Nerto Provençalische Erzählung von Frederi Mistral.   Deutsch von August Bertuch .     Straßburg Verlag von Karl J . Trübner . 1891.   Inhalt.   Prolog I.  Der Baron II.  Der Papst III.  Der König IV.  Der Löwe V.  Die Nonne VI.  Der Engel VII.  Der Teufel Epilog   Den neun Abschnitten des Gedichtes sind im Original die folgenden Widmungen vorangestellt:           Prolog: Der Frau des Dichters I.  Gesang:  Ihrer Majestät der Königin Elisabeth von Rumänien, Meisterin der Blumenspiele ( Mestresso en Jo Florau ). II. " Der Frau  Gräfin von Toulouse-Lautrec. III. " " Adrien Dumas in Nîmes. IV. " " Alphons Daudet in Paris V. " " Eugen Tavernier in Marseille VI. " " Gräfin Pauline von Gasparin. VII. " " Betty Dorieux in Nizza. Epilog: " Henri Saint-René Taillandier. Nerto. Prolog.                 »Lou Diable porto pèiro«. Lou Diable porto pèiro . Provençalisches Sprüchwort. Wörtlich: »Der Teufel trägt den Stein.« Dem Sinne nach entspricht es der Selbstbezeichnung des Goethe'schen Mephisto als eines Theils der Kraft »die stets das Böse will und stets das Gute schafft.« Lenau läßt den alten Satan den gleichen Gedanken mit den Worten ausdrücken: »Des Teufels Thun wird Gottesdienst am Ende«. – Der Böse wirft Steine in den Garten des Gerechten und dieser baut eine Kirche daraus. Der Dichter beginnt mit einer Anspielung auf den zeitlichen Abstand zwischen seinem berühmten Jugendwerke » Mirèio « und der vorliegenden poetischen Erzählung. – Frederi Mistral , der Sohn eines seßhaften Landwirthes, wurde am 8. September 1830 im Dörfchen Maiano bei Taraskon in der Provence geboren. Nach fleißigen Studien in Avignon und Aix kehrte er, 21 Jahre alt, im Besitze seiner Universitätsdiplome in sein Heimathsdorf zurück, mit dem klar erkannten, treulich gehaltenen und herrlich durchgeführten Vorhaben, inmitten ländlicher Verhältnisse seine Begabung ausschließlich der Pflege provençalischer Sprache und provençalischen Schriftthums zu widmen. 1859 erschien Mirèio , ländliches Epos in zwölf Gesängen (mit dessen Uebertragung in's Deutsche der Herausgeber beschäftigt ist). – Nerto kam ein volles Vierteljahrhundert später. Dazwischen liegen: Calendau , romantisch-historisches Epos in zwölf Gesängen, Lis Isclo d'Or (die goldenen Inseln), eine Auswahl von Liedern, Romanzen, Sonetten und Sirventen, zahlreiche kleinere Schriften, alljährliche Beiträge zu dem seit 1855 von dem provençalischen Dichterbunde der Feliber , dessen Haupt Mistral ist, herausgegebenen » Armana Prouvençau « (Provençalischer Almanach) und eine große historisch-dramatische Dichtung » La Rèino Jano « (die Königin Johanna). Nebenher lief die Anlage und Vollendung des 1886 vollständig erschienenen großen Provençalischen Wörterbuches » Lou Tresor dou Felibrige « (Thesaurus des Feliberthums) mit über 2400 dreispaltigen Groß-Quarto-Seiten. Dieser unerschöpflichen Fundgrube provençalischer Sprach-, Geschichts- und Landes-Kunde wurden die nachfolgenden Erläuterungen, soweit sie nicht schon dem provençalischen Original der Erzählung beigegeben sind, fast sämmtlich entnommen. Mistral ist an seinem Wörterbuch über dreißig Jahre lang, unablässig sammelnd und sichtend, thätig gewesen. Die Universität Bonn, seit Christian Friedrich Diez ein Vorort romanischen Sprachwissens, hat ihn dafür unlängst zum Ehrendoktor ernannt.   Die höchsten Gipfel frisch erklimmen, Wie schmal, wie steil der Weg auch sei, Barhaupt im Winde weithin jubeln, Die Brust geschwellt, die Arme frei: Im Morgenglanz solch frohe Reise Ist wie geweihten Brotes Speise. Doch wenn die Sonne heiß geschienen Und langsam schon gen Westen sinkt, Verkürzt der Wandrer seine Schritte Und minder laut sein Jauchzen klingt. Das ist die Zeit, da mit Behagen Man etwas singen mag und sagen. Drum wundert Euch, Ihr Freunde, nicht, Wenn ich, was wahr ist und erbaulich, Gemächlich Euch erzählen will In Versen, munter und vertraulich. Auf sonnbeglänzten Hirtenpfaden Der goldnen Au von Taraskon, Bei Mount-Majour Mount-Majour (lat. Mons Major ). Ehemalige Benediktiner-Abtei in der Nähe von Arles (spr. Arl). , dem alten Kloster, Im Felsenthal von Avignon Hab' ich in längst vergangner Zeit Erlauscht, was hier ich Euch berichte; Dies Frühjahr dacht' ich wieder dran Und wob es friedvoll zum Gedichte. Daß ich den Teufel einbezieh', Ist nicht um Schabernack zu treiben, Ich schrieb, was Leute mir erzählt, Die strengstens bei der Wahrheit bleiben. Vom Teufel heut zu Tage reden Kommt Jedermann befremdlich vor Und doch, wie manchen Teufelsläugner Hält Satan selbst ganz sacht am Ohr; Ja, in wie manchen Zweiflers Kragen Hat er den Haken längst geschlagen! Die klugen Leute merken's nicht, Und wenn man vom Gehörnten spricht, So hat man üblen Dank davon, Entrüstung, Mitleid oder Hohn. Und dann, was wird's den Schwarzen kümmern, Wenn Spott mit Nadeln nach ihm sticht; Verhindert das am Fallenstellen Vielleicht den alten Bösewicht? Im Gegentheil, er wird entzückt sein, Wenn man ihn läugnet, wenn bethört Der Mensch in seinem Freudentaumel Auf keine Warnungsstimme hört! Dann reißt der Leichtsinn ganze Rudel Von Sündern in den Höllenstrudel. Der Glaube führt allein zum Siege. Der Zweifel ist ein Trank, gebraut Die frommen Seelen zu vergiften Gleich wie den Bach das Bilsenkraut. Hat es zu wuchern erst begonnen, So stirbt die Fischbrut d'rin zu Hauf, Und hört das Volk erst auf zu glauben, Thun sich der Hölle Pforten auf. In ihrem heißen Kessel, ruft Ihr, Hat unsrer Tage Wissenschaft Den Bodensatz des Mittelalters Längst ausgelaugt, mit großer Kraft; Ihr sagt, daß sie mit ihrer Leuchte In alle Höhlen zündend, hell Des Teufels Nichtigkeit beweise . . . Ich bitt Euch, urtheilt nicht so schnell! Im Baum des Wissens, wohl verborgen, Geduldig lauernd, sitzt voll List Er, der seit Adam schon, bedenkt doch, Das Schulhaupt der Gelehrten ist. Die Steine aus dem Weg zu räumen, Auf dem die Menschheit leidvoll wankt, Das Brot nicht mehr so schwarz zu essen, Dem Elend, d'ran ein Jeder krankt, Nach Kräften zu begegnen trachten, Das ist gewiß nicht zu verachten. Allein, was hilfts? Mein Vorfahr sagt es, Der doch ein weiser König war: »So lang ich seh' wie die Geschöpfe, Selbständigen Bestimmens bar, Geboren werden, wachsen, altern Und dann in Schmerz und Tod vergehn, So lange wird mein irdisch Hoffen Auf höhere Befreiung stehn; Denn trauernd mußt' ich inne werden, Daß alles eitel ist auf Erden.« Was ist die Schöpfung? Eine Wette, Die unser Heiland einst gemacht Mit jenem Bösen, der die Sünde, Das Uebel in die Welt gebracht. Der Teufel ist ein schlauer Spieler, Ein frecher In-die-Karten-Schieler, Verliert er, spielt er ruhig weiter, Bis er das Blatt sich wenden sieht, So daß mit ihm, nur allzuhäufig Der liebe Gott den Kürzern zieht. Gleich in den ersten Schöpfungstagen, Begann, so melden alte Sagen, Mit Felsgestein das Meisterwerfen; Für den, dem dies unglaublich scheint Liegt, als Beweis, des Teufels Wurfstein Am Leberoun Leberoun (lat. Luerio, gen. onis ) ist der provençalische Name einer sich längs der Durance hinziehenden Bergkette im Departement Vaucluse. In der Nähe der Ortschaft Roubioun (lat. Robionum ) sind ihre Abhänge mit großen Felsstücken und vorgeschichtlichen Steindenkmälern bedeckt, im Volke »Li Palet dou Diable« – des Teufels Wurfspiel-Steine – genannt. Nach der Sage rühren sie von einer Wurfscheiben-Partie her, welche bei Erschaffung der Welt Gott mit dem Teufel gespielt haben soll. . Und wer da meint, Das Riesenspiel sei längst gewonnen, Irrt sehr. Es hat noch kaum begonnen. Der Teufel ist ein Frohgesell. Im Frühling, wenn die Heimchen geigen, Hat er die tollen Tänze gern, Die Blindekuh, den Ringelreigen; Das lustige Versteckenspielen, Wenn bessres man nicht haben kann, Der Dudelsack, die Trommelflöte, Das unterhält ihn, lockt ihn an; Klingt lustig Fiedel und Schalmei, So kriecht er horchend leis herbei. Der Teufel ist ein Lebemann: Er liebt das Schäkern und das Kosen, Die Maskeraden, das Gewühl, Den Duft der Myrthen und der Rosen; Er liebt die guten weichen Kissen Der ausgeschnittnen Kleider Pracht, Den Uebermuth der tollen Jugend, Die thöricht ernsten Sinn verlacht. Allein das Spiel, Ihr Herrn, das Spiel Ist ihm das Liebste doch von Allen, Durch das die Kühnsten, Stolzesten Kopfüber in die Flammen fallen. Das Spiel, das jeden Frevel zeugt, Den Bettel und die freche Schande, Das Spiel, von dem der Wucher lebt, Die Schelmen- und Schmarotzerbande, Das Spiel, das falsch und gottlos macht, Das alle Sitt' und Zucht vergiftet, Das Spiel, das in den Selbstmord jagt, Das Spiel, das Vatermord gestiftet Und auf zerstörtes Spielerheim Brennnessel sät und Distelkeim! Ich seh' im Geist, geliebte Leser, Wie Furcht aus Euren Zügen spricht; Nur Mut gefaßt: Das Ungeheuer Ist schlau, doch Meister wird es nicht, Und unter Gottes Banner streiten Hat Sieg gebracht zu allen Zeiten. Entsinnt Ihr Euch des Streiches noch, Den unsre Ahne oft erzählte? Als man zum Brückenbau des Gard Der Brückenbau des Gard (prov. » Lou Pont dou Gard « , lat. Pons Vardi ) heißt der den Fluß Gard oder Gardoun überbrückende Theil des 41 Kilometer langen römischen Aquäduktes, welcher ehemals die Quellen der Eure nach Nîmes führte. Das gewaltige Werk wird, gleich vielen andern römischen und frühchristlichen Colossalbauten, vom umwohnenden Landvolke dem Teufel zugeschrieben. Auf einer der Steinplatten der Brustwehr der Gard-Brücke findet sich das Bild eines Hasen ausgemeißelt, an welches die berichtete Sage anknüpft. , Den bösen Unternehmer wählte: Der baut; jedoch mit dem Bedinge, Daß, wer zuerst hinüber ginge, Auf ewig ihm verfallen sei. Um aus der Schlinge sich zu kaufen – Der Witz ist weit berühmt im Land – Ließ man ein Häslein drüber laufen. Der Teufel stand schon auf der Lauer, Und wie er auf die Beute schnellt, Sieht er – Ihr denkt Euch seinen Aerger – Daß ihn die Menschen schnöd geprellt. Er schlug das Thier zur Wand hinein, Man zeigt noch heut den Hasenstein. O der Verruchte! Nichts verblüfft ihn, Nichts schreckt ihn ab: Zu jeder Frist Das Böse thun ist seine Kurzweil, Wie Nagen die der Ratten ist. Er fährt den schweren Karren fest, Er sticht ins volle Wespennest, Er plagt das Roß, er äfft den Reiter, Streut Gift und Unkraut immerfort, Mit seinen höllischen Scharteken Verdunkelt er selbst Gottes Wort. Doch Gottes Sonne scheucht die Dünste, Zu Schanden werden Satans Künste. Was Lüge schien, der Duft der Sage, Tritt als die Wahrheit oft zu Tage. Trotz Zorn und Wüthen steht die Brücke Und Jedermann begeht sie gern; Der böse Geist trägt selbst die Steine Herbei zu manchem Bau des Herrn. Was hilft dem Teufel all sein Schelten, Für uns lenkt Gott der Sonne Lauf! Euch, Damen, soll mein Sträußlein gelten; Ich band es. Nehmt es huldvoll auf! I. Der Baron.               Kastell-Reinard Kastell-Reinard (prov. Castèu-R. , lat. Castrum-Rainardi ). Burgruine in der Gegend von Avignon, auf dem linken Ufer der Durance, nicht weit von der Einmündung dieser in die Rhone. reckt seine Thürme, Zwei Hörnern gleich, vom Berg empor. Doch längst schon liegt das Schloß in Trümmern, Nicht Zinnen ragen mehr, noch Thor; Wo eh'mals holde Frauen blühten, Blühen, lehrt jetzt der Lenz in's Land, Der Thymian, die Mauerkräuter Und Salbei an bemooster Wand; Auf den zerfallnen Mauerstücken Spielt Molch und Eidechs unbelauscht, Indessen in den Pinienwipfeln Die Windsbraut ihre Weisen rauscht. Mit seinen Thürmen trutzbereit Das Land beherrschend weit und breit, Im Wappen die drei Dolche führend, Das Schloß gar stolz und stattlich stand Zur Zeit, als noch die Päpste herrschten Im sonnigen Provencerland. Im Bette liegt der Herr des Schlosses, Der mächt'ge Pons Pons (lat. Pontius ) in der Provence als Taufname nicht selten. , in Schmerz und Pein, Am Bettrand sitzt, ihn treulich pflegend, Nerto Nerto . Der Selbstlauter o ist im Provençalischen Kennzeichen der weiblichen Endung, wie a im italienischen und spanischen und das stumme e im französischen. Nerto bedeutet »Myrthe« und ist ein in der Provence gebräuchlicher Frauenname. In den provençalischen Judenfamilien bedient man sich seiner für »Esther«. Im Hebräischen sollen Esther und Hadasa gleichbedeutend sein. Hadasa bezeichnet im Hebräischen »Myrthe«, wie Nerto im Provençalischen. , sein blondes Töchterlein. Von Zeit zu Zeit tönt durch die Höfe Ein Wiehern hell vom Burgstall her. Der Kranke öffnet matt die Augen: »Mein armer Robin!« seufzt er schwer, »Wohl darfst um Deinen Herrn Du klagen, Du wirst ihn wohl nicht wieder tragen!« Und er spricht wahr: Der Aerzte König, Der Jude Mardochai, der dort Auf seinem Maulthier heimwärts reitet, Sprach zum Gesind ein schlimmes Wort: Der Fall ist schwierig zu entscheiden; Er muß vielleicht noch lange leiden. Durch reichverzierte Zwillingsfenster Beleuchtet heitre Morgengluth Des hohen Saals geschmückte Decke Und den, der auf dem Lager ruht. Die Lichter glänzen auf den Wänden Von goldgepreßtem Korduan; Doch finster blickt der stolze Freiherr, Ihm bricht kein schöner Morgen an. Und plötzlich, barsch, mit heis'rer Stimme, Jagt er die Diener aus dem Saal, Zur Beichte treibt ihn vor der Tochter Des schuldigen Gewissens Qual. »Mein Kind,« spricht Pons, »bald wird dein Vater Vor seinem ew'gen Richter steh'n, Doch kann ich, eh' du mein Geheimniß Mit mir getheilt, nicht von Dir geh'n. O Christus, Herr, verläugne mich! Daß mich die tiefste Hölle quäle, Hab' mehr als Judas ich verdient, Verkaufend meines Blutes Seele! Ja, Mohamet, der Zwietrachtstifter, War kein so schlimmer Heilsvergifter; Ich selbst verwürfe Gottes Huld, So schwarz und schwer ist meine Schuld! Auf Sankt Eutrop sinds dreizehn Jahre, Daß Isnard, Graf von Mourmeiroun, Die Nachbarherrn geladen hatte Zu Waidmannspflicht und ernstem Thun: Zur Jagd auf Raimund de Tureno Raimund de Tureno mit dem Zunamen »die Geißel der Provence«, aus dem nachmals berühmten Geschlechte der Vicegrafen von Turenne (bei Limoges), war ein gefürchteter Parteigänger Karls von Duras (des Neffen und Gegners der Königin Johanna), als dessen Werkzeug er lange Zeit die Provence mit Krieg überzog. Er ertrank 1399 in der Rhone. (Vgl. III. Ges. Seite 65 ). Der seit vielen Jahren vom provençalischen Volk herbeigewünschte Tod dieses Raubritters ist zum Anlaß eines heute noch gangbaren Sprüchwortes geworden. Wenn eine Sache sich lange hinzieht und zu keinem Ende kommen kann, sagt man in der Provence: »Acò's la mort de Tureno« , das ist (wie) Turennes Tod. Und seiner wilden Wölfe Schar; Du weißt, daß er ein Straßenräuber Und schnöder Kirchenschänder war, Der über Schlösser und Gehöfte Mit Mord und Brand zu ziehen pflegt', Wie über neue Saatenfelder Der Eisenzahn des Rechens fegt. Im Thalesgrund und auf den Bergen Mit Schwert und Armbrust hatten wir Die Gegend gründlich rings gesäubert Von jenem frechen Raubgethier. Zu Bacalan, in seinem Schlößchen Bewirthet' uns neun Tage lang Isnard. Vom Morgen bis zum Mittag Der Hof von Waffenspiel erklang. Wenn wir genug gefochten hatten, Ging man zur Tafel wohlgemuth, In Strömen floß da in den Bechern Des duftenden Gewürzweins Gluth. Dann kam, nach reichlichem Gelage, Um der Zechinen gleißend Gold, Mit den drei Würfeln, auf den Fliesen, Das Spiel . . . Mir war das Glück nicht hold! Es ging mir schlimm und immer schlimmer, Ich kam mir wie verzaubert vor . . . Ich würfelte den ganzen Abend Auf Tod und Leben – und verlor, Verlor . . . und als das Spiel beendet, War auch mein letztes Stück verpfändet. Es war schon nah bei Mitternacht, Als ich mich heimwärts aufgemacht. Verzweifelt, Nebel vor den Augen, Mehr todt als lebend irrt' umher Und taumelt' ich in halbem Wahnsinn, Bald hier- bald dorthin, kreuz und quer. Es tost' im Hirn und in den Ohren: Mein Hab und Gut ist all' verloren! Mein Falk' verspielt und meine Pferde, Mein Prachtgewand aus rothem Sammt, Mein Oelgeländ' an der Durance Und meine Inseln insgesammt, Das Wäldchen dicht bei meinem Schlosse, Mein edles Wappen, dolchgeschmückt, Die Perlen Deiner todten Mutter, Mein ganzes Gut verspielt, zerstückt . . . Mein Taufkreuz, auf die Stirn geschrieben, Und meine Schande – die nur blieben. Und wie ein Schwarm von schwarzen Bremsen, Mit Summen und mit gift'gem Stich, Verfolgten in den tollsten Sätzen Die schrecklichen Gedanken mich: Geh', stürze dich vom Fels in's Wasser, Verschwinde, Lumpen-Edelmann! Die Schmach, der Hunger und der Bettel, Das ist's, was dein noch warten kann! . . . Jetzt sollt' ein Wandrer seines Weges Durch Zufall hier vorübergehn, Ein Kaufherr mit dem Gold im Gürtel! Wer würd' es wissen, wer es sehn? Ha! auf ihn stürzen würd'st du dich, Wie einen Hammel ihn erstechen! . . . Und deine Tochter? Denk' an sie! Nicht jetzt! Hier hat die Noth zu sprechen! Käm' Satan selbst mit Geld gelaufen, Ich würd ihm, traun, mein Kind verkaufen!« »Dein Kind verkaufen,« rief das Mädchen, »O Gott, mein Vater, kann das sein!« »Ja,« stöhnte Pons, »du magst mir fluchen, Denn kaum hatt' ich, in toller Pein, Das Wort verkaufen hingeworfen – Ich denke noch mit Schaudern dran – So hob, dicht neben mir, im Dunkeln Ein Knirschen und ein Krachen an. Ein Wolkenschatten lag verdüsternd Ringsum auf Haideland und Moor, Da, jäh' die Finsterniß erhellend, Tritt silberweiß der Mond hervor, Und vor mir seh' ich, in dem Zwielicht, Ein Rad, wie drohend, aufgereckt, So groß, daß es mit seinem Schatten Wohl hundert Ruthen Land bedeckt; Und bei dem Rade Einen stehn, Verdächtig, häßlich anzusehn, Mit Augen, glühend wie zwei Leuchten, Die Bein' gespreizt, den Leib geneigt Und mit der Hand die Welle treibend, Daß die Maschine ächzt und geigt. »So geht es, Freund! Wer spielt verliert! Dich haben sie ja hübsch geschoren, Doch für durchtriebene Burschen ist Mit Geldverlust noch nichts verloren.« Und also mir herüberrufend, Hantirt der spöttische Gesell An seinem Wäss'rungsrade Wässerungsräder (prov. pouso-raco ) dienten früher und dienen, so weit sie nicht durch Neueres ersetzt sind, noch jetzt in der Provence zur Berieselung der Felder. Es sind sehr große, roh gezimmerte, weithin sichtbare Holzräder, welche, in Thätigkeit gesetzt, ein unheimlich ächzendes Geräusch verursachen, etwa wie die hölzernen Pumpwerke der Gradirhäuser in Salinenorten. weiter Und treibt mit Macht und dreht es schnell . . . Da, alle Wetter! speit es plötzlich Ein sprühendes Gewoge aus, Zechinen, goldene Dublonen, Mit Klirren rollen sie heraus! Im Mondschein glitzert es zu Hauf . . . Mir wallt das Blut zum Herzen auf. »Du kannst jetzt bis zum Knöchel waten In Piastern und in Golddukaten: Ja, die Maschine! Sieh nur her,« Spricht Jener, »die müßt Ihr probiren, Wenn Ihr erst die erfunden habt, Könnt Ihr den lieben Gott barbiren! Nun wohl? Willst einen Pakt du schließen? Dies Alles, wie's hier ist, sei dein, In dreizehn Jahren komm' ich wieder Und fordre deine Tochter ein« . . . Ich streckt' ihm, ich, der zu dir redet, Die Hand entgegen, diese Hand, Und schlang um dich, so recht ein Schurke, Für Höllengeld das Höllenband! Der Satansspuk, den ich berichte, War plötzlich, blitzgeschwind, zu nichte. »Dir war nur die Vernunft verfinstert,« Wirst du mir sagen. – Doch das Gold, Das neugeprägt und hart und klingend Noch heiß durch meine Finger rollt? Ich seh' es doch und fühl' und wäg' es Und jetzt, in meiner blinden Wuth, Kehr' spornstreichs ich zum Spiel zurücke Im Schüttelfrost, in Fiebergluth. Hier! hier ist Geld! Wer hält das Spiel? Sind tausend Gulden euch zu viel? Und wieder geht der Würfelsatz Von Hand zu Hand in toller Runde, Und reicher als ein Mohrenfürst War ich vor Ablauf einer Stunde.« – Die goldgelockte Nerto aber Von Ohnmacht angewandelt, bleich In ihren Stuhl zurückgesunken, Sieht plötzlich einer Todten gleich. Ein Weilchen nur, die Augen schließend, Verharrt sie so in starrem Weh, Dann, als das Leben wiederkehret, Erhebt sie sich, so bleich wie Schnee. Mit einem schrillen Schrei zerreißt sie Ihr Kleid, mit ihren Nägeln rauft Sie wild ihr blondes Haar und jammert: »Dem Beelzebub bin ich verkauft! O Fluch! Entsetzliches Geschick! Was soll ich thun, wohin mich wenden? O Gott, wohin verberg' ich mich? Schon fühl' ich, wie mit Eiseshänden Er nach mir greift, er mich erreicht, Der Böse, der im Finstern schleicht! O schöne Mädchenunschuld fliehe, O weiche, stilles Glück, von mir! Mein böser Vater überläßt mich Des höllischen Versuchers Gier! Kein Himmelslicht soll ich mehr schauen, Ich soll mich fürder nicht erbauen Mit brünstigem Gebet zum Herrn In meiner traulichen Kapelle, Wo in den Fenstern lächelnd stehn Die Heiligen in Glorienhelle! Mich greift, mich stürzt des Bösen Macht Vom Mittag in die tiefste Nacht . . . O heil'ge Martha, Gottgesandte, Du, der Provence Schutz und Schirm, Die einst im Taraskoner Lande Besiegt das giftige Gewürm! O hilf mir du aus meiner Noth, Schon glaub' den Sturmwind ich zu spüren, Schon hat sein Wirbel mich erfaßt Mich in die Hölle zu entführen! O heil'ge Jungfrau, unser Hort, Du Reine, laß zu dir mich beten, Du kannst, woferne du nur willst, Den Satanas mit Füßen treten! Maria, komm zu Hülfe, komm, Du kannst allein noch mich befreien, In deine Arme werf' ich mich, Dir will ich ganz mein Leben weihen . . . Ist's möglich denn, daß man mich schnöd Dem Höllischen verkauft zur Ehe? Ich bin getauft! Ich will es nicht! O Vater, du betrügst mich. Wehe!« Und, Funken aus den Augen sprüh'nd, Die Locken wirr herabgefallen, Läßt Nerto, völlig fassungslos, Den Saal von Schluchzen widerhallen. Die Arme! Sonst so hold und fröhlich, Die Königin der ganzen Flur! Von wem sprach ringsumher das Landvolk? Von seiner jungen Herrin nur. Sie war so gütig! Oftmals trat sie In seine Hütten traulich ein: »Grüß Gott, Misé Misé , eigentlich Fräulein, war bis zur Revolution die Anrede für die Frauen der untern und mittlern, Dono für diejenigen der höhern Stände. – Babèu =Elisabeth, Jano =Johanna, Noro =Eleonore, Nanoun , Diminutiv von Anna, s. v. w. Aennchen, Martounet , Doppel-Diminutiv von Martha, s. v. w. ganz kleine Martha, Miquelasso ( S. 36 ) Augmentativ von Michaele, s. v. w. große, dicke M., Fabresso ( S. 82 ) von Fabre, Schmied, s. v. w. die Frau (oder Tochter) des Schmiedes. Babèu, was treibt Ihr? Wie spinnt den Faden Ihr so fein! Frau Jano, seid Ihr schon vergeben? Zur Wäsche brauch' ich Euren Fleiß . . . Hast Du, Nanoun, dies Brod geknetet? Wie schön gebacken und wie weiß! Und Martounet? Wann ist die Firmlung? Für die, Frau Noro, seid nicht bang, Ich nehme sie zu mir als Zofe.« So schritt sie gern das Dorf entlang, Derweilen ihre weiße Hand Ein Geldstück stets im Täschlein fand. »Der Vater ist ein alter Währwolf, Der streut nur Püffe um sich her . . . Doch über unser blondes Fräulein Geht, rief man, auf der Welt nichts mehr!« Im ganzen Land, man muß gestehn, Ward keine Schön're je gesehn; Und Farandole Farandole, (prov. Farandoulo ) provençalischer Tanz. Die Tänzer halten einander an den Händen; ein Vortänzer führt die Reihe an, die sich in allerhand Ringen und Figuren windet. Trommelflöte und Tamburin begleiten den Reigen mit einem Allegro in /  Takt. Die Farandole wurde ursprünglich nur von Männern getanzt. Erst in der Neuzeit ist die bunte Reihe üblich geworden. kreisend war Die junge Mannschaft aus dem Flecken Schon schaarenweis' herbeigetanzt, Den Maienstrauß ihr aufzustecken. Doch Keiner kam noch ihr zu deuten, Was jene Blümlein wohl bedeuten. Nach ihrem Thürmchen schauend stand Gar mancher schmucke, junge Bauer Vom Segounau zum Mount-Ventour Vom Segounau zum Mount-Ventour . Segounau heißt das eingedeichte Ufergebiet längs der Rhone, unterhalb Avignon. – Mount-Ventour (lat. Mons Venturius ), 1960 Meter hoher Berg, nördlich von Avignon, zwischen der Provence und dem Dauphiné. Sein Gipfel ist während der Hälfte des Jahres mit Schnee bedeckt. Schon früh am Morgen auf der Lauer. Es wendet unbewußt zur Sonne Sich Alles, was auf Erden lebt, Und still erfreut blickt jedes Auge, Wenn sich der Mond im Osten hebt. Der Tuberosen-Knospe Duft Erfüllt die Sinne mit Entzücken; Doch öffnet sie zur Blume sich, So wagt es Keiner, sie zu pflücken. Auf ihres Thurmes hohem Söller Pflegt Nerto Abends oft zu stehn, Um dort die frische Luft zu trinken Und sich zur Kurzweil umzusehn. Sie singt ein Liedchen froh hinaus, Es dringt bis an der Thürme Spitzen Und zu den Schwalben, die ringsum Still auf den Wetterfahnen sitzen. Sie war dahin, die Zeit der Wonne, Die lieberfüllte, tapfre Zeit, Als noch von Schloß zu Schlosse zogen Die Troubadoure, sangbereit, Bewährt im Verstournier! Man hörte Nicht mehr der Laute süß Getön Bei Mondschein durch die Nacht erklingen. Stumm war das Land und auf den Höh'n, Der Edelfrauen stolzen Sitzen, Lag Trauer, einer Wolke gleich: Verschwunden all' die edlen Sänger, In Nacht versenkt ihr heitres Reich. » Sie war dahin die Zeit der Wonne « \&c. Im Albigenser-Kriege (1209–1229) hatten die provençalischen Troubadours, theils als überzeugte Gegner, viele aber auch nur aus rein landsmännischem Mitgefühl und ohne Rücksicht auf Glaubensfragen, mit Leier und Schwert die Sache der Unterdrückten gegen die französischen Kreuzzügler verfochten. Die Folgen ließen nach dem Siege der Letzteren nicht lange auf sich warten und waren tödtlich für die provençalische Poesie. Die Einleitung der Inquisition gegen die der Ketzerei Verdächtigen, die Errichtung einer französischen Universität in Toulouse, die Verbannung des Provençalischen aus sämmtlichen Universitäten Frankreichs, die Zerstörung romanisch geschriebener Bücher und ähnliche Maßnahmen räumten schnell mit der Pflege einer Sprache auf, welche bis dahin, neben der lateinischen, Gemeingut der Gebildeten in ganz Europa und, ihrer hohen Anmuth wegen, der Liebling aller kunstsinnigen Fürstenhöfe gewesen war. Mit ihrer Muhme, Frau Sibylle, Hat Nerto einsam und in Stille Von Kind auf in der Burg gewohnt, Die trotzig auf dem Felsen thront. Ein schönes Buch mit Andacht lesen Ist ihre größte Lust gewesen. Zu allem Guten, allem Schönen Hob Nerto's junges Herz empor Die würd'ge alte Edeldame Und aus dem Breviari d'Amor Breviari d'Amor . Titel einer in der Bibliothek von Béziers aufbewahrten romanischen Dichtung des Troubadours Matfred Ermengaut, eine Art Encyklopädie des dreizehnten Jahrhunderts. Mußt' ihr an allen Gottestagen Die Nichte frei ein Stücklein sagen. O schönes Buch! Es war darinnen In Versen zierlich hergenannt, Was da von Thieren, Fischen, Vögeln, Auf Erden irgendwie bekannt. Die wunderbare Form und Farbe, Die man an Stein und Pflanze sieht, Der grüne Saphir, der Magnetstein, Der aus der Hand das Eisen zieht. Des Meeres Winde alle acht, Die kriegverkündenden Kometen, Die Zeichen des Zodiakus, Milchstraße, Fixstern und Planeten, Der Nymphen und Sirenen Schaar, Und dann die Satzungen der Lehre, Der Menschheit schönes Elternpaar, Der gut' und bösen Engel Heere, Des Segens und des Zornes Schalen, Des Himmels Lust, der Hölle Qualen; Zum Schluß empfahl der Liebesbaum Den Fräulein, als des Glückes Stufen, Frohsinn und kluge Höflichkeit, Wenn einst zur Minne sie berufen. Illuminirt mit Blau und Gold, Trug Blumen und Gezweig in Menge Das Pergament. Für Nerto war's Ergötzlich wie ein Schaugepränge; Und wenn das Bildniß eines Mägdleins Sich auf dem Blatt dem Blicke bot, Schlank, blond, mit etwas bleichen Wangen, Die Augen blau, die Lippen roth, Ein Zweiglein von Jasminen haltend » Ein Zweiglein von Jasminen haltend « \&c. In einigen romanischen Gegenden pflegen die ländlichen Bräute am Hochzeitstage sich mit Jasmin zu schmücken. Und Verse, die darunter stehn: »Nicht war, die gleicht mir ganz, Frau Muhme, Wollt Ihr nicht auch das Bildchen sehn?« Und halb im Schlaf, Dono Sibilo Antwortet ihr, das Haupt geneigt: »Die wird man stets am Meisten suchen, Die sich am Wenigsten gezeigt; Das will das Zweiglein dort besagen.« – Und schlummert weiter mit Behagen. Pons, der Baron, war stets im Krieg, In seinem Bette schlief er selten; Heut war er hier und morgen dort, An Beiwachtfeuern und in Zelten. Aus der Provence in die Limagna Aus der Gascogne in die Romagna, Bald auf den Bergen von Kastilien, Bald auf dem Meer, bald in Sicilien. Gab irgendwo es Degenstöße, Ein Morden, eine Rauferei, Ein Schlachtgewühl, ein Handgemenge, So war Sire Pons gewiß dabei; Und, auf den Ruf des Todes horchend, In seiner Reue bittrer Qual, Stürzt' in das dichteste Getümmel Er sich kopfüber jedesmal. Den Mantel trotzig umgeschlagen, Weit hinter sich der Diener Troß, Ritt er, nach Hause kehrend, finster Zur Dämmerstunde in sein Schloß; Und eh' im Stall der Reitknecht ihm Des Pferdes Zügel abgenommen, War Nerto schon herbeigeeilt Und hieß voll Freuden ihn willkommen. Er aber wendete sich ab Sie von sich drängend, schmerzbefangen, Und aus den Augen rannen leis Zwei Thränen auf die hagern Wangen. »Er weint um seine todte Frau, Sieht er das Kind« – sagten die Leute; Sie wußten nicht, welch herbem Weh Der wilde, harte Mann zur Beute, Der hinter herrische Befehle Den tiefen Kummer barg der Seele. Fünf böse Tage oder sechs Lärmt' er umher in seinem Schlosse, Dann brach er ungeduldig auf Und ritt davon ans stolzem Rosse. Nerto fragt' oft: »Soll denn auf Erden, Mein Vater, niemals Friede werden?« »Es treibe still sein friedlich Handwerk,« Erwidert' er, »der Bürgersmann, Dem Edlen aber ziemt's zu fechten, So lang ein Schwert er schwingen kann.« Indessen, Alles nimmt ein Ende, Und eines Tages brachten sie Ihn aus der Gegend von Grenoble, So schwer verwundet wie noch nie . . . Und Ritter Pons, untrüglich fühlend, Daß sein Verhängniß ihn ereilt, Hat vor Beginn der großen Reise Der Tochter Alles mitgetheilt. »Mein Kind! In diesem schweren Unglück Bleibt eine Hoffnung mir allein,« Begann der Sünder jetzt von Neuem, »Dort könnte wohl noch Rettung sein. Ich weiß ja wohl, für mein Verbrechen Gibt's nichts als ew'gen Höllenbrand Und keine Aussicht auf Vergebung . . . Doch Du, unschuldig Unterpfand Des fluchbeladnen Höllenpaktes, Daß Du jetzt sollst verfangen sein In meines Schicksals grause Nöthe, Ist bittrer mir als Todespein! Geh' Du zum Papst: Der heil'ge Vater Ist's, der die Sünder ledig spricht; Er hält des Himmels goldne Schlüssel, Auf ihm weilt Gottes Angesicht . . . Zwar, durch so viel des scharfen Pulvers Als dort jetzt knallt, wird's schwierig sein Nach Avignon hineinzukommen; Ein schweres Stück, ich sag' nicht nein, Bis zu dem Papst in seinen Thurm Und zu dem Felsen zu gelangen, Daran die Kirche, schwerbedrängt, Jetzt ihre Leuchte aufgehangen: Denn sieh, es wird des Papstes Sitz Durch Boucicauts Bouciaut , Marschall von Frankreich unter Karl VI., berühmter Kriegsmann, geb. zu Tours 1364, starb in England 1421. verwegne Banden, Vom Limousin, von rechts der Loire Gesandt, in dichtem Ring umstanden Und Benedict der Dreizehnte, Statt, nach dem Wort, den Feind zu segnen, Läßt Steine, Pfeil und Wurfgeschoß Auf der Soldaten Köpfe regnen. Und gegen Feuer, gegen Sappe Wehrt tapfer sich der alte Mann! Ich hätte für ihn fechten sollen . . . Gott sei's geklagt, daß ich nicht kann! Doch höre: Einen Weg noch gibt es, Den Niemand ahnt. Es führt ein Gang Aus unserm Schlosse, unterirdisch, Ein Schlupfloch, schmal und meilenlang, Das unter der Dürance durchläuft Und drüben steigt's an's Tageslicht Im Avignon'schen Vaticane . . . Dies ist das Heil! Vergiß es nicht. Papst Clemens und Frau Jano haben Papst Clemens (VI., Hugo Roger von Canillac) 1342–52. Dono Jano oder »la Rèino Jano« , Königin von Neapel, Gräfin der Provence, 1325–1382, Beschützerin Petrarcas und Boccaccios, berühmt durch ihre Schönheit und durch ihre Schicksale. In Neapel, in Avignon, in Vilo-Novo bei Avignon, in Grasse und in mehreren andern Orten der Provence zeigt man noch »lou palais de la Rèino Jano« . , Als dieser noch das Schloß gehört', Vor fünfzig Jahren, im Geheimen Den Gang gebaut, daß ungestört Der Papst, müßt' er im Kriegsfall fliehen, Dortaus von dannen könne ziehen. Dann hat die Königin Johanna Uns das Geheimniß offenbart, Und seitdem blieb des Ganges Schlüssel Bei unserm Hause gut bewahrt. Wohl möglich, daß Papst Benedict, Seit fast fünf Jahren nun inmitten Von Streit und Kampf und Schlachtenlärm Und von der Welt ganz abgeschnitten, Deß müde sei und nicht vermuthend, Daß ihm zu Füßen Rettung winkt, Dispens vom Fegefeuer gäbe Für den, der ihm die Freiheit bringt. Dorthin, mein Kind, mußt Du jetzt gehn Und um Dich besser zu beschützen Nimm Diano, unser Windspiel, mit, Es kann Dir gleich als Vorhut nützen. Bist eine Stunde Du gewandert Und ist der Gang nicht überschwemmt, Wirst Du ein furchtbar Donnern hören, Doch schreite weiter, ungehemmt. Wie es auch über Dir erdröhne Und wie es poltert, wie es stiebt: Es sind die Kiesel der Dürance, Die dort der Strom im Wirbel schiebt. Beiläufig nach zwei Stunden Gehens Merktst Du, daß sich der Boden hebt, Und endlich siehst Du, daß ein Lichtschein Matt vor Dir in dem Stollen schwebt; Bis dann der helle Tag Dir zeigt, Wo man dem finstern Schacht entsteigt. Zum Papste sprich, er solle fliehn Und sich als Zufluchtsstätte wählen Kastell-Reinard: Er dürfe dreist Auf seine Provençalen zählen; Sie werden seine Wache bilden Und frei wird er der ganzen Welt Das Buch der Kirche lesen dürfen, Wie seiner Weisheit es gefällt. Nun mach' Dich auf nach Avignon, Laß', meine Tochter, Dich ermahnen: Sei uns'res Namens eingedenk Und würdig Deiner tapfren Ahnen! Das Ungewitter zu beschwören, Bleibt nur noch eine kurze Frist, Weil von den bösen dreizehn Jahren Das letzte bald verflossen ist.« Aufschluchzend hält der Alte inne Und hastig aus dem Zimmer stürzt Nerto, das Haupt in beiden Händen. Dono Sibilo, tief bestürzt Und trauernd, ist umsonst beflissen, Was denn geschehn? von ihr zu wissen. Ihr Pelzgewand, das reich besetzt Mit Lammflaum war, heischt Nerto jetzt. »Hinauf! Steigt Alle auf die Zinnen, Betet!« so ruft sie wie von Sinnen, »Betet für mich!« Und zu dem Thurme Fliegt sie, wo säuberlich in Reih'n An einem Brett die Schlüssel hängen Und greift voll Ungeduld hinein. Den Schlüssel mit dem Papsteswappen Löst aus der Menge sie heraus, Dann huscht sie, bleich, mit leichten Schritten Durch's weite Schloß, thürein, thüraus. Und mit dem Windspiel, das die Frauen, Wie sie befohlen, ihr gebracht, Verschwindet durch die Wendeltreppe Sie in der Burgverließe Nacht; Des unterird'schen Pförtchens Riegel Schiebt sie zurück mit fester Hand; Es glänzt der Schein der Blendlaterne Im Dunkeln auf der feuchten Wand. Und vorwärts auf der finstern Bahn Eilt sie . . Das Windspiel ihr voran. II. Der Papst.                     Das Papstthum hatte Rom verlassen Seit über siebzig Jahren schon Und Avignon war auserkoren Zum Fußgestell für Christi Thron. Die Stadt war rasch emporgediehen, Als sie sich Vorort werden sah Der Welt und ihres Priesterkönigs. Es kam herbei von fern und nah, Was Jesu Christo angehörte, Zu seines Stellvertreters Dom Und ihm zu Füßen liegend tranken Die Völker aus dem Rhonestrom. Am Sorgo-Ufer Die Sorgo (lat. Sulga ), Nebenfluß der Rhone, bei Avignon in diese einmündend. , wo vor Zeiten Noch nichts zu sehn als Weizenfeld, War von den höchsten Kirchenfürsten Manch prunkender Palast erstellt. Der Adel und die Bürgerschaft Erbauten zahlreich stolze Sitze Mit Erker, Sims- und Traufsteinzier Und bildgeschmückter Gibelspitze. Der Kirchen und der Andachtsstätten Mit Heiligen aus Erz und Stein, Der Baptisterien und Kapellen Gab es bei tausend, groß und klein. Von hunderten von Thürmen summte Froh drüber hin der Glocken Tanz; Nachts strahlten an den Häuserecken Madonnenbilder Kerzenglanz. In Allem aber ohne Gleichen Ragte der stolze Papst-Palast. Auf seinem steilen Felsen thronend Berührte er die Wolken fast; Bis in den Himmel recken sich Aus der Gewölbe Riesenrücken Die Thürme, sieben an der Zahl, Aus ungeheuren Quaderstücken. Von seiner Höhe stolz beherrschend Ringsum das weite, schöne Land Beschaute sich der Bau im Flusse, Der dort sich ihm zu Füßen wand. Raubvögel nisteten an First Und Dach in krächzendem Gedränge Und Schwalbenpaare ohne Zahl Umzwitscherten die Zinnengänge. Tief unter sich der Rhone Wogen Verband mit weiten, kühnen Bogen Ein Brückenbau, dem keiner gleich, Provençerland und Frankenreich. Zu Schutz nur, Trutz mit Mauerkrönung Und neuen Wällen wohl versehn, Konnte die Stadt, voll tapfern Volkes, Getrost den stärksten Feind bestehn Und sprechend: Unguibus et rostro Sich brüsten, stolz vor aller Welt, Mit ihrem Adler, der im Wappen Die Schlüssel in den Krallen hält. Hier schacherten die Levantiner, Die Kardinäle ritten hier Im Purpurkleid; die Pilger zogen Mit Wanderstab und Muschelzier Laut singend durch die breiten Straßen; Dirnen und Gaukler waren da Und Mönche, schwarz und weiß, in Menge Und Excommnnicirte sah Man, um das Himmelreich zu erben, Sich wild die Haut mit Fäusten gerben; Dazwischen rauften sich beim Wein Des Kriegs- und Schiffsvolks rohe Horden; Es war ein Lärm, ein Sprachgewirr, Wie nie zuvor vernommen worden. Von Rhodus eine Ritterschaar, In Panzerhemd und Festtalar, Mit weißgesticktem Kreuz darauf, Stieg die Calado Die Calado , Straße in Avignon. Der Name bedeutet »die Gepflasterte«. Calado kommt von cala, hinablassen, hinabsteigen. Im Mittelalter pflegte man vorzugsweise die abschüssigen Straßen zu pflastern. stolz hinauf. Dort wird von Farandole-Tänzern Ein armer Ablaßpredikant Zum Dank für seinen frommen Eifer In tollem Jubel umgerannt. Büßer in Säcken sieht man da Und Geißler unter lauten Klagen, Mit hänfnen Stricken, roh geknüpft, Sich Brust und Rücken blutig schlagen: »Ha! gierig Fleisch, ha, schnödes Fleisch! Dir wollen wir die Lust verderben!« Und Streiche fallen hageldicht, Die braun und blau die Weichen färben. Dort gehn Doctoren auf und ab, Erörternd hochgelahrte Fehden, Dort Italiener, die erhitzt Vom Volkstribun Rienzi Rienzi war von 1347–1353 in Avignon internirt gewesen. reden. Vor schöner Damen Fenster stehn Zur Abendzeit, in schmucken Schaaren, Mit Zither und mit Lautenspiel, Die jungen fröhlichen Scholaren Und recitiren jene Verse Mit welchen, Liebe ganz und Lob, Petrarca zu den Sternen seine Avignoneserin erhob . . . »Sieh da! Die spanische Gesandtschaft!« »Platz! Platz! Wo der Herr Stadtvogt geht, Von seiner Häscherschaar begleitet!« »Dort kommen seiner Majestät Des Ungarkönigs Abgesandte!« »Es lebe die Prinzeß Marie!« »Hoch Benedict, dem heil'gen Vater!« »Nein, solchen Durst hatt' ich noch nie!« »Gott grüß' Euch, Dono Miquelasso!« »Ach, Herr Euseb, wie bin ich matt! Reicht mir den Fächer . . . ach, wie wahr ist's, Daß man's daheim am Besten hat!« »Wer kauft Orangen von Majorca!« »Melonen, schnittweis' oder ganz!« »O weh! mir ward mein Roß gestohlen!« »Und ich verlor den Rosenkranz!« Kurz, rings Geschrei und Lärm und Treiben, Kaum weiß man, wo die Sinne bleiben. Dort sieht man einen armen Juden Erschreckt vor einer Meute fliehn . . . »Der Lump, der Gelbhut! Schlagt ihn nieder! Stoßt in die Judengasse ihn!« Und fünfzig Kinder hinterdrein Mit Pfeifen, mit Geschrei und Tosen; Ein Schweinsohr formt ein kleiner Fant Aus einem Zipfel seiner Hosen. Und jauchzend brüllt der Schwarm im Chor: »Sieh, dies ist Deines Vaters Ohr!« Hoch über all' dem Menschentreiben, Die Gipfel peitschend und das Land, Erdröhnt die fürchterliche Windsbraut, Mistràl Mistràl , auch Mistrau (ital. Maestrale, d. h. der Haupt- oder Meister-Wind) nennt der Provençale und der Schiffer im nördlichen Theile des mittelländischen Meeres den im untern Rhonethal besonders häufigen und heftigen Nord-West-Sturm. wird sie vom Volk genannt. Wenn sie aus hohen Bergesschluchten Herab in wucht'gen Stößen saust Und in den bleiern fahlen Lüften Mit ihren wilden Wirbeln haust, Dann ist's, als wolle Gott der Herr Den Sturmwind um die Erde jagen, Um über alle Christenheit Des Papstes Segen hinzutragen. Allein, nichts bleibt in dieser Welt, Jedwede Woge steigt und fällt. Die Zeit der prächt'gen Siegeszüge Der Kirche, ach! war längst schon um, Der alte Satan hatte listig Im heiligen Kollegium Zwietracht gestreut und in Verwirrung Verwandelt' er die alte Kraft, Zerrissen war was Eins gewesen, Zerbrochen schien der Kirche Schaft: Dem Papst erwuchs ein Gegenpapst. Von Avignon bis Barcelona Ertönten Glocken und Gebet Beharrlich nur für Pier de Luna Peter von Luna (Benedict XIII.) aus Huesca in Aragonien, war 1394, zur Zeit der großen abendländischen Schisma, in Avignon gegen Bonifaz IX. (Tomacelli, 1389–1404) zum Papste gewählt worden. Er starb in Spanien 1424. . Engländer, Deutsche und Franzosen Hielten zu Petri altem Dom Und als der wahre Oberpriester Galt ihnen Bonifaz zu Rom; Doch Catalonien und Provence Wollten den Papst an der Dürance. Der Condottiere Boucicaut, Bei Karl dem Sechsten hoch in Ehren, Stand vor den Wällen Avignons Mit seinen wilden Söldnerheeren. Den alten Trotzkopf zu bezwingen, Der drinnen Papst und König ist Verschwendet er in harten Kämpfen Vergebens Tapferkeit und List. Der Donner seiner Kriegsmaschinen Erschüttert, seit fünf Jahren bald, Des Papstpalastes Riesenpfeiler. Des Feuers und des Schwerts Gewalt, Feldschlangen, Büchsen und Kanonen Und was man je erfunden hat, Den Feind zu sprengen und zu brechen, Bedrängten scharf des Papstes Stadt. Den Kugeln und dem Grabscheit trotzend, In seinem stolzen Adlernest, Von Donner und von Blitz umgeben Bleibt Benedictus felsenfest. Und vom Olymp, auf dem er thront, Entsendet ohne Wahl und Weile, Gleich dem erzürnten Jupiter, Der Alte seine Donnerkeile; Er schleudert Eisen, Blei und Stein In das Belagrungsheer hinein. Aragonesen, Catalonier, Die Tag und Nacht in Eisen gehn Und stolz den Kappenmantel tragen, Sind es, die treu zum Papste stehn; Von ihnen ist die Festung voll, Von ihnen wimmelt's in den Gassen, Sie wollen, bis zum letzten Mann, Für ihren Papst sich töten lassen. Der weise Fürst von Pampeluna Hat seinem Vetter, Pier de Luna, Sie zugeführt vor Jahr und Tag, Als er, zur See und auf der Rhone, In prächtigem Galeerenzug Mit Huldigung von Spaniens Krone, Wie Melchior einst und Balthasar, Zu Benedict gekommen war. Da gab es Feste Tag und Nacht, Um Martin's Martin , König von Aragonien, kam 1396 zum Besuche Benedicts XIII. nach Avignon. Majestät zu ehren! Vor seinem ganzen Hofgesind Des Spanierkönigs Glanz zu mehren, War, als der Christen höchster Orden, Die goldne Rose ihm geworden. Und: »Hoch dem Bannerherrn des Papstes, Dem Wächter an des Oelbergs Thor!« Und: »Hoch dem Papst!« und: »Hoch der Kirche!« Erscholl es durch die Stadt im Chor. Doch heut' ist ein Gefangner nur Der Papst und schlimm tönt Kund' auf Kunde. Der Hunger klimmt am Schloß empor, Der Hunger, mit dem Feind im Bunde. Der Krieger Sehnen schneidet er Entzwei, daß schlaff die Arme hangen. Die Tapfern werden dürr wie Kork, Indeß nach Speis' und Trank sie bangen. Wenn hoch auf Zinnen und Bastei Sie ihre Wurfgeschütze laden, Sehn sie die Rhoneschiffe ziehn, Mit Korn und Fässern reich beladen. Auf dem Gewölb der hohen Säle Hob sich, als hing' er in der Luft, Ein wundervoller Oelbaumgarten In mattem, silbergrauem Duft . . . Ach! In der Noth des heil'gen Vaters, Vom Frost getrieben, hat man jetzt An jenen Wald mit seinen Früchten Die mörderische Axt gesetzt. Das Winterholz war längst zur Neige, Nun brannte man die grünen Zweige. Der Papst ist sinnend, ernst und bleich. Die Kardinäle, bis auf zwei, Die alt und schwach, sind abgefallen; Man denkt, es sei mit ihm vorbei. Doch aufrecht steht in seiner Arche Der unverzagte Patriarche, Durchsteuernd, mit erhobnem Muth Des großen Schisma Zornesfluth; Und wenn Monarchen und Conclave Ihn reißen wollen aus dem Boot, Antwortet er: »Spart Euch die Mühe, Mich zwingt kein Schwert und keine Noth: Papst bin ich, Ihr sollt mich nicht erben Und nur als Papst will ich einst sterben.« Die schlanke Nerto ist indessen Dem Thurm entschlüpft . . . »Allarm! Habt Acht!« So gellt es durch des Schlosses Hallen. Wie wenn ein Geist um Mitternacht Erschienen wäre in den Gängen, So gab's ein Rufen, Fragen, Drängen. Aragonesen schaarten sich Und Catalonier, in Erregung Um Nerto, die jetzt zaudernd steht, Derweil, in tänzelnder Bewegung, Das Windspiel, seiner Freiheit froh, Vom Sonnenlichte wie geblendet, Die Schnauze schmeichelnd aufgereckt, Von einem sich zum Andern wendet. Das Fräulein aber faßt sich schnell Und spricht zu einem der Trabanten: »Vor Allem jetzt, ich bitte Euch, Führt mich zu Eurem Kommandanten!« Im rothverbrämten Reitermantel Mit goldner Stickerei darauf Stand grüßend vor der Edeldame Der Schloßhauptmann verbindlich auf. Rodrigo hieß er, Graf von Luna, Ein junger Schoß aus edlem Holz; Er war des alten Papstes Neffe, Kühn, lebhaft, ungestüm und stolz. Sein Schwert, so ging von ihm die Rede, Sei mit der Scheide stets in Fehde: Ein mächtig Haupt mit langen Locken Und Augen, Feuerbränden gleich, Schnurrbart und dichtes krauses Bärtchen Wie Maulwurfsfell so schwarz und weich . . . Und wehe, wer den jungen Leuen Gereizt: Er ließ es ihn bereuen. Zuweilen, in der Dämmerung, In Avignon, auf Abenteuer Zog er mit Gleichgesinnten aus, Nach Vierteln, wo es nicht geheuer. Bald stieg man über Gitter ein, Bald lockt' man durch verliebt Getöne: »Dem Schäfer, dem das Herze pocht, O komm zu öffnen, komm' doch, Schöne!« Und dann ein Höllenlärm, ein Tosen, Man prügelt Wächter und Profosen; Doch auch weit Schlimmeres als dies, Verbrechen, toll und ungeheuer, Raunt man vom Neffen Benedicts, Und Rauch, so sagt man, kündet Feuer. Nun fragt Euch, ob ein junges Blut Bei solchem Herrn in bester Hut. »Zu Eurem Dienst, mein schönes Fräulein,« Begann er, »flög' ich meilenweit, Befehlet nur, was Ihr auch wünschet, Ich bin zu jedem Thun bereit.« »Ich wünsche,« sagt die holde Nerto, »Ich wünschte sehr den Papst zu sehn.« »Die Thüren alle des Palastes Für Euch, mein Fräulein, offen stehn.« – Und wie der Vogel, der die Aehre Erblickt, nimmt Meister Roderich Die zarten Finger ihr zum Kusse Und ritterlich verbeugt er sich. Den Arm ihr reichend, führt er sie Hinaus durch Treppen, Fluren, Gänge, Durch Thore, über Schanzen hin, Durch Labyrinthe, krumm und enge, Wo spärlich nur des Tages Blicke Einfallen durch die Mauerdicke. Treppauf, treppab läßt er sie steigen, Des Wegs will sich kein Ende zeigen. Des prunkgewohnten Papstthums Schätze Sehn sie, geschichtet sonder Wahl, Von Gold und Silber ganze Haufen Und Kirchgefäße ohne Zahl; Von Diamanten, Chalcedonen Blinkt durch die Nacht ein Sternenschein, Berge von Onyx und Smaragden, Lasurblau und Karfunkelstein; Viel Teppiche und bunte Fahnen Die einstens, fern im heil'gen Land Den Mauren abgerungen hatte Der Christenfürsten tapfre Hand. Im Gehn hat Nerto Roderich, Der dicht an ihrer Seite wandelt, Vom fürchterlichen Pakt erzählt, Der an den Teufel sie verhandelt. »Nur keine Furcht!« erwidert er; »Um vor dem Erbfeind Euch zu retten Weiß ich ein Mittel, wunderbar; Was schlägt den Teufel selbst in Ketten? Die Liebe ist's.« – »Und was ist Liebe?« Fragt sie, »man hört so viel davon In Liedern und Novellenbüchern . . . Allein, wer sah sie jemals schon?« »Ich könnte da vielleicht Euch führen,« Versetzt Rodrigo, liebentbrannt, »Der Weg der holden Liebesgötter Führt schattenreich an Bachesrand, Es ist der Weg zum Paradiese.« »Ihr irrt, mein Herr; das kann nicht sein, Die heil'ge Kirche lehrt es anders: Dort sei das Paradies allein, Wo steil ein Fußpfad, rauh und schmal, Nach oben führt, durch Dornenqual.« »Die Liebe ist ein Strauß am Busen!« Entgegnet er, »sie ist ein Quell, Viel süßer als der beste Würzwein, Ein Born, so stark, so frisch und hell, Daß ihm in seiner Brunnenschale Zu enge bald wird und zu bang; Er wächst zum Strom, auf seinen Inseln Ertönt der Vögel muntrer Sang. Die Lieb' ist holdeste Verwirrung, In der die Seele froh erbebt, Sie ist ein Traum, der um die Sinne Ein göttliches Entzücken webt; Die Liebe ist ein Strahl der Sonne, In dem zwei Herzen, froh berauscht, Sich auf zum reinen Aether schwingen, Wo Seele man um Seele tauscht; Die Lieb' ist eine Wunderflamme, Im klaren Aug' wird sie erkannt, Sie schwellt das Herz mit Blumendüften, Sie kündet sich im Druck der Hand. Sie ist ein holder Lenzeshauch, Der Rosen zaubert aus den Strauch, Sie ist ein glühend heißer Mund, Nach Wasser spähend in die Runde, Und der, verschmachtend, nur begehrt Zu trinken vom geliebten Munde!« Allein als jetzt der kecke Freier Den Augenblick gekommen fand, Der Unschuld einen Kuß zu rauben, Reckt plötzlich, an des Ganges Wand, Des Papstes Wappen überragend, Ein hohes Crucifix sich auf, Die Arme weit geöffnet, schmerzvoll, Das Haar verwirrt und Dornen drauf. Nerto bekreuzt sich und dann wendet Sie sich zum Ritter um und spricht: »Dem Breviari d'Amor , so dünkt mich, Gleicht, was Ihr da geredet, nicht; Denn dort auf jenen goldnen Blättern, Hab' oftmals ich gelesen: Rein, Wie in des Paradieses Hallen, Und demuthreich soll Liebe sein . . .« Das Fräulein und der Ritter standen Jetzt auf der Ehrentreppe Rand, Wo der gewalt'gen Marmorstufen Schneeweiße Flucht den Abschluß fand. Und, eine große Flügelthür Aufstoßend, sprach Rodrigo leise: »Dies Herz, mein Fräulein, hofft bestimmt, Daß künftig es in bessrer Weise Euch dienen darf: Hier ist der Papst; Ihr seid am Ziele Eurer Reise.« Der Amirando Amirando (lat. Admiranda, die zu bewundernde), Name des Prunksaales im Papstpalaste von Avignon. Wundersaal Betritt jetzt Nerto schüchtern, bangend; Er ist der schönste des Palasts, Einzig an Glanz und Reichthum prangend. Zwischen der Wölbung Riesenrippen, In heitern Fresco-Farben, strahlt Die Herrlichkeit des Empireums, Von Meister Memmi's Memmi , Simon, berühmter italienischer Maler des XIV. Jahrhunderts, Schüler des Giotto. Er wurde von den Päpsten mehrmals nach Avignon berufen und malte dort u. A. auch die Bildnisse Petrarcas und der Laura. Hand gemalt. Des Oberhirten der Nationen Erhabenheit entspricht sein Haus; Vor hohen Fensterkreuzen breitet Die reizendste Natur sich aus; Die Wasserläufe, Thäler, Hügel Kann das entzückte Aug' erspäh'n, Die Städte all', die von Venisso Venisso war der im 14. und 15. Jahrhundert gebräuchliche Name für die bis 1791 als Comitatus Avenicinus, mit der Hauptstadt Carpentras, im Besitze des päpstlichen Stuhles gebliebenen Grafschaft Venessin, nordöstlich von Avignon. Die reiche Landschaft dicht besä'n. Papst Benedict der Dreizehnte, Vor seinem Betstuhl in Gedanken, Betrachtete, wie rings im Land Die Abendschatten niedersanken, Indeß der Ventour, schneebedeckt, Rothleuchtend sich gen Himmel reckt. Im weißen Kleid, ein hoher Greis, Deß Bart bis zu den Hüften wallte, Hohlwangig wie ein Christusbild Und auf der Stirn des Kummers Falte. Er denkt in jenem Augenblicke An alle Noth der Christenheit, Denkt an die steuerlose Kirche Und an der Welt Zerrissenheit; Er sieht ein Meer, das zornig schäumt, Die frommen Seelen in Bedrängniß Und über Papstthum und Concil Der Zwietracht lähmendes Verhängniß, Bannflüche schleudernd, her und hin; Und ganz erfüllt von dem Gedanken, Daß er allein der wahre Papst, Spricht er getrost: »Ich will nicht wanken.« Nerto, sobald sie im Gemach, Eilt, seine Heiligkeit zu grüßen Und tief sich neigend, demuthvoll, Fällt sie dem Papst sogleich zu Füßen. Und er zu ihr: »Wer bist Du, Kind? Woher des Wegs? Ich muß erstaunen, Wie Du hierher gefunden hast Durch Feuerschlünde und Karthaunen!« »O heil'ger Vater, höret mich,« Antwortet Nerto, »denn mich sendet Gott selbst zu Euch, der die Gefahr Von Eurem Haupte gnädig wendet. Kastell-Reinard ist meine Heimath, Mein Vater ist der Schloßherr dort . . . Ich komm', Euch einen Weg zu zeigen Von hier zu unserm sichern Hort; Mit ihm ist Tourrias, Euer Thurm » Mit ihm ist Tourrias « \&c. Die Sage behauptet, ein unterirdischer Gang habe den erwähnten Thurm des Papstschlosses von Avignon mit einem der Schloßthürme von Kastell-Reinard verbunden. Sowohl in Avignon an der bezeichneten Stelle als in den Schloßruinen von Kastell-Reinard zeigt man noch jetzt die angeblichen Ausmündungen des Ganges. , Durch einen langen Gang verbunden. Man schreitet sicher da hindurch, Dorther hab' ich den Weg gefunden. Frau Jano hat den dunkeln Pfad, Der jetzt verwahrlost und verlassen, Als ihr noch unser Schloß gehört', In aller Stille graben lassen, Damit Papst Clemens unterirdisch Entfliehen könne, gäb es Krieg . . . Nun schützt er, Vater, Eure Rechte, Hier winkt Euch Freiheit, winkt der Sieg! Die unabhängige Provence Erwartet dort Euch, muthentbrannt, Von Castelano die Barone, Li Baus und Arles, das ganze Land, Von Sisteroun, von Draguignan Die Herrn, das Volk von allen Bergen Und aus den Ebnen ringsumher Behüten Euch vor Frankreichs Schergen; Beschützen will man Euch und halten, Als höchster Priester sollt Ihr walten!« »Ja, beim Allmächt'gen, das ist seltsam,« Rief da der Papst, »mein Kind, Du bist Ein Engel, mir von Gott gesendet! Der Herr verwirrt den Antichrist!« Und Benedict, um sie zu segnen, Die Rechte feierlich erhebt, Als jäh' von heulendem Getöse Der mächtige Palast erbebt . . . Und in die Amirando stürzt jetzt Rodrigo, schrecklich anzusehn, Laut rufend: »Feuer im Palaste! Entflieht! sonst ist's um Euch geschehn! Das Griechenfeuer, Vater, züngelt, Gepeitscht vom höllischen Mistràl, An allen Firsten unsres Schlosses: Es regnet Bomben auf den Saal Und auf die Thürme alle sieben, Man glaubt, der Himmel falle ein, Zermalmt, wie ein Oliventräber, Wird bald die ganze Festung sein! Den Garaus machen sie dem Papstthum In Avignon! Flieht, Vater, flieht! Zu Euren treuen Provençalen Dort jenseits der Dürance zieht! Wir Andern aber bleiben hier, Und wagt der Feind es, Sturm zu laufen, So soll er merken, was es heißt, Sein Leben theuer zu verkaufen! Wir trotzen ihm und Feuers Macht, Den Tod verachtend im Gefechte Und unsere Zinnen schleudern wir Auf Boucicaut und seine Knechte.« Der Papst kniet nieder zum Gebet, In's Leere scheint sein Blick zu sehen, Dann spricht er laut, voll Majestät: »Wie Du willst, Herr, so soll's geschehen!« Und, wie ein Mast sich aufwärts richtet, Nachdem ihn tief gebeugt der Sturm, So reckt sich er, der Hauptmast, muthig Und schreitet vorwärts nach dem Thurm; Er greift nach den geweihten Hostien, Die dort verwahrt sind im Altar Und preßt sie in sich, wohlverschlossen In einem goldnen Reliquar. Dann, Nerto in's Geleite nehmend, Verläßt der Papst mit raschem Schritt Den Saal. Es springt das muntre Windspiel, Der jungen Herrin folgend, mit. Die Marmortreppe steigt der Greis Hinab, den Ausgang zu erreichen, Und schon bedecken um ihn her Die Stufen sich mit Blut und Leichen, Indeß vor ihm, in Hof und Hallen, Die Krieger auf die Kniee fallen. Die letzte Stunde sehn sie kommen Und mitten durch das Sturmgebraus' Bricht mancher Eisenkopf in Schluchzen, In Abschiedsruf und Thränen aus. Den Leib des Herrn am Herzen haltend, Besteigt der Papst den Mittelwall; Da, von dem Giebel des Palastes, Tönt silbern einer Glocke Schall: Ganz Avignon befällt ein Zittern, Das Feuer aus den Böllern schweigt, Und in Erwartung großer Dinge, Hält Jedermann das Ohr geneigt . . . Man weiß, daß jene Silberglocke Dort oben immer nur erbebt, Wenn neu ein Papst den Stuhl bestiegen Und wenn sein Geist zum Himmel schwebt. Auf der Bastei von Avignon, Die Tiara auf dem Haupte tragend, Steht Benedict der Dreizehnte Hoch über Freund' und Feinde ragend: Sein ganzes Volk scheint, hingekniet, Sein Beten auf den Papst zu lenken, Indeß die Heere Boucicauts Die Stirnen und die Fahnen senken. Der Oberhirt der Christenheit, Nach rechts und links die Arme wendend, Mit lauter Stimme, würdevoll, Spricht, urbi et orbi Segen spendend: » Benedicat vor Dominus, Pater, Filius et Spiritus! « Vor sich den brennenden Palast, Volk und Soldaten rings vernahmen Des Vaters Wort. Sie schluchzten laut Und weinend riefen Alle: Amen! Lang noch da oben im Flammenschein, Aufrecht gegen des Windes Wuth, Stand auf der steilen Roco de Dom La Roco de Dom heißt jene vorspringende, die Stadt beherrschende Felskuppe, auf welcher der Papstpalast und die erzbischöfliche Kirche von Avignon, Nosto Damo de Dom, stehen. Pedro von Luna mit stolzem Muth. Dann, sein betrübtes Antlitz erhebend, Schlägt er noch einmal den Blick empor Zu des hohen Avignoneser Vaticanes gewaltigem Thor. Der letzte Papst von Avignon Hüllt sich in seinen Mantel ein, Von Avignon der letzte Papst, Bei einer dünnen Kerze Schein, Die Nerto vor ihm schreitend trägt, Steigt nieder in den dunklen Schacht, In seine Schatten taucht er ein Wie eine Sonne in die Nacht. III. Der König.                   Kastell-Reinard ist voll Geräusch. So lange seine Mauern ragen An der Dürance Inselbord, Hat niemals es sich zugetragen, Daß Pracht und Prunk in solcher Fülle Man in dem stolzen Schloß gesehn, Wie es in diesen Ehrentagen Nach langer, stiller Zeit geschehn. Sankt Petri hartbedrängtes Schiff Lag wohlgeborgen an dem Riff, Das dorten ragt. Der Oberhirte, Auf sicherm Boden angelangt, War frei und die Gewalt des Amtes Hatt' er sich voll zurückerlangt. Aus der Provence, aus Frankreich selbst, Zu Fuß, zu Roß, in hellen Haufen, Den freigewordnen Papst zu sehn Kam Groß und Klein herbeigelaufen, Laut rufend: »Benedict soll leben! Gott mög' ihm lange Herrschaft geben!« Der tapfre König Fourcauquiés, Der tapfre König Fourcauquiés \&c. Fourcauquié (lat. furnum Calcarium, Kalkofen), Stadt und Grafschaft im nunmehrigen Departement der Nieder-Alpen, fiel 1193 durch Heirath an die Provence. Die Grafen von Provence aus beiden Häusern Anjou nannten sich in ihren Charten: »Dei Gratia rex Jerusalem et Siciliae, Comes Provinciae, Forcalquieri etc.« Der bekannte König René (I., genannt der Gute, 1409–1480) führte den Titel: »Per la Gracia de Dièu rey de Jerusalem, Sardenha et de Corsega, duc d'Anjo et de Bar, Comte de Barceluna et de Provensa, de Forcalquier et de Piemont.« Neapels und vom heil'gen Grabe, War zugereist in großem Prunk Mit seinem Adel, Hof und Stabe; Atlas und glänzenden Brocatstoff Und blaßroth köstlichen Damast, Mit Hermelin, mit Grün auf Goldgrund, Umdrängt des Landvolks grober Bast. Der junge Provençalenkönig Inmitten der Vasallen Schaar Will, daß der Papst ihm eigenhändig Den Ehbund segne am Altar: »Ihr seid,« spricht er zum heil'gen Vater, Bei mir jetzt und in meiner Hut, Ich will doch seh'n, wer da, wo ich bin, Noch etwas Euch zum Schaden thut! Papst Clemens Papst Clemens (VII., Robert von Genf), Anti-Papst, von 1378–1394 in Avignon. (mög' ihn Gott erhöh'n) Geruht' in Avignon zu salben Mein siebenjährig Königshaupt, Deß denk' ich dankbar allenthalben!« Yolanthe Yolanthe von Aragon (prov. Vioulando ), 1400 mit Ludwig II. von Provence (1384–1417) vermählt, König René's Mutter. , seine holde Braut, Aus Aragonien zu geleiten Sind Spaniens Abgesandte hier Bei König Ludewig dem Zweiten. In ihrem grünen Prachtgewand, Stolz überblickend das Gedränge, Antwortet durch ein Lächeln nur Yolanthe auf den Gruß der Menge. Das Volk sagt: »Welche Königin! Seht wie sie blickt, wie sie sich wendet, Der Bräutigam ist zwar recht schmuck, Doch ihre Anmuth ist vollendet! Die anderen Damen neben ihr, Was sind sie? Nichts! Sie ist vollkommen, Ihr Auge strahlt wie Sonnenschein, Der Reif und Schnee hinweggenommen!« »In ihrer Diamanten Pracht Wird übermorgen vom Gemahle Nach Arles die Königin geführt In Sankt Trophimi Sankt Trophimus , dem die Kathedrale der Stadt geweiht ist, war der erste Bischof von Arles. Kathedrale« . . . »Die Erde muß in Lieb' erglühen Für die Prinzeß von Aragon!« »Das Volk wird Farandole tanzen Von Nizza bis nach Taraskon!« »Von jedem Zweig' an ihrem Wege Sei ihr ein Willkomm zugewinkt!« »Man will, so heißt es, Münzen werfen, Bis ringsumher der Boden blinkt« . . . »Und wer jetzt mit dem heil'gen Vater Anbinden will zu neuem Streit, Dem steht der kleine König Ludwig Mit seinem guten Schwert bereit!« »Dono Yolanth' ist überreich: Neun Gallionen, goldbeladen, Warten auf Wind zur Einfahrt nur . . . Das ist die Mitgift ihrer Gnaden.« »Potz Blitz, nur schnell stromauf damit! Da fliegen Truhen auf und Thüren!« »Neun Gallionen, Element! Jetzt kann der König Kriege führen« . . . »Und, wenn er will, dem armen Volk In der Provence die Steuern mindern« . . . »Setzt' er nur erst das Salz herab, Wir wären froh mit unsern Kindern!« Derweil die Menge also plaudert Und das Gewühl sich stets vermehrt, Geht Nerto, der die bange Sorge Das arme, blonde Haupt beschwert, Zum Papst hinab in die Kapelle, Erzählt ihm Alles, was geschehn: »Ich habe Euch gerettet,« spricht sie, So laßt jetzt mich um Rettung flehn! Ihr seht mein fürchterlich Geschick, Auf Euch muß ich mich jetzt verlassen, Denn bald, vielleicht gar morgen schon, Kommt der Verderber mich zu fassen! O heil'ger Vater, steht mir bei, Euch ist ja die Gewalt gegeben, Ihr habt die Schlüssel in der Hand Zur Hölle wie zum ew'gen Leben! O schützt mit Eurem Einfluß mich, Um Gottes Willen, habt Erbarmen, Beschwört des Lügengeistes Macht, O Vater, Vater, helft mir Armen!« Der Papst bleibt eine kleine Weile Wie in Gedanken tief versenkt; Dann ruft er laut: »Der sei mein Zeuge, Der meines Herzens Willen lenkt, Daß ich für dieser Seele Heil, Die so verrathen und verlassen, Die heiligen Gewässer möcht' Aus ihren Ufern treten lassen! Allein, mein armes Kind, es gibt Von uns zur Hölle keine Brücke Und meinem Reich ward keine Macht, Zu bändigen des Satans Tücke . . . Ich kann wohl aus des Fegefeuers Geheimnißvoller Flammenpein Mit Hülfe von Gebet und Ablaß Die Seelen vor der Zeit befrei'n; Hat Euch jedoch der Gottseibeiuns In seine Reusen erst verstrickt, Ist's nur ein Wunder aus der Höhe, Das seiner Herrschaft Stäbe knickt . . . Drum bitten wir den lieben Gott Und die mit ihm den Himmel leiten, Maria, Petrum und Sankt Paul, Daß sie die Palme Dir bereiten! Um Michaels, des Helden, Schutz Und seiner Engel laß' uns beten, Und um zu bitten wie sich's ziemt, Sieh, mußt Du in ein Kloster treten. Du weißt, daß morgen man nach Arles, Des Königs Hochzeit halber, reitet; So Gott will gehn wir Alle mit . . . Und Du, mein Kind, wirst dann begleitet Nach Sankt Caesari Sankt Caesarius (prov. Sant Cesàri ), Bischof von Arles im VI. Jahrhundert. – Sant-Cesàri, ehemalige berühmte Benediktinerinnen-Abtei in Arles. Nonnenhort – Dies muß geschehn – und bist Du drinnen Und betest eifrig, spät und früh, So wirst Du auch das Heil gewinnen.« Im Monat Mai sind kurz die Nächte. Am Morgen früh', noch tagt es kaum, Ist auf der ganze Hof. Die Zelter Mit prächtigem Geschirr und Zaum Wiehern und scharren vor dem Schlosse. In seidnen Mantel eingehüllt, Das Haar in Flechten aufgebunden, Besteigt, erfrischt und mutherfüllt, Manch' edle Dame flink ihr Roß. Die Herrn, mit höfischer Geberde, Wetteifern an Geschicklichkeit Und Papst und König sind zu Pferde. – Indeß der reichgeschmückte Zug Sich ordnet um davon zu reiten, – Mit spitzer Mütze auf dem Kopf, Vom Volk bestaunt von allen Seiten, Erscheint des Königs Astrolog Um wahrzusagen. Seine Witze Reißt drauf der Narr und auf den Zwerg, Den Buckligen, zielt ihre Spitze. Der schneidet gräuliche Gesichter Und über diese lacht der Mohr; Aus seiner maulbeerschwarzen Larve Blinkt schneeweiß das Gebiß hervor. Zur Seite, in den Oelbaumgängen, Die an des Hügels Fuße blühn, Sieht man zu Roß die jungen Dämchen Sich um den Preis im Rennen mühn, Derweil die Pagen, lustgetragen, Sich neckend mit den Rüden jagen. Jetzt reitet in die Morgenfrische Die lange Reihe froh hinaus. Das Lied » Die schöne Margot « blasend Sprengt ein Trompetertrupp voraus. Die Nachtigall begrüßt den Morgen, Die Blumenkelche thun sich auf Und senden, aus dem grünen Schimmer Der Felder, süßen Duft herauf. Im Winde ob den Häuptern wehen Die Banner und die Fahnen bunt: Es flattert auf den seidnen Falten Die Lilie, weiß auf blauem Grund, Und in des Morgenlichtes Flut Schwimmt Aragoniens Gold und Blut. Die Sonne steigt, es spinnen sich Goldfäden ab von ihrem Rocken; Sie lacht die Damen an und küßt Den Thau aus ihren feuchten Locken. Der Papst, der König und Yolanthe Gemächlich ziehn. Der König spricht: »Im nächsten Monat, wenn im Golfe Am günst'gen Wind es nicht gebricht, Bin ich entschlossen nach Neapel Zu segeln. Diesmal kostet's Blut, Und Lancelot Lancelot , Sohn Karls von Duras, machte, als Großneffe der Königin Johanna, Ludwig II. von Provence die Krone Neapels streitig. , der Kronenräuber, Sei wohl vor mir auf seiner Hut! In Marseille liegen meine Schiffe, Tartanen und Galeeren viel Und wohlbemannte Brigantinen In bestem Stand vom Top zum Kiel. Manch prächtigen Camargo-Hengst Camargo heißt das große, ungefähr 75 000 Hektaren umfassende Alluvial-Delta, welches die Zweitheilung der Rhone oberhalb Arles veranlaßt hat. Seine endlosen Horizonte, die feierliche Stille seiner ununterbrochenen Ebenen, sein seltsamer Gras- und Pflanzenwuchs, seine Luftspiegelungen, stehenden Gewässer, zahllosen Insektenschwärme und großen Heerden wilder Pferde und Stiere setzen den Reisenden in Erstaunen und erwecken die Vorstellung der südamerikanischen Pampas. (Aus den Anmerkungen zu »Mirèio«). Soll meine Flotte südwärts tragen, Dreitausend Reiter schiff' ich ein, Des Frevlers Stunde hat geschlagen: Ich wär' ein Narr, gäb' ich verloren Den Anspruch auf Neapels Land, Das schon vor über hundert Jahren Mein Vorfahr unserm Haus verband; Dolce paese, lind umflossen Von blauer, sonnbeglänzter Fluth; Die Königsgrafen der Provence Verzichten nicht auf solches Gut! Man stammt nicht vom erlauchten Karl Um Königlein zu sein in Arles.« Ludwig II. war der Ur-Groß-Neffe Karls von Anjou (1245–1285), welcher durch Heirath mit Beatrix, der jüngsten Tochter Raimund Berengars IV., Graf von Provence geworden war. Die schöne Braut aus Aragonien Spricht drauf zum König: »Theurer Sire, Nehmt Ihr mich mit?« – »Wenn ich Euch bitte,« Versetzt der König, daß Ihr hier An unsrer Statt des Reiches waltet, So wolle Euer edles Herz Es mir verzeihn: Doch Niemand könnte Mein armes Land aus Noth und Schmerz Wie Ihr erheben, seine Wunden Wie Ihr mit sanfter Hand gesunden. Denn jener Gaugraf von Tureno, Deß Kriegsruf: »Murre Bauer!« war, Hat dieser Gegend schweren Schaden Und Leid gebracht, wohl zwanzig Jahr! Die Klöster und die Städte plündernd, Den Bauern raubend Geld und Gut, Die Frauen schändend und die Männer Erwürgend, tobte seine Wuth; Die Königsmacht war sein Gespötte, Ihr Drohen schlug er in den Wind, Denn meine Mutter war verwittwet Und ich ein zartes Königskind. Doch endlich siegt des Volkes Abscheu, Entrüstet, zornig steht es auf, Die Rufer eilen durch die Thäler, Milizen rotten sich zu Hauf: Von Taraskon bis Fourcauquié Ertönt der Glocken Sturmgeläute, Der Bauer waffnet sich und jagt Den grimmen Wolf von seiner Beute, Die Sensenmänner ziehn durch's Land, Man hängt die Räuber kurzer Hand, Man stürzt sie köpflings in die Brunnen, Tureno selber, schwer bedrängt, Gehetzt, umzingelt und erschrocken, Hat in der Rhone sich ertränkt.« Dieweil der König also redet Lenkt sacht ein junger Kavalier Sein schwarzes Pferd an Nerto's Seite Und neigt mit Lächeln sich vor ihr. »Ich hatte,« spricht sie, »nicht gehofft, So bald Euch wieder zu begegnen.« »Der Falter fliegt der Rose nach,« Erwidert er, »die Kugeln regnen Nicht mehr auf Benedicts Palast; Als Boucicaut die Flucht vernommen, Zog er davon mit seinem Heer, Und also bin ich hergekommen . . . Allein der Weg wird viel zu kurz Und viel zu groß das Glück mir scheinen, Dürft' ich in dieses Festes Lauf Als Euer Ritter Euch mich einen.« »Euch geht es wie dem Mandelbaum, Dem Frost zerstört die Blüthenwonne, Denn morgen, Jugend fahre wohl!« Versetzt sie, »bin ich eine Nonne. In's Große Kloster Das Große Kloster (prov. Lou Grand Couvènt ) war der volksthümliche Name der Abtei Sant-Cesàri . muß ich treten Und Tag und Nacht um Rettung beten.« »Ihr glaubt, das Kloster könne Euch,« Spricht Rodrich, »vor dem Teufel schützen? Was wird's bei ihm, der klettern kann Wie eine wilde Katze, nützen! Er, der durch Schlüssellöcher schlüpft, Was kümmern ihn die höchsten Mauern? Er kennt die Wege hundertfach, Euch nach Belieben aufzulauern! Und, wenn er will, mein armes Kind, Braucht er die Flügel nur zu wetzen, Um als ein Mückchen, sum, sum, sum, Auf Euer Meßbuch sich zu setzen! Was kümmern Riegel ihn und Schlösser Und unaufhörliches Gebet, Ihn, den, als Veilchenduft, ein Windhauch Vielleicht in Eure Zelle weht, Der als ein feiner Sonnenstrahl, Als einer Laute süßes Girren Sich einschleicht in der Kirche Chor, Das arme Herz Euch zu verwirren! Weihwasser könnt Ihr lange sprengen, Er wird, wie eine Fledermaus, Im Hof sich an die Balken ducken, Und wenn Ihr schlaft, fliegt er in's Haus; Und in den Faden Eures Traumes, An Euer Polster still gelehnt, Verflicht er Euch den Schatten dessen Nach dem, vielleicht, Ihr Euch gesehnt! Und seufzend denkt man beim Erwachen An ein geliebtes, theures Bild, Man öffnet weit die weißen Arme, Doch ach! das Herz bleibt ungestillt . . . Das Blendwerk winkt aus weiter Ferne Und fliegt zum Himmel in die Sterne!« »O schweigt,« ruft Nerto, »bitte, schweigt, Ich hör' Euch gern, ich sag' es offen, Und doch, so oft Ihr etwas sprecht, Bleib' ich, ich weiß nicht wie, betroffen. Ein Purpurtrank sind Eure Worte, Denn wenn man Eurer Rede lauscht, Ist sie, wie junger Wein, erquickend, Doch plötzlich fühlt man sich berauscht . . . Nun seht, schon red' ich wirre Dinge . . . Und wüßt ich Euch nicht nah verwandt Und treugesinnt dem heil'gen Vater, Glaubt' ich vom Bösen Euch gesandt!« Und längs der Arlatiner Straße, Im Paßgang bald und bald im Trab, Ritt frohgemuth der edlen Damen Und Herrn Geleit, bergauf, bergab, Durch Wiesen, Gärten, Weizenfelder; Voll Neugier blicken auf das Fest Vom Ulmenbaum die jungen Elstern Aus ihrem dornumsäumten Nest Und schreien laut: »Was soll das heißen, Von Gold und Silber solch' ein Gleißen!« Der König sprach: »Ich muß als Sieger Italien mir zu Füßen sehn: Die Florentiner und Sienesen Sind ganz bereit, mit uns zu gehn, Bologna, Pisa wollen mir, Wenn ich's verlange, Truppen senden, Und in Calabrien wird sich bald Das Blatt zu unsern Gunsten wenden; Dann wollen wir den Berg Vesuv Ringsum mit unsern Zelten zieren Und uns mit Hof und Ritterschaft Im Castell' Uovo einquartiren . . . Und kniet der Widersacher erst Besiegt an unsres Thrones Stufen, Und liegt die Macht in unsrer Hand, So werden wir nach Rom berufen Ein Oekumenisches Concilium, Das in der abendländ'schen Welt In Eure Obedienz Obedienz . Während des Großen Schisma war die abendländische Christenheit in zwei sog. Obedienzen gespalten, je nachdem man dem Papste in Rom oder demjenigen in Avignon gehorchte. , o Vater, Die sämmtlichen Gewissen stellt.« »Gott helfe Euch, mein edler Sohn!« Sprach drauf der Papst, »Er wolle geben, Daß Ihr von Allem, was Ihr plant, Die reichste Ernte mögt erleben! Da nun die Krone Aragons Euch durch Yolanthe's Gunst verbunden, So könnt' es sein, daß die Provence Den Gipfel ihrer Macht gefunden, Und daß, als Hort der Christenheit, Die drei katholischsten Nationen, Mit der Provence als führend Haupt, Bald unter einem Scepter wohnen: Er hat es leider nicht erlebt, Doch Aehnliches hat vorgeschwebt Dem großen Kaiser Constantin, Als er, inmitten seiner Siege, Das neue Weltreich gründen wollt' Und Arles erkor zu dessen Wiege.« Von Zeit zu Zeit wird das Gespräch, Das so sie führen, abgeschnitten, Weil auf der Straße Leute knien, Die um des Papstes Segen bitten. Denn dicht am Wege lag das Volk In langen Reihen, Männer, Frauen, Von links und rechts herbeigeeilt, Zum heil'gen Vater aufzuschauen: Die Bauern all' mit Weib und Kind, Fuhrleute, Knechte, Feldgesind. Der Papst schlägt mit der magern Hand Das Kreuzeszeichen nach den Armen: »Die Mühsal,« spricht er, »werd' Euch leicht Durch Gottes himmlisches Erbarmen; Er gieße seinen Segen aus Auf Eure Kind' und Kindeskinder! Auf Eure Scheunen, auf das Feld, Auf Eure Ernten und nicht minder Auf den, der nur die Aehren liest! Er laß' aus Wen'gem Vieles werden, Er segne Euer schwarzes Brot! Die Hirten segn' er und die Heerden! Sein Friede sei mit Euch, er ist Die höchste Freude doch von Allen! In Perlen wandle Tropfen er, Die von des Armen Stirne fallen!« Die Damen, unterdessen, riefen: »Wie herrlich glänzt der Sonnenschein! O seht, wie die Narcissen sprießen! Und plötzlich sprengen querfeldein Die Vordersten im langen Zug, Die andern nach, und in die weiten Paiado Paiado (von paio, Stroh) heißen die fruchtbaren Weizenniederungen an der Rhone, oberhalb Arles. , wo der Weizen blüht, Sieht man sie lustig winkend reiten. Die Herzogin von Ravousseto Trägt einen Falken auf der Hand; Sie ruft: »Auf, laßt uns Lerchen jagen!« Und löst behend das Kappenband Des großen Vogels: Hoch und höher Schwingt er sich in den Himmelsraum; Ihm folgen Alle mit den Blicken, Man sieht ihn wie ein Pünktchen kaum; Und jetzt beginnt es Blut und Federn Zu regnen auf die grüne Au. Gefolgt von zwanzig Kavalieren Sprengt im Galopp die schöne Frau Durch halbgereifte Weizenstände. Zermalmend stampft der Rosse Huf Des Bauern Hoffnung in den Boden; Die Luft erdröhnt von Jubelruf. »Seid Ihr der Weltlust noch nicht satt? Ihr solltet Euch gewiß bekehren!« Spricht Nerto jetzt zu Roderich, »Denn seht, nach unsrer Kirche Lehren Gibt es nichts Schöneres auf Erden, Als wenn die Sünder heilig werden, Wenn unserm Heiland eine Jugend In ihrem Blüthenmai sich weiht, Und wenn zu Gott ein reuig Herze Aufsteigt im Durst nach Seligkeit! Bedenkt doch, bitte, daß das Grab, Wer weiß wie bald schon, auf uns lauert Und daß, was wir auf Erden thun, Dies kurze Dasein überdauert Und uns begleitet auf der Reise, Daß unser Leben, wie ein Fluß, Sich in das Meer der Ewigkeiten Einst, ohne Umkehr, stürzen muß; Daß hier wir nur zur Prüfung sind, Daß uns das Glück erst jenseits winket, Und daß die Hoffnung unsres Lohns Mit unsern Thaten steigt und sinket . . . O denkt daran, Herr Roderich! Es stumpft den Zahn die saure Traube Und von den Freuden dieser Welt Bleibt nichts als Staub, fehlt uns der Glaube!« Begeistert tönten Nerto's Worte, Erleuchtet schien ihr Angesicht. Die Morgenfrische, unterdessen, Verdunstete im Mittagslicht; Von fern erblickt man Mount-Majour, Der Sonne Gold glänzt an den Ecken Der Mauern, die in Benedict Wehmüthiges Erinnern wecken. »O honigreiches Palästina, Sei mir gegrüßt« » Sei mir gegrüßt « \&c. Benedict XIII. war Prior der Benedictiner-Abtei Mount-Majour gewesen. , rief er gerührt, »Abtei, in der ich einst als Erster Sankt Benedict's Legion geführt! O Paradies! O Mount-Majour, Wo glücklich meine Tage flossen! Wo im geweihten Klosterhain Vom Felsen bunte Blumen sprossen! Denk' ich der herrlichen Erquickung Durch ruhig Studium und Gebet, Denk' ich des kühlen Gottesschattens, Der Deine Hallen lind durchweht, So scheint dem Greise, dessen Glanz Im Schwinden, dieser Zeit Bedrängniß, Für seiner Mönchszeit Ehrgeiztraum, Fast wie ein strafendes Verhängniß!« Und fernher wird den »Großen Clar« Der Große Clar (prov. Lou Grand Clar ) eine heute ausgetrocknete Lagune, welche zu jener Zeit einen Theil der Umgebung von Mount-Majour bedeckte. , Im Mittag leuchtend, man gewahr. Ein Mann der That, ein rasches Blut, War Roderich gewohnt zu sehen, Daß Eis und Schnee, wohin er schaut, Im Feuer seines Blicks zergehen, Und daß der Tapferkeit und List Kein Widerstand gewachsen ist. Allein vor dieser holden Lilie, In ihrer Reinheit Zuversicht, Fühlt er, daß machtvoll, herzerwärmend, Ein neu Empfinden in ihm spricht. »Ihr redet eitel Heiligkeit, O Nerto!« ruft der junge Ritter, »Doch sieht man, glaubt mir, nie das Glück Durch eines Klosterfensters Gitter. Die Nachtigall, im Monat Mai, Kann Euch zur Weltlichkeit bekehren, Euch zeigen, wie man fröhlich sei Und Lust an Sang und Freiheit lehren . . . Ich war jetzt, seht, fünf Jahre lang In einer Festung eingeschlossen, Ich weiß, wie gut es draußen ist, Seitdem ich Moderluft genossen! Blickt um Euch: Dort das junge Volk Belustigt sich im Gras vorzüglich Und hier der Bauer hinterm Pflug Pfeift sich ein Liedchen, ganz vergnüglich; Die Jäterinnen dort im Klee, Hört, wie sie lachen, wie sie singen; Der Treiber läßt, auf schmalem Pfad, Die Schellen seines Maulthiers klingen; Die Mäher in den bunten Wiesen, Die Fischer an des Baches Rand, Die jungen Mädchen in den Höfen, Die Jäger aus dem Haideland, Das Alles kommt und geht und regt sich, Es strotzt von Kraft das frische Blut, Um uns herum ertönt ein Summen Und Brausen, wie von Meeresfluth . . . Ein unaufhörliches Gemurmel Steigt aus der Wiese, aus dem Rohr, Im Bache plätschern Silberwellen Und blitzend schnellt der Fisch empor; Es rinnt und rieselt überall, Der Thau erquickt die Ackerkrume, Es strömt der Saft durch Baum und Ast Und Honig quillt in jeder Blume. Zum Leben drängt sich Alles vor, Ringsum nur Keime, Knospen, Sprossen, Die sich des jungen Daseins freun, Vom hellsten Lichte übergossen . . . Ja, selbst das junge Königspaar Freut sich der schönen Maiensonne, In Amors großem Siegeszug Zu reiten dünkt sie sel'ge Wonne. O Nerto! Nehmen doch am Feste Auch wir Theil! Aus dem Ginsterstrauch, Dem Weißdorn und den Schlehenbüschen Umweht uns lind ein süßer Hauch . . . Und Ihr verlangt, ich soll ihn hemmen Den Aufschwung meines ganzen Seins, Ihr bötet heißen Liebesküssen Die Kälte eines todten Steins? Ihr wolltet, daß den Traubenschoß Ich risse von den jungen Reben? Auch ich bedarf des Purpurtranks, Auch mich verlangt nach Lieb und Leben! Nerto! Entschlagt Euch Eurer Furcht! Das Meer ist still, der Himmel helle . . . Kommt, mit dem Freunde schifft Euch ein, Vertraut Euch doch der sanften Welle; In's Weite lassen wir uns treiben, Wo ewig heitrer Morgen ist, Wo holde Freude wohnt . . . O! Nützen Wir dieses Daseins kurze Frist! »Seht dort die Lerchen«, sagte Nerto, »Zum Himmel fliegen sie hinan; Ach! wenn wir auch so fliegen könnten, Rodrigo, seht die Schwalben an! Sie haben uns mit leichtem Fluge Gestreift, sie bringen Glück, nicht wahr? Ihr Zwitschern tönt wie Christi Name, Ihr Flug beschützt uns vor Gefahr . . . » Seht die Schwalben « \&c. Das provençalische Landvolk hält die Schwalben für in Gottes besonderer Gunst stehende Vögel und will aus ihrem Gezwitscher den Namen Jesu Christi heraushören. Als Nerto schweigt, bemerken beide, Daß eine große Reiterschaar Von Arles her, auf der breiten Straße, Indeß in Sicht gekommen war. Die Consuln, Zunftherrn und Prälaten, Senat und Volk und Ritterschaft Der freien Stadt, sie ziehn dem König Entgegen und dem Papste.                                       »Kraft Des Freibriefs, der von unsern Vätern Vererbt uns wurde«, sprechen sie Zum König, »sind wir freie Männer, Und die Stadt Arles erkannte nie Ein andres Königthum zu Rechte Als das des Löwen: Aber, Sire, Ihr könnt als König furchtlos einziehn, Seid Ihr in guter Absicht hier. Blickt durch die Pappeln bis zur Krümmung, Die dort der Fluß beschreibt, hinab: Seht Ihr dort eine Säule ragen? Man nennt sie Sankt Trophimi Stab . . . Sankt Trophimi Stab (prov. Lou Bastoun de San Trefume ) ist der Name einer alten Steinsäule, welche noch heute an der nach Taraskon führenden Straße steht. Sie bezeichnete im Mittelalter die Gebietsgrenze der beiden Abteien Mount-Majour und Sant-Cesàri. Und ihren Schatten durfte nie Ein fremder König überschreiten, Der nicht den Freibrief anerkannt. So halten wir's seit alten Zeiten.« Der König sprach: »Gott schenke Euch Gedeihen! Es will uns gefallen, Der edlen Stadt, die uns empfängt, Von ihren Privilegien allen Kein Jota anzutasten. Offen Erklären wir's für Schändlichkeit Und Frevel, wollte je man rütteln An ihrer Unverletzlichkeit.« Und allsogleich erschallt ein Rufen: »Der Leu von Arles, er lebe hoch!« Und »Hoch der Provençalenkönig! Der heil'ge Vater lebe hoch! Die schöne Maienkönigin, Sie lebe! Dreimal hoch sie Alle!« Dann sprengt das glänzende Geleit Mit schmetterndem Trompetenschalle, Die Sporen ihren Rossen gebend, Die Männer hoch die Degen hebend, Bei Trommelschlag, in Wolken Staubes, Und blitzend hellem Sonnenschein, Barette, Hütchen und Gewänder, In großem Prunk nach Arles hinein. IV. Der Löwe.                   Des andern Tags, zur Mittagsstunde, Am stillen Hof von La Majour La Majour (lat. Sancta Maria Major ), heißt eine alte Basilika in Arles. War eine bunte Schaar versammelt Im weißgetünchten Küchenflur Bei Meister Bouisset Meister Bouisset , Bertrand, Bürger von Arles, Verfasser einer in provençalischer Sprache geschriebenen Chronik aus den Jahren 1376 bis 1404. . Nachbarn kamen Und Nachbarinnen viel herbei, Um recht genau von ihm zu hören, Wie Alles zugegangen sei. »Also der Papst sang selbst die Messe?« »Sang selbst ist irrig ausgedrückt, Er wollt' es zwar, doch weil durch Alter Und durch Erlebtes sehr gebückt, Hat weder Predigt er noch Messe Gesprochen. Stumm, die ganze Zeit, Blieb er auf seinem Throne sitzen; Statt seiner hat das Paar geweiht Cardinal Brancas Eminenz Zu allgemeinem Wohlgefallen, Und Sankt Trophimus sah noch nie So großen Glanz in seinen Hallen.« »O! welch Gewimmel, welch Gedräng! Nicht möglich, sich hindurch zu winden,« Sagten die Frauen sehr erregt, »Nicht möglich, einen Platz zu finden!« »Nicht möglich, irgend was zu sehn . . .« »Ein Heer von Reitern in den Gassen!« »Ich hasse solche Mörderei, Man will doch nicht sein Leben lassen!« »Drum, Meister Bouisset, sagt uns jetzt, Wie's war. O, thut uns den Gefallen, Es weiß doch Jedes, daß in Arles Ihr der Gelehrt'ste seid von Allen.« In seiner kalkgetünchten Küche Ging Meister Bouisset hin und her, Die Fülle des Geschauten ordnend, Gelassen und gedankenschwer; Und kam am Schenktisch er vorbei, Faßt' er den zinnbehelmten Riesen, Goß ein, that einen guten Schluck Und warf das Restlein auf die Fliesen. Sein Weib, Misé Fabresso, wurde Mit Fug Frau Meisterin genannt! Wie wußte Ordnung sie zu halten, Wie blinkten ringsher an der Wand, Für Salz und Mehl die schmucken Fässer, Die Lampe sammt dem Kerzenstock, Die Kessel und die Oelgefäße, Die Herdzier und der Feuerbock, Der Anrichttisch mit weißer Platte, Der Backtrog und die Eichenbank, Die Messer und die Zinngeräthe, Das alles glänzte spiegelblank. Auf hellem Bast hing an der Thür Ein rothes Kreuzlein, das die Spitze Dem bösen Hexenblicke bricht, Der Fliegenplage und der Hitze. In einem Winkel sah man auch Verschiedne Zirkel und Quadranten, Weil sie Herrn Bouisset im Quartier Nicht nur als Friedensrichter kannten: Feldmesserei war sein Beruf, Der ihm beim Landvolk Ansehn schuf; Und außerdem führt' er ein Buch, Drin schrieb er, was in seinen Tagen In seiner lieben Vaterstadt Denkwürdiges sich zugetragen. Jetzt, plötzlich, richtet er sich auf Mit hinterrücks verschränkten Händen: »Die Kirche,« sagt er, »prangt' im Schmuck Gestickter Tücher an den Wänden: Ja! Das war reich! Die Wappen sah Auf den Geweben man erglänzen Von Catalonien und Provence, Den Schwestern, die sich treu ergänzen Zur Pflege des Idioms des Oc, Das Wappenschild von Languedoc, Die von Sardinien, Corsica, Von Anjou, Maine und von Sicilien, Die Papststandarte, weiß und gelb, Und König Ludwig's goldne Lilien. Der Papst, der König im Ornat. Die goldne Tiara trug der eine, Die Kronen, wohl drei Spannen hoch, Im Schimmer ihrer Edelsteine Ein Sinnbild feierlicher Größe, Und weiß wie Schnee war sein Gewand. Der Andre trug den Purpurmantel, Das goldne Scepter in der Hand Und auf dem Haupt die goldne Krone. Im Chore standen beider Throne. Ganz unvergleichlich aber war Die Königin: Die Offiziere Betheuerten, daß keinen Hof So wunderbare Schönheit ziere. Es schaarten um den Hauptaltar Die Würdenträger und, im Chore, Die Herrn vom heil'gen Hospital Sich um die beiden Großpriore. Die Großen unsres Reiches saßen In Reihen an der Seitenwand, Ich habe ihrer, nicht gelogen, An Vierzig mindestens erkannt. Ein Schwarm von Bischöfen. Im Schiff Die Richter und die Herrenmeister, Und dann, zur Huldigung genaht, Geführt von unserm Bürgermeister, Die Gilden und die Handwerkszünfte, Der Deich- und Schleusen-Commissar; Ganz hinten, mit dem Steuerbüttel, Ich, der bescheidne Archivar. Kurz, Kinder, es ist schön gewesen: Man wird's in meinen Heften lesen. Jetzt kommen wir zum Trauungsakte. An Alter und an Ruhme gleich Tritt freudestrahlend zum Gelöbniß Das schönste Paar im Königreich. Sie reichen sich die Hand im Schatten Des Baldachins aus Goldbrocat Und am Altare spricht den Segen Brancas als päpstlicher Legat. Und jetzt bricht vor dem Gotteshaus Das Volk in laute Rufe aus: »Dem Brautpaar hoch! Der Königin! Ihr holdes Antlitz leuchte lange!« Die »Sieben Freuden« Die sieben Freuden (prov. Li sèt-gau ) nannte man eine Art von Glockenspiel, welches sich vor Zeiten vielfach an provençalischen Kirchen vorfand. Es bestand aus einem Rade, an dessen Rand sieben auf die Noten der Tonleiter gestimmte Glocken befestigt waren und welches man, bei festlichen Anlässen, mittelst eines Seiles und einer Kurbel in Bewegung setzte. , hoch vom Thurm, Ertönen laut mit hellem Klange; Und ganze Schwärme weißer Tauben Flogen zugleich durch Schiff und Chor Und draußen auf dem weiten Platze In Reihen überall empor. Ja, Frauen, das ist schön gewesen: Man wird's in meinen Heften lesen . . . Ja! was zu sagen ich vergaß: Das Schloß kann kaum die Gaben fassen, Marseille verehrt ein goldnes Boot Und Arles zwölf schwere Silbertassen; Von Taraskon kam eine kleine Tarasco Die Tarasco , das Wahrzeichen der Stadt Taraskon, ist ein drachenartiges Ungeheuer, dessen riesengroßes Abbild am Feste der heiligen Martha in feierlichem Umzuge durch die Straßen getragen wird. Es soll, nach der Sage, ein Drache gewesen sein, der in vorchristlicher Zeit die Gegend von Taraskon verwüstete und den die genannte Heilige gebändigt habe. (Vgl. I. Gesang, Seite 19 ). Die Tarasco ist wahrscheinlich ein Symbol des durch den Christenglauben besiegten Heidenthums. und das Städtchen At Schickt Früchte, Avignon ein Weißzeug, Wie man noch kein's bewundert hat; Wachsbrode spendet Fourcauquié, Aix eine ungeheure Truhe, Zum Schluß bat der Drei-Staaten-Bund Das Königspaar, daß es geruhe Ein hunderttausend Goldflourin Als Hochzeitsgabe zu empfangen . . . Mich plagt den ganzen Morgen Durst« . . . Und Bouisset trocknet Stirn und Wangen Und drängt sich durch den Schwarm der Frauen, Um auf des Kruges Grund zu schauen. – »Wo wohnen denn die hohen Gäste? Wer herbergt ihren ganzen Troß?« »Der Papst im Erzbischofspalaste, Der König im La-Trouio-Schloß.« La Trouio (lat. Trullus, Kuppelbau), die Residenz Kaiser Constantins zu Arles. »Hat jeder nur sein eigen Haus, So bricht auch keine Zwietracht aus,« Meinten die Frauen. – »Und der König, Geht er zu Mittag wohl noch aus?« »Ja! denn die Zunft der Rhonefischer Fährt heute noch den Fluß herauf, Den Stör dem König zu verehren; Und dann . . . tritt König Löwe auf – Das letzte Wort war kaum verhallt, Als fernher dumpfer Lärm erschallt: Die Arelaten, eifersüchtig Auf ihre Unabhängigkeit, Wollten dem Provençalenkönig Der alten Hauptstadt Herrlichkeit Vorführen. Und in ihren Straßen, Verherrlichend den eignen Ruhm, Entfalten sie den großen Umzug Und ihres Löwen Königthum. Von stolzen Bannern rings umgeben, Darauf der Stadt Geschichte steht, Als ein lebendig Landeswappen Der Leu von Arles leibhaftig geht. Die ungeheure Schnauze fletschend, Vom Alter runzelvoll und bleich, Mit drohend aufgesperrtem Rachen Vertritt er das Arlatenreich, Das »Weiße Arles«, der alte Löwe, Den »Albion« sie zubenannt, Vor dem sich einst, im Crau-Gelände » Vor dem sich einst im Crau-Gelände « \&c. Anspielung auf die von Aeschylos berichtete Legende, nach welcher Herkules auf seinem Wege nach den Gärten der Hesperiden in der Crau (vom gr. Krayros, dürr, unfruchtbar) mit zwei Riesen, Albion und Belgion, zu kämpfen hatte. Da die Stadt Arles im Mittelalter den Beinamen »die Weiße« führte, läßt der Dichter ihr Wappenthier an die Stelle des »Weißen Riesen« treten. , Selbst Hercules zur Flucht gewandt; Hier trägt er als Lateiner Löwe Die Kreuzesfahne Constantins, Dort, in den Klauen, einer Leuchte Gleich, hält das Kreuz er Sankt Trophims, Hier gürtet mit der Krone Boso's Boso (prov. Bousoun ) I., Graf von Vienne, 871 Herzog von Provence, Schwager Karls des Kahlen, gründete 879 das Arelatische Reich, starb 887. Er sich das falbe Lockenhaupt, Indeß, mit blitzesprüh'nden Augen, Er: » Ab ira Leonis « schnaubt; Dort sieht man ihn das Schwert erheben Und die berühmte Losung geben Des Drohspruchs: Urbs Arelatensis Est hostibus hostis et ensis. Und also liest von hundert Fahnen Das Volk von Arles den Ruhm der Ahnen. Der Löwe nun, der wahre Löwe, Im Mittelalter wurde in Arles ein lebender Löwe aus Staatsmitteln erhalten. Der Chronist Bertrand Bouisset berichtet von ihm: »L'an que dessus (MCCCCII), lo jorn XXVII de may, lo Rey Lois fes combatre lo leon d'Arle amò un taur; e y fon present Madama Violant sa molher, e Madama Maria, mayre del Rey, e Madama de Corcin, e motas autres damas, e monsen Karle, prinse de Taranta, frayre del Rey Lois, e mots autres Senhors, cavaliers e escudiers, e tota autre gent que esser y vole e y podie venir. L'an MCCCCV, lo jorn ters d'Abril, mori lo leon d'Arle, loqual avie visqut, stant en Arle XVIIII ans e VI mes.« (Zu deutsch: »Im Jahre 1402 am 27. Tage des Maimonds, ließ König Ludwig den Löwen von Arles mit einem Stiere kämpfen; und waren zugegen Frau Yolanthe seine Gemahlin und Frau Maria, Mutter des Königs und Frau von Corcin und viele andere Damen und Durchlaucht Karl, Prinz von Tarent, König Ludwigs Bruder, und viele andere Herren, Ritter und Junker und sonst alle Leute, welche dabei sein wollten und konnten. Im Jahre 1405, am dritten Tage des April, starb der Löwe von Arles, welcher in Arles 19 Jahre und 6 Monate gelebt hatte.«) War kaum aus seinem Thurmverließ, Als von so schrecklichem Gebrülle Er rings die Luft erdröhnen ließ, Daß draußen im Camargo-Sumpf Vor Schreck erzitterten die Stiere. Das Volk brüllt mit: »Platz für den Leu!« Und freut sich an dem edlen Thiere. Jetzt, von Rouqueto, von Auturo Rouqeto und Auturo sind Stadttheile von Arles. Und unten aus dem Hafen weit Strömt Volk herbei in hellen Haufen, Das freudetrunken jauchzt und schreit: »Der Leu! Der Leu! Er ist entfesselt!« Der Alte reckt sich hoch empor, Er weiß es wohl, daß ihm dies Fest gilt: Dann schreitet er bedächtig vor, Die röthlichgelbe Mähne schüttelnd, Die struppig ihm die Stirn umweht, Indeß mit sänftigendem Zuspruch Dicht neben ihm sein Wärter geht. Dann kommt der junge König Ludwig Mit Frau Yolanthe, hoch zu Roß, Nebst ihrem reichen Hofgefolge; Zunächst der Königin im Troß Lenkt Nerto zierlich ihren Schecken; Die Zelter ihrer Majestät Tragen blausammtne Satteldecken Mit goldnen Lilien übersät. Man zieht zur mächtigen Arena Das römische Amphitheater von Arles (prov. lis Areno ) faßte 25 000 Zuschauer. , Um einem Kampfe zuzusehn, Den dort das edle Ungeheuer, Eins gegen Viere, soll bestehn. Im riesengroßen Mauerkreise, Der manchen wilden Kampf geschaut, Ist heut die ganze Stadt versammelt, Ganz Arles ist da, gespannt und laut. Der Farandole Schlangenzüge Füllen den Raum mit Jauchzen aus, Die Fröhlichkeit der schönen Frauen Von Arles belebt das weite Haus, Darin vereint zur Schau gestellt Das schöne Blut der edlen Rassen, Die in dem reichen Gau von Arles Je ihre Spur zurückgelassen: Der schlanken Griechentöchter feine Profile sieht man zahlreich hier, Der Diana und der Leto Schwestern, In ihrer jungen Anmuth Zier; Die Römerin, die stolz und würdig Auf ihrer Väter Denkmal thront, Wie die Vestalin, die zu Zeiten Der ersten Kaiser hier gewohnt; Und, in der Tracht des Heimatlandes, Den Schleier vor, der, weiß und weich Aus Cambrai-Linnen, nur ein Flaum ist, Die Saracenin, braun und bleich, Mit ihrem Feueraugenpaar Der jungen Männerwelt Gefahr. Von goldnen Ringen, Spangenschmuck, Von edlen Venezianer Ketten, Von Perlen und von Edelstein, Demantbesetzten Amuletten, Grünem und scharlachfarbnem Tuch, Von Federbüschen, rothen, weißen, Barettlein, geistlich und profan War das ein Durcheinandergleißen. Die frohe Maiensonne goß Auf dies Gewoge ihre Lichter, Auf das Gewimmel und Gewühl, Auf Putz und lachende Gesichter. Dort, wo dem Brunnen Wein entströmt, Erquickt sich eine bunte Menge . . . Rings Jubel, Tamburinenschall Und lustig lautes Festgedränge. »Der Löwe!« rufen schrille Stimmen; Da, plötzlich, öffnet sich ein Thor Und leise treten, groß und nervig, Vier schwarze Stiere d'raus hervor; Und aus dem Thore gegenüber Schwingt sich mit einem Riesensatz, Umflattert von der gelben Mähne, Der Löwe auf des Kampfspiels Platz. Er lauert einen Augenblick: Es ducken sich zugleich die Viere . . . Unglückliche! Ein Sprung, ein Schlag, Und röchelnd liegen zwei der Stiere; Ein Tatzenschlag in seine Flanke Und auch der Dritte liegt im Blut. Das Volk erhebt sich, fieberglühend: »Hoch lebe König Löwenmuth!« Der Vierte aber harrt nicht erst Des Todesstreichs: Er senkt die Spitzen Der scharfen Hörner, die im Nu Dem Löwen tief im Leibe sitzen. Der wendet blitzschnell, fürchterlich, Dem Gegner zu den offnen Rachen, Schlägt ihm die Zähne tief in's Fleisch Und zerrt ihn, daß die Knochen krachen. Urplötzlich setzt, mit einem Sprung, Er über die Umfassungsmauer, Blindwüthend in dem Menschenknäul Versteck sich suchend: Todesschauer Der Furcht durchbebt die Menschenmenge, Dann, mit des Wahnsinns Angstgedränge, Strebt Jeder eiligst zu entweichen Und einen Ausgang zu erreichen . . . Indeß, mit aufgerißnem Leibe, Das Maul bedeckt mit Blut und Schaum, Den Boden mit dem Schweife peitschend, Durchmustert wild der Leu den Raum Und sucht ein Opfer. Plötzlich nimmt er, Er selbst ein König und ein Held, Des Nebenbuhlers Nähe fühlend, Den Anlauf nach des Königs Zelt. Den König und die Königin Hat man im allgemeinen Schrecken Allein gelassen. Jetzo sieht Man beide stolz empor sich recken. Sie halten unbeweglich Stand, Den Blick dem Feinde zugewandt. Nerto, mit Zittern, schmiegt sich dicht An Frau Yolanthe, händeringend . . . Und immer näher kommt das Thier, Des Circus Stufen überspringend; Schon dringt aus seinem offnen Rachen Der heiße Hauch zu ihr empor, Da, aus dem wirbelnden Gewühle, Stürmt Roderich von Luna vor Und Stirn an Stirne mit dem Löwen, Ihn bannend mit dem Feuerblick, Hebt er die Faust und bohrt ihm blitzschnell Das kurze Dolchschwert in's Genick. Zu Boden stürzt das Ungethüm, Den Kopf gesenkt, den Rachen offen: Ein Zucken noch, dann liegt es still, Vom Todesstoße jäh getroffen. Die schöne Königin Yolanthe Zieht eine Nadel aus dem Haar, Rubinbesetzt, und bietet lächelnd Zum Dank sie Don Rodrigo dar. Nerto belebt sich langsam wieder, Die Menge lärmt und jauchzt wie toll: »Der König starb! Der König lebe!« Indeß die Alten kummervoll Einander winken: »Ueble Zeichen! Schiff Sankt Trophimi, fahre wohl! Der Löwe starb, bald kommt der Dauphin: Der Baum der Republik tönt hohl.« Die Weiber und das junge Volk Schrein: »Auf und schlagt die Tamburine!« Der König Ludwig aber spricht Halblaut und mit zufriedner Miene Zum Seneschall, Sire Georg von Marle: »Nun bin ich König auch in Arles«. Den König würdig zu begrüßen War Meister Bouisset, in der That, Als Sprecher der Stadt Arles zu glänzen Gewählt vom löblichen Senat; Denn darin waren Alle einig, Daß gründliche Gelehrsamkeit In ihm sich eint mit wunderbarer Natürlicher Beredsamkeit: »Durchlauchtigster, großmächt'ger König Der Provençalen und auch Ihr,« Begann der Redner, »edle Fürstin, Des Thrones Stern und schönste Zier, Gelobt sei Gott und Sankt Josephus, Die uns bereitet Euren Bund Und Euer Hochzeitsfest beschützten, Wie eben jedem Auge kund, Durch einen wunderbaren Vorfall, Der jenem gleich sieht, fast genau, Den einst zu Gottes Ruhm erlebte Des großen Boso edle Frau! Die Eifersucht, die ungemeßne, Auf seine Frau, die Königin Augusta, trübte König Boso Den sonst so ritterlichen Sinn, Daß er die tugendreiche Fürstin In seinem ungerechten Wahn In Stücke reißen lassen wollte Von eines wilden Löwen Zahn. Allein als kaum in der Arena Der Sohn Cyrenes vor ihr stand, Duckt sich das Thier zu ihren Füßen Und leckt ihr fromm die weiße Hand! Denn, wahrhaft wunderbar, noch immer Hat unser Königsleu gezeigt, Daß er vor edler Damen Tugend In Ehrerbietung sich verneigt. Und selbst im Fall, den eben wir Mit Schrecken sah'n, ich sag' es offen: Hätt' unser Thier so plötzlich nicht Des tapfern Ritters Stahl getroffen, O Königin des Lichts, es hätte Vor Eurer Schönheit Zaubermacht Der Löwe, hier, zu Euren Füßen, Gehorsamst Reverenz gemacht!« »Zum Kukuk!« schreit der Narr des Königs, »Ein Esel der Euch so was glaubt! Schönfärberei ist das, mein Bester, Denn gleich den Andern All', erlaubt, Habt Ihr, so schien mir, sehr behende Den Leib in Sicherheit gebracht . . . Nun, Meister Bouisset, sonder Tadel, Hab' ich's doch ebenso gemacht: Aus Angst bekam ich einen Buckel . . . Doch still! Drescht Ihr auch leeres Stroh, Die Schellenkappe schweigt, denn Cedant Arma togae sagt Cicero!« Ringsum erschallt das Spottgelächter, Der Redner sieht verdrießlich aus. – Vor Nerto's Geist, noch schreckbefangen, Erhebt sich jäh das Nonnenhaus. Das arme Kind ist tief erregt, Weiß selbst nicht, was sie so bewegt: Wie Sonnenschein und Regenwolken Im Streit sind in der Maienzeit, So fühlt sie, daß sich Herz und Seele Zum ersten Mal in ihr entzweit. Die Seele spricht: »Ich muß mich retten, Die Welt ist wie ein flacher Strand, Bedroht vom Wogenprall der Sünde. Auf eines Messers Schneide stand, Daß ungebeichtet ich gestorben Und dann auf ewig wär' verdorben! Denn jenes Unthier, jener Leu, Deß Auge gierig nach mir suchte, Deß' Blick mich bannt' und blendete, Es war der Böse, der Verfluchte! Vergebens werd' ich seiner List Entwinden mich, vergebens fliehen, Ich seh' ihn grinsend vor mir stehn, Er wird mich in die Hölle ziehen! Er kommt, vielleicht schon heute Nacht Um mich im Feuerpfuhl zu betten . . . Maria, Heil'ge! steh mir bei, Du kannst allein noch mich erretten!« Und dann erwidert' ihr das Herz: »In's Kloster mich begraben lassen, So jung die süße Freiheit fliehn, Mein thurmgekröntes Schloß verlassen, Die seidnen Kleider auszuziehn, Verschmäh'n des Hofes Festlichkeiten, Das ist fürwahr ein harter Kampf, Ich kann's Herrn Rodrich nicht bestreiten. O schöner Rodrich! Ist's doch er, Dem ich mein Dasein jetzt verdanke: Wie er, den blanken Stahl gezückt, Vortrat und rasch wie ein Gedanke Den Löwen fällt' mit einem Streich, Sah er dem Engel Michael gleich . . . Dann hat er mich zurückgelassen, Geblendet . . . Wohin ging er nur? Ich seh' ihn nie mehr! Ach, von ferne Verfolg' ich seiner Thaten Spur! Er ist an mir vorbei gegangen, Stumm zwar, doch eines sah ich klar: Daß auf dem Herzen er den Dolch trug, Mein Wappen von Kastell-Reinard! Ich Thörin . . . Nein, zu meiner Rettung Ruft Gott mich in sein heilig Haus . . . Wo ging er hin? Ich seh' ihn nie mehr, Mich schließt man ein, der Traum ist aus. Mich Aermste kleiden sie schon morgen In Sankt Caesari Bußgewand; Ich seh' ihn nie mehr. Doch sein Auge, So heiß und tief, wird unverwandt Mir folgen in den Kerkerraum, Deß Thüren meinen Tod bedeuten. Ich seh' Dich nie mehr! Lebe wohl! Ach, heute schon, beim Abendläuten – Es weint mein Herz, wenn ich dran denke – Sperrt man mich zu den Nonnen ein. Es weint mein Herz, und doch entrinn' ich Nur so der ew'gen Flammenpein. Im Kloster aber will ich still Zu Gott dem Herrn, so lang ich lebe, Inbrünstig beten, daß er Dir Dein ewig Heil, o Rodrich, gebe; Von ganzer Seele will ich flehn, Von ganzem Herzen und Gemüte, Daß er Dich schirme für und für Mit seiner Gnad' und Vatergüte!« V. Die Nonne.                 Aus der Abtei von Sankt Cesàri Steigt auf der Nonnen fromm Gebet Und unaufhörlich, kling, klang, klinge! Geläute durch die Lüfte weht. Die schwarzen Nonnen wandeln betend Hinauf, hinab den Klostergang Und weithin grüßend, kling, klang, klinge! Tönt drüber hin der Glocken Sang. Wie Boten aus dem Todtenreiche, Dem Grab entstiegen, stumm und bleich, Mit ihren langen schwarzen Schleiern, So huschen sie, gespenstergleich, Im Schatten der Gewölbebogen; Sie beten ihren Rosenkranz. Und immerzu geht, kling, klang, klinge! Der Klosterglocken Freudetanz. Und zitternd, wie ein zartes Blatt, Liegt Nerto, gestern eingetreten, Still betend auf dem Kirchenflur: Sie müht sich eifrig, fromm zu beten. Denn heute soll mit Kreuz und Schleier Die Aermste eingekleidet sein . . . Hier ist Dein Käfig, junges Vöglein, Hier ist Dein Käfig, nur herein! Von frommem Hin- und Wieder-Schreiten Ist ungewohnt das Haus belebt, Derweil das Herz der Frau Abtissin In fiebernder Erwartung bebt; Denn Benedict, der heil'ge Vater, Und König Ludwig in Person, Die Königin und ihr Gefolge, Das Kreuz voran, in Prozession, Sind unterwegs nach Sankt Cesàri, Um einzusegnen am Altar Die hochgeborne, edle Tochter Jung Nerto von Kastell-Reinard. Und sieh! Da sind sie. Plötzlich gähnen Des alten Klosters Pforten weit. Sprechzimmer öffnen sich und Gitter, Des Sonnenlichtes Heiterkeit Gießt siegreich durch das dumpfe Haus Die sonst verwehrten Strahlen aus. Ergriffnen Herzens, reihenweis' Geschaart, in betender Geberde, Sind alle Schwestern hingekniet Und blicken demuthsvoll zur Erde. Von Geigen tönen süße Weisen, Andeutend die Zufriedenheit, Die Freude und den Abschied derer, Die ganz sich ihrem Schöpfer weiht. Derer, die dort im Dämmerlichte Harrt mit verweintem Angesichte. Das neuvermählte Königspaar Vertritt an Nerto Pathenstelle. Jetzt, nach und nach, verbreitet sich Im düstern Schiffe Kerzenhelle; Die Nonnen schreiten stumm in Reihen, Umwallt vom schwarzen Manteltuch. Nerto erharrt, den Tod im Herzen, Der ew'gen Buße Urtheilsspruch. Der heil'ge Vater aber, vor dem Altare sitzend, nimmt das Wort: »Wir, Papst, den Mantel Christi tragend, Der Kirche Knecht, des Glaubens Hort, Thun allen Hörern hier und Zeugen Zu wissen: Da des Satans List, Mit der er frommen Seelen nachstellt, Zu wehren, unsres Amtes ist Und in Erwägung der Gefährde, Die einer armen Waise droht, Erwägend, daß des Unheils Nähe Rechtfertigt unser Machtgebot, Erwägend auch, daß diese Erde Nichts ist als ein Verbannungsort, Verleihn, trotz ihrer großen Jugend, Der Bittenden, durch Gnadenwort, Mit unserm väterlichen Segen, Das Recht, Gelübde abzulegen.« Dono Barralo, die Priorin, Verbeugt sich tief und demuthvoll; Dann, leise zu der Jungfrau tretend, Gibt sie ein Zeichen: Sanft und voll Ertönet der Gesang der Psalmen, Der Weihrauch spendet seinen Duft, Und vor dem Kreuz und Weihewedel Sinkt Nerto's Jugend in die Gruft. Jetzt wird der Hut ihr abgenommen, Der seidne Mantel auch alsbald, Das lange Haar ihr aufgeflochten, Das nun die Schultern blond umwallt. Und plötzlich, zitternd und erblassend Im Uebermaß des Schreckens, fühlt Sie, wie das Eisen einer Scheere In ihren dichten Locken wühlt. Da jammert laut das edle Kind: »O meine schönen blonden Haare! In der Kapelle hängt sie auf, O tragt sie dorthin zum Altare Der Jungfrau, meiner Schutzpatronin! O herber, schmerzlicher Verlust, Lebt wohl, Stolz meiner sechszehn Jahre, Lebt wohl, ihr meiner Kindheit Lust! Wenn früh sich in mein Schlafgemach Des Morgens erste Lichter stahlen, Kämmt' ich euch sorgsam, liebevoll, Wie eine Garbe goldner Strahlen! Laßt mich mit Küssen euch bedecken – O heil'ge Jungfrau, zürne nicht! – Du goldnes Vließ, zu früh geschnitten, Nie wehst du mehr im Sonnenlicht, Nie schmückst du dich mit Blumen mehr, Die sich in dir so wohl gefielen, Weh! Nie mehr wird der sanfte Wind In deinen goldnen Ringen spielen! Vielleicht ist's kindisch drob zu weinen, Doch fühl' ich, wie das Herz mir schwillt . . . Ich kann, ich kann mich nicht bezwingen, Nicht hindern, daß die Thräne quillt! Aus ist's . . . Der Lerche der Provence Bedeckt ein schwarzes Tuch die Schwingen, Im Hügelland, im Haidemoor, Geht, Vöglein, ohne mich jetzt singen! Die Erdbeern und die Veilchen pflücken Geht, Mädchen, ohne mich und singt Allein, wenn ihr am Flusse wandelt, Der lachend über Kiesel springt . . . Und ach! mein Windspiel, das mir lustig Bis Arles gefolgt, mein treues Thier, Aus langer Weile wird es sterben! Nicht so schleicht ihm die Zeit wie mir: Des Kreuzes traurige Verlobte Begrab' ich in den finstern Schooß Des Klosters meine Lebenstage: O weinet, weinet um mein Loos!« Doch jetzt entfesselt durch die Räume Die Orgel ihren Donnerklang Wie Stimmen, die am Weltenende Kund thun den großen Niedergang, Und überdröhnt der Nonne Klagen. Das schwarze, rauhe Hausgewand Legt man ihr an, den Busenschleier Und um die Stirne Tuch und Band. Dann, auf die Bibel und die Satzung Des Ordens, die den Leib kasteit, Hat Armut, Keuschheit und Gehorsam Sie angelobt auf Lebenszeit. Wie eine Heilige versprach sie's. Dono Yolanthes Majestät Reicht ihr liebkosend ein Gebetbuch, Mit Lilien außen übersät Und innen hatte, Blau mit Gold, Die reichgeschmückten Initialen In der Abtei von Mount-Majour Sich Jahr und Tag bemüht zu malen Der fromme Bruder Berengar, Der seiner Kunst ein Meister war. Ach! Nichts kann jetzt ihr Herz erfreuen, Grau scheint ihr Alles, öd' und leer. Wie eine Schwalbe, der die Flügel Vom Ungewitter regenschwer Und die der Sturmwind in die Wolken, Sie weiß nicht wie, von dannen trägt, Wie ein verlornes Lamm, das blökend Am Abgrund sich einherbewegt, So sieht die junge Nonne nichts Als dunkle Schatten in den Räumen; Nur hin und wieder winkt ihr matt Ein Kerzenschein . . . Sie glaubt zu träumen; Ringsum ist Nebel . . .                                     Aber schon Ergreift den langen schwarzen Schleier Der heil'ge Vater; denn er selbst Beendigt jetzt die hohe Feier. Und über ihre weiße Stirne Ihn breitend, spricht er ernst und laut: »Empfange auf Dein Haupt, o Nerto, Den Schleier einer Gottesbraut, Ein heilig Sinnbild der Zerknirschung: Und wenn dereinst Dein Ende naht, Mögst Du ihn rein zurückerstatten Und ernten frommen Wandels Saat! Und mögst Du, Satans Bande brechend, Weiß wie der Schnee und gotterfreut Am Hochzeitsmahl der Seel'gen sitzen, Das sich im Himmel stets erneut! Dich lasse Gott, dem Weihrauch gleich, Dorthin, wo in des Höchsten Namen Der Herzen heil'ge Eintracht wohnt, Aufsteigen! Also sei es! Amen!« Die Opferhandlung ist zu Ende, Die Prüfung und das Amt noch nicht. Im Chor der Kirche, etwas abseits, Liegt Nerto auf dem Angesicht, Ein Grabtuch über sich gebreitet, Die Beute nie geahnter Qual. Vier Kerzen brennen ihr zu Häupten, Die Nonnen singen im Choral. Des De profundis Trauerklage Hallt ihr entsetzensvoll in's Ohr; Von Zeit zu Zeit dringt, dumpf und schmerzlich, Ein Schluchzen unterm Tuch hervor, Darauf ein großes weißes Kreuz Sich abhebt. Nerto fühlt die Schrecken Des Kirchhofs und sie wähnt verwirrt, Daß Erd' und Grabstein sie bedecken; Die Würmer sieht sie schon beim Mahle, Sie ringt in namenloser Pein, Sie sieht Gespenster und ein Schauer Durchfährt ihr zitterndes Gebein; Und ihre Stimme, röchelnd, leis, Daß aus der Angst er sie errette, Ruft: Rodrich! . . . Doch der Nonnen Schaar Umsteht sie rings in dichter Kette . . . Erdfahl im Antlitz steht sie auf, Und als jetzt zu des Münsters Thüren Hinaus, beständig im Gebet, Die Nonnen die Novize führen Ertönt, dumpf wiederholt von Allen, Der Willkomm durch des Klosters Hallen: »Tritt ein, tritt ein ins Schwesternhaus, » Tritt ein, tritt ein « \&c,, provençalisch: » Intras, intras, o sorre nostro, »Noun sortirés vivo ni morto. « »Nicht Tod, nicht Leben führt hinaus.« Und alle gehn davon, ergriffen, Und Jedes sagt: »Gott hat's gewollt! Und doch, wie traurig ist's, wie schade, Daß ein Geschöpf, so jung und hold Im Lebensmai sich muß bequemen, Das Kleid von Mons Casin Mons Casinus (prov. Mount-Cassin ) heißt das vom heiligen Benedict 528 gegründete erste abendländische Mönchskloster auf Monte Cassino bei Neapel, nach welchem die Benediktiner beider Geschlechter ihre Ordensregeln benennen. zu nehmen!« Derweil im Kloster jedes Herze Von heil'gem Ernst ergriffen war, Vergnügte sich im Hafenviertel Der Söldner und Matrosen Schaar Im Gasthaus, zubenannt »Zum Schwerte«. Man spielt und trinkt, man lärmt und lacht; Bei catalonischen Piraten Mit rothen Mützen, bunter Tracht, Und langen Messern an der Seite Sitzt Rodrich: »Jeder Mann erhält,« So spricht er, »fünfzig Parpaiolen Parpaiolo , wörtlich Nachtfalter, eine ehemals in der Provence gangbare kleine Silbermünze. , Der sich mir ganz zu Diensten stellt. Ich werde, wenn die Zeit gekommen, Euch sagen, was ich ausgedacht, Jetzt, Brüder, laßt uns essen, trinken, Bis wir den Schlag der Mitternacht Vernehmen.« – »Hei, die Schmauserei! Hoch Hippokras und flottes Leben!« Schrie das Gesindel. »Laßt uns gleich Dem Wirth den Küchenzettel geben: Ein Fischgericht vom Vacarès, Vacarès . Großer Teich in der Camargo, so benannt nach den Heerden wilder Kühe ( Vaco ), welche an seinen Ufern weiden. Die Anwohner wissen mit Zuthat von Wein, Zwiebeln und Kräutern eine beliebte Fischsuppe zu bereiten, ähnlich der Marseiller Bouillabaisse, von welcher Albert Méry berichtet: »Pour le Vendredi maigre, un jour, certaine abbesse »D'un Couvent Marseillais créa la bouillabaisse.« Dann ein Aiòli, Aiòli (aus ai, Knoblauch und oli, Oel), eine Art von Mayonnaise aus den genannten Hauptbestandtheilen mit Eigelb und Gewürz. Das Aiòli ist, als Zugericht, eine besondere Lieblingsspeise der Provençalen. wohlgerathen, Nebst Pfefferschoten mit viel Oel Und einem fetten Rinderbraten!« »Vergeßt das Lamms-Gardiano Gardiano , ein Frikassé von Lammfleisch, dessen Zubereitungsart wahrscheinlich die Hirten (prov. Gardian ) erfunden haben. nicht.« »Potz Tausend, fünfzig Parpaiolen! Den Jungfern spielen wir eins auf, Laßt Geiger und laßt Pfeifer holen! . . .« »Auf Euer Wohl, mein schöner Hauptmann! Ihr trinkt nicht? Steckt Euch was im Sinn!« »Nein, nein,« erwidert Meister Rodrich, »Ich warte, bis ich durstig bin.« – Ganz duftend jetzt und goldgelb glänzend Kommt das Aiòli auf den Tisch. »Hallo! Laßt uns den Mühlstein netzen! Schenkt ein, trinkt aus und schenkt Euch frisch!« Da springt die ganze Bande auf, Die rothgeduns'nen Weingesichter Nach oben, stürzen sie das Naß In Strömen in des Schlundes Trichter. Sie pusten, schnalzen mit den Zungen, Dann wird geprahlt, dann wird gesungen, Dann rühren sie die Castagnette . . . Hei! wer nur auch sein Schätzchen hätte! Jetzt hallt vom Belfried, Lust und Qual Des Tages endend, das Signal. Die Bande schleicht sich aus der Schenke, Die Kappenmäntel im Gesicht, Mit hänfnen Sohlen an den Füßen, Durch finstre Gäßchen. – Rodrich spricht Nun Jedem leis in's Ohr und nennt Den Zweck, zu dem er sie versammelt. Die Bürgerhäuser allesammt Sind fest verriegelt und verrammelt. Pechdunkel Alles rings umher, Kein Licht in Arles, nichts rührt sich mehr. Die Catalonischen Gesellen Verfolgen erst der Rhone Lauf Und dann die Lisso. La Lisso (vom lat. licium, die Schnur) hieß eine lange, gerade Straße welche außerhalb Arles von der Rhone nach den Aliscamp führte, das heutige Boulevart de la Lice. – Jetzt, im Finstern, Taucht unbestimmt der Umriß auf Der Dächer und der Glockenthürme Des Klosters, das man, fern der Welt, Nächst Aliscamp Aliscamp (lat. Elysii Campi, die elisäischen Felder) Name des ältesten und berühmtesten Kirchhofs von Arles, nach der Sage von Christus selbst geweiht. Dante (im »Inferno« Canto IX, 38, 39 ) und Ariost ( Orlando furioso XXXIX, 72 ) erwähnen diese Todtenstadt. errichtet hatte, Dem altberühmten Todtenfeld. Begünstigt von der Dunkelheit Erklettern jetzt die Galgenstricke An Seilen, in die Wand gehakt, Den Katzen gleich, im Augenblicke Die Mauern jenes edlen Klosters, Das seit Jahrhunderten im Land Durch Heiligkeit und strenge Tugend In wohlverdientem Ansehn stand, Und dessen Oberste im Amte Meist einem Fürstenhaus entstammte. Es war just in dem Augenblick, In dem zum nächt'gen Mettesingen Bei einer schwachen Ampel Schein Die Nonnen in die Kirche gingen. Die Augen noch von Schlaf befangen, Besetzen sie das finstre Chor Und beten nach der Ordensregel . . . Da, plötzlich, kracht ein Schlag an's Thor! Auf fliegt es berstend. Don Rodrigo, Wie in die Hürd' ein reißend Thier, Stürzt in die Kirche, furchtbar rufend: »Ihr wollt den Teufel? Er ist hier!« Und schnell, die rothen Mützen schwingend, Die Mäntel auf den Arm gehängt, Hat sich der Trupp der frechen Schelme Ihm nach in's Heiligthum gedrängt. Bei Sankt Maxim! Noch niemals wurde Ein solch Entsetzen je gesehn. Ja, hätte sich die Gruft geöffnet, Damit die Todten auferstehn, Die friedlich unterm Stein verwesen, Es wär' der Angst nicht mehr gewesen. Die Nonnen bleiben, starr vor Schrecken, Gebannt und unbeweglich stehn, Wie Tauben, wenn sie in den Lüften Den räuberischen Weih gesehn. Und schon hat Rodrich die Gesuchte Mit raschem Blick entdeckt im Schwarm, Doch wie er am Altar vorbeieilt, Faßt ihn die Oberin am Arm, Zum Himmel rufend: »Hilf uns Herr!« Er aber stößt sie barsch zur Seite, Nimmt Nerto, die bewußtlos liegt, In seinen Arm und sucht das Weite. Er preßt sie sanft an seine Brust Und beugt sich auf die bleiche Wange: »Ich bins, Dein Rodrich,« flüstert er, »Komm mit mir, Liebchen, sei nicht bange!« Indeß im Sturm der rasche Jüngling Des Klosters edle Perle raubt, Begehn die Spießgesellen Unheil. Denn wahrlich, nicht vergebens glaubt Das Volk bei uns, der Teufel sei Mit »Catalonier« einerlei. Aus dieser Frauenschaar, entsproßt Des Landes edelstem Geblüte, Ergreifen sie mit roher Faust Die stolze, feine Hochwaldsblüthe Um, fühllos gegen ihre Klagen, Die Lieblichsten davonzutragen. Doch schon erschallt die Klosterglocke, Weithin verbreitend den Allarm: Die Nönnlein so da alt und häßlich, Sie läuten Sturm, daß Gott erbarm! Der tapfre Hauptmann des Tampan Tampan hieß im Mittelalter in Arles die Stadtwache. Das Wort kommt vom lat. tympanum, Trommel. Und seine Häscher alle, kamen Beim Schall der Glocke schnell herbei, Zu Hülfe für die armen Damen; Und schon von ferne hört er sie Laut schreien und sich heftig wehren. Der Hauptmann zieht sein braves Schwert. »Hei! Das Gesindel will ich lehren!« Und eh' die Räuber es erwarten Erreicht die Wacht den Todtengarten. Der Aliscamp Begräbnißstätte, Umwoben von Legendenschein, Voll Grabkapellen und voll Kreuze Und hüglig ganz, von Todtenbein, Lag, in der Zeit von der ich spreche, Bei Arles auf einer weiten Fläche. Als, nach der Sage, Sankt Trophim Den Friedhof christlich weihen wollte Und einer der Geladenen Weihwasser ringsum sprengen sollte, Da war im ganzen Kirchenrathe Kein Pater, der sich würdig fand: Voll heil'ger Demuth lehnte Jeder Die hohe Ehre von der Hand. Und allsogleich, vom Himmel her, Kam Unser Herr in einer Wolke Von Engeln; und er weiht' das Feld. Man sagt sogar im frommen Volke, Daß an dem Platz, wo er gekniet, Man noch im Stein den Eindruck sieht, Und Nachts sei dort von Engelchören Oft himmlischer Gesang zu hören. Darum, an so geweihter Stätte Wollt' Jedermann begraben sein; Die Könige, die Kirchenfürsten, Barone, Grafen, groß und klein, Erbauten dort sich Mausoleen, Der einfach, der mit großer Pracht Auf ihrer Handvoll heil'ger Erde. Der Hölle Zorn war ohne Macht, Wenn hier in ihrer Grüfte Tiefen Der Abgeschiednen Leiber schliefen. Und so, den Rhonefluß entlang, Das Geld für's Grab auf ihren Bahren, Ließ man in Schiffen, ganz allein, Stromab die armen Todten fahren, Um dort zu ruhn. Und kamen dann Die Särge langsam angeschwommen, So wendete der Schiffersmann Sein Boot und gab mit einem frommen Gebet den Leichen das Geleit; Und wen sie sonst am Wege trafen, Bekreuzte sich und sagte leis: »Gott lasse sie in Frieden schlafen.« Doch heut' ist auf dem großen Felde Der Todten Friede schlimm gestört. Um wiederum zurückzukehren Zum Raube, der so unerhört Das Heiligste zu schänden wagte: Rodrigo lief in wilder Hast Im Finstern über Leichensteine, Auf seinem Arm die holde Last; Und Nerto, rücklings fortgetragen, Hört, wie im Traum, die Worte sagen: »Wie duftet der Jasmin so herrlich, Wie glänzt der Glühwurm durch die Nacht, Wie singt die Nachtigall so schmelzend, O sieh' des Himmels Sternenpracht! Mir ist, als wenn ich Flügel hätte! Mit Dir in stiller Nacht allein, Du, süßes Lieb, in meinen Armen, Du, Holde, mein, für immer mein, Was ist so köstlich noch auf Erden!« Doch sie, in Ohnmacht und verwirrt, Des Unheils willenloses Opfer, Weiß nicht, wohin ihr Denken irrt: Ist es der Teufel, dem zur Beute Sie dennoch fiel? Sie weiß es nicht! Ist es ein Engel, der sie fortträgt Und himmlisch süße Worte spricht? Jetzt, hinter ihnen, durch das Dunkel Erdröhnt das stille Leichenfeld Von Lärm und lautem Waffenklirren. Rodrigo, der erprobte Held, Hört, als er Rolands Grab Rolands Grab . Es gibt in der Provence und in den Pyrenäen zahlreiche Stätten, welche der Volksmund in mannigfaltigster Weise mit dem Namen Rolands, des heldischen Neffen und Paladins Karls des Großen in Verbindung bringt, darunter auch der Friedhof der Aliscamp. erreicht, Die Bande ihn zu Hülfe rufen . . . Da, rasch entschlossen, legt er sanft Die halb Entseelte auf die Stufen Und eilt zu seinen Cataloniern. Hei! welch ein Kampf in finstrer Nacht Bei Kreuz und Stein! Auf keiner Seite Wird ein Gefangener gemacht. Wenn in dem fürchterlichen Würgen Ein Mann getroffen niedersinkt, So gähnt auch dort sein Grab. Und während Von Schwertgeklirr die Luft erklingt, Die Nonnen fliehn, die Männerschaar Zusammenschmilzt, erwacht mit Beben, Vom Morgenwinde sanft geküßt, Die Jungfrau wiederum zum Leben. Der Halbmond stieg herauf. Rundum Die Kreuze glänzten wie am Tage. Nerto, allein im Todtenfeld, Rings Gräber nur und Sarkophage, Fühlt wie ihr Haar sich sträubt. Es rieselt Ihr eisig durch das Mark und jetzt, Sich in der Hölle Vorhof wähnend, Springt sie empor und flieht entsetzt. Sie irrt umher, doch Grab auf Grab Hemmt ihren Schritt auf allen Seiten; Endlose Katakomben sind's, Die sie auf ihrer Flucht begleiten; Von Zeit zu Zeit steht schreckbefangen Sie stille und ihr Herz erbebt, Wenn eine aufgescheuchte Eule Sich schwirrend in die Luft erhebt; Dann nimmt sie ihren tollen Lauf, Halbtodt vor Angst, von Neuem auf Und bitterliche Thränen weinend, Von Gott verlassen und der Welt, Verirrt sie, unter lauten Klagen, Sich endlich in das freie Feld. Erhitzt, mit Blut und Staub bedeckt, Doch hochgemuth das Haupt erhoben, Kehrt Rodrich siegesstolz zurück. In stiller Nacht, vom Duft umwoben Der blüh'nden Myrthen und Jasminen, Sucht er sein Lieb. Doch keine Spur Vermag er, Nerto's, zu entdecken; Er sucht . . . und findet Gräber nur. Voll Ungeduld, mit leisem Fluchen, Eilt Aliscamp er abzusuchen, Sankt Honorat Sankt Honorat (prov. Sant-Ounourat ) Bischof von Arles, gründete 391 das nach ihm benannte Kloster auf der gleichnamigen Insel im Golf von Cannes, starb um 430. – Pourcelet (wörtlich Schweinchen), Name einer altberühmten Arlatischen Adelsfamilie. (S. im Armana Prouvençan von 1878 die an den Namen dieser Familie geknüpfte Legende.) und Sankt Accursius, Sankt Bardulph dann und Sankt Tiburtius Und dann das Grab der Pourcelet . . . Er bleibt allein bei Tod und Leichen. Vor Liebe rasend und vor Zorn, Fühlt er sein Herzblut jäh entweichen Und ein Zerreißen in der Brust. Nach ihr, der Einzigen von Allen, Läßt er in's weite Feld hinaus Den Ruf: »O Nerto, Nerto!« hallen. Doch weckt er nirgend einen Ton Als Eulenkrächzen im Trebon. Trebon (lat. Ager Tribuntius oder Triphontius ) hieß ein Theil des Stadtbannes von Arles, in der Richtung nach Taraskon. VI. Der Engel.                   Im Morgengrauen wandert Nerto An einem weiten Wald entlang, An einem Wald von Silberpappeln Und Gott geleitet ihren Gang. Sie will der wölf'schen Welt entfliehen, Doch ist sie von der Qual der Nacht, Von so viel Angst und so viel Mühen Um ihre letzte Kraft gebracht. Sie ruht ein wenig auf dem Rain Und heller jetzt beginnt's zu tagen: Da kniet sie nieder, andachtsvoll, Um das Gebet des Herrn zu sagen. Horch! Plötzlich läutet durch den Wald Ein Glöcklein hell den Morgensegen. Nerto erhebt sich, neu belebt, Und geht dem frommen Klang entgegen. Die Vöglein Alle sind erwacht, Die Meisen zwitschern in den Zweigen, Indeß die Tauben, Paar um Paar, Sich girrend zu einander neigen. Behutsam schreitet Nerto vor, Doch nicht mehr scheu und angstbeklommen, Denn hier im schönen, heitern Wald Fühlt sie sich freundlich aufgenommen. Sie ist so einsam auf der Welt Und so erschöpft vom vielen Weinen, Daß sie erfreut die Bäume sieht, Die kosend ihre Stirnen einen; Des Hochwalds freut sie sich, der lind Mit Wohlgerüchen sie umgeben Und dessen Zweige um ihr Haupt Den Schleier sanfter Ruhe weben. Die heil'ge Sonne tritt hervor, Thauperlen hängen rings am Laube Und alle Knospen stehn erfrischt; Der Ginster und die wilde Traube, Der Rosenstock, die bunten Blumen, Am Abhang rings die Blüthenpracht, Das Alles ist voll Dank und Wonne Im lieben Gotteslicht erwacht. Schön Nerto steigt beim Glockenklange Zur lichten Höhe sacht hinauf . . . Da taucht am blauen Himmel plötzlich Ein kleines Kirchlein vor ihr auf, Und einen Eremiten sieht sie, Der abwärts jetzt den Weg betritt; Die Nonne spricht, ihm näher kommend: »Gott sei mit Euch!« Der Eremit Erwidert drauf: »Die heil'ge Jungfrau Beschere Fried' und Freude Dir!« »Ach ja,« sagt Nerto, »frommer Bruder, Wahrhaftig, deß bedarf es hier, Und das Warum wirst Du verstehn, Wenn Du erlaubst, daß die Geschichte Des Unheils, das mir widerfuhr, Des schrecklichen, ich Dir berichte.« Der Weißbart mit dem härnen Kleide Spricht sanft: »Sag' an von Deinem Leide.« Zwei Steine wählen sie zum Sitz Und ringsum, wo sie Platz genommen, Sind Vögelein und Heimchen gleich Mit Sang und Klang herbeigekommen. Und sie erzählt den Sündenhandel Den, ach! ihr Vater einst gemacht, Den Raub aus Sankt Cesari Kloster, Der Aliscamp Entsetzensnacht . . . Sie beichtet weinend wie ein Kind. »O,« ruft sie, »könntet Ihr mich retten!« »Der liebe Gott,« erwidert ihr Der heil'ge Mann, »löst oft die Ketten Des Höllischen und, uns zu prüfen, Gibt er ihm grenzenlose Macht, Doch derer, die im Glauben leben, Harrt nimmer der Verdammniß Nacht. Dem reinen Herzen wird der Glaube, Der Berge hebt, zur Seite stehn Und Satans Brut, des Frommen spottend, Muß Hiob triumphiren sehn. Der Glaube ist von Gott gegeben, Den Gläubigen verläßt Er nicht, Er wird ihn rächen und beschützen, Sofern sein Wandel für ihn spricht.« »Die Sage geht in diesem Gau Von einem gottgeweihten, frommen Apostel der vor grauer Zeit Zum Predigen hierhergekommen: Er war ein guter Alter, kränklich, Gebrochen und dazu noch blind; Den armen Lichtberaubten führte Ein junger Bursch, ein Landeskind. Da gab sich's, daß, nicht fern von hier, Sie durch die weite Crau gegangen, Durch unsre kieselreiche Crau, Von heiterm Sonnenlicht umfangen; Der Alte aber schritt im Nebel. So zogen sie den Strand entlang, Als plötzlich, über ihren Häuptern, Ein Tosen durch die Lüfte klang. Der Nordwind war's, von dessen Wüthen Die öde Fläche widerhallt. »Was gibt es da? O heil'ge Jungfrau!« Ruft der Apostel. Und alsbald Entgegnet ihm der schnöde Führer, Der ihn zu foppen sich vermißt: »So viele Leute sah ich selten! Das Volk aus den Alpinen Die Alpinen (prov. lis Aupiho, lat. Alpilla ), Höhenzug in der Gegend von Arles, zwischen Rhone, Durance und Crau. ist Zu Tausenden herbeigeeilt, So hört doch, wie sie Euch umrauschen, Sie sitzen auf den Steinen rings Und wollen Eurer Predigt lauschen.« Der Heil'ge reißt die Augen auf, Die armen, weißen, blinden Augen Und sucht nach Worten allsogleich, Die für das Heil der Menge taugen. Auf seinen Stab gestützt beginnt er Und mit verklärtem Angesicht Verkündet er, voll schönen Eifers, Des Evangeliums Trostbericht. Er schleudert in die weite Crau Der Liebe heil'ge Flammenworte, Er predigt kraftvoll, in den Wind, Von Gott und seinem Gnadenhorte; Den Steinen predigt er. Doch sieh! Des echten Christenglaubens Samen Wirkt Wunder, denn als er verstummt Antworten alle Steine: Amen! « »Sei stark im Glauben! Gott ist groß. Der Steine kann zum Reden bringen, Sobald er will, der kann auch Dich Erretten aus des Satans Schlingen . . . Jetzt aber, meine Tochter, komm, Nach meiner Klause laß' uns eilen, Du bist erschöpft von dieser Nacht Und mußt mein Frühmahl mit mir theilen!« Es war des Maimonds letzter Tag. Die Sonne stieg seit einer Stunde, Die Leco und den Rolandssprung Die Leco und der Rolandssprung (prov. La Leco e lou Saut de Rouland ) heißen zwei steile Felsen in der Nähe der Kapelle des hl. Gabriel in den Alpinen. Und alle Felsen in der Runde Mit ihrem Glanze übergoldend. Ein Schlückchen Wasser aus dem Krug Und Brod, das ist das ganze Gastmahl, Für eine Nonne reich genug. Als Nerto dankt, verschließt der Greis Den Brodrest in die Weidentruhe; Dann schreiten sie bedächtig fort, In morgenfrischer Waldesruhe. Von Gottes Größe reden sie; Und hatte des Anachoreten Tiefblickende Beschaulichkeit Dies heilige Gebiet betreten, So war es köstlich, ihn zu hören: Die Wunder kündete er laut, Mit welchen Gott in seiner Güte Sein denkendes Geschöpf erbaut: Der Sterne ungezähltes Heer, Die unsre Erdenwelt umgeben, Des Daseins Keime, die sein Wort Erweckt zu immer neuem Leben. Ja, köstlich war es, ihm zu lauschen, Er war ein wahrhaft heil'ger Mann! So rein und strenge war sein Wandel, Daß er der Engel Gunst gewann Und täglich, um die Mittagsstunde, Bracht' Einer ihm vom Himmel Kunde. Also, dem kleinen Bach entlang Lustwandeln langsam Greis und Nonne In Zwiegesprächen bald, und bald In frommen Meditirens Wonne. »Wie sind sie alle wohlgeordnet Und wie so weise vorbedacht,« Spricht voll Bewunderung der Alte, »Die Werke, die der Herr gemacht! Sieh' diese Mücken, die im Raume Ein Lichtstrahl liebend läßt entstehn, Sie leben, um vielleicht am Abend Desselben Tages zu vergehn; Und in der kurzen Spanne Zeit Gibt ihnen ihres Schöpfers Güte Im Ueberfluß was sie beglückt: Sie tränkt der Thau aus einer Blüthe, Sie haben Flüglein, um dem Winde Zu folgen, der vorüberweht, Sie dünken sich die Herrn des Bodens, Des Tageslichtes Majestät Berauscht sie froh. Mit einem Stachel Sind sie bewaffnet, für den Feind, Ja, in dem winzig kleinen Wesen Ist eine ganze Welt vereint Und in den Aeuglein spiegelt sich Das Weltall, zu des Schöpfers Ehre, Ganz ebenso vollkommen ab Wie im unendlich weiten Meere! Der Silberpappeln Kätzchen sieh! In jedes Körnchens feinster Fuge Siehst Du ein Flöckchen, das der Wind Wegträgt, weit über Land, im Fluge . . . Die Vöglein sammeln diesen Flaum: Siehst Du, dort oben auf dem Aste Das Hängemeisen-Nest? Es scheint Geflochten aus dem feinsten Baste Und wie mit Sammt ist es gepolstert, Es sieht sich wie ein Kunstwerk an . . . Wer lehrte diese Vögel weben? Hand Gottes, das hast Du gethan! Hand Gottes, die des Sperlings Brut Beschützt vor Frost und Sonnenglut!« »Ach,« seufzte Nerto, »allen Wesen, Jedwedem Thier in Wald und Flur Schenkt Gottes Güte eine Zuflucht, Doch mein Loos ist das Leiden nur; Ich ganz allein in weiter Welt Weiß, daß ich Niemand, Niemand habe, Der mir ein schützend Obdach gibt, Und wär's auch nur in einem Grabe! O Du, der eines schimpflichen, Elenden Todes bist gestorben, Um auszugleichen, durch Dein Blut, Was unser sündig Thun verdorben, Du, großer Retter, der im Geist Zur Seite seiner Treuen wandelt, Erbarme Du der Unschuld Dich, Die ohn' ihr Wissen man verhandelt! Und wenn mein Leben zur Vergebung Des armen Vaters dienen kann, Für den ich Schmerz und Tod nicht fürchte, So nimm, o Herr! mein Opfer an!« Mitfühlend ihren herben Schmerz Und feuchten Aug's bei Nerto's Klagen, Sprach also der Anachoret: »Ich darf Dir im Vertrauen sagen, Daß Gott Dich an der Hand geführt: Ja, Schwester! Auf, Hosiannah! singe Und lobe den allmächtigen, Den großen Ordner aller Dinge, Denn, wenn zu reden ich geendet, Weißt Du, daß sich Dein Schicksal wendet! Dort jene hohen, lichten Pappeln Mit ihrem Laub, das silberhell Vom Zweige grüßt, das ist, o Tochter, Der Hain des heil'gen Gabriel: O hochgelobtes Taubenhaus, Wo Engel fliegen ein und aus! Das Gotteshaus, das hier vom Felsen Herniederblickt seit alter Zeit, Von Gras umstanden und Lavendel, Es ist Sankt Gabriel geweiht, Dem Cherub, der die Benedeite Gegrüßt hat . . . Dorten im Portal Siehst Du sein Antlitz, wie es lächelnd Hinabgrüßt in das weite Thal: Des hohen Engels Wunderthaten Sind eingemeißelt in den Stein; Sieh, der, dem er die Nahrung zuträgt, Scheint Daniel, der Prophet, zu sein, Und den er bei den Haaren festhält Ist Habakuk: Wie grimmig sehn Die Löwen, die des Engels Schützling Mit Zähnefletschen rings umstehn . . . O schöner Gabriel! Den von Alters Das Volk zum Wächter sich erkor Der Pforten unsrer Grand Mountagno La Grand Mountagno (der große Berg) ist der volksthümliche Name der Alpinenkette. Im Gegensatze dazu wird ein fast parallel laufender niederer Hügelzug zwischen Taraskon und der Durance, la Mountagneto (der kleine Berg) genannt. (Dort glänzt sie thaubedeckt hervor) Und jenseits gaben unsre Väter Die Wache auf der Felsenbank Der Mountagneto Sankt Michaeli. Der Beiden Schwerter, hell und blank, Beschützen mit gekreuztem Stahl Das ganze weite, schöne Thal. Seit langen Jahren, meine Tochter, Bin ich schon hier. – Das Felsgestein Dient mir als Lager, doch zu weich noch Kann selbst ein steinern Bette sein, Denn Narrheit nirgends mehr gedeiht Als in des Menschen Einsamkeit! Ich habe Christi Knechtschaft gern Und freudig auf mein Haupt genommen, Und erst als ich der Welt entsagt, Ist Freiheit über mich gekommen. In diesen Wald schloß ich mich ein, Dem heil'gen Gabriel hingegeben, Und seitdem, fünfzig Jahre lang, Weih' ich ihm ganz mein armes Leben. O dreimal glücklich wer entsagt! Der Himmel wird ihn reichlich lohnen, Er wird auf dieser Erde schon Im Kreise sel'ger Geister wohnen! Es war zur Weihnachtszeit, um Mittag, Mein Eßkorb leer, der Hunger nagt', Dazu ein Winter wie für Wölfe . . . Muß ich es sagen? . . Sei's gesagt: Und Gott verzeih' mir wenn ich prunke! Ich hatte just mein letztes Brot Verschenkt, an einen Armen . . . Plötzlich Färbt sich der Himmel purpurrot; Es schien ein großer Theil des Waldes, Nicht weit von hier, in Brand zu stehn. Als ich mein Angelus geläutet, Stieg ich bergan, um nachzusehn; Und wie ich an den Gipfel komme, Glänzt oben alles flammenhell Und leuchtend steht vor meinen Augen Der Fürst der Engel, Gabriel. Er war so schön, ach, unbeschreiblich! Und wie er lächelnd auf mich schaut, Da floß es mir um's Herz wie Balsam Und golden klang der Stimme Laut: »Wer betet, muß auch Speise nehmen, Hier ist für Dich der Engel Brot, Mit Dir ist Gott für jetzt und immer; Sieh! Seine Kraft heilt jede Not!« Drauf, wie ein Stern, war er verschwunden Und seitdem ist mein Brot geweiht, Denn täglich bringt, in einem Körbchen, Ein Engel es zur Mittagszeit . . . O Gnadenbrot, von Gott beschert, Bin Dein nicht werth, nicht werth, nicht werth!« Und einen Stein vom Boden hebend, Schlägt er damit an seine Brust. »Jetzt, meine Tochter,« spricht der Alte, »Sei'n wir der Lehren uns bewußt, Die unsre Wüstenpatriarchen Durch frommes Beispiel uns ertheilt, Laß uns danach den Wandel richten, Gemeinschaftlich und unverweilt: Im Geist der Buße wollen wir Demüth'gen Sinnes uns kasteien, Mit Fasten, Seufzen werden wir Uns gänzlich dem Gebete weihen Zu Gott und Unsrer Lieben Frau; Und, wie die Vögel hänfnen Samen, So theilen wir des Himmels Brot In Eintracht und in Gottes Namen. Und dann, zu ganz gelegner Stunde, Und kostet's meinen Weißbart mich, Will mit Sankt Gabriel ich reden: Und retten, retten werd' ich Dich!« Beglückt lauscht Nerto seinem Wort Und neues Hoffen, neues Leben Gibt's ihr zurück, wie Lenz und Licht Der Pflanze neue Blätter geben. »Mir klopft das Herz,« ruft jetzt der Klausner, »Wie Sulamiten einst geschah, So fühl ich des Geweihten Nähe . . . Ach! ich bin einer Ohnmacht nah! Die Mücke sticht, der Vogel ruht, Die Sonne steht im höchsten Zeichen, Gleich wird die volle Mittagszeit Das Kloster Mount-Majour erreichen. Ich geh' zu meiner Glocke schnell, Den Hügeln und den Thalesgründen, Den Menschen, Thieren, Wald und Feld Die eng'lische Begrüßung künden. Indeß ich läute, geh, mein Kind, Zur Kirche, Dein Gebet verrichten Und bitte Gott, des Bösen Saat Und alles Unheil zu vernichten.« Das Angelus durchtönt die Luft: Die Mäher längs dem großen Moore, Die Fischer an des Weihers Rand, Die Bauern unterm Scheunenthore, Die Holzer weit umher im Wald, Die Treiber auf dem Ochsenpfade, Die Rossezüchter im Gestüt, Die Hirten, aufrecht, kerzengrade; Das Glöcklein hörend wenden Alle Das Angesicht dem Klange zu, Sie greifen sachte nach den Mützen Und strecken sich zur Mittagsruh'. Der Tag ist still, das Wetter sonnig, Es geht ein Flimmern durch die Luft, Der Thymian, die Rosmarine Kredenzen ihren Blüthenduft Zum Trank den kleinen Schmetterlingen Und auf dem glühenden Gestein Berauscht sich wohlig an der Hitze Ein feines, grünes Eidechslein. Zur Sonne steigt ein süßer Duft, Wie wenn ein Weihrauch sie umfinge, Die Spiegelung der Luft verschärft Den Umriß der entfernten Dinge. Weiß scheint der ganze Horizont Und blendend ist des Mittags Helle. Dort aber, auf des Hügels Kamm, Dicht bei der heiligen Kapelle, Liegt unser Klausner in Verzückung; Die Kutte deckt das kahle Haupt, Das Leben scheint in ihm erstorben Und nur die Seele wacht und glaubt. Der Engel spricht mit ihm, der Engel, Den Keiner außer ihm gesehn; Er aber sieht die weißen Flügel Wie Segel durch die Lüfte wehn. Der Engel fragt ihn: »Wer ist Jene, Die in Caesari Bußgewand Und in der Blüthe ihrer Jugend Dort betet an der Kirchenwand?« »Es ist ein arm, verlassen Kind,« Antwortet ihm der Klausner schnelle, »Das ich zu retten mir gelobt.« Wie eines Sees krystallne Welle, Wenn drüber hin ein Wölklein zieht, Verdüstern sich des Engels Züge: »Du Handvoll Staubs,« spricht Gabriel, »Weist Du denn auch, ob zur Genüge, In Deiner Wüste, Du bekämpft hast Den, der auf krummen Wegen schleicht? Du wirst die größte Mühe haben, Bis Du's für Dich allein erreicht Und glaubst, Du könnest Andre retten? O armes Rohr! O armer Thor!« Und dies gesagt, schwang sich der Engel Zur lichten Sternenwelt empor. Der Eremit, halbtodt, steht auf; Der Schreck verwirrt ihm die Gedanken, Er ist bestürzt wie nie zuvor Und seine alten Kniee wanken. So klettert er den Berg hinab Und ruft: »O helft mir armem Thoren! Ihr Heiligen des Himmels, eilt Zu Hülfe mir, ich bin verloren! Denn jenes Satansnonnenbild, Das plötzlich auftaucht aus der Erde, Es ist, wer weiß, ein Spinngeweb, In das ich mich verstricken werde. Ich bin jetzt Siebzig, schwach und krank, Doch wen läßt Satan ungeschoren? Je älter, desto besser brennt Der Strohmann . . . Ach! ich bin verloren! Dahinter steckt des Teufels List . . . Und, angenommen auch, die Nonne Sei, wie sie scheint, ein ehrbar Kind; Hei! für die Lästrer welche Wonne. Ein Nönnlein und ein Eremit Beisammen! Denkt Euch das Getöse, Das Lachen und den schnöden Spott; Denn heute ist die Welt zu böse! O schöner Engel, Du hast Recht; Ich war ein Dummkopf, ohne Frage, Ein Thor: Doch selbst der Weiseste Fehlt siebenmal an einem Tage.« Als Nerto vom Gebete kehrt, Sieht sie, erschreckt, den guten Alten Verwandelt. Und er ruft: »Nun geh! Ich kann und darf Dich nicht behalten! Denn der vom Himmel bei mir war, Bedroht mich streng mit Heilsgefahr!« »Allmächt'ger, ich Verlassene!« Begann die Nonne laut zu klagen, »Wer schützt mich, wenn die Heiligen Sogar mich von den Thüren jagen! So muß ich denn zur Hölle gehn! . . . O böser Traum, so angstbefangen! Der Abend kommt, was fang' ich an? Ich sterbe sicher noch vor Bangen!« »Geh grad aus,« sprach der Eremit, »Bis an den Waldsaum mußt Du gehen, Und bist Du dann am Moor vorbei, So wirst Du Lichter glänzen sehen; Es ist ein Weiler, heißt Laurado, Dort heische Obdach, doch gib acht, Die Hunde könnten sonst Dich beißen; Und morgen früh, kaum weicht die Nacht, Nimm Deine Richtung nach den Felsen, Dort strömt ein reicher Gnadenquell, Und bete, recht aus Herzensgrunde, Zur Mutter Gottes vom Kastell, Die Mutter Gottes vom Kastell (prov. Nosto-Damo dou Castèu ), Kirche und Wallfahrtsort bei Taraskon an der Rhone. Die mächtig ist, weit mehr als ich: Du siehst ihr Haus vom Berge ragen. Dann, betend, betend immer zu, Laß' Dich von einem Maulthier tragen Und zur Abtei von Sankt Cesari Kehr' wieder, denn, wie Dir bekannt, Ist eines Klosters heil'ge Regel Ein ewig unzerreißbar Band . . . Und Sankt Julian und Sankt Trophim, Sankt Stephanus und Sankt Firmin, Sankt Tullius, der in seiner Wüste Bei Ottern und bei Vipern büßte, Sankt Gabriel und Sankt Contentus, Sankt Veredemus und Sankt Gentus, Sie Alle, mit dem besten Segen, Geleiten Dich auf Deinen Wegen!« VII. Der Teufel.                   Von Zorn und Ungeduld verzehrt Und schlimmer als ein Heide fluchend, Trat Rodrich aus den Aliscamp, Vergebens rings nach Nerto suchend: »O großer Geist der Finsterniß, Du, König in den Höllenschlünden, Deß Auge durch das Dunkel dringt, Du, Wühler in der Erde Gründen, O Lucifer!« sprach Roderich, »Wenn ich Dir jemals angehangen, Wenn ich Dir tapfer je gedient, So laß' mich jetzt den Lohn verlangen: Bei jenen fürchterlichen Worten, Die ich Dir sagen will, entsprich Jetzt unverzüglich meinem Wunsche Und führe zur Geliebten mich; Ich bin für Nerto's junge Schönheit In glühn'der Leidenschaft entflammt, Du mußt in meinen Arm sie geben, Wär ich auch ewig drum verdammt!« Und in die Nacht hinaus sagt Rodrich Mit halber Stimme, dumpf und schwer, Gen Mitternacht und gegen Mittag, Ein Höllenvaterunser her . . . Und gleich spricht eine tiefe Stimme: »Dir sei des Glückes Gunst beschert, Ich baue Dir zu Nacht ein Schlößchen Mit Allem was Dein Herz begehrt: Geh morgen frühe nach Laurado Und willst Du voll befriedigt sein, So hast Du dort die sieben Sünden Und Nerto geb' ich Dir noch drein.« Rodrigo war, hier sei's gesagt, Trotz allem tollen Saus und Brause, Trotz seiner Laster Uebermaß, Ein Sohn aus altem, gutem Hause Und Großmuth seines Wesens Kern. Allein, durch schlimmen Zufalls Walten Vier Jahre und elf Monden lang Von Boucicaut im Schach gehalten, Im Papstpalaste eingesperrt, Zu langer Weile ohne Thaten Verurtheilt, war der junge Herr In's heilige Archiv gerathen Und hatte in den Büchereien Der Päpste, bis zum letzten Band, Durchstöbert, was in langen Reihen Sich dorten aufgestapelt fand. Nun war der Papstpalast die Kufe, In die des Menschengeistes Kraft Geschäftig abgekeltert wurde. Der Welt geheime Wissenschaft, Verbotne Frucht, verborgne Kunst, Des Irrthums und der Lüge Dunst, Der Nekromanten frecher Trug, Albertus Magnus und Adepten, Viel Pergamente dunklen Sinns Mit bösen Zanbertrank-Recepten, Die Hexerei, Agrippa's Buch, Der Ketzer fluchbeladne Thesen, Beschwörung, Talmud, Kabbala, Der Alchimie geheimstes Wesen, Hermet'sche Kette, Stein der Weisen, Salomonschlüssel, Drudeneisen, Des Teufels ganze Waffenkammer, Jedwedes sündige System Und Alles, was der Päpste Weisheit Mit Acht belegt und Anathem, Lag hier dem Crucifix zu Füßen; Denn, wie das Meer der Flüsse Lauf, So nimmt die heil'ge Mutter Kirche Der Menschheit ganzes Wissen auf Und muß erst jede Meinung kennen, Um sicher falsch von wahr zu trennen. In diesem wilden Sumpfgestrüppe Von Schlamm und schnöder Narrethei, Im diesem dichtbelaubten Walde Voll Finsterniß und Ketzerei Versteckte sich der Teufel gern Und sorgte, daß der schöne Neffe Des Papstes eines Tags mit ihm Von ungefähr zusammentreffe. Mensch, Du willst wissen, wissen, wissen: Wenn, was Dein Hirn erfaßt und sinnt, Zur Ehre deß' dient, deß' die Ehre, Gut! Aber füllst Du Dich mit Wind, Willst, weil ein Elsternnest erstiegen, Nun gleich bis in die Wolken fliegen Und hinter Gottes Engeln jagen, Das wirst Du schwerlich gut vertragen, Und wenn Du auf die Nase fällst, Darfst Du Dich weiter nicht beklagen. Zu Avignon im Papstpalaste War, wie es scheint, zu jener Zeit Dem Bösen große Macht gegeben; Denn uneins war die Christenheit Im Großen Schisma, jenem Kreuz, Das alle Frommen schwer bedrückte Und Satan eine Freiheit gab, Bei der ihm mancher Fischzug glückte; Den größten aber that der Böse, Als, eben jetzt, es ihm gelang, Beim Mondlicht Rodrich zu erhaschen, Des Papstes Neffe! Welch ein Fang! Satan, Ihr wißt's, thut nach Belieben, Sobald ihn Gott nicht streng bewacht. Nun, diesmal baut der große Spötter Ein ganzes Schloß in einer Nacht, Ein Schloß im Flurbann von Laurado. Am Ufer, dort beim großen Moor, Nicht ferne von Sankt Gabriels Haine Ragt wundervoll der Bau empor: Nicht provençalisch und nicht gothisch, Doch saracen'scher Kunst verwandt, Erhoben sich in heiterm Prunke Phantastisch Thürme, Dach und Wand. Das Gold, der Schmelz, der Karmoisin Erglänzten an den schlanken Bogen, Um welche, wie ein Zauberkreis, Sich bunte Arabesken zogen; Gewundne Säulchen, schlangengleich, Traufröhren in Gestalt von Drachen Und Säulenschäfte, deren Fuß Verschlungne Teufelchen bewachen; Dann Thürmchen, die der Marabuts Symbole auf den Spitzen tragen Und mit des Halbmonds Hörnerpaar Wie drohend in den Himmel ragen. Und ringsum in den schmucken Friesen, Ein Wirrwarr, bunt und dichtgeschaart Von abenteuerlichen Zeichen In Koranschrift, nach Maurenart. Ganz oben, von des Giebels Spitze, Gleißt eine Krone weit in's Land, Aus Erz und Gold gewaltig ragend Und reich verziert mit Teufelstand. Das Schloß umgeben Zaubergärten Mit Pflanzen, die das Land nicht kennt, Mit Pfaden, deren Zickzack folgend Der Wandrer in's Verderben rennt, Wo hinter Büschen, hinter Bäumen, Er falschen, süßen Lockruf hört, Wo ihm ein Rauch von Wohlgerüchen Im Augenblick den Sinn bethört . . . Und dieses Schloß mit seinen Schätzen Ist Rodrichs Herrschaft eingeräumt: Hier findet er die Freuden alle, Die sein verderbter Geist geträumt. Der Säle sieben zählt das Schloß, Darin die sieben Haupt-Dämonen In unumschränkter Herrschermacht, Die schwarzen Flügel regend, thronen. Der große Fürst der sieben Sünden, Der Stolz, bewohnt den ersten Saal, Des Weihrauchs dichte, weiße Wolken Verdunkeln hier des Tages Strahl; Auf seiner Laute in dem schwülen Gemache spielt ein Troubadour Und Rodrichs hohe Thaten preisend, Singt er zu seinem Ruhme nur; Der, von des Wissens Früchten pflückend, Des Höllenfürsten werther Gast, Sein Herrschgebiet zu weiten wußte Bis zum dämonischen Palast. Er singt vom reifgewordnen Volke, Deß ferner Freiheitsruf erklingt, Von einer weisen Zukunftsmenschheit, Die siegend die Naturkraft zwingt, Allein des Weltalls Herrin bleibt Und Gott aus seinen Tempeln treibt. Im Zweiten ist das Reich des Neides. Hier herrscht die schnöde Politik, Hier sind die glühenden Verschwörer, Zähnfletschend, heulend, Haß im Blick: »Wann wird der Catilina kommen, Der, eine Fackel in der Hand, Umhergeht und in Roms Paläste Zu schlendern wagt den Feuerbrand? O! welches Glück, wenn Alles bärste, Der Himmel selbst in Stücke fiel', Es lebe Satan, hoch Leviathan! Zerstörung sei das letzte Ziel!« Im dritten Saale wohnt der Geiz: Da sitzen mit gesträubten Haaren, Entflammten Aug's, gestreckten Arm's, Die Mammons feile Knechte waren; Sie treiben den Betrug der Spieler. Italiens, Frankreichs, Spaniens Gold, Das Gold aus den Provencer Städten, Auf ihren Tischen gleißt und rollt: Und die Gesichter, bleich wie Wachs, Sie folgen angstgespannt dem Balle, Der klirrend durch das Glücksrad rollt . . . »Wer setzt noch mehr? Wie! Schlafen alle?« Und lachend reckt die Goldne Ziege Die goldne Ziege (prov. La Cabro d'Or ) ist, nach der Ueberlieferung, die gespenstische Hüterin eines Schatzes, den die Saracenen unter einem der alten Denkmäler der Provence vergraben haben sollen. Sie ist wahrscheinlich ein Anklang an den alttestamentarischen Bericht vom goldenen Kalbe. Die Sage von einem verborgenen und durch ein abenteuerliches Thier bewachten Schatze ist in unzäligen, durch die Oertlichkeit bedingten Gestalten so weit über die Welt verbreitet, wie die menschliche Goldsucht. In der Gegend, in welcher die vorliegende Erzählung spielt, glaubten die Einen, die goldene Ziege laufe jeden Morgen beim ersten Frühstrahle über den Hügel von Mount-Majour; andere behaupteten, sie liege unter dem Mausoleum von Saint-Remy oder in der Grotte von Cordo bei Arles, in deren Nähe die Saracenen zur Zeit Karl Martell's ein Lager aufgeschlagen hatten; wieder andere wollten sie in den Felsen von li Baus, der einstigen Feste des gleichnamigen provençalischen Fürstengeschlechtes, gesehen haben u. s. w. von Land zu Land. Die Hörner durch der Spieler Riege. Der Schlemmerei gehört der Vierte; Hier tobt das schwelgerische Mahl Beim heitern Klang der Prunkgeschirre; Festgeber ist Sardanapal. Ein Strom von roth und weißen Weinen In goldnen Bechern schäumt und blinkt, Der Courtisanen und der Prasser Berauschte Horde ißt und trinkt; Gelächter lohnt den frechsten Scherz . . . Und während so, mit trunknem Lallen, Die Zecher auf den Marmorflies In Lachen Weines niederfallen, Liegt draußen, vor dem offnen Thor, Ihr Jauchzen hörend, der Gerechte . . . »Stirb Du vor Hunger, Lazarus! Beschimpft vom Trosse unsrer Knechte!« Ein prächtig Ballfest gibt im Fünften Der Wollust siebenhäuptig Thier. Die Priesterinnen der Kythere Und alle Töchter Baals sind hier; Die reuelosen Sünderinnen, Die ihren Leib zum Spiel gemacht Und der Verdammniß Strafen leiden, Durchtanzen eine tolle Nacht. Gespenster spielen ihnen auf, Sie kreisen wild und immer wilder; Die nackten Leiber leuchten weiß, Wie marmorkalte Götterbilder; Beim Kerzenscheine schweben sie Im Zug vorüber: Es ist Laïs, Für die ganz Asien einst entbrannt, Es ist Kleopatra mit Thaïs, Es ist Aspasia, Messalina, Der Strom ist's, der das Land verheert . . . Sie lachen, doch in ihren Augen Glüht eine Flamme, die verzehrt. Im sechsten ist des Zornes Wohnung, Des brüllenden. Der Wände Zier Besteht aus Rüstungen und Waffen, Und Blut bedeckt den Boden hier. Man sieht zwei Fechter, schwertbewehrt, Zum Tigersprung die Rücken beugen; Auf Tod und Leben ringen sie, Befeuert von des Zweikampfs Zeugen: Hie Ismaël! Hie Israël! Dem Einen geht die Kraft zur Neige . . . Der Tod steht lauernd auf dem Flur Und krazt dabei auf einer Geige. Im letzten Saal, auf weichem Pfühl, Dehnt sich die Trägheit. Hell beschienen Von hundert Lampen liegen schlaff Die nur des Leibes Pflege dienen. In Weiberkleidern lauschen sie Dem Spiel der Bühne. Süße Weisen Berauschen sie . . . sie schlummern ein . . . Doch schon erklirrt des Feindes Eisen Und auf die Wälle Ninive's, Des unbewehrten, mordend, zündend, Steigt der Barbaren Uebermacht, Das Strafgericht des Himmels kündend. Rodrigo geht von Saal zu Saal. Doch von der Provençal'schen Nonne, Die Satan ihm versprochen hat, Von seines Herzens lichter Sonne, Sucht er vergebens eine Spur . . . Er findet Qual und Ekel nur . . . Und, um das Herzweh zu zerstreuen, Das ihn verzehrt, geht er hinaus Und späht, beim Abenddämmerlichte, In's weite Feld nach Nerto aus. Der Tag versank; es war die Stunde, Die dem Verliebten Thränen bringt, So oft ihm nicht, im stillen Garten, Des Liebchens leichter Schritt erklingt; Die Angst bringt oder süße Wonne, Lust oder der Verzweiflung Nacht, Die Leben gibt dem Tiefstgebeugten, Den Tapfersten erzittern macht. Und aus dem schwarz gewordnen Walde Tritt Nerto jetzt, voll Furcht, hervor. Vor ihr erglänzt, mit dichtem Sumpfgras Durchsetzt, das weite, todte Moor; Das Wasser der Lagune blinkt, Blaß leuchtend schwimmen auf dem Becken Seerosen, die den Spiegel rings Mit ihren breiten Blättern decken . . . Wohin des Wegs, Du armes Kind? . . . Als Nerto sich zur Seite wendet, Ist plötzlich ihr erstaunter Blick Vom hellbeglänzten Schloß geblendet Und, wie die Lerche nach dem Spiegel, Der Falter nach der Lampe fliegt, So, meiner Treu, eilt unbesonnen, Sie nach dem Licht, das vor ihr liegt, Dem Schlosse zu, deß offne Fenster Buntfarbig strahlen durch die Nacht, Und dessen Giebel weithin leuchtet In zauberhafter Flammenpracht . . . »Nerto!« erschallt des Jünglings Ruf; Und auf des Gartens ebnen Wegen Eilt er der Nonne, die erschöpft Herbeikommt, windesschnell entgegen; Und auf die Kniee sinkt er nieder. »Wo sind wir?« fragt das arme Kind, »Was ich hier sehe, flößt mir Furcht ein!« Und er, wie träumend: »Wo wir sind? Wir sind vereint, mein süßes Mädchen, O Seligkeit! Noch faß' ich's kaum, Wir sind vereint im Paradiese, Und Wahrheit wird mein goldner Traum! Mein Auge sieht, von Glück berauscht, Des Himmels höchste Wonnen winken; O laß' mich, holde Blume Du, Aus Deinem keuschen Kelche trinken! Seitdem ich Dich zum ersten Male In Avignons Palast gesehn, Voll edler Anmuth und voll Kühnheit Zum Papste sprechend: Laßt uns gehn! Seitdem ich weiß, welch reines Sinnen Und Trachten Deine Seele lenkt, Hat sich das Banner meines Stolzes Vor Dir, Du Liebliche, gesenkt! Im Angesicht der ew'gen Sterne, Bei ihrem heilig milden Licht, O Nerto, heute, hier, versprich mir, Was meine Seele Dir verspricht: Liebe, Liebe!«                         Und Don Rodrigo, Die Hand der süßen Freundin fassend, Drückt glühend Kuß um Kuß darauf; Sie aber tritt zurück, erblassend, Und spricht: »Ich bin dem Herrn geweiht! Der heil'ge Schleier, den ich trage Und dies Gewand, sie binden mich, Und Gott gehören meine Tage . . . Indessen muß ich Euch gestehn: Wenn hinter meines Klosters Gitter Dem Herzen ein Bedauern bleibt, So ist's um den bescheidnen Ritter, Der, aus der tödlichen Gefahr, Am Tag von Arles, mein Retter war . . . Dann haben sie mich weggetragen, Bei Nacht, durch eines Klosters Thor, In Wirbeln lebender Gespenster, Ein Traum, deß Faden ich verlor. Doch eines blieb mir treu im Sinn Und an mein Denken festgekettet, Der Ritter, dessen Tapferkeit Mich vor gewissem Tod errettet, War Roderich! Und könnte je Vor allen Schrecken und Gefahren, Vor allem Bösen, das mir droht, Ein Freundesopfer mich bewahren, Des Unheils finstre Schatten bannen, So ist es Roderich allein, Mir sagt's mein Herz, der dies vermöchte!« Und er zu ihr: »So soll es sein! Komm mit mir!« Und er führt sie fort, Er triumphirend, sie halb zagend, Ins Schloß, das ihres Kommens harrt, Im Feuerschein gen Himmel ragend. Im Schlosse angelangt, betreten Sie einen kleinen, stillen Saal, Und Rodrichs Liebesworten lauschend Bebt Nerto's Herz in Glück und Qual. »O meine schöne Nonne!« spricht er, Auch ich darf mein Geheimniß Dir, Das schreckliche, nicht länger bergen: Im Schloß des Teufels sind wir hier . . . Er ist mein Freund, sei ohne Bangen. Wenn Gott der Herr sein Schläfchen hält, Muß Jemand doch für ihn regieren; Ob Himmel oder Unterwelt Ist gleich. Ein Thor verschmäht die Nacht, Woher sie sei; und seine Gnaden, Der Satan, nützt mir, wo er kann, Denn wir sind alte Kameraden . . . Auf schreit die Nonne, schreckensstarr: »O Gott! Nun kann mir nichts mehr frommen! Da ich in seinem Hause bin, So ist der böse Tag gekommen. So hört denn, in der dunkeln Stunde, In der mein Seelenheil versinkt Im Abgrund meines grausen Schicksals, Den Schrei, der sich der Brust entringt: Ja! Nerto liebt Euch! . . . Wehe mir! . . . Und wär's, daß unser Loos uns eine: Kann den Verdammten Liebe blühn? Nein! In der Hölle gibt es keine! Doch wie, wenn Ihr die Ketten brecht, Die Eure Seele jetzt umschlingen, Um, durch der Reue Flügelschlag, In jene Höhen Euch zu schwingen, Wo Liebe ohne Ende wohnt, Wo die Geläuterten und Reinen In wonnetrunkner Dankbarkeit Am Busen Gottes sich vereinen! Dann glaub' ich, wär' zu gleicher Zeit Erlösung auch für mich gefunden, Denn, Himmel oder Höllennacht, Untrennbar doch sind wir verbunden.« »Nerto!« entgegnet er betrübt, »Du mußt den Widerspruch vergeben, Ach, Deine Rede tönt so süß, Doch sieh, so sündhaft war mein Leben, Daß ich, wie ein Galeerensklave, An meine Bank gekettet bin; Ob gern, ob ungern, muß ich rudern, Wär' noch so reuevoll mein Sinn! Zu viel, zu viel hab' ich gesündigt, Ein ganzes Meer wäscht es nicht fort . . . Du siehst sie, jene weiten Säle, Des Lasters fluchbeladnen Ort? Was dort geschieht, ist meines Lebens Getreues Bild! Und nun, zu sehn, Daß Du, Unschuld'ge, Engelreine, Mich liebst, läßt mich vernichtet stehn« . . . »Rodrigo! Eine echte Reue Wiegt eine lange Buße auf,« Spricht Nerto, »Muth! Der Herr ist gütig! Nur einen Blick zum Himmel auf!« Als sie verstummen, pocht es dreimal Ans Hauptthor, wie von Riesenhand; Die Riegel schieben sich geräuschlos Von selbst aus ihrem Eisenband; Die Lichter alle rings erbleichen, Ein Schauder rieselt durch's Gemach Und wie vor einem Wirbelsturme Erzittern plötzlich Wand und Fach. Ein großer Herr mit spött'scher Miene Erscheint: In schwarzem Schleppgewand, Die rothe Feder auf dem Hute, Den Rock voll goldnen Flittertand. Nerto ergreift den Rosenkranz; Bleich steht sie, ohne sich zu regen. Rodrigo, stolz wie Artaban, Geht dem Gefürchteten entgegen Und durch die dämmrigen Gemächer, Wo auf geschmückter Sündenbahn Das freche Laster wandelt, treten Die Beiden einen Rundgang an. Und schnell vor ihrem Herrn und Meister Von rechts und links, von Raum zu Raum, Verbeugen tief sich Herrn und Damen; Er aber achtet ihrer kaum. »Nun? Jene hübsche; kleine Nerto?« Spricht Satan jetzt, »ich hoffe sehr, Daß Du mit mir zufrieden sein wirst?« »Ich wär' es freilich noch viel mehr,« Sagt Rodrich, »wenn der Schandvertrag, Den damals, an dem Unglückstag, Ihr Vater mit Dir schließen wollte, Von heut' an nichts mehr gelten sollte« . . . »Ei, ei, mein Freundchen,« grinst der Böse, »Dich stach ein kleines Bienchen wohl? Du bist doch sonst ein kecker Bursche, Die Hand nicht faul, den Kopf nicht hohl, Hat Dich ein Nönnlein in drei Tagen Mit Vaterunsern breit geschlagen? Es ist ja wahr, sie ist ganz reizend, Ein weißes Träublein, süß und fein, Des Teufels Schönheit, sechszehn Jahre: Und eine Nonne obendrein!« »Herr Satan, reden wir vernünftig,« Erwidert Roderich empört, »Zunächst, verschont mit Euren Scherzen Dies arme Kind, das mir gehört; Ihr wißt, daß Rittern schmachvoll scheint Zu lachen, wenn die Liebe weint!« Und, auf die Lippen beißend, führt er Die Hand zum Schwertgriff . . . Aber der, Die Feueraugen furchtbar rollend, Lacht höhnisch: »Was? Ich bitte sehr! Das Dir gehört? Du willst wohl sagen: Das uns gehört, mein kluger Sohn . . . Sieh' da, Du hast mich wohl zum Besten, So sät man Dank und erntet Hohn! Ich habe sie Dir zugeführt, Verliebt, unschuldig und ergriffen, Ich habe Dir das Brot gebracht, Das Messer Dir dazu geschliffen, Auf meinem Tisch, in meinem Schloß, Ich wollte alle Herrlichkeiten, So viel Du ihrer nur begehrst, Im Nu zu Deinen Füßen breiten Und Du, noch immer nicht zufrieden, Hast Dir ein Märchen ausgemalt Und willst mich um die Seele prellen, Die ich mit schwerem Gold bezahlt? Die ich ganz neu für mich gekauft; Du hältst mich wohl für einen Andern? Ja, schwarze Seelen, pfui wie schwarz, Seh' ich genug zur Hölle wandern, Doch seit ich in den Tiefen herrsche, War mir noch nie ein Fang geglückt Wie dieser, eine reine Seele, Die mein zu wissen mich entzückt. Nerto, mein weißer Seraph, wird Die Perle meiner Sammlung bilden, Sie sei mein Ruhm und mein Triumph! Denn sie auf höllischen Gefilden Straft Lügen Euren ganzen Plunder, Erlösung, Taufe, Gnadenwunder . . . Laß' nur die Mitternacht erst kommen, Dann wird sie, pst! hinabgenommen!« Kaum hatte des Verworfnen Rede Geendet, als in heller Wuth Des Papstes ritterlicher Neffe Sich auf ihn stürzt, mit Löwenmuth. Den Kreuzesknauf am blanken Degen Hält er dem Höllischen entgegen: »Hie Vater, Sohn und heil'ger Geist! Weist Du, Verruchter, was das heißt? Zurück, zurück, Du alter Drache!« Schreit er. Ein starker Donnerschlag Folgt auf des heil'gen Kreuzes Zeichen: Die Blitze wandeln Nacht in Tag, Ein Ungewitter, fürchterlich, Im Kampf der losgelassnen Stürme Verschlingt in seines Tobens Wuth Die Giebel, Wände, Dach und Thürme, Den Garten mit den seltnen Bäumen, Das ganze schöne Zauberschloß, Fegt Alles weg, sammt Don Rodrigo, Dem Teufel und des Teufels Troß. Nichts als ein Nonnenbild aus Stein Blieb stehn. Die Nachgebornen fanden Es aufrecht, mitten auf dem Plan, Am Platze wo das Schloß gestanden. Epilog.         Sagt' ich Euch nicht, daß Hinkefuß Von seiner Jagd nach Leckerbissen Schon manchmal hungrig heimgekehrt! Man muß ihn nur zu packen wissen: Vergebens tobt und wettert er, Ein Kreuzeszeichen macht ihn beben, Und aus den Steinen, die er trägt, Muß Gottes Kirchthurm sich erheben. Der Weißbart in der Klausnerei Verzehrte sich in herbem Bangen: Und das mit Grund. Drei Tage schon, Drei lange Tage sind vergangen, Seit er den Hügel, gegen Mittag, Umsonst besteigt: Der Platz bleibt leer! Das Angelus ertönt, doch leider Erscheint kein schöner Engel mehr. Untröstlich ist der Eremit Und starr und steif, mit bleichen Wangen, Fragt er beständig vor sich hin: »O Gott! was hab' ich denn begangen, Damit die Himmlischen von mir Ihr gnadenreiches Antlitz wenden!« Und immer stärker schlägt er sich Den Büßerstrick auf Brust und Lenden. Zerknirscht, des Leids kein Ende wissend Und noch dazu sein Brot vermissend Zum Gipfel seines Hügels wallte Am vierten Tag der gute Alte; Er betet, betet unaufhörlich . . . Da, plötzlich, naht sich, windesschnell Den weiten Himmelsraum durchfliegend, Der blendend schöne Gabriel. Und lächelnd spricht er: »Armer Freund, Du mußtest lange nach mir schmachten!« »Wie ein Verworfner«, seufzt der Greis, Den Gottes Heilige verachten, Dem man, in seiner Angst und Qual, Nicht gönnt den kleinsten Gnadenstrahl!« »Nun denke Dir,« sprach sanft der Engel, »Die jüngst Du von Dir fortgejagt So unbarmherzig, jene Nonne, Gerieth, ganz trostlos und verzagt, Hier in der Nähe, bei Laurado, Zu einem Schloß. Der Castellan, Ein junger, toller Eisenfresser, Hat ihr die Thüren aufgethan: Und als der Herrscher von Gomarrha, Der Böse, dann sich eingestellt, Um Nerto mit sich fortzunehmen, Hat Jener, tapfer wie ein Held, Den Siegespreis im Kampf errungen Und Lucifers Gewalt bezwungen. Und so vernimm denn, daß die Nonne Erlöst ist und in's Himmelreich Den Einzug hielt, und daß der Ritter, Der glänzende, mit ihr zugleich, Das Kreuz zur Hand, zu Gott emporstieg, Ein neuer Zeuge seines Ruhms, Von Schuld befreit durch eine Taufe Der Reue und des Heldenthums. Und weil darüber, daß bekehrt Ein Sünder in den Himmel komme, In unsern Höh'n mehr Freude ist, Denn über neunundneunzig Fromme, Erklingt, seit nun drei Tagen schon, Von ungewohntem Jubelschalle Das ganze heil'ge Paradies Und überglücklich sind sie Alle: Mit Fröhlichkeit und mit Gesängen Preist man den seligen Verein, Der sich an Gottes Thron vollzogen, Sanft, wie sich Wasser mischt mit Wein. Nerto, die jüngst in meinem Kirchlein In Thränen lag, ihr half ich gern Und machte mich, so viel ich konnte, Zu ihrem Zeugen vor dem Herrn.« »Ehre sei dem, der ewig siegt, Der, was des Bösen List gewoben Und was auf krummen Wegen schleicht, Zu Nichte macht! Ihn will ich loben!« Rief andachtsvoll der Eremit, »Doch sprich, gefällt Dir's, daß die Gründe Des Tadels, der mich so verwirrt, Mir heute noch Dein Mund verkünde?« »Wer da gut hört, wird gut verstehn, Dir gab die Furcht so böse Ahnung, Sprach Jener, denn was ich gesagt War nur zur Demuth eine Mahnung.« Und, eine Spur so weiß wie Silber Im Aether lassend, der ihn trug, Nahm nach den Wohnungen des Himmels Der Engel Gabriel den Flug. *           * * Falls, lieber Leser, eines Tags Du durch die Gegend reisen solltest Laurados und des Gabriel-Hains Und dann Dich überzeugen wolltest, So wird Dir ohne Weitres klar, Daß mein Bericht getreu und wahr. Inmitten erntereicher Flur Siehst Du aus Stein die Nonne ragen Die Nonne (von Laurado, prov. La mourgo de Laurado ) heißt im Volksmunde ein uraltes, verwittertes Steinbild, welches in der Nähe des genannten Weilers und der kleinen verlassenen Basilika des hl. Gabriel zwischen Taraskon und Maiano auf freiem Felde steht. Der Dichter hat die nächste Umgebung seines Heimathsortes in seine poetische Erzählung verflochten. Und auf der sanft gewölbten Stirn Der Höllenblitze Spuren tragen. Stumm, in den Boden eingewachsen, Hört sie ringsum die Keime wachsen; Und kleines, weißes Schneckenvolk, Sich bergend vor dem Strahl der Sonnen, Beklebt ihr kühles Steingewand, Das ganz mit Minzkraut übersponnen; Ihr Schatten dreht sich rings im Kreise Und Jahr' auf Jahre gehn herum Und Alles wechselt und bewegt sich: Die Nonne nur bleibt schwarz und stumm. Zu Zeiten aber, wenn die Sonne Am Höchsten steht, behauptet man, Daß, wer sein Ohr dicht an den Stein legt, Ein feines Tönen hören kann: Um Mittag scheint, mit leisem Klingen, Sie fromm den Engelsgruß zu singen. Und trauernd steht auf nahem Felsen Sankt Gabriels kleines Gotteshaus; Es gehn darin seit langen Zeiten Die Christen nicht mehr ein und aus. Von dichtem Oelgezweig umrankt Grüßt in des morschen Thores Bogen Der Engel die Gesegnete, An deren Brust der Herr gesogen. Daneben hängt, im Baum des Wissens, Die alte Schlange und bethört Die Unschuld Adams und der Eva; Das Andre hat die Zeit zerstört. Der Mensch gräbt stumpf auf seinem Felde Und läßt Sankt Gabriels Kirchlein leer; Dem Engel, der die Jungfrau grüßte, Weiht Niemand eine Kerze mehr. Doch Gottes Gräser allesammt Gedeihen in den Mauerspalten, Sie wachsen froh aus Dach und Wand, Wo tausend Blüthen sich entfalten: Ein Weihrauch, der zu seinem Ruhme Aufsteigt vom kleinen Heiligthume. Des lieben Gottes Kleingethier Ist auch von früh bis Abends hier. Die Schmetterlinge, die im Fluge Einander haschen und entfliehn, Libellen, die auf einem Grashalm Ganz stumm, wie betend, niederknien, Der Käfer Sippe, die, behaglich Die Wärme schlürfend, surrt und brummt, Die Biene, die, nach Honig suchend, Durch alle Fensterhöhlen summt, Die allzeit frohgelaunte Grille, Die aus dem schmalen, braunen Nest Die Silbertöne ihres Zirpens Von früh bis spät erschallen läßt, Das Alles schwirrt und kommt und geht, Wie Menschen in die Kirche wallen, Im Chor, im Schiff und im Portal, Auf die der Sonne Lichter fallen . . . Und in den Fensternestern zwitschern Die Spatzen, laut und dichtgeschaart, Das Lob Sankt Gabrielis singend, Der vor dem Sperber sie bewahrt. Und heut' am Vorhof Deines Kirchleins Vorbeigeh'nd, das statt Orgelton In seiner Armuth nur den Wind hört, Sankt Gabriel von Taraskon, Ich, der Feliber Feliber (prov. felibre . Im Provençalischen bleibt das Substantiv in der Mehrzahl unverändert) nennen sich seit 1854 die Vertreter der sprachlichen und dichterischen Wiedergeburt der Provence. Sie wählten diese Bezeichnung auf den Vorschlag Mistrals , welcher das Wort in einer alten provençalischen Legende in der Bedeutung von »Lehrer, Erklärer, Ausleger« gefunden hatte. Von den darüber aufgestellten zahlreichen Etymologieen ist, nach Mistral , die zutreffendste die Herleitung vom lateinischen felibris oder fellibris , der Pflegling, verwandt mit fellare , säugen und mit filius . – Felibris soll, wie Alumnus, active und passive Bedeutung haben und felibre würde demnach eben so wohl dem Begriffe von »Pflegling« (bzw. Pfleglinge) als demjenigen von »Pfleger« (der Musen) entsprechen. Der Ton liegt auf der zweiten Silbe. von Maiano, Entbiete Dir, auch ich gerührt, Dies neue Lied, bei dessen Klängen Ich Deiner Reinheit Hauch gespürt.