Selma Lagerlöf Die Silbergrube und andere Erzählungen   Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen von Marie Franzos   Albert Langen / München 1930   1.-8. Tausend Printed in Germany   Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung, Dramatisierung und Verfilmung vorbehalten. Radiosendung nur mit Genehmigung der Gesellschaft für Senderechte gestattet     Die ersten fünf Geschichten dieses Bandes sind früher in einem nun seit Jahrzehnten vergriffenen Einzelbändchen deutsch erschienen und waren seitdem nur in Band IX der »Gesammelten Werke« zugänglich. Die übrigen vierzehn Beiträge dieses Bandes erscheinen hier zum erstenmal in einer deutschen Einzelausgabe.     Die Silbergrube König Gustav III. machte eine Reise durch Dalekarlien. Er hatte es eilig und wollte den ganzen Weg wie im Flug durchfahren. Und als sie mit solcher Eile dahinrasten, daß die Pferde wie gestreckte Riemen den Weg entlang lagen und der Wagen an den Biegungen auf zwei Rädern stand, da steckte der König den Kopf durchs Wagenfenster und rief dem Kutscher zu: »Warum sputet er sich denn nicht? Glaubt er etwa, daß er eine Eierschale fährt?« Da sie in so toller Hast über schlechte Landstraßen fuhren, wäre es beinahe ein Wunder gewesen, wenn Zaumzeug und Wagen gehalten hätten. Das konnten sie denn auch nicht; am Fuße eines steilen Hügels brach die Deichselstange, und da saß nun der König. Des Königs Kavaliere sprangen aus dem Wagen und schalten den Kutscher, aber das machte den Schaden nicht geringer. Es gab keine Möglichkeit für den König, die Reise fortzusetzen, ehe nicht der Wagen instand gesetzt war. Als die Hofherren sich umsahen, um etwas ausfindig zu machen, was den König zerstreuen könnte, indes er wartete, sahen sie aus einem Gehölz, das ein Stück weit am Wege lag, einen Kirchturm aufragen. Sie schlugen dem König vor, sich in einen der Wagen zu setzen, in denen der Hofstaat fuhr, und zur Kirche zu fahren. Sonntag war es, und der König könnte ja dem Gottesdienst beiwohnen, damit die Zeit verginge, bis die große königliche Karosse fertig wäre. Der König ging auf den Vorschlag ein und fuhr zur Kirche. Vorher war der König viele Stunden lang durch dunkle Waldgegenden gefahren, hier sah es fröhlicher aus; große Felder und Dörfer und der Dalstrom, der hell und prächtig zwischen gewaltigen Massen von Erlengebüsch dahinglitt. Nur hatte der König insofern Unglück, als der Küster gerade in dem Augenblick, in dem der König auf dem Kirchenhügel aus dem Wagen stieg, den Schlußpsalm anstimmte und das Volk schon die Kirche zu verlassen begann. Als die Menschen so an ihm vorübergingen, blieb der König mit dem einen Fuß im Wagen und dem andern auf dem Trittbrett stehen und rührte sich nicht vom Fleck, sondern betrachtete sie. Das waren die schmucksten Leute, die der König je gesehen hatte. Die Burschen waren alle über gewöhnliche Manneshöhe, mit klugen, ernsten Gesichtern, und die Frauen kamen so stattlich und würdig gegangen, daß der König fand, es könnte ihnen wohl anstehen, im feinsten Schloß zu wohnen. Den ganzen vorhergehenden Tag hatte sich der König vor der öden Gegend geängstigt, durch die er gekommen war, und er hatte einmal übers andre zu seinen Kavalieren gesagt: »Jetzt fahre ich gewiß durch den allerärmsten Teil meines Reichs.« Aber als er nun das Volk in der schmucken Kirchspieltracht sah, da vergaß er, an Armut zu denken. Es wurde ihm im Gegenteil warm ums Herz, und er sagte zu sich selbst: »Mit dem König von Schweden steht es nicht so schlimm, wie seine Feinde glauben. So lange meine Untertanen so aussehen, werde ich wohl noch imstande sein, meinen Glauben und mein Land zu verteidigen.« Er befahl den Hofherren, dem Volk zu verkündigen, daß der Fremde, der mitten unter ihnen stünde, ihr König sei, und daß sie sich um ihn versammeln sollten, damit er zu ihnen reden könne. Und nun hielt der König eine Ansprache an das Volk. Er sprach von der hohen Treppe vor der Sakristei, und die schmale Treppenstufe, auf der er stand, ist noch heute erhalten. Der König begann darzulegen, wie schlimm es im Reiche stünde. Er sagte, daß die Schweden von den Russen und Dänen mit Krieg bedrängt würden. Dies wäre unter andern Umständen nicht so gefährlich, aber im Kriegsheere gäbe es viele Verräter, und der König habe keine Armee, auf die er sich verlassen könne. Darum sei ihm nichts übrig geblieben, als selbst hinaus in die Provinzen zu ziehen und seine Untertanen zu fragen, ob sie sich den Verrätern anschließen, oder dem König treu sein und ihm mit Leuten und Geld helfen wollten, das Vaterland zu befreien. Die Bauern verhielten sich ganz still, während der König sprach, und als er geschlossen hatte, gaben sie kein Zeichen der Zustimmung oder des Mißfallens. Dem König schien es selbst, daß er sehr beredt gewesen sei. Die Tränen waren ihm mehrere Male in die Augen getreten, während er gesprochen hatte. Aber als die Bauern noch immer ängstlich und unschlüssig dastanden und sich nicht entschließen konnten, ihm zu antworten, runzelte er die Stirn und sah mißvergnügt drein. Die Bauern begriffen, daß es dem König schwer fallen müßte, zu warten, und endlich trat einer von ihnen aus der Menge hervor. »Nun mußt Du wissen, König Gustav, daß wir heute keinen Königsbesuch im Kirchspiel erwarteten,« sagte der Bauer, »und darum sind wir auch nicht sogleich bereit, Dir zu antworten. Ich will Dir raten, daß Du in die Sakristei gehst und mit unserm Pfarrer sprichst, während wir miteinander das beratschlagen, was Du uns vorgelegt hast.« Der König begriff, daß er fürs erste keinen besseren Bescheid erlangen könne, und fand es am klügsten, den Rat des Bauern zu befolgen. Als er in die Sakristei kam, war niemand da außer einem, der wie ein alter Bauer aussah. Er war groß und grobknochig, mit derben Händen, die von harter Arbeit schwielig waren, und trug weder Kragen noch Mantel, sondern Lederhosen und einen langen, weißen Schafpelz wie alle die andern Männer. Er stand auf und verneigte sich vor dem König, als dieser eintrat. »Ich glaubte, ich würde den Pfarrer hier finden,« sagte der König. Der andre wurde ein wenig rot. Er fand es peinlich, zu sagen, daß er selbst der Seelsorger dieser Gemeinde sei, da er sah, daß der König ihn für einen Bauer hielt. »Ja, der Pfarrer pflegt um diese Zeit hier zu sein,« sagte er. Der König ließ sich in einem großen, hocharmigen Lehnstuhl nieder, der dazumal in der Sakristei stand und noch heutigen Tags dasteht und ganz unverändert ist; nur eine vergoldete königliche Krone hat die Gemeinde an der Rückenlehne anbringen lassen. »Habt Ihr einen guten Pfarrer hier im Kirchspiel?« fragte der König. Er wollte versuchen, Anteilnahme an dem Schicksal der Bauern zu zeigen. Als der König ihn so fragte, schien es dem Pastor unmöglich, zu sagen, wer er sei. Es ist besser, der König bleibt bei seinem Glauben, daß ich nur ein Bauer bin, dachte er und antwortete, der Pfarrer sei gut genug. Er predige Gottes Wort rein und klar, und er versuche zu leben, wie er lehre. Der König fand, dies sei eine gute Auskunft, aber er hatte ein scharfes Ohr und merkte ein gewisses Zögern im Ton. »Das klingt so, als wäre er doch nicht so recht mit dem Pfarrer zufrieden,« sagte er. »Er ist wohl ein bißchen eigenwillig,« sagte der Pastor. Er dachte, sollte der König doch erfahren, wer er sei, dann würde es diesem sicher nicht gefallen, daß er da gestanden und nur sich selbst gelobt hätte; und darum wollte er sich auch mit ein wenig Tadel hervorwagen. »Es gibt Leute, die vom Pfarrer sagen,« fuhr er fort, »daß er ganz allein dieses Kirchspiel lenken und regieren will.« »Dann hat er es auf jeden Fall aufs beste geführt und geleitet,« sagte der König. Es wollte ihm nicht gefallen, daß dieser Bauer sich über den beklagte, der über ihn gesetzt war. »Mich dünkt, hier sieht es aus, als herrschten gute Sitten und altväterische Schlichtheit.« »Das Volk ist brav,« sagte der Pastor, »aber es lebt auch fern von der Welt in Armut und Abgeschiedenheit. Die Menschen hier würden wohl auch nicht besser sein als andre, wenn die Versuchungen dieser Welt ihnen näher kämen.« »Nun, es ist ja wohl keine Gefahr vorhanden, daß das geschieht,« sagte der König und zuckte die Achseln. Er fand, daß er an einen geraten war, der sich unnötige Sorgen machte. Der König sagte nichts weiter, sondern begann mit den Fingern auf dem Tische zu trommeln. Er meinte, daß er genug gnädige Worte mit diesem Bauer gewechselt hätte, und begann sich zu wundern, wann wohl die andern bereit sein würden, ihm Antwort zu geben. Diese Bauern sind nicht sehr eifrig, ihrem König zu Hilfe zu kommen, dachte er. Wenn ich nur meinen Wagen hätte, so würde ich von ihnen und allen ihren Beratschlagungen fort meiner Wege fahren. Der Pastor hinwiederum saß bekümmert da und kämpfte mit sich selbst, wie er eine wichtige Sache, mit der er zu Ende kommen mußte, entscheiden solle. Er fing an, sich zu freuen, daß er dem König nicht gesagt hatte, wer er sei. Nun konnte er mit ihm über das reden, was er sonst nicht hätte zur Sprache bringen können. Nach einer kleinen Weile brach der Pfarrer das Stillschweigen und fragte den König, ob es sich wirklich so verhielte, wie er ihn eben habe sagen hören, daß die Feinde Schweden bedrohten und das Reich in Gefahr sei. Der König meinte, daß dieser Mann soviel Verstand haben könnte, ihn nicht weiter zu stören. Er sah ihn groß an und antwortete nicht. »Ich frage, weil ich hier drinnen stand und vielleicht nicht ganz richtig hören konnte,« sagte der Pastor. »Aber wenn es sich wirklich so verhält, dann will ich sagen, daß der Pfarrer dieser Gemeinde vielleicht imstande wäre, dem König mehr Geld zu verschaffen als er benötigt.« »Mich dünkt, er sagte doch ganz kürzlich, daß alle hier so arm seien,« erwiderte der König und dachte, der Bursche wisse wohl selbst nicht, was er schwätze. »Ja, das ist wahr,« versetzte der Pastor, »und der Pfarrer hat auch nicht mehr als irgendein andrer. Aber wenn der König so gnädig sein will, mich ein Weilchen anzuhören, dann will ich erzählen, wie es kommt, daß der Pfarrer die Macht hat, ihm zu helfen.« »Er mag sprechen,« sagte der König. »Es scheint ihm leichter zu fallen, die Worte über die Lippen zu bringen, als seinen Freunden und Nachbarn draußen, die wohl nie mit dem zu Ende kommen, was sie mir zu sagen haben.« »Es ist nicht so leicht, dem König zu antworten,« sagte der Pastor. »Ich fürchte, daß es schließlich der Pfarrer auf sich nehmen muß, es für die andern zu tun.« Der König legte ein Bein über das andre, drückte sich tief in den Lehnstuhl, kreuzte die Arme und ließ den Kopf auf die Brust sinken. »Nun kann er beginnen,« sagte er in einem Tone, als schliefe er schon. »Es waren einmal fünf Männer aus diesem Kirchspiel, die auf die Elenjagd in den Wald zogen,« begann der Pastor. »Einer von ihnen war der Pfarrer, von dem wir sprachen. Zwei von den andern waren Soldaten und hießen Olof und Erik Svärd, der vierte der Männer war ein Gastwirt hier im Kirchdorf und der fünfte war ein Bauer, der Israels Person hieß.« »Er braucht sich nicht die Mühe zu machen, so viele Namen aufzuzählen,« murmelte der König und ließ den Kopf auf die eine Seite sinken. »Diese Männer waren gute Jäger,« fuhr der Pastor fort, »und sie pflegten sonst Glück zu haben. Aber an diesem Tage waren sie weit und breit umhergezogen, ohne etwas anzutreffen. Endlich hörten sie völlig zu jagen auf und setzten sich nieder, um zu plaudern. Sie sprachen davon, daß es im Walde keine Stelle gäbe, die sich urbar machen ließe, alles sei nur Felsen und Morast. ›Unser Herrgott hat nicht gerecht an uns gehandelt, daß er uns ein so karges Land gegeben hat,‹; sagte einer von ihnen. ›Anderswo können die Menschen sich Reichtum und Überfluß verschaffen, aber hier vermögen wir uns mit knapper Not unser tägliches Brot zu erarbeiten.‹;« Der Pastor hielt einen Augenblick inne, gleichsam im Zweifel, ob der König ihn auch höre, aber der König machte eine Bewegung mit dem kleinen Finger, um ihm zu bedeuten, daß er noch wach sei. »Gerade als die Bauern so sprachen, merkte der Pfarrer, daß es zwischen den Felsen an einer Stelle glitzerte, wo er zufällig mit dem Fuß das Moos weggestoßen hatte. Das ist doch ein merkwürdiger Stein, dachte er und stieß noch ein Mooshügelchen weg. Er nahm einen Steinsplitter auf, der am Moose hängen geblieben war und ebenso glänzte wie alles andre. ›Es ist doch wohl nicht möglich, daß dies hier Blei sein kann?‹; sagte er. Nun sprangen die andern auf und stießen das Moos mit den Büchsenkolben bei Seite. Und als sie das getan hatten, war es prächtig zu sehen, wie eine breite Erzader sich durch das Gestein zog. ›Was glaubt ihr, daß dies sein kann?‹; sagte der Pfarrer. Die Männer schlugen Steinsplitter los und bissen hinein. ›Das muß wenigstens Blei oder Zink sein,‹; sagten sie. ›Und der ganze Berg ist voll davon,‹; sagte der Pfarrer.« Als der Pastor in seiner Erzählung so weit gekommen war, sah man, wie der Kopf des Königs sich ein wenig hob und ein Auge sich öffnete. »Weiß er, ob einer dieser Leute sich auf Erze und Gesteine verstand?« fragte er. – »Nein, davon verstanden sie nichts,« antwortete der Pastor. Da sank der Kopf des Königs hinab, und seine beiden Augen schlossen sich wieder. »Sowohl der Pfarrer wie die, welche mit ihm waren, freuten sich sehr,« fuhr der Pastor fort, ohne sich durch die Gleichgültigkeit des Königs irre machen zu lassen. »Sie dachten, daß sie nun das gefunden hätten, was sie reich machen könnte und ihre Nachkommen ebenfalls! ›Nie mehr werde ich zu arbeiten brauchen!‹; sagte einer von den Soldaten, ›ich werde die ganze Woche nichts tun und am Sonntag in einer goldenen Kutsche zur Kirche fahren!‹; Es waren sonst verständige Leute, aber der große Fund war ihnen zu Kopf gestiegen, so daß sie wie Kinder sprachen. So viel Besinnung hatten sie doch, daß sie das Moos wieder zurechtlegten und den Schatz verbargen. Dann merkten sie sich genau den Platz, wo er sich befand, und gingen heim. Bevor sie sich trennten, bestimmten sie, daß der Pfarrer nach Falun fahren und den Berghauptmann fragen solle, was dies für ein Erz sei. Er sollte sobald als möglich zurückkommen, und bis dahin gelobten sie einander mit heiligen Eiden, keinem Menschen zu verraten, wo das Erz zu finden sei.« Der Kopf des Königs hob sich wieder ein wenig, aber er unterbrach den Erzähler mit keinem Wort. Er schien jetzt zu glauben, daß der andre ihm wirklich etwas Wichtiges zu sagen haben müsse, da er sich durch seine Gleichgültigkeit so gar nicht stören ließ. »Nun machte sich der Pfarrer mit ein paar Erzproben in der Tasche auf den Weg. Er war ebenso froh, reich zu werden, wie irgend einer der andern. Er dachte daran, daß er den Pfarrhof umbauen wollte, der jetzt um nichts besser war als eine Bauernhütte; und dann wollte er sich mit einer Propsttochter verheiraten, der er gut war. Bis dahin hatte er gedacht, daß er lange auf sie warten müßte. Er war arm und unbekannt, er wußte, daß es lange währen würde, bis er eine Stelle bekäme, die es ihm möglich machte, zu heiraten. »Der Pfarrer fuhr zwei Tage lang nach Falun, und einen Tag mußte er dort umhergehen und warten, weil der Berghauptmann verreist war, und an jemand andern wagte er sich nicht zu wenden. Endlich konnte er ihn sprechen und zeigte ihm die Erzstücke. Der Berghauptmann nahm sie in die Hand. Er sah zuerst sie an, dann den Pfarrer. Der Pfarrer erzählte, daß er sie in seinem heimatlichen Kirchspiel in einem Felsen gefunden habe, und meinte, ob es nicht Blei sein könne. ›Nein, Blei ist es nicht,‹; sagte der Berghauptmann. ›Also ist es vielleicht Zink?‹; fragte der Pfarrer. ›Zink ist es auch nicht,‹; sagte der Berghauptmann. Dem Pfarrer war zumute, als ob seine ganze Hoffnung zu Boden sänke, so verzagt hatte er sich so manchen lieben Tag nicht gefühlt. ›Habt ihr viel solche Steine in euerem Kirchspiel?‹; fragte der Berghauptmann. ›Wir haben einen ganzen Berg,‹; sagte der Pfarrer. Da ging der Berghauptmann auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: ›Dann seht zu, daß ihr einen solchen Gebrauch davon macht, daß es euch selbst und dem Lande zum Nutzen gereicht, denn dies ist Silber!‹; ›Ja so,‹; stammelte der Pfarrer ganz verwirrt. ›Ja so, es ist Silber.‹; Der Berghauptmann begann, ihm zu erklären, was er zu tun hätte, um sich ein gesetzliches Recht auf die Grube zu verschaffen, und gab ihm viele gute Ratschläge, aber der Pfarrer stand, ganz wirr im Kopfe, da und hörte nicht zu, was er sagte. Er dachte, wie unglaublich dies sei, daß daheim in seinem armen Kirchspiel ein ganzer Berg mit Silbererzen läge und auf ihn wartete.« Der König erhob so heftig den Kopf, daß der Pastor sich unterbrach. »Es kam wohl so,« sagte der König, »daß, als er nach Hause zurückkehrte und anfing, die Grube zu bearbeiten, er merkte, daß der Berghauptmann seinen Spaß mit ihm getrieben hatte.« »Ach nein, der Berghauptmann hatte ihn durchaus nicht zum besten gehabt,« sagte der Pastor. »Er kann fortfahren,« sagte der König und setzte sich wieder zurecht, um zuzuhören. »Als der Pfarrer endlich zu Hause war und durch sein heimatliches Kirchspiel fuhr,« hob der Pastor wieder an, »war er sich klar, daß er vor allem seine Kameraden von der Entdeckung benachrichtigen müßte.« »Er wollte wohl ihr Glück sehen,« fiel der König ein. »Ja, das wollte er, und da er an dem Hause des Gastwirts Sten Stensons vorüberfuhr, beabsichtigte er, bei ihm einzukehren und ihm zu erzählen, daß das, was sie gefunden hatten, Silber sei. Aber als er vor dem Tore Halt machte, sah er, daß Laken vor den Fenstern hingen, und daß ein breiter Weg von gehacktem Tannenreisig zur Treppe hinaufführte. ›Wer ist denn hier im Hause gestorben?‹; fragte der Pfarrer einen Jungen, der am Zaune lehnte. ›Der Gastwirt selber,‹; antwortete der Junge. Und dann erzählte er dem Pfarrer, daß der Gastwirt sich seit einer Woche jeden Tag betrunken habe. ›Ach, der viele Branntwein, der viele Branntwein, der hier draufgegangen ist!‹; sagte der Junge. – ›Woher mag das kommen?‹; fragte der Pfarrer. ›Der Gastwirt pflegte sich doch sonst niemals zu betrinken.‹; ›Ja,‹; sagte der Junge, ›er trank, weil er behauptete, daß er eine Grube gefunden habe. Er sei so steinreich,‹; sagte er. ›Er brauche niemals mehr etwas andres zu tun, als zu saufen. Und gestern abend fuhr er fort, betrunken wie er war; der Wagen warf um, und er fiel sich zu Tode.‹; Als der Pfarrer das gehört hatte, fuhr er heimwärts. Er war sehr betrübt über das, was er gehört hatte. Er war ja so vergnügt gekommen und hatte sich so sehr gefreut, die große Neuigkeit zu erzählen. Als der Pfarrer ein paar Schritte weiter gefahren war, sah er Israels Per Person herankommen. Er sah ganz wie immer aus, und der Pfarrer dachte, es sei gut, daß ihm nicht auch das Glück zu Kopfe gestiegen war. Ihn wollte er sogleich mit der Nachricht erfreuen, daß er nun ein reicher Mann sei. ›Guten Tag,‹; sagte Per Person, ›kommst du von Falun?‹; – ›Ja, daher komme ich,‹; sagte der Pfarrer, ›und nun will ich dir sagen, daß es dort besser gegangen ist, als wir uns dachten; der Berghauptmann sagte, daß das, was wir gefunden haben, Silber sei.‹; In demselben Augenblick sah Per Person aus, als hätte sich die Erde vor ihm aufgetan. ›Was sagst du, was sagst du? Es ist Silber?‹; – ›Ja,‹; antwortete der Pfarrer, ›wir werden nun reiche Leute, wir alle, und können wie Herrschaften leben!‹; – ›Nein, es ist Silber!‹; sagte Per Person noch einmal und sah immer betrübter aus. – ›Ja, gewiß ist es Silber,‹; antwortete der Pfarrer, ›du darfst nicht glauben, daß ich dich betrügen will. Du brauchst dich nicht zu fürchten, froh zu sein.‹; – ›Froh,‹; sagte Per Person, ›wie sollte ich froh sein. Ich glaubte, es sei nur Katzengold, und so meinte ich, ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach. Ich habe meinen Anteil an der Grube für hundert Taler an Olof Svärd verkauft.‹; Er war ganz verzweifelt, und als der Pfarrer von ihm fortfuhr, blieb er auf der Landstraße stehen und weinte. Als der Pfarrer heim auf seinen Hof kam, schickte er einen Knecht zu Olof Svärd und seinem Bruder, um ihnen sagen zu lassen, daß das, was sie gefunden hatten, Silber sei. Er fand, daß er nun genug davon hätte, die gute Neuigkeit selbst zu verbreiten. Aber als der Pfarrer am Abend allein daheim saß, da kam die Freude wieder zu ihrem Recht. Er ging in die Dunkelheit hinaus und stellte sich auf den Hügel, wo er das neue Pfarrhaus anzulegen gedachte. Es sollte stattlich werden, das wollte er meinen, ebenso prächtig wie ein Bischofsitz. Er blieb lange draußen stehen in dieser Nacht, und er begnügte sich nicht damit, ein neues Pfarrhaus zu bauen. Es fiel ihm ein, daß, wenn so viel Reichtum von dieser Gegend ausginge, die Leute herbeiströmen müßten, und schließlich würde vielleicht eine ganze Stadt rings um die Grube im Walde gebaut werden. Und dann würde er gezwungen sein, in dieser Stadt eine neue Kirche zu errichten. Dafür würde wohl ein großer Teil seines Reichtums draufgehen. Aber er war auch damit noch nicht zufrieden, sondern dachte sich, daß, wenn seine Kirche fertig wäre, der König und viele Bischöfe kommen würden, um sie einzuweihen; und dann würde der König sich sehr über die Kirche freuen, aber er würde einwenden, daß für ihn, den König, keine rechte Unterkunft in der Stadt sei. Und dann würde er dem König in der neuen Stadt ein Schloß bauen müssen.« Einer der Kavaliere des Königs öffnete jetzt die Tür zur Sakristei und meldete, daß die große königliche Karosse instand gesetzt sei. Der König war im ersten Augenblick bereit, sich zu erheben, aber dann besann er sich anders. »Er soll seine Geschichte zu Ende erzählen,« sagte er zum Pastor. »Aber er kann sich kürzer fassen. Wir wissen schon, wie ein Mensch träumt und denkt. Wir wollen erfahren, wie er handelt.« »Aber als der Pfarrer noch in diese Träume versunken dasaß,« fuhr der Pastor fort, »bekam er Botschaft, daß Israels Per Person sich selbst das Leben genommen habe. Er hatte es nicht ertragen können, daß er seinen Anteil an der Grube verkauft hatte. Er meinte wohl, daß er es nicht aushalten könne, sein ganzes Leben lang einherzugehen und zu sehen, wie ein andrer sich an dem Reichtum freute, der ihm hätte gehören können.« Der König rückte sich ein wenig auf seinem Sitz zurecht. Er hatte beide Augen aufgeschlagen. »Meiner Treu,« sagte er, »wenn ich dieser Pfarrer gewesen wäre, ich glaube, ich hätte an der Grube genug gehabt.« »Der König ist ein reicher Mann,« sagte der Pastor. »Er hat auf jeden Fall genug und übergenug. Anders steht es mit einem armen Pfarrer, der nichts sein eigen nennt. So einer fängt an nachzugrübeln, wenn er sieht, daß Gottes Segen nicht auf seinem Vorhaben ruht: ich will nicht mehr daran denken, selbst Ehre und Nutzen aus diesen Reichtümern zu ziehen. Aber ich kann doch das Silber nicht in der Erde liegen lassen. Ich muß es zum Besten der Armen und Notleidenden heben. Ich will es tun, um dem ganzen Kirchspiel zu helfen.« Darum ging der Pfarrer eines Tages zu Olof Svärd hinüber, um mit ihm und seinem Bruder zu besprechen, was sie zunächst mit dem Silberbergwerk vornehmen sollten. Als er in die Nähe von Olofs Behausung kam, begegnete er einem Karren, um den Männer mit Flinten in den Händen herumgingen, so, als hielten sie Wacht. Und auf dem Karren saß einer, dem die Hände rücklings gebunden waren und der Fesseln an den Fußknöcheln trug. Als der Pfarrer vorbeikam, machte der Karren Halt, so daß er Zeit hatte, den Gefangenen zu betrachten. Sein Kopf war verbunden, so daß es nicht leicht war, zu erkennen, wer es sei, aber der Pfarrer glaubte doch, daß dies Olof Svärd sein müsse. Er hörte den Gefangenen seine Wächter bitten, ihn ein paar Worte mit dem Pfarrer sprechen zu lassen. Er trat darum näher, und der Gefangene wendete sich an ihn. ›Nun bist du der einzige, der weiß, wo der Silberberg ist,‹; sagte Olof. ›Was sagst du da, Olof?‹; fragte der Pfarrer. ›Ja, siehst du, Pfarrer, seit wir erfahren hatten, daß wir einen Silberberg haben, konnten mein Bruder und ich nicht mehr so gut Freund sein wie früher; wir gerieten stets in Zank. Und gestern abend stritten wir, wer von uns zuerst die Grube gefunden hätte, oder war es etwas andres, worüber wir zankten, kurz, wir kamen in Zwist, und ich habe meinen Bruder erschlagen, und er hat mir auch einen tüchtigen Denkzettel hier über die Stirn gegeben. Und nun komme ich an den Galgen, und du bist dann der einzige, der etwas von der Grube weiß. Deshalb will ich dich um etwas bitten.‹; ›Sprich nur frei heraus,‹; sagte der Pfarrer. ›Ich will für dich tun, was ich kann.‹; ›Du weißt, daß ich viele kleine Kinder hinterlasse,‹; begann der Soldat, aber der Pfarrer fiel ihm ins Wort. ›Was das betrifft, so kannst du ruhig sein. Was auf deinen Anteil an der Grube kommt, werden sie erhalten, ganz als wenn du selbst am Leben wärest.‹; ›Nein,‹; sagte Olof Svärd, ›ich wollte dich um etwas andres bitten. Laß keinen von ihnen teil an dem haben, was aus dieser Grube kommt.‹; Der Pfarrer zuckte zusammen, er blieb stumm stehen und konnte nichts antworten. ›Wenn du mir das nicht versprichst, kann ich nicht ruhig sterben,‹; sagte der Gefangene. ›Ja,‹; sagte der Pfarrer leise und mühsam, ›ich will dir versprechen, was du von mir verlangst.‹; Darauf wurde der Mörder fortgeführt, und der Pfarrer stand auf der Landstraße und dachte nach, wie er das Versprechen halten könne, das er ihm gegeben hatte. Den ganzen Heimweg dachte er an den Reichtum, über den er sich gefreut hatte. Aber wenn es nun so war, daß das Volk dieser Gemeinde den Reichtum nicht vertrug? Jetzt waren schon vier verdorben, die früher stolze und prächtige Männer gewesen waren. Er glaubte, die ganze Gemeinde vor sich zu sehen, und er stellte sich vor, wie diese Silbergrube einen nach dem andern zugrunde richten würde. Sollte er, der eingesetzt war, die Seelen dieser armen Menschen zu hüten, das über sie bringen, was ihr Untergang sein mußte?« Der König saß auf einmal ganz aufrecht und starrte den Sprecher an. »Ich muß sagen,« sagte er, »er läßt mich begreifen, daß ein Pfarrer in diesem abgeschiedenen Dorfe ein ganzer Kerl sein muß.« »Es war noch nicht genug an dem, was schon geschehen war,« fuhr der Pastor fort, »sondern sobald die Neuigkeit von der Grube sich unter den Kirchspielbewohnern verbreitete, hörten sie auf zu arbeiten und gingen müßig umher und warteten auf die Zeit, wo der große Reichtum sich über sie ergießen würde. Alle Landstreicher, die es in der Gegend gab, strömten herbei, und der Pfarrer mußte beständig von Trunksucht und Schlägereien hören. Eine Menge Leute tat nichts andres, als im Walde herumstreichen und nach der Grube suchen, und der Pfarrer merkte, daß, sobald er seine Behausung verließ, ihm Menschen nachschlichen, um auszukundschaften, ob er sich zum Silberberg begäbe, und ihm so sein Geheimnis zu stehlen. Als die Dinge so standen, rief der Pfarrer die Bauern zusammen. Zuerst erinnerte er sie an all das Unglück, das die Entdeckung des Silberbergs über sie gebracht hatte, und fragte sie, ob sie sich zugrunde richten lassen oder sich selbst retten wollten. Dann sagte er ihnen, daß sie von ihm, der ihr Pfarrer sei, nicht erwarten dürften, daß er zu ihrem Untergang beitragen werde; er habe beschlossen, keinem Menschen zu verraten, wo der Silberberg sich befinde, und niemals wolle er selbst Reichtümer daraus heben. Und dann fragte er die Bauern, wie sie es in Zukunft halten wollten. Wenn sie fortfahren wollten, nach der Grube zu suchen und auf Reichtümer zu warten, dann wolle er so weit fortziehen, daß ihn niemals das Gerücht von ihrem Elend erreichen könne. Aber wenn sie es aufgeben wollten, an die Silbergrube zu denken, und wieder werden, wie sie zuvor gewesen, dann wolle er bei ihnen bleiben. ›Aber wie ihr euch auch entscheiden mögt,‹; sagte der Pfarrer, ›so wisset das eine, daß von mir niemand je etwas über den Silberberg erfährt.‹;« »Nun,« sagte der König, »wie entschieden sich die Bauern?« »Sie taten, wie ihr Pfarrer wollte,« sagte der Pastor. »Sie fanden, daß dies eines Mannes Rede sei, und versprachen, nicht mehr an den Silberberg zu denken. Sie sahen ein, daß der Pfarrer es gut mit ihnen meinte, da er um ihretwillen arm bleiben wollte. Und sie faßten großes Vertrauen zu ihm. Und sie gaben ihrem Pfarrer den Auftrag, in den Wald zu gehen und die Grube mit Reisig und Steinen wohl zu verbergen, so daß niemand sie finden könne, nicht sie und nicht ihre Nachkommen.« »Und seitdem hat der Pfarrer hier ebenso arm gelebt wie die andern?« »Ja,« antwortete der Pastor, »er hat hier ebenso arm gelebt wie die andern.« »Er hat aber doch geheiratet und sich einen neuen Pfarrhof gebaut,« sagte der König. »Nein, er hat nicht die Mittel gehabt zu heiraten, und er wohnt in der alten Hütte.« »Das ist eine schöne Geschichte, die er mir da erzählt hat,« sagte der König und neigte dankbar das Haupt. Der Pastor stand schweigend vor dem König. Nach einigen Augenblicken fuhr dieser fort: »Dachte er an das Silberbergwerk, als er sagte, daß der hiesige Pfarrer mir so viel Geld verschaffen könne, als ich brauche?« »Ja,« sagte der andre. »Aber ich kann ihm nicht Daumschrauben anlegen,« sagte der König, »und wie will er sonst, daß ich einen solchen Mann dazu bringe, mir den Berg zu zeigen? Er hat ja auf seine Liebste und allen Wohlstand des Lebens verzichtet.« »Das ist etwas andres,« sagte der Pastor, »wenn das Vaterland den Schatz braucht, so gibt er wohl nach.« »Steht er mir dafür ein?« fragte der König. »Ja, dafür stehe ich ein,« sagte der Pastor. »Kümmert er sich denn nicht darum, wie es seinen Pfarrkindern ergeht?« »Das muß in Gottes Hand stehen.« Der König erhob sich von dem Stuhle und trat ans Fenster. Da stand er eine Weile und sah auf die Volksmenge draußen. Je länger er hinblickte, desto heller begannen seine großen Augen zu leuchten, und seine schmächtige Gestalt schien zu wachsen. »Er kann dem Pfarrer dieser Gemeinde sagen,« sprach der König, »daß es für Schwedens König keinen schöneren Anblick gibt, als ein Volk wie dieses zu sehen.« Darauf wendete sich der König vom Fenster ab und sah den Pastor an. Ein Lächeln flog über seine Züge. »Steht es so, daß der Pfarrer dieser Gemeinde so arm ist, daß er die schwarzen Kleider ablegt, wenn der Gottesdienst zu Ende ist, und sich wie ein Bauer kleidet?« fragte der König. »Ja, so arm ist er,« sagte der Pastor, und die Röte schoß ihm in das grobe Gesicht. Der König trat wieder ans Fenster. Man sah es ihm an, daß er in bester Stimmung war. Alles, was Edles in ihm schlummerte, war zum Leben erweckt worden. »Er soll diese Grube in Frieden ruhen lassen,« sagte der König. »Da er ein ganzes Leben lang gedarbt und gearbeitet hat, um das Volk hier so zu machen, wie er es haben will, so soll er es so behalten, wie es nun ist.« »Aber wenn das Reich in Gefahr ist?« sagte der Pastor. »Dem Reich ist besser mit Menschen als mit Geld gedient,« meinte der König. Und als er dies gesagt hatte, nahm er von dem Pastor Abschied und verließ die Sakristei. Draußen stand die Volksmenge ebenso stumm und wortkarg, wie bei seinem Eintritt. Aber als der König die Treppe hinabstieg, kam ihm ein Bauer entgegen. »Hast du nun mit unserem Pfarrer gesprochen?« fragte der Bauer. »Ja,« sagte der König, »ich habe mit ihm gesprochen.« »Dann hast du wohl auch unseren Bescheid bekommen,« erwiderte der Bauer. »Wir baten dich, einzutreten und mit unserem Pfarrer zu sprechen, weil er dir unsere Antwort bringen sollte.« Schwester Olives Geschichte Es war auf dem Hinterdeck eines großen ausländischen Dampfschiffs, wo Menschen aus den verschiedensten Weltgegenden versammelt waren. Die meisten waren Engländer oder konnten wenigstens englisch sprechen, aber es gab auch unter den Reisenden einige, die französisch sprachen, und diese waren durch die Sprache zusammengeführt worden und bildeten meistens eine Gruppe für sich. Da saßen also ein paar ältere Franzosen, ein Offizier und ein Konsul, ein paar belgische Damen, eine italienische barmherzige Schwester, ein alter französischer Geistlicher und ein junger Pariser, der Künstler zu sein schien, Maler oder Bildhauer, oder was er sonst sein mochte. Eines Abends saßen die beiden älteren Herren beisammen und sprachen von den Engländern. Sie machten eine kleine Studie über sie, so wie Franzosen es zu tun pflegen, und verglichen sie in sehr liebenswürdiger und amüsanter Weise mit sich selbst. Aber plötzlich mischte sich eine der Damen ins Gespräch. »Nein, meine Herren,« sagte sie, »Sie haben noch nicht erwähnt, worin der wesentlichste Unterschied zwischen den Engländern und Ihnen besteht.« »Ach,« sagte der alte Herr, den man Konsul nannte, »den allerwesentlichsten Unterschied, haben Sie ihn etwa herausgefunden?« »Ja, ich habe ihn herausgefunden. Er besteht darin, daß sie alle einen inneren Beruf haben. Fragen Sie nur, dann werden Sie schon hören. Alle hier an Bord haben einen inneren Beruf. Einer will uns Kaninchen züchten lehren, ein andrer niemals Fleisch essen. Dieser Herr beabsichtigt, die Türken zu bekehren, und der dort drüben will ein Lufttorpedo erfinden.« »Nun, und wir,« sagte der Konsul und warf einen raschen Blick auf seine Reisegefährten, »uns fehlt es doch auch nicht an Menschen mit innerem Beruf.« »O doch,« sagte die kleine Belgierin, »Ihr bleibt in dem Stand, in dem Ihr geboren seid, oder Ihr werdet, was Eure Eltern wünschen, daß Ihr werden sollt. Ihr laßt Euch vom Leben leiten. Aber diese andern wollen das Leben und uns alle ins Schlepptau nehmen und uns führen, wohin sie wollen.« »Nun ja,« sagte der Offizier, »Sie mögen recht haben, Madame, aber ich ziehe es vor, unter Leuten ohne inneren Beruf zu leben. Sie sind unerträglich, diese Leute, die stets mit einer Mission umhergehen.« »Schwester Agnes,« rief der Konsul und wendete sich an die barmherzige Schwester. »Sie haben ja so viele Französinnen in Ihrer Gemeinschaft. Haben Sie gefunden, daß ihnen der innere Beruf fehlt?« »Leider, Monsieur Bartout,« sagte die barmherzige Schwester und lächelte, »leider kann ich Ihnen nicht zu Hilfe kommen. Ich glaube nicht, daß wir deshalb schlechtere barmherzige Schwestern sind, aber es sind nicht viele unter uns, die deshalb Kranke pflegen, weil es der innere Beruf ihres Lebens ist. Wir sind meistens froh, uns dieser Sache widmen zu können, weil alles andre uns fehlgeschlagen ist.« »Und Sie, Herr Abbé?« fragte Bartout und wendete sich an den Geistlichen. »Ach, ach,« erwiderte der alte Mann, »es ist so lange her. Ich bin all mein Lebtag Priester gewesen. Aber ich glaube, es war der Abbé Vertois in meiner Heimat, der meinem Vater riet, mich ins Seminar zu schicken.« Monsieur Bartout wendete sich nun an den jungen Franzosen. »Ich für mein Teil, Monsieur,« sagte der junge Künstler, »mißtraue dem inneren Beruf. Er führt nur auf Irrwege. Ich arbeite mit Farben und Pinsel, weil dies mir das natürlichste ist. Ich will Ihnen sagen, in meiner Familie sind wir alle ein bißchen Maler.« Nach dieser Äußerung vergaß man ganz, daß man zu Anfang des Gesprächs von einem Vergleich zwischen den Franzosen und den Engländern ausgegangen war. Und anstatt dessen begannen alle, von Anlagen und Beruf zu sprechen, und man führte mehrere Beispiele dafür an, in was für eigentümliche Verhältnisse Menschen gerieten, wenn diese zwei Dinge nicht übereinstimmten. »Ich habe immer versucht, mich von allen Hirngespinsten fernzuhalten und das zu tun, wozu ich veranlagt bin,« sagte der Offizier. »Niemand benimmt sich so töricht wie jemand, mit dem seine ›Mission‹; durchgeht.« »Ich kenne einen großen Schriftsteller,« sagte eine der Damen, »der sein Leben für verfehlt ansah, weil er nicht Ballettmeister geworden war. Er behauptete immer, dies wäre sein wahrer Beruf gewesen, unglücklicherweise wurde er verhindert, seiner Eingebung zu folgen.« »Dies erinnert mich an meinen armen Freund Pater Meunier,« sagte der Geistliche, »er fühlte sich berufen, als Missionar nach China zu gehen, und er tat es auch, aber er mußte sich doch geirrt haben, denn drüben ließ er sich zum Buddhismus bekehren.« »Der innere Beruf ist der größte aller Gaukler,« sagte der Maler. »Er treibt nur seinen Spott mit uns Menschen.« Bartout allein kämpfte dafür, wie herrlich es sei, auf Grund jenes höheren Zwanges zu handeln, den man inneren Beruf nennt. »Aber, Monsieur, ich erinnere mich jetzt, daß ich eine Ihrer Landsmänninnen kannte, die einen inneren Beruf hatte,« sagte die Krankenpflegerin. »Er hatte wohl nichts mit der Krankenpflege zu schaffen, doch immerhin ... wenn Sie gestatten, will ich Ihnen ihre Geschichte erzählen. Sie war eine unserer allerbesten Pflegerinnen, sie gehörte dem Verband lange, bevor ich hinkam, an, und sie lehrte mich meine Obliegenheiten.« »Schwester Olive,« begann die barmherzige Schwester, »war eine Französin, aber so anders als alle Französinnen, die ich gesehen habe, daß ich sie zuerst für eine Deutsche oder eine Schweizerin hielt. Eine Französin sollte nach meiner Meinung entweder eine schöne, rundliche Dame mit olivenfarbenem Teint und funkelnden, braunen Augen sein oder auch klein, zart, verfeinert, förmlich nur ein Hauch. Schwester Olive hingegen war groß, etwas hager, nicht schön, aber kräftig und munter, mit einem Gesicht, zu dem man Zutrauen fassen konnte. Und noch mehr verwunderte mich ihr Aussehen, als ich allmählich erfuhr, daß Schwester Olive eine Größe gewesen sei, eine Berühmtheit, daß sie einmal Mademoiselle Olive Miteau geheißen, in einer glänzenden Wohnung gewohnt, mit eigenen Pferden kutschiert und mit allen hervorragenden Leuten in Europa verkehrt habe. Schwester Olive war Schauspielerin gewesen, bevor sie barmherzige Schwester wurde, und zwar eine große und merkwürdige Schauspielerin, die alle Menschen kannten, wenigstens alle Menschen in Paris. Sie war ja freilich nicht eine von jenen gewesen, die die ganze Welt durchreisen und solche Größen sind, daß sie an einem Tag in San Francisco auftreten müssen und am andern in Petersburg, aber sie hatte es so gut gehabt, als sie es sich nur wünschen konnte. Das ganze Publikum hatte sie so gern, die Theaterkritiker wußten selten etwas Ungünstiges über sie zu sagen, sie verdiente viel Geld, und sie trat im Théâtre français auf. Als ich Schwester Olive sah, fiel es mir, wie gesagt, schwer, zu glauben, daß dies möglich gewesen war. Ich dachte ja gleich an die modernen Stücke mit all den verfeinerten jungen Frauengestalten, und es erschien mir ganz unglaublich, daß Schwester Olive eine junge Pariserin hätte spielen können. Sie hatte etwas gar zu Kantiges, keine Schminke und keine Toiletten hätten Schwester Olive verführerisch und bezaubernd machen können. Aber ich erfuhr bald, daß Schwester Olive nie solche Gestalten gespielt hatte, sondern ihre Stärke war darin gelegen, aus dürftigen Rollen, die kein andrer haben wollte, kleine Meisterwerke zu machen. Sie spielte Dienstmädchen und alte Frauen, sie war Gastwirtin und Portiersfrau, Grünzeughändlerin und Bäuerin. Und sie stellte alle diese bescheidenen Typen so glaubwürdig und rührend dar, so liebevoll und künstlerisch, daß es ihr gelungen war, die Mitgliedschaft am Théâtre français zu erringen. Schwester Olive war sehr fleißig gewesen und hatte sich nie geschont, man zählte sie seinerzeit zu den allerunentbehrlichsten Kräften des Theaters. Ihre Stellung war eigentlich besser als die der andern, denn obgleich sie niemals so viel Lob erntete wie die große Primadonna, hatte sie anderseits ihre gegebenen Rollen, die ihr niemand streitig machte. Niemand intrigierte, um ihr zu schaden, sie war eine gute, ehrliche Kollegin, und alle hatten sie lieb. Sie gestand es später selbst oftmals zu, daß sie eine ausgezeichnete Stellung gehabt habe, und daß sie unrecht getan habe, die Torheit zu begehen, die sie zwang, sie aufzugeben. Sie starb, als sie sechzig Jahre alt war, aber sie hätte ihre Stellung am Theater gewiß bis zu ihrem Ende behalten können. Sie war noch immer beweglich und kräftig und hatte ein prächtiges Organ. Sie hätte noch ganz gut treue Dienerinnen und Bauernweiber und brummige alte Tanten spielen können. Niemand würde es besser gemacht haben als sie. Aber das Unglück war, daß Schwester Olive eine bestimmte Idee hatte, und das war etwas, wonach sie sich sehnte, was sie ihr ganzes Leben lang erstrebt hatte, und wovon sie nicht lassen konnte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie die ganze Zeit über einsah, daß es etwas Törichtes war. Aber Schwester Olives Gedanken hatten sich all ihr Lebtag in dieser Richtung bewegt, und sie konnte ihnen nicht Einhalt tun. Es war so, als hätte man versucht, einem fallenden Stein zuzurufen, er solle still halten und schwebend in der Luft verbleiben. Es verhielt sich nämlich so, daß Schwester Olive keine geborene Pariserin war, sie war in der Normandie aufgewachsen als die Tochter eines Bauern. Sie hatte ihre Kindheit und erste Jugend unter Bauern und ungebildeten Leuten verbracht. Bis zu ihrem siebzehnten Jahre hatte sie weder eine Stadt noch ein Theater gesehen. Aber einmal, als sie erwachsen war, nahmen ihre Eltern sie zu einem Markt in Caen mit, und Vater Miteau zeigte sich da so freigebig, daß er sie und ihre Mutter sogar ins Theater mitnahm. So sah Schwester Olive ihr erstes Stück, und das Stück war Hernani, des großen Viktor Hugo Hernani. Von dem Augenblick an, wo der Vorhang in die Höhe ging, war Schwester Olive ganz der Erde entrückt und weilte mit ihrer ganzen Seele auf der Bühne. Nichts erschien ihr dort fremd, sie begriff vom ersten Moment an alles. Sie suchte sich nur zu entsinnen, wo sie alles das schon einmal gesehen hatte. Da, während sie im Theater saß, erschien es ihr ganz wunderbar, daß sie Olive Miteau war, das Landmädchen, das unter grünen Apfelbäumen auf einem Bauernhof aufgewachsen war. Es kam ihr vor, als wäre das, was sie sah, ihre wahre Heimat. Und sie sah das Schauspiel gar nicht so, wie andre es sehen, sondern sie lebte darin mit, von Anfang bis zu Ende. Sie war die ganze Zeit die schöne Spanierin Donna Sol, sie wurde von Hernani und von Kaiser Karl dem Fünften geliebt; und als Graf Lunas Horn am Hochzeitsabend ertönte, da fühlte sie sich ebenso niedergeschmettert, als wenn Hernani ihr selbst entrissen worden wäre. Nach diesem Abend im Theater in Caen hatte Schwester Olive nur mehr einen Gedanken: alle Wünsche und alle Sehnsucht des armen Bauernmädchens richteten sich darauf, zum Theater zu kommen und die Donna Sol zu spielen. Es ist ja schwer, zu verstehen, wie sie sich von Hause losmachen konnte, aber Schwester Olive ließ sich durch nichts hindern. Sie überwand Vater Miteau und ihre Mutter und ihre Liebe zur Heimat und den Widerstand eines jungen Mannes, der auf sie und ihre Mitgift wartete. Und so kam es, daß sie, die nie etwas andres gelernt hatte, als zu kochen und Zider zu brauen, sich einer herumreisenden Theatergesellschaft anschloß. Während des ganzen ersten Jahres, bis sie gelernt hatte, das Pariser Französisch zu sprechen, bekam Schwester Olive nichts andres zu tun, als die Bühne zu kehren und die wirklichen Schauspielerinnen zu bedienen. Es war keine leichte Aufgabe für eine angehende Donna Sol, den Samt der Thronsessel, die auf der Bühne stehen sollten, zu bürsten oder die Toilette der Primadonna instand zu halten. Aber Schwester Olive trug alles mit dem ihr eigenen guten Humor, und alle ihre Kameraden gewannen sie lieb. Sie wünschten ihr alle, bald auftreten zu können. ›Ach, wenn Sie nur einmal eine Rolle für unsere arme Olive finden könnten,‹; pflegten sie zum Direktor zu sagen. Und endlich bekam Schwester Olive eine Rolle, doch nicht eine, wie sie sich gewünscht hatte. Sie hatte eine Königin spielen wollen, aber man ließ sie als Müllerin austreten. Sie sollte grob und roh sein, in dürftigen Kleidern und weiß von Mehlstaub. Schwester Olive pflegte zu erzählen, als sie diese Rolle bekam, wäre ihr der Mut gesunken und sie habe zu weinen angefangen. Sie hatte früher, als sie noch Treppen und Fußböden kehrte, nie geweint. Doch die Primadonna selbst ließ sich herab, Schwester Olive zu trösten, und sagte ihr, sie solle froh sein, daß sie nun endlich vor das Publikum käme. Sie könnte es nie bis zur Donna Sol bringen, wenn sie nicht als Müllerin anfangen wollte. Sie, die Primadonna, hätte als Schusterjunge begonnen. Schwester Olive lernte also die Rolle und spielte sie, so gut sie es verstand. Und als sie sie gespielt hatte, weinte sie zum zweitenmal. Es war ihr ganz vortrefflich gelungen. Die Zuhörer hatten applaudiert und die Kollegen sie zu ihren Anlagen beglückwünscht. Ja, darauf müßte sie sich werfen, das könnte sie, eine alte, routinierte Schauspielerin hätte es nicht besser machen können. Aber Schwester Olive weinte, sie hatte keine Lust, sich wegen ihrer Müllerin loben zu lassen, etwas in ihrem Innern sagte ihr, daß dies ihrer Donna Sol im Weg stehen würde. Und Schwester Olive hatte guten Grund zu weinen. Sie schien alle die Leiden vorausgesehen zu haben, die ihrer warteten. Denn von nun an durfte sie immer auftreten, aber nie in einer Rolle, die sie befriedigte. Sie durfte niemals in Versen sprechen, und wenn man die romantischen Schauspiele gab, in denen Fürsten und Fürstinnen auftraten, war sie von der Bühne verbannt. Schwester Olive wurde dessen schließlich müde und suchte eine andre Theatergesellschaft auf. Es war nicht schwer für sie, eine neue Anstellung zu erhalten. Die Direktoren rissen sich um sie. Aber Schwester Olive unterzeichnete keinen Kontrakt, ohne daß der Direktor sich verpflichtete, sie die Donna Sol in Hernani spielen zu lassen. Es wurde auch in den Kontrakt aufgenommen, daß, sobald Hernani gegeben würde, Schwester Olive die Rolle der Heldin spielen sollte. Und dann ließ der Direktor Schwester Olive ihre gewöhnlichen Rollen darstellen, in denen sie immer Erfolg hatte, aber Hernani – Hernani, behauptete er, sei unmodern und locke die Leute nicht an, er wage nicht, ihn aufs Repertoire zu setzen. Die arme Schwester Olive dachte so manches liebe Mal, ob es nicht am klügsten wäre, heim zu ihren Apfelbäumen und zu ihrem Verlobten zurückzukehren, aber die Hoffnung konnte doch nicht in ihr sterben. Und sie blieb beim Theater und fuhr fort, diese kleinen Rollen zu spielen, die ihr weder Mühe noch Anstrengung kosteten, und in denen sie immer Erfolg hatte. Schließlich wuchs ihr Ansehen in dem Grade, daß der Direktor des Théâtre français kam, sie auftreten zu sehen. Und das Ende war, daß Schwester Olive ihren Einzug in Molières Haus hielt. Als das geschah, dachte Schwester Olive nur daran, daß es ihr jetzt vergönnt sein würde, die Donna Sol auf Frankreichs vornehmster Bühne zu spielen, und sie versöhnte sich beinah ein wenig mit allen den gewöhnlichen Müllerinnen und Händlerinnen, da sie sie so weit gebracht hatten. Zu allem Glück hatte Schwester Olive einen solchen Eindruck von der großen Schauspielerin empfangen, die die Rolle darstellte, wenn das Schauspiel einmal auf dem Repertoire stand, daß sie mehrere Jahre lang gar nicht wagte, von ihrem Wunsch zu sprechen. Aber die Zeit verging, und sie fürchtete, daß sie zu alt würde. ›Du mußt es jetzt durchsetzen oder nie,‹; sagte sie zu sich selbst. ›Du weißt ja, daß du die Donna Sol spielen kannst, so wie sie noch niemand vor dir gespielt hat. Was denkst du eigentlich, Olive, du hast doch noch nicht das Ziel deines Lebens erreicht! Bist du etwa aus deiner Heimat fortgegangen, um diese Bauernweiber zu spielen? Mein Gott, dazu hättest du dich nicht bis zum Théâtre français emporzuarbeiten brauchen, um dich wie eine Landpomeranze zu betragen.‹; Sie ging also und sprach mit dem Direktor, und der Direktor versprach, ihren Wunsch zu erfüllen. Dann hielt er sie drei bis vier Jahre mit leeren Versprechungen hin. Als sie volle zehn Jahre am Théâtre français angestellt gewesen war, kam sie mit ihrer Klage wieder. ›Ich habe nun länger an der Bühne gedient als Jakob‹;, sagte sie. ›Sie müssen mir meine Donna Sol geben.‹; Der Direktor rief alle Künstler zusammen, die beim Theater etwas zu sagen hatten, und legte ihnen die Frage vor. ›Wir müssen Olive Miteau versuchen lassen,‹; sagten sie. ›Natürlich wird es ein Fiasko, aber ich sehe keine andre Möglichkeit, mit der Sache fertig zu werden.‹; In den folgenden Wochen machte sich Schwester Olive von aller andern Arbeit frei, sie las und repetierte nur unaufhörlich ihre Rolle. Das Seltsame war, daß sie gleich merkte, daß ihr die Begeisterung für die Aufgabe fehlte. ›Ich muß es tun,‹; dachte sie, ›aber ich glaube, ich werde froh sein, wenn es vorüber ist und ich zu meinen gewöhnlichen Rollen zurückkehren kann.‹; Und zuweilen, wenn sie die romantischen Worte ihrer Rolle rezitierte, fand sie sie abgeschmackt und unnatürlich. ›Ach,‹; sagte sie, ›man hat mich zu alt werden lassen.‹; In Wirklichkeit lag die Schuld an ihr. Sie war an Verse nicht gewöhnt, sie konnte es nicht Hals über Kopf lernen, sie natürlich und leichtfließend zu sprechen. Die großen Worte wollten nicht über ihre Zunge gleiten. Und sie merkte, daß sie eine ganz neue Art zu gehen und die Hände zu bewegen lernen mußte. ›Das ist ja Torheit,‹; sagte sie manchmal, ›niemand ist je so gegangen oder hat so gesprochen wie diese Donna Sol. Das ist keine Rolle für einen Menschen.‹; Aber zuweilen fühlte Schwester Olive doch etwas von der alten Begeisterung für die Rolle, und dann dachte sie: ›Wenn ich wirklich auftrete, wenn ich endlich auf der Bühne stehe, dann werde ich so ganz Donna Sol sein wie niemand vor mir. Ich weiß, daß sie in mir lebt als mein zweites Ich. Was bedeutet es, daß es mir bei den Proben nicht gelingt? Ich weiß, im großen Augenblick wird sie hervorkommen.‹; Nichtsdestoweniger war Schwester Olive nach jeder Probe verzweifelt, und dieses Gefühl wurde von dem Direktor und den übrigen Künstlern geteilt. ›Mademoiselle Miteau,‹; sagte der Direktor eines Tages sehr freundlich zu ihr, ›Sie haben mein Versprechen, und es wird alles geschehen, wie Sie wollen, aber wollen Sie es wirklich?‹; ›Ich weiß nicht, ob ich will,‹; sagte sie, ›aber ich weiß, daß ich muß.‹; Sie begann eine Niederlage vor sich zu sehen, eine Niederlage gerade in dem, was der Ehrgeiz ihres Lebens gewesen war, eine Niederlage in dem lachlustigen Paris, auf Frankreichs erster Bühne. Und bald schien Schwester Olive der Sinn für die Rolle zu fehlen, sie beschäftigte sich nur mit Nebendingen, sie probierte Perücken und wählte zwischen einer roten und einer schwarzen, so wie man wählt, wenn es sich um das Glück eines ganzen Lebens handelt. Sie probierte ihre Kleider mit unerhörter Genauigkeit, sie schminkte sich zur Probe bald rosig, bald olivgelb. Aber sie, die als Kammerjungfer niedlich und beinah graziös aussah, war als Edeldame steif und ungeschickt. Und ihr Gesicht, das unter dem Zofenhäubchen jung und frisch aussah, erschien seltsam alt und verwüstet, als sie die spanische Donna Sol vorstellen sollte. ›Aber es muß doch gelingen,‹; dachte sie. ›Seit meinem siebzehnten Jahre habe ich gefühlt, daß ich einzig und allein auf die Welt gekommen bin, diese Rolle zu spielen.‹; Das alte Schauspiel Hernani macht heutzutage im allgemeinen keine vollen Häuser, aber an dem Abend, an dem Schwester Olive auftrat, war jeder Platz besetzt. Alle kannten Schwester Olives Geschichte, und man war ein wenig gerührt über diese lebenslängliche Liebe zu Donna Sol. ›Warum hat man sie diese Rolle nicht früher spielen lassen?‹; fragte man. ›Sie ist zu alt, sie wird ganz schrecklich sein.‹; Immerhin erwartet der eine oder andre, daß es ihr doch gelingen würde, da es doch ihr innerer Beruf zu sein schien. Und es herrschte vor Beginn des Stückes recht große Spannung im Publikum. Aber als der Vorhang aufging und Schwester Olive hereinkam und zu sprechen anfing! Ein einziger gequälter Seufzer entrang sich gleichsam dem Publikum, und dann war niemand mehr neugierig. Man machte sich taub und blind, man versuchte sie ganz zu vergessen. Schwester Olive konnte nachher nicht recht verstehen, wie sie sich durch den Abend durchgeschleppt hatte. Das Publikum war nicht hart gegen sie, es war sehr barmherzig. Man fand es beinah pikant, daß es ihr so gänzlich mißlungen war, daß sie sich so gründlich über ihren Beruf getäuscht hatte. Und den einen oder andern erfaßte natürlich Angst, wenn er an diese Idee dachte, die sich Schwester Olives bemächtigt und sie irregeleitet hatte. Etwas Ähnliches konnte ja jedem widerfahren. ›Sie kann sich immerhin glücklich schätzen,‹; sagte man, ›sie hat ja durch diese Marotte eine ausgezeichnete Stellung erlangt, und sie braucht ja diese entsetzliche Rolle, die ihr so gar nicht liegt, nicht mehr zu spielen.‹; Schwester Olive war in Verzweiflung über sich selbst. Warum ging sie nicht in ihrer Rolle auf, warum war sie so kalt, warum fühlte sie nichts? Wie konnte sie so unnatürlich deklamieren? War sie denn keine Künstlerin? Sie fühlte sich beinah versucht, sich selbst auszupfeifen. Sie sollte ja diesen Hernani lieben. Aber es fehlte ihren Blicken, wenn sie auf ihm ruhten, jede Glut. ›Ach, ach, das soll Donna Sol sein,‹; dachte sie, als sie schwer und linkisch über die Bühne schritt. Aber Schwester Olive war ja sehr beliebt, und sie erlitt keinen Schaden durch ihre Niederlage, wahrhaftig gar keinen. Es war wirklich sehr schön, daß die Kritik sowohl wie das Publikum sich ganz enthielten, über ihr Fiasko zu sprechen, und sich nur beeilten, es zu vergessen. Vergebens durchsuchte Schwester Olive am nächsten Morgen die Zeitungen, um einen Bericht über ihren Mißerfolg zu finden. Sie fand ihn überhaupt nicht erwähnt. Das erschien ihr rührend, aber zugleich war sie vor Schreck förmlich gelähmt. ›War ich so entsetzlich?‹; dachte sie. ›War ich so, daß man es nicht einmal wagt, von mir zu sprechen?‹; Im Lauf des Vormittags stattete der Direktor selbst Schwester Olive einen Besuch ab. Er schwieg nicht über das, was geschehen war, sondern er erklärte und ergründete es wie ein Arzt, der einen Krankheitsfall analysiert. ›Sie hatten zu lange gewartet, Sie sahen der Sache mit zu viel Spannung entgegen. Das benahm Ihnen den Atem und die Besinnung. Sie spielten gewissermaßen mit einem Band um die Kehle und mit Fesseln an den Händen. Es konnte Ihnen das erstemal unmöglich gelingen, heute werden Sie sich ausruhen, aber morgen – wollen Sie es morgen wieder versuchen?‹; Schwester Olive besann sich. Manchmal, wenn man eine Niederlage erlitten hat, fühlt man, daß es besser gehn würde, wenn man es noch einmal versuchen könnte. Aber als Schwester Olive das Anerbieten des Direktors hörte, empfand sie nichts Derartiges. Sie hatte keine Kraft, den Kampf noch einmal aufzunehmen. Sie hatte nicht einmal Lust. So schlecht auch alles gegangen war, sie freute sich doch, daß es wenigstens vorüber war. Schwester Olive dankte dem Direktor und sagte nein. Der Direktor sah Schwester Olive mit einem langen Blick an und begann von etwas anderm zu sprechen. Als er aufstand, um zu gehen, sagte er wie zufällig: ›Wir treffen uns doch morgen auf der Probe, nicht wahr, Mademoiselle?‹; Als er dies sagte, erschrak Schwester Olive so sehr, daß sie beinahe wankte. Sie fühlte, daß sie, sollte sie wieder auftreten, dann stets den gleichen Druck und die gleiche Unsicherheit verspüren würde wie am vorhergehenden Abend. Mit einem Mal war es ihr ganz klar, daß sie keine Rolle mehr darstellen konnte. Daran hatte Schwester Olive vorher nicht gedacht, aber in dem Augenblick, in dem der Direktor ihr sagte, daß sie zu einer Probe kommen solle, begriff es. Schwester Olive nahm sich acht Tage Urlaub, und als sie wieder zurückkehrte, war sie fröhlich und gesund und hatte offenbar die ganze Sache vergessen. Aber als sie zum ersten Male die Bühne betreten sollte, da empfand sie einen eigentümlichen Widerwillen. Sie mußte sich zwingen, es zu tun. Es war nicht gerade Angst, es war ein beinahe unüberwindlicher Widerwille. Und als sie dann auf der Bühne stand, auf der sie sich sonst so wohl befunden hatte, da senkte sich Eiseskälte auf sie herab, sie fühlte, daß ihre Gesichtszüge starr wurden wie damals, als sie die Spanierin gespielt hatte. Und als sie zu sprechen begann, erkannte sie Donna Sols abscheuliche, unnatürliche Stimme wieder. Von diesem Augenblick an haßte Schwester Olive das Theater. Aber da sie eine praktische, kluge Person war, gab sie ihrem Mißmut nicht sogleich nach. Sie kämpfte einen ganzen Winter gegen ihren Widerwillen an, aber schließlich wurde er in ihr übermächtig. ›Ich habe nun genug Rollen verdorben‹; sagte sie zu ihrem Direktor, ›um einzusehen, daß ich nichts mehr tauge. Mir bleibt nur mehr eins übrig, nämlich meiner Wege zu gehen.‹; Dann kam sie zu uns und wurde barmherzige Schwester. Sie war immer ruhig und heiter, und die Kranken liebten sie. Sie war auch bei uns glücklich; es lag in ihrer Natur, glücklich zu sein. Als ich sie kennen lernte, war ich noch jung, und ich fragte sie manchmal: ›Sehnen Sie sich nie zurück in die Welt, Schwester Olive, nach Ihrem Theater, Ihren Rollen, Ihren schönen Pferden und Ihren eleganten Möbeln?‹; Ich sehe ganz deutlich Schwester Olive vor mir, als ich sie einmal so fragte. Sie war mit den Jahren immer mehr wie eine alte Bäuerin geworden, sie hatte Fett angesetzt, ihr Gesicht war sehr runzlig und grob, aber sie sah dabei sehr kräftig und klug aus mit ihrem breiten Kinn und ihren klaren Augen. ›Wonach sollte ich mich sehnen?‹; sagte sie. ›Es war ja unmöglich, es länger auszuhalten. Wozu ich Lust hatte dazu hatte ich keine Anlagen, und wozu ich Anlagen hatte, dazu fehlte mir die Lust.‹;« Die barmherzige Schwester schloß: »Ja, das war Schwester Olives Geschichte.« »Wissen Sie was?« sagte der Konsul. »Ich sah sie auftreten. Ich war sogar an jenem Abend im Theater und sah sie die Donna Sol spielen. Ja, das war ein Fiasko! Aber was ist nun Ihre Ansicht über dies alles, Schwester?« »Darüber gibt es wohl nur eine Meinung,« fiel der Kapitän ein, »dieser innere Beruf ist ein Betrüger.« »Man muß ihm mißtrauen,« sagte der Maler. »Mißtrauen, mißtrauen!« rief der Konsul beinahe zornig aus. »Man muß ja auch der Liebe mißtrauen, aber was wird ohne sie aus uns? Nichts! Und was vermögen wir, wenn wir uns nicht berufen glauben? Nichts. Wozu taugen wir? Zu nichts. Was ist Ihre Meinung, Schwester Agnes?« »Ich denke, Monsieur Bartout, daß in der einen oder andern Weise dem allen etwas Göttliches zugrunde liegen muß.« »Ja, gewiß,« sagte der Konsul, »und wenn das Göttliche auch gefährlich ist, kann das ein Grund sein, es zu schmähen?« Warum der Papst so alt geworden ist Es war in Rom zu Anfang der neunziger Jahre. Leo der Dreizehnte stand da gerade auf der Höhe seines Ansehns und Ruhms. Alle rechtgläubigen Katholiken jubelten über seine Erfolge und Siege, die in Wahrheit großartig waren. Auch für jene, die die großen politischen Ereignisse nicht fassen konnten, war es offenbar, daß die Sache der Kirche wieder im Fortschreiten begriffen war. Jeder konnte sehen, daß überall neue Klöster errichtet wurden, und daß Pilgerscharen nach Italien zu strömen begannen, ganz wie in alten Zeiten. An vielen Orten sah man die alten verfallenen Kirchen restaurieren, zerstörte Mosaiken instand setzen, und die Schatzkammern der Kirchen füllten sich mit goldenen Reliquienschreinen und diamantenbesetzten Monstranzen. Mitten in dieser Zeit des Erfolges wurde das römische Volk durch die Nachricht erschreckt, daß der Papst erkrankt sei. Er sollte sehr schlimm daran sein. Ein Gerücht behauptete sogar, er läge im Sterben. Der Zustand war auch in hohem Grade ernst. Die Ärzte des Papstes gaben Bulletins aus, die kaum irgendwelche Hoffnung ließen. Es wurde hervorgehoben, daß das hohe Alter des Papstes – er war damals schon achtzig Jahre – es beinahe unmöglich erscheinen lasse, daß er die Krankheit überstehe. Diese Krankheit des Papstes verursachte natürlich großes Aufsehen. In allen Kirchen Roms begann man für seine Genesung zu beten. Die Zeitungen waren voll Mitteilungen über den Krankheitsverlauf. Die Kardinäle begannen ihre Maßregeln zu treffen, um die neue Papstwahl vorzubereiten. Überall beklagte man den bevorstehenden Hingang des glänzenden Fürsten. Man fürchtete, daß das Glück, das sich unter Leo dem Dreizehnten an die Sache der Kirche geheftet hatte, ihr unter seinem Nachfolger nicht treu bleiben würde. So mancher hatte gehofft, daß es diesem Papst gelingen würde, Rom und den Kirchenstaat wieder zu gewinnen. Andre hatten wohl geträumt, er würde eines der großen protestantischen Länder in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückführen. Mit jedem Augenblick, der verstrich, nahm die Unruhe und die Betrübnis zu. Als die Nacht kam, dachten viele gar nicht daran, zu Bett zu gehen. Die Kirchen wurden bis lange nach Mitternacht offen gehalten, damit die Betrübten die Möglichkeit hatten, einzutreten und zu beten. Unter diesen betenden Scharen gab es sicherlich mehr als eine arme Seele, die ausrief: »Herr Gott, nimm mein Leben an Stelle des seinen. Laß ihn leben, der so viel für deine Ehre wirken kann, und lösche anstatt dessen mein Lebensflämmchen, das niemand zum Frommen brennt.« Aber wenn der Todesengel einen dieser Betenden beim Wort genommen hätte und plötzlich mit gezücktem Schwerte vor ihn hingetreten wäre, die Erfüllung seines Gelöbnisses zu fordern, da kann man wohl denken, wie er sich betragen hätte. Sicherlich hätte er ein so übereiltes Anerbieten alsogleich zurückgenommen und um die Gnade gefleht, alle Jahre, die ihm ursprünglich zugedacht wären, leben zu dürfen. Um diese Zeit wohnte in einer der dunklen Baracken am Tiberufer eine alte Frau. Sie gehörte zu jenen, die so geschaffen sind, daß sie Gott täglich für das Leben danken. Am Vormittag pflegte sie auf dem Markt zu sitzen und Gemüse zu verkaufen, und dies war eine Beschäftigung, die ihr in hohem Grade zusagte. Sie fand, daß nichts fröhlicher sein könnte als ein Markt am Morgen. Alle Zungen waren im Gang, um Waren auszubieten, und die Käufer drängten sich vor den Ständen, wählten und feilschten, während so manches gute Scherzwort zwischen ihnen und den Verkaufenden hin und her flog. Zuweilen machte sie gute Geschäfte und verkaufte ihr ganzes Lager aus, aber auch wenn sie nicht so viel wie einen Rettich anbrachte, machte es ihr Freude, in der frischen Morgenluft unter Blumen und Grün zu stehen. Am Abend hinwiederum hatte sie eine andre und noch größere Freude. Da kam ihr Sohn auf Besuch zu ihr nach Hause. Er war Geistlicher, aber er war an einer unscheinbaren Kirche in einem der Armenviertel angestellt. Die armen Geistlichen, die dort wirkten, hatten nicht viel zum Leben, und die Mutter fürchtete, daß ihr Sohn Hunger leide. Aber daraus erwuchs ihr auch ihre große Freude, denn es gab ihr Anlaß, ihn mit Leckerbissen vollzupfropfen, wenn er zu ihr auf Besuch kam. Er sträubte sich, er hatte Anlagen zu einem strengen, entsagenden Leben, aber die Mutter war so verzweifelt, wenn er nein sagte, daß er immer nachgeben mußte. Während er aß, ging sie in der Stube umher und schwätzte von allem, was sich am Morgen auf dem Markte zugetragen hatte. Es waren lauter sehr weltliche Dinge, und zuweilen fiel es ihr ein, daß ihr Sohn daran Anstoß nehmen könnte. Dann unterbrach sie sich mitten in einem Satze und fing an, von geistlichen und ernsten Dingen zu reden, aber da konnte der Kaplan nicht umhin, zu lachen. »Nein, nein, Mutter Concenza,« sagte er. »Rede nur weiter, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Die Heiligen kennen dich schon. Sie wissen, was du im Kopfe hast.« Dann lachte sie ebenfalls und sagte: »Du hast wirklich recht, es lohnt sich nicht, dem lieben Gott etwas vorzumachen.« Aber als die Krankheit des Papstes begann, kam auch auf Signora Concenza ihr Teil an der allgemeinen Betrübnis. Von selbst wäre sie sicherlich nicht auf den Gedanken verfallen, sich über seinen Hingang Sorgen zu machen, aber als der Sohn zu ihr kam, war er nicht zu bewegen, einen Bissen zu kosten oder ihr ein Lächeln zu schenken, obgleich sie ganz vollgepfropft mit Einfällen und Geschichten war. Da erschrak sie natürlich und fragte, was es denn gäbe. »Der Heilige Vater ist erkrankt,« antwortete der Sohn. Zuerst konnte sie kaum glauben, daß dies der einzige Grund seiner Verstimmung sei. Natürlich war es traurig, aber sie wußte ja, wenn ein Papst starb, kam sogleich ein andrer. Sie erinnerte ihren Sohn daran, daß sie auch den guten Pio Nono betrauert hätten. Und sieh da, dieser, der nach ihm kam, sei noch ein größerer Papst gewesen. Sicherlich würde es den Kardinälen gelingen, ihnen einen ebenso heiligen und weisen Herrscher zu wählen. Da begann der Sohn mit ihr vom Papste zu sprechen. Er ließ es sich nicht einfallen, sie in seine Regententätigkeit einzuweihen, aber er erzählte ihr kleine Geschichtchen aus seinen Kindheits- und Jugendjahren. Auch aus seiner Prälatenzeit gab es Dinge zu berichten, die sie verstehen und würdigen konnte, wie er seinerzeit in Süditalien Räuber verfolgte, und wie er in den Jahren, als er Bischof in Perugia war, allen teuer wurde. Ihre Augen standen voll Tränen, und sie rief: »Ach, daß er doch nicht so alt wäre, daß er doch noch viele Jahre leben könnte, da er ein so großer und heiliger Mann ist!« »Ja, wenn er nur nicht so alt wäre,« sagte der Sohn und seufzte. Aber Signora Concenza hatte sich schon die Tränen aus den Augen gewischt. »Du mußt dies wirklich mit Ruhe tragen,« sagte sie. »Bedenke doch, daß seine Lebenszeit ganz sicher abgelaufen ist. Es ist unmöglich, den Tod zu hindern, ihn zu ergreifen.« Aber der Kaplan war ein Schwärmer. Er liebte die Kirche, und er hatte geträumt, daß der große Papst sie zu wichtigen, entscheidenden Siegen führen würde. »Ich wollte gerne mein Leben hingeben, wenn ich ihm dadurch neues Leben erkaufen könnte,« sagte er. »Was sagst du da!« rief die Mutter. »Liebst du ihn wirklich so sehr? Aber du darfst keinesfalls so gefährliche Wünsche aussprechen. Du mußt im Gegenteil darauf bedacht sein, recht lange zu leben. Wer weiß, was noch geschehen kann? Warum solltest du nicht auch einmal Papst werden können?« Eine Nacht und ein Tag verstrich, ohne daß der Zustand des Papstes sich besserte. Als Signora Concenza am nächsten Tage den Sohn traf, sah er ganz verstört aus. Sie begriff, daß er den ganzen Tag bei Fasten und Gebet verbracht hatte, und sie begann ärgerlich zu werden. »Ich glaube wirklich, du willst dich wegen dieses alten kranken Mannes umbringen,« sagte sie. Den Sohn quälte es, sie nun wieder ohne Mitgefühl zu sehen, und er versuchte sie zu bewegen, ein wenig an seinem Schmerze teilzunehmen. »Du solltest wirklich mehr als ein andrer wünschen, daß der Papst am Leben bleibe,« sagte er. »Wenn er zu regieren fortfährt, wird er, ehe ein Jahr vergeht, meinen Pfarrer zum Bischof ernennen, und in diesem Falle ist mein Glück gemacht. Er wird mir dann eine gute Anstellung an einer Domkirche geben. Du wirst mich dann nicht mehr in fadenscheiniger Soutane herumgehen sehen. Ich werde reichlich Geld haben und dir und allen deinen armen Nachbarn helfen können.« »Aber wenn nun der Papst stirbt?« fragte Signora Concenza atemlos. »Wenn der Papst stirbt, dann kann niemand etwas wissen. Wenn mein Pfarrer dann nicht gerade bei seinem Nachfolger in Gunst steht, müssen wir beide noch viele Jahre da bleiben, wo wir sind.« Signora Concenza stellte sich vor den Sohn und betrachtete ihn bekümmert. Sie sah seine Stirn an, die voll Runzeln war, und sein Haar, das zu ergrauen begonnen hatte. Er sah müde und abgezehrt aus. Es war wirklich notwendig, daß er sobald als möglich diese Stelle an der Domkirche bekam. Heute nacht werde ich in die Kirche gehen und für den Papst beten, dachte sie. Er darf nicht sterben. Nach dem Abendbrot überwand sie tapfer ihre Müdigkeit und begab sich auf die Straße. Große Menschenscharen strömten da vorbei. Viele waren nur Neugierige, die ausgingen, um mit dabei zu sein, die erste Nachricht des Todesfalles aufzufangen, aber viele waren Betrübte, die von Kirche zu Kirche wanderten, um zu beten. Kaum war jedoch Signora Concenza auf die Straße gekommen, als sie eine ihrer Töchter traf, die mit einem Lithographen verheiratet war. »Ach Mutter, wie recht tust du daran, daß du ausgehst und für ihn betest,« sagte die Tochter. »Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Unglück es wäre, wenn er stürbe. Mein Fabiano war nahe daran, sich das Leben zu nehmen, als er erfuhr, daß der Papst erkrankt sei.« Sie erzählte, daß ihr Mann, der Lithograph, gerade jetzt hunderttausend Papstbilder habe drucken lassen. Wenn nun der Papst stürbe, würde er nicht die Hälfte davon verkaufen, ja nicht einmal den vierten Teil. Er würde ruiniert sein. Ihr ganzes Vermögen stünde auf dem Spiel. Sie eilte weiter, um Neuigkeiten zu hören, mit denen sie ihren armen Mann trösten konnte, der nicht auszugehen wagte, sondern daheim saß und über sein Unglück brütete. Aber ihre Mutter blieb auf der Straße stehen und murmelte in sich hinein: »Es geht nicht, daß er stirbt. Es geht wirklich nicht, daß er stirbt.« Sie trat in die erste Kirche ein, die sie sah. Sie kniete nieder und betete für das Leben des Papstes. Als sie sich wieder erhob, um fortzugehen, fiel ihr Blick auf ein kleines Votivbild, das gerade über ihrem Kopfe an der Wand hing. Es stellte den Tod vor, der ein furchtbares zweischneidiges Schwert ausstreckte, um ein junges Mädchen niederzumetzeln, während ihre alte Mutter sich ihm in den Weg stellte und vergebens den Streich an Stelle des Kindes aufzufangen suchte. Sie stand lange nachdenklich vor dem Bilde. »Meister Tod ist ein gar genauer Rechenmeister,« sagte sie, »man hat nie gehört, daß er darauf eingegangen wäre, ein junges Leben für ein altes freizugeben. Vielleicht wäre er doch weniger unerbittlich, wenn man ihm vorschlüge, ein altes für ein junges herzugeben.« Sie entsann sich der Worte des Sohnes, daß er an Stelle des Papstes sterben wollte, und ein Schauer durchfuhr sie. Man denke, wenn der Tod ihn beim Worte nahm. »Nein, nein, Meister Tod,« flüsterte sie. »Du darfst ihm nicht glauben. Du begreifst wohl, daß er nicht meinte, was er sagte. Er will leben. Er will nicht von seiner alten Mutter fortgehen, die ihn liebt.« Zum ersten Male durchzuckte sie nun der Gedanke, daß, wenn sich jemand für den Papst opfern sollte, es doch besser wäre, sie täte es, sie, die schon alt war und das Leben gelebt hatte. Als sie die Kirche verließ, traf sie mit einigen Nonnen von sehr ehrwürdigem Aussehen zusammen, die im nördlichen Teile des Landes daheim waren. »Wir haben wirklich Hilfe sehr nötig,« sagten sie zu der alten Concenza. »Unser Kloster war so alt und baufällig, daß der böse Sturm im vorigen Winter es umwehte. Was ist das doch für ein Unglück, daß der Papst krank ist. Wir können ihm ja unsere Kümmernisse nicht vorbringen. Wenn er sterben sollte, müssen wir unverrichteter Dinge heimfahren. Sein Nachfolger wird ja lange Jahre hindurch an andere Dinge zu denken haben, als armen Nonnen beizustehen.« Alle, die auf der Straße waren, waren von denselben Gedanken erfüllt. Es war sehr leicht, mit wem man wollte, ins Gespräch zu kommen. Ein jeder war froh, seinen Sorgen Worte leihen zu können. Und alle, denen Mutter Concenza sich näherte, ließen sie hören, daß der Tod des Papstes für sie ein furchtbares Unglück wäre. Und die alte Frau wiederholte einmal ums andre für sich selbst: »Es ist wahr, mein Sohn hat recht. Es geht wirklich nicht an, daß der Papst stirbt.« Eine Krankenpflegerin stand mitten in einer Schar von Menschen und sprach sehr laut. Sie war so erregt, daß die Tränen ihr über die Wangen liefen. Sie erzählte, daß sie vor fünf Jahren den Befehl erhalten hätte, fortzureisen und an einem Aussätzigenspital zu dienen, das auf einer fernen Insel, weit weg auf der andern Seite des Erdballs lag. Sie hätte natürlich gehorchen müssen, aber es wäre widerstrebend geschehen. Sie hätte furchtbare Angst vor dem Auftrage gehabt. Aber bevor sie fortfuhr, wäre sie vom Papste empfangen worden, er hätte ihr einen besonderen Segen erteilt, und hätte bestimmt versprochen, sie wieder vorzulassen, wenn sie zurückkäme. Und davon hätte sie die fünf Jahre, die sie fortgewesen sei, gelebt, nur von der Hoffnung, ihn noch einmal zu sehen. Das hätte ihr geholfen, all das Entsetzliche zu überstehen. Und jetzt, wo sie endlich heimkommen durfte, würde sie mit der Nachricht begrüßt, daß er auf dem Totenbette liege. Sie sollte ihn also nicht einmal erblicken. Sie gebärdete sich ganz verzweifelt, und die alte Concenza war sehr gerührt. Es würde wirklich ein allzu großer Schmerz für alle Menschen sein, wenn der Papst stürbe, dachte sie, während sie weiter durch die Straße wanderte. Als sie sah, daß viele Menschen ganz verweint aussahen, dachte sie mit großem Wohlgefühl, welches Glück es sein müßte, aller Freude zu sehen, wenn der Papst wieder hergestellt wäre. Und da sie, wie viele Menschen von fröhlicher Gemütsart, eigentlich nicht mehr Angst vor dem Sterben als vor dem Leben hatte, sagte sie zu sich selbst: »Wenn ich nur wüßte, wie es zugehen sollte, wollte ich gerne dem Heiligen Vater die Jahre schenken, die ich noch zu leben habe, da seine eigenen anscheinend abgelaufen sind.« Sie sagte dies halb im Scherz, aber es lag auch Ernst hinter den Worten. Sie wünschte wirklich, so etwas vollbringen zu können. Eine alte Frau kann sich keinen schöneren Tod wünschen, dachte sie. Ich würde sowohl meinem Sohn wie meiner Tochter helfen und überdies eine große Menge Menschen glücklich machen. Während gerade solche Gedanken sich in ihr regten, hob sie die gefütterte Decke, die vor dem Eingang einer kleinen dunklen Kirche hing. Es war eine von den uralten Kirchen, eine von jenen, die allmählich in die Erde zu sinken scheinen, weil der Stadtgrund um sie herum sich im Laufe der Jahre gehoben hat. Diese Kirche hatte in ihrem Inneren etwas von altertümlicher Unheimlichkeit bewahrt, die von den düsteren Zeiten herstammen mußte, in denen sie entstanden war. Man wurde unwillkürlich von einem Schauer geschüttelt, wenn man unter diese niedrigen Wölbungen trat, die auf unermeßlich dicken Säulen ruhten, und die barbarisch bemalten Heiligenbilder sah, die von Wänden und Altären herniederblickten. Als Signora Concenza in diese alte Kirche trat, die ganz von Betenden erfüllt war, wurde sie von mystischem Schrecken und Ehrfurcht ergriffen. Sie fühlte, daß in diesem Raume eine Gottheit wohnte. Unter den schweren Wölbungen schwebte etwas unendlich Mächtiges und Geheimnisvolles, etwas, das ein so vernichtendes Gefühl der Übermacht einflößte, daß sie sich fürchtete, dort zu verweilen. »Ach, dieses ist keine Kirche, in die man geht, um eine Messe zu hören oder zu beichten,« sagte Signora Concenza zu sich selbst. »Hierher geht man, wenn man in großer Not ist, wenn einem nicht anders zu helfen wäre als durch ein Wunder.« Sie blieb zögernd an der Tür stehen und atmete diese seltsame Luft voll Geheimnis und Grauen ein. »Ich weiß nicht einmal, wem diese alte Kirche geweiht ist,« murmelte sie, »aber ich fühle, daß hier wirklich jemand ist, der unsere Gebete hört.« Sie sank neben den Knienden nieder, die so zahlreich waren, daß sie den Boden vom Altare bis hinauf zum Eingang bedeckten. Während sie selbst betete, hörte sie ihre Nachbarn seufzen und schluchzen. All dieser Kummer drang ihr ins Herz und erfüllte es mit immer größerem Mitleid. »Ach, mein Gott, laß mich etwas tun, um den alten Mann zu retten,« betete sie. »Ich würde ja fürs erste meinen Kindern und dann allen andern Menschen helfen.« Zuweilen huschte ein kleiner magerer Mönch zu den Betenden und flüsterte ihnen etwas ins Ohr. Und der, zu dem er gesprochen hatte, erhob sich sogleich und folgte ihm in die Sakristei. Signora Concenza begriff sofort, um was es sich handelte. Das sind jene, welche Gelöbnisse für die Genesung des Papstes ablegen, dachte sie. Als der kleine Mönch das nächstemal kam und seine Runde machte, erhob sie sich und folgte ihm. Das war eine ganz unwillkürliche Handlung. Es deuchte sie, daß sie von der Macht, die in der alten Kirche herrschte, dazu getrieben wurde. Als sie in die Sakristei kam, die noch altertümlicher und geheimnisvoller zu sein schien als die Kirche selbst, wurde sie sogleich von Reue erfaßt. »Mein Gott, was habe ich hier zu tun?« fragte sie sich. »Was habe ich hinzugeben? Ich besitze ja nichts andres als ein paar Fuhren Gemüse. Ich kann dem Heiligen doch nicht ein paar Körbe Artischocken schenken.« Der einen Seite des Raumes entlang lief ein langer Tisch, und an diesem stand ein Geistlicher und trug alles, was den Heiligen versprochen wurde, in ein Register ein. Concenza hörte, wie einige versprachen, der alten Kirche eine Geldsumme zu schenken, während ein andrer seine Golduhr und eine dritte ihre Perlohrgehänge hingeben wollte. Concenza stand noch immer still an der Tür. Ihre letzten armen Groschen hatte sie ausgegeben, um dem Sohne ein paar Leckerbissen zu beschaffen. Sie hörte, wie einige, die nicht reicher zu sein schienen als sie, Wachskerzen und Silberherzen kauften. Sie stand da und drehte ihre Rocktasche aus und ein. Sie konnte nicht einmal so viel aufbringen. So stand sie lange da und wartete, bis sie schließlich die einzige Fremde in der Sakristei war. Die Geistlichen, die dort umhergingen, sahen sie ein wenig erstaunt an. Da machte sie ein paar Schritte vorwärts, sie schien zuerst unsicher und befangen, aber nach den ersten Schritten wanderte sie leicht und rasch zu dem Tische hin. »Hochwürden,« sagte sie zu dem Geistlichen. »Schreiben Sie, daß Concenza Zamponi, die voriges Jahr am Tage Johannes des Täufers sechzig Jahre alt wurde, alle ihre übrigen Jahre dem Papste gibt, auf daß sein Lebensfaden verlängert werde.« Der Geistliche hatte schon zu schreiben begonnen. Er war sicherlich sehr müde davon, daß er die ganze Nacht dies Register geführt hatte, und dachte nicht weiter daran, was es für Dinge waren, die er aufzeichnete. Aber nun brach er mitten im Satze ab und sah fragend zu Signora Concenza auf. Sie begegnete seinem Blicke sehr ruhig. »Ich bin stark und gesund, Hochwürden,« sagte sie. »Ich könnte schon meine siebzig erleben. Es sind mindestens zehn Jahre, die ich dem Heiligen Vater schenke.« Der Geistliche sah ihren Eifer und ihre Andacht, und er erhob keine Einwendungen. »Es ist eine Arme,« dachte er. »Sie hat nichts andres zu geben.« »Es ist geschrieben, meine Tochter,« sagte er. Als die alte Concenza wieder ins Freie kam, war es so spät, daß alles Straßenleben aufgehört hatte und die Gasse ganz öde dalag. Sie befand sich in einem entlegenen Stadtteil, wo die Gaslaternen so spärlich standen, daß es fast ganz dunkel war. Sie schritt doch rüstig aus. Sie fühlte eine große Weihe in sich und war gewiß, daß sie nun etwas getan hatte, was viele Menschen glücklich machen würde. Wie sie so über die Straße ging, hatte sie mit einem Male die Empfindung, daß ein lebendes Wesen über ihrem Kopfe schwebte. Sie blieb stehen und sah auf. Im Dunkel zwischen den großen Häusern vermeinte sie ein paar große Flügel zu unterscheiden, und sie glaubte auch das Rauschen der Fittiche zu hören. »Was ist das?« sagte sie. »Es kann doch kein Vogel sein, es ist gar zu groß.« Gleich darauf glaubte sie ein Antlitz zu gewahren, das so weiß war, daß es die Dunkelheit durchleuchtete. Da packte sie unsägliches Grauen. »Das ist der Todesengel, der über mir schwebt,« dachte sie. »Ach, was habe ich getan! Ich habe mich in die Gewalt des Entsetzlichen gegeben.« Sie begann zu laufen, aber noch immer hörte sie das Rauschen der mächtigen Flügel, und sie war gewiß, daß der Tod ihr nacheilte. So ging es durch ein paar Straßen. Es deuchte sie, daß der Tod ihr immer näher käme. Schon fühlte sie seine Flügel an ihre Schultern schlagen. Plötzlich spürte sie, wie etwas Schweres und Scharfes ihren Kopf traf. Das zweischneidige Schwert des Todes hatte sie endlich erreicht. Sie sank in die Knie. Sie fühlte, daß sie ihr Leben lassen mußte. Einige Stunden später wurde die alte Concenza von ein paar Arbeitern auf der Straße gefunden. Sie lag ohnmächtig da, von einem Schlaganfall getroffen. Die arme Frau wurde sogleich in ein Krankenhaus gebracht, und es gelang, sie zum Bewußtsein zu bringen, aber es war offenbar, daß sie nicht mehr lange Zeit zu leben hatte. Man konnte noch ihre Kinder holen lassen. Als sie voll Betrübnis an ihr Krankenlager traten, fanden sie sie sehr ruhig und glücklich. Sie konnte nicht viele Worte sprechen, aber sie lag da und streichelte ihnen die Hände. »Ihr sollt froh sein,« sagte sie, »froh, froh.« Es war ihr sichtlich nicht recht, daß sie weinten. Sie bat auch die Krankenpflegerinnen, sie möchten doch lächeln und Freude zeigen. »Froh und glücklich,« sagte sie, »nun müßt ihr alle froh und glücklich sein.« Sie lag mit hungernden Augen da und wartete darauf, ein bißchen Freude zu sehen. Nach einer Weile wurde sie ungeduldig über die Tränen ihrer Kinder und über die ernsten Mienen der Krankenpflegerinnen. Sie begann Dinge zu sagen, die niemand verstehen konnte. Sie sagte, wenn sie nicht froh wären, dann hätte sie ebensogut noch weiterleben können. Die, welche sie hörten, glaubten, sie phantasiere. Plötzlich öffnete sich die Tür, und ein junger Doktor trat in den Krankensaal. Er schwenkte eine Zeitung in der Hand und rief mit lauter Stimme: »Dem Papst geht es besser. Er wird am Leben bleiben. Heute nacht ist eine Wendung eingetreten.« Die Krankenpflegerinnen bedeuteten ihm, zu schweigen, damit er die Sterbende nicht störe, allein diese hatte ihn schon gehört. Sie hatte auch gesehen, wie ein Aufzucken der Freude, ein Schimmer von Glück, der sich nicht verbergen ließ, die durchfuhr, die um ihr Bett standen. Da verschwand die Ungeduld von ihrem Antlitz. Sie lächelte zufrieden. Sie gab ein Zeichen, daß man sie im Bette aufsetzen möge; da saß sie nun und sah sich mit etwas Fernschauendem im Blick um. Es war, als blickte sie hinaus über Rom, wo nun die Menschen über die Straßen strömten und einander mit der frohen Kunde grüßten. Sie hob den Kopf, so hoch sie konnte. »Das war ich,« sagte sie. »Ich bin sehr glücklich. Gott hat mich sterben lassen, damit er leben könne. Es liegt mir nichts daran, zu sterben, da ich alle Menschen glücklich gemacht habe.« Sie legte sich wieder zurück, und in einigen Augenblicken war sie tot. * In Rom erzählte man, daß der Heilige Vater sich nach seiner Genesung eines Tages daran ergötzte, die Aufzeichnungen der Kirchen über die frommen Gelöbnisse durchzusehen, die für seine Genesung gemacht worden waren. Er las lächelnd die langen Reihen kleiner Gaben, bis er zu der Aufzeichnung kam, daß Concenza Zamponi ihm ihre übrigen Lebensjahre geschenkt hatte. Da wurde er mit einem Male sehr ernst und gedankenvoll. Er ließ sich nach Concenza Zamponi erkundigen, und er erfuhr, daß sie in derselben Nacht, in der er genesen war, gestorben war. Er ließ auch ihren Sohn Domenico zu sich rufen und fragte ihn nach ihren letzten Augenblicken. »Mein Sohn,« sagte der Papst zu ihm, als er alles erfahren hatte, »deine Mutter hat mir nicht das Leben gerettet, wie sie in ihrer letzten Stunde glaubte, aber ich bin sehr gerührt über ihre Liebe und Opferwilligkeit.« Er ließ Domenico seine Hand küssen, worauf er ihn verabschiedete. Aber die Römer versichern, wenn auch der Papst nicht zugestehen wolle, daß seine Lebenstage durch die Gabe der armen Frau verlängert worden seien, so sei er doch davon überzeugt. »Warum hätte wohl sonst Vater Zamponi so rasch Karriere gemacht?« fragten die Römer. »Er sei ja schon Bischof, und man flüsterte, daß er bald Kardinal werden würde.« Und in Rom konnte man auch später nur schwer glauben, daß der Papst sterben würde, selbst als er sehr krank war. Niemand konnte berechnen, wann sein Lebenslauf sich erfüllt hatte. Es hing ja alles davon ab, wie viele Jahre die arme Concenza ihm geschenkt hatte. Eine Geschichte aus Jerusalem In der alten, ehrwürdigen Moschee El Aksa in Jerusalem befindet sich in einem Seitengang, der hinter der eigentlichen Tempelhalle weiterführt, eine sehr tiefe und breite Fensternische. In dieser Nische liegt ein alter, zerfetzter Teppich ausgebreitet, und auf dem Teppich sitzt tagaus, tagein der alte Mesullam, der Wahrsager und Traumdeuter ist und gegen ein geringes Entgelt den Besuchern der Moschee ihr zukünftiges Schicksal prophezeit. Nun begab es sich an einem Nachmittage vor einigen Jahren, daß Mesullam, der wie gewöhnlich an seinem Fenster saß, bei so schlechter Laune war, daß er nicht einmal die Grüße der Vorübergehenden erwiderte. Niemand ließ es sich jedoch einfallen, ihm seine Unhöflichkeit übelzunehmen, denn man wußte, daß er sich über eine Demütigung grämte, die ihm an diesem Tage widerfahren war. Jerusalem wurde nämlich um diese Zeit von einem mächtigen Fürsten aus dem Abendlande besucht, und am Vormittage hatte der hohe Fremdling mit seinem Gefolge El Aksa durchwandert. Vor seiner Ankunft hatte jedoch der Vorsteher der Moschee in allen Winkeln und Ecken des alten Gebäudes fegen und abstauben lassen und zugleich befohlen, daß Mesullam sich von seinem Platze fortpacken solle. Er hatte es ganz unmöglich gefunden, ihn während des hohen Besuches da sitzen zu lassen. Nicht genug, daß sein Teppich sehr zerlumpt war, und daß rings um ihn eine Menge schmutziger Säcke aufgestapelt waren, in denen er sein Hab und Gut verwahrte: Mesullam selbst war auch nichts weniger als eine Zierde für die Moschee. Er war ein unglaublich häßlicher alter Neger. Seine Lippen waren ungeheuer wulstig, der Unterkiefer weit vorspringend, die Stirne sehr niedrig, und die Nase glich beinahe einem Rüssel. Wenn man dazu nimmt, daß Mesullam eine grobe, verrunzelte Haut und einen dicken, klumpigen Körper besaß, der notdürftig mit einem schmutzigen, weißen Schal umwickelt war, so kann man sich kaum wundern, daß ihm verboten wurde, sich in der Moschee zu zeigen, so lange der gefeierte Gast sich dort befand. Der alte Mesullam war sich wohl bewußt, daß er bei seiner Häßlichkeit ein überaus weiser Mann war. Deshalb fühlte er sich bitter enttäuscht, daß er den hohen Reisenden nicht zu Gesicht bekommen sollte. Er hatte gehofft, ihm Proben des großen Wissens zu geben, das er in verborgenen Dingen besaß, und so seinen Ruhm und sein Ansehen zu mehren. Seit diese Hoffnung fehlgeschlagen war, saß er Stunde um Stunde trauernd, in seltsamer Stellung da, die langen Arme emporgestreckt, als riefe er den Himmel um Gerechtigkeit an, und den Kopf weit zurückgebogen. Als der Abend herankam, wurde Mesullam aus diesem Zustande betäubenden Schmerzes dadurch geweckt, daß eine fröhliche Stimme ihn anrief. Es war ein syrischer Dragoman, der, von einem einsamen Reisenden begleitet, an den Wahrsager herantrat. Er sagte ihm, daß der Fremdling, den er begleitete, gewünscht hätte, eine Probe morgenländischer Weisheit zu sehen, und da habe er ihm Mesullams Gabe, Träume zu deuten, gerühmt. Mesullam antwortete keine Silbe, sondern verharrte unbeweglich in seiner früheren Stellung. Erst als der Dragoman ihn noch einmal fragte, ob er die Träume, die der Fremde ihm zu erzählen wünsche, hören und deuten wolle, ließ er die Arme sinken, kreuzte sie über der Brust, und indem er die demütige Haltung eines Mannes, dem Unrecht geschehen, annahm, antwortete er, seine Seele sei an diesem Abend so von seinen eigenen Kümmernissen erfüllt, daß er über das, was einen anderen berühre, nicht klar zu urteilen vermöge. Aber der Fremdling, der ein sehr lebhaftes und gebieterisches Wesen hatte, schien sich nicht um seinen Widerspruch zu kümmern. Da kein Stuhl zur Hand war, stieß er ganz einfach Mesullams Teppich beiseite und setzte sich in die Fensternische. Darauf begann er mit klarer, deutlicher Stimme seine Träume zu erzählen, die dann der Dragoman dem alten Wahrsager übersetzte. »Sage ihm,« sagte der Reisende, »daß ich vor einigen Jahren in Kairo in Ägypten weilte. Da er, wie du sagst, ein gelehrter Mann ist, weiß er natürlich, daß es dort eine Moschee namens El Azhar gibt, die die berühmteste Stätte der Gelehrsamkeit des Morgenlandes ist. Ich ging eines Tages hin, sie zu besichtigen, und fand das ganze ungeheure Gebäude, alle seine Gemächer und Arkaden, alle seine Gänge und Tempelsäle von Studierenden erfüllt. Da waren alte Männer, die ihr ganzes Leben der Erforschung der Weisheit geweiht hatten, und Kinder, die gerade im Begriffe waren, die ersten Buchstaben schreiben zu lernen. Da waren hochgewachsene Neger aus dem Herzen Afrikas, schöne, schlanke Jünglinge aus Indien und Arabien, weitgereiste Fremdlinge aus der Berberei, aus Turan, aus allen Ländern, deren Völker den Koran verehren. An den Säulen – man sagte mir, daß es in El Azhar ebensoviel Lehrer wie Säulen gebe – saßen die Unterrichtenden auf ihren Schaffellteppichen zusammengekauert, und ihre Schüler, die sich in einem Kreise rings um sie niedergelassen, folgten eifrig ihrem Vortrag, während sie sich hin und her wiegten. Und sage ihm, daß, obgleich El Azhar in keiner Weise den Vorstellungen entsprach, die wir uns im Abendlande von einem großen Zentrum der Gelehrsamkeit machen, ich doch über das, was ich sah, erstaunte. Und ich sagte zu mir selbst: Sieh, das ist die große Burg und Wehr des Islam. Von hier ziehen Mohammeds junge Kämpen aus. Hier in El Azhar werden die Weisheitstränke gebraut, die die Lehren des Koran frisch und lebenskräftig erhalten.« Das alles sagte der Reisende beinahe in einem einzigen Atemzug. Nun machte er eine Pause, damit der Dragoman es dem Wahrsager übersetzen könnte. Dann fuhr er fort: »Sage ihm nun weiter, daß El Azhar einen so mächtigen Eindruck auf mich machte, daß ich es in der nächsten Nacht im Traume wiedersah. Ich sah den weißen Marmorbau mit den vielen Studenten, alle in schwarze Mäntel und weiße Turbane gekleidet, wie es in El Azhar der Brauch ist. Ich durchwanderte Säle und Höfe und erstaunte aufs neue, welche Burg und Feste dies für den Islam war. Endlich kam ich im Traume an den Fuß eines Minaretts, das der Gebetrufer zu ersteigen pflegte, um den Gläubigen zu verkünden, daß die Stunde des Gebets geschlagen habe. Ich sah die Treppe, die sich zum Minarett emporschlängelte, und ich sah, wie ein Mollah sie eben hinanstieg. Er trug einen schwarzen Mantel und einen weißen Turban, wie alle andern, und wie er so die Treppe hinaufging, konnte ich zuerst sein Antlitz nicht sehen. Aber als er eine Windung der Wendeltreppe erstiegen hatte, kehrte er mir sein Antlitz zu, und da sah ich, daß es Christus war.« Der Sprechende machte eine kurze Pause, und seine Brust hob sich in einem tiefen Atemzuge. »Niemals kann ich vergessen, obgleich es nur ein Traum war,« rief er, »welchen Eindruck es auf mich machte, Christus die Treppe des Minaretts in El Azhar hinangehen zu sehen. Es ergriff mich so heftig, daß er in diese Festung des Islam gekommen war, um die Gebetstunden auszurufen, daß ich aus dem Traume auffuhr und erwachte.« Hier machte der Reisende wieder eine Pause, um den Dragoman sprechen zu lassen. Mesullam saß die ganze Zeit ohne Teilnahme da und wiegte sich mit halbgeschlossenen Augen hin und her. Er schien dadurch ausdrücken zu wollen: »Da ich diesen hartnäckigen Menschen nicht entkommen kann, will ich ihnen wenigstens zeigen, daß es mir nicht einfällt, das, was sie sagen, anzuhören. Ich werde versuchen, mich in Schlaf zu wiegen. Das ist die beste Art, ihnen zu zeigen, wie wenig ich nach ihnen frage.« Der Dragoman deutete auch dem Reisenden an, daß alle ihre Mühe vergeblich sei, und daß sie kein kluges Wort von Mesullam zu hören bekommen würden, solange er in dieser Laune wäre. Aber der europäische Fremdling schien sich in Mesullams unglaubliche Häßlichkeit und seine seltsamen Gebärden verliebt zu haben. Er sah ihn mit demselben Vergnügen an, mit dem ein Kind ein wildes Tier in einer Menagerie betrachtet, und er hatte nicht die geringste Lust, die Unterredung abzubrechen. »Sage ihm, daß ich ihn nicht damit belästigt haben würde, diesen Traum zu deuten,« sprach er, »wenn er sich nicht in gewisser Weise noch einmal wiederholt hätte. Lasse ihn wissen, daß ich vor ein paar Wochen die Sophiamoschee in Konstantinopel besuchte. Nachdem ich das ganze herrliche Gebäude durchwandert hatte, trat ich auf eine Empore, um einen besseren Überblick über den schönen Kuppelsaal zu gewinnen. Sage ihm weiter, daß man mich während des Gottesdienstes in die Moschee gelassen hatte, so daß sie voll Menschen war. Auf jedem der unzähligen Gebetteppiche, die den Boden der Mittelhalle bedecken, stand ein Mann und verrichtete sein Gebet. Alle, die an dem Gottesdienst teilnahmen, machten gleichzeitig dieselben Bewegungen. Alle sanken zugleich auf die Knie, warfen sich vornüber und richteten sich wieder gleichzeitig empor. Alle flüsterten ihre Gebete ganz leise, aber aus den fast unmerklichen Bewegungen so vieler Lippen entstand ein geheimnisvolles Rauschen, das zu der hohen Wölbung emporstieg und für eine Weile erstarb. Dann kam es, von fernen Gängen und Galerien schwebend, in melodischem Flüstern zurück. Es war so seltsam, daß einem der Gedanke kam, ob es nicht Gottes Geist sei, der durch das alte Heiligtum brauste.« Der Reisende machte wieder eine Pause. Er achtete genau auf Mesullam, während der Dragoman seine Rede übersetzte. Er sah wirklich aus, als bemühte er sich, durch seine Beredsamkeit die Aufmerksamkeit des Wahrsagers zu erzwingen. Es hatte auch den Anschein, als sollte ihm dies gelingen, denn Mesullams halbgeschlossene Augen funkelten einmal auf, so wie Kohle, die anfängt, Feuer zu fangen. Aber halsstarrig wie ein Kind, das sich nicht ablenken lassen will, ließ der Wahrsager rasch den Kopf bis auf die Brust sinken und begann sich noch ungeduldiger hin und her zu wiegen. »Sage ihm,« begann der Fremde aufs neue, »sage ihm, daß ich nie Menschen mit solcher Andacht beten gesehen habe. Es deuchte mich, daß es die heilige Schönheit des wunderbaren Baues war, die diese Stimmung der Ekstase hervorrief. Wahrlich, dachte ich bei mir selbst, dies ist noch ein Bollwerk des Islam. Hier ist das Heim der Andacht. Von dieser mächtigen Moschee geht der Glaube und die Begeisterung aus, durch die der Islam eine Großmacht ist.« Hier hielt er wieder inne und verfolgte während der Übersetzung genau das Mienenspiel in Mesullams Antlitz. Das zeigte keine Spur von Interesse, aber der Fremdling war offenbar ein Mann, der sich gern sprechen hörte. Seine eigenen Worte berauschten ihn, er wäre verzweifelt gewesen, wenn er nicht hätte fortfahren dürfen. »Nun,« sagte er, als die Reihe zu sprechen wieder an ihm war. »Ich kann nicht recht erklären, wie mir geschah. Es ist möglich, daß der leichte Rauch von den vielen hundert Öllampen im Verein mit dem dumpfen Geflüster der Betenden und ihren einförmigen Bewegungen mich in eine Art Betäubung wiegte. Ich konnte es nicht lassen, die Augen zu schließen, wie ich da, an eine Säule gelehnt, stand. Bald kam ein Schlummer, oder richtiger eine Betäubung über mich, sie währte wahrscheinlich nicht länger als eine Minute, aber während dieses Zeitraums war ich völlig der Wirklichkeit entrückt. In dieser Betäubung sah ich noch immer die Sophiamoschee vor mir und alle die betenden Menschen, aber jetzt merkte ich, was ich früher nicht gesehen hatte, daß sich oben unter der Kuppel ein Gerüst befand, und darauf standen einige Arbeiter, die mit Pinseln und Farbendosen versehen waren. Sage ihm nun,« fuhr der Erzähler fort, »wenn er es nicht schon weiß, daß die Sophiamoschee ehemals eine christliche Kirche war, und daß ihre Gewölbe und ihre Kuppel von dieser Zeit her mit heiligen, christlichen Mosaikbildern bedeckt sind, aber daß die Türken alle diese Bilder mit glatter gelber Farbe übermalt haben. Und nun im Traume schien es mir, daß die gelbe Farbe an einigen Stellen abgefallen sei, und daß die Arbeiter auf die Gerüste geklettert wären, die Übermalung zu ergänzen. Aber siehe da, als einer der Arbeiter seinen Pinsel hob, die Farbe aufzufüllen, bröckelte ein größeres Stück ab, und sogleich sah ich dahinter ein schönes Christusbild hervortreten. Der Arbeiter streckte abermals den Arm empor, es zu übermalen, aber der Arm schien gelähmt und kraftlos vor dem herrlichen Bilde herabzusinken. Zugleich fiel die Farbe von der ganzen Kuppel ab, und das Christusbild zeigte sich in seiner ganzen Herrlichkeit inmitten von Engeln und himmlischen Heerscharen. Da stieß der Arbeiter einen Schrei aus, und alle die Betenden in der Tiefe der Moschee hoben das Haupt. Und als sie den Erlöser sahen, von himmlischen Heerscharen umgeben, entrang sich ihnen ein Ruf der Verzückung, und sie streckten alle ihre Hände empor. Aber als ich diese Begeisterung sah, wurde auch ich von einer so mächtigen Bewegung ergriffen, daß ich augenblicklich erwachte. Da war alles wie zuvor. Die Mosaikbilder der Decke waren unter der gelben Farbe verborgen, und die Betenden fuhren fort, Allah anzurufen.« Als der Dragoman dies übersetzt hatte, öffnete Mesullam ein Auge und betrachtete den Fremdling. Er sah einen Mann, der ihm allen andern Abendländern zu gleichen schien, die durch seine Moschee wanderten. »Ich glaube nicht, daß dieser bleiche Mann Gesichte gesehen hat,« dachte er. »Er hat nicht die dunkeln Augen, die hinter den Vorhang des Verborgenen blicken können. Eher glaube ich, daß er hergekommen ist, seinen Scherz mit mir zu treiben. Ich muß auf meiner Hut sein, damit mich an diesem verfluchten Tage keine neue Demütigung trifft.« Der Fremde sprach weiter. »Du weißt, o Traumdeuter,« sagte er und wendete sich jetzt unmittelbar an Mesullam, als hätte er das Gefühl, daß dieser ihn trotz seiner fremden Sprache verstehen könne, »du weißt, daß ein gefeierter Fremdling in diesen Tagen Jerusalem besucht. Die Machthaber hier suchen alles, was in ihren Kräften steht, zu tun, ihm zu gefallen. Es war sogar die Rede davon, um seinetwillen die zugemauerte Pforte in Jerusalems Ringmauer zu öffnen, die man die Goldene Pforte nennt, und die das Tor sein soll, durch das Jesus am Palmsonntag in Jerusalem einzog. Man erwog wirklich, dem hohen Reisenden die große Ehre zu erweisen, ihn durch dieses Tor, das seit Jahrhunderten geschlossen war, in die Stadt reiten zu lassen, aber man wurde durch eine alte Weissagung zurückgehalten, die verkündet, daß, wenn dieses Tor geöffnet wird, die Abendländer durch dasselbe einziehen werden, um sich in den Besitz von Jerusalem zu setzen. Aber nun sollst du hören, was mir gestern nacht geschah. Es war herrlicher Mondschein, das Wetter prächtig, und ich war allein ausgegangen, um eine ungestörte Wanderung rings um die heilige Stadt zu unternehmen. Ich ging außerhalb der Ringmauer auf dem schmalen Pfade, der rings um die Stadt läuft, und meine Gedanken schweiften auf der Wanderung in so ferne Zeiten zurück, daß ich mich kaum mehr entsann, wo ich mich befand. Auf einmal begann ich jedoch Müdigkeit zu fühlen, und ich hätte gern gewußt, ob ich nicht bald zu einem Tor in der Mauer kommen würde, durch das ich in die Stadt zurückkehren könnte. Nun, wie ich gerade so dachte, sehe ich einen Mann ein großes Tor in der Ringmauer dicht neben mir öffnen. Er öffnete es weit und bedeutete mir, ich möge hindurchgehen. Ich ging, wie gesagt, in meinen Träumen und wußte nicht recht, wie weit ich gewandert war. Ich staunte doch ein wenig, daß sich gerade hier ein Tor befand, aber ich dachte nicht weiter daran, sondern ging hindurch. Sobald ich durch die tiefe Wölbung gekommen war, schlugen die Torflügel krachend hinter mir zu. Da wendete ich mich um, hinter mir zeigte sich keine Öffnung, sondern nur eine vermauerte Pforte, eben die, die hier in Jerusalem die Goldene genannt wird. Vor mir lag der Tempelplatz, das weite Haramplateau, in dessen Mitte die Omarmoschee thront. Und du weißt, daß keine andere Pforte von der Ringmauer hinführt als die Goldene, die nicht nur versperrt, sondern zugemauert ist. Du kannst dir denken, daß ich glaubte, ich sei wahnsinnig geworden oder ich träume, und daß ich versuchte, eine Erklärung zu finden. Ich sah mich nach dem Manne um, der mich eingelassen hatte. Er war verschwunden, ich konnte ihn nicht finden. Dafür sah ich ihn um so deutlicher in meiner Erinnerung vor mir, die hohe, ein wenig gebeugte Gestalt, die langen Locken, den geteilten Bart. Es war Christus, o Wahrsager, wiederum Christus. Und sag mir nun, du, der in das Verborgene blicken kann, was bedeuten meine Träume und Gesichte, was bedeutet vor allem dies, daß ich wirklich und wahrhaftig durch die Goldene Pforte gegangen bin? Noch in dieser Stunde weiß ich nicht, wie es zuging, aber ich habe es getan. Sage mir nun, was diese drei Dinge zu bedeuten haben?« Der Dragoman übersetzte dies Mesullam, aber der Wahrsager saß noch immer in derselben mißtrauischen, mürrischen Laune da. »Es ist gewiß, daß dieser Fremdling seinen Spott mit mir treiben will,« dachte er, »vielleicht will er mich mit allen diesen Reden von Christus zum Zorne reizen.« Er hätte am liebsten gar nicht geantwortet, aber da der Dragoman beharrlich blieb, äußerte er ein paar Worte. Der Dragoman zögerte, sie zu übersetzen. »Was sagt er?« fragte der Reisende eifrig. »Er sagt, daß er euch nichts andres zu erwidern habe, als: Träume sind Schäume.« »Sage ihm dann von mir,« erwiderte der Fremdling ein wenig erzürnt, »daß dies nicht immer wahr ist. Es hängt ganz davon ab, wer sie träumt.« Bevor noch diese Worte Mesullam übersetzt waren, hatte der Europäer sich erhoben und entfernte sich mit leichtem, federndem Schritt durch den langen Gang. Aber Mesullam saß still da und grübelte fünf Minuten lang über die Antwort des Fremden, dann fiel er vernichtet auf sein Angesicht. »Allah, Allah, zweimal an demselben Tage ist das Glück an mir vorübergegangen! Was hat dein Diener verbrochen, daß er dir mißfällt?« Der Hochzeitsmarsch Nun will ich eine schöne Geschichte erzählen. Vor vielen Jahren sollte im Kirchspiel Svartsjö in Värmland eine sehr große Hochzeit gefeiert werden. Zuerst die kirchliche Trauung, nachher drei Tage lang eine große Schmauserei. Und an jedem der drei Tage sollte vom frühen Abend bis tief in die Nacht hinein getanzt werden. Da es soviel Tanz geben sollte, war es natürlich sehr wichtig, einen guten Spielmann herbeizuschaffen. Das machte dem Großbauer Nils Olofson, der die Hochzeit ausrichtete, fast mehr Kopfzerbrechen als irgend etwas andres. Den Spielmann, den sie in Svartsjö hatten, wollte er nämlich nicht laden. Der hieß Jan Oester, und der Großbauer wußte wohl, daß Jan in großem Ruf stand; doch der Musikant war so arm, daß er manchmal in zerrissenem Wams und barfuß zum Hochzeitsfest kam. Und einen solchen zerlumpten Kerl wollte der Großbauer nicht an der Spitze des Brautzuges sehen. Endlich entschloß er sich, einen Boten zu einem Burschen im Jössesprengel zu schicken, der allgemein Spiel-Martin genannt wurde, und ihn zu fragen, ob er kommen und bei der Hochzeit aufspielen wolle. Spiel-Martin bedachte sich keinen Augenblick, sondern antwortete sogleich, daß er nicht nach Svartsjö fahren und dort spielen wolle, weil in diesem Kirchspiel ein Spielmann wohne, der tüchtiger sei als alle andern in ganz Värmland. So lange sie den hätten, brauchten sie keinen andern zu laden. Als Niels Olofson diesen Bescheid erhalten hatte, ließ er sich ein paar Tage Bedenkzeit. Dann schickte er einen Boten zu einem Spielmann, der im Storakilskirchspiel wohnte und Olle aus Säby hieß, und fragte, ob er kommen und zur Hochzeit seiner Tochter aufspielen wolle. Aber Olle aus Säby antwortete dasselbe wie Spiel-Martin. Er bat, Nils Olofson zu sagen, so lange es in Svartsjö einen so vortrefflichen Spielmann gebe wie Jan Oester, werde er dort nicht spielen. Nils Olofson paßte es nun gar nicht, daß ihm die Spielleute den aufzwingen wollten, den er nicht haben mochte. Er fand, gerade jetzt sei es eine Ehrensache für ihn, einen andern Spielmann zu bekommen als Jan Oester. Ein paar Tage, nachdem er die Antwort von Olle aus Säby erhalten hatte, sandte er seinen Knecht zu dem Spielmann Lars Larson, der auf der Peterswiese im Kirchspiel Ullerud wohnte. Das war ein wohlbestallter Mann, der einen schönen Hof sein Eigen nannte. Er war klug und bedächtig, kein Brausekopf wie die andern Spielleute. Aber ihm kam, wie den andern, gleich Jan Oester in den Sinn, und er fragte, warum denn der nicht auf der Hochzeit spielen solle. Nils Olofsons Knecht hielt es für das klügste, zu erwidern, daß Jan Oester in Svartsjö daheim sei, daß man ihn also alle Tage hören könne. Wenn Nils Olofson eine so große Hochzeit ausrichte, wolle er den Leuten etwas Besseres und Selteneres bieten. »Ich bezweifle, daß er etwas Besseres bekommen kann,« sagte Lars Larson. »Ach, Ihr wollt wohl dasselbe antworten wie Spiel-Martin und Olle aus Säby,« sagte der Knecht und erzählte, wie es ihm da ergangen war. Lars Larson hörte die Erzählung des Knechtes aufmerksam an; dann saß er lange schweigend und grübelte. Endlich gab er doch seine Einwilligung. »Bestelle deinem Herrn, daß ich für die Einladung danke und kommen werde,« sagte er zu dem Knecht. Am nächsten Sonntag fuhr Lars Larson nach der Svartsjöer Kirche. Er fuhr gerade über den Kirchenhügel, als die Hochzeitsschar sich aufzustellen begann, um nach der Kirche zu ziehen. Er kam in seinem eigenen Wagen mit einem guten Pferde gefahren, war in einen schwarzen Tuchanzug gekleidet und nahm die Violine aus einem polierten Futteral. Nils Olofson begrüßte ihn freundlich und dachte bei sich, das sei doch ein Spielmann, mit dem er Ehre einlegen werde. Gleich nach Lars Larson kam auch Jan Oester, mit der Geige unterm Arm, zur Kirche herauf. Er ging geraden Weges auf die Schar zu, die die Braut umstand, ganz, als sei er geladen, bei der Hochzeit aufzuspielen. Jan Oester kam in der alten grauen Friesjacke, die man schon seit vielen Jahren an ihm kannte; weil es aber eine so große Hochzeit war, hatte sein Weib versucht, die Löcher an den Ellbogen auszubessern, und große grüne Flicken darauf gesetzt. Jan Oester war ein großer, schöner Kerl und hätte sich stattlich an der Spitze des Hochzeitszuges ausgenommen, wenn er nicht so schlecht gekleidet und sein Gesicht nicht von Sorgen und hartem Kampf mit dem Unglück so gefurcht gewesen wäre. Als Lars Larson Jan Oester kommen sah, schien er ein wenig mißmutig. »Ja so, Ihr habt Jan Oester auch herbestellt,« sagte er halblaut zu Nils Olofson. »Na, es kann ja nicht schaden, wenn wir zwei Spielleute sind. Bei einer so großen Hochzeit!« »Ich habe ihn nicht hergerufen!« beteuerte Nils Olofson. »Ich begreife nicht, warum er gekommen ist. Warte nur: ich will ihn gleich wissen lassen, daß er hier nichts zu suchen hat.« »Dann hat ihn irgendein Störenfried herbestellt,« sagte Lars Larson. »Aber wenn Ihr meinem Rat folgen wollt, dann tut nichts dergleichen, sondern geht hin und heißt ihn willkommen. Ich habe gehört, er sei ein jähzorniger Bursche, und niemand kann wissen, ob er nicht Zank und Händel anstiften würde, wenn Ihr ihm sagtet, daß er nicht geladen ist.« Das sah auch der Großbauer ein. Jetzt, da der Hochzeitszug sich gerade auf dem Kirchenhügel ordnete, durfte es keinen Zank geben. Nils ging deshalb auf Jan Oester zu und hieß ihn willkommen. Darauf stellten sich die beiden Spielleute an die Spitze des Zuges. Das Brautpaar ging unter dem Baldachin, die Ehrenjungfrauen und Führer der Braut folgten, Paar hinter Paar, dann kamen die Eltern und die Verwandten. Ein langer, ansehnlicher Zug. Als alles bereit war, ging ein Brautführer zu den Musikanten und bat sie, den Hochzeitsmarsch anzustimmen. Beide Spielleute setzten die Geigen ans Kinn, aber weiter kamen sie nicht: so blieben sie stehen. Es war nämlich ein alter Brauch in Svartsjö, daß der vornehmste der Spielleute den Hochzeitsmarsch anstimmte. Der Brautführer sah Lars Larson an, als erwarte er, daß der anfange. Doch Lars Larson sah Jan Oester an und sagte: »Jan Oester muß anfangen.« Jan Oester konnte aber nicht begreifen, daß der andre, der so fein gekleidet war wie nur irgendein vornehmer Herr, nicht mehr sein solle als er, der in seinem zerrissenen Frieskittel aus der elenden Hütte kam, aus Armut und Not. »Nein! Um Gottes willen!« sagte er nur. »Nein! Um Gottes willen!« Er sah, wie der Bräutigam den Arm ausstreckte, Lars Larson anstieß und rief: »Lars Larson soll anfangen!« Als Jan Oester den Bräutigam das sagen hörte, nahm er sogleich die Geige vom Kinn und trat einen Schritt zurück. Lars Larson rührte sich aber nicht vom Fleck, sondern blieb ruhig und gelassen auf seinem Platz stehen. Aber auch er hob den Bogen nicht. »Jan Oester soll anfangen,« wiederholte er. Er sagte die Worte eigensinnig und beharrlich wie einer, der gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen. Im Hochzeitszug entstand Unruhe über die Verzögerung. Der Brautvater kam heran und bat Lars Larson, anzufangen. Der Küster wäre schon in die Kirchentür getreten und winke ihnen, sich zu sputen. Der Geistliche stünde schon am Altar und warte. »Dann mußt du Jan Oester bitten, daß er zu spielen anfängt,« sagte Lars Larson. »Wir Spielleute halten ihn nun einmal für den Tüchtigsten unter uns.« »Das mag wohl sein,« sagte der Bauer, »aber wir Bauern halten wieder dich, Lars Larson, für den Wackersten.« Auch die andern Bauern versammelten sich um sie. »Fangt nun an!« sagten sie; »der Pfarrer wartet schon. Die Gemeinde lacht uns ja aus.« Lars Larson stand ebenso hartnäckig und unerschütterlich da wie zuvor. »Ich verstehe nicht, warum die Leute dieses Kirchspiels durchaus nicht wollen, daß ihr eigener Spielmann über alle andern gestellt wird,« sagte er. Nils Olofson raste vor Wut darüber, daß alle sich verschworen hatten, ihm Jan Oester aufzuzwingen. Er trat dicht an Lars Larson heran und flüsterte: »Jetzt merke ich, daß du es bist, der Jan Oester hergerufen hat, und daß du das Ganze angezettelt hast, um ihn zu ehren. Aber nun spute dich und fange zu spielen an, sonst jage ich den Lumpenkerl mit Schimpf und Schande vom Kirchenhügel fort.« Lars Larson sah ihm gerade ins Gesicht und nickte ihm zu, ohne den geringsten Groll zu zeigen. »Ja, ihr habt recht,« antwortete er. »Das muß ein Ende nehmen.« Er winkte Jan Oester, an seinen früheren Platz zurückzukehren. Hierauf ging er selbst ein paar Schritte vor und drehte sich um, so daß alle ihn sehen konnten. Dann schleuderte er den Bogen weit von sich, zog sein Messer aus der Tasche und schnitt alle vier Geigensaiten durch; sie sprangen mit scharfem Klang. »Man soll nicht von mir sagen, daß ich mich mehr dünke als Jan Oester,« rief er. Mit Jan Oester aber verhielt es sich so: seit drei Jahren ging er einher und grübelte über eine Weise, von der er fühlte, daß sie in ihm lebe, die er aber nicht über die Saiten brachte, weil er daheim immer von grauen Sorgen gebunden war und ihm nie etwas widerfuhr, das ihn über die tägliche Plage hinausheben konnte. Als er jetzt Lars Larsons Saiten springen hörte, warf er den Kopf zurück und sog die Luft in tiefen Zügen ein. Seine Gesichtszüge waren gespannt, als lausche er Tönen, die aus weiter, weiter Ferne zu ihm klängen. Dann begann er zu spielen. Die Weise, über die er drei Jahre gegrübelt hatte, stand auf einmal klar vor ihm; und während sie ertönte, ging er mit stolzen Schritten zur Kirche hinab. Nie vorher hatte die Hochzeitsschar solche Weise vernommen. Sie zog sie so unwiderstehlich mit sich fort, daß niemand stehenbleiben konnte. Und alle waren so froh über Jan Oester und Lars Larson, daß der ganze Hochzeitszug mit feuchten Augen in die Kirche kam. In der Gemeindestube   Zugunsten der aus Rußland nach namenlosen Leiden und Entbehrungen wieder in die Heimat zurückgekehrten schwedischen Kolonie Svenskby (Schwedendorf) wurde in Stockholm ein glanzvolles Fest veranstaltet, dessen Höhepunkt die von der Dichterin selbst vorgetragene Erzählung »In der Gemeindestube« bildete. Anmerkung d. Übers.   Da war Gunnar Knutsson auf Gunnerud und der Herr Pfarrer und der Reichstagsabgeordnete für Nyåker und der Verwalter des Werks Bolsta und der Wirtschaftsbesitzer Albin Jansson und Nils Larsson und Gösta Söderlund und der Schullehrer und die Pensionsvorsteherin, alle, die Sitz und Stimme im Gemeindeausschuß und im Armenrat hatten. Sie waren eines Sonntags gleich nach dem Ende des Gottesdienstes zu einer Sitzung im Gemeindehaus zusammengerufen worden, und sie hatten dem Rufe Folge geleistet. Gunnar Knutsson, der Vorsitzender war, hatte sich auf dem Präsidentenstuhl niedergelassen, den großen Tisch vor sich, die Hand auf dem Präsidentenhammer. Der Pfarrer war geradeswegs aus der Kirche gekommen und hatte in einer dunklen Ecke Platz genommen, gleichsam, als ob dieses Weltliche ihn nichts anginge. Der Reichstagsabgeordnete saß mit den Daumen in der Westentasche da, er hatte die Beine ausgestreckt und die Augen halb geschlossen, um zu zeigen, wie es im Reichsrat zuging. Der Verwalter hatte sich ans Fenster gesetzt, um sein Pferd im Auge zu behalten, das angebunden auf dem Kirchenhügel stand. Albin Jansson, Nils Larsson und Gösta Söderlund saßen an der Längswand, dem Obmann gegenüber und hatten den Blick auf die Zimmerdecke geheftet, die seit der letzten Sitzung frisch getüncht worden war. Der Schullehrer hatte sich vor dem Schrank mit der Gemeindebibliothek aufgestellt und studierte die Büchertitel. Ganz unten an der Türe saß die Pensionsvorsteherin, die neugewählt war und hoffte, nicht das Wort ergreifen zu müssen. Der Regenmantel des Obmanns hing an einem Nagel über ihrem Platz, und sie hatte sich darunter zusammengehuschelt, wie damit niemand sie bemerken sollte. Der Vorsitzende hatte die Anwesenden aufgeschrieben und die Sitzung für eröffnet erklärt, und dann verlas er den Voranschlag für die Ausgaben und Einkünfte im nächsten Jahre. Und da sie alle miteinander wußten, daß sowohl die Gemeindevertreter wie das ganze übrige Kirchspiel von ihnen erwartete, daß sie die Steuern herabsetzen würden, so bekrittelten und zerfaserten sie den Voranschlag nach Tunlichkeit. Sie diskutierten den Betrag für »unvorhergesehene Ausgaben« und versuchten den Lohn des Knechts im Altersheim herabzudrücken, sie forschten nach, ob vielleicht jemand vergessen hatte, seine Hundesteuer zu bezahlen, und sie verweigerten die Sporteln für die Schätzungskommission. Aber all dies nützte nicht viel, denn die Vorsteherin des Altersheims verlangte einen Linoleumteppich für den Speisesaal, und der Wohlfahrtsinspektor hatte sämtliche Betten im ganzen Heim für untauglich erklärt. Alle Mitglieder waren eifrig und verständig, aber das ging ins Geld, und sie begannen schon zu fürchten, daß sie gezwungen sein würden, die Steuern zu erhöhen. Nach all der Arbeit, die sie nun mit dem Voranschlag für Einnahmen und Ausgaben gehabt hatten, meinte der Obmann sicherlich, daß sie ermüdet sein müßten, und darum nahm er jetzt die Markegångstaxe Die behördliche Bestimmung der Marktpreise und Naturalleistungen. Anmerkung der Übersetzerin. vor, um ihnen doch eine Erholung zu gönnen. Die »Markegångstaxe« war mehrere Seiten lang, aber erfahren und gewitzt, wie sie waren, konnte es ihnen nicht viel Kopfzerbrechen machen, die Preise für Dörrspeck oder eine Fuhre Heu oder ein Tagewerk oder eine Garbe Roggenstroh oder eine Tonne Lachs oder für Hemdenleinwand oder Wollstrümpfe oder Lederhosen oder sonst etwas festzusetzen. Als ob sie nun noch immer nicht genug ausgeruht gewesen wären, holte nun der Obmann eine ebenso lange Liste des Sozialdepartements hervor, das auch über die Lebenskosten im Orte unterrichtet sein wollte. Und die war natürlich wiederum ganz anders aufgestellt als die »Markegångstaxe«, so daß auch sie von Anfang bis zu Ende durchstudiert werden mußte. Als dies besorgt war, mußte der Obmann wohl finden, daß sie gestärkt genug waren, denn er zog nun einen gewaltigen Stoß Papiere aus seiner Aktentasche und teilte mit, daß ein Auftrag von der königlichen Polizeidirektion gekommen sei, sich über die Zuständigkeit des Stallknechts August Arvidsson zu äußern. Und besagter Arvidsson pflegte jeden zweiten Monat den Herrn zu wechseln und war jedes Halbjahr von einem Kirchspiel ins andere gezogen, wobei er auch noch kleine Abstecher nach Dänemark und Finnland zu machen pflegte. Diese Anfrage war ihnen schon ein paarmal zugegangen, und sie hatten bereits ausführlich und wahrheitsgemäß erklärt, daß Arvidsson nicht bei ihnen zuständig sei. Aber seither war der Akt in der ganzen Provinz herumgewandert, und nun war er um wenigstens hundert Beilagen von Pfarrern und Dorfschulzen und Gemeindevorstehern bereichert, die alle denselben Bescheid gegeben hatten. Und dies war eine harte Nuß für sie, obgleich sie so anerkannte Leuchten in ihrer Mitte hatten wie den Reichstagsabgeordneten für Nyäker und den Vorsitzenden selbst. Und das schlimmste war, daß sie die ganze Zeit mit dem Gefühl dasaßen, daß die königliche Polizeibehörde gerade ihr Kirchspiel als die rechte Heimat für Arvidsson ausersehen hatte, und daß sie all die Armenunterstützung würden bezahlen müssen, die er und seine Familie im Laufe der Jahre genossen hatten. Dies würde sich auf mehrere hundert Kronen belaufen, und da war es ganz ausgemacht, daß sie gezwungen sein würden, die Steuern zu erhöhen. Dann hatte der Vorsitzende mitgeteilt, daß Amanda Nilsson in Ingerby wahnsinnig geworden war und ins Irrenhaus kommen sollte, daß das Kirchspiel der Wittfrau Maria Larson und ihren drei Kindern eine Wohnung mieten mußte, daß der Kleinhäusler Ivar Jansson um einen Beitrag für ein neues Dach seines Schweinestalls ansuchte und daß die Abstinenzfreunde eine Subvention für zwei Propagandavorträge verlangten. Und als die Mitglieder des Gemeindeausschusses in den Saal eingetreten waren, da waren ihre Blicke in verschiedene Richtungen gewandert, aber nun waren sie alle auf einen einzigen Punkt geheftet. Der Verwalter guckte nicht mehr zum Fenster hinaus, um sein Fohlen im Auge zu behalten, der Reichstagsabgeordnete für Nyåker saß nicht mehr da und zeigte, wie es im Reichstag zugeht, Nils Larsson und Albin Jansson und Gösta Söderlund hatten kein Interesse für die frischgemalte Zimmerdecke, der Schullehrer hatte aufgehört, die Büchertitel zu studieren, ja selbst der Herr Pfarrer und die Pensionsvorsteherin hatten ihre Blicke auf nichts anderes gerichtet als auf die Aktentasche des Vorsitzenden, und fragten sich, ob sie wohl noch viele so schreckliche und kostspielige Dokumente enthalten mochte. Der Obmann fuhr unerbittlich mit Doktorsrechnungen und Beiträgen für Sanatoriumsaufenthalt und Logis für die Heimschwester fort. Es nahm überhaupt kein Ende, und nun war gar nicht mehr daran zu zweifeln, daß die Kommunalsteuern erhöht werden mußten. Wenn es je einen Gemeindeausschuß und Armenrat gegeben hat, der alle Ausgaben gründlich satt hatte und fest entschlossen war, allen weiteren Vorschlägen und Forderungen ein Nein entgegenzusetzen, so war es dieser. Zum Schluß zog der Vorsitzende ein kleines dünnes Kuvert aus der Aktentasche. Während er es öffnete, bemerkte er, dies sei der letzte Einlauf, und er hoffe, er werde rasch erledigt sein. Dann verlas er eine Eingabe von ein paar geachteten Männern des Kirchspiels, die besagte, daß die Gemeindevertreter den Ausschuß ermächtigen sollten, eintausend Kronen für die »Svenskbyer« zu bewilligen. Als er fertig gelesen hatte, blickte der Vorsitzende über die Versammelten hin und fragte, ob jemand sich zu der Sache zu äußern wünsche. Worauf der Reichstagsabgeordnete für Nyaker sofort das Wort verlangte und erklärte, der Vorschlag sei sicherlich höchst beherzigenswert, aber er für seine Person meine, daß die Hilfe für die Svenskbyer Privatsache sei, weshalb er für die Ablehnung stimme. Und das begreift man ja, müde und erschöpft, wie sie alle miteinander waren, hatte niemand Lust, ihm zu widersprechen. Die Pensionsvorsteherin erhob sich allerdings und sagte (ohne das Wort zu verlangen, denn sie war ja an Sitzungen nicht gewöhnt), sie hätte sich im Sommer, als die Svenskbyer kamen, so sehr gefreut, und sie glaubte, ja also sie wollte... sie wünschte, nun hatte sie ganz den Faden verloren und setzte sich wieder. Der Pfarrer hatte sich halb von seinem Sitz erhoben, wie um etwas zu sagen, aber dann hatte er einen Blick auf die Versammelten geworfen und gesehen, wie hoffnungslos die Lage aussah, und war wieder auf seinen Platz zurückgesunken. Der Vorsitzende fragte, ob der Gemeindeausschuß dem Antrag des Reichstagsabgeordneten zustimme, und bekam ein einstimmiges Ja zur Antwort. Dann erklärte er die Sitzung für geschlossen, schlug mit dem Hammer ein letztes Mal auf den Tisch und begann seine Papiere zusammenzulegen. Die Anwesenden hatten sich noch nicht von ihren Plätzen erhoben, als die Türe sich auftat, und herein kam ein alter Mann, der einmal ein zugeteilter Soldat Die Bauernhöfe oder Grundstücke waren früher so eingeteilt, daß eine Anzahl von ihnen je einen Soldaten zu stellen und zu unterhalten hatten. Anmerkung der Übersetzerin. gewesen war. Sicherlich hatte er schon eine gute ] Weile vor der Türe gestanden und auf den Schluß der Sitzung gewartet. Nun marschierte er ohne viel Federlesens auf den Herrn Pfarrer zu und fragte, ob er ein Scherflein für die Svenskbyer entgegennehmen wolle. »Ich bin im Pfarrhof gewesen,« sagte er, »aber da hörte ich, daß der Herr Pfarrer bei der Gemeinderatssitzung ist, und da bin ich hergekommen, damit ich doch mit der Sache fertig werde.« Dieser alte Krieger sprach in einem dröhnenden Baß, der den ganzen Raum erfüllte, und da die Mitglieder des Gemeinderats ja nicht umhin konnten, zu hören, daß er einen Beitrag zu der Sammlung für die Svenskbyer zu zeichnen wünschte, blieben sie aus purem Staunen sitzen und hörten weiter zu. Der Greis hatte ja eine kleine Pension, er schlug sich damit durch und fiel niemandem zur Last, aber daß der alte Åsman noch etwas zum Verschenken übrig haben sollte, wäre doch keinem Menschen je eingefallen. Der Herr Pfarrer hatte sechs Listen vom Sammelkomitee bekommen, und eine davon hatte er mitgebracht, in der Hoffnung, die Mitglieder des Gemeindeausschusses dazu zu bewegen, sich mit ein paar Kronen einzuschreiben. Er zog den Alten gleich zu dem großen Tisch und borgte sich Feder und Tinte vom Vorsitzenden aus, so daß die Namenszeichnung erfolgen konnte. Und als dann Åsman aus einem großen Lederbeutel, der recht leer und schlottrig aussah, eine Krone hervorkramte, wollte ihm der Pfarrer ein freundliches Wort sagen: »Das ist schön von Ihnen, Åsman, einen Beitrag für die Sammlung zu spenden,« sagte er. »Sie mögen wohl die Svenskbyer gut leiden?« Aber der Alte wollte durchaus keine zärtlichen Gefühle einbekennen. »Könnt' ich nicht grad sagen, Herr Pfarrer. Hab' nie einen von ihnen zu Gesicht bekommen. Aber ich will ihnen auch nichts schuldig bleiben.« »Sind Sie ihnen was schuldig, Åsman? Wie meinen Sie das?« »Ja, das wird wohl so sein, Herr Pfarrer,« polterte der Alte, »ich werd' mich wohl für sie verbürgt haben, und nicht nur ich, sondern die ganze Gemeinde. Und ob das nun hinterher süß oder sauer schmeckt, was eins versprochen hat, dafür muß eins auch einstehen.« »Hm,« meinte der Pfarrer, »es ist ja vielleicht so, wie Sie sagen, Åsman, aber ich verstehe nur nicht, wie Sie auf den Gedanken gekommen sind.« »Kann schon sein, Herr Pfarrer, daß ich nie draufgekommen wäre, aber mein Sohn draußen in Amerika, der hat mir geschrieben und die ganze Sache ausgedeutscht.« »Haben Sie den Brief vom Sohne da?« fragte der Pfarrer. Und das läßt sich ja denken, daß er ihn mit hatte: nicht nur diesen Brief, sondern all die Briefe, die der Sohn ihm geschrieben hatte, seit er übers große Wasser gefahren war. Aber der Pfarrer wollte nur diesen letzten haben. Er nahm ihn aus dem langen schmalen Umschlag, warf einen Blick auf den Inhalt und fragte, ob er ihn den Anwesenden vorlesen dürfe. Und das wurde ihm weiß Gott nicht verwehrt. Der Alte pflegte jedem Landstreicher, der ihn um Obdach in seiner Hütte bat, die Briefe des Sohnes vorzulesen, und da kann man sich wohl denken, daß er nichts dagegen hatte, daß der Reichstagsabgeordnete für Nyåker und der Verwalter und der Schullehrer und der Obmann des Gemeindeausschusses und die anderen Anwesenden ihn hörten. »Nun will ich Dir, lieber Vater, in einer ernsten Sache schreiben,« las der Pfarrer. »Ein schleichendes Gerücht ist mir zu Ohren gekommen, daß die alte Treue bei unserem Volke im Schwinden sein soll. Ich bitte Dich, lieber Vater, mir zu sagen, ob das wahr ist. Früher war es so, daß keine Nation im ganzen Westen so hoch in Ansehen stand wie gerade die unsere. Seit den neunziger Jahren bin ich hier in den verschiedensten Teilen des Landes gewesen, und wo ich auch hinkam, immer hieß es: ›Ah, Sie sind Schwede!‹; Und schon der Tonfall war eine Empfehlung. Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Treue, dafür ist der Schwede bekannt. Im schwedischen Rassecharakter ist etwas, das über dem Geschäftsgeist der anderen Nationen steht. Aber nun heißt es, daß auch unser Volk angefan gen hat, das goldene Kalb anzubeten und die Tugenden zu vergessen, die sein angestammtes Erbteil sind. Lieber Vater, es wäre eine furchtbare Schande, wenn fremde Reisende hier aus dem Westen betrogen und übers Ohr gehauen würden, wenn sie in unser Land kommen. Aber hier behauptet man, daß so etwas geschehen soll. Und beteuert ein Schwede, daß das unmöglich ist, dann antworten die Amerikaner: ›Well, Sir, wir werden ja bald sehen, wie die Schweden sind. Es wird sich ja zeigen, wie sie sich gegen die Svenskbyer benehmen werden.‹; Ich bitte Dich, lieber Vater, sage doch denen daheim, daß Ihr nicht allein auf der Welt seid, sondern daß aller Blicke auf Euch gerichtet sind. Nun weiß ich ja, die Schweden sagen, daß die Svenskbyer selbst gebeten haben, kommen zu dürfen, und daß Ihr ihnen nichts versprochen habt, aber wir hier in den Staaten haben ja alles in unseren Zeitungen verfolgt. Und wenn Ihr ihnen Leute entgegenschicktet, um sie einzuholen, und wenn Ihr sie zu Tausenden empfangen und Freudentränen über sie vergossen und ihre Heimkehr als ein großes nationales Glück gefeiert habt, dann begreifst Du wohl, Vater, daß Ihr Euch gewissermaßen verbürgt habt, einer für alle, alle für einen, daß diese Menschen eigenen Boden zu bestellen, eigene Häuser, um darin zu wohnen, haben sollen. So war es nicht gemeint, daß sie als arme Tagelöhner einhergehen sollten, die es nie zu etwas bringen können. Wir sind hier unser einige aus demselben Kirchspiel, die einmal die Woche zusammenzukommen pflegen. Und als wir uns zuletzt trafen, da hielt ein Schwager von Gösta Söderlund, der Zeitungsredakteur ist, einen Vortrag über die Svenskbyer. Es weckte starken Widerhall in unseren Herzen, als er von ihren Leiden und Prüfungen sprach, und wir sagten uns, wie es auch anderswo kommen mag, so wissen wir doch, daß es eine Gemeinde gibt, wo man recht gegen die Svenskbyer handeln wird. Und nun sitzen wir da und erwarten, daß Ihr und alle anderen Schweden das Gelöbnis haltet, das Ihr den armen Auswanderern gegeben habt. Unsere Augen sind auf Euch gerichtet. Wir sind selbst arme Auswanderer, wir verlangen nichts für uns, wir müssen uns durchschlagen, so gut wir können, aber was wir erbitten, ist, daß uns das beglückende Gefühl nicht genommen werde, daß wir aus einem ehrlichen Lande, von einem Volke, das sein Wort hält, kommen.« Der Pfarrer faltete sachte den Brief zusammen und blickte über die Versammlung hin. Er sah, wie all die müden, unlustigen Mitglieder des Gemeindeausschusses und des Armenrats die Köpfe hoch hielten und wie ihre Gesichter verklärt dreinblickten bei dem Gedanken, daß sie in all ihrer Geringheit und Unbemerktheit doch etwas fürs Vaterland tun konnten. »Die Sitzung ist aufgelöst, und der Gemeindeausschuß hat seinen Beschluß in dieser Frage gefaßt,« sagte der Pfarrer, »aber wir, die wir hier versammelt sind, wissen nun, was unsere Kinder und Anverwandten dort drüben in der Fremde von uns erwarten.« Er tauchte die Feder ins Tintenfaß und schrieb selbst seinen Namen unter den Per Åsmans auf die Liste. Dann schob er sie dem Vorsitzenden hinüber. Als dann alle Namen und Summen verzeichnet waren, nahm der Pfarrer die Liste und wandte sich an den alten Soldaten. »Wollen Sie Ihrem Sohn in Amerika schreiben, lieber Åsman, daß hier in seiner armen Heimatgemeinde jetzt eintausendundeine Krone gezeichnet wurden.« Man soll nie denken Ein Märchen In Kairo in Ägypten lebte vor mehreren hundert Jahren ein armer Koch namens Assad. Er war der wohlmeinendste Mensch, den man nur treffen konnte; und da er überdies sehr geschickt in seinem Fach war, hätte man erwartet, daß er in irgendeinem vornehmen Haus angestellt würde, wo man seine Diener jahraus, jahrein behielt und ihnen einen guten Lohn zugestand. Aber so kam es keineswegs. Zu Anfang seiner Laufbahn bekam der Koch allerdings einige vortreffliche Stellen, aber er verlor sie gleich wieder. Und immer ging es auf dieselbe Weise zu. In den ersten Tagen war die Herrschaft überglücklich, ein solches Wunder von einem Koch zu besitzen, und man staunte, daß der Mann nicht zum Dienste beim Sultan selbst berufen wurde; aber wenn einige Zeit verflossen war, entließ man ihn unter Weherufen und Schimpfworten. Der arme Koch, der eine alte Mutter und eine junge Frau zu erhalten hatte, sah sich genötigt, mit immer schlechteren Posten vorliebzunehmen, und schließlich mußte er sich bequemen, bei Said Effendi zu dienen, einem alten Geizhals, der sein Vermögen durch Wucher und Sklavenhandel erworben hatte und in dem denkbar schlechtesten Rufe stand. Dieser Mann war, wie alle andern, überglücklich, als er merkte, daß sein Koch Speisen bereitete, wie sie einem Großwesir angestanden hätten. Er wußte, daß Assad unzählige Male den Herrn hatte wechseln müssen; aber er gelobte sich selbst, daß er nie die Dummheit begehen würde, ihn zu entlassen. * Das Unglück wollte es jedoch, daß in Said Effendis Haus zwei Backöfen waren. Der eine war neu errichtet und wurde jeden Tag benutzt; der andre hingegen war so alt und zersprungen, daß er gar nicht mehr in Gebrauch genommen wurde. Kein Koch in Said Effendis Diensten hatte ihn auch nur eines Blickes gewürdigt, aber Assad war noch nicht lange im Hause, als er in diesen alten Ofen guckte, der dicht vor der Küchentür stand und am ehesten einem hohen weißen Bienenkorb ähnelte. Er fand ihn, wie es ja natürlich war, bis zum Rande mit Kehricht und Fetzen angefüllt, und da er ein überaus ordnungsliebender und reinlicher Mann war, geriet er ganz außer sich. »Mag sein, daß dieser Ofen hier nicht mehr benutzt wird,« sagte er, »aber es ist doch auf jeden Fall ein Backofen, und es ist eine wahre Schmach und Schande, daß man ihn als Mistkiste benutzt. Said Effendi wäre mit Recht erzürnt, wenn er einen solchen Unfug entdeckte.« Damit nahm der Koch eine Feuerzange, hob ein brennendes Scheit aus dem Herde und steckte es in den Backofen. All der Plunder, der sich seit Jahren da angehäuft hatte, fing sofort Feuer und verbreitete dabei einen schweren, übelriechenden Rauch. Als Said Effendi einige Stunden später aus seiner Kammer trat, um die Abendkühle im Hof zu genießen, lag dieser unangenehme Rauch noch in der Luft. Er wollte sehen, woher er kam, und begab sich sofort in den Küchenflügel, um dort zu fragen. Noch bevor er die Küchentür erreicht hatte, sah er jedoch, daß Funken und Rauch aus dem alten Backofen stoben, und im nächsten Augenblick stand er wutbebend vor dem Koch, fragte ihn, wie er sich unterstehen konnte, in dem ausgemusterten Ofen Feuer anzuzünden, und befahl ihm, unverzüglich sein Haus zu verlassen. »Aber, Herr,« sagte der Koch, der geglaubt hatte, dem alten Herrn eine Wohltat zu erweisen, »der Backofen war doch voll Kehricht, und ich dachte...« »Man soll nie denken,« rief Said Effendi und hob den Stock. »Hinaus mit dir.« Der Koch wich dem Stock aus und näherte sich der Tür. Hier blieb er jedoch stehen, um an den Lohn zu erinnern, den er zu fordern hatte. Aber Said Effendi, der gleich allen wirklichen Geizhälsen sein Geld und seine Wertpapiere nicht seiner Kasse anzuvertrauen wagte, sondern sie an allen möglichen und unmöglichen Stellen verwahrte, hatte vor ein paar Tagen einen Schuldschein auf ein paar tausend Zechinen in den alten Backofen gesteckt, und als er nun hörte, daß der Mann, der die Ursache war, daß dieses Geld verlorenging, noch Ansprüche auf Lohn erhob, geriet er vor Erbitterung ganz außer sich. »Du Sohn eines Büffelochsen,« rief er, »du verlangst noch, daß ich dich bezahlen soll, weil du mich an den Bettelstab gebracht hast? Schau sofort, daß du weiterkommst, sonst lasse ich dich auspeitschen. Jemyl, Musa! Wo steckt ihr, ihr Tagediebe! Her mit euch!« Said Effendi sah in seinem Zorn so furchtbar aus, daß der Koch nicht wagte, ihm Trotz zu bieten. Er stürzte auf die Straße hinaus und lief noch lange immer weiter und weiter, aus Furcht, daß der Herr seine Diener auf ihn hetzte. Als er endlich wagte, stehenzubleiben und sich darüber klar zu werden, was ihm geschehen war, ergriff ihn die düsterste Hoffnungslosigkeit. »O Herrscher und Lenker aller Welten,« rief er und wandte die Blicke himmelwärts, »warum peinigst du deinen Diener mit so viel Unglück? Du weißt, daß ich immer nach bester Einsicht handle. Ich suche stets ehrlich und uneigennützig meinen Herren zu dienen. Warum werde ich dann von einem nach dem andern auf solche Weise fortgejagt?« * Er erinnerte sich der reichen Kaufmannswitwe Fatima, die ihn ganze drei Monate in ihrem Dienst behalten hatte. Sie war eine freigebige und kluge Herrin gewesen; und er hatte gehofft, sein ganzes Leben lang bei ihr bleiben zu dürfen. Aber einmal hatte er zufällig entdeckt, daß ihr kleines Söhnchen sich in seine Speisekammer schlich und seine Honigkuchen und verzuckerten Früchte stahl. Er hatte es bedauerlich gefunden, daß der Sohn einer so vortrefflichen Mutter sich Unarten angewöhnte, die für seine Zukunft gefährlich sein konnten, und eines Tages erteilte er ihm eine recht ernstliche Züchtigung. Aber da war die Witwe so zornig geworden wie vorhin Said Effendi. Sie hatte seine Erklärung gar nicht anhören wollen, sondern ihn sofort weggejagt. Er dachte ferner an Selim-Bei, seinen ersten Herrn, der ihn aus seinem Hause getrieben hatte, weil er ihn an das Verbot des Propheten, Wein zu trinken, erinnert hatte. Er dachte an all die andern, die ihm wegen Dingen gezürnt hatten, die er aus reinem Wohlwollen unternommen hatte. »Allbarmherziger,« rief er aus, »warum verfolgst du mich in dieser Weise? Du verfolgst mich härter, als wenn ich gestohlen oder gemordet hätte. Laß dieses Staubkorn, das nun zu dir ruft, doch wenigstens wissen, was es verbrochen hat.« Während der arme Mann sich so in Betrachtungen und Gebete vertiefte, war er, ohne daß er es selbst wußte, in eine Straße eingebogen, die zum östlichen Stadttor führte. Plötzlich blieb er stehen. »Wo denke ich hin?« sagte er zu sich selbst. »Ich bin in die falsche Richtung gegangen. Ich bin von dem Unglück so wirr im Kopfe, daß ich nicht mehr heimfinde.« Er wollte sofort umkehren; aber als er bedachte, daß er bei seiner Heimkehr seiner Mutter und seiner Frau erzählen mußte, daß er nun wieder ohne Stelle dastand, daß er den ganzen Abend ihre Vorwürfe und ihren Jammer anhören mußte, um dann am nächsten Tag in der ganzen Stadt herumzulaufen und eine Stelle zu suchen, die er vermutlich in ein paar Wochen wieder verlieren würde, empfand er unerträgliche Müdigkeit und Überdruß. »Hat es wirklich irgendeinen Zweck, heimzukehren, nur um all dies Quälende von neuem durchzumachen?« fragte er sich. »Warum nicht lieber von all dem fortwandern?« Und er ging wirklich gerade weiter. Er ließ das Stadttor hinter sich, und nachdem er durch einige Friedhöfe gewandert war, kam er in die weite Sandwüste, die sich auf dieser Seite bis zur Stadt erstreckte. Bald stand er auf der großen Karawanenstraße zum Roten Meer, die sich hier zwischen niedrigen, mit Flugsand bedeckten Hügeln dahinschlängelte. Aber beim Anblick dieser Hügelkette erwachte eine Kindheitserinnerung in dem verzweifelten Flüchtling. Es kam ihm in den Sinn, wie er und sein Vater eines schönen Morgens zwischen diesen Hügeln gewandert waren, um Mustafa Halils Jahrestag zu feiern. Auf dem Wege hatte der Vater ihm von dem alten Mustafa erzählt, der einmal ein sehr heiliger Mann gewesen war, viele Wunder gewirkt und eine große Schar von Derwischen um sich versammelt hatte. Das Grab des Heiligen, ein kleiner weißer, kuppelbedeckter Bau, hatte so versteckt zwischen den Flugsandhügelchen gelegen, daß sie es kaum finden konnten; aber als sie glücklich hingekommen waren, hatten sie gesehen, daß eine große Menschenschar sich schon da versammelt hatte, und das Fest war in vollem Gange gewesen. Er erinnerte sich, wie Mustafa Halils Derwische, in einem weiten Kreise auf der Erde sitzend, sich den heiligen Übungen hingegeben hatten, und mit großer Verwunderung hatte er die Scharen von Wüstenvolk gesehen, die von den umliegenden Höhen noch immer zu dem einsamen Grabe hinströmten. Kamele, Pferde, Menschen, alle hoben sich mit einer seltsamen Klarheit von dem gelben Boden ab, der in der Sonne funkelte. Jetzt, wo er sich traurig und erbittert über die tiefen Furchen der Karawanenstraße schleppte, sagte er plötzlich zu sich selbst: »Es ist wahr, daß Mustafa Halils Derwische tot sind, und ich glaube kaum, daß nunmehr jemand daran denkt, seinen Jahrestag zu feiern, aber das hindert nicht, daß er noch heute im Besitz seiner Macht ist, und vielleicht könnte er mir die Aufschlüsse geben, die ich brauche, er erinnert sich vielleicht noch, daß mein Vater einer seiner getreuesten Anhänger war.« * Ohne Zögern verließ er die Karawanenstraße und schlug den Weg durch die Hügel ein. Das Glück war ihm hold, so daß er nach kurzem Suchen das kleine Heiligengrab erreichte. Es sah wirklich aus, als sei Mustafa Halil vollkommen vergessen. Der Flugsand hatte sich unbehindert vor den Wänden aufgehäuft, der Gehpfad war ganz verschüttet, und die beiden Treppenstufen, die zu der Grabkammer hinaufführten, kaum mehr sichtbar. Als Assad dieser Vernachlässigung gewahr wurde, geriet er so außer sich, daß er ganz vergaß, an seine eigene Not zu denken. Augenblicklich machte er sich daran, mit den Händen den Sand vom Gehpfad zu entfernen. »Wenn dies so weitergeht,« dachte er, »ist ja bald das ganze Grab versandet, und man wird es nicht von einem gewöhnlichen Flugsandhügel unterscheiden können.« Es war eine schwere, langwierige Arbeit, die der Koch begonnen hatte; und er war kaum zu den beiden Treppenstufen vorgedrungen, als die Sonne ganz plötzlich im Westen versank und die Dunkelheit sich beinahe unmittelbar darauf auf die Erde herabsenkte. Den Koch, der nach einem so anstrengenden Tage recht müde war, wandelte sofort heftige Schlaflust an. Kaum war er auf dem warmen Sandbett eingeschlummert, als er im Traum sah, wie die Tür der Grabkammer sich öffnete und ein kleiner buckliger Alter auf der Schwelle erschien. Seine Gedanken waren so klar, als wenn er wach wäre; er entsann sich sofort, daß der fromme Mustafa Halil bei Lebzeiten bucklig gewesen war. Er zweifelte also keinen Augenblick, daß es der Heilige selbst war, der sich ihm jetzt zeigte. Seltsamerweise schien Mustafa Halil im höchsten Grade gereizt zu sein. Er schwang einen langen Wanderstab durch die Luft, sein alter Kopf wackelte vor Erregung, und aus seiner Kehle drang ein Heulen, das nicht drohender hätte klingen können, wenn ein Löwe oder eine Hyäne es ausgestoßen hätte. »Was soll das heißen, Wanderer, daß du den schützenden Sand von meiner Wohnstätte entfernst?« rief er und stieß zugleich den Träumer recht unsanft mit seinem Stock an. Der arme Koch wollte sich in seiner gewohnten Weise verteidigen, sagen, er habe gedacht, er habe geglaubt, alles sei in bester Absicht geschehen; aber wie es ja so oft im Traume geht, fühlte er sich irgendwie gelähmt und ganz unfähig, ein Wort der Erklärung hervorzubringen. Doch es sah so aus, als ob der Heilige seine Gedanken zu lesen vermochte. »O du Quälgeist,« rief er. »Mit deinem Denken und deiner guten Absicht richtest du mehr Unglück an als ein Wüstensturm.« Wieder versuchte der Koch sich zu verteidigen, aber zu seinem grenzenlosen Entsetzen merke er, daß seine Lippen versiegelt waren und kein Laut aus seiner Kehle zu dringen vermochte. »Damals, als der Weg zu meinem Grabe noch offen und leicht zu befahren war,« fuhr der Heilige fort, »war es ein Zufluchtsort für eine Schar roher Räuber. Diese Gottlosen machten mein Haus zum Schauplatz ihrer Trinkgelage und Ausschweifungen. Nun, seit der barmherzige Sand den Weg hierher schwer zugänglich gemacht hat, kann ich in Ruhe schlummern. Glaubst du, ich wünsche mir, daß der frühere Zustand wieder eintrete? Glaubst du, es wäre mir nicht am liebsten, wenn der ganze Bau von Sand bedeckt wäre? O du Missetäter: ich sehe kein andres Mittel, dich zu hindern, deinen bösen Vorsatz auszuführen, als dich unter dem Sande zu begraben, so daß du nie mehr das Licht des Himmels schauen kannst.« * Kaum war dies gesagt, als der entsetzliche Alte sich über den Träumenden beugte und Sand über ihn zu schütten begann, ohne daß dieser imstande war, ein Glied zu rühren, um dem sicheren Tod zu entgehen. »Was um Himmels willen soll ich tun?« dachte der Koch. »Wie wird es mir ergehen? Mustafa Halil wird sicherlich seinen Vorsatz ausführen und mich lebendig begraben.« Wie um die Gefahr noch furchtbarer zu machen, erschienen in diesem Augenblick drei neue Personen, zwei Männer und eine Frau, auf dem Platze vor dem Grab, alle drei mit riesengroßen Schaufeln bewaffnet. Mit flatternden Gewändern eilten sie zu Assad heran, kreischend vor Freude über das Unglück, das ihm zugestoßen war. »Erkennst du mich, du Ungetüm von einem Koch?« rief die Frau. »Ich bin jene Fatima, die einst das Unglück hatte, dich im Hause zu haben. Mein Sohn hatte eine schwere Ohrenerkrankung gehabt, doch sie war schon fast ausgeheilt, als du dir herausnahmst, ihm eine furchtbare Ohrfeige zu versetzen. Da kam das Übel wieder, und jetzt ist er für sein ganzes Leben taub. Ich will nur zu gern behilflich sein, dich zu begraben.« Und sie begann den auf dem Boden ausgestreckten Träumer mit rasender Eile mit Sand zu überschütten. Der arme Assad, der ein guter, mitleidiger Mensch war, konnte nicht umhin, Schmerz über das Unglück zu fühlen, das er angestiftet hatte. Er wurde von solcher Reue befallen, daß er beinahe den Tod zu verdienen glaubte, der ihm drohte. »Laß mich auch bei diesem guten Werke mithelfen,« sagte der andre der Neuankömmlinge. »Du kennst mich doch, Freund Assad, ich bin Selim-Bei, dein erster Herr. Eines Tages war ich sehr betrübt, weil mein bester Freund mich betrogen hatte; ich gedachte mich mit Wein zu berauschen, um seine Missetat zu vergessen. Aber du hieltest mich ab. Mein Zorn wurde nicht gestillt, und als ich ihm das nächstemal begegnete, schlug ich ihm eine tödliche Wunde. Nun wage ich mich nicht mehr in Kairo zu zeigen. Ich bin ein vogelfreier Wüstenräuber geworden, und all das ist deine Schuld.« Damit schleuderte Selim-Bei mehrere Schaufeln Sand auf den Liegenden, dessen Seele nunmehr ebenso belastet von Gewissensbissen war wie seine Glieder von Sand. »Nein, überlasse auch mir etwas von der Arbeit,« rief Said Effendi, der der Dritte im Bunde war. »Du heuchlerischer Schurke, du hattest natürlich den Schuldschein entdeckt, der im Backofen versteckt war. Das Feuer legtest du nur an, um zu bemänteln, daß du ihn gestohlen hattest. Du Betrüger mit deinem scheinheiligen: ich dachte, ich glaubte – ich werde dir schon für das Denken geben!« »Du sollst wenigstens nie mehr Gelegenheit haben, dich in das zu mischen, was dich nichts angeht,« zeterte die Witwe und warf gleichzeitig eine große Schaufel Sand dem Träumer auf Brust und Schultern. Dieser, der fühlte, wie sich der Sand über ihn häufte, ohne daß er auch nur einen Finger zur Gegenwehr rühren konnte, sah ein, daß sein letztes Stündlein gekommen war. Sein Wille arbeitete, so daß der Schweiß ihm aus allen Poren drang; seine Muskeln spannten sich, aber es kam zu nichts. Er vermochte weder um Gnade zu bitten, noch zu entfliehen. Das Blut stockte ihm in den Adern, die Brust vermochte sich nicht mehr zu heben und zu atmen. Der mehlfeine Sand füllte seine Augen, seine Nasenlöcher, seine Ohren und seinen Mund. In wenigen Augenblicken mußte er erstickt sein. In diesem Moment der Verzweiflung hörte er Mustafa Halils Stimme: »Genug jetzt, Freunde,« sagte er. »Euer armer Diener hat jetzt seine Lektion bekommen, und ich glaube, wir können ihn laufen lassen. Sein Vater, der fromme Koch Jussuf, war einer meiner treuesten Anhänger, und ihm zuliebe habe ich versucht, seinem Sohn zu einem bißchen gesunden Menschenverstand zu verhelfen.« Als dies gesagt war, merkte der Träumende zu seiner unsäglichen Erleichterung, wie der Sand von seinem Körper entfernt wurde. Die Brust konnte sich wieder zum Atmen heben, und die drückende Last, die auf ihm geruht hatte, hörte auf, ihn zu beschweren. Er konnte sich wieder frei umsehen. Die drei Rachsüchtigen waren verschwunden. Nur Mustafa Halil neigte sich über ihn: »Vergiß nie die Lehre, die du heute erhalten hast,« sagte er in ernstem Ton. »Wenn du in Versuchung kommst, dich in fremde Angelegenheiten zu mischen, so wiederhole dir immer selbst diese Worte: Man soll nie denken. Aber glaube nur ja nicht, mein Sohn, daß ich dir damit alles Denken verbieten will. Merke dir nur, daß, wenn ein Unglück eintrifft, wenn ein Haus brennt, wenn eine Brücke einstürzt, wenn zwei Schiffe zusammenstoßen, dann kommt dies meistens daher, daß irgendein wohlwollender Mensch da war und gedacht hat. Dich vor derlei in acht zu nehmen, will ich dich lehren. Erfülle deine Pflicht, tue, was dir aufgetragen ist, und sei gewiß, daß sogar Mohammed, Allahs Prophet, einen Anhänger, der schlicht und fromm seinen Befehlen gehorcht, den vielen vorzieht, die klüger sein wollen als er selbst.« Als Mustafa Halil diese Rede beendet hatte, schritt er die zwei Stufen hinan, um wieder in seine Grabkammer einzugehen. Aber bevor er die Tür zu seiner dunklen Behausung öffnete, wandte er sich noch einmal zu dem armen Assad um. »Ich bin sicher,« sagte er, »daß, wenn du in ein paar Stunden erwachst, du dir selbst sagen wirst, daß all dies nur ein Traum war, den man in den Wind schlagen und vergessen kann, wie man es gewöhnlich mit seinen Träumen tut. Aber hüte dich vor so etwas. In diesem Falle werde ich mich schon in Erinnerung zu rufen wissen.« Als der Koch Assad am nächsten Morgen erwachte, entsann er sich haargenau des furchtbaren Traums, der ihn in der Nacht gequält hatte. Er entsann sich Mustafa Halils Zorns, der grausigen Angst, als er ihn lebendig unter dem Sand begraben wollte, ja auch die Warnung des Heiligen, all dies nicht als einen leeren Traum zu betrachten, war seiner Erinnerung deutlich eingeprägt. Aber dies hinderte keineswegs, daß er bald über das Ganze lachte. »All das ist wirklich nicht so übel ausgedacht für einen bloßen Traum,« dachte er. »Aber natürlich ist es nichts, dem man Beachtung zu schenken braucht. Vor allem kann ich mir nicht denken, daß Mustafa Halil ungehalten wäre, wenn ich den Sand vor seiner Wohnstätte entferne. Wenn ich denke, wie große Stücke mein Vater auf ihn gehalten hat, so kann ich dieses Elend nicht länger mit ansehen.« Und er warf sich sofort zu Boden und begann mit beiden Händen den Flugsand fortzuschaffen. Aber kaum waren die ersten Sandkörner durch die Luft geflogen, als er über seinem Kopfe das Rauschen mächtiger Fittiche hörte. Er sah auf und erblickte einen großen Raben, der zu ihm herunterschoß. Er näherte sich ihm, als wollte er ihm die Augen aushacken, und mit seiner häßlichen krächzenden Stimme schrie er, so laut er konnte: »Man soll nie denken, man soll nie denken!« Bei diesem Anblick bemächtigte sich des Kochs ein wahnsinniges Entsetzen. Freilich wußte er, daß Mustafa Halil bei Lebzeiten einen Raben besessen hatte, den er gelehrt hatte, einige Worte zu sprechen, und daß der Vogel auch nach seinem Tode sich in der Nähe seines geliebten Herrn aufhielt, hätte keine so sinnlose Bestürzung und Furcht in ihm hervorrufen müssen. Aber das Erscheinen des Tieres in diesem Augenblick schien ihn zu überzeugen, daß alles, was er geträumt, wirklich Wahrheit gewesen war, daß der Heilige recht hatte, daß er seinen Befehlen gehorchen mußte, daß er mit einem Worte von seiner Überhebung ablassen und ein andrer Mensch werden mußte. Hastig sprang er auf und ergriff die Flucht, um dem rasenden Angriff des Raben zu entgehen. Aber der Vogel verfolgte ihn mit seinen scharfen Schreien bis zum Stadttor. * Und von diesem Tage an, erzählt die Geschichte, hörte der Koch Assad auf, sich ungebeten in fremde Angelegenheiten zu mischen. Er befaßte sich nur damit, was zu seinem Beruf gehörte, und er wurde ein so gesuchter Koch, daß eine Beförderung die andre ablöste und er schließlich eine Stelle als Meisterkoch in der Küche des Sultans bekam. Die Geschichte fügt auch hinzu, daß, wenn einer seiner Küchenjungen, den man auf den Markt um Äpfel geschickt hatte, mit Weintrauben zurückkam und sich damit entschuldigte, die Äpfel seien schlecht gewesen, und er habe gedacht, er habe geglaubt, Trauben seien bekömmlicher, dann konnte niemand flinker sein als der Koch Assad, dem Sünder einen Schlag mit dem Kochlöffel zu versetzen, indem er rief: »Man soll nie denken, du Tölpel! Habe ich dir's nicht tausendmal gesagt: Man soll nie denken!« Die Mausefalle 1 Es war einmal ein Mann, der herumzog und kleine Mausefallen aus Stahldraht verkaufte. Er verfertigte sie selbst in seinen Musestunden, und das Material erbettelte er sich in Kramläden oder in den größeren Bauernhöfen, so daß die Herstellungskosten so gering als möglich waren. Aber dessenungeachtet war das Geschäft wohl nicht besonders einträglich, und er mußte es bisweilen mit Betteln und Stibitzen probieren, um nur sein Leben zu fristen. Auch das wollte nicht recht reichen. Die Kleider hingen ihm immer in Fetzen vom Leibe, die Wangen waren eingefallen, und der Hunger leuchtete ihm aus den Augen. Niemand kann sich vorstellen, wie öde und einförmig das Leben eines solchen Wandersmanns zu verlaufen pflegt, aber manchmal passierte ihm doch das eine oder andere Abenteuer, das sein Dasein ein wenig erhellte. So erblickte er, als er eines dunklen Abends unterwegs war, eine kleine graue Hütte, die dicht am Wegesrand lag, und klopfte an, um Nachtherberge zu erbitten. Die wurde ihm auch nicht verweigert. Ja, anstatt der saueren Mienen, die ihn sonst zu begrüßen pflegten, wenn er in eine Stube kam, schien der Eigentümer, der ein freundlicher alter Mann ohne Weib und Kind war, sehr erfreut, daß jemand ihm in seiner Einsamkeit Gesellschaft leisten wollte. Vor allem einmal stellte er den Breitopf auf das Feuer und bot ihm ein Abendbrot. Dann schnitt er von einer Tabaksrolle so viel herunter, daß es zum Stopfen der Pfeife des Fremden und seiner eigenen langte, und schließlich nahm er ein altes Kartenspiel hervor und spielte mit dem Gast bis zur Schlafenszeit Sechsundsechzig. So freigebig er mit Grütze und Tabak gewesen war, war er auch mit seinem Vertrauen. Noch bevor das Wasser im Kessel aufkochte, hatte der Gast schon erfahren, was für ein Mann er war und wie es ihm erging. In den Tagen seiner Kraft war er Tagelöhner auf dem Gute Ramsjö gewesen. Jetzt, wo er nicht mehr arbeiten konnte, war es seine Kuh, die ihn ernährte. Mitten im Spiel legte er mehrmals die Karten weg, um von dieser Kuh zu erzählen, die so maßlos viel Milch gab. Er brachte sie jeden Tag in die Meierei, und vorigen Monat hatte er ganze dreißig Kronen dafür eingeheimst. Der fremde Mann mußte wohl ein mißtrauisches Gesicht gemacht haben, als er dies hörte, denn der Alte sprang gleich auf, ging zum Fenster und nahm einen Lederbeutel herunter, der an einem Nagel am Fensterkreuz hing. Er kramte drei zerknitterte Zehnkronenscheine heraus, hielt sie dem Gast vor die Augen, nickte bedeutsam und steckte sie wieder in den Beutel. Am nächsten Tage standen die beiden Männer frühzeitig auf. Der Kätner hatte es eilig, seine Kuh zu melken und die Milch in die Meierei zu tragen, und der andere fand wohl nicht, daß es sich so recht schickte, liegenzubleiben, wenn sein Gastgeber aufgestanden war. Sie verließen also gleichzeitig das Häuschen. Der Kätner sperrte die Tür zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. Der Mann mit der Mausefalle sagte dank schön und behüt Gott, und damit wanderte jeder nach einer anderen Seite von dannen. Aber als eine halbe Stunde vergangen war, stand der zerlumpte Hausierer wieder vor dem Häuschen. Er versuchte nicht hineinzukommen. Er ging nur zum Fenster, zerklopfte eine der Scheiben, steckte die Hand hinein und erfaßte den Beutel mit dem Geld. Dann nahm er die drei Zehner heraus und steckte sie zu sich. Hierauf hängte er den Lederbeutel fein säuberlich an seinen Platz zurück und verschwand in den Wald. Als der Mausefallenhändler mit dem Geld in der Tasche weiterwanderte, fühlte er nicht die gewohnte Genugtuung über einen gelungenen Streich. »Das ist doch ein Hundeleben,« seufzte er, »pfui Teufel, stehlen müssen, um nur am Leben zu bleiben. Es macht mir eigentlich nichts aus, den Bauern und den Herrschaften etwas zu stibitzen, aber wenn's über einen hergeht, der beinah ein ebenso armer Schlucker ist wie unsereins selbst, da kriegt man einen ganz bitteren Geschmack im Mund.« Das Unbehagen, das er empfand, wurde noch durch den Gedanken verstärkt, daß er jetzt eine Zeitlang die große Heerstraße vermeiden und sich auf einsamen Seitenwegen durch die Wälder schleichen mußte, bis er in einen anderen Teil des Landes kam. »Ja, ja, so geht's, wenn eins immer nur ans tägliche Brot denken muß,« murmelte er. »Hätte der Kerl nicht soviel Verstand haben können, sein Geld einzustecken, wenn er von daheim weggeht! Ich hab' ja nichts gegen ihn gehabt, er ist besser zu mir gewesen als irgendwer anderer, aber wenn er mir das Geld gerad in den Weg wirft, so muß ich's ja nehmen.« Er hatte im Laufe des Tages noch mehr als einmal Anlaß, so zu klagen, denn es war ein großer, irrsamer Wald, in den er da gekommen war. Freilich versuchte er die ganze Zeit eine bestimmte Richtung einzuhalten, aber die Pfade schlängelten sich hin und her. Er hatte beinahe das Gefühl, daß er sich immer nur rings im Kreise drehte und überhaupt nicht vom Fleck kam. Er ging und ging den ganzen Tag, ohne daß der Wald sich lichtete. Spät im Dezember, wie es nun war, wurde es schon gegen fünf Uhr dunkel, und nun begann eine Wanderung in der Finsternis über Stock und Stein, Sumpf und Morast, die wirklich schauerlich zu nennen war. Der Mann hielt sich, solange er konnte, aufrecht, aber schließlich sank er auf den Waldboden nieder, ganz aufgelöst von Müdigkeit. Aber im selben Augenblick, in dem er den Kopf auf die Erde bettete, hörte er ein Geräusch. Ein hartes, regelmäßiges Pochen. Da war kein Zweifel möglich. Er setzte sich auf. »Das ist ein Eisenhammer,« sagte er. »Hier müssen Leute in der Nähe sein.« Mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte erhob er sich und begann dem Laut nach weiterzuwanken. 2 Das Eisenwerk Ramsjö, das nun so ziemlich aufgelassen ist, stand dazumal in voller Blüte, mit Schmelzöfen, Walzwerk und Gießerei. Schwere Prahme und Jollen drängten sich zur Sommerszeit auf dem vorbeigleitenden Kanal, und im Winter waren die Straßen weit im Umkreis schwarz von dem Kohlenstaub, der aus den beständig dahingleitenden Kohlenfuhren herabrieselte. In einer der langen dunklen Nächte gerade vor Weihnachten saßen der Schmiedemeister und sein Gehilfe in der schwarzen Schmelzschmiede und warteten darauf, daß das Eisen, das in der Esse erhitzt wurde, weißglühend genug war, um auf den Amboß gelegt zu werden. Von Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf, um Kohlen in den Ofenrachen zu schaufeln, oder um mit einem langen Eisenspieß in die glühende Masse zu stoßen, und kam dann nach einigen Augenblicken schweißbedeckt zurück, obwohl er nach hergebrachtem Brauch nichts anderes anhatte, als ein langes Hemd und ein Paar Holzpantinen. Die ganze Zeit war die Schmiede von Geräuschen erfüllt. Der große Blasebalg knackte, die brennenden Kohlen knisterten. Der Kohlenjunge, der unaufhörlich Kohlen hereinbrachte, die er in die Kohlengrube schleuderte, hatte ein knirschendes Rad an seinem Karren. Vor den Mauern donnerte der Wildbach, und ein barscher Nordwind schleuderte prasselnde Regenschauer gegen die Ziegel des Schmiededaches. So war es nicht zu verwundern, daß die Männer erst merkten, daß ein Wanderer die Türe geöffnet hatte und in die Schmiede gekommen war, als er dicht vor ihnen stand. Aber sicherlich war es für sie nichts Ungewohntes, daß arme Landstreicher, die kein besseres Nachtquartier gefunden hatten, von dem Lichtschein angelockt wurden, der sich durch die geschwärzten Scheiben hinausstahl, und in die Schmiede kamen, um die Wärme des Herdes zu genießen und sich für ein paar Stunden der Ruhe auf dem mit Kleinkohle bedeckten Erdboden auszustrecken. Sie warfen dem Neuangekommenen nur einen gleichgültigen Blick zu. Ja, ja, das war wieder einer von der üblichen Sorte, langbärtig, abgerissen und schmutzig, mit Schuhen, die sich von den Füßen trennen und den weiteren Dienst versagen wollten. Auch wandten sie weiter kein Mitleid an ihn. Wenn ein Mann, der nicht mehr als vierzig zu sein scheint und dazu groß und gut gebaut ist, sich durchbettelt, anstatt seine Hände zur Arbeit zu gebrauchen, so geschieht ihm schon ganz recht. Keiner von ihnen dankte für den Gruß des Mannes, und auf seine Frage, ob es erlaubt sei, ein bißchen zu bleiben und sich zu wärmen, erwiderte der Schmiedemeister nur mit dem allerherablassendsten Blick. Es half nicht viel, daß der Wandersmann das Bündel Mausefallen, die über seiner linken Schulter hingen, höher auf die breite Brust hinaufschob, so, als rückte er einen Ordensstern zurecht. Nein, die Schmiede wollten sich durchaus nicht einreden lassen, daß er etwas anderes als ein gewöhnlicher Bettler war, und ließen sich nicht herab, ihm ein Wort zu schenken. Der Mausefallenhändler verhielt sich ebenfalls still. Worauf es ihm ankam, war ja nicht, zu schwatzen, sondern in der Schmiede zu bleiben und sich zu wärmen. Aber damals wurde das Werk Ramsjö von einem prächtigen Besitzer geleitet, der keinen höheren Ehrgeiz hatte, als wirklich gutes Eisen auf den Markt zu bringen, und Tag und Nacht darüber wachte, daß die Arbeit in dem Werk auf die beste Weise verrichtet wurde. Und der kam gerade jetzt auf einer seiner gewöhnlichen Nachtrunden in die Schmiede. Das erste, was er sah, war natürlich der hochgewachsene Landstreicher, der sich so nahe dem Ofen niedergehockt hatte, daß der Dampf von seinen durchnäßten Lumpen aufstieg. Und er warf ihm nicht nur einen gleichgültigen Blick zu wie die Schmiede, sondern ging dicht an ihn heran und betrachtete ihn prüfend. Und plötzlich riß er ihm den Schlapphut vom Kopfe, um ihm besser in die Augen sehen zu können. »Aber das bist du ja selbst, Niels Olof,« rief er. »Wie du aussiehst!« Der mit den Mausefallen hatte den Gutsherrn von Ramsjö nie im Leben gesehen und wußte nicht einmal, wie er hieß. Aber er sagte sich sofort, daß, wenn dieser feine Herr ihn für einen alten Bekannten hielt, er ihm vielleicht ein paar Kronen schenken würde, und darum wollte er ihn nicht gleich wieder aus seinem Irrtum reißen. »Ja, mit mir ist's bergab gegangen, weiß Gott,« sagte er. »Du hättest eben nie deinen Abschied vom Regiment nehmen sollen,« sagte der Gutsherr. »Das war der ganze Fehler. Wenn ich nur noch aktiv gewesen wäre, hätte das nie geschehen dürfen. Aber jetzt kommst du natürlich mit zu mir nach Hause?« Aber mit in den Herrenhof zu kommen und dort als alter Regimentskamerad des Besitzers empfangen zu werden, das war nicht so recht nach dem Geschmack des Mausefallenhändlers. »Aber nein, aber nein,« sagte er und sah gewaltig erschrocken drein. »Das geht keinesfalls –« Als der andere sah, daß er sich so zierte, begann er hellauf zu lachen. »Du darfst nicht glauben, daß es bei mir daheim so hochherrlich zugeht, daß du dich da nicht zeigen kannst,« sagte er. »Elisabeth ist tot, das hast du vielleicht gehört, die Jungens sind im Ausland, und so hausen nur ich und meine älteste Tochter auf dem Herrenhof. Wir haben uns gerade darüber beklagt, daß wir in den Feiertagen so ganz allein sein werden. Komm jetzt, dann wird wenigstens den Weihnachtsspeisen mehr Ehre angetan werden!« Aber der Fremde blieb bei seinem nein, nein, nein, und als der Gutsherr in ihn drang, schien er drauf und dran, die Flucht ergreifen zu wollen. Da sah der Gutsherr, daß da nichts zu machen war. »Mir scheint, Rittmeister von Stahle will heute nacht lieber bei dir bleiben, Stjärnström, als zu mir kommen,« sagte er zum Schmiedemeister, »da mußt du ihm schon Nachtlogis geben.« Damit ging er, leise lachend, seiner Wege, und die Schmiede, die ihn gut kannten, wußten wohl, daß er noch nicht sein letztes Wort gesprochen hatte. Es dauerte auch nicht mehr als eine halbe Stunde, als sie das Rollen von Wagenrädern hörten und ein neuer Gast zur Türe hereinkam. Aber diesmal war es nicht der Hüttenherr selbst, der kam, sondern er hatte seine Tochter geschickt, offenbar in der Erwartung, daß ihre Überredungskunst größer sein würde. Sie kam herein, von einem Bedienten gefolgt, der einen großen Herrenpelz trug. Sie war durchaus nicht schön zu nennen, sie sah unansehnlich und scheu aus, und ihr Blick war ernst und schwermütig. In der Schmiede sah es ungefähr so aus wie zuvor. Der Schmiedemeister und der Gehilfe saßen noch auf ihrer Bank, und im Ofen knisterte und brannte es. Der Fremde hatte sich auf dem Boden ausgestreckt. Er lag da, einen Eisenklumpen unter dem Kopf, den Hut über dem Gesicht. Sowie die Gutsbesitzerstochter ihn erblickt hatte, ging sie auf ihn zu und hob den Hut von seinem Gesicht. Der Mann war wohl einer von jenen, die es gewohnt sind, nur mit einem Auge zu schlafen, er war augenblicklich wach und stand sofort vor ihr. »Ich heiße Edla Willmanson,« sagte das junge Mädchen. »Mein Vater sagte, daß der Herr Rittmeister heute nacht hier in der Schmiede schlafen will, und da bat ich ihn, herfahren und den Herrn Rittmeister mit zu uns nach Hause bringen zu dürfen. Es tut mir so leid, daß der Herr Rittmeister es so schwer hat. Mein Vater sagte, daß der Herr Rittmeister das Regiment wegen Gewissensskrupeln verlassen hat.« Sie heftete ihren tiefen Blick mit mitleidiger Bewunderung auf ihn. Und der zerlumpte Kerl dachte bei sich selbst, daß, wenn die seinen Herrschaften sich soviel Mühe machten, damit er zu ihnen käme, es wohl undankbar von ihm wäre, sich weiter zu spreizen. Es konnte ja ganz schön sein, einmal im Leben in einem Herrschaftsbett zu schlafen. »Das hätte ich mir aber doch nie gedacht, daß das gnädige Fräulein selbst sich die Mühe machen wird, meiner wegen bei der Nacht in die Schmiede zu kommen,« sagte er, »ja, dann geh' ich halt doch mit.« Damit nahm er den Pelz, den ihm der Bediente mit einer tiefen Verbeugung reicht, warf ihn über seine Lumpen, und ohne den erstaunten Männern in der Schmiede auch nur einen Blick zu gönnen, ging er an der Seite des jungen Mädchens zum Wagen hinaus. 3 Der nächste Tag war der Heilige Abend. Und als Hüttenherr Willmanson zum Frühstück in den Speisesaal kam, dachte er mit erwartungsvoller Freude an den alten Regimentskameraden, der ihm so recht gelegen und passend in den Weg gekommen war. »Jetzt soll er sich zuerst ordentlich bei uns anessen,« sagte er zu seiner Tochter, die irgend etwas auf dem Speisetisch ordnete, »dann will ich schon dafür sorgen, daß er eine bessere Beschäftigung findet, als im Lande herumzuziehen und Mausefallen zu verkaufen.« »Es ist doch merkwürdig, wie rasch es mit ihm bergab gegangen ist,« sagte die Tochter. »Gestern erinnerte aber auch gar nichts an ihm daran, daß er ein gebildeter Mann ist.« »Warte nur, mein Kind,« sagte der Vater. »Wenn er nur erst ordentlich herausgeputzt ist, wirst du schon anders sprechen. Gestern war er befangen, verstehst du? Die Vagabundenmanieren fallen mit den Vagabundenkleidern.« Gerade als der Hausherr dies sagte, ging die Türe auf, und der ehemalige Mausefallenhändler kam herein. Ja, das war sicher. Herausgeputzt war er. Der Bediente hatte ihm die Haare geschnitten, ihn rasiert und gebadet, er war so rein, daß er förmlich blinkte. Außerdem trug er ganze Schuhe und Strümpfe, ein weißes Hemd mit einem gestärkten Kragen und einen hübschen Sakkoanzug, den der Gutsherr von Ramsjö ihm geliehen hatte. Aber obgleich er so fein herausstaffiert war, schien der Hausherr nicht recht zufrieden. Er betrachtete seinen Gast mit zusammengezogenen Augenbrauen. Denn man muß bedenken, als er den fremden Mann in dem flackernden Feuerschein der Schmiede erblickte, hatte er ihn freilich leicht verwechseln können, aber nun er ihn rein gewaschen und rasiert bei vollem Tageslicht vor sich sah, gab es keine Möglichkeit mehr, ihn für einen alten Bekannten zu halten. »Was soll das heißen?« brüllte er ihn an. Der andere machte keinen Versuch, sich zu verstellen. Er begriff sofort, daß die Herrlichkeit jetzt ein Ende hatte. »Ja, gnädiger Herr, da kann ich nix dafür,« sagte er. »Ich hab' mich nie für was anderes ausgegeben als für einen armen Kesselflicker, und ich hab' gebeten und gebettelt, daß man mich in der Schmiede lassen soll. Und es ist ja weiter kein Unglück passiert, ich zieh halt meine alten Lumpen wieder an und mach' mich auf den Weg.« »Nun ja,« sagte der Hüttenherr etwas gedehnt, »aber ein ehrliches Vorgehen war das doch nicht, das mußt du doch einsehen. Und vielleicht hätte der Dorfrichter auch noch ein Wörtchen in die Sache dreinzureden.« Der Landstreicher kam nun ein paar Schritte näher heran und schlug mit der Faust auf eine Stuhllehne. »Ich werd' dem gnädigen Herrn sagen, wie die Geschichte ist,« sagte er. »Die ganze Welt ist nix anderes als eine große Mausfalle. All das Gute, was man einem gibt, das sind nur so Speckschwarten und Käsebrocken, hingelegt, um einen armen Teufel ins Verderben zu bringen. Und wenn jetzt der Dorfrichter kommen und mich auch noch ins Loch sperren soll, dann soll der gnädige Herr lieber dran denken: es kann ein Tag kommen, wo er selber Lust auf so ein schönes Speckstückel kriegt und sich in der großen Mausfalle fangt.« Der Gutsherr lachte. »Weißt du was, du Schlingel. Das war gar nicht so übel gesagt. Wir wollen den Dorfrichter am Weihnachtsabend vielleicht lieber in Ruhe lassen. Aber schau jetzt, daß du weiterkommst!« Doch als der Mann sich zur Türe wandte, ergriff die junge Gutsbesitzerstochter das Wort: »Ich finde, er sollte heute bei uns bleiben,« sagte sie. »Ich will nicht, daß er geht.« Und damit trat sie vor und stellte sich dem Landstreicher in den Weg. »Was um Himmels willen fällt dir ein?« fragte der Vater. Die Tochter stand mit ganz roten Wangen da und wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Seht, morgens hatte sie sich so schön ausgemalt, wie sie es so recht gut und weihnachtlich für den armen verhungerten, verwilderten Menschen, der zum Heiligen Abend zu ihnen gekommen war, einrichten wollte. Sie konnte sich nicht so plötzlich von diesen Gedanken losreißen, und so hatte sie gebeten, daß der arme Landstreicher bei ihnen bleiben dürfe, damit sie doch das Fest für irgend jemanden feiern konnte. »Ich denke an diesen Wandersmann,« sagte das junge Mädchen. »Er geht und geht das ganze liebe Jahr, und sicher gibt es auf der ganzen Erde kein Fleckchen, das er sein nennen, keinen Ort, an dem er willkommen ist und in Frieden ruhen kann. Gehetzt und vertrieben wird er wohl überall, wo er hinkommt. Immer hat er Angst, eingefangen und seiner Freiheit beraubt zu werden. Ich wünschte, er fände doch hier bei uns einen Tag des Friedens. Einen einzigen im ganzen Jahr.« Gutsbesitzer Willmanson murmelte etwas in seinen Bart. Er konnte sich nicht recht aufraffen, der Tochter entgegenzutreten. »Es mag ja sein, daß das Ganze ein Irrtum war,« sagte das junge Mädchen, »aber jedenfalls finde ich, wir können den nicht fortweisen, den wir zu uns gebeten und dem wir eine Weihnachtsfreude versprochen haben.« »Du predigst ja ärger als ein Pfaff,« sagte der Gutsherr. »Nun ja, ich will nur hoffen, daß du das, was du tust, nicht zu bereuen hast.« Da nahm die Gutsbesitzerstochter den fremden Mann bei der Hand und führte ihn zum Eßtisch. »Setz dich nun nieder und iß mit uns,« sagte sie, denn sie merkte ja, daß der Widerstand des Vaters gebrochen war. Der Mausefallenhändler hatte die ganze Zeit über kein Wort gesagt, und auch jetzt verhielt er sich still. Aber er sah das junge Mädchen, das sich so für ihn eingesetzt hatte, nur immer an. Was sie für ihn getan, war etwas so Wunderbares, daß es ihn ganz verstummen ließ. Dann verging dieser Weihnachtsabend auf Ramsjö ungefähr ebenso wie alle anderen Weihnachtsabende. Man hatte nicht viel Mühe mit dem fremden Gast, denn er tat eigentlich nichts anderes als schlafen. Den ganzen Vormittag lag er auf dem Sofa des Fremdenzimmers und schlief in einer Tour. Um die Mittagszeit wurde er geweckt, damit er von all den Weihnachtsspeisen mitessen konnte, aber dann schlief er weiter. Es war, als hätte er seit Jahr und Tag keinen guten und erquickenden Schlummer gefunden, bis er nun hierher gekommen war. Am Nachmittag, als der Christbaum angezündet wurde, weckte man ihn abermals, und da stand er nun ein Weilchen und sah blinzelnd in die Weihnachtskerzen, und als die Weihnachtspolka gespielt wurde, tanzte er eine Runde herum. Aber die Augen fielen ihm dabei zu, und er verschwand wiederum. Einige Stunden später wurde er noch einmal gestört. Er sollte in den Speisesaal herunterkommen und Fisch und Grütze mit ihnen essen. Doch kaum war man vom Tisch aufgestanden, ging er von einem zum andern, gab die Hand und sagte danke und gute Nacht. Als er zu dem jungen Mädchen kam, sagte sie ihm, ihr Vater wünsche, daß er die Kleider, die er anhatte, als Weihnachtsgeschenk betrachte. Er brauchte sie nicht zurückzugeben. Und wenn er am nächsten Weihnachtsabend in ein Haus kommen wollte, wo er sich in Frieden ausruhen und sicher sein konnte, daß ihm nichts Böses widerfuhr, so möge er zu ihnen kommen. Der Mann erwiderte nichts darauf. Er sah die Gutsbesitzerstochter nur mit derselben unermeßlichen Verwunderung und Bestürzung an. Am nächsten Morgen standen Hüttenherr Willmanson und seine Tochter schon in aller Frühe auf, um zur Weihnachtsmette zu fahren. Ihr Gast schlief noch immer, und man ließ ihn schlafen. Es wäre unbarmherzig gewesen, ihn zu stören. Als sie gegen zehn Uhr zurückkamen, ließ das junge Mädchen den Kopf noch tiefer hängen als gewöhnlich. Sie hatte in der Kirche gehört, daß einer der früheren Taglöhner des Guts von einem Kerl bestohlen worden war, der herumging und Mausefallen verkaufte. »Ja, das ist ja ein netter Geselle, den du da ins Haus gebracht hast,« sagte der Vater. »Ich möchte wissen, wie viele silberne Löffel jetzt noch in unserem Büfett liegen.« Kaum war der Wagen vor der Freitreppe stehengeblieben, als der Gutsherr sich beeilte, den Bedienten zu fragen, ob der Fremde noch im Hause sei, und er fügte hinzu, sie hätten in der Kirche gehört, daß er ein Dieb sei. Der Bediente erwiderte, der Mann sei fort, aber er habe nichts mitgenommen. Vielmehr habe er ein kleines Päckchen zurückgelassen, das das gnädige Fräulein die Güte haben möge, einem alten Mann zu senden, der einmal Taglöhner auf dem Gute gewesen war und jetzt auf der anderen Seite des Waldes an der großen Landstraße lebte. »Er bat, das gnädige Fräulein sollte das Päckchen zuerst öffnen,« sagte der Bediente. Das junge Mädchen riß den Umschlag auf und stieß einen kleinen Freudenschrei aus. Sie hatte eine kleine Mausefalle gefunden, in der drei zusammengerollte Zehnkronenscheine lagen. »Da siehst du, Papa,« sagte sie. »Er ist allerdings in die Falle geraten, aber diesmal ist es ihm doch gelungen, wieder herauszukrabbeln.« Die Holzbibel Im Kirchspiel Svartsjö in Värmland gibt es einen Menschen, der sehr glücklich ist. Das ist nicht der Herr Pfarrer in dem schönen Pfarrhof, auch keiner der wohlbestallten Bauern, keine siebzehnjährige junge Maid, es ist die alte arme Bolla Oestlund im Versorgungshaus. Sie ist glücklich, weil sie seit ihrem achten Jahr eine Lebensaufgabe hat. Das Leben war für sie nie leer und zwecklos. Sie hat das besessen, was so viele, die mehr sind als sie, entbehren. Und da es ihr überdies nie gelungen ist, die Aufgabe zu lösen, so ist ihr ihre Freudenquelle allezeit erhalten geblieben. Sie bedeutet so viel für sie, daß man ihr kaum etwas Besseres wünschen kann, als daß sie nie damit zu Rande kommt. Als sie acht Jahre alt war, nahm ihre Mutter sie einmal in die Kirche mit. Wie sie da an der Seite der Mutter den großen Gang hinaufging, wurde sie auf die große Bibel aufmerksam, die auf dem Altare lag. Sie war dick und ehrwürdig, schwarz und glänzend. Auf dem Rücken blinkte ein BIBLIA in vergoldeten Lettern, von den Seiten schimmerte es golden. Das versetzte sie in einen Taumel des Entzückens. Sie sah nicht die Kronleuchter, nicht die Kerzen, sie sah nichts anderes als nur die Bibel. Als sie in die Kirchenbank kam, zeigte es sich, daß sie so klein war, daß die vor ihr Sitzenden ihr das Buch verdeckten. Da hob die Mutter sie auf die Bank hinauf, und da stand sie während des ganzen Gottesdienstes, stand und starrte die große Kirchenbibel der Svartsjöer Gemeinde an. Auch daheim in Mutters kleinem Häuschen gab es eine Bibel, und auch die war ein schönes, ehrwürdiges Buch. Aber diese hier war wohl doppelt so dick. In Mutters Bibel gab es nur einige wenige Bilder. Aber in dieser, die doppelt so groß war! Was konnte man da nicht alles erwarten? Welchen mächtigen Moses, welche strahlende Jungfrau Maria, welch herrlichen König David, welch ungeheuren Goliath! Sie sah das alles schon vor sich. Die Bilder lösten sich aus der Umklammerung der Deckel und zeigten sich ihr... Auf der Bibel stand ein zweiarmiger silberner Leuchter. Diese Einrichtung kam ihr merkwürdig, ja beinahe ungehörig vor. Warum stand der Leuchter auf der Bibel? War die Bibel nicht zu heilig, als daß ein Leuchter darauf stehen durfte? Und wenn er auch aus Silber war! * Am nächsten Sonntag und noch an vielen Sonntagen bat sie, in die Kirche mitkommen zu dürfen. Sie wollte hin, um dabei zu sein, wenn das große Buch aufgeschlagen wurde. Sie zweifelte nicht, daß dies an irgendeinem hohen Feiertag geschehen würde. Aber die Bibel blieb ganz ruhig unter dem Leuchter liegen, niemand rührte sie an. Eines Tages nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte die Mutter, ob sie wüßte, wann der Pfarrer die Bilder des großen Buches in der Kirche zeigen würde. »Was für ein Buch?« fragte die Mutter. »Ja das, das auf dem Altar liegt.« »Liebes Kind, das ist ja nur eine Holzschachtel. Das liegt da, damit der Leuchter auf etwas stehen kann.« Das war eine furchtbare Enttäuschung. Einen so großen Schmerz hatte sie noch nie erfahren. Die Tränen schossen ihr aus den Augen. Die Mutter sah sie ganz bestürzt an. »Ja, um Himmels willen, warum weinst du denn?« Sie war zu schüchtern, um zu antworten, wie es die Wahrheit war, daß sie weinte, weil sie die schönen Bilder nie zu Gesicht bekommen sollte. Anstatt dessen sagte sie, sie habe Angst; daß Gott ihnen zürnen würde, weil sie eine falsche Bibel auf den Altar gelegt hatten. »Was redest du da für dummes Zeug zusammen!« sagte die Mutter streng. »Der liebe Gott weiß schon, wie dies zusammenhängt. Es hat auch hier in der Gemeinde wie in allen anderen eine gedruckte Kirchenbibel gegeben, aber eines Tages verbrannte die Kirche, und die Bibel mit, und der Kirchenbau war so kostspielig, daß die Gemeinde nicht mehr imstande war, eine richtige Bibel anzuschaffen.« Als das kleine Mädchen dies hörte, kam ihr eine Eingebung, und sie faßte einen großen Entschluß. Zugleich wurde sie so froh, daß die Tränen aufhörten zu fließen. Solange sie lebte, würde sie an diesen Augenblick denken, als an das Köstlichste in ihrem Leben. »Was kostet eine Bibel?« fragte sie. »Ach, das weiß ich nicht so genau. Meinst du eine Kirchenbibel?« »Ja, eine mit vielen Bildern darin.« »Die kommt hoch, die kostet vielleicht fünfzig Reichstaler.« Fünfzig Reichstaler! Das schien dem kleinen Mädchen eine erschreckend hohe Summe, aber sie hielt doch an ihrem Entschluß fest. Sobald sie groß war und in Dienst gehen konnte, würde sie diese fünfzig Reichstaler zusammensparen, um dem Kirchspiel eine richtige Bibel zu geben, die man auf den Altar legen konnte. – – – Dies war also die Aufgabe, die sie durch das Leben geleitet, und es reich und schön gemacht hatte. Andere Menschen wuchsen auf, lebten und gingen dahin, ohne zu wissen, warum. Vielleicht, war das der Grund, daß so viele von ihnen verkamen. Aber mit ihr war es anders. Sie wußte, warum Gott sie in die Welt gesetzt hatte. * Wenn sie in die Kirche kam, dann freute sie sich auf den Tag, an dem die neue Bibel auf dem Altar liegen würde und kein Kind von Bildern in einer leeren Holzschachtel zu träumen brauchte. Man kann nicht wissen, wie hoch sich ihre Gedanken verstiegen. Sie erwartete sicherlich, daß Gottes Segen sich in reicherem Maße über die Gemeinde ergießen würde, wenn keine falsche Bibel mehr auf dem Altar lag. Sie hatte ihre Sorgen wie andere auch, aber ihr Sinn war immer leicht, weil sie nicht von gewöhnlichen irdischen Fesseln gebunden war. Eine Unruhe quälte sie doch, daß jemand ihr zuvorkommen könnte. Wie zum Beispiel damals, als die Kirche restauriert wurde, oder als ein paar Frauen sich zusammentaten, um eine neue Altardecke anzuschaffen. Da hatte sie keine ruhige Stunde, bis sie nicht sicher wußte, daß keine auf den Gedanken verfallen war, der Kirche eine richtige Bibel zu schenken. Aber wenn sie so ängstlich war, daß jemand ihr zuvorkommen könnte, warum beeilte sie sich dann nicht? Warum sparte sie die fünfzig Kronen nicht zusammen? Ach, dazu war es schon mehrmals gekommen. Auf ihrem ersten Platz hatte sie einen Lohn von zwanzig Reichstalern im Jahre gehabt. Nach fünf Jahren waren die fünfzig Reichstaler beisammen gewesen. Aber ehe sie noch in die Stadt fahren und das Buch kaufen konnte, war die Mutter gestorben, und das Geld hatte für den Sarg und das Begräbnis verwendet werden müssen. Und so war es immer gegangen. Einmal ein Bruder, der ins Spital mußte, das andere Mal ein armer Nachbar, der seine einzige Kuh verloren hatte und dem man helfen mußte, sich eine neue zu kaufen. Außerdem war sie eines schönen Tages hingegangen und hatte geheiratet. Der Mann war nach einem Jahr gestorben und hatte sie allein mit einem kleinen Kinde zurückgelassen. Man kann sich denken, wie so etwas im Sparen aufhält. Für den, der eine Aufgabe zu erfüllen hat, ist das Leben so kurz! Sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah, da war sie schon so weit, ins Altersheim zu übersiedeln. Es war merkwürdig, die anderen Alten, die dort untergebracht waren, so verdrossen und düster dasitzen zu sehen und sie sagen zu hören, daß sie auf nichts anderes zu warten hätten als auf den Tod. So war es wahrlich nicht bei ihr. Sie war munter und vergnügt. Sie war mit dem Leben nicht fertig. Sie sammelte noch immer das Geld für die Kirchenbibel. Aber wie kann nun jemand, der im Armenhaus sitzt, fünfzig Kronen zusammensparen? Doch, das kann schon gehen, wenn man eine Tochter in Amerika hat. Die Tochter schickt in langen Zwischenräumen immer wieder einmal ein Paket Zeitungen. Im Altersheim macht man sich darüber lustig, daß sie ihrer Mutter amerikanische Zeitungen schickt. Aber die alte Mutter denkt nicht so, sondern durchsucht sie genau. Manchmal findet sie in dem Zeitungspacken ein farbiges Seidentaschentuch, manchmal einen Zweidollarschein. Wenn dies letztere sich ereignet, muß sie die anderen alten Frauen zu einem kleinen Kaffeekränzchen einladen. Aber zwei Dollar, das ist viel Geld. Etwas davon kann sie schon in einen kleinen Lederbeutel stecken, den sie unter dem Leibchen festgenäht hat. So wuchs die Summe, und in diesem Sommer war das Kirchspiel Svartsjö sehr nahe daran, eine richtige Kirchenbibel zu bekommen. Aber da hörte die alte Bolls Oestlund ganz zufällig von den schwedischen Bauern, den Svenskbyern, die aus Rußland in die Heimat zurückgekehrt waren. Anfangs interessierten sie diese Leute nicht im allergeringsten. Vielleicht, daß sie sogar diese Menschen, die Heim und Hof, Hausrat und Vieh, Schule und Kirche und die Gräber der Toten verließen, um in ein Land zu ziehen, wo sie keine Scholle Erde besaßen, als rechte Narren betrachtete. * Aber eines Tages erzählte ihr jemand von der alten schwedischen Bibel der Svenskbyer, die dreihundert Jahre alt war und sie auf all ihren Wegen begleitet hatte. Sie war Feuer und Flamme. Bibeln, das war etwas, das ihr am Herzen lag. Eine Bibel, die dreihundert Jahre alt war, wie mochte die wohl aussehen? War sie mit goldenen Buchstaben gedruckt? Vielleicht maß sie eine ganze Elle im Quadrat und hatte auf jeder Seite bunte Bilder? Aber wo sollten nun diese armen Menschen, die kein Dach über dem Kopfe hatten, ein solches Kleinod verwahren? Was ging wohl in ihr vor? Vielleicht, daß sie sich ganz dunkel an etwas erinnerte, das sie in ihrer Kindheit in ihrer Mutter Bibel gelesen, von einer seltsamen Wanderung durch die Wüste zu einem gelobten Lande? Vielleicht daß ihr etwas vom Berge Sinai und dem Tabernakel vorschwebte. Stellte sie sich vielleicht vor, daß es die alte Bibel war, die ihr Volk aus Knechtschaft und Unglück heimgeführt hatte? Glaubte sie, daß geheime Kräfte in ihren Lederdeckeln schlummerten und daß sie in besonderer Weise geehrt und hochgehalten werden sollte? Oder war es ganz einfach so, daß sie nun schon so sehr daran gewohnt war, immer wieder gehindert zu werden, diese Kirchenbibel zu kaufen, daß sie es nicht lassen konnte, zu glauben, es sei nun wieder Gottes Absicht, daß sie ihr Geld für etwas anderes hingeben sollte, als das, wofür sie ihr ganzes Leben lang gespart und gearbeitet hatte? – – – * Eines Tages im Herbst kam Fräulein Emanuelsson, die prächtige alte Volksschullehrerin, die alle Kinder der Gemeinde lesen gelehrt hatte, in das Altersheim gewandert. Sie hatte eine Sammelliste für die Svenskbyer mit, und sie kam, um zu fragen, ob der Vorsteher sich nicht mit ein paar Kronen einschreiben wolle. An eine der Alten im Heim konnte sie natürlich ein derartiges Ansinnen nicht stellen, aber da sie nun schon einmal im Hause war, wollte sie gerne ein Stündchen mit ihnen verplaudern. Sie ging aus einem Zimmer ins andere, und auf diese Art kam sie auch zu Bolla Oestlund, die schmuck und fein neben einem übervollen Blumenfenster in ihrer Kammer saß. Sie war schön, wie ein glücklicher Mensch es mit fünfundsiebzig Jahren sein kann, mit kleinen blassen Röslein auf den Wangen, einer Stirn, die ganz ohne Runzeln war, und einem munteren Leuchten in den Augen. Die Alten im Versorgungshaus haben eine kleine Schwäche dafür, immer wissen zu wollen, was sich in der Gemeinde ereignet und zuträgt, und so gab sich die Alte nicht eher zufrieden, bis sie nicht wußte, warum die Lehrerin gekommen war. Aber kaum hatte sie gehört, um was es sich handelte, als sie bat, sich die Liste ansehen zu dürfen. Nachdem sie ihre Augengläser aufgesetzt und die kleinen Summen geprüft hatte, die da verzeichnet standen, lächelte sie ein wenig. »Die Frau Lehrerin will meinen Namen vielleicht nicht dabei haben,« sagte sie. »Die Groschen, die eine alte Armenhäuslerin entbehren kann, sind wohl gar zu wenig. Ich verschandle der Frau Lehrerin am Ende die ganze Liste.« Aber seht ihr, das meinte Fräulein Emanuelsson gewiß nicht. Bolla Oestlunds Name war der beste, den sie nur dabei haben konnte. Die Alte zierte sich noch ein bißchen, aber dann nahm sie die Feder, die die andere mithatte, kritzelte ihren Namen hin und schrieb dann einen Fünfer und eine Null in die erste Ziffernkolonne. Als die Lehrerin die Liste wieder an sich nahm, sah sie ein bißchen bedenklich drein. »Sie haben sich wohl verschrieben, Bolla?« sagte sie. »Die Ziffern hätten wohl in der andern Reihe stehen sollen?« Bolla Oestlund merkte, daß die Lehrerin glaubte, sie hätte fünfzig Öre zeichnen wollen, und da fing sie laut zu lachen an. »Es ist schon recht so, Frau Lehrerin, es ist schon so recht, wie es steht,« sagte sie. Und damit fing sie an, die eine Banknote nach der anderen hervorzukramen. * Die prächtige alte Volksschullehrerin war nie in ihrem Leben erstaunter gewesen, und sie sagte mit großer Bestimmtheit, daß sie das Geld nicht nehmen könne, bevor sie nicht wisse, wie Bolla dazu gekommen sei. Und da es sich so gut traf, daß sie allein im Zimmer waren, bekam sie die ganze Geschichte zu hören, sowohl die von der Holzbibel, die die Alte ihr ganzes Leben lang versucht hatte aus der Kirche wegzubringen, wie die von der merkwürdigen Bibel aus Gammal-Svenskby, die die Ihren aus dem Lande der Knechtschaft geführt hatte und nun eine eigene Kirche und einen eigenen Altar haben sollte, um darauf zu ruhen. Fräulein Emanuelsson war recht niedergedrückt gewesen, als sie in das Altersheim gekommen war, denn sie fand, daß es mit der Sammlung gar zu langsam vorwärts ging; und sie hätte nichts dagegen gehabt, mit ganzen fünfzig Kronen auf der Liste wieder fortzugehen, aber als die gute brave Seele, die sie war, ward sie von Mitleid mit Bolla Oestlund ergriffen. Sie fing an, ihr zuzureden, ihr Geld doch so zu verwenden, wie sie es sich ursprünglich gedacht hatte. Um ihr die Sache noch lockender zu machen, malte sie ihr aus, wie schön es an dem Tage, an dem ihre Bibel auf dem Altar lag, in der Kirche sein würde. Der Pfarrer würde sicherlich von der Kanzel aus ein paar Worte über die Spenderin sagen und ihren Namen nennen. Zum Schluß ließ sie auch etwas darüber fallen, daß Bolla nun schon fünfundsiebzig Jahre alt war. Vielleicht würde sie nicht die Zeit haben, neue fünfzig Kronen zusammenzusparen, und dann wäre ja ihr ganzes Leben verpfuscht. Aber o nein! Der Rat wurde nicht angenommen. Bolla Oestlunds Entschluß war schon längst gefaßt. Das Geld sollten die Svenskbyer haben. »Aber Sie müssen sich doch sagen, Bolla, daß fünfzig Kronen nicht genug sind, um eine Kirche zu bauen,« sagte die Lehrerin. »Die langen zu nicht viel mehr als zu einem Stein in der Kirchenmauer.« Jetzt lachte die Alte nicht mehr. Dies verdroß sie. »Ja, freilich, wir Alten hier im Versorgungshaus, wir sind so dumm, nicht wahr?« sagte sie, »und die Frau Lehrerin ist so klug. Aber nun habe ich das Meinige getan, und nun überlasse ich Ihm, der Himmel und Erde aus dem Nichts geschaffen hat, das Werk zu vollenden. Und wir werden ja sehen, ob er die Macht hat, damit fertig zu werden.« Aber nachdem so starke Worte gefallen waren, sah die Lehrerin ein, daß hier nichts anderes zu tun war, als die fünfzig Kronen in Dankbarkeit anzunehmen. * Etwas später am Nachmittag kam Fräulein Emanuelsson zu dem Bezirksrichter in Ingersrud. Jetzt war sie nicht mehr niedergeschlagen. Wie sie so ging, hatte sie an Bolla Oestlund gedacht, und je mehr sie an sie gedacht hatte, desto fröhlicher und mutiger war ihr ums Herz geworden. Darum ging sie ganz unverzagt zu dem Herrn Bezirksrichter hinein und legte ihm ihre Liste vor. Der Bezirksrichter trat auch sofort an sein Schreibpult, tauchte die Feder ein und schrieb seinen Namen. Dann grübelte er ein wenig nach, was er wohl geben sollte. Er fand, daß zwei Kronen genug wären, aber dann dachte er daran, was für ein mächtiger Mann er im Kirchspiel war, und so schrieb er eine Fünf in die erste Ziffernkolonne. Erst nachdem dies geschehen war, fiel es ihm ein, nachzusehen, was für andere Namen auf der Liste standen. »Wer ist denn die, die Bolla Oestlund heißt und fünfzig Kronen gegeben hat?« rief er. Als die Frau von jemandem hörte, der fünfzig Kronen gegeben hatte, wurde sie neugierig. Sie stellte sich hinter den Mann und sah sich die Liste an. »Hier im Kirchspiel gibt es doch niemanden anderen, der Bolla Oestlund heißt, als die im Versorgungshaus?« »Es ist auch keine andere als eben sie, die sich mit fünfzig Kronen eingeschrieben hat,« sagte nun die Volksschullehrerin, und dann erzählte sie die ganze Geschichte von der Holzbibel und der Svenskbyer Bibel. Mitten in der Erzählung beugte sich die Frau zu dem Mann hinunter und flüsterte ihm zu: »Das sieht aber doch ein bißchen komisch aus: fünfzig Kronen von Bolla Oestlund im Armenhaus und fünf Kronen von Bezirksrichter Nils Andersson auf Ingersrud. Obendrein stehen die Zahlen noch dicht untereinander!« Der Bezirksrichter saß still mit der Feder in der Hand da und hörte aufmerksam zu. Aber hier und da blinzelte er mit einem Auge, drehte den Kopf und warf einen Blick auf die Liste. Als Fräulein Emanuelsson fertig erzählt hatte, senkte er die Hand und zeichnete einen Strich vor den Fünfer, so daß nun fünfzehn dastand. »Ja, das geht ja so halbwegs,« sagte die Frau, aber in etwas unsicherem und zögerndem Ton. Der Bezirksrichter war selbst auch nicht so recht zufrieden. Er saß noch immer mit der Feder in der Hand da. Er drehte den Kopf hin und her, blinzelte mit dem einen Auge und schien recht ungehalten über das, was er da vor sich auf dem weißen Papier sah. »Ja, wenn wir es so sagen sollen wie es ist,« sagte seine Frau und versuchte ihm zu Hilfe zu kommen, – »so haben wir auch solch eine alte Holzbibel, die wir gerne weg haben möchten. Ich meine den alten Erker, der schon so schief und baufällig aussieht. Oft und oft haben wir davon gesprochen, daß er eingerissen werden sollte, so daß wir eine nette Glasveranda anbauen können. In ein paar Tagen hätte ja die Arbeit beginnen sollen, aber eher, als daß wir uns von einer Armenhäuslerin zu schämen brauchen, sage ich für mein Teil, daß der Erker einstweilen nur so bleiben soll, wie er ist.« Als die Frau dies gesagt hatte, senkte der Bezirksrichter ganz sachte die Hand auf das Papier und zeichnete eine Null nach dem Fünfer. »Was sagst du dazu?« sagte er und zeigte der Frau, was er geschrieben hatte. »Ich sage, daß ich glaube, Bollas fünfzig Kronen bringen Segen,« sagte die Frau. * Die alte Volksschullehrerin ging mit leichten Schritten über den Weg. Es begann spät zu werden, aber da sie an diesem Tag Glück zu haben glaubte, wollte sie auch noch bei dem Dorfkrämer in Västansjö einsprechen, bevor sie wieder zu sich nach Hause ging. Als sie in den Laden trat, stand der Kaufmann über den Ladentisch gebeugt und sprach mit ein paar jungen Mädchen. Es waren Anna und Emilie Andersson, die Töchter des Bezirksrichters auf Ingersrud. Sie waren auf einer Radpartie und hatten hier absteigen müssen, um ihre Radlaternen richten zu lassen, die nicht brennen wollten. Als Fräulein Emanuelsson in den Laden trat, erklärten sie dem Kaufmann gerade, woran der Fehler lag, und er hörte sehr artig und beflissen zu, wie es natürlich war, da der Bezirksrichter zu seinen besten Kunden gehörte. Hinter Anna und Emilie, ja eigentlich fast an der Türe, stand ein anderes junges Mädchen, das sich gar nicht an dem Gespräch beteiligte. Das war Fräulein Björkbor, die Besitzerin des anderen Kaufladens im Dorfe Västansjö. Sie war mit den Mädchen aus Ingersrud fort gewesen, und darum war sie mit ihnen in den Laden gekommen. Sie und der Kaufmann waren sonst durchaus keine guten Freunde, sie pflegten nie miteinander zu sprechen, so daß Fräulein Emanuelsson ein wenig erstaunt war, als sie sie jetzt im Laden des Konkurrenten stehen sah. Anna und Emilie machten ihrer alten Lehrerin sofort Platz, und Fräulein Emanuelsson ging geradeswegs auf den Ladentisch zu und reichte dem Kaufmann ihre Liste. Und obgleich sie jetzt schon zu merken begann, was für eine mächtige und wunderbare Liste sie da in der Hand hatte, sagte sie doch ebenso bescheiden und anspruchslos wie immer: »Ich habe da eine kleine Liste für die Svenskbyer mitgebracht. Sie sind doch so gütig, Herr Johansson und schreiben sich mit ein paar Kronen ein?« »Gewiß, schon dem Fräulein zuliebe,« sagte der Kaufmann artig und nahm die Liste. Er entfaltete den Bogen, sah sofort nach, welche Namen dastanden und rief: »Wer ist denn die, die Bolla Oestlund heißt und fünfzig Kronen gegeben hat?« »Es gibt doch keine andere Bolla Oestlund als die im Altersheim,« sagte Emilie Andersson. Die Lehrerin erklärte ganz wie bei ihrem vorigen Besuch, daß es tatsächlich die alte Bolla im Versorgungshaus war, die die fünfzig Kronen gezeichnet hatte, und dann erzählte sie ihnen die ganze Geschichte von der Holzbibel und von der Glasveranda des Herrn Bezirksrichters. Der Kaufmann und die drei Mädchen hörten anfangs etwas zerstreut zu, aber als sie hörten, wie die Frau Bezirksrichter ihren Mann dazu gebracht hatte, hundertfünfzig Kronen zu zeichnen, wurden sie sehr eifrig. Die beiden Töchter strahlten vor Befriedigung, und das Mädchen, das sich in ihrer Gesellschaft befand, kam näher. »Ja, das ist eine schwierige Sache,« sagte der Kaufmann, nachdem er die Geschichte gehört hatte, und machte ein sehr schlaues Gesicht. »Man will ja gerne zeigen, daß man ein bißchen besser dran ist als Bolla Oestlund. Aber wenn sich ein armer Handelsmann mit ebensoviel einschreibt wie der Herr Bezirksrichter, so kann das vielleicht unschicklich aussehen.« »Ach, unser Vater würde das nicht übelnehmen,« sagte Anna Andersson. Der Kaufmann sah sich die Liste nochmals an und schüttelte den Kopf, und man brauchte nicht sehr helle zu sein, um zu merken, daß er geradezu vor Begierde brannte, den Anwesenden zu zeigen, daß er es, was das Geld anbelangt, mit dem Herrn Bezirksrichter schon aufnehmen konnte. »Der Herr Johansson hat vielleicht auch so eine Holzbibel, die sich bis zum nächsten Jahr gedulden kann,« sagte eine spöttische Stimme. Der Kaufmann sah auf. Ja, es war Fräulein Björkbom, die Konkurrentin, die gesprochen hatte und nun dastand und über ihr ganzes schönes Gesicht spöttisch lächelte. * Der Kaufmann war nicht faul, ihr zu antworten. Er ging in das anstoßende Zimmer und holte Feder und Tinte. »Hier,« sagte er und wies auf den Federstiel, »hier ist meine Holzbibel. Jawohl, es ist schon, ich weiß gar nicht wie lange, all mein Sehnen und Trachten gewesen, ihn durch eine Schreibmaschine zu ersetzen. Aber nun muß er eben noch ein Jahr lang Dienst tun.« Damit beugte er sich über die Liste und schrieb sich mit einhundertfünfzig Kronen ein. Als dies geschehen war, rollte er die Liste zwischen den Händen zusammen. »Nun ist aber Fräulein Björkbom an der Reihe, nachzudenken, ob sie nicht auch so eine Holzbibel hat, die bis zum nächsten Jahre warten kann,« sagte er, und zugleich flog die Liste über Annas und Emilies Köpfe zu Fräulein Björkbom hinüber. Aber bei den Worten des Kaufmanns war Fräulein Björkbom ganz blaß geworden, und ihr spöttisches Lächeln war verschwunden. Denn niemand wußte besser als sie, was es bedeutete, wenn Herr Johansson sich eine Schreibmaschine anschaffte. Was für ein Ansehen würde es seinem Laden geben, wenn man das Klappern einer Schreibmaschine hörte, sowie man nur zur Türe hereinkam. Wie würde das seine Stellung stärken, wenn seine Rechnungen maschinengeschrieben ausgeschickt wurden? Das wäre ein unerhörtes Übergewicht. Sie fühlte, wie sie innerlich erzitterte. »Ja,« sagte sie und trat an den Ladentisch und nahm die Feder, »meine Holzbibel, das ist wohl die alte Laute, auf der ich hier und da zu klimpern pflege und die ich schon so lange mit einem Radio vertauschen wollte. Aber nun muß ich diesen Gedanken wohl noch für eine Zeitlang fahren lassen.« Der Kaufmann stand da und sah ihr zu, wie sie ihren Namen auf die Liste schrieb. Er wußte, daß sie den Kunden vorzusingen und vorzuspielen pflegte, und daß schon dies recht gefährlich gewesen war. Aber wie wäre es erst gegangen, wenn sie sich einen Lautsprecher angeschafft hätte? Dann hätte er gleich zusperren können. Als Fräulein Björkbom fertig geschrieben hatte, hob sie den Kopf und lächelte Herrn Johansson zu. »Sie haben eine so schöne Schrift, Herr Johansson. Sie brauchen gar keine Schreibmaschine.« Darauf erwiderte Herr Johansson: »Wer eine so herrliche Stimme hat wie Sie, Fräulein Björkbom, braucht sich wirklich kein Radio anzuschaffen.« Worauf ihre Augen tief ineinander tauchten wie in unsäglichem Staunen, daß sie sich je in Feindschaft begegnen konnten. Fräulein Björkbom war diejenige, die sich zuerst losriß. Sie nahm die Liste und reichte sie Fräulein Emanuelsson. »Ich muß vielmals danken, ich muß ganz ergebenst danken,« sagte diese und knickste. »Gehen Sie nie mehr mit dieser Liste herum, Frau Lehrerin,« sagte der Kaufmann. »Sie richten sonst das ganze Kirchspiel zugrunde. Die ist ja verzaubert.« »Es ist ein altes liebevolles Herz, von dem dieser Zauber ausgeht,« sagte die Lehrerin und knickste zur Ladentür hinaus. Sophie Adlersparre Es war im Jahre 1886 an einem dunklen Herbstabend in Landskrona, nur einige Wochen vor Weihnachten. Ich saß in meinem Zimmer bei der angezündeten Lampe, eifrig damit beschäftigt, die schwedischen Aufsätze meiner Schulmädchen zu prüfen, als ich hörte, wie der Postbote die Treppe heraufkam und Briefe in den Kasten warf. Da ich wußte, daß ich allein zu Hause war, eilte ich in das Vorzimmer, um sie hereinzuholen. Einer der Briefe war an mich: ein großes Konvolut mit dem Poststempel Stockholm. Ich riß es auf und setzte mich hin, um zu lesen. Als ich ein paar Zeilen gelesen hatte, begannen meine Hände zu zittern, und die Buchstaben tanzten mir vor den Augen. Ich sah von dem Brief auf, um zur Ruhe zu kommen, und meine Blicke fielen auf die blauen Aufsatzhefte, die über den Tisch ausgebreitet lagen. Ich sammelte sie zu einem Haufen und schob sie so weit weg als möglich. Dann setzte ich mich wieder hin, um den Brief zu lesen. Ich war seit anderthalb Jahren Lehrerin an der Landskronaer Mädchenschule, und, um die Wahrheit zu sagen, fehlte mir gar nichts. Ich interessierte mich für meine Arbeit, ich stand in den besten Beziehungen zu der Vorsteherin und meinen Kollegen. Ich fühlte mich in dem kleinen Städtchen an dem schönen Sund wohl; und in der Familie, bei der ich in Pension war, wurde ich wie das Kind im Hause behandelt. Was mich hinderte, ganz glücklich zu sein, war eine innere angstvolle Sehnsucht, die mir keine Ruhe ließ. Es war etwas in mir, das aufreizte und mahnte und mir verbot, ruhig aus dem sicheren Platz im Leben zu bleiben, zu dem ich gelangt war. Seit meinem siebenten Jahr hatte ich davon geträumt, Schriftstellerin zu werden; seit meinem fünfzehnten hatte ich Verse geschrieben und gehofft, daß ich mich zu einer großen Dichterin entwickeln würde. Aber all dies hatte zu keinem Resultat geführt. An jenem Abend in Landskrona, kurz nachdem ich in mein neunundzwanzigstes Jahr getreten war, stand ich ebenso weit vom Ziele wie nur je – ja, es erschien mir beinahe noch ferner als in den vorhergehenden Jahren. Bisher, sowohl als ich zu Hause auf dem Lande die Lehrerin meiner jüngeren Geschwister war, wie auch später in meinen Seminarjahren war es mir leicht gefallen, meine Gedanken in Reime zu bringen. Ich hatte am liebsten Sonette geschrieben, und ich hatte ein solch kleines Gedicht in ganz kurzer Zeit, die dem Lernen abgestohlen war, zustande bringen können. Ich wagte freilich nicht zu glauben, daß meine Sonette vollendet wären, aber sie waren mir wenigstens ohne Mühe, gleichsam ohne mein eigenes Hinzutun, aus der Feder geflossen. Sie zu schaffen, hatte meine müden Sinne belebt und war meine liebste Zerstreuung gewesen. Ich hatte zu jener Zeit keine strengen Anforderungen an mich selbst gestellt, sondern die ganze Schriftstellerei als ein fröhliches Spiel betrachtet. Hingegen hatte ich mit aller Sicherheit erwartet, daß, wenn ich das Seminar hinter mir hatte und freier über meine Zeit verfügen konnte, auch der rechte Moment für eine reiche und vollwertige literarische Tätigkeit gekommen sein würde. Doch dies war leider durchaus nicht der Fall gewesen. Mit dem Dichten ging es vielmehr nun mühsam und schwer. Jetzt brauchte ich mehrere Tage, ja eine ganze Woche, um ein Sonett zu schreiben. Schon vor mehreren Jahren war mir die Idee gekommen, von den alten Värmländer Kavalieren zu schreiben. Auch dieses Buch wollte ich in Versen schreiben, aber die Arbeit stand hoffnungslos still. Diese Langsamkeit, diese Ungewandtheit machte es, daß ich an meinen Fähigkeiten zu zweifeln begann. Die Lust, Schriftstellerin zu werden, war noch immer da, aber es war ja nicht ausgeschlossen, daß sie mich irreführte. Was mich in diesen Landskronaer Tagen interessierte, das waren die vielen sozialen Fragen, die die Zeit bewegten. Alles, was den Unterricht, den Frieden, die Abstinenz, die Frauenfrage, die Armenpflege betraf, fesselte meine Aufmerksamkeit. Ich dachte daran, mich ganz dem Lehrerinnenberuf zu widmen und alle meine Kraft darauf zu konzentrieren, eine Musterschule zu schaffen, in der alle Mängel des jetzigen pädagogischen Systems behoben sein sollten. Dies schien mir freilich ein Verrat an meinem früheren Leben, das von dem einzigen Wunsch beseelt gewesen war, zu schreiben. Aber was konnte ich sonst anfangen, wenn meine Begabung nun meinen Erwartungen nicht zu entsprechen schien? In diesem Herbst, gerade als diese Gedanken der Mutlosigkeit am mächtigsten gewesen waren, hatte ich eine kleine Mitteilung von der Baronin Adlersparre bekommen, der Führerin der schwedischen Frauenbewegung, der Herausgeberin der Zeitschrift »Dagny«. Sie hatte mich mit einigen kurzen Zeilen benachrichtigt, daß eine meiner Seminarkolleginnen, Frau Gurli Linder, ihr vier meiner Sonette gezeigt hätte, und sie bat mich, sie noch einige andere sehen zu lassen, bevor sie sich entschlösse, sie in »Dagny« zu bringen. So gerührt ich über Gurli Linders Absicht gewesen war, mir zu ein bißchen Publizität zu verhelfen, war mir dieser Brief doch nicht sehr ermunternd vorgekommen. Er war in recht kühlem Ton gehalten; und obwohl ich natürlich sofort eine Ladung Sonette nach Stockholm geschickt hatte, hatte ich mich doch wohl gehütet, mich in irgendwelche Hoffnungen einzuwiegen. Eine Woche nach der anderen war auch verstrichen, ohne daß irgendeine Antwort gekommen wäre. Nun endlich lag sie hier vor meinen Augen. Und sie war so gut, daß sie mir als ein reines Wunder erschien. Esselde Adlersparre schrieb, sie habe die Sonette von einem hochgeschätzten Kenner durchsehen lassen, und er habe gefunden, daß viele von ihnen den Forderungen entsprächen, die man an ein gutes Sonett stellen könnte. Sie wären pittoresk, sie wären scharfsinnig und überraschend, und sie glichen kleinen, wohlgeformten und leuchtenden Geschmeiden. Sie wollte sie also in »Dagny« bringen, die ersten vier sollten schon im nächsten Heft erscheinen. Ferner fragte sie, ob ich nichts anderes geschrieben hätte, und schließlich sprach sie den Wunsch aus, meine persönliche Bekanntschaft zu machen, und lud mich ein, zu Weihnachten nach Stockholm zu kommen und in ihrem Hause zu wohnen. Als ich diese bedeutungsvollen Zeilen zwei-, dreimal durchgelesen hatte, löschte ich die Lampe und schmiegte mich in die Sofaecke, um mir ein Mal ums andere zu wiederholen, daß meine Sonette gedruckt werden würden, daß ich »pittoresk« schriebe, und daß ich sicherlich zum Schluß doch Schriftstellerin werden würde. Mitten in meinem Glück widmete ich doch der, die den Brief geschrieben hatte, viele bewundernde Gedanken. Wie mochte sie sein, die ein fremdes Menschenkind in ihr Heim einlud, nachdem sie nur einige seiner Sonette gelesen hatte? Welche Gabe mußte sie doch besitzen, rasch und eingreifend zu handeln, und welch großes, mutiges, liebevolles Herz! Einen Monat später, gegen Neujahr 1887, fuhr ich auch nach Stockholm, um Esseldes Einladung nachzukommen. Ich kam mit dem Zug aus Värmland um zehn Uhr abends auf dem Zentralbahnhof an, und vergebens sah ich mich nach jemandem um, der mich abholte. Schließlich nahm ich mir eine Droschke und gab dem Kutscher die Adresse: Fjällgatan 11. Er sah ein bißchen erstaunt drein, als hätte er noch nie von einer solchen Straße gehört, aber ein Kamerad warf ihm eine Aufklärung zu, und wir machten uns auf den Weg. Das war eine Fahrt, die kein Ende nehmen zu wollen schien. Manchmal zog ich den herabgelassenen Fenstervorhang auf, um zu sehen, wohin es ging. Wir fuhren über den Gustav-Adolf-Platz, über die Nordbrücke, über die Schiffsbrücke zur Schleuse. Dann ging es die endlosen Straßen Södermalms hinauf: aber da konnte ich mich gar nicht mehr aus, und ich hatte keine Ahnung, wohin der Kutscher mich führen würde. Mir kam es vor, als müßte die Fahrt stundenlang gedauert haben, und es schien mir fast unmöglich, mich zu dieser späten Stunde bei Esselde zu zeigen, wenn es nun wirklich so war, daß der Kutscher recht fuhr und sie in dieser Gegend wohnte. Endlich blieb die Droschke in einem schmalen, krummen Gäßchen stehen. Ich stieg aus, aber sah kein Haus vor mir, nur eine lange fensterlose Mauer. Der Kutscher deutete auf ein Tor in der Mauer und einen Glockenstrang. Ich zog an der Glocke, und jemand mußte wohl das Tor geöffnet haben, denn gleich darauf stand ich auf einem von Mauern umfriedeten Hof. Gerade vor mir schimmerte dunkel ein hohes, schmales Haus. Ich konnte keine Eingangstür sehen, nur eine Treppe, die schmal und hoch wie eine Leiter an der Außenseite des Hauses hinauflief. Ich stand ganz ratlos da, aber da öffnete sich eine Tür in der Höhe über der Treppe, ein Lichtschein rieselte heraus, es zeigte sich ein großes stattliches Mädchen, das in den Hof herunterrief und fragte, ob vielleicht Fräulein Lagerlöf gekommen sei. Ich war über alle Maßen froh, so war ich doch nicht fehl am Ort, und Menschen waren auf und erwarteten mich. An diesem Abend bekam ich jedoch meine Gastgeberin nicht zu sehen. Sie war unpäßlich und hatte sich zu Bett gelegt, aber ihre Sekretärin, Fräulein Mems, und das große Mädchen, Albertina, nahmen sich meiner an, gaben mir ein Abendbrot und führten mich in meine Schlafstube. Es war kein großartiges Gastzimmer, über das Esselde verfügte, nur ein kleiner Verschlag in einen Treppenabsatz eingebaut mit einem Bett, das aus einer dicken Matratze auf einem Eisengestell bestand. Wie dem auch sein mochte, ich kann mich nur erinnern, daß ich vortrefflich lag, und während ich mich noch fragte, was der morgige Tag wohl bringen würde, war ich schon eingeschlafen. Sowie ich am nächsten Morgen angekleidet war, trat ich auf die Treppe hinaus und wanderte sie hinauf, soweit ich kommen konnte. Es schien mir, daß das hohe, schmale Haus nicht viel anderes berge als diese Treppe mit kleinen Verschlägen auf den Absätzen. Endlich an der Spitze der Treppe fand ich eine offene Türe und trat in ein Zimmer, das ich vom vorigen Abend her wiedererkannte. Aber da waren wohl die Vorhänge herabgelassen gewesen, so daß ich gar nicht gesehen hatte, was für ein Zimmer dies war. Jetzt war ich beinahe geblendet von all dem Licht, das mir entgegenströmte. Es war, als käme man auf ein Dampfschiffverdeck oder auf einen Berggipfel: freie offene Aussicht nach allen Seiten. Kein Mensch war im Zimmer, und ich ging von Fenster zu Fenster und schaute nur. Das war die wunderbarste Aussicht, die wohl irgendein Stockholmer Haus gehabt hat. Die ganze Stadt lag dort unten mit Häusermassen und Wasserläufen, mit Turmspitzen und Rauchsäulen; alles von den Nebeln und Dünsten des Winterhimmels umschwebt, die von Hellrot nach Grauschwarz, von Lichtviolett nach Rotbraun schillerten. Es war herrlich, so zu wohnen, ein passendes Heim für jemanden, der herrschen wollte, der einen weiten Überblick haben wollte, der Einfluß auf Tausende von Menschen nehmen wollte. Der Raum wäre schon an sich, ganz abgesehen von der Aussicht, schön gewesen. Zwischen den Fenstern hingen nachgedunkelte Bilder italienischer Meister, aus denen das eine oder andere helle Antlitz einer Madonna oder einer Heiligen aus dem Dunkel hervorleuchtete. Schöne antike Möbel standen auch da, aber meine Aufmerksamkeit fesselte am meisten eine Ecke, in der vor einem Sofa ein Tisch stand, so groß, daß er sich zum Speisetisch für eine zahlreiche Familie geeignet hätte. Der Tisch war mit Broschüren, Papieren und Korrekturen bedeckt. Das war natürlich Esseldes Arbeitsplatz. Da blieb ich stehen. Es war das erstemal, daß ich in der Häuslichkeit einer Schriftstellerin weilte, und ich empfand ein sehr wohliges Gefühl. Hier dichtete, hier schrieb, hier kritisierte man, hier wurden Korrekturen gelesen, hier lebte man in der Welt der Bücher, hier wurde das Leben geführt, das, wie ich hoffte, einmal das meine sein würde. Kurz darauf kam die Sekretärin herein und meldete, daß die Baronin noch immer bettlägerig sei und mich auch heute nicht empfangen könne. Dies hätte ja eine Enttäuschung für mich bedeuten sollen, aber ich bangte vor der Begegnung mit Esselde wie vor einer Prüfung, und mit recht leichtem Herzen nahm ich eiligst Mantel und Hut und wanderte in die Stadt hinunter, um mit Verwandten und Freunden zusammenzutreffen. Jungfer Albertina, die es vermutlich gewohnt war, Vorsehung für junge unerfahrene schreibende Damen zu agieren, gab mir Anweisung, wie ich gehen mußte, um zur Rathausstiege zu kommen, in deren unmittelbarer Nähe das hohe Haus in der Fjällgata stand. Und über diese Treppen, die sich mit vielen Unterbrechungen den steilen Berg hinunterschlängelten, wanderte ich zum Rathaus und zur Schleuse, wo die Straßenbahn weiterging. Es gibt wohl keinen alten Stockholmer, der sich nicht dieser Treppen erinnert, die so abenteuerlich über der Tiefe hingen, aber nur wenige dürften über sie gegangen sein. Ich kletterte sie nun acht Tage lang auf und ab. Auch am nächsten Morgen fand ich den schönen Salon leer und bekam wiederum den Bescheid, daß ich meine Gastgeberin auch an diesem Tage nicht sehen könne. Aber als ich am Morgen des dritten Tages hineinkam, saß eine kleine alte Dame auf dem Ecksofa und streckte mir die Hände entgegen. Es war nicht das erstemal, daß ich Esselde sah, ich hatte sie einmal auf einem Katheder stehen sehen und eine Vorlesung abhalten hören, und da war sie mir recht stattlich und repräsentativ erschienen. Nun in ihrem Heim schien sie mir ein Symbol des alten hilflosen Frauentypus, den zu vernichten das Streben ihres ganzen Lebens gewesen war. Ihre Hände waren klein und weich, ihr Kopf war von den flatternden Locken des romantischen Zeitalters umwallt, ihr Körper war so, als existierte er überhaupt nicht. Ihr Gesicht konnte man absolut nicht schön nennen, und jetzt nach der Krankheit waren sogar ihre Augen matt und erloschen. Soviel konnte man gleich sagen, alles, was diese kleine Frau gewirkt hatte, das hatte sie durch die Macht ihrer Begabung und ihres Charakters durchgesetzt, nicht durch irgendwelche äußeren Vorzüge. Das einzige an ihr, was Zeugnis von der Kraft und Schönheit ihrer Seele ablegte, war ihre Stimme. Sie war leise, aber sie hatte einen schönen Klang. Jedes Wort wurde sehr deutlich, vielleicht etwas autoritativ ausgesprochen, aber auch oft mit einem Anflug von Humor, wie von jemandem, der weiß, daß er nicht so arg ist, als es den Anschein haben mag. Wovon wir sprachen? Nach den ersten selbstverständlichen Dankbarkeitsbezeigungen und Erklärungen kamen wir sofort auf Schulfragen. Esselde war seit 1885 Mitglied des Mädchenschulkomitees, sie hatte in diesem Jahre eine Menge Schulen besucht, und sie benützte die Gelegenheit, ihre Kenntnisse zu erweitern und zu bereichern. So sah es wenigstens aus, aber Esselde war eine »raffinierte« kleine Dame, und es kann schon sein, daß sie das Gespräch auf ein Gebiet lenkte, in dem ich mich heimisch fühlen mußte, nur um mir Zeit zu lassen, meine Schüchternheit zu überwinden. Sobald das Frühstück aus war, schickte sie ihre Sekretärin mit einem Auftrag ganz weit nach Norrmalm, und ich bekam den Befehl, zu zeigen, was ich an anderen Gedichten als Sonetten mit hatte. Das war ja ein recht schwerer Augenblick. Ich begann eines meiner Gedichte zu lesen, ohne einen anderen Gedanken als: wenn das Ganze nur schon überstanden wäre! Aber nach ein paar Augenblicken streckte meine Gastgeberin die Hand aus und legte sie auf das Papier: »Haben Sie gehört, Fräulein, wie es Tegnér erging, als er ein Gedicht in der schwedischen Akademie lesen sollte?« Nein, das hatte ich nicht. »Ja, man erzählt sich, daß, als er im besten Lesen war, Bischof Wallin die Hand auf sein Manuskript legte, es an sich zog und dann mit seiner Löwenstimme das Gedicht vorlas. Und da klang es anders, da kamen die herrlichen Worte und Bilder zu ihrem Recht. Sie müssen besser lesen, Fräulein, sonst muß ich es so machen wie Wallin.« Das war ja eine ordentliche Zurechtweisung. Aber ich begriff, wie schmeichelhaft es war, mit Tegnér verglichen zu werden, und ich fing an zu lachen. »Tegnér hatte vielleicht Angst,« sagte ich. »Das kann schon sein,« gab sie zu, »und er hatte vielleicht Grund dazu. Aber Sie, Fräulein, brauchen keine Angst vor mir zu haben, sondern lesen Sie nur, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist.« Einige Augenblicke darauf war ich ganz unter dem Zauberbann, den es immer auslöste, Esselde etwas vorzulesen. In ganz übernatürlicher Weise – denn sie saß ja nur da und hörte ganz stumm und still zu – übertrug sie ihr starkes Mitempfinden auf mich. Nie waren mir meine Gedichte so schön vorgekommen, jedes Wort bekam einen wärmeren Klang, einen tieferen Sinn. Was früher auch mir selbst steif und verkünstelt erschienen war, wurde nun weich und schlicht. Es war mehr als wunderbar. Ich hatte nicht viele Stücke zum Vorlesen mit, aber meine Zuhörerin schien zufrieden. Sie versprach mir, daß auch diese Gedichte mit der Zeit in »Dagny« erscheinen würden. »Aber ich will Ihnen etwas sagen, Fräulein Lagerlöf,« sagte sie. »Es kommt mir vor, als ob wir zwei irgendwie aufeinander gestimmt wären. Ich verstehe Sie, und ich komme in Stimmung. Was Sie schreiben, erweckt in mir einen unwillkürlichen Widerhall. Es ist ein solcher Einklang zwischen uns, daß ich mich außerstande fühle, das, was ich höre, kritisch zu beurteilen, und ich möchte Ihnen beinahe raten, sich nicht allzusehr auf mein Urteil zu verlassen. Andere werden vielleicht viele Fehler finden, die ich nicht sehe. Ich bin kein sicherer Richter, wenn es sich um Sie handelt.« Das war ja ein entzückendes Geständnis einer gefürchteten Kritikerin. Ich küßte voll Freude ihre Hand und versicherte, solange sie mit mir zufrieden sei, würde ich mir aus der Unzufriedenheit anderer nichts machen. Damit war die Audienz für diesen Tag zu Ende. Esselde zog sich in ihr Schlafzimmer zurück, um sich auszuruhen, und ich machte mich auf meine gewohnte Wanderung die Rathaustreppen hinunter, nach Norrmalm hinüber. Noch einige Tage blieb ich in Stockholm, lange genug, um die ganze Macht der Zauberkraft zu erfahren, die Esselde ausüben konnte. Morgens plauderten wir in dem hellen Salon mehrere Stunden lang, und es war ein Fest für die Seele, mit dieser reichen und klaren Intelligenz vertraulich Gedanken austauschen zu können. Ich wage zu glauben, daß sie sich nicht nur mit meiner Dichtung, sondern auch mit mir selbst im Einklang fühlte. Krank und überarbeitet, wie sie damals war, merkte ich wohl, daß sie äußerst empfindlich für die geistige Atmosphäre war, die die Besucher mitbrachten. Einige riefen ihre satirische Ader wach, andere machten sie steif und scheu. Mit mir war sie immer entzückend natürlich und erstaunlich offenherzig. Ich war auf das angenehmste überrascht, zu finden, daß die Verfasserin so vieler ernster Aufsätze in der »Zeitschrift für das Heim« und »Dagny« eine witzige und amüsante Dame war, die sowohl sich selbst wie ihr Lebenswerk mit überlegenem Humor betrachtete. So werde ich nie vergessen, wie die Post eines Tages eine Zeitung brachte, deren erste Seite von einem kolossalen Hahn in der buntesten Farbenpracht eingenommen wurde. »Das wird wohl ein Irrtum sein,« sagte ich. »Oder halten Frau Baronin die Zeitung für Hühnerzüchter?« »Ja, freilich.« Sie nickte mehrmals bedeutungsvoll. »Sie ist zugleich mit ›Dagny‹; ins Leben getreten, und ich abonniere sie, um zu sehen, welche von beiden länger leben wird.« Wenn ich von den Höhen der Fjällgasse in das gewöhnliche Stockholm hinunterkam und Personen traf, die Esselde kannten, pflegten sie mich in behutsamer Weise zu warnen. Alle äußerten sich anerkennend über ihre große, ganz seltene Kraft, ihre genialen Ideen, ihre schöpferische und organisatorische Begabung, aber sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein und mich nicht von ihr für die Frauensache ausnützen zu lassen. »Wir mußten uns freimachen,« sagten sie. »Sie hat unsere ganze Kraft in Anspruch genommen.« Andere, die selbst Bedeutendes im Kampf für die Befreiung der Frau geleistet hatten, klagten über Esseldes Hang, allein zu herrschen, und ihre Unfähigkeit, die Verdienste anderer anzuerkennen. Sie sei eine geborene Autokratin, kein anderer Wille als der ihre dürfe gelten, keine andere Stimme als ihre dürfe gehört werden. Ich nehme an, daß diese Warnungen und Beschuldigungen wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt waren; aber andererseits, wenn die kleine Frau dort oben auf dem Berge der Södervorstadt, wie alle zugaben, die geistig Reichste und die Willensstärkste war, warum sich dann nicht ruhig und demütig in ihren Dienst stellen? Warum sie nicht lenken lassen und ihr getreulich helfen, anstatt sie durch Widerstand in den eigenen Reihen zu beunruhigen? Übrigens verschwand all dies aus meinen Gedanken, wenn ich in dem hellen Salon saß und Esselde sprechen hörte. Sie beherrschte mich mit der Zauberkraft ihres Genies, und ihre aufrührerischen Anhängerinnen schienen mir recht kurzsichtig und unbedeutend im Vergleich mit ihrer großzügigen Persönlichkeit. Die Freundschaft, die in diesen Tagen zwischen uns entstand, blieb so lange bestehen, als Sophie Adlersparre am Leben war, und dies, obwohl ich ihr in den nächsten Jahren so manche Enttäuschungen bereitete. Sie hatte sicherlich meine Gedichte überschätzt, die kaum etwas anderes waren als ein Nachklang von allerhand fremden Eindrücken. Als sie gedruckt wurden, zeigten sie sich außerstande, die Herzen zu ergreifen, und glitten unbemerkt an den Augen der Leser vorbei. Man kann ja ein Zugeständnis machen und einräumen, daß »Dagny« nicht die richtige Stelle für ein literarisches Debüt war. Dorthin wandte man sich, um Artikel über soziale Fragen zu finden, und nicht, um Verse zu lesen. Aber immerhin, wenn diese Verse einen Wert gehabt hätten, müßte wohl irgendeine verständnisvolle Stimme sich erhoben haben. Wie es nun war, fürchte ich, daß meine alte Freundin so manche Mißbilligung ihrer Idee zu hören bekam, eine offenbar noch so unreife Kraft so zu ermuntern. Aber einen unschätzbaren Dienst hatte mir die Episode doch erwiesen. Sie hatte alles Zaudern, alle Unschlüssigkeit zerstreut. Ich war wieder fest entschlossen, Schriftstellerin zu werden und nichts anderes. Recht bald erwies mir Esselde noch eine große Wohltat. Da sie merkte, daß meine Verse keinen Anklang fanden, begann sie mir auf das ernstlichste zuzureden, Prosa zu schreiben. Sie sagte mir aufrichtig, daß sie meine Sonette nach wie vor bewundere, aber meine übrige Lyrik habe etwas Gebundenes. Sie sei nicht »pittoresk«, nicht lebendig genug. Sie sei, mit einem Wort gesagt, langweilig. Ich sollte es mit der freieren Prosaform versuchen. Da, glaubte sie, würde meine Begabung besser zu ihrem Recht kommen. Ich gab ihr zur Antwort, daß ich Prosa noch schlechter schriebe als Verse, und eigentlich hauptsächlich, um ihr die Wahrheit dieser Behauptung zu beweisen, schrieb ich im Herbst 1887 meine erste Prosanovelle und schickte sie ihr. Sie kam sehr bald aus Stockholm zurück, mit einer Kritik, an die ich mich noch heute erinnere. Sie lautete: »Inhalt – göttlich. Stil – verabscheuungswürdig.« Ferner forderte sie mich auf, auch nächstes Jahr nach Stockholm zu kommen, um die Novelle nach ihren Anweisungen umzuarbeiten. Diesmal lud sie mich nicht ein, bei ihr zu wohnen, nahm mich aber mit derselben Herzlichkeit auf wie im vorigen Jahr; und die Stunden, die ich bei ihr verbrachte, waren wie damals reich und schön. Es kam mir doch vor, als mache sie selbst eine Zeit der Unruhe und Verstimmtheit durch. Es war möglicherweise Kränklichkeit, oder vielleicht, daß die zunehmende Opposition in der Frauenwelt ihr Sorgen bereitete. Die Novelle wurde so umgearbeitet, daß sie ihre volle Billigung errang. Eine ihrer Stilregeln habe ich in dankbarer Erinnerung bewahrt: »Streich alles, was nicht amüsant oder notwendig ist!« Wenn ich mich nicht irre, war es auch in jenem Herbst, daß ich gebeten wurde, ein Sonett auf Jenny Lind zu schreiben, die in dem Jahr gestorben war. Ich schrieb ein Sonett – es fand keine Gnade. Ich schrieb noch eins – es wurde ebenfalls verworfen. Ich schrieb ein drittes. Und ein viertes. Dann endlich erklärte sich Esselde zufrieden, und das Ende war, daß sie alle vier in »Dagny« bringen wollte. Aber ich hatte einmal zu fühlen bekommen, was andere erlebt hatten, wenn sie sagten, daß die Baronin sie so auspressen konnte, daß man sich wie ein ausgedrückter Schwamm vorkäme. Lange Zeit hörte ich nichts mehr von ihr, und dies war mir auch gar nicht so unerwünscht. Ich arbeitete jetzt mit brennendstem Ernst an meinem Värmlandbuch und wollte allem aus dem Wege gehen, das störte. Den Stil, der es mir möglich machen sollte, das Buch zu schreiben, hatte ich noch nicht gefunden, aber ich sammelte Material, machte Charakterstudien, skizzierte die verschiedenen Kapitel. Im Frühling 1889 schickte ich Esselde ein Gösta-Berling-Kapitel: das, welches von dem Weihnachtsball in Borg handelt und damit schließt, daß Gösta Berling und Anna Stjärnhök von den Wölfen auf den Weg der Tugend gejagt werden. Es war unheimlich lang in dieser seiner ersten Fassung. Ich bekam es von Esselde sofort mit vielen Lobesworten und dem strengen Befehl zurück, es auf die Hälfte zu kürzen. Die Streichungen wurden durchgeführt, und das Kapitel ging nach Stockholm zurück, aber nun kam keine Antwort. Zu Anfang des Sommers fuhr ich zu einem Mädchenschulkongreß nach Stockholm, aber ich wußte nicht, ob ich Esselde aufsuchen sollte. Sie war meiner und meiner Versuche vielleicht schon müde geworden, da sie gar nichts von sich hatte hören lassen. Mitten während des Kongresses kam ein Paket von Esselde mit einem Manuskript. Als ich es aus dem Umschlag nahm, zeigte sich, daß es gar nicht meines war, sondern mir irrtümlich geschickt worden war. Dadurch war ich gezwungen, mich mit Esselde in Verbindung zu setzen, und erfuhr nun, daß sie nicht mehr in ihrem Adlerhorst hoch oben in den Wolken hauste, sondern wie eine gewöhnliche Sterbliche in Norrmalm wohnte. Ich war über die Veränderung bestürzt. Die Wohnung in der Tunnelstraße erschien mir schwer und drückend, die schönen italienischen Gemälde waren hier eine einzige große Dunkelheit. Die stattliche Jungfer Albertina, die in allen Redaktionsangelegenheiten so bewandert gewesen war, war auch verschwunden. Ich erfuhr auch, daß Esselde nicht mehr Redaktrice von »Dagny« war, sondern die Stelle an Frau Kerfstedt abgetreten hatte. Esselde selbst war ganz begeistert von meiner Novelle, aber Frau Kerfstedt wagte es nicht, sie zu bringen. Sie hatte sie allzu phantastisch gefunden. Esselde zwang mich sogar, nach Tomteboda zu fahren und mit Amanda Kerfstedt darüber zu verhandeln, aber der Ausflug verlief resultatlos. Nachher verschwand sie auf anderthalb Jahre aus meiner Welt. Aber im Herbst 1890 bekam ich für fünf Gösta-Berling-Kapitel einen Preis in einer Novellenkonkurrenz, die die Zeitschrift »Idun« ausgeschrieben hatte; und am Tage, nachdem dies in den Zeitungen gestanden hatte, kam ein Brief von Esselde. Eitel Jubel und Freude. So hatte sie doch endlich recht behalten. Die Hoffnungen, die sie so lange für meine Zukunft gehegt hatte, sollten nun doch in Erfüllung gehen. Zu Neujahr 1891, fuhr ich nach Stockholm, um mit dem Redakteur von »Idun« zu sprechen und ihm zu sagen, daß die preisgekrönte Arbeit nur ein kleiner Teil eines großen Buches wäre, das ich jetzt ausarbeitete, und um ihn zu fragen, ob er es vielleicht herausgeben wolle. Diesen Vorschlag nahm er mit großem Eifer an. Meine heimliche Hoffnung war jedoch gewesen, daß er mir einen so großen Vorschuß anbieten würde, daß ich mir Urlaub nehmen und das Buch fertig schreiben könnte. Aber er schien nicht geneigt, in dieser Hinsicht etwas zuzusagen. Ein paar Tage später wanderte ich mit einem großen Manuskript unter dem Arm zur Tunnelgasse hinüber. Ich fand Esselde dem Aussehen nach recht gealtert, aber sehr glücklich über meinen Sieg. Es freute mich, daß sie im letzten Jahre eine treue Freundin und Helferin in Fräulein Mathilda Silow gefunden hatte, die ihr Heim teilte und mir sagte, sie habe beschlossen, ihr Leben der Aufgabe zu widmen, Esseldes geniale Ideen zur Ausführung zu bringen. Ich verbrachte bei diesen beiden einen außerordentlich genußreichen Abend. Ich las aus meinem Manuskript vor, und wie stets war Esselde eine wunderbare Zuhörerin. Sie war befriedigt. Ich merkte bald, daß das, was ich las, ihre Erwartungen weit übertraf. Fräulein Silow hingegen war in ihrem Lob zurückhaltender. Sie schien mehr erstaunt und befremdet als eigentlich gefesselt. Wenn ich nachher an die außerordentliche Sympathie zurückdenke, die Esselde vom ersten Augenblick an meiner Arbeit entgegenbrachte, so ist es mir in den Sinn gekommen, daß sie, die in ihrer Jugend einige der »Sonnenstunden« der romantischen Richtung erlebte, vermutlich größere Voraussetzungen hatte, mein Buch zu verstehen, als Menschen meiner eigenen Generation, die schon von Kindheit an einen realistischeren literarischen Geschmack eingesogen hatten. Sie hätte sicherlich die ganze Nacht zugehört, wenn nicht Fräulein Silow sich zu der Vertreterin der gesunden Vernunft gemacht und sie gezwungen hätte, zur rechten Zeit wie ein artiges Kind zu Bett zu gehen. Esselde hatte jedoch bestimmt, daß ich am nächsten Tage wiederkommen und die Lektüre fortsetzen sollte. Als ich mich zur vereinbarten Zeit einfand, war sie allein. Ich fragte nach Fräulein Silow, aber die Baronin zuckte nur die Achseln: »Ich habe sie weggeschickt,« sagte sie. »Sie hat Bemerkungen gemacht.« Das arme Fräulein Silow war also nicht genügend entzückt gewesen. Dann saßen wir da, wir zwei allein, und vertieften uns in die Spuk- und Liebesgeschichten vergangener Zeiten. Esselde machte keine »Bemerkungen«. Sie lebte ganz und voll mit. Ich möchte beinahe glauben, daß sie aus ihrer Phantasie und Erfahrung meine Schilderung so vervollständigte, daß sie sie in einer reicheren und eindringenderen Weise verstand als ich selbst. Als ich nichts mehr zu lesen hatte, fragte sie mich, wann das Buch fertig werden könnte, worauf ich erwiderte, es würde vermutlich ein paar Jahre dauern, da ich schwerlich Zeit hätte, außer in den Ferien daran zu schreiben. Dann sagte ich ihr für diesmal Lebewohl. Am nächsten Tag um die Mittagszeit sollte ich südwärts reisen, um meine Tätigkeit an der Schule wieder aufzunehmen. Aber schon in aller Frühe am nächsten Morgen wurde ich zu Esselde gerufen. Sie lag noch zu Bett, als ich kam. Sie hatte nicht schlafen können, sie hatte nur dagelegen und an mich und meine Geschichte gedacht. »Du mußt dein Buch jetzt fertig schreiben, solange du im Zug bist,« sagte sie. »Versuche dir eine Stellvertreterin zu verschaffen, damit du Urlaub bekommst, das Geld werde ich auftreiben.« Zum drittenmal griff sie also entscheidend und segensreich in mein Leben ein. Ich gehorchte ihrem Rat, der Urlaub wurde mir bewilligt, und Ende August war das Buch fertig. Sie verfolgte seine Entwicklung mit dem lebhaftesten Interesse. Sie schrieb Ratschläge und Ermahnungen, und schließlich, zu Ende des Sommers, saß sie geduldig und hingebend da und lauschte der Vorlesung der fertigen Arbeit. Als das Buch zu Weihnachten erschien, fand es nicht die Aufnahme, die wir erhofft hatten; aber ich merkte nie, daß dies ihre Freude daran beeinträchtigte. Sie tröstete und ermunterte mich und machte meine Sache in jeder Weise zu ihrer eigenen. In den Jahren, die nun folgten, trafen wir uns nur selten, aber ihr Interesse und ihre mütterliche Fürsorge begleiteten mich. Im Jahre 1895, als der Friederike-Bremer-Verein sein zehnjähriges Jubiläum feierte, kam ich auf ihren Ruf nach Stockholm. Ich fand sie krank und so schwach, daß sie dem Jubiläumsfest nicht beiwohnen konnte. Ihre Gesundheit war jedoch schon seit längerer Zeit schwankend, und ich dachte nicht, daß ich sie damals zum letzten Male gesehen haben sollte. So war es doch. Bevor ich wieder nach Stockholm kam, war sie tot. Ein gütiges Schicksal hatte sie mir in meinen schwersten Stunden zugeführt, als ich mich langsam und mühselig zum künstlerischen Schaffen ausbildete. Für Schriftsteller gibt es keine Schulen oder Akademien, sie müssen ihren Unterricht aus dem Leben selbst schöpfen, aber gerade deshalb war ihre Sympathie, ihre Leitung und ihre Ermunterung von so unermeßlichem Wert für mich. Ich hatte ihr dafür so wenig zu geben, nur meine treue und warme Zuneigung, und die Bewunderung, die noch heute mein Herz bei dem Gedanken an diese meine große und gütige Wohltäterin erfüllt. In den Fußstapfen des Riesen Friederika Bremer, die nicht nur eine eifrige Reisende war, sondern auch die Menschen und Verhältnisse in den Ländern, die sie durchstreifte, gründlich kennenzulernen bestrebt war, kehrte im Jahre 1849 von einer Reise in den Vereinigten Staaten zurück. Dort drüben hatte man wohl ihre Aufmerksamkeit auf den schottischen Historiker und Philosophen Thomas Carlyle gelenkt, dessen Bücher in der ganzen angelsächsischen Welt mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen wurden; und in dem Gepäck, das sie heimbrachte, befand sich auch eine seiner Schriften, eine Essaysammlung mit dem Titel: Heroes, Heroworship and the heroic in history. Welches Schicksal das Buch in der nächsten Zeit hatte, ist der Schreiberin dieser Zeilen unbekannt. Aber zu Beginn der achtziger Jahre, als ich das höhere Lehrerinnenseminar in Stockholm durchmachte, befand es sich in der Schulbibliothek, und Friederika Bremers Name auf dem ersten Blatt des Buches schien ja zu bezeugen, daß sie selbst das Buch dieser Lehranstalt geschenkt hatte, die auf ihre Anregung entstanden war und wo so viele junge Mädchen sich vorbereiteten, ihre Ideen ins Leben hinauszutragen. Thomas Carlyle lebte noch bis zum Jahre 1881, aber obgleich sein Ansehen sich keineswegs verringert hatte, sondern gerade um diese Zeit auf seinem Höhepunkt gestanden sein dürfte, war er doch noch in Schweden ganz unbekannt. Keine schwedische Übersetzung seiner Arbeiten war noch erschienen, und Friederike Bremers Buch stand ungelesen und unbeachtet in der Schulbibliothek. Zu Ende des Sommersemesters 1884 geschah es jedoch, daß ich es mir auslieh, um es nebst vielen anderen daheim auf dem Lande als Ferienlektüre zu verwenden. Zu meiner großen Schande muß ich gestehen, daß sowohl der Name des Verfassers wie der Inhalt des Buches mir ganz unbekannt waren, und daß ich es mir nur ausgeliehen hatte, weil der Titel, Helden, Heldenverehrung und das Heldenhafte in der Geschichte, mich hoffen ließ, daß sich hier ein englisches Gegenstück zu unseren nordischen Heldensagen finden würde. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich mich an einem Regentage in das breite, rote Sofa in dem Mädchenzimmer auf Märbacka kuschelte, um das Buch zu lesen. Auf den ersten Blick sah ich, daß die Helden des Buches historische Persönlichkeiten waren, wie Cromwell, Luther, Napoleon, und daß es sich hier um Wirklichkeit handelte, nicht um Sagen oder Mythen. Die ersten Zeilen erschienen mir fast unverständlich, so verschieden waren sie von allem, was ich bisher gelesen hatte. Aber bald wurde mein lebhaftes Interesse wachgerufen und eine Bewunderung, in die sich die allergrößte Freude mischte. Schließlich war mir so zumute, daß ich vor Entzücken fast laut aufgeschrien hätte. Ich hätte auf Wege und Stege hinauseilen wollen, um allen Menschen zu erzählen, welch köstlichen Schatz ich gefunden hatte. Während ich las, war mir nämlich etwas sehr Merkwürdiges widerfahren. Ich selbst hatte ja schon seit vielen Jahren versucht, mich zur Schriftstellerin auszubilden. Aber ich glaubte mich zur Poetin berufen. Und alles, was ich bisher geschrieben, war in gebundener Form gewesen. Die Idee, die Geschichte der alten Värmländer Kavaliere zu erzählen, war mir schon gekommen, aber ich dachte sie mir immer in Reim und Metrum ausgeführt. In Prosa hatte ich kaum etwas anderes verfaßt als schwedische Aufsätze; da mir diese aber regelmäßig Lob für den Inhalt, aber bitteren Tadel wegen der Formgebung einbrachten, trug dies dazu bei, mich in dem Glauben zu bestärken, daß meine Heimat das Gebiet der Poesie war. Von Prosaschriftstellern gab es natürlich eine Menge, die ich ebensosehr bewunderte und liebte wie die Dichter. Ich hatte in meinen ersten Jugendtagen mit solchen Meistern des Prosastiles Bekanntschaft gemacht wie Dickens und Thackeray, Daudet und Flaubert, Ibsen und Björnson, Lie und Kielland, Turgenjew und Tolstoi, H. C. Andersen und J. P. Jacobson, um nur einige zu nennen, deren Größe bestehend zu sein scheint. Aber keiner von diesen hatte eine solche Wirkung auf mich ausgeübt wie nun Carlyle. Hier, bei der Lektüre dieser leidenschaftlichen Seiten, dieser Sätze, die mit vulkanischer Kraft hinausgeschleudert wurden, dieser Bildersprache, aus allen Ecken und Enden der Welt geholt, dieser Aussprüche, gebieterisch und drohend wie bei den Propheten der Bibel, empfand ich ein seltsames Gefühl, etwas Verwandtes in mir zu haben. Eine Fähigkeit, die im Unbewußten geschlummert hatte, war zum Leben erweckt, und ich hatte ein deutliches Gefühl, daß auch ich eine solche Prosa schreiben könnte. Dies klingt vielleicht sehr anspruchsvoll. Aber man muß bedenken, daß ich nichts von Carlyle wußte. Ich ahnte nicht, ob sein Stil bewundert oder als bizarr und eigentümlich getadelt wurde. Was ich empfand, war dieselbe Freude, die jemand fühlen würde, der einen Geiger ein ausgezeichnetes Instrument spielen hört und sich dabei erinnert, daß er selbst eine Violine hat, die mit demselben Wohllaut erklingen könnte. Außerdem kam für mich Carlyle vorderhand nur als Stilist in Betracht, nicht als der große Sozialphilosoph. Es war nicht meine Sache, die Rolle der Genies in der Weltgeschichte hervorzuheben, die Menschen zu lehren, mit Ehrfurcht und Gehorsam dem »Manne, der kann«, Gefolgschaft zu leisten, dem durchdringenden Genius, der Lüge von Wahrheit scheidet, dem Führer, dem Helden. Ich las davon mit Bewunderung und freudiger Zustimmung; aber nicht der Denker, sondern der Schriftsteller war es, der mich am meisten packte. So direkt aus dem Herzen schreiben zu können, so frei und ungezwungen mit dem Leser verkehren zu können, Haß und Hohn, Liebe und Weisheit in einer phantasievoll schimmernden Sprache Ausdruck geben zu können, das war das Köstliche. Den ganzen Sommer las ich Carlyles Buch, und als ich im Herbst an das Seminar zurückkehrte, freute ich mich schon, mit meinen Kolleginnen darüber zu sprechen. Ein paar von ihnen wußten schon, daß Carlyle einer der größten Schriftsteller Englands war, aber keine hatte ihn gelesen. Ich ging in der Selbstentäußerung soweit, daß ich das Buch der Bibliothek zurückgab, damit, wer wollte, es sich ausleihen konnte; aber ich bemerkte nicht, daß es bei irgend jemandem denselben stürmischen Enthusiasmus erweckte wie bei mir. Dies war ja recht niederdrückend, aber bald kam noch etwas weit Schlimmeres. Es war damals der Brauch, daß die Seminaristinnen der obersten Abteilung eine Art Probeabhandlung schrieben. Den Gegenstand durfte man sich selbst wählen, und die Aufsätze durften bedeutend länger sein als gewöhnlich. Ich entschied mich dafür, über Cromwell zu schreiben, wie er von Carlyle in Helden und Heldenverehrung geschildert wird. Damit machte ich meinen ersten Versuch, Carlylesche Prosa zu schreiben. Brauche ich erst zu sagen, daß das Resultat höchst unglücklich ausfiel und unserem schwedischen Lehrer ernste Sorgen verursachte? Damit war es für diesmal mit dem Carlyleschen Einfluß aus. Die Jahre vergingen. Ich verließ die Lehrerinnenbildungsanstalt und wurde Lehrerin in Landskrona. Da entdeckte ich eines Tages auf dem Tisch einer Buchhandlung die Geschichte der Französischen Revolution von Thomas Carlyle in schwedischer Übersetzung. Ich blätterte in dem Buch, sah augenblicklich, daß es ein echter Carlyle war und kaufte es sofort. Wiederum hatte ich ein Buch des großen Meisters in der Hand. Wiederum empfand ich bei der Lektüre Bewunderung und Hingerissenheit, wiederum hatte ich das Gefühl, daß auch ich eine solche Prosa würde schreiben können, aber nun dachte ich nicht einmal daran, es zu versuchen. Ich schrieb noch immer Verse. Ich war jetzt dabei, meine Kavaliersgeschichten zu einem Versdrama auszuarbeiten. Ich sah die Kavaliere schon leibhaftig vor mir, viele ihrer Abenteuer lagen seit Jahren in meinem Inneren fertig, aber mit dem Niederschreiben ging es äußerst langsam. Nach einigen Jahren kamen jedoch ein paar Umstände dazu, die mir auf den rechten Weg halfen. Baronin Sophie Adlersparre, Esselde, die sich lebhaft für mich interessierte, riet mir, die gebundene Form aufzugeben. Und großen Einfluß nahm auch der Verkauf meines Elternhauses, der mir großen Schmerz bereitete und den starken Wunsch hervorzwang, die heimatliche Gegend, ihre Natur und ihre Erinnerungen in der Dichtung zu verherrlichen. Wie ich es schon in »Wie Gösta Berling entstand« geschildert habe, entschloß ich mich, stark persönlich zu schreiben, mit all meinen Träumen und Torheiten, obwohl ich der Meinung war, damit alle Aussicht, daß mein Buch Leser finden würde, preiszugeben. Und nachher kam wirklich ein Tag, an dem die Feder über das Papier zu fliegen begann, und ein langes Kapitel in ein paar Stunden fertig wurde. Mit derselben Leichtigkeit schrieb ich an den folgenden Tagen mehrere der in Gedanken schon fertig gedichteten Kapitel nieder. Aber was ich damals meinen eigenen persönlichen Stil nannte, das war, nach Carlyles Vorbild kühn den Eingebungen der Phantasie zu folgen. Die Verwandtschaft, die ich mit ihm empfand, war so groß, daß ich nie so unmittelbar aus dem Herzen zu schreiben meinte, als wenn ich in seinen Fußstapfen wandelte. Ich wußte, daß ich das Feuer von ihm entliehen hatte, aber nachdem die Flamme entzündet war, wollte es mich doch bedünken, daß mein eigenes Brennholz sie am Leben erhielt. Als Gösta Berling erschien, war es mir voll bewußt, welch große Hilfe ich von dem genialen schottischen Philosophen empfangen hatte, und allen, die sich für das Buch interessierten, wie auch den Literaturkritikern, mit denen ich so allmählich in Berührung kam, pflegte ich zu sagen, welchen Dank ich ihm schuldete. Aber ich glaubte zu bemerken, daß man meine Angaben mit einem gewissen Mißtrauen aufnahm, ja sie beinahe als eine Selbsttäuschung betrachtete. Alle waren überzeugt, daß C.J.L. Almquists Schriften sowohl den Stil wie die Stoffwahl von Gösta Berling beeinflußt hatte. Nun hatte es bei uns zu Hause eigentümlicherweise nur ein Almquistbuch gegeben, und zwar ein sehr schwaches, den Roman »Die Herren auf Ekolsund«. Das hatte ich natürlich gelesen, und es hatte mir die Lust benommen, mich weiter in Almquists Schriften zu vertiefen. Ein Einfluß von ihm konnte also nicht gut in Frage kommen, aber ich glaube nicht, daß es mir gelang, auch nur einen einzigen der Literarhistoriker jener Zeit davon zu überzeugen. Drei von ihnen, Brandes, Levertin und Warburg, haben allerdings Carlyle als mein Vorbild erwähnt, aber ganz flüchtig und nur, weil ich sie selbst darauf aufmerksam gemacht hatte. Kürzlich nun hat ein Literarhistoriker wirklich erkannt, daß ich, als ich Gösta Berling schrieb, unter Carlyles Einfluß stand, und er hat auch mit einer gewissen Verwunderung bemerkt, daß ich meine Dankesschuld nie selbst öffentlich anerkannt habe. Es ist sehr möglich, daß hier eine Unterlassung meinerseits vorliegt, aber wenn Professor Böök vor dreiunddreißig Jahren Zeuge gewesen wäre, würde er sich vielleicht nicht wundern, daß ich es müde wurde, eine Wahrheit zu wiederholen, die keinen Glauben fand, ja mir vielleicht sogar als Überhebung ausgelegt wurde. Jedenfalls bin ich ihm sehr dankbar, denn erst jetzt, nach seiner kritischen Untersuchung, kann ich mich mit einiger Aussicht, ernst genommen zu werden, als bescheidne Jüngerin des großen Meisters bekennen, der einer der Erbauer von Großbritanniens sittlicher Stärke war und ein Wegweiser für seine erlauchtesten Geister. Die geöffnete Türe Eine Brandes-Erinnerung Es war im Jahre 1893 anfangs Januar. Gegen das Ende des vorangegangenen Jahres war Gösta Berling in Dänemark im Verlag Gyldendal erschienen, übersetzt von der bekannten Schulpädagogin, Fräulein Ida Falbe-Hansen. In Schweden war er schon im Jahre 1891, herausgekommen, aber die Aufnahme, die er dort gefunden, hatte meine Erwartungen stark enttäuscht. Nun sollte es sich zeigen, welches Schicksal dem Buch in Dänemark beschieden sein würde. Fräulein Falbe-Hansen war Ausschußmitglied des damals in raschem Aufschwung begriffenen Damen-Lesevereins in Kopenhagen, und durch sie hatte ich die Vorsteherin des Vereins, Fräulein Sophie Alberti, kennengelernt. Diese beiden feingebildeten und literarisch interessierten Damen waren meine warmen Freundinnengeworden. Sie glaubten an mein Buch und hatten den lebhaften Wunsch, daß es in ihrem Lande einen Erfolg erringen möge. Selbst war ich ja damals als Lehrerin in Landskrona angestellt und hatte beabsichtigt, die Weihnachtsferien in meinem kleinen Heim dort zu verbleiben, um mich meiner schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Aber schon am Christtag bekam ich einen Brief von Fräulein Alberti, in dem sie mich einlud, einige Wochen in Kopenhagen bei ihr und ihrer Mutter zu verbringen. Sie fügte hinzu, daß es mich sicherlich interessieren würde, mit eignen Augen zu sehen, wie der kurz vorher erschienene Gösta Berling in Kopenhagen aufgenommen werden würde. Das eine wie das andere war sehr lockend, und ich zauderte nicht, der Einladung Folge zu leisten. Eine Dampfschiffahrt von bloß anderthalb Stunden trennte Landskrona von Kopenhagen, und bald war ich in dem prächtigen Albertischen Hause in der Ny Vestergade installiert. Da verbrachte ich einige sehr angenehme Wochen, wenn ich auch sagen muß, daß das Vergnügen, zu erfahren, wie Gösta Berling in Dänemark aufgenommen wurde, fürs erste ausblieb. In Schweden hatte das Buch wenigstens Kampf und Aufruhr entfesselt, in Dänemark schien man ihm überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken. Bei einem Besuch bei meinem Verleger, Etatsrat Hegel, erfuhr ich, daß der Absatz bisher minimal gewesen sei, und ich merkte auch sonst, daß das Buch nicht zu dem dänischen Publikum durchgedrungen war. Vormittags pflegte ich gewöhnlich Fräulein Alberti in den Damenleseverein zu begleiten. Er hatte damals nicht wie jetzt ein großes eigenes Haus, sondern war in einem überaus gemütlichen Lokal am Amagertoro untergebracht. Ich ließ mich in dem großen traulichen Lesezimmer nieder, um die neuerschienenen dänischen Literaturwerke zu studieren, während meine Gastgeberin ihren Vorstandspflichten nachkam. Auf einem der Regale im Lesezimmer hatte ich drei Exemplare von Gösta Berling entdeckt, und natürlich warf ich von Zeit zu Zeit einen Blick in diese Richtung, um zu sehen, ob jemand sie sich holen würde. Doch vergebliche Liebesmüh! Andre Bücher wurden von den Regalen genommen und gelesen, aber diese nicht. Höchstens kam es vor, daß jemand nach einem Exemplar griff, das Titelblatt aufschlug, beim Anblick des unbekannten Schriftstellernamens den Kopf schüttelte und das Buch an seinen Platz zurückstellte. Sowohl Sophie Alberti wie Ida Falbe-Hansen betrieben in diesen Weihnachtstagen eine eifrige literarische Propaganda. Sie luden bei verschiedenen Gelegenheiten literarisch interessierte Menschen zu sich ein, damit ich ihre Bekanntschaft machen konnte. Auf diese Art lernte ich viele hervorragende, sympathische Menschen kennen, aber der arme Gösta Berling lag noch ebenso unbeachtet wie früher in Buchhandlungen und Leihbibliotheken. Einmal hoffte ich, daß es sich aufhellen würde. In der »Nationaltidende« und, wenn ich mich recht erinnere, auch in einer anderen großen Kopenhagener Zeitung erschienen eines Morgens lange, gutgeschriebene und wohlwollende Besprechungen meines Buches. Als ich am Vormittag in den Leseverein kam, sah ich, daß eines der drei Exemplare verschwunden war. Es blieb eine volle Viertelstunde weg, nach Verlauf dieser Zeit kam eine Dame heran und stellte es auf das Bücherbrett neben die beiden anderen. Da verblieben sie dann den ganzen Vormittag unbehelligt. Ich konnte nicht umhin zu bemerken, daß meine beiden Beschützerinnen anfingen zu verzagen. Es war so, als ob man versuchte, eine Türe mit dem unrichtigen Schlüssel zu öffnen. Alle ihre Bemühungen waren vergeblich. Beide begannen nun, ganz unabhängig voneinander, die Bemerkung hinzuwerfen, ich solle mich an Georg Brandes wenden und versuchen, ihn für mein Buch zu interessieren. Sie glaubten, dies sei die einzige Möglichkeit. Das dänische Publikum sei nun einmal gewohnt, ihn als ausschlaggebend in allen literarischen Fragen zu betrachten. Man erlaubte sich kaum, ein Buch, das er nicht empfohlen hatte, zu lesen, geschweige denn zu loben. Ich kann nicht beschreiben, welchen Schrecken diese Andeutungen mir einflößten. Die Werke des großen Literaturhistorikers waren mir wohlbekannt, ich hatte sie mit der größten Bewunderung gelesen und studiert, aber gerade dies war der Anlaß meiner Angst. Eine Arbeit wie Gösta Berling mit seinen Unvollkommenheiten und Unförmlichkeiten einem weltberühmten Kritiker vorzulegen, hieß, wie mir schien, das Schicksal herausfordern. Er würde dem Werk den Todesstoß geben. Und nicht genug damit. Ich hatte gar keine Lust, zu Georg Brandes zu gehen, so wenig wie zu irgendeinem anderen Literaturkritiker und um Protektion für mein Buch zu betteln. Das war kein ehrliches Spiel. Das Buch sollte durch seine eigene Macht wirken. Der Verlag hatte es ihm natürlich geschickt. Seinerzeit würde er es wohl lesen und vielleicht auch darüber schreiben, aber ich wollte ihn nicht beeinflussen. Meine Freundinnen waren keine schlechten Diplomaten, und als ich mit diesen Einwänden kam, änderten sie ihre Taktik. Ja, sie hielten schon daran fest, daß eine günstige Äußerung von Brandes mein Buch in hohem Grade fördern würde, aber dies sei vielleicht doch nicht von so großer Bedeutung. Sie glaubten schon, daß Gösta Berling auch so den Weg zum Lesepublikum finden würde. Aber sie gaben mir zu bedenken, daß Georg Brandes der höchste Richter in literarischen Fragen war, den es im Norden, ja vielleicht in ganz Europa gab. Wenn ich meine literarische Laufbahn fortsetzen wolle, wäre es doch für mich selbst von höchster Bedeutung, sein Urteil über meine Erstlingsarbeit zu hören. Sie hatte ja in Schweden eine sehr geteilte Aufnahme gefunden. Wäre es, da ich mich nun in derselben Stadt mit dem großen Literaturkenner befand, nicht das Richtigste, ihn aufzusuchen, so wie man einen Arzt aufsucht, nicht um einen Reklameartikel von ihm zu erbitten, sondern um seine Ansicht über meine Begabung zu erfahren. Ich brauchte nicht zu fürchten, daß er mir etwas andres sagen würde, als was er für recht und wahr hielt. Aber natürlich sei der Ausgang mehr als unsicher, und sie könnten nicht wissen, ob ich es wage, mich einem niederdrückenden Bescheid auszusetzen. Ob ich es wagte? Doch, natürlich. Es wurde für mich eine Ehrensache, zu zeigen, daß ich genügenden Glauben an mich selbst hatte, um das Risiko einzugehen, und ich schrieb in aller Eile ein Billett an Brandes, um ihn zu fragen, ob er mich an einem der nächsten Tage empfangen könne. Ich hätte kürzlich mit einem Buche debütiert, das ich gleichzeitig übersandte, und es wäre für mich von größter Bedeutung, sein Urteil darüber zu hören. Einen Tag, nein, vielleicht zwei Tage, nachdem ich diesen Schritt getan, hörte man die Wohnungsglocke kräftig läuten, und das Hausmädchen brachte mir eine Karte, auf der ich zu meiner Verwunderung und Freude den Namen Georg Brandes las. Ich faßte es als ein gutes Zeichen auf, daß der Gefürchtete selbst zu mir gekommen war, anstatt meinen Besuch abzuwarten, und ich täuschte mich nicht. Doktor Brandes sagte mir sofort, daß das Buch ihn interessiere. Er habe es noch nicht ausgelesen, aber wenn die Fortsetzung nur einigermaßen dem Anfang entspreche, würde er wahrscheinlich darüber schreiben. Nun wolle er sehen, was für eine Art Menschenkind ich sei. Er verbrachte auch einige Minuten damit, ein kleines Verhör mit mir abzuhalten, erkundigte sich nach meinen Lebensumständen, fragte, was ich vorher geschrieben habe, woher ich meinen literarischen Stil hätte und noch mehr in diesem Genre. Aber bald kam das Gespräch auf die bedeutendsten Schriftsteller der damaligen Zeit. Er kannte ja alle, ich so gut wie keinen. Wohl eine Stunde lang saß er da, erklärte und erzählte und machte sich ein Vergnügen daraus, mich zu unterhalten, zu belehren und auch ein klein bißchen zu chokieren. Ich erinnere mich gern an Georg Brandes, so wie er damals war, als ich ihn zum erstenmal sah. Er glich den Bildern, die man in allen Buchhandlungsauslagen sah, sehr, aber sie wurden ihm nicht ganz gerecht. In seinem Gesichtsausdruck war ein Leben, ein Spiel der Beweglichkeit, das gefangennahm und fesselte. Der schwarze Haarbusch, der die ersten grauen Fäden zeigte, sträubte sich prächtig über der von ein paar tiefen Falten gefurchten Stirn. Die Gestalt war eher klein, aber außerordentlich wohlproportioniert, leicht, geschmeidig und wunderbar lebendig, so daß sie bei allem, was er sagte, mitging. Die Stimme klang zuerst ein wenig alt und trocken. Aber dies war ein Eindruck, der bald verflog, im Laufe des Gesprächs bekam sie Klang und Kraft. Sie war wie eine Bahn schimmernde graue Seide, aus der eine Mannigfaltigkeit von Farben hervorbrechen kann, wenn sie in die richtige Beleuchtung kommt. In seinem Wesen war nichts Herablassendes oder Beschützendes. Die Überlegenheit des Wissens, der Erfahrung, des Scharfsinns machte sich ohne große Gesten geltend. Daß er sich selbst des Eindrucks, den er machte, bewußt war, verriet er manchmal ganz offen. Wir sprachen zum Beispiel über einen dänischen Schriftsteller, von dem ich als einem sehr unterhaltenden Gesellschaftsmenschen gehört hatte. »Das habe ich nie bemerkt,« sagte da Brandes. »Aber Sie verstehen, Fräulein Lagerlöf, in Gesellschaft mit mir lassen sich die Menschen nie so recht gehen. Sie werden verlegen und gekünstelt. Es wird mir schwer, sie von ihrer besten Seite zu sehen.« Er hatte wirklich etwas von einem Arzt an sich. Er sprach hauptsächlich selbst, aber das war, damit ich mich ruhig fühlen und meine Schüchternheit überwinden solle, so daß er die Diagnose stellen konnte. Kein Gedanke daran, daß er meine Bewunderung erregen wollte. Er war an jenem Tage nur der Mann der Wissenschaft, der zu untersuchen wünschte, ob diese neue Erscheinung auf seinem Forschungsgebiet von Nutzen sein konnte, ob sie der Ermunterung wert war, ob sie etwas war, das man schützen sollte oder ob sie nicht vielmehr schon in ihren ersten Anfängen niederzuschlagen und zu vernichten war. Er war auch sehr gut. Von dieser ganzen Begegnung ist mir nichts andres als Verständnis und Güte in Erinnerung geblieben, jene Art von Güte, die man glücklich ist, bei einem großen Arzt zu finden. Ein paar Tage darauf stand tatsächlich eine Besprechung von Gösta Berling, GB. unterzeichnet, in »Politiken« zu lesen. Sie war recht kurz, und sie war nicht ausschließlich lobend, weit entfernt. Aber das spielte, wie es sich später zeigen sollte, keine Rolle. Als ich an diesem Tage in den Leseverein hinaufkam, stand kein einziges der drei Exemplare auf den Regalen. Beim Mittagessen erzählte mir meine Freundin, daß die Nachfrage nach dem Buche auch in der Ausleihabteilung sehr lebhaft gewesen war. Man hatte bei weitem nicht alle Abonnenten zufriedenstellen können. Das war das erste kleine Zeichen des Umschwungs. Der Damen-Leseverein pflegte nicht nur Bücher auszuleihen, sondern er veranstaltete auch Unterhaltungsabende mit Vorlesungen und geselligen Zusammenkünften. Ein solcher Abend war für denselben Tag geplant, an dem der Brandesartikel in der Zeitung gestanden hatte, und ich sollte dabei eine neue Novelle von mir vorlesen. Als ich mich am Abend einfand, war ich überrascht. Einfahrt und Stiegenhaus so überfüllt von zuströmendem Publikum zu finden, daß ich mich nur schwer durchdrängen konnte. Der Vortragssaal war schon gesteckt voll. Von meiner Vorlesung konnte sich wohl niemand ein besonderes Vergnügen erwarten. Ich verstand, man wollte die sehen, über die Brandes geschrieben hatte. Die wenigen Worte, die er über mich geschrieben, machten jedenfalls den ganzen Abend zu einem Triumph. Ich bekam Beifall und Blumen. Bei der geselligen Zusammenkunft hielt man Reden auf mich. Es war ein vollkommenes Wunder. Die Weihnachtsferien näherten sich ihrem Ende. Ich hatte nur noch ein paar Tage in Kopenhagen vor mir, aber diese Tage waren reich an den freudigsten Überraschungen. Wer mir begegnete, begann sofort mit mir über mein Buch zu sprechen. Jetzt auf einmal hatten es alle gelesen und waren begeistert, ja einige hatten es schon zweimal gelesen. Manche waren so gefesselt davon gewesen, daß sie es gar nicht weglegen konnten, sondern die ganze Nacht hindurch gelesen hatten. Ich fühlte mich sehr glücklich, aber zugleich erstaunt, verwirrt. Ich hatte mir nie träumen lassen, daß jemand solche Macht über seine Mitmenschen besitzen konnte wie Georg Brandes. Es sah so aus, als sei jeder Mensch in Kopenhagen darauf eingestellt, so zu meinen, so zu denken wie er. Aber was würden sie wohl zu dem Buch sagen, wenn die geistige Suggestion nicht mehr wirkte? Die Brandessche Hilfeleistung öffnete mir jedoch nicht nur in Dänemark die Tür des Erfolges. Sie wirkte auch auf meine Stellung in Schweden zurück und verschaffte mir meinen ersten deutschen Übersetzer. Der Unterschied zwischen der Zeit vorher und nachher war jedesfalls so offenkundig, daß ich Georg Brandes immer als einen der größten Förderer meiner Laufbahn betrachten muß, und ich fühle ihm gegenüber eine Dankesschuld, die ich nie abtragen kann. Liljecronas letztes Konzert Menschen, die lange miteinander gelebt haben, pflegen eine gewisse Fähigkeit zu haben, gegenseitig ihre Gedanken zu lesen. Das merkt man alle Tage, und meistens erregt es gar kein Staunen. Nein, wie eigen, sagt man nur, weißt du, daß ich gerade an ganz dasselbe dachte, wovon du jetzt sprichst? Manchmal erklärt man die Sache so, daß jemand, der dasselbe Leben lebt und dieselben Erfahrungen macht, auch leicht auf dieselben Gedanken kommt, oder man meint auch, daß der andere unsere Ansichten und unser Temperament kennt und so daraus schließen kann, was wir denken. Das eine oder andere Mal merkt man aber doch, daß diese Erklärungsgründe nicht zureichen, so daß man sich fragen muß, ob nicht jenes wunderliche Etwas, das man Gedankenübertragung nennt, hier im Spiele gewesen ist. Von allen Menschen, die mir begegnet sind, hatte niemand eine solche Fähigkeit, meine Gedanken zu lesen, wie meine alte Mutter. In den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens, in denen sie mein Heim zuerst in Landskrona, dann in Falun und schließlich in Märbacka teilte, überraschte sie mich zu wiederholten Malen dadurch, daß sie Dinge sagte, die verrieten, daß sie wußte, woran ich dachte, wenn ich so einherging. Aber es gelang mir immer, irgendeine natürliche Erklärung zu finden, und die meisten dieser kleinen Erlebnisse sind jetzt in Vergessenheit geraten. Ich kann aber ein kleines Beispiel dieser Art »drahtloser Telegraphie« anführen, das mir so merkwürdig vorkam, daß es in der Erinnerung bewahrt blieb. Im Jahre 1895 kündigte ich meine Stellung in der Schule in Landskrona, und es stand mir also frei, mich niederzulassen, wo es mir beliebte, aber ich blieb noch ein paar Jahre dort wohnen, weil ich mich in der schönen Stadt am Sund wohlfühlte und eigentlich nicht recht wußte, wo ich mich sonst ansässig machen sollte. Im Frühling 1897 war meine Mutter fortgefahren, um meine Schwester zu besuchen, die in Falun wohnte, und ich ging allein in Landskrona herum. Da geschah es eines Nachmittags, daß ich zu überlegen begann, ob ich nicht nach Falun ziehen sollte. Da hatte ich meine Schwester und meinen Schwager und deren Kinder. Es war das Einfachste und Natürlichste, daß ich mich in der Nähe dieser meiner Angehörigen niederließ. Es würde nicht nur für mich gut sein, sondern vor allem auch für meine alte Mutter. Ich erwog lange die Gründe für und wider, doch ehe der Tag zur Neige gegangen war, war mein Entschluß gefaßt. Am selben Abend setzte ich mich hin und schrieb an meine Mutter, um ihr meinen Vorschlag auseinanderzusetzen. Dies alles war durchaus nichts Bemerkenswertes. Aber das Wunderliche war ein Brief, den ich zwei Tage später aus Falun bekam. Mein Schreiben war noch nicht angelangt, als dieser Brief abging, trotzdem bekam ich bereits Antwort auf das, was ich geschrieben hatte. Der Brief meiner Mutter begann nämlich so: »Wir haben heute abend dagesessen, Gerda und ich, und darüber gesprochen, wie hübsch es wäre, wenn du hierher nach Falun ziehen wolltest ...« Sie schrieb dann noch Seite um Seite weiter, um mich zu überzeugen, daß ich nichts Besseres tun könnte, als nach dieser Stadt zu übersiedeln. Ich konnte mir ausrechnen, daß meine Mutter und meine Schwester zur gleichen Zeit beisammengesessen und von meinem Umzug nach Falun gesprochen hatten, in der ich an dieselbe Sache gedacht hatte, und daß unsere Briefe am gleichen Abend geschrieben worden waren. Es ist ja immerhin möglich, daß das alles ein gewöhnliches, zufälliges Zusammentreffen gewesen sein kann, aber man muß doch zugeben, daß es etwas recht Seltsames war, dieser gleichzeitig aufgetauchte Gedanke und die zwei Briefe. Hier noch ein Beispiel. Der Fall trug sich um vieles später zu, im Herbst als wir schon nach Märbacka gezogen waren. Meine Mutter war da schon hoch in den Achtzigern, ganz gesund, aber natürlich waren ihre Körper- und Geisteskräfte in sichtlicher Abnahme begriffen. Diesen Herbst war ich im Begriff, einen Roman zu Ende zu führen, der den Titel »Liljecronas Heimat« bekam; aber ihr etwas von dem Inhalt des Buches mitzuteilen, verbot sich von selbst. Es wäre zu anstrengend für sie gewesen, einer so langen Darstellung zu folgen. Daß ich Tag und Nacht an einem Buch arbeitete, wußte sie indessen sehr gut. Sie fragte mich täglich, ob ich bald fertig sei, und bedauerte mich, daß ich in einer solchen Hetzjagd leben mußte. Eines Nachmittags war ich jedoch zum letzten Kapitel gekommen. Ich schrieb, wie Liljecrona vor dem Fenster seiner Geliebten Geige spielte, und schloß das Ganze mit Verlobung und Versöhnung ab. Gleich nachdem ich die Feder von mir geworfen hatte, ging ich zu meiner Mutter hinein. Ich muß ihr doch sagen, daß das Buch fertig ist, dachte ich. Das wird sie freuen. Sie freute sich auch über die Neuigkeit und beglückwünschte mich, aber sie hatte mir auch etwas zu erzählen. »Es ist so hübsch heute abend,« sagte sie. »Ein Spielmann hat hier vor dem Fenster gestanden und hat so schön gespielt.« Sie sah wirklich ganz angeregt aus, hatte ein bißchen Farbe auf den Wangen und Leben im Blick. »Ein Spielmann ist hier gewesen?« fragte ich. »Ja gewiß,« sagte sie, gleichsam erstaunt, daß ich nichts gehört hatte. »Er stand gerade hier am Fenster, lange Zeit. Weißt du, es war wirklich schön.« Ich war unbeschreiblich erstaunt. In aller Eile lief ich die Treppe zur Küche hinunter, um die Dienstleute zu fragen, ob ein Spielmann an diesem Nachmittag das Haus besucht hatte. Aber nein, niemand war dagewesen. Es war nur etwas, was die alte Frau sich einbildete. War sie in ihrem Stuhl eingeschlummert und hatte geträumt, oder war es der Spielmann in meinem Buch, der große Geiger Liljecrona, der sich in ihr Bewußtsein geschlichen und so zum letzten Male vor seinem alten Lövdala ein Konzert gegeben hatte? Ein Emigrant Wohl in dem Vorgefühl von all dem Trüben und Schweren, das er um ihretwillen erdulden sollte, mochte der Knabe die Puppe gar nicht ansehen, als er sie am Weihnachtsabend bekam. Er sagte gerade heraus, er wolle nicht mit Puppen spielen, er, der doch ein Junge war. Die Mutter hatte ihn gefragt, ob sie die Puppe auf den Boden tragen oder sie dem kleinen Mädchen des Droschkenkutschers schenken solle, das er nicht leiden konnte, und sogar dazu hatte er ja gesagt. Es war ihm ganz gleichgültig, was aus dieser abscheulichen Puppe wurde. Aber was nun auch der Grund sein mochte, die Puppe wurde doch nicht zum Droschkenkutscher getragen, sondern fand sich noch am Weihnachtsmorgen in der Wohnung vor. Der Knabe war dadurch erwacht, daß die Mutter aufstand und sich ankleidete, um zur Weihnachtsmette zu gehen, und er hatte ein bißchen gejammert, daß er allein zu Hause liegenbleiben sollte. »Du bist doch nicht allein,« hatte die Mutter gesagt. »Jetzt hast du doch jemanden, der dir Gesellschaft leisten kann.« Damit hatte die Mutter die große Fleckchenpuppe genommen, sie auf einen Stuhl an den Tisch gesetzt und sie mit einer brennenden Lampe davor zurückgelassen. Es sollte hell im Zimmer sein, damit der Kleine sah, daß jemand da war, der über ihn wachte, und er die ganze Zeit, da die Mutter weg war, ruhig schlafen konnte. Der Knabe wollte der Mutter nicht sagen, wie kindisch ihm das alles vorkam. Er hätte gern gewußt, ob sie denn vergessen hatte, daß sie einen Jungen zum Kind hatte, nicht ein Mädel. Er ließ sie jedoch gehen, ohne weitere Einwände zu erheben, denn es war ihm ganz recht, unter vier Augen mit der Puppe zu bleiben. Wenn sie nur erst allein waren, dann würde sie schon nicht allzulange an dem Tisch unter der Lampe sitzenbleiben. Sie würde schon auf ihren rechten Platz kommen, darauf konnte sie sich verlassen. Als die Mutter in der Türe stand, im Begriffe zu gehen, sagte sie noch: »Du kannst Laban hier fragen, wie es in der Weihnachtsnacht zuging, als Jesus geboren wurde. Du glaubst gar nicht, wieviel er von allem weiß, was sich einmal in der Welt zugetragen hat.« Nein, das ging doch über den Spaß. Die dumme Puppe dort am Tisch! Die Mutter wurde wohl bald ebenso einfältig wie die Puppe selbst. Aber es war merkwürdig. Wie er am Weihnachtsmorgen da lag und die Puppe anguckte und sich dachte, daß das wohl die letzte war, die ihm etwas erzählen konnte, gleichviel was, merkte er, daß sie plötzlich eine andere geworden war. Sie war doch früher als ein Matrose kostümiert gewesen, mit weiter Bluse, weißen langen Hosen und einer schirmlosen Mütze, auf der ihr Name »Laban« mit rotem Wollgarn gestickt war, aber so sah sie jetzt nicht mehr aus. Sie hatte sich ganz plötzlich in einen der Hirten verwandelt, die in derselbigen Nacht, in der Jesus geboren ward, über die Flur gingen und die Schafe hüteten. Er hörte auch die Engel in der Luft über dem Kopf der Puppe singen, und er sah, wie sie sich aufrichtete, um zu sehen, was für merkwürdige Vögel durch die dunkle Nacht flogen. Alles war genau so, wie er es die Mutter am Abend vorher erzählen gehört hatte, nur mit dem Unterschied, daß er jetzt alles vor sich sah, ganz so, wie es geschehen war. Es war Nacht, und es waren Engel, und es waren lebende Schafe. Das war etwas anderes, als nur davon erzählen zu hören. Der Junge war damals erst drei Jahre alt. Und deshalb konnte er wohl nichts von dem, was die Puppe und er an jenem Morgen zusammen gesehen hatten, in seiner Erinnerung bewahren. Daß sie auch nach Bethlehem gegangen waren und das Jesuskind gesehen hatten, glaubte er wohl, aber er konnte sich nicht recht entsinnen, wie es zugegangen war. Es war ihm wieder ganz entschwunden. Das einzige, was er von diesem Weihnachtsmorgen–Abenteuer noch wußte, war, daß, als die Mutter heimkam, die Puppe in seinen Armen gelegen und geschlafen hatte. Die Mutter hatte gleich gemerkt, daß die Puppe nicht mehr am Tische saß, und sie hatte sich ein bißchen mißtrauisch umgesehen, nach dem Kachelofen und der nächsten Kellerluke geguckt, aber schließlich hatte sie entdeckt, daß der Knabe den Matrosen mit ins Bett genommen hatte. Und sie war sehr froh gewesen, als sie dies gemerkt hatte. Denn sie wußte nun, daß der Kleine einen Freund gefunden hatte, der ihm über viele einsame Stunden und viele Sorgen hinweghelfen würde. Mit der Zeit entdeckte der Knabe immer mehr und mehr gute Eigenschaften an der Puppe. Er sagte ganz ernsthaft zur Mutter, wie um ein großes Unrecht gutzumachen, daß er, bevor er Laban hatte, gar nicht gewußt hatte, wozu Puppen gut seien. Er hatte geglaubt, sie seien nur für kleine Mädchen zu brauchen, die ihnen Kleider nähten und ihnen diese Kleider an- und wieder auszogen. »Aber jetzt denkst du anders von ihnen?« fragte die Mutter und lächelte ihm zu. Ja gewiß, jetzt begriff er, daß Kinder Puppen so liebhatten, weil sie sich verwandeln konnten. Und verwandelt hatte sie sich wirklich, diese Puppe. Sie war ein König gewesen und hatte mit einer Krone auf dem Kopfe dagesessen, und sie war das kleine Mädchen des Droschkenkutschers gewesen und hatte mit piepsender Kinderstimme gesprochen. Sie hatte vor gar niemandem Respekt. Sie war Mutter selbst gewesen, wie sie da hinter ihrem Ladentisch stand und Apfel und Apfelsinen verkaufte, und sie war all die Frauen und Dienstmädchen gewesen, die in den Keller kamen, um einzukaufen. Was hatten sie damals für gute Tage im Obstkeller gehabt, er und die Puppe! Sie hatten einen kleinen Schlupfwinkel ganz für sich allein, unter dem Ladentisch, an dem die Mutter stand und Obst und Gemüse verkaufte, ein eigenes kleines Stübchen mit zwei kleinen Schemeln, auf denen sie einander gegenübersaßen und im Flüsterton Gespräche führten, während man über ihren Köpfen kaufte und verkaufte. Der Knabe war früher wütend auf all die gewesen, die in den Kellerladen kamen und ihm seine Mutter wegnahmen. Aber jetzt waren sie ihm ganz willkommen, denn die Puppe verstand es, wie gesagt, sich in sie alle zu verwandeln. Sie ahmte ihre Stimme nach, und sie ging mit ihnen nach Hause und erzählte dann, was der Mann zu der Suppe gesagt hatte, die die Frau von den Kohlblättern und den Pastinaken aus Frau Hernquists Keller gekocht hatte. Viele von denen, die im Laden aus und ein gingen, pflegten zu sagen, es wäre merkwürdig, zuzuhören, wie der Knabe die Puppe sprechen und antworten ließ. Daraus sah er, daß sie gar nichts von solchen Dingen verstanden, denn es war doch gewiß nicht er, sondern die Puppe, die sich das alles ausdachte. Er suchte wohl den Leuten begreiflich zu machen, wie es sich verhielt, aber nach einigen vergeblichen Versuchen merkte er, daß das ganz unmöglich war. Die allerschönste der guten Eigenschaften der Puppe kam doch erst zutage, als er anfing, in die Schule zu gehen. Nach dem ersten Vormittag in der Schule war er recht mutlos nach Hause gekommen. Es war doch viel schwerer gewesen, die ersten Buchstaben zu lernen, als er sich vorgestellt hatte. Er hatte sich auf den Ladentisch zur Mutter gesetzt, damit sie ihm helfe, aber es war darum nicht besser gegangen. »Willst du dich nicht zu Laban setzen und dir von ihm das Lesen beibringen lassen?« hatte die Mutter gefragt, aber der Knabe war unschlüssig gewesen, er konnte doch nicht glauben, daß Laban zum Schulmeister taugte. »Ja, du kannst sicher sein, daß er dazu taugt,« sagte die Mutter. »Er war in all den Jahren, die ich in die Schule ging, mein Lehrer, und ich hatte immer die besten Zeugnisse. Man sprach sogar mit meinem Vater davon, mich Lehrerin werden zu lassen, so fix war ich.« Als die Mutter dies gesagt hatte, kroch der Knabe unter den Ladentisch zu Laban, der dort auf seinem Schemel saß, und die Mutter gab ihnen ein kleines Kerzenstümpfchen, das sie zwischen sich stellen durften, damit sie die Buchstaben sahen. »Lehre du ihn jetzt zuerst, dann lehrt er dich,« sagte die Mutter. Man hörte es, daß sie in der Sache zu Hause war. An diesem Abend bekam der Knabe eine noch höhere Meinung von Laban als früher. Denn seht ihr, die Puppe lernte sofort die Buchstaben. Sie brauchte die Aufgabe nur ein einziges Mal zu hören, dann saß sie ihr so fest im Kopfe, daß man das Licht auslöschen konnte, und sie sagte die ganze Geschichte von vorne nach rückwärts und von rückwärts nach vorne her, ohne auch nur einen einzigen Fehler zu machen. »Ja, dacht ich mir's nicht, daß Laban dir helfen würde,« sagte die Mutter. »Denke jetzt nur morgen in der Schule an ihn, dann wirst du schon die ganze Aufgabe können.« Als der Knabe am nächsten Tag in die Schule kam, war er doch sehr ängstlich, weil er glaubte, daß Laban und nicht er die Buchstaben gelernt hatte. Aber als er antworten sollte, hielt er die Gedanken ganz fest auf Laban gerichtet. »So hätte er gesagt,« dachte er. Und er antwortete so gut, daß er von der Lehrerin gelobt wurde. Aber das machte ihm große Sorgen. Er wollte nicht dastehen und ein Lob ernten, das er nicht verdient hatte. Das wäre doch unrecht gegen die andern Kinder gewesen, die keine solche Puppe hatten wie er. Und schließlich sagte er auch der Lehrerin, wer es war, der die Aufgabe gelernt hatte. Er hatte erwartet, daß sie doch wenigstens verstehen würde, wie es sich mit dieser Puppe verhielt, aber sie lachte ihn nur aus, so daß er das nächste Mal nichts anderes tun konnte, als ihr Lob schweigend entgegenzunehmen. Die gute Zeit für ihn und die Puppe, die dauerte eigentlich so lange, als er in die Volksschule ging. Immer war es die kluge Puppe, die arbeitete, und der Knabe hatte herrliche, freie Tage ohne alle Mühe und Plage. Nichts veränderte sich, außer daß er eines schönen Tages nicht mehr unter dem Ladentisch Platz fand, und da zogen Laban und er in einen Verschlag hinter dem Kellerladen. Da war ganz hoch oben in der Wand eine Luke, und darunter stellte die Mutter einen Tisch und einen alten Lehnstuhl, der so groß war, daß sie beide darin Platz fanden, er und die Puppe, und da saßen sie nun nebeneinander und lernten die Aufgaben. Aber was der Kameradschaft ein Ende zu machen drohte, war, daß die Mutter beschloß, den Knaben ins Gymnasium zu schicken. Seht ihr, man hatte ja schon lange, ja eigentlich seit der Weihnacht, da er die Puppe bekam, davon gesprochen, daß es etwas Merkwürdiges um diesen Knaben war. Die Leute, die mit ihm im Obstkeller plauderten, konnten nicht genug von den lustigen Antworten erzählen, die er ihnen gegeben hatte. Und die Lehrerin in der Volksschule, die konnte sich vor Staunen gar nicht fassen und erinnerte sich nicht, je ein so begabtes Kind gehabt zu haben. Und alle diese, die die große Begabung, die sich im Obstkeller verbarg, mit entdeckt hatten, lagen der Mutter unaufhörlich in den Ohren, den Sohn doch ins Gymnasium zu schicken. Ihr ging es sehr gegen den Strich. Einerseits wollte sie aus ihrem Sohn kein Herrschaftskind machen, das sich ihr entfremdete, wenn es heranwuchs, und andererseits brauchte sie den Jungen sobald als möglich zur Hilfe im Geschäft. Aber sie wollte ja kein Unrecht gegen ihr eigenes Kind begehen, und da alle von den großen Anlagen sprachen, die erst in einer solchen höherm Lehranstalt zu ihrer rechten Entfaltung kommen konnten, entschloß sie sich endlich zu diesem Schritt. Nun kann man sich denken, daß die Kameradschaft mit der Puppe nicht mehr so leicht war. Kaum war der Knabe in die erste Klasse gekommen, als die übrigen Schuljungen ihn damit aufzuziehen begannen. Er kämpfte viele Schlachten für sie aus. Und das ging ja an, solange er sie mit den Fäusten verteidigen konnte. Aber es sollten Angriffe kommen, die er nicht auf diese Art zurückschlagen konnte. Dabei mußte man ja sagen, daß es ihm in der Schule vortrefflich ging. Und dieselbe wunderliche Art, seine Aufgaben zu lernen, hatte er noch beibehalten. Konnte er sich nur einbilden, daß es die Puppe war, die lernte, nicht er, kostete es ihm nicht die geringste Mühe, zu lernen, was es auch sein mochte. Aber als er in die zweite Klasse kam, erzählte ihm die Mutter eines Tages, daß es Leute gäbe, die sagten, es könnte doch nie ein rechter Mann aus ihm werden, der noch als Zehnjähriger mit Puppen spielte. Andere Knaben pflegten sich nicht so zu benehmen. Das waren Worte, die sich in sein Herz eingruben. Gegen die konnte er keinen gewappneten Widerstand anwenden. Er machte auch schon am selben Tag einen Versuch, sich der Puppe zu entledigen. Er trug sie auf den Dachboden, aber schon nach ein paar Stunden trug er sie wieder hinab. Er kam mit seinen Aufgaben nicht vom Fleck, wenn er die Puppe nicht neben sich hatte. Und nun kamen zwei harte Jahre für ihn und die Puppe. Die Leute wollten sie nicht in Frieden lassen. Ein so vielversprechender Junge, sagte man von ihm, es ist doch wirklich jammerschade, daß er diese lächerliche Gewohnheit hat, noch in seinem Alter mit Puppen zu spielen. Und die Mutter, die hielt ihn beinahe für einen verlorenen Sohn – nur dieser Puppe wegen. Sie bekam auch mehr von all den Neckereien und Witzen über ihn und die Puppe zu hören als er selbst. Manchmal glaubte der Knabe, daß sie und ihre Bekannten es sich nicht so sehr zu Herzen genommen hätten, wenn er zu trinken oder zu rauchen angefangen hätte, denn das war doch eine Sache, die andere Knaben auch taten. Aber daß ein Junge, der schon zwölf Jahre alt war, seine Puppe behielt, so etwas hatte man noch nie gehört. Als nun sein dreizehnter Geburtstag herankam, sagte er sich jedoch, daß nun die Grenze erreicht war. Jetzt mußte er die Puppe aufgeben, wenn er die Achtung der Menschen nicht ganz einbüßen wollte. Jetzt riefen ihm die gleichaltrigen Knaben zu, er solle doch lieber mit kleinen Mädeln spielen, er, der noch seine Puppe hatte, und die Mädchen, die steckten die Köpfe zusammen und kicherten, sobald sie ihn nur sahen. Ja, die Puppe sollte also aus dem Hause, das war eine ausgemachte Sache. Aber da war noch etwas anderes, über das man nicht so leicht ins klare kommen konnte. Nämlich die Frage, wohin die Puppe sich begeben sollte. Es hatte keinen Sinn, es noch einmal mit dem Boden zu probieren, denn er wußte schon im vorhinein, wie das ausgehen würde. Auch konnte er sich nicht entschließen, die Puppe irgendeinem Kind, das er kannte, zu schenken, denn er vermochte sich nicht in den Gedanken zu finden, daß irgend jemand seiner Bekannten sie, die ihm so lieb war, besitzen sollte. Er wußte ja, was der beste Ausweg war, aber er mußte ein paar Tage mit sich kämpfen, bevor er sich dazu entschließen konnte. Die Puppe erhob keine Einwände, aber der Knabe war es, der sich nicht überwinden konnte, diesen äußersten Schritt zu tun. Es sah aus, als sollte nichts aus der Trennung werden, und es wäre wohl auch nicht dazu gekommen, wenn die Puppe selbst sich nicht in die Sache gemischt hätte. Die machte eines Abends ein ganz beleidigtes Gesicht und ließ ihn wissen, daß sie ihm nach all den guten Jahren, die sie miteinander gehabt hatten, nicht zum Schaden gereichen wollte; und wenn der Knabe sich nicht entschließen konnte, sie ziehen zu lassen, so würde sie schon einen andern zu finden wissen, der ihr forthelfen wollte. Da war der Junge nun auch beleidigt und versprach, daß er Ernst in der Sache machen würde. »Ich werde schon dafür sorgen, daß du irgendwohin kommst, von wo du nie zurückkommen kannst,« sagte er. Am nächsten Tage stand er ganz früh auf, rollte die Puppe in ein großes Zeitungspapier und ging mit dem Paket unter dem Arm auf die Straße. Zuerst begab er sich zu einem Platz, wo man eben den Grund zu einem Hause sprengte, und da hob er einen großen Stein auf, den er in der Hand behielt. Dann lenkte er seine Schritte zu einem der großen Kanäle in der Nähe des Hafens. Es war ein wunderbar schöner Morgen, in den er hinaustrat. Er erinnerte sich nicht, je etwas Ähnliches erlebt zu haben. Es war die mildeste Frühlingslust, voll Duft und Würze, lichtes Grün auf den Bäumen und leichte Frühlingswölkchen am Himmel. Auch sah er eine Menschenschar nach der andern aus den Häusern kommen und zum Hafen hinuntergehen. Sie waren in Reisekleidung und hatten Eßkörbe, Plaids, Feldstecher und Tennisschläger mit. Sie wollten bei diesem herrlichen Frühlingswetter Ausflüge nach den Villen- und Badeorten machen. Wie froh und glücklich sie alle miteinander zu sein schienen. Der Knabe wünschte, er wäre einer von ihnen gewesen. Da glaubte er zu hören, wie der alte Freund, den er in dem Pakete hatte, ihm eine letzte Ermahnung gab: »Kümmere dich nicht um sie,« sagte er. »Du kannst sicher sein, daß sie auch ihre Sorgen haben, sie gerade so gut wie wir alle.« »Da kannst du wohl recht haben,« sagte der Knabe, »aber ich glaube doch nicht, daß einer von ihnen es so schwer hat wie ich. Oder hältst du es für möglich, daß ein einziger von ihnen auf dem Wege ist, seinen besten Freund zu ertränken, so wie jetzt ich?« Endlich waren sie am Ziel ihrer traurigen Wanderung angelangt, und der Knabe blieb auf dem Kai des Hafenkanals stehen. Da legte er die Puppe auf den Boden, wickelte sie aus der Umhüllung und begann, ihr eine Spagatschnur um den Hals zu knüpfen. Im nächsten Augenblick sollte die Puppe also auf dem Kanalgrunde liegen, zwischen Leichen von jungen Hunden und Katzen, und das schmutzige, gelbgrüne Kanalwasser sollte über sie hinfließen. Das war also der Lohn, der ihr für all ihre Treue und alle ihre Dienste zuteil werden sollte. Plötzlich hörte der Knabe auf, die Schnur zu knüpfen. Er schleuderte den mitgebrachten Stein in den Kanal, aber ohne die Puppe. »Nein, das ist unmöglich,« sagte er. »Das geht nicht. In so gräßlicher Weise kann ich mich deiner nicht entledigen, Laban.« Er stand da und starrte recht ratlos vor sich hin. Mit den Blicken folgte er neuen Gruppen von Lustreisenden, die zum Meere hinunterwanderten. Während er ihnen so nachsah, kam der Puppe plötzlich eine Idee. »Wir sind doch rechte Esel gewesen, du und ich, Fritz,« sagte sie, »daß uns etwas so Einfaches nicht früher eingefallen ist. Du hast wohl schon ganz vergessen, wie es im alten Griechenland zuging? Wenn sie ihre guten und edlen Mitbürger nicht im Lande behalten wollten, so fiel es ihnen doch nicht ein, sie zu töten, sondern sie sandten sie in die Verbannung.« »Nein, was bist du doch für ein Meister, du Laban,« rief der Knabe. »Ich verstehe schon, was du meinst. Ja, in dieser Weise kann ich mich doch eher von dir trennen.« Er fand den Gedanken so vortrefflich, daß er sich für den Augenblick fast über die Trennung getröstet fühlte. In aller Eile hüllte er die Puppe wieder in die Zeitung und ging hinter ein paar Reisenden her, die auf dem Wege zum Hafen waren. Es war eine ganze Familie: Mann, Frau und eine große Kinderschar. »Vielleicht wird eines dieser Kinder Beschlag auf dich legen, Laban,« sagte er. Im selben Augenblick sah er den Hafen, wo ein großes weißes Schiff dalag und seinen Dampf in die Luft stieße Es hieß »Oskar Dickson«, und er wußte, daß es zwischen Gothenburg und Christiania hin und her fuhr und unterwegs an einer ganzen Menge von Orten anlegte. Er eilte hinunter und sprang an Bord. Niemand hinderte ihn. Man glaubte, daß er einem der Passagiere noch ein Paket zu bringen hatte. Unten im Achtersalon nahm er die Puppe wieder aus der Zeitung und setzte sie auf eines der roten Plüschsofas. Er knipste noch ein paar Stäubchen von der Bluse und setzte die Mütze richtig auf. »Wenn wir gewußt hätten, daß du eine so lange Reise antreten mußt, hätten wir schon dafür gesorgt, Mutter und ich, daß du etwas Neues zum Anziehen hast. Aber das ist ja einerlei. Du bist doch auf jeden Fall die allerbeste aller Puppen, die es in der Welt gibt. Und es kommt sicher bald jemand, der sich deiner annimmt. Glückliche Reise! Adieu! Adieu!« Er wagte es nicht, den Abschied noch zu verlängern, sondern sprang auf das Verdeck. Er war gar nicht ängstlich, wie es der Puppe ergehen würde. Er zweifelte keinen Augenblick, daß, sobald eines der Kinder, die sich an Bord des Dampfschiffes befanden, die Puppe erblickte, es auch ihre guten und großen Eigenschaften entdecken und eine solche Liebe zu ihr fassen würde, daß es gar nicht anders konnte, als sie mit nach Hause zu nehmen. Er glaubte triftigeren Grund zur Angst für sich selbst zu haben, denn es war sehr ungewiß, wie es ihm nun ergehen würde, wenn er diesen klugen Freund, der ihm raten und helfen konnte, nicht mehr hatte. Kaum war er wieder auf festem Lande, als er sich nach der Puppe zu sehnen begann und bereute, daß er sie von sich gelassen hatte. Es wäre besser gewesen, alle Sticheleien zu ertragen, als einen solchen Schatz hinzugeben. Aber er kehrte doch nicht um, um die Puppe wiederzuholen. Ein so ängstliches Gefühl hatte man wohl immer, wenn jemand, den man liebhatte, fortreiste. In ein paar Stunden würde es sich schon geben. Aber wie er so nach Hause ging, verfolgte ihn das Gefühl, daß er etwas Wertvolles und Großes hingegeben hatte, und das wollte nicht weichen, im Gegenteil, es wuchs und wurde zu einem heftigen Groll gegen all jene, die die Puppe nicht hatten in Frieden lassen wollen. Als er später am Vormittag in die Schule kam, bereitete es ihm eine Art von Genuß, zu fühlen, daß er so stumpf war, daß er keine einzige Frage richtig beantworten konnte. Ja, seht nur, wie es geht, dachte er. Hättet ihr mich nicht meine Puppe behalten lassen können? Es war gewiß ein großes Unrecht, das man gegen ihn begangen hatte. Er konnte sich daheim ebensowenig zurechtfinden wie in der Schule. Den kleinen Verschlag, wo die Puppe und er sich so wohlgefühlt hatten, fand er jetzt so dunkel und armselig, daß er es darinnen nicht aushalten konnte. Er mußte seine Zuflucht zur Gasse nehmen, und da trieb er sich den ganzen Abend herum, ohne zu lernen oder zu rechnen. »Ja, seht nur,« sagte er wieder, »so wird es alle Tage gehen. Warum ließ man mich nicht den Gefährten behalten, der es mir zu Hause so schön machte?« Die ganze Woche verging, ohne daß der Knabe in bessere Laune kam. Die Mutter tat, was sie konnte, um ihn aufzumuntern, aber mit geringem Erfolg. Gegen sie war er noch unfreundlicher als gegen die andern, denn er fand, daß wenigstens sie, die ihm doch selbst die Puppe gegeben hatte, auch ihre Partei hätte nehmen müssen und nicht zulassen durfte, daß er sich ihrer entledigte. Er hatte die größte Lust, zum Hafen hinunterzugehen, aber er kämpfte mit aller Macht dagegen an und lenkte seine Schritte nie nach dieser Richtung. Die Puppe war ja dahin und verloren, das wußte er. Es wäre nur so gewesen, wie wenn man ein Messer in einer Wunde herumdreht, wenn er dort hinuntergegangen wäre und sich den »Oskar Dickson« und das leere Plüschsofa im Dampfschiffsalon angesehen hätte. Gegen Ende der Woche hatte der Knabe wohl die ärgste Bitterkeit gegen die Mutter überwunden und sich wieder etwas freundlicher gegen sie gezeigt, so daß sie eines Nachmittags den Mut faßte, ihn zu bitten, zum Hafen hinunterzugehen und ihr ein paar Bund Spargel zu holen, die sie mit einem Schärenboot erwartete. Der Knabe wurde zuerst rot und dann blaß, als sie ihn darum ersuchte. Zuerst wollte er ein schroffes Nein zur Antwort geben, aber dann stieg eine so starke Sehnsucht in ihm auf, wieder dort hinunterzukommen, daß er nicht dagegen ankämpfen konnte. Nun meinetwegen, dachte er, Mutter will es ja selbst. Er fühlte wohl, daß in ihm eine Hoffnung war, die nur auf die Gelegenheit lauerte, an Bord des Dampfschiffes zu kommen und nachzusehen, wie es dort stand. Aber er unterdrückte sie mit der unwiderleglichen Behauptung, daß eine solche Puppe wie Laban nicht so viele Tage ohne Besitzer hatte bleiben können. Es war nicht anders möglich, jemand hatte sie sich angeeignet. Aber als er nun mit seinem Korb in der Hand zum Hafen hinunterkam, war das erste, was seinen Blicken begegnete, der Dampfer »Oskar Dickson«. Er schien soeben angekommen zu sein, denn der Landungssteg war gerade ausgelegt, und die Passagiere begannen ans Land zu strömen. »Du bist doch das größte Rindvieh auf Gottes Erdboden,« sagte der Junge zu sich selbst. Aber in der nächsten Sekunde drängte er sich doch über den Landungssteg. »Es hat doch gar keinen Zweck, das weißt du doch,« sagte er wieder, aber er lief doch über das Verdeck, »nein, darin liegt doch nicht die geringste Vernunft,« fuhr er fort, während er die Treppe hinuntereilte und in den Salon guckte. Aber es war wohl doch nicht so ganz ohne Vernunft, denn wer saß ganz oben in der Ecke des plüschbezogenen Sofas, wenn nicht seine eigene, heißgeliebte Puppe? Der Knabe wollte seinen Augen nicht trauen. Konnte das wirklich sein eigener Laban sein, der da saß? Ja, er war es ja doch, das fühlte er schon daran, daß sein Herz einen heftigen Sprung machte und dann wieder auf seinen rechten Platz kam. Im selben Augenblick begriff er auch, warum ihm die ganze Zeit, die die Puppe fortgewesen war, so schrecklich zumute gewesen war. Das war das Herz, das nicht am rechten Fleck gewesen war. Aber jetzt mit einem Male, wie er nur die Puppe erblickt hatte, war alles wieder ganz gut. Mit zwei Sätzen hatte der Knabe die Puppe erreicht. Er machte nicht viel Federlesens mit ihr, er stopfte sie nur in seinen Korb und knüllte sie zusammen, so daß er den Deckel zubrachte. Und dann ging es mit ihnen beiden heimwärts. Auf dem ganzen Wege lachte er in sich hinein und trällerte, er konnte es nicht lassen. Ja, so war es wohl Menschen zumute, wenn sie sagten, daß sie glücklich wären, der Knabe hätte nie geglaubt, daß das so hübsch sein könnte. Er freute sich sogar, daß er die Puppe ausgesetzt hatte, denn wenn er nicht die ganze Woche lang von ihr getrennt gewesen wäre, hätte er ja auch die große Freude des Wiedersehens nie kennengelernt. Als er durch den Kellerladen ging, eilte er nicht stumm und mürrisch an den Kunden vorbei wie in letzter Zeit, sondern er stellte seinen Korb nieder, legte der dicksten Madam den Arm um den Leib und küßte sie. Das war nur als eine kleine Freundlichkeit gemeint, und wenn auch die Dicke und die andern nach ihm schlugen, so nahmen sie es doch auch für nichts anderes. »Ja, jetzt ist er wieder guter Laune,« sagten sie. »Wir wußten ja, daß er nicht sein Leben lang wegen einer Fleckchenpuppe den Kopf hängen lassen würde.« Der Knabe hielt sich nicht auf, um ihnen zu erklären, was ihn so verändert hatte. Er nahm den Korb in seinen Verschlag mit, packte die Puppe aus und setzte sie mit großer Feierlichkeit in dem Stuhl zurecht. Und zugleich nahm alles um ihn sein gutes, vertrautes Aussehen wieder an. Es war die Puppe, die all das Behagen und die Traulichkeit mitbrachte. »Du machst dir wohl gar nichts daraus, wieder zu Hause zu sein, Laban?« sagte der Junge. »Du hattest es wohl auf dem Dampfschiff ebenso gut?« Er plauderte in einem fort. Die Puppe mußte hören, wie elend er es gehabt hatte und wie schlecht es mit dem Lernen gegangen war. Von Zeit zu Zeit unterbrach er seine Klageweisen und neckte die Puppe, weil gar niemand Beschlag auf sie gelegt hatte. Er wartete keine Antwort ab, sondern ging gleich zu etwas anderem über. »Weißt du was?« sagte er, »jetzt, wo ich dich wiederhabe, halte ich es nicht aus, so träge und dickschädlig zu sein, wie ich die ganze Woche war. Wir müssen uns jetzt ordentlich hineinlegen, damit ich die Kameraden einhole.« Es kam ein solcher Arbeitseifer über ihn, daß er schon in der nächsten Minute mit dem Kopf über ein Buch gebeugt dasaß. Und das war wahrlich nur ein Vergnügen, jetzt, wo Laban neben ihm saß. »Erinnerst du dich an dies und an das?« fragte er die Puppe. »Kannst du mir dieses Problem lösen?« Und es ging alles wie im Spiel. Die Puppe durchschaute sofort die allerverwickeltsten Aufgaben. Das Ganze war eitel Lust und Freude. Nach einiger Zeit konnte er sich das Vergnügen nicht versagen, die Puppe wieder ein bißchen zu necken. »Denk mal, daß dich gar niemand haben wollte, Laban! Denke, daß du die ganze Woche allein in der Sofaecke sitzengeblieben bist! Das hättest du wohl nie gedacht?« Während er so mit der Puppe scherzte, sah er etwas aus ihrer Bluse, aus dem Halsausschnitt, ragen. Er beugte sich vor und zog ein kleines, viereckiges Blättchen heraus. Es war eine Amateurphotographie, die ein kleines Mädchen mit blonden Locken, langen Wimpern und einem kleinen, kleinen Mündchen vorstellte. »So, Laban, bist du ein solcher Spitzbub,« rief der Knabe. »Also diese kleine Schönheit hat dir auf dem Boot Gesellschaft geleistet. War sie ganz verliebt in dich, sag'? Hast du das von ihr bekommen, als sie ans Land ging, damit du sie nicht vergißt?« Der Knabe glaubte zu merken, wie ein Lächeln über das ernste Gesicht der Puppe huschte. »Siehst du, ich hätte jetzt für immer von dir geschieden sein können, wenn ich gewollt hätte,« schien es zu sagen. »Aber ich bin treuer als du, ich bin zu dir und dem Kellerloch und den Aufgaben zurückgekehrt, trotz allem, was mich in die weite Welt hinausgelockt hat.« Es war ein glücklicher Nachmittag, und ihm folgten viele glückliche Tage. Aber dann –ja, es mag genug sein, zu sagen, daß, als ein halbes Jahr vergangen war, sie sich wieder so ziemlich in derselben Lage befanden wie im Frühling. Die Leute hatten entdeckt, daß die Puppe zurückgekommen war, und gleich hatte man wieder angefangen, den Knaben auszulachen. Er merkte es, und er konnte es nicht ertragen. Er sah ein, daß er ja doch einmal gezwungen sein würde, sich von der Puppe zu trennen. Niemand kann behaupten, daß er es leichten Herzens tat. Es kam ihm fast schwerer an als das erstemal, denn jetzt wußte er besser als damals, was er verlor, wenn er die Puppe fortschickte. Aber andrerseits war er jetzt älter, und er empfand es tiefer als früher, daß man ihn beinahe als einen rettungslos Entgleisten betrachtete. Es mag genug sein, zu erzählen, daß der Knabe eines Nachmittags im Spätherbst die Puppe nahm und sich mit ihr in eine Straßenbahn setzte. Er fuhr ein Stück mit der Puppe, dann stand er mit gleichgültiger Miene auf und ließ sie im Wagen zurück, so, als hätte er sie vergessen. Kaum war der Wagen weitergefahren, als derselbe Mißmut über ihn kam wie das frühere Mal, wo er die Puppe weggeschickt hatte. Er konnte sich nicht entschließen, nach Hause zu gehen, sondern trieb sich niedergeschlagen und verstimmt auf der Straße herum. Nein, wie hatte er doch die Schule und die Schularbeit satt! Wenn er die Puppe nicht hatte, die alles zu einem Spiel machte, konnte er es gar nicht ertragen, an all diese Aufsätze und Probleme zu denken. Er bummelte herum, bis es Zeit zum Schlafengehen war. Als er endlich heimkehrte und die Treppe hinunterging, die in den Keller führte, stolperte er über einen Gegenstand, der auf der obersten Treppenstufe lag, und wäre fast darübergefallen. Im selben Augenblick, in dem er ihn mit dem Fuße berührte, wußte er auch schon, was es war, und ein Beben der Freude durcheilte ihn. Er bückte sich rasch und tastete mit den Händen. Ja, es war Laban. »Es sieht aus, Laban, als wolltest du mich gar nicht verlassen,« sagte er, und die Stimme klang ärgerlich, aber eigentlich war er ganz selig, daß die Puppe zurückgekommen war. Es nahm ihn nicht so sehr wunder, daß auch dieser Versuch mißlungen war. Es gab vielleicht nicht viele Leute in der Stadt, die so bekannt waren wie seine Puppe. Vermutlich hatte eine der Kunden seiner Mutter sie in der Straßenbahn erkannt und sie ihm heimgebracht. Der Knabe stand auf der dunklen Treppe und fuhr mit der Hand über die Puppe, wie um sich zu vergewissern, daß sie sein eigener Laban war. Dabei merkte er, daß auf dem Rücken der Puppe ein Papier befestigt war. »Was ist denn das?« sagte er. »Was ist denn das, was du mitgebracht hast? Letzthin kamst du mit einer Photographie, das hier ist wohl ein Liebesbrief?« Der Junge sah durch die Glastüre des Ladens, daß die Mutter dort auf und ab ging, und es war ihm ein wenig peinlich, ihr zu zeigen, daß er noch einmal mit der Puppe nach Hause kam. Er wollte darum abwarten, bis sie in die Küche ging, so daß er unbemerkt zu sich hineinkommen konnte, und inzwischen löste er das Papier ab und lief zu einer Gaslaterne, um zu sehen, ob etwas darauf geschrieben stand. Ja, allerdings. Da stand fürs erste sein eigener Name und darunter ein kleines Verschen: Hör', mein Büblein, diesen Spruch, Gucke fleißig stets ins Buch, Laß von Knaben, welche saufen, Fluchen, spielen und auch raufen,         Nie und nimmer dich verlocken,         Sondern bleib bei deiner Docken. Nun, er war ja nur ein Kind, und als er den alten Fibelvers in dieser Weise verwandelt und gegen sich gerichtet las, nahm er das nicht als den unschuldigen Spaß, der es im Grunde war, sondern er betrachtete es als eine sehr große Beleidigung. Er wurde ganz starr vor Wut, daß man es wagte, ihn in dieser Weise zu hänseln. Jetzt dachte er gar nicht mehr daran, die Puppe mit nach Hause zu tragen. Er mußte sie gleich fortschicken, im selben Augenblick, und diesmal wollte er es so tun, daß sie nie wiederkehrte. Es blieb ihm nicht viel Wahl, und es dauerte auch nicht lange, so war er auf dem Wege zur Eisenbahn. Als er den Perron betrat, stand gerade ein Zug zur Abfahrt bereit, und ehe er sich noch ganz Rechenschaft gegeben, was er tat, hatte er die Puppe in ein Coupé gesetzt und sie in die weite Welt hinausgeschickt, er wußte selbst nicht, wohin. Und diesmal schien die Puppe wirklich verschwunden zu sein. Eine Woche nach der andern verging, ohne daß der Knabe etwas von ihr wußte. Und so allmählich hörte er beinahe auf, sich nach ihr zu sehnen. Sie wurde aus seinen Gedanken entführt, wie so vieles andere. Es ist ja mit Kindern oft so, daß sie irgendeinen Sündenbock suchen, dem sie die Schuld für all das Mißgeschick aufbürden können, das sie trifft. Und was den Knaben betrifft, so war er noch so sehr Kind, daß er, als es ihm jetzt in der Schule so schlecht zu gehen anfing und er in keiner Weise mit den Kameraden Schritt halten konnte, sich damit entschuldigte, daß er seine Puppe verloren hatte. Er war jetzt nicht träge und fahrlässig. Er war vielmehr bestrebt, sich obenzuhalten, aber er konnte sich nicht verhehlen, wie rettungslos er zurückging. Die Lehrer schüttelten den Kopf, wenn sie seine Aufsätze durchsahen und fragten, ob er krank sei oder ob er viel gestört würde, wenn er zu arbeiten hatte. Dem Knaben konnten bei diesen wohlwollenden Fragen die Tränen in die Augen kommen. Er hätte gerne geantwortet, daß alles nur daher kam, daß man ihn seine Puppe nicht hatte behalten lassen. Aber er biß die Zähne aufeinander und schwieg. Der Klassenvorstand ging zur Mutter, um mit ihr über den Knaben zu sprechen, der gar nicht mehr imstande war, in der Schule mitzukommen. Er konnte nicht begreifen, was in den Jungen gefahren war, er war doch früher der Erste in der Klasse gewesen. Vielleicht wäre es angezeigt, ihn eine Zeitlang aussetzen zu lassen. Und dann fragte die Mutter ihn selbst, was ihm denn fehle, und ob er gerne für ein paar Wochen Ferien haben wolle, um sich auszuruhen. »Das nützt nichts,« sagte der Knabe. »Mir wird es in der Schule nie mehr gut gehen, und wenn ich mich noch so lange ausruhe.« Und als er das gesagt hatte, lief er zur Türe hinaus, weil er fühlte, daß er in Tränen ausbrechen mußte. Ein paar Tage später geschah etwas, das ihn mehr belebte als noch so lange Ruhe. Er las nämlich in einer Zeitung von einer großen Puppe, die die Eisenbahner einander zum Spaß hin und her schickten. Vom ersten Augenblick an war er überzeugt, daß das niemand andres sein konnte als Laban, von dem da die Rede war. Was war das doch für eine Puppe! Wo immer sie sich zeigte, wurde es lustig und fröhlich um sie. Sicherlich erinnern sich viele hier im Lande heute noch an den lustigen Spaß mit der reisenden Puppe. Man kann sich denken, daß die Sache so angefangen hatte, daß irgendein lustiger Stationsbeamter, der in einem Coupé eine einsam dasitzende Puppe fand, sie mit auf die Station nahm, ein Verslein auf einen Zettel schrieb und sie mit dem Poem an der Brust in eine andere Station schickte. Um den Spaß noch besser zu machen, hatte er an einen Kollegen in dem neuen Bestimmungsort ein Telegramm abgesandt: »Herr Laban kommt mit dem Schnellzug. Bitte ihn gut zu empfangen.« Herr Laban! Wer war Herr Laban! Das gab ein Staunen auf der Station, wo er erwartet wurde. Der Stationsinspektor, der Buchhalter und der Bagageverwalter standen auf dem Perron, um ihn zu empfangen. Als der Zug kam, bemühte sich alles, herauszubekommen, welcher der Reisenden Herr Laban sein konnte. Aber da man nicht klug daraus wurde, mußte man den Kondukteur fragen. »Es soll doch ein Herr Laban mit dem Zug ankommen? Wo steckt er denn? Wir sollen ihn doch empfangen.« »Herr Laban,« sagte der Kondukteur, »ach so, er soll hier aussteigen? Ja, er fährt erster Klasse. Ich will gleich gehen und es ihm sagen.« Und gleich darauf erschien er mit der großen Fleckchenpuppe in den Armen. Man kann sich denken, mit welchem Jubel sie aufgenommen wurde. Dann fand jemand, daß das ein viel zu guter Spaß war, um ihn nicht weiterzuspinnen. Die Puppe wurde also mit neuen Versen ausgerüstet, die neben den alten befestigt wurden, und dann bekam sie ein Cachenez, damit sie noch reisemäßiger aussah. Hierauf wurde sie wieder in den Zug gesetzt, und man telegraphierte an die nächste Station, um ihre Ankunft anzukündigen. Da wiederholte sich die Geschichte. Aber da nun die Puppe bald ganz mit Papierzetteln bedeckt war, kam jemand auf den Einfall, sie mit einer Reisetasche zu versehen, wo sie ihre Aktenstücke verwahren konnte. Auf diese Weise fuhr die Puppe rings um das Land, von Station zu Station. Die Telegramme, die sie ankündigten, wurden immer pompöser, und sie wurde immer feierlicher empfangen, je weiter sie herumkam. Die guten Leute in den Stationen konnten sich gar nicht genug tun. Sie reiste auch gerade in der Weihnachtszeit, wo alle freigebig und erfinderisch sind, und bald hatte es mit der Tasche und den schönen Versen nicht mehr sein Bewenden, sondern sie bekam so allmählich eine ganze Ausrüstung. Schließlich hatte sie einen Ulster und einen Nachtsack, eine Brieftasche und ein Portemonnaie. In den Taschen hatte sie Zigaretten und Zündhölzchen, Sacktuch, Federmesser, Taschenkamm, Bürsten, Tüten mit Pralinees und Karamels. Sie hatte eine eigene Reisedecke, um sie über die Knie zu breiten, wenn sie sich auf dem Sofa ausstrecken wollte, und eine besondere Reisemütze, die sie nur trug, wenn sie im Zug saß. Man kann sich denken, daß dieser Spaß, als er eine Zeitlang gedauert hatte, auch in den Zeitungen besprochen wurde, und so erfuhr das große Publikum von diesem Weihnachtsscherz der Eisenbahner. Und da kriegte das große Publikum auch Lust, mitzuspielen. Und es kam so weit, daß, wenn ein Telegramm, daß Herr Laban kommen sollte, an einem Ort eintraf, große Volksmassen sich an der Station einfanden, um ihn zu empfangen, sich die wunderbare Reiseausstattung anzusehen oder die Verse zu lesen. Einige davon wurden auch in der Zeitung abgedruckt, und durch eines dieser Verslein gelangte der Knabe zur vollen Gewißheit, daß es seine Puppe war, die so großen Ruhm erlangt hatte. Der Vers lautete so: Ich bin ein armer Laban, ich esse niemals Brot, Ich kann nicht gehn, ich kann nicht stehn, doch leid ich keine Not. Denn in der schönen Eisenbahn, da fahr ich Tag für Tag Ich bin bald hier, ich bin bald dort, Man hat mich lieb an jedem Ort. Mit niemand tauschen mag. Ja, das hatte der Knabe vom ersten Augenblick an gewußt. Es war seine Puppe. Darüber konnte ja kein Zweifel sein. Es konnte ja auch kaum noch eine Puppe auf der Welt geben, die Laban hieß. Und übrigens hätte sich auch keine andere Puppe einen solchen Spaß ausdenken können. Die Eisenbahner glaubten vielleicht, daß einer von ihnen den Einfall gehabt hätte, sie hin- und herzuschicken, aber der Knabe wußte es besser. Alles, von Anfang bis zu Ende, war die eigene Erfindung der Puppe. Denn so war sie. Jetzt mußten die Leute doch einsehen, wie bitter es für ihn gewesen war, sich von ihr zu trennen. Er konnte sich nicht genug wundern, daß niemand die Eisenbahner wegen der Puppe auslachte. Im Gegenteil, alle schienen ihnen dankbar zu sein, weil sie sich diesen Spaß gemacht hatten, der das ganze Land amüsierte. Es sah aus, als wären alle Menschen freundlicher gegen diese Leute gestimmt, die sie sonst nur mit ernsten Amtsmienen sahen, weil sie jetzt zeigten, daß sie so wie alle andern einen kleinen Scherz liebten. Das hätte man ihnen gar nicht zugetraut. Nein, dieses Mal hatte die Puppe nur das eine Pech, zuviel Glück zu haben. Es wurde soviel über sie in den Zeitungen geschrieben, und es gab ein solches Gedränge in den Stationen. Da kriegten die neuen Gönner den ganzen Rummel satt. Es hatten sich soviel Unberufene in das Spiel gemischt, daß es ihnen gar keinen Spaß mehr machte. Solange der Knabe jeden Tag von der Puppe las und hörte, hatte er förmlich aufgelebt und war wieder der alte geworden. Aber dann wurde es still um sie, und damit versank er wieder in seine frühere Apathie. Im Frühling las er einmal eine Notiz über seinen alten Freund. Darin wurde erzählt, daß die große Puppe, Eisenbahnlaban genannt, die zu Weihnachten soviel Aufmerksamkeit erregt hatte, jetzt von den großen Kindern, die mit ihr gespielt hatten, völlig vergessen war. Sie lag jetzt in einem Gütermagazin der hiesigen Eisenbahnstation, ihrer ganzen Ausrüstung beraubt. Der Knabe wurde sehr nachdenklich, als er dies las. Die Puppe war also in seiner Nähe, und er konnte sie wieder haben. Aber er schob die Zeitung von sich weg. Nein, nein, er wollte nicht. Er wußte, wie es enden würde, und er wollte nicht noch einmal dasselbe durchmachen. Als er am nächsten Tag um die Mittagszeit von der Schule heimkam, nickte ihm die Mutter mit einer vielsagenden Miene zu, als er an ihrem Ladentisch vorbeikam. So sah sie immer aus, wenn es ihr geglückt war, ihm etwas zu verschaffen, von dem sie wußte, daß er sich darüber freuen würde. Als er in seinen Verschlag kam, saß Laban im Lehnstuhl. Die Mutter hatte also auch in der Zeitung von der Puppe gelesen, und sie war zum Bahnhof gegangen, um sie ihm zu holen. Sie hatte schließlich doch eingesehen, wie notwendig diese Puppe für ihn war. Aber nun geschah das Merkwürdige, daß, als der Knabe die Puppe, nach der er sich den ganzen Winter gesehnt hatte, da im Lehnstuhl auf ihrem gewohnten Platz sitzen sah, ihn eine Wut packte, die er nicht beherrschen konnte. »Wie kannst du dich unterstehen, noch einmal zurückzukommen ?« rief er der Puppe zu. »Du weißt doch, daß ich dich nicht behalten kann! Glaubst du, ich will all das, was ich um deinetwillen gelitten habe, zum vierten Male durchmachen?« Denn was half es, daß die Mutter jetzt endlich begriff, welche Macht die Puppe hatte? All die andern, all die Nachbarn im Viertel, alle Kinder und alle Erwachsenen, alle Lehrer und Schulkameraden hatten die Puppe noch nicht verstehen gelernt und würden es auch nie. Er packte die Puppe am Nacken wie eine junge Katze, und ohne sich darum zu kümmern, daß die Mutter mit dem Mittagessen auf ihn wartete, stürzte er mit ihr davon. Nach einer Stunde kehrte er zurück. Und diesmal fühlte er eine wunderliche Ruhe. Jetzt wußte er, daß er den rechten Ausweg gefunden hatte. Jetzt würde die Puppe ihm nie mehr unter die Augen kommen. Jetzt hatte er sie dahin gesandt, wo sie bleiben würde. Es war schade, daß ihm das nicht vorher eingefallen war. Er hätte dann früher Ruhe gehabt, hätte nicht soviel mit ihr durchmachen müssen. »Was hast du denn mit der Puppe angefangen?« fragte die Mutter, als er heimkam. »Ich habe sie dahin geschickt, von wo sie nie zurückkommen wird,« sagte der Knabe, »wer sie jetzt nimmt, der kann sie auch behalten.« »So,« sagte die Mutter. Mehr sagte sie nicht, sie sah nur erstaunt den Sohn an, aber der fuhr mit großem Freimut fort: »Und jetzt, Mutter, will ich aufhören, ins Gymnasium zu gehen. Es hat gar keinen Zweck, wenn ich hingehe. Ich konnte ja den Freund nicht behalten, der mir geholfen hätte, etwas Besonderes zu werden, und da habe ich ja dort nichts zu suchen.« »Was willst du denn anfangen?« »Ich will dir im Geschäft helfen.« Die Mutter sah ein bißchen unsicher aus: »Du kannst doch schließlich nicht wissen, ob die Puppe nicht noch einmal zurückkommt,« sagte sie» »Nein, Mutter,« sagte der Knabe, »jetzt werden wir sie nie mehr wiedersehen. Das fühle ich.« »Aber was hast du denn mit ihr angefangen?« fragte die Mutter. »Ich habe sie an Bord des großen Auswandererschiffes gesetzt, das heute im Hafen liegt,« sagte der Knabe. »Ja dann,« sagte die Mutter, und war sofort ebenso überzeugt wie er, daß nun alles aus war. Nun konnte die Puppe nie mehr wiederkommen. »Ja, wenn du sie nach Amerika geschickt hast, dann kannst du morgigen Tags im Laden anfangen,« sagte sie. »Jetzt sehen wir sie nie wieder.« »Nein, jetzt kommt sie wohl in ein Land, wo man seine Puppen behalten darf,« sagte der Knabe. Auf diese Art kam der Knabe in das praktische Leben. Jetzt ist er ein erwachsener Mann und trauert nicht mehr um die Puppe. Aber er erzählt gerne von ihr. Einmal hatte er das Glück, unter seinen Zuhörern einen Gelehrten zu haben, einen Archäologen, und dieser interessierte sich sehr für die Geschichte. »Wissen Sie was,« sagte er. »All dem liegt schon etwas zugrunde. Die Puppe, ist sie nicht die Begleiterin der Menschheit von ihrer frühesten Kindheit an? Wer weiß, wieviel wir ihr zu verdanken haben?« Und der gelehrte Mann begann eine Auseinandersetzung über die Puppe als diejenige, deren Aufgabe es gewesen war, die ungeahnten Anlagen des unzivilisierten Menschen auszulösen. War nicht im selben Augenblick, in dem die erste Puppe aus einem Lehmklumpen oder vielleicht aus etwas zusammengerolltem Gras geformt wurde, die Phantasie geboren worden und mit ihr das Spiel, die Dichtung, die schönen Künste? Das Beste, was wir besitzen, das, worauf wir am stolzesten sind, ist es nicht die Fähigkeit des Schaffens, und wer hat diese Fähigkeit in so hohem Grade entwickelt wie die Puppe? Man würde es schon einmal sehen, wenn erst ihre Geschichte geschrieben würde. Sie hat im Leben so mancher unserer großen Männer eine Rolle gespielt. Ein andermal hörte ein junger Schriftsteller den Mann. Der geriet geradezu in Zorn und überschüttete ihn mit Vorwürfen: »Sie Unglücksmensch, was haben Sie getan? Eine solche Puppe über den Atlantischen Ozean zu schicken? Begreifen Sie denn nicht, welchen königlichen Gast Sie da in Ihrem Kellerloch hatten? Spott, Verleumdung, was ist das dagegen, das Göttergeschenk der Phantasie verkörpert unter seinem Dach zu haben? Warum ließen Sie sie nicht wenigstens mir oder einem meinesgleichen? Aber sie zu diesen Amerikanern zu schicken, das ist verbrecherisch, das ist eine vaterlandsfeindliche Handlung! Sollen sie uns denn alles nehmen! Unter allen Emigranten, die über das Weltmeer gefahren sind, können wir Ihre Puppe am allerwenigsten entbehren.« Bei einer andern Gelegenheit, als der Mann seine Geschichte einigen gewöhnlichen ungelehrten Leuten erzählte, rief einer unter ihnen: »Ich möchte doch wissen, wie es der Puppe drüben ergangen ist und ob sie noch immer so vortrefflich ist. Sie sollten eine Annonce in eine dortige Zeitung geben und fragen, ob sie nicht jemand gesehen hat. Wenn sie noch so ist, muß sie sich doch bemerkbar gemacht haben.« Es ist aber nicht so leicht, diese Sache in einer Annonce darzustellen, wendete man sogleich ein. »Nein, wenn Sie wirklich wissen wollen, wie die Puppe sich drüben bewährt hat, dann ist der einzige Ausweg, die ganze wunderbare Geschichte in die Zeitung zu geben,« sagte der dritte. »Die ganze Geschichte!« rief ein vierter. »Wozu sollte das gut sein?« »Nein, was hat die Geschichte einer armen Fleckchenpuppe in der Zeitung zu suchen?« sagte ein anderer. Ja, darauf ist nicht so leicht eine Antwort zu finden, aber nun ist sie mal drinnen, und nun wollen wir sehen, was daraus werden kann! Traum vom Tagelöhner Vor etwa fünfzig, sechzig Jahren lebte ein Mann, der war Tagelöhner bei einem Gutsbesitzer, v. Dobberichsen. Aber welche Bewandtnis es mit ihm hatte, davon weiß ich eigentlich nichts. Nicht, ob er jung oder alt war, ob tüchtig oder untüchtig. Das wahrscheinlichste ist wohl, daß er es so hatte wie die meisten anderen seines Standes. Den lieben langen Tag ging er seiner Arbeit auf dem Gutshof nach, und wenn er abends heim kam, dann empfing ihn eine abgerackerte Frau und eine große schreiende Kinderschar. Was für ein Gutsbesitzer v. Dobberichsen war, bei dem er diente, kann ich auch nicht sagen, ja ich weiß nicht einmal, wo sein Gut lag, und ob es groß oder klein war. Es wäre ja hübsch, wenn ich davon erzählen könnte, aber mit der Geschichte selbst hat es gar nichts zu tun. Auch hat es nichts zu bedeuten, daß ich nicht weiß, was für eine Art Mensch dieser Gutsbesitzer v. Dobberichsen war. Man kann sich ja immerhin denken, daß er ein Gutsherr vom alten Schrot und Korn war, der aus seinen Tagelöhnern soviel Arbeit herauspreßte, als möglich war, und ihnen nicht mehr zum Leben gab, als daß sie schlecht und recht ihr Dasein fristen konnten. Nun geschah es aber eines Abends, daß dieser Mann, der Tagelöhner beim Gutsherrn v. Dobberichsen war, zu einer Gebetsversammlung in einen Bauernhof ging, um einen Laienprediger zu hören. Was für ein Prediger dies nun sein mochte, kann ich auch nicht sagen. Vielleicht, daß er ein Wanderprediger war, von irgendeiner Missionsgesellschaft ausgesandt, vielleicht auch predigte er aus eigenem Antrieb. Aber man kann wohl davon ausgehen, daß er ein redlicher, glaubenseifriger Mann war, der sich freute, daß er für sein Teil der Seligkeit sicher sein konnte und darum so viele andere, als nur möglich, aus dem Sündenschlummer erwecken wollte. Und da er keinen besseren Weg kannte, seine Mitmenschen wachzurütteln, so sprach er den ganzen Abend lang von der Hölle und wie es dort zuging. Sicherlich machte er seine Sache gut, so daß es mehrere Erweckungen und Bekehrungen gab. Aber dieser Mann, der Tagelöhner beim Gutsherrn v. Dobberichsen war, war nicht mit unter denen, über die die Gnade sich ergoß. Er hörte die ganze Zeit andächtig zu und glaubte jedes Wort, aber er hatte wohl nicht die rechte Gesinnung. Es kam zu keinem Ruf und keiner Auserwählung. Er fühlte nicht das kleinste bißchen Reue oder Lust, seine Sündenschuld abzuwerfen, und da dem so war, wurde es ihm klar, daß die Hölle ein Ort war, dem er für sein Teil nicht entrinnen konnte. Als er nachts heimkehrte, ging er mit ein paar anderen Leuten, die auch Tagelöhner bei Dobberichsen waren, so wie er. Und es war ja natürlich, daß sie alle miteinander, wie sie da gingen, an den Prediger und den Vortrag dachten. Aber ob es die Müdigkeit machte oder ob sie von der Predigt ergriffen waren, sicher ist, daß keiner von ihnen ein Wort sagte, bis der Mann, von dem ich eben erzählte, seinen bekümmerten Gedanken Luft machte und seine Stimme erhob und ihnen die Schlußfolgerung verkündete, zu der er gekommen war. »Wenn einer all sein Lebtag Tagelöhner bei Dobberichsen gewesen ist und dann noch in die Hölle kommen soll, wenn er tot ist, dann hat einer nicht viel Freude daran gehabt, daß er auf die Welt gekommen ist.« Alle die anderen horchten auf. Es kam ihnen vor, daß das merkwürdige Worte und wahre Worte waren, und daß der Kamerad gerade das ausgesprochen hatte, was sie selbst fühlten, während sie so müde und niedergeschlagen einhergingen. Es standen vielleicht Mond und Sterne am Himmel und erleuchteten die Nacht, aber sie dachten gar nicht daran, die Blicke emporzurichten. Früher hatten sie vielleicht die leise Hoffnung gehegt, einmal dort oben im Sternensaal umhergehen zu können, aber nun wußten sie ja, daß sie von dieser Herrlichkeit ausgeschlossen waren. Sie hätten sich ja gewünscht, daß sie ihre Sünden bereuen und in die Seligkeit eingehen könnten, aber wenn dies nicht anders geschehen konnte als durch Seufzen und Jammern nach Weiberart und dies ihnen unmöglich war, so bestand ja kein Zweifel, welches Schicksal sie erwartete. Sie griffen die gesprochenen Worte auf und wiederholten sie. Ja, das war so wahr, als nur etwas wahr sein konnte. Wenn eins all sein Lebtag Tagelöhner bei Dobberichsen gewesen war! Ei freilich! Das war kein Spaß! Nur Plage und Arbeit das liebe lange Jahr! Keinen anderen Lohn als Lumpen und Hunger. Und dann obendrein nach alledem nichts anderes zu erwarten als die Hölle. Nein, da hatte man nicht viel Freude davon, daß man auf die Welt gekommen war. Die Männer, die die Worte gehört hatten, waren so ergriffen davon, daß sie ihren Frauen daheim erzählten, und bald machten sie im Kirchspiel die Runde. Ob sie dem Gutsherrn v. Dobberichsen zu Ohren kamen, weiß ich nicht, aber sicher ist, daß sie sich über die ganze Provinz verbreiteten, ja durchs ganze Land. Man gebrauchte sie fast als ein Sprichwort, und wer eine schwere Arbeit und kargen Lohn hatte, der murmelte oftmals bei sich selbst: Wenn eins all sein Lebtag Tagelöhner bei Dobberichsen gewesen ist – Auch ich bekam dieses Sprichwort zu hören, als ich ein Kind war. Und es muß mir als ein rechtes Kernwort erschienen sein, kräftig und gerade zur Sache, denn es prägte sich mir so tief ein, daß ich es bis zum heutigen Tage nicht vergessen konnte. Ja, es gab mir auch allerlei zum Grübeln. Ich konnte mich nicht damit abfinden, daß dieser Tagelöhner bei Dobberichsen es so schlimm haben mußte. Sollte es denn keine Hoffnung für ihn geben? Wenn er nicht bereuen und sich bekehren konnte, so konnte er doch auf andere Weise die Seligkeit erringen. Er hätte vielleicht einen Menschen vor dem Ertrinken bewahren oder jemanden aus einem brennenden Hause erretten können. Aber so etwas, das waren ja gute Werke und Taten, und das durfte ja nicht gelten. Manchmal dachte ich mir aus, daß er vielleicht eine Tochter gehabt hatte, die sich reich verheiratete, und daß er auf seine alten Tage zu ihr kam und es gut hatte. Ich konnte es nicht ertragen, daß ein Menschenleben so armselig und freudlos verlaufen sollte, in dieser Welt und in der künftigen. Aber wie ich mich auch mühte, ich konnte mit dem Mann nicht fertig werden. Ihm ein paar Glückstage hier auf Erden zu geben, war nicht genug. Und wie ich ihn in die Seligkeit hineinbringen sollte, das konnte ich nicht begreifen. Es war doch nicht gerecht, daß er in die Hölle kommen sollte. Dahin gehören ja die großen Missetäter, aber nicht brave, harmlose Leute wie er. Nun ja, wie dem auch sein mochte, ich kam in der Sache nie zu rechter Klarheit. Und wie die Jahre gingen, hatten sich meine Gedanken mit anderem zu beschäftigen. Aber ich vergaß doch den Tagelöhner bei Dobberichsen nicht ganz. Bis in die letzte Zeit konnte ich mich darauf ertappen, daß ich dasaß und nachgrübelte, ob er nicht doch auf irgendeine Weise die Seligkeit erlangen konnte. Nun, heuer in der letzten Nacht des Jahres träumte mir von ihm. Ich träumte, daß ich über eine breite Landstraße wanderte, und neben mir ging ein langer, magerer Mann. Und im selben Augenblick, in dem ich den Mann sah, wußte ich, daß es der Tagelöhner bei Dobberichsen war. Ich wußte auch, daß er in derselben Nacht gestorben war und nun auf dem Weg in den Himmel war, um vor dem lieben Gott zu stehen und den Urteilsspruch, Seligkeit oder Unseligkeit, zu hören. Da wurde ich ganz unbändig froh, daß ich ihn getroffen hatte. Nun endlich sollte ich erfahren, wie es ihm in der anderen Welt ergehen würde. Freilich nahm es mich ein wenig wunder, daß er bis jetzt auf Erden gelebt hatte, aber das focht mich weiter nicht an. Die Hauptsache war ja doch, daß ich jetzt ordentlichen Bescheid bekommen würde. Gleich darauf waren wir an der Pforte des Himmelreichs. Eigentlich war es ja gar kein Himmelreich, sondern es war das große, einstöckige Wohnhaus des Pfarrhofs Sunne, das wir vor uns sahen. Aber das störte uns nicht im geringsten; der Tagelöhner und ich, wir fanden beide, daß es ganz so war, wie es sein sollte. Wir brauchten nicht lange zu warten, im nächsten Augenblick standen wir vor dem lieben Gott. Das heißt, es war nicht gerade der liebe Gott, sondern es war der alte Propst Werner in Sunne, der an seinem großen Schreibtisch saß und uns musterte. Ich erkannte sein großes, breites Gesicht mit dem schwarzen Backenbart, der es noch breiter machte, aber das bedeutete nichts, denn es war ja auf jeden Fall doch der liebe Gott. Gerade rechts vom Schreibtisch war eine Tür, und ich wußte, daß man durch sie in den großen Pfarrhofsalon kam. Und zugleich begriff ich, daß sich dort drinnen jene aufhielten, denen die Seligkeit zugesprochen war. Während ich noch so stand und die Tür anstarrte, hatte der liebe Gott den Mann gefragt, wie er heiße und wo er zuständig sei, und dann schlug er ihn in dem großen Katechisationsbuch nach. Er sah nach, was da über ihn vermerkt stand, und dann wies er, ohne eine einzige Frage zu stellen, auf die Salontüre. »Bitte sehr,« sagte er zu dem Manne, der Taglöhner bei Dobberichsen gewesen war. Der Mann näherte sich ganz gemächlich der Türe, aber nun konnte ich nicht länger an mich halten. »Es wird doch wohl kein Irrtum sein,« sagte ich gerade im selben Augenblick, in dem der Tagelöhner die Hand auf die Türklinke legte. »Wie das?« sagte der liebe Gott und blinzelte mit den Augen. Genau so pflegte Propst Werner dazusitzen und zu blinzeln, wenn er darauf wartete, daß man ihm mit einer dummen Frage kommen würde. »Nun ja,« sagte ich, »ich meine nur, ob er sich denn die Seligkeit auch recht verdient hat.« »Ach du liebe Zeit,« sagte unser Herrgott, »er sollte sich die Seligkeit nicht verdient haben? Hat er doch jeden Tag gearbeitet von der frühesten Kindheit bis ins hohe Alter.« »Aber darf denn das zählen?« fragte ich, denn das war mir nie eingefallen. »Gewiß darf das zählen,« sagte der liebe Gott. »Das zählt mehr als alles andere.« Und damit stand er selbst auf und öffnete dem Mann, der Tagelöhner beim Gutsherrn Dobberichsen gewesen war, die Türe. Aber ich, ich wurde so froh, daß ich erwachte. Während ich so halbwach dalag, spürte ich, wie eine große Freude mein ganzes Wesen erfüllte, und einmal ums andere sagte ich zu mir selbst: »Nein, daß das zählen darf! Nein, daß dies, daß man gearbeitet hat, einem die Pforten der Seligkeit aufschließt.« Das war etwas so Großes, das eröffnete unendliche Weiten der Hoffnung. »Nein, daß es etwas Heiliges war, zu arbeiten! Richtige Grobarbeit wurde bei unserem Herrgott in Ehren gehalten, und andere Arbeit vielleicht auch.« Im selben Augenblick fiel mir ein, daß es Neujahrsmorgen war. »Jetzt habe ich so geträumt, daß ich den ganzen Tag froh sein kann, ja das ganze Jahr,« flüsterte ich für mich selbst, während das Glück, das unbeschreibliche Glück, eine Arbeit zu haben, die ich vollbringen und lieben konnte, mich erfüllte. Was es kostet Gerade jetzt, während ich in die Arbeit vertieft dasitze, flammt im Nordwesten ein feuerroter Sonnenuntergang. Der Tag war regnerisch und grau gewesen, aber eben erst zeigte sich ein schmaler Streif klaren Himmels unten am Horizont. Er kam gerade noch zur rechten Zeit, damit ich einen Schimmer des Sonnenballs erhaschen konnte, bevor er hinter den blauen Höhen versank. Jetzt benützten ihn die Sonnenstrahlen, um zu den Wolkenrücken emporzugleiten und sie mit Blut und Purpur zu umrahmen. Das ganze Firmament nimmt sich wie eine ungeheure graue Seidenbahn aus, mit Rot gerändert. Zu unterst, vor allem in der Nähe der Stelle, wo die Sonne eben versank, ist das Rot vorherrschend, da laufen die roten Streifen so dicht zusammen, daß der graue Grundton verschwindet. Höher oben wird die Moirierung spärlicher, und im Zenit sieht man nur ein paar rote Spritzerchen. Der große Pinsel, der die ganze Himmelswölbung malen zu wollen schien, ist zu verschwenderisch gewesen. Die Farbenschale ist schon geleert. Für die östliche Himmelswölbung bleibt nichts übrig. Die Glut und der Strahlenglanz haben mich verlockt, die Feder hinzulegen und an das Fenster zu treten. Aber mit einem kleinen Seufzer kehre ich bald zum Schreibtisch zurück. Ich mußte daran denken, daß es denen, die mit Feder und Tinte arbeiten, fast nie gelingt, eine solche Herrlichkeit zu beschreiben. Man mag sein Allerbestes tun, es kommt doch äußerst selten vor, daß man das Interesse des Lesers zu fesseln vermag. Denken Sie sich, daß Sie in einem Buch auf eine lange Beschreibung eines Sonnenuntergangs, einer Abendröte stoßen. Gestehen Sie ehrlich, daß Sie sie am liebsten überspringen. So mache ich es wenigstens. Der Fehler muß jedoch irgendwie an dem liegen, der dies schildert. Etwas so Bezauberndes wie eine Abendröte muß sich so beschreiben lassen, daß sie dasselbe Entzücken wie beim Beschauen auslöst. Es läßt sich schon machen, aber es gilt die rechte Art zu finden. Ich erinnere mich, daß zu der Zeit, als ich als Lehrerin in Landskrona lebte – also vor etwa fünfunddreißig Jahren – im Südschwedischen Tagblatte eine Folge von Naturschilderungen erschienen, die die größte Bewunderung aller Leser erregten. Sie waren selten mehr als eine Spalte lang, überaus konzentriert und mit einer erstaunlichen Sicherheit und Eleganz geschrieben. Sie erschienen anonym, aber es war leicht zu sehen, daß der Verfasser wissenschaftliche Bildung besaß. Und doch schilderte er keine fremden Weltteile und Länder, er gab nur jede Woche eine Übersicht über die Witterung und die Vegetation eines Landstriches an der Oresundküste. Er verfolgte das Auftauchen der Wiesenblumen, er zählte sie auf, so wie sie sich im Frühling zeigten oder im Herbst verschwanden, er kündigte die Ankunft der Zugvögel an, er behielt die Kriechtiere und Insekten der Erde im Auge, sowie die Quallen, Seesterne und Krabben, die an den steinigen Strand gespült wurden. Vor allen Dingen aber beschäftigte sich der Anonymus mit der Himmelswölbung, den Wolken, den Regenbogen, den Gewittern und den Sonnenuntergängen. Alles ließ darauf schließen, daß er sich in der Helsingborger Gegend aufhielt, also nur einige wenige Meilen nördlich von Landskrona. Man konnte sagen, daß derselbe Himmel sich über ihm wölbte wie über uns, daß dieselben Wolkenbildungen über seinem Kopfe dahinstrichen wie über unserem. Aber dennoch griff man jedesmal eifrig nach der Zeitung, wenn einer seiner Artikel darin stand, um von Regenschauern oder Federwölkchen oder von den Farbenschattierungen der Abendröte zu lesen. Wir hatten ja genau dasselbe gesehen, aber wir hatten nicht herausgefunden, wie merkwürdig, wie interessant alles war, ehe dieser Mann uns die Augen öffnete. Haben Sie den Sonnenuntergang an diesem und diesem Abend beobachtet, konnte er fragen, und darauf folgte ein ganzes Drama. Eine Wolke zog auf, wurde beschrieben, in Positur gestellt, dann kam eine zweite, eine dritte, eine vierte, bis der ganze Abendhimmel von einer drohenden Wolkenburg umgeben war. Wenn sie glücklich zur Stelle und geordnet waren, begann das Spiel der Strahlen, Farbe ging in Farbe über, sie kämpften und wurden besiegt. Das Wasser des Sunds und die schöne dänische Küste bekamen auch ihr Teil von den Schattierungen und Stimmungen ab, nicht eine Nuance des ganzen Schauspiels ging dem Leser verloren. Man erkannte ja alles wieder, aber das Bild ward um so viel reicher und klarer, als unsere eigenen Sinne es zu erfassen vermocht hatten. Man darf sich nicht denken, daß diese Schilderungen poetisch im hergebrachten Sinne waren. Der Anonymus bediente sich weder großartiger Bilder noch hoher, klingender Worte. Seine Zaubermacht bestand in etwas ganz anderem. Er zwang einen das, wovon er sprach, zu erleben. Er nahm uns mit hinaus ins Freie. Man fühlte sich von der Abendbrise umfächelt. Man hatte die Regenschauer oder die Gewitter dicht über sich. Man schaute mit seinen eigenen Augen diesen violetten oder bronzegrünen oder zitronengelben oder goldnen Sonnenuntergang. Aber dies, daß wir sozusagen an seinen Wanderungen teilnahmen, daß wir gleichsam an seiner Seite Muscheln und Pflanzen sammelten, machte es wohl, daß wir gerne gewußt hätten, wer er war. Wir nahmen so eifrig an seinen kleinen Freuden teil, wir waren stolz auf seine Entdeckungen! Wer war er denn, dieser Mann der Wissenschaft mit der gewandten Feder, dieser Sonnenuntergangs-Anbeter, dieser Wortmaler? Es konnte eigentlich nicht schwer sein, die Lösung des Rätsels zu finden. Nur auf ganz wenige Menschen konnte ja die Beschreibung passen: wissenschaftlich geschulter Beobachter, künstlerisch ausgebildeter Schriftsteller, auf dem Lande ansässig, in der Nähe von Helsingborg. Aber wie wir auch nach ihm fahndeten, der Mann war nicht zu entdecken. Da halfen wir uns selbst. Wir nahmen an, daß der Unbekannte jung war, er hatte sich noch keinen Namen machen können, deshalb konnte man ihn nicht aufspüren. Und wir dachten ihn uns als einen neuen Linné, fröhlich, schön, strahlend und genial. Wir waren überzeugt, daß wir bald von ihm reden hören würden. Wenn er fertig war, wenn er in der ihm eigenen lebensvollen Art das Ergebnis seiner Forschungen darlegte, dann würde unser Land einen neuen großen Gelehrten haben, auf den es stolz sein konnte. So hofften wir im stillen, als auf einmal die Artikel ganz aufhörten. Einige Tage nachher erzählte das Südschwedische Tagblatt, daß der Anonymus, der die vielbeachteten Artikel aus der Helsingborger Gegend geschrieben hatte, gestorben war. Die Zeitung brachte auch einige kurze biographische Daten. Der Mann mit der wissenschaftlichen Schulung, der eleganten Darstellungsweise war ein alter ehemaliger Student. Er hieß Frederikson und hatte wohl nie daran gedacht, daß dieser Name irgendwelche Berühmtheit erlangen könnte. Eine Zeitlang hatte er in Lund studiert, aber die Hochschule verlassen, ohne Prüfungen abzulegen. In späteren Jahren war er, wie man so sagt, menschenscheu geworden; überaus arm, wie er war, und ungeneigt, jemandes Hilfe in Anspruch zu nehmen, hatte er in der letzten Zeit in einer verlassenen Hütte irgendwo am Sund gehaust. Es sah beinahe aus, als glaubte die Zeitung, daß er Hungers gestorben war. Also der Meister der schönen Sonnenuntergänge war kein neuer Linné. Wir hatten ihn uns als einen ruppigen, alten, verbummelten Studenten zu denken, menschenscheu und herabgekommen. Sein einziger Umgang war die große, freie Natur gewesen, seine einzige Freude hatte darin bestanden, dem Wechsel der Jahreszeiten zu folgen. Die einzige Herrlichkeit, die er vor Augen gehabt hatte, war die der Abendröte gewesen. Ein schöner Sonnenuntergang hatte das große Ereignis in seinem armen Leben bedeutet. Aber das ist es vielleicht, was not tut. Nur das, was höheren Wert für uns hat als irgend etwas sonst auf der Welt, kann man wohl in der richtigen Weise schildern. Das Rote Kreuz Gottes Mühlen mahlten langsam und sicher. Die großen Flügel drehten sich nach den Winden des Himmels. Die schweren Steine rieben sich mit dumpfem Rasseln aneinander. Was als Mahlgut in die Mühle gebracht wurde, waren Gottes Gedanken. Das Mehl, das zwischen den Steinen gemahlen wurde, waren die Schicksale und Ereignisse des Erdenreiches. Die Mühlen mahlten langsam, aber die Flügel drehten sich im Kreise, ohne je zu ruhen, und Gottes Gedanken wurden so gut zermahlen, daß zwischen den Schicksalen und Ereignissen, die aus dem Mehlkasten hervorkamen, kein Zusammenhang zu bestehen schien. Von Gott kam eines Tages ein Gedanke und wurde in den Mahlgang geworfen. Es war ein Gedanke, so schön, daß die Engel ihn in Verzückung in den Weltraum hinaussangen, und das Echo des Weltraums warf ihren Gesang zurück, so daß die Menschen ihn vernehmen konnten. Der Gedanke Gottes, der so von den armen Bewohnern des Erdballs aufgefangen wurde und sie mit hoffnungsvoller Erwartung erfüllte, war: Friede auf Erden. Gottes Gedanke verschwand zwischen den großen Steinen. Er wurde mit anderen Gedanken Gottes zusammengeführt, die schon früher in die Mühlen geworfen waren. Schicksale und Ereignisse, die aus diesen Friedensgedanken Gottes stammten, wurden mit allen anderen Schicksalen und Ereignissen des Erdenreichs vermengt. Gottes Mühlen mahlten weiter ohne Unterlaß. Bald sah man Erscheinungen entstehen, die aus Gottes Friedensgedanken stammen mußten. Das Christentum entstand, das Papsttum entstand. Aber sie waren nicht fähig, alle Länder des Erdballs zu gewinnen, und der Friede kehrte durch sie nicht bei den Menschen ein. Die Besitzergreifung der Erde war auch ein Gedanke Gottes, und aus ihm hatten die Mühlen seit den Tagen des Paradieses Wetteifer und Unruhe gemahlen. Die Entwicklung der verschiedenen Fähigkeiten war ebenfalls ein Gedanke Gottes, und aus ihm hatten die Mühlen seit der Zeit des babylonischen Turms Nationen und Sprachen und Sitten hervorgemahlen, die nie nebeneinander gedeihen können. Gottesfrieden und Mönchsorden mahlten die Mühlen. Das waren wiederum Bruchstücke von Gottes Friedensgedanken, daran konnte niemand zweifeln. Aber wer begriff, daß, als einige Bauersleute in einem fernen Alpenland eine Eidgenossenschaft zur gemeinsamen Verteidigung gegen die Unterdrückung hoher Herren schlössen, dies wiederum Mehl aus demselben Mahlgut war? Die Hirten und Bauern der Eidgenossenschaft waren sicherlich nicht diejenigen, die es auf irdischen Frieden abgesehen hatten. Macht und Erweiterung, Unterdrückung der Nachbarn, tapferer Widerstand gegen Fremdherrschaft, das war ihr Ziel. Niemand war kampflustiger als die Männer aus den Alpen. Wenn der Kampf im Heimatland ruhte, dann zogen sie als Söldner zu den Fürsten des Flachlandes und kämpften ihre Kriege aus. Ein Ruf des Schreckens und Entsetzens umgab die Schweizer, und diesem Ruf, doch keineswegs einem Friedensgedanken Gottes schrieb man es zu, daß die kleinen Fürsten des Flachlandes sie nicht mehr in ihrem eigenen Land anzugreifen wagten. Gottes Mühlen mahlten dem Volk in den Alpentälern anscheinend nichts anderes als Unfrieden. Protestant stand gegen Katholik, Deutscher gegen Franzosen, Edelmann gegen Kirchenfürst, Bürger gegen Edelmann, arm gegen reich, Land gegen Stadt, Staat gegen Staat. Erst als mächtige Reiche ringsherum entstanden, hörte das Volk des Landes auf, sich gegenseitig zu bekriegen. Aber keineswegs war es Gottes Friedensgedanke, der sie dazu bewog, sondern die Furcht, Freiheit und Vaterland einzubüßen. Das ganze Land lag wie eine Festung hinter seinen Mauern aus Bergketten. Die Fürsten des Flachlandes erkannten, daß derjenige unter ihnen, der diese Festung besetzen konnte, allen Nebenbuhlern übermächtig werden würde. Keiner gönnte sie dem anderen, darum sagten sie zu dem Gebirgsvolk: »Wenn ihr euch von unseren Streitigkeiten fernhaltet, werden wir euch in euren Bergen in Frieden lassen.« Auf diese Art wurde das Alpenland ein geschütztes Friedensland. Aber niemand sagte: »Sieh da, hier ist Gottes Friedensgedanke Wirklichkeit geworden.« Jeder war sich klar darüber, daß es die gegenseitige Mißgunst und der Eigennutz der Mächtigen war, die dem Lande die Segnung des Friedens schenkten. Gottes Mühlen setzten ihre ewige Arbeit fort. In das kleine geschützte Land kamen Flüchtlinge und Verfolgte, um eine Freistatt zu suchen, Gelehrte und Forscher, um Arbeitsruhe zu finden. Hierher kamen Kranke und Schwache aus aller Herren Länder, um Gesundung zu suchen, und alle friedlichen Reisenden lenkten ihre Schritte lieber hierher, als nach anderen Ländern. Hier versammelten sich die Völker zur Beratschlagung, und hierher wurden die großen Institutionen verlegt, die mit dem Welthaushalt zusammenhängen. Man wußte es immer mehr zu würdigen, hier einen geschützten Zufluchtsort zu haben, der außerhalb von allen Kämpfen stand. Alle waren dankbar, daß er existierte, aber sein Dasein schrieb man der Klugheit und Voraussicht der Menschen zu und keineswegs dem unbestimmten Traum von einem Friedensgedanken Gottes. Weit weg im Unausdenkbaren taten Gottes Mühlen ihre Arbeit. Niemand sah, wie die Flügel sich drehten, niemand hörte das dumpfe Rasseln, wenn die Steine sich aneinander rieben. Niemand wollte mehr etwas davon wissen, daß die Schicksale und Ereignisse des Erdenreiches Mehl waren, das sie gemahlen, oder daß Gottes Gedanken das Mahlgut waren, das in den Mahlgang geworfen wurde. Und als ein Mann aus der Schweiz, dem Friedenslande, eines Tages einen Platz aufsuchte, wo zwei Heere sich im Kampfe gegenüberstanden, da begriff niemand, daß dies irgendwie mit einem Friedensgedanken Gottes zusammenhängen könnte. Es schien nur natürlich und folgerichtig, daß ein Mann aus dem Friedenslande, wo man sich hatte gewöhnen müssen, Räuber wie Samariter als seinen Nächsten zu betrachten, über dieses Schauspiel des Unfriedens empört sein mußte. Es war natürlich, daß er sich von Siegern wie von Besiegten abwandte und nur die Verwundeten sah, die auf dem Boden ausgestreckt lagen und für die die Hilfe, die geboten wurde, nicht hinreichte. Es war eine zwingende Notwendigkeit, daß der Mann, der in dem vom Krieg geschützten Lande wohnte, von beinahe unerträglichem Mitleid mit den armen Menschen ergriffen wurde, die sich im Kriege der Verwundung und Verstümmelung aussetzen mußten. Der Mann, der die große Feldschlacht gesehen hatte, schrieb ein Buch über die Hilflosigkeit der Verwundeten und die Qualen der Sterbenden. Ihm war die Gabe geworden, Menschenherzen zu rühren, und seine Schrift drang überall hin und regte zum Nachdenken und Handeln an. Ihm war auch die Gabe geworden, die dem Sohn eines Volkes eigen ist, das gezwungen war, sich seinen Weg mitten durch übermächtige Nachbarn und eine übermächtige Natur zu bahnen: das Unmögliche nicht zu versuchen. Er entfesselte nicht den Widerstand der Machthaber, indem er den Krieg selbst abzuschaffen versuchte. Er lenkte alle Willen auf ein erreichbares Ziel. Mächte und Regierungen kamen zur Beratung zusammen. Und aus der Schweiz, dem Lande, das vor dem Elend des Krieges geschützt war, entlehnte man den Gedanken, daß fortab alle jene, die im Kriege Kranke pflegten, ob sie nun der Armee angehörten oder Freiwillige waren, sakrosankt sein sollten; ihre Gebäude, ihre Wagen, ihre Vorräte durften nicht vom Feinde behelligt werden. Und aus der Schweiz, dem Lande, das allen Völkern Gastfreundschaft bot, entnahm man den Gedanken, einen Verein für freiwillige Krankenpflege im Feld zu gründen, an dem teilzunehmen alle Völker der Erde aufgefordert wurden. In keinem Kriege, in keinem Lande durfte es noch vorkommen, daß verwundete Soldaten auf dem Schlachtfelde liegenblieben, ohne betreut und gepflegt zu werden. Und um das Land zu ehren, von dem er ausgegangen war und in dessen Erdreich seine grundlegenden Gedanken erwachsen waren, entlehnte dieser Verein der Schweiz die rote Flagge mit dem kurzarmigen weißen Kreuz, nur mit dem Unterschied, daß die Farben umgestellt warm, und machte sie zu seinem Panier und Erkennungszeichen. Auf diese Art kam der Verein unter das Zeichen des Kreuzes, aber er war nichtsdestoweniger ein ganz weltlicher Verein, nicht zu Gottes Dienst geschaffen, sondern ganz und gar zu Nutz und Frommen der Menschen. Niemand sah darin eine Verwirklichung von Gottes Friedensgedanken, ja so mancher befürchtete sogar, daß er nur ein Mittel sein würde, Krieg und Kriegsführung zu erleichtern. Gottes Mühlen mahlten in ihrer stillen Weise weiter. Der Verein Rotes Kreuz wuchs und breitete sich von Land zu Land aus. Seine Gedanken wurden von Europäern wie von Asiaten angenommen, von Christen wie von Heiden, von Männern wie von Frauen. Da war nichts, das trennte, nichts versperrte den Weg, nicht Rasse, nicht Sprache, nicht Gesellschaftssitte. Alle brauchten es, alle wetteiferten, sich unter seinen Schutz zu stellen. Man sah deutlich, daß es ein weltlicher Verein war, für weltliche Ziele gegründet. Er nannte sich Roter Halbmond oder Roter Drachen, je nachdem es in den Ländern, in die er sich verbreitete, verlangt wurde. Aber es kam eine Zeit, da die Winde des Himmels stärker brausten denn je. Die großen Flügel, die Gottes Mühlen trieben, bewegten sich mit ungewohnter Geschwindigkeit. Das Rasseln der Steine wurde wie Donnergrollen. Und den Völkern des Erdenreiches mahlten sie eine überwältigende Menge von Schicksalen und Ereignissen. Nach Menschenverstand gesehen, mahlten Gottes Mühlen Unheil. Sie mahlten Qual und Schrecken, Not und Hunger, Grausamkeit und Gewalt. Sie mahlten den Untergang von Reichen, den Aufruhr von Völkern, den Fall der Mächtigen. Die Meere waren von Wracktrümmern übersät, aus dem Luftraum regnete Zerstörung, der Boden erzitterte unter dem Donner der Kanonen, verheerte Länder schrien zum Himmel nach Gerechtigkeit. Über die schönsten Gefilde des Erdenreiches ging die Sintflut des Weltkriegs mit Jammer und Entsetzen; und auch in den Ländern, in die sie kaum drang, verlor man in ihrer drohenden Nähe Besinnung und Verstand. Aber als die Flut zurücktrat und die Menschen ihre Ruhe wiederfanden und nachzuforschen begannen, was gefallen und was stehengeblieben war, da zeigte es sich, daß vieles, in das sie früher ihr Vertrauen gesetzt hatten, sich als schwankend und ohnmächtig erwiesen hatte. Keine Staatsordnung, keine Kirche hatte die Sturmflut aufhalten können. Die Bildung der Kulturvölker hatte sie nicht gehindert, sich gegenseitig wie wilde Tiere zu zerfleischen. Die Verbrüderung der Arbeit hatte sich nicht besser bewahrt als die der Wissenschaft. Die Völker, die sich vom Kampf fern gehalten hatten, sie hatten in Gelddurst und Genußtaumel die Segnungen des Friedens mißbraucht. Aber mitten in dem allgemeinen Elend erstrahlte nun das Zeichen des Roten Kreuzes vor den Augen der Suchenden. Es allein hatte in diesen Jahren der Zerstörung Ruhm und Ehre errungen. Aus seinen Reihen waren die Helden und Heldinnen dieser Zeit hervorgegangen. Es hatte größere Macht gehabt als irgend jemand, das Unglück des Krieges zu mildern. Es hatte für die Verwundeten, die Gefangenen, die Fliehenden, die Kranken, die Frierenden, die Hungernden, die Verarmten, die Trauernden, die Einsamgewordenen hingereicht. In seinem Zeichen hatte die Menschenliebe ihre Werke vollbringen können. Auf sein Wirken konnten die Menschen ihre Gedanken richten, wenn sie der Stärkung und Aufrichtung bedurften. Als man nun all dies sah, war es, als fielen einem die Schuppen von den Augen. Weit weg im Unausdenkbaren sah man Gottes Mühlen die mächtigen Flügel drehen, man hörte das Rasseln der Steine, die Gottes Gedanken mahlten. Zwischen den Gedanken, die Wetteifer und Kampf verursachten, drängten sich immer wieder Bruchstücke von Gottes schönem Friedensgedanken durch. Wer wagte nun zu leugnen, daß das Rote Kreuz zum Friedensgedanken gehörte? Still und unbemerkt, ausdauernd und getreulich hatten die großen Mühlen einen Helfer zutage gefördert, der in der höchsten Not des Erdenlebens zur Stelle war. Wer wagte nunmehr zu sagen, daß dies nur Menschenwerk war? Wenn man bedachte, wie es in Jahrhunderten langsamen Wachstums erschaffen worden war, dann mußte man glauben: Gott hat es gewollt. Und wenn man seine Allgegenwart sah, sah, wie es rings um die Erde gegangen war und gleich der Sonne auf Gerechte und Ungerechte schien, wenn man sah, daß auf diese Art schon ein Völkerbund zur Betätigung von Liebe und Barmherzigkeit zwischen allen Ländern gegründet war, und bedachte, was alles noch daraus entstehen konnte, dann mußte man nochmals wiederholen: Gott hat es gewollt. ### Und nun in diesen Tagen, wo das Rote Kreuz uns ruft und sagt: »Nicht nur in Kriegszeiten gibt es Verwundete und Gefangene, Betrübte, Hungernde und Kranke. Helft uns, daß wir auch in Friedenszeiten gegen die Feinde des Lebens kämpfen können!« Müssen wir dann nicht mit neuerwachtem Glauben auf das Kreuz blicken, das ewige Zeichen der Erlösung, und mit bebender Begeisterung rufen wie unsere Väter vor uns: »Gott will es! Gott will es!« Zur Erinnerung an die heilige Brigitta Rede, gehalten bei der Gedenkfeier in Vadstena Vor fünfhundertfünfzig Jahren, im Juli 1373, liegt eine alte Frau krank in Rom in einem kleinen Häuschen am Campo de' Fiori ganz nahe dem Tiberufer. Das Haus, in dem sie weilt, ist unansehnlich, aber recht gut erhalten. Mit seinem Ziergarten, seinen kleinen, kühlen Stuben, seinem starken Tor macht es einen Eindruck von Sicherheit und Ordnung inmitten einer Stadt, wo die grasüberwucherten Straßen von den Trümmern eingestürzter Kirchen versperrt sind, wo Erdbeben, Seuchen, Hungersnot und nie und nimmer rastende Blutsfehden die Bewohner an den Rand der Verzweiflung und Verwilderung gebracht haben. Weder die Kranke noch jemand aus ihrer Umgebung glaubt, daß die Krankheit zum Tode führen werde. Sie leidet mehr an einer schweren Niedergeschlagenheit der Seele, und alle meinen, daß, wenn sie die nur erst überwunden hat, sie aufstehen und ihrer gewohnten Arbeit nachgehen wird. Das Leben um sie nimmt auch seinen Fortgang wie alle Tage. Die ganze Straßenmauer ist von einer Reihe Krüppel und Kranker belagert, Frauen und Männer durcheinander. Eine alte Bettlerin, der nichts fehlt, sitzt zunächst dem Tor und fühlt sich all diesen Armen gegenüber als Hausfrau, denn sie hat, seit die heilige Frau aus dem Norden vor etwa zwanzig Jahren in Signora Papazuris Haus einzog, auf diesem selben Platze gesessen und Almosen in Empfang genommen. Die unruhigen Kranken wenden sich der Bettlerin zu, die mit den Bewohnern des Häuschens so gut bekannt zu sein scheint, und verlangen Auskünfte über die große Wundertäterin, die sie zu Rate ziehen wollen, sie möchten gerne wissen, ob ihre Macht wirklich so groß ist, daß sie Hilfe erhoffen können. Und die Bettlerin antwortet ihnen ebenso, wie sie all die vielen Jahre den anderen Hilfesuchenden geantwortet hat. Was meinten sie wohl, warum saß sie, Monna Assunta, hier vor diesem Tor? Glaubten sie, sie säße hier, um Almosen zu erbitten? Aber da hätte sie sich doch ebensogut vor irgendeiner Kirche niederlassen können. Nein, sie saß hier, weil sie sich daran freute, den Gotteswundern beizuwohnen, der Gesundmachung der Kranken, der Heilung der Aussätzigen, die hier tagtäglich vor sich ging. Sie erzählt den eifrig Lauschenden, wie die heilige Frau im Jubeljahr nach Rom kam, eine Pilgerin wie alle anderen, mit einem kleinen Geleite, alle in Pilgertracht. Aber welche Hoheit, welcher Adel hatte sie doch auch im Büßermantel umstrahlt! Jeder mußte es sehen, sie war eine Edelgeborene, eine Fürstin, ja, man flüsterte sich zu, daß sie in ihrem eigenen Lande eine Königin gewesen war. Man behauptete, sie sei nach Rom gewandert, um die Genehmigung einer Klosterregel zu erlangen. Aber die alte Assunta wußte es besser. In diesen Zeiten, wo der Heilige Vater Rom verlassen hatte, um in Frankreich zu leben, da war die heilige Frau auf Gottes Geheiß hingekommen, um die Armen der Stadt zu trösten und den Kranken zu helfen. Nun, da die Herrlichkeit der großen Stadt vergangen war, ihre Kirchen in Trümmern, ihre Straßen verödet, ihre Kastelle eingestürzt, ihre Priester den Bettlern gleich, war diese Frau gekommen, um bis zur Wiederkehr des Heiligen Vaters den Elenden eine Mutter, den Hilflosen ein Hort zu sein. Die mächtige Frau, von der die alte Assunta spricht, liegt unterdessen auf ihrem Bette und kämpft einen harten Kampf. Sie hält die Augen geschlossen, die Lippen fest zusammengepreßt, die Hände krampfhaft um ein kleines Kruzifix geschlungen. Der Schweiß perlt von der Stirn auf die Wangen herab. Sie liegt ganz still wie eine, die große Schmerzen leidet, aber niemanden ihr Leiden merken lassen will. Stimmen flüstern ihr unablässig so hohnvolle, grausige Worte ins Ohr, daß sie glaubt, sie kommen von bösen Geistern, die sie zum Abfall von Gott verleiten wollen. Die bösen Geister kennen ihren verwundbarsten Punkt. Sie wollen ihr beweisen, daß die Gesichte und Offenbarungen, die ihr Erhebung und Labsal waren, nichts andres sind als ihr teuflisches Werk. »Und wenn du, Brigitta Birgerstochter,« sagen sie, »noch glaubst, daß du zu Gottes Angesicht erhoben wardst, daß du das milde Antlitz der Mutter Gottes geschaut und die lobsingenden Engel ihren Schöpfer preisen gehört hast, so mußt du dich wohl jetzt in deinem hohen Alter von solchem Irrtum lossagen. Denn daß dies ein Irrtum und nichts andres ist, werden wir dir allsogleich zeigen. Du sagst ja, Gott habe dir befohlen, eine Klosterregel zu stiften und ein Kloster in Vadstena zu erbauen, und ebenso glaubst du das Gelöbnis des Herrn empfangen zu haben, daß du eine Nonne in diesem Kloster und seine erste Äbtissin sein wirst, sintemalen es stets dein größtes Verlangen war, ein Leben fern von der Welt zu führen, bis daß du in Gottes Reich eingehen darfst. Aber wenn diese Verheißungen dir wirklich von Gott gegeben wären, dann wären sie wohl auch ungesäumt in Erfüllung gegangen, denn Gott ist allmächtig. Aber siebenundzwanzig Jahre mußtest du warten, bis der Papst sich bewegen ließ, deine Regel zu genehmigen, und du mußtest es dulden, daß er Änderungen an den Bestimmungen vornahm, die dir von Gott gegeben waren. Darum, Brigitta, mußt du einsehen, daß dieser Befehl, einen Orden zu gründen, dir nicht von Ihm gegeben sein kann, der allmächtig ist und Herr über die Welt. Und ferner, da Gott wahrhaftig ist, kann es unmöglich Er sein, der dir versprochen hat, daß du Nonne und Äbtissin in Vadstena werden sollst. Denn du bist nun alt und schwach, und du fühlst wohl, daß du in Rom sterben mußt. Sondern der dir dies versprach, das war der gefallene Engel in der Hölle, der dich gelockt und verleitet hat.« Die Greisin versucht zu widersprechen und Einwände zu erheben, aber mit schrillen, zornigen Stimmen antworten sie ihr und häufen Beweis auf Beweis, daß sie das ganze Leben lang nur in ihrem Dienste gewirkt hat. Ab und zu tritt eine Frau in mittleren Jahren mit einem hellen, sanften Antlitz in das Zimmer und beugt sich über die Liegende. Sie wischt ihr den Schweiß von der Stirn und fragt, ob sie ihr nicht Hilfe und Linderung verschaffen kann. Aber die Alte ist in ihre Gedanken versunken. Sie scheint von der Gegenwart der anderen nichts zu wissen. Da geht die jüngere Frau wieder in den Vorraum hinaus, um all jenen, die dort warten, zu sagen, daß ihre Mutter noch immer leidend ist und noch nicht zu ihnen sprechen kann. Dort draußen sitzen einige von denen, die zu Frau Brigittas Hausstand in Rom gehören, und führen Gespräche im Flüsterton mit den vielen Menschen, Fremden und guten Freunden, die gekommen sind, um die nordische Seherin um Rat zu fragen. Da sieht man Sendboten des Papstes Gregor in Avignon, die Aufschlüsse über eine göttliche Botschaft begehren, die Frau Brigitta ihm geschickt hat und die schwer zu deuten ist. Da sind nordische Pilger, die Botschaft aus Vadstena bringen und Anfragen wegen des Klosterbaues, der jetzt dort im Werke ist. Da sind vornehme Römerinnen, die Ratschläge für die zukünftige Laufbahn von Söhnen und Töchtern wünschen. Da sitzen bescheidenere Frauen, die Heilung für Gebreste suchen, wallfahrtende Mönche und Nonnen, die zu ihrem Seelentrost die sehen wollen, die so oft in ihren Träumen und Visionen Gott geschaut hat. In einer Ecke sitzen einige Römerinnen im Gespräch. »Erinnert ihr euch, wie damals der Blitz in die große Glocke der Peterskirche einschlug?« sagt eine von ihnen. »Ganz Rom staunte und glaubte, daß etwas Böses bevorstünde, aber diese nordische Sibylle war die erste, die ihre Stimme erhob und das Zeichen dahin deutete, daß Papst Klemens sterben würde, und so geschah es auch.« »Ja,« sagte die andere, »gewiß entsinne ich mich. Und ich erinnere mich auch, wie es Papst Urban erging. Er war ein frommer Mann. Vor einigen Jahren kam er aus Avignon hierher und blieb drei Jahre in Rom, aber die ganze Zeit sehnte er sich nach Frankreich zurück. Wie ein schleichender Dieb wollte er sich schließlich aus Rom fortstehlen, aber die Heilige, die dort drinnen ruht, bekam Kunde von seinem Vorhaben. Sie eilte ihm nach und erreichte ihn unterwegs. Und sie sagte ihm, daß, wenn er Rom verließe und nach Avignon zurückkehrte, Gott seine Tage verkürzen würde. Und Gott ließ seine Seherin nicht zuschanden werden, sondern da der Papst ihr nicht glaubte und in sein Land zurückkehrte, geschah es also, wie sie vorausgesagt hatte.« Man erzählt ein Beispiel nach dem andern für ihre große Sehergabe. »Wahrlich,« sagt ein Mönch, »ist diese Frau nicht ein Sprachrohr Gottes: die Mächtigen beben vor ihren Strafgerichten, aber den Armen und Bekümmerten bringt sie Trost und Erquickung.« »Was, Signora Lukrezia,« ruft eine Edeldame, die weiter vorne im Zimmer sitzt, »habt Ihr davon nicht gehört? Aber es soll wirklich wahr sein, daß Königin Johanna von Neapel in Liebe zu einem von Frau Brigittas Söhnen entbrannte, der sie auf der Wallfahrt zum Heiligen Lande begleitete, und ihn zu ihrem Gemahl machen wollte. Doch die Heilige widersetzte sich dem Willen der Königin, denn der Sohn war schon verheiratet und hatte daheim in Schweden eine Frau. Aber, Signora, was konnte das Verbot der alten Mutter bedeuten, wenn die Königin und der Sohn in der Sache einig waren? Sie hatte keine andere Zuflucht als ihre Bitten, den Greuel zu verhindern. Aber die Bitten dieser Frau sind mächtig, und Gott stand ihr auf die Weise bei, daß ihr Sohn von der Pest hinweggerafft ward, ehe noch die Ehe vollzogen werden konnte.« So sitzt man in der Stille da und erzählt. Ohne daß man recht weiß wie, ist das Zimmer von Andacht und weihevoller Stimmung erfüllt. In der Kammer hier daneben, denkt man, liegt ein Mensch, der Gott gesehen hat, einer, der lieber den Tod auf seine Liebsten herabbeschwört, als daß er sie eine Todsünde begehen läßt. Die helle, milde Frau, die die Tochter der Heiligen ist, Frau Katharina, öffnet wieder die Kammertüre und huscht hinein. Wahrend sie drinnen bei der Kranken verweilt, ist alles still. Einige der Unglücklichen, die erwartet haben, daß die wunderbare Braut Christi, die da ruht, sie von Krankheiten heilen würde, von denen sie sonst nirgendwo Genesung finden konnten, fallen auf die Knie und strecken die Arme nach der Türe aus. In den zitternden Händen halten sie Rosenkränze, und während die Perlen durch die Finger gleiten, flüstern sie Ave-Marias und Vaterunser. Frau Karin hat die Türe offen gelassen, und aus dem Zimmer der Kranken dringt ein schwaches Stöhnen, ein leises Ächzen. Da werden alle im Vorraum von tiefem Mitleid ergriffen. Ihre Herzen wollen hinschmelzen bei dem Gedanken, daß die heilige Frau, die die Qualen so vieler Kranken gelindert, selbst dem Schmerz zum Opfer fallen muß. Mit einem Male sinken sie alle auf die Knie, alle strecken sie die Arme nach dem Krankenzimmer aus, alle beginnen sie zu beten. Als Frau Karin zurückkommt, bleibt sie auf der Schwelle stehen, erstaunt, all diese Menschen in betender Stellung zu sehen. Mit einem raschen Entschluß läßt sie die Tür offen stehen, kniet neben den andern nieder und flüstert wie diese: Pater noster qui es in coelo. Wie sie so liegt, der Kammer zugewandt, kann sie das abgezehrte Antlitz der Mutter sehen, und es jammert sie, daß die Greisin immer noch kämpfen muß, daß sie selbst nie den Frieden erlangen kann, den sie allen schenkt, die an sie glauben. Aber wie Brausen von der Meeresküste, wie blütenduftgeschwängerter Wind dringen die geflüsterten Gebete in Frau Brigittas Kammer. Und plötzlich sieht die Tochter, wie die Spannung in den Zügen nachläßt, wie die geballten Hände sich lösen. Staunen und große Freude malt sich in dem Antlitz. Die Runzeln der Stirn glätten sich, der Mund lächelt, und die Wangen färben sich rosig. Es ist nicht mehr Zeit vergangen, als daß Frau Karin ein Paternoster zu Ende beten konnte, da erhebt sich die Mutter klar wach im Bette und winkt sie zu sich. Sie eilt hinein und schließt die Türe hinter sich zu. Nach einer kleinen Weile steht Frau Karin wieder vor den Betenden. Man sieht, daß sie sehr bewegt ist, ihre Stimme zittert, aber die Augen leuchten vor Freude. »Meine liebe Mutter bittet mich, euch zu sagen, daß sie eine Zeitlang von den Heimsuchungen böser Geister arg gequält wurde. Aber heute nun hat sie Christus gesehen. Mit sanftem Antlitz offenbarte er sich ihr vor dem Altar, der in ihrem Kämmerlein steht. Und er sprach zu ihr, er habe an ihr getan, wie der Bräutigam zu tun pflegt, wenn er es eine Zeitlang unterläßt, sich seiner Braut zu zeigen, auf daß er desto inbrünstiger ersehnt werde. So hatte er meine Mutter einige Tage lang nicht besucht, weil dies ihre Prüfungszeit war.« Hier hält Frau Karin inne und bewegt die Lippen ein Weilchen, bis sie die Stimme zu festigen vermag, so daß sie fortfahren kann: »So sprach dann Christus zu meiner Mutter, sie sei nun genug geprüft, und sie solle sich auf eine große Freude gefaßt machen, denn am fünften Tage nach diesem wird sie zur Nonne und Äbtissin vor seinem Altar in Vadstena geweiht werden. Und meine liebe Mutter läßt euch sagen, daß sie einige Tage der Ruhe braucht, um ihre zeitlichen Angelegenheiten recht zu ordnen, ehe sie daran geht, von der Welt Abschied zu nehmen. Aber sie bittet euch, am fünften Tage wiederzukommen und sich mit ihr zu freuen, daß sie nun erreicht hat, was von frühester Kindheit auf das allergrößte Sehnen und Verlangen ihrer Seele war.« Da entfernten sich alle Besucher, trauernd, daß die große Seherin Rom verlassen würde, aber doch erhoben in ihrem Sinn, weil sie Gottes Gnade gegen seine Braut und Magd miterleben durften. All jenen, die Frau Brigittas Hausstand in Rom angehören und gewohnt sind, ihre Offenbarungen zu sammeln und sich daran zu freuen, sowie die Kinder dieser Welt Schätze sammeln und sich an ihrem Glanze erfreuen, scheint diese letzte Botschaft die köstlichste, die ihr je zuteil wurde. Denn wenn sie auch in mancher Hinsicht dunkel ist, verstehen sie doch, daß ein großer Umschwung in ihrem Leben bevorsteht, und daß die lange Wallfahrt, die sie vor vierundzwanzig Jahren antrat, sich nun ihrem Ende zuneigt. Aber damit sind auch für sie alle die langen Pilgerjahre zu Ende. Sie können in ihr eigenes Land zurückkehren, wo sie Schutz und Schirm haben, und brauchen nicht mehr von fremden Gnaden zu leben. Das kleine treue Häuflein muß sich nicht zerstreuen, das erbauliche Zusammenleben mit Frau Brigitta braucht nicht aufzuhören. Die allermeisten denken wohl, mit ihr in das prächtige Klosterheim in Vadstena einzuziehen und ihr dort weiterzudienen. Darum erfüllt eine große Freude ihre Herzen. Sie fühlen sich verjüngt und hoffnungsfroh. Längst versunkene Bilder schweben vor ihren Augen, sie sehen lichte Birkenhaine, kleine blinkende Seen und graue, bemooste Häuschen am Saume mächtiger schwarzgrüner Nadelwälder. Noch lebt unter ihnen der alte Unterprior aus Aloastra, Petrus Olofson, der Frau Brigittas Begleiter war, seit sie Schweden verließ, der mit ihr den Pilgergang zu St. Nikolaus in Bari gegangen ist, zum heiligen Franciscus von Assisi, zum heiligen Andreas in Amalfi, der sie nach Neapel und Zypern begleitet und an ihrer Seite an den heiligen Stätten Palästinas gebetet hat. Er hat, was die Heiligen des Himmels zu Frau Brigitta gesprochen, ins Lateinische übersetzt und auch für alles Irdische auf den Reisen wie während des Aufenthalts in Rom Sorge getragen. Unerschrocken hat er sie durch höhnende, steinewerfende Volksmassen hindurchgeleitet, vorbei an umherstreifenden Räuberbanden, durch pestverseuchte Städte. Nun, nach all diesem mühseligen Umherziehen soll er endlich heimkehren können in eine stille Klosterzelle; zu einem Leben ohne Gefahren und Not, einzig erfüllt von Gebeten und friedlicher Arbeit. Da ist ferner sein Freund und Gehilfe, Magister Petrus Olofson aus Skänninge, der die große Wundertäterin in Rom erst vor kurzem aufsuchte, bei der Übersetzungsarbeit mitwirkte und Frau Brigittas Beichtvater war. Wie muß er sich doch freuen, daß er nicht allein nach Schweden zurückzukehren braucht, sondern sein liebes Beichtkind in das bedrückte Vaterland mitnehmen kann, wo man nun so viel von ihrer Weisheit und Macht singen und sagen gehört. In Rom weilt auch Frau Brigittas Sohn, Herr Birger Ulvsson, der vor einigen Jahren auf das Geheiß seiner Mutter herkam, um sie in das Heilige Land zu begleiten. Er ist ein frommer Mann, der ihr hierin gern zu Willen war, aber er hat Weib, Kinder und Ländereien daheim in Schweden, und nun müßte er heimkehren, um nach all dem zu sehen. Doch war er in Rom geblieben, weil er es nicht übers Herz brachte, seine Mutter in der Schwäche ihres Alters allein zu lassen. Noch andere sind da, die sich des Aufbruchs freuen, aber unter ihnen allen am meisten die liebliche, fromme Frau Karin, die aus Sehnsucht nach ihrer Mutter vor mehr als zwanzig Jahren nach Rom kam und seither bei ihr geblieben war und ihr in allen Dingen gehorsam und untertänig gewesen ist. Mit der inbrünstigsten Freude denkt sie nun daran, daß sie ihre alte Mutter heimbringen kann und sie bald als mächtige Frau in Vadstena sehen wird. Denn die heilige Frau mußte ein hartes Leben führen, und das Herz tat der Tochter im Busen weh, wenn sie sie vor den Kirchen Roms sitzen und betteln sah oder wenn sie auf Wallfahrten in Kälte und Dunkelheit unter freiem Himmel übernachten mußte. Um ihrer Freude Luft zu machen, geht Frau Karin aus, Blumen und Ranken zu pflücken, die in den Ruinen Roms wuchern, und sie schmückt das kleine Häuschen am Campo de' Fiori, wie man es in Schweden zu Mittsommer tut. Frau Brigitta selbst ist in diesen Tagen zumute wie jemandem, der nach harter Plage sein Ziel erreicht hat und sich nicht mehr zu mühen braucht, sondern ruhen kann. Nun träufelt sie nicht mehr Wachs in die Wunde an ihrem Arm, sie freut sich an Frau Karins Blumen, und sie läßt es zu, daß die Tochter ihr ein weiches Federkissen unter den Kopf schmiegt. Sie hält ihre Gedanken nicht so unverwandt wie sonst auf das Jenseits gerichtet, sondern spricht mit ihren Kindern, wie ihr Hab und Gut verteilt werden soll. Sie gibt Herrn Birger Ratschläge, wie er sich in den Bürgerkriegen daheim in Schweden verhalten möge. Schließlich sagt sie ihren Kindern, daß die Zeit, die sie durchlebt hat, schwer war wie der Jüngste Tag und daß sie von Kindheit an ein Übermaß von Elend, Not und Krankheit geschaut hat. Sie war noch Zeuge, wie König Magnus' böse Söhne sich das Reich streitig machten, und als sie heranwuchs, sah sie, wie ein schwacher, willenloser König es zu Fall brachte. Und sie stand all dem, was geschah, nicht ferne, sowohl ihre eigenen Verwandten wie die ihres Mannes hatten zu den Großen und Mächtigen gehört, sie hatte von allen Beratungen vernommen und die Sorgen und die Verantwortung geteilt. Und ebenso war das arme, schutzlose Volk, das wußte, daß sie es um Christi willen liebte, oft mit seinen Kümmernissen zu ihr gekommen. Schmerz und schweres Weh hatten sie selbst heimgesucht. Sie hatte geglaubt, das Herz müßte ihr brechen, als sie ihren Mann verlor, den sie so sehr liebte. Viele Tränen hatte sie über ihren Sohn Karl sein ganzes Leben lang weinen müssen und ebenso über den Mann ihrer Tochter Martha, Herrn Sigurd Ribbing, der ein gottloses Leben führte. Nie hatte eine solche Pest unter den Völkern gewütet wie zu ihrer Zeit, nie zuvor hatten sich die Kriegsheere in Räuberhorden verwandelt, die die Länder ausplünderten. Auch hier in Rom hatte sie schwere Enttäuschung erleben müssen, denn die Stadt war wie ein Himmel ohne Sonne gewesen, da der Papst nicht mehr dort weilte, und der Papst, den sie endlich da einziehen sah, hatte sich wieder schmählich davongeschlichen. Die Armut hatte ihr hier in Rom arg zugesetzt, und Müdigkeit, Kälte und Hunger auf den Wallfahrten. Auch hatte es sie sehr gequält, daß sie vor Fürsten, vor hohe Prälaten und auch vor wilde, aufgehetzte Volksmassen hintreten mußte, um ihnen ihre Sünden vorzuhalten und sie mit Gottes Strafgericht zu bedrohen. Schließlich war es eine große Prüfung für ihre Geduld gewesen, daß sie auf die Bestätigung ihrer Regel so lange warten mußte, bis sie nun an der Grenze ihrer Tage stand. Aber bei alldem war sie doch einer der allerglücklichsten Menschen gewesen, weil Gott ihr die Gnade verliehen hatte, schon in diesem Leben seines Umgangs teilhaftig zu werden. Von Kindheit auf war sie von Gesichten begnadet gewesen, in denen sie die himmlischen Heerschaaren schaute und mit ihnen Zwiesprach pflog. Je älter sie geworden war, desto mehr hatten diese Visionen an Ernst und Bedeutung zugenommen. Ja, wahrlich, sie war die gewesen, die den Menschen Gottes Ratschluß offenbarte. Viele dieser Gesichte waren furchtbar und erschreckend gewesen, aber dennoch hatte sie dabei eine schwindelerregende Seligkeit empfunden, weil sie in die Geheimnisse des Reichs Gottes schauen durfte. Von dieser Gabe war ihr alles Gute zuteil geworden. Durch sie hatte sie die Gunst der Fürsten gewonnen und die Herzen der Königinnen erweicht. Durch diese Macht war das Volk von Rom so für sie gewonnen worden, daß es sie jetzt seine Mutter nannte. Um dessentwillen schickten ihr die armen Leute in Schweden Boten und flehten sie an zu kommen und ihnen zu helfen. Auf diese Weise vergehen vier Tage wie in holdem Taumel, und endlich bricht der Morgen des fünften Tages an. Wir müssen versuchen, uns zu vergegenwärtigen, wie alles zugegangen sein mag. Sicherlich konnte keiner der Hausgenossen nachts schlafen. Die Spannung war allzu groß. Nicht, daß sie daran gezweifelt hätten, daß ihre Herrin jetzt von Christus für ihre lebenslängliche Treue belohnt werden würde, aber in welcher Art? Es ist mitten im Sommer, und weder nachts noch tags ist Kühlung zu finden. Sie haben am offenen Fenster gesessen, in das schwüle Dunkel gestarrt und sich unter bebenden Träumen ausgemalt, was der Morgen wohl bringen würde. Was mögen sie erwartet haben? Vielleicht, daß Frau Brigitta im Geist nach Vadstena geführt und dort zur Nonne und Äbtissin geweiht werden würde, indes ihr irdischer Leib in Rom verblieb. Vielleicht, daß der päpstliche Legat kommen würde, um auf Gottes Geheiß den heiligen Akt in dem kleinen Häuschen am Campo de' Fiori zu vollziehen. Noch viel höher und wunderbarer mögen ihre Erwartungen sich gestaltet haben, denn sie sind es gewohnt, täglich Wunder zu schauen und von übernatürlichen Dingen zu hören. Die ganze Nonnentracht, der graue Rock, Mantel und Kapuze, das weiße Tuch, der schwarze Schleier und die Krone aus weißen Linnenstreifen mit den fünf roten bedeutungsvollen Zeichen, all dies lag bereit. Prior Petrus Olofson hat die Offenbarung hervorgesucht, in der Christus Brigitta die Klosterregeln kundgetan hat und liest sie nun vor. Er liest von all den Bestimmungen für das Leben der Mönche und Nonnen, ihre Tagesordnung und ihre Beschäftigungen. Weiter liest er, wie eine Nonne ins Kloster aufzunehmen ist, die schönen Ermahnungen, die ihr erteilt werden sollen, ihre Gelübde, die Einkleidung in die Nonnentracht, ihre Geleitung zur Klosterpforte und ihre Aufnahme in den Kreis der Schwestern. Frau Brigitta folgt der Vorlesung mit einem seligen Lächeln, aber lange, ehe der Prior geendet hat, versinkt sie in Schlummer, und natürlich ist es allen offenbar, daß sie mit jedem Tage schwächer geworden ist. Sie schläft zumeist, sie atmet schwer, beinahe röchelnd. Aber dies trübt die Freude keineswegs. Wenn die Stunde gekommen ist, wird Christus ihr Leben und Gesundheit wiedergeben. Plötzlich, gerade ums Morgengrauen, als das erste Frühlicht das nächtliche Dunkel durchbricht, hört das Röcheln auf, und die Kranke richtet sich im Bett empor. Im ganzen Raume wird es totenstill. Man glaubt zu vernehmen, nicht mit Auge und Ohr, sondern mit einem anderen Sinne, daß der Raum von etwas Göttlichem durchströmt wird. Mit bebenden Herzen sehen die Anwesenden, wie das Antlitz der Greisin von Glückseligkeit erhellt wird, wie ihre Augen sich in Anbetung aufschlagen, wie ihre Lippen sich zum Gebet regen. Kein gesprochener Laut dringt an das Ohr der Umstehenden, und doch vernehmen sie, was der himmlische Bote sagt: »Nun habe ich gesehen, Brigitta, daß du die Welt überwunden hast und sie gerne verlassest, um in mein Kloster einzugehen. Darum soll dir dein Wille als vollbrachte Tat angerechnet werden, und ich will dir den Lohn geben, daß du ungesäumt in meine Seligkeit eingehen darfst.« Mit einem Blick von unbeschreiblicher Dankbarkeit sinkt die Sterbende in die Kissen zurück, und die anderen, die erkennen, daß die höchste Gnade und Segnung ihr widerfahren ist, stimmen einen Lobgesang an. Erhoben wie in heiliger Verzückung, empfinden sie keinen Schmerz über den bevorstehenden Abschied. Die Priester ihres Hauses beeilen sich eine Messe zu lesen und ihr das Sterbesakrament zu reichen. Aber wie es ihnen anbefohlen war, haben sich Brigittas Freunde in Rom nun am Morgen des fünften Tages eingefunden, um ihrer Erhöhung beizuwohnen. Und da Frau Brigitta in Rom von so vielen gekannt und geliebt ist, sind ihrer eine so große Zahl, daß der ganze Marktplatz vor ihrer Behausung schwarz von Menschen ist. Sie hören den Gesang aus dem Hause, und die Zunächststehenden pochen ungeduldig an die Türe, um Einlaß zu finden und der Feier beizuwohnen. Sachte öffnet sich das Tor, und jemand flüstert, daß die fromme Frau in Gottes Himmel gerufen wurde. Mit großer Schnelligkeit verbreitet sich das Gerücht durch die Menschenmenge, und wohin es dringt, da erkennt man, daß dies das höchste Glück für die Greisin bedeutet, und stimmt in den Jubelgesang ein. Und während die Menschenschar so ihre Dankbarkeit und ihre Liebe hinaussingt, entschlummert Frau Brigitta in den Armen ihrer Kinder. Aber so wie die Kreise im Wasser um den hineingeworfenen Stein sich über den ganzen Wasserspiegel verbreiten, so verbreitet sich ihre eigene und die Freude ihrer Nächsten nicht nur zu dem Volke in Rom, sondern unter die ganze Christenheit. Ein Mensch, der die Welt und sich selbst überwunden hatte, war gleichsam in Christi Armen gestorben, gewiß des Himmelreichs. Das war nicht die Zeit für Sohn oder Tochter, für Freund oder Diener, Schmerz zu fühlen. Das einzige, woran sie denken konnten, war, die Kunde von dem seligen Hinscheiden, dessen Zeugen sie gewesen, zu verbreiten. Wer wurde da nicht von Begeisterung ergriffen? Ein Mensch, der viele Jahre hindurch in den Straßen Roms gewandelt war, eine Frau, die unter ihnen gelebt hatte wie alle anderen, die hatte in ihrem letzten Stündlein Christus geschaut und seine Verheißung empfangen, in den Himmel der höchsten Seligkeit einzugehen. Es gibt kein Gemüt, so verhärtet, daß diese Kunde nicht einen Widerhall von Sehnsucht darin wachriefe. Es gibt keine Seele, so bedrückt, daß sie sich nicht zu neuer Zuversicht aufschwänge. Dies war kein Sieg der Stärke und Macht, der List und Gewalt, sondern ein Sieg der Unterwürfigkeit, der Armut und Demut. Die Stillen im Lande heben die Köpfe und denken, daß doch sie es sind, die das bessere Teil erwählt haben. Heim nach Schweden eilt ein Bote mit der Nachricht von Frau Brigitta Birgertochters seligem Tode in Rom: nicht um Kummer zu bringen, sondern um die größte Freude zu verkünden. Und überall, wo die Botschaft hier im Lande hinkommt, wird sie so empfangen, als kündete sie die Ankunft eines schätzebeladenen Schiffs oder einen großen Sieg. Da fielen Freudentränen, daß Christus an dieses arme Land hoch im Norden gedacht und eine seiner Töchter zu seiner geliebten Braut erhoben hat, zu sitzen zur Seiten seiner Mutter, der Himmelskönigin. Nun ist es Zeit, Angst und Not zu vergessen, nun hat das Reich und all seine Bewohner eine Fürsprecherin bei Gott, die nimmer müde sein wird, Gutes für Schwedens Volk zu erbitten. Allen bedünkt es, daß der Himmel der Erde näher gekommen, erreichbarer geworden ist. Der Bauer, der seiner täglichen Fron obliegt, hebt den Blick vom Irdischen, die Hausmutter gibt freudiger als sonst dem Bettler, der im Namen der heiligen Brigitta bittet, ihr Scherflein. Der Maurer, der am Vadstenaer Kloster arbeitet, fügt seine Steine mit größerem Eifer in die Wand, trägt er doch damit zum Ruhme der heiligen Frau bei. Das ganze Volk Schwedens hat nun eine gemeinsame Freudenquelle, die erste, die es je besessen. Der König des Landes ist der deutsche Albrecht, aber er wetteifert mit den einheimischen Großen des Reichs, Frau Brigittas Staub, als er im nächsten Jahre die Heimat erreicht, würdig zu empfangen. Auch er wirkt wie alle anderen für ihre Heiligsprechung und unterstützt den Klosterbau in Vadstena. Welche Befriedigung muß es nicht, schon rein weltlich gesehen, für die Schweden jener Zeit gewesen sein, zu erfahren, daß hier im Norden mächtige Klöster entstanden wie Nädendal in Finnland, Maribo in Dänemark, Munkaliv in Norwegen, die alle der Vadstenaer Regel folgten, und daß auch im übrigen Europa Brigittiner Klöster gegründet wurden, mehr als siebzig an der Zahl. Wie muß es nicht die Kenntnis Schwedens in der Fremde gefördert haben, daß alle diese Klöster eine Schwedin zur Stifterin hatten und dort stets die Legende ihres Lebens gelesen wurde. Noch heute können wir hier in Schweden Spuren dieser Freude des Volkes, daß eine Heilige unter ihm erstanden, verfolgen. Dieser schöne mächtige Kirchenbau mit Grabmälern und Kunstschätzen, der uns jetzt umgibt, ist daraus hervorgegangen. Aus der herrlichen Brigittahymne klingt sie uns entgegen, wie aus der Brigittinermusik, der Brigitta-Literatur, ja aus der geduldigen Arbeit demütiger Spitzenklöpplerinnen, die Altar und Chorhemden schmückt. Dem schwedischen Lande nahte ihre Botschaft mitten im Jahrhundert der Pest, der Bürgerkriege, der Schwäche. Und wer weiß heute soviel, daß er zu berechnen vermöchte, wie groß der Nutzen, den sie uns gebracht hat? Sie, deren Stärke unbeugsam war, hat sie nicht die Kräfte großgezogen, die dem Lande die Wiedergeburt brachten? Sie, deren Glaube unerschütterlich war, hat sie nicht den Mut hervorgerufen, der die Freiheit rettete? Gab der Gedanke, daß diese ehrliche schwedische Frau ein Landeskind war, nicht die Ermutigung, deren es bedurfte, damit das Volk zur Erkenntnis seines Wertes und seines Könnens gelangte? Rede, gehalten bei dem Ökumenischen Konzil in Stockholm 1925 Darf ich dem Ökumenischen Konzil ein Ereignis berichten, das sich vor etwa fünfzig Jahren zugetragen hat? Es war eine neblige Nacht auf dem Atlantischen Ozean. Zwei große Fahrzeuge waren zusammengestoßen, und das eine von ihnen, ein mächtiger Postdampfer, auf dem Wege von Neuyork nach Le Havre, hatte ein Leck mittschiffs bekommen und war untergegangen. Das andere Fahrzeug, ein ungeheures Segelschiff, war im Nebel verschwunden, ohne einen Versuch zu machen, den zahlreichen Passagieren des Postdampfers zu Hilfe zu kommen. Unter diesen Schiffbrüchigen befand sich eine junge Amerikanerin, die zu jener Zeit in Chikago lebte. Sie war vermögend, schön und begabt, mit einem guten, hervorragenden Manne verheiratet, Mutter von vier kleinen entzückenden Mädchen. Sie hatte die Reise unternommen, um ihre alten Eltern, die in Paris lebten, zu besuchen und ihnen ihre Kinder zu zeigen; deshalb hatte sie alle vier Töchterchen an Bord. Als der Zusammenstoß erfolgte war auf dem sinkenden Dampfer eine schreckliche Verwirrung entstanden. Man hatte allerdings Boote ausgeworfen, aber weder sie noch eines der Kinder hatten darin Platz gefunden. Als das Schiff schließlich gesunken war, waren sie alle fünf in das Meer hinausgespült worden. Sie wurde zuerst von der Sturzwelle tief hinab in die unendliche Tiefe gezogen, aber dann wieder auf den Meeresspiegel hinaufgeschleudert. Ihre Kinder waren da von ihr losgerissen und sie begriff, daß sie ertrunken sein mußten. Sie selbst konnte nicht schwimmen. Im nächsten Augenblick mußte sie wieder in die Tiefe gezogen werden, und das bedeutete dann den sicheren Tod. Da, in ihrem letzten Stündlein, dachte sie nicht mehr an Mann und Kinder. Sie dachte nur daran, ihre Seele zu Gott zu erheben. Sie war unmittelbar vorher Zeuge von entsetzlichen Szenen gewesen. Angesichts des unvermeidlichen Untergangs hatten die Schiffbrüchigen völlig die Besinnung verloren. Ein wilder Kampf um die Boote war entbrannt, die die fünfhundert Passagiere keinesfalls fassen konnten. Gesunde kräftige Männer und Frauen hatten sich mit Stockhieben und Schlägen den Weg gebahnt. Die Schwachen und Kranken waren zurückgestoßen, niedergetreten oder geradezu ins Meer geschleudert worden. Derselbe grausige Kampf ums Leben tobte noch rings um sie auf dem Meeresspiegel. Einige schwerbeladene Boote strichen in der Nähe vorbei, und in diesen saßen Menschen, die die Messer gezückt hatten, um die Schwimmenden fernzuhalten, die sich näherten und sich an den Bootsrand anklammern wollten. Grausige Schreie und Flüche waren von allen Seiten zu hören. Aber aus all diesen Szenen der Grausamkeit und Wirrnis, der unbarmherzigen Wildheit und jämmerlichen Todesfurcht befreite sie ihre Seele, um sie zu Gott zu erheben. Und ihre Seele schwang sich auf wie eine freigelassene Gefangene. Sie fühlte, wie ihre Seele sich freute, die schweren Fesseln des irdischen Lebens abzustreifen, wie sie sich mit Jubel anschickte, zu ihrer wahren Heimat emporzusteigen. »Ist es so leicht, zu sterben?« dachte sie. Da hörte sie, wie eine mächtige Stimme, eine Stimme aus der anderen Welt, ihr Ohr mit einer dröhnenden Antwort erfüllte: »Wohl ist es wahr, daß es leicht ist, zu sterben. Was schwer ist, das ist zu leben.« Es dünkte sie, daß dies die größte Wahrheit war, und sie stimmte freudig ein: »Ja, ja, das ist wahr, es ist schwer, zu leben.« Und mit einem Gefühl des Mitleids mit jenen, die noch weiterleben mußten, dachte sie: Warum muß es so sein? Ließe sich das Leben auf Erden nicht so gestalten, daß es ebenso leicht wäre, zu leben, wie es jetzt ist, zu sterben? Da vernahm sie abermals die mächtige Stimme, die ihr antwortete: »Was not tut, damit es leicht wird, auf Erden zu leben, das ist Einigkeit, Einigkeit, Einigkeit!« Während diese Worte noch in ihren Ohren widerhallten, wurde sie gerettet. Es war der große Segler, der zurückgekehrt war und Rettungsboote herabgelassen hatte. Sie wurde in eines derselben gehoben und dann mit etwa achtzig anderen Schiffbrüchigen in einem europäischen Hafen ans Land gesetzt. Dieses Ereignis, dieser Zuruf kam mir in den Sinn, als ich zum erstenmal vom ökumenischen Konzil sprechen hörte. Ich stellte mir vor, daß nach dem großen Zusammenprall, nach dem furchtbaren Schiffbruch, der die Christenheit betroffen hat, viele ihrer besten Angehörigen das Gefühl haben mußten, in eine bodenlose Tiefe gestürzt zu sein, das Liebste verloren zu haben; sie mußten von Groll gegen das Leben beseelt sein, bereit, die drohende Vernichtung als Befreiung aufzunehmen. Aber in diesem Abgrund der Angst sind dann zu diesen Verzweifelten Stimmen aus einer anderen Welt gedrungen. Auch sie haben mitten in dem wilden Getümmel, mitten in dem Blutvergießen den Ruf nach Einigkeit, Einigkeit, Einigkeit vernommen; und darum sind sie nun von den vier Enden der Welt hierhergeströmt, um den Frieden und Zusammenhalt zu schaffen, den die Völker durch Jahrtausende ersehnt haben und der das Leben sicherlich leichter zu leben machen würde. Dies war der erste Gedanke, der sich bei der Nachricht von dem Ökumenischen Kongreß einstellte. Der zweite war der, daß ich gerne mit dabei sein wollte, die Konferenz willkommen zu heißen. Denn wie der Versuch auch ablaufen mochte, so war doch der Gedanke groß und kühn und wohl wert, als ein Vorbote hellerer Zeiten begrüßt zu werden. Möge mir die Versammlung gestatten, noch weiter von dem Leben und Wirken der schiffbrüchigen Frau zu erzählen. Das Problem, das sie zu lösen hatte, war ja dasselbe wie das der Konferenz, wenn auch in anderem Maßstab. Und ich muß es gestehen, als ich ihr Leben durchdachte, erbebte mein Herz. Ich glaubte eine Schrift zu sehen, von Gottes eigenem Finger geschrieben, eine Schrift zur Führung, zur Erweckung, zur Tröstung, eine Schuft, die gerade von dieser Versammlung gelesen werden sollte. Lassen Sie mich also vorerst sagen, daß die junge Amerikanerin, Anne Spafford , die Botschaft, die ihr in der Unglücksnacht erklungen war, als ein wahres Gotteswort aufnahm. Dennoch vergingen mehrere Jahre, ehe sie einen ernsten Versuch machte. Sie war vom Schmerz über die verlorenen Kinder allzusehr gebrochen. Zwei neue Töchterchen wuchsen im Hause auf, aber die Trauer ließ nicht nach. Endlich sah sie ein, daß ihr nicht früher Hilfe und Trost zuteil werden würde, ehe sie nicht ihr Leben der Aufgabe widmete, Einigkeit in die zersplitterte Welt zu bringen. Einigkeit! Doch was ist Einigkeit? Wie kann sie erreicht werden? Wie kann man in Einigkeit leben mit Menschen, wie sie nun einmal sind: egoistisch, selbstgerecht, unwahr, liederlich, frevelhaft? Möge man sich in die große Schwierigkeit hineindenken! Ist es hierzu eigentlich nicht erforderlich, daß, ehe Einigkeit auf Erden walten kann, alle vollkommen werden müssen? Wenn ein Mensch allein es versuchen wollte, in Einigkeit mit seinesgleichen zu leben, würde er nicht verhöhnt werden, ja niedergetreten, gekreuzigt? Anne Spafford griff zu dem üblichen Ausweg. Sie, ihr Mann und etwa zwanzig ihrer Freunde gründeten eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich verpflichteten, in Einigkeit miteinander zu leben und der übrigen Menschheit zu helfen und zu dienen. Diese Chikagoer suchten keineswegs eine neue Religion einzuführen. Sie waren alle warme, bewährte Christen, und sie vertieften sich in das Studium der Apostelgeschichte, um in der Lebensweise der ersten Christen eine Richtschnur für ihren Wandel zu finden. Nach deren Vorbild zogen sie in einen einzigen großen Haushalt zusammen. Sie führten Gütergemeinschaft ein, sie dienten einander ohne Entgelt, und sie staunten über die Geborgenheit und Leichtigkeit, die damit in ihr Leben kam. Während sie so versuchten, Jesu ersten Bekennern nachzufolgen, deren Leben in Jerusalem stets in ihren Gedanken waren, drang die Nachricht zu ihnen, daß Not und Krankheiten in der heiligen Stadt wüteten. Hierdurch wurde unter ihnen der Wunsch rege, ihre Tätigkeit dorthin zu verlegen, und dies kam auch zur Ausführung. Mehrere andre Ursachen dürften hier wohl zusammengewirkt haben. Lebten sie doch in der Glut der ersten Begeisterung und Hoffnungsfülle. Die Botschaft, welche Anne Spafford zuteil geworden war, schien ihnen die Vollendung des Christentums darzustellen, und sie hielten dafür, daß diese sich von derselben Stelle ausbreiten müßte, von der unsre Religion ihren ersten Ausgangspunkt genommen hatte. Im Jahre 1881 langten Glieder der Gemeinschaft in Jerusalem an. Sie mieteten sich in einem schönen Häuschen dicht bei der Stadtmauer ein, wo man von den Dachterrassen hinaus auf den Kranz von schönen Hügeln schauen kann, der die Landschaft umrahmt. Ihre Tätigkeit bestand darin, die Kranken in den engen Gäßchen der heiligen Stadt aufzusuchen, die Hungrigen zu speisen und elternlose Kinder aufzunehmen und zu betreuen. Allen, die sie besuchten, erzählten sie von der göttlichen Botschaft, die der Schiffbrüchigen erklungen war, und sagten, daß sie durch ihre Lebensführung die Wahrheit derselben bezeugen wollten. Muß es nicht wunderbar erscheinen, daß diese Gemeinschaft, die Einigkeit in der Welt verbreiten wollte, eine Verkündigung durch die Tat wählte? Sie wollte – gleich dieser Versammlung – christliche Gemeinschaft im Leben und Wirken schaffen. Es kam auch vor, daß der eine oder andere, wenn er den Frieden, den Zusammenhalt und die stille Freudigkeit sah, die in dem kleinen Kreise herrschte, dadurch überzeugt wurde, daß dies der rechte Weg war, und bat, sich der amerikanischen Kolonie anschließen zu dürfen. Es waren einige Syrier aus den Küstenstädten Palästinas darunter, einige getaufte Juden, einige Reisende aus Europa und anderen Weltteilen, aber die Morgenländer waren der überwiegende Teil der Neuhinzugekommenen. Die Gemeinschaft wurde dadurch um etwa vierzig neue Mitglieder vermehrt. An und für sich eine geringe Zahl. Aber wenn man bedenkt, daß von den Neuhinzugekommenen verlangt wurde, ihr altes Leben aufzugeben, sich der Kolonie in Jerusalem anzuschließen, dieser alles Eigentum zu überlassen und sich einer strengen Lebensweise zu unterwerfen, ist man fast versucht, sich über einen so großen Zustrom zu verwundern. Das größte Kontingent zu der amerikanischen Kolonie stellte jedoch nicht Palästina, sondern eigentümlicherweise Schweden. Im Kirchspiel Nås in Dalekarlien hatte eine Schar Bauern einen religiösen Zusammenschluß ähnlicher Art gebildet. Durch Landsleute, die nach Chikago ausgewandert waren, hörten die Bauern von den Amerikanern, die nach Jerusalem gezogen waren, um dort in Einigkeit und Vollkommenheit das Leben der ersten Christen zu führen. Sie wurden von der Sehnsucht ergriffen, sich mit ihnen zu vereinigen. Sie verkauften ihre Bauernhöfe, verließen Heim und Vaterland und zogen nach Jerusalem. Dies begab sich im Jahre ^896, als die Amerikaner etwa fünfzehn Jahre in Jerusalem gewohnt hatten. Die schwedischen Auswanderer waren etwa vierzig an der Zahl, aber unter ihnen befanden sich mehrere Minderjährige. Muß man nicht wiederum staunen, wenn man darüber nachdenkt? Die Kolonie in Jerusalem bestand also hauptsächlich aus denselben Völkerschaften, die sich hier zur Konferenz versammelt haben. Kleine Menschenhäuflein strebten vom fernen Westen, vom hohen Norden dorthin, um im Verein mit einer Handvoll Morgenländer für die Einigkeit zu wirken. Dort wie hier begegnet sich angelsächsische Tatkraft mit morgenländischer Mystik und germanischer Innerlichkeit. Hier tritt uns auch die gallische Klarheit entgegen. Dort wie hier lauschen Reformierte, Lutheraner und Orthodoxe dem Rufe nach Einigkeit, während die Völker des Südens still sitzenblieben. Ist das nicht gleichsam ein Zeichen, daß von denen, die hier zusammengekommen sind, der Anfang gemacht werden soll mit dem großen Zusammenschluß, Brudergefühle zu wecken unter den christlichen Völkern zur Gemeinsamkeit im christlichen Handeln? Von allem Anfang an hatte die Kolonie eine Sonderstellung unter den vielen christlichen Gemeinden in Jerusalem eingenommen. Ihre Mitglieder hatten es immer als eine Pflicht empfunden, auch der morgenländischen Umgebung gegenüber eine christliche Gesinnung zu zeigen und an dem Prinzip der Einigkeit festzuhalten. Sie hatten der Juden hohnvolle Klagen über die ständigen Streitigkeiten gemerkt, welche die Christen scheiden, und wollten ihnen ein besseres Beispiel geben. Die Kolonisten, die gebildete, rechtschaffne, friedliche Leute waren, haben auch immer das größte Ansehen unter der einheimischen Bevölkerung der Stadt genossen, und das nicht nur bei den Armen. Was es an vornehmen arabischen und jüdischen Familien in der Stadt gab, suchte die Kolonisten auf und befreundete sich mit ihnen. Aber für viele christliche Gemeinden in Jerusalem und im ganzen Morgenland war die Kolonie vom ersten Augenblick an ein Stein des Anstoßes. Man beschuldigte sie, ein unsittliches Leben zu führen, man suchte ihr zu schaden. Man trachtete, ihr den Aufenthalt im Morgenland unmöglich zu machen. Ist unter den hier Anwesenden einer, der zweifelt, daß dem Kongreß dasselbe Schicksal beschieden sein wird? Ist es nicht sicher, daß die besten unter den Nichtchristen eine Versammlung wie diese mit Freude begrüßen und sie mit Segenswünschen begleiten werden? Und ist es nicht ebenso sicher, daß ihre ärgsten Widersacher von christlicher Seite kommen werden, daß sich von dort die Stimmen erheben werden, die ihre Absichten mißdeuten und ihre Beschlüsse zu vereiteln suchen werden? Ich brauchte dies kaum zu sagen. Es wird ohnehin jedem klar sein, daß die Kolonie in Jerusalem nicht in ungestörtem Frieden leben konnte, sondern von ernsten inneren Konflikten erschüttert wurde. Die gefährlichsten entstanden dadurch, daß man rein aszetische Lebensregeln angenommen hatte, wie zu arbeiten, ohne Lohn zu erhalten, auch nicht für Verrichtungen, die für außenstehende vermögende Leute geleistet wurden. Ebenso wurde in der Frage des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern größte Enthaltsamkeit verlangt. Die Folge war Verarmung, Unzufriedenheit und eine Menge überflüssiger Konflikte, namentlich als die Kinder der Kolonie zu Jünglingen und Jungfrauen heranzuwachsen begannen. Doch kam die Leitung der Kolonie allmählich zu der Einsicht, daß dieser aszetische Einschlag für die Einigkeit nicht nötig sei, und man stand auch davon ab. Ein rechtschaffenes und liebevolles Leben wird von den Kolonisten verlangt, aber man erlegt ihnen keine der menschlichen Natur widerstreitenden Vorschriften auf. Sie dürfen Lohn empfangen, und eine fröhliche Arbeitsamkeit herrscht seither in jedem Winkel der Kolonie. Sie dürfen heiraten und in eigenen Heimen außerhalb des großen palastartigen Hauptgebäudes der Kolonie wohnen. Seit diese Fragen gelöst wurden, ist das Ansehen und der Wohlstand der Kolonie in stetem Aufschwung begriffen. Viele Schweden, darunter auch ich, haben im Laufe der Zeit die Kolonie besucht und sie dann mit Bewunderung und Interesse geschildert. Alle bezeugen den warmen christlichen Geist, die ungebrochene Einigkeit, das im Grunde tiefernste, aber doch so reiche und glückliche Zusammenleben. Und mich dünkt, die Konferenz dürfte es nicht unterlassen, hiervon eine Warnung mitzunehmen. Die Konferenz will christliche Gesetze im Verhältnis der Völker zueinander einführen. Die Konferenz soll das tun in der besonnenen Erwägung, daß die Staaten lebendige Wesen sind, deren Natur nicht geändert werden kann, und sie soll nicht unnötige Bande auferlegen, sondern einzig das, was erforderlich ist zur Aufrechterhaltung der Einigkeit und zur Schaffung von Sicherheit. Die Stifterin der Gemeinschaft starb vor zwei Jahren, einundachtzig Jahre alt, nachdem sie ihr ganzes Leben dafür eingesetzt hatte, sie zu leiten und ihr zu dienen. Sie wurde nie gewaltig und weltumspannend, wie die Gründerin vielleicht ursprünglich gehofft hatte, sie zählt nicht einmal hundert Mitglieder. Aber auf ihrem Totenbette konnte Anne Spafford sich sagen, daß die göttliche Stimme ihr den richtigen Weg gewiesen hatte. Die Einigkeit hatte ihr Leben gleich einer schützenden Mauer umschlossen. Sorgen waren nicht ausgeblieben; wurden sie aber von vielen treuen und teilnehmenden Herzen mitgetragen, verloren sie ihre Schärfe. Und die Macht, zu helfen, andrer Lasten zu erleichtern, war auf eine bewundernswerte Weise gesteigert worden. Sie konnte sich sagen, daß ihre Kolonie dem armen Jerusalem zum größten Segen gereicht hatte. Sie konnte denken an die jüdischen Flüchtlingsscharen, welche die Kolonie gerettet hatte, an in Not geratene Pilger, denen sie in Lebensgefahr beigesprungen war, an die fünfhundert Hungernden, die in der Notzeit täglich in der Kolonie gespeist worden waren. Es dünkte sie, daß die Menschen, die innerhalb der Kolonie erzogen worden warm, freimütig, reinherzig, heiter, mild, glücklich im Dienen waren. Sie konnte sich mit Freude sagen, daß die amerikanische Hilfe im Kriege zum großen Teil auf ihre Initiative zurückzuführen war. Sicher war sie weit davon entfernt, auf ihrem Sterbebette sich weltlicher Erfolge zu rühmen; aber sie dachte wohl doch daran, daß Gott auch durch so etwas zeigen wollte, daß Einigkeit des Menschenlebens Segen sei. Die Kolonie besaß nun einen großen Palast, vor dem Damaskustor gelegen, samt sechs kleineren Baulichkeiten. Sie besaß Dromedare und Pferde, Kühe und Ziegen, Wirtschaftsgebäude und Felder, Oliven- und Feigenbäume, Läden und Werkstätten. Palästinaphotographien aus ihrem Atelier verkaufte man über die ganze Welt hin, auch rüstete sie Karawanen aus, welche Reisende weit umher durch Palästina und Syrien führten. Ihre einstmals so verachtete Kolonie war ein Ruheplatz, ein Ort des Friedens in der heiligen Stadt geworden. Friedensgedanken gingen in der hoffnungslosen Dunkelheit von dort aus. Einigkeit ist möglich, Einigkeit läßt sich zwischen Menschen verschiedener Nationen erreichen, Einigkeit kann auch zwischen Ländern und Völkern walten. Aber liegt nicht in dem Gedeihen, welches dem geringen Vorgänger beschieden war, die schönste Prophezeiung für den mächtigen Nachfolger? Fühlt man nicht, wie Gott auf diese Weise seinen Segen verheißt der Arbeit für Einigkeit unter Menschen, Einigkeit zwischen Völkern? Will er uns nicht sagen, daß im Zeichen der Einigkeit die Menschheit eine schönere Entwicklung erreichen wird, daß in ihrem Zeichen der Wohlstand vermehrt, die Macht zu helfen und glücklich zu machen vermannigfaltigt, die Sorgen, die das Menschenleben bedrohen, auf vielfältige Weise verringert werden? Lasset uns hören! Lasset uns lauschen! Er, dessen Stimme durch des Weltkriegs Donnergrollen uns Einigkeit zurief, redet auch zu uns durch seiner geringen Dienerin demütige Schöpfung. »Einigkeit« ruft er uns zu, »Einigkeit« zwischen Reformiert und Lutherisch, Einigkeit zwischen Protestant und Grieche, zwischen Grieche und Katholik, Einigkeit zwischen Christen und Nichtchristen, Einigkeit, Einigkeit, Einigkeit zwischen allen Völkern der Erde!