeife an und begann die neuen holländischen Zeitungen durchzusehen, wobei er mit einem Bleistift die Stellen am Rande bezeichnete, die für die russischen Zeitungen übersetzt werden sollten. Er holte wieder sein Notizbuch hervor und schrieb ein: »Über Glück und Unglück soll alles gedruckt werden, was vorgeht; nichts soll verheimlicht werden.« Ein bleicher Sonnenstrahl brach durch die Wolken, scheu und schwach wie das Lächeln eines Todkranken. Das helle Viereck, das der Fensterrahmen am Boden zeichnete, streckte sich bis zum Kamine hin, und die rote Flamme wurde dünner und durchsichtiger,. Hinter den Fenstern hoben sich die feinen Baumäste wie Äderchen vom Himmel ab, der an geschmolzenes Silber erinnerte. Der zarte, empfindliche Orangenbaum, den die Gärtner aus einem Treibhause ins andere trugen, freute sich über den Sonnenstrahl, und seine Früchte leuchteten im dunklen, gestutzten Laube wie goldene Kugeln auf. Zwischen den schwarzen Baumstämmen schimmerten die nackten, frostigen weißmarmornen Götter und Göttinnen, die letzten, die noch nicht eingesargt waren; auch sie schienen sich zu beeilen, noch einen letzten wärmenden Sonnenstrahl zu erhaschen. Zwei kleine Mädchen kamen ins Zimmer gelaufen. Das ältere, die neunjährige Annuschka, hatte schwarze Augen, ein weißes Gesicht und rote Backen; sie war still, gesetzt, dick und etwas plump; »das Tönnchen« pflegte Peter sie zu nennen. Das jüngere, die siebenjährige Lisanjka, war blondlockig, blauäugig, leicht wie ein Vögelchen, flink und mutwillig; sie war faul beim Lernen, liebte nur Spiele, Tanz und Gesang, war sehr hübsch und bereits eine Kokette. »Ach, ihr Räuberinnen!« rief Peter aus, indem er die Zeitungen weglegte und ihnen die Arme mit zärtlichem Lächeln entgegenstreckte. Er umarmte und küßte sie und setzte sich das eine Kind auf das eine, und das andere auf das andere Knie. Lisanjka zog ihrem Vater die Brille von der Nase. Die Brille gefiel ihr nicht, weil sie ihn älter machte: mit der Brille kam er ihr wie ein Großvater vor. Dann flüsterte sie ihm ihren alten sehnlichen Wunsch ins Ohr: »Der holländische Steuermann Jesajas König hat mir gesagt, es gäbe in Amsterdam einen winzigen grünen Affen, so klein, daß man ihn in eine Walnuß hineintun könne. Diesen Affen möchte ich gerne haben, lieber Papa!« Peter zweifelte, ob ein Affe grün sein könne, gab aber das feierliche versprechen – dreimal mußte er »bei Gott« wiederholen –, mit der nächsten Post nach Amsterdam zu schreiben. Lisanjka war ganz entzückt und begann ein neues Spiel: sie bemühte sich, ihre Hand durch die blauen Rauchringe, die aus der Pfeife Peters kamen, wie durch ein Armband zu stecken. Annuschka erzählte wahre Wunder von der Klugheit und Sanftheit ihres Lieblings Mischka, des zahmen Seehundes, der in der mittleren Fontaine des Sommergartens wohnte. »Papachen, warum sollte man nicht Mischka einen Sattel umbinden und auf ihm wie auf einem Pferde im Wasser herumreiten?« »Wenn er untertaucht, müßtest du doch ertrinken, nicht wahr?« entgegnete Peter. Mit den Kindern plauderte und lachte er wie ein Kind. Plötzlich erblickte er im schmalen Spiegel, der zwischen zwei Fenstern stand, Mons und Katenjka. Sie standen zusammen im Nebenzimmer vor dem Liebling der Zarin, dem grünen guineischen Papagei und fütterten ihn mit Zucker. »Eure Majestät ist ein Dummkopf!« kreischte der Papagei durchdringend. Man hatte ihm die Worte gelehrt: »Wünsche Gesundheit Eurer Majestät!« und »Der Papagei ist ein Dummkopf!«; er hatte aber beide Sätze durcheinandergebracht. Mons hatte sich zur Zarin gebeugt und erzählte ihr etwas, beinahe ins Ohr. Katenjka hielt die Augen gesenkt, war etwas rot geworden und hörte ihm zu mit dem gezierten, süßlichen Lächeln einer Schäferin aus der »Fahrt nach der Insel der Cythere«. Peters Gesicht verfinsterte sich plötzlich. Aber er küßte seine Kinder und verabschiedete sie mit zärtlichen Worten: »Geht jetzt, geht mit Gott, ihr Räuberinnen! Grüße deinen Mischka von mir, Annuschka!« Der Sonnenstrahl erlosch. Im Zimmer wurde es finster, feucht und kalt. Dicht über dem Fenster begann ein Rabe zu krächzen. Und wieder ließen sich Hammerschläge vernehmen. Man nagelte die Särge zu, in denen die auferstandenen Götter wieder begraben werden sollten. Peter setzte sich mit Bruce an das Schachbrett. Sonst spielte er immer gut, heute war er aber zerstreut. Schon beim vierten Zug verlor er die Königin. »Schach der Königin!« sagte Bruce. »Eure Majestät ist ein Dummkopf!« kreischte der Papagei. Peter erhob zufällig die Augen und erblickte wieder im gleichen Spiegel Mons und Katenjka. Sie waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, daß sie gar nicht merkten, wie der kleine, einem Teufel ähnliche Affe von hinten herangeschlichen kam, die Pfote ausstreckte, eine schelmische Grimasse schnitt und den Saum von Katenjkas Kleid in die Höhe hob. Peter sprang auf und stieß mit dem Fuße das Schachbrett um, so daß alle Figuren zu Boden fielen. Ein Krampf durchzuckte sein Gesicht. Die Pfeife fiel ihm aus dem Munde und zerbrach; die glühende Asche zerstob auf dem Fußboden. Auch Bruce sprang erschrocken auf. Die Zarin und Mons hörten den Lärm und wandten sich um. Im gleichen Augenblick trat die Hamilton ins Zimmer. Sie bewegte sich wie eine Nachtwandlerin, ohne etwas zu sehen und zu hören. Als sie aber an Peter vorüberging, neigte sie kaum wahrnehmbar den Kopf und blickte ihn durchdringend an. Ihr schönes blasses, wie totes Gesicht atmete eine solche Kälte, daß man sie für eine der Marmorgöttinnen halten konnte, die eben eingesargt wurden. Der Zar begleitete sie mit den Blicken bis zur Türe. Dann wandte er seinen Blick auf Bruce und auf das umgestoßene Schachbrett und sagte mit schuldbewußtem Lächeln: »Entschuldige Jakow Willimowitsch ... ich tat es nicht absichtlich ...« Er verließ das Palais, setzte sich in ein Boot und ruderte zu seiner Jacht hinüber, um da nach dem Essen auszuruhen. V. Peter hatte einen unnatürlich leisen Schlaf. Es war verboten, nachts am Palais vorbeizufahren und selbst vorbeizugehen. Am Tage, wo sich in einem bewohnten Hause Geräusche unmöglich vermeiden ließen, pflegte er auf seiner Jacht Zu schlafen. Als er sich hingelegt hatte, spürte er große Müdigkeit: er war wohl an diesem Tage zu früh aufgestanden und hatte sich auf der Admiralität überanstrengt. Er gähnte mit Wohlbehagen, reckte sich, schloß die Augen und begann schon einzuschlafen, als ihn plötzlich etwas wie ein unerträglicher Schmerz durchzuckte. Es war der Gedanke an seinen Sohn, den Zarewitsch Alexei. Dieser Schmerz hatte immer dumpf an seinem Herzen genagt. Aber manchmal, in Stille und Einsamkeit machte er sich mit neuer Kraft wie eine aufgerissene Wunde bemerkbar. Er bemühte sich, einzuschlafen, der Schlaf wollte aber nicht mehr kommen. Die Gedanken drängten sich ihm ganz von selbst in den Kopf. Dieser Tage hatte er einen Brief bekommen, in dem Tolstoi ihm mitteilte, daß Alexej um nichts in der Welt zurückkehren würde. Mußte er nun selbst nach Italien reisen und einen Krieg mit dem Kaiser und England, vielleicht sogar mit ganz Europa beginnen, jetzt wo er an nichts anderes als an die Beendigung des Krieges mit den Schweden und an den Frieden denken durfte? Wofür hatte ihn Gott mit einem solchen Sohne gestraft? »Absalons Herz, Absalons Herz, das alle Taten seines Vaters haßte und ihm selbst den Tod wünschte!« stöhnte er dumpf, sich die Schläfen mit den Händen zusammenpressend. Es fiel ihm ein, daß sein Sohn ihn vor dem Kaiser und vor der ganzen Welt einen Bösewicht, einen Tyrannen, einen Gottlosen genannt, daß Alexejs Freunde, »die langen Bärte«, die Mönche und frommen Greise ihn, Peter, für den Antichrist erklärt hatten. »Die Dummköpfe!« sagte er für sich mit ruhiger Verachtung, »hätte ich denn das, was ich vollbracht habe, ohne Gottes Hilfe vollbringen können? Wie sollte ich nicht an Gott glauben, wenn Er seit meiner Kindheit bis zu dieser Stunde stets mit mir gewesen ist?« Sein Gewissen prüfend, gleichsam sich selbst beichtend, ließ er sein ganzes Leben vor sich vorüberziehen. War es nicht Gott, der ihm den Wunsch zu lernen eingegeben hatte? Mit sechzehn Jahren konnte er kaum schreiben und nur sehr mangelhaft addieren und subtrahieren. Damals ahnte er aber schon dunkel, was er später klar begriff: »Die Rettung Rußlands liegt im Wissen; alle übrigen Völker verfolgen die Politik, Rußland in Unwissenheit zu erhalten und keinerlei Aufklärung, besonders aber in der Kriegswissenschaft, über die Grenze dringen zu lassen, damit dieses Land seine eigene Kraft nicht erkenne.« Und er hatte sich entschlossen, selbst ins Ausland zu gehen, um dort zu lernen. Als man von diesem Entschluß in Moskau erfuhr, kamen der Patriarch und die Bojaren, die Zarinnen und die Zarewnas zu ihm, legten ihm seinen Sohn Mjoschenjka vor die Füße und flehten ihn unter Tranen an, er möchte doch nicht zu den Deutschen fahren, denn solches sei, so lange Rußland bestehe, noch nicht vorgekommen. Und das Volk begleitete ihn wehklagend, als ob er in den Tod ginge. Er reiste aber trotzdem fort, und so geschah das Unerhörte: der Zar nahm statt des Szepters die Axt in die Hand und wurde einfacher Zimmermann. »Ich gehöre dem Stande der Lernenden an und suche nach einem Lehrer. Das man mit eigenen Händen gemacht hat, das kann man für kein Geld kaufen.« Und Gott segnete seine Mühe: aus der Rotte junger Burschen, die er zum Zeitvertreib wie Rekruten abrichtete und die seine Schwester Zsofja verächtlich »ausgelassene Stallknechte« nannte, entstand sein mächtiges Heer; aus den kleinen Spielzeugkähnen, in denen er auf den Teichen des Roten Gartens spazieren fuhr, – seine siegreiche Flotte. Der erste Zusammenstoß mit den Schweden führte zu der Niederlage bei Narwa. »Das Ganze war wie ein Kinderspiel, von Kriegskunst war dabei keine Rede, wenn ich heute daran denke, so muß ich diese Niederlage für eine göttliche Gnade halten, denn das Unglück trieb uns unsere Faulheit aus und zwang uns, Tag und Nacht zu arbeiten und zu lernen.« Die Niederlage schien schrecklich. König Karl prahlte: »Wir könnten die russische Kanaille nicht nur mit dem Degen, sondern auch mit einer Peitsche aus der ganzen Welt, geschweige denn aus ihrem eigenen Lande, hinaustreiben!« Hätte Gott ihm damals nicht geholfen, so wäre er zugrunde gegangen. Ihm fehlte Kupfer für die Geschütze; er befahl, die Kirchenglocken in Geschütze umzugießen. Die Mönche drohten, daß Gott ihn dafür strafen würde. Er wußte aber, daß Gott mit ihm war. Ihm fehlten auch Pferde; er ließ Menschen vor die Geschütze der neuen, »mit Tränen benetzten« Artillerie spannen. Alles gärte wie junger Wein. Draußen gab es Krieg und innen Aufstände. Die Empörung von Astrachan, die von Bulawin. Karl hatte die Weichsel und den Njemen überschritten und Grodno besetzt, zwei Stunden nachdem Peter die Stadt verlassen hatte. Er erwartete von Tag zu Tag, daß die Schweden auf Petersburg oder Moskau marschieren würden; er befestigte beide Städte und bereitete sie für eine Belagerung vor. In derselben Zeit war er so schwer krank, daß er an seinem Leben verzweifelte. Und wieder geschah ein Wunder Gottes: Karl brach allen Erwartungen und jeder Wahrscheinlichkeit zum Trotz seinen Vormarsch ab und wandte sich nach dem Südosten, nach der Ukraine. Der Aufstand legte sich von selbst. »Der Herr hat auf wunderbare Weise das Feuer mit Feuer gelöscht, damit wir alle sehen können, daß alles nicht vom menschlichen, sondern von Seinem Willen abhängt.« Nun kamen die ersten Siege über die Schweden. Während der Schlacht bei Ljessnoje hatte er hinter der Front die mit Picken bewaffneten Kosaken und Kalmücken aufgestellt, die den Befehl hatten, jeden, der zu fliehen versuchte, und wenn es auch der Zar selbst wäre, niederzustechen. Den ganzen Tag war man im Feuer gestanden, doch nicht aus Reih und Glied gekommen und um keine Handbreit gewichen; viermal waren die Gewehre vom Schießen glühend geworden, viermal mußten die Beutel und Taschen mit Patronen frisch gefüllt werden. »Solange ich diene, habe ich noch kein solches Spiel gesehen; wir haben aber diesen Tanz vor den Augen des heißblütigen Karls gar nicht übel getanzt!« Von nun an »wurde der schwedische Nacken biegsamer.« Poltawa. Noch nie in seinem Leben hatte er die helfende Hand Gottes so sehr gespürt wie an diesem Tage. Es war wieder ein Glück, das an ein Wunder grenzte. Karl war in der vorhergehenden Nacht von einer zufälligen Kosakenkugel verletzt worden. Gleich zu Beginn wurde die Tragbahre, auf der Karl der Schlacht beiwohnte, von einer Kanonenkugel getroffen; die Schweden glaubten, daß er erschlagen worden sei, und ihre Reihen gerieten in Unordnung. Peter sah die Schweden fliehen, und es war ihm, als ob ihn unsichtbare Flügel trügen; er wußte, daß der Tag von Poltawa »der Tag der Auferstehung Rußlands« und die strahlende Sonne dieses Tages die Sonne des ganzen neuen Rußlands sei. »Nun ist der Grundstein zur Erbauung Sankt-Petersburgs endgültig gelegt. Von nun an werden wir in Petersburg ruhig schlafen können.« War nicht auch diese, allen Elementen zum Trotz, mitten unter Sümpfen und Wäldern gegründete Stadt, »das wie ein Kind in Schönheit emporwachsende, göttliche Paradies und heilige Land« ein großes Wunder Gottes, ein Zeichen der Gnade, die Gott ihm nun ununterbrochen und offensichtlich vor dem Antlitze der kommenden Jahrhunderte erwies? Und jetzt, wo es beinahe vollendet war, drohte alles wieder einzustürzen. Gott war von ihm gewichen und hatte ihn verlassen. Nachdem er ihm den Sieg über die äußeren Feinde verliehen hatte, traf er ihn in seinem innersten Herzen, in seinem eigenen Fleisch und Blut, in seinem Sohn. Die gefährlichsten Verbündeten seines Sohnes waren nicht die fremden Armeen, sondern die im Innern seines Staates wimmelnden Heere der Schelme, Nichtstuer, bestechlichen Beamten und anderer schlechter Menschen. Aus der Art, wie während seiner letzten Abwesenheit aus Rußland die Geschäfte geführt worden waren, konnte Peter schließen, wie sie dereinst nach seinem Tode gehen würden: während dieser wenigen Monate hatte alles gekracht und gewankt wie eine alte morsche Barke, die bei Sturm auf eine Sandbank geraten ist. »Ungeheure Mißbräuche haben sich überall bemerkbar gemacht.« Nun erließ er gegen die bestechlichen Beamten einen Ukas nach dem andern, einer grausamer als der andere. Fast jeder begann mit den Worten: »Wenn jemand diesen unsern letzten Ukas nicht beachtet ...« doch diesem letzten folgten immer neue mit denselben Drohungen und der Erklärung, daß er der letzte sei. Manchmal ließ er vor Verzweiflung die Hände sinken. Er fühlte eine entsetzliche Ohnmacht. Er stand allein gegen alle, wie ein großes Tier, das von Mücken und Stechfliegen überfallen und zu Tode gestochen wird. Als er merkte, daß er mit Gewalt nichts erreichen konnte, wandte er List an. Er begünstigte die Denunziationen und richtete ein besonderes Amt der Fiskale ein. Nun kamen im Lande Angebereien und Intrigen auf. »Die Fiskale passen gar nicht auf, sie leben wie Faulenzer und decken einander, weil sie alle eine Bande bilden.« Schelme denunzieren Schelme, Angeber – Angeber, Fiskale – Fiskale, und der Erzfiskal ist auch zugleich der Erzschelm. Es ist ein Abgrund von Scheußlichkeit, eine bodenlose Mistgrube, ein Augiasstall, den kein Herkules zu säubern vermag. Alles fließt in Schmutz auseinander und löst sich auf wie bei Tauwetter. An allen Ecken und Enden tritt die »uralte Fäulnis« zutage. In ganz Rußland herrscht ein solcher Gestank wie einst bei Poltawa, als die Armee das Schlachtfeld räumen mußte, weil die Mannschaften am Gestank der zahllosen Leichen beinahe erstickt wären. Auch in ihren Herzen herrscht Finsternis wie in den Geistern. Sie wollen das Gute nicht, weil sie das Gute nicht begreifen. Der Adel und das einfache Volk sind wie Jerjoma und Foma im Sprichwort: Jerjoma lehrt nicht, Foma kann nichts. Hier können keinerlei Ukase helfen. »Unsere Köpfe sind stumpf, und unsere Hände sind ungelenk; unser Volk ist schwer von Begriff,« sagten ihm die Alten. Einmal hörte er von einem holländischen Steuermann eine alte Sage: Schiffer erblickten mitten im Ozean eine unbekannte Insel; sie legten an, gingen ans Land und machten Feuer, um sich Essen zu kochen; plötzlich begann aber das Land zu beben und versank ins Wasser, so daß sie beinahe ertranken. Was ihnen als Insel erschienen war, stellte sich als der Rücken eines schlafenden Walfisches heraus. Glich nicht die ganze neue Aufklärung Rußlands diesem Feuer, das auf dem Rücken eines Leviathans, auf der starren Masse des schlafenden Volkes angezündet war? Verfluchte Sisyphusarbeit! Sie ist wie die Arbeit der Sträflinge, die in Roggerwiek eine Mole bauen; ein Sturm vernichtet in einer Stunde alles, was die Mühe vieler Jahre gekostet hat; sie bauen wieder, und wieder stürzt alles ein, und so geht es in die Unendlichkeit. »Wir sehen alle,« hatte ihm einst ein kluger Bauer gesagt, »wie du, großer Zar, dich abmühst; du kannst aber nichts erreichen, weil du keine Gehilfen hast: wenn du die Karre selbst mit zehnfacher Kraft auf den Berg hinaufziehst, so ziehen Millionen sie wieder bergab; wie kann da die Arbeit vorwärts gehen?« »Eine Last, eine unerträgliche Last!« stöhnte Peter, schlaflos auf seinem Bette liegend, mit solchem Schmerz, als ob die ganze Last Rußlands wirklich auf ihm allein ruhte. »Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich nicht Gnade vor deinen Augen, daß du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legest?« wiederholte er die Worte Mosis zu Gott. »Habe ich nun alles Volk empfangen oder geboren, daß du zu mir sagen magst: Trage es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern geschworen hast? Ich vermag das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. Und willst du also mir tun, so erwürge mich lieber, habe ich anders Gnade vor deinen Augen gefunden, daß ich mein Unglück nicht so sehen müsse.« Und plötzlich dachte er wieder an seinen Sohn und fühlte, daß diese ganze entsetzliche Last, die ganze Leichenstarre Rußlands in ihm, in seinem Sohne ruhte. Endlich gewann er mit ungeheurer Willensanstrengung Oberhand über sich selbst, rief den Kammerdiener, kleidete sich an, setzte sich ins Boot und kehrte ins Palais zurück, wo ihn die wegen Gaunereien und Bestechlichkeit vorgeladenen Senatoren erwarteten. VI. Der Fürst Menschikow, die Fürsten Jakow und Wassilij Dolgorukij, Scheremetjew, Schafirow, Jagushinskij, Golowkin, Apraxin und die andern drängten sich in dem kleinen Audienzzimmer, das neben der Drechslerwerkstätte lag. Alle waren erschrocken. Sie erinnerten sich noch, wie vor zwei Jahren zwei bestechliche Senatoren, der Fürst Wolkonskij und Opuchtin öffentlich mit der Knute bestraft wurden und wie man ihnen die Zungen mit glühenden Eisen brannte. Man raunte sich seltsame Gerüchte zu: Gardeoffiziere und andere Militärs würden über die Senatoren zu Gericht sitzen. Doch unter ihrer Angst barg sich die Hoffnung, daß das Ungewitter sich verziehen und alles wieder den alten Gang gehen würde. Man beruhigte sich mit den Aussprüchen uralter Weisheit: »Wer ist kein Sünder vor Gott, wer kein Verbrecher vor dem Zaren? Kann man denn alle aufhängen? Jedermann hat doch seine Privatgeschäfte. Jede Seele schmachtet nach einer warmen Semmel. Der Ehrliche und der Schelm sind alle beide Sünder, denn sie leben alle von der Sünde.« Peter trat ins Zimmer. Sein Gesicht war finster und unbeweglich. Seine Augen leuchteten aber, und sein linker Mundwinkel zitterte leise wie im Krampfe. Ohne jemanden zu begrüßen oder zum Sitzen aufzufordern, wandte er sich an die Senatoren mit einer Rede, die er sich offenbar vorher zurechtgelegt hatte: »Meine Herren Senatoren! Ich habe euch schon so oft mündlich und brieflich eure Nachlässigkeit, eure Habgier und Mißachtung der bürgerlichen Gesetze vorgehalten; aber alle meine Worte nützten nichts, und meine Ukase hatten keine Wirkung; daher erkläre ich euch zum allerletzten Mal: es hat gar keinen Zweck, Gesetze zu verfassen, wenn man sie nachher nicht beachtet oder wenn man mit ihnen wie mit Karten spielt, indem man zu jeder Farbe eine passende wählt, was nirgends in der Welt als bei uns vorkommt. Was folgt nun daraus? Angesichts der Straflosigkeit der Diebereien, wird sich wohl niemand finden, der nicht in Versuchung fällt; allmählich werden alle so frech werden, daß sie das Volk zugrunde richten und Gottes Zorn heraufbeschwören werden. Daraus kann aber für den ganzen Staat nicht nur größeres Unheil entstehen, als aus Verrat, sondern auch endgültiger Untergang. Aus diesem Grunde muß man die bestechlichen Beamten so bestrafen, wie die, die während der Schlacht ihre Pflicht vergessen haben, oder wie Hochverräter ...« Er sagte dies, ohne ihnen in die Augen zu blicken. Er fühlte wieder seine Ohnmacht. Alle seine Worte prallten von ihnen wie Erbsen von der Wand ab. In allen diesen demütigen, erschrockenen Gesichtern, in den bescheiden gesenkten Augen lag der gleiche Gedanke: »Der Ehrliche und der Schelm sind alle beide Sünder, denn alle leben von der Sünde.« »Von nun an darf niemand seine Hoffnung auf seine Verdienste setzen!« schloß Peter, und seine Stimme bebte vor Zorn. »Hiermit erkläre ich euch: jeder Dieb, welchen Rang er auch bekleiden mag, und selbst wenn er Senator ist, kommt vor das Kriegsgericht ...« »Das darf nicht sein!« sagte Fürst Jakow Dolgorukij, ein wohlbeleibter Greis mit langem weißen Schnurbart auf dem aufgedunsenen blauroten Gesicht, mit kindlich heiteren Augen, die dem Zaren gerade in die seinen blickten. »Es darf nicht sein, Majestät, daß Soldaten über Senatoren zu Gericht sitzen. Dies würde nicht nur unsere Ehre, sondern den ganzen russischen Staat mit Schande beflecken!« »Fürst Jakow hat recht!« bestätigte Boris Scheremetjew, Ritter des Malteserordens. »Heute zählt ganz Europa uns Russen zu den ehrenhaften Kavalieren, warum willst du uns beschimpfen, Zar, und uns unsere Ritterehre nehmen? Nicht alle sind doch Diebe ...« »Wer kein Dieb ist, der ist Verräter!« schrie Peter mit vor Wut verzerrtem Gesicht. »Glaubst du vielleicht, ich kenne euch nicht? Ich kenne euch, mein Lieber, ich durchschaue euch alle! Wenn ich heute sterbe, wirst du dich als erster auf die Seite meines Sohnes, des Bösewichts, stellen! Ihr alle steckt mit ihm unter einer Decke! ...« Und er beherrschte wieder mit ungeheurer Willensanstrengung seinen Zorn. Er suchte mit den Augen aus der Gruppe der Senatoren den Fürsten Menschikow heraus und sagte mit dumpfer, gepreßter, aber bereits ruhiger Stimme: »Alexander, komm' mal mit!« Sie gingen zusammen in die Drechslerwerkstätte. Der Fürst, ein kleines, dürres, anscheinend gebrechliches, in der Tat aber wie Eisen festes und wie Quecksilber bewegliches Männchen mit einem hageren, angenehmen Gesicht und ungewöhnlich lebhaften, schnellen und klugen Augen, die an den kleinen Bäckerjungen erinnerten, der einst auf den Straßen »warme Piroggen«! ausgerufen hatte, schlüpfte, zusammengekrümmt wie ein Hündchen, das Schläge erwartet, hinter dem Zaren durch die Türe. Der kleine dicke Schafirow keuchte schwer und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Der wie eine Hopfenstange lange und hagere Golowkin zitterte am ganzen Leibe, bekreuzigte sich und flüsterte ein Gebet. Jagushinkij ließ sich in einen Sessel fallen und stöhnte; er hatte vor Schreck Leibschmerzen bekommen. Als aber hinter der Türe die zornige Stimme des Zaren und die eintönig jammernde Stimme Menschikows – die Worte konnte man nicht verstehen – ertönten, beruhigten sich allmählich alle wieder. Manche spürten sogar Schadenfreude: »Der durchlauchtigste Fürst erlebt solches nicht zum erstenmal! Er hat ja feste Knochen und ist von Jugend auf an den Knüppel des Zaren gewöhnt. Das macht ihm nichts! Er wird sich schon irgendwie aus der Affaire ziehen!« Plötzlich hörte man aber hinter der Türe einen Lärm, Geschrei und Stöhnen. Beide Türflügel öffneten sich, und Menschikow flog heraus. Sein goldgestickter Rock war zerrissen, das blaue Andreasband zerfetzt, die Orden und Sterne auf seiner Brust hingen, halb abgerissen, an einzelnen Fäden; die aus den Haaren des Zaren angefertigte Perücke – Peter pflegte ihm einst als Zeichen der Freundschaft seine Haare zu schenken, sooft er sie sich schneiden ließ – war auf die Seite gerutscht; sein Gesicht war blutig. Hinter ihm kam der Zar gelaufen mit gezogenem Hirschfänger und wildem Geschrei: »Ich werde dich, du Hundesohn!...« »Petinjka! Petinjka!« ertönte die Stimme der Zarin, die wie immer im entscheidenden Augenblick wie aus der Erde geschossen auf der Bildfläche erschien. Sie hielt ihn an der Schwelle zurück, schloß die Türe der Drechslerwerkstätte und schmiegte sich, als sie mit ihm allein geblieben war, mit ihrem ganzen Körper an ihn und umschlang seinen Hals. »Laß mich, laß! ich will ihn töten! ...« schrie er in seiner rasenden Wut. Sie umarmte ihn aber immer fester und fester und wiederholte: »Petinjka! Petinjka! Gott sei mit dir, mein Herzensfreund! Leg das Messer weg, leg das Messer weg, sonst kann noch ein Unglück geschehen ...« Der Hirschfänger entfiel endlich seiner Hand. Er selbst ließ sich in einen Sessel fallen. Seine Glieder zuckten in einem schrecklichen Krampfe. Genau wie damals nach der letzten Begegnung des Vaters mit dem Sohne setzte sich Katenjka auf die Armlehne des Sessels, umschlang seinen Kopf mit den Armen, drückte ihn an ihre Brust und begann ganz leise seine Haare zu streicheln, ihn zu liebkosen und einzulullen wie eine Mutter ihr krankes Kind. Unter dieser stillen Liebkosung wurde er allmählich ruhig. Die Krämpfe ließen nach. Ab und zu ging noch ein Zucken durch seinen ganzen Körper, aber immer seltener und seltener. Er schrie nicht mehr, sondern stöhnte nur und schluchzte ohne Tränen: »Ach, so schwer hab ich es, Katenjka! Ich habe keine Kraft mehr ... Mit niemand kann ich mich beraten. Habe keinen Gehilfen. Alles muß ich immer allein machen! ... Kann denn ein Mensch mit allem fertig werden? Es geht nicht nur über die Kräfte eines Menschen, sondern auch über die eines Engels! ... Eine unerträgliche Last ...« Sein Stöhnen wurde immer leiser und leiser und verstummte endlich ganz: er war eingeschlafen. Sie lauschte eine Weile seinen Atemzügen, sein Atem ging gleichmäßig. Nach solchen Anfällen schlief er gewöhnlich sehr fest, so daß man ihn gar nicht wecken konnte; aber Katenjka durfte nicht von seiner Seite weichen. Mit der einen Hand seinen Kopf umschlingend, betastete sie mit der andern, gleichsam liebkosend, seine Brust und suchte mit flinken Fingern so geschickt wie ein Dieb unter seinem Rocke herum. Sie fand in seiner Brusttasche einen Pack Briefe, zog sie heraus, sah sie durch und entdeckte darunter einen großen schmierigen, wahrscheinlich anonymen Brief in blauem Umschlag mit rotem Wachssiegel; er war noch nicht geöffnet; sie erriet, daß es jener Brief war, den sie suchte: die zweite Denunziation über sie und Mons, noch gefährlicher als die erste. Mons hatte sie von diesem blauen Brief in Kenntnis gesetzt; er selbst hatte davon aus den Gesprächen der betrunkenen Kammerlakaien erfahren. Katenjka wunderte sich, daß ihr Mann den Brief noch nicht erbrochen hatte. Fürchtete er vielleicht, die Wahrheit zu erfahren? Sie erblaßte ein wenig, biß die Zähne fest zusammen, verlor aber die Geistesgegenwart nicht und blickte ihm ins Gesicht. Er schlief süß und ruhig wie ein kleines Kind, das lange geweint hat. Sie legte seinen Kopf vorsichtig auf die Sessellehne, knöpfte sich an der Brust einige Knöpfe auf, ballte den Brief zusammen, steckte ihn in die Vertiefung ihres Busens, beugte sich noch einmal, hob den Hirschfänger vom Boden auf und schlitzte die Tasche, in der die Briefe gelegen hatten, ebenso wie die Naht am Rocksaume auf, so daß man diese Einschnitte auch für zufällige Löcher halten konnte; schließlich legte sie die übrigen Briefe an die frühere Stelle in die Tasche zurück. »Wenn er den Verlust des blauen Briefes bemerken sollte, würde er wohl glauben, daß er unter das Unterfutter gerutscht und aus dem Schlitz im Saume des Rockes herausgefallen und verloren gegangen sei.« In den abgetragenen Kleidern des Zaren kamen Löcher nicht selten vor. Katenjka hatte das alles in einem Nu gemacht. Dann nahm sie wieder Petenjkas Kopf in die Arme, legte ihn sich an die Brust und begann ihn leise zu streicheln, zu liebkosen und einzulullen, indem sie den schlafenden Riesen so ansah, wie eine Mutter ihr krankes Kind oder wie eine Löwenbändigerin das schreckliche Raubtier ansieht. Nach einer Stunde erwachte der Zar munter und frisch, als ob nichts gewesen wäre. Vor kurzem war der Lieblingszwerg des Zaren gestorben. An diesem Tage sollte seine Beerdigung stattfinden, eine jener närrischen Maskeraden, die Peter so sehr liebte. Katenjka versuchte ihn zu überreden, die Leichenfeier auf den nächsten Tag zu verschieben und heute nicht mehr auszugehen, sondern ordentlich auszuruhen. Peter hörte aber nicht auf sie. Er ließ die Trommel schlagen, die Flagge als Signal zum Sammeln hissen, machte sich mit solcher Hast, als ob es sich um eine wichtige Sache handelte, fertig, legte eine Kleidung, die halb Trauerkleidung und halb Maskierung war, an und fuhr hin. VII. Von den Monstra und den Mißgeburten. »Da bekanntlich wie unter Menschen so auch unter Tieren und Vögeln manchmal Monstra, d. h. Mißgeburten zur Welt kommen, die man in allen Staaten als Naturwunder sammelt, wurde schon vor mehreren Jahren ein Ukas erlassen, daß man solche Monstra einliefere; die Unwissenden verheimlichen sie aber vor den Behörden, weil sie glauben, daß solche Monstra durch Mithilfe des Satans oder durch Hexerei geboren werden, was aber unmöglich ist, da Gott allein der Schöpfer jeder Kreatur ist, und keineswegs der Teufel, der keinerlei schöpferische Gewalt hat. Solche Mißgeburten entstehen aber durch innere Schädigungen, auch infolge eines Schreckens oder einer Einbildung der Mutter während der Schwangerschaft, wofür es viele Beispiele gibt: ein Ding, vor dem die Mutter erschrickt, erscheint oft als ein Mal auf dem Körper des Kindes. Aus diesem Grunde wird jener Ukas neu bekräftigt, daß alle Mißgeburten von Menschen, wie auch von Vieh, wilden Tieren und Vögeln in jeder Stadt dem Kommandanten abgeliefert werden sollen, wofür folgende Preise zu zahlen sind: für eine menschliche Mißgeburt zehn Rubel, für eine von Vieh oder wilden Tieren fünf Rubel, für eine von Vögeln drei Rubel; diese Preise gelten für die toten Mißgeburten. Für die lebenden sind aber folgende ausgesetzt: für eine vom Menschen hundert Rubel, von Vieh oder wilden Tieren fünfzehn Rubel, von Vögeln sieben Rubel. Für besonders wunderliche Mißgeburten werden noch höhere Preise bezahlt, wer aber diesem Ukas entgegen eine Mißgeburt verheimlicht, soll zur Anzeige gebracht werden. Und der Schuldige wird mit dem zehnfachen Betrag bestraft, den er bei der Einlieferung bekommen hätte, welches Geld dem Angeber ausbezahlt werden soll. Die oben erwähnten Mißgeburten, wie die menschlichen so auch die tierischen, sollen, wenn sie tot sind, in Spiritus gesetzt werden, und falls solcher nicht aufzutreiben ist, in doppelten und im Notfalle auch in einfachen Branntwein, damit sie nicht verderben; und die Gefäße sind fest zu verkorken. Die Kosten für diesen Branntwein werden aus der Apotheke besonders bezahlt werden.« Peter liebte seinen Zwerg, der ein »hervorragendes Monstrum« war, und bereitete ihm eine prunkvolle Beerdigung. An der Spitze des Zuges gingen paarweise dreißig Kirchensänger, lauter kleine Knaben. Ihnen folgte im vollen Ornat mit dem Räucherfaß in der Hand der winzigste Pope, den man zu diesem Zweck unter allen Petersburger Geistlichen ausgesucht hatte. Sechs kleine Rappen in schwarzen bis zur Erde reichenden Schabracken zogen den kleinen Kindersarg auf dem winzigen Leichenwagen, der an ein Spielzeug gemahnte. Dann schritten feierlich, von einem winzigen Marschall mit großem Marschallstabe angeführt, zwölf Paar Zwerge in langen, mit weißem Krepp besetzten Trauermänteln und ebenso viele Zwerginnen; sie hielten sich paarweise bei den Händen und waren nach der Größe wie die Orgelpfeifen angeordnet, so daß die kleinsten voran und die größeren hinterhergingen. Es waren darunter bucklige, dickbäuchige, schiefbeinige, verwachsene, säbelbeinige und viele andere mehr schreckliche als komische Mißgeburten. Zu beiden Seiten des Leichenzuges schritten neben den Zwergen riesenhafte Grenadiere und Heiducken des Zaren mit brennenden Fackeln und Beerdigungskerzen in den Händen. Der eine dieser Riesen war mit einem kurzen, vorne offenen Kinderhemdchen bekleidet und wurde von zwei winzigen Zwergen mit weißen Bärten am Gängelbande geführt; ein anderer, der wie ein Säugling in Windeln gewickelt war, lag in einem Wagen, der von sechs zahmen Bären gezogen wurde. Zuletzt folgte, den Zug beschließend, der Zar mit allen seinen Generälen und Senatoren. In der Uniform eines holländischen Schiffstrommlers ging er den ganzen Weg zu Fuß und schlug mit einer Miene, als ob er ein sehr wichtiges Werk verrichtete, die Trommel. Der Zug bewegte sich, von einer großen Volksmenge begleitet, durch den Newskij-Prospekt von der Holzbrücke über die Fontanka zur Jamskaja-Vorstadt, wo sich der Friedhof befand. Die Leute schauten aus den Fenstern heraus, kamen aus den Häusern gelaufen, und die Rechtgläubigen wußten in ihrer abergläubischen Angst nicht, ob sie sich bekreuzigen oder ausspucken sollten. Die Ausländer sagten aber: »Einen solchen Aufzug kann man wohl kaum anderswo als in Rußland zu Gesicht bekommen!« Es war um die fünfte Abendstunde. Die Dämmerung brach schnell an. Es schneite große, nasse Schneeflocken. Zu beiden Seiten des Prospekts schimmerten die schneebedeckten kahlen Linden und Dächer der niedern Häuser. Der Nebel wurde immer dichter. Im trübgelben Nebel, vom trübrotem Scheine der Fackeln beleuchtet, erschien der ganze Zug wie eine Fiebervision, wie ein teuflisches Blendwerk. Das Volk lief, obwohl es erschrocken war, ohne zurückzubleiben, im Schmutze watend, hinter der Prozession her und erzählte sich flüsternd schreckliche, gleichfalls an Fieberdelirien gemahnende Gerüchte von den Spukerscheinungen, die sich angeblich in Petersburg zeigten. Neulich hatte der Wächter an der Troiza-Kirche in der Sakristei ein Klopfen gehört, wie wenn dort jemand herumliefe; auch im Glockenturme lief jemand herum, so daß die Stufen der Holztreppe knarrten; als der Küster am Morgen zur Messe läuten wollte, sah er, daß die Strickleiter abgerissen und der Strick, der von den Glocken herabhing, viermal zusammengedreht war. »Das kann nur der Teufel gemacht haben«, sagten die einen. »Kein Teufel, sondern eine Drude,« entgegneten die andern. Ein altes Weib, das an der Ochta mit Heringen handelte, hatte mit eigenen Augen die Drude gesehen, wie sie Garn spann. »Sie war ganz nackt, mager, schwarz, hatte einen Kopf so klein wie ein Fingerhut; der Körper ist aber von einem Strohhalm nicht zu unterscheiden.« »War es vielleicht ein Kobold?« fragte jemand. »Kobolde kommen in den Kirchen nicht vor,« entgegnete man ihm. »Vielleicht war es einer, der sich verirrt hat? Auch die Kobolde werden zuweilen wie die Kühe und Hunde von einer Seuche befallen, und dann sind sie ganz toll.« »Das kommt nur im Frühjahr vor: im Frühjahr haben die Kobolde die Mauser, das alte Fell fällt von ihnen ab, und dann sind sie ganz ausgelassen.« »Ob es ein Kobold, ein Teufel oder eine Drude war, jedenfalls war es ein unsauberer Geist!« stimmten alle überein. Im trübgelben Nebel, vom trübroten Scheine der Fackeln, vor dem die phantastischen Schatten der Riesen und Zwerge herliefen, beleuchtet, erschien der ganze Zug wie ein Blendwerk, wie ein Petersburger Teufelsspuk. Man teilte sich noch schrecklichere Gerüchte mit. In der finnischen Vorstadt hatte sich irgendein Pope, »um einen tollen Streich zu begehen«, ein Ziegenfell mit Hörnern über den Kopf gezogen, das sofort an ihn angewachsen war; in dieser Gestalt sollte er noch in dieser Nacht hingerichtet werden. Der Dragonersohn Swarykin hatte seine Seele dem Teufel verschrieben, der am Litejnyj-Hof in Gestalt eines Deutschen erschienen war; den Pakt hatte er mit seinem Blute unterschrieben. Auf dem Friedhofe im Apothekergarten hatten Diebe ein Grab aufgegraben, den Sarg mit den Schaufeln erbrochen und die Leiche an den Füßen herauszuziehen versucht; doch ehe sie sie ganz herausgezogen hatten, bekamen sie Angst und liefen davon; am Morgen hatte aber jemand die Beine bemerkt, die aus dem Grabe herausragten, und nun kam das Gerücht von der Auferstehung der Toten auf. In der Tataren-Vorstadt hinter dem Kronwerk der Festung war ein Kind mit einem Kuhhorn statt einer Nase zur Welt gekommen und in der Gegend des Steueramtes ein Ferkel mit einem Menschengesicht. »In den Städten, wo solches geboren wird, ist nichts gutes zu erwarten!« Irgendwo war ein Hahn mit fünf Beinen aufgetaucht. Am Ladogasee hatte es Blut geregnet; die Erde hatte dabei gebebt und wie ein Ochs gebrüllt, und am Himmel hatten drei Sonnen gestanden. »Das bedeutet Unheil!« sagten alle. »Petersburg wird wüst und leer sein!« »Nicht nur Petersburg, die ganze Welt geht unter! Es ist der Tag des Jüngsten Gerichts! Der Antichrist naht!« Unter dem Eindrucke dieser Erzählungen begann in der Menge ein kleiner Knabe, den seine Mutter an der Hand führte, plötzlich vor Angst zu weinen und zu schreien. Eine in Lumpen gekleidete Frau mit wahnsinnigem Gesichtsausdruck, wahrscheinlich eine Besessene begann mit unmenschlicher Stimme zu schreien. Man führte sie eilig fort und versteckte sie auf einem benachbarten Hof. Der Zar machte mit den Besessenen wenig Umstände und trieb aus ihnen den Teufel mit der Knute aus. »Der Schweif der Knute ist länger als der Schweif des Teufels!« pflegte er zu sagen, wenn man ihm über ähnliche »Auswüchse des Aberglaubens« berichtete. Auch unter den Würdenträgern und Senatoren gab es viele erschrockene Gesichter. Unmittelbar vor Beginn der Prozession hatte Schafirow dem Zaren die soeben mit einem Kurier aus Neapel angelangten Briefe Tolstois und des Zarewitsch überreicht. Der Zar hatte die Briefe unerbrochen in die Tasche gesteckt; er wollte sie wohl nicht vor Zeugen lesen. Schafirow hatte aber zugleich einen kurzen Brief von Tolstoi bekommen und wußte bereits die schreckliche Nachricht, die sich im Nu verbreitete: »Der Zarewitsch kommt her!« »Peter Tolstoi, der Judas, hat ihn herausgelockt. Der Zarewitsch ist nicht der erste, den er frißt.« »Man sagt, der Vater hätte ihm versprochen, ihn mit der Afrossinja zu verheiraten.« »Zu verheiraten? warum nicht gar! Das fällt ihm gar nicht ein. Die Pest erwartet ihn und keine Heirat!« »Wenn es aber doch zu einer Hochzeit kommt?« »Die Hochzeit wird im Ziegensumpfe gefeiert werden, Traualtar und Priester werden der Richtblock und das Richtbeil sein!« »Dieser Dummkopf! Er stürzt sich selbst ins verderben!« »Der Stier wird dem Schlachthaus nicht entgehen!« »Er wird kaum seinen Kopf behalten!« »Er legt selbst den Kopf auf den Block!« »Vielleicht wird er ihn doch noch begnadigen? Er ist ja kein Fremder, sondern sein leiblicher Lohn: auch die Schlange frißt ihre Brut nicht auf. Er wird ihm eine ordentliche Lektion erteilen und ihn nachher begnadigen!« »Er ist nicht mehr jung genug, um etwas zu lernen. Er ist ja dem Kinderhemd entwachsen.« »Man belehrte ihn nicht, solange man ihn quer über die Bank legen konnte? aber jetzt, wo er zu lang ist, kann man ihn nicht mehr lehren!« »Komm zu mir in den Mörser, ich will dich mit dem Stößel streicheln, – das ist die ganze Lehre!« »Man wird das Kindchen so schön einlullen, daß es keinen Laut von sich gibt!« »Man wird wohl auch uns solch ein Dampfbad einheizen, daß uns der Himmel nicht größer als ein Schaffell erscheinen wird!« »Es gibt ein Unglück, Brüder, und man kann ihm nicht entrinnen, selbst wenn man zwei Köpfe hat!« Und in der schar der Würdenträger ertönten die gleichen Rufe wie in der Volksmenge: »Es gibt Unheil! Es gibt Unheil!« Der Zar watete aber durch den Schmutz und schlug die Trommel. Die Trommelwirbel übertönten den Trauergesang: »Er ruhe unter den Heiligen, gib ihm, Herr, ewige Ruhe! ...« Der Nebel wurde immer dichter. Alles löste sich in ihm auf, zerfloß und wurde gespensterhaft? es schien, als ob die ganze Stadt, mit allen ihren Häusern, Straßen und Menschen zugleich mit dem Nebel in die Höhen steigen und wie ein Traum zerrinnen würde. VIII. Von der Beerdigung ins Sommerpalais zurückgekehrt, stieg Peter in ein kleines Boot, ruderte selbst über die dunkle nächtliche Newa und legte an einem kleinen hölzernen Landungssteg am andern Ufer an. Hier stand fast dicht an der Newa, in der Nähe der Dreifaltigkeitskathedrale ein kleines niederes Häuschen, eines der ersten, die die holländischen Zimmerleute bei der Gründung der Stadt erbaut hatten. Dieses erste Palais Peters in Petersburg glich den ärmlichen Hütten der Zaandamer Schiffer. Es war aus dem Holze der Fichten gezimmert, die in der nächsten Nähe, am wilden Sumpfe von Keiwusari, der Birkeninsel, wuchsen; der Ölfarbenanstrich täuschte Backsteine vor, und die Dachschindeln waren wie Ziegel geformt und angeordnet. Im Innern des Häuschens gab es nur drei kleine, niedere Zimmer: rechts vom Flur das Arbeitszimmer, das »Kontor«, links das Speisezimmer und dahinter das Schlafzimmer, das kleinste von allen, nur vier Arschin lang und drei Arschin breit, sodaß man sich kaum darin rühren konnte. Die Ausstattung in holländischem Geschmack war zwar sehr einfach, aber behaglich und reinlich. Decke und Wände waren mit weißgestrichener Leinwand überzogen, die breiten und niederen Fenster hatten kleine, in Blei gefaßte Fensterscheiben und eichene Läden mit eisernen Beschlägen. Die Türen waren für Peters Wuchs viel zu niedrig, und er mußte sich bücken, um nicht mit dem Kopf an den Querbalken zu stoßen. Seit der Erbauung des Winter- und des Sommer-Palais stand dieses Häuschen unbewohnt. Nur ab und zu übernachtete Peter darin, wenn er ganz allein und selbst ohne Katenjka bleiben wollte. Als er in den Flur getreten war, schüttelte er den auf einer Filzdecke schlafenden Diener aus dem Schlaf, ließ Licht machen, ging ins Kontor, schloß die Türe hinter sich, stellte die Kerze auf den Tisch, setzte sich und zog aus der Tasche die Briefe Tolstois, Rumjanzews und des Zarewitsch; er öffnete sie aber noch nicht und saß eine Weile unentschlossen da, den gleichmäßigen, weithinhallenden Schlägen der Turmuhr der Dreifaltigkeitskathedrale lauschend. Die Uhr schlug neun. Als der letzte Ton verhallt war, trat eine ebenso tiefe Stille ein, wie sie in jenen Tagen herrschte, als Petersburg noch nicht existierte und um dieses ärmliche Häuschen herum nichts als endloser Wald und Sumpf war. Endlich erbrach er die Briefe. während er sie las, wurde sein Gesicht etwas blasser, und seine Hände zitterten. Als er aber die letzten Worte im Briefe des Zarewitsch gelesen hatte: »Werde mit denen von Eurer Majestät Abgeschickten dieser Tage aus Neapolis nach St. Petersburg abreisen«, – stockte ihm vor Freude der Atem. Er konnte nicht weiter lesen. Er bekreuzigte sich. War denn nicht auch das ein himmlisches Zeichen, ein Wunder Gottes? Erst eben hatte er sich so schwach gefühlt, der Verzweiflung nahe und hatte geglaubt, daß Gott ihn vergessen und von ihm gewichen wäre; und nun streckte sich ihm wieder Gottes Hand helfend entgegen. Er fühlte sich wieder stark und rüstig, gleichsam jünger geworden, zu jeder Arbeit, zu jeder Tat bereit. Dann ließ er den Kopf sinken, richtete den Blick auf die Kerzenflamme und versank in tiefes Nachdenken. Wenn der Sohn zurückkehrte, was sollte er mit ihm tun? »Töten!« hatte er früher in seiner Wut gedacht, als er auf die Rückkehr Alexejs noch nicht hoffte. Aber jetzt, wo er wußte, daß er zurückkehren würde, war seine Wut erloschen, und er fragte sich zum erstenmal ruhig und vernünftig: was soll ich mit ihm tun? Plötzlich erinnerte er sich der Worte in seinem ersten Briefe, den er mit Tolstoi und Rumjanzew nach Neapel geschickt hatte: »Ich verspreche vor Gott und Seinem Gericht, daß dich keine Strafe erwartet, und daß ich dich noch mehr lieben werde, wenn du zurückkehrst.« Und jetzt, da der Sohn diesem Schwur vertraute, bekamen, die Worte plötzlich eine furchtbare Bedeutung. Wie sollte er aber das Versprechen erfüllen? Dem Sohne verzeihen, hieße doch auch allen andern Verrätern und Verbrechern am Zaren und am Vaterlande verzeihen! Alle die schlechten Menschen, bestechlichen Beamten, Diebe, Nichtstuer, Heuchler, Scheinheilige und »langen Bärte« würden sich mit ihm verbünden und so kühn werden, daß keine Drohungen mehr helfen würden. Sie würden den ganzen Staat ins Verderben stürzen. Und wenn der Sohn den Vater auf diese Weise schon bei Lebzeiten verhöhnte, was würde erst nach seinem Tode geschehen? Er würde alles vernichten und verwüsten, keinen Stein auf dem andern lassen und Rußland zugrunde richten! Nein, besser den Schwur brechen als ihm verzeihen. Also wieder Prozesse, wieder Foltern, Scheiterhaufen, Beile, Richtblöcke und Blut? Er erinnerte sich, wie ihm einst während der Hinrichtungen der Strelitzen, als er über den Roten Platz ritt, wo an diesem Tage mehr als dreihundert Köpfe fallen sollten, der Patriarch mit der wundertätigen Ikone der Muttergottes entgegenkam und um Gnade für die Strelitzen bat. Der Zar verneigte sich vor der Ikone, stieß aber den Patriarchen zornig zurück und sagte: »wozu bist du hergekommen? Ich verehre die Muttergottes nicht weniger als du. Die Pflicht befiehlt mir aber, den Guten Gnade zu erweisen und die Bösen zu strafen. Geh also, Alter! Ich weiß selbst, was ich tue.« Er hatte gewußt, was er dem Patriarchen zu antworten hatte, wie wird er aber Gott Antwort stehen? Und er sah vor sich wie in einer Vision die endlose Reihe von Köpfen, die vor der Richtstätte auf einem langen Balken, der den Richtblock ersetzte, mit den Nacken nach oben und den Gesichtern nach unten lagen; es waren blonde, rothaarige, schwarze und graue, kahle und lockige Köpfe. Er kam eben angeheitert von einem Trinkgelage und ging mit Danilytsch und den übrigen Gästen, das Beil in der Hand, die Ärmel aufgekrempelt, längs dieser Reihe und schlug wie ein Henker einen Kopf nach dem andern ab. Und wenn er müde wurde, nahmen ihm die Gäste einer nach dem andern das Beil aus der Hand und taten dasselbe. Alle waren trunken vom Blute. Seine Kleidung war mit Blut bespritzt, die Erde war voller Blutlachen; die Füße glitten auf dem blutigen Boden aus. Plötzlich, als er sein Beil schon erhoben hatte, hob sich einer der Köpfe, wandte sich um und blickte ihm gerade in die Augen. Das war er, Aljoscha! »Aljoschenika, mein lieber Junge!« Diese Worte klangen aus einer andern Vision: er war soeben aus dem Auslande heimgekehrt, war nachts heimlich in die Schlafkammer des Zarewitsch gekommen, hatte sich über sein Bettchen gebeugt, das schläfrige Kind in die Arme genommen, es umarmt und geküßt und die Wärme seines nackten Körpers durch das Hemd gespürt. »Den Sohn töten,« – erst jetzt wurde ihm klar, was das bedeutete. Er fühlte, daß es das Schrecklichste, das Entscheidendste in seinem Leben sei, viel wichtiger als Sofja, die Strelitzen, Europa, Wissenschaft, Flotte, Petersburg und Poltawa; daß hier etwas für alle Ewigkeit entschieden würde: auf die eine Wagschale wird man alles legen, was er Gutes und Großes getan hat, und auf die andere Wagschale – das Blut des Sohnes; wer kann sagen, was überwiegen wird? Wird nicht sein ganzer Ruhm vor diesem blutigen Male erlöschen? Was wird Europa, was wird die Nachwelt über den Meineidigen und den Sohnesmörder sagen? Ein Richter, der nicht alles weiß, kann seine Unschuld schwerlich einsehen. Und wer weiß denn alles? Darf denn ein Mensch, und wenn auch zum Besten des Vaterlandes, eine solche Sünde vor Gott auf seine Seele laden wie das vergießen des Blutes von seinem eigenen Fleisch und Blut? Was sollte er nun tun? Dem Sohne verzeihen, hieße Rußland zugrunde richten; ihn töten, hieße sich selbst zugrunde richten. Er fühlte, daß er die Lösung niemals finden würde. Er allein durfte auch gar nicht darüber entscheiden, wer würde ihm aber dabei helfen? Die Kirche? »Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.« So war es früher. Und jetzt, wo ist jetzt die Kirche? Der Patriarch? Ihn gibt es nicht mehr. Er hat ja selbst das Patriarchat abgeschafft. Der Metropolit, »Stjopka der Knecht«, der sich vor dem Zaren bis zur Erde verneigt? Oder der Administrator der Geistlichen Angelegenheiten, der Gauner Fedoßka mit den übrigen Bischöfen, die so aufgezäumt sind, daß man sie überall hin lenken kann«? was er ihnen befehlen wird, das werden sie tun. Er selbst ist der Patriarch, er selbst ist die Kirche. Er steht allein vor Gott. Worüber hatte er, Wahnsinniger, eben so frohlockt? Ja, der Herr hatte seine Hand ihm entgegengestreckt, doch nur um sie als eine schreckliche Last auf ihm ruhen zu lassen. Es ist so schrecklich, in! die Hand des lebendigen Gottes zu fallen! Es war ihm, als ob sich ein Abgrund vor seinen Füßen auf, getan hätte, aus dem ihm ein solches Grauen entgegenwehte, daß ihm die Haare zu Berge standen. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. »Lasse ab von mir, Herr! Erlöse meine Seele vom Mute, Gott meiner Zuversicht!« Dann stand er auf und ging ins Schlafzimmer, wo in der Ecke über dem Kopfende des Bettes ein ewiges Lämpchen vor der wundertätigen Ikone des Heilands brannte; es war das Bild, das der Hof-Ikonenmaler Simon Uschakow als Geschenk für den Zaren Alexej Michajlowitsch gemalt hatte und das im Vorräume der oberen Gemächer des Moskauer Kremlpalastes verwahrt wurde. Es war eine russische Kopie nach einem uralten byzantinischen Bilde des heiligen Schweißtuches: als der Herr nach Golgatha ging und unter der Last des Kreuzes zusammenbrach, wischte er sich das Antlitz mit einem Schweißtuche ab, auf dem sich sein Antlitz abdrückte. Seitdem Peters Mutter, die Zarin Natalja Kirillowna ihren Sohn mit diesem Bilde gesegnet hatte, hatte er sich nie mehr davon getrennt. Er hatte es bei sich auf allen seinen Feldzügen und Reisen, auf Schiffen und in Zelten, bei der Gründung Petersburgs und auf dem Schlachtfelde von Poltawa. Als er ins Schlafzimmer gekommen war, füllte er das Lämpchen mit Öl nach und brachte den Docht in Ordnung. Die Flamme begann heller zu brennen, und auf der goldenen Fassung, die das dunkle Antlitz mit der Dornenkrone umgab, begannen die Diamanten wie Tränen und die Rubine wie Blutstropfen zu funkeln. Er kniete nieder und begann zu beten. Die Ikone war ihm so vertraut, daß er sie fast gar nicht mehr sah; ohne sich dessen bewußt zu sein, wandte er sich mit seinem Gebete an den Vater und nicht an den Sohn; nicht an den sterbenden Sohn, der sein Blut auf Golgatha vergossen, sondern an den lebendigen, starken, im Kriege mächtigen Gott, den rechten Kriegsmann, der den Sieg verleiht, an den Gott, der von sich durch den Mund des Propheten gesagt hat: »Ich habe die Völker gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Daher ist ihr Vermögen auf meine Kleider gespritzet, und ich habe alles mein Gewand besudelt.« Als er aber jetzt seinen Blick zur Ikone erhob und sich mit seinem Gebet wie immer an den Vater, und nicht an den Sohn wenden wollte, konnte er es nicht. Es war ihm, als sähe er zum erstenmal das traurige Antlitz mit der Dornenkrone, als sei dieses Antlitz lebendig geworden und blickte mit milden Augen in seine Seele hinein; es wurde ihm zum erstenmal verständlich, was er von Kind auf so oft gehört und niemals begriffen hatte: was der Sohn bedeutete, und was der Vater. Und plötzlich fiel ihm die alte schreckliche Erzählung ein, die gleichfalls von einem Vater und einem Sohne handelte: »Und Gott versuchte Abraham und sprach zu ihm: Nimm Isaak, deinen einigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin und opfere ihn zum Brandopfer. Und Abraham bauete einen Altar, und legte Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz, und reckte seine Hand aus, und fassete das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete.« Das war nur das irdische Vorbild eines viel schrecklicheren himmlischen Opfers. Denn also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit durch das ewigfließende Blut des Lammes, das Blut des Sohnes, Gottes Zorn gestillt werde. Er fühlte, daß hier das wichtigste, das notwendigste Geheimnis enthalten war; es erschien ihm aber so schrecklich, daß er daran gar nicht zu denken wagte. Seine Gedanken waren ohnmächtig wie im Irrsinn. Will Gott, daß er seinen Sohn hinrichte, oder will er es nicht? Wird ihm dieses Blut vergeben oder wird es von ihm gefordert werden? Und wenn nicht von ihm, so von seinen Kindern und Kindeskindern und von ganz Rußland? Er fiel mit dem Gesicht zu Boden und lag lange Zeit ausgestreckt und regungslos wie ein Toter. Endlich hob er seinen Blick wieder zur Ikone und wandte sich mit dem verzweifelten, wahnsinnigen Gebet an den Vater, ohne den Sohn zu beachten: »Sein Blut komme über mich, über mich allein! Bestrafe mich, Herr, und verschone mein Land!« Achtes Buch. Der Werwolf.   I. Der Zarewitsch blickte auf die Türe, durch die Peter eintreten sollte. Das kleine Empfangszimmer im Schlosse von Preobrashenskoje, eines fast ebenso ärmlichen Baues wie das Petersburger Häuschen des Zaren, war von den gelben Strahlen der Februarsonne überflutet, vor den Fenstern lag das Bild, das dem Zarewitsch seit seiner Kindheit vertraut war: ein schneebedecktes Feld mit schwarzen Dohlen, graue Kasernenmauern, eine Gefängnispalisade, ein Erdwall mit Kugelpyramiden, einem Schilderhäuschen und einem unbeweglichen Wachtposten, der sich schwarz gegen den blaßgrünen Himmel abhob. Die Spatzen zwitscherten auf dem Fensterblech, als ob es schon Frühling wäre. Von den Eiszapfen fielen durchsichtige Tropfen wie Tränen herab. Es war die Stunde vor dem Mittagessen, und es roch nach Piroggen mit Kohl. Das Pendel der Wanduhr tickte gleichmäßig in der Stille. Während der Reise aus Italien nach Rußland hatte sich der Zarewitsch ganz ruhig gefühlt und war sogar heiter gewesen, doch geistesabwesend wie im Halbschlaf. Es war ihm nicht ganz klar, was mit ihm vorging und wohin und wozu er geführt wurde. Als er aber jetzt mit Tolstoi im Empfangszimmer saß und mit dem gleichen Gefühl wie damals, nachts im Königsschlosse zu Neapel, während des Deliriums, auf die schreckliche Tür starrte, kam er gleichsam zur Besinnung und begann alles zu verstehen. Ebenso wie damals zitterte er ununterbrochen wie im Fieber. Bald bekreuzigte er sich und flüsterte Gebete, bald ergriff er die Hand Tolstois und sprach: »Peter Andrejewitsch, ach, Peter Andrejewitsch, was wird nun kommen, mein Lieber? Es ist so schrecklich, so schrecklich! ...« Tolstoi besänftigte ihn mit seiner samtweichen Stimme: »Seid unbesorgt, Hoheit! Das Schwert hat keine Gewalt über ein reuiges Haupt. So Gott will, wird alles gut und friedlich ablaufen und wieder ins Geleis kommen ...« Der Zarewitsch hörte ihm nicht zu und memorierte die Rede, die er sich schon vorher zurechtgelegt hatte: »Väterchen, ich kann mich gar nicht rechtfertigen und bitte unter Tränen um deine gnädigste Verzeihung und väterliche Nachsicht, denn ich habe außer Gott und deiner Gnade keine andere Hoffnung und füge mich ganz in deinen Willen.« Hinter der Türe erklangen die wohlbekannten Schritte. Peter trat ein. Alexej sprang auf, wankte und wäre beinahe umgefallen, wenn ihn Tolstoi nicht gestützt hätte. Vor seinen Augen huschten wie bei der plötzlichen Verwandlung eines Werwolfes zwei Gesichter vorbei: ein fremdes, schreckliches, an eine Totenmaske gemahnendes, und ein verwandtes, liebes, mit dem ihm sein Vater in seiner Kindheit erschienen war. Der Zarewitsch ging auf ihn zu und wollte ihm zu Füßen fallen, aber Peter streckte ihm die Arme entgegen, umarmte ihn und drückte ihn an die Brust. »Aljoscha, willkommen! Gott sei Dank, daß wir uns endlich wiedersehen!« Alexej fühlte die ihm bekannte Berührung der vollen, rasierten Wangen und den Geruch des Vaters – eine Verbindung von starkem Tabak mit Schweiß; er sah seine großen, dunklen, heiteren Augen, die so lieb und so schrecklich waren; das bezaubernde, ein wenig hinterlistige Lächeln seiner geschwungenen, fast frauenhaft seinen Lippen. Und er vergaß seine lange Rede und stammelte nur: »Vergib mir, Vater ...« Plötzlich brach er in unaufhaltsames Schluchzen aus und wiederholte immer wieder: »Vergib! Vergib! ...« Sein Herz war ebenso schnell geschmolzen wie Eis am Feuer. »Was hast du, was hast du, Aljoschenjka?« Er streichelte ihm die Haare, küßte ihn so zärtlich wie eine Mutter auf die Stirne, auf den Mund und die Augen. Als Tolstoi diese Liebkosungen sah dachte er sich: »Der Habicht küßt das Hühnchen so lange, bis ihm kein Federchen mehr übrig bleibt!« Auf einen Wink des Zaren verließ er das Zimmer. Peter führte seinen Sohn ins Eßzimmer. Die Hündin Lisette knurrte zuerst; als sie aber den Zarewitsch erkannte, begann sie verlegen mit dem Schwanze zu wedeln und ihm die Hand zu lecken. Auf dem Tische waren zwei Gedecke vorbereitet. Der Diener brachte alle Gänge auf einmal herein und ging hinaus. Sie blieben allein, Peter schenkte zwei Glas Anisschnaps ein. »Auf dein Wohl, Aljoscha!« Sie stießen an. Dem Zarewitsch zitterten die Hände so sehr, daß er das halbe Glas verschüttete. Peter bereitete seinen Lieblingsimbiß: eine Scheibe Schwarzbrot mit Butter, gehackten Zwiebeln und Knoblauch. Er schnitt die Scheibe in zwei Teile, die eine Hälfte für sich, die andere für den Sohn. »So mager bist du bei fremdem Brote geworden,« sagte er, seinen Sohn musternd. »Warte nur, wir werden dich bald wieder so mästen, daß du dick und glatt wirst! Das russische Brot sättigt mehr als das deutsche.« Er nötigte ihn zum Trinken mit allerlei scherzhaften Redensarten: »Glas auf Glas ist kein Stock auf Stock. Ohne die Dreifaltigkeit wird kein Haus gebaut. Erst beim vierten Becher freut sich der Zecher.« Der Zarewitsch aß wenig, trank aber viel und wurde schnell berauscht, doch weniger vom Schnaps als von Freude. Er hatte noch immer Knast, konnte nicht zu sich kommen und traute seinen Augen und Ohren nicht. Doch der Vater sprach mit ihm so einfach und heiter, daß es unmöglich war, ihm nicht zu trauen. Er erkundigte sich über alles, was er in Italien gesehen und gehört hatte: über Heer und Flotte, über Papst und Kaiser. Er scherzte mit ihm wie ein guter Kamerad. »Du hast keinen üblen Geschmack,« sagte er, indem er ihm lustig zublinzelte. »Das Mädel ist wirklich prächtig! wenn ich um zehn Jahre jünger wäre, so müßte sich der Lohn vielleicht vor dem Vater in acht nehmen, daß er ihm keine Hörner aufsetze. Der Apfel fällt nicht weit vom Baum. Der Vater mit einer Wäscherin, der Sohn mit einer Stubenmagd: es heißt ja, sie hätte einst bei den Wjasemskij's die Böden gescheuert. Nun meine Katenjka hat ja auch einmal Wäsche gewaschen ... hast du wirklich Lust, sie zu heiraten?« »Wenn du es mir erlaubst, Vater ...« »Was soll ich denn mit dir tun? Ich habe dir versprochen, also muß ich es erlauben.« Peter schenkte in Kristallbecher Rotwein ein. Sie hoben die Gläser und stießen an; das Kristall klirrte. Der Wein funkelte in den Sonnenstrahlen wie Blut. »Auf den Frieden, auf ewige Freundschaft!« sagte Peter. Sie leerten die Gläser auf einen Zug. Dem Zarewitsch schwindelte der Kopf. Es war ihm, als ob er flöge, sein herz stand bald still, bald pochte es so stark, daß er vermeinte, es werde gleich zerspringen und er müßte vor Freude sterben. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft – alles war verschwunden. Er wußte, sah und fühlte nur das eine: daß der Vater ihn liebte. Und wenn es auch nur einen Augenblick währen würde. Wenn er für diesen einen Augenblick alle Qualen seines ganzen Lebens wieder auf sich nehmen müßte so würde er es tun. Er hatte das Verlangen alles zu sagen, alles zu beichten. »Erzähle mir einmal, Aljoscha, wie du geflohen bist.« Der Zarewitsch fühlte, daß sein Schicksal sich entscheide. Und plötzlich begriff er alles, woran er während der ganzen Zeit, von dem Augenblick an, als er sich entschlossen hatte, zum Vater zurückzukehren, nicht hatte denken wollen. Eines von beiden: entweder ihm alles sagen, seine Helfer angeben und ein Verräter werden; oder jede Aussage verweigern und zulassen, daß zwischen ihm und dem Vater wieder ein Abgrund gähne, eine unüberwindliche Mauer sich erhebe. Er schwieg und hielt die Augen gesenkt, weil er statt des vertrauten Gesichts jenes andere, fremde, wie eine Totenmaske schreckliche Gesicht zu erblicken fürchtete. Endlich erhob er sich von seinem Platz, ging auf den Vater zu und kniete vor ihm nieder. Lisette, die auf einem Kissen zu Füßen Peters geschlafen hatte, erwachte, stand auf und ging zur Seite, um den Zarewitsch auf ihren Platz zu lassen. Er kniete auf diesem Kissen nieder. Er wäre bereit, ewig wie ein Hund zu Füßen des Vaters zu liegen, ihm in die Augen zu blicken und auf eine Liebkosung zu warten. »Ich will dir alles sagen, Väterchen! verzeihe aber allen, so wie du mir verziehen hast!« sagte er, seine Augen mit inbrünstigem Flehen zu ihm emporhebend. Der Vater beugte sich über ihn, legte ihm die Hände auf die Schultern und sagte ebenso still und freundlich wie vorhin: »Höre, Aljoscha! wie kann ich verzeihen, wenn ich weder die Schuld noch die Schuldigen kenne? Für mich selbst kann ich wohl verzeihen, aber nicht für das Vaterland. Gott wird von mir dafür Rechenschaft fordern. Wer die Bösen begünstigt, tut selbst Böses. Eines will ich dir aber versprechen: wen du mir nennst, den werde ich begnadigen; wessen Schuld du aber vor mir verheimlichst, den werde ich grausam bestrafen, so wirst du nicht zum Verräter, sondern zum Fürsprecher deiner Freunde, sage mir nun alles, fürchte nichts. Ich werde niemand etwas zuleide tun. wir wollen uns alles gemeinsam überlegen...« Alexej schwieg. Peter umschlang seinen Kopf und drückte ihn sich an die Brust. Er holte tief Atem und fügte hinzu: »Ach, Aljoscha, Aljoscha, wenn du in mein Herz hineinblicken könntest und wüßtest, wie schwer ich es habe! so fürchterlich schwer ist mir zumute! Ich habe keinen einzigen Gehilfen. Alles muß ich ganz allein machen. Alle sind Bösewichter und meine Feinde. Habe wenigstens du Mitleid mit dem Vater. Sei mein Freund ... Oder willst du es nicht? Liebst du mich nicht?« »Ich liebe dich, ich liebe dich, einziges Väterchen! ...« flüsterte der Zarewitsch mit der gleichen verschämten Zärtlichkeit wie einst in der Kindheit, wenn der Vater nachts heimlich zu ihm in die Schlafkammer kam und das schläfrige Kind in die Arme nahm. »Alles will ich dir sagen, frage nur!« Und er erzählte ihm alles und nannte ihm alle. Als er aber zu Ende war, wartete Peter noch immer auf die Hauptsache. Er hatte erwartet, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, bekam aber nichts von einem Verbrechen zu hören: alles was er erfahren hatte, waren nur Gerüchte, Worte, Klatschgeschichten, vage Hirngespinste, die nicht den geringsten Halt zu einer Untersuchung boten. Der Zarewitsch nahm alle Schuld auf sich und verteidigte alle andern. »Wenn ich betrunken war, schwatzte ich alles Mögliche zusammen, legte meiner Zunge in Gesellschaft keinen Zaum an, konnte mich der aufrührerischen Worte gar nicht enthalten und führte oft unziemliche Reden, indem ich mich auf die Menschen, die mich umgaben, verließ.« »War nicht außer diesen Reden auch irgendeine ernsthafte Absicht dabei, die Absicht, etwas zu unternehmen, das Volk aufzuwiegeln, um den Thron gewaltsam an sich zu reißen?« »Nein, Vater, eine solche Absicht war nicht dabei! Gott sei mein Zeuge, daß nichts derartiges dabei war! Es waren nur leere Worte!« »Wußte deine Mutter etwas von deiner Flucht?« »Ich glaube, daß sie nichts wußte ...« Er besann sich und fügte hinzu: »Bestimmt weiß ich es nicht.« Plötzlich hielt er inne und schlug die Augen nieder. Ihm fielen die Gesichte und Prophezeiungen des Bischofs Dossifej von Rostow und der übrigen frommen Greise ein, an die seine Mutter glaubte und über die sie sich freute: die Weissagungen vom Untergange Petersburgs, vom Tode Peters und von der Thronbesteigung seines Sohnes. Sollte er das dem Vater sagen und die Mutter verraten? Sein Herz krampfte sich vor tödlichem Gram zusammen. Er fühlte, daß er darüber nicht sprechen durfte. Der Vater fragte ihn ja gar nicht danach. Was ging ihn auch dies alles an? War er denn ein Mann, der sich vor Weiberklatsch fürchten würde? »Ist das nun alles, oder hast du noch etwas auf dem Herzen?« fragte Peter. »Nur noch eines. Ich weiß aber nicht, wie ich es sagen soll. Es ist so schrecklich ...« Er schmiegte sich fest an den Vater heran und verbarg sein Gesicht an seiner Brust. »Sage es! Es wird dir leichter werden. Bekenne alles und reinige dich wie bei einer wirklichen Beichte.« »Als du krank warst,« flüsterte ihm der Zarewitsch ins Ohr, »dachte ich, daß du sterben würdest, und ich freute mich darüber. Ich wünschte dir den Tod ...« Peter schob ihn sachte weg, blickte ihm gerade in die Augen und sah in ihnen etwas, was er in Menschenaugen noch niemals gesehen hatte. »Hast du mit jemand über meinen Tod beratschlagt?« »Nein, nein, nein!« rief der Zarewitsch. Sein Gesicht und seine Stimme drückten solches Entsetzen aus, daß der Vater seinen Worten glauben mußte. Sie sahen sich stumm mit dem gleichen Blick in die Augen. Und die beiden so verschiedenen Gesichter bekamen plötzlich Ähnlichkeit miteinander. Sie spiegelten einander wieder und vertieften einander in die Unendlichkeit wie zwei Spiegel. Der Zarewitsch lächelte plötzlich leise und sagte ganz einfach, doch mit einer sonderbaren, fremden Stimme, die so klang, als spräche nicht er selbst, sondern jemand anderes, ein Fremder durch seinen Mund: »Ich weiß ja, Väterchen: vielleicht darfst du mir gar nicht verzeihen. Dann nicht. Laß mich hinrichten, töte mich. Ich will selbst für dich sterben. Liebe mich aber, liebe mich immer! Niemand soll es wissen. Nur wir beide. Du und ich.« Der Vater erwiderte nichts und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Der Zarewitsch blickte ihn so an, als ob er von ihm noch etwas erwartete. Endlich nahm Peter die Hände vom Gesicht weg, beugte sich wieder zu seinem Sohn, umfaßte seinen Kopf mit beiden Händen und küßte ihn schweigend auf die Stirne. Und es kam dem Zarewitsch vor, als ob er zum erstenmal in seinem Leben in den Augen des Vaters Tränen sähe. Alexej wollte noch etwas sagen. Peter erhob sich aber und verließ rasch das Zimmer. Am Abend des gleichen Tages erschien beim Zarewitsch sein neuer Beichtvater P. Warlaam. Nach seiner Ankunft in Moskau hatte der Zarewitsch gebeten, daß man seinen alten Beichtvater P. Jakow Ignatjew bei ihm vorlasse. Man schlug ihm aber diese Bitte ab und ernannte P. Warlaam zu seinem Beichtvater. Er war ein alter Mann von einfältigem Aussehen, »ein Hühnchen«, wie ihn Tolstoi nannte. Der Zarewitsch freute sich aber auch über einen solchen Priester, denn er wollte so bald als möglich beichten. In der Beichte wiederholte er alles, was er vorhin dem Vater gesagt hatte. Er fügte noch hinzu, was er vor dem Vater verheimlicht hatte: von seiner Mutter, der Zarin Awdotja, von seiner Tante, der Zarewna Marja und seinem Onkel Awraam Lopuchin, von ihrer gemeinsamen Sehnsucht nach der »baldigen Vollendung«, nach dem Tode des Vaters. »Du hättest dem Vater die Wahrheit sagen sollen,« bemerkte P. Warlaam und tat plötzlich so, als hätte er es sehr eilig. Etwas Seltsames und Schreckliches war plötzlich zwischen ihnen vorbeigeschwebt, doch so blitzschnell, daß der Zarewitsch sich keine Rechenschaft darüber abgeben konnte, ob es wirklich gewesen oder ihm nur so vorgekommen sei. II. Am nächsten Margen nach der ersten Zusammenkunft Peters mit Alexej, am Montag, den 3. Februar 1718 wurden alle Minister, Senatoren, Generäle, Bischöfe und andere bürgerliche und geistliche Würdenträger nach dem Thronsaal, dem Audienzsaal des alten Kremlpalastes befohlen, um die Vorlesung des Manifestes von der Thronentsagung des Zarewitsch anzuhören und dem neuen Thronerben Peter Petrowitsch den Treueid zu leisten. Innerhalb des Kremls waren auf allen Plätzen, Gängen und Treppen die Bataillone des Preobrashenkij-Leibgarderegiments aufgestellt. Man befürchtete einen Aufstand. Im Audienzsaale war von der alten Ausstattung nur das Deckengemälde erhalten geblieben, das »den Gang der Gestirne, die zwölf Monate und die übrigen himmlischen Läufe« darstellte. Die ganze übrige Ausstattung war neu: holländische gewebte Tapeten, Kristallkandelaber, Stühle mit geraden Lehnen und schmale Pfeilerspiegel zwischen den Fenstern. In der Mitte des Saales stand unter einem rotseidenen Baldachin auf einem Podium, zu dem drei Stufen hinaufführten, der Zarenthron, ein vergoldeter Sessel, mit rotem Samt überzogen, auf dem ein goldener Doppeladler und die Schlüssel des heiligen Petrus gestickt waren. Die durch die Fenster eindringenden schrägen Sonnenstrahlen fielen auf die weißen Perücken der Senatoren und die schwarzen Kapuzen der Bischöfe. Alle Gesichter drückten Furcht und jene Neugier aus, die sich der Zuschauer bei einer Hinrichtung bemächtigt. Es erschall Trommelwirbel. Die Menge geriet in Bewegung und rückte auseinander. Der Zar trat ein und setzte sich auf den Thron. Zwei riesengroße Gardisten vom Preobrashenskij-Regiment mit gezogenen Säbeln führten den Zarewitsch wie einen Arrestanten herein. Ohne Perücke und Degen, im einfachen schwarzen Anzug, bleich doch ruhig, gleichsam in Gedanken versunken, ging er langsam mit gesenktem Kopf auf den Thron zu. Als er den Vater erblickte, erstrahlte sein Gesicht in einem leisen Lächeln, das an seinen Großvater, den Zaren Alexej den sanftesten, erinnerte. Langaufgeschossen, mit schmalen Schultern und einem hageren, von schütteren, geraden, glatten Haaren umrahmten Gesicht glich er halb einem Dorfküster und halb dem heiligen Alexej, dem Mann Gottes, wie man ihn auf den Ikonen darstellt; unter allen den neuen Petersburger Gesichtern schien er allen fern und fremd, wie ein Gast aus einer andern Welt, wie ein Gespenst des alten Moskaus. Neben dem Ausdruck von Neugier und Furcht erschien auf manchem Gesicht etwas wie Mitleid mit diesem Gespenst. Er blieb vor dem Throne stehen und wußte nicht, was er tun sollte. »Auf die Knie, auf die Knie, und sprich, wie du es gelernt hast,« flüsterte ihm Tolstoi, der auf ihn von hinten zulief, ins Ohr. Der Zarewitsch kniete nieder und sprach mit lauter ruhiger Stimme: »AIlergnädigster Herr Vater! Nachdem ich mein Verbrechen vor Eure Majestät als meinem Souverain und Vater erkannt, auch mich schon aus Neapolis durch ein Schreiben schuldig erklärt, so wiederhole solches anjetzo nachmalen und bekenne, daß ich wider meine kindliche Pflicht und Untertänigkeit entwichen und mich unter des Römischen Kaisers Protektion begeben, auch selbigen um Assistence gebeten, weswegen gnädigsten Pardon und Erbarmung suche.« Nicht weil es durch das Zeremoniell vorgeschrieben war, sondern weil sein Herz ihn dazu drängte, verneigte er sich vor dem Vater bis zur Erde. Auf einen Wink des Zaren begann nun der Vizekanzler Schafirow das Manifest zu lesen, das am gleichen Tage auch auf dem Roten Platze dem Volke vorgelesen werden sollte. »Wir hoffen, daß es der Mehrzahl unserer treuen Untertanen bekannt ist, mit welchem Eifer und welcher Sorgfalt wir uns um die Erziehung Unseres erstgeborenen Sohnes Alexej bemüht haben. Aber unser ganzer Eifer nützte nichts, und die Saat der Belehrung fiel auf hartes Gestein, da er die ihm erteilten Lehren nicht nur nicht befolgte, sondern auch haßte, keinerlei Neigung weder zu militärischen noch zu bürgerlichen Angelegenheiten zeigte, und mit lauter schlechten und gemeinen Leuten, die rohe und häßliche Angewohnheiten hatten, Umgang pflegte.« Alexej hörte fast gar nicht zu. Seine Blicke suchten einen Blick des Vaters aufzufangen. Dieser sah aber immer mit unbeweglichen, undurchdringlichen Augen an ihm vorbei. »Es ist nur Verstellung, Dissimulation!« suchte sich der Zarewitsch zu trösten. »Jetzt kannst du mich schelten und schlagen so viel du willst: ich weiß, daß du mich liebst!« »Und als wir seine Verstocktheit in allen seinen schlechten Handlungen sahen,« las Schafirow weiter, »erklärten wir ihm, daß wir ihn enterben werden, wenn er auch in Zukunft Unserem Willen nicht folgen würde. Und wir setzten ihm eine Frist zur Besserung aus. Er aber vergaß jede Furcht und die Gebote Gottes, welche befehlen, auch dem gewöhnlichen Vater, geschweige denn seinem Fürsten, Gehorsam zu erweisen, und lohnte Uns Unsere oben erwähnten väterlichen Mühen und Sorgen mit unerhörtem Undank. Denn als wir zu kriegerischen Handlungen nach dem dänischen Lande reisten und ihn in Sankt Petersburg zurückließen und ihm später schrieben, er solle zu Uns nach Kopenhagen kommen, um der Kampagne beizuwohnen und dabei etwas zu lernen, hat sich Unser Sohn, statt zu Uns zu reisen, unter Mitnahme einer Geldsumme und einer gewissen Dirne, mit der er ungesetzlich zusammenlebt, aus Unserem Reiche entfernt und sich unter die Protektion des Kaisers begeben. Indem er viele ungeheuerliche Verleumdungen gegen Uns, als seinen Vater und Souverain vorbrachte, bat er den Kaiser, ihn nicht nur zu verstecken, sondern ihm auch mit bewaffneter Hand gegen Uns als seinen Feind und Peiniger, von dem er den Tod zu befürchten hätte, Beistand zu leisten, wie groß der Schimpf und die Schande sind, die er Uns und Unserm Staate vor der ganzen Welt damit angetan hat, kann jedermann beurteilen; denn ein ähnliches Beispiel ist selbst in der Geschichte schwerlich zu finden. Und obwohl er, Unser Sohn, für alle diese verbrechen den Tod verdient, so erbarmen wir Uns seiner in Unserm väterlichen Herzen, verzeihen ihm und erlassen ihm jede Strafe. Aber ...« Da erklang, das Lesen unterbrechend, die dumpfe, etwas heisere, drohende stimme Peters, dermaßen von Zorn und Gram erfüllt, daß alles Zeremonielle plötzlich verschwand, und alle Anwesenden das Grauen dessen empfanden, was hier geschah: »Ich kann keinen Thronerben hinterlassen, der alles vergeudet, was sein Vater mit Gottes Hilfe gewonnen hat, und der den Ruhm, und die Ehre des russischen Volkes austilgt. Aus Furcht vor dem Gerichte Gottes kann ich ihm auch nicht diese Regierung übergeben, wenn ich seine Unfähigkeit kenne! Und du ...« Er blickte den Zarewitsch so an, daß ihm das Herz stille stand; nun schien es ihm, daß es keine Verstellung mehr war. »Und du merke dir dieses: obwohl ich dir verzeihe, darfst du mich nicht anklagen, wenn du deine Schuld verheimlichst und das Verheimlichte später ans Licht kommt: denn dann gilt dieser Pardon nicht. Du wirst mit dem Tode bestraft werden!« Alexej hatte schon die Hände erhoben und sie nach dem Vater ausgestreckt, in der Absicht, etwas zu sagen oder aufzuschreien, – dieser sah aber schon wieder mit seinem unbeweglichen, undurchdringlichen Blicke an ihm vorbei. Auf einen Wink des Zaren las Schafirow weiter: »Da wir also um Unser Reich und Unsere Untertanen besorgt sind, entziehen Wir kraft Unserer väterlichen Gewalt und als Selbstherrscher ihm, Unserm Sohn Alexej für alle seine Vergehen und Verbrechen das Recht der Erbfolge auf dem russischen Throne, auch wenn nach Unserm Tode kein einziges Mitglied Unserer Familie außer ihm zurückbleiben sollte. Und wir bestimmen und erklären zum Erben des erwähnten Thrones Unseren andern Sohn Peter, obwohl er minderjährig ist. Wir haben aber keinen andern volljährigen Erben. Und wir beschwören Unsern Sohn unter Androhung Unseres väterlichen Fluches, nach diesem Erbe nicht zu streben, wir verlangen von allen Unseren treuen Untertanen und dem ganzen russischen Volke, daß sie kraft dieser Unsern Verfügung den von Uns zum Thronerben erklärten Sohn Peter als den rechtmäßigen Thronfolger anerkennen und verehren und dies durch einen Eid vor dem heiligen Altar, über dem heiligen Evangelium und durch das Russen des Kreuzes bestätigen. Alle diejenigen aber, die jemals dieser Unserer Verfügung entgegen handeln, Unsern John Alexej auch weiterhin als den Thronerben ansehen und ihm darin beistehen werden, erklären wir für Verräter an Uns und an dem Vaterlande. Der Zar erhob sich, stieg vom Podium herab und befahl den Anwesenden, ohne auf ihn zu warten, sich in die Mariä-Himmelfahrtskathedrale zu begeben, um den Eid durch das Küssen des Kreuzes zu bekräftigen. Als alle, außer Tolstoi, Schafirow und einigen andern bevorzugten Würdenträgern sich aus dem Saale entfernt hatten, sagte Peter zu Alexej: »Geh!« Sie gingen zusammen durch den Vorraum des Thronsaales in die Geheimkammer des Gerichtssaales, in der vor alten Zeiten die Moskauer Zaren, hinter Taftvorhängen verborgen, den Beratungen der Gesandten zu lauschen pflegten. Es war ein kleines Zimmer, eine Art Klosterzelle mit nackten Wänden und einem Glimmerfensterchen, das nur ein bernsteingelbes Licht, so schwach wie der Schein der Abendsonne durchließ. In der Ecke vor dem Bilde des Heilands mit dunklem Antlitz, der Dornenkrone und dem sanften, traurigen Blick, brannte eine ewige Lampe. Peter schloß die Türe und ging auf seinen Sohn zu. Wieder wie damals in Neapel, während des Deliriums, zitterte der Zarewitsch ununterbrochen am ganzen Körper, wie von einem Frostschauer durchschüttelt. Er hoffte aber noch immer: gleich wird ihn der Vater umarmen, liebkosen und ihm sagen, daß er ihn liebe, und die ganze Angst wird für immer weichen. »Ich weiß, daß du mich liebst! Ich weiß, daß du mich liebst!« wiederholte der Zarewitsch wie eine Beschwörungsformel vor sich hin. Und doch bebte sein Herz vor Furcht. Er schlug die Augen nieder und wagte nicht, sie zu heben, denn er fühlte auf sich den schweren, unverwandten Blick des Vaters ruhen. Beide schwiegen. Es war sehr still. »Hast du gehört,« sagte endlich Peter, »was vorhin vor dem ganzen Volke verkündet worden ist: daß, wenn du etwas verheimlichst, dich der Tod erwartet?« »Ich hab es gehört, Väterchen.« »Und hast du dem nichts hinzuzufügen, was du mir vorgestern eröffnet hast?« Der Zarewitsch gedachte seiner Mutter und fühlte wieder, daß er sie nicht verraten würde, selbst wenn ihm ein sofortiger Tod drohe. »Nein, nichts,« sagte er leise mit fremder Stimme, als ob nicht er, sondern jemand anderer aus seinem Munde spräche. »Also nichts?« wiederholte Peter. Alexej schwieg. »Sprich! ...« Dem Zarewitsch wurde es finster vor den Augen, seine Beine knickten ein. Und er antwortete wieder so, als ob jemand anderes für ihn spräche: »Nichts.« »Du lügst!« schrie Peter, packte ihn an einer Schulter und preßte sie so zusammen, daß es schien, er würde ihm alle Knochen zermalmen. »Du lügst! Du hast vor mir das von deiner Mutter verheimlicht, das von deiner Tante, vom Onkel, vom Dossifej von Rostow, von ihrem ganzen verfluchten Nest, darin die Wurzel der verbrecherischen Verschwörung steckt! ...« »Wer hat dir das gesagt, Väterchen?« stammelte der Zarewitsch und blickte dem Vater zum erstenmal ins Gesicht. »Ist es vielleicht nicht wahr?« sagte der Vater, ihm gerade in die Augen blickend. Seine Hand lastete immer schwerer auf Alexejs Schulter. Der Zarewitsch schwankte plötzlich wie ein Rohr unter dieser Last und fiel dem Vater vor die Füße. »Verzeih! Verzeih! Sie ist ja meine Mutter! Meine einzige Mutter! ...« Peter beugte sich über ihn und erhob unter Mutterschimpfworten die Fäuste über seinem Kopf. Alexej streckte die Hände vor sich aus, wie wenn er sich gegen einen tödlichen Schlag wehren wollte, hob die Augen und erblickte über sich in einer blitzschnellen doch umgekehrten Verwandlung des Werwolfs statt des lieben Gesichts, jenes andere fremde, wie eine Totenmaske schreckliche Gesicht, das Gesicht des Tieres. Er stieß einen schwachen Schrei aus und bedeckte sich die Augen mit den Händen. Peter wandte sich um, um das Zimmer zu verlassen. Als aber der Zarewitsch diese Bewegung des Vaters vernahm, stürzte er ihm auf den Knieen rutschend nach, wie ein Hund, den man schlägt und der trotzdem um Verzeihung bittet; er umarmte seine Füße und klammerte sich an sie fest an. »Geh nicht fort! Geh nicht fort! Töte mich lieber! ...« Peter wollte ihn wegstoßen und sich von ihm befreien. Aber Alexej hielt ihn fest, ließ ihn nicht los und klammerte sich immer fester an ihn an. Die Berührung der sich an ihn krampfhaft anklammernden Arme rief in Peters Körper dasselbe eiskalte Zittern eines Ekelgefühls hervor, das er immer vor Spinnen, Küchenschaben und anderen kriechenden Geschöpfen empfand. »Fort, fort, fort! Ich töte dich!« schrie er voller Wut und Schrecken. Endlich schüttelte er ihn mit verzweifelter Kraftanstrengung von sich ab, schleuderte ihn zur Seite und stieß ihn mit dem Fuß ins Gesicht. Der Zarewitsch fiel mit dumpfem Stöhnen wie ein Toter mit dem Gesicht auf den Boden. Peter lief aus dem Zimmer, als ob er sich vor etwas Fürchterlichem retten wollte. Als er an den Würdenträgern, die ihn im Thronsaale erwarteten, vorüberging, lasen sie in seinem Gesicht, das etwas schlimmes geschehen sei. Er rief ihnen nur zu: »In die Kathedrale!« Und ging hinaus. Die einen liefen ihm nach, die andern – darunter Tolstoi und Schafirow – eilten in die Geheimkammer zum Zarewitsch. Er lag noch immer wie ein Toter, das Gesicht zu Boden gekehrt. Sie hoben ihn auf und versuchten ihn ins Bewußtsein zurückzurufen, seine Glieder wollten sich nicht biegen, sie waren wie erstarrt oder durch einen Krampf gelahmt. Er war aber nicht ohnmächtig. Er atmete hastig, und seine Augen waren offen. Endlich richtete man ihn auf und stellte ihn auf die Füße. Man wollte ihn ins Nebenzimmer führen, um ihn da auf eine Bank zu legen. Er blickte mit trüben Augen, die nichts zu sehen schienen, um sich und stammelte, als wollte er sich an etwas erinnern: »Was war es? ... Was war es? ...« »Fürchte dich nicht, mein Guter!« suchte ihn Tolstoi zu beruhigen. »Dir ist schlecht geworden, bist hingefallen, hast dich wohl am Boden angeschlagen. Bis zu deiner Hochzeit wirds schon vergehen. Trinke etwas Wasser. Gleich kommt der Doktor.« »Was war es? ... Was war es? ...« wiederholte der Zarewitsch ganz sinnlos vor sich hin. »Soll man es nicht dem Zaren melden?« flüsterte Tolstoi Schafirow zu. Der Zarewitsch hörte es, wandte sich um, und sein blasses Gesicht wurde plötzlich rot. Er begann am ganzen Körper zu zittern und den Hemdkragen aufzureißen, als ob er erstickte. »Welchem Zaren?« fragte er. Er lachte und weinte zugleich so wahnsinnig, daß es allen ganz unheimlich zumute wurde. »Welchem Zaren? Ihr Dummköpfe! Seht ihr es denn nicht? Er ist es gar nicht! Er ist nicht der Zar und nicht mein Vater, sondern ein Trommler, ein verruchter Jude, Grischka Otrepjew, der falsche Demetrius, ein Werwolf! Man soll ihm einen Espenpfahl in die Gurgel jagen und fertig!« Der Leibarzt Areskin kam herbeigelaufen. Tolstoi zeigte hinter dem Rücken des Zarewitsch zuerst auf ihn und dann auf seine Stirne: der Zarewitsch sei wohl irrsinnig geworden. Areskin setzte den Kranken in einen Sessel, fühlte den Puls, gab ihm Spiritus zu riechen, zwang ihn, beruhigende Tropfen einzunehmen und wollte ihn zur Ader lassen; in diesem Augenblick kam aber ein Bote und meldete, daß der Zar in der Kathedrale warte und den Zarewitsch sofort zu sehen verlange. »Melde dem Zaren, daß Seiner Hoheit unwohl ist ...« begann Tolstoi. »Nein,« unterbrach ihn der Zarewitsch, wie aus einem tiefen Schlafe erwachend. »Nein. Ich gehe gleich hin. Ich will nur noch einen Augenblick ausruhen, wenn ich einen Schluck Wein haben könnte ...« Man brachte ihm Ungarwein. Er trank ihn mit Gier aus. Areskin legte ihm ein mit kaltem Wasser und Essig durchtränktes Handtuch auf den Kopf. Man ließ ihn in Ruhe. Alle gingen beiseite und berieten sich, was nun zu tun sei. Nach einigen Minuten sagte er: »Jetzt geht es. Es ist vorüber, wir wollen gehen.« Man half ihm aufstehen und führte ihn an den Armen hinaus. In der frischen Luft auf dem Wege aus dem Palaste zur Kathedrale erholte er sich fast gänzlich. Als er aber durch die Volksmenge ging, fiel allen seine Blässe auf. Auf der Kanzel vor der offenen Zarenpforte erwartete ihn der neuernannte Bischof von Pskow, Feofan Prokopowitsch im vollen Ornat mit dem Kreuz und dem Evangelium. Neben ihm stand der Zar. Alexej betrat die Kanzel, nahm aus den Händen Schafirows ein Schriftstück und begann mit schwacher, kaum hörbarer Stimme zu lesen; in der Menge herrschte aber eine solche Stille, daß man jedes Wort verstehen konnte. »Dieweil ich, Endesunterfertigter für das von mir an meinem Vater und meinem Vaterlande begangene Verbrechen der Thronfolge für verlustig erklärt worden bin, so schwöre ich beim heiligen Evangelium, daß ich solches als rechtmäßig anerkenne. Ich verspreche bei dem allmächtigen, in der Dreifaltigkeit gepriesenen Gotte, mich in den Willen meines Vaters zu fügen und unter keinem Vorwande die Thronfolge zu erstreben, zu wollen oder anzunehmen. Und ich erkenne meinen Bruder, den Zarewitsch Peter Petrowitsch als den rechtmäßigen Thronfolger an. Zur Bekräftigung dessen küsse ich nun das heilige Kreuz und unterschreibe Obiges mit eigener Hand.« Er küßte das Kreuz und unterschrieb die Urkunde. Zur selben Zeit wurde das Manifest dem Volke vorgelesen. III. Peter ließ dem Zarewitsch durch Tolstoi die »Fragepunkte« übergeben. Der Zarewitsch sollte sie schriftlich beantworten. Tolstoi riet ihm, nichts zu verheimlichen, weil der Zar alles wisse und von ihm nur eine Bestätigung verlange. »Von wem weiß es der Vater?« fragte der Zarewitsch. Tolstoi wollte es ihm lange nicht sagen, schließlich las er ihm den noch geheim gehaltenen Ukas vor, der aber später bei der Gründung des Geistlichen Kollegiums, des »Heiligsten Synods« veröffentlicht wurde: »Wenn jemand in der Reichte seinem Beichtvater irgendeine böse und unbereute, gegen die Ehre und das Wohl des Zaren gerichtete Absicht, oder gar einen Verrat oder eine Verschwörung eröffnet, so ist der Beichtvater verpflichtet, es an entsprechender Stelle zu melden: entweder dem Preobrashenskij-Amt oder der Geheimen Kanzlei. Durch diese Verfügung wird das Sakrament der Beichte nicht verletzt und der Beichtvater handelt nicht gegen die Vorschriften des Evangeliums, sondern befolgt Christi Lehre: ›Sündiget aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Höret er nicht, so sage es der Gemeinde.‹ Wenn der Herr solches bei einem Vergehen gegen den Bruder zu tun befiehlt, um wieviel mehr gilt dies Gebot bei einem verbrecherischen Anschlag gegen den Fürsten.« Als der Zarewitsch diesen Ukas angehört hatte, stand er vom Tische auf – das Gespräch mit Tolstoi fand unter vier Augen beim Abendessen statt, – und sein blasses Gesicht wurde ebenso rot wie neulich nach seinem Anfall in der Geheimkammer. Er sah Tolstoi so an, daß dieser erschrak und glaubte, der Zarewitsch habe wieder einen Anfall. Diesmal lief es aber glücklich ab. Der Zarewitsch schien sich beruhigt zu haben und in Gedanken versunken zu sein. In diesem Zustande des Nachdenkens verblieb er nun mehrere Tage, wenn man ihn ansprach, blickte er einen Zerstreut an, als verstünde er nicht ganz, wovon gesprochen wurde. Er war plötzlich noch magerer geworden und sah, wie Tolstoi meinte, mehr tot als lebendig aus. Trotzdem verfaßte er eine ausführliche Antwort auf die »Fragepunkte« und bestätigte alles, was er in der Beichte gesagt hatte, obwohl er ahnte, daß dies vergeblich sei, da der Vater ihm sowieso nicht glauben würde. Alexej hatte begriffen, daß P. Warlaam das Beichtgeheimnis verletzt hatte, und ihm fielen die Worte des heiligen Dmitrij von Rostow ein: »Wenn irgendein weltlicher Fürst oder Gerichtshof einem Priester befehlen oder ihn mit Gewalt zwingen würde, das Geheimnis des Beichtkindes zu verraten, und ihn selbst mit Folter und Tod bedrohte, so ist der Priester verpflichtet, lieber zu sterben und die Märtyrerkrone zu empfangen, als das Siegel des Beichtgeheimnisses zu verletzen ...« Es fielen ihm auch die Worte eines frommen Greises von den Raskolniki ein, mit dem er sich einmal in der Einsamkeit der Nishnij-Nowgoroder Wälder unterhalten hatte, als er sich auf Befehl des Vaters in jenem Gebiet aufhielt, um Fichten für den Schiffsbau fällen zu lassen. »Auf allen Kirchen, Popen und Sakramenten, Gebeten und Gesängen, Ikonen und übrigen Dingen ruht heute keine göttliche Gnade mehr: sie ist wieder in den Himmel genommen worden. Wer Gott fürchtet, der geht nicht mehr in die Kirche, weißt du, wem das Lamm eures Abendmahls gleicht? Merke auf, was ich sage: es gleicht einem toten Hunde, der auf der Gasse liegt, wenn jemand solches Abendmahl nimmt, so ist es um ihn geschehen: der Arme ist tot! Euer Abendmahl ist wie Arsenik oder Sublimat: es dringt durch Knochen und Mark tief in die verderbte Seele hinein; hinterher kann sie sich im Feuer der Hölle ausruhen und wie Kain, der unbußfertige Sünder seufzen!« Diese Worte, die dem Zarewitsch damals bedeutungslos erschienen waren, hatten jetzt einen schrecklichen Sinn bekommen. Was sollte nun werden, wenn der Greuel der Verwüstung sich wirklich der heiligen Stätte bemächtigt hatte, wenn die Kirche von Christo abgefallen war und der Antichrist über sie herrschte? Wer ist aber der Antichrist? Hier begann ein Delirium. Das Bild des Vaters verdoppelte sich: wie in der plötzlichen Verwandlung eines Werwolfes sah der Zarewitsch zwei Gesichter: das eine war das gütige, liebe Gesicht seines Vaters, das andere – ein fremdes, wie eine Totenmaske schreckliches Gesicht des Tieres. Am schrecklichsten war aber, daß er nicht wußte, welches von den beiden Gesichtern das echte sei: ob das des Vaters oder das des Tieres? Wurde der Vater zum Tiere oder das Tier zum Vater? Ihn befiel ein solches Grauen, daß er den Verstand zu verlieren glaubte. In dieser Zeit wurde in den Folterkammern des Preobrashenskij-Amtes die Untersuchung geführt. Am Tage nach der Verlesung des Manifestes, am 4. Februar, eilten schon Kuriere nach Petersburg und nach Susdal mit dem Befehle, alle diejenigen nach Moskau zu bringen, die der Zarewitsch angegeben hatte. In Petersburg verhaftete man Alexander Aikin, den Kammerdiener des Zarewitsch Iwan Afanaßjew, seinen Lehrer Nikifor Wjasemskij und viele andere. Kikin versuchte während des Transportes nach Moskau, sich mit seinen Ketten zu erwürgen, aber man hinderte ihn daran. Beim Verhör unter Tortur nannte er den Fürsten Wassilij Dolgorukij als den Hauptratgeber Alexejs. »Ich wurde ganz unerwartet in Petersburg verhaftet,« erzählte später Fürst Wassilij selbst, »und in Ketten nach Moskau gebracht, weswegen ich in große Desperation und Bewußtlosigkeit geriet; ich wurde in Preobrashenskoje in strenge Haft genommen und dann auf den Generalhof vor seine Zarische Majestät geführt. Ich geriet in große Angst, als ich sah, daß die Worte, die Alexej über mich geschrieben, ernst genommen worden waren.« Für den Fürsten Wassilij trat nun sein Verwandter, Fürst Jakow Dolgorukij ein. »Habe Erbarmen, Zar,« schrieb er an Peter, »daß wir in unserem Alter nicht mit dem Namen eines Geschlechts von Bösewichtern beladen ins Grab steigen, was nicht nur unsern guten Ruf schänden, sondern auch unser Leben vorzeitig abkürzen könnte. Ich rufe dir daher nochmals zu: habe Erbarmen, habe Erbarmen, du Allbarmherziger!« Ein Schatten des Verdachts fiel auch auf den Fürsten Jakow selbst. Kikin hatte ausgesagt, daß er es war, der dem Zarewitsch geraten habe, nicht zum Vater nach Kopenhagen zu reisen. Peter tat dem Alten nichts zuleide, drohte ihm aber mit so fürchterlichen Strafen, daß Fürst Jakow es für nötig hielt, dem Zaren seine früheren treuen Dienste in Erinnerung zu rufen; »für die ich nun, wie ich höre, mit dem grausamen Tode auf dem Pfahle belohnt werden soll,« schloß er mit Erbitterung. Peter fühlte noch einmal, wie einsam er war. Wenn auch der aufrechte Fürst Jakow ein Verräter war, wem sollte er dann noch trauen? Der Kapitänleutnant Grigorij Skornjakow-Pissarew brachte die frühere Zarin Awdotja, die jetzige Nonne Jelena aus Susdal nach Moskau. Unterwegs schrieb sie dem Zaren folgenden Brief: »Allergnädigster Herr! »Vor einigen Jahren – in welchem Jahre es war, erinnere ich mich nicht mehr – wurde ich auf mein Gelübde hin im Susdalschen Kloster zu Mariä Schutz und Fürbitte als Nonne eingekleidet und mit dem Namen Jelena benannt. Nach meiner Einkleidung trug ich das Klosterhabit etwa ein halbes Jahr; da ich keine Nonne sein wollte, entsagte ich dem Klostergelübde, legte das Habit ab und lebte in jenem Kloster nur dem Scheine nach als Nonne, in Wirklichkeit aber im Laienstande. Dies wurde von Grigorj Pissarew aufgedeckt. Und nun hoffe ich nur auf die Gnade Eurer Majestät. Indem ich mich Euch zu Füßen werfe, bitte ich um Barmherzigkeit und um Vergebung für mein Verbrechen, damit ich nicht eines schändlichen Todes sterbe. Und ich verspreche, wieder Nonne zu werden und bis an meiner Tage Ende in diesem Stande zu leben. Und ich werde zu Gott für dich, meinen Zaren, beten. »Eurer Majestät ergebenste Magd, Eure ehemalige Frau Awdotja.« Die Schatzmeisterin des gleichen Klosters, Schwester Maremjana sagte aus: »Wir wagten nicht, der Zarin vorzuwerfen, daß sie das Habit abgelegt habe. Gar oft sagte sie: ›Alles gehört uns, was des Zaren ist; ihr wißt doch, wie der Zar den Strelitzen für seine Mutter vergolten hat; nun ist auch mein Sohn den Windeln entwachsen!‹ Als sich der Major Stepan Gljebow in Susdal aufhielt, um Rekruten anzuwerben, empfing ihn die Zarin in ihrer Zelle; sie schlossen sich ein und sprachen miteinander, mich schickten sie aber in meine Zelle fort, damit ich ein Kleid zuschneide, oder gaben mir zehn Kopeken, damit ich in die Kirche singen gehe. Als Gljebow sich frech aufführte, sagte ich zu ihm: ›Was führst du dich so auf? Das ganze Volk weiß es!‹ Und die Zarin schalt mich dafür und sagte: ›Wer fragt dich danach? Du paßt zu sehr auf mich auf!‹ Auch die andern sagten zu mir: ›Warum erzürnst du so die Zarin?‹ Jener Stepan besuchte sie auch bei Nacht, worüber mir der Diener und die Zwergin Agafja berichteten: ›Gljebow geht an uns vorüber, und wir wagen nicht, uns zu rühren.‹« Die Schwester Kapitolina gestand: »Gljebow kam allabendlich zu ihr, der Zarin-Nonne Jelena, und küßte sie und umarmte sie. Ich ging dann jedesmal hinaus. Die Liebesbriefe Gljebows gingen durch meine Hand.« Gljebow selbst sagte ganz kurz: »Die gewesene Zarin und ich haben uns in Liebe gefunden und haben unzüchtig miteinander gelebt.« Alles andere leugnete er. Man folterte ihn schrecklich: man schlug ihn mit der Knute, brannte ihn, führte ihn nackt in den Frost, brach ihm die Rippen, zerriß ihm den Körper mit Zangen, setzte ihn auf ein mit Nägeln gespicktes Brett und zwang ihn, barfuß über eine mit zugespitzten Pflöcken gespickte Diele zu gehen, so daß seine Füße zu eitern begannen. Er ertrug aber alle diese Qualen, verriet aber niemand und gestand nichts ein. Die gewesene Zarin sagte aus: »Am 21. Februar wurde ich, die Nonne Jelena, auf den Generalhof gebracht und dort mit Stepan Gljebow konfrontiert. Dabei bekannte ich, daß ich mit ihm gebuhlt habe, und dies meine Schuld sei. Obiges habe ich mit eigener Hand geschrieben. Jelena.« Der Zar beabsichtigte, dieses Geständnis später in einem Manifest an das Volk zu veröffentlichen. Die Zarin sagte ferner aus: »Ich habe das Habit deshalb abgelegt, weil der Bischof Dossifej von Stimmen, die aus den Heiligenbildern erklangen, und von vielen Gesichten geredet und geweissagt hatte, daß Gottes Zorn kommen und eine Empörung im Volke ausbrechen werde; daß der Zar bald sterben, und ich mit dem Zarewitsch regieren werde.« Man verhaftete Dossifej, entkleidete ihn in einer Kirchenversammlung seiner bischöflichen Würde und nannte ihn den Ex-Priester Demid. »Nur ich allein bin in dieser Sache zur Verantwortung gezogen worden,« sagte Dossifej in der Kirchenversammlung. »Schaut nur, was die andern auf dem Herzen haben! Lauscht nur, was man im Volke redet!« Der Ex-Priester Demid wurde in der Folterkammer auf einer Wippe gestreckt und befragt: »Warum wünschtest du Seiner Zarischen Majestät den Tod?« –»Ich wünschte ihm den Tod, damit der Zarewitsch Alexej Petrowitsch zur Regierung komme, damit das Volk es leichter habe und die Stadt Sankt Petersburg nicht weiter gebaut werde,« antwortete Demid. Er zeigte den Bruder der Zarin, den Onkel des Zarewitsch, Awraam Lopuchin an. Man verhaftete auch diesen, konfrontierte ihn mit Demid und unterzog ihn einem peinlichen Verhör. Lopuchin bekam fünfzehn und Demid neunzehn Knutenhiebe. Die beiden gestanden, daß sie dem Zaren den Tod und dem Zarewitsch die Krone gewünscht hatten. Demid zeigte auch die Schwester des Zaren, die Zarewna Marja an. Die Zarewna hätte einmal gesagt: »Wenn der Zar nicht mehr am Leben ist, werde ich dem Zarewitsch mit Freude und nach Kräften helfen, für das Wohl des Volkes zu sorgen und den Staat zu regieren.« Ein anderes Mal hätte sie gesagt: »Warum habt ihr es zugegeben, ihr Bischöfe, daß der Zar bei Lebzeiten seiner Frau eine andere heiratete? Er sollte doch entweder die alte Zarin wieder zu sich nehmen und mit ihr leben, oder sterben!« Und als nach der Eidesleistung für Peter Petrowitsch der Ex-Priester Demid aus der Kathedrale zu ihr, der Zarewna Marja gekommen sei, hätte sie gesagt: »Es ist nicht recht vom Zaren, daß er den älteren Sohn verstoßen und den jüngeren zum Thronerben eingesetzt hat; dieser ist erst zwei Jahre alt, jener aber volljährig.« Die Zarewna wollte anfangs nichts zugeben; als man sie aber in die Folterkammer brachte und mit Demid konfrontierte, gestand sie alles. Die Untersuchung dauerte länger als einen Monat. Peter kam fast jeden Tag in die Folterkammer, wohnte den Foltern bei und folterte zuweilen selbst. Trotz aller Bemühungen konnte er aber doch nicht die Hauptsache finden, die er suchte, und einem wirklichen Verbrechen, »der Wurzel der verbrecherischen Verschwörung« auf die Spur kommen. Wie aus den Aussagen des Zarewitsch so auch aus denen aller andern Zeugen konnte er auf keinerlei Tatsachen schließen; es waren nur Worte, Gerüchte, Klatschereien, Phantasien von Besessenen und Verrückten, das Getuschel halbverrückter alter Männer und Weiber in den Winkeln der Klöster. Zuweilen hatte er das dunkle Gefühl, daß es besser wäre, die Sache aufzugeben, auf das Ganze zu spucken und allen zu verzeihen. Er konnte aber nicht mehr innehalten und sah voraus, daß alles nur mit dem Tode seines Sohnes enden würde. Während dieser Zeit lebte der Zarewitsch unter Bewachung im Schlosse von Preobrashenskoje neben dem Generalhofe und der Folterkammer. Tag und Nacht hörte er das Stöhnen der Gefolterten, oder es kam ihm nur so vor, als ob er es hörte. Tagtäglich wurde er mit jemandem konfrontiert. Am schrecklichsten war für ihn die Begegnung mit seiner Mutter. Der Zarewitsch hatte erfahren, daß der Vater sie eigenhändig mit der Knute geschlagen habe. Fast jeden Abend war Alexej sinnlos betrunken. Der Leibarzt Areskin prophezeite ihm den Säuferwahnsinn. Sooft er aber das Trinken aufgab, bemächtigte sich seiner ein so unerträglicher Gram, daß er sich eiligst wieder betrank. Areskin warnte den Zaren vor der Krankheit, die dem Zarewitsch drohte. Peter aber antwortete: »Er soll nur soviel saufen, bis er verreckt. Um ihn ist es nicht schade. Der Hund verdient einen hündischen Tod!« In der letzten Zeit gelang es dem Zarewitsch nicht mehr, im Rausche vergessen zu finden – der Schnaps verdrängte nur die schreckliche Wirklichkeit durch noch schrecklichere Traumbilder. Die Visionen quälten ihn nicht nur nachts im Traume, sondern auch am hellichten Tage und im Wachen. Er lebte zwei Leben: ein wirkliches und ein traumhaftes. Beide Leben vermengten und verflochten sich miteinander, so daß er das eine von dem andern nicht mehr unterscheiden konnte und nicht mehr wußte, was in Wirklichkeit und was im Traume geschah. Bald träumte ihm, daß der Vater in der Folterkammer die Mutter peitschte; er hörte das Sausen der Knute durch die Luft und das häßliche, gleichsam nasse Klatschen der Schläge auf den nackten Körper; er sah, wie sich auf diesem furchtbar bleichen Körper ein blauroter Streifen an den andern reihte; er antwortete auf die schrecklichen Aufschreie der Mutter mit noch schrecklicherer Stimme und stürzte wie tot zu Boden. Bald träumte ihm, daß er sich entschlossen habe, seine Mutter, sich selbst und alle andern am Vater zu rächen; daß er nachts vom Bette aufstehe, unter dem Kissen ein Rasiermesser hervorhole und sich im bloßen Hemd durch die Korridore des Schlosses schleiche; er schreitet über den an der Schwelle schlafenden Diener hinüber, kommt in das Schlafzimmer des Vaters, beugt sich über ihn, betastet seine Kehle, beginnt sie zu durchschneiden und fühlt, daß sein Blut so kalt ist wie das Blutwasser einer Leiche; er läßt ihn, von Grauen gepackt, mit halbdurchschnittener Kehle liegen und rennt, ohne sich umzusehen, davon. Bald fallen ihm die Worte der heiligen Schrift ein: »Und er ging hin und erhängte sich selbst«. Und er schleicht sich in die Kammer unter der Treppe, wo aller möglicher Rumpelkram aufbewahrt wird, steigt auf einen zerbrochenen dreibeinigen Stuhl, den er zuvor mit einer Kiste gestützt hat, nimmt vom Haken an der Decke den Strick, an dem die Laterne hängt, macht eine Schlinge und legt sie sich um den Hals; er ist im Begriff, den Stuhl wegzustoßen und will sich zuvor bekreuzigen, kann es aber nicht, denn seine Hand will sich nicht rühren; plötzlich springt ihm ein großer schwarzer Kater unter die Füße; er schmeichelt, reibt sich an ihm, schnurrt, macht einen Buckel, stellt sich auf die Hinterpfoten und legt ihm die Vorderpfoten auf die Schultern; nun ist es kein Kater mehr sondern ein Riesentier. Und der Zarewitsch erkennt in der Tierfratze ein Menschenantlitz mit breiten Backenknochen, hervorstehenden Augen und einem nach oben gedrehten Schnurrbart wie beim »Kater-Kotabrys.« Er will sich aus seinen Tatzen befreien. Das Tier wirft ihn aber zu Boden und spielt mit ihm wie eine Katze mit der Maus; bald packt es ihn, bald läßt es ihn los, bald streichelt es und bald kratzt es ihn. Und plötzlich bohrt es seine Krallen in sein Herz hinein. Und er erkennt denjenigen, von dem es geschrieben steht: »Und sie beteten das Tier an und sprachen: wer ist dem Tiere gleich und wer kann mit ihm kriegen?« IV. Am ersten Fastensonntag, dem 2. März hielt der neuernannte Bischof von Pskow Feofan Prokopowitsch den Gottesdienst in der Mariä-Himmelfahrtskathedrale ab. Nur vornehme Personen und hohe Beamte hatten Zutritt in die Kathedrale. An einer der vier Riesensäulen, die das Gewölbe stützten und mit dunklen Heiligenantlitzen auf goldenem Grunde bemalt waren, stand unter dem Baldachin, unter dem die alten Moskauer Zaren zu beten pflegten, Zar Peter. An seiner Seite war Alexej. Als der Zarewitsch den Bischof Feofan ansah, fiel ihm ein, was er über ihn gehört hatte. Feofan war an die Stelle Fedoßkas, des Hauptadmimstrators der geistlichen Angelegenheiten, getreten, weil dieser alt geworden war und in der letzten Zeit oft Anfälle von Melancholie hatte. Feofan war der Urheber des Ukases, welcher befahl, die in der Beichte enthüllten Staatsverbrechen anzuzeigen. Er hatte auch das Geistliche Reglement verfaßt, das die Gründung des Heiligsten Synods zur Folge hatte. Der Zarewitsch musterte mit neugierigen Blicken den neuen Bischof. Von Geburt ein Kleinrusse, etwa achtunddreißig Jahre alt, vollblütig, mit glänzendem Gesicht, glänzendem schwarzen Vollbart und glänzendem langen schwarzen Schnurrbart glich er einem Riesenkäfer. Wenn er lächelte, bewegte er den Schnurrbart wie ein Käfer. Schon aus diesem Lächeln konnte man schließen, daß er die schlüpfrigen lateinischen Scherze, die Fazetien des Poggio nicht weniger liebte als die fetten kleinrussischen Klötze, und scharfe dialektische Kunstgriffe nicht weniger als einen guten Schnaps. Trotz seiner bischöflichen Würde zitterte jede Fiber seines Gesichts beständig wie vor allzu großer Lustigkeit und Trunkenheit: dieser rotbackige Silen im bischöflichen Ornate berauschte sich an seinem eigenen Verstand. »Oh, Kopf, Kopf, wo wirst du dich niederlegen, wenn du dich am Verstande berauscht hast?« pflegte er in Augenblicken von Offenherzigkeit zu sagen. Und der Zarewitsch wunderte sich sehr, als er daran dachte, daß dieser Vagabund, der davongelaufene Unierte, der der römischen Kirche die Treue geschworen hatte und ein Jünger der Jesuiten, dann der Protestanten und gottlosen Philosophen gewesen war, vielleicht sogar selbst ein Gottloser, das Geistliche Reglement verfaßt hatte, von dem das Schicksal der russischen Kirche abhing. Nachdem der Protodiakon das für den ersten Fastensonntag vorgeschriebene Anathema über alle Ketzer und Abtrünnige von Arius bis zu Grischka Otrepjew und Masepa verkündet hatte, trat der Bischof auf die Kanzel und hielt die Predigt: »Über die Gewalt und die Würde des Zaren.« In dieser Predigt begründete er den Satz, der zum Eckstein des Heiligsten Synods werden sollte: »Der Zar ist das Haupt der Kirche.« »Der Lehrer der Völker, der Apostel Paulus, verkündet mit lauter Stimme: ›Es ist keine Obrigkeit ohne von Gott. Wer sich nun wider die Obrigkeit setzet, der widerstrebt Gottes Ordnung.‹ Fürwahr, das ist eine wunderliche Sache! Man könnte sagen, daß Paulus von den Fürsten selbst zu dieser Predigt ausgesandt worden sei: so eifrig ermahnt er, als ob er es mit einem Hammer in jeden Schädel einmeißeln wollte, und er wiederholt immer und immer wieder: von Gott, von Gott ist die Obrigkeit verordnet! Urteilt bitte selbst: hätte denn auch der treueste Minister eines Zaren mehr sagen können? Wollen wir dieser Lehre gleichsam als Bekrönung die Namen und die Titel hinzufügen, die den hohen Obrigkeiten gebühren und die die Zaren mehr schmücken als Purpur und Diademe. Was sind das nun für Titel, was sind das für Namen? Ein jeder Selbstherrscher wird ein Gott und ein Christus genannt, weil Gott ihnen die Gewalt verliehen, sind sie Gottes Statthalter auf. Erden und werden daher Götter genannt. Der andere Name, Christus, d. h. der Gesalbte, rührt von jener alten Zeremonie her, bei der die Zaren mit Chrisam gesalbt wurden. Der Apostel Paulus sagt ferner: ›Ihr Knechte, seid gehorsam euren leiblichen Herren mit Furcht und Zittern, als Christo.‹ Also vergleicht der Apostel die Herren mit Christo, was uns aber besonders erstaunlich erscheint und diese Wahrheit wie mit einem diamantenen Panzer umgürtet, das können wir nicht verschweigen: die Schrift gebietet uns nämlich, nicht nur den guten, sondern auch den bösen, ungläubigen und gottlosen Obrigkeiten zu gehorchen. Ein jeder kennt die Worte des Apostels Petrus: ›Fürchtet Gott. Ehret den König. Ihr Knechte, seid untertan mit aller Furcht den Herren, nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen.‹ Auch der Prophet David, der selbst ein König war, nennt den von Gott verworfenen gottlosen König Saul den ›Gesalbten‹, d. h. den ›Christus‹ des Herrn. ›Denn er ist der Gesalbte des Herrn,‹ sagt er von ihm. Darauf wird mancher einwenden: Es ist ganz gleich, was für ein Mensch Saul gewesen ist; aber er war nach dem klar ausgesprochenen willen Gottes zum König gesalbt worden, und darum gebührt ihm diese Ehre. Gut! Aber man sage mir doch, wer Cyrus von Persien und Nebukadnezar von Babylon waren? Gott nennt aber auch sie durch den Mund der Propheten seine Gesalbten, also, nach dem Worte Davids, Christusse des Herrn. Und wer war der römische Kaiser Nero? Und doch lehrte der Apostel Petrus, daß man auch diesem bösen Peiniger der Christen wie einem Gesalbten und Christus des Herrn gehorchen müsse. Nur das eine blieb zweifelhaft: daß nicht auf allen Menschen diese Pflicht, den Fürsten zu gehorchen ruht, sondern einige davon ausgeschlossen sind, nämlich der Priester- und der Mönchsstand. Hier ist ein Dorn und noch mehr: ein Schlangenstachel! Hier ist papistischer Geist! Denn die Geistlichkeit bildet wohl einen eigenen Stand im Volke, doch kein eigenes Reich. Ebenso wie der Soldatenstand einen eigenen Beruf hat, der Bürgerstand einen andern, und auch die Ärzte, Kaufleute und Handwerker ihre Obliegenheiten haben, so haben auch die Priester und Geistlichen ihren Beruf, nämlich Diener Gottes zu sein, sind aber ebenso wie alle andern den Obrigkeiten untertan. In der alttestamentarischen Kirche waren die Leviten den Königen Israels in allen Dingen unterworfen. Wenn es so im Alten Testamente war, warum sollte es im Neuen anders sein? Denn das Gesetz von den Obrigkeiten ist unwandelbar und ewig, ebenso dauernd wie der Bestand dieser Welt.« Und endlich kam die Schlußfolgerung: »Alle Bewohner des Russischen Reiches, nicht nur die Laien, sondern auch die Geistlichen müssen den Namen ihres Selbstherrschers, des allerfrömmsten Zaren Peter Alexejewitsch, als den eines Hauptes und Vaters des Vaterlandes und eines Christi des Herrn verehren!« Er sprach die letzten Worte mit lauter Stimme, dem Zaren gerade ins Gesicht blickend und die rechte Hand nach dem Gewölbe der Kathedrale erhebend, von dem das auf mattgoldenem Grunde gemalte dunkle Antlitz Christi herabsah. Und der Zarewitsch war wieder sehr verwundert. Er dachte sich: wenn jeder Zar, selbst ein solcher, der von Gott abgefallen, ein Christus des Herrn ist, wer ist dann der letzte und größte unter ihnen, der kommende Fürst der Erde, – der Antichrist? Diese Gotteslästerung wurde von einem Bischof der rechtgläubigen Kirche in der ältesten Kathedrale Moskaus vor dem Zaren und dem Volke verkündet. Der Abgrund der Erde hätte sich doch auftun müssen und den Gotteslästerer verschlingen, oder ein Feuer vom Himmel ihn verzehren! Aber alles blieb ruhig. Hinter den schrägen Garben der Sonnenstrahlen und den blauen Weihrauchwolken schwebte das riesenhafte Antlitz des Heilands hoch und unerreichbar über der Erde. Der Zarewitsch blickte den Vater an. Dieser blieb ebenfalls ruhig und hörte andächtig und aufmerksam zu. Durch diese Aufmerksamkeit ermutigt, schloß Feofan feierlich: »Freue dich, Rußland! Rühme und verherrliche dich! Alle deine Grenzen und Städte sollen frohlocken: denn siehe, an deinem Horizonte geht wie eine strahlende Sonne der Ruhm des erlauchtesten Zarensohnes, des von Gott erwählten Thronfolgers Peter Petrowitsch auf! Er lebe in Freuden, er regiere glücklich, Peter der Zweite, Peter der Gebenedeite! Amen!« Als Feofan zu Ende war, erklang aus der Menge eine nicht sehr laute, doch allen verständliche Stimme: »Gott rette, erhalte und segne den einzigen wahren Erben des russischen Thrones, den allerfrömmsten Herrn Zarewitsch Alexej Petrowitsch!« Die Menge zuckte zusammen wie ein einziger Mensch und erstarrte vor Schreck; dann ging durch sie ein Rauschen und Leben: »Wer war es? Wer war es?« »Wohl ein verrückter?« »Ein Besessener.« »Wie haben ihn die Wachen hereinlassen können?« »Man muß ihn sofort verhaften, sonst entwischt er, und es wird nicht leicht sein, ihn in der Menge aufzufinden ...« In den entferntesten Ecken der Kathedrale, wo nichts zu sehen und zu hören war, wurden die unsinnigsten Gerüchte verbreitet: »Eine Empörung! Eine Empörung!« »Eine Feuersbrunst! Hinter dem Altare brennt es!« »Man hat einen Mann mit einem Messer erwischt: den Zaren wollte er ermorden!« Die Unruhe wurde immer größer. Ohne auf sie zu achten, ging Peter auf den Bischof zu und küßte das Kreuz; erst als er auf seinen früheren Platz zurückgekehrt war, befahl er, den Mann, der die frechen Worte gerufen hatte, zu ergreifen und vorzuführen: Der Kapitän Skornjakow-Pissarew und zwei Wachsergeanten brachten ein kleines mageres altes Männchen vor den Zaren. Der Alte überreichte dem Zaren ein Papier – den gedruckten Text des Treueides für den neuen Thronerben. Unten, auf der für die Unterschrift bestimmten Stelle war etwas mit enger, verschnörkelter Kanzleihandschrift geschrieben. Peter blickte erst das Papier dann wieder den Alten an und fragte: »Wer bist du?« »Ehemaliger Schreiber bei der Artillerie-Kanzlei, Larion Dokukin.« Der Zarewitsch, der neben dem Zaren stand, sah den Alten an und erkannte ihn sofort; es war derselbe Dokukin, dem er im Frühjahre 1715 zu Petersburg in der Simeonskirche begegnet war und der ihn später am Tage des Venusfestes im Sommergarten in seiner Wohnung aufgesucht hatte. Er war immer noch derselbe: ein gewöhnlicher Schreiber, einer von denen, die man »Tintenseelen« und »Kanzleiseelen« nennt, ein ganz ausgetrockneter, wie zu Stein erstarrter Mensch, ebenso farblos und grau wie die Papiere, über denen er in seiner Kanzlei dreißig Jahre lang geschwitzt, bis man ihn auf die Anzeige hin, daß er Bestechungsgelder angenommen habe, hinausgejagt hatte. Nur in der Tiefe seiner Augen leuchtete ebenso wie vor drei Jahren ein unverrückbarer Gedanke. Auch Dokukin warf dem Zarewitsch einen heimlichen Blick zu, und durch seine harten Züge huschte plötzlich etwas, was Alexej daran erinnerte, wie Dokukin ihn einst angefleht hatte, sich des christlichen Glaubens anzunehmen, wie er geweint, seine Füße umarmt und ihn die »Hoffnung Rußlands« genannt hatte. »Du willst den Eid nicht leisten?« fragte Peter ruhig, gleichsam erstaunt. Dokukin blickte dem Zaren gerade in die Augen und wiederholte mit der selben nicht sehr lauten, aber allen Anwesenden verständlichen Stimme, wie vorhin alles, was unten auf dem gedruckten Bogen geschrieben stand: »Dieweil der einzige wahre Thronerbe, der Herr Zarewitsch Alexej Petrowitsch, den Gott beschützen möchte, unverschuldet verstoßen und vom russischen Throne ausgeschlossen worden ist, will ich keinen Treueid leisten, über dem heiligen Evangelium nicht schwören, das lebenspendende Kreuz nicht küssen und den Thronfolger, den Zarewitsch Peter Petrowitsch als den wahren Thronfolger nicht anerkennen. Ich weiß, daß ich damit den Zorn des Zaren auf mich ziehe, aber der Wille meines Herrn und Heilands Jesu Christi geschehe. Amen, Amen, Amen.« Peter sah ihn mit noch größerem Erstaunen an. »Weißt du denn auch, daß dir für solchen Widerstand gegen meinen Willen der Tod droht?« »Ich weiß es, Zar. Ich bin ja auch dazu hergekommen, um für das Wort Christi den Tod zu empfangen,« antwortete Dokukin einfach. »Du bist tapfer, Alter. Warte nur, du wirst schon ein anderes Lied singen, wenn ich dich auf der Wippe hochziehen lasse! ...« Dokukin erhob stumm seine Hand und bekreuzigte sich mit weitausholenden Bewegungen. »Hast du gehört,« fuhr der Zar fort, »was der Bischof über die Obrigkeiten gesagt hat? Es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott ...« »Ich habe es gehört, Zar. Alle Obrigkeit ist von Gott, und was nicht von Gott ist, das ist keine Obrigkeit. Es geziemt sich aber nicht, die gottlosesten Zaren und Antichriste Christusse des Herrn zu nennen. Dem, der solche Worte gesprochen, sollte man die Zunge ausreißen!« »Hältst du vielleicht mich für den Antichrist?« fragte Peter mit einem leisen, traurigen, fast gutmütigen Lächeln, »sprich die Wahrheit!« Der Alte schlug verlegen die Augen nieder, hob sie aber gleich wieder und blickte dem Zaren gerade ins Gesicht. »Ich halte dich für den allerfrömmsten rechtgläubigen Zaren und Selbstherrscher aller Reußen und einen Gesalbten des Herrn,« sagte er mit fester Stimme. »Wenn so, so hättest du dich in unseren Willen fügen und schweigen sollen.« »Zar, Eure Majestät! Gerne hätte ich geschwiegen, aber es ist mir unmöglich, wenn in meinen Eingeweiden ein Feuer brennt und mich mein Gewissen zwingt, so daß ich es nicht aushalten kann, wenn wir schwiegen, so würden die Steine schreien!« Er fiel dem Zaren zu Füßen. »Zar, Peter Alexejewitsch, Väterchen, höre uns Arme an, die wir zu dir schreien! Wir wagen nicht, etwas abzuändern oder umzudeuten, aber wie deine Väter und Großväter und die heiligen Patriarchen ihr Seelenheil suchten, so wollen auch wir unser Heil suchen und nach dem himmlischen Jerusalem streben. Um des wahren Gottes willen suche die Wahrheit! Um des Blutes Christi willen suche die Wahrheit! Um deines Seelenheiles willen suche die Wahrheit! Schaffe Frieden in der heiligen Kirche, deiner Mutter. Nichte uns ohne Grimm und Zorn. Erbarme dick deines Volkes, erbarme dich des Zarewitsch!« Peter hörte ihm anfangs aufmerksam, sogar neugierig zu und schien sich Mühe zu geben, ihn zu verstehen. Dann wandte er sich aber weg und zuckte gelangweilt die Achseln. »Nun ist's genug. Du redest zu viel. Ich habe euch Narren wohl noch zu wenig gestraft und gehängt, was drängt ihr euch immer wieder vor? was wollt ihr? Glaubt ihr vielleicht, daß ich die Kirche des Herrn weniger achte und an Christus meinen Heiland weniger glaube als ihr? Und wer hat euch, ihr Knechte, zu Richtern über den Zaren und Gatt eingesetzt? Wie wagt ihr es? ...« Dokukin richtete sich auf und erhob den Blick zu dem dunklen Antlitz im Gewölbe der Kathedrale. Ein Sonnenstrahl, der von oben fiel, umgab sein greises Haupt wie mit einer strahlenden Glorie. »Wie wir es wagen, Zar?« rief er mit lauter Stimme. »Höre also, Majestät! Die Heilige Schrift sagt: ›Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, daß du ihn heimsuchst. Du hast ihn eine kleine Zeit der Engel mangeln lassen, mit Preis und Ehre hast du ihn gekrönt, und hast ihn gesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du untergetan zu seinen Füßen; und hast ihm geboten, sein eigener Herr zu sein! ...‹« Peter wandte langsam, wie mit Anstrengung den Blick von Dokukin ab, und sagte vor dem Weggehen zu Tolstoi, der neben ihm stand: »Laß ihn verhaften, auf die Kanzlei bringen und bis zur Untersuchung strengstens bewachen.« Man ergriff den Alten. Er schlug um sich, schrie und versuchte noch etwas zu sagen. Man band ihn mit Stricken, hob ihn auf die Arme und trug ihn fort. »Oh, ihr geheimen Märtyrer, erschreckt und verzagt nicht!« fuhr er zu schreien fort und blickte den Zarewitsch an. »Wartet, wartet noch eine kleine Zeit, um Gottes willen! Er naht schon und säumt nicht. Komm, ach komm, Herr Jesu! Amen!« Der Zarewitsch hörte ihm ganz blaß und zitternd zu. »So soll man es machen, so soll man es machen!« dachte er, als ob er erst jetzt sein ganzes Leben begriffen hätte und seine Seele bis ins Innerste aufgewühlt worden wäre: was er früher als eine Last empfunden hatte, das wurde jetzt zu Flügeln. Er wußte, daß er wieder in Ohnmacht, Trauer und Verzweiflung fallen würde, aber er wußte auch, daß er das, was er eben begriffen, niemals vergessen würde. Er hob wie Dokukin seinen Blick zu dem dunklen Antlitz im Gewölbe der Kathedrale empor. Und es schien ihm, als ob dieses Riesenantlitz in den schrägen Sonnenstrahlen und den blauen Weihrauchwolken sich bewege, aber nicht mehr wie vorhin in die unerreichbare Höhe emporsteige, sondern vom Himmel auf die Erde herabsinke, als ob der Herr selbst nahe. Mit einem Frohlocken, das an Grauen grenzte, wiederholte er die Worte: »Komm, ach komm, Herr Jesu! Amen!« V. Der Moskauer Prozeß war am 15. März beendet. Das Schicksal der Angeklagten war durchs den Urteilsspruch des Zaren und der Minister auf dem Generalshofe von Preobrashenskoje besiegelt worden: Die Zarin-Nonne Jelena ist ins Kloster von Alt-Ladoga und die Zarewna Marja nach Schlüsselburg zu verbannen und beide sind streng zu bewachen. Awraam Lopuchin ist bis zu einer neuen Untersuchung nach Petersburg in die Peter-Paulsfestung zu bringen. Die übrigen sind hinzurichten. Am gleichen Morgen begannen auf dem Roten Platze die Hinrichtungen. Am vorhergehenden Tage hatte man die eisernen Spitzen, auf denen während zwanzig Jahren die Köpfe der im Jahre 1698 enthaupteten streichen gesteckt hatten, gereinigt, um neue Köpfe aufzunehmen. Stepan Gljebow wurde gepfählt. Der eiserne Pfahl drang ihm am Nacken wieder aus dem Körper. Unten war ein Brett zum Sitzen angebracht. Damit er nicht erfriere und sich länger quäle, wurde ihm ein Pelzmantel angezogen und eine Pelzmütze aufgesetzt. Drei Priester wachten bei ihm abwechselnd Tag und Nacht, ob er nicht vor dem Tode etwas gestehen würde, »von der Stunde an,« meldete der eine von ihnen, »als Stepan auf den Pfahl gesetzt worden war, hat er seinen Lehrern nichts gebeichtet; er bat nur einmal nachts im geheimen den Mönch Markell, er möchte ihm das heilige Abendmahl reichen, wenn es gelänge, es ihm unbemerkt Zu bringen; und er spie seine Seele aus in der Nacht auf den 16. März im zweiten Viertel der achten Stunde.« Der Bischof von Rostow, der Ex-Priester Demid, wurde gerädert. Man erzählte sich, daß der Sekretär, der mit dieser Hinrichtung betraut worden war, sich geirrt hätte: statt den Bischof zu köpfen und die Leiche zu verbrennen, habe er ihn rädern lassen. Kikin wurde gleichfalls gerädert. Man marterte ihn langsam, mit Unterbrechungen: Man brach ihm nacheinander die Arme und die Beine, und die Tortur dauerte über vierundzwanzig Stunden, seine Qualen waren besonders schrecklich, weil man ihn so fest ans Rad gebunden hatte, daß er kein Glied rühren konnte und nur stöhnte und jammerte und um den Tod flehte. Man erzählte sich auch, daß der Zar, als er am Morgen an Kikin vorbeiritt, sich zu ihm gebeugt und ihn gefragt habe: »Alexander, du bist doch ein verständiger Mensch, wie konntest du dich zu einer solchen Sache entschließen?« – »Mein Verstand liebt die Freiheit, du engst ihn aber ein,« hätte ihm Kikin geantwortet. Als dritter wurde der Beichtvater der Zarin, der Sakristan Fjodor Pustynnyj gerädert, weil er sie mit Gljebow zusammengeführt hatte. Wer nicht hingerichtet wurde, dem wurden die Nase und die Zunge abgeschnitten oder die Nasenflügel aufgerissen, viele, deren einziges Vergehen darin bestand, daß sie von der Einkleidung der Zarin gehört und sie später im weltlichen Gewande gesehen hatten, wurden grausam mit Stöcken geschlagen. Auf dem Platze war eine sechs Ellen hohe viereckige Säule aus weißem Stein errichtet; an allen Seiten ragten an ihr eiserne Spitzen heraus, auf die man die Köpfe der Hingerichteten steckte; oben auf der Säule war ein großer flacher Stein angebracht, auf dem die Leichen lagen; die Leiche Gljebows war halb aufgerichtet, so daß er wie im Kreise von Mitverschworenen zu sitzen schien. Der Zarewitsch mußte allen diesen Hinrichtungen beiwohnen. Als letzter wurde Larion Dokukin gerädert. Auf dem Rade erklärte er, daß er dem Zaren noch etwas zu eröffnen habe; man band ihn vom Rade und brachte ihn nach Preobrashenskoje. Als der Zar zu ihm herantrat, lag er schon im Sterben und phantasierte etwas Unverständliches von dem kommenden Christus. Dann kam er für einen Augenblick zur Besinnung, blickte dem Zaren in die Augen und sagte: »Zar, wenn du deinen Sohn hinrichten läßt, so wird dieses Blut über dein ganzes Geschlecht kommen, von Haupt zu Haupt bis zum letzten der Zaren. Erbarme dich deines Sohnes, erbarme dich Rußlands!« Peter ging schweigend fort und befahl ihn zu köpfen. Am Tage nach den Hinrichtungen, dem Vorabend der Abreise des Zaren nach Petersburg fand in Preobrashenskoje die »Tagundnachtversammlung« des Allertrunkensten Narrenkonzils statt. In diesen blutigen Tagen beschäftigte sich Peter, ebenso wie einst bei der Hinrichtung der Strelitzen, wie überhaupt an den finstersten Tagen seines Lebens, eifriger als je mit dem Narrenkonzil. Er schien sich absichtlich durch Lachen betäuben zu wollen. Vor kurzem war an stelle des verstorbenen Nikita Jotow ein neuer Fürst-Papst, Peter Iwanowitsch Buturlin, der frühere »Sankt Petersburger Metropolit« erwählt worden. Die Wahl des »Bacchusgleichen Vaters« war in Petersburg, und die Ordination in Moskau gerade vor der Ankunft des Zarewitsch vorgenommen worden. Nun stand in Preobrashenskoje die Einkleidung des neuerwählten Papstes mit dem Ornate und der Tiara, eine Parodie auf die Einkleidung eines Patriarchen, bevor. Der Zar hatte während des Moskauer Prozesses Zeit gefunden, selbst das ganze Zeremoniell auszudenken und niederzuschreiben. Die »Tagundnachtsitzung« fand in dem großen Saale neben dem Generalshofe und der Folterkammer statt; die aus rohen Balken gezimmerten Wände waren mit rotem Tuch ausgeschlagen, und der Saal war mit Wachskerzen erleuchtet. Die schmalen langen Tische waren in Hufeisenform aufgestellt; in der Mitte befand sich ein Podium mit Stufen, auf denen die Priester-Kardinale und andere Mitglieder des Konzils saßen; unter einem samtenen Baldachin stand ein aus Fässern aufgebauter und von oben bis unten mit Gläsern und Flaschen besetzter Thron. Als alle versammelt waren, führten der Sakristan und der Kardinal-Protodiakon – der Zar selbst – den neuerwählten Papst feierlich an den Armen in den Saal. Vor ihm trug man zwei Flaschen mit dem »allerberauschendsten Weine«, die eine vergoldet, die andere versilbert, und zwei Schüsseln, die eine mit Gurken, die andere mit Sauerkohl, sowie unanständige Ikonen des nackten Bacchus. Der Fürst-Papst verneigte sich dreimal vor dem Fürst-Caesar und den Kardinälen und überreichte Seiner Majestät die Geschenke – die Flaschen und die Schüsseln. Der Erzpriester fragte den Papst: »Warum, Bruder, bist du hergekommen und was verlangst du von unserer Unmäßigkeit?« »Daß man mich mit den Gewändern unseres Vaters Bacchus einkleide,« antwortete der Papst. »Wie befolgst du die Gebote des Bacchus und was leistest du in seiner Lehre?« »Allertrunkenster Vater! Wenn ich des Morgens, wenn es noch dunkel ist und die Sonne noch nicht aufgegangen ist, zuweilen auch um Mitternacht, aufstehe, schenke ich mir zwei oder drei Glas ein und trinke sie aus. Auch die übrige Zeit bin ich nicht müßig, sondern verbringe sie auf die gleiche Weise und fülle meinen Bauch wie ein Faß mit allerlei Getränken, so daß ich zuweilen die Speisen nicht an den Mund führen kann, weil mir die Hand zittert und es mir dunkel vor den Augen ist; so halte ich es immer und verspreche, die mir Anvertrauten dasselbe zu lehren; die Andersdenkenden verdamme ich und verkünde das Anathema über alle Branntweinstürmer. Amen.« Der Erzpriester verkündete: »Die Trunkenheit des Bacchus, die jeden Blick verdunkelnde und jedes Glied zittern machende, die jeden Körper umwerfende und jeden Kopf verwirrende Trunkenheit sei mit dir alle Tage deines Lebens!« Die Kardinale führten den Papst auf die Kanzel und bekleideten ihn mit Narrengewändern, die dem Patriarchenornat nachgebildet und mit Darstellungen von Würfeln, Karten, Flaschen, Tabakpfeifen, der nackten Venus und des nackten Jerjomka-Eros bestickt waren. Um den Hals hing man ihm statt des Kreuzes eine Tonflasche mit Schellen. Man gab ihm eine mit verschiedenen Schnapsflaschen gefüllte Buchatrappe und ein aus Pfeifenrohren zusammengefügtes Kreuz in die Hand. Dann salbte man ihn mit starkem Schnaps rund um den Kopf und um die Augen. »Ebenso soll nun dein Verstand kreisen, und die gleichen Kreise mögen sich in verschiedenen Gestalten vor deinen Augen drehen alle Tage deines Lebens!« Man salbte ihm auch beide Handflächen und die vier Finger, mit denen man das Glas hält: »So mögen deine Hände zittern alle Tage deines Lebens!« Zum Schluß setzte ihm der Erzpriester die blecherne Tiara auf. »Die Krone des bacchischen Nebels ruhe auf deinem Haupte! Ich Betrunkener kröne dich Nichtnüchternen – Im Namen aller Zecher, Im Namen aller Becher, Im Namen aller Laffen, Im Namen aller Affen, Im Namen aller Fresser, Im Namen aller Fässer, Im Namen aller Tränke, Im Namen jeder Schenke, – Die deine Wohnung ist, Vater Bacchus, Amen! Und alle riefen aus: »Axios! Er ist würdig!« Darauf setzte man den Papst auf den Thron aus Fässern. Über seinem Kopfe hing ein Fäßchen mit einem darauf reitenden kleinen silbernen Bacchus. Der Papst konnte den Schnaps aus diesem Fäßchen sich direkt in den Mund fließen lassen. Nicht nur die Mitglieder des Konzils, sondern auch alle andern Gäste traten jetzt der Reihe nach vor seine Heiligkeit, verneigten sich vor ihm bis zur Erde, empfingen statt des Segens einen Klaps mit einer mit Schnaps befeuchteten Schweinsblase auf den Kopf und kommunizierten mit Pfefferschnaps, den man ihnen in einem großen Holzlöffel reichte. Die Priester sangen im Chor: »Oh, ehrwürdiger Vater Bacchus, der du von der verbrannten Semele geboren und im Schoße Jupiters aufgewachsen bist, du Kelterer der freudespendenden Trauben! Wir beten zu dir in unserer ganzen trunkenen Gemeinde: vermehre und leite die Schritte des weltbeherrschenden Fürst-Papstes, damit er deinen Fußtapfen folge. Und du, vielgerühmte Venus ...« Hier folgten unflätige Worte. Schließlich setzte man sich zu Tisch. Dem Fürst-Papst gegenüber saß Feofan Prokopowitsch, an seiner Seite Peter, neben diesem Fedoßka; dem Zaren gegenüber saß Alexej. Der Zar unterhielt sich mit Feofan über die soeben eingetroffenen Berichte von den Selbstverbrennungen vieler Tausender Raskolniki in den Wäldern von Kershenez und Tschernoramenskoje jenseits der Wolga. Das singen der Betrunkenen und das Schreien der Narren störte das Gespräch. Auf einen Wink des Zaren unterbrachen die Priester das Bacchuslied, alle verstummten, und in der plötzlich eingetretenen Stille erklang Feofans Stimme: »Diese verdammten Narren, diese wahnsinnigen Dulder! Mit unersättlicher Wollust lechzen sie nach Martern, sie verbrennen sich aus freien Stücken, stürzen mutig in den Abgrund der Hölle und weisen auch den andern den Weg dahin. Es ist zu wenig, sie wahnsinnige zu nennen, denn es ist ein Frevel, für den es keinen Namen gibt! Ein jeder möge sie von sich stoßen und auf sie spucken ...« »Was soll man nun tun?« fragte Peter. »Man soll sie ermahnen und aufklären, Eure Majestät, daß nicht jedes Martyrium, sondern nur das von den Gesetzen erlaubte gottgefällig ist. Denn der Herr sagt nicht: ›Selig sind, die verfolgt werden,‹ sondern: ›Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.‹ Eine solche Verfolgung um der Gerechtigkeit willen ist aber in Rußland, das ein rechtgläubiger Staat ist, niemals zu befürchten und kann gar nicht vorkommen...« »Belehrungen!« sagte der in Ungnade gefallene Fedoßka mit boshaftem Grinsen. »Viel werden bei ihnen die Belehrungen nützen! Die Kinnbacken sollte man den Ketzern zertrümmern! wenn es schon in der alttestamentarischen Kirche befohlen ist, die widerspenstigen zu töten, um wie viel mehr in der neuen: denn dort sind nur Symbole, und hier ist Wahrheit. Es ist für die Ketzer selbst nützlich, wenn sie sterben, und eine Wohltat für sie, wenn man sie tötet: je länger sie leben, um so mehr sündigen sie, erfinden immer neue Ärgernisse und verführen noch mehr Leute. Ob man den Zünder mit den Händen oder mit dem Gebet tötet, ist ganz gleich.« »Das ziemt sich nicht,« entgegnete Feofan ruhig, ohne auf Fedoßka zu blicken. »Durch solche Grausamkeiten werden die Herzen der Gepeinigten noch mehr aufgereizt, als besänftigt. Man soll sie zur heiligen Kirche nicht durch Zwang und Furcht sondern durch die Predigt der wahren evangelischen Liebe bekehren.« »So ist es richtig,« bestätigte Peter. »Wir wollen dem menschlichen Gewissen keinen Zwang antun und überlassen es gerne einem jeden, für sein Seelenheil zu sorgen. Sie können meinetwegen glauben woran sie wollen, und wenn man sie nicht mit der Vernunft bekehren kann, so wird natürlich weder Schwert noch Feuer helfen, wenn sie aber wegen einer Dummheit zu Märtyrern werden, so gewinnen sie dadurch keine Ehre und der Staat keinen Nutzen.« »Man muß ganz allmählich und vorsichtig vorgehen, und alles kommt bald wieder in Ordnung,« fiel Feofan ein. »Es wäre ganz gut,« fügte er leise hinzu, sich zum Zaren beugend, »wenn man für die Raskolniki doppelte Steuern verordnete; wenn sie von der doppelten Last bedrückt sind, ist es viel leichter, die Verirrten der heiligen Kirche wieder zuzuführen. Auch sollte man bei ihrer Aburteilung immer noch eine andere Schuld außer ihrer Ketzerei zu finden bestrebt sein; die schuldigen soll man nach der Bestrafung mit der Knute und dem Aufreißen der Nasenflügel, wie es im Gesetz vorgeschrieben, auf die Galeeren schicken? Wo man aber keinen offenkundigen Grund findet, dort kann man nach mündlichen Instruktionen verfahren...« Peter nickte stumm mit dem Kopfe. Der Zar und der Bischof verstanden einander. Fedoßka wollte etwas sagen, schwieg aber und verzog nur sein kleines Gesicht, das an das einer Fledermaus erinnerte, zu einem boshaften Lächeln; er schrumpfte gleichsam zusammen und wurde grün, von Wut wie von Gift erfüllt. Er wußte, was es bedeutete, »nach, mündlichen Instruktionen verfahren«. Der Bischof Pitirim, den man nach Kershenetz zur Ermahnung der Raskolniki geschickt hatte, meldete neulich dem Zaren: »Sie sind sehr grausam gefoltert und gepeinigt worden, so daß selbst ihre Eingeweide sichtbar wurden.« Und der Zar hatte durch einen Ukas verboten, den Bischof Pitirim an der Vollbringung solcher »apostolischen Taten« zu hindern. Die Liebe bestand nur in Worten, in der Tat klagten aber die Raskolniki: »Stumme Lehrer stehen in den Folterkammern vor den Wippen; sie erleuchten statt mit dem Evangelium mit der Knute und belehren statt mit den Apostelbriefen mit Feuer«. Das war übrigens jene »geistliche Politik und Dissimulation«, die auch Fedoßka selbst gepredigt hatte. Aber Feofan war noch schlauer als er, und Fedoßka fühlte, daß er ausgespielt hatte. »Es ist gar nicht verwunderlich,« fuhr der Bischof wieder so laut fort, daß es alle hören konnten, »daß rauhe und unwissende Bauern in solchen Verirrungen rasen. Aber es ist wahrlich wunderbar, daß es auch im hohen Adelstande und selbst unter den Dienern des Zaren gewisse demütige und finstere Philosophen gibt, die es noch viel ärger treiben als die Raskolniki. Es ist schon so weit gekommen, daß Leute, die sonst zu keiner Sache taugen, sich in diese scheußliche und frevelhafte Sache einlassen. Auch die Hefe des Volkes, Seelen, die man für einen Groschen kaufen kann, Menschen, die zu nichts anderem geboren sind, als sich von fremder Arbeit zu ernähren, – auch diese haben sich gegen ihren Zaren, gegen den Christus des Herrn empört! Wenn ihr das Brot esset, hättet ihr euch doch wundern sollen und fragen: woher haben wir dies? Es ist eine Wiederholung der Geschichte des Königs David, gegen den sich die Blinden und Lahmen empört hatten. Unser rechtgläubiger Monarch, der Rußland so viel Nutzen gebracht hat; dessen Weisheit alle ihren Ruhm und ihr sorgenloses Dasein zu verdanken haben, hat selbst einen viel geschmähten Namen und lebt ein trauriges Leben, während er sich durch seine harte Arbeit ein frühzeitiges Alter bereitet und, um die Sicherheit des Vaterlandes besorgt, seine eigene Gesundheit mißachtet und selbst seinem Tode entgegeneilt, bilden sich viele ein, daß er zu lange lebt! Oh, Trauer, oh, Schmach über Rußland! Nehmen wir uns in acht, daß nicht in der Welt von uns das Sprichwort erstehe: der Zar ist eines solchen Reiches würdig, aber das Volk ist eines solchen Zaren unwürdig.« Als Feofan zu Ende war, nahm Peter das Wort: »Gott kennt mein Herz und mein Gewissen, und er weiß, wie viel Gutes ich dem Vaterlande wünsche. Aber die dämonischen Mächte suchen mir immer zu schaden. Wohl kaum mußte je ein Herrscher so viel Unglück und Plagen erleiden als ich. Die Ausländer sagen, daß ich über Sklaven regiere. Die englische Freiheit ist hier aber nicht am Platze, sie würde von unserm Volke abprallen wie Erbsen von der Wand. Man muß das voll kennen, um zu wissen, wie man es regieren muß. Niemand kann meine Unschuld sehen, der nicht alles weiß. Nur Gott allein sieht die Wahrheit. Er ist mein Richter...« Niemand hörte auf den Zaren. Alle waren betrunken. Er brach seine Rede ab und winkte; die Priester begannen wieder das Bacchuslied zu singen, die Narren zu schreien und der Chor, der sogenannte »Frühling«, mit allen möglichen Vogelstimmen von der Nachtigall bis zur Grasmücke zu pfeifen, so daß die durchdringenden Töne von den Wänden widerhallten. Alles spielte sich so ab wie immer. Jo wie immer aß und trank man bis zur Bewußtlosigkeit. Geachtete Würdenträger gerieten einander in die haare, prügelten sich und fielen, wenn sie sich wieder versöhnt hatten, zusammen unter den Tisch. Fürst Schachowskoj, Ritter des närrischen Judasordens, ließ sich gegen Bezahlung mit Ohrfeigen traktieren. Einem alten Bojaren, der nicht mehr trinken wollte, goß man den Schnaps durch einen Trichter in den Mund. Der Fürst-Papst hatte Erbrechen und besudelte von der Höhe des Thrones herab die Perücken und Röcke derjenigen, die unter ihm saßen. Die betrunkene Närrin, die Fürstin-Äbtissin Rshewskaja tanzte, wobei sie ihre Röcke schamlos in die Höhe hob und mit heiserer Stimme sang: Brenne, haue, Schlag auf Schlag, Tanz bis in den hellen Tag!... Die Andern pfiffen und trampelten mit den Füßen, daß sich dichte Staubwolken erhoben und sangen: Brenne, haue, Schlag auf Schlag ... Alles spielte sich so ab wie immer. Peter empfand aber Langweile. Er trank mit Absicht so viel wie möglich vom allerstärksten englischen Schnaps » Pepper and brandy« , um sich schneller zu betrinken, was ihm aber nicht gelingen wollte. Je mehr er trank, um so trüber wurde es ihm zumute. Er stand auf, setzte sich, stand wieder auf, irrte zwischen den Körpern der Betrunkenen, die auf dem Fußboden wie die Leichen auf einem Schlachtfelde herumlagen umher, und konnte keinen Platz finden. Eine tödliche Übelkeit drängte sich ihm zum Herzen empor, wenn er doch weglaufen oder dieses ganze Gesindel wegjagen könnte! Als sich in den erstickenden Dunst und den trüben Schein der heruntergebrannten Kerzen das kalte Licht des Wintermorgens mischte, wurden die Menschengesichter noch schrecklicher, und erinnerten noch mehr an Tierfratzen und an ungeheuerliche Gespenster. Peter richtete den Blick auf seinen Sohn. Der Zarewitsch war betrunken. Sein Gesicht war totenblaß; die langen dünnen Strähnen seines Haares klebten an der schweißigen Stirne die Augen blickten trüb; die Unterlippe hing herab; die Finger, mit denen er ein volles Schnapsglas hielt, indem er sich bemühte, es nicht zu verschütten, zitterten wie bei einem Gewohnheitssäufer. »Der Schnaps ist kein Weizen, – wenn man ihn verschüttet, kann man ihn nicht wieder aufpicken!« murmelte er, indem er das Glas zum Munde führte. Er trank es aus, verzog das Gesicht, krächzte und begann mit der Gabel nach einem gesalzenen Reizker zu stechen, der sich von seiner zitternden Hand nicht erwischen lassen wollte; es gelang ihm nicht, den glatten Pilz mit der Gabel zu fangen; er gab es auf, steckte sich ein Stück Schwarzbrot in den Mund und begann, es langsam zu zerkauen. »Mein Herzensfreund, bin ich betrunken? Sage mir die Wahrheit, bin ich betrunken?« bestürmte er den neben ihm sitzenden Tolstoi. »Gewiß bist du betrunken!« bestätigte ihm Tolstoi. »Also stimmt es doch,« fuhr der Zarewitsch mit lallender Zunge fort. »Das macht mir gar nichts! So lange ich nichts getrunken habe, ist es mir, als ob es ›ihn‹ niemals gegeben hätte; sobald ich aber ein Glas getrunken habe, bin ich verloren. So viel man mir auch gibt, alles trinke ich aus. Es ist noch gut, daß ich im Rausche verträglich bin...« Er kicherte trunken und blickte plötzlich den Vater an. »Väterchen, he, Väterchen! warum bist du so griesgrämig? Komm einmal her, wir wollen miteinander trinken. Ich werde dir ein Liedchen singen. Dann wird es lustiger sein!« Er lächelte dem Vater zu, und in diesem Lächeln lag wieder der frühere, liebliche, kindliche Ausdruck. »Er ist ja ganz dumm und einfältig! Wie kann man einen solchen hinrichten?« dachte sich Peter, und plötzlich biß sich ein wildes, schreckliches, grausames Mitleid wie ein Tier in sein Herz hinein. Er wandte sich weg und tat so, als ob er Feofan zuhörte, der ihm etwas von der beabsichtigten Gründung des heiligsten Synods erzählte. Aber er hörte nichts. Schließlich rief er einen Diener herbei und befahl, die Pferde anzuspannen, um sofort nach Petersburg abzureisen. Inzwischen irrte er wieder gelangweilt und nüchtern zwischen den Betrunkenen umher. Ohne es selbst zu merken, wie von einer geheimnisvollen Macht getrieben, ging er auf den Zarewitsch zu, setzte sich neben ihn an den Tisch, wandte sich aber wieder von ihm ab und tat so, als ob er in ein Gespräch mit dem Fürsten Jakow Dolgorukij vertieft wäre. »Väterchen, he, Väterchen!« sagte der Zarewitsch, und berührte leise die Hand des Vaters, »warum bist du so griesgrämig? Jetzt › er ‹ auch dir zu? Man soll ihm einen Espenpfahl in die Gurgel jagen und fertig!« »Wer ist er?« wandte sich Peter an den Sohn. »Wie soll ich wissen, wer › er ‹ ist?« sagte der Zarewitsch mit einem so seltsamen Lächeln, daß es Peter unheimlich wurde. »Ich weiß nur das eine, Daß du jetzt der echte bist; der Teufel mag wissen, wer › er ‹ ist: ein Thronräuber, ein verruchtes Tier oder ein Werwolf...« »Was hast du?« fragte Peter, ihn aufmerksam anblickend. »Du solltest doch weniger trinken, Alexej...« »Wenn man trinkt, stirbt man, und wenn man nicht trinkt, stirbt man auch; es ist besser trinken und sterben! Auch für dich ist es besser: wenn ich sterbe, brauchst du mich nicht hinzurichten!« Er kicherte wie ein blödes Kind und begann plötzlich mit ganz leiser, kaum hörbarer Stimme zu singen, die aus weiter Ferne zu kommen schien: Ich will gehen durch die Au, Wo auf Gräsern blinkt der Tau. Ich will pflücken manche Blume, Manche blaue Glockenblume. Ich will winden einen Kranz Und ihn werfen in den Bach. Meinem Blick entschwebt der Kranz ... »Väterchen ich will dir einen Traum erzählen, den ich neulich gehabt habe: ich sah Afroßja nachts auf dem Felde im Schnee sitzen; sie war nackt und schrecklich wie eine Tote; sie wiegte ihr Kindchen, das auch tot war, in den Schlaf und sang ihm dieses selbe Liebchen: Ach, mein Kränzlein sinkt und sinkt, Und mein Herz kann es nicht fassen, Daß mein Kränzlein schon ertrinkt Und mein Liebster mich verlassen ... Peter hörte ihm zu, und plötzlich biß sich ihm ein wildes, schreckliches, grausames Mitleid wie ein Tier ins Herz hinein. Und der Zarewitsch sang und weinte. Dann ließ er den Kopf auf den Tisch sinken, stieß ein Glas Wein um, so daß sich eine blutrote Lache über das Tischtuch ergoß, legte sich eine Hand unter den Kopf und schlummerte ein. Peter blickte lange auf dieses blasse, gleichsam tote Gesicht neben der blutroten Lache. Ein Diener ging auf den Zaren zu und meldete, daß die Pferde angespannt seien. Peter erhob sich, warf seinem Sohn einen letzten Blick zu, beugte sich über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Der Zarewitsch lächelte, ohne die Augen aufzuschlagen, dem Vater ebenso zärtlich zu, wie in seiner Kindheit, wenn der Vater das schlafende Kind in die Arme nahm. Der Zar verließ unbemerkt den Saal, wo das Trinkgelage noch fortdauerte, setzte sich in den Wagen und fuhr nach Petersburg. Neuntes Buch. Der rote Tod.   I. In den Wäldern von Wetluga befand sich das Raskolniki-Kloster Dolgije Mchi, – »Langes Moos«. Undurchdringliche Moräste umgaben das Kloster von allen Zeiten. Im Sommer konnte man nur auf schmalen Holzstegen, die durch ein Dickicht führten, wo es auch am Tage fast eben so dunkel war wie in der Nacht, dahin gelangen, im Winter aber nur auf Schneeschuhen. Eine Legende meldete, daß drei fromme Greise aus den Olonetzkijschen Wäldern, vom See Tolwuj nach der Zerstörung der dortigen Klöster durch die Nikonianer einem wundertätigen Muttergottesbilde folgend, das vor ihnen in der Luft schwebte, in diese Gegend gekommen seien, auf der Stelle, wo sich das Heiligenbild niedergelassen habe, eine kleine Hütte erbaut und ein Einsiedlerleben zu führen begonnen hätten; sie pflügten den Boden mit Grabscheiten, rodeten den Wald mit Feuer aus und säten auf der Asche. Bald sammelte sich um sie eine kleine Gemeinde. Die Greise, die alle drei an einem Tage und zur gleichen Stunde starben, befahlen den Brüdern vor dem Tode: »Lebt hier, Kinder, an dieser Stätte, wo unser Segen ruht. Ihr könnt lange suchen, werdet aber einen solchen Ort nicht finden, – hier hat die Elster ihren Kindern den Brei gekocht, hier soll ein großes Kloster erstehen.« Die Prophezeihung war in Erfüllung gegangen: ein heiliges Kloster entstand im Waldesdickicht und erblühte unter dem heiligen Schutze der Muttergottes wie eine Lilie des Paradieses. »Es ist ein großes Wunder,« hieß es in der Klosterchronik. »Das lichte Rußland wurde dunkel, und die finstere Wetluga erstrahlte, die Wüste füllte sich mit Heiligen, sie kamen herbeigeflogen wie die sechsgeflügelten Seraphim.« Hier hatte sich nach langem wandern durch die Wälder von Kersheneß und Tschernoramenskoje der Prediger der Selbstverbrennung, der fromme Greis Kornilij mit seinem Jünger, dem entlaufenen Scholaren, dem Strelitzensohn Tichon Sapolskij niedergelassen. In einer Juninacht brannte in der Nähe des Klosters auf dem steilen Abhange über der Wetluga ein Feuer. Die Flamme beleuchtete von unten die Äste der alten Fichte und die aus Messing gegossene vom Gestade des Weißen Meeres stammende Ikone, die an den Stamm genagelt war. Am Feuer saßen die junge Klosterschwester Sofja und der Novize Tichon. Sie war in den Wald gegangen, um ein verirrtes Kalb zu suchen. Er kehrte gerade von einem Einsiedler zurück, der in einer fernen Einöde wohnte und zu dem er einen Brief von seinem Lehrer gebracht hatte. Sie waren einander auf dem Kreuzwege spät in der Nacht, als die Klostertore schon geschlossen waren, begegnet und hatten beschlossen, den Morgen gemeinsam am Feuer zu erwarten. Sofja blickte in die Flamme und sang leise: Und es sprach der Herr des Himmels, Christus: Ach, ergebt euch nicht, ihr meine Lieben, Jenem Drachen mit den sieben Köpfen!! Flieht, versteckt euch in den Bergesschluchten Und entzündet große Scheiterhaufen, lieget Schwefel auf die Scheiterhaufen Und verbrennet selbst darin zu Asche. Leidet, meine Lieben, für den Heiland Und für euren wahren Christenglauben. Und ich will euch auftun, meine Lieben, Alle Tore meine« Paradiese« Und euch führen in das Reich des Himmels Und mit euch dort ewiglich verweilen. »So ist es Bruder,« schloß das Mädchen, Tichon mit einem langen Blick musternd, »wer sich verbrennt, der wird errettet. Es wäre gut, wenn alle für die Liebe des Sohnes Gottes verbrennen würden!« Er schwieg, während er die Nachtfalter betrachtete, die über der Flamme kreisten, in sie hineinfielen und verbrannten, dachte er an die Worte Kornilijs: »Ebenso wie die Fliegen und die Mücken, je mehr man von ihnen zerdrückt, immer lauter summen und zudringlicher werden, so sind auch die lieben Russen immer bereit, zu leiden und haufenweise ins Feuer zu gehen.« »Was meinst du, Bruder?« begann das Mädchen von neuem. »Oder fürchtest du dich vor jenem Feuerofen? Wage es doch, fürchte dich nicht vor dem Feuer! Die Qual im Feuer währt ja nur einen Augenblick, und schon hat die Seele den Körper verlassen. Bevor man in den Ofen kommt, hat man große Angst, ist man aber einmal darin, so hat man im Nu alles vergessen. Sobald die Flammen auflodern, erblickst du Christus und seine Engelschar. Die Engel nehmen dir die Seele aus dem Körper, und Christus, unsere Hoffnung, segnet sie und verleiht ihr göttliche Kraft. Nun hat sie keine Schwere mehr, sondern ist beflügelt; sie flattert wie ein Vöglein mit den Engeln und freut sich, daß sie aus dem Körper wie aus einem Kerker herausgeflogen ist. Vorher hatte sie gesungen und gejammert:›Führe meine Seele aus dem Kerker, damit sie Deinen Namen bekenne!‹ Nun hat sie es erreicht: ihr Kerker verbrennt im Ofen, und die Seele erhebt sich so lauter wie Gold und Perlen zum Herrn! ...« In ihren Augen leuchtete solche Freude, als ob sie das, worüber sie sprach, schon sähe. »Tischa, lieber Tischenjka, willst du denn den Roten Tod nicht? Fürchtest du dich vor ihm?« flüsterte sie mit einschmeichelnder Stimme. »Ich fürchte die Sünde, Sofjuschka! Ob es wirklich Gottes Wille ist, daß man sich verbrennt? Ob es uns von Gott eingegeben ist und nicht vom Bösen?« »Was soll man denn sonst anfangen? Eine große Not ist über uns gekommen!« sagte sie, indem sie ihre blassen, dünnen, noch ganz kindlichen Arme rang. »Man kann sich vor dem Drachen weder in den Bergen noch in den Höhlen und den Abgründen der Erde verbergen. Er hat mit seinem gottwidrigen Gifte die Erde, das Wasser und die Luft verpestet. Alles ist böse, alles ist verdammt!« Die Nacht war still. Die Sterne blickten unschuldig wie Kinderaugen. Der abnehmende Mond lag schief über den schwarzen Wipfeln des Tannenwaldes. Unten, im Nebel, der sich vom Sumpfe erhob, schnarrten einschläfernd die Wachteln. Der Fichtenwald atmete trockenen, warmen Harzgeruch. Eine lila Glockenblume, die dicht vor dem Feuer stand und von seinem roten Scheine übergossen war, wiegte sich auf ihrem Stengel, als ob sie mit ihrem zarten, schläfrigen Köpfchen nickte. Die Nachtfalter flogen in immer neuen Scharen ins Feuer, fielen hinein und verbrannten. Tichon schloß seine vom Starren in die Flamme ermüdeten Augen. Und plötzlich erinnerte er sich an einen Sommermittag; es duftet nach Harz und zugleich nach frischen Äpfeln und Weihrauch. Sonnenlicht überflutet eine Lichtung im Walde? Bienen summen um Honigklee, Spierstauden und rosafarbige, klebrige Pechnelken; mitten auf der Lichtung steht ein halbverfaultes Holzkreuz, wohl über dem Grabe eines heiligen Einsiedlers. »Oh, herrliche Mutter Wüste!« wiederholt er vor sich seinen Lieblingsvers. Endlich hat ihm Gott seinen alten Wunsch erfüllt und ihn an die gnadenvolle, stille Stätte geführt. Er kniet nieder, schiebt die hohen Gräser auseinander, drückt sein Gesicht an die Erde, küßt sie, weint und betet: Herrliche Königin, Muttergottes, Erde, Erde, feuchte Mutter! Er blickt zum Himmel empor und wiederholt: Steig vom Himmel, vielbesung'ne Mutter, Herrin, Fürstin, heil'ge Muttergottes! Erde und Himmel sind gleich. Im sonnengleichen Antlitze des Himmels, dem Antlitze der Frau mit den flammenden Augen und flammenden Flügeln, der heiligen Sophia, der Allweisheit Gottes, sieht er das Antlitz der Erde, das er erkennen will und das zu erkennen er fürchtet. Dann steht er auf und geht in den Wald, wohin und wie lange er gegangen ist, weiß er nicht mehr. Endlich erblickt er vor sich einen kleinen, kreisrunden See, dessen steile Ufer mit Tannen bewachsen sind und sich im Wasser als geschlossene grüne Mauern spiegeln. Das Wasser ist dick wie Harz, grün wie Tannennadeln und so still, daß man es fast gar nicht sieht und der See wie ein Ausblick in einen unterirdischen Himmel erscheint. Auf einem Steine, dicht am Wasser sitzt die Klosterschwester Sofja. Er erkennt sie und erkennt sie nicht. Ein Kranz aus weißen Wasserlilien schmückt ihr offenes Haar, sie hat ihr schwarzes Klostergewand hochgerafft, ihre nackten weißen Beine ins Wasser gestellt und blickt mit trunkenen Augen. Sich im Takte hin und her wiegend und in den unterirdischen Himmel hinabblickend, singt sie ein leises Lied, eines von den Liedern, die man Vorzeiten an den Feuern der Johannisnacht im Reigen zu singen pflegte: Sonne, Sonne, lichte Sonne – Oj Did lado, – oj Did lado! Blumen, Blumen, liebe Blumen – Oj Did lado, – oj Did lado! Erde, Erde, feuchte Erde! Etwas Uraltes und wildes lag in diesem Lied, das wie die Klage einer Goldamsel in der Totenstille eines Mittags vor einem Gewitter klang, »wie eine Wasserjungfrau!« dachte er. Er wagte nicht, sich zu rühren und lauschte mit verhaltenem Atem. Unter seinem Fuße knackte ein Zweig. Das Mädchen wandte sich um, stieß einen Schrei aus, sprang vom Steine auf und lief in den Wald. Um den Kranz herum, der ins Wasser gefallen war, zogen Kreise. Und es war Tichon so unheimlich zumute, als ob er in der Tat ein Waldgespenst, ein höllisches BIendwerk gesehen hätte. Als er sich an das Antlitz der Erde im Antlitze des Himmels erinnerte, erkannte er die Schwester Sofja, und sein Gebet an die feuchte Mutter Erde erschien ihm wie eine Gotteslästerung. Er hatte noch niemals und mit niemandem darüber, was er am Runden See gesehen, gesprochen; er dachte aber oft daran, und wie sehr er sich auch bemühte, gegen die Versuchung anzukämpfen, konnte er sie doch nicht überwinden. Es kam zuweilen vor, daß er im keuschesten Gebete das Antlitz der Erde im Antlitze des Himmels erkannte. Sofja blickte nach wie vor mit unverwandten, gierigen Blicken in die Flamme und sang das Lied vom heiligen Märtyrerkinde Kirik, das der heidnische Zar Maximianus in einen glühenden Ofen geworfen hatte: Der kleine Kirik steht in der Glut Und singt cherubinische Weisen. Im Ofen wächst grünes, duftendes Gras, Blühen hellblaue Blumen. Das Kind pflückt die Blumen mit zarter Hand, Wie die lichte Sonne strahlt sein Gewand. Auch Tichon sah ins Feuer, und es war ihm, als ob er im durchsichtig blauen Herzen der Flamme die paradiesischen Blumen sähe, von denen im Liede die Rede war. Ihr an einen heiteren Himmel gemahnendes Blau verhieß überirdische Seligkeit; man mußte aber durch das rote Feuer, durch den Roten Tod hindurchgehen, um diesen Himmel zu erreichen. Sofja wandte sich plötzlich zu ihm um, legte ihre Hand auf die seinige, näherte ihr Gesicht dem seinigen, so daß er ihren heißen Atem, der so leidenschaftlich war wie ein Kuß, fühlte, und flüsterte einschmeichelnd: »Zusammen wollen wir verbrennen, Brüderchen, mein Sonnenlicht, mein Liebster! Allein ist es schrecklich, mit dir – ist es süß. Wir wollen zusammen zum Heiland gehen, zum Hochzeitsmahl! ...« Und sie wiederholte immer wieder wie eine endlose Liebkosung: »Wir werden verbrennen! wir werden verbrennen!« In ihrem bleichen Gesicht und ihren schwarzen Augen, die den Glanz der Flamme widerspiegelten, leuchtete für einen Augenblick wieder dasselbe Alte und Wilde auf, wie damals am Runden See, als sie das Lied der Johannisnacht sang. »Wir wollen verbrennen, wir wollen verbrennen, Sofjuschka!« flüsterte er, von Grauen ergriffen, das ihn zu ihr hinzog wie das Feuer die Nachtfalter. Unten, auf dem Pfade, der am Abhange entlangführte, erklangen Schritte. »Jesu Christ, Sohn Gottes, erbarme dich unser, armer Sünder!« sprach eine Stimme. »Knien!« erwiderten Tichon und Sofja. Es waren Pilger. Sie hatten sich im Walde verirrt, wären beinahe im Moraste versunken, hatten aber endlich die Flamme erblickt und mit großer Mühe den Weg zu ihr gefunden. Alle setzten sich im Kreise um das Feuer. »Ist es noch weit bis zum Kloster, ihr Lieben?« »Es ist gleich hier unten,« sagte Tichon. Er blickte die Frau, die nach dem Wege gefragt hatte, genauer an und erkannte jene Vitalia, die »wie ein Vogel ohne bleibende Stätte lebte« und immer wanderte und die er vor zwei Jahren auf den Flößen des Zarewitsch Alexej in Petersburg, auf der Newa, in der Nacht des Venusfestes gesehen hatte. Auch sie erkannte Tichon und freute sich über das wiedersehen. In ihrer Gesellschaft befanden sich ihre unzertrennliche Begleiterin Kilikeja »die Besessene«, der flüchtige Rekrut Petjka Shisla, dessen mit dem Rekrutierungsstempel, dem Siegel des Antichrist gezeichnete Hand verdorrt war, und der alte Flößer Iwanuschka der Narr, der jede Nacht auf die Ankunft Christi wartete und das Lied der Grableger sang. »Woher kommt ihr, Rechtgläubige?« fragte Sofja. »Wir sind Pilger,« antwortete Vitalia. »Wir wandern und pilgern durch die Welt, fliehen den Ketzerglauben, haben keine bleibende Stätte und suchen die zukünftige Stadt. Jetzt kommen wir aus Kersheneß. Dort sind jetzt grausame Verfolgungen, Pitirim, der reißende Wolf und kirchliche Blutsauger hat siebenundsiebzig Klöster zerstört und das heilbringende lieben der Einsiedeleien ausgerottet.« Nun begannen sie von den Verfolgungen zu sprechen. Einen heiligen Greis hatte man in drei Folterkammern geschlagen, hatte ihm mit Zangen die Rippen gebrochen und den Nabel ausgerissen; dann hatte man ihn zur Winterszeit bei starkem Frost nackt ausgezogen und ihm kaltes Wasser über den Kopf gegossen, so daß sich vom Barte bis zur Erde Eiszapfen bildeten; schließlich brannte man ihn mit Feuer, bis er starb. Andere wurden in eisernen Kummeten gepeinigt: »diese Kummete ziehen Kopf, Arme und Beine zusammen, und bei dieser grausamen Folter wird die Wirbelsäule gebrochen, und aus dem Munde, der Nase, den Augen und den Ohren spritzt Blut.« Anderen wurde gewaltsam das Abendmahl eingegeben, indem man ihnen den Mund mit einem Keil aufriß. Ein Jüngling wurde von Soldaten in die Kirche geschleppt und auf eine Bank gelegt; der Pope und der Diakon kamen mit dem Kelch, die Küster hielten ihn an Armen und Leinen fest, rissen ihm den Mund auf und flößten ihm gewaltsam das Abendmahl ein. Er spuckte es aus. Da schlug ihn der Diakon mit der Faust auf die Kinnbacken, so daß der Unterkiefer absprang und der Unglückliche an dieser Wunde starb. Eine Frau, die vor den Verfolgern entfliehen wollte, hatte ein Loch ins Eis geschlagen, zuerst ihre sieben kleinen Kinder hineingeworfen und sich dann selbst ertränkt. Ein frommer Mann bekreuzigte seine schwangere Frau und seine drei Kinder und durchschnitt in derselben Nacht den Schlafenden die Kehlen. Am Morgen kam er aber aufs Amt und erklärte: »Ich habe die Meinigen zu Tode gepeinigt, und ihr werdet mich zu Tode peinigen; und so wie sie von mir den Tod empfingen, so werde ich von euch den Tod empfangen, und wir werden alle als Märtyrer für den alten Glauben ins Himmelreich kommen.« Viele verbrannten sich selbst, um sich vor dem Antichrist zu retten. »Sie tun gut daran, und ihr Beginnen ist gottgefällig. Denn denen, die dem Antichrist in die Hand fallen, kann auch Gott nicht helfen; man kann die Qual gar nicht ertragen, und niemand kann ihr widerstehen. Es ist besser, ins irdische Feuer als ins ewige Feuer zu fallen!« schloß Vitalia. »Es gibt keinen anderen Ausweg als ins Feuer oder ins Wasser!« bestätigte Sofja. Die Sterne erloschen. Am Horizonte unter den Wolken zogen sich blasse Streifen hin. Die Windungen des Flusses zwischen den endlosen Wäldern schimmerten im Nebel wie matter Stahl. Unten am Abhange, dicht am Ufer der Wetluga wurde in der Dämmerung das von einer Palisade umzäunte und an eine uralte Waldsiedelung erinnernde Kloster sichtbar. An der Flußseite war ein großes, geschnitztes, von einem Heiligenbilde bekröntes Tor angebracht. Innerhalb der Umzäunung stand eine »Herde« hölzerner Häuser mit hohen Unterbauten, mit Treppen, Fluren, gedeckten Gängen, Geheimkammern, Zellen, Türmen und schmalen Guckfenstern, die an die Schießscharten einer Festung erinnerten; die steilen Bretterdächer fielen nach beiden Seiten ab; außer den Zellen gab es hier noch allerlei Wirtschaftsgebäude: eine Schmiede, eine Nähstube, eine Gerber- und eine Schusterwerkstätte, ein Krankenhaus, eine Schule, eine Heiligenbilderwerkstatt und eine Pilgerherberge; auch die Kapelle der Muttergottes von Tolwuj war ein einfacher aus Balken gezimmerter Bau, doch größer als die andern; sie war von einem hölzernen Kreuz und einer kleinen, mit schuppenartig angeordneten Schindeln bedeckten Kuppel überragt; etwas abseits stand der Glockenturm, der sich schwarz vom bleichen Himmel abzeichnete. Da erklangen schwache, klagende Töne: man läutete zur Frühmesse; statt Glocken gab es hier Eichenbretter, die an gedrehten Ochsensehnen hingen und auf die man mit einem dreikantigen Nagel schlug; nach der Legende hatte Noah auf diese Weise die Tiere in die Arche zusammengerufen. Dieses hölzerne Läuten klang in der Stille der Wälder ungemein lieblich, traurig und zart. Die Pilger bekreuzigten sich, als sie das heilige Kloster, die letzte Zufluchtsstätte der Verfolgten erblickten. »Werde geheiliget, Neues Jerusalem, denn die Ehre Gottes strahlt aus dir!« sang Kilikeja mit dem Ausdruck von Rührung und Freude auf ihrem durchsichtig blassen, gleichsam wächsernen Gesicht. »Alle Klöster haben sie zerstört, dieses aber nicht angerührt!« bemerkte Vitalia. »Die Himmelskönigin selbst schützt wohl dieses Haus mit dem Saume ihres heiligen Gewandes. In der Offenbarung Johannis steht es geschrieben: Und es werden dem Weibe zwei Flügel gegeben, wie die eines großen Adlers, daß sie in die Wüste flöge ...« »Der Zar hat einen langen Arm, kann aber bis hierher doch nicht reichen,« versetzte einer der Pilger. »Hier ist der letzte Rest Rußlands!« sagte ein anderer. Das Läuten verstummte. Alle schwiegen. Es war die Stunde des großen Schweigens, wo, nach der Überlieferung, die Wasser ruhen, die Engel ihren Dienst tun und die Seraphim im heiligen Grauen vor dem Throne des höchsten mit den Flügeln schlagen. Iwanuschka der Narr saß zusammengekauert, die Kniee mit den Armen umfassend, blickte unverwandt auf den immer heller werdenden Osten und sang sein ewiges Lied: Sarg aus Fichtenbrettern Ist für mich gezimmert, Werde darin liegen Bis Posaunen schallen ... Und wieder, wie damals auf dem Floße in Petersburg, in der Nacht des Venusfestes, begannen sie von den letzten Zeiten und vom Antichrist zu sprechen. »Bald kommt er, er steht schon vor der Türe!« begann Vitalia. »Heute können wir uns noch halbwegs durchschlagen; wenn aber der Antichrist einmal in der Welt ist, werden wir nicht einmal die Lippen rühren können; höchstens mit dem Herzen werden wir noch an Gott hängen ...« »So schwer ist es, so schrecklich schwer!« stöhnte Kilikeja, die Besessene. »Neulich erzählte Awilka, ein flüchtiger Donscher Kosak,« fuhr Vitalia fort, »er hätte in der Steppe ein Gesicht gehabt: drei Greise, ganz gleich von Gestalt, waren vor seine Hütte getreten; sie sprachen russisch, es klang aber wie griechisch. Und er fragte sie: ›Woher kommt ihr und wohin geht ihr?‹ – ›Wir kommen aus Jerusalem,‹ sagten sie zu ihm, ›vom heiligen Grabe und gehen nach Sankt Petersburg, um den Antichrist zu sehen.‹ – ›Wer ist der Antichrist?‹ fragte er sie. – ›Es ist derjenige, den ihr Zar Peter Alexejewitsch nennt. Er wird Konstantinopel erobern, die Juden um sich versammeln, nach Jerusalem ziehen und dort regieren. Und die Juden werden ihn als den wahren Antichrist erkennen. Und das wird das Ende der Welt sein ...« Alle schwiegen wieder, als ob sie auf etwas warteten. Plötzlich erklang aus dem noch finsteren Wald ein gedehnter Schrei, der dem Weinen eines Kindes glich – wohl der Ruf eines Nachtvogels. Alle fuhren zusammen. »Ach, Brüder, Brüder!« begann Petjka Shisla stotternd und schluchzend zu stammeln. »Es ist so schrecklich ... Wir sprechen vom Antichrist, und er ist vielleicht schon in unserer Nähe, im Walde ... Ihr seht doch selbst, welche Unruhe über uns gekommen ist ...« »Narren seid ihr, Narren, Schafsköpfe!« sagte plötzlich eine Stimme, die wie das böse Brummen eines Bären klang. Sie wandten sich um und erblickten einen Pilger, den sie vorher nicht bemerkt hatten. Er war wohl während ihres Gesprächs aus dem Walde gekommen, hatte sich abseits in den Schatten gesetzt und die ganze Zeit über geschwiegen. Es war ein hochgewachsener, etwas buckliger alter Mann, ganz mit roten, hie und da ergrauten Haaren bewachsen. Sein Gesicht war in der Morgendämmerung fast nicht zu erkennen. »Wie kommt er, Zar Peter, dieser Trunkenbold, Buhler und Schürzenjäger dazu, der Antichrist zu sein!« fuhr der Alte fort. »Höchstens die Spucke von einem Antichrist. Der letzte der Teufel wird auf einem ganz andern Schlitten gefahren kommen und ganz andere Einfälle haben als Peter!« »Abba, Vater,« wandte sich an ihn Vitalia mit flehender Stimme, am ganzen Leibe vor Angst und Neugier zitternd, »belehre uns Dumme, erleuchte uns mit dem Lichte der Wahrheit, sage uns, wie wird die Ankunft des Sohnes des Verderbens sein?« Der Alte krächzte, rückte hin und her und stand mit großer Mühe vom Boden auf. In seiner riesenhaften Gestalt lag etwas Schwerfälliges, Bärenhaftes und Plumpes. Ein Knabe reichte ihm die Hand und führte ihn ans Feuer. Unter dem schmutzigen Schafspelze, den er offenbar niemals auszog, hingen an eisernen Ketten schwere Steinplatten, die eine vorne und die andere hinten; auf dem Kopfe trug er eine eiserne Mütze; um die Hüften – einen eisernen Gürtel mit einer Öse. Tichon mußte an das Leben des heiligen Kapiton des Großen von Murom denken: auch er hatte am Gürtel eine Öse, und ein Haken an der Decke war sein Bett; er pflegte die Öse einzuhaken und hängend zu schlafen. Der Alte setzte sich auf einen Fichtenstumpf und wandte sein Gesicht dem Osten zu. Der bleiche Morgenschein beleuchtete sein Gesicht. Statt Augen hatte er schwarze Löcher, Wunden mit blutigen Resten der Augäpfel. Spitze Nägel, mit denen seine eiserne Mütze vorne bespickt war, bohrten sich in die Schädelknochen; daher waren seine Augen ausgelaufen. Sein Gesicht war erschreckend, aber sein Lächeln zart und kindlich. Und er sprach so, als ob er mit seinen blinden Augen die Dinge, von denen er sprach, sähe. »Ach, ihr armen Brüder! Worüber seid ihr so erschrocken? Er selbst ist noch nicht erschienen, wir sehen und hören von ihm nichts. Es sind schon viele Vorläufer dagewesen, auch jetzt gibt es viele, und nach ihnen werden noch viele andere kommen. Sie bahnen ihm den Weg. Und wenn sie alles geputzt und rein gekehrt haben, da wird er selbst erscheinen. Er wird von einer unsauberen Dirne geboren werden, und der Satan wird in ihn fahren. Und der Versucher wird es in allen Dingen dem Sohne Gottes gleichtun: er wird keusch sein, wird die Fasten beobachten und mild und gnadenreich sein; er wird die Kranken heilen, die Hungernden speisen, den Obdachlosen ein Obdach geben und die Leidenden trösten. Und es werden zu ihm die Gerufenen und die Ungerufenen kommen und ihn zum König über alle Völker setzen. Und er wird seine Heere vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang versammeln, das Meer wird weiß von Segeln und das Feld schwarz von Schilden werden. Und er wird sprechen: ›Und meine Hand hat gefunden die Völker wie ein Vogelnest, daß ich habe alle Lande zusammengerafft, wie man Eier aufrafft, die verlassen sind!‹ Und er wird Wunder und Zeichen tun: er wird Berge versetzen, wird trockenen Fußes über Wasser gehen, Feuer vom Himmel bringen und die Teufel als die Engel des Lichts und die himmlischen Heerscharen zeigen. Mit Posaunen und Jubelrufen, mit lautem Geschrei und vielen Gesängen wird der Fürst der Finsternis, wie die Sonne strahlend, in den Himmel fliegen und mit großem Glanz auf die Erde herabsteigen. Und er wird sich in den Tempel des Höchsten setzen und sprechen: ›Ich bin der Herr!‹ Und alle werden ihn anbeten und sprechen: ›Du bist der Gott, und es gibt keinen Gott außer dir!‹ Und der Greuel der Verwüstung wird über die heilige Stätte kommen. Und dann wird die Erde weinen, und das Meer Tränen vergießen; der Himmel wird keinen Tau mehr geben, und die Wolken keinen Regen; das Meer wird von Gestank erfüllt werden; die Flüsse werden austrocknen und die Quellen versiegen. Die Menschen werden vor Hunger und Durst sterben. Und sie werden zum Sohne des Verderbens kommen und sagen: ›Gib uns zu essen und zu trinken!‹ Er aber wird ihrer spotten und sie beschimpfen. Und sie werden erkennen, daß er ein Tier ist. Sie werden vor seinem Angesicht fliehen, aber nirgends Schutz finden. Und Finsternis wird über sie fallen, Weinen über Weinen, Weh über Weh. Und die Menschen werden wie die Toten aussehen, die Reize der Frauen werden verwelken, und die Männer keine Wollust haben. Gold und Silber werden auf den Märkten liegen und niemand wird sie auflesen. Und sie werden vor Kummer verschmachten, und sich in die Zungen beißen und den lebendigen Gott lästern. Und dann werden die himmlischen Mächte erbeben, und das Zeichen des Menschensohnes wird am Himmel erscheinen. Schon kommt er. Komm, ach komm, Herr Jesu! Amen. Amen. Amen.« Er verstummte und richtete seine blinden Augen auf den Osten, als ob er dort, am Rande des Himmels in den in Blut und Gold getauchten Wolkenmassen schon das sähe, was nach niemand gesehen hatte. Flammende Streifen breiteten sich über den Himmel wie die Flammenflügel der Seraphim, die auf ihren Antlitzen liegend den in Herrlichkeit kommenden Heiland anbeten. Über der schwarzen Mauer des Waldes erschien eine blendende, glühende Kohle. Ihre Strahlen brachen sich an den Wipfeln der schwarzen Tannen und spielten in allen Farben des Regenbogens. Und Himmel und Erde, Wasser und Laub, Vögel und alle Kreaturen und die Menschenherzen riefen mit großer Freude: Komm, ach komm, Herr Jesu! Tichon empfand das ihm von Kind auf vertraute Gefühl des Grauens und der Freude über das Ende. Sofja blickte auf die Sonne, bekreuzigte sich und rief die Feuertaufe, die ewige Sonne, den Roten Tod herbei. Iwanuschka der Narr saß aber noch immer zusammengekauert, die Kniee mit den Armen umfassend, wiegte sich leise hin und her, blickte nach dem Osten, dem Anfang des Tages und sang dem Westen, dem Ende der Tage zu: Särge, ihr Särge aus Eichenklötzen, Ewige Wohnungen seid ihr für alle. Neigt sich der Tag dem Abend entgegen, Liegt schon die Axt an der Wurzel des Baumes – Nah, ach so nah sind die letzten Zeiten! II. Im Kloster fand eine Versammlung statt, auf der über die strittigen Briefe des Protopopen Awakum verhandelt werden sollte. Der vielgepeinigte Protopop hatte seinem Freund, dem frommen Greis Sergius, nach Kershenetz Briefe über die heilige Dreieinigkeit geschickt mit der Aufschrift: »Empfange, Sergius, dieses ewige Evangelium, das nicht von mir sondern vom Finger Gottes geschrieben ist.« In den Briefen wurde behauptet: »Das Wesen der heiligen Dreieinigkeit kann in drei gleiche und gesonderte Wesenheiten getrennt werden. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist haben drei einzelne Sitze auf drei Thronen wie drei Himmelskönige. Und Christus sitzt auf einem besonderen vierten Throne und regiert neben der heiligen Dreieinigkeit. Der Sohn Gottes hat sich im Leibe der Jungfrau nicht als eine der drei göttlichen Personen und nicht als eine Wesenheit, sondern nur als die Gnade verkörpert.« Der Diakon Fjodor bezichtigte Awakum der Ketzerei. Der Greis Onufrij, ein Schüler Awakums, warf dasselbe dem Diakon Fjodor vor. Die Anhänger Fjodors, die »Eindeuter«, nannten die Onufrianer – »Dreideuter«, und diese bezeichneten sie ihrerseits als »Falschdeuter«. Und so kam es zu der großen Spaltung, »und an Stelle der früheren brennenden Liebe herrschte unter den Brüdern Haß und Lüge und jede Bosheit.« Um den kirchlichen Streit zu schlichten, berief man eine Versammlung nach Dolgije Mchi ein und lud Onufrij's Schüler P. Jerofej, der nach dem Tode des Meisters das einzige Oberhaupt und der Lehrer der Onufrianer war, zur Disputation ein. Man versammelte sich in der Zelle der Mutter Golenducha, die außerhalb der Klostermauer auf einer Wiese mitten im Walde lag. Die Onufrianer weigerten sich, den Disput im Kloster selbst zu führen, weil sie eine Schlägerei befürchteten; diese hätte für sie gefährlich werden können, denn die »Eindeuter« waren den »Dreideutern« gegenüber in der Mehrzahl. Tichon wohnte der Versammlung bei. Der alte Kornilij ging aber nicht hin. »Was nützt das Geschwätz?« sagte er. »Man soll sich lieber verbrennen, denn nur im Feuer erkennt man die Wahrheit.« Die geräumige Zelle bestand aus zwei Teilen: einer kleinen Wohnkammer und einer großen Betstube. An den aus rohen Balken zusammengefügten Wänden entlang standen auf Borden Heiligenbilder. Vor ihnen brannten Lampen und Kerzen. An den Leuchtern hingen Auerhahnschwänze zum Auslöschen der Kerzen. Rings an den Wänden standen Bänke. Auf ihnen lagen dicke Bücher in Leder- und Holzeinbänden mit Messingbeschlägen und handgeschriebene Heftchen; die ältesten Aufzeichnungen der großen Lehrmeister der Wüste waren auf Birkenrinde geschrieben. Es war hier schwül und trotz der Mittagsstunde dunkel; die Läden an den Fenstern, bei denen trübe Fischblasen die Scheiben ersetzten, waren wegen der Sonne geschlossen. Nur hier und da drangen durch die Ritzen einige Lichtstrahlen, die die Flammen der Lampen und Kerzen röter und trüber erscheinen ließen, herein. Es roch nach Wachs, Leder, Schweiß und Weihrauch. Die Türe nach außen stand offen, und man konnte durch sie die von Sonnenlicht übergossene Wiese und den dunklen Wald sehen. Die Mönche in schwarzen Kutten und Kappen umringten P. Jerofej, der mitten in der Betstube vor einem Lesepulte stand. Er sah würdig und solid aus; sein sattes Gesicht war weiß wie eine Hostie; die blauen, etwas schielenden Augen hatten jedes einen anderen Ausdruck: das eine drückte »christliche Demut«, das andere »philosophischen Hochmut« aus. Seine Stimme klang verführerisch und einschmeichelnd wie die »einer süßsingenden Schwalbe«. Er war ungemein elegant gekleidet: die Kutte war aus feinem Tuch, die Kappe aus Samt, und das Brustkreuz mit Edelsteinen besetzt: Seine grauen Haare mit goldenem Schimmer dufteten nach Rosenöl. Unter den armen Mönchen, den Waldbauern, sah er wie ein wahrer Bojare oder wie ein nikonianischer Bischof aus. P. Jerofej war ein gelehrter Mann; »er war mit Bücherweisheit und Verstand vollgetränkt wie ein Schwamm mit Wasser.« Seine Gegner behaupteten aber, daß seine Weisheit nicht von Gott käme; er hätte zwei verschiedene Lehren: die eine, die offenbare und rechtgläubige sei für alle bestimmt, und die andere, die heimliche und ketzerische für Auserwählte, meist reiche und angesehene Leute. Die Einfachen und Armen verführe er aber durch Mildtätigkeit. Vom frühen Morgen bis zum Mittag währte der Streit der Eindeuter mit den Dreideutern, führte aber zu keinem Ergebnis. P. Jerofej ließ sich nicht in die Enge treiben und redete immer »um die Sache herum«. Wie sehr die Mönche auf ihn auch eindrangen, sie konnten ihn doch nicht überführen. Schließlich sprang in der Hitze des Gefechts der Schüler Jerofejs, Bruder Spiridon vor, ein Mönch mit lebhaften Augen, schwarzem Haar und schwarzen Locken, die an die Schläfenlocken der Juden erinnerten, und schrie mit lauter Stimme: »Die Dreieinigkeit sitzt schön nebeneinander. Der Sohn zur Rechten, und der Geist zur Linken des Vaters. Die drei Himmelskönige sitzen unverhüllt auf drei verschiedenen Thronen. Christus sitzt aber auf einem besonderen, vierten Throne!« »Du vervierfachst die Dreieinigkeit!« schrien die Mönche entsetzt. »Und ihr meint, man müsse sie als einen Haufen, als eine Person ansehen? Lüge! Es ist nicht eine Person, es sind ihrer drei, drei, drei!« P. Spiridon fuchtelte mit der Hand, als ob er Holz hackte. »Du sollst an die Dreieinige glauben und die Unteilbare teilen. Fürchte dich nicht! Eins ist nicht drei, und die Wesenheit Christi ist das Vierte!« Und er begann die Verschiedenheit zwischen Wesenheit und Person zu erörtern: Die Wesenheit des Sohnes sei im Innern des Vaters enthalten und die Person des Sohnes sitze zu Füßen des Vaters. »Gott ist nicht in Wesenheit, sondern in Person Fleisch geworden! Wäre er mit seiner Wesenheit auf die Erde gekommen, so hätte er die ganze Welt verbrannt, und der Leib der allerreinsten Muttergottes hätte diese göttliche Wesenheit gar nicht tragen können – er hätte verbrennen müssen!« »Oh, du Verirrter und Verblendeter, gehe in dich, erkenne Gott, reiße dir die Wurzel der Ketzerei aus dem Herzen, halte ein, tue Buße, mein Lieber!« drangen die Väter auf ihn ein. »Wer hat es dir gesagt, oder wo hast du es gesehen, daß drei Himmelskönige unverhüllt nebeneinander sitzen? Selbst die Engel und Erzengel können Ihn nicht sehen, und du sagst: sie sitzen unverhüllt! wie ist dir die Zunge, als du solches sprachst, nicht verbrannt?!« Spiridon schrie aber unentwegt weiter: »Drei, drei, drei! Ich sterbe für drei! Man kann es mir auch nicht mit Feuer aus dem Herzen brennen! ...« Als die Gegner sahen, daß mit ihm nichts anzufangen sei, machten sie sich wieder an P. Jerofej heran. »Wozu die Ausflüchte? Sage es geradeaus: glaubst du an die einige oder an die dreieinige Dreifaltigkeit?« P. Jerofej schwieg und lächelte nur verächtlich in seinen Bart. Es war ihm anzusehen, daß er von der Höhe seiner Gelehrsamkeit herab alle diese Mönche wie Knechte verachtete. Die Mönche setzten ihm immer wütender zu und »fuhren ihn an wie die Böcke.« »Was schweigst du? Bist du taub? Du verstopfst dir die Ohren wie die taube Schlange!« »Hochmütig bist du wie der Pharao!« »Wolltest nicht mit den Brüdern in Eintracht leben, bist allen feind, hast die brüderliche Liebe zerstört!« »Aufrührer und Verführer unter den Christen!« »Was wollt ihr von mir?« fuhr sie P. Jerofej, der sich nicht länger beherrschen konnte, schließlich an, indem er unbemerkt zur Türe der Seitenkammer zurückwich. »Drängt nicht so! Ihr habt für mich keine Verantwortung zu tragen: Was geht es euch an, ob ich selig werde oder nicht? Lebt, wie ihr wollt, und wir werden leben, wie wir wollen. Wir haben nichts miteinander zu tun! Bleibt mir bitte vom Leibe!« Der schneeweiße, aber noch rüstige und kräftige Greis P. Prow fuchtelte vor P. Jerofejs Nase mit einer Keule aus Ulmenholz herum. »Wahnsinniger Ketzer! Wenn der Stadtrichter dir eine solche Keule vor den Hüften tanzen läßt, wirst du schon bekennen, ob du den eindeutigen oder den dreideutigen Glauben hast. Solange du aber in Freiheit bist, redest du, was dir gerade paßt!« »Friede mit euch, Brüder in Christo!« erklang plötzlich eine Stimme, die zwar leise, aber den andern so unähnlich war, daß alle sie hörten. Es war der Einsiedler P. Missail, der aus seiner weitentlegenen Einsiedelei gekommen war, ein starker Glaubensheld, »noch jung an Jahren, doch hundertjährig an Verstand«. – »Was soll das werden, meine lieben Väter? Ist es nicht der Teufel, der aus euch schreit und in euch den brudermörderischen Zwist weckt? Niemand von euch sucht nach dem Wasser des Lebens, um die satanische Flamme zu löschen, aber jeder sucht nach Pech, Kohlenglut und trockenem Schilf, um das Feuer noch stärker lodern zu lassen. Bei Gott, ihr Väter, selbst bei den Nikonianern habe ich noch keinen solchen Bruderhaß gesehen! Wenn sie davon erfahren und uns noch mehr verfolgen und hinmorden, werden sie ohne Schuld vor Gott dastehen und jene Qualen werden für uns nur der Anfang der ewigen Qualen sein.« Alle verstummten und schienen zur Besinnung gekommen zu sein. P. Missail kniete nieder, verbeugte sich bis zur Erde zuerst vor der ganzen Versammlung und dann noch vor P. Jerofej allein. »Verzeiht mir, Väter! Verzeihe mir, lieber Bruder Jerofej! Groß ist deine Weisheit, und dein Verstand ist wie Feuer. Habe Erbarmen mit uns Armen, lege die strittigen Briefe weg, tue es um der Liebe willen!« Er stand auf und wollte Jerofej umarmen. Dieser ließ es aber nicht zu, sank selbst in die Kniee und verneigte sich vor P. Missail bis zur Erde. »Vergib mir, Vater! Was bin ich denn? Ein Hundeaas. Wie sollte ich auch mehr Verstand haben als eure heilige Versammlung? Du sagst, mein Verstand sei wie Feuer. Du erfüllst meine Seele mit Eitelkeit! Ich bin ein Mensch, der dem im schmutzigen Schlamme lebenden Geschlechte, das man das Geschlecht der Frösche nennt, gleicht. Wie ein Schwein fülle ich meinen Bauch mit Trebern. Hätte mir Gott nicht beigestanden, so wäre meine Seele schon längst in die Hölle gefahren. Mit Mühe erwehre ich mich der Wollust, die mich erdrückt. Wehe mir, armen Sünder! Gott schütze dich, lieber Missail, für deine Belehrung!« P. Missail streckte wieder mit mildem Lächeln seine Arme aus, um P. Jerofej zu umarmen. Dieser erhob sich aber und stieß ihn zurück. Sein Gesicht war von solchem Hochmut und haß verzerrt, daß es allen unheimlich wurde. »Gott schütze dich für deine Belehrung,« fuhr er mit plötzlich veränderter, vor Wut zitternder Stimme fort, »daß du uns Unverständige belehrst und strafst! Es wäre besser, Freund, wenn du Maß halten wolltest! Du fliegst zu hoch empor; paß auf, daß du von der Höhe nicht herabfällst! Von wem hast du die Lehrerwürde erhalten, und wer hat dich zum Lehrer eingesetzt? Heute sind alle zu Lehrern geworden, und es ist niemand da, der auf sie hört! Wehe uns und wehe der Zeit und allen, die in ihr leben! Du bist noch ein Kind, erhebst aber frech den Kopf. Wir haben wirklich keine Lust, auf dich zu hören. Belehre diejenigen, die deinem Verstand folgen wollen, uns laß aber, bitte, in Ruhe. Das sind mir schöne Lehrer! Der eine droht mit einer Keule, und der andere schmeichelt mit seiner Liebe. Was hat man von dieser Liebe, wenn sie zur Vernichtung der Wahrheit führt? Auch der Satan liebt seine Getreuen. Wir haben aber weder die Kraft, Christus zu lieben, noch Seine Feinde zu hassen! Wenn ich durch Gottes Ratschluß auch sterben müßte, würde ich mich doch nicht mit den Abtrünnigen vereinen! Ich bin rein und schüttele den Staub von meinen Füßen vor euch ab, wie es geschrieben steht: ›Besser einer, der den Willen Gottes tut, als ein Haufen Gottloser!‹« Mit diesen Worten huschte P. Jerofej unter der Deckung seiner Getreuen durch die Türe der Nebenkammer. P. Missail trat zur Seite und begann leise zu beten, immer dieselben Worte wiederholend: »Das Unglück kommt, das Unglück kommt. Erbarme dich unser, allerreinste Muttergottes!« Die Mönche schrieen und stritten aber noch wütender als vorher. »Spirka, du, Spirka, du Frechling, höre, was man dir sagt: Der Sohn sitzt zur Rechten des Vaters. Gut, du toller Bursche, rühre ihn nicht an, stoße ihn nicht mit deiner unreinen Zunge von seinem Königsthrone zu den Füßen des Vaters! ...« »Verflucht, verflucht, verflucht! Anathema! Auch der Engel hat über jede Lehre, die nicht aus der Schrift kommt, das Anathema verkündet!« »Ihr Unwissenden! Ihr versteht die Schrift nicht zu deuten! Was soll man mit euch Bauerntölpeln viel Worte verlieren!« »Gott hat dir die Ohren verschlossen, damit du dich der Wahrheit widersetzt! Gehe mit den Deinigen zugrunde, Verruchter!« »Es sei keine Gemeinschaft zwischen uns, weder in diesem noch im zukünftigen Leben!« Alle redeten zu gleicher Zeit, und niemand hörte auf den andern. Nicht nur die Eindeuter waren bereit, den Dreideutern die Kehlen zu durchbeißen, sondern auch die Brüder ihren Brüdern von der gleichen Partei. Man ereiferte sich wegen jeder Kleinigkeit: ob man das Räucherfaß im Kreuze oder dreimal schwingen müsse? ob man am Tage der Verkündigung und am Tage der Vierzig Märtyrer Knoblauch essen dürfe, und ob sich die Popen einen Tag vor der Liturgie des Genusses der Zwiebel enthalten müßten; ob es erlaubt sei, während der Beichte mit übereinander geschlagenen Beinen zu sitzen; ob man ›Von Ewigkeit zu Ewigkeit‹ oder ›Von Ewigkeit zur Ewigkeit‹ lesen müsse; wegen jedes Buchstabens, Kommas oder Punktes in den alten Büchern. »Auch der kleinste Schreibfehler kann die größte Ketzerei erzeugen!« »Wir sterben für ein einziges A!« »Sprich so, wie es in den alten Büchern geschrieben steht, und wiederkäue immer das Vaterunser – das ist die ganze Wahrheit!« »Merke dir doch, Fedjka, du Feind Gottes, Hund, Hurensohn, du Höllenhund, wie das Kreuz Christi und wie das Kreuz Petri beschaffen ist: das Kreuz Christi hat ein Brettchen über der Querleiste, und das Kreuz Petri hat kein Brettchen,« erklärte mit heiserer Stimme P. Ulian, der Schriftgelehrte von Dolgije Mchi, der sonst immer still und mild, jetzt aber so rasend war, daß ihm der Mund schäumte, die Schläfenadern anschwollen und die Augen rot wurden. »Ein Brettchen, ein Brettchen über der Querleiste!« schrie Fedjka. »Nein, kein Brettchen, kein Brettchen!« heulte Ulian. Für Ulian trat P. Trifilij, ein anderer Schriftgelehrter ein. Wie man sich später erzählte, sprang er auf »wie ein Kaulbarsch aus dem Wasser, mit gestrecktem Hals, gesträubten Haaren, vor großem Eifer zitternd und bebend; seine Knochen krachten, seine Glieder bebten, sein Bart tanzte, seine Zähne klapperten, seine Stimme klang wie die eines zornigen Kamels; er war unversöhnlich, unbezähmbar und schrecklich in seiner Wut.« Ersuchte gar nichts zu beweisen, sondern fluchte nur mit Mutterschimpfworten. Man antwortete ihm mit gleichem. Mit Theologie hatten sie begonnen und mit den unflätigsten Flüchen endeten sie. »Der Satan ist dir in die Haut gefahren!« »Du ganz gemeiner Mönch, für ein Glas Schnaps hast du deine Seele verkauft!« »Oh, Schande über Schande! Du bist ein verruchtes Schwein, das weder Erde zu fressen noch diese Welt zu schauen verdient! Ein verirrtes Vieh!...« »Es gibt ein Gewürm, das nichts als Kot von sich gibt und behauptet, daß die heilige Dreieinigkeit...« »Hört, hört, er will von der Dreieinigkeit reden!...« »Da gibt es doch nichts zu hören! Man kann dein Geflecht gar nicht entwirren: du hast einen Bastschuh geflochten und die Enden des Bastes verloren...« »Ich verkünde himmlische Geheimnisse, mir ist es gegeben!« »Genug Unsinn geredet! Verstopfe dir das Maul mit einem Fußlappen!« »Ihr seid verflucht! Verflucht! Anathema!« Auf dem bäuerlichen Konzil in den Wäldern von Wetluga zankte man sich fast ebenso wie vor vierzehn Jahrhunderten, in den Tagen Julian Apostatas auf den Konzilen am Hofe der byzantinischen Kaiser. Tichon sah zu und lauschte, und es war ihm, als ob hier nicht Menschen wegen Gott stritten, sondern Tiere einander totzubeißen trachteten, als ob die Stille seiner herrlichen Mutter-Wüste durch diesen gotteslästerlichen Streit für immer entweiht wäre. Vor den Fenstern erhob sich Geschrei. Mutter Golenducha, Mutter Meropia und Mutter Uleja, die Alte, blickten hinaus und sahen einen großen Menschenhaufen, der aus dem Walde von der Klosterseite her auf die Wiese gelaufen kam. Nun fiel es ihnen ein, daß einmal bei einer ähnlichen Brüderversammlung zu Kershenetz im Filialkloster des heiligen Larion ein Haufen bestochener Novizen, Arbeiter und Imker zu dem Hause, in dem die Versammlung stattfand, mit Büchsen, Jagdspießen und Stangen bewaffnet gekommen war und die Mönche überfallen hatte. Aus Furcht, daß sich auch jetzt dasselbe wiederholen könnte, stürzten die drei Mütter in die Betstube, verriegelten die Außentüre mit dicken eichenen Riegeln just in dem Augenblick, als die Menge das Haus erreicht hatte. Die Leute versuchten die Türe aufzubrechen und schrieen: »Macht auf! Macht auf!« Sie schrieen zwar auch etwas anderes, aber Mutter Galenducha, die die Oberaufsicht hatte, war schwerhörig und verstand nichts. Die übrigen Mütter rannten wie besessen hin und her und gackerten wie erschrockene Hennen. Sie waren auch von dem Geschrei betäubt, das noch immer in der Betstube anhielt: die Väter fuhren, ohne auf etwas zu achten, in ihrem Disput fort. P. Spiridon erklärte, daß »Christus in die heilige Jungfrau durchs Ohr gedrungen sei und ihren Leib auf unerklärliche Weise durch die Hüfte wieder verlassen habe.« P. Trifilij spie ihm ins Gesicht. P. Spiridon packte den P. Trifilij am Barte, riß ihm die Kappe vom Kopfe und wollte ihn mit seinem Messingkreuz auf die Glatze schlagen. Aber P. Prow schlug ihm mit seiner Ulmenkeule das Kreuz aus den Händen. Der onufrianische Schriftgelehrte Archipka, ein Riesenkerl, stürzte sich auf den P. Prow und versetzte ihm einen solchen Faustschlag auf die Schläfe, daß der Alte wie tot zu Boden fiel. Nun begann eine allgemeine Schlägerei. Die Mönche waren wie von Teufeln besessen. In der schwülen Dunkelheit, die vom trüben Lichte der Lämpchen und den feinen Strahlen des durch die Ritzen eindringenden Sonnenlichts kaum erleuchtet war, bewegten sich entstellte Gesichter und geballte Fäuste, flogen lederne Rosenkränze, mit denen sie sich auf die Augen schlugen, zerrissene Bücher, zinnerne Leuchter und brennende Kerzen, die gleichfalls als Waffen dienten. Die Luft war von Mutterflüchen, Stöhnen, Heulen, Brüllen und Winseln erfüllt. Von außen fuhr man fort zu klopfen und zu schreien: »Macht auf! Macht auf!« Das ganze Haus erdröhnte unter den Schlägen: man hieb mit einer Axt einen Fensterladen ein. Mutter Uleja, ein aufgedunsenes und wie Hefenteig blasses Weib, sank auf die Erde und schrie mit so durchdringender, schluchzender Stimme, daß alle erschraken. Der Laden krachte, und durch die gesprungene Fischblase steckte der Klostersattler P. Mina seinen Kopf herein, seine Augen traten vor Entsetzen aus den Höhlen, und er schrie mit weitgeöffnetem Munde: »Die Soldaten, die Soldaten kommen her! Was habt ihr euch eingesperrt, ihr Dummköpfe? Kommt schnell heraus!« Alle waren vor Schreck wie gelähmt. Der eine blieb mit geballten Fäusten, der andere mit in das Haar des Gegners eingekrallten Fingern wie angewurzelt, wie zu einer Bildsäule erstarrt stehen. Totenstille trat ein. Nur P. Missail weinte noch und betete: »Das Unglück ist gekommen, das Unglück ist gekommen. Allerreinste Muttergottes, erbarme dich unser!« Als sie wieder zur Besinnung gekommen waren, stürzten sie zur Türe und liefen hinaus. Von der Menge, die sich auf der Wiese versammelt hatte, erfuhren sie die schreckliche Kunde: eine Soldatenabteilung kommt in Begleitung von Popen, Zeugen und Beamten durch den Wald gezogen; sie haben schon das benachbarte Moroschkin-Kloster am Flusse Unsha zerstört und werden heute oder morgen nach Dolgije Mchi kommen. III. Tichon erblickte den alten Kornilij, den ein Haufen Klosterbrüder, Bauern, Weiber und Kinder aus den Nachbarsdörfern umringte. »Wer an Gott glaubt, darf nicht zaudern oder lange nachdenken,« predigte der Alte. »Er gehe mutig ins Feuer und empfange um des Herrn Willen den Tod! Er nehme einen Anlauf und springe in die Flamme! Teufel, hier hast du meinen Leib; meine Seele geht dich aber nichts an! Heute drohen uns von unsern Peinigern Feuer und Scheiterhaufen, Erde und Beil, Messer und Galgen; dort erwarten uns aber Engelsgesänge, Ruhm, Lob und Freude, wenn unsere toten Leiber vom Heiligen Geist mit neuem Leben erfüllt sind, werden wir aus dem Schoße der Mutter Erde wie Kinder aus dem Mutterleibe hervorkommen. Selbst die Propheten und die Erzväter und alle Heiligen müssen durchs Fegefeuer gehen, nur wir allein sind davon befreit: was soll uns das Fegefeuer, da wir schon hier verbrannten? Was soll uns der flammende Fluß, da wir schon durchs Feuer gegangen sind? Wie die Kerzen werden wir zum Opfer Gottes brennen! Wie ein süßes Brot für die heilige Dreieinigkeit werden wir gebacken werden! Laßt uns für die Liebe des Sohnes Gottes sterben! Schöner als die Sonne ist der Rote Tod!« »Wir wollen uns verbrennen! Wir wollen uns verbrennen! Dem Antichrist ergeben wir uns nicht!« brüllte die rasende Menge. Die Weiber und die Kinder schrieen noch lauter als die Männer: »Lauft ins Feuer! verbrennt euch! Flieht vor den Peinigern!« »Heute brennen die Klöster,« fuhr der Alte fort, »später werden auch die kleinen und die großen Dörfer und die Städte brennen! Ich will gern ein Feuerscheit in die Hand nehmen und die Stadt Nishnij-Nowgorod anzünden! Ich würde frohlocken, wenn sie von einem Ende bis zum andern verbrennte! Und wenn man uns nacheifert, so wird bald auch ganz Rußland brennen!« Seine Augen sprühten schreckliche Funken; es schien das Feuer jener letzten Feuersbrunst zu sein, durch die einst die Welt vernichtet werden wird. Als er geendet hatte, zerstreute sich die Menge über die Wiese und den Wald. Tichon ging lange Zeit auf und ab und lauschte, was in den einzelnen Reihen gesprochen wurde. Es schien ihm, daß alle den Verstand verloren hatten. Ein Mann sagte zum andern: »Das Himmelreich fällt dir von selbst in den Mund, du zögerst aber noch immer und sagst, du hättest kleine Kinder und ein junges Weib und wollest nicht zugrunde gehen. Hast du denn viel von ihnen, du Seele? Höchstens einen Lack und einen Topf und die Bastschuhe an den Füßen. Auch dein Weib will ins Feuer. Du bist ein Mann, aber dümmer als ein Weib. Und wenn du einmal deine Kinder verheiratet und dein Weib getröstet hast, was erwartet dich noch? Das Grab! Ob du dich verbrennst oder nicht, sterben mußt du auf jeden Fall!« Ein Mönch redete dem andern zu: »Was bedeuten zehn Jahre Kirchenbuße? Doch nicht mehr als Beten und Fasten! Nur im Feuer ist die wahre Buße. Brauchst dich nicht abzumühen, brauchst nicht zu fasten und kommst gleich ins Paradies: das Feuer reinigt dich von allen Sünden, wenn du schon einmal verbrannt bist, bist du alles los!« Ein Greis forderte den andern auf: »Genug gelebt, mein Lieber. Die Rüben haben uns schon den Bauch zerfressen. Es ist Zeit, ins Jenseits zu kommen, und wenn auch nur als kleine Märtyrer!« Knaben scherzten mit Mädchen: »Wir wollen ins Feuer gehen! In der andern Welt bekommen wir goldene Hemden, rote Stiefel und Nüsse, Honig und Äpfel nach Herzenslust.« »Es ist gut, wenn auch die Kinder verbrennen,« ermunterten sie die Alten, »damit sie nicht sündigen, wenn sie einmal groß sind; damit sie nicht freien und sich nicht vermehren! So wird ihre Keuschheit erhalten bleiben!« Man erzählte sich von den früheren großen Selbstverbrennungen. Im Kloster von Paleostrow, wo sich mit dem frommen Greis Ignatij an der Spitze 2700 Menschen verbrannt hatten, sah man ein Gesicht: als die Kirche schon in Flammen stand und eine große Rauchwolke sich erhob, kam aus der Kirchenkuppel P. Ignatij herausgeschwebt mit dem Kreuz in der Hand, und ihm folgten die übrigen Mönche und eine Menge Volkes, alle in weißen Gewändern, und sie zogen in Glanz und Herrlichkeit reihenweise in den Himmel hinauf und verschwanden, sobald sie die Himmelstore erreichten. Im Kloster von Pudosh, wo sich 1920 Seelen verbrannt hatten, sahen die Wachtsoldaten nachts eine helle, in allen Farben des Regenbogens strahlende Lichtsäule; und von der Spitze der Säule stiegen drei Männer in Gewändern, die wie die Sonne leuchteten, herab und gingen in der Richtung von Osten nach Westen um die Brandstätte herum; der eine segnete sie mit dem Kreuze, der zweite besprengte sie mit Weihwasser, der dritte schwang ein Räucherfaß, und alle drei sangen mit leisen Stimmen; und als sie die Brandstätte auf diese Weise dreimal umkreist hatten, stiegen sie wieder auf die Säule hinauf und verschwanden im Himmel. Nach diesem Gesicht sah man an manchen Abenden an der gleichen Stelle brennende Kerzen und hörte einen unsagbar süßen Gesang. Ein Bauer vom Weißen Meere hatte aber ein anderes Gesicht. Er lag bewußtlos im Hitzfieber und sah ein großes Feuerrad, das sich drehte und in dem Menschen gepeinigt wurden; und diese schrien: »Das ist der Ort für diejenigen, die sich nicht verbrennen, wollten, die in ihrer Schwäche leben und für den Antichrist arbeiten. Geh und predige es der ganzen Welt, daß sich alle verbrennen sollen!« Und es fiel ihm ein Tropfen vom Rade auf die Lippe. Als der Bauer erwachte, begann seine Lippe zu verfaulen. Und er predigte den Menschen: »Es ist gut, sich zu verbrennen. Dieses Zeichen auf der Lippe haben mir die Toten gemacht, die sich nicht verbrennen wollten!« Kilikeja die Besessene saß im Grase und sang das Lied von der Frau Halleluja. Als Herodes Juden aussandte, um den kleinen Jesus zu töten, versteckte ihn die Frau Halleluja bei sich und warf ihr eigenes Kind ins Feuer. Und es sprach der Himmelskönig Christus: Oh, du Halleluja, milde Seele! Meinen willen sage allen Menschen, Die den rechten Christenglauben haben, Daß sie mir zulieb' ins Feuer gehen Und auch ihre Kinder mit verbrennen. Hie und da wurden auch Stimmen gegen die Selbstverbrennung laut: »Liebe Väter!« flehte P. Missail, »es ist gut, für den Herrn zu eifern, man soll aber auch Maß halten! Die Selbstpeinigung ist dem Herrn nicht gefällig. Christus wies nur den einen Weg: die Nicht-Ergriffenen sollen entfliehen, und die Ergriffenen leiden, aber nicht von selbst die Gefahr suchen. Ruhet aus von all den Schrecken, ihr Armen!« Auch der rasende P. Trifilij war gleicher Meinung mit dem milden P. Missail. »Ihr seid doch keine Holzscheite, um mir nichts dir nichts zu verbrennen! Werdet ihr denn euch wirklich wie die Schweine in einen Stall zusammendrängen und den Stall anzünden?« »Abgrundtiefe Unverständigkeit!« sagte P. Jerofej, verächtlich die Achseln zuckend. Mutter Golenducha, die schon einmal gebrannt hatte, aber nicht verbrannt war, weil man sie rechtzeitig aus dem Feuer gezogen und mit Wasser begossen hatte, machte allen Angst mit ihren Erzählungen darüber, wie sich die Körper im Feuer winden und krümmen, wie der Kopf und die Füße gleichsam mit einem Strick zusammengedreht werden und wie das Blut wie siedendes Pech kocht und schäumt, wie nach der Verbrennung die aufgedunsenen und angebrannten Körper nach gebranntem Fleisch riechen; die einen sehen zwar unversehrt aus, wenn man aber ein Glied anrührt, so reißt es leicht ab. Die Hunde laufen mit schwarzen Schnauzen herum und fressen von jenem gebratenen Fleisch. An der Brandstätte herrscht lange Zeit ein so schrecklicher Gestank, daß niemand vorbeigehen kann, ohne sich die Nase zuzuhalten, während einer Verbrennung habe man aber einmal über der Flamme zwei Teufel, schwarz wie Mohren, mit Fledermausflügeln tanzen sehen; sie hätten vor Freude in die Hände geklatscht und gerufen: »Ihr gehört uns!« Und viele Jahre später habe man an jener Stätte allnächtlich weinen und Klagen gehört: »Ach, wir sind verloren! wir sind verloren!« Endlich machten sich die Gegner der Selbstverbrennung an den alten Kornilij heran. »Warum hast du dich selbst noch nicht verbrannt? Wenn es wirklich so gut ist, so hättet ihr, die ihr solches prediget, euch als erste verbrennen sollen! Ihr zwingt aber uns, eure armen Schüler, ins Feuer zu gehen, um euch hinterher an unserer geringen Habe zu bereichern. So seid ihr alle, ihr Prediger der Selbstverbrennung; es ist gut, es ist gut, aber für andere und nicht für euch. Fürchtet Gott, ihr habt schon genug Leute verbrannt, verschont die Übriggebliebenen!« Auf einen Wink des Alten trat der Bursche Kirjucha, ein wütender Anhänger der Selbstverbrennung, vor. Eine Axt schwingend, schrie er mit lauter Stimme: »Wer sich nicht gutwillig verbrennen will, der trete mit seiner Axt vor, und wir wollen kämpfen. Wer den andern totschlägt, der hat recht. Wenn mich jemand erschlägt, so ist die Selbstverbrennung Gott nicht gefällig; wenn ich ihn aber erschlage, so müßt ihr euch alle verbrennen!« Niemand ging auf diese Herausforderung ein, und Kirjucha blieb Sieger. Nun trat der alte Kornilij vor und sagte: »Die sich verbrennen wollen, sollen auf die rechte Seite treten, und die es nicht wollen, auf die linke Seite!« Die Menge teilte sich. Ein Teil scharte sich um den Alten, und der andere trat beiseite. Es zeigte sich, daß es an die achtzig Selbstverbrenner und an die hundert Gegner der Selbstverbrennung gab. Der Alte bekreuzigte die dem Tode Geweihten, hob den Blick gen Himmel und sprach feierlich: »Um deinetwillen, oh Herr, um deines Glaubens und der Liebe deines eingeborenen Sohnes willen gehen wir in den Tod. Wir schonen unsre Seelen nicht, wir opfern dir unser Leben; um unsere Taufe nicht zu entweihen, empfangen wir die zweite Taufe im Feuer, und wir verbrennen uns aus Haß gegen den Antichrist. Wir sterben für deine allerreinste Liebe!« »Verbrennt euch, verbrennt euch! Zündet euch an!« brüllte die Menge wie rasend. Tichon glaubte, daß er den Verstand verlieren würde, wenn er noch länger unter dieser wahnsinnigen Menge bliebe. Er floh in den Wald und lief so lange, bis er vom Geschrei nichts mehr hörte. Ein schmaler Pfad führte ihn zu der ihm bekannten mit hohem Gras bewachsenen und von dichten Tannen umgebenen Wiese, wo er einst zu der feuchten Mutter Erde gebetet hatte. Auf den dunklen Wipfeln verglomm der Widerschein der Abendsonne. Am Himmel schwammen goldene Wölkchen. Das Dickicht atmete frischen Harzgeruch. Die Stille war grenzenlos. Er legte sich platt auf den Boden, vergrub sich im Grase, drückte sein Gesicht an die Erde und küßte sie wieder wie damals am Runden See, und betete zu ihr, als wüßte er, daß nur sie allein ihn vom feurigen Wahne des Roten Todes retten könne: Herrliche Königin, Gottes Mutter, Erde, Erde, feuchte Mutter! Plötzlich fühlte er, wie jemand seine Schulter berührte. Er wandte sich um und erblickte Sofja. Sie beugte sich über ihn und sah ihm schweigend und unverwandt ins Gesicht. Auch er schwieg und blickte sie von unten hinauf an, so daß das vom schwarzen Nonnentuche eingefaßte Gesicht des Mädchens sich deutlich vom goldigen Blau des Himmels wie das Antlitz eines Heiligen vom goldenen Grunde einer Ikone abhob. Mit seiner gleichmäßigen matten Blässe, den Lippen, die rot und so frisch wie eine eben aufgesprungene Blütenknospe waren, mit Augen, so unschuldig wie bei einem Kinde und so dunkel wie ein tiefer Sumpf, war das Gesicht so schön, daß ihm wie vor plötzlichem Schreck der Atem stockte. »Also hier bist du, Brüderlein!« sagte endlich Sofja. »Kornilij sucht dich überall und kann sich gar nicht denken, wo du hingekommen bist. Nun stehe auf, wir wollen gehen, wir wollen schneller gehen!« Sie war in großer Eile und freudig wie in Festtagsstimmung. »Nein, Sofja,« sagte er ruhig und fest. »Ich will nicht wieder hingehen. Ich habe genug davon. Ich habe genug gesehen und gehört. Ich will das Kloster ganz verlassen...« »Und wirst dich nicht verbrennen?« »Nein.« »Wirst ohne mich fortgehen?« Er warf ihr einen flehenden Blick zu. »Sofjuschka, mein Täubchen! Höre nicht auf die Wahnsinnigen. Man darf sich nicht verbrennen, denn es ist nicht Gottes Wille! Es ist eine große Sünde, eine teuflische Versuchung! Wir wollen zusammen fortgehen, meine Liebe!« Sie beugte sich noch tiefer zu ihm herab, lächelte ihm schelmisch und zärtlich zu, näherte ihr Gesicht dem seinigen, ihre Lippen den seinigen, so daß er ihren heißen Atem spürte. »Du wirst nicht fortgehen!« flüsterte sie vor Leidenschaft keuchend. »Ich lasse dich nicht, Liebster!« Plötzlich umschlang sie seinen Kopf mit ihren Händen, und die beiden Lippenpaare vereinigten sich in einem Kuß. »Was tust du, Schwesterlein? Darf man es denn? Man wird uns noch sehen...« »Man soll es nur sehen! Man darf alles, die Flamme reinigt von jeder Sünde. Sage mir nur, daß du dich verbrennen willst... Willst du es?« fragte sie ihn mit einem kaum hörbaren Seufzer, sich immer fester und fester an ihn schmiegend. Ohne einen einzigen Gedanken im Kopfe, ohne Kraft und ohne Willen antwortete er ihr mit einem gleichen Seufzer: »Ja, ich will!« Auf den dunklen Tannen war der letzte Sonnenstrahl erloschen, und die goldenen Wölkchen wurden grau wie Asche. Ein duftiger feuchter Hauch zog durch die Luft. Der Wald überdachte sie mit seinem dunklen Schatten. Die Erde bedeckte sie mit ihren hohen Gräsern. Ihm war es aber, als ob der Wald und das Gras, die Erde und der Himmel und die ganze Luft in den Flammen der letzten Feuersbrunst lohten, durch die die Welt vernichtet werden soll, in den Flammen des Roten Todes. Er fürchtete sich aber nicht mehr, und glaubte, daß der Rote Tod schöner sei als die Sonne. IV. Das Kloster verödete. Die Mönche waren nach allen Richtungen geflohen wie die Ameisen aus einem zerstörten Ameisenhaufen. Die Selbstverbrenner versammelten sich aber in einer Kapelle, die abseits vom Kloster auf einem hohen Hügel stand, von wo aus sie das anrückende Kommando schon aus der Ferne sehen mußten. Die Kapelle war aus altem trockenen Holze gezimmert und so gebaut, daß man aus ihr während des Brandes nicht entrinnen konnte. Die Fenster waren wie Ritzen, und auch die Türen so schmal, daß ein Mensch nur mit Mühe hineindringen konnte. Der Flur und die Treppe wurden abgerissen. An die Türe befestigte man Bretterschilder, um sie zu verrammeln. Die Fenster wurden mit dicken Balken vergittert. Dann begann man, alles zum Anzünden vorzubereiten: man warf Hanf, Stroh, Teer und Birkenrinde auf den Boden; man bestrich die Wände mit Pech; auf die besonderen Holzrinnen, die um den ganzen Bau liefen, streute man Schießpulver; einige Pfund davon bewahrte man eigens auf, um es im letzten Augenblick auf den Boden zu schütten. Auf dem Dach stellte man zwei Wachtposten auf, die Tag und Nacht abwechselnd aufzupassen hatten, ob die Verfolger nicht schon kämen. Man arbeitete mit solchen Freuden, als ob man sich zu einem Feste rüstete. Die Kinder halfen den Erwachsenen. Die Erwachsenen wurden zu Kindern. Und alle waren lustig, wie berauscht. Am lustigsten war Petjka Shisla. Er arbeitete für fünf. Seine verdorrte Hand mit dem Rekrutierungsstempel, dem Siegel des Antichrist war auf einmal wieder gesund und beweglich. Der alte Kornilij lief geschäftig wie eine Spinne in ihrem Netz hin und her. Seine Augen, die so strahlten, daß man glauben mußte, sie würden im Finstern wie Katzenaugen leuchten, hatten eine seltsame Gewalt: wen er mit ihnen anblickte, der verlor seinen eigenen Willen und folgte in allen Dingen dem Willen des Alten. »Gebt euch Mühe, Kinderchen!« scherzte er mit den dem Tode Geweihten. »Ich Alter bin das Stangenpferd, und ihr Kinder die Beipferde; so werden wir gerade in den Himmel fahren wie der Prophet Elias in seinem feurigen Wagen!« Als alles fertig war, begann man sich einzusperren. Alle Fenster mit Ausnahme eines einzigen, des engsten, und die Türen wurden verrammelt und vernagelt. Alle lauschten schweigend den Hammerschlägen; es war, als ob man über ihnen, die noch lebten, den Sargdeckel zunagelte. Nur Iwanuschka der Narr sang sein ewiges Lied: Sarg aus Fichtenbrettern Ist für mich gezimmert. Werde darin liegen Bis Posaunen schallen. Zu denen, die beichten wollten, sagte der Alte: »Was fällt euch ein, Kinderchen! Was braucht ihr zu beichten? Ihr seid jetzt wie die Engel Gottes und noch mehr als die Engel, nach dem Worte Davids: ›Ich habe wohl gesagt: Ihr seid Götter.‹ Ihr habt die ganze Macht des Feindes überwunden. Die Sünde hat keine Gewalt mehr über euch. Ihr könnt nicht mehr sündigen. Und selbst wenn einer von euch seinen leiblichen Vater erschlagen oder mit seiner Mutter gebuhlt hat, so ist er doch ein Heiliger und ein Gerechter. Die Flamme wird alles reinigen!« Der Alte befahl Tichon, die Offenbarung Johannis vorzulesen, die sonst bei keinem Gottesdienste vorgelesen wird: »Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen. Und der auf dem Stuhle saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Und er spricht zu mir: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß. Und er sprach zu mir: Es ist geschehen.« Während des Lesens empfand Tichon das ihm bekannte Gefühl des Endes mit solcher Kraft wie noch nie. Es war ihm, als ob die Wände der Kapelle ihn und die andern von der Welt, vom Leben und von der Zeit trennten wie die Wände eines Schiffes vom Wasser; draußen dauert noch die Zeit, hier ist sie aber schon stehengeblieben, das Ende ist angebrochen, es ist geschehen. »Ich sehe... ich sehe... ich sehe... ach meine lieben Väterchen!« schrie plötzlich Kilikeia die Besessene, das Lesen unterbrechend, auf. Ihr blasses Gesicht war verzerrt, und der Blick der weitgeöffneten Augen unbeweglich. »Was siehst du, Mutter?« fragte sie der Alte. »Ich sehe die große Stadt, das heilige Jerusalem herniederfahren aus dem Himmel von Gott? Sie hat die Herrlichkeit Gottes, und ihr Licht ist gleich dem alleredelsten Stein, einem hellen Jaspis, einem Smaragd, einem Saphir und einem Topas. Und die zwölf Tore sind zwölf Perlen. Und die Gassen der Stadt sind lauter Gold, wie ein durchscheinendes Glas. Und die Stadt bedarf keiner Sonne, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie. Es ist so schrecklich, ach so schrecklich, Väterchen! Ich sehe sein Gesicht glänzender denn Sonnenlicht. Da ist Er, da ist Er, Er kommt zu uns!« Und denen, die ihr zuhörten, war es, als ob sie auch selbst alles sahen, worüber sie sprach. Als die Nacht anbrach, zündete man die Kerzen an, kniete nieder und stimmte den Choral an: »Siehe, der Bräutigam kommt zur Mitternacht, und selig ist der Unecht, den er wachend findet. Nehme dich in acht, meine Seele, daß du nicht vom Schlafe überwältigt wirst, damit du nicht dem Tode verfällst und vom Himmelreiche ausgeschlossen wirst. Erhebe dich aber und rufe: heilig, heilig, heilig ist der Herr! Sei uns, gnädig um deiner Mutter willen! Wache, meine Seele, jenen Tag des Schreckens erwartend, und entzünde deine Lampe; denn du weißt nicht, zu welcher Stunde der Ruf erklingen wird: Der Bräutigam ist gekommen!« Sofia stand neben Tichon und hielt ihn bei der Hand. Er fühlte den Druck ihrer zitternden Finger und sah auf ihrem Gesicht ein verschämtes freudiges Lächeln: so lächelt die Braut dem Bräutigam unter der Hochzeitskrone zu. Eine Freude, die der ihrigen verwandt war, erfüllte sein Herz. Jetzt schien es ihm, als wäre seine frühere Furcht nur eine Versuchung des Teufels gewesen, als sei der Rote Tod der Wille Gottes: »Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es erhalten.« Man erwartete in dieser Nacht das Eintreffen des Kommandos. Es kam aber nicht. Der Morgen brach an und mit ihm kam eine Müdigkeit wie nach einem Rausche. Der Alte gab auf alle aufmerksam acht. Denen, die den Mut verloren und verzagten, gab er Pillen aus einer aromatischen dunklen Masse, die wie Beeren aussahen und wohl irgendein betäubendes Kraut enthielten. Wer so eine Pille verzehrte, geriet in Raserei, verlor jede Angst vor dem Feuer und sprach von ihm wie von der Seligkeit des Paradieses. Um sich Mut zu machen, erzählte man sich von dem angeblich viel schrecklicheren Hungertode in den »Sterbekammern«. Die Anhänger dieser Todesart wurden als Mönche eingekleidet und in eine leere Hütte gesperrt, die ohne Fenster und ohne Türen war und nur eine Pritsche enthielt. Damit sie sich nicht selbst töteten, nahm man ihnen alle Kleider, die Gürtel und selbst die Kreuze ab. Man ließ sie durch eine Öffnung in der Decke hinab und vernagelte dann diese, so daß niemand entrinnen konnte. Draußen stellte man mit Keulen bewaffnete Wächter auf. Die dem Tode Geweihten quälten sich drei, vier, manchmal auch sechs Tage, sie weinten und flehten: »Gebt uns zu essen!« Sie nagten an ihrem eigenen Körper und verfluchten Gott. Einmal hatten zwanzig Menschen, die man auf diese Weise in eine Tenne, die im Walde stand, eingesperrt hatte, ein Brett herausgeschlagen und zu entkommen versucht; die Wächter schlugen sie aber mit den Keulen auf die Köpfe und töteten ihrer zwei; die übrigen sperrten sie wieder in die Tenne und fragten den Ältesten der Gemeinde, was mit ihnen anzufangen sei. Dieser befahl, um die Tenne herum Stroh zu legen und sie anzuzünden. »Der Rote Tod ist unvergleichlich leichter: man verbrennt und fühlt es gar nicht!« schlossen die Erzähler. Die siebenjährige Akuljka, die die ganze Zeit über ruhig auf einer Bank gesessen und gespannt zugehört hatte, begann plötzlich zu zittern, sprang auf, lief zu ihrer Mutter, ergriff den Saum ihres Kleides und weinte und schrie mit durchdringender Stimme: »Mutter! Mutter! Gehen wir von hier fort! Ich will nicht verbrennen!« Die Mutter suchte sie zu beruhigen, aber das Kind schrie immer lauter, immer rasender: »Ich will nicht verbrennen! Ich will nicht verbrennen!« In diesem Schreien lag eine solche tierische Angst, daß alle erbebten, als hätten sie plötzlich den Schrecken dessen eingesehen, was hier geschehen sollte. Man versuchte das Mädchen durch Liebkosungen zu besänftigen, ihm zu drohen, es zu schlagen, sie fuhr aber fort zu schreien; schließlich fiel sie ganz blau und halb erstickt vom Schreien zu Boden und wand sich in Krämpfen. Kornilij beugte sich über sie, bekreuzigte sie, schlug sie mit dem Rosenkranz und sprach die für die Austreibung des Teufels vorgeschriebenen Gebete: »Fahre hinaus, fahre hinaus, verruchter Geist!« Aber nichts wollte helfen. Da nahm er sie auf die Arme, machte ihr gewaltsam den Mund auf und zwang sie, eine der dunklen Beeren einzunehmen. Dann begann er, ihr sanft die haare zu streicheln und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Das Mädchen wurde allmählich still und schien einzuschlafen, aber ihre Augen waren offen, die Pupillen erweitert und der Blick unbeweglich wie im Delirium. Tichon lauschte dem Geflüster des Alten. Er sprach zu dem Kinde vom Himmelreiche und von den Gärten des Paradieses. »Wird es dort auch Himbeeren geben, Onkelchen?« fragte Akuljka. »Gewiß, mein Kind, so große Himbeeren wird es dort geben, jede Beere wie ein Apfel groß, und so duftend, so süß wie Honig.« Das Mädchen lächelte. Man sah ihr an, daß ihr im Vorgeschmack der paradiesischen Himbeeren das Wasser im Mund zusammenlief. Der Alte fuhr fort, sie zu liebkosen und mit mütterlicher Zärtlichkeit einzulullen. Tichon glaubte aber in seinen hellen Augen etwas Wahnsinniges, Elendes, Schreckliches, etwas von einer Spinne zu sehen. »Er ist wie eine Spinne, die sich an einer Fliege festgesogen hat!« dachte er. Die zweite Nacht brach an, das Kommando war aber noch immer nicht gekommen. Während der Nacht gelang es einer alten Nonne zu entkommen. Als alle und selbst die Wächter eingeschlafen waren, kletterte sie auf das Dach zu ihnen hinauf, versuchte, sich an zusammengebundenen Tüchern herabzulassen, stürzte aber hinunter, schlug sich wund und stöhnte lange unter den Fenstern. Endlich verstummte das Stöhnen; wahrscheinlich war sie davongekrochen oder von Vorübergehenden aufgehoben und fortgetragen worden. In der Kapelle war es sehr eng. Man schlief auf dem Fußboden in Haufen, die Brüder zur rechten, die Schwestern zur linken Seite. war es ein Traumgesicht oder ein teuflisches Blendwerk, – aber mitten in der Nacht huschten scheue Schatten von der rechten Seite nach der linken und von der linken nach der rechten. Tichon erwachte und begann zu lauschen, vor dem Fenster sang eine Nachtigall, und ihr Gesang sprach zu ihm von der Mondnacht, von der Frische der taubedeckten Wiese, vom Duft des Tannenwaldes, von Freiheit, Wollust und der Seligkeit der Erde. Gleichsam als Widerhall des Nachtigallengesanges schwirrten durch die Kapelle seltsame Flüstertöne, Geräusche und Laute, die ganz wie Liebesseufzer und Küsse klangen, stark ist wohl der Feind des Menschengeschlechts: die Angst vor dem Tode löschte die Glut des sündigen Fleisches nicht, sondern fachte sie an. Der Alte schlief nicht. Cr betete und sah und hörte nichts; wenn er etwas sah, so verzieh er es wohl seinen »armen Kinderchen«. »Nur Gott allein ist ohne Sünde; der Mensch aber ist schwach, er fällt wie ein Stück Lehm und erhebt sich als Engel. Nicht das ist Hurerei, wenn man mit einer Witwe oder einem Mädchen buhlt, sondern wenn man in Glaubenssachen hurt; wir huren nicht, wenn wir mit unserem Körper sündigen, sondern die Kirche hurt, wenn sie sich mit der Ketzerei abgibt.« Tichon fiel die Erzählung von den beiden Mönchen ein, die ein Mädchen zwanzig Werst weit in einen Wald verschleppt hatten und ihr dann mitten im Walde Zwang antun wollten, »schaffe mit uns die Liebe Christi, Schwester.« – »Was für eine Liebe Christi habe ich mit euch zu schaffen?« – »Vereinige dich mit uns im Fleische, denn das ist die Liebe Christi.« Das Mädchen weinte. »Fürchtet Gott!« Und die Mönche trösteten sie: »Das Feuer wird uns reinigen.« Die Arme sträubte sich, sie drohten ihr aber: »wenn du nicht auf uns hörst, wird dir die himmlische Krone versagt sein!« Tichon fühlte plötzlich, wie ihn jemand umarmte und sich an ihn schmiegte. Es war Sofja. Es wurde ihm unheimlich zumute. Aber er sagte sich: das Feuer wird alles reinigen. Er fühlte durch das schwarze Nonnenhabit hindurch die Wärme und die Frische ihres keuschen Leibes und drückte seine Lippen voller Gier an die ihrigen. Und die Liebkosungen dieser beiden Kinder in der dunklen Kapelle, in dem gemeinsamen Grabe waren ebenso sündlos wie die Liebkosungen des Schäfers Daphnis und der Schäferin Chloe auf dem sonnenlichtübergossenen Lesbos. Iwanuschka der Narr kauerte in einem Winkel mit einer Kerze in der Hand, wiegte sich im Takte hin und her und sang, auf den ersten Hahnenschrei wartend, sein ewiges Lied: Särge, ihr Särge aus Eichenklötzen, Ewige Wohnungen seid ihr für alle! Und die Nachtigall sang von Freiheit, Wollust und der Seligkeit der Erde. Und sie schien zärtlich und schelmisch über den Grabgesang Iwanuschka des Narren zu lachen. Tichon mußte an die weiße Nacht denken, an das Menschenhäuflein auf dem Floße, das auf der Newa zwischen den beiden Himmeln, den beiden Abgründen schwebte, an die leise, schmachtende Musik, die aus dem Sommergarten gleich Küssen und Liebesseufzern aus dem Reiche der Venus herüberklang: Cupido, laß den Pfeil, wir sind ja nicht mehr heil, wir sind so süß versehret Durch deinen Pfeil von Golde – Die Liebe, ach, die Holde, An unsren Herzen zehret! Vor Sonnenaufgang machte auch der achtzigjährige Minej den Versuch, zu entkommen. Kirjucha fing ihn ein. Es kam zu einem Kampfe zwischen ihnen, wobei Minej Kirjucha mit der Axt beinahe erschlagen hätte. Der Alte wurde gebunden und in eine Kammer gesperrt. Er schrie aus der Kammer und beschimpfte Kornilij auf die unflätigste Weise. Als Tichon bei Sonnenaufgang zum Fenster hinausblickte, um zu sehen, ob die Soldaten schon gekommen wären, erblickte er nur die vom Sonnenlicht übergossene leere Wiese, die traurigen und freundlichen Tannen und die in allen Farben des Regenbogens schimmernden Tautropfen. Er fühlte die duftende Frische des Tannenwalds, die zarte Wärme der aufgehenden Sonne und die milde Stille des blauen Himmels so stark, daß ihm alles, was in der Kapelle vorging, als Wahnsinn und Verbrechen erschien. Und wieder begann ein langer, nicht endenwollender Sommertag, und alle waren von der quälenden Unruhe der Erwartung befallen. Ihnen drohte der Hunger. Die Vorräte an Wasser und Brot waren gering; man hatte im ganzen nur noch einen Pack Roggen-Zwieback und zwei Körbe Hostien. Dafür hatte man viel Wein, roten Abendmahlswein. Man trank ihn mit Gier. Jemand, der zuviel getrunken hatte, stimmte plötzlich ein ausgelassenes Trinklied an. Es klang schrecklicher als das wildeste Stöhnen. Man begann zu murren. Man sammelte sich in den Ecken, tuschelte miteinander und warf dem Alten Blicke zu, die nichts Gutes verhießen, wenn nun die Soldaten nicht kommen? Soll man Hungers sterben? Die einen verlangten, daß man die Türe aufbreche und Brot holen lasse; in ihren Augen konnte man aber heimliche Fluchtgedanken lesen. Die andern wollten den Bau sofort anzünden, ohne erst die Ankunft der Verfolger abzuwarten. Andere beteten, aber mit einem solchen Gesichtsausdruck, als ob sie Gott lästerten. Andere wiederum, die von den betäubenden Beeren gegessen hatten, die der Alte jetzt immer öfter verteilte, phantasierten und lachten und weinten abwechselnd. Ein Bursche geriet in solche Raserei, daß er eine Kerze, die vor einem Heiligenbilde brannte, ergriff und die Lunten anzuzünden versuchte. Man löschte das Feuer mit großer Mühe. Andere saßen stundenlang schweigend, wie erstarrt da und wagten nicht, einander in die Augen zu sehen. Sofja saß neben Tichon, der, von den schlaflosen Nächten und vom Hunger ermattet, am Boden lag, und sang ein trauriges Liedchen, daß die Anhänger der Thlysty-Sekte bei ihren gottesdienstlichen Versammlungen zu singen pflegten; das Lied von der großen Verwaistheit der Menschenseele, die von ihren Eltern, dem Gott-Vater und der Muttergottes im Leben wie in einem finsteren Walde verlassen worden ist: Bitter ist e« mir zumute, Traurig ist es mir zumute, Und mein Herz vergeht vor Kummer: will zu Väterchen zu Gaste, Und wie ich zum Vater gehe, komm ich zu dem schnellen Strome. Doch die Brücke ist zerbrochen, Und der Fährmann fortgegangen. Muß ich durch das Wasser waten. Meine nassen Kleider kann ich Dann beim lieben Vater trocknen. Und mein Herz vergeht vor Kummer, Bitter ist es mir zumute, will zu Mütterchen zu Gaste, will die liebe Mutter sehen, Mit der lieben Mutter sprechen. Und das Lied endete mit dem Flehen: Allerreinste Muttergottes, Bitt' für uns, du liebe, gute! Viel Sünder sind hiernieden, Auf der feuchten Mutter Erde, Der Ernährerin, der Herrin. Niemand achtete auf die beiden. Sofja hatte ihren Kopf auf Tichons Schulter gelegt, sich mit der Wange an seine Wange geschmiegt, und er fühlte, daß sie weinte. »Du tust mir so leid, Tischenjka, mein Liebster!« flüsterte sie ihm ins Ohr. »Ich verfluchte habe deine Seele verführt und ins Verderben gestürzt! ... Willst du fliehen? Ich werde dir einen Strick verschaffen. Oder ich sage es dem Alten: es gibt einen unterirdischen Gang von hier in den Wald, er führt dich hinaus ...« Tichon schwieg in unendlicher Ermattung und lächelte ihr nur wie ein verschlafenes Kind zu. In seinem Geiste tauchten ferne Erinnerungen auf, verworren und nebelhaft wie Träume; die abstraktesten mathematischen Sätze kamen ihm in den Sinn, und er fühlte jetzt ihre ganze harmonische und strenge Schönheit, ihre eisige Durchsichtigkeit und Regelmäßigkeit, deretwegen der alte Glück einst die Mathematik mit der Musik, der kristallenen Sphärenmusik zu vergleichen pflegte. Er erinnerte sich auch an den Streit Glücks mit Jakob Bruce über die Newtonschen Kommentare zur Apokalypse, an das trockene, scharfe Lachen Bruces und seine Worte, die damals in Tichons Seele ein seltsames ahnungsvolles Grauen geweckt hatten: »Zu derselben Zeit, als Newton seine Kommentare schrieb, haben an einem anderen Ende der Welt, nämlich hier in diesem Moskowien, wilde Fanatiker, die man Raskolniki nennt, ebenfalls Kommentare zur Apokalypse verfaßt und sind zu den gleichen Ergebnissen gekommen wie Newton. Indem sie von Tag zu Tag auf das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi warten, legen sich die einen in Särge und singen sich selbst die Sterbelitaneien, während sich die andern selbst verbrennen. Folgendes finde ich ganz besonders interessant: in diesen apokalyptischen Phantasien begegnet sich der äußerste Westen mit dem äußersten Osten und die größte Aufklärung mit der größten Unwissenheit, was wohl tatsächlich den Gedanken eingeben kann, daß das Ende der Welt naht und daß wir alle bald zum Teufel gehen!« Einen neuen, unheimlichen Sinn bekam die Weissagung Newtons: » Hypothes non fingo ! Ich erfinde keine Hypothesen! – wie ein Falter ins Feuer fliegt, so stürzt der Komet in die Sonne, und von diesem Sturz wird die Sonnenhitze so gesteigert werden, daß alles, was auf Erden ist, vom Feuer vernichtet wird. Und in der Schrift steht geschrieben: ›Die Himmel werden mit großem Krachen zergehen, die Elemente aber werden vor Hitze zerschmelzen, und die Erde und die Werke, die darinnen sind, werden verbrennen.‹ So werden beide Weissagungen in Erfüllung gehen, die des Glaubenden und die des Wissenden.« Er erinnerte sich auch an den alten, von Mäusen zernagten Oktavbande aus der Bruce'schen Bibliothek, unter Nummer 461 mit der unorthographischen russischen Inschrift: »Des Leonardo da Vinci Traktat von der Malerei in deutscher Sprache« und an das dem Buche beigefügte Bildnis Leonardos mit dem Gesicht des Prometheus oder des Magiers Simon. Zugleich mit diesem Gesicht tauchte aber vor ihm ein anderes, ebenso schreckliches auf; das Gesicht des Riesen in der holländischen Lederjacke, den er einst zu Petersburg auf dem Troiza-Platz vor dem Kaffeehause »Zu den vier Fregatten« gesehen hatte, das Gesicht Peters, das ihm einst so verhaßt gewesen war und ihn jetzt so anzog. Beide Gesichter hatten etwas Gemeinsames, etwas Ähnliches und zugleich Entgegengesetztes: in dem einen war das große Schauen, im andern die große Tatkraft der Vernunft. Beiden Gesichtern entströmte ein kühler Hauch, und diese Kühle war Tichon ebenso wohltätig, wie der kalte Wind von den schneebedeckten Bergesgipfeln für den durch die Hitze der Täler ermüdeten Wanderer. »Oh, Physik, rette mich vor der Metaphysik!« Er erinnerte sich an diesen Ausspruch Newtons, den Glück, wenn er berauscht war, zu wiederholen pflegte. In diesen beiden Gesichtern lag die einzige Rettung vor dem flammenden Himmel des Roten Todes – »Erde, Erde, feuchte Mutter!« Die Bilder wurden allmählich verschwommen, und er schlief ein. Es träumte ihm, daß er über irgend einer Märchenstadt dahinflöge, die ihn zugleich an die unsichtbare Stadt Kitesh, an das Neue Jerusalem und an die gläserne Stadt Stockholm »durchscheinend wie Glas und hell wie Jaspis« erinnerte; und in dieser strahlenden Stadt herrschte die Mathematik, die zugleich Musik war. Plötzlich erwachte er. Alle liefen geschäftig hin und her und riefen mit freudig erregten Gesichtern: »Das Kommando, das Kommando ist gekommen!« Tichon blickte zum Fenster hinaus und sah in der Abenddämmerung ferne am Waldbrande Männer in Dreispitzen, grünen Röcken mit roten Aufschlägen und Messingknöpfen um ein Lagerfeuer sitzen. Es waren die Soldaten. »Das Kommando, das Kommando ist gekommen! Schnell angezündet, Kinder! Gott ist mit uns!« V. Kapitän Pyrskij hatte folgende Instruktion von der Nishnij-Nowgoroder Bischofskanzlei bekommen: »Das Kommando hat sich der Wohnstätte der Raskolniki unbemerkt zu nähern, damit die Leute den Bau nicht anzünden. Sollten sie sich aber in ihrem Kloster oder in einer Kapelle einsperren, so hat das Kommando sich in Kriegsordnung vor ihrem Laue aufzustellen und mit größter Sorgfalt aufzupassen; es darf unter keinen Umständen geduldet werden, daß sie sich anzünden; sie sind vielmehr zu ermahnen, daß sie sich ergeben und ihre Schuld bekennen, wobei ihnen zu versprechen ist, daß ihnen ihre Schuld vergeben und nichts nachgetragen werden wird. Und wenn sie sich ergeben, sind sie alle aufzuschreiben, durch Anbringung von Fußblöcken oder Anwendung anderer Mittel, die vorher zu beschaffen sind, an der Flucht zu hindern und mit Hab und Gut unter strenger Bewachung nach Nishnij zu bringen, sollten sie aber trotz aller Ermahnung ihre Schuld nicht bekennen und in ihrem Unterschlupf hartnäckig verbleiben, so sind sie zu bedrängen und mit allen möglichen Mitteln einzufangen; die Verbreitung ihrer verbrecherischen Lehre ist nicht zu dulden; man soll sie durch einen Sturmangriff gefangen nehmen und verhaften, oder durch Aushungerung, jedoch ohne Blutvergießen ausrotten. Und wenn sie ihre Diebesverstecke oder Kapellen anzünden, so ist das Feuer mit Wasser zu löschen, Türen und Fenster sind aufzubrechen und die Verbrecher lebend herauszuziehen.« Kapitän Pyrskij, ein alter tapferer Soldat, der sich bei Poltawa eine Verwundung geholt hatte, hielt die Zerstörung der Klöster für eine »intrigante Erfindung der langmähnigen Popengesellschaft«; er hätte es vorgezogen, in das mörderischste Feuer der Türken oder Schweden zu gehen, als sich mit den Raskolniki abzugeben, sie verbrannten sich, er wurde aber dafür verantwortlich gemacht und bekam Verweise wie diesen: »Dem erwähnten Kapitän und den übrigen weltlichen Befehlshabern sind derartige ungehörige Handlungen zu verbieten, denn es ist aus allem ersichtlich, daß die Leute sich verbrannt haben, nur weil der Kapitän ihnen zu viel Angst gemacht hatte.« Er erklärte darauf: »Die Raskolniki sterben nicht aus Furcht sondern infolge ihrer Verstocktheit, denn sie sind von fürchterlicher Bosheit erfüllt, halten uns durchaus für Abtrünnige und erklären, daß sie sich der neuen Ordnung, auch wenn sie sterben müßten, nicht fügen würden; so aufgeblasen sind sie und so überzeugt von ihrem Unsinn«. Man schenkte aber seinen Erklärungen nicht die geringste Beachtung, und die Bischofskanzlei erließ einen neuen Ukas: »Da die Raskolniki nur Scheinverbrennungen veranstalten, um die doppelten Steuern nicht zahlen zu müssen, in der Tat aber in entlegene Gegenden ziehen, um in ihrem Verstecke sich ungehindert ihrer abscheulichen Ketzerei hinzugeben, so haben die weltlichen Befehlshaber die Pflicht, die Zahl der verbrannten nach den Überresten ihrer Eingeweide festzustellen und in das Register einzutragen, weil die Eingeweide selbst beim Brande eines noch so großen Gebäudes niemals zu Asche verbrennen können.« Der Kapitän fand es für seine Offiziersehre erniedrigend, sich mit dem Nachzählen der Eingeweide zu befassen, und erhielt dafür einen neuen Verweis. In Dolgije Mchi wollte er vorsichtiger vorgehen und alle Maßregeln anwenden, um eine Selbstverbrennung zu verhüten. Vor Anbruch der Nacht befahl er seinem Kommando, sich von der Kapelle ziemlich weit zu entfernen und sich nicht von der Stelle zu rühren, dann trat er ganz allein und ohne Waffen vor den Bau, untersuchte ihn sorgfältig und klopfte ans Fenster, indem er nach der Weise der Raskolniki das Gebet aufsagte: »Jesu Christe, Sohn Gottes, erbarme dich unser!« Niemand antwortete ihm; in der Kapelle blieb es still und dunkel wie im Grabe. Ringsumher war es öde und einsam. Die Wipfel der Bäume rauschten leise. Ein frischer Nachtwind kam gezogen. »Wenn sie sich anzünden, gibts ein Unglück!« sagte sich der Kapitän. Er klopfte und wiederholte: »Jesu Christe, Sohn Gottes, erbarme dich unser!« Wieder blieb alles still; nur die Wachteln schnarrten im Sumpfe, und irgendwo in weiter Ferne heulte ein Hund. Eine Sternschnuppe flammte als feuriger Bogen am dunklen Himmel auf und zerstob zu Funken. Es wurde ihm unheimlich zumute, als ob er in der Tat an einen Sarg klopfte. »Jesu Christe, Sohn Gottes, erbarme dich unser!« wiederholte er zum drittenmal. Ein Fensterladen wurde aufgeriegelt. In der schmalen Ritze leuchtete ein Lichtschein auf. Endlich wurde das Fenster langsam aufgemacht, und der alte Kornilij steckte seinen Kopf hinaus. »Was wollt ihr? Was seid ihr für Menschen, und wozu seid ihr hergekommen?« »Auf Befehl Seiner Majestät des Zaren Peter Alexejewitsch kommen wir her, um euch zu ermahnen. Gebt uns an, wie ihr heißt, von welchem Stande und welcher Herkunft ihr seid, seit wann ihr euch in diesem Walde befindet, mit welchen Papieren ihr euch aus euren Wohnorten entfernt habt und mit wessen Erlaubnis ihr euch hier aufhaltet, wenn ihr an der heiligen orthodoxen Kirche und ihren Sakramenten zweifelt, so möchtet ihr eure Zweifel schriftlich niederlegen und uns eure Lehrer ausliefern, damit sie sich mit den kirchlichen Obrigkeiten ohne Furcht und Gehässigkeit auseinandersetzen...« »Wir sind Bauern und Leute verschiedener Stände und sind hergekommen im Namen Jesu Christi; auch unsere Frauen und Kinder werden wir zur Ruhe bringen,« antwortete der Alte still und feierlich, »wir wollen durch Selbstverbrennung für den alten Glauben sterben. Euch, die ihr uns verfolgt, werden wir uns nicht ergeben, weil ihr einen neuen Glauben habt. Und wenn ihr selig werden wollt, so kommt zu uns, um euch mit uns zu verbrennen: wir gehen nun zu Christus selbst.« »Laß gut sein, Bruder!« entgegnete der Kapitän mit freundlicher Stimme. »Gott sei mit euch! Gebt eure abscheuliche Absicht, euch zu verbrennen, auf, geht nach Hause, und niemand wird euch anrühren. Und ihr werdet wie früher glücklich in euren Dörfern wohnen, wenn ihr nur eure Abgaben bezahlt, die doppelte Steuer...« »Kapitän, das kannst du kleinen zahnenden Kindern erzählen; wir fallen aber auf diesen Betrug nicht herein. Es sind nichts als schöne Worte!« »Ich schwöre es bei meiner Ehre, daß ich euch alle laufen lassen und nicht mit einem Finger anrühren werde!« rief Pyrskij aus. Er meinte es ernst: er hatte tatsächlich beschlossen, sie gegen seine Instruktion, auf eigene Verantwortung laufen zu lassen, wenn sie sich ergeben würden. »Was sollen wir so laut schreien, wir können heiser werden,« fügte er mit einem gutmütigen Lächeln hinzu. »Das Fenster ist so hoch, daß man nichts hören kann. Paß also auf, Alter: laß einen Riemen herauswerfen, ich binde mich an sein Ende fest, und ihr zieht mich zum Fenster herein; doch nicht in dieses, sondern in ein anderes, breiteres, denn durch dieses komme ich nicht durch. Ich bin allein, und ihr seid Viele; was habt ihr also zu fürchten? Wir wollen miteinander reden und uns, so Gott will, vielleicht einigen...« »Was haben wir mit euch zu reden? Wie können wir Arme und Einfältige mit euch streiten?« höhnte der Alte, sich offenbar an seiner Macht und Glaubensstärke berauschend. »Ein tiefer Abgrund trennt uns voneinander,« schloß er feierlich. »Der Abgrund ist so tief, daß niemand von hier zu euch hinüberkommen kann und niemand von euch zu uns... Geh fort, geh fort, Kapitän, sonst zünden wir uns gleich an!« Das Fenster wurde zugeklappt, wieder trat Stille ein. Nur der Wind rauschte in den Baumwipfeln, und die Wachteln schnarrten im Sumpfe. Pyrskij kehrte zu seinen Soldaten zurück, ließ ihnen je ein Glas Schnaps geben und sagte: »Wir werden doch nicht mit ihnen kämpfen. Es sind nur wenige Männer dabei, es sind wohl zum größten Teil Weiber und Kinder, wir wollen die Türe aufbrechen und sie alle, ohne Waffen, einfach mit den Händen einfangen.« Die Soldaten richteten Stricke her, Äxte, Leitern, Eimer, Fässer mit Wasser, um das Feuer zu löschen, und lange Stangen mit eisernen Haken am Ende, um die Brennenden aus dem Feuer zu ziehen. Als es endlich ganz dunkel geworden war, begaben sie sich zur Kapelle, zuerst den Waldesrand umgehend und dann über die Wiese, durch das hohe Gras und das Gebüsch auf allen Vieren kriechend, wie Jäger, die ein Wild beschleichen. Als sie ganz nahe an den Bau herangekommen waren, begannen sie die Leitern anzulegen. In der Kapelle war es dunkel und still wie in einem Sarge. Plötzlich wurde das Fenster wieder aufgemacht, und der Alte rief ihnen zu: »Geht weg! Sobald Salpeter und Pulver Feuer fangen, werdet ihr von den Balken erschlagen werden!« »Ergebt euch!« schrie der Kapitän, »wir werden sonst euren Bau im Sturm nehmen und euch sowieso ergreifen! Ihr seht doch, daß wir Musketen und Pistolen haben...« »Ihr habt wohl Pistolen, wir haben aber Keulen Christi!« antwortete eine Stimme aus der Kapelle. In den hinteren Soldatenreihen erschien der Pope mit dem Kreuz in der Hand und begann, den Hirtenbrief des Bischofs vorzulesen: »Wer im Widerspruch mit dem Gesetz ein Martyrium erleidet, ist der verruchteste Mensch: er wird sein zeitliches Leben durch das Martyrium zugrunde richten und auch den Qualen im Jenseits nicht entrinnen!« Im Fenster erschien der Lauf eines alten Schießgewehrs aus Urgroßvaterszeiten, und es fiel ein blinder Schuß: man schoß nicht, um zu töten, sondern nur um die Verfolger zu erschrecken. Der Pope versteckte sich hinter den Soldatenrücken. Der alte Kornilij drohte ihm mit der Faust und schrie voller Wut: »Feuerscheite der Hölle! Überreste der Flammen Sodoms! Des zerstörten Turmbaus von Babel Same! Gebt mir nur Zeit, ihr Hunde, ihr entgeht mir nicht! Selbst den Besten unter euch werde ich im Namen Jesu Christi auf die Kehle treten! Er wird bald kommen und euch mit dem Schwerte seiner Lippen bekriegen, und wird die Throne erschüttern und eure Gebeine wie die Jesabels den Hunden zum Fraße vorwerfen! Wir werden im hiesigen Feuer verbrennen, ihr brennt aber schon jetzt und werdet auch im Jenseits in ewigen Flammen brennen! Schmiedet also noch mehr Schwerter, bereitet noch grausamere Qualen vor, erfindet noch schrecklichere Todesarten, damit unsere Freude um so größer sei! Jetzt zündet an, Kinder! Gott ist mit uns!« Aus dem Fenster flogen Hosen, Sarafane, Pelze, Hemden und Röcke. »Nehmt es nur, Verfolger! Würfelt darum! Wir brauchen nichts. Nackt sind wir geboren und werden auch nackt vor den Herrn treten!...« »Schont doch wenigstens eure Kinder, ihr Verfluchten!« rief der Kapitän verzweifelt. Aus der Kapelle erscholl ein leiser Gesang, wie eine Sterbelitanei. »Klettert hinauf, brecht die Fenster auf, Kinder!« kommandierte Pyrskij. Im Innern des Baues war alles fertig. Das Zündmaterial war vorbereitet, Hanf, Pech, Stroh und Birkenrinde lagen aufgehäuft. Die Wachskerzen vor den Heiligenbildern waren so lose befestigt, daß sie bei der geringsten Erschütterung in die Rinnen mit dem Pulver fallen mußten; das wurde immer so gemacht, damit die Selbstverbrennung möglichst wenig einem Selbstmorde gleiche. Die halbwüchsigen Kinder hatte man auf die Bänke gesetzt und ihre Kleider an die Bänke genagelt, damit sie sich nicht losreißen konnten; man hatte ihnen Arme und Beine mit Stricken gebunden, damit sie sich nicht hin und her werfen, und die Münder mit Tüchern zugebunden, damit sie nicht schreien konnten. Auf dem Fußboden zündete man etwa drei Pfund Weihrauch in einer irdenen Schüssel an, damit die Kinder vor den Erwachsenen erstickten und die Schrecken des Brandes nicht sähen. Ein Weib war soeben mit einem Mädchen niedergekommen. Man legte das Neugeborene auf die Bank, damit es gleich mit der Flammentaufe getauft werde. Dann zogen sich alle nackt aus, legten neue weiße Totenhemden an, setzten sich Papierkronen auf die Köpfe, auf die mit roter Tinte achtspitzige Kreuze gemalt waren, und knieten reihenweise mit Kerzen in den Händen nieder, um den Bräutigam mit brennenden Lampen zu empfangen. Der Alte hob die Arme empor und betete mit lauter Stimme: »Herr und Gott, schaue auf uns, deine unwürdigen Knechte, herab! Wir sind schwach und ohnmächtig und wagen daher nicht, uns den Verfolgern zu ergeben. Schaue auf diese versammelte Herde herab, die dir, dem guten Hirten, folgt und den reißenden Wolf, den Antichrist flieht. Rette uns und erbarme dich unser, denn du kennst unser Schicksal! Stärke und festige uns zum feurigen Martyrium! Erbarme dich unser, Herr, erbarme dich unser! Wir erwarten von dir jede Antwort und bringen dir, als unserm Herrn dieses eine Gebet dar: Erbarme dich unser! Wir sterben um deiner reinen Liebe willen!« Alle wiederholten wie aus einem Munde das Gebet. So jammervoll und so schrecklich klang dieser Schrei der Menschen zu Gott: »Wir sterben um deiner reinen Liebe willen!« Indessen hatten die Soldaten auf Kommando Pyrskij's die Kapelle von allen Seiten umringt. Sie kletterten auf den Leitern hinauf und hieben mit den Äxten auf die dicken Balken der Wände, die Läden und Gitter an den Fenstern und die Schilder vor den Türen ein. Die Wände erbebten. Die Kerzen fielen nieder, aber immer an den Rinnen mit dem Pulver vorbei. Nun ergriff Kirjucha auf einen Wink des Alten eine Handvoll Kerzen, die vor dem Muttergottesbilde brannten, warf sie ins Pulver und sprang zurück. Das Pulver explodierte. Das Zündmaterial fing Feuer. Ein Flammenmeer ergoß sich über die Wände und Dachsparren. Ein dichter, erst weißer, dann schwarzer Rauch füllte die Kapelle. Die Flammen erstickten beinahe darin; nur einzelne lange rote Feuerzungen schossen aus dem Rauche hervor, pfiffen und zischten wie Schlangen, streckten sich nach den Menschen aus und beleckten sie und prallten dann wieder zurück, als ob sie mit ihnen spielten. Es erhob sich ein wahnsinniges Geheul. Und durch die Jammerrufe der Brennenden, durch das Brausen der Feuersbrunst hindurch klang das Lied der triumphierenden Freude: »Siehe der Bräutigam kommt um Mitternacht!« Von dem Augenblick an, wo das Feuer ausgebrochen war, bis zu dem, wo Tichon das Bewußtsein verloren hatte, waren höchstens zwei oder drei Minuten vergangen; und doch hatte er alles, was sich in der Kapelle abgespielt hatte, gesehen und für immer im Gedächtnis behalten. Der Alte hatte das neugeborne Kind gepackt, es bekreuzigt und mit den Worten: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« als erstes Opfer ins Feuer geworfen. Iwanuschka der Narr hatte seine Arme dem Feuer entgegengestreckt, als ob er den kommenden Heiland, den er sein Leben lang erwartet hatte, empfinge. Das Hemd Kilikejas der Besessenen hatte Feuer gefangen; auch ihr Haar brannte schon, und das Feuer umgab ihren Kopf mit einer Glorie; ohne den Schmerz zu empfinden, stand sie wie versteinert mit weitgeöffneten Augen da, als ob sie in den Flammen die große Stadt, das neue Jerusalem vom Himmel herabsteigen sähe. Petjka Shisla stürzte sich kopfüber ins Feuer wie ein munterer Schwimmer ins Wasser. Auch Tichon glaubte etwas Lustiges und Berauschendes im furchtbaren Glanze des Feuers zu sehen. Ihm fiel das Lied ein: Im Ofen wächst taufrisches Gras, Es blühen hellblaue Blumen... Im durchsichtigen blauen Herzen der Flamme glaubte er paradiesische Blumen zu sehen. Ihr Blau, das dem heitersten Himmel glich, verhieß überirdische Wonnen; man mußte aber durch die rote Flamme, den Roten Tod, hindurchgehen, um diesen Himmel zu erreichen. Die Belagerer rissen einige Balken heraus. Der Rauch schlug ihnen durch die Bresche entgegen. Die Soldaten steckten ihre Feuerhaken hinein, zogen die Brennenden heraus und übergossen sie mit Wasser. Die hundertjährige Mutter Feodulia zogen sie an den Beinen heraus, wobei sie ihre jungfräuliche Blöße enthüllten. Die Nonne Vitalia hatte sich an sie geklammert und rettete sich ebenfalls aus dem Feuer, gab aber sofort ihren Geist auf: ihr ganzer Körper war so verbrannt, daß er eine einzige Blase bildete. Als man P. Spiridon herausgezogen hatte, holte er ein Messer, das er im Busen versteckt hielt, hervor und erstach sich. Er lebte noch vier Stunden, bekreuzigte sich ununterbrochen mit zwei Fingern, schimpfte auf die Nikonianer und freute sich, wie es im Bericht des Kapitäns hieß, »daß es ihm gelungen sei, sich den tödlichen Stoß zu versetzen.« Andere stürzten sich nach den ersten Brandwunden zu der Bresche, fielen um, erdrückten einander, kletterten wie auf einer Leiter über den Haufen der Herabgefallenen hinauf und schrieen den Soldaten zu: »Wir brennen, wir brennen! Helft uns, Kinder!« An Stelle der himmlischen Verzückung auf den Gesichtern trat ein Ausdruck tierischer Angst. Die Zurückgebliebenen suchten die Fliehenden zurückzuhalten. Großvater Michej hatte sich mit beiden Händen an den Rand der Bresche angeklammert, um herauszuspringen; sein siebzehnjähriger Enkel schlug ihm aber mit einer Axt auf die Hände, und der Großvater fiel ins Feuer. Eine Frau war aus den Flammen gesprungen, ihr kleiner Sohn folgte ihr, aber der Vater packte das Kind an den Beinen, hob es hoch und zerschmetterte ihm den Kopf an einem Balken. Ein dicker Klosterdiener, der in eine Lache von brennendem Pech gefallen war, krümmte sich und zuckte wie im Tanze. »Wie eine Karausche auf der Pfanne!« dachte sich Tichon, vor Grauen auflachend, und schloß die Augen, um es nicht zu sehen. Vor Hitze und Rauch stockte ihm der Atem. Dunkellilafarbige Glockenblumen auf blutrotem Grunde nickten ihm zu und läuteten leise und mitleidsvoll. Er fühlte, daß Sofja ihn umarmte und sich an ihn schmiegte. Und die Frische ihres unschuldigen Körpers, die durch die Leinwand ihres Totenhemdes hindurchdrang und an die einer Nachtblume gemahnte, war die letzte Frische in dieser sengenden Glut. Und die Stimmen der Lebenden mischten sich immer noch in die Schreie der Sterbenden: »Siehe der Bräutigam kommt...« »Mein Bräutigam, mein geliebtester Christus!« flüsterte Sofja Tichon ins Ohr. Und es war ihm, als ob das in seinem Körper brennende Feuer mächtiger wäre als das Feuer des Roten Todes. Sie sanken beide hin, sie fielen wie in bräutlicher Umarmung auf das Hochzeitsbett. Das Weib mit den Flammenaugen und den feurigen Flügeln riß ihn in den brennenden Abgrund mit. Die Hitze war so stark, daß die Soldaten zurücktreten mußten. Zwei von ihnen waren schon versengt. Einer war in die Kapelle hineingefallen und verbrannt. Der Kapitän schimpfte: »Ach, ihr Narren, ihr verfluchten Narren! Es ist leichter, mit den Türken oder Schweden fertig zu werden, als mit diesem Gesindel!« Aber sein Gesicht war blasser als damals, als er verwundet auf dem Schlachtfelde von Poltawa lag. Ein starker Wind fachte die Flammen an, sie schlugen immer höher empor und dröhnten wie Donner. Feuerscheite flogen herum wie feurige Vögel. Die ganze Kapelle war wie ein glühender Ofen, und in diesem Ofen kribbelte ein Haufen gefallener, gekrümmter und zuckender Körper. Ihre Haut platzte, ihr Blut kochte, ihr Fett siedete. Man spürte den Gestank von verbranntem Fleische. Plötzlich fielen die Balken ein, und das Dach stürzte dröhnend zusammen. Eine Feuersäule schoß wie eine Riesenfackel in den Himmel empor. Himmel und Erde waren von rotem Feuerscheine übergossen, als ob es in der Tat jene letzte Feuersbrunst wäre, die die ganze Welt vernichten soll. * Tichon kam im Walde, auf frischem, taubedecktem Rasen wieder zu sich. Er erfuhr später, daß im letzten Augenblick, als er schon bewußtlos war, der Alte und Kirijucha ihn aufgehoben und zum Altar der Kapelle getragen hätten, wo sich eine Falltüre, eine Art Luke befand, daß sie in ein Kellergewölbe, von dem niemand wußte, hinabgestiegen und durch einen unterirdischen Gang in den Wald gelangt wären, in das dichteste Dickicht, wo sie vor den Verfolgern sicher waren. So verfuhren die meisten Apostel der Selbstverbrennung: sie verbrannten die andern und brachten sich selbst und ihre treuesten Jünger in Sicherheit, um die Predigt fortsetzen zu können. Tichon konnte lange nicht zu sich kommen. Der Alte und Kirjucha begossen ihn lange mit Wasser: sie fürchteten, er würde sterben. Seine Brandwunden waren übrigens nicht lebensgefährlich. Endlich kam er zu sich und fragte: »Wo ist Sofia?« Der Alte sah ihn mit seinen hellen und freundlichen Augen an und sagte: »Quäle dich nicht, Kind, traure nicht um deine Schwester und Braut! Im himmlischen Reiche ist ihre keusche Seele zusammen mit den anderen heiligen Märtyrern.« Er hob seine Augen zum Himmel empor, bekreuzigte sich und sprach voll Rührung und Freude: »Ewiges Gedenken den Knechten Gottes, die sich freiwillig verbrannt haben! Ruhet, meine Lieben, bis zur allgemeinen Auferstehung und betet für uns, daß es auch uns vergönnt sei, den gleichen Tod um des Herrn willen zu sterben, wenn unsere Stunde kommt. Heute ist aber die Stunde noch nicht gekommen, und wir müssen noch für Christus arbeiten ...« Hier wandte er sich an Tichon: »Auch du, Kind, bist durch die Versuchung des Feuers hindurchgegangen. Du bist für die Welt gestorben und für Christus auferstanden. Bemühe dich nur, dieses zweite Leben nicht für dich selbst, sondern für den Herrn zu leben. Umgürte dich mit den Waffen des Lichts, werde gut, werde ein Krieger Jesu Christi, ein Apostel des Roten Todes wie wir Sünder!« Fast lustig fügte er hinzu: »Nun wollen wir uns am Ozean, an den Gestaden des Weißen Meeres ergehen! Auch dort werden wir Feuerchen anzünden! Wir wollen noch kühner sein und noch mehr liebe Christenmenschen verbrennen. Und wenn es uns nacheifert, wird ganz Rußland mit Gottes Hilfe in Flammen aufgehen, und nach Rußland – die ganze Welt!« Tichon hielt die Augen geschlossen und schwieg. Der Alte glaubte, daß er wieder ohnmächtig geworden sei, und ging in die Erdhütte, um Kräuter zu holen, mit denen er Brandwunden zu behandeln pflegte. Als Tichon allein geblieben war, wandte er sich vom Himmel, der noch immer im blutroten Widerscheine der Feuersbrunst glühte, weg und drückte sein Gesicht an die Erde. Die Feuchtigkeit der Erde stillte den Schmerz der Brandwunden, und es war ihm, als hätte die Erde sein Flehen erhört und ihn, vom brennenden Himmel des Roten Todes gerettet; als käme er wieder aus dem Schoße der Erde, wie ein neugeborenes Kind, wie ein auferstehender Toter ans Licht. Und er liebkoste und küßte sie wie eine Lebende, weinte und betete: Herrliche Königin, Muttergottes, Erde, Erde, feuchte Mutter! Nach einigen Tagen, als der Alte sich auf die Wanderung machen wollte, gelang es Tichon, von ihm zu fliehen. Er hatte begriffen, daß die alte Kirche nicht besser sei als die neue, und hatte beschlossen, in die Welt zurückzukehren und so lange nach der wahren Kirche zu suchen, bis er sie finden würde. Zehntes Buch. Vater und Lohn.   I. Die Kirche hatte aufgehört, für den Zarewitsch Kirche zu sein, als er von der Existenz des zarischen Ukases erfahren hatte, durch den die Unverletzlichkeit des Beichtgeheimnisses aufgehoben wurde, wenn der Herr eine derartige Beschimpfung der Kirche duldet, so hat er sie im Stich gelassen; so dachte sich der Zarewitsch. Nach Beendigung des Moskauer Prozesses, am Vorabend des Mariä-Verkündigungstages, am 24. März, kehrte Peter nach Petersburg zurück. Er beschäftigte sich wieder mit seinem »Paradies«, mit dem Flottenbau, der Gründung der Kollegien und andern Dingen mit solchem Eifer, daß viele glaubten, der Prozeß sei endgültig abgeschlossen und die Sache für immer erledigt. Dessenungeachtet hatte man aber den Zarewitsch aus Moskau unter Bewachung nach Petersburg übergeführt und zusammen mit den anderen Arrestanten in einem eigenen Hause neben dem Winterpalais untergebracht. Man behandelte ihn hier wie einen Sträfling: man ließ ihn niemals an die Luft, und niemand durfte ihn sehen. Man erzählte sich, daß er vom übermäßigen Trinken verrückt geworden wäre. Inzwischen brach die Karwoche an. Zum erstenmal in seinem Leben wollte der Zarewitsch von der Karwoche nichts wissen. Er fastete nicht und ging nicht zum Abendmahl. Man schickte zu ihm Geistliche, um ihn zu ermahnen, er wollte aber nicht auf sie hören: er hielt sie alle für Spione. Der Ostersonntag fiel auf den 13. April. Die Frühmesse wurde in der Dreifaltigkeitskathedrale abgehalten, die schon bei der Gründung Petersburgs erbaut worden war und an eine finstere, hölzerne Dorfkirche erinnerte. Der Zar, die Zarin, alle Minister und Senatoren wohnten dem Gottesdienste bei. Der Zarewitsch wollte nicht hingehen, wurde aber auf Befehl des Zaren gewaltsam hingebracht. Die Karsamstagsgesänge klangen in der halbfinstern Kirche über dem heiligen Grabe wie Totenlitaneien: »Der in seiner Hand das Weltall hält, ist ans Kreuz geschlagen, und die ganze Kreatur weint, wenn sie ihn nackt am Marterholze hängen sieht. Die Sonne verbirgt ihr Licht, und die Sterne verdunkeln ihren Glanz.« Die Priester traten noch in dem schwarzen Ornat, der in den Fasten getragen wird, vor den Altar, hoben den heiligen Leichnam auf, trugen ihn ins Allerheiligste, schlossen die Zarenpforte und begruben so den Herrn. Dann sang man den letzten Lobgesang der Mitternachtsmesse: »Als du in den Tod hinabstiegst, unsterbliches Leben ...« Nun trat Stille ein. Die Menge geriet plötzlich in Bewegung, wogte hin und her, als ob sie sich auf etwas vorbereitete. Man begann die Kerzen anzuzünden. Die ganze Kirche war von einem hellen, stillen Licht erfüllt. Und in dieser lichten Stille lag die Erwartung einer großen Freude. Alexej zündete seine Kerze an der Kerze seines Nachbarn, des Peter Andrejewitsch Tolstoi, seines »Judas des Verräters«, an. Die zarte Flamme rief dem Zarewitsch alles in Erinnerung, was er sonst während der Ostermesse empfunden hatte. Jetzt erstickte er aber in sich dieses Gefühl; er wollte es nicht empfinden und fürchtete es. Er starrte gedankenlos auf den Rücken des vor ihm stehenden Fürsten Menschikow und bemühte sich nur daran zu denken, daß er die goldene Stickerei auf diesem Rücken nicht mit Wachs betropfen durfte. Hinter der Zarenpforte erklang die Stimme des Diakon: »Deine Auferstehung, Christus und Erlöser, singen die Engel in den Himmeln.« Die Pforte wurde geöffnet, und beide Chöre stimmten den Gesang an: »Erweise auch uns Irdischen die Gnade, dich mit reinen Herzen loben zu dürfen.« Die Geistlichen traten nun in hellen Osterornaten aus dem Allerheiligsten, und die Prozession setzte sich in Bewegung. Die Glocke der Kathedrale erdröhnte, die Glocken aller anderen Kirchen fielen ein, und in das freudige Geläute mischte sich der Kanonendonner der Peter-Pauls-Festung. Die Prozession trat aus der Kirche ins Freie, die Außentüre wurde geschlossen, die Kirche leerte sich, und alles war wieder still. Der Zarewitsch stand unbeweglich mit gesenktem Kopfe da, blickte gedankenlos vor sich hin und bemühte sich, nichts zu sehen, nichts zu hören und nichts zu fühlen. Von außen erklang die greisenhafte, schwache Stimme des Metropoliten Stephan: »Ruhm und Ehre sei der heiligen, einigen, lebenspendenden und unteilbaren Dreieinigkeit für alle Zeit, jetzt und in alle Ewigkeit!« Anfangs dumpf und leise wie aus weiter Ferne erklang der Ruf: »Christ ist erstanden!« Und dann immer lauter und lauter, immer näher und freudiger. Endlich wurden die Kirchentüren weit aufgemacht, und zugleich mit dem Rauschen der in die Kirche zurückkehrenden Menge erdröhnte das Lied wie ein Himmel und Erde erschütterndes Siegesgeschrei: »Christ ist erstanden, er hat den Tod durch den Tod besiegt und den in den Särgen Ruhenden das Leben geschenkt!« In diesem Gesange lag solche Freude, daß ihr nichts widerstehen konnte. Es war, als ob alles, worauf die Welt seit dem ersten Schöpfungstage geharrt hatte, gleich in Erfüllung gehen, als ob ein Wunder geschehen würde. Der Zarewitsch erbleichte, seine Hände zitterten, und er ließ beinahe seine Kerze fallen. Er widerstrebte noch immer, aber eine unbezwingbare Freude wuchs ihm zum Herzen empor und drängte sich ihm aus der Brust. Das ganze Leben, alle Leiden und selbst der Tod erschienen vor ihr nichtig. Er brach in Tränen aus und trat, um sie zu verbergen, aus der Kirche vor das Portal. Die Aprilnacht war still und heiter. Es roch nach schmelzendem Schnee, feuchter Baumrinde und den noch geschlossenen Knospen. Eine große Volksmenge drängte sich um die Kirche, und unten, auf dem dunklen Platze, leuchteten die Kerzen wie Sterne, und die Sterne oben am dunklen Himmel flimmerten wie die Kerzen. Wolken, leicht und durchsichtig wie Engelsflügel, zogen vorbei. Auf der Newa hatte der Eisgang begonnen. Das freudige Dröhnen und Krachen der brechenden Eisschollen vermengte sich mit dem Glockengeläute. Himmel und Erde schienen zu singen: »Christ ist erstanden!« Nach der Messe trat der Zar vor das Portal, nahm von allen Glückwünsche entgegen und tauschte mit allen Küsse aus; nicht nur mit den Ministern und Senatoren, sondern auch mit allen Hofbediensteten bis zum letzten Ofenheizer und Küchenjungen herab. Der Zarewitsch blickte seinen Vater von ferne an und wagte nicht, zu ihm zu treten. Peter bemerkte den Sohn und ging auf ihn zu. »Christ ist erstanden, Aljoscha!« sagte der Vater mit seinem gutmütigen, freundlichen Lächeln, mit dem Lächeln von einst. »Er ist in Wahrheit erstanden, Väterchen!« Und sie küßten sich dreimal. Alexej spürte die ihm vertraute Berührung der rasierten vollen Wangen und der weichen Lippen, den bekannten Geruch des Vaters. Und plötzlich klopfte ihm wieder wie in der Kindheit das Herz, sein Atem stockte in der wahnsinnigen Hoffnung: »Wenn er mir verzeiht, wenn er mich begnadigt ...« Peter war so groß gewachsen, daß er sich beim Küssen fast jedesmal bücken mußte. Ihm schmerzten schon Rücken und Nacken. Er versteckte sich vor der ihn umdrängenden Menge in die Sakristei. Um sechs Uhr früh, als es bereits hell geworden war, begaben sich alle aus der Kathedrale in den Senat, einen niederen, langen Lehmbau, der an eine Kaserne erinnerte und neben der Kathedrale stand. In den engen Amtssälen waren auf Tischen Osterbrote, Quarkkuchen, Eier, Weine und Schnäpse vorbereitet. Vor dem Eingang zum Senat holte Fürst Jakow Dolgorukij den Zarewitsch ein und flüsterte ihm zu, daß Afrossinja bald in Petersburg eintreffen würde, daß sie gottlob gesund sei und jeden Augenblick niederkommen müsse. Auf dem Flur begegnete der Zarewitsch der Zarin. Mit dem blauen Land und dem Brillantstern des Andreasordens auf der Brust, in einer prunkvollen Robe aus Silberbrokat, auf der vorne mit Perlen und Diamanten ein Doppeladler gestickt war, leicht geschminkt und gepudert, erschien Katenjka jung und hübsch. Sie empfing die Gäste wie eine gute Hausfrau mit einem gleichmäßigen, gezierten Lächeln. Sie lächelte auch dem Zarewitsch zu. Er küßte ihr die Hand. Sie küßte ihn auf den Mund, tauschte mit ihm ein Osterei aus und wollte bereits weitergehen, als er plötzlich vor ihr niederkniete und sie so wild anblickte, daß sie zurückwich. »Zarin, Mütterchen, habe Erbarmen! Bitte Väterchen, daß er mir erlaube, Afrossinja zu heiraten ... Ich will nichts mehr, Gott sei mein Zeuge, daß ich nichts mehr will! Ich habe wohl auch so nicht mehr lange zu leben ... Ich möchte alles lassen und in Ruhe sterben ... habe Erbarmen, Mütterchen, um des heiligen Festes willen! ...« Und er sah sie wieder so wild an, daß es ihr ganz unheimlich zumute wurde. Durch ihr Gesicht ging plötzlich ein Zucken, sie begann zu weinen. Katenjka liebte zu weinen und verstand sich darauf; nicht ohne Grund sagten die Russen, sie habe ihre Augen an einer feuchten Stelle, und die Ausländer, – daß, wenn sie weine und man selbst gar nicht wisse, aus welchem Grunde, man sich dennoch gerührt fühle »wie bei einer Aufführung der Andromache«. Diesmal waren aber ihre Tränen aufrichtig: der Zarewitsch tat ihr wirklich leid. Sie beugte sich über ihn und küßte ihn auf den Scheitel. Im Ausschnitte ihres Kleides sah er ihren üppigen weißen Busen mit den zwei reizenden dunklen Muttermalen oder Schönheitspflästerchen. Und als er diese Muttermale sah, wurde es ihm plötzlich klar, daß alles vergeblich sei. »Ach du Armer, Armer! Gewiß wäre ich froh, Aljoschenjka, wenn ich für dich etwas tun könnte! ... Was nützt es aber? Hört er denn auf mich? Daß es nur nicht schlimmer wird ...« Sie blickte sich rasch um, ob nicht jemand zuhörte, näherte ihre Lippen seinem Ohre und flüsterte ihm hastig zu: »Schlecht steht deine Sache, Söhnchen, so schlecht, daß, wenn du fliehen kannst, du sofort alles im Stiche lassen und fliehen mußt ...« Tolstoi trat ein. Die Zarin wandte sich vom Zarewitsch weg, wischte sich mit dem Spitzentuche unauffällig die Tränen aus den Augen, wandte sich mit ihrem früheren heiteren Gesichtsausdruck zu Tolstoi und fragte ihn, ob er nicht gesehen hätte, wo der Zar sei, und warum er nicht zum Osterimbiß käme. In der Türe zum Nebensaal erschien eine hochgewachsene, derbknochige, festlich, doch geschmacklos gekleidete Deutsche, mit einem schmalen Altjungferngesicht, das etwas von einem Pferde hatte; es war die Prinzessin von Ostfriesland, die Hofmeisterin der verstorbenen Charlotte und die Erzieherin ihrer beiden Waisen. Sie trat so energisch und herausfordernd auf, daß alle ihr unwillkürlich Platz machten. Den kleinen Petja trug sie auf den Armen, die vierjährige Natascha führte sie an der Hand. Der Zarewitsch erkannte seine Kinder fast nicht wieder: so lange hatte er sie nicht gesehen. » Mais saluez donc monsieur votre père, mademoiselle !« sagte die Prinzessin, indem sie Natascha vorwärts schob. Die Kleine war stehengeblieben, weil auch sie augenscheinlich ihren Vater nicht erkannte. Petja starrte ihn zuerst neugierig an, wandte sich dann von ihm ab, fuchtelte mit seinen kleinen Armen und begann, aus Leibeskräften zu schreien. »Natascha, Natascha, Kindchen!« sagte der Zarewitsch, indem er ihr seine Hände entgegenstreckte. Sie richtete auf ihn ihre großen traurigen, blaßblauen Augen, die an die ihrer Mutter erinnerten, lächelte ihm plötzlich zu und fiel ihm um den Hals. Peter trat ein. Er streifte die Kinder mit einem Blick und fuhr die Prinzessin auf Deutsch an: »Warum haben Sie sie hergebracht? Hier ist nicht der Platz für sie. Gehen Sie fort!« Die Deutsche blickte den Zaren an, und in ihren gutmütigen Augen flackerte Empörung auf. Sie wollte etwas sagen; als sie aber sah, daß der Zarewitsch Natascha gehorsam aus seinen Armen gelassen hatte, zuckte sie nur mit den Achseln, schüttelte wütend den immer noch heulenden Petja, packte das Mädchen ebenso wütend bei der Hand und schritt schweigend, mit etwas herausforderndem Ausdruck, wie sie gekommen war, zur Türe. Natascha wandte sich im Gehen noch einmal zum Vater um und warf ihm einen Blick zu, der ihn an Charlotte erinnerte: der Blick des Kindes drückte die gleiche stille Verzweiflung aus wie der der Mutter. Das Herz des Zarewitsch krampfte sich zusammen. Er ahnte, daß er seine Kinder niemals wiedersehen sollte. Man setzte sich an die Tafel. Der Zar saß zwischen Feofan Prokopowitsch und Stephan Jaworskij. Ihnen gegenüber saß der Fürst-Papst mit dem ganzen Allertrunkensten Konzil. Diese Gesellschaft hatte sich schon ein wenig gestärkt und machte großen Lärm. Der Zar hatte heute ein doppeltes Fest: Ostern und den Eisgang der Newa. Indem er an den Stapellauf der neuen Schiffe dachte, blickte er in heiterster Laune durchs Fenster auf die weißen Eisschollen, die, von der Morgensonne beschienen, auf der blauen Wasserfläche wie weiße Schwäne trieben. Die Rede kam auf die geistlichen Angelegenheiten. »Wird unser Patriarch bald fertig, ehrwürdigster Vater?« fragte Peter Feofan. »Bald, Majestät: ich nähe ihm gerade den Ornat fertig,« antwortete dieser. »Und ich habe die Mütze fertig genäht!« bemerkte der Zar lächelnd. Mit dem Patriarchen war der heiligste Synod gemeint; mit dem Ornat – das Geistliche Reglement, das Prokopowitsch verfaßte; mit der Mütze – der Ukas über die Gründung des Synods. Als Feofan über die Nützlichkeit dieses neuen Kollegiums zu sprechen begann, lief durch jede Falte seines Gesichts ein lebhaftes, allzu lustiges Zucken: man hatte zuweilen den Eindruck, als ob er über seine eigenen Worte lachte. »Das Kollegium hat einen viel freieren Geist in sich, als ein einzelnes Oberhaupt. Es ist auch von großer Wichtigkeit, daß bei einer synodalen Verwaltung der Kirche das Vaterland keine Empörungen von ihrer Seite zu befürchten hat. Denn das gemeine Volk hat keine Ahnung davon, wie sehr die geistliche Macht und die Macht des Selbstherrschers voneinander verschieden sind; wenn es die Ehren, die dem Oberhirten der Kirche zuteil werden, sieht, glaubt es, daß dieser Hirte ein zweiter Zar sei, der dem Selbstherrscher gleiche oder sogar noch mehr als dieser sei. Und wenn man etwas über einen Streit zwischen den beiden hört, werden alle viel eher dem geistlichen, als dem weltlichen Oberhaupte folgen – sie werden sich erfrechen, für jenes Partei zu ergreifen; die Verfluchten werden sich dabei sogar einbilden, daß sie Gottes Sache verfechten und ihre Hände nicht verunreinigen, sondern heiligen, wenn sie dabei Blut vergießen. Es ist schwer auszusprechen, welches Unheil daraus entstehen kann. Es genügt, sich in die Geschichte Konstantinopels von Justinians Zeiten an zu vertiefen, um sich über vieles klar zu werden. Auf die gleiche Weise hat auch der Papst seine Macht errungen und nicht nur das Römische Reich in zwei Teile gespalten und sich des größeren Teiles bemächtigt, sondern auch die übrigen Staaten fast bis zur völligen Vernichtung erschüttert. Von ähnlichen Versuchen, die bei uns unternommen wurden, will ich schon gar nicht sprechen! Für solches Übel ist bei einer synodalen Kirchenverwaltung kein Raum. Das Volk wird in Sanftmut verharren und jede Hoffnung aufgeben, daß der geistliche Stand ihm bei seinen Aufständen zur Seite stehen könnte. Schließlich stellt eine solche synodale Verwaltung eine Art Schule für die geistliche Regierung dar, wo jeder geistliche Politik erlernen kann. Und so wird mit Gottes Hilfe unser geistlicher Stand seine Roheit verlieren und zu den schönsten Hoffnungen berechtigen ...« Der Bischof blickte dem Zaren mit schmeichlerischem, zugleich aber so listigem Lächeln in die Augen, daß es fast frech erschien, und schloß feierlich: »Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich bauen meine Gemeinde!« Schweigen trat ein. Nur die Mitglieder des Allertrunkensten Konzils lärmten noch, und der aufrechte Fürst Jakow Dolgorukij brummte in den Bart, so daß niemand es hören konnte: »Gebet Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist.« »Und was sagst du dazu, ehrwürdigster Vater?« wandte sich der Zar zu Stephan. Während Prokopowitsch redete, saß Stephan mit gesenktem Kopfe und geschlossenen Augen da; er schien zu schlummern, und sein greisenhaftes, blutleeres Gesicht war ganz leblos. Peter glaubte aber, in diesem Gesichte etwas zu sehen, was er über alle Dinge fürchtete und haßte: eine stille Auflehnung. Als der Alte die Stimme des Zaren hörte, fuhr er zusammen, als ob er plötzlich erwachte und sagte leise: »Wie kann ich von einer solchen Sache reden, Majestät! Ich bin ja alt und dumm. Sollen nur die Jungen reden, und wir wollen ihnen zuhören ...« Er senkte seinen Kopf noch tiefer und fügte noch leiser hinzu: »Gegen den Strom kann niemand schwimmen.« »Du jammerst immer, Alter, und schmollst!« sagte der Zar, geärgert die Achseln zuckend, »was willst du eigentlich? Es wäre besser, wenn du geradeheraus redetest!« Stephan blickte den Zaren an, krümmte sich plötzlich ganz zusammen und begann mit einem Ausdruck, in dem nur noch Demut und gar keine Auflehnung mehr war, schnell, eifrig und klagend zu sprechen, als ob er fürchtete, daß der Zar ihn nicht bis zu Ende anhören würde: »Allergnädigster Zar! Gestatte mir, daß ich mich in Ruhe und Schweigen zurückziehe. Mein Dienst und meine kleinen Mühen, die mich meine ganze Kraft und Gesundheit und fast auch mein Leben kosteten, sind nur Gott allein und zum Teil auch Eurer Majestät bekannt. Meine Augen sind geschwächt, meine Beine gelähmt, meine Finger sind von Gicht gekrümmt, und Gallensteine peinigen mich. Und doch habe ich mich in allen diesen Leiden nur mit der Gnade des Zaren und seiner väterlichen Fürsorge getröstet, so daß jedes Leid wie durch Zucker versüßt wurde. Heute sehe ich aber, daß du dein Antlitz von mir angewandt hast und daß dein Wohlwollen nicht mehr das frühere ist. Mein Gott, woher kommt diese Veränderung? ...« Peter hörte ihm längst nicht mehr zu: er war ganz vom Anblick der Fürst-Äbtissin Rshewskaja hingerissen, die beim Gesange der betrunkenen Narren zu tanzen begonnen hatte: Tanze, tanz, mein Eichenknüppel, Spiele, spiele, Dudelsack! »Laß mich ins Donskoj-Kloster ziehen, oder in ein anderes, nach Wunsch und Willen Eurer Majestät,« fuhr Stephan zu jammern fort. »Und wenn du irgend welche Zweifel wegen meines Rücktrittes hast, so mag mich das heilige Blut Christi zugrunde richten, wenn ich etwas Arges im Schilde führe. Ob ich in Petersburg, Moskau oder Rjasan bin, überall ruht auf mir deine Selbstherrschergewalt, vor der ich mich nirgends verbergen kann. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist? Und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? ...« Das Tanzlied klang aber lustig fort: Tanze, tanz, mein Eichenknüppel, Spiele, spiele, Dudelsack! Fiel mein Schwäher heut vom Ofen, Fiel vom Ofen auf die Bank. Wüßt ich, daß er fällt herab, Hätt' ich höher ihn gebettet, Hätt' ich höher ihn gebettet, Und dann wär' er schon im Grab. Der Zar schlug mit den Füßen den Takt, pfiff und sang: Brenne, haue, Schlag auf Schlag, Tanz bis an den hellen Tag! Der Zarewitsch blickte Stephan an. Ihre Augen begegneten sich. Der Alte hielt in seiner Rede inne, als ob er plötzlich zur Besinnung gekommen wäre und sich schämte. Er schlug die Augen nieder, ließ den Kopf sinken, und zwei Tränen rollten an seinen Runzeln herab. Sein Gesicht sah wieder ganz leblos aus. Aber Feofan, der rotbackige Silen, lächelte. Der Zarewitsch verglich unwillkürlich diese beiden Gesichter. In dem einen sah er die Vergangenheit, in dem andern die Zukunft der Kirche. In den niedern engen Sälen war es schwül, Peter ließ die Fenster öffnen. Auf der Newa hatte sich, wie es während des Eisganges oft der Fall war, ein kalter Wind erhoben, der vom Ladogasee kam. Der Frühling hatte sich plötzlich in einen Herbst verwandelt. Die Wölkchen, die in der Nacht so leicht wie Engelsflügel schienen, waren jetzt schwer, grau und rauh wie Kieselsteine geworden, und die Sonne schien schwächlich und bleich, wie schwindsüchtig. Aus den Schnapsbuden und Schenken, von denen es in der Nähe des Senats, auf dem Gostinnyj Dwor und weiter, hinter dem Kronwerk der Festung auf dem Sjestnoj- und auf dem Tolkutschij-Markte eine große Menge gab, klangen viele Stimmen, die wie das Gebrüll wilder Tiere anzuhören waren. Irgendwo gab es eine Prügelei, und jemand schrie aus Leibeskräften: »Schlage den Foma! Er ist gar zu fett!« Auch das Glockengeläute, das zugleich mit dem Gebrüll der Betrunkenen zum Fenster hereindrang, schien trunken, roh und frech. Gerade vor dem Senat, mitten auf dem Platz, stand vor einer Schmutzlache, auf der die Schalen roter Ostereier herumschwammen, ein Bauer im bloßen Hemd, – seine übrigen Kleider hatte er wohl vertrunken –, schwankte hin und her, als überlegte er sich, ob er in die Lache fallen sollte oder nicht, schimpfte unflätig und schluchzte so laut, daß man es auf dem ganzen Platze hörte. Ein anderer war bereits in einen Straßengraben gefallen, und seine aus dem Graben herausragenden Beine zappelten hilflos. Wie streng auch die Polizei war, an diesem Tage konnte sie mit den Betrunkenen nicht fertig werden: sie lagen in allen Straßen herum wie die Leichen auf einem Schlachtfelde. Die ganze Stadt war wie eine einzige Schnapsbude. Auch der Senat, wo der Zar mit seinen Ministern den Osterimbiß einnahm, war wie eine Schnapsbude; auch hier brüllte und fluchte man und prügelte sich. Der Narrenchor des Fürst-Papstes stritt sich mit dem Chore des Bischofs, wer von ihnen besser singe. Die einen sangen: Christ ist erstanden von den Toten! Und die andern fuhren in ihrem Liede fort: Tanze, tanz, mein Eichenknüppel, Spiele, spiele, Dudelsack! Der Zarewitsch dachte an die heilige Osternacht, an die heilige Freude und Rührung, die er vorhin empfunden hatte, und an die Erwartung eines Wunders, und es war ihm, als ob er vom Himmel in den Schmutz gefallen wäre, wie jener Betrunkene in den Straßengraben. Hat es sich gelohnt, mit dieser Rührung zu beginnen, um so zu enden? Es gibt gar kein Wunder und wird auch keines geben; es gibt nur einen Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte. II. Peter liebte Peterhof nicht weniger als das »Paradies«. Er kam jeden Sommer hin und überwachte selbst den Bau der »Plaisirgärten, Gartenlinien, Kaskaden und Fontainen.« »Die eine Kaskade,« befahl der Zar, »soll so eingerichtet werden, daß das Wasser spritze, und die andere, daß das Wasser glatt wie Glas über die Erde dahinfließe; es ist eine Wasserpyramide mit kleinen Kaskaden einzurichten; vor der großen Pyramide ist oben die Geschichte des Herkules darzustellen, wie er mit einem siebenköpfigen Reptil, das man Hydra nennt, kämpft, aus dessen Köpfen Wasserstrahlen springen; auch ist der wagen Neptuns mit vier Seepferden darzustellen, und aus ihren Mäulern soll Wasser fließen; an den Absätzen sind Tritonen aufzustellen, welche Hörner blasen und allerlei von Wasser angetriebene Wasserspiele, von jeder Fontaine ist zuvor eine perspektivische Zeichnung anzufertigen, so wie die französischen und römischen Gärten entworfen werden.« Peterhof lag im Lichte einer weißen Mainacht da. Das Meer war glatt wie Glas, vom grünlichen Himmel mit dem rosa Schimmer von Perlmutter hoben sich die schwarzen Tannen und die gelben Wände der Schloßbauten ab. In den trüben Fenstern spiegelte sich wie in blinden Augen das traurige Licht der niemals erlöschenden Abendröte. In diesem Lichte erschien alles bleich und tot; das Grün des Grases und der Bäume war grau wie Asche, die Blumen sahen wie welk aus. In den Gärten war es still und öde. Die Fontainen schlummerten. Nur an den moosbewachsenen Stufen der Kaskaden und von den Tuffsteinen der Grotten fielen einzelne Tropfen wie Tränen herab. Nebel stieg auf, und in ihm schimmerten weiß wie Gespenster zahllose Marmorstatuen, ein ganzer Olymp der auferstandenen Götter, hier, an den äußersten Grenzen der Erde, an den Gestaden des hyperboreischen Meeres, in der weißen, tageshellen Nacht, die wie der nachtgleiche Tag des Hades war, lag auf diesen blassen Schatten des toten Hellas eine unendliche Trauer. Sie schienen gleich nach ihrer Auferstehung einen zweiten Tod zu sterben, von dem es keine Auferstehung mehr gibt. Über einem niederen gestutzten Gärtchen, dicht am Ufer des Meeres erhob sich ein Backsteinhäuschen in holländischem Geschmack. Es war das Zarenschlößchen Monplaisir. Auch hier war alles still und öde. Nur in einem Fenster brannte Licht: es war die Kerze im Arbeitszimmer des Zaren. Am Schreibtisch saßen Peter und Alexej einander gegenüber. Im Zwielichte der Kerze und des Abendrotes erschienen ihre Gesichter, wie alles in dieser Nacht, gespensterhaft und bleich. Peter verhörte zum erstenmal seit seiner Rückkehr nach Petersburg seinen Sohn. Der Zarewitsch antwortete ihm ruhig, als ob er den Vater nicht mehr fürchtete, sondern nur Müdigkeit und Langweile empfände. »Wer von den weltlichen oder geistlichen Amtspersonen hat etwas von deiner Absicht, sich mir zu widersetzen, gewußt, was für Worte hast du zu ihnen, und was für Worte haben sie zu dir gesprochen?« »Ich weiß sonst nichts,« antwortete Alexej zum hundertsten Mal. »Hast du solche Worte gesprochen, wie: ›Ich spucke auf alle, wenn mir nur das gemeine Volk gewogen bleibt‹?« »Vielleicht habe ich dergleichen im Rausche gesprochen. An alles kann ich mich nicht mehr erinnern. Im Rausche habe ich allen möglichen Unsinn zusammengeredet und ein loses Maul gehabt; ich konnte ohne aufrührerische Worte niemals in Gesellschaft sein und habe solche Worte oft gebraucht, indem ich mich auf die Verschwiegenheit der Leute verließ. Du weißt ja selbst, Väterchen, daß jeder Mensch manchmal betrunken ist ... Alles ist Unsinn!« Er blickte den Vater mit einem so eigentümlichen Lächeln an, daß es diesem ganz unheimlich zumute wurde, als ob er einen verrückten vor sich hätte. Peter suchte aus einem Stoß von Papieren ein Blatt heraus und zeigte es dem Zarewitsch. »Ist das deine Handschrift?« »Ja.« Es war der Entwurf des in Neapel geschriebenen Briefes, in dem er die Bischöfe und Senatoren anflehte, ihn nicht zu verlassen. »Hast du es freiwillig und aus eigenem Antriebe geschrieben?« »Nein, unter Zwang. Der Sekretär des Grafen Schönborn, Keil, hat mich dazu gezwungen. Er sagte mir: ›Da das Gerücht verbreitet wird, daß du gestorben seist, sollst du diesen Brief schreiben, und wenn du ihn nicht schreibst, so werden wir dich nicht länger hier behalten.‹ Und er wich nicht von mir, bis ich den Brief geschrieben hatte.« Peter wies mit dem Finger auf eine Stelle des Briefes: es waren die Worte: »Ich bitte jetzo, jetzo bei dieser Gelegenheit mich nicht zu verlassen.« Das Wort »jetzo« war zweimal geschrieben und beide Mal durchstrichen. »Mit welcher Absicht ist dieses Wort ›jetzo‹ geschrieben und warum ist es durchgestrichen?« »Ich kann mich dessen nicht mehr entsinnen,« antwortete der Zarewitsch erblassend. Er wußte, daß in diesem durchstrichenen »jetzo« der Schlüssel zu seinen geheimsten Gedanken an eine Empörung, an den möglichen Tod des Vaters und an die Aussicht, getötet zu werden, lag. »Ist es wahr, daß du es unter Zwang geschrieben hast?« »Es ist wahr.« Peter erhob sich, ging ins Nebenzimmer, rief den Diener, gab ihm irgendeinen Befehl, kehrte ins Arbeitszimmer zurück, setzte sich wieder an den Tisch und begann die letzte Aussage des Zarewitsch aufzuschreiben. Hinter der Türe erklangen Schritte. Die Türe ging auf. Alexej stieß einen leisen Schrei aus und wurde beinahe ohnmächtig. Auf der Schwelle stand Afrossinja. Er hatte sie seit Neapel nicht gesehen, sie war nicht mehr schwanger. Sie war wohl in der Festung niedergekommen, wohin man sie, wie der Zarewitsch vom Fürsten Jakow Dolgorukij erfahren, gleich nach ihrer Ankunft in Petersburg gesperrt hatte. »Wo mag der Silberne sein?« dachte sich der Zarewitsch und begann zu zittern. Er streckte ihr seine Arme entgegen, erstarrte aber sofort vor dem Blick des Vaters und suchte nur einen Blick ihrer Augen zu erhaschen, sie sah ihn aber gar nicht an und schien ihn überhaupt nicht zu sehen. Peter wandte sich an sie mit freundlicher Stimme: »Ist es wahr, Fjodorowna, was der Zarewitsch sagt, nämlich daß er den Brief an die Bischöfe und Senatoren nicht aus eigenem Antriebe sondern von den Höflingen des Kaisers gezwungen geschrieben habe?« »Es ist nicht wahr,« antwortete sie gelassen. »Er schrieb den Brief ganz allein, und keiner der Ausländer war dabei. Nur ich und der Zarewitsch waren im Zimmer. Und er sagte mir, daß er diese Briefe schreibe, um sie in Petersburg heimlich verbreiten zu lassen, andere Briefe seien aber an die Bischöfe und die Senatoren gerichtet.« »Afroßja, Afroßjuschka, Mamachen! ... was fällt dir ein?« stammelte der Zarewitsch entsetzt. »Sie weiß es nicht mehr, sie hat es vergessen oder verwechselt,« wandte er sich an den Vater mit dem gleichen seltsamen Lächeln, vor dem es diesem so unheimlich zumute wurde. »Ich schickte damals an den Sekretär des Vizekönigs den Plan der Attacke von Bjelgorod aber nicht jenen Brief ...« »Gerade den Brief, Zarewitsch. Vor meinen Augen hast du ihn zugesiegelt, hast du es schon vergessen? Ich habe es gesehen,« sagte sie ebenso ruhig wie vorhin und warf ihm plötzlich den gleichen durchdringenden Blick zu, mit dem sie ihn vor drei Jahren im Hause der Wjasemskij's angeschaut hatte, als er sich betrunken auf sie stürzte, um sie zu vergewaltigen, und sie mit dem Messer bedrohte. In diesem Blicke konnte er lesen, daß sie ihn verraten hatte. »Sohn,« sagte Peter, »du siehst wohl selbst, daß es sich hier um etwas außerordentlich Wichtiges handelt, wenn du jene Briefe aus eigenem Antriebe geschrieben hast, so hast du an eine Empörung nicht nur gedacht, sondern hattest auch die Absicht, sie wirklich hervorzurufen. Dieses hast du in deinen früheren Geständnissen nicht aus Vergeßlichkeit verheimlicht, sondern aus List, um solche Absichten einmal wirklich in die Tat umzusetzen, wir wollen aber nicht unser Gewissen vor Gott beflecken, indem wir einer Anzeige ohne Nachprüfung Glauben schenken. Ich frage dich zum letztenmal: ist es wahr, daß du es aus eigenem Antriebe geschrieben hast?« Der Zarewitsch schwieg. »Du tust mir leid, Fjodorowna,« sagte Peter, »aber es laßt sich wohl nicht anders machen. Ich muß dich foltern lassen.« Alexej blickte erst seinen Vater dann Afrossinza an und begriff, daß sie der Folter nicht entgehen würde, wenn er noch weiter leugnete. »Es ist wahr,« sagte er fast unhörbar; kaum hatte er aber diese Worte gesprochen, als seine Angst sich verflüchtigte und ihm alles wieder ganz gleichgültig wurde. In den Augen Peters leuchtete Freude auf. Mit welcher Absicht hast du das Wort ›jetzo‹ geschrieben?« »Mit der Absicht, daß das Volk für mich mehr einträte, denn ich dachte an die gedruckten Berichte über die Meuterei in Mecklenburg. Später überlegte ich mir aber, daß es schlecht sei, und strich es aus ...« »Du freutest dich also über die Meuterei?« Der Zarewitsch gab keine Antwort. »Und wenn du dich freutest,« fuhr Peter fort, als ob er die unhörbare Antwort gehört hätte, »so doch nicht ohne Grund, wenn das mit der Meuterei wirklich stimmte, so hättest du dich doch den Meuterern angeschlossen?« »Wenn sie nach mir geschickt hätten, so wäre ich hingefahren. Ich erwartete dies aber erst nach Eurem Tod. Denn ...« Er hielt inne, erbleichte nach mehr und schloß mit großer Selbstüberwindung: »Denn ich erwartete, daß sie dich töteten? daß sie dich bei Lebzeiten entthronten, das erwartete ich nicht ...« »Und wie wäre es bei meinen Lebzeiten?« fragte Peter hastig und leise, dem Sohne gerade in die Augen blickend. »Wenn sie mächtig genug gewesen wären, so hätte ich es vielleicht auch bei deinen Lebzeiten getan,« antwortete Alexej ebenso leise. »Sage alles, was du weißt,« wandte sich Peter wieder an Afrossinja. »Der Zarewitsch strebte immer mit großem Eifer nach dem Erbe,« sagte sie schnell und sicher, als ob sie etwas, was sie auswendig gelernt hatte, aufsagte. »Entflohen ist er aber aus dem Grunde, weil du, Zar, angeblich stets auf eine Gelegenheit gewartet hättest, ihn umzubringen. Als er einmal hörte, daß dein jüngster Sohn, der Zarewitsch Peter Petrowitsch erkrankt wäre, sagte er zu mir: ›Siehst du es nun, Väterchen tut das Seinige, und Gott tut das Seinige!‹ Er setzte auch große Hoffnungen auf die Senatoren. ›Die Alten will ich absetzen und mir neue nach meinem Willen erwählen.‹ Wenn er aber von irgend welchen Traumgesichten hörte oder in den Zeitungen las, daß in Petersburg alles ruhig sei, so pflegte er zu sagen, daß die Traumgesichte und auch die Ruhe einen tieferen Grund haben müßten: ›Entweder wird mein Vater sterben, oder ein Aufstand ausbrechen‹.« Sie sprach noch lange, führte seine Worte an, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, und enthüllte solche Geheimnisse seines Herzens, von denen er selbst nichts wußte. »Und als Herr Tolstoi nach Neapel kam, wollte der Zarewitsch sich aus der Protektion des Kaisers zum römischen Papst begeben, und ich hielt ihn davon ab,« schloß Afrossinja. »Ist das alles wahr?« fragte Peter den Sohn. »Es ist wahr,« antwortete der Zarewitsch. »Nun kannst du gehen, Fjodorowna. Ich danke dir!« Der Zar reichte ihr die Hand. Sie küßte sie und wandte sich zum Gehen. »Mamachen! Mamachen!« begann plötzlich der Zarewitsch wie im Fieber zu stammeln, ohne selbst zu wissen, was er redete, und streckte nach ihr seine Arme aus. »Lebe wohl, Afroßjuschka! Vielleicht sehen wir uns nicht wieder. Gott sei mit dir! ...« Sie antwortete nichts und sah sich nicht um. »Warum bist du so zu mir? ...« fügte er leise, ohne Vorwurf, nur mit grenzenlosem Erstaunen hinzu. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und hörte, wie die Türe hinter ihr ins Schloß fiel. Peter tat so, als sähe er den Stoß der Papiere durch, streifte aber den Sohn ab und zu mit einem verstohlenen Blick, als erwartete er etwas von ihm. Es war die stillste Stunde der Nacht, und die Stille schien noch tiefer, weil es so hell wie am Tage war. Der Zarewitsch nahm plötzlich die Hände vom Gesicht weg; es war schrecklich. »Wo ist das Kindchen? Wo ist das Kindchen?« fragte er, indem er einen unbeweglichen, brennenden Blick auf den Vater richtete, »Was habt ihr mit ihm gemacht? ...« »Was für ein Kind?« Peter hatte die Frage nicht sogleich verstanden. Der Zarewitsch wies auf die Türe, durch die Afrossinja hinausgegangen war. »Es ist tot,« sagte Peter, ohne den Sohn anzublicken. »Es ist tot zur Welt gekommen.« »Du lügst!« schrie Alexej auf und erhob die Hände, als ob er dem Vater drohen wollte. »Ihr habt es umgebracht, umgebracht! Ihr habt es erwürgt oder wie einen jungen Hund ins Wasser geworfen! Was hat das unschuldige Kind verbrochen? ... War es ein Knabe?« »Ein Knabe.« »Wenn Gott mir zur Regierung verholfen hätte,« fuhr Alexej nachdenklich, wie vor sich hin, fort, »hätte ich ihn zum Thronfolger erklärt ... Ich wollte ihn Iwan taufen ... Zar Iwan Alexejewitsch würde er heißen ... wo ist die Leiche? ... Wo habt ihr die Leiche hingetan? ... Sprich! ...« Peter schwieg. Der Zarewitsch griff sich an den Kopf. Sein Gesicht verzerrte sich und wurde rot. Er erinnerte sich an die Gepflogenheit des Zaren, totgeborene Kinder ebenso wie die anderen »Monstra« in Spiritus zu setzen, um sie in der »Kunstkammer« aufzubewahren ... »In ein Glas, in ein Glas mit Spiritus! ... Der Erbe der Zaren aller Reußen schwimmt wie ein Frosch im Spiritus!« Er lachte plötzlich so wild auf, daß es Peter kalt überlief. Er dachte wieder: »Ein Verrückter!« und fühlte sich wieder von jenem Ekelgefühl, das an überirdisches Grauen grenzte, ergriffen, das er immer vor Spinnen, Schaben und anderem Ungeziefer empfand. Doch im gleichen Augenblick ging das Grauen in Wut über: es schien ihm, daß der Sohn über ihn lache, daß er sich mit Absicht verstelle, um weiter beim Leugnen zu verharren und seine verbrecherischen Absichten zu verheimlichen. »Was hast du noch alles auf dem Herzen?« fuhr er im Verhör fort, als ob er gar nicht merkte, was mit dem Zarewitsch vorging. Dieser hörte aber ebenso plötzlich, wie er begonnen hatte, zu lachen auf, lehnte den Kopf zurück, und sein Gesicht wurde so blaß wie das eines Toten. Er blickte den Vater stumm und verständnislos an. »Wenn du deine Hoffnungen auf das gemeine Volk setztest,« fuhr Peter fort, indem er seine Stimme erhob und sich bemühte, sie ruhig erscheinen zu lassen, »hast du nicht jemand zum gemeinen Volk geschickt, um einen Aufstand anzuzetteln, oder hast du nicht von jemand gehört, daß das Volk zu einem Aufstand bereit sei?« Alexej schwieg. »So antworte!« schrie Peter, während sein Gesicht in einem Krampfe zuckte. Auch in Alexejs Gesicht schien etwas zu zucken. Er öffnete mit Mühe seine zusammengepreßten Lippen und sagte: »Ich habe alles gesagt. Ich werde nicht mehr reden.« Peter schlug mit der Faust auf den Tisch und sprang auf. »Was unterstehst du dich!« Auch der Zarewitsch erhob sich und sah den Vater unverwandt an. Eine flüchtige, gleichsam gespenstische Ähnlichkeit zwischen ihnen trat plötzlich wieder zutage. »Was drohst du mir, Vater?« sagte Alexej leise. »Ich fürchte dich nicht, ich fürchte nichts mehr. Du hast mir alles genommen, hast meine Seele und meinen Leib zugrunde gerichtet. Nun kannst du mir nichts mehr nehmen. Du kannst mich höchstens töten. Töte mich also! Mir ist alles gleich.« Seine Lippen verzogen sich langsam in einem leisen spöttischen Lächeln. Peter glaubte in diesem Lächeln eine grenzenlose Verachtung zu sehen. Er brüllte wie ein verwundetes Tier, stürzte sich auf den Sohn, packte ihn an der Kehle, warf ihn zu Boden und begann, immer noch unmenschlich schreiend, ihn zu würgen, mit den Füßen zu treten und mit dem Stocke zu schlagen. Die Leute im Schlosse erwachten und begannen unruhig hin und her zu laufen, aber niemand wagte es, ins Arbeitszimmer des Zaren zu treten. Die Diener erbleichten und bekreuzigten sich, als sie sich der Türe näherten und auf die schrecklichen Töne horchten, die hinter ihr klangen; es hörte sich so an, als ob ein Raubtier einen Menschen zerfleischte. Die Zarin schlief im oberen Schlosse. Man weckte sie. Sie kam halb bekleidet herbeigelaufen, wagte aber auch nicht einzutreten. Erst als es wieder still geworden war, machte sie leise die Türe auf, blickte ins Zimmer und schlich leise auf den Zehen hinter dem Rücken des Gatten hinein. Der Zarewitsch lag bewußtlos auf dem Boden. Der Zar saß im Sessel fast ebenfalls bewußtlos. Man schickte nach dem Leibarzt Blumentrost. Er beruhigte die Zarin, die geglaubt hatte, daß der Zar seinen Sohn erschlagen habe. Der Zarewitsch war grausam zugerichtet, hatte aber weder gefährliche Wunden noch Knochenbrüche. Er kam bald wieder zur Besinnung und schien sogar ruhig. Der Zustand des Zaren war schlechter als der des Sohnes. Als man ihn in sein Schlafzimmer geführt, oder vielmehr auf den Armen getragen hatte, bekam er solche Krämpfe, daß Blumentrost einen Schlaganfall befürchtete. Gegen Morgen ging es ihm aber besser. Am Abend stand er auf, ließ sich, trotz der Bitten Ratenjkas und der Warnungen des Leibarztes, eine Schaluppe bereit machen und fuhr nach Petersburg. Der Zarewitsch wurde in einer geschlossenen Schaluppe, die neben der des Zaren fuhr, nach Petersburg gebracht. Am nächsten Tag, den 14. Mai, wurde ein zweites Manifest über den Zarewitsch veröffentlicht, in dem es hieß, daß der Zar geruht hätte, seinem Sohne Verzeihung zu versprechen, »falls er ein vollständiges und aufrichtiges Geständnis ablegt und nichts verheimlicht; da er aber diese väterliche Gnade mißachtet und seine Absicht, das Erbe mit Hilfe der Ausländer oder durch die Gewalt von Meuterern zu erlangen, verheimlicht hat, so ist das Versprechen des Zaren, Gnade walten zu lassen, null und nichtig.« Am gleichen Tage wurde der höchste Gerichtshof eingesetzt, der den Zarewitsch als einen Hochverräter abzuurteilen hatte. Nach einem Monat, am 14. Juni, wurde er in die Peter-Pauls-Festung gebracht und in die Trubetzkoj-Bastion gesperrt. III. »An die hochwürdigen Metropoliten/Erzbischöfe/Bischöfe und andere Geistlichen Standes: »Demnach Ihr von dem in der Welt niemahls erhörten Verbrechen Unsers Sohnes/gegen uns als seinen Vater und Souverain nunmehro genungsam vernommet habet/und wir sowol nach denen Göttlichen-, Natur-, Civil - und Kriegs-Rechten/als auch insonderheit nach Unsern Russischen Gesetzen (welche auch bei denen Particulier -Leuten ein Urtheil zwischen Vater und Sohn zu sprechen verwerffen ) Macht genug hätten/vor diese seine Verbrechen/ohne daß wir Uns deßwegen andern Raths zu erholen bedürfften/mit Ihm nach Unsern Willkür zu verfahren/dennoch aber Uns vor Gott fürchten /und besorgen hierinnen eine Sünde zu begehen/indem natürlich, daß man anderer Leute Fehler eher/als seine eigene sehn kann; Und gleich wie ein Medicus , wenn er auch vor andern noch so sehr erfahren ist/schwerlich wagen wird/seine eigene Kranckheit alleine zu curiren /sondern deßwegen andere um Rath fraget; solcher Gestalt überlassen auch wir Unsere Kranckheit in Eure Hände/und verlangen Hilffe/aus Furcht des ewigen Todes zu sterben/denn so wir dieselbe allein curiren wolten/könte vielleicht geschehen/daß wir die rechte Maaße verfehleten/absonderlich, da wir Unserm Sohne durch einen schriftlichen Eyd beym Gerichte Gottes Pardon versprochen/ dieses auch nachgehends mündlich bekräfftiget/jedoch mit dieser Bedingung /daß Er die Wahrheit ohne etwas zu verheelen/gestehen solle. Ob Er nun zwar solches durch Verheelung der wichtigsten Sachen/ und in Sonderheit seiner gehabten Intention , zum Aufruhr gegen Uns/als seinen Vater und Souverain , verschertzet und gäntzlich auffgehoben; wollen wir Uns doch darinnen so gut als möglich vorsehen /damit wir Uns nicht übereilen. Und wiewol diese Sache mehr von denen weltlichen als Geistlichen Rechten dependiret / wir auch durch einen absonderlichen Befehl denen zusammen-beruffenen weltlichen Ständen anbefohlen/hierüber ein unvorgreifflich unpassionirtes Urtheil zu fällen; So verlangen wir davon doch allerhand Gründe zu wissen/und erinnern Uns der Worte Gottes/welche Uns vermahnen/daß man in dergleichen Sachen auch die Geistliche von dem Gesetze Gottes befrage / wie in dem 5. Buch Mosis in dem 17. Cap. v. 9. geschrieben stehet. Derohalben verlangen wir auch von Euch Metropoliten und Geistlichen Stände als Lehrern des Worts Gottes/daß Ihr Uns aus der heiligen Schrift eine wahrhaftige Unterrichtung und Veurtheilung ertheilet/was vor Straffe diese vor Gott greuliche/und dem Exempel des Absolons gleiche Intention und Verbrechen meines Sohnes/nach dem Gesetz Gottes und andern in der heiligen Schrift befindlichen Exempeln verdienet habe. Gehet nichts vorbei/und übergebet Uns solches schrifftlich mit euren eignen Händen unterschrieben/damit wir Uns hiernach richten und Unser Gewissen nicht beschweren mögen, wir verlassen Uns hierinnen auff Euch/als auff Bewahrer der Göttlichen Gebothe/als auff gute Hirten der Christlichen Heerde/und als wohlmeinende ihres Vaterlandes: Ja wir beschwören Euch bey dem Gerichte Gottes und Eurem Amte/daß Ihr ohne Heuchelei und ohne eintzige Furcht darinnen verfahret. Peter.« Die Bischöfe antworteten: »Dieser Handel läuffet in die weltliche nicht aber in die Geistliche Rechte/insonderheit in einem solchen Reiche / welches den Namen einer Monarchie führet / und dessen Unterthanen nicht zukommet / das Recht zu sprechen/sondern deren Oberhaupt alles nach seinem Gefallen tun kann/ohne sich bey denen niedrigen Standes des Raths zu erholen. Dessen ungeachtet haben wir untenbenannte geistliche Personen/zu Folge Unseres allergnädigsten Monarchens Befehl/ aus der heiligen Schrift dasjenige, was Unsern Gutdünken nach wegen dieser erschröcklichen und unerhörten That hierher zu gehören schiene/ausgesucht und angeführet.« Es folgten Auszüge aus dem Alten und Neuen Testament. Zum Schluß hieß es wieder: »Dieser Handel gehöret nicht unter Unsere Gerichtsbarkeit, wer hätte Uns zu Richtern gesetzet über diejenigen die Uns beherrschen? Wie vermögen die Glieder das Haupt zu regieren, so von denselben regieret und beherrschet werden müssen? Hiernebst muß geistliche Jurisdiction nach dem Geiste und nicht nach dem Fleische und Blut gerichtet werden. Auch ist dem Geistlichen Stande keine Gewalt gegeben /das eiserne Schwerdt zu führen / sondern die Gewalt des Geistlichen Schwertes. Alles dieses unterwerffen wir mit gebührender Devotion der höchsterleuchteten Decition unseres Monarchens . Unser Allergnädigster Monarchen schaffe/was vor seinen Augen angenehm ist. will er den gefallenen straffen nach Maaß des Verbrechens und Übelthaten/so hat Er Exempel genug, die von uns aus dem Alten Testament angeführet sind/will Er aber Barmherzigkeit erzeigen/so hat Er vor sich das Beyspiel Jesu Christi selber/ welcher den verlohrnen Sohn angenommen hat und die Barmherzigkeit vor die Opfer erhoben hat. Nachdem wir dieses kürzlich angezogen /so stehet nun das Hertz des Zaren in der Hand Gottes/ es erwähle, wozu die Hand Gottes dasselbe leiten wird.« Das Schriftstück war unterschrieben: »Demütiger Stephan, Metropolit von Rjasan.« »Demütiger Feofan, Bischof von Pskow.« Es folgten noch die Unterschriften von vier Bischöfen, zwei griechischen Metropoliten, dem von Stawropol und dem von Thebaïs, vier Archimandriten, darunter auch Fedoß, und zwei Hieromonachen – lauter zukünftigen Mitgliedern des Heiligsten Regierenden Synods. Aber auf die Hauptfrage des Zaren wegen des Eides, den er dem Sohne gegeben hatte, ihm in jedem Falle zu verzeihen, gaben die ehrwürdigen Väter keine Antwort. Als Peter diese Kundgebung las, hatte er ein unheimliches Gefühl: als ob das, worauf er sich stützen wollte, unter ihm wie morsches Holz zusammenstürzte. Nun hatte er das erreicht, was er selbst erstrebt hatte; vielleicht hatte er es zu gut erreicht: die Kirche hatte sich dem Zaren so vollkommen unterworfen, daß es nun den Anschein hatte, als ob sie überhaupt nicht mehr existierte; die ganze Kirche war er selbst. Der Zarewitsch sagte aber zu dieser Kundgebung mit bitterem Hohn: »Die Demütigen sind schlauer als der Teufel! Noch ist das Geistliche Kollegium nicht eingesetzt, und schon haben sie die geistliche Politik gelernt.« Und er fühlte wieder, daß die Kirche für ihn aufgehört hatte, Kirche zu sein, und er gedachte der Worte Christi an den, von dem es geschrieben steht: »Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich bauen meine Gemeinde«: »Da du jünger wärest, gürtetest du dich selbst und wandeltest, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein andrer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.« IV. Die erste Sitzung des höchsten Gerichtshofes war auf den 17. Juni im Audienzsaale des Senats angesetzt. Unter den Richtern befanden sich Minister, Senatoren, Generäle, Gouverneure, Kapitäne, Majore, Oberstleutnants, Leutnants und Fähnriche der Garde und der Flotte, Oberkriegskommissare, Beamte der neuen Kollegien, auch alte Bojaren, Truchsesse und sonstige Würdenträger des alten moskowitischen Hofes; im ganzen waren es 127 Zivil- und Militärpersonen: »von jeder Sorte einer«, wie sich die vornehmen Würdeträger äußerten. Manche waren selbst nicht imstande, ihren Namen unter das Urteil zu setzen. Aus der Troiza-Kathedrale, wo dem heiligen Geist eine Messe zelebriert wurde, um Gottes Hilfe zu diesem schwierigen Werke zu erflehen, begaben sich die Richter in den Senat. Im Gerichtssaale wurden Fenster und Türen geöffnet, nicht nur der frischen Lust wegen – es war ein heißer, schwüler Tag –, sondern damit die Gerichtssitzung wie eine öffentliche aussehe. Dessenungeachtet wurden die nächsten Straßen durch Gatter und Schlagbäume abgesperrt und ein ganzes Bataillon der Leibgarde unter Gewehr auf dem Platze vor dem Senat aufgestellt, um das »gemeine Volk« fernzuhalten. Der Zarewitsch wurde aus der Festung wie ein Gefangener unter Eskorte von vier Offizieren mit blanken Degen vorgeführt. Im Audienzsaale befand sich ein Thron. Der Zar setzte sich aber nicht auf den Thron, sondern auf einen einfachen Sessel am oberen Ende des offenen Vierecks, das von den drei Reihen langer, mit rotem Tuch bedeckter Tische gebildet wurde, an denen die Richter saßen. Er setzte sich dem Sohne wie ein Kläger dem Angeklagten gegenüber. Als die Sitzung eröffnet wurde, erhob sich Peter und sprach: »Meine Herren Senatoren und übrigen Richter! wir verlangen von Euch über diese Sache einen gerechten und warhafftigen Spruch zu thun / ohne daß Ihr Uns darinnen schmeichelt / oder befürchtet / daß / wenn es zu scharff oder gelinde / Uns solches zuwider seyn werde / wie wir denn bey Gott und seinem Gerichte schweren / daß Uns nichts / was denen Rechten gemäß / zuwider seyn solle. Ihr dürffet auch in keine Consideration ziehen / daß Ihr über den Sohn Eures Herrn und Souverains ein Urtheil zu fällen habet / lasset der Warheit ohne Ansehen der Person Ihren Lauff / und stürtzet weder Unsere noch Eure Seele ins Verderben / damit Unsere Gewissen am jüngsten Tage rein erfunden werden / und Unser Vaterland hierdurch keine Gefahr leide.« Der Vizekanzler Schafirow verlas eine lange Liste aller verbrechen des Zarewitsch, sowohl derjenigen, die er in seinen früheren Geständnissen enthüllt hatte, wie auch der neuen, die er beim ersten Prozeß angeblich verheimlicht hatte. »Bekennst du dich schuldig?« fragte den Zarewitsch Fürst Menschikow, der zum Präsidenten der Versammlung ernannt worden war. Alle erwarteten, der Zarewitsch würde wie damals im Thronsaale zu Moskau auf die Kniee fallen, weinen und um Gnade bitten. Als er sich aber erhob und die Versammlung mit ruhigem Blick musterte, wurde es allen klar, daß es jetzt anders zugehen würde. »Ob ich schuldig bin oder nicht, – euch steht jedenfalls nicht zu, mich zu richten; Gott ist mein einziger Richter,« hub er an, und sofort trat Stille ein; alle lauschten mit verhaltenem Atem. »Und wie könntet ihr auch Gerechtigkeit walten lassen, wenn ihr keine freien Stimmen habt? Wo ist euer Wille? Ihr seid Sklaven des Zaren und hängt an seinem Munde: was er befiehlt, das werdet ihr tun. Ihr nennt es zwar ein Gericht, in der Tat ist es aber Gesetzlosigkeit und grausamste Tyrannei! Kennt ihr die Fabel, wie der Wolf gegen das Lamm Klage führte? Euer Gericht ist das Gericht des Wolfes. Und wenn ich noch so im Rechte bin, ihr werdet mich in jedem Falle verurteilen. Wenn aber nicht ihr, sondern das ganze russische Volk über mich und meinen Vater zu Gericht säße, so würde es ganz anders zugehen. Ich hatte Mitleid mit dem Volk. Groß, sehr groß ist Zar Peter, aber schwer ist sein Joch: man kann unter ihm gar nicht aufatmen. Wieviel Seelen hat er schon zugrunde gerichtet, wieviel Blut vergossen! Das ganze Land stöhnt und ächzt. Seht ihr es nicht, hört ihr es nicht? ... Was soll ich noch viel reden? Ihr seid kein Senat, sondern leibeigene Knechte des Zaren, Sklavenseelen, alle ohne Ausnahme! ...« Ein Murren der Empörung übertönte die letzten Worte des Zarewitsch. Doch niemand wagte es, ihm Halt zu gebieten. Alle blickten auf den Zaren und warteten, was er sagen würde. Aber der Zar schwieg. Auf seinem erstarrten, gleichsam versteinerten Gesicht zuckte keine Muskel. Nur der Blick seiner brennenden, weit geöffneten Augen war auf den Zarewitsch gerichtet. »Was schweigst du, Väterchen?« wandte sich Alexej plötzlich mit grausamem Lächeln an den Vater. »Oder bist du nicht gewohnt, die Wahrheit zu hören? Hättest du mir doch einfach den Kopf abhauen lassen, dann hätte ich nichts gesagt. Dir ist es aber eingefallen, das Gericht anzurufen, also mußt du, ob du willst oder nicht, hören, was ich sage! Als du mich aus der Protektion des Kaisers zu dir locktest, hast du mir da nicht bei Gott und seinem Gericht geschworen, daß du mir alles verzeihen werdest? Wie ist es jetzt mit diesem Eid? Du hast dich vor ganz Europa mit Schande beladen! Der Selbstherrscher aller Reussen steht als Meineidiger und Lügner da! ...« »Das darf man nicht hören! Majestätsbeleidigung! Er ist von Sinnen! Man führe ihn hinaus! Man führe ihn hinaus!« riefen viele Stimmen durcheinander. Menschikow lief zum Zaren und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Zar schwieg aber noch immer, als ob er in seiner Regungslosigkeit, die wie ein Starrkrampf war, nichts sähe und hörte, und sein lebloses Gesicht war wie das einer Marmorstatue. »Das Blut des Sohnes, das Blut der russischen Zaren wirst du als erster auf dem Schafott vergießen!« begann der Zarewitsch wieder, und es klang, als ob er nicht aus dem Eigenen redete: seine Worte klangen wie eine Prophezeiung. »So komme dieses Blut von Haupt zu Haupt bis zum Haupte des letzten der Zaren, so ertrinke unser ganzes Geschlecht im Blute! ... Gott wird für deine Verbrechen Rußland strafen! ...« Peter bewegte sich langsam, schwerfällig, mit ungeheurer Anstrengung, als ob er sich unter einer entsetzlichen Last erheben wollte; endlich erhob er sich, sein Gesicht verzerrte sich in einem rasenden Krämpfe – als ob das Gesicht der Marmorstatue plötzlich lebendig geworden wäre –, die zusammengepreßten Lippen öffneten sich, und aus seiner Kehle klang es gepreßt und heiser: »Schweig, schweig ... ich werde dich verfluchen! ...« »Du wirst mich verfluchen?« rief der Zarewitsch wie rasend, indem er sich auf den Zaren stürzte und über ihn seine Hände erhob. Alle waren vor Entsetzen wie gelähmt. Man erwartete, daß er den Vater schlagen oder ihm ins Gesicht spucken würde. »Du wirst mich verfluchen? ... Nein, ich werde dich verfluchen! ... Verbrecher, Mörder, Tier, Antichrist! ... Sei verflucht! verflucht! verflucht! ...« Peter fiel in den Sessel zurück und streckte seine Arme aus, als ob er sich gegen den Sohn wehren wollte. Alle sprangen auf. Es entstand eine Panik wie bei einer Feuersbrunst oder bei einem Morde. Die einen schlossen Fenster und Türen; andere liefen aus dem Saale; einige der Anwesenden umringten den Zarewitsch und zogen ihn vom Vater fort; andere eilten dem Zaren zu Hilfe. Diesem war es schlecht geworden. Er hatte wieder einen so heftigen Anfall bekommen, wie vor einem Monat in Peterhof. Die Sitzung wurde geschlossen. Doch in der folgenden Nacht versammelte sich der Höchste Gerichtshof wieder und beschloß, den Zarewitsch foltern zu lassen. V. »Instruktion, wie der Angeklagte zu foltern ist. »Zur Folterung eines Angeklagten ist ein besonderer Platz hergerichtet, der mit einer Palisade umgeben und überdacht sein muß, weil der Folterung die Richter, ein Sekretär und ein Schreiber, der die Aussagen aufzuschreiben hat, beiwohnen müssen. »In der Folterkammer ist eine Wippe aufgestellt, die aus drei Balken besteht, von denen zwei in die Erde eingerammt sind und der dritte quer oben auf ihnen liegt. »Und zur angesetzten Zeit muß der Scharfrichter in die Folterkammer kommen und seine Instrumente mitbringen, welche sind: ein wollenes Kummet, an das ein langer Strick angenäht ist, Knuten und ein Riemen. »Sobald die Richter sich eingefunden haben, soll der Scharfrichter den langen Strick über den Querbalken der Wippe werfen, den zu Folternden ergreifen, seine Arme nach hinten renken, sie in das Kummet stecken und ihn durch eigens dazu angestellte Gehilfen in die Höhe ziehen lassen, so daß der zu Folternde nicht die Erde berühre, sondern an den nach hinten gerenkten Armen in der Luft hänge; dann soll er ihm die Beine mit dem Riemen zusammenbinden und an einen vor der Wippe angebrachten Pfahl befestigen; nachdem er ihn auf diese Weise gestreckt hat, schlägt er ihn mit der Knute, während die Richter ihn über seine Verbrechen befragen und alle seine Worte aufschreiben.« Als man den Zarewitsch am Morgen des 19. Juni in die Folterkammer brachte, wußte er noch nichts vom Gerichtsbeschluß. Der Scharfrichter Kondraschka Tjutjun trat auf ihn zu und sagte ihm: »Zieh dich aus!« Er verstand noch immer nichts. Kondraschka legte ihm die Hand auf die Schulter. Der Zarewitsch sah ihn an und begriff, was er mit ihm vorhatte; er schien aber gar nicht erschrocken zu sein. In seiner Seele gähnte eine Leere. Er fühlte sich wie im Traume; in seinen Ohren klang das Liedchen des alten unheilverheißenden Traumes: Das Feuer brennt, Das Wasser kocht, Man wetzt ein Messer, Um dich zu schlachten ... »Ziehe ihn hoch!« sagte Peter zum Scharfrichter. Der Zarewitsch wurde auf die Wippe gezogen. Man gab ihm fünfundzwanzig Knutenschläge. Nach drei Tagen schickte der Zar Tolstoi zum Zarewitsch. »Heute Nachmittag sollt ihr zu Unserm Sohn gehen, über nachgesetzte Punkte, und was dem anhängig, ihn befragen, und dasselbe zu Unserer Nachricht aufschreiben: 1. Was die Ursache sey, daß Er Uns nicht gehorchen/und dasjenige/was Wir von Ihm verlanget/nicht ins Werck richten/ und also gar nichts thun wollen/was Uns angenehm wäre/ob Er gleich gewußt/daß solches in der Welt nicht der Brauch, und eine Sünde und Schande sey? 2. Warum Er gar keine Furcht vor Uns gehabt, und sich vor der Straffe wegen seiner Ungehorsamkeit nicht gescheuet? 3. Warum Er die Erbfolge durch unrechte und verbothene Wege, nicht aber nach Unsern Verlangen und durch Gehorsam, wie Wir ihm selber gesagt haben/gesucht?« Als Tolstoi in die Kasematte der Trubetzkoj-Bastion, wo der Zarewitsch eingesperrt war, eintrat, lag dieser im Bett. Blumentrost verband ihn, untersuchte die von der Knute verursachten Wunden auf seinem Rücken, nahm die alten Binden ab und legte neue mit kühlenden Umschlägen an. Der Leibarzt hatte den Auftrag, den Zarewitsch so bald als möglich wiederherzustellen, damit man ihn einer neuen Folterung unterziehen könnte. Der Zarewitsch hatte Fieber und phantasierte: »Fjodor Franzowitsch! Fjodor Franzowitsch! Jage sie doch weg, um Christi willen... Siehst du, die Verfluchte schnurrt, schmeichelt, springt mir aber dann auf die Brust, beginnt mich zu würgen und mir das Herz mit den Krallen zu kratzen ...« Plötzlich kam er zu sich und sah Tolstoi an. »Was willst du?« »Ich komme vom Vater.« »Um mich wieder zu foltern?« »Nein, nein, Petrowitsch! Fürchte dich nicht, nicht zur Untersuchung, sondern zur einfachen Befragung ...« »Ich weiß nichts mehr, gar nichts mehr!« stöhnte der Zarewitsch und begann sich hin und her zu werfen. »Laßt mich in Ruhe! Tötet mich, aber quält mich nicht! Und wenn ihr mich töten wollt, so gebt mir Gift oder ein Rasiermesser, – ich will es selbst tun ... Nur rasch, rasch, rasch! ...« »Was fällt dir ein, Zarewitsch! Gott sei mit dir,« begann Tolstoi mit leiser samtweicher Stimme, ihn mit seinen samtweichen Augen betrachtend. »So Gott will, wird noch alles gut werden. Alles wird sich mit der Zeit geben. Es kommt allerlei in der Welt vor. Es ist nichts Ungewöhnliches. Gott hat selbst gelitten und auch uns zu leiden befohlen. Glaubst du vielleicht, daß du mir nicht leid tust, mein Lieber? ...« Er holte seine unvermeidliche Tabakdose mit dem arkadischen Schäfer und der Schäferin aus der Tasche, nahm eine Prise und wischte sich eine Träne aus dem Auge. »Du dauerst mich so, du Ärmster, daß ich für dich gerne meine Seele hingeben würde!« Er beugte sich über ihn und fügte rasch flüsternd hinzu: »Du magst es mir glauben oder nicht, aber ich wünschte dir immer nichts als Gutes und will auch jetzt dein Bestes ...« Plötzlich stockte er und hielt inne vor dem Blick der weitgeöffneten, unbeweglichen Augen des Zarewitsch, der sich langsam von seinen Kissen erhob. »Judas, Verräter! Da hast du für dein Bestes!« Er spuckte Tolstoi ins Gesicht und fiel laut stöhnend – wahrscheinlich hatte sich ein Verband gelöst – in die Kissen zurück. Der Leibarzt eilte ihm zu Hilfe und rief Tolstoi zu: »Geht, laßt ihn in Ruhe oder ich lehne jede Verantwortung ab!« Der Zarewitsch begann wieder zu phantasieren: »Schau nur, wie sie mich anstarrt ... Die Augen brennen wie Kerzen, und der Schnurrbart ist nach oben gedreht ganz wie bei Väterchen ... Mach daß du fortkommst! ... Fjodor Franzowitsch, Fjodor Franzowitsch, jage sie doch fort, um Christi willen! ...« Blumentrost gab ihm Spiritus zu riechen und legte ihm Eisumschläge um den Kopf. Endlich kam er zu sich und blickte Tolstoi wieder an, doch ganz ohne Haß: er hatte offenbar die Beleidigung schon vergessen. »Peter Andrejewitsch, ich weiß ja, daß du ein gutes Herz hast. Erweise mir den Freundschaftsdienst, daß ich ewig für dich zu Gott bete! Erwirke beim Vater, daß ich Afrossja wiedersehe ...« Tolstoi drückte seine Lippen vorsichtig an die verbundene Hand des Zarewitsch Und sprach mit einer Stimme, die vor wirklicher Rührung zitterte: »Ich werde es erwirken, mein lieber, alles will ich für dich tun! wenn du nur die Punkte beantworten wolltest. Es sind ja ihrer nicht viel, nur drei ...« Er las die Fragen, die der Zar mit eigener Hand geschrieben hatte, vor. Der Zarewitsch schloß vor Erschöpfung die Augen. »Was soll ich darauf antworten, Andrejewitsch? Ich habe alles gesagt, Gott sei mein Zeuge! Ich finde keine Worte mehr, und habe auch keine Gedanken im Kopf. Ich bin ganz dumm geworden ...« »Das macht nichts, das macht nichts, Väterchen!« sagte Tolstoi, indem er eilig einen Tisch heranrückte und Papier, Feder und Tinte hervorholte. »Ich will dir diktieren, und du sollst nur schreiben ...« »Kann er schreiben?« wandte sich Tolstoi zum Leibarzt und sah ihn so an, daß dieser in seinem Blicke den unbeugsamen Blick des Zaren erkannte. Blumentrost zuckte die Achseln, brummte in den Bart: »Barbaren!« und nahm von der rechten Hand des Zarewitsch die Binde ab. Tolstoi begann zu diktieren. Der Zarewitsch schrieb mit großer Mühe; er malte schiefe Buchstaben und machte oft Pausen; es schwindelte ihm im Kopfe, und die Feder entfiel seiner Hand. Blumentrost gab ihm dann anregende Tropfen. Doch besser als die Tropfen wirkten die Worte Tolstois: »Du wirst Afroßjuschka wiedersehen, vielleicht wird er dir ganz verzeihen und das Heiraten erlauben! schreibe nur, schreibe, mein Lieber!« Und der Zarewitsch schrieb weiter. »Anno 1718, den 22. Junii antworte ich auf die Punkte, über welche mich der Herr Tolstoi befraget: 1. Die Ursach meines Ungehorsams ist, weil ich von Jugend auff nur mit meiner Hoffmeisterin und Frauen-Zimmer eine Zeitlang umgegangen/und von ihnen nichts gutes, ohne was Stuben Ergötzlichkeiten gewesen/lernen können. Sie haben mich zur Scheinheiligkeit gewöhnet wozu ich ohne dem von Natur incliniret . Mein Herr Vater hat zwar große Sorge vor mich getragen/und befohlen /daß ich sowol die einem Zarischen Prinzen anständige Dinge/ als auch die Teutsche Sprache und andere Wissenschaften lernen sollte/welches mir aber sehr zuwider gewesen/und ich habe alles mit großer Nachlässigkeit gethan umb die Zeit nur zu verliehren/mit einem Worte/ich habe gar keine Luft dazu gehabt. Und weil dazumahl mein Herr Vater offt zu Felde gegangen/und von mir abwesend war/haben die Menschen, die bei mir waren, als sie sahen/ daß ich zu nichts anders/als zu der Scheinheiligkeit inclinirete , auch die Conversation mit Priestern und Mönchen liebete/folglich selbige fleißig besuchte /um mit ihnen einen guten Trunck zu thun; so haben sie mir nicht allein solche nicht verwehret/sondern auch selber dieses mit mir willig gethan. Und sie haben mich auch mehrentheils von meinen Vater abspenstig gemacht/und mit denen obengemelten Ergötzlichkeiten mich erlustiget/und dahero kams/daß ich nach und nach nicht nur für die Kriegssachen und andere Thaten meines Vaters/sondern auch für seiner eigenen Person Abscheu bekam /detzwegen habe auch allezeit von Ihm entfernt zu seyn gesuchet. 2. Daß ich keine Furcht gehabt, und mich vor der Straffe des Ungehorsams nicht gescheuet/solches kam von nichts anders/als meinen verderbten Sitten her/(wie ich selber vor gewiß erkenne) denn ob ich gleich Furcht vor meinen Vater gehabt/war es doch keine rechte kindliche Furcht. 3. Warum ich durch andere Wege und nicht mit Gehorsam die Erb-Folge gesuchet, ist leichtlich zu erachten/weil ich von dem rechten Wege schon gäntzlich abgewichen war/und meinem Vater nirgends folgen wolte/so war ja kein ander Mittel verhanden/zur Negierung zu gelangen/als dasjenige/so ich ergriffen/ich habe durch fremde Hilffe dazu gelangen wollen/und wäre es so weit gekommen/so hätte der Keyser nicht unterlassen/dasselbe ins Werck zu richten/ wie Er mir denn versprochen: auch mit gewaffneter Hand mir zur Russischen Krone zu verhelffen/und alsdann hätte ich nichts geschonet /zur Negierung zu gelangen. Sollte der Keyser hingegen von mir Hilffs-Trouppen wider seinen Feind oder eine große Summe Geldes verlanget haben/hätte ich alles nach seinem willen gethan/ seinen Ministern und Generalen große Geschenke gegeben, und seinen Trouppen/die Er mir zur Hülffe/um den Russischen Thron zu erhalten/geschickt/hätte ich auff meine Unkosten genommen/mit einem Worte/ich hätte nichts geschonet/wenn nur mein Wille wäre erfüllet worden. Alexej.« Nachdem er dies unterschrieben hatte, kam er plötzlich wieder zu sich, als ob er aus einem Fiebertraume erwachte, und gewahrte mit Entsetzen, was er getan hatte. Er wollte aufschreien, daß alles Lüge sei, er wollte das Papier ergreifen und zerreißen. Aber seine Zunge und alle seine Glieder waren gelähmt wie bei einem Scheintoten, der alles hört und fühlt und sich in der Erstarrung des Totenschlafes nicht zu rühren vermag. Ohne ein Glied zu rühren und ohne einen Ton von sich zu geben, sah er zu, wie Tolstoi das Papier zusammenfaltete und in die Tasche steckte. Auf Grund dieser letzten Aussage, die in der Senatssitzung vom 24. Juni verlesen wurde, faßte der Höchste Gerichtshof folgenden Beschluß: »Wir, die unterfertigten Minister, Senatoren und Militär- und Civilbeamte haben uns erkühnet / mit reiffer Überlegung / und nach dem Christlichen Gewissen / ohne Grollen noch Schmeicheley / noch Ansehen der Person / laut derer sich auff diesem Fall schickenden göttlichen Verordnungen des Alten und Neuen Testaments der heiligen Schrifft des Evangelii und der Aposteln / gleich wie auch der Canonen und Regeln derer Conzilien der heiligen Väter und Lehrer der Kirchen; mit zuziehung des Bedenckens der Ertz-Bischöffe und übrigen Geistlichkeit / so auff Seiner Zarischen Majestät höchsten Befehl zu St. Petersburg versammelt worden; Wie auch nicht weniger nach denen Russischen Rechten / und zwar nach denen Satzungen und Krieges- Articulen / welche Rechte mit den Gesetzen vieler andern Staaten / insonderheit derer Alten Römischen und Griechischen Keysern und anderer Christlichen Potentaten übereinkommen / folgendes Urtheil zu fällen und zu beschließen: Daß der Zarewitsch Alexius vor alle oben angeführten Mißhandlungen und Haupt-Verbrechen gegen seines Vaters Majestät / als ein Sohn und Unterthan / am Leben gestraffet zu werden verdienet.« VI. Am gleichen Tag wurde er noch einmal gefoltert. Man gab ihm fünfzehn Knutenschläge, nahm ihn dann aber, ohne die Tortur zu beenden, von der Wippe herunter, weil Blumentrost erklärt hatte, der Zarewitsch sei zu schwach und könne unter der Knute sterben. Nachts ging es ihm so schlecht, daß der wachthabende Offizier erschrak und dem Kommandanten der Festung meldete, der Zarewitsch liege im Sterben; er könne jeden Augenblick ohne Beichte den Geist aufgeben. Der Kommandant schickte zu ihm den Garnisonspopen P. Matfej. Dieser wollte anfangs nicht hingehen und flehte den Kommandanten an: »Entbindet mich davon, Euer Wohlgeboren! Ich bin derartige Dinge nicht gewöhnt. Es ist eine schreckliche Sache, eine Staatssache. Wenn man hinterher zur Verantwortung gezogen wird, kann man sich nicht mehr herauswinden. Ich habe aber Weib und Kinder ... Habt Erbarmen!« Der Kommandant versprach, die ganze Verantwortung auf sich zu nehmen, und P. Matfej faßte sich ein Herz und ging hin. Der Zarewitsch lag bewußtlos da, erkannte niemand und phantasierte. Plötzlich schlug er die Augen auf und blickte P. Matfej an. »Wer bist du?« »Der Garnisonspriester P. Matfej. Man hat mich hergeschickt, dir die Beichte abzuhören.« »Die Beichte abzuhören? warum hast du, ehrwürdiger Vater, einen Kalbskopf? ... Dein Gesicht ist ja mit Wolle bewachsen, und auf der Stirne hast du Hörner...« P. Matfej schwieg und schlug die Augen nieder. »Wie ist es nun, Herr Zarewitsch, wirst du beichten?« sagte er schließlich in der leisen Hoffnung, daß er sich weigern würde. »Kennst du, Pope, den Ukas des Zaren, der euch geistlichen Vätern befiehlt, über jeden Verrat, von dem ihr in der Beichte erfahrt, an die Geheime Kanzlei Anzeige zu erstatten?« »Ich kenne ihn, Eure Hoheit!« »Und wenn ich dir in der Beichte etwas anvertraue, wirst du mich anzeigen?« »Was soll ich tun, Zarewitsch? Wir sind unfreie Menschen... Ich habe ja Weib und Kinder ...« stammelte P. Matfej und sagte sich: Jetzt fängt es an! »Hinaus von hier, hinaus, du Kalbskopf!« schrie der Zarewitsch wütend. »Ein leibeigener Sklave des russischen Zaren! Ihr seid Sklavenseelen, alle ohne Ausnahme! Ihr seid Adler gewesen und seid jetzt Zugochsen geworden! Ihr habt die Kirche dem Antichrist verkauft! Ich will lieber ohne Beichte sterben, als aus deinen Händen das Abendmahl empfangen! ... Es ist das Blut der Schlange und der Leib des Teufels ...« P. Matfej taumelte entsetzt zurück. Seine Hände zitterten so sehr, daß er beinahe den Kelch mit den Sakramenten zu Boden fallen ließ. Der Zarewitsch blickte den Kelch an und wiederholte die Worte des alten Raskolnik: »Weißt du, wem euer Lamm gleicht? Es gleicht einem Hundeaas, das auf den Gassen der Stadt herumliegt! Wenn einer von diesem Abendmahl empfangen hat, so ist es um diesen Menschen geschehen: denn euer Abendmahl ist wie Arsenik oder Sublimat; es verbreitet sich schnell durch Mark und Gehirn und dringt bis zur verderbten Seele; hinterher kann er sich in den Flammen der Hölle wie Kain, der unbußfertige Sünder, ausruhen... Ihr wollt mich vergiften, ich ergebe mich euch aber nicht!« P. Matfej lief aus der Kasematte. Der schwarze Kater sprang dem Zarewitsch an die Kehle, begann ihn zu würgen und ihm das Herz mit den Krallen zu zerfleischen. »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« stöhnte er und warf sich in Todesangst hin und her. Plötzlich hatte er das Gefühl, als ob vor seinem Bett, auf derselben Stelle, wo eben P. Matfej gesessen hatte, jemand anderes säße. Er schlug die Augen auf und blickte hin. Es war ein kleiner Greis mit schlohweißem Haar. Er hielt den Kopf gesenkt, so daß der Zarewitsch sein Gesicht nicht erkennen konnte. Der Greis glich P. Iwan, dem Bewahrer der Kirchengewänder an der Mariä-Verkündigungs-Kathedrale, und zugleich auch dem hundertjährigen Imker, den der Zarewitsch einst in der Tiefe des Nowgoroder Waldgebiets kennengelernt hatte und der immer in seinem Bienengarten zwischen den Bienenstöcken zu sitzen und sich in der Sonne zu wärmen pflegte; der Imker hatte schlohweiße Haare gehabt und nach Wachs und Honig geduftet; auch er hatte Iwan geheißen. »P. Iwan? Oder bist du es, Großvater?« fragte der Zarewitsch. »Ja, ich bin Iwan!« sagte der Alte freundlich mit leisem Lächeln, und seine Stimme klang so sanft wie das Summen von Bienen oder wie fernes Glockengeläute. Vor dieser Stimme wurde es dem Zarewitsch so unheimlich und zugleich so freudig zumute. Er bemühte sich immer, dem Alten ins Gesicht zu blicken, konnte es aber nicht. »Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht, mein Kind! Fürchte dich nicht, mein Teurer!« sagte der Greis noch leiser und noch freundlicher. »Der Herr hat mich zu dir gesandt und kommt bald auch selbst her.« Der Alte hob den Kopf. Und der Zarewitsch erblickte ein ewig jugendliches Antlitz und erkannte den Evangelisten Johannes. »Christ ist erstanden, Aljoschenjka!« »Er ist in Wahrheit erstanden!« antwortete der Zarewitsch, und eine große Freude erfüllte sein Herz, wie damals bei der Ostermesse in der Dreifaltigkeitskathedrale. Johannes hielt in den Händen etwas, das wie die Tonne war: es war der Kelch mit dem Leib und dem Blut. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Er reichte dem Zarewitsch das Abendmahl. Und die Sonne trat in seinen Leib, und es war ihm, als gäbe es keine Trauer und keine Angst mehr, keinen Schmerz und keinen Tod, nur ein ewiges Leben, die ewige Sonne, Christus. VII. Als Blumentrost am nächsten Morgen den Kranken untersuchte, mußte er staunen: das Fieber war verschwunden, und die Wunden hatten sich geschlossen; die Besserung war so plötzlich gekommen, daß sie wie ein Wunder erschien. »Nun, Gott sei Lob und Dank,« freute sich der Deutsche. »Bis zur Hochzeit wird er nun ganz gesund werden!« Diesen ganzen Tag über fühlte sich der Zarewitsch recht wohl, und der Ausdruck einer stillen Freude wich nicht von seinem Gesicht. Um die Mittagsstunde verkündete man ihm das Todesurteil. Er hörte es ruhig an, bekreuzigte sich und fragte, an welchem Tage die Hinrichtung vollzogen werden sollte. Man antwortete ihm, daß der Tag noch nicht festgesetzt sei. Man brachte ihm das Mittagessen. Er aß mit gutem Appetit. Dann bat er, das Fenster zu öffnen. Der Tag war frisch und sonnig wie im Frühjahre. Der Wind brachte den Duft von Gras und Wasser herbei. Dicht unter dem Fenster der Kasematte wuchs in den Ritzen der Festungsmauer gelber Löwenzahn. Er blickte lange Zeit zum Fenster hinaus; draußen flogen Schwalben mit lustigen Schreien vorbei; durch das Gefängnisgitter hindurch erschien der Himmel so blau und so tief, wie er es in der Freiheit niemals ist. Gegen Abend beleuchtete die Sonne die weiße Mauer am Kopfende seines Bettes. Und wieder glaubte er, in diesen Strahlen den schlohweißen Greis mit dem jugendlichen Gesicht, dem stillen Lächeln und dem sonnengleichen Kelch in den Händen zu sehen. Und während er ihn anblickte, schlief er so ruhig und so süß ein, wie er lange nicht geschlafen hatte. Am nächsten Tage, Donnerstag, den 26. Juni, um acht Uhr früh waren in der Garnisonsfolterkammer wieder der Zar, Menschikow, Tolstoi, Dolgorukij, Schafirow, Apraxin und die übrigen Minister versammelt. Der Zarewitsch war so schwach, daß man ihn aus der Kasematte in die Folterkammer tragen mußte. Man befragte ihn wieder: »Was hast du noch auf dem Herzen? Hast du jemanden falsch beschuldigt oder einen Mitverschworenen verschwiegen?« Aber er antwortete nicht mehr. Man zog ihn auf die Wippe. Wieviel Knutenschläge er bekam, wußte niemand. Man schlug ihn ohne zu zählen. Nach den ersten Schlägen wurde er plötzlich ganz still, hörte zu stöhnen und zu ächzen auf, nur seine Muskeln spannten sich an, als ob sie erstarrt wären. Das Bewusstsein schien ihn aber nicht verlassen zu haben. Sein Blick war klar und sein Gesicht ruhig, obwohl in dieser Ruhe etwas lag, das selbst diejenigen, die gewohnt waren, Torturen zu sehen, mit Grauen erfüllte. »Man darf ihn nicht weiter schlagen, Majestät!« raunte Blumentrost dem Zaren zu. »Er kann noch sterben. Es ist auch zwecklos. Er fühlt nichts mehr: es ist die Katalepsie ...« »Was?« Der Zar blickte seinen Leibarzt erstaunt an. »Katalepsie ist ein Zustand ...« begann dieser deutsch zu erklären. »Du bist selbst eine Katalepsie, Dummkopf!« unterbrach ihn Peter und wandte sich von ihm ab. Der Scharfrichter hielt einen Augenblick inne, um Atem zu holen. »Was schläfst du? Haue zu!« rief der Zar. Der Scharfrichter fing wieder an zu schlagen. Aber dem Zaren kam es vor, als ob er mit Absicht die Wucht der Knutenschläge abschwäche, weil ihn der Zarewitsch dauerte. Peter glaubte, in den Gesichtern aller Anwesenden Mitleid und Empörung zu lesen. »Hau zu!« schrie er wieder. Er sprang auf und stampfte voller Wut mit den Füßen. Alle blickten ihn entsetzt an: man glaubte, er sei von Sinnen. »Hau zu, mit voller Kraft, sage ich dir! Oder hast du es verlernt?« »Ich haue ja. Wie soll ich denn anders hauen?« brummte Kondraschka in den Bart und hielt wieder inne. »Nach russischer Art hauen wir, bei den Deutschen haben wir es nicht gelernt. Wir sind rechtgläubige Christenmenschen. Es ist gar nicht schwer, sich eine Sünde auf die Seele zu laden. Man kann einen leicht zu Tode schlagen. Er atmet ja kaum, der Ärmste! Er ist doch kein Vieh, sondern ein Christenmensch!« Der Zar lief auf den Scharfrichter zu. »Warte nur, du Teufelssohn, ich werde dich selbst so durchhauen, daß du es lernst!« »Lehre es mich, Zar, lehre mich, ich bin ja in deiner Gewalt!« erwiderte der Scharfrichter und sah den Zaren finster an. Peter entriß die Knute den Händen des Scharfrichters. Alle stürzten sich auf den Zaren, um ihn zurückzuhalten, aber es war schon zu spät. Er holte mit der Knute aus und schlug den Sohn mit aller Kraft. Seine Schläge waren ungeschickt, doch so furchtbar, daß sie alle Knochen zermalmen konnten. Der Zarewitsch wandte sich nach seinem Vater um und blickte ihn so an, als ob er ihm etwas sagen wollte. Dieser Blick erinnerte Peter an den Blick des dunklen Antlitzes unter der Dornenkrone auf der alten Ikone, vor der er einst zu dem Vater mit Umgehung des Sohnes betete. Vor Entsetzen bebend, fragte er sich: »Was soll das bedeuten: der Sohn oder der Vater?« Und wieder war es ihm, als ob sich vor seinen Füßen ein Abgrund auftäte und ihm daraus ein kalter Hauch entgegenwehte, vor dem sich seine Haare sträubten. Er beherrschte sich, holte noch einmal mit der Knute aus, fühlte aber an seinen Fingern das Blut, das an der Knute klebte und warf sie angeekelt von sich. Alle scharten sich um den Zarewitsch, nahmen ihn von der Wippe und legten ihn auf den Fußboden. Peter ging auf seinen Sohn zu. Der Zarewitsch lag da, den Kopf in den Nacken zurückgeworfen; seine Lippen waren halb geöffnet und schienen zu lächeln; sein Gesicht war heiter, rein und jung wie bei einem fünfzehnjährigen Knaben. Er blickte den Vater wieder so an, als ob er ihm etwas sagen wollte. Peter kniete nieder, beugte sich zum Sohn herab und umschlang seinen Kopf mit den Händen. »Es ist nichts, es ist nichts, mein Teurer!« flüsterte der Zarewitsch. »Mir ist wohl, alles ist gut. Gottes Wille geschehe in allen Dingen.« Der Vater drückte seine Lippen an die des Sohnes. Dieser war aber ganz schwach und sank wie leblos in seinen Armen hin; seine Augen wurden trübe, sein Blick erlosch. Peter erhob sich schwankend. »Wird er sterben?« fragte er den Leibarzt. »Vielleicht lebt er noch bis zum Abend,« erwiderte Blumentrost. Alle liefen auf den Zaren zu und führten ihn aus der Folterkammer fort. Peter war plötzlich ganz schwach, still und gehorsam wie ein Kind geworden: er ging, wohin man ihn führte, und machte alles, was man von ihm verlangte. Im Vorraum der Folterkammer bemerkte Tolstoi, daß die Hände des Zaren blutig waren. Er ließ ein Waschbecken bringen, und der Zar wusch sich gehorsam die Hände. Das Wasser färbte sich rosa. Man führte ihn aus der Festung, setzte ihn in eine Schaluppe und brachte ihn ins Palais. Tolstoi und Menschikow wichen nicht von seiner Seite. Um ihn abzulenken und zu zerstreuen, sprachen sie von allen möglichen Dingen. Er hörte ihnen ruhig zu und gab vernünftige Antworten. Er faßte Beschlüsse und unterschrieb Papiere, später konnte er sich aber nicht mehr erinnern, was er in diesen Stunden getan hatte, als ob er diese Zeit im Traume oder in einer Ohnmacht verbracht hätte. Er erwähnte den Sohn mit keinem Worte und schien ihn ganz vergessen zu haben. Doch um die sechste Abendstunde meldete man Tolstoi und Menschikow, daß der Zarewitsch im Sterben liege, und sie mußten es dem Zaren mitteilen. Er hörte die Meldung zerstreut an, als verstünde er gar nicht, worum es sich handelte. Dennoch stieg er wieder in die Schaluppe und fuhr nach der Festung. Man hatte den Zarewitsch aus der Folterkammer in die Kasematte getragen und aufs Bett gelegt. Er war nicht wieder zum Bewußtsein gekommen. Der Zar und die Minister traten in das Zimmer des Sterbenden. Als sie erfahren hatten, daß er noch nicht mit den heiligen Sakramenten versehen war, begannen sie unruhig und ratlos hin und her zu laufen. Schließlich schickte man nach dem Protopopen der Kathedrale, dem P. Georgij. Dieser kam ganz außer Atem, mit ebenso erschrockenem Ausdruck, wie ihn die andern hatten, herbeigelaufen, holte aus dem Ciborium die heiligen Sakramente hervor, nahm dem Zarewitsch die stille Beichte ab, murmelte die Absolutionsgebete, ließ dann den Kopf des Sterbenden hochheben und hielt ihm den Kelch und den Löffel dicht vor die Lippen. Seine Lippen und Zähne waren aber zusammengepreßt. Der goldene Löffel stieß klirrend an die Zähne und zitterte in der Hand des P. Georgij. Das heilige Blut tropfte auf das Beichttuch. Alle Gesichter drückten Entsetzen aus. Durch das gefühllose Gesicht Peters huschte plötzlich ein zorniger Gedanke. Er ging auf den Priester zu und sagte ihm: »Laß es, es ist nicht nötig.« Und dem Zaren kam es vor, als ob der Sterbende ihm zum Abschied zulächelte. Um die gleiche Stunde wie am vorigen Tage beleuchtete die Sonne an der gleichen Stelle, am Kopfende des Zarewitsch die weiße Mauer. Der schlohweiße Greis hielt in den Händen den sonnengleichen Kelch. Die Sonne erlosch. Der Zarewitsch holte tief Atem wie ein einschlafendes Kind. Der Leibarzt befühlte seinen Puls und flüsterte Menschikow etwas ins Ohr. Dieser bekreuzigte sich und verkündete feierlich: »Seine Hoheit der Zarewitsch Alexej Petrowitsch ist im Herrn entschlafen.« Alle bis auf den Zaren knieten nieder. Er blieb unbeweglich. Sein Gesicht war lebloser als das des Verstorbenen. VIII. »In Rußland wird alles einmal mit einem schrecklichen Aufstand enden, und die Selbstherrschaft wird fallen, denn Millionen schreien zu Gott gegen den Zaren,« schrieb der hannöversche Resident Weber aus Petersburg, indem er über den Tod des Zarewitsch meldete. »Des Kronprinzen Tod ist nicht durch den Schlagfluß verursacht. Dagegen geht die Rede, daß er durch einen Schlag des Schwertes oder Beiles umgekommen sei,« meldete der kaiserliche Resident Pleyer. »Denn am Tage seines Todes wurde kein Mensch in die Festung gelassen, und diese wurde gegen Abend gesperrt. Ein holländischer Zimmermann, welcher auf dem neuen Turm der Festung arbeitete und unbemerkt über Nacht dort schlafen geblieben, soll abends heruntergeschaut und in dem Peinhaus einige Menschen köpfen gesehen haben; er erzählte dieses seiner Schwiegermutter, einer Hebamme, und diese dem holländischen Residenten. Der Leichnahm lag auch in einem schlechten Sarg, der Kopf etwas verdeckt und war ihm ein Tuch, als zum Variieren um das Kinn mit Falten um den Hals gelegt.« Der holländische Resident Jakob de Bie berichtete den Generalstaaten, daß man den Tod des Zarewitsch durch Offnen der Adern herbeigeführt habe und daß man in Petersburg einen Aufstand befürchte. Die Briefe der auswärtigen Residenten wurden auf dem Postamt geöffnet und dem Zaren vorgelegt. Jakob de Brie wurde verhaftet, in die Gesandtenkanzlei geschleppt und peinlich befragt. Man verhaftete auch den holländischen Zimmermann, der auf dem Turme der Peter-Pauls-Festung gearbeitet hatte, sowie seine Schwiegermutter, die Hebamme. Um alle diese Gerüchte zu widerlegen, wurde im Namen des Zaren an die russischen Residenten bei den auswärtigen Höfen folgende von Schafirow, Tolstoi und Menschikow abgefaßte Note über den Tod des Zarewitsch gesandt: »Nachdem das Todesurteil gefallt und dem Zarewitsch mitgeteilt worden war, konnten wir in dem Kampfe zwischen dem väterlichen Mitleid einerseits und der Sorge für die Integrität und Sicherheit Unseres Staates andererseits keinen Beschluß fassen. Gott aber löste diese Zweifel, indem er durch eine schwere der Apoplexie ähnliche Krankheit, welche den Zarewitsch nach Vernehmung des über ihn gefällten Todesurteils befiel, seinem Leben ein Ziel setzte. Der Zarewitsch war zuletzt wieder bei Besinnung, nahm das Abendmahl, bat Uns zu sich; ohne des Uns durch ihn veranlaßten Verdrusses zu gedenken, verfügten wir Uns mit den Ministern und Senatoren zu ihm; er bekannte alle seine Verbrechen mit Ruhe und Tränen, bat Uns um Verzeihung, und wir gewährten dieselbe nach christlicher Elternpflicht; so beschloß er am 26. Juni gegen 6 Uhr nachmittags christlich sein Leben.« Der auf den Todestag des Zarewitsch folgende 27. Juni, der neunte Jahrestag der Schlacht bei Poltawa, wurde in der gewohnten Weise gefeiert: man hißte auf der Festung die gelbe Triumphstandarte mit dem schwarzen Adler, zelebrierte in der Dreifaltigkeitskathedrale eine Messe, schoß Salut, veranstaltete auf dem Posthofe ein Festmahl und vergnügte sich »wie es sich gehört« des Nachts im Sommergarten, in der offenen Galerie über der Newa, zu Füßen der Venus von Petersburg, zu den Tönen der zarten Musik, die wie Liebesseufzer aus dem Reiche der Venus klangen: Cupido, laß den Pfeil, wir sind ja nicht mehr heil ... In der gleichen Nacht wurde der Leichnam des Zarewitsch eingesargt und aus der Festungskasematte in ein leerstehendes hölzernes Haus in der Nähe der Wohnung des Festungskommandanten gebracht. Am Morgen wurde die Leiche in der Dreifaltigkeitskathedrale aufgebahrt und »man gestattete den Menschen aller Stände, und jedem, der es wollte, zum Zarge des Zarewitsch zu kommen, seine Leiche zu sehen und von ihm Abschied zu nehmen.« Sonntag den 29. Juni war wieder ein Fest: es war der Namenstag des Zaren. Man zelebrierte wieder eine Messe, schoß Salut, läutete mit allen Glocken und aß im Sommerpalais zu Mittag; am Abend begab man sich in die Admiralität, wo eine neue Fregatte namens »Alte Eiche« vom Stapel lief; auf dem Schiffe wurde das übliche Zechgelage abgehalten; nachts brannte man ein Feuerwerk ab und belustigte sich wieder »wie es sich gehört«. Am Montag den 30. Juni fand die Beisetzung des Zarewitsch statt. Der Trauergottesdienst war höchst feierlich. Er wurde vom Metropoliten von Rjasan, Stephan, dem Bischof von Pskow, Feofan, sechs andern Bischöfen, zwei Metropoliten aus Palästina, mehreren Archimandriten, Protopopen, Hieromonachen, Hierodiakonen und achtzehn Pfarrern abgehalten, auch der Zar, die Zarin, die Minister, die Senatoren und alle höheren Militär- und Zivilchargen wohnten dem Totenamte bei. Eine unzählige Volksmenge drängte sich um die Kirche. Der mit schwarzem Samt ausgeschlagene Sarg stand auf einem hohen Katafalk unter einem Baldachin aus goldenem und weißem Brokat. vier Sergeanten des Preobrashenskij-Leibgarderegiments mit blanken Degen hielten die Ehrenwache. Vielen Würdenträgern schmerzte noch der Kopf vom gestrigen Zechgelage. Die Lieder der Hofnarren klangen ihnen noch in den Ohren: Mutter hat mich einst im Rausch geboren, In der Schenke wurde ich getauft ... An diesem strahlenden Sommertage machten die trüben Flammen der Beerdigungskerzen und die leisen Töne des Grabgesanges einen besonders düsteren Eindruck: »Mit den Heiligen lasse ruhen, Christus, die Seele deines Knechtes, an der Stätte, wo kein Schmerz, und kein Gram, und kein Stöhnen ist, sondern ewiges Leben.« Traurig klang die Stimme des Diakons: »Noch beten wir um den Frieden für die Seele des entschlafenen Unechtes Gottes Alexej, daß ihm jede gewollte und jede ungewollte Sünde vergeben werde.« Dumpf verhallte das Weinen des Chors: »Wir weinen über seinem Grabe und singen ein Halleluja!« Plötzlich begann in der Menge jemand zu weinen, und alle waren erschüttert, als der letzte Gesang angestimmt wurde: »Die ihr mich stumm und ohne Atem liegen seht, kommt alle, die ihr mich liebt, und küßt mich mit dem Abschiedskuß.« Als erster trat der Metropolit Stephan vor den Sarg, um sich zu verabschieden. Der Greis konnte sich kaum auf den Beinen halten. Zwei Protodiakonen stützten ihn von beiden Leiten. Er küßte dem Zarewitsch die Hand und die Stirne, beugte sich dann über ihn und sah ihm lange ins Gesicht. Stephan begrub in ihm alles, was ihm lieb und wert war – das ganze alte Moskau, das Patriarchat, die Freiheit und die Größe der alten Kirche und seine letzte Hoffnung, »Die Hoffnung Rußlands«. Nach den Geistlichen stieg der Zar die Stufen zum Katafalk empor. Sein Gesicht war ebenso leblos wie an allen vorhergehenden Tagen. Er blickte dem Sohn ins Gesicht. Es war heiter und jugendlich und schien nach dem Tode noch heiterer und noch jugendlicher geworden zu sein. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln, das zu sagen schien: Alles ist gut, der Wille Gottes geschehe in allen Dingen. Durch das unbewegliche Gesicht Peters ging ein Zucken und Beben, als ob sich darin etwas langsam, mit größter Anstrengung enthüllen wollte; endlich kam es zum Durchbruch, und das tote Gesicht wurde lebendig und heiter, gleichsam vom Lichte, das das Gesicht des Verstorbenen ausstrahlte, beschienen. Peter beugte sich zum Sohne und drückte seinen Mund an dessen kalte Lippen. Dann hob er die Augen gen Himmel, – alle sahen, daß er weinte, – bekreuzigte sich und sagte: »Gottes Wille geschehe in allen Dingen.« Jetzt wußte er, daß der Sohn ihn vor dem Ewigen Gerichte rechtfertigen und ihm dort erklären würde, was er hier nicht verstehen konnte: was der Sohn und was der Vater bedeutete. IX. Dem Volke wurde ebenso wie den fremden Höfen mitgeteilt, daß der Zarewitsch am Schlagflusse gestorben sei. Aber das Volk wollte daran nicht glauben. Die einen meinten, der Vater hätte ihn zu Tode geprügelt. Andere schüttelten mißtrauisch den Kopf und sagten: »Es ist doch gar zu schnell gekommen!« Und andere wiederum behaupteten auf das bestimmteste, in den Sarg wäre statt des Zarewitsch die Leiche irgend eines Leibgarde-Sergeanten, der ihm ähnlich gesehen habe, gelegt worden, der Zarewitsch selbst aber sei am Leben, wäre vor dem Vater entweder in eine Einsiedelei hinter der Wolga oder in ein Kosakendorf in der Steppe, an die »freien Ströme« geflohen und halte sich dort verborgen. Nach einigen Jahren tauchte im Kosakendorfe Jamenskaia am Flusse Busuluk ein gewisser Timofej Trushenik, das ist »Arbeiter«, auf, dem Aussehen nach Bettler und Vagabund, der auf die Fragen, wer er sei und woher er stamme, ganz offen erklärte: »Ich komme aus den Wolken, aus der Luft. Mein Vater ist der Bettelstab, meine Mutter die Bettlertasche. Man nennt mich Arbeiter, weil ich für Gott und für eine große Sache arbeite.« Im geheimen sagte er aber über sich selbst: »Ich bin kein Bauer und kein Bauernsohn; ich bin der Sohn eines Adlers und werde selbst ein Adler sein! Ich bin der Zarewitsch Alexej Petrowitsch. Auf dem Rücken habe ich ein Muttermal in Gestalt eines Kreuzes und an der Lende eines in Gestalt eines Degens.« Und die andern sagten über ihn: »Er ist kein einfacher Mensch. Er wird es noch so weit bringen, daß die ganze Erde zittern wird! ...« In den Zetteln, die er in den Kosakendörfern heimlich verbreiten ließ, hieß es: »Gelobt sei unser Gott! Wir, der Zarewitsch Alexej Petrowitsch machen uns auf, um die Gesetze unserer Väter und Großväter wieder aufzurichten. Wir stützen uns auf euch Kosaken wie auf eine Mauer von Stein, damit ihr für den alten Glauben und das gemeine Volk eintretet und alles wieder so herstellet, wie es in der Zeit unserer Vorfahren war. Kommt zu uns ihr alle, Nackte und Hungernde, heimatlose Barkenzieher und Vagabunden, wo ihr auch unsere Stimme vernehmet, eilt Tag und Nacht zu uns!« Der »Arbeiter« wanderte durch die Steppen, sammelte eine Freischar um sich und versprach, »eine Stadt zu finden, in der das Zeichen der Muttergottes, das wahrhafte Evangelium, das Kreuz und die Banner Alexanders von Mazedonien ruhten. Und er, der Zarewitsch Alexej Petrowitsch, werde unter diesen Bannern regieren; und dann würde das Ende der Zeiten kommen und der Antichrist erscheinen; und er, der Zarewitsch, würde gegen die ganze feindliche Macht und gegen den Antichrist selbst kämpfen.« Der »Arbeiter« wurde verhaftet, gefoltert und für die Führung eines falschen Namens und Titels geköpft. Aber das Volk glaubte nach wie vor, daß der wahre Zarewitsch Alexej Petrowitsch, wenn seine Stunde geschlagen habe, erscheinen, den Thron seiner Vorfahren besteigen, alle Bojaren hinrichten und das gemeine Volk mit Gnaden überschütten würde. So blieb er auch nach seinem Tode für das Volk die »Hoffnung Rußlands«. X. Nach Beendigung des Prozesses gegen den Zarewitsch begab sich Peter an der Spitze einer aus 22 Kriegsschiffen bestehenden Flotte am 8. August aus Petersburg zur See nach Reval. Das Zarenschiff war die eben auf der Admiralitätswerft vom Stapel gelassene Fregatte »Alte Eiche«, das erste Schiff, das nach den Plänen des Zaren ohne Hilfe von Ausländern, ganz aus russischem Holze und nur von russischen Arbeitern erbaut worden war. Eines Abends, bei der Ausfahrt aus dem Finnischen Meerbusen in das Baltische Meer, stand Peter am Steuer und lenkte das Schiff. Der Abend war stürmisch. Schwere, schwarze, gleichsam eiserne Wolken lagerten tief über den schweren, schwarzen, eisernen Wellenkämmen. Die See ging hoch. Bleiche Schaumfetzen stiegen auf wie bleiche Arme wütend drohender Gespenster. Die Wellen schlugen zuweilen über Bord und überschütteten mit ihrem salzigen Regen alle, die auf dem Deck standen, besonders aber den Zaren-Steuermann. Seine Kleidung war durchnäßt; die eiskalte Feuchtigkeit drang ihm durch Mark und Bein; der eiskalte Wind schlug ihm ins Gesicht. Doch er fühlte sich, wie immer auf der See, rüstig, stark und freudig erregt. Er blickte gespannt in die dunkle Ferne und lenkte das Schiff mit fester Hand. Der ganze Riesenkörper der Fregatte zitterte unter dem Ansturm der Wellen; aber die »Alte Eiche« war fest gebaut und gehorchte dem Steuer wie ein gutes Pferd dem Zügel; sie sprang von Welle zu Welle, tauchte zuweilen in den grauen Gischt unter, so daß man glaubte, sie würde nicht wieder zum Vorschein kommen, tauchte aber jedesmal wieder triumphierend empor. Peter dachte an seinen Sohn. Zum erstenmal erschien ihm alles als die Vergangenheit; er dachte an sie mit großer Trauer, doch ohne Knast, ohne Pein und ohne Reue, denn er sah auch hierin, wie in seinem ganzen Leben, den Willen einer höheren Macht. »Groß, sehr groß ist Zar Peter, aber schwer ist sein Joch. Man kann unter ihm gar nicht aufatmen. Die ganze Erde stöhnt und ächzt!« Diese Worte seines Sohnes vor dem Senat fielen ihm jetzt ein. –Wie ist es nun? – dachte sich Peter. – Der Amboß muß unter dem Hammer stöhnen. Er, der Zar war in der Hand Gottes der Hammer, mit dem Er Rußland schmiedete. Mit einem fürchterlichen Schlage hatte er es geweckt, wäre er nicht gekommen, so hätte es auch jetzt noch seinen Totenschlaf geschlafen. Und was wäre geschehen, wenn der Zarewitsch am Leben geblieben wäre? Früher oder später wäre er zur Negierung gekommen, hätte den Popen und Mönchen, »den langen Bärten«, ihre Macht wieder gegeben, und diese hätten den Staatswagen wieder von Europa nach Asien gelenkt, das Licht der Aufklärung ausgelöscht, und Rußland wäre zugrunde gegangen. »Es kommt ein Sturm!« sagte der alte holländische Steuermann, an den Zaren herantretend. Dieser erwiderte nichts und fuhr fort, gespannt in die Ferne zu blicken. Es wurde rasch dunkel. Die schwarzen Wolken senkten sich immer tiefer zu den schwarzen Wogen herab. Plötzlich blitzte unten am Himmelsrande in einem schmalen Spalt zwischen den Wolken die Sonne auf, grell und rot wie Blut, das aus einer Wunde hervorbricht. Und die eisernen Wogen erschienen wie in Blut getaucht, wunderbar und grauenvoll war dieses blutige Meer. »Blut! Blut!« dachte Peter, und die Prophezeiung des Sohnes fiel ihm ein: »So komme dieses Blut von Haupt zu Haupt bis zum Haupte des letzten der Zaren, so ertrinke unser ganzes Geschlecht im Blute. Gott wird für deine Verbrechen Rußland strafen!« »Nein, Herr!« betete Peter wieder wie damals vor der alten Ikone mit dem dunklen Antlitz unter der Dornenkrone, mit Umgehung des Sohnes zum Vater, der den Sohn zum Opfer brachte. »So soll es nicht kommen! Sein Blut falle auf mich, auf mich allein! Strafe mich, Gott, und begnadige Rußland!« »Es kommt ein Sturm!« wiederholte der alte Steuermann, denn er glaubte, der Zar hätte ihn nicht gehört. »Ich habe es Eurer Majestät schon früher gesagt, daß man umkehren sollte ...« »Fürchte dich nicht,« erwiderte Peter lächelnd. »Fest ist unser neues Schiff: es wird dem Sturme standhalten. Gott ist mit uns!« Und mit fester Hand lenkte der Steuermann sein Schiff durch die eisernen und blutigen Wogen in die unbekannte Ferne. Die Sonne sank, Finsternis brach herein, und der Sturm heulte.   Epilog. Der kommende Christus. I. »Unser Glaube ist nicht der wahre, und es lohnt sich gar nicht, für ihn einzutreten. Oh, könnte ich doch den wahren Glauben finden, und wenn ich auch meinen Leib zerstückeln lassen müßte!« An diese Worte eines frommen Pilgers, der jeden Glauben kennengelernt und keinen von ihnen angenommen hatte, mußte Tichon oft auf seinen endlosen Wanderungen denken. Einmal im Spätherbst sagte ihm im Petschorskij-Kloster zu Nishnij-Nowgorod, wo er sich zum Ausruhen einige Zeit aufhielt und als Bücherabschreiber wirkte, einer der Mönche, P. Nikodim, mit dem er sich unter vier Augen über Glaubenssachen unterhielt: »Ich weiß, was du suchst, mein Sohn. In Moskau leben kluge Menschen. Und sie besitzen das Wasser des Friedens. Wenn du von diesem Wasser trinkst, wirst du nie wieder Durst verspüren. Gehe zu diesen Leuten. Wenn sie dich dieser Gnade für würdig halten, so werden sie dir ein großes Geheimnis enthüllen ...« »Was für ein Geheimnis?« fragte Tichon mit Gier. »Übereile dich nicht, mein Lieber,« entgegnete der Mönch streng und zugleich freundlich. »Wenn du dich übereilst, kannst du dich leicht lächerlich machen. Wenn du dieses Geheimnisses teilhaftig werden willst, so mußt du das Gelübde des Schweigens auf dich nehmen. Was du auch zu sehen und zu hören bekommst, sollst du für dich behalten. ›Denn ich werde das Geheimnis weder deinen Feinden verraten, noch dich mit dem Judasküsse küssen.‹ Verstehst du mich?« »Ich verstehe dich, ehrwürdiger Vater. Stumm wie ein Toter will ich sein ...« »So ist es gut«, fuhr P. Nikodim fort. »Ich will dir ein Brieflein an den Kaufmann Parfen Paramonowitsch Saffiannikow mitgeben, der in Moskau mit Mehl handelt. Du wirst ihm meinen Gruß ausrichten und ein kleines Geschenk mitbringen, ein Fäßchen Schellbeeren aus Kershenetz. Wir sind alte Freunde und Gevattern. Er wird dich bei sich aufnehmen. Du bist geschickt im Rechnen, und er braucht gerade einen solchen Burschen in seinem Geschäft. Willst du dich gleich auf den Weg machen oder bis zum Frühjahr warten? Der Winter steht ja vor der Tür. Deine Kleidung ist schlecht, und du kannst leicht erfrieren!« »Nein, Vater, ich will gleich hingehen!« »Geh also mit Gott, mein Sohn!« P. Nikodim gab Tichon seinen Segen auf den Weg und händigte ihm das versprochene Brieflein ein, das er ihm durchzulesen erlaubte. »An meinen vielgeliebten Bruder in Christo Parfen Paramonowitsch – die Gnade Gottes sei mit dir! – »Dies ist der Jüngling Tichon. Von trockenem Brote wird er nicht satt und will weiche Kuchen essen. Labe den Hungernden. Der Frieden und die Gnade Gottes sei mit euch allen. Der demütige P. Nikodim.« Sobald sich die Schlittenbahn eingestellt hatte, schloß sich Tichon einem Fischtransport an, der von Makarjew nach Moskau zog. Die Mehlhandlung Saffiannikows befand sich an der Ecke der Dritten Miestschanskaja-Straße und des kleinen Ssucharew-Platzes. Man nahm hier Tichon trotz des Briefes des P. Nikodim argwöhnisch auf. Um ihn zu prüfen, stellte man ihn zunächst als Gehilfen des Hausknechts zur Verrichtung ganz grober Arbeiten an. Als man aber sah, daß er ein nüchterner und fleißiger Bursche war und gut rechnete, versetzte man ihn in den Laden und betraute ihn mit der Buchführung. Der Laden war wie jeder andere Laden. Man kaufte und verkaufte und sprach über Verluste und Gewinne. Nur ab und zu flüsterte man in den Winkeln. Eines Tages stimmte der Lastträger Mitjka, ein einfältiger, plumper, über und über mit Mehlstaub bedeckter Riese, während er auf dem Rücken einen Sack Mehl schleppte, in Tichons Gegenwart ein seltsames Lied an: Es geschah in unsrem heil'gen Russenland, Hier in Moskau, das aus weißem Stein erbaut, In der Dritten Straße, der Mjestschanskaja, Daß zwei helle Sonnen sich begegneten, Daß zwei liebe Gäste sich erfreueten. Der erlauchte Iwan Timofejemitsch Sprach zum Gaste Daniel Filipporuitsch: »Gott zum Gruße, Herr, denn du hast wohl getan, Daß du mich in meinem Zarenschloß besuchst Und von meinem Salz und meinem Brote ißt. Und ich hör mit Freude zu, wenn du erzählst von der letzten Zeit, deinem jüngsten Tag, Deinem Strafgericht, das der Welt du bringst!« »Mitja, Mitja, wer sind diese Daniel Filippowitsch und Iwan Timofejewitsch?« fragte Tichon. Mitjka war von dieser Frage überrascht. Unter der Last eines riesengroßen Sackes zusammengekrümmt, blieb er stehen und glotzte Tichon erstaunt an: »Rennst du denn den Herrn Zebaoth und Christus nicht?« »Wie kommen denn der Herr Zebaoth und Christus auf die Dritte Miestschanskaia-Straße?« fragte Tichon mit noch größerem Erstaunen. Mitjka hatte sich aber schon von seiner Überraschung erholt und brummte mürrisch, indem er seinen Sack weiterschleppte: »Wenn du zu viel wissen wirst, so wirst du früh alt werden ...« Bald darauf bekam Mitjka Schmerzen im Kreuz; er hatte sich wohl beim Sacktragen überanstrengt. Nun lag er ganze Tage in seiner Kellerstube, ächzte und stöhnte. Tichon besuchte oft den kranken, gab ihm Salbeischnaps zu trinken, rieb ihn mit Kampfergeist und andern Arzneien ein, die er sich von einem ihm bekannten deutschen Apotheker geben ließ, und schaffte ihn aus dem feuchten Keller zu sich in seine warme Kammer, die sich im zweiten Stock über dem Mehlspeicher befand. Mitjka hatte ein gutes Herz. Er gewann Tichon lieb und wurde in seinen Gesprächen etwas offener. Aus diesen Gesprächen und den Liedern, die Mitjka in seiner Gegenwart sang, erfuhr Tichon, daß zu Beginn der Regierung des Zaren Alexej Michailowitsch, im Starodub'schen Bezirke des Murom'schen Landkreises, im Jegorjew'schen Kirchspiele in der Nähe der Dörfer Michailiza und Bobynino auf dem Berge Gorodino vor einer großen Menschenschar der Herr Jebaoth selbst mit allen seinen Engeln, Erzengeln, Cherubim und Leraphim in einem Feuerwagen herniedergefahren war. Die Engel flogen wieder in den Himmel, der Herr aber blieb auf Erden und zog in den reinen Leib des flüchtigen Soldaten Danilo Filippowitsch; den leibeigenen Bauern Iwan Timofejewitsch erklärte er aber für seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus. Und dann zogen sie als Bettler durch die Lande. Auf der Flucht vor Verfolgern litten sie Kälte und Hunger und hielten sich in einem Schweinestalle, in einer Ausgrübe und in Strohschobern verborgen. Einmal hatte sie ein Bauernweib unter dem Boden ihres Viehstalles versteckt. Oben stand ein Kalb, das gerade Wasser ließ, und die Nässe drang durch den Boden hinunter. Als Danilo Filippowitsch die Nässe sah, sagte er zu Iwan Timofejewitsch: »Du wirst naß werden!« Jener antwortete aber: »Daß nur der Himmelszar nicht naß wird!« Die letzten Jahre hatten sie in Moskau in der Dritten Mjestschanskaja-Straße in einem eigenen Hause gewohnt, das man »Zion« nannte. In diesem Haus waren sie gestorben und in Ruhm und Herrlichkeit in den Himmel gefahren. Nach dem Tode des Iwan Timofejewitsch traten, ebenso wie schon vor ihm, viele andere Christusse auf, denn der Herr hält sich nirgends so gerne auf wie im keuschen Leibe des Menschen, wie es auch geschrieben steht: Ihr seid ein Tempel des lebendigen Gottes, wenn alles stirbt, läßt Gott einen neuen Christus zur Welt kommen. Christus hat in der einen Leibesgestalt seine Tat vollendet, und in andern Leibesgestalten beginnt er sie erst. »Es gibt also viele Christusse?« fragte Tichon. »Es gibt nur einen Geist, doch viele Leibesgestalten,« antwortete Mitjka. »Gibt es auch jetzt welche?« fragte Tichon weiter, dem das Herz in der Wohnung des Geheimnisses stillestand. Mitjka nickte schweigend mit dem Kopfe. »Wo ist er?« »Frage mich nicht. Ich darf es nicht sagen. Du wirst ihn schon selbst sehen, wenn du der Gnade würdig bist ...« Und Mitjka sagte kein Wort mehr. »Denn ich werde das Geheimnis weder deinen Feinden verraten ...« Diese Worte des P. Nikodim fielen jetzt Tichon wieder ein. Einige Tage später saß er eines Abends im Laden hinter den Geschäftsbüchern. Es war ein Sonnabend. Das Geschäft sollte schon geschlossen werden. Da kamen aber mehrere neue Wagen angefahren, und die Arbeiter begannen die Mehlsäcke abzuladen. Durch die Türe, die jeden Augenblick geöffnet wurde, drangen Dampfwolken, das knirschen von Schritten im Schnee und das Geläute der Abendglocken herein. Die schneebedeckten Dächer der schwarzen Holzhäuser auf der Dritten Mjestschanskaja hoben sich vom heiteren, lila-goldigen Himmel ab und strahlten ein gleichmäßiges rosiges Licht aus. Im Laden war es dunkel; nur in seiner Tiefe, hinter dem Berg von Mehlsäcken, die sich bis zur Decke türmten, flackerte vor dem Heiligenbilde Nikolais des Wundertäters ein Lämpchen. Parfen Paramonowiisch Saffiannikow, ein wohlbeleibter alter Mann mit weißem Bart und roter Nase, der dem »Großvater Frost« der Volksmärchen glich, und sein erster Gehilfe Jemeljan Retiwoj, ein etwas gebückter, rothaariger, kahlköpfiger Mann mit häßlichem, doch klugem Gesicht, das an eine Faunsmaske erinnerte, tranken heißen Thee und lauschten den Berichten Tichons über das Leben der Mönche in den Einsiedeleien hinter der Wolga. »Wie glaubst du, Jemeljan Iwanowitsch, ist das Heil in den alten oder in den neuen Büchern zu suchen?« fragte Tichon. »Es lebte einmal in Rußland ein Mann, den man Danilo Filippowitsch nannte,« sagte Jemeljan schmunzelnd. »Er las viele Bücher, las sie alle durch und konnte in ihnen keinen Nutzen finden. Darum tat er sie alle in einen Sack und warf sie in die Wolga. Weder in den alten noch in den neuen Büchern kann man sein Heil finden. Not tut nur das eine Buch vom Golde, Buch des Lebens, Buch der Tiefe – Der Heilige Geist!« Die letzten Worte sang er in derselben Weise, in der Mitjka seine seltsamen Lieder zu singen pflegte. »Wo ist denn jenes Buch?« fragte Tichon schüchtern, doch voller Gier. »Schau nur hin!« Er zeigte ihm durch die geöffnete Türe auf den Himmel. »Hier hast du das Buch! Mit der Sonne wie mit einer goldenen Feder schreibt Gott selbst die Worte des ewigen Lebens hinein, wenn du es liest, werden sich vor dir alle Geheimnisse des Himmels und alle Geheimnisse der Erde auftun ...« Jemeljan blickte ihn durchdringend an, und vor diesem Blicke wurde es Tichon so unheimlich zumute, als ob er in ein durchsichtigschwarzes, grundloses Wasser hineingeschaut hätte. Jemeljan wechselte aber mit seinem Herrn einen schnellen Blick und hielt plötzlich inne. »Man kann also weder in der alten noch in der neuen Kirche sein Seelenheil finden?« fragte Tichon hastig. Er fürchtete, daß Jemeljan sich nun ebenso in Schweigen hüllen würde wie neulich Mitjka. »Was sind eure Kirchen?« sagte Jemeljan, verächtlich die Achseln zuckend. »Ameisennester, baufällige Synagogen, jüdische Trödelmärkte! Diebe haben das Holz zu ihnen gefällt, Ochsen haben es zur Baustätte gefahren. Die ganze göttliche Gnade ist bei euch zu Stein erstarrt. sie war früher Geist und Feuer und ist bei euch zu Edelstein und Gold auf euren Ikonen und auf den Ornaten eurer Popen geworden. Ganz ausgetrocknet ist das Wort Gottes, wurde zu altbackenem Brot, das man gar nicht zerkauen kann und an dem man sich die Zahne zerbricht.« Er beugte sich zu Tichon und fuhr flüsternd fort: »Es gibt eine wahre, neue, geheime Kirche, ein lichtes Haus, das aus Zypressen, Berberitzen und Anisholz gezimmert ist, ein wahrer Zionstempel! Dort ißt man kein altbackenes Brot, sondern heiße weiche Kuchen, die frisch aus dem Ofen kommen – lebendige Worte aus Prophetenmunde. Dort herrscht ein himmlisches, paradiesisches Leben, dort wird geistiger Trank getrunken, von dem die Kirche singt: ›Laßt uns den geistigen Trank trinken, die Quelle des ewigen Lebens aus dem Grabe des auferstandenen Heilands.‹« »Ja, das ist ein Trank! Der Mensch berührt ihn nicht einmal mit den Lippen und lebt doch im Rausche dahin,« rief Parfen Paramonowitsch aus. Plötzlich hob er seinen Blick zur Decke und begann mit einer so hohen Fistelstimme, wie man sie bei ihm gar nicht vermutet hätte, zu singen: Gott hat diesen Trank gebraut, Und der Heil'ge Geist gemaischt. Retiwoj und Jemeljan begannen mitzusingen, im Takt mit den Füßen zu stampfen und mit den Achseln zu zucken, als hätten sie Lust, einen Tanz zu beginnen. Alle drei bekamen plötzlich ganz trunkene Augen. Gott hat diesen Trank gebraut Und der Heil'ge Geist gemaischt. Die erlauchte Gottesmutter Füllte ihn in Krüge ein. Engel haben ihn getragen, Und Cherubim ausgeschenkt ... Tichon kam es plötzlich vor, als hörte er das stampfen unzähliger Füße und den Widerhall eines rasenden Tanzes; in diesem Liede lag etwas Trunkenes, wildes, schreckliches, daß der Atem stockte und man Lust bekam, ohne Ende zuzuhören. Plötzlich verstummten aber alle ebenso unvermittelt, wie sie angefangen hatten. Jemeljan vertiefte sich in die Rechnungsbücher. Mitjka hob den Mehlsack, den er vorhin fallen gelassen hatte, auf und schleppte ihn weiter. Parfen Paramonowitsch fuhr sich aber mit der Hand über das Gesicht, als ob er etwas wegwischte, stand auf, gähnte, reckte sich träge, bekreuzigte sich den Mund und sagte in seinem gewohnten Herrentone, wie er es jeden Abend zu sagen pflegte: »Geht zum Abendessen, Burschen! Kohlsuppe und Grütze werden sonst kalt.« Der Laden wurde wieder zu einem gewöhnlichen Laden, und alles war so, als ob nichts vorgefallen wäre. Tichon kam wieder zur Besinnung, erhob sich wie die andern, wurde aber plötzlich wie von einer höheren Gewalt auf den Fußboden geworfen, kniete nieder, streckte, bleich und am ganzen Leibe zitternd, seine Arme aus und rief: »Liebe Väterchen! Habt Erbarmen! Ich habe keine Kraft mehr, meine Seele verschmachtet und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn! Nehmt mich in die heilige Gemeinde auf, eröffnet mir euer großes Geheimnis!« »Sieh mal an, wie schnell er ist!« sagte Jemeljan, indem er ihn mit seinem schlauen Lächeln anblickte. »Ein Märchen läßt sich wohl schnell erzählen, aber eine Sache nicht so schnell machen. Man muß zuerst Väterchen fragen, vielleicht wirft du auch der Gnade teilhaftig. Bis dahin iß den Kuchen mit Pflaumen, die Zunge aber halte im Zaume.« Und alle begaben sich zum Abendessen, als ob nichts vorgefallen wäre. Weder an diesem noch am folgenden Tage wurde von irgendwelchen Geheimnissen gesprochen, wenn Tichon selbst die Rede darauf brachte, schwiegen alle und sahen ihn argwöhnisch an. Es war ihm, als ob vor seinen Augen ein Vorhang in die Höhe gegangen und dann gleich wieder herabgefallen wäre. Aber er konnte das, was er erschaut hatte, nicht wieder vergessen. Er war in größter Aufregung, irrte wie geistesabwesend umher, begriff nichts von dem, was man ihm sagte, gab unzutreffende Antworten und brachte die Rechnungen durcheinander. Sein Herr schalt ihn, und Tichon fürchtete, daß er ihn aus dem Geschäft hinausjagen würde. Aber am Sonnabend nach acht Tagen, als er spät abends allein in seinem Kämmerchen saß, trat Mitjka ein. »Komm, wir fahren!« erklärte er hastig und freudig. »Wohin?« »Zum Väterchen zu Gast.« Tichon wagte nicht, weitere Fragen zu stellen, kleidete sich schnell an, ging hinunter und sah draußen vor dem Hause den Schlitten seines Herrn warten. Im Schlitten saßen Semeljan und Parfen Paramonowitsch, der in seinen Pelz gehüllt war. Tichon kauerte sich zu ihren Füßen nieder, Mitjka setzte sich auf den Bock, und sie sausten durch die nächtlichen, leeren Straßen dahin. Die Nacht war still und hell. Der Mond leuchtete durch einen Schleier von leichten Wölkchen, die wie Perlmutterschuppen schimmerten. Sie fuhren über das Eis der Moskwa auf das andere Ufer hinüber und kreisten lange Zeit in den engen Gassen des jenseits des Flusses gelegenen Stadtteiles umher. Im Mondnebel tauchten endlich inmitten eines Schneefeldes die rötlichen Mauern des Donskoi-Klosters mit den weißen Zinnen und Türmen auf. An der Ecke der Donskaja- und der Schabelskaja-Straße stiegen sie aus dem Schlitten. Mitjka fuhr in einen Hof, ließ dort den Schlitten mit den Pferden stehen und kehrte zurück. Nun gingen sie zu Fuß längs der langen, schiefen, von Schnee verwehten Bretterzäune weiter. Dann bogen sie in eine Sackgasse ein, wo sie bis über die Kniee im Schnee versanken. Vor einem zweiflügeligen Brettertor mit eisernen Beschlägen blieben sie stehen und klopften an. Man öffnete nicht sogleich, sondern befragte sie zuerst, wer sie seien und woher sie kämen. Hinter dem Tore lag ein großer Hof mit vielen Wirtschaftsgebäuden. Aber außer dem alten Torhüter war ringsum keine Seele zu sehen und kein Feuer und kein Hundegebell wahrzunehmen, als ob alles ausgestorben wäre. Sie durchquerten den Hof und gelangten auf einen schmalen, gut ausgetretenen Pfad, der zwischen riesigen Schneehaufen durch leere Bauplätze oder schneeverwehte Gemüsegärten führte. Nachdem sie ein zweites Tor, das aber nicht verschlossen war, durchschritten hatten, traten sie in einen Obstgarten, wo die Äpfel- und Kirschbäume im Schnee wie im Frühjahrsblütenschmuck schimmerten. Es war so still, als befände man sich Tausende von Werst von jeder menschlichen Behausung entfernt. Am Ende des Gartens erhob sich ein großes hölzernes Haus. Sie traten vor den Flur und klopften wieder an, und man rief sie von innen an. Ein mürrischer Bursche, der in seinem langschößigen Kaftan und mit der Mönchskappe auf dem Kopfe einem Klosterdiener ähnlich sah, machte ihnen auf. Im geräumigen Vorzimmer hingen an den Wänden und lagen auf den Koffern und Bänken viele Männer- und Frauenüberkleider umher, einfache Schafspelze, vornehme Pelzmäntel, altmodische russische Mützen, neue deutsche Dreimaster und Mönchskappen. Als die Neuankömmlinge ihre Pelze abgelegt hatten, fragte Retiwoj Tichon dreimal: »Willst du, mein Sohn, des göttlichen Geheimnisses teilhaftig werden?« Und Tichon antwortete ihm dreimal: »Ich will es.« Jemeljan verband ihm die Augen mit einem Tuche und führte ihn an der Hand weiter. Lange gingen sie durch endlose Korridore und stiegen Treppen bald hinauf und bald hinunter. Endlich blieben sie stehen. Jemeljan befahl Tichon, sich völlig zu entkleiden und zog ihm ein langes Leinenhemd und zwirnene Strümpfe, doch keine Schuhe, an, wobei er die Worte der Offenbarung sprach: »Wer überwindet, dem sollen weiße Kleider angelegt werden.« Dann gingen sie weiter. Die letzte Treppe war so steil, daß Tichon sich mit beiden Händen an den Schultern Mitjkas, der vor ihm ging, festhalten mußte, um nicht, blind wie er war, herabzustürzen. Ein feuchter Erdgeruch schlug ihnen wie aus einem Keller entgegen. Die letzte Türe wurde aufgemacht, und sie traten in ein stark überheiztes Zimmer, in dem, nach dem Geflüster der Stimmen und dem Klange der Schritte zu schließen, viele Menschen anwesend waren. Jemeljan befahl Tichon niederzuknieen, sich dreimal bis zur Erde zu verneigen und die Worte nachzusprechen, die er ihm ins Ohr flüsterte: »Ich schwöre bei meiner Seele, bei Gott und seinem Jüngsten Gericht, die Knute, Feuer, Beil, Richtblock, jede Qual und jeden Tod zu erleiden, mich aber vom heiligen Glauben niemals loszusagen und das; was ich hier sehe oder höre, keinem Menschen, weder meinem leiblichen noch meinem geistlichen Vater zu eröffnen. ›Denn ich werde das Geheimnis weder deinen Feinden verraten, noch dich mit dem Judasküsse küssen.‹ Amen.« Als er geendet hatte, setzte man ihn auf eine Bank und nahm ihm die Binde von den Augen. Er sah ein großes niedriges Zimmer; in einer Ecke hingen Heiligenbilder; vor ihnen brannten zahllose Kerzen; der weiße Kalkbewurf der Wände war mit vielen dunklen Flecken bedeckt, die von Feuchtigkeit herrührten; hie und da lief an den Wänden Wasser herab, das durch die Ritzen zwischen den schwarzen geteerten Deckenbalken hindurchsickerte. Es war so schwül wie in einem Dampfbade. Die Luft war mit Dampf geschwängert, der die Kerzenflammen mit einem regenbogenfarbigen Nebel umgab. Auf den Bänken längs der Wände saßen an der einen Seite die Männer, und an der andern Seite die Frauen, alle in gleichen langen, weißen Hemden, die sie offenbar auf den nackten Leib angezogen hatten, und in zwirnenen Strümpfen ohne Schuhe. »Die Zarin! Die Zarin!« ging plötzlich ein andächtiges Gemurmel von Mund zu Munde. Die Türe ging auf, und eine schlanke Frau im schwarzen Kleide mit einem weißen Tuche auf dem Kopf trat ein. Alle erhoben sich und begrüßten sie mit einer tiefen Verbeugung. »Akulina Makejewna, das Mütterchen, die Himmelskönigin!« flüsterte Mitjka Tichon zu. Die Frau ging zu den Heiligenbildern und setzte sich, selbst wie ein Heiligenbild unter ihnen. Alle gingen der Reihe nach auf sie zu, verneigten sich vor ihr bis zur Erde und küßten ihr das Knie wie ein Heiligenbild. Jemeljan führte ihr Tichon zu und sagte: »Geruhe ihn zu taufen, Mütterchen! Es ist ein Neuer ...« Tichon kniete nieder und blickte zu ihr empor: sie hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe, war nicht mehr jung – etwa vierzig –, hatte seine Runzeln um die dunklen, wie mit Kohle gezeichneten Augenlider, dichte, beinahe zusammengewachsene Augenbrauen und einen dunklen Flaum an der Oberlippe. Wie eine Zigeunerin oder Tscherkessin sieht sie aus, dachte er sich. Erst als sie ihn mit ihren großen mattschwarzen Augen ansah, begriff er, wie schön sie war. Mütterchen bekreuzigte ihn dreimal mit einer Kerze, wobei die Flamme beinahe seine Stirne, Brust und Schultern berührte. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes wird der Knecht Gottes, Tichon, mit dem heiligen Geiste und dem Feuer getauft!« Dann schlug sie mit einer leichten und schnellen Bewegung, die ihr offenbar längst zur Gewohnheit geworden war, ihr Kleid vorne auseinander, und er erblickte ihren ganzen wunderbaren, jugendlichen, goldig gelblichen, wie aus Elfenbein gedrechselten Körper, der an den eines siebzehnjährigen Mädchens gemahnte. Retiwoj stieß Tichon von hinten auf sie zu und flüsterte ihm ins Ohr: »Küsse sie auf den heiligen Leib und auf die keuschen Brüste!« Tichon schlug verlegen die Augen nieder. »Fürchte dich nicht, mein Kind!« sagte Akulina mit zärtlicher Stimme, die in seinen Ohren wie die Stimme einer Mutter, Schwester und Geliebten zugleich klang. Und er erinnerte sich, wie er einst im Waldesdickicht am Runden See die Erde geküßt, zum Himmel emporgeschaut und gefühlt hatte, daß der Himmel und die Erde eins seien; wie er geweint und gebetet hatte: Herrliche Königin, Muttergottes, Erde, Erde, feuchte Mutter! Und er küßte dreimal mit Andacht wie ein Heiligenbild diesen herrlichen Leib. Ein Duft, vor dem es ihm graute, wehte ihm entgegen; ein seltsames Lächeln umspielte ihre Lippen, – und vor diesem Duft und diesem Lächeln wurde es ihm ganz unheimlich zumute. Aber sie schloß ihr Kleid und saß vor ihm wieder majestätisch, unnahbar, heilig, wie eine Ikone unter Ikonen. Als Tichon und Jemeljan auf ihre früheren Plätze zurückgekehrt waren, stimmten alle langsam und gedehnt, wie man in der Kirche singt, das Lied an: Gib uns, Herr, den Jesus Christus, Gib uns, Herr, den Gattessohn, Und den Heiligen Geist, den Tröster! Man hielt einen Augenblick inne; dann begann man ein neues Lied, aber mit einer lustigen, schnellen Melodie, die beinahe wie eine Tanzweise klang. Man schlug mit Füßen und Händen den Takt, und alle Augen waren plötzlich wie trunken: Bei uns am Don in jeder Klause Ist Herr Heiland selbst zu Hause, Mit den Engeln, Den Erzengeln, Den Cherubim, Den Seraphim Und allen himmlischen Mächten ... Plötzlich sprang ein alter Mann von ehrwürdigem, strengem Aussehen, mit dem man auf den Ikonen den heiligen Sergius darzustellen pflegte, von der Bank auf, lief in die Mitte der Stube und begann, sich im Kreise zu drehen. Ein etwa vierzehnjähriges Mädchen, fast noch ein Kind, aber bereits schwanger, schmal wie ein Schilfrohr, mit einem Halse so schlank wie ein Blütenstiel, sprang gleichfalls auf und glitt im Tanze dahin wie ein Schwan. »Es ist Marjuschka die Närrin«, sagte Jemeljan zu Tichon, auf sie weisend. »Sie ist stumm, kann nicht sprechen, sondern nur wie ein Kalb muhen, wenn aber der Geist über sie kommt, singt sie wie eine Nachtigall!« Das Mädchen begann mit ihrer silberhellen Kinderstimme: Nun ist es genug zu trauern, Vöglein, fliegt aus euren Bauern, steigt empor auf euren Flügeln Aus den Kerkern hinter Riegeln! Und sie schwang die Ärmel ihres Hemdes wie weiße Fittiche. Parfen Paramonowitsch sprang von der Bank, wie wenn ihn ein Wirbelwind fortgerissen hätte, lief auf Marjuschka zu, faßte sie bei den Händen und begann, mit ihr zu tanzen wie ein Eisbär mit einem Schneewittchen. Tichon hätte es nie für möglich gehalten, daß dieser mächtige Körper mit einer solchen luftigen Leichtigkeit tanzen könne. Indem er sich wie ein Kreisel drehte, sang er mit seiner seinen Fistelstimme: Auf dem siebten Himmel tanzt Jesus Christus, tanzt und singt! Er hat Saffianstiefel an, Schön gestickt und reich verziert! Immer neue Menschen erhoben sich und begannen zu kreisen. Nicht schlechter als die andern tanzte ein Mann mit einem Stelzfuß; es war, wie Tichon später erfuhr, der verabschiedete Hauptmann Smurygin, der bei der Erstürmung von Asow verwundet worden war. Eine kleine rundliche Tante mit ehrwürdigen grauen Locken, die Fürstin Thowanskaja drehte sich wie eine Kugel. Neben ihr hüpfte der langaufgeschossene Schuhmachermeister Jaschka Burdajew. Er schnitt Grimassen, krümmte sich und warf Arme und Beine hoch empor wie eine riesige Mücke. Er schrie dabei: Und wir tanzen, und wir hüpfen Auf den heil'gen Zionsberg! Nun tanzten schon fast alle, nicht mehr einzeln und in Paaren, sondern auch reihenweise als »Wand«, »Winkelchen«, »Kreuzchen«, »Davidsschiff«, »Blüten und Länder«. »Durch diese verschiedenen Figuren«, erklärte Jemeljan dem Tichon, »werden die himmlischen Tänze der Engel und Erzengel, die den Thron Gottes umschweben, dargestellt, und durch das Schwingen der Arme das Schlagen der Engelflügel. Himmel und Erde sind eins, was oben im Himmel ist, das ist auch unten auf der Erde.« Der Tanz wurde immer rasender. Die Stube war wie von einem Wirbelwind erfüllt, und es schien, als ob die Menschen nicht von selbst tanzten, sondern von irgend einer fremden Gewalt ergriffen wären, die sie mit solcher Geschwindigkeit kreisen ließ, daß man die Gesichter nicht mehr unterscheiden konnte, daß die Haare zu Berge standen, die Hemden sich zu Röhren aufblähten und der Mensch sich in eine drehende weiße Säule verwandelte. Während des Drehens pfiffen und zischten die einen, schnatterten und schrieen die andern, und es schien, als schrien sie nicht selbst, sondern als stieße jemand anderer für sie die Töne aus: Er kommt herabgerollt, er kommt herabgerollt, Der heilige Geist, der Geist, Geist, komme über uns! Und sie fielen in Krämpfen und mit Schaum vor dem Munde wie Besessene zu Boden und »redeten mit Zungen«, allerdings zum größten Teil so, daß man nichts verstehen konnte. Andere blieben erschöpft mit krebsroten oder auch leichenblassen Gesichtern stehen; Schweiß rann an ihnen in Strömen herunter; sie wischten ihn sich mit Handtüchern aus den Gesichtern und rangen ihre ganz durchnäßten Hemden aus, so daß sich auf dem Fußboden Lachen bildeten; dieses Schwitzbad nannten sie das »Bad der Wiedergeburt«. Doch kaum hatten sie etwas Atem geschöpft, als sie sich wieder in den Tanz stürzten. Plötzlich standen alle still und fielen auf ihre Angesichter nieder. Eine Totenstille trat ein, und wie vorhin beim Eintritt der Zarin lief ein andächtiges Flüstern von Mund zu Mund: »Der Zar! Der Zar!« Es war ein Mann von etwa dreißig Jahren, in langem weißem Gewand aus einem halbdurchsichtigen Stoffe, durch den der Körper hindurchschimmerte, mit frauenhaftem Gesicht, das ebenso unrussisch aussah wie das der Akulina Makejewna, doch von einer noch ungewöhnlicheren und fremdartigeren Anmut war. »Wer ist es?« fragte Tichon Mitjka, der neben ihm lag. »Unser Väterchen Christus!« antwortete dieser. Wie Tichon später erfuhr, war es der flüchtige Kosak Awerianka Bespalyj, der Sohn eines Saporoger Kosaken und einer gefangenen Griechin. Väterchen näherte sich dem Mütterchen, das sich vor ihm ehrerbietig erhoben hatte, umarmte sie und küßte sie dreimal auf den Mund. Dann trat er in die Mitte der Stube und bestieg ein kleines rundes Bretterpodium, das einem Deckel glich, mit dem man eine Brunnenöffnung zudeckt. Alle begannen laut und feierlich zu singen: Große Wunder haben mir gesehen, Hat der siebte Himmel sich eröffnet, Rollten goldne Räder auf uns nieder, viele rote, goldne Feuerräder. Und der Heil'ge Geist rollt auf uns nieder, Sitzt auf einem prächt'gen weißen Rosse. Und sein Roß hat einen Schweif von Golde, Aus den Nüstern dringt ein blendend Feuer, Und aus Perlen ist sein Augenpaar. Er kommt herabgerollt, er kommt herabgerollt, Der heilige, heilige Geist! Väterchen segnete seine Kinderchen, und das Kreisen begann wieder, doch noch viel rasender als vorhin, zwischen den beiden unbeweglichen Grenzpunkten – dem Mütterchen am äußersten Rande und dem Väterchen im Zentrum der sich drehenden Kreise. Väterchen erhob ab und zu langsam seine Arme, und nach jeder seiner Bewegungen wurde der Tanz noch rasender. Es klangen unmenschliche Schreie: »Eva-evo! Eva-evo!« Tichon erinnerte sich, in einem alten lateinischen Kommentar zu Pausanias gelesen zu haben, daß die alten Bacchanten und Bacchantinnen den Gott Dionysos mit fast gleichen Rufen »Evoe!« zu begrüßen pflegten. Durch welches Wunder waren die Mysterien des verstorbenen Gottes von den Gipfeln von Kythere hierher in den Keller der Moskauer Vorstadt gedrungen, gleichsam mit den unterirdischen Gewässern hindurchgesickert? Er blickte auf den weißen Wirbelwind der Tanzenden und verlor zeitweise das Bewußtsein. Die Zeit war stehen geblieben. Alles war verschwunden. Alle Farben waren in ein Weiß zusammengeflossen, und es schien, als ob weiße Vögel in einen weißen Abgrund flögen. Alles war in ein Nichts versunken, und auch er selbst war nicht mehr. Es war nur ein weißer Abgrund, ein weißer Tod. Er kam wieder zu sich, als Jemeljan ihn bei der Hand nahm und sagte: »Gehen wir!« Obwohl das Tageslicht in den Keller nicht eindrang, fühlte Tichon, daß der Morgen schon angebrochen war. Die heruntergebrannten Kerzen qualmten. Die Luft war dumpf und unerträglich stickig. Die Schweißpfützen am Boden wurden mit Lumpen abgewischt. Die Andachtsübung war zu Ende. Der Zar und die Zarin hatten sich zurückgezogen. Die einen suchten schwankend und sich an den Wänden entlangtastend den Ausgang zu erreichen, andere krochen wie schläfrige Fliegen zur Türe. Ändere waren zu Boden gefallen und schliefen einen Schlaf, der wie eine Ohnmacht war. Andere saßen mit gesenkten Köpfen auf den Bänken, und ihre Gesichter drückten Übelkeit wie nach einem Zechgelage aus. Es war, als ob die weißen Vögel zur Erde gestürzt wären und sich Zu Tode geschlagen hatten. Von diesem Tage an besuchte Tichon alle Versammlungen. Mtjka lehrte ihn tanzen. Anfangs schämte er sich, aber bald gewöhnte er sich daran und fand solchen Geschmack am Tanze, daß er ohne ihn gar nicht leben konnte. Bei diesen Versammlungen wurden ihm immer neue und neue Geheimnisse offenbar. Zuweilen schien es ihm aber, als ob man das wichtigste und schrecklichste Geheimnis vor ihm noch immer verbärge. Aus allem, was er sah und hörte, konnte er schließen, daß die Brüder und die Schwestern in fleischlicher Gemeinschaft miteinander lebten. »Wie geschlechtslose Cherubim leben wir in feuriger Keuschheit«, sagten sie. »Es ist nicht Hurerei, wenn Bruder und Schwester sich in christlicher Liebe zusammentun; aber es ist Hurerei und Sünde, wenn man in kirchlicher Ehe zusammenlebt. Mann und Frau sind ein Satan, verfluchte Nesthocker, und ihre Kinder – Bastarde, unsaubere junge Hunde!« Die Frauen setzten ihre Kinder, die von außerhalb der heiligen Gemeinschaft stehenden Gatten gezeugt waren, in den öffentlichen Badestuben aus oder töteten sie mit eigenen Händen. Eines Tages erzählte Mitjka in seiner Herzenseinfalt Tichon, daß er mit zwei leiblichen Schwestern, Nonnen aus dem Nowodewitschij-Kloster zusammenlebe, und Jemeljan Iwanowitsch, der Prophet und Lehrer, mit dreizehn Frauen und Mädchen. »Mit jeder, die zu ihm in die Beichte kommt, hat er fleischlichen Verkehr!« Tichon war nach diesem Geständnis Mitjkas so verwirrt, daß er mehrere Tage nachher dem Retiwoj aus dem Wege ging und nicht wagte, ihm in die Augen zu blicken. Dieser bemerkte seine Befangenheit und sagte ihm einmal unter vier Augen mit freundlicher Stimme: »Höre, Kind, ich will dir ein großes Geheimnis offenbaren! Wenn du dein Leben behalten willst, so töte um des Herrn willen nicht nur dein Fleisch ab, sondern auch deine Seele, deine Vernunft und selbst dein Gewissen. Entledige dich aller Gesetze und Vorschriften, aller Tugenden, Fasten, der Enthaltsamkeit und der Keuschheit. Entledige dich der Heiligkeit selbst. Steige in dich selbst hinab wie in ein Grab. Dann wirst du, geheimnisvoller Toter, auferstehen, und der heilige Geist wird in dich fahren, und du wirst ihn nicht mehr verlieren, wie du auch leben und was du auch tun magst!« Das häßliche Gesicht Retiwoj's, die Faunsmaske, leuchtete so frech und so listig, daß es Tichon unheimlich zumute wurde: er konnte sich nicht mit Gewißheit sagen, ob er einen Propheten oder einen Besessenen vor sich habe. »Oder nimmst du Ärgernis daran,« fuhr jener noch freundlicher fort, »daß wir, wie die Leute sagen, Hurerei treiben? Wir wissen wohl, daß viele unserer Taten nicht mit euren menschlichen Tugendsatzungen übereinstimmen, was sollen wir aber tun? Wir haben ja keinen eigenen Willen. Der Geist wirkt in uns, und die Rasereien unseres Lebens sind unerforschliche Wege der göttlichen Vorsehung, von mir kann ich folgendes sagen: wenn ich mit Mädchen oder Frauen verkehre, empfinde ich keine Gewissensbisse, aber in meinem Herzen siedet eine unaussprechliche Wonne und Süße. Und selbst wenn ein Engel vom Himmel herniedersteigt und zu mir sagt: ›Du lebst nicht ordentlich, Jemeljan!‹ – so werde ich auch auf den Engel nicht hören. Mein Gott hat mich gerechtfertigt, und wer seid ihr, die ihr mich richten wollt? Meine Sünde kennt ihr wohl, aber von der Gnade, die Gott mir erwiesen hat, wißt ihr nichts Ihr werdet sagen: ›Tue Buße!‹ Und ich werde erwidern, daß ich gar nicht weiß, was ich büßen soll, wenn man ans Ziel gekommen ist, braucht man nicht mehr das, was man hinter sich gelassen hat. Was brauchen wir eure Tugend? Wenn man uns in die Hölle wirft, so werden wir auch dort unser Seelenheil retten; und wenn man uns in das Paradies führt, so werden wir auch dort keine größeren Wonnen finden, wir versinken im Strudel des Geistes wie ein Stein im Meere. Doch vor den Außenstehenden müssen wir uns verbergen. Aus diesem Grunde benehmen wir uns manchmal närrisch, damit man uns nicht ganz durchschaut ... Ja, so ist es, mein Lieber!« Jemeljan blickte mit zweideutigem Lächeln Tichon in die Augen, auf den die Worte des Lehrers die gleiche Wirkung hatten, wie der Wirbel des Tanzes: es war ihm, als ob er flöge, und er wußte nicht, ob aufwärts oder abwärts, ob zu Gott oder zum Teufel. Mütterchen verteilte einmal am Ende einer Andachtsversammlung in der Palmwoche unter den Anwesenden Bündel Weidenruten und »heilige Geißeln«, zu stricken zusammengewundene Handtücher. Die Brüder ließen ihre Hemden bis zu den Hüften herab, die Schwestern rückwärts gleichfalls bis zu den Hüften und vorne bis an die Brüste, und alle begannen im Kreise herumzugehen und sich mit den Ruten und Handtüchern zu geißeln. Die einen sangen dabei: Männer und Weiber, Schonet nicht die Leiber! Dienet eurem Gotte, – Maria geht vor Martha! Das singen der andern klang wie leises pfeifen: Ich geißle, ich geißle Und suche Jesum Christum! Man schlug sich auch mit Lappen, in deren Enden eiserne Kugeln eingewickelt waren und die Schleudern glichen; man verwundete sich mit Messern, so daß Blut floß, und rief, indem man zum Väterchen emporschaute: »Eva – evo! Eva – evo!« Tichon schlug sich mit einem zusammengedrehten Handtuch, und unter den zärtlichsten Blicken Akulina Makejewnas, die, wie es ihm schien, nur ihn allein ansah, erschienen ihm die Schläge um so wonniger, je heftiger sie schmerzten, sein ganzer Körper verging vor Wonne wie Wachs im Feuer, und er war bereit, ganz zu zerschmelzen, vor dem Mütterchen restlos zu verbrennen wie eine Kerze vor einer Ikone. Plötzlich begannen die Kerzen eine nach der andern, wie vom Wirbelwind des Tanzes ausgeblasen, zu verlöschen. Nun waren sie alle erloschen. Finsternis trat ein, und wie damals in der Kapelle der Selbstverbrenner, in der Nacht vor dem Roten Tode, schwirrten durch die Stube Geräusche und Flüstertöne, Liebesseufzer und Küsse. Die Leiber verflochten sich miteinander, und ein einziger riesengroßer Leib mit vielen Gliedern schien sich im Finstern zu regen. Ein paar gieriger, fest anpackender Hände streckte sich nach Tichon aus, ergriff ihn und warf ihn zu Boden. »Tischenjka, Tischenjka, mein lieber Bräutigam, mein herzliebster Christus!« flüsterte eine leidenschaftliche Stimme, und er erkannte das Mütterchen. Es schien ihm, als ob viele riesenhafte Insekten, Spinnenmännchen und Spinnenweibchen sich zu einem Knäuel zusammengeballt hätten und einander in ungeheuerlicher Wollust auffräßen. Er stieß das Mütterchen zurück, sprang auf und wollte weglaufen. Aber bei jedem Schritt trat er auf nackte Leiber, glitt auf ihnen aus, stolperte, fiel hin und erhob sich wieder. Und gierige Hände streckten sich nach ihm aus, suchten ihn zu erhaschen und liebkosten ihn auf die schamloseste Weise. Er wurde immer schwächer, und fühlte, daß er gleich ganz entkräftet in diesen schrecklichen gemeinsamen Leib wie in warmen, dunklen Schlamm fallen werde, daß das Unterste sich zum Obersten, und das Oberste zum Untersten wenden, und in diesem letzten Grauen auch die letzte Wollust liegen würde. Er machte eine verzweifelte Anstrengung, erreichte die Türe, ergriff die Klinke, konnte aber nicht öffnen: die Türe war verschlossen. Er fiel ganz ermattet zu Boden. Hier lagen weniger Leiber als in der Mitte der Stube, und man ließ ihn für eine Weile in Ruhe. Plötzlich berührten ihn magere, kleine, beinahe kindliche Hände. Er hörte das Lallen Marjuschkas der Närrin, die ihm etwas sagen wollte aber nicht konnte. Endlich verstand er die einzelnen Worte: »Komm, komm ... Ich führe dich hinaus ...« stammelte sie, indem sie ihn an der Hand fortzog. Er hatte in ihrer Hand einen Schlüssel wahrgenommen und folgte ihr. An den Wänden entlang, wo es geräumiger war, führte sie ihn zu der Ecke mit den Heiligenbildern. Hier bückte sie sich, ließ auch Tichon sich niederbücken, lüftete eine vor dem Bilde des Herrn Immanuel herabhängende Goldbrokatdecke, fand tastend eine Türe, in der Art einer Kellerluke, schloß sie auf, glitt flink wie eine Eidechse in die Öffnung und half auch ihm hindurch. Durch einen unterirdischen Gang gelangten sie auf die Treppe, die Tichon schon kannte. Sie stiegen hinauf und kamen in die große Stube, die zum Umkleiden diente. Der Mond schien zum Fenster herein. An den Wänden hingen weiße Andachtshemden, die im Mondlichte wie Gespenster aussahen. Als Tichon die frische Luft atmete und durchs Fenster den blauen, glitzernden Schnee und die Sterne sah, – kam über ihn eine solche Freude, daß er lange nicht zu sich kommen konnte und nur die hageren kindlichen Hände Marjuschkas drückte. Jetzt erst merkte er, daß sie nicht mehr schwanger war, und es fiel ihm ein, daß Mitjka ihm neulich gesagt hatte, sie hätte einen Knaben geboren, den man zum Christus ausgerufen habe, da er vom Väterchen selbst »durch Ausgießung des heiligen Geistes« gezeugt worden sei: »er ist nicht vom Blut, nicht von fleischlicher Begierde und nicht von Manneswollust, sondern von Gott selbst geboren.« Marjuschka zwang Tichon, sich auf eine Bank zu setzen, setzte sich selbst neben ihn und machte wieder die größten Anstrengungen, ihm etwas zu erzählen. Doch statt der Worte kam aus ihrem Munde nur ein Lallen und ein Muhen, aus dem er, so aufmerksam er auch hinhorchte, nichts begreifen konnte. Als sie endlich eingesehen hatte, daß er sie nicht verstehen konnte, verstummte sie und brach in Tränen aus. Er umarmte sie, schmiegte ihren Kopf an seine Brust und begann leise ihre weichen Haare zu streicheln, die im Mondscheine so hell wie Flachs schimmerten. Sie zitterte am ganzen Leibe, und es war ihm, als ob er in den Händen ein gefangenes Vöglein hielte. Endlich richtete sie auf ihn ihre großen, feuchten Augen, die so dunkelblau waren, wie taubedeckte Kornblumen, lächelte unter Tränen, spitzte die Ohren, als ob sie lauschte, reckte ihren wie ein Blütenstengel schlanken Hals und begann Tichon plötzlich mit jener silberhellen Kinderstimme, mit der sie bei den Andachtsversammlungen zu singen pflegte, ins Ohr zu flüstern oder vielmehr zu singen. Sie stotterte nicht mehr, und ihre halb geflüsterten und halb gesungenen Worte waren ihm verständlich: »Ach, Tischenjka, ach Tischenjka, rette mich vor dem Bösen! Sie werden meinen Iwanuschka töten!« »Welchen Iwanuschka?« »Mein Söhnchen, mein armes Knäblein ...« »Warum sollten sie ihn töten?« fragte Tichon zweifelnd, denn ihre Worte kamen ihm wie ein Delirium vor. »Um sein lebendiges Blut als Abendmahl zu empfangen,« flüsterte Marjuschka, sich voller Grauen an ihn schmiegend. »Sie sagen, das Christkindlein, das makellose Lamm werde nur dazu geboren, um sich schlachten zu lassen und den Gläubigen als Speise zu dienen. Er sei kein lebendiges Kind, sondern ein Gesicht, eine heilige Ikone, unverwesliches Fleisch, das weder leiden, noch sterben könne ... Sie lügen aber, die Verfluchten! Ich weiß es, Tischenjka: mein Knäblein ist lebendig! Und es ist kein Christkindlein, sondern mein Iwanuschka. Mein Liebster! Niemand werde ich ihn geben, will selbst zugrundegehen, ihn aber nicht weggeben ... Tischenika, ach, Tischenjka, rette mich vor dem Bösen! ...« Ihre Rede wurde wieder unverständlich. Endlich verstummte sie, lehnte ihren Kopf an seine Schulter und versank in Schlaf oder in Ohnmacht. Der Morgen brach an. Hinter der Türe erklangen Schritte. Marjuschka fuhr zusammen und wollte weglaufen. Sie verabschiedeten sich, bekreuzigten einander, und Tichon versprach ihr, Iwanuschka zu schützen. »Sie ist ja närrisch!« suchte er sich zu beruhigen. »Sie weiß selbst nicht, was sie spricht, sie hat sich wohl alles nur eingebildet! ...« Am Gründonnerstag sollte wieder eine Andachtsversammlung stattfinden. Tichon erriet aus unklaren Andeutungen, daß bei dieser Versammlung ein großes Sakrament vollzogen werden sollte; war es vielleicht das, wovon Marjuschka gesprochen hatte? – fragte er sich entsetzt. Er suchte sie überall, um sich mit ihr zu beraten, was zu tun sei, sie war aber verschwunden. Vielleicht hielt man sie mit Absicht verborgen. Ihn befiel eine seltsame Erstarrung, wie bei einem Alpdruck. Er konnte an das Kommende fast gar nicht denken, wenn er nicht wegen Marjuschka besorgt gewesen wäre, wäre er geflohen. Am Gründonnerstag fuhr man wie immer um Mitternacht zur Versammlung. Als Tichon in die Zions-Stube trat und die Anwesenden sah, kam es ihm vor, als ob alle in derselben Erstarrung waren wie er selbst. Als ob sie alles, was sie taten, nicht aus eigenem Willen täten. Mütterchen war nicht anwesend. Väterchen trat ein. Sein Gesicht war leichenblaß und ungewöhnlich schön. Es erinnerte Tichon an die Darstellung des Gottes Bacchus-Dionysos auf Kameen, die er in einer Antikensammlung gesehen hatte. Die Andachtsübungen begannen. Noch nie hatte der weiße Strudel des Tanzes so rasend gekreist wie dieses Mal. Es war, als ob von Schreck getriebene weiße Vögel in einen weißen Abgrund sausten. Um keinen Verdacht zu erregen, tanzte Tichon mit. Doch er bemühte sich, der Verzückung des Tanzes zu widerstehen. Er trat ab und zu aus dem Reigen heraus, setzte sich, wie um auszuruhen, auf die Bank, beobachtete alle und dachte an Iwanuschka. Manche fielen bereits in Verzückung und schrieen mit Stimmen, die nicht wie die ihrigen klangen: »Er rollt herab!« Wie sehr auch Tichon dagegen ankämpfte, fühlte er doch, daß er schwach wurde und die Herrschaft über sich selbst verlor. Er hielt sich krampfhaft mit beiden Händen an der Bank, auf der er saß, fest, um nicht mitgerissen zu werden und nicht in dem sich immer rasender drehenden Wirbelwinde davonzufliegen, plötzlich schrie auch er mit ganz veränderter Stimme auf; es war über ihn gekommen, hatte ihn emporgehoben und in den Strudel gerissen. Da ertönte der letzte wahnsinnige allgemeine Schrei: »Eva – evo!« Und plötzlich blieben alle stehen, fielen wie vom Blitze getroffen auf ihr Angesicht und bedeckten die Gesichter mit den Händen. Die weißen Hemden lagen auf dem Fußboden wie weiße Fittiche. »Siehe, das ist das makellose Lamm, das in die Welt kommt, um erwürget zu werden und den Gläubigen als Speise zu dienen!« erklang in der Stille aus dem Keller die Stimme Mütterchens, so dumpf und geheimnisvoll, als ob es die Stimme der »feuchten Mutter Erde« wäre. Die Zarin trat ein, mit einer silbernen Schüssel in Form eines kleinen Taufbeckens in den Händen, in der auf zusammengerollten weißen Tüchern ein nacktes Kindlein lag. Es schlief; man hatte ihm offenbar einen einschläfernden Trank eingegeben. Zahllose brennende Wachskerzen klebten an einem dünnen Holzreifen, der mit Speichen an den untern Rand des Beckens befestigt war, so daß die Flammen auf der Höhe des Beckenrandes brannten und das Kind mit grellem Licht übergössen. Es sah aus, als ob es im Innern einer Wasserrose mit brennender Krone läge. Die Zarin hielt das Becken vor den Zaren hin und rief: »Dir wird das Deine von den Deinen dargebracht, für Alle und für Alles!« Der Zar bekreuzigte das Kind dreimal und sprach: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.« Dann nahm er das Kind auf die Arme und zückte über ihm das Messer. Tichon lag wie die andern auf der Erde, das Gesicht mit den Händen bedeckt. Aber er schielte mit einem Auge durch die Finger und sah alles. Es schien ihm, als strahlte das nackte Kindlein wie die Sonne, als sei es nicht Iwanuschka, sondern das geheimnisvolle Lamm, das von dem ersten Tage der Schöpfung an zum Opfer dargebracht wird, und als gleiche das Gesicht dessen, der das Messer über ihm gezückt hatte, dem Antlitze Gottes. Und er wartete mit unaussprechlichem Grauen und wünschte mit unaussprechlicher Sehnsucht, daß das Messer in den weißen Leib dringen und das rote Blut emporspritzen möchte. Wenn alles vollbracht und das Oberste zum Untersten geworden sein würde, dann würde auch im letzten Grauen die letzte Wollust liegen. Das Kind fing plötzlich zu weinen an. Väterchen lächelte, und das Antlitz Gottes verwandelte sich plötzlich in das Antlitz des Tieres. »Tier, Teufel, Antichrist! ...« ging es plötzlich Tichon durch den Kopf. Plötzlicher, schrecklicher, überirdischer Gram preßte sein Herz zusammen. Doch im gleichen Augenblick war es ihm, als ob er aus dem Schlafe erwachte. Er kam wieder zum Bewußtsein, sprang auf, stürzte sich auf Awerjanka Bespalyj, packte ihn am Arm und hielt den Stoß auf. Alle sprangen auf, fielen über Tichon her und hätten ihn wohl in Stücke zerrissen, wenn nicht plötzlich an der Türe donnergleiche Schläge erschollen wären. Die Türe wurde von außen erbrochen. Beide Flügel erbebten, fielen zur Erde, und in die Stube stürzte Marjuschka, von Männern in grünen Röcken und Dreimastern, mit blanken Degen gefolgt. Die Soldaten erschienen Tichon als Engel Gottes. Es wurde ihm finster vor den Augen. Er fühlte auf seiner Schulter einen schweren Druck; er hob die Hand und fühlte etwas Warmes und Klebriges: es war Blut; im Handgemenge hatte man ihn wohl mit einem Messer verletzt. Er schloß die Augen und sah vor sich die roten Flammen der brennenden Kapelle, den Roten Tod. Weiße Vögel flatterten in den roten Flammen. Er dachte: »Der Weiße Tod ist schrecklicher als der Rote!« und verlor das Bewußtsein. II. Der Prozeß gegen die Ketzer kam vor den neuerrichteten Heiligsten Synod. Laut Gerichtsbeschluß wurden der flüchtige Kosak Amerjanka Bespalyj und seine leibliche Schwester Akulina gerädert. Die andern wurden mit der Knute gepeitscht, durch Aufreißen der Nasenlöcher gebrandmarkt und die Männer nach Sibirien und die Weiber in Spinnhäuser und Klostergefängnisse geschickt. Tichon, der im Gefängnisspital an seinen Wunden beinahe gestorben wäre, rettete sein früherer Gönner, der General Jakow Williamowitsch Bruce. Er nahm ihn bei sich auf, heilte ihn und verwendete sich für ihn beim Bischof von Nowgorod, Feofan Prokopowitsch. Feofan nahm sich Tichons an, denn er zeigte gern sein Hirtenmitleid mit den verirrten Schafen, das er stets predigte: »Gegen die Gegner der Kirche soll man mit Milde und Vernunft auftreten und nicht, wie man es jetzt tut, mit grausamen Worten und Verbannungen.« Er erwartete auch, daß die Lossagung Tichons von der Ketzerei und sein Wiedereintritt in die rechtgläubige Gemeinde den andern Ketzern und Raskolniki als wohltuendes Beispiel dienen würde. Feofan rettete ihn vor der Knutenstrafe und der Verbannung, nahm ihn zu sich ins Haus, um seine Buße zu überwachen, und brachte ihn nach Petersburg. Die Petersburger Wohnung des Bischofs befand sich auf der Apothekerinsel, am Flusse Karpowka, inmitten eines dichten Waldes. Im Erdgeschoß des Hauses lag die Bibliothek. Als Feofan das Interesse Tichons für die Bücher sah, betraute er ihn mit der Neueinordnung der Bibliothek. Die Fenster, die auf den Wald hinausgingen, standen in den heißen Sommertagen meistens offen, und die Stille des Waldes floß mit der Stille der Bibliothek, und das Rauschen des Laubes mit dem Rauschen der Buchseiten zusammen. Man hörte hier den Specht picken und den Kuckuck rufen. Man sah zuweilen ein Elchpaar, das man von der damals noch ganz wüsten Petrowskii-Insel hierher getrieben hatte, auf die Waldwiese heraustreten. Ein grünliches Dämmerlicht füllte das Zimmer. Es war hier frisch und gemütlich. Tichon verbrachte hier ganze Tage unter den Büchern. Es war ihm, als ob er in die Bibliothek des Jakow Bruce zurückgekehrt wäre, als wären seine vier Wanderjahre nur ein Traum gewesen. Feofan war gütig gegen ihn. Er trieb ihn nicht zur schnelleren Rückkehr in den Schoß der rechtgläubigen Kirche an und gab ihm nur, aus Ermangelung eines russischen Katechismus, einige deutsche theologische Werke zu lesen. In freien Stunden unterhielt er sich mit ihm über das Gelesene und berichtigte die falschen, von der Lehre der rechtgläubigen Kirche abweichenden Ansichten der Protestanten. In der übrigen Zeit durfte Tichon alles tun, was ihm beliebte. Tichon nahm seine mathematischen Studien wieder auf. In der Kälte der reinen Vernunft ruhte er sich vom Feuer des Wahnsinns,, vom Delirium des Roten und des Weißen Todes aus. Er las auch in den Werken der Philosophen Descartes, Leibniz und Spinoza. Er erinnerte sich noch an die Worte des Pastors Glück: »Die wahre Philosophie entfremdet von Gott, wenn man nur von ihrer Oberfläche kostet; und sie führt zu Gott, wenn man aus ihrer Tiefe schöpft.« Für Descartes war Gott der Erste Beweger der Ersten Materie. Das Weltall war für ihn eine Maschine. Er kannte weder Liebe, noch Geheimnisse, noch Leben, nichts außer der Vernunft, die sich in allen Welten wie das Licht in durchsichtigen Eiskristallen spiegelt. Tichon empfand ein Grauen vor diesem toten Gotte. »Die Natur ist voller Leben,« behauptete Leibniz in seiner Monadologie. »Ich will beweisen, daß die Ursache einer jeden Bewegung der Geist ist, und der Geist ist eine lebendige Monade, die aus Ideen besteht, wie das Zentrum aus Winkeln.« Die Monaden sind von Gott nach der prästabilierten Harmonie zu einem Ganzen vereinigt. »Die Welt ist ein Uhrwerk Gottes, Horologium Dei .« – »Also wieder statt des Lebens – eine Maschine, statt eines Gottes – Mechanik,« – dachte Tichon, und es wurde ihm wieder unheimlich zumute. Aber am unheimlichsten, weil am verständlichsten war für ihn Spinoza. Er sprach das aus, was die andern nicht auszusprechen wagten. »Die Behauptung, daß Gott sich in der Menschengestalt verkörpert habe, ist ebenso sinnlos, wie die Behauptung, daß ein Kreis die Natur eines Dreiecks oder eines Quadrats angenommen habe. ›Das Wort ward Fleisch‹, ist nur eine orientalische Redewendung, die für die Vernunft keinerlei Bedeutung haben kann. Das Christentum unterscheidet sich von den andern Bekenntnissen nicht durch den Glauben, nicht durch die Liebe und nicht durch irgendwelche andere Gaben des Heiligen Geistes, sondern einzig und allein dadurch, daß es sich auf Wunder, das heißt auf Unwissenheit stützt, welche der Ursprung alles Bösen ist, und auf diese Weise den Glauben in Aberglauben verwandelt.« Spinoza deckte den geheimen Gedanken aller neueren Philosophen auf: entweder mit Christo gegen die Vernunft, oder mit der Vernunft gegen Christum. Einmal brachte Tichon bei einem Gespräche mit Feofan die Rede auf Spinoza. »Der Grund jener Philosophie muß als dumm erscheinen,« erklärte der Bischof mit verächtlichem Lächeln, »wenn man einsieht, daß Spinoza seine Gedankengänge aus den nichtswürdigsten Widersprüchen zusammengeflochten und seine Dummheit mit verführerischen und hochmütigen Worten überdeckt hat ...« Diese Schmähworte vermochten Tichon weder zu überzeugen, noch zu beruhigen. Er fand auch keinen Trost in den Werken der ausländischen Theologen, die alle älteren und neueren Philosophen mit der gleichen Leichtigkeit abfertigten, wie der russische Bischof den Spinoza. Manchmal betraute der Bischof Tichon mit dem Abschreiben von Akten des Heiligsten Synods. In der Eidesformel des Geistlichen Reglements fielen ihm die Worte auf: »Ich bekenne unter meinem Eide als den höchsten Richter dieses Geistlichen Kollegiums den Selbstherrscher aller Reußen, unsern Allergnädigsten Zaren.« Der Zar war also das Haupt der Kirche, der Zar stand an Stelle Christi. » Magnus ille Leviathan, quae Civitas appellatur, officium artis est et Homo artificialis . – Jener große Leviathan, den man Staat nennt, ist ein künstliches Erzeugnis und ein künstlicher Mensch.« Ihm fielen diese Worte aus dem Werke »Leviathan« des englischen Philosophen Hobbes ein, der ebenfalls behauptete, daß die Kirche ein Teil des Staates, ein Glied des großen Leviathans, des riesenhaften Automaten sein müsse; vielleicht gar ein Glied des »Bildes des Tieres«, das nach dem Ebenbilde jenes Gottes-Tieres geschaffen ist, von dem die Apokalypse spricht? Die Kälte der Vernunft, die ihm aus dieser toten Kirche eines toten Gottes entgegenwehte, war für Tichon ebenso tödlich wie das Feuer des Wahnsinns und wie die Flammen des Roten und des Weißen Todes. Schon war der Tag festgesetzt, an dem an Tichon in der Dreifaltigkeits-Kathedrale die Zeremonie der heiligen Ölung zum Zeichen seines Wiedereintritts in die rechtgläubige Kirche vollzogen werden sollte. Am Vorabend dieses Tages hatte Feofan in seine Wohnung an der Karpowka Gäste zum Abendessen geladen. Es war eine jener Versammlungen, die Feofan in seinen lateinischen Briefen » noctes atticae – Attische Nächte« zu nennen pflegte. Indem die Gäste zu den gesalzenen und geräucherten Fastenspeisen der bischöflichen Küche das berühmte Bier des P. Kellermeisters Gerassim tranken, unterhielten sie sich über Philosophie, über die »Erscheinungen und Satzungen der Natur«, meistenteils in einem sehr freien, wie manche behaupteten, sogar atheistischen Geiste. Tichon stand in der Glasgalerie, die die Bibliothek mit dem Speisezimmer verband, und lauschte aus der Ferne dieser Unterhaltung. »Unter klugen Menschen kann ein Streit über Glaubenssachen gar nicht vorkommen, denn der kluge Mensch kümmert sich nicht darum, was der andere glaubt und ob er Lutheraner, Kalvinist oder Heide ist; denn er sieht nicht auf den Glauben, sondern auf die Handlungen und die Moral des Menschen« sagte Bruce. » Uti boni vini non est quaerenda regio, sic nec boni viri religio et patria .– Man soll nach dem Ursprung eines guten Weines ebensowenig forschen wie nach dem Glauben und der Herkunft eines guten Mannes,« bestätigte Feofan. »Das Studium der Philosophie können nur entweder Unwissende oder schlechte Pfaffen verbieten,« bemerkte Wassilij Nikitisch Tatischtschew, der Präsident des Bergkollegiums. Der gelehrte Hieromonach P. Markell suchte zu beweisen, daß viele Heiligengeschichten gegen die Wahrscheinlichkeit sündigten. »Es ist viel geschwindelt worden!« wiederholte er den berühmten Ausspruch Fedoßkas. »In unsern Tagen gibt es keine Wunder mehr,« stimmte Doktor Blumentrost dem Hieromonachen bei. »Dieser Tage,« begann mit feinem Lächeln Peter Andrejewitsch Tolstoi, »besuchte ich einen Freund, bei dem ich zwei Garde-Unteroffiziere antraf. Sie hatten einen großen Streit: der eine bejahte und der andere verneinte die Existenz Gottes. Der Verneinende schrie: ›Rede keinen Unsinn, es gibt keinen Gott!‹ Ich mischte mich in den Streit ein und fragte: ›Wer hat dir gesagt, daß es keinen Gott gibt?‹ – ›Leutnant Iwanow gestern auf dem Gostinnyj-Dwor!‹ – ›Das ist auch der richtige Ort!‹ ...« Alle lachten, alle waren guter Dinge. Tichon war es unheimlich zumute. Er fühlte, daß diese Menschen einen Weg eingeschlagen hatten, den sie nicht zu Ende gehen würden, und daß sie früher oder später in Rußland dorthin gelangen würden, wo man in Westeuropa bereits angelangt war: entweder mit Christo gegen die Vernunft, oder mit der Vernunft gegen Christum. Er kehrte in die Bibliothek zurück, setzte sich ans Fenster neben die Wand, an der die gleichmäßigen Bücherreihen in gleichen Leder- und Pergamenteinbänden standen, blickte auf den leeren, toten, schrecklichen weißen Himmel über den schwarzen Tannen und dachte an die Worte Spinozas: »Gott und der Mensch haben ebensowenig miteinander gemein, wie das Sternbild des Hundes mit dem Hunde, dem bellenden Tiere. Der Mensch kann wohl Gott lieben, aber Gott kann den Menschen nicht lieben.« Dort im toten Himmel schien der tote Gott zu wohnen, der nicht lieben kann. Es wäre schon besser, zu wissen, daß es überhaupt keinen Gott gäbe. »Und vielleicht gibt es auch wirklich keinen?« dachte er sich, und ihn überfiel derselbe Schrecken wie damals, als Iwanuschka zu weinen und Awerjanka, der über ihn das Messer gezückt, zu lächeln begonnen hatte. Tichon sank in die Knie und begann zu beten, indem er zum Himmel emporstarrte und nur das eine Wort wiederholte: »Gott! Gott! Gott!« Doch im Himmel herrschte ein Schweigen, und auch in seinem Herzen war nichts als Schweigen. Ein grenzenloses Schweigen, ein grenzenloses Grauen. Aus dem tiefsten Abgrund dieses Schweigens sprach aber plötzlich jemand zu ihm. Jemand antwortete ihm und sagte ihm, was er zu tun habe. Tichon stand auf, stieg in seine Kammer, zog unter dem Bette sein Köfferchen hervor, holte daraus seine alte Pilgerkutte, den Ledergürtel, den Rosenkranz, das Käppchen, das kleine Bild der heiligen Sophia, der Allweisheit Gottes, das ihm einst Sofja geschenkt hatte, zog den Rock und die übrige deutsche Kleidung aus, legte die aus dem Köfferchen hervorgeholten Sachen an, nahm den Ranzen über die Schulter, ergriff den Stock, bekreuzigte sich und ging, von niemand bemerkt, aus dem Hause in den Wald. Am nächsten Morgen, als es Zeit war, in die Kirche Zur heiligen Ölung zu gehen, begann man Tichon überall zu suchen. Man suchte lange Zeit, konnte ihn aber nicht finden. Er war spurlos verschwunden, wie von der Erde verschlungen. III. Nach der Überlieferung soll der Apostel Andreas der Erstberufene, der aus Kijew nach Nowgorod gekommen war, auf einem Boote an der Insel Walaam im Ladoga-See gelandet sein und hier ein steinernes Kreuz errichtet haben. Lange Zeit vor Einführung des christlichen Glaubens in Rußland hatten schon zwei Mönche, die Heiligen Sergius und Hermann, die nach Rußland aus dem Morgenlande gekommen waren, auf der Insel Walaam ein heiliges Kloster gegründet. Seit jener Zeit leuchtete im wilden Norden der Glaube Christi wie ein Lämpchen in finsterer Mitternacht. Als die Schweden das Ladoga-Gebiet erobert hatten, verwüsteten sie mehrmals das Walaam-Kloster. Im Jahre 1611 zerstörten sie es gänzlich, so daß kein Stein auf dem andern blieb. Ein ganzes Jahrhundert lang blieb die Insel verödet. Im Jahre 1715 befahl aber Zar Peter durch einen Ukas, das Kloster zu erneuern. Man baute über den Reliquien der heiligen Wundertäter Sergius und Hermann eine kleine Holzkirche zu Ehren der Verklärung Christi und einige armselige Zellen, in die man mehrere Mönche aus dem Kirillo-Bjeloserskij-Kloster versetzte. Das Flämmchen des Christenglaubens leuchtete hier wieder auf, und eine Prophezeiung verkündete, daß es bis zur Wiederkunft Christi nicht wieder verlöschen würde. Tichon hatte Petersburg in Begleitung eines Mönches aus der Sekte der »Fliehenden« verlassen. Die »Fliehenden« lehrten, daß die Rechtgläubigen, um sich vor dem Antichrist zu retten, von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort, bis zu den äußersten Grenzen der Erde fliehen müßten. Der Mönch suchte Tichon zu überreden, ihm in ein unbekanntes »Oponj'sches Reich« zu folgen, das auf den siebzig Inseln von Bjelowodje gelegen sei und wo in 179 Kirchen assyrischer Sprache der alte Glaube noch unversehrt fortbestehe; dieses Reich läge hinter Gog und Magog am Rande der Welt, wo die Sonne aufgehe. »Wenn Gott uns gnädig ist, werden wir es in etwa zehn Jahren erreichen,« tröstete ihn der Mönch. Tichon hatte zwar wenig Vertrauen zu dem Oponj'schen Reiche, folgte aber dem »Fliehenden«, weil es ihm ganz gleich war, wohin und mit wem er ging. Auf einem Floße erreichten sie Ladoga. Hier bestiegen sie eine »Ssojma«, ein morsches Boot, das nach Sserdobolj fuhr. Auf dem See wurden sie von einem Sturm überrascht. Lange trieben sie auf den Wellen umher und kamen beinahe um. Endlich erreichten sie den Hafen des Walaam-Klosters. Gegen Morgen legte sich der Sturm, aber die Ssojma bedurfte der Ausbesserung. Tichon wanderte unterdessen auf der Insel umher. Die Insel bestand ganz aus Granit. Die Ufer erhoben sich über dem Wasser als steile Felsen. Die Bäume konnten in der dünnen Erdschicht über dem Granit nicht Wurzel fassen und waren verkümmert. Dafür wuchs hier das Moos ungewöhnlich üppig; es überwucherte die Tannen wie mit Spinngeweben und hing in langen Flechten von den Fichtenstämmen herab. Der Tag war heiß und nebelig. Der Himmel war von einem milchigen Weiß, durch das ganz schwach ein nebeliges Blau hindurchschimmerte. Das Wasser des spiegelglatten Sees floß mit dem Himmel zusammen, so daß man nicht unterscheiden konnte, wo das Wasser aufhörte und wo der Himmel begann; der Himmel sah wie ein See, und der See wie ein Himmel aus. Es herrschte eine atemlose Stille; selbst die Vögel schwiegen. Diese heilige Wüste, dieses strenge und zärtliche nordische Paradies umfing die Seele mit überirdischer Stille und ewiger Ruhe. Tichon erinnerte sich an das Lied, das er in den Wäldern von Dolgije-Mchi gesungen hatte: Oh, liebliches Mütterchen Wüste! Will gehen durch Wälder und Sümpfe, Will ziehen durch Berge und Höhlen ... Er erinnerte sich auch an die Worte eines der Mönche von Walaam: »Gottes Segen ruht auf unserer Insel! Man kann drei Tage lang im Walde bleiben, und doch trifft man weder ein Raubtier noch einen bösen Menschen. Man ist ganz allein mit Gott!« Er wanderte lange umher, entfernte sich weit vom Kloster und verirrte sich. Der Abend brach an. Er fürchtete, daß die Ssojma ohne ihn weiterfahren würde. Um sich umzusehen, stieg er auf einen hohen Berg. Die Abhänge waren dicht mit Tannen bewachsen. Auf dem Gipfel war eine runde Wiese, auf der lila-rotes Heidekraut blühte. In der Mitte der Wiese stand ein schwarzer Stein in Gestalt einer Säule. Tichon war müde geworden. Er entdeckte am Rande der Wiese zwischen den Tannen eine Vertiefung im Felsen, die wie eine mit weichem Moose gepolsterte Wiege war, legte sich hinein und schlief ein. Er erwachte in der Nacht. Es war fast ebenso hell wie am Tage. Es war nur noch stiller. Die Ufer der Insel spiegelten sich im Wasser des Sees so klar, daß man auch den letzten kreuzförmigen Wipfel der spitzen Tannen erkennen konnte, und es schien, als ob dort unten eine zweite Insel, die der oberen ganz ähnlich, nur umgekehrt wäre, läge, und als ob die beiden Inseln zwischen zwei Himmeln hingen. Auf dem Steine mitten auf der Wiese kniete ein Greis, den Tichon nicht kannte; es war wohl ein Einsiedler. Seine unbewegliche Silhouette hob sich schwarz vom rosig goldenen Himmel ab, als ob er aus dem gleichen Stein, auf dem er stand, gemeißelt wäre, sein Gesicht drückte eine so tiefe Verzückung des Gebets aus, wie Tichon sie noch auf keinem Menschenantlitz gesehen hatte. Ihm schien es, daß die ringsum herrschende Stille von diesem Gebet ausginge und daß der Wohlgeruch des lila-roten Heidekrauts nur um dieses Gebetes willen wie Weihrauch zum rosig goldenen Himmel emporstiege. Ohne zu atmen und ohne sich zu rühren, blickte er lange auf den Betenden; er betete mit ihm, verlor in der unendlichen Süße des Gebets die Besinnung und schlief wieder ein. Bei Sonnenaufgang erwachte er wieder. Der Stein war jetzt leer. Tichon ging auf ihn zu und entdeckte im dichten Heidekraut einen kaum wahrnehmbaren Fußpfad, der ihn in ein von Felsen eingeschlossenes Tal hinabführte. Unten war ein Birkenwäldchen, und in der Mitte des Wäldchens lag eine Wiese mit hohem Gras. Ein unsichtbares Bächlein murmelte wie ein plauderndes Kind. Auf der Wiese stand ein Mönch, derselbe, den Tichon nachts gesehen hatte, und fütterte aus der Hand mit Brot eine Elchkuh mit einem drolligen Kälbchen. Tichon sah es und traute seinen Augen nicht. Er wußte, wie scheu die Elche und besonders die Elchkühe sind, die eben gekalbt haben. Es war ihm, als sähe er das tiefe Geheimnis jener Tage, wo Mensch und Tier zusammen im Paradiese gelebt hatten. Nachdem die Elchkuh das Brot aufgefressen hatte, begann sie dem Greis die Hand zu lecken. Er bekreuzigte sie, küßte sie auf die zottige Stirne und sagte leise und zärtlich: »Der Herr sei mit dir, Mütterchen!« Das Tier wandte sich plötzlich scheu um, fuhr zusammen und flüchtete mit seinem Jungen in die Tiefe der Schlucht, so daß es im Walde nur so krachte; wahrscheinlich hatte es Tichon gewittert. Er ging auf den Greis zu und sagte: »Segne mich, Vater!« Der Greis bekreuzigte ihn ebenso zärtlich, wie er soeben das Tier gesegnet hatte. »Der Herr sei mit dir, mein Kind. Wie heißt du denn?« »Tichon.« »Tichon »Ticho« heißt russisch »still«. ist ein stiller Name, woher hat dich Gott hergeführt? Dieser Ort ist mit Wald bewachsen, einsam und den Kindern der Welt schwer zugänglich. Gar selten sehen wir hier Gottes Pilger.« »Wir fuhren von Ladoga nach Sserdobolj,« antwortete Tichon. »Der Sturm hat unsere Ssojma an die Insel verschlagen. Gestern ging ich in den Wald und verirrte mich.« »Hast du auch im Walde übernachtet?« »Ja, im Walde.« »Hast du auch ein Stück Brot bei dir? Bist du hungrig?« Tichon hatte das Stück Brot, das er mitgenommen, am Abend vorher verzehrt und spürte jetzt Hunger. »Nun, komm mit in meine Zelle, Tischenjka. Ich will dir zu essen geben, was mir Gott gesandt hat.« P. Sergius – so hieß der Einsiedler – war, nach seinem stark ergrauten, einst schwarzen Haar zu schließen, wohl über fünfzig Jahre alt; aber sein Gang und alle seine Bewegungen waren so schnell und leicht wie die eines zwanzigjährigen Jünglings; sein Gesicht war trocken, ausgemergelt, doch ebenfalls jugendlich; er kniff seine braunen, etwas kurzsichtigen Augen ständig zusammen, was ihm den Ausdruck verlieh, als ob er ein schelmisches, fast listiges Lächeln nicht unterdrücken könnte; es sah so aus, als ob er etwas Lustiges, was die andern nicht kannten, von sich selbst wüßte, daß er es gleich erzählen würde, wodurch alle erfreut sein würden. Zugleich lag aber in seiner Heiterkeit auch jene Stille, die Tichon auf seinem Gesicht während des nächtlichen Gebets wahrgenommen hatte. Sie gingen auf den steilen Granitfelsen zu. Hinter einem windschiefen, halbumgefallenen Zaun lagen Gemüsebeete. In einer Felsspalte befand sich die von der Natur selbst geschaffene Zelle: drei Wände bestanden aus Felsen, die vierte, mit dem kleinen Fenster und der Türe, war aus roh behauenen Balken hinzugebaut. Über der Tür hing ein vor Alter schwarz gewordenes Bild der Wundertäter von Walaam, der Heiligen Sergius und Hermann. Das Dach bestand aus Erde; es war mit Moos und Birkenrinde bedeckt und von einem hölzernen, achtspitzigen Kreuz bekrönt. Die Mündung des Tales, das zum See hinablief, war von einer Sandbank abgeschlossen, die von dem im Talgrunde fließenden und hier in den See mündenden Bach angeschwemmt worden war. Am Ufer waren an Pfählen Netze und Fischreusen zum Trocknen aufgehängt, hier gewahrte Tichon einen andern Einsiedler in einer geflickten Kutte aus grauem Bauerntuche, die mehr einem Bettlergewand glich. Er stand mit bloßen Füßen bis an die Kniee im Wasser und war mit dem Ausbessern und Teeren des Bodens eines umgewendeten Bootes beschäftigt; der Alte war kräftig gebaut und breitschulterig und hatte ein wetterhartes Gesicht mit Überresten grauer Haare um den kahlen Kopf. »Ein echter Petrus der Fischer,« dachte sich Tichon. Es roch nach Tannenholz, Wasser, Fischen und Teer. »Lariwonuschka!« rief P. Sergius. Der Alte sah sich um, hörte sofort auf zu arbeiten, ging auf sie zu und verneigte sich stumm vor Tichon bis zur Erde. »Fürchte dich nicht, mein Sohn,« beruhigte P. Sergius mit seinem schelmischen Lächeln Tichon, der verlegen wurde. »Nicht nur vor dir allein, sondern vor allen Menschen und selbst vor kleinen Kindern verneigt er sich bis zur Erde. So groß ist eben seine Demut! Lariwonuschka, bereite das Essen, wir müssen den Pilger Gottes speisen.« P. Ilarion stand vom Boden auf und musterte Tichon mit einem demütigen doch strengen Blick. »Liebe alle und fliehe alle,« dieser Ausspruch des großen Einsiedlers von Thebais, des heiligen Abba Arsenius, lag in diesem Blick. Die Zelle bestand aus zwei Teilen: einer winzigen Wohnkammer und einer Höhle im steinernen Felsen; an den Wänden der Kammer hingen Heiligenbilder, die ebenso freudig aussahen, wie P. Sergius selbst; hier war die Muttergottes die »Freudige«, die »Gnädige«, die »wohlriechende Blüte«, der »Benedeite Leib«, die »Lebensspenderin« und die »Unerwartete Freude«; vor der letzteren, die P. Sergius besonders liebte, brannte ein Lämpchen. In der Höhle, die so finster und eng wie ein Grab war, standen zwei Särge mit Steinen statt Kopfpolstern. In diesen Särgen pflegten die beiden Einsiedler zu schlafen. Man setzte sich an den Tisch, – ein nacktes Brett, das auf einem moosbewachsenen Fichtenklotz lag. P. Ilarion brachte Brot, Salz, Holzschalen mit gehacktem Sauerkraut, Salzgurken, einer Pilzsuppe und einem Aufguß wohlriechender Waldkräuter. P. Sergius und Tichon aßen schweigend, während P. Ilarion den Psalm las: »Wer Augen warten auf Dich und Du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit.« Nach dem Essen ging P. Ilarion wieder das Boot teeren. P. Sergius und Tichon setzten sich auf die Steinstufen vor dem Eingänge zur Höhle, vor ihnen breitete sich der See aus, der immer noch so still, glatt und blaßblau war, und in dem sich die weißen, runden, großen Wolken spiegelten, so daß er wie ein zweiter, unterer Himmel aussah, der dem oberen vollkommen glich. »Wanderst du, um ein Gelübde zu erfüllen, mein Kind?« fragte P. Sergius. Tichon sah ihn an und fühlte das Bedürfnis, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. »Es ist ein großes Gelübde, das ich erfüllen will: ich suche die wahre Kirche ...« Und er erzählte ihm sein ganzes Leben, von seiner Flucht vor dem Antichrist an bis zu seiner letzten Lossagung von der toten Kirche. Als er zu Ende war, saß P. Sergius lange schweigend da, das Gesicht mit den Händen bedeckend; dann stand er auf, legte seine Hand auf Tichons Kopf und sagte: »Der Herr sprach: ›Wer zu mir kommt, den weise ich nicht ab.‹ Gehe also mit Frieden zum Herrn, mein Kind. Fürchte dich nicht, mein Lieber: Du wirst die Kirche finden, du wirst die Kirche finden, du wirst die wahre Kirche finden!« In diesen Worten lag eine solche prophetische Kraft und Macht, als ob er nicht aus sich selbst heraus redete. »Habe Erbarmen, Vater!« rief Tichon aus, ihm zu Füßen fallend. »Nimm mich bei dir als Novizen auf, gestatte mir, mit euch in eurer Einöde zu leben!« »Du kannst hier leben, mein Kind, Gott segne dich!« sagte P. Sergius, ihn umarmend und küssend. »Tischenjka ist ja still und wird unser stilles Leben nicht stören,« fügte er mit seinem gewohnten heiteren Lächeln hinzu. So blieb Tichon in der Einöde bei den beiden Alten. P. Ilarion war ein strenger Büßer. Manchmal nahm er wochenlang keinen Bissen Brot zu sich. Er lebte von der Rinde, die er von den großen Fichten abriß, trocknete, in einem Mörser zerstampfte und mit Mehl vermengt buck. Wasser trank er nur aus warmen und fauligen Pfützen. Im Winter betete er, bis an die Kniee im Schnee stehend. Im Sommer stand er nackt im Sumpfe und ließ sich von den Mücken halb auffressen. Er wusch sich niemals und begründete es mit den Worten des heiligen Isaak des Syrers: »Entblöße keines von deinen Gliedern. Wenn du dich aber jucken mußt, so umwickele deine Hand mit dem Hemd oder einem Lappen und kratze dich so; niemals darfst du aber mit der Hand deinen nackten Körper berühren und niemals deine Scham schauen, und wenn sie dir auch abfault«, P. Ilarion erzählte Tichon von seinem früheren Lehrer, dem Mönche des Kyrillo-Bjeloserskij-Klosters, P. Trifon, den man den »Unflätigen« nannte, »weil er durch seine fromme Unflätigkeit der Gnade teilhaftig wurde, in die Zukunft zu schauen.« – »Dieser Trifon hatte sich, so lange er lebte, weder auf die Füße noch auf den Kopf Wasser gegossen, und doch hatte er keine Läuse, worüber er jammerte: ›Dafür werden mich im Jenseits die Läuse wie die Mäuse fressen.‹« Dieser selbe Trifon betete Tag und Nacht unaufhörlich das Vaterunser, so daß sich seine Lippen aus Gewohnheit unablässig bewegten; vom ständigen Bekreuzigen hatte er auf der Stirne ein blaues Mal und eine Wunde; wenn er die Stundengebete, die Frühmesse oder die Vesper sang, so weinte er dabei so sehr, daß er vor lauter Tränen ohnmächtig wurde. Vor seinem Tode war er sieben Tage und sieben Nächte schwer krank, stieß aber keinen Seufzer und keinen Laut aus und verlangte auch kein einziges Mal zu trinken. Wenn jemand zu ihm kam und ihn fragte: »Väterchen, bist du nicht schwer krank?« so antwortete er: »Es ist mir wohl!« – Einmal trat P. Ilarion so leise, daß er es nicht hören konnte, an sein Lager und hörte, wie er mit den Lippen kaum vernehmbar schmatzte und leise flüsterte: »Ach, wenn ich mich satt trinken könnte!« – »Willst du trinken, Väterchen?« fragte ihn P. Ilarion. P. Trifon antwortete aber: »Nein, ich will nicht.« Daraus merkte P. Ilarion, daß P. Trifon sich mit dem großen Durst peinigte und dies seine letzte Selbstkasteiung war. Trotz aller dieser Fasten, Mühen und Taten war es dem Menschen, wie P. Ilarion meinte, fast unmöglich, sein Seelenheil zu retten. Nach dem Gesicht irgend eines Heiligen kamen von dreißigtausend Seelen Verstorbener nur zweitausend ins Paradies, und die übrigen in die Hölle. »Mächtig ist der Teufel, ach, so mächtig!« seufzte er zuweilen so zerknirscht, daß man zweifeln mußte, wer stärker wäre und wer siegen würde: Gott oder der Teufel? Zuweilen hatte Tichon den Eindruck, daß P. Ilarion, wenn er seine Gedanken zu Ende denken würde, zu den gleichen Schlußfolgerungen gelangen müßte wie die Prediger des Roten Todes. P. Sergius war in allen Dingen P. Ilarion entgegengesetzt. »Die übermäßige und unvernünftige Enthaltsamkeit,« lehrte er, »schadet mehr als Völlerei. Ein jeder soll das Maß der Speisen für sich selbst festsetzen. Man soll von allen Speisen, und selbst von den süßen, ein wenig genießen, denn dem Reinen ist alles rein, alles, was Gott erschaffen, ist gut, und keine Speise hat vor der andern einen Vorzug.« Er sah das Heil nicht in äußeren körperlichen Werken, sondern in inneren »klugen Taten«. Jede Nacht betete er auf dem Steine, unbeweglich wie eine Bildsäule knieend. Tichon sah aber in dieser Unbeweglichkeit einen rasenderen Flug als im wahnsinnigen Tanze der Chlysty. »Wie soll man beten?« fragte er einmal P. Sergius. »Deine Gedanken sollen dabei schweigen,« antwortete dieser, »und du sollst in die Tiefe deines Herzens blicken und sprechen: ›Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!‹ Und so sollst du beten im Stehen, Sitzen oder Liegen, den Verstand im Herzen verschließend und den Atem so lang als möglich zurückhaltend, um möglichst wenig Atemzüge zu tun. Zuerst wirst du in dir eine große Finsternis und Härte finden und im äußeren Gebet ein gewisses Hindernis, wie eine eherne Mauer zwischen dir und Gott erkennen. Du sollst aber nicht verzagen, immer eifriger beten, und die eherne Mauer wird stürzen. Und dann wirst du in deinem Herzen ein unaussprechliches Licht sehen. Dann werden deine Worte verstummen, und alle deine Gebete und Seufzer, Kniebeugungen, Stoßseufzer und süße Klagen aufhören. Dann wird eine tiefe Stille anbrechen. Dann wird eine große Verzückung über dich kommen, und du wirst nicht mehr wissen, ob du einen Körper hast oder nicht. Dann wirst du Gott schauen und vor Ihm erschaudern. Dann sind Mensch und Gott eins. Dann wird das Wort des Propheten in Erfüllung gehen: ›Vereinigen wir uns mit Gott und kommen wir zur Erkenntnis!‹ Das ist das kluge Gebet, mein Kind!« Tichon merkte, daß P. Sergius, wenn er redete, ebenso trunkene Augen hatte wie die »Kindlein Gottes«: der Rausch war aber bei ihnen kurz und rasend, bei P. Sergius dagegen ewig, still und gleichsam nüchtern. P. Ilarion und P. Sergius waren in ihrem Geiste so sehr von einander verschieden, daß man glaubte, sie würden sich gar nicht vertragen können; und doch vertrugen sie sich immer. »P. Sergius ist ein auserwähltes Gefäß!« pflegte P. Ilarion zu sagen. »Gott hat ihn zu großen und mich zu niedrigen Diensten auserkoren; er ist von Adel, und ich bin von gemeinem Stande; ihm wird alles vergeben, und ich muß für alles Antwort stehen; er fliegt dahin wie ein Adler, ich krieche wie eine Ameise. Daß er seine Seele retten wird, das steht schon fest; ob ich aber die meinige retten werde, weiß Gott allein. Wenn ich zugrunde gehe, werde ich mich am Rockschoße des P. Ilarion festhalten, und er wird mich herausziehen!« »P. Ilarion ist ein fester Stein, eine Säule der Rechtgläubigkeit, eine unerschütterliche Mauer,« sagte P. Sergius ein anderes Mal. »Ich aber bin ein Blatt, das im Winde schwankt. Ohne ihn wäre ich längst verloren und von den Überlieferungen der Väter abgefallen. Nur durch seine Hilfe halte ich mich noch aufrecht. Unter seinem Schutze bin ich sicher wie im Busen Christi!« P. Sergius erzählte dem P. Ilarion nichts von seinem ersten Gespräch mit Tichon. Dieser erriet aber alles und witterte in ihm den Ketzer wie das Schaf den Wolf wittert. Einmal belauschte Tichon zufällig ein Gespräch der beiden Alten. »Habe Geduld mit ihm, Lariwonuschka!« flehte P. Sergius. »Habe Geduld, um Christi willen! Lasse Frieden und Liebe walten ...« »Was für ein Frieden ist mit einem Ketzer möglich?« entgegnete P. Ilarion. »Man soll mit ihm bis zum Tode kämpfen und sich seinem verderbten Geiste nicht fügen. Seinen Feind soll man lieben, aber nicht den Feind Gottes. Den Ketzer soll man fliehen und zu ihm nicht vom rechten Glauben sprechen, sondern auf ihn nur spucken. Bei Gott, ein Ketzer ist schlimmer als ein Hund und ein Schwein! Er sei verflucht! Anathema!« »Habe Geduld, Lariwonuschka! ...« wiederholte P. Sergius mit unendlichem, aber ohnmächtigem Flehen, als zweifelte er selbst an seinem Rechte. Tichon ging zur Seite. Er hatte plötzlich eingesehen, daß er von P. Sergius vergeblich Hilfe erhoffte und daß dieser große Heilige, der vor Gott ebenso mächtig dastand, wie ein Engel, vor den Menschen schwach war wie ein Kind. Einige Tage darauf saßen P. Sergius und Tichon wieder auf den Steinstufen vor dem Eingang zur Höhle, so wie sie am ersten Tage gesessen hatten. Sie waren allein. P. Ilarion war mit seinem Boote hinausgefahren, um Fische zu fangen. Es war eine schwüle, weiße Nacht, aber der Himmel war von Gewitterwolken bedeckt. In den letzten Tagen war immer ein Gewitter im Anzuge gewesen, aber nicht zum Ausbruch gekommen. Auf Erden herrschte eine Totenstille. Am Himmel flogen stürmische und schnelle, doch gleichfalls stumme Wolken dahin, – als ob stumme Riesen in den Kampf zögen. Zuweilen erscholl ein leiser, ferner, gleichsam unterirdischer Donner, der sich wie das Brummen eines schlafenden Tieres anhörte. Blasses Wetterleuchten zuckte ab und zu auf, als ob die Nacht vor Entsetzen zusammenfahre. Und bei jedem Aufleuchten zeichneten sich im Widerscheine der weißen Flammen bis auf die letzten kreuzförmigen Wipfel der spitzen Tannen klar und deutlich alle Umrisse der Insel, sie spiegelten sich im Wasser, so daß man dort unten eine zweite Insel sah, die der oberen ähnlich, nur umgekehrt war, und beide Inseln schienen zwischen den beiden Himmeln zu hängen, wenn das Wetterleuchten erlosch, versank alles wieder in Finsternis und Totenstille; man hörte nur noch gleichsam das Brummen des schlafenden Tieres. Tichon schlief, P. Sergius blickte in die dunkle, gewitterschwangere Ferne und sang eine Hymne an den süßesten Heiland. Und die leisen Worte des Gebets flossen mit dem leisen Dröhnen des Donners in eins zusammen: Jesu, unbesiegbare Kraft, Jesu, unendliche Gnade, Jesu, strahlende Schönheit, Jesu, unaussprechliche Liebe, Jesu, Sohn des lebendigen Gottes, Jesu, erbarme dich meiner! Tichon fühlte, daß P. Sergius ihm etwas sagen wollte, sich aber dazu nicht entschließen konnte. Tichon konnte im Finstersein Gesicht nicht sehen? sooft aber ein Wetterleuchten aufflammte, blickte er es an, und es erschien ihm so traurig wie noch nie. »Vater!« brach Tichon als erster das Schweigen, »ich werde bald von euch weggehen ...« »Wo willst du denn hin, mein Kind?« »Ich weiß es noch nicht, Vater. Es ist mir ganz gleich. Ich gehe hin, wohin meine Augen schauen ...« P. Sergius ergriff seine Hand, und Tichon hörte sein zitterndes leises Flüstern: »Kehre zurück, Kind, kehre zurück! ...« »Wohin?« fragte Tichon, und plötzlich befiehl ihn, er wußte selbst nicht warum, ein Grauen. »Ins Kirchlein, ins Kirchlein!« flüsterte P. Sergius immer zärtlicher, immer zitternder. »In welche Kirche, Vater?« »Ach, diese Versuchung, diese Versuchung!« seufzte P. Sergius auf und sprach mit großer Anstrengung zu Ende: »In die einige, heilige, apostolische ...« In diesen Worten lag aber eine so leblose Schwere und Trägheit, als ob er sie nicht aus sich selbst spräche, sondern jemand anderer ihn zum sprechen zwänge. »Wo ist aber diese Kirche?« stöhnte Tichon mit unaussprechlicher Qual. »Ach, du Ärmster! Wie willst du denn ohne Kirche leben? ...« flüsterte P. Sergius mit einer Qual, die die Qual Tichons widerspiegelte und ihr gleich war. Tichon fühlte heraus, daß der Alte ihn begriffen hatte. Ein Wetterleuchten flammte auf. Tichon sah das Gesicht des Wen, das hilflose Lächeln auf seinen zitternden Lippen, die mit Tränen gefüllten weitgeöffneten Augen und begriff, warum er solches Grauen empfand: es graute ihm, weil dieses Gesicht einen so jammervollen Ausdruck haben konnte. Tichon sank in die Kniee und streckte seine Hände in der letzten Hoffnung und in der äußersten Verzweiflung nach P. Sergius aus. »Rette, hilf, schütze! Siehst du es denn nicht? Die Kirche geht zugrunde, der Glaube geht zugrunde, das ganze Christentum geht zugrunde! Schon geht das Geheimnis der Gesetzlosigkeit in Erfüllung, schon herrscht der Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte, schon naht der Antichrist. Erhebe dich, Vater, zu der großen Tat, ziehe in die Welt hinaus zum Kampf mit dem Antichrist!« »Was sprichst du, was sprichst du, Kind? Wie komme ich armer Sünder dazu?« stammelte P. Sergius in demütigem Schrecken. Und Tichon begriff, daß all sein Flehen vergeblich war und daß P. Sergius die Welt für immer verlassen hatte, so wie die Toten die Lebendigen verlassen. Tichon erinnerte sich an die schrecklichen Worte: »Liebe alle und fliehe alle.« – »Und wenn es wirklich so ist, was dann?« fragte er sich, zu Tode betrübt, »Wenn man wirklich eines von beiden wählen muß: entweder Gott ohne die Welt oder die Welt ohne Gott?« Er fiel auf die Erde und lag lange unbeweglich da, und merkte nicht, wie ihn der Alte umarmte und tröstete. Als er zu sich kam, war P. Sergius nicht mehr bei ihm; er war wohl auf den Berg beten gegangen. Tichon erhob sich, ging in die Zelle, zog seine Wanderkleider an, nahm den Ranzen auf die Schulter, hing sich das Bildchen der heiligen Sophia, der Allweisheit Gottes, um den Hals, nahm den Stock, bekreuzigte sich und ging in den Wald, um seine ewige Wanderung fortzusetzen. Er wollte fortgehen, ohne Abschied zu nehmen, denn er fühlte, daß der Abschied beiden zu schwer fallen würde. Um aber P. Sergius noch zum letzten Mal, wenn auch aus der Ferne zu sehen, ging er auf den Berg. Der Greis betete wie immer auf dem Steine inmitten der Waldwiese. Tichon fand die Vertiefung im Felsen, die wie eine mit weichem Moos gepolsterte Wiege war und in der er seine erste Nacht auf der Insel verbracht hatte, legte sich hin und schaute lange auf die unbewegliche dunkle Gestalt des Betenden, auf die blendend weißen Flammen des Wetterleuchtens und auf die stumm dahinjagenden stürmischen Wolken. Endlich fiel er in den gleichen Schlaf, den die Jünger des Herrn schliefen, als ihr Meister sich einen Steinwurf weit von ihnen entfernt hatte, um zu beten und sie, als er zu ihnen zurückkehrte, »vor Traurigkeit« schlafend antraf. Ms er erwachte, war die Sonne schon aufgegangen, und P. Sergius war nicht mehr zu sehen. Tichon näherte sich dem Stein und küßte die Stelle, auf der die Füße des Alten gestanden hatten. Dann stieg er vom Berge herab und ging auf einsamen Pfaden durch das Waldesdickicht dem Walaam-Kloster zu. Nach dem schweren Schlaf fühlte er sich zerschlagen und schwach wie nach einer Ohnmacht. Es war ihm, als ob er noch immer schlafe, als ob er aufwachen wollte und es nicht konnte. Er empfand jene schreckliche Beklemmung, wie vor jedem epileptischen Anfalle. Der Kopf schwindelte ihm. Seine Gedanken waren durcheinander geraten. In seinem Geiste regten sich Bruchstücke ferner Erinnerungen. Bald hörte er Pastor Glück die Worte Newtons vom Ende der Welt wiederholen: »Der Komet wird auf die Sonne herabstürzen, und die Sonnenglut wird von diesem Sturze dermaßen anwachsen, daß alles was auf Erden ist, durch Feuer vertilgt werden wird. Hypotkesos non fingo ! Ich stelle keine Hypothesen auf!« Bald klang ihm das traurige Lied der Grableger in den Ohren: Särge, ihr Särge, aus Eichenklötzen, Ewige Wohnungen seid ihr für alle ... Bald hörte er den letzten Aufschrei der Selbstverbrenner in der brennenden Kapelle: »Siehe, der Bräutigam kommt um Mitternacht!« Bald sah er den rasenden weißen Strudel des Tanzes und hörte die durchdringenden Schreie: »Eva – evo! Eva – evo!« Auch das leise Wimmern Iwanuschkas, des makellosen Lammes unter dem Messer des Awerjanka Bespalyj; die stillen Worte Spinozas von der »vernünftigen Liebe zu Gott – amor dei intellectualis «; die Eidesformel des Geistlichen Reglements an den Selbstherrscher aller Reußen als an Christus selbst; die strenge Demut des P. Ilarion: »Liebe alle und fliehe alle!« Und das zärtliche Flüstern des P. Sergius: »Ins Kirchlein, ins Kirchlein, mein Kind!« Für einen Augenblick kam er wieder zur Besinnung. Er sah sich um und gewahrte, daß er vom Wege abgekommen war. Lange suchte er den Pfad, der sich im Heidekraut verloren hatte, schließlich verirrte er sich ganz und ging aufs Geratewohl weiter. Das Gewitter hatte sich verzogen. Die Wolken hatten sich zerstreut. Die Sonne brannte. Ihn quälte der Durst. In dieser Wüste von Granit und Nadelholz gab es aber keinen Tropfen Wasser, nichts als trockene, spinnengraue Moose, Flechten, Farnkräuter und dürre graue, mit Moos wie mit Spinngewebe überwucherte Fichten; ihre allzu dünnen, oft angebrochenen stamme erhoben sich in den Himmel wie abgemagerte kranke Beine und Arme mit rötlicher, entzündeter, sich leicht abschälender Haut. Die Luft zwischen ihnen zitterte vor Hitze. Und über allem hing der erbarmungslose Himmel wie eine weißglühende Kupferplatte. Es herrschte eine Totenstille. Und in dieser blendend funkelnden Mittagsstille lag ein grenzenloses Grauen. Er schaute sich wieder um und erkannte die Stelle, wo er schon so oft gewesen und an der er erst heute früh vorbeigekommen war. Am Ende eines Walddurchhaues, einer vielleicht noch von den Schweden angelegten, aber längst vergessenen und von Heidekraut überwucherten Straße glänzte der See. Diese Stelle lag nicht weit von der Zelle des P. Sergius. Als er sich verirrt hatte, war er wohl im Kreise herumgegangen und zu der Stelle zurückgekehrt, von wo er ausgegangen war. Er spürte tödliche Ermüdung, als ob er Tausende von Werst zurückgelegt hätte, als ob er seit jeher auf der Wanderung gewesen wäre und immer weiter gehen müßte. Er fragte sich, wohin er ging und wozu. In das unbekannte Oponj'sche Reich oder in die unsichtbare Stadt Kitesh, an die er selbst nicht mehr glaubte? Ganz erschöpft, ließ er sich auf die Wurzeln einer trockenen Fichte nieder, die einsam über das niedere Gestrüpp ragte. Er hatte ja kein Ziel mehr. Er wollte nichts, als hier immer mit geschlossenen Augen, unbeweglich liegen, bis der Tod kommen würde. Ihm fielen die Worte ein, die er von einem der Prediger des neuen Glaubens der »Verneiner«, die jedes Ja der Kirche mit einem Nein beantworteten, gehört hatte: »Es gibt keine Kirche, es gibt kein Priestertum, es gibt keine Gnade und es gibt keine Sakramente – dies alles ist in den Himmel zurückgenommen worden.« – Es gibt nichts, es gab nichts und es wird nichts geben, dachte sich Tichon. – Es gibt keinen Gott, es gibt keine Welt. Alles ist zugrunde gegangen, alles ist zu Ende. Es gibt sogar kein Ende. Es gibt nur die Unendlichkeit des Nichtseins. Lange lag er wie in einer Ohnmacht da. Plötzlich kam er zu sich, schlug die Augen auf und sah, daß eine riesengroße blauschwarze Wolke mit weißlichen Flecken, die wie Eiterbeulen auf einem blauangelaufenen und aufgedunsenen Körper aussahen, vom Osten her aufgestiegen war und bereits den halben Himmel überzogen hatte. Ganz langsam, wie eine Riesenspinne mit einem Hängebauch und zottigen krummen Beinen, kroch sie an die Sonne heran und streckte ein Bein nach ihr aus, – und die Sonne erbebte und erlosch. Über die Erde liefen graue Spinnenschatten, und die Luft wurde trüb und klebrig wie Spinnengewebe. Eine erstickende Glut wie aus dem geöffneten Rachen des Tieres schlug ihm entgegen. Tichon war nahe daran zu ersticken; das Blut pochte in seinen Schläfen; es war ihm finster vor den Augen; vor großer Mattigkeit, die wie die letzte Ohnmacht der Sterbestunde war, überrieselte kalter Schweiß seinen ganzen Körper. Er wollte aufstehen, um sich zur Zelle des P. Sergius zu schleppen und bei ihm zu sterben, aber er hatte nicht die Kraft dazu; er wollte aufschreien, aber seine Stimme versagte. Plötzlich leuchtete in weiter Ferne, ganz am Ende des Durchhaues, auf der blauschwarzen Wolke etwas wie eine von der Sonne beleuchtete weiße Taube auf. Es begann zu wachsen und kam immer näher. Tichon blickte genauer hin und erkannte endlich einen schlohweißen alten Mann, der durch den Durchhau auf ihn zuging; er nahte mit so leichten und schnellen Schritten, als ob er durch die Luft flöge. Er kam zu ihm heran und setzte sich neben ihn auf die Fichtenwurzeln. Tichon war es, als ob er ihn schon einmal gesehen hätte; er konnte sich nur nicht erinnern, wann und wo. Der alte Mann sah ganz einfach aus und erinnerte an einen von den Pilgern, die mit Ikonen von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf durch Kirchen und Klöster ziehen und Gaben zum Bau einer neuen Kirche sammeln. »Freue dich, Tischenjka, freue dich!« sagte er mit leisem Lächeln, und seine Stimme klang so leise wie das Summen von Bienen oder wie ein fernes Glockengeläute. »Wer bist du?« fragte Tichon. »Ich bin Iwanuschka. Hast du mich nicht erkannt? Der Herr hat mich zu dir gesandt und kommt auch bald selbst her.« Der Greis legte die Hände auf Tichons Haupt, und dieser fühlte sich plötzlich so geborgen, wie ein Kind in den Armen der Mutter. »Bist wohl müde, du Ärmster? Ich habe viele euresgleichen, ich habe viele Kinderchen. Ihr zieht über die Welt arm und elend, ihr leidet Kälte und Hunger, Leid und Bedrängnis und grausame Verfolgung. Fürchtet Euch aber nicht, meine Lieben, wartet, ich werde euch in die neue Kirche des kommenden Heilands sammeln. Es war einmal eine alte Kirche, die Kirche Petri, des starrenden Felsens; es ersteht eine neue Kirche Johannis', des fliegenden Donners. Der Blitz wird in den Felsen einschlagen, und Wasser des Lebens wird aus ihm fließen. Das erste Testament ist das Alte, das Reich des Vaters; das zweite ist das Neue, das Reich des Sohnes; das dritte ist das Letzte, das Reich des Geistes. Eins ist Drei, und Drei ist Eins, wahrhaftig ist der verheißende Gott, der da ist, und der da war, und der da kommt!« Das Gesicht des Alten erstrahlte plötzlich in unvergänglicher Jugend. Und Tichon erkannte Johannes den Evangelisten. Und der schlohweiße Greis hob seine Arme zum schwarzen Himmel empor und rief mit lauter Stimme: »Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Es spricht, wer solches zeuget: Ja, ich komme bald! Amen. Ja, komm, Herr Jesu!« »Ja, komm, Herr Jesu!« wiederholte Tichon und erhob gleichfalls seine Arme zum Himmel mit großer Freude, die wie ein großes Grauen war. Ein weißer Blitz durchzuckte den schwarzen Himmel, und der Himmel tat sich auf. Und Tichon sah Einen, der war eines Menschen Sohne gleich. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie Wolle und wie Schnee, seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich wie Messing, das im Ofen glüht, und sein Angesicht leuchtete wie die helle Sonne. Und die sieben Donner sprachen: »Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt.« Und die Donner verstummten, und eine große Stille trat ein, und in der Stille erklang eine Stimme, noch stiller als die Stille selbst: »Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.« »Amen!« wiederholte Johannes, der Sohn des Donners. »Amen!« wiederholte Tichon, der erste Sohn der Kirche des Geistes. Und er fiel auf sein Antlitz nieder wie tot und verstummte für immer ... In der Zelle des P. Sergius kam er wieder zur Besinnung. Der Einsiedler war den ganzen Tag über wegen Tichon in Sorge gewesen; ihn hatte die Vorahnung gequält, daß ihm etwas Böses zugestoßen sei. Er war einigemal aus seiner Zelle gegangen, war im Walde umhergeirrt und hatte gerufen: »Tischenjka! Tischenjka!« Aber nur das Echo der Einöde hatte ihm in der gewitterschwangeren Stille geantwortet. Als die Wolke aufgezogen war, war es in der Zelle so finster wie in der Nacht geworden. In der Tiefe der Höhle, wo die beiden Einsiedler beteten, brannte ein Lämpchen. P. Ilarion sang den Psalm: »Die Stimme des Herrn gehet auf dem Wasser. Der Gott der Ehren donnert, der Herr auf großen Wassern. »Die Stimme des Herrn gehet mit Macht. Die Stimme des Herrn gehet herrlich.« Plötzlich erfüllte eine blendend helle Flamme die Zelle, und es erdröhnte ein so mächtiger Donnerschlag, daß die Granitfelsen, in denen die Zelle eingebaut war, zusammenzustürzen schienen. Beide Einsiedler waren aus der Zelle gelaufen und hatten gesehen, daß die trockene Fichte, die einsam am Rande des Durchhaues über dem niederen Gestrüpp ragte, wie eine Kerze brannte und die weiße Flamme sich gegen den schwarzen Himmel abhob; ein Blitz hatte wohl den Baum entzündet. P. Sergius war mit lauten Schreien: »Tischenjka! Tischenjka!« hingelaufen. P. Ilarion war ihm gefolgt, sie hatten Tichon bewußtlos am Fuße des brennenden Baumes liegend gefunden, sie hatten ihn aufgehoben, in ihre Zelle getragen und, da sie keine andere Bettstelle hatten, in einen der Särge gelegt, in denen sie selbst schliefen. Zuerst hatten sie geglaubt, daß er vom Blitze erschlagen worden sei. P. Ilarion wollte schon alle Totengebete sprechen. P. Sergius hatte es ihm aber verwehrt und begonnen, das Evangelium zu lesen. Als er die Worte: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt da, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben,« las, erwachte Tichon aus der Ohnmacht und schlug die Augen auf. P. Ilarion fiel vor Schreck um, da er glaubte, P. Sergius hätte den Toten lebendig gemacht. Tichon kam bald gänzlich zur Besinnung, erhob sich und setzte sich auf die Bank. Er erkannte P. Sergius und P. Ilarion, verstand alles, was man zu ihm sprach, sagte aber selbst kein Wort und antwortete nur durch Zeichen. Endlich begriffen sie, daß er stumm geworden war, und glaubten, der Schreck hätte ihm die Zunge gelähmt. Sein Gesicht war heiter; in dieser Heiterkeit lag aber etwas Schreckliches, als ob er wirklich von den Toten auferstanden wäre. Sie setzten sich zu Tisch. Tichon aß und trank. Nach dem Essen knieten sie nieder um zu beten. P. Ilarion betete zum erstenmal mit Tichon; er schien ganz vergessen zu haben, daß Tichon ein Ketzer war, und empfand vor ihm offensichtlich eine Ehrfurcht, die sich mit Grauen paarte. Dann legten sie sich schlafen, die Einsiedler wie immer in ihre Särge in der Höhle, und Tichon in der Wohnkammer auf die Pritsche über dem Ofen. Der Sturm brauste, der Wind heulte, der Regen goß in Strömen, die Wellen des Sees rauschten, der Donner dröhnte unaufhörlich, und das weiße Licht der Blitze fiel ununterbrochen durchs Fenster und floß mit dem rötlichen Scheine des Lämpchens zusammen, das in der Höhle vor dem Bilde der Muttergottes der »Unerwarteten Freude« brannte. Tichon schien es aber, als wären es nicht die Blitze, sondern als beugte sich der schlohweiße Greis über ihn und spreche zu ihm von der Kirche des Evangelisten Johannes, als liebkose er ihn und wiege ihn in den Schlaf. Und er schlief unter dem Tosen des Gewitters ein wie ein Kind unter den Tönen des Wiegenliedes, das ihm die Mutter singt. Er erwachte früh, lange vor Sonnenaufgang. Er kleidete sich schnell an, machte sich zur Reise bereit, ging auf P. Sergius zu, der ebenso wie P. Ilarion noch in seinem Sarge schlief, kniete nieder und küßte ihn ganz leise, um den Schlafenden nicht zu wecken, auf die Stirn. P. Sergius schlug die Augen auf, hob den Kopf und sagte: »Tischenjka!« Dann ließ er aber den Kopf gleich wieder auf den Stein sinken, der ihm als Kissen diente, schloß die Augen und schlief noch fester ein. Tichon verließ die Zelle. Das Gewitter war vorüber. Eine große Stille war wieder angebrochen. Nur von den nassen Zweigen fielen Tropfen. Es roch nach Harz und Fichtennadeln. Über den schwarzen spitzen Tannen leuchtete im rosig goldenen Himmel die seine Sichel des jungen Mondes. Tichon schritt vorwärts rüstig und leicht, gleichsam beflügelt von der großen Freude, die wie ein großes Grauen war. Und er wußte, daß er in seiner ewigen Stummheit immer so weiter gehen würde, bis er alle irdischen Wege durchwandert, die Kirche Johannis betreten und Hosianna dem kommenden Heiland gerufen haben würde. Um sich nicht wie gestern zu verirren, nahm er den Weg über den felsigen Bergrücken, von wo er die Ufer und den See überblicken konnte. Am Rande des Himmels lag die immer noch blauschwarze und unheimliche Gewitterwolke und verdeckte den Sonnenaufgang. Plötzlich durchbohrten aber die ersten Strahlen wie scharfe Schwerter die Wolke, und Ströme von Feuer, Ströme von Blut brachen aus ihr hervor, als ob dort oben in den himmlischen Zeichen schon die letzte Schlacht entbrannt wäre, mit der die Welt zu Ende gehen wird: »Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache stritt und seine Engel, und siegten nicht, auch ward ihre Stätte nicht mehr gefunden im Himmel. Und es war ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange.« Die Sonne kam hinter den Wolken empor in ihrer Kraft und Herrlichkeit, strahlend wie das Antlitz des kommenden Heilands. Und Himmel und Erde und die ganze Kreatur sangen der aufgehenden Sonne das stumme Lied: »Hosianna! Das Licht besiegt die Finsternis!« Und Tichon, der vom Berge herabstieg und der Sonne gleichsam entgegenflog, war in seiner ewigen Stummheit ganz das ewige Lied dem kommenden Heiland: »Hosianna! Christus besiegt den Antichrist!«   Ende.