Otto Ernst Appelschnut Ein Tag aus dem Leben Appelschnuts Eigentlich heißt mein dreijähriges Töchterchen Roswitha; aber ich sage immer »Appelschnut«. Man darf diesen Namen nicht ins Hochdeutsche übersetzen; »Apfelschnauze« klingt roh, klingt gräßlich. »Schnauzerl«, »Schnäuzchen« käme der Sache schon näher, deckt sie aber nur zum Teil. »Schnut« umfaßt nämlich nicht nur Mund und Nase, sondern so ein ganzes kleines Gesichtchen, das man noch ganz und gar in eine Hand nehmen kann. Ja, zuweilen umfaßt es einen ganzen fünfundzwanzigpfündigen Menschen; wenn er eine geniale Bemerkung macht, sagt man: »Du Klooksnut«, wenn er im Feuerungsverschlag gespielt und Steinkohlen gegessen hat: »Du Swattsnut.« Und da nun Roswitha nicht nur zwei rote Wangen hat, sondern alles in allem genommen ausschaut wie ein rundes, blankes, rot und goldenes, zum Einbeißen herausforderndes Früchtlein, so hab' ich in einer begnadeten Stunde den Namen »Appelschnut« gefunden. »Appelschnut« ist unübersetzbar. Die junge Dame hat es gut; das darf man wohl sagen. Schon früh am Morgen umstehen ihre Geschwister, bevor sie sich zum Schulgang rüsten, mit nackten Beinchen ihr Bett und bewundern die Anmut ihres Schlummers, die Dicke ihrer Ärmchen, die Blondheit ihres Haares und ihre Kunst, auch im Schlaf noch mit Ausdauer auf dem Daumen zu lutschen. Wenn sie endlich die Augen aufschlägt, begegnet sie gewiß irgendeinem Blick, der sie mit Liebe oder Bewunderung anschaut. »Was ist los?« »Appelschnut hat geträumt? Holla, Appelschnut hat geträumt! Also los, Appelschnut! Erzähl mal! Was war's denn?« Appelschnut: »Also, ich wollte nach Hamburg, und da wollte ich Bonbons kaufen. Und da vergangte ich mich, und schließlich kamte ich wieder nach Hause.« Hurra, Appelschnut kam »schließlich« wieder nach Hause. »Schließlich!« Was so ein miserables Formwort für eine Wirkung ausüben kann! Einen ganzen vergnügten Morgen kann es machen. Besonders, wenn man bedenkt, daß »Hamburg« eine benachbarte Straße ist, in der ein Bonbonkrämer wohnt. Appelschnut braucht nur das Mäulchen aufzutun, und das ausverkaufte Haus ist entzückt. Jedes falsch konjugierte Verb ist ein Erfolg, wie ihn mancher Schriftsteller mit gleichen Mitteln ewig vergeblich erstrebt. Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis. Nicht, daß solch ein Kinderleben nicht auch seine Schatten hätte! Jeden Morgen tritt auch in dieses Leben die hundertzähnige Pflicht in der für die Pflicht so bezeichnenden Gestalt des Kammes. Und man lächle, bitte, nicht über den Kamm als über etwas Geringfügiges! Ihr müßt hier mit Proportionen rechnen und bedenken, daß für das Kind ein Kamm genau dasselbe ist, was für uns ein unangenehmer Vorgesetzter mit abgebrochenen und verbogenen Zähnen ist. Eines Tages saß Roswitha auf dem Schoß ihrer Mutter und blinzelte hinter ihren Liebkosungen wie ein Kätzchen in der Sonne. »Du bist meine Zuckerdirn«, sagte die Mutter. »Jaa«, versetzte Appelschnut mit Überzeugung, und mit treuherzigem Blick fügte sie hinzu: »Du schicks mich auch garnich in Paket, nich?« Meine Frau verstand sie anfangs nicht. Erst allmählich ging ihr ein Licht auf. Mehrere Tage vorher hatte ich aus der Ferne geschrieben: »Schick mir doch die Appelschnut im Paket!« Meine Frau hatte den Kindern aus dem Briefe vorgelesen, und Roswitha hatte sich tagelang mit der Angst getragen, sie würde als Paket auf die Post gebracht werden. Nachdem Appelschnut heute gekämmt und fertiggeputzt ist, kommt sie in meine Hände. In diesem Stadium gefällt sie mir am wenigsten. Ein frischgekämmtes und frischgebügeltes Kind sieht aus wie ein Kunstwerk, das die Kritik berichtigt und verbessert hat. Aber nach einem halben Stündchen schon fangen die ängstlich nebeneinandergeduckten Härchen wieder an zu leben und stehen leis und behutsam auf, und wenn sie merken, daß der Kamm nicht mehr daherfegt, beginnen sie sogleich wieder ihr leises, lustiges Flimmergespräch mit Luft und Sonne. Der heutige Tag gehört meinem Töchterlein Appelschnut. Das kommt daher: Eines Tages kam sie an meinen Schreibtisch und sprach: »Pappa, weiß du was? Wir spielen Mutter und Kind zusammen. Du bis das Kind un ich bin die Mutter. Un denn muß du immer tüchtig ungezogen sein un denn bekomms du Schläge, aber nur aus Spaß, mein ich! O ja – nich?« »Ich kann aber jetzt nicht mit dir spielen.« »Worum nich?« »Weil ich arbeiten muß.« »Worum muß du arbeiten?« Da ich nicht hoffen durfte, ihr den Schöpferdrang eines Dichterherzens klarzumachen, so ergriff ich die Gelegenheit zu einer ökonomischen Aufklärung und sagte: »Weil ich Geld verdienen muß.« »Worum muß du denn Geld verdienen?« »Weil ich für euch was zu essen kaufen muß.« »Mamma hat was zu essen!« ruft sie mit der Kraft eines befreienden Gedankens. »In'n Küchenschrank: 'n ganze Masse!« Das ist eines jener Argumente, die unwiderleglich sind. Die Dreijährigen haben's überall in der Welt so leicht, recht zu behalten! Und das hat man nun davon: Da rackert man sich unaufhörlich, um sieben »tägliche Brote« zu schaffen, und den Ruhm der Ernährerin trägt die »Mamma« davon. Nach einer höchst nachdenklichen Pause nahm Appelschnut das Gespräch wieder auf. »Pappa, wann muß du mal garnich, garnich, garnich mehr arbei'n!« »Ja, das weiß ich nicht. Was willst du denn, wenn ich nicht mehr arbeite?« »Denn will ich mal 'n ganzen Tag mit dir spiel'n!« Der freudige Glanz aus ihren Augen überlief mir so schmeichlerisch das Herz, daß ich ihr versprach, ich wolle bald einmal einen ganzen Tag mit ihr spielen. Selbstverständlich wurde ich am andern Morgen um fünf Uhr durch eine Bearbeitung meines Bartes und meiner Nase aus dem Schlaf geweckt. Appelschnut stand an meinem Bett und fragte: »Wills du heute mit mir spiel'n?« »Nein, heute noch nicht.« »Wann denn?« »Bald.« »Morgen?« »'mal seh'n. Vielleicht.« »O Mamma, Pappa will fürleich morgen mit mir spiel'n!!« Auf diese Weise wurde auch »Mamma« geweckt. Appelschnut bewährte sich außerordentlich als Erzieher zum Worthalten. Freilich hätt' ich unter allen Umständen mein Versprechen erfüllt. Denn ich bin gewöhnlich ein Freund vom Worthalten, bin es aber besonders Kindern gegenüber, und das kommt daher, daß mir einmal eine liebe schöne Dame eine kleine Geschichte erzählt hat. Als die liebe schöne Dame noch ein kleines dünnes Mädel war, kam eines Tages in ihr sehr bescheidenes Elternhaus ein ganz berühmter und reicher Onkel. Ach, war das ein Mann und war das ein Fest! So freundlich war er zu allen und so spaßig und war doch ein so berühmter Mann, und das kleine Mädel nahm er auf den Schoß und sagte zu ihm: »Wenn ich wiederkomme, mein Kind, dann kriegst du eine Puppe, wie du sie noch nicht gesehen hast!« Und dann verschwand der Onkel wie ein Komet und ließ einen sieben Wochen langen Schweif von Glanz und Erinnerungen hinter sich zurück. Es dauerte aber viel länger als sieben Wochen, bis der Komet wiederkam, und da kann sich jedermann denken, wie die Puppe in der Zwischenzeit wuchs und sich veränderte! Immer größer wurde sie, und die Arme und Beine wurden beweglich, und die Augen konnte sie schließen, ordentlich, als wenn sie schliefe, und eines Tages fing sie mit einem Male laut an zu schreien, und wenn man genau hinhorchte, dann sagte sie »Mama! Mama«! Und nach einem Jahre konnte sie gehen und sprechen und essen und mochte keine Milchsuppe und unterschied sich in gar nichts mehr von einem gewöhnlichen Menschen; es war ja doch eine Puppe, wie man sie noch nie gesehen hatte! Und Kleider hatte sie – na! Ordentlich zum Aus- und Anziehen! Hemdchen und Höschen mit Spitzen! Und das Kleid nach der neuesten Mode! Und endlich, endlich eines Tages erschien der Onkel wieder am Himmel. »Guten Tag«, konnte das kleine Mädchen gar nicht sagen; ihm stak etwas im Halse, und nur die strahlenden Augen grüßten den Onkel. Der reiche und berühmte Onkel war diesmal wieder sehr freundlich, aber auch sehr eilig; das kleine Mädel dachte immer: Wo mag er nur die Puppe haben; für die Rocktasche ist sie doch zu groß! – es war aber zu wohlerzogen, um von der Puppe anzufangen. Da trat der Onkel auf sie zu (jetzt kommt's, dachte das kleine Mädel), klopfte ihr leichthin die Bäckchen, als habe er sie noch nie auf dem Schoße gehabt, und dann sagte er »Adieu« und war weg. Und dem kleinen Mädel war, als habe sie der Onkel gerade aufs Herz geschlagen, so daß es gar nicht mehr klopfen konnte. Ja, aber glaubt denn so ein kleines Mädel, daß so ein großer Onkel an nichts Besseres zu denken hat als an Puppen?! Dem gehen Kreditaktien und Geschäfte und italienische Gesandte im Kopf herum, aber Puppen –? Und die liebe schöne Dame, so groß und schön sie war, hat die verlorne Puppe niemals ganz verwunden. Und ich hab' es ihr damals gleich gesagt: Wenn mir der reiche und berühmte Onkel einmal über den Weg läuft, dann geht es ihm eine Viertelstunde lang hundeschlecht. Es ist Winterzeit; draußen steht blendendes Schneelicht und umschließt wie eine Mauer die einsame Welt. Bis ins Innerste der Wohnungen glänzt es bläulich-silbern. Wir beginnen das Divertissement mit Puppen- und Mutter- und Kindspielen, dem A und O der Mädchenspiele. Mama Roswitha hat heute drei Kinder: Ursula, Hedwig und mich. Meine Schwestern Ursula und Hedwig sind Puppen; aber ich habe Grund zu dem eifersüchtigen Gedanken, daß sie dem Herzen Appelschnuts mindestens so nahe stehen wie ich. Besonders erregt Ursula meinen Neid, obendrein ein gänzlich abgenutztes Kind, das bei jeder Bewegung Sägespäne verliert und Backen hat, so rissig wie ein altes Nashornfell. Sie wird mir vorgezogen, darauf möchte ich wetten, sie hat freilich auch viel öfter mit ihrer Mama gespielt als ich, und daher mag's kommen. Und nun stellt gefälligst mal einen Professor vor Appelschnut hin und laßt ihn erklären: »Liebes Kind, die Puppe ist nur das Bild eines Menschen, nicht aber ein wirklicher Mensch!« – was, glaubt ihr, würde Appelschnut erwidern, wenn sie ihn überhaupt verstünde? Sie würde lachen und sagen: »Ursula ist gerade so gut ein Mensch wie du.« Als unser Junge noch ein Baby war, hatte er eine Puppe, die den für einfache Zungenverhältnisse passenden Namen »Dadda« trug, und diese Puppe hatte eines Tags aus irgendeinem Grunde keinen Hinterkopf mehr. Als meine Frau nun den ganzen Kopf entfernen wollte, da zeigte sich, daß er sehr fest auf dem Rumpfe saß. Sie ergriff daher einen Hammer und zertrümmerte den Kopf, um ihn stückweise zu entfernen. Aber sie hatte nicht bemerkt, daß unser männliches Baby sie beobachtete, und als der Hammer auf Daddas Kopf niederfuhr, stieß der Junge einen so durchdringenden Schrei aus, daß wir tief erschraken. Wie aus der Brust eines Erwachsenen, so schmerzlich hatte es geklungen. Meine arme Frau hatte nichtsahnend ein beseeltes Wesen erschlagen. Denn Dadda hatte eine Seele gehabt, das fühlten wir nun, eine treue Seele, die durch das große Loch im Hinterkopf nicht entwichen war. Sehr merkwürdig ist es nun, daß die erste Tätigkeit, welche Appelschnut an ihren Kindern vornimmt, darin besteht, daß sie sie kämmt, wie denn ja das in der Tat ein erhabener Gedanke der ausgleichenden Gerechtigkeit ist, daß auch die unangenehmsten Prozeduren zum Vergnügen werden, wenn man sie an andern ausübt. Und wie indigniert die kleine Mama tut, daß »so große Mädchen« wie Ursula und Hedwig sich schreiend gegen die Toilette sträuben! Noch merkwürdiger aber ist es, daß, als ich nun darankomme und mich artig kämmen lasse und mir einbilde, mir dadurch bei der strengen Mama einen weißen Fuß zu machen, die Mama erst ernstlich unzufrieden wird. »Ach nein, Pappa, pfui, du muß auch schrein!« ruft sie enttäuscht und entrüstet. Ich heule also wie ein Torpedoboot und bemerke deutlich, daß selbst so brave Kinder wie Appelschnut die Ungezogenheit unvergleichlich interessanter finden als die Wohlerzogenheit. Das beobachtet man auch, wenn die Kinder Schule spielen. Eine Weile geht das Spiel in korrekten Formen dahin; dann wird ein beweglicher Geist unter den Schülern unverschämt, die Klasse geht sofort zur Meuterei über; die Lehrerin notiert einen »Tadel« nach dem andern; der Lehrer prügelt wie ein Drescherquartett, und die Pädagogik hat begonnen, interessant zu werden. Da Appelschnut inzwischen Lust bekommen hat, einen Besuch zu machen, so muß ich die für diesen Zweck erforderliche Tante abgeben. »O ja, Pappa, nich?? Du muß mal aus Spaß die Tante sein!« »Aus Spaß« ist der Gegensatz von »wirklich«; die ganze Welt zerfällt für sie in eine Welt der Wirklichkeit und eine Welt »aus Spaß«. »Oh, un hier muß aus Spaß dein Haus sein, nich??« Sie führt mich in einen Winkel, wo ich zwischen einem Schrank und einem Ofen niederkauern muß. Nachdem sie sodann in ihrem Puppenwagen ihren Töchtern ein Bett gemacht hat und die Kissen so kunstgerecht aufgeschüttelt und geklopft hat, als hätte sie seit zwanzig Jahren nichts anderes getan, und nachdem sie sich ein buntes Stück Zeug, das »aus Spaß« ein Hut ist, auf den Kopf gelegt hat, macht sie sich mit ihren Kindern auf den Weg zur Tante. »Lingelingeling!« ruft sie, als sie nahe vor mir steht. Das ist die Türglocke. »Ah, guten Tag« –, ruf ich, werde aber sofort unterbrochen. »Nein, du muß erst ›Schließ!‹ sagen.« Das Wort »Schließ« markiert das Türaufmachen. Ich sage also »Schließ«, und sie tritt ein. »Guten Tag.« »Ah, sieh da, guten Tag, Frau Appelschnut« »Ach nein, ich bin doch Frau Schmidt!« »Ach ja, richtig, Frau Schmidt, das ist aber hübsch von Ihnen, daß Sie mich besuchen.« »Ja.« »Und das sind wohl Ihre Kinderchen? Die sind aber niedlich!« »Ja. – Ich krieg noch'n Baby, wenn mein Geburtstag is.« »So! – Aber nehmen Sie doch, bitte, Platz, Frau Schmidt!« »Ja.« Sie läßt sich auf ein Stühlchen nieder mit der Miene einer Dame, die sich auf acht Tassen Kaffee einrichtet. Dann aber »fliegt ein Engel durchs Zimmer«; die kleine Frau Schmidt ist noch nicht so weit fortgeschritten, um mit dem Wetter anzufangen. Endlich weiß sie was. »Was wollen Sie heute kochen?« fragt sie. »Bohnen mit Speck«, sage ich. »Das mag ich nicht. Ich koch heute Pudding.« »So!« »Ja. – – Nu muß ich wieder nach Hause.« Frau Schmidt alias Appelschnut alias Roswitha geht also heim und begibt sich an ihre häuslichen Geschäfte. Wer muß das erforderliche Dienstmädchen spielen? Natürlich ich. »Amanda, nehmen Sie den Korb; Sie müssen was zum Mittagessen einholen.« »Jawohl, Frau Appelschnut!« »Ich heiß doch nich Appelschnut, ich heiß doch Frau Schmidt !!« »Ach ja, richtig! Was soll ich denn holen, Frau Schmidt?« »Zucker.« »Wieviel?« »Für swanzig Mark.« »Ist das nicht etwas viel?« »Na ja, für'n Fennig!« »Ist das nicht etwas wenig?« »Vater, sag mal, wieviel!« »Ich heiß doch nicht ›Vater‹, ich heiß doch ‹Amanda‹!« »Ach Vaa–te–r– –!!!« »Na ja: also für 50 Pfennige.« »Ja.« »Und was soll ich sonst noch holen?« »Bonbons.« »Wieviel?« »Für tausend Bijonen Mark.« Frau Schmidt hat nämlich vier Zahlvorstellungen: Eins, zwei, drei und »tausend Billionen«. Sie gebraucht zwar auch andere Zahlen; aber bei denen denkt sie sich nichts. Wenn sie ein größeres Quantum bezeichnen will, so sagt sie »tausend Bijonen«. Frau Schmidt läßt aber mit sich handeln. »Für tausend Billionen Mark Bonbons ist zuviel. Da kriegen Sie Leibschmerzen, Frau Schmidt.« »Für wieviel denn?« »Für fünf Pfennige.« »O ja!!« »Was soll ich sonst noch holen?« »Mehr nich.« Das heutige Diner umfaßt also Zucker und Bonbons. Angenehme Aussichten. In diesem Augenblick zerflattert Roswithas hausfrauliches Phantasiespiel in nichts; denn ein großer, blankpolierter Gegenstand ist ihr ins Auge gefallen und hat für den Augenblick die Interessen der Mutter und Hausfrau verdrängt. Es ist die »Bimm-Kommode«. Wer die kindliche Etymologie weniger oft studiert hat als ich, ist sich vielleicht nicht ganz klar über die Bedeutung des Wortes »Bimm-Kommode«. Als Appelschnut eines Tages eine Kommode sah, die, wenn man sie aufmachte, eine Menge weißer und schwarzer Zähne zeigte und »Bimm-bimm« machte, wenn man ihr auf die Zähne schlug, da taufte sie das Klavier mit feierlichem Entzücken auf den Namen »Bimm-Kommode«. Appelschnut will also musizieren. Ich lege die Nibelungen-Tetralogie auf den Klavierstuhl und setze sie obendrauf. Sie schlägt ein dutzendmal dieselbe Taste an und bemerkt, das sei »O Tannenbaum«. Dann erklärt sie, das Lied vom »Hänschen klein« spielen zu wollen – es bewegt sich genau innerhalb desselben Tonumfangs. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß auch die schwarzen Dinger Musik von sich geben. Sie spielt jetzt sehr chromatische Sachen. Allmählich kommt sie dahinter, daß es noch mehr Spaß macht, wenn man die ganze Hand, und noch mehr, wenn man beide Hände nimmt und damit so viele Zähne niederschlägt wie möglich. Aber sie fühlt, daß an dem Vergnügen noch etwas fehle, und jetzt fällt's ihr ein: die Noten! »Pappa, nu muß ich auch dabei lesen, nich?« »Ja, richtig! Das ist ja die Hauptsache!« Ich hole den dritten Band von Beethovens Sonaten her und schlage ihn auf: Op. 106 , Sonate für Hammerklavier. Also los. Im Notenlesen beschämt sie den gewiegtesten Partiturenleser. Immer nach drei Schlägen aufs Klavier schlägt sie um. »Pappa, nu muß du auch sing'n!« Wenn man bedenkt, daß der Kanarienvogel sich schon seit zehn Minuten in einem wahnwitzigen Geschmetter Luft macht, so wird man begreifen, daß hier die Vaterliebe ihre Grenze findet. Ich weiß, was sie auf andere Gedanken bringt. »Appelschnut, woll'n wir Bilder besehen?« Im selben Augenblick rutscht sie mitsamt der Tetralogie vom Stuhl und etabliert sich auf dem Fußboden. Bilder müssen genossen werden, indem man bäuchlings auf dem Fußboden liegt und beide Backen in beide Hände legt. So verlangt es Appelschnut, auch von mir. Ein großes Passagierschiff erregt zunächst ihre Bewunderung. »O Pappa, kuck ma, was 'n großes Schiff! Das fährt ganz weit, bis nach Berlin, nich!« »Ja, noch weiter sogar!« »Oha! Da möcht ich auch 'mal mitfahr'n!« »Das glaub' ich.« »Weiß du noch, Pappa, einmal, da fahrten... fuhrten wir auch in Schiff, weiß noch?« »Ja natürlich, wie sollt ich denn das nicht wissen!« »Da war so 'ne ganz, ganz große Elbe!« Sie meint die Ostsee. Meere, Ströme, Bäche und Regentümpel faßt sie zusammen unter dem Namen »Elbe«. »Oh, eine lektersche Bahn (elektrische Bahn)!« ruft sie bei einem neuen Bilde aus. Es stellt das antike Theater zu Segesta dar. Ihr Bruder hat nämlich eine Eisenbahn mit einem kreisförmigen Schienenweg, und die konzentrischen Sitzreihen des Amphitheaters hält sie für solche Schienen. Noch überraschender ist es, daß sie bei einer Abbildung des Parthenons zu Athen ausruft: »O Pappa, wie in ßuggologischen Garten, nich?« »Im zoologischen Garten? Warum?« »Ja, bei den Löwe sein Bauer, weiß noch?« Heiliger Parthenon! Deine erhabenen Säulen hält sie für die Gitterstäbe eines Löwenkäfigs. Für die Antike ist sie noch nicht reif. Gehen wir zu anderem über. Da ist ein Blatt mit wunderschön gemalten Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren usw. usw. »Pappa, das sind doch keine wirklichen Stachelbeeren, nich? Das sind doch bloß ausspaßige, nich?« »Ja, das sind bloß ausspaßige.« »Junge, ich möcht', das wär'n wirkliche!« Auch auf einer Tafel mit Tierbildern weiß sie gut Bescheid. »Oh, ein Löwe! – ein Affe! – ein Bär! – Pappa, was is das?« »Ein Rhinozeros.« – Ich beschließe, mir einen Extragenuß zu verschaffen, und frage: »Wie heißt das Tier!« »Zirozenos!« »Richtig!« Ist das nicht ein Ohrenschmaus? Als sie zwei Jahre alt war, sagte sie statt »Elefant« – »Hameninth«. Ihr Ohr hatte nur den Rhythmus bewahrt, hatte nur behalten, daß der Elefant ein anapästisches Tier ist – das übrige machte sie selbst. »Oh, der böse Wolf!« ruft sie plötzlich. »Will er jetz nach die Großmutter?« »Ich weiß nicht. Ich glaub's wohl.« »Du böser Wolf«, ruft sie und prügelt mit ihrem Händchen den Räuber in effigie gehörig durch, »du solls nich das süße Rotkäpschen auffressen!« Bei einer Abbildung der deutschen Reichskleinodien zeigt sie auf die Krone und fragt: »Was is das?« »Das ist die Krone, die trägt der Kaiser auf dem Kopf.« »M!« »Sieh nur, da sind eine Menge Edelsteine darin.« »M! – Die bekommen die Kinder, nich?« »Die Kinder?« »Ja, du weiß doch: Der Vater soll ihnen doch Edelsteine mitbringen!« »Der Vater? Welcher Vater?« »Der Vater!!! – Die Kinder sind doch so ungeschämt un woll'n Edelsteine haben; aber Aschenputtel wollte bloß 'n Zweig von ihrer Mutter Grab haben!« »Aaah – Aschenputtel! Jawohl! Verzeihung, Prinzessin Appelschnut; ich vergaß, daß Sie im Märchenlande wohnen.« Die Menschen teilt Appelschnut mit feinem Instinkt in »Menschen« und »Kinder« ein. Die »Menschen« zerfallen wiederum in »Frauen« und »Onkel«. »Wie heiß der Onkel?« »Das ist Onkel Beethoven.« »Un der Onkel?« »Onkel Waldersee.« »Un der Onkel?« »Onkel« – ja... darf man den Mann eigentlich Onkel nennen?... Sei's drum: Die Sonne dieser Kinderstunde soll scheinen über Gerechte und Ungerechte; also los denn: »Onkel Caracalla.« Nachdem sie bei einer belvederischen Apollobüste bezeichnenderweise gefragt hat: »Wie heiß die Frau?«, wird ihre Aufmerksamkeit durch einen Raben abgelenkt, der draußen mit lautem Schrei durch die winterstille Luft fliegt. »Der Rabe rabt!« spricht sie mit andächtigem Blick. Sie schaut noch immer nach draußen und sagt plötzlich: »In der Quickbornstraße war es viel schöner als hier.« In der Quickbornstraße wohnten wir ehemals. »Warum?« frage ich. »Da war so'n schönes Gitter.« Ein schönes Gartengitter hat sie damals glücklich gemacht, und keine Seele hat es geahnt. Um dieses Gitter haben sich unbekannte Träume gerankt, hinter diesem Gitter hat vielleicht das Paradies gelegen, was sie nicht wiederfinden wird, wenn sie einmal an die alte Stätte kommt, das sie suchen wird ihr Leben lang wie wir andern alle. »Jetz is doch Winter, nich?« fragt sie. »Ja, jetzt ist Winter.« »Nach Winter kommt Frühling«, erklärt sie mit weisem Gesicht, »Pappa, wann kommt eigenlich Frühling?« »Bald.« »Morgen?« »Nein, morgen noch nicht.« »Wann denn?« »Nach sieben Wochen.« »Is jez sieben Wochen?« »Nein, jetzt muß erst Sonntag werden, und dann noch mal Sonntag, und dann noch mal, und dann noch mal, und dann noch mal, und dann noch mal, und dann noch mal, und dann ist Frühling!« »O ja!« Sie freut sich, als wenn sie ihn schon in der Hand hätte. Und auf dem Boden liegend, die Wangen in die Hände gedrückt, beginnt sie eine aus Reminiszenz und eigener Dichtung gemischte Litanei zu singen: »Jetz kommt der schöne Frühling, Dann scheint die liebe Sonne so schön, Und dann singen die Vögelchenlein, Und dann spiel'n wir wieder in Garten, Und dann gibt Rudi mir wieder seine Schaufel, Und dann graben wir wieder in Garten...« Es ist ein Kinderlied nach unendlicher Melodie, die aber jäh abgerissen wird durch die Sensationsnachricht, daß der Tisch gedeckt sei. Ich reiche ihr herablassend den Arm, sie hakt ein und hüpft an meiner Seite zu Tisch wie der Hase in den Kohl. Als die Suppe auf den Tisch kommt, ruft sie mit leuchtenden Augen: »Ei, Kerbelsuppe, das is mein Liebstes!« Es ist ein Glück, daß sie diese Erklärung ungefähr bei jeder Speise abgibt. Selten nur erklärt sie beim Anblick einer Speise, daß sie »solche Leibschmerzen« habe. Wenn meine Frau ihr dann die Speise fortnimmt und sagt: »Da kannst du ja heute auch kein Obst essen«, so versichert sie strahlenden Angesichts: »Jaaa, Mamma, für Obs hab ich kein Leibweh!« Daß man ihre kleinen Schwindeleien nicht durchschaue, diese naive Meinung, die uns an den Erwachsenen so sehr entzückt, findet man schon bei den Kleinen. Als gebratene Fische auf den Tisch kommen, ruft sie: »Ei, gebrat'ne Schiffe! Mein Liebstes!« Die beiden Wassertiere »Fisch« und »Schiff« kann sie durchaus nicht auseinanderhalten, und es ist eines der anmutigsten Schauspiele, zu sehen, wie ihre Lippen und ihr Zünglein sich bei diesen Worten in Zweifelsqualen wälzen. Ich erläutere ihr nochmals mit logischer Distinktion die beiden Dinge. Nach Beendigung meines Vortrages frage ich sie: »Also, was liegt auf deinem Teller?« »Ein Schfffff-schiff!!!« »Und was fährt auf dem Wasser?« »Ein Schschf-fisch!« Das wollte ich nur hören. Sie bittet inständigst, ihr die Fische mit den Gräten zu geben, wie sie auch Kirschen, Pflaumen und dergleichen mit den Steinen erbittet. Meine Frau läßt denn auch ein paar riesengroße Gräten in dem Fisch, die Appelschnut nach beendeter Mahlzeit mit großem Stolze vorzeigt, ein Gefühl, das ich durchaus verstehe. Wenn man drei Jahre alt ist, will man schließlich nicht mehr bevormundet sein wie ein kleines Kind. Bei welcher Gelegenheit man mit der Selbständigkeit anfängt ist einerlei; aber anfangen muß man mit ihr, das liegt so im Wesen der Selbständigkeit. Mittlerweile hat die hohe Mittagssonne den Schnee draußen an manchen Stellen weggeleckt, und als ich zufällig hinausblicke, sitzt auf dem Fenstersims ein verfrühter Schmetterling. Ich sage nichts, sondern nehme nur Appelschnut auf den Arm, trage sie ans Fenster und zeige ihr schweigend das stille Wunder. Im nächsten Augenblick wäre sie mir fast aus dem Arm geschnellt wie ein springlebendiger Karpfen. »Ein Schmeckerling, ein Schmeckerling! Mamma, Mamma, ein Schmeckerling, Trude, Rasmus, Hertha, ein Schmeckerling, ein Schmeckerling!« Die ganze Familie versammelt sich am Fenster. »Der is doch wirklich, nich? Das is doch ein gar kein ausspaßiger, nich, Pappa?« »Nein, das ist ein wirklicher lebendiger Schmetterling.« »Ja, ein gebendiger Schmeckerling! Irene, ein gebendiger Schmeckerling!« Ich habe die größte Mühe, sie zu halten; ihr ganzes Körperchen ist Zittern und Jauchzen. Das ist Freude! Das ist die Freude an den Dingen, die noch nicht fragt, was sind uns die Dinge und was sind wir den Dingen – die in jeder Blume ein entdecktes Land sieht und in jedem Steinchen ein persönliches Geschenk. »Bitte, bitte, süßer Pappa, laß den Schmeckerling mal reinkommen!« fleht die Kleine. Vaterschaft verpflichtet. Ich mache mich also mit großer Vorsicht daran, den »Frühling« ins Zimmer zu schaffen, ohne daß ich seine Flügel berühre, und es gelingt. Jetzt sitzt er auf dem Tisch unter dem Kreuzfeuer von sieben Augenpaaren. »Hertha, du muß nich so laut sprechen«, flüstert Appelschnut, »das mager nich hören.« Und jede leise Regung seiner Fühler und Flügel wird mit unterdrücktem Jubel begrüßt. Dann aber geschieht etwas Großes, etwas unerhört Großes. Der Falter hebt sich auf und setzt sich auf Roswithas Arm. Nun sitzt sie da, rührt keinen Muskel, nur ihre weit offenen Augen gehen behutsam von einem zum andern. Ihr Glück hat auf ihrem Gesichtchen nicht Platz und strahlt weit darüber hinaus wie ein Glorienschein. »Er mag mich leiden«, spricht sie mit seligem Stolz. – Der Schmetterling hat – nach Art der Schmetterlinge – die Dame seiner Wahl verlassen und ist weit fortgeflogen, bis hoch oben auf das Gardinenbrett. Er macht keine Miene, von dort zurückzukehren, und so erkalten allmählich auch Appelschnuts Gefühle. Da aus der Gewohnheit sich das Recht bildet, so hat Appelschnut das Recht erworben, mich nach dem Essen schlafen zu legen. Sie bekommt bei dieser Gelegenheit nicht selten ein Stück von der Schokolade, die auf meinem Schreibtisch liegt. Das Schlafengehen geht so vor sich: Ich muß mich vor die Chaiselongue stellen; Appelschnut gibt mir einen Stoß, dann muß ich lang aufs Ruhebett fallen und eine Minute lang schrecklich mit den Beinen strampeln. Ich muß heut eine besonders geniale Strampel-Intuition gehabt haben; denn die ganze kleine Roswitha explodiert in ein wahrhaft beseligendes Gelächter. Und wieder hab ich es ganz genau beobachtet, daß solch ein Kinderlachen unmittelbar aus dem Herzen hervorbricht. Inzwischen befinden wir uns bereits bei Nr. 2 des Programms; Appelschnut ist zu Pferde gestiegen. Das Pferd bin ich. Die Aufgabe besteht nun darin, die Literatur der Reiterlieder zu durchhopsen, zum Beispiel »Hoppe hoppe Reiter« und »Hopp hopp Reiterlein« und so weiter, eine väterliche Leistung, die nur derjenige würdigen kann, der weiß, was Embonpoint heißt. Dabei gibt es Literaturwerke, die mindestens sechsmal wiederholt werden müssen, zum Beispiel: Zuck zuck zuck noh Möhlen Roswitha sitt op't Föhlen, Trudel op de bunte Koh Un Rasmus op'n Swanz bitoo. Rid wi all noh Möhlen. »Goden Dag, Froo Möllerin, Wo sett wi unsen Sack denn hin?« »Buten op de Trepp, Mang all de bunten Säck'. Morgen geiht de Möhl; Denn geiht se: Rumpumpel rumpumpel rumpumpel rumpumpel.« (in infinitum.) Plötzlich hält sie im Reiten inne, macht ein tief nachdenkliches Gesicht und fragt: »Pappa, wie heiß noch man das Lied von den Schwalben?« Sie meint Chamissos Schwalbengedicht: »Mutter, Mutter, unsre Schwalben, Sieh doch, liebe Mutter, sieh: Junge haben sie bekommen, Und die Alten füttern sie.« Sie gibt nicht eher Ruhe, bis ich ihr das ganze Gedicht vorspreche. Und während ich spreche, muß ich denken: Wer doch den Blick eines Kinderauges beschreiben könnte! Denselben Blick sah ich einmal, als ich an einem trüben Ostertage durch die traurigen Straßen einer Vorstadt schlenderte. Ein kleiner Knabe ergriff mich beim Rock und sagte: »Du, kuck mal, ich hab'n neue Mütze gekriegt!« Er mußte sein Glück hinaussprechen, und er vertraute es mir, dem völlig fremden Manne, an. Aus einem schmutzigen Gesichtchen lachten mich zwei große Augen an. Und der Ostertag wurde schön. Als ich das Schwalbengedicht zu Ende gesprochen habe, atmet sie tief auf und sagt: »Das is zu hübsch! Das lern' ich mir, und denn zieh ich einfach mein Mantel an un geh in die Schule.« Kinder in diesem Alter haben bekanntlich ein kaum zu zügelndes Verlangen nach der Schule – sozusagen ein mathematischer Beweis für die Naivität dieser kleinen Wesen. Dabei hat sie offenbar die Vorstellung, daß man in die Schule gehe, um daselbst zu Hause Gelerntes abzulagern. Die Gedanken, welche Appelschnut in dieser Unterhaltung produziert, muß man sich übrigens wohl untermischt denken mit Schokoladegedanken. Betteln darf sie natürlich nicht; aber von Zeit zu Zeit schleicht ein tiefernster Schokoladeblick nach dem Schreibtisch, und dann betrachtet sie mich mit einem Blick, welcher konstatiert: Er merkt noch immer nichts. – Da wir bei der Schule waren, so kommt sie auf den Gedanken, ihre wissenschaftlichen Kenntnisse auszukramen. »Soll ich mal ßählen?« »Ja, zähl mal!« Sie zählt; bei »zwei« und »zwölf« und »zwanzig« aber macht sie jedesmal ein verschmitzt triumphierendes Gesicht, als wollte sie sagen: Was sagst du dazu?!! Früher sagte sie nämlich »ßei« und »ßölf«; aber jetzt sagt sie ganz richtig »ßwei« und »ßwölf«. Natürlich wälze ich mich vor Bewunderung; als sie aber gar vollkommen richtig »ßweiunßwanzig« sagt, drohe ich zu vergehen. Wie nun aber die jungen Künstler gewöhnlich sind – sie wollen den Gipfel übergipfeln; Appelschnut denkt: Ich muß ihm noch mehr bieten, und mit einem Triumph, der schon an Größenwahn grenzt, fährt sie fort: »Dreiunßwanzig – vierunßwanzig« – Siehst du, Appelschnut: das war gefehlt. 23 ist keine Kunst mehr; 24 noch weniger. 22 war das Höchste. Als der Erfolg ausbleibt, erklärt sie mit dem bekannten Primadonnengesicht: »Ich mag nich mehr ßähl'n.« »Warum nicht?« »Das is so wangleilig.« Folgt eine längere Pause mit einem längeren Blick nach dem Schreibtisch. »Pappa, wo wächst eignlich Schokolade?« »Schokolade wächst gar nicht, die wird gemacht.« »M!« »Aus so kleinen schwarzen Bohnen, und die wachsen auf einem Baum.« »M! – In Hamburg, nich?« »Nein, ganz weit weg, in Ländern, wo es viel wärmer ist als bei uns.« »M!« Wieder Schweigen. Aber mein Mannesherz schmilzt, und ich frage: »Magst du denn gern Schokolade?« Das war das befreiende Wort. »Latürlich!!« ruft sie und illuminiert sofort aus beiden Augen, und auf der strahlenden Stirn steht: »Endlich!« »Na, dann steig mal vom Pferde und hol die Tüte!« Es war getan fast, eh gedacht. Einen großen Teil, dieser Schokolade hat Appelschnut mir gelegentlich geschenkt. Sie kommt oft zu mir herein, wenn ich mitten in der Arbeit bin, um mir ein Stück Schokolade oder ein Bildchen oder eine Puppe, oder ein in ihren warmen Händchen längst verwelktes Gänseblümchen zu schenken, und alles muß ich unweigerlich annehmen. Nach dem Gesetze des Stoffkreislaufes kehrt also diese Schokolade jetzt an ihren Ursprungsort zurück. »Die bewahr ich mir bis Sonntag auf!« ruft Appelschnut. Diesen »Sonntag«, verehrtes Fräulein, hoff ich ganz bestimmt zu erleben. Dieser »Sonntag« wird nach 5 Minuten angebrochen, nach 8 Minuten zur Hälfte und nach 10 Minuten ganz vergangen sein. Und als sie ihr Naschwerk empfangen hat, gibt sie mir eilig einen Kuß, sagt »Schlaf wohl«, und springt davon. Und das – habe ich immer gefunden – unterscheidet die Kinder von den Erwachsenen. Wenn die ihre Schokolade erreicht haben, bleiben sie immer noch etwas sitzen und reden von Richard Wagner oder von Afghanistan. Hier folgt nun des Vaters Mittagsschlaf, den der geneigte Leser hoffentlich als einen wohlverdienten anerkennen wird. –   Vom Baum der Träume fiel mir eine weiche, köstliche Kirsche gerade auf den Mund, und als ich erwachte, war es Appelschnuts Mäulchen, das mich wachküßte. »Pappa –! Aufwecken –! Kaffee trinken –!« ruft sie in einer Art Nachtwächterton. »Ich bin aber noch so müde! Laß mich doch noch'n bißchen schlafen!« »Nein, mein Liebling, jetz muß du aufstehn, nich? Bis auch mein Engel!« Sie sagt das mit einer mütterlichen Milde und Zärtlichkeit, daß ich mir wie ein Wickelkind vorkomme. »Ich kann aber nicht allein hochkommen; du mußt mir helfen!« Sie faßt mich bei den Händen und zieht aus Leibeskräften, und als ich stehe, ist sie fest davon überzeugt, daß sie an meinem Aufkommen schuld sei. Als ich dann kaum einen Schluck Kaffee zu mir genommen habe, erinnert Appelschnut mit ernstem Pflichtgefühl daran, daß wir jetzt »arbeiten müssen«. Da ich beim Arbeiten wohl mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab zu gehen pflege, so legt sie die Hände auf den Rücken und wandert gesenkten Hauptes auf und ab, mit einem Gesicht, als grübe sie nach der vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Ich muß natürlich das gleiche tun, und dabei begegnen sich einmal unsere Blicke, und dabei muß es um meinen Mund herum irgendwo unwillkürlich gelacht haben. »Ach Vaaater!!« ruft sie beleidigt. »Entschuldigen Sie, Herr Schopenhauer, entschuldigen Sie!« Wir »arbeiten« weiter. »Nu muß ich auch schreiben, Pappa.« »Natürlich, warum solltest du nicht schreiben?« Ich muß ihr meinen Armstuhl an den Schreibtisch rücken, sie darauf setzen und ihr Papier und Bleistift geben. Sie macht zunächst eine lange Reihe von n-Strichen; dann fällt ihr ein, daß es auch lange Buchstaben gibt, solche, die nach oben, und solche, die nach unten gehen; sie macht also mit dem Bleistift einige kühne Abstecher nach oben und unten, und schließlich bringt sie sogar etwas wie eine h-Schleife an. »Pappa, les mal, was da steht!« »Das kann ich nicht lesen, das ist zu schwer.« »Da steht: Mama is eine süße Deern.« »Richtig, das steht da.« »Was soll ich nu mal schreiben?« »Schreib: Appelschnut is auch eine süße Dirn.« »O ja.« Mit derselben Leichtigkeit schreibt sie auch diesen Satz. Dann malt sie mancherlei wurmartige Gebilde, von denen sie mit großer Unbefangenheit behauptet, das sei ein Ofen, und das sei ein Pferd und das sei ich. Dann will sie lesen. »Aber im Lexikomm!« ruft sie. Ich hole einen Band »Meyer« herbei und schlage ihn auf bei dem Artikel »Salpetersäureanhydrid.« Sie wirft sich mit dem ganzen Oberkörper auf die Lektüre, und mit dem lächerlich kleinen Zeigefinger die Zeilen gewissenhaft verfolgend, liest sie: »Eia popeia, was raschelt im Stroh, Das sind die kleinen Gänselein, die haben kein' Schuh«. Schuster hat Leder, kein Leister dazu, Darum kann er auch den Gänselein keine Schuh' machen.« Und so liest sie noch gar manche Sachen aus dem »Meyer«, die noch kein Mensch darin gefunden hat. Als sie auf das Lied: »Ringel Rangel Rosen« stößt, rutscht sie vom Stuhl und hat mich im selben Augenblick bei der Hand. »Das woll'n wir mal spiel'n!!« Wir zwei spielen also Ringelreih'n: »Ringel Rangel Rosen, Schöne Apfrikosen, Veilchen un Vergiß man nich, Alle Kinder setzen sich« und viele andere schöne Sachen, so viele, daß ich vollauf befriedigt bin. »Tanz, Püppchen, tanz! Deine Schühchen sind noch ganz; Tanzt du sie entzweien Kauft der Vater neue.« O ahnungsloses, grenzenloses Kindervertrauen in die Zahlungsfähigkeit des Vaters! O Kinderschuhe, ihr laufenden Ausgaben! Und doch würde ich Kinderschuhe über Kinderschuhe kaufen, wenn ich mir damit einen Ruhm erwerben könnte wie Buko von Halberstadt. Der war im grauen Mittelalter ein mächtiger Bischof, besiegte die Slawen, machte Päpste und Könige und setzte Könige ab; aber wenn er mal ein Mensch sein wollte, dann spielte er mit den Kindern, schenkte ihnen Naschwerk und dachte tief innen, ich meine: so ganz, ganz im Innersten seines streitbaren Herzens sicherlich wie alle großmächtigen Herren: »Dies ist das Gescheitere.« Von dem Slavenüberwinder und Königmacher, der den armen Kaiser Heinrich bedrängte, wissen nur ein paar absonderliche Leute, die Geschichte lernen und behalten. Von dem Kinderfreund aber singen noch nach über achthundert Jahren die Mütter: »Buko von Halberstadt Bringt all de lütten Kinner wat. Wat sall he uns' denn bringen? Schoh mit goll'ne Ringen, Denn wüllt wi danzen un springen.« Auf »springen« reimt sich »singen«, und indem ich (endlich!) in meinem Stuhle sitze und Appelschnut (vorläufig) auf meinem Schoße sitzt, singen wir (oft sehr zweistimmig) alles, was in ihrem kleinen Herzen an Liedern wächst. »O Pappa, weiß du was?« »Na?« »Ich will mal ›O Tannenbaum‹ singen!« »O ja, das tu mal!« Und sie singt: »O Tannenbaum, o Tannenbaum, Wie kosten deine Blätter – –« Ich sehe, geneigter Leser, wie diese Version Sie stutzen macht. Gestatten Sie, daß ich Sie durch ein kleines Labyrinth zur Klarheit führe. Die richtige Lesart lautet bekanntlich: »Wie treu sind deine Blätter.« Der Begriff der Treue war aber Roswithen fremd. Sie verstand die Zeile dahin: »Wie teuer sind deine Blätter?« Und da sie von dieser Zeile nicht den Wortlaut, wohl aber den Sinn behielt, so singt sie jetzt standhaft: »Wie kosten deine Blätter?« Zu solchen Aufschlüssen zu gelangen, ist natürlich nur der exakten, sorgsam beobachtenden Appelschnut-Philologie beschieden. Ich wette, meine Damen und Herren, Sie ahnen nicht, warum Appelschnut ein Geldstück, das ich ihr zeigte, auf meine Frage, was das sei, als »Silberpapiergeld« bezeichnete. Wollte das Kind einen Währungswitz machen? O nein! Der Appelschnutforscher löst die Frage mit spielender Leichtigkeit. Schokolade ist häufig in Stanniol eingewickelt, nicht wahr? Dieses Stanniol nennen die Kinder »Silberpapier«. Appelschnut hat nun offenbar von allen metallisch glänzenden Gegenständen die Vorstellung, daß sie mit »Silberpapier« überzogen seien. Und so nannte sie das Geldstück »Silberpapiergeld.« Inzwischen haben die Mädchen ihre Schularbeiten beendigt, nur der Junge muß noch übersetzen, daß der Reiteroberst Quintus Fabius mit den Samnitern kämpfte, obgleich Papirius Kursor verboten hatte, daß eine Schlacht geliefert würde – was der Knabe im Interesse seiner menschlichen Bildung natürlich mit vielen Freuden tut. Und dann ist die Abend- und Märchenstunde da; alles versammelt sich um den Tisch, und meine Frau erzählt eine »Geschichte«, heute zum soundsovielten Male mit immer gleichem Erfolge »Rotkäppchen«. Alle Kinder, auch die größten, sind mit den Ohren dabei; nur Appelschnut hört mit Ohren, Augen, Mund und Nase – was sage ich: Sie hört mit dem ganzen Körper und mit der ganzen Seele zu. Meine Frau erzählt: »... Und einmal schenkte ihr die Großmutter ein rotes Käppchen, und weil das kleine Mädchen so hübsch damit aussah, nannten es die Leute nur noch das ›Rotkäppchen‹. Da sagte einmal die Mutter: ›Komm, Rotkäppchen, hier ist Wein und Kuchen – ‹« »O ja!« stößt Appelschnut hervor. »›– – bring's der Großmutter hinaus, sie ist krank und schwach und soll sich daran laben. Sei aber auch ja hübsch artig – ‹« »Jaa!!« beteuert Appelschnut voll Andacht. »›Lauf auch nicht vom Weg ab – ‹« »Nein!« versichert Appelschnut gehorsam. Sie ist immer mitten in der Sache, und als meine Frau auf die Frage des Wolfes »Wo wohnt denn deine Großmutter?« das Rotkäppchen erwidern läßt: »Eine Viertelstunde von hier, unter den drei großen Bäumen –«, da unterbricht Appelschnut: »So heiß das gar nich, ›das heiß: unter den drei großen Eichbäumen ‹!« Und als die Erzählung zu Ende ist, da ist die Produktivität Roswithas so auf den Gipfel gebracht, daß sie herausplatzt: »Nu will ich auch mal'n Geschichte gezähl'n!« »Hallo, Appelschnut will 'ne Geschichte gezähl'n! Man zu, Appelschnut, man zu!« Es wird so still, daß man unsere Winterfliege würde atmen hören, wenn sie nicht in diesem Augenblick den Atem anhielte. Ich blicke zufällig zum Kanarienvogel hinauf: Er neigt das Ohr und richtet sein kleines schwarzes Auge fest auf Appelschnut. Und Appelschnut erzählt: »Ein Jäger gingte still in den Wald. Und da verlierte... verlorte er sein Schoßgewehr. Und da freuten sich all die Tiere, daß er sie nu nich mehr totschossen konnte.« Dies also ist die Historia vom verlornen Schoßgewehr von Roswitha der Jüngeren. Sie hat allen, die sie hörten, das Herz erwärmt und ungeheuren Jubel erregt. Appelschnuts Produktivität zeigt sich auch in der Art, wie sie gehörte Geschichten wiedergibt. Auf allseitiges Verlangen muß Appelschnut die Geschichte von »Hänsel und Gretel« erzählen. Hänsel und Gretel spazieren in folgender Gestalt aus ihrem Köpfchen hervor: »Also, es war einmal ein armer Holzhacker, der hießte Papa, un seine Frau hießte Mutter. Und sie hatten ßwei Kinder, die hießten Hänsel und Gretel. Na und als es abends war, sagte die Mutter: ›Wir wollen Hänsel un Gretel in Wald schicken.‹ Und das tun sie auch. Und da kamten sie an ein Hexenhaus, das war ganz voll Zucker, un voll Kuchen, un voll Schokolade, un voll Mazipan, un voll Kakes, un voll Bonbons un noch viel mehr. Da brachen sie ein Stück ab, da riefte die Hexe: ›Wer knappert an mein Häuschen?‹ – ›Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.‹ Da kam sie raus und sagte: ›Kommt nur herein, liebe Kinder, ihr sollt Reis mit Zucker und Kaneel haben.‹ Un da wollte sie Hänsel un Gretel in Ofen stecken, aber da ließen sie es lieber sein un steckten die Hexe in Ofen. Aber die Hexe mögte auch nich in den Ofen sein, un da schrie sie – oha, was schrie sie! Ganz doll! ›Ich will es auch nich wieder tun, ich will es auch nich wieder tun!‹ Da ließen sie sie wieder raus. Un da gingten sie fröhlich wieder zu ihr Eltern. Un da gingten sie alle in den Wald, un da eßten sie das ganze Kuchenhaus auf.« Der gesunde Sinn der Dichterin sagte sich mit Recht: Wozu soll dieses wunderschöne Haus ungegessen im Walde stehen? Allen früheren Dichtern des Märchens ist dieses wichtige Moment entgangen, und so blieb es Appelschnut vorbehalten, den Stoff erst vollends zu bewältigen. Inzwischen hat die Mutter das Appelschnütchen auf den Schoß gezogen und ihr Kleiderknöpfchen und Schuhbändchen gelöst. Der kluge Leser erwartet jetzt den üblichen tränenreichen Widerstand gegen das Zubettegehen. Der kluge Leser irrt sich. Erstens weiß Appelschnut genau, daß dergleichen Bemühungen nutzlos sind. Zweitens ruht ihre ganze Weltanschauung auf der Grundlage: »Morgen ist es ebenso schön, und so leben wir alle Tage.« Und drittens erwachte sie eines Abends spät und rief nach ihrer ältesten Schwester, die den Posten einer Vize-Mutter bekleidet. Aufrecht im Bette sitzend, mit weit geöffneten Augen sprach Appelschnut zu ihrer Schwester: »Trudel, fühl mal nach, ob meine Ohr'n noch da sind!« Trudel fühlte nach und stellte fest, daß beide Ohren noch da seien. Und Appelschnut warf sich befriedigt ins Kissen zurück, steckte den Daumen in den Mund und entschlief sofort. Ihr Traum ist Leben und ihr Leben Traum. Während des Auskleidens nehmen ihre Augen schon den Ausdruck aus jener anderen, verschwiegeneren Welt des Traumes an... »Mamma«, ruft Appelschnut plötzlich, »die Diebe sind doch ganz dunkel, nich?« »Warum meinst du das?« »Ach – ich meine – die sind doch ganz dunkel, nich??« »Nein, die Diebe sehen geradeso aus wie andere Menschen.« Die Diebe spielen nämlich in Appelschnuts Phantasie eine Rolle seit einer dunkeln Nacht, in der ein dunkler Ehrenmann ihr Kaninchen stahl. Sie hatte sich so sehr ein lebendiges Tier gewünscht; erst wollte sie mit einem richtigen Pferd spielen, dann mit einer Ziege, und so wurde das Pferd immer kleiner, bis es ein entzückend weißes Kaninchen war. Appelschnut küßte und drückte es mit einer Liebe, die für ein Pferd genügt hätte, und brachte ihm so viel Zärtlichkeit entgegen, daß es selbst dem Karnickelchen zuviel wurde; es sprang ihr mit einem jähen Entschluß vom Arm; Appelschnut fiel ins Gras, und das Nickelchen sprang über ihre Nase hinweg. Appelschnut war ihm anderthalb Minuten lang wirklich böse; dann verzieh sie ihm, und so sprangen die beiden zwei Tage lang durch den Sonnenschein. Am Morgen des dritten aber war das Ställchen leer, und Appelschnut hörte, daß ein Dieb das Nickelchen weggenommen habe. Es zuckte bedenklich um Appelschnuts Mäulchen – da sah sie im Sande ihre kleine Gießkanne liegen. »O Mamma«, rief sie begeistert, »sieh mal: Der süße Dieb hat meine Gießkanne nich weggenommen!« – – Unter den Seligpreisungen der Bergpredigt fehlt die eine: »Selig sind, die dankbaren Herzens sind. Schon unter Menschen werden sie glücklich sein.« Appelschnut und die Philosophie Denkt euch einen wunderbaren Sommertag und einen Garten, der mit seinem grünen Rasen, seinen Obstbäumen, seinen turmhohen Kastanien, Akazien und Ulmen in einem Meer von Sonne treibt... Denkt euch in diesem Garten eine Laube und in der Laube einen närrischen Menschen, der sich verankert hat an schweren, dickleibigen Büchern und an einem Tintenfaß, das wie ein unförmlicher schwarzer Fels aus der Sonnenflut emporragt... Und riesige Ulmen und zarte Syringen und schwebende Schmetterlinge und stille Rosen schwimmen an ihm vorüber. Er hat strengen Befehl gegeben, daß ihn niemand störe, weil es ein sehr schweres und wichtiges Werk ist, an das er sich festgeschmiedet hat... Und wie er eben über Kants Schematismus der reinen Verstandesbegriffe nachdenkt, schwimmen zwei große, sonnenhelle Augen vorüber. Die Augen gehören zu einem Gesichtchen, und das Gesichtchen gehört zu einem kleinen Mädchen namens Roswitha. Der Mann in der Laube hat ihr den Namen Appelschnut gegeben, weil ihr Gesichtchen einmal aussah wie ein runder rotbäckiger Apfel, der weiter nichts zu tun hat, als zwischen grünen Blättern zu schaukeln, mit der Sonne Versteck zu spielen und zu wachsen. Inzwischen ist der Apfel gewachsen und hat angefangen – was man so nennt –: zu denken; er hat sozusagen schon Gesichtszüge bekommen, und zwei emsige Augen sind unaufhörlich an der Arbeit, um Mund und Nase Aufklärung zu verbreiten. Gleichwohl hat Roswitha den Namen Appelschnut behalten, und wenn man erst hört, welcher unerhörten Dummheiten sie noch fähig ist, dann wird man das auch ganz gerechtfertigt finden. So tritt sie jetzt an den denkenden Menschen in der Laube heran und sagt: »Pappa, wenn wir 'ne neue Wohnung kriegen, mit'm Garten mein ich un mit 'm Birnbaum, un wenn dann welche 'runterfallen – die darf ich doch aufsammeln, nich?« Was soll nun der denkende Mensch in der Laube dazu sagen? Die Frage steht mit dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe in keinem, aber auch gar keinem Zusammenhange! Er macht denn auch ein Gesicht, das zu der Tiefe seiner Gedanken in keinem Verhältnis steht, und fragt: »Wie? Was willst du?« Der Mund und die zwei Augen wiederholen ihre Frage, und mit finsterer Stirn versetzt der Mann: »Ja, ja – aber du mußt mich jetzt nicht stören, hörst du?« »Nein«, verspricht das kleine Mädel und taucht wieder unter im Sonnenschein. Kant sagt: »In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter einen Begriff muß die Vorstellung des ersteren mit dem letzteren gleichartig sein, das heißt der Begriff muß dasjenige enthalten, was in dem darunter zu subsumierenden Gegenstande vorgestellt wird: denn das bedeutet eben der Ausdruck: ein Gegenstand sei unter einem Begriffe enthalten.« Sehr wahr. Aber die Sonnenflut schwemmt wieder die beiden Augen heran, und unter den beiden Augen klingt etwas wie: »Pappa: diese Gießkanne kann doch auch'n Bett sein, nich?« »Wie? Was?« »Ach, meine Puppe is jetz schon so groß, un nu kann sie doch nich mehr in der Wiege liegen, nich? Un nu soll sie in Bett liegen, un nu hab ich doch kein Bett, un nu kann doch auch die Gießkanne mal'n Bett sein, nich?« Kann man die Vorstellung einer zerbrochenen Gießkanne unter den Begriff Bett subsumieren? Nein. Aber wer weiß, ob nicht die Gießkanne eigentlich ein Bett und das Bett eigentlich eine Gießkanne oder beide Dinge keins von beiden sind, da wir ja das Ding an sich nicht erkennen können? Also... »Ja, Pappa?« »Ja, ja, die Gießkanne kann ein Bett sein! Nun sollst du mich aber nicht mehr stören!« »Nein!« verspricht das kleine Mädel. »Nun sind aber reine Verstandsbegriffe, in Vergleichung mit empirischen (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen ganz ungleichartig und können niemals in irgendeiner Anschauung angetroffen werden. Wie ist nun die Subsumtion der letzteren unter die erste, mithin die Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich, da doch niemand sagen wird: diese, zum Beispiel die Kausalität, könne auch durch Sinne angeschauet werden und sei in der Erscheinung enthalten?« Ich verfolge gerade den Gedanken, daß der Mensch die Kategorie der Kausalität in die Erscheinungen legt wie Appelschnut ihr Kind in die Gießkanne – als auch schon da, wo das transzendentale Schema sein sollte, wieder die beiden runden Augen sind. »Pappa, woher kommen eigentlich die kleinen Kinder?« Ja, das ist auch so ein Fall, wo die Menschen zwei Vorgänge durch Kausalität verbinden, obgleich doch in den Erscheinungen kein Begriff der Kausalität enthalten ist. Es stimmt aber immer. »Pappa!« »Ja, ja! Das kannst du jetzt noch nicht verstehen; das lernst du, wenn du groß bist.« »M! Nächstes Jahr, nich? Denn bin ich doch groß, nich?« »Nein, nächstes Jahr bist du noch nicht groß.« »Wie groß bin ich denn nächstes Jahr?« »So groß vielleicht.« »M. Ich weiß, was ich tu: ich trink fix Milch, denn werd' ich ganz größer!« »Ja, das tu nur. Aber jetzt darfst du mich nicht wieder stören!« »Nein. – Weiß du was, Pappa?« »Na?« »Ich bin Rudi ganz böse.« »So? Warum denn?« »Wenn ich sag: Der Storch soll bei uns 'n Baby bringen, denn sagt er immer: Nein, bei uns, un wenn ich denn sag: Nein, bei uns, denn sagt er immer wieder: Nein, bei uns. Das soll er doch gar nich, nich? Der Storch soll doch bei uns 'n Baby bringen, nich?« »Das glaub' ich nicht, Appelschnut. Ich glaube, er bringt eins bei Rudi.« Appelschnut wird sehr nachdenklich. Und dann spricht sie aus der Tiefe ihrer Sehnsucht heraus: »Junge, ich möcht, das Fenster bleibte mal nachts bei mir offen, vielleicht bringt der Storch uns denn 'n Baby, un denn sucht er, wo das kleinste Bett is, un denn legt er das gerade in mein Bett! Meinst, ich bring das denn in eure Schlafstube? Nee! Wenn es schreit, denn mach ich sch–sch–sch–, denn wird es wohl bis morgens ruhig sein. Da weck ich euch nich ers um!« Liebe und Ehe! Man sollte nicht glauben, welchen Raum sie in einem Kinderköpfchen einnehmen und wie sich da die schwierigsten und verworrensten Dinge glatt und leicht lösen. Schon mit drei Jahren bekundete Appelschnut die Absicht, zu heiraten, wenn sie groß sei, und zwar stand es für sie außer allem Zweifel, daß sie einmal ihren Bruder Erasmus heiraten werde. Als ihr dann jemand erklärte, daß man seinen Bruder nicht ehelichen könne, rief sie verzweiflungsvoll: »Wen soll ich denn aber bloß heiraten!« Diese Frage ist inzwischen ihrer Lösung näher gerückt. Rudi, der Nachbarssohn, ein allerliebster kleiner Blondkopf und ihr ständiger Spielgefährte, hat bis jetzt die meisten Aussichten auf ihre Hand. Aber wer kann dem Flattersinn der Weiber trauen? Im Seebade lernte Appelschnut Gustav kennen, Gustav aus München. Sie sehen und sie lieben war für Gustav eins. Schon am dritten Tage ihrer Bekanntschaft trat Gustav vor seine Eltern hin mit der Frage: »Wenn ich groß bin, darf ich doch Roswitha heiraten, nicht wahr?« und erhielt das Jawort seiner Eltern. Auch Roswitha erklärte: »Gustav soll mein Vater werden.« (»Vater« hier soviel wie »Gatte«.) Meine Frau zeigte sich sehr bestürzt und machte ihr ernstliche Vorhaltungen. »Was ist das?« rief sie aus. »Gustav soll dein ›Vater‹ werden? Was wird denn aus Rudi? Ich denke, der soll dein ›Vater‹ werden!« Appelschnut, verächtlich: »Der will ja was anderes werden! Der will ja Eisenbahnmann werden.« Dieselbe Auffassung wie vom Vatersein hat sie löblicherweise auch vom Muttersein; sie betrachtet es als Beruf. Aber sie betrachtet das Ideal des Mutterwerdens vollkommen unabhängig vom Heiraten. Sie hat lange geschwankt, ob sie Schneiderin oder Mutter werden wolle. Schneiderin, wenn man's bedenkt, ist ja sehr schön: Man kann sein ganzes Leben lang Puppenkleider machen. Was wunder, daß Roswitha daher ein Stein vom Herzen fiel, als ihre Mutter ihr eines Tages erklärte, daß sich beides sehr wohl vereinigen lasse. »O ja!« rief Appelschnut glückselig. »Was werd' ich denn erst, Mamma?« »Na, zuerst wirst du wohl Schneiderin.« »O ja, un denn werd ich Mutter! Grade so wie Fräulein Annie, nich? Die is auch Schneiderin, un nu wird sie bald Mutter, nich?« Meine Frau hatte Mühe, ihr die Richtigkeit dieser Folgerung auszureden und Fräulein Annies Ruf vor Schaden zu bewahren. Ach, armer Gustav aus München, deine Sachen stehen schlecht! Du kannst nicht täglich zu Stelle sein, um deinen Vorteil wahrzunehmen, wie der blonde Lockenkopf Rudi. Da kommt er um die Ecke durch den Garten geschlendert. Roswitha eilt jubelnd davon und umschlingt ihn, dem sie ganz böse ist. »Mein süßer Rudi!« Rudi ist ein männlich-herber Charakter; er erwidert nur mit einem halblauten »–switha«? Er ist überdies wieder mit einer Untersuchung beschäftigt. Er hat irgend etwas in der Hand, das er, wie alles, was er Auffallendes findet, beguckt, befühlt, behorcht und endlich mit der Zunge prüft. Er ist eine ausgesprochene Gelehrtennatur und führt mit Appelschnut zuweilen sehr tiefsinnige Gespräche. So hat er ihr unter anderem die Überzeugung beigebracht: Wenn ein Regenwurm sterbe, dann gebe es Regen. Er verfügt denn auch schon über einen angemessenen Gelehrtenstolz. Eines Tages fragte er seine erwachsene Schwester: »Du, Sabine, was war das man noch, was in der Schachtel von der Apotheke war?« »Pulver.« »Nein!« »Pillen?« »Nein!« »Kapseln?« »Ja, aber was war das man noch?« »Junge, ich versteh' dich nicht.« »Was so ist!« Und er zeichnete auf ein Stück Papier ein länglich-rundes Etwas. »Ein Ei?« »Nein!!!« »Ach – meinst du vielleicht eine Ellipse?« fragte die Schwester zweifelnd. »Ja, eine Ellipse!« schrie Rudi, und im nächsten Augenblick war er im Garten bei Appelschnut. »Roswitha, weißt du, was 'ne Ellipse ist?« »Nee«, versetzte Appelschnut mit herzlicher Entschiedenheit. »O Roswitha«, rief Rudi mit Entrüstung, »wie bist du dumm! Du weißt nicht mal, was 'ne Ellipse ist!« Da Appelschnut nun einen Gefährten hat, ist der Grund für mein Nichtstun eigentlich hinfällig, und ich versuche denn auch, das transzendentale Schema wieder in Sicht zu bekommen und zu entern. Zu meiner großen Freude werde ich aber bald durch ein erregtes Gespräch wieder gestört. »Ich bin doch älter«, ruft Rudi. »Nein!« »Doch!« »Nein! Sieh mal, du bist doch fünf, nich? Und wenn wieder Sommer is, denn is mein Geburtstag, un denn bin ich auch fünf.« »Denn bin ich sechs«, versetzt Rudi schnöde. »Nein!« »Doch!« »Denn wer' ich auch sechs!« »Denn werd' ich sieben.« »Pfui, Rudi! – Pappa, Rudi will immer älter sein als ich!« Sie ist dem Weinen nahe. »Ja, Schätzchen, das ist nun einmal so. Dagegen ist nichts zu machen.« »Er soll aber nich älter sein!« »Dscha –!« Damit ist der eheliche Zwist wieder da. Jede Überlegenheit gesteht sie ihm zu; nur daß er älter und größer ist als sie, das ist für ihr Kraftbewußtsein ein unverwindbarer Schmerz. Rudi ist zur Rechten gegangen und Appelschnut zur Linken. Wenn aber Rudi sich einbildet, daß Appelschnut um einen Spielgefährten verlegen sei, dann irrt er sich: Sie tanzt mit ihrem Schatten. Mit wunderlichen Kapriolen springt sie umher und bemerkt mit Vergnügen, daß der Schatten ihr alles nachmacht. Sie scheint diesen Kameraden, des Menschen getreuesten Gesellen und Persifleur, erst heute so recht kennenzulernen. »Was machst du denn da?« frage ich sie. »Ich spiegel mich in der Erde.« »So!« Im nächsten Augenblick schießt sie wie ein Pfeil in die äußerste Ecke des Gartens. Eine Henne auf ihrem Beet! Auf Appelschnuts Blumenbeet! Diese Keckheit! »Hast du sie weggejagt?« »Ja. Die kommen immer wieder, die sind so frech, die Hühner! Aber wenn sie nu wiederkommen, weiß, was ich denn tu?« »Na?« »Denn schleich ich mich ganz leise hin un denn mach ich mit einmal ›Huuu!!!‹ Denn meinen sie, ich bin 'n Tiger, un denn werden sie bange un laufen weg.« Man darf hieraus jedoch nicht schließen, daß Appelschnut ein Tigerherz im Busen trüge. Eines Tages lief sie mit meiner Frau um die Wette. Nach wenigen Schritten blieb sie stehen und ließ ihre Mutter ans Ziel gelangen. Meine Frau markierte einen großen Siegesjubel. Appelschnut aber wandte sich heimlich zu mir und sagte mit listig-lustigem Augenzwinkern: »Ich wollt' ihr mal 'ne Freude machen!« Sieht das einem Tiger ähnlich? Und als sie eines Tages auf meinem Schreibtisch eine Tüte bemerkte, da fragte sie vorsichtig: »Was hast du mir man noch versprochen?« »Was ich dir versprochen habe? Das weiß ich nicht.« »Das fängt mit'n ›i‹ an.« »Fängt mit einem ›i‹ an? Was ist das?« »'n Bonbon!!« Ach soo! Sie erhielt also einen Hustenbonbon; als sie aber mit dem Bonbon im Schnabel davongesprungen war zu ihrem Rudi, kam sie nach einigen Minuten wieder und rief: »Du Pappa, weiß du was? Rudi hat noch nie in sein ganzes Leben geschmeckt, wie'n Hustenbonbon schmeckt!« Da aber der Vorrat an Bonbons erschöpft war, so konnte dem Erkenntnisdurste Rudis des Forschers kein Genüge geschehen. Als Appelschnut jedoch drei Tage später wieder einen Hustenbonbon bekam, war sie in drei Sprüngen an der Tür. »Wo willst du denn hin?« »Rudi bringen! Du weiß ja doch!« Ich frage euch: Welcher Tiger tut denn das? Ich hebe wieder den Blick und sehe die beiden tief Entzweiten in inniger Umschlingung auf dem Rasen sitzen und miteinander spielen. Und habt ihr einmal zugesehen, wenn zwei Kinder an einem Sommertage auf grünem Rasen unter Bäumen spielen? Habt ihr bemerkt, daß gleich die Sonne dabei ist und mitspielt, sie am Öhrchen zupft, die Hand auf den Kopf legt und ihnen tief in die Augen schaut? Und nicht zu vergessen die Vögel! Kinder und Vögel sind Geschwister; sie sind des gleichen warmen und behenden Bluts. Darum hüpfen und springen und zwitschern in gemessenem Umkreis alle geflügelten Gäste unseres Gartens mit, wie fremde Kinder, die anfangs von ferne zuschauen und sich nicht ganz herantrauen, aber endlich mit fortgerissen werden in den Kreis der Freude. – Ja, Appelschnut ist gewiß ein Geschwister der Vögel, sie geht eigentlich nie, sie hüpft und tanzt ständig dahin. Auch jetzt kommt sie herangehopst, und während sie mit mir spricht, tanzt sie ununterbrochen vor mir herum. »O Pappa, wir spielen so fein!« (Hops, hops!) »Ja? Was spielt ihr denn?« »Wir spielen Schutzmann un Dieb (hops!). Rudi is der Schutzmann (hops!), un ich bin der Dieb (hops!). Un denn fragt er mich erst, wie ich heiß (hops!) un denn, wo ich wohn' (hops!) und denn (hops!) was ich gestohlen hab. Un denn sag ich das immer schnell, sons hält er mich fest, un das mag ich nich (hops!). Du mags doch auch nich so lange beim Schutzmann sein, nich Pappa?« (hops, hops!). »Nein, das mag ich auch nicht.« »Weiß du was, Pappa?« »Na?« »Wenn nu wieder Weihnach'n kommt, denn woll'n wir es mal in Garten feiern, nich?« »Das wird wohl nicht gehen, Appelschnut.« »Worum nich?« »Weihnachten ist im Winter, und dann ist es kalt draußen, und dann liegt der Garten voll Schnee.« »Och, man zu, Pappa, laß es Weihnach'n mal ganz warm sein!« Wundert's euch, daß Appelschnut mir solche Dinge zutraut? Wollte sie doch einmal geradenwegs über die Ostsee gehen und die untergehende Sonne holen. Das Kindermädchen hatte gesagt: »Geh nur hin und hol sie!« – Da stand Appelschnut schon mit Stiefeln und Strümpfen bis an die Knie im Wasser, gläubiger als Petrus, da ihn der Herr auf den Wellen gehen hieß, aber auch nasser. Inzwischen ist Roswitha ein paar Jahre älter geworden, und am Strande der Nordsee hatte sie diesen Sommer schon geographischere Gedanken. Sie war dabei, mich bis an den Hals mit Sand zu bedecken, und ich glaubte sie ganz mit diesem Vorhaben beschäftigt, als sie plötzlich nachdenklich übers Meer blickte. »Wo is eigenlich Amerika?« Ich zeigte nach Westen. »Ich seh nix«, sagte Appelschnut. »Das kannst du auch nicht sehen, das ist ganz weit weg. Wenn man dahin will, muß man tagelang mit einem Schiff fahren und auf dem Schiffe essen und trinken und wohnen und schlafen!« »Uuuha!!« »Ja.« »Ich mag aber nich in Amerika sein.« »Nein? Warum nicht?« »Da sind I-aner.« »Ja, Indianer sind freilich da.« »Die fressen Menschen.« »Ach nein, das tun sie nicht. Es sind auch noch viele andere Menschen da, ebensolche wie wir.« »Ja, die kämpfen sich mit den I-anern.« »Ja, mitunter, aber immer kämpfen sie nicht.« »Nein! Sie müssen ja auch mal was essen!« Nach einer Weile entrang sich ihr ein sehnsüchtiger Seufzer: »Junge, ich möcht', ich könnt' fliegen!« »So?« »Ja, wenn denn 'n Menschenfresser kämte, denn flögte ich einfach auf'n Baum.« »Ja, aber hier bei uns gibt es ja gar keine Menschenfresser.« »Nein! Wenn hier 'n Menschenfresser herkommt un er will mich auffressen, denn sag ich das einfach zu'n Schutzmann, denn bringt er ihn auf die Wache, nich? Das muß er doch auch, nich? Wenn er Menschen frißt, denn is er doch ungezogen, nich?« »Sehr ungezogen!« Ich hänge noch der Erinnerung an jenes Strandbild nach, als ich schon wieder durch laute Klagerufe aus meinen Träumen aufgejagt werde. Appelschnut mit ihrer Puppe Ursula auf dem Arme kommt weinend und in großer Erregung herbeigestürzt. »Pappa, huhuuu, nu spielen wir so schön Mutter un Kind, huhuuu, un ich bin die Mutter, huhuuu, un Ursula is das Kind, huhuuu, un nu will Rudi nich der Vater sein, huhuuu –« »Ja – das ist ein schwieriger Fall. La recherche de la paternité est interdite! « »Huuu, was sagst duuuu?« »Ja, das war Französisch, das kannst du noch nicht verstehen.« »Doch, huuu, das kann ich doch, huuu!« Alles darf man Appelschnut sagen, nur nicht, daß sie etwas nicht könne. Sie kann tatsächlich sich selbst das Kleidchen anziehen und die Stiefel zuknöpfen. Und wenn man sie nur gewähren ließe, dann könnte sie noch viel mehr: durchgegangene Pferde einfangen, Wagners Tristan und Isolde spielen, Eisenbahnwagen schieben und Seezunge à la Richelieu zubereiten. Ja, als Rudi sie eines Tages wieder eigensinnig und schnöde verlassen hatte wie Theseus die Tochter des Minos und ich heimlich zu meiner Frau sagte: »Sie weiß noch nicht, wie man Männer fesselt«, da rief sie eifrig: »Doch, das kann ich doch!« – denn hören kann sie auch. Sie weiß zwar nicht, was »Männer fesseln« ist, aber sie kann es. »Also Französisch kannst du auch, Roswitha?« »Ja, huhuuu!« »Was kannst du denn?« »Ich kann, huhuuu, französisch zähl'n, huhuuu!« »Ach, dann zähl doch mal, das möcht' ich auch lernen!« Ich suche ihr Taschentuch, find' es auch, aber in keinem geeigneten Zustande. Sie scheint den Garten damit reingemacht zu haben. Ich trockne ihre Tränen also mit meinem Tuch, und schluchzend und mit einem ergreifenden Leidensgesichte zählt sie französisch. »öng, döng, tröng, kratter, ßäng, ßieß!« »Wahrhaftig, Appelschnut kann Französisch!« Ich versuche, es nachzumachen, und stolpere dabei entsetzlich über sämtliche Sprachwerkzeuge. Und Appelschnut lacht; ausschütten will sie sich vor Lachen! Also lachen kann Appelschnut auch, lachen, wenn noch ein dicker Tropfen im Augenwinkel sitzt! Appelschnut, du kannst viele Künste, aber in einer Sekunde weinen und lachen, das ist doch deine schönste Kunst. »So, jetzt geh nur wieder und spiel, und wenn Rudi nicht will, dann laß ihn laufen, er kommt von selbst wieder. Darum mußt du nicht gleich weinen.« »Nein«, versetzt sie mit nachdenklicher Zustimmung. »Er is ja noch so klein un dumm, er weiß das noch nich besser.« Und als getröstete Strohwitwe hüpft sie davon – Rudi hat sich seinen Vaterpflichten durch die Flucht entzogen und ist nicht mehr zu erblicken. Ich werde mich nun doch wieder an die Arbeit begeben. Eigentlich gehört es sich doch durchaus nicht, daß ein erwachsener, großjähriger Schriftsteller einen ganzen Tag mit Kindern verspielt. Mit Sorgfalt schlage ich meine Bücher wieder auf. Da trifft mein Ohr ein seltsam lockender Ton. »Komm?! Komm?!« ruft eine zarte, schmeichelnde Stimme. ich blicke auf und sehe Roswitha vor einem Blumenbeete hocken. Ich nähere mich unbemerkt. »Komm?! Komm?!« ruft sie liebevoll, wie man einem Hund oder einer Katze ruft, die sich nicht herangetrauen. Endlich entdeck ich, daß ihr schmeichelnder Ruf einem Schmetterlinge gilt, der auf einer Blume sitzt. Jetzt bemerkt sie mich. »Pappa«, ruft sie, »dieser Schmetterling is'n komischer Mensch! Ich ruf immerlos, er soll kommen, aber meinst, er kommt? Rührt sich garnich!« »Ja – das kann ich ihm nicht verdenken.« »Pappa, krieg ihn mal!« »Nee, fällt mir nicht ein.« »Man zu, Pappa!« »Er mag nicht gefangen sein, Appelschnut. Du magst doch auch nicht in der Waschküche eingesperrt sein, nicht wahr?« »Man zu, Pappa, ich will ihn auch garnich in die Waschküche einsperr'n –« Inzwischen kommt Rudi herbeigesprungen mit einer großen, frohen Kunde. »Polly hat sich wiedergefunden! Polly ist wieder da!« Darüber vergißt Appelschnut alle Schmetterlinge der Welt! »Wo ist er? Wo? Wo?« »Da unterm Strauch«, sagt Rudi. Richtig! Ganz tief unter dem Rhododendron hat er sich versteckt. Acht Tage lang hat er dagesessen und sich nichts merken lassen! Und dabei sieht er uns mit seinen klugen Pudelaugen an, als ob gar nichts geschehen wäre. Drei Tage lang haben Rudi und Roswitha ihn gesucht, und der Strolch hat sich nicht vom Platze gerührt, obgleich er vier Räder unterm Leibe hat! Ist das ein Schlingel! Welch ein Wiedersehen! Welch ein Küssen und Drücken und Umarmen und Streicheln! »Du hast Polly wohl sehr lieb, Appelschnut!« »Ja!« seufzt sie. »Wen hast du denn mehr lieb: Polly oder mich?« frage ich sie. Sie denkt einen Augenblick nach. »Beide gleich«, versetzt sie. Ich kehre geknickt zu Immanuel Kant zurück. Was bleibt uns nach solchen Enttäuschungen Besseres als die Philosophie? Und es tritt eine große Stille ein. Diese Stille aber erscheint mir allmählich höchst bedenklich. Diese Stille stört mich. Wenn zwei Kinder im Garten sind, muß man doch etwas hören!! Ich höre aber nichts!! Das ist verdächtig. Wenn Kinder still sind, so ist das stets verdächtig. Ich muß unbedingt einmal nachsehen. – Aber ich finde sie nicht. Zu sehen sind sie auch nicht. Das ist mehr als verdächtig. Plötzlich hör ich in meiner Nähe gedämpftes Sprechen – holla: der Wigwam! An den hab ich ja gar nicht gedacht! Appelschnuts Bruder Erasmus hat mit einer anderen gelegentlichen Rothaut zusammen einen Wigwam aus Holzstangen und Fußmatten errichtet. In diesem Wigwam hocken Rudi und Roswitha innig vereint wie Paul und Virginie. Paul ist Krämer und verkauft schwarze Gartenerde in Tüten, Virginie bereitet diese schwarze Gartenerde mit ausgiebigen Quantitäten Wasser zu einem reichlichen Mahl für Polly. Und da der Raum im Wigwam, wie man sich denken kann, beschränkt ist, so hat Virginie mit einem Teil ihres Körpers und mit ihrer weißen Schürze in der Suppe Platz genommen. »Appelschnut –! Allmächtiger! Wie siehst du aus!« Die beiden machen ein Gesicht wie Adam und Eva, als sie »die Stimme des Herrn im Garten hörten« und das Paradies verloren war. Appelschnut macht Augen von einem unerhörten Durchmesser und studiert andauernd mein Gesicht: Ist er wirklich böse, oder tut er nur so? Es ist ihr dabei offenbar nicht bekannt, daß sich um ihr rechtes Auge ein großer, kräftig gezeichneter Ring von Gartenerde zieht und wie ein Monokel ausschaut. »Aber Appelschnut – was wird die Mamma sagen!« Hier muß ich einschalten, daß nämlich dies der einzige Punkt ist, in dem unsere elterlichen Erziehungsprinzipien auseinandergehen. Meine Frau dringt auf unentwegte Reinlichkeit und hat recht damit; ich aber habe für die Wäsche nicht zu sorgen und urteile deshalb weit großherziger. Für mich hat ein Gesichtchen, das mir eifrig eine Geschichte erzählt und dabei nicht ahnt, daß unter dem Näschen ein furchtbarer Schnauzbart sitzt, etwas Rührendes in seiner naiven Schmutzigkeit. Aber du wirst doch hinein müssen in die Wäsche, Appelschnut! Das ist das Los des Schönen auf der Erde! Ich ziehe sie aus dem Wigwam hervor und kann, wie ich sie vollends besehe, nicht umhin, abermals auszurufen: »Appelschnut, mein Gott, wie siehst du aus!« »Och, das is nich so schlimm!« meint sie. »Das kann mal spazier'n (passieren)!« »So! Das erzähl nur der Mamma! Laß dich nur ja nicht vor den Leuten sehen!« »Och, das schad't nix! Ich genier mich nich so!« Appelschnut, das ist sehr großzügig von dir gedacht, aber wir müssen doch hinein vor das Ober-Schürzen-Gericht. Ich gehe mit als Rechtsbeistand, und werde auf Freisprechung, mindestens aber auf mildernde Umstände und Anrechnung des Monokels plädieren. Die Affäre läuft denn auch recht glimpflich ab, die »Mamma« muß sich auch auf die Lippen beißen, und ein Richter, der sich auf die Lippen beißt, hat seine größten Schrecken verloren. Leider aber zeigt sich bald, daß Appelschnut noch etwas Schlimmeres auf dem Kerbholz hat. Vor dem offenen Fenster der Speisekammer, die im Keller gelegen ist, stand in der Kühle des Morgens eine Schüssel mit Apfelmus, bestimmt, die Freuden des nächsten Diners zu erhöhen. Als indessen die Magd die zierlich bemalte Schüssel Stellen wollt' auf den Tisch zur leckeren Freude der Herrschaft, Sieh, da fand sie entsetzt im köstlich-goldenen Breie Langgezogene Spuren von einem gefingerten Tiere. Appelschnut, Appelschnut! Die Suppe im Wigwam beschmutzte nur dein Gewand; aber dieser Apfelmus befleckt dein Inneres! Der Verbrecher wird – wie es in den Zeitungen heißt – mit seinem Opfer konfrontiert und erkennt bleich und schlotternd die Handschrift im Apfelmus als die seinige an. »Hat Rudi mitgenascht?« »Ja.« »Wer hat denn zuerst gesagt: Wir wollen mal von dem Apfelmus essen?« »Ich.« Ist es nun nicht ein Jammer, daß man sie dafür nicht küssen darf? Im Gegenteil: Man muß ihr noch das Kompott entziehen; denn der Mensch, der sein Apfelmus antizipiert, der hat es gehabt: Das ist Naturgesetz. Leider verfehlt die Strafe der Apfelmusentziehung jeden Effekt, weil noch während des Mittagessens ein unvergleichlich stärkerer Reiz in Appelschnuts Seele fällt. Was kann das sein? Was ist stärker als Apfelmus und Schlagsahne, Schokolade und Fruchtbonbons? Ich will es euch sagen, mit einem Worte will ich es euch sagen, mit einem Worte, das nur vier Laute enthält. Es heißt »Sand«. Schon während der Suppe kommt die Kunde, daß der übliche Lieferant soeben eine Ladung Sand gebracht habe und die große Sandkiste im Garten bis an den Rand gefüllt sei. Von jetzt an sitzen Roswitha und Hertha nur noch halb auf dem Stuhle. Die Größeren wahren schon mehr die Dehors; denn eigentlich ist ja der Sand ein Spielzeug »für die Kleinen«. Während des Nachtisches hängen zehn Augen an unseren Gesichtern, um den die Tafel aufhebenden Blick aufzufangen. Als ich von dem Satze: »Ihr könnt jetzt hinausgehen«, das Wort »Ihr« gesprochen habe, stauen sich bereits drei in der Türöffnung, die zugleich hinauswollen. Draußen angelangt, schwingt sich Roswitha in die Sandkiste, umarmt eine möglichst große Menge des köstlichen Stoffes und ruft: »Mein süßer Sand, bis du da? Du bist mein geliebter Sand!« Hertha beginnt mit dem Kuchenbacken; Irene läßt den Sand durch die Finger gleiten, und Gertrud und Erasmus stehen mit wohlwollendem Interesse, aber entschieden mit Haltung dabei, denn schließlich ist ja der Sand ein Spielzeug für die Kleinen. Ich weiß nicht, welche geheime Naturkraft hier waltet: Aber nach zehn Minuten sind noch drei Nachbarskinder bei der Sandkiste, darunter ein Fünfzehnjähriger mit einer Baßstimme, sieben feinen schwarzen Härchen auf der Oberlippe und Ironie in den Blicken. Mit den Händen in der Tasche und einem Anflug von Großjährigkeit um die Mundwinkel blickt er auf den Sand herab und sagt: »Wie die kleinen Krabben sich amüsieren!« Die übrigen Großen schließen sich seiner gereiften Beobachtung an und wenden sich ab, der Sand ist etwas für die Kleinen. Von keinem Menschen auf der weiten Welt kann man verlangen, daß er sich unmittelbar nach dem Diner mit erkenntnistheoretischen Untersuchungen beschäftige. In seltsam bunter Reihe umtanzen mich, während ich ausruhe, Gedanken und Gestalten, einander die Hand fassend in unendlicher Reihe, und plötzlich tauchen zwei liebe bekannte Gesichterchen auf, und als ich die Augen vollends aufmache, stehen Hertha und Roswitha Hand in Hand vor mir, Hertha als Klägerin, Roswitha als Verklagte. »Vater, diese Puppe ist Roswithas Kind, und nun ist es an Blutvergiftung gestorben, und wir wollen es begraben im Sand, nun will Roswitha nicht weinen! Das muß sie doch, nicht, Vater?« »Nee!« lacht Appelschnut. »Was 'n Unsinn, nich Pappa? Worum soll ich denn nu bloß weinen? Das macht doch Spaß, nich, Pappa?« Liebes Hertha-Kind – deine Schwester Appelschnut spricht eine andere Sprache als wir. Ihr Geist unterscheidet schon den »Soldaten aus Pappe« und den »Soldaten aus Wirklichkeit«, ihr Herz aber noch nicht. Aber das Begräbnis muß ich mir ansehen. Man kann nicht sagen, daß sie die Sache tragisch nehmen. Vielmehr greifen sie das Geschäft so fröhlich an wie gut bezahlte Leidtragende. Bald aber machen sie den Übergang, den auch ich als Knabe stets zu machen pflegte, den Übergang vom Puppenspiel zum Menschenspiel. Appelschnut produziert mit großer Begeisterung den Einfall, sich selbst begraben zu lassen. Sie kann sich das leisten. Als sie aber zur Hälfte mit Sand bedeckt ist, richtet sie sich auf und macht Miene, aus der Kiste herauszuklettern. »Roswitha, was willst du?« ruft Hertha. »Bleib doch liegen!« »Nein, ich muß mal –!« erklärt Roswitha mit kühler Selbstverständlichkeit. Das überwindet freilich Tod und Grab. – Bald darauf legt sich mir ein Ärmchen um den Hals. Es ist Appelschnut; sie hat inzwischen über den Tod nachgedacht. Denn sie fragt: »Pappa, die kleine Therese ist doch nu tot, nich?« Therese ist ein Kind aus der Schulbekanntschaft ihrer Schwestern. »Ja, Therese ist tot.« »Un nu kommt sie doch in die schwarze Erde, nich?« »Ja.« »Pappa« – hier geht Appelschnut seltsamerweise wieder zum Tanz über –, »Pappa, wenn ich tot bin (hops!), un wenn sie mich in die schwarze Erde eingraben wollen (hops!), weiß, was ich denn tu?« »Nun?« »Denn strampel ich einfach mit den Beinen (hops!), daß die schwarze Erde wieder von mir abfällt (hops, hops!). Aber weiß, was ich tu? Ich mach die Augen nich auf (hops!), nee! Sons kommt mir ja all der schwarze Sand in die Augen (hops!). Das tus du doch auch nich, was?« »Nein, ich mach die Augen zu.« Und danach schließen Hertha und Roswitha sich dem Spiel der andern an. Da mach ich die merkwürdige Beobachtung, daß jetzt elf Kinder um die Sandkiste vereinigt sind. Auch Gertrud und Erasmus backen mit Feuereifer Sandtorten und Napfkuchen, und der Ironiker mit der schüchtern behaarten Oberlippe hat sich eine weiße Schürze vorgebunden und verkauft sie mit Begeisterung. So macht der Sand aus fünfzehnjährigen Kindern fünfjährige, so vermag er selbst Kinder noch zu verjüngen. Er beschäftigt unsere heitersten Kräfte: unsere Phantasie, unsere Willkür. Willig bequemt er sich in tausend Formen, willig lassen seine Gebilde sich zerstören und immer wieder neu gestalten. Bauen kann man mit ihm, bauen! Bauen ist der Menschen sehnsüchtigstes Spiel: die Schwere zu überwinden und Tempel und Paläste aufzuschichten, die nach oben streben. »Kinder, laßt uns eine große Burg bauen mit Türmen und Toren, mit Wällen und Gräben und Fenstern und Lauben!« rufe ich. »O ja, ja, ja! Eine Burg bauen! Eine Burg!« Und jetzt spielen zwölf im Sande. Haha, wer will mir jetzt noch einen Vorwurf machen? Wenn der Mensch sich nützlich beschäftigt, so kann man nicht mehr von ihm verlangen. Und so verrinnt der Tag, und als der Abend gekommen ist, hat Appelschnut doch etwas gefangen: einen Sonnenkäfer, und Erasmus hat ihn in ein Glas getan. Wie manchen Tag schon hab ich vom Fenster aus Appelschnut auf dem Jagdpfade gesehen, auf den Fußspitzen gehend, die Händchen in größter Spannung gespreizt und die Vögel beschleichend. Sie will ihnen ganz gewiß nichts tun; sie will nur einen haben, mit dem sie spielen kann, wenn Rudi nicht da ist. Aber die Vögel begreifen das nicht und fliegen immer davon. Eines Tages rief Appelschnut sogar mit schmerzlicher Entschiedenheit: »Mamma, wann kochen wir mal wieder Leim?« »Leim? – Wozu das denn?« »Den mach ich denn auf'n Zweig, un denn setzen sich die Vögel darauf, un denn kleben sie fest, un denn kleb' ich sie einfach wieder ab, un denn hab' ich Vögel.« Aber nun hat sie wenigstens ein Sonnenkäferchen, und das zeigt sie beglückt der Mutter, die sie zu Bette bringt. »Aber auf dem kalten, harten Glas mag das Käferlein nicht sitzen. Wollen wir es nicht auf eine Blume am Fenster setzen?« »Ach nein, Mamma, dann fliegt es ja weg!« »Aber wenn er in dem Glas sitzen muß, dann ist er die ganze Nacht traurig und denkt: ›O die böse Roswitha! Sie hat mich in dies schreckliche Glas eingesperrt!‹ Wenn du ihn aber auf die Blume setzt, dann denkt er: ›O die süße Roswitha, sie hat mich freigelassen!‹« Appelschnut steht plötzlich aufrecht im Bettchen. »Laß ihn man wieder raus!« sagt sie. Und dann legt sie sich wieder nieder, steckt den Daumen in den Mund und saugt an ihm und an dem Bewußtsein einer guten Tat. »Mamma, sing mal das Lied von der Lilie un der Rose!« Und meine Frau beginnt Schuberts herrliches »Wiegenlied«: »Schlafe, schlafe, holder, süßer Knabe, Leise wiegt dich deiner Mutter Hand. Sanfte Ruhe, milde Labe Bringt dir schwebend dieses Wiegenband.« »Mamma, ich bin gar kein Knabe, un ich lieg auch ganich in der Wiege; aber das macht nix.« – Wenn man aber glaubt, daß Appelschnut nun schliefe, dann wendet sie sich noch einmal um und fragt: »Mamma, wie kommen eigentlich die Sterne immer aus der Luft raus un wieder rein?« oder: »Pappa, woher kommt eigenlich die Natur?« oder: »Mamma, solche Adern mit Blut drin, solche wie ich hab, die haben doch alle Menschen, nich?« oder: »Pappa, Sand is doch aus Stein gemacht, nich?« »Mamma, wie hießte eigenlich das Nashorn, wenn es kein Horn auf der Nase hätte?« Endlich schläft Appelschnut aber doch, und wir schleichen behutsam aus dem Zimmer, wo zwei glückliche Sonnenkäfer wohnen. Wie Appelschnut umzog Über eins werden wir uns sofort einigen, der Leser und ich: über die Annehmlichkeit eines Umzugs. Als Jehova die Ägypter mit zehn Plagen geschlagen hatte, da traf er gleich darauf die Juden mit einer, die sie alle aufwiegt: Sie mußten umziehen, und zwar ziemlich lange. Ganz so lange dauerte nun allerdings mein letzter Umzug nicht; aber es war immer noch schlimm genug. Als ich die siebente Bücherkiste packte, stand ich bis an die unteren Rippen in ausrangierter, überflüssiger Literatur und dachte, nun sind's höchstens noch drei Kisten. Es wurden aber noch dreizehn. Oh, und dann die herrlichsten Bücher nicht aufschlagen und lesen dürfen, sondern sie herzlos hineinstopfen müssen, eins nach dem andern, um sie vielleicht nach Wochen erst – nicht wiederzufinden. Wenn du deinem Herzen nachgibst, sitzest du abends auf dem Rand einer Kiste und liest und hast den ganzen Tag über den Boden einer Kiste bedeckt. Oh, und dann diese nagenden Zweifel, ob ein Stück Literatur überflüssig ist oder nicht! Eigentlich müßte man's doch erst wieder lesen, um gewissenhaft entscheiden zu können! Wer weiß, ob ich eine Schrift über rationelle Taubenzucht nicht doch noch einmal brauchen werde! Oh, und – genug. Dem empfindungsvollen Leser brauche ich nichts mehr zu sagen. Ein herrliches Fest dagegen war der Umzug für Appelschnut, alias Roswitha, alias Halumpa. Jetzt muß ich erst erklären, warum Appelschnut auch Halumpa heißt. Als ich eines Tages in sehr fröhlicher, übermütiger Laune war und mein Junge mich so recht gesund und glücklich aus seinen braunen Augen anblitzte, da packte ich ihn bei den Schultern und schüttelte ihn und rief »Halunke«. Natürlich sollte ich als gebildeter Mann »Liebling« oder »Bubi« oder dergleichen sagen; aber wenn mich ein Kind mit zwei Augen anlacht, die wie goldene Ranunkeln glänzen, dann sag' ich »Halunke« oder »Strolch« oder so etwas. Eines Tages, als ich mit meiner Tochter Roswitha, rectius Appelschnut spielte und ich ihr wohl ausnehmend gefallen mochte, da schoß ihr mächtig die Liebe zu Herzen; sie packte mich bei den Händen, drückte sie nach ihrer Meinung mit ungeheurer Kraft und rief: »Du Halumpa!« Ich nahm meine Tochter her, versetzte ihr einen herzhaften Kuß und nenne sie seit jenem Tage »Halumpa«. Halumpa möchte alle Tage umziehen. Die Tätigkeit, die ihr der elterliche Haushalt in dieser Hinsicht bietet, genügt ihr denn auch nicht; sie gibt als Umziehergehilfe Gastspiele in der Nachbarschaft. Vor einigen Wochen trat meiner Frau im Garten unserer Wohnung plötzlich ein Negerkind entgegen, das in seiner Gestalt höchst merkwürdig an ihre Tochter Roswitha erinnerte. Erst als das Kind den Mund öffnete, erkannte sie, daß es ihre Tochter Roswitha selbst sei. Das Mutterauge, das den heimkehrenden, sonnverbrannten Sohn nach vielen Jahren wiedererkennt, hatte die Tochter nicht erkannt; denn an die Stelle des Gesichts war eine Paste von Staub und Schweiß mit zwei großen weißglänzenden Augen darin getreten. »Mammi, ich hab' bei Pofessers mit umzogen gehelfen – Junge, das war fein!« Meine Frau konnte die »Feinheit« eigentlich nicht entdecken und wies sie auf ihre Hände hin. Halumpa betrachtete sie, rief: »Och, das geht leicht wieder ab!« schlug die Hände einmal gegeneinander und hielt die Sache damit für erledigt. Dabei darf man aber nicht wähnen, daß Appelschnut die Freuden eines seßhaften und geruhigen Lebens nicht zu würdigen wüßte. Sie liebt nach Kinderart eine fröhliche, tätige Unrast und hat doch ein ganz seltsames Gefühl für die milde, sanfte Hand der Ruhe. Als ich auf einem Spaziergang mit ihr an eine weite, tiefgrüne Wiese kam, da rief sie: »Oh, Pappi, wie is es hier breit un ruhig, nich?« Und als sie hörte, daß bei unserer neuen Wohnung ein großer, schöner Garten mit hohen Bäumen sein werde, da wirkte ihre Phantasie Tag für Tag an dem Bild dieses Gartens. »Ich möchte, in dem Garten wär'n Wald mit'n Brunnen, un denn wär es ganz, ganz leise, und nur der Brunnen rauschte, un denn müßten Rehe darin sein – die sind doch stumm, nicht?« »Meistens – ja.« »Un denn tu ich ihnen gar nichts, ich streichel sie bloß, un denn laß ich meine Puppen darauf reiten.« Es ist wie ein Bild aus einem Grimmschen Märchen. Ihre Seele lebt noch im Märchenlande. Auch gehört Halumpa nicht zu den Alltagsherzen, die gedankenlos vom Geringeren zum Besseren fliegen, die höchstens von einem dankbaren Gedächtnis für Menschen und Tiere wissen und nicht ahnen, daß man dankbar sein kann gegen eine Kastanie, gegen einen Blumentopf, gegen eine steinerne Wand, auf der unser Blick einmal fröhlich oder traurig sinnend gehaftet. Wenn ich mich allen ihren Bitten gefügt hätte, so hätten wir aus unserer alten Wohnung und deren Garten sämtliche Steinchen und Steine, Tapetenreste und abgebrochenen Schubladenknöpfe, namentlich aber alles, was nur ein Blatt und einen Stengel hatte, mit herübergenommen. Besonders hatte Halumpa eine große Ulme in ihr kleines Herz geschlossen, eine Ulme, die ein großer Mann nicht mit den Armen umspannen konnte, die wir aber durchaus mitnehmen und auf Halumpas Beet im neuen Garten verpflanzen sollten, auf ihr Beet, das einen ganzen Quadratmeter groß ist! Ich mußte eine ganze Diplomatie von Versprechungen, Bonbons und heiteren Redewendungen aufbieten, um ihr die Ulme auszureden, und mußte überdies eine Unzahl von Linden-, Kastanien-, Kirschen-, Pflaumen-, Pfirsich- und Apfelsinenschößlingen konzedieren. Ihr liebster Pflegling ist ein Kastanienschößling von einem Fuß Höhe; sie erhoffte schon vor einem Jahre Blüten von ihm. »Weiß du was, Pappi: Wenn sie Blumen kriegt, denn flücken wir sie ganz leise ab, un denn legen wir sie ganz leise auf Mammis Tisch, denn freut sie sich!« »Ja, Appelschnut, so schnell wächst aber die Kastanie nicht. Da mußt du noch lange warten.« »Ach, weiß du was, Pappi? Laß sie mal ganz schnell zuwächsen, denn flücken wir die Blumen ab un schenken sie Mammi! O ja!« Also Appelschnuts Freude am Umzug ist nicht Freude am Wohnungswechsel – eine solch unnatürliche Anlage meines Kindes würde ich schaudernd verschweigen – nein, es ist die Lust, die schwersten Kinderstühle, ganze Puppenbetten (!) und Regenschirme genauso auf die Schulter zu nehmen, wie es die Arbeiter mit den Kleiderschränken tun, jene Gegenstände mit ungeheuren Schritten und kühn umherblickenden Augen aus der alten Wohnung an den Wagen und vom Wagen in die neue Wohnung zu tragen, dabei sehr laut zu reden und mit den Armen zu schlenkern, genau wie die Arbeiter, und das Gefühl zu haben, daß der ganze Umzug nicht zustande käme, wenn man nicht selbst mit angriffe und die Hauptarbeit täte. Oh, und dann sind es sehr interessante und gefühlvolle Momente, wenn man die Lieben alle wiedersieht, die man mit sorgender Seele dem ungeheuren, finsteren Möbelwagen übergeben hat. Ob wohl der allerliebste kleine Puppenkleiderschrank alle seine Beine behalten hat? Wie wird Kamilla die Reise überstanden haben? Sie ist nur ein zartes Kind! Und Hedwig! Sie hat erst kürzlich einen schweren Gelenkrheumatismus überstanden! Kurt – um den braucht man keine Sorge zu haben: Er hat erst vor drei Wochen einen neuen Kopf bekommen mit roten Pausbacken. Keine Mutter kann ihre leiblichen Kinder nach langer, schreckendrohender Seefahrt mit hellerem Jauchzen begrüßen, als Halumpa ihre Puppen. Hedwig! – Kurt! – Kamilla! – Bei jeder gibt es einen Freudenschrei aus der Tiefe des Herzens. Und nun erst die Freude der Kinder! »Djiip!« schrie Kamilla, als ihre Mutter sie an den Busen preßte. »Aber was ist das, Halumpa? Deine Kinder sind ja alle braun!« »Ja. Ach, das war neulich so fein! Da ha'm wir Sommerfrische gespielt, un da sind sie alle auf Sylt gewesen, un da sind sie alle so braun geworden!« In der Tat, verblüffend braun. Sämtliche Puppen sind im Gesicht und an den Händen mit brauner Tusche angestrichen und sehen aus wie Kinder der arabischen Wüste! Und nun hab' ich noch nicht einmal eine der größten Freuden aufgezählt. Walter – der war seit Monaten verschollen! Ob Zigeuner ihn geraubt, ob er Selbstmord begangen – wer konnte es wissen! Aber beim Auskehren und Umziehen findet sich's. Ganz zuunterst und zuhinterst im Spielzeugschrank, in einer Schachtel, lag er. Er hatte sich nur auf einige Zeit von der Welt zurückgezogen, was allemal ein Zeichen von Geschmack ist, und lächelte uns an, als wenn er sagen wollte: »Wer verborgen lebt, lebt gut.« O diese Freude über den verlorenen und wiedergefundenen Sohn! Hedwig, Kurt, Kamilla – sie alle mußten beiseite stehen; Walter, Walter ist wieder da, Walter der Wonnige mit dem steifen Knie und dem ausgelaufenen Auge; er allein hat für die nächsten Stunden der Mutter Herz; denn über eine verlorene und wiederaufgefundene Lumpenpuppe ist im Himmelreich Halumpas größere Freude als über tausend gerechte und unzerschmeißbare Zelluloidseelen. Kein Wunder, daß Appelschnut, während wir Erwachsenen dem Tage des Umzugs mit bleicher Furcht entgegensahen und uns im schüchternsten Behagen, im bescheidensten Genießen ein dies ireae, dies illa in den Ohren brauste, daß Halumpa dem Tage des Zorns wie einem Geburts- oder Weihnachtsfest entgegensah, am Vorabend der Katastrophe vor freudiger Erwartung nicht einschlafen konnte und am andern Morgen um sechs aus dem Bettchen sprang und alles im Haus alarmierte. Der Morgen jenes denkwürdigen Maitages brach an. Die Sonne schüttete unerschöpfliche Fluten von Licht und Glut herab, die Blumen dufteten, die Vögel sangen – die Natur schien von dem Bevorstehenden nichts zu ahnen, nicht zu fühlen; wie an jedem andern Morgen ging sie fühllos ihren Gang. Alle Schilderungen von Feuersbrünsten und Erdbeben beginnen so. Als ich mich anziehen wollte, zeigte sich, daß das Dienstmädchen, das sonst alles liegenläßt, meine sämtlichen Stiefel fest und tief verpackt hatte, und in diesem Stil ging es dann durch den ganzen Tag. Die Wahlverwandtschaften, die ich mir zurückbehalten hatte, um die verzweifeltsten Stunden der Öde zu kürzen, und deren Unantastbarkeit ich dem gleichen Mädchen unter gräßlichen Beschwörungen auf die Seele gebunden hatte, waren glücklicherweise unwiederbringlich in eine große Leinenkiste versenkt worden; dafür hatte sie mir das Reichskursbuch liegenlassen. Nun, und so weiter. Dagegen war der ganze Tag für Appelschnut ein Freudentaumel, treppauf und treppab, hinein und heraus. »Pappi, meine Gießkanne!« – »Mammi, dein Schemel!« Sie hob ihn triumphierend empor und schwitzte wie ein Schiffsheizer. Mit jedem Kistendeckel feierte sie ein gerührtes Wiedersehen. Es waren unter den Umzugsarbeitern Männer von jener Art, die ein Klavier auf den Nacken nimmt, es mit der linken Hand festhält und mit der rechten im Vorübergehen noch ein paar Schriftsteller von normaler Größe mitnehmen kann. Diese Männer machten Ruhepausen, halbstündige, ganzstündige und verschnauften sich; Halumpa hatte für die Zumutung, sich hinzusetzen, nur ein geringschätziges »Ha!«. Die Unermüdlichkeit der Kinderbeine ist mir immer eines der Welträtsel gewesen. Unternimm, wie ich es zuweilen getan, mit deinen Kindern eine achtstündige Wanderung und bringe wohl in Anschlag, daß sie wie die jungen Hündlein den Weg doppelt machen, weil sie immer hundert Schritt vorauslaufen und dann zurückkommen; bringe jene Wanderung mit zusammengebissenen Zähnen und mit jener zusammengerafften Würde, zu der dich dein Embonpoint verpflichtet, zu Ende, laß dich dann zu Hause in deinen Stuhl fallen mit dem Vorsatz, in den nächsten drei Stunden nicht wieder aufzustehen, so wird dieses kleine Gesindel sicherlich auf dich zuspringen und dich mit unverschämter Freudigkeit bitten, noch eine Stunde lang mit ihm im Garten »Kriegen« zu spielen. Um deinen Neid vollzumachen, mußt du dann noch bemerken, daß sie die fabelhaftesten Sommertemperaturen mit Nichtachtung strafen. Wenn du bei dreißig Grad im Schatten wie ein Verbrecher an der Mauer entlangschleichst und die Sonne fliehst wie ein Getier der Nacht, so wirst du finden, daß diese Kinder den Sonnenschein eben da aufsuchen, wo er seit sieben Stunden von innerlichst erwärmten Steinfliesen zurückprallt. Sie sind wie Mücken oder Stäubchen, die in der Sonne erst sonderlich leuchten und tanzen. Nur als Appelschnut ihr »geliebstes Bilderbuch« gefunden hat und sich damit platt auf den Estrich des Altans setzt, um »die entzücknigten kleinen Schafe« darin zu betrachten, da stören sie die siebenhundert Sonnengulden, die durch das Laub der großen Linden fallen. Aber sie weiß Rat. »Weiß du was, Pappi?« »Nun?« »Ich hol' einfach 'n Zeitung un deck die Sonnenscheine einfach zu.« Aber die Beschäftigung mit dem Bilderbuch war nur eine ganz vorübergehende und naive kleine Untreue; nach zwei Minuten widmete sie sich wieder dem besinnungslosen Möbeltransport. Ja, im Paroxysmus ihres Fiebers schrie sie zu mir, der ich gerade aus der Dachbodenluke hinaussah, mit klingender Kehle hinauf: »Pappi! Wenn ich groß bin, denn will ich auch Umziehmann werden!« »Schön, mein Kind, schön! Ganz wie du willst!« Halt! Noch eine Unterbrechung ihres Spediteurgeschäfts muß ich erzählen. Richtig, das war so. Halumpa liebt über alles die Tiere. Ein Tier zum Spielkameraden zu haben, ist ihr heißester Wunsch, und ihre Sehnsucht scheut vor den größten Vierfüßlern nicht zurück. Ein großes, breites, dickes dänisches Arbeitspferd würde, so glaubt sie, ebenso zärtlich und zierlich mit ihr spielen, wie sie mit ihm. Ich glaube, sie würde auch Anton, den Riesenelefanten aus dem Zoologischen Garten, zum Genossen annehmen. Zwar besitzt sie ein schönes, braunes, wohlgenährtes Roß, aber es läuft nicht, es schaukelt nur. Nun kam sie plötzlich in großer Erregung auf mich zugerannt. »Vater!« rief sie – die Sache mußte ihr tief ans Herz gehen, denn sie rief nicht »Pappi«, sondern »Vater« – »Vater, der Umziehmann sagt« – hier holte sie Atem –, »ich soll ihm mein Schaukelferdschen geben« und nun lief eine selige Hoffnung über ihr Gesichtchen »denn will er mir sein schwarzes, lebendiges Ferdschen dafür geb'n!« Und nun, meine Freunde, muß ich meine Feder hinlegen als ein ohnmächtiger Mann! Ich sollte euch beschreiben, was ich sah; aber das kann ich nicht. Dieser Kinderblick zweifelte lächelnd, ob es der Mann mit jenem Tausch wohl ernst gemeint habe, und er hoffte sehnlich, daß es ihm ernst sein möchte; dieser Blick harrte und bangte, daß ich meine Einwilligung zu dem Geschäft geben möchte, und er schämte sich, daß ich über seine Leichtgläubigkeit lachen könnte. Ich nahm das Köpfchen in meine Hände und sagte: »Der Mann hat nur Spaß gemacht, Roswitha.« »Hm«, sagte sie bestätigend, und ihre Wimpern senkten sich tief über eine erlöschende Hoffnung. – Ich muß der Wahrheit gemäß berichten, daß Appelschnut ein kleiner Protz ist wie fast alle Kinder. Man kennt wohl die Geschichte von den beiden streitenden Kindern, von denen das eine sagte: »Ätsch, mein Vater hat aber man 'ne goldne Uhr!«, worauf das andere triumphierend versetzte: »Ätsch, aber meine Großmutter is man gestorben!« Selbst traurige Ereignisse sind dem Kinde zunächst eine Sensation, ein Erlebnis, mit dem es prahlen und sich wichtig machen kann. Und leider, leider muß ich nun gestehen, daß Roswitha am Tage des Umzugs eine ähnliche Schwäche anwandelte, als sie den Herrn Hofrat Friedrich von Schiller aus Gips am Gartengitter entlangtrug und das am Gitter stehende, etwa vierjährige Nachbarskind sie in ein Gespräch verwickelte. Ich belauschte folgende Unterhaltung, die das fremde Kind eröffnete. »Du, Tleine, wie heiß du?« »Ich heiß Roswitha. Un wie heiß du?« »Ich heiß Duschi. Wir haben ßwei Tlaviers, habt ihr auch ßwei Tlaviers?« »Nein. Aber wir ha'm'n ganze Menge Sofas!« »Wieviel Sofas habt ihr denn?« »Sechs« (Ist gar nicht wahr). »Och, wir ha'm noch viel mehr!« »Mein Vater hat aber 'ne Menge Bücher!« »Mein Vater auch. Mein Vater hat hundert Bücher.« »Och! Mein Vater hat tausend!« »Oh, das lügs du aber, das sag ich zu mein Mama!« Halumpa ist starr über diese Beschuldigung. Sie blickt sich um und sieht mich. »Vater, sie sagt, ich lüg, daß du tausend Bücher hast. Un denn sagt sie zu mir ›Kleine‹ – dabei is sie selbs noch so'ne kleine Krabbe!« Ich zucke mit hilflosem Bedauern die Achseln. »Das kommt davon, wenn man prahlt. Wer prahlt, ist noch so ganz klein« – ich zeige ihr zwischen Daumen und Zeigefinger, wie klein –, »große Menschen protzen nicht.« Sie hat sich schon vordem in einer mich für die ganze Umgegend kompromittierenden Weise als beata possidens produziert. Sie trug eine kleine Wanduhr, die die Kinder selbst auseinandernehmen und zusammensetzen können, ins Haus und stimmte dabei folgenden Kantus an: »Junge, was haa-ben wir für'ne Menge Uh-ren! Pappi hat eine, Un Mammi hat eine, Un zwei an der Wa-and! Uuuha, was sind wir für reichliche Leu-te!« Aber der Abend ist ein großer Beschwichtiger, er bringt selbst Halumpas Zünglein und Beinlein zum Stillstehen. Als sie in ihrem Bettchen lag, stöhnte sie in ihrer Unschuld: »Junge, – das war'n feiner Tag!« Und dann gähnte sie, und dann streckte sie die Ärmchen nach ihrer Mutter und mir aus, drückte unsere Köpfe »furchtbar fest« an ihre Brust und sprach: »Ihr seid meine beiden Wonnes. Euch möcht ich als Kinder haben!« Am andern Morgen war alles früh auf den Beinen, und das Haus war vom Keller bis zum Giebel voll munteren Lärmens. In den Stuben hobelten die Tischler, an den Türen feilten die Schlosser, auf den Treppen hämmerten die Tapezierer, in der Küche hantierten die Mädchen mit dem klirrenden Glas und Porzellan; im Garten schrien Kinder und Spatzen, und im Salon spielte jemand das Gebet aus dem Freischütz. Nur Appelschnut lag noch um neun Uhr quer in ihrem Bett, oben auf der Decke, und schlief. Sie mochte wohl etwa fünfzehn Kilometer Weges auszuschlafen haben, und nach der tiefen Inbrunst, mit der sie schnaufte und das Mäulchen vorschob, konnte sie höchstens beim zehnten sein. Im alten und neuen Heim Appelschnut heißt nicht immer Appelschnut. Im Gegenteil: Sie heißt alle Tage anders, ja, mitunter wechselt ihr Name von Minute zu Minute. Da heißt sie denn zum Beispiel Purks, Stift, Strolch, Fliegenschnäpper, Musch, Bachstelze und so weiter, je nachdem, was sie gerade an dem Tag gibt oder wie sie aussieht. Und da sie alle Tage, alle Stunden etwas Neues produziert, der Ausdruck ihres Gesichts, der Glanz ihrer Augen, die Geschwindigkeit ihres Schnabels oft von Minute zu Minute, von Sekunde zu Sekunde wechselt, ihr Haar jeden Augenblick anders ins Gesicht fällt und ihre Schürze und ihre Backen immer an anderer Stelle mit einem »Erdenrest, zu tilgen peinlich« verziert sind, so muß man immer nach neuen Namen suchen, um sie zum Ausdruck zu bringen. Zu diesen Zeiten heißt sie vorwiegend Purks – ihr gesetzmäßiger Name Roswitha gerät zeitweilig völlig in Vergessenheit. Wenn ich als Knabe von einer Wohnung letzten Abschied nehmen mußte, um eine neue zu beziehen, wenn der letzte Stuhl, der letzte Besen hinausgetragen war, dann preßte mir eine tiefe Wehmut das Herz zusammen. Denn für mich war das Haus nicht leer, nein, es war noch voll, übervoll. Die kahlen Wände, die Decken, der Fußboden waren voll von Bildern, die meine Gedanken in vielen nachdenklichen Stunden darauf gemalt hatten. Das ganze Haus war eine unsichtbare Bildergalerie, und das alles sollte ich dort lassen und sollte für immer davongehen? Auch stand ja in dem leeren Raume noch alles an seinem Platze! Der Korbstuhl stand noch da, in dem mein Vater seinen Mittagsschlaf hielt, der kleine Kanonenofen, vor dem ich winterabends, in die Glut starrend, so oft gesessen, der Nähtisch, an dem meine Mutter so oft mein Kamisol geflickt hatte. Und wenn man hinaussah – den hohen Fabrikschornstein, der ganz von Rauch geschwärzt war, an dem meine Phantasie so oft hinaufgeklettert war, um oben nach den Wolken zu greifen, den lieben schönen Schornstein sollt' ich wie ein treuloser Kamerad verlassen... Ich ging noch einmal heimlich, wenn niemand mich sah, durchs ganze Haus, strich über jede Fensterbank liebkosend mit der Hand zum letzten Abschied und verweilte mit geizigen Blicken auf den Reichtümern, die in allen Ecken lagen und die ich für immer zurücklassen mußte. Es waren Schätze ohne Schwere; auch die Decke und die oberen Zimmerecken waren voll davon... Und wenn ich dann später einmal an demselben Hause vorüberkam – unbegreiflich: Wo wir gewohnt hatten, wohnten andere Menschen! Das konnt' ich nicht fassen! War denn dies nicht mein Boden, mein Reich? Wie konnten andere Menschen in diesen Räumen wohnen, die voll waren von meinem Leben? Hatten denn diese Menschen nicht ein eigenes Herz, einen eigenen sinnenden Kopf? Ach, ich war ja gescheit genug, zu wissen, daß ein Mensch an keinem Flecken der Erde ein ewiges Recht hat, daß selbst unser Staub nur ein Gast des Grabes ist – aber darum wich das schmerzliche Staunen meines Herzens nicht, das Staunen vor dem Unbegreiflichen, daß fremde Menschen in meinem Hause wohnten! Purks ist noch sehr klein und ist wohl vom alten Hause nicht mit der Wehmut eines grübelnden zwölfjährigen Jungen geschieden; aber so ganz glatt ist der Wechsel doch auch in ihr nicht vorübergegangen. Haus und Garten des neuen Heims sind viel schöner als die alten, doch aber entschlüpfte ihr eines Tages die nachdenkliche Sentenz: »In unsern alten Garten konnte man so fein spielen!« Sie kann in diesem viel größeren Garten noch viel »feiner« spielen; aber den alten Garten hatten sie und ihre Geschwister ganz zur Verfügung, den neuen haben sie nicht ganz, das ist ihr Kummer. Einen schönen Rasen vor meinem Fenster hab' ich mir zum Ruheplatz meiner Augen ausbedungen und kategorisch erklärt: der wird nicht betreten! Ich vertrete nämlich die in Kinderkreisen verabscheute Anschauung, daß neben den Kindern auch die Erwachsenen eine gewisse Daseinsberechtigung haben. Weil ich nur zu gut weiß, wie selig ein Spiel auf grünem Rasen ist, hab' ich ihnen einen großen Rasen eingeräumt; aber dieser andere Rasen ist eben nicht mein Rasen. Sie wagen ja nichts zu sagen; aber ich merk' es wohl, wie »dieses Pelikansgeschlecht« manchmal nach meinem grünen Altenteil herüberschielt. Ich werde ihnen auch wohl erlauben, am Sonntag darauf zu spielen; aber weiter kriegen sie mich nicht! Noch eine andere, merkwürdige Reminiszenz klingt in die Lust des neuen Heims herein. Ich fragte Purks, wo es schöner sei, hier oder in der alten Wohnung. »Hier!« rief sie laut und entschieden. Aber dann legte sie das Köpfchen ein wenig auf die Seite, sah an mir vorbei und sprach: »In der alten Wohnung war immer so'ne hübsche Luft!« Das ist's. Also auch der ist nicht ein Stück Luft wie das andere. Auch die malt mit den Augen in die Luft hinein. Und so »hübsche« Luft sich über Haus und Garten unserer neuen Stätte spannt – die hübsche Luft, die sie im alten Heim gesehen hat, wird sie niemals wiedersehen. Aber im ganzen siegt doch das Neue mit weit überlegener Macht. Sieben Tage dauern bereits die Entdeckungsreisen Appelschnuts in Haus und Garten, und noch findet sie jeden Augenblick Neues, noch hat ihr kleiner Kopf mit den großen Augen drin die topographische Aufnahme des ungeheuren Territoriums nicht bewältigt. Wie für die Augen der Himmlischen der Erdball nur eine Erbse ist wie die andern Sterne, wir Menschen aber allerlei seltsame Eckchen und Fleckchen, Höckerchen und Narben daran entdecken wie das Himalajagebirge, den Großen Ozean und die Wüste Sahara, so findet das Auge des Kindes in einem Treppenhause und auf einem Dachboden, die uns ein Treppenhaus und ein Dachboden wie andere scheinen, mancherlei Täler und Schluchten, Vorgebirge und Wüsten. Seit sieben Tagen hallt es drinnen und draußen von Ausrufen und Reden des Staunens und Entzückens. Aber die staunenswürdigste, unerschöpflichste Unendlichkeit ist doch der Garten. Gewißlich geht Roswitha durch diesen Garten, wie Adam und Eva durch den Garten Eden gingen: Es ist ihr eine neue Schöpfung, denn sie kommt von der Großstadt auf das Land. Hier ist noch Friede in Bäumen und Gebüschen, und die Vögel wohnen noch bei den Menschen. Und so hat sie denn auch in diesen Tagen das Ereignis erlebt, das für viele Tage ihres Lebens entscheidend und richtunggebend sein wird. Ich saß schreibend im Garten, als Purks mich plötzlich so heftig am rechten Arm ergriff, daß ein langer dicker Tintenstrich durch mein äußerst wertvolles Geschriebenes lief. Sie war blaß vor Aufregung und wollte mir offenbar etwas Erstaunliches mitteilen, aber von dem Dutzend Worten, das sie etwa sagen wollte, kam erst das neunte, dann das vierte, dann das siebente usw., aber das verteufelte erste wollte nicht kommen. Mit unterdrückter Stimme und heißem Atem rief sie: »In – Vater – in Garten – in unser Vöglein – in unser Garten – in – is – in unser Hecke – von unsern Garten is ein Vögleinnest!« Da war's heraus. Ich betrachtete den dicken Strich durch meine Arbeit als einen Fingerzeig Gottes und ging mit. Aber meine erwachsenen Beine gingen ihren Springebeinchen lange nicht schnell genug. »Komm schnell, Vater, schnell, sie piepen grade so süß!« Wir treten behutsam näher – Purks geht auf die Fußspitzen und steckt vor Aufregung die Zunge aus – dann heb' ich sie leise empor und lass' sie hineinsehen. Von den Alten ist niemand zu Hause. Es ist ein Amselnest mit vier Jungen und zwei Eiern darin. Appelschnuts Augen gehen fortwährend von mir zu dem Neste und vom Neste zu mir, sie zittert am ganzen Leibe. Dann setz' ich sie wieder auf den Boden. »Pappi, Pappi«, flüstert sie, »sie machen immer so!« Und sie duckt sich nieder, zieht den Kopf zwischen die Schultern, schließt die Augen und sperrt dreimal hintereinander so weit wie möglich den Schnabel auf. Und von diesem Augenblick an war die Welt für Purks nur noch ein großes Vogelnest. Sie sah und hörte und dachte nichts anderes mehr als Vögel. »Pappa, eben is die Mutter gekommen!« »Pappa, nu is der Vater gekommen!« »Pappa, der Vater un die Mutter streiten sich zusammen!« »Pappa, die Alte hat was in Schnabel, was is das?« »Pappa, eben hat die Alte so getan!« (Sie senkt den Kopf und äugt nach links.) »Pappa, eben hat der Vater so getan!« (Sie senkt den Kopf und äugt nach rechts.) Jedesmal, wenn ich zu einem tiefsinnigen Gedanken Anlauf nehme, werde ich durch die Sensationsnachricht erschreckt, daß ein Vogel nach rechts oder links geschaut habe. Die Sache wird noch anstrengender, als Purks noch andere Nester entdeckt hat und ich nun bald nach Norden, bald nach Süden, bald nach Osten, bald nach Westen gezerrt werde, um Kenntnis davon zu nehmen, daß ein Vogel gepiept habe. Appelschnut übernimmt auch einen Teil der Ernährungssorgen für die Vögel. »Vögelschen, hier sind Ameisen!« ruft sie durch den ganzen Garten, »komm hierher, Vögelschen, hier sind Ameisen! Komm man her, ich tu dir auch ganz gewiß nix!« Aber das Vertrauen der Vögel zu den Menschen ist unwiederbringlich dahin. Zwar sind sie hier zutraulicher als anderswo, mein ganzes Haus hält den Atem an, wenn sich ein Spatz aufs Fensterbrett niederläßt, und wenn es nach Purks ginge, würden Frühstück, Mittagessen und Abendbrot der ganzen Hausgemeinde auf dem Altare der Vögel geopfert – aber doch bewahren sie unabänderlich die respektvolle Distanz. Wenn sie trotz allen Lockens und aller heiligen Versicherungen nicht kommen, dann steht Appelschnut mit einem traurig-nachdenklichen Gesichte da. Man kann sich denken, daß meine Kulturarbeit sehr nachhaltig unterbrochen wurde, als Purks eines Morgens ein Spatzenjunges fand, das sich offenbar zu früh aus dem Neste gewagt hatte und sich nur mit kümmerlichen, schwachen Flügelschlägen langsam von der Stelle half. »Pappi, er tut immer so!« Sie hockte nieder, hüpfte in kleinen Sätzen über den Rasen, schlug dabei mit beiden Armen und rief fortwährend in jämmerlichem Tone »piep, piep, piep!« »Ach bitte, mein süßer Pappa, man zu, darf ich es? Bitte, bitte, Pappa!« »Was denn?« »Darf ich das kleine Vögelschen hol'n? Ach bitte, mein süßes, geliebtes Pappischen« (sie drückt meine Hand mit fürchterlicher Inbrunst), »denn geb' ich dir auch tausend Bijonen Küsse!« »Nein, Purks, das geht nicht. Er wird schon fliegen lernen, paß nur auf. Es ist ihm viel lieber, wenn du ihn in Ruhe läßt.« »Ach nein, Pappi, solls mal seh'n, denn wird er ers tot! Neulich is in Duschis Garten auch so'n kleines Vögelchen gewesen, un das konnte ganich fliegen, un da hat Duschis Vater ihn latürlich nich gesehen, un da hat er ihn totgetritten – getraten – getrotten... Vater, wie heiß es man noch?« »Getreten.« Wenn sie mich fragt, muß ich ihr natürlich das richtige Partizip sagen. Sonst laß ich ihr durchaus ihre eigene Konjugation. Sie produziert die wundervollsten Formen und macht die schwächsten Verben stark. Wenn ich das Mädel auf den Knien habe und es ein Liedchen lehre wie dies: »Der Kuckuck hat sich totgefallen Von einer grünen Weiden. Wer soll uns nun den Sommer lang Die Zeit vertreiben? Ei, das soll tun Frau Nachtigall, Die sitzt auf grünen Zweigen Und singet laut mit süßem Schall, Wenn andre Vöglein schweigen.« und wenn Purks dann sagt: »Mit süßen Schall«, dann verbessere ich »mit süßem Schall«; denn ein falscher Akkusativ macht mir keinen Spaß. Wenn aber Purks dann sagt: »mit süßen Schall – mmm!« und dabei die Lippen zusammenpreßt, daß sie ganz rot im Gesicht wird, und Augen macht, als träfe sie nun das Richtigste vom Richtigen – dann bin ich zufrieden! Oder wenn Appelschnut mit mir über die Sylter Heide springt und mich fragt: »Pappa, wo sind eigenlich die Hünengrabben – nein, die grünen Hab – nein, wie heiß es man noch, Pappa?«, wenn ich dann notgedrungen sage: »Die Hünengräber« und Appelschnut ruft: »Ja! Wo sind man noch eigenlich die Hünergräben?« – dann pfeif' ich auf Grammatik, Etymologie und Syntax und freu' mich, daß auf dieser Welt noch Kinder leben. Inzwischen bringt Irene doch den unreifen Nestling in ihrer Schürze ins Kinderzimmer. Sie erklärt auf mein Befragen, daß Molly, der Nachbarshund, immer die jungen Vögel totbeiße und daß sie das Tierchen retten wolle. Es wird auf die Fensterbank gesetzt und Purks erhält die Erlaubnis, ihm einmal mit dem Zeigefinger ganz leise über den Rücken zu streichen. Sie tut es, sie berührt ihn leiser als ein laues Sommerlüftchen; aber das Glück geht ihr bis in die Haar- und Fußspitzen; sie zittert und zappelt an Händen und Füßen. Nachdem ich noch strenge Weisung gegeben habe, daß das Vöglein im übrigen nicht angerührt werden dürfe, verlass' ich das Zimmer, um meiner Arbeit nachzugehen. Aber schon nach fünf Minuten werde ich durch ein lautes Angstgeschrei erschreckt. Ich renne bestürzt nach dem Kinderzimmer. Der Vogel fliegt wild im Zimmer umher, von einer Ecke in die andere: Angst und Not haben ihn flügge gemacht, wie's manchem Menschen auch ergeht. Purks aber steht in eine Ecke des Zimmers gedrückt und heult wie sieben Schloßhunde. »Was ist denn los?« frag' ich. »Huuuuuu... das kleine Vögelschen huuuuuu... fliegt immer so doll huuuuuu... un piiiiiipt huuuuuu...« »Ja, warum schreist du denn so entsetzlich?« »Huuuuuu – ich bin bange, daß ich ihn beiß huuuuuu... »Warum willst du ihn denn beißen?« »Nein – ich – ich will ihn ja garnich beißen – ich – ihn – er – ich huuuuuu...« Ich kann nicht mehr an mich halten und muß laut herauslachen. Appelschnut aber wird von dieser frivolen Auffassung der tragischen Situation noch schmerzlicher berührt und geht jetzt zum forte fortissimo über. Endlich gelingt es mir aber doch, sie zu beruhigen. Ich rezitiere ihr mit vieler Drastik die Verse von Klaus, der mit einem großen Prügel in den Wald ging, um Vögel zu fangen. »Und die Vögel lachen Klaus Mit dem großen Prügel aus, Daß er wieder heimgegangen, Zornig, weil er nichts gefangen, Daß er wieder heimgestiegen, Weil er konnt' kein Vöglein kriegen.« Auch Appelschnut lacht nun, daß die dicken Tränen, die noch an der Wange hingen, vor Schreck auf ihre Schürze herunterkollern. Und nachdem sie eine ganze Weile geschwiegen hat, spricht sie seufzend: »Junge, das möch' ich zu gern mal hör'n!« »Was, mein Kind?« »Wenn die Vögel lachen!« »Ja, das möcht' ich auch! – Was meinst du, wollen wir dem Spätzchen eine Freude machen?« »O ja! Denn lacht er fürleich!« »Wir wollen es fliegen lassen, ja?« »M.« Ich öffne das Fenster, nehme das Tierchen behutsam in die Hand und halt' es hinaus. Diese Luft versteht es sofort, es fliegt auf den nächsten Zweig, von diesem auf den nächsten und weiter und weiter, als dächte es: »Je weiter von dieser Gesellschaft weg, desto besser.« Auf Appelschnuts Gesichtchen aber sehe ich wohl die elegische Erwägung, was schöner sei, Großmut oder ein Vogel. Armes Appelschnutchen! Noch ein großer Schmerz steht dir bevor. Um das Amselnest in der Hecke war es seltsam still geworden. Wir sahen eines Tages ganz still und behutsam hinein – da lagen wohl noch die vier Jungen und die zwei Eier darin, aber die Jungen waren mausetot. Da fing ein großes Klagen an. Endlich, nach einer nachdenklichen Pause, sprach Purks: »Pappi, ich kann mir das wohl denken, wie das gekommen is.« »Ja?« »Ja. Die Mutter is fürleicht weggeflogen un wollte was zu essen holen für die Kleinen un da is sie unterwegs verunglücklicht un da sind die Kinder latürlich verhungert.« Es ist aber kein Unglück so groß, für Kinder trägt es ein Glück im Schoß. Tod und Sterben sind ein traurig Ding, aber Begraben ist ein fein Vergnügen! Alle Kinder vereinigen sich zur feierlichen Bestattung. Appelschnut gräbt das Grab. Mit glühenden Wangen und lachenden Mundes gräbt sie ein Grab. Ein Bild, das mich seltsam ergreift. Der Inhalt des Nestes wird in einem weißen Sarge der Schokoladenfirma Stollwerck geborgen und reichlich mit Löwenzahn und Hahnenfuß bestreut. Der Sarg wird versenkt, ein Hügel wird aufgeworfen und über und über mit Gänseblümchen besteckt. Oben in den Hügel wird ein roter Ziegelstein eingelassen, und Hertha schreibt darauf: Hier ruhen vier kleine Amseln und zwei Eier, gestorben im Mai 1903. Irene legt oben auf den Stein eine herrliche Traube vom Goldregen, deren Blüten in sanfter Traube auf die Inschrift herabhängen. Aus dem Fleckchen unter Tannen und Zypressen, wo dieses Massengrab sich befindet, ist bereits ein ganzer Friedhof geworden. Binnen wenigen Tagen wurden neben den Amseln ein Buchfink, ein Kanarienvogel, ein Maulwurf und eine Scholle beigesetzt. Die Scholle hatte ihnen ein Fischhändler eigens zum Begraben abgetreten. Da ich dies nun für vorläufig genügend hielt und nicht gedachte, meinen Garten zu einem Montmartre der Tiere umzuwandeln, so hab' ich den fanatischen Totengräbern die Konzession zu weiteren Beerdigungen entzogen. Aber der tote Maulwurf war auch ein Fest! Der tote Maulwurf, kann ich euch sagen, brachte Leben in Purksens Arme, Beine, Zunge und Augen! Sie kannte ihn bis dahin nur aus Bildern und Beschreibungen. »Mammi, Mammi, er tut so, kuck mal!« Und sie zog die Schultern hoch, machte die Augen ganz klein, schob das Mäulchen rüsselmäßig vor und zog die ausgebreiteten Hände an die Schultern. Und sie sah wahrhaftig aus wie ein Maulwurf, nur wie ein ganz hellblonder Maulwurf mit roten Backen. Täglich findet sie wunderbarere Dinge. »Pappi, Pappi«, schreit sie, »kommt mal schnell her, hier fliegt'n großer Hummer!« Ein im Garten umherfliegender Hummer reizt natürlich auch meine Neugier. Ich trete näher; Purks verrenkt sich Arme, Beine und sämtliche Gesichtsmuskeln, um mir anzudeuten, daß ich den Hummer nicht stören dürfe. »Muß gans leise sein«, flüstert sie, »er hat sich auf 'ne Blume gesetzt!« Auf einer Blüte des Rhododendrons sitzt denn auch zwar kein Hummer, aber doch wenigstens eine Hummel. Dergleichen kleine Unterschiede spielen bei Appelschnut keine Rolle. Sie ruft auch ihrer Schwester Hertha, die etwas stürmischen Gemüts ist, wenn sie sie gelegentlich über den Haufen gerannt hat, mit der Indignation eines besonnenen Charakters nach: »Du Windfang!« Das Merkwürdige dabei ist, daß sie sehr gut weiß, was ein Windfang ist, ihn aus eigener Anschauung kennt, und so reizt mich denn schon lange das Problem, herauszubekommen, in welche Verbindung Purks die Wildheit ihrer Schwester mit jener gesundheitsförderlichen Einrichtung bringt. Roswitha steht andauernd vorgebeugt und betrachtet mit unersättlicher Neugier das farbenschimmernde Insekt. Habt ihr einmal darauf geachtet, wie es aussieht, wenn von solch einem vorgeneigten Köpfchen die blonden Haare ganz senkrecht herabfallen und als ein im Lichte flimmernder Vorhang das ganze Gesichtchen verhüllen, so daß nur die Nasenspitze hervorguckt, mal also nichts sieht als Haare und Näschen? Wenn ihr aber meint, daß mit den Vögeln und Blumen und Hummeln die Wunder der neuen Welt erschöpft wären, so wäre das ein schwerer Irrtum. Die Zahl dieser Wunder ist unendlich, und ich kann gar nicht daran denken, sie alle aufzuzählen. Ein Wunder ist z. B. auch der blaue Maurer und das, was er treibt. Wenn Handwerker im Hause sind, sagt sich Purks von aller Familie los: Sie lebt ganz mit den Tischlern, Gärtnern, Maurern und Schlossern. Sobald ein gewisser Gärtnergehilfe sich sehen läßt, stürzt sie mit dem Rufe »Oh, mein Lieblingsgärtner!« hinaus und attachiert sich ihm. Die beiden verhandeln dann auf dem Fuße der Gleichberechtigung über das, was gemacht werden soll und wie es wohl am richtigsten angefangen werde. Dem Tischler setzt sie haarklein auseinander, wie er ihr »gans leicht« einen Kaninchenstall bauen könne. »Hast du Kaninchen?« fragt er. »Nein, die verkauf ich mir denn.« Das ist auch so ein Schandfleck in Purks' Bildung, daß sie »kaufen« und »verkaufen« nicht unterscheiden kann. Aber die interessanteste Persönlichkeit bleibt doch der »blaue Mauermann«, so von ihr genannt, weil er eine blaue Jacke trägt. »Pappi, der blaue Mauermann is doch süß, nich? Er hat eben zu mir gesagt: Na Kleine?« Ich finde das auch sehr süß. Nach drei Minuten kommt sie wieder gesprungen. »Pappi, Pappi!« »Herrje! Was gibt's denn!« »Der blaue Mauermann heiß Peter!« »Ach nee! Weißt du das auch ganz gewiß?« »Ja, er hat es mir selbs gesagt!« »Na, Gott sei Dank!« Nachdem ich also zur Kenntnis genommen habe, daß der Mann Peter heißt, eröffnet Appelschnut ein längeres Gespräch über den blauen Maurer und die Natur. »Das Haus macht doch der Maurer, nich, Pappi?« »Ja, das Haus macht der Maurer.« »Un den Garten macht der Gärtner, nich?« »Ja, er bringt ihn in Ordnung. Macht er auch die Bäume und die Blumen?« »Nöööö! Die macht die Natur!« »Richtig, die macht die Natur.« (Pause.) »Un die Stühle – die macht der Tischler!« »Richtig, die macht der Tischler. Und wer macht das Holz?« »Das macht – die Natur! Das Holz sind ja Bäume, nich?« »Ja.« Und so geht es mit Grazie ins Unendliche, wie alle Zungen- und Gedankenspiele der Kinder. Und dann ist ein wunderbarer Mann natürlich der Krämer. Wenn ihr Wert darauf legt, Appelschnut nicht ernstlich zu erzürnen, dann zweifelt, bitte, nicht mit dem leisesten Augenzwinkern daran, daß sie allein zum Krämer finden und allein, ganz allein, ein Pfund Mehl kaufen könne. Tut es nicht, rate ich euch, wenn ihr sie nicht schwer beleidigen wollt. Sie hat es uns schon am Tage nach dem Umzug bewiesen, daß sie durchaus selbständig und ohne jede Unterstützung und Wegweisung Einkäufe machen kann; uns und der ganzen Umgebung hat sie es bewiesen, denn sie machte ihre Mission der ganzen Umwohnerschaft bekannt, indem sie in triumphierenden Tönen über die Straße sang: »Ein Fund Salz un für ßwanzig Fennig Streichhölzer von den besten! Ein Fund Salz un für ßwanzig Fennig Streichhölzern von den besten!« und so immer da capo , bis sie beim Krämer eintrat. Als sie wieder herauskam, trug sie Salz und Streichhölzer im linken Arm, und die rechte Hand hielt sie krampfhaft geschlossen. Sie hatte es so eilig, daß sie mit dem Fuße gegen den Kantstein der Gosse stieß und fast gefallen wäre. Als sie mich gewahr wurde, schrie sie schon von weitem: »Was ich hier wohl haaab!! Ob du das wohl raaten kanns!!« Ich konnte es nicht raten, wußte es aber ganz gut. Als sie das Fäustchen aufmachte, klebten an sämtlichen Fingern und an den Handflächen Bonbons. »Hat der süße Krämer mir geschenkt! Hier! Solls du hab'n!« Sie drückt mir drei in die Hand. Für die heuchlerische Freude, die ich zu erkennen gebe, werde ich sofort bestraft. »Uh, schmeck mal!« ruft sie entzückt, nimmt einen Bonbon, an dem sie sich schon ergötzt hat, aus dem Mäulchen und will ihn mir in den Mund schieben. »Danke, danke«, beeile ich mich zu sagen. »Ich mag jetzt keine Bonbons; ich rauche jetzt.« »Ach fui, Pappi, du muß mal schmecken!« »Dann will ich einen von diesen essen.« »Na ja.« Die Havanna und der Bonbon ergeben zusammen ein nichtswürdiges Bittersüß; aber was tut man nicht für sein Kind. Appelschnut gehört schon mit Haut und Haaren der elektrischen Weltanschauung. Nicht einmal die Eisenbahn imponiert ihr sonderlich. Sie fährt nah an unserm Hause vorbei, und die ersten Tage lief Purks freilich mit der Gewissenhaftigkeit eines Bahnwärters bei jedem Zuge ans äußerste Ende des Gartens, um ihn passieren zu lassen. Inzwischen mußte auch ich zum Eisenbahnspielen herhalten, und zwar war Appelschnut Zugführer und Lokomotive und ich Fahrgast. Ich mußte den Zugführer hinten am Schürzenzipfel fassen, und dann ging es mit amerikanischer Geschwindigkeit durch den Garten. Als Fahrgast mußte ich aber gleichzeitig »Fh! – fh! – fh! – fh! – fh!« machen und mit Dampf pfeifen. Und diese Eisenbahn fand Appelschnut viel interessanter als die wirkliche, der sie bald mit Verachtung nachrief: »Ach, du alte langweilige Eisenbahn.« Da war der Hamburger Hafen etwas anderes! Auf ihrer ersten Fahrt durch den Hafen war sie so erregt, daß schon nach zehn Minuten ihr Spitzenhütchen auf den Wellen tanzte. Anfangs wollte sie weinen; dann aber tröstete sie sich damit, daß wir es ja wieder aufheben könnten, wenn wir auf der Rückfahrt wieder an dieselbe Stelle kämen. Und als sie wohl eine Viertelstunde Wasser und Himmel und Schiffe schweigend betrachtet hatte, da rief sie: »Gott, was gibt es alles auf der Welt!« So tief bewegt das Anschaun der Natur ihr Herz und ihre Phantasie, daß sie darüber ganz von selbst zur Dichterin wurde. An einem dieser Abende hörten wir, wie sie, im Bette liegend, vor sich hinsang: »Prachtvoll war es, als der Frühling kam, Neben ihm zwei Rosen standen...« Wir fragten sie, woher sie das habe, und sie antwortete: »Och, ich hatte solche Zahnschmerzen, un da konnt ich nich einschlafen, un da war ich so aufgeregt, un da hab' ich mir es ausgedacht.« Für ein unter Zahnschmerzen geborenes Werk find' ich es ganz passabel. »Wenn ich abens in Bett lieg«, fuhr sie fort, »denn denk ich immer fix an die schönen Tage, an Weihnachten un Geburtstag, denn schlaf ich schön ein. Un wenn ich denn immer, immer noch nich einschlafe denn seh ich mein Mammi un Pappi an, denn schlaf ich ein.« Über ihrem Bettchen hängen unsere Bilder, und unter dem Schutze dieser Bilder fühlt sie sich sicher. Aus diesen Bildern blicken für sie lebendige Augen herab. Auch in Appelschnuts sonniges Leben ist die Furcht getreten. In den ersten Jahren des Lebens fürchten die Kinder nichts, weil sie nichts wissen. Dann stecken sie ihr Händchen der Gefahr in den Rachen und jauchzen dabei, dann schlafen sie im Dunkeln. Erst allmählich, wenn sie merken oder nur ahnen, daß das Leben Gefahren habe, lernen sie die Furcht kennen, die Furcht vor dem Dunkel, vor der Leere, vor dem Schweigen, vor der Einsamkeit. – Da der Mund ein Hauptsinnes- und Hauptuntersuchungsorgan der kleinen Kinder ist, so haben wir Appelschnut eine heilsame Furcht beigebracht vor allem, was nicht für diesen Eingang des Leibes bestimmt ist. Sie hat eine stets wachsame Furcht vor Gift. Und gleich am ersten Tage im neuen Heim gab es ein herzzerreißendes Geschrei: Purks hatte an eine Tür gelehnt gestanden und versunken an einem messingbeschlagenen Türdrücker geleckt. Gleich darauf war sie dessen inne geworden, hatte sich den Drücker angeschaut und ein winziges Fleckchen daran entdeckt. Im selben Augenblick hallte jeder Winkel der Burg von ihrem Wehgeschrei. Auf die bestürzten Fragen des herbeigeeilten ganzen Hauses schrie sie: »Ich hab an den Türdrücker geleckt, un nu is da Grünspan an!« Wir fanden nach langem Suchen mit ihrer Hilfe endlich den »Grünspan«, und das Ende war ein allgemeines Gelächter und die feierliche Wiederholung des alten Lehrsatzes, daß Türdrücker nicht zum Belecken da sind. Vor dem ersten Schlafengehen im neuen Hause zeigte ich den Kindern einen Knopf in der Wand ihres Schlafzimmers und sagte: »Wenn in der Nacht irgend etwas vorfällt, daß ihr uns rufen müßt, dann drückt ihr auf diesen Klingelknopf, dann kommen wir.« Als ich dabei Purks' Gesicht sah, hatte ich sofort meine Gedanken. Richtig. Als wir nach den Schrecken des Umzugs soeben eingeschlafen waren, schrillte plötzlich die Klingel, und schon im nächsten Augenblick war meine Frau im Schlafzimmer der Kinder. Appelschnut stand wimmernd in ihrem Bettchen und heulte: »Ich haab so was Schlechtes geträumt huuuuuuuuu...« »Was hast du denn geträumt?« »Ich hab geträumt, ich hab Käseschalen verschluckt, huhuhuuuuuuuuuu...« Da sie ungefähr alles, was man nicht zu essen pflegt, für giftig hält, so hat sie sich im Traum mit Käserinden vergiftet. In der folgenden Nacht zur selben Stunde – drrr – schrillte die Klingel! Diesmal war ich mit zwei Sätzen zur Stelle. Purks saß im Bette; sie weinte nicht, sondern sagte nur mit nicht allzu großer Angst: »Ich hab wieder geträumt, ich hab was Schlechtes verschluckt!« Ich beruhigte sie abermals, konnte mich aber dem Argwohn nicht ganz verschließen, daß sie es pläsierlich fände, durch den Druck auf einen Knopf zwei springend lebendige Eltern requirieren zu können, die das Unbehagen der dunklen Nacht verscheuchten. Sie hatte sich offenbar mit einem entsprechenden Vorsatze niedergelegt; dieser Vorsatz wirkte im Schlafe fort und erweckte sie mitten in der Nacht. Tags darauf setzte ich ihr denn auch mit einer gewissen Entschiedenheit und Eindringlichkeit auseinander, daß die allnächtliche Alarmierung der Eltern nicht eigentlich Zweck und Bedeutung des magischen Knopfes in der Wand sei und daß ich sie angelegentlichst ersuchte, in der nächsten Nacht gefälligst nichts zu verschlucken. Das half; von nun an schlief Appelschnut wie ein Ratz. Appelschnuts Dummheit Vor einer Stunde ist mein Töchterlein Roswitha, bekannter unter dem Namen »Appelschnut«, am Fenster vorübergesprungen, sie hat im Fluge ihr Mündchen an die Scheibe gedrückt und gerufen: »Hier ist ein Tüßchen für dich«, und ist verschwunden. Und die Kühle des Maimorgens hat den Hauch ihres Mäulchens festgehalten, man sieht deutlich zwei runde, volle Lippen am Fenster abgedrückt, und jede zweite Minute muß ich nun nach dem Fenster blicken und nachsehen, ob auch das von Morgenhauch und Kinderatem gemalte Bild noch da ist. Ich kann heute beim besten Willen nicht arbeiten; denn ich muß unaufhörlich achtgeben, daß die reinliche Magd nicht mit ihrem Fenstertuch die liebliche Spur entferne. – Laßt uns mit Appelschnut durch Garten und Feld gehen! Sie ist so gern im Freien! »Pappi«, ruft sie eines Wintertags, »Irene will nich mit 'raus, weil es so kalt is! Denn is sie doch'n Stubenhöcker, nich?« »Jawohl.« »Ich will nach der Eisbahn!« »Du mußt mich aber doch erst schlafen legen!« Es ist Gewohnheit, daß sie mich nach dem Essen auf die Chaiselongue wirft und daß sie dann auf meinen Schenkeln reitet, während ich ihr Lieder vorsinge oder Verse vorspreche. »Du mußt doch erst reiten!« sage ich also. »Na ja.« Sie schwingt sich in den Sattel. »Oder magst du nicht reiten?« »O ja – a.« »Willst du lieber nach der Eisbahn?« »Och nee.« »Was magst du lieber: Auf mir reiten oder nach der Eisbahn gehen?« »Och – beides gleich.« Sie will mich durchaus schonen. »Sag' einmal ganz ehrlich, was du lieber willst. Wenn du nach der Eisbahn willst, darfst du gleich gehen, und ich bin dir gar nicht böse!« »Eisbahn!!« schreit sie, springt auf den Fußboden und wird nicht mehr geseh'n. Aber jetzt ist der Frühling gekommen, und Appelschnut ist – »mit Tränen sag' ich es: ein Räuber«. In einem finsteren Tannendickicht unseres Gartens ist ihr Versteck, und wenn sie aus einem schwarzen Loch dieses Dickichts mit ihrem brennend roten Riesen-Strandhut und ihren enormen Augen hervorgefunkelt, dann mag wohl auch der beherzte Wanderer zittern, wenn nicht vor Angst und Schrecken, so doch vor Lachen und Rührung; denn aus diesen Augen glüht alles mögliche eher als Raub- und Mordlust. Ich muß vorübergehen und mich überfallen lassen. Sie schießt wie ein Pfeil aus ihrem Versteck hervor, umspringt mich und fährt immer mit den Händen an meiner Kleidung herunter, als wenn sie mich gänzlich abschälen wollte, dabei gibt sie ununterbrochen ein Zischen und Fauchen von sich, wie eine Maschine, die Dampf ausstößt – sie scheint das für eine Eigentümlichkeit der Räuber zu halten. Sie schleift mich in ihre Höhle, und hier zeigt sie mir, was sie schon alles geraubt hat: eine alte Puppe, die ihr selbst gehört, eine leere Konservenbüchse und ein paar welke Kuhblumen. Dann blickt der Räuber eine Weile nachdenklich vor sich hin, und plötzlich ruft er: »O Pappi, weiß du noch, wie ich mal mit Rudi am Fenster gespielt hab, im Schulweg, weiß noch? Da standen doch so 'ne ganse Menge Blumentöpfe auf der Fensterbank, nich? Un da setzten wir doch all meine wilden Tiere in die Blumen hinein, aus mei'm schilobischen Garten die Tiere, weiß du? Die setzten wir zwischen all die Zweige, un da reitet da'n Soldat durch'n Wald, un der pfeifte noch recht so gemütlich vor sich hin: tüt tütlüt tütlüt tüt tüt – un da – mit ei'mal – da springen all die Löwen un Tiger un Elefanten auf ihn los: hra, hra, hra, wu wu wu – oh, wie war das unheimlich!?« Dies Ereignis liegt schon Jahre zurück; aber es muß ein köstliches Spiel gewesen sein, denn immer wieder taucht es ihr aus der Vergangenheit hervor, sie hat es mir schon drei- oder viermal erzählt. Sie wird sich noch als Greisin dieses Waldes auf der Fensterbank erinnern. Da – nach wenigen Minuten – ertönt Geschrei! Der Räuber hat sich von einem Kaninchen beißen lassen. Sie hat zwei Kaninchen, ein schwarzes und ein weißes, und sie heißen »Swatt« und »Witt«. Sie hat »Swatt« ein Brotkrümchen hingehalten, so groß wie eine Erbse, da hat »Swatt« danach geschnappt und hat sie gebissen. Es ist kaum eine Wunde zu finden, aber der Schreck, der Schreck! Wer hätte solche Heimtücke von Swatt erwartet, von Swatt, der ein so seidenweiches Fell hat! »Witt is viel süßer!« versichert der gebissene Räuber, »als Swatt mich gebissen hat, da hat Witt mich so süß angeguckt!« Und sie streichelt dem menschlich fühlenden Witt voll Zärtlichkeit über Kopf und Rücken. Als ich ihr die beiden Kameraden schenkte, ließ ich den Stall und die Tierchen am späten Abend bringen. Sie sollte sie am Morgen unversehens im Garten finden, und ich wollte mich ungesehen vom Fester aus an ihrer Überraschung weiden. Als sie sie am Morgen erblickte, genoß ihre Seele ein volles, wahres Wunder. Sie blieb erst von weitem wie erstarrt stehen; dann stöhnte sie in beklommener Freude: »Ooooooo?? – Ooooooo?? – Oooooooooooo??« und dann blickte sie nach der Reihe ihre herbeigeeilten Geschwister an und fragte mit stummen Blicken: »Ist es Traum – ist es Wirklichkeit?« Nach einiger Zeit stieg ich erwartungsvoll hinab, um ihren feurigen Dank einzuheimsen. »Pappi«, schrie sie, »das schwarze hat vorn auf der Brust 'n entzücknigten kleinen weißen Fleck, un das weiße hat ganz braune Ohren, un das schwarze hat eben so getan« – und sie machte einen richtigen Kaninchensprung –, »un das weiße hat eben so gemacht« – und sie machte beide Hände krumm und putzte sich damit das Schnäuzchen. Ich erhielt also nicht nur keinen Dank, ich bekam nicht einmal meinen Morgenkuß, nicht einmal einen Gruß! Sie strich ihnen schüchtern mit freudezitternder Hand über den Kopf. »Was haben sie für sanfte Ohren! Nich, Pappi?« »Ja«, sagte Erasmus, um sie zu necken, »die Ohren sind zu hübsch, die wollen wir ihnen abschneiden und dann in einer Vase auf den Kamin stellen!« »Pfui, Rasmus!« ruft Appelschnut, »das mußt du nicht sagen, sons träumen sie nachts davon!« Endlich sagt meine Frau: »Hast du dich denn auch schon bedankt?« »Ach ja«, ruft sie hastig, »ich dank auch schön, Mammi, ich dank auch schön, Pappi!« »Nicht mal ein Küßchen kriegen wir?« »Ach ja, hab' ich ganz vergessen!« – und Mutter und Vater bekommen je einen geschäftsmäßigen Kuß. »Und guten Morgen hast du mir auch noch nicht gesagt.« »Ach ja – guten Morgen – o Pappi, es frißt, es frißt! Das weiße frißt!« Am Abend ist Appelschnut nach vieler Mühe endlich unter der Bettdecke zur Ruhe gebracht worden. Als ich aber an ihr Bett trete, fliegen alle Kissen wieder umher, sie schlingt mir die Arme um den Hals und sagt: »Ich dank' euch auch noch vielmals, daß ihr mir die Kaninchen geschenkt habt!« Dies ist der eigentliche Dank. »Hast du sie denn gern?« »Leidenschaftlich!« versetzt sie mit so aufrichtigen Augen, als verstünde sie sich seit Jahren auf die Leidenschaft. Und nun regnet es richtige Küsse. Und dann ruft sie plötzlich: »Die Natur ist zu süß, daß sie euch beide gemacht hat!« Aus einer tiefgründigen Unterhaltung über Naturprodukt und Kunstprodukt weiß sie nämlich, daß Tische und Kleider und Würste und dergleichen von Menschen, Rosen und Menschen und Regenwürmer und dergleichen aber von der Natur hervorgebracht werden. Voll psychologischer Hinterlist frage ich sie: »Wo ist denn die Natur?« Und prompt und sicher antwortet sie: »In der Luft!« und macht ein Gesicht dazu wie: »Das weißt du noch nicht?« Endlich bring ich sie wieder unter die Decke, und sie schmiegt sich tief und fest hinein. »Ich mag so gern in mein Bettschen liegen«, sagt sie mit wohlig-blinzelnden Augen, »das ist so wollig!« Soll heißen: mollig. Sie hat das Talent, zu genießen, ein Talent von ernster Bedeutung für unsern Kampf mit den Greueln der Welt. Als aber fünf Minuten später ihre Mutter durchs Zimmer huschen will, steht Appelschnut schon wieder aufrecht im Bett und winkt ihr. »Nun, was willst du denn noch?« »Ich muß dir mal was sagen!« »Na, dann sag's doch!« »Nein, ich muß es dir ganz leise in Ohr sagen.« Meine Frau kommt heran, und Appelschnut sagt ihr ganz leise ins Ohr: »Wenn ich mich freu, dann klopft mein Herz immer so laut. Sag es aber nicht den andern!!« »Nein, nein!« versichert die heuchlerische Mutter, die darauf brennt, dies neue Geheimnis ihrem Manne zu verraten. »Nun mußt du aber auch schlafen!« »Du hast mir aber noch gar nichts vorgesungen.« Das hat sie davon! Ihre Kinder schliefen alle ungesungen ein. Aber sie wollte, daß um die Wiege ihrer Kinder Gesang sei. Und so hat sie sie alle verwöhnt. Nun mag sie's haben. Und sie singt: Da singt die Mutter Lied um Lied Dem Kindchen vor und wird nicht müd'; Sie singt so sanfte Weise – »Mutter, was is ›Weise‹?« fragt Appelschnut, und die Sängerin muß es erklären: So innig und so leise – »Mutter, was is ›innig‹?« Dascha – damit geht es schon schwerer! Erklär' einer, was innig ist, einem fünfjährigen Kinde, dessen ganzes Leben noch lauter Innigkeit ist! Die Antwort ist fast noch schwieriger als die auf die Frage, die Appelschnut eines Tages auf einem Spaziergang an mich richtete: »Du Pappi, was sind eigenlich Kreuzzüge?« Mit großem Eifer hörte sie die Geschichte Josefs, um sie mir, als ich nach Hause kam, brühwarm zu berichten. »Da gingte Pharao an der Elbe spazieren, und da kamen mit einmal sieben dicke fette Ochsen aus 'm Wasser, un dann noch sieben dünne, un die sieben dünnen verschlangten die sieben fetten.« »Warum kam Josef denn ins Gefängnis?« frage ich im Laufe der Unterhaltung. »Weil er nix getan hat!« Du ahnungsvoller Engel du! Selbst als die Jungfrau von Orléans gelesen wurde, blieb sie drinnen und hörte zu, und endlich sagte sie: »Wenn ich größer bin, geh' ich auch ins Konzert und in die Jungfrau.« »Wie heißt denn die Jungfrau?« fragte man sie. »Johanna!« »Und wie heißt sie noch weiter?« »Jungfrau!« versetzte sie wieder mit einem Ausdruck, als wenn sie sagen wollte: Wie fragst du dumm! Sie ließ auch keine Ruhe, bis die Mutter endlich mit ihr zu lesen begann. Aber auch ihre Lesestunden sind Lebestunden. Sie liest: » Rübe .« »Haben wir gestern gegessen!« ruft sie. » Mus .« »Ei –«, sie streicht sich über den Magen. »Mammi, wann essen wir mal wieder Apfelmus?« » Lüge .« »O Mammi, neulich hat aber Bertha gelügt! (Bertha: ein Nachbarskind.) Sie hat gesagt, ihre Mutter reist weg, un denn kriegt sie 'ne Stiefmutter. Das lügt sie doch, nich? Stiefmütter gibt es doch gar nich, nich? Die gibt es doch bloß in Märchen, nich?« Sie liest: » Juni .« »Was ist denn Juni?« fragt ihre Mutter. »Juni? – Juni is'n Oktober!« Sie liest: » Karo .« »Mammi!« ruft sie, »der Terry is aber doch zu frech! Er läuft immer über mein Beet, un wenn ich denn sag: Terry, du solls das nich tun! Denn stellt er sich einfach so hin« – sie rutscht vom Stuhle und stellt sich auf alle viere – »un kuckt mich ganz frech an.« Sie liest: » Gaul .« Und damit ist sie wieder beim A und O ihrer Sehnsucht. »Mammi, wann krieg' ich eigenlich 'n lebendiges Pferdschen!« Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd! Jedes Roß, das des Weges zieht, ist der Liebe und der Teilnahme Appelschnutens gewiß. Als der Eierhändler mit seinem Wagen beim Nachbar Schulze hielt, da schrie sie: »O Pappi, was haben Schulzes für 'n wunderhübsches Pferd vor ihrem Eiermann!« Ein guter Mann im tiefsten Süden von Afrika hat gehört, daß Appelschnut einmal so gern ihr Schaukelpferd gegen das lebendige Pferd eines Fuhrmanns vertauschen wollte. Er hat ihr geschrieben: Komm und besuch mich, dann geb ich dir für dein Schaukelpferd ein richtiges, lebendiges Pferd! Seit der Zeit trägt Roswitha sich ernstlich mit Reisegedanken. »Das geht ganz gut«, versichert sie, »ich brauch mein Schaukelpferd ja nich zu tragen; ich zieh' es einfach am Band hintennach. Das kann man ja!« »Das kann man, gewiß!« Als sie aber doch jemand auf die etwas große Entfernung aufmerksam machte, rief sie: »Er kann ja nur weiter herziehen!« Wenn sie das Pferd erst hat, will sie es vor ihren Wagen spannen. »Ich geb' das Pferdschen aber nich Rudi zum Spielen; der macht es latürlich gleich kaputt!« Und trotz alledem! Trotz all der lebendigen Pferde, Hunde, Katzen, Hühner, Drosseln, Spatzen und Frösche, die sie mit zärtlicher Hand berührt hat, zieht sie stundenlang vom Keller bis zum Dachboden eine hölzerne Garnrolle am Bande hinter sich her und hört diese Garnrolle miauen und schnurren, sieht sie springen und sich putzen. Und als die Mutter gar diese Rolle mit einem Stück schwarzen Plüschs umwickelt hat, da muß sie ihr auch ein Schälchen Milch hinstellen, und Appelschnut hört und sieht sie mit feinem, rotem Zünglein schlecken, und sie stürmt mein Studierzimmer und führt mir das reizende Kätzlein vor und läßt es miauen und schlecken, buckeln und schnurren, denn nun ist sie nicht nur davon überzeugt, daß die Garnrolle genau wie ein Kätzchen aussehe, sie ist auch tief davon durchdrungen, daß all wir andern ob der ungemeinen Natürlichkeit und Lebendigkeit dieses Tierchens der Bewunderung voll seien. Sie spielt zuweilen mit ihren Geschwistern ein sogenanntes Quartettspiel, dessen Karten die Bilder von Dichtern und Komponisten zeigen. »Ja«, sprach sie eines Tages, »Hertha mag ja lieber Gluck leiden, aber mein Engel ist Mozart!« Ein guter Engel! In allen Künsten wird sie ausgebildet, auch im Malen und Zeichnen. Sie zeichnet alle Geschichten, die sie gehört hat, und nach einem geheimnisvollen System der Ethik zeichnet sie die guten Menschen mit einem Zylinder, die bösen aber barhäuptig. Aber am gespanntesten horcht Appelschnut doch, wenn ihr die Mutter vorsingt oder Geschichten erzählt. Dann wandern alle Geister des Liedes oder der Geschichte sichtbar über ihr rundes Antlitz, und ihre Augen hängen an den Lippen der Mutter. Hirschlein ging im Wald spazieren. Trieb allda sein artig Spiel, Daß es allen andern Tieren Als ein lust'ger Freund gefiel. Aber hinter einer Linde Hielt der Jäger und sein Hund, Und der Jäger mit der Flinte Schoß das arme Hirschlein wund. Hirschlein kann nun nicht mehr springen, Denn sein wundes Bein tut weh, Aber wenn die Vöglein singen, Legt sich's weinend in den Klee. Am andern Morgen hörte ich sie im Garten singen. Sie lief um ein Beet herum und sang dazu mit lauter, hallender Stimme: Hirschlein kann nun nicht mehr springen, Denn sein wundes Bein tut weh – und immer lauter sang sie, und immer schneller lief sie, immer rund um das Beet herum, und auf jeder Wange lag eine richtige dicke Träne. – Vor dem Tode hat sie das ganze Grauen eines lust- und lebensheißen Kinderherzens. Einmal, als ich mit ihr spazierenging – wir waren eine Weile still nebeneinander hergegangen; im Gebüsch und in den Halmen der Kornfelder lag summende Sommerglut –, da rief sie laut und scheinbar unvermittelt: »Ich möcht' nie in mein Leben sterben!« Und nach einiger Zeit sagte sie: »Wenn du stirbs un Mammi stirbt auch, dann mach ich mich auch tot. Wenn bloß einer von euch stirbt, dann mach ich mich wohl nich tot; aber wenn ihr beide sterbt, dann mach ich mich tot.« Mit dem Tode beschäftigt sie sich auch, wenn sie abends in ihrem Bettchen liegt und sich uneingestandenermaßen vor der Einsamkeit fürchtet. Und so ist es ganz wohl möglich, daß sie, obwohl sie schon dreimal endgültig zum Schlaf gebettet worden und die Mutter ihr mehrere Lieder vorgesungen hat, dennoch zum vierten Male nach ihr ruft und aus ihren runden und roten Backen heraus mit angstvollem Tone zu der Herbeigeeilten sagt: »Mammi, ich bin so bange, daß ich an Bleichsucht sterb'!« Sie, die Fünfjährige, die scheinbar nur in der Gegenwart lebt, sie kennt schon ganz die Wehmut des Vergehens und des Vergangenen. Am Schulweg, in unserer ehemaligen Wohnung, stieß an unsern Garten ein anderer kleiner Garten, und in diesem erschien zuweilen ein liebes, blondköpfiges Kind, das nie aus seinem Gärtchen heraus durfte, aber übers Gitter hinweg erzählten die beiden einander ihre großen Angelegenheiten und Herzensgeheimnisse. Und über ihren Köpfen eine alte mächtige Ulme. Während Appelschnut sonst in den hellen Tag hinein schläft, fand meine Frau sie eines Morgens sehr früh wachend in ihrem Bett liegen. »Warum schläfst du denn nicht, mein Liebling?« fragte ihre Mutter. »Ach, ich muß immer an Schulweg denken, un wenn ich denn an den Blondkopf und an die Ulme denk', denn muß ich beinah weinen.« Aber gleich darauf erschien ihr Bruder am Bett und schenkte ihr eine Stocklaterne. Und diese, obwohl sie ohne Licht war, scheuchte alle Schatten der Wehmut hinweg; Appelschnut nahm sie in den Arm, steckte den linken Daumen in den Mund und entschlief. – Immer, immer wieder muß ich nach dem Kuß am Fenster sehen und – leider – leider – die Sonne steigt, und seine Spur beginnt zu verlöschen. Ach, im Schulweg lebte ja auch Rudi, der goldgelockte Rudi, der immer Fridtjof Nansen spielte und die »Fram« im Waschbottich schwimmen ließ, und große Stücke weißen, schwimmenden Papiers waren die Eisschollen, Rudi, der Appelschnutens erste unglückliche Liebe war! Einstmals machte sie ihm einen regelrechten Heiratsantrag; aber Rudi lehnte ab, wahrscheinlich, weil der Gedanke nicht von ihm ausgegangen war. Dann aber sagte Roswitha: »Ich geh' dir auch zwei Bonbons – wills du mich denn auch heiraten?" Rudi dachte nach, schob die Lippen vor und sagte endlich mit ungalanter Lässigkeit: »Na ja.« Diesen Rudi liebt sie noch immer, aber zu ihrem Manne hat sie inzwischen einen anderen, einen achtzehnjährigen jungen Mann bestimmt, der Konrad heißt und den sie ebenfalls liebt, weil er »so vermoost« (famos) mit ihr spielen kann. »Konrad soll mein Mann werden«, erklärt sie, »aber erst muß ich Mutter werden, und das dauert noch lange!« Sie hat überhaupt kein Gefühl für Monogamie. Als bei irgendeiner Gelegenheit ihre Schwester Hertha erklärte, sie wolle Hans Meyer zum Manne haben, und man Appelschnut fragte, wen sie denn wolle, da versetzte sie gleichgültig: »Ach – ich nehm' Herthas Mann mit.« Von dem goldgelockten Rudi hat Appelschnut auch das Wetten gelernt. Eines Nachmittags stand auf dem Tische vor mir ein Teller mit einem Stück Kuchen. Mit einem Knall springt die Tür auf, und herein strampelt Appelschnut, beide Hände auf dem Rücken. »Woll'n wir wetten, ob ich Vagißmannich gefunden hab?« fragte sie. »Ja. Um was woll'n wir denn wetten?« Sie hat natürlich längst den Teller entdeckt. »Um'n Stück Kuchen!« Wenn ich gewinne, krieg ich also ein Stück von meinem Kuchen. Ein Jahr früher war sie aber noch viel dümmer. Da kam sie einmal zu ihrer Mutter und rief: »Mammi, gibs du mir wohl'n Apfel?« Da sie sonst nicht zu betteln pflegt, fragte meine Frau: »Warum denn?« »Och, ich hab mit Rudi um'n Apfel gewettet, ob ich ihm wohl mein Automobil schenk', un nu hab ich es ihm geschenkt, un nu muß ich ihm doch 'n Apfel geben.« Sie bekam zwei Äpfel, einen für Rudi und einen für sich, und zwei Küsse, einen vom Vater und einen von der Mutter; denn meine Frau und ich sind immer der Meinung, daß diese seltene Varietät der Dummheit belohnt werden müsse. Die Sonne steigt immer höher, und das Lippenpaar am Fenster ist bis auf einen lichten, kaum erkennbaren Hauch verschwunden. Auch unser sicherstes Glück: wachsen und sich vollenden – es ist Freude und Schmerz in einem Becher. Ein Ausflug mit Appelschnut und anderem Kleinzeug Ein Mann, der gestern mittag in mein Haus getreten wäre, würde vielleicht den Eindruck einer schauerlichen Familientragödie empfangen haben, er würde geglaubt haben, der Erstickung und Zerfleischung eines Vaters durch seine Kinder beizuwohnen. Es handelte sich indessen nur um den etwas lebhaften Ausdruck der Freude, die diese Kinder darüber empfanden, daß der halberstickte Vater ihnen einen Ausflug nach Blankenese versprochen hatte. Es war nämlich ein halber Festtag: Erasmus war der Mannheit um einen gewaltigen Schritt nähergerückt; er war von Untertertia nach Obertertia versetzt worden. Sein Organ gibt schon hin und wieder versehentlich tiefe Töne von sich, und auf der linken Hälfte der Oberlippe treten bei günstiger Beleuchtung zwei Härchen hervor, ein kürzeres und ein schon ziemlich langes. Als ich die vier Blutegel der Dankbarkeit endlich von mir abgeschüttelt hatte, kam auch er, der sich männlich zurückgehalten hatte, schüttelte mir die Hand wie einem alten Freunde (der ich auch bin) und gab mir einen Kuß. Gottlob, er hält es noch nicht für kindisch seine Eltern zu küssen! Nur vor kurzem einmal, als er von einer Tertianerkonferenz heimgekommen war, küßte er meine Frau und mich zur guten Nacht in auffallend oberflächlicher Weise; seine Lippen streiften die unsern nur wie ein Hauch – effleurer nennt es der Franzose –, und dann war er verschwunden. Und meine Frau und ich waren übereinstimmend der Meinung, unter unseren Nasen so etwas wie den Duft einer Zigarette gespürt zu haben. Appelschnut, obwohl sie bald das gesetzte Alter von sechs Jahren erreicht haben wird, hat für ihre Freude über den geplanten Ausflug noch nicht die hinreichende körperliche Auslösung gefunden; sie liegt noch auf dem Teppich, stößt alle vier Gliedmaßen abwechselnd oder gleichzeitig in die Luft und ruft: »Gott, ich freu' mich zu doll! Ich freu' mich zu doll!« Und als meine Frau eintritt, ruft sie: »Mutter, Vater is doch zu süß, daß er mit uns ausgehen will, nich?« »Ja, das glaub' ich«, sagt meine Frau, »solchen Vater möcht' ich auch haben.« Das geht Appelschnut ans Herz; sie läßt alle vier Gliedmaßen fallen, starrt nachdenklich die Zimmerdecke an und sagt dann beschwichtigenden Tones: »Na, du hast ihn ja als Mann, das is auch ganz nett.« Wie sie denn überhaupt von unserer Ehe eine schmeichelhafte Vorstellung haben muß, was daraus hervorgeht, daß sie die ihrige genau nach demselben Schema einzurichten gedenkt. »Nächstes Jahr bin ich groß, nich? Un wenn ich denn groß bin, denn geh ich los un nehm' mir 'n Mann. Un das muß auch 'n Dichter sein, un denn muß er auch immer solchen Spaß machen wie Vater. Das mag ich zu gern leiden, wenn Vater un Mutter sich so aus Spaß zanken.« Als sie das gesagt hatte, blickte sie eine Weile vor sich hin und sprach dann mit tiefem Ernste: »Latürlich muß es nich übertrieben werden.« Seit halb drei hält sich Gertrud in der Nähe der Haustür. In vierzig Minuten fährt unser Zug, und bis zum Bahnhof sind's fünf Minuten. »Wenn wir bloß den Zug nicht versäumen«, raunt sie ihrer Schwester zu. Sie hat schon dreimal probeweise den neuen Sonnenschirm aufgespannt. Er funktioniert. Ich werfe einen Blick zum Fenster hinaus und sage: »Wenn's nur keinen Regen gibt!« Einen Augenblick starres Schweigen – und dann ein Sturm der Entrüstung. »Aber Vaaater!! Heute gibt es doch keinen Regen ?? Die Sonne scheint ja!!« »Ja, aber sie scheint verdächtig. Sieh mal da die Wolken.« »Och, die paar!« ruft Hertha. »Die gehen gleich wieder weg.« In der Wetterkunde forsch wie in allem. »Vater, wie kannst du bloß so was sagen!« schnurrt Irene. Ja, wie konnt' ich nur. Ich begreife es selber nicht. Alles kann ja verregnen: Hochzeiten, Säkularfeste, Jahrtausendfeiern, Entscheidungsschlachten können verregnen. Muspell, der Weltbrand kann verregnen, aber der heutige Ausflug? O nein! Man muß bedenken: es handelt sich ja nicht nur um den Ausflug! Da stehen noch andere Dinge auf dem Spiel. Eine Obertertianermütze, mit der man nicht heute paradieren kann, hat ihren Beruf verfehlt; ein neuer Sonnenschirm, den man nicht heute spazierenführen kann, hat seine Schönheit verloren; ein halblanges Kleid, wie es Irene vor drei Tagen bekommen, hat, wenn es nicht heute gezeigt wird, eigentlich überhaupt keinen Sinn, und was ist Herthas Spitzenkragen, wenn man ihn nicht heute noch nach Blankenese trägt? Bei Appelschnut fallen nun gar zwei Gründe ins Gewicht: erstens ihr »schärpenes Kleid« (das ist ein Kleid mit einer Schärpe) und zweitens Männe, der Dackel, der zum erstenmal mit ihr spazieren soll. Also ist jeder Regen ausgeschlossen. Inzwischen ist, zu Gertruds tiefster Beruhigung, auch Mutter mit ihrer Toilette fertig geworden. »Mutter ist doch wirklich eine schöne Frau!« ruft Hertha mit einer vehementen Umarmung, durch die sie der Bewunderten sämtliche Spitzen, Rüschen, Falbeln und sonstige Ornamente zerdrückt. Erasmus aber spricht mit verweisendem Tone: »Das bedarf doch gar nicht erst der Erwähnung.« Gegen zwei Damen des Hauses ist er ritterlich, gegen seine Mutter und gegen seine jüngste Schwester. Mit den andern läßt er sich zuweilen zu Rempeleien herbei, die man geradezu untertertianerhaft nennen muß; aber seiner Mutter gegenüber ist er ein Kavalier, wenn ich nicht dabei bin, zahlt er sogar für sie aus ihrem Portemonnaie – und von Appelschnut läßt er sich alles gefallen. Eines Tages sah ich, wie sie mit beiden Beinen auf seinem Leibe kniete und ihm das Rohr einer enormen Gartengießkanne in den Mund steckte. »Was macht ihr denn da?« fragte ich. »Ach«, rief sie, »er hat 'n hohlen Zahn, un nu gieß ich ihm Aswald hinein.« Sie hat nämlich gesehen, daß die Ritzen des Straßenpflasters mit Asphalt ausgegossen werden. Eine Bewegung des Aufbruchs geht durch die Massen – Gertrud legt die Hand auf die Klinke – nur hat sich bei Roswitha-Appelschnut eine Schleife gelöst, Hertha hat – natürlich – ihr Taschentuch verlegt, Gertrud entdeckt, daß sie ihre Eisenbahnkarte vergessen hat, und muß die Klinke fahren lassen usw. usw. Mittlerweile verbreitet sich ein magisches, seltsam gedämpftes Licht durchs Zimmer. Und es wird immer magischer und immer weniger Licht und immer mehr Dämpfung. Jetzt kann man es schon sozusagen dunkel nennen. Na –? Na – –??? »Tip – terip – terip« – da schlägt es gegen die Scheiben. Es regnet. Es wagt zu regnen! Es entblödet sich nicht! Meine gesunden Kinder haben blasse Gesichter. Dann wird zunächst die Tatsache geleugnet. »Es regnet überhaupt nicht! Das waren nur so'n paar Tropfen!« Die Antwort kommt von draußen. »Rrrrrrrrr!« geht es gegen die Scheiben wie auf einer Trommel. Sie sind schon halb überzeugt, daß es regnet. Grenzenlose Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. So eine Falschheit. »Vater, Vater!« schreit Appelschnut. »Das Barometer steigt!« »Wer sagt, daß das ›Barometer‹ steigt?« »Rasmus!« »Ja, Vater«, versichert mein junger Gelehrter, »gestern abend stand es hier, und jetzt steht es da.« Wenn hier nicht jene Täuschung vorliegt, auf der ein großer Teil des menschlichen Denkens beruht, dann ist das Barometer in der Tat um ein Stück gestiegen, das man vielleicht als Zehntel eines Millimeters bezeichnen könnte. Und außerdem geniert das den Regen draußen durchaus nicht. »Das ist überhaupt nur ein Gewitterschauer«, stellt Erasmus fest. Da hat er recht, es wird sogar immer schauriger. Da nun die Tatsache, daß es regnet, ziemlich feststeht, verlegen sie sich auf eine andere Taktik. »Mutter, wir können ja Regenschirme mitnehmen«, meint Irene. Wer da weiß, daß fünf Kinder nur mit größter Abneigung einen Regenschirm mitnehmen und daß sie den im letzten Augenblick auch noch mit Vorliebe »vergessen«, der wird die Größe dieses Zugeständnisses würdigen. Aber die Mutter schüttelt den Kopf. »Kinder, wie kann man bei solchem Wetter gehen!« Bleierne Stille. »Mutter, wir ziehen auch Regenmäntel an«, beteuert Gertrud. Wer da weiß, daß Kinder bei 10 Grad Kälte, wenn sich im Laufe des Tages ein einziger Sonnenstrahl gezeigt hat, versichern, man schwitze sich tot, wenn man einen Mantel anziehe, der muß zugeben, daß Regenmäntel das Äußerste an Konzession bedeuten. Die Mutter blickt lächelnd ihre Älteste an und sagt nur »Gertrud!« Ich werde ja schon schwach; aber die Frauen sind darin anders. Im allgemeinen sind sie ja weicher als wir, und besonders die meinige hat ein weicheres und besseres Herz als ich; aber bei Wolkenbrüchen und neuen Kleidern sind sie härter. Jetzt hat Hertha einen rettenden Gedanken. »Regen ist überhaupt gesund«, erklärt sie, »da wird man ordentlich aufgefrischt.« Sie hat's nötig. Ihre Augen funkeln wie zwei Roßkastanien. Aber auch der hygienische Gesichtspunkt versagt. »Es klart schon auf«, behauptet Erasmus. Da er länger ist als ich und folglich einen weiteren Horizont hat, so ist nicht ausgeschlossen, daß sich irgendwo am Himmelsrande ein blaues Fleckchen findet, das mir entgeht. Ich kann ihm wenigstens nicht das Gegenteil beweisen. Und mit einemmal erhebt sich ein Aufruhr. »Es läßt nach!« – »Es hört auf!« – »Es regnet nicht mehr!« – »Es wird klar!« – »Es wird hell!« – »Das schönste Wetter!« Ich öffne die Tür und trete hinaus. Der Regen macht in der Tat eine Atempause; es ist auch etwas heller geworden. »O Vater, nun laß uns gehen!« Als Schwächling, der ich bin, zucke ich die Achseln. »Fragt Mutter.« »O Mutter, man zuu!« »Kinder, es regnet ja gleich wieder. Seht nur die Wolken!« »Ach Mutter, das sind keine Regenwolken.« »Vater, man zuuu!« »Vater hat schon so'n bißchen gelacht, denn sagt er bald ja«, erklärt Appelschnut. Und in der Tat: In mir erwacht der Demagoge, der um die Gunst der Masse buhlt. »Meinetwegen«, sag' ich, »wenn's Mutter recht ist.« Ich erfahre von neuem, daß die Gunst des Volkes unter Umständen mit Lebensgefahr verknüpft ist. »Mutter, man zuuu!« Und meine Frau spricht ein arithmetisches Wort, das sich auf die Sommerkleider bezieht. »Mutter, wir nehmen uns ja so in acht!« Die Bande gibt die frivolsten Versprechungen. »Ach was«, sag' ich, »man los! Aber 20 Regenmäntel und 40 Schirme nehmt ihr mir mit.« »Ja, ja, hurra, ja, hurra, ja!« Sie sind schon draußen. Ich kann's ja nämlich selber nicht erwarten. »Du bist ein leichtsinniger Mensch!« sagt meine Frau, und sie weiß, daß sie mir damit etwas ganz, ganz Altes sagt. Als wir hinaustreten, scheint sogar die Sonne, und die Wege sind leidlich trocken. Gleichwohl nimmt Appelschnut energisch ihr Kleidchen auf, das ihr bis an die Knie reicht. Erstens, weil es die Mutter auch tut, und zweitens hat sie versprochen, sich »in acht zu nehmen«. Wir betreten den Bahnsteig. »Pappi, weiß du was?« flüstert Appelschnut mir ins Ohr, »laß uns 'n Buffet nehmen (sie meint ein Coupé), was noch ganz leer is, da kann man tüchtig Ulk machen!« Für den Ulk ist sie nun einmal sehr. »Hertha!« rief sie am letzten Sonnabend, als sie aus dem Badezimmer kam, »laß dich bloß heute von Mutter baden, sie is heute zu ulkig, du lachs dich tot!« Und dieselbe Leidenschaft hat sie für das Traurige, ist das nicht seltsam? Nein, es ist gar nicht seltsam; denn wer ein Kind ist, saugt das Leben durch alle Poren ein. Im »Buffet« muß sie natürlich am Fenster sitzen, sie und Hertha, damit sie schauen können. »Mutter!« ruft Appelschnut plötzlich, »Kramers haben doch 'n Boden, nich?« »Ja, ich weiß nicht«, sagt meine Frau, »aber sie werden ja wohl.« »Ja, sie haben 'n Boden, un wenn man da aus 'm Fenster guckt, denn kann man die ganze Welt sehen!« Und dabei reißt sie die Augen auf, als wenn die ganze Welt hinein sollte. Und als sie wieder eine Weile hinausgelugt hat, fährt sie fort: »Weiß du was, Mutter? Lottis Vater is verreist, gans weit weg, ich glaub, noch weiter als Malaga« (Malaga bedeutet für sie gewissermaßen die Säulen des Herkules) »ich glaub, es heißt Helgoland oder so.« Am Ziele der Fahrt gibt es einen neuen Hochgenuß. »Vater, bitte, laß mich selbs mein Bullet abgeben, bitte, Vater, man zu!« Ich händige also Roswitha ihre halbe Fahrkarte aus. Und seltsam: sofort wird ihr Schritt fester und weiter ausgreifend, er wird sozusagen männlich. Der Kontrolleur sieht sie verständnisinnig lächelnd an – er scheint zu Hause ähnliche Gewächse zu ziehen – und sagt: »Du bist 'ne fixe Deern.« Das hat noch gefehlt. Mit überirdischen Augen gibt sie mir die Karte zurück. Und nun beginnt die Wanderung! Es gibt bekanntlich in der Mathematik einen Lehrsatz, der lautet: Zwischen zwei Punkten ist der gerade Weg der kürzeste. In der Geometrie der Kinder gibt es dagegen einen Satz, der heißt: Zwischen zwei Punkten ist der gerade Weg der langweiligste. Auf den Umwegen liegt der Reiz des Lebens. Über jenen – zum Glück ausgetrockneten – Bach führt zum Beispiel eine Brücke mit einem Geländer. Einfach über diese Brücke gehen wäre banal, reizlos, abgeschmackt. Aber den mäandrisch gekrümmten Weg um jede einzelne Stütze des Geländers gehen – von außen nach innen, von innen nach außen, von außen nach innen und so fort und um Gottes willen keinen Balken überschlagen –, das ist das Wahre. Es ist ja wahr, Roswitha hat versprochen, ihr »schärpenes Kleid« »in acht zu nehmen«, aber wer kann an alles denken! Brückengeländer machen überhaupt eine Ausnahme. Als sie den schlangenförmigen Weg zurückgelegt hat, soll »Männe« dasselbe machen. Aber Männe ist überhaupt mit Geistesgaben nicht übermäßig gesegnet; er sieht sie mit seinen melancholisch-dummen Dackelaugen an, als wenn er sagen wollte: »Was wünschen Sie eigentlich?« »Männe, du solls da immer so rumgehen!« Männe sieht sie an und versteht nicht. »Männe, verstehst du mich denn gar nicht?« Männe bedauert unendlich. »Hund, du bis wirklich zu dumm!« ruft sie. Sie hat es mir auch kürzlich nach Berlin schreiben lassen, in einem Brief, den sie ihrer Mutter diktierte. »Männe ist sehr faul und sehr dumm. Aber er hat mich lieb und ich ihn auch.« Und das ist wahr; er attachierte sich ihr sofort, als er in unser Haus kam, und wenn sie ausgegangen war, setzte er sich hin und starrte nach der Haustür wie Ritter Toggenburg. Ihre Liebe haftet freilich weniger an dem Individuum; wenigstens erklärte sie vor einiger Zeit, wenn sie groß sei, wolle sie drei Kinder und drei Hunde haben. Übrigens gibt Männe seiner Herrin auch sonst noch Anlaß zur Klage. »Er is noch immer so ungehöflich«, ruft sie, »wenn man die Tür aufmacht, läuft er immer zuerst hinaus! – Überhaupt: ich will ja lieber das schwerste Gedicht auswendig lernen, als dem Hund was beibringen!« Aber lieben, wie gesagt, muß sie ihn doch; die Liebe prüft nicht, wägt nicht, sondert nicht – sie liebt. Und nun hat Appelschnut was gefunden, und was hat sie gefunden! Eine dicke, fette schwarze Wegschnecke, die zusammengekrümmt am Wege liegt! »Vater, warum hat sie sich so zusammengekrümmt?« »Nun, sie ruht wohl aus, oder sie fürchtet sich, daß du ihr was tust.« »Du süße kleine Schnecke, sei doch nicht so bange, ich tu dir ja nix. – Vater, wann krümmt sie sich nun wieder auseinander?« »Dscha, das weiß ich nicht.« »Vater, wo is eigenlich ihr Mund? Un wo sind ihre Augen? Un was frißt sie eigenlich? Vater, laß sie mal fressen!« – Eine Blume hat Roswitha gefunden. »Vater, wie heiß die eigenlich?« »Campanula.« Sie bemüht sich, den Namen nachzusprechen, aber es will nicht ohne weiteres gelingen. »Vater, ich kann es«, ruft Hertha: »Campanula.« »Großartig.« Dann kommen wir an einer Bierbrauerei vorüber, in der eine mächtige Dampfmaschine arbeitet. »Vater, was is das eigenlich, was immer so hin un her funkelt?« Ich beschließe, mir einen Spaß zu machen. »Das ist der Zentrifugalregulator. – Was ist das?« »Der Zentifrugal – nein – der Frentigal –« »Vater, ich kann es!« ruft wieder die glimmeräugige Hertha. »Na?« Und mit umfassenden Vorsichtsmaßregeln spricht sie: »Zen – tri – fu – galregulator.« »Fabelhaft«, sage ich. »Campanula und Zentrifugalregulator«, repetiert Hertha mit triumphierendem Blick. Und ich verfehle nicht, nochmals meiner Anerkennung Ausdruck zu geben. Sie hat das erhebende Gefühl der um ein wesentliches angeschwollenen Bildung. Appelschnut hat sich inzwischen wieder mehr der Wissenschaft des Lebendigen zugewandt. »Mutter, was is das, was die Kuh da unten hat?« Sie zeigt nach einer Kuh auf der Wiese. »Das ist das Euter«, sagt meine Frau, »darin ist die Milch, und daran saugen die kleinen Kälber.« »Mm. – Mutter, trinken die kleinen Pferde auch bei der Mutter?« »Gewiß.« »Die Menschen auch«, erklärt Hertha. Da bricht Appelschnut in ein schallendes Gelächter aus. »Die Menschen auch!« Sie kann sich gar nicht wieder beruhigen. Sie hält das für einen wundervollen Witz. »Hertha, was machst du für'n Schnack!« »Ach du«, ruft Hertha mit dem heiligsten Eifer der Überzeugung, »ich hab doch selbst gesehen, wie du an Mutters Brust getrunken hast!« Appelschnut sieht mit einem jähen Ruck ihre Mutter an und hat plötzlich ein ganz ernstes Gesicht. »Ja, ja, es ist so«, sagt meine Frau lächelnd. »Hertha hat ganz recht.« Da versinkt Appelschnut in tiefes Nachdenken. Hertha aber ist stolz, daß sie es gewußt hat, und nach einer kurzen Weile fragt sie ihre Mutter: »Mutter, trinken die Jungens denn auch bei der Mutter?« »Ja natürlich!« In Hertha ist nämlich eine Ahnung aufgestiegen, daß Mann und Frau nicht in jeder Hinsicht dasselbe seien. Sie macht aber, wie man sieht, noch eine verkehrte Anwendung von dieser Erkenntnis. Sie hält die Geschlechter für gar zu verschieden, während sie ihnen früher die gleichen Funktionen zuwies. Einen Aufsatz über Mozarts Jugend, den sie für die Schule schreiben mußte, begann sie nämlich folgendermaßen: »In Salzburg lebte einmal ein Kapellmeister namens Mozart, der brachte einen kleinen Sohn zur Welt.« »Aber Hertha«, rief meine Frau, »er doch nicht! Seine Frau brachte ihn zur Welt!« »Gott, Mutter, das 's doch egal!« rief Hertha, offensichtlich verwundert über diese Wortklauberei. Die Sonne scheint jetzt sogar stechend, und durch den Sonnenschein kommt ein Käfer gerad auf uns zugeflogen und ist ganz von einem Strahlenglanz umgeben. Dieser Käfer ist Appelschnut. »Mutter, ich hab Glück, ich hab Glück, Mutter, ich hab Glück!« ruft sie. Sie hat ein vierblättriges Kleeblatt gefunden. Und da könnten nun alle Völker der Erde versammelt sein: Eskimo und Feuerländer, Papua und Tscherokese, sie würden alle darin einig sein, daß Appelschnut Glück hat. Ihr Glück im Finden ist überhaupt unerhört. Dann mal ein abgepflücktes Gänseblümchen, dann mal eine echte Gänsefeder, dann mal einen wundervoll roten Wollfaden und gestern gar ein leeres Sperlingsei! Sie findet sogar im Traum. »Mutti, diese Nach hab ich was Süßes un was Schreckliches geträumt. Ich hab geträumt, ich fandte eine Puppe, die war lebendig, und da gab sie dir die Hand un sagte: ›Guten Tag!‹ und da fiels du um un wars tot. Und da hatt' ich solche schreckliche Angst, und da wachte ich auf, un da kamst du grade 'rein und sagtest so recht süß: ›Guten Morgen.‹ Wie hab ich mich gefreut!« Sie hat beinah ihre eigene Geschichte geträumt. Als ich die lebendige Puppe Roswitha fand und als sie meiner Frau sehr laut und kräftig »guten Tag« gesagt hatte, da war diese Frau umgefallen und wäre bei einem Haar gestorben. – Plötzlich hat Roswitha eine großartige Idee. »O Mutter, man zu, stiefmutter mal wieder 'n bißchen, man zu, stiefmutter mal 'n bißchen!« Das Verbum »«stiefmuttern« wird der geneigte Leser ohne meine geneigte Unterstützung nicht verstehen. Es war einmal rechte, warme Märchenstimmung in der Wohnstube, da mußte meine Frau darstellen, wie sich so eine richtig bösartige, greuliche Märchenstiefmutter eigentlich benimmt. Sie mußte ihre Kinder schelten, schlagen, kratzen, beißen, an den Haaren zerren und in die Ecken schleudern, natürlich immer so, daß das Vergnügen gewahrt blieb. Es war eine ebenso lustige wie geräuschvolle Familientragödie, und meine Frau muß seitdem die Rolle wiederholen wie eine große Tragödin. Auch heut hat Roswitha Verlangen nach diesem Kunstgenuß. »Ich mag das zu gern haben, wenn du stiefmutters«, sagt sie; »du bis doch sons immer so freundlich un sanft mit uns, nich? Un wenn du denn stiefmutters, das ist so'ne Abwechslung.« Und in einem Park, der selbst ein Märchen ist und den der großherzige Besitzer – man soll solche Menschen nennen: Wriedt heißt der Mann – Tag für Tag seinen Mitmenschen geöffnet hält, in diesem Park also muß nun mein Weib zur Hyäne werden, obgleich ihr die Rolle gar nicht »liegt«. Aber ihren Opfern gefällt sie außerordentlich – mir übrigens auch; denn eine lachende Hyäne mit roten Wangen ist etwas Apartes –, und erst als das Spiel bis zur Erschöpfung gespielt worden ist, denken einzelne daran, daß sie ihre neuen Kleider in acht nehmen wollten. Übrigens tun diese Kleider, das halblange sowohl wie das »schärpene«, der Spitzenkragen, der Sonnenschirm und die Ober tertianermütze ihre volle Schuldigkeit. Wenigstens haben ihre Träger die Überzeugung, daß diese Dinge nicht spurlos an der Menschheit vorübergehen. Ich habe auch weitgehendes Verständnis dafür, daß, als wir uns am Ziele der Wanderung um den sauber gedeckten Tisch versammeln, die laute Gesellschaft in ein tiefes und frommes Schweigen innerster Sammlung versinkt. Nur als Hertha, die Hastige, so heiß wie sie ist, vom kalten Wasser trinken will, ruft Appelschnut warnend und wie eine Mutter: »Hertha, tu das lieber nich, sons kriegst du 'n Umschlag!« Sie will damit sagen: du kriegst einen Schlag und fällst um. Dergleichen hat sie erzählen hören, und solch ein memento mori vergißt sie niemals wieder. Sie pflegt denn auch mäßig und mit Vorsicht und Auswahl zu essen, und als ihr ein etwas holziger Spargel vorkommt, schiebt sie ihn zurück, weil er »so sehnig« sei. Darin denkt Erasmus nun anders; ein bißchen Holz macht ihm nichts aus. Er steht in jenem herrlichen Mannesalter, wo das Quantum bei weitem wichtiger ist als die Qualität und wo man bedauert, daß man statt der nutzlosen Luft nicht ununterbrochen Klöße inhalieren kann. Wenn meine Frau und ich ihn essen sehen, das ist ein Lustspiel in sechs Akten. Wenn Jünglinge essen, greifen die Väter unwillkürlich nach dem Portemonnaie und denken an den Jahresabschluß. Einen heiligen Eifer zum Essen und Naschen bewähren auch die weiblichen Glieder der Gesellschaft; immerhin erscheint er durch jene Anmut gebändigt, die diesem lieben Geschlechte innerstes Gesetz ist. Aber als Gertrud im Krankenhause an dem Wurmfortsatz des Blinddarmes operiert worden war und als sie den ersten Besuch empfangen und einige Sätze sprechen durfte, und als ich mich über sie neigte und sprach: »Weil du so tapfer und vernünftig gewesen bist, sollst du eine Prämie haben – du darfst wünschen, was du willst – was möchtest du wohl haben?« – siehe, da hauchte sie mir ins Ohr die geflügelten Worte: »So viel Fruchteis essen, wie ich will.« Und als Irene bei dieser Gelegenheit ihrer Schwester einen Tag lang Gesellschaft geleistet hatte und wir sie fragten, wie's denn in der Klinik gewesen sei, da berichtete sie über das Menü. Ich finde das so lieb und so schön von den Kindern, daß sie auch aus ihren Magen keine Mördergrube machen. Als nun der Kaffee aufgetragen wird, da zeigt sich, daß die Vertilgungssucht des Erasmus denn doch vor gewissen Rücksichten der Standesehre haltmacht. Meine Frau schiebt ihm ein paar Stücke Zucker zu und zwinkert mit den Augen. »Gott, Mutter!« stößt er errötend und schamhaft lächelnd hervor. Und ich muß sagen, ich finde es auch von meiner Frau etwas kindlich, daß sie glaubt, ein Obertertianer mit Stehkragen von fünf Zentimeter Höhe werde Zucker naschen wie ein Hosenmatz... Da läuten ein paar sanfte Glöcklein der Campanula! Ich rufe Hertha herbei und frage sie: »Also, Hertha, was ist das?« »Zentrifugalregulator!« ruft sie mit Stolz. An Erasmus fällt mir ein merkwürdig starrer Blick auf. Ich verfolge die Richtung dieses Blickes und gelange in gerader Linie auf den Zucker. »Mutter, geht die Elbe da noch weiter hin?« fragt Roswitha. Sie zeigt elbaufwärts. »Ja, noch sehr weit«, sagt meine Frau. »Bis zum Riesengebirge, da entspringt sie«, belehrt sie ihr Schwesterchen. Roswitha reißt weit die Augen auf und sagt nichts. Wenn ein Mensch nach innen blickt, macht er besonders große Augen. Das Wort »Riesengebirge« ist tief in ihre Seele gefallen. In ihrem kleinen Köpfchen steigt ein Riesengebirge auf und eine springende Elbe. Und nun streckt sich langsam und lässig eine Obertertianerhand aus, erfaßt, allem Anschein nach mechanisch, ein Stück Zucker und schiebt es gedankenvoll in einen Obertertianermund. Ich nenne absichtlich die Hand gedankenvoll, und auch das Gesicht scheint gedankenvoll; es scheint die Unterschiede zwischen Zirrus-, Stratus- und Kumuluswolken zu erwägen, aber die Zunge, darauf wett' ich, die Zunge ist bei der Sache und weiß, was sie tut. Schließlich, warum soll ein Obertertianer keinen Zucker essen? Er muß nur das Dekorum wahren und es mit einer gewissen Geringschätzung tun. Meine Frau und ich sehen uns an – im selben Augenblick sieht er uns an – und unsere Elternblicke schauen diskret in die Bäume hinauf. Und dann brechen wir auf, um den Heimweg anzutreten, und als ich mich umsehe, ob man auch nichts habe liegenlassen, da ist nichts liegengeblieben, auch das zweite Stück Zucker nicht. Und alles geht vortrefflich, wenn auch nur zehn Minuten lang. Dann nämlich bricht ein Regen los, für den eine ganz andere Bezeichnung erfunden werden müßte. Die Tropfen, nein, die Wasserballen prasseln mit solcher Wucht herab, daß sie wie Gummibälle wieder emporspringen. Es regnet von oben, von unten, von vorn, von hinten, von rechts, von links, von links oben, von rechts hinten usw. usw. Ja, aus der Erde scheinen Ströme zu brechen; denn in einer Minute haben wir bei hellem Fußzeug 14 nasse Füsse. Der Regenschirm ist bekanntlich ein Institut, das man das ganze Jahr mit sich herumschleppt, um zu erfahren, daß er im Ernstfalle sowenig Wert hat wie verfassungsmäßige Garantien. Und nirgends ein Unterschlupf – doch, da steht eine junge Kastanie, die immerhin schon so etwas wie eine Krone hat. Es ist nicht viel; aber es ist doch etwas. Meine Großmutter pflegte zu sagen: »Besser eine Laus im Kohl als gar kein Fleisch«, worüber sich freilich streiten läßt. Wir verzichten denn auch bald auf diese Laus von einem Kastanienbaum und ziehen weiter wie die melancholischen Überreste einer geschlagenen Armee. In meinen Stiefeln steht das Wasser schon so hoch, daß es bei jedem Schritte gluckst und aufquietscht, und das macht mir eine Art von Vergnügen. Es ist doch eine Art Marschmusik. Endlich sind wir am Straßenbahngeleise. Hier warten wir. Er läßt lange auf sich warten, der Straßenbahnwagen. Warum auch nicht. Und zuletzt kommt doch einer. Ich winke dem Führer mit fanatischen Bewegungen: Halten! Er winkt wieder: An der nächsten Straßenecke ist Haltestelle. Hoch das deutsche Pflichtgefühl! Also spornstreichs auf vierzehn Füßen zur nächsten Straßenecke. Aber da standen schon viele, und als wir einsteigen wollen, klappt der Schaffner die Tür zu und brüllt: »Voll!« Der Wagen ist wirklich übervoll; aber der Mann brauchte sein »Voll« nicht so herzlos herauszubrüllen. Ich überlege noch, ob ich ihm nicht nach dem Beispiel eines berühmten Kollegen zurufen soll: »Ich bin Otto Ernst, der Dichter des...«, aber der Schuft ist imstande und kennt mich trotzdem nicht. Ich werde ihn in einem Straßenbahngedicht brandmarken; ich habe mir seine Nummer gemerkt. »Jetzt können wir auch zur Eisenbahn gehen, es ist alles eine Flüssigkeit«, sage ich. Da ertönt es plötzlich hinter mir mit einem Stimmchen, das zwischen Erstaunen und Enttäuschung hin und her zittert: »Wollen wir denn schon nach Hause?« »Ja, Appelschnut, hältst du es noch für zu trocken?« Da brechen zu allem Überfluß auch noch aus Appelschnuts Augen die dicken Tropfen hervor, und schluchzend ruft sie: »Ich möchte aber so gern noch das Riesengebirge sehen!« Und da brechen wir übrigen sechs in solch schallendes Gelächter aus, daß Appelschnut uns ganz erschrocken anblickt. Heil dir, Appelschnut, du hast wieder blauen Himmel gemacht, obwohl es unvermindert fort regnet und außerdem hagelt! Ich mache ihr nach Kräften klar, warum das Riesengebirge heute nicht mehr erledigt werden kann, und sie beruhigt sich sofort, als ich ihr sage, daß sie es in vierzehn oder fünfzehn Jahren wohl zu sehen kriegen werde. Sie ist ein Mensch, der vernünftig mit sich reden läßt. Die Kleinen haben geheime Vorräte von Unternehmungslust, von denen wir keine Ahnung besitzen. Einst waren mein Weib und ich mit dem kleinen Erasmus den ganzen Nachmittag umhergestreift und hatten zum Schluß noch den Bismarckstein bei Blankenese an seiner steilsten Stelle erstiegen. Wir kamen müde und matt zu Hause an, und als meine Frau den Kleinen entkleidete, weinte er laut. »Wir haben ihn überanstrengt; das Kind ist übermüdet«, sagte ich, und meine Frau fragte ihn: »Was fehlt dir denn, Junge?« »Ich will noch mal auf 'n Bismarckstein hauftlettern«, heulte er. Da waren wir beruhigt. – Als dann daheim in den Schlafgemächern ein jubelndes Durcheinander von Stiefeln, Armen, Strümpfen, Beinen, Hosen, Röcken und Gelächter begann und als Hertha heimlich der Jüngsten zuraunte: »Das war 'ne feine Tour, nicht?« und Roswitha aus tiefstem Herzen antwortete: »Ja, das war die feinste Tour, die ich in meinem ganzen Leben gemacht habe!«, da dachte ich: »Sie sind die Weisen! Sie tragen ihr Wetter im Herzen mit sich, und da hinein fällt kein Regen.« An der See Fragt eine Hausfrau, was es heißt: eine fünfwöchige Badereise für sieben Menschen vorzubereiten! Eine Art Moltke muß sie sein, der bis auf den letzten Knopf und Kragen einen Feldzug organisiert. Aber alle Sorgen, Berechnungen und Aufregungen solch einer Hausfrau um Koffer und Kasten sind nichts gegen Herthas Aufregungen um ihren neuen Puppenkoffer. Ihr müßt bedenken, es ist kein gewöhnlicher Puppenkoffer. Er hat Abteilungen für Hüte, Leibwäsche, Kleider, Toilettengegenstände usw. usw. und ist beinah so groß wie ein kleiner Menschenkoffer. Dieser Koffer ist ihr die Badereise; ohne ihn wäre die Badereise ein Garten ohne Pflanzen, eine Armee ohne Soldaten, ein Beefsteak ohne Fleisch. Es ist der Sinn der Badereise, daß man einen Koffer mitnehmen kann. Alle fünf großen Koffer machen meiner Frau nicht soviel Kopfzerbrechen wie Herthas Puppenkoffer. Sie mag im Erdgeschoß oder im ersten Stock, im Keller oder auf dem Boden sein – überall wird Hertha wie aus der Versenkung neben ihr auftauchen und sie über die Dispositionen in ihrem Puppenkoffer um Rat fragen. Und dabei stellt sich leider ein empfindlicher Mangel heraus. Auf Sylt ist die Witterung zuweilen rauh, auch im Sommer, und Hertha hat für ihre Puppen keine Winterkleider! Da erklärt sich Irene bereit, ihr das Nötige zu leihen. Und da schlägt Hertha ihrer Schwester die Arme um den Hals und küßt sie, und dann schaut sie sie an und sagt mit den Augen: Ich schwöre dir unauslöschliche Dankbarkeit und ewige Liebe über das Grab hinaus. Drei Tage darauf war's, daß Hertha bei Tisch ein allgemeines Schweigen durch den Ausruf unterbrach: »O Gott! Ich muß jeden Tag einmal sagen, daß ich glücklich bin!« In ihrer Mutter Hände legt Hertha überhaupt alles, was sie betrifft, ihr ganzes gegenwärtiges und künftiges Schicksal, auch die Wahl ihres dereinstigen Gatten. »Du suchst mir einen Mann aus, und dann sag ich zu ihm: Du sollst mein Verliebter sein.« So denkt sie sich den Hergang. Ob er sich so einfach abspielen wird, bleibt abzuwarten. Was mich betrifft, so sind mir an der Badereise die Koffer nicht das Liebste; das Meer zum Beispiel ist mir wesentlich lieber. Denn am Meer werd ich faulenzen können! Sonst hab ich zu dieser edlen Kunst kein Talent; ein verlorener Tag – wohlverstanden: nicht ein dem Vergnügen, geweihter Tag, nein: ein vertrödelter, zwecklos verbummelter Tag hinterläßt mir einen schlimmeren Katzenjammer als sieben Glas Grog von schlechtem Rum – wenn ich sie trinken würde, meine ich –, aber am Meer kann ich faulenzen. Das Meer wiegt alle Gedanken ein, auch die Gedanken, die nicht schlafen wollen und nicht schlafen können, alle, alle; am Meer glaub ich an die Vorstellung der Wilden, daß die Seele den Körper verlassen und sich auf eigene Hand ergehen könne. Und ich reise diesmal mit einem um so größeren Behagen, als meine Tochter Appelschnut mich über die Kosten vollständig beruhigt hat. Als wir schon in der Eisenbahn saßen, sagte ich: »Ich glaube, ich habe mein Portemonnaie vergessen.« »Pappi, ich hab Geld mitgenommen!« rief Appelschnut. »Wieviel?« »Fünfßehn Fennige!« »Na also!« Zu allem Überfluß fand ich dann auch noch mein Portemonnaie. Aber nicht nur ein Portemonnaie habe ich mitgenommen, sondern auch Bücher. Ich beschränke mich darin und nehme selten mehr als ein Dutzend Bücher mit, da ich schon zehnmal erfahren habe, daß ich nur in vereinzelten Fällen eins davon zu Ende lese. Nachdem im Sand des Ufers eine tiefe »Kuhle« ausgegraben – so tief wie es das Grundwasser erlaubt – und ringsherum ein hoher Burgwall mit Ausblick auf das Meer aufgeworfen worden ist, bette ich mich so weich und warm wie möglich in die Kuhle und nehme mein Buch zur Hand. Diesmal ist es ein dickleibiges biologisches Werk über die Pflanzen und Tiere des Meeres. Ich befinde mich auf der dritten Seite der Einleitung, als ich aus weiter Ferne »Nuuu!« rufen höre. Ich lese weiter und höre gleich darauf lauter und dringlicher »Nuuu!« Da fällt mir ein, daß ich ja eigentlich mit meiner jüngsten Tochter Versteck spiele. In dieser Seeluft ist ein berauschender, benebelnder Tau, der alle Vorsätze, Versprechungen, Abmachungen, Hoffnungen und Befürchtungen in Traum und Dunst auflöst. Ich grabe mich also aus und mache mich auf, meine Tochter zu suchen. Ich sehe sofort ihren mächtigen roten Strandhut über einen Sandwall schimmern; aber ich suche sie natürlich lange und unter verzweifelten Ausrufen überall, wo sie nicht ist. Endlich »finde« ich sie: »Ach, da bist du!« Sie kreischt vor Vergnügen wie ein Seeadler und fliegt mir an den Hals. Auch von ihrem Munde kommt der Atem des Meeres. Nun muß ich mich verstecken. Sie drückt beide Hände vor die Augen und steckt den Kopf in den Sand, um nichts zu sehen. Ich nehme mein dickes Buch und setze mich hinter einen Strandkorb. Ich befinde mich auf der vierten Seite oben, als sich zwischen mich und das Buch ein roter Hut schiebt. »Vater, du mußt doch ›Nu!‹ rufen!« »Ach ja, wahrhaftig, entschuldige!« Ich verstecke mich mit meinem Buch hinter der Dünentreppe und rufe »Nu!« Ich bin auf der vierten Seite unten, als mir ein ganzer Mensch aufs Buch fällt und schreit: »Haaaa! Nu hab ich dich!« – »Nu muß du mich wieder suchen!« ruft sie und ist verschwunden. Man wird zugeben, daß dies nicht die Art ist, ein Dutzend Bücher zu bewältigen, zumal wenn man nach siebenmaligem Rufen und Verstecken mit Hertha, der glücklichen Besitzerin des Puppenkoffers, »dritschern« muß. »Dritschern« heißt: einen flachen Stein so auf den Wasserspiegel werfen, daß er wiederholt abprallt, bevor er versinkt. Auch »dritschern« fördert die Lektüre nicht; aber als Vater kann man sich ihm nicht entziehen. Wie gut es ist, wenn man in der Jugend fleißig gewesen, das sehe ich jetzt: Ich »dritschere« noch ziemlich schön. Aber Hertha will es wie gewöhnlich im Anfang nicht gelingen, und daran ist weniger ein Mangel an Geschicklichkeit als die Überfülle von Kraft schuld, die sie an alles wendet. Wie Brunhilde im Wettkampf den Felsblock schleudert, so wirft sie ihr Steinchen. Aber schließlich gelingt es ihr doch, und als es ihr gelungen ist, da lacht sie hell mit dem Mund und heller mit den Augen, wirft mir die Arme um den Hals – ich weiß nicht, ob es Liebkosungen oder Schläge sind – und küßt mich. Die ersten drei Jahre ihres Lebens war Hertha ununterbrochen krank, ein trauriges Würmchen, die Sorge der Mutter. Da gingen wir alle eines Sommers in ein jütisches Fischerdorf an der Nordsee, und in diesem Dorf waren drei Wochen lang heulender Sturm, peitschender Regen und unentrinnbarer Dorschgeruch. Wir verwünschten das Dorf und reisten nach Hause, und von Stund an war Hertha gesund und fröhlich und stark. Wie oft verwünschen wir Toren das Glück, das wie Unglück aussieht! Schließlich entläßt mich Hertha freilich in Gnaden zu meiner Lektüre; aber inzwischen hat Roswitha-Appelschnut neue Kräfte gesammelt. Als ich auf der fünften Seite oben bin (noch immer Einleitung!), da tritt sie an mich mit dem Ersuchen heran, die gewohnten Zirkuskünste mit ihr zu exekutieren. Ich muß mich platt in den Sand legen; sie springt mit zehn Schritt Anlauf auf mich zu, und ich muß sie auffangen. Nach diesem »Todessprung« kniet sie in meine flachen Hände, und ich muß sie langsam und lotgerecht emporheben. Dann folgt »Appelschnut, die Königin der Luft«. Ich strecke einen Arm hoch, sie legt sich mit dem Bauch auf meine flache Hand, streckt alle viere nach den vier Himmelsrichtungen, und ich muß sie drehen. Lauter Sachen, mit denen ich im Wintergarten zu Berlin ein Heidengeld machen könnte, wenn ich wollte. Aber plötzlich ist Appelschnut verschwunden. Die Kinder gehen mit der Mutter zum Baden. Darum! Sie ist schon ganz ferne, hinter zwanzig Sandhügeln. Vor zwei Jahren war es noch anders. Da sah sie die weiß und grünen Wogen auf den Strand klatschen und in die Höhe spritzen, klatschte in die Hände, lachte, als ob das Herz zum Halse herausfließen wolle, und dachte: Ei, was ist das Meer für ein Spaßmacher! Und gar nicht schnell genug ging ihr das Auskleiden, gar nicht früh genug konnte sie ihm an den Hals springen! Mit offenen Armen sprang sie ihm jauchzend entgegen – und im nächsten Augenblick lag sie sieben Meter weiter zurück mit der Nase im Sand; sie hob den Kopf, sah sich mit grenzenloser Verblüffung um, schnappte nach Luft, und als sie sie endlich hatte, brüllte sie mit der Brandung um die Wette. Sie wollte das Meer umarmen und mit ihm tanzen, und es schmiß sie auf den Strand wie einen gemeinen Sandfloh! Kurz, sie war dem Meer auf ewig böse. Heute aber, da sie »schon groß ist«, hat sie Poseidon verziehen, sie weiß ihm um den Bart zu gehen und seinen täppischen Späßen zu entschlüpfen, und am liebsten ginge sie im Wasser zu Bett. Wenn sie nicht baden darf, so streift sie Rock und Höschen auf und watet durch sämtliche Lagunen und Lachen, die das ebbende Wasser zurückgelassen hat. Noch gestern abend rief sie, als meine Frau sie zu Bett bringen wollte: »Ach, Mammi, bitte, bitte, noch einen Augenblick, hier ist noch so 'ne himmlische Pfütze!« Ja, sie ist schon so sehr mariniert, daß sie jetzt auch einen Matrosen zum Mann haben will. »Erst will ich barmherzige Schwester werden, und dann werd' ich wohl 'n Bauern nehmen, damit ich recht viele Tiere krieg, und dann heirat ich 'n Matrosen.« Es ist dabei zu bedenken, daß sie schon vier Spielkameraden Hoffnung auf ihre Hand gemacht hat und außerdem nach einer früheren Äußerung an dem Gatten ihrer Schwester Hertha partizipieren will. Sie wird das System Blaubart akzeptieren müssen. Und dabei sagt diese Dame, die sieben Männer haben will, noch statt »Badekabine« »Kabadebine«! Jawohl, meine Frau und ich haben es wiederholt gehört: sie, die schon in richtigen Konjunktiven spricht und sogar Konzessivsätze riskiert, sagt noch: »Kabadebine«. Und wir haben uns gehütet, sie zu korrigieren. Also ich darf mich jetzt einer Ruhepause erfreuen. Ich habe mir in einem großen Eimer allerlei Seegetier gesammelt und will jetzt so lange hineingehen, bis ein kleiner Seestern mit seinen Saugfüßchen vom Grunde des Eimers bis oben an den Rand hinaufspaziert ist. Damit kann man sehr gut ein paar Stunden ausfüllen. Wenn ich dies Stück Arbeit erledigt habe und nicht allzu müde bin, will ich einer meiner Entenmuscheln so lange zuschauen, bis sie fünftausendmal ihre feinen Rankenfüße vorgestreckt und wieder eingezogen hat. Ja, wenn nicht mein Freund und Duzbruder Max wäre! Max ist ein Dreijähriger, aber er ist groß und dick wie ein Sechsjähriger. Er hat einmal gehört, daß er zu dick sei, um schnell zu laufen, seitdem erklärt er, wenn er sich tummeln soll: »Kann nicht, schu dick!« Er fiel uns schon auf der Herreise in der Eisenbahn durch die energische Erklärung auf, daß er nicht in der »heißen Tütbahn« fahren wolle, sondern in der »kalten«. Die »Tütbahn« war natürlich die Eisenbahn, weil sie »tüt« macht, und »heiß« war sie, weil er das Feuer unter dem Kessel der Lokomotive gesehen hatte. Das war ihm unheimlich gewesen, und darum verlangte er, kalt zu fahren. Als ich mich kaum in die tiefsinnige Betrachtung meines Seesterns versenkt habe, höre ich den Ausruf: »Ich krieg doch wasch schu eschen!« Aha, also Max. Als er mich einmal mit Sand beworfen hatte, rief ich: »Wart, du Schlingel, du kriegst heute nichts zu essen!« »Ich krieg' doch wasch schu eschen!« rief er. Ich tat, als wenn ich aufspringen wolle. Er kreischte halb aus Furcht, halb vor Vergnügen, sprang drei Schritte zurück und schrie: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!« Ich griff zähnefletschend nach einer Sandschaufel und schwang sie drohend. Er kreischte wieder, sprang wieder drei Schritt zurück und schrie abermals: »Ich krieg' doch wasch schu eschen!« Jetzt sprang ich zornbebend und wutschnaubend auf die Füße und lief drei Schritt auf ihn zu. Er lief sieben Schritt, blieb stehen und schrie dasselbe, und bei dem »doch« klappte seine Stimme jedesmal über. Auch mit diesem Spiel könnte ich eventuell meinen Kuraufenthalt ausfüllen, Max würde nichts dagegen haben, aber ich mach es nur einmal vormittags und einmal nachmittags, dabei werde ich immer noch, da Max fünf Wochen zu bleiben gedenkt, etwa siebzigmal alle Stadien der sittlichen Entrüstung darüber, daß Max etwas zu essen kriegt, durchlaufen müssen. Nachdem ich auch diesmal mein Pensum Wut geschäumt habe, guckt Max in den Eimer hinein und fragt: »Wasch isch das?« Ich nenne ihm die einzelnen Tiere. »Worum tut die immer scho?« Er macht die Bewegungen der Entenmuschel nach. »Sie holt sich was zu essen aus dem Wasser!« »Da isch ja gar nix schu eschen!« »Doch; da ist sehr viel zu essen, das kannst du nur nicht sehen.« »Worum nich?« »Weil es zu klein ist.« »Worum isch esch schu klein?« »Junge, das weiß ich nicht.« »Osch, weisch doch mal!« Dja, wenn's an meinem Willen läge, dann wüßt ich noch ganz was anderes. »O kuck mal!« ruft er plötzlich. »Der Hund wackelt mit 'n Henkel!« Ich bin natürlich sehr begierig, einen Hund mit einem Henkel zu sehen. Richtig, da steht ein Hund mit einem aufwärts gekrümmten Schwanz, und mit diesem Schwanz wackelt er. Man kann den Schwanz gar nicht treffender bezeichnen als ihn der Dichter Max bezeichnet hat. Endlich vermißt er meine Töchter, für die Max natürlich nächst Schlagsahne das Himmlichste auf der Welt ist. »Wo ist dein Mädschen?« fragt er. »Wen meinst du? Fräulein Gertrud?« »Nein, Fräulein andere Gertrud!« »Irene?« »Nein, Fräulein andere Irene!« »Hertha?« »Ja.« »Die sind alle zum Baden. Willst du nicht auch baden?« »Nein, kann nich, schu dick«, ruft er und stapft mit den Säulen des Herkules durch den Sand von dannen. Ich lese nun die fünfte Seite der Einleitung zu Ende; da ich aber zum Umblättern zu erschöpft bin – ich werde hier allmählich zur Molluske –, so streck ich mich zunächst einmal lang in den Sand. Aaaaaaaaaah – hahaaaaaa – Und ich brate in der Sonne. Und ich sehe fern, fern am Horizont ein kleines, weißes Segel, das will ich betrachten, bis es verschwindet. In jenem Schifflein sitzt meine Seele – ich weiß es! Und ich will meiner Seele nachschauen, bis sie in den veilchenblauen Himmel entschwindet. Indessen brät mein Leib in der Hölle, in dieser unsagbar molligen Hölle, die meinetwegen ewig sein kann. Man kann die Genüsse von Himmel und Hölle nicht bequemer vereinigen. Meinem Leib ist wohl wie einem angespülten toten Seehund. Meine Lungen sind vollständig betrunken von dieser Luft, mein Leib schmort, und wenn ich noch ein wenig warte, wird er zu brutzeln anfangen. Wie es scheint, bestreut mich schon jemand mit Salz und Pfeffer, aber es ist nur Appelschnut, die mich mit Sand bestreut. Von unten anfangend, bedeckt sie mich nach und nach vollständig mit Sand. Sollte ich wirklich nur noch ein toter Seehund sein? Ich opponiere nicht einmal, als mir der Sand zwischen Hals und Kragen rieselt, obwohl dies kein eigentlich angenehmes Gefühl verursacht. Ein toter Seehund faßt keine Entschlüsse mehr. »O Pappi, laß uns mal Pferd spielen!« ruft Appelschnut plötzlich. Aber ich bin von meinen Forschungen über dem Wassereimer so angegriffen, daß ich ihr vorschlage, lieber Kuchen und Häuser zu backen, ein Geschäft, das man ohne große Veränderung der Körperlage etablieren kann. Sie ist sofort einverstanden, und wir backen in zehn Minuten eine amerikanische Großstadt mit Häusern, Kirchen und Kuchenläden. Allerdings bauen wir mit stetig wachsendem Arbeitspersonal. Nach fünf Minuten ist nahezu die ganze unmündige Strandbevölkerung auf der Arbeitsstätte versammelt. Und als ich nach abermals fünf Minuten emsig damit beschäftigt bin, in einem Garten sämtliche Blumen und Gemüse anzubauen, die sich aus Strandhafer herstellen lassen, empfinde ich um mich her eine abgrundtiefe Stille. Ich hebe den Blick: Meine Arbeitsgenossen sind schon in weiter, weiter Ferne; sie haben längst ein anderes Spiel begonnen, und Appelschnut hüpft über die fernsten Hügel wie eine wandernde Mohnblume. Verwaist, vergessen und öde liegt die Stadt. Schon beginnt der Wind, sie zu verwehen, die Flut, sie zu benagen. Nie wieder wird die eben noch lebendige ein Hauch des Lebens erwecken; in einer Stunde wird sie verschwunden sein. Aber auch die beschauliche Ruhe ist hier vergänglich, schon kommt Roswitha wieder herbeigesprungen. »Mutti!« ruft sie erregt. Ich wundere mich, daß sie mich als Mutter anredet, und sehe mich um – ach so: Meine Frau liegt neben mir im Sand. »Mutti, Erna is immer so eisch; wenn wir spielen, denn macht sie immer Streit und wirft uns Sand ins Gesicht. Sei man gar nich mehr so nett mit ihr, wir sind alle von ihr weggegangen!« In diesem Augenblick geht Erna, eine von den weniger erfreulichen Badebekanntschaften, weinend vorüber. »Mutter, sie weint«, sagt Appelschnut, »soll ich sie mal fragen, ob sie wieder gut mit uns sein will?« »Ja, frag sie nur.« Nach einer kleinen Minute wandern Erna und Appelschnut Arm in Arm. Auch Roswithas Zorn verrinnt und verweht wie Wind und Welle. »Was spielt ihr denn?« fragt meine Frau. »Ach, wir spielen so fein! Krankenhaus! Mit unsern Puppen! Einer is heute schon dreimal operiert worden, un denn hat er noch Scharlach un Cholera!« Allmächtiger! Je verzweifelter die Fälle sind, desto vergnügter sind diese barmherzigen Schwestern. Patienten mit weniger als drei Krankheiten scheinen gar nicht aufgenommen zu werden. »Eben is auch 'n kleines Baby geboren worden, noch kein Jahr alt und hat schon 'n Keuchhusten! »Na ja, da habt ihr ja alle Hände voll zu tun«, ruft meine Frau lachend. »Ja!« rufen stolz die beiden wie aus einem Munde, und schon sind sie wieder über den Bergen bei den sieben Zwergen. – »Ich krieg doch wasch schu eschen!« schreit es nah bei meinem Ohr. Nee, is nich, Max. Mein Morgenpensum ist erledigt. »Ach, da ist ja mein Max!« ruft meine Frau. »Komm, sag mir mal guten Tag.« »Kann nich – schu dick!« versichert er mit Überzeugung. »Ja, wenn du zu dick bist, darfst du ja auch keine Schokolade essen.« Nein, nein, das ist eine mißverständliche Auffassung, für Schokolade ist er nicht »schu dick«. Die magnetischen Kräfte der Schokolade sind von der Wissenschaft, wie mir scheint, noch entfernt nicht in ihrer ganzen Gewalt erkannt. Wie aus dem Boden gestiegen, umstehen meine Frau im nächsten Augenblick mehrere eigene Kinder, zwei Schwestern des Herrn Max und einige weitere von der Strandbevölkerung. Als Max auf dem Schoß meiner Frau sitzt, guckt er ihr minutenlang in die Augen. Irgend etwas tieferes Philosophisches scheint sich in ihm zu entwickeln. »Kannsch du mit deinen Augen schehen?« fragt er schließlich. »Ja, gewiß, Max! Warum soll ich denn mit meinen Augen nicht sehen können?« »Deine Augen schind ja scho dunkel!« meint er. Dieser Ausspruch Maxens ruft in der Korona seiner weiblichen Verehrer einen Sturm des Entzückens hervor. »Ist er nicht zu süß?« jubelt Hertha. »Gott! Solch einen kleinen Bruder möcht ich auch noch haben!« Aber Maxens sechsjähriges Schwesterchen spricht ein ernstes und passendes Wort: »Tu das lieber nich, Hertha«, sagt sie, »da is viel Arbeit bei.« Meine Frau ist durchaus der gleichen Meinung und drückt ihrer verstehenden Mitschwester dankbar die Hand. Es ist auch zu bedenken, daß ich nicht nur schon fünf eigene Kinder habe, sondern, daß ein allerliebstes kleines blondlockiges Mädel, ein Püppchen aus lauter Grazie und Spitzen, sich mir vollständig attachiert und mich ohne alles Verdienst mit Standhaftigkeit »Vater« nennt. Auch sie ist schuld, daß ich die Einleitung meines biologischen Wälzers nicht zu Ende lesen kann. Wenn sie ihrer Puppe das Bett macht, packt sie mir mit den Worten »Vater, halt mal, bitte!« erst die Paradedecke aufs Buch, darauf das Deckbett, dann das Kopfkissen, hierauf das Bettlaken und endlich die Matratze, und ich kann nicht eher weiterlesen, als bis alles in der umgekehrten Reihenfolge, gehörig geklopft und gelüftet, wieder in den Puppenwagen gelegt worden ist. Und ferner ist zu bedenken, daß ich ja schon einen Max habe, einen viel längern als diesen, nämlich den Obertertianer Erasmus. Wenn ihr einmal ein Füllen auf der großen Weide beobachtet habt, dann habt ihr eine Vorstellung von Erasmus im Seebade. Solch ein Füllen, wie ihr wißt, steht in diesem Augenblick still und nachdenklich da, um ganz plötzlich und unvermittelt den Kopf in den Nacken zu werfen, die Mähne zu schütteln und mit geblähten Nüstern, wiehernd, den Rasen stampfend und die Hufe gegen den Himmel werfend, zwanzigmal die weite Wiese zu umrasen. Als er eines Morgens aus seinem Bette stieg, bemerkte meine Frau, daß er aus dem einen Zipfel seines langen Nachthemdes einen riesigen Knoten gemacht hatte. »Was soll denn das?« rief meine Frau. »Das soll mich daran erinnern, daß ich noch Cäsar präparieren muß.« Das war freilich schon stark gegen Ausgang der Ferien. Jeden Mittag um zwölf Uhr kommt Erasmus an meine Sandfeste, um mich zum Baden abzuholen. Bei Obertertianern muß man die Badestunde immer unmittelbar vor das Diner legen, weil nur eins die Kraft hat, sie wieder aus dem Meer hervorzulocken: die Tischglocke. Wenn wir dann zum Essen gehen, müssen wir auch an Maxens Tisch vorbei. Sein Vater erlaubt ihm nicht, die Versicherung, daß er doch was zu essen kriege, laut durch den Saal zu schreien; aber er blinzelt mir heimlich mit boshaftem Frohlocken zu, und ebenso heimlich schüttle ich grollend die Faust. Wir entwickeln alle einen ziemlich gleichmäßigen Appetit, den bekannten nördlichen Luft- und Meerhunger, aber Appelschnut wollte ihre Milch nicht trinken. Da habe ich sie dazu überredet, ihre Mutter regelmäßig bei Tische »anzuführen«. Ich gab ihr den teuflischen Gedanken ein, ihre Milch heimlich auszutrinken, dann zur Mutter zu sagen: »Ich mag keine Milch!« Und wenn die Mutter sie dann tadelte, ihr triumphierend das leere Glas zu zeigen. Das wiederholen wir nun bei jeder Mahlzeit, und – merkwürdig! – jedesmal fällt meine Frau wieder darauf herein, und jedesmal tauschen Appelschnut und ich danach einen Blick der freudigen Genugtuung: »Sie ist richtig wieder auf den Leim gegangen!« Der Nachmittag gehört dann vorwiegend der Ruhe. Zwar nehme ich, in der Sandgrube liegend, die Biologie der Meeresorganismen vors Gesicht, aber doch nur in dem vollen Bewußtsein, daß dieses Bewußtsein schon nach Beendigung des ersten Vordersatzes schwinden werde. Natürlich: wenn ich von Ruhe gesprochen habe, so hat das keinen Bezug auf die Kinder. Kinder haben ein so ruhiges Herz, daß Haupt und Glieder der Ruhe nicht bedürfen. Ich habe denn auch kaum das Quantum Schlaf genossen, dessen man nach einem solchen Vormittage dringend bedarf, als mir etwas ziemlich Schweres, Warm-Lebendiges auf den Magen fällt. Selbstverständlich Appelschnut. »O Pappi, wir spielen zu fein! Karl is der Wolf, un ich bin das Pferd, un denn kämpfen wir uns immer mit'nander!« Ich habe also ein Pferd auf dem Schoß. Auch in diesem Augenblick, da sie auf meinem Schoße sitzt, fühlt sie sich vollkommen als Pferd. Aber das Pferd hat einen sehr kräftigen Schmutzfleck im Kleid. »Roswitha, wie hast du das schöne neue Kleid beschmutzt!« »Ach, das war so naß geworden, un da wollt ich es mit Sand wieder rein machen, un da war es mit ein'mal so schmutzig.« Der Sand muß starke Beimengungen von rötlichem Ton gehabt haben. »Sag es man nicht erst Mutter«, meint sie, »sie ärgert sich bloß.« Diese Besorgnis um die Mutter finde ich ergreifend. »Ich weiß ja, mein süßes Väterchen sagt nichts«, dabei wirft sie mir die Arme um den Hals, küßt mich und trabt mit dem Wolfe davon. Nicht einen Augenblick ist ihr der Gedanke gekommen, daß es für ein Pferd absurd ist, sich auf den Schoß seines Vaters zu setzen und ihn zu küssen. Nach einer Viertelstunde kommen Pferd und Wolf wieder auf mich zugerannt, und das Pferd ruft in großer Erregung: »Vater, Karl will nich glauben, daß die Erde sich immer so rumdreht!« Als Anhänger des kopernikanischen Systems bestätige ich, daß die Erde sich immer so rumdreht. Karl wird nachdenklich. »Er meint, dann fallen wir ja alle um!« ruft Appelschnut. »Nein, die Erde hält uns fest und nimmt uns alle mit.« »Wir drehn uns auch alle!« erklärt Appelschnut. »Die Schaufel auch?« fragt Karl, auf eine im Sand steckende Schaufel zeigend. »Die Schaufel auch«, bestätige ich. »Der Strandkorb auch?« »Der Strandkorb auch.« »Du auch?« »Ich auch.« »Und du auch.« »Ich?« »Ja.« »Hähäää – das ist nicht wahr!« ruft Karl mit überlegenem Lachen, und vor dieser Überlegenheit muß ich wie schon so oft in meinem Leben verstummen. Karl dreht sich nicht mit. Und so verfließt der Nachmittag, so verfließt der Tag, und gleich auf den ersten Tag folgt der letzte Tag. Ganz anders ist es als in den Tagen der Schöpfung. Da heißt es: »Es ward aus Abend und Morgen ein Tag.« Hier müßte es heißen: »Aus Abend und Morgen werden vierzig Tage, hundert Tage, tausend Tage.« Was zwischen dem ersten und dem letzten Tage liegt, ist ein stilles, ewiges Fließen von Wasser und Wind, von Atem und Traum. Wehmütig raffen die Kinder am letzten Tage den kleinen Hausrat unserer flüchtigen Wohnstatt zusammen; wehmütig stehe ich dabei, das Werk über die Pflanzen und Tiere des Meeres mit seiner unausgelesenen Einleitung in der Hand haltend. Da höre ich aus weiter Ferne ein Krähen. Ich suche lange nach dem Ursprung dieses Schalles und finde endlich oben am Rande einer hohen Dünenklippe zwei Menschen, die wie eine Dame und ein Kind aussehen. Da der Wind herübersteht, so höre ich endlich mit angespanntem Gehör: »Ich krieg doch was schu eschen!« Da reiß ich von unserer verfallenen Strandburg einen mächtigen Pfeiler los, pack ihn mit beiden Händen und schüttle ihn mit furchtbarer Drohung. Und der Wind trägt mir ein letztes, jauchzendes Kinderlachen zu. Von toten und lebendigen Puppen Auf einer meiner Reisen in Thüringen kaufte ich für meine sämtlichen Töchter Puppen, ließ sie in eine Kiste packen (die Puppen natürlich) und nach meinem Wohnort abgehen. Aber gleichzeitig schrieb ich nach Hause, daß die Kiste nicht geöffnet werden dürfe, bevor ich selber daheim wäre. Ich bin nun einmal ein Genüßling und will die luftig-goldenen Geister sehen, die beim leisesten Aufheben des Deckels aus der Kiste flattern. Überdies war die Sendung der Kiste eine Selbstlosigkeit, die ihren Lohn verdiente. Wenn ich ohne Kiste nach Hause komme, so weiß ich, daß die Kinder sich über mein Erscheinen freuen; komm ich mit einer Kiste, so ist die Heimkehr eine Ellipse mit zwei Brennpunkten, und ich weiß nicht, in welchem Brennpunkt sich die meisten Strahlen sammeln. Ich kann nicht anders sagen, als daß der Empfang auch diesmal sehr warm und herzlich war, aber als eine gewisse (nicht geringe, o bewahre!) Zahl von Umhalsungen und Händedrücken absolviert war, da glaubte ich doch in den Gesichtern so etwas zu lesen wie: »Nun aber die Kiste!« Und als ich sie fragte: »Worüber freut ihr euch nun mehr, über mich oder über die Kiste?«, da war zu meiner großen Freude nicht eines darunter, das da sagte: »über dich.« Sie lächelten verlegen und errötend und sagten: »Gott, Vater –!« Nur eine Diplomatin unter ihnen sagte: »Über beides gleich.« Ich bin überzeugt, für die Dauer bin ich ihnen ja lieber und auch unentbehrlicher, aber für den Augenblick stellt eine Kiste mich in den Schatten; das ist das Los aller Geber. »Na, dann wollen wir mal an die Öffnung der Kiste gehen!« Es ist schwer, eine solche Kiste zu öffnen, wenn vier Mädels und ein Junge dabeistehen. Man muß fortwährend auf der Hut sein, daß man keine Fingerchen zwischen die Kneifzange und keine Nasen unter den Hammer kriegt. Zudem ist es, als ob der liebe Gott auch seinen Spaß an der Ungeduld der Harrenden hätte und sich oben auf die Kiste setzte, um sie noch ein bißchen zuzuhalten. Aber endlich gibt er nach, und die Scheintoten steigen ans Licht und schlagen die Augen auf. Puppen! – Es ist kein Zweifel mehr: ich habe Nachkommen wie Abraham, der »Vater der Menge«. Denn alle die unzähligen Puppen Appelschnuts sind ihre Kinder. Sie hat ihrer so viele, daß sie sich schon ein »Motizbuch« verschafft hat, und in dieses »Motizbuch« hat sie die Namen ihrer Kinder eingetragen. Da sie beabsichtigt, ihren Spielkameraden Hermann Reimers zu heiraten, so bucht sie ihre Kinder schon jetzt auf seinen Namen: Anni Reimers, Walter Reimers, Wolfgang Reimers (heißt so nach Mozart), Helmy Reimers (nach der Großmutter, meiner Frau), Johanna Reimers (nach der Jungfrau von Orléans), Hulda Reimers (nach einer Schneiderin), Roswitha Reimers und so weiter, und so weiter. Etwas über zwanzig Kinder hat sie – von armlangen hinunter bis zur »kleinsten Puppe der Welt«, die nicht größer ist als eine kleine Bohne, und alle am Leben ! Appelschnut nimmt solch einen Erdenkloß her und bläst ihm ihren lebendigen Odem ein, und allsogleich wird der Kloß eine lebendige Seele. Sie hat ja so viel Leben, daß sie allen davon abgeben kann, auch ihrem Dackel haucht sie eine menschliche Seele ein. Wenn ich diesen ehrenwerten Melancholiker und Schinkengauner gescholten habe, geht sie heimlich mit ihm in die Ecke und tröstet ihn, damit er sich den Affront nicht zu sehr zu Herzen nehme. Sie umarmt ihn und sagt: »Sei man nich traurig, mein Männe! Vater meint es nicht so schlimm; du mußt das aber auch nich wieder tun!« Und ihrem Schaukelpferd, dem leider beide Augen herausgefallen sind, hat sie um die leeren Augenhöhlen ein Taschentuch gebunden, nicht, um es zu heilen, nein, weil sie den Anblick nicht ertrug. Es erweckte ihr einen Schauder, wenn das treue Tier, der Genosse fröhlicher Tage, sie mit toten Augen ansah. Jüngst war ich mit Appelschnut im Theater. (Walter hatte durchaus mit sollen, und ich hatte ihr erst bedeuten müssen, daß das Stück für ihn noch zu schwer sei.) Damit sie besser sehen könne, hatte ich sie auf meine Knie genommen, ich hielt sie mit meinem rechten Arm, und meine Hand lag gerade auf ihrem Herzen. Es wurde »Rübezahl« von Löwenberg gegeben. Da will der finstere Berggeist den schreienden Buben seiner Mutter entreißen. Oh, wie es da klopfte, wie es da pochte unter meiner Hand! Hier konnt' ich den »innern Erfolg« eines Stückes feststellen. Und hier klang das Herz des Dramas. Nachher gab es ein Ballett, so eins, von dem die Bühnenleiter glaubten, es sei »was für die Kinder«, eins mit Flittern und Pracht und farbigen Lichtern. Mitten darin wandte sich Appelschnut nach mir um und flüsterte: »Kommt nu bald wieder Rübezahl und der kleine Junge?« Das Schicksal des Kleinen war ihr Schicksal, sein Bangen war ihr Bangen geworden. Und als ein andermal der Wolf das Rotkäppchen bis hinter die Kulissen verfolgte, um es zu verschlingen, da fragte sie mit Bezug auf die Schauspieler: »Das sind doch keine wirklichen Menschen, nich?« Da der Wolf das Mädchen zweifellos verschlang, so wollte sie lieber, daß das Rotkäppchen kein Mensch wäre. – Stundenlang kann Appelschnut allein sein mit ihren Puppen, Häusern und Bäumen. Städte und Gehöfte, Äcker und Gärten, Wege und Wälder erstehen, wo vorher öde Leere war, und verschwinden spurlos wieder in leere Luft. Spurlos nicht. In der Erinnerung der Kinder glänzen hundert Städte und Gärten, die sie selber gebaut, in denen sie gewohnt haben und die ihnen noch in späten Jahren mit klingenden Glocken wieder emporsteigen wie Rungholt und Vineta aus Meeresgründen. Natürlich: zu Puppen gehören Häuser, Kirchen und Bäume; darum, als Roswitha-Appelschnut einmal im Bette lag und krank war – sie hatte richtige Leibschmerzen – und als sie hörte, daß ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen und daß sie bald eine Stadt bekommen werde, da warf sie alle Kissen zum Bett hinaus, sprang siebenmal auf und ab und rief: »Ich bin kerngesund!« Und da war sie wirklich gesund! Und am nächsten Sonntag baute sie von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends und gründete auf Tischen, Stühlen, Flügel, Schrank und Fußboden eine ganze deutsche Provinz. Ich öffne eines Tages die Tür zum Wohnzimmer, wo Hertha und Roswitha, umrankt von den tanzenden Blätterschatten der Linde, mit ihren Puppen spielen. »Vater!« ruft die kleinere entrüsteten Tones. »Hulda is so ungezogen, sie is oben auf die elektrische Krone raufgeklettert – das is doch wirklich ungezogen, nich? – 'n Kind von fünf Jahren!« Wahrhaftig: Hulda reitet oben auf einem Arm der elektrischen Lampe, und Mutter Appelschnut ist ernstlich erzürnt über den Balg, obwohl sie ihn doch selbst hinaufgesetzt hat. So weit geht die Illusion dieser Poeten, daß sie nicht einmal die Drähte sehen, die sie selber ziehen. Hulda ist überhaupt das schwarze Schaf der Familie. Alles, was an Untaten erforderlich ist, muß sie ausfressen. Auch Kinder sind nicht gerecht, wenn sie Götter werden. Bei Hulda muß ich immer an Determinismus und Prädestination denken, nach welcher liebenswürdigen Lehre es bekanntlich festangestellte Bösewichte gibt, die schon vor der Geburt als Rekruten des Satans ausgehoben werden. Ich stelle Appelschnut die Härte dieses Prinzips vor. »Immer hackt ihr auf Hulda herum! Eure anderen Kinder sind jedenfalls auch nicht immer artig! Aber bestraft wird immer nur Hulda. Das muß eine Mutter doch nicht tun!« Sofort wendet sich Roswithas Herz. Sie ruft zur Lampe hinauf: »Na wills du jetz wieder artig sein?« Und mit einer leisen, kläglichen Stimme antwortet sie selber: »Ja.« »Na, denn komm!« spricht sie mit der verzeihenden Milde eines Heilandes, klettert auf den Tisch und holt die Sünderin herunter. Hulda klappert mir dankbar mit den Augen zu. Walter dagegen wird auf die unerhörteste Weise verzogen. Natürlich, er war eine lange Zeit hindurch einziger Junge, und wie es mit den Herren einzigen Jungen geht, das weiß man schon. »Wo ist denn Walter?« frage ich. »Och, er langweilte sich so, da hab' ich ihn in den Garten geschickt!« Ich sehe in den Garten hinaus, da steht Walter, mit der Nase tief in eine Rose versunken, deren Duft er ununterbrochen und unersättlich einzieht. »Er mag so gern Rosen riechen«, erklärt die Mutter. »Warum ist er denn nicht in der Schule?« »Och, er geht nur von Kaffeetrinken bis Frühstück zur Schule, er is ja noch so klein. Wenn er da noch länger sitzen muß, kriegt er Heimweh.« Wenn aus dem Jungen was wird, sag' ich auch nichts. »Du verwöhnst den Bengel ganz entschieden. Wie alt ist er denn jetzt?« »Er wird im September acht.« »Na also!« »Ja, er is aber auch immer so krank gewesen.« »So? Was fehlt ihm denn?« »Er hat immer solche Drüsen, un denn kann er nich lernen.« Aha, die Drüsen kenn ich. »Was kocht ihr denn heute?« »Pudding.« Na, natürlich. Diese Welt kennt nur ein Menü, und das heißt Pudding. Das Kochen besorgt Hertha. Sie ist Dienstmädchen, Köchin, Gouvernante, Krämer, Schlächter, Tante, Lehrer, Großmutter und Schornsteinfeger. Ich habe nie einen Verwandlungskünstler gesehen, der es den Kindern an Geschwindigkeit gleichtut. Und merkwürdig ist dabei, daß der Posten des Dienstmädchens in diesen Utopien der gesuchteste von allen ist; sie streiten darum, wer Dienstmädchen sein solle, und es hat durch Richterspruch entschieden werden müssen, daß keiner darauf Anspruch habe, immer Dienstmädchen zu sein, daß es reihum gehen solle und daß man sich auch einmal damit bescheiden müsse, gnädige Frau zu sein. Und warum wollen sie alle Dienstmädchen sein? Weil das Dienstmädchen »alles tun muß« und die gnädige Frau nur auf dem Sofa liegen und befehlen und aus einer Fibel Romane lesen muß, was sehr langweilig ist. Appelschnut hat nun allerdings nicht das Blut dazu, sich auf Sofaliegen und Befehlen beschränken zu lassen; sie weiß auch zu gut von ihrer richtigen und wirklichen Mutter, daß es gnädige Frauen gibt, die selber Hand anlegen, sie besorgt ihre Kinder selbst und beteiligt sich um so entschiedener am Kochen, als die richtige und wirkliche Mutter heute richtige Rosinen, Mandeln, Butter und Milch und wirklichen Zucker und Zitronat zum Pudding beigesteuert hat. Und nirgends bewundere ich die Illusionskraft der Kinder mehr als beim Füttern der Puppen. Obwohl die Rosinen und Mandeln vor dem strengen Munde der Puppen regelmäßig kehrtmachen und wärmere, williger sich öffnende Lippen aufsuchen, sind doch die Kinder tief davon durchdrungen, daß ihre Puppen ausreichend ernährt werden. Ja, die Transfusion der Puppe mit dem Leben des Kindes und die Verschmelzung von Schein und Wirklichkeit gehen so weit, daß die Puppen dicker werden von dem, was ihre Eltern gegessen, und daß die Eltern Leibschmerzen bekommen von dem Zucker, den die Kinder genossen haben. Dieses Puppenessen ist so recht ein Beleg dafür, daß ein gutes Spielzeug unvollkommen sein muß und daß jene raffinierten Spielzeuge nichts taugen, die dem Kinde nichts zu tun übriglassen. »Mutter ist himmlisch, sie erlaubt alles!« erklärt Hertha stürmisch. »Sogar den Mörser dürfen wir haben!« Unterschätzt mir solch einen Mörser nicht! Er ist von glänzendem Metall, und wenn man mit der Keule dranschlägt, klingt er wie Kirchenglocken. Und nun wird alles: Zucker, Rosinen, Mandeln, Butter, Milch, Makronen, Bonbons und andere Herrlichkeiten kräftig durcheinandergerührt, achtundsiebzigmal geschmeckt und probiert, zuletzt mit dem Titel »Pudding« belehnt und angerichtet. Und so unbedingt, wie der Gast des arabischen Scheichs, wenn dieser dem aufgetragenen gebratenen Hammel mit dem Zeigefinger das Auge ausbohrt und es mit Daumen und Zeigefinger dem Fremden auf die Schüssel legt, den köstlichen Ehren- und Leckerbissen geschmeichelt verschlingen muß, wenn er seinen Wirt nicht tödlich beleidigen will, so unweigerlich muß ich von dem »Pudding« kosten und entzückt die Augen verdrehen wie der selige Tartüff. Auf allerliebsten kleinen Tellerchen mit noch allerliebsteren kleinen Messerchen und Gäbelchen wird nun der Pudding verteilt, und meine dreiundzwanzig Enkel werden um den Tisch gesetzt. »Ursula, du wackels schon wieder immer hin un her un träums, statt zu essen«, ruft Appelschnut tadelnd. Ursula ist also unverkennbar Appelschnuts Kind, denn sie zeigt dieselben Manieren beim Essen, die an ihrer Mutter gerügt zu werden pflegen. Hulda wird dagegen gelobt, weil sie schön stillsitzt und ordentlich ißt. Siehst du, Hulda? Fürsprache muß der Mensch haben. »Kurt stopft schon wieder!« ruft Hertha. »Solche Happen steckt er in den Mund!« Sie zeigt Happen, viel größer als der ganze Kurt. »Na ja«, erklärt Roswitha streng (Kinder sind meistens sehr strenge Eltern), »dann soll er mal hungern; ich hab' es ihm schon so oft verboten.« Und Kurt wird vom Tisch entfernt. Mit Hilfe der Bauchrednerin Hertha beginnt er sofort zu wimmern und zu betteln: »Huuu ich will auch gar nicht mehr stopfen – hu – u!« – »Na, dann soll er diesmal noch was haben«, entscheidet die gnädige Frau, und Kurt wischt sich die Augen und die Nase und setzt sich wieder an den Tisch. Wenn ich übrigens vordem von dreiundzwanzig Enkeln gesprochen habe, so ist das nur schätzungsweise gesprochen; einen genauen Überblick über die Zahl meiner Enkel habe ich längst nicht mehr. Es kommen ja fast täglich neue; »Kinderkriegen« ist eines der beliebtesten Spiele. Diejenigen Leser, die bisher gemeint haben, daß der Storch die Kinder bringe, werden überrascht sein zu hören, daß die Sache ganz anders zugeht. Nämlich so: Auf einem Klappstuhl ruht die »Mutter«, die die Kinder haben soll. Neben ihr steht eine spanische Wand, ein Bettschirm oder dergleichen. An der oberen Kante dieser Wand erscheint plötzlich ein Kind. Es wird langsam an einem Faden herabgelassen, die Mutter bindet es los, und der Faden geht wieder hinauf. Nach zwei Minuten schwebt aus der Schicksalshöhe abermals ein Kind hernieder; dann kommt ein drittes, und so geht es fort wie eine Steinkohlenlieferung, so lange der hinter der Wand stehende Genius der Fruchtbarkeit noch Vorrat hat. Ich zählte einmal elf Kinder, die auf solche Weise »das Licht der Welt erblickten«. Einmal war auch meine Frau zugegen, und sie fragte Appelschnut, die diesmal Mutter war – denn auch das Kinderkriegen geht um –: »Hast du dein neues Baby denn schon gebadet?« Da lachte Roswitha wieder laut auf über den köstlichen Witz. »Hahaha – solche kleinen Babys badet man doch noch nicht! Man gibt ihnen doch höchstens die Flasche!« Meine Frau, die es in diesem Falle entschieden besser wissen muß, klärt sie darüber auf, daß man dies gerade nicht tue, sondern daß zunächst die Wärterin das Neugeborene bade. Ein noch besserer Witz! Roswitha lacht aus vollem Halse. »Die Wärterin! Das Baby bringt doch keine Wärterin mit!« »Nein, die Wärterin bestellt man vorher, man weiß ja doch, wann das Baby kommt.« Mit einem Ruck wendet Appelschnut ihrer Mutter wieder ein völlig ernstes Gesicht zu. »Ich hab' aber nichts gewußt!« ruft sie entschieden, mit einer Art von Befremden darüber, daß man ihr von ihrer Geburt keine Anzeige gemacht habe. Nach einer längeren nachdenklichen Pause fährt sie fort: »Das weiß ich ja längst, daß der Storch die Kinder nicht bringt.« »So?« »Nein, woher soll er sie denn nehmen?« »Aus dem Wasser«, sagt meine Frau, läßt aber merken, daß sie's selbst nicht glaubt. »Da müssen sie ja ertrinken!« ruft Appelschnut, verwundert darüber, daß meine Frau das nicht einsehen kann. Und wieder nach einer Pause fragt sie: »Mutter, woher kommen sie eigenlich?« Da ist sie wieder, die große Frage. Meine Frau sagt: »Das kannst du jetzt noch nicht verstehen; das sag' ich dir später einmal.« »Ja, das hab' ich mir auch schon gedacht, daß du mir das wohl noch mal sagst«, erwidert Roswitha und ist vollkommen beruhigt. – Ich fürchte, der Leser hat aus dem Umstande, daß ich nur Hertha und Appelschnut erwähnt habe, die vollkommen irrige Folgerung gezogen, daß in meinem Hause nur diese beiden mit Puppen spielten. O nein, wenn die Bildung der höheren Tochter ihr Zeit läßt, kommt auch die lange Irene herbei, läßt sich in einen ganz kleinen Kinderstuhl sinken und beginnt mit den kleinsten Puppen ein stilles Familienleben. Wie eine Mutter wohl ihr Kind je zärtlicher liebt, je kleiner und hilfloser es ist, so liebt sie die winzigsten Püppchen am meisten, und sie sitzt stundenlang und näht ihnen noch winzigere Höschen und Röckchen und Häubchen und versinkt dabei in eine immer kleinere, immer zierlichere und immer vergnügtere Welt... Und wenn Gertrud, die Älteste, die »junge Dame«, glaubt, man merke nichts, wenn sie eine Puppe hernimmt und sich mit einer gewissen Überlegenheit mit ihr beschäftigt, lange beschäftigt und die Überlegenheit immer mehr vergißt – dann irrt sie sich. Und sollte meine Frau glauben, daß man nichts merke, wenn sie in den Tagen vor Weihnachten bis tief in die Nacht hinein sämtliche Puppen auffrischt und sie hübsch nebeneinander ins Sofa setzt und sich selbst ihnen gegenüber und mich zur teilnehmenden, staunenden Bewunderung herbeiruft – sollte sie glauben, daß man ihre Freude für eine rein mütterliche halte, dann irrt sie sich ebenfalls. Natürlich bewundere ich die Gebilde ihrer Kunst außerordentlich; aber noch viel mehr bewundere ich jenes kleine zwölfjährige Mädel, das in den Augen meiner Puppenschneiderin sitzt... Ach ja, in seltenen Stunden kommt sie wohl auch noch zu uns Erwachsenen, die große Illusion. Sie beschleicht uns in der Stille und legt von hinten her die Hände auf unsere Augen, daß sie die Wirklichkeiten der Welt nicht mehr sehen und nach innen in eine Welt des Scheines schauen. Aber nur zu bald rufen wir erkennend: »Du bist es!«, und die Hände lösen sich, und der Zauber ist gebrochen. Dem jungen Kinde hält sie lange und ganz die Augen zu; es sieht nichts als Schein, und tastend und tappend findet es den Weg durch die Wirklichkeiten. Aber langsam, nach und nach spreizt sie die Finger, und mehr und mehr dringt durch den rosigen Saum dieser Finger das Licht des Alltags ins Auge. Wir saßen einmal mit vieren unserer Kinder im Theater, als Schneewittchen gegeben wurde. Da beobachteten wir auf dem Wege durch vier Herzen und vier Köpfe den Gang des Lebens vom Schein zur Wirklichkeit. Hertha war damals noch das jüngste; und als Schneewittchen, mit giftigem Kamme gekämmt, tot zu Boden fiel, da sank unserer jüngsten das Köpfchen auf die Brust, und sie machte jene großen, melancholischen Augen, die so seltsam zu ihrer Wildheit kontrastieren. »Mutter«, flüsterte halb ängstlich, halb ruhig Irene, die Nächstältere. »Mutter, der Kamm ist doch nicht wirklich giftig, nicht wahr?« »Natürlich ist er giftig«, rief Hertha, »sonst wäre sie doch nicht tot!« Erasmus hörte nichts von diesem Gespräch, hörte überhaupt nichts von der Welt: seine Seele saß auf der Bühne zwischen den Spielenden, er wußte vollkommen, daß es ein Spiel war, aber dieses Spiel hielt ihn vollends gefangen. Gertrud aber blickte lächelnd und mütterlich auf ihre beiden Schwestern, und über ihre Wangen liefen zwei große Tränen, die um Schneewittchens Los geflossen waren. – So gibt es denn auch in der Kindheit der Märchen eine interessante Übergangszeit, da die Illusionsfähigkeit so weit geschwunden ist, daß die tote Puppe zwar noch genügt und gelegentlich erfreut, aber doch tief in den Schatten gestellt wird von dem warmen Realismus der lebendigen Puppen. Es ist die Zeit, da die Mädchen mit merkwürdiger Übereinstimmung und mit großer Bestimmtheit erklären, daß sie später einmal den Beruf der Kinderschwester ergreifen würden. Ein Baby, das Schwestern dieses Alters hat, kann immer darauf rechnen, nach allen Richtungen verzogen zu werden. Es kann mit Sicherheit darauf rechnen, daß alles an ihm ohne Einschränkung süß und entzückend gefunden wird, es möge tun und lassen, was es wolle. Wenn es »Dadada« sagt, so wird man ganz deutlich »Christine« heraushören, und wenn ihm eine Fliege auf der Nase sitzt, so wird man es ihm als einen himmlischen Einfall anrechnen. Aber das Baby darf nicht mit Sicherheit auf ein langes Leben rechnen. Es wird nicht zum Schlafen kommen, denn man wird es ununterbrochen – auch wenn man nur einen Kopf größer ist als das Baby – auf den Armen tragen, und das verträgt nicht mal ein Heldentenor; dafür wird man es freilich durch Nahrungsmittel in unbeschränkter Menge und Auswahl entschädigen. Wenn mehrere Vizemütter da sind, wird es wie ein Erisapfel zwischen ihnen hin und her rollen, ja es wird wie das Kind im salomonischen Urteil in die Gefahr kommen, halbiert oder gedrittelt oder gevierteilt zu werden. Und wenn das Haus kein eigenes Baby zur Verfügung hat, so werden sie aus der Nachbarschaft zusammengetragen, vierteldutzendweise, halbdutzendweise, lauter süße und himmlische Kinder. Wie oft bin ich nach Hause gekommen und habe meine Kindersammlung auf eine Weise vervollständigt gefunden, habe Säuglinge in allen Lebenslagen mit einer Familiarität behandelt und sich benehmen gesehen, daß ich mich erst durch längeres Nachzählen und Besinnen von meinem Schreck erholen konnte! Vor einigen Tagen haben die meinigen in der Nachbarschaft wieder ein reizendes Baby entdeckt, und seitdem können meine Frau und ich uns vor Reklamationen nicht retten. Warum wir denn nicht auch eins haben! Daß ich kein Pony anschaffen will, das können sie schließlich verstehen, denn das kostet Geld; aber Babys kann man doch jederzeit umsonst haben! Ich habe lange nachgedacht; aber die Sache würde ja nie ein Ende nehmen. Jedes von ihnen würde mehrere haben wollen, ein ganz neues, ein einjähriges, ein zweijähriges, einen Walter, eine Hulda, eine Marguerite und womöglich einen Unkas – kurz, ich würde sieben spanische Wände anschaffen müssen. Ein närrisches Volk, die Mädel, wenn sie mit Puppen spielen. Und doch, sooft ihr Eifer mich lachen macht, so komisch ihr Enthusiasmus, ihre Exaltationen und Ekstasen sind, so tiefernst nehme ich sie im Herzen. Schaut hin! In jedem Kindergesicht, das zärtlich auf eine Puppe blickt, ist bei aller Unschuld und Heiterkeit ein wundersamer Ernst; jedes Mädchenköpfchen, das sich liebend über eine Puppe neigt, läßt die künftige Mutter ahnen.